Ariegsgeschichte Deutschlands im Neunzehnten Jahrhundert von Colmar Hreiherrn v. d. Goltz Agl. preußischem Generalfeldmarschall II. Teil: Im Zeitalter Aaiser Wilhelms des Siegreichen Mit 7^ Tertskiz^en Erstes bis viertes Tausend Berlin Georg Bondi Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert von Univ.-Professor l)r. Georg Kaufmann 704 Seiten 3°, mit 5? Porträts Broschiert M. 4.50, in Leinen gebunden M. 5.50 „.....Zu dem klaren Blick, der hohen Gesinnung und unbedingten Ehrlichkeit, die dem wahren Geschichtsforscher eigen sind, treten nun aber bei Aaufmann auch die Eigenschaften, die jenen zum Schriftsteller machen: die Fähigkeit, den ungeheuren Stoff zu wirksamen Gruppen zusammenzufassen, reine Umrisse zu zeichnen, den entworfenen Bildern die Farbe und Fülle des Lebens zu verleihen, und vor allem die Sicherheit des Aünstlers, die in jedem einzelnen Falle das treffendste, anschaulichste Wort findet und über dem einzelnen doch niemals den Blick aufs Ganze verliert. Es ist ein Buch voll Geist und Eharakter, ein Werk gründlicher Forschung, Heller Einsicht und wahrer Vaterlandsliebe, wie wir deren wenige besitzen. Wer es einmal gelesen hat, der wird es immer wieder gern zur Hand nehmen und immer wieder Belehrung und Erquickung daraus schöpfen." (Professor Gotthold Alee i. d. Zeitschrift f. d. deutschen Unterricht) „Ein Buch, hinter dem eine markige, von lauterer Wahrheitsliebe erfüllte Persönlichkeit steht. Jede Zeile zeugt von der Gesinnung des Autors, der es verschmäht, sich in den Mantel einer gesuchten Objektivität zu hüllen, der vielmehr als Berater und Warner seines Volkes dessen Geschichte erzählen will. Wo er einem reinen Wollen begegnet, da schwillt seine Rede — dieses Wort paßt auf seine Darstellungsform besser als der fremde Ausdruck Stil — zu freudigem Triumphe an; die Gemeinheit faßt er heftig an und scheut beim Urteil über sie auch nicht vor einem kräftigen Haß- und Scheltwort zurück. Nicht der Rhetor, wohl aber der Redner hat hier zu der Feder des Geschichtsschreibers gegriffen." (Heinrich Friedjung i. d, Münchner Allgemeinen Zeitung) ...... Ghne Zweifel ist es bisher die einzige zusammenfassende Darstellung der deutschen Geschichte des ^9. Jahrhunderts, die wissenschaftlichen Wert hat, und steht weit höher, als die rein populären Schriften über den gleichen Gegenstand." (Jahresberichte f. neuere deutsche Literaturgeschichte) Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung Unter Mitwirkung von Tolmar Freiherrn v. d. Golh, Siegmund Günther, Cornelius Gurlitt, Georg Aaufinann, Richard M. Meyer, Lran; Tarl Müller, tverner Soinbart, Heinrich tvelti, Theovald Ziegler herausgegeben von Paul Schlenkher Band IX Lolmar Freiherr v. d. Goltz Kriegsgeschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert II. Teil:. Im Zeitalter Baiser Wilhelms des Siegreichen Berlin Georg Bondi lS^ Ariegsgeschichte Deutschlands im Neunzehnten Jahrhundert von (Lolmar Hreiherrn v. d. Goltz Rgl. preußischem Generalfeldmarschall ll. Teil: Zeitalter Raiser Wilhelms des siegreichen Mit ?^ Textskizzen Erstes bis viertes Tausend Berlin Georg Bondi 1?^ Inhalt I. Die Heere nach dem Befreiungskriege........1 Hoffnung auf Wiedereinrichtung des Kaiserreichs 1. Prenßens Lage durch den ersten Pariser Frieden erschwert 2. Der Wiener Kongreß 3. Die Deutsche Bundesakte 3. Preußens Große und Einwohnerzahl 4. Trennung seines künftigen Staatsgebiets 5. Frankreich, England, Königreich der Niederlande 6. Wehrverfassung vom 3. September 1814 7. Stehendes Heer, Landwehr und Landsturm 9. Einteilung des preußischen Friedensstandes 11. Wehrverfassung der kleinen deutschen Staaten 12. BundeSkriegsverfassung 12. Die heilige Alliance 15. Drückende nationale Notlage 17. Konig Friedrich Wilhelm III. übernimmt wieder die Leitung des Heeres 18. Ausbildung und Gewohnheiten 19. Revuetaktik 21. Das Reglement von 1847 21. Dürftiges Leben im Heere 23. Stillstand und Rückschritt 24. Entartung der Wehr- Verfassung 25. Falsche Vorstellungen vom Kampfe 27. Die französische Julirevolution 27. Unzureichende Schlagfertigkeit unseres Heeres 23. Österreichs Heer 29. Die Bayerische, Württembergische, Sächsische Armee und die kleinstaatlichen Truppen 39. II. Die Sturm- und Draugjahre von 1848—1851.....3 Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. 31. Die Königsrevne von 1842 31. Die französische Februarrevolution von 1848 32. Aufstände in Wien und Berlin 32. Das Frankfurter Vorparlament 33. Das Parlament in der Paulskirche 33. Zweiter Aufstand in Wien 33. 1. Die kriegerischen Ereignisse im Großherzogtum Posen im April und Mai 1848 ............. 33 Der Polenprozeß von 1874 34. Feierlicher Einzug der Angeklagten in Posen 34. Mieroslawski in Posen 35. Willisens Beschwichtigungsversuche 35. Die polnischen Streitkräfte 35. Ein preußisches mobiles Korps aufgestellt 35. Unklarheit über Krieg oder Frieden 37. Gefecht von Tremessen 37. Mieroslawskis Forderungen 38. Willisen muß Posen verlassen 33. Gefecht von Xions 38. Gefecht von Miloslaw 40. Unbeholfenheit der preußischen Truppen 43. General v. Wedelt gegen Mieroslawski 45. Mieroslawski legt das Kommando nieder 46. Überfall von Buk 46. Überfall von Exin 46. Der Aufstand erloschen 47. 2. Die Kriege gegen Dänemark 1843—1850 ...... 47 Die Schleswig-Holsteinische Thronfolgefrage 49. König Friedrich Wilhelm IV. will die Rechte der Herzogtümer schützen 5V. Aufstellung eines Beobachtungskorps 59. Der Feldzug von 1848 .............. 50 Die Schleswig-Holsteiner versammeln ihre Truppen um Flensburg 59. Das Gefecht bei Bau am 9. April 1848 ......... 51 General v. Krohn erwartet die Dänen nördlich Flensburgs 51. Er versäumt sich aus seiner gefährlichen Lage zu ziehen 52. Seine Niederlage 53. Bundesbeschluß, daß Preußen die Rechte der Herzogtümer wahren soll 53. Anordnungen zum Einmarsch nach Schleswig 54. General v. Wrangel Bundesfeldherr 55. VI Inhalt Die Natur des Kriegsschauplatzes 56. Die dänische Stellung 66. Gefecht bei Altenhof 57. Die Schlacht von Schleswig am 23. April 1848....... 57 Anmarsch der Preußen und Holsteiuer 58. Die Dänen nehmen den Kampf auf 58. General v. Wrangel greift sie an, verzichtet aber auf Umfassung 58. Seine Anordnungen kommen nicht vollständig zur Ausführung 59. Der dänische Gegenangriff scheitert 61. General v. Bonin greift gegen ihre rechte Flanke ein 61. Die Dänen treten den Rückzug an 62. Wrangel verkündet die Überschreitung der jütischen Grenze 63. Friedericia wird besetzt 64. Diplomatische Einmischung 64. Die Dänen ergreifen von Alsen aus die Offensive 65. Gefecht von Nübel und Düppel 66. Überfall von Hoptrup 68. Schweden versammelt Truppen auf Fünen und bei Malmö 69. Wrangels Maßnahmen gegen Jütland 69. Erzherzog Johann Neichsverweser 7V. Waffenruhe in Bellevue bei Kolding verabredet 70. Wrangels Vorschläge an das Rcichskriegs- ministerium 70. Waffenstillstand von Malmö 71. Der Feldzug von 1849 .............. 71 Dänemark kündigt den Waffenstillstand 72. Stellung der beiden Heere 72. 2. Wiederbeginn der Feindseligkeiten 73. Wahl des Königs von Preußen um Deutschen Kaiser 73. Die neue deutsche Flotte 73. Beabsichtigter Vorstoß der Dänen zu Wasser und zu Lande 74. Das Gefecht von Eckernförde am 5. April 1349....... 75 Ein dänisches Geschwader läuft in die Bucht von Eckernförde ein 75. Es wird von zwei schwachen Strandbatterien unter Feuer genommen 75. Kann wegen ungünstiger Witterung nicht wieder auslaufen 75. Seine Niederlage 75. Die Landtruppen unternehmen nichts Ernsthaftes 76. Gefecht bei Ulderup 76. Die Dänen beschränken sich fortan auf die Verteidigung 76. Wegnahme der Düppler Höhen 77. Sie sollen deutscherseits verschanzt werden 78. Die Flagge der erbeuteten Fregatte Gefion wird dem Reichsverweser übersandt 78. Das Gefecht von Kolding am 23. April 1849 ....... 78 Vertrauen des Reichskriegsministers General v. Peucker auf die Energie des neuen Bundesfeldherrn Generals v. Prittwitz 78. Die Holsteiner besetzen Kolding 78. General v. Bonin zieht die holsteinische Division dorthin zusammen 78. Der dänische Angriff scheitert; Rückzug 80. Verstärkung der Bundestruppen in Schleswig 81. Vormarsch in Jütland 81. Die holsteinische Division gegen Frederieia 81. Die Bundestruppen über Veile 81. Günstiges Urteil über die preußische Landwehr 82. General v. Bonin überschreitet den Elbodalabschnitt 82. Viertägige Beschießung der Festung 83. Sie bleibt ohne entscheidenden Erfolg 83. Ungünstige Lage der holsteinischen Division 83. Verwirrung bei der deutschen Zentralgewalt 84. Aufruhr in Frankfurt a. M. 84. Preußen sagt sich von der Zentralgewalt los 84. Innere Verhältnisse in Deutschland treten in den Vordergrund 85. General v. Prittwitz beschränkt sich darauf, nur einen Teil von Jütland zu besetzen 85. Vorgänge in Jütland 86. Verhältnisse im Sundewitt 87. Inhalt VII Die Schlacht von Fredericia am 6. Juli 1849 ....... 88 Die Dänen beschließen die isolierte Lage der holsteinischen Division auszunutzen 89. Vorboten ihres Angriffs 89. Stellung der Holsteiner vor der Festung 89. Ausfall der Dänen 91. Die Holsteiner werden hinter das Elbodal zurückgeworfen, ein Teil von ihnen gegen den Randsfjord gedrängt 92. Friedenspräliminarien und Waffenstillstand 93. Abmarsch der Bundestruppen; die Holsteiner hinter die Eider zurück 93. Fortdauer der diplomatischen Verhandlungen^^ Der Kriegsmarsch durch die Pfalz und Baden 1849 . . . 94 Erste Unruhen, Putsche von Hecker und Struve.?5, Zustände bei den Badischen Truppen 96. Ihre Verführung 97. Verkündigung der deutschen Grundrechte 97. Erhebung in Rastatt 97. Aufruhr in Freiburg 98. Die Vereinigung der Rheinpfalz ! mit Baden proklamiert 93. Die badische Regierung verläßt das Land 98. Eine provisorische Regierung gebildet 98. Gefechte mit den Hessen 99. Preußen und die ! Reichsgewalt greifen ein 100. Drei Armeekorps versammeln sich unter Kommando des Prinzen von Preußen zum Einmarsch 10V. Mieroslawski in Karlsruhe 102. Scharmützel von Groß Sachsen 102. Der Krtegsmarsch beginnt 103. Mieroslawskis Stellung am Neckar und Rhein 103. Vormarsch des ersten Preußischen Korps durch die Pfalz, Scharmützel bei Homburg und Kirchheim-Bolanden 103. Ludwigshafen erstürmt 103. Die Preußen beginnen den Rheinübergang 104. Gefecht von Wiesental 104. Mieroslawski zieht seine Streitkräfte bei Waghäusel zusammen 104. Gefecht von Waghäusel 10S. Geschickter Rückzug Mieroslawskis vom Neckar zur Murg 10S. Er beschließt dort von neuem Widerstand zu leisten 108. Gefechte an der Murg 109. Letzte Widerstandsversuche der Aufständischen 111. Einschließung von Rastatt Kapitulation von Rastatt 112. Rückkehr des Großherzogs nach Karlsruhe 113. Der Holsteinisch-Dänische Krieg von 1850 ....... 113 Willisen anstelle Bonins Oberbefehlshaber der Holsteiner 114. Preußen schließt in eigenem und Deutschlands Namen mit Dänemark den Berliner Frieden 114. Einmarsch der Holsteiner in Schleswig 115. Die Dänen bei Flensburg versammelt gehen gleichfalls vor 116. Die Schlacht von Jdstedt am 24. und 25. Juli 1850 ..... 116 Der 24. Juli endet günstig für die Holsteiner 117. Willisens Angriffsplan sür den 25. 119. Sein Schwanken 119. Horsts Erfolg bei Ober-Stolk 121. Willisens Rückzugsbefehl 122. Allgemeiner dänischer Angriff 122. Ende des Krieges 123. Willisen legt sein Kommando nieder 124. Die holsteinische Landesversammlung unterwirft sich 124. Österreichs Kämpfe in Italien und Ungarn 1848 und 1849 124 Italien. . . . .7. . . . . . . . . 5 ^ . . . 124 Unruhen in Mailand 12S. Radetzky räumt die Stadt 125. Er geht zum Mincio zurück 125. König Karl Albert folgt 125. Trifft am 8. 4. 1849 am Mincio ein 125. Radetzky erhält Verstärkungen und beginnt den Gegenangriff, geht über den Mtncio und wird bei Goito aufgehalten 127. Er erscheint vor Vicenza 127. Schlacht von Custozza 128. Sein Wiedereinrücken in Mailand 128. Waffenstillstand 128. Fortdauer der Gärung in Italien 128. Kündigung des Waffenstillstandes durch Konig -g109. lt 112. / VIII Inhalt Karl Albert 123. Radetzkys Abmarsch auf Lodi Pavia 129. Karl Albert versammelt sein Heer bei Novarra 130. Schlacht von Novarra 130. Karl Alberts Abdankung 130. Waffenstillstand 130. Livorno erstürmt 131. Rom von Oudinot erobert 131. Frieden von Mailand 131. Venedig fällt 131. Ungarn.................... . 131 Statthalter Graf Lamberg auf der Pester Brücke ermordet 132. Erhebungen und Rüstungen in Ungarn 132. Gefecht bei Schwechat 132. Das aufständische Wien fällt 132. Kaiser Ferdinand dankt am 2. Dezember 1848 ab 132. Kaiser Franz Josef I. sein Nachfolger 132. Windischgrätz Kesseltreiben gegen die unbotmäßigen Ungarn 134. Gefecht bei Babolna 134. Windischgrätz besetzt Ofen-Pest 134. Schlick rückt von Galizien ein 134. Er weist die Ungarn bei Kaschau zurück 134. Bem in Siebenbürgen erfolgreich gegen die Österreicher 134. Er vertreibt auch die eingerückten Russen 135. Schlacht von Kapolna 136. Gesamtverfassung vom 7. März 1849 136. Am 15. April in Debreczin Entsetzung des Hauses Habsburg-Lothringen 136. Gefechte bei Gödöllö 137. Die Ungarn erobern Budapest bis auf die Zitadelle zurück 137. Die Zitadelle von Ofen fällt 137. Eingreifen Rußlands 137. Schlacht von Komorn 138. Gemeinsames Vorgehen der Österreicher und Russen 138. Görgeys geschickter Marsch nach Tokaj 138. Haynau rückt in Budapest ein 138. Er geht von dort auf Temesvar vor 139. Schlacht bei Szöreg 139. Kapitulation bei Vilagos 140. Unterwerfung Ungarns 140. III. Die Zeit des Stillstandes............141 1. Politik...................141 Zeughaussturm wiBerlin 141. Ministerium Brandenburg 141. Wrangel rückt in Berlin ein 141. Der Reichsverweser legt seine Würde nieder 142. Das Erfurter Parlament 142. Österreich für die Wiederherstellung der alten Bundesverfassung 143. Kaiser Nikolaus I. unterstützt Österreich 143. 2. September 1850 Wiedereröffnung des Bundestages in Frankfurt a. M. 144. Der Knrhessische Konflikt 144. Schutz- und Trutzbündnis gegen Preußen 145. Graf Brandenburg stirbt 146. Punktation von Olmütz 146. Die Dresdener Konferenzen 147. Die revidierte Verfassung in Preußen eingeführt 148. Der deutsche Staatenbund von ehedem wieder hergestellt 148. 2. Heerwesen................... 148 Nachwirkung der Mobilmachung von 1850 149. Zuverlässigkeit des preußischen Ofsizierkorps 151. Rückkehr zur Revuetaktik 163. Der Londoner Bertrag 153. Drohender Krieg mit der Schweiz wegen NeuchÄtel 154. Erkrankung des Königs Friedrich Wilhelm IV. 155. Regentschaft 155. Der preußische Zollverein 156. Zündnadelgewehre und gezogene Geschütze 156. 2. Dezember 1852 Staatsstreich Napoleon III. in Frankreich 158. Moltke Chef des preußischen Generalstabes 158. IV. Der Italienische Krieg von 1859 .......... 159 Neujahrsempfang der Diplomaten in Paris 159. Das Nationalitäts-Prinzip 160. Rüstungen Sardiniens 161. Eintritt des Kriegszustandes 161. Die Österreichische Armee 161. Die Österreicher in der Lomellina 162. Unentschlossenheit des Grafen Gyulai 164. Inhalt IX Das Gefecht von Montebello am 20. Mai 1859 ...... 165 Vorgehen der Österreicher gegen Voghera 165. Sie nehmen die Höhe von Gcnestrello 165. Gegenstoß Foreys 166. Kampf um das Dorf Montebello 166. Rückzug der Österreicher 167. Forey wieder nach Voghera 167. Nachteilige Wirkung des ersten unglücklichen Zusammentreffens mit den Franzosen auf die österreichische Armee 167. Napoleon III. entschließt sich zum Abmarsch aus Vercelli 168. Er beabsichtigt den rechten österreichischen Flügel zu umgehen 169. Benutzung der Eisenbahn 169. Das Gefecht von Palestro am 30. und 31. Mai 1859..... 169 Die Sardinier unter König Victor Emauuel II. besetzen Palestro 169. Vergeblicher Versuch der Österreicher, es wieder zu nehmen 170. Ihr Rückzug 172. Eindruck des Mißgeschicks 172. Graf Gyulais Entschluß zum Vorstoß gegen Novara 173. Der 31. Mai der entscheidende Tag für die Österreicher 174. Graf Gyulay entschließt sich zum Rückzug über den Ticino 174. Die Armee trifft ermüdet bei Magenta ein 176. Langsames Folgen der Franzosen 175. Die Schlacht von Magenta vom 4. Juli 1859 .......175 Die Franco-Sardinier überschreiten bei S. Martino und Turbigo den Ticino 176. Beginn des Kampfes bei Magenta und Buffalora 176. Zersplitterung der österreichischen Truppen 177. Hin und herwogender blutiger Kampf am Naviglio grande und um Magenta 178. Entscheidung durch Mac Mahons Eingreifen 179. Zurückweichen der Österreicher 179. Graf Gulay gibt die Schlacht nicht verloren und will die Offensive am 5. Juni ergreifen 180. Berichte über den Zustand der Truppen veranlassen ihn zum Verzicht 181. Rückzug auf Piacenza 181. Das Gefecht von Melegnano am 8. Juni 1859 ....... 181 Napoleon III. zieht das zurückgebliebene 1. Korps durch die Armee nach vorn 181. Die Division Bazaine stößt nachmittags auf die österreichische Nachhut 181. Diese wird in beiden Flanken umgangen und muß zurück 182. Das verlustreiche Gefecht völlig nutzlos 182. Erleichterung des Gepäcks der österreichischen Infanterie 183. Die Armee hinter den Mincio zurück 183. Kaiser Franz Josef in Verona 183. Er übernimmt den Oberbefehl 183. Die Franzosen folgen langsam auf den nördlichen Parallelstraßen 183. Die Vortruppen der Verbündeten am Mincio 184. , Die Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 ...... 184 Die Österreicher in zwei Armeen geteilt, überschreiten von neuem den Mincio 184. Sie wollen am 24. Juni den Chiese erreichen, die Franzosen den Mincio 135. Unerwarteter Zusammenstoß beider Heere 185. Die Natur des Schlachtfeldes 185. Napoleon III. erkennt frühzeitig, daß es sich um einen entscheidenden Kampf handelt 187. Die Österreicher werden über die wahre Bedeutung des Tages erst gegen Mittag klar 187. Größere Einheitlichkeit der Handlungen auf feiten der Verbündeten 187. Die Franzosen greifen in der Front, die Sardinier gegen den rechten österreichischen Flügel an 188. Nachmittags 3 Uhr weicht das österreichische Zentrum von Solferino zurück 188. Ein heftiger Gewitterregen unterbricht die Schlacht 188. Rückzng des linken Flügels und der Mitte 188. Auf dem rechten Flügel behauptet sich Benedek im glänzenden Gefecht gegen die sardinische Armee 189. Er folgt erst 9 Uhr abends dem 5 Stunden vorher gegebenen Rückzugsbefehl 189. X Inhalt Beide Heere stehen sich am Mincio gegenüber 189. Beide ziehen Verstärkungen an sich 19V. Napoleon III. geht die italienische Bewegung zn weit 19V. Waffenstillstand von Nillafranca 190. Präliminarfrieden 190. Frieden von Zürich 19V. V. Die preußische Armeereform von 1860.......199 Die ganze Infanterie erhält das Zündnadelgewehr 191. Die dreijährige Dienstzeit wird endgültig wieder eingeführt 191. 300 gezogene Feldgeschütze bei Krupp in Essen bestellt 191. Österreichs Haltung hindert Preußen an der Teilnahme am Kriege 191. Die Vorbereitungen für wirksames Eingreifen waren getroffen 192. Sie trugen ein anderes Gepräge als die halben Maßregeln von 1848/49 192. Moltke und die militärische Benutzung der Eisenbahnen 193. Er bedauert, daß es nicht zum Kriege kam 193. Notwendigkeit, die Armee zu reformieren, früh erkannt 194. Vorbereitende Tätigkeit des Prinzregenten 194. Sein eigenhändiger Entwurf vom 15. Juli 1859 195. Übergang zu den Neuformationen bei der Demobilmachung 195. Vermehrung des Linienstandes 195. Die Reform stößt in den breiten Massen des Volkes auf Mangel an Verständnis 197. Rücktritt des Kriegsministers Bonin 198. Roon Kriegsminister 198. Landtagseröffnung vom 12. Januar 1860 198. Tod König Friedrich Wilhelm IV. 198. Abschluß der Reform 198. Thronbesteigung Wilhelm I. 193. Moltkes Ausspruch: „Es kommt darauf an, Deutschland mit Gewalt gegen Frankreich zu einigen" 200. Erfrischende Reform 200. Veränderte feldmäßige Ausbildung des Heeres 201. Prinz Friedrich Karl, Kommandierender General des 3. Armeekorps 202. Seine Grundsätze über Truppcnerziehung 202. Sein Leben mit den Soldaten 203. Seine militärische Denkschrift 204. Das Königsmanöver von 1863 204. Moltkes Bemerkungen über den Einfluß der verbesserten Schußwaffen 205. Große Freiheit der Truppenführcr im Handeln 206. Die neuen Kriegsschulen 206. Reges geistiges Leben und Tatkraft in der Armee 206. VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung.......207 Otto v. Bismarck-Schönhausen Ministerpräsident 207. Der polnische Aufstand im Februar 1863 208. Geschickte Benutzung durch Bismarck zur Herbeiführung eines guten Verhältnisses mit Rußland 208. Österreichs Mißtrauen 208. Seine Bundesreform-Pläne 208. Bismarck setzt es durch, daß König Wilhelm die Teilnahme verweigert 203. 1. Die Bundesexekution in Holstein.........203 König Friedrich VII. von Dänemark stirbt 208. Die eiderdänische Partei in Kopenhagen 209. König Christian IX. bestätigt die neue dänische Verfassung 209. Protest des Erbprinzen Friedrich von Augustenburg 209. Preußen erklärt sich bereit, Dänemark zur Erfüllung seiner Verpflichtungen zu zwingen 210. Seit 1858 schwebt die „Exekution" über Dänemark 210. Dänemark spricht am 30. März 1863 die Trennung Schleswigs von Holstein und Lauenburg aus 210. Die Bundesexckution in Holstein erneut beschlossen 211. Novemberverfassung in Dänemark 211. 2. Der Deutsch-Dänische Krieg von 1864 ....... 211 Einrücken der Bundcstruppen in Holstein 211. Schmähliches Verhalten des deutschen Liberalismus 211. Österreichs und Preußens Forderungen in Kopenhagen abgelehnt 212. Zusammensetzung des verbündeten Heeres 212. Wrangel Oberbefehlshaber 212. Das dänische Heer 212. Stellung der Dänen 213. Die dänische Flotte 213. Die Inhalt XI Natur des Kriegsschauplatzes ist bekannt 213. Moltkes Entwurf vou 1862 214. Einrücken der Verbündeten in Schleswig 215. Das Gefecht von Missunde am 2. Februar 1864 ...... 215 Das Gefecht von Jagel und Ober-Selk am 3. Februar 1864 . . 216 Energische Angriffsweise der Österreicher 216. Vorbereitungen für den Angriff 218. Aufschub des Angriffs ans die Dannewerke 218. Dänischer Kriegsrat 218. Die Räumung der Dannewerke in der Nacht vom S. zum 6. Februar 219 Beginn des Abmarsches am Abend des 5. Februar 219. Die Österreicher erhalten Nachricht davon 219. Prinz Friedrich Karls Vorbereitungen zum Schleiübergang bei Arnis und Kappeln 219. Gefecht von Översee 219. Prinz Friedrich Karl erreicht den Feind nicht mehr 220. General de Mcza führt die dänische Armee in die Düppel- stellung, die Kavallerie nach Jütland zurück 22V. Entrüstung über die Räumung in Dänemark 220. De Meza durch Lüttichau crsetzt'221. Feldmarschall Wrangel bleibt mit der verbündeten Armee bei Flensburg stehen 221.^ Die Abschließung der Düppler Schanzen und der Vormarsch nach Jütland 222 Prinz Friedrich Karl vor den Düppler Schanzen 222. Seine Auffassung 222. Vorpostengefechte im Sundewitt 223.^ Vormarsch znr jütischen Grenze 225. Die preußischen Garden vor Fredericia 225. Gefecht von Veile 226. Besetzung von Jütland 227. Die Belagerung von Düppel vom 7. März bis 8. April 1864 . . 229 Die Düppelstellung 229. Gewaltsamer Sturm nicht rätlich 230. Plan fiir einen Übergang nach Alsen 231. Die Belagerung beschlossen 231. Feuereröffnung am 15. März 232. Verzicht auf den Übergang nach Alsen 233. Eröffnung der ersten Parallele 234. Zurückwerfen der dänischen Vorposten 234. Beginn des Artilleriekampfes gegen die Düppler Schanzen 234. Der Stnrm wird für den 14. April beabsichtigt, aber aufgeschoben 235. Englands Drängen zu einer Londoner Konferenz 235. Die Sturmstellung vor den Schanzen erbaut 236. Zustand der dänischen Werke vor dem Sturm 237. Die Zusammensetzung der Stnrmkolonnen 237. Der Sturm auf die Düppler Schanzeu am 18. April 1864, 10 Uhr vormittags.................238 Beginn des Sturmes 239. Nach 13 Minuten sind die ersten sieben Schanzen genommen 240. Fortsetzung des Kampfes auf den Düppler Höhen 241. Eingreifen der dänischen Reserven 242. Die übrigen Werke und der Brückenkopf fallen 243. Der gleichzeitige Übergang nach Alsen hatte aufgegeben werden müssen 243. Bedeutung der dänischen Niederlage von Düppel 244. Rückzug der Dänen auf die Insel Alsen 244. Die Ereignisse zur See...............245 Die dänische Blockade 246. Seegefecht bei Jasmund 245. Seegefecht bei Helgoland 246. Überfall auf die Insel Fehmarn 246. Waffenruhe und die Eroberung von Alsen in der Nacht vom 28. zum 29. Juni 1864................ 246 XII Inhalt Waffenruhe vom 12. Mai bis 25. Juni 245. Feldmarschall Wrangel gibt das Oberkommando an Prinz Friedrich Karl ab 247. Neue Einteilung des verbündeten Heeres 247. Vorbereitungen und Maßregeln der Dänen 247. Anordnungen für den Übergang über den Alsensund bei Satrup 248. Der Übergang bei klarem Wetter findet in der Nacht vom 28. zum 29. statt 249. Sein unerwartet leichtes Gelingen 249. General von Manstein, der ihn kommandiert, um 3 Uhr morgens auf Alsen 250. Die Kämpfe auf der Halbinsel Kjär 251. Einschiffung der Dänen von der Halbinsel Kekenis aus 251. Gefecht von Lundbh 252. Ereignisse in Jütland und bei den friesischen Inseln 253. Der Wiener Friede am 1. August 1864.........254 Einstellung der Feindseligkeiten am 20. Juli mittags, als Prinz Friedrich Karl die Vorbereitungen nach Fünen beendet hatte 254. Schleswig-Holstein vom dänischen Joch befreit 254. Präliminarfrieden 254. Unterzeichnung 254. Austausch der Dokumente am 16. November 254. Die Bundesexekution am 5. Dezember 1864 aufgehoben 254. Österreichs und Preußens gemeinsame Herrschaft über Schleswig-Holstein 255. Die Gegensätze in der Politik zwischen beiden Mächten 256. Der Gasteiner Vertrag 258. Lärmende Kundgebungen für den Herzog von Augustenburg von Österreich begünstigt 253. Preußen erhebt Einspruch und wird schroff abgewiesen 258. Österreichs erste Kriegsrüstungen 258. Preußischer Vorschlag einer Bundesreform 259. Es trifft die ersten kriegerischen Vorkehrungen 29. März 1866 259. Bündnis mit Italien vom 8. April 259. Große Erregung in Deutschland 259. Österreich zieht Truppen in Böhmen zusammen und vermehrt das Heer 259. Österreich überträgt die Regelung der Schleswig-Holsteinischen Frage dem Bundestag 259. Es stellt am 11. Juni den Antrag auf Mobilmachung gegen Preußen, der am 14. Juni angenommen wird 260. Preußisches Ultimatum 260. Österreich vermehrt seine Rüstungen 259. Es ordnet die Mobilmachung an 260. Die Österreicher ziehen von Schleswig-Holstein ans linke Elbufer ab 260. Mobilmachung in Preußen 260. 3. Der Krieg von 1866 .............. 261 Einleitung und Aufmarsch der Heere...........261 Das preußische Abgeordnetenhaus leistet den Feinden Preußens Vorschub 261. Der Wert der kriegführenden Heere 263. Versammlung der Österreicher um Olmütz 265. Getrennte Versammlung der Bundestruppen 267. Vorbereitung der Mobilmachung in Preußen 268. Bildung einer I., II., Elb- und Mainarmee 268. Versammlung der preußischen Streitkräfte an der Grenze 269. Der Feldzug gegen Hannover...........270 Einrücken der Preußen ins Königreich Hannover 270. Die Hannoveraner bei Göttingen 270. Ihre allmähliche Umstellung durch die preußischen Truppen 273. König Georg weist die Waffenstreckung zurück 274. Kurze Waffenruhe 274. Ergebnislose Verhandlungen 275. Das Gefecht von Langensalza am 27. Juni 1866 und die Kapitulation der Hannoveraner...............275 Inhalt XIII Vorgehen der preußischen Division Flies auf Langensalza 275. Sie beseht die Stadt und nächste Umgebung 276. Angriff der Hannoveraner 276. Rückzug der Preußen 278. Attacken der hannoverischen Kavallerie 278. Kapitulation der Hannoveraner 280. Der Feldzug in Böhmen.............280 Die Vereinigung der preußischen Heere.......... 230 Die Elbarniee in Sachsen 280. Die Sachsen ziehen nach Böhmen ab 280. Kriegserklärung Preußens an Österreich 282. Allgemeine Anweisungen für die drei Armeen 282. Die I. und II. Armee überschreiten die Grenze nach Böhmen 283. Telegraphischer Befehl zur Vereinigung in der Richtung auf Gitschin 283. Die Elbarmee bei Gabel 283. Die I. Armee bei Reichenberg 283. Die II. Armee stellt sich zum Durchmarsch durch das Gebirge bereit 283. Benedeks Marsch nach Böhmen 284. Stimmung in seinem Heere 28S. Kronprinz Albert mit den Sachsen und dem ersten österreichischen Korps an der Jser 286. Die Kämpfe an der Jserlinie 287. Das Nachtgefecht von Podol am 26./27. Juni 1866 ..... 287 Der 27. Juni 1866................ 288 Das Gefecht von Nachod am 27. Juni 1866 ....... 289 Unerwartetes Zusammentreffen bei Nachod 289. Ungestümer Angriff der Österreicher 291. Sie werden vom 5. preußischen Korps zurückgewiesen 292. Die Preußen folgen indessen nicht 292. Das Gefecht von Trautenau am 27. Juni 1866 ...... 293 Eintreffen der 2. Division bei Parschuitz 293. Die 1. kommt zwei Stunden später 293. Die österreichische Brigade Mondel auf den Höhen bei Trantenau 293. Sie wird auf Neu-Rognitz zurückgeworfen 29S. Das ganze österreichische zehnte Korps kommt heran 296. Es erobert die verlorene Stellung wieder 296. Preußischer Rückzug auf Liebau 297. Das Gefecht von Oswiecim 297. Benedeks Schwanken 298. Der 28. Juni 1866. Lage der Heere in Böhmen am 28. Juni früh 299. 298 Das Gefecht von Burkersdorf am 28. Juni 1866 ...... 299 Das Gefecht von Skalitz am 28. Juni 1866 ........ 300 General von Steinmetz' Vordringen 30V. Die Österreicher kommen ihm entgegen 302. Die österreichische Stoßtaktik 303. Ihre Niederlage unter starken Verlusten 303. Preußischer Gegenangriff 303. Kronprinz Albert beginnt den Rückzug von der Jser 304. Das Gefecht von Münchengrä'tz am 28. Juni 1866 ..... 304 Die Elbarmee vertreibt die feindliche Nachhut aus Münchengrätz 304. Die I. Armee greift dabei ein und nimmt den Muskhberg 304. Stellung der Heere in Böhmen am 23. Juni abends 30S. Der 29. Juni 1866 ................ 305 Das Gefecht von Schweinschädel am 29. Juni 1866 ..... 306 Die II. Armee soll sich in der Linie Gradlitz—Pilnikau vereinigen 306. Steinmetz will am Nachmittage dorthin heranrücken 306. Er stößt auf das vierte österreichische XIV Inhalt Korps 306. Graf Festetics will einen ersten Angriff zurückweisen und dann abmarschieren, wie Prinz Louis Ferdinand bei Saalfeld 308. Er wird mit schweren Verlusten geworfen 308. Das Gefecht von Königinhof am 29. Juni 1866 ...... 308 Das Gefecht von Gitschin am 29. Juni 1866 ....... 308 Die Lage der Heere in Böhmen am 29. Juni 309. Kronprinz Albert will bei Gitschin standhalten 309. Seine Stellung 309. Erscheinen der preußischen Avantgarde am Nachmittag 309. Die gesamte 5. preußische Division folgt 310. Der Kampf beginnt 310. Benedeks Befehl zur Versammlung der Armee bei Josefstadt trifft ein 310. Entschluß des Kronprinzen zum Rückzug 311. Lebhaftes Nachdrängen der Preußen 311. Die dritte preußische Division trifft ein 311. Schwieriger Rückzug der Österreicher und Sachsen in der Dunkelheit 312. Der 30. Juni 1866 ................ 313 Die I. Armee dringt weiter vor, die II. bleibt an der oberen Elbe stehen 313. Abreise König Wilhelms auf den Kriegsschauplatz 313. Übler Zustand der österreichischen Armee 314. Sie gibt den Vormarsch uach Westen auf und beschränkt sich auf die Verteidigung 314. Der 1. und 2. Juli 1866............. . 314 Anstrengender Rückmarsch der österreichischen Armee 314. Sie erreicht ihre Marschziele am 1. Juli und in der Nacht zum 2. 315. Benedek nach Königgrätz 315. Er bittet den Kaiser Frieden zu schließen 315. Der Kaiser erklärt dies für unmöglich 316. Personenwechsel im österreichischen Hauptquartier 316. Beruhigender Eindruck der am 2. Juli herrschenden Stille 316. Moltke verzichtet auf enge Vereinigung vor der Schlacht 317. Nur die Elbarmee rückt noch etwas vor 317. Moltkes Erwägungen über die bevorstehende Schlacht 318. Die Österreicher werden hinter der Bistritz entdeckt 318. Der Vorabend der großen Entscheidung 319. Die Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 ..... 320 Aufstellung der Österreicher bei Königgrätz 321. Gefahr für die rechte Flanke dieser Aufstellung 322. Anmarsch des Prinzen Friedrich Karl mit der I. Armee und Elbarmee 323. Der Kampf um den Swiep-Wald 324. Die beiden zur Sicherung der rechten Flanke aufgestellten österreichischen Korps schwenken gegen die Frontlinie ein und nehmen am Kampfe teil 324. Die I. Armee hat an der Bistritz einen schweren Stand 326. Spannende Lage an der Bistritz 327. Eingreifen der Elbarmee 328. Moltke treibt sie zum Vorrücken an 329. Anmarsch des Kronprinzen von Preußen mit der II. Armee 330. Wegnahme von Horenowes 331. Die österreichischen Korps des rechten Flügels gelangen mit Not in ihre alte Stellung zurück 331. Die Entscheidung naht heran 331. Benedek auf der Höhe von Chlum 331. Sein Schwanken über einen Angriff an der Bistritz 332. Die Wegnahme von Chlum durch die Preußen 333. Siegreiches Vordringen der II. Armee in der österreichischen rechten Flanke 334. Rückzug der Österreicher auf Königgrätz 335. Benedek während der Katastrophe 337. König Wilhelm auf dem Schlachtfelde 337. Der 4. Juli soll für die preußischen Truppen ein Ruhetag sein 337. Merkwürdiger Gegensatz bei den Verlusten 338. Der Rückzug der Österreicher auf Olmütz.........338 Inhalt XV Der österreichische Antrag auf Waffenruhe wird abgelehnt 338. Benedek vollzieht den Rückmarsch auf drei Straßen wie den Vormarsch 338. Die Hauptstadt soll durch Kavallerie geschützt werden 339. Die Armee vereinigt sich am 11. Juli im Lager von Olmütz 339. Die preußische Armee folgt vom 7. ab langsam 339. Das Hauptquartier geht am 6. nach Pardubitz 339. Die diplomatische Einmischung Napoleon III. 340. Während die H. Armee den Österreichern auf Olmütz folgt, solleu die I. und Elbarmee auf Wien vormarschieren 349. Große Rührigkeit der Österreicher in Vorbereitung der weiteren Verteidigung 341. Entscheidung des Feldzuges mit Rücksicht auf Napoleons III. Einmischung dringlich 342. Der französische Botschafter Bene- detti im preußischen Hauptquartier 342. Die Gefechte von Tobitschau und Roketnitz am IS. Juli 1866 . . 342 Die II. Armee stößt auf die von Olmütz abmarschierenden Österreicher 342. Überfall österreichischer Artillerie durch das 5. Kürassicrregimcnt 343. Die Österreicher ziehen auf Prerau ab 343. Sie werden bei Roketnitz nochmals überraschend angefallen 344. Benedek entschließt sich zum Ausweichen in das Waagtal 344. Er ordnet den Übergang über die kleinen Karpathen an 344. Die II. Armee glaubt ihn nicht mehr abdrängen zu können 344. Erzherzog Albrecht der neue Oberbefehlshaber der österreichischen Armee trifft in Wien ein 344. Er sichert Preßburg 345. Befehl an Benedek zum Vorstoß 345. Die Armee hat sich gegen Brünn in Bewegung gesetzt 345. Das große Hauptquartier geht nach Nikolsburg 345. Alle drei Armeen sollen sich hinter dem Rußbach vereinigen 345. Ein Vorstoß auf Preßburg wird jedoch beabsichtigt 346. Die Lage vor Wien 347. Benedeks Herankommen 348. Das Gefecht von Blumenau am 22. Juli 1866 ...... 343 Die österreichische Brigade Mondel hat sich bei Blumenau zum Schutze von Preßburg aufgestellt 348. General von Fransecky soll den beabsichtigten Vorstoß ausführen 348. Diplomatische Verhandlungen unterbrechen mittags 12 Uhr den noch unentschiedenen Kampf bei Blumenau 349. Der Waffenstillstand und der Frieden von Prag am 30. August 1366 349 Am 22. Juli wird die Scheidelinie zwischen den beiden Heeren festgestellt 349. Am gleichen Tage beginnen die Friedensverhandlungen 349. Moltkes genialer Plan für die Aufnahme des Kampfes gegen Österreich und Frankreich 349. Bismarcks geschickte Abfertigung von Benedetti 350. Die Waffenruhe wird bis zum 2. August verlängert 350. Abschluß der Verhandlungen am 23. August in Prag 350. Bestätigung durch die Regierungen am 30. August 350. Bedeutender Gebietszuwachs für Preußen 350. Friedensschluß und Heimkehr 351. Der Feldzug in Oberitalien............351 Italienische Rüstungen 351. Österreich setzt die Südarmee am 21. April auf den Kriegsfuß 351. Stärke der beiden Heere 352. Preußischer Vorschlag über Führung des Feldzuges durch die Italiener 352. Er erscheint den Italienern zu gewagt 352. 20. Juni Kriegserklärung durch Italien 353. Erzherzog Albrecht entschließt sich zum Angriff 353. Die Österreicher am 22. Juni bei Verona versammelt 353. Der König Victor Emanuel überschreitet den Mincio 353. Erzherzog Albrecht will ihm von Verona aus in die linkeFlanke fallen 353. DieJtaliener kommen dem Stoße entgegen 354. XVI Inhalt Die Begegnungsschlacht von Custozza am 24. Juni 1866 ... 354 Zusammenstoß der beiden Heere im Hügellande von Sommacampagna 355. Die Italiener werden geworfen 355. Cialdini, im Begriff den Po zu überschreiten, kehrt auf die Nachricht von der Niederlage des Königs wieder um 356. Der König nach Ferrara 356. Seine Armee hinter den Oglio zurück 356. Der größere Teil der österreichischen Armee wird mit der Eisenbahn nach Wien befördert 356. Langsames Vordringen Cialdinis von Padua her 356. Italienische Niederlage zur See bei Lissa 356. Kämpfe an der Tiroler Grenze 357. Die Absichten der Oberbefehlshaber 358. General v. Falckenstein zieht seine Armee bei Eisenach zusammen 359. Er tritt den Vormarsch auf Fulda an 360. Die Bayern bei Kallen-Nordheim 360. Überfall von Hünfeld 361. Prinz Karl von Bayern marschiert nach Neustadt an der Saale ab 361. Das Bundeskorps soll dorthin heranrücken 361. Prinz Alexander von Hessen bleibt bei Frankfurt a. M. 362. Die Trennung der Verbündeten damit vollzogen 362. Falckenstein erfährt, daß das Bundeskorps von Fulda gegen Frankfurt und Wetzlar abgezogen ist 362. Er entschließt sich znm Vorstoß über die fränkische Saale 362. Die Kämpfe an der fränkischen Saale beginnen 362. Das Gefecht von Kissingen am 10. Juli 1866 ....... 363 Zersplitterung der bayerischen Truppen an der Saale 363. Die Division Goeben geht auf Kissingen vor 363. Kissingen wird genommen 363. Die Bayern gehen auf Winkels zurück 363. Kampf um Friedrichshall 364. Vorstoß der Bayern bei Nüdlingen und Winkels am Spätnachmittage 365. Er wird zurückgewiesen 365. Rückzug der Bayern hinter den Main 365. General v. Falckenstein geht auf Schweinfurt vor 366. Seine Neigung, erst Frankfurt a M. und die Länder nördlich des Mains zu besetzen, bewegt ihu zum Abmarsch nach Westen 366. Verbleib der Bayern unbekannt 366. Das Bundeskorps noch bei Frankfurt a. M. 366. Prinz Alexander will sich jetzt mit den Bayern vereinigen 366. Er sichert sich gegen den preußischen Abmarsch 366. Das Gefecht am Laufach am 13. Juli 1866 ........ 366 Das Gefecht von Aschaffenburg am 14. Juli 1866 ..... 367 Goebens Anmarsch gegen Aschaffenburg 367. Die beim Bundeskorps befindliche österreichische Brigade Neipperg stellt sich ihm vor Aschaffenburg entgegen 367. Sie will abmarschieren, wird aber angegriffen 367. Kampf in der Stadt 368. Unverhältnismäßig großer Verlust der Österreicher 368. Goeben hat nacheinander Bayern, Hessen und Österreicher geschlagen; sein Ruf verbreitet sich im Heere 368. Prinz Alexander von Hessen zieht das Bundeskorps in der Richtung auf Darmstadt zusammen 368. Falckenstein hätte es dort schlagen können, wenn er in der Richtung gegen Südwesten weitermarschiert wäre 368. Er wendet sich statt dessen nach Frankfurt a. M. und hält am 17. Juli seinen Einzug 368. Das Bundeskorps kann zur Vereinigung mit den Bayern nach der Tauber abmarschieren 368. General v. Falckenstein zum Gouverneur von Böhmen ernannt 369. Manteuffel übernimmt die Main- Der Mainfeldzug 358 Die Gefechte bei Dermbach am 4. Juli 1866 360 Inhalt XVII armee 369. Die Bayern zur Vereinigung mit dem Bundeskorps nach Würzburg 369. Zusammenkunft der beiden Korpskommandanten in Tauberbischofsheim 369. Beide Korps sollen vereint wieder vorgehen 369. General von Manteuffel ordnet den Wiedervormarsch der Mainarmee gegen die Verbündeten an 369. Sie trifft noch vorwärts der Tauber auf die Bundestruppen 370. Zusammenstoß bei Hundheim 370. Die Mainarmee erhält Verstärkung 370. Das Gefecht von Tauberbischofsheim am 24. Juli 1866 .... 370 Goeben soll abwarten, greift aber die Württemberger an 371. Tauberbischofshcim wird genommen 371. Der Offensivstoß der Württemberger mißlingt 371. Die österreichisch-nassauische Division wiederholt vergeblich den Vorstoß 371. Rückzug der Verbündeten 371. Prinz Karl entschließt sich zum Vorgehen mit den Bayern, noch ehe Würzburg erreicht ist 371. Es kommt zu Gefechten zwischen Tauber und Main 372. Gefechte bei Helmstadt 373. Das Gefecht von Roßbrunn am 26. Juli 1866 ...... 373 Prinz Karl von Bayern hat für sein Korps eine Stellung hinter Roßbrunn gewählt 373. Es kommt indes schon während der Versammlung zum Kampfe 373. Inzwischen hat das Bundeskorps seinen Abzug begonnen 374. Dies bestimmt auch den Prinzen Karl zum Rückzug auf Würzburg 374. Kanonade von Würzburg 374. Die Nachricht vom Waffenstillstände von Nikolsburg trifft ein 375. Die Einstellung der Feindseligkeiten auf dem süddeutschen Kriegstheater 375. Dem Prager Frieden folgt keine Ruhepause 377. Die preußische Wehrverfassung auf den Norddeutschen Bund übertragen 377. Die süddeutschen Staaten verstärken gleichfalls ihre Kriegsmacht 377. Sie führen allgemeine Dienstpflicht, Landwehr und Annahme Einjährig-Freiwilliger ein 377. Auch die Truppeneinteilung wird der preußischen nachgebildet 377. Entwicklung des norddeutschen Heeres nach dem Kriege 379. Vervollkommnete Fechtweise 381. Erwachende Eifersucht Frankreichs 382. Die Luxemburger Frage 382. Rache für Sadowa 383. Nationale Abstimmung in Frankreich 383. Die spanische Thronfolgefrage 384. Die Verhandlungen in Ems 384. Zustände in der französischen Armee 384. Die Stärke derselben entsprach weder der Volkszahl noch der Machtstellung Frankreichs 386. Französische Kriegserklärung 387. Verwirrung bei der Mobilmachung 387. Ein Feldzugsplan nicht vorhanden 387. Vergebliche Versuche, Bundesgenossen zu gewinnen 388. Die französischen Angriffsentwürfe 389. Die deutschen Absichten 391. Moltkes Denkschrift von 1868/69 391. Eisenbahntransporte 392. Drei Armeen an der Grenze gebildet 392. Stärke der deutschen Truppen 393. Stärke der Franzosen 394. Die öffentliche Meinung Frankreichs verlangt Siegesnachrichten 394. Zweckloses Vorgehen gegen Saarbrücken 394. Vorbereitungen für das Überschreiten der Grenze 395. Bedeutende Marschanstrengung in der Pfalz 395. Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II L VII. Der Norddeutsche Bund 377 VIII. Der Krieg von 1870/71 1. Gegen das Kaiserreich . Der Aufmarsch der Heere . 387 387 387 XVIII Inhalt Die Kämpfe an der Grenze ............395 Das Treffen von Weißenburg am 4. August 1870 ..... 395 Die III. Armee überschreitet am 4. August den Klingbach 395. Ursprüngliche Pläne für den allgemeinen Angriff 396. Die Bayern stoßen bei Weißenburg auf die französische Division Douay 397. 11. und S. Armeekorps kommen heran 397. Stadt und Bahnhof werden genommen 397. Sturm auf den Geißberg 398. Rückzug der Franzosen 398. Die Verfolgung bleibt aus 398. Eindruck der Niederlage von Weißenburg auf die Franzosen 398. Teilung im französischen Oberbefehl 399. Für den 6. August auf beiden Seiten kein Kampf geplant 400. Die Schlacht von Wörth am 6. August 1870 ....... 400 Der Kampf entwickelt sich aus Berührung der Vorposten gegen den Willen der Oberbefehlshaber 400. Wechselnde Angriffe der deutschen Korps 401. Starke Stellung Mac Mahons 402. Der Kampf nimmt seinen Fortgang 403. Vorgehen der Bayern in der Richtung auf Froschwiller 403. Das 5. Korps stürmt den Höhenzug bei Wörth am rechten Sauerufer 403. Das 11. Korps eilt ihm zu Hilfe 403. Französischer Kavallerieangriff bei Morsbronn '404. Der Kampf um Elsaßhausen und Froeschwiller 404. Zweiter großer Kavallerieangriff der Franzosen 40S. Mac Mahon entschließt sich zum Rückzüge 405. Kronprinz Friedrich Wilhelm auf dem Schlachtfelde 406. Die Schlacht von Spicheren am 6. August 1870 ...... 406 Linksschieben der I. Armee 406. Annahme, daß die Franzosen bei Spicheren abziehen »vollen 407. Die Deutschen überschreiten die Saar 407. Eigenmächtiger Angriff der 14. Division 407. Die benachbarten Truppen eilten nach dem Schlachtfelde 407. Schwieriger Angriff auf die französische Stellung 408. Verschiedener Charakter der Schlachten von Wörth uud Spicheren 408. Wegnahme des Höhenrandes bei Spicheren 409. Der Kampf kommt zum Stehen 410. Wegnahme des Roten Berges 410. General v. Steinmetz auf dem Schlachtfelde 410. Wegnahme des Forbacher Berges 410. General Frossard entschließt sich zum Rückzug nach Saargemünd 410. Ursachen des endlichen Sieges 410. Die Hoffnung auf eine entscheidende Schlacht an der Grenze ist geschwunden 411. Rückzug der Rheinarmee von der Grenze 411. Die drei deutschen Armeen an der Saar 412. Die Franzosen gewinnen die Freiheit der Bewegungen wieder 412. Mac Mahons Rückzug auf ClMons 412. Von der Saar bis zur Mosel............412 Rechtsschwenkung der deutschen Heere...........412 Der erste Gedanke des Rückzuges auf ClMons in Paris gemißbilligt 412. Die Franzosen bleiben bei Metz 413. Vormarsch der deutschen Armeen gegen die Mosel 413. Voraussenden der Kavallerie 414. Die Franzosen dicht östlich Metz versammelt 414. Entschluß zur Fortsetzung des Rückzuges 414. Schwieriger Durchmarsch durch Metz 414. Der Abzug beginnt am 14. August früh 415. Er wird von den Deutschen bemerkt 415. Die Schlacht von Colombey-Nouilly den 14. August 1870 . . .415 Die Vorhut des 7. Korps unter General v. d. Goltz greift an 415. Erbitterter Kampf an der Pappelallee von Colombey 417. Das 1. Korps greift ein 417. Die Inhalt XIX im Abmarsch befindlichen französischen Truppen kehren wieder um 417. Stillstand, die Angreifer behaupten sich 417. Allmähliches Zurückweichen der Franzosen 417. Ein Umschlag droht auf dem preußischen rechten Flügel 417. Starke Artillerie deZ 1. Korps verhütet ihn 417. Die 13. Division greift ein 413. Der Kampf dauert bis in die Dunkelheit fort 418. Bazaine beim Kaiser 413. Die Franzosen nehmen die unterbrochene Bewegung am 15. August früh wieder auf 418. Verwirrung bei Bazaines Durchzug durch Metz 419. König Wilhelm auf dem Schlachtfelde 419. Neue Anordnungen werden getroffen 419. Der II. Armee fallt die Hauptrolle zu 419. Ungewißheit über den Verbleib der Franzosen 420. Eigentümliche Lage am 15. August 420. Prinz Friedrich Karl ordnet den Vormarsch nach der Maas an 421. Ungerechtfertigte Kritik hierüber 421. Das dritte und zehnte Korps kommen am 16. August früh in eine bedrohliche Lage 423. Die Franzosen werden auf der Hochfläche von Vionville und Rezonville entdeckt 423. DieSchlachtvonVionville-MarslaTour am 16.August 1870 424 Das dritte Korps greift an 424. Der Kampf gestaltet sich sofort sehr lebhaft 424. Das 3. Korps legt sich mit gegen Nordost gewendeter Front einem Abmarsch der Franzosen vor 425. Bazaine scheut die Loslösung von Metz 426. Die starke französische Übermacht wird auf preußischer Seite erkannt 427. Stillstand des Kampfes um 2 Uhr nachmittags 427. Kavallerieangriff der Brigade Bredow 428. Ihre Wirkung 428. Das 10. Korps trifft auf dem Schlachtfelde ein 423. Prinz Friedrich Karl erscheint nach schnellem Ritt von Pont k Mousson her 429. Anordnungen, die getroffen werden sollten 429. Der Prinzen leitender Gedanke für die Beendigung der Schlacht 430. Katastrophe auf dem linken preußischen Flügel 431. Großes Kavalleriegefecht von Bille-sur-Uron 431. Veränderung der Schlachtlinie 431. Lage bei Einbruch der Dunkelheit 432. Erfolgreicher Angriff der 6. Kavalleriedivision 432. Panik in der französischen Armee 432. Ende der Schlacht 433. Ein Augenblick größter Spannung am frühen Morgen 434. Die Franzosen rücken gegen Metz hin ab 434. Ungewißheit über die Richtung, die sie eingeschlagen haben 435. Die Nachwirkung der blutigen Schlacht 435. Versammlung der I. und II. Armee auf dem Schlachtfelde des 16. August 436. Anordnungen für den Vormarsch am 18. August 436. Die Schlacht von Gravelotte - St.Privat am 18. August 1870 436 Die Stellung der beiden Armeen vor der Schlacht 437. Ungewißheit über die Ausdehnung der französischen Front 439. Gemeinsames Vorgehen der I. und II. Armee 439. Schwierigkeit der Umfassung der französischen Stellung 440. Die Schlacht kommt auf den rechten deutschen Flügel zu stehen 441. Weites Ausgreifen der zweiten Armee auf ihrem linken Flügel 441. Der Angriff auf St. Privat 442. Erscheinen der Sachsen bei Roncourt 442. Die Entscheidung 443. Die Bedeutung des Erfolges von St. Privat wird nicht sogleich erkannt 444. Moltkes schneller Entschluß als Prinz Friedrich Karl über den Ausgang der Schlacht am linken Flügel berichtet 444. Bildung der Maasarmee zum Weitermarsch nach Westen 444. Die I. und der Rest der II. Armee bleiben vor Metz 444. Der strategisch denkwürdigste Tag des Feldzugs 445. Der 17. August 433 Der 19. August 1870 444 XX Inhalt Der Feldzug von Sedan.............445 Die III. Arme« wartet, bis die Maasarmee in gleiche Höhe gekommen ist 446. Gemeinsamer Aufbruch gegen Paris 445. Vorgänge vor Toul 447, Die französische Armee von CkMons 447. Sie marschiert nicht nach Paris, sondern zum Entsatz von Bazaine nach der Nordgrenze ab 447. Spannender Wettlauf 447. Merkwürdige Nachrichten im deutschen Hauptquartier 448. Bereitstellung der Truppen für den etwaigen Marsch nach Norden 448. Mac Mahons Abmarsch nach Nordosten wird bekannt 449. Seine Verfolgung von den Deutschen aufgenommen 449. Das große Hauptquartier in Clermont-en-Argonne 449. Mac Mahon biegt weiter nördlich aus 449. Er geht über die Maas 449. Die Deutscheu verlegen ihm den Weg 450. Die Schlacht von Beaumont am 30. August 1870 ...... 450 Die Maasarmee überrascht das französische 5. Korps im Lager von Beaumont 45». Das 4. preußische Korps greift an 450. Das Einhalten ist für die Franzosen unmöglich 451. General de Failly muß auf Mouzon zurück 451. Bayern und Sachsen greisen in den Kampf ein 452. Der Kampf erlischt an der Maas mit Einbruch der Dunkelheit 452. Stellung der Armeen in der folgenden Nacht 452. Mac Mahons Entschluß zum Rückzüge aus Paris 453. Deutsche Aufforderung an die belgische Regierung 453. Der König geht nach Vandresse 453. Die Schlacht von Sedan am 1'. September 1870 .... 454 Die Natur des Schlachtfeldes 455. Beginn des deutschen Angriffs am frühen Morgen 455. Mac Mahon verwundet, Ducrot und bald darauf Wimpffcn Oberbefehlshaber 456. Vergeblicher Durchbruchsversuch nach Carignan 456. Der Rückzug nach Westen gleichfalls verlegt 456. Herumgreifen der III. Armee bis über die Straße nach M6zidres 457. Erster großer Kavallerieangriff der Franzosen 457. Er scheitert 457. Die Deutschen dringen auf allen Fronten vor 457, Zweiter großer französischer Reiterangriff 459. Die französische Armee eng um Sedan zusammengedrängt 459. Furchtbare Wirkung des deutschen Artilleriefeuers 459. Wegnahme des Bois de La Garenne 459. Moltke beglückwünscht den König zu einem der größten Siege des Jahrhunderts 459. Brief Napoleons III. an den König 460. Waffcnstreckung der französischen Armee 460. Die Ereignisse vor Metz.............460 Bazaine war in dem Lager von Metz verblieben 460. Die Einschließungslinie 45 km lang 460. Schwerer Dienst vor der Festung 461. Bazaine droht mit dem Durchbruch am 26. und 27. August 461. Er hält Kriegsrat und kehrt nach Metz zurück 461. Seine wahrscheinlichen Beweggründe 462. Abrücken des 2. und 3. preußischen Korps nach Damvillers gegen Mac Mahon 463. Die Schlacht von Noisseville am 31. August und 1. September 1870 463 Bazaine sammelt seine Armee auf der Nordostseite der Festung 463. Prinz Friedrich Karl durchschaut seine Absicht 464. Er zieht Truppen nach dem bedrohten Punkt zusammen 465. General von Manteuffel leitet die beginnende Schlacht 465. Bazaine ordnet frontalen und umfassenden Angriff gegen Manteuffel an 465. Erfolge gegen den preußischen linken Flügel 466. Der Angriff gegen den rechten abgewiesen 466. Die Dunkelheit endet den Kampf 466. Wiederbeginn am Morgen des 1. Septembers Inhalt XXI 467. Mangelnde Entschlossenheit der französischen Generale 467. Trotz großer Überlegenheit weicht die französische Armee wieder nach Metz zurück 467. Ihr Schicksal ist besiegelt 468. Die kriegerischen Ereignisse zur See........463 Die beiderseitigen Seestreitkräfte 468. Die Preußischen Verteidigungsvorkehrungen 47V. Falckenstein Generalgouverneur der Küstenlande 471. Die Franzosen in der Ostsee 472. Ihr Erscheinen in der Nordsee 472. 2. Gegen die Republik.............. 473 Regierungswechsel in Frankreich..........473 Wirkung der Nachricht von Sedan in Paris 473. Die bisherigen Gewalthaber wagen keinen Widerstand 473. Die Kaiserin verläßt Paris 473. Die Regierung der Nationalverteidigung macht eine verhältnismäßig gnte Erbschaft 474. Der Vormarsch der Deutschen auf Paris.......474 Das dreizehnte französische Korps entzieht sich glücklich ihrem Angriff 475. Die Zitadelle von Laon in die Luft gesprengt 475. Eintreffen vor Paris 476. Die Befestigungen der Hauptstadt 476. Ihre Ausrüstung 476. Die Einschließung 477. Gefechte von der Südseite am 18. September 478. Der Fall von Toul und Straßburg am 23. und 27. September 1370 479 Der Fall von Toul 479. Die badische Division vor Straßburg 480. Zusammensetzung des Belagerungskorps 489. Erste Beschießung erfolglos 489. Bau der ersten Parallele gegen die Nordwestfront 489. Wegnahme der Außenwerke 482. Breschen im Hauptwall 482. Die Kapitulation unter den Bedingungen von Sedan 482. Die Vorgänge auf dem westlichen Kriegsschauplatz bis Ende Oktober 1870 ................ 483 Die Verhältnisse vor Paris 433. Die Einschließungslinie 483. Ausfall am 39. September 484. Ausfall vom 13. Oktober 485. Eifrige Rüstungen in ganz Frankreich 485. Das fünfzehnte französische Korps bei Orleans 486. Borgehen des Generals v. d. Tann 486. Das Treffen von Orleans am 11. Oktober 1870 ...... 486 Lebhafter Widerstand der Franzosen bei Saran und bei Les Aides 486. Einnahme der Stadt am Abend 486. Die Loirebrücke unversehrt 487. Die Franzosen hinter die Zauldre 489. Straßenkampf in Chateaudun 488. Streifzug der Württemberger 439. Der Fall von Soissons 489. Ausfall von La Malmaison 489. Die Erstürmung von Le Bourget am 30. Oktober 1870 .... 490 Lage aus dem östlichen Kriegsschauplatz an der Mosel bis zum Falle von Metz...............491 Veränderung der Lage Bazaines 491. Zustände in Metz 493. Zustände in der Ein- schlieszungsarmee 493. Aussall von Pellre 494. Das Gefecht von Bellevue am 7. Oktober 1870 ....... 495 Bazaine will nach Norden durchbrechen 495. Verzögerung des Beginns 496. Eingreifen der Belagerer gegen seine Flanken 496. Zweifel über das Unternehmen 496. XXII Inhalt Er verzichtet auf die Fortsetzung 496. Schwierige Lage der Einschließungsarmee 436. Vorbereitungen sür den Winter 496. Noch üblere Zustände in der Festung 497. Die Kapitulation 497. Verwendung der Belagerungsarmee 497. Die Vorgänge auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz im Oktober 1870................. 498 Werders Vormarsch von Straßburg 498. Gefecht von Bruydres 498. Gefechte am Ognon 498. Besetzung von Dijon 498. Einnahme von Schlettstadt 600. Einnahme von Neu-Breisach 500. Einnahme von Berdun S00. Vormarsch der II. Armee von Metz nach der Loire und Vereinigung mit dem Großherzog von Mecklenburg . . 501 Täuschung über die französischen Streitkräste SV1. General v. d. Tann in Orlsans bedroht 502. Das Treffen von Coulmiers am 9. November 1870 ..... 502 Die Franzosen von Westen in Anmarsch 502. Die Bayern gehen ihnen entgegen 502. Kampf an den Waldrändern bei Coulmiers 502. Tann entschließt sich zum Rückzug 502. Eindruck der Siegesnachricht in Frankreich 503. Die II. Armee in der Linie ^ Troyes-Chaumont 504. Vorstoß des Großherzogs von Mecklenburg gegen Südwesten 504. Prinz Friedrich Karl Oberbefehlshaber sämtlicher deutschen Streitkräfte an der Loire 504. Nachricht, daß die feindlichen Hauptstreitkräfte bei Orleans stehen 505. Der große Entsatzversuch für Paris.........505 Gambettas unermüdliche Tätigkeit 506. Die Loirearmee 506. Gambetta drängt zum Vormarsch auf Paris 607. Gefährliche Lage der Deutschen 507. Die Schlacht von Beaune-la-Rolande am 28. November 1870. . 509 Der rechte Flügel der Loircarmee geht auf Gambettas Befehl vor 509. Er trifft den linken Flügel der bei Pithiviers stehenden II. Armee 509. Mattes Vorgehen des 18. französischen Korps gegen Juranville 509. Heftiger Angriff des 20. französischen Korps auf Beaune-La-Rolande 610. Dramatischer Kampf um die Stadt 510. Der französische Angriff scheitert 511. Eingreifen der fünften Division 511. Die große französische Offensive hat mit einem Mißerfolg begonnen 511. Linksschiebung des rechten französischen Flügels 511. Vorgehen des linken Flügels der Loirearmee 612. Gefecht bei Villepion 612. Die Schlacht von Loigny-Poupry am 2. Dezember 1880. ... 513 General Chanzy soll auf Pithiviers vorgehn, greift aber zunächst den herankommenden Großherzog an 513. Heftiger Zusammenstoß der beiden Heere bei Loigny und Lumeau 513. Der französische Angriff zurückgewiesen 614. Eingreifen des 15. französischen Korps 616. Der Flankenstoß von der 22. Division abgeschlagen 515. Die Schlacht von Orleans am 3. und 4. Dezember 1870 . . . 515 Der französische Oberbefehlshaber zum Rückzug entschlossen. 516. Die zweite Armee greift an der großen Straße von Paris nach Orleans an, die Armeeabteilung des Großherzogs westlich davon 616. Wegnahme von Artenay 516. Gefechte von Neu- ville-aux-Bois und Santeau und Chilleurs 617. Eroberung der befestigten Linie Gigy- Cercottes 519. Besetzung von Orleans 620. Rückzug der'Franzosen über die Loire 520. Inhalt XXIII Die I. Armee im Norden Frankreichs........521 General Farre geht von Lille gegen Paris vor 621. Manteuffel verlegt ihm mit der I. deutschen Armee den Weg 522. Die Schlacht von Amiens am 27. November 1870 ...... 523 Erstürmung von Villers Bretonneux 523. Gefecht südlich Amiens 523. Amiens bis auf die Zitadelle am Morgen nach der Schlacht besetzt 524. Farres Rückzug 524. Fall der Zitadelle von Amiens 524. Vorgehen der I. Armee gegen Rouen 525. Die Vorgänge vor Paris.............525 Die Ausfallsschlacht von Villiers-Champigmy am 30. November und 2. Dezember 1870 .............. 525 Ducrot geht über die Marne vor 527. Er faßt festen Fuß auf der Halbinsel von Joinville, vermag aber nicht durchzubrechen 527. Er unterbricht den Angriff am 1. Dezember 527. Dessen Fortsetzung am 2. Dezember 529. Der Gouverneur von Paris Trochu auf dem Schlachtfelde 529. Entschluß zum Zurückgehen nach Paris 530. Die Deutschen nehmen die alten Stellungen wieder ein 530. Die Vorgänge auf dem östlichen und südöstlichen Teil des Kriegsschauplatzes im November 1870 ...... 530 Die Vogesenarmee 530. Überfall von ClMillon-sur-Seine 531. Einschließung von Belfort 531. Fall von Diedenhofen 531. Der Feldzug an der Loire bis zum Ende des Jahres 1870 531 Das Gepräge des Krieges hat sich geändert 531. Moltkes Einfluß auf die Heere in den Provinzen 532. Der Großherzog von Mecklenburg wieder selbständig, geht Loire abwärts vor 533. Prinz Friedrich Karl bleibt mit der II. Armee bei Orleans 533. Seine Kavallerie verfolgt bis Vierzon 534. Teilung der frauzösischen Streitkräfte in eine I. Lvirearmee unter Bourbaki und eine II. unter Chanzy 534. Gefecht bei Meung 535. Die Schlacht von Beaugency-Cravant am 8., 9. 10. Dezember 1870 535 Die II. Loirearmee hat bei Beaugency haltgemacht 535. Prinz Friedrich Karl gibt den Marsch nach Bourges auf und wendet sich loireabwärts zur Unterstützung des Großherzogs 537. Lebhafte Kämpfe, zumal mit Artillerie am 9. und 10. Dezember 538. General Chanzys Ausdauer; sein Rückzug hinter den Loir 538. Bedrohung der an der oberen Loire zurückgebliebenen deutschen Abteilung 541. Rückkehr des Prinzen Friedrich Karl nach Orleans 541. Gefechte am Loir 542. Die Vorgänge bei der I. Armee und vor Paris während des Dezembers 1870 .............. 542 General Faidherbes Eintreffen bei der französischen Nordarmee 542. Sein Vorgehen gegen Amiens 543. Die Schlacht an der Hallue am 23. und 24. Dezember 1870 . . 543 Faidherbe trifft auf dem hohen linken Hallueufer ein 543. Manteuffel geht ihm entgegen 543. Unentschiedener Kampf an der Hallue 544. Faidherbes Rückzug 544. Manteuffel wieder nach Rouen 544. In Paris neue Durchbruchsversuche vorbereitet 545. Kampf um Le Bourget 545. Paris seit drei Monaten eingeschlossen 546. Zweifel über die Dauer seines Wider- XXIV Inhalt standes 546. Vorbereitung des artilleristischen Angriffs verzögert 546. Wegnahme des Mont Avron 547. Die Beschießung beschlossen 547. Der Belagerungspark 547. Die Vorgänge auf dem südöstlichen Kriegsschauplatze bis zum Ende des Jahres 1870 ............ 547 Gefecht von Nuits 548. Werder geht nicht weiter nach Süden vor, sondern bleibt bei Dijon 548. Der Feldzug von Le Mans im Januar 1871 ...... 549 Chanzy bereitet bei Le Mans einen neuen Angriff vor 549. Prinz Friedrich Karl erhält am Neujahrstage Befehl, ihm zuvorzukommen 550. Der Großherzog von Mecklenburg ihm erneut unterstellt 550. Anordnungen zum konzentrischen Vorgehen gegen Le Mans 551. Gefechte von La Fourche, St. Amand und Vendome 551, 552. Schilderung der Gegend 551. Gefecht bei Villechauve 552. Die Franzosen weichen kämpsend gegen Le Mans zurück 555. Die Schlacht von Le Mans am 10. 11. und 12. Januar 1871 . 555 Chanzy fieberkrank, beschließt trotzdem entscheidenden Widerstand 555. Gefecht von Parigins L'Evsque 555. Gesamtheit der Gefechte des 10. 1. als Schlacht von Changs bezeichnet 556. Chanzy befiehlt für den 11. Januar den Widerstand bis zum Äußersten 557. Erstürmung des Plateau D'Auvours 558. Vordringen der Deutschen bis zum Huisnefluß 558. Zweifel über Fortsetzung des Kampfes am 12. Januar früh 559. Der Kampf beginnt von neuem und wogt im Zentrum hin und her 560. Das X. Korps geht gegen Pontlieue vor und nimmt es 561. Chanzy entschließt sich zum Rückzüge 561. Seine Verfolgung durch General v. Schmidt 561. Die Franzosen hinter die Mayenne 562. Vorgänge auf dem nordöstlichen Teil des Kriegsschauplatzes während des Januar 1371 .......... 562 Faidherbe hat die französische Nordarmee wieder hergestellt 563. Er will P6ronne zu Hilfe kommen 563. Borpostengefechte, Sapignies 563. Die Schlacht von Bapaume am 3. Januar 1871 ...... 563 Trotz Abweisung des Angriffs beabsichtigt General Goeben hinter die Somme zurückzugehen 564. Er erfährt den Abzug Faidherbes und stellt sich in einer Flankenstellung auf 564. Bei Rouen rühren sich die Franzosen am linken Seineufer 564. Erstürmung des Schlosses Robert-le-Diable 564. Fall von Psrvnne 564. Goeben Oberbefehlshaber, Manteuffel zur Südarmee 565. Faidherbes Vorgehen auf St. Quentin 565. Goeben marschiert rechts ab, um sich ihm vorzulegen 565. Die Schlacht von St. Quentin am 19. Januar 1871 ..... 566 Goeben befiehlt den allgemeinen Angriff 566. Schwanken des Kampfes südlich und westlich der Stadt 566. Die Deutschen am Nachmittag überall im Borteil 567. Faidherbes Entschluß zum Rückzüge 568. Erstürmung von St. Quentin 568. Goeben ninimt die Verfolgung auf 569. Der Großherzog von Mecklenburg von Le ManS kommend, besetzt Rouen 569. Der Winterfeldzug im Osten Frankreichs.......569 Bourbaki mit der I. Loirearmee nach Ostfrankreich 569. Bildung der Ostarmee 569. Soll zunächst Belfort entsetzen 570. Große daran geknüpfte Entwürfe 570. General Inhalt XXV Werder versammelt sein Korps bei Vesoul zur Abwehr 570. 2. und 7. Korps nach dem Osten Frankreichs entsendet 571. Bildung der Siidarmee 571. Bourbakis langsamer Vormarsch gegen Belfort 671. Werders Vorstoß S72. Das Treffen von Villersexel am 9. Januar 1871 ...... 572 Werder glaubt, daß Bourbaki an ihm vorbeimarschieren wolle 572. Er greift bei Villersexel an 572. Die französische Ostarmee war mit der Front dorthin aufmarschiert 572. Hin und her wogender Kampf um Villersexel 572. Werders Abmarsch nach der Lisaine 573. Die Verhaltnisse vor Belfort 573. Erstürmung von Dan- joutin 574. Gefecht von Arcey und Chavanue 575. Die Schlacht an der Lisaine am 15., 16. und 17. Januar 1871 . 575 Die Stärke-Verhältnisse 575. Aufmarsch und Angriff der Franzosen 576. Unentschlossene Angriffe 57k. Unzweckmäßige Anordnungen Bourbakis für den linken französischen Flügel, der nicht zum Eingreifen kommt 576. Vergebliche Angriffe auf der ganzen Linie am 16. Januar 578. Hin und her wogender Kampf auf dem rechten deutschen Flügel 578. Kritische Lage am Abend 579. Entschlossenes Wiedervorgehen des rechten deutschen Flügels am 17. morgens 573. Abwartende Haltung der Franzosen in der Front 579. Der Kampf endet ohne Entscheidung 58V. Bourbaki entschließt sich zum Rückzug, der am 19. beginnt 580. König Wilhelms Tank an Werder 581. General v. Manteuffels Vorgehen über das Plateau von Langres. . .'...............531 Manteuffel entschließt sich, zwischen Dijon und Langres hindurchzumarschieren 581. Er läßt Garibaldi bei Dijon unbekümmert hinter sich, um keine Zeit zu verlieren 531. Die Gefechte von Dijon am 21. und 23. Januar 1371 . . . . 532 Die der Südarmee nachrückende Brigade Kettler greift Dijon vergeblich an, hält aber Garibaldi fest 583. Rückzug der französischen Ostarmee in die Schweiz ... 583 Die französische Ostarmec bei Bcsanyon 583. Manteuffel verlegt ihr den Rückzug nach Süden 583. Bourbakis Selbstmordversuch, Clinchant Oberbefehlshaber 584. Entschluß zum Marsch auf Pontarlier 584. Manteuffel folgt dorthin und verlegt den Franzosen den letzten Ausweg 584. Gefechte von Sombacourt und Chaffois 585. Einnahme von Pontarlier 585. Gefecht von La Cluse 585. Übertritt der Franzosen in die Schweiz 586. Wiederbesetzung von Dijon 587. Die Belagerung von Belfort im Januar und Februar 1871 . . 537 Wegnahme von Perouse, Sturm auf Hautes und Basses Perches 537. Die Angriffsartillerie schußfertig gegen den Platz 588. Kapitulation 588. Der Fall von Paris und das Ende des Krieges .... 589 Die Beschießung von Paris 589. Kaiserproklamation in Versailles 590. Die Schlacht am Mont Valerien 19. Januar 1371 ..... 590 Faidherbes Vorgehen in Paris vergeblich erwartet 590. Neuer großer Ausfall beschlossen 591. Trochu übernimmt den Oberbefehl 591. Die Ausfallarmee geht in drei Kolonnen vor 591. Kreuzungen der mittleren und linken Kolonne 591. Verspätetes Eingreifen derselben 591. General Trochu gibt nachmittags 5^/, Uhr die Hoffnung auf Gelingen auf 592. Rückzug 592. St. Cloud bis zum andern Morgen be XXVI Inhalt hauptet 692. Verstärkung des Artillericangriffs durch Beschießung auf der Nordfront. 593. Bedrängnis der Bevölkerung 593. Kriegsrat am 21. Januar 594. Jules Favre in Versailles 594. Einstellung der Feindseligkeiten am 26. Januar, Waffenstillstand am 31. 594. Ende des Krieges, wenn auch die Rüstungen fortgesetzt werden 595. Letzte Vorgänge zur See.............S9S Die französischen Geschwader aus der Ost- und Nordsee zurückgerufen 595. Gefecht auf der Reede von Havana 596. 3. Der Waffenstillstand und die Heimkehr......597 Eröffnung der französischen Nationalversammlung 597. Der Präliminarfriede vom 26. Februar 597. Kommuneaufstand in Paris 597. Die deutschen Erfolge während des Krieges 598. Das Deutsche Reich erstanden 598. IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht......699 Kaiser Wilhelms Armeebefehl vom 15. März 1871 599. Moltke im Reichstage am 16. Februar 1874 599. Reges Streben nach Vervollkommnung in der Armee 600. Neubewaffnung 602. Umwandlung des Landesverteidigungs-Shstems 603. Die Wehrverfassung des Reichs 603. Einfluß des materiellen Aufschwunges 604, Technische Fortschritte 604. Tod Kaiser Wilhelms des Großen am 9. März 1888 605. Kaiser Friedrich 605. Kaiser Wilhelm II. besteigt den Thron am 15. Juni 1888 605. Das neue Jnfanteriereglement 606. Neubearbeitung der Felddienstordnung 606. Die zweijährige Dienstzeit 607. Änderung der Ausbildung durch die technischen Fortschritte 609. Einfluß des russisch-türkischen Krieges 609. Deutschland im 20. Jahrhundert 611. Die deutsche Flotte 612. Die Erwerbung Helgolands 613. Die Expedition nach China 1900/1901 ......... 613 Boxeraufstand in China 613. Die fremden Botschaften in Peking bedroht 614. Ermordung des deutschen Gesandten von Kettler 614. Die Expedition Admirals Sey- mours 614. Einnahme der Taku-Forts 614. Vorgehen der europäischen Expeditionstruppen nach Peking 616. Borbereitungen für den Fall größerer kriegerischer Verwicklungen 617. General-Feldmarschall Graf von Waldersee Oberbefehlshaber 617. Streifzüge ins Innere 617. China gibt nach 618. Bedeutung der Expedition für Deutschland 618. X. Schlutzbetrachtung...............619 Anlagen 625 Textskizzen Slizze Seite 1. Übersichtskarte des Großherzogtum Posen ....... 36 2. Gefecht von Xions am 29. April 1848 ........ 39 3. Gefecht von Miloslaw am 30. April 1848 ...... 42 4. Übersichtskarte von Schleswig-Holstein........ 48 Zu Skizze 4................. 227 5. Gefecht von Bau am 9. April 1848 ........ 52 6. Schlacht von Schleswig am 23. April 1848...... 59 7. Das Sundewitt................ 67 8. Gefecht von Kolding am 23. April 1849 ....... 79 9. Schlacht von Fredericia am 6. Juli 1849 ....... 90 10. Kriegsmarsch durch die Pfalz und Baden....... 101 11. Schlacht von Jdstedt am 24. und 25. Juli 1850 .... 117 12. Der oberitalienische Kriegsschauplatz......... 126 13. Übersichtskarte des ungarischen Kriegsschauplatzes..... 133 14. Das Gefecht von Montebello am 20. Mai 1859 .... 165 15. Gefecht von Palestro am 30. und 31. Mai 1859 .... 170 16. Die Schlacht von Magenta am 4. Juni 1859 ..... 176 17. Das Gefecht von Melegnano am 8. Juni 1859 ..... 182 18. Die Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 . . . . . 186 19. Das Gefecht von Missunde am 2. Februar 1864 .... 217 20. Das Gefecht von Jagel und Oberselk am 3. Februar 1864 . 217 21. Die Belagerung von Düppel vom 7. März bis 18. April 1864 224 22. Der Übergang nach Alsen in der Nacht vom 28./29. Juni 1864 224 23. Der Feldzug gegen Hannover 1866 ......... 271 24. Gefecht bei Langensalza am 27. Juni 1866 ...... 277 25. Übersicht für den Kriegsschauplatz von Böhmen und Mähren im Jahre 1866 .............. 281 26. Das Gefecht von Nachod am 27. Juni 1866 ...... 290 27. Das Gefecht von Trautenan am 27. Juni 1866 .... 294 28. Das Gefecht von Skalitz am 28. Juni 1866 ...... 301 29. Das Gefecht von Schweinschädel am 29. Juni 1866 ... 307 30. Das Gefecht von Gitschin am 29. Juni 1866 ..... 310 31. Die Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 ..... 321 XXVIII Inhalt Sttzze Seite 32. Die Gefechte von Tobitschau und Roketnitz am 15. Juli 1866 343 33. Begegnungsschlacht von Custozza am 24. Juni 1866 ... 355 34. Übersichtskarte für den Mainfeldzug 1866 ....... 359 35. Die Gefechte bei Kissingen am 10. Juli 1866 ..... 364 36. Übersichtskarte für den Feldzug an der Saar und Mosel im August 1870................ 390 37. Die Stellungen am 31. Juli 1870 ......... 393 88. Das Treffen von Weißenburg am 4. August 1370 .... 396 39. Die Schlacht von Wörth am 6. August 1870 . . . . . 401 40. Die Schlacht von Spicheren am 6. August 1370 .... 407 41. Die Schlacht von Colombey-Nouilly am 14. August 1870 . 416 42. Die Stellungen am 15. August 1870 ........ 422 43. Die Schlacht von Vionville—Mars-la-Tour am 16. August 1370 425 44. Die Schlacht von Gravelotte—St. Privat am 18. August 1870 435 45. Übersichtskarte für den Feldzug von Sedan im August und September 1870 .............. 446 46. Die Schlacht von Beaumont am 30. August 1870 . . . , 451 47. Die Schlacht von Sedan am 1. September 1370 .... 455 43. DieSchlacht von Noisseville am 31.August und 1.September1870 464 49. Übersichtskarte der deutschen Nord- und Ostseeküste .... 470 50. Übersichtskarte für die Umgebung von Paris...... 477 51. Die Belagerung von Straßburg.......... 431 52. Übersichtskarte für den Feldzug an der Loire...... 437 53. Die Umgebung von Metz............ 492 54. Übersichtskarte für den südöstlichen Kriegsschauplatz .... 499 55. Das Treffen von Coulmiers am 9. November 1370 ... 503 56. Die Stellung der Heere zu Anfang Dezember 1870 ... 507 57. Die Schlacht von Beaune-la-Rolande am 28. November 1870 510 58. Die Schlacht von Loigny und Ponvry am 2. Dezember 1870 514 59. Die Schlacht von Orleans am 3. und 4. Dezember 1870 . 517 60. Übersichtskarte für den nördlichen Kriegsschauplatz .... 522 61. Die Schlacht von Amiens am 27. November 1870 .... 524 62. Die Schlacht Villiers-Champigny am 30. November und 2. Dezember 1870............... 523 63. Die Schlacht von Beaugency-Cravant am 8., 9. und 10. Dezember 1870, ................ 536 ! Inhalt XXIX Sttzze Seil- 64. Die Schlacht an der Hallue am 23. und 24. Dezember 1870 524 65. Übersichtskarte für den Feldzug von Le Mans im Januar 1871 550 66. Die Schlacht vor Le Mans am 10., 11. und 12. Januar 1871 556 67. Die Schlacht von St. Quentin am 19. Januar 1871 ... 567 63. Die Schlacht an der Lisaine am 15., 16. und 17. Januar 1871 577 69. Die Belagerung von Belfort...........588 70. Die Schlacht am Mont Valerien am 19. Januar 1871 . . S92 71. Übersichtskarte für die Expedition nach China 1900/1901. . 615 Außer den Textskizzen ist die dem ersten Bande beigefügte Übersichtskarte zu Rate zu ziehen; auch wird sich für die von den Kriegsschauplatzen entfernter gelegenen Örtlichkeiten der Gebrauch eines guten Handatlasses nicht völlig entbehren lassen. Berichtigung: Skizze 38: „Treffen von Weißenburg" enthält fälschlich das Datum des 2., statt des 4. August 1870. Ginleitung Der zweite Band dieses Werkes hat lange auf sich warten lassen. Er ist zugleich über das Maß des ersten hinaus angewachsen. Das ergab sich naturgemäß im Verlauf der Arbeit. Ich war anfänglich der Meinung, daß es genügen würde, die großen Kämpfe für Deutschlands Einigung zu schildern, um die kriegsgeschichtliche Entwicklung des Jahrhunderts bis zum Schlüsse richtig beurteilen zu lassen. Aber das tiefere Eindringen in das Studium gewährte mir die Erkenntnis, daß der gefährliche Stillstand, der nach den Befreiungskriegen eintrat, niederdrückender gewirkt hat, als es allgemein zum Bewußtsein gekommen ist. Die verhängnisvollen Folgen, die er hätte haben können, sind nicht eingetreten. Die große Gefahr, in der wir schwebten, wurde durch ein gnädiges Geschick von uns abgewendet und darum weniger beachtet, als es für den Lehrgang des deutschen Volkes dienlich erscheint. Nicht nur das kriegerische Rüstzeug war in den langen Jahren des Friedens, der bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinausreichte, hinter den Forderungen der Zeit zurückgeblieben, sondern auch der führende Geist, der es brauchen sollte, hatte sich in Banden schlagen lassen. Er war kleinlich, behutsam, schwunglos geworden. Er hatte den Zug von Größe verloren, der ihn zuvor bis nach Leipzig und Belle-Alliance geleitet hatte. Es war daher notwendig, die Kämpfe der Periode von 1848 bis 1850 weit ausführlicher darzustellen, als sie es ihrem äußeren Umfange nach verdienten. Nur so konnte klar gemacht werden, wie weit wir schon vom richtigen Wege abgeirrt waren. Was hätte ein Blücher, ein Scharnhorst, ein Gneisenau, ein Jorck zu den operettenhaften Feldzügen in Posen, in Dänemark, in Baden gesagt, hätten sie ihnen von den lichten Höhen herab zuschauen können, in denen sie weilten. Sie würden das Geschlecht von der Katzbach, von Dennewitz und Möckern, von Ligny und vom 18. Juni 1815 nimmermehr wiedererkannt haben. Erst wenn man sich dahinein vertieft, begreift man ganz, wie Großes König Wilhelm I. und seine Paladine geleistet haben, zugleich auch, wie Einleitung XXXI nahe wir vorher dem Abgrunde waren, der uns vielleicht für immer verschlungen hätte, wären wir an seinem Rande gestrauchelt. Hier liegt das Lehrreiche in den Schicksalen Preußen-Deutschlands aus der Zeit nach den Befreiungskriegen. Wie leicht hätte es dahin kommen können, daß man uns mit Recht zum zweiten Male vorwarf, eingeschlafen zu sein auf den von den Vätern errungenen Lorbeern. Die Warnung, die in diesen Vorgängen liegt, soll für alle Zeit im deutschen Vaterlande unvergessen bleiben und es wachsam erhalten, mißtrauisch gegen sich selbst, immer gewappnet gegen den Feind. „Wie Ihr wißt, war Sichersein des Menschen Erbfeind jederzeit". (Macbeth) Zum Schluß drängt es mich, den Freunden, die mich bei meiner Arbeit unterstützt haben, insbesondere Herrn Professor Krauske in Königsberg i. Pr. meinen aufrichtigsten Dank zu sagen. Berlin-Grunewald, Mai 1914 Der Verfasser I. Die Heere nach dem Befreiungskriege Als ein großer, volkstümlicher Kampf gegen den fremden Unterdrücker hatten im Jahre 1813 die Befreiungskriege begonnen und allmählich alle deutschen Stämme zu einer gemeinsamen Anstrengung fortgerissen. Preußen, das zuerst das Beispiel gab, war auch weiterhin den anderen vorangegangen. Bis zum Ablauf des ersten Kriegsjahres steigerte es sein Aufgebot von 271000 Mann, mit dem es, zu Ende des Waffenstillstandes, im August 1813 auf dem Plane erschienen war, noch bis auf 300 000 Mann, so daß nunmehr 6°/„ der gesamten Bevölkerung unter Waffen standen. Als dann 1814 die Macht des fremden Tyrannen, anscheinend für immer, zusammenbrach und die siegreichen Truppen, des unaufhörlichen Blutvergießens müde, in die Heimat zurückzukehren begannen, lebte in den Herzen der deutschen Patrioten die Hoffnung, daß nach der harten Arbeit der Lohn folgen werde. Der alte nationale Traum sollte sich erfüllen und das deutsche Reich, von einer Kaiserkrone überstrahlt, verjüngt und kräftiger als zuvor, wieder auferstehen. Man glaubte an bessere Zeiten, denen man nach der langen Nacht von Not und Trübsal entgegengehe. Aber allmählich hatte sich der Nationalkrieg unter dem Einfluß Österreichs und Englands in seiner Natur verändert. Er sah zuletzt den Kabinettskriegen älterer Zeit sehr ähnlich, bei denen Kampf und Verhandlung sich unausgesetzt mischten. Mit dem weiteren Vordringen gegen Westen war Rußlands Interesse mehr und mehr erlahmt. Kaiser Alexanders lebhaftes, soldatisches Temperament hatte sich in den entscheidenden Augenblicken freilich Wohl noch in energischen Entschlüssen kundgegeben und die kriegerischen Operationen gelegentlich wieder in lebhafteren Fluß gebracht. Als aber der persönliche Ehrgeiz des Zaren durch die erste Eroberung von Paris seine Genugtuung erhalten hatte, wandte anch sein Herz sich von den großen Gedanken aus der Zeit des Aufschwungs ab, da noch Stein und Scharnhorst die führenden Geister waren, und kehrte zu den alten Geleisen zurück. Preußen hatte am meisten das erste, heilige Feuer des Zorns und der Begeisterung bis zum Ende bewahrt und sein jüngster Nationalheld, der ungestüme Mann im Silberhaare, in dem sich die Volksstimmung gleichsam verkörperte, trug Sorge dafür, daß es nicht erlösche. Wer aber die Vorgänge von 1814 aufmerksam verfolgt, fühlt deutlich heraus, daß diese vorwärtsdrängende Kraft den anderen unbequem geworden war, und daß sie am Ende inmitten des großen Völkerbündnisses gegen Napoleon Frhr, v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 1 2 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege in eine isolierte Stellung geraten war. Dann schlich sich, in Erinnerung an den ungeahnten Aufschwung, mit dem Preußen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts das alternde Europa überrascht hatte, auch das ehemalige Mißtrauen gegen den Staat des großen Friedrich bei den Nachbarn ein und erschwerte seine politische Stellung. König Friedrich Wilhelms III. nüchterne Art war nicht dazu geeignet, mit den kriegerischen Erfolgen seines Heeres auf den Schlachtfeldern einen politischen Aufschwung einzuleiten und sie zur Steigerung des eigenen Ansehens und des eigenen Einflusses zu benutzen. Sein bescheidenes Gemüt ließ es sich daran genügen, im Bunde der drei Monarchen als derjenige aufzutreten, dessen Recht zu Ansprüchen das begrenzteste sei. Die persönliche Verehrung, die er genoß, ließ ihn die Bitterkeit verwinden, die er sonst in der Rolle des Mindestbegünstigten hätte empfinden müssen. Die Rücksicht auf Rußland und Österreich schien ihm durch zu natürliche Umstände geboten, als daß sie ihn nicht bei allen Schritten hätte leiten sollen. Der erste Pariser Frieden erschwerte Preußens Lage nicht unerheblich; denn mit dem Zusammentritt des Wiener Kongresses verstärkte Frankreich den Ring der „alten" Mächte, denen gegenüber Preußen noch immer die jüngere, emporgekommene war und blieb. Das Erstehen eines neuen, starken, deutschen Staates im Herzen Europas hätte ihre gewohnten Kreise auf das bedenklichste gestört. Dafür war keiner ihrer bedeutenden Staatsmänner. Zu Metternichs überwiegendem Einfluß gesellte sich hierbei derjenige Talleyrands. Die allgemeinen Bestimmungen der deutschen Bundesakte wurden vorsichtig schon in die Wiener Kongreßvereinbarungen aufgenommen. Noch fehlte Germania der Ritter, der für ihre eigenen Rechte und ihre Würde eintrat. Hätte Friedrich Wilhelm III. in Wien einen Gneisenau zu seinem vornehmsten Berater gemacht, würde sich vielleicht manches anders gestaltet haben. Allein die vulkanische Natur dieses Mannes schloß es aus, daß der König volles Vertrauen zu ihin faßte, uud der Staatskanzler Hardenberg, der dieses damals noch besaß, stand viel zu sehr im Banne der alten diplomatischen Kunstmethode, um die fein gesponnenen Gewebe seiner hohen Zunftgenossen mit kräftigem Ruck zu zerreißen. Von den Staaten, welche durch ihren Besitzstand an der Bildung des neuen Deutschlands teilnahmen, waren vier zugleich europäische Mächte: Österreich, Preußen, die Niederlande und Dänemark. Einzelne der reindeutschen hatten sich ihre Sonderrechte noch während der Kriege, als bei den Mächtigen die Gebelaune herrschte, vorsichtig gesichert, wie Bayern durch den Vertrag von Ried und Württemberg durch den von Fulda. Der Wiener Kongreß Der Kurfürst von Hannover war zugleich König von England. Bei einer solchen Zusammensetzung konnte nichts Neues und Einheitliches entstehen. Der Kongreß erinnerte lebhaft an die Regensburger Vorgänge von 1803, an den Handel mit deutschem Land und deutschen Leuten, den Neichsdeputa- tionshauptschluß, bei dem die weltlichen Fürsten für die Einbußen am linken Nheinufer, das Frankreich an sich gerissen hatte, rechts des Rheins durch die Einziehung aller geistlichen Kleinstaaten entschädigt wurden. Es war ein Schachern und Feilschen, wie um Viehherden und Ackergründe, das Blücher in seinem bekannten Brief an Nüchel mit den Worten geißelte: „Oh, ihr Diplomatiker, ihr seid schlechte Menschenkenner! der gut^' Wiener Kongreß gleicht einem Jahrmarkte, in einer kleinen Stadt, wo ein jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen, oder zu vertauschen. Wir haben einen tüchtigen Bullen hingebracht und einen schäbigen Ochsen eingetauscht — sagen die Berliner." Unter diesen Umständen waren feste staatliche Formen für das wiedererstandene Deutschland unmöglich. Nur ein locker gefügter Staatenbuud durfte auf allgemeine Zustimmung rechnen. Er kam denn auch zustande. Nach Ausmerzung einiger kleiner souveräner Herren wie der Jsenburg, die sich durch ihren Napoleonkultus bloßgestellt hatten, traten noch 34 deutsche Fürsten und 4 freie Reichsstädte zur Bildung des deutschen Bundes zusammen. Am 8. Juni 1815, kurz ehe der Donner der Kanonen an der französisch-niederländischen Grenze wieder erdröhnte, unterzeichneten zu Wien 33 Bevollmächtigte die deutsche Bundesakte. Regiert sollte das fragwürdige Staatengebilde von einer Bundesversammlung mit 17 Stimmen werden. 11 davon gehörten den größeren Staaten; 6 fielen an vereinigte kleinstaatliche Gruppen. Damit der Humor nicht fehle, war ein Duodezgebilde, Hessen-Homburg, dabei vergessen worden. Die Selbständigkeit aller Bundesstaaten wurde dadurch ausdrücklich gewahrt, sogar ihr Recht, auswärtige Politik auf eigene Faust zu treiben. Durch Zollschranken schlössen sie sich voneinander ab, um wirtschaftliche Sonderexistenzen zu bilden. Eifersüchtig wahrten sie die eigenen souveränen Rechte. Nur zu engbegrenzten Zwecken, wie der gemeinsamen Landesverteidigung, wurden sie miteinander verbunden. Statt des ersehnten Reiches mit der Kaiserkrone war ein „völkerrechtlicher Verein" ins Leben getreten, der niemanden befriedigte. Eine bittere Enttäuschung war allen deutsch gesinnten Männern bereitet worden. Nach außen hin sah sich der neue Bund zu völliger Ohnmacht verurteilt; denn bei dem Gegensatz zwischen den beiden führenden Mächten Österreich und Preußen, bei den Sonderinteressen Dänemarks und auch Han- 1» -1 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege novers, infolge der Personalunion mit England, bei der früh sich kundgebenden Großmannssucht der kleinen Königreiche war an eine einheitliche Richtung und ein energisches Handeln der nur äußerlich verbundenen Gemeinschaft gar nicht zu denken. Keiner der kleinen Staaten fand beim Bundestage, der zu Frankfurt a. M. seinen Sitz aufschlug, wirksame Vertretung. Hamburg mußte sich an fremde Mächte wenden, um seinen Handel gegen die Räubereien der Barbareskenstaaten zu schützen. Die 9 Millionen Taler, die Frankreich ehedem seiner Bank entnommen hatte, waren nicht zurückgefordert worden. Nach wie vor trugen Städte und Gemeinschaften an den Lasten, die Napoleons Kriegskontributionen ihnen auferlegt hatten. Während der Kriege war Preußen als der künftige Schirmvogt Deutschlands angesehen worden, aber dies Ansehen sank schon auf dem Wiener Kongreß. Zwar erhielt Preußen wieder etwa dieselbe Einwohnerzahl wie vor dem unglücklichen Kriege, nämlich 10 349 000 Seelen; aber sein Gebiet blieb erheblich verkleinert, S091 deutsche Geviertmeilen statt der ehemaligen 5570, ohne Hannover; mit Hannover etwa 6140. Und wie sah es mit dem inneren Werte des ausgetauschten Gebietes nach damaliger Ansicht aus? Die großen, ehedem polnischen Landstriche im Osten waren, den geheimen Abmachungen zufolge, die schon beim Bündnisvertrage von Kalisch gepflogen worden waren, an Rußland übergegangen. Man schätzte sie weit höher ein, als den im Westen gewährten Ersatz; denn sie hatten fruchtbaren Boden, versprachen gute Getreideernten, und diese machten damals noch den Reichtum des Landes aus. Sie konnten auch brauchbare Rekruten stellen, lauter Söhne des Platten Landes, die tüchtige Soldaten zu werden versprachen. Die religiösen und nationalen Unterschiede der Bevölkerung schlug niemand besonders hoch an. Die altbewährte preußische Mannszucht im Heere würde bald damit fertig werden. Preußen hatte als Ersatz Sachsen verlangt, um seinem Staatskörper eine kompakte Gestalt zu geben. Allein die Eifersucht Europas trat ihm sofort entgegen. Es erhielt nur die nördliche weniger wertvolle Hälfte, und dem Reste verblieb die von Napoleon geschaffene Königswürde, die politische Prätensionen weckte. Altpreußische, treue Landesteile, wie Ansbach, Baireuth und Ostfriesland gingen dauernd verloren, so sehr sie selbst auch den Wiedereintritt in den alten Staatsverband wünschten. Die neu erworbenen westlichen Provinzen Rheinland und Westphalen aber galten als eine wenig beneidenswerte Erwerbung. Aus ehedem geistlichen Herrschaften und reichsunmittelbaren Gebieten zusammengesetzt, schienen sie wenig geneigt, sich dem altpreußischen Geiste und Wesen, das jenseits der Elbe vorherrschte, willig anzugliedern. Aus ihnen war, wie man wähnte, nur Das neue preußische Staatsgebiet 5 ein mittelmäßiger Ersatz für das Heer zu ziehen. Dabei war die rheinische Bevölkerung stark von französischem Geiste getränkt, Sie brachte dem Militärstaat des Ostens, mit seinem über Gebühr gefurchtsten Korporalstock in der derben Faust, nur der Stammesgenossenschaft halber, keineswegs Sympathie entgegen. Nannte man doch lange nach dem Kriege noch des eigenen Königs Truppen in den Rheinlanden „die Preußen", als handle es sich um ein fremdes Volk. Das künftige Staatsgebiet bestand aus zwei ganz getrennten Stücken, den 6 östlichen und den 2 westlichen Provinzen. Das war unbequem und nachteilig, wenn zwischen beiden auch Etappenstraßen sür Truppendurchmärsche ausbedungen waren. Zu den zwei großen unmittelbaren Nachbarn alter Zeit, Rußland und Österreich, war ein dritter getreten: Frankreich. Das wog um so schwerer, als sich Österreich durch das Aufgeben seiner niederländischen und westdeutschen Besitzungen von einem eigenen Interesse an der Verteidigung der deutschen Westgrenzen frei gemacht und sie Preußen überlassen hatte. Von Memel bis Trier, über eine Strecke von 180 deutschen Meilen auseinander gereckt, in der Mitte zerrissen, durch Kleinstaaten getrennt, im Osten, im Süden und im Westen in unmittelbarer Berührung mit stärkeren Staatsgebilden, lag der Leib der preußischen Monarchie da. Es schien, als seien die Keime dauernder Schwäche darin vorhanden, die ihre Neider ihm eingepflanzt hatten, und an denen er unrettbar allmählich werde zugrunde gehen müssen. Diese Mißgestalt aber erschien noch ungünstiger, wenn man sie mit der neuen Form der anderen beteiligten Großmächte verglich. Österreich hatte seinem Gebiet eine vortrefflich erscheinende Abrundung gegeben. Von den Sorgen im Westen befreit, konnte es sich ganz dem Osten zuwenden, wo ihm nur noch die Donaufürstentümer fehlten, um einen massiven, völlig geschlossenen, durch die Donau geschützten Länderkomplex zu bilden. Nach Süden hatte es durch Vergrößerung seines Besitzes jenseits der Alpen und Einsetzung habsburgischer Sekundogenituren in den italienischen Kleinstaaten den Fuß fest auf die apenninische Halbinsel gesetzt. Sardinien war zwar tatkräftig aber klein, von dem neuen bourbonischen Königreiche beider Sizilien nichts zu besorgen. Nur mit Rußland war ein unmittelbarer Zusammenstoß möglich, aber bei der Gleichartigkeit der Interessen nicht wahrscheinlich. Österreich wurde nach dem Wiener Kongreß nicht mit Unrecht als die stärkste Landmacht Europas angesehen. Nach dem Maßstabe der materiellen Mittel gemessen, traf das vollkommen zu. Rußland hatte durch die Übernahme der bei den zwei letzten Teilungen 6 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege Polens Preußen und Österreich zugefallenen Beute einen sehr ansehnlichen Gebietszuwachs erfahren. Von der neuen Schöpfung Kaiser Alexanders, der das verkleinerte Königreich Polen unter seinem Zepter wieder hatte erstehen lassen, versprach sich der Zar eine völlige Aussöhnung des polnischen Volkes mit der russischen Herrschaft und somit eine wesentliche Stärkung des Gesamtreiches. Frankreich hatte trotz seinen Niederlagen ehedem deutsche Landstriche behalten und blieb noch um ein geringes größer, als vor der welterschütternden Krisis, die es heraufbeschworen hatte. England heimste, ohne daß es besonders beachtet wurde, den reichsten Gewinn ein. Es hatte während der napoleonischen Kriege Frankreichs und Spaniens Flotten vernichten können, und damit seine alleinige Seeherrschaft begründet. Es hatte aber auch mächtige Kolonialgebiete dem eigenen Reiche einverleibt, die es nicht nur Frankreich, sondern auch den diesem zeitweise durch Zwang einverleibten Ländern, wie den Niederlanden, abnahm. In Indien, der großen Südhalbinsel Asiens, hatte es sich schon festgesetzt; jetzt kam die Kapkolonie hinzu. Es fehlte zu einem System der Beherrschung der südlichen Erdhalbkugel nur noch die Besetzung des südlichen Teils von Amerika. Tatsächlich hatten englische Abenteurer auch versucht, den Ausgang des La Plata-Stromes in ihre Gewalt zu bringen, und sich der spanischen Kolonialstadt Buenos-Aires bemächtigt. Allein sie wurden von dort durch einen energischen Gegenangriff bald wieder vertrieben. Das war der einzige Mißerfolg. Auch die Schassung des Königreiches der Niederlande aus den ehemals österreichischen Besitzungen in Belgien und den Generalstaaten schlug keineswegs zu Deutschlands Gunsten aus. Das neue Königreich hatte bereits bei seinem Entstehen Deutschland die Rheinmündungen verschlossen und hielt die Sperre bis zur Rheinschiffahrtsakte vom 31. März 1831 aufrecht. Preußen war das Stiefkind des Glückes geblieben. Und doch sollte das Werk seiner Neider am Ende zu seinem Heil ausschlagen. Die verzerrte Führung seiner Grenzen ließ auch den einfachsten Sinn begreifen, daß diese so nicht bleiben konnten. Durch die Natur der Sache entstand das Streben nach ihrer besseren Gestaltung. Die beiden Landesteile verlangten dringend ihre Vereinigung, die gleichbedeutend werden mußte mit der Beherrschung des ganzen Norddeutschlands. Dieser neuen deutschen Aufgabe aber konnte sich Preußen um so eher mit voller Kraft zuwenden, als der Staat durch die Verluste im Osten von seinem halbsarmatischen Charakter befreit worden war. Freilich ist diese Aufgabe noch lange Zeit nur von wenigen ausgezeichneten Geistern im Volke verstanden worden; aber sie lag Die preußische Wchrverfassung vom 3. September 1814 7 zu nahe, hatte zu viel eigene Wucht, um nicht zuletzt auch die Masse sür sich zu gewinnen. Die Berührung mit den drei anderen Großmächten des Festlandes, die Schwierigkeit der Landesverteidigung nötigten Preußen zur fortgesetzten, äußersten Anstrengung im Militärstaate; und diese ist ihm zum Segen geworden. — Das erste Produkt, das daraus hervorging, war die Wehrverfassung vom 3. September 1814, das Werk von Scharnhorsts Schüler Boyen, dem der König das Kriegsministerium anvertraut hatte. Boyen war entschlossen an den Grundsätzen festzuhalten, die er als Scharnhorsts Vermächtnis ansah, und die bei dem Aufgebot der Waffenmacht von 1813 vorgewaltet hatten. Sie waren volkstümlich, allgemein beliebt und ihre Erhaltung natürlich. In seiner Fassung beruhte das neue Wehrgesetz auf dem „Entwurf zur Ausführung der Konskription in den Preußischen Staaten", der, unter Scharnhorsts Einfluß, am 5. Februar 1810 aufgestellt worden war. Das Heer sollte eine Schule für das ganze Volk werden. „In einer gesetzmäßig geordneten Bewaffnung der Nation liegt die sicherste Bürgschaft für einen dauernden Frieden." Die Bedeutung dieses uns heute geläufigen Grundsatzes versteht man nur, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die anderen großen Mächte sich nach dem Kriege beeilten, ihr Heerwesen auf die alten Fundamente zurückzuführen, die der Welt als erprobt galten. Sie hielten ihre Wehrmacht dauernd unter Waffen und ließen nur aus Ersparnisrücksichten Beurlaubungen von und i/z der Mannschaften eintreten, die aber als Reserve jederzeit zum Einrücken bereit sein mußten. So war das Heer am besten in der Hand der Monarchen und am leichtesten und schnellsten zur Verwendung fertig, wenn die hohe Politik es forderte. Die Konskription mit Stellvertretung und langer Dienstzeit blieb das herrschende System. Preußen als der kleinste und ärmste Großstaat, der doch durch seine Lage gezwungen war, eine annährend ebenso zahlreiche Kriegsmacht aufzubringen, wie die stärkeren Nachbarn, hätte sich zugrunde gerichtet, wenn es gleiche Bahnen verfolgen wollte. Es konnte im Frieden dauernd nur eine geringe Truppenstärke unterhalten, gerade ausreichend, um die Schule und den Kern für das bewaffnete Aufgebot des Volkes zu bilden. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, die Feldarmee zur einen Hälfte aus der Landwehr und zur anderen aus dem stehenden Heere bestehen zu lassen. Hierin lag der charakteristische Unterschied zwischen der preußischen Wehrverfassung und der der anderen großen Staaten. Eine Truppe sogleich ins Feld zu führen, die erst im Kriegsfalle zusammenberufen wurde, L I. Die Heere nach dem Befreiungskriege wie die französischen Freiwilligen von 1792, erschien den erfahrenen Militärs der Zeit insgemein als ein Wagnis, das nur unter dem Drucke der äußersten Not gerechtfertigt sei. Was man beim Feinde in den Rheinfeldzügen, was man von Napoleons junger Mannschaft im Jahre 1813 gesehen, ja in manchen Fällen an den eigenen Aufgeboten erlebt hatte, ermutigte nicht dazu. In Preußen allein dachten die leitenden Männer anders. Die Landwehren hatten während des Krieges allmählich eine achtbare Festigkeit gewonnen, die sie den Linientruppen ebenbürtig an die Seite stellte, und es blieb ihnen nur das Übel eigen, in kriegerischem Gebrauch schneller als jene zusammenzuschmelzen. Noch an 36 000 Mann Landwehr hatten in der Völkerschlacht bei Leipzig mitgefochten. Die Mehrzahl davon blieb dann vor den, durch die Franzosen besetzten, deutschen Festungen zurück. Aus den Korps Dorck und Kleist verschwanden sie fast ganz. Bei Laon stritten ihrer nicht mehr als 4000 mit, in der Schlacht von Paris an 5000. Nur unter den Bülowschen Truppen, die in Holland mehr geschont und besser gepflegt werden konnten, erhielten sie sich in ansehnlicherer Stärke. 1815 schlugen sich die alten, bereits erprobten Landwehrregimenter bei Ligny und Belle Alliance ganz vorzüglich und erwiesen sich den eben aus den Kontingenten der neuerworbenen Landesteile zusammengestellten Linienregimentern an Tüchtigkeit überlegen. Die Landwehren aus den Westprovinzen freilich zeigten nach Ligny deutlich die Fehler uneingeübter Aufgebote. Die Zahl der Flüchtigen und Versprengten war bei ihnen besonders groß. Im ganzen hatte sich die Einrichtung Vertrauen erworben. Die aus den drei siegreichen Kriegen heimkehrenden Landwehrmänner besaßen Erfahrung, Mannszucht und Kriegerstolz. Und was hätte das Bemängeln und Anzweifeln auch genützt. Nicht weniger als 209 ^ Bataillone und 174 Eskadrons hatte Preußen in den Befreiungskriegen an Landwehrtruppen aufgebracht. Eine solche Kraftquelle durfte jetzt nicht ungenutzt bleiben, wo es sich darum handelte, durch eine neue große Anstrengung, trotz der Mißgunst der alten Mächte, auf der einmal errungenen Höhe zu bleiben. Als Besatzungstruppe war die Landwehr auf alle Fälle brauchbar. Zudem ließ sie sich für die Zukunft wesentlich dadurch verbessern, daß sie nicht mehr aus ungeübten Leuten, sondern zum guten Teil aus Soldaten gebildet wurde, die durch die Schule des Liniendienstes gegangen waren. Das mußte ihr eine ganz andere Festigkeit als vordem verleihen. Dies waren die Gesichtspunkte, von denen aus Boyen sein Wehrgesetz schuf. ^ Stehendes Heer, Landwehr und Landsturm 9 „Jeder Eingeborene, der das 20. Jahr vollendet hat, ist zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichtet. Um diese allgemeine Verpflichtung indes, insbesondere im Frieden, auf eine solche Art auszuführen, daß dadurch die Fortschritte der Wissenschaften und Gewerbe nicht gestört werden, so sollen in Hinsicht der Dienstleistung und Dienstzeit folgende Abstufungen stattfinden: Die bewaffnete Macht soll bestehen: aus dem stehenden Heer, der Landwehr des ersten Aufgebots, der Landwehr des zweiten Aufgebots, dem Landsturm. Die Stärke des stehenden Heeres und der Landwehr wird nach den jedesmaligen Staatsverhältnissen bestimmt. Die stehende Armee ist beständig bereit, ins Feld zu rücken; sie ist die Hauptbildungsschule der ganzen Nation für den Krieg und umfaßt alle wissenschaftlichen Abteilungen des Heeres." An 40000 Rekruten, die Preußen damals alljährlich stellte, waren ins stehende Heer einzureihen, das ergab dessen Stärke von 130—140 000 Mann, wenn Vorgesetzte und freiwillig Dienende hinzugerechnet wurden; denn der Dienst bei der Fahne sollte ein dreijähriger sein. Zwei Jahre gehörte die Mannschaft dann noch der Reserve an, durch deren Einberufung die Stärke auf 200000 gebracht werden konnte. Die Landwehr ersten Aufgebotes die zur Feldarmee herangezogen wurde, erhielt ihre besondere Verfassung durch die Landwehrordnung vom 21. November 1815. Ihr wurden alle jungen Männer vom 20—25. Lebensjahre zugewiesen, die nicht im stehenden Heere dienten, und ebenso alle Mannschaften, die dort gedient hatten, vom 26. bis zum 32. Jahre. Sie war aber im Frieden dauernd in die Heimat beurlaubt, hatte nur kleine Übungen abzumachen und einmal im Jahre in Verbindung mit dem stehenden Heere eine größere. Auch bestand sie nur aus Infanterie und Kavallerie. Man berechnete sie auf 160000 Mann, fo daß die Feldarmee, selbst nach Abgabe von einigen Linientruppen als Besatzung der am meisten bedrohten Festungen, immer noch mehr wie 300000 Mann stark blieb. Mit dieser Macht konnte der König von Preußen im Kriege die Grenzen seines Reiches überschreiten. Wir denken dabei an den Herbst von 1806 zurück, da Preußen an Menschen ebenso stark, an Geld und Mitteln aber weit reicher war, als 1815 und wenigstens dasselbe hätte leisten können. Die 300 000 Mann hätten Napoleon in Thüringen einen anderen Stand bereitet, als die schwachen Heere des Herzogs von Braunschweig. Die Landwehr des zweiten Aufgebotes zählte 110000 Mann Infanterie 10 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege und Kavallerie und nahm alle Mannschaft von 32—39 Jahren auf, die aus dem ersten Aufgebote ausgeschieden war. Sie sollte mit den von der Linie abgegebenen Truppen die Festungsbesatzungen bilden. Der Landsturm kam noch im Notfalle hinzu, um den heimischen Boden gegen den eindringenden Feind zu schützen. Er sollte in den Städten Bürgerwehr-, auf dem Platten Lande Landsturmkompagnien aufstellen. Ihm wurden die jungen Leute vom 17—20. Lebensjahre und die aus dem zweiten Aufgebote ausgeschiedenen bis zum 50. Lebensjahre überwiesen. Im Kriege wurden auch noch 50 000 Mann Ersatztruppen mit der Bestimmung gebildet, den Ausgleich der Verluste bei der Feldarmee durch deren dauernde Auffüllung zu bewerkstelligen. Alles in allem konnte Preußen, ohne den Landsturm, an 500 000 Mann auf die Beine bringen, eine Leistung, die, im Verhältnis zur Volkszahl, der höchsten Anstrengung der Befreiungskriege gleichkam. So aber war die Verfassung auch gedacht; sie sollte kein Nachlassen gegenüber der Verflossellen Kriegszeit gewähren. Um Offiziere für die im Kriege auf das vierfache vermehrten Streitkräfte zu gewinnen, war die Einrichtung von 1813 gleichfalls weiter ausgebaut. Jungen Leuten von Bildung, die sich selbst zu bekleiden und bewaffnen vermochten, wurde gestattet, sich in die Jäger- und Schützenkorps aufnehmen zu lassen, von wo man sie schon nach einjährigem Dienste beurlaubte. Sie traten dann noch für 3 Jahre zur Landwehr ersten Aufgebotes über und hatten dort den nächsten Anspruch auf die Offiziersstellen. Das war die Verfassung, wie sie in den großen Zügen unverändert unter den Königen Friedrich Wilhelms III. und IV. fortbestand. Sie hatte ihre Mängel, zumal den, Truppen in vorderer Linie ins Feld zu senden, für die, von ganz unbedeutenden Stämmen abgesehen, im Frieden kein fester Nahmen vorhanden war. Dieser Mangel wurde empfindlich, als die vortreffliche Bestimmung des Gesetzes, welche die Friedensstärke nach den Verhältnissen des Volkes dehnbar gemacht hatte, unverstanden und unbeachtet blieb. Dadurch erst kam in die für den Krieg aufgestellte Landwehrtruppe ein immer größerer Prozentsatz ganz ungeübter Leute hinein, die das Fehlen fester schon vorhandener Stämme doppelt empfindlich werden ließen. Dennoch bedeutet die Einführung dieser Wehrverfassung eine große Tat, durch die sich Preußen trotz allen widerstrebenden Gewalten ein Recht auf die zukünftige Führerrolle in Deutschland erwarb. Sie und die später folgende Gründung des Zollvereins unter Preußens Führung wurden die wichtigsten Grundlagen für die Einigung Deutschlands. Einteilung des Friedensstandes 1Z Der Friedensstand des Heeres wurde durch Kabinettsorder vom 5. November 1816 geordnet und eingeteilt. Es sollten künftig ein Garde- und Grenadierkorps und acht Provinzialarmeekorps bestehen. Nach einigen anfänglichen Änderungen erhielten diese die Nummern: I. Ostpreußen, II. Pommern, IH. Brandenburg, IV. Sachsen, V. Posen, VI. Schlesien, VII. Westfalen, und VIII. Rheinland. Auch in dieser dauernden Herstellung großer Einheiten eilte Preußen militärisch den anderen Mächten voraus. Sie ist bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben und, je nach der Vergrößerung des Staatsgebietes, durch die neu hinzutretenden Korps erweitert worden. Die aus Frankreich heimkehrenden Truppen wurden beim Marsch in gemischte Brigaden zusammengefaßt und diese zunächst, in ungleicher Zahl, nach den neuen Armeekorpsbezirken verlegt. Als das für den Besatzungsdienst in Frankreich besonders zusammenstellte Armeekorps heinikehrte, wurden am 5. September 1818 die Stärken ausgeglichen, so daß ein jedes nunmehr 2 Brigaden erhielt. Die Brigaden wurden dann mit fortlaufenden Nummern in 2 Garde- und 16 Liniendivisionen umgewandelt. Jedes Armeekorps erhielt an Infanterie vier Linien- und ein Reserveregiment, die ersteren zu je 3, das letztere zu 2 Bataillonen. Bei der Garde war die Einteilung die gleiche, doch wurden zwei ihrer Regimenter zu Grenadierregimentern bestimmt, welche die Namen der beiden verbündeten Kaiser Franz und Alexander führten. Die Kavallerie verteilte sich zu je 2 Brigaden auf die Korps; ein jedes Korps erhielt ferner eine Jäger-, die Garde außerdem noch eine Schützen- abteilung, die später zu Bataillonen anwuchsen, dann noch je eine Artilleriebrigade, eine Pionierabteilung und einen Trainstamm für die Bildung des Fuhrwesens im Kriege. Alles dies war natürlich nicht gleich im ersten Augenblicke regelmäßig aufzustellen, sondern bildete sich nach und nach. Bis auf Einzelheiten wurde der neue Heeresbau indessen schon im ersten Jahrzehnt nach dem Kriege fertig und blieb dann unter den beiden Königen Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. im wesentlichen derselbe. Für uns heute Lebende ist dies die „alte" Preußische Armee geworden, mit ihren S Garoe- und 40 Linien-Jnfanterieregimentern, 6 Garde- und 32 Linien-Kavallerieregimentern, 1 Garde- und 8 Linien-Artilleriebrigaden und den gleichen Zahlen von Jäger-, Pionier- und Trainabteilungen. Das Gardeschützenbataillon stellte die Wehrmacht des an das Hohenzollernhaus gefallenen Schweizer Fürstentums NeufckMel dar. Die Remontierung des Heeres wurde bis 1817 noch sast ganz durch 12 I, Die Heere nach dem Befreiungskriege Ankauf vom Auslande, nämlich aus Holstein und der Ukraine, bewirkt, und erst, dank der Ergiebigkeit der von Friedrich Wilhelm I. und II. gegründeten Gestüte, von 1828 ab allmählich zu einer einheimischen gemacht. * 5 5 In den kleinen Staaten des deutschen Bundes, denen die Bundesakte volle Freiheit in der Herstellung ihrer Wehrverfassungen ließ, insofern sie nur ihr Kontingent zum Bundesheer aufbrachten, wurde nach dem Belieben der Fürsten verfahren. Einige nahmen wie Preußen die allgemeine Wehrpflicht an, andere blieben bei der Konskription in älterer Form oder hielten sogar die Beimischung der Werbung aufrecht. Eine Wehrverfasfung besonderer Art erhielt Hannover durch seinen Feldmarschall v. der Decken, Scharnhorsts Freund und langjährigen Mitarbeiter. Die hannöverschen Truppen hatten seit 1803, da Frankreich das Kurfürstentum besetzte, als königlich-deutsche und englisch-deutsche Legion unter Englands Fahnen auf der pyrenäischen Halbinsel ruhmvoll gefochten und dort nicht weniger als 248 Offiziere und 5600 Mann verloren. Der Rest ging jetzt in die hannöversche Garde auf. Daneben wurde die Linieu- infanterie in 10 Regimenter zu 4 Bataillonen umgebildet. Von diesen aber befand sich nur eines dauernd bei der Fahne, während die anderen drei beurlaubt und nur zu vierwöchentlichen Übungen verpflichtet waren. Für die Kavallerie blieb freie Werbung bestehen. Es handelte sich also um die Mischung von Miliz und stehendem Heere, für die Decken auch als Schriftsteller stets eingetreten war. Im ganzen war seine Organisation jedoch gut, auf Schonung des Landes und zugleich die Aufbringung einer verhältnismäßigen großen Waffenmacht berechnet. Auf der Wehrmacht der einzelnen Bundesstaaten beruhte das neugeschaffene, rein äußerlich zusammengefügte Bundesheer. Die Bundeskriegsverfassung wurde in den Jahren 1821 und 22 durch Plenarbeschlüsse der Bundesversammlung geschaffen. Danach nahm sich das Bundesheer äußerlich ganz stattlich aus. Es sollte aus 10 Armeekorps bestehen, von denen Osterreich und Preußen je drei, Bayern eins, die kleinen Staaten zusammen drei stellen sollten. Hierzu kam anfänglich noch eine Reserve, die aber später in das Hauptkontingent aufging, sowie ein Ersatzkontingent. Auf dem Papier ergab sich eine Gesamtstärke von S53 000 Mann, mit 1134 Feldgeschützen, die einheitlich geordnet und geführt im Herzen Europas ein bedeutendes Gewicht in die Wagschale des Krieges hätten werfen können. Allein die Selbständigkeit der einzelnen Kontingente innerhalb der größeren Verbände sollte gewahrt bleiben, eine Die deutsche Bundeskriegsverfassung Vermischung nicht stattfinden. Nur die ganz kleinen, die nicht einmal ein Bataillon ausmachten, wurden zu einem solchen verschmolzen. Die oberste Leitung aller militärischen Bundesangelegenheiten kam der Bundesversammlung zu. Ihr unterstand für diesen Zweck eine Militärkommission von 7 höheren stimmführenden Offizieren, in der Österreich, Preußen und Bayern je ein ständiges Mitglied besaßen, und Österreich den Vorsitz führte. Die übrigen vier Mitglieder, den kleineren Staaten angehörig, wechselten alljährlich. Ein Oberfeldherr wurde nur für die Dauer der Aufbietung des ganzen Heeres — zu der es nie gekommen ist — gewählt und war der Bundesversammlung verantwortlich. Eine Anzahl fester Plätze Deutschlands wurden als Bundesfestungen bestimmt, dazu gehörte Mainz, das 1814 an das Großherzogtum Hessen gefallen war, aber 1816 von Preußen und Österreich mitbesetzt wurde, ferner Luxemburg mit preußischer und kleinstaatlicher, Landau mit bayerischer, Rastatt mit österreichischer, preußischer und badischer Besatzung und Ulm mit österreichischer, bayerischer und württembergischer. Auch Rendsburg galt als Bundesfestung und Deutschlands Schutz gegen Norden. Das Besatzungsrecht aber stand derjenigen Macht zu, die uns am ehesten von dort her bedrohen konnte, nämlich Dänemark. Im Jahre 1830 wurden die Kontingente der kleinen Bundesstaaten zu einer Reservedivision zusammengestellt, die im Kriege zur Verstärkung der Besatzungen verwendet werden sollte. Über das Kontingent von Frankfurt a. M. hatte der Bundesfeldherr insbesondere zu bestimmen. Die Kosten für dies eigentümliche Heerwesen sollten nach der Bevölkerungszahl von 1818 auf die Bundesstaaten verteilt werden. Es glich in seinem ganzen Gefüge dem Bunde selbst, der den Schein der Gemeinschaft nach außen hin zu wahren bestimmt war, ohne daß die Teilnehmer irgend etwas von ihrem Sonderdasein zugunsten des deutschen Interesses aufgaben oder dieses jemals höher als das eigene zu stellen gedachten. So war also den trüben Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz nicht viel Besseres geschaffen worden, als die alte Reichsarmee unseligen Angedenken, ein Heer, das der künftigen Streitmacht einer Friedensliga zum Vorbilde dienen könnte, welche die Kriege verhindern will, ohne das Schwert zu ziehen. Die innere Entwicklung der deutschen Wehrmacht kann nur in Verbindung mit Deutschlands sozialer und politischer Gesamtentwicklung betrachtet werden. Nie wird sich das Leben eines Heeres völlig unbeeinflußt halten von dem Leben der Nation, der es angehört. 14 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege Zwei Geistesströmungen durchzogen in jenen Tagen die deutsche Welt, ganz entgegengesetzten Richtungen folgend. Die Jugend und ihre Führer aus der vorangehenden Generation sahen in dem Abschluß der großen Kriege den Beginn einer kommenden Zeit freierer Entfaltung der Kräfte des Volkes, die bis dahin durch die zunächst liegende kriegerische Aufgabe der Niederkämpfung Napoleons völlig gebunden waren. Das ältere Geschlecht blickte im allgemeinen nur rückwärts und faßte die jüngste Vergangenheit lediglich als das Ende eines schweren Kampfes gegen die Gefahr des Umsturzes aller bestehenden Ordnung auf, die Frankreich durch seiue Revolution heraufbeschworen hatte. Jene wollte, auf den durch die Revolution geschaffenen Grundlagen von veränderten politischen Begriffen und Anschauungen fortbauend, ein neues Staatswesen und ein neues politisches Leben anbahnen, bei dem die aktive Beteiligung des Volkes zur Geltung kam. Den Männern der anderen Richtung galt es nur, ähnlichen Erschütterungen, wie der jetzt glücklich überstandenen, vorzubeugen und so viel als möglich Schutzmauern gegen eine Wiederkehr aufzutürmen. Sie waren die stärkeren. Sie verfügten über den ganzen staatlichen Tlpparat, aber mit geringen Ausnahmen auch über die Gemüter der herrschenden Volksschicht. So stellt sich denn die nächste Zeit dar als ein allgemeiner Kampf der wieder erstarkten staatlichen Gewalten gegen die vermeintlich drohende Revolution, deren geheimes Wirken man in jeder selbständigen Regung einzelner Personen, oder bestehender Genossenschaften von Gleichgesinnten wahrzunehmen glaubte. Man wollte den schweren Kampf nicht durchgeführt haben, um für die dunklen Mächte des Umsturzes freiere Bahn zu schaffen. Und dies ist damals keineswegs die Meinung einer kleinen, mächtigen Minderheit gewesen, sondern die der Mehrzahl der Gebildeten. Sie war, so eigentümlich es uns heute klingen mag, weithin populär. Das Biedermeiertum, das sich in allen deutschen Landen ausbreitete, gedieh als eine ihrer Früchte. „Die Zeit der Helden war vorbei, die Zeit der Philister war gekommen." Die von den drei Monarchen noch in Frankreich geschlossene heilige Allianz erfreute sich allgemeiner Zustimmung. Sie zeichnete zwar keine bestimmten, praktisch-politischen Ziele vor, wohl aber die Leitung der Staatsgeschicke nach den Lehren des Christentums und die Bekämpfung „der Mächte des Umsturzes". Sie verhieß ferner durch ihre ganze Tendenz die „Erhaltung der wiedergewonnenen Ruhe" — und die Sehnsucht nach Ruhe war allgemein verbreitet. Die heilige Allianz 15. Noch ist jeder Periode einer übermäßigen Anspannung der nationalen Kräfte eine solche der Abspannung gefolgt. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dessen Notwendigkeit man mehr empfindet, als man sie nachweisen kann. Kaiser Alexander hatte die heilige Allianz bei seinem Aufenthalt in Paris nach der zweiten Einnahme ersonnen, Kaiser Franz schnell erkannt, daß ein Bund, wie der geplante, im wesentlichen zur Aufrechterhaltung des jetzt bestehenden Zustandes dienen werde. Er stimmte ihm rückhaltlos zu; denn darauf kam für Österreich zunächst alles an. Bei König Friedrich Wilhelm III. war das Ruhebedürfnis ausschlaggebend. Die Könige von England, Frankreich und Spanien, kurz alle nicht revolutionären Staatsoberhäupter traten bei, und Metternich übernahm die geistige Führerschaft der großen staatsrechtlichen Genossenschaft, die eine Zeitlang fast aussah, wie eine neue Macht der „Vereinigten Staaten von Europa". Die Einwirkung der heiligen Allianz zeigte sich sehr bald in dem Streit um die Einführung von Verfasfungen in den deutschen Bundesstaaten. Artikel 13 der deutschen Vundesakte hatte ausgesprochen: „In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung stattfinden". Aber es war nicht ausgesprochen, welcher Art sie sein sollte. Mehrere der kleinen Staaten führten sie, ein jeder in seiner Weise, durch, selbst mit einer Volksvertretung und nicht nur mit Vertretung der alten Stände. Das konnte auf die großen Verhältnisse Europas keinen erschütternden Einfluß ausüben. Anders stellte sich die Frage, sobald es sich um Preußen handelte. Eine liberale Verfassung in diesem zweitgrößten Bundesstaat, der trotz seinem seit dem Friedensschlüsse verblassenden Stern, immer noch den Ankergrund für alle deutschnationalen Hoffnungen bildete, konnte ansteckend auf die benachbarten Großmächte, zumal auf Österreich wirken. Für Österreich aber paßte, bei seiner bunten nationalen Zusammensetzung, das Beispiel durchaus nicht. Metternich setzte allen seinen Einfluß auf Friedrich Wilhelm III. daran, um ihn von der Gewährung der mehrfach versprochenen allgemein reichsständischen Verfasfung abzuhalten, und es sollte ihm gelingen. Zu verkennen ist nicht, daß gewichtige Bedenken dagegen vorlagen. Der Wiener Kongreß hatte alle deutschen Staaten in einem innerlich unfertigen Zustande gefunden. Wer ihnen sofort eine freie Verfassung gab, löste damit die inneren Gegensätze aus, und die Gefahr lag vor, daß widerstreitende Interessen unvermittelt aufeinander platzten. Man vergegenwärtige sich nur den Zustand des neuen Preußen, in dem die altpreußischen, evangelischen Erblande, die Marken, Pommern und Preußen, die seit Jahrhunderten eng mit dem Herrscherhause verwachsen waren, eben erst vereint wurden mit den katholischen, noch stark von französischem Geiste erfüllten 16 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege Rheinlanden und einem Bruchteile polnischer Bevölkerung. Eine einheitlich, das ganze Staatsgebiet umfassende Volksvertretung hätte schwerlich sogleich erfolgreich gearbeitet. Vorsicht war geboten. Die Fortführung der 1807 begonnenen Reformen hätte nicht ganz unterbleiben dürfen. Als der rechte Mann sie zu vollenden, galt der Reichsfreiherr vom Stein; doch der König, durch Steins Temperament abgestoßen, berief ihn nicht an seine Seite. Das am 22. Mai 181S, auf Hardenbergs Rat erneut gegebene Versprechen einer Verfassung blieb uneingelöst. Nach des Staatskanzlers im Jahre 1822 erfolgten Tode wurde der Gedanke an die Berufung von Reichsständen für die ganze Monarchie „der landesväterlichen Fürsorge vorbehalten." Auch die Agrarreform ward unterbrochen und damit der Gegenwart ein schwer zu lösendes Problem als Erbschaft überlasten. Die Sorge vor dem Wiedererwachen der glücklich gebannten Revolution zeitigte eine weit über das Ziel hinausgehende Verfolgung aller Regungen, die sich zugunsten einer freieren Betätigung der mittleren und unteren Volkskreise im öffentlichen Leben fühlbar machten. Diese Richtung feierte bekanntlich ihren Triumph in den sogenannten Karlsbader Beschlüssen, dem Werke Metternichs. Sie unterstellten die innere Entwicklung der Bundesstaaten der Aufsicht Österreichs und Preußens, die ihren ersten, praktischen Ausdruck in der Ernennung der Mainzer Zentraluntersuchungs- kommission gegen demagogische Umtriebe fand. Treffliche Männer, wie Ernst Moritz Arndt, wurden unnötigerweise verdächtigt und verfolgt oder durch die sich entwickelnden Verhältnisse veranlaßt, sich aus dem Staatsdienste, sei es ganz, sei es vorübergehend, zurückzuziehen. So erging es selbst Boyen, Grolmann, Beyme und Humboldt. Unstreitig übten die Karlsbader Beschlüsse einen bedeutenden und lähmenden Einfluß auf das geistige Leben Deutschlands. Sie haben viel dazu beigetragen, statt des erhofften Aufschwungs zunächst einen lange andauernden Stillstand herbeizuführen, der sich auch in der Entwicklung des Heerwesens fühlbar machte. Das allgemeine Ruhebedürfnis siegte mit der Zeit vollständig. Preußen spielte bei den kommenden europäischen Entscheidungen eine nebensächliche Rolle, und so schwand mehr und mehr die Hoffnung, es in Deutschland die führende übernehmen zu sehen. Selbst ein Clausewitz klagte, daß im Lande das Vertrauen zur Regierung schwinde und im Auslande die Achtung vor dem Staate Preußen. Nicht zu vergessen ist, daß eine allgemeine drückende nationale Notlage gerade in den ersten Jahrzehnten nach Beendigung der großen Kriege auf Deutschland lastete. Die Nachwehen der schlimmen Zeit machten sich jetzt fühlbar. Handel und Wandel lagen darnieder. Die Grund- und Boden- Drückende nationale Notlage 17 preise sanken auf ein Drittel und ein Viertel des früheren Standes zurück. Die Bodenerzeugnisfe verloren aus Mangel an Absatz ihren Geldwert. Während der Kriegsstürme waren alle Verbesserungen, jede produktive Anlage, unterblieben. Unendlich vieles war jetzt nachzuholen, aber die Mittel fehlten dazu. Es mußte auf allen Gebieten der Staatsverwaltung übertrieben gespart werden. In den Heeren stand das Avancement vollständig still. Bei der Abwendung der ganz mit den inneren Verhältnissen beschäftigten deutschen Staaten von aller Betätigung nach außen hin, konnte sich jugendlicher Tatendrang nur in privater Teilnahme an den Kriegen des Auslandes, beispielsweise am Befreiungskampfe der Griechen, und an den Karlistenerhebungen in Spanien betäligen. ->- 5 5 Während des Aufenthaltes der Monarchen in Paris und der Anwesenheit ihrer Truppen in Frankreich hatte es an glänzenden militärischen Schaustellungen, Paraden und Übungen nicht gefehlt, bei denen ein internationaler Wetteifer sich betätigte, und die Lust an Vervollkommnung der taktischen Formen sowie an der Schnelligkeit, Regelmäßigkeit und Genauigkeit der Truppenbewegungen sich bei allen Beteiligten wieder zu regen begann. Im Kriege hatte die Not darauf verzichten und die Augeu zudrücken lassen für manche Vernachlässigung und UnVollkommenheit. Jetzt, wo die blutige Arbeit getan, war auch die Zeit gekommen, das Versäumte nachzuholen, die alte Straffheit und Disziplin, wie sie vor dem großen Durcheinander geherrscht hatte, wieder herzustellen. Zu einem denkwürdigen °Tage war der 1. September 1815 geworden. Kaiser Alexander und König Friedrich Wilhelm III. hatten über die Schnelligkeit der Evolutionen bei der preußischen und russischen Infanterie gestritten und beschlossen, die Entscheidung durch einen praktischen Versuch herbeizuführen. Der König exerzierte daher in Person zwei Bataillone des preußischen Alexanderregiments, der Kaiser zwei des russischen Grenadierregiments Friedrich Wilhelm III. Der König, ein gefeierter Soldat, kommandierte mit Ruhe und in würdigster Haltung, Kaiser Alexander elegant, aber aufgeregt. Es half nichts; die Preußen waren immer früher fertig, und oft ließ der König Gewehr abnehmen und rühren, bevor die Russen geendet hatten. Völlig befriedigt verließen die Preußen, nicht so die Russen das Schlachtfeld dieses friedlichen Wettstreites. Dergleichen wirkt ansteckend. Die nahen freundschaftlichen Beziehungen Frhr. ». d. Goltz, Kriegsgeschichte II 2 1L I. Die Heere nach dem Befreiungskriege zur russischen Armee, die bekanntlich am Ende zu den berühmten gemeinsamen Manövern von Kalisch 1335 führten, steigerten den Wetteifer, der sich aber nur auf die äußere Erscheinung der Truppen erstreckte, ganz erheblich. Er förderte den revuetaktischen Zug in der Ausbildung der Truppen, hinter dem das Kriegsgemäße allmählich mehr und mehr zurücktrat. Die ernsten Musterungen wurden seltener, die Paraden häufiger. Die Vorbereitungen dazu nahmen mehr und mehr Zeit in Anspruch. Der König, der sich 1814 so sehr von seinen Truppen und auch von der Einmischung in die Kriegführung zurückgehalten hatte, fühlte sich nach dem Friedensschlüsse wieder ganz in seinem Fahrwasser. Er beschäftigte sich viel mit ihnen, übernahm oft persönlich ein Kommando und sah mit Strenge auf äußerste Ordnung. Noch galt das Exerzieren als das einzige Ausbildungsmittel. Die allgemeine kriegerische Tüchtigkeit galt als ein so selbstverständliches Nebenprodukt einer straffen Exerzierschule, daß man sie, wenn jene nur auf der gewünschten Höhe stand, ohne weiteres mit einzuheimsen glaubte. „Eine Kompagnie, die einen guten Parademarsch macht, geht auch gut gegen den Feind." Diesen Lehrsatz konnte man sogar noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aussprechen hören. Die Generale und Stabsoffiziere der Armee stammten mit verschwindenden Ausnahmen aus der Zeit von vor 1806. Sie hatten alle die alte glänzende preußische Armee gekannt, deren Leistungen auf den Nevueplätzen selbst einen Gneisenau zu begeisterten Versen hingerissen hatte. Wohl hatten die Männer aus der Zeit der Erhebung: Scharnhorst, Stein, Gneisenau, Fichte, Iahn und andere auf die Notwendigkeit sittlicher und moralischer Einwirkung zur Erzielung männlicher und soldatischer Tugenden hingewiesen, und die Richtung ihrer Lebensanschauung wurde theoretisch auch anerkannt, aber sie war doch noch viel zu wenig in das praktische Rüstzeug des gesamten Lehrpersonals der Armee übergegangen, nm sich in der Soldatenausbildung unmittelbar fühlbar zu machen. Den „Drill" zu handhaben verstand ein jeder, und deswegen ersetzte er die Erziehung auch immer noch zum weitaus größten Teile. Vielleicht war auch das Offizierkorps im großen und ganzen noch nicht fähig zu einer von ethischem Inhalt erfüllten Truppenausbildungsmethode. Unter den älteren Offizieren der vorjenensischen Zeit fanden sich noch viel Originale. Sie hatten sich nach der Niederlage in allerlei bürgerlichen Stellungen befunden, um ihr Brot zu verdienen, und hatten Eigenheiten angenommen, die es ihnen schwer machte, sich in die Gemeinschaft einzufügen, als der König sie wieder zu den Waffen rief. Meist waren sie ohne tiefere wissenschaftliche Bildung. Die vielen mit den neuen Provinzen Ausbildung und Gewohnheiten 19 aus den kleinen Kontingenten übernommenen Offiziere gaben, seit 1814, dem Korps ein buntes Gepräge. Da war zumal im Westen von altpreußischer Disziplin wenig die Rede. Sie hatte dort immer für etwas Barbarisches gegolten, zugleich auch für etwas Rückständiges. Saloppe dienstliche Formen waren gang und gäbe. Wenn die Mannschaft von einer Übung heimkehrte, schoß sie die noch nicht entladenen Gewehre durch die Kasernenfenster ab, ohne daß man darin eine Ungehörigkeit sah. Zur Wachtparade erschienen die Offiziere, übereilt für den unbequemen Dienst zurecht gemacht, in Zivilbeinkleidern, nur den offenen Waffenrock übergeworfen und mit dem Militärhut angetan. Den Säbel ohne Gehenk unter dem Arm. Das hatte den Zweck, die lästige Uniform recht schnell wieder abwerfen und sich dem behaglichen Stilleben der kleinen Garnison sobald wie möglich widmen zu können. Während der Karnevalszeit wurde überhaupt Zivil getragen. Welche Empfindung dieser Zustand in altpreußischen Herzen hervorrief, ist leicht zu ermessen. Der Gedanke, erst einmal das neue Heer durch den straffen Dienst zu einem einheitlichen Gebilde zusammenzuschweißen, lag nahe. Er hatte seine innere Berechtigung, und die Exerzierausbildung alter Art stieg unter den sachkundigen Blicken des Königs sehr schnell im Preise; der Wetteifer darin wurde von Jahr zu Jahr größer. Auf Gewehrgriffe, Marsch, Richtung, Wendungen und Schließen wurde ein großer Wert gelegt. Die Exerziertage verliefen einförmig, der eine wie der andere, und die theoretische Belehrung — die Instruktion — erstreckte sich fast ausschließlich auf die Kenntnis der Formen des inneren Dienstes und auf den Wachtdienst. Auch das Exerzieren der Kompagnie und des Bataillons stellte sich als einfacher, rein mechanischer und scharfer Drill elementarer Bewegungen dar, die mit der Anwendung im Kriege nichts zu tun hatten. Es galt aber, durch die Gewöhnung an Anspannung, Aufmerksamkeit, Gehorsam und Selbstbeherrschung in Reih und Glied, für das beste Mittel zur Erziehung tüchtiger Soldaten. Sicherlich trug die gleichmäßige Strenge viel dazu bei, der Armee bald ein gleiches Gepräge, zunächst im äußeren Auftreten, dann aber auch in der gesamten Dienstauffassung zu geben. Der Wert dieses Erbteils der friderizianischen Zeit ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Nur die lange Dauer des Friedens zeitigte Auswüchse. Der Wetteifer im Exerzieren führte auf Umwegen zu den alten Künsteleien zurück. Das „Avancieren" und „Retirieren", die Achsschwenkungen, die Entwicklungen und Aufmärsche, die Treffendurchzüge und Wechsel wurden in häufigen Wiederholungen geübt, das „Tiraillement" dagegen 20 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege auf die Kasernenhöfe oder ganz ebene Exerzierplätze verbannt. In feiner Anwendung in Verbindung mit dem Skelettexerzieren der Bataillone, bei dem diese nur durch die Flügelleute, Unteroffiziere uud Zugführer dargestellt waren, wurde es meist auf die sonst freien Nachmittagsstunden verwiesen. Den alten Herren war es ohnehin ein Greuel, der nur zu Unordnung und Disziplinlosigkeit verleitete. Schieß- und Felddienst galten als Nebenzweige, denen die höheren Vorgesetzten wenig Wert beimaßen, und die sie fast niemals kontrollierten. Der Tirailleur verschoß aus seinem Steinschloßgewehr jährlich 25, der andere Infanterist 20 Schuß; das galt für reichlich genug, und die Übung darin drängte sich auf wenige Tage im Jahre zusammen. Ist es doch sogar vorgekommen, daß Kompagnien dem unwichtigen Dienstzweige, nach dessen Vollendung oder Vernachlässigung niemand ernsthaft fragte, nur einen einzigen Tag gewidmet haben. Auch die Divisions- und Korpsübungen im Herbste gestalteten sich nicht viel anders, wie große Exerzitien, die bedenklich an die Zeit vor 1806 erinnerten. Es war als sei 1813, 1814 und 1815 gar nicht dagewesen. Übungen gemischter Abteilungen gegeneinander hatte Oberst von Weyrach, später lange Zeit kommandierender General des III. Armeekorps, im Jahre 1828 eingeführt. Auch bei der Kavallerie galt allmählich wieder die Vollendung der Bahnreiterei, sowie im Sommer und Herbste das korrekte Evolutionieren als das Wesen der Sache. In den größeren Verbänden wurden nach langatmigen Verabredungen einzelne, künstlich erdachte Bewegungen ohne Zusammenhang mit dem Vorangegangenen und dem Nachfolgenden durchgeführt. Dann wurde Halt gemacht, eine neue, Stunden andauernde, Vereinbarung des Führers mit seinen Untergebenen getroffen, und das nächste Kunststück vollführt, bis der Vormittag vorüber war. Alles verlief glatt, und befriedigt ritt man nach Hause; denn man kannte nichts Besseres. Für einen lebhaften Geist und strebsame Gemüter aber war es zum Sterben langweilig. Bei der Artillerie kam alles auf korrektes Fahren im Bespanntexerzieren, sauberes Anschirren und schnelle mechanisch durchgeführte Geschützbedienungen an.^ Das unter Scharnhorsts Leitung von Krauseneck, Clausewitz und Natzmer im Sommer 1811 bearbeitete Reglement vom Januar 1812, das unter dem eisernen Drucke der Not entstanden war, hatte sich von allen Un- natürlichkeiten freigehalten. „Überhaupt müssen alle zusammengesetzte und gekünstelte Bewegungen, die man nie vor dem Feinde anwenden wird, Revuetaktik 21 selbst von den Übungsplätzen verbannt sein," sagt es ausdrücklich. Dementsprechend waren für Kolonnenbildungen und Entwicklungen nur ganz allgemeine Grundsätze angegeben, keine festen Bestimmungen. „Jeder Offizier muß seinen Zug nach den Umständen passend leiten, in den Gang des Ganzen gehörig eingreifen und es nie gestatten, daß eine Wildheit einreiße, welche allen Appell aufhebt und jede Leitung unmöglich macht." Das ist ganz modern gedacht, und so geht es weiter hinauf, selbst für die höheren Führer bis zu dem der Brigade, der bekanntlich damals schon alle drei Waffen unter seinem Befehl vereinigte. Zehn kleine Seiten gaben ihm die Grundlehren an, nach denen er verfahren sollte. Die große Freiheit, welche die treffliche Vorschrift dem eigenen Entschluß, der Einsicht und Erfahrung des Führers gewährte, war auch die Ursache für die zahlreichen Lücken, die sie in der Festsetzung von Einzelheiten absichtlich ließ. Es sollte diesen nicht zu viel Wert beigemessen werden, ihre Ausfüllung dem Nachdenken des einzelnen überlassen bleiben. Daran knüpften sich jetzt im Exerziereifer die Debatten und das Verlangen nach Festsetzungen, wie das eine oder andere ausgeführt werden sollte. Zahllose Zusatzbestimmungen und Sonderbefehle erschienen, um das Reglement zu ergänzen. Es schwoll dadurch von neuem an; der Gedächtniskram wuchs und das Kriegsmäßige schwand. Leider fiel das Streben nach Ordnung aller Kleinigkeiten bei König Friedrich Wilhelm HI. auf fruchtbaren Boden. Er war seiner Ansicht: „daß Egalität die größte Schönheit des Militärs sei," treu geblieben. Scharnhorst hatte sich als Prophet erwiesen, da er 1811 etwas Neues verlangte, aber keine Flickarbeit, und die Exerzierbücher mit alten Gebäuden verglich, an denen man beständig herumbessere, ohne wirklich Brauchbares zustande zu bringen. „Der eine fügt dies hinzu, der andere jenes. Nur selten wird dabei auf den großen Zweck gesehen. Die Vorschriften vermehren sich. Die geringsten Kleinigkeiten werden nach und nach bebestimmt, ohne daß dabei bedacht wird, daß darüber nur die Zeit, andere wichtige Gegenstände zu üben, verloren geht. So entsteht zuletzt ein zusammenhängendes zum Teil zweckloses Arbeiten, ein Mechanismus, der sowohl sür das Nützliche nachteilig, als für den Geist drückend ist." Als unter König Friedrich Wilhelm IV. die Unmöglichkeit, alle Zusätze zu übersehen und durch das Gedächtnis zu beherrschen, zur Herausgabe eines neuen Reglements führte, da beherrschte der Geist von Saldern und Genossen wieder die Lage. Die Exerzierkunststücke, die parademäßigen Kriegstänze, wie man sie spottend genannt hat, gelangten zu ihrem Rechte. Die genau festgesetzten Entwicklungen ans den Kolonnen heraus und das 22 I- Die Heere nach dem Befreiungskriege kunstvolle Zusammenziehen zu diesen, war bestimmt, immer zur normalen Reihenfolge der Züge im Bataillon zurückzuführen, die 1812 schon als etwas Gleichgültiges angesehen worden war. Dafür zählte dies neue Reglement auch an hundert Seiten mehr und seine Beherrschung erforderte viel größeren Fleiß und ein viel geübteres Gedächtnis. Nur zwei Fortschritte enthielt es gegenüber der alten Zeit. Es schaffte den langsamen Marsch von 75 Schritt in der Minute ab und zerlegte das Bataillon, was früher nur bei den Füsilierbataillonen stattgefunden hatte, in seine vier Kompagniekolonnen, über deren Aufstellung keine festen Regeln, sondern jedesmal die Umstände und der Gefechtszweck entscheiden sollten. Der Geist mühevoller aber einseitiger und gedankenloser Nachahmung mit den schädlichen Folgen, die er stets zeitigt, begann sich, wie um die Wende des damals verflossenen Jahrhunderts so auch jetzt, bei den Führern geltend zu machen; doch hat es zum Glücke für das Vaterland nicht wieder einer vernichtenden Niederlage bedurft, um sie aus der Hypnose zu erwecken. Zur rechten Stunde traten große Männer und Erzieher auf, welche die Notwendigkeit der Wiederbelebung klar erkannten und trotz dem zähen Widerstande, der ihnen geleistet wurde, unbeirrt durchführten, was sie einmal für richtig erkannt hatten. -p » 5 Eine Erstarrung im dienstlichen Leben des Heeres ist immer nur denkbar, wenn auch das soziale sich in einem ähnlichen Zustande befindet. Das traf hier zu. Die entsetzliche Finanznot des Staates drückte auf die gesellschaftliche Lage des Offizierkorps. Der Leutnant begann mit einem Gehalt von 16 Talern, 22 Silbergroschen und 6 Pfennigen, wovon ihm der Mittagstisch 5 Taler oder 5 Taler 15 Silbergroschen vorwegnahm, so daß ihm nur wenig über 10 Taler für die gesamte übrige standesgemäße Lebensführung verblieben. Von einer Teilnahme an der großen Geselligkeit konnte da nicht viel die Rede sein. Die Zahl der „Visitenmacher" war sehr gering, dagegen die der sogenannten „Vierundzwanzig- stündler", die sich tags nur einmal im Kasino ordentlich satt aßen, um so größer. Das Leben des Offiziers spann sich, wie in alter Zeit, in den freien Stunden meist auf der Wachtstube und dort am Kartentische ab. Dienstliche Ausflüge, Reisen ins Ausland, Bekanntschaft mit fremden Armeen gehörten zu den äußersten Seltenheiten. Sie standen nur Begüterten offen, und deren Zahl war bei der allgemeinen Verarmung der höheren Stände ganz gering. Geistige Anregung gab es wenig. Regimentsbibliotheken Das Reglement von 1847. Dürftiges Leben 2!! waren noch ein unbekanntes Ding. Nur die für die wissenschaftliche Vorbereitung zum Offizierexamen bestimmten Divisionsschulen besaßen dergleichen. Auch von militärwissenschaftlichen Konferenzen, Vorträgen, Kriegsspielen, Übungsritten und Generalstabsreisen war keine Rede. Mit der Pflege der Kriegskunst hatte es vor dem Unglück von 1806 ganz anders ausgesehen und eher Überfluß als Mangel geherrscht. Alles, was auch nur ein wenig Geld kostete, unterblieb grundsätzlich. Der Wachtdienst und die Wachtvaraden spielten eine große Rolle im Leben des Offiziers. Die Erlangung eines der wenigen Kommandos außerhalb der Front, wie das zu einer der Strafanstalten, welche Wachtkom- mandos erforderten, galt für ein großes Ereignis. Es entrückte den jungen Offizier für eine Zeitlang der Gewitterschwüle, die für gewöhnlich unter wetternden Vorgesetzten über ihm lagerte, gewährte ihm einige Freiheit und die ersehnte Selbständigkeit. Dazu kamen noch die spärlichen Entsendungen zu den Lehranstalten der Armee. Alles das erreichten aber nur die Bevorzugten. Das Dasein des Offizierstandes charakterisiert sich durch die Dürftigkeit des verarmten Edelmannes. Von einem fehr bekannten General, der es noch bis zum Korpskommandeur brachte, wird uns berichtet, daß er als Leutnant seinen Kanarienvogel abschaffte, weil dessen Futter ihm zu teuer wurde. Manche Anekdote berichtet von den verwegenen Finanzoperationen, mit denen die Ritter in zweierlei Tuch sich schlecht und recht durchhalfen. Auch ihrem Ehrgeiz winkte wenig Befriedigung. Das Avancement litt unter absoluter Windstille. Die höheren Führer waren mit wenig Ausnahmen noch in verhältnismäßig jungen Lebensjahren aus den Kriegen zurückgekehrt. Sie hatten sich auf den Schlachtfeldern Verdienste erworben. Man beließ sie daher auf ihrem Posten. Verabschiedungen, nur um Platz für jüngere Leute zu schaffen, lagen König Friedrich Wilhelms ökonomischem Sinne ganz fern. Ihm war alles darum zu tun, daß die Ordnung der nach dem Kriege in trostlosem Zustande befindlichen Finanzen des Staates ermöglicht und dessen gesunkener Kredit wieder gehoben würde. Die Unordnung in der staatlichen Geldwirtschaft hielt er für die Quelle aller revolutionären Regungen; auch lastete hemmend auf ihm das alte Versprechen, bei der Aufnahme neuer Staatsschulden eine Volksvertretung befragen zu wollen. Bei eiserner Sparsamkeit und allmählicher Verbesserung der Steuerverwaltung gelangte er freilich ans Ziel. Aber inzwischen war es dahin gekommen, daß verdiente Offiziere zwanzig Jahre und mehr auf die bescheidensten Beförderungen warten mußten, und daß hohe Befehlshaber 10, 12, 24 I- Die Heere nach dem Befreiungskriege 15 ja 13 Jahre und noch mehr in ihren Stellungen verblieben, wo es unmöglich war, bis zum Ende die ursprüngliche Frische zu bewahren. Nur die herbstlichen Zusammenziehungen und die Königsrevuen, bei denen die ernste Prüfung mehr und mehr durch die modernen Paraden verdrängt wurden, brachten einige Abwechslung in das Einerlei. Regelmäßige Besichtigungen fanden noch nicht statt. Viele Truppen sahen ihre höchsten Vorgesetzten jahrelang niemals. Wenn trotzdem gerade diese Zeit äußerer Stille literarisch besonders fruchtbar geworden ist, wenn in derselben Clausewitz' Werke, Griesheims Taktik und Willisens Lehre vom Kriege entstanden, so ist das ein Zeichen für die Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit des deutschen Geistes. » >» » Auch in der Entwicklung der Wehrverfassung des Volkes fand erst ein Stillstand, dann ein Rückschritt statt. Sie erfüllte sehr bald ihren Zweck nicht mehr, die Waffenschule für das ganze Volk zu sein. Mit der wachsenden Einwohnerzahl steigerte sich die Zahl der Wehrpflichtigen; aber es konnte immer nur das alte Kontingent eingestellt werden; denn die Notlage des Staates verbot die Errichtung von neuen Truppenteilen. Ja die Geldnot zwang noch zu weiteren Einschränkungen, um nur mit dem knappen Budget von nicht vollen 24 Millionen Talern auszukommen. Die dreijährige Dienstzeit kam praktisch außer Übung. Vorzeitige Beurlaubungen von der Fahne wurden gestattet, um Geld zu sparen. Man führte die Klasse der Kriegsreserverekruten ein, die den „Krümpern" aus der Zeit der Not ähnlich sahen. Nach flüchtiger Ausbildung wurden sie wieder entlassen und standen dann nur noch zu späteren kurzen Einberufungen zur Verfügung. Mehr und mehr wurden ganz unausgebildete Leute als Landwehrrekruten dieser Heereskategorie überwiesen. Damit näherte sie sich wieder der Natur einer Miliz, die sie ehedem gewesen war. Das hätte noch hingehen mögen, wenn die Landwehr ein besonders tüchtiges und erfahrenes Offizierkorps besessen hätte. Aber gerade das Umgekehrte war der Fall. Die älteren Offiziere, die den Krieg noch kannten und aus diesem eine sichere Autorität über die Mannschaft mitgebracht hatten, schieden nach und nach aus. An ihre Stelle traten immer häufiger die jungen Landwehroffiziere, die, damals noch ohne eine besondere Vorbereitung, aus der Zahl der nur einjährig freiwillig dienenden Gebildeten hervorgingen. Es konnte nicht fehlen, daß ehemalige Unteroffiziere, Gefreite und selbst Mannschaften des Linienstandes ihnen an Erfahrung überlegen waren, und dadurch ihre Autorität in Frage stellten. Man suchte Entartung der Wchrverfassung 25 durch Abkommandierung von Linienosfizieren, namentlich der Kompagnieführer, abzuhelfen. Aber deren Zahl war eine verhältnismäßig zu geringe, um der ganzen Masse einen wesentlich veränderten Wert zu verleihen. Trotzdem lebte die Landwehr vom alten Ruhme der Befreiungskriege. Wo sie erschien, wurde ihr Lob gespendet. In den beiden ersten Kriegsministern Boyen und Hake, bei denen das Andenken der letzten Feldzüge noch sehr lebendig war, fand sie energische Verteidiger. Müffling erklärte als kommandierender General des VII. Armeekorps sogar, für seine Landwehr die Linienoffiziere entbehren zu können. Man wagte nicht Hand an eine Einrichtung zu legen, die fo viel gute Früchte für das Vaterland getragen hatte, obwohl ihre Mängel allmählich offen zutage traten. Ihrer privilegierten Stellung im öffentlichen Leben sich wohl bewußt, trat die Landwehr gelegentlich sehr eigenmächtig auf und gewährte kein vorteilhaftes Bild preußischer Mannszucht. Und doch sollte sie bei Kriegsausbruch immer noch in unmittelbarer Verbindung mit der Linie sogleich ins Feld rücken — die Kavallerie auf, von den Kreisen bereitgestellten, Pferden. Als der König einmal bei Trier in Gegenwart fremder Fürstlichkeiten Revue über Landwehrtruppen abhielt, fand er sie zu seinem Unmut in einem so wenig erfreulichen Zustande, daß er seinen zweiten Sohn, den Prinzen Wilhelm, der sich schon in jungen Jahren als besonders tüchtiger Soldat und Truppenerzieher bewährt hatte, nach Köln voraussandte, wo die nächste Revue stattfand, um dort vor deren Beginn wenigstens einige Ordnung herzustellen. Die Rekruten kamen damals am 1. April zur Truppe und mußten bis Ende Mai fertig ausexerziert sein. Dann blieben noch nahezu drei Monate für das Kompagnie-, Bataillons-, und Regimentsexerzieren. Zur Königsrevue bekamen die Kompagnien je 30 Kriegsreserverekruten. Für das Sparsamkeitssystem der Zeit ist es bezeichnend, daß sie die Beinkleider von Hause mitbringen mußten und von der Truppe nur Rock und Mütze erhielten; denn die Diensthosen wurden auf den geringen Winter-Mannschaftsstand der Truppen berechnet, sollten jedoch für das Ganze ausreichen. Es folgten die Herbstübungen, zum Teil in Verbindung mit der Landwehr. Zu den Brigadeexerzitien und Übungen wurde meist ein Linien- und ein Landwehrregiment der gleichen Nummer zusammengestellt. Dies Verhältnis blieb auch während der Divisions- und Korpsübungen bestehen, die sich übrigens auch nur als ein Exerzieren im großen Maßstabe vollzogen, — ebenso während der Königsrevue. Dann rückte die Landwehr ab. Das Armeekorps bestand bis zum Schlüsse nur noch aus zwei gemischten Brigaden, die sich durch Zerlegung der Infanterie in kleine Ba- 26 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege taillone von 2 Kompagnien, zu Divisionen umwandelten und Feldmanöver abhielten. — Den Begriff, den man sich vom modernen Kampfe machte, holte man natürlich aus den Befreiungskriegen her. Großgörschen, Bautzen, Dresden, Leipzig und zuletzt noch Ligny gaben die belehrenden Bilder für die regelrechte Schlacht. Clausewitz hat sie uns geschildert. „Man stellt sich, in Massen neben oder hintereinander geordnet, ruhig hin, entwickelt verhältnismäßig nur einen geringen Teil des Ganzen und läßt sich diesen in einem stundenlangen Feuergefecht ausringen, welches durch einzelne kleine Stöße von Sturmschritt, Bajonett- und Kavallerieanfall hin und wieder unterbrochen und etwas hin und her geschoben wird. Hat dieser eine Teil sein kriegerisches Feuer auf diese Weise nach und nach ausgeströmt, und es bleiben nichts als Schlacken übrig, so wird er zurückgezogen und von einem anderen ersetzt. Auf diese Weise brennt die Schlacht, mit gemäßigtem Element, wie nasses Pulver, langsam ab, und wenn der Schleier der Nacht Ruhe gebietet, weil niemand mehr sehen kann und sich niemand dem blinden Zufall preisgeben will, so wird geschätzt, was dem einen oder dem anderen übrig bleiben mag an Massen, die noch brauchbar genannt werden können, d. h. die noch nicht ganz, wie ausgebrannte Vulkane in sich zusammengefallen sind; es wird geschätzt, was man an Raum gewonnen nnd verloren hat, und wie es mit der Sicherheit des Rückens steht; es ziehen sich die Resultate mit den einzelnen Eindrücken von Mut und Feigheit, Klugheit und Dummheit, die man bei sich und seinem Gegner wahrgenommen zu haben glaubt, in einen einzigen Haupteindruck zusammen, aus welchem dann der Entschluß entspringt, das Schlachtfeld zu räumen, oder das Gefecht am anderen Morgen zu erneuern." Die Schilderung paßte für Angreifer und Verteidiger; und die Ansicht herrschte vor, daß die Schlacht auch in Zukunft so bleiben werde, weil ihre Erscheinungen auf natürliche Ursachen, den Ausgleich der kriegerischen Einrichtungen und Lehren bei allen großen Völkern zurückgeführt worden wären. Sie ging in Griesheims Vorlesungen der Taktik über, ward allgemein als richtig hingenommen, und das Bild vom langsam ausbrennenden, nassen Pulver erwarb eine Art von Bürgerrecht. Allein dabei ward übersehen, daß die gewählten Modelle nicht zu Napoleons besten Schlachten gehörten, bei denen ein erster Akt hinhaltenden Gefechts ihm nur die Übersicht gewähren sollte, wo und wie der darauffolgende vernichtende Schlag mit der gleichzeitig eingesetzten vereinigten Masse der übrigen Streitkräfte zu führen sei, wie bei Austerlitz, Jena und Friedland. Es war auch außer acht gelassen, daß sogar die Befreiungs- Falsche Vorstellungen vom Kampfe 27 kriege, wo die Natur der Streitkräfte die großen schnellen entscheidenden Schläge wenig begünstigt hatte, andere Beispiele als das geschilderte zeigen, so an der Katzbach, bei Dennewitz, Mö'ckern usw. Napoleons große Kunst im richtigen Gebrauch der Kräfte war fälschlich auf ein System der absoluten Sparsamkeit zurückgeführt worden. Allein es paßte zum Geiste der Zeit, die alles heftige und vulkanische, wie es sich im Hergang der Schlacht ausdrücken soll, verbannte, und es sich genügen ließ, an dem sicher und ohne allzu großen Aufwand Erreichbaren. Auch die äußere politische Entwicklung schien sich in ruhigen Bahnen weiter bewegen zu wollen. Die revolutionären Erhebungen in Oberitalien und Spanien wurden mit leichter Mühe niedergeworfen, die Erhebung Polens von 1830 freilich erst im folgenden Jahre nach einem blutigen Kriege, der Polens Selbständigkeit unter dem Zepter des Zaren ein Ende bereitete und das Land zur russischen Provinz machte. In Frankreich aber brach die Julirevolution von 1830 aus, durch welche nach nur vier Kampstagen vom 27. bis 31. König Karl X., Ludwigs XVIII. Nachfolger, gestürzt und durch den Bürgerkönig Ludwig Philipp auf dem Throne ersetzt wurde. Es war der erste wirklich erschütternde Schlag gegen das System der heiligen Allianz. In Deutschland kam es zu Erregungen, die freilich von weit geringerer Bedeutung waren. Braunschweig zwang seinen jungen Herzog Karl, der ganz im Stile des 18. Jahrhunderts hatte herrschen wollen, das Land zu verlassen und die Regierung am 8. September 1830 seinem Bruder Wilhelm zu übergeben, dessen sich Preußen, im Gegensatz zu Metternichs Wunsch und Willen, energisch annahm. In Kurhessen entstand ein Verfassungskonflikt, aber ernste Unruhen blieben aus. Dagegen pflanzte sich die Bewegung von Frankreich über die Nordgrenze fort, wo sich in Belgien das Volk erhob und die Losreißung von dem unter dem Hause Nasfau-Oranien auf dem Wiener Kongreß geschaffenen Königreich der Niederlande verlangte. Zwar ging die Regierung König Wilhelms kräftig gegen den Aufstand vor und hätte ihn wohl bewältigt. Aber unter Englands und Frankreichs entschiedener Parteinahme für denselben kam es doch zur Anerkennung des einmal geschaffenen Zustandes, d. h. zur Trennung des südlichen ehemals österreichischen und katholischen Landes als Königreich Belgien von dem nördlichen, niederländisch und vorwiegend protestantischen. Prinz Leopold von Koburg bestieg den neuerrichteten Thron in Brüssel. Die östlichen Großmächte widerstrebten; ein europäischer Krieg schien ausbrechen zu sollen. Dies hatte für Preußen die wichtige Folge, daß zum ersten Male seit 1815 eine regelrechte Mobilmachung des Heeres be- 28 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege arbeitet wurde, und zu erstaunlichen Entdeckungen führte. Es stellte sich bei den Berechnungen heraus, daß zahlreiche nur ganz flüchtig, oder gar nicht ausgebildete Mannschaften in die Truppenteile der Feldarmee eingestellt werden mußten, um diese auf den Kriegsfuß zu bringen. Alle Bataillone der Landwehr I. Aufgebotes hatten mindestens ^/g solcher Mannschaften in Reih und Glied, sehr viele die Hälfte und nicht wenige gar darüber hinaus. Trotzdem sollten sie sofort gemeinschaftlich mit der Linie gegen den Feind und aufs Schlachtfeld marschieren. Ihre Verwendbarkeit erregte um so mehr Zweifel, als dem Offizierkorps das nötige Ansehen sowie die hinreichende Erfahrung fehlte und die Führung den absolut schwächsten Teil der Landwehrorganisation bildete. Gleichzeitig wurde ein Observationskorps aus Linientruppen an der Westgrenze zusammengezogen, und der Ausmarsch offenbarte eine Reihe von Mängeln der kriegsmäßigen Rüstung. Auch der Linie fehlte es an der hinreichenden Zahl ausgebildeter Wehrmänner. Da zugleich die polnischen Grenzen überwacht werden mußten, so wurde es unmöglich, die Landwehr von diesem Dienste freizuhalten. Der aktive Heeresstand war zu schwach, um auch nur im Frieden alle an ihn herantretenden Forderungen erfüllen zu können. Stimmen begannen laut zu werden, welche eine ernsthafte Reform des Heeres für notwendig erklärten, wenn dieses schlagfertig bleiben sollte. Auch König Friedrich Wilhelm HI. war schon einmal dazu entschlossen gewesen und hatte beabsichtigt, seinen zweiten Sohn, den Prinzen Wilhelm, zu dessen militärischer Einsicht er früh großes Vertrauen gefaßt hatte, mit der Ausführung zu betrauen. Ein Unfall, der dem jungen Königssohn aus der Jagd zustieß, und der ihn zeitweise dienstunfähig machte, verhinderte die Verwirklichung. Der König verlor den Glauben an den Nutzen einer Änderung und wurde unschlüssig. Der gute Ausfall der Königsrevue von 1827 bestärkte ihn wieder in seiner Neigung, es bei dem bestehenden Zustande zu lassen. Jetzt, nach den letzten Erfahrungen, wurde entschieden, die Bataillone im Frieden wieder auf den ihnen ursprünglich bestimmten Stand von 673 Köpfen zu bringen, damit sie mehr Leute zur Ausbildung aufnehmen konnten, und das Institut der Landwehrrekruten und der Kriegsreserverekruten fallen zu lassen. Allein die allmächtigen finanziellen Bedenken machten sich bald wieder geltend. Die Vermehrung des Aufwandes für das Heer hätte dauernd 2 Millionen Taler betragen und der Finanzminister erklärte, diese nicht aufbringen zu können. Schon 1833 wurde der Stand daher abermals auf 522 Köpfe herabgesetzt, dafür aber, um die hinreichende Zahl von Soldaten für die Kriegsvermehrung zu gewinnen, die zweijährige Dienstzeit eingeführt. — Vergeblich hatte Prinz Wilhelm, Unzureichende Schlagfertigkeit 29 dessen Erfahrung sich inzwischen in höheren Stellungen, wie der des kommandierenden Generals des III. Armeekorps, wesentlich vermehrt hatte, zu größerer Anstrengung gemahnt. Die Sorge um die Ordnung der wirtschaftlichen Lage des Staates hatte beim König alle entgegenstehenden Bedenken überwogen und das Heer ging der neuen politisch bewegten Zeit, die herankam, noch mit der alten, nur unwesentlich und nicht einmal glücklich veränderten Wehrverfassung entgegen. Nur in der Einführung des Perkussionsgewehres anstatt der alten Steinschloßflinte, erfuhr das Heer im Jahre 1839 eine wesentliche Verbesserung, nachdem die anfänglichen Bedenken, ob das Aufsetzen der Zündhütchen bei starkem Frost gelingen werde, durch viele Versuche beseitigt worden waren. Der Gebrauch der Waffe wurde dadurch vom Wetter unabhängig. 5 5 -I- Österreichs Heer beruhte noch nicht auf der allgemeinen Wehrpflicht. Die Ausnahmen zumal für alle Gebildeten waren sehr zahlreich, der Loskauf gestattet. Die in der Stunde der Not durch Erzherzog Karl geschaffene Organisation der Landwehr war völlig verkümmert. Das Hauptgewicht ward auf einen guten Zustand und ein vorteilhaftes Äußere des Friedensstandes gelegt, der auch in der Tat stets ein stattliches Aussehen bewahrt hatte und in hohem Rufe stand. Acht Jahre dauerte der Dienst in der Linie und zwei in der Reserve. Diese Wehrverfassung gab der Armee ihr Gepräge. Sie bildete das Bindemittel für das vielsprachige Völkergemisch des Reiches und hat ihre Aufgabe gut gelöst. In den vielen geschichtlichen Wechselfällen, denen Österreich unterlag, bildete sie das Rückgrat des Staatskörpers. Ihr eigentlicher Schöpfer war Wallenstein gewesen, und ein guter Geist waltete auch nach seinem Tode über dem Heere; denn nicht Nationalität, nicht Konfession, sondern soldatische Anlage und Verdienst entschieden über die Beförderung, so groß auch die Rolle immerhin war, welche die hohe Geburtsaristokratie spielte, die erst später zu überwuchern begann. Allein es war im wesentlichen doch eine Armee alten Stils geblieben, geschaffen für Kabinettskriege, die nicht das Aufgebot der gesamten Volkskraft erforderten, und für straffe Aufrechterhaltung der kaiserlichen Macht und Autorität. Nach großen Verlusten fehlte der Ersatz durch ältere ausgebildete Jahrgänge. Die wirkliche Dienstzeit bei der Fahne verringerte sich aus Sparsamkeitsrücksichten bei der Infanterie auf 1^—3 Jahre, bei der Artillerie und dem Genie auf 4—6; bei der Kavallerie war sie länger. Aber der Geist 30 I. Die Heere nach dem Befreiungskriege der Armee blieb der gleiche. Nie ermattete ihre Ausdauer, und selbst Niederlagen erschütterten ihr inneres Gefüge nur wenig. Dieser inneren Verfassung entsprach ihre Ausbildung. Ein jovial barscher Ton herrschte vor. Der Drill richtete sich auf strenge Zucht und festes Zusammenschweißen der verschiedenen Nationalitäten. Der Schützendienst der Infanterie wurde noch als ein besonderer Zweig des Kampfes betrachtet, nicht innig verschmolzen mit dem Kampfe der geschlossenen Abteilungen. Das Bataillon von 1000 oder 1200 Mann war für das Gefecht schon in Divisionen zu zwei Kompagnien zerlegt, aber die Gliederung wurde nur wenig angewendet. In den höheren Kreisen — zumal im Generalstabe — lebte viel pedantische Gelehrsamkeit, ein Erbteil aus der Zeit der Lach, Mack, Wey- rother und Langenau. Für die Armee aber mangelte es an Bildungsanstalten, und die Pflege der Kriegswissenschaften im Offizierkorps war nicht lebhaft genug, um für einen hohen Standpunkt der Ausbildung Gewähr zu leisten. In weiten Kreisen der Truppen herrschte eine gewisse affektierte Verachtung für die Theorie der „gelehrten" Offiziere, als ob eine gesunde Theorie der tüchtigen Praxis Feind sei. In der bayerischen, württembergischen, sächsischen Armee und den kleinstaatlichen Truppen herrschten große Verschiedenheiten. Bewaffnung, Ausrüstung, Reglements waren überall anders; die aktive Dienstzeit aus Rücksicht auf die Geldnot möglichst gekürzt. In den kleineren Kontingenten machten sich die persönlichen Interessen und Ansichten der Landesfürsten um so mehr geltend, als hier naturgemäß die Rücksicht auf einen Krieg mehr als bei den größeren Staaten zurücktrat. Obwohl einzelne in der Ausbildung verhältnismäßig weit fortgeschritten waren, überwog doch im allgemeinen noch die geschlossene Fechtart. Die Kompagniekolonnentaktik, die in Preußen durch das Reglement von 1847 eine wertvolle Grundlage erhalten hatte, wurde freilich überall angenommen, aber meist nur formell, nicht ihrem Sinne nach aufgefaßt. Man ließ die Zerlegung des Bataillons in seine Kompagnien zu, ohne ihnen aber die Verwendung je nach den Umständen und der Natur des Geländes zu gewähren. Der Schützenkampf spielte noch immer eine Nebenrolle. In der hannöverschen Armee machte sich das englische Erbe stark fühlbar. Österreich und die kleineren Staaten 8l II. Die Sturm- und Drangjahre von M8—^850 Ein wichtiges Ergebnis hatte die voraufgegangene Periode des Stillstandes ohne Zweifel gezeitigt. Die alte preußische Disziplin und die vollkommene Einheit im Heere, die 1315 so sehr gefehlt hatte, war hergestellt. Zumal war das Offizierkorps völlig in sich verschmolzen und stand in der nun kommenden Zeit politischer Erschütterungen geschlossen zu seinem Herrscher. Es hat sich damit um die Zukunft Deutschlands ein großes Verdienst erworben; denn wäre der Thron ohne diese sichere Stütze gewesen, hätten die revolutionären Bestrebungen eine parlamentarische Mehrheitswirtschaft gebracht und nur ein schwaches Scheinkönigtum übrig gelassen, so konnte Preußen nicht derart erstarken, daß es die schweren Kämpfe zu bestehen vermochte, welche Deutschlands Einigung erfordern sollte. Am 7. Juni 1840 war König Friedrich Wilhelm III. gestorben und König Friedrich Wilhelm IV. bestieg den Thron, von seinem Volke mit großen Hoffnungen empfangen. Bei den Reisen, die er als Kronprinz in den letzten Zeiten im Lande unternommen, hatte sein Auftreten den günstigsten Eindruck hinterlassen. „Er entzückte, wo und wie er sich zeigte, alle, die ihn sahen und hörten, ebensosehr durch seine frohe Laune und Ungezwungenheit, als durch das Interesse, das er für alle ernsten Fragen und Sachen zeigte." Wünsche, die bisher mit Rücksicht auf die hohen Lebensjahre des alten Königs zurückgedrängt worden waren, begannen sich zu regen. Das geistige Leben der Armee erhielt einen neuen fördernden Anstoß, Kriegsspiel und militärwissenschaftliche Vorträge begannen. Bei der Königsrevue von 1842 fiel der Unterschied der Landwehr gegen die Linie besonders ungünstig auf. Die große Zahl der fast ganz ungeübten Mannschaften in ihren Bataillonen beeinträchtigte deutlich die Haltung. Die ungenügende Autorität und mangelnde Diensterfahrung des größten Teils des Offizierkorps vermehrte das Übel. Bei den Kavallerieregimentern bestand eine große Ungleichheit in dem noch von den Kreisen gestellten Pferdematerial. Den Gebrauch der Lanze, mit der sie bewaffnet waren, kannte nur ein Viertel der Mannschaften; alle übrigen verstanden nicht damit umzugehen. Der König mahnte in seinen Befehlen zu größerer Ordnung, die sich nicht nur auf die geschlossenen Abteilungen, sondern auch auf die Schützenketten erstrecken sollte. Grundsätzliche Anordnungen aber unterblieben; 32 II. Die Sturm- und Drangjahr- von 1848—1850 denn noch immer verfochten ältere Generäle aus den Freiheitskriegen den Gedanken der Verwendung der Landwehr im engen Verbände mit der Linie. Boyen, seit 1841 nochmals Kriegsminister, war ein fanatischer Anhänger dieser Einrichtung. So war noch alles im wesentlichen beim alten, als die Pariser Februarrevolution ausbrach. Als sich König Ludwig Philipp in der Frage der Erweiterung des Wahlrechtes den Wünschen des Volkes widersetzte, schlug das gegen ihn schon rege Mißtrauen des politisch verhetzten Hauptstadtpöbels in leidenschaftlichen Haß um. Am 22. Februar kam es zu einem Straßenkampfe, der bis zum 24. dauerte, und bei dem, infolge der Unentschlossenheit der Regierung, ein Teil der Truppen versagte. Die Republik wurde proklamiert; der König verließ Frankreich und ging nach England. Der unerwartete Sieg der Revolution rief auch in Deutschland die unzufriedenen Elemente auf den Plan. Zu Ende Februar und Anfang März kam es in Baden, Hessen-Darmstadt und Nassau zu Volkskundgebungen, bei denen stürmisch freie innerpolitische Einrichtungen verlangt wurden. Die durch die Pariser Ereignisse eingeschüchterten Regierungen wichen im ersten Schrecken zurück. Am 13. März brach in Wien ein ernster Ausstand aus, der die Stadt in die Gewalt der Arbeitermassen und der Studentenschaft brachte, und der dem fo lange Europa beherrschenden politischen Systeme Metternichs ein ruhmloses Ende bereitete. In Preußen hatte König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1847, als es sich um die Beschaffung bedeutender Geldmittel zum Eisenbahnbau handelte, der Versprechungen seines Vaters eingedenk, die acht bestehenden Provinziallandtage als ersten vereinigten Landtag nach Berlin einberufen und dadurch in weiten Volkskreisen die Hoffnung auf Gewährung der ersehnten Verfassung erregt. Allein sein lebhafter, in Zielen und Vorstellungen wechselnder Geist hatte keinen endgültigen Entschluß gefunden. Unverrichteter Sache ging der vereinigte Landtag wieder auseinander. Enttäuschung und Bitterkeit verbreiteten sich nunmehr um so bedenklicher. Der in den Gemütern der unteren Volksklassen vorhandene Zündstoff kam, wie es scheint durch unglückliche Zufälle, zur Explosion, und am 18. März tobte auch in Berlin ein Straßenkampf, bei dem die Aufrührer weder einen bestimmten Zweck verfolgten, noch einheitlich geleitet wurden. Die Truppen wankten zwar nicht einen Augenblick in ihrer Treue gegen den König und waren bald Sieger in den entbrennenden Straßenkämpfen. Allein der Monarch ordnete trotzdem ihre Zurückziehung an und überließ wenigstens für den Augenblick die Hauptstadt der Gewalt der Aufständi- Unruhen in Wien und Berlin schen. Er willigte zugleich in die Berufung einer Nationalversammlung. Zwei Tage danach sah sich König Ludwig von Bayern infolge wiederholter vorangegangener Unruhen veranlaßt, zugunsten seines Sohnes Max abzudanken. So gärte es überall. Allgemeine Verwirrung drohte einzureißen. Am 31. März versammelten sich in Frankfurt a. M. Mitglieder deutscher Volksvertretungen, das sogenannte Vorparlament, welches die Berufung eines allgemeinen deutschen Parlaments zum Beschluß erhob und dazu auch die Zustimmung des Bundestages erlangte, der inmitten der öffentlichen Erregung keinen Widerstand wagte. Schon am 18. Mai 1848 trat das Parlament in der Paulskirche zusammen. Am 19. Mai wählte es Heinrich v. Gagern zum Präsidenten, am 29. Juni den sechzigjährigen Erzherzog Johann zum Reichsverweser, der auch am 11. Juli unter allgemeinem Jubel seinen Einzug in Frankfurt hielt. Am Tage darauf ernannte er ein Reichsministerium; der Bundestag legte die Gewalt in seine Hände nieder. Der Gedanke der deutschen Einheit schien sich verwirklichen zu sollen. Österreich und Preußen ließen die Dinge einstweilen gehen. Beide waren durch innere Sorgen vollauf in Anspruch genommen. In Wien war am 15. Mai ein neuer Aufstand ausgebrochen, der den Kaiser Ferdinand zwang, die Hauptstadt zu verlassen, nach Innsbruck zu gehen und die Berufung des österreichischen Reichstages zu gewähren. Preußen mußte inzwischen eine polnische Erhebung in seiner Provinz Posen unterdrücken, zugleich auch einen Krieg gegen Dänemark führen, das die beiden deutschen Herzogtümer Schleswig und Holstein in ihren Rechten schnöde verletzt und dadurch zur Losreißung getrieben hatte. Zwar gehören die inneren Wirren und Kämpfe nicht der „Kriegsgeschichte Deutschlands" an. Die Gefechte und Scharmützel im Posenschen sind jedoch sür die Beurteilung der im preußischen Heere herrschenden Zustände wichtig und erheischen einen kurzen Rückblick, der allein die Bedeutung der später folgenden Umwandlung richtig wird erkennen lassen. ^. Die kriegerischen Ereignisse iin Grostherjogtun; Posen iin April und Mai 1M8 (S. Skizze 1) Die Führer der polnischen Unabhängigkeitsbewegung hatten ihre Hoffnungen nach der Niederlage von 1831 keineswegs aufgegeben, fondern beschlossen, sie auf einer breiteren Basis zu wiederholen und die Vorbereitungen dafür außerhalb der russischen Grenzen zu treffen. Frhr, v. d. Boltz, Kriegsgeschichte H 3 34 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1350 Alle polnischen Untertanen Rußlands, Österreichs und Preußens sollten gleichzeitig zum Aufstande gebracht werden. Im Jahre 1846 zeigten sich die ersten Spuren dieser Wühlarbeit an der Oberfläche des staatlichen Lebens. In der Nacht zum 22. Februar unternahmen polnische Verschwörer einen kläglich scheiternden Versuch, sich der Stadt Preußisch- Stargard zu bemächtigen, und bald darauf folgte ein ähnlicher Anschlag in Posen, der den Zweck hatte, diese damals neu erbaute und sehr starke Festung in polnische Hände zu liefern. In Krakau, dem durch den Wiener Kongreß geschaffenen kleinen polnischen Freistaat, brachen Unruhen aus, denen zufolge österreichische, russische und preußische Truppen einrückten, um dem letzten Rest polnischer Selbstherrlichkeit ein Ende zu bereiten. Im Posenschen führten die eingeleiteten Untersuchungen zur Entdeckung einer weitverzweigten Verschwörung und zur Verhaftung von 254 Verdächtigen, deren Prozeß am 2. August 1847 begann. Allgemeine Erregung in der Hauptstadt begleitete ihn. Auch die Unruhen vom 18. März 1848 waren von der Beimischung polnischer und sonstiger fremder Agitation nicht frei. Als am 20. März die Nachricht von dem in Berlin Geschehenen zu Posen eintraf, bildete sich sofort ein Komitee zur neuen Organisation der Provinz auf nationalpolnischer Basis, obschon diese Provinz neben ihren 780 000 Polen nicht weniger als 570 000 deutsche Bewohner zählte. Die in Berlin Verhafteten wurden freigelassen. Eine Proklamation des als polnischer Agitator in Berlin tätigen Dr. Liebelt verkündete, daß das Berliner Volk die Freiheit der gefangenen Brüder bewirkt habe, und daß die Wiederauferstehung des polnischen Reiches allgemeiner Wunsch sei. Tatsächlich hat das Frankfurter Vorparlament auch bald danach in einem Aufrufe das deutsche Volk gemahnt, „die Schmach der Teilung Polens von sich abzuwälzen und den Polen ihr Vaterland zurückzugeben". Am 22. März hielt ein Teil der Entlassenen seinen feierlichen Einzug in Posen, und am Abend war die Stadt festlich beleuchtet. Unbegreiflicherweise war am gleichen Tage der dort seit 1846 noch bestehende Belagerungszustand aufgehoben und das Einschreiten der Behörden dadurch erschwert worden. Bei der entstehenden allgemeinen Begriffsverwirrung scheint an ein solches aber auch gar nicht gedacht worden zu sein. Am 24. März erlangte eine polnische Deputation vom Könige in Berlin weitgehende Zugeständnisse, die sogar die Aufstellung eines eigenen polnischen Truppenkorps umfaßten. Der in polnischen Kreisen gut bekannte und beliebte General v. Willisen wurde als Königlicher Kommissar nach Posen entsendet, um den neuen Zustand der Dinge zu regeln. Willisens Beschwichtigungsversuche in Posen 35 Mit Truppenbildungen hatte das polnische Nationalkomitee, das über 1>ie Interessen und Wünsche der großen deutschen Minorität kurzerhand hinwegging, bereits begonnen. Am 23. März traf Mieroslawski in Posen ein und übernahm den Oberbefehl. In Berlin tat sich ein Werbebureau für die polnische Armee auf — und ward geduldet. Dies alles geschah unter den Augen der preußischen Militär- und Zivilbehörden. Willisen sagte den polnischen Führern ein eigenes Landwehrkorps und ein Freiwilligenkorps mit wählbaren Offizieren zu. Beide sollten die Farben des Großherzogtums sichren und auf den Großherzog vereidigt werden. Die Kriegsuntauglichen, die sich bei den Ansammlungen eingefunden hatten, wurden in die Heimat zurückgeführt, die kriegstauglichen Mannschaften in den vier Lagern von Wreschen, Nvns, Pleschen und Miloslaw gesammelt. 4 Bataillone und 4 Eskadrons an aktiven Truppen sollten ganz polnischer Nationalität sein und der 10. preußischen Division dauernd einverleibt werden. Am 11. April hatten die polnischen Führer an 18000 Mann unter Waffen, wovon jedoch die Hälfte nur mit gerade gereckten Sensen bewaffnet waren. Von dem in der Provinz Posen und Niederschlesien stehenden V. preußischen Armeekorps war inzwischen am 3. April ein mobiles Korps von 9^ Bataillonen, 10 Eskadrons und 18 Geschützen unter dem General v. Blumen gebildet, die Bataillone nahezu auf Kriegsstärke gebracht worden. Posen und einige Provinzialstädte blieben besetzt. Bei dem geringen Stande des Armeekorps an aktiven Truppen waren damit die verfügbaren Kräfte erschöpft. Vom benachbarten II. Armeekorps wurden deshalb von Graudenz und Bromberg aus fliegende Kolonnen gegen Süden vorgeschoben, allmählich verstärkt und unter einheitlichen Befehl des Generals v. Wedell gestellt. In den unruhigen und den ihnen nächstgelegenen Bezirken berief man die Landwehrbataillone ein. Trotzdem sie zum größeren Teil aus polnischem Ersatz bestanden, blieben sie ihrer Pflicht getreu. Fahnenflucht zeigte sich nur in ganz geringem Umfange. In ähnlicher Art, wie von Norden her Truppen des II. Armeekorps, wurden von Süden solche des VI. ins Posensche vorgeschoben. Es waren 28 Kompagnien, 3^ Eskadrons und 4 Geschütze unter Oberstleutnant v. Bonin. Bei der sonderbaren Lage, welche durch die königlichen Zugeständnisse und durch General v. Willisens Abmachungen mit den Polen geschaffen worden war, konnten die Truppen zunächst nichts anderes unternehmen, als die polnischen Lager überwachen und das Land, wo vielfach die 3* 36 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 / o ?0 zo 6S TV/r^, > ^ Unklarheit, ob Krieg oder Frieden herrsche ^>7 Königlichen Behörden verjagt worden waren oder die deutsche und jüdische Bevölkerung bedroht wurde, in Streifzügen durchkreuzen. General v. Willisen war dabei unausgesetzt bemüht, Znsammenstöße und Blutvergießen zu verhüten. Dennoch kam es schon in dieser ersten Periode zu kleineren Gefechten, die meist aus der Unklarheit darüber entstanden, ob Krieg oder Frieden herrschen und danach verfahren werden solle. — Auf den Streifzügen sandten die Truppen, wie unter ganz friedlichen Verhältnissen, Quartiermacher voraus, deren geringe Anzahl zu Angriffen bewaffneter Haufen herausforderte. Diese erheischten dann Vergeltung. Oder es wurden auf Gerüchte von Unordnungen, auf Bitten Bedrängter, schwache Abteilungen entsendet, die Widerstand fanden, den sie nicht bewältigen konnten, so daß sie mehr Truppen herbeirufen mußten. Fast durchweg waren es die halben Maßregeln, die den Kampf am Ende hervorriefen. Wie verhängnisvoll dabei Willisens Vermittlergeschäft werden konnte, zeigte recht deutlich das Gefecht von Tremessen am 10. April. Die Polen, die, sich an die getroffenen Vereinbarungen nur wenig bindend, dort 2 Bataillone Sensenmänner von zusammen 1200 Bewaffneten, 2 Kompagnien Jäger von je 120 Mann und 1 Eskadron Ulanen von 120 Pferden vereinigt hatten, sollten von den Truppen des II. Armeekorps auseinandergetrieben werden. Diese gingen in 3 Kolonnen gegen das in einer Seen enge gelegene Städtchen vor, nämlich von Gnesen aus und von Mogilno her auf der Jnowrazlawer sowie der Rogowoer Straße. Da traf bei den Gnesener Truppen, auf Willisens Drängen, ein Gegenbefehl ein, der sie bei Jankowo festhielt, ohne daß die anderen Kolonnen etwas davon erfuhren. Die zu diesen gesandte Botschaft verspätete sich. Sie griffen daher nach kurzem Warten an und drangen kämpfend in die verbarrikadierte Stadt ein. Da erschien, durch das beiderseitige Feuer hindurchreitend, von Gnesen her ein Offizier, mit dem Befehl zum Abbrechen des Gefechtes. Tremessen wurde wieder geräumt, und die Verteidiger, die natürlich den Eindruck hatten, als sei ihre Gegenwehr erfolgreich gewesen, übten nun in der Stadt blutige Rache an Einwohnern, die den Angreifern ihre Sympathie bekundet halten oder im Verdachte solcher Sympathien standen. Die Verhältnisse wurden gerade infolge der Vermittlungsversuche Willisens und der daraus hervorgehenden Unentschiedenheit im Einschreiten gegen die Aufrührer immer bunter. Mieroslawski erdreistete sich, am 19. April eine Erklärung an den König zu senden, in der er aussprach, "8 II. Die Sturm- und Drangjahrc von 1848—1850 daß das polnische Volk durch die bisher erteilten Konzessionen nicht befriedigt sei. Er verlangte vermehrte Unabhängigkeit des Großherzogtums Posen, damit es „sich unter preußischer Oberhoheit im polnisch-nationalen Sinne, bei hinreichender Berücksichtigung des deutschen Elements, frei organisieren und entwickeln könne". Gleichzeitig nahm der kommandierende General des V. Armeekorps, v. Colomb, aus dem Geschehenen Anlaß, Willisen zum Verlassen der Provinz aufzufordern. Nach dessen Abreise wehte auf militärischer Seite ein frischerer Wind. Bei den in nächster Zeit erfolgenden Zusammenstößen wurde von den Truppen mit mehr Nachdruck verfahren, so namentlich bei Graetz, wo die Polen an 100 Tote und Verwundete verloren haben sollen. Am 26. April entschloß sich General v. Colomb zu dem Befehl, die in ihren Lagern stehenden Insurgenten zum Auseinandergehen aufzufordern und sie auseinanderzutreiben, falls dieser Ausforderung nicht Folge gegeben würde. Die Durchführung dieses Befehls führte zu Gefechten, deren Erwähnung wert ist; denn auf polnischer Seite dachte man nicht mehr daran, den warnenden Ermahnungen eine Bedeutung beizumessen. Das Gefecht von Xions am 29. April ^8^8 (S. Skizze 2) Es standen damals in der Gegend der mittleren Warthe drei polnische Lager bei Neustadt, Miloslaw und Nons. Ihnen gegenüber war das mobile Korps jetzt in zwei Gruppen geteilt, nämlich bei Schrimm eine gemischte Brigade unter dem kriegserfahrenen Obersten v. Brandt, der in Spanien, Rußland und in den Freiheitskriegen gefochten hatte, und bei Schroda eine etwas schwächere Abteilung unter General v. Blumen. Die erste sollte am 27. April nach Nons vorgehen, dort aufräumen, dann am folgenden Tag die Warthe bei Neustadt überschreiten und am 29. mit den Truppen des Generals v. Blumen gemeinsam Miloslaw nehmen, wo Mieros- lawski selbst den Oberbefehl über die Aufständischen führte. Leider verspätete sich das Vorgehen des Obersten v. Brandt um zwei Tage. Die Nachricht, daß sich mehrere Deutsche in Nons in der Gewalt der Polen und in Gefahr befänden, veranlaßte ihn, zunächst deren Freigabe zu fordern, die hochmütig abgelehnt wurde. Am 28. blieb er stehen, weil er die Meldung erhielt, daß noch 2000 Sensenmänner im Anzüge auf Xions seien. Er dachte, den Schlag durch gleichzeitige Vernichtung diefes Zuzuges für die Polen besonders empfindlich zu machen, und verschob den Angriff deshalb auf den 29. April. Dann wurde er geschickt eingeleitet. Mieroslawskis Verlangen. Gefecht von Xions Die Hauptmacht der aus 3700 Manu Infanterie, 600 Pferden und 7 Geschützen gebildeten Brigade entwickelte sich verdeckt hinter dem Windmühlenberge gegen die Nordseite des stark verbarrikadierten Städtchens, während zwei schwächere Abteilungen es von Ost und West umfaßten. Es war auch darauf Bedacht genommen, den Verteidigern rechtzeitig den Rückzug abzuschneiden. Bezeichnend ist, daß ein auf Grund persönlicher Erkundigung entworfener Befehl des Obersten v. Brandt alle Einzelheiten des Angriffes ordnete, wie es die Ausbildung der Unterführer damals erforderte. Heute würde man ihnen ganz andere Freiheit lassen. Die Polen beschränkten sich auf Festhaltung des Orts, in dem sie zwei Kirchen, das Rathaus, zwei Schulhäuser und ein Privathaus stark zur Verteidigung einrichteten, alle Gehöfte gegen das Eindringen von den Gärten aus sorgfältig verschlossen und die Straßen durch Barrikaden sperrten, die selbst dem Artilleriefeuer zu trotzen vermochten. Ihre Stärke kann 13—1500 Mann betragen haben, unter denen sich mehrere Jägerkompagnien und zwei Ulanenschwadronen befanden. Diese waren in das Gelände nördlich Xions vorgeschoben, wurden bei dem dortgelegenen Wäldchen von der etwa gleichstarken preußischen Avantgarde-Kavallerie angegriffen und mit schwerem Verluste aus dem Felde geschlagen; die Reste entkamen in der Richtung nach Neustadt a. W. 40 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1348—1850 Nach einer einleitenden Kanonade, die aber zu kurz war, um als hinreichende Vorbereitung gelten zu können, begann der Angriff auf die Stadt. Zwar gelang es bald, die Ränder zu nehmen. Im Inneren aber entspann sich noch ein längerer und hartnäckiger Kampf um Gebäude und Barrikaden, der stundenlang andauerte, bis die Reste der Besatzung, auf dem Marktplatze zusammengedrängt, nach tödlicher Verwundung ihres Führers Dombrowski, die Waffen streckten. 574 Mann fielen unverwundet in die Hände der Sieger, 211 Mann verwundet. 300 Tote wurden beerdigt; an 100 Mann mögen in den Flammen des in Brand geratenen Städtchens umgekommen sein. Ein von Neustadt her unternommener Entsatzversuch war durch die Kavallerie leicht abgewiesen worden. Die Entsatzkolonne warf sich in den Wald von Boguszyn. Ebendahin rettete sich eine andere Entsatzabteilung, die nach Beendigung des Kampfes eintraf, als Oberst v. Brandt einen Teil seiner Streitkräfte gegen sie in Bewegung setzte. Der Verlust der preußischen Truppen betrug 5 Offiziere, 153 Mann an Toten und Verwundeten. Das Gefecht von Miloslaw am 30. April ^3 (S. Skizze 3) Oberst v. Brandt hätte vielleicht am 29. noch bis Neustadt kommen und sich die Verbindung mit General v. Blumen eröffnen können. Die Rücksicht auf den Zustand seiner Truppen bewog ihn jedoch, in der Nähe von Nons zu bleiben und Vorposten gegen Neustadt aufzustellen. An das Generalkommando und an General v. Blumen wurden Nachrichten abgesandt. Die zweite fiel in polnische Hände und eine Wiederholung traf den General schon auf dem Vormarsche am 30. vormittags. Blumen hatte indes Kenntnis von dem bei Nons Vorgefallenen durch eine eigene Patrouille erhalten. Seine höheren Offiziere drangen in ihn, den Angriff auf das Lager von Miloslaw zu verschieben, bis Brandt von Neustadt her mitwirken könne; damit es nicht nur zu einer Niederlage, sondern zur Vernichtung der Polen käme. Es blieb indessen bei dem einmal festgesetzten Tage, dem 30. April. General v. Blumen verfügte bei Schroda nur über 1525 Mann Infanterie, 225 Reiter und 4 Geschütze. Außerdem standen in Wreschen noch 600 Landwehrleute und 90 Pferde zu Gebote. Mit diesen beiden kleinen Abteilungen wurde das Unternehmen begonnen. — Entgegengesetzt war Mieroslawski Verfahren. Als er von der Ansammlung preußischer Truppen bei Schrimm und Schroda hörte, erkannte er Gefecht von Miloslaw !1 die Gefahr, in der er schwebte. Er rief seine Streitkräfte von Pleschen, wo ein Lager stand, heran und diese Verstärkung wurde um so bedeutsamer, als der Vorstoß, der vom VI. Armeekorps vorgeschobenen Südabteilung des Oberstleutnant v. Bonin auf Raschkow 1200 Insurgenten bewogen hatte, von dort abzuziehen und sich der bei Pleschen vereinten Macht anzuschließen. Infolge der Erstürmung von Xions zog Mieroslawski auch die Neustädter Truppen an sich. Auf diese Art kam er, der anfänglich nur schwache Kräfte beisammen hatte, dazu, im Laufe des Gefechtes S—6000 Mann seiner besten Truppen verwenden zu können. Die Unklarheit über die herrschenden Verhältnisse drückte sich bei den Truppen des Generals v. Blumen in dem sonderbaren Befehl aus, zunächst von den Schußwaffen keinen Gebrauch zu machen, als handle es sich nur darum, eine unerlaubte Volksversammlung auseinander zu treiben. Später kam noch der Befehl hinzu, nicht in Häuser einzudringen, auch wenn aus ihnen geschossen würde, sondern nur von außen her nach Fensteröffnungen und Luken zu feuern. Dann parlamentierte Geueral v. Blumen noch mit Mieroslawski, der eine gutwillige Räumung für unmöglich erklärte und zu seinen Truppen zurückritt. Diese hatten eine Aufstellung bei dem verschanzten Begräbnisplatz nördlich von Miloslaw genommen und erwarteten die Angreifer, die von Schroda über Winnagora und von Wreschen über Kemblowo herankamen, ohne miteinander in hinreichender Verbindung zu stehen und ohne bestimmte Gefechtsbefehle erhalten zu haben. General v. Blumen überließ die Anordnungen im wesentlichen seinen Untergebenen. Zuerst entwickelte sich gegen Mittag die Hauptmacht von Winnagora her gegen Miloslaw und bewog die Polen nach kurzem, vornehmlich mit den Geschützen geführtem Kampfe zur Räumung der vorgeschobenen Stellung. Dann folgte der Angriff gegen die Stadt, an dem auch die Landwehr von Kemblowo her teilnahm. — Eine Kompagnie derselben scheint den Ort östlich umgangen zu haben. Hauptsächlich ging die preußische Infanterie durch das suinpsige, von fallendem Regen besonders schwer gangbar gemachte Wiesengelände gegen die Westseite von Miloslaw vor, wo die Polen bei der Brücke am Schloß hartnäckigen Widerstand leisteten. Auch in den Schloßpark drangen die Angreifer ein, und um das Schloß selbst entspann sich ein bis ins Innere des Gebäudes fortgesetzter erbitterter Kampf. Etwa um 1^ Uhr nachmittags befand sich die Stadt in Händen der preußischen Truppen. Leider waren diese aber bei dem Gefecht um Gehöfte, Häuser und Gärten 42 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 sehr durcheinander gekommen. Fast alle Kompagnien hatten sich aufgelöst. Ein empfindlicher Mangel an Offizieren machte sich fühlbar, da die Linie einen großen Teil der ihren an die Landwehr hatte abgeben müssen. Auf dem Markte aufgestellte Branntweinfässer waren als gute Beute betrachtet und geleert worden; die Folgen davon wurden sichtbar. Unnützes Schießen nach den Häusern und dem Kirchturm füllte die Zeit aus. Artillerie und Kavallerie mußten des Geländes halber gleichfalls durch das Städtchen vorgehen; Verwundete, und mit ihnen mehr Begleiter als nötig, kamen durch dasselbe zurück. General v. Blumen belehrte eine Anzahl Leute, wie sie nach einer Luke schießen sollten, aus der sie Feuer erhalten hatten, statt für Wiederherstellung der Ordnung zu sorgen. Die Polen waren nach der Räumung von Miloslaw und des daran stoßenden Vorwerks Bugay in den großen Wald südlich Miloslaw abgezogen; nur einige Kavallerie stand beobachtend davor. Die preußische Kavallerie ging nunmehr zur Verfolgung über. Dabei Unbeholfenheit der preußischen Truppen LZ geriet die in erster Linie befindliche Eskadron, vor der der Feind auswich, unvorsichtig in überraschendes Büchsenfeuer vom Waldrande her. Die weichenden Polen machten wieder Front und gleichzeitig tauchte überraschend andere polnische Kavallerie auf. Die preußischen Reiter stutzten. Im entscheidenden Augenblicke soll auch das Signal „Kehrt" erschollen sein. Sie wendeten sich daher, von plötzlicher Panik ergriffen, nach Miloslaw zurück und jagten auf durchgehenden Pferden, mit polnischen Ulanen vermischt, die ihrer Tiere ebenso wenig Herr waren, in die Straßen hinein, dort die allgemeine Verwirrung vermehrend. Auf polnischer Seite waren inzwischen die Verstärkungen von Pleschen und Neustadt angekommen. Jägerschwärme, von Sensenmännern gefolgt, drängten aus dem Waldrande gegen Miloslaw vor, wo der geordnete Widerstand fehlte. Der Südrand war nicht einmal durchweg besetzt. Trotz tapferster Gegenwehr einzelner Abteilungen siegte die besser geordnete und geführte Übermacht. Miloslaw ging nach und nach wieder verloren. Um 4^/2 Uhr war es von neuem in der Gewalt der Polen und der Kampf beendet. Um 5 Uhr traten die preußischen Truppen den Rückmarsch auf Schroda und Wreschen, woher sie gekommen waren, an. Die Verluste waren, namentlich an Offizieren nicht unbedeutend. Ihrer 14 nach anderer Angabe 16 sind tot oder verwundet geblieben, etwa 300 Mann tot, verwundet oder vermißt. Der polnische Verlust, der namentlich in dem Kampfe um das Schloß erheblich gewesen sein muß, wird auf 600 Tote und Verwundete geschätzt. -» 5 Am 30. April — dem Tage des Gefechtes von Miloslaw — hatte Oberst v. Brandt in der Frühe nach Neustadt marschieren wollen. Der Abmarsch verspätete sich jedoch, und er erreichte erst um Mittag den Ort. Dort erfuhr er, daß die Polen am Morgen, noch in der Dunkelheit, nach Miloslaw abmarschiert seien, von wo Kanonendonner gehört worden war. Auch die polnischen Truppen von Pleschen waren teils in der Nacht, teils sehr früh am Tage weiter östlich bei Dembno auf einer von ihnen hergestellten Laufbrücke, sowie auf Prahmen über die Warthe gegangen, und ebenfalls in der Richtung auf Miloslaw abgerückt. Das alles mahnte zur Eile. Aber, was die Polen zu Stande gebracht hatten, nämlich die zur Zeit ziemlich wasserreiche und schnellfließende Warthe in kurzer Zeit zu überwinden, mißlang den darin ungeübten Truppen. Um 6 Uhr abends war erst ein Bataillon mit einigen Kavalleristen ans rechte Ufer geschafft. Dann brach die Nacht herein und am 1. Mai um 4 Uhr morgens kam 44 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 die Nachricht vom unglücklichen Ausgang des Gefechts. Nun gab Oberst v. Brandt das Unternehmen überhaupt auf, holte seine schon übergesetzten Truppen wieder zurück und marschierte am linken Ufer bis in die Nähe von Schrimm, wo es ihm am 2. Mai gelang, über den Fluß zu kommen und nach Santomischel zu marschieren. Dort fand er eine Kompagnie des Generals v. Blumen vor und dadurch die Verbindung mit dessen Truppen. — Der kommandierende General hatte inzwischen den gemeinsamen Angriff beider Kolonnen auf Miloslaw befohlen und auch den General v. Wedell vom II. Armeekorps aufgefordert, von Gnesen her mitzuwirken. Dieser General übernahm als Rangältester die Oberleitung. Am 3. Mai sollte der einheitliche Angriff stattfinden. Allein Mieroslawski schien nicht gesonnen, so lange zu warten; er durchschaute die Absicht seiner Gegner und marschierte bereits in der Nacht zum 2. Mai über Wreschen ab. Seine Absicht war es, Gnesen anzugreifen, ehe die preußischen Truppen sich vereinigt hatten. Zwischen Gnesen und Wreschen am 2. Mai nachmittags, begegnete ihm beim Dorfe Sokolowo die von Gnesen kommende Abteilung, — 2 Bataillone, 2 Eskadrons, 4 Geschütze, — natürlich früher, als sie es erwartet hatte, und ohne daß die anderen preußischen Streitkräfte sie unterstützen konnten. General v. Wedell ließ seine Truppen sich entwickeln und begann ein hinhaltendes Gefecht, brachte auch den Polen, die sich bemühten, Sokolowo zu besetzen, namhafte Verluste bei, wagte aber doch keinen Angriff auf die feindliche Übermacht, die auf das dreifache geschätzt wurde. Er brach vielmehr mit Einbruch der Dunkelheit das Ge- secht ab und kehrte nach Gnesen zurück. Nur 48 Mann hatte er verloren, während die Einbuße der Polen auf etwa S00 Mann berechnet wird. Diese wirkte, ebenso wie die großen Verluste bei Nons und Miloslaw, erschütternd auf die Streitkräfte der Insurgenten. Dagegen übte der Ausgang der beiden letzten Kämpfe eine ermutigende Wirkung auf die polnische Bevölkerung der Provinz. Sie rottete sich an vielen Stellen zusammen, wo bisher Ruhe geherrscht hatte. Inzwischen war es dem General v. Wedell gelungen, bei Gnesen, Ro- gowo und Jnowrazlaw stärkere Truppenabteilungen zusammenzuziehen. Er eilte am 5. Mai nach Posen zu einer Besprechung mit dem an Willisens Stelle neuernannten Regierungskommissar, General v. Pfuel, verabredete auch in Schroda das nötige mit dem Oberst v. Brandt und wollte dann eine gemeinsame entscheidende Operation gegen Mieroslawski einleiten, den er bei Tremessen vermutete. Im ganzen verfügte er nunmehr über 3900 Mann Infanterie, 1450 Reiter und 15 Geschütze, die er am 5. Mai in General v> Wedell gegen Mieroslawski -Zü ziemlich weitem Umkreise nördlich und westlich von Tremessen zum Angriff bereitstellte, während die Truppen des VI. Armeekorps die Warthe zwischen der russischen Grenze und Schrimm bewachen sollten, um ein Ausbrechen der Insurgenten nach Süden zu verhüten. Aber auch diesmal wartete Mieroslawski nicht, bis alles zu seiner Vernichtung vorbereitet sei. Den Versuch gegen Gnesen hatte er aufgegeben, als er erfuhr, daß die Stadt stärker besetzt sei, wie er ursprünglich annahm. Dann war er allerdings nach Tremessen, sogleich aber auch noch weiter bis Mogilno marschiert, um die wohlhabende Gegend von Jnowraz- law zu erreichen. Gerade als am 6. der Angriff beginnen sollte, ging dem General v. Wedell die Nachricht zu, daß sein Gegner abmarschiert sei und zwar, wie es hieß, oder wie er voraussetzte, auf Bromberg. Dies veranlaßte den General, seinen Vorstoß noch auszuführen, einen Teil seiner Truppen aber unter General v. Hirschfeld im Gewaltmarsch über Bartschin an die Straße Jnowrazlaw—Bromberg vorzuschieben. In Tremessen wurden am 6. Mai nur einige Schwerverwundete aus dem Gefecht von Sokolowo gefunden. Auch Wilatowo und Mogilno waren frei; doch erfuhr man dort, daß Mieroslawski mit 4000 Mann in nördlicher Richtung durchmarschiert sei. Zugleich hieß es, daß er umgekehrt wäre und zurückkäme. In der Tat traf dies zu. General v. Hirschfeld war die Nacht zum 6. durchmarschiert. Hierbei befand er sich, ohne es zu wissen, der in gleicher Richtung wie er abrückenden Kolonne Mieroslawskis so nahe, daß zufällig bei der Spitze seiner Truppen fallende Schüsse dort gehört wurden. Mieroslawski entnahm daraus richtig, daß ihm der Weitermarsch verlegt, und er eingekreist werden solle. Sein Entschluß stand sogleich fest, sich wieder südlich zu wenden. General v. Wedell setzte auf die ihm zugegangene Nachricht seine sämtlichen Truppen ebenfalls wieder in südlicher Richtung in Marsch. Er hoffte den Gegner an den Seen bei Powidz dicht an der Grenze stellen und vernichten zu können. Mieroslawski entzog sich ihm jedoch abermals durch Schnelligkeit. Er hatte noch am 6. abends die Gegend von Miel- tschin erreicht und sich hier entschieden, das Netz der ihn verfolgenden preußischen Abteilungen gegen Westen hin zu durchbrechen, um sich ihnen durch schnelle und große Märsche zu entziehen. Die außerordentlichen Leistungen, die er in den letzten Tagen von seinem Heerhaufen verlangen mußte, hatte dessen Haltung jedoch schon sehr erschüttert. Bei einem Kriegsrate erklärten seine Unterführer, nicht mehr für ihre Leute bürgen zu 46 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1830 können. Mieroslawski legte darauf das Kommando nieder. In seinem Lager griff die Auflösung nunmehr bald derart um sich, daß von einem Widerstande nicht mehr die Rede sein konnte. Es wurde zwar zu Bardo bei Wreschen am 9. Mai, mit Genehmigung des Generals v. Pfuel, noch eine Kapitulation abgeschlossen, der zufolge die nicht aus dem Königreich Preußen stammenden Insurgenten zunächst zwischen Elbe und Weser in Gewahrsam gebracht, die aus Preußen stammenden ihren Landräten zugeführt, Landwehrmänner und von den Truppen entwichene Fahnenflüchtige aber nach Posen gebracht werden sollten. Zu einer regelrechten Ausführung aber kam es nicht mehr, da sich die Aufständischen bis auf einen ganz geringen Rest zerstreut hatten. Mehrere Führer stellten sich freiwillig; Mieroslawski wurde nahe von Posen erkannt und verhaftet. Teilweise zogen sie noch eine kurze Zeit mit kleinen Trupps umher, teilweise schlössen sie sich den schwächeren, noch bestehenden Banden an. Im großen ganzen aber war der Kampf beendet. Die an anderen Punkten der Provinz aufgeflackerte Bewegung ermangelte der einheitlichen Leitung und genügte nur zu vereinzelten Überfällen und kleinen Gefechten, aber nicht mehr zn einer erheblichen Kriegshandlung. Der bedeutendste Vorgang war der Überfall und das Gefecht von Buk am 4. Mai. Frühmorgens waren 300 Mann vom 13. Infanterieregiment in das, westlich Posen gelegene, Städtchen eingerückt. Ihr Führer Hauptmann v. Boenigk, traute der Versicherung der Bürgerwehr, daß sie die Ruhe aufrecht erhalten könne, entließ seine durch einen anstrengenden Nachtmarsch ermüdeten Leute in ihre Quartiere und stellte nur eine ganz schwache Wache auf. Nach 2 Stunden schon, um 4 Uhr, drangen Jnsur- gentenhaufen ein, um die schlafenden Mannschaften mit Hilfe der Bewohner zu entwaffnen. Die Offiziere wurden gefangen gesetzt. Ein Trommler hatte aber die Geistesgegenwart, auf das Dach eines Hauses zu klettern und von dort aus Generalmarsch zu schlagen. Zehn entschlossenen Musketieren gelang es, ihren Hauptmann zu befreien; dieser sammelte etwa 200 Mann um sich und vertrieb die Angreifer aus der Stadt, die er bis 11 Uhr vormittags besetzt hielt. Dann verließ er sie, da er Nachrichten über das Anrücken eines starken Schwarms Aufständischer erhielt. Auf die Nachricht von dem Geschehenen eilte aber eine gerade in Grätz befindliche fliegende Kolonne herbei, nahm nach kurzem Gefecht Buk wieder ein und hielt Strafgericht an den verräterischen Angreifern, die sich vorher verschiedene Untaten hatten zuschulden kommen lassen. Auch auf Obornik versuchten die Polen einen nächtlichen Angriff, der aber mißlang. In Exin wurde am 8. Mai eine Landwehrkompagnie über- Die Kriege gegen Dänemark ^7 fallen, erwehrte sich jedoch des Feindes. Nach Bromberg, wo sich die deutschen Bewohner durch Vorgänge im Netzegebiet beunruhigt fühlten, hatte ein Teil der Hirschfeldschen Truppen umkehren müssen. Bei Rogalin an der Warthe, südlich von Posen, trieb ein verwegener Parteigänger, Krauthofer, sein Wesen und griff sogar einmal Schrimm an, ohne von den dort zusammengezogenen überlegenen preußischen Abteilungen gebührend gezüchtigt zu werden. Er mußte daher am 11. Mai durch eine Kolonne der Besatzung Posens, mit Hilfe von Wedellschen Truppenteilen angegriffen und seine Schar zersprengt werden, wobei man noch 4 Geschütze erbeutete. Der Führer selbst wurde gefangen, dann fielen keine Gefechte mehr vor. Die bis nach Schroda und Miloslaw gelangten Streitkräfte des General v. Wedel! machten sich an die Entwaffnung und Säuberung des Landes. Damit war der Aufstand erloschen, der bei einer sicheren und festen Haltung der Regierung niemals hätte ausbrechen können, und der jedenfalls sofort im Keime erstickt worden wäre, wenn Preußen eine Heeresverfassung besessen hätte, welche, bei genügend hohem aktivem Stande, die schnelle Kriegsbereitschaft und Schlagfertigkeit seiner Truppen sicher stellte. 2. Die Ariege gegen Dänemark ^8^8—^850 (S. Skizze 4) Mit den Unruhen in Posen fiel der Beginn der Kriege gegen Dänemark zeitlich zusammen, die wegen der staatsrechtlichen Stellung Schleswig- Holsteins entstanden. Zu den Schwierigkeiten im Inneren gesellte sich also für Preußen eine Verwicklung nach außen. Das zum größten Teile deutsch bevölkerte Herzogtum Schleswig stand in einer doppelten politischen Verbindung, nämlich einerseits mit der dänischen Krone, andrerseits mit dem zum deutschen Bunde gehörigen Holstein. Beide Herzogtümer hatten eine von der dänischen getrennte Landesregierung in Kiel. Dies eigentümliche Verhältnis, das sich lange durch Personalunion hatte aufrechterhalten lassen, mußte die Quelle politischer Wirren werden, sobald jene aufhörte. Die Erbfolge war in Dänemark anders, als in Schleswig- Holstein. Hier durfte nur der Mannesstamm des über den Gesamtstaat herrschenden Oldenburger Hauses, dort auch die weibliche Linie folgen. Durch Verhandlungen eine Übereinstimmung herbeizuführen, verschmähte König Christian VHI., trotzdem er bei der Kinderlosigkeit des Kronprinzen das nahe Aussterben der männlichen Linie voraussah. Dafür erklärte er in einem offenen Briefe vom 8. Juli 1346 das Erbrecht des dänischen 48 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 l^sbel'siLt-ttksf'ts 80ttl.c5WI6->!0!.81'LIN. Die schleswig-holsteinische Thronfolgefrage -19 Thronfolgers auf Schleswig. In einzelnen Teilen Holsteins sei dies Erbrecht zweifelhaft; er hoffe jedoch die Hindernisse zu beseitigen „und die vollständige Integrität des Gesamtstaats Dänemark zu Wege zu bringen." Hiergegen erhob die schleswig-holsteinische Landesversammlung Einspruch, und der Herzog von Augustenburg, dem nach dem bestehenden Rechte in den Herzogtümern die Erbfolge zufiel, während in Dänemark die Glücksburger Linie am Ruder blieb, legte Verwahrung beim Bundestage ein. Am 20. Januar 1848 starb Christian VIII., und der Nachfolger, König Friedrich VII., war nicht der Mann, das alte autokratische Regiment aufrecht zu erhalten. Seine Umgebung regierte für ihn und regte sich, dem Zuge der Zeit folgend, in demokratisch-nationalistischem Sinne. Schon am 28. Januar glaubte er der Volksstimmung soweit entsprechen zu müssen, daß er eine Verfassung verhieß und zu dereu Vorberatung eine Versammlung einberief, in der das dänische Element weit überwog. Dies vermehrte noch das durch den offenen Brief Christians VIII. erregte Mißtrauen in den Herzogtümern erheblich. Ein dänischer Verfassungs- staat konnte nicht anders als zentralistisch und der schleswig-holsteinischen Selbständigkeit feindselig wirken. Der Verdacht wurde durch dänische Kriegsrüstungen gesteigert, die gegen niemand anders als die Deutschen in den Herzogtümern gerichtet sein konnten. Diese beschlossen, durch eine Abordnung in Kopenhagen um die Einberufung der schleswig-holsteinischen Stände zur Vorlage einer eigenen Verfassung zu bitten. Die radikale dänische Partei bezeichnete sie dafür als rebellische Untertanen. Am 22. März ernannte der König ein radikales Ministerium. Die Aufregung in den Herzogtümern, in denen man wohl begriff, was man von einem solchen zu erwarten habe, steigerte sich. Während das Landvolk die gesetzliche Ordnung wahrte, kam es in den Städten zu Ruhestörungen. In der Nacht vom 23. znm 24. März bildete sich in Kiel, dem Hauptsitz der deutsch-nationalen Bewegung, eine provisorische Regierung, an deren Spitze Prinz Friedrich von Noer, Bruder des Augustenburgers, trat. Schon am Morgen des 24. überrumpelte er mit einer Handvoll Soldaten deutscher Nationalität die Festung Rendsburg, wohin die provisorische Regierung ihren Sitz verlegte. Fast ausnahmslos schlössen sich alle Truppen deutscher Nationalität der Bewegung an. Das Beispiel des Prinzen, der vor wenig Jahren noch ihr kommandierender General gewesen war, gab sür sie den Ausschlag. Seit lange war es ein Lieblingswunsch des deutschen Volkes, die Stammesgenossen in Schleswig-Holstein von dänischer Herrschaft zu befreien. Wäre der deutsche Bund einig und stark gewesen, wie er es sein konnte, Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 4 50 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 so hätte der Widerstand des Auslandes sich überwinden lassen. König Friedrich Wilhelm IV. erklärte auch dem Augustenburger, daß er seine und der Herzogtümer Rechte schützen werde. Er befahl am 26. März die Aufstellung eines Beobachtungskorps von 4 Bataillonen, 6 Eskadrons uud 1^/2 Batterien unter Oberst v. Bonin bei Havelberg. Diese schwache Truppenmacht, die bis von Torgau und Stettin her kam, konnte indessen erst am 11. April versammelt sein. Es wurden daher die beiden preußischen Garde-Grenadierregimenter mit einer Batterie schon am 4. April auf der Eisenbahn nach Hamburg und am 5. nach Rendsburg überführt. Oberst v. Bonin trat mit der provisorischen Regierung in Verbindung. Diese sandte ihre Truppen bis Flensburg vor, um das in erster Linie umstrittene Schleswig wenigstens zum Teil in ihre Hand zu bringen. Weiter vorzugehen erschien nicht ratsam; denn die deutsche Unterstützung blieb noch fern. Ein von Hannover, Oldenburg, Schwerin und Braunschweig unter dem hannoverischen Generalleutnant Halkett aufzustellendes zweites Beobachtungskorps von 10000 Mann konnte erst am IS. April bei Harburg vereinigt sein und sollte nicht früher in Holstein einrücken. Der Bund hatte sich überhaupt noch nicht endgültig geäußert. Der Leldzug von ^8H8 Die provisorische Regierung von Schleswig-Holstein hatte inzwischen alles getan, was sie konnte, um sich einige Machtmittel zu verschaffen. Aber die dänische Regierung war vorsichtig gewesen. Es fehlte in den Herzogtümern an allen selbständigen Verwaltungsbehörden für das Heer, an Vorräten und Ausrüstung. Die durch Entlassung der Urlauber schon vor der Bewegung geschwächten Truppenteile, 4 Jnfanteriebataillone, 2 Jägerkorps, 2 Kavallerie- und 1 Artillerieregiment zählten zusammen kaum 2000 Mann in Reih und Glied. Sie wurden durch Einberufungen aufgefüllt, Pferde gekauft, zwei neue Bataillone und drei Freikorps gebildet. Aus Deutschland strömten Freischaren herbei, eine wenig willkommene Hilfe. Wichtiger wurde, daß der König von Preußen seinen Offizieren gestattete, in holsteinische Dienste zu treten. Es gelang, bis zum 9. April etwa 5000 Mann unter General v. Krohn um Flensburg zu versammeln. Die Dänen rechneten mit weit günstigeren Verhältnissen. Durch den Ausfall der deutschen Truppenteile war ihre Armee im Augenblick allerdings auf 20—25 000 Mann herabgesunken, aber der Zusammenhang nicht gestört; es fehlte weder an Offizieren und Unteroffizieren noch an Kriegsbedarf, um sie schnell wieder zu verstärken. Die neue radikale Regierung Die Kriege gegen Dänemark. Der Feldzug von 1348 5.1 brachte rücksichtslos junge Kräfte an die Spitze. Eine anfänglich beabsichtigte Expedition über Eckernförde zur Sicherung von Rendsburg wurde zwar aufgegeben, dafür aber die Versammlung eines Korps um Kolding, eines Seitenkorps auf Alsen beschlossen. Ein Geschwader erschien an der schleswigschen Küste, das sich durch Überfall im Hafen von Apenrade eines Kieler Postdampfers bemächtigte. Den schwachen schleswig-holsteinischen Kräften bei Flensburg standen schon anfangs April 12000 Mann aller Waffen gegenüber. Ein Zusammenstoß war unausbleiblich. Das Gefecht bei Bau, am 9> April IM8 (S. Skizze 5) General v. Krohn hatte seine geringe Streitmacht noch bis auf 6400 vermehren können, sich aber verleiten lassen, ein Dritteil davon nach Glücksburg zu entsenden, weil die Dänen die Halbinsel von Holnis besetzt hatten, und er fürchtete, von dort her in der Flanke angegriffen zu werden. Ein Bataillon stand noch in Schleswig. Nur 3400 Mann waren bei Flensburg verfügbar. Nördlich der Stadt im Hintergrunde der Flensburger Föhrde, zieht sich eine bewaldete Hochfläche in den schmalen Bogen des Niehuus- und Kru- saubaches hinein. Dort hatte General v. Krohn seine schwachen Kräfte aufgestellt. Im Osten und Norden waren sie durch die See, deu Krusau- bach, seine Niederung und zwei Teiche geschützt, nach Westen hin durch die schwer überschreitbare Senke des Niehuusbachs und den Niehuussee. Weiter südlich bildete die Meyn-Au gegen Westen hin einen geringen Schutz. Über die sie auf drei Seiteu umgebenden Bodensenken führten vier Übergänge bei Krusau, Niehuus, Fröslee und nordwestlich Harrislee hinweg. Alle vier waren durch gesonderte Abteilungen besetzt; in Flensburg standen ein Bataillon und eine Batterie als Rückhalt. Westlich war zur Sicherung der linken Flanke die Kavallerie, 6^/^ Eskadrons nach dem Schäferhaus vorgeschoben. Bei Handewitt sollten zwei Freikorps zu gleichem Zwecke dienen. Die wenig zahlreichen Kräfte waren also weit zerstreut. Einem geradeswegs von Norden kommenden Angriff konnten sie wohl einigen Widerstand leisten. Die Stellung aber litt an dem großen Fehler, daß eine breite Landstraße, der sogenannte Ochsenweg, der nicht zur Küste hinabsteigt, sondern sich stets auf dem westlich begleitenden Höhenzuge hält, sie von der Umgebung des langgestreckten Dorfes Bau aus beherrscht. Die Holsteiner konnten dort also leicht umgangen und ihr Rückzug bedroht werden. 52 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 General v. Krohn begriff die Gefahr seiner Lage vollkommen und schrieb darüber nach Rendsburg. Auf eigene Verantwortung wagte er nicht, F fr-ewps. ^/s7?o'e!t-/// Lsfscnt von ösu sm S.Hppil «-> ,M->^'^^^ M Hvlsteiner — Dänen Bei Beginn des Gefechts nach der Wegnahme von Bau durch die Dänen Flensburg schutzlos Preiszugeben. Als er endlich am 8. April freie Hand erhielt, war die letzte Stunde zum Abzüge gekommen, und diese versäumte Das Gefecht von Bau 53 er, um den Prinzen Friedrich abzuwarten, der sich zum 9. früh angesagt hatte. Die Dänen waren von Kolding her und durch das Sundewitt bereits am 8. bis auf etwa eine deutsche Meile Entfernung herangerückt. Am 9. früh griff nun ihr linkes Seitenkorps aus dem Sundewitt die holsteinische Stellung von Norden und Nordwesten umfassend an. Das Hauptkorps richtete seine Vorhut gegen Bau, ließ auch die Reserve dorthin folgen, umging aber mit den übrigen Streitkräften auf dem Ochsenwege die Verteidiger und ließ anfänglich die Kavallerie noch weiter ausholen, um ihnen sogleich den Rückzug zu verlegen. Zum Glück für die Holsteiner ward dieser letzte Befehl nach einiger Zeit widerrufen. Das Gefecht begann an den Übergängen. Bau war freilich von den Holsteinern noch besetzt worden, aber nur schwach, und ging nach kurzem Kampfe verloren. Niehuus wurde gehalten. Der Ochsenweg indes lag jetzt frei da, und die dort vorgehenden Dänen bogen über Harrislee gegen Osten ein. Der bei Harrislee befehlende Hauptmann Schmidt fiel, seine Kompagnien traten einen ungeordneten Rückzug auf Flensburg an, der das ganze Korps in Gefahr brachte, abgeschnitten und gesprengt zu werden. Ein preußischer Husarenoffizier v. Diepenbroick-Grueter, der zufällig ankam, verhütete jedoch das äußerste, brachte die Fliehenden zum Stehen und zu erneutem Widerstand. So wurde es wenigstens den Truppen von Niehuus möglich, abzuziehen und Flensburg vor den Dänen zu erreichen. Hauptmann Michelsen aber, der sich mit einem Bataillon, mit Turnern, Studenten und zwei Kanonen bei Krusau hartnäckig verteidigte und nicht weichen wollte, fand schließlich den Rückzug verlegt und fiel, schwer verwundet, mit dem größten Teil seiner Mannschaft in Feindes Hand. Die geschlagenen Truppen gingen, wenig geordnet, bis Rendsburg unter preußischen Schutz zurück. Einige der Freischareu, die sich Wagen verschafft hatten, gelangten auf dem weiten Umwege über Friedrichstadt dorthin. Die siegreichen Dänen zogen in Flensburg ein, verfolgten aber nicht. Ihr Verlust betrug nur 94 Mann, der der Holsteiner 946, darunter freilich 773 Gefangene. -p 5 ->- Die Feindseligkeiten waren eröffnet; Deutschland konnte die Schleswig- Holsteiner nicht ohne Unterstützung lassen. Ein Bundesbeschluß vom 4. April ersuchte Preußen, die Vermittelung zur Wahrung der Rechte der Herzogtümer zu übernehmen. Vorerst aber fehlten noch die Kräfte, um dies mit Gewalt durchzuführen. Da die inneren Verwicklungen bisher alle Regierungs- 54 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—18S0 organe in Anspruch genommen hatten, waren Vorbereitungen für einen Kriegsbeginn nicht getroffen. Erst am 16. April konnte eine preußische Streitmacht von 8000 Mann bei Rendsburg versammelt sein. Trotzdem trat Oberst v. Bonin sofort mit großer Energie auf, verlangte Waffenruhe und ließ bei den dänischen Vorposten die Erklärung abgeben, daß er jeden weiteren Angriff als Kriegserklärung gegen Preußen auffassen werde. Die Holsteiner fanden daher Zeit, ihre Truppen wiederherzustellen und in die Freischaren einige militärische Zucht und Ordnung zu bringen. Der Bund setzte die Wiederherstellung des Zustandes vor dem 28. März als Vorbedingung für die Verhandlungen voraus. Oberst v. Bonin forderte daher noch am 16. April die Räumung Schleswigs durch die dänische Armee, der Häfen durch die dänische Flotte, sowie die Herausgabe der Gefangenen. Zur Bewilligung setzte er eine Frist von zwei Tagen fest. Ähnliche Bedingungen waren auf diplomatischem Wege gestellt. Darüber, daß sie abgelehnt werden würden, war der Oberst nicht einen Augenblick im Zweifel und entschlossen, am 20. die kriegerischen Operationen zu beginnen. Mit dem Prinzen Friedrich verabredete er einen gleichzeitigen Angriff auf Front und rechte Flanke der Dänen bei Schleswig. Dazu standen, die Holsteiner eingerechnet, 14 000 Mann bereit. Die Dänen wurden auf 15 000 geschätzt. Bonin hielt sie für schwächer. Eine besondere Kolonne von 4000 Mann — dabei die Freischaren — sollte gleichzeitig die Schlei überschreiten, um den Feinden bei den Engen am Langsee den Rückzug zu verlegen. Der Plan war verwegen; denn die Dänen standen geschlossen zwischen den getrennten Kräften der Angreifer, aber er konnte zu großen Ergebnissen führen. Inzwischen wurden von Preußen Verstärkungen abgesendet, um die Truppen bei Rendsburg auf eine Division von einer Garde- und einer Linienbrigade zu bringen. Deren Führer wurde Geueralleutnant Prinz Radziwill, während General v. Möllendorff die Garde, der zum General beförderte Bonin die Linientruppen übernahm. Die ganze Division trat zugleich unter Oberbefehl Halketts, eines alten Waterlookämpfers. Am 18. April waren die Führer in Rendsburg vereinigt; der tatsächlich bestehende Waffenstillstand lief ab. Die preußischen Generäle wollten sofort angreifen, Halkett hatte indes andere Instruktionen. Sein König stellte eine englische Vermittlung in Aussicht, die erleichtert würde, „wenn die Dänen in ihren Stellungen nördlich der Eider nicht ohne dringende Not angegriffen werden." Er mußte also abwarten. Am 21. erhielt er freie Hand. Das Vorrücken wurde nunmehr auf den 23. verlegt. Am Abend zuvor standen die Schleswig-Holsteiner, 8900 Mann, östlich bis zur Kieler Anordnungen zum Einmarsch in Schleswig 55 Bucht auf beiden Seiten des Kanals, die preußische Division, 12900 Mann um Rendsburg, die Bundesdivision, 10 700 Mann, weiter zurück bei und hinter Neumünster — im ganzen 32 500 Mann. Diese Streitmacht war stark genug, um mit den 12 000 Dänen schnell fertig zu werden, die der General v. Hedemann bei Schleswig und Missunde zn seiner Verfügung hatte. Ehe der Kampf begann, trat abermals ein Wechsel — der dritte — im Oberbefehl ein. In der Armee hatte man auf den zur Zeit in England weilenden Prinzen von Preußen gehofft. Statt seiner erschien am 21. abends der preußische General v. Wrangel als Bundesfeldherr in Rendsburg. Seine Lage war keine leichte; er war der Bundesversammlung verantwortlich, natürlich aber auch seinem Könige. Sein Verhältnis zur provisorischen Regierung in Schleswig-Holstein blieb noch zu regeln; die Unterführer und den Kriegsschauplatz kannte er nicht. Aber sein Ruf als Soldat sicherte ihm das Vertrauen der Truppen, und er tat das beste, das sich im Augenblick tun ließ. Er genehmigte die schon getroffenen Anordnungen. General v. Möllendorff sollte mit seiner Brigade, 7 Bataillone, 2 Eskadrons, 12 Geschütze, auf dem näheren Landwege von Stenten- mühle über Breckendorf und Oberselk auf Schleswig vorgehen, General v. Bonin mit der seinen, 7 Bataillone, 4 Eskadrons und 10 Geschützen von Sorgbrück auf der Chaussee. Der erste hatte zunächst die Stellung am Kograben zu besetzen, der zweite zur Umfassung westlich auf Gr.-Rheide auszubiegen. Weiter rechts — östlich — sollten die Freischaren vorgehen, die Holsteinischen Truppen dem General v. Bonin folgen, den sie schon kannten, und der mit ihnen am besten umzugehen wußte. Die dänische Armee stand ziemlich sorglos in und bei Schleswig. Ihr Oberbefehlshaber wußte, daß die deutschen Bundestruppen noch weit zurück waren, und man scheint nicht daran geglaubt zu haben, daß die Preußen auch ohne sie vorgehen würden. In dem demokratisch durchwehten Deutschland war die Eifersucht gegen Preußen sofort lebendig, als diese Macht sich regte, um die nationalen Träume zu verwirklichen. Man fürchtete ihre Erstarkung und die Wiederaufrichtung ihres alten militärischen Ansehens. Nicht ihr, sondern dem sich erhebenden deutschen Volke wollte man den Erfolg verdanken. Das wußte man in Kopenhagen ebensogut wie in Berlin. Statt einer Antwort auf Bonins Ultimatum war die diplomatische Anzeige ergangen, daß Dänemark das Vorrücken preußischer Truppen in Schleswig als Kriegsfall betrachten und namentlich gegen die preußischen Seehäfen und Handelsschiffe vorgehen werde. 56 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1843—1850 Der größte Teil der Dänen war in Schleswig selbst untergebracht (vgl. Skizze 6). Die Avantgarde lag in Friedrichsberg südlich der Schlei, die 1. Brigade in Lollfuß und Altstadt nördlich derselben, ebendort auch, was nach Besetzung von Missunde vom Seitenkorps noch übrig war. Die 2. Brigade hatte sich in den Dörfern nördlich der Stadt bis zum Lang- und Ahrenholzsee untergebracht, die Kavallerie südwestlich. Die Artillerie war auf alle Stadtviertel verteilt. An eine Schlachtstellung war nicht gedacht. Am 13. April kam der König, nahm eine Parade ab und verteilte Orden. Alles das verriet wenig Respekt vor dem deutschen Unwillen, aber um so mehr Vertrauen auf fremde Intervention. Am 19. April wurde, wie mitten im Frieden, bei Kl.-Dannewerk eine größere Übung abgehalten. Begünstigt war die dänische Verteidigung durch die Natur des Landes. Nur auf dem hohen Rücken, der im östlichen Drittel der Halbinsel entlang zieht und der den Heidecharakter trägt, ist es gangbar. Dort führt auch der schon erwähnte uralte Ochsenweg entlang. Vom Osten her treten die tief ins Festland eindringenden Föhrden bis zu den steilen Abfällen des Höhenzuges heran und schützen die Flanken. Die Landschaften zwischen ihnen sind in zahllose kleine Felder, von denen selten eines mehr als ^ Hektar messen dürste, geteilt. Knicks, d. h. Wälle mit Hecken darauf, umgeben, schmale Durchlässe verbinden sie. Es fehlt an jeder Übersicht, an Raum für Truppenbewegungen. Nach Westen zur Nordsee senkt das Land sich ganz allmählich hinab. Die Knicks fehlen dort. Dafür hemmen tiefe Wasseradern, Gräben — in die Ebbe und Flut hineintreten — das Vordringen. Wasser und Land streiten um die Herrschaft. Zwischen den Höfen sieht man Segel von Kähnen. Die Niederungsstreifen waren ehedem flache Meerbusen. Erst mit den Deichen am Meeresstrande verschwanden sie. Öffnet man deren Schleusentore zur Flutzeit, so kann sich das Wasser tief landeinwärts ausbreiten. In alten Zeiten gingen die Handelsschiffe bis zur Rhede — heute Rheide — hinauf und holten die Waren, die aus baltischen Häfen durch die Schlei herankamen. Auf der schmalen Landbrücke entstand die Handelsstadt Schleswig. Nur 10 Kilometer lagen dort zwischen den Meeren trocken, und alte Bollwerke, der Kograben mit hohem Wall dahinter und der Margaretenwall in zweiter Linie, sperren den Durchgang, der leicht verteidigt werden konnte. Wenig war aber für die Verstärkung getan. Bei Kl. Dannewerk und auf der Gottorfer Schloßinsel hatte man Geschützstellungen vorbereitet, die Übergänge zum Abwerfen hergerichtet. -!- Die dänische Stellung bei Schleswig 5,7 Unmittelbar nach Ablauf der Waffenruhe in der Nacht zum 19. April begannen kleine Vorposten-Unternehmungen. Der 21. April brachte ein etwas ernsteres Gefecht in der Enge zwischen Eckernförder Bucht und Wittensee. Eine stärkere dänische Abteilung ging dorthin vor. Sie hatte es auf die deutschen Freischaren abgesehen. Es gelang auch bei Harzhvs einen Teil derselben zu überraschen und an 60 Mann gefangen zu nehmen. Weiter gegen die Küste hin bei Alten Hof fanden die Dänen indes wackeren Widerstand und wurden abgewiesen. Hier befehligte ein Mann, dessen Namen in der deutschen Kriegsgeschichte noch oft genannt werden sollte, der bayerische Major v. d. Tann. Der Verlust an Toten und Verwundeten betrug auf deutscher Seite 70, auf dänischer 29 Mann. Die Dänen gingen am Abend teils nach Eckernförde, teils auf Schleswig zurück. Die Freischärler versammelten sich am Wittensee, um von dort aus am allgemeinen Vorrücken teilzunehmen. Am nächsten Tage sollten sie unter Führung des preußischen Majors v. Zastrow gegen die Schlei vorgehen, wurden aber, aus unnötiger Sorge für die Sicherheit des Landes, noch festgehalten. Nur eine kleine Abteilung rückte uach Stubbe ab, fand die bestellten Kähne vor, ging zur Nachtzeit über, richtete aber jenseits nichts aus. Am 23. April rückte Major v. Zastrow uach Missunde, da die Dänen auch vou Eckernförde auf Schleswig abgezogen waren. Bei Missunde kam es zu einer Kanonade. Die Freischaren unter Hauptmann v. Gersdorff bewerkstelligten den Schleiübergang gleichfalls bei Stubbe und führten drüben kleine Überfälle aus. Als auf dänischer Seite am Abend bekannt wurde, was bei Schleswig vorgegangen sei, zogen die Dänen vor der Übergangsstelle bei Missunde auf Flensburg ab. Die Schlacht von Schleswig am 2I. April ^8H8 (S. Skizze 6) Bei Schleswig war es an diesem Tage zu einem größeren Kampse gekommen. Früh Uhr traten die beiden preußischen Kolonnen von Stentenmühle und Sorgbrück an. Es war Ostersonntag, der Himmel trübe, die Luft naßkalt. Von Zeit zu Zeit fiel feiner Regen. Von den Dänen war anfänglich nichts zu sehen; erst bei Lottorf und bei Geltors stieß die rechte Kolonne auf schwache Reitervorposten. Die linke blieb aus unaufgeklärten Gründen stets etwas weiter zurück, obschon sie auf der Chaussee marschierte. Ihr war die Masse der Kavallerie zugeteilt, und da ihr gegen Mittag von Sorgbrück auch die Holsteiner folgten, so wuchs 58 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 sie auf 11500 Mann, während Möllendorff zur Rechten nur über 4500 verfügte. Die Bundestruppen, die sich ihm anschließen sollten, kamen nicht. Vor der Stadt Schleswig wurden dänische Dragoner und Artillerie angetroffen. Aus voller Sonntagsruhe aufgescheucht, sammelte sich die dänische Armee eiligst beim Schall der Alarmsignale in allen Stadtteilen. Die Avantgarde besetzte Busdorf; die 1. Brigade und das Flankenkorps gingen nach dem Erdbeerenberg und den Hühnerhäusern nördlich Schloß Gottorf vor. Die 2. Brigade sammelte sich weiter rückwärts bei Falkenberg. 4000 Mann konnten sonach die südlichen Zugänge der Stadt verteidigen, 4600 waren verfügbar, um nach dem rechten Flügel vorgezogen zu werden, 2000 bildeten den Rückhalt. Zwischen der dünischen Avantgarde und der Vorhut der Preußischen Garde, die sich im Ringwall am Haddebyer Noor und dem Margaretenwall entwickelte, kam es sogleich zum lebhaften Zusammenprall. Der Geschützdonner rief auch die Vorhut von Bonins Kolonne heran; beide Abteilungen drangen in Busdorf ein; ihre Hauptkräfte stellten sich bei Ober- Selk sowie bei Jagel bereit. Die Dänen verstärkten sich indessen bald, hielten den nördlichen Teil von Busdorf, brachten Artillerie auf dem Chausseedamm iu Stellung, der den Busdorfer Teich von den Schleiwiesen trennt, und wirkten auch von Haddeby her ein. General v. Wrangel, an dessen Seite sich heute der jugendliche Prinz Friedrich Karl von Preußen befand, ließ daher Möllen- dorffs Gros von Ober-Selk gegen das Dannewerk vorgehen und rief auch Bonin mit feinen Truppen von Jagel heran. Der Gedanke der Umfassung war damit durch den Führer aufgegeben. Der Kampf um den nördlichen Teil von Busdorf gestaltete sich hartnäckig. General v. Möllendorff brachte seine Artillerie trotz der Enge des Raumes in Tätigkeit, ging mit der Infanterie gegen den Riesberg und das gut verteidigte Lusthaus vor und umfaßte mit seinem am Südufer der Schlei entlang vordringenden rechten Flügel die feindliche Stellung. Mehrfach mußten vereinzelte Offensivstöße des Verteidigers abgewehrt werden. Diesem wurde eine willkommene Unterstützung durch die mittlerweile am Erdbeerenberge eingetroffene 1. dänische Brigade zuteil, die um 1 Uhr nachmittags einen verwegenen Vorstoß über den Damm unternahm, der im Zuge des Margaretenwalls die Busdorfer Teichniederung durchschneidet. Er traf die linke, bisher wenig beachtete Flanke der Preußen und zunächst die Vorhut der Boninschen Brigade. Anfangs hatte er Erfolg; die Höhen östlich der Teichniederung wurden von den Dänen erstiegen. Dann aber trat die Wendung ein. Die Schlacht von Schleswig 59 Der von General v. Wrangel abgesandte Offizier traf den Hauptteil jener Brigade nicht mehr bei Jagel, weil dieser, dem ursprünglichen Plan entsprechend, bereits westlich gegen Kl.-Rheide abgebogen war. Kürzlich erst hatten die beiden letzten Bataillone, befehligt durch den Major v. Stein- M Preußen und Holsteiner im Anmarfche — s^z Dänen auf den Sammelplätzen vor Beginn des Kampfes metz, den späteren Sieger von Nachvd und Skalitz, die Nendsburger Chaussee verlassen. Nur sie konnten dein Rufe nach Busdorf noch folgen, kehrten um und gingen längs der alten Nendsburger Straße vor. Ihr Stoß traf die vorgegangene dänische Brigade in der rechten Flanke, so daß diese wieder über den Damm, die Wiesen und znm Teil sogar durch den 60 II- Die Sturm- und Draugjahre von 134S—1850 Teich nach dem Erdbeerenberge zurückflutete. Der Verlust dabei war, namentlich an Offizieren, nicht unerheblich. Auch der Riesberg und das Lusthaus wurden genommen; der tapfere dänische Führer, Oberstleutnant v. Magius, fiel, und sein Nachfolger räumte den während drei Stunden gehaltenen nördlichen Teil von Busdorf. Das Gelände südlich der Schlei war damit in deutscher Hand, und General v. Möllendorff beabsichtigte das Gefecht abzubrechen, da für den ersten Gefechtstag nicht mehr, als jetzt schon geschehen, beabsichtigt worden war. Allein die Garden waren auch in Friedrichsberg bereits eingedrungen und die Fortsetzung des Kampfes nicht mehr aufzuhalten. Die Dänen setzten sich in einer neuen starken Stellung beim Schlosse Gottorf und am Pulverholze fest. Das frühere linke Seitenkorps wurde von den Hühnerhäusern nach der Ziegelei am Westrande des Tiergartens vorgezogen, die 2. Brigade bis zu diesem, die Reserveartillerie nach den Hühnerhäusern herangerufen. Frische Streitkräfte standen also zur Verteidigung bereit. Die Befehle, welche die preußischen Truppen anhalten sollten, erreichten teilweise ihr Ziel überhaupt nicht. Der Angriff nahm seinen Fortgang. Er richtete sich hauptsächlich gegen das Pnlverholz, da weiter rechts das festgebaute Schloß Gottorf ein Vordringen der in Friedrichsberg und Busdorf sich ansammelnden Truppen verhinderte. Ein Eingreifen der Brigade Bonin von links her wäre jetzt sehr erwünscht gewesen. Sie war, wie bekannt, auch von Jagel schon auf Husby marschiert. Ein Zettel, den Major v. Steinmetz dem General v. Bonin zusandte, als er nach der Chaussee umkehrte, verfehlte sein Ziel. Der General marschierte mit dem vorderen Teil der Kolonne weiter. Dafür gelangte der Befehl zum Weitermarsch auf der Chaussee an die Reserve — die holsteinischen Truppen. Sie gingen also auf Busdorf vor, und als General v. Bonin am Kograben ankam, hatte er zu seinem Staunen nicht 11000, sondern nur 3000 Mann hinter sich, ohne zu wissen, wie das zugegangen war. Die Aufklärung brachte erst der Generalstabsoffi- zier der Division, Hauptmaun v. Delius, der ihn, querfeldein reitend, mit dem Befehl erreichte, gleichfalls auf Schleswig zu marschieren. Hierzu war es jetzt indes zu spät, der General auch der richtigen Ansicht, daß ein Angriff aus Gr.-Dannewerk nunmehr wirksamer sein werde. Der Versuch, mehr von seinen ursprünglichen Truppen heranzuholen, mißlang; spät kam nur die holsteinische Kavallerie und eine Batterie noch heran. Nach vergeblichem Warten marschierte er mit dem, was er bei sich hatte, weiter. Scheitern des dänischen Gegenangriffs «!1 Inzwischen waren auf dem Hauptkampfplatze, nach stundenlangem Jn- fanteriegefecht, die Preußen in das Pulverholz eingedrungen. Der Feind aber setzte sich im Park von Annettenhöhe fest. Einzelne Abteilungen eroberten auch diesen; dänische Gegenangriffe verdrängten sie wieder, das Parkhaus wurde heiß umstritten. Die gegen 3 Uhr angekommeneu holsteinischen Truppen griffen an verschiedenen Punkten ein, ohne daß es zur Entscheidung kam. Den rechten Flügel hielt das Feuer vou Schloß Gottorf auf. General v. Hedemann glaubte den Augenblick zu einem Gegenangriff gekommen. Er hatte die 2. Brigade aus ihrer Stellung hinter dem Tiergarten an das Flankenkorps herangezogen. Sie sollte auf dem Husbyer Wege die Angreifer umfassen, das Flankenkorps gleichzeitig in der Front vorgehen. Die falsche Nachricht von der Besetzung von Altstadt durch einen über die Schlei gelangten Feind veranlaßte eine vorübergehende Räumung des Schlosses Gottorf und infolgedessen auch einen Aufenthalt in dem Vorstoß. Dann begann dieser vom Pulverholz, von der Annettenhöhe uud auch vom Schurberge aus. Die — allerdings nur sehr schwache — 2. Brigade wurde hineingezogen. Dennoch scheiterte der Versuch vollständig. Den Dänen, die sich in der Verteidigung stets tapfer schlugen, fehlte das Geschick und die Festigkeit zum Angriff. Die Preußischen Truppen folgten den Zurückgewiesenen auf dem Fuße. Jetzt, um 6 Uhr abends, ertönte endlich auch Kanonendonner von Husby her, wo General v. Bonin mit den bei ihm gebliebenen Truppen angekommen war und auf die dänische Kavalleriebrigade stieß. Nach kurzer Kanonade uud Schützengefecht auf beiden Seiten drangen die Preußen in das Dorf ein. Beim Abfahren geriet die dänische Artillerie in Gefahr, genommen zu werden. Eine Dragonerschwadron warf sich entschlossen den Preußen entgegen und rettete die Geschütze. Sie selbst kam aber in der Dorfstraße der preußischen Batterie Petzel zu nahe, deren Führer, nicht minder entschlossen, sich ihr mit den berittenen Artilleriemannschaften entgegenwarf. Dann fuhr seine Batterie nördlich Husby auf und kanonierte gegen den Schurberg. Der Flankenstoß des Generals v. Bonin, obschon er nur mit schwache» Kräften geführt wurde, bestimmte den dünischen Oberbefehlshaber dennoch zum Rückzüge, gerade als auch der Schurberg in Gegenwart des kommandierenden Generals von den Preußen in der Front angegriffen werden sollte. So war General v. Bonin für das unverdiente Mißgeschick, das ihn während des Vormarsches getroffen, wenigstens einigermaßen entschädigt worden. Sein Erscheinen verfehlte den Eindruck, nicht, weil er den Gegner an der für ihn gefährlichsten Stelle traf. «- Es klingt uns heute wie ein Märchen, daß trotz dieser Passivität der dänischen Landarmee auch der deutsche Bundesfeldherr Ursache zur Vorsicht zu haben glaubte. Bei den beiden ersten Divisionen wirkten die Verschiedenheiten in Vorschriften und Ausbildung, sowie Mängel in der Ausrüstung, Unbehilflichkeit und Unerfahrenheit der kleinen Kontingente erschwerend. Sie waren keineswegs als sicher zu verwendende Truppen- einheiten anzusehen. Bei der 3., der preußischen Division bestand die Infanterie zur Hälfte aus Landwehr, deren damalige mangelhafte Verfassung sich, besonders in dieser Zeit, „wo demokratische Wühlereien alle Volksschichten durchdrangen", recht fühlbar machte. Sie kam nur langsam vorwärts; die Zahl der Zurückbleibenden und Fußkranken war bei allen Märschen sehr groß. Immer neue Ruhetage wurden nötig. Auf die Reserve war gar nicht zu rechnen. Die Schwerfälligkeit der Truppen in der Gefechtsführung sollte sich bald in auffallender Art und Weise kundgeben. Als infolge der neuen Anordnungen auf feindlicher Seite alle Meldungen den Abzug der Dänen bestätigten, beschloß General v. Prittwitz ans Grund persönlicher Erkundung die Wegnahme der Düppeler Höhen. In der Nacht vom 12. zum 13. April setzte er daher die vorderen Brigaden der beiden kombinierten Divisionen gegen dieselben in Bewegung und fand sie vom Gegner frei. Ohne Befehl gingen die Truppen weiter vor. Schwache dänische Kräfte wichen bei ihrem Erscheinen in den Brückenkopf von Sonderburg zurück. Vor diesem kam es am frühen Morgen zum Scharmützel, in das die Batterien von Sonderburg und die Kanonenboote auf dem Weningbund eingriffen. General v. Prittwitz, der selbst auf den Höhen eintraf, rief die Truppen daher wieder zurück. Bei dieser Gelegenheit wurde ein sächsischer Zwölfpfünder durch Scheuwerden seiner Pferde umgeworfen, zwei andere und der beschädigte Munitionswagcn einer Sechs- pfünderbatterie blieben im sumpfigen Boden stecken. Bayerische Batterien sollten auffahren und den Rückzug decken. Sie brauchten aber so viel Zeit, um schußfertig zu werden, daß die dänischen Schützen ihnen zu nahe kamen, ehe sie feuern konnten, und sie wieder abfahren mußten. So gelang es den Dänen, zwei von den im Stiche gelassenen Kanonen unter den Augen der Deutschen fortzuschleppen und als Siegestrophäen in den Brückenkopf zu bringen. Das entscheidungslose Geschieße der Infanterie dauerte noch 78 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 bis in den Nachmittag hinein; dann war die ruhmlose Expedition vorüber. Die Wegnahme einer vom Feinde gar nicht verteidigten Stellung hatte die Reichstruppen außer den beiden Kanonen einen mehr als doppelt so hohen Verlust — nämlich 18 Offiziere 178 Mann — gekostet wie den Feind, der überhaupt nur 3 Bataillone gegen die beiden Brigaden ins Feuer gebracht hatte. Die Düppeler Höhen sollten nun deutscherseits verschanzt werden. Das Geschütz dazu lieferte die erbeutete Gefion, die, auf einer Seite desarmiert, zum Hafenschutz in Eckernförde liegen blieb. Ihre Flagge wagte man nicht der holsteinischen Statthalterschaft zu übergeben, „der Beziehungen wegen, in welchen die Herzogtümer zur Krone Dänemark zu stehen nicht aufgehört hatten und auch wohl nicht aufhören würden." Sie wurde dem Neichsverweser übersandt. Das Gefecht bei Rolding am 23. April ^3^9 (S. Skizze 3) Verhältnismäßig am besten war es auf deutscher Seite mit der holsteinischen Division bestellt; sie hatte ein Jahr Zeit gehabt, sich zu ordnen und den inneren Halt zu festigen. Auch besaß sie in der Person des Generals v. Bonin einen tüchtigen Führer. Dieser drängte zum Überschreiten der jütischen Grenze und hatte seine Truppen inzwischen bis dahin vorgeschoben. Der Reichskriegsminister, General v. Peucker, vertrat den gleichen Plan. Er erhoffte von der Energie des Generals v. Pritt- witz die Erlösung aus einer unglücklichen Lage, in welche „die Ver- irrungen der Zeit und die Schwankungen energieloser Charaktere" Deutschland geführt hatten. Anders dachte man in Berlin darüber, wo man eben wieder über einen Waffenstillstand unter Aufhebung der Blockade verhandelte und von der Besetzung Jütlands den Krieg mit Rußland befürchtete. Prittwitz erhielt daher abmahnende Weisung. Seine Lage war schwierig. Dreiviertel seiner Truppen waren nicht preußisch, und die preußischen Besorgnisse galten nicht für sie. Halbheit war die Folge; er ließ Bonin einrücken, aber unterstützte ihn nicht. Er freute sich über dessen selbständiges Handeln, rügte es aber in seinen Befehlen. Unter ganz leichtem Gefecht besetzten die Holsteiner am 19. April Kolding mit der von Zastrow geführten Avantgarde. Die Stadt wurde zur Verteidigung eingerichtet. General v. Bülow beschloß sofort, sie wieder zu nehmen. Die beiden dänischen Brigaden Moltke und Schleppergrell sollten sie von Norden her Gesucht von Kolding 79 angreifen, General Rye mit seinem Korps sie von Westen her umgehen und den Verteidigern den Rückzug abschneiden. Das war schon am 22. April beabsichtigt, mußte aber auf den folgenden Tag verschoben werden, da ein Teil der Truppen erst in der Nacht zum 23. bei Middelfart übergesetzt werden konnte. Erkundungen der Dänen hatten inzwischen Vonins Argwohn erweckt und ihn veranlaßt, seine Hauptkräfte heranzurufen. Die 1. Brigade stand am Gefechtstage bereits südlich Kolding, die 2. befand sich auf dem Marsche gegen den linken Flügel bei Vrannerup und Eistrup hin. Das Gefecht entspann sich auf zwei getrennten Feldern. Früh um 7 Uhr wurden die M Holsteiner — Dänen — Die Waldmühle liegt an der Straße nach Fredericia nordöstlich Kolding, wo sie den von Bramdrup herabkommenden Bach überschreitet holsteinischen Vorposten des linken Flügels über die Kolding-Aa zurückgeworfen und Vrannerup sowie das Gehölz von Gjelballe angegriffen, die gleichfalls bald verloren gingen. Rölsmühle wurde gehalten. So standen die Dinge, als um 8 Uhr die 2. holsteinische Brigade mit der Spitze Gjelballe erreichte und am Ostrande des Waldes aufmarschierte. Sie sah sich durch die Dänen von Kolding und den dort fechtenden Abteilungen getrennt. Ihr Erscheinen brachte jedoch das Vordringen des Ryeschen Korps ins Stocken, dem es anfänglich an Material zum Überbrücken der Kolding-Aa mangelte und das infolgedessen den Fluß nur sehr langsam zu überschreiten vermochte. Zwei von der Brigade Moltke zu Hilfe gesandte Bataillone versuchten zwar, die beabsichtigte Offensive in der Richtung auf Kolding durchzuführen; sie stießen aber auf kräftigen Widerstand, 80 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1348—1850 mußten weichen, und General Nye gab die Hoffnung auf Erfolg bereits auf, als ihn auch ein Befehl Bülows zum Rückzug erreichte. Seine Truppen sammelten sich nachmittags allmählich wieder am Nordufer und rückten gegen die Chaussee von Veile ab. Bei Kolding hatten die beiden ziemlich gleichzeitig erscheinenden dänischen Brigaden die holsteinischen Vorposten in der Frühe auf die Stadt zurückgeworfen. Sie entwickelten sich gegen die Schützengräben am Nordrande, die von der holsteinischen Avantgarde besetzt waren, als deren Führer, Oberstleutnant v. Zastrow, durch General v. Bonin den Befehl erhielt, Kolding zu räumen und sich südlich hinter der dort nunmehr aufmarschierten 1. Brigade aufzustellen. Ein von Artillerie und Kavallerie unterstützter Vorstoß des 3. dänischen Jägerbataillons von der Waldmühle her war glücklich abgewiesen worden. Nunmehr begann der Rückzug, bei dem es, da die Verteidiger holsteinische Abteilungen, die sich verspätet hatten, abwarten mußten, noch zum lebhaften Straßengesechte kam. Oberstleutnant v. Zastrow hielt durch einen Gegenangriff die nachdringenden Dänen von der Brücke fern, bis alles hinüber war. Jene besetzten sodann die Stadt zu derselben Zeit, als auf ihrem rechten Flügel der Angriff schon zum Stocken kam. Einen Versuch, aus Kolding nach Süden gegen die Brigade St. Paul vorzudringen, unternahmen die Dänen nicht. Ihr allgemeiner Rückzug machte sich bald fühlbar. General v. Bonins Absicht, mit der südlich der Stadt neu gesammelten und noch verstärkten Avantgarde bei Harte über die Aa zu gehen, um die beiden dänischen Flügel zu trennen, wurde zwar noch ins Werk gesetzt. Er führte aber, da der Feind das Nordufer schon geräumt hatte, zu keinem anderen Ergebnis mehr, als daß die Kavallerie, welche den Fluß durchfurtete, 1 Offizier und 80 Mann an der Kirche von Harte zu Gefangenen machte und später noch zwei abziehende Feldwachen aufhob. Um 3 Uhr nachmittags wurde auch Kolding wieder von den Holsteinern besetzt. Die 14 Eskadrons starke Kavallerie des Generals Rye betätigte sich nicht. Das dänische Unternehmen war völlig gescheitert. Es kostete im ganzen 656 Mann, während die Holsteiner nur 13 Offiziere, 378 Mann verloren. Die holsteinische Avantgarde besetzte am Abend noch Bramdrup; die beiden dänischen Kolonnen gingen, die eine auf Viuf, die andere auf Gudsö zurück. Das Gefecht ist zu den bedeutendsten des entscheidungslosen Krieges zu zählen. Hatte doch auf jeder Seite eine vollständige Division mit verhältnismäßig starker Artillerie gefochten. Verstärkung der Bundestruppen in Schleswig L1 Inzwischen verstärkten sich die Bundestruppen. Die preußische Kavallerie nebst reitender Artillerie traf auf dem Kriegs schauplatze ein. Die 1. und 3. Division rückten daher näher an die holsteinische heran. Als nun auch die freilich aus nicht weniger wie 9 verschiedenen Kontingenten zusammengesetzte Neservedivision von 13^ Bataillonen, 4 Eskadrons und 18 Geschützen erschien, konnte sie zur Abwehr eines Flankenangriffs der Dänen von Alsen her im Sundewitt aufgestellt werden. Die bisher dort stehenden Truppen der 2. Division wurden zum weiteren Einmarsch in Jütland verfügbar. Jetzt fehlte jeder Grund, dem Drängen der Zentralgewalt zum Vorgehen mit dem Hinweis auf militärische Rücksichten längeren Widerstand entgegenzusetzen. General v. Prittwitz glaubte indessen noch auf die Zustimmung der eigenen preußischen Negierung warten zu müssen. Endlich, am 6. Mai, als er sein Hauptquartier bereits nach Kolding verlegt hatte, erhielt er die erbetene Vollmacht, den Befehlen aus Frankfurt Folge zu leisten. Am 7. Mai setzten sich die schon um Kolding versammelten Truppen, 37 Bataillone, 30 Eskadrons und 95 Geschütze, an 30 000 Mann, in Bewegung, denen die Dänen nur 16 Bataillone, 16 Eskadrons und 40 Geschütze entgegenstellen konnten. Die holsteinische Division ging gegen Fredericia, die 3., d. h. die preußische, gegen Veile vor; die übrigen Truppen rückten bis und nahe an Kolding nach. Bei Gudsö und Alminde hielten die Dänen in guten und überdies auch künstlich verstärkten Stellungen stand. Die Übermacht der Angreifer veranlaßte jedoch zunächst General Rye, von Alminde abzuziehen; dann gab nach längerem Gefecht auch die Brigade Moltke bei Gudsö nach, und General v. Bülow befahl den allgemeinen Rückzug. Die beiden Brigaden Moltke und Schleppegrell wichen nach Fredericia, das kleinere Korps Rye hinter Veile aus. Die Verluste waren unbedeutend. Am 8. Mai wurde der Vormarsch sortgesetzt. Die Vorhut der 3. Division besetzte ohne Kampf die tief im Flußtale gelegene Stadt Veile. Von den bewaldeten Höhen dahinter aber wurde sie mit lebhaftem Artillerie- und Gewehrfeuer empfangen. General Rye hatte dort 4 Bataillone und seine Artillerie in starker Stellung aufgestellt, die sich links an den Veile- fjord, rechts an die tief eingeschnittene Grejs-Aa lehnte. Sie war in der Front schwer zu nehmen, und die preußische Division wartete auf das Eintreffen ihrer Kavallerie, der 8 Eskadrons starken Brigade Ledebur, die des Gegners rechte Flanke umgehen und ihn zum Abzüge zwingen sollte. Diese Flanke war freilich durch die dänische Kavallerie bei Jelling — gleichfalls 8 Eskadrons und dazu 4 Geschütze — gesichert. Als sie Frhr, v. d. Boltz, Kriegsgeschichte II 6 82 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1348—1860 aber den Anmarsch einer starken Kolonne aus Südwesten meldete, begann General Rye den Höhenrand zu räumen. Nun drängte die preußische Infanterie nach und beschleunigte den Rückzug des feindlichen rechten Flügels derart, daß der linke in Verlegenheit geriet und 40 Gefangene an die Angreifer verlor. Leider war die preußische Kavallerie nicht zur Stelle; sie hatte eine falsche Richtung genommen und sich, statt auf die feindliche rechte Flanke zu fallen, an die eigenen Truppen herangezogen. Die Masfe der Division blieb in Veile, wo auch General v. Hirschfeld sein Hauptquartier nahm. Die Verluste waren auf beiden Seiten gering. Die Landwehr, „die sich bei der Einberufung widerwillig, beim Marsche unlustig gezeigt", hatte sich im Gefecht bewährt. General v. Prittwitz ordnete sofort an, daß die siegreiche Division in der Richtung auf Horsens weiter vorgehen, die holsteinische sich zur Einschließung von Fredericia bereit halten solle. Von energischer Verfolgung war nicht die Rede, sondern nur davon, daß die Avantgarde zunächst eine geeignete Stellung weiter vorwärts zu erreichen suchen solle, „wenn sich dies ohne zu große Opfer an Menschen tun läßt". Dann kam Befehl, bei Veile zu verbleiben. Die Dänen waren schon am 9. früh hinter die Hanfted-Aa zurückgewichen und hatten die Kavallerie westlich bis zur Guden-Aa an die Straße von Viborg hinausgeschoben. Dann gingen beide Parteien zur Ruhe über; der leicht zu befriedigende Tatendurst war einstweilen gelöscht. -» » » „Während man den erreichten Feind — das schwache Korps Rye — entschlüpfen ließ, mühte General v. Bonin sich gegen den nicht erreichbaren ab." Noch am Abend nach dem Gefecht waren die Holsteiner bis nach Fredericia vorgegangen und fanden die Festung, die im Jahre zuvor in völlig verfallenem Zustande dem General v. Wrangel überlassen worden war, wiederhergestellt, verteidigungsfähig und gut mit Artillerie versehen. Zur Belagerung fehlten den Deutschen die Mittel. Zur Beobachtung wäre es am besten gewesen, hinter dem Elbodal zwischen Gudsö und Rands Fjord zu bleiben. Aber General v. Bonin hatte diesen Abschnitt schon überschritten. Er stand in der Linie Erritsö—Bredstrup und mochte das gewonnene Gelände nicht wieder aufgeben. Er dachte an Beschießung des Platzes, die im Augenblick, wo dieser von den zurückgegangenen dänischen Truppen noch überfüllt war, von Erfolg sein konnte. Zunächst bot sich als Ziel ein Blockhaus dar, das die Dänen am Strande vorwärts der Die Holstemer vor Fredericia 83 vor der Westfront der Festung angelegten Überschwemmung zu errichten im Begriffe waren. Es sollte die Verbindung mit Snoghöj, der Überfahrtsstelle nach Fünen, ermöglichen. Die Avantgardenbatterie nahm es am 9. und 10. unter Feuer, aber dieses blieb wirkungslos, ward von der Artillerie des Platzes und von den Schiffen aus erwidert und mußte eingestellt werden. Nun wurden Redouten gegen die West- und Nordwestfront angelegt und der Bau schwerer Batterien in Angriff genommen. Am 13. Mai früh wurde dieser durch einen Ausfall der Besatzung zwar gestört, aber bis zum 16. Mai dennoch vollendet. Zehn schwere Geschütze waren aus Rendsburg angekommen; die Beschießung konnte eröffnet werden und dauerte 4 Tage. Sie tat viel Schaden; mehrfach geriet die Stadt in Brand, die meisten Einwohner verließen sie, lagerten drüben auf Fünen in den Feldern von Strib und sahen der Zerstörung ihrer Wohnstätten zu. Aber entschieden wurde damit nichts. Die dänischen Feldtruppen waren schon vorher nach Fünen übergesetzt. Am 22. Mai gelang es, das Verbindungsblockhaus durch eine besonders dafür errichtete Batterie in Brand zu setzen uud dann zu nehmen. Bei der Anlage eines gedeckten Verbindungsweges dorthin fiel am nächsten Morgen der Generalstabsoffizier der Division, Hauptmann v. Delius, ein Offizier, auf den ganz Schleswig-Holstein große Hoffnungen setzte und dem im deutschen Vaterlande noch eine bedeutende Zukunft bevorgestanden hätte. Er galt bis zu den großen Kriegen um Deutschlands Einigung hin als das Vorbild eines Generalsstabsoffiziers. Hauptmann v. Blumenthal, der spätere Feldmarschall, trat an seine Stelle. Die Anstrengungen der Belagerer richteten sich weiterhin darauf, durch Feuer die Verbindung Fredericias mit Fünen zu unterbrechen; allein auch dies gelang nicht, da Strandbatterien unter den Kanonen der dänischen Flotte an den geeigneten Stellen nicht angelegt werden konnten und ein Schießen über die Stadt hinweg zu unsicher war. Ab und zu kam es zwischen den Vorposten zu Scharmützeln und auch zu kurzen Kanonaden. Weiteres ließ sich gegen den Platz nicht unternehmen. Das Gefühl dieser Ohnmacht, der anstrengende Dienst bei rauhem Wetter und der Verlust der besten Offiziere drückten allmählich die Stimmung der braven Division herab, und es trat eine gewisse Erschlaffung ein, die sich unter solchen Umständen nur zu leicht fühlbar macht. — Mittlerweile war General Rye in Jütland hinter den starken Abschnitt bei Skanderborg (f. Ergänzung zu Skizze 4 für 1864) zurückgegangen und stand dort mit seiner geringen Macht, geschützt durch Seen und schwer überschreitbare Wasserlinien, ohne beunruhigt zu werden. General v. Pritt- k* 84 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 Witz hätte ihn jedoch auch dort angegriffen, wenn er ungeteilten Herzens an die Eroberung Jütlands gegangen wäre. Allein es war ihm wohl bewußt, daß zwar die in ihrem eigenen Bestände schon bedrohte Reichsbehörde diese befohlen, sein König indessen sie nur gestattet hatte und ernste Verwicklungen davon besorgte. — In Italien und Ungarn stand Österreich im Kriege gegen die nationale Bewegung und ihre Förderer. In Deutschland tobte der Aufruhr, weil die Fürsten der größeren Bundesstaaten die von der Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. entworfene Reichsverfafsung nicht anerkannten. In Dresden war es vom 3. bis 9. Mai zum Straßenkampfe gekommen, der mit Preußens Hilfe siegreich zu Ende geführt wurde. Im Westen und Süden Deutschlands fanden Tumulte, eigenmächtige Volksversammlungen, Plünderung von Zeughäusern, Unruhen und Unordnungen aller Art statt. In der Rheinpfalz und in Baden beteiligten sich auch die Truppen an der Erhebung. Die badische Herrscherfamilie hatte mit ihrem Staatsministerium das Land verlasfen müssen. Die Autorität der alten Regierungen war ernsthaft bedroht. Die Nationalversammlung stellte die Auflehnung gegen das bestehende Gesetz unter ihren Schutz. Sie erklärte am 10. Mai das siegreiche Einschreiten Preußens in Dresden für Reichsfriedensbruch und verlangte Maßregeln dagegen. Das Reichsministerium trat zurück. Nunmehr verlangte sie vom Reichsverweser die Ernennung eines anderen; dieser aber lehnte ab. Unbekümmert nm ihre gänzliche Machtlosigkeit forderte sie weiter die Vereidigung der gesamten Waffenmacht Deutschlands auf die Verfassung. Nach Österreich Vorgang erklärten auch Preußen, Sachsen und Hannover das Mandat ihrer Staatsangehörigen in der Nationalversammlung für erloschen. Diese wieder bezeichnete die Abberufung als null und nichtig. Zahlreiche Austrittserklärungen wurden trotzdem schon vorher und nachher abgegeben. Ein neues Ministerium kam endlich zustande und verkündete, daß die Durchführung der Verfassung nicht Sache der Zentralgewalt sei; die Nationalversammlung bezeichnete seine Ernennung als eine Beleidigung. In der Pfalz tat sich eine provisorische Regierung auf, in Baden ein Landesausschuß. Am 18. Mai sagte sich Preußen von der Zentralgewalt los. Die Nationalversammlung verfügte die Einsetzung eines Reichsstatthalters, der Einheit und Ordnung herstellen, die Verfassung durchführen sollte, ohne ihm die mindesten Machtmittel für diese schwierige Aufgabe in die Hand geben zu können. Freilich fügte sie hinzu, daß sie jedem Angriffe auf die 29 Staaten, welche die Verfassung angenommen hätten, entgegentreten werde, und sie forderte diese auf, sich zu rüsten. Aber alles das war wenig mehr als tönende Wirrwarr in der deutschen Zentralgewalt 55, Worte. Bald mußte sie erklären, daß sie die Kraft nicht besitze, den Aufruhr in der Pfalz und Baden zu bewältigen, und daß dies allein Preußen vermöge, an welches sich Bayern schon mit der Bitte um schleunige Hilfe gewendet hatte. Unter dem Eindruck dieses Wirrwarrs von Ideologie, phrasenreicher Anmaßung und Ohnmacht, persönlich zwischen der sogenannten Zentralgewalt und der eigenen Regierung stehend, mußte General v. Prittwitz seine Entschlüsse fassen. Man begreift, daß ihm der Feind im Innern als der wichtigere erschien, daß er die Entscheidung der ganzen Krisis in Deutschland nicht gegen Dänemark suchte und daher beschloß, seine Truppen versammelt und bereit zu halten, um auf den ersten Wink nach einer neuen Richtung abrücken zu können. Die Treue und Zuverlässigkeit der preußischen Truppen hatte noch nirgends auch nur für einen Augenblick gewankt. Sie bildeten zu der Zeit, wo Österreich alle Kräfte in seinen außerdeutschen Landen brauchte, die einzig sichere Gewähr gegen die allgemeine Auflösung, die von beutegierigen Nachbarn leicht hätte ausgenutzt werden können. Aber Preußens geringe aktive Macht war sast schon erschöpft, gebunden an die Plätze, wo sie stand, die Verwendung der Landwehr im inneren Kampfe unerwünscht, der Ernst der Lage nicht zu leugnen. — So konnte ein begabter General, dem es auch nicht an Entschlußkraft fehlte, dazu kommen, statt des Krieges nur die Parodie eines solchen aufzuführen. Zu allem übrigen kam, daß Dänemark durch russische Vermittlung nunmehr unmittelbar in Berlin um einen Waffenstillstand verhandelte, der zum Frieden führen sollte. Diese Verhältnisse bewogen General v. Prittwitz, nur so viel von Jüt- land zu besetzen, daß er seine Truppen dort verpflegen und die geforderte Zwangsauflage ausschreiben konnte. Er ließ am 13. Mai die 3. Division nach Horsens vorgehen, griff aber die Stellung von Skanderborg nicht an. Die 1. Division wurde nach Veile herangeholt, wo der Oberbefehlshaber sein Hauptquartier nahm. Die 2. Division blieb weiter rückwärts stehen, um nötigenfalls die Reservedivision im Sundewitt unterstützen zu können. Die dünische Hauptstreitmacht, die nach Fünen zurückgegangen war, schiffte sich wieder ein, und noch übersah man nicht, wohin sie sich wenden werde. So wurde, wie vor Fredericia, auch auf dem übrigen Kriegsschauplatze abgewartet. — Am 22. Mai erhielt General v. Prittwitz durch den preußischen Ministerpräsidenten die Nachricht, daß Preußen die dänischen Angelegenheiten 8«! II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 in die eigene Hand genommen habe und Weisungen aus Frankfurt nicht mehr zu befolgen seien. Damit hörte auch seine Autorität über die kleindeutschen Kontingente auf, die sächsische Brigade hatte schon den Abmarsch in die Heimat begehrt, um dort Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Er reichte seinen Abschied ein, blieb aber ohne Antwort. Dann folgte aus Berlin die Mitteilung, daß zehn russische Linienschiffe aus Reval ausgelaufen seien, um sich der dänischen Flotte anzuschließen. Jede Feindseligkeit gegen sie sollte aber auf strengste vermieden werden. Dabei waren die Wirren in Deutschland aufs höchste gestiegen. In Preußen wurden mobile Divisionen aufgestellt; alle Negierungen verlangten die Rückkehr ihrer Truppen aus Jütland. Man bedürfte der dort stehenden 60000 Mann dringend und wünschte allgemein irgendein Abkommen mit Dänemark. So wurde der Krieg fast zu einer schlechten, aber gefährlichen Posse, und an irgendeine energische Handlung war nicht mehr zu denken. Skanderborg wurde freilich am 23. Mai noch ohne Kampf besetzt, da General Rye inzwischen Befehl erhalten hatte, sich nach der durch die wiederhergestellte alte Dragmur und Kriegsschiffe geschützten Halbinsel Helgenäs in Sicherheit zu bringen. Aarhuus wurde frei gefunden, aber nur betreten und wieder verlassen, so daß die Dänen die Stadt neuerdings wieder besetzten. Dies sollte nicht geduldet werden, und General v. Hirschfeld, Kommandeur der 3. Division, ging am 31. Mai erneut gegen die Stadt vor. Als seine Vorhut sich ihr näherte, verließen die Dänen sie zum zweitenmal. Auf der Hochfläche jenseits aber legte ihre Kavallerie den preußischen Schützen, die unvorsichtig vordrangen, einen Hinterhalt und hätte sie überritten, wenn nicht 2 Eskadrons 11. Husaren unter Major V.Pfuhl, trotz schwierigem Gelände, sich mit großer Unerschrockenheit den dänischen Dragonern entgegengeworfen hätten. Sie trieben sie, ungeachtet der Überlegenheit an Zahl und schwererer Bewaffnung, vom Gefechtsfelde und machten 50—60 Gefangene auf einem von Knicks umschlossenen Felde. Freilich verloren sie 4 Offiziere 33 Mann, ein Sechstel ihrer Stärke tot und verwundet, aber der Erfolg blieb auf ihrer Seite. Die Dänen waren nun aus Aarhuus verscheucht. Da aber auch die preußischen Truppen den allgemeinen Anordnungen entsprechend wieder abzogen, kehrten sie nochmals zurück. Für diesen Fall war der Stadt ein Bombardement angedroht, unterblieb jedoch auf Befehl des Oberkommandos. Am Ende wurde Aarhuus durch Vereinbarung neutralisiert, und die bisherige Ruhe trat wieder ein. General v. Prittwitz wurde sogar vom preußischen Ministerpräsidenten aufgefordert, sich mit dem dänischen Ober- Vorgänge in Jütland und im Sundewitt L7 befehlshaber wegen Einstellung der Feindseligkeiten in Verbindung zu setzen, und wendete sich an General v. Bülow, der indessen ablehnte. Nun wurden vom 20. bis 22. Juni noch die nördlichen Bezirke von Skander- borg und Aarhuus besetzt, ohne daß es zum Kampfe kam. General Rhe wußte bereits insgeheim, daß 4 seiner Bataillone nach Fünen und 1 Batterie nach Fredericia eingeschifft werden würden und leistete keinen Widerstand. Ihm blieben in Jütland nur noch 2 Bataillone, 16 Eskadrons, 1 Batterie. Damit bei dieser trübseligen Kriegführung der Humor nicht ganz zu kurz komme, richtete die von dem inzwischen zusammengetretenen Stuttgarter Rumpfparlament ernannte Regentschaft aus einem Bierlokal der Stadt einen Befehl an den Reichsfeldherrn, „den Krieg gegen die Dänen rasch und energisch fortzuführen und namentlich ganz Jütland militärisch zu besetzen, damit baldigst ein ehrenvoller Friede geschlossen werden könne." Mehr konnte das Soldatenherz nicht wünschen. Schade nur, daß nicht die Befehle, sondern die Männer entscheiden, die sie geben — und diese hier waren ohne alle Macht. » 5 5 Im Sundewitt wurde am 6. Juni bei den Düppeler Höhen, wo von feiten der Deutschen eine Reihe von Werken und Batterien gegen den Sonderburger Brückenkopf in Bau genommen waren, kanoniert und geplänkelt; ein dänischer Dampfer durch einen glücklichen Schuß in Grund gebohrt — sonst blieb alles beim alten. In Jütland ließ sich am 9. eine sorglose kurhessische Husarenabteilung von einer dänischen Streifpartei überfallen und gefangen nehmen. Strafexpeditionen wurden abgeschickt, Streifereien gingen bis Ribe und Ring- kjöbing, Vorräte wurden zusammengebracht, der Feind aber wich überall aus. Es war, als seien die seligen Zeiten des „Kartoffelkrieges" wieder zurückgekehrt. Vor Fredericia richtete General v. Bonin sein Streben darauf, den Verkehr der Festung mit Fünen mehr und mehr zu unterbrechen. Eine Strandbatterie südwestlich der Stadt machte durch ihr Feuer die Landebrücken bei Strib unbenutzbar; die Dänen mußten eine neue weiter östlich anlegen, obwohl das Wasser dort flach war und nur Bootsverkehr gestattete. Um auch diesen zu hindern, wurde es nötig, eine Strandbatterie nördlich der Stadt zu erbauen. Von dort konnte man die neue Landungsbrücke auf 2700 Schritt Entfernung erreichen. Ihre von den Stellungen der Division völlig getrennte Lage aber erforderte besonderen Schutz. »8 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1843—1850 Gegen die Flotte wurden noch 2 andere Batterien und dahinter ein mit Geschütz besetztes Werk und Schützengräben angelegt. In der Nähe, bei Christinenberg, wurde ein Lager errichtet, eine ganze Brigade nach dem linken Flügel verlegt. Um ihr im Notfalle einen Rückzugsweg zu gewähren, bezeichnete man eine ziemlich tiefe Furt durch den Rands-Fjord mit Stangen. Am 19. Juni begannen die Arbeiten, aber Regen, Sturm und Kälte hinderten sie derart, daß sie erst gegen Ende des Monats vollendet waren. Die Schlacht von Fredericia am 6. ^uli ^3HZ (S. Skizze 9) Die Lage der schleswig-holsteinischen Division war recht eigentümlich. Im ersten Verfolgungseifer hatte sie sich in den Raum zwischen der Festung und dem Elbodal-Abschnitt hineinbegeben. Nun stand sie dort, etwa 14000 Mann stark, auf einer mehr als 10 Kilometer langen Linie unmittelbar vor der Festung ausgedehnt, mit dem Rücken an schwierigen Engwegen und konnte nicht vorwärts, nicht zurück. Fredericia ernsthaft anzugreifen, fehlten die Mittel; mit dem Stehenbleiben war wenig genützt, aber zum Zurückgehen konnte man sich auch nicht entschließen. Es hätte wie eine Niederlage ausgesehen und konnte zu einer solchen werden, wenn der Feind es wahrnahm und zum gleichen Zeitpunkte aus seinen Werken hervorbrach. Der feste Platz gewährte ihm dazu die Möglichkeit. Er stand auf dem Seewege mit allen übrigen dänischen Kampfmitteln und Streitkräften in Verbindung. Dänemark vermochte sein Heer im entscheidenden Augenblicke in Fredericia zu vereinigen. Und wo anders als hier hätte dies mit Aussicht auf Erfolg wohl geschehen sollen. Von Alsen aus konnte man durch den Sonderburger Brückenkopf nach dem Sundewitt vorgehen; dort aber war der Widerstand der deutschen Reservedivision zu überwinden, sehr bald auch der der 2. Division. Eine Landung an einem anderen Punkte der langen Küste, wo die Landenden keinen Rückhalt besaßen, konnte nur früher oder später zur Niederlage führen. Es blieb allein Fredericia übrig, vor dem die Holsteiner von aller Hilfe getrennt standen. Anfangs scheint man sich auf deutscher Seite über die Gefahr dieser Lage nicht klar gewesen zu sein. Mahnungen zur Wachsamkeit ergingen meist nur an die Befehlshaber anderer Küstenstrecken. Zu Anfang Juli wurden die Warnungszeichen häufiger. Alle von den Herzogtümern aus beobachteten dänischen Schiffe waren nach Norden in Bewegung, der Schiffsverkehr zwischen Fünen und der Festung besonders lebhaft. Kopenhagener Vorboten des dänischen Angriffs 59 Zeitungen sprachen von einem großen Unternehmen, das die „Insurgenten" treffen werde. Ein solches hatte im Hinblick auf die nahende Waffenruhe viel Wahrscheinlichkeit. Dänemark mußte danach streben, für die Friedensverhandlungen noch schnell möglichst günstige Vorbedingungen zu schaffen. Daß sich General v. Bonin gegen den Rückzug sträubte, der zum mindesten das Eingeständnis eines verfehlten Unternehmens blieb, versteht man wohl; weniger schon, daß er sich dem Vorschlage des Oberst v. Zastrow verschloß, die Dänen längs der Überschwemmung nur zu beobachten und die Division nach links in den Raum nördlich der Festung zusammenzuziehen. Unverständlich bleibt, daß vom Oberbefehlshaber nichts geschah, um die Holsteiner entweder zurückzurufen oder sie rechtzeitig zu unterstützen. Erst als am 5. Juli ein Deserteur bestätigte, was die übrigen Nachrichten schon deutlich genug besagten, wurden hierzu einige Vorbereitungen getroffen; doch war es jetzt zu spät. Die Dänen hatten bis zu diesem Tage nahe an 24 000 Mann in Fre- dericia versammelt und hielten davon 20000 Mann mit 48 Geschützen zum Ausfall bereit, die sich in eine Avantgarde unter General de Meza, die 3., 4. und S. Brigade unter den Generalen Schleppegrell, Moltke und Rye, sowie eine Reserveartillerie teilten. Die Kavallerie — 4 Eskadrons — befehligte Oberst Juel. Am Abend dieses Tages standen die Holsteiner wie folgt: Die Avantgarde unter Major v. Gersdorff bei Eritsö und am benachbarten Strande entlang, also auf dem rechten Flügel; die 2. Brigade, Oberst v. Zastrow, in der Mitte bei Stoustrup und Stallerup, — die Vorposten in den Werken, Batterien und Laufgräben an der Überschwemmung und östlich davon bis zum Apothekergarten; die 1. Brigade auf dem linken Flügel unter Major v. Stückradt bei Christinenberg und am Rands Fjord — die Vorposten in den Erdarbeiten auf dem Exerzierplatz und am Strande; die Kavalleriebrigade hinter dem Elbodal zu beiden Seiten der Straße nach Veile; General v. Bonin hatte sein Hauptquartier in Bredstrup. Die dem Feinde numerisch schon nicht unerheblich unterlegene Division war daher über einen Raum von 1^ deutschen Meile Länge und 1 Meile Tiefe zerstreut, bei jeder der drei vorderen Gruppen nur ein Teil in den Hüttenlagern versammelt. ->- -!- 91) H. Die Sturm- und Drangjahre von 1843—1360 M Holsteiner — ^ Dänen — Etwa 3^ Uhr morgens Brg. Rye vorwärts entwickelt. Die Überschwemmung füllte das Wiesental westlich Fredericia bis zum Zusammenfluß der beiden Quellbäche. Den Übergang am Strande der Möllebucht schloß das, bei der Beschießung zerstörte Blockhaus. Die holsteinischen Verschanzungen folgten von der Möllebucht dem westlichen Rande der Überschwemmung (Redouten 1. 2), führten dann zum Apothekergarten (nordwestlich hinter demselben Redoute 4, hinter dieser, von ihr durch die Schlucht getrennt, Redoute 3) und erreichten über den Exerzierplatz hinweg, etwa 10VV ra nördlich der äußersten Werke von Fredericia den Ostseestrand (Redoute 5). Laufgräben, Redouten und Batterien waren bei Beginn des dänischen Ausfalles von den holsteinischen Vorposten besetzt. Das Nordende des mehrfach genannten Elbodal wird am Rands Fjord sichtbar Die Schlacht von Fredericia 91 In der Nacht zum 6. Juli um 1 Uhr standen die Dänen innerhalb der Festung bereit, und das Unheil brach unaufhaltsam über die Belagerer herein. Die Avantgarde unter General de Meza, gefolgt von der Kavallerie, der Brigade Schleppegrell und der Reserveartillerie, brach auf der Nordseite des Platzes hervor und wendete sich etwas nordwestlich gegen Egum und Stallerup. Die Brigade Rye und hinter ihr Moltke schlugen die Richtung am Strande nordwärts ein, um später gegen Traelle und Jgeskov vorzugehen. Es bildeten sich auf diese Art zwei starke Ausfallkolonnen, die eine etwas über, die andere etwas unter 10 000 Mann, die nun auf den linken Flügel der 2. und die 1. holsteinische Brigade stießen. Ihr Übergewicht über die vereinzelten Abteilungen des Gegners machte sich bald fühlbar. General de Meza stürmte die Laufgräben zwischen dem Apothekergarten und der Überschwemmung, nahm die dort gelegene Mörserbatterie und die Redoute 4 nach tapferem Widerstande der Besatzung, umfaßte dabei mehr und mehr den linken Flügel der 2. Brigade und drang über die dahinter gelegene Schlucht hinweg bis zu deren Hüttenlager vor. Als von rückwärts das 2. und 8. holsteinsche Bataillon herankamen, gelang es noch einmal, die Dänen zurückzuwerfen und die von ihnen schon eingeschlossene Nedoute 3 wieder zu befreien. Bei dem Versuche, bis zu Redoute 4 vorzudringen, stießen die Holsteiner aber schon auf die anrückende dänische Brigade Schleppegrell, an der ihre Kraft erlahmte. Die Redoute wurde nicht erreicht und die Besatzung mußte sich später ergeben. Die zurückflutenden Bataillone wurden nun bis westlich über das Hüttenlager hinausgedrängt. Die holsteinische Mitte war damit durchbrochen; die Verbindung zwischen den beiden Flügeln hörte auf, der größere Teil der 2. Brigade befand sich in Auflösung. Nur das 7. und 10. Bataillon an der Überschwemmung hatten wenig gelitten; sie schlössen sich der Avantgarde an. Die beiden Redouten 1 und 2 wurden noch eine Zeitlang von ihren schwachen Besatzungen gehalten und fielen dann ebenfalls in dänische Hände. Von der 1. Brigade fehlten alle Nachrichten. Der auf dem Gefechtsfelde eingetroffene General v. Bonin tat, was er konnte. Er rief die Avantgarde und die Kavallerie nach dem Kampfplatze heran. Jene kam nach Stoustrup und nahm die geschlagene 2. Brigade auf, sammelte auch Versprengte der 1. Oberst v. Zastrow gelang es, bei Kobbelgaard an einem großen Knick eine neue Gefechtslinie zu bilden, und dort verblieb man, bis die 1. Brigade ihren Rückzug bewerkstelligt hatte. Dieser verlief sehr unglücklich. Die Brigade war etwas später als die 92 II- Die Sturm- und Drangjahre von 1848—18S0 anderen angegriffen worden. General Rye war dort am Ufer entlang bis zu den Verschanzungen vorgedrungen, fand aber bei dem 2. holsteinischen Bataillon unter Hauptmann v. Ahrenswald einen so tapferen Widerstand, daß noch ein Bataillon der Brigade Moltke eingesetzt werden mußte, um ihn mit sechsfacher Übermacht zu überwinden. Die Strandbatterien und Redoute 5 wurden angenommen. Die beiden bei Christinenberg lagernden Bataillone 1 und 4 kamen zu spät heran, um sie retten zu können. Sie hielten sich indessen am Nordrande des Exerzierplatzes eine Zeitlang, bis nach dem Fall von Redoute b die ganze Brigade Rye gegen sie verfügbar wurde. Der Rückzug wurde angetreten und fortgesetzt, obgleich jetzt mich die letzten Bataillone der Brigade, das 3. Jäger- und 3. Jnfanteriebataillon, herankamen; denn schon sah man die benachbarte 2. Brigade im Weichen. Man nahm die Richtung auf die bei Jgeskov liegende Furt. Die irrige Nachricht, daß diese von dänischen Kanonenbooten beherrscht würde, veranlaßte leider eine Änderung und den Versuch, nach Bredstrup durchzukommen. Da jedoch die beiden dänischen Brigaden lebhaft nachdrängten, so gelang dies nur noch dem 3. und unter großer Einbuße auch dem 1. Bataillon. Das 4. mußte wieder nach der Furt umkehren, durch welche Hauptmann v. Wrangel die Reste des 2. gerettet hatte. Es glückte ihm indessen nicht mehr zu entkommen. Nach Verlust seines Führers fiel es in Feindes Hand. Einen Teil des 3. Jägerbataillons traf das gleiche Schicksal. Um 6 Uhr früh erteilte General v. Bonin den Befehl zum Rückzug hinter das Elbodal, wohin man besser rechtzeitig und freiwillig abgezogen wäre. Das Gefecht endete bald danach; die Dänen folgten nicht über den Abschnitt hinaus. Noch am Vormittage begannen die Holsteiner den Weitermarsch auf Veile, das sie um 4 Uhr nachmittags erreichten. Ihr Verlust war groß, nämlich 38 Offiziere, 999 Mann an Toten und Verwundeten, 33 Offiziere, 1921 Mann an Gefangenen, im ganzen also 71 Offiziere, 2920 Mann. 36 Feld-, 26 schwere Geschütze blieben in dänischer Gewalt. Die Dänen büßten an Toten und Verwundeten 1773 Mann, an Vermißten 94 ein. Im nächtlichen Kampfe bei Redoute 5 war General v. Rye gefallen, von seiner Armee lebhaft betrauert. Der Schlag von Fredericia war für die Herzogtümer und ihre junge Armee schwer, der Verlust an Kriegsmaterial sehr empfindlich. Die Truppen gewannen freilich, aus der entscheidungslosen unbequemen Rolle vor einer Festnng, der sie nichts anhaben konnten, befreit, die gute Stim- Friedenspräliminarien und Waffenstillstand 95 mung schnell zurück. Man dachte daran, die Dänen wieder nach Fredericia hineinzuwerfen, und versammelte die Truppen zu diesem Zweck. Jene entzogen sich jedoch der Vergeltung und gingen nach Fünen hinüber. Die deutsche Armee blieb daher stehen und wartete ab, was der Feind weiter tun werde. Dieser hatte zu neuen größeren Unternehmungen keinen Anlaß, trat aber mit kleineren sehr keck gegen die bei Aarhuus stehende preußische Division auf, überfiel die Vorposten und machte Gefangene. „Einer Armee, welche auf alle Offensive verzichtet, werden solche Erfahrungen nicht erspart." Inzwischen traf am 19. Juli die Nachricht vom Abschlüsse der Friedenspräliminarien und des Waffenstillstandes ein. Die Bedingungen waren für Deutschland demütigend. Das zuvor laut anerkannte Recht der Herzogtümer auf Unteilbarkeit war preisgegeben, Schleswig von Holstein getrennt und noch dazu durch eine Demarkationslinie geteilt worden. Diese lief von der Ostseeküste südöstlich Flensburg zur Nordsee nördlich Tondern hinüber. Südlich davon sollten preußische, nördlich dänische, außerdem 2000 neutrale — schwedische — Truppen stehen. Alsen und Arrö blieben den Dänen. Die Bundestruppen marschierten ab; die schleswig-holsteinische Division mußte hinter die Eider zurückgehen. Eine gemischte preußische Abteilung blieb in Hamburg stehn. Die staatsrechtliche Ordnung des Verhältnisses der Herzogtümer zu Dänemark behielt man weiteren Verhandlungen vor. In Schleswig wurde eine Landesverwaltung durch einen von Preußen, einen von Dänemark ernannten Kommissar eingesetzt. Die Statthalterschaft der Herzogtümer verlegte ihren Sitz nach Kiel. Dänemark hob die Blockade auf, gab die genommenen Schiffe zurück und leistete Ersatz für den zur See angerichteten Schaden; Preußen sagte für Erstattung der Kontributionen und des Preises der fortgenommenen und nicht wiedergegebenen Pferde gut. Gegen dieses Abkommen legte die noch immer vegetierende deutsche Zentralgewalt ebenso wie die Statthalterschaft Verwahrung ein; die Landesversammlung trat ihr bei. Allein die Drohung, die Herzogtümer ganz sich selbst zu überlassen und ihre kleine Armee durch Abberufung der preußischen Offiziere nahezu kampfunfähig zu machen, zwang zum Nachgeben. Solange Deutschland keine Flotte besaß, ließ sich der Streit nur durch rücksichtslose Ausnutzung des dänischen Festlandes zu Ende führen. Dies Mittel aber versagte, wenn man nicht zugleich in der Lage war, die Einmischung anderer Mächte sür längere Zeit fern zu halten. Dazu fehlte Deutschland in seiner augenblicklichen Verfassung die Kraft. Es war zudem nie zwiespältiger in seinem Innern, „als zur Zeit, wo seine Einheit mit hohen Worten von Frankfurt aus verkündet worden." ö-1 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 Ohne den ernsten Entschluß, ihn bis zur endgültigen Entscheidung durchzukämpfen, war der Krieg begonnen und daher mit Lauheit geführt worden. Die stille Hoffnung, Dänemark würde ein Einsehen haben und nachgeben, auch wenn es nicht dazu gezwungen war, mußte zur Enttäuschung führen. Unter solchen Umständen konnte in den militärischen Operationen nichts anderes zum Ausdruck kommen, als dieselbe Plan- und Ratlosigkeit, wie sie in der Politik herrschte, und es ist eine bittere Ironie des Schicksals, daß die einzige energische Kriegshandlung, die den Namen einer Schlacht verdient, von dem unendlich viel schwächeren Dänemark ausging. Wohl hatte Preußen inzwischen die Unruhen im eigenen Lande, in Sachsen, der Pfalz und Baden unterdrückt, aber die künftige innere Gestaltung Deutschlands war noch eine ungelöste Frage. Österreich fand Zeit genug, seine italienischen Besitzungen wiederzuerobern, Sardinien zum Frieden zu zwingen und mit Rußlands Hilfe die Erhebung Ungarns niederzuwerfen. Es konnte sich seinen deutschen Interessen wieder zuwenden, und hier stand es Preußen feindlich gegenüber. Dieses aber hatte bei seiner damaligen Heeresverfassung nicht die Kraft, den großen Zwiespalt zu^ entscheiden. Es mußte sich mit ihm einigen und, da ihm auch Rußland und England abhold waren, als der schwächere Teil nachgeben. Das gebot, mit Dänemark um jeden Preis Frieden zu schließen, um auf alle Fälle den Rücken frei zu haben. — Trotzdem sollte noch ein volles Jahrzehnt vergehen, ehe seine kriegerische Erstarkung durch einen weisen Monarchen begonnen wurde. 5. Der Ariegsmarsch durch die Pfalz und Baden ^8^9 (S. Skizze 10) Während der Feldzug auf der jütischen Halbinsel sich seinem Ende zuneigte, waren im Südwesten Deutschlands Ereignisse eingetreten, die man zwar nicht als einen Krieg bezeichnen kann, die aber doch in die historische Kette der kriegerischen Entwicklung Deutschlands gehören. Man darf sie nicht unbeachtet lassen, wenn man die Bedeutung der Vorgänge ganz begreifen will, mit denen nur 16 Jahre später das große Werk der Einigung unseres Vaterlandes begann. Ihre Betrachtung wird zugleich verstehen lassen, wie es gekommen ist, daß ganz Europa sich bis 1866 über die militärische Kraft und die Schlagfertigkeit Preußens vollkommen getäuscht hat. Die französische Februarrevolution und die Frankfurter Ereignisse von 1848 machten ihren Einfluß begreiflicherweise in den deutschen Grenzländern, der bayerischen Pfalz und in Baden am meisten geltend. Volks- Erste Unruhen in Baden 95 vereine bildeten sich, die ihre Verzweigungen nach Frankreich und der Schweiz hinein erstreckten, und die eine freie Verfassung, Vernichtung aller bisherigen Autorität und Einigung Deutschlands durch eine allgemeine Volkserhebung anstrebten. Baden, wo seit 1839 ein unbeliebtes Ministerium die Unzufriedenheit besonders stark erregt hatte, wurde der Herd für die gesamte politische Bewegung, soweit sie revolutionärer Natur war. Auf seinem Boden bildeten sich über 400 Klubs mit mehr als 60 000 Mitgliedern, deren einheitliche Organisation und Tätigkeit der Advokat Lorenz Brentano übernahm. Neben ihm traten Hecker, der Führer der Radikalen im badischen Landtage, und dessen Freund und Gesinnungsgenosse Struve als Schürer der Unruhen und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt hervor. Begabte und verwegene Frauen wurden ihnen zu energischen Helferinnen. Volksversammlungen in Mannheim, Offenburg und Heidelberg gebärdeten sich als Inhaber der höchsten obrigkeitlichen Gewalt; die junge Mannschaft übte sich allerorten unter „Leitmännern" in den Waffen. Volkswehren begannen sich zu bilden. Die Vorspiegelung, für die Durchführung der künftigen Reichsverfassung zu wirken, verlieh in den Augen der erregten Massen dem wüsten Treiben den Anschein der Legalität. Hecker hielt den Augenblick bereits für gekommen, um Gewalt zu brauchen. Er begann im April 1848 von Konstanz am Bodensee aus an der Spitze von Freischaren einen Zug zur Jnsurgierung des ganzen Badener Landes. Die badische Regierung hatte sich inzwischen an den Bund gewendet, und der Großherzog Leopold den niederländischen General v. Gagern an die Spitze seiner Truppen gestellt. Bei Kandern im Schwarzwald stieß er mit einer Abteilung Badener und Hessen am 20. April auf Hecker, versuchte zu vermitteln und ward dabei erschossen. Die Seinen sprengten hierauf in kurzem, unbedeutendem Gefecht den Heckerzug, dessen Führer, von seiner Frau begleitet, auf Schweizer Boden flüchtete. Struve, der zur Unterstützung Heckers herbeigeeilt war, erlitt erst bei Steinen im Wiesetal nördlich von Lörrach eine Schlappe und wurde dann am 23. April bei Günterstal nahe südlich Freiburg durch den badischen General Hoffmann leicht geschlagen und verjagt. Herwegh, der seine Hilfe bis dahin vergeblich angeboten hatte, kam mit einer Freischar von 800 Mann aus Frankreich herüber, traf aber am 27. April mit einer württembergischen Kompagnie zusammen und hatte das Schicksal seiner Freunde. Die Hälfte seiner Truppen wurde gefangen; er selbst entkam, nebst Gattin, wie die übrigen Freiheitshelden, glücklich auf Schweizer Boden. Das unruhige Freiburg war schon am 24. von Bundestruppen wieder besetzt worden. ««0 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 Die bewaffneten Putsche waren damit zunächst beendet. Die Bewegung aber dauerte fort. In Nastatt zeigte sich die Garnison widersetzlich. In der bayerischen Pfalz meuterten zwei Kompagnien; ein Landesverteidigungsausschuß wurde gewählt, die Zahlung von Steuern und die Stellung von Rekruten verweigert, am 16. Mai sogar eine provisorische Regierung zu Kaiserslautern eingesetzt und die Loslösung von Altbayern verkündet. Als die Bundestruppen das Land wieder verlassen hatten, erneuerten sich sogar die Erhebungen mit der Waffe. Gleichzeitig mit dem Straßenaufruhr in Frankfurt a. M. proklamierte der aus der Schweiz zurückgekehrte Struve am 21. September von Lörrach aus feierlich die deutsche Republik. Sein Freiheitsheer wurde am 24. September bei Staufen im Münstertal von General Hoffmann auseinandergetrieben und hatte ernstliche Verluste. Er selbst wurde tags darauf verhaftet und später zu schwerer Kerkerstrafe verurteilt. Damit war auch der Struveputsch erledigt. Wohl einsehend, daß sie nichts ausrichten würden, wenn es ihnen nicht gelang, die Truppen zu gewinnen, betrieben die Aufrührer deren Verhetzung mit verdoppelter Energie. Flugschriften forderten sie zur Ermordung der Offiziere, zur Wahl anderer und zur Erhebung auf. Die ihrem Fürsten treu Bleibenden wurden mit wüsten Drohungen überschüttet. „Die Zeit wird kommen, wo an jedem Baum des Feldes einer von euch, ihr verfluchten Vater- und Brudermörder, hängen wird!" Leider waren die Zustände bei den badischen Truppen jener Zeit derart, daß die Verführung vorbereiteten Boden fand. Sparsamkeitsrück- sichten hatten die Dienstzeit bei der Fahne mehr und mehr durch Beurlaubungen beschränkt. Die Kompagnien brachten gewöhnlich nur 25 bis 40 Mann zum Dienste zusammen; die Leute wurden den Offizieren entfremdet; deren Einwirkung konnte sich nicht fühlbar machen. Auch das Offizierkorps besaß seine Mängel. In den höheren Rangstufen befanden sich noch vielfach Männer, die unter Napoleon I. ihre Schule in Rußland und Spanien durchgemacht hatten; sie befolgten ein System barscher und mechanischer Strenge, ohne die Hilfe moralischer Mittel. Der geringe Mannschaftsstand zwang viele zur Untätigkeit und hatte sie in einem mehr als dreißigjährigen Frieden die alte soldatische Energie verlieren lassen. Die jüngere, ganz im Frieden groß gewordene Generation stand ihnen fern; sie wurde von ihnen wenig beachtet. Eine übertriebene Milde von oben her hatte dem einzelnen viel Spielraum gewährt, dem Übermut, der Roheit und Frivolität oft zu fehr die Zügel schießen lassen. Das kam in der Behandlung der Soldaten zum Ausdruck, die in dem Offizier nur den polternden und strafenden Vorgesetzten, nicht den Lehrer und Freund Verführung der badischcn Truppen 9 7 sahen. Die nach den ersten üblen Erfahrungen in Eile getroffenen Maßnahmen, die Ernennungen von Unteroffizieren zu Offizieren, wodurch die herrschende Unzufriedenheit gebannt werden sollte, schadeten mehr, als daß sie nützten. Der Versuch, auf die politische Stimmung der Leute einzugehen und jene zu leiten, schädigte die Disziplin. Der Anblick der grenzenlosen Schwäche der Regierung gegenüber den Umsturzbestrebungen, die wachsende Dreistigkeit und der Trotz der Revolutionäre konnte in der Armee nicht ohne Eindruck bleiben. Einer Autorität, die sich selbst aufgibt, hängt niemand an. Keine Revolution ist zum Ziele gelangt ohne mittelbare Begünstigung durch die Regierung, die gestürzt werden sollte. Eine allgemeine Amnestie für die Aufrührer verwirrte die Rechtsbegriffe, und diese Verwirrung ward noch gesteigert durch die Verkündigung der sogenannten deutschen Grundrechte von feiten des Neichs- verwesers am 21. Dezember 1848. Dazu kam die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, welche zahlreiche demokratisch gesinnte Halbgebildete den Fahnen zuführte. Leute, die mit Hecker und Struve gelaufen, traten später in die Truppe ein. Die bedeutende Vermehrung der Rekrutenzahl führte zu einer noch schlimmeren Abkürzung der Dienstzeit des einzelnen. Die Gewöhnung an Zucht und Gehorsam konnte dabei nicht durchdringen. Den Soldaten wurde unbegreiflicherweise gestattet, eigene Klubs zu bilden, die natürlich mit der revolutionären Propaganda Verbindung hielten. Diese verhieß ihnen eine allgemeine Verbesserung der Lage des Soldatenstandes und suchte sie damit zu gewinnen. Den Funken ins Pulverfaß schleuderten die Vorgänge vom 23. und 29. März 1849 zu Frankfurt a. M, wo das Parlament die Reichsver- fasfung bestätigte, das deutsche Erbkaisertum verkündete und die Wahl des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser vollzog. Die breite Masse entnahm daraus zunächst nur, daß es mit der ihr zunächst stehenden Autorität der eigenen Landesregierung nunmehr zu Ende sei, während es noch nicht feststand, welche neue an ihre Stelle treten solle. Die Aufregung stieg. In Rastatt kam es zu den ersten ernsten Unruhen. Der Platz war von Rechts wegen Bundesfestung, aber als solche noch nicht ausgebaut, und über die gemeinsame Besetzung stritt man am Bunde hin und her. So kam es, daß mit Ausnahme geringfügiger österreichischer Abteilungen die ganze Garnison noch aus badischen Truppen bestand. Diese beteiligten sich am 9. Mai an Volksversammlungen und trugen schwarz-rot-goldene Fahnen mit geschwungenen Säbeln durch die Straßen. Offiziere und Generale, die dem Unfug steuern wollten, wurden Frhr. v, d, Goltz, Kriegsgeschichte II 7 98 II. Die Sturm- und Drangjahre von 1848—1850 verhöhnt, mißhandelt oder verwundet. Der Ausruhr nahm in den folgenden Tagen seinen Fortgang. Am 12. Mai mußte der persönlich herbei- geeilte Kriegsminister, General Hoffmann, die Festung verlassen; die Tore wurden geschlossen, die Wälle besetzt, Vorposten ausgestellt. Die Mannschaft wählte einen eigenen Kommandanten. Abordnungen reisten zur neuen großen Landesversammlung nach Offenburg, welche die Schicksale des Volkes in die Hand nehmen sollte. Der Abfall breitete sich nunmehr mit Schnelligkeit weiter aus. Am 11. Mai war Freiburg dem Beispiele Rastatts gefolgt. Die Besatzungen von Lörrach, Kehl und der Grenze schloffen sich der Bewegung an. In Karlsruhe wurde der Aufruhr am 13. Mai durch zwei von Bruchsal zur Verstärkung herangezogene Kompagnien zum Ausbruch gebracht, welche, schon vorher für die Sache der Erhebung gewonnen, sich trunken in der Stadt zerstreuten und die eben auf die Reichsverfassung vereidigten übrigen Truppen zum Aufruhr brachten. Bei dem Versuch, die Meuterer in einer der Kasernen zur Ruhe zu bringen, geriet Prinz Friedrich von Baden — der nachmalige Großherzog — in Lebensgefahr und wurde nur mühsam gerettet. Großherzog Leopold und ein kleiner Truppenrest verließen am Abend die Residenzstadt, die Ministerien folgten. Die badische Regierung wurde nach Frankfurt a. M. verlegt, die Reichsgewalt und Preußen um Hilfe angerufen. Baden befand sich also in den Händen der Aufständischen. Der schon zuvor in Offenburg gebildete Landesausschuß hielt am 14. Mai seinen feierlichen Einzug in Karlsruhe und übernahm, unter Brentanos Vorsitz, die Regierung. Am 17. Mai wurde die Vereinigung der Rheinpfalz mit Baden ausgesprochen und beide in militärischer Hinsicht für ein Land erklärt. Die von ihren Truppenteilen entfernten Soldaten und Offiziere erhielten die Aufforderung, zur Fahne zu eilen. Die fehlenden Offiziere wurden ernannt, die Verwaltung 64 Zivilkommissaren unterstellt, eine Art Ministerium gebildet. Die Wiederherstellung des Heeres begann sogleich. Außer den vorhandenen S Jnfanterieregimentern, 3 Dragonerregimentern, 3 Fußbatterien und einer reitenden, zusammen 12000 Mann, errichtete man SV Bataillone Volkswehr in Baden, 25 in der Rheinpfalz. Hierzu traten noch Freischaren, bewaffnete Turner usw. Tatsächlich verfügten die Aufständischen beim nahen Ausbruche der Feindseligkeiten in Baden über rund 30 000 Mann mit 60 Geschützen, in der Rheinpfalz über 12 000 Mann. Geldmittel fanden sich hinreichend in den Staatskassen vor; der bis dahin sehr kärgliche Sold der Truppen erfuhr eine Aufbesserung. Die badische Regierung verläßt das Land !>',» Eine Deputation ging nach Paris, um Frankreich zum Kriege gegen Preußen aufzustacheln. Der Versuch, die Insurrektion nach Oberhessen hinüberzutragen, scheiterte an dem Widerstande der hessischen Truppen, die bei der ersten zu diesem Zwecke berufenen Volksversammlung energisch einschritten, während die Regierung die unruhigen Bezirke sofort in Kriegszustand versetzte. Ein Handstreich der Pfälzer unter Blenker gegen die Bundesfestung Landau mißlang, da die zusammengebrachten 3000 Mann mit 2 Geschützen eiligst umkehrten, als sie von den Werken her mit Feuer empfangen wurden. An die Spitze der Aufrührer wurde der ehemalige badische Leutnant Sigel, ein erst 27 Jahre alter, militärisch begabter Mann berufen, den Brentano bei der am 27. Mai nahe vor Mannheim abgehaltenen Parade den Truppen als Oberbefehlshaber vorstellte. Dessen Absicht war es, erst Württemberg für die Sache der Revolutionäre zu gewinnen und so seine Streitmittel zu vermehren, ehe er weiteres unternahm. Brentano wollte sogleich mit Gewalt durch Hessen gegen Frankfurt vordringen, um dort dem schon ganz demokratisierten Parlament als Rückhalt zu dienen. Bei Heppenheim standen die hessischen Vortruppen unter General von Schäfser-Bernstein, dem zum Reichsgeneral ernannten Peucker unterstellt. Sie sollten am 30. Mai in der Front festgehalten, zugleich aber durch den Odenwald umgangen und die Aufmerksamkeit der übrigen Reichstruppen durch Vorstöße der Pfälzer auf Worms und Oppenheim abgelenkt werden. Das Unternehmen scheiterte jedoch völlig, da sich der geradenwegs auf Heppenheim vorgehenden Kolonne, als sie dort unerwartet auf lebhaften Widerstand stieß, eine Panik bemächtigte. Bei Heinsbach brachte Sigel, der hier persönlich befehligte, die Fliehenden zwar zum Stehen; als die Hessen jedoch folgten, ging ihre Flucht weiter auf Weinheim, ja sogar bis Heidelberg. Aus Worms, das sie vorübergehend besetzt hatten, waren die Aufrührer schon tags zuvor wieder vertrieben worden, so daß die dazu entsendeten Abteilungen rechtzeitig nach Heppenheim hatten herangezogen werden können. Hier war im Augenblick nicht nur die ganze hessische Division verfügbar; sondern es standen auch beträchtliche Verstärkungen an anderen Reichstruppen in der Nähe; und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß, wenn diese Streitkräfte energisch vorgeführt worden wären, sie der badischen Bewegung schon jetzt ein Ende hätten bereiten können. Allein die innere politische Verwirrung Deutschlands ließ es nicht dazu kommen. Die Zentralgewalt verwies auf Preußen und dieses auf das eben gegründete Dreikönigsbündnis. 7* 100 II. Die Sturm- und Dranjgahre von 1848—1850 Der Versuch, Württemberg zu insurgieren, scheiterte an der Festigkeit seines Königs. Die Aufforderung der am 1. Juni gebildeten badischen provisorischen Regierung zum Anschluß an den Aufstand wurde mit der Verhaftung ihres Sendboten beantwortet. Sie machte sich hierauf am 3. Juni unnötigerweise durch eine Kriegserklärung an Württemberg lächerlich, die keine andere Folge hatte, als daß die württembergische Kammer „ihrer ernsten und tiefsten Entrüstung" darüber Ausdruck verlieh. Die Wirkung des ersten Schrecks schwand jedoch, da die Verfolgung durch die Reichstruppen ausblieb. Alle in Baden verfügbaren Streitkräfte wurden an den Neckar gesandt, Mieroslawski, der inzwischen eine Gastrolle auf Sizilien gegeben, als Oberbefehlshaber und Sigel in die provisorische Regierung berufen. Mittlerweile hatte sich Preußen sowohl wie die Reichsgewalt zum Eingreifen entschlossen. Zwei preußische Armeekorps wurden zusammengezogen, das 1.: 23 Bataillone, IS Eskadrons, rund 20 000 Mann mit 50 Geschützen unter General v. Hirschfeld im südlichsten Teile der Rheinprovinz, das 2.: 17 Bataillone, 16 Eskadrons, rund 15000 Mann mit 30 Geschützen unter General v. d. Grüben bei Frankfurt a. M. Als 3. Korps trat das Neckarkorps unter General von Peucker hinzu, das, abgesehen von einem preußischen Bataillon, ganz aus den Bundestruppen gebildet wurde und 19^/z Bataillone mit 9 Eskadrons, rund 18 000 Mann mit 24 Geschützen, zählte. So waren denn im ganzen 53000 Mann mit 104 Geschützen verfügbar, den Aufstand niederzuschlagen. War, der Zahl der Bewaffneten nach, diese Übermacht auch keine so erhebliche, daß sie jede Hoffnung auf einen Vorteil beim Gegner vom Anbeginn ausschloß, so wurde sie doch erdrückend durch die bessere Bewaffnung, Ausrüstung und Mannszucht, die sich der größeren Zahl beigesellte. Zudem standen in unmittelbarer Nähe noch andere Bundestruppen und ein bayerisch-westfränkisches Korps, die herangezogen werden konnten, um bei der Unterdrückung der Insurrektion mitzuhelfen. Es war möglich, die dazu verfügbare Streitmacht auf 70 000 Mann zu bringen. Den Oberbefehl übernahm der Prinz von Preußen, der am 12. Juni in Mainz eintraf. Die Absicht war es, aus drei Richtungen gleichzeitig in Baden einzudringen, dabei die Neckarstellung, in der sich die meisten und besten Streitkräfte der Aufrührer befanden, von allen Seiten gleichzeitig anzugreifen. Das 1. Korps sollte durch die Pfalz vorgehen, sie vom Gegner säubern, dann bei Germersheim den Rhein überschreiten und bei Wiesloch hinter jener Stellung erscheinen, gegen die gleichzeitig das 2. Preußen und die Reichsgewalt greifen ein 101 "».!-'""-, vll. / > 5 > c>, ^/>^s/<7 ^^X^ siN>7S X ÄVs^ss^/>s//?7 s/s s n //e,>isbs<Ä F ,^ ^ . »»s/o^?/c/>s/!>s o/ls/s^/s/ ^ 7 U^"" / / ^ . ^ F^s0's/,ö-,/-o- ^ ! I I.u6^.ß-^ X-^ ^-H^..,, .Mi6eIde^^W^' ^ r,^As»c- ?) ^v^sc/'s/^e>^>-/^Ä. ^tz °-F ^W^/,sü^s/ "/^MK^S^a .-Ä^icisuv ^5 ^ o«/^. ^ . /^^ee^e.sAim>^5^ ^ > ^>yst>s^ 's/S-/--// />7^/>S//?? Ä»«,,^...^? ZVM^^^K^"^ ' ^ >?^Mslciip » Die Mobilmachung von 1850 hatte indessen so erhebliche Mängel im Zustande des Heeres erkennen lassen, daß es unmöglich war, vor ihnen die Augen zu verschließen. Da alle Bestimmungen auf regelmäßige Verhält- Nachwirkungen der Mobilmachung von 1850 149 nisse und die Anwesenheit der Truppen in ihren Friedensstandorten berechnet waren, trafen sie zurzeit, wo beide vielfach getrennt waren, nicht zu. Auf die zweckmäßige Benutzung der wenigen Eisenbahnen verstand man sich noch nicht. Menschen, Pferde, Vorräte stauten sich an den Schienenwegen; denn man hatte die Reserven der Linie und die Wehrmänner beider Aufgebote gleichzeitig einberufen. Auch die Gestellungsorte waren schnell überfüllt; Unterkunft und Verpflegung reichten nicht aus. Die üblen Erfahrungen der letzten Jahre hatten dazu geführt, daß durch ein Gesetz vom 27. Februar 1850 für die Unterstützung der zurückbleibenden Soldatenfamilien gesorgt worden war. Die Mannschaften kamen williger als bei den vorangegangenen Einberufungen zur Fahne. Große Mißstimmung erregte aber bei den Älteren und Verheirateten das Zurückbleiben der zahlreichen jungen wehrfähigen Leute, die sich sreigelost hatten. Es fehlte auch diesmal nicht an Ausschreitungen und darauf folgenden schweren Strafen. Der Übergang auf den Kriegsfuß vollzog sich sehr langsam; er nahm bis zu sechs Wochen in Anspruch. Bei den Linientruppen waren die herrschenden Zustände erträglich; übler sah es bei der Landwehr aus, zumal bei den ältesten Jahrgängen. Sie erschienen vielfach in bürgerlicher Kleidung mit schlechten Waffen und mangelhaften Ausrüstungsstücken. Dabei war die Mannschaft ohne hinreichende Übung, die Offiziere ohne die nötige Kenntnis des Dienstes. General v. Bonin, der bewährte Führer der Holsteiner, schrieb: „Die Landwehroffiziere sind wenig brauchbar; sie verstehen nicht zu befehlen und finden, da es ihnen zwar in der Regel nicht an Eifer und gutem Willen, aber an sachgemäßer Ausbildung fehlt, nur zögernd Gehorsam. Die Landwehrunteroffiziere taugen noch weniger. Den Mannschaften fehlt es an Schulung und Disziplin; von der öffentlichen Meinung verleitet, bilden sie sich aber ein, der Kern und Rückhalt der Armee zu sein. Unter schwierigen Verhältnissen, Entbehrungen und Rückschlägen würden diese Truppen nicht die Probe bestehen." Selbst die Volkstümlichkeit der Landwehr hatte erheblich gelitten. Es entstand ihr im Abgeordnetenhause damals nicht ein einziger Verteidiger gegen die Angriffe der Konservativen. Die Fehler der ganzen Einrichtung, die Schäden, welche sie für das Erwerbsleben des Volks mit sich brachte, waren allzu deutlich hervorgetreten, als daß einigermaßen einsichtsvolle Männer sich ihrer Anerkennung hätten entziehen können. Leider hielt das Verständnis der Verblendung durch politische Leidenschaft nicht lange stand. Seit dem November 1849 bestand eine Armeereformkommission, die aber in der Unruhe der Zeit nicht zur praktischen Wirksamkeit gekommen war. 150 III. Die Zeit des Stillstandes Im März 18S1 forderte das Kriegsministerium Berichte über den Verlauf der letzten Mobilmachung ein, die fast sämtlich abfällig lauteten. Die Notwendigkeit der Heeresreform machte sich von neuem derart fühlbar, daß es schien, sie könne nicht mehr zurückgewiesen werden. Das tätigste Mitglied der Novemberkommission, General v. Stockhausen, war inzwischen Kriegsminister geworden. Statt aber kräftig für die Verwirklichung seiner früheren Entwürfe einzutreten, schreckte er jetzt vor den unvermeidlichen Kosten einer wirksamen Heeresverstärkung zurück. So unterblieb diese wiederum. Nur im einzelnen wurde manches gebessert, zumal die Artillerie durch Erhöhung ihrer Bespannung im Frieden mehr für die Feldverwendung vorbereitet. Auch sollte die seit 1848 tatsächlich drei Dienstjahre bei der Fahne festgehaltene Infanterie von nun ab dauernd zur dreijährigen Dienstzeit zurückkehren. Ersparnisrücksichten ließen diese freilich bald wieder zu einer zweieinhalbjährigen verstümmeln. Weder die Vermehrung noch die Verjüngung der Armee wurden im großen Stile durchgeführt. General v. Bonin trat an Stockhausens Stelle. Das wichtigste war eine Kabinettsorder des Königs vom 29. April 1852. Sie hob die Trennung der Landwehr und Linie auf, wie sie Boyen geschaffen hatte, und vereinigte in den Brigaden je ein Landwehrregiment mit einem Linienregiment, wobei beide im allgemeinen die gleiche Nummer trugen. Durch diese engere Verbindung sollte die bessere Ausstattung der Landwehrregimenter mit Offizieren und Unteroffizieren der Linie gefördert und ihnen ein festerer Halt gegeben werden. Die Landwehrbataillone erhielten schwache Stämme und Kompagnieführer, von denen je zwei der Linie angehörten. Auch für die Landwehrkavallerie geschah einiges. Jedes ihrer Regimenter wurde einem Linienregiment zugeteilt, dessen Uniform es mit geringfügigen Änderungen trug und das auch die Sorge für Bekleidung und Ausrüstung übernahm. Je zwei traten mit zwei Linienregimentern zu einer Brigade zusammen. Auch zugunsten des Schmerzenskindes der Armee — des Trains — ward ein schwacher Anlauf genommen. Stämme wurden dafür geschaffen und bei der Kavallerie schon im Frieden Mannschaften für den Kriegsbedarf flüchtig ausgebildet. Ohne Frage erschienen diese Maßregeln als Verbesserungen gegenüber dem alten Zustande; aber die allgemeine Reform zur Verjüngung und Vermehrung der Armee, auf der Deutschlands Hoffnungen beruhten, blieb aus. Nicht einmal die dritten Bataillone der Reserveregimenter wurden aufgestellt. Die beiden größten Mängel des Wehrgesetzes vom 3. September Gute Eigenschaften des Osfizierkorps 151 1814, mit dem man unter dem Drucke der Not hatte rechnen müssen, nämlich die Zusammensetzung des Feldheeres aus zwei der Zahl nach etwa gleich starken, aber in ihrer Natur sehr verschiedenen Bestandteilen und das Fehlen eines gesetzlich bestimmten Verhältnisses zwischen Bevölkerungszahl und Rekruteneinstellung waren nicht beseitigt worden. Eine Vermehrung des aktiven Osfizierkorps fand endlich statt, um den Bedarf der Landwehr zu decken. Ein wenig wurde damit den ungünstigen Avancementsverhältnissen im Offizierkorps aufgeholfen, aber sie blieben noch immer schlecht genug. Es ist nicht zu verwundern, wenn den vom Dienste nach damaligen Begriffen stark in Anspruch genommenen, in der Öffentlichkeit vielfach angefeindeten, oft von materiellen Sorgen niedergedrückten Offizieren die geistige und auch die körperliche Frische verloren ging. Pflichttreue und ritterliche Gesinnung, das Erbteil der altpreußischen Zeit, blieb ihnen freilich eigen. Mit verschwindenden Ausnahmen hatten sie während der letzten bewegten Jahre felsenfest auf ihren Posten gestanden. Das waren treffliche Eigenschaften, aus die sich für die Zukunft aufbauen ließ, aber sie allein genügten nicht, das Heer für die ihm beschie- denen historischen Aufgaben vorzubereiten. Kurz vor der Sturm- und Drangperiode hatte die preußische Infanterie das Reglement von 1847 erhalten, das unter der Einwirkung einer mehr als dreißigjährigen, ununterbrochenen Friedenszeit entstanden war. Das ewige Verlangen aller mittelmäßigen Geister nach Vorschriften für ihr Tun, nach Bestimmungen sür alle Einzelheiten, die ihnen obliegen, hatte sich inzwischen geltend gemacht. Das unter dem gewaltigen Eindruck großer Kriegsereignisse niedergeschriebene Reglement von 1812, das in der Ausführung der Bewegungen viel Freiheit je nach Umständen, Zweck und Gelände ließ, war mit der Zeit durch eine Fülle von Zusätzen seiner Einfachheit beraubt worden. 1847 hatte man geglaubt, seine Lücken ausfüllen und die kleinen Geister von ihren Zweifeln befreien zu müssen. Scharnhorsts Lehre, daß „alle zusammengesetzten und gekünstelten Bewegungen, die man nie vor dem Feinde anwenden wird, selbst von den Übungsplätzen verbannt fein sollen", war vergesfen. „Für alle Fälle, die im Kriege eintreten konnten, sollte ordnungsmäßig und reglementarisch gesorgt werden; nicht die Überlegung des konkreten Falles auf dem Gefechtsfelde dem Feinde gegenüber, sondern die Überlegung eines Rezepts vom grünen Tisch, das dann auf dem Exerzierplatz eingeübt wird — erhielt Geltung." Das Kolonnenbilden aus der Linie durch Vor- oder Vor- und Hintereinanderschieben der Züge des Bataillons und die „Deployements" aus der Tiefe kamen wieder zu 152 III. Die Zeit des Stillstandes ihrem Vollen Rechte und wurden aufs genaueste vorgeschrieben. Welche Mühe kostete ihre Einübung. Gar die Bildung der Schützenzüge aus dem dritten Gliede, der Platz, auf den sie sich aufstellten bei den verschiedenen geöffneten und geschlossenen, rechts und links abmarschierten Kolonnen, die Art des Schwärmens und des Herausführens der Unterstützungstrupps, die bei Kolonnen- und Linienstellung des Bataillons verschieden war, die schulgerechten Bewegungen der Schützenlinien „mit Grazie variiert durch das Ansetzen rechtwinkliger Offensiv- und Defensivslanken — das alles zusammen bildete eine Wissenschaft für sich, die der Schützenkapitän des Bataillons manchen Nachmittag mit den Schützenzügen oder deren Offizieren und Unteroffizieren im Skelett übte." Die Achsschwenknngen, bei denen die Linie des Bataillons sich wie zwei gegenüberstehende Windmühlenflügel um den Mittelpunkt drehte; die Kontermärsche, die es ermöglichten, eine Linie kehrtmachen zu lassen, aber doch das erste Glied wieder vorn und den größten Mann wieder auf dem rechten Flügel zu haben — ein Triumph der Elementartaktik — und ähnliche „Paradetänze" waren sorgsam erhalten, das Reglement aber 100 Seiten länger geworden als das alte. Mit der Brigade, die 1812, durch Zugabe von Artillerie und Kavallerie selbständig gemacht, nur wenig allgemeine Anweisungen für Aufstellung und Verwendung erhalten hatte, sollte von nun ab ordentlich exerziert werden. „Saldern und seiner Genossen Geist beherrschte wieder die Situation." Die zahlreichen Wiederholungen der nicht gelingenden Bewegungen, so lange bis sie den Rädern des Uhrwerks gleich abliefen, kamen wieder in Gebrauch. Der Felddienst, der dem einzelnen Manne soviel Gelegenheit gab, sich in Haltung und Drill zu vernachlässigen, wurde auf das knappste Zeitmaß zusammengedrängt. Nicht ganz mit Unrecht spotteten die Jungen, daß es bei manchen Truppenteilen überhaupt nur „die Felddienstübung" gab, d. h. die eine im Jahr, wie das Jahresfest eines Sportklubs. Der ganze Dienstbetrieb atmete Gleichmäßigkeit und Langeweile. Vormittags drei, nachmittags zwei Stunden Exerzieren mit ewigen Wiederholungen, früh und abends je eine Stunde „Instruktion", d. h. Unterricht, der sich hauptsächlich an das Gedächtnis wendete und dem Auswendiglernen eines Frage- und Antwortspieles sehr ähnlich sah, dazwischen ab und zu Schießen auf dem Scheibenstande, rein mechanisch und mit wenig Verständnis betrieben — das war die alltägliche Tätigkeit der Jufanterie. Zur Sommerszeit kamen dann die größeren Exerzitien hinzu, bei denen alles auf Gleichmäßigkeit und Anspannung ankam und man bei der Ausführung der Rückkehr zur Ncvuetaktik 153 Bewegungen einen Gefechtsakt, in den sie hätten hineingehören können, überhaupt nicht zugrunde legte. Nach der äußeren Strammheit, die er in das Exerzieren seiner Truppe zu bringen wußte, ward der Offizier beurteilt und für höhere Stellen fähig erachtet oder nicht. „Die Kompagnie, die einen guten Parademarsch macht, geht auch gut gegen den Feind" war ein damals oft gehörter Lehrsatz, der in dieser Allgemeinheit sicher ebensowenig richtig ist wie das Gegenteil. Bei der Kavallerie sah es nicht viel anders aus. Die Bahnreiterei in engherzigster Auffassung stand obenan. Die Reitkunst war nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Die Pedanterie verleidete Lehrern und Schülern den Reitunterricht. Auf guten äußeren Zustand der Pferde wurde übermäßiger Wert gelegt. Sie sollten wohlgenährt und glatthaarig sein. „Man erzeugte dicke Bäuche, aber keine Muskeln. Das Fett, das auf den Muskeln lagerte, ward fälschlich für Muskeln gehalten." „Man kain zu der Überzeugung, daß Exerzieren und gar das Manöver, kurz der Gebrauch des Pferdes die Reiterei verderbe und das Tier aus der Haltung bringe." Bei den größeren Übungen wurden vorher verabredete Bewegungen ausgeführt. Dann folgte eine oft stundenlange Pause, während der die Kommandeure zusammengerufen, kritisiert und etwas Neues vereinbart wurde oder gar das alte wiederholt. „Es wurden einige hübsche Bilder zusammengesetzt und diese abgeritten. Alles ging glatt und höflich ab, die Regimenter ritten befriedigt nach Hause — man kannte eben nichts Besseres." Bei der Artillerie waltete das Technische vollkommen vor — und dies Technische stellte damals noch keine hohen Anforderungen an den Geist. Die Verbindung mit den anderen Waffen, das sachgemäße Eingreifen in das Gefecht, die Regelung der Tätigkeit je nach dem Anschwellen und Abflauen des Kampfes, die zielbewußte Zusammenfassung der Wirkung von Massen, wie Napoleon I. sie auf seinen Schlachtfeldern gelehrt, wurden wohl theoretisch anerkannt und in Vorträgen gerühmt, aber nicht anders geübt, als gelegentlich, doch selten, im Manöver. Meist erhielt der Artillerist nur den Befehl, „in das Gefecht einzugreifen". Das übrige ward Gott und dem Zufall anheimgegeben. — Der Londoner Vertrag vom 8. Mai 18S2, durch den auch von Preußen die Erhaltung der dänischen Gesamtmonarchie als eine politische Notwendigkeit anerkannt wurde, und die Zuschauerrolle, die Preußen während des Krimkrieges spielte, waren wenig geeignet, belebend auf die Armee zu wirken. 154 III. Die Zeit des Stillstandes Die vorübergehende Aussicht auf kriegerische Tätigkeit, welche der Streit mit der Schweiz um das ehemals der Krone Preußen gehörige Fürstentum NeufckMel und Valengin eröffnete, ließ die Hoffnung im Heere, es werde endlich zum Erust kommen, noch einmal aufflackern. Das Fürstentum war durch Erbschaft 1707 an König Friedrich I. gefallen und mit der geringen Unterbrechung von 1806 bis 1814, als Napoleon den Marschall Berthier damit belehnt hatte, den Hohenzolleru verblieben. Es gehörte aber zugleich der Eidgenossenschaft an und hatte mit dieser weit engere Beziehungen als mit dem entfernten Herrscherhause. Der Staatsrat, der es für dieses regierte, wurde am 1. März 1848 durch eine bewaffnete Volkskundgebung zur Abdankung gezwungen und die Republik verkündet. König Friedrich Wilhelm IV. protestierte, ohne Tatsächliches für die Erhaltung seiner Rechte zu tun. Als aber in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1856 ein royalistischer Putsch unter dem Grafen Friedrich Pourtaltzs für einen Tag die Monarchie zurückführte, die dann mit der Gefangensetzung der Anstifter wieder ein frühes Ende fand, widerstrebte es des Königs ritterlichem Sinne, die Leute, die für seine Rechte eingetreten waren, im Stiche zu lassen. Er verlangte ihre Freiheit und drohte mit Krieg. Die Schweiz setzte einen Teil ihres Heeres auf Kriegsfuß, und auch in Preußen wurde mobil gemacht. Der Anlaß war der Begeisterung nicht würdig, mit der er aufgenommen wurde. Aber der Durst nach Taten und nach dem Ende der Unentschlossenheiten, in denen man sich seit 8 Jahren bewegte, machte sich geltend. Doch auch diesmal kam es nicht dazu. Man einigte sich am Ende. Die Eidgenossenschaft schlug den Prozeß gegen die Royalisten nieder, und der König verzichtete dafür auf seine Rechte. Ein ganz unnützer Krieg wurde verständigerweise vermieden. Aber der Vorgang wirkte doch wie ein entmutigender Rückschlag. Man glaubte sich zu ewiger Tatenlosigkeit verdammt. Immer nur drohen und niemals zuschlagen tut keinem Heere gut. Auch aus dem Gebiet der inneren Politik fehlte es in mehreren Bundesstaaten nicht an dem Versuche, ganz auf die Zustände vor 1843 zurückzukommen. Mecklenburg stellte die alten Landstände wieder her. In Hannover geschah ähnliches mit Hilfe des Bundestages. Österreich schloß ein Konkordat mit der römischen Kurie und erweiterte die Befugnisse der hohen Geistlichkeit auch in weltlichen Dingen. Bayern und Württemberg folgten zum Teil seinem Beispiele. Über Preußen lag eine schwüle Atmosphäre. Der König, durch die Vorgänge von 1848 verletzt, fühlte sich mit Undank gelohnt, in seinen Plänen mißverstanden, vom Erkrankung Friedrich Wilhelm IV. Regentschaft 155 Schicksal verraten. Im Gange der Ereignisse sah er einen Abfall von Wahrheit und Recht, den er nicht hatte aufhalten können. Die Revolution war eingedämmt, aber innerlich nicht so überwunden, wie er es gewollt hatte. Seine strahlende Heiterkeit und seine Lebenslust waren verschwunden. Als während des Krimkrieges die Familienbande und die freundschaftliche Anhänglichkeit, die ihn an Rußland fesselten, zu den Forderungen der Politik in schneidenden Gegensatz traten, brach seine Kraft zusammen. Eine Gehirnkrankheit folgte dem Seelenleiden. Der glänzende Redner verstummte, der unermüdliche Denker wurde geistesversunken. Am 24. Oktober 1857 ernannte er seinen Bruder Wilhelm, den Prinzen von Preußen, zum Stellvertreter in der Regierung. Am 8. Oktober des folgenden Jahres mußte dieser schon die Regentschaft mit voller Regierungsgewalt übernehmen. Er ernannte ein Ministeriuni, das aus Männern bestand, in denen sich eine freisinnige Richtung mit politischer Mäßigung einte, und das für den Übergang zu besseren Zuständen geeignet erschien. Der Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen, der kürzlich sein Land an Preußen übergeben, also den ersten praktischen Schritt zur Einigung Deutschlands getan hatte, übernahm darin den Vorsitz, Bonin das Portefeuille des Krieges. >>- » » Trotz des trübseligen Ausganges der Sturm- und Drangperiode und des darauffolgenden Stillstandes in der politischen Entwicklung Deutschlands hatte sich doch langsam aber sicher eine Wandlung zum Besseren vorbereitet. Früh regte sich in Preußen der Gedanke, das 1815 neu zusammengefügte Staatsgebiet, durch gemeinsame wirtschaftliche Interessen in sich fester zu verbinden. 1818 ward die ganze Monarchie für ein einheitliches Zollgebiet erklärt. Alle inneren Schranken für Handel und Verkehr fielen. Damit kamen die kleineren Bundesstaaten; vor allem ihre im Preußischen gelegenen Gebietssplitter in Nachteil und mußten den Anschluß suchen. Die Trennung des preußischen Staatskörpers in zwei große Stücke, ersonnen, um seine Schwäche zu verewigen, drängte unwiderstehlich dazu, das dazwischen gelegene Land wenigstens in den wirtschaftlichen Kreis Preußens hineinzuziehen und dieses so zu stärken. Der geniale Nationalökonom Friedrich List hatte auf die Notwendigkeit hingewiesen, das Zollwesen ganz Deutschlands einheitlich zu ordnen. In Preußen fand sich 1825 ein weitblickender Finanzminister, Adolf v. Motz, 156 III. Die Zeit des Stillstandes der sich schon 1813 nach der Befreiung durch die schnelle und glänzende Ordnung der Finanzverwaltung im Militär- und Zivilgouvernement zwischen Elbe und Weser ausgezeichnet hatte, um durch Einzelverträge den Grund zum preußischen Zollverein zu legen. Mvtz starb 1830, aber sein Werk überlebte ihn und erweiterte sich. In der Neujahrsnacht zu 1334 begann die freie Bewegung des Handels in 18 deutschen Staaten, die 7719 Quadratmeilen umspannten und 23 Millionen Einwohner zählten. Die Bedeutung dieses Augenblicks ist heute vergessen; allein sie ist groß genug, um sie hier wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Der erste Grund für Deutschlands künftige Einigung wurde damit gelegt. Mit unerbittliche Strenge schloß Preußen seine Zollgrenze nach außen ab und fesselte seine Verbündeten zugleich durch Freigebigkeit in der Berechnung der ihnen zugebilligten Pauschsumme. Wie wichtig der große Schachzug war, bewies die Folgezeit, in der aller politischer Antagonismus gegen Preußen es nicht vermochte, den Zollverein zu sprengen. Trotz der Enttäuschungen von 1850 blieb — namentlich in Norddeutschland — das Gefühl der engeren Zusammengehörigkeit mit Preußen im allgemeinen lebendig. Die politische Vereinigung mußte in dem Augenblicke folgen, wo sich das durch Olmütz erschütterte Gefühl von Preußens kriegerischer Überlegenheit bei den Nachbarn geltend machen würde. Diese Überlegenheit aber bahnte sich durch den Ernst und Fleiß an, mit denen in der preußischen Armee für die innere Vervollkommnung gearbeitet wurde. Der erste wichtige Schritt war die Einführung des Zündnadelgewehrs — des ersten Hinterladers — bei der Infanterie. Der Prinz von Preußen hatte sich schon 1849 dafür eingesetzt. Durch Kabinettsordre vom 19. Juni 1851 wurde befohlen, daß der Abgang an Jnfanteriegewehren jeder Art durch Neuanfertigung von Zündnadelgewehren gedeckt werden sollte. Die Gegner der neuen Waffe waren noch in der Mehrzahl. Außerhalb Preußens wollte man ihre große Leistungsfähigkeit nicht anerkennen. Man fürchtete das Verschießen, das Heißwerden, Mangel an Sicherheit in der Arbeit der für zu künstlich gehaltenen Ladevorrichtung. Zahlreiche Bedeuten wurden laut. Das Gewehr galt im großen Ganzen wohl für sinnreich hergestellt, aber nicht für kriegsbrauchbar. Selbst als Preußen 18 Jahre später den ersten siegreichen Feldzug mit diesem Gewehr durchgeführt hatte, hielt keiner der anderen Staaten seine Einführung für eine dringende Frage. Nur die Gründlichkeit und Unparteilichkeit der in Preußen angestellten Versuche, die zähe Ausdauer der Wortführer der Erfindung vermochte dem Zündnadelgewehr zur Annahme zu verhelfen. Es gelaug auch nur, weil Zündnadelgewehr nnd gezogene Geschütze 157 einige der Vorwürfe durch den Hinweis auf die Mcmnszncht und sorgfältige Ausbildung der Infanterie entkräftet wurden. Ein Gewehr, das geladen werden konnte, ohne daß der Schütze sich aus seiner Deckung erhob, ohne daß er den Blick vom Feinde abwendete, gestattete natürlich eine ganz andere Benutzung der Unebenheiten des Bodens als die alten Vorderlader. Das Schützengefecht ging damit einer großen Vervollkommnung entgegen. Die Tätigkeit der jüngeren Offiziere gewann an Reiz. Ihr Nachdenken wurde angeregt, ihre Selbständigkeit gehoben, wenn auch der alte Formalismus sie uoch lange genug einschnürte. Dazu kam, daß das Reglement von 1847 den aus Friedrichs Zeiten noch erhalten gebliebenen Marsch von 75 Schritt in der Minute abschaffte und die Bestimmungen für die Füsilierbataillone, wonach diese sich im Kampfe in vier Kompagnien zu drei Zügen, zwei Mann hoch aufgestellt, zerlegen sollten, auf das ganze Heer übertrug. Der Grund zur Kompagniekolonnentaktik war gelegt. Auch das förderte Leben und Beweglichkeit. Die Einführung gezogener Gewehre mit vergrößerter Tragweite machte sich natürlich auch der Artillerie fühlbar. Diese konnte nicht mehr nahe genug an den Feind Herangehen, um ihren wirksamsten Schuß, den der Kartätsche, zu brauchen, der erst bei 300 Schritt Entfernung dem Feinde furchtbar wurde. Die-Artilleristen sannen auf Abhilfe; eine Reihe von Versuchen mit schweren Kalibern wurde angestellt, bis man darauf verfiel, auch die Geschütze mit Zügen zu versehen. Nach dem Vorgange des schwedischen Barons Wahrendorff, der schon 1846 ein eisernes Hinter« ladergeschütz erprobt hatte, wurde in Preußen 1855 der erste Auftrag an Krupp in Essen gegeben, zwei solcher Geschütze zunächst für den Gebrauch im Festungskriege herzustellen, „ein Schritt von der allergrößten Bedeutung". Die mit diesen Geschützen 1857 zu Schweidnitz angestellten Versuche erwiesen schlagend deren Überlegenheit über alle anderen Systeme. Der Entschluß, ähnliche Geschütze für den Feldgebrauch anzunehmen, stand bald fest. Die Frage einer völligen Umbewaffnung des Heeres kam nicht mehr zur Ruhe. Auch eine Reihe von Verbesserungen in der Ausrüstung der Truppen wurde vorgenommen. Der Krimkrieg, der erste wirklich große Krieg seit den Tagen Napoleons I., konnte nicht ohne bedeutenden Einfluß auf alle denkenden Soldaten bleiben. Seine Gefechte und Schlachten wurden eifrig verfolgt. Das Hervortreten der französischen Armee, im Vergleich zu Bundesgenossen und Feinden, wurde der Anlaß, ihre Kampfweise und die Kriegserfahrungen zu studieren, die sie in den vorangegan- 158 III. Die Zeit des Stillstandes genen Feldzügen in Afrika gemacht hatten. Die Lehren des Marschall Bugeaud, der den Truppen mehr Gewandtheit, Selbständigkeit und Freiheit der Bewegung geben wollte, spielte eine besondere Rolle. Der Umstand, daß seit dem 2. Dezember 1852 der Neffe des großen Schlachtenkaisers als Napoleon III. den französischen Thron bestiegen hatte, wurde als Vorbote ernster Zeiten angesehen. Der Generalstab erfuhr eine Erweiterung und durch Einführung der Generalstabsreisen eine Vertiefung seiner Ausbildung. Als der um diese hochverdiente General v. Reyher am 7. Oktober 1857 starb, trat General v. Moltke an seine Stelle. Der Geist dieses großeu Mannes begann bald die Tätigkeit seiner Mitarbeiter zu durchwehen. Das Militärbildungswesen hob sich wesentlich, wie überhaupt König Friedrich Wilhelms IV. Regierung für das innere Leben der Armee, für die Erziehung des ritterlichen Sinnes und der vornehmen Sitte im Offizierkorps von großer Bedeutung war. Eine fast vollständige Wiedergeburt erlebte das höchste militärische Lehrinstitut, die „Allgemeine Kriegsschule" unter der Leitung des berühmten Kriegshistorikers General v. Höpfner. Er hauchte ihr durch Berufung ausgezeichneter Lehrkräfte und durch eigene Lehrtätigkeit, sowie mit der Einführung freier Vorträge ein frisches geistiges Leben ein. Die Ruheperiode nach den Befreiungskriegen hatte auch das bedeutendste kriegswissenschaftliche Werk aller Zeiten — Clansewitz' Lehre vom Kriege — entstehen lassen, das freilich erst nach des Verfassers frühem Tode im Jahre 1832 erschien und von seiner hochbegabten Gattin mit einem wundervollen Begleitworte der Öffentlichkeit übergeben wurde. Noch heute muß es als eines der schönsten Denkmäler der deutschen Sprache angesehen werden. Die Politische Lage Preußens hatte sich inzwischen durch die Macht der Umstände ebenfalls gebessert. Sie hoben Preußens Beruf, die führende Macht in Deutschland zn werden, sichtbar hervor, und dies war um so bedeutsamer, als es mit der militärischen Erstarkung zusammenfiel. Moltke an der Spitze des preußischen Generalstabes 159 IV. Der Italienische Rrieg von ^859 (S. Skizze 12) In Österreich war Fürst Felix Schwarzenberg am 5. April 1352 plötzlich gestorben. Er hatte „die Politik der Allianzen, die Fortsetzung der Politik der Heiraten, durch die Österreich gegründet wurde" ebenso wie Metternich benutzt, um seines Staates Stellung in Europa zu befestigen. In den Tagen von Olinütz verständigte er sich mit Rußland über das Vorgehen gegen Preußen, zwang dieses in seine Bahnen und stellte so die Schöpfung Metternichs, die heilige Allianz, wenn auch nicht der Form, so doch dem Sinne nach wieder her. Damit war Österreichs Vormachtstellung in Deutschland und Italien wieder gesichert, obwohl soeben erst die schwersten inneren Krisen dessen lockeren Bau aufs heftigste erschüttert hatten. Sein Nachfolger Graf Vuol verließ diese altbewährten Bahnen. Er überschätzte Österreichs Kräfte, die nach ihrer Eigenart denen großer, in sich geschlossener Nationalstaaten nicht gewachsen waren. Während des Krimkrieges hatte er geglaubt, mit völliger Freiheit des Handelns das Schiedsrichteramt in Europa übernehmen zu können. Erst schloß er mit Preußen einen Neutralitätsvertrag und hinderte es, Rußland beizuspringen, dem es zugetan war. Dann verbündete er sich mit den Westmächten, leistete ihnen aber die erwarteten diplomatischen Dienste erst nach dem Falle von Sebastopol, als sie den größten Teil ihres Werts verloren hatten. So geriet die österreichische Politik in den Ruf der Unzuverlassigkeit, und da Graf Buol auch die deutschen Höfe durch Hochmut unaufhörlich verletzte, wuchs seine Vereinsamung. „Jedenfalls hat er das Verdienst, Österreich um das Vertrauen und sich um die Achtung aller gebracht zu haben" — schrieb damals Bismarck von ihm. Aber auch noch ein anderer hatte Österreichs Isolierung erkannt und beschlossen, sie zu benutzen, Napoleon III., der sich mit dem Grafen Cavour, dem sardinischen Premierminister, zur Befreiung Italiens verband. Bei dem historisch denkwürdigen Neujahrs- empfange der Diplomaten von 1859 gab er unverhohlen seinen Österreich feindlichen Absichten Ausdruck. England sympathisierte mit dem aufstrebenden Italien, Rußland war zufrieden, über den ungetreuen Freuud das verdiente Strafgericht hereinbrechen zu sehen. Nur bei Preußen war allenfalls Unterstützung zu finden. Aber auch dieses wurde dadurch verletzt, daß Buol es durch eine Abstimmung am Bunde an Österreichs Seite zwingen, nicht durch Zugeständnisse gewinnen 160 IV. Der Italienische Krieg von 1859 wollte. Für die Einräumung des dauernden Oberbefehls über die norddeutschen Truppen würde der Prinzregent zu haben gewesen sein. Aber auch das wurde ihm nicht angeboten. Erzherzog Albrecht erschien in Berlin nur mit dem Vorschlage, daß jede der beiden Mächte 250000 Mann unter gemeinschaftlicher Leitung am Rheine entfalten solle. Österreich wollte seinen italienischen Besitz also mit preußischer Hilfe behaupten, aber keine Gegenleistung dafür gewähren. Es hatte sich allzusehr an Preußens Nachgiebigkeit gewöhnt und sah nicht, wie sehr sich dort die Verhältnisse geändert hatten, seit eine andere Hand das Zepter führte. Die Nichtachtung ging soweit, daß an demselben Tage, an welchem Erzherzog Albrecht Berlin verließ, das österreichische Ultimatum in Turin abgegeben wurde, ohne daß er oder der Prinzregent davon Nachricht erhalten hatten. In Italien währte seit der Niederlage König Karl Alberts von Sardinien die Gärung fort. Zahlreiche geheime Gesellschaften schürten sie und hielten die allgemeine Unzufriedenheit rege. Der unermüdliche Verschwörer Mazzini arbeitete auf eine republikanische Schilderhebung des ganzen Italien hin. Vereinzelte Aufstände mißlangen jedoch. Die Führer der Bewegung begriffen, daß eine starke Hilfe von außen her notwendig sei. Am ehesten konnte diese Napoleon III. leisten. Man mißtraute ihm indessen und erklärte ihn wegen angeblicher, vordem an Italien gegebener, aber unerfüllt gebliebener Versprechen für einen Abtrünnigen, der seine italienische Abstammung verleugne. Das Bombenattentat des Italieners Orsini gegen den Kaiser und seine junge Gemahlin am 14. Januar 1853 sollte der Rache Italiens Ausdruck geben. Es mißlang, mag aber doch nicht ohne Wirkung auf das Gemüt des Kaisers geblieben sein. Er begann, sich der italienischen Sache zuzuneigen. Durch die Heirat des Prinzen Napoleon mit der ältesten Tochter des Königs von Sardinien trat er in verwandtschaftliche Beziehungen zu diesem. Seit den Sturm- und Drangjahren galt der öffentlichen Meinung das Nationalitätsprinzip als allein richtige Grundlage für die künftige Staatenbildung. Eine Flugschrift, die der Kaiser selbst veranlaßt hatte, „Napoleon HI. und Italien", sprach von der Berechtigung der Nationalitäten. Die Pressefehde zwischen Österreich und Frankreich ward immer schärfer. In seiner Rede bei Eröffnung der sardinischen Kammern am 10. Januar 1859 sprach König Victor Emanuel davon, daß Sardinien gegen Italiens Klagen nicht taub sein dürfe. Orientalische Verwicklungen wegen Serbiens und der Donaufürstentümer, die Österreich bedrohten, erhöhten die Spannung. Österreich hatte sich schon seit November 1858 mit Mobilmachungsplänen beschäftigt und verstärkte Der Italienische Krieg 1859. Aufmarsch 161 seine Truppen in Venetien und der Lombardei. Beide Provinzen wurden unter Kriegsgesetz gestellt. Sardinien rüstete und persammelte seine Kräfte, Freischaren wurden geworben. Frankreich zog eine Armee an den Alpen zusammen. Die von Anbeginn wenig aussichtsvollen Vermittlungsversuche der anderen Großmächte schlugen fehl. Im Monat April 1859 waren die Dinge soweit gekommen, daß der seit Napoleons Neujahrsempfang befürchtete Krieg unvermeidlich wurde. Am 23. ließ Buol Schauenstein dem Grafen Cavour in Turin die Forderungen Österreichs bekanntgeben, die diesem nur die Wahl zwischen Entwaffnung und Krieg ließen. Sie blieben unbeantwortet. Frankreich erklärte, die Überschreitung des Tessin durch die österreichischen Truppen als eine Kriegshandlung ansehen zu müssen. Am 29. April trat dies Ereignis ein, und ein Kampf begann, der an Folgen schwerer war, als der Krimkrieg. Zunächst bestätigte sich die alte Erfahrung, daß eine politisch nicht glücklich eingeleitete kriegerische Handlung meist auch unter militärisch ungünstigen Verhältnissen beginnt. Der Versuch Österreichs, den Krieg zu einer Angelegenheit des Deutschen Bundes zu machen, dabei aber Preußen keinerlei Vorrang zu lassen, hatte es herbeigeführt, daß die Mehrzahl der Truppen für die Verwendung am Rhein zurückgehalten worden waren. In Italien wurde nur eine schwächere Armee bereitgestellt. Nun begann aber gerade dort der Kampf, und zwar zunächst nur dort und entscheidend. „Fehler in der ursprünglichen Versammlung der Streitkräfte sind im ganzen Verlaufe der Feldzüge kaum wieder gut zu machen." Beim heutigen Stande des Eisenbahnwesens kann dies noch eher gelingen, als damals, wo nicht nur die hinreichenden Mittel und Wege dafür nicht vorhanden waren, sondern auch die Übung im schnellen Versetzen großer Truppenmassen durch Eisenbahntransporte gänzlich fehlte. In Italien stand nur die II. Armee, aus 5 Korps, dem 2. 3. ö. 7. 8., einer Reservcdivision, und einer Kavalleriedivision gebildet, rund 150 000 Mann stark, von denen jedoch 40 000 auf Festungsbesatzungen entfielen. So waren nicht mehr als 110 000 Mann Feldtruppen mit 364 Geschützen bereit, den Kampf gegen diejenige Militärmacht aufzunehmen, die man seit dem Krimkriege als die militärisch stärkste in Europa ansah. Die Anspannung entsprach der zu lösenden Aufgabe also nicht. Dazu kam eine unglückliche Wahl des Oberbefehlshabers. Die Volksstimme in Österreich hatte für diesen Posten den Generalstabschef, Feldzeugmeister Heß, Nadetz- kys bewährten Gehilfen, als den gegebenen Mann bezeichnet. Statt dessen wurde ein österreichisch gesinnter ungarischer Magnat, Feldzeugmeister Graf Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 11 162 IV. Der Italienische Krieg von 1S5S Gyulai gewählt, ein praktischer strenger Soldat, der schon in Italien kommandierte, aber noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich im Kriege hervorzutun. Die Armee sammelte sich in der westlichen Lombardei. Seit Anfang April standen die Sardinier, 62000 Mann mit 90 Geschützen stark in fünf Divisionen gegliedert, unter König Victor Emanuel bei Alessandria, Valenza und Casale hinter dem Po. Dazu kamen einige Tausend Freiwillige unter Garibaldi am Alpenfuße. Napoleon III. hatte 6 Korps zum Kriege in Italien bestimmt, nämlich die Garde, das Z. 2. 3. 4. und S. Korps zu je 2 oder 3 Divisionen, mindestens 120000 Mann Ge- fechtsftand und 312 Geschützen. Sie vereinigten sich im Nhünetal und bei Lyon. Den Oberbefehl behielt der Kaiser sich selber vor. Mehr als 180 000 Verbündete konnten also binnen kurzem den 110 000 Österreichern gegenüberstehen, die das Mißverhältnis der Zahl nur durch Entschlossenheit nnd Schnelligkeit auszugleichen vermochten. Mit dem Ablauf des Ultimatums am 26. April hätte der Grenzfluß Ticino überschritten werden müssen. Einem englischen Wunsche zufolge wurde der Beginn um 2 Tage verschoben. Die dadurch seit Überreichung des Ultimatums verstrichene fünftägige Frist kam den Gegnern außerordentlich zugute. Napoleon III. hatte am 23. sofort seine Befehle zum Vormarsche nach Piemont gegeben. Die Armee setzte sich in zwei großen Kolonnen in Bewegung. Das 1. 2. und Gardekorps wurden zur See von Tonlon nach Genua überführt. Das 5. folgte ihnen, war aber zum Teil für Toscana bestimmt, um die dort erwartete Volkserhebung zu unterstützen. Das 3. Korps überschritt von Gr6noble, das 4. von Gap aus, wohin sie sofort vorgeschoben worden waren, die Alpen, um auf Turin weiterzumarschieren. Beide Kolonnen, sollten sich in der Richtung auf Alesfandria vereinigen. Noch war für die Österreicher die Zeit gegeben, die Sardinier zu schlagen, ehe die französische Hilfe wirksam werden konnte, aber es dnrfte keine Stunde mehr verloren gehen. Am 27. und 28. April versammelte Graf Gyulai seine Armee in enger Unterkunft bei Pavia, als Einleitung für einen schnellen Vormarsch keine glückliche Anordnung. Tags darauf überschritt sie den Ticino, rückte in die zwischen diesem Flusse, dem Po und der Sesia gelegene Landschaft Lomellina ein und kam am 2. Mai bei Valenza am Po an, wo sie recht gut am 30. April, ja ohne die vorangegangenen diplomatischen Verzögerungen schon am 25. April hätte sein können. Zu diesem Zeitpunkte wäre an französische Hilfe noch gar nicht zu denken gewesen. Wer zum Kriege entschlossen ist, soll nur noch den Kriegszweck und das Kriegsgebot vor Augen haben, aber keine politischen Rücksichten. Die Österreicher in der Lomellina 163 Absicht war es, die Gegner am Po anzugreifen. Ursprünglich sollte dies auf dem Südufer geschehen und der Feind bei Alessandria in der rechten Flanke gefaßt werden, um ihn von der von Genua kommenden französischen Hilfe zu trennen. Ohne Zweifel ein kühner aber auch Erfolg versprechender Plan. Gerüchte, daß die Franzosen bereits bei Novi ständen, ließen ihn aufgeben und ein mehr frontales Vorgehen gegen Valenza und das 8 km unterhalb davon am Po gelegene Bassignana wählen. Am 3. Mai sollte die unbesetzte und unbefestigt gelassene Eisenbahnbrücke bei Valenza genommen, an zwei anderen Stellen der Po überbrückt werden, die Armee ihren Übergang vollziehen und am 4. Mai die auf den Höhen von San Salvatore vermutete Hauptmacht des Feindes angreifen. Noch immer war die Gelegenheit günstig. Von den Franzosen befand sich um diese Zeit das 3. Korps, das von Turin auf der Eisenbahn herangezogen wurde, zwischen dieser Stadt und Alessandria, das 1. bei Serravalle, das 2. bei Gavi. Das 4. traf erst bei Turin ein und die Garde stand noch bei Genua. Nur die drei zuerst genannten konnten in den nächsten Tagen mit Teilen ihrer Kräfte zugunsten Sardiniens eingreifen, die beiden andern überhaupt nicht. Allein Graf Gyulai war nur halben Herzens an das Unternehmen gegangen. Er hielt seine Armee für eine Offensive zu schwach, glaubte sich bis zum Herankommen einer andern österreichischen Armee auf die Verteidigung beschränken zu sollen und nahm eine ihm aus Wien zugesandte Nachricht, welche Stärke und Nähe der Franzosen übertrieb, zum Anlaß, dem eigenen geheimen Wunsche zu folgen und den Angriff gegen den Rat seines Stabschefs Kühn zu unterlassen. Die kritischen Tage für die Garden waren damit vorüber. Tatsächlich verfügten sie in ihrer Hauptstellung zwischen Alessandria, Valenza und Casale nur über 32000 Mann, da sie rechts noch die Anmarschwege der Franzosen von Genua, links an der, halbwegs zwischen Sesia und Turin in den Po fallenden, Dora baltea die Straße nach der Hauptstadt zu decken und bedeutende Bruchteile zu diesem Zwecke entsendet hatten. Ohne Zweisel wäre der Durchbruch gelungen und der Feldzug mit einem Erfolg für Österreich begonnen worden, wenn der Feldzeugmeister den ersten Entschluß festgehalten, aber auch ohne Zeitverlust durchgeführt hätte. Am 4. Mai fand auf dem linken Flügel nur ein Erkundigungszwecken dienender Übergang des 8. österreichischen Korps statt, das bis Castelnuovo kam. Inzwischen ließen neuere Nachrichten das Armeeoberkommando noch einmal den Entschluß zum Vorgehen fassen. Er sollte sich jedoch diesmal nicht gegen die fardinische Stellung, sondern am Nordufer des Po 11» 164 IV. Der Italienische Krieg von 1859 gegen Turin und die über Susa anrückenden Franzosen richten. Das 8. Korps wurde wieder zurückgerufen, fand aber seine Brücke bei Cornale von den Hochwassern des Po zerrissen und mußte, vom Heere getrennt, am Südufer stehen bleiben. Dies veranlaßte den Feldzeugmeister, das Vorgehen auf Turin bis zum 7. Mai zu verschieben. Am 9. Mai wurde dann die Linie der Dora baltea vom Feinde verlassen gefunden. Die Nachrichten besagten, daß er sich bereits bei Alessandria versammelt und den Vormarsch auf Piacenza begonnen habe. Statt die Hauptstadt schnell zu besetzen und dem Feinde in der Richtung auf Asti und Alesfandria zu folgen, entschloß sich Graf Gyulai zum Rückmarsch in die Lomellina, der bis zum 13. Mai ausgeführt wurde. Dem Feinde war damit Gelegenheit gegeben, seinen Aufmarsch in der Linie Voghera—Casale mit allen Kräften bis zum 14. Mai ungestört durchzuführen. Er umgab die Österreicher nunmehr am Po und der Sesia im flachen Halbkreise. Die Sardinier dehnten ihre Vorposten bis gegen Vercelli aus. In dem Brückenkopfe von Vaccarizza am Zusammenfluß von Po und Ticino behielten die Österreicher jedoch noch festen Fuß auf dem südlichen Poufer. Durch das Eintreffen des 9. Korps bei Piacenza kamen sie auf die Stärke von 130 000 Mann. Als sich dann die Franzosen an ihrem rechten Flügel bei Voghera und Tortona mehr und mehr verstärkten, verschoben auch sie sich nach links. Das Hauptquartier der Armee ging nach Garlasco; auf dem äußersten rechten Flügel wurde Vercelli verlassen. So hatten die ersten drei Kriegswochen, in denen Europa mit Spannung das Einrücken der Österreicher in Turin und die Trennung der Verbündeten erwartete, nur ein nutzloses, aber für die Truppen sehr ermüdendes Hin und Her gebracht. In seiner abwartenden Stellung hinter zwei bedeutenden Flußläufen, von Kundschaftern schlecht bedient, erfuhr dabei Graf Gyulai wenig von dem, was drüben geschah. In solcher Lage griff er zu dem Mittel, das stets eine Verlegenheit oder Entschlußlosigkeit des Feldherrn andeutet. Am 19. Mai ließ er das östlich Pavia stehende S. Korps unter dem Grafen Stadion durch den Brückenkopf von Vaccarizza vorgehen, um, unterstützt durch Teile des 9. und der Neservedivision Urban, eine „gewaltsame Rekognoszierung" gegen Voghera auszuführen. Auch die Brückenkopfbesatzung sollte teilnehmen. Im ganzen machten sich 21000 Mann Infanterie, 1000 Reiter und 68 Geschütze südlich des Po auf den Weg, um dem Feinde ein Gefecht zu liefern, dem die übrige Armee vom Nordufer aus zusah, ohne mit zu können. Vorgehen der Österreicher südlich des Pv 165. Das Gefecht von Montebello am 20. Mai ^359 (S. Skizze 14) Am 19. kamen die Truppen nur wenig über den Brückenkopf hinaus. Am 20. brachen sie in drei auf geringe Entfernung nebeneinander her marschierenden Kolonnen gegen Voghera auf. Zunächst sollte Casteggio genommen werden, das man besetzt glaubte. Tatsächlich standen dort nur ganz schwache Vortruppen. Erst bei Voghera waren stärkere Kräfte anzutreffen, nämlich die Division Forey vom 1. französischen Korps nebst einigen Bataillonen vom 5., sowie sardinische Kavallerie, im ganzen nicht mehr als 3500 Mann Infanterie, 1200 Reiter und 12 Geschütze, die erst 4—S Stunden nach Beginn des Gefechts von anderen Truppen unterstützt werden konnten. Casteggio wurde von der linken Flügelkolonne leicht besetzt, die feindliche Kavallerie geworfen, bis Montebello verfolgt, und die an der Chaussee weiter vorwärts gelegene beherrschende Höhe von Genestrello gewonnen. Dort nahm man eine Aufstellung, zersplitterte dabei die Truppen jedoch beträchtlich. Die beiden anderen Kolonnen setzten ihren Weg fort. Sie hatten einen mühsamen Marsch auf Feldwegen, die der Regen und das Wasser ausgetretener Kanäle aufgeweicht hatten. Der Tag war glühend heiß. Weinberge, Pflanzungen und hohes Getreide erschwerten die Übersicht. Zur Linken erhoben sich die Vorberge der Apenninen. 166 IV. Der Italienische Krieg von 1859 Als sich um 2'/z Uhr nachmittags noch kein Feind vor der Stellung von Genestrello zeigte, gedachte Graf Stadion den Truppen für heute Ruhe zu gönnen und wies ihnen ihre Unterkunft an. Inzwischen war die Division Forey aber durch die zurückeilenden sardinischen Reiter aus ihrer Ruhe aufgescheucht worden. Ohne die Versammlung seiner Truppen abzuwarten, brach der französische General sofort mit dem, was er zur Hand hatte, auf und traf vor der linken österreichischen Kolonne bei Genestrello ein, gerade als Graf Stadion den eben erwähnten Entschluß gefaßt hatte. Ein erster Anprall wurde siegreich abgewiesen. Aber die Verzettelung der Österreicher, die hier vom Feld- marschalleutnant Urban befehligt wurden, machte sich bald sühlbar. Die übrigen Streitkräfte Stadions waren schon auf dem Wege zu ihren Nachtquartieren; sie entfernten sich also vom Gefechtsfelde, statt sich zu nähern. Die Franzosen erneuerten den Angriff mit einer ganzen einheitlich verwendeten Jnfanteriebrigade. Er gelang, trotzdem auch die Österreicher durch einzeln herankommende Bataillone verstärkt wurden. Ebenso ging es in der Ebene nördlich Genestrello her, wo die Franzosen, trotz ihrer Minderzahl, den nach und nach eintreffenden Abteilungen des Gegners überlegen blieben. Die unglückliche Gewohnheit, zu häufig Reserven und sichernde Abteilungen zurückzulassen, brachte diesen nach vorübergehenden Erfolgen am Ende stets in Nachteil. Inzwischen trafen mehrundmehrTruppen der österreichischenlinkenKolonne von rückwärts auf dem Gesichtsfelde ein. Nach dem Verluste von Genestrello wurde Montebello gehalten, aber unter gleicher Zersplitterung der Kräfte. Von 6500 Mann, die verfügbar wurden, kamen nur etwa 2600 zur Verwendung, und auch diese nicht alle in der vordersten Gefechtslinie. Wieder wurde trotzdem ein erster Angriff abgewiesen. Als die Franzosen ihn aber wiederholten und nördlich von Montebello an der Eisenbahn in Vorteil kamen, so daß sie auch von dort her gegen das Dorf eingrifsen, ging dieses nach erbittertem Häuserkampfe verloren. Die Reserven, die vom Fuße des hinter dem hochgelegenen Montebello abfallenden Steilhanges aus untätig zugesehen hatten, kamen erst beim Rückzug am Cimetero zum Gefecht, wo sie noch durch einen Flankenstoß der Ihrigen von der Casa Fogliarina aus unterstützt wurden. Um 6^ Uhr nachmittags war der Kampf beendet, Montebello in unbestrittenem Besitze der Franzosen. General Forey hütete sich wohl, auch Casteggio noch anzugreifen, das mittlerweile durch den Rest der linken österreichischen Kolonne und die von Graf Stadion zurückgehaltene Hauptreserve stark besetzt worden war. Tas Gefecht von Montebelw am 20. Mai 1859 167 Die mittlere österreichische Kolonne war in das Gefecht an der Eisenbahn hineingezogen worden. Die rechte unternahm am Nachmittage von Branduzzo her einen Vorstoß in südlicher Richtung gegen die linke Flanke der Franzosen und trat bei Jl Casoni di Lausi ins Gefecht, führte dieses aber nicht mit ganzer Kraft durch und hatte daher auch nicht den vollen Erfolg, den sie hätte haben können. Auf den Kanonendonner herbeieilende französische Verstärkungen hielten sie auf, und nach dem Verlust von Montebello trat auch sie den Rückzug an. General Forey wagte nicht einmal, die Nacht hindurch unmittelbar vor der Front der nun versammelten Österreicher stehen zu bleiben. Er befahl, um sie irre zu führen, ausgedehnte Wachtfeuer anzuzünden, und ging mit seinen Truppen nach Voghera zurück. Graf Stadion ließ sich wirklich täuschen und trat noch in der Nacht den Rückzug in den Brückenkopf von Vaccarizza an, wo die letzten Truppen erst am nächsten Mittag um 1 Uhr stark erschöpft eintrafen. Die Verluste waren nicht unbedeutend. Sie betrugen auf österreichischer Seite 46 Offiziere, 1377 Mann, auf französischer 64 Offiziere, 659 Mann. Irgendeinen Nutzen brachte das blutige Gefecht für den Angreifer nicht. Daß französische Truppen bei Voghera stünden, wußte man auch früher schon, welche Gesamtstärke und welche Absichten sie hätten aber nach dein Kampfe ebensowenig wie zuvor. Der Umstand, daß das erste Zusammentreffen mit den Franzosen ungünstig ausgefallen war, wirkte hingegen recht nachteilig auf die Stimmung der ganzen österreichischen Armee. In Wirklichkeit hatten 12 000 der Ihren gegen 7000 Franzosen gefochten. Diese nicht unbeträchtliche Überzahl wurde, bei der Gesamtstärke der ausgerückten Truppen, noch erheblich überschätzt und dem Mißerfolge deshalb vermehrte Bedeutung beigemessen. Auch auf die pessimistische Grundstimmung des Oberbefehlshabers hat der Ausgang wohl einen verschlimmernden Einfluß geübt. An Tapferkeit hatten es die Österreicher nicht fehlen lassen. Mit Recht dankte ihr Kaiser ihnen telegraphisch dafür. Aber sie waren schwerfälliger als die Franzosen, klebten an Formen, fanden sich im Gelände schlechter zurecht; ihren Führern fehlte es an Selbständigkeit und an kräftigem Triebe zur eigenen Tätigkeit. Geradezu unheilvoll hatte die Theorie der Ausnahmestellungen gewirkt, durch welche ein möglicher Rückschlag in seinen Folgen abgeschwächt werden sollte. Sie verschuldete vornehmlich die Kräftezersplitterung. Um einmal nicht ganz, sondern nur halb geschlagen zu werden, verzichtete man fünf- oder sechsmal auf den Erfolg. Wer dächte 168 IV. Der Italienische Krieg von 1859 bei Betrachtung des Gefechts von Montebello nicht an Saalfeld, Kapellendorf, Halle und andere Gefechte von 1806. -» 5 ü- Den Feldzeugmeister bestärkte das Gefecht in seiner Ansicht, daß Napoleon III., wie einst Bonaparte, beabsichtigte, gegen Piacenza vorzugehen. Manches sprach dafür, daß die Franzosen südlich des Po bleiben würden, wo sie die Überschreitung der von den Alpen herabkommenden Nebenflüsse vermieden und bei dem Zustande des Landes, das mit ihnen sympathisierte, völlige Freiheit der Bewegung hatten. Sie konnten sich im Notfalle auf Livorno ebenso gut basieren wie auf Genua und ohne schwierige Angriffe die Österreicher aus der Lombardei herausmanövrieren, deren Bevölkerung sich ihnen dann mit Begeisterung angeschlossen hätte. Napoleon HI. wieder hielt den österreichischen Vorstoß für den Beginn einer größeren Offensive. Auch das war logisch gedacht. Beide Parteien sollten sich täuschen. Graf Gyulai dachte gar nicht an die bei ihm vorausgesetzte kühne Absicht, und der Kaiser faßte einen gerade entgegengesetzten Entschluß, als sein Gegner ihm zuschrieb. Am 26. Mai entschied er sich für den Linksabmarsch aus seiner Stellung und für den Vormarsch über Vercelli, No- vara auf Mailand um den rechten Flügel der Österreicher herum. Bei den Vorteilen, die das einstweilige Verbleiben auf dem südlichen Poufer bot, ist dieser Entschluß auffallend. Jominis Ratschläge sollen zu seiner Entstehung mitgewirkt haben; die Vermutung, daß die Erbeutung eines österreichischen Armeebefehls die Ursache war, ist in geistvoller Art begründet worden. Aber auch auf dem Wege ganz natürlicher Folgerungen läßt er sich erklären. Nach dem Abzüge der Österreicher von Vercelli hatten sich die Sardinier von Casale aus dort festgesetzt und Streifzüge gegen Palestro und bis Borgo Vercelli unternommen. Der Weg nach Novara lag offen. Von Alessandria bis Vercelli stand die Eisenbahn zu Gebote und war in der Folge zur Versorgung der vordringenden Armee benutzbar. Im gebirgigen Gelände am Fuß der Alpen konnten der Parteigängerkrieg und die Volkserhebung in Gang gebracht werden, um die Österreicher in Flanke und Rücken zu bedrohen. Nach dem Gefecht bei Montebello hatte der Kaiser seine Armee nach rechts gegen Stradella vorgeschoben, und bei dieser Gelegenheit mag seiner Überlegung die Schwierigkeit einleuchtender geworden sein, eine Armee von nahe an 200000 Mann im wesentlichen auf einer einzigen Straße, die Napvleon III. Angrisfsplan 169 zwischen Po und Apenninen nach Osten lief, vorzuführen. Auch der Umstand, daß der Strom im Unterlauf ein immer stärker werdendes Hindernis bot, sowie die Notwendigkeit, das feste Piacenza zu nehmen, wo möglicherweise die Österreicher am Nordufer die Ankömmlinge erwarteten, forderten Beachtung. Am Ende erschien es rätlich, den wirkungsvolleren aber beschwerlicheren Vormarsch südlich des Po aufzugeben und den leichteren über Vercelli zu wählen, der noch dazu den Vorzug der Überraschung für sich hatte. Der Kaiser befahl daher am 26. Mai, daß die Sarden von Casale aus möglichst nnbemerkt nach Vercelli vorgehen und dort Stellung nehmen, die Hauptkräfte der französischen Armee aber im Laufe des 27., 23. und 29. Mai — die Infanterie zum großen Teil auf der Eisenbahn — in den Raum Casale—Valenza abrücken, die Vorposten und die Kavallerie jedoch unbeweglich am Po stehenbleiben sollten. Dieser Flankenmarsch wurde, wie befohlen, ausgeführt, nicht entdeckt und nicht gestört. Das Gefecht von palestro am 30. und 51^. Mai ^85H (S. Skizze 15) Am 30. Mai gingen 4 sardinische Divisionen von Vercelli gegen Pa- lestro vor, um für die nachrückenden Franzosen Platz zu machen, und stießen dort auf die österreichische Brigade Weigl des 7. Korps, die den äußersten rechten Flügel der österreichischen Vorposten inne hatte. Sie stand in einem Labyrinth von Pflanzungen, Reisfeldern, Gräben und Kanälen, denn die Gegend von Palestro ist sogar für Oberitalien besonders unübersichtlich. Ihre 3200 Mann, 130 Reiter und 8 Geschütze waren zudem noch auf einer IS Kilometer langen Linie von Vinzaglio über Palestro bis Longosco zersplittert. Ernster Widerstand war an keiner Stelle möglich. Ihr Führer glaubte sich durch die hoch angeschwollene Sesia gedeckt und ahnte noch am Morgen nicht, daß die ganze sardinische Armee gegen ihn im Anmärsche sei. Von dieser, die im ganzen 40 600 Mann Infanterie, 1760 Reiter und 82 Geschütze zählte, also mehr denn zehnfach so stark war, rückte die Division Cialdini gegen Palestro, die Division Durando gegen Vinzaglio heran. Die beiden anderen Divisionen gingen weiter nördlich vor. In Palestro standen nur 3 österreichische Kompagnien mit 2 Geschützen. Sie leisteten heldenmütigen Widerstand, hielten das Dorf eine Stunde lang und nahmen die Gegenwehr an dem wenige hundert Schritt dahinter gelegenen Kanal Della Borghesa von neuem auf. Dort erhielten sie einige Ver- 170 IV. Der Italienische Krieg von I8S9 stärkungen von der 2500 Mann, 130 Reitern, 8 Geschützen starken Brigade Dondorf des 7. Korps, die vormittags als Rückhalt bei Robbio eingetroffen war. Sie gingen nun noch einmal vor, drangen Mieder in Palestro ein, verloren es nochmals und traten am Nachmittage um ^ 4 Uhr endgültig den Rückzug an. Die Brigade Dondorf, statt mit voller Stärke an einem Punkte einzugreifen, entsandte noch eine andere gemischte Abteilung von 3 Kompagnien und 2 Geschützen rechts nach Vinzaglio, um von dort her bei Palestro einzugreifen. Diese kleine Truppenmacht geriet mitten in die sardinische Division Durando hinein, die nach langem Zögern eben einen schwachen österreichischen Posten aus Vinzaglio verdrängt hatte, und nur durch großen Mut und Besonnenheit gelang es ihr, nach schwerem Verlust und nach Einbuße der beiden Geschütze sich zu retten. Die Österreicher hatten außerdem noch 10 Offiziere, 550 Mann, die Sarden nur 10 Offiziere, 305 Mann verloren, aber auch zwei Divisionen gegen eine, nicht einmal vollständige Brigade verwendet. König Victor Emanuel, der selbst zugegen war, fühlte sich bei Palestro keineswegs sicher, da in der Nähe bei Robbio starke feindliche Kräfte standen, und er hinter sich die angeschwollene Sesia hatte. Er bat um fran- Das Gefecht von Palestro am 30. und 31. Mai 1859 171 zösische Hilfe, erhielt ein Zuavenregiment zugesandt und vereinigte somit bei Palestro an 14 000 Mann. Der Feldzeugmeister hielt trotzdem uoch an der Überzeugung fest, daß die Franzosen auf Piacenza vorgehen würden und sein linker Flügel, nicht aber der rechte, bedroht sei. Garibaldis Vorgehen auf Varese am Alpenfuße hielt er für einen Versuch, seine Aufmerksamkeit nach der falschen Richtung abzulenken. Am Abend waren noch 2 Brigaden, diese dem 2. Korps angehörend, eingetroffen, und alle 4 sollten am nächsten Morgen, dem 31. Mai, gegen Palestro vorgehen, um die wirkliche Stärke des Gegners dort zn erkunden. Dies führte zu erneutem Kampfe. Wenn auch die Natur des Geländes nicht erkennen ließ, daß die ganze sardinische Armee bis auf eine bei Casale zurückgebliebene Division ihren Sesiaübergang bei Vercelli schon bewerkstelligt hatte, so ließen die Gefechte bei Palestro und Vinzaglio sowie das Vordringen starker Kavallerie auf dem linken Flügel der Verbündeten und Garibaldis gegen Como doch keinen Zweifel mehr darüber, daß die Hauptkräfte gegen den rechten Armeeflügel in Bewegung waren. Dies hätte die Besorgnisse für den linken heben sollen; denn daß die Franzosen auf Piacenza, die Sardinier aber gleichzeitig über Vercelli, in zwei ganz auseinanderstrebenden Richtungen, angreifen würden, durfte man ihnen nicht zutrauen. Die neue Erkundung war daher überflüssig, ja gefährlich, und der Generalstabschef der Armee Oberst Kühn mahnte auch zur Vorsicht. Die 4 um Nobbio vereinigten Brigaden gingen unter einheitlichem Befehl des Feldmarschalleutnant Baron Zobel, an 11000 Mann stark, in drei Kolonnen gegen die Linie Consienza—Palestro vor, während hinter ihnen Nobbio besetzt blieb. Sie stießen in ein Wespennest hinein, denn in der Frühe hatte das ganze 3. französische Korps begonnen, von Pra- rolo aus, die Sesia zu überschreiten. An 90000 Verbündete standen nun diesseits der Sesia bereit, also eine nennfache Übermacht. Trotzdem griff die rechte Kolonne unter General Weigl, 1100 Gewehre, 60 Reiter, 4 Geschütze, entschlossen Consienza an, wo die beiden sardinischen Divisionen Fanti und Castelborgo mit 20 000 Mann, 400 Reitern und 44 Geschützen standen. An Erfolg war natürlich nicht zu denken. Die Brigade mußte am Ende nach einem Verlust von 5 Offizieren und 169 Mann nach Nobbio zurückweichen. Die in der Mitte vorgehende Hauptkolonne, von dem Feldmarschallleutnant Zobel selbst geführt, S500 Mann Infanterie mit 24 Geschützen, warf zunächst am Vormittag die feindlichen Vorposten vor Palestro zu- 172 IV. Der Italienische Krieg von 1659 rück, entwickelte sich am Canale della Borghesa und geriet hier in heftiges stehendes Feuergefecht gegen die sardinische Übermacht. Es gelang schließlich, auch diese auf Palestro zurückzuwerfen; dann aber mußte das Gefecht abgebrochen und der Rückzug nach einem Verlust von 17 Offizieren, 929 Mann angetreten werden, da die große Zahl der Feinde erkannt wurde und das Geschützfeuer bei der linken Kolonne verstummte, woraus man nichts Gutes folgerte. In der Tat war dort ein schwerer Unfall eingetreten. Generalmajor Szab6, der sich rechts durch die Hauptkolonne, links durch die Sesia, die noch in der letzten Nacht um 3 Fuß gestiegen war, völlig gesichert glaubte, rückte, um schnell vorwärts zu kommen, mit seinen 3850 Mann Infanterie, 270 Reitern und 8 Geschützen, ohne die gehörigen Sicherheitsmaßregeln, am Flußufer gegen Palestro vor. Bei La Bridda, wo eine Brücke über den tiefen, zwischen hohen Dämmen sich hinziehenden Cavo Sartiraua führt, traf er auf den Feind. Brücke und anstoßende Gebäude wurden von den österreichischen Jägern bald genommen, der Verteidiger wich nach der Casa S. Pietro zurück. Dann entdeckte man die Kriegsbrücke von Prarolo, auf der die Franzosen noch immer die Sesia überschritten, und nahm sie unter Geschützfeuer. Auch S. Pietro wurde erobert. Unvorsichtig folgten die Jäger den Sardiniern auf Palestro und gerieten dort in die feindliche Übermacht hinein. Plötzlich erschienen zudem in Flanke und Rücken der bisherigen Sieger französische Zuaven vom 3. Regiment, welche die Sesietta durchschwömmen oder durchwatet hatten uud sich der Brücke von La Bridda wieder bemächtigten. Ein österreichisches Jnfanteriebataillon setzte sich dort freilich im Viereck zur Wehr, aber eine am anderen Sesiaufer auffahrende feindliche Batterie sprengte es durch ihre Geschosse auseinander. Nun folgte allgemeine Verwirrung. Die Verbände lösten sich auf; viele Leute ertranken beim Versuch, den Kanal zu passieren. Bei Rivoltella fanden die zerstreuten Abteilungen Aufnahme. 7 Geschütze und etwa 1000 Mann gingen verloren. Die Gesamteinbuße der Österreicher hat somit an 2200 Mann betragen, wovon 364 in Gefangenschaft gerieten. Der Verlust der Verbündeten belief sich auf 700 Tote und Verwundete. Der moralische Eindruck dieses Mißgeschicks war um so größer, als die französische Infanterie, zumal die Zuaven, eine den Österreichern weit überlegene Schnelligkeit und Gefechtsgewandtheit, die 7 Jahre später an den Preußen gerühmte oder geschmähte „affenartige Behendigkeit" offenkundig an den Tag gelegt hatten. An sich ist der Ausgang des Kampfes nicht wunderbar; denn im ganzen «M , Gyulais Entschluß zum Vorstoß gegeu Rovnrra 1?Z hatten sich zwei österreichische Divisionen sieben feindlichen gegenüber befunden, ohne von der Nähe so bedeutender Kräfte der Verbündeten etwas zu ahnen. Die Masfe der französischen Armee erreichte an diesem Tage Vercelli und Umgegend. Am folgenden konnten die vordersten Truppen schon bei Novara bereit stehen, um einen Gegenangriff des Grafen Gyulai durch einen Vorstoß in die rechte Flanke zu beantworten. Tatsächlich war ein solcher in Aussicht; denn der Feldzeugmeister hielt noch immer alles, was bei Palestro geschah, für den Versuch eines kleinen Teiles der feindlichen Armee, ihn zu täuschen, und wollte den Angriff am 1. Juni in größerem Maßstabe erneuern. Wäre es geschehen, so würden 5 österreichische auf 13 feindliche Divisionen gestoßen sein. Allein in der Nacht klärte sich die Lage noch auf. Die Meldungen von der Front brachten jetzt auch den Feldzeugmeister zu der Überzeugung, daß die Hauptmacht der Verbündeten vor seinem rechten Flügel zu suchen sei. Auf den Rat seines Generalstabschefs gab er den Angriff von Palestro auf und befahl die Versammlung der ganzen Armee in der Richtung auf Novara, um die Franzosen anzugreifen, wie es zehn Jahre früher Radetzky gegen Karl Albert getan. Leider war es schon um einen Tag zu spät. Die Versammlung hätte am 31. Mai vollendet sein müssen; denn dann wäre es möglich gewesen, Napoleon III. während des Übergangs über die Sesia anzugreifen. Jetzt standen im Augenblicke noch drei österreichische Korps am Po, die nicht rechtzeitig zur Schlacht herankommen konnten. Die Verbündeten befanden sich am Abend des Tages an folgenden Punkten: die sardinische Armee unter dem Könige um Palestro, das 4. französische Korps (Niel) bei Borgo-Vercelli, das 2. Korps (Mac Mahon) zwischen Vercelli und Borgo-Vercelli, die Garden (Regnault) bei Vercelli, das 1. Korps (Baraguey) bei Casale, das 3. Korps (Canrobert) bei Palestro und Prarolo, die Division d'Autemarre vom 5. Korps wurde nach Alessandria herangezogen, die sardinische Division Cucchiari stand noch am Po zwischen Valenza und Casale. Die Österreicher waren im Augenblick wie folgt verteilt: das 2. Korps (Liechtenstein) bei Robbio, das 7. Korps (Zobel) bei Candia, 174 IV. Der Italienische Krieg von 1859 das 3. Korps (Schwarzenberg) bei Mortara, das 8. Korps (Benedek) bei Lomello, das 5. Korps (Stadion) bei San-Nazzaro, das 9. Korps (Schaffgotsche) bei Vaccarizza—Piacenza. die Kavalleriedivision Mensdorff bei Nicorvo, die Reservedivision Urban war gegen Garibaldi entsendet und stand diesem bei Varese gegenüber. Ein Blick auf die Karte lehrt, daß die Korps 8, 5 und 9 am 1. Juni bei einem Entscheidungskampfe gegen die Verbündeten notgedrungen fehlen mußten. Der 31. Mai war der entscheidende Tag für die Österreicher gewesen, seine Bedeutung aber nicht erkannt worden. Die Versammlung gegen Novara begann trotzdem. Unterdes traf auch das als Verstärkung herangezogene 1. Korps (Clam-Gallas) mit der Bahn von Prag her bei Mailand ein, und seine zunächst verfügbaren Truppen wurden unverweilt zur Sicherung der großen Straße Novara— Mailand in den Brückenkopf von San Martins und an den Ticino bei Magenta vorgezogen. Die Franzosen setzten ihre Umgehung ungestört fort. Das 4. Korps nahm bei La Bicocca südlich Novara, wo 1849 der entscheidende Kampf stattfand, Aufstellung. Dahinter erreichten das 2. Korps, die Kavallerie und die Garden Novara; die Sardinier, das 3. und 1. Korps standen um Palestro und Vercelli. So war fast die ganze verbündete Armee auf engem Raume versammelt, um die vereinzelt heranrückenden Österreicher zu empfangen. Zudem waren sie ihnen um ein Drittel an Zahl überlegen. Die Gefahr dieser Lage entging dem Grafen Gyulai nicht. Sie erinnerte etwas an den Tag von Großgörschen; aber es fehlte hier das Vertrauen auf den überlegenen Wert der eigenen Truppen, das dort die Verbündeten zu dem kühnen Entschluß bewog, trotz allem in die vorüberziehenden Heeresmassen Napoleons I. auf gut Glück hineinzustoßen. Der Feldzeugmeister gab den Angriff am 2. Juni aus und befahl den Rückzug hinter den Ticino, der unter dem Schutze des 1. Korps in zwei großen Kolonnen über Vigevano und Bereguardo (halbwegs zwischen Vi- gevano und Pavia) vor sich ging. Bei Novara standen die Franzosen Magenta näher als die Österreicher, die sich ihnen dort vorlegen wollten. Dennoch gelang der Abmarsch dahin, wenn auch unter großen Anstrengungen. Nach einer kurzen Unterbrechung am Morgen des 3. Juni, die dadurch hervorgerufen wurde, daß Feldzeugmeister Heß im Auftrage seines Kaisers bei der Armee eintraf und in Erinnerung an den glorreichen Tag von Novara die Umkehr und den Angriff noch einmal erwägen ließ, traf die ermüdete Armee zum grö- Rückzug der Österreicher hinter den Ticino 175 ßeren Teile schon am Abend bei und südöstlich Magenta ein. Nur das 5. und 8. Korps, welche den weitesten Weg hatten, langten erst tief in der Nacht, zum Teil sogar am 4. Juni morgens auf dem linken Ufer des Ticino an. Das 9. Korps stand am 3. Juni abends noch immer bei Piacenza und Stradella am Po, fern von der Armee. Das Hauptquartier ging nach Rosate. Kaiser Napoleon nutzte den erlangten Vorsprung nicht mehr aus. Der rasche Zug schwindet aus den Bewegungen seines Heeres, als sei er im Zweifel gewesen, was er nach der gelungenen Umgehung weiter zu beginnen habe. Am 2. und auch am 3. Juni, während die Österreicher in vollem Rückzüge waren, standen die Franco-Sardinier noch bei Novarn mit der Front gegen Süden und warteten auf einen Angriff. Nur Mac Mahon rückte mit dem 2. Korps und den Garden bis an den Ticino vor und bemächtigte sich am 2. nachmittags des Überganges von Turbigo, 10 km nordwestlich von Magenta. Eine Gardedivision erschien vor dem noch unfertigen Brückenkopfe von San Martino und bewog die Österreicher, ihn in der Nacht zum 3. Juni zu räumen. Die Sprengung der Ticino- brücke gelang ihnen nur unvollständig. Sie blieb für Infanterie gangbar; die kleineren Kanalbrücken dahinter wurden zerstört. Eine schwache gegen Turbigo vorgegangene österreichische Abteilung wurde am 3. Juni auf Magenta zurückgeworfen. Am Abend standen schon bedeutende feindliche Kräfte bei Turbigo. Die Schlacht von Magenta am Juni ^359 (S. Skizze 16) Wenn die Österreicher am 4. Juni stehen bleiben wollten, um, wie der Kaiser es noch am 3. Juni telegraphisch befohlen hatte, die Ticinolinie zu halten, so durften sie nicht im Zweifel sein, daß es bei Magenta zur Schlacht kommen müsse. Der Feind bei Turbigo konnte nicht untätig bleiben. Die Lage war an sich nicht ungünstig. Der den Ticino östlich begleitende Naviglio grandc bot eine gute Verteidigungslinie, um den über San Martino kommenden frontalen Angriff abzuwehren, indessen die Hauptmasse der Truppen sich auf die, von Turbigo her erscheinenden, feindlichen Kräfte zu werfen vermochten. Alle irgend erreichbaren Truppen wären also nach dem mutmaßlichen Schlachtfelde in Bewegung zu setzen gewesen. Statt dessen erging nur der Befehl an sie, sich des Morgens um 8 Uhr bereit zu halten. Zudem herrschte in der Verteilung der vorderen Truppen die übliche 176 IV. Ter Italienische Krieg von 1859 Zersplitterung. Der erste Stoß der Franco-Sardinier, die am 4. Juni den Übergang über den Ticino in zwei großen Gruppen bei Turbigo und San Martina fortzusetzen gedachten, mußte das 1. österreichische Korps bei Magenta, und das schon dicht herangerückte 2. bei Busfalora treffen. Den Oberbefehl über beide führte Clam-Gallas. Diesen: wurde in der Frühe der Anmarsch starker Kräfte von Novara auf San Martino gemeldet, während der Gegner bei Turbigo schwächer sein sollte. Guylai stellte ihm hierauf auch die Division Reischach von dem nahe südlich befindliche:? 7. Korps zur Verfügung und befahl ihm, den bei Turbigo übergegangenen Feind anzugreifen und wieder über den Ticino zurückzuwerfen, während Fürst Liechtenstein mit dem 2. Korps die Stellungen von Magenta halten, abends aber auch angriffsweisc vorgehen sollte. Von Gallarate her würde Urban mit seiner Division eingreisen. Kaiser Napoleon hatte für den 4. Juni verfügt, daß das 2. Korps und die Garden, die beide schon im Übergange begriffen waren, zunächst Magenta und Buffalora gewinnen sollten. Das 3. wurde nach San Martino be-^ Die Schlacht von Magenta am 4. Juni 1859 177 ordert, das 1, und 4. sollten zunächst bei Novara und Trecate warten, die Sardinier sich bei Galliate zwischen den beiden getrennten Heeresgruppen aufstellen. In vorderster Linie trafen zunächst etwa 35 000 Franzosen auf 34 000 Österreicher, so daß die Kräfte gleich stark waren. Der Kampf begann zwischen 10 und 11 Uhr vormittags, als die Gardedivision Mellinet über die halb zerstörte Ticinobrücke auf der großen Chaussee gegen den Schiffahrtskanal vorging. Nach kurzer Kanonade trat jedoch wieder eine Pause ein. Trotzdem hielt Clam-Gallas den ihm gewordenen Befehl zum Angriff aus Turbigo für nicht mehr durchführbar und meldete dies dem Feldzeugmeister, während er zugleich das 3. und 7. Korps bat, den Marsch nach dem Schlachtfelde zu beschleunige«. Gyulai erweiterte seine Anordnungen in den ersten Nachmittagsstunden dahin, daß das 7. Korps nach Corbetta, das 3. nach Robecco, das 5. sowie die Geschützreserve nach der Gegend von Abbiategrasso, das 8. nach Bestazzo heranrücken sollten. Keiner dieser Orte liegt weiter als 10 Kilometer von Magenta entfernt. Leider sollten überall ziemlich beträchtliche Vorpostenabteilungen westlich des Schiffahrtskanals, also dem Kampfe fern bleiben. Um dieselbe Zeit, als diese Befehle gegeben wurden, begann auch von Turbigo her der Angriff. Die vorderste Division Mac Mahons — de la Motterouge — erschien bei Cuggiono und drängte die Österreicher auf Buffalora zurück. Dort hielten sie aber Stand und behaupteten siegreich die kleine Hochfläche des Monte Rotondo. Mac Mahon entdeckte, daß er viel feindliche Truppen vor sich habe und machte als vorsichtiger Führer Halt, bis auch die andere Division seines Korps, Espinasse und die bei ihm befindliche Gardedivision Camou herau sein würden. So entstand auch hier eine Gefechtspause. Der Kaiser hatte aber den Kanonendonner von Buffalora gehört und ließ die Gardedivision Mellinet neuerdings gegen den Schiffahrtskanal vorgehen, um Übereinstimmung in den Angriff der Armee zu bringen. Bei Buffalora war die Kanalbrücke rechtzeitig gesprengt worden, der Angriff mißlang. Auch an der großen Straße wurde er von heftigem Kartätsch- und Raketenfeuer aufgehalten. Die Sprengung der Brücke kam dort jedoch nicht mehr zur Ausführung. Bei Ponte vecchio glückte sie. Südlich der Eisenbahn wichen die Verteidiger — ein aus Italienern bestehendes Bataillon — am und über den Kanal zurück. Gefahr war im Verzüge. Die in der Nähe lagernde Brigade Szabö, die das Mißgeschick bei Palestro erlebt hatte, eilte indes herbei und stellte das Gefecht wieder her. Auch andere Truppen vom 2. Korps griffen ein. Ein heftiger Jn- fanteriekampf entbrannte an der Kanallinie ans nahe Entfernung. In Frhr. ». d. Goltz, Kriegsgeschichte II 12 178 IV. Der Italienische Krieg von 1859 dem dicht bedeckten Gelände hörten Übersicht und Ordnung auf. Endlich stürmten die gewandteren und beweglichen Franzosen die Eisenbahnbrücke und durchbrachen damit die Linie der Verteidiger. Diese begannen auf Magenta und au die Straße Magenta—Buffalora zurückzuweichen. Freilich waren sie an Zahl den Angreifern weit überlegen; man darf aber nicht vergessen, daß in ihren Reihen sowohl Italiener als auch viele Ungarn fochten, die nach dem vor zehn Jahren Vorgefallenen sich wohl nicht mit voller Begeisterung für das Kaiserhaus schlugen, das sie damals bekämpft hatten. Nach der Gewinnung des Naviglio grande zogen die Franzosen ihre Artillerie vor, um Magenta unter Feuer zu nehmen. Die engen Straßen füllten sich von flüchtendem Fuhrwerk, als gerade jetzt, 2^ Uhr nachmittags, die ersten bedeutenden Verstärkungen von rückwärts eintrafen. Es war die Division Neischach vom 7. Korps, die sich schnell durch den Wirrwarr hindurch arbeitete und mit großem Ungestüm den Franzosen entgegenwarf. Diese vermochten ihr nicht zu widerstehen; das eroberte Gelände ging ihnen wieder verloren. Der Naviglio grande geriet von neuem in österreichische Gewalt. Die französischen Garden aber ermannten und versammelten sich; die Österreicher mußten nochmals zurück, erhielten Verstärkungen und gingen wieder vor. Dann aber kam auf französischer Seite die vorderste Brigade des 3. Korps Canrobert heran und trug ihrerseits den Angriff vorwärts, bis die österreichische Brigade Szabö ein- griff und ihr Halt gebot, ja sogar über den Kanal vordrang und dort 2 Geschütze eroberte, ohne sie fortschaffen zu können. So wogte das blutige Ringen hin und her, je nachdem auf der einen oder der anderen Seite frische Truppen eintrafen, deren noch unberührte Kraft sich im Gemenge fühlbar machte, bis auch sie allmählich erlahmte. Um 4 Uhr trat auf diesem Teile des Schlachtfeldes eine neue Pause ein. Unterdessen hatte Fürst Liechtenstein Buffalora räumen lassen, weil er für den Rückzug der dort fechtenden Truppen fürchtete. Unter dem Schutze eines erfolgreichen Angriffs von vier Ulanenschwadronen stellte er diese, im ganzen 7 Bataillone, bei Casa Nuova auf. Hinter ihnen drängten die Franzosen über den Kanal nach Buffalora hinein, blieben aber im Orte, als ein herumirrendes österreichisches Bataillon zweimal heftig gegen sie anprallte. Während hier die Österreicher freiwillig zurückgingen, drangen sie an anderer Stelle zur Unterstützung der Division Reischach vor. Das 3. Korps erschien von Robecco her zwischen dem Naviglio grande und dem Ticino, um lebhaft in den Kampf einzugreifen. Leider geschah es wieder nicht mit der ganzen Kraft. Unnötigerweise waren zu mancherlei Zwecken Hin und her wogender Kampf um Magenta 179 starke Teile zurückgeblieben, und die herankommenden warfen sich vereinzelt auf den Feind. Dennoch drangen sie bis Ponte vecchio vor und nahmen selbst diesen Ort. Als sie ihn wieder verloren und zurück mußten, hieben, trotz dem durchschnittenen Gelände, fünf Schwadronen Preußenhusaren unter ihrem verwegenen Obersten, Grafen Edelsheim, in die französischen Schützen ein, warfen sie über den Haufen, brachten den Marschall Can- robert in Gefahr und drangen nochmals bis Ponte vecchio vor. Leicht ist zu ermessen, welche Wirkung das österreichische Korps hätte haben müssen, wenn es am Morgen, statt um Mittag, den Befehl zum Vorgehen erhalten und seine Kräfte vereint herangebracht hätte. So aber konnte der Erfolg nicht durchschlagend und auch nicht von Dauer sein. Den Franzosen flössen wieder Verstärkungen zu und am Abend nach 7^ Uhr, als Erschöpfung und herannahende Dämmerung dem Kampfe ein Ende machten, war Ponte vecchio endgültig in französischer Hand. Das 5. österreichische Korps, das erst um 5^ Uhr bei Abbiategrasso erschien, marschierte freilich noch bis Robecco, und seine vordersten Truppen traten östlich des Kanals bei Ponte vecchio ins Gefecht, ohne ihm bei der vorgerückten Stunde eine glückliche Wendung geben zu können. — Die Entscheidung in dem Schlachtenwirrwarr brachte Mac Mahons Angriff von Norden. Nach stundenlangem Warten hatte er seine Truppen in der Linie Casa Valisio—Marcallo geordnet, rechts die zuerst erschienene Division de la Motterouge, links die Division Espinasfe, links rückwärts davon die Gardedivision Camou. Über Jnveruno kam noch die sardinische Division Fanti heran. Diesem starken Angriffsflügel gegenüber waren wohl ansehnliche Kräfte der Verteidiger verfügbar, dem 2., dem 1. und 7. österreichischen Korps angehörig. Aber die einheitliche Leitung fehlte. Sie stellten sich der hereinbrechenden Flut in heftigem Kampfe entgegen, konnten sie jedoch nicht aufhalten. Auf dem linken Flügel bei Casa Nuova wurden sie zudem vom Kanal her umfaßt. Um 6 Uhr nachmittags begann der Kampf bei Magenta selbst, wohin die geworfenen österreichischen Truppen sämtlich zurückströmten. Einmal antwortete den Franzosen von dort her noch ein energischer Vorstoß, der sie wieder bis über den Bahnhof zurücktrieb. Mittlerweile aber hatte sich die französische Gardedivision Camon zwischen die beiden Divisionen von Mac Mahons Korps hineingeschoben und erneuerte den Angriff. Nach erbittertem Kampfe geriet Magenta gegen 8 Uhr abends in französische Gewalt. Die österreichische Division Lilia vom 7. Korps, die bei Corbetta eingetroffen war, hätte das Schicksal der Schlacht vielleicht durch einen recht- 12* 180 IV. Der Italienische Krieg von 13S9 zeitigen Vorstoß auf Marcallo, den ihr Feldzeugmeister Heß anriet, wenden können. Ihr Führer aber vermochte sich dazu nicht zu entschließen. Er führte nur noch, um die schwer bedrängten Verteidiger von Magenta zu entlasten, mit schwachen Abteilungen einen kurzen Vorstoß dorthin aus. Dann war der Kampf beendet. Trotzdem, und Wohl mit Recht, hielt Feldzeugmeister Gyulai die Schlacht nicht für verloren. Noch standen ihm Kräfte genug zur Verfügung, sie weiter zu führen. Er gedachte auch den Kampf am 5. Juni früh in der Linie Corbetta—Nobecco—Casterno wieder aufzunehmen und alsbald zur Offensive überzugehen. Die Verluste waren bedeutend gewesen. Sie beliefen sich auf 285 Offiziere und 9941 Mann, doch befanden sich darunter an 4500 Gefangene und Vermißte. Der französische Verlust ist an Toten und Verwundeten nicht viel geringer gewesen als der österreichische. Er belief sich auf 259 Offiziere 3850 Mann, zu denen noch 655 Vermißte kommen. Die sardinische Division Fanti kann nur eine ganz unbedeutende Einbuße gehabt haben. Zu den österreichischen Gefangenen stellten das Hauptkontingent die weniger zuverlässigen Elemente der Armee, zumal die Italiener. Ihnen sind wohl auch die Abteilungen zuzuzählen, die den Rückzug in der Nacht bis Mailand fortsetzten. Es hatten aber bisher nur etwa 57 000 Österreicher gegen rund 68 000 Verbündete gefochten; starke Teile der Armee — an 50 000 Mann — waren unberührt. Auch Urban, der Garibaldi gegen den Lago maggiore zurückgetrieben und sich am 4. Juni Turbigo genähert hatte, konnte am 5. eingreifen. Indessen dem Feldherrn fehlte das Vertrauen auf einen Sieg. Beim Kinegsbeginn hatte eine sehr große Zahl von Rekruten in die Armee eingestellt werden müssen, deren unzulängliche Schulung sich bei Magenta besonders fühlbar machte. Auch die Unselbständigkeit und Uubeholfenheit der unteren Führung war in dem bedeckten und unübersichtlichen oberitalienischen Gelände höchst verhängnisvoll; denn von ihr hing Sieg oder Niederlage im wesentlichen ab. Graf Clam Gallas berichtete über den Zustand der im Gefecht geweseneu Truppen des 1. und 2. Korps sowie der Division Reischach: „Die Ausführung (des Angriffs) ist gänzlich unmöglich, sie würde nur den vollständigen Ruin der Armee unwiderruflich herbeiführen. Es sind nämlich sämtliche Truppen in einer solchen totalen Auflösung, daß man nicht einmal eine Kompagnie, geschweige denn ein Bataillon zusammenbringen kann. Es bedarf mehrerer Tage dazu.... Das einzige Mittel, die Armee zu retten, ist, so schnell als möglich den Rückzug fortzusetzen." Rückzug der Österreicher auf Piacenza 181 So geschah es. Der erste energische Entschluß fiel. Eine Schlacht, die man verloren gibt, ist tatsächlich verloren. Auf französischer Seite fühlte man sich trotz der endlichen Wegnahme von Magenta auch nicht durchaus als Sieger: Ein Teil der Truppen kehrte sogar ans rechte Ticinoufer zurück. Napoleon III. atmete erleichtert auf, als es bekannt wurde, daß der Feind das Schlachtfeld verlassen habe. Der Marsch der österreichischen Armee nahm zunächst die Richtung auf Piacenza dem 9. Korps entgegen und mit diesem vereint weiter über die Adda gegen den Chiese. Der nähere Weg dahin über Mailand stand den Franzosen offen. Obwohl diese nicht folgten, ließ Gyulai Melegnano am 6. abends noch vom 8. Korps besetzen, um seinen weiteren Abmarsch zu sichern. Das Gefecht von Melegnano am 3. Juni ^859 (S. Skizze 17) Erst am 7. rückten die Franzosen in Mailand ein; am 8. folgte ihnen der Kaiser dorthin; gleichzeitig wurde aber auch der Feind in Melegnano entdeckt. Er mußte erneut angegriffen werden. Diesen Auftrag erhielt das mittlerweile bis halbwegs von Magenta nach Mailand gelangte 1. Korps, das vorgezogen wurde, um zum Gefecht zu kommen. Das 2. Korps sollte gleichzeitig um Melegnano nördlich herumgehen und den Österreichern den Rückzug auf Lodi verlegen. Durch Bagagen der Armee aufgehalten, traf die in der Front angreifende französische Division Bazaine vom 1. Korps erst gegen 6 Uhr nachmittags vor Melegnano ein, wo die österreichische Brigade Roden vom 8. Korps stand, während die Brigade Boer nahe dahinter in Reserve hielt. Über Wassergräben und Hindernisse hinweg sich neben der Straße entwickelnd, griff Bazaines Infanterie nach kurzer Kanonade den Ort und den davor gelegenen Friedhof an. Ein kurzer heftiger Kampf entspann sich. Zur Linken erschien dann die Division Ladmirault und drang von Norden in die Stadt ein. Zur Rechten war die Division Forey gegen Riozzo und Cerro im Anmarsch, wo sie den Rückzug der Brigade Roden bedrohte. Nach energischem Widerstande gingen Melegnano und die Lambrobrücke verloren. Alle Versuche der Franzosen, über die Stadt hinaus vorzudringen, scheiterten aber an dem Widerstande der bei Vizzolo und San Bernarda aufmarschierten Brigade Boer, die bis dahin dem Kampfe zugesehen hatte und nun erst die aus der Stadt geworfenen Verteidiger aufnahm. Inzwischen hatte das 2. französische Korps Mediglia östlich des Lambro 182 IV. Der Italienische Krieg von 1859 erreicht und sich dort schon gelagert. Auf den Kanonendonner hin ließ es sofort die Division Decaen aufbrechen, die nun in der rechten Flanke der Österreicher erschien und sie zwang, den Rückzug fortzusetzen. Der hartnäckige Widerstand der Brigade Roden erklärt sich dadurch, daß am 8. Juni im österreichischen Hauptquartier vorübergehend wieder eine Offensive gegen Norden geplant worden war. Da sie aufgegeben wurde, strafte sich die Vereinzelung der Brigade durch starken Verlust an Gefangenen. Etwa 10 Offiziere und 1000 Mann gerieten im hartnäckigen Hänserkampfe in Feindes Hand. 2 Generale, 14 Offiziere, 344 Mann blieben tot und verwundet auf dem Platze. Bei den Franzosen waren es 2 Generale, 68 Offiziere, 887 Mann. Einen Nutzen hatte der ungestüme Angriff auch für sie nicht gehabt, während der jeder Unterstützung entbehrende Feind, wenn man ihn in der Frühe durch die vorn befindlichen Korps angegriffen und zugleich umgangen hätte, wohl völlig vernichtet werden konnte. Schwer belastet durch sehr reichliches Gepäck, hatte die österreichische Infanterie sich bis dahin auf sonnigen Straßen in großer Hitze vorwärts geschleppt. Ihre Beweglichkeit im Kampfe war dadurch wesentlich geschmälert worden, während die Franzosen die Last von den Schultern warfen, sobald Fortsetzung des Rückzuges zum Mincio 183 es zum Gefecht ging. Jetzt befahl auch der Feldzeugmeister, daß der Infanterie nachgefahren werden solle, was sie an Ausrüstung dringend nötig hatte. Unnütze Bekleidungsstücke und Tornister blieben in den Festungen zurück. Ungestört vollzog sich auf den südlicheren Straßen der Lombardei der Abzug über Adda, Oglio und Chiese, als der Gedanke gegen die auf den nördlicheren Straßen zögernd folgenden Franzosen vorzustoßen — diesmal auf einen Befehl des Feldzeugmeisters Heß — endgültig aufgegeben worden war. Am unteren Po traf inzwischen das 10. Korps, am Mincio das 11. Korps zur Verstärkung ein. Was an einzelnen Truppenteilen irgend verfügbar war, wurde herangezogen, um das Gleichgewicht der Kräfte herzustellen. Der hohe Krankenstand machte den starken Nachschub unentbehrlich. Am 16. ging die Armee hinter den Mincio zurück; doch behielt sie die günstige Stellung von Lonato und Castiglione auf dem hohen linken Talrande des Chiese besetzt. Kaiser Franz Josef, der schon vorher zu Verona eingetroffen war, um dem Heere nahe zu sein, übernahm in Person den Oberbefehl und ordnete sich Feldzeugmeister Heß als Generalquartiermeister bei. Die vereinigte Heeresmasse wurde nun in zwei Armeen geteilt, die I. unter Wimpffen aus dem 3., 9. und 11. Korps und der Kavalleriedivision Zedt- witz sowie einer Reserveartillerie bestehend, die II. unter Schlick aus dem 1., 5., 7. und S. Korps, der Kavalleriedivision Mensdorff und einer Reserveartillerie zusammengesetzt. Von den zwölf Korps der österreichischen Armee gehörten nunmehr sieben der Operationsarmee an. Eines, das 2., blieb in Mantua, das 10. am unteren Po. Beider Verwendung entsprang der Sorge vor den Unternehmungen des Prinzen Napoleon von Toskana her. Über 40000 Manu, die beim Heere die kommende Schlacht zu Österreichs Gunsten hätten entscheiden müssen, blieben fern, um einer Gefahr vorzubeugen, die noch gar nicht ernsthaft drohte, und die mit dem Siege an der entscheidenden Stelle jedenfalls gänzlich beseitigt worden wäre. Das 6. sicherte Tirol nach Süd und Südwest. Das 4. setzte sich auch noch gegen den Kriegsschauplatz in Bewegung. Das 12. allein wurde im Innern der Monarchie zurückgehalten, die Aufstellung von vier neuen Korps befohlen. Am Rhein wäre damit Preußen das dort von ihm gewünschte Oberkommando ohne weiteres zugefallen. Napoleon III. traf auf den beiden nahe beieinander herlaufenden Straßen über Mailand-Casano und nördlich davon über Vaprio in zwei tiefen Heersäulen mit der ganzen Armee, überaus langsam marschierend, am 184 IV. Der Italienische Krieg von 1859 18. Juni zwischen Mella und Chiese ein. Garibaldi, aus seiner argen Bedrängnis, in die ihn Urban am Lago Maggiore gebracht hatte, durch die Schlacht von Magenta und den allgemeinen österreichischen Rückzug befreit, war wieder vorgegangen, hatte ein Streitkorps am Lago di Como entlang in das Veltlin entsendet und eilte der Hauptarmee voraus. Bei Ponte S. Marco wollte er den Chiese überschreiten. Die zur Sicherung des Brückenschlages bestimmte Abteilung aber erlitt am 15. Juni bei Caste- nedolo eine Schlappe gegen Urbans Truppen. Er wandte sich daher weiter nördlich. Die bei Lonato und Castiglione verbliebenen österreichischen Kräfte wurden nunmehr auch hinter den Mincio zurückgenommen. Die Verbündeten folgten an den Chiese. Ihre Vortruppen streiften am 21. schon bis an den Mincio. Die beiden Heere standen sich geschlossen gegenüber. Ein neuer Feldzug, der die endgültige Entscheidung bringen sollte, begann. Die Schlacht von Solferino am Juni 1.859 (S. Skizze 18) Anfangs bestand auf österreichischer Seite die Absicht, nach der Verstärkung und Neuordnung des Heeres, in das nunmehr auch die Division Urban eingegliedert wurde, den Feind innerhalb des oberitalienischen Festungsvierecks Peschiera, Mantua, Legnago und Verona zu erwarten. Des Kaisers Wunsch war es jedoch, die so schnell aufgegebene Lombardei möglichst bald wieder zu erobern und damit zumal in dem zögernden Deutschland einen Eindruck hervorzurufen, der es zur Teilnahme am Kriege fortreißen sollte. Am 23. überschritten beide Armeen daher den Mincio wieder und gingen in eine etwa 18 Kilometer breite Stellung vorwärts des Flusses vor, die II. Armee rechts nach Pozzolengo—Cavriana, die I. links daneben nach Guidizzolo—Cerlungo. Nur die Neserveartillerie blieb noch hinter dem Mincio zurück. Von Mantua aus wurde die Division Jellachich nach Marcaria am Oglio vorgeschoben. Das Kaiserliche Hauptquartier folgte von Villa- franca nach Valeggio. Gegenüber standen die Verbündeten zwischen Castel Goffredo und dem Südende des Gardasees, rechts die Franzosen bis Esenta nach Norden hinaufreichend, links die Sarden bei Lonato und Desenzano. Die rechte Flanke deckte eine Division vom Korps des Prinzen Napoleon bei Piadena am rechten Oglioufer, die linke Garibaldi zwischen Chiese und Gardasee, sowie die sardinische Division Cialdini, die ihm als Rückhalt diente. Beide hielten das in Tirol stehende 6. österreichische Korps im Schach. Wiedervvrgeheii der Österreicher. Die Heere nm Chiese lg5 Die Garden blieben noch hinter dem Chiese; der Kaiser hatte sein Hauptquartier zu Montechiari aufgeschlagen. Nur 10—15 Kilometer Entfernung trennten in der folgenden Nacht die Gegner. Am 24. Juni wollte die österreichische Armee an den Chiese vorgehen, die französische an den Mincio; sie mußten also einander begegnen. Napoleon hatte zwar erfahren, daß die Österreicher den Mincio schon überschritten hätten, legte ihrem Vorgehen aber nur die Absicht einer Erkundung großen Maßstabes bei. Die Österreicher entdeckten feindliche Lager bei Lonato und Castiglione, glaubten aber die dort stehenden Truppen leicht über den Fluß zurückwerfen zu können. Die 2. Armee sollte gegen die beiden Orte, die 1. umfassend gegen Carpenedolo vorgehen. Am folgenden Tage wurde die Schlacht am Chiese erwartet. Selten wird es in der Kriegsgeschichte vorkommen, daß zwei große Armeen einander so nahe stehen und sich doch, derart wie hier, über die sie erwartenden Ereignisse im unklaren befinden. Da die Österreicher in der Frühe noch abkochen und erst um 9 Uhr aufbrechen wollten, die Verbündeten sich aber im allgemeinen schon um 2 Uhr in Bewegung setzten, so konnte es nicht ausbleiben, daß jene durch den früh beginnenden Kampf überrascht wurden. Auf dem linken Flügel und vor der Mitte sahen sich die österreichischen Vorposten schon um 2^ Uhr morgens angegriffen. Bis 7 Uhr entwickelten sich dann auf der ganzen Linie zwischen dem Südende des Gardasees und Guidizzolo eine Reihe lebhafter Einzelgefechte. Der auf dem äußersten rechten Flügel der Verbündeten mit dem 3. französischen Korps vorrückende Marschall Canrobert ließ sich bei Castel Goffredo durch einige österreichische Eskadrons und die Meldung vom Vorgehen der Österreicher von Mantua aus aufhalten. Niel, der mit dem 4. Korps und den beiden Kavalleriedivisivnen des 1. und 3. die Richtung auf Guidizzolo erhalten hatte, Vertrieb, nach tapferem, hartnäckigem Widerstande, die österreichischen Vorposten von Medole und stieß dann ans Graf Wimpffens sich dahinter entwickelnde Armee. Mac Mahon, mit dem 2. Korps gegen Cavriana vorgehend, stieß dort auf das 1. österreichische Clam-Gallas, Baraguey bei Solferino auf das 5. Stadion. Die Sardinier trafen bei San Martino auf das, durch eine Brigade des 6. Korps verstärkte 8. österreichische unter Benedek. Das Schlachtfeld, auf dem sich nun nach und nach das allgemeine Ringen entwickelte, muß seiuer Natur nach in zwei ganz verschiedenartige Teile getrennt werden. Der nördliche ist ein Hügelland, mit einer großen Anzahl von unregel- Die Schlacht von Solferino am 24, Juni 1359 187 mäßigen Kuppen, Höhen, Vertiefungen, steilen Abhängen, bedeckt durch Ortschaften, Gehöfte, Weinberge, Bauten und Anlagen aller Art. Er steigt in seiner höchsten, von einein alten viereckigen Turm, der Spia d'Jtalia gekrönten Erhebung, gerade am Südrande, bei Solferino, bis zu 350 Fuß über die Chieseebene empor. Weiter südlich liegt dann vollkommen flaches und — was in Oberitalien selten ist — übersichtliches, gangbares Land, das Campo di Medole. Erst südlich von Guidizzolo und Medole beginnt wieder das gewöhnliche Gewirr von Wassergräben und BePflanzung. Im Norden auf den Höhen focht im allgemeinen die II., im Süden in der Ebene die I. österreichische Armee. Napoleon III. erkannte frühzeitig, bald nach 6 Uhr, daß er sich in seiner ursprünglichen Auffassung geirrt habe, und es sich nicht um Vorhutgefechte gegen erkundende feindliche Abteilungen, sondern um eine entscheidende Schlacht handle. Er erließ daher seine Befehle für eine solche. Das 1. und 2. französische Korps, gefolgt von den später aufgebrochenen Garden, sollten das österreichische Zentrum bei Solferino und San Cassiano durchbrechen und die beiden österreichischen Armeen voneinander trennen, das 4. und 3. Korps den österreichischen linken Flügel im Süden nur aufhalten, im Norden die Sardinier den rechten Flügel ernsthaft angreifen, zugleich aber mit ihrem rechten Flügel in den Kampf bei Solferino eingreifen. Auf österreichischer Seite wurde die wahre Bedeutung des Tages erst gegen Mittag erkannt, als sich Napoleons Anordnungen schon in voller Durchführung befanden. Trotzdem hielt das österreichische Hauptquartier an der ursprünglichen Absicht fest, die Entscheidung durch den in nordwestlicher Richtung geführten Vorstoß der I. Armee zu suchen. Um 11^ Uhr ergingen die Befehle Kaiser Franz Josefs in diesem Sinne. Der Gang der Schlacht war in großen Zügen der folgende: General Niel hatte seine Truppen, das 4. Korps und die beiden Kavalleriedivisionen, nach der Wegnahme von Medole, gegen Guidizzolo aufmarschieren lassen und wies die vereinzelten Vorstöße des 9. österreichischen Korps — Schaffgotsche — siegreich zurück. Die den linken Flügel der Oster- reicher sichernde Kavalleriedivision Zedtwitz, vom feindlichen Feuer bei Medole überrascht, verließ das Schlachtfeld und ging nach Goito zurück. Links neben Niel entwickelte Mac Mahon das 2. französische Korps bei Morino und ging auf Cavriana vor. Das ihm entgegenkommende 3. österreichische Korps Schwarzenberg gelangte nicht mehr über Canuovo hinaus, und es entspann sich hier ein heftiger, stehender Kampf. Baraguey d'Hilliers schritt mit dem 1. französischen Korps von le Grole zum Angriff auf 138 IV. Der Italienische Krieg von 18S9 Solferino, wo sich das 5. österreichische unter Graf Stadion, vom 1. Clam-Gallas unterstützt, bis 2 Uhr nachmittags behauptete, obschon auch das französische Gardekorps herbeikam und die sardinische Division Durando bei Madonna della Scoperta erschien, um starke Teile der Verteidiger dorthin abzulenken. Die französischen Kavalleriedivisionen, zu denen sich als dritte die der Garde gesellt hatte, wurden unterdessen in der Ebene von der österreichischen Kavalleriedivision Graf Mensdorff beschäftigt. Die drei sardinischen Divisionen Cuchiari, Mollard und Fanti mühten sich vergeblich ab, Benedek bei Pozzolengo zu schlagen. Die erste ward von ihm über San Martino hinaus zurückgetrieben, wo er dann eine Stellung nahm und sich gegen alle drei den ganzen Tag über siegreich behauptete. Auf ihrem linken Flügel waren die Österreicher erheblich überlegen, rund 60 000 Mann gegen 40000, und Niel hatte einen schweren Stand. Aber Graf Wimpffen ward der Gunst seiner Lage nicht inne; er dachte sogar voreilig an einen Rückzug. Sein Gegner gewann die Zeit, Verstärkungen von Canrobert heranzuziehen, der seine Blicke besorgt gegen den Po gewendet hatte, von wo starke österreichische Kräfte angeblich im Vormarsch gegen die rechte Flanke der französischen Armee sein sollten. Der Kampf währte unentschieden fort, und die I. österreichische Armee ließ sich solange fesseln, bis Solferino gefallen war, wohin sich auch Mac Mahon über San Cassiano gewendet hatte. Graf Wimpffen richtete nichts Entscheidendes aus, obschon des Kaisers Befehl zur Offensive ihn rechtzeitig getroffen hatte und das 11. Korps zur Unterstützung herangekommen war. Um 3 Uhr nachmittags wich das österreichische, im Laufe des Kampfes durch das 7. Korps verstärkte Zentrum von Solferino zurück und zwar nicht vereint, sondern in zwei getrennten Gruppen, teils gegen Pozzolengo, teils gegen Cavriana. Hierhin wendete sich Mac Mahon, und die Garden erzWangen die Räumung des Ortes. Die Schlacht war schon für die Österreicher verloren, als um 4^ Uhr ein heftiger Gewitterregen die Kämpfer zwang, von einander abzulassen. Er hinderte die Verfolgung der geschlagenen österreichischen Mitte. Von Cavriana zog diese auf Volta weiter, wo der Kaiser seinen Standort gewählt hatte. Die Sieger begnügten sich damit, das verlassene Cavriana zu besetzen. Um 6'/^ Uhr schwieg hier der Kampf; Wimpffen hatte ihn gar nicht wieder aufgenommen. Auf dem rechten österreichischen Flügel war der Angriff der Sardinier noch durch die Division Durando verstärkt worden, die sich von Madonna Rückkehr der Österreicher hinter den Mincio 189 del la Scoperta dorthin wendete. Aber Benedek ging ihr entschlossen entgegen und wies sie in glänzendem Gefechte ab. Unwillig folgte er erst um 9 Uhr abends dem schon fünf Stunden vorher gegebenen allgemeinen Rückzugsbefehl. In der Nacht besetzten die Verbündeten dann noch Guidizzolo und Pozzolengo, ohne die abziehenden Gegner zu verfolgen. Am 25. und 26. Juni gingen die beiden österreichischen Armeen wieder über den Mincio zurück. Ihre Verluste waren bedeutend; sie berechneten sich unmittelbar nach der Schlacht auf 639 Offiziere und 21098 Mann, darunter freilich rund 8600 Vermißte, von denen ein nicht unbeträchtlicher Teil sich später wieder bei der Truppe einfand. Anch 13 Geschütze waren verloren gegangen. Das Versagen des österreichischen linken Flügels trug an der Niederlage die Schuld. Die Zweiteilung des Heeres hatte sich nicht bewährt. Die Einbuße der Verbündeten wird auf 877 Offiziere, 16 314 Mann angegeben. Auf jeder Seite waren etwa 120000 Mann wirklich ins Gefecht gekommen. Wie anders hätte die Schlacht enden müssen, wenn die Österreicher nicht ein Viertel ihres ganzen Heeres am Po zurückgelassen hätten. Im letzten Augenblick erhielt ein Teil des 10. Korps Befehl, heranzukommen, aber zu spät, um noch eingreifen zu können. Unnötig war es auch, das 2. Korps in Mantua und bei Marcaria festzulegen. Eine große siegreiche Schlacht am Mincio hätte ferner Tirol gesichert, so daß auch dort Kräfte gespart werden konnten. Anders würde sich der Kampf schon gestaltet haben, wenn die Österreicher früher aufgebrochen wären und ihre Kräfte mehr beisammen gehalten hätten, um sie gleichzeitig zu verwenden, statt sie nach nnd nach in den Kampf zu führen, wie sie es in diesem Kriege fast überall getan. Beide Heere standen sich jetzt am Mincio gegenüber und bereiteten sich zur Fortsetzung des Feldzuges vor. Von Süden her kam Prinz Napoleon mit der Division Uhrich und der toskanischen Division Ulloa, die sich ihm angeschlossen hatte — im ganzen rund 19 000 Mann — zu den Franzosen heran. Am 25. Juni erreichten seine vordersten Truppen Parma, am 4. Juli erschien er am Mincio, wo das 5. französische Korps sich wieder vereinigte. Mittelitalien erhob sich. In Toskana, Parma, Modena, der Romagna und der Lombardei rüstete man zur Unterstützung der Befreier. Garibaldi strömten zahlreiche Freiwillige zu. Aus Frankreich trafen 190 IV. Der Italienische Krieg vvn 1869 die ersten einberufenen Reserven beim Heere ein, auch neue Divisionen der Armeen von Paris und Lyon. Die Österreicher konnten die beiden Korps vom Po und verschiedene Freiwilligentrupps, im ganzen an 60 000 Mann frischer Streitkräfte, an sich ziehen. Noch war nichts endgültig entschieden. Für alle Fälle leitete Napoleon III. den Angriff auf das Festungsviereck ein. Peschiera wurde am rechten Mincioufer von den Sarden eingeschlossen, Mantua zunächst von Goito aus beobachtet. Niel ging sogar, durch die Österreicher nicht gehindert, über den Fluß bis Villafranca vor, Mac Mahon und die Garden stellten sich dahinter bei Valeggio auf; die französische Flotte erschien vor Venedig. Dennoch kam es zu keinem ernsten Schlage mehr. Die italienische Bewegung ging über das Maß dessen hinaus, was der Kaiser selbst gewollt hatte. Er fürchtete, die Herrschaft über sie zu verlieren; er fürchtete auch für den eigenen Thron, wenn bei der Fortsetzung des bis jetzt glücklichen Feldzuges ein Rückschlag eintreten sollte. Hinter ihm am Rheine regte sich Preußen. Dessen geheime Pläne waren freilich nicht zu durchschauen. Aber es hatte sechs Armeekorps mobilisiert und schickte sich an, sie marschieren zu lassen. Das alles brachte ihn zu dem Entschlüsse, auf die Befreiung Italiens bis zur Adria für diesmal zu verzichten und den Frieden zu schließen, der ihm für die Zukunft noch freie Hand ließ. Er machte am 6. Juli Vorschläge, die am 8. Juli zu einem Waffenstillstände führten; denn auch Österreich hatte triftige Gründe gegen die Fortsetzung des Krieges. Das Mißtrauen in bezug auf Preußen, dem nach den österreichischen Niederlagen von Magenta und Solferino bei einem gemeinsamen Kriege die Führung am Rhein nicht mehr streitig gemacht werden konnte, die unfreundliche Haltung Rußlands, das vier Armeekorps an der österreichischen Grenze aufgestellt hatte, die Sorge vor einer neuen Erhebung Ungarns, falls die Franzosen länger in der Adria blieben, die Schwierigkeit, die Lombardei zurückzuerobern und niederzuhalten, die Rücksicht auf die traurige Finanzlage des Reichs, ließen es ratsam erscheinen, vom Äußersten Abstand zu nehmen. Am 11. hatten die beiden Kaiser eine Zusammenkunft und am 12. schon folgte der Prä- liminarfriede von Villafranca, diesem am 10. November der definitive zu Zürich, der Venetien mit dem Festungsviereck bei Österreich beließ und die Lombardei zu Sardinien schlug. Er nahm ferner die Bildung eines italienischen Staatenbundes in Aussicht, die jedoch bald durch die Erreig- nisse überholt und undurchführbar gemacht wurde. Sardinien trat, für die Übergabe der Lombardei, Nizza und Savoyen an Frankreich ab. V. Die preußische Armeereform von ^860 Drei Ziele, die er unbedingt erreichen wollte, schwebten dem Prinzregenten bei Übernahme der selbständigen Leitung der Staatsgeschäfte vor: Preußen seine angesehene Stellung in der auswärtigen Politik wieder zu erobern, das Heer zu einem starken Werkzeuge dieser Politik und einer zuverlässigen Stütze des Staats zu machen und in ehrlicher, offener Weise Hand in Hand mit der Volksvertretung zu regieren. Er hatte das Glück gehabt, noch als Stellvertreter seines königlichen Bruders dem Heere, dem seine erste Sorge galt, drei wichtige Errungenschaften als Morgengabe darbringen zu können. Das waren die schon eingeleitete Bewaffnung der ganzen Infanterie mit dem Zündnadelgewehr, sodann am 3. Mai 1858 die Wiedereinführung der damals noch sehr notwendigen dreijährigen Dienstzeit und am 7. Mai 1858 die Bestellung der ersten 300 gezogenen Feldgeschütze bei Krupp in Essen. Bevor er an die Ausführung der größeren Pläne ging, die er seit lange in der Seele bewegte, begann der Krieg in Italien und machte zunächst Vorbereitungen für die Abwehr der drohenden Gefahr notwendig. Am 26. April 1859 erklärte Preußen, sich auf den Schutz des deutschen Bundesgebiets beschränken zu wollen. Österreich war freilich lebhaft bemüht, Deutschland für die Unterstützung seiner Ansprüche in Italien zu gewinnen, und die süddeutsche Presse trat tatsächlich dafür ein, die Präsidialmacht zu unterstützen. Die ganz willkürliche Theorie wurde aufgestellt, daß der Rhein nicht ohne Behauptung des Po zu halten sei. Die Stimmung im Volke war geteilt. In Preußen überwog die liberale Hinneigung zu Italien bei weitem, in Bayern und Württemberg riß die ultramontane Partei das ganze Volk zu schwarzgelber Begeisterung fort. Der Prinzregent besaß keine Neigung, für die österreichische Mißregierung in Italien eine Lanze zu brechen. Dennoch dachte er vorübergehend an eine bewaffnete Vermittlung, als die Erhebung in Mittelitalien ausbrach und Napoleon III. die Erklärung abgab, Italien solle frei bis zur Adria werden; denn dies ging seinen Anschauungen nach viel zu weit. Zum Glück für Preußen hinderte Österreich durch seine Haltung selbst die Durchführung der undankbaren Aufgabe. Es verweigerte Preußen die Verfügung über die deutschen Streitkräfte, forderte aber dessen Eintreten für die österreichischen Schutzverträge mit den mittelitalienischen Kleinstaaten. So kam es zunächst nur zu der schon erwähn- 192 V. Die preußische Armeereform von 18K0 ten Mobilmachung von sechs preußischen Armeekorps, aber zu keiner bestimmten Entscheidung, selbst zu keiner preußischen Drohung am Rhein, die den Krieg nach Deutschland hätte hinüberziehen können. Erst sollte die französische Armee sich in Italien fest gebunden haben. Nach Monte- bello mäßigte Österreich sein Verlangen; nach der Verstärkung der Armee am Mincio kam es auf die alten Bedingungen wieder zurück. Preußen behielt freie Hand und ging selbständig vor. Gerade am Schlachttage von Solferino kündigte es die Absicht der bewaffneten Vermittlung an und befahl die Mobilmachung der gesamten Armee. Österreich sollte in seinem Besitzstand erhalten bleiben, aber Reformen in Italien gewähren. Das war ein gefährliches Beginnen, das den Sieger reizen und den Besiegten, der auf mehr gehofft hatte, erbittern mußte. Der überraschende Friedensschluß machte jede Vermittlung glücklicherweise gegenstandslos. Alle Vorbereitungen aber für ein wirksames Eingreifen mit starken Kräften waren getroffen worden. Sie trugen schon ein ganz anderes Gepräge als die tastenden, unsicheren und halben Maßregeln aus der Periode 1848—1850. Die Pläne für den kommenden Feldzug änderten sich je nach der politischen Lage. Anfangs schlug der Chef des Generalstabes die Aufstellung von drei Armeen vor, eine am unteren Rhein zur Verteidigung unserer Rheinlande, eine, die Hauptarmee, am Main zum späteren Einmärsche nach Frankreich und eine Reservearmee an der Saale, die dort Nachdruck verleihen sollte, wo er nötig wurde. Eine kleine Beobachtungsarmee wurde noch gegen Rußland bereitgehalten. Der französische Angriff sollte zunächst abgewartet werden. Als man dann zeitweise an die Möglichkeit einer Teilnahme Hollands und Belgiens am Kriege gegen Frankreich dachte, wurden die Entwürfe kühner. Nach der Schlacht von Solferino steigerte sich dies; denn die französische Hauptmacht schien für längere Zeit am Mincio gefesselt zu sein; Verstärkungen setzten sich aus dem Innern Frankreichs dorthin in Bewegung. Nun war für Moltke der Augenblick gekommen, den sofortigen Einbruch nach Frankreich in Aussicht zu nehmen, wie es seinem ruhigen aber energischen Temperament entsprach. Vier Armeen sollten ihn gleichzeitig ausführen: eine Rhein-, Mosel-, eine Main- und eine süddeutsche Armee. Wichtig wurde bei der Bearbeitung dieser anscheinend bevorstehenden Feldzüge, daß der Chef des Generalstabes mehr in den Vordergrund trat und seine Stellung die ihr gebührende Beachtung und Selbständigkeit zu gewinnen begann. Ehedem hatte er selbst mit dem Kriegsminister meist nur durch Vermittlung des Allgemeinen Kriegsdepartements verkehrt. Als jetzt die Lage drohend wurde, wandte sich jener direkt an ihn und es Moltke an der Spitze des Generalstabes 193 wurde wohltätig empfunden, daß Moltke vorausschauend das Notwendige schon vorbereitet hatte. Eine Denkschrift von 1358 behandelte bereits die jetzt eintretenden Verwicklungen. Später fand er die Gelegenheit, als der Kriegsminister einen weiter auseinandergezogenen Aufmarsch der Heere befürwortete, wie der Generalstab ihn vorgeschlagen hatte, seine warnende Stimme bis zum Ohre des Regenten dringen zu lassen. Gleichzeitig setzte er, der sich von Anbeginn für die Entwicklung des Eisenbahnwesens interessierte und dessen Bedeutung in der Kriegführung zuerst in vollem Umfang erkannte, es durch, daß die Benutzung der Schienenwege schon im Frieden vorbereitet wnrde. Das geschah damals noch durch das Handelsministerium. Im Generalstab aber war bereits eine besondere ..Eisenbahnsektion" eingerichtet worden, an deren Spitze der heute noch hochbetagt lebende damalige Hauptmann Graf Wartensleben stand. Am 2. Mai 1859 trat eine aus den beiden Elementen und Vertretern des Kriegsministeriums gebildete Kommission zusammen, um gemeinsam die bevorstehenden Eisenbahntransporte in allen Einzelheiten zu regeln — eine Neuerung von höchster Wichtigkeit. Mit den Bundesstaaten wurde die Eingliederung ihrer Streitkräfte vereinbart. „Moltke ist in dieser ganzen Periode das treibende Element, ohne ihn würde die Transportfrage kaum vom Fleck gekommen sein." Der Generalstab gewann außerordentlich an Geltung; aber es gehörte dazu auch die Persönlichkeit eines Chefs, der ihn emporzutragen verstand. Noch wurde er der Öffentlichkeit nur wenig bekannt; im Kreise der Vertrauten fing man dagegen an zu empfinden, was man an ihm besaß. Sodann hatten die diesmal vergeblich bleibenden Arbeiten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung als Vorläufer für die 11 Jahre später so plötzlich notwendig werdenden. S 4- -I- Aufrichtig hatte Moltke bedauert, daß es nicht zum Kriege kam. „Ein großer Moment für Preußen ist versäumt. Wir konnten noch vor vier Wochen an die Spitze von Deutschland treten" — schrieb er nach dem Eintreffen der Friedensnachricht von Villafranca. Dennoch muß man heute bekennen, daß es besser war, die große Heeresreform in Preußen erst werden zu lassen, ehe man an die Entscheidung über die künftigen Geschicke des Vaterlandes ging. Die Kräfte, über die man vorher verfügte, wären, von Moltkes Hand geleitet, wohl genügend für einen Sieg gewesen, nicht aber für den vollen Erfolg, dessen wir bedurften. Ohne Zögern schritt der Prinzregent zu der von ihm vor allen Dingen Frhr. v. d. «Soltz, Kriegsgeschichte II 13 194 V. Die preußische Armeereform von 1860 für notwendig erachteten Änderung der Wehrverfassung. Er mag sie damals in seinem bescheidenen Sinne für die Krönung seines Lebenswerkes gehalten haben; denn seit mehr als 30 Jahren trug er sich in Gedanken damit. Als junger Prinz schon hatte er mit voller Klarheit die Mängel der unter dem Drucke der Not 1814 geschaffeneu Wehrverfassung erkannt, die nicht einmal ihrem Geiste nach voll durchgeführt werden konnte. Unermüdlich drang er auf Abhilfe. Einmal war es nahe daran, daß der König, sein Vater, ihn als Vorsitzenden einer zum Zwecke der Durchführung der wichtigen Verbesserungen eingesetzten Jmmediatkommission ernannte. Ein Jagdunfall, der ihn vorübergehend hinderte, das verantwortungsvolle Amt zu übernehmen, wurde jedoch die Ursache für einen Aufschub, dann sür einen völligen Verzicht. Die Finanzmisere beherrschte die Gemüter. Im Jahre 1817 konnte eine 5"/^ neue Anleihe Preußens nur mit Mühe zum Kurse von 72 in England untergebracht werden. Im Jahre darauf sanken die 4°/<, Staatsschuldscheine auf 65°/<,. Alles was Geld kostete, mußte vermieden werden. Der sparsame Sinn des Königs hielt eisern an der Regelung des Staatshaushaltes als erstem Ziele fest, und wir wissen, mit welchem Erfolge. Im Jahre 1825 überstiegen die Einnahmen schon die Ausgaben und 1828 erreichten die Staatspapiere den Nennwert. Aber, um das Ergebnis aufrecht zu erhalten, blieb es bei der Knauserei, trotzdem Wohlstand und Einwohnerzahl fortdauernd zunahmen. Der Finanzminister war die fast in allen Staatsangelegenheiten entscheidende Persönlichkeit. Bewundernswert und lehrreich ist es, wie der damalige Prinz Wilhelm unverdrossen immer wieder dazu mahnte, die Anstrengungen im Wehrwesen zu erhöhen, mehr Leute einzustellen und zu wirklichen Soldaten heranzubilden, statt sich mit Zahlen und dem Schein zu begnügen. Denkschriften über Denkschriften richtete er an das Kriegsministerium und den König, um zum Ziele zu gelangen. Er, den man vielfach für den Typus des starren Linien- und Paradesoldaten ansah, zeigt sich dabei durchaus nicht als Pedant und eigenwilliger Rechthaber, wie später seine Gegner. Auf die ihm gemachten Einwendungen ging er immer ein, sobald sie sich nur mit dem Hauptzweck, gründlicherer Vorbereitung des Heeres für seinen Beruf, vereinigen ließen, und machte neue sie berücksichtigende Vorschläge. Nach den üblen Erfahrungen bei der Mobilmachung von 1830 war seine Tätigkeit besonders rege; die Sorge um das Vaterland im Falle eines ernsten Krieges ließ ihm keine Ruhe. Einmal erwog er sogar das Eingehen auf die vielverlangte zweijährige Dienstzeit, so sehr sie seinen Vorbereitende Tätigkeit des Prinzregenten 195 Wünschen und Ansichten zuwider war. Er rechnete damit als mit einer möglichen Lösung, um mehr kräftige Leute auszubilden und die iu ihrem Werte höchst zweifelhafte Einrichtung der Kriegsreserve- und Landwehrrekruten zu beseitigen, freilich nicht ohne vor den Folgen einer zu kurzen Dienstzeit zu warnen: „Wir werden zwar eine Masse dressierter und exerzierter Männer haben, aber keine Armee, die ein Soldatengeist belebt. Wer weiß, was wir uns dadurch einst bereiten." So erscheint er damals schon als der treue Eckart des Volkes in Waffen, und er ist es geblieben bis an sein Lebensende. Das preußische Heer, das die Schlachten für Deutschlands Einigung schlug, war sein eigenstes Werk. Jetzt, da er zur Macht gelangt war, und sich die vielleicht nicht wiederkehrende Gelegenheit bot, zögerte er keinen Augenblick, seine Gedanken in die Tat umzusetzen. Ehe die Truppen wieder in die Heimat entlassen wurden, sollte der Grund zum neuen Zustande gelegt werden. Die Mobilmachung von 1859 hatte die alten Übelstände in der Wehrverfassung nochmals klar vor aller Augen aufgedeckt. Trennung der Linie von der Landwehr, Ausscheiden der Landwehr aus der Feldarmee, Vermehrung der unter der Fahne befindlichen Regimenter soweit, daß alle Wehrpflichtigen und Wehrtüchtigen auch zum Dienst herangezogen werden könnten, und die allgemeine Wehrpflicht wieder zur Tatsache wurde. Das waren die Grundlinien der Reorganisation, die nun begann. Stärkung der Wehrkraft im ganzen und gleichmäßigere Verteilung der Lasten sowie Schonung des Landeswohlstandes durch Ausscheiden der älteren verheirateten Männer aus der Feldarmee. — Das waren die augenscheinlichen Vorteile, die sie mit sich bringen mußte. Bisher hatte jede Einberufung, zumal der Landwehr zweiten Aufgebots, dem Lande wirtschaftlich die tiefsten Wunden geschlagen; das sollte fortan vermieden werden. Am 15. Juli 1859 entwarf der Prinzregent eigenhändig die leitenden Bestimmungen für die Reorganisation, die durch zwei Kabinettsorders vom 25. und 28. Juli begonnen wurde. Bei der gleichzeitig damit befohlenen Demobilmachung der Armee wurden die für den Krieg aufgestellten Ersatzbataillone aufgelöst, die Landwehr entlassen, aber aus den Friedensstämmen der Landwehrinfanterie, aus abgegebenen Mannschaften der Linie und einigen Jahrgängen bei der Fahne zurückbehaltener Reservisten neue Landwehrstammbataillone gebildet. Infanterie und Jäger blieben auf einer erhöhten Friedens-, die Kavallerie auf voller Kriegsstärke. Bei der Artillerie wurden für jedes Regiment drei Fußabteilungen und eine reitende, zusammen zwölf Batterien nebst 13» 196 V. Die preußische Armeereform von 1860 einer Festungsabteilung von vier Kompagnien, erhalten, alles übrige entlassen. Die Pionierabteilungen der Armeekorps bildeten sich zu drei Kompagnien, und die Trainbataillone blieben auf erhöhtem Friedensfuße. Aber diese Maßregeln, so umfassend sie auch waren, stellten nur den Übergang zum künftig Beabsichtigten dar. Aus den Stammbataillonen sollten neue Regimenter entstehen, der Friedensstand der Armee dauernd bedeutend erhöht werden. Der leitende Gedanke hierbei war folgender: Nach dem Wehrgesetz von 1814 dienten die ins Heer eingestellten Mannschaften drei Jahre in den Linienregimentern, zwei in der Reserve, je sieben in der Landwehr ersten und zweiten Aufgebots. Bei einer Bevölkerung von ursprünglich zehn Millionen wurden 38000 Mann eingestellt. Mittlerweile war die Vvlkszahl auf 18 Millionen gestiegen, die Zahl der jährlich Einzustellenden hätte also auf 63 000 steigen müssen; sie blieb aber die alte. 27 000 junge kräftige Leute wurden jährlich dienstfrei. Da der Diensteintritt mit 20 Jahren geschah und die Landwehr ersten Aufgebots genau wie die Linie ins Feld zog, so mußten die Männer bis zum 32 Jahre sofort vor den Feind rücken. Man hat berechnet, daß infolgedessen 50 000 Familienväter in der ersten Reihe der Kämpfer standen. Nun kam hinzu, daß die Landwehr von den aus dem Stande der Einjährig-Freiwilligen hervorgegangenen, praktisch nur wenig geübten und erfahrenen Offizieren geführt wurde, also auf größere Verluste zu rechnen hatte als die Linie, während sie die volkswirtschaftlich wertvolleren Kräfte enthielt. In Baden hatte der Prinzregent diesen Übelstand deutlich vor Augen gehabt und den festen Entschluß gefaßt, ihm abzuhelfen, sobald er könne. Das war verhältnismäßig leicht, wenn man die Landwehr ersten Aufgebots teilte, die drei jüngeren Jahrgänge, in denen die Unverheirateten noch überwogen, zur Reserve der Linienregimenter schlug, die vier älteren aber aus der Feldarmee ausschied und mit dem zweiten Aufgebot zu Besatzungszwecken verwendete. Die ganze Feldarmee erhielt dann gleichmäßige Führung durch ein gut vorbereitetes Offizierkorps, die Verheirateten wurden geschont, und alle jungen Leute wurden gleichmäßig herangezogen, wenn man die Linienregimenter soweit vermehrte, daß die 63 000 jährlich Einzustellenden darin Platz fanden. Das ließ sich erreichen, sobald man den 32 Linienregimentern noch 32 neue hinzufügte, die 8 Ne- serveregimenter durch Aufstellen eines dritten Bataillons zu Vollregimentern machte und so künftig deren 72 besaß. Bei der Garde wurden analog außer den 4 bestehenden 4 neue Garderegimenter gebildet und das Garde- Reserveregiment durch Hinzufügen eines dritten Bataillons zum Gardefüsilierregiment umgewandelt. Vermehrung des Linienstandes 197 Bei der Kavallerie wurden 8 Regimenter neu aufgestellt, die Stämme der alten Landmehrkavallerieregimenter aufgelöst und 8 Regimenter um je eine Eskadron vermehrt. Bei den anderen Waffen waren die Vermehrungen nicht wesentlich. Die großen Artillerieregimenter erhielten die ehemalige Bezeichnung Brigaden, die Pionierabteilungen wurden Bataillone. Die Gesamtstärke der mobilen Armee änderte sich nicht erheblich, aber sie verjüngte sich, und der Friedensstaud wuchs um 1345 Offiziere, KS670 Mann, 14 492 Pferde. Die Kosten der Unterhaltung erhöhten sich um 91/2 Millionen Taler. Das war, nach heutigem Maße gemessen, eine verschwindend geringe Summe, mit der das „Volk in Waffen", seiner wahren, längst verloren gegangenen Bedeutung nach, wieder hergestellt werden konnte. Der ganze Aufbau der Reform war einfach, gerecht und zweckmäßig. Er traf alle Hauptschäden der alten Verfassung und verteilte gleichmäßig die Pflichten und Lasten der Vaterlandsverteidigung. Aber dennoch stieß er in den breiten Massen des Volkes auf Mangel an Verständnis. Der Verdruß über die schwächliche äußere Politik unter Friedrich Wilhelm IV. wirkte nach. Ganz irrtümlich erblickte man in dem Verhalten Preußens von 1859 deren Fortsetzung. Man dachte auch an 1805. Die große Vermehrung der Linientruppen würde nur zu Paradezwecken und die vielen Offiziersstellen zur Versorgung der Söhne der Aristokratie dienen, so behauptete man. Die Landwehr, die herrliche Schöpfung der Befreiungskriege, der jetzt mit teils bewußter teils unbewußter Vertauschung von Legende und Geschichte das Hauptverdienst an den Siegen von 1813, 14 und 15 zugesprochen wurde, sollte beseitigt werden. „So tönte es aus allen Teilen des Landes." Auf heftigen Streit in der nächsten Sitzung des Landtages mußte die Regierung gefaßt sein. Dieselben Männer, die laut nach energischem Auftreten gegen Preußens Widersacher und nach Deutschlands Einigung riefen, wurden die heftigsten Gegner des Regenten, der sich das Werkzeug schaffen wollte, um ihre Wünsche zu erfüllen. Der Kriegsminister Bonin, des Regenten militärischer Vertrauter, billigte den Plan, dessen Einzelheiten er hatte bearbeiten lassen. Er war bereit, ihn im Landtage zu vertreten, aber er versprach sich davon nur daun einen Erfolg, wenn bedeutende Einschränkungen zu Ersparniszweckeu vorgenommen würden. Er wollte den Kriegsstand der Bataillone herabsetzen, dnrch Beurlaubungen die dreijährige Dienstzeit erheblich kürzen, die Land- wehrübuugen zum Teil fortfallen lassen. Der Regent aber blieb diesen Vorschlägen gegenüber, die sein kraftvolles Werk in den Fundamenten ge- 198 V. Die preußische Armeereform von 1860 lockert hätten, unerbittlich. „In einer Monarchie wie der unsrigen darf der militärische Gesichtspunkt durch die finanziellen und staatswirtschaftlichen nicht geschmälert werden; denn die europäische Stellung des Staats, von der wieder so vieles andere abhängt, beruht darauf." Bonin schied aus seinem Amt, und der Prinz verlor damit im kritischen Augenblicke seine Hauptstütze. Allein er fand als Ersatz den rechten Mann, den General Albrecht v. Roon, dem er im badischen Feldzuge nähergetreten war, und den er dort schätzen gelernt hatte. Roon hatte sachlich einzelne abweichende Ansichten und Vorschläge, billigte aber den Plan im ganzen und war entschlossen, seine Annahme in der Volksvertretung durchzusetzen. Das war es, dessen der Prinzregent bedürfte. Am 12. Januar 1860 wurde der Landtag eröffnet. Die Thronrede kündigte die Heeresreform mit würdigen Worten an: „Der Vertretung des Landes ist eine Maßregel von solcher Bedeutung für den Schutz und Schirm, für die Größe und Macht des Vaterlandes noch nicht vorgelegt worden." Am 10. Februar brachte die Regierung zwei Gesetzentwürfe über die Regelung der Dienstpflicht und über die Bewilligung der Kosten ein. Sie wurden nicht angenommen. Durchdrungen von der eisernen Notwendigkeit der Reform, in der der Regent den Brennpunkt seiner Politik erblickte, gestützt auf die allgemeinen Bestimmungen des Wehrgesetzes von 1814 und auf die Bewilligung der Ausgaben für ein Jahr, führte er die beabsichtigten Maßregeln trotzdem weiter durch. Die politische Lage duldete auch keinen Aufschub; denn nach dem Ausgange des italienischen Krieges sah sich Preußen dem Grolle Österreichs und dem Mißtrauen Frankreichs gegenüber. Zwei Kabinettsorders vom 23. Februar und IS. Mai 1860 führten die Neuorganisation ein im Vertrauen darauf, daß die Einsicht der Volksboten die Gründe der Regierung nachträglich gutheißen und die einmalige Bewilligung in eine dauernde verwandeln werde. Die Order vom 4. Juli 1860 schloß das Werk ab. Die Truppenteile erhielten ihre endgültigen Bezeichnungen. An diese Vorgänge knüpfte sich das jahrelang dauernde Zerwürfnis zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus. Für das Heer aber waren neue breitere und heute noch bewährte Grundlagen geschaffen, wie sie Preußens welthistorischer Bedeutung entsprachen und für die Sicherheit des Staates unentbehrlich waren. „Der 2. Januar 1861 endete das düstere Leiden Friedrich Wilhelms IV., und im eigenen Namen begann König Wilhelm I. seine Regierung. Eine neue glanzvolle Epoche in der Geschichte Preußens begann." Abschluß der Reform König Wilhelms I. 199 „In der Thronrede bei Eröffnung des Landtages am 14. Januar sprach der König über die Heeresreform als eine fertige Schöpfung; die Landesvertretung werde sich der Aufgabe nicht versagen, das Geschaffene zu bewahren und zu fördern." Leider sollte sich die zuversichtliche Hoffnung nicht erfüllen. Freilich tat das Herrenhaus seine Pflicht. Es gab dem Gesetz über die Ausgleichung der Grundsteuer mit starker Mehrheit seine Zustimmung, als es die Mahnung erhielt, daß die Heeresreform bei einem ungünstigen Votum finanziell nicht gesichert wäre. Sein Verdienst an der beginnenden glorreichen Laufbahn Preußens in den Kämpfen um Deutschlands Einheit ist damit geschichtlich festgelegt. Anders verfuhr das Abgeordnetenhaus, das trotz der Ermäßigung der Forderung auf 8 Millionen zwar eine annähernd ebenso hohe Summe bewilligte, aber nur als einmaligen außerordentlichen Aufwand, während es im übrigen auf seinem grundsätzlich ablehnenden Standpunkt beharrte und die Vorlage eines neuen Gesetzes für die Regelung der Dienstpflicht verlangte. Bei dieser Gelegenheit sollte die zweijährige Dienstzeit und die Erhaltung der Landwehr in der Feldarmee gefordert werden, Einrichtungen, denen sich der König mit aller Kraft seines starken Gemüts zum Heile des Vaterlandes widersetzte. Für jene war die Zeit noch nicht gekommen, eine Meinungsverschiedenheit darüber erklärlich. In bezug auf die zweite lagen die Dinge so klar, daß auch der Unerfahrene das Richtige zu finden vermochte, wenn nicht doktrinäre Rechthaberei ihn verblendete. Wer nicht anerkannte, daß es ein Unrecht und geradezu bedenklich sei, zwei so ungleiche Bestandteile, wie die damalige Linie und Landwehr, bei Kriegsausbruch sofort gemeinsam gegen den Feind zu führen, der wollte eben aus politischer Leidenschaft nicht anerkennen. Zurückblickend in jene Zeit darf man sich heute nur vergegenwärtigen, was geschehen wäre, wenn Preußen mit der alten Armee von 1848—60 in die kommenden gewaltigen Kriege eingetreten wäre. Die Erscheinungen der Feldzüge in Posen, Schleswig-Holstein und Baden müssen jeden darüber belehren, der überhaupt belehrbar ist. Allein die Mehrheit des Abgeordnetenhauses war eben unbelehrbar. Die Reform wurde von der Regierung durchgesetzt unter großen Schwierigkeiten, freilich unter Anwendung der äußersten Sparsamkeit, die vorübergehend sogar die großen Herbstübungen, die Krönung in der Friedensschule der Armee, fortfallen ließ — aber sie ward eben doch durchgeführt. In drang- und kummervollen Tagen und Nächten hielt König Wilhelm an der Erneuerung des preußischen Heerwesens fest. „Die Deutschen werden es ihm immer Dank wissen, daß er in einer schwächlichen Zeit, 200 V. Die preußische Armeereform von 1860 die alles mit Reden im Brusttone der Überzeugung schlichten wollte, den Kern der nationalen und staatlichen Größe, die Wehrhaftigkeit des Volkes, mit sicherem Blick erkannte. Die anderen Nationen waren sich dieser Wahrheit seit langem bewußt, den Deutschen mußte diese Erkenntnis erst sinnfällig in blutigen Schlachten vor Augen geführt werden." Neues Leben strömte damit in die Adern des Heeres. Gleichzeitig ward ihm ein großes Ziel gesteckt. Der Gedanke an den kommenden Kampf gegen den Erbfeind erfüllte bald die Gemüter. Frankreichs kriegerische Größe schien sich unter Napoleon III. erneuern zu sollen. Weit mächtiger als der Krimtrieg wirkten die Vorgänge des italienischen Krieges auf Preußen ein. In einem kurzen Feldzuge hatten die Franzosen die alte deutsche Vormacht geschlagen, die man der eigenen — materiell wenigstens — für überlegen gehalten. Es war kaum noch zweifelhaft, daß demnächst die Reihe an Preußen kommen werde, welches ohne Entscheidungskampf die Bahn für seine weitere Entwicklung niemals finden würde. Auch Moltke sprach diese Überzeugung aus. „Es kommt darauf an, Deutschland durch Gewalt gegen Frankreich zn einigen." Das Streben der Armee erhielt dadurch eine bestimmte Richtung. Man erwartete den Krieg binnen kurzer Frist, nämlich schon 1862. Europa hatte untätig zusehen müssen, wie sich Frankreich 1860 Savoyen und Nizza aneignete. Die Besorgnis lag nahe, daß Napoleon III. nunmehr nach dem Besitz des linken Rheinufers streben werde. Seine Bedeutung als Feldherr und Staatsmann wurde weit überschützt. Seinem Angriff würde Preußen allein begegnen müssen; denn Österreich und Rußland waren durch innere Schwierigkeiten lahm gelegt. Ein neuer kurhessischer Verfassungsstreit drohte zu einer Vereinigung Österreichs, Bayerns und Frankreichs gegen Preußen zu führen. Die Lage war ernst und trug nicht wenig dazu bei, den Eifer anzuspornen. Die Reorganisation hatte das Offizierkorps erheblich verjüngt. Mit großer Strenge wurden alle überalterten höheren Führer beseitigt — ein Verdienst des damaligen Generaladjutanten und Chefs des Militärkabinetts v. Manteuffel, des späteren Feldmarschalls. Die schon 1862 vom General- stabe her ausgegebene Geschichte des italienischen Krieges übermittelte der Armee die neuesten Erfahrungen des Ernstfalles. Sie gaben viel Anregungen. Ein unmittelbarer Nutzen wurde daraus durch die „Verordnungen über die Truppenübungen" gezogen, die 1861 erschienen und der Armee die notwendigen Lehren für den modernen Krieg gaben, die im Reglement fehlten. Dieses zu ändern, entschloß sich der König nicht, so viele Lücken es auch enthielt. Man kann das heute für ein Glück ansehen; denn Veränderte feldmäßige Ausbildung des Heeres 201 die neue Bearbeitung hätte damals noch viel zu viel Revuetaktisches übernommen. Die „Verordnungen" genügten auch als Ersatz. Unter dem Namen „das grüne Buch" wurden sie bald zur maßgebenden taktischen Lehre für das Heer, der die kommeuden Siege nicht zum geringen Teil zu verdanken sind. Daß das Reglement veraltet sei, begriff auch der jüngste Offizier, aber man fand sich damit ab. Man einigte sich dahin, daß das Reglement für den Frieden, das grüne Buch aber für den Krieg bestimmt sei. Eindringlich betonte es die Überlegenheit des Zündnadelgewehrs über den Vorderlader, ein damals viel besprochenes Thema. Es deutete Grundsätze für den Kampf des ersten gegen das zweite an. Das Jnfanteriefeuer als entscheidendes Kampfmittel kam wieder zu Ehren. Es wurde daraus mit Recht gefolgert, daß die preußische Infanterie bei gutem Schußfelde in der Front unüberwindlich sei. Hieraus ergab sich der weitere Schluß, daß man dort schwach, auf den Flügeln aber stark sein und den Feind umfassen könne. Nasche Entwicklung zum Schützenschwarm wurde zur Ausnutzung der neuen Feuerwaffe erforderlich. Auch die geschlossene Linie war dem Vorderlader gegenüber noch vollkommen brauchbar. In der Verteidigung begann man sie überall anzuwenden; die Kolonne wurde für Angriff und Gegenstoß bestimmt. Da die Entwicklung aus den ungefügen Bataillonsmassen zu viel Zeit in Anspruch nahm, um günstige Augenblicke zum Überschütten des Feindes mit Massenfeuer auszunutzen, so mehrte sich der Gebrauch der Kompagniekolonnen. Aber die Führer fanden sich in ihre Anwendung nicht also- bald hinein. Nach straffem Exerzieren der Bataillonsmasse im Stampfschritt wurde ihre Tüchtigkeit beurteilt. Es blieb ihnen immer noch die Hauptsache, die Entwicklung der Kompagniekolonnen die Bewegungen mit dem auseinandergezogenen Bataillon aber eine Art von Zutat, die nach der heißen vorangegangenen Arbeit wie eine Erholung wirkte. Viel wußte man damit nicht anzufangen. Da erschien 1863 die Schrift des damaligen Kommandeurs des Lehr- infanteriebataillons, Majors v. Kessel, des berühmten Führers der 1. Gardeinfanteriebrigade bei St. Privat „Die Ausbildung des preußischen Jnfanterie- bataillons im praktischen Dienst". Dies Buch lehrte, wie man mit dem in seine vier Kompagnien zerlegten Bataillon sich drehen und wenden, die Front verändern, es zusammenziehen und wieder zerlegen — kurz stramm, geschickt und elegant exerzieren könne. Der Beifall war allgemein; denn die tüchtigen Kommandeure konnten jetzt auch in dieser Form ihre Beherrschung der Truppe, ihre Gewandtheit und Sicherheit im Kommando vor besichtigenden Vorgesetzten zeigen. „Durch den Mißbrauch, den die 202 V. Die preußische Armeeresorm von 1860 Revuetaktik mit den Kompagniekolonnen trieb, wurde der Brauch der Zerlegung des Bataillons in die Kompagniekolonnen beliebt und allgemein." Im Gefecht fielen dann die unnützen Zutaten und die Schönheitsregeln von selbst fort und es blieb die Selbständigkeit der Kompagniechefs übrig, der frischesten, tatkräftigsten Männer im Heere, die durchschnittlich zwischen dreißig und vierzig Jahren standen. Am frühesten fiel alles nicht Kriegsgemäße, nicht im Ernstfalle wirklich Verwendbare aus den Truppenübungen beim 3. Armeekorps fort, das seit dem 5. Juli 1860 unter den Befehlen des jugendlichen Prinzen Friedrich Karl stand, eines begeisterten, ernsten Soldaten, dem sein Beruf über alles ging. Aus dem Zwiespalt, in den jeden denkenden Soldat das Reglement von 1847 brachte, weil es befolgt werden mußte, zum größten Teile aber doch nicht mehr für den Krieg paßte, half er sich durch das eigentümliche Mittel, diejenigen Bewegungen und Formen zu bestimmen, die künftig nicht mehr zum Gegenstande der Besichtigung gemacht werden sollten. So verhütete er wenigstens den unnützen Zeitaufwand, der durch mühsame Einübung von praktisch Unanwendbarem entstand. Mit den Erscheinungen des italienischen Krieges hatte er sich auf das Ernsteste beschäftigt und verwertete das Ergebnis seiner Studien in Vorträgen vor einem großen Kreise von Offizieren, denen er seine Ansichten über Truppenführung, Taktik, Erziehung und Ausbildung darlegte. Die Freiheit des Handelns, unabhängig von jeder Form erkannte er als einen großen Vorzug in dem Verfahren der Franzosen. „Ein anderer Grundsatz, welcher dem General wie dem gemeinen Soldaten gleich geläufig ist, liegt in der Wahrheit, daß die moralische Kraft der physischen Stärke überlegen ist." Nie untätig abwarten, was da kommt, sondern selbst dann, wenn die einfache Verteidigung geboten scheint, zum lebhaften Angriff schreiten, war eine weitere Lehre, die er aus dem Verhalten der Franzosen zog. Diesen „Grundsatz der aktiven Verteidigung" glaubte er auf des Marschalls Bugeand Mahnung zurückführen zu sollen. „Man muß sich bemühen, alles auszubeuten, was die moralische Kraft der Unsrigen heben und die der Gegner schwächen kann. Aus diesem Grunde dars man sich niemals angreifen lassen. Im entscheidenden Augenblick muß man immer die Initiative ergreifen." In drei Dingen sah der Prinz die Gewähr, den Franzosen erfolgreich zu widerstehen: in der selbständigen kriegerischen Tätigkeit des einzelnen Mannes, in verständnisvoller Führung und in der Freiheit des Handelns. Daraufhin bildete er sein Armeekorps aus. Den vollen kriegerischen Manneswert suchte er in jedem einzelnen Soldaten zu entwickeln. „Der Prinz Friedrich Karls Truppenerziehung 203 Mensch, also auch der Soldat, besteht aus drei Teilen: Verstand, Seele, Körper. Verstand sind die geistigen Fähigkeiten, Seele alle moralischen .Kräfte. Durch Verstand und Seele sind wir Herren des Körpers, selbst dann noch, wenn dieser gern versagen möchte. Im Gefecht sind alle drei, der ganze Mensch in Tätigkeit; je höher hinauf in den Rangstufen einer Armee, desto mehr der Verstand, desto weniger der Körper; je weiter hinunter, desto mehr der Körper, desto weniger der Verstand. Aber die seelischen Regungen sind durch alle Dienstgrade, einige seltene Naturen ausgenommen, in allergrößter Bewegung. Diese Regungen der Seele sind das Geheimnis, das Gott in die Menschenbrust gelegt hat. In ihnen liegt der Ursprung alles Großen und Edlen, aber auch der Keim alles Schlechten und Gemeinen, was je geschah. Hier wurzelt das religiöse Gefühl, dasjenige, was man Herz nennt, Mut und Tapferkeit, Liebe für König und Vaterland (Patriotismus), Anhänglichkeit an die Vorgesetzten, an die Kameraden, an den Truppenteil, Treue, Hingebung, Begeisterung, Wille und Willenskraft, Ehrgefühl und Drang nach Auszeichnung, aber auch das Gegenteil von alledem: Furcht, Granen, Entsetzen und jede schlechte Leidenschaft." Von diesen Überzeugungen ausgehend, wirkte der Prinz unausgesetzt auf seine Untergebenen ein. „Der Soldat muß auf den Standpunkt gebracht werden, daß er tapfer ist, weil sein Herz nicht anders kann". Das war das Ziel seiner Erziehung. Bald gewann er seine Offiziere für diese Erziehungsgrundsätze, und eine neue Art der Truppenausbildung, die wahrhaft individuelle Entwicklung des einzelnen Mannes brach sich Bahn. Sie ging auf Seele und Gemüt ein und suchte die dort schlummernden Eigenschaften zu entwickeln. Der Prinz nahm oft an den Übungen seiner Soldaten persönlich teil. Er stellte sich mit dem Bajonett gut fechtenden Unteroffizieren gegenüber und erkannte freudig an, wenn sie ihm überlegen waren. Er sprach gern mit den Leuten in Reih und Glied und ging auf die Eigenarten der Landsmannschaften ein. Bei den Manövern lagerte er mit ihnen unter einfachem niedrigen Zelte, wie sie damals bei der französischen Armee üblich waren. Die Abendstunden wurden am Biwakfeuer zugebracht im Kreise der Offiziere. Oft trat dann der Prinz an die Lagerfeuer der Leute, um deren launigen Manöverkritiken zuzuhören. So schlang sich ein Band der Kameradschaft um ihn und seine Untergebenen. Den Ehrgeiz der Bevorzugten wußte er zu heben; den Minderbegabten Vertrauen zur eigenen Kraft einzuflößen. Des Prinzen Art, mit den Soldaten zu leben, erinnerte an des großen Königs Zeiten, der das Los der Seinen im jahrelangen Feldleben mit echter Treue geteilt hatte. 204 V. Die preußische Armeeresorm von 1860 Wenn auch des Prinzen Wirksamkeit sich unmittelbar nur auf sein Armeekorps erstreckte, so kam sie mittelbar doch auch weiteren Kreisen im Heere zugute. Die Persönlichkeit des jungen Fürsten, der ganz nur seinem Berufe lebte und sich ihm mit einem Ernste und einer Strenge widmete, wie sie bei Mitgliedern von Herrscherfamilien ungewöhnlich ist, hatte für das Offizierkorps des ganzen Heeres etwas Fesselndes. Durch Erzählungen erfuhr man, wie es im 3. Armeekorps herging. Offiziere, die von dort versetzt wurden, berichteten Genaueres und verbreiteten nicht nur den Ruf Friedrich Karls als Truppenerzieher, sondern auch seine Methode im Heere. Das Beispiel wirkte belebend und anfeuernd. Der Prinz hatte den Text seines Vortrages dem Prinzregenten und einigen Freunden vorgelegt. Aus Entgegnungen und teilnehmenden Bemerkungen entstand noch ein Nachwort. Der Inhalt der Schrift verbreitete sich durch Weitergeben mehr und mehr. Ohne Zutun des Verfassers erschien sie eines Tages im Druck und im Buchhandel mit dem Titel: „Eine militärische Denkschrift von P. F. C." Bald folgte eine französische Übersetzung unter dem Titel: „I/art, cls eorakatti-ö 1s8 I^anyaiL". Eine Polemik knüpfte sich daran; des Prinzen Name war in aller Mund: die Armee aber hatte den Vorteil davon; ein frischer kräftiger Zug wehte durch ihre Reihen. Die Frage: „Wie wird es uns gehen?" — wenn wir auf die Franzosen stoßen, stellte Prinz Friedrich Karl mit voller Offenheit und beantwortete sie ebenso. Das taten auch viele andere denkende Soldaten, ein jeder auf seine Weise, „die Geister wurden dadurch aus dem Schlummer eines eintönigen Alltagslebens erweckt", und „ein Strom militärischer Intelligenz wurde frei". Der Prinz hatte das Geheimnis des Sieges hauptsächlich in der Entwicklung der moralischen Eigenschaften des Soldaten gesucht, sowie in der Selbständigkeit und Freiheit des Handelns, in der Anwendung der Vorschriften und Regeln nach ihrem Sinne, nicht nach dem Wortlaut. Ein glänzend verlaufendes Königsmanöver im Jahre 1863 bei Lebusa. O. brachte dem Prinzen den ersten Lohn für seine Arbeit. Ein schönerer ward ihm, als ihm sein Nachfolger, General v. Alvensleben, ihm nach der Schlacht von Spichern die bewundernden Worte schrieb: „Welch' ein Korps haben Euere Königliche Hoheit herangebildet!" Seine Tätigkeit und sein Verständnis umfaßten die Infanterie und Kavallerie in gleicher Weise; etwas ferner stand ihm die Artillerie. Aber auch sie beeinflußte er in großen Zügen. Die Waffengattungen gewannen daher ziemlich gleichmäßig durch seine Tätigkeit, Moltkes Bemerkungen 205 Es ist natürlich, daß die kriegerischen Ereignisse, die Armeereform und die gleichzeitige Einführung der neuen Waffen auch die theoretische Lehre vom Kriege umwandeln mußten. Obenan stehen dabei Moltkes „Bemerkungen über den Einfluß der verbesserten Schußwaffen auf das Gefecht." Sie hoben die Bedeutung des Schützenfeuers sowohl für die Abwehr des anstürmenden Gegners, als auch zur Vorbereitung des eigenen Angriffs hervor. Diesem wurde der Erfolg nur zugesprochen, wenn er in der eigenen Artillerie eine wirksame Unterstützung fand, von der Bodengestalt begünstigt und durch das Feinschießen der Schützen vorbereitet wird. „Eine Infanterie, welche ohne diese Bedingungen aus großer Entfernung über die freie Ebene zur Bajonettattacke schreitet, wird, wenn der Gegner überhaupt standhalten will, fast zweifellos an seiner Feuerwirkung scheitern." Die Betrachtung gipfelte in dem Schlüsse, daß es künftig geraten sei, erst die Vorteile der Verteidigung auszunutzen, um dann über den durch Geländeüberwindung und Gefechtsverluste erschöpften Gegner herzufallen — eine Form des Kampfes, die theoretisch gewiß viel für sich hatte, aber in der Wirklichkeit des Krieges von Moltke niemals angewendet worden ist. Zu gleichen Schlüssen gelangte auch Prinz Friedrich Karl. Sie kristallisierten sich in den Worten: „Die Schlacht wie Wellington beginnen, wie Blücher vollenden." Auch dazu ist es nicht gekommen. Die Hauptsache aber ging trotzdem aus den Untersuchungen richtig hervor, nämlich die überwiegende Bedeutung des Feuergefechts, seit der Hinterlader und das gezogene Geschütz nebeneinander wirkten. Unbeeinflußt von dem irrtümlich weit übertriebenen Ruse, in den die französischen Bajonettangriffe von 1859 öffentlich geraten waren, begann die preußische Armee ihre eigene Lehre zu entwickeln. Sie lief auf eine sorgfältige Ausnutzung der neuen vervollkommneten Schußwaffen in Verbindung mit lebhaftem Dränge nach vorwärts und größter Selbständigkeit der Führung aller Stufen hinaus. Mehr als alles andere hat damals gewirkt, daß gerade dnrch kritische Betrachtung der Schlachten von 1859 im ganzen Heere der Grundsatz sich verbreitete, daß eine Unterlassung weit schlimmer sei, als die aus Tatendrang begangenen Fehler. Dieser Grundsatz verhütete, daß das veraltete Reglement von 1847 Unheil anrichtete. Nur die vier Seiten, die es über die Verwendung der Kompagniekolonnen enthielt, konnten gebraucht werden. Die Armee mußte zur Selbsthilfe greifen und zögerte nicht, es zu tun. Das ergab einzelne Auswüchse, machte aber doch ein großes Kapital an Selbsttätigkeit flüssig. Stillschweigend war es ausgemacht, daß mit dem Überschreiten der Grenze die reglementarischen Fesseln fallen müßten, und man zu tun berechtigt sei, 206 V. Die preußische Armeereform von 1860 was zweckmäßig erschien. Meist setzte sich die Infanterie schon durchweg auf zwei Glieder und focht stets in Kompagniekolonnen; ein Korps ging noch weiter und trat in Halbbataillonen und Halbkompagnien auf, ähnlich wie Willisen 1850 in Schleswig es gewollt hatte. Eine konservativere Richtung ließ es sich daran genügen, mit vorgezogenen Flügelkompagnien und einem nachfolgenden Halbbataillon zu kämpfen. „Hier wurden alle Kompagniekolonnen rechts abmarschiert formiert; dort führte man für den Marsch Doppelreihen ein. Es ist zu bedauern, daß über die im Kriege 1866 und 1870 gebrauchten Formen keine Sammlung angelegt worden ist." Das Bataillonskarree gegen Kavallerie wurde noch fleißig geübt, aber nur wenige dachten im Ernst noch an seine Anwendung. Der eine wollte den Reiteransturm nur mit Linien empfangen, der andere nur feuern, in welcher Aufstellung es auch immer sei. Viel taten die neu gegründeten Kriegsschulen, die man mit den besten Lehrkräften ausgestattet hatte, um den jungen Nachwuchs tüchtiger vorbereitet als ehedem ins Heer treten zu lassen und in diesem zugleich die modernen Anschauungen vom Kriege zu verbreiten. Dieser frische Zug, der durch das Heer wehte, die Verjüngung der Führer, das allgemeine Gefühl, daß eine ernste Waffenprobe nahe sei, die Überzeugung, daß Preußen sie nur siegreich bestehen werde, wenn es alle Kräfte aufs äußerste ausPanne, in Verbindung mit neuer Bewaffnung, großer Vermehrung und einer selbständig entwickelten Kampfweise, erzeugte eine intensive Kraft, wie sie Preußens Waffenmacht wohl nur vor dem Siebenjährigen Kriege ein erstes Mal besessen hatte. Ein Reichtum von geistigem Leben und von Tatkraft trat zutage. Und König Wilhelm ließ einen jeden auf seine Fasson siegen; nur gegen Nachlässigkeit und mangelnden Eifer war er streng. Wunderbar hat dieses ruhige Zutrauen des Königs zur Armee auf sie und insbesondere auf das Offizierkorps, eingewirkt. Es verlieh ihr die sieghafte Kraft. VI. Die Rämpfe um Deutschlands Ginigung Die Ereignisse sollten trotzdem einen ganz andern Weg einschlagen, als es allgemein erwartet wurde. Der Krieg gegen Frankreich blieb aus. Andere Verwicklungen traten an seine Stelle. Am 23. September 1862 hatte Otto v. Bismarck-Schönhausen als Ministerpräsident die Leitung der Staatsgeschäfte übernommen. Er galt der liberalen Masse des Volks nur als der reaktionäre Junker, der berufen worden sei, die freimütige Opposition gegen die verhängnisvolle Armeereform niederzuschlagen und Preußen in das alte Fahrwasser der heiligen Allianz, ja darüber hinaus in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Rußland zurückzuführen. „In Preußen wird jetzt Herr v. Vismarck schön Hausen", wurde ein plattes aber beliebtes Witzwort. Weiten Kreisen, zumal im alten Adel des Landes, galt er als demokratisch angehauchter Umstürzler. Nur wenige, die ihn näher kannten, begriffen Bismarck. Noon hatte seine Ernennung vom ersten Augenblicke an befürwortet. Der Generaladjutant Manteuffel unterstützte ihn. Beiden gelang es, in einem Zeitpunkte der Not an starken Persönlichkeiten, Preußen den Mann zu gewinnen, der des Deutschen Reiches getreuer Eckart werden sollte. Auch des Königs mildem Empfinden schien Bismarcks frischgewalttätiges Temperament anfangs bedenklich. Nur mit Mühe rang er sich zu der Überzeugung durch, daß allein eine tapfere Politik des Kampfes die vielen seit 1843 schwebenden Fragen lösen könnte, und daß der neue Ministerpräsident neben Roon und Moltke hierfür richtig gewählt wäre. Im Innern mehrten sich zunächst die Schwierigkeiten. Der Versuch eines Ausgleiches mit der im Parlament allmächtigen Fortschrittspartei mißlang. Bismarck nahm durch eine Rede vom 27. Januar 1863 für die Krone das Recht in Anspruch, das Budget festzusetzen, wenn die beiden Häuser des Landtages sich über den Staatshaushalt nicht zu einigen vermochten. Erbitterter Widerstand auf der andern Seite war die Folge. Der Lauf der Dinge drängte dazu, durch Lösung der großen Aufgaben in der äußeren Politik — vor allem der deutschen Frage — erst der Überzeugung zum Siege zu verhelfen, daß die Haltung der Regierung berechtigt fei, und dann den inneren Frieden wieder herzustellen. „Ich will Preußen aufrichten, ihm die Stellung in Deutschland verschaffen, die ihm als rein deutschem Staate gebührt." Bismarck war von Anbeginn überzeugt, daß der Gegensatz zwischen Preußen und Österreich in allen deutschen Angelegenheiten nicht anders als durch einen Krieg zu lösen 208 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung sei. Das bewiesen erneut gerade jetzt wieder Österreichs großdeutsche Bestrebungen. Für den Krieg brauchte er vorerst Sicherheit gegen Rußland, ohne dessen Parteinahme es vielleicht schon 18S0 zur bewaffneten Auseinandersetzung gekommen wäre. Die günstige Gelegenheit bot der polnische Aufstand, der im Februar 1863 ausbrach. Durch das Anerbieten rückhaltloser Unterstützung hinderte Bismarck in Petersburg eine Politik der Nachgiebigkeit und Versöhnung, zu der das Wohlwollen Kaiser Alexanders II. anfänglich geneigt war. Die preußischen Grenzen gegen Polen wurden sofort von Truppen besetzt und gesperrt, Zuzug unmöglich gemacht. Sodann folgte noch in demselben Monat ein Vertrag mit Rußland über Auslieferung polnischer Flüchtlinge, der nicht nur in Westeuropa, sondern auch im ganzen liberalen Lager Deutschlands einen Sturm der Entrüstung hervorrief und dennoch die Grundlage für das Gelingen der preußischen Politik wurde. Auch mit der ungarischen Emigration nahm Bismarck Beziehungen auf. Er dachte in dieser Hinsicht revolutionärer als die Männer, die Preußens Kriegsmacht leiteten; denn selbst Moltke, beschäftigt mit den Kriegsplänen gegen Frankreich, meinte, daß ein Krieg mit Österreich nur dem Erbfeinde zugute kommen werde. Österreichs Mißtrauen gegen Bismarcks offen ausgesprochene Pläne war natürlich aufs äußerste rege. Kaiser Franz Josef wurde für den Gedanken gewonnen, den gefährlichen Absichten des preußischen Ministerpräsidenten durch einen eigenen Reformentwurf vorzubeugen. Ein Bundes- Direktorium unter seinem Vorsitz sollte zu Frankfurt a. M. neben einem Parlament mit beratender Stimme künftig die Geschicke des uneinigen Deutschlands regieren. Diesem Vorschlage, so meinten die Urheber, könne sich auch Preußen nicht entziehen, wollte es seine Popularität in Deutschland nicht gänzlich verlieren. Ganz anders aber dachte Bismarck, der die Falle auf den ersten Blick erkannte, die Preußen gelegt werden sollte. Er setzte es, freilich erst nach hartem Kampfe, durch, daß König Wilhelm seine Teilnahme verweigerte. Die Dinge begannen sich zum Konflikte zuzuspitzen, als ein unerwartetes Ereignis dazwischentrat. 5. Die Bundesexekution in Holstein Am 15. November 1863 starb König Friedrich VII. von Dänemark, ohne einen unmittelbaren Erben zu hinterlassen. Die Thronfolge in Schleswig- Holstein war wieder zweifelhaft. Nach dem Königsgesetz von 1665 konnte in Dänemark die Glücksburger Linie des holsteinischen Gesamthauses, Die Thronfolgesrage in Schleswig-Holstein 209 deren Anwartschaft durch die weibliche Linie vermittelt war, den Thron besteigen. In den Herzogtümern, wo nur der Mannesstamm erbberechtigt war, hatten die Augustenburger den ersten, wenn auch nicht unbestrittenen Anspruch. Der Friede, den Preußen am 2. Juli 1850 in seinem und des Bundes Namen mit Dänemark geschlossen hatte, ließ die Frage unerledigt. Nachdem König Friedrich VII. jedoch am 28. Januar 1852 eine Neuordnung der dänischen Staatsverhältnisse verhießen hatte, die beiden Teilen der Monarchie gerecht werden würde, verbrieften die fünf Großmächte und Schweden durch das sogenannte Londoner Protokoll die Unteilbarkeit der dänischen Monarchie. Aber Dänemark hatte seitdem die Verpflichtungen nicht gehalten, welche ihm zur Schonung der staatsrechtlichen Selbst- ständigkeit und der nationalen Eigenart der Herzogtümer auferlegt waren, und zwar sowohl bezüglich Holsteins, das zum deutschen Bunde gehörte, wie auch Schleswigs, das von Holstein nie getrennt werden sollte. Die in Kopenhagen herrschende eiderdänische Partei leugnete jedes Recht Deutschlands auf Schleswig und betrieb mit Leidenschaft den Erlaß einer Verfassung, welche Schleswig ohne weiteres in sich schließen, also den dänischen Einheitsstaat bis zur Eider ausdehnen sollte. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und bedrohlichen Volkskundgebungen genehmigte König Christian IX., der in Dänemark auf dem Throne folgte, „unter schweren Bedenken" die Verfassung. In ganz Deutschland wurde dies widerrechtliche Vorgehen als eine Herausforderung angesehen; ein Sturm der Entrüstung erhob sich. Erbprinz Friedrich von Augustenburg, dessen Vater Christian freilich für sich und seine Nachfolger auf seine Ansprüche zugunsten der dänischen Linie verzichtet hatte, trat, da er diesen Verzicht nicht anerkannt habe, sofort für seine Rechte als Herzog von Schleswig- Holstein ein. Fast das ganze Deutschland stand dabei auf seiner Seite. Auch der Großherzog von Oldenburg erhob Einspruch. Früher schon hatten das Sachsen-Ernestinische und das Mecklenburgische Haus Verwahrung eingelegt, der deutsche Bund aber die Londoner Abmachungen überhaupt nicht anerkannt. Er befand sich der schleswig-holsteinischen Frage gegenüber also in anderer Lage, wie Preußen und Österreich. Bismarck hatte schon um ein Jahrzehnt früher, als er noch Bundestagsgesandter in Frankfurt war. sich dem Ministerpräsidenten v. Manteuffel gegenüber geäußert, daß man die schleswig-holsteinische Frage so lange hinhaltend behandeln solle, bis man das Land nicht bloß vom dänischen Joche befreien, sondern auch für Preußen erwerben könne. Dieser günstige Augenblick konnte jetzt vielleicht eintreten. Damit, daß seine Benutzung möglicherweise die ganze deutsche Frage aufrollen werde, rechnete er selbstverständlich. Frhr. v. d, Goltz, Kriegsgeschichte II 14 210 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Zunächst durfte Preußen den Prinzen Friedrich nicht anerkennen, wenn kein Zweifel an seiner Vertragstreue aufkommen sollte; denn es hatte das Londoner Protokoll mitunterzeichnet. Das preußische Abgeordnetenhaus, dauernd in seiner Verblendung beharrend, erklärte am 2. Dezember 1863, „daß die Ehre und das Interesse Deutschlands die Anerkennung des Herzogs Friedrich verlangten". Aber Preußen erklärte sich bereit, Dänemark zur Erfüllung seiner aus dem Londoner Protokoll sprossenden Verpflichtungen zu zwingen, und rüstete. Österreich, gleichfalls Mitunterzeichner, konnte in einer gemeindeutschen Angelegenheit nicht zurückstehen. Es erkannte König Christian IX. als Erben sowohl Dänemarks als Schleswig-Holsteins an, forderte aber für die Herzogtümer die gesonderte Verfassung. „So traf die österreichische mit der preußischen Politik nach vieljährigem Gegensatze an einem Punkte zusammen." Bismarck begrüßte diese Übereinstimmung mit lebhafter Freude; denn nur wenn Österreich und Preußen zusammengingen, konnte Schleswig-Holstein dem Neide der anderen Großmächte zum Trotz gewonnen werden. Was später geschehen sollte, blieb der Zukunft überlassen. Der deutsche Bund, der das Londoner Protokoll nicht unterzeichnet hatte, war deshalb auch nicht verpflichtet, für die Unteilbarkeit Dänemarks einzutreten und frei, die Erbfolge des Prinzen Friedrich von Augustenburg in den Herzogtümern anzuerkennen. Er befand sich dabei in Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung Deutschlands, während in Preußen das Abgeordnetenhaus die zur Durchführung der militärischen Maßnahmen geforderte Anleihe verweigerte, sich dadurch einmal mehr auf die Seite der Feinde des eigenen Vaterlandes stellte und insbesondere der dänischen Kriegspartei den Rücken stärkte. Der Bund hatte außerdem eine bequeme Handhabe zum Einschreiten. Seit dem November 1858 schwebte über Dänemark die ordnungsmäßige „Exekution" wegen Verletzung der Rechte Holsteins. Der italienische Krieg ließ die Ausführung in den Hintergrund schieben. Am 7. Februar 1861 aber wurde sie von neuem angedroht. Als Dänemark auf Englands Drängen einige Zugeständnisse machte, wurde dieser Beschluß am 12. August wieder aufgehoben. Die herrschende Partei in Kopenhagen aber ging immer unverhohlener darauf aus, Schleswig ganz von Holstein und Lanenburg zu trennen, in diesen beiden Herzogtümern die Einwirkung des Bundes zuzulassen, dafür aber Schleswig als rein dänisch zu behandeln. Die Trennung wurde am 30. März 1863 offen ausgesprochen, und durch einen Protest Österreichs und Preußens beantwortet. Am 1. Oktober folgte ein neuer Exekutionsbeschluß, der durch die Verkündigung des dänischen Staatsgrundgesetzes — der sogenannten No- Einrücken der Bundestruppen 211 vemberverfassung — beantwortet wurde. Nach Vollziehung derselben durch Christian IX. beschloß der Bund am 7. Dezember, die Exekution numnehr durchzuführen. Zu diesem Zwecke sollten Sachsen und Hannover je 6000Mann stellen, Preußen und Osterreich je S000 Mann als erste Reserve und überlegene Kräfte als eine zweite in Bereitschaft halten. Die amtliche Ankündigung am 15. Dezember und die Forderung der Zurücknahme der Novemberverfassung wurden in Kopenhagen damit beantwortet, daß ein radikales Ministerium der entschiedenen Kriegspartei ans Ruder kam. Es spekulierte auf Deutschlands Schwäche auf die heimliche Unterstützung Englands und war zum äußersten entschlossen. Die Bundesexekution, die freilich Schleswig nicht berührte, nahm ihren Verlauf. Da Hannover wegen Verwendung seiner Truppen Schwierigkeiten machte, erklärten sich Österreich und Preußen bereit, je 5000 Mann in erster Linie zu stellen. Am 22. Dezember waren die Vorbereitungen beendet. Eine sächsische Brigade stand bei Boitzenburg, eine hannoversche bei Harburg, die preußische 11. Jnfanteriebrigade bei Hagenow, eine österreichische in Hamburg. Den Oberbefehl übernahm der sächsische General v. Hake. 2. Der Deutsch-Zlänische Arieg von ^865 (S. Skizze 4 Seite 43 und „zu Skizze 4" sowie Skizze 7 Seite 67) Am Nachmittage des 22. Dezember rückten die Bundestruppen unter General v. Hake in Holstein ein. Die Dänen, 12000 Mann unter General Steinmann, wichen langsam vor ihnen zurück. Am 4. Januar war das Land besetzt; deutsche und dänische Vorposten standen einander an der Eider nahe gegenüber. Der von Österreich und Preußen am Bundestage gestellte Antrag, die Aufhebung der Novemberverfassung auch für Schleswig von der dänischen Regierung zu verlangen, wurde jedoch am 14. Januar in Frankfurt a. M. abgelehnt. Das Verhalten des Bundestages erfuhr aber nicht einmal die gebührende Mißbilligung. „Die liberale Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses verurteilte in hochtönenden Worten das Vorgehen der Regierung; fast die gesamte deutsche Presse frohlockte, daß die Preußen vor dem Einspruch Englands an der Eider mit „Schimpf und Schande würden umkehren müssen". Dieselben Männer, die vorgaben, für Deutschlands Einheit und Größe zu kämpfen, hielten es für patriotische Pflicht, der eigenen Regierung in dem Augenblicke in den Rücken zu fallen, als diese sich zum ersten ernsten Schritte entschloß, jene kostbaren Güter dem eigenen Volke zu sichern. Unbeirrt durch dies schmähliche Verhalten des deutschen Liberalismus, 14* 212 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung stellten die beiden Großmächte am 16. Januar ihre Forderung in Kopenhagen, und ihre Gesandten verließen nach deren Ablehnung am 31. die Stadt. Der Bund trennte sich hierauf von ihnen, wies aber die Exekutionstruppen und die Verwaltungsbehörden in Holstein an, dem Durchmarsche der Preußen und Österreicher keinen Widerstand entgegenzusetzen. Preußen hatte, den früheren Beschlüssen gemäß, seine 13. westfälische, sowie die 6. brandenburgische Division, eine zusammengesetzte Kavalleriedivision und eine Reserveartillerie mobil gemacht. Diese Truppen wurden zu einem Korps von rund 20 000 Mann Infanterie, 3750 Reitern und 96 Geschützen sowie 1200 Pionieren vereinigt, mit den für den Krieg nötigen Hilfsanstalten ausgerüstet und unter den Befehl des 36 jährigen Prinzen Friedrich Karl gestellt, dessen ernstes soldatisches Streben an der Spitze des III. Armeekorps allgemein anerkannte Erfolge errungen hatte. Außerdem waren die 4 neuen Garderegimenter, 1 Kavallerieregiment und 2 Batterien, 9600 Mann Infanterie, 500 Reiter, 14 Geschütze, zu einer Division unter General v. d. Mülbe vereinigt, auf Kriegsfuß gebracht worden. Österreich hatte für den bevorstehenden Feldzug das 6. Armeekorps unter Feldmarschalleutnant Freiherr v. Gablenz bereitgestellt. Es zählte 4 Brigaden zu je 4 Infanterie-, 1 Jägerbataillon, 1 Batterie, sodann eine Kavalleriebrigade von 10 Eskadrons nebst Batterie, eine Geschützreserve von 2 Batterien und 3 Pionier- und Geniekompagnien — im ganzen 19 200 Mann Infanterie, 1523 Reiter, 48 Geschütze. Den Oberbefehl über die gesamten verbündeten Streitkräfte erhielt der preußische Feldmarschall v. Wrangel, derselbe, der am 23. April 1848 gegen die Dänen kommandiert hatte. Kronprinz Friedrich Wilhelm begleitete ihn und gewann bald einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Führung des Krieges. Das dänische Heer bereitete sich seit zwei Jahren auf diesen vor, kämpfte aber dabei schwer mit der Kargheit der Volksvertretung, die trotz ihrer Kriegstreiberei nur unzureichende Mittel bewilligte. Die Friedensstände waren überaus schwach, die Kriegsvermehrung desto größer. Ein Bataillon von 20 Offizieren, 224 Mann bildete zum Kriege ein ganzes Regiment von 2 Bataillonen mit 40 Offizieren, 1550—1700 Mann; ähnlich sah es bei der Kavallerie und Artillerie aus. Nur die Garde — 1 Bataillon, 1 Eskadron — stand besser. Der Friedensfuß von 7500 Mann schwoll zum Kriege auf 54 000 Mann an — eine Stärke, die das dänische Feldheer am 1. Februar 1864 erreichte. Es bildete, unter dem Oberbefehl des Generals de Meza, drei gleichstarke Divisionen zu je 12 Bataillonen, Die beiderseitigen Streitkräfte 213 3 Eskadrons, 2 Batterien, eine Jnfanteriereserve von 3 Bataillonen und eine Kavalleriedivision von 27 Eskadrons, 1 Batterie. De Meza hatte sich bei Jdstedt hervorgetan und galt trotz seinem hohen Alter für den tüchtigsten General Dänemarks. Das Aufgebot war für den kleinen Staat, der gefährlichen Lage entsprechend, hoch, die Truppenmacht aber, ihrer inneren Natur nach, mehr eine Miliz als ein stehendes Heer. , , Zur See war Dänemark den verbündeten Großmächten weit überlegen, wodurch sich der frivole Übermut der herrschenden dänischen Demokratie erklärt. Es besaß 3 Panzerschiffe mit je 3 oder 4 schweren Geschützen, 22 Dampfer von je 5 bis 64 Kanonen, 10 Segelschiffe von je 8 bis 84 Geschützen und 50 bewaffnete Ruderfahrzeuge. Da Österreich zur See zunächst nicht mitwirkte, so konnten dem nur 3 hölzerne preußische Dampfkorvetten von 17 bis 28 Geschützen, 20 Kanonenboote oder Avisos mit je 2 bis 3 Geschützen und 3 Segler von 10 bis 18 Kanonen gegenübergestellt werden — also eine Minderheit, die auf Erfolg nicht rechnen durfte. Die Geländeverhältnisse des Kriegsschauplatzes sind bekannt. Der schmale Raum zwischen Schlei und Treene, auf dem der Angreifer vorgehen konnte, war durch Überschwemmungen auf knappe 15 Kilometer eingeengt und jetzt durch 33 starke Erdwerke mit 180 schweren Geschützen gesperrt, deren Bau schon in den fünfziger Jahren begonnen hatte. Unter dem Gesamtnamen der „Dannewerke" bildeten sie südlich der Stadt Schleswig und beim Dorfe Groß-Dannewerk eine vorspringende Gruppe, die sich links an das Haddebyer Noor, rechts an den alten Margaretenwall lehnte. Nach Osten hin war damit der Anschluß an die Schlei gewonnen, deren schmale zum Übergange geeignete Stellen allgemein am Nordufer, bei Missunde aber auch am Südufer durch Schanzen gesichert waren. Nach Westen folgten die Werke als vorgelegte Bastione dem Margaretenwall und erreichten das Überschwemmungsgebiet der Rheider Au, mit dem sich bei Hollingstedt das der Treene vereinigte. Dieses setzte sich bis Friedrichstadt fort. Dort und auf dem Stapelholm bildete ein besonderes System von Werken den äußersten rechten Flügel der Stellung, der durch die Eider mit der Meeresküste in Verbindung gesetzt wurde. Diese verschanzte Linie sollte General de Meza nach einem ihm am 14. Januar gewordenen Befehle behaupten, den Kampf aber nur so lange fortsetzen, als es die Rücksicht auf Erhaltung des Heeres gestattete, welchem sich weiter rückwärts noch zwei günstige Flankenstellungen in den Düppeler Schanzen und der Festung Fredericia darboten. Die Doppelauf- 214 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung gäbe, das Heer in den immerhin sehr ausgedehnten Dannewerken zur ernsten Verteidigung zu verwenden, es aber trotzdem noch in schlagfertigem Zustande in die Flankenstellungen zurückzuführen, war schwer erfüllbar und konnte nur lähmend auf die Entschlüsse des Oberbefehlshabers wirken. Für die Verbündeten bestand die Schwierigkeit nicht darin, die Dänen zn schlagen; dazu reichte ihre Überlegenheit an Zahl und Eigenschaft der Truppen unter allen Umständen aus. Sie lag vielmehr darin, die Dänen überhaupt zum Ausharren zu veranlassen, damit ihre Feldarmee gründlich zertrümmert oder, wenn möglich, ganz vernichtet werden könne, ehe sie die schützenden Inseln erreichte. Bei der Unmöglichkeit, diese zu erobern, hätte sonst auch die Besetzung des ganzen dänischen Festlandes nur einen Erfolg bedeutet, der noch nichts entschied. General v. Moltke hatte daher schon 1862 einen Entwurf ausgearbeitet, der dahin ging, die Dänen nicht mit erdrückender Übermacht, sondern nur mit Kräften anzugreifen, deren Stärke den Erfolg eines Widerstandes nicht von Haus aus unmöglich machte. Dabei sollte der Angriff auf der ganzen Linie, nämlich an der Schlei, bei Schleswig und bei Friedrichstadt gleichzeitig begonnen werden. Gelang es auch nur an einer Stelle, den Feind zu fesseln, so mußte das ganze Heer standhalten, um die Kameraden nicht im Stiche zu lassen. Gegen diesen, den eigentümlichen Verhältnissen ganz angemessenen Plan erhob Prinz Friedrich Karl Bedenken, die dem alles sorgsam erwägenden und berechnenden Feldherrn, der ungern von den bewährten Gesetzen des Krieges abwich, allerdings nahe liegen mußten. Er ging davon aus, daß man auch einen schwachen Feind nicht unterschätzen dürfe, und daher die weite Trennung der eigenen Kräfte gefährlich wäre. Selbst mit einer Offensive der Dänen gegen die wenig zahlreiche Mitte müsse man rechnen. Diese Einwände würden unter anderen Verhältnissen sicherlich begründet gewesen sein; hier wären sie besser unberücksichtigt geblieben. Ein überlegener Vorstoß der Dänen hätte herbeigeführt, was man wünschte, daß sie nämlich ihre sicheren Schlupfwinkel verließen und niemals wieder erreichten. Der Gedanke der Umfassung der Stellung auf beiden Flügeln machte dem weniger kühn ersonnenen Platz, die Dänen durch Frontalangriff in der Dannewerkstellung so lange festzuhalten, bis ihnen durch den Angriff des starken rechten Flügels der Verbündeten der Rückzug nach der Düppel- stellung unmöglich gemacht wurde. Diesem in einer Denkschrift des Generalstabschefs vom 13. Januar niedergelegten Plane entsprechend wurde das österreichische Korps bis zum Einrücken der Verbündeten in Schleswig 215 31. Januar in die Gegend östlich Rendsburg, das preußische nach der Gegend von Kiel und westlich dieser Stadt verlegt. Dein ersten sollte der frontale Angriff, dem zweiten die entscheidende Umfassung zufalleu. Am 1. Februar um 7 Uhr früh — also noch bei Dunkelheit — begann der Vormarsch. Die Österreicher rückten nach Überschreitung der Eider bis an die Sorge, die Preußen über den Eiderkanal bis zur Eckern- förder Bucht vor. Aus dieser wurden zwei dänische Kriegsschiffe durch das Feuer gezogener Geschütze vertrieben und die Stadt besetzt. Sonst zeigten sich überall nur schwache feindliche Vorposten. Am 2. Februar sollten die Preußen nur bis Eckernförde, die Österreicher bis Owschlag südwestlich Brekendorf marschieren, die preußischen Garden, die erst am 31. Januar die Eisenbahnfahrt nach Hamburg begonnen hatten, westlich neben ihnen in die Linie rücken. Für den Übergang über die Schlei wurde die Nacht vom 3. zum 4. Februar in Aussicht genommen. Nach Wegnahme der Dannewerke war dem Heere rastlose Verfolgung und Abschneiden des Feindes von Flensburg aufgegeben. Prinz Friedrich Karl, der am 2. schon zwischen 9 und 10 Uhr früh mit seinem Korps am Marschziele ankam, beschloß, noch an diesem Tage einen Versuch gegen den nur wenig über eine deutsche Meile entfernten Brückenkopf von Missunde zu unternehmen, die Aufmerksamkeit des Feindes dorthin zu lenken und inzwischen einen zum Übergange günstigen Punkt zu ermitteln. Das Gefecht von Missunde am 2. Februar IMH (S. Skizze 19) Bei Missunde springt vom Südufer eiue überhöhende Landzunge nach Norden in die Gewässer der Schlei vor. Sie trägt das Dorf und deckt die dahinterliegende Fährstelle. Dort und am Nordende der Landzunge waren Kriegsbrücken geschlagen. Um diese zu sichern, trug sie zwei starke, mit'Blockhäusern versehene, durch Pallisaden und Drahthindernisse unzugänglich gemachte Erdwerke, die durch einen Schützengraben verbunden waren. Vor dem östlichen zog sich ein toter Arm der Schlei hin, das westliche konnte aus Geschützständen vom jenseitigen Ufer her flankiert werden. Das Schußfeld vor der Front war bis auf 1600 Meter freigelegt, die Stellung recht verteidigungsfähig hergestellt. 3 Bataillone, 1 Feldbatterie und 20 schwere Geschütze standen darin zur Verfügung. Um 11 Uhr vormittags erschien die preußische Avantgarde vor der Front, an Infanterie 6 Bataillone stark, die sich schnell entwickelten lind 216 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung auf dem rechten Flügel, nach Durchwatung der toten Schlei, mit ihren Schützen bis zum Glacis des östlichen Werkes vordrangen, während der linke Flügel sich wegen des flankierenden dänischen Feuers weiter zurückhielt. Dahinter fuhren 11 Feldbatterien mit 64 Geschützen auf, von denen 24 gezogene waren. Die Kanonade begann; dichter Nebel hinderte jedoch die Beobachtung. Vielfach wurden die wegen der undurchsichtigen Luft für weiter entfernt gehaltenen Werke Überschossen. Die Wirkung war gering, ein verlustreicher und vielleicht erfolgloser Sturm nicht beabsichtigt. Prinz Friedrich Karl befahl das Abbrechen des Gefechts; die Truppen bezogen Missunde gegenüber Quartiere, nachdem sie 12 Offiziere, 187 Mann an Toten und Verwundeten eingebüßt, die Dänen 8 Offiziere, 132 Mann verloren hatten. Die Nachricht von dem Gefecht, dein ersten das die Armee König Wilhelms I. bestanden hatte, wirkte im Vaterlande nicht günstig, und dies um so weniger, als am nächsten Tage die Österreicher vor der Hauptstellung erfolgreicher fochten. Das Gefecht von Iagel und Gber-Selk am 3. Februar IMH (S. Skizze 20) Für den 3. Februar hatte das Oberkommando, noch ohne Kenntnis von den Vorgängen bei Missunde, angeordnet, daß die Österreicher und die Garden mit ihren Vorposten in eine Linie einrücken sollten, die von der Schlei südöstlich Schleswig über Ober-Selk und Jagel gegen Alt-Bennebeck läuft, während dem Prinzen Friedrich Karl die Fortsetzung seiner Unternehmung gegen die Schlei überlassen blieb. Als am 3. nachmittags 2 Uhr die vorn marschierende Brigade Gon- drecourt bei Ober-Selk eintraf, stieß sie auf dänische Vorposten, die infolge der eben stattfindenden Ablösung und einer Erkundung besonders stark waren. 4^ Bataillone, 2 Eskadrons, 2 Geschütze trafen zufällig zusammen, also eine der österreichischen Brigade an Zahl ebenbürtige Streitmacht. General Graf Gondrecourt griff sogleich an. Seine beiden vorderen Bataillone warfen, mit großer Frische draufgehend, die Dänen aus Ober- Selk hinaus und nahmen ihnen ein Geschütz ab. 700 Meter weiter nördlich war die spitze beherrschende Kuppe des Königsberges stark besetzt. Der General zog daher noch 2 Bataillone heran uud stürmte die von 6 dänischen Kompagnien tapfer verteidigte Höhe. Dann stießen die Sieger noch bis Busdorf vor, wurden aber durch das Fener der schweren 218 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Geschütze aus den Dannewerken zur Umkehr gezwungen. Das fünfte Bataillon der Brigade, das die Seitendeckung gebildet hatte, warf unterdessen den Feind aus Jagel, wobei eine preußische Gardekompagnie eingriff. Auch die Brigade Tomas war rechts neben Gondrecourt auf den Gegner gestoßen und bei Haddeby mit seinen Vorposten ins Feuer getreten. König Christian IX., von Missunde kommend, hatte diesen Gefechten beigewohnt, in denen die Dänen 9 Offiziere, 408 Mann, die Österreicher 28 Offiziere, 402 Mann tot und verwundet verloren. Ein besonderes Ergebnis hatte der Angriff nicht gehabt, seine energische Durchführung aber großen Eindruck auf die Dänen gemacht. » 5 .».'-"' » Das preußische Korps war, den Anordnungen des Oberkommandos folgend, am 3. Februar Missunde gegenüber stehengeblieben. Prinz Friedrich Karl hatte sich für die Übergangspunkte Arnis und Kappeln entschieden, ritt ins Hauptquartier und setzte durch, daß der Feldmarschall von dem für den 4. Februar schon festgesetzten Sturm auf die Dannewerke zunächst noch Abstand nahm. Dem Prinzen schien die Aussicht auf Erfolg gering, da augenblicklich zur Einleitung des Angriffs an schwerer Artillerie nur 6 gezogene Zwölfpfünder verfügbar waren, die man von Magdeburg nach Rendsburg herangeschafft hatte. 6 andere, für das preußische Korps bestimmt, standen in Kiel und wurden erst am 5. Februar zum österreichischen Korps herangezogen. So gewannen die Dänen Zeit, sich der ihnen drohenden Gefahr zu entziehen. Der 4. und 5. Februar blieben ruhig, es kam am ersten dieser beiden Tage nur zu einer Kanonade bei den Vorposten vor Schleswig. Nachdem König Christian IX. am 4. Februar früh von Schleswig abgereist war, berief General de Meza einen Kriegsrat, dem er die ihm früher vom Kriegsminister erteilte Weisung, das Heer nicht aufs Spiel zu setzen, vorlegte, wobei er auf den üblen Zustand der Truppen hinwies. Allerdings litten diese unter der Bereitschaft in den Werken, bei rauher Jahreszeit und mangelhafter Unterkunft, erheblich. Sodann waren die Vorbereitungen des Gegners für den Schleiübergang nicht verborgen geblieben. Wie immer entschied sich der Kriegsrat zur Vorsicht, d. h. für rechtzeitige Räumung der Dannewerke und erfüllte damit des Oberbefehlshabers geheimen Wunsch. Die Vorbereitungen zum Abmärsche wurden sogleich getroffen Feldmarschall Wrangel hatte nunmehr den 6. für die Beschießung und den Sturm der Dannewerke ausersehen, nahm aber den schon dazu erteilten Aufschub des Angriffs auf die Dauncwerke 219 Befehl am Morgen des 5. mit Rücksicht auf den vom Prinzen Friedrich Karl beabsichtigten Übergang zurück. Der Prinz, der am 4. noch in der alten Stellung verblieben war, rückte am 5. Februar mit seinem Korps in die Gegend von Arms, mit einer Brigade desselben bis östlich Kap- peln ab. Die Räumung der Dannewerke in der Nacht vom 5. zum 6. Februar Alles war jetzt zum entscheidenden Schlage fertig. An demselben Abend aber begannen die Dänen bereits die vielgerühmte Stellung, um deren Besitz in ganz Europa blutige Kämpfe erwartet wurden, eilig zu verlassen. Erst wurde Fuhrwesen und Artilleriepark von Schleswig nach rückwärts in Bewegung gesetzt. Dann folgten mit Einbruch der Dunkelheit die bei Koppeln und bei Friedrichstadt stehenden Flügel, sodann die bei Missunde stehende Brigade und am Ende die Hauptkräfte der Armee von Schleswig. Bis zum frühen Morgen war alles schon in: Marsch auf Flens- burg; Glatteis auf den Straßen erschwerte jedoch das Fortkommen erheblich. Noch in der Nacht zum 6. erfuhren die Österreicher durch Schleswiger Bürger, daß die Dänen den Rückzug angetreten hätten, und folgten alsbald. Eine Nachricht, die sie an die preußische Gardedivision absendeten, erreichte leider ihr Ziel nicht. Prinz Friedrich Karl, der die umsichtigsten Vorbereitungen getroffen, den österreichischen Brückentrain und außerdem noch 7S Fischerboote herangezogen hatte, wollte am 6. früh 4 Uhr bei Rabelsund nordöstlich Kappeln sowie zwischen dieser Stadt und Arnis mit dem Übersetzen beginnen. Seine Pioniere bemerkten jedoch am Abend die Räumung des jenseitigen Ufers, und man fing deshalb schon um Mitternacht an. Bei Arnis war um 10^ Uhr vormittags eine Kriegsbrücke fertig. Der Prinz, der sich nach dem Übergang am Westufer gegen Missunde wenden sollte, erhielt noch rechtzeitig die Meldung von der Räumung der Dannewerke und schlug die Richtung auf Flensburg ein. Feldmarschalleutnant Gablenz war, nach Zurücklassung eines Infanterieregiments als Besatzung von Schleswig, auf der Hauptstraße den Dünen gefolgt. Er traf ihre letzten Wagenzüge und abziehenden Truppenteile schon bei Jdstedt, wo seine Liechtensteinhusaren 3 Geschütze eroberten. Beim Weitermarsch stieß er nördlich Översee auf ihre Nachhut, die 7. Brigade, 4 Bataillone, 2 Geschütze, die auf den waldigen Höhen hinter der oberen Treene Stellung genommen hatten. Obgleich ihm Översee nur für die Spitze seiner Vorhut als Marschziel angewiesen war, entschloß er sich um 220 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung 3 ^2 Uhr nachmittags, beim Eintreffen der Brigade Nostitz, doch richtigerweise sofort zum Angriff. Seine Truppen hatten 3 Nächte hintereinander bei schlechtem Wetter gelagert, seit 24 Stunden nicht abgekocht und waren über 25 Kilometer marschiert, gingen aber entschlossen gegen die feindliche Front vor, da die späte Stunde Umfassungen ausschloß. Nach kurzem heftigem Hin und Her wurde die dänische Brigade bis Jarplund, nahe südlich von Flensburg, zurückgeworfen. Während der verschiedenen Zusammenstöße hatten die Dänen 206 Tote und Verwundete, unter den letzteren den Kommandeur der 3. Division General Steinmann, sowie nicht weniger als 676 Gefangene und Vermißte verloren. Die Österreicher kostete die Verfolgung 30 Offiziere, 403 Mann. Prinz Friedrich Karl kam am Abend unter großen Anstrengungen bis Sterup und wollte am Morgen um 3 Uhr aufbrechen, um den Feind wenigstens am 7. Februar noch zu erreichen. General de Meza marschierte aber schon in der Nacht weiter. Er entsandte seine Kavalleriedivision mit dem 7. Infanterieregiment und 1 Batterie über Apenrade, um Jütland zu decken, und führte das übrige Heer, ununterbrochen marschierend, in die Düppelstellung zurück. Dort kam es in der folgenden Nacht, zum Teil sogar erst am 8. Februar morgens, sehr erschöpft an. Fast 60 Stunden hatte der Rückzug gedauert und 1300 Mann sowie einen Teil des mitgeführten Festungsgeschützes gekostet. 154 Geschütze waren in den Dannewerken und an der Schlei stehengeblieben. Aber im ganzen war er doch gelungen und hatte die Grundbedingungen von Moltkes Operationsplan vereitelt. Es ist einleuchtend, daß die Dänen südlich Schleswig nicht verbleiben konnten, sobald der Feind mit starken Kräften die Schlei überschritt; denn dieser stand dort der Enge von Flensburg näher, als sie an den Dannewerken. Moltkes Absicht wäre also wohl mehr damit gedient gewesen, diese anzugreifen, um die Dänen festzuhalten und dann erst das umfassende Korps an der Schlei erscheinen zu lassen. Auch ein möglicher anfänglicher Erfolg der Dänen in der Mitte wäre damit unwirksam und für sie um so verderblicher geworden, je mehr er sie nach Süden geführt hätte. Die Behutsamkeit des Oberkommandos der Verbündeten hatte die Rettung der dänischen Armee ermöglicht. In Dänemark rief die Räumung der Dannewerke jedoch große Entrüstung hervor. Man begriff nicht oder wollte nicht begreifen, warum eine Stellung, die man seit Jahren befestigt, bestückt und als uneinnehmbar ge- Rückzug der Dänen. Ovcrsee 221 priesen hatte, geräumt werden mußte, noch ehe der Feind sie ernsthaft angriff. Daß sie für das dänische Heer allein zu ausgedehnt und dauernd nur an der Seite eines Verbündeten zu halten, beim Mangel an einem solchen der rechtzeitige Rückzug also geboten war, entzog sich dem Urteil der Masse. Um dieser genug zu tun, wurden der verdiente Oberbefehlshaber und sein Stabschef abberufen. Generalleutnant Lüttichau, der Kommandeur der Artillerie, übernahm zunächst die Führung. Anfangs hatte die 1. dänische Division die Düppeler Schanzen besetzt. Die 2. nebst der Infanterie- und Artilleriereserve war nach Alsen hinübergegangen, die 3. bei Sonderburg verblieben. Von dieser, die bisher am meisten gelitten hatte, wurde jedoch schon in den nächsten Tagen der größere Teil nach Fredericia und Fünen übergeführt und nur die zu ihr gehörende 7. Brigade an der Nordküste von Alsen untergebracht. Prinz Friedrich Karl hatte inzwischen am 7. Februar den frühen Aufbruch auf Wrangels Befehl verschoben und nur die Kavallerie der Vorhut marschieren lassen, die als erste deutsche Truppe noch am Morgen in Flensburg einrückte und dort 3 dänische Proviantschiffe sowie Munitionsund Gepäckwagen beschlagnahmte. Die Kavallerie der Garde holte bei Bau dänische Nachzügler ein. Der Oberbefehlshaber machte jedoch bei Flensburg mit der Armee halt. Die Garden, die vom 6. zum 7. bei Jübek und Gammellund genächtigt hatten, wurden nach Flensburg und Bau herangezogen, das Korps des Prinzen Friedrich Karl östlich davon bis nach Glücksburg und Sterup hin, die Österreicher rückwärts bei Översee und Wanderup untergebracht. Die Fühlung mit dem Feinde ging vollständig verloren. Erst 48 Stunden später wurde sie bei Nübel und Rackebüll im Sundewitt wieder aufgenommen, wo man dänische Vorposten antraf und feststellte, daß die Düppeler Schanzen stark besetzt seien. Nun wurden die Vorposten bis zum Nordende des Nübelnoor vorgeschoben und die Garden am 11. Februar nach Apenrade verlegt, das vom Feinde frei war. — Das Oberkommando wartete auf eine schon am 3. Februar beantragte Verstärkung. Als diese in Gestalt der preußischen 10. Jnfanteriebrigade eintraf, wurde Holstein, nicht ohne Einspruch des Bundes, von ihr besetzt, dadurch die dort von der Garde noch zurückgelassene Abteilung frei, die Verwaltung der besetzten Landesteile an einen preußischen und einen österreichischen Zivilkommissar übergeben und mit der Niederlegung der Danne- werke begonnen. 222 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Die Abschließung der Düppeler Schanzen und der Vormarsch nach Iütland (S. Skizze 21/22) Am 10. Februar entschloß sich Feldmarschall v. Wrangel, das Korps des Prinzen Friedrich Karl gegen die Düppeler Schanzen zu verwenden. Er hoffte dabei auf deren Wegnahme nach vorangehender Beschießung durch Feldartillerie. Der Prinz sah die Lage dagegen ernster an. Er war überzeugt, daß eine regelrechte Belagerung nötig sein werde — nachdem man verabsäumt hatte, mit dem fliehenden Feinde zugleich einzudringen. Er verlangte daher die Mittel zu einer solchen und hielt seine Truppen zunächst soweit zurück, daß sie nicht unnötigen Verlusten ausgesetzt wurden, jederzeit aber bereit waren, einem Vorbrechen der Dänen bald mit versammelter Kraft begegnen zu können. Am 11. und 12. Februar ging er ins Sundewitt vor, löste die dort stehenden Vorposten der Garde ab und stellte die seinen östlich Blans, Ulderup und Atzbüll vom Nübelnoor bis zur Alsenföhrde hinüber auf. Die Masse der Truppen wurde nahe dahinter untergebracht; die Kavalleriedivision verblieb noch in Angeln und bewachte die Küste. Das Korpshauptquartier ging nach Gravenstein. Bei Holms auf der Süd- und bei Altnoor, nahe Gravenstein, auf der Nordseite der Flensburger Föhrde nahm je eine der beiden gezogenen Zwölfpfünderbatterien Aufstellung, da schon am 11. ein dänischer Panzer durch mehrere Schüsse am Einlaufen hatte verhindert werden müssen. Am 17. wurde über den Ekensund eine 165 Meter lange Schiffbrücke geschlagen und die wichtige Halbinsel Broaker besetzt. Auf dieser konnte man die dänische Stellung von der Flanke her übersehen und später auch unter Feuer nehmen. Am 18. Februar erschien das stärkste dänische Panzerschiff Rolf Krake vor der Ekensundbrücke, mußte aber bald die Überlegenheit der gezogenen Geschütze erkennen. Seine in zwei Türmen aufgestellten glatten Sechzig- pfünder richteten, trotz der geringen Entfernung, keinen Schaden an, während die preußischen Zwölfpfünder seine Panzerplatten lockerten, das Takelwerk stark zerstörten und vier Mann an Bord verwundeten. Der an sich ganz unbedeutende Kampf erregte darum Aufsehen, weil er das erstemal auf europäischem Boden einen Panzer im Fener gegen Strandbatterien zeigte. Die Erwartungen die man von der Wirksamkeit der neuen Kriegsschiffe bei dieser Art von Kampf gehegt, wurden erheblich enttäuscht. Am gleichen Tage kam es an der Büffelkoppel, im südlichen Teil der dänischen Vor- Vorpostengefechte im Sundewitt 223 Postenstellung, zu leichtem Gefecht. Auch in den nächsten Tagen fielen Vorpostenscharmützel vor, bis Prinz Friedrich Karl für den 22. Februar ein allgemeines Vorgehen befahl, noch ehe der Feind sich ganz in den Schutz der Werke zurückzog. Zugleich sollten diese näher erkundet werden. Das Gefecht verlief sehr glücklich. Die vordersten Truppen beider Divisionen überraschten noch vor 7 Uhr früh die dänische Sicherungslinie, trieben sie auf die Schanzen zurück und brachten den Dänen einen Verlust von 11 Offizieren, 370 Mann bei, darunter 225 Mann an Gefangenen. Sie selbst büßten nur 1 Offizier, 33 Mann ein. Beim näheren Herangehen an die Schanzen und auch durch die Aussagen von Gefangenen bestätigte sich des Prinzen Ansicht über die bedeutende Stärke der feindlichen Stellung. Sie ließ ihn die Heranführung von mindestens 24 schweren Belagerungsgeschützen beantragen, während der Feldmarschall noch immer eine Einschließung sür ausreichend und die Besetzung von Jütland für eindrucksvoller als eine Belagerung von Düppel hielt. Am 1. März wurde die Abschließungslinie näher au die Werke herangeschoben, und bei Satrup, bei der Nübeler Windmühle und bei Schmoel auf hochgelegenen Plätzen je ein fester Stützpunkt für die Abwehr großer Ausfälle geschaffen. Da zu Mitte März die kleine preußische Flotte in die Flensburger Föhrde überführt werden sollte, zog man von Kiel noch vier gezogene Vierundzwanzigpfünder heran, baute bei Ekensund eine zweite Pontonbrücke, die stark genug war, diese Geschütze zu tragen, und brachte sie zum Schutz der Fähre auf der Halbinsel Broacker gegenüber von Holnis in Stellung. Die Dänen zogen ihre Vorposten bis Wielhoi, Düppel, Rackebüll und Lillemölle zurück, hielten stets sechs ihrer Jnfanterieregimenter im Sundewitt verfügbar und fuhren Geschütze in die Zwischenräume der Schanzen ein. So stand man von nun ab kampfbereit in geringer Entfernung von einander da. 4- 4- » Der' Ansicht des Oberkommandos entsprechend, war die Gardedivision zunächst am 14. Februar nach Hadersleben vorgerückt, das österreichische Korps ihr gefolgt. Beide blieben dann am IS. und 16. stehen, gingen aber am 17. erneut vor. Am 13. besetzte General v. d. Mülbe mit seiner Avantgarde sogar Kolding. Weiter durfte zunächst nicht vorgegangen werden, da nicht nur der Deutsche Bund und die fremden Mächte, sondern auch Österreich der Besetzung Jütlands noch widerstrebten, trotzdem Dänemark begonnen hatte, alle deutschen Schiffe in dänischen Häfen und auf hoher See in Beschlag zu nehmen. 224 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung vie kelsgenung von vüppel vom 7 Ml>? bis lö^pnl ISK^ uncl Äk/--S^ Vs,' üoewsng nsck AIssn in öe?- ^scli? vom ?g?um?9^un> ILK-,^ ^ 7 ^ ^S ^ ^ V» I-X u s el/s ^^/W'/^e//-/? i - Fs//s»i?s/?, ^ — Vormarsch zur jütischen Grenze 225 Der dänische General Hegermann, der mit der verstärkten Kavalleriedivision und der von Fünen herbeigerufenen 7. und 8. Brigade Jütland schützen sollte, hatte diese Truppen bei Kolding und nördlich versammelt, wich aber den anrückenden Preußen aus, nahm mit der Kavalleriedivision bei Veile, mit den übrigen Truppen bei Gudsö, halbwegs Kolding und Fredericia Stellung und beobachtete sie. Nur unbedeutende Scharmützel unterbrachen die vorläufige Ruhe. Es schien, als solle das Spiel von 1849 sich wiederholen. Auf Grund einer, durch den nach Wien abgesendeten preußischen General v. Manteuffel erzielten, Verständigung mit Österreich wurde der Einmarsch nach Jütland indes gestattet, die Armee durch die 5. preußische Infanteriedivision verstärkt, und der Antrag des Prinzen Friedrich Karl auf Heranziehung eines Belagerungsparks nach Düppel genehmigt. Die kurze Unterbrechung der Operationen war den Dänen dennoch zugute gekommen. Sie hatten ihre Truppen durch Ersatzmannschaften wieder ergänzt, das ehedem aus Holsteinern bestehende 14. Infanterieregiment neu aufgestellt, Fredericia verstärkt und an allen wichtigen Punkten Dampfer und Prahme zum Truppentransport zusammengebracht. Seit dem 1. März befehligte der sechsundsechzigjährige Generalleutnant Gerlach die Armee. In einer Denkschrift vom 4. März hatte General v. Moltke dargelegt, daß nach der Verstärkung des verbündeten Heeres, selbst wenn aus politischen Gründen eine Brigade in Holstein zurückbleiben müsse, Kräfte genug vorhanden wären, um die Dänen am Vorbrechen aus Düppel oder Fredericia sowie an Landungsversuchen zu hindern und trotzdem mit 10- bis 15 000 Mann Jütland dauernd zu besetzen. Damit hätte man für Verhandlungen ein wertvolles Faustpfand in Händen. Das Oberkommando erhielt die Freiheit des Handelns und setzte am 8. März die preußischen Garden gegen Fredericia, das österreichische Korps gegen Veile in Bewegung. Die Garden warfen die Dänen von dem von 1849 her bekannten Elbodal zurück und nahmen eine dänische Kompagnie gefangen, wiederholten aber den Fehler der holsteinischen Division Bonins nicht, näher an die Festung heranzugehen, sondern blieben in dem eroberten Gelände stehen. Die Dänen wären auch hinreichend stark gewesen, ein unvorsichtiges Handeln zu strafen; denn General Lunding, der Kommandant, verfügte nicht nur über 12 Bataillone Festungsbesatzung, sondern anch über die dänische 8. und 9. Brigade, nebst 9 Eskadrons und 4 Batterien. Er hatte also Kräfte genug zu einem überlegenen Vorstoß auf kurze Entfernung. Die Festung besaß über 200, allerdings fast ausschließlich glatte Geschütze und die notwendigen Festungs- Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 15 226 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung artilleristen und Pioniere. Sie war auf der Nordseite durch ein verschanztes Lager erweitert worden. Die Österreicher gingen in zwei Kolonnen vor, die linke über Eistrup, (S. Skizze 8 Seite 79), die rechte über Kolding. Diese, aus den Brigaden Nostitz und Gondrecourt sowie 7 Eskadrons und 4 Batterien bestehend, stieß auf ernsteren Widerstand. General Hegermann, Führer der dänischen Kavalleriedivision, war dadurch verstärkt worden, daß man das 7. Infanterieregiment, welches über Horsens nach Alsen zurückgezogen werden sollte, gegen die 7. Brigade ausgetauscht hatte. Mit seinen nunmehr 21 Eskadrons, 4 Bataillonen, 2 Batterien starken Truppen hatte er bei Veile auf den steil ansteigenden Höhen nördlich der Stadt eine gute Stellung eingenommen, die sich zur Linken an den Veilefjord lehnte, rechts aber durch das breite sumpfige Tal der Veile-Aa geschützt war. Die bei der rechten österreichischen Kolonne vorn marschierende Brigade Nostiz stieß schon südlich Veile mehrfach auf dänische Reiter, drang dann durch die Stadt vor und entwickelte sich nebst ihrer Batterie am Nordrande derselben den Dänen ganz nahe gegenüber. Zwei Batterien der Korpsreserve gingen auf der Windmühlenhöhe südlich der Stadt in Stellung? die Brigade Gondrecourt marschierte ebenda auf. Einige Zeit wurde noch auf das Eintreffen der linken Kolonne gewartet, dann aber, gegen Uhr nachmittags, als die Artillerie ihre Überlegenheit fühlbar machte, der Angriff ohne jene eröffnet. Feldmarschalleutnant Gablenz ließ die dänische Stellung in der Front und auf dem nur schwachen rechten Flügel stürmen und warf die Verteidiger gegen Horsens zurück, wo sie durch das noch nicht eingeschiffte 7. Regiment aufgenommen wurden. Sie hatten in dem kurzen Kampfe, den sie nur als Rückzugsgefecht hatten durchführen wollen, 3 Offiziere, 164 Mann verloren, darunter 132 unverwundete Gefangene, die Österreicher 8 Offiziere, 84 Mann. Die linke Kolonne, zur Umfassung der Dänen bestimmt, hatte an überfluteten Brücken und grundlosen Wegen soviel Hindernisse gefunden, daß sie zum Teil umkehren und auch die Straße über Kolding einschlagen mußte. So gelangte sie am Abend nur bis in die Gegend südwestlich von Veile. Nunmehr sollte das österreichische Korps zwei seiner Brigaden zur etwa notwendig werdenden Unterstützung der Gardedivision vor Fredericia bei Viuf und Veile stehen lassen, mit den übrigen Truppen aber Hegermann tiefer nach Jütland hinein verfolgen und seine Einschiffung verhindern. An eine solche dachte der dänische Führer aber gar nicht. Er fand einen Einmarsch in Jütland. Beile 227 nahen und sicheren Zufluchtsort für seine Truppen auf der Insel Mors im Lim-Fjord, rückte daher nach Skive ab und begann am 17. März, nachdem sich das herrschende stürmische Wetter gelegt hatte, mit dem Übersetzen. Auf Mors besichtigte der König die Ankömmlinge. Die Österreicher waren nur bis Skanderborg gefolgt und hatten am 13. Erkundungen bis Aar- hnns und längs der Straße nach Viborg vorgetrieben. Als sie keine Dänen mehr fanden, glaubte Gablenz seine Gegner nicht zum Standhalten bringen zu können und versammelte sein Korps um Horsens und Veite. Der Oberbefehlshaber, der nach Kolding gekommen war, änderte nunmehr seine Absichten und wollte Fredericia näher einschließen und beschießen lassen. Er erwog auch einen Sturmversuch. Die Österreicher sollten daran teilnehmen. Sie gingen den 19. März gegen den südlichen Teil des Platzes vor; die Garde zog sich nach dem nördlichen hinüber. Zwei dänische Kanonenboote griffen von Süden her in das leichte, sich entspinnende Vorpostengefecht ein. In der Nacht darauf wurden dann 5 Batterien mit zusammen 42 Feldgeschützen erbaut und das Feuer am 20. März früh 5^ Uhr eröffnet, das auch am 21. fortwährte. Die Stadt geriet in Brand, die Einwohner 15* 228 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung fluchteten nach Fünen, der Kommandant aber verweigerte die Übergabe. Die Besatzung hatte nur 45 Mann verloren. Der Sturm, der dem verschanzten Lager gelten sollte, wurde aufgegeben, da erkundet worden war, daß die Werke stärker seien, als man angenommen hatte. Der Feldmarschall beschloß jetzt einen Rollenwechsel. Das stärkere österreichische Korps sollte ganz vor Fredericia verbleiben, die Garde die Sicherung nach Norden übernehmen. Diese rückte deshalb am 22. März nach Veile ab, blieb aber dort nicht lange, da sie der König, auf Verlangen des Prinzen Friedrich Karl, nach dem Sundewitt abrücken ließ, wo sie am 29. März eintraf. Nur drei Füsilierbataillone blieben bei den Österreichern, die vor Fredericia wieder hinter das Elbodal zurückgingen. Dadurch ermutigt, landeten die Dänen von Fredericia aus und überfielen eine von Veile östlich vorgeschobene Abteilung Gardehusaren, der sie 22 Mann und 24 Pferde abnahmen. Dies Regiment war bei der schon früher zur Verstärkung der Garde zusammengestellten Kavalleriebrigade Flies verblieben, welche das vom 1. Korps abgegebene 8. Husaren- und das von der 10. Jnfanteriebrigade aus Holstein herangezogene 6. Kürassierregiment sowie eine reitende Batterie vereinigt hatte. Da auch noch zwei Batterien aus Holstein zur Garde gestoßen waren, wurde diese meist neben dem 1., dem preußischen des Prinzen Friedrich Karl und dem 2., dem österreichischen, als 3. Korps bezeichnet. Die jetzt noch bei den Österreichern verbleibenden preußischen Truppen traten unter den einheitlichen Befehl des Generals Grafen Münster und wurden zur Rückendeckung in und um Veile untergebracht. Als am 29. und 30. März die preußischen Husaren südlich von Horsens und einen Tagemarsch nordwestlich Veile wieder auf stärkere feindliche Abteilungen stießen, verlegte Feldmarschalleutnant Gablenz sogar noch die österreichische Brigade Dorinus nach Veile. In der Tat begann General Hegermann, trotzdem er eines seiner Jn- fanterieregimenter nach Alsen hatte abgeben müssen, sich zu regen. Von dem, was ihm gegenüber vorging, genau unterrichtet, plante er sogar ein größeres Unternehmen zum Entsatz von Fredericia. Er überschritt von der Insel Mors her den Lim-Fjord und erreichte mit den ihm verbliebenen 2 Bataillonen, 26 Eskadrons und 6 Geschützen in zwei Gewaltmärschen am 8. April überraschend das halbwegs von Viborg und Horsens gelegene Silkeborg und Skandenborg. Aber der Kommandant von Fredericia, der ihm zwei Jnfanterieregimenter zur Verfügung stellen sollte, verweigerte dies, und die ihm von Alsen her zugesagten Verstärkungen konnten, der Lage bei Düppel halber, von dort nicht mehr abgesendet werden. Er gab Dänischer Vorstoß über den Lim-Fjord 229 daher die Durchführung seines energisch eingeleiteten Planes wieder auf und blieb dem Grafen Münster gegenüber bei Skanderborg stehen. Für die nächsten Wochen trat nun auf diesem Teile des Kriegsschauplatzes Ruhe ein, während im Sundewitt die Entscheidung schon herannahte. Die Belagerung von Düvvel vom 7. März bis ^3. April ^36H (Vergl. Skizze 21/22) Die Düppelstellung hatte sich diesmal ebenso wie 1348 in der Aufnahme der von Schleswig zurückgehenden Armee bewährt. Sie war namentlich seit 1861 ansehnlich verstärkt worden und bildete jetzt ein festes Bollwerk, das die deu südöstlichsten Teil des Sundewitt ausfüllende Höhengruppe krönte. Dahinter lag, durch die schmalste Strecke des Alsensundes vom Festlande getrennt, die Stadt Sonderburg, durch welche die große Straße nach Alsen hineinführte. Für Stadt und Insel diente die Düppelstellung als großer und fester Brückenkopf. Darin lag ihre vornehmliche Bedeutung. Sie gestattete jederzeit den in voller Sicherheit auf Alsen versammelten dänischen Streitkräften gegen die längs der Ostseite der jütischen Halbinsel von Süd nach Nord hinziehende Heerstraße vorzubrechen. Rechts an den Alsensund, links an den Wenningbund gelehnt, konnte sie, so lange der Verteidiger die See beherrschte, nur in der Front, nicht umfassend angegriffen werden. Die unterstützende Flotte aber vermochte wirksam auf beiden Flügeln einzugreifen. Die Gunst der Lage wurde noch dadurch vermehrt, daß man von den höheren Punkten der Stellung, namentlich dem 68 Meter über den Seespiegel sich erhebenden Berge bei der Düppeler Windmühle aus das vorgelagerte Sundewitt weithin zu übersehen und zu beherrschen vermochte. Zehn Schanzen bildeten den flachen Bogen der Front, vor dessen größerem Teil eine sich nach dem Alsensunde hinabsteigende Talsenke entlangzog. Vom Südende der Düppeler Höhen zieht sich eine allmählich gegen Westen, steil nach Süden gegen den Wenningbund und Nübel Noor abfallende Hügelkette hin, auf deren Rücken sich die Chaussee Sonderburg—Flensburg entlangzieht. Sieben der vom Wenningbond ab fortlaufend numerierten Werke waren geschlossen. Nur Nr. III in der Mitte zwischen der Flensburger Chaussee und dem Wenningbund, Nr. V dicht nördlich der Chaussee und Nr. VII, etwa 500 Meter weiter nordöstlich hatte man in der Form offener Lünetten angelegt, Nr. ^1 hinter die Hauptlinie zurückgezogen. Dies Werk erfüllte den Sonderzweck, eine ins Vorgelände sich öffnende Seitenmulde, welche die Front durchbrach, zu bestreichen. Bei ihm setzte eine hinter dem linken 230 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Flügel angelegte zweite Linie von vier kleineren Werken an, die 600 Meter rückwärts von Schanze I den hohen Strand des Wenningbunds erreichte. Sie sollte die Fortsetzung des Widerstandes erlauben, wenn die vordere Linie unter dem Flankenfeuer von Broacker aus unhaltbar geworden war. Die Werke waren für die damalige Zeit recht bedeutend, zumal die geschlossenen. Sie hatten 160—320 Meter Feuerlinie, 4—6 Meter Brustwehrstärke, 3—4 Meter Aufzug und 3 Meter tiefe, oben bis 20 Meter breite Gräben. Nur bei HI, V und VII waren diese flacher. Alle besaßen Palisadierungen und auf etwa 50 Meter Entfernung vorwärts ein Drahtgitter, das neu erfundene Hindernis, das aber noch durch Eggen, Wolfsgruben und Verpfählungen verstärkt war. Eine mit Traversen, stellenweise auch mit Rückenwehren und Geschützständen für Feldgeschütz versehene, zur Jnfanterieverteidigung eingerichtete Brustwehr verband die Werke. Nur bei Schanze VII zeigte sie eine von derselben beherrschte Lücke. Die Flensburger Chaussee war durch einen 8 Meter breiten Verhau mit dahintergelegenem Durchstich gesperrt, das Schußfeld bis auf 700 Meter frei gelegt, alle Kunst der Feldpioniertechnik also aufgeboten, um die Sturmfreiheit herzustellen. Unmittelbar vor den beiden über den AlseN'Sund nach Sonderburg führenden Schiffbrücken lagen noch zwei kleine, durch Laufgräben untereinander und mit dem Strande verbundene Schanzen. Die Armierung der Düppelstellung bestand aus 84 glatten, meist schweren Geschützen. In der Brückenkopfverschanzung standen 4, in den Batterien auf Alsen noch 36. Diese gleichfalls durch Schützengräben verbundenen Batterien, deren Linie sich bis nach Arnkielsöre hinzog, sollten den Übergang über den Sund verwehren und die Verteidigung der Düppelstellung unterstützen. Für diese und die Bewachung von Alsen waren die 1. und 2. Division, also 6 Brigaden und außerdem eine Reserve, im ganzen 26 Bataillone, 6 Eskadrons, 8 Feldbatterien nebst S Festungsartillerie- und 5 Pionierkompagnien, zusammen 575 Offiziere, 25 654 Mann, verfügbar. Am 19. März traf noch ein Leibgardebataillon von Kopenhagen als Verstärkung ein. Prinz Friedrich Karl hatte wohl recht gehabt, von einem Sturm, ohne längere Vorbereitungen, abzuraten. Der Erfolg wäre zweifelhaft, der Verlust jedenfalls unverhältnismäßig groß gewesen. Zudem bewegte ihn noch ein anderer, weit ausschauender und kühn erdachter Plan. Bei einem Sturme war es schwer zu verhindern, daß der größere Teil der dänischen Armee in noch schlagfertigem Zustande nach Alsen entkam und dort zunächst in Sicherheit war, sich also wieder verstärken und zu wei- Plan eines Übergangs bei Ballegaard 231 terem Widerstande rüsten konnte. Eine vernichtende Entscheidung war nur möglich, wenn es gelang, vor oder während des Sturmes auch nach Alsen hinüberzugehen und dem Feinde seine Zuflucht zu rauben, so daß er zur Waffenstreckung gezwungen wurde. Ein Übergang über die Alsen-Föhrde in der Gegend von Ballegaard wurde in Aussicht genommen. Wenn auch die Föhrde mehr als doppelt so breit wie der Alsen-Sund ist, so war doch hier eher auf eine Überraschung zu rechnen, und das jenseitige Ufer weder besetzt noch verschanzt. Natürlich sollte der Feind m der Düppelstellung durch den inzwischen eingeleiteten artilleristischen Angriff festgehalten werden. Auch die preußische Flotte sollte dabei mitwirken. Der König sowohl wie der Generalstabschef Moltke versagten zwar ihre Zustimmung nicht, stellten aber doch die kräftige Durchführung der Belagerung in erste Linie. Am 25. März folgte, da der Prinz trotzdem bei seinem Plane blieb, des Königs Zustimmung. Die in Stralsund versammelte preußische Kanonenbootflottille erhielt den Befehl zur Mitwirkung. Stürmisches Wetter verhinderte jedoch ihr Auslaufen. Der Übergang sollte ohne sie vor sich gehen. Die Vorbereitungen dazu wurden eifrig betrieben, der österreichische Brückentrain herangezogen, die Ekensundbrücken abgebrochen, erbeutete dänische Pontons, Fischerboote aus dem Nübel-Noor zusammengebracht und am Abend des 31. März im ganzen 139 Schiffsgefäße in der Nähe von Gravenstein, auf Wagen verladen, bereitgestellt. Die nötige Anzahl von Ruderern war vorher eingeübt worden. Die zur westfälischen Division gehörige 26. Jnfanteriebrigade sollte die Vorhut bilden und zuerst übergehen, die 12., die 11., sogar die heranzuziehende 10. Brigade, alle drei Brandenburger, folgen, ebenso die beiden Jägerbataillone, 2 Eskadrons und 5 Feldbatterien, im ganzen an 20000 Mann. In der Nacht vom 2. zum 3. April war an der Übergangsstelle alles fertig, aber am Abend schon hatte ein Unwetter mit Nordweststurm begonnen, das sich fortdauernd steigerte. Vergeblich wartete das Korps auf sein Nachlassen. Als am 3. abends festgestellt wurde, daß der Feind nunmehr aufmerksam geworden sei und Vorbereitungen für die Abwehr der Landung, namentlich durch seine Kriegsschiffe, getroffen habe, gab der Prinz schweren Herzens den mühsam und sorgfältig vorbereiteten Versuch auf. Die Anstalten für die Belagerung waren übrigens nicht vernachlässigt worden. 8 gezogene Vierundzwanzigpfünder, zurzeit das wirksamste Geschütz, 12 gezogene Zwölspfünder und 16 glatte fünfundzwanzigpfündige Mörser standen als Belagerungspark zur Verfügung. Über seine Verwertung herrschte anfänglich Meinungsverschiedenheit. 232 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung In Berlin wünschte man, hauptsächlich wohl wegen der drohenden fremden Einmischung, alsbaldigen Gebrauch dessen, was eintraf. Die noch fortschreitenden Verstärkungsarbeiten sollten gehindert werden. Der Prinz wies darauf hin, daß ein Beginn mit unzureichenden Mitteln meist verhängnisvoll geworden sei; er wollte vorher erst den ganzen Park zur Stelle haben. Ein königlicher Befehl vom 14. März genehmigte dies. Zwar eröffneten schon am IS. März die ersten drei bei Gammelmark auf Broacker für 8 Vierundzwanzig- und 6 Sechspfünder angelegten Batterien ihr Feuer, aber dieses wurde nur mäßig genährt, selbst nachdem am 19. März noch eine vierte Batterie auf der am weitesten vorspringenden Spitze der Halbinsel hinzugekommen war. Es sollte vornehmlich die Aufmerksamkeit von dem bevorstehenden Hauptangriff ablenken, nötigte auch die Dänen, ihre Blockhäuser in den Schanzen zu ummanteln, diese mit Traversen zu versehen und dadurch den inneren Raum für Geschützentwicklung sehr zu beschränken. Zugleich hinderte man die Heranführung von Verstärkungen zur See sowie den weiteren Ausbau der zweiten Linie. Für die eigentliche Belagerung war das Gelände zwischen der Flens- burger Chaussee und dem Wenningbund ausersehen; Schanze I—IV bildeten die Angriffsfront. Das Batteriebau- und Sappengerät wurde seit Anfang des Monats durch 7 Pionierkompagnien und 2000 Infanteristen hergestellt. Zuvörderst mußten aber noch die dänischen Vorposten zurückgeworfen werden. Ohne Unterlaß wurden sie beuuruhigt, wobei sich die 26. Brigade unter General v. Goeben besonders hervortat. Der dänische Oberbefehlshaber schritt am 17. März zu einem größeren Ausfall, der dazu dienen sollte, die vor der Front liegenden Gehöfte zu zerstören, welche den Preußen als Stützpunkte für ihre Unternehmungen dienten. Es wurden gerade die Vorposten der 1. dänischen Division durch die der 2. abgelöst, so daß größere Kräfte verfügbar waren. Das Gefecht pflanzte sich bald auf der ganzen Linie fort und währte den Tag über. Erst ging der dänische Oberst v. Bülow mit den Regimentern 5 und 4 bis zum Rackebüll-Holz vor, wurde dann aber von der 26. preußischen Brigade auf Stabegaard zurückgeworfen. Während das Gefecht noch im Gange war, begann ein anderes auf dem preußischen rechten Flügel. Dort ließ Prinz Friedrich Karl die 12. Brigade von der Büffelkoppel vorgehen; das Dorf Düppel und der Spitzberg wurden genommen. General Gerlach befürchtete einen Sturm und führte die Reserven vor, die in Düppel wieder eindrangen. Es kam zum hin- und herwogenden Häuserkampfe. Teile der 11. Brigade griffen ein. Das Südwestende des Dorfes und der Die Dänen werden auf die Werke zurückgeworfen 233 Spitzberg blieben aber in preußischer Hand. Ans dem rechten dänischen Flügel ging Oberst v. Bülow nachmittags nochmals vor, lebhaft unterstützt von den Geschützen der Werke, und bemächtigte sich wiederum des Dorfes Rackebüll. Dann aber ward er von neuem verdrängt, und mit Einbruch der Dunkelheit wichen die Dänen auf eine Linie 800 Meter vor ihren Schanzen zurück. Die preußischen Vorposten folgten bis Alt-Freudental—Düppel—Rackebüll—Lillemölle. Auch die Gammelmarkbatterien hatten lebhafter eingegriffen, und der Verlust der Dänen war nicht gering. Er betrug 12 Offiziere, 616 Mann, während die Preußen 16 Offiziere, 122 Mann einbüßten. Sie setzten sich in der gewonnenen Linie fest und richteten sie zur Verteidigung eil,, deren Hauptstützpunkt die Grafenschanze auf der flachen Höhe zwischen Düppel und Rackebüll bilden sollte. Am 19. März traf bei Gravenstein noch eine kombinierte Brigade der S. Division ein. Diese Division war mittlerweile ganz nach dem Kriegsschauplatz herangezogen worden. Nach den letzten Vereinbarungen, die General v. Manteuffel in Wien getroffen, hätte eigentlich Österreich seine Truppen gegen Dänemark verstärken müssen. Beunruhigende Nachrichten aus Italien machten dies jedoch im Augenblicke für den Kaiserstaat unerwünscht, und Preußen entschloß sich daher, für ihn einzutreten. Daraufhin wurde die 9. Brigade der 10. nachgesandt, beiden als Divisionskavallerie das Kürassierregiment 4, aber nur mit 3 Eskadrons, sowie eine Artillerieabteilung von 2 Batterien beigegeben. Nach dem Sundewitt konnten aber nur die Regimenter 8 und 48 vereint unter Befehl des Generals v. Raven abgesandt werden, da die übrigen Truppen der Division rückwärts unabkömmlich waren. Noch vor dem Verzicht auf den Übergang bei Ballegaard sollte auch der direkte artilleristische Angriff gegen die Düppelstellung eingeleitet werdet?. Zu diesem Behufe mußten die Vorposten auf dem künftigen Angriffsfelde noch näher an die Werke Herangehen. Um 3 Uhr morgens des 28. März überfiel die neu angekommene Jnfanteriebrigade zu beiden Seiten der Chaufsee die dänischen Vorposten des linken Flügels und warf sie auf die Schanzen zurück. Es gelang aber nicht, sich vor ihnen, wie es beabsichtigt war, einzugraben, da mit Tagesanbruch die dänischen Batterien, unterstützt durch den in den Wenningbund einlaufenden Rolf Krake, die vorgedrungenen Bataillone mit heftigem Feuer überschütteten, und außerdem starke dänische Kräfte mit einem Gegenstoß drohten. Die kombinierte Brigade wich auf die bisherige Vorpostenstellung zurück, nachdem sie bei dem verfehlten Unternehmen 12 Offiziere, 176 Mann eingebüßt, 234 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung allerdings auch den Dänen einen Verlust von 9 Offizieren, 26ö Mann beigebracht hatte. Die erste Parallele wurde nunmehr weiter rückwärts, als es ursprünglich beabsichtigt war, auf dem Höhenrücken östlich von Alt-Freudental, den Schanzen I—IV auf 900 Meter gegenüber, in einer Ausdehnung von 600 Meter ausgehoben, in der nächsten Nacht ausgebaut und mit den schon früher begonnenen Annäherungsgräben in Verbindung gebracht. Die mittlerweile im Sundewitt eingetroffene Garde wurde übrigens auf dem rechten Flügel in die erste Linie verlegt, die kombinierte Brigade nach Gravenstein zurückgezogen. Als der Übergang über die Alsen-Föhrde endgültig aufgegeben war und auch ein solcher bei Sandberg über den Alsen- Sund, den der Prinz später ins Auge gefaßt hatte, als schwer durchführbar gefunden wurde, erhielt der Kommandeur der Artillerie des Korps, Oberst Colomier, die freie Verfügung über sein Material, und der energische belagerungsmäßige Angriff begann. Die weite Entfernung der 1. Parallele machte sich jetzt fühlbar. Die schweren glatten Wurfbatterieu mußten näher herangebracht werden, also auch die Arbeiten alsbald weiter vorrücken. Am 5. April abends warf ein Gardebataillon die auf 250 Meter gegenüberliegenden Vorposten der Dänen zurück und richtete sich in ihren Schützengräben ein. In der darauffolgenden Nacht wurden zunächst 7 hinter der 1. Parallele ausgehobene Batterien und eine auf der Höhe nördlich von Düppel gelegene mit schwerer Artillerie bestückt, zwei neue Batterien außerdem erbaut. Am 7. April morgens 9 Uhr eröffneten 62 schwere Geschütze, darunter 44 gezogene, das Feuer, wobei Mörser und Kanonen gegen eine jede der Schanzen zusammenwirkten. Es währte bis gegen Einbruch der Dunkelheit fort und zeigte sogleich eine bedeutende Wirkung. Sonderburg war schon durch das Feuer der Gammelmarkbatterien zum Teil in Asche gelegt worden, die Truppen mußten es verlassen. Auch der Raum hinter den Werken bot wenig Deckung mehr. Die Besatzung der Schanzen mußte unmittelbar daneben in Höhlen und Löchern Schutz suchen, ihre Geschütze konnten den Kampf immer nur für kurze Zeit mit geringer Wirkung aufnehmen. 5 Geschützrohre, 8 Lafetten wurden gleich am ersten Tage unbrauchbar gemacht, 1 Offizier und 41 Mann außer Gefecht gesetzt. Schon in der Nacht darauf konnte 200—250 Meter weiter vorwärts die fogenannte Halbparallele eröffnet werden, die jedoch dieselbe Ausdehnung hatte wie die erste. Schnell ging es jetzt vorwärts. Am 8. April traf Generalleutnant Hindersin vor Düppel ein und übernahm die fernere Leitung des Angriffs. Mit ihm kamen noch 20 schwere gezogene Ge- Artilleriekamps gegen die Düppeler Schanzen 235 schütze an, und es wurde nun auch zur Bekämpfung der Werke des rechten dänischen Flügels geschritten. Die Vorposten drangen hier bis zu den Höhen bei den Pötthäusern vor. Neue Batterien wurden dort und bei Stabegaard erbaut, auf dem rechten Flügel aber die Mvrserbatterien unter dem Schutze der Halbparallele angelegt, so daß am 10. April das Feuer in verstärktem Maße aufgenommen wurde. Dieses zerstörte unter anderem die hochgelegene Düppelmühle, die beste Beobachtungswarte und Signalstation der Dänen. Jetzt brachen auch die Pioniere mit Laufgräben aus der Halbparallele vor, und schon in der Nacht voni 10. zum 11. April konnte die zweite Parallele 380—470 Meter von den Werken eröffnet werden. Sie sollte ursprünglich als Ausgangslinie für den Sturm dienen und wurde in den nächsten drei Tagen erweitert und ausgebaut, das Feuer Tag und Nacht unterhalten. Auch die Infanterie vor den Werken blieb in ununterbrochener Tätigkeit. In Erwartung des Sturmes tobte der Artilleriekampf am 13. April besonders heftig und verminderte die Widerstandsfähigkeit der Werke erheblich. In Schanze I wurden sämtliche Geschütze kampfunfähig gemacht; auch die Batterien auf Alsen litten fchon beträchtlich. Arnkielsöre gegenüber waren 2 Angriffsbatterien angelegt; eine andere entstand insonderheit zur Bekämpfung des Rolf Krake am Strande des Wenningbundes. Am Abend des Tages waren im ganzen vor den dänischen Stellungen 118 meist schwere Geschütze, davon 90 gezogene, in Tätigkeit oder kampfbereit. Der Sturm sollte am 14. April stattfinden. Schon drängte England lebhaft auf eine Konferenz in London hin, und es galt, der Einmischung der fremden Diplomatie zuvorzukommen. Alles war vorbereitet, die Einübung der Sturmkolonnen erfolgt. Ein königlicher Befehl jedoch warnte vor dem Ansetzen aus so großer Entfernung, wie es die der zweiten Parallele von den Werken immer noch war und fügte hinzu, „daß politische Rücksichten eine Übereilung desselben nicht bedingten". Der Aufschub konnte deshalb beschlossen werden, und Bismarcks überlegener diplomatischer Befähigung wurde es möglich, den Konferenzbeginn bis zum 25. April zu verzögern. So ergab sich auch die Gelegenheit zu einer Ablösung der Truppen der ersten Linie, deren Dienst sich höchst anstrengend gestaltet hatte. Bei dem herrschenden ungünstigen Wetter waren Wege und Äcker tief aufgeweicht; in den Laufgräben stand das Wasser; die Mannschaften, damals nur mit kurzschäftigen Stiefeln ausgerüstet, litten sehr darunter. Die Zahl der Erkrankungen war groß. Die Garde wurde daher in den Laufgräben von der 6. Division abgelöst und in die 236 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Gegend westlich von Gravenstein verlegt, die 12. Brigade nach Gravenstein und nördlich, die kombinierte Brigade nach Nübel, der Büffelkoppel und Stenderup. Die 11. blieb auf Broacker. Noch in der Nacht wurde zwischen Chaussee und Wenningbund das Gelände für das Ausheben einer dritten Parallele erobert, die nur wenig über 300 Meter von den Werken entfernt lag und den Dänen dabei ein Verlust von 3 Offizieren, 157 Mann an Toten und Verwundeten, 102 Gefangenen beigebracht, während der eigene 3 Offiziere, 38 Mann betrug. In der Nacht vom 14. zum 15. erfolgte das Ausheben der neuen Parallele, unter deren Schutze abermals eine Anzahl Batterien — bis Nr. 33 — entstanden. Sie war 550 Meter lang, hatte über 6 Meter Sohlenbreite und 6 20 Meter breite Ausfallstufen. Der Sturm wurde nunmehr auf den 18. April anberaumt. Er sollte mit einem Übergangsversuch nach Alsen verbunden werden, da unternehmende Offiziere vom Infanterieregiment 15 mit kleinen Abteilungen mehrfach zur Nachtzeit auf Booten über den Sund gegangen waren, die Möglichkeit der Landung an der Küste Alsens festgestellt, dänische Posten vertrieben und sogar Geschütze vernagelt hatten. Die Vorbereitungen wurden in Satrupholz getroffen. Die Dänen hatten vom 10. bis 17. April in vorderer Linie 753 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen verloren; auch Krankheiten ließen die Truppenteile erheblich zusammenschmelzen. Die vier am 17. zunächst vor dem Feinde stehenden Regimenter zählten statt 6400 nur noch 4200 Mann; viele Kompagnien wurden von jungen Reserveoffizieren geführt. Die Brustwehren boten keine hinreichende Sicherheit mehr gegen den Sturm, das Feuer der gezogenen Geschütze hatte eine überraschende Wirkung gehabt. Die Blockhäuser waren unbenutzbar geworden, der Verkehr im Innern der Werke sehr gestört, an brauchbaren Geschützen nur noch 85 vorhanden. Durch unermüdliche Herstellungsarbeiten und Anlage von allerlei Schutzwehren allein gelang es bisher noch, die Jnfanterieverteidigung auf ihren Posten zu halten. König Christian hatte die Truppen am 22. März besucht und zum energischen Widerstand ermutigt. Sie hatten auch brav ihre Pflicht getan, waren jetzt aber in Haltung und Stimmung niedergedrückt. Die Seestreitkräfte vermochten aus Sorge vor den von den Preußen im Wenningbund gelegten Netzen und dem Feuer der gezogenen Geschütze nicht so wirksam einzugreifen, wie man gehofft hatte. Eine baldige Katastrophe war vorauszusehen. General Gerlach schlug sehr richtig vor, die Düppelstellung nur mit schwächeren Kräften zur Deckung des Rückzuges besetzt zu lassen Zustand der dänischen Werke vor dcni Stnrm 237 und die eigentliche Verteidigung nach Alsen zu verlegen. Er erhielt jedoch von Kopenhagen aus den Befehl, sich selbst auf die Gefahr schwerer Verluste hin zu behaupten. Das war die Folge davon, daß die Negierung die Gewalt ihren Händen hatte entgleiten lassen und zum Werkzeug eines unkontrollierbaren Volkswillens wurde. Sie vermochte das Verderben, das sie voraussah, nicht aufzuhalten. Zur Verstärkung war von Fredericia noch die 8. Brigade herangezogen worden, so daß im ganzen wieder 23000 Mann mit 135 Geschützen zur Verfügung standen. In erster Linie lag auf dem rechten Flügel zwischen dem Alsen-Sund und Schanze VII die 3. Brigade, auf dem linken zwischen Schanze VII und dem Wenningbund die 1., dahinter zu beiden Seiten der Chaussee die 8. Die 2. Brigade war zur Festhaltung des Brückenkopfes von Sonderburg bestimmt, sollte aber bei Alarm ein Regiment bis zum Gabelpunkt der Chaussee und der Apenrader Straße vorschieben, dazu, von Alsen her, auch die Königliche Leibgarde stoßen. Ebenso hatte die ganze auf Alsen untergebrachte 2. Division, 3 Brigaden und 5 Batterien stark, im Falle eines Sturmes nach dem Festlande abzurücken. Nur die dem Oberkommando unmittelbar unterstellte 7. Brigade war beauftragt, Alsen besetzt zu halten. An Kriegsschiffen befanden sich der Panzer Rolf Krake bei Sonderburg, 5 andere Kriegsschiffe und 4 Kanonenschaluppen in der Alsener und Augustenburger Föhrde. Den Oberbefehl führte General Gerlach in Person, unter ihm kommandierten den rechten und linken Flügel der Stellung die Generale Steinmann und du Plat. Auf preußischer Seite waren am 17. abends alle Vorbereitungen für den Sturm getroffen. Prinz Friedrich Karl gab mittags bei der Mühle von Wielhoi an die Generale, die Artillerie- und Jngenieuroffiziere sowie die Führer der Sturmkolonnen seine Befehle aus. Der Sturm sollte nicht, wie üblich, bei Morgengrauen, sonderm um 10 Uhr vormittags am 18. April erfolgen und gleichzeitig gegen die Schanzen I—VI geführt werden. Für den Fall des Gelingens waren hinreichende Kräfte zur Besetzung der eroberten Werke zurückgehalten, das Vorgehen mit den vorderen Truppen aber fortzusetzen, um in die zweite Linie zugleich mit dem fliehenden Feinde einzudringen. Schanze VII—X wurden zunächst ihrem Schicksal überlassen. Man hoffte, daß ihre Besatzung — wenn die anderen fielen — sie freiwillig räumen oder aber, wenn sie ausharrte, später in Gefangenschaft fallen würde. Sechs Sturmkolonnen wurden gebildet, entsprechend der Zahl der zu nehmenden Werke, und mit deren Nummern bezeichnet. Vier davon waren 238 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung je K, eine 10 und eine 12 Kompagnien stark. Alle waren ans dieselbe Art gegliedert, je eine, bei Nr. II und IV jedoch drei Kompagnien gingen als Schützen aufgelöst vorauf, um das angegriffene Werk sofort zu umringen und unter Feuer zu nehmen. Ihnen folgte eine Arbeiterkolonne von je einer Infanterie- und einer oder einer halben Pionierkompagnie, mit allem nötigen Gerät zum Beseitigen der Hindernisse und mit Pulversäcken zum Sprengen versehen. Dann kamen mit 100 Schritt Abstand je zwei, bei der besonders starken Schanze IV drei Kompagnien als eigentliche Sturmkoloune und 150 Schritt dahinter der Rest als Reserve nebst einer Anzahl Artilleristen zum Bedienen der eroberten Geschütze. Die Sturmkolonnen setzten sich aus verschiedenen Regimentern zusammeu, um möglichst vielen die Teilnahme zu gestatten. Alle wurden schon in der Nacht in der 3. Parallele oder nahe dahinter bereit gehalten; die Vorposten blieben unverändert stehen, um die Kolonne» beim Vorbrechen durch lebhaftes Feuer zu unterstützen. Als Hauptreserve wurde, was von der 11. und der kombinierten Brigade noch übrig war — 7 Bataillone, 27 Geschütze — um 10 Uhr an den Spitzberg bestellt. Die einheitliche Leitung des Sturmes übernahm General v. Manstein. Auch der Rest der 12. Brigade rückte nach dem Spitzberge heran, derjenige der Gardedivision nach Düppel. Die Feldartillerie stellte sich gruppenweise bereit. Bei der auf dem linken Flügel stehenden 13. Division wurde die 25. Brigade zur Verstärkung der Vorposten, die 26. beim großen Holz am Nordende des Alsen-Sundes versammelt, um dort mit dem Übergange zu drohen. Der Führer, General v. Goeben, hatte dabei die Vollmacht, diesen wirklich auszuführen, wenn sich die Umstände dafür günstig gestalteten. Im ganzen waren 40 Bataillone, 5 Eskadrons, 67 Geschütze und 7^/, Pionierkompaguien für die Entscheidung des Tages aufgeboten worden. In der 3. Parallele befanden sich außerdem noch Festungsartillerie und zur Belagerung herangezogene österreichische Pioniere, alles in allem 37 000 Mann. Der Sturm auf die Düppeler Schanzen am ^3. April ^36H, ^0 Uhr vorm. Die Dänen hatten den Sturm, dessen Herannahen sie nicht bezweifelten, schon in der Frühe erwartet und sich auf die Abwehr vorbereitet. Als um 4 Uhr statt dessen ein von Oberst Colombier geleitetes kräftiges Feuer von 102 Belagerungsgeschützen einsetzte, zogen sich die Jnfanteriebesatzungen wieder in die Deckungen, die Reserven in ihre alten Stellungen zurück. Beginn des Sturms 239 Nur die Artilleristen in den Schanzen und die Infanterie in den Laufgräben harrten weiterhin aus. Der Sturm traf sie daher überraschend. „Am Morgen des 18. April war der Himmel klar, unbewölkt, der senkrecht aufsteigende Rauch der Geschütze ließ die feindlichen Werke deutlich erkennen. Der Erdboden war ziemlich trocken nnd fest." Prinz Friedrich Karl hatte mit seinem Stäbe auf dem Spitz-Berg Aufstellung genommen, der Kronprinz, die Prinzen Karl und Albrecht von Preußen, sowie der Feldmarschall v. Wrangel hatten sich nach den Höhen von Dünth auf Broacker begeben, die über den Wenningbund hinweg eine gute Aussicht auf die Angriffsfront boten. Die Uhren waren gestellt; mit Spannung wartete jedermann auf den Beginn des ernsten militärischen Schauspieles. Um 10 Uhr schwiegen die Belagerungsbatterien bis auf diejenigen bei Gammelmark und am linken Flügel, die das Feuer um so lebhafter fortsetzten und namentlich das Gelände hinter den Werken bestrichen. Die Sturmkolonnen brachen alle sechs gleichzeitig, anfangs schweigend, bald aber mit lautem Hurra, unter den Klängen des Jorckschen Marsches, aus der 3. Parallele hervor. Gewehr und Kartätschenfeuer empfing sie. In Schanze I, II und IV gelang es der Jnfanteriebesatzung sogar, noch rechtzeitig an die Brustwehren zu kommen. Aber nirgends fand im Angriff ein Stutzen statt. 4^ Minuten nach 10 Uhr wehte die preußische Fahne bereits auf Schanze VI, und Major v. Beeren führte die beiden Reservekompagnien der Sturmkolonne sofort weiter gegen Schanze VII vor, bis ihn die tödliche Kugel traf. Eine halbe Minute später fielen gleichzeitig Schanze III und V. Nur im Verbindungsgraben nach VI hin leistete eine dänische Kompagnie noch längeren Widerstand. Um 10 Uhr 6 Minuten war Schanze I genommen. Bei Schanze II drangen die Schützen in Gräben und Hof ein. Das Blockhaus brannte, Schulterwehren trennten das Innere des Werkes in selbständige Räume, und ein tapferer dänischer Offizier, Leutnant Ancker, hielt sich im nördlichen Teil so lange, bis die herankommenden Sturmkompagnien, 10 Minuten nach 10 Uhr, ihn und seine Leute überwältigten. Am längsten wurde um Schanze IV gekämpft, die auch die stärkste war. Gleich nach dem Vorbrecken sanken die Führer der vordersten 3 Kompagnien der Sturmkolonne und etwa 30 Mann getroffen zu Boden; ein Teil der Kolonne irrte gegen Schanze III ab und kehrte mit einer Anzahl der dorthin Vorgehenden wieder zurück. Die Reservekompagnien wurden jedoch von dem Führer, Oberst v. Buddenbrock, in der ihnen bestimmten Richtung gehalten. Von verschiedenen Seiten drangen sodann die preußischen Abteilungen ein, und ein erbittertes Hand- 240 VI. Die Kämpfe um Teutschlands Einigung gemenge folgte, in dem der dänische Kommandant, Hauptmann Lundby, fiel. Um 10 Uhr 13 Minuten war auch dieses Werk in preußischer Gewalt. Dreizehn Minuten hatten also genügt, die ganze Angriffsfront mit stürmender Hand zu nehmen — ein glänzendes Zeugnis nicht nur für die Tapferkeit der Truppen und die Umsicht ihrer Führer, sondern auch für die Trefflichkeit der Vorbereitungen. Prinz Friedrich Karl, nicht der ungestüme Draufgänger, für den ihn die öffentliche Meinung gehalten hatte, sondern der besonnene, alles gründlich im voraus erwägende, die kommenden Möglichkeiten durchdenkende und die eigenen Maßregeln mit eisernem Fleis; und einer manchmal an Pedanterie streifenden Folgerichtigkeit bearbeitende General und Heerführer hatte mit seinem Festhalten an regelmäßiger Belagerung recht behalten. Selbst ein gelungener, improvisierter Angriff hätte die Mannszucht, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und den ruhigen kalten Mut der von König Wilhelm neu geschaffenen Armee nicht in so glänzendem Lichte zeigen können, wie der geplante und mit kluger Voraussicht geduldig vorbereitete Sturm. Im ganzen Vaterlande hatte noch in der Entscheidungsstunde der Telegraph die Kunde von dem begonnenen Angriff verbreitet und die höchste Spannung hervorgerufen. Überall versammelten sich die Angehörigen und Freunde des Heeres, zumal aber die Kameraden der Kämpfer an den Orten, wo ihnen die Nachrichten am ehesten zugänglich waren. In betäubender Eile folgten sie einander und meldeten im einzelnen, was hier soeben dargestellt worden ist. Ein ungeheurer Jubel verbreitete sich im Lande, und jeder Patriot fühlte im Herzen den edlen Stolz auf die junge Armee, die sein König im Kampfe mit dem Unverstände, der selbstherrlichen Rechthaberei und dem unverbesserlichen Doktrinarismus der Mehrheit der Volksvertretung geschaffen hatte. Die Bedeutung des Erfolges an sich wurde nicht überschätzt; denn daran, daß Preußen und Österreich am Ende der Dänen Herr werden würden, hatte niemand gezweifelt. Aber die Art, wie es geschehen war, bewies zum ersten Male deutlich, daß Wilhelm I. und seine Berater recht gehabt hatten, und das Selbstgefühl begann sich zu regen. Dem Tage von Düppel gebührt der Platz, den Prinz Friedrich Karl ihm in der Inschrift des Denkmals angewiesen hat, das er seinem 3. Armeekorps widmete und das, nahe von Lebus a. d. Oder, auf dessen Manöverfelde von 1863 steht: „Ohne Lebus kein Düppel, ohne Düppel kein Königgrätz, ohne König- grätz kein Vionville." Die eigentümliche Sinnesart des Feldherrn und die Natur des Eni- Nach 13 Minuten die Angriffsfront genommen 241 wicklungsganges, den er in seiner Seele und seinem Geiste durchgemacht hat, drücken sich treffend in diesen kurzen Worten aus. Während sich im Vaterlande die Freude über den errungenen Erfolg bis zur fernen russischen Grenze hin verbreitete, tobte der Kampf auf den Höhen von Düppel noch weiter. Zunächst hatten die Sieger, auf dem äußersten rechten Flügel beginnend, einem ganz richtigen Triebe gehorchend, ohne höheren Befehl begonnen, gegen die zweite Linie vorwärts zu drängen, wo sich dänische Reservekompagnien festsetzten, und diese Bewegung Pflanzte sich schnell nach links fort. Bald waren Lünette a mit 3 noch brauchbaren Geschützen, nach kurzem Kampf auch k und das dahinter gelegene Gehöft genommen, ein dänischer Stabsoffizier und zahlreiche Mannschaften zu Gefangenen gemacht. Dann erschienen aber stärkere dänische Kräfte von rückwärts und Rolf Krake im Wenningbund, um das Gefechtsfeld unter Granatfeuer zu nehmen. Dies gebot weiterem Vordringen Halt und zwang zur Verteidigung in der eroberten zweiten Linie. Auch Lünette v war im ersten Anlaufe genommen worden, und die hier vorstürmenden Teile der Sturmkolonne 2 wendeten sich gegen das Barackenlager. Ein dänischer Offensivstoß kam ihnen entgegen, aber vergeblich. Nach kurzem Kampfe, bei dem dessen Führer, der Kommandeur der 1. Brigade, Oberst Lasson, fiel, setzten sich die Stürmenden an einem Knick, ISO Meter hinter der zweiten dänischen Linie fest nnd behaupteten sich dort. Ein anderer gemischter Schwärm Infanteristen nahm Lünette ck, wo ein dänischer Regimentskommandeur in seine Gefangenschaft siel, und stürmte bis zur Düppelmühle weiter. Er faud dann aber überlegenen Widerstand. Teile der mehr links befindlichen Sturmkolonnen nahmen gleich noch Schanze VII, wo um 10 Uhr 20 Minuten die schwarzweiße Fahne aufgepflanzt wurde. Bei dem Versuch der Rückeroberung fiel der dänische Oberst Bernstorff. Die zweite Verteidigungslinie, die bei VII bekanntlich ihren Anschluß an die Hauptstellung hatte, war damit endgültig gefallen. Die Dänen setzten sich aber in Anlehnung an Schanze VIH nochmals fest und führten hier das Feuergefecht fort, in das schon einige Belageruugsbatterien und zwei nach Alt- Freudental vorgeführte Feldbatterien eingriffen. Es war das verspätete Erscheinen der dänischen Reserven, das sich hier fühlbar machte. General du Plat, der Kommandeur des linken Flügels, hatte die Meldung vom Beginn des Sturms erst um 10^ Uhr, d. h, zu derselben Zeit erhalten, da auch der Oberbefehlshaber General Gerlach in Ülkebüll auf das Gewehrfeuer aufmerksam wurde und den Befehl an die noch auf Alsen stehenden Truppen zum Vormarsch erteilte. Fryr. «. d. Soltz, Kriegsgrschlchtc II 16 242 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Beim Barackenlager ankommend, übersah General du Plat, daß der ganze südliche Teil der Stellung schon verloren und eine Wiedereroberung nicht mehr möglich sei. Schnell entschlossen hielt er den allgemeinen Vorstoß an und gab nur der schon im Vorgehen befindlichen 8. Brigade Befehl zum Gegenangriff, um der im nördlichen Teil der Düppelstellung noch fechtenden 3. Brigade die Zeit zum Rückzug zu gewähren, der sogleich angeordnet wurde. Daraus entwickelten sich in der 1400 Meter breiten Front von nördlich der Chaussee bis zum Wenningbund hin die Kämpfe mit den vorgeprellten preußischen Abteilungen, die schon erwähnt worden sind. Der dänische Stoß kam überall zum Stehen. Auch Rolf Krake konnte daran nichts mehr ändern. Aus Besorgnis vor den im Wenningbund von den Belagerern ausgelegten Netzen kam er nicht bis auf wirksame Entfernung heran, ward aber von den Gammelmarkbatterien und den am Nordstrande des Wenningbund gelegenen Batterien 28 und 31 unter Feuer genommen, erhielt zahlreiche Treffer, verlor 20 Mann, fast ein Drittel seiner Besatzung, und dampfte um 11 Uhr 30 Minuten nach dem Hörup- haff ab. Wie die dänischen Reserven herangekommen waren, so hatte auch General v. Manstein auf preußischer Seite die 11. Jnfanteriebrigade — allerdings nur 17 Kompagnien stark — nach der 3. Parallele herangerufen und gab ihr den Befehl zum Eingreifen. In zwei Kolonnen, rechts zwischen Schanze II und III hindurch, links an Schanze IV vorbei, stieß sie energisch vor und warf die Dänen auf den kleinen Sonderburger Brückenkopf zurück General du Plat fand bei dem Bemühen, seine weichenden Truppen an der Chaussee wieder zum Stehen zu bringen, nebst zwei Begleitern den Tod. Die inzwischen längs der Chaussee bis zur 2. Parallele unter General v. Raven nachgerückte kombinierte Brigade erhielt um 11 Uhr von Manstein die Bestimmung, die Werke des rechten Flügels, Schanze VIII bis X, zu nehmen. Noch 15 Kompagnien zählend, schwenkte sie sogleich nördlich ab und griff in zwei Kolonnen Schanze VIII und Schanze IX — diese in der Kehle — an. Die Mannschaften waren nicht wie die Sturmkolonnen, leicht ausgerüstet, sondern fochten mit vollem Gepäck. Trotzdem warfen sie sich, die noch erhalten gebliebenen Sturmpfähle überspringend, in die Gräben, erstiegen die Brustwehren und nahmen die Werke. Ein Vorpostenbataillon der 25. Brigade eroberte Schanze X. Am 12 Uhr mittags war dieses — das letzte — dänische Werk in Preußischer Hand. Der äußerste rechte Flügel der Dänen am Alsensund hatte seinen Rückzug auf Befehl des hier die Verteidigung leitenden Generals Steinmann noch rechtzeitig und in leidlicher Ordnung bewerkstelligen können. Ein Die übrigen Schanzen und der Brückenkopf fallen 243 Bataillon, das ihn bei Düppelfeld zu decken hatte und die von Schanze IX und X zurückgehenden Besatzungen, erlitten aber schwere Verluste. Südlich von Steinhöft wurden 300 Mann gefangen. General v. Raven ordnete nunmehr seiue Truppen zum Angriff auf den Brückenkopf, fiel aber tödlich verwundet, während 45 Feldgeschütze, zur Verfolgung vorgehend, in die Linie Düppelmühle-Steinhöft einfuhren und jenen sowie die Batterien auf Alsen unter Feuer nahmen. Von allen Seiten drängte jetzt die preußische Infanterie gegen den Brückenkopf vor, den die 2. dänische Brigade verteidigte. Prinz Friedrich Karl hatte den Brückenkopf nur unter besonders günstigen Umständen heute noch angreifen wollen. Das Ungestüm der Truppen aber ließ sich nicht zügeln. Als der größere Teil der dänischen Armee seinen Abzug nach Alsen bewerkstelligt und die Stadt und das Schloß von Sonderburg sowie die nächstgelegenen Uferstrecken besetzt hatte, ordnete General Gerlach die Räumung des Brückenkopfs an. Kaum wurde das Feuer in demselben schwächer, als sich die nächsten preußischen Kompagnien auf die beiden Werke stürzten. Zwar fanden sie an den ganz unversehrten Hindernissen Aufenthalt, nahmen sie aber dennoch und drangen ein, freilich ohne sich unter dem mörderischen Feuer von der anderen Seite des Sundes her behaupten zu können. Erst mußte dies Feuer gedämpft werden, was den preußischen Feldbatterien sowie vier von Schanze IV her vorgebrachten gezogenen Zwölfpfündern lange nicht gelingen wollte, bis es endlich, nachmittags um 4 Uhr, nachließ, und mit Einbruch der Dunkelheit allmählich erstarb. Die Brücken wurden dann von den Dünen ausgefahren oder versenkt. Die Brigade des Generals v. Goeben hatte während des Kampfes am großen Holz von Satrup gewartet. Von 9 Uhr früh ab wurde sie dort von den dänischen Batterien auf Alsen beschossen. Es gelang ihr zwar, diese durch 3 Feldbatterien und die Belagerungsbatterie Nr. 27 nach einstündigem Feuer zum Schweigen zu bringen; der Übergangsversuch unterblieb jedoch, da das feindliche Ufer dauernd stark besetzt gefunden wurde. Der weit über die ursprünglichen Erwartungen hinausgehende Erfolg war mit verhältnismäßig nicht zu starken Opfern erkauft worden. Er kostete an Toten und Verwundeten 71 Offiziere, 1130 Mann. Ganz anders war der dänische Verlust bemessen. Er betrug 110 Offiziere, 470K Mann, von denen freilich 56 Offiziere, 3549 Mann unverwundet als Gefangene in die Hände der Sieger gefallen waren. Diese erbeuteten außerdem zahlreiches Geschütz, Waffen aller Art und große Munitionsmengen. Die Kraft der dänischen Armee war erheblich erschüttert. Es hatte sich bitter gerächt, daß General Gerlachs Rat nicht befolgt worden 16* 244 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung war. Die 1. und 8. Brigade mußte wegen der starken Verluste in eine Brigade verschmolzen werden. -5 -i- » Mit der Niederlage von Düppel war für die Dänen jede Aussicht für ein erfolgreiches Vorgehen auf dem Festlande geschwunden, und mit anerkennenswerter Schnelligkeit wurde der Entschluß gefaßt, die noch vorhandene Hauptstärke der Armee zum Schutze von Jütland und Fünen zu verwenden. Auf dieser Insel sollten 35 000 Mann zusammengezogen werden. Schon in der nächsten Nacht wurde der Abtransport von Alsen eingeleitet, der bis zum 4. Mai fortdauerte. Das Hauptquartier verlegte seinen Sitz nach Assens auf Fünen. Auf Alsen blieben 4 Brigaden, ein Halbregiment Gardehusaren, 5 Batterien und 3 Pionierkompagnien jetzt als 1. Division bezeichnet, unter General Steinmann zurück, der den Auftrag erhielt, die Insel so lange wie möglich zu verteidigen. Er besetzte mit 3 Brigaden und 48 Geschützen die Westküste am Alsen-Sund, bis Kjär hinauf, verwendete die letzte Brigade zum Schutze weiter nördlich bis gegenüber der Apenrader Föhrde und ließ die anderen Küsten durch die Kavallerie überwachen. Auch die Räumung von Fredericia wurde vom dänischen Kriegsministerium im Interesse des neuen Plans beschlossen und gegen Gerlachs Rat vom 26. bis 28. April so kopflos vollzogen, daß außer den gezogenen Geschützen das gesamte Kriegsgerät, 219 Kanonen und große Munitionsvorräte, in die Hände der Österreicher fiel, deren Patrouillen schon am 29. entdeckten, daß die Festung verlassen sei. Sie besetzten sie, fanden sie in gutem Zustande, begaben sich aber sofort daran, das verschanzte Lager zu schleifen und die Werke auf der Landseite unhaltbar zu machen. Die auf der Seeseite gelegenen blieben bestehen und wurden mit schwerem Geschütz bestückt. Das Korps bezog Unterkunft zwischen Fredericia, Veile, Kolding und bewachte die Küste gegen Fünen. Eine Landung auf dieser Insel wäre das wirksamste Mittel gewesen, einen Druck auf Dänemark auszuüben, und General v. Moltke hatte sich längst dafür ausgesprochen. Am 3. und 4. Mai unternahm er, gemeinsam mit dem Kronprinzen, die nötigen Erkundungen, hielt das Unternehmen für ausführbar und kaum schwieriger, als den Übergang nach Alsen. Dem General v. Gablenz wurde die Verwirklichung mit 2 österreichischen, 2 preußischen Brigaden zugedacht. Er hegte jedoch Bedenken und glaubte auch noch einer besonderen Genehmigung durch seinen Kaiser zu bedürfen. Darüber kam die Waffenruhe heran, die am 12. Mai eintrat. Rückzug der Dänen auf die Inseln 245 Auch das Oberkommando der Verbündeten hatte aus seinem Siege ohne Verzug die nötigen Folgerungen gezogen und die Wiederaufnahme der Besetzung von Jütland beschlossen. Nur das ursprüngliche 1. Korps blieb mit 17 Belagerungs- und Strandbatterien Alsen gegenüber zurück und begann mit Einebnung der Schanzen. Am 21. April erschien dort der König und nahm eine Parade ab, sah auch die übrigen Truppen während der Bewegung nach Westen und Norden. Das neu zusammengestellte 3. Korps versammelte sich bis zum 26. April bei Veile und rückte am 30. nach Aarhuus vor, von wo es Verbindung mit der ebenfalls neu geschaffenen Division Münster aufnahm. Diese war dadurch entstanden, daß den bisher unter Befehl des Generals Grafen Münster vereinigten Truppen noch die rasch mobil gemachte 21. Jnfanterie- brigade nebst einer Batterie zugeteilt worden war. Die Division hatte den Auftrag erhalten, Jütland zu besetzen und ging am 22. über Horsens bis zur Linie Skive—Hobro vor, die sie am 29. erreichte. Sie traf nur schwache dänische Reiterpatrouillen an; denn General Hegermann war wieder nach der Insel Mors und hinter den Lim-Fjord zurückgewichen, bei Aalborg eine schwache Nachhut belassend. Am 1. Mai wurde sie übrigens dem 3. Korps einverleibt, das unter den einheitlichen Befehl des Generals Vogel v. Falckenstein, des bisherigen Generalstabchefs, trat. Diesen ersetzte in seiner Stellung General v. Moltke selbst. Falckenstein ließ am 5. Mai das von den Dänen geräumte Aalborg und fünf Tage später auch Nibe besetzen. Alle bedeutenderen dänischen Städte südlich des Lim-Fjord waren nun in deutscher Hand und wurden mit einer Kriegssteuer von 650 000 Talern zur Deckung des dem deutschen Handel zugefügten Schadens belegt. Die Inseln an der Westküste blieben in der Gewalt eines kleinen dänischen Geschwaders unter Kapitän Hammer. Die Ereignisse zur See In der Ostsee wurde die Blockade bis Pillau ausgedehnt, ohne streng durchgeführt zu werden. Dabei kam es zu unbedeutenden Zusammenstößen mit erkundenden preußischen Schiffen, so am 17. März bei Jasmund, wo Kapitän Jachmann mit seinen beiden an Schnelligkeit den Dänen überlegenen Korvetten Arcona und Nymphe und dein Aviso Grille dem gesamten dänischen Ostseegeschwader ein Gefecht lieferte. Der geringere Verlust war dabei sogar auf seiuer Seite. Am 30. April erhielt die preußische Flotte einen wertvollen Zuwachs durch die eben in Dauzig fertiggestellte Korvette Vineta. In der Nordsee vereinigten sich die drei kleinen preußischen Dampfer 246 VI, Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Blitz, Basilisk und Adler, die aus dem Mittelmeer zurückgerufen worden waren, am I. Mai mit den beiden ankommenden österreichischen Fregatten Schwarzenberg von 51 und Radetzky von 32 Kanonen. Das unter dem österreichischen Kommodore v. Tegetthoff vereinigte Geschwader stieß am 9. Mai bei Helgoland auf das dänische Nordseegeschwader unter Kapitän Suenson, den Fregatten Jylland von 44, Niels Juel von 42 und der Korvette Heimdal von 16 Geschützen. Es kam zwischen beiden zum heftigen Kampfe, bei dem sich die Geguer beiderseitig den Rückzug nach Helgoland bezüglich nach der Elbmündung zu verlegen suchten. Ein Brand, der an Bord der Schwarzenberg ausbrach, zwang Tegetthof, den Kurs nach Helgoland zu nehmen. Die Dänen folgten eine Zeitlang und verschwanden dann nach Nordost. Als unter Helgoland das Feuer mit großer Mühe gelöscht worden war, kehrte das verbündete Geschwader nach Kuxhaven zurück. Der österreichische Verlust betrug 7 Offiziere und 123 Mann, der dänische 68 Mann. Die Österreicher hatten starke Havarien auszubessern, die Dänen behaupten, am 10. früh wieder kampffähig gewesen zu sein. » 5 » Nachzuholen ist noch, daß in der Nacht vom 14. auf den 15. März von Heiligenhafen aus durch einen kühnen Überfall auf Fischerbooten die Insel Fehmarn genommen worden war. Den keiner Gefahr gewärtigen Dänen wurdeu 4 Offiziere und 114 Mann an Gefangenen abgenommen. Vorübergehend blieb eine stärkere Besatzung gegen Nückeroberungsversuche dort, bis nach langwierigen Verhandlungen die Bundestruppen die Bewachung der Holsteinischen Küsten übernahmen. Waffenruhe und die Eroberung von Alsen in der Nacht vom 28. zum 29. Juni 1^864 (Vergl. Skizze 21/22) Das Spiel der Diplomatie hatte während der kriegerischen Vorgänge nicht geruht und namentlich England dahin gewirkt, die Entscheidung über die schleswig-holsteinsche Frage einer europäischen Konferenz zu übertragen. Diese begann ihre Arbeit am 25. April in London. Preußens Lage war dabei ungleich günstiger als 1848 und 49; denn Bismarcks Klugheit hatte nicht nur Österreich, sondern durch sein Verhalte» während der polnischen Unruhen von 1863 auch Rußlands Wohlwollen gewonnen. Bezeichnend für das, was Dänemark nach den Erfahrungen, die es fünfzehn Jahre früher gemacht hatte, glaubte Deutschland bieten zu können, war Waffenstillstand, Wiederbeginn des Krieges 247 seine Forderung, während der zu vereinbarenden Waffenruhe, die Blockade der deutschen Küsten aufrecht erhalten zu dürfen. Mehrere neutrale Mächte unterstützten diese Forderung sogar, und nur dem sehr festen Auftreten der Preußischen Bevollmächtigten gelang es, den unerhörten Anspruch zurückzuweisen. Am 12. Mai trat die Waffenruhe ein, die einen Monat dauern sollte. Die von den deutschen Vertretern verlangte politische Selbständigkeit und Untrennbarkeit der Elbherzogtümer, selbst wenn sie durch Personalunion mit der dänischen Monarchie verbunden bleiben sollten — also das Mindestmaß dessen, was Deutschland nach dem Vorangegangenen fordern mußte — wurde dänischerseits rundweg abgelehnt. Ebenso erging es sogar den englischen Vermittlungsvorschlägen. Die noch einmal verlängerte Waffenruhe lief daher am 25. Juni ab, ohne daß eine Verständigung er> zielt worden wäre. In der verbündeten Armee waren unterdessen erhebliche Veränderungen vor sich gegangen. Der hochbetagte Feldmarschall Wrangel, in den Grafenstand erhoben, hatte das Oberkommando an Prinz Friedrich Karl abgegeben, der Kronprinz, der bis dahin einen bedeutenden Einfluß in demselben ausgeübt hatte, verließ den Kriegsschauplatz, um das General kommando in Stettin zu übernehmen. Für Prinz Friedrich Karl erhielt Herwarth v. Bittenfeld dessen bisheriges Korps. Das Hauptquartier der Armee war nach Horsens gegangen, das 1. Korps hatte weitläufige Quartiere in Schleswig bezogen, das 2. im südlichen Teile Jütlands, das 3. um Aarhus mit einer starken Vorhut bei Aalborg. Dem Generalkommando dieses Korps wurde am 24. Juni auch die Verwaltung der Provinz übergeben, eine höchst zweckmäßige Maßnahme. In Dänemark legte man den Hauptwert jetzt auf Fünen, wo die Z.Division unter Oberst Wörrishofer 16 000 Mann mit 56 Feldgeschützen lag, und wo die Küsten durch zahlreiche Sperren und Befestigungen geschützt wurden. In Nordjütland standen 10000 Mann, darunter starke Kavallerie, mit 24 Geschützen unter General Hegermann. Auf Alsen war die 1. Division, 10000 Mann mit 24 Geschützen, unter General Steinmann verblieben. Die 5. Brigade nebst 1 Eskadron, 1 Batterie und 1 Jngenieurkompagnie wurde zur Landungsbrigade bestimmt, sollte Unternehmungen an den Küsten ausführen und blieb zur Verfügung des Oberkommandos. Prinz Friedrich Karl beabsichtigte in voller Übereinstimmung mit Moltke, nach Ablauf der Waffenruhe eine gleichzeitige Landung auf Alsen und Fünen. Österreich stimmte jedoch in bezug auf Fünen nicht zu. Bei 248 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung den am 24. Juni geschlossenen Abmachungen für die Fortsetzung des Kampfes wurde dagegen als Ziel die völlige Abtrennung der Herzogtümer von Dänemark festgesetzt. Das erforderte die Eroberung des zu Schleswig gehörigen Alsen, um es oauernd loszulösen, und die Besetzung von Jüt- land, um auf Dänemark einen Druck zu üben. Prinz Friedrich Karl hatte auch bereits die Versammlung des 1. Korps um Gravenstein, des 2. um Kolding, des 3. um Randers angeordnet. Am 25. Juni standen sie dort bereit. Das 2., das österreichische, beließ zum Schutz der Westküste eine Abteilung bei Tondern. General v. Herwarth war mit dem Befehl zur Wegnahme von Alsen bereits versehen, der Strand bei Ballegaard wieder dafür in Aussicht genommen. Dort sollte die 13. Division übergehen, während die 6. beim Satruper Holz mit dem Übergange drohte, um den Feind zur Teilung seiner Kräfte zu veranlassen. Reichliche Übergangsmittel waren vorhanden: die Pontons der Brückentrains, die schon beschafften Kielboote uud flache Boote, die durch zwei deutschgesinnte wackere Männer, Schiffskapitän Bartelsen und den Schiffsbaumeister Tanne, in ganz Schleswig zusammengebracht wurden; Landungsbrücken wurden geschlagen oder vorbereitet, ein Probeübergang über die 760 Meter breite Schlei ausgeführt. Einige der Belagerungsbatterien, von denen aus der Alsensund besonders gut uuter Feuer zu nehmen war, wurden wieder bestückt, neue am Nordende erbaut, und im ganzen 50 schwere gezogene Geschütze zur Unterstützung des Überganges schußfertig gemacht. Zwei Feldbatterien sollten sich an der Föhrde, zwei am Sunde bereit halten. Sehr richtig wollte General v. Mailstein seine Aufgabe dadurch lösen, daß auch er mit dem Übergang am Satrupholz Ernst machte, und da Anzeichen ergaben, daß die Dänen auf Ballegaard wieder aufmerksam geworden waren, verlegte General v. Herwarth das ganze Unternehmen nach der Gegend von Satrup, verschob es aber zugleich auf die Nacht vom 28. zum 29. Juni. Um beide Divisionen am ersten Angriffe zu beteiligen, sollte außerdem von jeder eine Brigade vorangehen, um nach Wegnahme der Strandbatterien auf Ülkebüll und Höruphaff vorzudringen. Die dänischen Batterien bei Rönhoff wurden schon vorher niedergekämpft. Am 29. um 1 Uhr nachts sollten alle Truppen bereit stehen, in der Düppelstellung eine schwache Besatzung zurückbleiben. An vier, den Führern genau bezeichneten Stellen, war der Übergang von 2 Uhr früh ab geplant. Es waren dies die Nordecke des großen Holzes bei Satrup, wo nur eine Wasserbreite von S20 Metern zu überwinden war, ferner der Strand bei Satrup selbst, sodann 400 Meter weiter nördlich halbwegs Satrup und Der Übergang über den Alsen-Sund 249 Schnabel, wo an beiden Stellen 900 und endlich Arnkielsöre gegenüber, wo 1120 bis 1800 Meter zu durchrudern waren. Zum Teil wurden die Boote schon am 28. abends bei Ballegaard zn Wasser gelassen und nach den nächsten Übergangsstellen vor Arnkielsöre gefahren. Die Dänen hatten mit Ablauf der Waffenruhe emsig begonnen, ihre Befestigungen zu vervollständigen, den südlichen Teil des Sundes durch Seeminen zu schützen und einen Laufgraben längs des hohen Ufers auszuleben. 35 Geschützeinschnitte und Batterien lagen darin und dahinter; 46 meist schwere Kanonen waren südlich, 10 leichte nördlich des Kjärwig in Stellung gebracht. Eine besondere Batteriegruppe bildeten 4 schwere und 4 leichte Geschütze am Nordende des Sundes bei Rönhof und Arnkiel. Für Verbindungen, Feuerzeichen, Telegraphenleitungen, Kolonnenwege und rückwärtige Aufnahme war gesorgt, eine letzte Zuflucht durch Absperrung und Befestigung der kleinen Halbinsel Kekenis (S. Skizze 7) vorbereitet, die auch mit zahlreichen Landungsbrücken zur Einschiffung der zurückgehenden Truppen versehen wurde. Zwischen Kjärwig und Sonderburg stand eine Brigade, weiter hinauf bis zur Augustenburger Föhrde und nördlich davon längs der Alsenförde je ein Infanterieregiment mit etwas Artillerie und Kavallerie, die dritte Brigade der Division bei Ülkebüll als Reserve, wo sich auch der Divisionsstab befand. In der Augustenburger Förde ankerte unweit Arnkielsöre Rolf Krake, der nächtliche Patrouillenboote nach dem Festlande hinübersandte. Die übrigen Schiffe und Fahrzeuge waren auf den Strand der Föhrde an der Alsener Seite und die Südküste der Insel verteilt. Das Flaggschiff, der Schraubenschoner Falken, lag im Hörup-Haff, dort auch eine zahlreiche Transportflotte. Alles war für die Verteidigung und im Notfalle für die Rettung der Truppen vorbereitet. 5 K » Die Nacht vom 28. auf den 29. Juni war so klar, daß man vom Ufer aus den Wasserspiegel überblicken konnte. Leichter Westwind trug jedes Geräusch nach der Küste von Alsen hinüber. In musterhafter Ordnung und größter Stille vollzog sich die Einschiffung der Truppen. Die Mannschaften wateten 50 bis 100 Meter durch flaches Wasser, ehe sie Boote und Fähren bestiegen, für Geschütz und Pferde waren Ladebrücken vorhanden. Die von Ballegaard kommenden Boote wurden zwar von eigenen Posten beschossen, dennoch entgingen sie der feindlichen Aufmerksamkeit. Als die vordersten Boote ungefähr etwa 100 Meter vom User entfernt waren, fielen drüben die ersten Schüsse, und bald Pflanzte sich rollendes 250 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Geschütz- und Gewehrfeuer längs des Strandes fort, in das die preußischen Batterien von diesseits einstimmten. Der Übergang kam dadurch nicht einen Augenblick ins Stocken; unbekümmert um die feindlichen Geschosse vermehrten die Ruderer nur ihre Kräfte. Wo die Boote aufliefen, sprangen die Insassen mit Hurra hinaus und stürmten die Ufer. Nur ein Boot der bei Satrup übergehenden Angreifer wurde getroffen, eins schlug um, und 5 Leute ertranken, die übrigen erreichten das Ziel. General Manstein leitete von Satrup aus den Angriff; der kommandierende General v. Herwarth hielt mit seinem Stäbe bei Oster-Schnabek. Die dänische Batterie von Arnkielsöre wurde genommen, ehe sie zu Schuß kam; die Dänen, die von den Booten des linken Flügels umfaßt wurden, wichen in Unordnung nach dem Wäldchen Arnkielsfriede zurück. Um Uhr morgens befand sich die Nordspitze der Halbinsel Kjär bis zur Fohlenkoppel hinab mit vielen Gefangenen in preußischer Hand. Kurz zuvor, gerade als zur äußersten Linken der Angreifer das brandenburgische Jägerbataillon übergesetzt wurde, war auch Rolf Krake erschienen. Aber statt nun sofort in das Gewühl der Boote und Fähren hineinzufahren und dort soviel Unheil wie möglich anzurichten, begnügte er sich aus Scheu vor den preußischen Netzen damit, sie auf 1200 Meter wirkungslos zu beschießen und das Feuer der Strandbatterien zu erwidern. Nach ungefähr einer halben Stunde, als das Zurückweichen der Verteidiger vom Strande erkennbar wurde, dampfte er in die Föhrde zurück, um auf der Ostseite von Kjär Versprengte aufzunehmen und später die Einschiffung der zur Bewachung der Ostküste von Alsen aufgestellten Abteilungen zu sichern. Die leeren Boote waren schleunigst zurückgerudert, um eine neue Staffel Angreifer abzuholen; dabei konnte die ursprüngliche Ordnung und Reihenfolge nicht mehr aufrecht erhalten bleiben, die Truppenverbände mischten sich und gerieten zum Teil durcheinander. Allein der allgemeine Drang nach vorwärts minderte das Übel. Zunächst dem Feinde fand sich alles wieder zusammen. Neun Bataillone der Brigaden Röder und Goeben vereinigten sich bald am Südrande der Fohlenkoppel und wiesen einen, von dem schon verwundeten dänischen Obersten Faaborg mit großer Energie unternommenen, Vorstoß blutig zurück. Auch hier sielen viele Mannschaften in preußische Gefangenschaft; das dänische 4. Regiment wurde fast ganz zersprengt. Es verlor 19 Offiziere, 652 Mann. General v. Manstein, der schon um 3 Uhr auf Alsen erschienen war, ordnete nun sogleich ein weiteres Vordringen der beiden Brigaden gegen Süden an. Bei Kjär stießen sie auf ernsten Widerstand. Die dänischen Die Kämpfe auf der Halbinsel Kjär 2S1 Generale Kauffmann und Steinmann hatten inzwischen die bei Ülkebüll stehenden Reserven in Bewegung gesetzt, und diese sich mit den zurückgeworfenen Truppen vereinigt. Es folgte ein zweiter noch heftigerer dänischer Offensivstoß, der am „großen Moose" und bei Kjär zu länger dauerndem heftigen Gefecht führte, aber wiederum fehlschlug. Oberst Faaborg wurde diesmal tödlich verwundet. Erst nach einem dritten Gegenstoße im Dorfe Kjär — etwa 5^ Uhr früh — begannen die Dänen gegen Ülkebüll zurückzugehen. General v. Herwarth, der ebenfalls auf dem Gefechtsfelde eingetroffen war, ordnete einen vorübergehenden Halt an, um die noch rückwärts befindlichen Teile der Division Winzingerode abzuwarten. Währenddessen wurden die Dänen der Brigade Bülow nochmals vorgeführt, aber südlich des Westendes von Kjär von der Brigade Goeben zum vierten Male geworfen, wobei schon eine preußische Feldbatterie eingreifen konnte. Dann ging es unaufhaltsam gegen Sonderburg vorwärts. Die auf dem Wege dahin gelegenen Höfe wurden genommen; erst bei den Mühlen, unmittelbar vor Sonderburg, kam das Gefecht für kurze Zeit zum Stehen. General Steinmann ordnete, etwas vor 8 Uhr, den allgemeinen Rückzug an. Die nach Sonderburg zurückweichenden Dänen kamen dort auch in das Feuer einer durch Prinz Friedrich Karl nach Schanze X vorgezogenen reitenden Batterie und zweier Batterien, die vorwärts der Düppelstellung gegen Sonderburg angelegt worden waren. Das preußische Bataillon, das zum Schutze der Düppelstellung zurückgelassen worden war, begann jetzt gleichfalls auf sechs verfügbaren Booten den Sund zu überschreiten. Sonderburg ging verloren; die Dänen fluteten nunmehr ohne längeren Widerstand auf Hörup und von da weiter nach der Halbinsel Kekenis zurück. Dort trafen um 11 Uhr vormittags die aus dem nördlichen Alsen rechtzeitig zurückgegangenen Dänen ein, welche zur Aufnahme der geschlagenen Truppen, auf General Steinmanns Befehl, die befestigte schmale Landzunge besetzten, die Kekenis mit der Insel verbindet. Prinz Friedrich Karl, der bei Sonderburg übergegangen war und um 9 Uhr mit den vordersten Truppen Hörup erreichte, nahm von dem Angriff auf dies letzte dänische Bollwerk Abstand. Die Verbände ordneten sich; die 13. Division suchte Unterkunft zwischen Sonderburg und Ülkebüll mit Vorposten am Hörup- haff. Die 6. Division kehrte nach dem Sundewitt zurück. Die Herstellung der Sonderburger Brücke begann noch am Abend und war am nächsten Morgen vollendet. Die Dänen aber schifften sich von Kekenis ein: Alsen war in der Ge- 252 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung walt der Verbündeten. Sie hatten ihren schönen Erfolg mit einem Opfer von nur 33 Offizieren, 332 Mann an Toten und Verwundeten erkauft. Die dänischen Verluste waren wiederum recht beträchtlich. Sie beliefen sich auf 37 Offiziere, 637 Mann tot und verwundet, 37 Offiziere, 2437 Mann an Gefangenen. 99 schwere, 2 Feldgeschütze und viel Kriegsmaterial fielen den Siegern zu. Die 6. Division rückte in der Folge nebst der Masse der Pioniere nach Hadersleben und Kolding ab; die 13. Division übernahm die Sicherung von Alsen und des Sundewitt, befestigte Sonderburg, wo auch die zweite Brücke wieder in Betrieb gesetzt wurde, ließ die Strandbatterien und ebenso die ehemaligen Belagerungsbatterien einebnen und sicherte die Nord- und Südeinfahrt in den Alsen-Sund durch zusammen 30 schwere Geschütze. -!- -I- » Nach dem Fall von Alsen traf das Oberkommando der Verbündeten sofort alle Maßregeln, um den Lim-Fjord zu überschreiten und womöglich die dort stehenden dänischen Streitkräfte noch vor ihrer Einschiffung abzufangen. Aalborg hatten diese mit Ablauf der Waffenruhe wieder schwach besetzt. Eine Streifkolonne, die unter Major Krug v. Nidda dahin vorging, traf sie am 3. Juli vor der Stadt an. Zu derselben Zeit wurde eine kleine preußische Seitenabteilung, 100 Mann Infanterie unter Hauptmann Schlutterbach, von zwei dänischen Kompagnien bei Lundby südöstlich Aalborg umgangen und überraschend im Rücken angegriffen. Das kurze sich daraus entspinnende Gefecht sollte eine große Bedeutung gewinnen. Hauptmann Schlutterbach nahm schnell die Front gegen seine Angreifer und wies sie durch ein kurzes Schnellfeuer, das ihnen 3 Offiziere, 85 Mann an Toten und Verwundeten kostete, in Auflösung zurück. Die Wirkung war erschreckend; sie zeigte, was das Zündnadelgewehr, gut verwendet, zu leisten vermochte. Heute sind die Namen Lundby und Schlutterbach nahezu vergessen; damals wurden sie in der ganzen Armee genannt. Erst nach dieser Probe faßte sie volles Vertrauen zu ihrer Waffe, deren unleugbare Mängel, wie die zu geringe Tragweite, die stark gekrümmte Flugbahn des Geschosses, die Zerbrechlichkeit der Zündnadel usw., noch immer von ihren Gegnern lebhaft hervorgehoben wurden. Die größere Treffsicherheit auf 400—600 Meter und das Schnellfeuer hatten sich glänzend bewährt. Man wußte, daß man alle Aussicht hatte, den Feind zu vernichten, wenn man das Zündnadelgewehr bis auf diese Entfernung an ihn herantrug. Vorgehen bis Kap Skagen. Die friesischen Inseln 253 Wunderbarerweise wurde aber das Ausland und selbst Österreich noch nicht auf die Überlegenheit des Zündnadelgewehrs aufmerksam. Kein österreichischer Augenzeuge war bei Lundby gewesen, und die schnellen Erfolge, welche die kaiserlichen Truppen mit ihrem frischen Draufgehen bei Ober- Selk, bei Översee und Veile errungen hatten, bestärkten sie in dem Glauben der Unwiderstehlichkeit der Stoßtaktik geschlossener Haufen, die sie sich seit 1859 zu eigen gemacht hatten. Im übrigen kam es in Jütland nicht mehr zum Kampfe. Als die Vorhut des 3. Korps am 9. Juli vor Aalborg erschien, hatte der Feind die Stadt schon verlassen. Die beabsichtigte Verfolgung durch starke Kavallerie wurde vom Weststurm verhindert, der das Übersetzen über den Limfjord nicht gestattete. Als am 12. einige Eskadrons und Infanterie auf Wagen Frederikshavn erreichten, waren die letzten dänischen Abteilungen schon seit 24 Stunden von dort nach Fünen abgegangen. Auch die über den Salling- und Oddesund gesetzten Österreicher fanden nichts mehr vom Feinde vor und beschlagnahmten nur noch bei Thisted 18 Schiffe mit Heeresbedürfnissen. Auf der äußersten Spitze des Kap Skagen wurde die preußische und österreichische Flagge aufgepflanzt, der Vendsyssel durch ein Infanterie-, ein Kavallerieregiment und eine Batterie besetzt, alles andere wieder hinter den Lim-Fjord zurückgenommen. Nun blieb nur noch übrig, die westfriesischen Inseln zu befreien, die der dänische Kapitän Hammer mit einer Flottille flachgehender Fahrzeuge beherrschte. Er hielt sich im Wattenmeer zwischen jenen Inseln und dem Festlande auf, dessen Küsten eine gemischte österreichische Abteilung unter Oberstleutnant Schidlach bewachte. Erst als nach Vereinbarung mit General v. Gablenz das Preußisch-österreichische Nordseegeschwader am 11. Juli eintraf, konnte Ernsthaftes gegen ihn unternommen werden. Die Ausgänge aus dem Wattenmeer wurden nunmehr gesperrt, am 13. Sylt besetzt und die dänische Flottille durch die Preußischen Kanonenboote Blitz und Basilisk in südlicher Richtung zusammengedrängt. In der Nacht vom 17. zum 18. fiel Föhr den österreichischen Jägern ohne Kampf in die Hände; der Versuch des englischen Kommandanten von Helgoland, sich einzumischen, scheiterte an der Festigkeit des österreichischen Kapitäns Krona- wetter, und Kapitän Hammer bequemte sich zu Unterhandlungen. Er erschien am 19. Juli abends an Bord des nach dem Vortrapptief entsandten preußischen Kanonenbootes Blitz und übergab am nächsten Morgen seine nach Verlusten und Zerstörung noch übrigen Fahrzeuge mit 9 Offizieren, 236 Mann den Österreichern. Damit war die Befreiung Schleswigs vollkommen durchgeführt. 254 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Der Wiener Friede am 1^. August Vergeblich hatte Dänemark noch immer auf fremde Einmischung gewartet. Als sie ausblieb, und selbst England und Schweden sich nicht ernstlich rührten, Napoleon III. nichts für Dänemark tun wollte, vollzog sich der gewöhnliche Lauf der Dinge. In Kopenhagen forderte dieselbe Partei und dieselbe Presse, die am leidenschaftlichsten zum Kriege gehetzt hatten, jetzt die Räumung Fünens und die Versammlung aller Truppen zum Schutze Kopenhagens, endlich aber baldigen Frieden. Christian IX. faßte den Mut, das von der früheren Kriegspartei beherrschte Ministerium zu entlassen und durch den König der Belgier in Berlin seine Geneigtheit zum Frieden bekannt zu geben. Als auch Österreich zugestimmt hatte, wurden am 20. Juli mittags 12 Uhr die Feindseligkeiten eingestellt, gerade in dem Augenblicke, da Prinz Friedrich Karl die Vorbereitungen zum Übergange nach Fünen auch ohne Teilnahme Österreichs beendet hatte. Am 25. begannen in Wien die Verhandlungen. Alle Versuche der dänischen Unterhändler, sie in die Länge zu ziehen, scheiterten an Bismarcks Energie, und am 1. August wurde der Präli- minarfrieden geschlossen, in dem Dänemark die drei Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an die beiden verbündeten Mächte abtrat. Als Ersatz für jütische Enklaven in Schleswig sowie für die dänischen Anteile an den Inseln Föhr, Sylt und Romö wurde Dänemark das Amt Ribe, ein vier Quadratmeilen großes Gebiet bei Kolding, sowie die Insel Aarö belassen. Die Herzogtümer übernahmen von der bisherigen gemeinsamen Staatsschuld 29 Millionen Reichstaler. Am 30. Oktober folgte die Unterzeichnung, am 16. November der Austausch der Dokumente. Noch an demselben Tage begann die Räumung von Jütland. Zwei neu herangezogene starke preußische Brigaden und eine österreichische besetzten die Herzogtümer, deren Verwaltung die für Schleswig schon tätigen preußischen und österreichischen Zivilkommissare übernahmen. Die siegreichen Truppen kehrten in die Heimat zurück. Nach Ausübung eines starken Drucks von feiten Preußens ließ sich am 5. Dezember 1864 auch der Bundestag dazu herbei, die ganz gegenstandslos gewordene Exekution aufzuheben und seine vorher schon durch die Brigade Goeben aus Rendsburg verdrängten Truppen abzuberufen. » -i- » Der Krieg war beendet, Schleswig-Holstein vom dänischen Joche befreit, seine politische Zukunft freilich noch ungewiß. Daß die gemeinsame Herr- Österreichs und Preußens gemeinsame Herrschast 255 schaft Österreichs und Preußens über die Herzogtümer keine dauernde sein könne, lag auf der Hand; einen neuen selbständigen Mittelstaat zu bilden, lag nicht im Interesse Deutschlands. Er würde voraussichtlich nach kurzer Zeit, wie die anderen, der Vorherrschaft Preußens und damit einer strafferen Vereinigung der deutschen Bundesstaaten widerstrebt und sich bei den Abstimmungen am Bundestage auf feiten der Gegner befunden haben. Aber gerade diese Lösung strebte die große liberal gesinnte Masse des deutschen Volkes, der jeder Instinkt für politische Machtverhältnisse fehlte, mit leidenschaftlicher Erregung an. Sie, deren Kampfruf jederzeit die Größe und Einheit Deutschlands war, arbeitete ihr tatsächlich mit allen Mitteln entgegen. Dauernd wandte sie ihre Sympathie dem Augustenburger zu. Sie arbeitete damit zugleich für die Interessen der fremden Mächte, namentlich Frankreichs, dem eine Erstarkung Deutschlands höchst unerwünscht sein mußte. Auch Österreich sah der Möglichkeit eines Machtzuwachses für seinen Nebenbuhler in Deutschland mit Sorgen entgegen, während es doch selbst bei der großen Entfernung Schleswig-Holsteins vom Kaiserstaat an endgültigen Erwerb nicht denken konnte. Dieser hätte es auch eng an die nordische Politik Deutschlands gefesselt, während sein natürliches Schwergewicht es in entgegengesetzter Richtung fortzog. König Wilhelm war persönlich dem Prätendenten wohlgeneigt, hätte aber nimmermehr geduldet, daß Preußen auch diesmal, wie 16 Jahre früher, am Ende ohne jeden Lohn für seine Opfer blieb. Ihm schwebte die Verwertung der Wehrkraft der befreiten Herzogtümer, zumal zur See, unter preußischer Führung vor. Aber auch bei dieser Forderung ließ sich lebhafte Opposition aller Beteiligten voraussehen. Die politische Frage blieb daher einstweilen noch ungelöst. Daß sie bei ihrer Eigenart den Keim weiterer schwerer Verwicklungen in sich trug, war aber unverkennbar. Um so mehr hätte sich ganz Preußen um seinen König scharen und einmütig zu ihm stehen sollen. Allein dieser Tag war noch nicht gekommen. Dem' aufmerksamen Blick und dem gerechten Urteil konnte die völlige Wandlung nicht entgehen, die sich mit der preußischen Wehrmacht vollzogen hatte. 1343 und 49 war es Preußen nur mit Mühe gelungen, eine an Zahl schwächere, aus verschiedenen Verbänden zusammengesetzte Streitkraft aufzubringen, die nur unter Heranziehung der Landwehr die gewünschte Höhe zu erreichen vermochte. Mit deren Aufgebot war Preußen nahezu erschöpft. Diesmal betrug das stärkere Heer im Augenblick seiner höchsten Kämpferzahl noch nicht ein Viertel des Linienstandes. Von einer Einberufung der Landwehr war ganz abgesehen worden, eine Wohltat für 256 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Landwirtschaft und Gewerbe. Und wie anders als ehedem waren die Kämpfe ausgefallen. Wohl hatte das erste Vorgehen gegen die Dannewerk- stellung und die Schlei noch den Eindruck von Behutsamkeit gemacht. Es war aber die erste Waffenprobe, die die neue Armee durchmachen sollte, uud Vorsicht natürlich. Auch der Entschluß zur förmlichen Belagerung von Düppel hatte noch Bedenken erregt. Als dann aber der Sturm mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks ablief, als gar der Übergang nach Alsen angesichts der dänischen Flotte und einer starken, vorbereiteten Strandverteidigung in ebenso glänzender Art gelang, da hätte man wenigstens im eigenen Volke nicht mehr blind für König Wilhelms Lebenswerk bleiben dürfen. Die Mehrheit des Abgeordnetenhauses aber verharrte auch jetzt noch im Widerstande gegen die Heeresreform, die sich soeben glänzend bewährt hatte. Der geistige Hochmut, der Eigendünkel und die blinde Rechthaberei der herrschenden Fortschrittspartei sträubten sich weiterhin gegen die Anerkennung des begangenen Irrtums. Sie sprach sich selbst damit vor der Geschichte das Verdammungsurteil. In der Armee indes stiegen das Selbstvertrauen und die Zuversicht in gleichem Maße, wie das Vertrauen zu dem obersten Kriegsherrn, dem sie treu gefolgt war. 5 Die Entscheidung über Schleswig-Holstein wäre leicht gewesen, wenn sich Österreich hätte entschließen können, Preußen die Führung in Deutschland zu überlassen, um dafür eine Stärkung seiner Stellung außerhalb Deutschlands im Süden und Osten zu erfahren. Diesem Gedanken folgte Graf Rechberg, der österreichische Minister des Auswärtigen, aber sein Rücktritt verhinderte die Durchführung. Bismarck hätte zugestimmt. Österreich aber wollte neben seiner Herrschaft in Ungarn und Venetien auch die Vormachtstellung in Deutschland behaupten. Das erwies sich als unmöglich. Preußen war zu groß geworden, um sich ihm dauernd unterordnen zu können, zumal jetzt, da es seine Kräfte wachsen fühlte. Österreich hatte, nach Zusammensetzung der Nationalitäten und nach seiner geographischen Lage, eine Aufgabe außerhalb Deutschlands zu erfüllen, die seine Kräfte hinreichend in Anspruch nahm. Preußen hatte eine Zukunft nur in Deutschland und mußte verkümmern, wenn es diese aufgab. Darin lag der unversöhnbare Gegensatz. Auf der Spannung zwischen ihnen beruhte auch das Elend der Kleinstaaterei und der Schwäche Deutschlands nach außen hin. Bei der Fortdauer des Dualismus war an die Erfüllung des uralten Traumes von der deutschen Einheit nicht zu denken. Bismarck hatte das am ehesten und schärfsten erkannt. Im Sommer 1865 sprach Die Gegensätze in der Politik beider Mächte 257 er es offen aus: „Wenn Österreich unser Bundesgenosse bleiben will, muß es uns Platz machen." Mit Natnrgewalt drängte die politische Entwicklung auf eine Entscheidung hin. Aber ehe der Widerstreit offen hervortrat, mußten noch die möglichen Auswege für eine friedliche Lösung versucht werden. Durch unzeitige Schwierigkeiten, die er der militärischen und finanziellen Angliederung an Preußen entgegenstellte, machte Herzog Friedrich von Augustenburg seine Einsetzung selbst unmöglich, als er erfahren hatte, daß auch Österreich seiner Kandidatur geneigt sei. Aber in diesem Punkte, den er im Februar 1865 zur unerläßlichen Bedingung stellte, blieb König Wilhelm fest. Er hielt sie für den Mindestlohn, der Preußen gebühre. Österreich wieder wollte ihm wohl den Hafen von Kiel, das Besatzungsrecht in Rendsburg, die Aufsicht über den Nordostseekanal einräumen, dem Eintritt Schleswig-Holsteins in den Zollverein zustimmen, aber nicht die preußische Militär- und Finanzhoheit, angeblich weil sie das Bundesrecht und die Fürstensouveränität berührten. Sie hätten einen deutschen Mittelstaat nahezu zum Vasallen Preußens gemacht, und das wollte Österreich nicht dulden. Österreichs Widerspruch ermutigte alle Anhänger des Herzogs in Schleswig-Holstein. Die von der gemeinsamen Verwaltung angestellten Beamten betrachteten diesen schon als ihren Herrn und folgten seinen Weisungen. Um dem preußischen Besitzrecht Ausdruck zu geben, befahl König Wilhelm daher am 24. März 1865 die Verlegung der Marinestation Danzig nach Kiel. „Preußen richtete sich also in den Herzogtümern häuslich wie auf preußischem Boden ein." Die Spannung wuchs. Österreich protestierte, konnte aber mit Rücksicht auf die gespannte Lage in Ungarn und seiner Finanznot wegen nichts Tatsächliches unternehmen, um dem Protest Nachdruck zu verleihen. Die finanzielle Abfindung Österreichs hatte in Wien viele Fürsprecher, aber Kaiser Franz Josef hielt sie mit der Würde Österreichs nicht für vereinbar und forderte den Ausgleich für Preußens Machtzuwachs durch Abtretung der Grafschaft Glatz, die Preußen unmöglich gewähren konnte. Klar war jedenfalls, daß Österreich die alte Politik der Niederhaltung Preußens nicht aufgeben wollte. Das bedeutete aber den Krieg. In einem Ministerrate am 29. Mai 1865 sprachen sich Bismarck und Moltke für die Einverleibung der Herzogtümer in Preußen als einzig richtige und „heilsame" Lösung ans. Allein der König vermochte sich zu einem solchen äußersten Schritt noch nicht zu entschließen. Eine unerwartete Wendung kam seiner Friedensliebe entgegen. In Österreich fiel das Kabinett Schmerling, das die Kandidatur des Herzogs von Augustenburg bis zuletzt energisch FrHr. v. d, Goltz, Kriegsgeschichte II 17 258 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung unterstützt hatte. Graf Belcredi, der Nachfolger, trug Bedenken, der gleichen Richtung zu folgen, da sie ihn in das Fahrwasser der liberalen Mittelstaaten und der radikalen deutschen Volkselemente geführt hätte, deren Endziel die Parlamentsherrschaft war. Es gelang daher unschwer, bei einer Monarchenzusammenkunft in Gastein am 14. August 1365 einen Ausgleich zustande zu bringen, der jedenfalls einen Aufschub der Feindseligkeiten bedeutete. Das kleine Herzogtum Lauenburg würde für 2^ Millionen Taler an Preußen abgetreten, das gemeinsame Regiment, der Anlaß zu so viel Zwistigkeiten, aber aufgelöst. Die Verwaltung Schleswigs ging an Preußen, diejenige Holsteins an Österreich über. In Holstein behielt Preußen den Kieler Hafen und Heerstraßen nach dem Norden. Es war „eine Verklebung der Risse im Bau", wie es Bismarck nannte. Etwas anderes konnte es auch nicht sein; denn im letzten Grunde handelte es sich nicht mehr um die Herrschaftsteilung in den Herzogtümern, sondern um die große alte Frage nach der Vorherrschaft in Deutschland, dessen Zukunft von der Entscheidung abhing. Verblieb diese Stellung dem halbslawisch-magyarischen Österreich, so war an Einheit und weitere Machtentwicklung nicht zu denken, sondern höchstens an ein Fortleben, dem allmählichen Absterben entgegen. Bismarck nahm den Vertrag von Gastein als etwas Gegebenes hin, erfüllte aber den König und seine Mitarbeiter mehr und mehr mit der Überzeugung, daß nur die Erwerbung Schleswig-Holsteins eine für Preußen glückliche Lösung der Krisis biete. Allmählich begann sich auch in einigen der besten Köpfen der liberalen Partei die Einsicht Bahn zu brechen, daß sie etwas Nützlicheres sei, als die Aufrichtung eines neuen Mittelstaates. Wenn das vorläufige Übereinkommen seine beruhigende Wirkung nicht lange bewährte, so lag dies an dem Drängen der Mittelstaaten und dem Treiben der Volksmassen. Ein Teil jener Staaten beantragte die Einmischung des Bundes in die Erbfolgefrage. Zum letzten Male vereinigt, gaben die beiden Großmächte beim Bunde eine Gegenerklärung ab und verhinderten die Annahme. Aber die lärmenden Kundgebungen für den Augustenburger in Holstein fanden die geheime Billigung und offene Duldung durch Österreich. Eine erregte Massenversammlung in Altona war mit dessen Erlaubnis veranstaltet worden. Preußen erhob Einspruch, wurde aber am 7. Februar 1866 von Österreich schroff abgewiesen, so daß eine Verständigung fortan ausgeschlossen war. Bald schritt auch Österreich zu den ersten, wenn auch noch nicht sehr bedeutenden Kriegsrüstungen. Bismarck, nach der Erwerbung von Lauenburg in den Grafenstand er- Der Gasteiner Vertrag 259 hoben, hatte inzwischen umsichtig die internationale Lage für den Kriegsfall geklärt. Mit Napoleon III., dessen Tatkraft seit einigen Jahren durch frühes Altern, ein quälendes Leiden und das Mißgeschick, das ihn seit der Eroberung von Nizza und Savoyen verfolgte, nachzulassen begann, hatte er sich bei einem Besuche im Seebade Biarritz am Pyrenäenfuße verständigt. Des Kaisers Einmischung war zunächst nicht zu erwarten. Die Beziehungen zu Italien wurden enger geknüpft, ein Handelsvertrag geschlossen. Der italienische General Govone erschien in Berlin; Verhandlungen wurden mit ihm angeknüpft. Am 16. März fragte Österreich infolge dieser Vorgänge in Berlin an, ob Preußen gesonnen sei, den Gasteiner Vertrag gewaltsam zu durchbrechen, und benachrichtigte die übrigen deutschen Regierungen, daß es gesonnen wäre, im Falle einer ungenügenden Antwort, beim Bunde die Mobilmachung gegen Preußen zu beantragen. Nun antwortete Preußen mit dem lange gehegten Plan einer gründlichen Bundesreform, die allein Klarheit schaffen könne, und fragte die deutschen Höfe an, inwieweit es bei einem Kriege gegen Österreich auf ihre Unterstützung rechnen könne? Am 29. März wurden die ersten kriegerischen Vorkehrungen getroffen und am 8. April das Bündnis mit Italien geschlossen. Am Tage darauf stellte Preußen beim Bundestage den Antrag auf Einberufung eines nach allgemeinem gleichen Stimmrecht erwählten Parlaments, das über die von den Regierungen zu vereinbarenden Vorlagen für die Vundesreform beraten sollte. Große Erregung folgte in ganz Deutschland. Der Streit über den Besitz von Schleswig-Holstein war von nun ab auf das Gebiet der entscheidenden deutschen Frage versetzt. Aber die Teilnahme des deutschen Volks für Preußen blieb aus, obwohl es sich anschickte, dessen alte Träume und Hoffnungen zu erfüllen. Die Verhetzung gegen die leitenden Männer hatte schon ein zu tief ge- wurzeltes Mißtrauen erregt, als daß man ihnen folgen mochte. Die Mittelstaaten fürchteten außerdem nicht ohne Grund für ihre Selbstherrlichkeit; der Antrag wurde am 21. April einem Ausschusse übergeben, d. h. nach der üblichen Geschäftsführung auf Jahre begraben. Was nun folgte, entsprang nur noch der unwillkürlichen Scheu vor dem letzten entscheidenden Schritt und dem Wunsche der Regierungen, alles getan zu haben, was so aussah, als ob es den Krieg noch hätte verhüten können, dem man doch unaufhaltsam entgegentrieb. Österreich schob stärkere Truppen nach Böhmen, vermehrte das Heer durch Neubildung fünfter Bataillone bei den Jnfanterieregimentern, nahm 17* 260 VI, Die Kämpfe um Deutschlands Einigung die Aushebung von 85 000 Rekruten vor und stellte Freiwilligenkorps auf. Am 21. April 1866 ordnete es die Mobilmachung der Südarmee gegen Italien, zwischen dem 27. April und 7. Mai auch die der Nordarmee gegen Preußen an. Dieses machte erst am 3. Mai die fünf Österreich nächsten, Korps: Garde 3., 4., 5. und 6. kriegsbereit, am 7. auch das 7. und 8. und endlich am 12. Mai das 1. und 2. Die Mittelstaaten folgten bis zum 14. Mai diesem Beispiele; nur Hannover und Kurhessen blieben noch zurück, weil die Landstände es verlangten. Auch die Festungen wurden in Verteidigungszustand gesetzt. Über die verwirrenden Vorgänge am Bundestage gehen wir hinweg und erwähnen nur den verständigen Antrag Bayerns vom I.Juni, die preußischen und österreichischen Truppen in den Bundesfestungen durch kleinstaatliche zu ersetzen. Ein Versuch Österreichs, durch Preisgabe Venetiens Italien von seinem Bündnisse abwendig zu machen, mißlang ebenso, wie derjenige Napoleons III., die schwebenden Streitfragen durch einen europäischen Kongreß schlichten zu lassen. Es gab eben keine andere Lösung mehr als die durch das Schwert. Österreich übertrug inzwischen die Regelung der schleswig-holsteinschen Frage dem Bundestag. Es verfügte auch die Einberufung der holsteinschen Stände, eine Preußen geradezu feindliche Maßregel. Bismarck ließ in Wien erklären, daß Preußen nunmehr auf den Boden des Wiener Friedens, d. h. den einer gemeinschaftlichen Regierung zurücktrete, und veranlaßte am 7. Juni das Einrücken der preußischen Truppen aus Schleswig in Holstein zu dessen Mitbesetzung. Die Österreicher zogen sich über Altona nach Har- burg ans linke Elbufer zurück. Am 11. erfolgte der schon angedrohte Antrag auf Mobilmachung gegen Preußen beim Bunde, der am 14. Juni angenommen ward. Nur Mecklenburg, Braunschweig, Oldenburg, Anhalt und die Mehrzahl der thüringischen Kleinstaaten sowie die Hansestädte hatten dagegen bestimmt. Sie wurden Preußens Bundesgenossen. Der Federkrieg war beendet, den Kanonen das Wort erteilt. Es folgte wohl noch am 15. Juni ein neuer preußischer Vorschlag zur Reform der deutschen Verfassung und ein Ultimatum an die Höfe von Hannover, Dresden und Kassel, aber schon ohne Aussicht auf Erfolg. Mit der tatsächlichen Ablehnung war auch der Krieg erklärt. Bundesmobilmachung gegen Preußen 261 3. Der Arieg von 1^866 Einleitung und Aufmarsch der Heere Trotz seiner tatkräftigen Politik und dem Bündnisse mit Italien war Preußen beim Kriegsausbruch in keiner besonders günstigen Lage. Die Trennung des Staatsgebiets in zwei Stücke erschwerte die Versammlung der Kräfte. Es kam hinzu, daß die infolge der politischen Verwicklungen nur stufenweise nach und nach verfügte Mobilmachung nicht zu den Friedensvorbereitungen Paßte, die einen gleichmäßigen und einheitlichen Übergang auf den Kriegsfuß vorsahen. Der Vorsprung, den ein solcher gewährt hätte, war verloren. Die Wirkung der Reform von 1860 konnte infolge der kurzen Zeit noch keine vollständige sein. Von den starken jüngeren Jahrgängen waren erst drei in der Reserve verfügbar. Noch immer mußten für die Auffüllung mehr ältere Leute zur Feldarmee herangezogen werden, als es erwünscht war. Die durch den inneren Konflikt verursachte äußerste Sparsamkeit hatte die vollständige Durchführung der Neubewaffnung bei der Artillerie und die Erneuerung veralteten Materials verhindert. Die Armee rückte zum Teil mit Fahrzeugen von 1816 ins Feld. Im Lande war man meist gegen den Krieg; man hielt die Politik, die ihn herbeigeführt hatte, für verhängnisvoll. Die große Mehrheit der Abgeordneten leistete sogar durch blinde Verranntheit den Feinden Vorschub. Nach den Forderungen Preußens vom Februar 1865 hatte sie die Schleswig- Holsteiner zum zähesten Widerstande aufgerufen, die Mittel für den siegreichen Krieg sowohl, wie für die Verlegung der Flottenstation nach Kiel verweigert. An die Bewilligung einer Kriegsanleihe war gar nicht zu denken. Die Volksboten hätten lieber das eigene Heer entwaffnet, als der kriegerischen Entscheidung zugestimmt. Die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft, weitschauender als sie, streckte die nötigen Mittel vor, damit Preußen seine welthistorische Rolle fortführen konnte. Der König trug, bei feinem hohen Alter, seinem milden, gewissenhaften und loyalen Sinn schwer an der großen Verantwortung, die er auf sich nahm. Aber er blieb fest und wankte weder im Vertrauen auf seinen ersten Berater noch auf sein treues, ihm unbedingt ergebenes Heer. Schnelligkeit und Energie des Handelns konnten die anfängliche Ungunst der Verhältnisse wieder ausgleichen. Das österreichische Heer bestand damals noch im Frieden aus 7 ungleich starken Armeekorps, die beim Übergang auf den Kriegsfuß iu 10 solcher Korps, ein jedes rund zu 28 000 Mann mit 30 Geschützen umgewandelt 262 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung wurden. 3 davon, das 5., 7. und 9., fanden gegen Italien Verwendung, die anderen 7 nebst 2 leichten, 3 Reservekavalleriedivisioneu und einer Armeegeschützreserve von 16 Batterien mit 128 Geschützen gegen Preußen. Die 7 nach Norden in Bewegung gesetzten Korps hatten je 4 Brigaden zu 2 Regimentern Infanterie von 3 Bataillonen und 1 Feldjägerbataillon, also 7 Bataillonen, 8 Geschützen. Sie besaßen ferner 1 Kavallerieregiment, eine Korpsgeschützreserve von 24 Geschützen in 3 Batterien, sowie 1 Pionierkompagnie und die nötigen Hilfsdienste. Die 4. Bataillone der Infanterie dienten als Festungsbesatzung oder bildeten besondere Brigaden; die eben erst aufgestellten S. Bataillone wurden zu verschiedenen Zwecken verwendet. Noch war Stellvertretung im Heere gestattet; der Mannschaftsstand gehörte daher im allgemeinen den untersten Volksschichten an. Die im Süden nicht zuverlässigen Regimenter mit italienischem Ersatz wurden natürlich nach dem Norden gesandt. Das Offizierkorps ergänzte sich zum Teil noch aus dem Unteroffizierstande, war also nicht so gleichartig wie das Preußische; auch mußte es bei Kriegsausbruch durch Ernennung einer großen Zahl junger, wenig geübter Reserveoffiziere ergänzt werden. Die Ausbildung der Infanterie litt sehr unter den geringen Friedensstärken; die der Kavallerie war recht gut. Bewaffnung und Übung der Artillerie waren denen der preußischen überlegen. Sie führte schon durchweg gezogene Geschütze. Im ganzen war die österreichische Armee ein tüchtiges Werkzeug für den Krieg, dem Kaiser treu ergeben und im Kampfe gegen Preußen als durchaus zuverlässig anzusehen. Weniger als in anderen Zweigen der Staatsverwaltung hatte von jeher im Heere die Gunst einflußreicher Personen über das Emporkommen entschieden. Männer aus bescheidenen Verhältnissen konnten sich durch Tüchtigkeit zu den höchsten Ehrenstellen emporarbeiten, wie es Feldzeugmeister Benedeks Beispiel lehrte, der zum Oberbefehlshaber der Nordarmee ernannt wurde. Erzherzog Albrecht ging nach dem Süden. Die Erfahrungen des italienischen Krieges waren nicht unbeachtet geblieben. Der übertriebene Ruf, in den die französischen Bajonettangriffe gekommen waren, hatte aber zu einer Überschätzung der Stoßtaktik geführt, die namentlich dem Zündnadelgewehr gegenüber gefährlich werden sollte. Trotz Lundby wurde die Überlegenheit dieser Waffe zu gering veranschlagt. Nur wenig einsichtsvolle Männer, wie Gablenz und der Herzog von Württemberg, die sie von Schleswig her kannten, warnten davor. Der tiefere Grund für Annahme der Stoßtaktik lag übrigens in der unvollkommenen Der Wert der kriegführenden Heere 263 Schulung der Infanterie, die sich in geschlossener Masse besser als in der Auflösung verwenden ließ. Der Oberbefehlshaber, aus Galizien von 1846 sowie vom italienischen Kriege her wohlbekannt, seit Solferino als trefflicher Korpsführer gerühmt, ein Mann von großem persönlichen Mut, der Gabe, die Truppe mit sich fortzureißen, taktischem Scharfblick, der ihn die Gunst des Augenblicks im Gefecht sicher ergreifen ließ, ein Vater seiner Soldaten wie Ra- detzky, allgemein beliebt, war von der Stimme des Volkes und Heeres als der rechte Mann für den Oberbefehl gegen Preußen bezeichnet worden. Er wurde dazu gewählt, obschon er selbst, der bis dahin in Italien kommandiert hatte, lieber dort geblieben wäre, wo er den Gegner und die Verhältnisse des Landes kannte. Da er nicht besonders tief an Geist und seine Bildung für die hohe Stellung eines Armeeführers nicht ausreichend war, verleiteten seine guten persönlichen Eigenschaften ihn zu einer Oberflächlichkeit, die ihn unter außergewöhnlichen Umständen, in einer schwierigen Lage, wie die, der er entgegenging, unbeholfen machte. — Unter den Armeen der deutschen Mittelstaaten ragte die bayerische durch ihre Stärke hervor. Sie bestand aus 4 Divisionen zu je 2 Brigaden, die wie die österreichischen zusammengesetzt sein sollten, tatsächlich aber, infolge von Zurücklassung starker Besatzungen, schwächer waren. Am 20. Juni zählten die Bayern 40 Bataillone, 46 Eskadrons und 18 Batterien, rund 45 000 Mann mit 144 Geschützen. Am 26. Juni wurde noch eine Reservebrigade von 8 Bataillonen aufgestellt. Das bayerische Heer verfügte jedenfalls über ein vortreffliches Menschenmaterial; doch diente etwa ein Viertel davon erst ganz kurze Zeit. Auch das Ofsizierkorps litt unter einer bei der Mobilmachung vorgenommenen übermäßigen Vermehrung. Das Unteroffizierkorps, meist aus den Stellvertretern von Wehrpflichtigen herangezogen, war mangelhaft. Die sächsische Armee, aus 4 Brigaden zu je 5 Bataillonen, 4 leichten Kavallerieregimentern und 10 Batterien bestehend, galt als recht brauchbar. Sie zählte bei Kriegsausbruch 22 500 Mann mit 58 Geschützen, von diesen jedoch nur 2 Fünftel gezogene. Die hannoversche Armee war noch bei ihrer alten v. d. Deckenschen Organisation geblieben, die sie nach den Befreiungskriegen angenommen hatte. Die Schwäche ihrer Friedenskadres gab ihr einen halb milizartigen Charakter; doch war ihr Material an Menschen und Pferden vortrefflich. Sie hätte in derselben Stärke wie die sächsische auftreten müssen, erreichte sie aber nicht, sondern stellte nur 17 200 Mann mit 42 Geschützen ins Feld. 264 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Zu diesen Streitkräften kamen für die Verwendung im freien Felde noch je eine starke Division für Württemberg und Baden, eine schwache für Kurhessen hinzu. Alles in allem setzte Österreich mit seinen deutschen Bundesgenossen rund 390000 Mann gegen Preußen in Bewegung, also eine ganz ansehnliche Überlegenheit; denn dieses brachte mit den bei ihm verbliebenen kleinstaatlichen Truppen zusammen nur rund 300000 Mann auf. Die Preußische Armee hatte den Vorzug, daß bei ihr Friedens- und Kriegsgliederung übereinstimmte. Wie bekannt, zerlegten sich die 9 Korps in je 2 Divisionen zu je 2 Jnfanteriebrigaden, von denen jede 2 Regimenter mit 3 Bataillonen besaß. Dazu kam 1 Kavallerieregiment von 4 Eskadrons und 1 Artillerieabteilung von 4 Batterien. Im Korpsverbande trat 1 Jägerbataillon, 1 Pionierbataillon und die Reserveartillerie von 1 oder 2 Abteilungen hinzu. Zwei Reservekorps wurden aus überschüssigen Garde- und Linien- sowie Reserve- und Landwehrtruppen gebildet, die gesamte Landwehr zweiten Aufgebots aber überhaupt nicht mehr einberufen. Da die kommandierenden Generale des 3., 4., 7. und 8. Armeekorps eine anderweitige Bestimmung erhielten, so wurden die Divisionen dieser Korps unmittelbar den Armeebefehlshabern unterstellt und die Reserveartillerien des 3. und 4. Korps zu einer Armeereserveartillerie zusammengezogen. An größeren Kavallerieverbänden wurde 1 Korps zu 2 Divisionen und 1 selbständige Division aufgestellt. Einige Korps erhielten Reservekavalleriebrigaden, andere Abweichungen wurden durch das Bestehen des Truppenkorps in Schleswig-Holstein und die Rückkehr der Besatzungen aus den Bundesfestungen hervorgerufen. Wohl hätte auch in der preußischen Armee manches noch vollkommener sein können. Eines aber hatte sie vor ihren Gegnern voraus, die Einheit der Stimmung und der Ausbildung, den ernsten Entschluß und den festen Willen zu siegen. Der innere Umwandlungsprozeß, den sie in den letzten Jahren durchgemacht hatte, war nicht minder wichtig als die äußere Reform. Freilich denkt man nicht ohne Sorge daran, was wohl daraus hätte werden sollen, wenn die Armee im Juni 1366 erst die Mobilmachung der Landwehr hätte abwarten müssen, ehe sie ins Feld zog, und diese dann noch Zeit gebraucht haben würde, sich in die Forderungen des Krieges allmählich einzuleben. 5 » 5 Das durch die natürliche Lage gegebene Versammlungsgebiet für die österreichische Armee wäre das nördliche Böhmen gewesen. Dort wurde Versammlung der Österreicher um Olmütz 265 Berlin bedroht, Sachsen unterstützt, das gemeinsame Handeln mit den süddeutschen Streitkräften erleichtert, der kürzeste Weg ins Herz der Preußischen Monarchie betreten, wenn man angriffsweise verfahren wollte. Aber es war schwer, die entfernteren Heeresteile dorthin heranzubringen, ehe der Feind erschien. Dieser konnte, bei gleichzeitigem Beginn, früher mit der Mobilmachung fertig sein, also einrücken, ehe die gesamte österreichische Streitmacht vereinigt war. Daran war nichts zu ändern; denn aus innerpolitischen Gründen durften nicht alle Linientruppen in ihren Ergän- zungsbezirkeu stehen, aus denen sie zum Kriege aufgefüllt wurden. Daß sich Preußen durch den stufenweisen Übergang zur Kriegsbereitschaft und die politischen Verzögerungen seines großen Vorteils zum Teil begeben hatte, wurde übersehen, die Versammlung in Mähren von dem Chef des Generalstabes, Feldmarschalleutnant Baron Henikstein, beschlossen. Nur das im Frieden schon in Böhmen unter Clam-Gallas stehende 1. Armeekorps mit der 1. leichten Kavalleriedivision sollte dort verbleiben, die durch die Preußen aus ihrem Lande vertriebenen Sachsen an sich ziehen und mit ihnen vereint auf die Hauptarmee zurückweichen. Henikstein hielt auch ein weiteres Abwarten in der Verteidigung für ratsam. Mit der Ernennung Benedeks zum Oberbefehlshaber der Nordarmee ward ihr auch Generalmajor Krismanic als Chef der Operationskanzlei zugeteilt, ein Mann von breiter, auf der friderizianischen Periode beruhenden Gelehrsamkeit, der durch ein falsches Selbstbewußtsein, Sicherheit und Redegewandtheit beruhigend auf die vorherrschende kleinmütige Stimmung in den höheren militärischen Kreisen wirkte. Er wurde bald die Seele des Hauptquartiers; Henikstein trat freiwillig gegen ihn zurück. Beuedek hielt sich nicht für berechtigt, über sein höheres Wissen mit frischer unmittelbarer Empfindung hinwegzugehen; er fügte sich seiner Dialektik. Auch Krismanic war zunächst für die Versammlung in Mähren und das Abwarten in der Verteidigung, wenigstens nahm er sie als unabänderlich hin. Den preußischen Vormarsch erwartete er von Oberschlesien her gegen Olmütz. So wurde denn die Nordarmee zwischen dem 20. Mai und 9. Juni um Olmütz versammelt. Sie füllte den ganzen mittleren Raum Mährens aus. Die 2. leichte Kavalleriedivision sicherte die Grenze Öster- reichisch-Schlesiens. Als Benedek am 26. Mai im Hauptquartier Olmütz eintraf, fand er diesen Zustand schon vor. Mittlerweile verstrich die Zeit ohne das erwartete preußische Einrücken. Der Vormarsch nach Böhmen konnte erwogen werden. Krismanic faßte den Entschluß, mit der Armee das Plateau zwischen der oberen Elbe und Jser zu erreichen. Dort hatte 1778 Kaiser 266 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Josef II. und sein Berater Lacy auf der einen Seite den großen König an der Elbe, auf der andern Seite den Prinzen Heinrich an der Jser abgewehrt. Das war sein Vorbild — ein größeres Ziel steckte auch er sich nicht. Eile wäre nun geboten gewesen. Aber noch war die Armee nicht ganz vereinigt; sie zählte erst gegen 200000 Mann. Ganze Truppenteile fehlten, ebenso einiges von den Vorräten für den Marsch. Die 1859 gemachte Kriegserfahrung, daß es mißlich ist, mit einer unfertigen Armee den Feldzug zu eröffnen, wirkte nach. Krismanic nahm sich vor, diesen Fehler unter allen Umständen zu vermeiden; selbst des Kaisers Drängen brachte ihn nicht in Bewegung. Erst sollte alles beisammen sein, dann marschiert werden. Benedek stimmte ihm bei. Nach dem Eintreffen der fertigen Armee in Böhmen sollten die Kämpfe beginnen. Dann war er wieder in seinem Fahrwasser. Kriegserfahrung ist meist einseitig; denn sie beruht auf besonderen Vorbedingungen, die sich niemals ganz wiederholen. Nur bei sorgfältiger freier Kritik der Unterlagen darf sie unmittelbar angewendet werden. Sie führte hier irre. Das Beispiel des Bayerischen Erbfolgekrieges paßte nicht, weil die Preußen andere geworden waren als 88 Jahre vorher. Die Stoßtaktik, die auch Benedek dem Heere aufs wärmste empfahl, weil sie 1859 die größten Erfolge gehabt haben sollte, war 1866 dem Zündnadelgewehr gegenüber verhängnisvoll. Statt abzuwarten, bis der letzte Mann und das letzte Fuhrwerk in Mähren eingetroffen waren, wäre es diesmal besser gewesen, früher aufzubrechen. General Clam-Gallas und Kronprinz Albert, der die Sachsen befehligte, wurden von dem Entschlüsse in Kenntnis gesetzt und genehmigt, daß sie sich hinter der Jser vereinigten. Dort sollten sie — zusammen 60 000 Mann stark — dem preußischen Einmarsch Widerstand leisten, aber keine entscheidende Schlacht annehmen, sondern fechtend in der Richtung auf Josefstadt — dem allgemeinen Sammelplatze — zurückgehen. Auch Bayern erhielt durch seinen, im österreichischen Hauptquartier eingetroffenen einsichtsvollen Generalstabschef v. d. Tann, uns von Bau her bekannt, Nachricht, daß die Nordarmee — unvorhergesehene Ereignisse abgerechnet — Ende Juni oder in den ersten Tagen des Juli im nordöstlichen Böhmen, das Riesengebirge vor der Front, versammelt sein würde. Tann ging darauf ein, daß die bayerische Armee sowie alles, was von den süddeutschen Bundestruppen kommen konnte, dorthin heranrückte. Die Eisenbahn von Bayreuth bis Prag konnte dabei benutzt werden. Aber er drang bei der Rückkehr daheim nicht durch. In München wollte man das eigene Land nicht entblößen und sagte sich nicht, daß Bayern am Getrennte Versammlung der Bnndestruppm 267 besten durch einen großen Sieg der Österreicher in Böhmen geschützt werde, und daß andererseits, wenn diese geschlagen wurden, die Bayern allein es auch nicht schützen konnten. Solche einfache Logik bleibt oft unbeachtet. Die Bayern versammelten sich also im Nordwesten des eigenen Landes. Das die übrigen süddeutschen Kräfte und die nassauischen Truppen zusammenfassende 8. Bundeskorps, dem sich auch die Österreicher aus Schleswig und den Bundesfestungen anschlössen, vereinigte sich langsam bei Frankfurt a. M. Den Befehl über dies Korps übernahm der 43 jährige Prinz Alexander von Hessen, ein in russischen und österreichischen Diensten bewährter General, der auch 1859 in Italien mitgefochten hatte. Den Oberbefehl über alle Süddeutschen nahm Prinz Karl von Bayern, der kommandierende General der bayerischen Armee, in die Hand. Die Sachsen standen kriegs- und marschbereit am 15. Juni in und um Dresden, die Hannoveraner noch im Lande zerstreut; sie zogen sich erst beim Anmarsch der Preußen nach Göttingen zusammen. Die Kurhessen wichen in den Süden des Kurfürstentums zurück, um sich den Süddeutschen anzuschließen, während der Kurfürst selbst, ohne Verständnis dafür, was ein Krieg bedeute, in Kasfel verblieb. 5 » Während sich diese Gruppierung der ihm feindlichen Streitkräfte vollzog, mußte Preuße» den Aufmarsch seiner Heere vornehmen und je nach den sich ändernden Umständen regeln. Zwei große Gedanken trug Moltke, der Generalstabschef, von Anbeginn hinein, die im wesentlichen den Verlauf des Krieges entschieden. Es war der Entschluß, gegen die Feinde im Westen und die Süddeutschen nur geringe Streitkräfte zu verwenden, und ferner den Aufmarsch an der sächsischen und böhmischen Grenze auf ausgedehntester Linie zu bewerkstelligen. Für das erste war die Überzeugung maßgebend, daß sich die Versammlung und das Eingreifen der mittelstaatlichen Heere nur langsam, schwerfällig und ohne Einheit vollziehen könne, daß Frankreich durch Bismarcks diplomatische Kunst würde hingehalten werden, und daß alles davon abhänge, die Österreicher zu schlagen. Moltke folgte darin dem Grundsatze Napoleons I., die Hauptmacht des Feindes zum Ziele zu nehmen, weil mit deren Niederlage dem Sieger alles übrige von selbst zufiele. Für das zweite war die Notwendigkeit maßgebend, die anfänglich verlorene Zeit durch Ausnutzung aller Eisenbahnen nach der Grenze wieder einzubringen und den Vorsprung wettzumachen, den Österreich in den Rüstungen hatte. 268 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Daran knüpfte sich der kühne Gedanke, die Vereinigung in Feindesland hinein zu verlegen. Die älteren Vorarbeiten für die Mobilmachung und den Aufmarsch der preußischen Heere hatten einen Angriff Österreichs in der Richtung auf Berlin und ein Eingreifen Frankreichs zum Ausgangspunkte gehabt. Erst im Winter 1865/66 rechnete der Chef des Generalstabes mit der Neutralität Rußlands und Frankreichs, sowie mit der Bundesgenossenschast Italiens. Danach mußten die vorhandenen Entwürfe umgearbeitet werden. Dies aber wurde durch die unklare politische Lage sowie den stufenweisen Eintritt in den Zustand der Kriegsbereitschaft erschwert. Bis zur Mitte Mai hatte Moltke die Überzeugung gewonnen, daß gegen West- und Süddeulschland, obschon er deren Kräfte auf 120000 Mann veranschlagte, Manteuffels Truppen aus den Elbherzogtümern, die im Westen verfügbaren überschießenden Truppenteile, die zu einer neuen Division unter General v. Beyer zusammengefügt wurden, und noch eine der Divisionen der beiden westlichen Armeekorps — die 13. unter dem von Schleswig her rühmlich bekannten General v. Goeben — genügen würden. Diese 3 Divisionen bildeten die, später so benannte, Mainarmee, deren Stärke allmählich 43 Bataillone, 22 Eskadrons und 15 Batterien, 46000 Mann mit 97 Geschützen, erreichte, und die unter den Befehl des Generals Vogel v. Falckenstein, des bisherigen kommandierenden Generals des 7. Armeekorps, gestellt wurde. Mit so geringen Kräften auskommen zu wollen, war ein Wagnis; aber in der Lage, in der sich Preußen befand, wurde ein Sieg ohne Wagnis ein Ding der Unmöglichkeit. Die 3 anderen Divisionen aus dem Westen, die 14., 15. und 16., wurden unter dem kommandierenden General des 8. Armeekorps, Herwarth v. Bittenfeld, zur Elbarmee vereinigt, die außerdem 2 Kavalleriebrigaden und die beiden Neserveartillerien der westlichen Korps erhielt. Sie wurde nach dem Hauptkriegsschauplatze, zunächst gegen Sachsen, herangezogen und von Düsseldorf und Coblenz her nach Halle und Zeitz befördert. Später erfuhr sie noch eine Verstärkung durch die Gardelandwehrdivision und stieg damit auf 50 Bataillone, 34 Eskadrons und 26 Batterien, 50000 Gewehre, 4600 Reiter und 156 Geschütze. Die 7 östlichen Preußischen Armeekorps wurden in zwei Armeen zusammengefaßt. Die I., unter Prinz Friedrich Karl aus dem 2., 3. und 4. sowie einem Kavalleriekorps gebildet: 72 Bataillone, 74 Eskadrons, 50 Batterien, mit 72000 Gewehren, 10 000 Reitern und 300 Geschützen stark, versam- Verteilung der preußischen Truppen an der Grenze 269 melte sich zwischen Torgau und Spremberg, rückwärts bis Kottbus reichend. Anfänglich gehörte auch noch das Gardekorps zu dieser Armee. Es wurde jedoch vor dem Beginn der Operationen zur II. Armee des Kronprinzen herangezogen, die zunächst nur aus dem 5. und 6. Korps bei Schweidnitz und Neiße bestand. Zwischen der I. und II. Armee bei Görlitz wurde das 1. Armeekorps, das von der russischen Grenze kam, ausgeschifft. Auch dieses Korps trat später zur II. Armee über, die damit eine Stärke von 92 Bataillonen, 82 Eskadrons und 57 Batterien erhielt. Zwei selbständige gemischte Truppenabteilungen der Generale v. Knobels- dorff und Graf Stolberg, die an der oberschlesischen Grenze standen, wurden ihr gleichfalls unterstellt, so daß sie, diese eingerechnet, auf 97 000 Gewehre, 10000 Reiter und 352 Geschütze anwuchs. Von Zeitz bis nach Neiße reichte also die erste, wegen ihrer Ausdehnung heftig getadelte preußische Angriffsfront. Gewiß, sie war lang, aber nur so konnten die 5 großen Bahnlinien, die im Innern Preußens von Düsseldorf, Coblenz, Stettin, Frankfurt a. O. und Kreuz kommen, gleichmäßig für die Heranschaffung ausgenutzt werden. Nur in dieser Breite war es möglich, die Truppen ohne Not einstweilen unter Dach und Fach zu bringen; nur von einer so langen Grundlinie aus boten sich allen Truppen Straßen genug dar, um gleichzeitig den Vormarsch beginnen und sich frei bewegen zu können. Gewiß hätte ein schon versammelter Feind diese Linie zu durchbrechen vermocht, aber er war eben am 5. Juni, als der erste preußische Aufmarsch vollendet war, noch nicht versammelt und konnte auch noch nicht versammelt sein. Sicherlich hätte er daran denken können, die so weit auseinandergezogene Armee durch Oberschlesien in der linken Flanke anzugreifen und aufzurollen. Aber dazu mußte er schnell, überraschend, mit großen Marschleistungen und auf verhältnismäßig schmalem Raume vorgehen und sich entwickeln. Dazu war die österreichische Armee ihrer Natur nach nicht geeignet. Strategie aber ist ein System der Aushilfen und will nach den jedesmal vorliegenden Umständen, nicht nach Regeln und Gesetzen gehandhabt werden. Das hatte Moltke getan, und er ließ sich darin nicht irre machen. Am 25. Mai schon beantragte er sofortiges Vorgehen, sobald der Eisenbahntransport beendet sein würde. „Wir stehen auf dem 60 Meilen langen Bogen Zeitz—Torgau—Görlitz—Neiße mit 60000, 130 000, 30000 und 60000 Mann. Die Konzentration von je zwei und endlich von allen diesen Gruppen kann am schnellsten nur nach vorwärts, also durch die Offensive, erreicht werden." Mit jedem versäumten Tage wurden die Österreicher stärker, und nach einigen Wochen konnte ein neuer Feind von Franken her erscheinen. Aber Moltke mußte sich 270 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung noch gedulden. Die diplomatische Aktion dauerte fort. Ungegründete Besorgnisse für die Sicherheit Schlesiens veranlaßten noch einen Linksabmarsch der Heere auf dem eigenen Boden. Die II. Armee rückte an die Neiße ab; die I. folgte bis Görlitz—Reichenbach. Die Elbarmee stellte sich bei Belgern südlich Torgau beiderseits der Elbe auf, über die eine Kriegsbrücke geschlagen war. Die Annahme des österreichischen Antrages vom 14. Juni durch den Bundestag machte inzwischen den Zögerungen ein Ende. Sie veranlaßte am 16. Juni das Einrücken der Elbarmee in Sachsen und der Truppen des Generals v. Falckenstein in Kurhessen und Hannover. Dieser General hatte den Befehl, die Hannoveraner zu entwaffnen und sich alsbald für die Verwendung auf einem anderen Kriegsschauplatze bereit zu halten. Der Leldzug gegen Hannover (S. Skizze 23) Am 15. Juni stand General v. Manteuffel mit seiner Division bei Altona, General v. Goeben mit der seinen bei Minden, General v. Beyer bei Wetzlar. Alle drei setzten sich in Bewegung, Manteuffel noch am 15., die beiden andern am 16. Juni früh. Manteuffel überschritt die Elbe und war am 17. in Lüneburg. In der Nacht darauf überfiel eines seiner Bataillone die kleine hannoversche Festung Stade, erbeutete zahlreiche Geschütze, 14000 neue Gewehre und viel Munition. Eines der inzwischen nach Holstein entsendeten Landwehrbataillone übernahm die Besatzung. Von Lüneburg aus wurde die eine Hälfte der Division bis zum 20. mit der Bahn nach Hannover befördert, die andere erreichte mit Fußmarsch Celle. Die Division Goeben hatte Hannover schon am 17. nachmittags besetzt, ohne Widerstand zu finden, und rückte am 20. in der Richtung auf Göttingen bis Alfeld vor. General v. Beyer hatte am Tage vorher mit Hilfe der Eisenbahn, auf kurhessischem Boden als Befreier begrüßt seinen Einzug in Kassel bewerkstelligt, wo er am 20. stand. Der Kurfürst ward gefangen gesetzt; seine Truppen, nur 4000 Mann stark, führten den Abzug mit der Bahn nach Mainz durch; 2 Schwadronen traten zum 8. Bundeskorps über. Die Hannoveraner befanden sich also an diesem Tage bereits zwischen den beiden preußischen Divisionen in und um Göttingen. Ihre Stärke wurde auf IS000 Mann angegeben. Es begann die denkwürdige Umzingelung, die durch Moltkes Eingreifen zum guten Ende geführt wurde. Bei Göttingen setzte sich die hannoversche Armee, so gut es gehen wollte, auf Kriegsfuß. 3000 Reser- Einrücken der Preußen in Hannover 271 F^sc/^sc/i'vs/A' 272 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung visten eilten herbei, um die schwachen Friedensstämme einigermaßen aufzufüllen. Pferde wurden beschafft, auch ein, allerdings schwerfälliger, Troß aus Bauernfuhrwerk gebildet. Die Armee — 15 000 Gewehre, 2200 Reiter, 52 Geschütze — gliederte sich iu 4 Brigaden, 1 Reservekavalleriebrigade und die Reserveartillerie. Eine verhängnisvolle Maßregel war die Neubesetzung aller höheren Stellen. Oberbefehlshaber wurde General v. Arentschild, Oberst Cordemann sein Stabschef. Zum Generaladjutanten ernannte der blinde König den Oberst Dammers. Die Meinungen über das, was geschehen sollte, gingen sehr auseinander. Man erwog hin und her den Abmarsch nach Süden, das Standhalten bei Göttingen und den Rückzug in den Harz. Verschanzungen wurden angelegt, die Unterstützung der Bayern und des 8. Bundesarmeekorps erbeten. Bayern sagte auch das Vorgehen einer Division über Kissingen zu. Am 20. entschied man sich für den Abmarsch über Eschwege, dann aber, als dieser Weg bedroht erschien, über Heiligenstadt, um in mehreren Kolonnen Eisenach zu erreichen. General v. Moltke sah diesen Versuch voraus und riet zur energischsten Offensive. Diese dachte er sich so, daß eine der beiden preußischen Divisionen, die gegen Hannover vorgegangen waren, mit der Eisenbahn über Magdeburg und Halle nach Eisenach überführt werden sollte, um den Hannoveranern den Rückzug zu verlegen, während die andere ihnen zu folgen und Beyer von Westen her einzugreifen bestimmt war. So konnte es zur Umzingelung und Vernichtung, d. h. zur Waffenstreckung kommen. Dem General v. Falckenstein erschien diese Anordnung jedoch zu neu und ungewöhnlich. Er glaubte auch an Widerstand der Hannoveraner bei Göttingen und wollte, um ihn zu brechen, die beiden Divisionen Goeben und Manteuffel zusammenhalten, die Division Beyer in ihren Rücken entsenden. Am 21. sollte Goeben Einbeck erreichen und Seesen besetzen, wohin die Brigade Korth von Manteuffels Division mit der Eisenbahn über Braunschweig befördert werden würde. Am 22. sollte Goeben nach Nörten, 10 km nördlich Göttingen, Manteuffel nach Nordheim gehen. Beyer hatte bereits einen Teil seiner Truppen von Kassel nach Osten vorgeschoben und in der Nacht zum 21. schon Allendorf besetzt. Inzwischen marschierten die Hannoveraner am 21. nach Heiligenstadt, am 22. nach Mühlhausen, ohne auf den Feind zu stoßen, und der Weg hätte frei vor ihnen gelegen, hätte nicht Moltke Fürsorge getroffen, ihn zu sperren. Mit zusammengerafften immobilen Landwehr- und Ersatztruppen aus den nächsten Festungen Magdeburg und Erfurt, dem schwachen Gothaischen Regiment und zwei in Berlin verfügbaren Gardebataillonen ließ er schnell Gotha und Eisenach besetzen. Eine kleine Umstellung der Hannoveraner 273 gemischte Abteilung Besatzungstruppen aus Magdeburg ging über Bleicherode nach Urleben nordöstlich Langensalza vor. Am 23., wo die Hannoveraner diese Stadt erreichten, waren sie, allerdings noch in größerer Entfernung, umstellt. Aber gerade an diesem Tage gedachte Falckenstein, nur wenig vom Verbleib des Gegners unterrichtet, sie zwischen Nordheim und Göttingen anzugreisen, und zog Beyer in dieser Richtung, vermeintlich gegen den Rücken der Feinde, heran. So öffnete sich der Kreis. Falckenstein, der am 22. gegen Mittag von Hannover, wo er die Verwaltung geregelt hatte, bei Nordheim eintraf, gewann aus den ihm vorliegenden Meldungen die Ansicht, daß die Hannoveraner nicht mehr einzuholen seien. Er hatte für den 23. im allgemeinen Ruhe angeordnet, der dann der Vormarsch auf Frankfurt a. M. gegen das 8. deutsche Bundeskorps folgen sollte. Am 23. früh jedoch erhielt er aus Berlin den bestimmten Befehl, unverzüglich eine starke gemischte Abteilung mit der Eisenbahn über Kassel nach Eisenach zu entsenden, um den Abmarsch der Hannoveraner zu hindern. Diese wurden, trotz ihrer starken Kavallerie, der augenblicklichen Gunst der Umstände nicht inne. Sie rasteten am 23. morgens gerade südlich Mühlhausen, als die erste Aufforderung an sie erging, die Waffen zu strecken, da sie umringt seien. Auch die Hannoveraner besaßen ein gewisses Interesse am Zeitgewinn; sie wollten die Einwirkung der Bayern wirksam werden lassen. Es kam also zu Verhandlungen mit Berlin, die während der ganzen folgenden Nacht und auch am 24. Juni fortdauerten, aber natürlich ergebnislos verliefen. Sie hatten am 23. schon marschbereit gestanden, waren am 24. wieder zusammengezogen worden, hatten zum Teil sogar den Vormarsch begonnen und waren bei Mechterstedt gegen eine dort zum Eisenbahnschutz stehende Kompagnie ins Gefecht getreten, als sie wiederum haltmachten. Anlaß dazu war ein von Oberst Dammers gestelltes Verlangen freien Durchzuges gegen die Verpflichtung, einjähriger Untätigkeit. König Georg wies den Vorschlag am Ende schroff zurück. Die Zeitverluste kamen natürlich den Preußen zugute. Der Telegraph spielte, um noch erreichbare Truppen heranzuholen. Falckenstein, der auf den ersten Befehl nur geringe Vorbereitungen getroffen hatte, wurde erneut aufgefordert, Truppen sowohl über Magdeburg als über Kassel nach Gotha—Eisenach abzusenden. Er verfügte nun, daß eine Brigade Man- teuffels den ersten Weg nehmen, Goeben, der mit seiner Division zu Fuß und auf der Bahn zwischen Göttingen und Münden unterwegs war, soviel Truppen als möglich nach Eisenach senden sollte. Beyer hatte auf einen an ihn ergangenen Hilferuf schon 6 Kompagnien Frhr. v. d. Boltz, Kriegsgeschichte II 13 274 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung zu Wagen und auf Eisenbahnzügen nach Eisenach entsendet und traf dort am Morgen des 25., nach ermüdendem Marsche und kurzer Nachtruhe, mit einer Abteilung gemischter Waffen selber ein. Auch Goeben kam jetzt mit 5 Bataillonen an, so daß nunmehr an 11 Bataillone, 3 Eskadrons, 1 Batterie dort verfügbar waren, und dem Durchbruch der Hannoveraner ernster Widerstand geleistet werden konnte. Alle Truppen hatten freilich äußerste Anstrengungen hinter sich. König Georg war erneut zur Waffenstreckung aufgefordert worden und erbat 24 Stunden Bedenkzeit. Eine Art von Waffenruhe wurde vereinbart. Nachmittags traf Falckenstein in Eisenach ein, ohne davon anders als durch einen hannoverschen Offizier Kenntnis zu haben. Zugleich aber kam die freilich falsche Kunde, daß die Bayern mit starken Kräften bei Vacha, 30 Kilometer südlich Eisenach, eingetroffen seien. Um nicht zwischen zwei Feuer zu geraten, beschloß Falckenstein nunmehr den Angriff gegen die Hannoveraner für den nächsten Morgen. Er beauftragte Goeben mit der Durchführung, der sich sogleich ans Werk machte. Von Berlin her wurde sür den 26. Juni 10 Uhr früh die Waffenruhe gekündigt. Um dieselbe Zeit standen von den bunt durcheinander gewürfelten Truppen 12000 Mann, 550 Pferde, 23 Geschütze unter Goeben bei Eisenach, General v. Glümer von Beyers Division mit 8000 Mann, 250 Pferden, 6 Geschützen bei Creuzburg und Treffurt. Bei Gotha lagerte der von Manteuffels Division jetzt eingetroffene General v. Flies mit 6200 Mann, 225 Pferden und 22 Geschützen. Dazwischen befanden sich, wieder um Langensalza zusammengezogen, die Hannoveraner. Der Rest der preußischen Truppen Manteuffels war noch bei Göttingen und Münden, der von Beyers Division nahe Eschwege, der der Goebenschen Division in Kassel. Die bestimmt auftretende Nachricht, daß die Hannoveraner noch am 25. abends durch Mühlhausen, also nordwestlich, zurückgegangen seien, vermehrte noch die Unklarheit und Spannung der Lage. Falckenstein erhielt von Berlin Befehl, ihnen zu folgen. Er zweifelte nicht an der Richtigkeit der Angabe, da die an der Eisenbahn bei Mechterstedt erschienenen Hannoveraner wieder verschwunden waren, und ordnete die Verfolgung an. Flies sollte ihnen von Gotha auf dem Fuße bleiben, Manteuffel mit den bei Göttingen verfügbaren Truppen sie angreifen, die Beyerschen Truppen von Treffurt und Creuzburg sie längs der Werra begleiten, die Goebenschen bei Eisenach die Bayern abhalten. Goeben besetzte Vacha, fand dort aber nichts vom Feinde vor. Dem König Georg waren von Bismarck nochmals günstige Bedingungen Ergebnislose Verhandlungen 275 und die Erhaltung seiner Krone gegen Niederlegung der Waffen angeboten worden. Die Verhandlungen zerschlugen sich abermals. Der König entschied sich, den Durchbruch aufgebend, am 26. Juni zum Rückmarsch, doch nicht über Mühlhausen, sondern in der Richtung auf Sondershausen. Als dann jedoch die Nachricht kam, daß die Preußen von Eisenach abgerückt seien und dies auf Erscheinen der Bayern hinzudeuten schien, wurde an der Unstrut bei Merxleben nahe von Langensalza wieder haltgemacht. General v. Flies, dessen Patrouillen mit den hannoverschen in Berührung standen, war bis südlich Langensalza gefolgt. Als ihm aber von Eisenach her kein Zuzug kam, verlegte er seine schwachen Truppen nach Warza nördlich Gotha zurück. Abends erhielt Falckenstein nochmals einen Befehl des Königs, die Waffenstreckung der Hannoveraner um jeden Preis zu erzwingen. Dies Telegramm ward gleichzeitig dem General v. Flies mitgeteilt. Falckenstein sandte ihm den Befehl, „nicht vorzurücken, solange die Hannoveraner bei Langensalza stehen bleiben, sonst aber ihnen an der Klinge zu bleiben". Diesen Besehl erhielt er jedoch nicht mehr und entschloß sich im Geiste des königlichen Telegramms, am 27., seiner Schwäche ungeachtet, zum Angriff. Das Gefecht von Langensalza am 27. Juni 1^866 und die Kapitulation der Hannoveraner (S Skizze 24) General v. Flies, zu dessen Truppen auch die kleine Abteilung aus Magdeburg unter General v, Seckendorff gestoßen war, verfügte über eine bunt zusammengewürfelte Macht von 12^ Bataillonen, 3 Eskadrons, 4 Batterien, d. h. 8180 Gewehren, 280 Reitern, 22 Geschützen, Linie, Landwehr, Ersatz- und Besatzungstruppen. Mit einer solchen Musterkarte von Truppenteilen die immerhin noch 16100 Gewehre, 1800 Reiter und 42 Geschütze zählenden Hannoveraner anzugreifen, bot wenig Aussicht auf Erfolg. Dennoch war es richtig; höhere Rücksichten können solche Wagnisse gebieten. Um 7 ^ Uhr brach Flies auf. Seine Vorhut trieb han- noversche Dragoner vor sich her; ein in Langensalza stehendes Bataillon wich auf Merxleben zurück. General v. Flies glaubte eine Nachhut vor sich zu haben und verzichtete darauf, 2 gerade noch in Gotha eintreffende Bataillone zu sich heranzuziehen. Auch die auf Arentschildts Befehl noch einmal nach Langensalza zurückkehrende hannoversche Brigade Knesebeck verschwand wieder, als preußische Schützen sich auf dem Judenhügel ent- 18* 276 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung wickelten. Hier fuhren auch die preußischen Batterien auf und begannen den Kampf mit der überlegenen feindlichen Artillerie. Das Bild änderte sich jetzt schnell. Die preußische Infanterie entwickelte sich am Rande des Unstruttales zwischen dem Wäldchen beim Bade und Kallenbergs Mühle sowie an der steil eingeschnittenen Salza bis zu Graesers Fabrik. Sie sah sich nunmehr der starken hannoverschen Stellung nahe gegenüber. Drei der hannoverschen Brigaden, von denen jede S Bataillone zählte, standen: Bülow rechts am Kalkberge, de Vaux in der Mitte bei Merx- leben und Bothmer links halbwegs nach Nägelstedt. Die Brigade Knese- beck hatte 1500 Meter hinter der Mitte an der Chaussee nach Sondershausen Stellung genommen; doch schob sie die 2 Bataillone des hannoverschen Garderegiments auch noch nach Merxleben vor. Neben ihr, östlich der Chaussee, hielt die Reservekavallerie; andere Kavallerieregimenter sicherten die Flügel. Die Artillerie war auf dem Kirchberge bei Merxleben und dem Erbsberge gegenüber an der Unstrut aufgefahren, 3 Batterien blieben weiter rückwärts an der Chaussee von Merxleben nach Tharm- brück. Dieser Ort selbst war von preußischen Kompagnien, die dahin vorgingen, srei gefunden worden. Auf dem linken Flügel überschritten zwar 2 preußische Kompagnien die Salza. Bei Kallenbergs Mühle durchwateten preußische Schützen sogar die Unstrut und belästigten durch ihr Feuer die hannoverschen Batterien, die zurückgingen, aber sogleich wieder vorgeführt wurden. Allein die Schwäche des preußischen Angriffs blieb doch nicht verborgen. Die Hannoveraner begannen etwa 1 Uhr nachmittags mit dem Gegenangriff. Die Brigade Bothmer trat zuerst an, fand aber erfolgreichen Widerstand durch die am Siechhof verbliebene Abteilung Seckendorff, die nach dem Erbsberge vorging, und einer vom Judenberge kommenden Batterie. Auch die Brigaden Bülow und Knesebeck setzten sich auf Arentschilds Besehl in Bewegung. Auf den Flügeln der hannoverschen Linie wurde die Überlegenheit bald sichtbar. Es wäre jetzt für die preußischen Truppen Zeit zum Abziehen gewesen; denn ihren Zweck, die Hannoveraner festzuhalten, hatten sie erreicht. Ein Znfall aber unterbrach gerade im entscheidenden Augenblick die Führung. Der Tag war glühend heiß, und ein von den sengenden Sonnenstrahlen bewirkter Schwindelanfall setzte den General v. Flies für eine halbe Stunde außer Gefecht. General v. Seckendorff, auf dem Erbsberge in Anspruch genommen, erfuhr nichts davon — der Rückzugsbefehl blieb aus, und das Gefecht nahm seinen Fortgang, der sich bald ungünstig gestaltete. Glücklicherweise verfiel General v. Bothmer nicht darauf, seine am Flusse Durchbruchsversuch der Hannoveraner 277 zum Stehen gekommene Brigade über die Brücke von Nägelstedt vorzuziehen, von wo aus er den Preußen in Flanke und Rücken hätte kommen können. Auf dem rechten Flügel drang die Brigade Bülow, von der L5/^->^5, Artillerie wirksam unterstützt, vom Kalkberg über die Unstrut gegen die Salza vor. Das Garderegiment ging mit ihr vor, und 6 Bataillone griffen gleichzeitig den etwa 1000 Meter langen Flußbogen von Kallen- bergs Mühle bis Graesers Fabrik an. Dort standen nur 6—7 preußische 278 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Kompagnien, die keinen einheitlichen und nachhaltigen Widerstand leisteten. Von der Hitze völlig erschöpft, fielen zahlreiche Mannschaften in Feindeshand; ebenso erging es meist den in den Baulichkeiten an der Salza eingeschlossenen Besatzungen. Auch die Brigade de Vaux schloß sich dem Angriffe, die Merxlebener Brücke überschreitend, an. Um Kallenbergs Mühle kam es zum hartnäckigen Kampfe. Die Mühle und das Wäldchen am Bad sowie die Allee zwischen beiden wurden am längsten gehalten. Ein Versuch der Mühlenbesatzung, sich durchzuschlagen, mißlang. Auch die preußische Artillerie mußte vor dem überlegenen Feuer der hannöverschen Artillerie allmählich den Judenhügel räumen, um in eine Aufnahmestellung südlich Langensalza überzugehen, wo hannoversche Kavallerie sie angriff, aber abgewiesen wurde. Unter Gefecht vollzog sich der Rückzug durch Langensalza und vom Judenhügel, wo sich 4 Kompagnien des gothaischen Regiments nach dem Abfahren der Artillerie noch behauptet hatten. Bei Hartungs Fabrik wurden die weichenden Abteilungen von den beiden, zuletzt noch als Rückhalt verbliebenen Kompagnien vom Grenadierregiment II aufgenommen. Die Hannoveraner drängten heftig nach, zwei abfahrende Geschütze der Ausfallbatterie wurden von der hannöverschen Kavallerie angegriffen, genommen, aber wieder befreit, bis sie am Ende, von den scheu gewordenen Pferden in einen Hohlweg gestürzt, liegen blieben. Am schwierigsten gestaltete sich der Abzug der am Bade und in dem anstoßenden Wäldchen aushaltenden Truppen. Dort waren zuletzt das I. Bataillon des Grenadierregiments 11, mehrere Kompagnien vom Regiment 25, das Landwehrbataillon Potsdam und eine Ersatzkompagnie tätig gewesen, die nun, verfolgt vom feindlichen Artilleriefeuer und der Brigade de Vaux, nach dem Siechhof abzogen. Von dort war General v. Seckendorsf mit seinen Truppen bereits längs des Klinggrabens nach der Chaussee südlich Langensalza marschiert, so daß ihnen keine Aufnahme zuteil ward. Die hannoversche Kavallerie wurde vorgeholt, um sie zu vernichten, und ein dramatischer Schlußakt folgte. Etwa 900 preußische Infanteristen, Linie und Landwehr gemischt, in zwei Hausen geteilt, rücken, der vordere schwächere unter Hauptmann v. Rosenberg, der Hintere stärkere unter Major des Barres über das Feld davon, während sich 17 Schwadronen von 5 hannöverschen Kavallerieregimentern, 1365 Pferde, zum Angriff sammelten. In Staffeln von einzelnen oder mehreren Eskadrons ritten sie gegen Front und Flanken der Preußen an, auf kurze Entfernung von ruhigem, überlegtem Feuer empfangen und abgewiesen. Sie wiederholten trotz den Verlusten mit unerschrockenem Mute die Anfälle. Major Attaquen der hannoverschen Kavallerie 279 des Barres, aufgefordert, feinen Degen abzuliefern, erwiderte treffend, daß er ihn selbst noch brauche. Kleine Teile der Infanterie wurden von eindringenden Reitern abgesprengt, aber die größeren, geschlossen bleibenden Haufen schlugen sich glücklich durch und stießen südlich Hennigsleben zu General v. Flies, der um 4 Uhr nachmittags seine Abteilungen gesammelt hatte, um in die alte Stellung von Warza zurückzukehren. Die Hannoveraner folgten nicht über das Gefechtsfeld hinaus. Auch sie waren von der Hitze aufs äußerste mitgenommen. Nur das letzte Reservebataillon der Brigade Knesebeck ging noch bis zum Siechhof vor, wo es 1 Offizier und 185 völlig erschöpfte Mannschaften gefangennahm. Drei in Thamsbrück eingedrungene preußische Kompagnien hatten bis 4 Uhr noch ein Feuergefecht gegen eine hannoversche Seitenabteilung geführt und zogen dann auf Umwegen ab, um am andern Morgen bei Warza einzurücken. Der preußische Verlust betrug an Toten und Verwundeten 41 Offiziere, 772 Mann. 10 Offiziere und 868 Mann sollen in Gefangenschaft geraten sein. Die hannoversche Armee erkaufte ihren Erfolg mit einer Einbuße von 102 Offizieren, 1327 Mann. 5 -i- Jhr Schicksal aber war besiegelt. Falckenstein hatte noch einmal den Befehl des Königs erhalten, unter Benutzung der Eisenbahn nach Erfurt abzurücken, die Hannoveraner sosort anzugreifen und sie zur Entwaffnung zu zwingen. Er glaubte sie auf Grund der ihm vorliegenden Nachrichten im Rückzüge nach Nordhausen und wies Manteuffel an, ihnen die Wege um und über den Harz zu sperren. Der Befehl zum Angriff wurde nachts wiederholt, als der Ausgang des Gefechts von Langensalza in Berlin bekannt wurde. Goeben, der dazu am nächsten bereit stand, war durch erneute Gerüchte über das Anrücken der Bayern in seiner Stellung bei Vacha festgehalten worden. Erst in der Nacht zum 28., als auch ihm Kunde von dem Unfall von Langensalza zukam, setzte er mit der Eisenbahn Verstärkungen nach Gotha in Bewegung. Ein unmittelbar an ihn gerichteter Befehl Moltkes trug ihm die Unterstützung des Generals v. Flies auf, da in Berlin bekannt geworden war, daß sich Falckenstein zur Ordnung der Verwaltung von Kurhessen nach Kassel begeben hatte. Der König von Hannover beabsichtigte für den 28. einen erneuten Angriff gegen die Fliesschen Truppen und den Durchbruch, der Erfolg haben konnte, da die unter Manteuffels Befehl stehenden Kräfte noch weit zurück in der Gegend von Dingelstädt und Worbis standen. Aber die Nachricht vom Anrücken Preußischer Verstärkungen von Eisenach und Mühl- 280 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Hausen her sowie die Klagen seiner Generale über den Zustand der Truppen und Munitionsmangel bewogen ihn zur Nachgiebigkeit. Er willigte in ein Anerbieten der Kapitulation, die auch in der Nacht vom 28. zum 29. Juni abgeschlossen wurde. Die Hannoveraner legten Waffen und Kriegsgerät nieder und gingen in die Heimat. Den preußischen Truppen wurde für den 30. Juni ein Ruhetag gewährt. Dann wendeten sie sich neuen Aufgaben zu. Prinz Karl hatte, da er das Schicksal der Hannoveraner vorzeitig bereits für entschieden hielt, und die bayerische Armee noch in der Versammlung zwischen Schweinfurth und Bayreuth begriffen war, das begonnene Vorrücken wieder eingestellt. Das 8. Bundeskorps war noch viel zu unfertig, als daß es hätte helfen können. Zwischen beiden wurde nunmehr für die nächste Zeit ein Vorgehen auf Hersfeld vereinbart. Die Nachricht von einem entscheidenden Siege der Hannoveraner veranlaßte dann aber die Bayern noch zum Weitermarsch gegen den Thüringer Wald, so daß sie sich von den Bundesgenossen entfernten und allein den Preußen gegenüberstanden, die sie auf 50000 Mann schätzten. Der Leldzug in Böhmen Die Vereinigung der preußischen Heere (S. Skizze 25) In der sicheren Erwartung der Ablehnung des preußischen Ultimatums hatte General v. Herwarth schon am 15. früh den Befehl erhalten, tags darauf die sächsische Grenze zu überschreiten. Da die Sachsen am linken Elbufer standen, so versammelte er seine Armee gleichfalls am linken Ufer und ließ noch in der Nacht Würzen und Niesa, nahe oberhalb Strehla besetzen. Die Zerstörung der von den Sachsen in Brand gesteckten hölzernen Elbbrücke von Niesa konnte er leider nicht mehr verhindern. Am 16. erfolgte der Einmarsch. Im Gegensatze zu den Hannoveranern hatten die Sachsen, vom Kronprinzen Albert befehligt, alle Vorbereitungen frühzeitig getroffen. Sie standen marschbereit bei Dresden und Wilsdruf, traten am 17. Juni an und gingen in zwei Kolonnen über Peterswalde und Altenberg nach Böhmen zurück. Die Benutzung der Eisenbahn wurde erst von Lobositz aus möglich, da das Kriegsministerium sie anfangs noch mit Verpflegungstransporten in Anspruch nahm. Dann wurde ein Teil des Korps nach Pardubitz verladen, der andere setzte den Marsch fort. Als am 22. Juni Die Elbarmee in Sachsen 281 früh der Befehl des österreichischen Oberkommandos einging, daß das 1. Korps und die Sachsen bei Münchengrätz—Jungbunzlau an der Jser Stellung nehmen sollten, rückten beide Kolonnen dorthin ab. Die österreichische Brigade Ringelsheim, die bei Teplitz gestanden hatte, deckte den Rückzug. Hinter ihr erreichte die preußische Elbarmee am 13. Juni die Linie 282 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Nossen—Dresden und setzte sich mit der I. Armee in Verbindung. Diese hatte inzwischen gleichfalls den Linksabmarsch unterbrochen, Löbau und Bautzen besetzt, Kavallerie nach Bischofswerda geschoben und versammelte sich am 17. und 18. Juni eng um Görlitz. Gerüchtweise verlautete, daß außer dem 1. auch das 2. österreichische Korps nach Nordböhmen vorgezogen, mit den Sachsen dort also drei Korps verfügbar sein sollten. Moltke schrieb am 19. Juni, daß es bei der Unklarheit über die Stellung der österreichischen Hauptkräfte noch nicht bestimmt sei, ob zur Entscheidung in Böhmen die I. Armee an die II. heranrücken sollte oder umgekehrt. Am Nachmittage dieses Tages entschloß sich König Wilhelm nach langem inneren Kampfe zur Kriegserklärung an Österreich; nun konnte auch dessen Grenze überschritten werden. Das aber sollte in ganzer Stärke am rechten Elbufer geschehen. Die Elbarmee wurde dem Prinzen Friedrich Karl unterstellt, der seinen Vormarsch mit dem linken Flügel längs des Gebirges unverzüglich beginnen würde. In Berlin schloß man aus den vorliegenden Anzeichen, daß sich die feindliche Hauptmacht nach Böhmen zusammenzöge. Der Prinz sollte die Offensive ergreifen, ehe dies vollständig bewirkt sein konnte. Die II. Armee wurde angewiesen, das 1. Armeekorps, das schon bis Salzbrunn und Altwasser gekommen war, über Landshut zurückzusenden, damit es nötigenfalls die I. Armee verstärken könne. Zwei andere Korps hatte sie in der Höhe von Frankenstein und Glatz zum Einmärsche zu staffeln und nur eines noch an der Grenze stehen zu lassen. Hocherfreut empfing Prinz Friedrich Karl am 20. Juni früh diesen Befehl, den er dahin deutete, daß ihm der entscheidende Schlag gegen die feindliche Hauptmacht an der Jser zufallen solle, der II. Armee die Abwehr der noch nachrückenden österreichischen Korps. Starke gegnerische Kräfte vermutete er bereits bei Reichenberg und wollte, um für die bevorstehende Schlacht stark genug zu sein, erst das Heranrücken der Elbarmee und des 1. Armeekorps abwarten. Die Elbarmee sollte über Stolpen mit der Vorhut bis Gabel heranrücken; er selbst erreichte mit seinem Heere am 23. Grottau und Friedland, so daß seine ganze Macht eng auf böhmischem Boden nahe vorwärts des südöstlichen Teiles von Sachsen versammelt stand. Eine solche Vereinigung vor der Entscheidung entsprach ganz den bis dahin herrschenden Anschauungen nach dem Grundsatze Napoleons »6e ä^bouonei- so masse". In Berlin ließen sich gewichtige Stimmen in gleichem Sinne vernehmen. Trotz des unvermeidlichen Zeitverlustes rieten sie zum Zusammenziehen der Armeen diesseits der Gebirgspässe, weil sie es jenseits für zu gefährlich Die I. und II. Armee überschreiten die Grenze 283 hielten. Aber Moltke blieb fest. Er war bei aller Ungewißheit der Lage überzeugt, daß die österreichische Armee jedenfalls noch nicht in ganzer Stärke im nördlichen Böhmen vereint sein könne. Teilen derselben aber waren die preußischen Heere auf alle Fälle überlegen. So erging denn am 22. Juni das denkwürdige Telegramm an beide Heeresgruppen, der kürzeste Befehl, der wohl jemals gleich große Ereignisse ins Rollen brachte: „Seine Majestät befehlen, daß beide Armeen in Böhmen einrücken und die Vereinigung in der Richtung auf Gitschin aufsuchen. Das 6. Korps bleibt bei Neisse verfügbar." Ein längeres Schreiben, welches die uns bekannte Lage auseinandersetzte, schloß mit der Mahnung an die I. Armee, durch rasches Vorgehen das Heraustreten der II. Armee aus den Gebirgspässen zu erleichtern. Erst sollte jedoch die Vereinigung mit Herwarth stattfinden, der am 23. Rumburg erreichte, es aber unterließ, den Prinzen davon zu benachrichtigen. Noch war vom Feinde wenig bekannt, nur österreichische Kavallerie vor der Front. Aber Prinz Friedrich Karl zweifelte an der Richtigkeit von Moltkes Annahme, daß die Österreicher noch nicht mit ihrer Hauptmacht im nördlichen Böhmen stehen könnten und ging am 24. mit vier Divisionen konzentrisch gegen Reichenberg vor. Als dieses frei gefunden wurde, setzte er den Marsch in der gleichen Versammlung der Kräfte noch bis südöstlich der Stadt fort uud machte am 25. halt, um die Elbarmee abzuwarten und die Verpflegung zu ordnen, die unter dem dichten Zusammenhalten der Streitkräfte litt. Am 2S. Juni traf die Elbarmee bei Gabel ein, ohne mehr als feindliche Reiterpatrouillen angetroffen zu haben. Tags darauf trieb ein neues Schreiben Moltkes zu lebhaftem Vorgehen an, um dem Feinde an der Jser zuvorzukommen. Der II. Armee in Schlesien war die beabsichtigte Offensive schon am 19. Juni abends angekündigt worden. Sie setzte das 1. Armeekorps daraufhin so in Marsch, daß es am 25. in Landshut eintreffen konnte. Mit dem 5. und Gardekorps marschierte der Kronprinz rechts ab; das 6. machte kurze Vorstöße auf österreichisches Gebiet, die irreführen sollten. Am 25. Juni abends standen das 1. Korps bei Liebau, die Garde bei Neurode, das 5. Korps bei Glatz, das 6. bei Patschkau, die Kavalleriedivision hinter dem rechten Flügel bei Waldenburg. Der Plan wurde gefaßt, unter Einfügung eines Ruhetages in die Märsche, am 28. Juni die obere Elbe zu erreichen, und zwar mit dem 1. Armeekorps über Trautenau bei Arnan, mit der Garde über Braunau und 284 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Eipel bei Königinhof, mit dem ö. Armeekorps über Glatz und Nachod bei Gradlitz. Die Gefahr eines solchen getrennten Vormarsches durch drei Gebirgsengen, namentlich für das S. Korps, war klar, aber der Erfolg hing davon ab, und er wurde gewagt. Dem linken Flügel sollte zudem das 6. Armeekorps folgen. 5 5 Benedeks untätiges Verharren in Mähren erregte bei allen denen Verwunderung, die die inneren Gründe nicht kannten. Der für kühn und verwegen gehaltene General schien Österreichs Bundesgenossen im Stiche zu lassen. Krismanic wollte erst alles fein säuberlich beisammen haben, bevor er zu Taten schritt. Feldherren, die sämtliche Vorbedingungen des Erfolges erst in ihrer Hand zu haben wünschen, ehe sie losschlagen, Pflegen aber den Augenblick zu versäumen, in dem der Sieg ihnen möglich war. Zudem will das Schicksal meist, daß sie auch den ersten Zweck nicht erreichen, weil die Ereignisse sie am Ende zwingen, doch früher als ursprünglich gedacht zu handeln. So erging es auch hier. Benedek traute sich in der Leitung großer Operationen zu wenig zu, um einzugreifen. Ein Telegramm Kaiser Franz Josefs aber mahnte am 16. Juni mit Rücksicht auf die Verhältnisse in Deutschland zum Aufbruch, ohne ihn bestimmt zu fordern. Am 17. Juni gab er, trotzdem noch einige Truppenteile zurückblieben, die Befehle dazu. Sie wurden mit Jubel in Empfang genommen. In drei großen Kolonnen setzte sich die Nordarmee in Bewegung. Rechts marschierten das 10., 4. und 6. Armeekorps sowie die 1. Reservekavalleriedivision über Mährisch-Trübau, Geiersberg, Solnitz, Opotschno auf Josefstadt, in der Mitte das 3. und 8. Korps mit der 3. Neservekavallerie- division auf der Straße von Brünn über Lettowitz, Wildenschwert, Tinist und Königgrätz ebenfalls auf Josefstadt, die linke, 2. Reservekavalleriedivision und Armeegeschützreserve über Politska, Leitomyschl und Hohenmauth auf Königgrätz. Am 26. Juni sollten die vordersten Korps der beiden Hauptkolonnen die zunächst auserwählte Stellung von Josefstadt und Groß-Bürglitz erreichen. Das 2. Korps und die 2. leichte Kavalleriedivision schützten den Marsch an der Grenze und sollten ihm dann folgen. Ruhetage wurden nicht gewährt; die Verpflegung sollte durch freihändigen Ankauf gesichert werden, was zur Folge hatte, daß wohl die ersten Korps gut lebten, die anderen aber Mangel litten. Die Eisenbahn wurde nur zum Provianttransport benutzt. Am 22. begab sich Benedek mit seinem Stäbe von Olmütz nach Böh- Benedeks Marsch nach Böhmen 285 misch-Trllbau. „Er war ganz ein Kind der Verhältnisse: Ungar von Geburt und Temperament, Großösterreicher von Erziehung, Beruf und Dankgefühl, zeigte er sich bald von Hoffnungen gehoben, bald von seiner Riesenaufgabe niedergedrückt." Am 24. Juni äußerte er sich auf einem Spaziergange zu seiner Umgebung: „Ich glaube, ich werde sie doch schlagen." Der Marsch glich etwa demjenigen Napoleons I. durch Franken vom 8. bis 13. Oktober 1806. Er wurde sehr anstrengend; es herrschte glühende Sonnenhitze, Stockungen traten mehrfach ein. Die Anstrengungen für die Truppen waren bedeutend. Aber selbst Krismanic drängte jetzt zur Eile. Am 28. sollten die 5 Armeekorps der rechten und mittleren Kolonne um Josefstadt vereinigt sein; denn schon kündigten die Nachrichten an, daß die Preußen von drei Seiten her gegen den von ihnen einzunehmenden Halbkreis heranrückten. Früher als sie den Mittelpunkt zu erreichen, war von größter Wichtigkeit. Nötigenfalls wollte man dort in einer Verteidigungsstellung die Schlacht annehmen; doch trug das Hauptquartier sich noch mit der Hoffnung, die Jser vielleicht vor den Preußen zu erreichen. Trotz den Beschwerden des Marsches in der Versammlung war das Heer guter Stimmung. „Kriegerischer Sinn beseelte die Truppen, von freudigster Zuversicht waren, mit Ausnahme vielleicht der obersten Spitzen, Offiziere wie Soldaten bewegt; sie unterschätzten den Gegner und hofften, ihn durch die Stürme ihrer Stoßtaktik über den Haufen zu rennen." Das Volk begleitete das Heer mit heißen Wünschen ins Feld. Reisende, die aus Böhmen nach Norddeutschland heimkehrten, weissagten den Preußen einen schlimmen Ausgang wegen der Begeisterung, die in ganz Osterreich und zumal bei seinen Truppen herrschte, während man bei uns angeblich nur mürrisch und der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, in den von einem ehrgeizigen Ministerpräsidenten entzündeten „Bruderkrieg" zöge. Die Truppen dachten freilich anders. Sie waren einstimmig entschlossen, ihre Schuldigkeit aufs Äußerste zu tun, und freuten sich, endlich einmal ihre Tüchtigkeit auf dem Schlachtfelde beweisen zu können. Pflichtgefühl und Disziplin aber wirken nachhaltiger als Begeisterung. Auf das Eintreffen der Bayern in Böhmen durfte Benedek seit einer ihm am 18. Juni zugehenden Mitteilung nicht mehr hoffen. Ohne Mithilfe der Bayern und Sachsen hielt er eine Offensive für gewagt. Infolge der Beschleunigung der Märsche traf das 10. Korps schon am 25. Juni zwischen Josefstadt und Schurz am rechten Elbufer ein und nahm Front nach Osten, während die 1. Reservekavalleriedivision seit dem Tage vorher bei Skalitz stand. Ihre Vorposten hielt sie an der Grenze. Die rechte Kolonne befand sich im Augenblick zwischen Opotschno und 236 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Gabel, die mittlere zwischen Tinist und Wamberg im Anmärsche. Ihre beiden vorderen Korps wurden angewiesen, schon am 26. die Linie Königinhof—Miletin zu erreichen. Dann konnte der Oberbefehlshaber wohl in die Lage kommen, die II. preußische Armee an den Gebirgspässen abzuwehren und mit der Masse seines Heeres früher als die I. an der Jser zu sein. Kronprinz Albert wurde ermächtigt, dort einstweilen den Oberbefehl zu übernehmen nnd Angriffen von Gabel oder Reichenberg her Widerstand zu leisten. Dabei sollten herankommende Teile der Hauptarmee ihn unterstützen oder aufnehmen, das Oberkommando werde am 26. in Josefstadt eintreffen. Kronprinz Albert fand an der Jser am 25. Juni die Kavalleriedivision Edelsheim bei Turnau, ein Regiment nach Schloß Sichrow und Liebenau vorgeschoben. Vom 1. österreichischen Korps standen 3 Brigaden in und um Münchengrätz, die 4. halbwegs nach Turnau. Die Übergänge von Podol und Laukow waren besetzt; die über Jungbunzlau heranrückende Brigade Ningelsheim wurde am folgenden Tage erwartet. Die Sachsen nahmen weiter abwärts ihre Stellung bei Bakofen und Jungbunzlau. Vortruppen waren an verschiedenen Stellen über den Fluß vorgeschoben. Der Kronprinz wollte zwar seine Aufstellung weiter nördlich nach Turnau— Münchengrätz hin verlegen, um das wichtige Gitschin zu sichern, über das nötigenfalls der Rückzug gehen mußte. Die Ermüdung der Truppen aber bewog ihn, diese Abänderung auf den 27. zu verschieben. Turnau blieb ohne Jnfanterieschutz, da dem General Clam-Gallas die Besetzung nur anheimgegeben war und dieser die Wichtigkeit des Überganges sowie die der Straße nach Gitschin verkannte. Obwohl Prinz Friedrich Karl noch am 25. die Meldung vom Eintreffen der Elbarmee bei Gabel erhielt, sandte er am 26. doch nur die 8. Division gegen Turnau vor. Sie trieb die feindliche Kavallerie nach kurzem Gefecht bei Schloß Sichrow nach Podol unter den Schutz der dort stehenden österreichischen Brigade Poschacher zurück. Turnau und Eisenbrod wurden von ihr geräumt gefunden; die österreichischen Eskadrons wichen auf Gitschin zurück. Nach Turnau ließ Prinz Friedrich Karl sogleich noch die 7. Division vorgehen, die zerstörte Brücke wieder gangbar machen und eine Pontonbrücke schlagen. Die 8. Division erhielt Befehl, die Brücke von Podol zwischen Turnau und Münchengrätz zu besetzen; die übrigen Truppen rückten in die frei werdende Unterkunft nach. Die Elbarmee ging bis Niemes—Oschitz vor, ihre Avantgarde noch bis Hühnerwasser, das sie besetzt fand, aber nach kurzem Gefechte nahm. Der Versuch der Österreicher, den Ort am Abend wieder zu nehmen, mißlang. Das erste nennenswerte Gefecht gegen Die Kämpfe um die Jserlüue 287 den neuen Feind und ehemaligen Bundesgenossen war für die Preußen sehr glücklich verlaufen. Sie hatten nur 4 Offiziere, 46 Mann, die Österreicher 13 Offiziere, 264 Mann verloren. Kronprinz Albert erhielt die Nachricht von der Räumung von Turnau und Hühnerwasser gleichzeitig mit einem Befehl Benedeks, die Jserlinie jedenfalls zu halten. Er beschloß, die verlorenen Übergänge sogleich wiederzunehmen; denn er deutete den Befehl dahin, daß Benedek beabsichtige, von der Jser aus gegen Prinz Friedrich Karl vorzugehen. Turnau sollte von der durch einige Jnfanteriebataillone verstärkten Kavalleriedivision wieder genommen werden, eine der österreichischen Brigaden — Poschacher — nach Podol, das sächsische Korps nach Münchengrätz heranrücken, wie er es ursprünglich beabsichtigt hatte. Das Nachtgefecht von podol am 26./27. Juni ^366 Die Brigade Poschacher brach um 9 Uhr abends auf, hatte aber kaum den halben Weg zurückgelegt, als von Podol her lebhaftes Gefecht herüberschallte. Eine Vorhut der preußischen 8. Division hatte inzwischen die österreichischen Vorposten zurückgeworfen und, dem Befehl des Prinzen Friedrich Karl entsprechend, die Brücke von Podol genommen. Zwar gelang es nun der herankommenden österreichischen Brigade, die in den Ort eingedrungenen preußischen Kompagnien wieder über die Brücke zurückzuwerfen, aber General v. Bose führte aus dem nahen Nachtlager des Gros der Division persönlich mehrere Bataillone vor, wies die Vorstöße der Österreicher auf dem rechten Jserufer zurück, nahm Podol abermals, machte im Dunkel viele Gefangene und eroberte am Ende auch die Brücken im Handgemenge wieder. Weiter vorzudringen war einstweilen nicht möglich, da der herbeigeeilt« General Clam Gallas auch noch die Brigade Abele herangerufen hatte, so daß die Überlegenheit der Österreicher zu groß geworden war. Ein Vorstoß, den sie unternahmen, um die Brücken nochmals zu besetzen, wurde jedoch zurückgewiesen. Um 1 Uhr nachts war das Gefecht beendet. Es hatte deutlich die überlegene Gewandtheit und Manneszucht der Preußen erwiesen; denn sie verloren nur 12 Offiziere, 118 Mann, die Österreicher aber nicht weniger als 33 Offiziere, 1015 Mann, darunter 427 unverwundete Gefangene. Die Stoßtaktik, die in der Nacht noch am ehesten angebracht ist, begann zu versagen. Die Übergänge über die obere Jser waren endgültig in preußischer Hand. — 288 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Der 27. Juni I.S66 Prinz Friedrich Karl erfuhr von diesen Vorgängen erst am 27. Juni abends. Elb- und I. Armee waren daher an diesem Tage im allgemeinen stehengeblieben und nur in sich aufgerückt. Für den 28. Juni war der Angriff auf Münchengrätz in Aussicht genommen. Wir wenden uns nun zur II. preußischen Armee, die im Begriff stand, aus dem Gebirge herauszutreten. Das 1. Korps lagerte am 26. Juni bei Liebau und Schömberg, die Garde, die die Grenze überschritten hatte, bei Braunau und Politz, das ö. Korps bei Reinerz. Die Vorhut dieses Korps aber besetzte am Nachmittage noch das am Ausgange des Gebirgspasses liegende böhmische Städtchen Nachod, von wo eine gemischte österreichische Abteilung nach kurzem Widerstande an der Mettaubrücke auf Wysokow abzog. Die Brücke fanden die Preußen zerstört, stellten sie aber wieder her und legten daneben zwei neue Übergänge an. Das 6. Korps hatte inzwischen Glatz und Landeck erreicht. Feldzeugmeister Benedek, der am 26. Juni vormittags in Josefstadt eingetroffen war, erhielt dort die Nachricht, daß starke preußische Kräfte schon vor Trautenau und Nachod erschienen seien, und sandte Mitteilung davon an den Kronprinzen Albert. Seine Absicht, gegen die I. preußische Armee aufzumarschieren, hatte er noch nicht aufgegeben. Allein die bedrohliche Nähe der II. bewog doch ihn, gegen diese mehr Kräfte stehen zu lassen, als für seinen Plan angemessen erschien. Schon war außer dem 10. das 4. Korps an der oberen Elbe angekommen; jetzt erhielt das nördlich Opotschno eingetroffene 6. Korps Befehl, am 27. nach Skalitz zu marschieren und eine Vorhut gegen Nachod zu entsenden; die 1. Reservekavalleriedivision wurde ihm unterstellt. Das 10. Korps aber sollte gleichzeitig nach Trautenau vorgehen, wo es die Windischgrätzdragoner schon vorfand, und ebenfalls noch eine Avantgarde weiter hinaussenden. Als Zweck des Vorgehens wurde beiden Korps die Sicherung des Aufmarsches der Armee bei Josefstadt bezeichnet, aber hinzugefügt, daß dies „nicht hindern solle, dem Gegner, wo er sich zeigt, mit aller Energie zu Leibe zu gehen". Diese Wendung war ganz in Benedeks Geist abgefaßt, barg aber die Gefahr, unbesonnenes Vorgehen und Teilniederlagen zu veranlassen. Für die mittlere und linke Kolonne seines Heeres befahl Benedek, daß das 8. Korps das von der Elbe vorgehende 10. ersetzen, das 3. an das 4. bei Königinhof heranrücken, die 2. und 3. Reservekavalleriedivision mit der Reserveartillerie nach Schmirsitz folgen sollten. Das 2. Korps und Benedek bei Josesstadt 289 die 2. leichte Kavalleriedivision, die ihre Aufgabe an der Grenze nunmehr erfüllt hatten, wurden zum 28. nach Josefstadt herangerufen. Das Gefecht von Nachod am 27. Juni ^866 (S. Skizze 26) Um 1^/2 Uhr in der Nacht zum 27. erhielt Feldmarschalleutnant Ram- ming, der Kommandierende des 6. österreichischen Korps, Benedeks Befehl und bog beim Vormarsche von Opotschno über Neustadt gegen Skalitz ein. Daß Nachod schon von den Preußen besetzt sei, erfuhr er nicht. Er wußte nur, daß sie dorthin im Anmarsch wären. Sein Korps bestand aus den 4 Brigaden Waldstätten, Hertwek, Nosen- zweig, Jonak, jede 7 Bataillone, 1 Batterie stark, dem Clam-Gallas- Ulanenregiment und der Geschützreserve von 6 Batterien. Die Brigaden Hertwek und Jonak sollten mit den Ulanen bis Wrchowin zusammen vorgehen, Hertwig sodann auf Wysokow, Jonak auf Kleny abbiegen. Die beiden andern Brigaden mit der Geschützreserve wurden anfänglich nach Skalitz bestimmt, die Brigade Rosenzweig aber, als die Nachricht von der Räumung von Nachod eintraf, auch noch nach Kleny gewiesen. So stand das Korps in drei Staffeln hintereinander auf der Anmarschlinie des Gegners. General v. Steinmetz, der Kommandierende des preußischen 6. Korps, hatte die 17. Jnfanteriebrigade, das Dragonerregiment 4 und 2 Batterien unter General v. Loewenfeld, dem Kommandeur der 9. Division, in die Avantgarde genommen. Die andere Brigade der 9. und die 10. Division, General v. Kirchbach, folgten als Gros. Das Dragonerregiment 8 vom 6. Armeekorps kam gleichfalls heran und wurde mit dem Kavallerieregiment der 10. Division, den 1. Ulanen, zu einer Brigade unter General v. Wnuck vereint. Der Vortrab der Avantgarde, der am Abend vorher Nachod besetzt hatte, traf am 27., schon morgens 8 Uhr, von Altstadt kommend, an dem Punkte ein, wo sich die beiden Chausseen nach Skalitz und Neustadt trennen. Dort erfuhr der Führer den Anmarsch der Österreicher von Süden her. Die Avantgarde, die eben bei Altstadt eingetroffen war, wurde nun links aus der Straße heraus nach dem steilen waldigen Höhenzuge vorgezogen, der von Wysokow in südöstlicher Richtung langgestreckt ansteigt. Dort wollte General v. Loewenfeld den Feinden den Weg verlegen. Einstweilen nahmen Teile des Vortrabs — nur ein Bataillon, eine halbe Jägerkompagnie und eine Batterie — auf der Höhe über dem Dorfe Wenzelsberg Stellung. Die schwache Abteilung hatte, kaum auf grhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 19 290 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung ihrem Posten angekommen, schon den Ansturm der vordersten österreichischen Brigade Hertwek auszuhalten. Entschlossen stieg diese mit ihrem ersten Treffen, unterstützt durch das Feuer der Batterie, eine schwache Schützenabteilung vor sich, den Hang hinan. Die Batterie aber wurde bald durch die preußische zum Zurückgehen gezwungen, und der Angriff L5/?- »V^ Preußischer Angriff aus den Höhcnrand bei Trautenan 295 beim Vorgehen allmählich drei Gruppen. Die Mitte ging durch die Stadt, besetzte die Häuser der Südseite, um von dort das Gefecht aufzunehmen. Schützen stiegen bis auf die Dachböden und Dächer, sahen aber bald ein, daß auch von dort gegen den überragenden Bergrand nicht viel auszurichten sei. Truppweise arbeiteten sie sich sodann aus Höfen und Hintergebäuden heraus den Abhang empor. Die rechte Gruppe, meist aus der Seitenkolonne von Schatzlar gebildet, ging teils durch die Stadt teils westlich um dieselbe herum, durch hohes Getreide begünstigt, gegen den linken Flügel der Österreicher vor. Ihr gelang es am Ende, den Galgenberg zu nehmen. Mittlerweile hatte auch das litthauische Dragonerregi- ment Trautenau westlich umgangen und prallte mit Teilen auf die noch durch eine Ulanenschwadron verstärkten Windischgrätzer. Es kam zu wildem Handgemenge, in das die Infanterie von beiden Seiten hineinschoß, — die preußische mit Recht, weil die Zahl der Ihren in dem Gewühl erheblich geringer war. Dann trennten sich die Gegner, sammelten sich wieder und beschränkten sich auf Beobachtung. Die linke Gruppe der preußischen Avantgarde drang, von einer Batterie, die mit ihr die Höhe erklomm, unterstützt, gegen den Hopfenberg vor. Der auf der Höhe nordöstlich Trautenau eingetroffene kommandierende General v. Bonin setzte die 2. Division gegen die österreichische rechte Flanke ein, doch nicht einheitlich und auch nicht vollständig, sondern erst 3, dann wieder 3 und schließlich noch 2 Bataillone. Jedesmal wurde dabei zur Eile gemahnt. Gablenz erkannte rechtzeitig die der Brigade Mondel drohende Gefahr und ließ sie gegen 1 Uhr nachmittags in die Stellung Neu-Rognitz—Sorge zu beideu Seiten der Straße nach Königinhof zurückgehen. Die preußischen Bataillone folgten. Das mißverständlich, jedoch mehrfach abgegebene Hornsignal „das Ganze sammeln" veranlaßte jedoch den größten Teil der Avantgarde, nach der Stadt zurückzukehren, ein Vorgang, der sich nur durch den Mangel an Kriegsgewohnheit und Selbständigkeit der Unterführer erklärt. So kam das Vorgehen in der Linie Hohenbruck—Alt-Nognitz zum Stehen. Die einzige der preußischen Infanterie unter den größten Schwierigkeiten gefolgte Batterie konnte allein gegen mehrere feindliche Batterien, die drüben erschienen, nicht aufkommen. Die Verbände hatten sich gemischt, die einheitliche Leitung aufgehört. Eine Gefechtspause trat etwa von 2 Uhr ab ein. Beim Generalkommando hatte man den Eindruck, daß der Feiud abzöge. General v. Bonin lehnte daher die Unterstützung der auf dem Wege nach Eipel gerade östlich Parschnitz vorbeimarschierenden 1. Gardedivision ab. 296 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Bald danach erwachte der fast verstummte Kanonendonner von neuem; der Feind ging von Neu-Nognitz wieder vor. Nun befahl General v. Bonin, der von seinem Standpunkte aus nur wenig Übersicht über das Gefechtsfeld hatte, daß die Reserve — die 2. Brigade — die Aupa überschreiten und sich hinter den vorn entwickelten 3 Bataillonen aufstellen sollte. Auch die Avantgarde sollte wieder vorgehen. Auf österreichischer Seite waren bei der Brigade Mondel zunächst 3 Batterien von der Reserveartillerie und der Brigade Grivicic eingetroffen. Dann kam diese Brigade init ihren 7 Bataillonen an, entwickelte sich rechts neben Mondel, griff Alt-Rvgnitz an, wurde zwar das erstemal abgewiesen, drang aber bei einem zweiten mit allen Kräften unternommenen Angriffe, der die preußische Liuke umfaßte, in das Dorf ein. Die Besatzung — etwa 2 Bataillone — wich über die Höhen fechtend auf Parschnitz zurück. Auf dem linken Flügel Mondels traf gegen 4 Uhr nachmittags die Brigade Wimpffen ein und ging, kräftig unterstützt durch die schon aufgefahrenen und neu ankommenden Batterien der Geschützreserve, beiderseits der Straße gegen Hohenbruck vor. 2 am Galgenberg und Kapcllenberg aufgefahrene preußische Batterien wichen vor der großen Überlegenheit der feindlichen Artillerie zurück. Andere auf den Höhen nördlich Trautenau stehende preußische Batterien konnten der Entfernung halber nicht wirksam eingreifen. Die Besatzung des tief im Grunde gelegenen Dorfes — 2^ Bataillone — räumte dieses und ging teils auf die Höhen südlich Trautenau, teils in der Richtung auf Kriblitz zurück. Die Unterstützung durch die Avantgarde blieb aus. General Großmann hatte den Befehl zum Vorgehen nicht erhalten, die Bataillone zwischen den beiden Dörfer räumten, nach dem Zurückgehen der Flügel, gleichfalls allmählich das Feld. Am Kapellenberge wiesen 2 Bataillone der Reserve — vom Infanterieregiment 43 — wiederholte Angriffe der Brigade Wimpffen erfolgreich ab. Um 5 Uhr war indessen auch die letzte österreichische Brigade Knebel eingetroffen. Der Angriff wurde erneuert. Zu dieser Zeit machte die preußische Reservekavallerie gerade den Versuch, durch die engen Straßen von Trautenau westlich hinaus vorzugehen, mußte aber vor dem feindlichen Artilleriefeuer wieder zurückkehren. Dies veranlaßte auch die noch in Trautenau verbliebenen Abteilungen, die Stadt zu verlassen. Die Nachricht verbreitete sich, der allgemeine Rückzug sei befohlen, und bewog auch noch andere Truppen, sich der Bewegung anzuschließen. Der Kapellenberg, zuletzt noch durch 2 schon stark zusammengeschmolzene Kompagnien unter H:urn?.a"n r. d. Tlsnitz tapfer verteidigt, wurde von den Österreichern erstürmt. Bei Kriblitz leistete das Grenadierregiment 3 eine Zeitlang wirk- Österreichischer Gegenangriff 297 samen Widerstand, folgte dann aber um 8 Uhr abends den übrigen Truppen im Aupatal auf Parschnitz. Diesmal hatte sich das Zusammenhalten der Kräfte, die einheitliche Verwendung der Jnfanteriemassen und mehrfach auch die Stoßtaktik gegenüber der Zersplitterung, wenngleich unter großen Opfern, bewährt. General v. Bonin verfügte noch über 5 ganz frische Bataillone, den größten Teil seiner Artillerie und Kavallerie, glaubte aber doch nicht, vorwärts der Gebirgsdefileen stehen bleiben zu dürfen, und befahl um 9 Uhr abends den Rückzug zu den Lagerplätzen und Unterkunftsorten des frühen Morgens. Die Österreicher hatten ihren Sieg teuer erkauft, nämlich durch einen Verlust von 191 Offizieren, 4596 Mann an Toten und Verwundeten, 8 Offizieren, 365 Mann an unverwundeten Gefangenen. Auf preußischer Seite blieben 56 Offiziere, 1196 Mann tot oder verwundet; 86 Mann wurden vermißt. Von diesen waren aber nicht einmal alle in Gefangenschaft geraten — ein gutes Zeichen für die Mannszucht der Truppe im Rückzugsgefecht. Die 1. Gardedivision hatte inzwischen — unbekümmert um das Gefecht in ihrer rechten Flanke — den Marsch nach Eipel fortgesetzt. Die 2. Gardedivision erreichte links daneben Kosteletz und ließ, auf die Nachricht vom bedenklichen Stande des Kampfes bei Nachod, die Avantgarde noch gegen Skalitz vorgehen. Ihre Kavallerie warf dabei einige feindliche Eskadrons in glücklicher Attacke zurück. -n >I° Zu erwähnen ist unter den Ereignissen des 27. Juni zum Schluß das Gefecht von Auschwitz (Oswiecim) an der oberschlesisch-galizischen Grenze. General Graf Stolberg hatte den Auftrag erhalten, gleichfalls auf österreichisches Gebiet vorzugehen und durchfurtete am frühen Morgen mit 2 Jnfanteriekompagnien, ^/z Jägerkompagnie, 3^ Bataillonen Landwehr 2. Aufgebots, 4 Landwehreskadrons und 2 Geschützen die Weichsel, warf die Vortruppen der zum Schutze Westgaliziens zurückgelassenen österreichischen Brigade Trentaglia zurück und erschien vor Oswiecim, wo ein Bataillon, 4 Geschütze und 2 Eskadrons jener Brigade standen. Die preußische Landwehrkavallerie griff die österreichischen Reiter erfolgreich an und machte eine Anzahl Gefangene. Es gelang aber nicht, den stark besetzten Bahnhof zu nehmen, und Graf Stolberg kehrte nach einem Verlust von 6 Offizieren, 166 Mann auf preußisches Gebiet zurück. Die Österreicher verloren 7 Offiziere, 71 Mann. 298 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Die Lage der II. preußischen Armee hatte sich an diesem Tage nicht unwesentlich geändert. Das 1. Armeekorps, das die Avantgarde hätte übernehmen, rüstig vorgehen und dadurch die Lage des 5. Korps erleichtern sollen, war hinter die Gebirgspässe zurückgeflutet. Der Kronprinz, der dem Gefecht von Nachod beigewohnt und schon befohlen hatte, daß die Garde am nächsten Tage dieses Korps unterstützte, mußte sie nunmehr beauftragen, über Eipel in Gablenz' rechte Flanke vorzugehen und Trau- tenau wieder zu nehmen. Von dem Erfolg hing das weitere ab. — Die Elbarmee ruhte am 27., die Gardelandwehrdivision kam zu ihr heran; die I. benutzte den Tag zum Aufschließen und Bereitstellen für den, mit Rücksicht auf jene Armee bis zum 28. aufgeschobenen Angriff von Münchengrätz. Benedek schwankte während des 27., ob er sich gegen die feindliche I. oder II. Armee wenden solle. Auf den Kanonendonner von Nachod hin beschloß er, das 8. Korps nach Dolan an das gefährdete 6. heranzuziehen. Auch das 4. sollte sich zu dessen Unterstützung bereithalten und nur eine Brigade dem 10. nähern. 4 Korps waren somit schon gegen die Armee des preußischen Kronprinzen verwendet. Trotzdem wurden die Befehle für den Marsch nach dem Westen noch bearbeitet, aber nicht mehr abgesendet, als die Niederlage von Nachod bekannt wurde. Die noch zurückgebliebenen Heeresteile erhielten die Ausforderung, den Marsch auf Josefstadt zu beeilen, die zur Unterstützung des 6. bestimmten zwei Korps noch näher an dieses herangezogen. Wider seinen Willen sah sich der Oberbefehlshaber vor den schlesischen Gebirgspässen festgehalten. An der Jser standen die Sachsen nördlich und westlich von Münchengrätz, das österreichische Korps dahinter. Die Offensive hatte Kronprinz Albert aufgegeben. Er wollte aber die Stadt behaupten, bis er klarer in die Absichten des Feldzeugmeisters sah. Der 28. Juni ^866 Wäre General v. Bonin stehen geblieben, wo er am Abend nach dem Gefecht von Trautenau stand, hätte er die Nacht benutzt, um die Ordnung herstellen und den Schießbedarf ergänzen zu lassen, so würde er am folgenden Tage die Gelegenheit gefunden haben, die erlittene Schlappe wieder gut zu machen. Der Schatten von Trautenau wäre nicht auf die ruhmvolle Geschichte des alten Jorckschen Korps gefallen. Die Nähe der Garde hätte ihn dazu veranlassen sollen. Jedenfalls hätten ihn die Öfterreicher daran nicht gehindert. Gablenz' Truppen waren durch die Anstrengungen und die schweren Verluste des verflossenen Tages viel zu sehr erschüttert, Lage der Heere am 28. Juni früh 299 UM noch weiter vordringen zu können. Der Feldzeugmeister hatte überdies in der Nacht seine Absichten noch geändert, als ihm die Kunde vom Vordringen der I. preußischen Armee über Eisenbrod und Turnau wurde. Er wollte die Korps von der Jser und die Hauptarmee einander nähern. Die beiden Korps des Kronprinzen von Sachsen sollten dazu rechts abmarschieren, die an der Aupa überflüssigen ihm entgegenrücken. Die Deckung gegen die II. preußische Armee würde fortan nur dem 10. und 4. Armeekorps übertragen werden. Gablenz hatte infolgedessen am 28. morgens 75/2 Uhr den Befehl erhalten, nach Praußnitz zurückzugehen. Er ließ sofort sein Fuhrwesen und die Geschützreserve »ach Königinhof aufbrechen und folgte mit den Brigaden Knebel, Wimpsfen und Mondel. Grivicic sollte nach Raatsch nahe westlich Eipel marschieren und dort als Nachhut Stellung nehmen. In diesen Marsch hinein stieß das preußische Gardekorps, das bekanntlich den Österreichern in die Flanke fallen und Trautenau wieder nehmen sollte. Das Gefecht von Burkersdorf am 23. Juni ^866 Feldmarschalleutnant Gablenz gewahrte den Anmarsch der Garde und ließ die Brigade Knebel mit 5 Batterien an der Chaussee nördlich Burkersdorf mit der Front nach Osten aufmarschieren, um seinen Abmarsch zu sichern. Die irrige Meldung, daß statt der erwarteten Brigade vom eigenen 4. Korps die preußischen Garden schon in Praußnitz eingerückt seien, veranlaßte ihn jedoch, den Rückzug alsbald fortsetzen zu lassen, und zwar westlich auf Pilnikau und Neuschloß. So konnte die Avantgarde der 1. Gardedivision ohne Mühe und erhebliche Verluste in die Stellung eindringen. Links neben Knebel hatte sich die Brigade Mondel zu entwickeln begonnen und wies einige preußische Kompagnien ab, folgte aber dann dem Rückzüge. Die Brigade Wimpffen beteiligte sich überhaupt nur mit ihrer Batterie am Kampfe und marschierte nach Pilnikau. Die Brigade Grivicic, die überdies den Befehl zum Abrücken erst um 9^/2 Uhr erhielt und zurzeit ganz ohne Kavallerie und Artillerie war, wurde auf diese Weise völlig allein, aber auch ohne Nachricht vom Vorgefallenen gelassen. Als sie auf ihrem Marsche nach Raatsch beim steinernen Kreuz südlich Rudersdorf ankam, stieß sie unvermutet auf ein Bataillon Kaiser-Franz-Grenadiere, das die über Eipel anmarschierende 2. Gardedivision mit Sicherung ihrer rechten Flanke beauftragt hatte. Es gelang ihr zwar, dies Bataillon zurückzuwerfen, aber ein zweites kam ihm zu Hilfe, und die Brigade wurde aufgehalten. 300 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Eine zweistündige Pause trat ein, während welcher Oberst Grivicic vergeblich auf einen Befehl wartete, aber auch die Gefahr, in der er schwebte, nicht erkannte. Erst als sich die ganze 2. preußische Gardedivision gegen ihn wendete, entschloß er sich zum Rückzüge. Es war aber schon zu spät, seine rechte Flanke umfaßt, seine Front wieder angegriffen; er selbst fiel schwer verwundet in preußische Hand, und die tapfer? Brigade, die tags zuvor die Hauptlast des Kampfes getragen und am meisten gelitten hatte, löste sich auf. 78 Offiziere, 2434 Mann fielen in Gefangenschaft, darunter eine Abteilung von S00—600 Mann, die sich abends einen Weg durch die preußischen Biwaks zu bahnen suchte. Nur etwa 2000 Mann kamen im Lager von Neuschloß an. Der Gesamtverlust des 10. österreichischen Korps betrug 85 Offiziere, 2823 Mann. Die preußische Garde, die zwischen Trautenau und Eipel lagerte, hatte nur einen Verlust von 23 Offizieren, 635 Mann tot und verwundet zu beklagen. Das Gefecht von Skalitz (S. Skizze 28) Auch weiter südlich wurde wieder gefochten wie gestern am 27. General v. Steinmetz befand sich am 23. vor einer großen Übermacht, dem 6., 4. und 8. österreichischen Korps. Ihm selbst floß nur die 22. Brigade vom 6. Armeekorps als Verstärkung zu. Dennoch gedachte er, sich nicht angreifen zu lassen, sondern vorzugehen. Er hatte sein Korps neu eingeteilt und stellte seine Avantgarde westlich, die 22. Brigade — Hoffmann — südlich, das Gros seines Korps östlich Wysokow auf und beauftragte General v. Loewenfeld, mit der bisherigen Avantgarde rechts über Studnitz vorzugehen. Eine feindliche Reitermasse, die aus Zlitsch heraustrat, wurde alsbald durch Loewenfelds Batterien vom Schaf-Berge her zur Umkehr gezwungen. Feindliche Batterien antworteten von Skalitz. Sofort entschloß sich Steinmetz zum Angriff, obgleich er um 10^ Uhr benachrichtigt wurde, daß er auf die Unterstützung des Gardekorps nicht rechnen könne. Das 8. österreichische Korps, zusammengesetzt wie die anderen, vom Feldmarschalleutnant Erzherzog Leopold befehligt, hatte nur 3 Brigaden zur Stelle. Am frühen Morgen löste es das 6. in erster Linie ab und entwickelte sich mit der Brigade Schulz südlich, mit den Brigaden Kreyßern und Fragnern nördlich Skalitz auf dem hohen Talrande der Aupa, diesen Fluß im Rücken. Beide Maßregeln waren nicht glücklich. Gelichtete Truppen, die man ablöst, halten sich meist von weiterer Teilnahme am Kampfe für entbunden, während sie in erster Linie immer noch Nutzen 302 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung gewähren und frische Kräfte ersparen können. Ein Gefecht mit steilem Abhang und einem nicht überall durchwatbaren Gewässer hinter sich, ist, wenn man nicht gerade, wie es Moltke bei Nisib vorschlug, die Truppen dadurch zum Widerstaude zwingen will, schon wegen der geringen Freiheit der Bewegung verderblich. Die Stellung hatte allerdings vorzügliches Schußfeld vor sich. Die Flügel wurden nördlich durch die Kavalleriebrigade Schindlöcker, südlich durch die Regimenter Erzherzog Karl- und Clam-Ulanen gesichert. Der Erzherzog hatte, Benedeks Absichten entsprechend, bis 2 Uhr nachmittags abzuwarten und dann den Marsch nach Westen anzutreten. Der Feldzeugmeister erschien aber selbst bei Skalitz und befahl den sofortigen Aufbruch. Diesen hielt der Erzherzog wegen der Nähe des Feindes mit Recht für bedenklich. Ohne Kampf kam er nicht mehr davon, und er nahm ihn daher an. General v. Steinmetz befahl der Kolonne Loewenfeld, die über Zlitsch höchst wirksam in die österreichische linke Flanke hätte vorstoßen können, von Studnitz her geradewcgs auf Skalitz zu marschieren. Seine S Brigaden mußten sich also vor dieser Stadt begegnen. Die napoleonische Lehre vom Zusammenhalten der Kräfte, mißverständlich angewendet, übte noch ihren Zauber aus. Zunächst drangen Loewenfelds Infanterie und die Avantgarde unter dem Schutze der bei Kleny in Stellung gebrachten Artillerie in den Eichwald ein, wohin die Österreicher ein Bataillon vorgeschoben hatten. Schnell und mit schwerem Verlust wurde dieses hinausgeworfen. Die Brigade Hoffmann folgte. Nun stand man eng gedrängt vor der schwer angreifbaren feindlichen Front. Es war darüber etwas nach Mittag geworden. Aber eine unerwartete Lösung trat ein. Der auf dem linken österreichischen Flügel mit seiner Brigade stehende General v. Fragnern entschloß sich zum Vorstoß gegen den noch gut gedeckten, wenig sichtbaren Feind. Dabei gerieten seine Bataillone aus der Richtung, wendeten sich mehr gegen die Eisenbahn als gegen den Eichwald und brachen bald unter dem preußischen Schnellfeuer zusammen. Die Batterie, die an der Straße Skalitz—Zlitsch auffahren wollte, „wurde in wenigen Minuten zusammengeschossen" und verlor 6 Geschütze. General v. Fragnern fiel, die Trümmer der Brigade fluteten nach Skalitz zurück; nur einzelne Abteilungen setzten sich auf Höhe 840 fest. Nicht genug damit — auch Oberst Baron Wöber von der Brigade Kreyßern führte jetzt sein Regiment vor, das unter dem preußischen Feuer mit Todesverachtung den vor ihm liegenden Eisenbahndamm überschritt, Die österreichische Stoßtaktik bei Skalitz 303 dann aber durch Salven und Schnellfeuer der rasch sich vor ihm entwickelnden preußischen Kompagnien und durch Flankenfeuer vom Gehege aus zum Stehen gebracht wurde und umkehrte. Seine Verluste waren schwer. Der herbeigeeilte Oberst v. Kreyßern fiel. Ein Vorstoß der verfolgenden Preußen gegen den Bahnhof wurde jedoch abgewiesen. Loewen- felds und Hoffmanns Infanterie sowie die der Avantgarde waren im Kampfe natürlich arg durcheinander geraten, der Raum vor der österreichischen Front von kämpfenden Abteilungen gefüllt. Das Gros — die 10. Division unter General v. Kirchbach — bog deshalb zum Teil nördlich gegen Zlitsch hin aus, um dann links zu schwenken. Zum Teil ging es durch den Eichwald und die Fasanerie vor. Die Artillerie bei Kleny wurde durch die Mehrzahl der noch verfügbaren Batterien verstärkt. Der preußische Gegenangriff schritt nun gewaltsam wie eine hereinbrechende Flut vorwärts. Die den rechten Flügel bildende 19. Brigade nahm umfassend die Höhe 840 fort; die 20. Brigade stürmte mit schlagenden Tambours und fliegenden Fahnen die Front — beim Bahnhof und nördlich davon —, die von den Resten der Brigade Kreyßern verteidigt wurde. Die Österreicher mußten in die Stadt zurück; eine brave Ulanenschwadron, die, einen Eisenbahndurchzug benutzend, den Angriff aufhalten wollte, verlor in wenigen Augenblicken 5V Mann. Auch in die Stadt drangen die preußischen Bataillone nach und machten noch viele Gefangene; die Artillerie, die beiden reitenden Batterien des 5. Korps, die noch nicht zu Schuß gekommen waren, voran, eilten zum Verfolgungsfeuer nach der Höhe östlich Skalitz. Nur die österreichische Brigade Schulz, die südlich Skalitz gestanden hatte und dann bei der Fabrik von Klein-Skalitz über die Aupa zurückgegangen war, hatte wenig gelitten. Bei Zagezd und Klein-Skalitz hielt General v. Steinmetz die Verfolgung an. Wiederum war ein Korps des Kaiserheeres halb zerstört durch einen Verlust von 205 Offizieren, 5372 Mann — darunter 15 Offiziere, 1287 Mann an unverwundeten Gefangenen. General v. Steinmetz bezahlte seinen glänzenden Sieg mit einer Einbuße von nur 62 Offizieren, 1306 Mann. Ein letzter Augenblick der Schicksalsgunst aber war für Osterreich ungenutzt verstrichen. Als der Feldzeugmeister früh bei Skalitz eintraf, hätte er im Laufe des Tages vier seiner Korps, 6., 8., 4. und 2., zum vernichtenden Schlage gegen Steinmetz vereinigen können. Allein er erkannte entweder die Lage nicht, oder es fehlte ihm der schnelle entscheidende Entschluß, vielleicht auch schon das Vertrauen auf die Truppen. 304 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Wir wenden uns nun nach der anderen Seite des Kriegstheaters. Kronprinz Albert war am 27. nicht angegriffen worden. Er erfuhr jedoch das nähere Heranrücken bedeutender preußischer Kräfte und fragte beim Feldzeugmeister an, ob er mit einem Abmarsch auf Sobotka einverstanden sei. Erst am 28. früh kam die Nachricht, daß das große Hauptquartier am 29. in Miletin, am 30. in Gitschin sei, sich also der Jser-Armee zuwenden werde. Inzwischen war jedoch der Abmarsch auf Sobotka und Unter-Bautzen im Gange. Bei Münchengrätz standen am rechten Jserufer aber noch die Vorposten der österreichischen Brigade Leiningen. Auf dem nordöstlich der Stadt am linken Ufer gelegenen Muskyberge hatte Clam-Gallas 2 Batterien und 2 Bataillone der Brigade Piret zurückgelassen. Das Gefecht von Münchengrätz am 23. Juni 1.866 Prinz Friedrich Karl glaubte noch an die Anwesenheit und den Widerstand starker feindlicher Kräfte, die er mit der Elbarmee um 9 Uhr früh in der Front, mit der I. nördlich umfassend angreifen wollte. Die 5. Division unter General v. Tümpling sollte sogleich bis Rowensko marschieren, Kavallerie bis Gitschin vorgehen. Die Elbarmee trieb die österreichischen Vorposten und drei zu ihrer Aufnahme bestimmte Bataillone bald unter empfindlichen Verlusten durch Münchengrätz auf den dahinter gelegenen Talrand zurück; doch gelang es ihnen noch, die Brücke in Brand zu setzen. Als dann der Kanonendonner vom Muskyberg nordöstlich der Stadt herüberschallte, zogen sie sich auf die vorwärts Fürstenbruck angehaltene Brigade Abele zurück. Die Batterien Clams hatten mittlerweile die anrückende rechte Flügeldivision der I. Armee in der Entwicklung aufgehalten. Als aber Bataillone der 7. Division von Norden her den Muskyberg östlich und westlich zu umfassen begannen, gingen die Österreicher auch von dort zurück. Die Preußen drängten über den Berg nach, brachten 2 Batterien heran, und die österreichische Brigade erlitt bei ihrem Abmärsche noch den erheblichen Verlust von 20 Offizieren und 1634 Mann, darunter wieder 732 unverwundete Gefangene. Die Preußen verloren nur 8 Offiziere, 333 Mann. Die beiden preußischen Armeen bezogen nun, eng versammelt, Lager um Münchengrätz; das 2. Armeekorps kam heran und nahm das seine zwischen Münchengrätz und Turnau; die 5. Division erreichte Rowensko, die Kavallerie fand Gitschin besetzt. Die Annahme, daß der bei Münchengrätz vergeblich gesuchte starke Feind auf Jungbunzlau abgezogen sei, veranlaßte Lage der Heere am 28. Juni abends 305 dann noch den Entwurf einer Rechtsschwenkung, und bei der Vorbereitung ein Nachtgefecht bei Podkost nordwestlich Sobotka, wo noch Vorposten der Brigade Ringelsheim in einer Enge standen, die dabei benutzt werden mußte. Die Armeen Friedrich Karls und des preußischen Kronprinzen standen nunmehr mit rechtwinklig zueinander gestellten Fronten nur 50 Kilometer in der Luftlinie voneinander entfernt. Die Ausführung der Absicht Be- nedeks, erst die eine, dann die andere zu schlagen, wurde immer schwieriger, seine Lage täglich bedenklicher. Der H. preußischen Armee fehlten allerdings im Augenblick — am 28. Juni abends — noch das 1. Armeekorps, das bei Liebau und Schönberg stehen geblieben, und das 6., das erst bis Rückerts in der Grafschaft Glatz nachgerückt war. Aber ihrem Herankommen stellte sich kein Hindernis mehr entgegen. Von der österreichischen Hauptarmee befand sich am Abend nur noch das 4. Korps westlich Skalitz vorwärts der Elbe, das 10. bei Neuschloß am Flusse selbst, alle übrigen Heerteile dahinter bis nach Miletin, wo seit dem 27. das 3. Armeekorps lagerte. Die Bewegung in der Richtung nach Westen war eingeleitet, durch die große Hitze aber erschwert, durch Wagenzüge und Truppenkreuzungen vielfach aufgehalten. Um 6 Uhr nachmittags wurden die Befehle für den Marsch an die Jser erlassen. Das 4. und 10. Korps sollten die starke Nachhut der Armee bilden, „in ihren vorgeschobenen Stellungen so lange als möglich ausharren und aus diesen nur im äußersten Notfalle weichen". Kronprinz Albert erhielt den Befehl, sich mit der Armee zu vereinigen. Ohne den ersten Gegner geschlagen zu haben, wollte Benedek sich dem zweiten zuwenden. Dann kamen die Hiobsposten von Burkersdorf und Skalitz. Sie führten zum Bewußtsein, daß die Rechnung ohne den Feind gemacht sei, und der Plan fiel. Der Feldzeugmeister entschloß sich schweren Herzens, die Armee in der früher für den ersten Aufmarsch ausersehenen Stellung bei Josefstadt zu versammeln, doch jetzt schon mit der Hauptfront gegen die II. preußische Armee. Er verzichtete auf die Offensive und ließ es sich an der Defensive genügen. Der 29. Juni Am nächsten Morgen wurden die Befehle dazu versendet. Den rechten Flügel sollten das 2. und 4. Korps mit der 1. Reserve- und der 2. leichten Kavalleriedivision bilden und sich bei Salnai nordöstlich Jaromer aufstellen. Dann folgten, Schurz und Königinhof vor der Front, das 6. und 8. mit den 2 andern Reservekavalleriedivisionen. Das 3. sollte bei Mi- Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 20 306 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung letin stehen bleiben, das 10. hinter die Front nach Dubenetz zurückgehen. Kronprinz Albert wurde benachrichtigt und angewiesen, sich „unter Vermeidung größerer Gefechte" heranzuziehen — eine Weisung, die meist nicht zum Guten führt. Aus diesen Befehlen, die noch Abänderungen erfuhren, ergab sich für die Armee ein neuer Tag großer Anstrengungen mit Kreuzungen, Aufenthalt und Stockungen aller Art. Ein Teil der Truppen hatte den Marsch schon, den älteren Befehlen entsprechend, angetreten und machte Umwege; einige erreichten erst am anderen Morgen ihr Ziel. Zudem ließ der rührige Feind auch diese Bewegung nicht ohne Störung geschehen. Das Gefecht von 5chweinschädel am 29. Juni l.366 (S. Skizze 29) Kronprinz Friedrich Wilhelm wollte die II. preußische Armee am 29. Juni in der Linie Gradlitz—Pilnikau vereinigen, um die Elblinie anzugreifen, sobald die I. Armee näher heran war. Freilich hatte das 4. österreichische Armeekorps, das dem 10. tags zuvor eine seiner Brigaden hatte zusenden müssen und nur drei stark war, seine Nachhutstellung nach den ersten Benedekschen Befehlen noch einnehmen können. Sie lag bei Schweinschädel, eine halbe deutsche Meile westlich Skalitz, zwischen dem Aupatale und dem steil eingeschnittenen Schwarzbach, etwas tief, aber sonst nicht unvorteilhaft. General v. Steinmetz, der bei Skalitz gegenüberstand, marschierte nun am Nachmittage, dem Befehl des Oberkommandos entsprechend, rechts über Zlitsch ab und ließ auf der großen Straße nach Jaromer und Josefstadt den Österreichern nur die 20. Brigade folgen. Diese eröffnete, über Trzebeschow vorgehend, das Gefecht. Ihr vorderes Regiment zwang vorgeschobene österreichische Batterien, trotz ihrem heftigen Feuer, zum Zurückgehen in die Hauptstellung. Dann zog sich die ganze Brigade in dem tiefen Einschnitte des Walowski- baches nordwärts bis nahe an Miskoles und entwickelte sich dort mit der Front gegen Südwesten, neben ihr links die sie begleitende Kavalleriebrigade Wnuck. Von der nach Gradlitz marschierenden Hauptkolonne bog General v. Kirchbach mit der 19. Jnfanteriebrigade und 5 Batterien, dem Geschützdonner folgend, auf schwierigen Engwegen nach Miskoles ab, ließ seine Artillerie auffahren und ging zum Angriff gegen Schweinschädel vor. Die Österreicher standen mit der Brigade Erzherzog Josef rechts, mit der Brigade Pöckh links von Schweinschädel, die Brigade Brandenstein hinter Pöckh, starke Artillerie in der Front. Der Kommandierende, Feld- Der Kronprinz von Preußen an der Elbe 307 l)ss Lesecii! von ZcnwcuvsmÄvLi. smA.^uni1666 M^sFS Vpq. krsnäensiein ^xH ^ ^i, „vs^ ^ A»-^ «-A ^ Mi's'suLen c!ii(1essss'psie^es'. 201 zgg VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung marschalleutnant Graf Festetics, hatte zwar den zweiten Befehl Benedeks mit der Weisung, sich nicht in nutzlose Gefechte einzulassen, schon erhalten, wollte jedoch, um seine Truppen nicht zu entmutigen, wie Louis Ferdinand bei Saalfeld erst einen Angriff zurückweisen und dann abmarschieren. Das lief auch hier übel ab. Wieder kam es zu einem Vorstoße aus der Front heraus den Preußen entgegen. Das war gerade das Richtige, um die Wirkung des Zündnadelgewehres zur Geltung zu bringen. Im Handgemenge wurde das zertrümmerte Regiment Erzherzog Josef zurückgeworfen. Es verlor an diesem Tage 29 Offiziere, 1114 Mann und 1 Fahne. Die Preußen — das Infanterieregiment 46 — drängten nach. Die zur Verteidigung eingerichtete Meierei am Nordende von Schweinschädel fiel in ihre Hand. Auch aus dem Wäldchen und der Schäferei westlich davon wurde die Brigade Pöckh geworfen, am Ende Sebuc genommen und behauptet. Nun zog das österreichische Korps, dem Armeebefehl entsprechend, aber um 39 Offiziere, 1411 Mann geschwächt, nach Salnai ab. Das S. preußische Korps marschierte verspätet bis Gradlitz, wo es in der Nacht eintraf. Das Gefecht von Aöniginhof am 29. Juni ^866 Mit geringem Verluste gewann unterdes die Garde den Übergang von Königinhof. Als Gablenz am 29. von Neuschloß abrückte, sandte er die Brigade Wimpffen, die tags zuvor nicht gefochten hatte, dorthin voraus; denn seine Straße trat ebenda für eine Strecke auf das linke Ufer über. Die Brigade kam noch durch, ebenso das Gros des Korps, bei dem sich auch die Brigade Fleischhacker vom 4. Korps befand. Diese ließ das Regiment Coronini zur Deckung des Überganges am Nordausgange der Stadt zurück. Die Spitze der preußischen Garde fand es bei ihrem Herankommen noch vor. Die beiden vordersten Bataillone griffen sofort an, brachten dem Gegner einen Verlust von 23 Offizieren, 597 Mann, 1 Fahne bei und warfen ihn über die Elbe zurück Die Brücke geriet in die Gewalt der Preußen, die nur 2 Offiziere, 68 Mann einbüßten. Sie gingen aber nicht weiter vor, da der Angriff auf die Höhen hinter der Elbe aufgeschoben wurde. Die beiderseitigen Batterien kanonierten bis zum Abend über das Elbtal hinweg. Die Garde bezog ihr Lager bei Königinhof. Das Gefecht von Gitschin am 29. Juni 1.366 (S. Skizze 30) Prinz Friedrich Karl wollte seine Truppen am 29. Juni, abgesehen von der Rechtsschwenkung, ruhen lassen, um die Verpflegung zu regeln, die Lage der Heere am 29. Juni 309 bei dem engen Zusammenhalten, das nun schon mehrere Tage andauerte, ernsthaft ins Stocken geraten war. Aber es kam nicht dazu, weil der König wiederholt telegraphisch die Erwartung aussprach, daß die I. Armee durch beschleunigtes Vorgehen die II. entlasten werde, „welche trotz einer Reihe siegreicher Gefechte, dennoch sich augenblicklich noch in einer schwierigen Lage befindet". Das Vorgehen der ganzen Armee gegen Jung- bunzlau, wo nichts vom Feinde stand, wurde dadurch glücklicherweise verhütet, die Richtung auf Gitschin mit starken Kräften eingeschlagen. Die 5. Division — Tümpling — sollte von Rowensko, die 3. — Werder — von Zehrow aus dorthin vorgehen, hinter letzterer die 7. Die 8. und 6. sollten am Abend bei Unter- und Oberbautzen bereit stehen, die Elbarmee Jung- bunzlau zu nehmen suchen. Kronprinz Albert von Sachsen wollte bei Gitschin tatsächlich ernsthaft standhalten. Die 1. leichte Kavalleriedivision war dahin schon vorausgegangen. Das 1. österreichische Korps folgte von Sobotka, wo es die Nacht zugebracht hatte, das sächsische von Unter-Bautzen. Beide vereinigten ihre Hauptkräfte um Gitschin. Die aus dem Hauptquartier vorliegenden Nachrichten sprachen noch von der Absicht des Feldzeugmeisters nach Gitschin zu kommen. Nachmittags traf dann der Befehl vom Abend des 23. über den Marsch der Hauptarmee nach Westen ein, demzufolge noch am 29. die Vorhut des 3. Korps von Miletin eintreffen konnte. Klarheit fehlte, aber die Notwendigkeit, sich bei Gitschin zu behaupten, schien doch aus allem hervorzugehen. Die gewählte Stellung bildete einen weiten Halbkreis vorwärts Gitschin von Markt Eisenstadtl, wo die Brigade Piret den rechten Flügel bildete, über den Brada-Berg hinweg, den die Brigade Poschacher hielt, nach Prachow, wo Abele stand und Ober-Lochow—Wohawetz, wo die Brigade Ringelsheim, die Nachhut bildend, auf der Chaussee von Sobotka eintraf. Brigade Leiningen, die Kavallerie und die Reserveartillerie hielten hinter der Mitte in Reserve. Die sächsische Division Stieglitz traf 10 Uhr vormittags bei Podhrad ein, die Reiterdivision mittags in Ketten. Die Division Schimpfs befand sich im Anmarsch auf Git- schinowes. Ein Angriff wurde an diesem Tage nicht mehr erwartet; ein Ruhetag war den Truppen dringend nötig. Meldung darüber ging an Benedek ab. Unerwartet erschien um 3^ Uhr nachmittags die Avantgarde der preußischen Division Tümpling auf der Turnauer Chaussee, entwickelte sich bei Kuischnitz gegen die Brigade Poschacher und drang, trotzdem ihr gegenüber sofort eine mächtige Nrtillerielinie am Brada-Berge erschien, das Cid- linatal benutzend, erst in Zames, dann auch in Podulsch ein. Schützen- 310 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung züge gelangten bis Diletz, Die österreichische Kavalleriebrigade Wallis, die dort stand, wich vor ihnen zurück. Auch gegen den Waldrand des Brada-Berges und den Sattel nördlich Prachow wendete sich die preußische Infanterie, den Kampf gegen die Brigade Abele aufnehmend. Aber bei ihrer geringen Zahl kam das Gefecht bald zum Stehen. Die 1. sächsische Brigade, schnell alarmiert, traf, be- vss öefsvnl von Kilscnin sm 23, ^um 136b. ? 75S00,^ ^ ^^M^^"^"^ ' FF /X»/?/,-^ 5/55/V>5/>»0^ YOi'g?^ ' s^- ^ s^s-/s ^osctisäbs^ x ^.^/ ^Wtz-V^ viv.V/er'ctsl ^ ^ />>?^6e/7 c!z Ä?s/s/'/'s/i7/??/' c!z ^s^ss/? gleitet von einer Anzahl Batterien, eiligst hinter der österreichischen Front ein, warf die preußischen Schützen aus Diletz wieder hinaus und verstärkte den rechten Flügel. Da lief um 7^ Uhr abends Benedeks Befehl zur Versammlung bei Josefstadt ein; die ganze Voraussetzung, unter der sich Kronprinz Albert zum Widerstande entschlossen hatte, wurde hinfällig. Zugleich meldete Ringelsheim, er werde bei Lochow von vierfacher Übermacht angegriffen. Entschluß des Kronprinzen von Sachsen zum Rückzug 311 Das war freilich weit übertrieben, wirkte aber durch das Zusammentreffen mit jenem Befehl um so mehr. Der Kronprinz entschloß sich zum Rückzüge. Eisenstadtl sollte durch die Brigade Piret zur Deckung noch gehalten werden, das sächsische Korps nach dem Zebin-Berge nordöstlich Gitschin zurückgehen, alles übrige, einschließlich der Brigade Ringelsheim dann bis hinter Gitschin folgen. So traf mit dem preußischen Angriff der Rückzug der Verbündeten zusammen, sür die es besser gewesen wäre, ihn auf den Einbruch der Dunkelheit zu verschieben. Die Schwierigkeiten, unter denen jener Angriff gelitten hätte, kamen auf diese Weise nicht zur Geltung. Sie bestanden darin, das infolge des Zusammenhaltens der Kräfte nach der Tiefe im Augenblick nur zwei Divisionen angreifen konnten und beide noch dazu durch den schwer zugänglichen Brada-Berg sowie die Prachower Felsen vollkommen getrennt waren. General v. Tümpling drängte lebhaft; Diletz wurde genommen, ein Teil der Besatzung zu Gefangenen gemacht, Kavallerie abgewiesen und endlich auch die Brigade Piret geworfen. Diese war noch vor Eingang des Befehls, Eisenstadtl zu halten, von dort — wie in der österreichischen Armee üblich — gegen Zames vorgebrochen. Sie scheiterte aber an dem preußischen Feuer, zu dessen Verstärkung General v. Tümpling sein letztes Bataillon einsetzte und ging nun sogleich auf Gitschin zurück. Auch die Brigade Poschacher hatte einen Vorstoß unternommen und Klein-Ginolitz erobert, aber dieser Erfolg erschwerte ihr den befohlenen Rückzug, der durch vielfach durchschnittenes Waldgelände führte. Vereinzelte Abteilungen fielen den sofort nachfolgenden Preußen in die Hände. Auch die Höhe des noch schwach besetzten Brada-Berges wurde von diesen genommen. Dann trat im Angriff durch die Verwundung des Divisionskommandeurs eine Pause ein, bis der nächstälteste General v. Kamienski herbeigeholt war und ihn wieder in Fluß brachte. Am Westausgange von Gitschin und in den engen Straßen der Stadt drängten sich inzwischen die zurückgehenden verbündeten Truppen zusammen. Es konnte bei der Eile nicht an Stockungen und Mißverständnissen fehlen. Die 3. preußische Division — Werder — war erst um 5^ Uhr auf die österreichische Brigade Ringelsheim gestoßen, die bei Lochow und Woha- wetz stand, rechts neben sich die Brigade Abele. Werders Avantgarde setzte sich schnell in Besitz der St. Anna Kuppe und der Waldränder gegenüber Unter-Lochow. Auch die Batterien gingen dahin vor. Preußische Abteilungen drangen in Unter-Lochow ein. Ober-Lochow aber war so stark besetzt, daß General v. Werder beschloß, mit dem Angriff über 312 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Wostrnschno auszuholen. Er setzte dorthin die 5. Brigade mit einer Batterie und seinem Husarenregiment in Bewegung. Inzwischen erfolgte ein Vorstoß aus Ober-Lochow gegen die Avantgarde. Er hatte anfangs Erfolg, kam dann aber zum Stehen, als die Preußische Infanterie aus Unter- Lochow gegen Wohawetz vordrang. General Baron Ringelsheim hatte, wie bekannt, den Eindruck, einer großen Überlegenheit gegenüberzustehen. Bald nach 8 Uhr, noch ehe die preußische Umgehungskolonne wirksam geworden war, trat er den Rückzug an. Der Angriff auf Wohawetz fand nur noch geringen Widerstand. Dort traf gegen 9 Uhr auch die 6. Brigade ein, und der gleichfalls anwesende kommandierende General des 2. Armeekorps v. Schmidt beschloß einen nächtlichen Angriff auf Gitschin. Die Dunkelheit hatte auch hier den Rückzug der Österreicher sehr erschwert und vielfache Verwirrung hervorgerufen. An Ringelsheims Stelle sollte eine sächsische Brigade die Sicherung Gitschins übernehmen, war aber noch nicht eingetroffen. So kam es, daß das vorderste preußische Bataillon in den unbewachten westlichen Ausgang der Stadt eindrang und erst auf dem Marktplatz unvermutet auf jene eben angekommene Brigade stieß. Von dieser ward es wieder hinausgedrängt. Ein zweiter Vorstoß, zur Befreiung abgeschnittener Mannschaften unternommen, stieß auf einen bereits verstärkten Gegner, und General v. Werder zog seine Infanterie bis 700 Meter westlich Gitschin zurück. Die Sachsen besetzten die Ausgänge. Trotzdem kam es noch zu einem neuen Angriff. General v. Kamienski hatte die 5. Division wieder in Bewegung gesetzt, von Diletz aus den Cidlina-Bach überschritten und erschien um Mitternacht von Norden her vor der Stadt. Ein verirrtes österreichisches Bataillon hielt den Vormarsch eine Zeitlang auf, ward aber zersprengt und zum Teil gefangen genommen. Der Widerstand am Stadteingange wurde durch Umfassung überwunden, und Gitschin ohne weiteren Kampf besetzt. Die sächsische Leibbrigade hatte es schon geräumt und den Rückmarsch fortgesetzt. Einige hundert Gefangene sielen den Siegern noch in die Hände. Die beiden preußischen Divisionen hatten zusammen einen Verlust von 71 Offizieren 1470 Mann zu beklagen. Der österreich-sächsische war viel bedeutender, wie es sich aus dem Zusammentreffen des feindlichen Angriffs mit dem Rückzugsentschluß ergab. Das nutzlos gewordene Gefecht kostete den Verbündeten 211 Offiziere, 5300 Mann, davon 52 Offiziere, 1938 Mann an unverwundeten Gefangenen. Es folgte für sie ein aufreibender Nachtmarsch, der nicht ohne Unordnung ablaufen konnte. Die Sachsen und die Kavalleriedivision Edelsheim gelangten am 30. bis Smidar, das Abreise König Wilhelms auf den Kriegsschauplatz 313 österreichische Korps, von der Preußischen Kavallerie bei Horitz einmal aufgescheucht, bis Sadowa, die Brigade Ringelsheim sogar bis nahe Königgrätz. Die bei Gitschin nicht beteiligt gewesenen Truppen Friedrich Karls schlössen bis Sobotka, Ober- und Unter-Bautzen auf. Die Kavallerie blieb zum Teil bei Turnau. Die Elbarmee war, nachdem sie Jungbunzlau frei gefunden hatte, bis in die Gegend von Brezno, östlich davon marschiert; die Gardelandwehrdivision folgte bis nahe an Münchengrätz. Der 30. Juni ^366 Obwohl Prinz Friedrich Karl seine Armee einer mehrtägigen Ruhe für bedürftig hielt, ließ er seine vorderen Divisionen, die 6.^ 7. und 8. am Nachmittage noch um einen halben Tagemarsch östlich und südöstlich Gitschin vorgehen. Die übrigen staffelten sich dahinter bis Gitschin; das Kavalleriekorps wurde auf der Straße nach Miletin hinter der vordersten Infanteriedivision untergebracht. Das 1. Gardedragonerregiment vom Kavalleriekorps nahm durch einen Marsch von 73 Kilometer die Verbindung mit der II. Armee bei Königinhof auf. Die Elbarmee rückte bis Liban vor. Osterreichische Nachzügler wurden noch vielfach aufgegriffen. Zum Gefecht aber kam es nicht. Die II. Armee blieb an der oberen Elbe stehen, da die Erkundungen zu der Ansicht führten, daß die Erzwingung des Überganges noch nicht rätlich sei. Die Absicht aber blieb es, die Vereinigung mit der II. Armee weiter vorwärts bei Miletin zu suchen. Im allgemeinen herrschte Ruhe. Nur bei Gradlitz kam es von 4 Uhr früh ab zu einer sechsstündigen Kanonade zwischen der österreichischen Artillerie und der des preußischen 5. Korps. Das 6. Korps rückte heute bis nahe nordöstlich Gradlitz heran. Der Feldzug gegen die Hannoveraner war beendet; die beiden großen Heere in Böhmen standen miteinander in Verbindung; der schöne Augenblick war gekommen, wo seit Friedrichs Zeiten zum ersten Male wieder ein König von Preußen den Oberbefehl über seine Kriegsmacht persönlich übernehmen konnte. Das große Hauptquartier verließ am 30. Juni früh Berlin. Von Kohlfurt aus erging der telegraphische Befehl: „Die II. Armee hat sich am linken Ufer der oberen Elbe zu behaupten, ihr rechter Flügel bereit, sich dem linken der vormarschierenden I. Armee über Königinhof anzuschließen. Die I. Armee rückt ohne Aufenthalt in der Richtung auf 314 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Königgrätz vor. Größere feindliche Streitkräfte in der rechten Flanke dieses Vormarsches soll General Herwarth angreifen und von der feindlichen Hauptmacht abdrängen." Der Schlußsatz rührte von der am 29. Juni im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl entstandenen irrigen Annahme her, daß die feindliche Jser-Armee größtenteils auf Jungbunzlau zurückgegangen sei. Abends traf der König in Reichenberg ein, wo er im Schlosse des bei Gitschin geschlagenen Grafen Clam-Gallas abstieg. — Drüben im Kaiserlichen Heere sah es trübe aus. Schwere Stunden traten für das Oberkommando ein. Das Vertrauen auf die Truppen und den Sieg ging verloren, als am 30. früh die Hiobspost von Gitschin ankam. Die Korps an der oberen Elbe waren wenig zur Ruhe gekommen. Die Bewegung der starken Heeresmassen auf engem Raum verursachten viel Mißverständnisse. Es kam vor, daß sich Truppen in der Dunkelheit gegenseitig beschossen. Die Kanonade von Gradlitz hielt sie stundenlang unter dem Gewehr. Am Nachmittage wiederholte sich dieselbe Szene. Am Ende erreichten sie folgende Plätze: das 1. Korps und die 1. Reservekavalleriedivision als rechter Flügel die Gegend nordwestlich Jaromer, in der Mitte das 2., 8. und 6. Korps mit der 2. leichten Kavalleriedivision eine Stellung mit der Front gegen die Brücke von Schurz, die 2. und 3. Reservekavalleriedivision als linker Flügel im Gelände vor dem Übergange von Königinhof. Das 10. Armeekorps stand hinter der Mitte, das 3. Korps nach wie vor bei Miletin. Daß die Offensive gegen Westen aufgegeben werden und die Armee sich auf die Verteidigung in ihrer Stellung beschränken müsse, war nunmehr unzweifelhaft klar. Auch diese, nach zwei Seiten hin gewendet, war ungünstig genug. 6 Korps hatten durch unglückliche Kämpfe und schwere Verluste schon arg gelitten; das 1. meldete, nicht mehr kampffähig zu sein. Die Einbuße wurde auf 30000 Mann geschätzt, das Selbstgefühl war stark erschüttert, die Ermüdung groß, Mangel aller Art fühlbar. Ein Rückzug wurde unvermeidlich und nachmittags um 3 Uhr der Abmarsch in eine neue Stellung nordwestlich von Königgrätz befohlen. Kronprinz Albert wurde beauftragt, seine Truppen bei Nechanitz zu vereinigen. Der Kaiser erhielt Meldung; der Aufbruch erfolgte im allgemeinen um Mitternacht. Der l- und 2. Juli Der Rückmarsch der österreichischen Armee fiel wiederum außerordentlich anstrengend aus, wie es bei dem Zusammendrängen so großer Truppenmassen erklärlich ist. Das Fuhrwesen hinter der Armee kam nicht vor- Die Versammlung der Österreicher nach rückwärts 315 wärts, sondern sperrte die Straßen. Es sollte hinter die Elbe abfahren, fand aber die der Festung Königgrätz zunächst gelegenen Übergänge durch künstliche Anstauungen unbenutzbar gemacht und mußte warten. Die Truppen standen vielfach stundenlang still. Zum Teil erst abends am 1. Juli und in der Nacht zum 2. trafen sie, trotzdem die Märsche in der Luftlinie nicht groß waren, an folgenden Punkten ein: (Vergl. Skizze 31.) das 2. Korps auf dem rechten Flügel bei Sendrasitz auf dem südlichen Ufer der Trotina, die 2. leichte Kavalleriedivision auf das nördliche Ufer vorgeschoben, das 4. Korps, die 2. Reservekavalleriedivision und das 8. Korps östlich und südlich von Nedelist, je eine ihrer Jnfanteriebrigadeu bei Maslowed und Horenowes zurückgelassen, das 3. Korps und links neben ihm die 3. Reservekavalleriedivision hinter dem Bistritzabschnitt südöstlich Sadowa, das 10. Korps bei Lipa, das 6. und die 2. Neservekavalleriedivision südöstlich Wsestar, das 1. bei Kuklena westlich Königgrätz, die 1. leichte Kavalleriedivisivn bei Stößer. Den äußersten linken Flügel bildeten die Sachsen mit der Division Schimpfs westlich Nieder-Prim, der Division Stieglitz bei Lubno, der Reiterdivision bei Nechanitz an der Bistritz. Der Feldzeugmeister begab sich mit seinem Stäbe nach der Prager Vorstadt. Die Eindrücke, die er beim Vorüberreiten an den Marschkolonnen von den übermüdeten, in gedrückter Stimmung dahinziehenden Truppen empfing, waren so ungünstig gewesen, daß er an jedem Erfolge ferneren Widerstandes verzweifelte. Zwar fand er in Königgrätz einen telegraphischen Ausdruck des Vertrauens vor, das der Kaiser in ihn setzte, aber auch dies vermochte ihn nicht aufzurichten. Den eben zum Zweck mündlicher Berichterstattung von Wien angekommenen Flügeladjutanten Oberstleutnant v. Beck forderte er auf, dem Kaiser zum Frieden zu raten und sandte, als dieser es verweigerte, das bekannte Telegramm an seinen Monarchen: „Bitte Euer Majestät dringend, den Frieden zu schließen; Katastrophe für Armee unvermeidlich." Beck hatte zum Rückzug hinter die Elblinie Pardubitz—Kolin geraten und der Generalstabschef ihm zugestimmt, Benedek sich aber noch nicht dazu entschlossen. Als nun kein Vormarsch der Preußen gemeldet wurde, als die in ihre Lager eingerückten Truppen sich durch einige Ruhe erholt hatten, und sich ein guter Geist bei ihnen kundgab, faßte er wieder Vertrauen. Als des Kaisers Antwort um 2 Uhr nachmittags ein- 316 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung traf: „Einen Frieden zu schließen unmöglich. Wenn Rückzug nötig, ist derselbe anzutreten. Hat eine Schlacht stattgefunden?" — befahl er, daß die Armee am 2. Juli in ihrer Stellung stehen bleiben solle. Auf den Höhen zwischen Nedelist und Lipa wurden Geländeverstärkungen angelegt, um die II. preußische Armee abzuhalten. An den Kaiser ging ein ruhiger gefaßtes langes Telegramm ab, in dem er als Ursache der großen Verluste das Zündnadelgewehr bezeichnete, „von dessen mörderischer Wirkung alle ohne Unterschied impressioniert bleiben, die im Gefecht waren". Er sprach dann vom Rückzüge auf Pardubitz am 3., aber auch von einem Offensivstoße falls sich die Gelegenheit dazu ergibt und davon, die Armee „so gut wie möglich" wieder nach Olmütz zu bringen. Zu voller Klarheit des Entschlusses war er noch nicht gekommen. Das trat hervor, als er mittags 2 Uhr seine Korpskommandanten um sich versammelte. Er erklärte ihnen nur, daß er der Armee in der augenblicklichen Stellung noch einige Tage Ruhe gewähren wolle. Auf die Bemerkung des Generals v. Edelsheim, daß die Preußen dazu keine Zeit lassen würden, ging er nicht ein. Jedenfalls erwartete er die Schlacht noch nicht am folgenden Tage. Übel für ihn war, daß er das Vertrauen auf seinen Stab, zumal dessen leitenden Geist, General Krismanic, eingebüßt hatte. Er verlangte dessen Ersetzung, aber auch Henikstein, der ihm näher stand und Graf Clam- Gallas wurden abberufen. Am 3. Juli früh übernahm General v. Baumgarten die Stellung des Generalstabschefs, General Graf Gondrecourt das 1. Korps. Auch ein Wechsel pflegt in solch kritischen Augenblicken nur selten gut zu wirken. Krismanic arbeitete noch am 3. die Befehle aus. Die bis zum Abend des 2. Juli eingehenden Nachrichten besagten, daß die II. preußische Armee hinter der oberen Elbe zwischen Gradlitz und Königinhof stehe, daß ein Regiment der I. in Cerekwitz an der Bistritz eingerückt sei, und daß Truppen derselben sich auch schon in Miletin und Dubenetz gezeigt hätten. Beruhigend wirkte, daß die besonders sorgfältig betriebene Aufklärung östlich der Elbe bis nach Neustadt hin ergab, daß dort noch keinerlei Gefahr vorläge, der Rücken der Armee und der Abmarsch nach Olmütz also noch nicht bedroht sei. Eine Katastrophe hätte für die Armee eintreten können, wenn die Sieger am 1. Juli verfolgten; doch das war nicht geschehen. Augenscheinlich wurden die beiden preußischen Oberkommandos von der Empfindung beherrscht, daß nunmehr die einleitenden Kämpfe, durch die sie sich den Weg zur Vereinigung hatten eröffnen müssen, siegreich bestanden seien. Jetzt erwarteten sie die Vereinigung und dann die entscheidende Schlacht, zu Keine enge Vereinigung zur Schlacht 317 der man, nach Napoleons I. Gesetz „in Masse vorrücken solle." Vom Kronprinzen war schon gemeldet worden, daß er am 2. gegen Miletin marschieren wolle, um die I. Armee zu treffen. Der Gedanke, daß der Feind durch weiteres getrenntes Vorgehen von neuem umfaßt, vielleicht umzingelt und wirklich in eine Katastrophe verwickelt werden könne, ist nicht erwogen worden. Das Ruhebedürfnis machte sich allerorten geltend. Die Fühlung mit dem Feinde ging darüber verloren, man glaubte ihn im Rückzüge auf Pardubitz; eine neu angelegte Operation gegen ihn mußte einsetzen. Prinz Friedrich Karl rückte mit seiner Armee, auf Grund des Kohl- furter Telegramms, in die Linie Miletin—Horitz—Baschnitz ein und ruhte dort am 2. Juli. Nur Avantgarden wurden weiter vorgeschoben. Den Kronprinzen veranlaßte dasselbe Telegramm, in seiner Stellung am linken Elbufer zu verbleiben und am 1. Juli früh nur das 1. Armeekorps über Ober-Praußnitz bis nahe an die Straße Gitschin—Miletin vorgehen, die 1. Kavalleriedivision bis südlich Arnau an die Elbe folgen zu lassen. Die Vorhut der 1. Gardedivision überschritt selbständig bei Königinhof die Elbe und ging noch 5 Kilometer südwestlich weiter vor. Weder der Abmarsch der Österreicher aus der nördlichen Stellung bei Josefstadt in die südliche bei Königgrätz, noch ihre Aufstellung in dieser wurden entdeckt. Die zahlreiche preußische Kavallerie stand unter dem Banne der Vorstellung von einer Neservekavallerie, die schon 60 Jahre früher bei Preußisch-Eylau verhängnisvoll wirkte. Sie beherrschte die höhere Führung des Heeres noch immer. Das große Hauptquartier war am 1. Juli von Reichenberg nach Schloß Sichrow gegangen. In Moltkes Sinne lag eine unmittelbare Vereinigung der Armeen durchaus nicht. Sie waren einander nahe genug, um des Zusammenwirkens und der gegenseitigen Unterstützung sicher zu sein und behielten mehr Freiheit der Bewegung, wenn sie in der Trennung verharrten. Die Absicht der II. Armee, nach Miletin zu marschieren, ließ ein zu enges Zusammendrängen der Massen befürchten, dessen üble Folgen man bei der I. Armee eben erfahren hatte. Er fuhr daher nach Gitschin, beschied von jeder Armee einen Generalstabsoffizier dorthin und ordnete das Stehenbleiben beider Armeen an, das diesen um so lieber war, als die Verpflegung tatsächlich noch der Ordnung bedürfte und die Ermattung der Truppen viel Marschverluste verursachte. Nur die Elbarmee sollte am 2. Juli von Liban nach Smidar heranrücken. Alle allgemeineren Bewegungen wurden auf den 3. Juli verschoben und 318 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung von dem Ergebnis der Erkundungen abhängig gemacht, die auch auf das linke Elbufer in der Richtung gegen die Aupa und Mettau ausgedehnt wurden. Moltke erwog, daß die Österreicher wohl in der starken Stellung hinter der Elbe zwischen den beiden Festungen Josefstadt und Königgrätz stehen konnten oder schon abmarschiert seien. Er wollte sich dennoch die Freiheit offen halten, je nach den Umständen mit der Armee zu beiden Seiten der Elbe südlich vorzugehen oder die Hauptkräfte am rechten Ufer auf Par- dubitz in Bewegung zu setzen. Den unwahrscheinlichen Fall, daß sie noch vorwärts der Elbe stehen bleiben würden, um sich dort angreifen zu lassen, zog er trotzdem insofern in Betracht, als er in dem seine Auffassung wiedergebenden Befehl anordnete, daß größere Streitkräfte des Feindes, die sich dort befinden sollten, sofort mit Überlegenheit anzugreifen seien. Daß nicht nur ein Teil, sondern die ganze Armee vorwärts der Elbe stand, hat ihn überrascht, aber es war eine freudige Überraschung. Die I. preußische und die österreichische Armee standen sich schon zu nahe gegenüber, als daß ihre Anwesenheit verborgen bleiben konnte. Der Vorabend von Solferino sollte keine neue Auflage erleben. Die preußischen Vorposten bei Cerekwitz erkannten ein österreichisches Lager bei Lipa und hörten, daß den ganzen 1. Juli über Truppen von Groß-Bürglitz dorthin marschiert seien, ein Offizier hatte Benatek besetzt gefunden, ein Kavallerieregiment, das gegen Josefstadt vorging, beobachtete größere Massen feindlicher Infanterie. Diese Nachrichten liefen im Hauptquartier der I. Armee am Nachmittage ein. Dann kam zwischen 6 und 7 Uhr Major v. Unger vom Generalstabe des Prinzen Friedrich Karl von einem Erkundungsritt zurück. Er hatte die österreichischen Vorposten kühn durchbrochen und bei Dub eine Brigade auf Vorposten, das 3. österreichische Korps bei Sadowa, das 10. bei Langenhof, das 1. weiter zurück gegen Königgrätz, die Sachsen bei Problus gefunden. Der Vorhang war gelüftet. Prinz Friedrich Karl glaubte an einen Angriff, den Benedek gegen ihn vorhabe. Er entschloß sich aber doch sofort zu einem Gegenangriff und stellte seine Truppen noch in der Nacht und am frühen Morgen eng versammelt an der Straße Horitz—Sadowa bereit. General v. Herwarth sollte mit soviel von seinen Truppen wie möglich und auch so früh als angängig nach Nechanitz vorrücken. Der Kronprinz wurde gebeten, mit einem Korps oder mehr über Königinho heranzukommen und den linken Flügel der I. Armee gegen Angriffe zu schützen, die von Josefstadt ausgehen würden. Dann eilte der Chef des Generalstabes der I. Armee, General v. Voigts- Am Vorabend der großen Entscheidung 319 Rhetz in das am 2. Juli nach Gitschin verlegte Königliche Hauptquartier, um Absicht und Anordnungen des Prinzen zu melden. Besser als die enge Versammlung wäre es vielleicht gewesen, in breiter Front gegen die 12 Kilometer lange Linie von Problus bis Benatek, in der die Österreicher entdeckt worden waren, vorzugehen, die Elbarmee aber, weiter ausholend, gegen ihre linke, zwei Korps der II. Armee gegen die rechte Flanke umfassend eingreifen zu lassen. Dann waren noch zwei Korps der letzteren bereit, um vom linken Elbufer her im Rücken der Österreicher auf dem Schlachtfelde zu erscheinen, und eine Umzingelung wäre nicht ausgeschlossen gewesen. Aber jetzt war es zu spät dazu, selbst wenn daran gedacht worden ist. Die Truppen der I. Armee befanden sich bereits auf dem Marsche, und nichts ist gefährlicher, als eine in Gang gebrachte Bewegung großer Heeresmassen in letzter Stunde abzuändern. Selbst wenn man glaubt, daß diese Bewegung nicht die beste ist, die sich hätte anordnen lassen, tut man gut, damit zu rechnen und das Einrenken auf den nächsten günstigen Augenblick zu verschieben. Heereskörper wollen, wie ein empfindsames Pferd, mit leichtem Zügel gelenkt werden.- So erklärte sich auch Moltke augenblicklich einverstanden, hielt dem Könige Vortrag, benachrichtigte die II. Armee uud befahl ihr „mit allen Kräften zur Unterstützung der I. Armee gegen die rechte Flanke des voraussichtlichen feindlichen Anmarsches vorzurücken und dabei so bald als möglich einzugreifen." Ganz ebenso hatte sich der Kronprinz entschlossen, als er Friedrich Karls erste Aufforderung erhielt. Dann war sein Stabschef Blumenthal aus Gitschin zurückgekommen, wohin er vergebens geeilt war, um noch einmal Moltke zur örtlichen Vereinigung beider Armeen am rechten Elbufer zu überreden. Er hielt daher die Ausführung der Absicht seines Oberbefehlshabers nicht für zulässig. Dann aber hob um 4 Uhr morgens die Ankunft des Allerhöchsten Befehls alle Zweifel. Der überbringende Flügeladjutant, Oberstleutnant Graf Finckenstein, der in 4 Stunden den nächtlichen Ritt von 35 Kilometern zurücklegte, hatte zugleich beim I. Armeekorps eine Abschrift übergeben. Es konnte, seiner Stellung nach, als das nächste zuerst zur Stelle sein. Um 5 Uhr früh schon gab der Kronprinz seine Befehle. Die II. Armee sollte auf 4 Straßen vorrücken — alle 4 am rechten Elbufer, nämlich: das 1. Armeekorps, gefolgt von der Kavalleriedivision, auf Groß-Bürglitz, das Gardekorps auf Lhotka, nordwestlich Groß-Bürglitz, das 6. Armeekorps, unter Beobachtung von Josefstadt, nach Welchow, westlich Jaromer, 320 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung das 5. zwei Stunden später nach Choteborek, östlich Groß-Bürg- litz. - Bei der Elbarmee, die 12^ Uhr nachts den Befehl des Prinzen Friedrich Karl erhielt, glaubte man nicht an einen Vorstoß der Österreicher, sondern daran, daß sie die Bistritz halten wollten. General v. Herwarth ordnete den Aufbruch für 3 Uhr früh an und wollte mit der 15. und 16. Division auf Nechanitz, mit der 14. auf Lodin, dicht westlich Sucha, vorgehen. Die Reserveartillerie sollte nach Nechanitz, die Gardelandwehrdivision gegen Neu-Bidschow folgen. Der Angriff galt dem linken Flügel und der Flanke des Feindes. Alle Teile der preußischen Armee in Böhmen erhielten, dank der tüchtigen Arbeit des Generalstabes, nachts noch rechtzeitig die Befehle, um im Laufe des 3. Juli zur Stelle sein zu können. Auch Benedek hatte, nachdem er um 4 Uhr nachmittags dem Kaiser gemeldet, „daß er einen weiteren Rückzug nicht notwendig zu haben hoffe", noch Nachrichten erhalten, die einen preußischen Angriff wahrscheinlich machten. Der Kronprinz von Sachsen meldete die Annäherung des Gegners bei Nechanitz und bat um Verhaltungsmaßregeln. Jedenfalls standen feindliche Vorposten bereits nahe vor den österreichischen Stellungen. Noch in der Nacht wurden daher Befehle für eine am 3. Juli möglicherweise bevorstehende Schlacht erlassen. Die Bearbeitung währte jedoch bis 2 Uhr morgens, und erst zwischen 4 und 5 Uhr früh waren sie in den Händen der Truppen. Die Schlacht von Röniggräh am 3. Iuli 1^866 (S. Skizze 31) Der Feldzeugmeister hatte angeordnet, daß die Armee sich auf den Höhen von Chlum und Problus mit zwei verschiedenen Fronten aufstellen solle. Die eine davon war nach Westen gegen die Bistritz gerichtet und reichte von Lipa westlich Chlum, etwas über 5 Kilometer lang, bis zur Straße Lubno—Niederprim hinab. Sie war bestimmt, die Verteidigungslinie gegen die I. preußische Armee und die Elbarmee zu bilden. Die andere Front schloß sich, nach Norden gewendet, bei Lipa an die Hauptfront an, setzte sich von dort, an Chlum und Nedelist nördlich vorüber, bis zur Elbe nach Lochenitz fort. In dieser 4'/, Kilometer messenden Linie svllte die II. preußische Armee abgewehrt werden. Im Mittelpunkte des so gebildeten Halbkreises wurden die Reserven angehäuft, nicht weniger als 2 Armeekorps, 3 Kavalleriedivisionen und die Artilleriereserve der Armee. In der Ausstellung der Österreicher bei Königgrätz 321 vorderen Gefechtslinie waren künstliche Verstärkungen in Angriff genommen; hinter der Armee im ganzen 6 Kriegsbrücken geschlagen, davon 2 südlich, 4 nördlich von Königgrätz. Der allgemeine Rückzug sollte im Notfalle die Richtung auf Brünn nehmen. Überblickt man diese eng gedrängte Schlachtaufstellung mit den bedeutenden zurückgehaltenen Kräften, so gelangt man zu der Vermutung, daß der Feldzeugmeister erst die eine oder beide preußische Armeen habe abweisen wollen, um dann zu der so oft geträumten Offensive zu schreiten und mit Übermacht auf die eine oder andere zu fallen. Allein es kam anders. Zunächst wurde die Aufstellung nicht so ge- Frhr. v. d. Goltz, Krlegsgeschlcht- II 21 322 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung nommen, wie Benedek sie gewollt hatte. Auf dem rechten Flügel der westlichen Front hatten das 3. und 10. Korps starke Teile in das Bistritztal vorgeschoben, die am Morgen, als sie auf die Höhe zurückgezogen werden sollten, schon von den Preußen festgehalten wurden. Die Sachsen wieder, die auf dem linken Flügel dieser Front an der Bistritz hätten stehen sollen, fanden dort das Gelände für eine Verteidigung so ungünstig, daß sie auf die Höhen zurückgingen. Die nach Norden gewendete Front kam überhaupt nicht zustande, weil das 4. Korps, um seiner bei Maslowed verbliebenen, früh in den Kampf verwickelten Brigade Brandenstein näher zu sein, vorging, und weil das 2., das rechts neben ihm hatte stehen sollen, glaubte, die Vorwärtsbewegung mitmachen zu müssen. Dabei wirkte auch die Rücksicht ein, daß die von Benedek bestimmte Front Lochenitz—Chlum durch die vorliegenden Höhen von Maslowed und Horenowes weit überragt worden wäre. Die Armee bot also der des preußischen Kronprinzen die fast offene rechte Flanke dar; denn die ganze Front wendete sich tatsächlich gegen Westen und Nordwesten. Sie bildete eine 8500 Meter lange, von Horenowes bis Nieder-Prim reichende, ziemlich gerade Linie. In dieser stand schließlich auf dem äußersten rechten Flügel südlich Horenowes das 2. Korps. Es hatte nur die Brigade Henriquez bei Sendrasitz zum Schutz der rechten Flanke zurückgelassen. Dorf und Höhe von Maslowed hielt das 4. Korps. Bei Cistowes und Sadowa, aus der Hauptlinie gegen die Bistritz vorgeschoben, finden wir das 3. Korps, das 10. links daneben teils bei Chlum, teils von Unterdohalitz bis Mokrowous am Flusse selbst. Dann folgten weiter links, aber wieder in der Hauptlinie zurückgezogen, die Sachsen bei Problus und Nieder-Prim, links hinter ihnen die 1. leichte Kavalleriedivision bei Oberprim. Zum weiteren Schutze für den linken Flügel, auf dem Benedek die dringendste Gefahr vermutete, war das 8. Korps hinter den Sachsen nach dem Walde von Briza herangerückt. Die Brigade Wöber dieses Korps befand sich noch im Anmarsch von Maslowed her, die Brigade Rothkirch an der schlesischen Grenze. In dem ebenen Gelände zwischen Wsestar und Stresetitz standen rechts das 6., links das 1. Korps, rechts daneben bei Rosberitz die 1. Reservekavalleriedivision und die Armeegeschützreserve, links gegen Stresetitz vorgeschoben die 3., rückwärts bei Briza die 2. Neservekavalleriedivisiou. Diese ganze Truppenmasse sollte als Rückhalt in Benedeks Hand bleiben, um den Ausschlag zu geben; doch lehrt ein Blick auf die Karte, daß sie eigentlich einen Teil der Schlachtfront bildete und den leeren Raum füllte, den das Vorgehen des 3. und 10. Korps in dieser freigelassen hatte. Anmarsch des Prinzen Friedrich Karl 323 Gegen den rechten Flügel und die Mitte der Front rückte am 3. Juli in voller Frühe Prinz Friedrich Karl mit der I. preußischen Armee heran. Noch vor Tagesanbruch standen seine Truppen an den ihnen zugewiesenen Plätzen, nämlich, vom linken Flügel angefangen, die 7. Division bei Cerekwitz, die 8. bei Milowitz, die 5. und 6. unter gemeinsamem Befehl des Generals v. Manstein bei Horitz (Horschitz), das 2. Armeekorps mit beiden Divisionen zwischen Milowitz und Sucha. Das Kavalleriekorps sollte sich ans den Lagerplätzen, die Reserveartillerie bei Horitz bereit halten. General v. Herwarth erweiterte seinen Auftrag sofort dahin, daß er mit der ganzen Elbarmee in der Richtung ans Nechanitz und gegen die linke Flanke der Österreicher vorzugehen beschloß. Bekanntlich dachte Prinz Friedrich Karl anfänglich an die Möglichkeit eines Vorstoßes der Österreicher von der Bistritz aus. Als aber um 6 Uhr früh von einem solchen noch kein Anzeichen vorlag, befahl er seinerseits das Vorgehen. Freilich war vorerst noch kein entscheidender Angriff beabsichtigt, da das Eingreifen der II. Armee nicht vor der Mittagsstunde erwartet werden konnte. Festgehalten aber mußte die feindliche Armee auf alle Fälle werden, mochte die I. Armee sich zunächst auch großer Übermacht gegenüber allein befinden. General v. Horn erhielt daher Befehl, mit seiner, der 8., Division auf der Chaussee nach Sadowa anzutreten. Die Divisionen des 2. Armeekorps die 3., Werder, und die 4., Herwarth, sollten mit ihr in gleicher Höh, vorgehen die 7., Fransecky, aber von Cerekwitz aufbrechen, sobald sie Gefecht bei Sadowa hörte, um in dasselbe einzugreifen. Das Dorf Dub wurde von den österreichischen Vorposten, die dort die Nacht hindurch noch gestanden hatten, ohne Kampf geräumt; um 7 Uhr jedoch eröffneten die österreichischen Batterien das Feuer gegen die Vorhut Horns. Die Schlacht hatte begonnen. Bald nach 8 Uhr traf König Wilhelm mit seinem Gefolge auf der Höhe von Dub ein, vom Jubel seiner Truppen begrüßt, und befahl den Angriff auf die Bistritzlinie, General v. Horn vermied einen verlustreichen Kampf um das verteidigungsfähige Dorf Sadowa, ging mit dein Hauptteil seiner Division bei Sowetitz über den Fluß, nahm das Skalkagehölz, das nach kurzem Gefecht von den Gegnern geräumt wurde, und wendete sich südlich gegen die Chaussee, so daß die Besatzung von Sadowa auch diesen Ort verlassen mußte, um nicht abgeschnitten zu werden. Die zur Division gehörige Brigade Bose drang sogar in den dicht verwachsenen Holamald und in Ober-Dohalitz ein; die Truppen sammelten sich dann hinter dem Holawalde. 21* 324 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Die Vorhut der 4. Division nahm gleichzeitig die südlich Sadowa gelegene Zuckerfabrik, durchwatete den Fluß, besetzte Unter-Dohalitz und folgte den auch dort abziehenden Österreichern bis in die Höhe von Ober-Dohalitz, während die Division selbst die Brücke von Sadowa zum Übergange benutzte und sich südlich der Chaussee aufstellte. Rechts daneben besetzte die 3. Division Mokrowous und Dohalicka nach kurzem Widerstande. Nunmehr aber befanden sich die 3 preußischen Divisionen einer mächtigen Artillerielinie gegenüber, welche von den beiden, jetzt in die ausersehene Schlachtlinie zurückgehenden österreichischen Korps — dem 3. und 10. — auf der Höhe zwischen Lipa und Langenhof entwickelt wurde. Sie verstärkte sich bald bis auf 160 Geschütze und hielt die flachen Hänge vor sich derart unter Feuer, daß an ein weiteres Vordringen um so weniger zu denken war, als die eigene Artillerie es über das Bistritztal hinweg nicht hätte unterstützen können. Inzwischen war auch die 7. Division seit 7^ Uhr früh gegen das Gefechtsfeld im Anmarsch. Bei Benatek erhielt der Führer ihrer Avantgarde, General v. Gordon, die Meldung, daß 4 österreichische Bataillone von Maslowed her in den nahe südlich gelegenen Bergwald — den Swiep- wald — eingerückt seien und entschloß sich zum Angriff. Die Divisionsartillerie unterstützte diesen von Benatek her. Der auf den damaligen preußischen Karten nicht verzeichnete Wald war stark besetzt; es hatten in demselben noch Vorpostenbataillone vom 4. und 3. österreichischen Korps gestanden. Der Kampf gestaltete sich daher von Beginn an sehr lebhaft. Österreichische Artillerie fuhr bei Maslowed und Cistowes auf, um den Anmarsch der preußischen Bataillone zu beschießen, die trotzdem unaufhaltsam vorgingen, den Wald sogar durchschritten und Cistowes nahmen. Es war das Regiment 27, von seinem Kommandeur, Oberst v. Zychlinski, geführt. Die vorderen Bataillone des Gros folgten, auch der Divisions- Kommandcur, General v. Fransecky, traf auf dem Gefechtsfelde ein. Die österreichische Brigade Brandenstein vom 4. Korps, die den Kampf hauptsächlich durchführte, ging unter Heranziehung ihrer letzten Bataillone von Osten her zum Gegenangriff vor, nötigte die preußischen Batterien vorübergehend zum Zurückweichen, brachte den Divisionskommandeur, der schon sein Pferd verloren hatte, einen Augenblick in ernste Gefahr, wurde aber dann durch das preußische Schnellfeuer abgewiesen. Ihr Führer fiel schwer verwundet; die Brigade sammelte sich südlich Maslowed. Feldmarschalleutnant Graf Festetics, der Führer des 4. Korps, zog nun aber seine gesamte Artillerie heran, so daß 80 Geschütze bei Maslowed und Cistowes ins Feuer gebracht wurden. Er setzte eben einen neuen Der Kampf um den Swiep-Wald 325 allgemeinen Angriff seines Korps an, als er schwer verwundet wurde, und General v. Molinary an seiner Stelle die Brigade Fleischhacker gegen Cistowes, die Brigade Poeckh gegen die Südostecke des Waldes vortrieb, während die Brigade Erzherzog Josef folgte. Der Stoß, mit solcher Übermacht geführt, glückte. Cistowes und der größte Teil des Waldes ging den Preußen wieder verloren; Teile ihrer Infanterie wurden gegen den Holawald und Sadowa zurückgeworfen. Nur in der Südwestecke des Swiepwaldes ballte sich der größere Teil des Regiments 27 zusammen und behauptete sich. Frische Bataillone der 7. preußischen Division drangen in den Nordrand ein und folgten demselben in östlicher Richtung, bis sie am Rande das österreichische Geschützfeuer aufhielt. Ein wirres Durcheinander entstand im Innern; die höhere Leitung des Gefechts hörte auf; jede Übersicht fehlte. Schon geworfene österreichische Abteilungen gelangten, umkehrend, wieder bis an den Westrand, während hinter ihnen preußische Schützen noch gegen andere Österreicher kämpften. Dann wurde der Westrand von Preußischer Seite erneut genommen; das Hin- und Herwogen dauerte fort. Endlich aber war die 7. Division, der 2 Bataillone der S. gefolgt waren, nochmals ganz im Besitz des Swiepwaldes. Nur Cistowes blieb in österreichischer Hand. Die aus dem Walde vertriebene Brigade Poekh war „fast vernichtet". Auch die Sieger aber hatten stark gelitten, ihre Truppenverbände sich vielfach aufgelöst oder gemischt. Schon aber drohte eine neue große Gefahr. General v. Molinary, überzeugt, daß der Sieg für Österreich davon abhänge, daß die I. preußische Armee an der Bistritz geschlagen würde, ehe die II. herankäme, hatte sich an das rechts neben ihm eingetrosfene 2. österreichische Korps mit der Bitte um Hilfe gewendet und Feldmarschalleutnant Graf Thun sie gewährt. Die Brigaden Württemberg und Saffran setzten sich von Nordost her gegen den Swiepwald in Bewegung. Die Artillerielinie, nordwestlich Maslowed verlängert, wurde auf 120 Geschütze gebracht. Diese überschütteten den Wald mit ihren Geschossen, während Jnfanteriefeuer das Heraustreten aus den Rändern verwehrte. Nochmals gelang der mit großer Tapferkeit geführte Angriff, und wieder drangen die Österreicher durch den ganzen Wald bis zum Westrande vor. Mit Aufbietung aller Kräfte wehrten sich die schwachen preußischen Abteilungen, denen die verfrühte Nachricht vom Herannahen des Kronprinzen einen starken Antrieb zur äußersten Anstrengung gab. Sie kämpften im Innern weiter. Alle aus dem Walde nach rückwärts heraustretenden Truppentrümmer wurden von den Führern gesammelt und wieder hinein- 326 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung geschickt. Sie konnten es zwar nicht hindern, daß trotzdem der größte Teil des Waldes verloren ging. Allein sie fesselten zugleich auch die große feindliche Übermacht an den engen unübersichtlichen Kampfplatz und hinderten sie, Weiteres gegen die I. Armee zu unternehmen. In den Gehöften westlich Cistowes sowie im westlichen Teile des südlichen Waldrandes, lange auch noch in dem nach Osten am Wege von Maslowed vorspringenden Waldstücke und bis zum Ende in dem nordöstlichen Vorsprunge behaupteten sie sich sogar. Benatek kam in Gefahr, von den Österreichern genommen zu werden; die dort stehenden preußischen Batterien mußten ihren Platz noch einmal räumen. Aber der unerschütterliche Entschluß des Generals v. Fransecky, von dem einmal gewonnenen Boden nicht mehr zu lassen, siegte am Ende doch. Die Wendung in der allgemeinen Lage schaffte ihm Luft. Mit 14 Bataillonen, 24 Geschützen hatte er sich gegen 49 Bataillone, 120 Geschütze so lange behauptet, bis die Rettung kam. Benedek hatte das 4. Korps schon am Vormittage von unzeitigem Vorgehen abmahnen lassen. Gegen Mittag meldete der Kommandant von Josefstadt den Anmarsch des 5. preußischen Armeekorps von Gradlitz her. Jetzt befahl der Feldzeugmeister kategorisch den Rückzug beider im Walde bei Maslowed kämpfenden Korps in die ihnen ursprünglich zugewiesenen Stellungen. Die Front gegen Norden mußte unbedingt gebildet werden, ehe der preußische Kronprinz herankam. Wie schwierig es war, diesen Befehl durchzuführen, ist leicht zu ermessen. Ohne neue große Verluste ging es dabei nicht ab. An 2000 Gefangene blieben in preußischer Hand. Der eben beendigte Kampf bildet eine ewige Warnung davor, im Ringen um einen Wald oder ein Dorf zu viel Truppen in der Örtlichkeit selbst zu verwenden. Besser wird es fast immer sein, mit dem größeren Teil rechts und links daran vorüberzugehen, zu werfen, was sich dort entgegenstellt und die Verteidiger von Nachschub und Verbindungen abzuschneiden, so daß ihr Widerstand erlahmen muß. — Unterdes hatte auch der rechte Flügel der I. preußischen Armee — 3. und 4. Division — einen schweren Stand gehabt. Der Holawald ward von den Granaten der langen österreichischen Geschützlinie überschüttet und gestaltete sich zu einer Hölle für die Besatzung. Vergeblich mühte sich die preußische Artillerie ab, ihr beizustehen und sie zu entlasten. Die glatten Batterien zeigten sich wirkungslos und wurden zurückgehalten; auch gezogene mußten in größerer Zahl hinter der Bistritz bleiben. Es war verabsäumt worden, rechtzeitig Kriegsbrücken über den Fluß zu schlagen; die stehenden wurden von Truppen und Fahrzeugen bald überfüllt. Vielfach Spannende Lage an der Bistritz 327 wurde es unmöglich, hinüberzukommen; daher mangelte es vorn auch an Munition. Hierzu kam, daß die hinter dem Höhenkamm vortrefflich gedeckten österreichischen Geschützlinien kaum zu treffen waren. Sie ließen sich deshalb auch nicht zu systematischem Geschützkampfe verleiten, sondern entluden die volle Wucht ihrer Wirkung auf die preußische Infanterie. Deren wiederholte Versuche, sich aus dem Rande des Holawaldes nach vorwärts hin Luft zu schaffen, scheiterten an dem ihnen entgegenschlagenden Feuer. Nur die 3. Division, die General v. Werder, alle Deckungen ausnutzend, mit eiserner Strenge in den Bistritzdörfern und am Fuße festhielt, litt weniger und war daher später frischer und verwendbarer als die beiden anderen. Endlich gelang es, nach und nach 11 Batterien auf der flachen Höhe zwischen Dohalicka und Ober-Dohalitz sowie 8 andere nördlich der Chaussee in Stellung zu bringen. Das besserte die Lage etwas, führte aber doch noch keinen Umschlag herbei. Fast alle Truppen der 8. und 4. Division wurden am Holawalde eingesetzt. Die immer erneuten Vorstöße gegen die starke österreichische Front scheiterten sämtlich. Fünf Stunden schon dauerte dies Ausharren und Abmühen unter erheblichen Verlusten fort — eine harte Probe für die Truppen. Einzelne Abteilungen und Versprengte begannen über die Bistritz zurückzufluten, wurden aber durch den König wieder vorgeschickt. Ein österreichischer Gegenstoß gegen den Holawald und Ober-Dohalitz scheiterte indessen ebenso wie jene Angriffe. Die Schlacht stand still; der Artilleriekampf tobte weiter. Eine Pause äußerster Spannung folgte. Vor der I. Armee erhob sich die achtunggebietende österreichische Stellung von Chlum über kahlen, leicht vom Feuer zu bestreichenden Hängen. Ein Angriff in der Front mußte ohne Zweifel unverhältnismäßig große Opfer kosten. Es drohte von den feuerspeienden Höhen aus auch ein allgemeiner Gegenangriff des Feindes, und die bange Frage lag nahe, ob die I. Armee in ihrer wexig günstigen Stellung vorwärts der Bistritz ihm gewachsen sein würde. Nur die Flügelarmeen konnten, nachdem die I. Armee den Gegner gestellt und stark erschüttert hatte, die Entscheidung bringen. Vornehmlich war es die II. Armee, die dabei ihr numerisches Gewicht geltend machen mußte. Der zu ihr hinübergesandte Flügeladjutant Graf Fincken- ftein war zurück und hatte die bei ihr gegebenen Befehle mitgebracht. Man wußte sie im Anmarsch. Ihr Eingreifen wurde für 11 Uhr vormittags erwartet. Aber noch war nichts davon zu spüren; die Stunden verrannen, die Verluste mehrten sich. 328 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Prinz Friedrich Karl, der die Gefahr eines Angriffs niedriger anschlug, als es im großen Hauptquartier geschah, ließ um 1 Uhr nachmittags die 5. Division bei Unter-Dohalitz, die 6. bei Sadowa die Bistritz überschreiten und sich hinter dem Holawalde bereitstellen. Die Division Hann von seinem Kavalleriekorps harrte bei Sadowa des Augenblicks zum Eingreifen, die Division Alvensleben war zur Elbarmee entsendet worden und ging mit dieser vor. Prinz Friedrich Karl wollte nicht nur seiner Armee, die bisher die Last des Kampfes getragen hatte, bei der bevorstehenden Entscheidung den gebührenden Anteil sichern, sondern diese auch dadurch für den Feind vernichtender gestalten, daß er ihn vorher schon in den ernstesten Kampf verwickelt hatte. Er erteilte dem General v. Manstein, der die beiden wartenden Infanteriedivisionen führte, den Befehl zum Angriff. Aber dieser Befehl kam nicht zur Ausführung. General v. Moltke, der davon hörte, sandte ihm durch einen Offizier die Mitteilung, daß der Angriff nicht den Absichten der obersten Heeresleitung entspräche, und bewog den Prinzen zum Verzicht, den dieser freilich später selbst als einen Fehler bezeichnet hat. Auf den Flügeln sollte der zertrümmernde Schlag fallen. — Der Elbarmee war um 10 Uhr der Auftrag übersandt worden, den Gegner in der linken Flanke zu umfassen und ihn von Pardubitz abzuschneiden. Schlechte Wege hatten sie aufgehalten. Erst um 7^ Uhr früh erschien ihre Avantgarde vor Alt-Nechanitz und vertrieb 2 sächsische Kompagnien aus diesem Weiler. Das Dorf Nechanitz wurde ernster verteidigt und erst gegen 9 Uhr genommen, als preußische Bataillone die Bistritz ober- und unterhalb durchschritten. Der Marsch ging weiter auf Hradek. Leider vermochte die Masse der Elbarmee ihrer Avantgarde nur langsam zu folgen. Alle 3 Divisionen waren auf die notdürftig wieder hergestellte Brücke von Nechanitz angewiesen, und auch die Kavalleriedivision Alvensleben traf dort noch ein. Dichtes Gedränge entstand. Nur nach und nach kamen die Truppen hinüber. Erst um Mittag konnte unter dem Schutze der Avantgarde eine ansehnliche Artillerielinie auf der Höhe zwischen Jehlitz und Lubno gebildet werden, um die feindliche Stellung bei Nieder- Prim und Problus unter Feuer zu nehmen. Dort standen Teile der sächsischen Leib- und die 3. Brigade; die 2., die unten am Flusse gestanden, wurde nach Stresetitz—Problus zurückgenommen. Das übrige war in Reserve. Bei Ober-Prim standen die österreichische Brigade Schulz vom 8. Korps und die Kavalleriedivision Edelsheim zur Unterstützung nahe. Angriff der Elbarmee 329 Als General v. Herwarth Moltkes Befehl zur Umfassung erhielt, setzte er eine seiner Kavalleriebrigaden über Hradek gegen Prim an und ließ die andere sich mit der 14. Division, Graf Münster, gedeckt hinter dem Höhenzuge bei Lubno aufstellen. Die Avantgarde trieb inzwischen österreichische Schützen im Walde von Stezirek zurück, besetzte die Fasanerie und das Gehölz östlich Popowitz, das Problus gegenüber liegt. Kronprinz Albert von Sachsen sah die Umfassung kommen und kam zu dem kühnen Entschluß, sie durch einen Gegenstoß in der Richtung auf Hradek zu durchbrechen. Die sächsische Leibbrigade sollte ihn durchführen, die österreichische Brigade Schulz ihn unterstützen. In vortrefflicher Ordnung traten die Sachsen an, nahmen die Fasanerie und drangen bis zur Schäferei Neu-Prim vor. Dann erlahmte ihre Kraft. Verspätet — erst nach 1 Uhr — griff die Brigade Schulz ein, wollte den Wald von Stezirek nehmen, stieß darin aber schon auf die eintreffende preußische 15. Division und wurde, unter Verlust von vielen Gefangenen, geworfen. Oberst Schulz fiel, tödlich getroffen. In den Rückzug wurde auch die zur Aufnahme herangekommene 2. sächsische Brigade und ebenso noch die österreichische Brigade Roth, früher Fragnern, verwickelt. Erst bei Nieder-Prim und dem Brizaer Walde brachte Kronprinz Albert die rückgängige Bewegung zum Stehen. Eine kurze Gefechtspause trat ein, die bis 2^/z Uhr dauerte. General v. Herwarth hatte aus dem Schall des Kanonendonners auf einen nicht günstigen Stand des Gefechts bei der I. Armee geschlossen und daher auch der 14. Division eben den Befehl zum Vorgehen durch Lubno gegeben, als er ein Handbillett Moltkes erhielt: „Kronprinz bei Zizelowes. Rückzug der Österreicher auf Josefstadt abgeschnitten. Es ist von größter Wichtigkeit, daß das Korps des Generals v. Herwarth auf dem entgegengesetzten Flügel vorrückt, während im Zentrum die Österreicher noch standhalten." Nunmehr ordnete er den Sturm auf Problus an, den General Graf Münster mit der 14. Division in musterhafter Ordnung durchführte. Beide Brigaden der Division schwenkten gegen das Dorf ein und gingen mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen dagegen vor. Der Westrand wurde im ersten Anlauf genommen; denn nunmehr bedrohte die 15. Division, Canstein, die Sachsen bereits in der linken Flanke. Hinter dem Dorfe hielt die 1. sächsische Brigade das Zurückgehen noch eine Weile auf; dann kam es allgemein in Fluß. Der Gegenstoß der österreichischen Brigade Piret aus der allgemeinen Reserve der Armee bei Langenhos mißlang; die beiden preußischen Divisionen drängten lebhaft nach. Auch die österreichische Brigade Wöber vom 8. Korps wurde in den Rückzug hin- ZZg VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung eingerissen, den ein sächsisches Bataillon bei Bor und am Brizaer Walde deckte. Um 4 Uhr befanden sich auch diese Örtlichkeiten in Preußischer Hand. Bei Nechanitz war inzwischen hinter den fechtenden Truppen eine Brigade der 16. Division, Etzel, aufmarschiert, die Kavallerie aber leider noch nicht zur Stelle. Sie hätte den Sieg gegen den nunmehr eingedrückten linken Flügel von Benedeks Schlachtlinie vervollständigen müssen. » » Wir wenden uns jetzt der Armee des Kronprinzen zu, der befohlen hatte: „Die Truppen brechen sobald wie irgend möglich auf und lassen Trains und Bagagen zurück." Eile ward geboten. Aus der durch die Marschziele bezeichneten engen Versammlung sollte das Eingreifen in die Geschicke der Schlacht erfolgen. Selten wird in der Kriegsgeschichte eine gleich spannende Lage vorkommen, selten das Urteil der Welt über die vorangegangenen Geschehnisse so sehr vom Gelingen des Schlußakts abhängen, wie hier. Was hätte sie von Moltkes getrenntem Anmärsche zur Vereinigung auf dem Schlachtfelde gesagt, wenn die II. Armee zu spät kam? Der Befehl erreichte die Truppen zum Teil ziemlich spät. Beim 6. Korps war die 12. Division schon zu der vorher angeordneten Unternehmung gegen Josefstadt aufgebrochen und mußte von Jaromer nach Welchow hin abgelenkt werden. Die I. Gardedivision befand sich, einer Bitte des Generals v. Fransecky um Unterstützung folgend, schon in Bewegung; das Korps wurde bis 7^ Uhr alarmiert und trat an. Das 1. stand freilich, der ihm vom Großen Hauptquartier direkt zugegangenen Aufforderung zufolge, schon vor 6 Uhr bereit, wartete aber die Befehle des Kron- Pinzen ab und brach erst nach 3 Stunden von Ober-Praußnitz auf. Schlechte Wege verzögerten den Marsch aufs äußerste. „Noch schlimmer wurde es später, als die Infanterie querfeldein durch die aufgeweichten, mannshohen Getreidefelder sich Bahn brechen mußte, der zähe Boden sich um die Räder der Geschütze in dicken Kränzen zusammenballte." Aber die Mannschaften schritten rüstig aus, zumal als sie den fernen Kanonendonner zu hören begannen. Man denkt an Blüchers Marsch vom Morgen des 18. Juni 1815. Das nächste mußte sein, den bedeutenden Höhenrücken von Horenowes, auf denen die feindlichen Batterien im Feuer zu sehen waren, wegzunehmen. Zwei hohe Linden, mit einem steinernen Kruzifix dazwischen — in der Ferne wie ein einziger Baum erscheinend —, zeigten den Truppen den Weg dorthin. Ein vorausgeschickter Generalstabsoffizier kehrte bald Anmarsch des Kronprinzen von Prenßen 331 mit der Bitte der 7. Division um Unterstützung durch Artillerie zurück. Die gezogenen Batterien der I.Garde- und der 11. Division trabten vor und eröffneten, bald nach 12 Uhr mittags, von den Höhen südlich Wrchownitz und südlich Luzan das Feuer. Auch 5 Batterien der Reserveartillerie des Gardekorps kamen heran, und von 12^ Uhr ab standen 78 preußische Geschütze gegen 40 österreichische vom 2. Korps im Kampfe welche die Front nach Norden genommen hatten und sich tapfer wehrten. Die Marschkolonnen blieben in Bewegung, der 12. Division, die aber eine Brigade vor Josefstadt beließ, auf Trotina, die 11. auf Ratschitz, von wo ihre Spitze Trümmer eines aus dem Swiepwalde gekommenen österreichischen Bataillons vertrieb. Das 5. Korps traf mittags bei Choteborek ein. Die Garde — voran die 1. Gardedivision — wendete sich teils gegen Benatek, teils gegen Horenowes, das nach kurzem Kampfe besetzt wurde. Um 1 Uhr, als die Preußen die Höhe erstiegen, fuhren die österreichischen Batterien nach Nedelist ab. Die Fasanerie von Horenowes wurde geräumt, die von dort abziehende feindliche Infanterie mehrfach von preußischer Kavallerie angefallen. Mit genauer Not erreichte das 2. österreichische Korps die ihm ursprünglich zugedachte Stellung von Nedelist. Dort sammelten sich die Brigaden Saffran und Württemberg, die Brigade Thom hielt die Höhe nördlich des Dorfes, rechts daneben stellte sich die 2. leichte Kavalleriedivision auf. Die Brigade Henriquez sperrte die Straße von Trotina. Sendrasitz wurde geräumt. Leichter gestaltete sich der Rückmarsch des 4. Korps, das den bei weitem näheren Weg hatte. Auf dem von Chlum nach Nedelist sich hinabsenkenden Bergfuße wurden 120 Geschütze entwickelt. Bei Chlum nahm die Brigade Brandenstein Aufstellung, vorwärts der Artillerie die Brigade Erzherzog Josef, dahinter der Rest der Brigade Poekh, im Dorfe die Brigade Appiano vom 3. Korps; am Westrande die Brigade Benedek. Südwestlich davon hielt die 1. Reservekavalleriedivision. Der zurückgebogene rechte Flügel der österreichischen Schlachtlinie hatte sich also im letzten Augenblick noch bilden können, aber er bestand jetzt zum großen Teile schon aus stark erschütterten Truppen, die den Kampf im Walde von Maslowed durchgemacht hatten. Ihre Widerstandskraft war keine große mehr. Die Entscheidung nahte. » 5 " » Als Feldzeugmeister Benedek früh zwischen 8 und 9 Uhr auf der Höhe bei Chlum eintraf, tobte bereits der Kampf im Walde von Maslowed, der 332 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung seinen Absichten nicht entsprach. Er erfuhr, daß das 4. und 2. Korps ohne seinen Befehl vorgerückt seien. Das ist nichts Außergewöhnliches. Eine Armee, die mit dem Feinde in Berührung steht, ist kein Uhrwerk, das regelmäßig abläuft, auch kein Schachspiel, dessen Figuren man beliebig versetzen kann. Es kommt in jedem Augenblicke darauf an, mit Unabänderlichem zu rechnen und das ganze danach so weit als möglich in dem beabsichtigten Gange zu erhalten. Das beste wäre hier wohl gewesen, den einmal begonnenen Kampf mit Energie zu Ende zu führen und das 6. Korps mit Neubildung einer Flanke gegen die II. preußische Armee auf der Höhe von Horenowes zu beauftragen. Es hätte in der Reserve durch eine Brigade des 3. Korps einigermaßen ersetzt werden können. Statt dessen erfolgte der schon bekannte Befehl zur Rückkehr in die ursprünglich vorgesehene Stellung. Benedek scheint auf feinen ersten Gedanken auch jetzt noch einmal zurückgekommen zu sein, trotzdem „der Vorteil der inneren Linie längst in den Nachteil der taktischen Umfassung auf dem Schlachtfelde" umgeschlagen war. Mit Genugtuung beobachtete er den Stand der Dinge bei der noch erfolglos sich abmühenden Armee des Prinzen Friedrich Karl. Als habe er daran gedacht, sie vernichtend anzugreifen, während er den Kronprinzen abwehrte, äußerte er, auf seine Reserven deutend, in der ersten Nachmittagsstunde: „Na, lassen wir's los?" Es war der Augenblick, in dem Napoleon I. vielleicht sein „taiteZ äonnsi-1a Zarcks!" gesprochen hätte. Aber Benedek war kein Napoleon, wenn auch ein tüchtiger und erfahrener General. Seine Umgebung soll Einwendungen gemacht haben; der Nebel und Pulverdampf im Bistritztale müsse sich erst verziehen — und er habe nachgegeben. „Nun meinetwegen!" Ob dies das Entscheidende war, ob die eigene Unentschlossenheit im Herzen, bleibe dahingestellt. Der günstige Augenblick war damit verstrichen und für immer verloren. Fraglich ist, ob es noch möglich gewesen wäre, mit den vereinten Kräften der beiden in vorderer Linie stehenden Korps 3 und 10, sowie der Reserve, 6 und 1, die I. preußische Armee an der Bistritz zu überrennen, ehe die II. im Rücken erschien. Mit jeder Minute wurde der Gegenstoß jedenfalls aussichtsloser. Ein „nun meinetwegen" durfte hier unter keinen Umständen fallen. Inzwischen erstieg die 1. preußische Gardedivision mit ihren Brigaden ziemlich gleichmäßig und wohlgeordnet den Höhenkamm von Maslowed, vom heftigen Feuer der langen österreichischen Geschützlinie zwischen Chlum und Nedelist begrüßt. Das Dorf Maslowed wurde leicht genommen. Die Artillerie ging bis über den Weg Maslowed—Nedelist vor und nahm Die Wegnahme von Chlum 333 den Kampf gegen die große österreichische Überlegenheit entschlossen auf; alles blieb im Vorschreiten. Das hohe Getreide entzog die preußischen Schützen dem Auge des Gegners. Unerwartet tauchten sie vor den österreichischen Batterien auf und überschütteten sie mit dem Feuer ihrer Zündnadelgewehre. Mannschaften und Pferde brachen darin zusammen. Viele Geschütze blieben stehen; auch die Infanterie des 4. Korps wich unter dem erschütternden Eindruck dieser Szene, als die geschlossenen Linien der preußischen Gardisten hinter den Schützen erschienen. Chlum ging verloren. Der Rückzug kam erst an dem Hohlwege Nedelist—Rosberitz zum Stehen. Selten ist eine entscheidende Wendung auf dem Schlachtfelde mit solcher Schnelligkeit eingetreten. Wenige tollkühn vorstürmende preußische Bataillone hatten, von den Umständen begünstigt, den „Schlüsselpunkt- der gewaltigen österreichischen Schlachtstellung kurzerhand erobert. Der dadurch völlig überraschte Feldzeugmeister eilte selbst nach Chlum, ward von einer Salve begrüßt, die seinen Stab auseinandersprengte und ,zum Teil tot oder verwundet niederstreckte, bewahrte aber die Ruhe, beauftragte ein in der Nähe stehendes Bataillon, Chlum wieder zu nehmen, und holte selbst das 6. Korps aus der Reserve heran. Mittlerweile hatte auch die Brigade Benedek vom 3. Korps, die nahe Chlum stand, durch die von dort her einschlagenden Geschosse Kunde von dem Vorgefallenen erhalten und wendete sich entschlossen zum sofortigen Angriff gegen den Westrand; aber ihr Oberst fällt schwer verwundet, und, von heftigem Schnellfeuer empfangen, flutet sie auf Langenhof zurück. Eine zur Deckung des Abzuges voreilende Batterie ist in einem Augenblick zusammengeschossen; nur ein Geschütz rettet sich. Nördlich Chlum fielen 8 Geschütze in die Hände der Preußen. Diese — die Regimenter der 1. Gardedivision — drängen nach. Ein Regiment der österreichischen 1. Reservekavalleriedivision wirft sich ihnen entgegen, erleidet die schwersten Verluste — den Kommandeur, 9 andere Offiziere, 250 Mann und 400 Pferde — und folgt der auf Langenhof abziehenden Division. Gegen 3 Uhr nachmittags drangen die Sieger bereits in Rosberitz ein. Nunmehr ging die Artillerie der Garde auf die Höhe südlich von Chlum vor und entsandte ihren Geschoßhagel von dort, auf die wirksamste Entfernung, in die mit der Front nach Westen noch regungslos dastehenden Massen des 6. und 1. österreichischen Korps. Ein Versuch der Brigade Appiano des 3. Korps, die auf dem Hange zwischen Chlum und Rosberitz hielt, Chlum wieder zu nehmen, scheiterte. Die eigene zurückströmende Kavallerie brachte ihre Bataillone in Unordnung, so daß sie sich dem allgemeinen Rückzüge gegen Sweti anschließen mußte. ZZ4 VI- Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Durch das Vordringen der preußischen Garde war die noch immer bei Cistowes stehende Brigade Fleischhacker vom 4. österreichischen Korps völlig umgangen worden und suchte nun hinter den Angreifern über Maslowed durchzukommen, stieß aber dort auf eine zurückgehaltene Staffel der 1. Gardedivision, verlor ihre Batterie trotz des wackeren Beistandes einer Husaren- eskadron, kehrte wieder um und schloß sich im Lipaer Walde dem 3. Korps an. Auch das Husarenregiment des 4. Korps, das die preußische Garde- Artillerie im Rücken ernsthaft gefährdet hatte, kam, nachdem es abgewiesen worden war, noch nach Langenhof durch. Der linke Flügel der Artillerielinie rettete sich auf die Höhe zwischen Rosberitz und Sweti. Das rechts neben dem 4. österreichischen Korps stehende 2., das den Anschluß bis zur Elbe bildete, hätte dort jetzt zäh aushalten müssen, um den Rückzug der zusammenbrechenden Armee über die Kriegsbrücken nach dem linken Ufer zu sichern. Es wich jedoch um 3 Uhr nach kurzem Kampfe bei Lochenitz und Nedelist vor den herankommenden Divisionen des 6. preußischen Korps hinter den Fluß zurück. Westlich Nedelist fielen ^ 13 Geschütze von der wacker ausharrenden Reserveartillerie den Siegern in die Hände. Die verfolgende preußische Kavallerie wurde freilich noch von der österreichischen Division Taxis abgewiesen; dann aber verschwand auch diese. Jetzt erschien das österreichische 6. Korps aus der Reservestellung auf dem Plane. Seine Artillerie stand, auf 120 Geschütze verstärkt, zwischen Sweti und Wsestar schon im Feuer. Die Jnfanteriebrigaden schwenkten rechts; General v. Nosenzweig führte die seine sofort gegen Rosberitz vor und warf die durcheinandergekommenen preußischen Gardebataillone, die sich zum Teil auch verschossen hatten, aus dem Dorfe hinaus. Unter schweren Verlusten drang sie sogar bis nahe an Chlum heran, wo sich die Preußen wieder gesammelt hatten. Auch deren Artillerie mußte auf die Hintere Höhe zurück. General v. Hiller, der Kommandeur der preußischen 1. Gardedivision, fiel. Aber der Stoß erlahmte, da es ihm an hinreichender Unterstützung fehlte. Im entscheidenden Augenblicke trafen auf preußischer Seite die ersten 6 Bataillone des 1. Armeekorps mit 2 reitenden Batterien ein, die sogleich am Südausgange von Chlum auffuhren; 2 gezogene gesellten sich bald zu ihnen. Die in breiter Front vorgehenden frischen Bataillone warfen, untermischt mit der Garde, die Österreicher wieder auf Rosberitz zurück. Dies Dorf ward zum zweiten Male genommen, als jetzt auch schon die 11. Division von Sweti aus dagegen vorging. Vergeblich suchte Feldmarschalleutnant Namming es mit den Brigaden Jonak und Hertwek Rückzug der Österreicher über Königgriitz 335 wiederzuerobern. Mörderisches Feuer wies sie ab. Auch die Brigade Waldstätten, die der Feldzeugmeister persönlich zur Aufnahme bei Wsestar aufgestellt hatte, geriet in Unordnung. Schon strömten zurückgehende Abteilungen vom 3. und 10. Korps durch sie hindurch; denn auch Wald und Dorf von Lipa waren von Teilen der preußischen Garde genommen worden, die von dort allein 1600 Gefangene abführte. Noch aber gab Beuedek die Hoffnung nicht auf, die wichtige Stellung von Chlum zurückzuerobern. Er führte auch das 1. Korps dagegen vor. Die Brigade Poschacher brach nochmals in Rosberitz ein, die Brigade Ringelsheim, von Leiningen und Knebel gefolgt, der sich vom 10. Korps freiwillig anschloß, kam wieder bis nahe an Chlum heran, aber nicht hinein. Sie fluteten zur Brigade Abele zurück, die bei Wsestar stehen geblieben war. Ihr Verlust betrug nicht weniger als 1462 Mann. In Rosberitz waren viele Leute in Gefangenschaft gefallen. Nach der Wegnahme von Lipa konnte sich auch das 3. österreichische Korps auf den so lange behaupteten Höhen nicht mehr halten. Erzherzog Ernst ordnete den Rückzug über Langenhof auf Nosnitz südlich Wsestar an, der auch, freilich unter schweren Verlusten, noch gelang. Nun mußte auch das 10. Korps zurück, das überdies bereits von Problus her bedroht wurde. Gedeckt durch die gegen Problus aufmarschierende 3. Neserve- kavalleriedivision Graf Coudenhove und Teile der Reserveartillerie, erreichte es Nosnitz, dank zumal der Aufopferung von 2 Batterien, die freilich zum Schlüsse 11 Geschütze in der Gewalt der aus Lipa vorstürmenden preußischen Garden lassen mußten. Unermüdlich war der Feldzeugmeister im dichtesten Kugelregen tütig gewesen, der hereinbrechenden Verwirrung zu steuern und den einzelnen Korps die Rückwege über die Elbe zuzuweisen. Der langsam mit seiner Division nach Rosnitz gefolgte Graf Coudenhove entschloß sich, zur Rettung der abziehenden Truppen, den nachdrängenden Preußen entgegenzugehen. Die 1. und 2. Reservekavalleriedivision folgten ihm auf Benedeks Befehl. Aus verschiedenen Richtungen kam jetzt auch die preußische Kavallerie herbei, und es entspann sich ein Neitergefecht, das in der modernen Kriegsgeschichte nur von dem von Liebertwolkwitz am 14. Oktober 1813 an Ausdehnung übertroffen wird. Zwischen Rosberitz und Langenhof ritt erst die 1. Reservedivision Prinz Holstein an, gegen die sich nach und nach eine Reihe einzelner Regimenter und Eskadrons der dort vordringenden preußischen Korps, 12. Husaren, 3. Dragoner, 4. Ulanen und Zietenhusaren wendeten, die aber auch Infanterie- uud Artilleriefeuer erhielt. Das Regiment Hessenkürassiere stürmte 336 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung trotzdem bis an die Schäferei von Langenhof vor, wo es größtenteils zersprengt wurde. Dann sammelte sich die Division bei Rosnitz und zog um 5 Uhr über Knklena ab. Etwas später kam die 3. Reservedivision, Graf Condenhove, bei Stresetitz zum Kampfe mit den preußischen 3. Dragonern, sodann mit den 11. Ulanen, den 1. Gardedragonern, den Blücherhusaren und einzelnen Eskadrons von den 1. Garde- und den 7. Ulanen. Die Division attackierte nach verschiedenen Richtungen hin, erhielt von Stresetitz und von Problus her heftiges Artillerie- und Jnfanteriefeuer und zerstäubte, jagte dann durch die zur Aufnahme entwickelte Brigade Abele hindurch und vermehrte die Unordnung bei den abziehenden Massen. Immerhin hatte das entschlossene Vorgehen von etwa 40 kaiserlichen Schwadronen das Nachdrängen der Sieger erheblich aufgehalten und dem geschlagenen Heere etwas Luft gemacht. Der Verlust war freilich groß. 72 Offiziere, 1258 Mann blieben tot und verwundet auf dem Platze, dazu 1903 Pferde. Auf preußischer Seite hatte jede einheitliche Verwendung und Leitung gefehlt. 31 Schwadronen waren im ganzen beteiligt, die 31 Offiziere, 409 Mann, 206 Pferde einbüßten. Von allen Seiten drängten die Mafien der beiden preußischen Armeen nach. Bei Langenhof trafen ihre Flügel zusammen. Sobald das Gelände von der österreichischen Kavallerie frei war, ließ Prinz Friedrich Karl 12 Batterien der I. Armee in die Linie Stresetitz—Langenhof vorholen, denen sich 6 der Garde zwischen Langenhof und Rosberitz anschlössen, während 7 vom 1. Armeekorps, 2 von der 7. Division am Südabhange der Höhen von Chlum auffuhren. Auf den Höhen von Wsestar und Sweti erschienen 54 verfügbare Geschütze des 6. Armeekorps. Alle diese Feuerschlünde entsandten ihre Geschosse in die zurückströmenden österreichischen Heeresmassen. Die 1i. Division, von Nedelist kommend, drang gegen Rosnitz und Briza vor. Von der zwischen beiden wacker ausharrenden österreichischen Artillerie fielen 23 Geschütze sowie in den Ortschaften viele Gefangene in ihre Gewalt. Der linke Flügel der II. Armee näherte sich so auf 2000 Meter Entfernung dem rechten der Elbarmee, der im Brizaer Walde stand. Alle Truppen drängten gegen die Mitte des von ihnen umfaßten Raumes zusammen. Der Kreis war beinahe geschlossen. An die Entwirrung des Knäuels war im Augenblick nicht zu denken. Lange Artillerielinien vorwärts von Plotist, Ziegelschlag und Kuklena, im ganzen noch 170 österreichische Geschütze, nahmen das Feuer gegen die zusammengebrachten 198 preußischen auf. Ein gewaltiger Artilleriekampf endete die Schlacht. Benedek während der Katastrophe 337 Der Feldzeugmeister, der inmitten der Katastrophe das Mögliche getan hatte, vermochte doch mit seinem bei Chlum stark geschwächten Stäbe nicht alle Heerteile auf die ihnen zugedachten Elbübergänge hinzuleiten. Sie ergossen sich über Placka, gegen Königgrätz sowie über Opatowitz, selbst nach Pardubitz hinter die Elbe. Der Kommandant von Königgrätz ließ erst abends 11 Uhr die Tore öffnen; dann strömten in ununterbrochenem Zuge Truppen, Flüchtige, Verwundete, Geschütze und Fahrzeuge durch den Platz nach dem linken Flußufer hinüber. Ein kräftiges Vordringen der preußischen Elbarmee hätte die Katastrophe der Österreicher noch vergrößern können, aber die beiden Divisionen, die im Gefecht gestanden hatten, waren erschöpft und von der 16. Division erst die 31. Brigade bei Stezirek eingetroffen, wo sie durch die beiden Kavalleriedivisionen Edelsheim — die 1. leichte — und Zaitschek — die 2. Reservedivision — aufgehalten wurde. 32 Geschütze traten gegen sie in Tätigkeit. Auch Batterien der Reserveartillerie, von Reiterei gesichert, nahmen zwischen Stösser und Techlowitz die Abwehr auf. Die andere Brigade der Division war noch bei Nechanitz. Auch das Einsetzen der großen verfügbaren Kavalleriemassen hätte des Gegners Niederlage ohne Zweifel verschlimmert; doch kam es nicht mehr dazu. — König Wilhelm war, von seinen Truppen aufs freudigste begrüßt, so zeitig an Lipa und Langenhof vorüber auf den Kampfplatz geritten, daß er noch einen Teil des Kavalleriegefechts mit ansah und, etwa um 6 Uhr, bei Bor in österreichisches Granatfeuer geriet. Wohl ließ sich die Bedeutung des Sieges als Abschluß der bisher zur Vereinigung der Armee geführten Operationen übersehen, aber noch nicht sein Einfluß auf das Schicksal des ganzen Krieges und auch nicht die Größe des taktischen Erfolges. Für den 4. Juli wurde um 6^ Uhr abends Ruhe befohlen; die unmittelbare Verfolgung unterblieb. Nur dem General v. Herwarth wurde eine solche in der Richtung auf Pardubitz aufgetragen; doch kam sie am Abend nicht mehr zur Ausführung. Dann begaben sich der König und Prinz Friedrich Karl nach Horitz, wo sie ein höchst dürftiges Unterkommen fanden. Der Kronprinz nächtigte in Horenowes. Die ermüdeten hungernden Truppen biwakierten, wo sie gerade am Abend zuletzt gestanden, auf dem von vielen Tausenden Toter und Verwundeter bedeckten, von den brennenden Dörfern beleuchteten, blutgetränkten Schlachtfelde. » » 5 Frhr. v, d. Golv, Kriegsgeschichte II 22 338 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Erst die nächsten Tage ließen das Geschehene seinem ganzen Umfange nach richtig ermessen. 221000 Preußen hatten gegen 215 000 Österreicher gefochten. Die Schlacht stand, der beteiligten Streiterzahl nach, der von Leipzig nahezu gleich. Sie ist in dieser Hinsicht auch in neuerer Zeit erst durch Mukden überboten worden. Der preußische Verlust betrug im ganzen 359 Offiziere, 8794 Mann. Nahezu ein Viertel davon entfiel allein auf die 7. Division. Der Erfolg aber war größer, als es irgend jemand im ersten Augenblick ahnte. 202 feindliche Offiziere und fast 19000 Mann waren in Gefangenschaft gefallen, 5 Fahnen, 187 Geschütze, viele Fahrzeuge erobert. Der Gesamtverlust der kaiserlichen Armee betrug 1313 Offiziere, 41500 Mann. Es ist klar, daß ihre Kraft zunächst gebrochen war. Der Rückzug der Vsterreicher auf Glmütz Feldzeugmeister Benedek hatte sein Hauptquartier nach Holitz verlegt, von wo er das Unglück an den Kaiser meldete. Er sandte Gablenz ins preußische Hauptquartier, um einen Waffenstillstand zu erreichen; doch wurde nicht mit ihm verhandelt, da er ohne Vollmacht war. König Wilhelm erbot sich nur, zur Bewilligung einer dreitägigen Unterbrechung der Feindseligkeiten gegen Übergabe von Königgrätz. Der Rückzug mußte fortgesetzt werden, und Benedek ordnete ihn „gefaßt und entschlossen". Die neue Zusammensetzung des Hauptquartiers scheint gut gewirkt zu haben. Da die Verfolgung ausblieb, fanden sich auch die abgekommenen Truppen und viele Vereinzelte bei ihren Verbänden wieder ein. Die Zerstörung war nicht ganz so groß, wie sie im ersten Augenblick nach der Schlacht erschien. Von Hohenmauth aus, wohin das Hauptquartier am 4. ging, setzte der Feldzeugmeister die Armee wieder auf 3 Straßen. Die rechte Kolonne, 2. und 4. Armeekorps mit der 2. leichten Kavalleriedivision, ging über Wildenschwert auf Landskron, die mittlere, 1., 3., 6. und 10. Korps nebst der Geschützreserve und der Masse des Trains, schlug die Richtung über Hohenmauth auf Mährisch-Trübau ein, die linke, 8. und sächsisches Korps nebst der gesamten übrigen Kavallerie, marschierte über Chrast und Policka nach der Gegend südlich Zwittau. Am 7. Juli sollten alle Truppen an den Endpunkten ankommen, als weiteres Ziel Olmütz gewählt werden. Dort hoffte der Feldzeugmeister, in starker Flankenstellung das weitere Vordringen der Preußen aufzuhalten. Auf Verlangen des bei der Armee eintreffenden Ministerpräsidenten Grafen Mensdorff wurde, zum unmittelbaren Schutze Wiens, das 10. Korps von Brünn ab unter Benutzung der Die Österreicher im Lager von Olmütz 339 Eisenbahn nach der Hauptstadt entsendet und die große Kavalleriemasse der linken Kolonne, unter Befehl des Prinzen von Holstein, mit Sicherung der dorthin führenden Straßen betraut. Ohne ernstere Gefechte sollte sie, den Feind aufhaltend, langsam auf die Donau zurückweichen. Sie erfüllte diese Aufgabe jedoch nur unvollkommen und kam, nach einigen nutzlosen Scharmützeln, in erschöpftem Zustande an der Donau an. Die Armee vereinigte sich am 11. im Lager von Olmütz. Es wurde „nun mit aller Tatkraft daran gegangen, die Schlagfertigkeit wieder herzustellen, die Mannszucht wieder zu befestigen und die Verpflegung zu ordnen". — Die auf dem Schlachtfelde von Königgrätz ganz durcheinander gekommenen preußischen Armeen hatten zunächst vollauf damit zu tun, den Knäuel zu entwirren, Verpflegung und Nachschub zu regeln. Durch Befehle vom 4. Juli wurde die II. Armee nach Pardubitz und Chrudim verlegt und mit der Verfolgung des Feindes beauftragt. Die I. sollte sich um Prelautz zusammenziehen, die wieder unter unmittelbaren Befehl des Königs gestellte Elbarmee bei Chlumetz. Die noch am 3. abends bei Ne- chanitz eingetroffene Gardelandwehrdivision wurde nach Prag zurückgeschickt, wo sie sich mit der noch in Sachsen stehenden anderen Division des 1. Reservekorps unter General v. d. Mülbe vereinigen und die rückwärtigen Verbindungen sichern sollte. Das Große Hauptquartier ging am 6. nach Pardubitz, wo zum Glück für die Armee bedeutende Vorräte, namentlich 20 000 Zentner Hafer, vorgefunden wurden. Das von der II. Armee mit der Verfolgung betraute 5. Korps, dem die Kavalleriedivision unterstellt wurde, ging über Chrudim weiter vor, gewann aber zunächst keine Fühlung mit dem Feinde. Die Verfolgung der geschlagenen Armee blieb also aus, nicht so die strategische Benutzung des Sieges. Moltke faßte den bedeutungsvollen Entschluß, dem geschlagenen österreichischen Hauptheer nur die II. Armee folgen zu lassen, mit den beiden anderen Armeen aber direkt auf Wien vorzugehen. Das 6. Korps sollte zur Einschließung der am 4. vergeblich zur Übergabe aufgeforderten Festungen Königgrätz und Josefstadt zurückbleiben. Der Vormarsch wurde am 7. angetreten und in breiter Front ausgeführt, um den Truppen den Marsch zu erleichtern und sie besser ernähren zu können. » » - . » ..' ^- ..' ., " Inzwischen war auch die Diplomatie am Werk gewesen. In Wien entschloß man sich, trotz des inzwischen errungenen Sieges von Custozza, 22* 340 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung durch Napoleons III. Vermittelung den Frieden mit Italien zu suchen. Die Abtretung Venetiens, nicht an Italien, wohl aber an den Kaiser, wurde angeboten. Napoleon sagte zu, aber nur unter der Bedingung, daß er zugleich auch bei Preußen vermittelte. Dies geschah durch eine Note vom 4. Juli, die durch Bismarck am 5. in meisterhafter Art nicht zurückgewiesen, wohl aber unschädlich gemacht wurde. Preußen verpflichtete sich zu nichts und ließ sich in der Ausnutzung seines Erfolges nicht aufhalten. Da Italien das Geschenk Venetiens ausdrücklich zurückwies und auf der Fortsetzung des Krieges beharrte, auch das Verbot Napoleons, Venetien nicht zu betreten, nicht beachtete, nahm der Krieg seinen Fortgang. — Am Abend des 7. Juli überfiel die Kavallerie der II. Armee bei Zwittau noch eine Seitenkolonne der abziehenden Österreicher und erbeutete einen Teil von deren Fuhrwesen. So war die Fühlung mit dem geschlagenen Gegner wiedergewonnen. Auch bei der I. und Elbarmee traf man bei Hlinsko und Deutsch-Brod auf feindliche Kavallerie. Am 8. Juli wurden den Armeen bestimmtere Richtungen zugewiesen, nämlich der Elbarmee über Jglau auf Znaim und der I. auf Brünn. Die II. sollte auf Olmütz vorgehen, die Festung jedoch nicht angreifen, sondern vor allem mit der feindlichen Armee scharfe Fühlung halten. Sie blieb ihr allein gegenüber, hatte es also mit einem numerisch überlegenen Gegner zu tun und wurde angewiesen, im Notfalle nicht auf die beiden anderen Armeen, sondern die Grafschaft Glatz auszuweichen. Im Großen Hauptquartier erwartete man noch, daß Benedek, nach einiger Ruhe im Lager von Olmütz, von dort her angreifen werde, um die preußischen Heere im Marsche nach Wien aufzuhalten. Am 8. erschien auch Feldmarschalleutnant v. Gablenz noch einmal mit der Bitte um Waffenstillstand im Hauptquartier; dieser wurde wiederum verweigert, aber doch, um die französische Vermittlung nicht zu schroff abzulehnen, die Bereitwilligkeit der Verhandlungen mit Österreich erklärt, falls Anerbietungen gemacht würden, die sich zur Grundlage für einen dauerhaften Frieden eigneten. Als solche wurde in Paris die Bundesreform, wenigstens für Norddeutschland, und die Erwerbung von Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen und eines Teiles von Sachsen durch den preußischen Botschafter angedeutet. Auf alle Fälle erhielt General v. Falckenstein den Befehl, die Länder nördlich des Mains baldigst zu besetzen, Während der folgenden Tage kam es nur zu kleinen Zusammenstößen der Kavallerie. Der glückliche Zufall, daß in einer erbeuteten österreichischen Feldpost die am 6. Juli entworfenen Marschpläne und Aufschlüsse über > Vormarsch der I. und der Elbarmee auf Wien 341 den Zustand der feindlichen Armee gefunden wurden, gab dem preußischen Hauptquartier die erwünschte Klarheit für die weitere Führung. Die andauernden Schwierigkeiten in der Ernährung des Heeres hemmten indes die Unternehmungslust. Trotzdem erreichte die Elbarmee am 13. Juli Znaim, die I. Brünn, ihr Kavalleriekorps die Gegend südlich davon. Der Vormarsch der II. Armee änderte sich, als die Erwartung eines österreichischen Vorstoßes schwand. Alles kam jetzt darauf an, Benedek bei Olmütz festzuhalten oder nach Norden abzudrängen. Die Armee erhielt daher die Richtung auf Proßnitz südwestlich Olmütz. Leider vollzog sie den Marsch dahin auf der einzigen großen Straße über Mährisch-Trübau und erreichte das neue Ziel erst am 15. Juli mit dem vordersten Korps, dem 1., während das hinterste noch bei Gewitsch stand. Es war das 6., das nur eine Division vor den Festungen belassen hatte. * » » Inzwischen wurde auf österreichischer Seite große Rührigkeit entwickelt und für die Fortführung der Verteidigung ein ganz neuer Plan aufgestellt. Obwohl die Südarmee nach Victor Emanuels Weigerung, Venetien von Frankreichs Gnaden anzunehmen, nicht frei verfügbar geworden war, wurde dennoch der Entschluß gefaßt, den größeren Teil derselben über die Alpen heranzuziehen. Eine neue starke Armee sollte bei Wien gebildet werden, alles dorthin herankommen, was an Truppen im Innern des Kaiserreichs noch vorhanden war, und Erzherzog Albrecht den Oberbefehl übernehmen. Auch die Nordarmee wurde herangerufen. Am 9. Juli schon erhielt der Feldzeugmeister, der an diesem Tage in Olmütz eintraf, den Befehl, auch das 3. und später noch das sächsische Korps, dem bereits nach Wien vorausgeeilten 10. mit der Eisenbahn folgen zu lassen. Jetzt wurde diese Anordnung auch auf die übrigen Truppen ausgedehnt. Sie sollten über Preßburg ebenfalls nach Wien abrücken. Mit Widerstreben gab Benedek seine Hoffnung auf, die Preußen noch mit Erfolg in der Flanke angreifen zu können, und setzte sich am 14. und 15. Juli in Bewegung. Die Ausführung wäre unmöglich geworden, wenn die II. preußische Armee schneller zur Stelle gewesen wäre und die Abmarschierenden angegriffen hätte. Dies scheint man freilich in ihrem Hauptquartier gar nicht erwogen zu haben. Eine baldige völlige Entscheidung des Feldzuges wurde immer dringender. Napoleon HI., bisher der Schiedsrichter in Europa, begann zu empfinden, daß sein Ansehen durch Preußens unerwartete Kraftäußerung und 342 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung die von Victor Emanuel erfahrene Abweisung eine für die eigene Sicherheit bedrohliche Erschütterung erfahren habe. Das konnte nur durch einen mühelosen Gewinn wieder gut gemacht werden. In der Nacht vom 11. zum 12. Juli war sein Botschafter Graf Benedetti im preußischen Hauptquartier erschienen. Österreich mußte, wenn irgend möglich, durch eine neue Niederlage zur Annahme der preußischen Forderungen gefügig gemacht werden. Das war nur möglich, wenn die bei Wien sich sammelnde Armee geschlagen wurde, ehe Benedek heran war. Der II. Armee wurde am 13. die Aufgabe gestellt, „eine Vereinigung der österreichischen Nord- und Südarmee unter allen Umständen zu verhindern." — Anfänglich wollte Benedek, wie es ihm auch befohlen war, den Marsch nach Wien längs der March ausführen. Armeegeschützreserven und Brückentrains hatten ihn schon begonnen; die vordersten Truppenstaffeln folgten. Bei der Annäherung der ganzen II. preußischen Armee, die ihm durch aufgefangene Briefe bekannt wurde, erkannte er wohl die Gefahr dieses Marsches, wies dem zuletzt von Olmütz abrückenden 6. Korps auch schon den Weg über Weißkirchen ins Waaggtal zu, änderte aber sonst im Augenblicke nichts. Erst bei Göding sollte die March überschritten werden. Am 14. erschien preußische Kavallerie bereits bei Proßnitz in der Flanke der Armee. Am 15. brach das 8. Korps am rechten Marchufer von Olmütz nach Kojetein auf. Zur Sicherung dieses Marsches sollte die 2. leichte Kavalleriedivision bei Tobitschau stehen, um dann mit dem noch bei Prerau auf der andern Marchseite belassenen 1. Korps die Nachhut zu übernehmen Am Abend vorher waren aber von der Preußischen Kavallerie schon langgedehnte Staubwolken zwischen Littau und Olmütz sowie von dort südlich im Marchtale beobachtet worden. Es wurde klar, daß die Österreicher im Abmärsche wären. Landeseinwohner bestätigten es. Der mit der Kavalleriedivision nördlich Proßnitz eingetroffene General v. Hartmann entschloß sich daher zu einem Vorstoße in der Richtung auf Prerau, erbat dazu Jnfanterieunterstützung, erhielt sie aber, da es bereits spät geworden war, erst am 15. in der Brigade Malotki vom 1. Armeekorps. Die Gefechte von Tobitschau und Roketnitz am >^5. Juli l.366 (S. Skizze 32) Die Brigade Malotki brach am 15. Juli früh 4 Uhr auf. Sie sollte die Brücken zwischen Tobitschau und Traubek für die vorgehende Kavallerie sichern. Als sie sich Tobitschau näherte, wollte gerade das 8. österreichische Die II. Armee folgt. Benedek 343 Korps vorüberziehen. Die zunächst eintreffende Brigade Rothkirch hatte Tobitschau schon erreicht und besetzt. Beim Wiklitzer Hofe, nahe westlich der Stadt, begann das Gefecht. Nördlich von Tobitschau bei Wierowan entwickelten sich die Österreicher nach rechts hinaus. Eine große Batterie von 40 Geschützen wurde dort nach und nach zusammengebracht. Bei General v. Malotki, der 1 Batterie mit sich führte, trafen noch die beiden reitenden Batterien und das Kürassierregiment 5 von der Kavalleriedivision ein. Er entschloß sich zum Angriff. Durch Umfassung gelang es ihm, die feindliche Brigade zurückzudrängen und Tobitschau zu besetzen. Jene wich teils nach Osten, teils nach Norden aus. Die Kürassiere fanden nördlich Biskupitz einen verborgenen Übergang über die Blatta, stürzten sich auf die große Batterie bei Wierowan, eroberten 17 Geschütze, 5ik/2?s AS Die Lefsclile von lobilsclisu ur.-« kokswit? gm i5,^n isee, » Mpl-eulZen H östsi's'eictisr' 14 Protzen und 11 Munitionswagen und brachten sogar den eben eintreffenden Feldzeugmeister in die Gefahr der Gefangennahme. Die übrige österreichische Artillerie rettete sich durch schnelles Abfahren. Zwar vereinigten sich nun die drei anderen österreichischen Brigaden und die 2. leichte Kavalleriedivision bei Dub, so daß sich dort eine bedeutende Übermacht sammelte. Sie wagte es aber nicht, die verwegene preußische Brigade, die bei Wierowan Stellung genommen hatte, anzugreifen, sondern beschränkte sich auf eine Kanonade. Als dann nach 2^ Stunden das preußische 1. Korps herankam, zogen die Österreicher nach Prerau, zum Teil sogar nach Olmütz ab. Leider entschloß sich General v. Bonin nicht, die Lösung der begonnenen Aufgabe mit dem gesamten 1. Armeekorps zu Ende zu führen, was voraussichtlich zu großen Erfolgen geführt hätte, sondern überließ dies aber- 344 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung mals dem General v. Hartmann. Dieser gelangte am Nachmittag, die Beczwa durchfurtend, in den Rücken einer Stellung, welche die Brigaden Leiningen und Poschacher vom 1. österreichischen Korps zur Aufnahme des 8. bei Roketnitz nordwestlich Prerau genommen hatten. Der ganz überraschende Anfall, den die preußischen Landwehrhusaren und eine Ulaneneskadron ausführten, sprengte mehrere Bataillone und brachte große Unruhe und Unordnung beim Feinde hervor; doch zog er dann weiterhin unbehelligt aus Prerau ab. Die beiden österreichischen Korps verloren im ganzen außer den Geschützen nicht weniger als S8 Offiziere, 1559 Mann, die schwache preußische Macht nur 12 Offiziere und 235 Mann. 5 Die wichtigste Folge aber war, daß der Feldzeugmeister, tief gebeugt durch den Unfall von Tobitschau, sich nunmehr entschloß, mit der ganzen Armee ins Waagtal auszubiegen. Er ordnete sogleich den Übergang über die kleinen Karpathen an. Wäre ein einigermaßen starker und tätiger Verfolger ihm auf den Fersen geblieben, so hätte er vielleicht den Anschluß an die Donauarmee überhaupt nicht mehr erreicht. — Die H. preußische Armee war freilich im Augenblick noch zu weit aus- einandergezogen, um diese Rolle mit allen Kräften übernehmen zu können. Dem 1. und 5. Korps nebst der Kavalleriedivision aber wäre es möglich gewesen, und sie hätten voraussichtlich auch genügt. Moltke hatte es , auf die erste, noch wenig verständliche Meldung über den Abmarsch der Österreicher am 15. Juli früh auch befohlen. Die I. Armee sollte dabei mitwirken. Aber das Oberkommando der II. Armee hegte andere Anschauungen. Es hielt das Abdrängen der Österreicher nicht mehr für möglich, die eigene Vereinigung mit der anderen Armee vor Wien jetzt aber für das wichtigste. Die Ausführung unterblieb. Ein verspätetes Vorgehen Bonins auf Prerau am 16. war schon erfolglos. Der Feind hatte sich längst nach Holleschau in Sicherheit gebracht. — Erzherzog Albrecht, der neue österreichische Oberbefehlshaber, war am 12. Juli in Wien eingetroffen, hatte die Leitung der Operationen übernommen, Benedeks Abmarsch von Olmütz durchgesetzt und das Kavalleriekorps Prinz Holstein hinter die Donau zu deren Überwachung zurückgezogen. Nur eine schwache Nachhut blieb nördlich des Stroms stehen und sollte beim Anrücken des Feindes auf die nördlich Wien angelegten Verschanzungen — den sogenannten Florisdorfer Brückenkopf — ausweichen. Am 16. trafen bereits die ersten Truppen der Armee aus Italien Benedek biegt ins Waagtal aus 345 ein; Benedek ließ auf sich warten. Da der Erzherzog sehr richtig für Preßburg fürchtete, wo die Preußen der Nordarmee zuvorkommen konnten, so entsandte er am 17. die Brigade Mondel vom 10. Korps, die solange die Marchbrücken bei Marchegg für den Durchzug der Nordarmee gesichert hatte, nach Blumenau. Dort treten die letzten Ausläufer des schützenden Bergzuges der kleinen Karpathen an den Strom heran, und es bildet sich ein Engpaß, in dem der von Westen gegen Preßburg vordringende Gegner aufgehalten werden kann. Benedek erhielt noch den Befehl zu einem Vorstoß, um die Bewegungen der preußischen Armeen aufzuhalten. Bei der Verfassung, in welcher sich die Nordarmee befand, war aber an die Ausführung nicht zu denken. Der Marsch durch das arme Gebirgsland hatte sie noch besonders angegriffen, die Zerstörung der Eisenbahnbrücke von Göding durch preußische Kavallerie, einen Teil der mit der Bahn beförderten Truppen auf die Landwege verwiesen. Mühsam, wenn auch ungestört vollzog sie ihren Marsch. Der Umstand, daß das Oberkommando der II. preußischen Armee, um der Vereinigung mit den Hauptkräften vor Wien vorzuarbeiten, das Garde- und 6. Korps schon auf Brünn in Bewegung gesetzt hatte, machte andererseits alle Pläne, die Österreicher noch auf dem Rückzüge anzugreifen, hinfällig. — Im großen preußischen Hauptquartier mußte man sich dem Kampfe an der Donau zuwenden, von dessen Ausgang jetzt alles abhing. Da der größte Teil der österreichischen Südarmee mittlerweile bei Wien eingetroffen war, rechnete man sogar mit der Möglichkeit einer Offensive von dort her, an der wohl 150 000 Mann teilnehmen konnten. Zunächst war auf die Nachricht vom Abmarsch der Österreicher von Olmütz die I. Armee nach Lundenburg, die Elbarmee, die bei Jetzelsdorf südlich Znaim noch ein Scharmützel mit Edelsheimschen Reitern bestanden hatte, nach Laa links geschoben worden, um eine günstige Richtung für Angriff und Abwehr gegen die beiden österreichischen Heeresgruppen zu gewinnen. Dann gingen diese erst an den Zaya-, später an den Weidenbach vor. Kleine Zusammenstöße mit dem Feinde ereigneten sich nur bei Gaunersdorf und Schrick sowie bei Holics, wo der wackere Widerstand einer kleinen österreichischen Abteilung zahlreiche hinter ihr durchmarschierende Trains der Nordarmee rettete. Am 18. Juli ging das große Hauptquartier nach Nikolsburg und erließ am folgenden Tage seine Befehle für die Einleitung zum Angriff auf die Donaulinie. Alle drei Armeen sollten sich hinter dem Rußbach vereinigen, und zwar die Elbarmee bei Wolkersdorf, die I. bei Deutsch Wagram, 346 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung die II. dahinter bei Schönkirchen. Ein überraschender Versuch, Preßburg und den dortigen Donauübergang zu nehmen, war damit zu verbinden. Die II. Armee sollte Garde, 6. und 5. Korps schnell heranziehen, „da es unter allen Umständen wünschenswert ist, in möglichster Gesamtstärke an der Donau aufzutreten". Auch die Heranziehung des ganzen 1. Reservekorps nach Brünn oder Lundenburg wurde in Aussicht genommen, die Herbeischaffung eines Belagerungsparks vorbereitet. So hatte sich erfüllt, was Friedrich der Große nicht erreichte: — der König von Preußen stand mit einem großen siegreichen Heere vor Wien. Noch fehlte freilich der Schlußakt, die Einnahme, die nicht so leicht gewesen wäre, als man es damals, nach den vorangegangenen kriegerischen Ereignissen, vielfach angenommen hat. Auf österreichischer Seite hatte sich die niedergedrückte Stimmung mit dem Eintreffen der in Italien erfolgreich gewesenen Südarmee wieder etwas gehoben. Der Seesieg von Lissa stärkte sie. Die Hauptstadt war durch eine ausgedehnte verschanzte Linie geschützt worden. Sie bestand aus einer Reihe provisorischer Werke mit 430 Geschützen, lehnte sich rechts bei der Lobau, links gegenüber Klosterneuburg an die Donau und überragte die Dannewerke erheblich an Bedeutung. Eine in der Mitte an der Bahn nach Gänserndorf noch klaffende Lücke von 7 Breite, konnte feldmäßig geschloffen oder durch starke Besetzung gesichert werden. Das ganze 10. Armeekorps stand im Brückenkopf; rechts davon bewachte das 3., links das aus Italien gekommene 9. Korps die Donau. Zwei Kavalleriedivisionen schloffen sich unterhalb Wien bis Preßburg an. Das ebenfalls vom südlichen Kriegsschauplatz herangezogene S. Korps lag in der Hauptstadt. Am 21. Juli trafen die ersten Truppen Benedeks in Preßburg ein. Die Masse seiner Armee hatte die Gegend von Neustadtl und Tirnau erreicht; nur das 6. Korps und die sächsische Division Stieglitz blieben noch bei Trentschin zurück. Hatten die Truppen auch unter Entbehrungen sehr gelitten und starke Marschverluste gehabt, die nur notdürftig durch sehr mangelhaft ausgebildete Mannschaft ersetzt werden konnten, so wären sie doch in der Verteidigung brauchbar gewesen, und einige Ruhe hätte sie neu stärken können. — Die Dinge sahen also für Osterreich nicht ungünstig aus- Aber noch war die größte Gefahr nicht überstanden. Glückte der von preußischer Seite beabsichtigte Handstreich gegen Preßburg und wurde der Paß von Blumenau geöffnet, so mußte Benedek, auch ohne verfolgt zu sein, mindestens über Komorn ausweichen. Dann aber konnte die Hauptentscheidung bei Wien fallen, bevor er dabei mitzuwirken vermochte. Lage der Heere bei Wien 347 Das Unternehmen gegen Preßburg leitete General v. Fransecky, Kommandeur der 7. Division, dem auch die 8., jetzt von General v. Bose geführt, sowie eiue Abteilung der Armeereserveartillerie, unterstellt wurde. Am 21. Juli überschritt er bei Marchegg die March und ging bis Stampfen vor, erkundete den Paß und beschloß den Angriff für den 22. Im ganzen konnte er über 19 Bataillone, 24 Schwadronen, 78 Geschütze verfügen. Aber auch auf österreichischer Seite waren jetzt schon erhebliche Kräfte in der Nähe vorhanden, nämlich 24 Bataillone, 11 Schwadronen, und 40 Geschütze vom 2. österreichischen Korps, Graf Thun. Der Kampf zwischen diesen beiden im Vergleich zum Ganzen nicht sehr bedeutenden Heerteile sollte in letzter Stunde noch einmal über das Schicksal des Feldzuges entscheiden. Es darauf ankommen zu lassen, war gewagt. Beide kämpfenden Parteien hatten dabei viel zu verlieren. Darin fand die jetzt sehr rührige französische Vermittlung einen günstigen Nährboden. Graf Benedetti reiste in den letzten Tagen zwischen den Parteien hin und her. Napoleons III. Sorge war, daß Preußen durch einen für wahrscheinlich gehaltenen endlichen Sieg zu mächtig und anspruchsvoll werden würde. Er hielt die Entstehung eines Norddeutschen Bundes für erträglich, wenn ihm ein süddeutscher, der bei seiner Schwäche leicht unter Frankreichs Einfluß geraten könnte, gegenüberstand. Ein mäßiger Gebietszuwachs für Preußen galt ihm als ungefährlich. Der dadurch in Frankreich hervorgerufene Eindruck sollte aber durch irgendeine eigene Erwerbung aufgewogen werden. Preußen mußte jetzt, wo das wesentliche erreicht war, alles daran liegen, zu schnellem Abschlüsse zu kommen, ehe die fremden Mächte sich einmischten. Ein letzter Sieg hätte kaum noch etwas an dem Endergebnis des Krieges geändert. Österreich widerstrebte; es war für das Kaiserhaus schwer, die Rolle aufzugeben, die es seit Jahrhunderten in Deutschland spielte. Ein Opfer an Land und Leuten wurde nicht verlangt. Unter schweren Kämpfen hatte Bismarck dies, die künftige Entwicklung der politischen Lage Europas weit im voraus überschauend, bei seinem Könige und Herrn durchgesetzt. Sachsen, dem sich Kaiser Franz Josef, wegen seiner Bündnistreue, besonders verpflichtet fühlte, sollte gleichfalls geschont werden. Das waren Dinge, die in Wien für den Abschluß sprachen. Auf der anderen Seite stand Größeres auf dem Spiel. In Ungarn drohte die Erhebung, die nur auf das Signal einer neuen Niederlage des kaiserlichen Heeres wartete. Die Italiener gingen, wenn auch nur sehr bedächtig, vor, die süddeutschen 348 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Bundesgenossen zurück. Der Zustand der Nordarmee flößte noch wenig Vertrauen ein. In der Nacht zum 20. Juli wurde in Wien der Entschluß gefaßt, auf der nun schon im allgemeinen bekannt gewordenen Grundlage in Verhandlungen einzutreten. Man schlug eine fünftägige Waffenruhe vor und Preußen nahm sie an, obschon sie militärisch Österreich zugute kam; denn die Parteien legten sich keine Beschränkungen bezüglich der Bewegung der rückwärtigen Truppen auf. Benedek konnte in Ruhe heranrücken. Am 22. mittags sollte sie beginnen. Das Gefecht von Blumenau am 22. Juli ^366 Die österreichische Brigade Mondel hatte dicht nördlich Blumenau eine sehr starke Stellung genommen. Rechts und links lehnte sie sich an schroffe waldige Berghänge an. Zum Schutz der linken Flanke war Kaltenbrunn besetzt. 3 Bataillone, 16 Geschütze standen in vorderster Linie, dahinter noch eine starke Reserve und von Preßburg vorgezogene Kavallerie. Rückwärts im Paß war die Brigade Schütte — früher Henriquez — vom 2. Korps aufgestellt und hatte die Höhen zu beiden Seiten gegen Umfassungen gesichert. Auch der Kalvarienberg, unmittelbar vor Preßburg, wurde von der Stadt aus besetzt; am Bahnhofe dicht dabei hielten die Brigaden Thom und Saffran, bei Ratzersdorf die Brigade Württemberg, um eine Umgehung des Passes zu hindern. Alles war geschehen, den Vormarsch der Nordarmee zu sichern. Auf Vorschlag des Generals v. Bose entschloß sich Fransecky, in der Front den Kampf mit Teilen der 7. Division nur hinhaltend zu führen, während Bose mit einer Brigade der 8. den Paß über die waldigen Höhen hinweg nördlich umgehen wollte. Infolgedessen entwickelte sich ein Geschützkampf vor dem Passe, in dem sich die beiden Artillerien nach und nach verstärkten, die österreichische aber wegen des Munitionsmangels, der bei ihr herrschte, allmählich zu unterliegen begann und teilweise abfahren mußte. Ein Gehöft nördlich Blumenau, sowie die Waldhöhen südwestlich davon wurden von den Preußen genommen; Blumenau jedoch blieb in österreichischer Hand. Um 72/2 Uhr hatte General v. Fransecky die Nachricht vom Abschlüsse des Waffenstillstandes erhalten. Es war aber schon zu spät gewesen, um Böses Brigade zurückzurufen, die sich jetzt unter großer Anstrengung durch das Waldgebirge vorwärts arbeitete. Er mußte die Dinge einstweilen gehen lassen, wie sie wollten. Bose erschien gegen Mittag auf den Höhen am Engpasse und drängte die Brigade Schütte das Mühltal gegen die Donau Preußischer Vorstoß gegen Preßburg 349 hinab. Er stand nunmehr auf der Rückzugslinie der Verteidiger von Blumenau. Ein Vorstoß, den die Österreicher vom Kalvarienberg her unternahmen, scheiterte. Wie Bose die Österreicher umgangen, so drang in seinem Nucken die Brigade Württemberg von Ratzersdorf her gegen Bisternitz vor, das Fransecky durch seine Reserven besetzen ließ. Zur Entscheidung in dieser eigentümlichen Gefechtslage kam es aber nicht mehr. Die Mittagsstunde endete den Kampf, der, wie bei einem Friedensmanöver, um 12 Uhr auf Signal abgebrochen wurde. Nur vereinzelte Abteilungen setzten ihn noch etwa eine halbe Stunde lang fort. Bei längerer Dauer hätte wohl Fransecky durch Wegnahme der Stellung Mondels eine für Preußen günstige Entscheidung herbeigeführt. Die Preußen brachten sich bei Stampfen und Marchegg unter. Nur die Brigade Bose blieb bis zum 23. mittags am Engpaß stehen, um ihren Erfolg kenntlich zu machen und kehrte dann erst zu den Ihrigen zurück. Der Krieg war beendet. — Das Gefecht von Blumenau hatte die Preußen 8 Offiziere, 199 Mann gekostet, die Österreicher dagegen 18 Offiziere, 471 Mann. Zu erwähnen ist noch, daß die beiden gemischten Truppenabteilungen von Knobelsdorff und Stolberg seit dem S. Juli schon Österreichisch- Schlesien besetzt hatten und dann bis nach Zwittau, Müglitz und bis nach Teschen vorgerückt waren. Der Waffenstillstand und der Frieden von Prag am 30. August 5866 Erst am 22. Juli mittags wurde in Nikolsburg die Scheidelinie zwischen den beiden Heeren festgestellt. Sie begann oberhalb Wien bei Krems an der Donau, folgte ihr bis Stockerau, zog sich weiter nach dem Nußbach hinüber und dann nach Bisternitz jenseits der March, endlich am Fuße der kleinen Karpathen entlang nach Szenitz. Noch am gleichen Tage begannen die Friedensverhandlungen. In Frankreich war die öffentliche Meinung über Preußens unerwartete Siege in hohem Grade erregt, als sei man selbst davon betroffen worden. Napoleon m. hatte zwar seiner Vergrößerung bis zu einem gewissen Grade zugestimmt, ohne Entgelt dafür zu fordern. Aber es handelte sich nun darum, diese augenblickliche Geneigtheit schnell auszunutzen, ehe ein Umschlag eintrat. Moltke entwarf zwar den genialen Plan, wenn Frankreich ernsthaft eingriff, gegen Österreich weiterhin nur eine, auf Prag und 350 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Dresden gestützte Verteidigung an der Elbe von 4 Armeekorps durchführen zu lassen, alle andern Truppen aber an den Rhein zu werfen. Er setzte voraus, daß sich die Süddeutschen an Preußen anschließen und mit der Mainarmee vereinigen würden. Dann war der noch immobilen französischen Armee gegenüber eine hinreichende Überlegenheit verfügbar. Aber das bisher Gewonnene hätte doch aufgegeben werden müssen. Auch war an Rußland zu denken, das einen Kongreß wünschte. Im Heere selbst erhob sich ein unheimlicher Feind, die schnell um sich greifende Cholera. Von der jetzt nur noch lau vorgehenden italienischen Armee, stand keine kräftige Unterstützung in Aussicht. Das alles gebot weises Maßhalten. Auf österreichischer Seite arbeitete der neue Chef des Generalstabes, Feld- marschalleutnant Frhr. v. John, mit Erfolg daran, den Kaiser Franz Josef und den Erzherzog Albrecht von den Gefahren eines ferneren Widerstandes zu überzeugen. Nach Venedeks Eintreffen an der Donau, das sich während der Waffenruhe vollzog, standen 250000 Mann mit 840 Geschützen zur Verteidigung der Hauptstadt bereit, mehr als Preußen zum Angriff zur Hand hatte. Aber noch fehlte das rechte Vertrauen zu dieser Armee, deren bei weitem größter Teil nur Niederlagen erlebt hatte. Graf Benedetti, der im letzten Augenblick mit Frankreichs geheimen Ansprüchen auf das linke Rheinufer hervortrat, ward von Bismarck persönlich abgeschreckt: „Machen Sie mir heute keine amtliche Mitteilung von der Art!" — und die bereit liegende Urkunde für den Präliminarfrieden wurde unterzeichnet, die Waffenruhe bis zum 2. August verlängert und danach ein vierwöchentlicher Waffenstillstand geschlossen. Am 23. August folgte der endgültige Abschluß zu Prag, der am 30. von den beiden Negierungen bestätigt wurde. Die Bedingungen hatten keine Veränderung erfahren. Österreich stimmte der Einverleibung Schleswig-Holsteins in Preußen, Venetiens in Italien, der Bildung eines norddeutschen Bundes unter Preußens Führung, und eines selbständigen süddeutschen Bundes zu, verpflichtete sich auch zu einer mäßigen Kriegskostenzahlung. Sachsen blieb unverändert bestehen. Österreich erlitt keinen Gebietsverlust zu Gunsten Preußens. Mit der Einverleibung Hannovers, Kurhessens, Nassaus sowie der freien Stadt Frankfurt gewann Preußen rund 1300 deutsche Quadratmeilen mit 3170 362 Einwohnern — die bedeutendste Erwerbung, die es mit einem Schlage bisher gemacht hatte, wenn man von den Rückeroberungen und Ausgleichen der Freiheitskriege absieht. Frankreich hatte einstweilen das Nachsehen. Alsbald begann der Transport der preußischen Truppen nach der Heimat. Der König, vom Kronprinzen begleitet, verließ am 4. August den Friedensschluß und Heimkehr 351 Kriegsschauplatz und traf noch an demselben Abend in Berlin ein, „von der Bevölkerung mit endlosem Jubel begrüßt". Das Ergebnis des Krieges übertraf alle Erwartungen. Die Mehrzahl im Lande hatte geglaubt, alles mögliche Unheil für Preußen voraussehen zu müssen. Die Minderheit, die der Umsicht, der Führung und der Tüchtigkeit des Heeres fest vertraute, hatte ihre kühnsten Hoffnungen auf die Erwerbung von Schleswig-Holstein und den Wiedergewinn des altpreußischen Ostfriesland, sowie Ansbach—Baireuths gerichtet. Statt dessen kam eine Umgestaltung des Staatsgebietes, die Vereinigung der bisher getrennten Provinzen und eine so ansehnliche Gebietsvermehrung heraus, daß Preußens Großmachtstelluug für künftige Zeiten auf ganz neuer Grundlage beruhte. Seine Führerschaft, nicht mehr von einem gleich schweren dauernden Gegengewicht unwirksam gemacht, sicherte ihm auch die Verfügung über die militärischen Kräfte der übrigen norddeutschen Bundesstaaten. Im Volke begann das Verständnis dafür zu erwachen, daß König Wilhelm mit seinem Heeresreformwerke keiner persönlichen Liebhaberei, und Bismarck mit seiner Politik keinem junkerhaften Übermute gefolgt sei, sondern daß beide vereint Preußen und Deutschland bewußt einer ehrenvollen Zukunft entgegen führten, unterstützt durch einen großen Heerführer und einen bewährten Organisator. Es begann in den Geistern das Verständnis für die geschichtliche Mission des Vaterlandes zu erwachen. — Vor der Fortsetzung des Berichts ist es notwendig, einen Blick auf die Vorgänge bei der österreichischen Südarmee zu werfen, die in so engen Zusammenhang mit den Schicksalen der Nordarmee gekommen war. Der Leldzug in Oberitalien (Vergl. Skizze 12, S. 126) Italien hatte seine Rüstungen am 11. März begonnen und bis Mitte Juni 20 Infanterie- und 1 Kavalleriedivision, im ganzen 360 Bataillone, 90 Eskadrons, 450 Geschütze — 210000 Streitbare zählend — für den Krieg bereit gestellt. Außerdem hatte sich aus Freiwilligen eine Macht von 42 Bataillonen, 2 Eskadrons, 40 Geschützen gebildet, 36 000 Mann stark. 70 000 Mann standen an Besatzung in den Festungen. Die ganze Kriegsflotte war bei Ancona vereinigt. Es ist nicht zu leugnen, daß das junge Königreich außerordentliche Anstrengungen gemacht hatte, um sein Ziel, die Gewinnung Venetiens und damit die einer Großmachtstellung in Europa, zu erreichen. Österreich setzte erst am 21. April die Südarmee auf den Kriegsfuß; 352 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung doch war dieser Teil seiner Heeresmacht seit den Vorgängen von 1848: 1849 und 1859 der am meisten schlagfertige und zum schnellen Beginn eines Feldzuges am besten vorbereitete gewesen. Wie bekannt, war Benedek bis zum Kriege ihr Oberbefehlshaber. Sie zählte im ganzen 147^ Bataillone, 36 Eskadrons und 248 Geschütze, etwa 143 000 Streitbare, jedoch war auch diese, den Italienern an Zahl weit nachstehende, Truppenzahl nur zum Teil im freien Felde verfügbar. Die Feldarmee bestand aus dem 5., 7., 9. Armeekorps sowie einer Reservedivision zu 2 Brigaden und einer selbständigen Kavalleriebrigade: 76 Bataillone, 24 Eskadrons, 163 Geschützen, rund 78000 Mann 13 000 Mann waren zum Schutze von Südtirol, 16 000 in Jstrien und Friaul aufgestellt, das übrige zu Besatzungszwecken verwendet. Die österreichische Flotte versammelte sich auf der Reede von Fasana bei Pola; die Flottille auf dem Gardasee wurde verstärkt. Italien bildete zwei Feldarmeen, die eine unter dem Könige, mit General Lamarmora als Stabschef, 3 Korps zu je 4 Divisionen und 1 Kavalleriedivision, 110000 Mann an Gefechtsstand stark, am Mincio, die andere unter General Cialdini am unteren Po um Ferrara, erst 4, später 5, zuletzt 8 Divisionen, 70000 Streitbare zählend. Von preußischer Seite riet man gerade aus dieser Richtung mit besonderer Energie vorzudringen; denn bei Überschreitung des unteren Po wurde das berühmte oberitalienische Festungsviereck Verona—Peschiera—Mantua— Legnago umgangen und eine Richtung eingeschlagen, die es erlaubte, das Herz der österreichischen Monarchie bald zu bedrohen. Dabei konnte man vielleicht auch auf die Unterstützung durch die unzufriedenen Ungarn rechnen. Lamarmora aber verwarf diesen Plan als zu verwegen, wollte sicher gehen, erst das Festungswerk erobern und dann die Österreicher, die er südlich von Padua vermutete, in der Front angreifen. Erzherzog Albrecht, der auf österreichischer Seite, wie bekannt, den Oberbefehl übernahm, war über die Vorbereitungen der Italiener und ihren Aufmarsch gut unterrichtet. Er entschloß sich daher, seine Armee an der Frassine zwischen Lonigo und Moutagnana zu versammeln, um sich von dort aus entweder nach Verona oder nach Padua zu wenden und „den zunächst eine Blöße bietenden Gegner zu fassen". Die italienische Hauptarmee stand vor Beginn der Feindseligkeiten mit dem 2. Korps bei Cremona, mit dem 3. bei Piacenza, mit dem 1. bei Lodi, die Kavalleriebrigade vor dem linken Flügel am Oglio. Der König wollte den Mincio überschreiten, sich dann des Hügellandes von Custoza bemächtigen, so die Österreicher bei Verona fesseln und dadurch Cialdinis Erzherzog Albrecht entschließt sich zum Angriff 353 Poübergang bei Ferrara erleichtern. Dieser General sollte dann im Rücken der Österreicher auf Padua und Vicenza Vordringen. Dem methodisch und vorsichtig gedachten Plane widerfuhr das Schicksal der meisten Pläne dieser Art; er scheiterte vollständig. Am 20. Juni wurde die italienische Kriegserklärung vor Mantua abgegeben; nachmittags 1 Uhr war sie in Verona bekannt. Erzherzog Albrecht war jetzt schon entschlossen, die italienische Hauptarmee überraschend anzugreifen. Wenn der König den Mincio überschritt, wollte er ihm, durch Verona vorgehend, in die linke Flanke fallen, nötigenfalls jedoch selbst den Mincio überschreiten und gestützt auf Peschiera die Schlacht suchen. Er ließ am Po nur ein Jägerbataillon und ein Kavallerieregiment zurück, um Cialdini zu überwachen und versammelte am 21. Juni das ö. Korps, Rodich, hinter Verona, das 9., Härtung, bei Lonigo und das 7., Maroicic, bei Montagnana. Die Kavallerie beobachtete am Mincio. Am gleichen Tage erreichten die Italiener den Chiese und unteren Oglio und zwar das 2. Korps bei Marcaria, das 3. bei Asola, das 1. unterhalb, die Kavalleriedivision oberhalb Montechiari, wo Napoleon III. vor der Schlacht von Solferino sein Hauptquartier gehabt hatte. Garibaldi begann sein Vorgehen über Brescia in der Richtung auf Trient, wo ihm Generalmajor Kühn mit der Tiroler Landesverteidigung gegenüberstand. Am 22. Juni rückte die ganze österreichische Armee nach Verona—San- Bonifacio heran, die Kavallerie meldete vom Mincio das Eintreffen der Italiener und ihre Vorbereitungen für den Übergang. Tatsächlich traf an diesem Tage ihr 2. Korps vor Mantua, das 3. bei Gazzoldo, das 1. bei Cavriano ein, Cialdinis Armee bei Ferrara. In der Nacht darauf begann schon der Übergang der Hauptarmee über den Mincio in breiter Front zwischen Goito und Monzambano; die österreichische Kavallerie wich langsam vor ihr zurück. Der Erzherzog schloß aus der Meldung von den Übergangsstellen, daß die Italiener gegen die Etschstrecke Verona—Albaredo vorgehen würden. Sogleich war er entschlossen, seine Armee über die Etsch vorzuführen und sie vorwärts Verona im Hügellande mit der Front gegen Süden zu entwickeln. Die Kriegsbrücken oberhalb Verona wurden vermehrt. Dort und bei Verona erfolgte am 23. der Übergang. Die Reservedivision war auf dem rechten Flügel herangezogen, die Kavalleriebrigade durch die Reiterei des Korps auf eine Division verstärkt worden. Alles verlief glatt und pünktlich. Am 24. Juni 3 Uhr früh sollte die Armee wieder aufbruchsbereit sein. Der Vorstoß gegen die linke Flanke der Italiener wurde in seinen Einzelheiten geordnet. Allein die Italiener wollten, wie bekannt, dem Gegner die Flanke zum Frhr. v, d> Goltz, Kricgsgeschichte II 23 354 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Angriff gar nicht darbieten. Sie hatten sich noch am 23. nordöstlich gewendet, um gleichfalls das Hügelland von Sommacampagna zu gewinnen. Das Ausweichen der österreichischen Kavallerie bestärkte den König in der Ansicht, daß er vorwärts Verona keinen ernsten Widerstand finden werde. Von der schnellen Versammlung der Österreicher hatte er keine Nachricht erhalten. Am 24. Juni setzte er den Marsch in der eingeschlagenen Richtung fort. Auf dem rechten Flügel ging das 2. Korps, das zwei seiner Divisionen vor Mantua gelassen hatte, über Roverbella vor — die Kavalleriedivision Sonnaz sicherte die rechte Flanke. In der Mitte bewegte sich das 3. Korps mit allen 4 Divisionen gegen Villafranca, zur Linken des 1., das eine Division vor Peschiera gelassen hatte, in der Richtung gegen Sommacampagna und Castelnovo. Der König hoffte die 15 Kilometer lange Front Villafranca— Sommacampagna—Castelnovo ohne Kampf zu erreichen. 100000 Italiener rückten gegen 73000 Österreicher an. Diese vollzogen zunächst eine große Linksschwenkung, für die das 9. Korps bei Sommacampagna den Drehpunkt bilden, daneben das 7. nach Zerbare, das 5. nach San Rocco di Pallazzuolo, die Reservedivision nach Oltosi vorgehen sollte. Sie stießen dabei alsbald im Hügellande auf die anrückenden italienischen Divisionen. Es kam also zur Begegnungsschlacht von 5sF4 l^sinks !t/ss??s?H? Fulda vorgeschoben werden, um dort als Vorhut der mit Hilfe der Eisenbahnen bei Hersfeld sich sammelnden Armee zu dienen. Damit hätte diese von Hause aus zwischen den beiden gegnerischen Gruppen gestanden, die gemeinsam noch immer eine fast doppelte numerische Überlegenheit ausmachten, also mit Sicherheit nur vereinzelt zu schlagen waren. Falckenstein zog jedoch seine Armee am 1. Juli in die Linie Gerstungen— 360 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Eisenach—Grossenbehringen zusammen und rückte am 2. nach Vacha— Salzungen vor, während die Manteuffelschen Truppen sich bei Eisenach sammelten. Dabei ordnete er seine Divisionen neu und regelte ihre Zusammensetzung. Auf Eisenbahnbenutzung hatte er verzichtet. Die vorübergehend gegen die Hannoveraner entsendeten anderen Truppen kehrten zu ihrer alten Bestimmung zurück. Das Gesuch der Kommandantur von Köln, Truppen zum Schutze der angeblich bedrohten Rheinprovinz zu entsenden, lehnte Falckenstein mit Recht ab, um seine Kräfte nicht zu zersplittern. Am 3. Juli trat er den Weitermarsch nach Fulda an. Die Division Beyer ging bis Geisa vor, die Division Goeben über Lengsfeld an den Ochsebach; Manteuffel folgte bis Marksuhl. Am gleichen Tage trat Prinz Karl von Bayern seinen Flankenmarsch an, stieß aber an der Fulda schon auf preußische Truppen und versammelte daher sein Korps bei Kalten- Nordheim in starker Stellung. Das zum Aufsuchen der Verbindung nach Fulda vorausgesaudte Kavalleriekorps meldete den Anmarsch starker preußischer Kräfte von Vacha, besetzte jedoch noch Hünfeld, das vom Feinde frei gefunden wurde. Die Versammlung der Bayern bei Kalten-Nordheim hätte General v. Falckenstein die Gelegenheit gegeben, schon jetzt einen kräftigen Schlag gegen sie zu tun. Aber er erfuhr nichts davon, blieb bei der Fortsetzung seines Marsches nach Fulda und trug nur der Division Goeben auf, einen Vorstoß über Dermbach zu machen, um die Bayern zurückzuwerfen und dann zu folgen. Dies führte zu den Gefechten bei Dermbach am Juli General v. Goeben, der über die Nähe starker feindlicher Kräfte genauer als der Oberbefehlshaber unterrichtet war und, dem erhaltenen Befehl nach, einen Erfolg auch nicht hätte ausnützen dürfen, ließ zwar die Brigade Kummer südlich auf Neidhartshausen und Zella, die Brigade Wrangel östlich über Wiesental gegen die nächsten bayerischen Truppen der 3. und 4. Division vorrücken, rief sie aber nach kurzem, erfolgreichem Gefecht bald wieder zurück. Nur um den Nebelberg zwischen Wiesental und Roßdorf, den General v. Wrangel dem Drängen seiner Truppen nachgebend, stürmen ließ, kam es zu lebhafterem Kampfe. Der Verlust betrug auf preußischer Seite 14 Offiziere, 330 Mann, auf bayerischer 27 Offiziere, 376 Mann. Dann begnügte sich Goeben mit der Festhaltung von Dermbach und leitete den Marsch nach Westen ein. — Hünfeld. Die Bayern bei Kalten-Nvrdheim 361 Das bayerische Kavalleriekorps wurde an diesem Tage von einem herben Unfall betroffen. Seine der Kolonne voraufmarschierende schwere Brigade stieß bei regnerischem Wetter unvermutet auf die Spitze der preußischen Division Beyer. Diese ließ durch ihre Batterien einen Feuerüberfall ausführen. Gleich die ersten Granaten trafen die vorderste Eskadron, fügten ihr erheblichen Verlust zu und brachten sie zu ungeordnetem Zurückgehen. Dabei warf sie sich auf das sich entwickelnde Regiment, riß es sowie auch das zweite mit und verbreitete die Unordnung. Von der auffahrenden Batterie blieb ein Geschütz liegen. Das Gerücht vergrößerte den Unfall, und am Ende ging das ganze Korps über Fulda gegen Gersfeld zurück. Prinz Karl hatte sich mittlerweile zum Abmarsch nach Neustadt a. S. entschlossen und sandte dem Kavalleriekorps den Befehl, nach Brückenau heranzurücken. Dieser Befehl erreichte das Korps abends 10 Uhr in Gersfeld, brachte neue Irrungen hervor und ließ es erst am 6. Juli bei Hammelburg hinter der Saale geordnet zur Ruhe kommen. Der Prinz hatte seinen Abmarsch noch am 4. eingeleitet, am ö. aber unterbrochen, da er einen Angriff erwartete, den er bei Kalten-Nordheim abweisen wollte. Erst am nächsten Morgen nahm er die Bewegung wieder auf, nachdem er abends zuvor noch die Hiobspost von Königgrätz und die Nachricht vom Mißgeschick der Kavallerie erhalten hatte. Am 6. Juli erreichte er mit der 3. Division Neustadt a. S., mit der 2. und der Reserveartillerie Mellrichstadt, mit der 4. die Gegend südlich Fladungen, während die 1. bei diesem Orte als Nachhut verblieb. — Auch das Bundeskorps hatte sich nunmehr geregt. Unter unnütz starker Sicherung gegen die Nheinprovinz, wo angeblich noch viel preußische Truppen stehen sollten, war es am 3. Juli bis zum Osthange des Vogelsgebirges, Fulda gegenüber, vorgerückt. Nach einem Ruhetage am 4. wurde der Marsch am 5. gegen Fulda fortgesetzt, wo Falckenstein vermutet wurde. Am Nachmittage traf vom Oberbefehlshaber Prinz Karl die Mitteilung seiner Absicht ein, nach Neustadt a. S.—Bischofsheim zurückzugehen. Er forderte das Korps auf, „sich in gleicher Höhe zu halten und möglichst rasch die Verbindung über Brückenau und Kissingen herzustellen". Prinz Alexander von Hessen erfuhr aber mittlerweile auch, daß die österreichische Hauptarmee bei Königgrätz geschlagen worden sei, und die Schwäche aller Koalitionen machte sich hier wie überall geltend. Er schlug nämlich eine sofortige Versammlung der süddeutschen Kräfte hinter dem Main vor. Der Oberbefehlshaber aber bestand auf seiner Absicht, noch vorwärts des Mains an der Saale bei Neustadt—Kissingen—Hammelburg Widerstand zu leisten und forderte das Herankommen. 362 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Im Einverständnis mit dem Bundestage und den heimischen Regierungen verweigerte Prinz Alexander dies und ging bis zum 9. Juli nach Hanau und Frankfurt a. M. zurück, um zunächst diese Stadt zu schützen. Am 10. wurde geruht. Die Trennung der Verbündeten war damit vollzogen. General v. Falckenstein, durch Goebens Gefechte am 4. Juli auf die Nähe stärkerer bayerischer Streitkräfte aufmerksam geworden, versammelte am 5. seine 3 Divisionen bei Geisa, Dermbach und Lengsfeld, schloß dann aber aus dem Verschwinden des Gegners, daß dieser ins obere Werratal zurückgegangen sei und wandte sich erneut der Marschrichtung auf Fulda zu. Am 6. stand er zwischen Fulda und Hünfeld, hielt am 7. Ruhetag, glaubte die Bayern nördlich des Mains nicht mehr erreichen zu können und fragte bei Moltke an, ob es nicht infolge der Schlacht bei Königgrätz zweckmäßig sei, sich zunächst der Länder nördlich des Mains zu versichern. Die Fühlung mit dem Feinde ging darüber verloren. Festgestellt wurde jedoch, daß das 8. Bundesarmeekorps aus der Gegend westlich Fulda gegen Frankfurt a. M. und Wetzlar abgezogen sei; Falckenstein entschloß sich daher zu einem Vorstoße über die fränkische Saale. Beyer sollte von Fulda über Schlüchtern nach Hammelburg marschieren, Goeben, der sich mit der Armee wieder vereinigt hatte, über Brückenau nach Kissingen, Manteuffel von Hünfeld ebendahin. Am 11. Juli sollten dann Beyer und Goeben vor Schweinfurt, Manteuffel bei Kissingen stehen. Diese Anordnungen führten zu den Gefechten an der fränkischen Saale. Prinz Karl von Bayern hatte nämlich am 9. mit der Hauptmasse der bayerischen Armee Neustadt erreicht, das Kavalleriekorps des Fürsten Thurn und Taxis bei Hammelburg durch die 6. Jnfanteriebrigade verstärkt und den General v. Zoller mit dem Rest der 3. Division und einer leichten'Kavalleriebrigade beauftragt, den Übergang von Kissingen zu halten. Von Bischofsheim beobachtete eine gemischte Abteilung gegen Norden und Nordwesten. General v. Beyer stieß daher am 10. früh, als er sich Hammelburg näherte, an der Thulba auf bayerische Vorposten und warf sie gegen die Stadt zurück. Zwei bayerische Bataillone nahmen diese, unterstützt durch die Artillerie vom südlichen Saaleufer her, auf, wiesen die ersten preußischen Angriffe an den Höhen nördlich der Stadt zurück, wichen dann aber, als sie rechts umfaßt wurden. Nach kurzem Kampfe geriet das brennende Hammelburg in preußische Hand, die Bayern zogen über Fuchsstadt ab. Der Verlust war unbedeutend. Die Kämpfe an der fränkischen Saale 363 General v. Falckenstein, der Beyers Kolonne begleitete, empfing aber inzwischen die Meldung von einem ernsten Gefecht bei der Division Goeben und hielt deshalb Beyer bei Hammelburg an. Das Gefecht von Aissingen am 1.0. Juli ^366 (S. Skizze 35) General v. Goeben war am 10. vormittags vor Kissingen erschienen, voran die Brigade Kummer, dahinter die Brigade Wrangel, die gleichzeitig eine Seitenabteilung nach Friedrichshall entsendet hatte. An der Saale von Waldaschach bis unterhalb Kissingen hatte der bayerische General v. Zoller den durch Regengüssen geschwellten und undurchwatbar gemachten Fluß besetzt. Mit Ausnahme von Waldaschach lag seine Stellung ganz am linken Ufer. Die Übergänge waren zerstört oder gesperrt, namentlich die große steinerne Brücke in der Mitte der Stadtfront, auf der 2 Zwölf- pfünder hinter einer Barrikade standen, eine hölzerne Jochbrücke am nördlichen, ein eiserner Laufsteg am südlichen Ende und ein hölzerner Laufsteg bei der Lindesmühle. Teile der 2. und 4. bayerischen Division standen an verschiedenen Stellen in der Nähe — die Zersplitterung der Truppen erschwerte eine einheitliche Verwendung. In Kissingen selbst waren 2 bayerische Bataillone, 12 Geschütze, in Reserve 3 Bataillone zurückgehalten — genügende Kräfte, um den Ort ernsthaft zu verteidigen. Die Brigade Kummer — von Garitz herankommend — setzte sich zunächst in der westlichen Vorstadt fest. Kanonade und Gewehrfeuer entspannen sich über das Flußtal hinweg. Die bayerische Artillerie wurde gezwungen, um etwa 1000 Meter zurückzugehen. Dann entwickelte sich die Brigade Wrangel rechts von der Brigade Kummer südlich der Straße, und es gelang ihr unter großer Mühe und im heftigen Kampfe mit der bayerischen Reserve, die auf den Höhen bei den Bodenlauben erschien, den Steg bei Lindesmühle zu überklettern. Tischplatten und Fensterläden dienten dazu, den abgenommenen Belag zu ersetzen. Auch der eiserne Laufsteg und die Barrikade der Hauptbrücke wurden am Ende überwunden; in der Stadt entwickelte sich der Straßen- und Häuserkampf. Um 1 Uhr nachmittags waren die Preußen in ihrem Besitz. Die Bayern zogen sich nach dem dahintergelegenen festen, aber von Süden und Nordosten überhöhten Kirchhofe zurück. Auch dieser ging verloren. Ein auf Prinz Karls Befehls unternommener Versuch, ihn wiederzuerobern, schlug fehl; General v. Zoller fiel. Der Rückzug nach dem 1800 Meter nordöstlich Kissingen gelegenen Dörfchen Winkels wurde angetreten. Die dorthin zur Aufnahme 364 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung befohlene 4. bayerische Division geriet durch Mißverständnisse in die Stellung von Poppenhausen, halbwegs Kissingen und Schweiufurt. Als General v. Goeben daher nach einer Gefechtspause um 2 Uhr nachmittags seine Division, die Brigade Kummer links im ersten, Wrangel rechts im zweiten Treffen weiter führte, gerieten die Höhen nördlich und südlich Winkels nach kurzem neuen Gefecht in die Gewalt der Angreifer. Prinz Karl ordnete den Rückzug auf Nüdlingen an. Um 3 ^ Uhr befahl Goeben, nicht über die bis jetzt gewonnenen Höhen hinaus vorzugehen, da er Nachricht vom Anmärsche bedeutender feindlicher Kräfte erhalten hatte. Nur ein Bataillon folgte den Abziehenden und eroberte noch ein Geschütz. Inzwischen war die linke Seitendeckung — 2 Bataillone und eine halbe Eskadron unter Oberst v. d. Goltz — bei Friedrichshall ebenfalls auf die Bayern gestoßen und hatte sich am Flusse in heftigem Feuerkampfe entwickelt. Die Brücke war abgebrochen, die Saale nicht zu überschreiten. Das Gefecht stand still, als die Vorhut der Division Manteuffel bei Hausen erschien und nach kurzem Kampfe die Räumung der bayerischen Stellung veranlaßte. Die bayerische Besatzung von Waldaschach gewann im Verein mit einer Zersplitterung der bayerischen Kräfte 365 ihr von Münnerstadt entgegengesandten Abteilung durch einen Nachtmarsch über Neustadt den Anschluß an die Armee. Nur ihre Nachhutkompagnie wurde von den Preußen ereilt und mit schwerem Verlust über die Saale geworfen. Auf preußischer Seite hielt man den Kampf für beendet und glaubte die Bayern im Rückzüge, als sich am späteren Nachmittage noch ein zweites lebhaftes Gefecht entspann. Prinz Karl hatte nämlich die 1. Division von Münnerstadt herangerufen, brachte auch noch andere, im Gefecht gewesene Truppen zusammen und verfügte nach 4 Uhr nachmittags bei Nüdlingen über eine ansehnliche Macht. Im Dorfe selbst steckten zwei schwache preußische Abteilungen, die dort bleiben sollten, bis die Vorposten ausgestellt seien. Sie wurden, nach kurzer Artillerievorbereitung hinausgeworfen, die Vorposten — vom Infanterieregiment 19 — in der linken Flanke umgangen und auf Winkels zurückgetrieben, trotzdem Artillerie und Infanterie, die in der Nähe waren, zur Unterstützung herbeieilten. Die Brigade Wrangel erhielt jedoch, so hart sie auch bedrängt war, von General v. Goeben den Befehl sich selbst zu helfen, was ihm im Hinblick auf die herannahende Dämmerung möglich erschien. General v. Wrangel ließ hierauf das Signal zum allgemeinen Vorgehen blasen, und es gelang seinen Bataillonen auch, sich mit Einbruch der Dunkelheit wieder in Besitz der Höhen von Winkels zu setzen. Der bayerische General v. Steinle, der den Vorstoß geführt hatte, trat den Rückzug an. Der Kanrpf war beendet. Er hatte die Bayern 60 Offiziere, 1360 Mann, 1 Geschütz gekostet. Der preußische Verlust betrug 46 Offiziere, 1002 Mann. » » » Der Mißerfolg der bayerischen Armee war vor allen Dingen durch die Zersplitterung der Truppen verschuldet worden und der Wunsch, sie zunächst in sich zu vereinigen, am dringendsten. Das konnte jetzt nur hinter dein Main geschehen. Das Vordringen starker preußischer Kräfte gegen Schweinfurt veranlaßte dabei den Prinzen Karl, am 11. Juli den Rückzug mit dem Hauptteile, östlich ausholend, über Haßfurt zu nehmen. Am Abend und am folgenden Tage wurde der Main überschritten und die Armee in einer Stellung bei Gerolzhofen zusammengezogen. Das Kavalleriekorps war auf Würzburg ausgewichen. Auch dort gedachte man nicht stehen zu bleiben; denn dem Prinzen Alexander von Hessen wurde auf seine Anfrage Uffenheim, 36 km südöstlich Würzburg, als gemeinsamer Vereinigungspunkt bezeichnet, zugleich als ungefährer Termin der 20. Juli 366 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung General v. Falckenstein hatte noch am 10. Juli abends den Vormarsch gegen Schweinfurt angeordnet. Von Münnerstadt her drang Manteuffel bis uach Maibach, nördlich von Schweinfurt, vor, Goeben folgte, Beyer zog sich von Hammelburg heran. Aus Poppenhausen wurden feindliche Vorposten Vertrieben. Moltke antwortete telegraphisch auf Falckensteins Anfrage vom 6. Juli, daß es die Hauptaufgabe der Mainarmee sei, eine Schlacht gegen die bayerische Armee zu gewinnen, die sich spätestens vor Nürnberg stellen müsse. „Die Länder nördlich des Main fallen uns zu, ohne daß wir hineingehen." Ein zweites am 11. vormittags aus dem großen Hauptquartier einlaufendes Telegramm, das auf Bismarcks Veranlassung wegen der drohenden französischen Einmischung abgesandt worden war, kam verstümmelt an. Es ließ jedoch verstehen, daß die tatsächliche Besetzung der Länder nördlich des Mains im Hinblick auf vorauszusehende Verhandlungen jetzt wichtig sei. Dies bewog Falckenstein zum Abmärsche nach Westen, den er auch persönlich wünschte. Goeben voran, Manteuffel ihm folgend, sollten über Aschaffenburg, Beyer, von Gemünden nördlich ausbiegend, über Geln- hausen gegen Hanau abrücken und der Einzug in Frankfurt a. M. am 17. oder 18. stattfinden. Über den Verbleib der Bayern war Bestimmtes nicht festgestellt, auf das Bundeskorps keine Rücksicht genommen. Dessen Führer, Prinz Alexander von Hessen, hatte versucht, dem Verlangen der Bayern nach Unterstützung durch Vorschieben der Württemberger gegen Gelnhausen, der Forderung der Bundestagsgesandten und Kontingentsherren, Frankfurt nicht preiszugeben, aber durch Entsendung der Nassauer über Wiesbaden und einer badischen Abteilung nach Gießen zu entsprechen. Dann erfuhr er, am 11. Juli abends, daß die Bayern angeblich auf dem Rückzüge nach Nürnberg seien und entschloß sich zur Vereinigung mit ihnen abzumarschieren. Als am 12. die Nachricht vom Einrücken der Preußen in Lohr einlief, schob er die 1. hessische Brigade mit der Eisenbahn nach Aschaffenburg, die 2. nach Hanau vor und befahl die Versammlung der anderen drei Divisionen bei Gelnhausen, Vilbel und Höchst. Am 13. wurde die österreichische Brigade Hahn auf dem Schienenwege nach Aschaffenburg überführt, als es hieß, 16 000 Preußen rückten von Lohr heran. Das Gefecht von Laufach am ^3. Juli ^S66 Um Aschaffenburg durch eine vorwärts gelegene Stellung zu sichern, war die hessische Division im Aschafftale bis Hösbach vorgerückt und hatte von dort ihre 1. Brigade bis Weiberhöfe weitermarschieren lassen. Diese Das 8. Bundeskorps bei Frankfurt a. M. 367 trieb noch schwächere Abteilungen gegen Laufach und gegen Waldaschaff vor, um Fühlung mit dem Gegner zu nehmen. Beide gingen jedoch vor der anrückenden Division Goeben wieder zurück, und diese bezog, durch das Überschreiten des Spessart ermüdet, mit der Brigade Wrangel bei Lausach mit der Brigade Kummer bei Waldaschaff ihre Lager. Der hessische Divisionskommandeur, General v. Perglas, hielt die Ankömmlinge jedoch für sehr schwach und ordnete ein erneutes Vorgehen seiner Truppen gegen Laufach an. Die beiden preußischen Füsilierbataillone der Regimenter 15 und 55, die dort gerade bei Ablösung der Vorposten beschäftigt gewesen waren, warfen sich schnell in das vor ihnen liegende Dorf Frohnhofen hinein und wehrten, zum Teil auf ganz kurze Entfernung, die schon andringenden Hessen ab. Ein heftiges Fener- gefecht entwickelte sich. Hinter der 1. traf bald auch die 2. hessische Brigade ein und griff, die Tornister ablegend, sofort entschlossen an. Eine im Westrande von Frohnhofen hoch gelegene Kegelbahn diente dabei hauptsächlich als Ziel. Im Zündnadelgewehrfeuer ihrer Besatzung aber brachen die Stürmenden im Verlauf einer Viertelstunde zusammen. Die neue Waffe feierte einen Triumph wie bei Lundby. Auch der Versuch einer Umfassung des Dorfes von Norden her mißlang, da dort auf preußischer Seite Verstärkungen mit Artillerie eintrafen. Auch südlich erschienen jetzt die herbeieilenden Bataillone der Brigade Wrangel; die tapfere hessische Division mußte mit schwerem Verluste nach Aschaffenburg zurückgehen, wo sie von der eben eintreffenden österreichischen Brigade aufgenommen wurde. Der Angriff kostete sie nicht weniger als 37 Offiziere, 669 Mann. In der Verteidigung hatten die Preußen dagegen nur 1 Offizier, 57 Mann eingebüßt. Das Gefecht von Aschaffenburg am ^. Juli ^366 General v. Goeben setzte am 14. Juli seinen Vormarsch gegen Aschaffenburg fort. Dort stieß er auf die österreichische Brigade, die sich etwa 1500 Meter nordöstlich der Stadt quer über das Aschafftal hinweg aufgestellt hatte, während die Hessen über den Main auf Seligenstadt abzogen und nur eine Batterie bei den Österreichern zurückließen. Nach kurzem Artilleriekampfe drang die längs der Eisenbahn herangekommene Brigade Kummer umfassend, gegen den rechten Flügel, die Brigade Wrangel längs der Chaussee gegen die Front der österreichischen Stellung vor. Schon um 10^2 Uhr früh entschloß sich Feldmarschalleutnant Graf Neip- perg dieselbe zu räumen. Da die Preußen mit dem feindlichen rechten Flügel gleichzeitig in die Stadt eindrangen, mußte die österreichische In- 368 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung fanterie in den engen und steilen Straßen noch mehrfach einen verlustreichen Widerstand aufnehmen. Zwei Geschütze hielten eine Zeitlang das Überschreiten der Mainbrücke an der Stadt auf, und es gelang am Ende, die Brigade teils auf dieser, teils weiter unterhalb bei Stockstadt hinter den Fluß zu führen. Um 1 Uhr nachmittags überschritt die vorderste preußische Infanterie die Stadtbrücke; auch der Übergang bei Stockstadt geriet bald in ihre Gewalt. Eine Verfolgung fand aber nicht mehr statt. Ermüdung und unerträgliche Hitze hinderten sie. Der Kampf hatte die Sieger nur 17 Offiziere, 163 Mann gekostet. Die Einbuße der Österreicher belief sich auf nicht weniger als 47 Offiziere, 2445 Mann, doch befanden sich darunter 22 Offiziere und nahe an 2000 Mann unverwundete Gefangene, zum großen Teil einem Regiment mit italienischem Ersatz angehörig. Der Verlust der Hessen war nnr geringfügig. General v. Goeben hatte mit seiner Division nacheinander Bayern, Hessen und Österreicher geschlagen, sein Ruf als Führer, der sich in engeren Kreisen schon 1864 geltend machte, verbreitete sich jetzt im ganzen Heere. Offiziere und Soldaten blickten mit festem Vertrauen auf ihn. » Prinz Alexander von Hessen hatte inzwischen, erheblich verspätet, am 13. Juli abends, den Befehl des Oberkommandos zur Vereinigung bei Uffenheim erhalten und es nicht mehr verhüten können, daß ein bedeutender Teil seiner Kräfte, der schon auf dem Wege nach Schweinfurt war, unnötig Teilniederlagen erlitt. Mit Mühe gelang es, bis zum Abend des 14. Juli die nördlich Frankfurt a. M. versammelte badische Division mit der Eisenbahn nach Babenhausen überzuführen, die württembergische bei Hanau den Main überschreiten zu lassen, die hessische südlich Seligenstadt anzuhalten, während die österreichisch-nassauische bei Babenhausen und Darmstadt, die Reservekavallerie noch nördlich des Maines war. Ein Blick auf die Karte lehrt, daß das 8. Bundeskorps in die übelste Lage geraten mußte, wenn General v. Falckenstein am 15. Juli kräftig über den Main in der Richtung auf Darmstadt vorstieß. Er hätte sich mit seinen siegreichen Truppen inmitten der noch zerstreuten Streitkräfte des Prinzen Alexander befunden. Aber dies äußerste trat nicht ein. Der General wendete sich, in Verkennung der Lage, über Hanau nach Frankfurt a. M., wo er am 17. Juli gegen Abend seinen Einzug hielt. So konnte sich das Bundeskorps einer neuen Entscheidung entziehen, die vermutlich verhängnisvoll ausgefallen sein würde, und am 15. die Abmarsch des Bundeskorps an die Tauber 369 Gegend von Groß-Umstadt und Neustadt erreichen. Von dort marschierte es nach der unteren Tauber weiter; der Troß wählte den Umweg über Darmstadt, Heidelberg und Mosbach. Prinz Alexander eilte zu einer Besprechung mit dem Oberbefehlshaber nach Tauberbischofsheim voraus. Ein neuer Abschnitt des Feldzuges begann. General v. Falckenstein erhielt in Frankfurt a. M. seine Abberufung und Ernennung zum Gouverneur von Böhmen. General v. Manteuffel übernahm den Oberbefehl über die, nunmehr auch amtlich so benannte, Mainarmee. Die Ursachen des Wechsels lagen wohl in den Vorgängen des Feldzuges gegen die Hannoveraner und in den ersten Operationen gegen die Bayern, während deren Moltkes Mahnungen zu kräftigem und entscheidendem Handeln unberücksichtigt geblieben waren. Welche andere Einflüsse und Gründe dabei mitgewirkt haben, ist nicht bekannt geworden, da die wenigen, völlig eingeweihten Männer Stillschweigen beobachteten. Erst am 14. Juli, dem Tage des Gefechts von Aschaffenburg, waren die Bayern darüber ins klare gekommen, daß die Preußen sich von ihnen abgekehrt und westwärts gewendet hätten. Prinz Karl marschierte nunmehr, zu der beabsichtigten Vereinigung mit dem Buudeskorps, zunächst auf Würzburg ab, wo er am 17. Juli eintraf. Er forderte Prinz Alexander auf, an der Tauber Front zu machen und dann mit ihm gemeinsam wieder gegen den untern Main vorzubrechen. Am 19. traf er in Tauberbischofsheim mit dem Prinzen zusammen; doch wurde eine Einigung nicht erzielt, da dieser den Marsch durch den Odenwald fürchtete. Die süddeutschen Regierungen — namentlich die badische — verlangten dauernd den Schutz ihrer Länder. Prinz Karl wurde am 20. Juli von München aus gemahnt, die Mainlinie von Aschaffenburg bis Mainz wieder in seine Gewalt zu bringen. Das führte tags darauf zu dem Beschluß, weiter nördlich, durch den Spessart vorzurücken und den Odenwald zu umgehen. Die Bayern sollten sich dazu auf die Straße von Lohr, die Bundesgenossen auf die von Miltenberg nach Aschaffenburg setzen. Beides kam aber nicht mehr zur Durchführung. Die ganze Schwierigkeit der Führung eines Verbündeten Heeres, das nicht durch völlig übereinstimmende Interessen geleitet wird, kam in diesen Tagen beim süddeutschen Oberkommando zur Geltung. Die umständliche Verschiebung der Streitkräfte nach Norden hätte nur gelingen können, wenn die Gegner untätig blieben. General v. Manteuffel hatte aber bereits den Wiedervormarsch der Mainarmee angeordnet, Frhr, v. d, Goltz, Kriegsgeschichte II 24 370 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung um die Bayern zu schlagen und sich Würzburgs zu bemächtigen. Ihm flössen in den nächsten Tagen noch erhebliche Verstärkungen zu, so daß seine Truppen den Stand von 53 Bataillonen, 29 Eskadrons und 20 Batterien, rund 50 000 Mann, erreichten. Der Generalgouverneur der Rheinprovinz ließ auf sein Verlangen Frankfurt a. M. besetzen. Das zu seiner Unterstützung bestimmte 2. Reservekorps unter dem Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, 23 Bataillone, 6 Eskadrons, 9 Batterien — über 20 000 Mann — hatte sich um Leipzig versammelt und sollte von dort über Hof und Bahreuth vorgehen. Der Augenblick für entscheidendes Handeln war gekommen. Schon am 21. war die Mainarmee in Bewegung und schwenkte, von Frankfurt kommend, am 23. Juli südlich um den Mainbogen bei Miltenberg herum. Goeben erreichte mit seiner verstärkten Division, die jetzt 4 Brigaden — Kummer, Wrangel, Treskow und Weltzien — zählte, Walldürn, Flies, der die Manteuffelsche Division übernommen hatte, mit dieser die Gegend 10 östlich Miltenberg, Beyer Miltenberg und Umgebung. Das Bundeskorps war gerade im Begriff die untere Tauber zu erreichen, die Bayern, sich von Würzburg Main abwärts nach Lohr in Bewegung zu setzen. Als Prinz Alexander an diesem Tage den Anmarsch der Preußen hinter seinem Korps erfuhr, ließ er die badische Division wieder umkehren und Hundheim besetzen, die Hessen nach Hardheim vorgehen, von wo sie „einen kräftigen Vorstoß" im Erfatale abwärts unternehmen sollten. Dieser hätte sie mitten in die Preußen hineingeführt. Die Verspätung des Befehls bewahrte sie jedoch davor. Die Badenser hatten bei Hund heim indes noch einen Zusammenstoß mit General v. Flies vorgehender Avantgarde. Am 24. Jnli erkannte Prinz Alexander den Ernst seiner Lage und zog sein ganzes Korps hinter den Tauber auf die Höhen von Groß-Rinderfeld zurück. Nur die Württemberger ließ er bei Bischofsheim stehen, eine badische Brigade bei Werbach. Die Bayern versammelten sich schnell bei Marktheidenfeld und Roßbrunn; sie besetzten mit ihrer Vorhut Wertheim. So erwarteten beide Korps die Preußen, ohne gemeinsame Maßregeln zur ernsthaften Verteidigung der Tauberlinie zu treffen. Das Gefecht von Tauberbischofsheim am 2H. Juli ^366 General v. Manteuffel vermutete irrtümlich die feindlichen Hauptkräfte bei Tauberbischofsheim und wollte mit den Divisionen Flies und Beyer erst die anscheinend nur schwach besetzte untere Tauber überschreiten, während Goeben abwartend stehen bleiben sollte. Angriff der verstärkten Mainarmee. 371 Goeben erkannte jedoch die Lage richtiger und schritt zum Angriff auf das am linken Ufer gelegene Tauberbischofsheim, das die Württemberger nur mit 2 Bataillonen festhielten, während ihre Division dahinter auf den Höhen stand. Nach kurzem Kampfe war die Stadt von der Brigade Wrangel genommen. Ein Offensivstoß, den General v. Hardegg, der württembergische Divisionskommandeur, ohne gehörige Vorbereitung durch Artillerie, zur Wiedereroberung der Stadt unternahm, scheiterte. Mehrfach erneuerte Angriffe brachen unter dem Zündnadelgewehrfeuer zusammen. Nach dem letzten, der etwa um 5 Uhr nachmittags erfolgte, drangen die Preußen über den Fluß ans linke Ufer vor und setzten sich dort fest. Inzwischen hatte Prinz Alexander seine 4., — die österreichisch-nassauische — Division nach Tauberbischofsheim in Bewegung gesetzt, die gerade jetzt eintraf und ihre Artillerie in Tätigkeit brachte. Ihr Erscheinen veranlaßte einen nochmaligen Versuch der Wiedereroberung. Auch er schlug jedoch, trotz der Unterstützung durch das Feuer von 40 Geschützen, fehl. Prinz Alexander, der mittlerweile die Nachricht vom Verlust von Werbach erhielt, nahm die Württemberger hinter die 4. Division zurück, die zu ihrer Aufnahme noch einen kurzen, aber erfolglosen Vorstoß durchführte. Dann wurde der Rückzug auf Groß-Rinderfeld angetreten. Die Brigade Weltzien hatte, gegen Werbach vorgehend, erst das von den Badensern besetzte Hochhausen nach kurzem Kampfe genommen, ihre Artillerie auf dem Talrande entwickelt und dann um 3 Uhr nachmittags Werbach in der Front und umfassend angegriffen. Prinz Wilhelm von Baden, der dort kommandierte, nahm an, daß die Hauptverteidigung auf den rückwärtigen Höhen geführt werden solle. Er hatte zudem am Morgen vom Großherzoge die telegraphische Anfrage erhalten, ob noch nichts vom Waffenstillstände bekannt sei und ordnete daher den Rückzug nach Steinbach an. Die Verbündeten hatten im ganzen 28 Offiziere, 744 Mann verloren, wovon der bei weitem größte Teil auf die Württemberger entfiel, die Preußen nur IS Offiziere, 180 Mann. Die Brigaden Kummer und Treskow waren dem Angriff bis Eiers- heim gefolgt. » ..... .7 » .. ° , ° ... Auf die Nachricht von den Ereignissen bei Tauberbischofsheim entschloß sich Prinz Karl von Bayern, sein Korps zur Unterstützung der Bundesgenossen vorzusühren, die den Befehl erhielten, die Höhen an der Tauber zu behaupten. Aber im Augenblick lagen die Verhältnisse für ihre Unterstützung recht ungünstig. Die 2. bayerische Division war schon auf dem 24» 372 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Marsche mainabwärts und mußte mit der Bahn zurückgerufen werden, um nach Roßbrunn zu marschieren. Die 4. hielt Marktheidenfeld und Lohr selbst Gemünden noch besetzt. Nur die 1. und 3. standen auf der Hochfläche westlich Würzburg zur Verfügung. Wertheim war geräumt worden. In ihre Quartiere hinein führte Manteuffels Vormarsch am 25. Juli. Infolge der Unsicherheit der Lage begann derselbe erst vormittags 10 Uhr mit der Division Beyer, von der Teile schon bei Werbach mitgewirkt hatten. Sie sollte durch diesen Ort nach Neubrunn vorgehen, Goeben zur Rechten über Groß-Rinderfeld auf Gerchsheim, Flies zur Linken nach Dertingen. Prinz Karl hatte mit dem vereinigten Korps nach Alterheim abmarschieren wollen, um sich dort hinter dem rechten Flügel des Bundeskorps aufzustellen. Gerade als die 3. bayrische Division sich hierzu um Mittag von Helmstadt in Bewegung setzen wollte, wurden die vor ihr stehenden Vorposten der 1. Division von der bei Neubrunn eintreffenden Division Beyer angegriffen. Der Abmarsch war unmöglich. Die 3. Division stellte sich auf den flachen Höhen südöstlich Helmstadt auf. Die 1. Division sammelte sich westlich des Orts, mußte aber — noch nicht vereint — vor den andringenden Preußen nach Üttingen nördlich ausweichen. General v. Manteuffel, auf dem Gefechtsfelde bei der Division Beyer anwesend, hatte an diese den Befehl zum Angriff gegeben. Allein die 3. bayerische Division hielt demselben nicht lange stand, da die 1. zurückging und die bei Alterheim stehenden Badenser die Unterstützung ablehnten. Sie trat den Abmarsch nach Waldbüttelbrunn westlich Würzburg an, wo sie sich, abgedrängte Teile heranziehend, sammelte. Am späten Nachmittage kam es dann noch zu einem lebhafteren Zusammenstoße zwischen der 1. bayerischen Division, die von Üttingen über Roßbrunu herankommen wollte, und den nachdrängenden Preußen. Die von jener als Flanken- und Rückendeckung verwendeten Bataillone wurden unter ernsten Verlusten gesprengt. Die 4. bayerische Division hatte nachmittags den Befehl erhalten, von Marktheidenfeld her die linke Flanke der Mainarmee anzugreifen, ließ sich durch die Division Flies jedoch davon abhalten und traf spät abends über Reinlingen gleichfalls bei Roßbrunn ein. Dort hielt das Oberkommando auch die 2. Division nebst Reserveartillerie und Kavallerie fest, so daß die Masse des bayrischen Korps nun hier vereint war. Mit Einbruch der Dunkelheit erlosch die Kanonade. General v. Flies, der erst um 6^« Uhr abends Manteuffels Befehl zum Vorrücken erhielt, war nicht mehr zu ernster Tätigkeit gekommen. Kämpfe zwischen Tauber und Main 373 Die Preußen hatten in den verschiedenen Gefechten bei Helmstadt 13 Offiziere, 340 Mann verloren, die Bayern 36 Offiziere, 967 Mann. Auch General v. Goeben war an diesem Tage wiederum zum Gefecht gekommen. Er stieß nachmittags um 4 Uhr auf das Bundeskorps, das Prinz Alexander bei Gerchsheim zusammengezogen hatte. Die Kanonade entwickelte sich; der General setzte eine Umfassung der linken Flanke der Bundestruppen über Schönfeld an und wollte etwa um 7 Uhr abends zum allgemeinen Angriff auf den überlegenen Gegner schreiten, als dieser auswich und unter dem Schutze der hessischen Division den Rückzug auf Würzburg antrat. Er ging aber nur bis Kist, wo zusammengeströmte Wagenzüge dem Weitermarsch ein Ziel setzten. Goebens Truppen waren bei Gerchsheim geblieben, durch die feste Haltung der letzten gegnerischen Nachhutbataillone zum Verzicht auf weitere Verfolgung bewogen. Sie hatten 3 Offiziere, 57 Mann verloren, während die Bundestruppen S Offiziere, 224 Mann einbüßten. Die Lage der Bundesarmee am Abend des 25. Juli erschien recht bedenklich. Die Truppen waren durch die vorangegangenen Anstrengungen und die nnvorteilhaften Gefechte in ihrer Haltung niedergedrückt, die Ordnung hatte sich vielfach gelöst. Hinter sich sahen sie die steilen Abstiege zum Maintale mit schwierigen Zugängen, die zudem noch der vielfach aus Bauernwagen bestehende Troß versperrte. Von der Offensive durch den Spesfart war längst keine Rede mehr; es kam darauf an, die Armee zunächst in Sicherheit zu bringen und wieder zu ordnen. Prinz Karl beschloß, sie hinter den Main zu führen, aber am nächsten Morgen auf den Höhen stehen zu bleiben, um die Vollendung noch unfertiger Kriegsbrücken und das Abstießen des Trosses zu sichern. Dies führte zum Gefecht von Roßbrunn am 26. Juli 1^866 Prinz Karl von Bayern hatte für sein Korps eine Stellung hinter Roßbrunn ausgewählt, welche sich von den Höhen bei Remlingen fast bis zur Tauberbischofsheimer Straße nach Würzburg hinzog, und setzte alle Truppen dorthin in Bewegung. Schon in der Frühe jedoch wurde diese von der nachdrängenden Infanterie der Division Flies gestört. Der Kampf begann um den beherrschenden Kirchberg nördlich von Üttingen. Trotz erheblichen Verlusten gewannen die lebhaft anstürmenden Preußen an Boden. Auch als bei Roßbrunn schon ziemlich starke Teile des bayerischen Korps, von viel Artillerie unterstützt, einschwenkten und den Angreifern entgegengingen, gelang es der Division Flies noch vorwärts zu kommen. 374 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung Unter heftigem Gefecht brachte sie die Gegner zum Abziehen in die ausgewählte Hauptstellung bei Hettstadt. Dabei wirkte auch schon die auf den Gefechtslärm herbeigeeilte Division Beyer mit. Nur Roßbrunn selbst behaupteten die Bayern noch und machten sogar Miene, von dort zum Angriff überzugehen, als sich die Lage unerwartet änderte. Zur Linken der Bayern hatte nämlich das Bundeskorps schon seinen Abzug begonnen, da die Kommandeure der württembergischen und hessischen Division die Wiederaufnahme des Kampfes auf der Hochfläche von Würzburg verweigerten, die österreichisch-nassauische aber schon entlassen worden war. Die badische Division verlangte, gestützt auf ein Telegramm aus Karlsruhe, den Abmarsch. Der Kanonendonner beim bayerischen Korps verstummte zeitweise; Prinz Alexander entschloß sich daher hinter den Main zurückzugehen, wo sein Korps bereits um Mittag ankam. Das Oberkommando erhielt Meldung davon. Nun ordnete auch Prinz Karl, der in der guten Stellung von Hettstadt, gestützt auf seine starke Artillerie, den Kampf noch einmal hatte aufnehmen wollen, den Rückzug über die Kriegsbrücke bei Veitshöchheim an. Ein Anfall der preußischen Kavallerie auf seinen linken Flügel wurde abgewiesen, der Mainübergang ungestört vollzogen, die Brücke abgefahren. Goeben hatte zu seinem großen Leidwesen bei Gerchsheim stehen bleiben müssen. General v. Manteuffel gab ihm auch nach seinem Eintreffen auf dem Gefechtsfelde die Freiheit des Handelns nicht wieder; denn er hielt Ruhe der braven Division für unbedingt notwendig. Erst abends 10 Uhr befahl er den weiteren Vormarsch gegen Würzburg, das durch die Feste Marienberg am linken Mainufer geschützt war. Die Verluste im Gefechte von Roßbrunn waren nicht unbedeutend gewesen. Sie betrugen auf preußischer Seite 39 Offiziere, 817 Mann, auf bayerischer 50 Offiziere, 1060 Mann. ^ q- 5 Als die Division Goeben am 27. Juli früh auf dem Vormarsche das Dorf Höchberg erreichte, erhielt sie Geschützfeuer von der Feste Marienberg, deren starke Besetzung sich deutlich erkennen ließ. Ein gewaltsamer Angriff versprach keinen Erfolg; General v. Manteuffel ließ sie jedoch durch 4 Batterien beschießen, und es entwickelte sich zwischen den beiderseitigen Artillerien die Kanonade von Würzburg. Am Nachmittage bezogen Manteuffels Divisionen bei Höchberg, Waldbüttelbrunn und Hettstadt ihre Lager und ruhten. ->° Rückzug der Verbündeten. Friedensschluß 37S Am 28. erhielt General v. Manteuffel die Nachricht von dem Waffenstillstände von Nikolsburg. Freilich wurde ihm darin noch bis zum 2. August volle Freiheit des Handelns gewährt. Da die Bayern ihm jedoch die Besetzung von Würzburg, unter Neutralisierung des Marienberges, zugestanden, enthielt er sich weiterer Unternehmungen. Vom Bundeskorps wurde die badische Division schon am 29. Juli in die Heimat zurückberufen. Die drei andern rückten am 2. August nach Uffenheim ab. Der Kampf war damit auch auf dem süddeutschen Kriegstheater beendet. Die Richtigkeit von Moltkes Entschluß, den süddeutschen Staaten nur schwache Kräfte entgegenzustellen, um sich mit voller Stärke auf deu Hauptgegner Österreich zu werfen, hatte sich glänzend bewährt. Mit dessen Fall waren auch alle übrigen Fragen zugunsten Preußens erledigt. — Nachzuholen ist, daß das 2. Reservekorps aus den Tagen der Verhandlung vor dem 2. August noch seinen Nutzen gezogen hatte. Von Leipzig über Hof und Bayreuth schnell heranrückend, hatte es am 28. Juli ein bayerisches Bataillon sprengen und am 1. August in Nürnberg einziehen können. Der endgültige Frieden und der Abschluß eines, einstweilen noch geheim zu haltenden, Schutz- und Trutzbündnisses mit Württemberg und Baden kam schon am 13. und 17. August, der mit Bayern, das in unbedeutende Grenzregulierungen willigen mußte, am 22. zustande. Das Großherzogtum Hessen überließ die ihm kürzlich zugefallene Landgrafschaft Hessen- Homburg an Preußen und stimmte am 3. September ebenfalls Grenzberichtigungen bei. Das stolze Frankfurt a. M. wurde preußische Stadt. Noch war der Traum der deutschen Einheit nicht erfüllt. Preußen hatte sich sogar verpflichtet, der Bildung eines süddeutschen Bundes nichts in den Weg zu legen; aber die Grundlage für klare Verhältnisse war geschaffen, der unselige, alles lähmende Dualismus in Deutschland beseitigt. Was Friedrich Wilhelm II. 1790 vorübergehend gewollt, aber nicht durchgeführt hatte, was Friedrich Wilhelm HI. infolge des Baseler Friedens während der ersten Regierungsjahre hätte in Angriff nehmen sollen, was Friedrich Wilhelm IV. nach der Ablehnung der Kaiserkrone unschlüssig und tastend versuchte — jetzt war es erreicht. Norddeutschland schloß sich unter der unbestrittenen Führung Preußens im norddeutschen Bunde zusammen. Am 21. Oktober 1866 endeten die Verhandlungen mit den Mitgliedern. Zu diesen zählten die Preußen verbündet gewesenen deutschen Kleinstaaten, das Königreich Sachsen und die nördlich des Mains gelegenen Gebietsteile des Großherzogtums Hessen. Noch im Herbst wurde 376 VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung der 1. Reichstag nach Berlin einberufen und die Verfassung vereinbart. Zur Vertretung der Regierungen wurde ein Bundesrat, als Volksvertretung ein aus allgemeinen direkten Wahlen hervorgehender Reichstag berufen. Bundeskanzler wurde Graf Bismarck. Das wichtigste aber war das einheitliche Heer unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen, auf allgemeiner Wehrpflicht beruhend, das starke Werkzeug zur Vollendung des Einigungswerks. Glänzend gerechtfertigt war jetzt König Wilhelms zähes Festhalten an seinem Lebenswerke, der Reform des preußischen Heeres, und nicht minder Bismarcks unerbittliche Festigkeit im Verfassungskampfe um dieses Werk und seine großdeutsche Politik. Dennoch boten beide gern den bisherigen Gegnern im Innern die Hand. Dem preußischen Landtage war am 3. September ein Jndemnitätsgesetz vorgelegt worden, durch dessen Annahme die seit 1862 geführte Verwaltung nachträglich genehmigt und der unselige Verfassungsstreit geschlossen wurde. „So endete der letzte Bruderkampf Deutscher gegen Deutsche; der Kampf, der in Monatsfrist die durch fünfzig Jahre unlösbar gewesene deutsche Frage entwirrt, das vielgehaßte, ost bespöttelte Preußen zum Staunen der Mitwelt als Sieger über seine übermächtigen Gegner gezeigt, der mit Blut und Eisen die Grundlagen geschaffen hatte, auf denen wenige Jahre später der stolze Bau des neu geeinten Deutschen Reiches erwachsen konnte." 377 VII. Der Norddeutsche Bund Dem Prager Frieden folgte keine Ruhepause. Das siegreiche Preußen ging sofort daran, die durch den Krieg bewährte Wehrverfassuug auf den norddeutschen Bund zu übertragen. Drei neue preußische Armeekorps mit den Nummern 9, 10 und 11 wurden in den eroberten Provinzen aufgestellt und ihnen die kleinstaatlichen Truppen Norddeutschlands eingefügt. Als 12. schloß sich, nach preußischem Muster umgeformt, die bisherige sächsische Armee an und als gesonderte — 25.— Division das großherzoglich hessische Truppenkorps. Die Armee des norddeutschen Bundes wurde dadurch um mehr als ein Drittel stärker, als diejenige, mit der Preußen in den Krieg von 1866 gegangen war. Die gesamte Artillerie erhielt gezogene Geschütze; eine wesentliche Verbesserung des Zündnadelgewehrs wurde begonnen, aber durch den kommenden Krieg unterbrochen. In emsiger Arbeit wurde die Ausrüstung vervollständigt oder erneut, die Landwehr und das Ersatzwesen innerhalb des Bundes einheitlich geregelt. Schon nach zwei Jahren konnte General v. Moltke das stolze Wort aussprechen: „Frankreich ist dem norddeutschen Bunde nicht gewachsen." Nach dem Vorbilde desselben erhöhten aber auch die süddeutschen Staaten ihre Kriegsmacht. Sie führten im Frühjahr 1867 die allgemeine Dienstpflicht, die Landwehr, die Annahme Einjährig-Freiwilliger ein, ordneten die Mobilmachung ihrer Streitkräfte und ahmten mancherlei preußische Einrichtungen nach. So teilte sich, diesen entsprechend, das bayerische Heer fortan in 2 Armeekorps von je 2 Divisionen. Die Infanterie erhielt eine neue Waffe, das Werdergewehr, die Artillerie wurde ansehnlich vermehrt. Württemberg wollte gleich nach dem Kriege ein volles Armeekorps aufbringen, begnügte sich aber am Ende aus Rücksicht für den Staatshaushalt mit einer starken Division von 3 Feldbrigaden, nebst Artillerie und Kavallerie. Baden wählte den preußischen General v. Beyer zum Kriegsminister und folgte am treuesten dem preußischen Vorbilde. Es stellte gleichfalls eine starke Division auf, die das Zündnadelgewehr und ebenso das preußische gezogene Geschütz führte. Gemeinsam hielten die Deutschen fortan auf dem Friedensfuße 382 000 Mann unter den Waffen, ein Heer, wie es in Stärke und gleichmäßiger Ausbildung noch keine andere Nation aufgebracht hatte. Im Kriege vermehrte sich diese Streitmacht auf rund 1200000 Mann, 250 000 Pferde, von denen 462 300 Mann Infanterie, 56 800 Reiter, 1584 Geschütze zur Feldarmee gehörten — zur damaligen Zeit ein gewaltiges Rüstzeug. 378 VII. Der Norddeutsche Bund Aber nicht nur der Streiterzahl nach war Deutschlands Kraft gewachsen. Das Heer hatte durch den Krieg von 1866 an innerem Werte nicht weniger gewonnen. Das Selbstvertrauen war bei den preußischen Truppen durch die Siege über Österreich erheblich gestiegen. Beim Beginn hatten Offiziere und Soldaten ein schweres und langes Ringen erwartet, das nicht ohne Rückschläge und gefährliche Krisen abgehen würde. Man dachte an einen mehrjährigen Krieg. Nun waren die Waffenerfolge Schlag auf Schlag und, wenn man von den wenigen Kämpfen nach Königgrätz absieht, innerhalb von nur 7 Tagen errungen worden. Preußen selbst hatte — ganz wie das Ausland — von der eigenen Kraft zuvor keinerlei richtige Vorstellung gehabt. Es kam hinzu, daß für den großen Krieg im freien Felde die Erfahrung gefehlt hatte, die 1864 nicht geben konnte, die der Gegner aber seit 1859 besaß. Nun war auch dieser Mangel ausgeglichen. Die Hauptwaffe, die Infanterie, deren Reglement ersichtlich für den modernen Krieg nicht mehr paßte, war 1866 auf Selbsthilfe angewiesen, aber diese blieb auch nicht aus. Alle Führer wußten sie zu finden, verschiedenartig je nach ihren individuellen Ansichten, aber im allgemeinen auf durchaus zweckmäßige Art. „Bei der Mobilmachung, spätestens mit dem Überschreiten der Grenze, streifte man die alte reglementarische Haut wie einen unbequemen Rock ab, und es kamen die verschiedenartigsten neuen Kostüme zum Vorschein." Die gesamte neuzeitliche Kriegsgeschichte kennt keine zweite so eigenartige Erscheinung. König Wilhelm kannte die Einsicht und Tüchtigkeit seiner Offiziere und ließ sie gewähren. So gerade war es geschehen, daß sich ein großer Reichtum von geistigem Leben und von Tatkraft entwickelt hatte. Mit der Freiheit im Handeln schärfte sich zugleich das Gesühl der Verantwortlichkeit, aber es schwand die Furcht davor, und es stieg die Freude an der eigenen Initiative. Die Sonderart der einzelnen Männer, die alle das Beste erstrebten, machte sich zum Vorteil des Ganzen geltend. Wohl war gar mancher von ihnen in der Selbständigkeit des Handelns sehr weit, ja gelegentlich zu weit gegangen. Namentlich im jüngeren Offizierkorps jener Zeit schlich sich ein Gefühl ein, als sei das einfache Gehorchen des entschlossenen Mannes nicht recht würdig und ein Zeichen von Schwäche. Wenigstens mußte er etwas Eigenes hinzusetzen, aber diese Eigenmächtigkeit artete nie in Willkür aus. Ein jeder hatte das gleiche Ziel vor Augen, den Vorteil des Staates, den Sieg des Heeres, das Verdienst der eigenen Truppe. Mit Recht hat Dragomirow im Hinblick auf die Preußen von 1866 Entwicklung des Heeres nach dem Kriege 379 geschrieben: „Diejenige Armee wird den Sieg an ihre Fahnen fesseln, welche es ohne Gefahr wagen kann, für einen Augenblick die Formen zu lösen, die Geister zu entfesseln, weil sie sicher ist, daß alle die frei gewordenen Gewalten doch nur mit ihrer ganzen Kraft nach einer Richtung wirken werden und jeden Moment wieder in das Bett des alten Gehorsams zurückgebracht werden können." „Nicht mehr die Gunst des Zufalls entscheidet durch die großen Massen den Krieg, sondern vielmehr der größere individuelle Wert der Armeen und somit der Nationen." In dieser pflichtbewußten Selbständigkeit zumal der untereil Führung bestand die Hauptkraft der Armee jener Zeit. General v. Moltke reichte dem Könige nach dem Kriege eine Denkschrift über die Erfahrungen von 1866 ein, in der er das ausdrücklich anerkannte. Sie wurde die Grundlage für die kommenden Vorschriften. Als den größten Fehler bezeichnete sie die geringe Einwirkung der höheren Führer auf die eigentliche Gefechtsleitung durch die unteren Befehlshaber. Die gegenseitige Unterstützung der verschiedenen Waffen war selten zu erkennen. Meist führten nur einzelne Bataillone „die kühnsten Unternehmungen und die schönsten Kriegstaten" aus. Aber „der innere Halt der Truppe, welche sich um die Offiziere scharte, gleichviel ob es ihre eigenen oder andere waren, und die Einsicht der unteren Führer haben die Leitung von oben ersetzt". Moltkes scharfer Blick erkannte die Schwächen dieses Systems. „Gegen einen gewandteren und hartnäckigeren Feind liegt darin eine ernste Gefahr." Auf festeres Zusammenhalten wurde hingewirkt. Das Bataillon sollte sich freilich schon beim Eintritt in den Bereich des Geschützfeuers zerlegen, die Anwendung der Kompagniekolonne zur Führung nachhaltiger Schützengefechte wurde als Regel empfohlen. Auf die Gewandtheit der Kompagnie wurde der Hauptwert gelegt. Sie sollte „so ausgebildet sein, daß sie stets in der Hand des Hauptmanns und in voller Aufmerksamkeit auf seine Befehle befähigt ist, auch das auszuführen, was vorher nicht besonders eingeübt war". Aber die vier Kompagnien wurden auf gemeinschaftliches Handeln nach den Befehlen des Bataillonskommandeurs verwiesen. Sie sollten sich, wenn getrennt, immer wieder zusammenfinden, die Bataillone also in einem höheren Sinne als bisher auch ferner die kleinste taktische Einheit bilden. Das Schützengefecht kam zu größerem Ansehen als zuvor. Es blieb nicht mehr Hilfsmittel zur Vorbereitung der Entscheidung, sondern wurde 380 VII. Der Norddeutsche Bund schon als unter Umständen allein entscheidend gewürdigt. Die Führer der Schützenschwärme, sollten, wenn sie mit dem Feinde angebunden hatten, auf eigene Verantwortung handeln und sich, sobald sie beim Feinde eine Schwäche bemerkten, dort im raschen Anlauf auf ihn stürzen, die zurück befindlichen Abteilungen schnell folgen. Was der den jungen Offizieren innewohnende energische Trieb schon 1866 hervorgebracht hatte, wurde jetzt förmlich als zu Recht bestehend anerkannt. Das Zerreißen der Verbände, wie sie nach der regelrechten Kriegsgliederung bestanden, wurde als Übelstand empfunden; das Herausziehen der Füsilierbataillone zur Bildung von Avantgarden, was 1364 und 1866 noch vielfach geschah, kam in Fortfall. Der Begriff der Reserveinfanterie, die schon beim Anmarsch ausgeschieden war, verschwand. Auch im Kampfe sollten die Regimenter womöglich nicht gemischt werden, sie also im größeren Truppenkörper nicht hinter-, sondern nebeneinander verwendet werden. Daraus entstand der Begriff des Fechtens aus der Tiefe. „Die Stärke, welche die Front der Infanterie durch die gesteigerte Feuerwirkung besitzt, weist den Angriff auf die Flanken." Die Folge davon sind für den Verteidiger Sparsamkeit in der Front, starker Rückhalt gestaffelt hinter den Flügeln. So gestaltete sich von nun an der Kampf. „Aus der Stoßtaktik war Feuertaktik geworden." Die verhältnismäßig größten Fortschritte machte die Feldartillerie nach der Durchführung der Neubewaffnung. Sie wurde losgelöst von dem Gedanken des erzwungenen Zweikampfes mit den Batterien des Feindes, und verwiesen auf die enge Gemeinschaft mit der Infanterie, auf die Vorbereitung des entscheidenden Angriffs, die Abwehr des feindlichen Sturmes. Darin zumal kam das Zusammenwirken der Waffen zum Ausdruck. Es war das unerwartete Neue im kommenden Kriege. Die Artillerie sollte mit den anderen Truppen unbedingt ausharren, keine Batterien mehr zum Ersatz der Munition zurückschicken, nicht willkürlich abfahren, sondern nur, wenn es der höhere Führer befahl. „Es gibt Gefechtslagen, in welchen ein unerschütterliches Ausharren der Artillerie bis zum letzten Augenblick geboten und der dann mögliche Verlust der Geschütze nicht nur gerechtfertigt, sondern ehrenvoll ist." Ein ausgezeichneter Generalinspekteur, General von Hindersin, machte nach dem österreichischen Kriege diese Grundsätze der Truppe schnell zu eigen, so daß sie 1870 schon auf bedeutender Höhe stand. Auch die Lehre von der Massenverwendung wußte er ihr einzuimpfen. Weniger wurde die Festungsartillerie gefördert. 1866 hatte ihr keine Vervollkommnete Fechtweise 381 Belagerung gebracht; sie blieb im wesentlichen auf dem Standpunkte von 1864 stehen. Mit der Einführung gezogener Wurfgeschütze wurde eben erst begonnen. Die Bildung großer Kavalleriekörper beim Ausbruch des Krieges hatte die Erwartung geweckt, daß nach der unglücklichen Verteilung von 1806 und 1813 ein napoleonisches Zeitalter für diese Waffe wiederkehren werde. Aber eine bittere Enttäuschung war gefolgt. Nicht weit vor den Heeren, aufklärend und den Feind beunruhigend war sie verwendet, sondern hinter ihnen hergeschleppt worden, um die von den anderen Waffen errungenen Erfolge auszubeuten. Auch dazu war es nicht recht gekommen, trotz dem Reitergetümmel von Königgrätz. Im ganzen war die Tätigkeit der Kavallerie im Vergleich zu ihrer Masse gering geblieben. In selbständiger Verwendung hatte sie nur bei Tobitschau ein erfreuliches Bild gezeigt. Aber die Unzufriedenheit erzeugte Nachdenken darüber, wie man es künftig besser machen könne, und auch die Reiterwaffe blieb nicht ohne wesentlichen Fortschritt. Namentlich war es Prinz Friedrich Karl, der ihr neue Bahnen zu eröffnen beschloß und auch in die Lage kam, seine Gedanken in die Tat umzusetzen. 1870 sehen wir seine Heereskavallerie weit voraus an die Grenze eilen, den Aufmarsch der übrigen Streitkräfte verhüllend. Es waren rege Jahre für die Armee, die zwischen den beiden großen Kriegen verflossen, Jahre angestrengter Rüstung für das Kommende. Im Volke gab man sich wohl dem Gefühl der Sicherheit hin, rechnete auf längeren Frieden und hoffte auf ungestörten Genuß des Errungenen. Unvergessen soll es sein, daß noch kurz vor dem Kriege im Sommer 1870 Rudolf Virchow im Norddeutschen Reichstage mit dem Brusttone der Überzeugung versicherte, nie zuvor sei der Friede so gesichert gewesen, als gerade jetzt. Das Heer aber beherrschte ein bestimmtes Gefühl, daß die Lösung der größten Aufgabe ihm noch bevorstände, nämlich der Waffengang gegen Frankreich, von dessen Ausfall es abhinge, ob Deutschlands Größe und Einheit dauernd auf sicheren Grund gestellt wären, oder ob die Erfolge von 1864 und 1866 nur ein vorübergehender Lichtblick in der Geschichte Preußen-Deutschlands bleiben sollten. Mit sicherem Bewußtsein der kommenden endgültigen Prüfung wurde an der Vervollkommnung des Heeres gearbeitet. Das japanische Losungswort: „Nach dem Siege binde den Helm fester" ist damals in Preußen befolgt worden, ohne gekannt zu sein. » 382 VII, Der Norddeutsche Bund Die Stimmung in Frankreich drängte seit dem Prager Frieden entschieden auf den Krieg, ohne daß ein greifbarer Grund dazu vorgelegen hätte. Das Volk empfand Preußens Siege wie eine Anmaßung, ja als eine französische Niederlage. Gewöhnt an den Gedanken, durch seinen Kaiser die politischen Geschicke Europas bestimmt zu sehen, gepeinigt von dem geheimen Gefühl, daß diese Vormachtstellung nicht mehr sicher sei, nährte es einen wachsenden Groll gegen den kräftig emporstrebenden Nachbar am Rhein. Daß die Ereignisse von 1866 hatten vorübergehen können, ohne daß es Napoleon III. gelungen war, irgendeinen Vorteil für Frankreich zu erzwingen, beleidigte den französischen Nationalstolz. Völker unterliegen denselben Regungen wie einzelne Personen. Die Eifersucht machte sich mächtig fühlbar, die Sorge kam hinzu, daß Preußen nach seinem Erfolge von Eroberung zu Eroberung schreiten werde. Der Kaiser aber sah seinen Thron schwanken. Das verunglückte mexikanische Abenteuer hatte seinem Ansehen, das 1859 im Zenith gestanden, den ersten empfindlichen Stoß gegeben. Die Abweisung von seiten Italiens, die diplomatische Übervorteilung durch Preußen 1866 überzeugten die Welt, daß er der Mann nicht sei, für den man ihn zeitweise gehalten hatte. Im eigenen Lande wurde die Kritik schärfer. Man fand es unbegreiflich, daß ein französischer Monarch es ruhig geschehen ließ, daß das einst tief unter Frankreichs Machtniveau heruntergedrückte Deutschland sich wieder erhob und gefährlich werden durfte. Der Kaiser erschien dem Volke als der Geprellte; der Spott mischte sich dem Tadel bei. Eine Wiederherstellung seiner Autorität nach außen hin war notwendig, wenn er sie im Innern wahren und seine Dynastie in Frankreich erhalten wollte. Wer im großen nichts verrichtet, fängt es gern im kleinen an. Die Gelegenheit bot sich schnell dar. Mit der Auflösung des Deutschen Bundes war die staatsrechtliche Stellung des Großherzogtums Luxemburg zweifelhaft geworden. Es gehörte weder dem Norddeutschen Bunde an, noch dem süddeutschen Staatensystem. Preußen hielt von früher her eine Besatzung in der Festung Luxemburg, ohne ein unzweifelhaftes Recht dazu zu haben. Der Großherzog — König von Holland — erhob jedoch keinen Einspruch dagegen. Anders wurde die Lage, als Napoleon III. mit ihm in Verhandlungen wegen Abtretung des nur durch Personalunion mit Holland verbundenen Ländchens trat. Preußen hätte beim Abschluß den Platz räumen müssen, Frankreich ihn besetzen dürfen, was einer Bedrohung gleich kam. Dagegen erhob sich in Norddeutschland die öffentliche Meinung. Der Krieg schien schon jetzt vor der Tür zu stehen. Selbst Moltke war für den Losbruch. Er hielt den Kampf innerhalb der Luxemburger Frage. Eifersucht Frankreichs 333 nächsten fünf Jahre für unvermeidlich, jedes weiter verfließende Jahr daher für einen Gewinn Frankreichs, das den Vorsprung des Norddeutschen Bundes mehr und mehr ausgleichen konnte. „Je früher wir also handgemein werden, desto besser. Der gegenwärtige Anlaß ist gut. Er hat einen nationalen Charakter, man benütze ihn also." Der König und Bismarck aber hielten die Frage nicht für ernst genug, um den Grund zum Kriege zu bilden. Napoleon schien der Ausgang im höchsten Grade unsicher. So kam ein Vergleich zustande. Preußen zog seine Truppen zurück; die Festung wurde geschleift, das Land für neutral erklärt. Das Kriegsgespenst war noch einmal verscheucht, aber nicht für immer gebannt. Ja es scheint, daß Preußens Mäßigung in der Luxemburger Frage Frankreich nur dreister gemacht hat. Das unsinnigste aller politischen Schlagworte „Rache für Sadowa", als ob die Franzosen am 3. Juli 1866 geschlagen worden seien, ertönte immer lauter. Vergeblich suchte Napoleon III. die Gemüter durch innerpvlitische Zugeständnisse zu beruhigen. Aber die Abstimmung über die neue Verfassung, die zugleich eine Abstimmung über den Bestand seiner Herrschaft war, siel bedrohlich aus. Zwar kamen auf 7 Millionen Stimmen mit „ja" nur 1^2 mit „nein"; unter diesen aber befand sich eine immerhin stattliche Anzahl aus den Reihen der Armee. Ein Krieg gegen Preußen konnte das im Innern drohende Unheil abwenden ; am Hofe bildete sich eine Kriegspartei, die für den zögernden Kaiser handeln wollte, und dieser, durch ein schweres Leiden geschwächt, leistete nur matten Widerstand. Ein Zwischenfall führte die Entscheidung herbei. Im September 1868 hatte ein Aufstand die Königin Jsabella aus Spanien vertrieben. Aber die Cortes beschlossen trotzdem die Aufrechterhaltung der konstitutionellen Monarchie, einstweilen mit einem Regenten an der Spitze. Mit auswärtigen Fürsten wurden Verbindungen angeknüpft, ohne daß man zum Ziele kam. Am 2. Juli 1370 entschied sich nach längeren wechselnden Verhandlungen das spanische Ministerium für den Prinzen Leopold von Hohenzollern aus der katholischen süddeutschen Linie des Hauses, das durch Stephanie von Baden, Napoleons I. Adoptiv- tochter, mit den Napoleoniden verwandt war. Fürst Karl Anton hatte deren Tochter Josesine heimgeführt; sie war des erwählten Prinzen Leopold Mutter. Trotzdem rief die Wahl in Frankreich einen von der Kriegspartei künstlich geschürten Sturm hervor. Sie wurde als eine preußische Machenschaft dargestellt, bestimmt, Frankreich zwischen zwei Feuer zu bringen. Man sprach von der Wiederaufrichtung der Universalmonarchie Karls V. zugunsten der Hohenzollern. Daß die fürstliche Linie der Hohen- 384 VII. Der Norddeutsche Bund zollern in Preußen gar nicht erbberechtigt war, galt den Erregten nichts. Der verhaßte Nachbarstaat sollte vor der Welt gedemütigt werden. Selbst die Entsagung des Prinzen, der die Annahme zugesagt hatte, falls die Cortes ihn wählten, wurde nach wenig Tagen schon für ungenügend erklärt. Preußen sollte Zugeständnisse machen, die es nicht machen konnte, wie die Räumung von Mainz und das Aufgeben jedes militärischen Einflusses in Süddeutschland. Die durch den französischen Botschafter an den in Bad Ems weilenden König Wilhelm I. gestellte Forderung, den Prinzen zum Verzicht zu nötigen, wies dieser mit ruhiger Würde zurück. Er als König von Preußen hätte mit der Angelegenheit nichts zu tun; doch würde er sich freuen, wenn der Prinz aus eigenem Antriebe verzichtete. Das geschah am 12. Juli. Dennoch folgten am 13. neue Forderungen, bestimmt, des Königs und damit Preußens Würde zu nahe zu treten. Wilhelm I. sollte sich bekanntlich verpflichten, die hohenzollernsche Kandidatur nie wieder zuzulassen. Wie wenig kannte man den königlichen Helden, der bei aller Herzensgüte doch die tiefste und ernsteste Auffassung von seinem hohen unverletzlichen Amte in sich trug. Er lehnte das zudringliche Ansinnen kurz ab und ließ dem Grafen Benedetti mitteilen, daß er ihm „nichts weiter zu sagen habe." Die Darstellung dieser Vorgänge faßte Bismarck in der historischen Emser Depesche zusammen, die am 14. Juli in allen Zeitungen erschien. Sie teilte der Welt die nackte Tatsache der Abweisung Frankreichs mit. Noch an demselben Tage rief die französische Regierung die Reserven zu den Fahnen ein; am 15. früh beschloß sie den Krieg. Sie war schon zu weit gegangen, um anders handeln zu können. Zeit zu Kriegsvorbereitungen war nicht mehr vorhanden. Alle Mängel oder Vorzüge der bestehenden Kriegsverfassung kamen daher unverfälscht zur Geltung. Frankreich hielt seine Armee für arooivrSts. Sie mag es auf dem Papier auch gewesen sein, war es aber nicht in Wirklichkeit; denn sie befand sich seit 1868 in der Umformung. Marschall Niel, damals Kriegsminister, hatte mit der schleunigen Einführung eines Hinterladegewehrs und der Aufstellung einer ,Aaräs nationale nwdilk" zur Verstärkung der Feldarmee begonnen, starb aber inmitten dieser Arbeit schon am 13. August 1869. Sein Tod scheint für die Reform verhängnisvoll gewesen zu sein. Für eine innere Umwandlung des Heerwesens war die Zeit seit 1866 zu kurz gewesen. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hatte der Kaiser nicht durchsetzen können. Junge, nach der Losnummer Ausgehobene dienten noch neben bejahrten Stellvertretern. Im Mannschaftsstand fehlten Zustände in der französischen Armee 385 die gebildeten und wohlhabenden Klassen der Bevölkerung, dem Offizierkorps die Einheitlichkeit. Dieses bestand teils aus alten Troupiers, die sich vom Unteroffizierstande emporgearbeitet hatten, teils aus jungen übermäßig bevorzugten Zöglingen der Militärschulen, die wieder dem Leben der Truppe fern standen. Der Geist der Kameradschaft mangelte; selbst die politischen Spaltungen waren hineingetragen worden. Es kam vor, daß sich Offiziere offen als Republikaner bekannten. Mißvergnügen auf der einen, Über- hebuug auf der anderen Seite trübten das gegenseitige Verhältnis der Offiziere untereinander. Trotz aller Tapferkeit des einzelnen litt darunter die Leistungsfähigkeit des Ganzen. Auch das Verständnis der modernen Kriegführung stand auf keiner hohen Stufe. Die Erinnerung an die Zeit des ersten Kaiserreichs hatte eine Überschätzung der Empirie und der Routine, eine Nichtachtung theoretischer Kriegsstudien erzeugt, die sich bitter rächen sollte. Dabei wiederholte sich die merkwürdige Erscheinung, daß die Lehren großer Heerführer meist von ihren Feinden besser verstanden werden als vom eigenen Volke. Napoleons I. Kunst war durch Clausewitz' klassische Interpretation und Moltkes mit geistiger Freiheit und Selbständigkeit geübte Anwendung dem preußischen Offizierkorps in Fleisch und Blut übergegangen, in Frankreich aber vergessen. Die praktischen Erfahrungen aus dem Kleinkriege in Algier, den Kolonien und Mexiko, um welche die französische Armee in Europa so viel beneidet wurde, hatten den Ausfall nicht ersetzt, sondern eher geschadet. Sie boten keine Beispiele für den Krieg im großen und verwöhnten die Truppe durch dauernde Bekämpfung eines minderwertigen Gegners. Den Sieg über Preußen dachte man sich allgemein, trotz 1366, noch sehr leicht. Was in der Preußischen Armee Gründlichkeit war, hielt man fälschlich für Schwerfälligkeit, der sich die französische Lebhaftigkeit und Beweglichkeit schnell überlegen zeigen würde. Die warnenden Berichte des militärischen Beobachters in Berlin, Oberst Stoffel, der Generale Ducrot, Trochu usw. wurden überhört. Die Täuschung aber fand darin ihre Nahrung, daß mehr als die Hälfte der Zeitgenossen die französische Armee noch immer für überlegen und für die unbestritten erste der Welt ansahen. Die Vorzüge des neuen Chassepotgewehres, die sich bei der Abwehr des italienischen Freischarenzuges gegen Rom im Gefecht von Mentana am 3. November 1867 in glänzendem Lichte gezeigt hatten, bewirkten eine übermäßige Betonung der Vorteile des AbWartens in guten Stellungen. Die Neigung zur Defensive im großen fand einen Grund auch im Mangel an Vorbildung zur freien einheitlichen Bewegung starker Truppenmassen, Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 25 336 VII. Der Norddeutsche Bund da kriegsmäßige Manöver nach preußischem Zuschnitt nicht üblich waren. Ein schwerer organisatorischer Fehler ist darin zu erblicken, daß nur wenig höhere Verbände im Frieden bestanden und sie erst bei der Mobilmachung aus dem Stegreif geschaffen werden mußten. Diese gestaltete sich dadurch zu einer wahrhaft ungeheuren Arbeit, deren Erledigung allein in den Händen des Kriegsministeriums lag. Das schlimmste aber war, daß die Stärke des Heeres weder der Volkszahl noch der Machtstellung Frankreichs entsprach. Die aktive Armee besaß nur wenig Reserven, die mobile Nationalgarde keine Schulung. Sie bestand zum weitaus größten Teile aus ganz unausgebildeten Mannschaften. Es fehlten ihr Stämme, Bekleidung und Ausrüstung. Nach Abzug eines Beobachtungskorps au der spanischen Grenze sowie der Besatzungen von Rom und Algier konnte Frankreich in vorderer Linie gegen den auswärtigen Feind zunächst kaum 300000 Mann verwenden. Moltke hatte recht gehabt. Es war dem Norddeutschen Bunde in der Tat nicht gewachsen. Vielleicht im geheimen Gefühl, daß dem so sei, hatte Napoleon III. seit 1867 geheime Verbindungen mit Italien und Österreich begonnen, um mit ihnen einen Dreibund gegen Preußen herzustellen. Nicht nur Österreich, sondern auch das uns zur Dankbarkeit verpflichtete Italien gingen darauf ein, und im Juui 1870 näherten sich die Verhandlungen dem Abschlüsse. Mit Österreich war schon am 2. September 1868 — gerade zwei Jahre vor der Kapitulation von Sedan — ein Bündnisvertragsentwurf zustande gebracht worden. Nur die Ratifikation fehlte. Doch scheint es, daß Napoleon III. diese selbst noch hinausschob. Er wollte sich des Dreibundes nur im Notfalle bedienen. Seiner zögernden Art, die Staatsgeschäfte zu führen, hätte eine solche Haltung entsprochen. Jnnerpolitische Rücksichten und der unfertige Zustand der Kriegsmacht ließen Österreich den Aufschub wünschenswert erscheinen. Aber ein Briefaustausch zwischen den drei Souveränen vereinbarte immerhin gegenseitige Unterstützung. 387 VIII. Der Krieg von ^. Gegen das Kaiserreich Der Aufmarsch der Heere (S. Skizze 36 u. 37) Die förmliche französische Kriegserklärung erfolgte am 19. Juli. Sehr bald zeigte sich, daß die Vorbereitung der Mobilmachung in Frankreich völlig ungenügend gewesen war. Eine heillose Verwirrung brach aus. Die Regimenter standen aus innerpolitischen Gründen nicht in ihren Ergänzungsbezirken. Die aus diesen stammenden zur Fahne berufenen Reservisten mußten zunächst nach den Ausrüstungsdepots, dann zu den Regimentern befördert werden. Viele von diesen hatten ihre Standorte schon verlassen. Ein zeitraubendes Hin und Her entwickelte sich daraus. Zahlreiche Reserven versammelten sich, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollten. In Marseille fanden sich ihrer 9000 ein, die der Territorialdivisionskommandant in seiner Verlegenheit nach Algier schicken wollte. Da die höheren Verbände erst mit der Mobilmachung gebildet wurden, suchten Generale nach ihren Truppen und diese nach ihren Führern. Auch an Verwaltungsbeamten und Ärzten war Mangel. Ausrüstung, Heergerät, Pferde fehlten; das Fuhrwesen war unvollständig. Die Lebensmittel genügten nicht. Die leichtfertige Hoffnung, daß, was vom grünen Tisch befohlen war, auch ohne vorherige praktische Probe sich im entscheidenden Augenblicke verwirklichen müsse, rächte sich bitter. An Selbsthilfe war niemand gewöhnt, und alles dies wog um so schwerer, als nur größte Schnelligkeit die Ungunst der Verhältnisse hätte wettmachen können. Ob ein bestimmter Feldzugsplan überhaupt vorhanden war, ist geschichtlich bisher nicht festgestellt, sondern nur bekannt, was dem Kaiser und seinen hauptsächlichsten Beratern vorschwebte. Dies beruhte auf der eigentümlichen Voraussetzung, daß die norddeutschen Kräfte am Rhein zwischen Wesel und Mainz, die süddeutschen im Schwarzwalde zur Verteidigung aufmarschieren würden. Das Vorgehen Preußens im Jahre 1866 berechtigte nicht zu einer solchen Annahme. Aber der alte Ruhm der französischen Armee verblendete die Geister. Aus der Vorstellung vom Verhalten des Gegners ergab sich leicht der Gedanke an eine gewaltsame Trennung der beiden deutschen Gruppen durch die den Rhein bei und nahe unterhalb Straßburg überschreitende französische Hauptarmee. 25* 388 VIII. Der Krieg von 1870/71 Diese wurde auf 250 000 Manu veranschlagt. Sie sollte sich zunächst wie ein Keil zwischen Süd- und Norddeutschland hineinschieben, die Süddeutschen, denen man Nheinbundsgedankeu unterschob, entweder zur Neutralität oder gar zur Heerfolge bewegen und dann links schwenken, um die verhaßten „Prussiens" aufzusuchen und zu schlagen. Mit dem ersten großen Waffenersolge hoffte der Kaiser seine zögernden Bundesgenossen ganz für sich zu gewinnen. Österreich hatte, bei den militärischen Abreden, die den diplomatischen folgten, sein Erscheinen in Süddeutschland als Vorbedingung hingestellt. Eine bei ClMons unterdessen zu versammelnde Rückhaltarmee von S0 000 Mann war bestimmt, nach Metz vorzurücken und dort während der großen Angriffsbewegung Flanke und Rücken der Hauptarmee gegen die preußische Nheinfestungslinie zu decken. Die Schlachtslotte mit Landungstruppen an Bord sollte gleichzeitig an der Ostseeküste einen Teil der norddeutschen Kräfte fesfeln. Wäre die Voraussetzung über den preußischen Aufmarsch richtig gewesen, hätte man den Feind verpflichten können, stehen zu bleiben und abzuwarten, was Frankreich über ihn verhängen wolle, so wäre der Entwurf annehmbar gewesen. Aber es fehlte ihm die unerläßliche Vorbedingung: ein Vorsprung in der Kriegsbereitschaft und die Möglichkeit schnellster Versammlung. Die französische Armee war nicht nur mit den Rüstungen weit im Rückstände, sondern das damalige Eisenbahnnetz erlaubte auch nur, etwa 100000 Mann nach dem Elsaß überzuführen. 150000 Mann mußten an der Mosel bei Metz ausgeladen werden, um von dort durch Fußmarsch die Gegend von Straßburg zu erreichen. Das verursachte unverhältnismäßigen Zeitverlust. In der Hoffnung, diesen einzubringen, und um zugleich Frankreichs Gebiet sofort zu schützen, beförderte man die Truppen auf Friedensfuß nach der Grenze, was zum großen Teil die Mobil- machungsverwirruug mit sich brachte. Acht Armeekorps bildeten die Feldarmee, nämlich die Korps Nr. 1—7 und die Garde. Von diesen hatte die Garde zwei, Nr. 1, 3, 4, 6 je vier, Nr. 2, 5 und 7 je drei Infanteriedivisionen, alle je eine Kavalleriedivision und eine Artilleriereserve. Außerdem war eine Kavalleriereserve der Armee, von drei Divisionen, eine Artillerie- und eine Geniehauptreserve aufgestellt worden. Rechnet man die Infanteriedivision zu 12 000, die Kavalleriedivisionen zu 2500 Streitern, so kommt man auf die ungefähre Gesamtzahl von 300000 Mann mit 780 Geschützen, 144 Mitrailleusen. Eine so große ungefüge Truppenmasse hätte in mehrere selbständige Heere geteilt werden müssen, aber dem stolzen und vielverheißenden Namen „Armee du Rhin" zuliebe, Die französischen Angriffspläne 389 hielt der Kaiser sie zusammen. Die daraus entspringenden Schwierigkeiten der Handhabung wurden unterschätzt. Die Garde, das 2., 3. und 4. Korps sammelten sich vorerst vorwärts Metz zwischen der Mosel und der untern Saar, das 1. und 7. bei Bel- fort, Colmar und Straßburg. Zwischen beiden wurde das ö. Korps bei Bitsch aufgestellt, das 6. rückwärts bei Chälons sur Marne. Ende Juli sollte der Rechtsabmarsch der lothringischen Gruppe nach dem Elsaß beginnen, für die Deutschen überraschend. Aber schon diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Zwar langten die Truppen- korper auf Friedensfuß rechtzeitig an der Grenze an. Die einberufenen Reservemannschaften kamen indes nicht nach oder trafen ganz unvollzählig ein. Auf das Fuhrwesen wurde gewartet, die Feldverwaltung war noch nicht im Gange. In den Versammlungsbezirken fehlten die Lebensmittel. Aus den Festungen konnte nichts entnommen werden, da auch sie nicht mit dem nötigen Kriegsbedarf versehen waren. Mangel riß bald bei der Armee ein. Dafür waren nach älteren Plänen ungeheure Vorräte aller Art in den Grenzorten Weißenburg, Saargemünd und Forbach angehäuft worden, auf die man jetzt angewiesen war. Sie mußten auf alle Fälle geschützt werden, und das übte sofort auf die strategischen Anordnungen Einfluß. Seit dem 19. Juli stand das 2. Korps, General Frossard, bei Saarbrücken, dicht an der Grenze. Die Division Abel Douay vom 1. wurde nach Weißenburg vorgeschickt. Ende des Monats aber sehlten noch verschiedene Truppenteile. Statt 300 000 — ja, wie man vordem gerechnet 400 000 Mann, waren erst 200 000 da, nämlich rund 140000 in Lothringen, 60 000 im Elsaß. Die Bewegung konnte nicht begonnen werden; die Zeit verstrich, die Deutschen eröffneten den Feldzug. Die französische Armee blieb, noch unfertig, an ihre Versammlungsräume gefesselt. Der großartig gedachte Plan war schon in der Einleitung gescheitert. Das Vertrauen begann zu wanken. Man erwartete den Angriff des Gegners vom Mittelrhein her, wo sich bedeutende Truppenmassen versammelt haben sollten, ohne daß Genaueres über sie bekannt war. Unter drohenden Vorzeichen begann der Krieg. Als der Kaiser am 28. Juli in Metz eintraf, waren die Armeen noch bei weitem nicht bereit, die Feindseligkeiten zu eröffnen. Marschall Bazaine, der den Auftrag erhielt, die Saar zu überschreiten, erklärte dies für unmöglich. 5. 5 Die deutschen Absichten 391 Ganz anders sah es auf deutscher Seite aus. Wir wissen, daß General v. Moltke sich seit einem Jahrzehnt mit dem Gedanken an einen Krieg gegen Frankreich beschäftigte. Der letzte und vollkommenste seiner Entwürfe für dessen Durchführung ist im Winter 1868/69 geschrieben — „ein Meisterstück strategischer Weisheit, Klarheit und Voraussicht." Einem Nachweise der Überlegenheit der deutschen Heere an Zahl folgt der bedeutungsvolle Satz: „Es leuchtet ein, wie wichtig es ist, die Überlegenheit auszunützen, die wir gleich anfangs allein schon in den norddeutschen Kräften besitzen." Ganz etwas anderes als die Franzosen erwartet hatten, trat also ein. Statt des behutsamen Aufmarsches am Rhein zwischen Wesel und Mainz zur Verteidigung sollte der Aufmarsch aller Kräfte gleich vorwärts des Stromes zum sofortigen Angriff erfolgen, aber erst, nachdem sie sich in ihren Standorten vollständig auf den Kriegsfuß gesetzt hatten. Die Bildung von drei Armeen war in Aussicht genommen, von denen die I. sich um Wittlich an der Mosel, die II. bei Homburg, die III. um Landau in der Pfalz versammeln sollte. Ohne Verzug wäre von dort der Vormarsch zu beginnen, um die französische Hauptmacht anzugreifen und sie im weiteren Verlaufe der Kriegshandlung von ihren Verbindungen mit Paris und dem reichen ausgedehnten Süden Frankreich nach Norden hin abzudrängen. Überzeugend wird nachgewiesen, daß weitausschauende Unternehmungen, wie nach Süddeutschland hinein, durch die Schweiz, durch Belgien und Holland, oder gar an die Nordseeküste die Lage der Franzosen nur verschlechtern könne, weil die deutsche Überlegenheit an der entscheidenden Stelle dann um so größer wurde. Die Vereinigung aller Kräfte in der Pfalz bedrohte Frankreich und Paris so unmittelbar, daß sie die französische Hauptmacht an Lothringen fesselte und zugleich Süddeutschland und den Oberrhein am wirksamsten schützte. Die Richtigkeit dieser Ansicht wurde in den süddeutschen Staaten erkannt. Willig vertrauten sie sich dem mittelbaren Schutze durch Preußen an. Die Einigung Deutschlands, durch die beiden vorangegangenen Kriege vorbereitet, vollzog sich tatsächlich schon im Beginn des dritten und hatte sich in der neuen Feuerprobe lediglich noch zu bewähren. Gestört konnte der Aufmarsch nur werden, wenn die Franzosen mit ihrem auf Friedensfuß stehenden Heere sogleich die Grenzen überschritten, um die Deutschen unfertig, mitten in ihren Vorbereitungen, anzutreffen. Dann aber sollte die mittlere stärkste Armee nicht nahe der Saar, sondern schon am Rhein bei Mainz die Bahn verlassen, um den Angriff in ausgewählter Stellung anzunehmen, während die beiden andern Armeen gegen 392 VIII. Der Krieg von 1870/71 die Flanken des Feindes vorgingen. Der Abwehr würde der Gegenstoß mit um so größerer Überlegenheit und vernichtender Wucht gefolgt sein, sobald die täglich anwachsende Überlegenheit eingetreten war. Nach diesem einfachen Plane kam der deutsche Aufmarsch auch zur Ausführung. Baden, Bayern und Württemberg hatten sich inzwischen ohne Zögern Preußen angeschlossen und ihre Truppen König Wilhelm unterstellt. Fünfzehn Armeekorps, zwei selbständige Felddivisionen und vier mobile Landwehrdivisionen standen damit zum Einmärsche nach Frankreich zur Verfügung, ein Heer von 462000 Mann Infanterie, S6 800 Pferden, 1584 Geschützen — beinahe die doppelte Übermacht gegen die französischen Streitkräfte. Auf ueun durchlaufenden Eisenbahnlinien begann am 23. Juli der Massentransport. Von allen aktiven Truppen blieb nur die 17. Division, die im 9. Armeekorps durch die 25. — die hessische — ersetzt wurde, im Lande zurück. Sie übernahm mit den mobilen Landwehrdivisionen den Schutz der heimatlichen Küsten. Drei im Osten der preußischen Monarchie stehende Korps, das 1., 2. und 6., die ohnehin auf den bis zur äußersten Grenze ihrer Leistungsfähigkeit belasteten Eisenbahnen nicht sogleich folgen konnten, standen vorläufig noch für den Notfall gegen Österreich zur Verfügung. Bekannt war um diese Zeit schon, daß die Franzosen wirklich mit den Friedensstärken ausgerückt wären, so daß man sie bald auf deutschem Boden erwarten konnte. Die drei Armeen an der Grenze bildeten sich danach unter entsprechender Abänderung der Aufmarschräume, wie folgt: die I. aus dem 7. und 8. Korps und der 3. Kavalleriedivision bestehend, unter General v. Steinmetz, südöstlich Trier, die II. aus dem Garde, 3., 4., 9., 10. und 12. Korps nebst der S. und 6. Kavalleriedivision unter Prinz Friedrich Karl von Preußen im Rheinwinkel südlich Mainz, die III. aus dem 5. und 11. preußischen, dem 1. und 2. bayrischen Korps, der badischen und württembergischen Division und der 4. Kavalleriedivision unter dem Kronprinzen von Preußen um Landau. Für die Abwehr der Franzosen hatte Prinz Friedrich Karl eine Stellung bei Göllheim gewählt. Vorgreifend ist zu erwähnen, daß bis zum 5. August auch noch die im Osten zurückgebliebenen Truppen an die Armeen verteilt wurden und das 1. Korps mit der 1. Kavalleriedivision zur I., das 2. Korps zur II., das 6. Korps mit der 2. Kavalleriedivision zur III. Armee hinzutraten. Von da ab bestand die I. Armee aus 3 Korps und 2 Kavalleriedivi- Verteilung der Streitkräfte 393 sionen, die II. aus 7 Korps, 2 Kavalleriedivisionen, die III., Badenser und Württemberger zusammen als 1 Korps gerechnet, aus 6 Korps und 2 Kavalleriedivisionen. Beachtet muß werden, daß die Garde und die Sachsen innerhalb der Korpsverbände noch je 1 Kavalleriedivision, die Bayern je 1 Kavalleriebrigade besaßen. Auch Badenser, Württemberger und Hessen führten je 1 Kavalleriebrigade mit sich. Die volle, eben an- '°^x /»s-v^sN- Vi« vie 8ls»uiigen sm Zl.^uli 1870. ^ /»S!>?^ZK> ._. s>) ^ASM^M-^ ^3ii. ^ ^ 3/^ S»-^L HUM">,-,5> 5^-.. ^ - s/^^^ ^U.Li'iy-es'^^ /o.^^j^ ->s,>^/-/-/ '.^ ...-'^ >V->--n^ / ( c«--/ V ° > 12,'X ( ! !>A ^-/-/ I. ^ ttz/^x/z^/?'^. ^ ^Znnke ^/Ili.zi'M ^0S^^v-A-i^ e^M«", Zh»5- ,, ^V.X. Mi-tt-vjv^, AZrgemjinS ^^»/ ^/^ ^l^IZ^^^ ü>snu«e> ^'Ä^/sc/, 5-^/ /Sll,-/-»ö^ oscioiv. ^7k!ASSKU!?IZ gegebene Kriegsstärke war damit erreicht. Nach Abrechnung der 4 zum Küstenschutz zurückgebliebenen Divisionen ist die deutsche Kriegsmacht, welche die Grenze überschritt auf rund 484000 Mann zu veranschlagen, wovon 94 000 auf die I., 225 000 auf die II., 165 000 auf die III. Armee entfallen. Es ist jedoch nicht zu vergessen, daß während der ersten entscheidenden Schlachten diesseits der Mosel die 100000 Mann der 3 östlichen Korps, also bei jeder Armee noch etwa 33 000 Mann fehlten. Während des Vormarsches zur Grenze wurden zugleich die Auslade- 394 VIII. Der Krieg von 1870/71 stellen für die Truppen der II. Armee, die anfänglich von Homburg nach dem Rhein zurückgezogen worden waren, wieder nach vorwärts verlegt. Das Hauptquartier des Königs traf am 2. August früh in Mainz ein. Es ist schwer festzustellen, wie stark die Franzosen zu gleicher Zeit an der Grenze gewesen sind, da noch immer Truppenteile fehlten, andere mehr oder minder unvollzählig waren. Französische Quellen schätzen sie zu Ende des Monats Juli auf 10S700 Mann mit 372 Geschützen in Lothringen, auf nur 37 000 Mann 120 Geschützen im Elsaß. Das die Verbindung zwischen beiden Gruppen herstellende 5. Korps bei Saargemünd geben sie mit 23 000 und 90 Geschützen an. Die Reserve bei Chalons wird zu 34 600 Mann, 226 Geschützen berechnet, das Ganze also nur auf 200 000 Mann mit 808 Geschützen und Mitrailleusen. Nach deutschen Ermittelungen sind es etwa 10 000 Mann mehr gewesen; doch wuchs die Zahl täglich durch ankommende Reserven, und vor den entscheidenden Augusttagen kann die Stärke in Wirklichkeit wohl 260—270000 Mann betragen haben. Jedenfalls war die deutsche Überzahl größer als man im Kaiserlichen Hauptquartier zu Metz annahm. In Frankreich wurde die öffentliche Meinung ungeduldig, weil nichts geschah. Man verlangte Siegesnachrichten und Napoleon III. entschloß sich, die lothringische Heeresgruppe am 2. August in eine Scheintätigkeit zu versetzen. In seiner und des kaiserlichen Prinzen Gegenwart ging das 2. französische Korps, von anderen bedeutenden Teilen des Heeres gefolgt, gegen den winzigen Beobachtungsposten vor, der unter Oberstleutnant v. Pestel südlich Saarbrücken dicht an der Grenze stand. Dieser verschmähte den Schutz der Saar, blieb keck auf den Höhen vor der Stadt stehen, ließ sich herunterdrängen und ging dann mit den anderen bei Saarbrücken befindlichen Truppen bis 1 Meile nördlich davon zurück. Die Franzosen machten auf den südlichen Höhen halt, folgten nicht, sondern streiften nach Saarbrücken hinab, wo sogar der heimische Telegraphendienst nach rückwärts nicht aufhörte. Frankreich vernahm eine erste, stark aufgebauschte Siegesnachricht und beruhigte sich für wenige Tage. Um so niederdrückender wirkte das bald hereinbrechende Unheil. Der ursprüngliche deutsche Plan war es gewesen, mit den zunächst bereiten 6 Korps der I. und II. Armee die Saarlinie zwischen Merzig und Saargemünd zu überschreiten und über den noch unfertigen Feind herzufallen, während die anderen Korps folgten. Die III. Armee sollte getrennt davon den im Elsaß sich sammelnden Gegner südlich zurücktreiben, um dann rechts zu schwenken und sich der Bewegung jener beiden andern Heere anzuschließen. Vorbereitungen für Überschreitung der Grenze 395 Als der übereilte Transport der Franzosen an die Grenze Vorsicht und die Zurückverlegung der Ausladepunkte für die II. Armee gebot, und damit ohnehin Zeit verloren ging, ersetzte diesen Plan der Entschluß, alle Kräfte der I. und II. Armee abzuwarten und dann erst mit 10, statt nur mit 6 Korps, in größerer Breite über die Mosel vorzubrechen, während die gleichfalls stärker gewordene III. Armee in dem Raum zwischen der II. Armee und dem Rhein die elsässische Grenze überschritt. Sie sollte den Reigen eröffnen, da sie vor dem allgemeinen Vormarsch nach Westen erst noch ihre Aufgabe im oberen Elsaß zu erfüllen hatte. Als sie am 3. August, freilich noch ohne Fuhrwesen, am Klingbach südlich Landau bereit stand, erhielt sie Befehl mit dem Einbruch zu beginnen. Die II. Armee war inzwischen aus dem Rheinwinkel bei Mainz im Vormarsch durch das Pfälzische Gebirge und die Waldzone von Kaiserslautern gegen die Saar bei Saarbrücken und Saargemünd. Weit voraus eilten ihre beiden Kavalleriedivisionen, vom Prinzen Friedrich Karl nach napoleonischer Art verwendet, an die Saar, um die herankommenden Heersäulen dem Auge des Feindes zu entziehen. Die I. Armee begann, sich zu gemeinsamem Handeln mit der II. links gegen Lebach heranzuziehen. Für den Saarübergang beider Heere war der 9. August ausersehen. Die Anstrengungen waren beim Marsch durch die Pfalz in Regenwetter, Wärme und auch zum Teil auf schwierigen Wegen bedeutend, der Marschverlust nicht gering. Namentlich hatte die II. Armee mancherlei Beschwerden beim Durchzuge durch die Bergenge von Kaiserslautern zu ertragen, die während der Rheinfeldzüge mehrfach der Schauplatz ernster Kämpfe gewesen war. Aber die Stimmung der Truppen war vortrefflich, und was sie von dem kleinen Scharmützel bei Saarbrücken hörten, hob ihre Zuversicht. Die Aäinxfe an der Grenze Das Treffen von N)eißenburg am August 1.370 (S. Skizze 38) In vier Kolonnen überschritt am 4. August die III. Armee den südlich des Klingbachs gelegenen Bienwald. Gelang es ihr, Mac Mahon, der im Elsaß befehligte, rasch genug zu beseitigen, um rechtzeitig die obere Saar bei Saaralben und Finstingen zu erreichen, so konnte sie am 9. gemeinsam mit den beiden andern Armeen gegen die französische Hauptmacht in Lothringen vorgehen. Die II. Armee hätte diese in der Front angegriffeil 396 VIII. Der Krieg von 1870/71 und festgehalten, bis die IH. von der Flanke her den Sieg entschied und die I., gegen die andere feindliche Flanke von Norden herankommend, die Niederlage der Franzosen vervollständigte. Das wäre ein Vorgang gewesen wie der von Königgrätz, und es ist möglich, daß ein ähnliches Bild dem General v. Moltke vorgeschwebt haben mag. Doch war es für ihn zu früh, davon zu sprechen. Am 24. Juli hatte eine kühne Erkundung des Grafen Zeppelin, des späteren Erfinders unserer Luftschiffe, ergeben, daß bis nach Wörth hin nichts vom Feinde stand. Jetzt wußte man diesen nahe der Grenze. Er sollte, wo man ihn fand, angegriffen werden, die Armee bis an die Lauter rücken und ihre Vorhut den Fluß überschreiten lassen. Der rechte Flügel hatte Weißenburg, der liuke Lauterburg — ehedem die beiden Endpunkte der berühmten Weißenburger Linien — zu besetzen. Auf dem rechten Flügel marschierte das 2. bayerische Korps unter General Der Kampf um den Geißberg 397 v. Hartmann über Schweigen. Es fand Weißenburg, das bis 1867 noch Festung gewesen war und eine starke Stadtumfassung besaß, vom Feinde besetzt. Uni 8 Uhr früh eröffnete es von Schweigen her das Artilleriefeuer; lebhafter Kampf begann schnell. Der Feind leistete hinter Wall und Graben tapfere Gegenwehr. Unter diesen Umständen schien es zweckmäßig, das links neben dem bayerischen Korps herankommende 5. Korps unter General v. Kirchbach abzuwarten. Auch dieses fand heftigen Widerstand am Bahnhof und in der östlichen Vorstadt. Das noch weiter östlich vorgegangene 11. Korps bog auf den Kanonendonner hin durch deu Niederwald ebenfalls westlich aus. Wie bekannt, stand bei Weißenburg die Division Abel Douay vom 1. französischen Korps, die aber zurzeit nnr 3 Bataillone, etwa 7000 Mann, mit 18 Geschützen stark war. Trotz ihrer Schwäche sollte sie ihre Stellung halten und nahm den Angriff an. Die Stadt hatte sie mit einem Bataillon besetzt. Den Bahnhof mit seinen wertvollen Vorräten hielt ein Turkoregiment — algerische Schützen — nebst einer Batterie. Das übrige war auf dem dicht hinter Weißenburg vom Gebirge gegen Südosten zur Ebne herabsteigenden Bergfuße verteilt, dessen Höhe das Schloß Geißberg und drei daneben stehende Pappeln krönten. Während die Bayern ihre Anstrengungen weiter gegen die Nvrdseite der Stadt richteten, griff das 5. Korps die Ostseite an und ging zugleich gegen die Front der Geißbergstellung vor, die vom 11. Armeekorps in der rechten Flanke umfaßt wurde. General Abel Douay sah bald ein, daß er der großen Übermacht, allen Befehlen zum Trotz, werde weichen müssen. Um 10 Uhr früh beschloß er den Rückzug, der unter dem Schutze des am Schlosse stehenden rechten Flügels ausgeführt werden sollte. Aber mitten in seinen Anordnungen traf ihn das tödliche Geschoß. Er fiel neben der Mitrailleusenbatterie der Division bei den 3 Pappeln, gerade als eine Protze in die Luft flog. General Pelle, der Verteidiger des Bahnhofs, hatte diesen geräumt, da er sich umfaßt fah und in die Gefahr geriet, eingeschlossen zu werden. Es war ihm gelungen, rechtzeitig den Geißberg zu erreichen, wo er nunmehr den Oberbefehl übernahm. Weißenburg hielt sich noch trotz dem Feuer einer vielfach überlegenen Artillerie. Endlich gelang es den bayerischen Batterien, das an der Ostseite gelegene Landauer Tor in Trümmer zu legen. Die Angreifer ließen die Zugbrücke nieder und drangen in die Stadt ein; die Besatzung, schließlich am gegenüber gelegenen Bitscher Tore zusammengedrängt, noch 500 Mann stark, streckte die Waffen. Um 12^ Uhr nachmittags war Weißenburg in deutscher Hand. 398 VIII, Der Krieg von 1870/71 Nun blieb noch der Geißberg übrig. Pelle hielt ihn eine Zeitlang und zog dann nach Lembach ins Gebirge ab, geschützt durch die Verteidiger des Schlosses, 200 brave Infanteristen. Hof und Gebäude, solide gebaut, von hoher starker Mauer umgeben, widerstanden lange dem deutschen Feuer. Die den Abhang emporstürmenden Bataillone vom ö. und 11. Korps hatten schwere Verluste. Das Königsgrenadierregiment büßte 10 tote, 13 verwundete Offiziere im kurzen Kampfe ein. Es gelang schließlich, in den Hof vorzudringen, aber nicht die Gebäude in Brand zu stecken. Erst ein überwältigendes Artilleriefcuer zwang die Besatzung zur Waffenstreckung. Sie hatte die abziehenden Trümmer der geschlagenen Division gerettet. Im ganzen ließ diese 1000 Gefangene, ihr Zeltlager und ihren Troß in den Händen der Sieger, die ihren Erfolg mit der Einbuße von 91 Offizieren, 1460 Mann bezahlten. Der Verlust des Feindes an Toten und Verwundeten ist nicht mit Sicherheit festgestellt. Eine Verfolgung blieb aus. Nur das 4. Dragonerregiment ging noch bis Sulz vor. Im übrigen blieb die Armee in und um Weißenburg, das aus den Badensern und Württembergern gebildete Korps Werder bei Lauterburg im Rheintale. Das nachgekommene 6. begann eben in Landau seine Ausschiffung. >I- ' ^ ^. ".^ .. » Der Kanonendonner von Weißenburg und General Douays Tod waren der letzte Warnungsruf für die bedrohte französische Armee. Der Rückzug von der Grenze wäre noch möglich und wohl das Weiseste gewesen, was sich im Augenblick tun ließ. Aber er hätte in ganz Frankreich einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, den Kaiser und seine Dynastie um den Thron gebracht, die Marschälle um ihre Stellung, die Armee um ihren Ruhm, Frankreich aber um sein politisches Ansehen und den letzten Nest von Hoffnung, die schwankenden Verbündeten mit sich fortzureißen. Man konnte ohne entscheidende Kämpfe nicht weichen; das Schicksal ging seinen Gang, und der von schwerem Leiden geplagte Kaiser ließ es mit einer Apathie über sich ergehen, die ihm in jüngeren Jahren oft geholfen, die Krisen seines bewegten Lebens zu überwinden. Noch immer bestand kein fester Plan im Metzer Hauptquartier, in dem die Ratlosigkeit und Verwirrung täglich deutlicher hervortraten. Es schwankte zwischen Angriffs- und Verteidigungsplänen. Unnötige Hin- und Herschiebungen verdrossen und ermüdeten die Truppen; der Mangel wurde fühlbarer. Auch weiterhin blieb die Armee in ihre zwei großen Gruppen getrennt. Selbst nach dem Eingang der Hiobspost von Weißen- Teilung im französischen Oberbefehl 399 bürg dachte man nicht daran, sie wenigstens zu geschlossenem Widerstande zu vereinigen. Elsaß und Lothringen sollten, hauptsächlich aus politischen Gründen, gleichzeitig noch weiter behauptet werden. Das einzige, was geschah, war die Teilung des Oberbefehls. Mac Mahon übernahm mit dem 1., 5. und 7. Korps die erste Aufgabe, Bazaine mit dem 2., 3. und 4. an der Saar die zweite. Der Kaiser behielt sich die Bestimmung über die Garde, die Armeereserven und das bei Chalons sich immer noch sammelnde 6. Korps sowie die Leitung der „Armee du Nhin" im ganzen vor. Ein schwerer Fehler war, daß die neuen Oberbefehlshaber daneben ihre eigenen Korps weiter führten. Im Elsaß war damit in letzter Stunde genügende Klarheit im Oberbefehl geschaffen, nicht so in Lothringen, wo Bazaine nur die rein militärischen Bewegungen ordnen durfte, sich jedoch in allen übrigen Dingen noch die Einmischung des kaiserlichen Hauptquartiers gefallen lassen mußte. — Die Deutschen im Elsaß folgten am 5. August, ohne Kenntnis, wo General Pelle geblieben sei, in südlicher Richtung gegen den Hagenauer Wald bis zum Selzbach. Der rechte Flügel jedoch — wiederum das 2. bayerische Korps — schlug die Straße nach Lembach ein. Das 5., das ihm zunächst stand, erreichte Preuschdorf, Wörth gegenüber, und sollte künftig beim Vormarsch nach Frankreich hinein die Vorhut der Armee übernehmen. Das 6. Korps sammelte sich noch bei Landau. Die auf der Suche nach dem Feinde vorausgeschickte Kavalleriedivision unter Prinz Albrecht von Preußen entdeckte bei Gunstett die Spuren des verschwundenen Gegners. In der Pfalz war am gleichen Tage die I. Armee noch in der Gegend von Lebach und Ottweiler. Die vordersten Truppen der II. hatten Neunkirchen und Homburg erreicht. Beide Armeen standen etwa in gleicher Höhe. So waren die Gegner an der Saar nur noch um einen schwachen Tagemarsch voneinander getrennt: an der Sauer standen sie sich unmittelbar gegenüber. Aber ehe Ernsthaftes unternommen werden konnte, mußten die noch um 8 deutsche Meilen bis Winnweiler hin zurückstehenden letzten Korps der II. Armee herankommen. Es lag ferner durchaus nicht in der Absicht der Heeresleitung, den Feind an der Saar in der Front anzufassen, ehe die III. Armee gegen seine rechte Flanke vorgehen konnte. Je länger er an der Saar zwischen Saarlouis und Saargemünd stehen blieb, desto mehr stieg die Aussicht, ihn entscheidend zu schlagen. Kronprinz Friedrich Wilhelm wollte, da der Feind westlich und nicht südlich entdeckt worden war, seine Truppen erst dorthin zusammenziehen, 400 VIII. Der Krieg von 1870/71 bevor er Weiteres unternahm. Drüben hatten der Kaiser und Bazaine überhaupt keinen bestimmten Beschluß gefaßt, Mac Mahon wollte nach langem Hin- und Herschwanken die ihm jetzt anvertraute Armee, soweit sie schon eingetroffen war, vereinigen und am 7. August zum Angriff gegen die Sieger von Weißenburg vorgehen. Für den 6. August war also von keiner Seite ein Kampf geplant, und doch sollte er zwei blutige Schlachten bringen. Sind große Truppenmassen heutzutage einander so nahe gekommen wie hier, so trennen sie sich ohne Kampf nicht wieder, zumal wenn eine der beiden kriegführenden Parteien von Mut und Tatendrang derart erfüllt ist, wie damals die preußisch-deutschen Truppen. Die Schlacht von wörth am 6. August ^370 (S. Skizze 39) Geschlagen sollte von deutscher Seite nicht werden. Aber die Deutschen durften den Gegner nicht aus den Augen lassen, damit er nicht unbemerkt abmarschiere. Die Vortruppen des S. Armeekorps erkundeten also am 6. früh emsig an der Sauer. Sie fanden Wörth vom Feinde frei und stiegen die westlichen Hänge empor. Dort trafen sie stärkere feindliche Kräfte und brachen das Gefecht ab. Der Zweck war erreicht. Südlich Wörth bei Gunstett gingen die Franzosen vor, wurden aber von den deutschen Schützenschwärmen an der Sauer zurückgewiesen. Nördlich traten die bayerischen Vortruppen bei Langensulzbach aus dem Waldgelände heraus, hörten den Kanonendonner von Wörth, und gingen gegen die waldigen Höhen von Froeschwiller vor; denn das 2. bayerische Korps hatte Befehl, wenn es von Wörth Kampfeslärm höre, in die linke Flanke der dem Städtchen gegenüberstehenden Franzosen einzugreifen. Der Kampf nahm schnell an Heftigkeit zu. Bis 10 Uhr vormittags waren 10 Bataillone darin verwickelt — aber er kam zum Stehen. Ein dem 5. Korps zugedachter Befehl des Oberkommandos, den Kampf einzustellen, kam irrtümlich auf dem Gefechtsfelde der Bayern an. General v. Hartmann, ein alter Waterlookämpfer, bemühte sich, seine Truppen zurückzuholen. Aber noch ehe er damit fertig war, gab das 5. preußische Korps Nachricht, daß es angreifen werde, und nun nahmen auch die Bayern das Gefecht frisch wieder auf. Dies war daher gekommen, daß der Generalstabschef des ö. Korps, Oberst v. Esch, nach dem Morgengefecht den Lärm von Langensulzbach hörte und fürchtete, die Bayern könnten erdrückt werden, wenn man sie . > > " Erste Angriffe der Deutschen 401 allein ließe. Er hielt es daher für geboten, daß man wieder vorginge, ordnete dies an, und General v. Kirchbach hieß es gut. Die gesamte Artillerie des S. Korps fuhr bei Wörth am östlichen Talrande auf, kämpfte die französischen Batterien auf der andern Seite nieder und richtete ihr Feuer auf die beiden hochgelegenen Dörfer Froeschwiller und Elsaßhausen. Es gelang aber der bei Wörth und Spachbach, zum Teil mühsam durch KWI'S'SÜ ~ s / - vis 8cnlscnt von Vsöpsn sm 6,/wgu5t 1L70. WAAWW^MWW i!;V-'?'''>'! !>'>)/Ä^k->^^? ^ ^ die hochaugeschwollene Sauer ans rechte Ufer vordringenden Infanterie nicht, die jenseitigen Höhen zu gewinnen. Das mörderische Feuer der an den Hängen hinter Hecken und Weinbergsmauern eingenisteten französischen Schützen gebot ihr Halt. Sie konnte froh sein, sich in den Gräben der Chaussee nach Straßburg zu behaupten. Weiter südlich bei Gunstett war auch das, dem 5. benachbarte, 11. Armeekorps schon eingetroffen und hatte seine Artillerie auf der Höhe nordwestlich des Dorfes in einer vorzüglichen Stellung entwickelt. Sie brachte Frhr. v. d, Boltz, Kriegsgeschichte II 26 402 VIII. Der Krieg von 1870/71 die französische nach kurzer Zeit zum Schweigen. Auch hier machte die Infanterie den Versuch, sich am rechten Ufer festzusetzen. Sie durchwatete die Sauer und drang in den Niederwald ein, wurde aber wieder zurückgeworfen. Inzwischen hatte General v> Kirchbach den Befehl des Kronprinzen erhalten, „den Kampf nicht aufzunehmen und alles zu vermeiden, was einen neuen herbeiführen könnte", weil die Armee nur mit vereinten Kräften fechten sollte. Er sah aber ein, daß ein Aufhalten jetzt nicht mehr möglich sei, und faßte den mannhaften Entschluß, dem Befehl entgegen ernsthaft anzugreifen. Diesen Entschluß teilte er dem Oberbefehlshaber und den beiden Nachbarkorps mit, die dem Rufe auch ohne Zögern folgten, aber vorerst keine großen Fortschritte machten. Mac Mahons Stellung jenseits der Sauer war in der Front sehr stark. Die um 1S0 bis 200 Fuß von der völlig einzusehenden freien, 800 bis 1000 Meter breiten, Talsohle der Sauer emporsteigenden, ziemlich steilen Hänge boten einen trefflichen Überblick. Weinberge und Hopfenpflanzungen, Hecken, Mauern und Wald machten das geordnete Emporsteigen der Angreifer schwierig. Der Fluß vor der Front war zum Teil übermannstief. Nördlich lehnte sie sich an ziemlich ungangbares Waldgelände; südlich schwebte der Flügel in der Luft. Auf der Hochfläche begünstigten die Bedeckung aller Art sowie Alleen und feste Höfe die Verteidigung. Die Truppenzahl war allerdings nicht ausreichend. Mac Mahon verfügte im Augenblicke nur über ungefähr 46 000 Mann, nämlich sein eigenes Armeekorps, dessen Division Abel Douay bei Weißenburg so arg mitgenommen worden war, und über die Division Conseil Dumesnil vom 7. Korps. Die anderen Divisionen dieses Korps sammelten sich noch im südlichen Elsaß. Das bei Bitsch stehende 5. Korps, General de Failly, war trotz vierfacher telegraphischer Mahnung am 6. noch nicht heranzubringen gewesen. In der Front bei Wörth verwendete der Marschall seine 3. Division, Raoult, die 2., Pelle, stand rechts daneben etwas zurück bei Elsaßhausen. Die 1., Ducrot, bildete die zurückgebogene Flanke nördlich Froeschwiller. Südlich des Niederwaldes hielt eine besondere Gruppe, nämlich beim Albrechtshäuserhof die 4. Division Lartigue nebst der Kavalleriebrigade Michel und dahinter bei Eberbach die Division Conseil Dumesnil. Rückwärts Elsaßhausen und Froeschwiller waren außerdem die Kavalleriebrigade Sep- teuil und die zur allgemeinen Reserve der Armee gehörige Kavalleriedivision Bonnemains verfügbar. Diese starke Kavallerie konnte jedoch in dem unübersichtlichen, von Kulturen dicht bedeckten Gelände nicht viel nützen. Mac Mahons Aufstellung bei Wörth 403 Der Marschall kannte die ziffernmäßige Überlegenheit der Deutschen wohl, war jedoch voll Hoffnung auf einen Sieg. Er rechnete, trotz Weißenburg, auf die Kriegstüchtigkeit seiner meist von ihm selbst in Afrika erzogenen Truppen und auf sein Kriegsglück. Der Ausgang der Vormittagskämpfe schien ihm recht zu geben. — Der Kronprinz von Preußen, nicht wissend, daß fein Befehl zum Einstellen des Kampfes sich verirrt habe, war erstaunt, in seinem Hauptquartier Sulz das Anschwellen des Feuers zu hören und eilte auf den Kampfplatz hinaus. Obwohl sich die Dinge anders gestaltet hatten, als er wollte, hieß er sie doch sofort gut, rechnete, wie es der Oberbefehlshaber oft tun muß, mit den vollendeten Tatsachen und übernahm selbst die Leitung des Kampfes. Er beauftragte das 1. bayerische Korps, Tann, das bei Jngolsheim hinter der Armee gelagert hatte, sich zwischen das S. preußische und das 2. bayerische Korps einzuschieben, und dieses wieder, weiter rechts auszuholen, um, wenn möglich, in den Rücken des Feindes zu gelangen. Die württembergische Division sollte auf Gunstett marschieren. Die badische, auf deren Mitwirkung man wegen der großen Entfernung nicht gerechnet hatte, machte sich trotzdem aus eigenem Antriebe auf den Weg. So wurde durch Befehle von oben her und freudige Initiative von unten völlige Einheitlichkeit der Handlung gewährleistet. General v. d. Tann war bereits unterwegs gegen das hochgelegene, weithin sichtbare Froeschwiller, das er zum Ziel nahm. Der Angriff wurde allgemein erneuert. Dem S. Korps gelang es erst nach schweren Kämpfen, den kahlen Bergvorsprung am rechten Uferrande zwischen Wörth und Spachbach zu nehmen, auch Artillerie hinaufzubringen und sich um 2 Uhr nachmittags gegen einen starken Gegenangriff der Franzosen zu behaupten. Nunmehr hielt General v. Kirchbach den Augenblick zum allgemeinen Sturm auf den ihm gegenüberliegenden Höhenrand für gekommen. Seine brave Infanterie, von 1866 her in hohem Ansehen, mußte unter wütendem feindlichen Feuer und großen Verlusten erst über den Wiesengrund, der keinen Schutz bot, hinwegschreiten, um dann die steilen Berghänge gegen Froeschwiller zu erklimmen. Der kommandierende General führte persönlich eine Pionierkompagnie vor. Es gelang wohl, den Höhenrand zu gewinnen; auf der von Chassepotgeschossen überfluteten Hochfläche aber konnten die Schützen sich nur Schritt für Schritt vorwärts arbeiten. Der größte Teil der Offiziere lag bereits tot oder verwundet auf dem Kampfplatze. — Die nächste Hilfe in dieser bedrängten Lage kam vom 11. Korps. Es ging über Spachbach, Gunstett und umfassend über Morsbronn gegen den 26* 404 VIII, Der Krieg von 1870/71 Niederwald vor. Nach langen vergeblichen Anstrengungen gelang es, das erste Hindernis, den massiven Albrechtshäuser Hof, der in Brand geschossen werden mußte, zu nehmen. Dann ging es weiter, als plötzlich der siegreichen Infanterie eine breite Kavalleriewoge entgegenbrauste. Es war die Brigade Michel, die von General Lartigue, der auf dem rechten französischen Flügel kommandierte, denBitten des Kavalleriedivisionskommandeurs Duhesme entgegen, eingesetzt wurde, um eine Umklammerung zu verhüten. Sie nahm die allgemeine Richtung auf Morsbronn, zerschellte aber an vorher nicht erkundeten Gräben, dichten Baumreihen, Hindernissen aller Art und dem von allen Seiten sie empfangenden Feuer der preußischen Infanterie. Diese verschmähte es, Knäuel oder gar Vierecke zu bilden, sondern empfing die heranstürmenden Reiter nur mit Feuer, in welcher Ordnung sie gerade sein mochte. Zuletzt griffen auch preußische Husaren ein und zerstreuten die sich wieder sammelnden Reste. Nur wenige Reiter entkamen, zum Teil über Morsbronn südlich. Die Brigade Michel hatte aufgehört zu existieren. Dennoch hatte General Lartigue recht gehabt. Unter dem Schutze des Kavallerieangriffs erreichte seine Infanterie den Niederwald und setzte sich dort fest. Ja, sie unternahm sogar einen vorübergehenden erfolgreichen heftigen Vorstoß gegen den Albrechtshäuser Hof. Dieselben algerischen Schützen, die bei Weißenburg am Bahnhof so brav gefochten, führten ihn aus. Der Hof mußte nochmals erobert werden. Erst als dies, mit kräftiger Unterstützung der Batterien von Gunstett her, gelungen, und vom linken Flügel aus Eberbach besetzt war, gelang es, den Niederwald zu nehmen. Dieser wurde vom Feinde gesäubert und auch das Gehölz zwischen ihm und Elsaßhausen erstürmt. Der entscheidende Akt der Schlacht, der Kampf um Elsaßhausen und Froeschwiller begann. In dem eroberten Gehölz wurden die Eingedrungenen von der Stellung von Elsaßhausen her durch das heftigste Gewehr- und Geschützfeuer der Franzosen überschüttet. Unter ihm untätig zu verbleiben, war nicht möglich. General v. Bose, der kommandierende General des 11. Armeekorps, zog daher seine letzten frischen Bataillone und die am rechten Sauerufer eingetroffenen Batterien in den Kampf, die benachbarten Teile des 5. Korps schlössen sich an. Auf sein Zeichen setzte sich alles mit kräftigem Hurra in Bewegung. Das schon brennende Dorf wurde im ersten Anlaufe genommen, zahlreiche Gefangene und auch Geschütze fielen in die Gewalt der Sieger. Westlich Elsaßhausen drangen diese schon gegen die Rückzugslinie der Verteidiger vor. Mac Mahon fühlte das Kritische des Augenblicks und das Verzweifelte Der Kampf um Elsaßhausen und Froeschwiller 405 seiner Lage. Er warf von Froeschwiller her noch unberührte Infanterie — das 1. Regiment algerischer Schützen —, von der Reserveartillerie unterstützt, zum verzweifelten Gegenstoß auf den lebhaft, aber ungeordnet nachdrängenden Eroberer von Elsaßhausen. Der Stoß hatte anfangs Erfolg; ein Teil des Dorfs geriet wieder in französische Hand. Aber er erlahmte bald; ein Zurückfluten weit über Elsaßhausen hinaus folgte. Da erschien überraschend abermals eine starke Kavalleriewoge, die Division Bonnemains. Sie fand bei Elsaßhausen ein ebenso ungünstiges Angriffsfeld wie die Brigade Michel bei Morsbronn, und auch der Verlauf war ähnlich. Die preußische Jnsanterie empfing die anstürmenden Reiter mit vernichtendem Schnellfeuer. Die Batterien richteten ihre Geschosse gegen sie. Auch dieser Angriff scheiterte unter den schwersten Verlusten für die französischen Reitergeschwader, deren Reste nach allen Richtungen hin auseinanderstoben. Zur gleichen Zeit trafen frische deutsche Streitkräfte auf dem Schlachtfelde ein, nämlich am rechten Flügel des 5. Korps die 1. bayerische, auf dem linken die württembergische Division. Sie gaben den Anstoß zu erneutem Vordringen. Zwar wehrten sich die Verteidiger von Froeschwiller hartnäckig, brachten den Kampf um 3^ Uhr nachmittags zeitweise wieder zum Stillstande, gingen sogar noch einmal gegen die ankommenden bayerischen Bataillone mit vorübergehendem Erfolge vor, mußten dann aber der mehr und mehr sich entwickelnden Übermacht weichen. 102 Geschütze bildeten einen feuerspeienden Halbkreis um das Dorf, die württembergischen Reiter schlugen schon die Richtung über Eberbach gegen Reichshofen, also in den Rücken der Franzosen ein, der auch in der Nähe, von Elsaßhausen her, schon bedroht wurde. Schweren Herzens entschloß Mac Mahon sich zum Rückzug und bezeichnete Zabern als Sammelpunkt, als nun auch die deutsche Jnsanterie von allen vier Himmelsrichtungen her in das brennende Dorf eindrang. Nur einzelnen Verteidigern gelang es, in der Richtung auf Reichshofen zu entkommen. Um 5 Uhr nachmittags war der Kampf beendet. Nördlich der Straße leisteten französische Reserven noch kurzen Widerstand. Dann wurden auch sie geworfen und eine Batterie, die bei ihnen war, genommen. Der Strom der Flüchtlinge ergoß sich gegen Reichshofen hin, nicht nur geradeswegs, sondern auch weiter südlich parallel verfolgt von den Württembergern. Endlich traf, nach langsamem, methodisch ausgeführtem Marsche, die Division Guyot de Lespart vom S. französischen Korps bei Niederbronn ein, um dem Teil der geschlagenen Truppen, welcher die Richtung dort- 406 VIII. Der Krieg von 1870/71 hin gewählt hatte, Aufnahme zu gewähren und die weitere Verfolgung zu hindern. Aber nur einige Trümmer schlugen die Straße nach Bitsch ein, die andern suchten zunächst auf Straßen, Nebenwegen und querfeldein zu entkommen. Mehrere tausend Mann gewannen Straßburg; der Hauptstrom ergoß sich durch Zabern auf Pfalzburg, Saarburg, Luneville. Mit großer Tapferkeit hatten sich die Franzosen geschlagen und der deutschen Überzahl den Sieg ernsthaft streitig gemacht. Sie ließen 10000 der Ihrigen tot oder verwundet auf dem Schlachtfelde. Den Siegern fielen 5 Fahnen, 28 Geschütze, 5 Mitrailleusen und an 9000 Gefangene in die Hände. Sie bezahlten ihren glänzenden Sieg mit der Einbuße von 489 Offizieren, 10153 Mann an Toten und Verwundeten. Unter diesen befand sich der zweimal schwer getroffene, tapfere und rastlos tätige Führer des 11. Korps, General v. Bose. Kronprinz Friedrich Wilhelm begrüßte, überall von Jubel empfange», seine Truppen auf der Wahlstatt. Gegen Abend traf noch die badische Division und um 10 Uhr auch die erst um 6 Uhr herangerufene 4. Kavalleriedivision bei Gunstett ein. Die Schlacht von Svicheren (S. Skizze 40) In Lothringen hatte Napoleon III. am 5. August einige Verschiebungen der Kräfte vornehmen lassen. Frossard versammelte das 2. Korps etwas weiter rückwärts um Spicheren—Forbach; dahinter standen rechts das 3., links das 4. Korps längs der Bahnlinie Saargemünd—Teterchen. Die Garde rückte als Reserve an die deutsche Nied. Zwischen Saargemünd und Bitsch hielt das 5. Korps die Grenzwacht und die Verbindung mit dem Elsaß. Welcher Gedanke diese Aufstellung diktiert hatte, ist schwer zu erraten. Sie war weder für die Offensive noch für die Defensive geeignet. Man hat sie mit einem Zollbeamtenkordon verglichen. Inzwischen hatte sich auf deutscher Seite, Moltkes Absicht zuwider, die I. Armee mehr und mehr links geschoben und am 5. August mit dem 8. Korps bei Ottweiler schon die äußerste Marschlinie der II. Armee, mit dem 7. Korps Lebach erreicht, während sich dahinter bei Birkenfeld das 1. Armeekorps sammelte. General v. Steinmetz drängte vorwärts und glaubte schon jetzt an der Saar besser als rückwärts zu stehen, während sein vorzeitiges Erscheinen dort nur den Feind veranlassen konnte, sich rechtzeitig der drohenden Gefahr zu entziehen. Er wollte am 6. die Die Deutschen überschreiten die Saar 4g? Saar zwischen Völklingen und Saarbrücken gewinnen, während es nach Moltkes Ansicht frühestens am 7. geschehen durfte, und zwar auf der Linie Saarlouis—Völklingen. Die von Lebach kommende 14. Division durchschritt am 6. August vor dem rechten Flügel der noch in großer Tiefe herankommenden II. Armee Saarbrücken, besetzte die Hügel unmittelbar an der Stadt und ging dann gegen den vor ihr liegenden steilen Höhenrand von Spicheren vor, den der Feind eben zu verlassen schien. General v. Steinmetz gab seine Genehmigung dazu. Die 13. Division wurde angewiesen, über Völklingen gegen Forbach in den Rücken des Feindes vorzugehen. Auch General v. Goeben, der kommandierende General des 8. Korps, sagte an Kameke die erbetene Unterstützung zu. Auf den beginnenden Kanonendonner hin fetzte sich die 16. Division aus der Gegend von Ottweiler in Bewegung; nur die 15. war noch zu weit entfernt. Auch Prinz Friedrich Karl hatte früh Nachricht erhalten, daß der Feind die Höhen bei Saarbrücken räume, und befohlen, daß das zunächststehende 3. Korps Saarbrücken noch am 6. wiedernehme. General v. Alvensleben setzte darauf von seinen Truppen so viel er konnte, teils zu Fuß, teils mit der Eisenbahn, gegen die Stadt in Marsch. Die nun beginnende Schlacht trug einen andern Charakter als die von Wörth. Wenn dort, zunächst auch ohne einheitliche Führung und ohne die Absicht einer Entscheidung, die Truppen von verschiedenen Richtungen her die französische Stellung angriffen, so waren es doch Korps und 408 VIII. Der Krieg von 1870/71 Divisionen, die so auf eigenen Gefechtsfeldern verwendet wurden. Hier drängten sich Regimenter und Bataillone in buntem Gemisch durch Saarbrücken hindurch an den Feind heran. Bei Wörth war es möglich, im zweiten Teile der Schlacht eine planmäßige Durchführung des Angriffs zustande zu bringen. Hier dauerte, bei mehrfachem Wechsel des Oberbefehls, das Gewirr der Einzelangriffe bis zum Ende fort, und sie kamen nur durch den allgemeinen Drang nach vorwärts, der jedem Beteiligten innewohnte, in Znsammenhang. War Wörth eine Prüfung der höheren Führung, so fand hier die Prüfung der niederen Führung und der Truppe statt. Der vor den Angreifern gelegene Höhenrand zwischen Stiring-Wendel und St. Arnual steigt steil, vielfach felsig und bewaldet, an 300 Fuß hoch aus flachem Hügelgelände von Saarbrücken empor. Er war besetzt, aber der Ansicht der preußischen Führer nach nur noch zur Deckung eines Rückzuges. Dieser sollte zum Stehen gebracht werden. In der Mitte des Randes springt, nördlich Spicheren, eine scharf geschnittene, in Felsabsätzen steil abstürzende Bergnase — der rote Berg — gegen das flachere Gelände vor. Dort stand französische Artillerie, welche die Ankömmlinge unter Feuer nahm. Wollte man Ruhe haben, so mußte der Vorsprung genommen werden. Die vordersten Bataillone der 14. Division wendeten sich gegen ihn, andere gegen den Stiftswald in weitauseinander- gezogener Linie. Vom Winter- und Galgenberg her unterstützte sie die eigene Artillerie. Es gelang, den Bergrand zu ersteigen und durch den Waldstreisen bis zur freien Hochfläche zu gelangen. Dort sahen die Stürmenden sich den großen französischen Zeltlagern von Spicheren gegenüber. Die Versuche, aus dem Holze herauszutreten, scheiterten, heftiges Geschütz- und Gewehrfeuer schlug den preußischen Schützenschwärmen entgegen. Sie blieben auf den Besitz des waldigen Abhangs beschränkt. Weiter westlich gingen preußische Kompagnien zu beiden Seiten der Bahnlinie vor, nahmen das Stiringer Waldstück und ein Gebäude am Nordrande von Alt-Stiringen, sowie die alten Kohlengruben. Die Franzosen, aus den Lagern aufgescheucht, entwickelten sich; die Division Laveaucoupet rechts gegenüber dem Gifertwalde, die Division Verge links bei Stiring-Wendel. Die Division Bataille blieb zunächst dahinter westlich von Spicheren. Bald aber schob sie sich zwischen den beiden andern Divisionen in die vordere Linie ein. Noch hielten die Franzosen auch den Roten Berg, obwohl die Angreifer schon den Gifertwald inne hatten. Den preußischen Batterien auf dem Galgenberge gelang es, das Feuer der französischen zu dämpfen, aber die Verschiedener Charakter der beiden Schlachten vom 6. August 409 Infanterie kam unter schweren Verlusten nur bis zum Fuß der steile» Höhe, wo sie sich gegen das ihr entgegenschlagende Feuer soviel wie möglich deckte. Erst als der rechte Flügel der 14. Division bei Stiriugen weitere Fortschritte machte und auch gegen das an der Chaussee gelegene Gasthaus zur goldenen Brennn vordrang, entschloß sich General v. Kamele um 3 Uhr nachmittags, den Sturm zu befehlen. Das Füsilierbataillon des 77. Regiments erklomm die steilen Hänge und warf sich auf die französischen Jäger, welche den Rand verteidigten. Diese wichen, nahmen aber die Gegenwehr bald wieder auf. Ein zweiter Angriff wurde nötig, und gerade in diesem Augenblicke traf drüben die Spitze der Division Bataille auf dem Kampfplatze ein. Ein Stutzen folgte. Zu gleicher Zeit aber erschien noch eine frische Kompagnie der preußischen Brigade Franyois auf der Höhe; der General selbst stellte sich an ihre Spitze und führte sie vor. Von 5 Kugeln durchbohrt, sank er zu Boden. Im Augenblicke war jedoch ein Rückschlag verhütet. Die weit auseiuandergezogene 14. Division vermochte indessen den im ersten Ansturm kühn eroberten Höhenrand nicht zu behaupten. Ihre dünne Linie wurde allmählich von der sich mehr und mehr entwickelnden Übermacht der Franzosen zurückgedrängt. Teile davon wichen bis zum Winterberge, andere behaupteten sich am waldigen Höhenrande. Das Gefecht verlor jede regelmäßige Gestalt, als Hilfe eintraf. Um 4 Uhr langten die ersten Truppen vom 8. Korps auf dem Gefechtsfelde au, mit ihnen General v. Goeben, der sie gegen den roten Berg und den Gifertwald vorschickte und 6 Batterien auf der Folster Höhe und dem Galgenberge zusammenbrachte. Bald erschienen auch Truppen der 5. Division, zum Teil bataillonsweise mit der Bahn herankommend. General v. Goeben wies ihnen die Richtung nach den Punkten zu, wo es am bedrohlichsten stand, und sie griffen ein, wie sie es gerade am zweckmäßigsten fanden. Namentlich am Roten Berg bildete sich ein schwer entwirrbarer Knäuel der drei beteiligten Korps. Der gute Wille und die preußische Waffenbrüderschaft waren das Band, das sie vereinigte. Um 4^/2 Uhr wechselte der Oberbefehl; General v. Zastrow war angekommen. Immer mehr Truppen erschienen. Gegen 6 Uhr nachmittags arbeiteten sich im Kampfe am Höhenrande an 40 Kompagnien, ohne obere Leitung, aber doch iin Einverständnisse miteinander handelnd, allmählich wieder vorwärts. Ein neuer Ansturm der Franzosen wurde durch das eben eintreffende Grenadierregiment 12 vom 3. Korps abgewiesen. Sein Oberst v. Reuter fiel. 410 VIII. Der Krieg von 1870/71 Beim weiteren Vordringen gegen Süden stand die Gunst des Geländes ganz auf französischer Seite. Eine Entscheidung konnte nur vom rechten preußischen Flügel herkommen. Aber General Frossard erkannte dies und verstärkte die Division Berge bei Stiring noch durch Teile von Bataille. Auch dort kamen die Augreifer nicht vorwärts. Die Versuche, den Roten Berg von jener Seite her zu stürmen, mißlangen unter schweren Verlusten. Vorübergehend geriet sogar der südöstliche Teil des Stiringer Waldstücks wieder in französische Gewalt. Endlich glückte es auf dem andern Flügel den eintreffenden Bataillonen der S. Division, den Feind aus dem Gifertwald und vom Roten Berg ganz zu verdrängen. General v. Alvensleben, der kommandierende General des 3. Armeekorps, war auf dem Schlachtfeld eingetroffen, hatte ausgesprochen, daß er den Angriff für einen Fehler halte, ihn aber, da er einmal im Gange war, mit allen Kräften unterstützen werde. Unter unsäglichen Mühen gelang es, auch Geschütze auf den Roten Berg zu bringen und so wenigstens den einmal gewonnenen Besitz sicher zu stellen. Gegen Einbruch der Dunkelheit wurde von der goldenen Bremm her, bei der gleichfalls Verstärkungen von der 5. Division eingetroffen waren, der Forbacher Berg erstiegen, und nun bedürfte es kaum noch des Erscheinens der 13. Division, die über Völklingen, Groß-Rossel mit ihrer Vorhut bei Forbach eintraf, um General Frossard zur Räumung des so hartnäckig umstrittenen Schlachtfeldes zu veranlassen. Da die Chaussee nach St. Avold schon bedroht war, zog er weiter östlich ab und erreichte in der Nacht noch die Gegend von Saar- gemünd. Auf dem Schlachtfelde war abends auch noch General v. Steinmetz eingetroffen. Eine Verfolgung schloß sich durch die Ermattung der Kämpfer und die Dunkelheit aus. In Stiring wurde noch lange in die Nacht hinein gefochten; französische Abteilungen, die vom allgemeinen Rückzüge der Ihren nichts erfahren hatten, leisteten dort weitere Gegenwehr. Der schwer errungene endliche Sieg war vor allem dem innigen kameradschaftlichen Zusammenhange in der Preußischen Armee zu verdanken. Jeder Truppenteil, der herankommen konnte, war auf den Kanonendonner nach dem Schlachtfelde geeilt. Sogar vom weit entfernten 1. Armeekorps hatte eine eben aus Königsberg i. Pr. eingetroffene Batterie den Kampfplatz erreicht. Dies treue Zusammenhalten aller glich die Fehler, die im übereilten Beginn der Schlacht und im Mangel einheitlicher Führung lagen, am Ende aus und errang den Sieg. Er hätte entscheidender sein können, wenn die 13. Division lebhafter gegen Forbach vorgegangen wäre; aber schlechte Wege und ein von den Ereignissen überholter Befehl hielten Rückzug der Nheinarmee 411 sie auf. Die Vorhut vernahm den Kanonendonner erst bei Klein- und Groß- Rossel also zu spät, um noch wirksam eingreifen zu können. Immerhin hatte auch sie mittelbar zum Erfolge beigetragen. Ganz anders sah es bei den Franzosen aus. Alle vier Divisionen des 3. Korps hatten von St. Avold bis Saargemünd hin in erreichbarer Nähe gestanden. Keine war eingetroffen; alle warteten auf Befehl oder waren zwecklos umhergeirrt, Frossard allein geblieben. Die Verluste waren auch bei Spicheren schwere. Die preußischen Truppen erlitten zusammen eine Einbuße von 223 Offizieren, 4648 Mann an Toten und Verwundeten, die Franzosen — einschließlich 12—1500 Gefangener — eine solche von 249 Offizieren, 3329 Mann. Wenn auch hier der Erfolg kein derartiger war wie bei Wörth, so wirkte der Doppelsieg des 6. August doch wie ein Donnerschlag auf die erstaunte Welt, zumal aber auf das herb enttäuschte Frankreich. Der Rückzug der Rheinarmee von der Grenze begann. Freilich schwand für die Deutschen damit die Aussicht auf die große entscheidende Schlacht. Der verfrühte Angriff bei Spicheren verschuldete dies. Er aber entsprang dem ungestümen Verlangen der Truppen, an den Feind zu kommen, dem Deutschland damals soviel zu danken hatte. Auch der noch nicht auf der Höhe unserer Tage stehende Erkundungsdienst der Kavallerie trug eine Mitschuld. Eben erst hatte Prinz Friedrich Karl das Beispiel moderner Verwendung großer Kavalleriemassen vor der Armee gegeben. Noch aber entsprach die Ausführung dem Gedanken nicht; es fehlte die Übung. Die Kavallerie verschleierte wohl; sie lüftete aber nicht hinreichend den Vorhang, der den Feind verhüllte. Überraschend war die Wirksamkeit der deutschen Artillerie hervorgetreten; sie wog die Überlegenheit des Chassepotgewehrs über das Zündnadelgewehr nahezu auf und nährte kräftig die Hoffnung auf fernere Erfolge. — Der Doppelsieg vom 6. August befreite Deutschland von der Gefahr fremder Einmischung und auch einer ernsten Bedrohung seiner Küsten. Die französische Flotte war vor dieser erschienen, aber Frankreich konnte nicht mehr daran denken, ihr ein Landungskorps nachzusenden. Unmittelbar nach den Schlachten glaubte man im deutschen Heere noch an die Möglichkeit einer großen Waffenentscheidung diesseits der Mosel, falls Mac Mahon und die Hauptarmee sich vereinigen sollten. Die II. Armee erhielt Befehl, am 8. August starke Streitkräfte nach ihrem linken Flügel, auf dem das 4. Korps marschierte, zu versammeln und in der Gegend 412 VIII. Der Krieg von 1370/71 von Rohrbach südöstlich Saargemünd bereitzustellen. Die Hoffnung, von dort aus noch Teile der geschlagenen Armee Mac Mahons erreichen zu können, erwies sich aber schnell als trügerisch, und am Tage darauf ward es klar, daß der Feind erst an der Mosel wieder erreicht werden könne. - Inzwischen hatten, bis zum 9. August, die I. und II. deutsche Armee die Saar erreicht. Die I. war wieder rechts in den ihr ursprünglich zugewiesenen Raum zwischen Saarlouis und Saarbrücken gewiesen worden. Die II. reichte von Saarbrücken bis Saarunion; die III. steckte, nur langsam vorübergehend, noch in den Vogesenpässen, vor deren Ansgang sie den Feind in neuer Stellung erwartete. Die Fühlung mit ihm war verloren gegangen. Eine Verfolgung unterblieb. Die Gunst der Verhältnisse gab den Franzosen noch einmal die Freiheit der Bewegung wieder. Mac Mahon erreichte am 9. August in fluchtartigem Rückzüge schon die Gegend zwischen Saarburg und Lüneville. Er zog dorthin auch das 5. Korps, de Failly, zu sich heran. Bazaine überschritt die deutsche Ried. Noch stand die Eisenbahn von Lüneville nach Metz zur Vereinigung beider Armeen offen, aber ein irriges Gerücht ließ die Preußen bereits vor Pont-ä-Mousson erscheinen und Mac Mahon bog südwestlich auf NeufckMeau aus, von wo er mit Hilfe des Schienenweges ClMons erreichte. Damit schied sein Heer zunächst aus dem Bereiche der Operationen aus und verschwindet für die nun kommenden großen Ereignisse von der Bühne. Der 9. August war hierdurch für die Franzosen zu einem verhängnisvollen Tage geworden. Von der Saar bis zur Mosel Rechtsschwenkung der deutschen Heere (Vergl. Skizze 36) Im kaiserlichen Hauptquartier zu Metz dachte mau unmittelbar nach den beiden an der Grenze verlorenen Schlachten zuerst an einen Rückzug bis ClMons-sur-Marne zur Vereinigung mit Mac Mahon und in eine neue Aufstellung zum Schutze von Paris. Die Kaiserin-Negentin und der Ministerpräsident Ollivier aber erhoben Einspruch. Der sofortige Rückzug konnte gleichbedeutend werden mit dem Sturze der Dynastie; denn er hätte einen ungeheuren Sturm der Entrüstung im ganzen Lande hervorgerufen. Der Kaiser entschloß sich also zum Verbleiben bei Metz und zum Heranziehen des sich noch bei ClMons sammelnden 6. Korps, sowie der Artilleriereserve von Nancy und der Kavalleriedivision Forton von Die Franzosen machen bei Metz Halt 413 Pont-ä-Mousson. Es scheint nicht daran gedacht worden zu sein, auch Mac Mahon mit der Hauptarmee zu vereinigen. An der Nied zwischen Pange und les Etangs wurden Verteidigungsmaßregeln getroffen. Dort sollten die Deutschen erwartet werden. Trotzdem der Rückzug aufgegeben worden war, trat in Paris ein Kabinettswechsel ein. General Cousin-Montauban, Herzog von Palikao, trat an die Spitze des neuen Ministeriums. Leboeuf mußte den Platz als Generalstabschef der Armee räumen. Die öffentliche Meinung forderte Bazaine, den jüngsten der französischen Marschälle, als Oberbefehlshaber, und seine Ernennung erfolgte am 12. August. Aber der Kaiser behielt seinen Einfluß in den Fragen der Führung des Heeres, und der Widerstreit der Meinungen, ob Rückzug, ob Verbleiben das Bessere sei, dauerte fort. So kam es nicht zu einheitlichen Maßnahmen im großen Stile. Selbst die Moselbrücken blieben unzerstört. Die Niedstellung erwies sich bei näherer Betrachtung als unzweckmäßig für hartnäckige Verteidigung, und die Armee ward auf der Hochfläche von Metz zusammengepfercht. Es war ein Glück für sie, daß die unmittelbare deutsche Verfolgung ausblieb. Dies hatte sich aus dem Durcheinander bei Spicheren ergeben. Es hätte nur durch die Anwesenheit des großen Hauptquartiers derart gelöst werden können, daß ein schneller Vormarsch die Hauptmasse der lothringischen Heeresgruppe des Feindes in der Gegend von Puttlange zum Stehen brachte und zu neuem entscheidenden Kampfe zwang. Bei Wörth war die Verfolgung nicht aufgenommen worden, weil die Bedeutung der französischen Niederlage unterschätzt wurde. Dies hatte Mac Mahon seinem tapferen Widerstande zu verdanken. Im kronprinzlichen Hauptquartier erwartete man, ihn dem Ausgange der Bogesenpässe gegenüber in neuer starker Stellung zum abermaligen Kampfe bereit zu finden, uud setzte den Marsch nur mit Vorsicht fort. So mußten denn neue Bewegungen eingeleitet werden. Für diese ergab sich als das nächste Ziel die Moselstellung zwischen Metz und Toul. Sie sollte in der Front und gleichzeitig umfassend auf ihrem rechten Flügel angegriffen werden. Daraus hätte sich das ursprünglich beabsichtigte Abdrängen der französischen Streitkräfte nach Norden ergeben. Eine allgemeine Rechtsschwenkung der drei deutschen Heere wurde erforderlich, die einheitlich von der höchsten Stelle aus geleitet werden mußte. Die III. Armee konnte erst am 12. August an der Saar eintreffen; danach war das Ganze zu regeln. Die I. und II. Armee hatten ihr Vorgehen zu verlangsamen. Der I. wurde die Richtung von Saarlouis auf Metz, der II. die von Saarbrücken auf Pont-ä-Moussou, der III. die von der oberen Saar über 414 VIII, Der Krieg von 1870/71 Nancy zugewiesen. Das große Hauptquartier ging zunächst nach Saarbrücken. Die Reiterei aber wurde weit voraus gesandt und streifte bald bis an und über die Mosel. Sie zwang sogar Teile des 6. französischen Korps, die noch auf der Eisenbahn von ClMons herankamen, zur Umkehr, entdeckte aber auch die Stellung der Franzosen vor Metz. Der Gedanke an die Möglichkeit einer französischen Offensive in dem Augenblick, wo die Deutschen im Moselübergange begriffen waren, lag nicht fern. Tatsächlich ist sie von Bazaine gewollt, vom Kaiser aber widerraten worden. Auf deutscher Seite erschien jedoch Vorsicht geboten. Wie trübe der innere Zustand der französischen Armee schon geworden war, konnte man nicht erkennen. Man traute ihr mehr zu, als sie zu leisten imstande war. Infolgedessen ließ Moltke die I. Armee am 13. August nur bis an die französische Nied vorgehen, die II. bis zur Chaussee Metz—-ClMeau Sa- lins, während die HI. den Marsch auf Luneville—Nancy fortsetzte. Der König kam nach Herny. Nun erreichte die Spitze der II. Armee an diesem Tage zwar schon Pont-ä-Mousson und den dort erhalten gebliebenen Moselübergang. Sie mußte aber noch die Korps ihres rechten Flügels zu einer vielleicht notwendig werdenden Unterstützung der I. Armee am rechten Moselufer bereithalten. Die dicht bebaute, von Dörfern, Gärten, Weinbergen, Parkanlagen, Wäldchen und Pflanzungen aller Art bedeckte Umgebung von Metz ließ sich von außen her nicht übersehen. Starke Truppenmassen konnten dort lagern, ohne entdeckt zu werden. Täuschungen über den Feind blieben möglich. Die I. Armee sollte deshalb auch am 14. August an der französischen Nied stehenbleiben, die II. Wohl weiter gegen die Mosel vorrücken, aber das 3. und 9. Korps auf ihrem rechten Flügel noch anhalten. Die Kavallerie hatte freie Hand, über die Mosel hinauszueilen. Tatsächlich war die französische Hauptarmee, jetzt aus der Garde, dem 2., 3., 4. und 6. Korps, sowie aus der Brigade Lapasfet des ö. Korps bestehend — 175 bis 200 000 Mann stark — noch immer dicht östlich Metz versammelt. Doch war Bazaine endlich entschlossen, den Befehlen des Kaisers folgend, abzumarschieren. Er sollte sein Heer zunächst nach Ver- dun zurückführen. Aber die Verhältnisse des Oberkommandos waren noch nicht geregelt, die Arbeit in demselben nicht geordnet. Den ihm vom Kaiser beigegebenen Generalstabschef Jarras hielt er mehr für einen Aufpasser als einen ergebenen Gehilfen. Für den schwierigen Durchmarsch durch Metz, der nur bei sorgfältigen Anordnungen ohne Stockung gelingen konnte, wurde nichts vorbereitet. Den Befehlen mangelte Gründlichkeit und Sorgfalt. Bazaine beginnt den Abmarsch 415 Am 14. August um 8 Uhr früh begann der schleppende Abmarsch mit der Vorraussendung des Fuhrwesens. Mittags sollten die Truppen folgen, das 3. Korps — an Bazaines Stelle von General Decaen geführt — den Rückzug decken. Um ^4 Uhr nachmittags begann auch dieses Korps die Hochfläche von Borny zu räumen. Auf deutscher Seite stand von der I. Armee das 1. Armeekorps bei les Etangs, das 7. bei Courcelles-sur-Nied. Von 11 Uhr vormittags ab liefen Meldungen über den Abzug der Franzosen ein. General von Man- teuffel ritt nachmittags um 2 Uhr persönlich vor, machte ähnliche Wahrnehmungen und stellte sein Korps bereit, war jedoch im Zweifel, ob es sich um einen Abmarsch des Feindes oder um Vorbereitungen zu einem Angriff handele. Vom 7. Korps stand General v. der Goltz mit seiner, der 26. Brigade, als Vorhut bei Laquenexy, sah die Franzosen verschwinden, sagte sich, daß südlich von Metz die II. Armee über die Mosel gehen werde und daß es deshalb wichtig sei, die Franzosen festzuhalten, um ihr einen Vorspruug zu verschaffen. So entschloß er sich, gerade als das 3. französische Korps der großen Bewegung folgen wollte, selbständig zum Angriff. Benachrichtigungen ergingen an alle benachbarten Truppen. ClMeau Aubigny wurde schwach besetzt gefunden und genommen. Dann ging es weiter gegen Colombey. Der ernste Kampf begann, und der Kanonendonner ließ die schon nach Westen umgekehrten Franzosen von neuem Front machen. Die Schlacht von «Lolombey-Nouilly, den ^. August ^870 (S. Skizze 41) In gehobener Stimmung darüber, daß das ewige Hin und Her endlich zu Ende sei und man zum Kampfe komme, nahm das 3. französische Korps seine eben verlassenen Stellungen von Grigy bis hinüber zum Vallieres- bach wieder ein. Die Division Castagny stand vorgeschoben bei Colombey. Die Garde stellte sich dahinter bei Queuleu als Rückhalt auf, ebenso hinter dem linken Flügel bei Mey die Division Grenier vom 4. Korps. Gegen diese 7 Kilometer lange, von 7 Divisionen besetzte Front gingen die Vorhuttruppen von 2 preußischen Korps verwegen zum Angriff über. General v. der Goltz eroberte nach kurzem Gefecht Colombey und wehrte einen starken französischen Gegenstoß glücklich ab. Er besetzte auch la Planchette und nahm den Kampf gegen die dahinter gelegenen Höhenränder auf. Dort aber wuchs die feindliche Übermacht zusehends. An weiteres Vordringen war nicht mehr zu denken. Die schmale Pappelallee, 416 VIII. Der Krieg von 1870/71 die von Colombey nördlich zur Saarbrücker Chaussee hinüberführt, und das daran gelegene kleine Tannenwäldchen wandelten sich in eine feuersprühende feindliche Front um. Eine ganze Stunde lang hielt Goltz sich ohne Hilfe allein ihr gegenüber. Schon drohte ihm die Vernichtung, da endlich erschienen Verstärkungen. Manteuffel hatte sein Korps um 3 Uhr alarmiert und nach dem Kampfplatze in Bewegung gesetzt. Auf der Straße von Saarlouis kam die Borhut der 2., auf der vou Saarbrücken die der 1. Division heran. Auch General v. Zastrow ging mit der Hauptmasse des 7. Korps vor, da er einsah, daß der Kampf nicht mehr zu verhüten wäre. Rechts von Goltz wendete sich die 25. Brigade durch den Grund von Coincy gegen den Erbitterter Kampf an der Pappelallee bei Colombey 417 Höhenrand, die Pappelallee und das Tannenwäldchen. Erbitterter Kampf wogte hin und her. Die den übrigen Truppen vorausgeeilte Artillerie brachte dabei energische Hilfe. Es dauerte nicht lange, bis 60 Geschütze auf diesem Teil des Schlachtfeldes gegen die französischen Stellungen in Tätigkeit waren. Weiter nördlich ging die 1. Division über Lauvallier vor und erstieg den Höhenrand. Die 2. wandte sich durch den Grund von Vallieres über Nouilly gegen Mey und das davor gelegene Waldstück, die beide im ersten Anlauf genommen wurden. Dann trat aber auch hier der Stillstand ein. Mit Mühe behaupteten sich die kühnen Angreifer. Es war ein Augenblick wie derjenige bei Spicheren, als die 14. Division den Höhenrand im ersten Ansturm genommen hatte, dann aber sich dem überlegenen Feinde gegenübersah und nicht weiter vorwärts konnte. Während des nun folgenden stehenden Gefechts gingen einige preußische Batterien über la Planchette vor, um aus kürzerer Entfernung die feindlichen Linien unter wirksames Feuer zu nehmen. Allmählich begannen auch die Franzosen gegen Bellecroix und Borny zurückzuweichen; doch dauerte der Kampf mit unverminderter Heftigkeit fort. Erst um 6^ Uhr nachmittags waren das Tannenwäldchen und die Pappelallee endgültig in deutscher Hand. Aber eine neue Wendung trat ein. Das auf dem linken Flügel der französischen Armee im Zurückgehen begriffene 4. Korps unter General Ladmirault war auf den Kanonendonner hin wieder umgekehrt und um 6 Uhr nachmittags auf der Straße gegen Villers-L'Orme zur Umfassung des rechten preußischen Flügels vorgegangen. Mey und das Wäldchen gingen verloren. Ein Umschlag auf dem preußischen rechten Flügel drohte. Aber General v. Manteuffel war glücklicherweise auf dieses Ereignis vorbereitet und vermochte starke Artillerie am Vallieresbach mit der Front gegen Norden zu entwickeln. So hielt er das französische Vordringen von der Flanke her auf. Zugleich schob er seine noch verfügbare 4. Brigade der feindlichen Umfassung entgegen. Es glückte, den drohenden Stoß bei Villers L'Orme und bei Nouilly, um das der Kampf hin und her wogte, abzuwehren. Die preußische Artillerie nahm auch hier den kräftigsten Anteil; nach und nach traten im ganzen 90 Geschütze auf Manteuffels Gefechtsfeld in Tätigkeit. Auf Zastrows Kampfplatz erschienen inzwischen die beiden noch fehlenden Brigaden; die eine, die 23., ging, bei Colombey südlich vorbei, gegen la Grange-aux-bois vor und nahm es. Die andere, die 27., stellte sich in der Reserve bei Coiucy auf. Noch weiter südlich traf jetzt auch die 1. Kavalleriedivision und, vom äußersteu rechten Flügel der II. Armee her, Frhr. v. d, Goltz, Kriegsgeschichte II 27 418 VIII, Der Krieg von 1870/71 die 13. Division unter General v. Wrangel ein. Auch sie hatte der Gefechtslärm herbeigerufen. Schnell sich entwickelnd, rückte sie über die Höhe von Mercy gegen Grigy vor und eroberte es nach kurzem Gefecht. Den nördlich davon gelegenen Wald von Borny räumte der Feind. — Nun machte sich auch auf dem rechten preußischen Flügel das Nachgeben der Franzosen fühlbar. Bei schon völliger Dunkelheit wurden Mey und das Waldstück abermals genommen, und eine verwegen vorstürmende Kompagnie gelangte sogar über Vantoux hinaus bis Vallieres, so daß sie dem Kern der Festung näher kam, als es in den darauf folgenden Monaten der Einschließung irgend einen: anderen Truppenteil gelang. Als an der nördlichen Straße Villers L'Orme besetzt wurde, war der rechte Flügel der Angreifer endgültig gesichert, und langsam erstarb die Schlacht. Von einer Verfolgung konnte keine Rede sein. Noch immer an Zahl überlegen, standen die Franzosen unter dem sicheren Schutze der Werke von Metz. Die Verluste waren wiederum nicht unbedeutend gewesen. Sie betrugen auf preußischer Seite 222 Offiziere und 4684 Mann, bei den Franzosen 220 Offiziere, 3403 Mann. General Decaen war tödlich verwundet worden. Die Franzosen rechneten sich ihren Widerstand, auf den nur ein ganz kurzer Rückzug gefolgt war, als einen Erfolg an, und hatten im Vergleich zu Wörth und Spicheren auch ein Recht dazu. Marschall Bazaine, der sich ins kaiserliche Hauptquartier nach Longeville begab, um Bericht zu erstatten, wurde von Napoleon mit den schmeichelhaften Worten empfangen: „Narsonsl, vous ave-i roiuxu le cnarine." Der Augenblick macht diese Worte verständlich, und dennoch förderte die Schlacht nur das beginnende Verderben der Armee. Immerhin war sie durch den Kampf und das Umkehren schon abmarschierender Heerteile in der Bewegung nach Westen aufgehalten worden. Die Umfassung durch die südlich an der Mosel erscheinende II. deutsche Armee wurde erleichtert. 5 5 Am Morgen des 15. August nahmen die Franzosen die unterbrochene Bewegung wieder auf. Aber alle einander folgenden Korps sollten durch die 2deutsche Meilen lange Enge über Longeville und Moulins die Hochfläche von Gravelotte ersteigen und sich dann erst in zwei Kolonnen trennen, von denen die eine über Etain, die andere über St. Hilaire weitermarschierte. Von der Benutzung der mehr nördlich gelegenen Straße über Briey hielt den Marschall die merkwürdige Besorgnis ab, dort angegriffen zu werden. Ein Moselübergang der Deutschen unterhalb Metz Bazaines Abmarsch durch Metz 419 muß ihm als drohend vorgeschwebt haben. Noch immer hemmte das zahllose Fuhrwerk den Marsch. Mit unerbittlicher Strenge ließ er die vielen leeren Bauernkarren beseitigen, die sich hineiugeschoben hatten, aber auch das half nur wenig. Wohl erreichte die rechts voraufeilende Kavalleriedivision du Barail ihr Ziel Jarny. Die auf die südliche Straße verwiesene Division Forton kam aber nur bis Vionville, nicht bis Mars-la- Tour, wohin sie hatte vorgehen sollen. Frossard machte mit dem 2. Korps bei Rezonville halt und hinter ihm Canrobert mit dem 6. Das 3., Leboeuf, kam bis Verneville, und auch dies nicht einmal vollzählig. Bei Gravelotte trafen die Garden ein. Ladmirault mit dem 4. Korps fand die Straße schon gänzlich verstopft und kehrte um. Er brachte die Nacht nördlich von Metz bei Woippy zu, um die Hochfläche am nächsten Morgen von dort aus zu ersteigeu. Die Divisionen Lorencez vom 4. und Metman vom 3. Korps blieben bei Metz und nahmen an der Schlacht des 16. August nicht teil. Am anderen Morgen in voller Frühe sollte weitermarschiert werden. Aber Leboeufs Bitte veranlaßte den Aufschub bis zum Nachmittag. Die schon unter Waffen getretenen Truppen rückten wieder in die Lager ein. Nur der Kaiser mit seinem Gefolge, von einer Kavalleriebrigade begleitet, verließ die Armee, um ihr nach Chalons voraufzueilen, sicherlich zur Erleichterung des zurückbleibenden Marschall Bazaine, der freie Hand für seine Entschlüsse gewann. — -!- -p 5 König Wilhelm war am 15. August früh zur I. Armee aufs Schlachtfeld geritten, um sie zu begrüßen und ihr seine Anerkennung auszusprechen. Zweifel herrschten, ob die Schlacht vom Tage zuvor nur gegen starke Nachhuttruppen oder gegen die ganze französische Armee geschlagen worden sei. Erst um Mittag klärte sich die Lage auf. Die Kavallerie streifte bis dicht an Metz heran und fand die nächste Umgebung des Platzes leer. Jenseits Metz erhoben sich starke Staubwolken und deuteten auf den Abmarsch der Franzosen hin. Neue Anordnungen wurden getroffen. Zum Schutz der rückwärtigen Verbindungen sollte das 1. Armeekorps südöstlich Metz bei Courcelles stehen bleiben, die beiden anderen Korps der I. Armee der allgemeinen Bewegung gegen Westen folgen. Die II. Armee erhielt die freie Verfügung über alle ihre Korps wieder und den Befehl, die Früchte des Sieges jenseits Metz durch Vorgehen gegen die Straße nach Verdun zu pflücken. Die III. Armee setzte den Marsch gegen Chalons fort. Die Hauptrolle fiel für die nächsten Tage der II. Armee zu. Prinz 27* 420 VIII. Der Krieg von 1870/71 Friedrich Karl war bis dahin in seiner Meinung noch schwankend gewesen, ob er die feindlichen Hauptkräfte noch bei Metz oder schon auf dem weiteren Rückzüge annehmen solle. Allgemein ward das letztere für das Wahrscheinliche gehalten. Die Besorgnis begann sich in der Armee zu regen, daß die Franzosen auch von der Mosel entkommen und sich mit Mac Mahon und den im Innern vorbereiteten Verstärkungen vereinigen könnten. Von Herny brachte ein Ordonnanzoffizier ins Hauptquartier von Pont-ä-Moufson den Ausspruch mit: „Wir haben den Franzosen den Abschied von Metz entweder leicht oder schwer gemacht." Auch der Prinz neigte nun dazu, anzunehmen, daß Eile nach Westen geboten sei. „Nicht auf Fehler rechnen, die der Feind machen wird, sondern seine Maßregeln so treffen, daß man ihm nach Möglichkeit begegnet, wenn er ganz nach der Regel verfährt' , so lautete ein Satz, den er in seinen „Notizen zum Gebrauch im Felde" für sich selber niedergeschrieben. Er hielt den Abmarsch des Feindes für das Richtige und die Anzeichen dafür, daß er wirklich eingetreten fei, für ausreichend. General v. Alvensleben, dem er besonderes Vertrauen schenkte, war der gleichen Ansicht. Am 15. August konnten aber erst das 3., 10., Garde- und 4. Korps an der Mosel sein, und ein Einholen der schon im vollen Abmarsch angenommenen Franzosen schien frühestens an der Maas wahrscheinlich, sie bald zu erreichen deshalb für geboten. Freilich war die Kavalleriedivision Rheinbaben schon am linken Ufer voraus, die 6. sollte ihr folgen, die Kavallerie der Garde sich von ihrem Korps trennen und ebenfalls weit vorwärts verwendet werden. Eine im großen Stile angeordnete Aufklärung westlich von Metz war durch einen Befehl des Prinzen vom 12. August eingeleitet worden und dabei vorausgesetzt, daß die Kavallerie der I. Armee nördlich um Metz herum der der II. die Hand reichen werde. Aber Reiterei allein konnte den Feind nicht aufhalten. Zudem kam der Gedanke nicht zur vollen Durchführung. Die Kavallerie der I. Armee versagte; sie ließ sich durch die Mosel aufhalten. Es fehlte uns damals im Überschreiten der Flüsse die notwendige Übung. Freilich entdeckte die 5. Kavalleriedivision noch am Abend des 15. August feindliche Lager dicht westlich von Metz. Aber die Meldung darüber gelangte nicht ins Armeehauptquartier. So blieb die Vorstellung, daß die Franzosen im schnellen Abmarsch zur Maas wären, auch für den nächsten Tag bestehen. Eine eigentümliche Lage bildete sich in der folgenden Nacht für die beiden kümpfenden Heere heraus. Franzosen und Deutsche standen an der Mosel nebeneinander, das Gesicht gegen Westen gewendet, der rechte deutsche Eigentümliche Lage am 15. August 421 Flügel dem Feinde näher als den nächst benachbarten eigenen Truppen. Ein so seltsames Bild wird in der neueren Kriegsgeschichte schwer zum anderen Male aufzufinden sein. (S. Skizze 42.) Wer es mit unparteiischem Auge ansieht, wird zugeben, daß die Deutschen recht hatten, vor allen Dingen in der Richtung nach Westen einen Vorsprung zu gewinnen, um dann erst nördlich einzubiegen. Es ist dies die heute so viel von den Regeln der Kunst empfohlene Parallelverfolgung. Weder die Zögerungen und Schwankungen Marschall Bazaines, noch die Unordnung im Abmarsch seiner Armee ließen sich auf deutscher Seite voraussehen. Prinz Friedrich Karl insbesondere hielt sich streng an seinen Grundsatz, richtiges Handeln beim Feinde vorauszusetzen. Er achtete die Männer, die drüben kommandierten, als gebildete und erfahrene Soldaten, denen man Fehler nicht ohne weiteres zutrauen dürfe. Auch die Nacht vom 15. zum 16. August änderte an dem Bilde nichts. Bei Metz blieb die Ruhe erhalten. Das Gerassel von dort nach Grave- lotte abfahrender Wagen wnrde deutlich gehört. Südlich Gravelotte stießen Patrouillen auf feindliche Vorposten. General v. Voigts-Rhetz vom 10. Korps fügte dieser Nachricht hinzu, daß er seine Kavallerie schon weit in der Richtung nach Verdun zu vorausgeschickt habe. Das alles bestätigte nur, was Moltke vom Schlachtfelde von Colombey aus an den Prinzen telegraphierte: „Franzosen vollständig nach Metz hineingeworfen und wahrscheinlich jetzt schon im vollen Rückzüge auf Verdun." So erscheinen die von dem Prinzen für den 16. August gegebenen Befehle vollkommen natürlich. Das 3. Korps sollte von Noveant auf Vionville und Mars-la-Tour, das 10. von Thiaucourt und Pont-ä-Mousson gegen St. Hilaire nordwestlich vorgehen, alles übrige aber die Richtung nach Westen zur Maas weiter verfolgen. Das 4. Korps ging gegen Toul vor. Die Kritik hat diese Anordnungen hinterdrein ans der vollen Wissenschaft der wirklichen Verhältnisse auf beiden Seiten heraus getadelt und angeführt, wie und auf welchem Wege man hätte erraten müssen, daß die Franzosen noch immer bei Metz stünden. Die Ungewißheit, die im Kriege über allem lagert, ist dabei außer Acht gelassen und an die Stelle des Feldherrn, der wie die größten seiner Art dem Irrtum unterworfen ist, ein allwissender Seher oder Prophet gedacht. Will man einen Fehler herausfinden, so war es der, daß Prinz Friedrich Karl sich nicht am 15. August durch einen schnellen Ritt zu seiner Kavallerie nach der Gegend westlich Metz begab, um selbst zu sehen, was dort geschah. Er hätte auch einen seiner Generalstabsoffiziere dahin entsenden können, zu dessen Urteil 422 VIII. Der Krieg von 1870/71 vis Lssllungsn sm 15. August 1L70 sbencts ^» lls^ssclis c^i ^sn2ossn. Bedrohliche Aussichten für das 3. u. 10. Korps 423 er ebensoviel Vertrauen als zum eigenen hegte. Ein solcher war vorhanden, der Major Graf Häseler, der spätere Feldmarschall. Nur so wäre zu erkennen gewesen, daß das Unwahrscheinliche Ereignis geworden sei. Freilich soll der Feldherr sein Hauptquartier inmitten der Armee nicht ohne Not verlassen. Aber auch diese Regel hat ihre Ausnahmen. In kritischen Augenblicken gehört er an den Punkt, von dem aus die Entscheidung sich am schnellsten treffen läßt. Wie die Dinge standen, kamen das 3. und 10. Armeekorps am 16. Angust in eine bedrohliche Lage. Sie befanden sich der ganzen französischen Armee gegenüber. Freilich traf mittags das 12. Korps bei Pont-ä-Mousson ein, aber es konnte erst am 17. August westlich von Metz zur Stelle sein, die übrigen, die Garde von Dieulourd und das 4. Korps von Marbache her, nicht früher. Von jenseits der Mosel war vom 9. und 8. Korps starke Unterstützung nicht mit Sicherheit zu erwarten. Große Übermacht auf Feindesseite stand unzweifelhaft in Aussicht, wenn es zum Kampfe kam. — Lebhaft vorwärts drängend, hatte General v. Alvensleben mit dem 3. Armeekorps noch am Abend des IS. August Noveant an der Mosel erreicht, die dortige Brücke unversehrt gefunden und auf ihr sowie einem schnell hergestellten Laufsteg den Fluß überschritten. Nur die Artillerie machte den Umweg über Pont-ä-Monsson. Nach kurzer Nachtruhe am linken Ufer brach er wieder auf, um mit seiner 5. Division über Gorze, mit der 6. über Onville, durch waldige Seitentäler emporsteigend, die Höhen des linken Ufers zu erreichen. Inzwischen war auf der Hochfläche die Kavallerie erneut vorgegangen. Sie entdeckte feindliche Reiterlager bei Vionville. Schnell zog sie ihre Artillerie vor und überfiel mit Feuer bald nach 9 Uhr das unerwartet sich darbietende Ziel, die Kavalleriebrigade Murat, die beim Kochen und Abfüttern der Pferde beschäftigt war. In wilder Hast jagte sie durch die dahinterliegende Infanterie hindurch. Diese fand sich indessen schnell zurecht und trat in anerkennenswerter Ordnung unters Gewehr. Überlegene Artillerie wurde vorgezogen, um das Feuer der preußischen Batterien zu erwidern, die vorerst ihren Zweck erreicht hatten und in den nächsten Deckungen verschwanden. Bald sollte die Berührung zwischen den beiden Heeren sich ernsthafter gestalten und die blutigste Schlacht des Krieges, die „Heldenschlacht" der preußischen Armee von 1870, beginnen. Sie stellte die schwerste Probe an deren kriegerische Tugend, bezeichnete aber zugleich den entscheidenden Wendepunkt im Kampfe gegen das Kaiserreich. 424 VIII. Der Krieg von 1870/71 Die Schlacht von Vionville—Mar5-la-Tour am 51.6. August ^370 (S. Skizze 43) Der Aufstieg zur Hochfläche wurde vom 3. Armeekorps frei, die Enge von Gorze unbesetzt gefunden. Droben aber standen feindliche Vorposten südlich von Flavigny und dahinter größere Lager. General v. Stülp- nagel, der Kommandeur der S. Division, erkannte die nicht unerhebliche Stärke des Gegners, entwickelte seine Truppen nnd schritt zum Angriff. Seine 24 Geschütze eröffneten das Feuer. Die Franzosen — Division Verge von Frossards Korps — kamen ihm entgegen. Der heftigste Kampf entspann sich sofort. Rechts im Waldgelände kam die Division vorwärts, links im freien Gelände auf der Höhe nördlich von Gorze, wo auch die Batterien standen, behauptete sie sich bald nur mit Mühe. Schwere Verluste traten ein. General v. Döring, der Führer der Vorhut, fiel. Glücklicherweise kam hinter der Division aus dem Moseltal eine rechte Seitenabteilung des 10. Armeekorps als erste Unterstützung an. Ihre Batterie fuhr neben denen der 6. Division auf. Die 6. Division erstieg die Höhe von Tronville und entdeckte den Feind gleichfalls vor sich bei Vionville. General v. Alvensleben, der sich bei ihr befand, hatte seit 7 Uhr früh Nachricht von der Nähe des Gegners. Er ritt voraus, um selbst zu erkunden, sah die französischen Vorposten und Lager, ohne einen sicheren Eindruck von der Stärke der gegnerischen Kräfte zu gewinnen. Sie schienen im Abzüge zu sein, aber unzweifelhaft lagerte bei Rezonville noch eine bedeutende Nachhut. Sofort entschloß sich der General zum Angriff, zog die 6. Kavalleriedivision, die sich beim Korps befand, nach dem linken Flügel und gab den Befehl zum Rechts- einschwenken und Vorgehen in der Richtung gegen Metz. Die Artillerie eilte voraus. Inzwischen wurde der Kampf der 5. Kavalleriediviston bei Vionville, bald auch der der 5. Infanteriedivision bei Gorze hörbar. Auch bei der 6. Infanteriedivision begann er schnell mit unerhörter Lebhaftigkeit. Ihre 11. Brigade nahm um 11 ^ Uhr vormittags das Dorf Vionville im Sturme nnd stellte die Verbindung mit der auf dem Plateau von Gorze fechtenden 10. Brigade her. Die 12. Brigade ging links von ihr weiter nördlich, Vionville rechts lassend, vor. Nunmehr war das ganze Korps einheitlich entwickelt, wie es General v. Alvensleben gewollt hatte. Freilich erkannte er jetzt, daß er es mit großer Überlegenheit zu tuu habe. Seine Kräfte mußten von Beginn an mit äußerster Anstrengung den Kampf aufnehmen. Die Truppenverbände mischten sich, aber alle Unterführer waren vom gleichen Dränge nach vorwärts beseelt. Jede Falte im Das 3. Korps greift an 425 Gelände wurde ausgenutzt, um sich im schweren Feuerkampfe vorwärts zu arbeiten. Auch der Weiler Flavigny wurde bald erobert. So bildete sich in der Mittagsstunde eine nach Nordosten gewendete Front quer über die Hauptrückzugslinie der Franzosen hinweg. Sie reichte vom Bois de Vionville über Flavigny und das Dorf Vionville östlich der Tronviller Büsche fast bis an die Römerstraße heran. Freilich war sie eine ganze deutsche Meile lang, aber der Abmarsch auf Verdun dem Feinde auch endgültig verlegt. An den rechten Flügel schloß sich im Nordrande des Bois de St. Arnould noch eine Offensivflanke an, welche die gegenüberliegende französische Stellung auf dem linken Flügel südlich von Rezonville umfaßte. Die 5. Division bildete den rechten, die 6. den linken Flügel, starke Artillerie die Mitte. Auch bei Vionville hatte sich eine Batterielinie auf der Höhe westlich des Dorfes entwickelt. Dahinter stand die 6. Kavalleriedivision rechts am Bois de Gaumont, links die 5. nordwestlich Tronville 426 VIII. Der Krieg von 1870/71 in Reserve. Bei diesem Dorfe war ferner die zweite Unterstützungsabteilung vom 10. Korps eingetroffen. Zusammen mit der aus dem Moseltal emporgestiegenen bildete sie die 37. Jnfanteriebrigade, die nach den Anordnungen des Generals v. Voigts-Rhetz ursprünglich als Rückhalt für die Kavallerie in der Gegend von Chambley hätte dienen sollen. Gegenüber stand auf dem französischen rechten Flügel zwischen der Römerstraße und der Chaussee von Rezonville das 6. Korps des Marschall Canrobert, links davon bis zum Walde von St. Arnould hinab das 2. Korps Frossard und der preußischen Offensivslanke gegenüber, links znrückgebogen, die ihm zugeteilte Brigade Lapasset vom 5. Korps. Hinter ihnen bei Gravelotte hielt bereits das Gardekorps. Eine mehr als doppelte Überlegenheit war schon jetzt in der Hand des französischen Oberbefehlshabers vereint. Durch einen schnellen Angriff unter rücksichtsloser Einsetzung aller seiner Streikräfte hätte er sich von dem lästigen Gegner vielleicht noch befreien und seinen Marsch fortsetzen können. Die mit einem Siege begonnene Bewegung zur Vereinigung mit Mac Mahon wäre des Beifalls in Frankreich sicher gewesen. Aber Marschall Bazaine erkannte die Gunst des Augenblicks nicht. Er fürchtete, sich mit der Armee von Metz loszulösen. Erst kürzlich hatte er die Nachricht vom Eintreffen von 100 000 Preußen bei Pont-ä-Mousson an der Mosel erhalten. Daher glaubte er am linken Flußufer die I. und H., ja vielleicht sogar schon Teile der III. deutschen Armee vor sich zu haben. Dieser Eindruck wurde ihm durch Alvenslebens kühnen Angriff bestätigt. Er hielt Vorsicht für geboten. Ohne weitere schwere Kämpfe wäre die Maas nicht zu erreichen gewesen. Vor dem Übergange über diesen Fluß war voraussichtlich ein nochmaliges Zurückweisen der Deutschen notwendig. Leicht konnte er nach Norden an die nur wenig Tagemärsche entfernte belgische Grenze gedrängt werden, aber auch die Vereinigung mit Mac Mahons schwer erschüttertem Heere bot nach eigenen großen Verlusten ihm wenig Aussicht auf einen endlichen Sieg. So etwa mögen die Bedenken geartet gewesen sein, die in dem wichtigen Augenblick seine Seele beherrschten. Sie hemmten auch seinen Entschluß, den gefährdeten, in der Luft schwebenden linken preußischen Flügel mit Überlegenheit anzugreifen, als im weiteren Verlauf der Schlacht noch das 3. und 4. Armeekorps verfügbar wurden. Besorgt um seine Linke und die Verbindung mit Metz hielt er dauernd starke Kräfte bei Gravelotte bereit. So ward die Gefahr, frühzeitig links überflügelt, umfaßt und aufgerollt zu werden, von den Preußen abgewendet. Trat auf der äußersten Linken auch gegen Ende der Schlacht ein Rückschlag ein, so Die französische Übermacht wird erkannt 427 geschah es doch schon zu spät, um das Schicksal des Tages noch wendeu zu können. General v. Alvensleben hielt auf dem gefährdeten Flügel bei Vionville. Auch wenn er geschlagen werden sollte, wollte er dennoch den Gegner nicht loslassen, sondern sich an ihn hängen und ihn aufhalten, bis die übrigen Korps der Armee heran seien, um die Niederlage der Franzosen zu besiegeln. Kein anderer preußischer General hat sich in so schwerer Lage befunden wie er, und er überstand sie siegreich, trotzdem er die Größe der Verantwortung wohl empfand, die er auf seine Schultern geladen hatte. Erst um ^1 Uhr nachmittags erfuhr er, daß das 10. Armeekorps zu seiner Unterstützung herankommen würde. Es war für ihn die erste Erleichterung. Jetzt galt es, das bisher Gewonnene um jeden Preis zu behaupten, den Feind nicht erkennen zu lassen, daß das Schicksal des Tages noch immer in seiner Hand lag. Mit Aufbietung aller Kräfte und trotz den größten Verlusten arbeiteten sich seine wackeren Truppen weiterhin vorwärts. Langsam gingen die Franzosen gegen die Höhe von Nezonville zurück. Die Generale Bataille und Valaze waren drüben gefallen. Die Führer hielten ihre Lage für kritisch. Aber die herandrängende preußische Schützenwelle war doch schon zu matt für einen endgültigen Erfolg. Das Vorgehen erlahmte. Französische Gardekürassiere brachen gegen sie vor. Nun mußte in dem heftigen Geschoßhagel der Infanterie auch auf preußischer Seite die Kavallerie eingreifen, um die Gefechtslinie zu halten. Zuerst ritten die 11. und 17. Husaren längs der Chaussee nach Nezonville an und durchbrachen feindliche Schützen und Batterien. Sie sprengten auch den Stab Marschall Bazaines, als dieser eben damit beschäftigt war, eine Batterie zur Abwehr persönlich in Stellung zu bringen. Dies an sich geringfügige Ereigniss gewann eine große Bedeutung dadurch, daß der Marschall fast für die ganze Dauer der Schlacht vom größeren Teil seiner Umgebung getrennt blieb, und ihm die Gehilfen für die Führung fehlten. Dann folgte die 6. Kavalleriedivision, die aber auf die soeben in der Schlachtlinie erscheinenden französischen Gardegrenadiere traf und umkehrte, ohne zum Angriff gekommen zu sein. Ihr Vorgehen hatte es indessen der Artillerie ermöglicht, Gelände zu gewinnen und die Linie zwischen der Nordwestspitze des Waldes von Vionville und Flavigny zu erreichen. Um 2 Uhr nachmittags trat völliger Stillstand im Vordrängen ein- Eine bange Pause folgte. Auch jetzt noch konnte Bazaine seine Übermacht brauchen. Die Kräfte der preußischen Infanterie begannen sich zu er- 428 VIII. Der Krieg von 1870/71 schöpfen. Die Verluste hatten schon eine früher ungeahnte Höhe erreicht, und das Feuer wütete fort. Eine Entlastung mußte ihr zuteil werden, noch ehe das 10. Korps erschien. Es war aber nur Kavallerie zur Stelle. Zwei Brigaden der S. Division hatten sich zum Schutz des äußersten linken Flügels nach Norden in Bewegung gesetzt, die Brigade Bredow dagegen stand noch bei Tronville bereit. Der glänzende Neiterangriff der 7. Kürassiere und 16. Ulanen begann. Es waren nur 8 Schwadronen, von denen zwei zur Sicherung nach Norden hin entsendet wurden, während die übrigen sechs zwischen der Römerstraße und der Rezonviller Chaussee in den Feuerstrom hineinstürmten. Die französische Infanterie wurde überritten. Alle Gewehre richteten sich gegen die tollkühnen Angreifer, die tief in die feindliche Stellung bis nördlich Rezonville hineinstürmten. Dort wendete sich auch die französische Kavallerie gegen sie. Nicht weniger als 7 Regimenter warfen sich nach und nach auf die wenigen, schon halb zusammengeschossenen Schwadronen. Nur Trümmer kehrten zurück und bildeten sich zu 2 schwachen Eskadrons unter dem Schutz der preußischen Schlachtlinie. Aber ihr Opfermut war nicht umsonst gewesen. Marschall Canrobert, der sich eben anschickte, zu einem gewaltigen Angriff gegen die dünne preußische Linie vorzugehen, nahm von seinem Vorhaben Abstand. Sein Stoß hätte den gefährdeten linken Flügel getroffen und wäre vielleicht verhängnisvoll geworden. Das ward abgewendet. Für 1 ^/.z Stunden trat eine verhältnismäßige Ruhe in der vordersten Linie ein. Als die Frauzosen sich daun gegen die Tronviller Büsche in Bewegung setzten, hatten die Verhältnisse sich geändert. Zwar drängten sie noch die dort erschienene Kavallerie zurück und zwangen auch vier stark gelichtete Bataillone der 6. Division, die zäh um jeden Fußbreit Boden rangen, zum Weichen durch die Büsche nach Dorf Tronville. Dort aber fanden sie jetzt schon Aufnahme durch das 10. Korps. Nahe au 7 Stunden hatte der Kampf gedauert, als diese Hilfe erschien, und doch hörte man in den Reihen der Brandenburger vom 3. Korps Äußerungen des Bedauerns, daß es ihuen nicht vergönnt gewesen sei, den harten Strauß allein aus- zufechteu. Dies hätte freilich uicht in ihrer Macht gestanden. Es war Zeit, daß General v. Vvigts-Rhetz kam. Er hatte am Morgen schou in seinen Anordnungen Bedacht auf die Notwendigkeit genommen, von seinem Marschziele nach rechts hin abzuweichen, um dem 3. Armeekorps Hilfe zu bringen. Dann war er selbst nach dem Schlachtfelde geritten, hatte den ernsten Stand der Dinge erkannt und die Befehle zum Herankommen an sein Korps gegeben. Die Das 10. Korps und Prinz Friedrich Karl auf dem Schlachtfelde 429 Artillerie eilte auch hier voraus und kam gerade jetzt bei Tronville an, um die Franzosen im weiteren Vordringen aufzuhalten. Sie traten nicht aus den Büschen heraus. Daun erschien die 20. Division uuter Geueral v. Kraatz bei Tronville und ging sogleich ihrerseits vor. Die viel umstrittenen Büsche wurden von ihr wieder genommen. Ihre Vorhut, die sich gegen Rezonville gewendet hatte, war dort bei einem Augriff auf die Höhen vor dem Dorfe gescheitert. Aber noch eine andere Verstärkung kam. Prinz Friedrich Karl erschien auf dem Schlachtfelde — ein Armeekorps wert —, wie es sein treuer Berater und Generalstabschef Stiehle ihm damals in der großen Stunde aussprach. Früh hatte er die lakonische Meldung erhalten: „Feindliche Lager bei Vionville uud Rezonville. 3. Armeekorps geht vereinigt vor." Das war in dem Augenblick geschrieben, als General v. Alvensleben seine Truppen hatte aufmarschieren lassen. Dann folgte lange nichts mehr — gemeinhin ein ernstes Anzeichen. Leute, welche die Höhen bei Pont-ä- Mousson am Vormittage erstiegen, wollten Kanonendonner gehört haben. Endlich um 2 Uhr 5 Minuten nachmittags traf Meldung von General Kraatz ein, daß das 3. Korps im Kampfe gegen feindliche Übermacht stünde, daß er das 10. Korps benachrichtigt habe und nach dem Schlachtfeld marschiere. Nun duldete es auch den Prinzen nicht mehr in seinem Hauptquartier. Wie Rolands Horn schallte der Ruf seiner Getreuen zu ihm hinüber. Er verabschiedete sich von dem eben in Pont ä Mvusson eingetroffenen Kronprinzen von Sachsen und erreichte im ununterbrochen schnellen Ritt die Höhe am Bois de Vionville etwa um ^4 Uhr. General v. Stülpnagel meldete sich dort bei ihm und erstattete Bericht über das Vorgefallene. So gewann der Prinz sogleich eine Übersicht über den bisherigen Gang der Schlacht. Deutlich war zu erkennen, daß nicht eine Nachhut, sondern die ganze französische Armee oder doch deren größter Teil drüben entwickelt im Kampfe stand. Was war zu tun? Truppen brachte der Prinz nicht mit. Das 10., das 9., ja auch das 8. Korps hatten schon Nachricht von der tobenden Schlacht. Sonst war keine Unterstützung in der Nähe, also nur an die entfernteren Teile der Armee zu denken. Wohl wäre es daher das beste gewesen, sogleich den Befehl an das sächsische Korps und die Garden zu befördern, daß sie in ununterbrochenem Marsche herankommen sollten. Das 2. und 4. Korps mußten Nachricht erhalten. Die Mitteilungen sind auch entworfen worden. Aber der unmittelbare Eindruck der Schlacht war so groß, der Anblick des Kampfes fesselte so sehr Augen und Gemüter, daß die Absendung unterblieb. 430 VIII. Der Krieg von 1870/71 Des Prinzen leitender Gedanke war sofort, die erreichte Stellung mit dem 3. Armeekorps zu behaupten, um mit dem 10., von dem er annahm, daß es an den bisherigen Kämpfen noch unbeteiligt sei, die Offensive gegen die rechte Flanke der Franzosen zu ergreifen. Als sich herausstellte, daß dies unmöglich wäre, blieb er doch fest in dem Entschluß, zu behaupten, was bisher gewonnen war, und den Tag abzuschließen mit einem, wenn auch nur kurzen Vorgehen. „Derjenige wird Sieger bleiben, der am längsten den Willen zum Siege behält," war seine Überzeugung, die er damals dem General v. Stülpnagel aussprach. Der Prinz hoffte zäher zu sein als sein Gegner Bazaine. Um 5 Uhr nachmittags, als er Kenntnis vom Herannahen der Verstärkungen auf dem rechten Flügel erhalten hatte und um diesen nicht länger besorgt war, begab er sich mit seinem Gefolge nach der Höhe südlich Flavigny hinter die Mitte der Schlachtlinie. Bei General v. Stülpnagel trafen mittlerweile die 32. Brigade vom 8. und das Grenadierregiment 11 vom 9. Korps ein und wandten sich sofort durch das Waldgelände am rechten Flügel nordwärts gegen Rezon- ville. Vom Waldrande aus gingen sie wiederholt zum Angriff gegen das vor ihnen in der französischen Schlachtlinie gelegene weiße Häuschen (Maison dlaneke) vor. Ihre wiederholten verlustvollen Angriffe scheiterten freilich. Aber sie erregten in Marschall Bazaine von neuem die alte Besorgnis, von Metz getrennt zu werden. Sie fesselten ihn und die Truppen, die er bei Gravelotte zusammenhielt, dauernd an diesen Flügel, auf dem die Entscheidung nicht lag. Die französischen Gegenangriffe wurden ebenso abgewiesen wie die preußischen Versuche zum weiteren Vordringen. Stehendes, wenn auch heftiges Gefecht füllte hier die Abendstunden aus. Auf dem anderen, dem linken Flügel der preußischen Linie erschien, von St. Hilaire kommend, um 6 Uhr die 38. Brigade, zur 19. Division gehörend, so daß nunmehr das ganze 10. Armeekorps auf dem Schlachtfelde eingetroffen war. Der Divisionskommandeur, General v. Schwartz- koppen, der die verstärkte Brigade führte, hoffte noch beim Vorgehen durch Mars-la-Tour in die Flanke oder gar den Rücken der Franzosen zu gelangen. Diese aber hatten mittlerweile durch das frisch heranrückende 3. und 4. Korps ihre Schlachtlinie bis zum Bache von Jarny verlängert. So ward die Hoffnung zu einer Täuschung. Aus Mars-la-Tour östlich heraustretend, sah sich die preußische Brigade vor der französischen Front und bog links aus, um sich gegen diese zu entwickeln. Sofort schritt sie auch zum entschlossenen Angriff. Zwei tiefe Mulden zwischen kahlen Hochflächen, zum Teil mit felsigen Rändern, mußten durchschritten werden. Dann befanden Katastrophe auf dem linken preußischen Flügel 431 sich die wenigen preußischen Bataillone der auf der Höhe hinter der zweiten Mulde entwickelten französischen Division Grenier gegenüber, hinter der noch die Division Cissey und starke Kavallerie als Rückhalt standen. Ein rasendes Schnellfeuer auf kurze Entfernung empfing die Angreifer. Die mehrfache Übermacht zu werfen, war unmöglich. Der Angriff scheiterte unter außerordentlichen Verlusten. Die Brigade mußte zurück. Etwa 300 Mann, vom weiten und schnellen Anmarsch aufs äußerste erschöpft, waren nicht mehr imstande, den rückwärtigen steilen Rand der nächsten Schlucht zu ersteigen, und fielen in Feindes Hand. Von 9S Offizieren, 4S46 Mann blieben 72 Offiziere, 2542 Mann auf der Wahlstatt. Die Trümmer fluteten auf Tronville zurück. Glücklicherweise wurden die Verfolger durch den rücksichtslosen Angriff einer in der Nähe befindlichen Gardedragonerschwadron aufgehalten. Der Feind verkannte die Größe seines Erfolges und nutzte ihn nicht aus. Wohl setzte die französische Reiterei, die Division Lcgrand und die Brigade de France, zum Nachhauen an, aber schon waren ihr der größere Teil der S. preußischen Kavalleriedivision und die Gardedragoner gegenüber, und es entspann sich bei Ville-sur-Iron nunmehr das größte Reitergefecht des Krieges. Die höhere Tüchtigkeit der unseren trug den Sieg davon. Allmählich zog sich das vom Staub verhüllte Getümmel nach Norden. Dort fanden die Franzosen Anlehnung an ihre Infanterie, während die preußischen Reitergeschwader vor deren Feuer langsam nach Mars-la-Tour zurückkehrten, um sich dort zu sammeln. Die Schlachtlinie veränderte sich. Nach der Niederlage der 38. Brigade mußten auch die Tronviller Büsche geräumt werden. Der linke Flügel bog sich auf Dorf Tronville zurück. Dieses wurde nunmehr zum vordersten Stützpunkt. Prinz Friedrich Karl, der die Vorgänge bei Mars- la-Tour zwar nicht bis zum Ende hatte verfolgen können, aber aus dem Plötzlichen Abreißen des heulenden Schnellfeuers und dem Zurückkehren Versprengter schnell erkannte, was vorgegangen war, schwankte dennoch nicht einen Augenblick in seinem Entschluß und in seiner Hoffnung auf den Sieg. Er sandte dem ihm von früher persönlich bekannten General v. Düringshofen, den er bei Tronville wußte, den bestimmten Befehl, das Dorf unter allen Umständen zu halten. Den Vorschlag des General v. Stichle, die allein noch verfügbare 6. Kavalleriedivision den Franzosen bei Mars-la-Tour entgegenzuwerfen, damit sie nicht auf den Gedanken kämen, „gesiegt zu haben", wies er dagegen zurück. Diese Division sollte den letzten Schlag führen. „Noch eine Stunde an dieser Stelle, und wir haben einen regelrechten Sieg errungen!" Der Schlußakt sollte bald erfolgen. 432 VIII. Der Krieg von 1870/71 „Die Kräfte der Truppen waren erschöpft, ihre Munition zum großen Teil verschossen, die Pferde seit 15 Stunden unter dem Sattel und ohne Futter. Ein Teil der Batterien konnte sich nur noch im Schritt bewegen und das nächste Korps am linken Ufer der Mosel, das 12., stand über einen Tagemarsch entfernt." So war die Lage, und dennoch änderte sie nichts an des Prinzen Haltung. Um 7 Uhr abends ergingen an alle in der Nähe befindlichen Truppen die Befehle, noch einmal mit letzten Kräften vorzugehen; der sinkende Tag sollte sie in der Haltung des Siegers antreffen. Willig wurde des Prinzen Wort überall von den Seinen aufgenommen. Die Kräfte der Infanterie waren freilich zu Ende, nur einzelne schwache Abteilungen trugen sich mühsam vorwärts. Die Artillerie aber brachte ihre Geschütze noch auf die Höhe südwestlich von Rezonville glücklich hinüber und feuerte von hier aus die letzten Schüsse. Dann erschien die bis dahin aufgesparte 6. Kavalleriedivision auf der Szene. Sie erhielt vom Prinzen den Befehl, sich strahlenförmig auseinanderzuziehen und in der allgemeinen Richtung auf Rezonville anzugreifen. Es dunkelte bereits, als dies geschah. Die Brigade Grüter ging südlich, die Brigade Ranch, die statt des schwer verwundeten Kommandeurs Oberst v. Schmidt, der später so bekannte Reitergeneral, führte, nördlich der Chaussee vor. Zeitlich trennten sich die Angriffe der beiden Brigaden, so daß von zwei verschiedenen Attacken gesprochen worden ist. Doch fielen sie dem Zweck nach zusammen. General v. Grüter ging mit seinen Schwadronen gegen den Höhenrand vor, der von Rezonville sich südlich zum Walde von St. Arnould hinabzieht. Geschlossene feindliche Linien — angeblich hinter einer Mauer — wurden dort, jetzt schon schwer erkennbar, entdeckt. Das aufblitzende Feuer verriet sie fast allein noch. In der Tat war dort die französische Garde hinter einer Erdwelle entwickelt, neben ihr ein Teil der Brigade Lapasset. Ihr Schnellfeuer machte die Durchführung des Angriffs unmöglich. Doch fesselte die Brigade den Feind an seine Stelle und kehrte dann in der Dunkelheit zu den preußischen Linien zurück. Ihr braver Führer war tödlich verwundet vom Pferde gesunken. Die Brigade Schmidt, der sich 2^ Schwadronen 9. Dragoner anschlössen, so daß im ganzen 10^ Eskadron attackierten, hatte ein günstigeres Geschick. Nördlich an dem brennenden Flavigny vorbei überschritt sie die Chaussee, ging durch heftig feuernde Schützenlinien der 6. Infanteriedivision hindurch, scheuchte feindliche Kavallerie zurück, welche diese eben bedroht hatte, und erhielt bald darauf den Angriffsbefehl des Prinzen. Ohne Besinnen warf sie sich nunmehr auf die französische Infanterie, von dieser anfänglich für eigene Reiterei gehalten, und durchbrach Glänzender Reiterangriff am Abend der Schlacht 433 sie. Tief in des Feindes Stellung bis nördlich von Rezonville und weiter gegen Gravelotte hin stieß sie vor, die äußerste Verwirrung und zum Teil einen panischen Schrecken bei den überraschten Gegnern verbreitend. Auf und an der großen Chaussee wälzte sich französische Infanterie in der Dunkelheit rückwärts. Marschall Canrobert ließ Kavallerie der Garde auf die Masse einHauen, um sie zum Stehen zu bringen. Marschall Bazaine stellte eigene Infanterie quer über die Chaussee, um sie aufzuhalten. Auf allen Seiten erwachte das Feuer im wilden Durcheinander, das den eigenen Truppen wahrscheinlich mehr Schaden tat als den heranbrausenden preußischen Reitern. Wenig scheint gefehlt zu haben, um einen allgemeineren Rückzug in Bewegung zu bringen. Dazu wäre es wohl gekommen, wenn nicht 10 Schwadronen, sondern eine volle Division oder gar ein Kavalleriekorps den Stoß mit gleicher Entschlossenheit ausgeführt hätte. Sich nach den verschiedenen Richtungen dahin wendend, wo sie am Feuer einen Gegner erkannte, teilte die Brigade sich und suchte schließlich aus dem Getümmel irgendeinen Ausweg, um sich nach dem glorreichen Ritt in der Nähe von Vionville wieder zu sammeln. Sollte Marschall Bazaine bis dahin noch an einen Abmarsch gedacht, an einen Sieg geglaubt haben, so mußte diese letzte erschütternde Szene am Ende des langen Kampfes den Entschluß zum Verbleiben bei Metz in seiner Seele vollenden. Die Zeit, an anderes zu denken und Anordnungen zu treffen, war jedenfalls vorübergegangen. Prinz Friedrich Karl hatte seinen Zweck erreicht. Sein Wille war stärker gewesen als der des Gegners. Um 10 Uhr abends fielen in dichter Finsternis die letzten Schüsse. Vor dem Drama von Vionville sank der Vorhang. Die Verluste waren begreiflicherweise sehr große. Sie betrugen auf preußischer Seite 711 Offiziere, 15079 Mann, auf französischer 879 Offiziere und mehr als 16000 Mann. Verhältnismäßig wurden die Preußen härter betroffen, denn von ihnen hatten nur 65 000 Mann gegen etwa 120 000 Franzosen wirklich im Kampfe gestanden. Der ^7. August (Vergl. Skizze 44) Voll Erwartung dessen, was da kommen sollte, sahen die Deutschen dem Morgen des 17. August entgegen. Prinz Friedrich Karl hatte die Nacht in Gorze zugebracht und ritt im Morgengrauen wieder aufs Schlachtfeld des verflossenen Tages. Die Nacht war ruhig vergangen; aber drüben bei Rezonville und Gravelotte sah man ausgedehnte Lagerfeuer der Franzosen, Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 28 434 VIII. Der Krieg von 1870/71 bei denen es um S Uhr früh lebendig wurde. Dichte Schützenschwärme lösten sich von dort los und gingen gegen die Höhen vor, auf denen unsere gelichteten Truppen standen. Es war ein Augenblick größter Spannung. Aber sie machten wieder halt; ihre Bestimmung war es gewesen, einen Rückzug zu decken. Und dieser Rückzug ging nicht westlich nach Frankreich hinein, sondern nach Metz zurück. Die Gefahren, welche die Fortsetzung des Marsches zur Maas, im Angesichts der siegreichen Deutschen, für die Armee mit sich gebracht hätte, liegen auf der Hand. Nur zwei Tagesmärsche hätten sich zwischen der abziehenden Armee und der luxemburgischen Grenze befunden; keine befreundete Truppenmacht kam entgegen, um die Rettung zu erleichtern. Die Schlußszenen der gestrigen Schlacht ermutigten nicht zu dem Wagnis. Bei Metz war Bazaine zunächst geborgen. In Anlehnung an den großen Platz, zum Teil durch ihn geschützt, konnte die Armee sich gegen die im Augenblick viel zu hoch eingeschätzte Übermacht geraume Zeit behaupten, die kriegerische, die politische Lage sich wenden. Ersatz an Lebensmitteln, Bewaffnung und Munition war möglich. Marschall Bazaine blieb überdies sein eigener Herr. Er begab sich nicht in die Abhängigkeit vom kaiserlichen Hauptquartier, der er soeben entronnen. Mehr bedürfte es nicht, seinen Entschluß reifen zu lassen. Das Gelände von Amanvillers westlich Metz bot eine verlockende Stellung, einen kahlen Bergrücken, der sich ^von Point du Jour östlich Grave- lotte bis nach Roncourt, uahe bei den vielgenannten Steinbrüchen von Jaumont, hinzog. Er war 1^/., deutsche Meilen lang, gerade ausgedehnt genug für die Armee zu kräftiger Verteidigung. Flache freie Hänge fielen nach Feindesseite hinab. Im südlichen Teile deckten tiefe Schluchten die Front. Die Höhe krönten massiv gebaute, sehr verteidigungsfähige Pachthöfe und Dörfer. Dort angegriffen zu werden, konnte der Marschall nur wünschen, wenn der Feind es wagen sollte. Den linken Flügel schützte das nahe dahinter gelegene Fort St. Quentin, den rechten einstweilen noch die Entfernung vom Feinde und das schwierige Gelände an der Orne. Von Metz konnte die Armee keinesfalls getrennt werden, und darauf kam dem Marschall alles an. Dorthin also rückten die Franzosen ab und stellten sich vom linken Flügel in der Reihenfolge 2., 3., 4., 6. Korps auf. Hinter dem linken Flügel erhielten die Garde, 3 Reiterdivisionen und 12 Batterien als allgemeiner Rückhalt auf der Hochfläche von Plappeville ihren Platz. Bei St. Ruffine im Moseltale stand die bei Bazaine verbliebene Brigade Lapasset des 5. Korps. Die Märsche waren wiederum sehr mangelhaft Bazaine geht gegen Metz zurück 435 angeordnet, dauerten den ganzen Tag über und gestalteten sich recht ermüdend. Gegen Mittag wurde von den Deutschen erkannt, daß die Franzosen ...WHi,n»°--^«^. l)is Sc^Isclit von 6psveIotte-8: k>ivsf sm 13, /wgtlst?370. »»lZsutsc^ie rms>sn?osen. abmarschierten, aber nicht, wohin ihre Bewegung ging. Die Nachwirkung der blutigen Schlacht machte sich fühlbar. In den frühen Morgenstunden, wo die noch kampffähigen Mannschaften sich erst wieder völlig sammelten, waren die Truppen zu irgendwelchen Unternehmungen tatsächlich unfähig. Dann kam die natürliche Abspannung, die der übermäßigen Anstrengung 28* 436 VIII. Der Krieg von 1870/71 aller Physischen und moralischen Kräfte folgen mußte, und es geschah nichts Entscheidendes. Moltke hatte den Angriff sogleich fortsetzen wollen, am Ende aber der Gewalt der Umstände weichen und verzichten müssen. Seit 6 Uhr früh befand sich der König bei Prinz Friedrich Karl und ritt das leichenbedeckte Schlachtfeld ab, umgeben von den beiden Stäben. Berichte, Meinungen und Vermutungen wurden ausgetauscht. Die Zeit verging; an gründliche Aufklärung dessen, was vor der Front geschah, wurde nicht gedacht. Vielleicht wartete jedes Hauptquartier auf die Anordnungen des anderen. Inzwischen hatten sich, vom rechten Flügel abgezählt, das 7., 3., 9., 3., 10., 12. und Gardekorps in einer von Vaux bis südwestlich Mars-la-Tour reichenden Linie mit dem Gesicht nach Norden aufgestellt — bei ihnen rechts die 1., links die 6. und 5. Kavalleriedivision. Rückwärts bei Pont ä Mousson traf heute das 2. Armeekorps ein. Das 1. Korps mit der 3. Kavalleriedivision überwachte Metz am linken Moselufer. Noch am 16. August hatte Moltke beide Armeen darauf hingewiesen, einen möglichst großen Teil der feindlichen Streitkräfte nach Norden ab und womöglich über die Grenze zu drängen. Der Grundgedanke für die Führung des Feldzuges ward ihnen als Richtschnur gegeben. Den Befehl, den er jetzt um 1"/^ Uhr gegen 2 Uhr nachmittag in der Ungewißheit über den Verbleib und die Absichten des Gegners erließ, entsprach diesem Gedanken. Die II. Armee sollte am 18. August, in Staffeln vom linken Flügel beginnend, zwischen Gorze und dem Ironbache nach Norden vorgehen, das 3. Korps diese Bewegung rechts begleiten, das 7. sie gegen Störungen von Metz her bewahren. So war diese ganze große Heeresmasse bereit, den Feind, wenn er auf der nördlichen, nach Westen führenden Straße im Abmärsche betroffen würde, sogleich anzugreifen oder gegen Metz hin rechts einzuschwenken, falls er noch dort stünde. Das 4. Armeekorps und die bei ihm befindliche Gardeulanenbrigade wurden in der Bewegung gegen die Maas belassen. Der König kehrte am Nachmittage nach Pont ä Mousson zurück; Prinz Friedrich Karl nahm sein Quartier im Weiler Buxieres südlich Tronville, Wieder folgte eine ruhige Nacht. Die Schlacht von Gravelotte—St. privat am August ^370 (S. Skizze 44) Die Armeen standen am Morgen des 18. August in einer seltsamen Stellung einander gegenüber, nämlich die französische zwischen Noncourt Die Stellung vor der Schlacht 437 und Point du Jour mit dem Gesicht nach Westen, die deutsche zwischen Vaux und Mars-la-Tour gegen Norden gewendet. Die inneren Flügel berührten sich fast, die äußeren waren um 20 lim voneinander entfernt. Die beiden Fronten bildeten beinahe genau einen rechten Winkel. Beide Heere wußten trotzdem wenig voneinander. Die Ungewißheit blieb auch während der Morgenstunden noch bestehen. Die H. Armee brach schon um 5 Uhr früh in nördlicher Richtung auf. Mit Rücksicht auf den vermeintlich kurzen Weg bis zum ersten Zusammenstoße mit dem Feinde sollte sie nicht in Marschkolonnen, sondern in Divisionsmassen vormarschieren. Dabei kam es sogleich zu Stockungen. Nach dem Befehle vom Tage zuvor hatten die Sachsen bei Mars-la-Tour, die Garden etwas rechts dahinter bei Puxieux lagern sollen. (Vergl. Skizze 43.) Die Garden hatten in Wirklichkeit aber einen Platz mehr nach Westen hin, also etwas links von den Sachsen gewählt, ohne daß dies bei der Ausgabe der Befehle des Oberkommandos klar und berücksichtigt wurde. Nach der älteren Anordnung war den Sachsen beim Vormarsche der äußerste linke Flügel, den Garden der Weg zu ihrer Rechten zugewiesen worden. Beide kreuzten sich daher bei Mars-la-Tour. Da die sächsische Vorhut den Ort nicht in Masse umging, sondern in Marschkolonnen durchzog, so mußte die Garde halten, bis jene hindurch war. Der Aufenthalt brachte jedoch keinen Nachteil mit sich; denn die Garde kam hinterdrein zum Angriff eher zu früh als zu spät. Alle Schlüsse und Vermutungen, die später an den Vorgang geknüpft wurden, und die zum Teil dem Prinzen Friedrich Karl Beweggründe beilegten, die seiner Seele völlig fern lagen, sind hinfällig. Der Prinz war noch zweifelhaft, ob der Feind vor Metz stehe oder nach Nordwesten abmarschiere. Das letztere hielt er für richtiger und daher wahrscheinlicher. Er wollte zunächst die Straße über Jarny erreichen, mittags ruhen, und dann in der Hoffnung, bis dahin klar zu sehen, das Weitere unternehmen. Im königlichen Hauptquartier, das in der Frühe bei Flavigny eintraf, gewann man bald die Ansicht, daß der Feind auf dem Höhenrücken vor Metz stünde und daß seine Aufstellung bis nach Amanvillers hinauf reiche. Vorübergehend entstanden freilich noch Zweifel. „Die auf der Höhe gegen Metz sichtbaren Truppen scheinen sich nördlich, also wohl gegen Briey zu bewegen", wurde der II. Armee mitgeteilt. Um 10^/, Uhr vormittags jedoch stand das Bild anscheinend fest: „Nach den eingehenden Meldungen darf angenommen werden, daß der Feind sich auf dem Plateau zwischen Point du Jour und Montigny-la-Grange behaupten will." Wie diese bestimmte Vorstellung von der Ausdehnung der feindlichen Schlachtlinie ent- 438 VIII. Der Krieg von 1870/71 standen ist, läßt sich nicht mehr ermitteln. Sie war bekanntlich irrig, beherrschte aber die Vorstellung und bildete von nun an die Grundlage der weiteren Anordnungen. Der Angriff machte nun die Rechtsschwenkung beider Armeen notwendig, eine Bewegung von außergewöhnlicher Kühnheit, ohne daß dies im Augenblicke in vollem Umfange empfunden wurde. Am Ende dieser Bewegung mußten die beiden großen Heeresmasfen mit völlig verkehrter Front in einen entscheidenden Kampf geraten. Die Deutschen hatten dabei den Rücken gegen Frankreich, die Franzosen gegen die deutsche Grenze. Eine solche Lage pflegt für die am Ende geschlagene Partei gleichbedeutend mit der Vernichtung zu sein. Freilich hatten die Franzosen die Festung Metz mit ihren Außenwerken nahe hinter sich. Für sie war die Gefahr daher gemildert, nicht für die Deutschen, deren Rückzug, wenn er nötig wurde, zunächst in Feindesland hätte hineingehen müssen. Das 7. Korps sollte sich von Süden her gegen die französische rechte Flanke wenden, das 8. über Gravelotte gegen die Front, das 9. über Verneville, wie man vermeinte, bereits gegen den rechten Flügel des Feindes vorgehen. Das Gardekorps sollte über Habonville, das 12. sächsische über Ste. Marie-anx-Chsnes ausholen, das 3. rechts, das 10. links als Reserve folgen. Dies schien anfänglich völlig ausreichend, auch wenn die französische Stellung noch weiter nach Norden reichte oder gar ein Teil des Feindes im Abmärsche auf Briey begriffen war. Eine Kavalleriepatrouille hatte bereits feindliche Lager bei St. Privat-la-Montagne gemeldet. Um Mittag erscholl heftiger Kanonendonner aus der Gegend von Verneville. Das 9. Armeekorps hatte dort vor Amanvillers ein feindliches Lager entdeckt, das sich anscheinend in sorgloser Ruhe befand, und es sogleich lebhaft angegriffen. General v. Manstein, noch in der Meinung, den rechten Flügel des Feindes vor sich zu haben, nahm den eigenen linken zur beabsichtigten Umfassung vor. Da die französische Front aber weiter reichte, so wurde dieser vom Augenblick der Entwicklung an bereits von der Seite her der Länge nach bestrichen und kam in eine kritische Lage. Die Infanterie mußte eiligst vor, um die bedrohte Artillerie zu retten. Ein Befehl des Prinzen Friedrich Karl, zu warten, bis auch das Gardekorps eingreifen könne, traf schon zu spät ein; zwei Geschütze gingen verloren. Es gab kein Vor und Zurück mehr; die größte Schlacht des Krieges hatte begonnen und nahm unaufhaltsam ihren Lauf. Die Dinge lagen anders, als man es angenommen hatte. An einen so blutigen Kampf, wie der 16. August ihn gebracht, hatte am 18. vormittags Ungewißheit über die Ausdehnung der französischen Front 439 auf deutscher Seite niemand gedacht. Jetzt war er dennoch da; aber kein Zögern trat ein, der Entscheidungskampf wurde aufgenommen. Erst später wnrde klar, daß es sich eigentlich nur um eine unterbrochene Schlacht handle, und daß der 18. den 16. fortsetzte, ähnlich, wie es 47 Jahre zuvor bei Leipzig am 16. und 18. Oktober 1813 geschehen war. Die schwierige Aufgabe, die dem deutschen Heere bevorstand, wurde bald richtig erkannt. Die zur französischen Linie emporsteigenden Böschungen boten den Angreifern keinerlei Deckung; keine schützenden Angriffswege durch Mulden oder Bodensenkungen. Es galt, die kahlen übersichtlichen Hänge hinanzusteigen. Und diese Hänge wurden vom Chassepotgewehrfeuer in einer Art rein gefegt, von der nur die bei Spicheren und Wörth an den heißesten Szenen beteiligten Truppen eine Vorstellung hatten. Die I. Armee sollte warten, bis die H. an den Feind herangekommen sei. Als der heftige Kanonendonner von Verneville erschallte, schien es, als sei dieser Moment eingetreten. Das 7. und 8. Korps entwickelten jetzt ihre Artillerie bei Gravelotte zu beiden Seiten des Dorfes gegen die französischen Stellungen hinter der Manceschlucht, von denen aus das Feuer aufgenommen wurde. Auch sie wurde bald durch feindliche, in den Waldrändern jener Schlucht steckende Schützen ernsthaft gefährdet. Auch hier mußte die preußische Infanterie vorzeitig in den Kampf eilen, und an Aufschub oder Zögern war nicht mehr zu denken. Die Franzosen hatten schnell und entschlossen überall ihre vorbereiteten Stellungen besetzt. Auf dem äußersten rechten Flügel der Deutschen wurde Jussy am Moseltale von der 26. Brigade des 7. Korps genommen und so die Verbindung der Deutschen mit der Heimat gegen Metz geschützt. Die tiefe Schlucht von Rozerieulles zu überschreiten aber gelang nicht. Im Walde von Vaux entwickelten sich die anderen Brigaden des Korps, an der Manceschlucht links daneben bis zum Bois des Genivaux hinauf das 8. Korps. Nach heftigem Kampfe warfen sie den Feind auf seine Hauptstellungen zurück. Im Bois des Genivaux hielten sich jedoch die Franzosen noch lange und hartnäckig zwischen dem 8. und 9. preußischen Korps. Das letztere setzte das heiße Ringen vorwärts von Verneville unter schweren Verlusten fort, schon unterstützt durch die Artillerie des 3. und Gardekorps. Die brennenden Gehöfte am Abhang vor der französischen Linie fielen in die Gewalt der Angreifer, zuletzt, um etwa 3 Uhr, das sehr verteidigungsfähige St. Hubert. Dann aber sahen sich diese am Rande des kahlen, sonnenverbrannten, sanft ansteigenden Schußfeldes vor den französischen Schützengräben. Alle weiter vorstürmenden Schwärme bedeckten bald den glühenden Boden mit Toten und Verwundeten. Eine wahre 440 VIII. Der Krieg von 1870/71 Hölle entwickelte sich zwischen den beiden Linien. Die Batterien waren bis an die Manceschlucht vorgerückt, zwei von ihnen mit äußerster Verwegenheit sogar bei St. Hubert darüber hinaus. Aber es half nur wenig; der Feind hielt weiter stand. St. Ruffine am Moselrande behauptete die Brigade Lavasset, Rozerieulles und Point du Jour Frossard mit dem 2. Korps; das 3. unter Leboeuf verteidigte, nach Verlust des Bois des Genivaux, die Pachthofe Moscou, Leipzig und La Folie. Das feste Montigny-la- Grange und Amanvillers verteidigte das 4. nnter l'Admirault. Den rechten Flügel, nördlich von Amanvillers, bei Jerusalem, St. Privat und Ron- cvurt bildete Canrobert mit seinem freilich nicht ganz vollzählig anwesenden 6. Korps, dem unter anderem auch seine Reserveartillerie noch fehlte. Das Ganze bildete eine über zwölf Kilometer fortlaufende, geschlossene Feuerlinie. Dem rechten Flügel fehlte die Anlehnung, wie sie dem linken das Moseltal bot. Aber die Orne floß im tief eingeschnittenen Grunde nahe daran vorüber, und er war zudem den Deutschen noch immer so weit entfernt, daß eine Umfassung nicht befürchtet wurde. Zudem war ja auch die Garde noch verfügbar, um am bedrohten Punkte zu Hilfe zu eilen. An dieser Stellung mußte der deutsche Angriff zerschellen und Bazaine dann freie Hand zum Handeln gewinnen. So mag dieser gehofft haben. Die Gefechtsfelder von 1864 hatten die Ausdehnung leidlich großer Garnisonexerzierplätze gehabt. Die von 1866 waren geräumiger, aber nur Königgrütz, wo die versammelte Truppenzahl größer gewesen wie hier, hatte Abmessungen gezeigt, die denen der Linien von Amanvillers gleichkamen. Sie boten den Deutschen schon dadurch eine unerwartete Überraschung, das erklärt zum Teil deren Irrtum. Von Umfassung war noch keine Rede, und die Stellung ohne künstliche Vorbereitungen in der Front zu nehmen ein Ding der Unmöglichkeit. Wohl ordnete rechts General v. Steinmetz einen Vorstoß durch die Enge von St. Hubert hindurch an. Sogar die 1. Kavalleriedivision nahm daran teil. Aber er scheiterte schnell an dem sich verdoppelnden Geschütz- und Gewehrfeuer des Feindes, unter dem die Angreifer unverrichteter Sache wieder durch die Schlucht zurückfluteten. Die Franzosen wurden ihres Vorteils inne. Sie drängten ihrerseits vorwärts. Alle auf freiem Felde liegenden preußischen Abteilungen mußten zur Manceschlucht zurück. Nur St. Hubert und seine ummauerten Gärten wurden standhaft behauptet. Alle mit größter Tapferkeit unternommenen Versuche, abermals auf der freien Hochfläche vorzudringen, scheiterten indes. Weiter rechts hielten sich preußische Schützenschwärme in den Steinbrüchen Die Schlacht kommt auf dem rechten Flügel zum stehen 441 südlich Point du Jour. Die Schlacht kam auf diesem Flügel zum Stehen; das Feuer ließ zeitweise nach. , Inzwischen war König Wilhelm mit seinem Gefolge von dem ursprünglichen Aufstellungspunkte bei Flavigny erst nach den Höhen von Rezon- ville, dann nach der Gegend von Malmaison vorgeritten, wo er um S Uhr eintraf und übersah, daß die Entscheidung noch fern war. Sie sollte auf dem linken Flügel fallen, war aber, den voreiligen Meldungen zufolge, auf dem rechten erwartet worden. Es erscholl jedoch um diese Zeit heftiger Schlachtenlärm von Norden herüber. Dort war das Gardekorps um 2 Uhr nachmittags bei St. Ail, seine 3. Brigade bei Habonville eingetroffen. Es wurde erkannt, daß auch dieses Korps, von dort rechts einschwenkend, noch keineswegs auf den rechten Flügel oder gar die Flanke der Franzosen treffen würde. Sogar das sestgebaute Ste. Marie-aux-Chsnes war von den Franzosen besetzt und mußte erst genommen werden. Dazu sollte die Hilfe der Sachsen abgewartet werden, die über Batilly herankamen. Es wurde 3 Uhr, bis die sächsischen Batterien westlich Ste. Marie gegen das Dorf auffahren konnten. Unter dem Feuer von 60 Geschützen warfen sich sächsische und preußische Bataillone auf dasselbe und stürmten es, nach kurzem Kampfe, eine halbe Stunde danach. Einige Hundert Gefangene fielen in ihre Hand. Wenig später nahm das 9. Korps Champenois, das sich bisher noch behauptet hatte. Alle weiteren Anstrengungen einzelner Bataillone oder Kompagnien, gegen die breite, geschlossene Front vorzudringen, blieben vergeblich. Die Lage des 9. Korps gestaltete sich immer ernster; die 3. Gardeinfanteriebrigade wurde ihm zur Verfügung gestellt. Um Uhr etwa entschloß sich Prinz August von Württemberg, der kommandierende General des Gardekorps, zum Angriff, und Prinz Friedrich Karl hieß diesen Entschluß gut. Er befahl zugleich dem bei ihm eingetroffenen General v. Voigts-Rhetz, den Angriff mit dem 10. Korps zu unterstützen. St. Privat wurde jetzt für des Feindes rechten Flügel gehalten. Das auf der kahlen Höhe gelegene, aus großen steinernen Gebäuden bestehende und weithin sichtbare Dorf bildete das gemeinsame Ziel. Die 4. Gardebrigade ging aus der Gegend von Habonville gegen dessen Südende, die Farm Jerusalem, die 1. Gardedivision etwa eine halbe Stunde später von Ste. Marie gegen die Westseite vor. Als General v. Manstein die Bewegung der Garde wahrnahm, ließ er die 3. Gardebrigade gegen Amanvillers antreten. 442 VIII. Der Krieg von 1870/71 Unter mörderischem Feuer stiegen die Bataillone die Hänge hinan, welche sich wie das Glacis einer Festung allmählich gegen Ste. Marie, St. Ail und Habonville hinabsenkten. Nur an wenig Stellen gewährten ganz flache Wellen in den Feldern unzureichenden Schutz gegen die auf den harten Boden aufschlagenden und weiterspritzenden Geschosse des Feindes. Die Fernwirkung konnte hier durch den Verteidiger so günstig ausgenutzt werden, wie es im Feldkriege selten der Fall sein wird. Die Verluste wuchsen schnell in erschreckender Art. Mit dem näheren Herankommen erkannte man immer deutlicher die volle Stärke der Stellung, die in Eile, aber mit der Geschicklichkeit zur Verteidigung eingerichtet worden war, welche die Franzosen in dem ganzen Feldzuge an den Tag legten. Sie hatten alle Mauern mit Schießscharten versehen, die Höhenlinien mit Schützengräben gekrönt. Die Artillerie der Garde bekämpfte bisher die im Feuer auftretenden französischen Batterien. Das Dorf St. Privat und seine Besatzung hatten durch sie noch nicht gelitten. Mit frischen Kräften lagen die Schützen in ihren trefflichen Deckungen und entsandten ihren Geschoßhagel unbehindert in die über das Feld heranstürmenden deutschen Schwärme. Der gesamte Angriff traf zudem noch auf die Front des 4. und 6. französischen Korps. Er konnte nicht glücken und kam, 6—800 Schritt von Amanvillers und St. Privat entfernt, zum Stehen. Kronprinz Albert von Sachsen hatte inzwischen erkannt — was sich den Blicken des Prinzen Friedrich Karl im Gelände entzog —, daß sich die französische Linie noch weiter, nämlich bis Roncourt hin, erstrecke. Er holte daher noch weiter als die Garde aus und sammelte sein Korps südöstlich von Auboue. Seine Artillerie griff in den Kampf ein und nahm Roncourt unter Feuer. Gegen 7 Uhr konnten auch 2 Brigaden schon eingesetzt werden. Marschall Canrobert hatte die Absicht der Angreifer richtig erkannt und den Oberbefehlshaber um Verstärkung für seinen rechten Flügel gebeten — aber diese kam nicht. So beschloß er, seine Kräfte näher um St. Privat herum zu versammeln, Roncourt zu räumen und, zum Schutze der rechten Flanke, nur den Rand des Waldes von Jaumont zu halten. Die Sachsen fanden daher in Roncourt keinen starken Widerstand mehr, nahmen das Dorf und wandten sich nun von Norden her gegen St. Privat. So ward endlich die französische Linie doch noch umfaßt. Zugleich hatte die Gardeartillerie jetzt ihr Feuer auf St. Privat gerichtet. Gar bald ließ auch der Geschoßregen von dorther nach. Als dann noch die sächsischen Batterien in den Ort hineinfeuerten, stand er in Flammen. Um Entscheidung auf dem linken deutschen Flügel 443 8 Uhr abends ward er endlich von allen Seiten bestürmt und genommen. 2000 Verwundete fielen dabei den Siegern in die Hände. Marschall Canrobert zog ins Moseltal hinab. Endlich erschien, verspätet, die von ihm erbetene Verstärkung, die Gardegrenadierdivision und die Armeeartilleriereserve. Sie konnten das Schicksal der Schlacht indessen nicht mehr wenden. Auch beim 4. Armeekorps hatte der Rückzug schon begonnen. Amanvillers blieb freilich die Nacht hindurch noch besetzt. Auch auf dem rechten Flügel war es noch zu einem letzten heftigen Gefechtsakte gekommen. Das 2. Armeekorps war um 2 Uhr früh des 18. August von Pont-ii-Mousson aufgebrochen und erreichte am Abend, nach einem Marsche von etwa 40 kra, über Buzieres und Nezonville marschierend, Gravelotte. Die Pommern wünschten noch heute an den Feind zu kommen. „Es wäre richtiger gewesen, wenn der zur Stelle anwesende Chef des Generalstabes der Armee — so hat Moltke selbst geschrieben — dies Vorgehen in so später Abendstunde nicht gewährt hätte. Eine völlig intakte Kerntruppe konnte am folgenden Tage sehr erwünscht sein, an diesem Abend aber hier kaum noch einen entscheidenden Umschwung herbeiführen." Die Nachricht vom Erfolge des linken Flügels war noch nicht da. Es schien, als sollte die große Schlacht, in die man mit sicherer Hoffnung auf einen verhältnismäßig leichten Sieg eingetreten war, am Ende unentschieden bleiben; der König aber wollte sie erfolgreich beendet sehen. Das Korps ging jubelnd durch die Enge von St. Hubert vor und kam auch noch ein wenig über die schon genommenen Stellungen hinaus. Dann ließ das Dunkel Feind und Freund nicht mehr unterscheiden. Um 10 Uhr abends erlosch das Feuer. Den Feind aus seinen Stellungen zu werfen, gelang nicht. Er räumte sie erst am Morgen des 19. August um 5 Uhr, nachdem das rechts danebenstehende 3. Korps schon um 3 Uhr damit begonnen hatte. Auf den König aber hatte das frische Vordringen der Truppen einen erhebenden Eindruck gemacht. In erhöhter Zuversicht ritt er nach Nezonville zurück, wo am nächsten Morgen Prinz Friedrich Karl mit der Nachricht vom Erfolge des linken Flügels eintraf. Die Schlacht hatte sich weit ernster gestaltet, als man es vorher erwartete. Die genaue Stärke der deutschen Armeekorps, die mitfochten, hatte 178 818 Manu betragen. Die Gesamtzahl der bei Metz vereinigten Franzosen war dieser Zahl gleich. Bazaine setzte freilich nicht alle seine Truppen ein; dennoch erklärt sich aus dem Vergleiche schon der schwere Stand, den die Deutschen gehabt hatten, auch ohne die ungewöhn- 444 VIII. Der Krieg von 1870/71 lichen Vorteile der feindlichen Stellung in Anschlag zu bringen. Ihre Verluste beliefen sich auf 899 Offiziere, 19 260 Mann, während die Franzosen den ihren auf 11678 Mann angaben, darunter 2500 Gefangene. Dennoch war der Erfolg bedeutender, als es im Augenblick erschien. Die drei größten, durch je einen Tag der Ruhe getrennten Schlachten hatten die französische Rheinarmee nach Metz hineingeworfen. Rund 50 000 Mann waren verloren gegangen, aber das stärkste Heer des Gegners lag gefesselt im Banne der Festungskanonen. Bazaine hatte seinem Korps neue Lager unter dem Schutze der Forts anweisen lassen. Der 59. August ^370 Der strategisch denkwürdigste Tag des Feldzuges folgte. Bazaine war geschlagen, aber seine Armee nicht vernichtet und vorläufig für die Deutschen unangreifbar. Auch ein tüchtiger Heerführer konnte zweifelhaft sein, was geschehen solle. Moltke zögerte nicht, sich sofort für das höchste erreichbare Ziel zu entscheiden, als Prinz Friedrich Karl in Rezonville erschien und dem Könige über den Ausgang der Schlacht auf dem linken Flügel meldete. Er bereitete die vollständige Überwindung der Rheinarmee vor, zog aber zugleich schon jetzt alle Folgerungen aus den errungenen Siegen. Metz sollte ursprünglich nicht belagert, sondern nur beobachtet werden. Die hierzu bestimmte 3. Reservedivision war schon im Anmarsch. Sie zählte 18 Bataillone, 16 Eskadrons und 36 Geschütze. Das genügte jetzt natürlich nicht. Armee und Festung mußten durch starke Kräfte weiter überwacht und zu Falle gebracht werden. Prinz Friedrich Karl übernahm diese Aufgabe mit dem 2., 3., 9. und 10. Korps der eigenen, und dem 1., 7., 8. Korps der I. Armee, der 3. Reservedivision, der 1. und 3. Kavalleriedivision. Das Garde-, 4. und 12. Korps nebst der 5. und 6. Kavalleriedivision, die aus dem bisherigen Verbände der II. Armee schieden, wendeten sich unter dem Kronprinzen von Sachsen gegen Westen, um, mit der HI. Armee vereint, das bei CHS-lons sich bildende neue große französische Heer Mac Mahons zu schlagen und dann weiter auf Paris vorzugehen. Schon um 11 Uhr vormittags ergingen die nötigen Befehle. Wohl noch nie sind so große Entschlüsse ähnlich schnell gefaßt und so weit ausgreifende Anordnungen in gleich kurzer Zeit getroffen worden. Sie wurden der neuen Kriegslage, die dem Blicke des gewöhnlichen Sterblichen ungewiß und verschleiert erschien, mit voller Sicherheit gerecht. Prinz Friedrich Karl dehnte den ihm gewordenen Auftrag, trotz manchen Der strategisch denkwürdigste Tag des Krieges 445 Bedenken, zu einer völligen Einschließung Bazaines aus. Er ließ das Moseltal nördlich Metz und die Waldgegend bis St. Privat hinauf durch das 10., den eroberten Höhenrücken bis Moscou-Ferme durch das 2. Korps besetzen. Rechts davon schloffen sich das 8. und 7. Korps, dies letztere quer über das Moseltal südlich Metz hinweg, an. An der Seille stand das 1. Korps; im Nordosten rückte die Reservedivision heran; die Kavallerie schloß die Lücken. Auf der Westseite, wohin ein Durchbruchsversuch Bazaines zurzeit am bedenklichsten gewesen wäre, wurden das 9. und 3. Korps bei Ste. Marie und bei Verneville als Rückhalt aufgestellt. Das 12. Korps sammelte sich bei Conflans nordwestlich Jarny, die Garde bei Mars-la-Tour. Das 4. Korps stand bei Commercy. (Vergl. Skizze 45.) Die III. Armee erreichte die obere Maas südwestlich Toul. Die voraufstreifende Kavallerie hatte bei Chalons und Vitry zum ersten Male seit Wörth wieder die Berührung mit der geschlagenen Armee Mac Mahons gefunden. Es waren Abteilungen, welche die Marnebahn überwacht hatten. Langsam und in großer Tiefe, immer noch erneuten Widerstand erwartend, hatte die IH. Armee ihren Vormarsch fortgeführt. Die kleinen Vogesenfestungen mußten dabei im schwierigen Berggelände umgangen, durch Handstreich oder Beschießung genommen, da, wo dies nicht möglich war, von nachrückenden Truppen eingeschlossen werden. Bitsch war am 8. August von den Bayern vergeblich beschossen worden. Lützelstein wurde tags darauf von den Franzosen verlassen; Lichtenberg südlich Bitsch ergab sich am 9., kräftig unter Feuer genommen, den Württembergern. Pfalzburg mußte zunächst vom 11. Armeekorps eingeschlossen werden, Marsal öffnete am 14. seine Tore. Am 15. erreichte die Armee mit den vordersten Truppen Nancy und die obere Mosel. Sie ging weiter gegen ClMons vor, die 4. Kavalleriedivision nunmehr die Spitze nehmend. Am 18. stand sie, dieser folgend, bei und südlich Toul, am 20. zwischen Commercy und Gondrecourt. Die badische Division war schon am 7. August nach Bru- math in Marsch gesetzt worden, um Verwendung gegen Straßburg zu finden. Der Feldzug von Sedan (S. Skizze 45) Zwei Tage mußte die IH. Armee bei Ligny en Barrois warten, bis die neugebildete Maasarmee zum Vormarsch nach Westen einigermaßen in gleiche Höhe mit ihr gekommen war. Am 23. August erfolgte der gemeinsame Aufbruch. Die Maasarmee gelangte an die Maas, mit dem 446 VIII. Der Krieg von 1370/71 rechten Flügel nahe oberhalb Verdun, mit dem linken bei Commercy. Die III. Armee war mit den Hauptkräften um etwa einen Tagemarsch voraus 55/?-s4S Übkl'siL^skss'w cisn kel^iug von5e6sn ' ^KÄ^" c-^Ä ^ L?/?/s/7?Se/' /VA? ^xzntmecl^ ^^Ä^L^ - > F-s^-»^< ^^5>^ ^<^?fie c^s^- ^ «5« ^^«>^s^^' S/-s^/>^s !Sl-«- / ss-cp l'ou!/ 7 - bei Ligny und Montiers-sur-Saulx; diese Staffelung entsprach der ursprünglichen Absicht, den Feind von Süden zu umfassen und aus seiner Rück- zugsrichtung auf Paris nach Norden abzudrängen. Vormarsch der III. und Maas-Armee »ach Westen 447 Die Festung Toul, auf die am 16. August von der Vorhut des 4. Korps ein vergeblicher Sturmversuch gemacht worden war, wurde durch preußische und bayerische Abteilungen beobachtet; bei Verdun geschah das gleiche zunächst durch die Sachsen. Wenden wir uns jetzt der französischen Armee von ClMons zu. Sie sammelte sich seit der Mitte des August in dem berühmten dortigen Übungslager, dessen Treiben noch vor wenig Jahren als mustergültig für die militärische Welt Europas galt. Es gehörten ihr das 1., 5., 7. und das zum Teil aus vortrefflichen Truppen neugebildete 12. Korps sowie die Kavalleriedivisionen Bonnemains und Margueritte an. Sie mag an 130 000 Mann mit 420 Geschützen stark gewesen sein. Der Zahl nach war sie also ansehnlich genug. Der innere Wert aber stand nicht auf gleicher Höhe. Die Niederlagen an der Grenze, die großen Verluste, der eilige Rückmarsch, vielfach bei schlechtem Wetter ausgeführt, die allgemein herrschende gedrückte Stimmung hatten schon erschütternd auf sie gewirkt, die Mannszucht ins Wanken gebracht. Mobilgarderegimenter mußten wegen ihrer mangelhaften Haltung aus dem Lager zurückgeschickt werden. Einige Tage der Ruhe und Arbeit wären nötig gewesen, um ihr in Mac Mahons bewährter Hand einige Festigkeit wiederzugeben. Der Marschall verlegte die Armee am 25. August nach Reims zurück. Von dort waren auch die beiden Richtungen, zwischen denen man schwankte, ohne Umweg einzuschlagen. Die Forderung der Pariser Regentschaft, Bazaine entgegenzumarschieren, lehnte er zunächst ab und erklärte, sich auf den Schutz von Paris beschränken zu wollen. Als aber Bazaine am Tage nach der Schlacht vom 18. August die Nachricht gab, er rechne noch immer darauf, sich längs der Nordgrenze über Montmedy nach CkMons durchzuschlagen, da machte sich noch ein anderer Beweggrund geltend. Der Marsch konnte schon in der Ausführung begriffen sein, und Mac Mahon durfte die Waffengefährten nicht im Stiche lassen. Eine von Bazaine am 20. nach Paris beförderte Depesche, die dessen Entschluß viel zweifelhafter erscheinen ließ, wurde ihm vorenthalten. Am 23. August rückte er daher nicht auf Paris, sondern gegen Montmedy ab und erreichte bei strömendem Regen die Suippe. In dieser Richtung war aber nicht für die Ankömmlinge vorgesorgt; zwei Korps blieben ganz ohne Verpflegung. Da auch auf den 23. die erste gemeinsame Bewegung der beiden deutschen, 184000 Mann mit 800 Geschützen zählenden Heere fiel, so begann ein spannender Wettlauf, „das leidenschaftlichste und strategisch spannendste Drama des ganzen Krieges". Bis zum 25. August setzten die Deutschen noch den konzentrischen Vor- 448 VIII. Der Krieg von 1870/71 marsch auf ClMons fort. Mac Mahon marschierte weiter nach Nordosten über Rethel, wo er Lebensmittel fand, um den freien Raum zwischen den Deutschen und der Nordgrenze zu gewinnen. In diesem wollte er sich nach Osten, Bazaine entgegen, wenden. Am 25. August stand er in der rechten Flanke der Deutschen bei Vouziers, Attigny und Rethel an der Aisne. Die Deutschen erreichten mit der Maasarmee die obere Aire und Aisne. Die HI. Armee gelangte in den Raum zwischen der Maasarmee und der Marne bei St. Dizier. Sie hatten den Blick noch auf Chalons gerichtet, wo tags zuvor ihre Kavallerie, der sich die kleine Festung Vitry ergab, das Lager schon verlassen gesunden. Die beiden feindlichen Heere waren augenblicklich fast auf gleicher Höhe miteinander, in entgegengesetzten Richtungen marschierend, aber nur wenig voneinander unterrichtet. Der Abend des 24. und der 25. brachten den Deutschen im großen Hauptquartier zu Bar-le-Duc merkwürdige Nachrichten. Das aufgefangene Schreiben eines hohen französischen Offiziers aus Metz sprach von Entsatz der Festung. Ein aus Paris über London eingehendes Telegramm besagte, daß Mac Mahon bei Reims stünde und die Vereinigung mit Bazaine suche. So schwer es auch ist, einen einmal gefaßten Plan zu ändern, wo es sich um große Heeresmassen handelt, war Moltke doch entschlossen, den Anzeichen zu folgen, welche darauf hindeuteten, daß sein Gegner das Unwahrscheinliche tun wolle. Die Armeen erhielten 11 Uhr vormittags eine etwas mehr nordwestliche Richtung. Dann folgten Bestätigungen über Mac Mahons Marsch zur Vereinigung mit Bazaine. Die französische Presse leistete ihrem Lande in dieser Krise recht schlechte Dienste, eine Warnung für die unsere in künftigen Zeiten. Ein Blatt verkündete, „kein französischer General könne seinen Gefährten im Stiche lassen, ohne dem Fluche des Vaterlandes zu verfallen". Andere brachten Parlamentsreden, die es als eine Schmach für das französische Volk bezeichneten, wenn die Rheinarmee ohne Unterstützung bleiben sollte. Ein zweites Telegramm aus London teilte mit, daß Mac Mahon plötzlich den Entschluß gefaßt habe, Bazaine zu Hilfe zu eilen. Am 25. abends 11 Uhr erhielt die Maasarmee daher Befehl, sich zum Nechtsabmarsche auf Varenues bereitzustellen und ihn anzutreten, sobald die Meldungen der auf Vouziers vorgetriebenen Kavallerie die Vermutungen über Mac Mahons Vorgehen auf Metz bestätigten. Die beiden bayerischen Korps der III. Armee sollten bereit sein, der Bewegung zu folgen, die preußischen durften am Vormittage noch die Bewegung gegen Nordwesten fortsetzen, was ohnedies nützlich war, um Raum für die Rechtsschwenkung zu gewinnen. Mac Mahons Abmarsch nach Nordosten 449 Der Kronprinz von Sachsen trat den Marsch auf Varennes ohne weiteres schon in der Frühe an. Die Kavallerie traf bei Grand Pre auf Teile der französischen Armee. Der Vorhang lüftete sich. Die Maasarmee erhielt nunmehr Befehl, den Marsch nordöstlich fortzusetzen, die beiden bayerischen Korps sollten ihr folgen; die preußischen der III. Armee auf St. Menehould marschieren. Prinz Friedrich Karl erhielt Auftrag, zwei seiner Korps nach Damvillers in Bewegung zu setzen, um sich Mac Mahon vorzulegen. Selten sind in ungewisser Lage alle Anordnungen gleich vorsichtig und doch sicher und schnell genug getroffen worden, wie es hier im großen Hauptquartier in Bar-le-Duc geschah. Mac Mahon war am 26. nur wenig vorwärts gekommen. Das Erscheinen der deutscheu Kavallerie machte ihn stutzig. „Er besaß nur noch einen Tag Vorsprung und hat ihn verloren" — rief der Kriegsminister Palikao aus, als er erfuhr, daß der Marschall noch bei Le Chesne stünde. Am 27. schwanden für die Deutschen alle Zweifel. Die Lager der französischen Armee waren am Abend vorher östlich Vouziers entdeckt worden. Moltke, der schon geglaubt hatte, den Feind nur uoch am rechten Maasufer einholen und etwa in der Gegend von Damvillers zur Schlacht zwingen zu können, erkannte, daß er die Maas noch gar nicht erreicht habe. Sofort entschloß er sich zum Angriff am linken User. Das Wild war gestellt, und das Treiben begann mit voller Kraft. In der Gegend von Reims wurde nichts mehr verspürt. Das große Hauptquartier ging nordwärts nach Clermont-en-Argonne. Auf die Unterstützung durch die Einschließungsarmee von Metz wurde verzichtet, der Vormarsch der gesamten Maas- und III. Armee gegen die neue Front Beaumont—Le Chesne wurde befohlen und vollzog sich mit einer für den Feind unheilvollen Pünktlichkeit. Mac Mahon wich weiter nördlich aus. Am 27. August abeuds verzweifelte er an der Vereinigung mit Bazaine, von dem er noch keine Nachricht hatte, den er also noch bei Metz vermuten mußte. Er entschloß sich zur Rückkehr nach Mezieres und meldete dies dem Kriegsminister. Ein Befehl aus Paris, der die Verstärkung durch ein neues Korps — Vinoy — in Aussicht stellte, stimmte ihn wieder um. Der Marsch auf Montmedy und Carignan ward beschlossen. Die am 28. schon eingeschlagene Richtung auf Mezieres wurde verlassen, und die Gegend von Stonne, zwischen Beaumont und Le Chesne erreicht. Die Armee, die in energischen Gewaltmärschen dem Ziele hätte entgegeneilen müssen, drehte sich um sich selbst und kam kaum vom Flecke. Am 29. ging das Korps Lebrun, das 12., bei Mouzon über die Maas. Fr Hr. v> d, Goltz, Kriegsgeschichte II 29 450 VIII, Der Krieg von 1870/71 Am 30. sollte die ganze Armee hinter den Fluß folgen. Der Marschall wollte ihn zwischen sich und den Feind legen, statt diesen anzugreifen und zu schlagen, was seinem Wagnis allein die Möglichkeit des Gelingens verhießen hätte. Schon waren aber die Deutschen nahe heran, nämlich die Sachsen bei Nouart, wo es am 29. zu einem Reitergefecht kam, und die Garden bei Buzancy, das 4. und 2 Korps der III. Armee unfern dahinter. Ohne Kampf konnte der Übergang nicht mehr bewerkstelligt werden. Die Schlacht von Beaumont am 20. August ^370 (S. Skizze 46) Am 30. sollte die deutsche Maasarmee auf Beaumont, die III. Armee links daneben in dem Raume zwischen Beaumont und Le Chesne vorgehen. Mac Mahon wollte den Maasübergang am 30. vollenden. Das 1. Korps mit der Kavallerie gelangte auch in der Frühe glücklich bei Remilly ans rechte Ufer, der Marsch des 7. auf Mouzou verzögerte sich durch das Mitschleppen zahlreichen Fuhrwerks. Er wurde durch preußische Kavallerie gestört und schließlich, als der Kanonendonner von Beaumont sich hören ließ, auch noch auf Remilly abgelenkt. Das 5. Korps de Failly, das am meisten erschütterte, wenn es auch noch keine Schlacht geschlagen hatte, war am 29., da ihm zugegangene Befehle abgefangen wurden, in die Irre marschiert und erst in der Nacht, ja teils erst am Morgen an seinem neuen Marschziel, Beaumont, angelangt. General de Failly mußte daher erst rasten und abkochen lassen. Er lagerte noch nachmittags 1 ^ Uhr dort, ohne daß, trotz der Nähe des Feindes, hinreichende Sicherheit geschaffen war. Unerwartet wurden die sorglosen Truppen daher von den Granaten preußischer Geschütze aus ihrer Beschäftigung aufgestört. Aus den Wäldern südlich Beaumont trat das preußische 4. Korps heraus; rechts daneben an der Maas gingen die Sachsen vor, die Garde folgte. Die Franzosen faßten sich freilich schnell, entwickelten dichte Schützenschwärme und überschütteten die Erscheinenden mit ihrem weitreichenden Chassepotfeuer. Sie gingen ihnen sogar brav im Angriff entgegen, wurden jedoch zurückgeworfen, und die nachstürmenden Preußen drangen in ein Lager südlich des Städtchens, dann in dieses und endlich auch in das Lager nördlich davon ein. 7 Geschütze wurden erobert; dann folgte eine Gefechtspause. Mittlerweile entfaltete das 4. preußische Korps seine gesamte Artillerie Die Franzosen werden im Lager überrascht 451 auf den Höhen nördlich Beanmont gegen die schon weichenden Franzosen; sächsische kam rechts, bayerische vom 2. Korps links heran und nahmen am Feuer teil. Ein Halten war für Failly unmöglich. Er konnte nur eine Nachhut bei La Sartelle zusammenbringen, unter deren Schutz sich seine Truppen vor Mouzon sammelten. General Lebrun, der schon nördlich der Maas stand, suchte den Rückzug über den Fluß durch einige frisch vorgeschickte Streitkräfte zu erleichtern. Die Bayern wurden während dieser Vorgänge unerwartet in ihrer linken Flanke durch die Division Conseil Dumesnil vom 7. französischen Korps angegriffen, die sich, vou Stonne kommend, durch den Gefechtslärm hatte anziehen lassen. Sie nahmen aber sofort den Kampf auf, und die französische Division, deren Führer bald einsah, daß er nicht durchdringen könne, gab den Versuch auf. Er folgte der Armee nach Norden, 2 Geschütze zurücklassend. Der auf dem Schlachtfelde eintreffende Kronprinz von Sachsen rief die Garde nach Beaumont heran und schritt zum An- 29* 452 VIII. Der Krieg von 1870/71 griff gegen die französische Aufnahmestellung. Längs des hohen, schmalen und waldigen Bergrückens, den das Bois de Givodeau krönt, entspann sich nun noch, von 5 Uhr nachmittags ab, ein heftiger Kampf, den hauptsächlich das 4. preußische Korps durchführte, in den aber, so weit es der enge Raum erlaubte, rechts die Sachsen, links die Bayern eingriffen. Mehrfach mußte der französische Widerstand gewaltsam gebrochen werden, bis es endlich gelang, das Maastal zu erreichen und die Gegner unter schweren Verlusten in dasselbe hinabzuwerfen. Eine glänzende Attacke des S. französischen Kürassierregiments, das seinen bedrängten Kameraden Luft schaffen wollte, zerschellte an der Standhaftigkeit der preußischen Infanterie. Mit einbrechender Dunkelheit hörte der Kampf südlich der Maas auf. Die Preußen drangen noch in die dort liegende Vorstadt von Mouzon ein. Die auf einer Insel gelegene Stadt selbst behaupteten die Franzosen. Nach eigener Angabe hatten diese 1800 Tote und Verwundete wahrscheinlich jedoch erheblich mehr verloren. 42 Geschütze, viel Kriegsgerät und an 2500 unverwundete Gefangene blieben in deutscher Gewalt. De Failly hatte eine empfindliche Niederlage erlitten. Die Sieger bezahlten ihren Erfolg mit einer Einbuße von 145 Offizieren, 3384 Mann. -l s » Die Nacht vom 31. August brachte die Maasarmee an der Straße von Beaumont nach Mouzon, die III. Armee zwischen Raucourt und Som- mauthe zu. König Wilhelm, der auf dem Schlachtfelde erschienen war, ging dann nach Buzanzy zurück, da alle näheren Orte von Verwundeten und Kranken überfüllt waren. Mac Mahon hatte noch während der Schlacht von Beaumont die Versammlung seiner Armee um Sedan befohlen. Er wollte keine neue Entscheidung mehr suchen; dazu waren die Verhältnisse seiner Truppen nicht mehr angetan. Aber er gedachte seinen erschöpften Mannschaften dort eine kurze Rast zu gewähren, sie mit Lebensmitteln und Schießbedarf zu versehen und dann den Abmarsch aus Mezieres anzutreten, wohin General Vinoy gerade mit dem neugebildeten 13. Korps unterwegs war. Es war das beste, was ein besonnener Feldherr in seiner Lage tun konnte. Obwohl die Maas eine unmittelbare Verfolgung ausschloß, sammelte sich die Armee dennoch in großer Auflösung während des Abends, der folgenden Nacht und am 31. in und bei Sedan. Der Kaiser traf von Carignan her ein, der kleine Platz wurde unvermutet zum Stützpunkte einer großen Heeresversammlung. Mangel an Ruhe und Verpflegung hatten die Truppen geschwächt, ein vielfaches unnützes Hin und Her von Mac Mahons Entschluß zum Rückzug 453 Märschen ihr scheinbar unnötige Anstrengungen auferlegt. Der unglückliche Ausgang aller Zusammenstöße mit dem Gegner tat das übrige, um ihr Vertrauen zu sich selbst und zur Führung zu erschüttern. Ahnungsvoll empfand jedermann kommendes schweres Unheil. Das 7. Korps lagerte sich jenseits Sedan bei Floing, das 12. diesseits bei Bazeilles. „Tief erschüttert sammelte sich das S.Korps bei der östlichen Vorstadt der Festung." Am Nachmittage folgte das 1. hinter den Givonnebach. Die Zerstörung der Brücken ober- und unterhalb der Festung war befohlen, aber „bei der übergroßen Ermattung aller nicht ausgeführt worden". Die sächsische Kavallerie, die die Maas oberhalb Mouzon überschritten, folgte den Abziehenden auf dem Fuße. Sie durchstreifte das Land zwischen Maas und Chiers, brachte Nachzügler und Versprengte als Gefangene ein. Das 12. Korps ging noch bis Douzy halbwegs Mouzon und Sedan vor, das 4. Korps blieb bei Mouzon. Auch die III. Armee setzte ihre Bewegung nach Norden fort. Ihre Kavallerie streifte bis vor Sedan, die französischen Vorposten zurücktreibend. Die Bayern erreichten nahe von Remilly die Maas. Eine heftige Kanonade entspann sich über den Fluß hinweg bei Bazeilles, und eine kühne Jägerschar drang sogar über die Eisenbahnbrücke, deren Sprengung den Franzosen mißlang, vorübergehend in das Dorf ein, Schrecken und Unruhe beim Feinde verbreitend. Das 11. und nahe dahinter das S. Korps gingen in der Richtung auf Donchery bis dicht an Sedan heran. Weiter westlich erreichten die Württemberger und die 6. Kavalleriedivision schon die Gegend südlich Mezieres und traten in Berührung mit dem dort an diesem Tage schon eintreffenden Korps Vinoy. Bei Attigny, rückwärts an der Aisne, kamen das 6. Korps und die 5. Kavalleriedivision an. Auch die Deutschen hatten unter ungünstiger Witterung, starken Märschen und Beschwerden aller Art stark gelitten, aber die Siegeszuversicht und das unbedingte Vertrauen auf den königlichen Führer und seinen Stern hielt ihre Kräfte aufrecht. Die Maasarmee war von Osten, die III. von Süden an die eng zusammengedrängte französische Armee herangerückt. Die III. Armee bedrohte sogar deren Rückzug auf Mezieres schon ernsthaft. Im großen deutschen Hauptquartier erwog man die Möglichkeit ihres Übertritts auf neutrales Gebiet. Die belgische Regierung wurde aufgefordert, in diesem Falle für ihre Entwaffnung Sorge zu tragen, das eigene Heer aber angewiesen, die Grenze gleichfalls zu überschreiten, wenn der Feind die Waffen dort nicht niederlege. Der König begab sich nach Vendresse. 454 VIII. Der Krieg von 1870/71 ZNe Schlacht von Sedan an: ^ September 1^870 (S. Skizze 47) Am 31. war in Vendresse noch eine Nachricht eingegangen, daß der Feind unter Zurücklassung seines Gepäcks auf Mezieres abzumarschieren schiene. Die III. Armee erhielt daher abends 8 Uhr die Aufforderung, in der Nacht Truppen über die Maas vorzuschieben. Sie sollten sich am Morgen quer über die Straße Sedan—Mezieres aufstellen. Weitere Anordnungen ergingen nicht, da alles Nötige schon am 30. befohlen oder mündlich vorbereitet war, um den Feind zwischen Maas und Grenze auf möglichst kleinen Raum zu beschränken. Die französische Armee hätte am 1. September in voller Frühe den Durchbruch nach Mezieres und die Vereinigung mit Vinoy versuchen sollen. Aber sie war auch an diesem Tage noch nicht imstande, einen geordneten Kriegsmarsch in der Nähe des Feindes auszuführen. Sie konnte sich nur schlagen, wo sie stand. Das Schlachtfeld bildete ein von Höhen, Pflanzungen, Höfen und Wald erfülltes Dreieck, vor dessen Ostseite der Givonnebach, vor dessen Südwestfront die Maas mit Sedan lag, und dessen dritte, nach Nordwest gekehrte Front der Jllybach bildete. Die Stellung war wohl verteidigungsfähig, aber alle drei Fronten mußten dauernd gehalten werden, und es gab, wenn die Deutschen erst einmal auf der Westseite erschienen, nur einen einzigen Ausweg nach Norden auf neutrales Gebiet. Dort lag das Dorf Jlly mit seinem hohen Calvarienberge und dem Bois de la Garenne, dessen Besitz über das Schicksal der Armee entscheiden mußte. Das Ganze bildete eine Falle, aus der nur bei höchster Eile noch ein Entrinnen möglich war. Im deutschen Hauptquartier glaubte man an den Zug nach Mezieres. Die Maasarmee erhielt daher den Befehl, den Feind in seiner Stellung anzugreifen, um ihn festzuhalten. Die III. Armee sollte nur ein Korps am linken Maasufer zurücklassen, mit allen übrigen Kräften auf dem rechten vorgehen. Der Kampf begann in der Frühe um das iu der Südostspitze des Dreiecks weit vorgeschobene, massiv gebaute, große Dorf Bazeilles. Es bildete den Punkt, an dem sich im Kampfe die beiden deutschen Heere die Hand reichen konnten, und General v. o. Tann ging daher schon im Morgennebel um 4 Uhr auf den von ihm geschlagenen Pontonbrücken über die Maas. In blutigem, hiu und her wogendem Kampfe, an dem sich auch die in fanatische Erregung geratenen Einwohner beteiligten, gelang es dem 1. bayerischen Korps, sich zwischen 8 und 9 Uhr in Besitz des Ortes zu Die Natur des Schlachtfeldes 455 setzen und sogar nördlich davon gegen la Moncelle vorzudringen, wo seit 5 Uhr die Sachsen im Kampfe standen. Von Nemilly her kam das 4. preußische Korps heran; das gemeinsame Handeln beider Armeen war damit sicher gestellt. Sie entwickelten nun auch nach und nach starke Artillerie, die bis dahin nur wenig hatte mitwirken können, am rechten Maasufer gegen die Givonnestellung. In dieser hatte sich links neben dem bei Bazeilles und la Moncelle kämpfenden 12. Korps, von Daigny ab uördlich, 55/>-s 45 ^/«?^ das 1. aufgestellt. Dann bildete bei Jlly stehende Reiterei die Dreieckspitze, an die sich, als gegen Nordwest gewendeter Schenkel, das 7. Korps hinter dem Floingbach anschloß, während das S. und die übrige Kavallerie bei Sedan im Inneren des Dreiecks standen. Eine unglücklichere Lage für die Armee konnte kaum gedacht werden. Mit dem näheren Herankommen des Angriffes mußte sich die konzentrische Wirkung der gesamten deutschen Artillerie vernichtend auf die französischen Heeresmassen ergießen. Als Marschall Mac Mahon früh um 6 Uhr bei la Moncelle durch einen Granatsplitter verwundet wurde und das Oberkommando ans Ducrot über- 456 VIII. Der Krieg von 1870/71 trug, entschloß sich dieser, die Armee aus ihrer Lage noch jetzt zu befreien, und befahl ihre Versammlung bei Jlly. Er wollte sogleich von dort nach Mezieres abmarschieren. Um dies möglich zu machen, sollten seine an der Givonne stehenden Truppen die Deutschen zunächst zurückdrängen. Aber General Ducrot hatte eben erst die Einleitungen für sein Vorhaben getroffen, als General v. Wimpffen, kürzlich erst aus Algier abberufen und zur Armee entsandt, um de Failly zu ersetzen, eine Vollmacht des Kriegsministers geltend machte. Sie ermächtigte ihn, „im Falle der Behinderung Mac Mahons", auch den Oberbefehl zu übernehmen. Wimpffen hielt den Abmarsch auf Mezieres für unmöglich. An der Givonne, gerade in einem Augenblicke eintreffend, wo das Gefecht dort günstig stand, entschloß er sich im Gegenteil zum Durchbruch nach Carignan. Beider Generale nächste Absicht war es, trotz der entgegengesetzten Pläne, zunächst eine vermehrte Anstrengung gegen Osten zu machen. Der Kampf an der Givonne wuchs an Heftigkeit. Wimpffen rief die schon abmarschierten Divisionen zweiter Linie wieder zurück und brachte die kühn vorgedrungenen bayerischen und sächsischen Abteilungen in arge Bedrängnis. Munitionsmangel machte sich bei einigen von ihnen geltend. Selbst die Artillerie, um 3^ Uhr schon auf 12 Batterien angewachsen, mußte vorübergehend vom Givonnetale zurückweichen. Dann aber trafen Verstärkungen an Infanterie von beiden Korps ein, und sie vermochten von neuem bis an den Talrand vorzugehen. Daigny wurde genommen; 5 Geschütze fielen in deutsche Hand. Um 10 Uhr traf auch die Spitze des Gardekorps an der oberen Givonne ein. Nachts von Sachy aufbrechend, hatte es, als der Kanonendonner bei Bazeilles begann, seine Schritte beschleunigt, mußte aber des schwierigen Geländes halber deu Umweg über Villers-Cernay wählen. Es kam gerade noch zur rechten Zeit, um sich am Kampf der Sachsen nördlich Daigny zu beteiligen und 2 Geschütze zu erobern. Seine 14 Batterien fuhren am Givonnetale auf und nahmen die jenseits vom Marsche gegen Jlly wieder eintreffenden französischen Divisionen unter Feuer. Jetzt, ebenfalls um 10 Uhr, stand auch das 4. Korps schon am rechten Maasufer hinter den Bayern bereit. Die Aussicht auf einen durchschlagenden Erfolg war den Franzosen damit genommen. „Der erste Versuch, östlich nach Carignan durchzubrechen, war gescheitert, aber auch der Rückzug westlich nach Mezieres bereits verlegt." Um 6 Uhr früh hatte der Kronprinz von Preußen das 11. und S. Korps sowie die Württemberger bei Donchery und auf drei unterhalb geschlagenen Pontonbrücken über die Maas gehen lassen. Dann rückten sie gegen die Aergcvlicher Durchbruchsversuch der Franzosen 457 Straße Sedan—Mezieres nördlich vor. Als diese von der Kavallerie frei gefunden wurde, der Kanonendonner von der anderen Seite der Festung aber lauter und lauter herüberdröhnte, entschloß er sich zur Rechtsschwenkung und nahm St. Menges zum Ziel. General v. Kirchbach hatte seiner Vorhut sogar schon Fleigneux als solches bezeichnet, um den Franzosen auch den letzten Ausweg nach Belgien zu rauben. Nur die Württemberger blieben beobachtend gegen Mezieres stehen. Glücklicherweise hatten die Franzosen den Engpaß von St. Albert zwischen Bergwand und Fluß, am Ende der großen nach Norden gerichteten Maßschleife, unbesetzt gelassen. Erst bei St. Menges stieß man auf den Feind, der bald zurückging. Die Preußen begannen sich gegen Jlly zu entwickeln. Zwei tapfere Kompagnien besetzten Floing uud behaupteten sich dort gegen wiederholte Angriffe. Bei Jlly aber trat überlegene französische Artillerie auf, bereitete den ersten erscheinenden preußischen Batterien einen schweren Stand und verwehrte auch den sich aus dem Engpaß herauswindenden Kompagnien das weitere Vordringen. In beiden glaubte die droben auf der Höhe von Jlly haltende französische Kavallerie eine willkommene Beute zu erkennen. General Marquis Gallifet, ein ausgezeichneter Kavallerist, stürzte sich mit großer Entschlossenheit, an der Spitze von drei Regimenter Chasseurs d'Afrique und zwei Schwadronen Lanciers, auf sie. Aber am ruhigen Schnellfeuer der preußischen. Infanterie uud dem Granatenhagel der Artillerie scheiterte die französische Reiterflut wie bei Wörth. Die Reste suchten Schutz im Bois de Garenne. Nun drangen die Deutscheu auch auf dieser Seite unaufhaltsam vor. Südöstlich St. Menges fuhren die 14 Batterien des 11. Korps auf, daneben die des 5. Mehr und mehr Infanterie quoll aus der Enge von St. Albert hervor, gegen Fleigneux hin den Feind umfassend. Im Kampfe um Floing siel General v. Gersdorff, der statt des bei Wörth verwundeten Bose das 11. Korps führte, aber kein Zögern oder Schwanken trat ein. Einen Durchbruch uach dem linken Maasufer zu verhindern, genügte das dort zurückgebliebene 2. bayerische Korps vollkommen. Als um 10 Uhr Garde, Sachsen und Bayern sich die Übergänge über die Garenne eröffneten, war das Schicksal der Franzosen fast schon besiegelt, der Ring um sie beinahe geschlossen. Von La Moncelle und Bazeilles aus trieben Sachsen und Bayern die weichenden Gegner bis Fond de Givonne zurück; Balan wurde von den Bayern nach leichtem, das am Ende des Dorfes im großen ummauerten Park gelegene Schloß, aber erst nach hartnäckigem Kampfe genommen. Das 458 VIII- Der Krieg von 1870/71 vorderste Bataillon breitete sich vor den Festungswällen aus und führte mit der Besatzung ein Feuergefecht. Ein um 1 Uhr nachmittags erfolgter Gegenstoß wurde zurückgewiesen. Ähnlich erging es weiter nördlich bei Givonne, wo die Franzosen sich durch Angriffe gegen die Garde Luft zu machen versuchten, deren Batterien zum Stellungswechsel gezwungen wurden. Bei einem der Angriffe büßten sie selbst jedoch 10 Geschütze ein, die in das schon besetzte Givonne hineinfuhren. Im Givonnetale nördlich vordringend, nahm die Gardekavallerie die Verbindung mit dem äußersten linken Flügel der III. Armee auf. Vor Jlly begannen die Franzosen allmählich zu weichen. Die Spuren der Auflösung wurden sichtbar. Fahrzeuge, Geschütze, Pferde, versprengte Infanteristen in großer Zahl, ein General mit seinem Stäbe fielen dort den Siegern in die Hände. Auch der Versuch, gegen Floing durchzubrechen, schlug den Franzosen fehl. Bereits kreuzte sich das Feuer der Artillerie der III. Armee mit dem der Batterien des Gardekorps an der Givonne. Der Aufenthalt auf der Hochfläche von Jlly wurde heißer und heißer. Trotzdem zogen Truppen dort hin und her. General v. Wimpffen hatte sich um Mittag persönlich vom Ernst des von Norden kommenden Angriffs überzeugt uud die an der Givonne noch als Rückhalt stehenden Divisionen nach Jlly berufen. Als er dann zum 12. Korps ritt, fand er dieses bereits in vollem Rückzüge und holte Verstärkungen vom 7. von der anderen Seite des Bois de la Garenne heran. Diese zum Teil sich kreuzenden Bewegungen vollzogen sich unter dem von zwei Seiten kommenden Granathagel von etwa 200 Geschützen der Angreifer. Die Unordnung wuchs. Nur die Division Lieber: vom 7. Korps behauptete noch immer wacker die Höhen nördlich Cazal. Um 1 Uhr nachmittags aber begannen starke Kräfte vom 5. und 11. Korps von Floing her auch diese Höhen zu ersteigen. Der Widerstand begann namentlich unter dem überwältigenden Geschützfeuer zu erlahmen. Andere Hilfe als Kavallerie war nicht in der Nähe. Diese zögerte auch nicht, sich für die bedrängten Waffengefährten zu opfern. General Margueritte brach mit 7 Regimentern gegen die Angreifer vor. Er fiel bald schwer getroffen; Gallifet übernahm nochmals den Befehl. Aber auch dieser Stoß zerschellte, obwohl verwegene Reiterhaufen bis zur Enge von St. Albert durchbrachen, um dort von ankommender Infanterie in Empfang genommen und vernichtet zu werden. Nach halbstündigein wilden Getümmel war alles vorüber. Reihenweise dicht nebeneinander, wie sie geritten waren, lagen die Kürassiere und Husaren hin- Der große französische Reiterangriff 459 gestreckt. „Die Verluste waren erschreckend; kaum die Hälfte der tapferen Reiter erreichte wieder den schützenden Wald. Einige mögen die Maas durchschwömmen und sich so gerettet haben." Als die Kavallerieflut vorübergebraust war, drängte die preußische Infanterie, die von ihr nur wenig gelitten hatte, um so lebhafter nach. Cazal wurde genommen, der weichende Gegner drängte sich völlig im Bois de la Garenne zusammen. Trotzdem faßte Wimpffen noch einmal den Entschluß zum Durchbruch nach Osten und ließ den Kaiser, der sich vormittags im dichtesten Gewühl befunden hatte, dann aber in die Stadt zurückgeritten war, auffordern, den verzweifelten Vorstoß, von seinen Truppen umgeben, mitzumacheu. Diese würde es sich zur hohen Ehre anrechnen, ihm den Weg zu bahnen. Der Entschluß war ritterlich, aber unausführbar. Die Gewalt über die Truppe war den Generalen schon zn sehr aus den Händen geglitten, um die Vorbereitungen noch geordnet treffen zu können. Nur etwa 6000 Mann kamen bei Fond de Givonne zusammen, zum Teil von Wimpffen selbst aus der Stadt herbeigeholt. Sie gingen freilich noch mit großem Ungestüm gegen Balan vor und drangen in das Dorf ein, während andere bunt zusammengewürfelte Heerestrümmer sich erneut gegen die Sachsen wendeten. Die absichtlich verbreitete Nachricht, Bazaine rücke heran, belebte eine Zeitlang die Kämpfer. Aber schon fehlte die nachhaltige Kraft, den vorübergehenden Erfolg zu einem dauernden zu machen. Bald fluteten die Franzosen zurück; der verzweifelte Ausfall war mißlungen, der Kaiser nicht erschienen. Er hielt den weiteren Widerstand schon für nutzlos und hatte einmal bereits eine weiße Fahne hissen lassen. Wurde sie auch wieder herabgeholt, so war das Schicksal seines Heeres doch schon besiegelt. Nun schlugen auch vom linken Maasufer her die deutschen Granaten in die dicht gefüllten Straßen von Sedan; die Stadt brannte bald an mehreren Stellen. Es blieb den Deutschen nur noch eines zu tun übrig, die Wegnahme des Bois de la Garenne, zu der das Gardekorps aus der Tiefe emporstieg. Nach kräftiger Einleitung durch Artilleriefeuer erfolgte der Angriff. Zwischen 5 und 6 Uhr, eine Stunde nach dem Vorstoße der Franzosen auf Balan, war er mit glänzendem Erfolge und verhältnismäßig geringem Verluste durchgeführt. Als Moltke diesen Angriff wahrnahm, beglückwünschte er seinen König „zu einem der größten Siege des Jahrhunderts". Über 10 000 unverwundete Gefangene waren in dem, von Truppentrümmern aller Stärke und aller Art überfüllten Walde den Siegern in die Hände gefallen. Alles drängte sich nach dem alten Lager und nach der Stadt zusammen. Schon war die Artillerie der Maasarmee 460 VIII. Der Krieg von 1370/71 Über die Givonne gefolgt und fuhr fort, ihre Geschosse in das dort sich bildende Gedränge hineinzuschleudern. „Das knapp noch 3 l^in Seitenlänge umfassende Dreieck, in das die Armee von ClMons zusammengedrängt war, wurde von einem Kreis von 456 deutschen Geschützen umschlossen." Eine Fortsetzung des Kampfes war in der Tat nicht mehr möglich. Seit i/z5 Uhr wehten die weißen Fahnen auf den Türmen von Sedan. Bei König Wilhelm erschien General Reille, Napoleons HI. Generaladjutant, mit dessen eigenhändigem Briefe: „Nonsieur man trsre. ^'a/ant xu mourir au milieu. äs luss trouxe3 il ns ms rsste ^u' a rsrneiitrö mon ex«e entrs Iss mainZ 6s Votrs Nieste." Das große historische Ereignis war Wirklichkeit geworden, die französische Armee und ihr Kaiser gefangen. Die Verhandlungen über die Waffenstreckung wurden während der Nacht in Donchery begonnen und nach einer Unterbrechung am nächsten Vormittag zu Ende geführt. 2400 Offiziere, 83000 Mann kapitulierten, 21000 Mann waren schon vorher unverwundet in deutsche Hand gefallen. 29 Generale, 800 Offiziere, 16000 Mann bedeckten tot oder verwundet die Wahlstatt. Den Deutschen hatte dieser glänzende Sieg nur 465 Offiziere, 8459 Mann gekostet. Reiche Kriegsbeute fiel ihnen zu; 3 Fahnen, 419 Feld-, 139 Festungsgeschütze, 66 000 Gewehre, über 1000 Fahrzeuge, 6000 noch brauchbare Pferde. Die entwaffnete Armee wurde vorerst auf der Halbinsel von Jges untergebracht, dann nach Deutschland abgeführt. Auf belgischem Gebiet waren etwa 3000 Mann entwaffnet worden, eine erheblich größere Zahl, namentlich Kavallerie, zum Teil schon am 31. August ins Innere Frankreichs entkommen. Die Ereignisse vor Metz Was hatte Bazaine getan, um seinen Waffengefährten während der großen Katastrophe zu Hilfe zu eilen? Er stand noch mit seinem Heer in den Lagern von Metz. Die Einschließungslinie, mit der ihn die deutschen Vorposten umgaben, war nicht weniger als 45 km lang. Hinter ihr lagen auf allen Fronten befestigte Stellungen, die anfangs nur flüchtig aufgeworfen waren, aber in fortdauernder Arbeit verstärkt wurden. Die Belagerer hatten alle Hände voll zu tun. Es mußte für Unterkunft gesorgt werden, und dieses fiel um so schwerer, als ein großer Teil der Dörfer rings um Metz während der Schlachten ausgebrannt war. Für viele Tausende von Verwundeten und Kranken war zu sorgen; auf den Schlachtfeldern hatte man in den ersten Tagen die vielen Leichen und Tierkadaver zu beerdigen, deren Ausdünstungen die Luft verpesteten. Die Gefahr an- Die Kapitulation von Sedan 461 steckender Krankheiten lag nahe, sanitäre Vorsichtsmaßregeln wurden in großem Umfange getroffen. Es fehlte vielfach an Wasser, zumal an gutem Trinkwasser für die Truppen. Große Aufmerksamkeit erheischte ihre Ernährung und Versorgung. Bei dem eingetretenen Stillstande wurde es nach einiger Zeit möglich, die Verpflegung zu regeln und die Verbindung mit der Heimat wiederherzustellen. Der Vorpostendienst war natürlich anstrengend. Für Verbindungen hinter den Stellungen und Beobachtungsposten auf der ganzen sehr langen Einschließungslinie wurde gesorgt. In den ersten Tagen nach den großen Schlachten blieb der Feind in Metz ruhig. Er selbst bedürfte der Zeit, um sich in der Festung unter den Forts einzurichten und seine Verteidigungsvorkehrungen zu ergänzen; auch fehlte wohl die Neigung, sobald nach den drei blutigen Schlachttagen einen neuen Waffengang zu versuchen. Marschall Bazaines zweideutige Meldungen über seinen bevorstehenden Abmarsch von Metz sind bekannt; sie verraten keinen energischen Entschluß. Auch trat Regenwetter ein, das von der damaligen französischen Armee nach ihren Gewohnheiten als besonders lästig empfunden wurde. Am 26. August meldeten die deutschen Vorposten die erste allgemeinere Bewegung; die französischen Lager am linken Moselufer leerten sich, lange Marschkolonnen zogen nach dem rechten Ufer, und zwar nach der Nordostseite von Metz hinüber. Dort war die 3. Neservedivision bei der Armee des Prinzen Friedrich Karl eingetroffen und hatte sich in guter Stellung zwischen Malroy und Charly, mit dem rechten Flügel an die Mosel gelehnt, zur Verteidigung eingerichtet. Venachbart stand bei St. Barbe der rechte Flügel des 1. Armeekorps. Beiden Truppenteilen schien es heute zu gelten. Für die Einschließungsarmee kamen schwere Tage heran. Schon liefen die ersten Gerüchte von Mac Mahons Absicht, Bazaine zu entsetzen, um. Der Prinz traf sogleich seine Anordnungen, um nach den bedrohten Teilen der Einschließungslinie Verstärkungen heranzuführen. Um die Mittagszeit hatte sich das 2., 3., 4. und 6. französische Korps vorwärts des damaligen Fort St. Julien, das heute Manteuffel heißt, versammelt, zum Vorgehen bereit, aber Bazaine zögerte mit dem Befehl dazu, und berief einen Kriegsrat nach dem Schlößchen Grimont. Friedrichs des Großen bekanntes Wort: „Bei einem Kriegsrat kommt nie etwas anderes heraus, als daß die timide Partei am Ende den großen Haufen ausmacht", bewahrheitete sich auch hier. Die Mehrzahl der Stimmen war für das Verbleiben bei Metz, und der Kommandant der Festung machte noch dazu geltend, daß diese sich ohne die Armee nicht halten könne. 462 VIII. Der Krieg vvn 1870/71 Bazaine fügte sich, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß er es gern tat, weil der Mehrheitsbeschluß seinen heimlichen Wünschen entsprach. Nachmittags um 4 Uhr gab er den Befehl zum Rückmarsch in die verlassenen Lager. Das Regenwetter dauerte auch an diesem Tage fort und trug dazu bei, die Truppen mit der Entscheidung ihres Feldherren auszusöhnen. Marschall Bazaine hat hierbei sicherlich nicht allein nach soldatischen, sondern auch nach politischen Rücksichten gehandelt. „Aber es fragt sich, ob er bei der in Frankreich eingetretenen Verwirrung anders handeln konnte?" Augenscheinlich hatte er wenig Neigung, sich von Metz zu trennen; denn unter seinen Mauern vermochte er sein Heer einstweilen ungeschwächt zu bewahren. Ein gewaltsamer Durchbruch hätte gelingen können, aber jedenfalls große Verluste erfordert. Waren die fechtenden Truppen glücklich durch die preußische Linie hindurch gekommen, so fragte es sich doch, ob der Troß und der Munitionspark würden folgen können? Dazu war nur geringe Aussicht vorhanden. Ohne sie aber wäre die Armee nicht bewegungsfähig gewesen, und es hätte ihr nach ein oder zwei Gefechten und Schlachten schon an Schießbedarf gemangelt. Dies entschied jedenfalls die Wahl des Umweges längs der Festungsreihe der Nordgrenze. Aber auch er bot keine Sicherheit. Man hatte die Erfahrung gemacht, daß die Preußen schneller marschierten, der Weg konnte dem Marschall verlegt und er nach unglücklichem Kampfe auf neutrales Gebiet gedrängt werden. Wo Mac Mahon sich im Augenblick befand, und bis wohin er ihm entgegenkommen würde, war unbekannt, das ganze Unternehmen also ein großes Wagnis, bei dem die stärkste Armee Frankreichs leicht zugrunde gehen konnte. Blieb er jedoch mit seiner Heeresmacht unter den Mauern von Metz, so war es möglich, sie bis auf weiteres ungeschwächt zu erhalten, und ihm war an ihrer Spitze eine große Rolle gesichert. Kam es zu Verhandlungen und vielleicht zu einem nahen Friedensschluß, an den man, da sich Frankreichs Schwäche offenbart hatte, wohl denken konnte, so mußte man sich auf deutscher Seite natürlich fragen: „Wo ist in Frankreich die Macht, mit welcher nach Zusammensturz des Kaiserreichs verhandelt werden kann, und welche in ihrer Stärke die Bürgschaft dafür leistet, daß übernommene Verpflichtungen auch gehalten werden?" Diese Macht konnte nur Bazaine mit seinem Heere sein. Solche Gestalt mögen seine Überlegungen angenommen haben, und man konnte ihnen die Logik nicht absprechen. Daß den Marschall daneben eigensüchtige und ehrgeizige, persönliche Pläne beherrschten, und er im Falle des Gelingens anders als im Interesse Frankreichs gehandelt haben würde, „ist weder bewiesen, noch vorauszusetzen." Bazaines erstes Ausrücken aus Mep 463 „Wenn man ihn aber nachmals des Verrats beschuldigte, so geschah dieses wohl, weil die nationale Eitelkeit der Franzosen durchaus eines .Verräters" bedarf, um erklärlich zu machen, daß sie unterliegen konnten." Im preußischen Hauptquartier vor Metz hielt man die französischen Pläne nur für aufgeschoben, nicht für aufgehoben. Mac Mahons Annäherung war bekannt geworden und der Befehl eingetroffen, das 2. und 3. Korps auf Damvillers abrücken zu lassen, um ihm an der Maas den Weg zu verlegen. Dadurch wurde im Augenblick die Einschließungsarmee vor Metz schwächer an Zahl als die Eingeschlossenen in Metz. Die nächsten Tage schienen eine große Gefahr zn bergen, denn es wurde angenommen, daß die beiden französischen Feldherren mehr voneinander und von ihren Absichten wüßten, als es tatsächlich der Fall war. Die Schlacht von Noisseville am 31^. August und ^. September ^870 (S. Skizze 48) Am 31. August meldeten die preußischen Vorposten neue Bewegungen bei den Franzosen, die ganz ähnlich verliefen wie am 26. Wieder zogen sie vom linken nach dem rechten Moselufer hinüber. Bazaine hatte den Aufmarsch auf der Nordwestseite der Festung zwischen der großen Straße nach Saarbrücken und der Mosel befohlen. Dort sammelten sich, vom rechten Flügel gezählt, das 3., 4. und 6. Korps in erster Linie. Das 2. und die Garde stellten sich dahinter auf. Nur eine Division wurde südöstlich gegen Mercy-le-Haut vorgeschoben. Die Artillerie und Kavalleriereserven folgten, der Troß wartete auf der Moselinsel Chambiere. Wieder stand um die Mittagszeit das Heer auf engem Raume vereint. Diesmal sollte es nicht bloß zum Geplänkel, wie 5 Tage vorher, sondern zum ernsten Kampfe kommen. Gegenüber standen in dem 12 1cm langen Teile der Einschließungslinie von Malroy bis zur hochgelegenen Brasserie von Noisseville zunächst nur die 3. Reservedivision und 3 Brigaden des 1. Armeekorps, also verhältnismäßig recht geringe Kräfte. Schon früh um 7 Uhr waren auf dem linken Flügel dieser Linie die preußischen Vorposten von den Franzosen zurückgedrängt worden, es wurde indessen bald erkannt, daß es sich dabei nur um die Absicht einer Täuschung handle, und demgemäß der wirkliche Durchbruchsversuch gegen Norden hin erwartet. Dann wurden auch die aufmarschierten Truppen bei Fort St. Julien gesichtet. Vom Talrande des linken Moselufers hatten die preußischen Beobachter einen guten Einblick in alles, was auf der gegenüberliegenden Seite geschah. 464 VIII. Der Krieg von 1870/71 Prinz Friedrich Karl zweifelte nicht, daß es sich um einen ernsten Aussall handelte. Von der Schlacht bei Beaumont erhielt er Kenntnis. Sein ^. F/f/'^s 4S vis Sclilsclit MoiLSsville sm ZI.Hugust u. I.ZsptsmbLs'1870. »t»l)kutsc^>s 1s/7?^/>?-/s^/s/»»s ^>fnsn?0SSNj5t^«»a»«. ^^^^MÄ^'«--'"-'^"^ /-ssosa » _ . » o.'. ' ° ^ Lour'LsIIss^ Entschluß war es, dem General v. Manteuffel die Ehre des Oberbefehls auf dem Schlachtfelde zu überlassen und sich selbst die Heranführung der Verstärkungen gegen die Flanke des vorbrechenden Feindes, je nach dessen Rollenverteilung in der deutschen Führung 465 Fortschritten, vorzubehalten. In dieser Absicht eilte er nach dem hoch über dem Moseltal gelegenen Vorsprung Horimont bei Bronvaux, der einen vortrefflichen Ausblick gewährte und eine Beobachtungsstation besaß (vergl. Skizze 53). Die Rollenverteilung war durchaus zweckmäßig. Selten ist wohl eine Schlacht so sicher und regelrecht geleitet worden wie die nun beginnende. Zunächst wurde von dem oberhalb Metz stehenden 7. Korps die 28. Jn- fanteriebrigade nach Courcelles an der Nied, also näher an die bedrohte Front herangeschoben, dann, wie am 26., alles auf der Nordseite an Truppen verfügbare vom linken nach dem rechten Ufer hinüber gesendet. Das 3. Korps und die 1. Kavalleriedivision, die noch gegen die Maas gewendet bei Briey standen, erhielten Befehl, sich der Einschließungsarmee zu nähern, das 2. Korps, sich zu gleichem Zweck bereitzuhalten. Der französische Aufmarsch hatte sich, trotzdem 3 Schiffbrücken ihn erleichterten, nicht nach Wunsch vollzogen. Große Verspätungen, Stauungen der marschierenden Truppen fanden statt; die letzten trafen erst abends bei voller Dunkelheit auf ihren Sammelplätzen ein. So war es Nachmittag 4 Uhr geworden, bevor eine heftige Kanonade gegen das 1. Armeekorps den Kampf einleitete. Dieses Korps entwickelte sich vorwärts der Linie von Failly und Servigny. Wenn die Franzosen gegen Norden durchbrechen wollten, so mußten sie sich erst gegen Osten und Nordosten hin Raum und Armfreiheit verschaffen. Marschall Bazaine ordnete daher an, daß das 2. und 3. Armeekorps unter dem einheitlichen Befehl Leboeufs zu beiden Seiten des Tales von St. Barbe vorgehen und die preußische Stellung auf dem linken Flügel bei Servigny umfassen sollten. Das 4. Korps erhielt Befehl, sie in der Front anzugreifen, das 6. gegen die Stellungen der Reservedivision Charly—-Malroy vorzugehen. Diese beiden Korps führte Marschall Canrobert. Die Kaisergarde blieb als Rückhalt bei St. Julien stehen. General v. Manteuffel mußte den Kampf zunächst gegen große Überlegenheit allein aufnehmen. Die von ihm gewählte Verteidigungslinie vorwärts von Failly und Servigny erwies sich jedoch als außerordentlich günstig. Zumal vermochten die 10 dort auffahrenden Batterien das Gelände gegen die Festung hin vollkommen zu beherrschen. „Ihre mächtige Feuerwirkung zeigte sich der des Gegners so überlegen, daß die feindlichen Batterien bald zum Schweigen gebracht wurden." Damit kam der frontale Angriff zum Stehen. Das 6. französische Korps, das gegen Norden den Durchbruch einleiten sollte, wartete auf den Erfolg des Angriffs gegen St. Barbe. Es beteiligte sich am Kampfe erst abends, und zwar durch einen heftigen Vorstoß von Villers l'Orme aus Frhr. v. d. Eoltz, Kriegsgeschichte II 30 466 VIII. Der Krieg von 1870/71 in der Richtung auf Failly. Auch dieser wurde abgewiesen. „Von zwei Seiten angegriffen und mit Projektilen überschüttet, behaupteten die Ostpreußen zum Teil im Handgemenge den Besitz des Ortes." Ihnen kam eine der Landwehrbrigaden der 3. Reservedivision zu Hilfe, welche durch die auf das rechte Ufer hinübergeschobene hessische Division frei gemacht worden war. Günstiger als hier gestaltete sich der Kampf für die Franzosen auf dem linken preußischen Flügel, wo nur die 3. Brigade den beiden französischen Korps entgegenzutreten vermochte. Zunächst wurde von ihnen die Brasserie von Noisseville nach heftiger Gegenwehr erobert, dann auch die Räumung des Dorfes erzwungen. Weiter nach Süden hin besetzten die Franzosen die dort gelegenen Ortschaften und warfen die Vorposten der isoliert stehenden 4. Brigade zurück. Servigny dagegen wurde hartnäckig behauptet. Die Verteidiger hielten in ihrer Hauptstellung unerschrocken aus, obgleich sie in der linken Flanke völlig umfaßt waren. Verschiedene Angriffe wurden zurückgeschlagen. Einmal ging freilich der Kirchhof vorwärts von Servigny verloren, wurde aber unter Hurra und Trommelschlag wieder genommen. Das riß auch die zurückgegangene 3. Brigade wieder vorwärts, die am Abend in voller Dunkelheit Noisseville nochmals besetzte, freilich ohne sich schon dauernd gegen die Übermacht behaupten zu können. Spät verstummte das Gefecht auf allen Punkten, und man begann sich zur Nachtruhe einzurichten, als in voller Dunkelheit starke französische Massen überraschend noch einmal in Servigny einbrachen. Die französische Division Aymard war, ohne einen Schuß zu tun, bis in das Dorf gelangt und hatte sich im heftigen Handgemenge auf die überraschte Besatzung geworfen. Eine Zeitlang blieb der Vorgang bei den Nachbarabteilungen unbemerkt; dann griffen diese schnell zu den Waffen, und, von allen Seiten herankommend, trieben sie den Gegner wieder bis über den Kirchhof zurück, der von nun an dauernd besetzt blieb. Um 10 Uhr abends war es dann endgültig still. Das 1. Armeekorps hatte seine Hauptstellung Failly—Servigny siegreich behauptet, nur weiter südlich waren die Franzosen erfolgreich vorgedrungen und bedrohten noch immer die linke Flanke. Ein Nachtmarsch versetzte mittlerweile auch die 18. Division, auf des Prinzen Friedrich Karl Befehl, nach dem rechten Moselufer, so daß nunmehr das ganze 9. Armeekorps zur Unterstützung der Verteidiger dort verfügbar war. 5- -I- 5 Kämpfe um Servigny und Noisseville 467 Am 1. September früh standen alle Kämpfer wieder unter den Waffen. Ein dichter Morgennebel bedeckte das Gelände. Marschall Bazaine befahl erneut die Wegnahme von St. Barbe; ohne diese war der Durchbruch und Abmarsch nach Norden allerdings unmöglich. Aber sein Wille scheint nicht mehr besonders fest gewesen zu sein, denn er fügte dem Befehle hinzu: „Anderenfalls werden wir die eigene Stellung behaupten." Damit kann nur die Rückkehr unter den Schutz der Forts von Metz gemeint sein. Um dem weiteren Vorgehen der Franzosen in der linken Flanke der Hauptstellung Manteuffels Halt zu gebieten, entwickelte sich am frühen Morgen die 3. Brigade an der Straße nach Saarlouis. Die 2. Brigade griff von Serviguy her ein. Zunächst wurde Noisseville von ihr angegriffen und genommen, aber wieder verloren. Als die 3. Brigade herankam, war dies schon geschehen. Bei Montoy und Flanville tauchten starke französische Kräfte auf. Unter diesen Umständen nahm sie von der Wiedereroberung von Noisseville zunächst Abstand und verblieb abwartend bei Retonfay. Inzwischen erschien von Courcelles her die tags zuvor dort eingetroffene 28. Brigade vom 7. Korps auf dem Gefechtsfelde. Vor einem von ihr äußerst geschickt eingeleiteten Angriff gegen Flanville wich der französische rechte Flügel zurück. Es gelang, 114 preußische Geschütze von den benachbarten Truppen zusammenzubringen, die ihn von nun ab bis zum Ende in Schach hielten. Marschall Leboeuf, der dort befehligte, glaubte sogar, trotzdem er noch über 2 frische Divisionen verfügte, schon am Vormittag den Rückzug antreten zu müssen und erstattete seine Meldung darüber an Bazaine. Nunmehr ging die 3. preußische Brigade erneut vor und eroberte Noisseville schnell zurück. Auf der nördlichen Angriffsfront, wo Canrobert auf den Erfolg des rechten Flügels wartete, kam es zu verhältnismäßig lebhafter Kanonade und neuen, aber weniger lebhaften Angriffen auf Failly, die von der frisch eingetroffenen 18. Division abgewiesen wurden. Dann wichen auch hier die Franzosen zurück, und Leboeufs Meldung tat das übrige. Marschall Bazaine gab den Befehl zum Abbrechen des Gefechtes auf allen Punkten der Schlachtlinie. Zum ersten Male waren in dieser Schlacht die Franzosen die Angreifer, die Preußen die Verteidiger gewesen. Trotzdem war der preußische Verlust fast ebenso groß wie der französische. Er betrug 128 Offiziere, 2850 Mann, während der der Franzosen sich auf 3397 Tote und Verwundete belief. Dieses merkwürdige Verhältnis erklärt sich leicht aus der Überlegenheit des französischen Jnfanteriegewehrs, aber auch die Minderzahl der Verteidiger kommt darin zur Geltung. Nur durch kühnen Gegen- 30* 468 VIII. Der Krieg von 1870/71 angriff hatten sie am ersten Tage vermocht, mit 36 000 Mann einein Feinde gegenüber standzuhalten, der ihnen 137 000 Mann, also mehr wie das dreifache auf dem Schlachtfelde gegenüberstellte. Entscheidend hatte die preußische Artillerie mitgewirkt. Sie war es hauptsächlich gewesen, die den zähen Widerstand des General v. Manteuffel möglich machte. Am Nachmittag begann der Rückzug der Franzosen unter die Kanonen des Platzes. „An demselben Tage und zur selben Stunde, wo sich die Vernichtung des einen französischen Heeres bei Sedan vollzog, kehrte das andere in nunmehr ziemlich hoffnungslose Gefaugenhaltung nach Metz zurück. Entschieden war ohne Zweifel schon jetzt nach zweimonatlicher Dauer der Feldzug, wenn zwar keineswegs beendet." — So äußert sich Moltke über das Ende der Schlacht von Noisseville. Dem französischen Angriff hatte das Gepräge vollen Ernstes gefehlt. Eine verzweifelte Anstrengung zur Selbstbefreiung war weder von Führern, noch von Soldaten gemacht worden. Den günstigen Augenblick, ihr Schicksal zu wenden, hatten sie damit versäumt. Die Zweifel, die Bazaines Seele beherrschten, spiegeln sich im Verhalten seiner Truppen wieder. Immerhin hatte sich die größere Gefahr eines Durchbruchs der Franzosen am rechten Moselufer kundgegeben, und Prinz Friedrich Karl verlegte dauernd das ganze 7. Armeekorps dorthin. Auch rückte auf derselben Seite das ueugebildete 13. deutsche Armeekorps unter dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin heran. Das 2. und 3. Korps trasen wieder bei der Einschließungsarmee ein. Das Schicksal der Armee Bazaines war besiegelt. Die kriegerischen Ereignisse zur See (S. Skizze 49) Zur See war Frankreich Deutschland weit überlegen. Seine Flotte zählte allein an Panzerschiffen 13 Fregatten, 9 Korvetten, 7 Küstenfahrzeuge, 17 schwimmende Batterien. Diese ermangelten freilich der nötigen Seefähigkeit für die Ost- und Nordsee. Die nichtgepanzerte Flotte zählte 24 Fregatten, 19 Korvetten und 15 Avisos. Ein Teil davon war allerdings veraltet und für einen ernsten Kampf nicht mehr zu rechnen. Die Transportflotte bestand aus nahezu 100 größeren Dampfern. An Marinetruppen befanden sich im Mutterlande rund 10 000 Mann mit 120 Geschützen. Das Ganze bildete eine recht ansehnliche Macht, der Deutschland nichts Ähnliches entgegenzustellen hatte. Indessen ließ ihre Bereitschaft viel zu wünschen übrig. Dieser Umstand wog um so schwerer, als Landungsexpeditionen gerade zu Beginn eines Die beiderseitigen Seestreitkräste 469 Krieges die meiste Aussicht auf Erfolg haben. War in Deutschland die Mobilmachung einmal vollendet, so blieben, auch nach dem Abrücken der Feldarmee an die Grenze, noch Truppen genug im Lande, um Angriffe auf die Küsten zurückzuweisen. Nur wenn eine befreundete und Deutschland benachbarte Macht, hier also am ehesten Dänemark, die Landung unterstützte, konnte auch später wohl noch etwas erreicht werden. Anfangs bestand denn auch in Frankreich der Plan, aus den Marinetruppen 2 Brigaden mit 8 Batterien, 2 Kavallerieregimentern zu bilden, und sie unter dem Schutze der Flotte an den deutschen Gestaden zu landen, um von dort aus die Kriegsvorbereitungen im Innern zu stören. Aber schon nach den Schlachten von Wörth und Spicheren wurden alle solche Absichten aufgegeben und die Marinetruppen zur Verstärkung der Feldarmee herangezogen. Der günstige Augenblick war damit ungenützt verstrichen. Alles, was der Norddeutsche Bund an modernen gepanzerten Kriegsfahrzeugen besaß, waren die 3 Panzerfregatten „König Wilhelm", „Kronprinz" und „Friedrich Karl" sowie zwei kleinere Schiffe „Arminius" und „Prinz Adalbert". Die nichtgepanzerte Flotte setzte sich aus einem Linien- schulschiff, 5 gedeckten und 4 Glattdeckkorvetten, 3 Avisos und 8 Kanonenbooten I., 14 II. Klasse zusammen. Bei dem überraschenden Kriegsausbruch waren indes auch diese wenig zahlreichen Fahrzeuge nicht sämtlich verfügbar. 3 Korvetten kreuzten im Auslande, 4 andere lagen im Dock, und an Marineinfanterie war nur ein Seebataillon vorhanden, dem sich ein Reservebataillon zugesellte. Unter diesen Umständen konnte Deutschland nicht daran denken, dem Gegner auf offner See entgegenzugehen. Von Hause aus mußte es sich darauf beschränken, die eigenen Küsten und Seehäfen zu schützen. Es glückte, die Panzerflotte, die gerade an der englischen Küste übte, noch rechtzeitig zurückzurufen. Am 16. Juli lag sie in der Jade; doch hatten „König Wilhelm" und „Friedrich Karl" durch Beschädigungen an Geschwindigkeit eingebüßt. Andere Kriegsfahrzeuge wurden aus der Ostsee nach der Nordsee herangezogen und dort 4 Panzer und 8 Kanonenboote zu einem jederzeit zum Auslaufen bereiten Geschwader im Jadebusen vereint. Bei Cux- haven lag außerdem der Panzer „Prinz Adalbert" nebst 4 Kanonenbooten und einigen Torpedobooten, um durch Kreuzfahrten vor der Elbmündung den Feind zu beobachten und im gegebenen Augenblick mit dem Jadegeschwader gemeinsam zu handeln. 2 schnelle Handelsdampfer besorgten die Aufklärung in größerer Entfernung. Das Ganze kommandierte Vizeadmiral Jachmann. Die Küstenbefestigungen waren beim Ausbruch des 470 VIII. Der Krieg von 1870/71 Krieges noch sehr unbedeutend, Verstärkungsarbeiten wurden auf das schleunigste begonnen. Die Werke von Wilhelms- haven befanden sich noch im Bau und mußten befehlsmäßig auf das schnellste vollendet werden. Sie erhielten an Ausrüstung 30 schwere Geschütze und auf der Landseite eine Sicherung durch Schanzen mit Feldgeschützen. Die innere Jade schützte man hinter dem Ankerplatz der Flotte durch Seeminen und eine Tausperre. Kanonenboote versahen den Vorpostendienst im Wangerooger Fahrwasser. Einer feindlichen Flotte, die es versuchen sollte, in die Jade einzudringen, wollte man mit dem Hauptgeschwader geradeswegs entgegengehen, einer solchen, die in die Elb- oder Wesermündung einzulaufen drohte, in die Flanke fallen. Vorstöße gegen die feindlichen Blockadegeschwader waren gleichfalls beabsichtigt. Auch bei Cuxhaven wurden die begonnenen Befestigungen vervollständigt und mit 20 Geschützen mittelschweren Kalibers ausgerüstet. Bei Grauerort an der Elbe hielt man Handelsschiffe bereit, um sie nötigenfalls in dem schmalen, gewundenen Fahrwasser zu versenken und so ein Eindringen unmöglich zu machen. Die deutsche Küstenverteidigung 471 In der Ostsee erhielt Kontreadmiral Heldt den Oberbefehl. Sonderburg und DüPpel bildeten damals einen beachtenswerten Waffenplatz mit 50 schweren Geschützen. Sie hatten einen Angriff von der See her nicht zu befürchten. Bei Kiel wurden die noch im Bau begriffenen, am Hafeneingang gelegenen 3 größeren Werke in Eile vervollständigt und mit 56 schweren Geschützen versehen. 4 hintereinanderliegende Sperren und eine Minenreihe schlössen die Einfahrt. Dahinter lag das alte Schulschiff Nenown, sowie die Korvette Elisabeth, 3 Kommandoboote und 1 Aviso. Ein Handelsdampfer erkundete täglich bis nach Langeland und Fehmarn hin. Travemünde und Wismar wurden durch Schanzen geschützt. Stralsund, Swinemünde, Kolberg, Neufahrwasser, Pillau und Memel waren im Verteidigungszustande. Bei Neufahrwasser lag die schnelle Glattdeckkorvette „Nymphe" und in den Rügenschen Gewässern die „Grille" nebst 3 anderen Kanonenbooten. Diese Flottille beobachtete den Sund. Landwehr- und Ersatztruppen hielten die Küstenplätze besetzt. In Kiel standen die Seebataillone. An beiden Küsten wurden Signalstationen eingerichtet, Seezeichen und Landmarken, bis auf die für die heimische Schiffahrt notwendigsten, entfernt. Um die Mitte des Monats August konnte die Küste als gesichert gegen Handstreiche angesehen werden. Zur Zurückweisung von größeren Landungen standen anfänglich die 17. Infanteriedivision bei Hamburg, eine Besatzung von 10 000 Mann in Sonderburg, die 2. Landwehrdivision bei Bremen und die Gardelandwehrdivision an der Eisenbahn von Celle nach Ülzen. Die 1. Landwehrdivision hielt sich bei Wismar und Lübeck bereit. Außerdem verfügte der Generalgouverneur der Küstenlande, General Vogel v. Falckenstein, der uns vom Mainfeldzuge her bekannt ist, über nicht weniger als 90 000 Mann an Besatzung und Ersatztruppen. Es ist klar, daß von dem Augenblick an, wo diese Truppen sämtlich bereit waren, jeder Versuch des Feindes, von der Küste aus vorzudringen, sein Bedrohliches verloren hatte. Aber der Mangel an Kenntnis der näheren Umstände und die Erinnerung an den Krimkrieg, wo von den Verbündeten ganze Armeen zu Landungszwecken herangezogen wurden, machte die öffentliche Meinung doch in den ersten Kriegstagen in hohem Grade besorgt. Man war sich bewußt, daß die deutschen Kriegsmittel zur See einer fremden Großmacht unmöglich gewachsen sein konnten, und überschätzte die Stärke Frankreichs bedeutend. — Erst als der Aufmarsch der deutscheu Heere an der französischen Grenze schon im Gange war, verließ eine französische Flotte von 7 Panzerschiffen und einem Aviso unter dem Admiral Grafen Bouet Willaumez den 472 VIII. Der Krieg von 1870/71 Hafen von Cherbourg, um die Nordseeküste zu blockieren und nach dem Eintreffen von 7 weiteren Kriegsschiffen ein 2. Geschwader in die Ostsee zu entsenden, wohin auch die Transportflotte mit den Landungstruppen folgen sollte. Admiral Bouvt hoffte, die deutschen Panzer noch an der englischen Küste zu finden und mit Übermacht angreifen zu können. Vergeblich suchte er sie und traf unverrichteter Sache den 28. Juli am Kap Skagen ein, wo ihm der französische Gesandte am dänischen Hofe Lvvtsen mit der Aufforderung zusandte, sofort in die Ostsee einzulaufen, da Dänemark nur darauf warte, daß die Franzosen den Fuß an die deutsche Küste setzten, um deu Krieg zu beginnen. Er zauderte jedoch, Folge zu leisten. Landungstruppen führte er noch nicht mit sich. Von Paris hatte er die Weisung erhalten, Dänemarks Neutralität zu achten. So erbat er denn neue Befehle und ging am 30. Juli bei Kopenhagen vor Anker. Erst am 5. August lief er, vou dänischen Handelsschiffen geführt, durch den großen Belt in die Ostsee ein und erkundete die Küste zwischen Kiel und Kolberg. Dann ging er am 9. August in der Kjögebucht, die er zu seinem Hauptstützpunkte machte, vor Auker. Hier erfuhr er alsbald, daß der Gedanke an eine Landung aufgegeben sei und er sich auf die Blockade der Ostseehäfen sowie Angriffe auf die Küstenplätze zu beschränken habe. Durch 3 Avisos verstärkt teilte er seine Flotte für diese Aufgabe in 2 Geschwader, von denen das eine östlich, das andere westlich von Rügen tätig sein sollte. Ein Kriegsrat hatte zuvor beschlossen, von Angriffen auf die Küstenplätze Abstand zu nehmen, so daß nur die Blockade übrig blieb, die bis zum 15. August in ganzer Ausdehnung erklärt war. Kecke Erkundungsfahrten der schwachen deutschen Seestreitkräfte führten am 18. August bei Hiddensöe und am 21. vor Neufahrwasser zu kleinen Seegefechten. Als hier am Abend des 26. 3 französische Panzerfregatten vor Anker gingen, lief in der Nacht die „Nymphe" aus, umkreiste sie und gab zwei Breitseiten auf sie ab. Von nun an erschienen die Franzosen in diesen Gewässern nicht mehr, unternahmen auch sonst nichts von Bedeutung, obwohl die ursprüngliche Absicht, die Küstenstädte zu schonen, fallen gelassen wurde. Ungünstige Witterungsverhältnisse wirkten zu dieser Passivität mit, die dahin führte, daß die in der Kjögebucht liegende französische Flotte sogar durch deutsche Erkundungsschiffe beunruhigt wurde. — Für die Nordsee begann Frankreich erst im August eine 2. Flotte unter Admiral Fourichon auszurüsten. Admiral Jachmann machte vom ö. bis Eine Landung wird aufgegeben. Kleine Seegefechte 473 7. August einen Vorstoß bis zur Doggerbank, jedoch ohne den Feind zu finden. Erst am 11. August erschienen 8 französische Panzer und 4 Avisos bei Helgoland, um die Blockade der Nordseeküste zu erklären. Dort blieb diese Flotte liegen, kreuzte aber des Nachts der eigenen Sicherheit halber. Deutsche Vorpostenschiffe erschienen vor den Flußmündungen. „Arminius" trieb mehrfach den Feind zurück, ohne sich in einen Kampf einzulassen. Ernsthaftes fiel nicht vor, und um Mitte August schou war man in Deutschland so weit beruhigt und seiner Sache sicher, daß die zum Küstenschutz aufgestellten mobilen Divisionen nach dem Kriegsschauplatz in Frankreich herangezogen werden konnten. Schlesische Landwehr trat in der Heimat an ihre Stelle. 2. Gegen die Republik Regierungswechsel in Frankreich Am Nachmittag des 3. September traf die Kunde der Katastrophe von Sedan in Paris ein. Die Kaiserin beschied gegen 6 Uhr abends die Minister zu einer Sitzung. Die dort beschlossene Proklamation war erst gegen Mitternacht gedruckt, so daß in der Nacht nichts mehr geschah. Am 4. aber verbreitete sich die Nachricht von dem Vorgefallenen bereits allgemein und rief eine furchtbare Erregung hervor. Der gesetzgebende Körper, der sich nach 1 Uhr nachmittags versammelte, proklamierte nach tumul- tuarischen Szenen am Ende die Republik. Eine neue Negierung, welche sich die der nationalen Verteidigung nannte, trat zusammen. Sie konnte natürlich nicht anders, als den Widerstand bis aufs äußerste versprechen, und mußte sofort mit neuen militärischen Rüstungen beginnen. Ihre Seele waren bald der Kriegsminister Gambetta, bis dahin ein Pariser Advokat, und General Trochu. Die bisherigen Gewalthaber wagten keinen Widerstand, obgleich die Truppen in den Kasernen konsigniert waren und anscheinend treu blieben. Die Kaiserin-Regentin verließ heimlich das Land, um Blutvergießen im Inneren zu vermeiden. Ohne Kampf vollzog sich der Sturz der ehedem so starken kaiserlichen Gewalt, vor der eine Zeitlang ganz Europa gebangt hatte. Die Republik machte eine bessere Erbschaft, als es nach dem Verschwinden der kaiserlichen Armee aus dem freien Felde den Anschein hatte. Dank der von Marschall Niel vor 2 Jahren begonnenen Reorganisation der Armee, die nur durch den Tod dieses begabten Kriegsministers unterbrochen worden war, fand man mehr Mittel der Verteidigung vor, als man selbst vermutete. 474 VIII. Der Krieg von 1870/71 Noch stand das neugebildete 13. Armeekorps unter General Vinoy zur Verfügung; in Paris war die Bildung des 14. Armeekorps begonnen. Sodann waren 463 000 Mann der Teritorialmiliz und Mobilgarde verfügbar, ebenso das gerade ausgehobene Rekrutenkontingent von 100000 Mann und endlich noch die Nationalgarde. Auch an Waffen fehlte es nicht. Der Vorrat daran belief sich auf 2000 Geschütze und 400000 dem deutschen überlegene Gewehre. Zudem stellte das neutrale England seine Waffenfabriken Frankreich bereitwillig zu Gebot. Mehr war für einen energischen Willen nicht zu verlangen, um schnell ein neues Heer zu schaffen, und dieser Wille sollte sich finden. Der neue Kriegsminister, obwohl nicht Militär von Fach, entwickelte bald eine fieberhafte Tätigkeit. Seine rechte Hand war dabei der Kriegsdelegierte de Freycinet, ein begabter Ingenieur, der die Rolle des Chef des Generalstabes übernahm. „Mit seltner Tatkraft und unerschütterlicher Beharrlichkeit wußte Gambetta die ganze Bevölkerung des Landes zu bewaffnen, er verlängerte den Kampf in unerwarteter Weise; und wenn es ihm auch nicht gelang, das Schicksal Frankreichs zu dessen Gunsten zu wenden, so stellte er durch seinen Widerstand der deutschen Heeresleitung doch noch unerwartet große Aufgaben." Der Vormarsch der Deutschen auf Paris (Vgl. Skizze 4S, S. 446 u. Skizze 50) Trotz den großen Siegen war die Lage der deutschen Heere, wie man sie jetzt übersieht, im Augenblick keine leichte. Die eine Hälfte stand vor Metz und Straßburg einstweilen fest, nur die andere blieb für die Fortführung der Kämpfe im freien Felde verfügbar. Aber es waren auch an 200 000 Gefangene abzuführen oder in der Heimat zu bewachen, zahlreiche kleinere Festungen einzuschließen, die rückwärtigen Verbindungen der vordringenden Heere sicherzustellen. Nur etwa 150 000 Mann konnten sich gegen Paris in Bewegung setzen. Sie hatten große Anstrengungen und starke Verluste, namentlich an Offizieren, hinter sich und bedurften jetzt einiger Schonung, wenn sie nicht aufgerieben werden sollten. Der Marsch wurde daher in großer Breite ausgeführt, um ihnen gute Unterkunft und Ernährung zu gewähren. Am 2. September abends waren alle Anordnungen für den Abmarsch getroffen. Das 1. bayerische und das 11. Armeekorps blieben vorläufig zur Gefangenenbewachung und Begleitung zurück. Die übrigen zogen sich am 3. September weiter auseinander und begannen am 4. die Bewegung. Die allgemeine Richtung führte zunächst auf Rethel. Dabei kam das fran- Entkommen des 13. französischen Korps 475 zösische 13. Korps unter General Vinoy in Betracht. Sehr richtig entschloß sich dieser, Paris so schnell wie möglich zu erreichen. Ein Teil seiner Truppen war bereits von ihm angehalten worden oder mit Hilfe der Eisenbahn nach Soissons umgekehrt. Bei Mezieres stand nur noch die Division Blanchard, die nun mittels Fußmarsches an den Deutschen vorübcr- kommen mußte. Der direkte Weg war ihr bereits durch das 6. preußische Korps und starke Kavallerie verlegt; nur schnellstes Handeln konnte sie retten. Vinoy ließ die Truppen mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen, ordnete strengste Marschzucht an und begann den Rückzug noch in der Nacht nach der Schlacht. Am anderen Morgen 10 Uhr, etwa 10 lim vor Rethel, erfuhr er, daß diese Stadt schon in deutscher Hand sei. Nunmehr bog er, seine Nachhut noch eine Zeitlang zurücklassend, westlich nach Novion-Porcien aus, wo er nachmittags 4 Uhr eintraf und ein Lager bezog. Bei Rethel hatte ihn die 12. Infanteriedivision erwartet. Als sie seinen Rechtsabmarsch entdeckte, marschierte auch sie westlich, ab und kam abends bis Ecly und ClMeau-Porcien. Die Nachricht hiervon veranlaßte die Franzosen zu einem zweiten anstrengenden Nachtmarsch bei strömendem Regen, tiefer Dunkelheit und grundlosen Straßen, wiederum in westlicher Richtung nach Chaumont-Porcien und dann südlich nach Seraincourt. Auch hier von den Preußen aufgescheucht, wendeten sie sich abermals nach Westen und erreichten auf großen Umwegen über Montcornet am 13. September die Hauptstadt; doch läßt sich leicht ermessen, in welchem Zustande es geschah. Dennoch war ihr Entkommen eine bedeutende Leistung. Freilich ist sie ihnen dadurch erleichtert worden, daß das 6. preußische Korps gerade im entscheidenden Augenblick durch die falsche Nachricht von der Anwesenheit starker französischer Streitkräfte bei Reims dorthin abberufen worden war. So hatte es ihre Spur verloren. Einmal waren Preußen und Franzosen in entgegengesetzten parallelen Richtungen auf nur eine Meile Entfernung aneinander vorübermarschiert, ohne sich zu finden. — Am 4. September wurde Reims von den Deutschen besetzt; am Tage darauf nahm der König dort sein Hauptquartier. Als neue Erscheinung stellte sich die feindselige Haltung der Bevölkerung und das Franctireur- unwesen ein. In der kleinen Bergfeste Laon, uns bekannt von der Schlacht am 9. und 10. März 1814 her, die jetzt ohne Widerstand der 6. Kavalleriedivision ihre Tore öffnete, wurde von französischer Hand nach dem Einzug der Gegner die Zitadelle in die Luft gesprengt. 15 Offiziere, 99 Mann an Toten und Verwundeten waren die deutschen Opfer dieses Anschlags. Von den Franzosen kamen 300 Mann um. Kleine Abteilungen Linientruppen 476 VIII. Der Krieg von 1870/71 waren schon zuvor von der preußischen Kavallerie überrascht nnd gefangen genommen, Mobilgarden entwaffnet und entlassen Morden. 2S Geschütze wurden erbeutet. Ohne weitere Störungen ging der Marsch vorwärts. Am 16. September langte die Maasarmee bei Nanteuil, nordöstlich (vergl. Skizze 6») die 3. Armee zwischen Meaux und Brie-Compte-Robert auf der Ostseite von Paris an. Alle Vorbereitungen für die Einschließung wurden getroffen und Brücken über Marne und Seine geschlagen, ein Brückenkopf bei Villeneuve St. Georges angelegt. Der König nahm sein Hauptquartier in Meaux. (S. Skizze 50.) Die Befestigungen von Paris stammten noch aus der Zeit der glatten Geschütze. Die vorgeschobenen Werke lagen der Hauptumwallung zu nahe, um die Stadt gegen eine Beschießung sichern zu können. Man hat daher später getadelt, daß die Deutschen nicht sofort zu einer Beschießung geschritten seien; aber die Heranschaffung des dazu notwendigen Geräts nnd Schießbedarfs wäre eine Riesenarbeit gewesen, zu deren Bewältigung die Mittel fehlten. Mit Feldgeschützen konnte ein erheblicher Eindruck nicht gemacht werden. Schwere Stücke in großer Zahl mußten herangeschafft werden, dazu war die freie Verfügung über die rückwärtigen Verbindungslinien notwendig. Die deutschen Heere beherrschten aber im Augenblick auf französischem Boden erst eine Eisenbahnlinie, und diese endete bei Toul. Sie war durch die Ernährung und Versorgung der Feldarmee, sowie zur Fortschaffung der Kranken und Verwundeten aufs äußerste überlastet. Wenn Toul fiel, so bildete die Sprengung des Tunnels von Nanteuil- sur-Marne, 60 kni östlich Paris, ein Hindernis, das sich erst in geraumer Zeit durch schwierige Arbeiten beseitigen ließ. An ein Bombardement war daher zunächst nicht zu denken. Ob es zum Ziel geführt hätte, mag dahingestellt bleiben. Nach den späteren Erfahrungen ist man geneigt, die Frage zu verneinen. Standen die Werke von Paris, durch König Louis Philipp erbaut, auch nicht mehr auf der Höhe der Zeit, so waren sie doch recht verteidigungsfähig und wohl ausgerüstet. Der Platz verfügte über nicht weniger als 2526 Geschütze, wovon etwa 200, der Marine entnommen, schwersten Kalibers waren. Jedes Geschütz besaß eine Ausrüstung von 500 Schuß; Pulvervorräte waren reichlich vorhanden. Zur Verteidigung standen das ganze 13. und 14. Korps, also 50000 Mann Linientruppen, bereit, außerdem 14000 besonders tüchtige Marinesoldaten und Matrosen, Gendarmen und Zollwächter, Förster, denen sich dann noch 115 000 Mobilgarden anschlössen. Die Nationalgarde stellte 130 Bataillone auf, die freilich mangelhaft be- Die Verteidigungsmittel von Paris 477 waffnet und diszipliniert waren, aber doch zur Besetzung des Hauptwalles nützlich verwendet werden konnten. An einen gewaltsamen Sturm war also nicht zu denken. Es stellte sich die merkwürdige Erscheinung ein, daß die Verteidiger doppelt so stark waren als die zur Belagerung heranrückenden Streitkräfte. Nach außenhin konnten allerdings vorerst nur etwa 60000 Mann, 5000 Reiter und 124 Feldbatterien verwendet werden. Wie es mit der Versorgung an Lebensmitteln stand, ist schwer genau festzustellen; in Paris fühlte man sich für 6 Wochen gesichert; außerhalb rechnete man zunächst auf einen weit schnelleren Fall. Die Einschließung sollte ohne Verzug erfolgen, und zwar durch die Maasarmee vom rechten Ufer der Seine unterhalb Paris bis zu dem der Marne, von der III. Armee im übrigen Umkreise. Den Truppen wurde befohlen, sich so nah wie möglich an die Werke, doch nicht in ihren Feuerbereich hinein, vorzuwagen, um die Einschließungslinie tunlichst abzukürzen. Zur Verbindung der beiden Armeen wurden die Brücken oberhalb Paris vermehrt. Unterhalb wurde sie durch die Kavallerie über Poissy bewirkt. 478 VIII. Der Krieg von 1870/71 Die gewonnenen Stellungen sollten sofort befestigt werden, um jeden Durchbruch unmöglich zu machen. Gegen Orleans und die Loire hin sollte die III. Armee aufklären und Entsatzversuche nötigenfalls nahe herankommen lassen, um sie dann mit ganzer Kraft zurückzuweisen, während schwache Abteilungen in der Einschließungslinie blieben. Am 18. September wurde der Vormarsch, unter leichten Zusammenstößen mit dem Feinde, eingeleitet und am 19. von beiden Armeen zum Abschluß gebracht. Auf der nördlichen Seite der Riesenstadt rückte das 4. Korps, ohne Widerstand durch das Geschützfeuer der vorgeschobenen kleinen Festung St. Denis zu finden, bis zur Seine unterhalb Paris vor. Das Gardekorps folgte ihm bis zur großen Straße von Paris nach Lille und stellte sich dort auf. Der vor seiner Front entlangfließende Moree- bach wurde besetzt und angestaut. Weiter östlich nahm das 12. Korps Stellung bis zur Marne hin, an deren linkem Ufer sich die württembergische Division, als der nächstbenachbarte Truppenteil der III. Armee, anschloß. Sie rückte bis Champigny vor. Nirgends kam es bei diesen Bewegungen zu ernsten Zusammenstößen. Widerstand leisteten die Franzosen nur auf der Südseite. Dort marschierte das 5. Armeekorps den anderen voran nach Versailles. Es waren aber bereits am 18. September starke französische Streitkräfte am Walde von Meudon bemerkt worden. Anscheinend wollte sich der Feind die dort vor der Festung gelegenen Höhen nicht ohne weiteres entreißen lassen. Es war das 14. Korps, verstärkt durch eine Division des 13., die jetzt, am 19. gegen die rechte Seitendeckung der anmarschierenden Preußen vorgingen und diese bei Villacoublay—Bicstre angriffen. Bald entspann sich ein lebhaftes Gefecht, in das zahlreiche Artillerie eingriff. Dem 5. preußischen Korps kam indessen schon in den Morgenstunden das nachfolgende 2. bayerische zu Hilfe, und das anfangs hin und herwogende Gefecht wurde bald durch Umfassung auf beiden Flügeln zu ungunsten der Franzosen entschieden. Am Nachmittage wichen sie in Verwirrung nach Paris zurück. Der Zustand des 14. Korps war dabei ein solcher, daß die Division des 13. der Sicherheit halber die Wälle besetzen mußte. Der Verlust der Deutschen belief sich auf 443 Tote und Verwundete, während die Franzosen 661 Mann und außerdem 300 Gefangene einbüßten. Das 5. Korps nistete sich dann in und um Versailles ein, das 2. bayerische rechts neben ihm auf der Hochfläche von Bizstre, und wiederum rechts neben diesem das 6. Korps an den Straßen nach Fontainebleau und Orleans. Hier stieß es rechts an die württembergische Division, so Die Einschließungsarmee vor Paris 479 daß jetzt der Ring um die feindliche Hauptstadt geschlossen war, — kein eiserner, der durchbrochen werden kann, sondern ein elastischer, der das Opfer festhält, auch wenn er sich vorübergehend an einer Stelle erweitert. — Überall machten sich die Truppen sofort daran, die Einschließungslinie zu befestigen, wobei die vielen Ortschaften, Schlösser und Schlößchen aller Art nützliche Dienste leisteten. Schon waren auch das 11. preußische und 1. bayerische Korps, nach Erledigung ihrer Geschäfte bei Sedan, nahc herangekommen. Sie standen, nur noch zwei Tagemärsche entfernt, bereit, sich in die Linie der Belagerer einzuschieben. Freilich ließ sich voraussehen, daß das Mittel der Einschließung längerer Zeit bedürfen würde als Bombardement und Sturm, um den Gegner zu bezwingen, aber es war dafür auch sicherer als ein Anlauf gegen die 18 Fuß hohen Mauern der Forts und die dahintergelegene Hauptumwallung. Der Fall von Toul und Straßburg am 23. und 27. September 1.370 (S. Skizze S1) Das 13. deutsche Armeekorps, das an den heimischen Küsten inzwischen verfügbar geworden und dem Heere nachgerückt war, haben wir bereits bei Metz erscheinen sehen. Es marschierte jedoch von dort aus alsbald weiter ins Land hinein und teilte sich derart, daß die 2. Landwehrdivision die Sicherung der rückwärtigen Verbindungen der Armee vor Paris, sowie die Belagerung von Soissons übernahm, während die 17. Division Toul belagern und ClMons besetzen sollte. Vor dem Fall von Toul war an eine Belagerung der Hauptstadt überhaupt nicht zu denken, weil dazu erst der Geschützpark aus Deutschland herangezogen werden mußte. Es wurde also wichtig, die Festung möglichst schnell zu nehmen. Der auf der Nordseite gelegene beherrschende Mont St. Michel bot dazu die beste Gelegenheit. In der Nacht zum 23. September wurden dort die Batterien aufgestellt, und in der Frühe aus 62 Geschützen das Bombardement gegen den kleinen enggebauten Platz begonnen. Nachmittag gegen 2^/2 Uhr wehte die weiße Fahne auf seinen Wällen. 109 Offiziere, 2240 Mann gingen unter den Bedingungen von Sedan in die Gefangenschaft, 71 schwere Geschütze wurden erbeutet und leisteten gute Dienste bei weiteren Beschießungen. Schwieriger und langwieriger gestaltete sich der Kampf um Straßburg, das noch immer als eine der stärksten Festungen des Abendlandes angesehen werden konnte, wenngleich es außer dem, am rechten Rheinufer gelegenen, Brückenkopf von Kehl kein weiter vorgeschobenes Vorwerk besaß. 480 VIII. Der Krieg von 1870/71 Es war nach Vauban und seiner Schüler Methode mit allen Mitteln des Widerstandes ausgerüstet und besaß einen reichen Geschützpark. Die Besatzung war nach Mac Mahons Rückzug aus dem Elsaß freilich nur schwach, verstärkte sich aber durch Versprengte, Ersatztruppen, Mobil- und Nationalgarden alsbald auf 23 000 Mann, die vollkommen ausreichten. Ihre Mannszucht kann indes zum Teil nur locker gewesen sein. Auf der Südseite schützte eine ausgedehnte Überschwemmung den Platz und im Osten der Rhein, so daß sich die Verteidigung auf die Nord- und Westseite beschränken konnte. Am 11. August erschien, von Wörth kommend, die badische Division vor der alten vielbesungenen, deutschen Stadt, deren Wiedergewinnung die Sehnsucht des ganzen deutschen Vaterlandes war. Außerhalb keinen Widerstand findend, gingen die Badenser sofort bis unmittelbar an die Festungswerke heran, besetzten auch sogleich das vor den Toren gelegene ausgedehnte Dorf Schiltigheim und ebenso im Südwesten an der Pariser Straße Königshoffen, an dessen Südrand schon die Anstauung stieß. Ohne Verstärkungen konnte freilich zum ernsten Kampfe noch nicht übergegangen werden, diese aber trafen schon im Verlaufe von 8 Tagen in der Gestalt der Gardelandwehr und der 1. Reservedivision ein. Nun zählte das Belagerungskorps unter General v. Werder 40 000 Mann nebst einem Geschützpark von 200 gezogenen Kanonen und 88 Mörsern. Die Wirksamkeit der gezogenen Kanonen beim Angriff auf Festungen wurde damals auf Grund der Versuche, die 10 Jahre vorher bei Jülich stattgefunden hatten, erheblich überschätzt. Es war geglückt, mit Feldgeschützen in starkes Mauerwerk Bresche zu schießen, und Enthusiasten hofften, künftig alle Festungen nur mit Feldartillerie bezwingen zu können. So wurde denn auch hier in der Nacht zum 25. und in der zum 26. August die Bezwingung des Feindes durch eine Beschießung versucht, die aber erfolglos blieb. Sie erzeugte nur in der Stadt eine bedeutende Feuersbrunst; auch Kehl ging jenseits des Rheins in Flammen auf. General v. Werder mußte sich, da der Verteidiger keine Neigung zur Nachgiebigkeit zeigte, zur regelrechten Belagerung entschließen, die auch sofort begonnen wurde. General v. Mertens leitete dabei die Arbeiten der Ingenieure, General v. Decker die Verwendung der Artillerie. Der Angriff wurde im wesentlichen noch nach älterer Art, nämlich wie vor Düppel durchgeführt, und am 30. August die erste Parallele eröffnet. Sie zog sich vor der ganzen Nord- und Westseite hin. Bald standen 124 Geschütze schwersten Kalibers in gedeckter Stellung bereit, den Kampf mit der Festungsartillerie aufzunehmen. Die vorspringende Nordecke zu beiden Seiten Förmlicher Angriff auf Straßburg 481 des Steintores, das den Ausgang nach Schiltigheim bildet, wurde für den Einbruch gewählt, trotzdem dieser leicht von drei Seiten zu umfassende Teil der Hauptumwallung durch eine Anzahl kleinerer Werke besonders verstärkt war. In der Nacht zum 2. September kam, nicht ohne Störung durch den Feind, der Bau der zweiten Parallele nur noch wenige 100 Meter von den Wällen entfernt zustande. Der Feind antwortete freilich bei Tagesanbruch durch einen größeren Ausfall, wurde aber von der Überlegenheit der Belagerer schnell in seine Werke zurückgewiesen. Auch ein heftiges Feuer der Festungsartillerie folgte und erzwäng vorübergehend die Räumung des Arbeitsfeldes, verstummte aber schon um 9 Uhr früh unter dem starken Feuer der Angreifer. Ein nochmaliger Ausfall am nächsten Tage hatte kein besseres Schicksal. Anhaltender Regen kam den Verteidigern in den nächsten Tagen zu Hilfe und verlangsamte die Angriffsarbeiten. Diese wurden außerdem nicht unwesentlich durch das Flankenfeuer der auf der Nordwestfront am weitesten vorgeschobenen Lünette 44 aufgehalten. 6 Batterien mußten gegen diese erbaut werden, um sie zum Schweigen zu bringen. Als es geschehen war, fand man sie verlassen und besetzte sie nunmehr so, daß näher an den Platz herangegangen werden konnte. 96 gezogene Kanonen und 38 Mörser feuerten von da ab in kurzer Entfernung gegen Festung und Stadt. Jedes dieser Geschütze verbrauchte täglich 30 Geschosse, so daß in 24 Stunden deren an 4000 nach Straßburg hineinfielen. Die große Finkmattkaserne ging in Flammen auf; das Steintor fiel fast völlig in Trümmer und mußte durch Sandsäcke geschlossen werden. Nun galt es, die dicht davor gelegene Lünette 52 und 53 zu nehmen. Ihr Minensystem wurde durch einen unternehmenden Pionieroffizier unschäd- Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte H 31 482 VIII. Der Krieg von 1870/71 lich gemacht, der Wassergraben durch Zerstörung einer Schleuse abgelassen, die Futtermauer von 53 durch 1000 Granatwürfe und 2 Minen vernichtet, ein Faschinendamm durch den Graben begonnen, und der Feind so zum Aufgeben des Werks bestimmt. Auf einem Nachen übersetzende Mannschaften fanden die Lünette verlassen. Nr. S2 war ein Erdwerk mit 60 Schritt breitem Wassergraben vor sich. Der Bau eines Dammes hätte hier viel Zeit erfordert. Man schleppte daher aus Schiltigheim Bierfäfser heran und schlug damit am Abend des 21. September in verwegener Art eine Brücke. Auch hier wartete der Feind das Erstürmen des Walles durch den Angreifer nicht ab, sondern verschwand, und beide Lünetten nahmen nunmehr Kanonen und Mörserbatterien zur Zerstörung der dahinterliegenden Werke auf. Bis zum 26. September waren die Mauern der Bastione 11 und 12 zusammengebrochen; es blieb nur noch der Wassergraben vor dem Steintor zu überschreiten, aber es kam nicht mehr dazu. „Am 27. September nachmittags ö Uhr erschien die weiße Fahne auf dem Turm des Münsters; das Feuer verstummte und die Sappeurarbeiten wurden eingestellt." Der Platz kapitulierte unter den Bedingungen von Sedan. 500 Offiziere und 17 000 Mann fielen in Gefangenschaft; 1200 Geschützrohre, 200000 Handfeuerwaffen und beträchtliche Kriegsvorräte nebst dem Barbestande der Staatsbank bildeten die reiche Kriegsbeute. Beharrlich hatte bis dahin der wackere Kommandant Uhrich dem Schicksal widerstanden. Jetzt aber nach 30tägiger Belagerung, da die Erstürmung des Hauptwalles in jedem Augenblick zu erwarten stand, die durch den Verlust von 2500 Mann geschwächte Besatzung in ihrer Haltung keine unbedingte Gewähr für die Abwehr gab und Entsatz nicht mehr zu erhoffen war, entschloß er sich die Tore zu öffnen. Straßburg, die alte Reichsstadt, die vor nahezu 200 Jahren mitten im Frieden von Frankreich geraubt worden war, wurde wieder deutsch. Sie hatte erheblich gelitten, 10 000 Menschen waren ohne Obdach, an 2000 Einwohner tot oder verwundet. Viele öffentliche Gebäude, das Museum, die Gemäldesammlung, das Stadthaus und das Theater, leider auch die Bibliothek von 200000 Bänden waren ein Raub der Flammen geworden. „Der herrliche Münster zeigte an mehreren Stellen die Spur der Geschosse und die Zitadelle glich einem Trümmerhaufen. Unter dem Schutt der Westfront lagen die zerschossenen Geschütze begraben." Die Einbuße des Belagerungskorps hatte nur 39 Offiziere 894 Mann betragen. Der Fall von Toul und Straßburg erleichterte die Lage der Deutschen wesentlich. Der Belagerungspark, der allerdings noch erheblich verstärkt Straßburg öffnet die Tore vor dem Sturm 483 werden mußte, wurde in der Folge für Paris verfügbar, die Eisenbahn wenigstens bis in die Nähe der Hauptstadt frei. Die Belagerungsarmee konnte sich auflösen und anderen Kriegszwecken dienen. Die Gardelandwehrdivision ging nach Paris ab, die 1. Reservedivision blieb zunächst als Besatzung und zur Bezwingung kleinerer Festungen zurück. Die badische Division durch eine preußische Infanterie- und eine Kavalleriebrigade verstärkt, bildeten fortan das 14. Armeekorps, mit dem sich General v. Werder gegen die obere Seine in Bewegung setzte. Die Vorgänge auf dem westlichen Kriegsschauplatz bis Lnde Oktober 1870 (Vergl. Skizze 50, S. 477) Nach den ungünstigen Erfahrungen des 19. September verzichtete man in der französischen Hauptstadt auf weitere Ausfälle. Die Negierung beschloß das Hauptgewicht des Widerstandes in die Provinz zu verlegen. Gambetta verließ im Ballon die Stadt, um nach Tours überzusiedeln, wo er eine Regierungsdelegation bildete, die sich von nun ab für die ganze Dauer des Feldzuges in wirkungsvoller Art geltend machte. Thiers reiste inzwischen an den europäischen Höfen umher, um sie zu einem Einschreiten zugunsten Frankreichs zu bestimmen. Die Divisionen des 13. Korps bezogen Lager auf der Südfront und in der Ebene von Vincennes. Das 14. stand hinter dem Seinebogen westlich der Stadt bei Neuilly und Boulogne. Man wartete ab und bemühte sich, die Truppen so gut als möglich an Mannszucht zu gewöhnen. Die Nordfront blieb den Mobilgarden anvertraut, im übrigen zog man sie soviel als möglich von der ersten Linie zurück. Kleine Ausfälle aus St. Denis hatten wenig zu bedeuten. Dagegen gelang es den Franzosen, auf der Südseite die Festsetzung des 6. preußischen Korps in Villejuif zu verhindern. Die südwestlich davon gelegene, im Bau begriffene Schanze von Haute Bruyeres wurde sogar vollendet und mit schwerem Geschütz bestückt. Die befestigte Einschließungslinie der Deutschen erstreckte sich von Chaton westlich von Paris, an der Seine über Argenteuil und die Höhen von Montmorency auf der Nordwestseite hinweg, dann am Moreebach auf der Nordseite entlang zum Rande des Waldes von Bondy nnd von dort weiter zur Marne, wo sich die Sicherungsanlagen der Württemberger anschlössen. Diese reichten auf der Ostseite von Noisy-le-Grand bis Or- messon. In dem Raum zwischen dort und Villeneuve-St. Georges rückte am 23. das 11. Korps ein, während sich das 1. bayrische bei Longjumau 31* 484 VIII. Der Krieg von 1870/71 gegen Orleans sichernd aufstellte, und das 6. Korps ganz auf das linke Seineufer übertrat. Dort lief die Verteidigungslinie an den Höhenrändern südlich Paris bei Versailles vorüber und fand ihren Abschluß bei Bou- gival, dem an der anderen Seineseite gelegenen Chatou gegenüber. Das Hauptquartier des Königs sowie das der III. Armee wurde Versailles; das der Maasarmee nach Vert Galant an der Straße nach Meaux. Telegraph und Fanale sicherten die schnellere Verbindung; von geeigneten Punkten aus wurden alle Bewegungen des Gegners im Auge behalten. An Unterkunft fehlte es in dem recht dicht bevölkerten Lande nicht; schwieriger gestaltete sich die Ernährung; denn die Einwohner waren meist entflohen, und hatten ihre Vorräte zerstört, ihr Vieh fortgetrieben. Nur die Weinkeller boten schier unerschöpfliche Bestände. Fürs erste mußten die Proviantkolonnen der Armee herhalten, dann schaffte die Kavallerie aus der weiteren Umgebung Lebensmittel und Pferdefutter in größeren Mengen herbei. Viel konnte gekauft werden; tadellose Mannszucht und gute Bezahlung sicherten ertragreiche Märkte, wie sie später auch von der II. Armee an der Loire mit viel Erfolg eröffnet wurden. In Versailles lebte man wie im tiefsten Frieden. Dem Schutze des großen Hauptquartiers vertrauend, blieben hier die Bewohner zurück und gingen in aller Ruhe ihren Geschäften nach. Die Wirte verdienten reichlich an der Einquartierung; Gärten und Felder wurden regelmäßig bestellt. Die Vorposten lagerten im Freien oder in Baracken, an manchen Stellen allerdings dem feindlichen Feuer stark ausgesetzt, so daß ihre regelmäßige Ablösung unmöglich wurde. Einer Überraschung war besonders das in der Nordfront, vorwärts des überschwemmten Moreebaches gelegene Le Bourget preisgegeben, das trotzdem von der Garde besetzt worden war. Alles richtete sich so gut wie möglich häuslich ein, denn man begann an ein längeres Verbleiben vor Paris zu glauben. Erst am 30. September fand wieder ein größerer Ausfall an den Straßen nach Fontainebleau und nach Orleans statt. Er galt der Stellung des 6. Korps bei Thiais und Choisy-le-Roi. Die preußischen Vorposten wurden geworfen, die zwischen den Ortschaften aufgestellten Geschütze zum Abfahren genötigt, aber die Infanterie verteidigte ihre neuen Heimstätten hartnäckig und wies die Angreifer nach einiger Zeit zurück. Auch weiter westlich bei Villejuif und der Schanze von Hautes Bruyeres kam es zum hin und her wogenden Kampfe. Als aber General Vinoy dort seine gelichteten Bataillone nicht mehr ins Feuer zu bringen vermochte, gab er bald nach 9 Uhr früh den Angriff auf und führte seine Truppen in die Festungswerke zurück. Der Kampf war ziemlich blutig gewesen, das Leben vor Paris. Ausfälle auf der Südfront 485 6. Korps verlor in den wenigen Morgenstunden 28 Offiziere 413 Mann, die Franzosen büßten ein Mehrfaches davon ein. Wiederum beschränkten sie sich auf emsige Verstärkung ihrer Verteidigungsarbeiten und auf tägliche Kanonaden, die mehr Lärm als Schaden verursachten. Neue Verstärkungen rückten inzwischen zur Einschließungsarmee heran. Am 10. Oktober traf die 17. Division ein und am 16. die Gardelandwehr von Straßburg, die St. Germain zum Schutz gegen Westen besetzte. Die dadurch veranlaßten ersten Bewegungen erregten die Aufmerksamkeit der Franzosen, und am 13. Oktober entschloß sich General Vinoy zu einem neuen Ausfall mit seinen besten Truppen, etwa 26 000 Mann und 30 Geschützen. Morgens um 9 Uhr brach er mit seinen Streitkräften gegen die Bayern in der Südfront vor. Bagneux wurde vom Fort Montrouge aus stark beschossen und dann genommen, seine Besatzung auf Fontenay zurückgeworfen. ClMllon hielt sich tapfer; durch Clamart drangen die Franzosen gegen den hochgelegenen Moulin de la tour vor, ohne ihn nehmen zu können. Inzwischen sammelten sich die Bayern und gingen von Sceaux und Fontenay umfassend gegen Bagneux vor und eroberten es wieder. Nachmittags 3 Uhr stand Vinoy von seinem Versuche ab, und seine Truppen kehrten in den Schutz der Festung zurück. ->- ->- » In ganz Frankreich war mittlerweile eifrig gerüstet worden, überall entstanden neue Truppen. Sie harrten des Befehls zum Abmarschieren nach den Sammelplätzen, wo sich größere Heeresteile bilden sollten. Schon wurden die Einschließungstruppen vor Paris von Westen und Südwesten her beunruhigt. Sie wiesen aber einstweilen die Ruhestörer mit leichter Mühe zurück. Ernster sah es an der Loire aus. Bei Orleans hatte sich das IS. französische Armeekorps, in der Stärke von 60000 Mann, in 3 Divisionen geteilt, versammelt, aber auch bereits die Waldzone am nördlichen Stromufer besetzt. Bis Pithiviers hin wagten sich einzelne Abteilungen vor. Auf deutscher Seite beobachtete nur die 4. Kavalleriedivision gegen die Loire und meldete was vorging. Im großen Hauptquartier zu Versailles mußte man sich sehr wider den eigenen Willen dazu entschließen, bedeutendere Kräfte nach Süden zu entsenden. Das dort hinter der Einschließuugslinie stehende 1. bayerische Korps wurde durch die 22. Division und die 2. Kavalleriedivision verstärkt. Dies kleine Heer rückte unter dem Befehl des bayerischen Generals v. d. Tann gegen Orleans ab, einer recht ungewissen Lage entgegen. In der Einschließungslinie vor Paris ersetzte die 17. Division die 22. (S. Skizze 52.) 486 VIII. Der Krieg von 1870/71 Die Nachrichten von der Stärke des Gegners wurden im Lande weit übertrieben; klar war es aber bereits, daß man sich einer allgemeinen Volkserhebung gegenüber befand, und wichtige Überraschungen bevorstehen konnten. Am 10. Oktober stieß die Vorhut nördlich von Artenay bereits auf den Feind, griff ihn an, warf ihn zurück und nahm den Ort. General de la Motterouge war nämlich gleichfalls in Bewegung und hatte den Vormarsch gegen Paris antreten wollen. Seine Vorhut war es gewesen, die den Deutschen begegnete. Da er diese herankommen sah, wich er selbst mit seinen Truppen zurück, die in dem unbedeutenden Gefecht 4 Geschütze und 350 Gefangene verloren hatten. Er wollte das 15. Korps hinter die Loire zurückziehen, aber eine starke Nachhut zum Schutz des Stromüberganges in dem unübersichtlichen Gelände nördlich Orleans belassen. Dort fand er günstigere Bedingungen für den Kampf als in der völlig freien und übersichtlichen Umgebung von Artenay, wo die überlegene Manövrierfähigkeit der Deutschen zur Geltung kommen mußte. General v. d. Tann setzte den Vormarsch natürlich ohne Zögern fort, und so kam es zum: Treffen von Orleans am N- Oktober 1.370 Die Gefechtslinie von Saran an der großen Pariser Straße bis nach Ormes an der Chaussee nach Chateaudun war von den Franzosen verschanzt und durch Batterien verstärkt. Gegen diese rückte von deutscher Seite die 22. Division heran. Obwohl sie nur noch 6000 Mann zählte, griff sie doch sogleich mit voller Frische Ormes in Front und Flanken an, brachte den Feind zum Weichen und drang in mehrstündigem Gefecht bis dicht an die Vorstadt St. Jean vorwärts Orleans vor. 800 Gefangene waren in ihrer Gewalt geblieben. Die Ortschaften, Gärten, Weinberge, welche die Division auf dem Weg nach Orleans passierte, hatten das Vorwärtskommen erheblich erschwert und einen Beweis davon gegeben, wie hartnäckig sich ein entschlossener Feind in dieser dicht bebauten und bebedeckten Gegend zu widersetzen vermochte, auch wenn er nur über junge Truppen verfügte. An der großen Pariser Straße waren die Bayern bei Saran ebenfalls auf lebhaften Widerstand gestoßen, auch sie drangen unaufhaltsam vor, trafen aber erst um 4^ Uhr nachmittags bei Les Aides ein. Dort hielt sich der Feind nochmals, verteidigte auch den Eisenbahndamm, der Orleans umgibt, und wich erst mit Einbruch der Dunkelheit, so daß es 7 Uhr abends wurde, bis sich die deutschen Kolonnen auf dem Marktplatz von Orleans begegneten. Die Stadt war in ihrer Hand, die franzö- Die Franzosen über die Loire zurückgeworfen 487 fische Nachhut über die Loirebrücke abgezogen. 10 erbeutete Lokomotiven, 60 Eisenbahnwagen, 3 Geschütze und 5000 brauchbare Gewehre, nicht 7> 70 20 ^30 l^bef'siclil5l<3s'te fül'cisii felcliug sn ^Ss' l-oips. weniger als 2700 Gefangene wurden die Beute der Deutschen, die 65 Offiziere 1091 Mann eingebüßt hatten. Am nächsten Morgen besetzten die Sieger die südlich der Loire gelegene Vorstadt und schoben ihre Vor- 488 VIII. Der Krieg von 1870/71 truppen bis zum Loiretflüßchen vor, während die 2. Kavalleriedivision darüber hinaus noch in die Sologne streifte, die 4. sich nördlich der Loire westwärts wendete. Das 15. französische Korps setzte den Rückzug noch bis hinter die Sauldre fort. » -» » Wohl wäre es erwünscht gewesen, diese erste, im freien Felde wieder auftretende französische Truppenmacht völlig unschädlich zu machen, und das Vorgehen bis Tours auszudehnen, wo die französische Regierung der Provinzen ihren Sitz hatte. Aber General v. d. Tanns Streitkräfte waren der Zahl nach, zumal an Infanterie, sehr schwach. Bei weiterer Verfolgung seiner Vorteile hätten alle Entfernungen sich erheblich vergrößert und die Zurücklassung sichernder Abteilungen nötig gemacht. Das hätte ihn noch mehr geschwächt und mit unzureichenden Kräften an sein Ziel gelangen lassen. Dies konnte zu einem bedenklichen Rückschläge führen, der unfehlbar in ganz Frankreich einen gewaltigen Eindruck zur Belebung des von Tours aus leidenschaftlich geschürten Widerstandes gemacht hätte. Es war also klug, bei Orleans stehen zu bleiben und den Gegner zu überwachen. Die 22. Infanterie- mit der 4. Kavalleriedivision wurden sogar nach Paris zurückgerufen. Sie sollten auf dem Marsche dahin bei ClMeaudun und Chartres sich sammelnde Streitkräfte sprengen. Am 18. trafen sie vor ClMeaudun ein. Französische Linientruppen, die dort gestanden hatten, waren bereits nach Blois abgerückt, aber 1800 Nationalgarden und Freischärler verteidigten die Stadt hinter Mauern und Barrikaden. Die Batterien nahmen sie zunächst gründlich unter Feuer; dann erfolgte mit Einbruch der Dunkelheit der Sturm. Im Inneren gab es noch einen heftigen Straßenkampf, bei dem 1S0 Gefangene eingebracht wurden. ClMeaudun ging zum Teil in Flammen auf. Am 21. standen die beiden Divisionen vor Chartres. Angeblich sollten dort 10 000 Bewaffnete ihrer harren. Marinetruppen und Mobilgarden kamen ihnen sogar zum Angriff entgegen, wurden jedoch schnell durch Artilleriefeuer zurückgewiesen. Auch die 6. Kavalleriedivision traf mittlerweile vor Chartres ein, und die Stadt wurde umstellt. Das an ClMeaudun vollzogene Strafgericht wirkte, die Tore wurden ohne weiteren Kampf geöffnet. General v. Wittich blieb nun mit seinen Truppen in der Stadt stehen; die 6. Kavalleriedivision ging nach Maintenon und streifte von dort gegen Westen. Auch in anderen Gegenden regte sich der Widerstand mehr und mehr. Gegen Norden hatte nach und nach fast eine ganze Division zum Schutz General v. d. Tann in Orleans. La Malmaison 489 der Einschließung von Paris verwendet werden müssen. Von Fontaine- bleau und Nangis her bedrohte der Feind die rückwärtigen Verbindungen. Eine württembergische Streifpartei mußte über Montereau bis auf Nogent- sur-Seine, der Stadt, von der aus Napoleon I. 1814 seinen berühmten Februarzug antrat, vorgehen. Sie fand dort, also im Rücken der deutschen Heere, starke Abteilungen von Mobilgarde vor. Trotz lebhaftem Feuer drangen die Württemberger in die Stadt ein und überwältigten auch die Gegner im Inneren, fo daß diese, 600 Tote und Verwundete zurücklassend, abzogen und verschwanden. Das Streifkorps kehrte zur Armee vor Paris zurück, nachdem es in 6 Tagen über 200 km durchmessen hatte. Inzwischen war am 15. Oktober die Festung Soissons nach nur viertägiger Belagerung durch die Truppen des Großherzogs von Mecklenburg- Schwerin gefallen und ihre Besatzung in die Gefangenschaft abgeführt worden. 128 Geschütze und 8000 Gewehre waren die Kriegsbeute, die durch den geringen Verlust von 120 Mann erkauft wurde. Von der Erhebung der Provinzen drangen Nachrichten natürlich nach Paris, wo die öffentliche Meinung von großzügigen Unternehmungen der mittlerweile in ihrem inneren Gefüge fester gewordenen Verteidigungsarmee sprach. Ein bedeutenderer Ausfall gegen Westen wurde geplant. Er sollte nach Eroberung der von den Preußen besetzten Höhen von Argen- teuil die Richtung auf Pontoise nach Rouen nehmen, wo das Land noch reiche Mittel für Versorgung und Verstärkung darbot. Die Loirearmee wäre mit der Eisenbahn dorthin zu überführen und eine gut ausgerüstete Heeresmasse von 250 000 zur Befreiung Frankreichs zu bilden gewesen. Übertriebene Hoffnungen wurden daran geknüpft. Der Angriff der Pariser Armee gegen Argenteuil war gleichzeitig von zwei Seiten her beabsichtigt, nämlich über die Seine hinweg und von St. Denis aus. Der Seineübergang wurde bei Bezons und Carrieres geplant, er konnte aber nicht eher geschehen, als bis man Herr der preußischen Stellungen von Bougival war, wo das 5. Armeekorps stand. General Ducrot übernahm es, dies Hindernis zu beseitigen. Mit 10000 Mann ausgewählter Truppen und 120 Geschützen, unterstützt durch die Artillerie des Mont Valerien, wollte er am 21. Oktober Bougival nehmen. Dann beabsichtigte er die große Halbinsel von Gennevilliers, über welche der französische Vormarsch hinwegführen mußte, durch eine befestigte Linie vom Valerien nach Carrieres hinüber abzusperren. Der Kampf begann nachmittags um 1 Uhr, nachdem der Valerien den ganzen Vormittag über lebhaft, aber ziemlich wirkungslos gegen die preußischen Linien kanoniert hatte. Er führte zum Ausfall von La Malmaison am 21. Oktober 1870. 490 VIII. Der Krieg von 1870/71 Unter starker Artillerieentwicklung brach Ducrot in 5 Kolonnen gegen Bougival vor und erstieg zugleich die östlich davon gelegenen Höhen am Park von La Malmaison, dem ersten Verbannungsorte der Kaiserin Josephine und der Zuflucht Napoleons I. nach der Katastrophe von Belle Alliance. Anfänglich waren Ducrots Truppen im Vorteil, aber aus Versailles ging bald Verstärkung vom 5. Korps gegen Vaucresson vor und nahm das östlich von Bougival hoch gelegene Schloß Buzanval. Auf der anderen Seite rückte von St. Germain die Gardelandwchr heran. Der Ausfall wurde in beiden Flanken umfaßt und zurückgewiesen. Er hatte 21 Geschütze und 500 Tote und Verwundete gekostet, die Preußen verloren nur etwa 400 Mann. Mit dem Scheitern dieses ersten Schrittes wurde von der Pariser Regierung auch das ganze etwas künstliche Unternehmen gegen Westen aufgegeben. Das Heer blieb in Paris; denn man empfand, daß zur Ausführung des Befreiungsplans zuvörderst auch im Norden der Hauptstadt Freiheit der Bewegung erforderlich war. Dort stand man den deutschen Vorposten auf 100 Schritt gegenüber. Am 28. Oktober ging General Bellemare mit seiner Division gegen das von der preußischen Garde nur schwach besetzte und durch die Anstauungen von Unterstützung getrennte Le Bourget vor. Nach kurzem Widerstande nahm er es und wies auch am Abend einen Versuch der Wiedereroberung ab. Erfolglos blieb auch am 29. eine Beschießung aus 30 preußischen Feldgeschützen. Der Kronprinz von Sachsen befahl daher für den folgenden Tag einen gewaltsamen Angriff. Die Erstürmung von Bourget am 30. Dktober ^370 9 Bataillone der 2. Gardedivision gingen in 3 Kolonnen über die freie Ebene an der Chaussee von Lille gegen den sehr fest gebauten, von Mauern umgebenen Ort zum Sturme vor, der durch 5 am Moreebach aufgefahrene Batterien eingeleitet wurde. Heftiges Feuer aus den Gebäuden von Le Bourget und den vorwärts der Festung gelegenen Forts empfing die trotzdem unaufhaltsam heranrückenden Preußen. Pioniere öffneten Breschen in den Mauern, und von der Nord- und Westseite her drangen die Angreifer, trotz diesem erbitterten Widerstande, um 9 Uhr morgens ein. Französische Verstärkungen kamen aus den nächst gelegenen Orten von Süden heran, wurden aber von 2 nach Le Bourget vorwärts geeilten Batterien und dem Feuer der vordersten Jnfanterieabteilungen zurückgewiesen. Die Dorfbesatzung blieb ohne Unterstützung, führte jedoch den Kampf im Inneren aufs hartnäckigste fort. Zwei von den preußischen Regimentskommandeuren fielen im Häuserkampf. Erst um l'/g Uhr nach- Bestreben der Besatzung von Paris, Raum zu gewinnen 491 mittags endete der Widerstand. Zwei volle preußische Gardebataillone blieben in dem eroberten Ort zurück, auf dessen Besitz der Feind augenscheinlich den größten Wert gelegt hatte, und den er nunmehr von seinen Werken aus mit heftigem Geschützfeuer überschüttete. Der Erfolg hatte die Preußen an S00 Mann gekostet, der Verlust des Feindes ist unbekannt geblieben. Nicht weniger als 1200 Gefangene wurden von den heimkehrenden Siegern in die preußischen Linien mitgebracht. Das Mißgeschick der Truppen bei den letzten Ausfällen steigerte in Paris die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Der Regierung wurde selbstverständlich die Schuld daran beigemessen. Man zieh sie der Unfähigkeit, ja sogar des Verrats. Lärmende Volkshaufen zogen, Waffen verlangend, vor das Stadthaus, Nationalgarden nahmen an der Unordnung teil. Am 31. Oktober drangen die Meuterer in das Stadthaus ein, und setzten die Regierung gefangen, bis sie durch einige treu gebliebene Bataillone wieder befreit wurde. Waffenstillstandsverhandlungen, durch Thiers in Versailles versucht, scheiterten daran, daß er als Vorbedingung die Verproviantierung der Hauptstadt verlangte, die natürlich nicht genehmigt werden konnte. Die (age auf dem östlichen Kriegsschauplatz an der Mosel bis zum Falle von Metz (S. Skizze 63) Die Kapitulation von Sedan änderte auch den Stand der Dinge vor Metz. Wir wissen bereits, daß das 2. und 3. Armeekorps dorthin zurückkehrte, und die Einschließungsarmee in voller Stärke vor der Festung stand. Von Bedeutung wurde, daß das Verschwinden der Armee Mac Mahons Bazaines Entschlüsse bei einem neuen Ausfall ändern mußte. Ein Marsch an der Nordgrenze Frankreichs entlang hatte keinen Zweck mehr für ihn, niemand konnte ihm dort die Hand reichen. Solange sich aber Straßburg noch hielt, fand er bei glücklichem Durchbruch an diesem großen Platze einen starken Stützpunkt. Zudem hätte die Befreiung der belagerten Festung in Frankreich einen bedeutenden Eindruck gemacht. Prinz Friedrich Karl war überzeugt, daß Bazaine, wenn er sich überhaupt zu einem neuen Entschluß aufraffen sollte, seine Richtung nach dort nehmen würde. Dementsprechend wurden mehr Truppen vor die Südostseite geschoben, und der Oberbefehlshaber schlug sein Hauptquartier, das bisher in Malancourt gewesen war, zu Corny im Moseltal auf. Er wollte dem voraussichtlichen Schlachtfelde näher sein. Bazaine freilich dachte nicht an so kühne Pläne. Die Nachrichten von 492 VIII. Der Krieg von 1870/71 Sedan, die er durch ausgewechselte Gefangne erhielt, wirkten entgegengesetzt auf ihn. Für große Ausfälle schien ihm das erreichbare Ziel zu fehlen, wichtiger für ihn war dagegen die Erhaltung seiner Truppen, die jetzt die einzige starke Feldarmee bildeten, welche Frankreich noch besaß. Er erklärte, daß diese nach wie vor das Land gegen die Invasion ver- l)ie Umgebung von lv>ci?. /-ux A>cke5 Äk-."S!^ FÜZ"^ teidigen, aber zugleich die öffentliche Ordnung gegen etwa ausbrechende Anarchie schützen sollten. Das klang zweideutig, war aber von ihm wohl so gemeint, daß er bei einem nahe bevorstehenden Friedensschlüsse für die dann bestehende oder sich bildende Regierung eintreten, die Ruhe aufrecht erhalten und den Abschluß eines regelrechten Friedens ermöglichen wolle. Kein Anzeichen beweist, daß er weitergehende politische Pläne gehegt hat. Seit der Schlacht von Noisseville verhielt sich die Rheinarmee daher Bazaines Absichten. Zustände in Mch 493 abwartend, nur kleine Scharmützel bei den Vorposten unterbrachen die herrschende Ruhe. Für die Verlängerung der Zeit des Ausharrens wurde nach Kräften gesorgt. Mit Einschluß der in die Stadt geflüchteten Landleute waren in Metz 70000 Bewohner zu ernähren, aber für sie und die Besatzung besaß man auf 3 Monate hinreichende Lebensmittel. Weniger war für die mit eingeschlossene Rheinarmee vorhanden. Ihre Vorräte reichten nur auf 40, für die Pferde sogar nur auf 2S Tage aus. Es mußte also nachgeholfen werden; Ankäufe und Beitreibungen in der wohlhabenden Umgegend trugen manches dazu bei. Bald wurden auch die Brotportionen verkleinert und mit dem Schlachten von Pferden begonnen. Die Kavallerieregimenter setzten sich auf zwei Schwadronen, die bei der geringeren Wichtigkeit, welche diese Waffe während der Einschließung besaß, hinreichend erschienen. So konnte auch die Armee noch für einen ansehnlichen Zeitraum ausdauern. Am Ende der mehr als zweimonatlichen Belagerung waren ihre Vorräte auch tatsächlich noch nicht bis aufs letzte erschöpft. Bazaine hatte also im September einen stattlichen Spielraum vor sich, inzwischen konnte eine völlige Veränderung der Lage eintreten, beispielsweise Paris fallen. Dann war der Frieden gesichert, und er Herr der Situation. An sich ist die von ihm gehegte Spekulation also nicht unverständlich; sie konnte zum Ziele führen. Alles gipfelte in der so schwer zu beantwortenden Frage, bezüglich welcher sich alle maßgebenden Persönlichkeiten, wohl auch Moltke getäuscht hatten: „Wie lange kann Paris sich halten?" Aber Bazaines Gedankengang war nicht rein soldatisch, die politische Beimischung ist sogar sichtbar, und dies Gemisch führt meist zu unentschiednem Handeln, zu halben Maßregeln und unrühmlichem Untergang. Das hat die geschichtliche Erfahrung oft und so auch hier bewiesen. In der Einschließungsarmee waren übrigens die Zustände recht schwierige. Sie lagerte zum Teil auf Schlachtfeldern mit ausgebrannten Dörfern und Höfen, auf denen vor kurzem 40 000 Tote und Verwundete nebst zahlreichen Pferdekadavern gelegen hatten. Auf sehr heiße Tage, die den Wassermangel ernstlich steigerten, folgte Regen. Menschen und Pferdeleichen hatten in dem harten Boden, der meist nicht viel Erde auf dem steinigen Untergrunde darbot, vielfach nur oberflächlich bedeckt und nicht hinreichend tief begraben werden können. Ausdünstungen begannen, die Umgebung zu verpesten, und drohten Krankheiten zu erzeugen. Das Unterkommen war mangelhaft und bei weitem nicht geräumig genug, um die Armee aufzunehmen. Die meisten Truppen lagerten im Freien. Gegen Ende August und zu Anfang September setzte beharrliches Regenwetter 494 VIII. Der Krieg von 1870/71 ein, spülte die Erde der Grabhügel fort, verwandelte den undurchlässigen Boden der Lagerplätze in Sümpfe und machte die Straßen unpassierbar. Der eingeschlossenen Armee gegenüber hatten die Sieger nur den Vorteil leichteren Ortswechsels. Aber auch sie litten stark, es kam vor, daß Truppen die Biwaknächte stehend im Wasser zubrachten. Der Krankenstand stieg bedenklich. Zeitweise lagen bis zu 40 000 Mann im Lazarett. Natürlich ist auch, daß bei der Zusammendrängung der großen Massen und der Schnelligkeit des ganzen Vordringens der Deutschen der Nachschub aus der Heimat zeitweise versagte. Eine treffliche Intendantur der Armee verstand es freilich der Schwierigkeiten bald Herr zu werden. Sie erwarb sich damit ein bedeutendes Verdienst um den glücklichen Ausgang. Der Versuch, die Dauer der Belagerung durch Beschießung aus Feldgeschützen und 50 herangeschafften Zwölfpfünderkanonen abzukürzen, mißlang hier wie in den meisten Fällen. Die Rheinarmee hat davon nur wenig gemerkt; der Raum, den sie einnahm, war viel zu groß, um durchschlagende Wirkung der Geschosse eintreten zu lassen. Allzu ungleich war deshalb die Lage von Belagerern und Belagerten nicht; Bazaine konnte hoffen, sie vielleicht mit Geduld zu überdauern. Erst am 22. und 23. September trat wieder lebhafte Gefechtstätigkeit ein. Auf der Nord- und Nordostseite von Metz fanden kleinere Ausfälle statt. Ihr Zweck war die Fortführung von Vorräten und Nahrungsmitteln, von deren Vorhandensein man in der Festung Kenntnis erhielt. Sie wurden leicht durch Artilleriefeuer zurückgewiesen. Am 27. September folgte ein großes wohlvorbereitetes Unternehmen auf der Südostseite, zumal gegen Peltre und das Schloß von Mercy-les- Metz. Die Eisenbahn von Peltre nach Metz war von den Belagerern unterbrochen, die Stelle der Zerstörung aber durch die preußischen Vorposten nicht hinreichend bewacht worden. Dies nahmen die Franzosen wahr, beseitigten das Hindernis und stellten die Bahn wieder fahrbar her, griffen sodann vom Fort Queuleu aus in der Front an, während gleichzeitig ein Eisenbahnzug mit Truppen ungestört nach Peltre hineinfuhr. Die überraschte Besatzung verlor einen Offizier und 153 Soldaten. Schloß Mercy ging in Flammen auf. Die Franzosen zeigten sich in diesem Gefecht als Meister des kleinen Krieges. Von lange her vorbereitete und sorgfältig geplante Unternehmungen waren mehr das ihnen Zusagende als die große Schlacht des Bewegungskrieges. Leichte schnelle Erfolge schwacher Kräfte waren das Erbteil, welches die französische Armee aus ihrem Feldleben in Afrika und Mexiko mitgebracht hatte. Trotz solcher kleinen Teilerfolge gestaltete sich der Zustand der einge- Die Armee vor Metz. Vortreffliche Armeeverwaltung 495 schlossenen Armee dennoch von Tag zu Tag ungünstiger. Die Pferdeheerden, die man zwischen den Forts weiden sah, schmolzen zusehends zusammen. Bald — daran war nicht mehr zu zweifeln — würden die Truppen nicht mehr operationsfähig sein. Ein Durchbruch konnte nur noch mit nahen Zielen geplant werden. Nach dem Falle von Straßburg bot sich nur ein solches noch dar, nämlich die Festung Thionville, heute Diedenhofen, 30 IM nördlich von Metz. Sie war bisher nur von schwachen Kräften beobachtet worden, die Besatzung durchstreifte das Land bis zur nahen Grenze, griff einzelne Gefangene auf, erbeutete gelegentlich 50 Proviantwagen und stellte auch flüchtig die zerstörte Eisenbahn wieder her. So kam eines Tages sogar ein voller Verpflegungszug von Luxemburg her ungestört in die Festung hinein. In Metz waren diese Zustände sicherlich bekannt. Ein Durchbruch ließ sich darum nicht mehr gegen Südwesten, sondern nach Norden, im Moseltale entlang, denken. Prinz Friedrich Karl verstärkte zu Anfang Oktober die Truppen, die sich dem Unternehmen dort in den Weg stellen konnten. Hierbei wurde vorausgesetzt, daß Bazaine die schon zweimal von ihm eingeschlagene Richtung auch zum drittenmal verfolgen würde, nämlich auf den Höhen am rechten Talrande. Man glaubte nicht daran, daß er der Talsohle an der Mosel den Vorzug geben würde, weil diese von den hohen Ufern aus auf beiden Seiten unter Feuer genommen werden konnte. Es tauschte aus diesem Grunde das im Moseltal stehende 10. Armeekorps mit der auf der Höhe des östlichen Talrandes bei Malroy und Charly stehenden 3. Reservedivision, die durch den anstrengenden Dienst in ihrem Mannschaftsbestande schon erheblich zusammengeschmolzen war. Wider Erwarten aber schlug Bazaine gerade den Weg in der Tiefe ein. Das Gefecht von Bellevue am 7. Oktober ^370 Bazaine hatte sich, wie sein Gegner vorausgesehen, entschlossen, nach Norden durchzubrechen, und zwar auf beiden Flußufern. Durch kleine Unternehmungen waren die deutschen Vorposten vor dem Aufmarschgelände etwas zurückgedrängt. Über die Mosel bei St. Julien und von der Insel Chambiere aus wurden neue Brücken geschlagen, die Truppen, die in Metz zurückbleiben sollten, ausdrücklich bezeichnet, und die übrigen auf ihre Marschfähigkeit untersucht. Mit Thionville hatte man sich verständigt, am 7. Oktober sollte der Aufbruch vor sich gehen. Aber Plötzlich änderte der Marschall seinen Sinn, und aus dem Durchbruch wurde ein vereinzeltes Unternehmen, zu dem sich vorwiegend gute Kräfte in Bewegung setzten, nämlich die Gardevoltigeurdivision und das 6. Korps im Moseltale, das 496 VIII. Der Krieg von 1870/71 4. Korps über die waldigen Höhen von Woippy. Am rechten Flußufer sollte das 3. Korps die Bewegung unterstützen, indem es die Aufmerksamkeit der Belagerer dorthin lenkte. 400 Wagen wurden bereit gehalten, um die Vorräte aus den großen Pachthöfen des Moseltales nach Metz zurückzuführen. Daß dort kürzlich die preußische Landwehr an Stelle der Linientruppen einrückte, war nicht unbemerkt geblieben und konnte für die Wahl des Weges den Ausschlag gegeben haben. Der Aufbruch verzögerte sich bis 1 Uhr nachmittags. Dann begann quer über das ganze Moseltal hinweg ein lebhaftes Gefecht. Die preußischen Vorposten mußten der Übermacht weichen; die Landwehrkompagnien verteidigten ihre Gehöfte, bis ihnen die Munition zu mangeln begann. Dann wurden diese von den französischen Gardevoltigeurs genommen, die in ihnen eine ansehnliche Zahl von Gefangenen machten. Das Abfahren der Vorräte wurde jedoch durch die Artillerie der Landwehrdivision verhindert, und bald rückte auch von Nvrroy-le-Veneur her die 5. Division als Verstärkung an und faßte den Feind in der linken Flanke. Am rechten Moselufer war bald erkannt worden, daß es sich dort nur um einen Scheinangriff handle. So kam auch von da, über die Brücke von Argancy, eine Division des 10. Armeekorps zu Hilfe. Die verloren gegangenen Pachthöfe wurden wieder erobert, und der Feind über Bellevue zurückgeworfen. In kurzem, heftigem und verlustreichem Gefechte eroberte die S. Division den Wald von Woippy. Nur das feste Schloß von La- donchamps blieb in französischer Hand. Mit Einbruch der Dunkelheit endete der Kampf, den die Franzosen gern als „Bataille de Ladonchamps" bezeichnen, in der sie sich des Sieges rühmten. Der preußische Verlust betrug nicht weniger als 1778 Mann, unter denen sich allerdings etwa 500 Gefangene befanden. Die Franzosen geben den ihren auf 1193 an. Das Unternehmen konnte als die Einleitung zu einem wirklichen Durchbruchsversuch angesehen werden, denn für eine Beitreibung war der Kampf zu heftig und die aufgebotene Macht zu groß gewesen. Die preußischen Truppen verblieben daher die Nacht über in ihren Stellungen; wirklich eröffneten die benachbarten Forts am nächsten Morgen ein heftiges Feuer. Dann gingen starke Kolonnen, zumal am rechten Moselufer, vor, verzichteten aber auf ernsten Angriff und die Belagerer kehrten in ihre Quartiere zurück. Häufiges Regenwetter erschwerte die Lage beider Heere bei Metz und vermehrte die Leiden der Truppen. Prinz Friedrich Karl traf bereits Vorbereitungen für die Fortsetzung der Einschließung im Winter. Sie wurde indessen nicht mehr notwendig. Der Mangel in der Festung stieg von Kricgsrat in Metz. Die Kapitulation 4S7 Tag zu Tag. Am 3. Oktober meldete General Coffinieres, der Kommandant, daß seine Vorräte höchstens noch bis zum 20. reichten. Trotzdem beschloß ein Kriegrat das weitere Ausharren. Marschall Bazaine entsendete den General Boyer nach Versailles zu Unterhandlungen, um freien Abzug zu erlangen. Sie blieben indessen erfolglos, weil die Kaiserin, die unter Umständen die Negierungsgewalt, gestützt aus die Armee von Metz, wieder hätte übernehmen können, in keinerlei Landabtretung willigen wollte. Die politischen Unterhandlungen waren damit zu Ende. Inzwischen hörten die Lieferungen aus den Festungsvorräten für die eingeschlossene Armee auf. Diese war ganz auf die Ernährung durch Pferdefleisch angewiesen. Reißend schmolzen die Pferdeherden zwischen den Forts. Von den deutschen Beobachtungsstationen aus sah man durch Ferngläser, wie sich die bedauernswerten Tiere gegenseitig verfolgten, um sich Schweifhaare und Mähne vom Leibe zu reißen. Der Aufenthalt in den zu verpesteten Sümpfen umgewandelten Lagern wurde unmöglich, die Katastrophe stand unmittelbar bevor. Ein am 24. Oktober versammelter .Kriegsrat erkannte die Notwendigkeit an, mit dem Oberbefehlshaber der Einschließungstruppen in Verbindung zu treten, um freien Abzug, nötigenfalls nach Algier, oder Waffenstillstand mit Verproviantierung zu erlangen. Prinz Friedrich Karl aber blieb fest bei der Forderung der Kriegsgefangenschaft der Armee und auf diese Bedingung hin erfolgte am 27. Oktober abends endlich die Kapitulation, unter den Bestimmungen von Sedan. Am 29. früh wehte die preußische Fahne auf den Forts von Metz. Der große Erfolg, der die bewundernswerte Tapferkeit der preußischen Truppen und ihr unerschütterliches Ausharren vor der Festung krönte, war errungen. 6000 Offiziere, 167000 Mann wurden kriegsgefangen. An 20 000 Kranke und Verwundete blieben in Metz zurück. 56 Adler, 622 Feld-, 876 Feftungsgeschütze, 72 Mitrailleusen, 260 000 Gewehre machten die Kriegsbeute aus. Dieser unvergleichliche Triumph war erkaust mit dem verhältnismäßig geringen Verlust von 363 Offizieren, 8421 Mann, die die Truppen während der Belagerung verloren. Das wichtigste aber war, daß die Einschließungsarmee gerade im kritischen Augenblick für die Verwendung im Westen frei wurde. Schon vor der Katastrophe war aus dem großen Hauptquartier über sie verfügt und ihr neue Bestimmungen zugeteilt worden. Das 1., 7. und 8. Korps nebst der 3. Kavalleriedivision bildeten fortan die I. Armee, die nach der, während der Belagerung erfolgten Abberufung des Generals v. Steinmetz nunmehr dem General v. Manteuffel übergeben wurde. Ihr Auftrag war, Metz zu besetzen, Thionville und Montmedy zu belagc." Frhr. ». d. Sott, KrirgkgüschMe n 8Z 498 VIII. Der Krieg von 1370/71 für die Abführung der Gefangenen zu sorgen und mit mindestens zwei Korps nach der Gegend von Compiegne abzurücken. Das 3., 9. und 10. Korps nebst der 1. Kavalleriedivision verblieben der II. Armee unter Prinz Friedrich Karl und rückten gegen die mittlere Loire ab. Das 2. Armeekorps wurde nach Paris herangezogen. Die Vorgänge auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz in, Oktober l870 (S. Skizze 54) Wir werfen zunächst einen Blick auf die Vorgänge des südöstlichen Kriegsschauplatzes. General v. Werder war nach dem Fall von Straßburg in südwestlicher Richtung durch die Vogesen vorgegangen. In der Voraussicht, daß es zu größeren Kämpfen mit dem ganzen Korps vorläufig nicht kommen werde, hatte er seine 4 Brigaden durch Zuteilung von Artillerie und Kavallerie selbständig gemacht. Bei Epinal stand der Feind. General Cambriels sollte dort an 30 000 Mann gesammelt haben, um den Südosten Frankreichs zu schützen, wo beträchtliche Neubildungen von Truppen stattfanden. Schon an den Ausgängen aus den Vogesenpässen kam es zu lebhaften Gefechten, die dem 14. Korps 400, dem Feinde an 1400 Mann kosteten. General Cambriels sammelte die Seinen noch einmal bei Bruyeres (vergl. Skizze 51, S. 481), wurde aber auch von dort am 11. Oktober, dem Tage des Treffens von Orleans, vertrieben. Werder vermutete, daß die geschlagene Armee nach Süden abzöge und gab die ihm vorgeschriebene Richtung an die obere Seine auf, um sich vorerst gleichfalls südlich zu wenden. Hinter dem Oignon fanden die Franzosen Verstärkungen und es kam hier am 22. Oktober zu neuen Gefechten. Außerdem wurden feindliche Streitkräfte auch bei Döle und Auxonne entdeckt; jedenfalls standen in jener Gegend schon mehr Feinde im Felde, als man erwartet hatte. Cambriels hatte sich nach Besanyon gewendet, wo auch Gambetta eintraf, um den Widerstand zu beleben, ohne den General zu neuem Vorgehen bringen zu können. Bei Dijon sollten starke Kräfte stehen. Zwei Brigaden unter General v. Beyer gingen dorthin vor und besetzten die sehr verteidigungsfähige Stadt nach leichtem Gefecht am 31. Oktober. Trotz diesem Erfolge ließ Werder in Dijon 499 sich aber nicht verkennen, daß die Lage des Generals v. Werder schwieriger war, als er selbst und namentlich als man es in Versailles geglaubt hatte. Von dort war ihm noch vor kurzem eine Depesche zugegangen: „Seine Majestät befehlen unbedingt Feind anzugreifen. Es können dort nur Depots und Mobilgarden versammelt sein, namentlich höchstens 36 Geschütze." So indes standen die Dinge nicht. Werder befand sich vor 54 /-^ ?> °> ^^/I5i>/A^M F -Aü^ " K ^os/ko/v/is/^ ^^Ä^ÄR^ H^T^A^^ > / Obkl'siclitsksi'fe fül' cien c^mp-7z.°!e/ /^'^ süööstliclien ^-X td'iegssc^JupigtT. l-o^s -^-s^> mc8 ^ 5^ l.sul'sns einer bedeutenden Überlegenheit. Es wurde ihm daher auch die 1. und 4. Reservedivision zugeteilt und die Belagerung der noch unbezwungenen elsässischen Festungen einschließlich Belfort aufgetragen. Seine Verbindungen sollte er auf Epinal verlegen und eine beobachtende Stellung bei Vesoul einzunehmen: „zur Offensive gegen schwächere feindliche Abteilungen vorzugehen, werden Euere Exzellenz nicht zögern" schloß der Befehl. Werder kehrte daher nach Vesoul zurück, hielt aber Dijon und Gray stark besetzt und beobachtete in der Richtung auf Langres, Besanxon und namentlich 32* soo VIII. Der Krieg von 1870/71 gegen Belfort. Ihm gegenüber stellte sich das in der Bildung begriffene 20. französische Korps bei Chagny, Garibaldi, der nach Frankreich geeilt war und die sogenannte Vogesenarmee übernehmen sollte, bei Autun westlich Chagny auf. Dann trat ein Stillstand in den Unternehmungen ein. Inzwischen wendete sich in seinem Rücken die 1. Neservedivision unter General v. Schmeling zunächst gegen Schlettstadt. Am 22. Oktober ließ er den Artillerieangriff eröffnen; 20 schwere Kanonen und 8 Mörser aus Straßburg nahmen die Stadt unter Feuer. In der schwachen Besatzung brachen Unordnungen, in der Stadt Feuersbrünste aus und schon am 24. ergab sich der Platz. 120 Geschütze, 2000 Mann, 7000 Gewehre fielen in die Hand der Belagerer, die nur 20 Mann verloren hatten. Um Neu-Breisach und das dazu gehörige Fort Mortier, in denen 5000 Mann standen, kam es zu etwas ernsteren Kämpfen. Erst zu Ende Oktober waren die Mittel zur Belagerung verfügbar. Geschütze wurden von Rastatt nach dem hochgelegenen, die Festung beherrschenden Alt-Breisach hart am rechten Rheinufer gebracht. Am 2. November begann die Beschießung. Tags darauf brachen in der Stadt starke Brände aus, vier Tage später lag das Fort Mortier in Trümmer und am 10. November erfolgte die Kapitulation. Neu-Breisach war zum größten Teil niedergebrannt, die Stadtumwallung nur wenig beschädigt. 108 Geschütze, 6000 Gewehre waren die Kriegsbeute, der Verlust betrug 70 Mann. Am Tage zuvor war weiter nördlich auch Verdun gefallen, das von 6000 Mann mit 140 Geschützen tapfer verteidigt wurde. Die Beschießung durch Feldgeschütze war auch hier vergeblich gewesen. Es mußte zum regelrechten Angriff geschritten werden und am 9. Oktober war ein Belagerungskorps unter General v. Gayl vor dem Platz erschienen, der das schwere französische Geschütz aus Toul und Sedan mitführte. Die Feuereröffnung am 13. Oktober brachte jedoch keinen Erfolg und die an Zahl überlegene Besatzung drang sogar bis in die Linie der Belagerer vor. Erst nach dem Fall von Metz trat eine Wendung ein; Verstärkungen und ein Park von 102 Geschützen kamen an. Die Franzosen warteten nunmehr den förmlichen Angriff nicht ab, sondern öffneten am 9. November die Tore. Die Besatzung, mit Ausnahme der Nationalgarden, wurde kriegsgefangen, das Material beim Friedensschluß zurückgegeben. In Baden hatte sich mittlerweile die 4. Reservedivision in der Stärke von 15 Bataillonen, 8 Eskadrons, 6 Geschützen gebildet und überschritt bei Neuenburg nordöstlich Mühlhausen den Rhein. Beide Reservedivisionen erhielten nunmehr die schon erwähnte Bestimmung. Fall von Schlettstadt, Neubreisach und Vevdun 501 Vormarsch der II. Armee von Metz nach der Loire und Vereinigung mit dem Groszherzog von Mecklenburg Prinz Friedrich Karl setzte sich am 31. Oktober in der Richtung auf Troyes in Bewegung und nahm zunächst Bourges zum Ziel, aber er hoffte auf eine Ausdehnung seines Vormarsches bis an das westliche Meer und nach Bordeaux hin. Zunächst war von einem Widerstande nichts zu spüren. Nach den schwer errungenen Siegen gegen die Kaiserliche Armee war in den preußischen Reihen die Annahme allgemein, daß drei Preußische Armeekorps durchaus hinreichend wären, um jedes neu aufgebotene Heer der Republik ohne große Mühe schnell zu zerstreuen. Über den Erfolg der Nationalbewaffnung gab man sich einer völligen Täuschung hin. Erst allmählich schwand diese infolge der Gerüchte, von bedeutenden Truppenansammlungen, und nach einiger Zeit schon hörte man im Lande die erregten Einwohner über „1a. dslls arm6e äs la l^oire" rühmend sprechen. Die französische Regieruugsdelegation von Tours hatte in der Tat die größte Tätigkeit entfaltet, seitdem Gambetta die Rolle des Diktators übernahm. Eine völlige Neuordnung der gesamten Kriegsverwaltung und des Generalstabes traten ein. In den Arrondissements wurden die Nationalgarden aufgerufen und zu Bataillonen zusammengestellt, diese in den Departements zu Brigaden vereint, die endlich mit den noch vorhandenen Linientruppen und den Mobilgarden die größeren Heereskörper bildeten. Außer dem schon aufgetauchten 15. Armeekorps wurden noch 11 andere bis zur Nummer 26 gebildet. Im ganzen sollten demnächst 600000 Mann mit 1400 Geschützen wieder im Felde stehen. Unter dem Schutz der über die Loire zurückgegangenen Truppen, die an Lamotte- rouges Stelle jetzt dÄurelle de Paladines befehligte, bildete sich das 17. Armeekorps bei Blois an der Loire unterhalb Orleans, das 18. bei Gien oberhalb Orleans, das 16. nördlich von Mer hinter dem Walde von Marchenoir. Die Schwäche der Truppen Tanns in Orleans war nicht verborgen geblieben; die Wiedereinnahme beschlossen. Dann sollte aber nicht weiter vorgegangen, sondern erst ein großes verschanztes Lager bei Orleans als Operationsbasis geschaffen werden. Der dort versammelten Armee war die Hauptrolle beim konzentrischen Vordringen aller französischen Heere gegen Paris zur Befreiung der Hauptstadt zugedacht. Schwächere Kräfte sollten von der untern Seine und von Norden her vorgehen. Der Plan war groß angelegt, aber er erforderte schnelle Bewegungen, viel Marsch- und Schlagfertigkeit, die erst gewonnen werden mußten. 602 VIII. Der Krieg von 1870/71 General v. d. Tanns Späher stießen schon Ende Oktober überall mehr und mehr auf wachsenden Widerstand. Er sah sich von feindlichen Schwärmen und Truppen allmählich umringt. Seine Lage, weit von Paris und ohne jede Unterstützung, wurde von Tag zu Tag unheimlicher. Am 7. November ließ er, um Klarheit zu gewinnen, die 2. Kavalleriedivision gegen den Wald von Marchenoir vorgehen, wo die Franzosen am tätigsten zu sein schienen. Sie traf tatsächlich bei St. Laurent auf starke, im Vorrücken begriffene Streitkräfte. General Chanzy befand sich mit Teilen des 15. und mit dem 16. französischen Korps bereits auf dem Wege nach Meung und Charsonville. Beide Orle sollten am 8. November erreicht werden, die zahlreiche Kavallerie aber in nordöstlicher Richtung voraus eilen, um den Bayern den Rückzug zu verlegen. Auch von Gien her sah sich General v. d. Tann bedroht und erkannte, daß es sich um eine Einkesselung handle. Schnell entschlossen sandte er seine Kavallerie den anrückenden Franzosen entgegen und verließ Orleans, dessen unübersichtliche, dicht bebaute Umgebung ihm für die Aufnahme des Kampfes unvorteilhaft erschien. Mit seinem Korps wählte er den gefährlichsten Gegner zum Ziel. Am 9. November früh traf er nach einem Nachtmarsch bei Coulmicrs ein. Das Treffen von Coulmiers am y. November ^370 (S. Skizze 55) Schon waren auch die Franzosen im Anmarsch. Ihre Front dehnte sich über die 20 Kilometer von nördlich Meung bis nach Patay hin aus. Auch die Bayern mußten sich daher sogleich auseinanderziehen und besetzten an den Waldrändern hinter Coulmiers eine für sie recht breite Stellung, um nicht vom ersten Augenblick an umfaßt zu werden. Bald wurden ihre Bortruppen nach lebhaftem Gefecht zurückgedrängt, aber die Energie des Feindes ließ nach. Namentlich auf dem linken Flügel dem Schlosse von Preforts gegenüber verhielten sie sich bald völlig passiv. Die Truppen konnten von dort nach der Mitte herangezogen werden. Die Verteidigung beschränkte sich nunmehr auf die Dörfer Gemigny, Coulmiers und den Wald von Montpipeau. Diese verkürzte Stellung wurde am Nachmittag von den Franzosen angegriffen, die zugleich den rechten Flügel in weitausholender Bewegung umfaßten. Die große Überlegenheit des Gegners ließ sich nicht länger verkennen; es fochten etwa 20 000 Deutsche gegen 70000 Franzosen. Nachmittags um 4 Uhr entschloß sich der tapfere bayerische General, gewiß schweren Herzens, aber doch die Lage richtig erkennend, zum Rückzüge und führte diesen mit Tanns geschickter Rückzug nach Toury 503 außerordentlichem Geschick nach der rechten Flanke hin aus. Unter einem Verlust von 50 Offizieren, 893 Mann und 2 Geschützen gelang es ihm nach Artenay abzuziehen, von wo aus er am folgenden Tage Toury erreichte und dort in naher Verbindung mit der Armee vor Paris seine Truppen enge Ortsunterkunft beziehen ließ. Eben da traf auch General v. Wittich mit der 22. Division ein, die aus eigenem Antriebe schon vorher den Bayern hatte zu Hilfe kommen wollen, jetzt aber den Befehl dazu ^5 Ksv, 6,Es5iA?evsu ^r^Z^ viv. ^suregui den^lss^^^^ D / c?c» s^M ,/ L -! k)ss Il'effsn von Loulmis^s sm I^ovembei' I8?ll. -Ii»Ss^m i^frzn^ossnj » 0 "Z 1Z ^Lsv^lnfSngÄ, !> ^ ---^ ^ " 2. Xsv. O » ^. ^^--------^Lj ^ ^ «ÄuImie^s^iimW?^ Ä. S--3- ^ Ä 5. ^ ^» ^^?>?^es" ö--g- ^ i.ksvp.Inf.ö^. ^ s?g. k!st>!ttg^ ^^'Ä "^M aus dem großen Hauptquartier erhielt, sich auf 1540 Mann beziffert haben. Die Einbuße der Franzosen soll Die Nachricht von dem Gefecht von Coulmiers und dem ersten Wasfen- erfolg der Nationalverteidigung machte in Frankreich einen gewaltigen Eindruck und belebte die Rüstungen. Glücklicherweise war bei Paris mittlerweile das 2. Armeekorps eingetroffen, die Gardelandwehr hatte die Halbinsel von Argenteuil besetzt und die Einschließung vervollständigt. Eine Brigade hatte zn deren Sicherstellung schon gegen Norden entsendet 504 VIII. Der Krieg von 1870/71 werden können. Der neuen drohenden Gefahr gegenüber war es ferner möglich, die 17. Division zur Tannschen Armeeabteilung abrücken zu lassen, der auch die 4. und 6. Kavalleriedivision beigegeben wurden, und die unter den einheitlichen Befehl des Großherzogs von Mecklenburg trat. Dieser versammelte seine Hauptkräfte am 12. November um Angerville. Auch die II. Armee näherte sich. Sie hatte am 10. November die Linie Troyes—Chaumont erreicht, dort aber den Befehl erhalten, den Marsch auf Bourges nicht fortzusetzen, sondern rechts nach der großen Pariser Straße hin abzumarschieren und diese gegen ein Vordringen der Franzosen von Orleans her zu decken. Der französischen Bedrohung folgten also unmittelbar die Abwehrmaßregeln. Die Untätigkeit der Franzosen bei Orleans hatte in dem Großherzog inzwischen den falschen Verdacht erweckt, daß der Hauptangriff nicht von dort, sondern aus Südwesten drohe. Bei Nogent-le-Rotrou (vergl. Skizze 65) sollten sich bedeutende Streitkräfte sammeln. Er wendete sich also dorthin, nahm nach kleinen Gefechten am 22. November die Stadt und mußte nun erkennen, daß er einen Luftstoß geführt hatte. Daher erhielt er auch aus dem großen Hauptquartier den Befehl, an die Loire nach Beaugency zurückzukehren. Er machte indes, noch nicht völlig überzeugt, den Umweg über St. Calais in der Richtung auf Tours. Am 25. bedrohten französische Streifkorps die nachfolgenden bayerischen Kolonnen und verursachten eine neue Umkehr gegen Nordost. Das 17. französische Korps war vom Walde von Marchenoir her eilig an den Loirfluß geworfen worden, um den Regierungssitz Tours zu decken. Zwei aufeinander folgende Nachtmärsche lösten es indes fast vollständig auf. Die Notwendigkeit der einheitlichen Leitung aller Unternehmungen gegen die Loire machte sich auf deutscher Seite fühlbar. Der König ernannte deshalb Prinz Friedrich Karl zum Oberbefehlshaber aller dort tätigen Streitkräfte, und der Prinz, dem mittlerweile glaubwürdige Nachrichten zugegangen waren, daß bei Orleans an 150000 Mann wohlausgerüsteter Truppen stünden, rief den Großherzog von seinem Zuge gegen Südwest hin ab und nach Janville, nahe der Pariser Straße, zu sich heran. Der Rechtsabmarsch der II. Armee wurde beschleunigt. Das 9. Korps mit der 1. Kavalleriedivision war bereits am 17. November bei Angerville eingetroffen, wo bis dahin nur die 2. Kavalleriedivision die große Straße gedeckt hatte; es übernahm die erste Sicherung der Belagerung von Paris. Das 3. Korps erreichte am 20. Pithiviers, das 10. näherte sich Montargis, wo es am 22. eintraf; doch hatte es eine verstärkte Brigade znr Sicherung des weiten leeren Raumes zwischen der II. Armee und den Truppen des Die deutschen Streitkräfte an der Straße Orleans—Paris 505 Generals v. Werder in Chaumont zurücklassen müssen. Gesperrte und zerstörte Straßen hielten seinen Marsch vielfach auf. Der Widerstand der Einwohner wurde trotziger und kühner; der Volkskrieg kam mehr und mehr in Gang. Alle Nachrichten stimmten dahin überein, daß die Hauptkräfte des Feindes in sehr ansehnlicher Zahl bei Orlöans zu suchen seien. Die großen, der Stadt vorliegenden Waldungen aber erschwerten den Einblick. Beim Weitermarsch hatte das 10. Korps am 24. November bei Ladon und Maizieres Gefechte zu bestehen. Aus einem erbeuteten dienstlichen Schriftstück ging hervor, daß ein neues Korps — nämlich das 20. unter Crouzat, das Werder gegenüber gestanden hatte — mit der Eisenbahn von Chagny nach Gien herangezogen worden war. Eine gewaltsame Erkundung auf Neuville-aux-Bois am Nordrande des Orleans- waldes stieß auf lebhaften Widerstand des dort stark und geschickt verschanzten Feindes. Das Bild der französischen Stellung begann sich zu entschleiern. Sie reichte vom Loing bis über die Pariser Straße westlich heraus zum Comeback) und war überall mit ziemlich starken Kräften besetzt. Z?er groste Lntsahversuch für Paris (S. Skizze 56) Der 24. November ließ die Zweifel darüber schwinden, daß die Deutschen bei Orleans eine starke französische Armee in sorgfältig verschanzter Stellung vor sich hätten. Vom Kirchturme von Pithiviers sah man nächtens ausgedehnte Feuerscheine in der Richtung dorthin vor sich, deren Anblick die bisher für patriotische Übertreibungen gehaltenen Nachrichten bestätigte. Die II. Armee befand sich unerwartet einer neuen ernsten Aufgabe gegenüber. Man hatte von einem leichten fröhlichen Marsche durch Mittelfrankreich geträumt und stand nun vor abermaligen Waffenentscheidungen, deren Ernst man allmählich zu erkenne» begann. Es ist vielleicht die schwierigste Probe, der ein Heer unterworfen werden kann, aus einem ersten glücklichen aber schweren Feldzuge, dem naturgemäß eine Abspannung der Kräfte folgt, unerwartet ohne Ruhepause in einen zweiten einzutreten. Napoleon I. hat dies im Dezember 1806 am Bug und Narew genugsam erfahren. Prinz Friedrich Karl entschloß sich in dieser Lage zunächst, in seiner ausgedehnten Stellung dem Walde von Orleans gegenüber stehen zu bleiben, bis der Großherzog soweit herangerückt sein würde, daß gemeinsames Handeln möglich war. Dann erst sollte der konzentrische Vormarsch gegen Orleans beginnen. Selbst die höchsten deutschen Annahmen von der Stärke des Feindes, ö06 VIII. Der Krieg von 1870/71 die auf 100—150 000 Mann hinausliefen, unterschätzten den Gegner noch bedeutend. Gambetta hatte seit Coulmiers in unermüdlicher Tätigkeit die Loirearmee über jedes Erwarten verstärkt. Wir wissen schon, daß er an ihren rechten Flügel das 20. Korps Crouzat, das nicht weniger als 40 000 Mann zählte, herangerufen hatte. Auch das 18. traf ebendort ein. Auf dem linken Flügel war das 17. jetzt in feiner Zusammensetzung vollzählig. Das 1ö. und 16. bildeten die Mitte. Selbständige Freischaren schlössen sich an. Überall am Nordrande des Waldes von Orleans, aber auch weiter rückwärts, gegen die Stadt hin an Stärke zunehmend, wurden Verschanzungen angelegt, Marinegeschütz von Cherbourg herangezogen. In Paris bereitete sich ein großer Ausfall vor. Eine Neueinteilung der Kräfte der Hauptstadt schuf drei Armeen, von denen die 2. die schlagfertigsten Truppen enthielt und von General Ducrot geführt wurde. Dieser faßte den Plan, Ende November einen Durchbruch auf der Südostseite zu versuchen. In derselben Richtung mußte ihm die Entsatzarmee entgegengehen, um die schwachen deutschen Kräfte zwischen zwei Feuer zu nehmen. Diese Lage beweist, wie sehr Prinz Friedrich Karl recht gehabt hatte. Nur mit etwa 40 000 Mann war er eingetroffen, verhältnismäßig stark an Artillerie und Kavallerie. Aber diese beiden Waffen konnten bei einem Angriff in dem bedeckten Gelände vor Orleans nur wenig mitwirken. Die tüchtige, kriegserprobte Infanterie wiederum war an Zahl zu schwach, um die Stellungen des Feindes ohne ihre Unterstützung nehmen zu können. Bei dem Versuch hätte sie sich, je tapferer sie vorging, desto schneller verbrauchen müssen. Anders gestalteten sich die Dinge, wenn der Feind aus dem Walde in das offene Gelände gegen Paris hinaustrat und seinerseits angriff. Dann hatten die Deutschen freies Feld für die Verwendung aller drei Waffen, und ihre größere Manövrierfähigkeit kam zur Geltung. Einmal aber mußten die Franzosen vorwärts gehen, wenn anders ihre Rüstungen einen Zweck haben sollten. Gambetta drängte längst dazu. Schon nach dem Erfolge von Coulmiers hatte er die allgemeine Offensive gewünscht, sich aber am 12. November bei einem Besuche der Loirearmee davon überzeugt, daß diese noch unfähig zu weitgehenden Unternehmungen sei. Jetzt, wo seitdem zehn Tage verflossen und die großen Verstärkungen eingetroffen waren, hielt es ihn nicht länger. Da General d'Aurelle de Paladines noch immer einen Aufschub verlangte, um seinen Truppen erst noch mehr Festigkeit zu geben, Neueinteilung der Armeen in Paris 507 faßte er den unheilvollen Entschluß, die Leitung der Operationen selbst in die Hand zu nehmen. Wer die Dinge rein äußerlich ansieht, begreift des jungen Diktators Ungeduld. Die Streitkräfte in Paris beliefen sich bereits auf 400000 Mann; die an der Loire wurden auf 223 000 berechnet, 40 000 waren im Norden verfügbar; au der Eure stand ein in der Bildung begriffenes Korps unter General Briand. Wenn solche Heeresmasfen, von französischem Elan getragen, gemeinsam gegen die Hauptstadt vordrangen, schien der Erfolg nicht ausbleiben zu können. Überschätzte man die numerische Stärke der H^/s-s 56 0k2embsl'1870. ^--^ e Die 8te»uliq cjkk' keei'k?u Hniano «AÄ^' ^^l? »c-^-), . tto^^mes. ^ 1^f^'-' ^A'^e --V^- > „>"-.5oc^>. ll^fl'SNioSSN^ ^^^^^ ^ >V ^I>" ^ G/^'vÄ'^ j'^vI^. ____ ' »"--5^— j.- Ws.,--» deutschen Truppen auf französischer Seite tatsächlich auch noch bei weitem, so hielt man sie doch immerhin für soviel schwächer, daß es leicht schien, sie zu erdrücken. Es fehlte den alten zögernden Generalen aus der Kaiserzeit nur der Entschluß, um den großen Streit mit einem gewaltigen Schlage zu enden. So stellten sich die Dinge der Phantasie Gambettas und seines Beraters de Freycinet dar. Sie übersahen das einfache, nüchterne Hindernis, das sich dem kühnen Fluge ihrer Entwürfe entgegenstellte, den Mangel an Mannszucht und Manövrierfähigkeit so zahlreicher, frisch zusammengeraffter Heeresmassen. Gefährlich genug war freilich die Lage für die Deutschen. Die große 508 VIII. Der Krieg von 1870/71 Krisis im Feldzuge gegen die Republik trat früher ein, als es irgend jemand erwartet hatte. Die Armee vor Paris war durch den Feind, den sie eingeschlossen hielt, gefesselt. Im Norden kam General v. Manteuffel eben erst heran, aber nur mit dem 8. und einer Division des 1. Armeekorps. Die 75 000 Mann, welche die II. Armee, vereint mit den Truppen des Großherzogs zählte, stellten die Hauptstreitkraft dar, die verfügbar war, um den Entsatz von Paris fernzuhalten — wenig genug, um zur Vorsicht zu mahnen. Das Land ringsumher war überdies in Aufruhr gegen die Deutschen. In Gambettas Entwürfen scheint die Ansicht eines irischen Abenteurers, Kapitän Ogilvie, eine gewisse Rolle gespielt zu haben, der am 24. November bei Ladon-Maizieres fiel. Deutsche Soldaten fanden bei ihm einen Empfehlungsbrief Gambettas an General Crouzat, dem Gien von dem Diktator als der Schlüsselpunkt der nächsten Operationen bezeichnet wurde. Die große französische Offensive sollte am Loing abwärts über Nemours und Malesherbes eingeleitet werden, der Ausfallarmee von Paris gerade- wegs entgegen. Dort konnte man dieser nicht nur am bäldesten die Hand reichen, sondern trennte zugleich die Deutschen von ihren Verbindungen mit der Heimat. Sie sollten nicht bloß geschlagen, sondern vernichtet werden. Am Loing entlang war zudem die Eisenbahn am längsten zu benutzen, und dessen bedurften die noch schwerfälligen Heere. Mitte und linker Flügel der Loirearmee sollten sich der Offensive durch Vormarsch über Pithiviers und Toury anschließen. Ein napvleonischer Plan, aber ohne napoleonische Truppen und Energie der Führer! „Paris hat Hunger und ruft uns" war Gambettas Parole. Er zögerte nicht länger. Spannende Tage folgten. General d'Aurelle wurde aufgefordert, mit dem 15. Korps von Orleans auf Pithiviers, mit dem 20. auf Beaune-la-Rolande, mit dem 18. rechts daneben vorzugehen — der Weitermarsch habe Fontainebleau als nächstes Ziel. d'Aurelle machte Einwendungen gegen das voreilige Heraustreten ins freie Gelände. Prinz Friedrich Karls Name übte seinen Zauber auf ihn; er konnte sich diesen gefürchteteu Heerführer nichts anders als an der Spitze von mindestens 80 000 Mann denken. Gambetta wurde unwillig; niemand wußte, wie lange sich Paris noch halten könne. Ein Sieg nach dem Fall der Hauptstadt hatte keinen Wert mehr. Am 26. November erhielt, über dÄurelles Kopf hinweg, General Crouzat den Befehl, zunächst mit dem 20. und 18. Korps allein vorzugehen. Damit war die Verwirrung in die Führung der Armee hineingetragen, der Keim für die Niederlage gelegt. Gambettas Einmischung in die Heerführung 509 Die Schlacht von Beaune-la-Rolande am 23. November ^870 (S. Skizze 57) General Crouzat wußte, daß stärkere preußische Kräfte vor ihm in und bei Beaune ständen. Er setzte daher das 18. Korps über Juranville, das 20. über Boiscommun so gegen diesen Ort in Bewegung, daß der gemeinschaftliche Angriff am 28. November erfolgen konnte. Der Stoß traf das 10. preußische Korps, das augenblicklich nur drei Brigaden stark war und noch eine gemischte Abteilung nach ClMeau Landon hatte entsenden müssen. Die bei Chaumont zurückgelassene gemischte Brigade war freilich im Anmarsch, konnte an diesem Tage aber erst Joigny erreichen, also nicht eingreisen. General v. Voigts-Rhetz verfügte daher nur über rund 10 000 Mann in seiner ziemlich ausgedehnten Stellung. Glücklicherweise hatte Prinz Friedrich Karl das Kommende vorausgesehen und seine Maßnahmen getroffen. Er sowohl, wie sein Generalstabschef Stichle durchschauten Gambettas Pläne und die Gründe dafür. Der bei Ogilvies Leiche aufgefundene Brief bestätigte sie darin. Der Prinz hatte deshalb gerade zu rechter Zeit, am 27. abends, unter Belassung des 9. Korps an der großen Straße Orleans—Paris die II. Armee nach links zusammengeschoben und die 5. Infanteriedivision östlich Pithi- viers zur Unterstützung des 10. Korps bereitgestellt. Auch die 1. Kavalleriedivision stand in der Nähe bei Barville. Mehr konnte im Augenblicke nicht getan werden. Zunächst hatte das 10. Korps allein einer sechsfachen Übermacht standzuhalten. Früh um 9 Uhr eröffnete das 18. französische Korps den Angriff und drängte den linken Flügel der preußischen Vorposten hinter den Eisenbahndamm bei Corbeilles zurück. Auch dies Dorf wurde genommen, die darin steckenden schwachen preußischen Abteilungen nach Norden und Westen auseinander getrieben. General Voigts-Rhetz aber antwortete durch einen Gegenstoß ans der Front, nahm Juranville und behauptete es bis Mittag. Dann wandten sich von Corbeilles und Maizieres her starke französische Kräfte gegen diesen vorgeschobenen Punkt und erzWangen seine Räumung. Die Umfassung des preußischen linken Flügels war nunmehr geglückt, beim Rückzug blieb sogar ein Geschütz, dessen Bedienung zusammengeschossen wurde, im tiefaufgeweichten Lehmboden stecken. Jetzt entwickelte sich das 18. Korps bei Juranville und ging einheitlich gegen die bis in die Höhe von Beaune nach Long Cour zurückgewichenen Preußen vor. Der matt geführte Angriff aber scheiterte und verwandelte sich in eine bis zur srüh hereinbrechenden Dunkelheit fortdauernde Kanonade. 510 VIII. Der Krieg von 1870/71 Ernster und dramatischer gestaltete sich der Kampf auf dem preußischen rechten Flügel, der Beaune und den westlich davor gelegenen ummauerten Begräbnisplatz besetzt hielt. Dort führte General Crouzat selbst das 20. Korps, das die besten Truppeu enthielt, zum umfassenden Angriff von Süden und Westen vor. Die außen stehenden preußischen Abteilungen wurden von der großen Übermacht zurückgedrängt. Als die Franzosen von der Nordwestseite her das Städtchen umringten, erstiegen sie auch schon die Höhen östlich davon. Trotzdem wurde es nicht aufgegeben. Das 16. Infanterieregiment, das bei Vionville so furchtbare Verluste gehabt hatte, ließ sich darin einschließen und erhielt die Gelegenheit, dem Gegner in der Verteidigung heimzuzahlen, was es damals im Angriff bei Greyere F° erlitten hatte. Zwei Kompagnien 57 hielten mit ihm aus. Das von alten Mauerresten umgebene Beaune war in Eile zur Verteidigung hergerichtet, seine Zugänge verbarrikadiert worden. Der Begräbnisplatz wurde festgehalten. Nach heftiger Beschießung durch die französischen Batterien begannen, zumal von Orme her, heftige Jnfanterieangriffe. Mit großer Bravour stürmten die jungen französischen Bataillone wiederholt bis an die Mauer und Barrikaden, scheiterten aber stets an der besonnenen kaltblütigen Tapferkeit der Verteidiger. Noch in der Dunkelheit, nachdem sich das Blatt schon gewendet hatte, erfolgten die letzten Versuche. Auf der Höhe der Hauptbarrikade gegen Boiscommun hin fand man am Kritischer Stand beim Städtchen Beaune 511 andern Morgen die Leiche eines ganz jungen Mannes, der, im Begriff sie zu übersteigen, erschossen worden war. Die um Beaune herum zurückgedrängten Abteilungen hatten sich inzwischen hinter der Stadt gesammelt, mit neuem Schießbedarf versehen und waren wieder vorgedrungen. Nachmittags um 3 Uhr gelang es ihnen, bis an die Ostseite der Stadt heranzukommen. Gleichzeitig erschien auch die Hilfe von der Armee. Die 5. Division traf von Pithiviers auf dem Schlachtfelde ein und griff um 4'/^ Uhr bereits Batilly an. Auch die 1. Kavalleriedivision wirkte mit. Der in Flanke und Rücken bedrohte, schon erschöpfte Feind leistete nicht lange mehr Widerstand, sondern wich gegen Boiscommun zurück, wo sich das 20. französische Korps nächtens nach schwerer Einbuße sammelte. Es hat sich von dem hier erlittenen Schlage während des ganzen übrigen Feldzuges nicht mehr erholt. Das 18. Korps, das weit weniger gelitten hatte, blieb auf dem eroberten Boden bei Juranville stehen. Die so hoffnungsvoll begonnene französische Offensive hatte sogleich einen empfindlichen Mißerfolg gebracht. Der Gesamtverlust des französischen rechten Flügels, 1850 Gefangene und die Vermißten eingerechnet, betrug rund 10 000 Mann. Niederdrückend wirkte, daß es auch der unverhältnismäßig großen Überzahl nicht gelungen war, mit dem verhaßten Gegner, den man schon für verloren gehalten hatte, am Ende fertig zu werden. Die Preußen büßten außer dem einen Geschütz nur 38 Offiziere, 358 Mann ein. » -i- -i- General Crouzat erhielt auf seine, noch in der Nacht erstattete telegraphische Meldung den Befehl, von nochmaligem Angriff Abstand zu nehmen, und beschloß, sich durch Linksabmarsch am 30., dem 15. Armeekorps zu nähern. Das wäre unmöglich geworden, wenn Prinz Friedrich Karl am 29. November zur Verfolgung des geschlagenen Feindes übergegangen wäre. Am Abend des 28. aber hatte sich der errungene Erfolg in feiner Bedeutung nicht übersehen lassen. Das 18. französische Korps stand noch vor der Front. Der Prinz erwartete eine Erneuerung des gestrigen Angriffs. Diesen hielt er sür die Einleitung der großen französischen Offensive gegen Fontainebleau, versammelte das 10. und 3. Korps in Bereit- schaftsftellungen und zog sogar das 9. zum Teil gegen Pithiviers heran. Er befahl ihm zugleich, mit den übrigen Truppen zu folgen, sobald der Großherzog an der Pariser Straße einträfe. Auch am 30. verharrte er in der beobachtenden Stellung. 512 VIII. Der Krieg von 1870^71 So gelang es Crouzat, sein Vorhaben auszuführen nnd die gefährliche Flankenbewegung am 30. unter leichten Gefechten bei Maizieres, St. Loup und Montbarrois zu vollziehen. Nicht der rechte, sondern der linke französische Flügel sollte den nächsten Schritt tun. Eine verspätete Ballonpostmeldung brachte die Kunde nach Tours, daß General Ducrot seinen Ausfall mit 100000 Mann und 400 Geschützen am 29. habe beginnen wollen. Man mußte ihn deshalb schon im vollen Kampfe annehmen. Eile war geboten. Freycinet begab sich nach Orleans, auf den Notfall mit einem Absetzungsdekret für dÄurelle versehen, und verlangte das sofortige Vorgehen. Aber nicht die gesamte Armee sollte gleichzeitig zum Angriff schreiten, sondern Mitte und linker Flügel 15., 16. und 17. Korps vorher eine Rechtsschwenkung ausführen und bis Pithiviers vorrücken, dann erst das Ganze sich in Bewegung setzen. Zur Sicherung der linken Flanke ging das neugebildete 21. Korps nach Vendüme am Loirfluß vor. Man hielt dies Verfahren wohl für methodisch nnd planvoll, vergaß aber den Feind dabei. Prinz Friedrich Karl, der am 30. mit seiner Armee zwischen Pithiviers und Beaune-la-Rolande vereint stand, erhielt dadurch im wichtigen Augenblick die Freiheit der Bewegung. Die französische Rechtsschwenkung, die am 1. Dezember begann, konnte sich auch nicht ohne Kampf vollziehen, wie man es in Tours gehofft zu haben scheint. Sie mußte zunächst auf die Armeeabteilung des Großherzogs treffen, die gerade, der Linksschiebung der II. Armee folgend, an die große Pariser Straße heranrückte, aber mit den letzten Truppen noch bis Varize zurückreichte. General Chanzy hatte Freycinet auf ihre Nähe aufmerksam gemacht und sehr richtig darauf bestanden, daß sie erst zurückgeworfen würde, ehe man an die Schwenkung ging. Am 1. Dezember sehen wir ihn mit seinem Korps, zur Linken hinter sich das 17., im Vormarsche nördlich gegen Orgeres. Bei Villepion stieß er auf Teile des am Ende marschierenden 1. bayerischen Korps, griff sie umfassend mit großer Überlegenheit an und drängte sie auf Orgeres und Loigny zurück, wobei sie den nicht unbedeutenden Verlust von 42 Offizieren 894 Mann erlitten. Das Ereignis erregte in Tours große Freude. Auch aus Paris kamen gute Nachrichten. General Ducrot hatte am 30. seinen Durchbruch tatsächlich begonnen und anfänglich Erfolge errungen. Gambettas lebhafte Phantasie hielt ihn schon für gelungen; der Diktator zweifelte nicht mehr am glücklichen Ausgauge seines großen Unternehmens und kündete dies verfrüht dem in einen Freudentaumel versetzten Lande an. Treffen bei Villepion 513 Tatsächlich standen die Dinge für die Deutschen ernst genug. Die Armeeabteilung zählte nach den mancherlei Abgängen der letzten Tage sicherlich nicht mehr als 35—36 000 Mann in der Front. Sie befand sich also vor einer großen Übermacht des Feindes. Da das 15. französische Korps mit Ausnahme einer gegen Pithiviers in Bewegung gesetzten Division, den Vormarsch auf der großen Pariser Straße angetreten hatte, waren am 2. Dezember mehr als 90000 Franzosen gegen sie verfügbar. Prinz Friedrich Karl vermochte an diesem Tage, infolge der Linksschiebung der II. Armee, zu ihrer Unterstützung nicht heranzukommen; sie blieb auf die eigenen geringen Kräfte angewiesen. Ein vorläufiges Ausweichen konnte ratsam erscheinen. Dennoch entschloß sich der Großherzog, der in der Person des Generals v. Stosch einen neuen Generalstabschef und Berater erhalten hatte, vorzugehen, um Klarheit zu gewinnen und den Mißerfolg von gestern auszugleichen. Die Schlacht von Loigny-Pouvry am 2. Dezember ^370 (S. Skizze 58) Die Franzosen setzten am 2. Dezember früh 8 Uhr die begonnene Rechtsschwenkung fort. General Chanzy ging mit dem 16. Korps gegen Lumeau und Loigny vor. Das 17. unter de Sonis folgte. Das 15. Korps, Martin des Pailleres, sollte ihn über Artenay zur Rechten begleiten. Das Ziel war zunächst die Linie Allaines—Toury. Die Bewegungen vollzogen sich langsam und schleppend. Die Truppen, des Krieges ungewohnt, litten unter der plötzlich eingetretenen Kälte mehr als die Deutschen. Ihnen entgegen kamen die Bayern bei Loigny, die 17. Division bei Lumeau. Die 22. ging weiter östlich auf Baigneaux vor. Die starke Kavallerie sicherte die Flügel. Der Zusammenstoß erfolgte mit einer in dieser Kriegsperiode nicht gewöhnlichen Heftigkeit. Die Franzosen trafen vor den Bayern bei Loigny ein. Ihre darüber hinausgehenden Truppen wurden jedoch sofort angegriffen und geworfen. Inzwischen entwickelte sich aber das ganze 16. französische Korps bei und westlich Loigny und drängte nun seinerseits die an Zahl weit schwächeren Bayern zurück, die sich dann aber unter dem Schutze ihrer Artillerie wieder festsetzten. Verstärkungen vom eigenen Korps kamen von rückwärts heran; die 4. Kavalleriedivision eilte von rechts herbei und wendete sich gegen die linke Flanke der Franzosen. Die mit deren Deckung beauftragte Kavalleriedivision Michel wagte es nicht, den Reiterkampf aufzunehmen, sondern suchte den Schutz des von Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 33 514 VIII. Der Krieg von 1870/71 rückwärts anmarschierenden 17. Korps auf. So war die französische Flanke entblößt; der Kampf kam zum Stehen. Er wogte zumal um das Gehöft Morkle und Goury Chateau hin und her, bis endlich die weniger ausdauernden Franzosen wieder nach Loigny zurückgingen. Bei Lumeau war die 17. Division den Franzosen zuvorgekommen und behauptete sich dort gegen deren Angriffe. Als nun auch die 22. Division über Baigneaux herankam und angriff, wich der Feind, ward lebhaft verfolgt, verlor eine seiner Batterien und viele Gefangene. Als hier der Kampf entschieden war, wendete sich die 17. Division nach rechts, um die Bayern zu unterstützen, deren linker Flügel bei Goury ClMeau gerade wieder hart bedrängt wurde. Überrascht zogen die Angreifer nach Loigny ab. Die verfolgenden Mecklenburger aber drangen, vereint mit den erneut vorgehenden Bayern, nunmehr auch in dieses Dorf ein. Nach heftigem Kampfe, zumal um den hochgelegenen Kirchhof am Westende, war es in deutscher Hand. 80 schnell vereinte Geschütze sandten ihre Geschosse dem gegen Villepion weichenden Feinde nach. Ein Versuch, den General v. d. Tann nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr unternahm, weiter südlich vorzudringen, scheiterte indes an dem starken feindlichen Feuer. Andererseits ward die Kavalleriedivision Michel, die sich jetzt zum Angriff gegen den rechten deutschen Flügel anschickte, allein durch das Feuer der llie8cklse:lif von lM n v uncl ponon? sm Z.llsiesnbei'Mtl. ^I.S-^.X. X k ^ i.e-^0iv.» ^^5. ^ Nv-kisFS Zusammenstoß bei Loigny und Lumeau 515 reitenden Batterien zurückgewiesen. General Chanzy beschränkte sich nunmehr darauf, seine bedrohte rechte Flanke durch Zurückbiegen des Flügels zu schützen und zog dorthin auch noch einen Teil des 17. Korps heran. Er konnte es dennoch nicht hindern, daß die weit schwächere 17. Division in erneutem Angriff auch die Hakenstellung eindrückte und seine Truppen ganz um Villepion zusammengedrängt wurden. Bei dem Versuche der vordersten Truppen des 17. französischen Korps, ihm Luft zu schaffen, fiel General de Sonis, an der Spitze der päpstlichen Zuaven Charettes, schwer getroffen. General Chanzys Truppen hatten mit anerkennenswerter Ausdauer gefochten, ihre Kräfte sich aber im Angriffe nicht nachhaltig genug erwiesen, wie es bei so jungen unerfahrenen Truppen erklärlich ist. Es gehört mehr als nur Mut dazu, einen Angriff unter der heutigen Feuerwirkung tag- über nachhaltig durchzuführen, nämlich ein abgehärteter Körper, Ausdauer, eine unerschrockene Seele, durch Erfahrung gewonnene Besonnenheit und durch Übung erzeugte Gewandtheit. Die eintretende Dunkelheit machte auf diesem Teile des Schlachtfeldes dem Kampfe ein Ende. Inzwischen hatte auf dem entgegengesetzten Flügel ein besonderer Akt des Kampfes gleichfalls seinen Abschluß erreicht. Das 15. französische Korps fand an der großen Pariser Straße nur die 3. Kavalleriebrigade vor sich, drängte sie schon um Mittag von Dambron zurück und begann westlich gegen den Kampfplatz einzuschwenken. Da warf sich ihm die 22. Division — die wir bei Loigny aus dem Auge verloren haben — entschlossen entgegen, bemächtigte sich im schnellen Anmärsche des Dorfes Poupry und entwickelte sich mit der Front nach Osten. In dieser Stellung wies sie, vereint mit der wirksam eingreifenden 3. Kavalleriebrigade, alle Angriffe der Franzosen blutig zurück, bis auch hier die Dunkelheit weiteren Versuchen des Feindes ein Ziel setzte. Glücklich hatte das kleine deutsche Heer die dreifache Übermacht zurückgewiesen. Freilich waren die Verluste verhältnismäßig groß, nämlich 201 Offiziere, 3938 Mann an Toten und Verwundeten. Aber 8 Geschütze, 1 Mitrailleuse, 1 Fahne und 2500 unverwundete Gefangene blieben in der Hand der Sieger. Die Franzosen verloren gegen 5000 Tote und Verwundete. Die Auflösung ihrer Truppen durch die Schrecken des Kampfes, die Winterkälte und das Ungemach des Krieges steigerten ihre gesamte Einbuße indes auf mehr als 18 000 Mann. Die Deutschen blieben nach ihrem glänzenden Erfolge noch bis in die Nacht hinein in der Linie Orgeres—Loigny— Poupry stehen und gingen dann erst in der Nähe zur Ruhe über. 33* 516 VIII. Der Krieg von 1870/71 Das flüchtige französische Kriegsglück hatte einen jähen Rückschlag erfahren, die Schlachten von Beaune und Loigny den beiden Flügeln der „schönen Loirearmee", schwere Schläge versetzt. Mit Recht mußte man sich fragen, ob sie nach diesen Erfahrungen noch imstande wäre, den Marsch gegen Paris fortzusetzen. — Ein Himmel von Illusionen war jähe eingestürzt, und weiteres noch größeres Unheil zog sich zusammen. Prinz Friedrich Karl, am 1. Dezember noch des erneuten Angriffs gegen den linken Flügel der ausgedehnten deutschen Linie harrend, entschloß sich am 2. früh zum Rechtsabmarsche und darauf folgenden Angriff gegen Orleans im Verein mit dem Großherzoge. Mittags traf auch aus dem großen Hauptquartier der Befehl dazu ein. Die Vorbereitungen wurden sogleich getroffen, das 9. Korps bei Bazoches-les-Gallerandes, das 3. bei Pithiviers, das 10. bei Beaune-la-Rolande versammelt. Am Abend folgten die Maßregeln zum Angriff. Die Schlacht von Drleans am 2. und Dezember ^370 (S. Skizze 59) Der Angriff wurde auf zwei Tage verteilt, wie die Kürze der Wintertage, die stets ein Bundesgenosse des Verteidigers ist, es erforderte. Am 3. Dezember sollte das 9. Korps um 9^ Uhr das 15. französische bei Artenay angreifen, das 3. Korps über Chilleurs-aux-Bois gegen Loury vordringen, das 10. bis Chilleurs nachrücken, die 1. Kavalleriedivision, durch Infanterie verstärkt, zur Beobachtung des französischen rechten Flügels zurückbleiben, die 6. dem eigenen rechten Flügel folgen. Der Großherzog sollte seinen Vormarsch westlich der großen Pariser Straße selbst ordnen. Er befahl, daß die 22. Division den Angriff auf Artenay unterstützte, die 17. zunächst bei Anneux warte, das bayerische Korps nach Lumeau heranrücke. Die 2, Kavalleriedivision folgte dem linken Flügel, die 4. klärte in der rechten Flanke auf. Drüben auf französischer Seite hatte der Eindruck, den der Zustand der Truppen machte, in der Seele des Oberbefehlshabers bereits den Entschluß zum Rückzüge gezeitigt. Ein anderes blieb auch nicht übrig. Die Auflösung begann sich in der Armee zu verbreiten. Das 9. deutsche Korps griff Artenay zur befohlenen Stunde an, die 18. Division voran, die 25. dahinter. Die 22. Division unterstützte durch ihre Batterien. Ein heftiger Geschützkampf entspann sich. Bald umgaben 90 Geschütze im Halbkreis den ausgedehnten Ort, der von der französischen Division Martineau verteidigt, nach einiger Zeit aber langsam geräumt wurde. Mittags besetzten ihn die Deutschen und schritten nach halbstündiger Rast Rückzugsgcdanken des Generals d'Aurelle 517 zu neuen Angriffen. Vor dem verschanzten und mit Marinegeschütz aus- gestattetenICHevilly kam es zu längerem Infanterie- und Artilleriegefecht. Der^ Angriff auf den Ort selbst aber unterblieb wegen der früh nahenden Dunkelheit, obschon auch die 22. Division herangekommen war. Noch am Abend räumte der Feind den Ort, der nachts von der 22. Division besetzt wurde. Eine linke Seitenkolonne des 9. Korps, zur 25. Division gehörig, stieß bei St. Germain-le-Grand auf einen stärkeren, gut zur Verteidigung eingerichteten Gegner und vermochte ihn dort nicht mehr zu vertreiben. Weiter östlich fand das 3. Korps schon um 9 Uhr bei Santeau, nicht weit von Pithiviers, die französische Division Martin des Pallieres in guter Stellung vor sich, und es bedürfte des Einsatzes von 78 Geschützen, um sie zum Abzüge zu bewegen. Nochmals kam es bei Chilleurs zum 518 VIII. Der Krieg von 1870/71 Gefecht. Dann wich der Feind in den Wald von Orleans zurück. Das 3. Korps folgte ihm in zwei Kolonnen, fand aber die Straße und die Gestelle im Walde vielfach zerstört oder gesperrt und erreichte erst um 6 Uhr abends die große Lichtung von Loury. Hinter ihm kam das 10., bei dem die nachgerückte 40. Brigade mittlerweile eingetroffen war, auf dem Umwege über Pithiviers bis Chilleurs. Der Stoß der drei deutschen Korps hatte ausschließlich das IS. französische getroffen, dem die im Kampfe gewesenen Divisionen angehört hatten. Unbeteiligt waren die andern geblieben. Vom 16. Korps hatten sich zwei Divisionen aufgelöst, die dritte machte auf dem Rückzüge erst in Höhe der Werke des Orleanswaldes halt. General Chanzy, der fürchtete, geschlagen und vernichtet zu werden, verlangte Unterstützung von dem links neben ihm befindlichen 17. Korps. Dessen, durch Sonis Fall verwaiste Divisionsgenerale erklärten aber, daß ihre Truppen zu erschöpft seien, um irgendeine Bewegung machen zu können. Auch auf der großen Straße vollzog sich der Rückzug nach den Gefechten in voller Unordnung. Regimenter, Bataillone, Kompagnien handelten nach eigenem Ermessen. Alle suchten Orleans möglichst schnell zu gewinnen. Die glatten verschneiten Wege und das Schneegestöber wurde besonders lästig empfunden. Der nach Saran zurückreitende Oberbefehlshaber sah die Straße von Flüchtlingen bedeckt, die vom Massenschreck ergriffen, für die Stimme der Pflicht sowohl als für die ihrer Offiziere tanb blieben. Eine Wendung hätte das Schicksal der Armee nur erfahren können, wenn der rechte Flügel — das 18. und 20. Korps — jetzt noch den vom Prinzen Friedrich Karl vergeblich erwarteten Angriff auf Pithiviers durchführten. Sie hatten dorthin nur 2S Kilometer Weges und nichts vor sich, als die durch 4 Bataillone verstärkte 1. Kavalleriedivision. Aber der 28. November hatte sie so nachhaltig erschüttert, daß sie dergleichen nicht wagten. Sie glaubten eine bedeutende Übermacht vor sich zu haben. So fehlte alle Hoffnung auf eine günstige Wendung. General d'Aurelle befürchtete sogar, daß die ungeordneten und unbehilflichen Truppenmassen gemeinsam gegen den einen Übergang von Orleans gedrängt und in eine Katastrophe verwickelt werden könnten. Er faßte daher den richtigen Plan eines exzentrischen Rückzuges. Nur das 16. Korps, das allerdings stärker war, als die andern, sollte allein über Orleans ausweichen, General Crouzat mit dem rechten Flügel bei Gien, Chanzy mit dem linken bei Beaugency über die Loire gehen. Hinter der Sauldre gedachte er die Armee wieder zu vereinigen. Die Anordnungen wurden getroffen, die Regierung benach- Die Regierung befiehlt, Orleans zu halten 519 richtigt. Diese befahl die Stellung von Orleans zu halten, die gar nicht mehr zu halten war; General d'Aurelle blieb bei seinem Vorhaben. — Auf deutscher Seite hatte man kein besonderes Ungemach empfunden. An Glätte und Schneegestöber waren unsere Truppen ebenso gewöhnt wie an Regen und Sturm, eine Frucht der harten Friedenserziehung, die der verweichlichte Sinn einer friedensseligen Volksmehrheit ihr heute zu rauben bestrebt ist. Niemand hielt die Tage für ungewöhnlich schwer. Launig verglich General v. Stichle die Schlacht mit einem großen Manöver, „bei dem das Signal: Das Ganze Halt! ungewöhnlich lange ausbliebe." Ein wertvoller Fund, eine Anzahl geöffneter Umschläge von telegraphischen Depeschen mit der Adresse des Generals d'Aurelle, die auf dem Schneefelde lagen, gaben dem Prinzen Friedrich Karl die Gewißheit, daß der feindliche Oberbefehlshaber am 2. Dezember auf dem Schlachtfelde zugegen gewesen war. Jeder Zweifel schwand, daß hier vor Orleans die Hauptmasse der Loirearmee zu suchen sei. Das hob die herrschende Besorgnis vor einem erneuten Vorbrechen der Franzosen am Loing abwärts auf, und gab den Deutschen völlig freie Hand die Früchte ihres Erfolges einzuheimsen. Die stärksten Verschanzungen der Franzosen sollten in der Linie Gidy— Cercottes liegen. Gegen sie setzte Prinz Friedrich Karl für den 4. Dezember einen umfassenden Angriff durch das 9. Korps und die Armeeabteilung an, während das 3. Korps von Loury auf Orleans vorgehen, das 10. sich rechts ziehen und als Reserve nach Chevilly folgen sollte. Die Nacht brachte noch einen Erfolg. Die französischen Streitkräfte, die sich in der Gegend von Neuville-aux-bois behauptet hatten, erhielten Befehl, die Chaussee von Pithiviers zu gewinnen, um sich auf dieser an die Armee heranzuziehen. Dabei gerieten sie unerwartet in das Feuer des bei Loury lagernden 3. Korps, wurden gesprengt und suchten truppweise ihr Marschziel zu erreichen. Am andern Morgen fand man bei Neu- ville 7 stehen gebliebene Geschütze. Um 9 Uhr früh begann das 3. Korps seinen Vormarsch und drang unter mehrfachen, zum Teil lebhaften Gefechten gegen Truppen des feindlichen IS. Korps bis St. Loup vor. Dabei hatte es sich auch des 20. französischen Korps noch zu erwehren, das auf einen von Tours aus gegebenen Befehl nach Orleans herankommen sollte und sich ebenfalls auf die Straße von Pithiviers setzen wollte. Dort stieß es auf die der S. folgende 6. Division, ward von ihr abgewiesen und ging bei Jargeau über die Loire, wohin es vorsichtigerweise seine Trains schon vorausgeschickt hatte. Die lange Linie der Loirearmee war damit durchschnitten. 520 VIII. Der Krieg von 1870/71 An der großen Straße gestalteten sich die Kämpfe heute ernster. Zwar drang das 9. Korps um 1 Uhr nachmittags fechtend in das verbarrikadierte Cercottes ein. Dann aber steigerte sich der Widerstand in den Weingärten vor Orleans. An dem verschanzten Bahnhofe dicht vor der Stadt kam es zu lebhafter Gegenwehr, die erst mit einbrechender Dunkelheit aufhörte. Der Widerstand erneuerte sich jedoch weiter rückwärts, und um 7 Uhr abends brach General v. Manstein das Gefecht ab, ohne Orleans selbst erreicht zu haben. — Dies gelang erst in der Nacht und zwar der Armeeabteilung des Großherzogs. Sie fand das stark zur Verteidigung hergerichtete Gidy mittags verlassen. 8 stehen gebliebene Geschütze fielen in ihre Hand. Nun wandte sie sich südwestlich gegen Ormes, machte zahlreiche Gefangene und erbeutete feindliche Batterien, wobei auch die Kavallerie Gelegenheit zum erfolgreichen Eingreifen fand. Wagenkolonnen wurden genommen, Ormes fechtend besetzt. Unbeachtet war inzwischen General Chanzy mit dem 17. Korps und einer Division des 16. bei Patay und St. Peravy stehengeblieben. Als er dann am Nachmittage entdeckt wurde, zweigte sich ein Teil der Bayern und die 4. Kavalleriedivision gegen ihn ab und zwang ihn zum Ausweichen nach dem Gefechtsfelde von Coulmiers hinter den Wald von Montpipeau. Nun ging es weiter gegen Orleans. Die Kavallerie nötigte durch ihre Artillerie einen von Tours kommenden Eisenbahnzug, in dem sich der Diktator Gambetta befand, zur Umkehr. Eine Kriegsbrücke bei La Chapelle, auf der Fuhrwerke hinter den Strom zurückgingen, ward zerstört, und unter fortgesetzten Kämpfen um 6 Uhr abends der Stadteingang erreicht. Verhandlungen begannen. Um 10 Uhr kam es zu einer Übereinkunft, und um Mitternacht zog der Großherzog an der Spitze der 17. Division in Orleans ein. Die Loirebrücke fiel unversehrt in deutsche Hand. General dÄurelle, von der Regierung gedrängt, hatte vormittags noch einmal an die Fortsetznng des Widerstandes gedacht. Aber es erwies sich schon als unmöglich, die notwendigen Befehle in der aufgelösten Armee zu verbreiten, und um ö Uhr nachmittags wurde der Rückzug endgültig entschieden. Das 15. Korps ging — die Artillerie voran — nach La Ferte St. Anbin zurück, das 20. war, wie wir wissen, über Jargeau abgezogen; das 18. benutzte die Brücke von Sully. Das 16. und 17. wichen gegen Beaugency aus, blieben aber am rechten Ufer. Das Land ringsumher bedeckte sich mit zahlreichen Flüchtlingen und Versprengten. Die Deutschen hatten den großen Erfolg nur mit einem Verlust von Endgültiger Rückzugsbeschluß 521 123 Offizieren und 1623 Mann bezahlt, aber 74 Geschütze, 4 Flußkanonenschaluppen und 18 000 Gefangene erbeutet. Die Loirearmee verlor im ganzen über 20 000 Mann. Sie l. Armee im Norden Frankreichs (S. Skizze 60) Während der große Entsatzversuch von Süden her scheiterte, hatten die Dinge auch im Norden von Paris eine für Frankreich ungünstige Wendung genommen. Die zahlreichen dort gelegenen Festungen boten freilich gute Sammelplätze für frisch aufgestellte Truppen. Namentlich traf dies bei Lille mit seinen reichen Hilfsmitteln zu. Vorwärts davon gewährte die Somme mit den befestigten Übergängen von Abbeville, Amiens, Peronne und Ham eine starke Verteidigungslinie, die ebenso geeignet für überraschendes Vorbrechen wie für gesicherte Aufnahme zurückgehender Truppen war. Die Regierung der Nationalverteidigung hatte daher auch die Aufstellung einer stärkeren Armee im Norden beschlossen und dem aus Metz zur Kaiserin entsandten, dann aber dort nicht wieder eingelassenen General Bourbaki das Oberkommando übertragen. Als die brauchbarsten Streitkrüfte nach der Loire abberufen wurden, der Generalkommisfar der Regierung, ein Arzt, trotzdem schleunige Offensive forderte, die Bourbaki verweigerte, kam es zu dessen Abberufung und zur Ernennung des aus Afrika herangerufenen Generals Faidherbe an seiner Stelle. Im Norden fanden sich zahlreiche Offiziere und Mannschaften der Armee von Sedan und auch der Metzer Armee ein, die der Gefangenschaft auf irgendeine Art entgangen waren. Sie hatten meist den Weg durch Belgien gewählt und stellten sich wieder zur Verfügung. Es gelang daher, aus verhältnismäßig guten Elementen das 22. Korps zu bilden, das den Kern der Nordarmee abgab. Andere größere Truppenansammlungen fanden in und um Rouen statt. Sie zogen sogar anfänglich die Aufmerksamkeit des großen deutschen Hauptquartiers am meisten auf sich. Die Beunruhigungen, die von beiden Ausgangspunkten her den Belagerern von Paris bereitet worden waren, wurden bis jetzt durch gemischte Abteilungen der Maasarmee abgewehrt. Im November bereitete sich aber auch hier Größeres vor. General Farre, Geniedirektor von Lille und Vertrauensmann des Negierungskommissars, der an Stelle des noch nicht eingetroffenen Faidherbe den Oberbefehl führte, versammelte die Armee — 25 000 Mann, einschließlich 8000 Mobilgarden, stark — bei Amiens, von S22 'VIII. Der Krieg von 1870/71 wo die Offensive gegen Paris eingeleitet werden sollte. Südlich der Stadt wurde eine verschanzte Stellung geschaffen. Zur rechten Zeit erschien indes General v. Manteuffel mit der I. deutschen Armee, um den Franzosen den Weg zu verlegen. Er hatte freilich zunächst nur das 8. Korps und eine Division des 1. bei sich. Alle übrigen Truppen waren noch in und vor den Moselfestungen und denen der Nordgrenze festgehalten, ihr Herankommen stand erst nach einiger Zeit in Aussicht. Genaue Nachrichten über den Feind fehlten; dessen Hauptkräfte wurden bei Ronen vermutet. Dorthin sollte der Marsch gehen. Als Manteuffel am 26. November südlich und südöstlich von Amiens in der Gegend zwischen Breteuil, Montdidier und le Quesnel eintraf, ging ihm die Nachricht zn, daß 15 000 Mann in seiner rechten Flanke bei Amiens an der Somme stünden. Er beschloß den Angriff, beabsichtigte jedoch am folgenden Tage seine noch auf 30 Kilometer Entfernung auseinandergezogenen Truppen erst zu versammeln und wies ihnen Quartiere näher bei Amiens an. Dort aber hatte sich, von ihm bisher nicht entdeckt, — zwischen der Stadt und dem Dorfe Villers-Bretonneux — die französische Nordarmee aufgestellt. Unvermutet stieß er daher auf die ausgedehnte Front des Gegners. Manteuffels rechtzeitiges Eintreffen bei Amiens 523 Die Schlacht von Amiens am 27. November l.870 (S. Skizze 61) Das vorn befindliche 8. Korps sollte sich zwischen dem Noye und Celle- bache bis dicht vor Amiens hin unterbringen, die Truppen vom 1. Korps östlich der Avre, also völlig getrennt davon. Deren Vorhut — die 3. Brigade — ging jedoch noch über den Lucebach gegen Villers Bretouneux vor, um Dörfer zu belegen, die schon vom Feinde besetzt waren. Daraus entspann sich ein Gefecht. In verwegenem Angriff nahmen die preußischen Bataillone die Waldstücke am Nordufer der Luce, die Artillerie fuhr in den Zwischenräumen auf, und der Kampf wurde allgemeiner. Dem rechten Flügel gelang es, in kühnem Anlauf die Erdwerke am Eisenbahndamm östlich Villers Bretonneux zu erstürmen. Auf eine deutsche Meile auseinandergereckt, stand die 3. Brigade nunmehr den Hauptkräften des Feindes gegenüber. Es folgte nach links bis zur Noye die breite Lücke, der eine der vier französischen Brigaden gegenüberstand; dann erst kam das 8. Korps. Den leeren Raum füllte allein der Oberbefehlshaber mit seinem Gefolge und seiner Bedeckung aus. Als daher die Franzosen um 1 Uhr nachmittags zum Angriff gegen die 3. Brigade schritten, befahl dieser dem 8. Korps, einzugreifen. Das geschah; nachrückende Truppen des 1. Korps verstärkten überdies die 3. Brigade unmittelbar, starke Artillerie wurde herangebracht. Gegen 80 Geschütze nahmen die französische Artillerie, die überhaupt nur 7 Batterien zählte, bei Villers Bretonneux sowie dieses Dorf selbst sehr lebhaft unter Feuer. Sie brachten jene zum Schweigen und erschütterten die Dorfbesatzung derart, daß sie, als um 4 Uhr die Preußen von allen Seiten unter Trommelschlag anrückten, den Stoß nicht abwartete, sondern wich. Nur an einzelnen Stellen wurde im Innern Widerstand geleistet. In Unordnung eilte der ganze linke französische Flügel nach dem Somme-Übergang von Corbie zurück. Ein Versuch der französischen Reserven, das Gefecht wieder herzustellen, wurde bald aufgegeben. Am linken Flügel hatte inzwischen das 8. Armeekorps den Feind auf Dury zurückgedrängt, diesen Ort besetzt, den dabei gelegenen Kirchhof genommen, aber, da mittlerweile der Abend herankam, auf den Angriff gegen die Verschanzungen der Franzosen verzichtet. Die Überzahl war diesmal auf Seiten der Deutschen gewesen, Manteuffel hatte im ganzen über 30 000 Mann herangeführt. Die Gefahr, in der diese zufolge der Trennung ihrer Streitkräfte sich am Vormittage befanden, hatte der Feind nicht ausgenutzt; damit war der Kampf entschieden. Die Verluste 524 VIII. Der Krieg vvn 1870/71 betrugen auf deutscher Seite 76 Offiziere 1216 Mann, — wovon allein 34 Offiziere, 630 Mann auf die 3. Brigade entfielen — auf französischer 1 Fahne und 2400 Mann, wovon jedoch 1000 in Gefangenschaft geraten waren. Am 28. wurde Amiens besetzt, das Farre geräumt hatte. Die Haltung seiner jungen Truppen zwang ihn zum Rückzüge auf Arras. Nationalgarden hatten ihre Waffen zerschlagen und sich zerstreut; die Mobilgarden den Erwartungen nicht entsprochen. Noch hielt sich in Amiens die alte Zitadelle; der Kommandant wies die Aufforderung zur Übergabe ab, fiel aber bei der nun folgenden Beschießung durch Infanterie, und die führerlose Besatzung öffnete am 30. November die Tore. Inzwischen hatte Manteuffel einen höchst erwünschten Zuwachs an Kräften durch die Kapitulation von La Fere erfahren. Sie war, nach kurzer Beschießung, gerade am Schlachttage von Amiens erfolgt, und die 4. Brigade, die vor dem Platze gestanden, konnte zur Armee heranrücken. Willkommen war die Beute von 113 Geschützen, die sofort zur Ausrüstung der in Ver- teidigungszustand gesetzten Zitadelle von Amiens verwendet werden konnten. 2300 Mobilgarden der Besatzung wurden gefangen abgeführt. Vormarsch auf Rouen 525 General v. Manteuffel, der nunmehr über zwei volle Korps und die 3. Kavalleriedivision verfügte, entschloß sich zur Fortsetzung seines Marsches auf Rouen. Er hielt den am 27. November geschlagenen Feind mit Recht zunächst für unfähig, ihm gefährlich zu werden, obwohl er ihm beim Weitermarsche die Flanke und den Rücken bot. Nur die durch Kavallerie und Artillerie verstärkte 3. Brigade wurde der Vorsicht halber bei Amiens zurückgelassen. In Rouen hatte sich die sogenannte Armee der Normandie unter General Briand in der Stärke von 20 000 Mann gesammelt. Vom Generalkommissar der Nationalverteidigung gedrängt, etwas zur Rettung von Paris zu tun, hatte sie bereits ein Lebenszeichen gegeben und eine nach Etrepagny vorgeschobene Abteilung der sächsischen Kavalleriedivision überfallen. Als nun Manteuffel in der Gegend von Gisors erschien, ging die Division mit ihm gemeinsam gegen Rouen vor. Briands linker Flügel wurde am 4. Dezember bei Buchy überraschend angegriffen und geworfen, seine Nachhut von Manteuffels Husaren überritten und Briand zum Rückzüge gezwungen. Fürchtend, bei Rouen in eine „Mausefalle" zu geraten, räumte er auch diese wichtige Stadt, in die am 5. General v. Goeben mit starken Teilen des 8. Korps einzog. Von Rouen aus wurden noch Vernon an der Seine und Evreux besetzt. Jubelnd begrüßten deutsche Reiter bei Dieppe das Meer. Die Geschütze der Strandbatterien wurden vernagelt. So war auch hier im Norden und Nordwesten jede Gefahr für die Einschließung von Paris beseitigt. Wir wenden uns nunmehr zu dieser zurück. Die Vorgänge vor Paris Die Ausfallschlacht von Villiers-Chamvigny am 20. November und 2. Dezember ^370 (S. Skizze 62) Am 14. November war die Nachricht vom Ausfalle des Treffens von Coulmiers in der Hauptstadt bekannt geworden. Paris hielt seine Befreiung für nahe bevorstehend. Es verfügte jetzt über ansehnliche Streitkräfte. Die I. Armee, General Thomas, 130 000 Nationalgarden, hielt die Umwallung besetzt und sollte für Ruhe in der Stadt sorgen. Die II. unter Ducrot, reichlich 100000 Mann mit über 300 Geschützen, hatte die besten Truppen, zumal die des bisherigen 13. und 14. Korps in sich aufgenommen. Sie bildete jetzt 3 Korps, 1 Kavalleriedivision, und sollte die 626 VIII. Der Krieg von 1370/71 großen Ausfälle unternehmen, um später im freien Felde aufzutreten. Die III., Viuoy zählte 6 Mobilgarden, 1 Linien- und 1 Kavalleriedivi- sion, 70 000 Mann. Sie sollte die II. durch Scheinangriffe auf den für den Durchbruch nicht ausersehenen Fronten unterstützen. 80000 Mobilgarden standen in den Forts und ein besonderes Korps von 36 000 Mann unter Admiral de la Ronciere in St. Denis. Es schien, als sei solchen Truppenmassen gegenüber die fortdauernde Aufrechterhaltung der Einschließung unmöglich, zumal da man annahm, daß der Tag von Coulmiers starke Kräfte der Belagerer nach Süden abberufen habe. Mit sicheren Hoffnungen sah man dem oft angekündigten großen Ausfall entgegen. Ducrot besaß das Vertrauen der Menge. Am 18. November erfolgte auch schon von Tours aus der Ruf, der Loirearmee die Hand zu reichen, die nunmehr vorgehen werde. Ducrot versammelte seine Armee am 28. — dem Tage der Schlacht von Beaune- la-Nolande — um Vincennes. Der Brückenschlag über die Marne zwischen Joinville und Nogent aber verspätete sich; der Angriff der deutschen Linien wurde auf den 30. verschoben. Den unterstützenden Nachbarabteilungen wurde anheimgegeben, zur Täuschung des Gegners sogleich vorzugehen. Die Liniendivision der III. Armee unternahm daher schon am 29. einen Ausfall gegen l'Hay und Choisy-le-Roi, der sie 1300 Mann kostete und doch nicht ernst genug war, um die Deutschen irrezuführen. Diese hatten in letzter Zeit, zufolge der Bedrohung von Süden her, einige Veränderungen in ihrer Aufstellung vorgenommen. Das 2. Korps war hinter die Südfront gestellt worden, wo die Avette eine Verteidigungslinie nach außen hin abgeben konnte. Dafür hatte sich im Norden das Gardekorps bis nahe an den Ourcqkanal nach links ausgedehnt, die Sachsen eine Brigade auf das südliche Ufer der Marne hinübergeschoben, und die württembergische Division den vom 2. Korps verlassenen Raum zwischen Marne und Seine besetzt. So kam es, daß Ducrots Stoß die Württemberger traf; denn dort lag der Weg nach Fontainebleau, dem Begegnungspunkte der beiden einander zustrebenden französischen Heere. Die württembergische Division war der Maasarmee zugeteilt worden und sollte zunächst durch die Sachsen unterstützt werden. Da sich diese am 30. November aber durch bedeutende französische Truppenansammlungen am Mont Avron selbst bedroht sahen, so wurde ihr an diesem Tage, als ihr linker Flügel zwischen Marne und Seine angegriffen wurde, nur vom rechten Flügel des 2. Korps, der bis Villeneuve reichte, Hilfe zuteil. Anfangs zurückgedrängt, gelang es ihnen, die Franzosen aufzuhalten, das verlorene Mont Mesly wiederzuerobern und dann den Ausfall ganz abzuweisen. Unter Ducrots Durchbruchsversuch 527 dem Schutze lebhaften Feuers der Forts sowie der Kanonenboote auf der Seine wichen die Franzosen gegen Paris zurück. Verspätet fand zu ihrer Unterstützung auf der andern Seineseite noch ein Ausfall gegen das 6. Korps statt. Auch auf der Nordfront wurde gefochten, aber auch hier nur zum Schein. Der Hauptstoß erfolgte an anderer Stelle, nämlich gegen den rechten württembergischen Flügel zwischen Brie-sur-Marne und Champigny über die Marnehalbinsel von Joinville hinweg. Das 1. und 2. frauzösische Korps gingen hier vor, denen nur zwei württembergische Brigaden gegenüberstanden. Das 3. Korps Ducrots rückte nördlich der Marne an, um den Verteidigern über Neuilly und Noisy-le-Grand in die rechte Flanke und den Rücken zu kommen, zugleich auch die Sachsen festzuhalten. Aufangs gedachte General Ducrot das Eingreifen dieses Korps abzuwarten. Da dessen Vormarsch sich aber langsamer als angenommen vollzog, so befahl er um 11 Uhr den allgemeinen Angriff der beiden andern Korps. Auf der ganzen Halbinsel entwickelte sich nunmehr ein lebhafter Kampf. Champigny ging in den Besitz der Franzosen über; darüber hinaus vorzudringen mißglückte unter dem starken Feuer der deutschen Artillerie. Die hier fechtende französische Division wurde sogar am Ende zum Rückzüge gezwungen. Um Villiers wurde heftig gefochten. General Ducrot beschloß, sich damit zu begnügen, daß er festen Fuß auf der Halbinsel Joinville gefaßt und den Höhenrand vor der deutschen Stellung erstiegen hatte. Um diesen Besitz zu sichern, ließ er in der Front 16 Batterien zusammenfahren und gedachte, am nächsten Morgen mit allen drei Korps erneut anzugreifen. Mittlerweile aber hatte das 3. Korps Neuilly genommen. Statt jedoch über Noisy-le-Grand zu umfassen, schlug es bei Brie-sur-Marne zwei Brücken, bewerkstelligte dort um 3 Uhr nachmittags seinen Übergang auf das Südufer und wendete sich gegen Villiers. Der dort schon ersterbende Kampf flammte wieder auf; doch gelang es den Franzosen nicht, den vielumstrittenen, von einer Mauer umgebenen Park zu nehmen. Die Dunkelheit machte dann dem Kampf ein Ende. — Die Fortsetzung wurde am frühen Morgen des nächsten Tages allgemein erwartet. Aus dem Großen Hauptquartier ergingen Befehle an das 2. und 6. Korps, Verstärkungen nach der gefährdeten Stelle zu senden. Der Kronprinz von Sachsen versammelte bedeutende Kräfte des 12. Korps auf seinem linken Flügel bei Chelles, sendete aber den Württembergern einen Teil davon sogleich zur Hilfe. So waren am 1. Dezember schon die Mittel vorhanden, einem Durchbruch den ernstesten Widerstand entgegen- 523 VIII. Der Krieg von 1870/71 zustellen. General v. Fransecky übernahm den Oberbefehl zwischen Marne und Seine. Allein der Tag blieb ruhig; die Franzosen begannen sich zu verschanzen, wo sie standen. Der Donner der Kanonen des Mont Avron vieLciilsclis von ? Villikl-Z-ckgmpigrH ^ sm N.Uovemvss' - ^t/MS? U.2.lZs?LMbös' 1370^ »W Deutsctis ^sn?o5ön s/n LZ /lÄ»?/??^/' AH?S? ^S^M. ^ LlisinevisrssV^ täuschte den Parisern vor, daß man weiter fechte. General Ducrot hatte die Hoffnung, den Durchbruch ohne Hilfe von außen her zu vollenden, schon aufgegeben. Die Eigenart junger Truppen, daß sie wohl einen ernsten Angriff mit Elan zu unternehmen vermögen, daß ihnen aber Manövrier- Gegenangriff der Deutschen 529 fähigkeit und Ausdauer fehlen, um erste Erfolge auszunutzen und den Sieg, unbeirrt durch die Wechselfälle der Schlacht, gewaltsam an sich zu reißen, machte sich auch hier fühlbar. Der Zustand seiner Truppen hatte Ducrot bedenklich gemacht. Er fürchtete bei Erneuerung des Angriffs zu scheitern, gegen die Marne geworfen und in eine Katastrophe verwickelt zu werden. Die Deutschen durchschauten schnell die wahre Lage der Ausfallarmee. Als der Tag ohne jede ernste Anstrengung derselben verflossen war, schritten sie ihrerseits zum Gegenangriff. Am 2. Dezember früh gingen die Sachsen aufs südliche Marneufer über und drangen im ersten Anlauf in Brie ein. Erbitterter Häuserkampf folgte, in den sich die schweren Geschütze der Forts zugunsten der Verteidiger mischten. Die Verluste wurden groß; die Eingedrungenen behaupteten sich trotzdem. Ebenso verfuhren die Württemberger bei Champigny. Auch hier folgte ein heißer hin und her wogender Kampf, in den herbeigeeilte Truppen vom 2. Korps bald lebhaft eingriffen. General Ducrot, der klar darüber wurde, daß die Deutschen ihm in den am 30. eroberten Stellungen doch keine Ruhe lassen würden, entschloß sich, wie er es als tüchtiger Soldat mußte, selbst wieder zum Angriff vorzugehen. Seit 9 Uhr war die große Artillerielinie, die er in seiner Front gebildet hatte, in Tätigkeit. Er zog die letzten Divisionen vom rechten auf das linke Marneufer hinüber und eroberte Brie-sur-Marne im Sturme zurück. Gegen 2 Uhr nachmittags fuhr dann starke Artillerie gegen Villiers auf. Aber preußische Batterien erschienen gewandt und schnell in ihrer rechten Flanke und zwangen sie zum Abfahren. Ein um 3 Uhr erfolgender Jnfanterieangriff konnte daher mit leichter Mühe zurückgewiesen werden. Um S Uhr erstarb der Kampf; nur die Artillerie setzte ihn bis in die Finsternis hinein fort. In Champigny, am Kirchhof und im Petit Bois de la Lande hatten sich die Deutschen seit 2 Uhr nachmittags gegen alle Anstrengungen der Franzosen behauptet, die immer erneut mit frisch ankommenden Kräften sie zu werfen suchten, ohne auch nur eine Hand breit Boden zu gewinnen. Auch der Oberbefehlshaber aller Pariser Streitkräfte, General Trochu war auf dem Schlachtfelde erschienen; auch er aber konnte dem Schicksal des Tages keine entscheidende Wendung zugunsten der Ausfallarmee geben. Die Dunkelheit machte dem Kampfe wiederum ein Ende, ohne daß eine Entscheidung gefallen war. Ducrot hatte während der Schlacht am 2. Dezember die Nachricht er- Frhr. v. d. Galt), Kriegsgeschichte II 34 530 VIII. Der Krieg von 1370/71 halten, daß die Loirearmee auf Fontainebleau marschiere. Er wollte sich daher wenigstens am linken Marneufer behaupten. Lebensmittel wurden herangeschafft, Munition und Artilleriebespannungen ergänzt, alles für Fortsetzung des Kampfes vorbereitet. Am 3. Dezember erfolgte auch ein nochmaliger Versuch gegen Brie-sur- Marne und Champigny, der aber das Gepräge der Ermattung deutlich verriet und leicht abgewiesen wurde. Die Pariser Truppen waren jetzt völlig erschöpft. Sie hatten ohne Zelte und Feuer lagern müssen, litten stark unter der Plötzlich eingetretenen Kälte und wurden entmutigt durch die großen Verluste, die sich auf mindestens 12 000 Mann beliefen. Viele hervorragende und im Heere bekannte Offiziere waren gefallen — die Hilfe von außen aber kam nicht! Ducrot entschloß sich schweren Herzens zum Rückzüge, den er auch noch um Mitternacht zum 4. Dezember einleitete. So endete der größte und energischste Durchbruchsversuch, den die Streitkräfte von Paris überhaupt gewagt haben. Er war gegen die augenblicklich schwächste Stelle der Einschließungslinie gerichtet gewesen und hatte dennoch keinen Erfolg gehabt. Damit begann die Hoffnung zu schwinden. Die Deutschen nahmen ihre alten Stellungen wieder ein; ihre Verluste hatten 245 Offiziere 4987 Mann betragen. Mit verdoppeltem Vertrauen durften sie nunmehr dem erfolgreichreichen Ausgange der mühevollen Einschließung entgegensehen. Die Vorgänge auf dem östlichen und südöstlichen Teil des Uriegsschauvlahes, im November 1(870 (Vgl. Skizzen 36, S. 390 und 54, S. 499) In aller Kürze ist darzustellen, wie sich die Dinge bei General v. Werder und hinter den Feldarmeen der Deutschen gestaltet hatten. Gegen Ende November begannen die Franzosen auch im Burgundischen größere Tätigkeit zu entfalten. Am 24. rückte die sogenannte Vogesen- armee unter Garibaldi von Autun gegen Dijon vor und mit ihr gleichzeitig die 10000 Mann starke, neu auftauchende Division Cremer, die von Süden her Gevrey erreichte. Werder zog Verstärkungen von rückwärts heran und ein Angriff auf Dijon unterblieb. Eine gegen Autun vorgehende badische Brigade wollte am 1. Dezember eben die Stadt angreifen, als sie zurückgerufen wurde. Die sich mehrenden Beunruhigungen der rückwärtigen Verbindungen machten neue Entsendungen nötig. Am 19. November war die Besatzung von ClMillon-sur-Seine, ein Landwehr- Beunruhigung der rückwärtigen Verbindungen 531 bataillon und eine Neservehusareneskadron von einer Freischar unter Ricciotti Garibaldi überfallen worden und hatte erhebliche Verluste gehabt. Auch die Besatzungen von Langres und Besanyon machten sich bemerkbar. Größere Zusammenstöße mit dem Feinde aber blieben noch bis Mitte Dezember aus. Belfort war inzwischen eingeschlossen worden. Besatzungstruppen aus der Heimat hatten die beiden im Elsaß zurückgebliebenen Reservedivisionen freigemacht. Die 1. nahm am 8. November die Umstellung vor. Die 4. Reservedivision war zu Werders Verstärkung nach Vesoul, eine besondere gemischte Truppenabteilung unter General v. Debschitz nach Mont- beliard herangerückt. Werder verfügte nunmehr über ganz ansehnliche Streitkräfte, hatte aber auch immer noch nach drei Seiten hin Front zu machen. An der Mosel war inzwischen Diedenhofen nach kurzer Belagerung gefallen. Dem Platze fehlten gedeckte Räume, General v. Kameke, der mit der 14. Division den Angriff übernahm, entschied sich daher zum Versuch einer Beschießung. Batterien wurden auf beiden Moselufern erbaut und am 22. November eröffneten 85 Geschütze das Feuer gegen den tiefgelegenen Platz. Am 24. November mittags trug der Kommandant Verhandlungen an, die zum Ziele führten. Eine förmliche Belagerung hätte im aufgeweichten Boden der Umgebung erhebliche Schwierigkeiten gefunden. 4000 Mann wurden kriegsgefangen. 199 Geschütze, bedeutende Vorräte an Lebensmitteln, Waffen und Munition fielen den Siegern zu. Nunmehr konnte sich die 14. Division an die Belagerung der Festungen entlang der Nordgrenze machen. Da sich mittlerweile auch die Verhältnisse in Metz geordnet, Stadt und Festung ihre eigene Besatzung erhalten hatten, konnte die 13. Division vom Großen Hauptquartier nach Süden abberufen werden, um den weiten Raum zwischen Werder und der II. Armee zu sichern. Der Leldzug an der Loire bis ?uin Gnde des Iahres 1(870 (Vgl. Skizze 52, S. 487) Das eigentümliche Gepräge des Krieges hatte sich mit dem ersten nun beendeten Abschnitte des Kampfes gegen die Republik vollkommen geändert. Die Kriegshandlungen waren weniger ernst, wie zuvor, aber verwickelter geworden; das Kriegstheater gewann nach allen Richtungen hin eine weit größere Ausdehnung. Es galt jetzt, die Unternehmungen der einzelnen selbständig auftretenden Heereskörper mit dem Hauptziele, der Unterwerfung 34* S32 VIII. Der Krieg von 1870/71 der Hauptstadt, in Einklang zu bringen. Den Führern mußte noch mehr Selbständigkeit als bisher gelassen werden. General v. Moltkes Einfluß hatte sie zugleich vor zu gewagtem Handeln zu bewahren, das den Erfolg des Ganzen gefährdete. Andererseits mußte er vor einem zu behutsamen Verfahren warnen, das dem Feinde erlaubte, die Kräfte zu neuen großen Entsatzversuchen aufzubringen. Er entledigte sich dieser schwierigen Doppelaufgabe meist durch Schreiben an die Generalstabschefs, in denen allgemeine Gesichtspunkte aufgestellt, aber keine bindenden Vorschriften gegeben wurden. Sie bilden eine Fundgrube für das Studium des modernen Krieges. Befehle konnten, aus der Ferne erteilt, nur eine ganz allgemeine Form haben. Sie waren meist in wenig Worten erledigt; der Telegraph begann in der Heerführung eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Trotz allen Schwierigkeiten bewahrte sich Moltke die Freiheit und den weiten Blick für die erreichbaren Möglichkeiten in der Ausnutzung des Erfolges. Am 6. Dezember teilte er dem General v. Stichle seine Ansichten über die Wiederaufnahme der ursprüglich beabsichtigten, aber unterbrochenen großen Offensive mit. Sie sollte Bourges, Revers, ClMon-sur-Saüne zum Ziele haben, das 7. Korps sowohl als Werder sich ihr anschließen. Äußerste Ausnutzung der letzten Siege durch lebhafte Verfolgung ohne Rücksicht auf Paris, energischer Angriff auf die größeren Massen, die der Feind noch beisammen hatte, als bestes Mittel zur Bekämpfung der Volkserhebung, zugleich zur Sicherung der rückwärtigen Verbindungen, Vernichtung der letzten Feldarmee — und „des Prestiges der noch nie vom Feinde überschrittenen Loire". Die Wirklichkeit schränkte ihre Befolgung jedoch diesmal wesentlich ein. In Orleans wurde sich das Oberkommando der H. Armee darüber klar, daß die eigene Armee wie ein Keil in die an Zahl weit überlegenen Streitkräfte des Feindes hineingedrungen sei, sie auch auseinander getrieben, aber nicht vernichtet habe. In allen Marschrichtungen nach West, Süd und Ost stießen die vorgetriebenen Patrouillen auf französische Nachzügler der verschiedenen Korps. Es war anfänglich nicht völlig klar, wohin sich diese im einzelnen gewendet hatten. Am wenigsten ließ sich übersehen, was auf dem rechten französischen Flügel vorging. Noch dachten Prinz Friedrich Karl und sein Generalstabschef an die Möglichkeit der mehrfach angekündigten großen Offensive den Loing abwärts nach Fontainebleau und Paris. Die Gefahr lag vor, daß die II. Armee bei weiterer Verfolgung von einem Teile der französischen Heere gefesselt und abgezogen werden könne, während der andere sich seitwärts auf den Weg nach Paris machte. Heute wissen wir, daß die Franzosen in jenen Tagen dazu unfähig waren, Allgemeine Lage an der Loire S33 damals erkannte man dies aber nicht mit der gleichen Sicherheit. Einzelne ihrer Truppenteile — wie das 3. Marsch-Zuavenregiment bei Beaune — hatten eine sehr beachtenswerte kriegerische Leistungsfähigkeit an den Tag gelegt. General v. Hartmann, der dort zurückgeblieben war, fand noch immer Widerstand und kam nicht vorwärts. Nun erhielt der Prinz in Orleans durch den ihm und seiner Umgebung schon lange bekannten und persönlich ergebenen Timeskorrespondenten die bestimmte Nachricht, daß die Regierung der Nationalverteidigung in der Tat den rettenden Zug gegen die Hauptstadt, unter Umgebung des linken Flügels der II. deutschen Armee, beabsichtigt habe. Man konnte es ihr zutrauen, diesen Plan mit frisch herangeführten Truppen wieder aufzunehmen. Der Prinz neigte daher zu der Ansicht, daß die Verfolgung einstweilen mit der Masse der II. Armee nicht über die Loire hinaus ausgedehnt werden dürfe. Es mag dahingestellt bleiben, inwiefern der Besitz der großen und wohlhabenden Stadt Orleans mit ihrer gut angebauten Umgebung einen Einfluß auf die taktischen und strategischen Erwägungen ausübte. Die Truppen hatten nach den letzten bedeutenden Mühen und Entbehrungen des Winterfeldzuges Ruhe und bequeme Unterkunft dringend nötig. Denkt man sich an die Stelle von Orleans einen kleinen, elenden Ort, so wären auch die militärischen Erwägungen vielleicht anders ausgefallen. Rein menschliche Beweggründe spielen im Kriege oft eine bedeutende Rolle. Nur nach Südwesten — aber am rechten Loireufer — war ein weitergehendes Unternehmen notwendig. Dorthin war der linke Flügel der Loirearmee zurückgewichen, wohl um Tours zu sichern. Das passive Verhalten dieses Flügels am 3. und 4. Dezember erweckte den Glauben, daß ernster Widerstand auf dieser Seite nicht mehr zu gewärtigen sei. Die Armeeabteilung des Großherzogs wurde für ausreichend gehalten, den Feldzug in dieser Richtung erfolgreich fortzuführen und zugleich die Regierungsdelegation aus Tours zu vertreiben. Sie erhielt noch am 5. Dezember Befehl dazu und war wieder selbständig. Die Trennung von der II. Armee wurde überdies wohltätig empfunden. Zwei Oberkommandos, von denen das eine dem andern unterstellt ist, aber seine eigene Verbindung mit dem Großen Hauptquartier aufrecht erhält, sind der einheitlichen Führung nicht vorteilhaft. Nach Süden wurde nur die 6. Kavalleriedivision unter dem fortan als Kavallerieführer in den Vordergrund tretenden General v. Schmidt deni Feinde nachgesandt. Sie arbeitete sich unter einer Reihe von Gefechten 534 VIII. Der Krieg von 1870/71 gegen französische Nachhutabteilungen und bewaffnete Einwohner bis Vierzon vorwärts, wo sie am 8. Dezember einrückte, Eisenbahn und Telegraph zerstörte und 70 Güterwagen erbeutete. Das 15. französische Korps hatte tags zuvor auf einen Befehl von Tours schon die große Straße dorthin verlassen und sich durch einen Flankenmarsch von 4 deutschen Meilen auf die Chaussee Gien—Bourges nach Aubigny Ville versetzt. Zahlreiche Versprengte sowie zurückgelassenes Kriegsmaterial deuteten eine fast völlige Auflösung des Gegners an. » 5 5 Die Negierungsdelegation in Tours hatte inzwischen aus der Not eine Tugend gemacht, den General dÄurelle seines Kommandos enthoben und die ohnehin in zwei Gruppen auseinandergetriebene Loirearmee in eine I. unter Bourbaki bei Bourges und eine II. unter Chanzy am rechten Loireufer bei Beaugency getrennt. Beide sollten selbständig handeln, wohlverstanden aber nach den strategischen Eingebungen Gambettas und Freycinets. In anerkennenswerter Weise sorgte die Delegation zugleich für Verstärkungen. Auf dem rechten Flügel der H. Loirearmee bei Beaugency erschien von Tours her die neugebildete Division Camü, auf dem linken wurde ihr das am Walde von Marchenoir stehende 21. Korps unter dem „Oapitains äs vaisseau- Jaures einverleibt. Chanzy verfügte demnach über 3^, Bourbaki über 3 Korps. Was Prinz Friedrich Karl vorgeschwebt hatte, war in der Tat, wenn anch in veränderter Richtung, Absicht der obersten französischen Heeresleitung gewesen. Sie ersah aus den ihr zukommenden Nachrichten, daß Bourbaki unverfolgt zurückginge und forderte ihn dringend auf, wieder einzugreifen. Er erklärte, daß seine Truppen dazu unfähig seien. Ja, er wollte noch über Bourges hinaus weiter südlich zurückgehen. Mit Mühe hielt ihn der persönlich nach Bourges geeilte Kriegsminister davon ab. So blieb er denn bei Bourges und zog seine Armee dort zusammen. Über diese äußerte sich Gambetta selbst: eneors oe oue j'ai vu äs plus triste!" und verzichtete auch seinerseits vorläufig auf die Offensive. Der Großherzog brach, nach einem einzigen Ruhetage, am 7. von Orleans auf, um seiner tags zuvor gen Südwest vorangeeilten Kavallerie zu folgen. Nahen starken Widerstand nicht besorgend, ging er in zwei Meilen breiter Front vor. Rechts marschierte die 22. Infanteriedivision mit der 4., links an der Loire entlang die 17. mit der 2. Kavalleriedivision, in der Mitte das 1. bayerische Korps. Alle Truppenteile waren numerisch schwach; die Infanterie zählte im ganzen 27 000 Mann. Ohne es vorläufig zu ahnen, Gefecht von Meung 585 ging man einer, zum Teil ganz frischen Armee von 110000 Mann entgegen, die zwischen der Loire und dem Walde von Marchenoir aufmarschiert war. Freischaren, die in der Zahl nicht mitgerechnet sind, begleiteten sie. Am 7. Dezember noch stieß die 17. Division auf einen Feind, den die Kavallerie schon am 6. signalisiert hatte. Es kam zu einem ziemlich lebhaften Gefecht bei Meung, in welchem die Division Camü gegen Beäugen cy zurückgeworfen wurde. Die Schlacht von Beaugency-tLravant am 3., c>. und ^0. Dezember ^370 (S. Skizze 63) Der überraschend hartnäckige Widerstand der Franzosen veranlaßte den Großherzog, seine Kräfte nach links hin zusammenzuziehen. Er verkürzte am 8. Dezember seine Front um die Hälfte. Die 22. Division schlug die Richtung auf Cravant ein, wo die Bayern bereits in lebhaften! Kampfe standen. Sie traf im kritischen Augenblick ein. Die Bayern hatten zunächst einen französischen Vorstoß abzuweisen gehabt, waren dann bis an die Chaussee Cravant—Beaugency vorgedrungen, hatten sich aber an dieser vor der Übermacht nicht halten können, sondern bis Beaumont zurückweichen müssen. Dort nahmen 17 Batterien sie auf, und dem Vorstoß von drei bayerischen Brigaden, die mittlerweile hier zusammenkamen, wich der Feind aus; die Stellung an der Chaussee wurde neuerdings eingenommen. Nun brachten aber auch die Franzosen starke Artillerie heran. Eine gewaltige Kanonade entspann sich, die an die Schlachten aus der ersten Zeit des Krieges erinnerte. Das jetzt ganz entwickelte 17. französische Korps, an Sonis Stelle heute von General Guepratte geführt, schickte sich gerade zum allgemeinen Angriff auf Cravant an, als nunmehr — um 3 Uhr nachmittags — die 22. Division mit der 4. Kavalleriedivision zur Rechten, die 2. zur Linken des bayerischen Korps eingriffen und den Feind in den Flanken faßten. Der gefährliche Stoß wurde abgewiesen. Freilich scheiterte ein bald danach unternommener Gegenangriff der Bayern, und diese mußten wieder bis Beaumont zurück. Aber darüber verging der Tag, und der Kampf endete ohne Entscheidung. Auf dem linken Flügel hatte die 17. Division einen neuen Vorteil gegen Camo erfochten und ihn nach hartnäckigem Kampfe aus Messas geworfen. Der gesamte linke Flügel der Franzosen blieb nahezu untätig. So konnte sich die deutsche Minderzahl gegen die große französische Übermacht behaupten. Prinz Friedrich Karl schickte sich inzwischen an, seinen Vormarsch gegen S36 VIII. Der Krieg von 1870,71 Bourges einzuleiten. Das 3. Korps sollte von Gien, das 10. von Orleans, das 9. von Vienne — Blois gegenüber — die Richtung dorthin einschlagen, das 9. Korps aber durch seinen Vormarsch am linken Loireufer auf die Entschlüsse Chanzys und auf die Regierungsdelegation von Tours einwirken. Tatsächlich verließ diese in der Nacht vom 8. zum 9. ihren bisherigen Sitz und ging nach Bordeaux. Gambetta erschien am 9. im Hauptquartier der II. Loirearmee zu Josnes. Chanzy blieb fest; ja er ergriff, da er die Schwäche der Deutschen erkannte, sogar die Offensive. Am 9. Dezember erwarteten die beiden preußischen Infanteriedivisionen in erster Linie bei Beauvert und bei Messas den französischen Angriff, während die Bayern, die am meisten gelitten hatten, hinter Cravant zurückgezogen wurden. In voller Frühe entbrannte der Kampf gegen lange französische Schützenlinien, die im Morgennebel herankamen. Die Artillerie leistete das Äußerste zur Abwehr. Auch die Bayern mußten wieder vor. Es gelang, das lebhaft umstrittene Villorceau, halbwegs Beaugency und Cravant, zu nehmen und den Angriff abzuweisen. Nach vorübergehendem mißverständlichen Zurückgehen glückte das gleiche auf dem rechten Flügel. Mittags erneuerte sich der Angriff mit derselben Heftigkeit wie am Morgen. Diesmal richtete er sich gegen Cravant. Mit Hilfe der 17. Di- Hin und her wogender Kampf bei Beaugency S37 Vision, die von Messas gegen die rechte Flanke der Angreifer zur Unterstützung der Bayern herbeieilte, ward aber auch diese Gefahr abgewehrt. Nachmittags 3 Uhr hatte die Division einen letzten heftigen Kampf gegen an Zahl weit überlegene Kräfte des 16. und 17. französischen Korps zu bestehen. „Der mit Hurra vorstürmenden Infanterie gelang es jedoch, den Gegner zurückzuwerfen und trotz heftigen Feuers sich gegen ihn zu behaupten." Als noch die Bayern eingriffen, endete auch dieser Tag mit einem Rückzüge der Franzosen auf Josnes. Beaugency war durch schwache deutsche Kräfte besetzt geblieben. Jenseits der Loire ging das 9. Korps weiter vor. Chanzy hatte ihm die Division Maurandy vom 16. Korps entgegengesandt. Es stieß daher bei Montlivault und Schloß Chambord auf den Feind. Eine schwache hessische Abteilung unter Hauptmann Kattrein überfiel dieses in der Dunkelheit, jagte die, von einer Panik ergriffene französische Brigade, die mit ihm zugleich eintraf, in die Flucht, erbeutete ö Geschütze und 12 Munitionskarren, nahm das feste Schloß und mit ihm SSO Gefangene — eine der merkwürdigsten Waffentaten der neuen Kriegsgeschichte. Maurandy ging nach Blois und von dort aus auf das rechte Stromufer zurück. Der 9. Dezember hatte eine wichtige Änderung der gesamten Lage herbeigeführt. Auf einen unmittelbar nach Versailles gerichteten Hilferuf des Großherzogs hatte Prinz Friedrich Karl um 10 Uhr vormittags den telegraphischen Befehl erhalten, ihn, außer durch den Vormarsch des 9. Korps am linken Loireufer noch durch mindestens eine Division am rechten direkt zu unterstützen. Dem Prinzen wurde zu gleicher Zeit die Gesamtleitung der Operationen an der Loire aufgetragen. Seinem Grundsatze getreu, stets mit versammelten Kräften zur Entscheidung zu schreiten, beschloß er, den Zug gegen Bourbaki sür jetzt aufzugeben, Orleans besetzt zu halten, sich mit allen übrigen Kräften aber überhaupt gegen Chanzy zu wenden, ihn auf beiden Flügeln zu umfassen und entscheidend zu schlagen, wenn er länger stand hielt. Das 10. Korps bekam sogleich Befehl, nach Meung zu rücken. Es konnte den Ort auch noch mit der Spitze seiner Infanterie erreichen, aber nicht mehr in den Kampf eingreifen, das 9. versuchte dies mit seiner Artillerie über die Loire hinweg. Das 3. Korps wurde von Gien nach Orleans herangerufen. Auch die verstärkte 1. Kavalleriedivision folgte der Bewegung. Die ganze II. Armee hatte damit das Gesicht gen Westen gewendet. General Chanzy, noch ohne Kenntnis von dieser Änderung bei seinen Gegnern, griff am 10. Dezember im Morgendunkel die von den Bayern und der 22. Division besetzten Dörfer heftig und zum Teil mit 538 VIII. Der Krieg von 1870/71 Erfolg an. Die 17. Division ging abermals gegen seine rechte Flanke vor. Sie nahm nach erbittertem Kampfe das dort gelegene und von der französischen rechten Flanke stark besetzte Dorf Villejouan. Die Versuche des 17. französischen Korps, den verlorenen Posten wiederzunehnien, scheiterten an der deutschen Artillerie Auf dem linken Flügel war inzwischen das 10. Korps in Beaugency eingerückt; der rechte schwebte noch in der Luft. Dort nun regte sich an diesem Tage das 21. französische Korps und holte zu einer weiten Umfassung aus, die von den Deutschen in einer Hakenstellung abgewehrt werden mußte. Auch hierbei entschied die Artillerie. An 100 Geschütze wurden bis 2 Uhr nachmittags zusammengebracht und ihr Feuer nötigte schon nach einer Stunde die Franzosen zum Ablassen von dem gefahrdrohenden Angriff. Auch dieser Tag endete ohne Entscheidung. Sie kam aus anderen Gründen. Chanzy, der gehofft hatte, durch den wiedervorgehenden Bour- baki entlastet zu werden, erfuhr, daß er darauf nicht rechnen könne. Die Regierungsdelegation war nicht mehr in Tours, er also auch nicht mehr durch die Rücksicht auf sie gebunden. Die Truppen litten, und ihr innerer Halt fing an, sich zu lösen; das Eintreffen frischer Kräfte auf deutscher Seite war gespürt worden. Das 9. Korps erreichte am 10. die Vorstadt Vienne, Blois gegenüber, das 10. war schon mit seiner Artillerie in Tätigkeit getreten. Trotz seiner Zähigkeit und Energie entschloß sich Chanzy zum Rückzüge über den Loirfluß, hinter dessen tief eingeschnittenem Tale er den Widerstand zu erneuern gedachte. In den dreitägigen Kämpfen, in denen sich die Armeeabteilung gegen eine dreifache Übermacht behauptete, hatte die Artillerie die Hauptrolle gespielt. An ihrer Ausdauer und der Wirksamkeit ihres Feuers waren am Ende alle französischen Angriffe gescheitert; sie konnte auch vorübergehende Rückschläge, die bei der Infanterie eintraten, immer wieder ausgleichen und den Kampf zum Stehen bringen. Aber mit dieser hervorragenden Rolle der Artillerie begann sich der Charakter des Kampfes zu ändern. Die Geschützzahl blieb die gleiche, die Infanterie schmolz unter den Anstrengungen und Verlusten des Krieges reißend. Der Ersatz aus der Heimat kam bei der Schnelligkeit des Vormarsches nicht heran. In den Kämpfen von Beaugency—Cravant hatte sie meist die Dörfer besetzt; die Geschützlinien füllten die Zwischenräume. Die Infanterie sank mehr und mehr zur Bestimmung einer Artilleriebedeckung hinab; die großartigen Entscheidungskämpfe, wie in der ersten Hälfte des Krieges, blieben aus. Die Gefechte und Schlachten nahmen einen schleppenden Charakter an. Änderung der Kampfweise 539 Geradezu eine Kalamität für die deutschen Truppen wurde die große Zahl der Gefangenen. Sie erforderte die Stellung von Begleitmannschaften, deren Menge die der Gefechtsverluste überstieg. Den Franzosen wurde es leichter, den Ausfall zu ersetzen, als es den Teutschen war, die zurückgesandten Abteilungen wieder in die Front zu ziehen. Auch an Munition begann es zu mangeln. Etwas von Ermattungsstrategie fing an fühlbar zu werden. Übrigens hatte auch die Artillerie stark gelitten. Zahlreiche Kanonenrohre waren vom fortwährenden Feuer so ausgeschossen, daß sie unbrauchbar wurden. Zwei Batterien der 22. Division mußten ganz ausgewechselt werden. Das am härtesten mitgenommene bayerische Korps, dessen Infanterie nur noch 7000 Mann in Reih und Glied zählte, zog Prinz Friedrich Karl nach Orleans zurück, wo es sich wiederherstellen sollte. Nur eine schwache Brigade blieb vorläufig noch beim Großherzoge. Die Verluste in der Schlacht waren nicht so groß gewesen, wie es der ungeheure Gefechtslärm hatte vermuten lassen. Er betrug auf deutscher Seite 154 Offiziere, 3237 Mann, war auf französischer jedenfalls weit bedeutender, ist aber nicht genau bekannt geworden. Er soll 7000 Mann erreicht haben. 6 Geschütze fielen in deutsche Hand. -K Des Prinzen Entschluß hatte die Lage verändert. Nicht beide Loirearmeen wurden gleichzeitig zum Ziel der Operationen genommen, sondern zunächst mit allen Kräften nur die stärkere und gefährlichere. Sie hatte in Chanzy auch den tatkräftigsten Führer an ihrer Spitze, von dem am ehesten anzunehmen war, daß er fähig sei, dem Kriege eine den Deutschen ungünstige Wendung zu geben. Er gehörte zu den Naturen, die mit den Schwierigkeiten wachsen. Im Beginn des Krieges als Brigadegeneral zu seinem Schmerz in Algier zurückgelassen, war er dem Schicksal der meisten kaiserlichen Generale — d. h. der Gefangenschaft — entgangen und gewann die Gelegenheit, den Wert seiner Persönlichkeit geltend zu machen. Auf Mac Mahons Empfehlung wurde er von Gambetta an die Spitze des 16. Korps berufen. Erst 47 Jahre alt, zäh und energisch, von festem Vertrauen auf den endlichen Sieg Frankreichs erfüllt, war er der richtige Mann, um die jungen Truppen der Republik zusammenzuhalten und sie wenigstens einigermaßen nutzbar zu machen. Das Unglück entmutigte ihn nicht: „II selllklait i^norsr 1s rsvers cks la, veille et rie cro^ait pas au äesastre äu lenäsrQain«. Paris zu befreien, blieb auch während des Rückzuges fein letztes Ziel. — 540 VIII. Der Krieg von 1370/71 Moltke hatte mit der ihm eigenen genialen Anpassungsfähigkeit, bei der er doch nie das große Ziel aus dem Auge verlor, des Prinzen Gedanken zu den seinen gemacht und stimmte ihnen bei. Er schrieb an General Stichle, daß nunmehr Chanzy durch andauernde Verfolgung, die aber nicht über Tours hinausgehen solle, für längere Zeit außer Tätigkeit zu bringen wäre. Dann habe ihn der Großherzog von Chartres aus — Prinz Friedrich Karl dagegen Bourbaki von Orleans aus zu überwachen. General v. Zastrow sollte mit dem ganzen 7. Korps bei ClMillon-sur-Seine erscheinen. Hierauf dürfe Weiteres unternommen aber nicht über Bourges und Revers vorgegangen werden. Die ganze II. Armee blieb also im Vormarsch nach Westen. Dem Frost war wieder Tauwetter gefolgt und hatte die Felder unbetretbar, die meisten Wege unergründlich gemacht. Schleppend vollzogen sich die Märsche; Mann und Roß litten schwer; die Bekleidung, zumal das Schuhwerk, gingen völlig zugrunde. Der Großherzog hatte am 11. Dezember früh noch auf einen Angriff gewartet, um Mittag aber den Rückzug des Gegners erkannt und sich in Bewegung gesetzt. Links neben seiner Armeeabteilung ging das 10. Korps vor, rechts um den Wald von Marchenoir herumgreifend, die 4. Kavalleriedivision. Das 3. Korps eilte in Gewaltmärschen nach; denn Prinz Friedrich Karl wollte erst angreifen, wenn er alle Kräfte beisammen hatte. — Am 14. Dezember traf die 17. Division bei Moree und Freteval wieder auf den Feind, nämlich das 21. französische Korps, das Chanzys linken Flügel bildete. Dessen Stellung zog sich von dort nach Vendüme hinab, dann hinüber aufs linke Loirufer, wo die Höhen vor der Stadt stark besetzt waren, bis St. Amand und Montoire. Chanzy wollte den Kampf hier wieder aufnehmen, aber seine Generale erklärten jeden Widerstand für unmöglich. Völlige Auflösung hatte sich in der Armee verbreitet, alle Straßen waren von Nachzüglern bedeckt. Die 22. preußische Division griff deren allein am 12. Dezember an 2200 auf. Fuhrwerk und Heergerät blieben vielfach zurück. So kam es am 14. bei Freteval, am IS. vor Vendöme, wo das 10. Korps sowie die Spitze des 3. eintraf, zu zusammenhanglosen Gefechten, nicht zu der vom Prinzen gewünschten allgemeinen Schlacht. Es sehlte für diese auch noch das 9. Korps, das bei Blois erst die zerstörte Loirebrücke wiederherstellen und herankommen mußte, was am 16. Dezember erfolgte. Nicht vor dem 17. konnte der gemeinschaftliche Angriff aller Streitkräfte beginnen. Vorher aber hatte Chanzy am 16. bereits den Rückzug fortgesetzt. Einer gewaltigen Herde vergleichbar strömte seine Chanzys Rückzug nach Le Mans 541 Armee Le Mans zu, wo sie Ruhe, Erholung, Schutz gegen Unbilden der Jahreszeit und Stillung des Hungers erhoffte. Nur der linke Flügel bei Freteval, der die Befehle zu spät erhielt, harrte noch aus, griff sogar noch einmal an, folgte dann am Abend aber dem allgemeinen Rückzüge. » 5 » » Der 17. Dezember vervollständigte die Anordnungen aus dem Großen Hauptquartier von Versailles. Ein Drittel Frankreichs war in deutscher Hand, die erste gewaltige Anstrengung der Provinzen zur Befreiung der Hauptstadt vereitelt. Nun galt es, das Gewonnene zunächst festzuhalten, die Kräfte nicht zu zersplittern, den Truppen die unbedingt nötige Ruhe zu gewähren, ihren Bestand und ihre Ausrüstung zu ergänzen. Es erging der Befehl, daß die I. Armee sich bei Beauvais, die Armeeabteilung des Großherzogs bei Chartres, die II. Armee bei Orleans ausstelle, den Feind, wenn er zu neuen Unternehmungen schritte, auf kürzeste Entfernung heranlasse, ihn dann aber durch kräftigen Angriff zurückweise. Für Prinz Friedrich Karl kam noch ein Grund hinzu, die Rückkehr zu beschleunigen. Gerade im entscheidenden Augenblicke vor Vendome war die Nachricht eingetroffen, daß tags zuvor — am 15. — die schwache bayerische Besatzung aus Gien verdrängt worden und nach Ouzouer-sur-Loire zurückgegangen sei. Das konnte der Beginn von Bourbakis Vormarsch sein. Sogleich erhielt das bei la Chapelle Vendümoise versammelte 9. Korps den Befehl zum Rückmarsch nach dem gefährdet erscheinenden, 11 deutsche Meilen entfernten Orleans. Trotz den aufgeweichten Wegen traf es daselbst mit den vordersten Truppen schon am nächsten Mittag ein — eine Marschleistung, die ihresgleichen nur wenige gefunden hat. Die hessische Kavalleriebrigade unter General v. Rantzau rückte nach Montargis ab und von dort später aus Briare vor, wo sie auf bedeutende feindliche Kräfte stieß und nach Gien zurück mußte. Das 3. Korps folgte über Blois dem 9., das 10. blieb am Loirflusse zurück, um Chanzy zu überwachen. Das drohende Ungewitter hatte sich indes wieder verzogen. Nicht Bour- baki mit seinem Heere, sondern ein vereinzeltes französisches Streifkorps war bei Gien erschienen und trotz seinem Erfolge nach Briare zurückgewichen, wo es sich zur eigenen Sicherheit verschanzte. Ruhequartiere konnten eingenommen werden, aus denen die Bayern bald nach Etampes zurückbefördert wurden, um Vereinigung und Wiederherstellung des Korps zu bewirken. Der Großherzog verblieb noch einige Tage am Loir, beunruhigte in Gemeinschaft mit der von Chartres herangekommenen 5. Kavalleriedivision 542 VIII. Der Krieg von 1870/71 die abziehenden Franzosen und nahm dann Aufstellung bei Nogent-le- Rotrou und Chartres. Die bei ihm verbliebenen Bayern kehrten zu ihrem Korps zurück. Vom 10. Korps wurde noch eine Expedition bis vor Tours unternommen, der eine frisch auftauchende französische Division unter General Ferri Pisani am 20. Dezember vergeblich den Weg zu verlegen suchte. Dann bezog die 19. Division in Blois, die 20. in Vendome Quartiere, und es folgten einige Tage der Ruhe, bis am 27. eine von Mentoire im Loiretale vorgehende fliegende Kolonne unter Oberstleutnant v. Boltenstern mitten in vorgehende französische Truppen hineingeriet, sich aber glänzend durchschlug und zu den ihrigen zurückkehrte. Dieser Vorgang brachte die Berührung mit dem Feinde von neuem in Gang. General v. Kraatz, der in Vendüme kommandierte, wollte klar sehen, was beim Feinde vorging, und unternahm am 31. einen größeren Vorstoß gegen Azay, der auf die ganze französische Division Jouffroy traf. Chanzy hatte diese gegen Vendüme in Bewegung gesetzt, um dadurch von Tours abzulenken, und es kam zu einem größeren Gefecht. Rechtzeitig erkannten die Deutschen die feindliche Überlegenheit und gingen auf Vendüme zurück, das nun lebhaft angegriffen, aber siegreich behauptet wurde. Von rechts her stieß die 1. Kavalleriebrigade gegen Epuisay in die Flanke der Franzosen vor, erbeutete 50 Gefangene und 1 Geschütz und ging dann nach Frcteval zurück. Jouffroy blieb fortan in respektvoller Entfernung vor Kraatz stehen, und auch dieser erhielt Befehl, sich vorläufig abwartend zu verhalten. ZUe Vorgänge bei der l. Armee und vor Paris während des Decembers H870 (Vgl. Skizze 60 u. 50, Seite 522 u. 477) Infolge der allgemeinen Anordnungen des Großen Hauptquartiers beließ General v. Manteuffel nur das 1. Armeekorps an der unteren Seine und rückte mit dem 8. wieder zur Somme ab, wo sich die Franzosen erneut zu regen begannen. Sie überfielen am 9. Dezember in Ham die schwache Besatzung und drangen am 11. auch gegen La Fere vor. Die in Amiens zurückgelassene 3. Kavalleriedivision hatte nur die Zitadelle besetzt gelassen und sich an die bei Montdidier eintreffende 15. Division herangezogen. Es stellte sich heraus, daß der Feind in großer Stärke an der Hallue nordöstlich Amiens stehe. Tatsächlich hatte der mittlerweile auf dem Kriegsschauplatz angekommene General Faidherbe eine erstaunliche Tätigkeit entfaltet und die französische Neue Kämpfe bei der I. Armee 54z Nordarmee ansehnlich vermehrt. Neben dem 22. war ein 23. Korps entstanden. Mit 43 000 Mann und 82 Geschützen rückte er an die Hallue, um durch sein Erscheinen die Deutschen vom Angriff auf Le Hävre abzuhalten. Trotzdem General v. Manteuffel im Augenblick nur über 22 600 Mann verfügte, entschied er sich doch für den sofortigen Angriff, ließ Amiens wieder besetzen und rückte am 23. gegen Albert vor. Die Schlacht an der Hallue am 23. und 2H. Dezember ^870 (S. Skizze 64, Seite 524) Die Franzosen hatten auf dem überhöhenden östlichen Talrande der Hallue eine starke und vorbereitete Stellung inne, die von dem Bache durchströmten Dörfer am Fuße aber gleichfalls besetzt. General v. Manteuffel wollte sie mit der 15. Division in der Front beschäftigen, mit der 16. den rechten Flügel von Norden her umfassen, während die wieder zu ihm gestoßene 3. Brigade des 1. Korps in Reserve folgen sollte. Sein Anmarsch wurde von den Höhen aus eingesehen; die Franzosen zogen ihre Vorposten auf die Dörferreihe zurück. Um 11 Uhr vormittags begann der Kampf um diese. Aus der beabsichtigten Umfassung wurde nichts, da sich die feindliche Front weiter, als angenommen war, ausdehnte. Es entwickelte sich auf der ganzen Linie ein rein frontaler Kampf. Erst wurde Pont-Noyelles, dann zur Linken Frechencourt, zur Rechten Bussy genommen. Im Laufe des Nachmittags gerieten auch die andern Dörfer nach mehr oder minder heftigen Kämpfen noch in preußische Hand. Den Höhenrand dahinter, auf dem die französische Artillerie sehr vorteilhafte Aufstellung innehatte, zu nehmen, gelang nicht. Einmal stürmte die Reserve bei Pont Noyelles den Hang hinauf, eroberte auch zwei Geschütze, mußte aber vor dem, sie von allen Seiten überschüttenden, Feuer wieder zurück. Der kurze Wintertag neigte sich zum Ende, ohne daß eine Entscheidung herbeigeführt worden war. Die weiteren Fortschritte wurden auf den nächsten Morgen verschoben. In der Dunkelheit flackerte der Kampf nochmals auf. Die Franzosen suchten die verlorenen Dörfer wiederzugewinnen, wurden aber abgewiesen. Alle Hallue- übergänge blieben in unserer Gewalt; die Truppen bezogen Alarmquartiere, ihre Vorposten dicht vor den Ortschaften, dem Feinde unmittelbar gegenüber. Schon bei Tagesanbruch am 24. eröffnete der Feind das Feuer von neuem, schritt aber nicht mehr zu Gegenstößen. Auch die preußischen Truppen verhielten sich ruhig und befestigten sich in ihrer Stellung. Sie 544 VIII- Der Krieg von 1870/71 hatten die große Überlegenheit des Gegners erkannt, wollten Verstärkungen abwarten und bedrohten nur mit ihrer Reserve bei Corbie den linken französischen Flügel. Obwohl die Feuerüberlegenheit noch auf Seiten Faidherbes geblieben war, entschloß er sich um 2 Uhr nachmittags doch zum Rückzüge. Seine jungen Truppen hatten in der strengen Winternacht zu sehr gelitten; er wollte sie wieder unter den Schutz der Festungen führen und marschierte unbehelligt ab. Als am 25. das 8. Korps und die Kavallerie über Albert bis vor Cambrai und Arras folgten, griffen sie nur noch einige Hundert Nachzügler auf. Während der Schlacht waren 1000 Gefangene gemacht worden. Sie hatte die Franzosen außerdem an 1150 Mann gekostet, die Deutschen 45 Offiziere 881 Mann. 5 5 5 General v. Manteuffel eilte nach Beseitigung der neuen Gefahr nach Rouen zurück, wo die auf beiden Seineufern näher an die Stadt herangerückten Franzosen von neuem zurückgescheucht wurden. Dann gliederte sich die I. Armee derart, daß die bei Metz freigewordene 3. Reservedivision, die als Verstärkung eintraf, die Belagerung von Peronne übernahm, das den Franzosen noch immer einen gesicherten Sommeüber- gang bot, während das 8. Korps sie unterstützte, zugleich aber aus seinen Truppen einen weiten Bogen von Amiens bis über Bapaume hinaus bildete, um die Belagerung nach außen hin zu schützen. Das 1. Korps konnte sich ganz bei Rouen sammeln. Inzwischen waren Montmedy und Mezieres gefallen. Vor Montmedy war die 14. Division, von Diedenhofen kommend, am 5. Dezember erschienen. Am 12. eröffneten 42 schwere und 20 Feldgeschütze ihr Feuer gegen die Festung. Am 14. öffnete sie ihre Tore. Die 14. Division zog ein, nahm 2700 Mann gefangen und erbeutete 65 Geschütze. Am 19. traf sie vor Mezieres ein. Am 25. Dezember war die Einschließung vollständig, am 31. die Feuereröffnung aus 68 Belagerungs- und 8 Feldgeschützen möglich; am 1. Januar 1871 erfolgte die Kapitulation. Die Besatzung ging in Gefangenschaft, 132 Geschütze und bedeutende Vorräte fielen den Belagerern in die Hände. Der Hauptvorteil aber bestand in der Möglichkeit, eine neue Eisenbahnlinie bis vor Paris fahrbach zu machen. der stel. Hai neh mischn der, fall Mo Fr» man führ nehn E von ^ geger deuts Gene Blan« Dc dem armeW der I reiwn gesähM ?lu zeinbe" ein TM der MH der Ne einem t griffen sammenc Verstärk' gelegener es von Stellunc Verge Frhr. v. eine WegsgescbieW veuM!ana5. Colmar Freiherr von der Goltz: Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen. II. Band der Kriegsgeschichte Deutschlands. Berlin, Georg Bondi, 1914. In der Einleitung betont der Herr Verfasser, daß es nicht genügte, die großen Kämpfe für Deutschlands Einigung zu schildern, um die kriegsgerichtliche Entwicklung bis zum Schlüsse des Jahrhunderts richtig beurteilen zu lassen. Der gefährliche Stillstand nach deu Befreiungskriegen habe niederdrückender gewirkt, als es allgemein zum Bewußtsein gekommen sei! die verhängnisvollen Folgen seien nicht eingetreten, die Gefahr, in welcher wir schwebten, sei darum weniger beachtet, als es für den Lehrgang des deutschen Volkes dienlich erscheine. Der führende Geist, der das Rüstzeug gebrauchen sollte, habe sich in Banden schlagen lassen, sei kleinlich, behutsam und schwnnglos geworden. Die Kämpfe von 1848 bis 1830 seien daher sehr ausführlich dargestellt, um derart klarzumachen, wie weit wir vom richtigen Wege abgeirrt waren. Der Herr Verfasser weist im Vergleich hierzu, ans die Taten König Wilhelms I. und seiner Palladinc hin, um begreiflich zu machen, wie nahe wir vorher dem Abgrunde waren; er macht auf das Lehrreiche in den Schicksalen Preußen-Deutschlands aus der Zeit nach den Befreiungskriegen aufmerksam und hofft, daß die in diesen Vorgängen liegende Warnung für alle Zeit dem deutschen Baterlande unvergessen bleibt. Auf 624 Seiten wird in großzügiger Weise eine mustergültige Schilderung der Ereignisse geboten, welche in ihrer prägnanten Ausdrucksweise das Interesse des Lesers dauernd in Anspruch nimmt. — Welch Summe von Arbeit und Konzentration in dem Gegebenen enthalten-ist, wird im Hinblick darauf begreiflich, daß z. B. der Inhalt der beiden Gcneralstabswcrke über die Feldzügc 1866 und 1870/71 (729 bczw. 3041 Seiten, ohne die umfangreichen Anlagen) hier auf 112 bezw. 212 Seiten zusammengefaßt ist, wobei die leitenden Gesichtspunkte für Verständnis und Studium in vollendeter Weise hervorgehoben sind. Besonders sei auch auf die Kapitel „Armecreform", „Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht" sowie die „Schlußbetrach- tungcn" hingewiesen. Mit Lapidarschrift ist eine Kristallisation der Ansichten der Kon- sliktszeit sowie des Jdecngangcs der Hecresorganisation niedergeschrieben; klar, einleuchtend, sür die Allgemeinheit mehr als genügend, nur für den, der sich näher mit dem Einzelstudium befassen will, das Quellenstudium erfordernd. Die Schlägworte betreffs Entwicklung der deutschen Hccrcsmacht bilden in ihrer klassischen Einfachheit einen Anhalt für das Gedächtnis, wie solcher besser Wohl kaum zu geben ist. Eindringlich wird zu Gemüte geführt: „Ein großer Staat besteht nur durch sich selbst und aus eigener Kraft; er erfüllt den Zweck seines Daseins nur, wenn er entschlossen und gerüstet ist, sein Dasein, seine Freiheit und sein Recht zu behaupten; ein Land wehrlos zu lassen, wäre das größte Verbrechen einer Regierung." Die Notwendigkeit der großen Hccrcsvcrmchruttg von 1913 und der Hinweis, daß der ewige Friede ein Traum sei, sowie die erfreuliche und tröstliche Erscheinung der modernen Jugendbewegung bilden den Schluß. Möge unser Nachwuchs stets die Worte beherzigen: „Wir werden die Gefahren niemals scheuen, unter denen wir ehemals groß geworden sind." Das vorliegende Werk ist im wahrsten Sinne ein Volksbuch und sollte in keiner Bücherei fehlen, eignet es sich doch nicht nur zur Lektüre des Fachmannes und Historikers, sondern bringt es doch auch weiicrcn Kreisen unserer gebildeten Stände in kurzer, Prägnanter Darstellung den Werdegang unseres Volkes in Waffen; es empfiehlt sich aus diesem Grunde auch besonders als Geschenkwcrk, sowohl sür die alten Kriegsteilnehmer als auch für die heranwachsende Jugend, insbesondere wieder für diejenigen, welche sich dem Militärbcrnf zu widmcu beabsichtigen. Es ist wirklich ein Buch des Volkes der Denker und des Volkes in Waffen. .(Zönsrallsutllkmt S. D. Imkoll, 545 ruchs- lerzu- er die - Ge- H°ff- tstadt und laus- t der lngen l, die Aus- nter- -osten lrmee :l der )urfte ad le wng, ings- und orbe- lßlich De- ereit, uerte Uhr mit nge- zu- ab ben rde in hm 35 Neue Durchbruchspläne in Paris 545 In Paris war General Ducrot nach dem verunglückten Durchbruchsversuch von Villiers—Champigny emsig bemüht, seine Armee wiederherzustellen und zu neuen Anstrengungen vorzubereiten. Sein Plan, sich über die Halbinsel von Gennevillers den Weg nach Westen zu bahnen, fand die Genehmigung der Regierung nicht. Die anfänglich noch festgehaltene Hoffnung auf ein Erscheinen der Loirearmee in der Nähe der Hauptstadt schwand, als General v. Moltke Nachricht von d'Aurelles Niederlage und der Wiedereinnahme von Orleans gab. Nunmehr wurde ein Massenausfall nach Norden erwogen. Solange das Eis nicht fest war, bot der Morsebach dort freilich ein Hindernis, aber auf der 45 Kilometer langen Front standen nur drei deutsche Korps mit zusammen 81200 Mann, die man mit großer numerischer Überlegenheit angreifen konnte. Zur Ausführung bestimmte man den 21. Dezember. Sorgsam wurde das Unternehmen vorbereitet. Erst sollte der vor der deutschen Front gelegene vorgeschobene Posten von Le Bourget genommen werden, während General Vinoy die III. Armee gegen die Sachsen vorführte, und gleichzeitig auch der rechte Flügel der deutschen Stellung von starken Kräften bedroht wurde. Dann erst durfte General Ducrot mit der II. Armee den Moreebach bei Aulnay und le Blanc Mesnil überschreiten, um gegen Nordosten vorzubrechen. Der etwas umständliche Plan sollte indes schon an der Einleitung, dem Kampf um le Bourget scheitern. Die Verfassung der Einschließungsarmee, die lange Zeit Ruhe gehabt hatte, war damals vortrefflich und der Ausfall keine Überraschung. Einiges von den französischen Vorbereitungen war bekannt geworden und alles geschehen, um der mutmaßlich gefährdeten Front schnell Verstärkungen zuzuführen. Auf Anordnung des Oberkommandos der Maasarmee stand am 21. Dezember früh sogar die 2. Gardedivision an den MorSeübergängen bereit, ein Teil der 1. bei Gonesse in Reserve. Seit dem frühen Morgen feuerte der Mont Valerien, um die Deutschen irrezuführen. Als um 7^ Uhr der Nebel fiel, wurde le Bourget von den Forts und Batterien aus mit einem Geschoßhagel überschüttet, bald auch von allen Seiten her angegriffen und die aus 5 Kompagnien bestehende Besatzung im Innern zusammengedrängt. Dort behauptete sie sich standhaft, bis von 9 Uhr ab Verstärkungen eintrafen. Gegen Mittag war Bourget mit den daneben gelegenen Fabriken wieder ganz in deutscher Hand. Nunmehr wurde es von 15 Kompagnien besetzt. Zwei Batterien gingen seitwärts in Stellung. Vergeblich hatte General Ducrot auf das Signal gewartet, das ihm Frhr. v.d.Boltz, Kriegsgeschichte II 35 546 VIII. Der Krieg von 1370/71 den Fall von le Bourget ankündigen sollte. Dann kam die Nachricht vom ungünstigen Stande des Gefechts und der Befehl, das große Unternehmen aufzugeben, das sich nunmehr in eine allgemeine Kanonade umwandelte, bis nachmittags die Franzosen das Gefechtsfeld räumten. Die Verluste hatten auf ihrer Seite 600 Mann, auf deutscher 400 betragen. 360 Gefangene verblieben außerdem den Siegern. Auch die unterstützenden Scheinangriffe hatten keinen Erfolg gehabt. Vinoy war erst um Mittag am rechten Marneufer vorgegangen, als der Kampf um le Bourget bereits entschieden war. Die sächsischen Vorposten zogen sich vor ihm auf die Gefechtsstellungen zurück, die ernsthaft anzugreifen nicht im Plan lag. Abends holte dann noch ein sächsisches Bataillon, mit einem Verlust von nur 70 Mann, 600 Gefangene aus Ville Evrart heraus. » » Paris war nunmehr seit drei Monaten eingeschlossen. Alle Voraussagen darüber, daß es sich wegen des notwendigerweise bald eintretenden Ausfalls an Nahrungsmitteln nur kurze Zeit werde halten können, hatten sich als hinfällig erwiesen. Das vorher im Schwange gewesene Schlagwort, es würde die Tore öffnen, wenn ihm für acht Tage die Morgenmilch abgeschnitten wäre, zeigt lediglich den Mangel an Urteil und Erfahrung an. Dies hatte auch verzögernd auf die Belagerungs-Vorbereitungen gewirkt. Jetzt war man vollends unsicher, wie lange der bestehende Zustand noch fortdauern könne. Die Besatzung griff, nach dem Scheitern der Versuche in offener Feldschlacht durchzubrechen, zu einem andern Mittel. Mit dem Spaten in der Hand arbeitete sie sich gegen die Einschließungslinie vorwärts. Das ging langsamer, aber sicherer und war weniger verlustvoll. Im Süden war sie auf diese Art bereits über Villejuif hinaus vorgedrungen. Im Norden entstand bei Drancy ein System von Laufgräben und Batterien, welches bis auf 1000 Meter an Le Bourget heranreichte. Der strenge Frost hinderte wohl zeitweise die Fortsetzung der Arbeit. Aber die Batterien wurden armiert und blieben besetzt. Im Laufe der Zeit konnte so die Einschließung allmählich zurückgedrängt und mehr und mehr erschwert werden. Das durfte man nicht dulden. Einen vorzüglichen Stützpunkt für Selbstbefreiungsversuche gab der auf der Ostseite wie ein Keil zwischen die nördliche und südliche Einschließung von Fort Rosny vorgeschobene Mont Avron im Marnetal ab, den die Franzosen stark befestigt und mit 70 schweren Geschützen ausgestattet hatten. Er mußte vor allen Dingen bezwungen werden. Unter Aufbietung von Angriff auf den Mont Avron 547 ganzen Arbeiterbataillonen entstanden ihm gegenüber bei Raincy und Gagny, sowie am linken Talrande bei Noisy-le-Grand drei Gruppen von Batterien, die aus 76 schweren Geschützen am 27. Dezember 8^ Uhr morgens das Feuer eröffneten. Der Mont Avron und die Forts Nogent und Rosny antworteten kräftig. Dichtes Schneegestöber erschwerte die Beobachtung. Dennoch war die Wirkung der deutschen Geschütze surchtbar — zumal gegen die ungedeckte Infanterie. Am 28. Dezember klärte sich das Wetter auf und die genauere Beobachtung steigerte das angerichtete Unheil. Zwar wollte der energische und umsichtige Kommandant, Oberst Stoffel, die Verteidigung fortsetzen. Der Oberbefehlshaber, General Trochu, der persönlich auf dem Mont Avron erschien, befahl jedoch die Räumung. Diese wurde in der Nacht mit solchem Geschick bewirkt, daß nur eine unbrauchbare Kanone zurückblieb. Am 29. fanden die deutschen Patrouillen den Berg verlassen. Nun lag der Weg frei, näher an Paris heranzukommen. Die Entscheidung darüber, daß er angegriffen werden solle, war nach langem und heftigem Meinungsstreit im Großen Hauptquartier gefallen. 235 schwere Geschütze standen auch schon bei Villacoublay zwischen Versailles und Sceaux bereit; der Eisenbahnverkehr war bis Chelles hin ermöglicht, aber die großen notwendigen Munitionsvorräte hatte man bei Lagny niederlegen müssen, wo zuvor der Betrieb geendet hatte. Sie sollten auf dem Landwege herbeigeholt werden, und das verursachte unglaubliche Schwierigkeiten. Die ortsüblichen zweirädrigen Karren erwiesen sich als unbrauchbar. Nur 2000 vierrädrige Wagen ließen sich auftreiben und genügten bei weitem nicht. Es waren aber noch 960 andere in Metz mit Pferden aus der Heimat versehen. Auch das Angespann der III. Armee wurde in Anspruch genommen, obschon es für die Verpflegung der Heere an der Loire mitwirken mußte, und endlich griff man sogar auf die Zugpferde der Pontonkolonnen, Feldbrückentrains und Schanzzeugkolonnen zurück. Unter unsäglichen Mühen gelang es, den Schießbedarf für einen ohne Unterbrechung durchzuführenden Angriff heranzuschaffen. Die Batteriestände waren schon vorher gebaut worden. Ende des Jahres standen gegen 100 Geschütze schwersten Kalibers schußfertig, der als Angriffsfront in Aussicht genommenen Südfront von Paris gegenüber. Die Vorgänge auf den, südöstlichen Kriegsschauplätze bis zum Ende des Jahres ;8?0 (Vgl. Skizze 54, Seite 499) Um den Beunruhigungen von der durch provisorische Außenwerke erweiterten Festung Langres ein Ende zu machen, entsandte General V.Werder 35* 548 VIII. Der Krieg von 1870/71 gegen Mitte Dezember die preußische Brigade seines Korps unter General v. der Goltz gegen diesen Platz. Bei Longeau südlich Langres traf sie auf den Feind, griff ihn sofort an, brachte ihm einen Verlust von 200 Mann an Toten und Verwundeten bei, nahm ihm 50 Gefangene und 2 Geschütze ab und warf ihn in die Festung zurück. Das gleiche geschah iu den nächsten Tagen mit den außerhalb derselben untergebrachten Mobilgarden. Dann nahm General v. der Goltz zum Schutze der großen Eisenbahnlinien Aufstellung vor den Nordfronten. Auch von Süden wurde General v. Werder bedrängt und setzte sich an der Spitze der 1. und 2. badischen Brigade am 18. Dezember gegen Nuits in Bewegung. Bei Boncourt, nahe vor dieser Stadt, stieß seine Avantgarde auf den Feind, nahm den Ort aber nach lebhaftem Widerstande um Mittag ein. Damit begann das hartnäckige und verhältnismäßig blutige Gefecht von Nuits gegen die französische Division Cremer, deren jugendlicher Führer ein Mann von ungewöhnlicher Energie war. Als Kapitän und Adjutant der Brigade Clinchant fiel er durch die Kapitulation von Metz in Gefangenschaft, wußte jedoch zu entkommen, stellte sich der Regierung der Nationalverteidigung zur Verfügung und verstand es, aus kleinen Anfängen eine Division zu bilden. Sie zählte mehr als 10 000 Mann und zeichnete sich unter den Truppen der Republik durch besondere Tüchtigkeit aus. Begünstigt durch das Feuer seiner, auf den Vorhöhen der Cüte d'or aufgestellten Batterien verteidigte Cremer die Stadt hartnäckig gegen den um 2 Uhr nachmittags beginnenden allgemeinen Angriff. Nur unter großen Verlusten — zumal an höheren Offizieren — arbeitete sich die badische Infanterie über die freie Talebene vorwärts und warf den Feind um 4 Uhr nach Nuits zurück, das er dann um 5 Uhr vor den anstürmenden Bataillonen räumte. Nachts lagerten die siegreichen Brigaden alarmbereit auf dem Marktplatze der Stadt und in den nächsten östlich gelegenen Ortschaften. Sie hatten an 940 Mann verloren, aber 650 unverwundete Feinde gefangen genommen. Cremer büßte im ganzen 1700 Mann ein. Am Morgen erkannte man, daß der Feind weiter zurückgegangen sei; doch fühlte sich General v. Werder zu schwach, um zu folgen. Er ging wieder nach Dijon zurück und zog dort alle verfügbaren Kräfte, auch die preußische Brigade, zu sich heran, einen Angriff erwartend. Der Monat Dezember verlief indessen weiterhin ruhig. Bei Belfort erschwerte der tätige Kommandant die Lage der Reservedivision so, daß General v. Werder schon 7 Bataillone zu ihrer Verstärkung hatte abgeben müssen. Gefechte von Longeau und Nuits 549 Der Leldzug von Le Mans in, Januar 1^871l (S. Skizze 65) General Chanzy hatte sein Hauptquartier am 19. Dezember in Le Mans aufgeschlagen und war seitdem unermüdlich tätig gewesen, seine Armee wieder instand zu setzen. Die Absicht, Paris zu befreien, hatte er keineswegs aufgegeben. „Lg-uvei- ?aris sst 1s Luxrews bonnsui'!" hatte er eines Tages geäußert. Zunächst war es seine Absicht, auf Chartres vorzugehen, von dortMantes an der unteren Seine (vergl. Skizze 60, Seite 522) zu erreichen und Versailles zu bedrohen. Am 22. brachte ihm Kapitän Boisdeffre, der Paris im Ballon verlassen hatte, die Mitteilung Trochus, daß die Hauptstadt sich nur noch bis zum 20. Januar halten könne, aber zur Befreiung der Hilfe von außen bedürfe. Sofort schlug er der Regierungsdelegation ein gemeinsames Vorgehen der drei Provinzial- armeen gegen Paris vor. Er selbst wollte über Chartres und Evreux angreifen; Bourbaki sollte das gleiche über Nogent-sur-Seine und CtMeau Thierry, Faidherbe über Beauvais und Compiegne ausführen. Nur eine solche Einheit der Handlung könne Erfolg haben. Gambetta widersetzte sich. Schon war der Zug Bourbakis nach dem Osten eingeleitet. Man versprach sich viel davon und konnte ihn auch füglich nicht mehr ändern. Es blieb Chanzy nur übrig, den direkten Entsatzversuch allein zu unternehmen, sobald er es vermochte. Einstweilen sandte er fliegende Kolonnen aus, um sich zu sichern, seine Truppen zu üben und die Deutschen in Atem zu halten. Sie hatten dem 10. Korps und der 5. Kavalleriedivision die schon geschilderten Dezembergefechte geliefert. Inzwischen nahte, noch ehe an den Marsch nach Paris gedacht werden konnte, der erneute Angriff der Deutschen. In Versailles hatte man ein gemeinsames Handeln der Armee Chanzys und Bourbakis gegen die deutschen Kräfte an der Loire oder gegen Paris für wahrscheinlich gehalten und nahm sogar das am 31. Dezember gleichzeitig erfolgende Auftreten der Franzosen bei Vendüme und Briare für das Anzeichen der bevorstehenden allgemeinen Offensive. Freilich lagen auch schon Gerüchte vom Abmarsch Bourbakis nach dem Osten vor; doch ohne so bestimmte Form anzunehmen, daß man darauf entscheidende Maßregeln aufbauen konnte. Klar war jedenfalls, daß eine neue große Anstrengung der Franzosen bevorstehe, und daß keine Zeit zu verlieren sei, wollte man ihnen zuvorkommen. 550 VIII. Der Krieg von 1870/71 Prinz Friedrich Karl erhielt daher am Neujahrstage Befehl zum Angriff gegen Chanzy als den nächststehenden Gegner. Die bisherige Armeeabteilung wurde als 13. Korps, das nur noch aus der 17. und 22. Division bestand, der II. Armee einverleibt, die 2. und 4. Kavalleriedivision ihr ebenfalls zugeteilt und die 5. bestimmt, der Armee beim Vorrücken die rechte Flanke zu decken. 55/5^6 65 Is toi^pe Ubei"siclijsk3s'!e für' cien felciiug von l.e ivisns INI ^isrius^1671. Sodann aber rückte das 2. Korps von Paris nach Montargis ab und das 7. wurde nach der Ionne herangerufen. Beide sollten gemeinsam die Überwachung Bourbakis übernehmen, den man noch bei Bourges und Revers vermutete. Ganz neue Verhältnisse, aufs einfachste, aber wirksam, von Moltke geordnet, traten also ein. Die Deutschen kommen dem zweiten großen Entsatzversuch zuvor 551 Prinz Friedrich Karl traf sogleich seine Anordnungen, um seine bisherige Armee am S.Januar 1871 bei Moree und Vendüme zu versammeln, das 13. Korps aber gegen die feindliche linke Flanke heranzuziehen. Die hessische Division blieb an der mittleren Loire bei Orleans zurück. Chanzy stand noch in seinem Lager von Le Mans. Durch drei Divisionen: Rousseau nebst zahlreichen Freischaren bei Nogent-le-Noutrou, Jouffroy bei St. Calais hinter dem Brayebach und Curten bei Chkteau Renault, halbwegs Vendüme und Tours, hatte er sich nach vorwärts geschützt. Auf diese vorgeschobenen Truppen traf die II. Armee schon am 5. Januar beim Anmarsch. In ihrer linken Flanke kam es bei Villeporcher an der Chaussee nach CtMeau Renault zum ziemlich lebhaften Zusammenstoß, der die Entsendung der verstärkten 6. Kavalleriedivision nach dieser Richtung veranlaßte. Auf dem rechten Flügel fand das 13. Korps den Feind bei La Fourche nördlich von Nogent-le-Rotrou, stürmte seine Stellung, nahm 3 Geschütze und machte zahlreiche Gefangene. Eine Reihe fortdauernder Gefechte begann hiermit, die sich von Tage zu Tage ernster gestalteten und in einem Gelände geführt werden mußten, in dem alle Vorteile auf feiten der Verteidiger sind. Das Land am Huisne und der Sarthe ist ein dicht bebautes Hügelland, zum Teil mit bedeutenden Höhenzügen durchsetzt. Weinberge, Obstplantagen, Pflanzungen aller Art, vereinzelte Gehöfte und Weiler bedeckten es überall. Erdwälle mit Hecken trennen die vielen kleinen Felder, in die der fruchtbare Boden geteilt ist. Näher an Le Mans heran werden Schlößchen mit Parkanlagen oder mauerumgebene Besitzungen der Reichen immer häufiger. Es fehlt jede Übersicht und auch die Gangbarkeit außerhalb der Straßen. Die Gefechte wurden fast ganz an diese gefesselt, die aber zurzeit verschneit und bei wechselndem Wetter spiegelglatt geworden waren. Zwischen den Knicks, die an die dicht bewohnten Teile Schleswig-Holsteins erinnern, lag der Schnee fußhoch. Ihn dauernd zu durchwaten, war unmöglich. Weite Schußfelder gab es nicht, Gelegenheit zu verstecktem Widerstande überall. Überlegene Feuerwirkung zu entwickeln war meist schwer. Die Artillerie fand nur wenig Aufstellungsraum, und ihre Granaten mit Aufschlagzünder sprangen oft schon im Geäst der Bäume und dem Strauchwerk vor dem Ziele. Die Aufgabe für die Angreifer gestaltete sich unerwartet schwer. Wer die Tage von Le Mans mitmachte, hat ihrer als einer Periode höchster physischer und moralischer Anstrengung zeitlebens gedacht. Am 6. Januar begann der Kampf wieder in der linken Flanke gegen die Seitendeckungen des auf diesem Flügel marschierenden 1V. Armeekorps. 552 VIII. Der Krieg von 1870/71 Der Feind entwickelte unerwartet starke Kräfte mit 4 Batterien, und das Korps sah sich genötigt, außer der schon zur Abwehr bestimmten Kavallerie, noch eine ganze Brigade — die 33. — nach links hinauszuschieben. Es kam beiSt. Amand zu einem ziemlich lebhaften Gefecht gegen Curtens Truppen, an dessen Schluß das Städtchen in Feindes Hand blieb. Unbekümmert um diese Bedrohung von der Seite her erreichte das Korps jedoch sein Marschziel Montoire. Auch dort aber mußte der Feind erst noch durch eine starke Kanonade vertrieben werden. Ernster ging es bei dem nach Vendome vorrückenden 3. Korps her, das seine Vorhut an den Azaybach vorschieben wollte. Diese stieß auf die eben anrückende Division Joufsroy, die Curten zu entlasten beabsichtigte. Sie warf deren vorderste Truppen zwar zurück, drang bis an das breite Tal des Baches vor, kam dann aber zum Stehen und sah sich bald selbst angegriffen. In das sich nun entspinnende lebhafte Gefecht griff nach und nach ein großer Teil des Korps ein. 36 Geschütze vereinigten ihr Feuer, um die feindliche Artillerie zum Schweigen zu bringen. Mit Einbruch der Dunkelheit gelang es dann, den Bach zu überschreiten und die Orte Azay und Mazange zu erobern. Das Korps hatte aber 39 Offiziere und 400 Mann verloren — einen größeren Verlust, wie ihn einst im Jahre 1848 die sogenannte Schlacht von Schleswig gefordert hatte. 400 Gefangene waren der Erfolg des Tages, der den Feind an 1000 Mann kostete. Das 9. Korps erreichte auf dem rechten Flügel ohne Kamps Freteval und ging ein Stück weiter westlich vor. Das 13. kam mit seinen Hauptkräften bis Beaumont halbwegs Nogent und Brou. Die Entfernungen und die Natur des Landes schlössen eingehende Befehle des Oberkommandos für die nächsten Tage aus. Es war nicht zu übersehen, wie sich die Dinge bei den einzelnen Korps gestalteten. Meldungen darüber liefen meist erst in der Nacht ein; daraufhin erlassene Anordnungen trafen die Truppen am nächsten Morgen, wenn sie bereits in Bewegung waren. Es wurde ihnen daher viel Freiheit gewährt und nur das allgemeine konzentrische Vordringen gegen Le Mans zum Gesetz gemacht. Das wichtigste war für heute der Entschluß, sich durch das Erscheinen des Feindes in der linken Flanke der Armee nicht beirren zu lassen. Die Abwehr übernahm am 7. Januar General v. Hartmann mit der 38. Brigade und der neben ihr schon tätigen Kavallerie. Es kam zu einem tagüber hin und her wogenden Gefecht bei Villechauve; doch ließ sich am Nachmittage der beginnende Abzug der Division Curten deutlich erkennen. Die Seitendeckung blieb in St. Amand, das 10. Korps in der Gegend von La Chartre-sur-le Loir. Gefechte von St. Amand und Villechauve 653 Das 3. Korps mußte im Verein mit dem 9. bei dickem Nebel, der die Gegend bedeckte, erst das verbarrikadierte Städtchen Epuisay nehmen und sich dann weiter bis zum Brayebachabschnitte durchkämpfen. Das 13., das Montmirail hatte erreichen sollen, wandte sich zunächst nach Nogent- le-Rotrou, wo der Großherzog einen starken Feind vermutete, aber nicht mehr antraf. Ein merkwürdiges kriegsgeschichtliches Schauspiel begann sich von nun ab vor den Augen der Welt zu entwickeln. Das schwächere der beiden kämpfenden Heere, das deutsche — etwa 58 000 Mann Infanterie, 15 000 Reiter, umfaßte auf beiden Flügeln das beinahe dreimal stärkere, das alle Vorteile des Geländes auf seiner Seite hatte und sich auf die Verteidigung zu beschränken vermochte. Stärkere Anforderungen an die Tüchtigkeit und Ausdauer des Angreifers sind wohl kaum jemals gestellt worden — und dennoch blieb er Sieger. Prinz Friedrich Karl schätzte die Tage von Le Mans in seiner Erinnerung sehr hoch ein. Im traulichen Gespräch mit alten Kriegsgefährten äußerte er sich, daß er einen Tag wie Vionville nicht noch einmal erleben möge, Tage wie die von Le Mans ungern, alle übrigen mit der größten Freude. Am 8. Januar hörte die Bedrohung der linken Flanke der II. Armee auf. General v. Hartmann konnte die ihm zur Verfügung gestellten Verstärkungen schon in der Frühe zum 10. Armeekorps zurückschicken und bei Eintritt der Dunkelheit selbst folgen, nachdem er die letzten Abteilungen der Division Curten bei Villeporcher angegriffen und zurückgeworfen hatte. Das 10. Korps erkämpfte sich gegen französische Mobilgarden im engen Loirtale den Einzug in La Chartre. Seine Vorhut ging unter fortdauerndem Gefecht noch darüber hinaus vor. Zur Verbindung mit dem 3. Korps ward die 14. Kavalleriebrigade unter General v. Schmidt rechts herausgezogen, trieb ebenfalls feindliche Schwärme vor sich her und zerstreute französische Kavallerie. Das 3. Korps drang unter leichtem Gefecht bis nahe an Bouloire heran vor, das 9. folgte bis St. Calais. Die Bewegungen vollzogen sich langsam, Glatteis bedeckte die mehrfach vom Feinde unterbrochenen Straßen; französische Schützen verursachten überall Aufenthalt. Das 13. Korps kam bis la Ferte-Bernard, den Gegner nach Connerre vor sich herdrängend. Am Abend standen die beiden Flügel an der einzigen größeren Querstraße, welche das dicht bedeckte schwierige Gelände vor Le Mans von La Ferte-Bernard über St. Calais nach La Chartre-sur-le Loir durchzieht. War diese Straße überschritten, so wurde eine Vereinigung der Kräfte nur 554 VIII. Der Krieg von 1870/71 nach vorwärts in das vom Feinde erfüllte Gebiet hinein möglich. Seinem Plane getreu nahm Prinz Friedrich Karl dies in Aussicht und befahl, das am 9. das 13. Korps bis Montfort, das 3. nach Ardenay, das 10. nach Parigne l'Evsque vordringen sollte, ihre Vorhut noch darüber hinaus. Das 9. Korps folgte der Mitte. General v. Hartmann sollte zurückbleiben und Vendüme sichern. Schneegestöber und Glatteis machten den 9. Januar zu einem noch schwierigeren Marschtage, als den 8. Artillerie und Kavallerie mußte absitzen und die Pferde führen. Dennoch hemmten häufig stürzende Tiere den Marsch ebenso wie Sperrungen und Zerstörungen der Straße. Besonders auf dem linken Flügel beim 10. Korps war es arg. General v. Voigts-Rhetz machte den Marsch auf einer Protze sitzend mit, sein Stab zu Fuß nebenher. Von den steilen Höhen rechts und links schössen die überall zerstreuten Franzosen. Im Tal empfing Granat- und Mitrail- leusenfeuer die Ankömmlinge. Mühsam kämpften diese sich vorwärts, erreichten aber ParignS nicht. Vor dem 3. Korps verließ General Jouffroy mit seiner erschöpften Division schon von St. Calais ab die große Straße und wählte eine mehr südliche Richtung. Ihn zu ersetzen hatte General Chanzy die Division Paris nach Ardenay vorgezogen, und sie dort, quer über die verlassene Straße hinweg, eine gute Stellung einnehmen lassen. Auf diese stieß das 3. Korps, konnte aber gegen die feindliche Artillerie nur 2 Geschütze in Tätigkeit setzen und brauchte die Zeit bis 4 Uhr nachmittags, um sie zu nehmen. Dann wurde Schloß Ardenay gestürmt, und der Feind verschwand. Eine kühn vorgehende kleine Seitenabteilung des Korps erreichte noch la Belle inutile an der Straße von la Ferte-Bernard nach Le Mans, auf der die vor dem Großherzog zurückweichenden Franzosen herankamen. Sie schloß sich in die ummauerte Farm ein, gegen die während der ganzen folgenden Nacht feindliche Abteilungen heranprallten, um vor dem Feuer der Verteidiger seitwärts auszubiegen. Das 13. Korps hatte um 9 Uhr früh noch keinen Befehl, ging aber ohne diesen vor, fand den Feind bei Sceaux in Stellung vor sich, warf ihn, nahm ihm 500 Gefangene ab, konnte aber, bei der Kürze des Wintertages, Connerre nicht mehr erreichen, von wo der Feind abends gegen Le Mans abzog. Die 4. Kavalleriedivision besetzte zur Rechten BellZme; das 9. Korps folgte der Armee bis Bouloire. Ein höchst mühevoller anstrengender Tag ging damit zu Ende. Schwieriges Vordringen der Deutschen 5S5 Die Deutschen hatten sich indes Chanzys Hauptstellung, die hinter dem Huisne und vorwärts der Sarthe lag, genähert; die vorgeschobenen Divisionen und die zu ihrer Unterstützung herangekommenen französischen Truppen waren bis nahe vor diese Linien zurückgedrängt worden. Der Enscheidungskampf stand bevor. Die Schlacht von Le RIans am ll.0., und ^2. Januar (S. Skizze 66) General Chanzy, obwohl zurzeit fieberkrank, blieb fest und verweigerte es, den Klagen seiner Truppen und ihrer Führer nachzugeben, also auf weiteren Widerstand zu verzichten. An einen Rückzug sei nicht zu denken und das schlechte Wetter für die Preußen dasselbe, wie für die eigene Armee. Er gab im Gegenteil den — unter den obherrschenden Umständen allerdings unausführbaren — Befehl an die vorn stehenden Divisionen, erneut vorzugehen und die verlorenen Stellungen wiederzugewinnen. Aber die Folge war doch ein früher Beginn der Kämpfe am 10. Januar, die den ganzen Tag über fortdauerten. Auf deutscher Seite ging das 3. Armeekorps in der Mitte mit der 12. Brigade auf der großen Chaussee gegen St. Hubert, mit der 9. und 11. südlich derselben gegen Change vor, während die 10., Parigne l'Eveque links lassend, dasselbe Ziel links umfassend angreifen wollte. Vom 10. Korps fehlten die Nachrichten, aber man nahm an, daß es im Gebirgstale von la Chartre her über Grand Luce emporsteigen werde, so daß man auf jener Seite sicher sei. Parigne war vom Feinde verlassen gefunden worden. Aber auf Chanzys Mahnung hatte eine Brigade der französischen Division Deplanque es noch vor Tagesanbruch wieder besetzt. Sie griff sogar die preußischen Vorposten an. Als demnächst die 9. Brigade vorüberkam, sah sie sich in der linken Flanke durch starke Kräfte bedroht und mußte sich dagegen entwickeln. Gegen die überlegene, feindliche Artillerie waren aber nur 7 Geschütze in Stellung zu bringen. Das 10. Korps blieb aus, die 10. Brigade kam indes zur Unterstützung nach. Ein kurzer heftiger Feuerlärm brach los; dann folgte der Sturm auf den hochgelegenen Ort. Mit einem Verluste von 2150 Gefangenen, 2 Geschützen und 2 Mitraillensen wurden die Franzosen in die dahinter gelegenen Wälder zurückgeworfen. Nun wandte sich das 3. Korps dem eigentlichen Ziele Change wieder zu, wo starke Kräfte des Feindes stehen sollten. Der Kampf dauerte in dem ganz unübersichtlichen Gelände, das nirgends die einheitliche Verwendung größerer Truppenkörper erlaubte, den ganzen Tag über fort. S56 VIII. Der Krieg von 1870/71 An verschiedenen Stellen, zumal bei Amiane und Gue la Hart nahmen die Franzosen den Widerstand erbittert auf und Change war noch nicht erreicht, als die Dunkelheit hereinbrach. Aber die Brandenburger ruhten nicht. Am Abend noch wurde Change erstürmt und die Besatzung, die zum Teil schon die Ruhe aufgesucht hatte, nach heftigem Widerstande zur Waffenstreckung gezwungen. Die 12. Brigade hatte St. Hubert erreicht und dann noch den Feind über Champagne zurückgeworfen. Das 9. Korps war ihr gefolgt. Die Gesamtheit der Gefechte, die beim 3. Korps vielfach als Schlacht von Change bezeichnet worden sind, hatte außer den andern Trophäen nicht weniger wie 5000 Gefangene in deutsche Hand gebracht. Die Unterstützung durch das 10. Korps war ausgeblieben. Es hatte unter großen Beschwerden auf schlechten Wegen erst nachmittags 2 Uhr Grand Luce erreicht und war dort verblieben. Heftige Kämpfe um Changc 557 Das 13. Korps hatte Connerre schon vom Feinde geräumt, ihn aber auf den Höhen am westlichen Huisneufer in guter Stellung und ansehnlicher Stärke gefunden. Es griff an; doch machte die Dunkelheit dem hin und her wogenden Kampfe ein Ende, ohne daß er entschieden war. Die Spitze des Korps erreichte noch la Belle inutile. Zu seiner Rechten ging die 4. Kavalleriedivision bis Bonnetable vor und eine Abteilung drang sogar bis Chanteloup scharf in die französische Linke hinein, eine Bewegung, die ihren Eindruck auf den Feind nicht verfehlte. Trotz den erlittenen Rückschlägen war General Chanzy entschlossen, die Entscheidung vor Le Mans anzunehmen. Noch war die Division Curten, die ihren Rückzug auf ClMeau-du-Loir genommen hatte, nicht zur Armee gestoßen; dafür aber eine frisch gebildete von 10000 Mann unter General Lalande aus dem nahen Lager von Conlie eingetroffen. So verstärkt, hoffte er die Deutschen zu ermüden und abweisen zu können — tatsächlich war er nicht allzufern davon. Bei den Deutschen machte sich starke Ermattung geltend; nur Prinz Friedrich Karls unerschütterlichem Willen zum Siege war der endliche Erfolg zu danken. Chanzy befahl für den 11. Januar den Widerstand bis zum Äußersten. Er bedrohte mit den härtesten Strafen jede Schwäche und Pslichtvergesfen- heit und kündete an, daß er die Brücken hinter der Armee werde abbrechen lassen, um die Truppen zum verzweifelten Kampfe zu zwingen. Dann ritt er mit großem Gefolge die Schlachtlinie ab. Auf dem linken französischen Flügel zwischen Huisne und Sarthe stand Jaures mit dem 21. Korps dem Großherzoge gegenüber. Er hielt das die Stadt Le Mans im Norden beherrschende Plateau von Sarge sowie das, zwischen Huisne und der großen Straße von Vendome steil ansteigende, von Gehölzen, Gehöften und Verschanzungen bedeckte „Massiv" von Auvours besetzt. Auf diesem hatte sich die Division Goujeard eingenistet. Weiterhin schloß sich nach rechts das 17. Korps, Colomb, an. Es reichte bis zur Chaussee Pontlieue—Parigne. Dann folgte das 16. Korps, Jaureguiberry, das sich im flachen Bogen südwärts der Vorstadt Pontlieue bis zur Chaussee nach Tours herum ausdehnte. Dicht vor der Mitte der französischen Stellung stand am 11. Januar früh das stark gelichtete 3. Korps, von dem jedoch die 12. Brigade am Morgen noch rechts gegen das Plateau d'Auvours und Dvre abgezweigt blieb. Champagne hatten die Franzosen in der Nacht wieder besetzt. Mit den höchstens 10000 Mann Infanterie der drei anderen Brigaden, die zudem von rechts her im Rücken bedroht waren, konnte ein entscheidender Angriff über den Huisnefluß hinweg gegen die Höhen von SS8 VIII. Der Krieg von 1870/71 Ivre und Le Mans nicht geführt werden. Aus der nahen Berührung mit dem Gegner entspann sich trotzdem der Kampf, der bald derart an Lebhaftigkeit zunahm, daß sich Prinz Friedrich Karl Mittags veranlaßt sah, das 10. Korps von seiner umfassenden Bewegung ab und nach dem Gefechtsfelde des 3. Korps heranzurufen. Ein dahingehender Befehl wurde befördert. Auch Von rechts mußte Unterstützung gebracht werden. Zunächst nahm dort die 12. Brigade Champagne nach lebhaftem Gefecht von neuem in Besitz und zog sich dann an ihr Korps heran, während das bei St. Hubert in Reserve stehende 9. Korps, das aber nur die 18. Infanteriedivision bei sich hatte, Befehl erhielt, das Plateau d'Auvours zu erstürmen. Um 1 Uhr nachmittags begann der Angriff. Der Augenzeuge wurde unwillkürlich an St. Privat erinnert. Auch hier waren ähnliche Abhänge zu ersteigen, die oben von verbarrikadierten Höfen, Gärten und Schützengräben gekrönt, von Schnee bedeckt, steiler und höher waren als dort. Man befürchtete daher sehr schwere Verluste. Aber die Truppe hatte seit den Augustschlachten an Erfahrung und Vorsicht gelernt. Alle Falten und Hohlwege benutzend, arbeitete sie sich gemeinschaftlich mit den zurückgebliebenen Bataillonen der 12. Brigade zur Höhe hinan. Droben folgte noch rollendes Schützenfeuer; dann längeres sich hinziehendes Gefecht und um 5 Uhr war die Hochfläche in deutscher Hand. Zwar erstieg in einem heftigen und starken Gegenstoß der Feind noch einmal, schon in der Dunkelheit, den Westrand. Den verlorenen wichtigen Posten aber wie- derzuerobern, gelang ihm nicht. Nunmehr war das 3. Korps nach rechts hin geschützt und arbeitete sich unter hin und her wogendem Gefecht an den Huisnefluß heran, dessen Brücke bei Ivre schon besetzt worden war. Nach links hin mußte es sich bei dem Pachthofe Le Tertre eines starken Stoßes in seine linke Flanke erwehren. Dort war das 10. Korps vergeblich erwartet worden. General v. Voigts-Rhetz hatte nämlich den wichtigen Entschluß gefaßt, dieses Korps von Grand Luce auf die Straße von Tours nach Le Mans hinüberzuführen und so einen wirksameren Druck auf den äußersten rechten Flügel des Feindes auszuüben. Aber auf den mangelhaften, verschneiten und von Glatteis bedeckten Querwegen ging der Marsch nur langsam vorwärts. Der Befehl des Prinzen, nach rechts heranzurücken, holte das Korps unterwegs noch ein. General v. Voigts-Rhetz aber blieb bei seinem Entschlüsse, richtig erkennend, daß jetzt ein Stoß gegen die Vorstadt Pont- lieue eindrucksvoller wäre, als unmittelbare Unterstützung des 3. Korps, von dem heftiger Gefechtslärm herübertönte. Nach großen Mühen erreichte Voigts-Rhetz Mulsanne, sicherte sich bei Ausholen des 10. Armeekorps vor Le Mans 559 Ecommoy gegen die noch von rückwärts erwartete Division Curten und bog gegen Pontlieue ein. Hier traten ihm zunächst die Nationalgarden des Generals Lalande entgegen, die jedoch bei ihrer geringen Widerstandskraft von Gehöft zu Gehöft, von Waldstück zu Waldstück, von Knick zu Knick zurückgetrieben wurden. Sie wichen bis zur Hauptstellung am sogenannten Ochsenwege, der quer über die große Straße hinwegführt. Dort, wo das Gelände ansteigt, waren von den Franzosen Vorkehrungen für hartnäckige Verteidigung getroffen, und das Gefecht kam zum Stehen. Admiral Jaureguiberry hatte brauchbare Truppen herangeführt, um den gefährlichen Stoß aufzuhalten. Dem kühnen Vorgehen des 1. Bataillons vom Regiment 56 gelang es jedoch, sich abends 8^ Uhr in voller Dunkelheit des beherrschenden Gehöfts La Tuilerie an der Chaussee zu bemächtigen. Die ganze 40. Brigade drängte nach, und die feindliche Stellung war durchbrochen. Freilich rückten nach 10 Uhr noch starke Kolonnen von Pontlieue heran. Es kam zu heftigem nächtlichen Feuerkampfe, aber nicht zum wirklichen entscheidenden Gegenangriff, trotzdem ringsum lodernde Wachtfeuer die Anwesenheit zahlreicher französischer Truppen bekundeten. Die französischen Divisionen Barry, Roquebrune und Deplanque lagerten in der Nähe. Auf dem äußersten rechten Flügel der Armee änderte sich die Lage nur wenig. In andauerndem Gefecht nahm der Großherzog eine Anzahl vor seiner Front gelegener Örtlichkeiten, die der Feind hartnäckig, sogar mit Gegenstößen verteidigte. Die 4. Kavalleriedivision rückte bis Chanteloup heran. Tatsächlich war die Schlacht entschieden. Deutlich hörte man beim 10. Korps drüben Wagengerassel, das Geräusch abfahrender Eisenbahnzüge und wirren Lärm, der auf beginnenden Rückzug des Feindes schließen ließ. Aber erst allmählich machte sich dessen Weichen auf der langen Schlachtlinie fühlbar. — Am 12. Januar früh erwartete Prinz Friedrich Karl die Fortsetzung des Entscheidungskampfes. Es kam heute darauf an, Le Mans selbst zu nehmen. Dazu standen nur das 3. und 10. Korps zur Verfügung. Das 9. und 13. waren noch durch den ihnen gegenüberstehenden Feind auf dem Plateau von Sarge und den Höhen von Ivre l'Eveaue gebunden. Das 13. Korps ging, ohne sich weiter um den Feind am Huisne zu kümmern, gegen den Parancebach vor, fand bereits überall die Spuren des Rückzuges und der Auflösung, griff Nachzügler auf, stürmte nachmittags um 4 Uhr St. Corneille, nahm 500 Mann gefangen und machte bei Einbruch der Dunkelheit mit der 17. Division an der Parance halt, hinter die der Feind zurückwich. Auf dem rechten Flügel ging die 22. Division 560 VIII. Der Krieg von 1870/71 über Chanteloup bis la Croix vor, wo bei ihrem Angriff geschlossene Abteilungen die Waffen streckten und 3000 Mann mit vielen Offizieren in Gefangenschaft gerieten. Die Parance erreichte sie freilich noch nicht. Das 9. Korps besetzte das ganze Plateau d'Auvours und griff auch fördernd in den Kampf des 13. ein. Wie bei Orleans und Beaugency erging es auch bei Le Mans, der anfänglich guten Haltung der republikanischen Aufgebote folgte nach einigen Tagen der Märsche und Gefechte Mutlosigkeit und Erschöpfung; denn es fehlte Abhärtung, Ausdauer und Kriegsgewohnheit. Die Auflösung begann am rechten Flügel, wo nach und nach alle Truppen Jaureguiberrys die Fortsetzung des Kampfes aufgaben und sich ohne Befehl nach rückwärts in Bewegung setzten. Chanzys Verlangen, die Tuilerie noch in der Nacht wiederzunehmen, war unerfüllt geblieben, weil die Mannschaft sich auf den Schnee niederwarf und nicht vorwärts zu bringen war. Aber mit Recht sagte ein französischer Militärschriftsteller, daß nur zufällig der Vorfall bei La Tuilerie das Entscheidende gewesen sei. Hätten die Truppen dort gehalten, so wären sie an irgendeinem andern Punkte gewichen. Bald setzte sich die Unordnung gegen die Mitte der Schlachtlinie fort. Wie immer ergriff sie die rückwärts stehenden Truppen früher als die vorn am Feinde befindlichen. Beim 3. Armeekorps sah man diese aber noch festen Fußes sich gegenüber und sollte mit den erschöpften eigenen Truppen nunmehr den Huisne überschreiten, um die dahinter gelegenen terrassenförmig"ansteigenden französischen Stellungen bei Ivre l'Evsque zu nehmen. Ein Regiment erschien morgens nur noch mit 920 Gewehren auf dem Sammelplatz; die andern waren nicht viel stärker. Bedenken am Erfolge regten sich. General v. Alvensleben sandte seinen Stabschef, Oberst v. Voigts-Rhetz zu dem, wie tags zuvor wieder bei St. Hubert eingetroffenen Prinzen Friedrich Karl, um Vorstellungen gegen die Erneuerung des Angriffs zu erheben. Der Prinz aber blieb fest und brach die Unterredung ab, als sich das Gewehrfeuer beim 3. Korps wieder hören ließ: „Er kenne seine Infanterie, wo sie einmal anbisse, ließe sie nicht wieder los". So geschah es. Der Kampf ging weiter. Alvensleben beschloß, sich mit dem rechten Flügel auf die Verteidigung zu beschränken, mit dem linken aber dem Angriff des 10. Korps anzuschließen. Auf diesem Flügel hatten übrigens schon in der Frühe die Franzosen noch einen Vorstoß unternommen. Um Le Tertre wogte der Kampf nochmals hin und her. Erst 11 Uhr vormittags wurde der feindliche Rückzug erkennbar. General Chanzy entschließt sich zum Rückzug 561 Das 10. Korps war im vollen Vorgehen gegen Pontlieue, ungeordnete feindliche Abteilungen im nebligen Wetter vor sich hertreibend. Um 2 Uhr nachmittags wurde die Vorstadt angegriffen und genommen. Die Sprengung der Huisnebrücke gelang den Verteidigern nur unvollkommen, und die Sieger drangen weiter nach Le Mans vor. Es geschah an derselben Stelle, an der Larochejacquelein einst mit den Vendeern einzog. Vom 3. Korps fand die 10. Brigade einen Übergang bei der Papiermühle L'Epau. Gestärkt durch die erste reichliche Mahlzeit, die seit drei Tagen verabreicht werden konnte, drangen ihre Bataillone von dort gegen Le Mans vor; die Artillerie nahm die Stadt unter Feuer. In den von flüchtendem Troß verstopften Straßen fand noch ein Kampf statt, der bis in die Nacht hinein fortdauerte. Zahlreiche Gefangene, Fahrzeuge und Vorräte wurden erbeutet. Der rechte Flügel des 3. Korps besetzte abends auch Ivre I'Eveque. General Chanzy hatte sich morgens um 3 Uhr der Einsicht gebeugt, daß der Rückzug unvermeidlich sei, aber es dauerte den Tag über, bis seine Befehle auf der ganzen Front durchdrangen. Der Marsch sollte auf Alenyon gehen, wo der Kriegsminister zwei frische Divisionen des 19. Korps der Armee hatte zuführen wollen. Chanzy gedachte Paris möglichst nahe zu bleiben. Der verwegene Rückzug nach der linken Flanke aber unterblieb. Ein Befehl Gambettas lenkte ihn nach Laval hinter die Mayenne ab. Prinz Friedrich Karl, der schon daran gedacht hatte, seine Truppen am 13. ruhen, sich sammeln und stärken zu lassen, um am 14. die letzte Entscheidung mit frischer Kraft zu suchen, erfuhr am Abend, daß Le Mans in seiner Gewalt wäre. Er beschloß, mit der Armee nicht darüber hinauszugehen und den Feind nur durch schwache Kräfte zu verfolgen. Bei dem 7 tägigen rauhen Zuge voll Gefahren, Entbehrungen und Mühsalen hatte die II. Armee 3200 Tote und Verwundete verloren, wovon 129 Offiziere, 2033 Mann auf die Schlacht von Le Mans entfallen, aber 20 000 Gefangene, 17 Geschütze, 2 Fahnen erbeutet. Die Franzosen geben ihren Verlust, ohne die Gefangenen und Versprengten, auf 6200 Mann an. * 5 Die Verfolgung übernahm der unermüdliche General v. Schmidt, der in den letzten Tagen den Raum zwischen dem 10. und 3. Korps beim CHS-teau de la Paillerie ausgefüllt und eine Reihe hartnäckiger Gefechte stets ruhmvoll bestanden hatte. Nach kurzer Rast setzte er am 13. Januar mittags den Franzosen nach, Gefangene aufgreifend und viel Kriegsmaterial erbeutend. Am 14. vertrieb er den Feind unter Gefecht von Frhr, v, d, Goltz, Kriegsgeschichte II 36 <. 562 VIII- Der Krieg von 1370/71 Chassille. Im Lager von Conlie, dessen Besatzung, von den aufgelösten bretonischen Nationalgarden fortgerissen, sich in die Heimat zerstreut hatte, wurden noch 8000 Gewehre und ö Millionen Patronen erbeutet. Bei St. Jean-sur-Erve war der Feind am 15. noch einmal aufmarschiert und für Schmidt, der nur 4 Bataillone, 11 Schwadronen und 10 Geschütze bei sich hatte, zu stark, als daß er ihn hätte angreifen können. Auch bei Sille-le-Guillaume leistete er Widerstand. Am andern Morgen aber war er verschwunden. General v. Schmidt konnte noch bis Laval vordringen und viele Nachzügler gefangen nehmen. Dort aber fand er am 17. Chanzy, der auch die Division Curten herangezogen hatte, mit seiner Armee wieder in Stellung. Freilich war sie auf die Hälfte ihres ursprünglichen Bestandes herabgesunken und aufs tiefste erschüttert. Das 13. Korps hatte hinter seinem, in voller Auflösung weichenden, Gegner am 13. die Sarthe erreicht, am 14. in Beaumont-sur-Sarthe nach kurzem Gefecht 1400 Gefangene gemacht, sich dann aber nach Alen 681 Besanyon, wohin sie sich im Zustand völliger Auflösung gewendet hatte. Die bitterkalten Winternächte an der Lisaine, unter denen die wenig abgehärteten Neulinge bei den Fahnen außerordentlich gelitten hatten, waren durch nicht minder beschwerlichen Sturm und Regen abgelöst worden, bis wiederum Frost folgte. Mangel an Verpflegung und hinreichendem Bekleidungsschutz lichteten die Reihen mehr als die Gefechte. Die Deutschen hatten in der Lisaineschlacht nur 68 Offiziere, 1686 Mann verloren; die Franzosen 7000 nebst 700 Gefangenen, aber Nachzügler und Zurückbleibende oder Entweichende ließen die Truppenteile reißend zusammenschmelzen. König Wilhelms Dank bezeichnete Werders Verteidigung gegen ein überlegenes Heer, mit einer starken Festung im Rücken, als eine der größten Waffentaten aller Zeiten. Freilich waren die Kämpfe im Vergleich zu den früheren gegen das Kaiserreich keine sehr ernsten gewesen. Man ist versucht, sie als heftige Vorpostengefechte zu bezeichnen. Aber die strategische Lage war äußerst schwierig und die Art der Verteidigung geradezu mustergültig. Sie trug den eigentümlichen Verhältnissen beider Heere vortrefflich Rechnung und verwendete alle Truppen nach ihrer Eigenart richtig. Durch die große Ausdehnung allein konnte Werder Umfassungen verhüten, in denen Bourbakis einzige Aussicht auf Erfolg lag. Die Verwendung der Landwehren zur Verteidigung, der badischen Division zur Bildung beweglicher Reserven entsprach der Natur der Sache, und die Kühnheit, mit der aus der Einschließungslinie vor Belfort alles irgend Entbehrliche herangeholt wurde, flößt Bewunderung ein. General v. Manteuffels Vorgehen über das Plateau von Langres (Vgl. Skizze 64, Seite 499) Manteuffel war inzwischen in bedrohliche Nähe gekommen. Er hatte sich unmittelbar nach der Versammlung bei Nuits-sur-Armanyon und Cha- tillon-sur-Seine in Bewegung gesetzt und unter ungewöhnlich schwierigen Straßen- und Witterungsverhältnissen die südöstlichen Hänge des rauhen Plateaus von Langres in der Richtung auf Vesoul überschritten. Gari- baldi mit seiner Vogesenarmee ließ er dabei unbekümmert hinter sich, ebenso die auf 16 000 Mann angewachsene Besatzung von Langres, mit der es zu unbedeutenden Zusammenstößen kam. So allein konnte er Werder möglichst schnell Hilfe bringen. Am 18. erreichten die Haupt- kräfte der, im ganzen 66 Bataillone, 20 Eskadrons und 168 Geschütze zählenden Armee, die Linie Js-sur-Tille—Champlitte. Die Saünebrücken von Gray wurden erreicht und unversehrt gefunden. S82 VIII. Der Krieg von 1870/71 Schon aber ließen Werders Nachrichten dessen Sieg voraussehen und sogleich entschloß sich Mantenffel seine Richtung zu ändern, gegen den Doubs unterhalb Besan?on vorzugehen und dem Feinde den Rückzug zu nehmen. Am 21. drang das 2. Korps unter lebhaftem Gefecht, an dem sich auch die Einwohner beteiligten, durch Düle über den Doubs vor, das 7. bei Marnay über den Ognon. Dies war für' Bourbaki die Veranlassung gewesen, seine Armee um Besanyon zusammenzuziehen und die Besetzung von Quingey durch eine ganze Division des IS. Korps anzuordnen. Werder war ihm langsam gefolgt, hatte dabei eine Linksschwenkung ausgeführt, vor seinem linken Flügel am Doubs bei Clerval und Beaume-les-Dames aber noch stärkere Massen des Feindes angetroffen. Die Gefechte vor Dijon am 2^. und 2Z. Januar 187^ Die Regierung stellte Bourbaki ein Eingreifen der noch an der Loire verbliebenen Teile des 15. Korps in Aussicht. Sie erwähnte nichts von Dijon, wo jetzt bedeutende Kräfte standen. Die wohl verschanzte Stadt hatte 20 000 Mann Besatzung; die Vogesenarmee Garibaldis zählte mehr als 40 000 Mann. Es war aber nichts geschehen, Manteuffels Vormarsch aufzuhalten. Diese Untätigkeit täuschte natürlich über die Stärke des Gegners, und General v. Manteuffel beschloß den wichtigen Platz durch die seinem Heere noch nachrückende Brigade Kettler angreifen zu lassen. Diese hatte südlich Tonnerre stehen bleiben müssen, um dort die Eisenbahnen zu schützen, deren die Südarmee noch bedürfte, bis sie ihre Verbindungen auf Epinal verlegen konnte. Am 21. Januar war sie von St. Seine her im Anmarsch, an Infanterie nur 5^ Bataillone stark. Schon am Suzonbache traten ihr zahlreiche Mobilgarden und Freischaren entgegen, die sie kräftig zurückwarf. Sie machte dabei 7 Offiziere, 430 Mann zu Gefangenen, verlor aber selbst 19 Offiziere, 322 Mann. Dann blieb sie noch am Feinde stehen und bezog am nächsten Tage mit ihren, durch starke Märsche sehr angegriffenen Truppen, Erholungsquartiere. Der Umstand, daß der Feind sie dabei nicht störte, brachte General v. Kettler auf die naheliegende Vermutung, daß Garibaldi auf Auxonne abmarschiert sei. Durch einen Flankenmarsch vor der Front des Gegners versetzte er sich am 23. auf die Straße nach Langres und griff an, um jenen zur Umkehr nach Dijon zu bewegen. Das massiv gebaute, sehr verteidigungsfähige und stark besetzte Dorf Pouilly wurde erstürmt, dann die dahinter- gelegene Verteidigungslinie zwischen Talant und einem großen festen Fabrikgebäude angegriffen. Der Feind zeigte sich jetzt in voller Stärke; Vergeblicher Angriff der Brigade Kettler 583 der Angriff mußte aufgegeben werden, und hierbei ging, schon in der Dunkelheit, eine Fahne verloren,, die mit einer stark gelichteten Kompagnie vorgestürmt war. Zerschossen, in einer Blutlache unter Leichen, wurde sie vom Feinde nach dem Gefecht aufgefunden, die einzige Fahne, die im ganzen Kriege der deutschen Armee verloren ging. General v. Kettler hatte 8 Offiziere, 150 Mann zu Gefangenen gemacht, aber nochmals 16 Offiziere, 362 Mann verloren. Die brave Brigade bezog in der Nähe Quartiere und beschränkte sich auf Beobachtung. Mit 4000 Mann ließen sich 60 000 nicht weiter angreifen. Ihr kühnes Vorgehen aber bannte ein ganzes feindliches Heer an seinen Fleck und machte es unschädlich. Rückzug der französischen Gstarmee in die Schweiz General v. Manteussel konnte seinen Vormarsch gegen die Rückzugslinie des Feindes ungestört fortsetzen. Unter Beobachtung von Besanyon ging ein Teil des 7. Korps bis Quingey vor, wo eben eine französische Brigade anlangte, aber unter Zurücklassung von 800 Gefangenen sogleich das Feld wieder räumte. Die Spitze des 2. Korps kam schon bei Villers- Farlay an. Von Nordost erschien Werder am Doubs, und südlich dieses Flusses ging bereits General v. Debschitz vor. Die französische Armee aber stand noch in und um Besan?on. Der Rückzug nach Lyon war ihr bereits genommen. Am 24. Januar berief General Bourbaki die höheren Führer zum Kriegsrat. „Die Generale erklärten, daß sie kaum mehr als die Hälfte ihrer Mannschaften unter den Waffen hätten, und daß diese geneigter zum Fliehen als zum Fechten wären." Nur die Armeereserve unter General Pallu bewahrte noch eine leidlich gute Haltung. Nach längerer Beratung wurde der Rückzug auf Pontarlier beschlossen, von wo ein beschwerlicher Gebirgsweg über Mouthe, nahe der Grenze, nach Süden führte. Daß dieser Ausweg gewählt werden würde, nahm auch Manteussel an. Es war aber an Befreiungsversuche nach anderer Richtung ebenfalls zu denken. Er gab daher seinen Generalen nur allgemeine Weisungen und beließ ihnen große Selbständigkeit, wie die Lage sie erforderte. Das Netz zog sich enger und enger um die unglückliche französische Armee zusammen. Am 26. Januar wurden schon Salins und Pont d'Hery von preußischen Truppen besetzt, mit dem Kommandanten der hochgelegenen Bergforts bei Salins ein Abkommen geschlossen. Das 7. Korps hielt die Franzosen südwestlich Besanyon an der Klinge, das 14. rückte im Norden und Nordosten bis an ihre Lager heran. 584 VIII. Der Krieg von 1870/71 Vergeblich hatte sich Bourbaki vor dem Rückzüge nach Norden Luft machen wollen, wo er irrtümlich die größere Gefahr sah. Das mit Wiederbesetzung des Lomout beauftragte 24. Korps flutete nach einem matten Versuche gegen Pontarlier zurück. Die Armeereserve besetzte Ornans. Salins wurde schon in Feindes Hand gefunden; doch gelang es noch, die Gegend von Levier auf der Straße Salins—Pontarlier zu erreichen. Alles setzte sich jetzt auf den beiden Straßen über Ornans und Nods nach Pontarlier in Bewegung. Am 27. Januar abends waren die Trümmer der Armee nördlich und nordwestlich dieser Gebirgsstadt zusammengedrängt, nur ein Teil des 24. Korps bei Besanyon verblieben. Die ermüdeten und entmutigten Truppen waren nicht mehr ernsthaft an den Feind zu bringen. Dennoch verweigerte die Regierung ihre Genehmigung zum Rückzüge. Sie forderte sogar Unmögliches, nämlich neue Durchbruchsversuche nach verschiedenen Richtungen hin. Die ungerechten Vorwürfe, die unerfüllbaren Zumutungen und die von allen Seiten auf ihn einstürmenden Hiobsposten trieben General Bourbaki zu einem Selbstmordversuche, gerade als das Absetzungsdekret sür ihn unterwegs war. General Clinchant übernahm den Oberbefehl unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen. Am 28. Januar zog er seine Armee näher an Pontarlier heran. Ihres Bleibens aber war hier nicht, da sich herausstellte, daß sie nicht zu ernähren sein würde. Das rauhe winterliche Gebirgsland bot keine Mittel dazu. Er beauftragte daher Cremer, seinen ehemaligen Adjutanten, mit drei schon südlich stehenden Kavallerieregimentern nach Les Planches und St. Laurent vorauszueilen, um die letzte Rückzugsstraße an der Grenze zu sichern. Der schwierige Zug auf tief verschneiten Gebirgsstraßen gelang auch in der Tat der außerordentlichen Energie des jugendlichen Führers. Es war die höchste Zeit dazu; denn das preußische 2. Korps erreichte am gleichen Tage schon Champagnole und Nozeroy, das 7. stand nahe Levier. Werder überwachte Besanyon, nur die Brigade Goltz folgte, Salins umgehend, nach Arbois als Reserve der Armee. Überall fielen den Deutschen Gefangene, Wagenzüge und Kriegsmaterial aller Art in die Hände. Für den 29. befahl General v. Manteuffel den allgemeinen Angriff auf Pontarlier. Alles setzte sich in Bewegung, das 7. Korps auf und nördlich, das 2. südlich der großen Straße von Salins. Dieses erreichte, die von Cremer zurückgelassenen Posten verdrängend, mit den Spitzen die Gebirgsstraße und nahm dem Gegner den letzten Ausweg. Jenes sprengte durch kühnen Vorstoß einiger Kompagnien bei Sombacourt die 1. Division des französischen 15. Korps. Es nahm 2 Generale, 48 Offiziere, 2700 Mann Verfolgungsgesechte bei Pontarlier 585 mit 10 Geschützen und 7 Mitrailleusen gefangen und trat dann bei Chaffois in ein heftiges Gefecht gegen das 20. und 18. Korps. Plötzlich verstummte das feindliche Feuer. Die Franzosen beriefen sich auf einen bereits abgeschlossenen Waffenstillstand. In der Tat war in Paris mittlerweile ein 21tägiger Waffenstillstand abgeschlossen worden, aber unter Ausschluß der östlichen Departements. Diese Einschränkung kam nicht zur Kenntnis der Regierung von Bordeaux, daher auch nicht in Clinchants Hauptquartier, wohl aber von Versailles aus zu Manteuffel. Über der Aufklärung des Irrtums aber wurde es Abend. Als sie am 30. Januar herbeigeführt war, begnügte sich das 7. Korps mit der Räumung von ganz Chaffois durch den Feind und blieb dort stehen. Auch beim 2. Korps kam es zur Unterbrechung, und erst am Abend wurden in Frasne noch 12 Offiziere, 1500 Mann zu Gefangenen gemacht. Die Franzosen hatten die letzte Gelegenheit versäumt, sich nach Süden durchzuschlagen. Am 31. wurden sie bei Pontarlier bereits so umstellt, daß ihnen nur der Ausweg auf La Cluse offen blieb. Auf allen Straßen wurde von den Preußen reiche Beute gemacht; 4000 Mann ließen sich allein vom 2. Korps gefangen nehmen. Die Brigade Goltz rückte bis Levier heran. Schon hatte Clinchant Troß, Munitionskolonnen, Kranke und Marschunfähige unter den Schutz der beiden Grenzforts de Joux und Neuv zurückgeschickt. Als am Nachmittag die Regierung der Provinzen bestätigte, daß seine Armee vom Waffenstillstände ausgeschlossen sei, erklärten deren Generale, sür ihre Truppen nicht mehr einstehen zu können. Nun blieb nichts anders übrig, als die Waffenniederlegung auf schweizerischem Boden, die sofort für den folgenden Tag durch Verhandlung in Les Verrieres geregelt wurde. Um den Abzug zu sichern, sollte die Armeereserve Pontarlier halten, bis alles hindurch sei, und das 18. Korps sich dann in verschanzter Stellung zwischen den Grenzforts behaupten. Die Stadt wurde am 1. Februar früh vom 2. Korps nach geringem Widerstande besetzt. Beim Eintritt in den Talkessel von La Cluse, der von den Geschützen des festen Schlosses de Joux vollkommen beherrscht wird, wurden die vordersten Regimenter 9 und 49 mit lebhaftem Feuer empfangen, der ihnen ein letztes Mal im Angriff entgegenkommende Feind aber zurückgewiesen. Sie erstiegen sodann die zerklüfteten und verschneiten Hochflächen bis zum Fuße der beiden Forts. Dort erst endete das Gefecht. 23 feindliche Offiziere, 1600 Mann und 400 beladene Wagen waren dem 2. Korps in die Hände gefallen; doch hatte es auch 19 Offiziere, 365 Mann verloren. 586 VIII. Der Krieg von 1870/71 80 000 Franzosen traten auf schweizerisches Gebiet über. Nur die Kavallerie und die noch einige Hundert Mann starke 1. Division des 15. Korps entkamen nach Süden. Der an Anstrengungen reiche Feldzug war damit zu Ende, seit den Tagen an der Lisaine noch ein großer Erfolg ohne Schlacht erreicht. „So befanden sich jetzt zwei französische Heere als Gefangene in Deutschland, ein drittes eingesperrt in der eigenen Hauptstadt und das vierte entwaffnet auf fremdem Boden." » » » Schon am 26. Januar hatte General v. Manteusfel eine aus den nächststehenden Truppen, darunter die Brigade Kettler, zusammengestellte Division aus der Gegend von Dampierre am Doubs umkehren lassen, um mit Garibaldi abzurechnen. Dieser wieder erhielt gleichzeitig von seiner Regierung Befehl, über Düle zur Entlastung Clinchants vorzugehen. Trotzdem ihm Unterstützung von Lyon her zugesagt wurde, wagte er es nicht, sich von Dijon zu trennen. Von einem Freikorps, das er gegen DSle absandte, ist bei den Deutschen nichts verspürt worden. Leider konnte General Hann v. Weyhern, der die Deutschen führte, wegen Zerstörung der Saünebrücke bei St. Jean de Losne, nicht so vorgehen, daß er Garibaldi und den Seinen den Rückzug nach Süden verlegte, sondern mußre nördlich um Auxonne herum ausbiegen. So erschien er von Osten her vor der Stadt, trieb den Feind durch einige Kanonenschüsse auf seine Befestigungen zurück und zog am 1, Februar, ohne Widerstand zu finden, in Dijon ein, das eben vom letzten Eisenbahnzuge der Vogesenarmee, die die Vogesen nie zu Gesicht bekommen hatte, verlassen wurde. Damit endete ihr ruhmloser Feldzug. Am 2. Februar wurden noch Nuits und Sam- bernon von den Verfolgern besetzt. Auch ein starkes neues Aufgebot von etwa 25 000 Mann, das die, im Truppenbilden unermüdliche, französische Regierung nach Lons-le-Saunier und St. Laurent in Bewegung gesetzt hatte, räumte ohne Kampf das Feld vor den anrückenden Deutschen. Bei Mouthe und bei Les Allemands fanden diese noch 28 verlassene Feldgeschütze. Die Departements des Doubs, Jura und Cote d'Or wurden nunmehr vollkommen besetzt, die Grenze bewacht, und den stark mitgenommenen Truppen Erholung gegönnt. Da sich der Kommandant von Langres weigerte, die Abmachungen der Negierung anzuerkennen, mußte sich die Brigade Goltz noch einmal gegen ihn in Bewegung setzen; doch rückte bald von Norden her das kleine Belagerungskorps, das am 24. Januar nach 6tägiger Beschießung Longwy Dijon wieder von den Deutschen besetzt 587 bezwungen hatte, zur Überwachung heran. Zum Kampfe kam es nicht mehr. Die Belagerung von Belfort dagegen wurde mit aller Energie wieder aufgenommen. Die Belagerung von Belfort im Januar und Februar ^371 (S. Skizze 69) Während der Schlacht an der Lisaine hatte das durch Entsendungen zur Feldarmee Werders erheblich geschwächte Belagerungskorps den Feind nur dadurch täuschen können, daß die Arbeiten unter Aufbietung aller Kräfte fortgesetzt wurden. Glücklicherweise verhielt sich auch die Besatzung passiv. Sie wartete ihre Befreiung ab, statt sie durch einen starken Ausfall wenigstens zu erleichtern. Als Bourbaki abzog, erhielt General v. Tresckow Verstärkungen, so daß er mit 23 500 Mann den Verteidigern endlich auch numerisch überlegen war und zum ernsthaften Angriff schreiten konnte. Dieser wurde jetzt aber auf die Süd- und Ostseite verlegt, während der Platz im Norden und Westen nur von schwachen Kräften überwacht wurde. Zur Einleitung stürmten die Belagerer in der Nacht vom 20. zum 21. Januar das stark besetzte und befestigte Dorf Perouse und eröffneten dann die erste Parallele gegen die beiden Werke Hautes und Basses Perches, die, mit je sieben 12 om-Kanonen ausgerüstet, von senkrecht in den felsigen Boden eingeschnittenen Grüben umgeben und durch Einschnitte verbunden waren. In diesen standen Reserven; bombensichere Blockhäuser in der Kehle und Hohltraversen boten Schutz gegen Feuer. Anfänglich glaubte General v. Tresckow noch, ihrer durch gewaltsamen Angriff Herr werden zu können — das Unternehmen wurde am 27. Januar in der Morgendämmerung versucht, mißlang aber. Zwar kamen die Sturmkolonnen bis an die Werke; beherzte Leute sprangen zahlreich in die Gräben hinab, vermochten aber die Grabenwand zum Wall hinauf nicht zu erklettern. Eine Landwehrkompagnie wurde von heraneilenden französischen Reserven umzingelt. Das Unternehmen wurde nach einem Verlust von 10 Offizieren, 427 Mann aufgegeben und zum förmlichen Angriff geschritten, der aber schnell vorwärts ging. Zehn neue Batterien richteten fortan ein lebhaftes Feuer gegen die Perches, La Justice, das Schloß und die Stadtbefestigung. 1500 Geschosse fielen täglich auf diese Werke nieder. Das Abrücken des Generals v. Debschütz nach dem linken Doubsufer und Abgang durch die sehr beschwerlichen Arbeiten schwächten die Belagerer indessen empfindlich. Der Verlust an Pionieren erforderte die Heranziehung von 2 frischen Kompagnien aus Straßburg. 588 VIII. Der Krieg von 1870/71 Vom 3. Februar ab füllte Tauwetter die Laufgräben mit Wasser und erschwerte den Angriff außerordentlich; die Armierung der neuen Batterien verursachte unsägliche Mühen. Aber die angreifende Artillerie hatte sich schon die Überlegenheit errungen. 4 Mörserbatterien bearbeiteten insbesondere die beiden Perches. Am 3. Februar wurden diese von kühn vordringenden Pionieren erstiegen und, nach kurzem Widerstande schwacher Wachen, genommen. Nur zerschossene Lafetten und beschädigte Geschützrohre fanden sich darin noch vor. In der Nacht zum 10. Februar waren beide Werke durch einen mehr als 600 Meter langen Laufgraben verbunden, unter dessen Schutz bis zum 13. nicht weniger als 97 Geschütze gegen den Platz schußfertig aufgestellt wurden. Dieser war nicht länger zu halten. Einwohnerschaft und Besatzung hatten furchtbar gelitten, jene 336 der Ihrigen verloren, diese von einer Gesamtstärke von 372 Offizieren 17 322 Mann bereits 32 Offiziere 4713 Mann eingebüßt. Es wurde ihr im Hinblick auf die Nutzlosigkeit weiteren Widerstandes freier Abzug angeboten. Am 17. und 18. Februar zogen die wackeren Truppen in Staffeln zu 1000 Mann über L'Jsle sur le Doubs ab, die letzte begleitet durch den tapferen Kommandanten Denfert-Rochereau. 341 Geschütze, 22 000 Stück Handfeuerwaffen fielen den Siegern in die Hände. Den Belagerern Kapitulation von Belfort 589 hatte dieser Erfolg 88 Offiziere, 2049 Mann gekostet, von denen 245 durch die Kapitulation aus der Gefangenschaft befreit wurden. Der Lall von Paris und das Ende des Arieges (Vgl. Skizze 50, Seite 477) Als das 1. bayerische Korps aus dem Loirefeldzuge nach Paris zurückkehrte, wurde es in Nuhequartiere nach Longjumeau verlegt, um sich wieder zu verstärken. An der Loire war es bis auf 7000 Gewehre zusammengeschmolzen, stand aber um die Jahreswende bereits mit 17 500 Mann und 108 Geschützen in Reih und Glied. Nunmehr wurde es zu beiden Seiten der Seine oberhalb Paris zwischen das 6. Korps und die Württemberger eingeschoben. Dafür dehnten sich diese sowie die Sachsen mehr nach rechts aus und verkürzten die Front des Gardekorps. Trotz unaufhörlichem lebhaftem Feuer der Forts, zumal der hochgelegenen Feste auf dem Mont Valerien, trotzdem Vorposten und Arbeitskommandos von Chassepotfeuer überschüttet wurden und die Ablösungen öfters nur nachts möglich waren, gelang es den Deutschen dennoch, auf der Südfront bis zum 4. Januar 1871 früh 98 schwere Geschütze in 17 Batterien schußfertig zu machen. Dichten Nebels halber wurde die Feuereröffnung jedoch auf den 5. verschoben, wo früh 8^ Uhr der Signal- fchuß fiel. Der Gegner antwortete sogleich; ein äußerst heftiger Geschützkampf begann. An Stückzahl war der Verteidiger weit überlegen. Der Mont Valerien, die Forts Jssy, Vanves und Montrouge zählten zusammen 332 Geschütze, zu denen noch etwa 70 andere kamen, die auf der dahinter gelegenen Stadtumwallung standen. Aber die verdeckte Lage der Angriffsbatterien, ihre größere Treffsicherheit und Wirkung machten sich bald fühlbar. Die weithin deutlich sichtbaren Forts litten erheblich. Jssy stellte schon nachmittags um 2 Uhr das Feuer ein. Auf der Seine erscheinende Kanonenboote mußten bald ihr Heil im Rückzüge suchen. Die deutsche Feldartillerie wirkte kräftig mit; hielt jeden Gedanken an Ausfälle nieder und veranlaßte sogar die Franzosen zum Weichen aus dem Vorgelände. Die Schanzen von Clamart konnten besetzt und in der Nacht gegen die Stadt umgewendet werden. Ein von den Franzosen am 14. Januar dagegen unternommener Ausfall wurde abgewiesen. Der Artilleriekampf dauerte fort. Schon einige Tage nach der Feuereröffnung konnten die Vorposten und ein Teil der Angriffsbatterien näher an die Werke herangeschoben werden. Mehrere von ihnen, zumal die der- 590 VIII- Der Krieg von 1870/71 einzelt im Park von St. Cloud gelegene Batterie 1 litten allerdings erheblich. Auch auf der Ostfront war der Kampf wieder aufgenommen worden. Die dort von der Niederkämpfung des Mont Avron her verbliebenen 58 schweren Geschütze hatten es freilich mit 151 feindlichen zu tun, gewannen aber dennoch bald die Oberhand, trieben die französischen Vorposten auf die Werke zurück und hielten diese derart nieder, daß sie nur von Zeit zu Zeit antworteten. Bald konnten schwere Geschütze an den Moreebach auf der Nordseite abgegeben werden. Auch die Stadt entging der Beunruhigung nicht. Als die unter Feuer genommenen Forts soweit gelitten hatten, daß die Beschädigungen von den Belagerern schon mit unbewaffnetem Auge erkannt werden konnten, und ihr Feuer fühlbar matter geworden war, wurde ein Teil der langen 15 em-Geschütze mit künstlich vergrößerter Elevation gegen das Stadtinnere gewendet, dessen Mitte es zu erreichen gelang. Täglich wurden 300—400 Geschosse nach Paris hineingeschleudert. Die vielfach vorher angezweifelte Wirkung dieses in einem schwächlichen Humanitätsgefühl als barbarisch verschrienen Mittels blieb nicht aus. Diejenigen, die am lautesten nach Heldentaten, nach Ausfällen und Schlachten gerufen hatten, die ihre tapferen Generale, weil sie unter den ihnen gebotenen Bedingungen nicht siegten, mit Hohn und Spott überschütteten, bekamen nun wenigstens etwas von den Schrecken und Gefahren des Krieges, nach dem sie verlangt hatten, selbst zu kosten. » 5 Im Großen Hauptquartier der deutschen Armee zu Versailles vollzog sich inzwischen ein Akt von höchster geschichtlicher Bedeutung. König Wilhelm I. entschloß sich, nach langen inneren Kämpfen, die ihm von den deutschen Fürsten einstimmig angetragene Kaiserwürde anzunehmen und den alten Traum des deutschen Volkes von der Wiederaufrichtung des einigen Reiches zu erfüllen. Im Bonrbonenschlosse zu Versailles, wo einst der Sonnenkönig sein übermütiges, glänzendes Regiment geführt hatte, fand am 18. Januar im Beisein der Fürsten und Großen des neuen Reiches die feierliche Kaiserproklamation statt. Die Schlacht am Mont Valerien den 1.9. Januar 1.871. (S. Skizze 70) Mobilisierte Nationalgarden hatten die Ausfallarmee, die in Erwartung von Faidherbes Vorgehen auf der Nord- und Ostseite von Paris stand, Artilleristischer Angriff von Paris 591 abgelöst und für ein Unternehmen gegen Südwest verfügbar gemacht. Dort bot die Halbinsel von Gennevilliers den einzigen Raum, auf dem sich größere Truppenmassen außerhalb der Festung bereitstellen konnten, ohne schon unter dem Feuer der Belagerungsartillerie zu stehen. 90 000 Mann sollten in drei Kolonnen vorgehen: rechts Ducrot vom Valerien her über Schloß Buzanval, in der Mitte Bellemare über Garches. zur Linken Vinoy gegen die Höhen von Montretout und St. Cloud, Trochu selbst führte den Oberbefehl. Es war der letzte große Wurf, der mit diesem auf engem Raum geführten wuchtigen Stoße gewagt wurde. Er sollte das deutsche Hauptquartier Versailles treffen. Auf einen Signalschuß vom Valerien aus sollte in aller Frühe der gemeinsame Angriff beginnen. Als er um 7 Uhr fiel, war indes nur die linke Kolonne bereit, die beiden andern noch nicht entwickelt. Ihre anrückenden Truppen reichten noch bis Courbevoie zurück. Dennoch griff General Vinoy an und warf die deutschen Vorposten bei St. Cloud zurück. Bellemare bemächtigte sich der Höhen an der Maison du Cure. Undurchdringlicher Nebel bedeckte das Gefechtsfeld. Erst um 9 Uhr erhielten die deutschen Vorposten Unterstützung von dem zu den Waffen eilenden ö. Armeekorps. Dieses besetzte mit der 9. Division St. Cloud, mit der 10. die Stellungen nördlich Versailles, wohin der Kronprinz 6 Gardelandwehrbataillone und eine bayerische Brigade berief. Der Kaiser begab sich nach Marly. Schon hatten die Franzosen einen Teil von Garches besetzt, drangen auch in den Park von Buzanval ein und in der Rue Jmperiale von St. Cloud vor, als sich Jäger und Infanterie vom 5. Korps ihnen entgegenwarfen, den Ansturm aufhielten und den wichtigen vorgeschobenen Stützpunkt „La Bergerie" noch rechtzeitig besetzten, der jetzt den ganzen Tag über standhaft gehalten wurde. Kreuzungen hatten die französischen Batterien der mittleren und linken Kolonne aufgehalten, so daß sie erst spät in den Kampf eingriffen, als die 9. Division schon von 36 Geschützen unterstützt war. Nur General Ducrot hatte den Kampf durch zahlreiche Artillerie einleiten können, die er bei Rueil in Stellung gebracht hatte. Hier auf dem rechten Flügel erfolgte daher auch um 10^/, Uhr vormittags der Hauptangriff, der die 10. Division traf. Bei Bongival entspann sich ein heftiger Kampf, in den auch von St. Germain kommende Gardebatterien, selbst solche des 4. Armeekorps, eingriffen, die von Carrieres aus unbekümmert um das Feuer des Valerien in die bei Rueil haltenden französischen Infanteriewaffen hineinfeuerten. Um die Mittagszeit kam der Kampf auch auf 592 VIII. Der Krieg von 1870/71 diesem Flügel zum Stehen. Um 2 Uhr jedoch schwoll er von neuem an. Verzweifelte Anstrengungen der Franzosen galten jetzt dem Park und Schlosse von Bnzanval und dauerten bis 3 Uhr mit unverminderter Kraft fort. Dann erst ließen sie nach. Gegen Einbruch der Dunkelheit begann auch das französische Zentrum zu weichen. Zwar machte es noch einmal Front, und ein empfindlicher Rückschlag drohte; doch ward er durch, von allen Seiten herbeieilende, Verstärkungen abgewehrt. Auf ihrem linken Flügel behaupteten die Franzosen das von ihnen zum Teil genommene St. Cloud, verloren zwar am Abend noch die in der Nähe gelegene Schanze von Montretout, nicht aber die Stadt. Da auch an der äußersten Mauer des Parks von Buzanval der Kampf in der Dunkelheit fortdauerte, blieben die herangezogenen Reservebrigaden, Gardelandwehr und Bayern, die Nacht über in Versailles. General Trochu hatte schon um 5^ Uhr die Hoffnung aufgegeben, den Durchstoß zu vollenden und den Rückzug befohlen. Die tapferen Verteidiger der in St. Cloud eroberten Gebäude wurden dabei vergessen und am anderen Morgen, nach Herbeiholen von Artillerie gezwungen, die Trochus letzter Befreiungsversuch gescheitert 593 Waffen zu strecken. Als am 20. um 11 Uhr vormittags der Nebel fiel, sah man die langen französischen Marschkolonnen über die Halbinsel von Gennevilliers dem Häusermeer von Paris wieder zustreben. Einreißende Zügellosigkeit der Nationalgarden hatte Trochu vornehmlich zum Verzicht auf den Sieg gebracht. Seine Armee hatte an Toten und Verwundeten 14S Offiziere, 3423 Mann, an Gefangenen 44 Offiziere, 458 Mann verloren, das 5. preußische Korps nur 40 Offiziere, 570 Mann. Ohne Hilfe der beiden in Reserve aufgestellten Brigaden hatte es allein den vierfach stärkeren Feind abgewiesen. Sein Erfolg bildete den ruhmvollen Schlußakt in dem großen dramatisch bewegten Kampfe um die Hauptstadt. » <- » Mittlerweile war auch auf der Nordseite von Paris bei Villiers-le-Bel ein Belagerungspark zusammengebracht worden und die Maasarmee hatte alles Nötige für den förmlichen Angriff vorbereitet. Zwölf Batterien waren nördlich um St. Denis und seine Außenwerke herum angelegt worden. Am 21. Januar eröffneten 81 schwere Geschütze das Feuer und eine sechstägige Beschießung wurde entscheidend. Die Forts, hier von schwächerer Bauart, als auf der Südseite und ohne Unterstützung durch das Geschütz einer nahe dahinter gelegenen starken Stadtumwallung, litten schwer. In St. Denis entstandene Brände verursachten die Flucht der Einwohner nach Paris. Die ungenügend gewordene Sturmfreiheit der Werke ließ gewaltsame Unternehmungen befürchten. Auf der Ostfront schwieg das Feuer der Forts; die württembergische Feldartillerie verhinderte die Wiederbesetzung der von den Franzosen geräumten Halbinsel von St. Maur. Auf der Südseite waren die Zerstörungen in den Forts mit der Zeit so bedeutende geworden, daß an eine dauernde Behauptung nicht mehr gedacht werden konnte. Die Bedrängnis der Bevölkerung war groß. Mangel und Teuerung lasteten auf ihr. Die Vorräte waren erschöpft, die der Armee schon stark für die Einwohner in Angriff genommen. Heiz- und Beleuchtungsmaterial fehlten. Die Gärung wuchs. Aus den Provinzen kamen nur Hiobsposten. Da Thiers, von seiner Rundreise an die europäischen Höfe im November 1870 heimgekehrt, vergeblich Hilfe für Frankreich geheischt hatte, war den Parisern auch die Hoffnung auf fremde Unterstützung geschwunden. Dennoch verlangten die radikalen Klubs die Fortsetzung des Widerstandes, ja einen abermaligen Massenäusfall sämtlicher Einwohner. In der Volksmenge stieg die Erregung. Ein Teil der Nationalgarde schloß Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 38 S94 VIII. Der Krieg von 1870/71 sich den Unzufriedenen an. Es blieb nichts als die Kapitulation übrig, aber niemand wollte die Verantwortung dafür übernehmen, ja niemand sogar das verhängnisvolle Wort aussprechen. Ein großer Kriegsrat hatte am 21. Januar den General Trochu seines Oberkommandos enthoben, Ducrot legte den Befehl über die Ausfallarmee selbst nieder. Vinoy übernahm die militärische Leitung. Gebessert und geändert wurde dadurch nichts. Waffenstillstandsverhandlungen mußten, im Hinblick auf eine drohende Hungersnot in der Millionenstadt, schleunigst angeknüpft werden, da ihr, wenn sie einmal ausbrach, nicht mehr zu wehren war. Am 23. Januar erschien Jules Favre in Versailles. Gegen Übergabe sämtlicher Forts und Abrüstung des Hauptwalles erlangte er die deutsche Zustimmung. Am 26. abends sollten die Feindseligkeiten eingestellt, die Zufuhren frei gegeben werden, am 31. ein allgemeiner Waffenstillstand folgen. Ausgenommen wurden, wie bekannt, nur die Departements CSte d'Or, Doubs und Jura, sowie die Festung Belfort. Der Regierung der Nationalverteidigung wurde die Möglichkeit gewährt, eine frei gewählte Abgeordnetenversammlung aus dem ganzen Lande nach Bordeaux zu berufen, die über Krieg und Frieden entscheiden sollte. Ohne Störung vollzog sich am 29. Januar die Besetzung der Forts. Die Armee von Paris noch 7456 Offiziere, 241636 Mann stark, legte kriegsgefangen die Waffen nieder. 602 Feldgeschütze, 177 000 Gewehre, 1000 Munitionswagen gab sie in deutsche Hand ab. Von der Festung wurden 1362 schwere Geschütze und ein unermeßliches Kriegsmaterial ausgeliefert — eine Beute sondergleichen in der Geschichte. Das große kriegerische Schauspiel war zu Ende. 132 Tage hatte die Einschließung gedauert, von der man anfänglich geglaubt, daß sie nach wenig Wochen zum Ziele führen würde. Die Täuschung hatte den deutschen Heeren die schwersten Proben auferlegt, aber auch ihre Standhaftigkeit und die unerschütterliche umsichtige Ruhe ihrer Führung im schönsten Lichte gezeigt. » » 5 Der Waffenstillstand verlief ohne ernste Störung. Eine Demarkationslinie von der Seinemündung zur Sarthe, bei Saumur die Loire überschreitend, dann der Creuse folgend, östlich nach Vierzon und Chagny, CkMon-sur-SaSne nördlich umgehend, südlich Lons-le-Saulnier und St. Laurent die Schweizer Grenze erreichend, trennte die Parteien. Die beiden Departements Pas de Calais und du Nord im Norden, sowie die Landspitze vor Havre verblieben den Franzosen. Nach Beseitigung an- Kapitulation von Paris. Waffenstillstand 595 fänglicher Mißverständnisse wurde völlige Übereinstimmung erzielt. Die deutsche Heeresverwaltung leistete hilfreiche Hand bei der Verproviantierung der Hauptstadt und erhob später auch keinen Einwand gegen Verstärkung der zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung der Pariser Regierung belassenen Truppen. Immerhin blieb es zweifelhaft, ob die Partei des Krieges bis zum Äußersten sich dieser Regierung anschließen und endlich, ob die Nationalversammlung die Friedensbedingungen genehmigen werde. Man überließ sich deshalb durchaus noch nicht der wohlverdienten Ruhe. Alle Armeekorps zogen Ersatzmannschaften heran, stellten Bekleidung und Ausrüstung, zum Teil sogar mit Hilfe französischer Werkstätten wieder her. Auch Frankreich setzte seine Rüstungen fort. Bei Havre blieb General Loysel mit 30000 Mann stehen. Eine Armee der Bretagne unter General de Colomb von 150 000 Mann wurde neu gebildet. 160 000 Mann unter Chanzy standen an der Loire und dem Eher zwischen Angers und Chateau- roux, bei Bourges und Revers zwei selbständige Korps unter Pourcet und de Pointe. Die Vogesenarmee war südlich ClMon zurückgewichen, und bei Chambery sammelte Cremer die Trümmer der Ostarmee. Im ganzen hatte Frankreich noch 534452 Bewaffnete im Felde, dazu 354 000 Mann in den Jnstruktionslagern und in Algier. 132 000 Rekruten waren ausgeschrieben, aber noch nicht eingezogen. Die Nationalverteidigung rechnete also noch mit mehr als 1 Million Streitern — ein Beweis für die außerordentliche Leistungsfähigkeit und Bereitwilligkeit des französischen Volkes. Freilich war zunächst kaum ^ der ungeheuren Zahl als kriegsbrauchbar zu bezeichnen. Die lehren Vorgänge Mr See Während des Krieges gegen die Republik kam es zu keinen wichtigen Unternehmungen der französischen Flotte gegen die deutsche Küste. Geschützmaterial, Marinetruppen und vor allen Dingen Seeoffiziere wurden nach den großen Niederlagen von der französischen Heeresverwaltung dringend für die Aufstellung der neuen Heere gebraucht und von den Schiffen zurückgezogen. Ihr Dienst auf dem Lande erschien in dieser Zeit der äußersten Anstrengung zur Verteidigung des französischen Bodens wichtiger als auf der See und vor den deutschen Küsten, wo der Natur der Dinge nach größere Unternehmungen nicht mehr unternommen werden konnten. Das Nordseegeschwader kehrte am 10. und 11. September sogar nach Cherbourg zurück. Im Spätherbst und Winter erschienen nur noch einzelne Schiffe in größeren Zwischenräumen bei Helgoland und bei den 33 * SS6 VIII. Der Krieg von 1870/71 deutschen Strommündungen. Die letzten wurden am 23. Dezember 1870 vor der Elbe gesichtet. . Auch das Ostseegeschwader schickte sich auf die Nachricht von der Niederlage von Sedan zur Rückkehr in die heimatlichen Gewässer an. Es sammelte sich im Großen Belt, erhielt dort aber den Befehl, die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen. Am 13. September sandte Admiral Bouet noch eine Flottenabteilung gegen Kolberg vor, die jedoch durch Unwetter zur Umkehr gezwungen wurde und in der Kjögebucht Zuflucht suchte. Es dauerte indessen nicht lange mehr, bis auch dieses Geschwader endgültigen Befehl erhielt. Am 26. September wurde es südlich von Helgoland auf der Heimfahrt gesichtet. In der Ostsee erschienen französische Kriegsschiffe seitdem nicht mehr. An den französischen Küsten kreuzte die schnelle deutsche Glattdeckskorvette „Augusta", die am 14. September von Kiel ausgelaufen war, um Waffeneinfuhr von Amerika her nach Frankreich zu verhindern. Bis zum Januar 1871 hielt sie sich vor Brest, dann vor der Girondemündung auf, wo es ihr gelang, zwei Handelsschiffe und einen Regierungsdampfer mit Proviant für die französische Armee abzufangen, dann ward sie gezwungen, den spanischen Hafen von Vigo anzulaufen, wo sie bis zum Beginn des Waffenstillstandes von zwei französischen Panzerfregatten blockiert wurde. Die Korvette „Arkona", die sich als Kadettenschulschiff auf der Reise befand, als der Krieg ausbrach, kreuzte bei den Azoren und ging dann zur Ausbesserung nach Lissabon. In den ostasiatischen Gewässern, wo die deutschen Schiffe zufällig die Überlegenheit besaßen, wurden Zusammenstöße durch diplomatische Verhandlungen ausgeschaltet. Zu einem solchen kam es nur in Westindien, wo das Kanonenboot „Meteor" unter dem Kommando des Kapitänleutnant Knorr von der Küste von Florida kommend, am 7. November den Hafen von Havana anlief, gleich darauf ebenda der stärkere französische Aviso „Bouvet" eintraf, und beide Schiffe auf Verlangen der Behörden den Hafen wieder verlassen mußten. Bei dem am 9. November sich zwischen ihnen im freien Gewässer entwickelnden Kampf neigte sich der Sieg auf feiten des „Meteor", als leider durch das Tauwerk eines stürzenden Mastes seine Schraube unklar wurde, und er den Vorteil, den seine Artillerie zu erringen begann, nicht weiter ausnützen konnte. Er hatte die Waffenprobe unter seinem tüchtigen Führer ehrenvoll bestanden. Meteor und Bouvet auf der Reede von Havana 597 Z. Der Waffenstillstand und die Heimkehr Auf deutscher Seite faßte man, ebenso wie in Frankreich, die Fortsetzung des Krieges ins Auge, obwohl man sie nicht für wahrscheinlich hielt. An Feldtruppen standen auf französischem Boden im Augenblicke 464221 Mann Infanterie, SSS62 Reiter mit 1674 Geschützen, wozu noch 10S272 Mann Infanterie, 5681 Pferde, 63 Geschütze an Besatzungstruppen kamen. In der Heimat waren 3288 Offiziere, 204 684 Mann, 26 603 Pferde als Ersatztruppen bereit. Das Material wurde ergänzt, alles sorgfältig für eine etwa nötige Wiedereröffnung der Feindseligkeiten vorbereitet. Aber es kam nicht mehr dazu. Eine Verlängerung des Waffenstillstandes und der Rücktritt des Diktators Gambetta machten am 12. Februar 1871 die Eröffnung der französischen Nationalversammlung möglich, die endgültig über den Frieden entscheiden sollte. In ihrem Auftrage begaben sich Thiers und Jules Favre nach Paris, um den aussichtslosen Krieg zu beenden. Schon am 26. Februar nachmittags wurde der Präliminar- friede unterzeichnet. Frankreich trat einen Teil Lothringens und das Elsaß — doch ohne Belfort — an Deutschland ab und zahlte 5 Milliarden Francs Kriegsentschädigung. Den deutschen Heeren wurde noch die Genugtuung, daß sie am 1. März einen Teil von Paris als Zeichen ihres völligen Sieges besetzten. Am gleichen Tage sprach sich die Nationalversammlung zu Bordeaux für den Präliminarfrieden aus; der Rückmarsch der Deutschen in die Heimat begann. Ein sonderbares Schauspiel, wie es in der Geschichte sich ähnlich noch nicht zugetragen hatte, sollte sich ihnen noch darbieten. Die 40 000 Mann französischer Truppen, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Paris hatten bleiben dürfen, waren ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Unter den Augen der noch vor der Hauptstadt stehenden Deutschen loderte innerhalb derselben ein gefährlicher Aufstand empor. Die Kommune von Paris, auf die niederen Volksmassen, Mobil- und Nationalgarden gestützt, erhob sich gegen die Regierung. Diese flüchtete nach Versailles, wohin sie auch die Nationalversammlung berief. Auch dort noch wurde sie durch die Aufrührer bedroht, die sogar Ausfälle unternahmen. Mit Genehmigung des Deutschen Kaisers zog sie jedoch regierungstreue Truppen heran und begann am 5. April den Angriff gegen die Aufrührer. Am 21. Mai drangen die „xrussiens cke Versailles" in die Stadt ein und nach hartnäckigem Straßen- und Barrikadenkampfe war am 28. Mai Paris wieder unterworfen. Am 10. Mai war inzwischen der endgültige Friedensschluß zu Frankfurt a. M. unterzeichnet worden. 598 VIII. Der Krieg von 1870/71 Sieben Monate hatte der Riesenkampf gedauert, der eine neue Ära in der Entwicklung der Kriegskunst und der Geschichte der Kämpfe zwischen großen Völkern eröffnete. Ein Aufgebot der nationalen Kraft, wie es Frankreich unter dem Drucke der Not vollbracht hatte, war bis dahin noch nicht gesehen worden. Die geschichtliche Periode der Massenheere und die Verwertung der gesamten Volkskraft zum Kampfe gegen den Feind begann. Aber auch der rastlose Verlauf, der keinen längeren Stillstand geduldet hatte, war neu. Fast kein Tag verlief ohne Gefecht. In acht blutigen Schlachten brach das zweite Kaiserreich zusammen und seine Armee, die wir bei Ma- genta und Solferino haben siegen sehen, verschwand vom Kriegsschauplatz. Zwölf Schlachten waren nötig, um die Heere der Republik zum weiteren Widerstande unfähig zu machen. Dazu kam die Bezwingung der Hauptstadt, die eineni ganzen Feldzuge für sich gleicht. Ohne Beispiel steht es in der Geschichte da, daß die Deutschen, die in der Schweiz entwaffneten Truppen Clinchants mitgerechnet, nicht weniger als 21608 Offiziere, 702 047 Mann zu Gefangenen gemacht, 107 Fahnen und Adler, 1915 Feld-, 5526 Festungsgeschütze erobert hatten. Ihr eigener Verlust im Kriege betrug: 6247 Offiziere, 123 453 Mann, 1 Fahne und 6 Geschütze. Das Deutsche Reich aber war erstanden. Des Schwertes Schärfe hatte es endlich nach so langer Zeit vergeblichen Harrens und Hoffens geschaffen. IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht In einem Armeebefehl vom 16. März 1871 sprach Kaiser Wilhelm I. dem Heere die höchste Anerkennung für seine Leistungen aus: „Ihr kehrt mit dem stolzen Bewußtsein in die Heimat zurück, daß Ihr einen der größten Kriege siegreich geschlagen habt, die die Weltgeschichte je gesehen, daß das teure Vaterland vor jedem Betreten durch den Feind geschützt worden ist und daß dem Deutschen Reiche jetzt Länder wieder erobert sind, die es bisher verloren hatte." Dann aber fügte er die Mahnung hinzu: „Möge die Armee des nunmehr geeinigten Deutschlands dessen stets eingedenk sein, daß sie sich nur bei stetem Streben nach Vervollkommnung auf ihrer Stufe erhalten kann, dann können wir der Zukunft getrost entgegensehen." Die Armee hat diese Mahnung bisher treu im Herzen getragen und gewissenhaft befolgt. Ihre Stimmung war nach der Heimkehr — wenigstens soweit es das Offizierkorps anbetraf — kriegerisch. Man glaubte nicht daran, daß die eben geschaffene deutsche Einheit inmitten Europas unangefochten bleiben würde, sondern daß es notwendig sein werde, sie auch gegen andere Mächte zu behaupten. Ob- schon sich keinerlei Anzeichen einer Trübung des Freundschaftsverhältnisfes zu Rußland bemerkbar machten, wendeten sich doch die Blicke gegen Osten. Österreichs unfreundliche Haltung zu Beginn des französischen Krieges, die Nachwirkung von 1866, war bekannt. Die allgemeine geschichtliche Erfahrung, daß eine emporkommende Macht, die anderen gefährlich werden könnte, ihren Platz an der Sonne meist durch eine Reihe von Kriegen hat erstreiten müssen, wirkte auf die Gemüter. Moltkes am 16. Februar 1874 im Reichstage ausgesprochenes Wort: „Wir haben seit unseren glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen" lehrte, daß auch er ähnliche Überzeugungen im Herzen trug. In der gleichen Rede stellte er es als zweifelhaft hin, „ob wir nach einer oder nach zwei Seiten Front zu machen haben" würden. Es kam anders. Der Friede blieb erhalten. Weder ein zweiter französischer Krieg noch der erwartete Behauptungskampf gegen Osten trat ein. Die weise Politik Bismarcks wußte beide zu verhüten. Dennoch blieb die Armee in der rüstigen Arbeit, die sie sofort nach dem Friedensschluß aufgenommen hatte. Der Krieg ergab zahlreiche Anregungen, ebenso aber auch große Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Richtung, die von nun ab in der Ausbildung der Truppen eingeschlagen werden sollte. Bei der Infanterie bildeten die großen Gefechtsverluste, zumal an 600 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht Offizieren, den Ausgangspunkt für die Neuerungsbestrebungen. Die verschiedenartigsten Vorschläge, sie zu vermindern, wurden laut. Die Abhilfe suchte man zunächst irrtümlicherweise in Erfindung von Formen, die der gebotenen Vorsicht auf dem Kampfplatze Rechnung tragen sollten. Eine entscheidende Umwandlung trat dennoch nicht ein. Das System der starken Schützenketten, mit geschlossenen kleinen Unterstützungstrupps hinter sich, und den weiter rückwärts folgenden Kompagniekolonnen oder Linien, blieb aufrecht erhalten. Die erhöhte Wirkung und größere Tragweite der Feuerwaffen wurden durch Vergrößerung der Abstände nach der Tiefe berücksichtigt. Dazu kamen, schon einige Jahre nach dem Kriege, die Vorschläge, auch die Unterstützungen in aufgelöster Ordnung folgen zu lassen und endlich die geschlossene Ordnung innerhalb der Feuerzone des Feindes gänzlich fallen zu lassen. Der Streit über den Wert oder Unwert dieser Erfindungen entbrannte sehr lebhaft, und nicht ohne Grund sprach man von einem allgemeinen Bemühen um die Kunst, den Feind ohne Blutvergießen zu schlagen. Im großen ganzen drückte sich in alledem ein reges Streben nach Tätigkeit und Vervollkommnung aus. Die Armee wollte nicht auf ihren Lorbeeren ruhen, sondern unausgesetzt an der eigenen Tüchtigkeit und Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten. Niemand dachte daran, die Mittel, mit denen man die großen Siege im französischen Kriege erfochten hatte, als die ein für allemal richtigen hinzustellen. Es ist nicht zu leugnen, daß damals eine gewisse Unruhe in die Gefechtsausbildung der Infanterie getragen wurde. Aber sie hat gute Früchte gezeitigt. Eine Ursache, welche sie erklärt, war die Aufrechterhaltung des alten Jnfanterie- reglements von 1847, über dessen Unbrauchbarkeit für die Praxis des Schlachtfeldes keine Zweifel mehr bestanden. Das Erscheinen einer neuen Vorschrift wurde unmittelbar nach dem Kriege ganz allgemein erwartet blieb aber aus. Kaiser Wilhelm I. mochte das Reglement, an dessen Entstehen er selbst beteiligt war, und in dessen Zeichen wir die ruhmvollen Kriege durchgeführt hatten, aus Pietät nicht fallen lassen. Es kam wohl zu einem Neudruck, der die bis zum 3. August 1870 ergangenen Abänderungen enthielt. Diese aber beruhten lediglich auf den Erfahrungen von 1866 und verwerteten die Errungenschaften von 1870/71 noch nicht, so daß das Versuchen mit neuen Formen noch kein Ende nahm. Etwas mehr Sicherheit wurde der Infanterie durch eine Kabinettsorder vom 3. Juli 1875 gegeben, die das den neu gewonnenen Grundsätzen geradezu bitter Hohn Sprechende beseitigte. So fiel die ungelenke Kolonne nach der Mitte als Gefechtsform, für welche sie bis dahin noch gegolten hatte, fort und Änderungen in der Fechtweise 601 wurde ausschließlich Versammlungsstellung. Aber auch das genügte natürlich nicht für die kommende Zeit. Öfters soll Kaiser Wilhelm ausgesprochen haben, daß er die Sorge für ein neues Reglement seinem Nachfolger überlassen wolle, und wahrscheinlich ist dieses Zögern, wenn es auch länger gedauert hat, als man annehmen konnte, der Sache zum Vorteil geworden. Das Brodeln der Ansichten mußte noch geraume Zeit fortdauern, bis in die technische Vervollkommnung der Feuerwaffen eine gewisse Ruhe kam, die neue Grundsätze aufstellen ließ. Übrigens wurden die Exerzierformen des Reglements von 1847 noch beibehalten und sogar fleißig geübt, da man sie für ein notwendiges Mittel der straffen Ausbildung hielt. Sie hatten indes mehr die Bedeutung von Gewandtheitsübungen für Truppe und Kommandeure. Diese zumal fanden dabei die Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit und Sicherheit im Kommando an den Tag zu legen, wonach sie noch immer, wie ehedem, beurteilt und für die höheren Stellungen ausgewählt wurden. Die herrschende Unsicherheit war nicht ohne Bedenken, aber man half sich darüber hinweg. Zudem gab eine neue Bearbeitung der Vorschrift über den Felddienst die notwendigen Winke für den Krieg, und wie vor 1870 blieb die alte Meinung geltend, daß das Exerzierreglement für den Frieden, das sogenannte „Grüne Buch" aber für den Krieg maßgebend bleibe. Die Rolle der Artillerie war in der ganzen Wichtigkeit erkannt worden. Namentlich im zweiten Teil des Krieges, wo die stark zusammengeschmolzene Infanterie oft nur noch der Geschützbedeckung machte, war sie hervorgetreten. Sie hatte das Wesentlichste dazu getan, trotz der großen Überzahl der Gegner die Schlachtfelder siegreich zu behaupten. Ihre Vermehrung im Verhältnis zu den andern Waffen wurde ein allgemein anerkanntes Bedürfnis. Die Kavallerie war unzufrieden mit den eigenen Leistungen heimgekehrt. Diese wurden vielfach abfälliger beurteilt, als sie es verdienten. Zu Unrecht vermißte man die von ihr gesprengten Bataillone, eroberten Fahnen und durchrittenen Treffen, von denen die Geschichte des Siebenjährigen Krieges erzählt. Man war sich nicht klar darüber, daß solche in die Augen fallenden Ergebnisfe bei der Auflösung der Verbände auf den Schlachtfeldern der Gegenwart überhaupt nicht mehr errungen werden konnten. Die kriegsgeschichtliche Forschung war noch nicht so weit fortgeschritten, daß sich aus ihr mit Sicherheit die Bedeutung der Kavallerieangriffe erkennen ließ, die sie auch ohne jene äußeren glänzenden Zutaten noch immer besaßen. Erst in neuester Zeit ist dies geschehen und beispielsweise die ungeheure Wirkung festgestellt worden, welche der abendliche IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht Reiterangriff der 6. Kavalleriedivision am 16. August 1870 gehabt hat. So rief man damals allgemein nach Massenverwendung und Schlachtentätigkeit der Reiterei, um die Zweifler zum Schweigen zu bringen, die verkündeten, daß deren Wirksamkeit im modernen Kriege überhaupt vorüber sei. Neue Reglements, die dem allgemeinen Wunsche Rechnung trugen, erschienen für die Kavallerie schon bald nach dem Kriege. 1873 bildete sich die sogenannte „Dreitreffentaktik" heraus, die den Reiterführern lange Zeit hindurch als das Heilmittel zum Siege galt, und die erst in neuerer Zeit einer freieren Verwendung der Kräfte je nach der Gefechtslage und dem Gelände Platz machte. Die neue Bewaffnung wurde energisch in Angriff genommen. Das Zündnadelgewehr, das sich 1866 dem Vorderlader gegenüber noch so vorzüglich bewährt hatte, war dem französischen Chassepot ohne Frage erheblich unterlegen gewesen. Schon 1875 war die gesamte Infanterie mit einer Waffe von kleinerem Kaliber und gestreckterer Flugbahn ausgerüstet und stand auf der Höhe der Zeit. Auch die Artillerie erhielt nach dem Modell von 1873 ein neues Geschütz, das allen Anforderungen der Zeit in vollstem Maße entsprach. In der Kavallerie versah man die leichten Regimenter zunächst mit erbeuteten Chassepotkarabinern an Stelle der alten Pistolen, da ihre Ausrüstung mit einer wirksamen Schußwaffe als notwendig anerkannt worden war. Vermehrte Anwendung von künstlichen Verstärkungen auf dem Schlachtfelds wurden als erforderlich erkannt und fleißiger als ehedem geübt, obwohl die alte Abneigung gegen diese „Maulwurfsarbeit" in der Armee noch fortbestehen blieb. Zu den Neuerungen gehörte ferner die Aufstellung einer besonderen Eisenbahntruppe. Zunächst beschränkte man sich freilich noch auf ein einziges Bataillon. Eine bedeutende Umwandlung erfuhr das Landesverteidigungssystem. Nach dem ersten Auftreten gezogener Geschütze und den für jene Zeit überraschenden Erfolgen der damit gegen Festungswerke angestellten Schießversuche war man 1870 mit der Überzeugung in den Krieg gegangen, feste Plätze fortan im Vorübergehen mit Feldgeschützen erobern zu können. Dieser Irrtum hatte zu den vielen wirkungslosen Beschießungen geführt, denen selbst die alten Festungsbauten aus der Vaubanzeit meist erfolgreich widerstanden haben. Zur größten Überraschung hatte der Festungskrieg einen breiten Raum eingenommen. Die Wichtigkeit eines modern umgestalteten Landesverteidigungssystems war deutlich hervorgetreten. Frankreich ging mit dem Beispiel eines solchen voran und Deutschland mußte nachfolgen, zumal da der Krieg nach zwei Fronten hin ins Auge gefaßt Umwandlung der Landesverteidigung 603 wurde. Große Waffenplätze entstanden, deren Kern eine Stadtumwallung, und deren Hauptkampflinie ein davorgelegener Ring von Forts bildete. Das Beispiel dafür war Paris, dessen langer Widerstand zu den unerwartetsten Erscheinungen des Krieges gehört hatte. Die neue Westgrenze zu sichern, gebot die politische Vorsicht. So entstand dort die große Lagerfestung Straßburg, während bei Metz das von den Franzosen Begonnene vollendet und weiter ausgebaut wurde. Nach und nach erhielten auch Köln und die Festungen an der Ostgrenze ihre Fortsgürtel. Einfacher als die Umwandlung in Kampfweise und Bewaffnung vollzog sich die der Wehrverfassung. Die Grundbestimmungen über das Kriegswesen des Norddeutschen Bundes ließen sich fast unverändert auf das Heer des Deutschen Reiches übertragen. Am 21. März 1871 versammelte sich der erste Deutsche Reichstag und schon am 14. April gelangte der ihm vorgelegte Verfassungsentwurf zur fast einstimmigen Annahme. Die deutsche Wehrmacht bildete fortan ein einheitliches Heer, das unter dem Oberbefehl des deutschen Kaisers steht, und dessen Lasten von allen Bundesstaaten gleichmäßig zu tragen sind. Die Friedenspräsenzstärke wurde auf 1 vom 100 der Bevölkerung des Jahres 1867, d. h. damals also auf etwas mehr als 400000 Mann festgestellt. Sie sollte für die nachfolgende Zeit aber im Wege der Reichsgesetzgebnng bestimmt werden. Einige Sonderrechte, die aus den Bündnisverträgen und Militärkonventionen herstammten, blieben Bayern und Württemberg vorbehalten, doch waren sie ohne sonderliche Bedeutung für Einheit und Schlagfertigkeit des Heeres. Die preußische Militärgesetzgebung kam ungesäumt allgemein zur Anwendung. Schärfer noch als in der Landmacht ward die Einheit in der Marine betont, die aus den geringen Anfängen der preußischen Flotte für das Reich völlig neu zu schaffen war. Für sie sprach die Reichsverfassung in ihrem Artikel 53 aus: „Die Kriegsmarine des Reichs ist eine einheitliche unter dem Oberbefehl des Kaisers". Ihre Ergänzung sollte aus der gesamten seemännischen Bevölkerung des Reichs erfolgen, und die für sie von jedem Staate gestellten Mannschaften auf die Gestellung zum Landheere angerechnet werden. Zur Bestreitung der Kosten für die Wehrmacht bewilligte der Reichstag, wie es bisher in Preußen der Fall gewesen war, ein nach der Kopfstärke berechnetes Pauschquantum, dessen Gültigkeit bis zum Ende des Jahres 1874 ausgedehnt wurde. Diese einfache Maßnahme hatte für die Verwaltung zahlreiche Vorteile, doch war der auf den Kopf bewilligte Satz zu gering bemessen, und die nicht vorauszusehende Steigerung aller Preise nötigte schon 1872 zu einer nicht unerheblichen Ver- 604 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht ringerung der Stärke des Friedensstandes. Die Besorgnis konnte daher nicht von der Hand gewiesen werden, daß Ersparnisrücksichten dieselben verhängnisvollen Folgen für das deutsche Heer würden haben können, wie nach 1815 für das preußische. Nach langen Debatten kam am 2. Mai 1874 ein Reichsmilitärgesetz zustande, das die Friedenspräsenzstärke des Heeres auf 17 213 Offiziere, 401659 Mann, 96942 Pferde feststellte — dem Wunsche der Regierung entsprechend auf die Dauer von 7 Jahren. Zugleich ward der Heereshaushalt im einzelnen festgestellt. Auf dem Kriegsfuße sollte dies Heer alles in allem 1445 318 Mann mit 329164 Pferden zählen. Bei dem großen materiellen Aufschwünge, den Deutschland nach dem Kriege in jeder Hinsicht nahm, den vielen technischen Neuerungen, die fortdauernde Verbesserungen in Bewaffnung und Ausrüstung erheischten, dem Sinken des Geldwertes steigerten sich die Schwierigkeiten für die Kriegsverwaltung von Jahr zu Jahr. Die reißende Zunahme der Bevölkerung drängte dabei zur Heeresvermehrung, wenn man dem Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht nicht untreu werden wollte. Auch die politische Lage erforderte eine Verstärkung. Der dem russisch-türkischen Kriege von 1877 und 1878 folgende Berliner Kongreß führte zu einer Erkaltung des Verhältnisfes mit Rußland. Freilich fand Bismarck durch den Abschluß des Schutz- und Trutzbündnisses mit Österreich, das seine weise schonende Politik von Nikolsburg seit zwölf Jahren vorbereitet hatte, einen Ausgleich. Aber der Gedanke eines Krieges mit zwei Fronten gewann dennoch deutlichere Gestalt, und die Rechnung auf Freundeshilfe ist nicht genügend. „Ein großer Staat besteht nur durch sich selbst und aus eigener Kraft; er erfüllt den Zweck seines Daseins nur, wenn er entschlossen und gerüstet ist, sein Dasein, seine Freiheit nnd sein Recht zu behaupten, und ein Land wehrlos zu lassen, wäre das größte Verbrechen seiner Regierung." So kam es denn durch Gesetz vom 6. Mai 1830 zu einer Erhöhung des Friedensstandes um 25 615 Mann und seiner Festsetzung auf abermals 7 Jahre. Am 11. März 1887 machte Frankreichs drohende Haltung und vermehrte Rüstung, die auf nahen Krieg deutete eine zweite Erhöhung des Friedensstandes auf 468409 Mann notwendig. Den technischen Fortschritten wurden durch Neubewaffnung der Infanterie mit dem ersten Paketlader, einem Gewehr von kleinem Kaliber und großer Anfangsgeschwindigkeit, Rechnung getragen. Die Kavallerie erhiel allgemein einen Karabiner der gleichen Konstruktion, und ein wichtiger Schritt geschah für die Ausbildung der Truppeneinheiten durch die erste Anlage von Truppenübungsplätzen, bei denen den großen Schußweiten Die deutsche Wehrverfassung ßv5 und den Völlig veränderten Grundsätzen für das Gefecht Rechnung getragen wurde. Kurze Zeit vor seinem Tode unterzeichnete Kaiser Wilhelm der Große am 11. Februar 1888 ein neues Wehrpflichtgesetz, durch welches das zweite Aufgebot der Landwehr mit 6 Jahrgängen wiederhergestellt wurde, das bei der Reorganisation von 1859/60 bekanntlich verschwunden war. Das Anwachsen der Nachbarheere, namentlich des französischen, machte die größere Anspannung im Wehrstande notwendig. Am 9. März 1888 schloß der Kaiser die Augen, die so treu über Deutschlands Wohl und der Entwickelung seiner Kriegsmacht gewacht hatten. Nach der kurzen Regierung Kaiser Friedrichs III. bestieg Kaiser Wilhelm II. am 15. Juni 1883 den Thron, und eine neue Periode für das Heer begann. Nach gesunden einfachen Grundsätzen, wie die unmittelbare Erfahrung der Kriegspraxis sie ergeben hatte, war es bis dahin geleitet; für die Vervollkommnung seiner Bewaffnung und Ausrüstung gewissenhaft gesorgt worden. Die Erbschaft, die der junge Monarch antrat, war eine gute. Dennoch wurde ein schnelleres Tempo im Fortschreiten notwendig. Ein gewisser Stillstand konnte nicht geleugnet werden. Der Jdeenkreis im Heere war im großen ganzen noch der von 1870. Die Bekämpfung von Gegnern, wie den damaligen, blieb das Vorbild für die Truppenausbildung. Die großen Übungen, die diese abschlössen, die Kaisermanöver, waren im allgemeinen noch die gleichen wie vor dem Kriege. Sie gipfelten in dem Kampf einer Division gegen die andere desselben Korps. Obwohl die entscheidenden Schlachten auf französischem Boden gelehrt hatten, daß gerade in der Bewegung und Verwendung der größeren Heeresmasfen sich erst die schwerste Aufgabe für die Führung einstellte. Selbst ein Anklang an die alten königlichen Revuen war erhalten geblieben, nämlich das Exerzieren eines Armeekorps gegen den markierten Feind, eine Art von Paradeschlacht nach vorher genau festgestellten Momenten. Es herrschte auch noch der Brauch, daß ein Signal den Kampf beendete, dann die Besprechung folgte und die kämpfenden Parteien sich mit Ausnahme ihrer Vorposten der Ruhe widmeten. In diesem Verlauf durfte der Höhepunkt der Heeresausbildung nicht länger gesucht werden. Bedeutende Fortschritte wurden notwendig. Zwei Vorbedingungen waren dafür zu erfüllen, nämlich das neue Reglement für die Hauptwaffe, die Infanterie, und die Regelung der den Zeitverhältnissen entsprechenden Dienstzeit unter der Fahne. Ersparnisrücksichten hatten eine steigende Zahl von Beurlaubungen des dritten Dienstjahrganges notwendig gemacht. Schon am 1. September 1888 erschien das von der Armee so lebhaft 606 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht ersehnte Reglement. Es räumte mit dem Zwiespalt zwischen Friedensübungen und Kriegsbrauchbarkeit auf. Es regelte nicht mehr, wie das alte, den Kampf auf Kommando, sondern lehrte den Kampf nach Zweck und Aufträgen, wie er auch 1866 und 1870, damals jedoch ohne vorgeschrieben zu sein, ausgefochten worden war. Neues Leben kam damit in die Truppe. Sie war nicht mehr genötigt, in dem Augenblick, da sie das Gefechtsfeld betrat, zum großen Teil zu vergessen, was sie im Frieden gelernt hatte. Die für den Kampf gegebenen Formen und Lehren eigneten sich ohne Änderung für den praktischen Gebrauch. Mit den militärischen Ansichten der Zeit stand das neue Reglement in Einklang, und das Gefecht konnte so geübt werden, wie es dort vorgeschrieben war. Die große Freiheit für die Selbständigkeit des einzelnen Führers blieb dabei erhalten. „Alle Übungen müssen auf den Krieg berechnet sein. Im Kriege verspricht nur Einfaches Erfolg." Dies war sein Leitsatz. Er gab dem ganzen Dienstbetriebe größere Sicherheit. Die Infanterie kam nunmehr aus dem bedenklichen Tasten heraus und trat in bestimmte, ihr vorgezeichnete Bahnen ein. „Die Ausbildung der Truppe ist nur dann richtig, wenn sie das kann, was der Krieg erfordert, und wenn sie auf dem Gefechtsfelde nichts von dem wieder abzustreifen hat, was sie auf dem Exerzierplatz erlernte." Das Wichtigste aber war der seitdem befolgte Grundsatz, daß alle Reglements nicht als ein festes und steifes Gesetz zu betrachten seien, sondern als etwas Flüssiges, eine Lehre, die sich mit den Fortschritten der Zeit umbilden müsse, damit sie dauernd auf der Höhe zu bleiben vermöge. Das ist nunmehr den Vorschriften aller Waffen zu eigen. Sie erfuhren bis zur Gegenwart mehrfach Neuerungen. Sie dürfen nicht nur, sondern sie sollen umgebildet werden und Schritt halten mit den Errungenschaften der Gegenwart. Häufig hat man wohl in unseren Tagen über ihre Kurzlebigkeit gescherzt, aber diese findet ihren inneren und berechtigten Grund in dem reißenden Fortschritt des öffentlichen Lebens überhaupt, dem sie folgen müssen. „Des Volkes Sitten, der Zustand seiner geistigen Bildung bestimmen mehr, als man gewöhnlich berücksichtigt, die Form der einzuführenden Taktik." Recht und Pflicht der zeitgemäßen Entwickelung ward sogleich durch einen kurzen Einführungsbefehl gewährleistet, den der Kaiser dem Reglement voranschickte: „Es ist untersagt, zur Erzielung gesteigerter äußerlicher Gleichmäßigkeit oder in anderer Absicht mündliche oder schriftliche Zusätze zu erlassen. Der für die Anwendung des Reglements und die Ausbildung gelasfene Spielraum darf keine Einschränkung erfahren. Die neuen Reglement? 607 Ich ermächtige das Kriegsministerium, etwa notwendig werdende Änderungen, soweit sie nicht grundsätzlicher Art sind, eintreten zu lassen." Eine vortreffliche Bearbeitung der „Felddienstordnung" vom 23. Mai 1887 leitete die allgemeine Ausbildung endgültig in die neuen, den Errungenschaften der Zeit entsprechenden Bahnen hinüber. Auch die zweite große Aufgabe wurde bald ihrer Lösung entgegengeführt. Das Jahr 1890 brachte wichtige Änderungen: Eine starke Vermehrung der Artillerie und die Aufstellung weiterer Armeekorpsverbände aus vorhandenen überschießenden Truppen. Zu den 14 schon im Kriege bestehenden Korps war mit der Einverleibung Elsaß-Lothringens ein 15. getreten, mit der Zeit aber so stark angewachsen, daß es in einem einzigen Verbände zu ungelenk wurde. Es erfolgte daher eine Abtrennung des 16. Korps und gleichzeitig die Neubildung eines 17. im Osten des Reiches. Der wichtigere Schritt durch Einführung der zweijährigen Dienstzeit bei den Fußtruppen, zu denen auch die Feldartillerie gerechnet wurde, bedürfte einiger Jahre der Vorbereitung. Er erfolgte mit dem Gesetz vom 3. August 1893. Gewiß besaß die alte dreijährige Dienstzeit, in der Kaiser Wilhelm I. noch immer die solideste Grundlage für die gute Verfassung seiner Truppen erblickt hatte, große Vorteile. Es wurde dadurch insbesondere die Heranbildung des Lehrpersonals in der Armee erleichtert. Sie bestand indessen längst nicht mehr im vollen Umfange. Sparsamkeitsrücksichten hatten aus ihr einen Torso von zweifelhaftem Werte gemacht. Immer mehr Leute des 3. Dienstjahrganges waren entlassen worden, um Platz für eine größere Einstellung der stets wachsenden Rekrutenmassen zu schaffen. Kaum die Hälfte des 3. Jahrganges blieb noch wirklich bei der Fahne, und diese Zurückgehaltenen sahen sich, bis auf die wenigen, die Berufssoldaten werden wollten, als gemaßregelt an. Sie bildeten seither kein wünschenswertes Element in der Truppe, das oft einen wenig günstigen Einfluß auf den jung eintretenden Soldaten ausübte. Kaiser Wilhelm II. entschloß sich daher, trotz aller Bedenken, die dreijährige Dienstzeit fallen zu lassen. Eine bedeutende Vermehrung der Kaders war damit verbunden. Es entstanden die 173 Halbbataillone der schon bestehenden Jnfanterie- regimenter. 60 Batterien und noch andere Neubildungen kamen hinzu. So konnte die vergrößerte Rekrutenzahl untergebracht werden, von der bisher ein bedeutender Teil nicht eingestellt worden war. Die letzten Jahre hatten einen Überschuß unbedingt kriegsbrauchbarer Mannschaften von je 43—44000 Mann gebracht. Mehr und mehr hatte man sich also vom Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht entfernt. Nunmehr wuchs 608 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht das jährliche Rekrutenkontingent für Heer und Marine zusammen auf 230000 Mann. Das war eine mächtige Abhilfe, wenn sie auch bei dem weiteren Wachstum der Bevölkerung nicht für alle Zeit ausreichen konnte. Die Halbbataillone hatten die besondere Bestimmung, alle nicht zur vollen Dienstzeit Eingestellten auszubilden, um für die Wiederholungsübungen des Beurlaubtenstandes einen festen Rahmen abzugeben. Zugleich sollten sie den Stamm für die Aufstellung der Reservetruppen im Kriege bilden. Die Einrichtung war recht gut. Trotzdem ward sie einige Jahre darauf, am 1. April 1897, durch die Zusammenlegung der Halbbataillone in Vollbataillone geändert und damit allerdings wieder eine größere Gleichmäßigkeit in der Organisation des Friedensstandes herbeigeführt. Die großen Neuerungen brachten natürlich eine vermehrte Anstrengung im Militärstande mit sich. Die Rücksicht auf die verkürzte Dienstzeit ließ zunächst die 6—8wöchige Ruhepause verschwinden, die ehedem zwischen der Entlassung des ausgedienten Soldaten und der Einreihung des jungen Soldaten lag. Die Arbeit von Offizieren und Unteroffizieren erfuhr eine erhebliche Steigerung, aber sie konnte verlangt werden, ohne daß ihre Treue und ihr Eifer darunter Einbuße erlitt. Im Gegenteil! Von jenem Zeitpunkte rührt der heutige intensive Dienstbetrieb her. War die zweijährige Dienstzeit auch nur versuchsweise eingeführt worden, um zu erproben, ob sie sich bewähren würde, so begriff von vornherein doch jedermann schon, daß nach wenig Jahren die Rückkehr zur dreijährigen Dienstzeit untunlich sein werde. Das wirtschaftliche Leben der Nation hätte dadurch einen zu empfindlichen Stoß erlitten. Die zweijährige Dienstzeit mußte sich also bewähren, und sie hat sich bewährt, dank den Lehrern und Führern des Heeres. Nicht umsonst hatte der Kaiser sich an die alte Pflichttreue des Offizierkorps gewendet. Bei Ablauf des ersten Jahrzehnts seiner Regierung vermochte er dies freudig anzuerkennen: „Ich habe die feste Überzeugung, daß in den letzten zehn Jahren durch die aufopfernde Hingabe der Offiziere und Mannschaften in treuer hingebender Friedensarbeit die Armee auf dem Stande erhalten worden ist, in dem ich sie von meinen hochseligen Vorfahren überliefert bekam." Eine Besserung der Lage von Offizieren und Unteroffizieren hatte mit der Erhöhung der Anforderungen Schritt gehalten. Das Unteroffizierkorps wurde in seiner gesellschaftlichen Stellung, als Entgelt für die vermehrte Last, ansehnlich gehoben. Die reißenden Fortschritte der Technik, die etwa gleichzeitig mit der Vermehrung von 1893 einsetzten, vermehrten noch erheblich die Arbeit. Fortschritte der Technik 609 Zunächst änderte die Erfindung des schwach rauchenden Pulvers vollkommen das Bild des Kampfes. Die dichten, weißen Dampflinien zeichneten fortan die Stellung von Freund und Feind nicht mehr ab. Das erschwerte die Führung. Sie entzogen aber auch die Kämpfer nicht mehr den spähenden Blicken des Gegners. Dazu kam die ungemein gesteigerte Präzision der Schußwaffen. Entfernungen und Abstände vom Feinde vergrößerten sich außerordentlich. Man ist heute erstaunt, wenn man auf den Schlachtfeldern von 1870 sich vergegenwärtigt, wie nahe damals noch die von ihren Stäben umgebenen Führer an den Gegner hatten heranreiten können. Bei jedem Manöver würde das heute als völlig nnkriegs- gemäß getadelt werden. Vor der furchtbaren Geschoßwirkung mußte sich von nun ab jeder Kämpfer in Deckung halten, mit mehr Überlegung beim Vorgehen allen Schutz ausnutzen, den das Gelände darbot. Auch die Batterien fingen an, sich hinter den Höhenlinien, dem Auge des Feindes möglichst entzogen, aufzustellen. Es entstand der Begriff der „Leere des Schlachtfeldes", der uns seit dem Mandschurischen Kriege geläufig geworden ist. Er bereitet Überraschungen aller Art, zwingt zu viel genauerer Erkundung und zum Gebrauch künstlicher Aushilfen. Schon der Russisch-Türkische Krieg von 1877/73 hatte eine weitgehende Anwendung der Schanzarbeit im Felde gebracht und die große Widerstandsfähigkeit, welche die mit Hindernissen versehenen Erdwerke dort bewiesen, lenkten die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Wurffeuers, das seit Einführung der gezogenen Geschütze nicht mehr hinlänglich beachtet worden war. Die Verstärkung, welche die Verteidigung erfahren hatte, forderte jetzt wieder kräftigere Angriffsmittel heraus. Eine allgemeine Vermehrung des Steilfeuergeschützes und seine häufigere Anwendung im Feldkriege nahmen ihren Anfang. Zugleich fand die Technik in kräftigeren Sprengstoffen neue Mittel zum Zerstören von Hindernissen ans der Ferne. Die Vervollkommnung aller Schußwaffen erforderte genauere Kenntnis, sorgfältigere Bedienung, eine viel höhere Intelligenz und Selbständigkeit des einzelnen Soldaten als früher. Das neue, in der Wirkung verheerende Schnellfeuergewehr ist wenig brauchbar in ungeübter Hand. Es wird unwirksam bei Fehlern im Schätzen der Entfernung oder in der Beurteilung der Einflüsse von Wind, Wetter, Temperatur und Beleuchtung. Seine Handhabung erforderte erhöhte Aufmerksamkeit, Überlegung und Wissen. Der Infanterist mußte verstehen lernen, wie wichtig der Hintergrund hinter dem Ziel für sein Feuer und mancher andere Umstand noch wurde —wer hätte früher daran gedacht. Eine Fülle neuer Unterrichtszweige ergaben sich daraus. Man begann systematisch sehen zu lernen, übte das Schätzen mit dem Auge ganz Frhr. ». d, Goltz, KriegsgeschichteII 39 610 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht anders als ehedem, entwickelte auch die Fähigkeit, sich jeder Bodenfalte, jeden Steines und Busches zur Annäherung an den Feind zu bedienen, da der Verteidiger sie zu seinem Schutze gleichfalls benutzte. Die englische Infanterie focht im Burenkriege, wie ein weit verbreitetes Wort es nannte: „gegen feuernde Steinblöcke". Wir werden im nächsten Kriege gegen feuernde Dorf-, Wald- und Höhenränder zu fechten haben. Da der Angriff immer schwieriger wurde, stellte er auch höhere Anforderungen an Umsicht und Entschlossenheit. Im Überwinden von Hindernissen mußten sich alle drei Waffen aufs sorgfältigste vorbereiten. Auch im Feldkriege findet der Angreifer heute Drahtgewirre und Minen vor sich, wie man sie nur im Festungskriege kannte. Maschinengewehre, Handgranaten — mit zehnfach gesteigerter Wirkung aus dem alten Kriegshausrat wieder hervorgeholt — Panzerschilde, elektrische Scheinwerfer verstärkten den Verteidiger, dienen aber zugleich dem Gegner beim Angriff. Im Leiterersteigen, im Überklettern von Mauern, im Durchschwimmen oder schnellen Überbrücken von tiefen Gewässern, im Forträumen aller Art von toten Abwehrmitteln mußte jede Truppe ausgebildet werden, wenn sie Anspruch auf Selbständigkeit machen will. Jede wurde stolz darauf, sich durch nichts aufhalten zu lassen, auch wenn ihr die früher in diesen Dingen allein geübten Pioniere nicht zur Seite standen. Die erfreulichsten Fortschritte sind darin gemacht worden. Wir wissen, daß noch im August 1870 die Kavalleriedivision der I. Armee, die nordwärts um Metz herumgreifen sollte, während Prinz Friedrich Karls Reiterei dies weiter südlich tat, sich durch die Mosel aufhalten ließ. Heute scheut ein gutes Reiterregiment die größten Ströme der Norddeutschen Tiefebene, Weichsel, Oder, Elbe und Rhein nicht mehr. Bei der Schwierigkeit der Annäherung an den Feind wird die Beweglichkeit der Truppen von doppelter Bedeutung. Systematische Übung hat ihre Marschfähigkeit gerade im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich gehoben. Der kriegsgemäße Verlauf der heutigen großen Kaisermanöver, wo Heer gegen Heer ficht und kein Signal, sondern nur noch der Entschluß der Führer die Handlung unterbricht, die Kriegstätigkeit auch Tag und Nacht fortdauert, hat viel dazu beigetragen, diesen wichtigen Dienstzweig aufs höchste zu steigern. Die Entwickelung der Persönlichkeit in jedem Soldaten wurde Hauptgegenstand der Ausbildung, allem Geschwätz von Gamaschendienst und Zopfgeist zum Trotz. Die Vorbereitung der Jugend des Volks für den Heeresdienst begann etwa gleichzeitig mit der neuen Bewegung in der Armee und ist zu deren unerläßlicher Ergänzung notwendig geworden. Die Belebung des Sports, Neue Anforderungen an die Ausbildung 611 die mit der Regierung Kaiser Wilhelms II. einsetzte, wurde als nationale Notwendigkeit begriffen und seither immer kräftiger entwickelt. Abermals veränderte Bedingungen für die Kriegführung traten zu Ende des Jahrhunderts durch die erstaunlichen Fortschritte in den Verkehrsmitteln ein. Das bekannte Kaiserwort: „Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs — er durchbricht die Schranken, welche die Völker trennen und knüpft zwischen den Nationen neue Beziehungen an", hat sich bewahrheitet und auch auf die Kriegführung übertragen. Der Verkehr innerhalb eines Heeres und mehrerer Heere mit einander wird durch die Mittel der Neuzeit so erleichtert und vervollkommnet, daß die Führung trotz des Anwachsens der Massen doch wieder an Sicherheit der Beherrschung aller Teile des Ganzen gewonnen hat. 1898 trat das Fahrrad in den Dienst der Armee; bald folgte das äußerst brauchbare Motorrad. Die Kraftwagen, deren Beweglichkeit im sreien Gelände von Jahr zu Jahr zunimmt, bilden für den Heerführer ein Mittel von hohem Wert. Fernsprechtrupps, Funkspruch und drahtlose Telegraphie vermitteln Nachrichten, die früher einen vollen Gefechtstag brauchten, jetzt in wenig Minuten über die ganze Feldarmee hinweg. Flieger und Luftschiff erkennen, was früher verborgen war. Sie zwingen die Truppe, auf Deckung nach oben hin bedacht zu sein. Welche Rolle sie als Kampfmittel zu spielen berufen sind, wird die Zukunft lehren. Die deutsche Erfindungsgabe kann uns darin eine Überlegenheit über unsere Gegner sichern, zumal wenn wir eine geordnete Luftflotte bauen und eine heimische Industrie großen Stils möglich machen, die im Bedarfsfalle von andern nicht eingeholt werden kann. Auch die heutige Landesbefestigung, die im Jahre 1893 nach ganz neuen Plänen begann, und die dabei bevorzugte Anwendung von Panzerbauten — den großartigsten der Gegenwart — gehören zu den neuen Errungenschaften im Kriegswesen. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, den eigenen Feldheeren die völlige Freiheit der Bewegung in ihren Operationen zu sichern, sie denen des Feindes aber zu rauben. Das führte zur künstlichen Vorbereitung ganzer Kriegstheater. Organisatorisch bildete den Jahrhundertabschluß das Gesetz vom 25. März 1899, das den Friedensstand auf rund 510 000 Mann erhöhte und neben einigen Vermehrungen die Einteilung des Heeres den Bedürfnissen der Zeit entsprechend neu ordnete. Ein 18. und 19., sowie ein 3. bayerisches Korps entstanden. Die hohe Zahl hatte zuvor schon die Schaffung der Armeeinspektionen notwendig gemacht. 5 -» — 39* 612 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht Deutschland war inzwischen auch in den großen Wettbewerb der Nationen MseiLs.des Meeres eingetreten. Sein starkes heimisches Heer bildete den Rückhalt für diese erweiterte geschichtliche Rolle. Unmittelbar damit aber hing auch die Vermehrung seiner Seemacht zusammen. Ihre Erstarkung ist zur wichtigsten Regierungstat Kaiser Wilhelms II. geworden. Bei seiner Thronbesteigung war die Überzeugung von der Notwendigkeit dieser Entwickelung durchaus nicht allgemein verbreitet. Eine Großmachtslotte galt vielen noch als eine Art Luxus in unserer Rüstung, da unsere Kriege ja durch die Landarmeen entschieden werden müßten. Sie sollten wieder gewinnen, was etwa zur See verloren gegangen sein konnte. Des Kaisers geflügeltes Wort: „Bitter not tut uns eine starke Flotte" weckte die Geister. Sein persönliches Eingreifen tat dann gerade in dieser Frage das beste. Zu Beginn seiner Regierung bestand die Kriegsmarine aus 13 Panzerschiffen, 14 Panzerfahrzeugen, 8 Kreuzerfregatten, 10 Kreuzerkorvetten, 5 Kreuzern, 5 Kanonenbooten und den notwendigen Hilfsdiensten. Die Bemannung zählte 534 Seeoffiziere, 15480 Mannschaften. Das erschien uns damals ganz stattlich, und dennoch war es nur eine Küsten-, keine Hochseemarine, wie sie dem Kaiser vorschwebte. Sein erstes war die innere Ordnung durch Trennung der Verwaltung und des Kommandos, das er später selbst übernahm. Dann begann der Kampf um die Vermehrung im deutschen Reichstage, der es nicht begreifen wollte, warum neben dem starken Heere auch noch eine starke Flotte nötig sei. Nur das eine brauche Deutschland, so hieß es. Beides zugleich könne es nicht haben, dies werde das Land ruinieren. Das Schlagwort von den uferlosen Flottenplänen wurde gefunden und tat feine unheilvolle Wirkung. Trotzdem scheint uns heute schon viel zu eng bemessen, was damals gefordert worden ist. Unverhüllt verkündete die deutsche Thronrede von 1897, daß die Entwickelung der Kriegsflotte nicht den Aufgaben entspreche, welche Deutschland an seine Wehrkraft zur See zu stellen gezwungen sei. „Sie genügt nicht, bei kriegerischen Verwickelungen die heimischen Häfen und Küsten gegen eine Blockade sicher zu stellen. Sie hat auch nicht Schritt gehalten mit dem lebhaften Wachstum unserer überseeischen Interessen. Während der deutsche Handel an dem Güteraustausch der Welt in steigendem Maße teilnimmt, reicht die Zahl unserer Kriegsschiffe nicht hin, unseren im Auslande tätigen Landsleuten das der Stellung Deutschlands entsprechende Maß von Schutz und hiermit den Rückhalt zu bieten, den nur die Entfaltung von Macht zu gewähren vermag." Einen lebhaften Anstoß gab um dieselbe Zeit die Besitzergreifung von Vermehrung der deutschen Seemacht ßlZ Kiautschou an der chinesischen Küste. Der 17. März 1898 brachte uns endlich das erste umfassende Flottengesetz, welches unsere Seemacht auf 1 Flottenflaggschiff, 2 Geschwader von je 8 Linienschiffen, 2 Divisionen von je 4 Küstenpanzerschiffen, 6 große, 16 kleine Kreuzer für die heimische Schlachtflotte, 3 große, 10 kleine Kreuzer für den Auslandsdienst nebst der Torpedoflotte, Schulschiffen usw., sowie eine Materialsreserve bemaß. Das war immerhin schon ganz ansehnlich; doch nur ein Schritt, der niemand bedrohte. Trotzdem lehrte die erwachende Eifersucht des Auslandes, zumal in England, daß mehr geschehen müsse, wenn man der Gefahr gewachsen sein wollte, die man unabsichtlich geweckt hatte. Der Spanisch-Amerikanische Krieg und der bald darauf beginnende Südafrikanische lehrten, welche früher ungeahnte Ausdehnung der Kampf über See annehmen, und welche Rückwirkung er auf die Schicksale des Mutterlandes ausüben könne. Die Notwendigkeit, eine wirklich starke Hochseeflotte zu besitzen, leuchtete nunmehr auch den bis dahin Gleichgültigen ein/ In glänzender, für das eigene Volk überraschender Weise löste zudem die deutsche Schiffbauindustrie, die ihr durch das Flottengesetz gestellte Aufgabe und brachte die Zweifler zum Schweigen, die behauptet hatten, sie werde ihr nicht entsprechen können. Das 2. Flottengesetz vom 14. Juni 1900, das unsere Seestreitkräfte mit einem Schlage fast verdoppelte, war die Folge davon. Nun war das große Ziel erreicht, die Zukunftsstärke der deutschen Flotte derart festzusetzen, „daß auch die größte Seemacht Bedenken tragen müsse, uns anzugreifen, wenn sie nicht ihre Weltstellung aufs Spiel setzen wolle". Die Erwerbung Helgolands am 15. September 1390 hatte bereits zehn Jahre früher sür die mächtige Entwickelung der Seemacht die starke örtliche Basis in der Nordsee geschaffen. ZUe Expedition nach China M0—IMl (S. Skizze 71) Gleichsam um zu beweisen, wie nötig die Entwickelung unserer Seemacht gewesen war, stellten sich zu Ende der 90er Jahre die Wirren in China ein. Seit 1894 gärte es, zumal im Norden des großen ostasiatischen Kaiserreiches. Der begreifliche Unwille des Volkes über den schlechten Ausgang des japanischen Krieges von 1894 und 1895 sowie die mehrfachen Vergewaltigungen durch fremde Mächte führten zur Bildung geheimer Gesellschaften, welche den Haß gegen Ausländer und Christen, als die Urheber alles Unglücks, zu schüren begannen. Die rückständige 614 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht Regierung der herrschenden Mandschudynastie, geleitet durch die Kaiserin- Witwe, unterstützte die Bewegung insgeheim und verlor allmählich die Herrschaft über sie. Am meisten tat sich der weitverbreitete Boxerbund hervor, der so bedrohlich auftrat, daß die Vertreter der fremden Mächte im Jahre 1900 seine Unterdrückung forderten. Blutige Christenverfolgungen im April und Mai jenes Jahres bewiesen, wie notwendig der Schritt gewesen war. Die Gefahr wurde indessen noch unterschätzt; die Gesandten begnügten sich damit, von der auf der Rede von Ta-ku an der Mündung des Pei-Ho liegenden Schiffen eine Gesandtschaftswache von 400 Mann nach Peking heranzuziehen. Es befanden sich dabei 50 Mann vom 3. Seebataillon unter Oberleutnant Graf v. Soden. Bald darauf war die Verbindung mit dem Meere und der am Pei-Ho unterhalb gelegenen Großstadt Tien-tsin von den Aufrührern unterbrochen. Am 11. Juni wurde der Kanzler der Japanischen Botschaft und am 20. der deutsche Gesandte Freiherr v. Ketteler von fanatischem Hauptstadtgesindel ermordet. Ein ernstes Einschreiten war nunmehr unabweisbar. Die Vorbereitungen begannen in der Heimat. Es hatte indessen noch ein Vorspiel in China selbst. Der englische Admiral Seymour setzte sich als rangältester Offizier der vor Taku liegenden Kriegsschiffe zur Rettung der bedrohten Diplomaten mit einer aus den Schiffsbesatzungen zusammengestellten Abteilung von etwas über 2000 Mann — darunter S09 Deutsche — von Tien-tsin aus in Bewegung und erreichte noch mit Hilfe der Eisenbahn am 16. Juni Lang-fang und Lo-fa. Von dort ab wurde die Bahnfahrt unmöglich, gleichzeitig aber auch nach rückwärts hin die Verbindung mit Tien-tsin unterbrochen, wo 800 Matrosen im Fremdenviertel zurückgeblieben waren. Der Versuch, weiter auf dem Landwege vorzudringen, mußte aufgegeben werden, als die Anwesenheit starker regulärer chinesischer Truppen vor der Front festgestellt wurde. Um der Einschließung zu entgehen, entschied sich Admiral Seymour für den Rückzug und führte schon unter Gefechten und großen Anstrengungen seine Truppen am 22. auf das linke Pei-Ho-Ufer. Beim Weitermarsch mußte bereits das feste Arsenal Hsi-kon erstürmt werden, wobei die deutsche Abteilung Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen. Um die in Hsi-kou vorgefundenen Kriegsmittel auszunutzen und auch weil er den Weitermarsch schon für zu gefährdet hielt, blieb der Admiral dort stehen. Inzwischen war an der Pei-Homündung die Notwendigkeit erkannt worden, die den Eingang zum Fluß sperrenden Ta-kuforts zu nehmen. Nach kräftiger Beschießung durch die fremden Kriegsschiffe, unter denen sich das deutsche Kanonenboot „Iltis", Kapitän Lans, befand, war am 17. Juni Seymours Expedition. Die Takusorts 615 zunächst das Nordwestfort genommen worden. In Verbindung mit einem Landangriff, der trotz schwerer Beschädigung und der Verwundung des Kommandanten des „Iltis" von diesem bis zum Ende unerschrocken unterstützt wurde, gelang es dann auch, die beiden anderen Werke zu stürmen und so die Verbindung mit Tien-tsin wieder zu eröffnen. Verstärkungen wurden vorgeschoben. Russische Truppen unter General v. Stösse! trafen ein, der nunmehr am 23. bis Tien-tsin vordrang und von dort auch den Entsatz Seymours bewirkte. Am 26. Juni traf dieser nach dem verhältnismäßig hohen Verlust von 62 Toten, 231 Verwundeten wieder in Tien-tsin ein. Nach seiner Ankunft waren dort an 5000 Mann verfüg- litiSl'ZicsMZl'le fül^ie kwMion nscli Lkinz 19001901. bar. Mit Recht aber hielt man diese Truppenmacht noch für zu schwach, um einen neuen Versuch zur Befreiung der Gesandtschaften in Peking zu unternehmen. Diese mußten einstweilen, so schwer es auch fiel, sich selbst überlassen werden. Heftige Kämpfe begannen außerdem in Tien-tsin selbst. Ein vergeblicher Angriff auf die dortige Chinesenstadt führte zu bedenklichem Munitionsmangel, und erst als am 11. Juli neue Verstärkungen von der Pei-homündung herankamen, und die Gesamtmacht auf 12 000 Mann anwuchs, konnte weiteres unternommen werden. Unter lebhaften Gefechten wurden die Chinesen am 13., 14. und 15. Juli endlich aus der Stadt und ihrer Umgebung vertrieben. Sie nahmen indessen eine neue Stellung bei Pei-tsang, am Zusammenfluß von Pei-Ho und Hun-Ho, die äußerst verteidigungsfähig war. Bei den Verbündeten machte sich der Mangel an einheitlicher Leitung und auch eine durch die bisherigen Kämpfe ent- 616 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht standene Überschätzung des Gegners geltend. Die Zahl der chinesischen Kräfte wurde auf das Unglaublichste übertrieben und zählte in den Nach-' richten der europäischen Presse bereits nach Hunderttausenden. So kani es, daß erst am 5. August unter Führung des russischen Generals Ljene- witsch mit den inzwischen wieder vermehrten Kräften der entscheidende Vormarsch auf Peking angetreten wurde. Es gelang, die Stellung von Pei-tsang durch Umgehung zu gewinnen und die Chinesen unter kleinen Gefechten auf die Hauptstadt zurückzuwerfen. Dort hatte sich die Lage der Gesandtschaften aufs äußerste gefährlich gestaltet. Seit dem 7. Juni machten die regulären chinesischen Truppen mit den Boxern bei den Angriffen gemeinsame Sache. Der chinesische Prinz Tuan stellte sich an die Spitze der Bewegung. Am 23. Juni waren die Europäer, die bei der Schwäche der Besatzung einen Posten nach dem andern hatten aufgeben müssen, schon auf die Gebäude der Deutschen, Britischen und Amerikanischen Gesandtschaft beschränkt, mußten aber, um nicht dem wilden, fanatischen Hauptstadtpöbel zum Opfer zu fallen, noch weiter standhaft in langem, verzweifeltem Ringen aushalten. Am 12. Juli kamen die Chinesen der Deutschen Gesandtschaft auf 50 Meter nahe. Die Lage der Eingeschlossenen erinnert an die der Nibelungen in Etzels Königspalast. Es blieb ihnen keine Wahl, als standhaftes Ausharren bis zum äußersten oder ein schmählicher Untergang. Ein letzter heftiger Angriff von zwei Seiten her wurde glücklich durch die Umsicht und Tapferkeit des Grafen v. Soden unter starken Verlusten für die Chinesen abgewehrt. Sie beschränkten sich danach bis zum 8. August auf Beschießung der Gebäude aus sicherer Ferne. Dann begannen neue Nahkämpfe, bis die heißersehnte Rettung erfolgte. Am 14. August nachmittags erschienen die Engländer und am 15. die Japaner in der Stadt. In den Straßen wurde noch bis zum 24. weiter gekämpft, dann erst trat Ruhe ein. Der Kaiserliche Hof war inzwischen in die Provinz Schansi geflüchtet. Die Befreiung der Gesandtschaften, über deren tragischen Untergang schon eine anscheinend sichere Nachricht bis nach Europa gedrungen war, erregte den Jubel der zivilisierten Welt. Die braven Schutzwachen hatten ihren Triumph mit einem Verlust von 70 Toten und 145 Verwundeten, also von mehr als der Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke, bezahlt. Zu bedeutenden Kämpfen kam es nicht mehr. Die deutsche Abteilung des rund 11000 Mann starken Expeditionskorps von Tien-tsin säuberte die Umgebung der Hauptstadt und hatte dabei am 25. September und 1. Oktober noch Gefechte am kaiserlichen Jagdpark und an der Straße nach Pao-ting-fu. Weiterreichende Unternehmungen verboten sich einst- Einnahme von Peking 617 weilen dadurch, daß bei Tien-tsin noch keine volle Sicherheit geschaffen und die Etappenstraße nach Peking bedroht war. Fast täglich fielen dort kleinere Kämpfe vor. Um eine weitere Basis für das ganze internationale Unternehmen zu schaffen, wurde eine gemischte Abteilung unter dem russischen General Stackelberg gegen die nördlich der Pei-Homündung gelegenen Pei- tangforts in Bewegung gesetzt und nahm sie unter kräftiger Mitwirkung der deutschen schweren Feldhaubitzbatterien des Hauptmanns Kremkow. Auch das nahegelegene Militärlager Lu-tai wurde am 22. September besetzt und am 3. Oktober der wichtige Posten Schan-hai-kwan mit dem günstigen Landungsplatz Schin-wang-tau eingenommen. Für den Fall einer größeren Ausdehnung der kriegerischen Verwicklungen war ein einheitlicher Oberbefehl über die bunt zusammengesetzte Kriegsmacht der Verbündeten, die schon zu Ende August auf 52 000 Mann mit 144 Geschützen angewachsen war, eine dringende Notwendigkeit. Nach Übereinkunft der Mächte wurde der preußische Generalfeldmarschall Graf v. Waldersee mit dem gemeinsamen Oberbefehl betraut, und seiner ungewöhnlichen Umsicht sowie dem Eindruck seiner Persönlichkeit gelang es, die Eintracht und gemeinschaftliches Handeln für die gesamte Dauer der Expedition aufrecht zu erhalten. Ende Oktober standen 80 000 Verbündete auf chinesischem Boden, darunter 13^Bataillone, 4 Eskadrons, 10 Batterien, im ganzen 19000Mann, 56 Geschütze an deutschen Truppen unter dem Befehl des Generalleutnants v. Lessel. Nunmehr konnte an die Besetzung ausgedehnterer Gebietsteile gegangen werden, um die chinesische Regierung zur Fügsamkeit zu zwingen. Von Tien-tsin und von Peking aus waren bereits mehrere Kolonnen gegen das unruhige Pao-ting-fu in Bewegung, das am 16. Oktober ohne Kampf besetzt wurde. Auf dem Rückmärsche stürmte eine deutsche Abteilung unter Major v. Foerster den an der großen Mauer gelegenen wichtigen Tse-king-kuanpaß. Am 12. November wurde eine andere Kolonne unter Graf Aorck v. Wartenburg in der Richtung auf Kalgan zur Mongolischen Grenze entsendet, um die Chinesen zu erreichen und zu schlagen, die dort noch stehen sollten. Trotz der Winterkälte und schwieriger Wege wurden am 17. und 18. November nicht weniger als 75 Kilometer zurückgelegt. Aber nur eine vorausgesandte Schwadron vermochte noch nach Überschreitung reißender Gebirgs- wässer die letzten Abteilungen des Feindes einzuholen und zu sprengen. Am 22. November wurde Kalgan erreicht. Leider verlor die Abteilung ihren bewährten Führer, einen der hoffnungsvollsten Offiziere der deutschen Armee, am 27. November durch eine Kohlengasvergiftung. Auf dem Rück- 618 IX. Das Deutsche Reich und seine Wehrmacht Marsche gelang es dann dem, den Befehl übernehmenden, General v. Gayl — dem Generalstabschef des Grafen v. Waldersee — eine Reihe bekannter Boxerführer aufzuheben und Peking ohne Verlust wieder zu erreichen. Von nun ab wurden nur noch kleine Unternehmungen ausgeführt, vor denen die Chinesen überall auswichen, um sodann hinter der großen Mauer zu verschwinden. Zu dem vom Feldmarschall beabsichtigten großen Einfall nach der Provinz Schansi, der die Kaiserliche Regierung zum Abschlüsse des Friedens bringen sollte, kam es nicht mehr, da jene sich zuvor zur Nachgiebigkeit bequemte. Schon zu Ende Mai 1901 konnte, bei den gedeihlichen Fortschritten der Verhandlungen, die Expeditionstruppe, bis auf eine zurückbleibende Besatzungsbrigade der vereinigten Mächte, den chinesischen Boden räumen. Graf Waldersee verließ ihn am 6. Juni. China zahlte eine beträchtliche Kriegskostenentschädigung. Die Negierung entsagte jeder Gemeinschaft mit den Aufrührern, fortan den kräftigen Schutz der Fremden verheißend. Wenn sich der Expedition auch keine Gelegenheit zu größeren Kämpfen geboten hatte, so war sie doch für das Deutsche Reich wertvoll durch die Erfahrungen geworden, die für künftige überseeische Unternehmungen aus diesem ersten glänzend gelungenen Versuch gezogen werden konnten. Er wies unsere Kriegführung auf einen neuen Weg hin, welcher dereinst mit stärkeren Kräften, wichtigeren Zielen und in ernsteren Verwicklungen gegen Deutschlands Widersacher jenseits der Meere zu betreten sein wird. X. Schlutzbetrachtung Die lebhafte Bewegung im Heer- und Kriegswesen, mit der das alte Jahrhundert abschloß, hat im neuen in verstärktem Maße bisher fortgedauert. Ungeahnte Fortschritte sind, zumal in Bewaffung, im Verkehrsund Nachrichtenwesen, gemacht worden. Die Eroberung der Luft ist hinzugetreten. Die Gesamtanstrengung im Militärstaate hat sich außerordentlich erhöht. Die Heere haben sich an Zahl verdoppelt und verdreifacht, aber die Mittel zu ihrer einheitlichen Leitung sind in gleichem Maße gewachsen. Wenn ehedem der Feldherr am Abend seine Anordnungen erlassen und abgesandt hatte, so trat im Hauptquartier Ruhe ein, bis am Morgen oder im Laufe des folgenden Tages die zurückkehrenden Offiziere über den Stand der Dinge bei der Armee Bericht erstatteten. Jetzt ist er in der Lage, viertelstündlich Neues von dort zu hören, aber sogleich auch wieder antworten zu können. Die geistige Anspannung wird eine viel größere, und schnellerer Entschluß als früher ist notwendig. Auch an die Ausbildung der Truppen sind noch erhöhte Forderungen herangetreten. Was das Ende des 19. Jahrhunderts hierin angebahnt hat, vollendet sich gegenwärtig. Der Burenkrieg in Südafrika, der Mandschurische Krieg zwischen Rußland und Japan, der Aufstand in Südwestafrika haben Erscheinungen gezeitigt, die uns im Jahre 1870/71 noch fremd waren. Die Bedeutung des einzelnen Soldaten ist mehr hervorgetreten, und daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer viel intensiveren persönlichen Vorbereitung für den Kampf, als sie in den letzten Feldzügen erforderlich war. Nicht bloß die physischen Kräfte und die Moral sind durch die Erziehung zu steigern, sondern auch die Sinne, der kriegerische Instinkt, die Intelligenz, das Urteil, Verschlagenheit, List und Umsicht müssen mit Bewußtsein frühzeitig geschärft werden. Körper und Geist des Kriegers sind mehr für ihren Zweck zu schulen. Bisher wurde nur die Brauchbarkeit der geführten Truppen erstrebt; jetzt muß auch die führerlose noch verwendbar und tüchtig sein. Der einzelne Soldat ist gewissermaßen zur taktischen Einheit geworden, mit der auch die höhere Führung zu rechnen hat. Das steht im Gegensatze zum Anwachsen der Heeresmassen. Bei höchster Entwickelung aller Eigenschaften der Persönlichkeit im Soldaten wird es dennoch möglich sein, die einheitliche Leitung aufrecht zu erhalten. Alle militärische Arbeit aber muß darauf hinausgehen, jeden Mann in Reih und Glied zum denkenden 620 X. Schlußbetrachtung selbständigen Streiter heranzubilden, ihn durch die Friedenserziehung so auszustatten, daß er sich im Kriege ganz auf sich selbst verlassen kann. So geschieht es auch heute im Heere. Wer das Märchen vom Paradedrill und Kadavergehorsam noch glaubt, der begleite unsere Truppen im Frühjahr, das die wichtigste Vorbereitungszeit bildet, hinaus auf unsere Übungsplätze, und er wird sich eines andern belehren. Daß der jetzige Friedensdienstbetrieb auch Mut, Selbstbeherrschung und Männlichkeit in der Seele des jungen Soldaten erzeugt, wird niemand leugnen, der die Geschichte von den Taten unserer Reiter in Südafrika liest, die meist in der Einsamkeit auf sich selbst angewiesen waren. Sie erhalten auch in uns den Glauben an die Tüchtigkeit der deutschen Jugend aufrecht, was man immer über deren Entartung sagen möge. Ob die gleiche Anspannung wie in der Gegenwart fortdauern kann, ob gar noch eine Steigerung möglich sein wird, ist eine schwer zu entscheidende Frage. Versucht muß es werden; denn die moralischen Kräfte sinken, sobald sie nicht mehr nach Erhöhung streben. Wir stehen im schärfsten Wettkampf mit allen großen Nationen der Erde, und es gibt für uns noch immer viel zu lernen, nachzuholen und zu vervollkommnen. Niemals dürfen wir uns, in der gefährlichen Freude darüber: „daß wir es so herrlich weit gebracht haben", der Ruhe und falscher Sicherheit hingeben. Das alte Ideal der Truppe auf dem Schlachtfelde, nämlich die „wie auf dem Paradeplatz mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen" vorrückende geschlossene Linien, ist geschwunden und wird ersetzt durch das neue Ideal des aufgelösten Schützenschwarms, in dem jeder Einzelne, das Gewehr in der Faust, trotz Kugelregen und Geländeschwierigkeiten sich unaufhaltsam vorwärts arbeitet, mit dem festen Vorsatz im Herzen, in die feindliche Stellung einzudringen, sollte dies auch nur ihm allein beschieden sein. Es erfordert ungleich höhere Eigenschaften als jenes. Auch die Begriffe in bezug auf die Gesamtanstrengung einer Nation haben sich völlig umgewandelt. Noch vor wenig Jahren glaubte der bei weitem größte Teil des deutschen Volkes darin schon das äußerste Maß erreicht zu haben. Die Vorgänge von 1912 und 1913 aber belehren uns eines Besseren. Als Preußen vor 100 Jahren zur Zeit der höchsten Not an 6°/<> seiner Bevölkerung unter Waffen gerufen hatte, glaubte man, daß ein Mehr unmöglich sei. Erst kürzlich aber erlebten wir es, daß Griechenland und die neu aufstrebenden südslawischen Völker nicht weniger als 10, 13, ja 15°/g der Gesamtbevölkerung dem Heere zuführten. Zugleich änderte sich unsere politische Lage in bedrohlicher Art. So haben wir denn, nach einer erst 1912 vorangegangenen recht ansehnlichen Heeres- Die große Heeresvermehrung von 1913 621 Vermehrung, im Jahre 1913 den entscheidenden Schritt getan und die größte Vermehrung der deutschen Streitkräfte durchgeführt, die in unserer Heeresverfassung bis jetzt vorgekommen ist. Die Militärvorlage vom 27. März 1913 brachte eine Erhöhung der Friedensstärke um nicht weniger denn 4000 Offizieren, IS000 Unteroffizieren, 117 000 Mann und 27 000 Dienstpferden, die ohne Anstand durchgeführt werden kann. „Es war eine gewaltige Vorlage von einem noch nicht dagewesenen Umfange, darauf berechnet, mit einem Wurf die mancherlei durch finanzielle Rücksichten bedingten Versäumnisse der letzten Jahre gut zu machen." Das deutsche Heer hat nunmehr eine Friedensstärke von 30 985 Offizieren, 108535 Unteroffizieren und 661176 Gemeinen nebst 15000 Einjährig- Freiwilligen und 160350 Dienstpferden erreicht. Im Kriege wird Deutschland nach voller Durchführung des neuen Gesetzes nicht weniger als 6000 000 ausgebildete Soldaten ins Feld stellen können. Das sind zwischen 9 und 10°/g der Volkszahl, die Krönung der ganzen Entwickelung unseres Heerwesens aus den letzten 100 Jahren. Wir stehen wieder auf der Höhe der Zeit. Auch in die Entwickelung unserer Kriegsflotte kam eine veränderte Richtung durch den Bau der modernen Riesen-Panzerschiffe, der Dread- noughts. England hatte damit begonnen und eine neue Grundlage für seine Seemacht geschaffen, auf der es hoffte, den andern Nationen am schnellsten vorauszueilen, weil es die reichsten Mittel besitzt. Nun hat auch Deutschland die gleiche Richtung einschlagen müssen. Ein drittes Flottengesetz bringt unsere Seestreitkräfte nach seiner Durchführung auf 41 Schlachtschiffe, 20 Schlachtkreuzer, 40 kleine Kreuzer, zahlreiche Torpedo- und Unterseeboote mit rund 100 000 Mann Besatzung, eine Stärke, von der wir uns noch vor wenig Jahrzehnten nichts haben träumen lassen. Aber Deutschlands Wirkungskreis gegen jene Zeit ist auch unendlich erweitert. Wir sind bei der Teilung der Erde spät gekommen, und winzig erscheint unser Kolonialbesitz im Vergleich zu dem britischen. Aber immerhin ist er fünfmal so groß, wie das Mutterland und entwickelungsfähig. Er zählt heute 10^ Millionen Einwohner. Die zerstreute Lage der deutschen Kolonien erinnert an die auf dem Wiener Kongreß von unseren Widersachern und Neidern durchgesetzte Trennung des preußischen Gebiets. Sie hat am Ende segensreich gewirkt; denn sie ließ Preußen nicht ruhen, legte ihm das Streben nach Vereinigung in die Seele und hielt die Anspannung seiner Kräfte rege. So kann es auch hier geschehen. Die Zerstückelung unseres Kolonialbesitzes wird uns ein Antrieb sein, die einzelnen 622 X- Schlußbetrachtung Teile so stark zu machen, als es möglich ist, damit sie sich selbst behaupten können. Sie bieten auch einige vorteilhafte Siedlungsländereien für unseren Bevölkerungsüberschuß dar. Deutsche Landwirte können sich dort bethätigen und zu selbständigeren, tatkräftigeren Männern entwickeln, als daheim in eng gedrängten Fabrikbezirken. Wohltuend wirkt auf uns der Anblick der wettergebräunten Gestalten, die aus den Kolonien heimkehren. Wir hoffen, daß sie uns dereinst ein frisches Germanengeschlecht bescheren werden, reich an Arbeit, Segen und Nachwuchs. Unser Handel hat in allen Teilen der Welt eine achtunggebietende Stellung erworben; unsere Industrie kann es mit jeder andern aufnehmen. Deutschland hat einen materiellen Aufschwung erlebt, wie er in der Geschichte aller Völker in so kurzer Zeit kaum jemals dagewesen ist. Unsere Bevölkerung wuchs seit 1870 von 45 auf 6ö Millionen Menschen, und sie wächst weiter, wenn auch die Zahl der Geburten leider abnimmt. Deutschlands Nationalvermögen steigt ins Unermeßliche. Es betrug schon im Jahre 1908 an 320 Milliarden. Die Einlagen in seinen Sparkassen, ausschließlich das Eigentum der kleinen Leute, stiegen von 2 auf 15 Milliarden,— der beste Beweis gegen die närrische Behauptung von der Verelendung der Massen. Wir haben ein Recht, uns dieser Güter zu freuen, aber dauernde Anstrengung ist notwendig, sie zu schützen. „Wir haben an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen." Wir stehen nicht nur der Götter Neide, sondern auch dem Neide und der heimlichen Feindschaft anderer starker Völker gegenüber. Die Gefahren unserer Lage inmitten Europas, mit offenen Grenzen zwischen Romanen und Slawen, liegen klar zutage, und der Angriff wird kommen, in dem Augenblick, wo wir schwach sind, oder unsere Feinde uns schwach wähnen. „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt!" Wenn die Kriegsgeschichte des 19. Jahrhunderts uns eine Lehre gibt, so ist es die: „Seid stark und wachsam; dann wird man gerecht gegen euch sein und eueren Frieden nicht stören!" Ja, wir bedauern es nicht einmal, daß dem so ist; denn in der Gefahr liegt ein Segen; sie erhält tüchtig und hindert ein Versinken in Schwäche. Wenn einer unserer größten Denker und glühendsten Patrioten, Karl v. Clausewitz, in seinem Bekenntnis von 1812 niederlegt: „Des Krieges bedarf mein Vaterland", so meint er nichts anderes damit, als daß im Bewußtsein seiner Notwendigkeit ein Element der Gesundheit für unser Volksleben liegt. Nichts anderes hat Moltke mit seinem bekannten Aus- Der ewige Friede ist ein Traum 623 spruch im Sinne gehabt: „Der ewige Friede ist ein Traum — und nicht einmal ein schöner!" Auch die glänzendste Medaille hat ihre Kehrseite. Wir sind überschnell reich geworden und haben angefangen, für unseren Besitz zu fürchten. Der steigende Wohlstand hat eine Verbesserung der Lebenshaltung im deutschen Volke hervorgerufen. Das geschah nicht bloß in den oberen Schichten der Gesellschaft, sondern genau ebenso, ja vielleicht noch mehr, in den unteren Klassen der Bevölkerung. Genußsucht und Verwöhnung greifen um sich. Die gedankenlose Lehre vom Recht der Persönlichkeit, die sich ein jeder nach seinem Behagen auslegt, hat diesen Prozeß beschleunigt. Von ihren Pflichten spricht man den Massen des Volkes nicht mehr, weil sie es nicht gern hören, sondern nur von ihren Rechten. Mit dem Glauben, daß man befugt ist, es sich gut gehen zu lassen, kommt allgemach die Verweichlichung und das Gefühl, daß es gar nicht anders sein könnte. Weitgehende Sozialpolitik, ein über das Maß hinaus gehendes Versicherungswesen schützt jedermann vor kommendem Ungemach, entwöhnt von dem Gedanken an ein mögliches schweres Los, an Selbsthilfe und Vertrauen auf die eigene Kraft. Weder Entbehrung noch Anstrengung greifen aber Körper und Geist so sehr an, wie eine bequeme, sorglose Lebensweise, die in Deutschland leider vielfach Sitte geworden ist. Sie entnervt vor allem die Charaktere. Schon ist das Wort „kriegerisch" in einen ganz unverdienten Mißkredit gekommen. Ja, wir haben sogar die Aufforderung hören müssen: „Man soll die kommenden Generationen so erziehen, daß sie zum Kriege untauglich werden, damit der Frieden, die Ruhe und der Genuß uns erhalten bleiben." Das erinnert an das Treiben jener wahnwitzigen religiösen Sekte, die sich der eigenen Kraft beraubt. Es wäre, wenn das geschähe, Selbstvernichtung, und alles was die Väter und das heutige Geschlecht erworben haben, ginge unfehlbar wieder verloren. Deutschland sänke nochmals in Elend und Knechtschaft zurück, wie vor Jahrhunderten, und niemand hätte Mitleid mit uns, sondern alle uns heute beneidenden Völker würden uns höhnisch zurufen: „Ihr habt's gewollt!" Doch dahin soll es niemals kommen. Gott sei's gedankt! — durch die junge Generation weht ein frischer kräftiger Zug, der auf Ertüchtigung gerichtet ist. Sie will sich kräftigen in dem Bewußtsein, daß es ihre Pflicht ist, Deutschlands Zukunft auf starken Schultern zu tragen und die Stürme siegreich zu bestehen, die nicht ausbleiben werden. Ihr Leben soll ein „stolzes, ein geharnischtes Leben" sein, wie Ernst Moritz Arndt es einst für Deutschland ersehnt hatte. Die moderne Jugendbewegung, die alle Teile 624 X. Schlußbetrachtung des Vaterlandes ergriffen hat, gehört zu den erfreulichen und tröstlichen Erscheinungen der Gegenwart. Auf unserer Jugend beruht die Zukunft. Darum erziehen wir sie jetzt zu einem tatkräftigen, harten und unerschrockenen Geschlecht, das sich des Friedens und seiner segensreichen Arbeit wohl freut, aber auch die Gefahren niemals scheuen wird, unter denen wir ehedem groß geworden sind. Chronologische Tafel (Einzelne Zeitbestimmungen des Texte« sind in der Tafel ergänzt oder berichtig«,) I. Teil Seite 1796, 5. April. Trennung Preußens von den Verbündelen im Baseler Frieden. 13 17S7, 16. Novbr, Thronbesteigung Friedrich Wilhelm III......... 19 1801, Besetzung des Kurfürstentums Hannover durch Preußen....... 2V 1803, Bonaparte läßt französische Truppen in Hannover einrücken..... 20 1805, Durchmarsch französischer Truppen durch Ansbach und Ba>)reuth.... 20 1805, 2. Dez. Dreikaiserschlacht bei Austerlitz............ 21 180S, 16. Dez. Vertrag von Schönbrunn zwischen Haugwitz und Napoleon . . 21 1806/6, Rückmarsch der russischen Truppen aus Norddeutschland...... 22 1806 13. 2., Optimistischer Bericht Lucchesinis aus Paris.......... 22 16. 2., Vertrag von Paris zwischen Preußen und Frankreich....... 21 24. 2., Legationsrat Roux über kriegerische Stimmung am französischen Hofe . 23 25. 2., Pariser Bertrag in Berlin ratifiziert............. 22 28. 3., Murat besetzt die Preußischen Abteien Essen, Werden und Elten ... 23 I. 4., Besitzergreisung Hannovers durch Preußen........... 32 II. 6., Kriegserklärung Englands an Preußen............ 22 13. 6., Lucchesinis entscheidender Bericht aus Paris.......... 23 9. 3., Mobilmachung des preußischen Heeres mit Ausnahme der Truppen im Osten, die erst nachträglich auf Kriegsfuß gesetzt werden...... 24 10. 9., Sachsen macht mobil und schließt sich Preußen an........ 24 26. 9., Plan zum Vormarsch der Preußen über den Thüringer Wald .... 27 4. 10., Die preußische Armee außer den Sachsen und der Division Tauentzien westlich der Saale vereint................ 30 4. 10., Großer Kriegsrat unter Vorsitz des Herzogs von Braunschweig zu Erfurt 30 7. 10., abends 10 Uhr. Tauentziens Abmarsch von Hof......... 33 8. 10., Beginn des französischen Vormarschs von Bahreuth und Bamberg... 30 9. 10., Gefecht von Schlei;................... 33 10.10., Bereitstellung der preußischen Armee an der Saale........ 33 10.10., Gefecht von Saalfeld.................. 34 10.10., Tauentziens Rückzug auf Jena............... 36 11.10., Panik bei Jena.................... 36 12.10., Napoleon erhält Gewißheit, daß die Preußen noch am linken Saaleufer stehen 36 12.10., Naumburg durch die Franzosen besetzt............ 37 13.10., Lannes meldet 30000 Preußen bei Jena im Lager........ 37 13.10., Abmarsch der preußischen Hauptarmee nach Auerstädt. Hohenlohe bei Jena 38 13.10., Napoleons Anordnungen zum Einschwenken der Armee gegen die Saale . 37 14.10., Doppelschlacht von Jena und Auerstädt............ 41 15.10., Napoleon in Weimar ordnet die Verfolgung an......... 56 15.10., Friedrich Wilhelm III. in Sömmerda. Befehl zum Rückzug auf Magdeburg 54 15.10., Murats Kavallerie vor Erfurt, das kapituliert......... 54 16.10., Fürst Hohenlohe und der König in Sondershausen........ 55 17.10,, Leutnant v. Hellwig befreit bei Eichrode einen Kriegsgefangenentransport 56 17.10., Die Spitzen der Preußen erreichen den Nordfuß des Harzes. Sachsen sagt sich los .... ................... S8 Jrhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 40 626 Chronologische Tafel, I. Teil 180« (Fortsetzung) Seite 17.10., Gefecht von Halle................... 59 19. u. 20.10., Zusammenströmen der preußischen Heerestrümmer in Magdeburg . 60 21.10., Hohenlohes Abmarsch von Magdeburg............ 62 23.10., Hohenlohe in Rathenow. Ausbiegen nach Norden........ 63 23.10., Bei Roßlau stellen die Franzosen die erste Kriegsbrücke über die Elbe her 62 24.10., Hohenlohe bei Neustadt a. d. Dosse............. 63 25.10., Napoleon nimmt die Verfolgung Hohenlohes auf......... 66 26.10., Hohenlohes Zögern bei Gransee.............. 66 27.10., Napoleons Einzug in Berlin............... 86 29.10., Die Russen überschreiten als Verbündete die preußische Ostgrenze ... 90 27.10., Hohenlohe stößt bei Boitzenburg auf den Feind und erreicht Schönermark bei Prenzlau..................... 68 Nacht vom 27. zum 23. 10., Blücher in Lychen und Fürstenberg...... 77 23.10., Hohenlohes Kapitulation von Prenzlau............ 72 29.10., Kapitulation der Kavallerie bei Pasewalk........... 72 29.10., Blüchers Abmarsch von Boitzenburg nach Strelitz........ 77 Nacht vom 29. zum 30. 10., Kapitulation von Stettin......... 74 30.10,, Blücher bei Dambeck. Bereinigung mit Winning........ 78 30.10., Kapitulation der Artillerie bei Boldekow........... 73 1. 11., 1100 Infanteristen und 1078 Reiter legen in Vorpommern die Waffen nieder 73 1. 11., Kapitulation von Küstrin............... . 74 1. 11., Königlicher Befehl, Danzig in Bereitschaft zu setzen........ 136 1. 11., Gefecht von Waren................... 80 2. 11., Blücher in Malchin.................. 31 5. 11., Blücher erreicht Lübeck.................. 82 6. 11., Bernadotte vor Lübeck, Straßenkampf in der Stadt........ 84 7. 11., Blücher muß bei Ratkau kapitulieren............ 85 8. 11., Napoleon hat die große Armee gegen die Weichsel in Bewegung gesetzt . 87 9. 11., Kapitulation von Magdeburg............... 74 16.11., Napoleon steigert seine Forderungen an Preußen........ 90 17.11., Lannes trifft bei Thorn an der Weichsel ein, wo L'Estocq steht .... 88 20.11., Kapitulation Lecoqs in Hameln, bald darauf folgt Nienburg .... 74 20.11., Die Russen in Warschau. Bennigsen Oberbefehlshaber...... 90 22.11., Der König weist von Graudenz, wo er am 3. 11. über Küstrin (20. 10.) eingetroffen ist, Napoleons Forderungen zurück......... 91 25.11., Napoleon bricht von Berlin nach Osten auf, ist am 27. 11. in Posen . 94 30.11., Der größere Teil der französischen Armee vor Warschau...... 94 30.11., Die Russen räumen Warschau und gehen nach der Vorstadt Praga zurück 94 1. 12., Ortelsburger Publikandum................ 93 1. 12., Die Russen gehen an den Narew zurück............ 95 2. 12., Bennigsen beginnt den Rückmarsch auf Ostrolenka (S. 95), kehrt aber wieder um. Buxhöwdens Armee hinter ihm, Graf Kamenskoi Oberbefehlshaber über beide................... 97 2. 12., Glogau öffnet die Tore................. 130 13.12., Übergänge bei Thorn und Warschau wieder hergestellt....... 95 15.12., Napoleon entschließt sich zum Übergange bei Warschau....... 96 Nacht vom 13. zum 19. 12., Napoleon trifft in Warschau ein...... . 96 22.12., Bug-Narewbrücke hergestellt................ 96 23.12., Gefecht von Czarnowo.................. 98 25.12., Gefecht von Soldau zwischen Ney und l'Estocq......... 101 26.12., Die Schlachten von Pultusk und Golymin........... 99 Chronologische Tafel, I. Teil 627 180« (Fortsetzung) S-It- 26.12., Feldmarschall Kamenskoi verläßt die Armee. Bennigsen übernimmt die Führung...................... 93 27.12.,L'Estocq zieht über Neidenburg ab............. 101 29.17., Napoleon verlegt das Heer in Erholungsquartiere........ 101 1807 1. 1., Napoleon ordnet die Winterruhe an............. 102 5. 1., Brcslau kapituliert................... 180 6. 1., Der preußische Hof geht von Königsberg nach Memel. L'Estocq zum Schutz von Königsberg berufen............... 103 8. 1., Brieg eingeschlossen, kapituliert am 16. 1............ 180 15. 1., Bennigsen mit dem russischen Heere bei Bialla, zum Oberbefehlshaber ernannt, geht gegen die untere Weichsel wieder vor........ 104 16. 1., Schweidnitz eingeschlossen, am 16. 2. an den Feind übergeben .... 130 22. 1., Einschließung von Graudenz................ 177 25. 1., Gefecht von Mohrungen................. 104 28. 1., Napoleon trifft seine Anordnungen für das Wiedervorgehen der Großen Armee 106 28. 1., Friede zwischen Preußen und England............ 134 31. 1., Versammlung der Großen Armee um Willenberg beendet...... 106 1. 2., Ihr Vormarsch beginnt................. 106 2. 2., Beide Heere in Bewegung auf Allenstcin........... 107 2. 2,, Das Preußische Korps erreicht Deutsch-Eylau, am 3. Osterode . . . . 109 3. 2., Gefechte von Johnkendorf und Bergfriede. Die Russen treten den Rückzug an 107 4. 2., Das Preußische Korps schlägt die Richtung auf Mohrungen ein ... . 109 5. 2., Ney erhält Befehl sich gegen sie zu wenden.......... 110 5. 2., Gefecht bei Waltersdorf................. 110 «. 2., Gefecht bei Hof südlich von Landsberg in O/Pr.......... 110 7. u. 3. 2., Die Schlacht von Preußisch Eylau............ 113 S. 2., Gefechte von Wackern und Schlauthienen........... 122 S. 2. abends, Bennigsen geht auf Königsberg, L'Estocq nach Friedland zurück . 126 10. 2., Napoleou geht bis zum Frisching vor............ 130 16. 2., Er gibt Befehl zum Abmarsch hinter die Passarge und obere Alle . . . 130 18. 2., Rheinbundstruppen vor Danzig.............. 137 19. 2., Wicdereinrücken der Franzosen in Winterquartiere........ 130 20. 2., Die Verbündeten folgen langsam.............. 130 25. 2., Marschall Lefebvre trifft in Dirschau zur Belagerung von Danzig ein . 137 I. 3., Einschließung von Kolberg................ 173 10. 3., Einschließung von Danzig................137 II. 3., General Graf Kalckreuth begibt sich nach Danzig......... 137 20. 3., Die Franzosen bemächtigen sich der Nehrung.......... 133 24. 4., Eröffnung des Bombardements von Danzig.......... 133 26. 4., Die Bartensteiner Konvention............... 149 1. 5., Der König besichtigt das Entsatzkorps bei Königsberg....... 139 7. 5, Wegnahme des Holms bei Danzig............. 133 9. u. 10. 5., Stürme auf den Hagelsberg werden abgewiesen....... 140 11. 5., Graf Götzens Zug gegen Breslau.............. 181 12. 5., Die Transportflotte langt auf der Rhede von Ncufahrwasser an . . . 140 13. 5., Die verbündeten Monarchen begeben sich zur Armee. Das beabsichtigte Vorgehen wird aufgegeben................ 141 14. 5., Gefecht bet Kanth................... 181 15. S., Der Entsatzversuch zur Rettung von Danzig mißlingt....... 141 '27. 5., Übergabe von Danzig.................. 144 40* 628 Chronologische Tasel, I. Teil 18«? (Fortsetzung) 30. S., Blücher landet bei Stralsund mit dem für Schweden gestellten Hilfskorps 182 1. u. 2. 6., Napoleon in Danzig................. 148 4. u. 5. 6., Angriff der Verbündeten auf den Brückenkopf von Spanden.... 153 5. u. 6. 6., Napoleon, vom Vorgehen der Verbündeten überrascht, versammelt die Große Armee..................... 155 6. 6., Neu bei Ankendorf von Bennigsen hinter die Passarge gedrängt.... 1S4 7. K., Bennigsen nach Guttstadt zurück.............. 155 8. 6., Er versammelt dort sein Heer............... 155 8. 6., Napoleon erkennt den beginnendenRückzug der Russen von Guttstadt und folgt 156 10. 6., Die Russen machen bei Heilsberg Halt............ 157 10. 6., Schlacht von Heilsberg................. 158 11. 6., Die Russen warten vergeblich auf neuen Angriff, ziehen nach Friedland ab 164 13. 6., Sie treffen dort ein und gehen ans linke Alleufer über...... 166 13. 6., Napoleon setzt die verfügbaren Kräfte teils gegen Königsberg, teils gegen Friedland in Marsch.................. 165 13. 6., L'Estoca weicht hinter den Frisching zurück........... 165 14. 6., Die Russen bleiben in ihrer gefährdeten Stellung am linken Alleufer stehen 168 14. 6., Schlacht von Friedland................. 168 16. 6., L'Estoca räumt Königsberg und geht hinter die Deime...... 174 16. 6., Übergabe von Neiße vereinbart............... 181 17. 6., L'Estoca vereinigt sich mit den Russen bei Mehlauken.....- . . 176 18. u. 19. 6., Die Trümmer der verbündeten Armee gehen bei Tilsit hinter die Memel 176 21. 6., Waffenstillstand zwischen Russen und Franzosen......... 176 24. 6., Erstürmung des verschanzten Lagers von Glatz......... 181 25. 6., Monarchenzusammenkunft auf einem Floß in der Memel...... 183 30. 6., Waffenruhe vor Graudenz................ 178 Nacht vom 30. 6. zum 1. 7., Sturm auf die Außenposten von Kvlberg abgewiesen 179 2. 7., Waffenruhe vor Kolberg................. 179 5. 7., Die Engländer landen auf Rügen.............. 182 7. 7., Abschluß des Offensiv-und Defensivbündnisses zwischen Frankreich und Rußland 184 9. 7., Frieden von Tilsit zwischen Preußen und Frankreich........ 184 12. 7., Graf Kalckreuth unterzeichnet den Vertrag über Räumung des Preußischen Staatsgebietes.................... 185 16. 7., Übergabe von Kosel vereinbart............... 181 1. 10., Stein beim Könige in Memel............... 187 9. 10., Aufhebung der Erbuntertänigkeit zu Martini 1810........ 188 1. 11., Termin für Räumung Preußens, falls bis dahin alle Kriegskosten an Frankreich gezahlt werden, wird nicht innegehalten........ 185 1808 8. 1., Prinz Wilhelms Sendung nach Paris ist vergeblich........ 185 3. 8., Aushebung der Prügelstrafe im preußischen Heere........ 192 6. 3., Kabinettsorder über Einführung des Krümpersyslems....... 192 8. 9., Neuer Vertrag über Räumung Preußens unter Mitwirkung des Kaisers Alexander...................... 186 7. 11., Stein legt dem Könige sein Abschiedsgesuch vor......... 190 24.11., Der König willigt in Steins Entlassung nach Genehmigung seiner Entwürfe zur Wiederherstellung des Staats............ 190 16.12., Ächtungsdekret Napoleons gegen Stein............ 190 1809 10. 4., Die Österreicher überschreiten den Jnn bei Mühlheim ....... 196 16. 4., Sie erreichen Landshut und vertreiben die mit Frankreich verbündeten Bayern 196 Chronologische Tafel, I. Teil 629 1809 (Fortsetzung) Seit- 17. 4., Napoleon, am 12. aufgebrochen, erreicht Donauwörth...... . 196 19. u. 20. 4., Davout stellt sich dem Erzherzog Karl in den Weg, wird geworfen, und die Besatzung von Regensburg streckt die Waffen....... 196 22. u 23. 4., Schlachten von Eckmühl und Regensburg......... 197 23. 4., Rückzug der Österreicher ans nördliche Donauufer......... 197 13. 5., Napoleon besetzt Wien................. 197 21. u. 22. 5.. Schlacht von Aspern................ 197 5. u. 6. 7., Schlacht von Wagram................ 199 Iv.u. 11. 7., Treffen bei Znaim durch Waffenstillstand unterbrochen..... 200 14.10., Friede von Wien................... 200 23.12., Friedrich Wilhelm III. verlegt sein Hoflager wieder nach Berlin ... 200 1810 4. 6., Hardenberg Staatskanzler in Preußen ............ 201 19. 7., Tod der Königin Luise................. 200 1812 15. 1,, Erscheinen des neuen Jnfanteriereglements in Preußen...... 211 24. 2., Bündnis mit Frankreich gegen Rußland........... 204 9. 5., Napoleon von Paris nach Dresden, wo er bis zum 29. Hof hält . . . 206 6. 6., Die Große Armee tritt von der Weichsel nach dem Riemen an ... . 207 23. zum 24. 6., Die Große Armee überschreitet bei Kowno den Riemen . . . 207 22. 6., Das preußische Hilfskorps, bei Ragnit-Tilsit vereint, überschreitet am 23. den Riemen, um unter Macdonalds Kommando zu treten..... 209 28. 6., Napoleon in Wilna.................. 209 7. 7., Macdonald soll über die untere Düna vordringen und setzt sich am 16. 7. in Bewegung..................... 210 16. 7., Scharnhorst geht nach Petersburg.............. 203 19. 7., Gefecht von Eckau.................... 210 5. 8., Die Russen werfen den preußischen linken Flügel bei Schlock zurück . . 212 7. 8., Kleist weist sie im Gefecht von Wolgund und Kliewenhof ab..... 212 13. 8., Dorck übernimmt an Stelle des schwerkranken Grawert die Führung des preußischen Hilfskorps.................. 212 22. 8., Gefecht von Dahlenkirchen................ 213 28. 9. bis 2. 10., Schlacht von Bauske............... 216 16.u. 17.10., Macdonald gestattet die engere Versammlung des preußischen Hilfskorps 216 13.11., Friedrichsstadt überfallen, aber wieder genommen........ 217 5. 12., Napoleon verläßt die große Armee, Murat übernimmt das Oberkommando 213 16.12., Dorck erhält Nachricht über Eintreffen der Trümmer der Großen Armee auf preußischem Boden................. 218 18.12., Bestätigung durch einen mit Befehlen von Berthier eingetroffenen Augenzeugen und das 29. Bulletin............... 218 18.12., Beginn des Abmarsches von Macdonald aus Kurland....... 219 20.12., Yorck folgt..................... 219 25.12., Dorcks Rückzug durch Debitsch verlegt............ 220 26.12., Gefecht bei Piktupönen; Macdonald gelangt nach Tilsit...... 220 30.12., Konvention von Tauroggen. Uorcks Korps neutralisiert...... 222 1813 3. 1., Die Franzosen erreichen Königsberg............. 222 8. 1., Dorck trifft in Königsberg ein............... 223 16. 1., Murat legt sein Kommando nieder, das Vizekönig Eugen übernimmt. . 225 22. 1., Steins Erscheinen in Königsberg bringt die Ereignisse in Fluß.... 223 25. 1., König Friedrich Wilhelm III. verlegt seine Regierung nach Breslau . . 226 630 Chronologische Tafel, I. Teil 1813 (Fortsetzung) Seite 28. 1., Komniissarium wegen Vermehrung der Armee.......... 227 3. 2., Verordnung über Bildung des freiwilligen Jägerdetachements .... 228 5. bis 9. 2., Der ostprenßische Generallandtag beschließt auf Uorcks Vorschlag die allgemeine Landesbewaffnung............... 224 8. 2., Pillau kapituliert. Die erste Festung, welche die Franzosen verloren . . 225 9. 2., Aufhebung der Ausnahmen von der Kantonpflicht........ 228 12. 2., Der König befiehlt die Mobilmachung der schlesischen und pommerschen Truppen 229 12. 2., Der Vizekönig in Posen rückt zur Oder ab........... 226 13. 2., Die russische Avantgarde, von Wintzingcrode geführt, vertreibt die Sachsen von Kalisch...................... 227 20. 2., Die Kosaken statten Berlin einen kurzen Besuch ab........ 226 23. 2., Entschluß zum Bündnis mit Rußland............ 230 27. u. 28. 2., Unterzeichnung des Bündnisses zwischen Preußen und Rußland zu Kalisch....................... 230 28. 2., Blücher wird an die Spitze der schlesischen Truppen gestellt ..... 230 6. 3., Der Vizekönig zieht sich hinter die Elbe zurück......... 227 6. 3., Scharnhorst ist wieder beim König uud betreibt eifrig alle Vorbereitungen 231 10. 3., Stiftung des Eisernen Kreuzes............... 231 11. 3., Wittgenstein trifft in Berlin ein.............. 231 12. 3., Napoleon macht die Zusammensetzung der neuen großen Armee bekannt . 233 15. 3., Zar Alexander trifft in Breslau ein............ . 231 17. 3., Uorck mit seinen Truppen in Berlin............. 231 17. 3., „Aufruf an mein Volk"................. 231 18. 3., Tettenborn besetzt Hamburg................ 233 20. 3., Bekanntmachung des Bündnisses zwischen Preußen und Rußland, sowie der Landwehr- und Landsturmordnung............ 231 21. 3., Vizekönig Engen bei Magdeburg.............. 239 27. 3., Kriegserklärung Preußens an Frankreich............ 232 29. 3., Tschernitschew und Dörnberg überschreiten die Elbe bei Havelberg . . . 234 30. 3., Blücher erreicht Dresden................. 240 2. 4., Sie umzingeln und stürmen Lüneburg, das die Franzosen am 31. 3. besetzt hatten...........'......... 234 3. 4., Dörnberg und Tschernitschew über die Elbe zurück........ 234 5. 4., Gefecht bei Möckern.................. 240 7. 4., Die Hauptarmee bricht von Kalisch auf............ 241 14. 4., Sie überschreitet bei Steinau die Oder............ 241 15. 4., Napoleon bricht von St. Cloud auf............. 242 17. 4., Napoleon in Mainz.................. 242 24. 4., Napoleon verläßt Mainz................. 245 24. 4., Die Hauptarmee zieht in Dresden ein............ 241 25. 4., Napoleon in Erfurt.................. 245 27. 4., Davout läßt Lüneburg besetzen............... 271 27. 4., Wittgenstein übernimmt den Oberbefehl über die Verbündeten .... 245 29. 4., Vizekönig Eugen nimmt Merseburg............. 245 1. 5., Allgemeiner Vormarsch der Franzosen auf Markranstädt...... 246 2. 5., Die Schlacht von Groß-Görschen.............. 248 3. 5., Rückzug der Verbündeten über die Elster........... 246 4. 5., Die Verbündeten hinter die Zwickaner Mulde.......... 246 6. 5., Napoleon kommt nur bis Borna.............. 257 k. 5., Kleist, Blücher und Uorck über die Elbe zurück......... 257 8. 5., Das linke Elbufer ganz von den Verbündeten geräumt...... 257 Chronologische Tafel, I. Teil 631 1813 (Fortsetzung) Sc»- 11. S., Rückzugsgefechte von Schmiedefeld, Bischofswerda und Göda..... 259 13. 5., Kleist trifft bei Bautzen ein................ 259 14. 5., Preußen und Russen auf Bautzen zurück........... 259 15. 5., Macdonald vor Bautzen................. 260 16. 5.. Barclay trifft bei Bautzen ein............... 259 19. 5., Gefechte bei Königswartha und Weißig............ 262 20. bis 21. 5., Schlacht bei Bautzen................ 263 26. 5., Gefecht von Hainau.................. 269 28. 5., Gefecht von Hoyerswerda.................271 Nacht v. 29 bis 30. 5., Tettenbvrn räumt Hamburg.......... 271 30. 5., Die Franzosen rücken in Hamburg ein............ 271 4. 6., Gefecht von Luckau................... 271 4. 6., Waffenstillstand zu Ploischwitz............... 270 16. 6., Gefecht in der Göhrde.................. 367 17. 6., Überfall von Kitzen................... 274 21. 6., Schlacht von Vittoria, Wellington verdrängt die Franzosen aus Spanien 383 28. 6., Scharnhorst stirbt in Gitschin an der bei Groß-Gorschen erhaltenen Wunde 329 7. 8., Die Verbündeten rücken aus Schlesien nach Böhmen ab...... 232 15. 8,, Napoleon verläßt Dresden, um nach Schlesien zu gehen...... 283 16. 8., Ablauf des Waffenstillstandes............... 282 17. 8., Davvut geht von Hamburg aus über die Stecknitz vor....... 366 18. 8., Napoleon erfährt den Abmarsch der Verbündeten nach Böhmen .... 283 19. 8., Napoleon in Gabel................... 283 19. 8., Oudinot beginnt den Vorstoß gegen Berlin.......... 300 20. 3., Napoleon in Lauban.................. 283 21. 3., Oudiuot bei Trebbin.................. 300 21. 8., Napoleon bei Löwenberg................. 283 21. bis 23. 8., Gefechte bei Trebbin, Wilmersdorf, Wittstock und Jühnsdorf . . 301 22. 8., Blücher hinter die Katzbach................ 286 22. 8., Die Verbündeten überschreiten das Erzgebirge.......... 287 23. 8., Davout in Schwerin................... 366 23. 8., Schlacht von Groß-Beeren................ 302 23. 8., Gefechte von Niedernau und Goldberg............ 286 23. 8., Blücher hinter Jauer zurück................ 286 25. 8., Die Verbündeten vor Dresden............... 287 26. 8., Schlacht an der Katzbach................. 305 26. bis 27. 8., Schlacht von Dresden............... 287 27. 8., Die Verbündeten treten den Rückzug an........... 294 27. 8,, Treffen von Hagelberg.................- 304 28. 8., Die Österreicher bei Altenberg............... 295 29. 8., Vandamme drängt den Herzog Eugen zurück.......... 297 29. bis 30. 8., Schlacht von Kulm................ 298 31. 8., Macdonald auf Görlitz und Bautzen zurück............ 309 3. 9., Oudinot erreicht auf seinem Rückzug Wittenberg......... 303 3. 9., Napoleon nach Bautzen................. 311 4. 9., Bernadotte mit der Nordarmee Wittenberg gegenüber....... 304 4. 9., Blücher nähert sich Bautzen, geht wieder zurück......... 31 6. 9., Napoleon in Dresden.................. 31 6. 9., Schlacht von Dennewitz................. 313 7. 9., Gefecht von Dahme.................... 317 8. 9., Wiedervorgehen der schlesischen Armee gegen Görlitz........ 320 6Z2 Chronologische Tafel, I. Teil 1813 (Fortsetzung) Seite 8. 9., Barclahs Vorstoß gegen Dresden.............. 320 9. 9., Napoleon gegen das Erzgebirge.............. 320 11. 9., Napoleon in Pirna.................. 321 Nacht vom 17. zum 18. 9., Überfall von Freiberg........... 321 18. 9., Napoleon erkundet Schwarzenbergs Stellung.......... 321 18. 9., Offensive der Österreicher in Italien............. 331 21. 9., Napoleon nach Dresden zurück............... 323 22. 9., Gefecht von Schmiedefcld................. 323 24. 9., Bülow läßt die Vorstädte von Wittenberg stürmen........ 313 24. 9., Blücher bei Harthau und Bischofswerda............ 325 26. 9., Überfall von Braunschweig dnrch Marwitz........... 318 26. 9., Blüchers Abmarsch nach Elsterwerda............. 326 27. 9., Dekrete Napoleons über neue Aushebungen in Frankreich...... 324 28. 9., Gefechte bei Großenhain und Meißen............. 326 28. 9., Tschernitschew verjagt den König Jerome aus Kassel....... 318 1. 10., Napoleon erfährt den Linksabmarsch der böhmischen Armee..... 324 2. 10., Net) schiebt das ganze Bertramsche Korps nach Wartenburg..... 326 3. 10., Yorcks Elbübergang bei Wartenburg............. 327 4. 10., Der Kronprinz von Schweden überschreitet die Elbe........ 330 5. 10., Die böhmische Armee bei Chemnitz und Zwickau......... 330 7. 10., Napoleon verläßt Dresden und trifft am 8. in Würzen ein..... 334 8. 10., Blücher will auf Leipzig vorgehen.............. 334 8. 10., Vertrag von Ried zwischen Bayern und Osterreich........ 362 9. 10., Napoleon droht Blücher bei Düben zu umklammern, Blüchers Abmarsch nach Westen..................... 335 10.10., Schlesische und Nordarmee zwischen Mulde und Saale....... 335 10.10., Nach den Gefechten bei Penig, Eschefeld und Frohburg, Flößen, Wethau und Stößen, sowie bei Borna erreicht die böhmische Armee Borna und Rötha 336 10.10., Napoleon in Düben erkennt, daß Blücher ihm wieder entgangen ist . . 338 12.10., Die schlesische Armee auf dem linken Saaleufer bei Halle...... 336 12.10., Die Nordarmee bei Alsleben............... 336 12.10., Blücher läßt Merseburg besetzen.............. 336 12.10., Napoleon erfährt den Marsch Blüchers nach der Saale....... 338 13.10., Er schlägt die Richtung auf Leipzig ein............ 339 13. 10., Murat muß vor der böhmischen Armee gegen Leipzig zurück..... 339 13.10., Blücher bleibt bei Halle, trotzdem der Kronprinz von Schweden sein Zurückgehe» über die Elbe verlangt............... 342 14.10., Napoleon im vollen Anmarsch auf Leipzig........... 339 14.10., Bayerns Kriegserklärung an Frankreich............ 362 14.10., Die Verbündeten erfahren Napoleons Abmarsch auf Leipzig..... 342 15.10., Napoleon stellt die Truppen bei Leipzig in Schlachtordnung..... 340 16.10., Erster Schlachttag von Leipzig............... 343 17.10., Ruhe; beiderseitiges Heranziehen von Verstärkungen........ 352 18.10., Zweiter Schlachttag von Leipzig . ............. 354 19.10., Erstürmung von Leipzig durch die Verbündeten......... 359 20.10., Rückzug der Franzosen auf Freiburg an der Unstrut....... 361 21.10., Bertrand auf den Höhen bei Neu-Kösen............ 361 21.10., Blücher bei Weißenfels über die Saale............ 362 22.10., Blücher vereinigt sich bei Freiburg mit Yorck.......... 362 23.10., Die Franzosen erreichen Erfurt............... 361 25.10., Blücher bei Langensalza. Schmarzenberg vor Weimar....... 362 Chronologische Tafel, I. Teil 633 1813 (Fortsetzung) Seire 26.10., Verfolgnngsgefechte am Hörselberg und bei Eichrodt........ 362 30. bis 31. 10., Schlacht von Hanau............... 363 1. 11., Die Nordarmee bei Göttingen..........'..... 370 2. 11., Napoleon mit der Armee bei Mainz über den Rhein zurück..... 365 4. 11., Blücher mit der schlesischen Armee bei Gießen und Wetzlar..... 368 5. bis 6. 11., Die Hauptarmee zieht in Frankfurt a. M. ein....... 368 8. 11., Bennigsen vor Magdeburg, Gefecht von Schönebeck........ 370 10.11., Friedensvorschläge der Verbündeten an Napoleon zurückgewiesen . . . 369 11.11., Dresden kapituliert................... 374 14.11., Hillar und der Nizekönig Eugen bei Caldiero in Oberitalien..... 383 24.11., Die Kosaken in Amsterdam................ 371 30.11., Stettin durch Hunger und Krankheit zu Fall gebracht....... 377 1. 12., Zamoscz und Modlin haben sich russischen Milizen ergeben..... 377 2. 12., Einzug des Prinzen von Oranien in Amsterdam........ 372 5. 12., Bernadottes Einzug in Lübeck............... 371 20.12., Die leichten Truppen der Verbündeten bei Basel, Laufenberg und Schaffhausen über den Rhein; die Hauptarmee folgt durch Oberbaden und die Schweiz, um das Plateau von Langres zu erreichen....... 389 24.12., Bennigsen vor Hamburg, vergeblicher Sturm auf Harburg..... 330 28.12., Tauentzien trifft vor Wittenberg ein.......'...... 330 31.12., Murat vereinigt sich bei Bologna mit den Österreichern...... 383 1814 Neujahrsnacht. Die schlesische Armee geht bei Mannheim, Caub und Koblenz über den Rhein; Mainz wird eingeschlossen........... 390 2. 1., Danzig fällt nach langer Belagerung............. 379 6. '1., Kleist vor Erfurt; die Franzosen räninen die Stadt........ 376 10. 1., Fall von Torgau................... 37 11. 1., Gefecht bei Epiual................... 390 11. 1., Murats Vertrag mit Osterreich. Anschluß an die Verbündeten .... 450 13. 1., Erstürmung von Wittenberg durch Tauentzien.......... 37" 13. 1., Bülow vor Antwerpen................. 391 18. 1., Ragusa in Dalmatien von den Österreichern genommen...... 333 24. 1., Gefecht von Bar-sur-Aube................ 390 SS. 1., Napoleon verläßt Paris und ist am 26. in Bitry le Fran?ais .... 392 25. 1., Napoleon stellt seine Armee bet St. Dizier zum Angriff bereit .... 392 27. 1., St. Dizier von den Franzosen genommen........... 392 29. 1., Gefecht von Brienne.................. 392 1. 2., Schlacht von La Rochiere................. 395 2. 2., Erste Trennung der schlesischen Armee von der Hauptarmes..... 393 4. 2., Blücher in CbMons-sur-Marne; Weitermarsch auf der großen Pariser Straße 393 H. 2., Napoleon erhält durch Marmont hiervon Nachricht........ 399 7. 2., Gvrkum in Holland fällt................. 416 ?. 2., Napoleon in Nogent-sur-Scine............... 399 8. 2., Marmont als Vorhut gegen die schlesische Armee nach Sezanne. . ' . 399 «. 2., Schlacht am Mincio.................. 451 5. 2., Napoleon folgt nach Sezanne............... 399 10. 2., Gefecht von Champaubcrt................ 401 10. 2., Treffen von Montmirail................. 401 12. 2., Gefecht von CtMeau Thierry............... 402 12. 2., Bernadottes Aufruf an die Franzosen............ 454 14. 2., Treffen von Vauchnmps und Etoges............. 403 ßZ4 Chronologische Tafel, I. Teil 1814 (Fortsetzung) Seit- 15. 2., Die geschlagene schlesische Armee sammelt sich bei CkMons-sur-Marne. . 405 15. 2., Napoleon wendet sich gegen die Hauptarmee, die inzwischen bis Sens vorgedrungen war.................... 407 16. 2., Er versammelt seine Streitkräfte bei Meanx.......... 408 18. 2., Treffen von Montereau, Rückzug der verbündeten Hauptarmee .... 409 21. 2., Blücher zur Unterstützung der Hauptarmee nach Mery-sur-Seine heran . 411 23. 2., Zweite Trennung der schlesischen Armee von der Hauptarmee und ihr Vormarsch gegen Paris.................. 412 24. 2., Sie überschreitet bei Anglure die Aube............ 413 24. bis 26. 2., Napoleon auf der Verfolgung der zurückgehenden Hauptarniee in Troyes 412 26. 2., Napoleon bricht von Troyes auf, um Blücher zu folgen...... 414 27. 2., Schlacht von Bar-sur-Aube................ 433 27. bis 28. 2., Die schlesische Armee überschreitet die untere Marne..... 414 1. 3., Blüchers Angriff auf den Ourca-Kanal............ 414 1. 3., Napoleon in La Ferte-sous-Jouarre............. 414 2. 3., BlttchersAbniarschaufSoissonszurVereiniguug mitBülow undWintzingerode 415 3. 3., Soissons öffnet die Tore................. 415 4. 3., Blücher durch Soissons hinter die Aisne mit Bülow und Wintzingerode vereint 415 4. 3., Troyes wieder von der Hauptarmes besetzt.......... . 434 4. bis 5. 3., Die Franzosen vor Soissons und an der Aisne....., . . 429 7. 3., Kllstrin kapituliert, soll am 30. 3. übergeben werden.....- . . 377 7. 3., Schlacht von Craonne.................. 419 8. 3., Blücher auf Laon zurück................. 423 9. bis 10. 3., Schlacht von Laon................. 424 11. 3., Napoleons Rückzug hinter die Aisne............. 429 13. 3., Gefecht von Reims................... 432 17. 3., Napoleon wendet sich nach Epernay, Ncy nach CkMons...... 435 18. 3., Napoleon bei Fere-Champenoise.............. 435 19. 3., Napoleon bei Planet, über die Anbe............. 435 19. 3., Der Kongreß zu Chktillon aufgelöst............. 435 20. 3., Augereau auf dein südöstlichen Kriegsschauplatz bei Limonest geschlagen . 450 20. bis 21. 3., Schlacht von Arcis-snr-Aube............. 436 23. 3., Napoleon erscheint bei St. Dizier.............. 440 24. 3., Die Verbündeten beschließen den Marsch auf Paris........ 443 24. 3., Ausfall aus Straßburg zurückgewiesen............ 458 25. 3, Gefecht von Fere Champenoise............... 446 26. 3., Napoleon greift Wintzingerode bei St. Dizier an........ 460 27. 3., Napoleon erlangt Gewißheit, daß die Verbündeten auf Paris marschieren 460 27. 3, Marschall Soult vor Toulouse............... 460 28. 3., Napoleon kehrt gegen Paris nm.............. 461 30. 3., Schlacht von Paris.................. 464 30. 3., Napoleon trifft im PostHause La Cour-de-France ein....... 470 31. 3., König Friedrich Wilhelm III. und Kaiser Alexanders Einzug in Paris. Napoleon erhält Nachricht davon und begibt sich nach Fontaineblean . . 469 1. 4., Napoleons Befehle zur Neuordnung des Heeres......... 470 2. 4., Die provisorische Negierung spricht die Absetzung des Kaisers aus . . . 470 3. 4., Napoleons Ansprache an seine Garde............. 470 4. 4., Die Marschälle bewegen Napoleon zur Abdankung........ 470 5. 4., Befehle zum Abmarsch nach der Loire............ 471 6. 4., Endgültige Abdankung Napoleons.............. 471 6. 4., Ludwig XVIII. zum König proklamiert........... 471 Chronologische Tafel, I. Teil gZZ 1814 (Fortsetzung) Seit- 9. 4., Abschluß der Waffenruhe in den Niederlanden......... 471 10. 4., Schlacht von Toulouse................. 471 10. 4., Übergabe von Glogau.................. 377 12. 4., Napoleon ratifiziert die Abdankungsurkunde.......... 471 12. 4., Abschluß der Waffenruhe auf dem südfranzösischen Kriegsschauplatze . . 471 19. 4., Waffenstillstand an den Pyrenäen.............. 471 4. S., Einzug König Ludwigs XVIII. in Paris........... 472 K. S., Übergabe von Magdeburg................ 376 25. 5., Hamburg von Davout geräumt.............. 380 30. 5., Frieden zu Paris................... 472 1815 1. 3,, Napoleon landet nachmittags 3 Uhr in der Bucht von Jouan nahe von Cannes.................. ^ .... 476 7. 3., Napoleon in Grenoble.................. 476 10. 3., Napoleon in Lyon................... 476 Nacht vom 19. bis 20. 3., Ludwig XVIII. verläßt Paris und geht nach Gent . 476 20. 3., Napoleon in den Tuilerien................ 476 28. 3., Murats übereilter Vormarsch von Ancona gegen Österreich..... 477 2. 4., Murat besetzt Bologna................. 510 13. 4., Frimont überschreitet den Po. Murat nach Macerata zurück .... 510 2. und 3. 5., Schlacht von Tolentino............... 512 4. 5., Murat tritt den Rückzug zum Volturno an.......... 512 17. 5., Murat bei Capua, verläßt am 18. das Heer.......... 512 20. 5., Neapel im Besitz der Österreicher.............. 512 9. 6., Napoleon läßt die französische Grenze absperren......... 482 9. bis 12. 6., Versammlung der französischen Armee zwischen Philippeville und Maubeuge...................... 432 14. 6., Napoleon beim Heere in Beaumont............. 482 14. 6., Blücher trifft Anordnungen für die Versammlung der Preußischen Armee 485 15. 6., Zielen als Vorhut bei Charleroi, weicht auf Fleurus zurück..... 485 15. 6., Wellington befiehlt die Bereinigung seiner Truppen bei Nivelles. Quatre- Bras besetzt..................... 485 15. 6., Napoleons Vormarsch auf Charleroi und Marchienne....... 483 16. 6., Blüchers Stellung beiderseits der Chaussee von Namur hinter dem Lignybach 487 16. 6., Gronchy gegen Ligny, Ney gegen Quatrc-Bras, Napoleon folgt.... 487 16. 6., Schlacht von Ligny und Treffeu von Quatre-Bras........ 487 16. 6. abends, Rückzug der Preußen ans Tilly und Wavre........ 493 17. 6., Blücher sagt Wellington seine Unterstützung zu......... 494 17. 6., Wellington versammelt sein Heer bei Mont St. Jean....... 496 17. 6., Napoleon ans dem Schlachtfeld von Ligny........... 495 18. 6., Schlacht von La Belle Alliance............... 497 18. 6. abends, Blücher und Gneisenau leiten Napoleons Verfolgung ein . . . 504 18. bis 19. 6., Treffen bei Wavre; Thielmann nach Löwen zurück...... 504 19. 6., Napoleon in Charleroi................. 507 19. 6., Blüchers Befehl zum Vormarsch nach Frankreich......... 507 20. 6., Thielmann bei Gembloux................. 508 20. 6., Pirchs Angriff auf Namnr................ 503 21. 6., Napoleon in Paris................... 507 21. bis 22. 6., Blücher geht die Sambre aufwärts vor, Avesnes kapituliert . . 508 22. 6., Napoleon legt die Krone zugunsten feines Sohnes nieder...... 507 23. 6., Der Kronprinz von Württemberg bei Germersheim über den Rhein . . 509 636 Chronologische Tafel, I. Teil — II. Teil 1815 (Fortsetzung) Seit- 26. 6., Wellington bei Peronne, Blücher bei St. Quentin........ 503 26. 6., Gefecht bei Surburg am Hagenauer Walde.....»..... 509 23. 6., Rapp unter die Kanonen von Straßburg zurückgeworfen...... 609 29. 6., Bülow, Zieten und Thielmann vor der Nordfront von Paris, Pirch gegen die Grenzfestungen................... 699 29. 6., Grouchy mit den Trümmern der französischen Armee in Paris .... 609 1. 7., Überfall der Husarenbrigade Sohr bei Versailles......... 613 2. 7., Zieten bei Sevres und Meudon.............. 613 3. 7., Davouts Ausfall aus Paris............... 613 3. 7., Kapitulation von Paris................. 614 7. 7., Zweiter Einzug der Verbündeten in Paris........... 616 8. 7., Rückkehr Ludwigs XVIII. nach Paris............ 616 12. 7., Beginn der Friedensverhandlungen............. 616 15. 7., Napoleon an Bord des Bellerophon trifft 16. 10. auf St. Helena ein . 616 20.11., Abschluß des zweiten Pariser Friedens............ 616 1818 30.1l., Die letzten Verbündeten Truppen beginnen Frankreich zu verlassen . . . 611 ^ II. Teil 1814 3. 9., Preußische Wehrverfassung................ 7 181S 22. 5., Versprechen einer Repräsentation des Volkes.......... 16 8. 6., Deutsche Bundesakte.................. 3 1. 9., Wettexerzieren zwischen Kaiser Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. 17 1816 5. 11., Ordnung des Friedensstandes in Preußen........ . . 11 1821 und 1822 Ordnung der Bundeskriegsverfassung.............12 1830 27. bis 31. 7., Julirevolution in Frankreich.............27 Neujahrsnacht 1833—1834, Der Preußische Zollverein eröffnet.......166 1846 6. 7., Offner Brief König Christians VII..............47 1847 2. 8., Polenprozeß in Berlin.................34 1848 20. 1., Tod Christians VII................... 49 22. bis 24. 2., Revolution in Frankreich..............39 13. 3., Erster Aufstand in Wien.................32 Chronologische Tafel, II. Teil 637 1848 (Fortsetzung) Eeit- 15. 3., Bundesbeobachtungskorps bei Harburg............ 50 18. 3., Straßenkampf in Berlin................. 32 18. 3., Aufstand in Mailand.................. 125 22. 3., Einzug der verhaftet gewesenen Polen in Posen......... 34 22. 3., Radikales Ministerium in Dänemark............. 49 Nacht v. 22. zum 23. 3., Radetzky räumt Mailand........... 125 Nacht v. 23. zum 24. 3., Provisorische Regierung in Kiel........ 49 24. 3., Polnische Deputation vor dem Könige............ 34 24. 3., Überrumpelung von Rendsburg............... 49 26. 3., Beobachtungskorps bei Havelberg gebildet........... 60 28. 3.. Mieroslawski in Posen................. 35 31. 3., Vorparlament in Frankfurt a. M.............. 33 3. 4., Mobiles Korps in Posen aufgestellt............. 35 4. 4., Gefecht von Buk................... 46 4. 4., Bundesbeschluß beauftragtPreußen.dieRechtederHerzogtümerwahrzunehmen 53 8. 4., Die Sardinier folgen bis zum Mincio............ 125 9. 4., Kapitulation von Bardo................. 46 9. 4., 9000 Holsteiner bei Flensburg............... 50 9. 4., Gefecht bei Bau...................- - 63 10. 4., Gefecht von Tremessen.................. 37 11. 4., 18000 Mann polnische Truppen in Posen gebildet........ 35 23. 4., Einrücken der Preußen und Holsteiner in Schleswig....... 54 23. 4., Schlacht von Schleswig................. 67 29. 4.. Gefecht von Xions................... 38 30. 4., Gefecht von Miloslaw.................. 40 2. 5., Überschreiten der jütischen Grenze.............. 63 2. 5., Besetzung von Fredericia................ 64 15. 5., Zweiter Aufstand in Wien................. 33 18. 5., Parlament in der Paulskirche............... 33 25. 5., Radetzky erhält Verstärkungen............... 127 28. 5., Die Dänen gehen von Alsen nach dem Festlande über....... 65 29. 5., Radetzky sprengt das toskanische Beobachtungskorps vor Mantua ... 127 5. 6., Gefecht von Rubel und Düppel.............. 66 6. 6., Überfall von Hoptrup.................. 68 10. 6., Erstürmung der Höhen vor Vicenza............. 127 25. 7.. Schlacht von Custozza.................. 128 27. 7., Aufstand der Ungarn bricht in Budapest aus...........132 6. 8., Radetzkys Einzug in Mailand............... 128 9. 8., Waffenstillstand von Mailand............... 128 26. 8., Waffenstillstand von Malmö............... 71 26. 9., Ermordung des Grafen Lamberg auf der Brücke zwischen Ösen und Pest 132 30.10., Gefecht von Schwechat.................. 132 31.10., Wien gefallen.................... 132 2. 12., Abdankung Kaiser Ferdinands; Franz Josef I. besteigt den Thron. . . 132 21.12., Verkündigung der deutschen Grundrechte durch den Reichsverweser ... 97 28.12., Gefecht von Babolna.................. 134 1849 2. 1., Aufgeben von Budapest durch die Ungarn........... 134 4. 1., Gefechte bei Kaschau................... 134 21. 1., Gefecht bei Hermannstadt................. 134 21. 1., Gefecht von Czeglcd.................. 136 638 Chronologische Tafel, II. Teil 1849 (Fortsetzung) Seite 23. 2., Dänemark kündigt den Waffenstillstand............ 72 26. u. 27. 2., Schlacht von Kapolna................ 136 7. 3., Gesamtverfassung für die österreichische Monarchie........ 136 12. 3., König Karl Albert kündigt den Waffenstillstand......... 123 17. 3., Radctzkh bricht zu seinem kühnen Zug über Pavia auf....... 129 21. 3., Bem drängt die Russen über die Grenze........... 135 23. 3., Schlacht von Novara.................. 130 28. 3., König Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser erwählt........ 73 28. u. 29. 3., Straßenkämpfe in Frankfurt a. M............ 97 3. 4., Wiederbeginn der Feindseligkeiten.............. 73 3. 4., König Friedrich Wilhelm IV. lehnt die Kaiserkrone ab....... 73 5. 4., Gefecht auf der Neede von Eckernförde............ 76 4. u. 6. 4., Gefecht bei Gödöllö................. 137 7. 4., Gefecht bei Ulderup.................. 76 Nacht v, 12. zum 13. 4., Wegnahme der DüPPeler Höhen........ 77 15. 4., Unabhängigkeitserklärung der Ungarn............ 136 20. 4., Gefecht von Kandern.................. 95 23. 4., Gefecht von Kolding.................. 77 23. 4., Gefecht von Güntersthal................. 95 27. 4., Herwegh über den Rhein getrieben............ . 95 3. bis 9. 5., Straßenkämpfe in Dresden............. 84 7. 5., Vorrücken der Bundestrnppen nach Jütland und Fredericia..... 87 11. ö., Aufstand in Freiburg.................. 98 12. 5., Rastatt in Händen der ba densisch en Aufrührer......... 98 13. 5., Der Großherzog von Baden verläßt Karlsruhe......... 98 14. 5., Einzug des Landesausfchusses daselbst.....'....... 93 17. 5., Vereinigung der Pfalz mit Baden proklamiert......... 98 18. 5., Preußen sagt sich von der Zentralgewalt los.......... 84 21. 5., Ofen von den Ungarn genommen............. . 137 I. 6., Provisorische Regierung in Baden.............. 100 3. 6., Kriegserklärung Badens an Württemberg........... 100 4. 6., Seegefecht bei Bremerhaven................ 73 8. 6., Mieroslawski in Karlsruhe................ 102 II. 6., Der Reichsverweser kündigt das Einrücken an.......... 102 12. 6., Der Prinz von Preußen übernimmt den Oberbefehl über die Bundestrnppen gegen Baden.................. 100 13. u. 14. 6., Gefechte von Homburg und Kirchheim-Bolanden ...... 103 14. 6., Die Russen überschreiten den Duklapaß............ 133 15. 6., Erstürmung von Ludwigshafen............... 103 16. 6., Gefechte bei Hirschhorn und Gr. Sachsen........... 102 20. 6., Gefecht von Wiesenthal................. 104 20. 6., Mieroslawski hat sein Heer geordnet............. 104 21. 6., Gefecht von Waghäusel................. 104 22. 6., Mieroslawskis Rückzug durch das Elsenztal.......... 105 27. 6., Einnahme von Arad durch die Ungarn............ 139 28. 6,, Angriff gegen die Murgstellung.............. 109 30. 6., Gefecht bei Gernsbach nnd Kuppenheim............ 110 6. 7., Schlacht von Fredericia................. 88 7. 7., Beschießung von Rastatt beginnt.............. 112 11. 7., Schlacht von Komorn.................. 133 11. 7., Übertreten der Aufständischen auf Schweizer Gebiet........ 111 Chronologische Tafel, II, Teil 639 1849 (Fortsetzung) Seite 10. 7., Abschluß der Friedenspräliminarien mit Dänemark werden 19. 7. beim Heere bekannt.................... 93 23. 7., Kapitulation von Nastatt................. 112 5. 8., Schlacht von Szöreg.................. 139 9. 8., Schlacht von Temesvär................. 139 13. 8., Kapitulation von Vilagos................ 140 IS. 8., Fall von Arad.................... 140 18. 8., Einzug des Großherzog von Baden in Karlsruhe........ 113 9. 9., Fall von Peterwardcin................. 140 2. 10., Fall von Komorn................... 140 20.12., Der deutsche Reichsverweser legt sein Amt nieder....... . 142 1850 6. 2., Revidierte Verfassung in Preußen.............. 143 10. 4,, Willisen übernimmt den Oberbefehl über die Holsteiner...... 114 8. S., Fürstenkongreß zu Berlin................ 142 2. 7., Berliner Frieden zwischen Preußen und Dänemark........ 114 13. 7., Einmarsch der Holsteiner in Schleswig............ 115 24. u. 25. 7., Schlacht von Jdstedt................ 116 7. 8., Die Dänen besetzen Friedrichsstadt............. 123 2. 9., Wiedereröffnung des Bundestages.............. 144 11.10., Schutz- und Trutzbündnis von Brcgenz gegen Preußen...... 145 29.11., Vertrag von Olmütz.................. 146 7. 12., Willisen legt das Kommando in Holstein nieder......... 124 1851 30. 5., Wiederherstellung der alten Bundesverfassung.......... 148 19. 6., Die ersten Zündnadelgewehre in Preußen........... 156 1852 29. 4., Trennung von Linie und Landwehr aufgehoben......... 151 2. 12., Napoleon III. Kaiser................. 158 1857 Entschluß, gezogene Feldgeschütze einzuführen.......... 157 7. 10., General v. Moltke Generalstabschef in Preußen......... 158 24.10., Der Prinz von Preußen zum Stellvertreter des Königs ernannt ... 155 1858 14. 1., Bombenattentat Orsinis................. 160 3. 5., Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit in Preußen...... 191 17. 5., 300 gezogene Geschütze bestellt............... 191 8. 10., Der Prinz von Preußen wird als Regent eingesetzt........ 155 1859 1. 1., Denkwürdiger Neujahrsempfaug bei Napoleon III......... 159 26. 4., Preußen beschränkt sich auf Schutz des Bundesgebietes....... 191 29. 4., Beginn des italienischen Krieges.............. 161 29. 4., Einrücken der Österreicher in die Lomellina.........' 162 2. 5., Die Österreicher bei Valenza am Po............. 162 2. 5., Erste Eisenbahnkommission für Militärtransporte in Preußen .... 193 4. 5., Poübergang der Österreicher bei Castelnuovo.......... 163 13. 5., Rückkehr der Österreicher in die Lomellina........... 164 19. 5., Vorgehen der Österreicher südlich deS Po........... 164 20. 5., Gefecht von Montebello................. 16S 26. 5., Linksabmarsch der Franzosen und der Sardinier......... 163 30. u. 31. 5., Gefecht von Palestro................ 169 640 Chronologische Tafel, II. Teil 1859 (Fortsetzung) Seite 31. 5., Entscheidender Tag für die Österreicher............ 174 2. K., Rückzug der Österreicher hinter den Ticino........... 174 4, 6., Die Schlacht von Magenta................ 17S 5. 6., Rückzug der Österreicher von Piacenza............ 18V 8. 6., Gefecht von Melegnano................. 181 16. 6., Die Österreicher hinter den Mincio zurück........... 183 24. 6,, Die Schlacht von Solferino............... 184 25. u. 26. 6., Die Österreicher wieder hinter dem Mincio......... 189 8. 7, Waffenstillstand von Villafranca.............. 190 15. 7., Der Prinzregent von Preußen entwirft die Bestimmungen für die Armeereorganisation ........... ........ 195 10.11., Frieden von Zürich.................. 190 1860 2- 1., Tod König Friedrich Wilhelms IV. Thronbesteigung Wilhelms I. . . 198 12. 1., Landtagseröffnung in Preußen............... 198 23. 2. u. 15. 5., Kabinettsorder über die Reorganisation..... ... 198 4. 7., Abschließende Kabinettsorder sür die Reorganisation........ 198 5. 7., Prinz Friedrich Karl kommandierender General des III. Armeekorps . . 202 1861 14. 1., Thronrede König Wilhelms 1................ 199 1862 23. 9., Bismarck Ministerpräsident in Preußen............ 207 1863 Sommer, Königsmanöver bei Lebus............... 204 27. 1., Wichtige Erklärung Bismarcks im Parlament.......... 207 1. 10., Bundesexekution in Holstein beschlossen............ 210 15.11., Tod König Friedrichs VII. von Dänemark........... 209 22.12.. Einrücken der Bundesexekutions-Truppen in Holstein....... 211 1864 14. 1., Antrag Österreichs und Preußens am Bundestag abgelehnt..... 211 14. 1., General de Meza soll die Dannewerke halten .......... 213 31. 1., Österreicher bei Rendsburg; die Preußen bei Kiel........ 215 1. u. 2. 2., Vorrücken der Verbündeten............... 215 2. 2., Gefecht von Missunde.................. 215 3. 2., Gefecht von Jagel und Oberselk.............. 216» Nacht vom 5. zum 6. 2., Die Dänen räumen die Dannewerke...... 219 6. 2., Gefecht von Qversee.................. 219 8. 2., Gefecht von Veile.................. 226 11. u. 12. 2., Einrücken der Preußen in das Sundewitt......... 222 18. 2., Vorpostengefechte im Sundewitt.............. 222 18. 2., Besetzung von Kolding................. 223 1. 3., Näheres Herangehen an die Düppler Schanzen......... 223 1. 3., General Gerlach dänischer Oberbefehlshaber........... 225 4. 3., Moltkes Denkschrift über Fortführung des Krieges........ 225 8. 3., Die Preußen vor Fredericia................ 225 7. 3. bis 18. 4,, Belagerung von Düppel.............. 229 17. 3., Die Dänen nach der Insel Mors zurück........... 227 17. 3., Seegefecht bei Jasmund................. 245 Nacht vom 15. zum 16. 3., Überfall der Insel Fehmarn........ 246 28. u. 5. 4., Vorpostengefechte vor der Düppelstellung......... 233/234 3. 4., Übergang über den Alsensund bei Ballegaard aufgegeben...... 231 Chronologische Tafel, II. Teil g^i 1804 (Fortsetzung) S°iie 7. 4., Eröffnung des Artillerieangriffs gegen die Diippler Schanzen .... 234 Nacht vom 14. zum IS. 4., Dritte Parallele vor Düppel ausgehoben .... 236 18. 4., Sturm auf die Düppler Schanzen. Rückzug der Däuen nach Ulfen . . 238 21. 4., König Wilhelm I. bei der Armee.............. 245 25. 4., Londoner Konferenz.................. 246 9. 5., Seegefecht bei Helgoland................. 246 12. 5., Waffenruhe, in London vereinbart, beginnt.......... 247 Nacht vom 28. zum 29. 6., Übergang nach Alsen........... 246 3. 7., Gefecht von Lundby.................. 252 11. bis 19. 7., Eroberung der friesischen Inseln............ 253 I. 8., Friedenspräliminarien von Wien.............. 254 1865 24. 3., Preußische Marinestatiou Danzig nach Kiel verlegt........ 257 29. 5., Bismarck und Moltke für die Einverleibung der Herzogtümer in Preußen 257 14. 8., Vertrag von Gastein .................. 258 186« 7. 2., Bündnis zwischen Preußen und Italien............ 259 21. 4., Österreich macht die Südarmee mobil............ 260 27. 4., Osterreichische Nordarmee mobil.............. 26V 3. bis 12. 5., Die preußische Armee kriegsbereit............ 260 20. 5. bis 9.6., Österreichische Nordarmee bei Olmütz versammelt...... 265 S. 6., Der erste preußische Aufmarsch vollendet........... 269 7. 6., Die Preußen rücken aus Schleswig nach Holstein ein, das von den Österreichern geräumt wird.................. 260 II. 6. Österreichs Antrag beim Bunde auf Mobilmachung gegen Preußen. . . 260 14. 6. Annahme des Antrages................. 260 15. u. 16.6, Einrücken der Preußen ins Hannöversche, die Hannoveraner nach Göttingen zurück .............. 270 16. 6., Die preußische Elbarmee rückt in Sachsen ein... '...... 270 17. 6., Die Sachsen marschieren nach Böhmen ab........... 280 17. 6., Benedeks Aufbruch von Olmütz.............. 284 18. 6., Die I. preußische Armee um Görlitz versammelt......... 282 19. 6., Die II. Armee in Schlesien versammelt............ 283 20. 6., Besetzung von Kassel.................. 270 20. 6., Kriegserklärung Italiens an Österreich............ 353 21. 6., Der konzentrische Vormarsch gegen die Hannoveraner beginnt .... 272 21. 6., Abmarsch der Hannoveraner nach Süden........... 272 22. 6., Österreichische Südarmee um Verona versammelt......... 353 22. 6., Befehl zum Einrücken nach Böhmen an I. n. II. Armee...... 283 23. 6., Die Hannoveraner bei Langensalza............. 273 23. 6., Die Italiener am Mincio und bei Ferrara am Po........ 353 24. 6., Verhandlungen zwischen Preußen und Hannover. Waffenruhe .... 273 24. 6., Begegnnngsschlacht von Custozza.............. 354 25. 6., Sachsen und I. österreichisches Korps hinter der Jser vereint..... 286 26. 6., Waffenruhe in Hannover gekündigt............. 274 26. 6., Gefecht von Hühnermasscr................ 286 26. zum 27. 6., Nachtgefecht von Podol.............. 287 27. 6., Gefecht von Langensalza................. 275 27. 5., Gefecht von Nachod.................. 289 27. 6, Gefecht von Trautenau................. 293 Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte II 41 g42 Chronologische Tafel, II. Teil 18«« (Fortsetzung) S-tt- 27. 6., Gefecht von Oswiecim.................. 297 Nacht vom 28. zum 29. 6., Die Hannoveraner legen die Waffen nieder . . - 280 28. 6., Gefecht von Burkersdorf................. 299 28. 6., Gefecht von Skalitz.................. 300 23. 6., Gefecht von Münchengrätz................ 304 29. k,, Gefecht von Schweinschädel................ 306 29. 6., Gefecht von Königinhof................. 308 29. 6., Gefecht von Gitschin.................. 303 30. 6., Moltkes Befehl zum Zusammenwirken der drei Armeen...... 313 1. 7., Benedek bittet den Kaiser, Frieden zu schließen......... 315 1. 7., Falckenstein mit der Mainarmee in Linie Gerstungen—Eisenach —Großen Behringen...................... 359 2. 7., Entschluß des Prinzen Friedrich Karl und Moltkes, die Österreicher an der Biestritz anzugreifen.................318/19 3. 7., Personenwechsel im österreichischen Oberkommando........ 316 3. 7., Schlacht von Königgrätz................. 320 4. 7., Rückzug der Österreicher auf Olmütz............. 338 4. 7,, Gefechte bei Dermbach................. 360 4. 7., Überfall von Hünfeld.................. 361 4. u. 6. 7., Waffenstillstandsvorschläge der Österreicher abgelehnt . . . . 338 u. 340 6. 7., Die Bayern bei Gersfeld................. 361 7. 7., Die preußischen Heere folgen den Österreichern......... 339 9. 7., Das Bundeskorps bleibt bei Frankfurt a. M.......... 362 9. 7., Die Bayern bei Neustadt a. d. Saale............ 362 10. 7., Gefecht von Kissingen.................. 362 11. 7., Die Österreicher wieder bei Olmütz vereint........... 339 12. 7., Erzherzog Albrecht in Wien................ 344 13. 7., I. Armee Brünn, Elbarmee Znaim............. 341 13. 7., Gefecht von Laufach.................. 366 14. 7., Gefecht von Aschaffenburg................ 367 14. 7, Abmarsch des Bundeskorps an die Tauber.......... 368 15. 7., Gefecht von Tobitschau und Roketnitz............. 342 15. 7., II. Armee erreicht Proßnitz................ 341 15., 16., 21. u. 23. 7., Gefechte an der Tiroler Grenze.......... 357 16. 7., Erste österreichische Truppen aus Italien in Wien........ 344 16. 7., Abzug der österreichischen Nordarmee ins Waagtal........ 344 13. 7., Das preußische Hauptquartier in Nikolsburg vor Wien...... 345 19. 7., Zusammenkunft des Prinzen Karl von Bayern mit Alexander von Hessen in Tauberbischoffsheim..........^,...... 369 21. 7., Nordarmee erreicht Preßburg.........^...... 346 22. 7., Gefecht von Blumenau................. 343 23. 7., Gefecht von Hundheim................. 370 24. 7., Gefecht von Tauberbischoffsheim.............. 370 26. 7., Gefecht von Roßbrunn................. 373 25. 7., Gefecht bei Helmstadt.................. 372 27. 7., Kanonade von Würzburg................ 374 4. 8.. Rückkehr König Wilhelms I. nach Berlin........... 351 13. 8., Frieden mit Württemberg................ 375 17. 8., Friede mit Baden................... 375 22. 8., Frieden mit Bayern.................. 375 30. 3., Frieden von Prag nnt Österreich.............. 349 Chronologisch- Tafel, II. Teil 643 1866 (Fortsetzung) S-it- 3. 9., Frieden mit dem Großherzogtum Hessen............ 375 3. 9., Jndemnitätsgesetz im preußischen Landtage angenommen...... 376 21.10., Der Norddeutsche Bund geschlossen. Frieden mit Sachsen..... 375 18«? 11. 5., Londoner Protokoll über Luxemburg............. 333 1870 2. 7., Prinz Leopold von Hohenzollern zum König von Spanien ausersehen . 333 12. 7., Verzicht des Prinzen Leopold............... 384 19. 7-, Kriegserklärung Frankreichs an Preußen . .......... 337 28. 7., Kaiser Napoleon III. in Metz............... 389 28. 7., Die französische Flotte bei Kap Skagen............ 472 30. 7., Sie ankert vor Kopenhagen................ 472 31. 7., Aufmarsch der deutschen Heere............... 393 2. 8., Gefecht bei Saarbrücken................. 394 4. 8., Treffen von Weißenburg................. 396 5. 8., Die französische Flotte laust durch den Großen Belt in die Ostsee ... 472 5. bis 7.8., Admiral Jachmanns Vorstoß bis zur Doggersbank....... 473 6. 8., Schlacht von Wörth................... 400 6. 8., Schlacht von Spicheren................. 407 8 8., Die II. Armee schiebt sich nach dem linken Flügel zusammen .... 411 9. 8., I. u. II. deutsche Armee an der Saar, III. in den Vogesenpässen. . . 412 9. 8., Die Franzosen ankern in der Kjögebucht........... 472 11. 8., Französisches Geschwader für die Nordsee bei Helgoland...... 473 12, 8., Bazaine französischer Oberbefehlshaber in Lothringen....... 413 14. 8., Schlacht von Colombey-Nouilly.............. 415 15. 8., König Wilhelm auf dem Schlachtfelde............ 419 15. 8., Anordnungen für den Vormarsch gegen die Maas........ 419 15. 8., Beide Armeen an der Mosel............... 422 15. 8., Blokade über die deutschen Küsten verhängt.......... 472 16. 8., Schlacht von Vionville—Mars-la-Tour............ 424 17. 8., Bazaine auf Metz zurück. ................ 434 17. 8., Aufmarsch der Deutschen................. 436 18. 8., Schlacht von Gravelotte und St. Privat........... 436 18. 8., Seegefecht bei Hiddensöe................. 472 18. 8., Moltkes entscheidende Anordnungen für Fortführung des Feldzuges . . 444 21. 8., Seegefecht vor Neu-Fahrwasser............... 472 23. 8., III. und Maasarmee brechen gemeinsam gegen ClMons auf..... 445 25. 3., Mac Mahons Marsch von CMons nach Reims......... 447 25. 8., Bereitstellung der deutschen Heere zum Abmarsch nach Norden .... 448 26. 8., Rechtsschwenkung der deutschen Heere............ 449 26, 8., Befehl an Prinz Friedrich Karl, zwei Korps nach der Maas abzuschicken . 449 26. 8., Die Korvette Nymphe beschießt das französische Geschwader vor Neu- Fahrwasser ..................... 472 26. 8., Bazaine droht mit großem Ausfalle aus Metz......... 461 27. 8., Mac Mahon verzweifelt an Vereinigung mit Bazaine....... 449 28. 8., Abmarsch auf Carignan beschlossen............. 449 30, 8, Reitergefecht von Nouart................,450 30. 8., Schlacht von Beaumont................. 450 31. 8., Mac Mahons Abmarsch nach Sedan............. 452 31. 8. u. 1.9., Schlacht von Noisseville............... 463 1. 9., Schlacht von Sedan.................. 454 644 Chronologische Tafel, II. Teil 187« (Fortsetzung) Sett- Nacht v. 1. z. 2. 9., Vinoy kehrt von Mezieres nach Paris um....... 47S 2. 9,, Deutsche Anordnungen für den Vormarsch auf Paris ...... 474 3. 9., Vinoy vor Rethel; biegt westlich aus............. 475 3. 9., Nachricht von Sedan in Paris............... 473 4. 9,, Proklamation der Republik in Frankreich........... 473 4. 9., Reims von den Deutschen besetzt.............. 475 9. 9., Zitadelle von Laon in die Luft gesprengt........... 475 10. u. 11. 9., Das französische Geschwader verläßt die Nordsee....... 595 13. 9., Vinoy erreicht Paris.................. 475 14.9. bis Januar 1871, Expedition der Korvette Augusta nach Brest und der Girondemündung................... 596 18. 9., Die Maasarmee bei Nanteuil vor Paris........... 476 18. 9., Einleitung der Einschließung von Paris........... 478 19. 9., Gefechte auf der Südfront vor Paris. Einschließung vollendet .... 478 22. u. 23. 9., Ausfälle bei Metz auf die Nord- und Nordostseite...... 494 23. 9., Fall von Toul.................... 479 26. 9., Das französische.Ostseegeschwader auf der Heimfahrt bei Helgoland gesichtet 596 27. 9., Fall von Straßburg............. .... 482 27. 9., Ausfälle von Peltre und Mercy-le-Haut........... 494 30. 9., Ausfall bei Thiais und Choisy-le-Roi vor Paris......... 484 31.10., Besetzung von Dijon.................. 498 7. 10., Ausfallsgefecht von Bellevue............... 495 10.10., General v. d. Tann greift das 15. französische Korps bei Artenay an . 486 11.10., Treffen von Orleans.................. 486 11.10., Gefecht von Bruydres.................. 498 13.10., Vinoys Ausfall auf der Südseite von Paris.......... 485 15.10., Fall von Soissons................... 48S 18.10., Erstürmung von Chatcaudun............... 488 21.10., Ausfall von La Malmaison................ 489 22.10., Gefechte am Ognon.................. 493 24.10., Fall von Schlettstadt.................. 500 27.10., Kapitulation von Metz................. 497 29.10., Ausrücken der Rheinarmee und der Garnison von Metz...... 497 30.10., Erstürmung von Le Bourget............... 490 31.10., Prinz Friedrich Karl mit der II. Armee von Metz auf Troyes abmarschiert 501 7. 11., Tanns Abmarsch von Orleans............... 502 9. 11., Treffen von Coulmiers................. 503 9. 11., Seegefecht vor Havana................. 596 9. 11., Kapitulation von Verdun................. 500 10. IL.Fall von Neu-Breisach.................. 500 10.11., Die II. Armee in Linie Troyes-Chaumont.......... 504 12.11., Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin bei Angerville..... 504 17.11., Eintreffen des IX. Korps bei Angerville........... 504 24.11., Gefechte bei Ladon und MaiKres............. 505 24.11., Kapitulation von Diedenhofen............... 531 25.11., Der Großherzog von Mecklenburg im Marsch aus Tours...... 504 26.11., Das Vorgehen der großen Loirearmee beginnt......... 508 27.11., Schlacht von Amiens.................. 528 27.11., Kapitulation von La Fere................ 524 28.11., Schlacht von Beaune-la-Rolande.............. 509 80.11. u. 2.12., Ausfallschlacht von Villers-Champigny......... 525 Chronologische Tafel, II. Teil 645 1870 (Fortsetzung) Seit- 30.11., Gefechte bei Maizidres, St. Lvup und Montbarrois....... 512 1. 12., Gefecht bei Villepion.................. 512 2. 12., Schlacht von Loigny-Poupry............... 513 3. u. 4.12., Schlacht von Orleans................ 516 5. 12., Wiedereinrücken der Deutschen in Orleans........... 520 7. 12., Gefecht von Meung.................. 535 8., 9., 10.12 , Schlacht von Beaugency-Cravant............ 535 11.12 ,Die Franzosen gehen hinter den Loir zurück.......... 538 14.12 , Die Deutschen am Loir................. 540 14.12., Fall von MontmSdy.................. 544 15.12., Gefecht vor Vendüme; General Chanzh auf le Mans zurück..... 541 17.12., Neue Anordnungen des großen deutschen Hauptquartiers...... 541 13.12., Gefecht von Nuits................... 543 21.12., Kampf um Le Bourget................. 545 23. u. 24.12., Schlacht an der Hallue............... 543 23.12., Die letzten französischen Schiffe in der Nordsee gesichtet...... 596 25.12., Teile der preußischen I. Armee vor Cambrai und Arras...... 544 27.12., Artillerieangriff auf den Mont Avron............ 547 27.12., Boltenstein bei Montoire................ 542 29.12., Der Mont Avron von den Deutschen besetzt.......... 547 31.12., Gefecht bei Bendome und Montoire............. 542 1871 1. 1., Fall von Mezieres. .................. 544 I. 1., Befehl an Prinz Friedrich Karl zum Abmarsch gegen le Mans.... 550 3. 1., Schlacht von Bapaume................. 563 5. 1., Die Beschießung von Paris beginnt............. 589 5. 1., Handstreich von Rocroy................. 564 6. 1., Gefechte bei Vendöme und St. Amand............ 552 7. 1., Gefecht bei Villechauve ................. 552 Nacht vom 7. zum 8. 1., Erstürmung von Danjoutin vor Belfort..... 574 9. 1., Fall von Peronne................... 564 9. 1., Französische Ostarmee bei Billersexel............. 572 9. 1., Treffen von Billersexel................. 572 10. 1., Schlacht vor Change...............> . . 556 II. I., General v. Werder hinter der Lisaine............ 573 10.11. u. 12.1., Schlacht von le Mans.............. 555 12. 1., Besetzung von le Mans................. 561 13. 1., Gefechte bei Arcey und Chavanne.............. 575 14. 1., Gefecht von Chassille.................. 562 14. 1., Gefecht von Beaumont-sur-Sarthe.............. 562 15. 1., Gefecht von St. Jean-sur-Erve.............. 562 15., 16. u. 17.1., Schlacht an der Lisaine.............. 575 18. 1., Rechtsabmarsch der I. Armee nach St. Quentin......... 565 18. 1., Manteuffel mit der Südarmee bei Js-sur-Tille und Champlitte.... 581 18. 1., Krönung König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser........ 590 18. 1., Französische Nordarmee unter Faidherbe im Anmarsch auf St. Quentin. 565 19. 1., Schlacht von St. Quentin................ 566 19. 1., Rückzug der Franzosen von der Lisaine............ 530 19. 1., Schlacht am Mont Valerien................ 590 Nacht v. 20. z. 21.1., La Perouse vor Belfort erstürmt......... 587 21. u. 23.1., Gefechte vor Dijon................. 532 ß46 Chronologische Tafel, II. Teil 1871 (Fortsetzung) Seite 21. 1., Verstärkung der Beschießung von Paris durch Batterien auf der Nordseite S93 23. 1., Jules Ferry in Versailles. Kapitulation beschlossen........ 594 24. I., Kriegsrat im französischen Hauptquartier zu Besan?on. Rückzug nach der Schweizer Grenze beschlossen................ 683 26. I., Salins von den Deutschen besetzt..............583 26. 1., Expedition gegen Garibaldi in Dijon............ 586 26. 1., Feindseligkeiten vor Paris eingestellt............. 594 27. 1., Die französische Ostarmee um Pontarlier zusammengedrängt..... 584 27. 1., Vergeblicher Sturm auf Hautes und Basses Perches vor Belfort ... 587 28. I., Versuch an der Schweizer Grenze entlang zu entkommen...... 584 28. 1., Konvention von Versailles................ 594 29. I., Gefechte von Sombacourt und Chaffois............ 584 29. I., Besetzung der Forts von Paris.............. 594 31. I., Französische Ostarmee bei Pontarlier umstellt.......... 585 31. 1., Allgemeiner Waffenstillstand mit Ausnahme der Departements Cüte d'or, Doubs und Jura sowie von Belfort............. 594 1. 2., Die französische Ostarmee legt die Waffen in der Schweiz nieder. Gefecht von La Cluse.................... 585 2. 2., Nuits und Sombernon von den Deutschen besetzt........ 586 8. 2., Die beiden Perches von den Belagerern besetzt......... 588 13. 2., Aufmarsch der Belagerungsartillerie gegen Belfort vollendet..... 583 16. 2., Kapitulation von Belfort gegen freien Abzug.......... 588 17. u. 18. 2., Ausmarsch der Garnison............... 588 I. 3., Einzug in Paris................... 597 I. 3., Präliminarfrieden von der Nationalversammlung zu Bordeaux genehmigt 597 15. 3., Kaiser Wilhelms Dank an seine Armee............ 599 21. 3., Versammlung des ersten Deutschen Reichstags........ . 603 26. 3., Einsetzung der Herrschaft der Kommune in Paris........ 597 3. 4., Großer Ausfall der aufständischen Kommunards gegen Versailles . . . 597 5. 4., Beginn des Angriffs gegen die aufständische Commune von Paris. . . 597 28. 5., Paris von den Negierungstruppcn wieder erobert........ 597 1888 9. 3., Tod Kaiser Wilhelms I. Regierungsantritt Friedrich III...... 605 15. 6., Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II............. 605 1. 9., Das neue Infanterieregiment............... 606 1890 15. 9., Erwerbung von Helgoland................ 613 1883 3. 8., Einführung der zweijährigen Dienstzeit............ 607 1888 17. 3., Abschluß des ersten umfassenden Flottengesetzes......... 613 1889 25. 3., Jahrhundertabschluß für das Heer durch das Gesetz über den Friedenszustand usw...................... 611 1980 14. 6., Zweites Flottengesetz.................. 613 17. 6., Gefecht an den Takuforts................ 614 20. 6., Ermordung des deutschen Gesandten in Peking......... 614 14. u. 15.8., Engländer und Japaner in Peking . . ......... 616 22. 9., Militärlager Lu-tai besetzt............... 617 Chronologische Tafel, II. Teil 647 1900 (Fortsetzung) S-ite 25. 9., Gefecht am Kaiserlichen Jagdpark.............. K16 I. 10., Gefecht an der Straße nach Pao-ting-fu........... 616 3. 10., Schan-hai-kwan besetzt.................. 617 16.10., Pao-ting-fu besetzt. Auf dem Rückmarsch Erstürmung des Passes Tse- ling-kwan an der großen Mauer.............. 617 12.11., Expedition unter Graf Dorck von Wartenburg zur mongolischen Grenze . 617 22.11., Kalgan erreicht.................... 617 1912 29. 6., Drittes Flottengesetz.................. 621 1913 27. 3., Große Militärvorlage für bedeutende Verstärkung der deutschen Armee 621 Übersicht über die Zusammensetzung der an den Kriegen Deutschlands im 19. Jahrhundert beteiligten größeren Heere. I. 1^806 zu Beginn des Arieges Preußische Hauptarmee: Herzog von Braunschweig. Div. der Avantgarde, Herzog Karl August. — Div. des rechten Flügels, Prinz von Oranien. — Div. des Zentrums, Wartensleben. — Div. des linken Flügels, Schmettau. Reserve der Hauptarmee, Kalckreuth: l. Div. Kunheim. — 2. Div. Arnim. Gesamtstärke der Hauptarmee: 62 Bat., 90 Esk., 18 Batt.58300 M. Armee des Fürsten Hohenlohe: Div. der Avantgarde, Prinz Louis Ferdinand. — Div. des rechten Flügels, Grawert. — Div. des linken Flügels, Zezschwitz. — Res.-Div. Pritlwitz. — Korps des Gen.-Lt. v. Tauentzien. Gesamtstärke der Armee des Fürsten Hohenlohe: 50 Bat., 77 Esk., 15 Batt. 37755 M. Korps des Gen.-Lt. v. Rüchel: 21 Bat., 3 Jäg.-Kp., 30 Esk., 4^Batt. 22000 M. Res.-Korps des Gen. d. Kav. Herzog von Württemberg: 17-/, Bat., 22 Esk., 4 Batt. ---- 16000 M. mit 32 Gesch. Die französische Grosze Armee: Kaiser Napoleon. Garde, Leftbvre. — I. Korps, Bernadotte. — III. Korps, Davout. — IV. Korps, Soult. — V. Korps, Lannes. — VI. Korps, Ney. — VII. Korps, Augereau. — Kav.- Nes.. Murat. Gesamtstärke der Großen Armee: 160319 M., 241 Gesch. Durchschnittsstärke des Bat. ---- 1066 M., der Esk. 164 Reit. II. M5 Frühjahrsseldzug Feldarmee der Verbündeten in erster Linie. I. Russ. A.-K., Berg ---- 8000 M., 60 Gesch. — II. Russ. A.-K., Wiutzingerode 14450 M., 90 Gesch. — III. Russ. A.-K.. Tormassow (Hpt.-Armee) 16500 M., 139 Gesch. — IV. Russ. A.-K., Miloradowitsch ---- 12960 M., 90 Gesch. - I. Preuß. A.-K., Vorck--- 8540 M., 40 Gesch. — II. Preuß. A.-K., Blücher 25480 M., 92 Gesch. — Preuß.-Russ. A.-K, Kleist 6200 M., 32 Gesch. — Preuß. A.-K., Bülow ---- 6410 M., 24 Gesch. - - Truppen an der Niederelbe, Wallmoden 11630 M.. 24 Gesch. — Ferner: Streifkorps, selbständige Abteilungen, Neuformationen usw. Die „Grosze Armee" Napoleons. Kaisergarde, Mortier ---- 14400 M., 58 Gesch. — I. Korps, Vandamme---16500 M,, 16 Gesch. — II. Korps, Victor ----16800 M., 16 Gesch. — III. Korps, Ney 45 550 M., 76 Gersch. — IV. Korps, Bertrand---25100 M., 54 Gesch. — V. Korps, Lauristvn ---- 32720 M., 92 Gesch. — VI. Korps, Marmont ---- 25200 M., 62 Gesch. — VII. Korps, Reynier ---- 4230 M., 4 Gesch. — VIII. Korps, Poniatowski, Polen. — IX. Korps, Angereau in Süddeutschland. — X. Korps, Besatzung von Danzig, Rapp. — XI. Korps, Macdonald 21700 M., 50 Gesch. — XII. Korps. Qudinot ---- 23500 M., 40 Gesch. — 1. Kav.-Korps, Latour-Maubourg ---1320 Reit., 20 Gesch. — 2. Kav.-Korps, Sebastiani ---- 3600 Reit., 6 Gesch. — Westfälische Div. ---- 5000 M., 12 Gesch. — Hamburgische Div. ---- 4000 M. Übersicht 649 2. Herbstfeldzug. Die Böhmische Armee: Fürst Schwarzenberg. Österreichische Feldarmee: 3 Armeeabteilungen: Hessen-Homburg, Gyulai, Klenau. Russisch-Preußische Truppen: Barclay de Tolly (Russ. A.-K., Wittgenstein, Preuß. A.-K., Kleist, Preuß.-Russ. Garden und Reserven, Großfürst Coustantiu). — Im ganzen 246-/g Bat., 278 Esk., 692 Gesch. 254404 M. Die Schlcsische Armee: Blücher. 1. Preuß. A.-K., Y°rck. — Russ. A.-K., Osten-Sacken. — Russ. A.-K., Längeren. — Rnss. A.-K, St. Priest. — Im ganzen 104974 M., 339 Gesch. Die Nordarmee: Kronprinz von Schweden. 3. Preuß. A.-K., Bülow. — Russ. A.-K., Wintzingerode. — Schwed. A.-K. Stedingk. — 4. Preuß. A.-K., Tauentzien. — Im ganzen 126454 M., 290 Gesch. Französische Hauptarmee bei Dresden. Kaiserliche Garden: Alte Garde, Friant. — Junge Garde, Mortier. — Garde-Kavallerie, Nansouty. — I. A.-K, Vandamme. — II. A.-K., Victor. — VI. A.-K., Marmont. — XIV. A.-K., Gouvion St. Cyr. — I. Kav.-K, Latour Maubourg. — V. Knv.-K., L'Hsritier. — Im ganzen 190087 M., 588. Gesch. Französische Boberarmee (Mitte August 1813): Neu, später Macdouald. III. A.-K., Ney (spater Souham). — V. A.-K., Lauriston. — VI. A.-K., Marmont (s. oben). — XI. A.-K., Macdonald. — II. Kav.-K, Sebastiani. — Im ganzen 130079 M, S88 Gesch. Französische Armee gegen Berlin: Oudinot. IV. A.-K., Bertrand. — VII. A.-K., Neynicr. — XII. A.-K., Oudinot. - III. Kav.-K., Arrighi. — Im ganzen 69700 M, 216 Gesch. Die Armeen des Feldzuges 1814 bildeten sich aus denen des Herbstseldzuges 1313. Bei dem mehrfachen Wechsel in der Zusammensetzung ist es nicht möglich, eine für den ganzen Verlauf gültige Übersicht aufzustellen. Die Angaben des Textes sind im Bedarfsfalle zu ergänzen durch „Die Geschichte der Befreiungskriege 1813—1815". Berlin. E. S. Mittler k Sohn. Für den Feldzug 1815 erscheinen die Angaben des Textes zum Verständnis ausreichend. Auch sie können aus derselben Quelle ergänzt werden. Für die Feldzüge von 1848, 1849, 1850, 1859 und 1864 dürsten die Angaben des Textes ausreichen. III. 1866 I.. Die mobilen preußischen Streitkräfte. Oberbefehlshaber: König Wilhelm I. Chef des Generalstabes: Gen. d. Ins. Frhr. v. Moltke. ^. I. Armee: Gen. d. Kav. Prinz Friedrich Karl v. Preußen. 5. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Tümpling. — 6. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Manstein, — 7. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Fransecky. — 8. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Horn. II. A.-K., Gen.-Lt. v. Schmidt: 8. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Werder. — 4. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Herwarth v. Bittenfeld. — Vom Kav.-K. zum II. A.-K. kommandiert: 2 schw. Kav-Br. und Res.-Artl. 2 Fnß-Abt. F. A. R. 2. Übersicht Kav.-K., Prinz Albrecht von Preußen: 1. Kav.-Div., Gen.-Maj. v. Alvensleben. — 2. Kav.-Div., Gen.-Maj. Hann v. Weyhern. — Armee-Res.-Artl. — Im ganzen 72 Bat,, 74 Esk., 50 Batt., 12 P.-Komp. ---- 72000 M., 10000 Reiter, 300 Gesch. L. II. Armee: Gen. d. Ins. Kronprinz von Preußen. Gardekorps, Gen. d. Ins. Prinz August von Württemberg: I. G.-Jnf.-Div., Gen.-Lt. Hiller v. Gaertringen. — 2. G.-Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Plonski. — Vom Kav.-K. zum Gardekorps kommandiert: Schw. Kav.-Br., Gen.-Maj. Prinz Albrecht Sohn. — Res.-Artl. 2 Fuß-Abt. G. F. A. R. I. A.-K., Gen. d. Ins. v. Bonw: 1. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Großmann. — 2. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Clausewitz. — Res.-Kav.-Br. - Res.-Artl. V. A.-K., Gen. d. Ins. v. Steinmetz: 9. Jnf.-Div., Gen.-Maj. v. Loewenfeld. — 10. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Kirchbach. — Res.-Artl. VI. A.-K., Gen. d. Kav. v. Mutius- 11. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Zastrow. — 12. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Prondzynski. — Res.-Kav. — Res.-Artl. Kav.-Div. der II. Armee: Gcn.-Maj. v. Hartmann. Der II. Armee unterstellt: Det. v. Knobelsdorff: 6 Bat., 4 Esk., 1 Batt. — Det. Gf. Stolberg: 6^ Bat,, 8 Esk., 1 Batt. Im ganzen: 95 Bat., 94 Esk., 53 Batt. ---- 97000 M. 10000 Reit., 352 Gesch. d Elbarmee: Gen. d. Ins. Herwath v. Bittenfeld. 14. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Gf. zu Münster-Meinhövel. — 15. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Frhr. v. Canstein. — 16. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Etzel. — 14. Kav.-Br. — Res.-Artl. VII. A.-K. — Res.-Artl. VIII. A.-K. Im ganzen: 38 Bat., 26 Esk., 24 Batt., dazu v. I. Res.-K: 12 Bat., 8 Esk, 2 Batt. (50 Bat., 34 Esk., 26 Batt. ---- 50000 M. Ins., 4600 Reit., 156 Gesch.). I. Res.-K., Gen.-Lt. v. d. Mülbe- G.-Ldw.-Div., Gen.-Maj. v. Rosenberg-Gruszczinsky (am 21. 6. zur Elbarmee). — Komb. Ldw.-Div., Gen.-Maj. v. Bentheim. — Komb. Ldw.-Kav.-Div., Gen.-Maj. Gf. zu Dohna. v. Mainarmee: Gen. d. Ins. Vogel v. Falckenstein. Truppen-K., Gen.-Lt. Frhr. v. Manteuffel. — 13. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Goeben. — Komb. Div., Gen.-Lt. v. Beyer. — Im ganzen am Ende des Krieges: 53 Bat., 29 Esk., 20 Batt. II. Res.-K., Gen. d. Ins. Großherzog von Mecklenburg-Schwerin. Tritt erst kurz vor Beginn des Waffenstillstandes bei der Mainarmee auf. Gesamtstärke der mobilen preußischen Streitkräfte zu Beginn des Krieges: 271 Bat., 240 Esk., 154 Batt.---- 270000 M. Ins., 30000 Reit., 924 Gesch. 2. Die Streitkräfte der gegen Preußen verbündeten Staaten. L,. Österreichische Nordarmee: F.-Z.-M. Benedek. 2. A.-K., Gf. Thun. — 3. A.-K., Erzherzog Ernst. — 4. A.-K., Gf. Festetics. — 6. A.-K., Ramming. - 8. A.-K, Erzherzog Leopold. — 10. A.-K., Gablenz. — 1., 2., Übersicht 651 3. Res.-Kav.-Div., Prinz Holstein, Zaitscheck. Gf. Coudenhove. — 2 l. Kav.-Div., Prinz Thurn u. Taxis. — Armee-Geschütz-Res. L. Truppen an der Jser. Sächs. A.-K., Kronprinz Albert. — I. Osterr. A.-K., Clam-Gallas. (Beide später zur Nordarmee.) Im ganzen: 222 Bat., 174 Esk., 99 Batt. 211000 M. Ins., IS000 Reit., 744Gesch. O. Bayerische Armee (7. Bundeskorps): Feldm. Prinz Karl v. Bayern. 1.,!2., 3., 4. Jnf.-Div., Gen.-Maj. v. Stephan, Gen.-Lt. v. Feder, Gen.-Lt. v. Zoller und Gen.-Lt. v. Hartmann. — Res.-Kav.-K., Gen. d. Kav. Fürst Thurn u. Taxis. — Res.-Artl. — Res.-Jnf.-Br. Im ganzen: 46 Bat., 46 Esk., 18 Batt. ----- 40000 M. Ins., 4600 Reit., 144 Gesch. v. 8. Bundeslorps: Gen. d. Ins. Prinz Alexander v. Hessen. Württemb. Div., Gen.-Lt. v. Hardegg. — Badische Div., Gen.-Lt. Prinz Wilhelm v. Baden. — Hessische Div., Gen.-Lt. v. Perglas. — Osterr.-Nassauische Div., F.-M.-Lt. Gf. Neipperg. — Res.-Kav. — Res.-Artl. Im ganzen: 46'/, Bat., 36 Esk.. 19 Batt. ------ 42000 M. Ins., 3300 Reit., 134 Gesch. D. Hannoversche Armee: Gen. d. Ins. v. Arentschildt. 1., 2., 3., 4. Brig., Gen.-Maj. v. d. Knesebeck, Ob. de Vaux, Ob. v. Bülow, Gen.- Maj. v. Bothmer. — Res.-Kav. — Res.-Artl. Gesamtstärke aller gegen Preußen aufgebotenen Streitkräfte: 348^ Bat. 293 Esk., 1156 Gesch. --- rund 390000 M. Für den Feldzug 1866 iu Italien sind die Angaben im Text ausreichend. IV. I.. Deutsche Armeen. Oberbefehlshaber: König Wilhelm I. Chef des Generalstabes: Gen. d. Ins. Frhr. v. Moltke. ^. I. Armee, Gen. d. Ins. v. Steinmetz: I. A.-K.. Gen. d. Kav. Frhr. v. Manteuffel: 1. Jnf.-Div.. Gen.-Lt. v. Bentheim. — 2. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Pritzelwitz. — Korps-Artl. VII. A.-K., Gen. d. Ins. v. Zastrow: 13. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Glümer. — 14. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Kamecke. — Korps-Artl. VIII. A.-K, Gen. d. Ins. v. Goeben: 15. Jnf.-Dv., Gen.-Lt. v. Weltzien. — 16. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Barnekow. — Korps-Artl. _ 1. Kav.-Div., Gen.-Lt. v. Hartmann. — 3. Kav.-Div., Gen.-Lt. Gf. v. d. Goeben. Im ganzen: 7S Bat., 64 Esk., 4S Batt. ---- 75000 M., 9600 Reit., 270 Gesch. L. II. Armee, Gen d. Kav. Prinz Friedrich Karl v. Preußen: Gardekorps, Gen. d. Kav. Prinz August v. Württemberg: 1. G.-Jnf.-Div., Gen.-Maj. v. Pape. — 2. G-Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Budritzki. — Korps-Artl. — G.-Kav.-Div., Gen.-Lt. Graf v. d. Goltz. II. A.-K., Gen. d. Ins. v. Fransecky: 3. Jnf.-Div.. Gen.-Maj. v. Hartmann. — 4. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Hann v. Weihern. — Korps-Artl. 652 Übersicht III. A.-K., Gen.-Lt. v. Alversleben II: 5. Jnf.-Div.. Gen.-Lt. v. Stülpnagel. — 6. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Baron v. Budden- brock. — Korps-Artl. — 3. Pion,-Bat. IV. A.-K., Gen. d. Ins. v. Alvensleben I: 7. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Groß gen. v. Schwarzhoff. — 8. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Schöler. — Korps-Artl. — Pion-Bat. 4. IX. A.-K., Gen. d. Ins. v. Manstein: 13. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Frhr. v. Wrangel. — 25. Div. (Großh. Hessen), Gen.-Lt. Ludwig Prinz v. Hessen. — 2S. Kav.-Brig., Gen.-Maj. Frhr. v. Schlotheim. — Korps-Artl. X. A.-K., Gen. d. Ins. v. Voigts-Rhetz: 19. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Schwarzkoppen. — 20. Jnf.-Div., Gen.-Maj. v. Kracch- Koschlau. — Korps-Artl. XII. (K. S.) A.-K., Kronprinz von Sachsen: I. Jnf.-Div., Prinz Georg v. Sachsen. — 2. Jnf.-Div., Gen.-Maj. Nehrhoff v. Holderberg. — Kav.-Div. Nr. 12, Gen.-Maj. Graf zur Lippe. — Korps-Artl. S. Kav.-Div., Gen.-Lt. Baron v. Rheinhaben. — 6. Kav.-Div., Herzog Wilhelm v. Mecklenburg-Schwerin. Im ganzen: 181 Bat., 156 Esk., 106 Batt. 181000 M.. 23400 Reit.. 630 Gesch. O. III. Armee, Kronprinz von Preußen: V. A.-K., Gen.-Lt. v. Kirchbach: 9. Jnf.-Div., Gen.-Maj. v. Sandrart. — 10. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Schmidt. — Korps-Artl. VI. A.-K., Gen. d. Kav. v. Tümpling: II. Jn.-Div., Gen.-Lt. v. Gordon. — 12. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Hoffmann. — Korps-Artl. XI. A.-K., Gen.-Lt. v. Bose: 21. Jnf.-Div., Gen.-Lt, v. Schachtmeyer. — 22. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Gersdorff. — Korps-Artl. I. Bayr. A.-K.: Gen. d. Ins. Frhr. v. u. z. d, Tann-Rathsamhausen. 1. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Stephan. — 2. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Graf zu Pappenheim. — Kür.-Brig., Gen.-Maj. v. Tausch. — Artl.-Res.-Abtlg. II. Bayr. A.-K.: Gen. d. Ins. Ritter v. Hartmann. 3. Jnf.-Div., Gen.-Lt. v. Walther. — 4. Jnf.-Div., Gen.-Lt. Graf v. Bothmer. — Ulan-Brig., Gen.-Maj. Frhr. v. Mulzer. — Artl.-Res.-Abtlg. Württemb. Feld-Div.: Gen.-Lt. v. Obernitz. 1. Feld-Brig., Gen.-Major v. Reitzenstein. — 2. Feld-Brig., Gen.-Maj. v. Starkloff. 3. Feld-Brig., Gen.-Maj. v. Hügel. — Kav.-Brig., Gen.-Maj. Graf v. Scheler. — l., 2., 3. Feld-Artl.-Abtlg. Badifche Feld-Div.: Gen.-Lt..v. Beyer. 1. Jnf.-Brig., Gen.-Lt. du Jarrys Frhr. v. La Röche. — Komb. 3. Jnf.-Brig., Gen.-Maj. Keller. — Korps-Artl. 2. Kav.-Div., Gen.-Lt. Graf zu Stolberg-Wernigerode. — 4. Kav.-Div., Prinz Albrecht von Preußen (Vater). Im ganzen: 153 Bat., 131 Esk., 96 Batt. ---- 153000 Mann, 19650 Reiter, 576 Gesch. Übersicht 6S3 v. Truppen außer dem Verbände der 3 Armeen. 17. Jnf.-Div,, Gen.-Lt. v. Schimmelmann. — G.-Landw.-Div., Gen,-Lt. F-rhr. v. Losn. — 1. Landw.-Div., Gen.-Maj. v. Treskow. — 2. Landw.-Div., Gen.-Maj. v. Selchow. — 3. Landw,-Div,, Gen.-Maj. Baron Schuler v. Senden. Maasarmee: Kronprinz Albert v. Sachsen. Aus dem Bestände der II. Armee gebildet: G.-Korps, IV. A.-K., XII. (Kgl. Sächs.) A.-K., S. u. 6. Kav.-Div. Deutsche Süd-Armee: Gen. Frhr. v. Manteuffel. II. A.-K.: Gen. v. Fransecky. 3. Div., v. Hartmann. — 4. Div., Hann v. Weyhern. — Korps-Artl. VII. A.-K.: Gen. v. Zastrow. 13. Div., v. Bothmer. — 14. Div., Frhr. Schuler v. Senden. — Korps-Artl. XIV. A.-K.: Gen. v. Werder. Bad. Div., v. Glümer. — Kav.-Brig., Frhr. v. Willisen. — Det. v. d. Goltz. — Det. v. Debschitz. — 4. Res.-Div., v. Schmeling. — 1. Res.-Div., v. Treskow. 2. Aaiserlich Französische Streitkräfte. Rhein-Armee: Oberbefehlshaber Kaiser Napoleon III. Generalstabschef: Marschall Le Boeuf. Kaiserliche Garde: Gen. Bourbaki. 1. Div., Deligny. — 2. Div., Picard. — Kav.-Div., Desvaux. I. A.-K.: Marschall Mac Mahon. 1. Div., Ducrot. — 2. Div., Douay, Abel. — 3. Div., Raoult. — 4. Div., de Lartigue. — Kav.-Div., Duhesme. II. A.-K.: Gen. Frossard. 1. Div., Borge. — 2. Div., Bataille. — 3. Div , Laveaucoupet. — Kav.-Div.,, Valabregue. III. A.-K.: Marschall Bazaine. 1. Div., Montaudon. — 2. Div., de Castagny. — 3. Div, Metman. — 4. Div., Decaen. — Kav.-Div., Clerembault. IV. A.-K.: Gen. Ladmirault. 1. Div., Cissev. — 2. Div., Grenier. — 3. Div., Lorencez. — Kav.-Div., Legrand. V. A.-K.: Gen. de Failly. 1. Div., Goze. — 2. Div., de l'Abadie. — 3. Div., Guhot de Lespart. — Kav.- Div., Brahaut. VI. A.-K.: Marschall Canrobert. 1. Div., Tixier. — 2. Div., Bisson. — 3. Div., de Villiers. — 4. Div., le Vassor- Sorval. — Kav.-Div., de Salignac-Fenelon. VII. A.-K.: Gen. Douay, Felix. 1. Div., Dumesnil. — 2 Div., Liebert. — 3. Div., Dumont. — Kav.-Div., Ameil. Kav.-Reserve. 1. Div., du Barail. — 2. Div., Bonnemains. — 3. Div., Forton. Artillerie-Reserve: Gen. Canü. 6S4 Übersicht Z. Neuformationen nach Ausbruch des Arieges. XII. A.-K.: Gen. Lebrun. 1. Div., Grandchamp. — 2. Div,, Lacretelle. — 3. Div, de Vassoigne. — Kav.- Div., de Salignac-Fenelon. XIII. A.-K.: Gen. Vinoy. 1. Div., d'Exea. — 2. Div., de Maudhuv. — 3. Div., Blanchard. Streitkräfte der Republik. ^. XIV. A.-K.: Gen. Baron Renault. 1. Div., Bechon de Cassade. — 2. Div., d'Hugues. — 3. Div., de Maussion. — Kav.-Div., Graf Champeron. L. Loire-Armee. XV. A.-K.: Gen. d'Aurelle de Paladines, später Martin des Pailleres. 1. Div., Martin des Pallieres. — 2. Div., Martineau des Chenez, — 3. Div., Peytavin. — Kav.-Div., Reyau. — Gem. Div. XVI. A.-K.: Gen. Chanzy. 1. Div., Contre-Adm. Jaureguiberrv. — 2. Div., Barry. — 3. Div., Maurandy. — Kav.-Div., Ressaire (später Michel). XVII. A.-K-: Gen. de Sonis (später de Colomb). 1. Div., Roquebrune. — 2. Div., Dubois de Jancigny (später Paris). — 3. Div., Deflandre (später de Jouffroy d'Abbans). — Kav.-Div., Longuerue (später d'Espeuilles). XVIII. A.-K.: Gen. Bourbaki. 1. Div., Feillet-Pilatri. — 2. Div., Contre-Adm. Penhoat. — 3. Div., Bonnet. Kav.-Div., Bremond d'Ars. XX. A.-K.: Gen. Crouzat. 1. Div., Polignac. — 2. Div., Thornton. — 3. Div., Segard. XXI. A.-K.: Gen. Jaures, Schiffskapitän. 1. Div., Rousseau. — 2. Div., Collin. — 3. Div., Villeneuve. — 4. Div., Gougeard. — Kav.-Div., Guillon. Div. Camö. 0. Korps Garibaldi: Gen. Garibaldi. 1. Brig., Bossack-Hauke. — 2. Brig., Delpech. — 3. Brig., Menotti Garibaldi. — 4. Brig., Ricciotti Garibaldi. O. Div. Cremer. Aus der Loire-Armee bilden sich später: L. I. Loire-Armee: Gen. Bourbaki. XV., XVIII., XX. A.-K.. die dann noch durch das XXIV. A.-K.: Gen. Bressolles, 1. Div., d'ArieS, — 2. Div., Comagny, — 3. Div., Carre de Busserolles, — Korps- Kav. und Res.-Art., sowie durch die selbständige Div. Cremer: Gen. Cremer, I. Brig., Millot, — 2. Brig., Carot-Tevis, und die Übersicht 655 Armee-Reserve: Gen, Pallu, verstärkt wird, sich aber zur Ostarmee umwandelt. I'. II. Loire-Armee: Gen. Chanzy. XVI., XVII., XXI. A.-K., Div. Camü, Curten, Ferri Pifani, Sie wird am Ende des Krieges verstärkt durch: XIX. A.-K.: Gen, Dargent, 1. Div., Vardin. — 2, Div,, Girard, — 3. Div., Saussier, — Kav.-Div., Abdelat. S. Armee Von Paris: Gen. Ducrot. I. A.-K.: Gen. Blanchard. 1. Div., Malroy. — 2. Div,, Maud'huy, — 3. Div., Farvn. II. A.-K.: Gen. Baron Renault. 1. Div., Baron Susbielle. — 2. Div., Berthaut. — 3. Div., Maussion. III. A.-K.: Gen. d'Exea. 1. Div., Bellemare, — 2. Div,, Mattat. — Kav,-Div,, Comte de Chamveron. Nord-Armee: Gen. Faidherbe. XXII. A,-K.: Gen. Lecointe. 1. Div., Derroja. — 2. Div., Dufaure du Bessol. XXIII. A-.K.: Gen. Paulze d'Jvoi,. I. Div,, Schiffs-Kav. Payen, — 2. Div., Robin. Kav.-Abtlg.: Barbault de la Motte, Brtg. Jsnard. — Brig. Paul», Kriegsgeschichte Deutschlands im Neunzehnten Jahrhundert von Dr. K. c. Colmar Lreiherrn v. d. Goltz Königlich preußischem Generalseldmarschall Erster Teil: Im Zeitalter Napoleons 552 Leiten Gr.-8", mit einer Übersichtskarte und 60 Skizzen, broschiert M. 10.-? gebunden in Leinwand M. N.50, in halbsranz M. 12.50. Bei Erscheinen des abschließenden zweiten Teiles „Im Zeitalter Kaiser Wilhelm des Siegreichen" sei auf den früher erschienenen ersten Teil hingewiesen. (Jeder Teil ist einzeln käuflich.) „... Ein nach Form und Inhalt klassisches Buch. In der Klarheit und Prägnanz der Sprache, der Unbefangenheit des Urteils und der Heraushebung des Wesentlichen aus einem ungeheueren Geschehen wird man an die höchsten Beispiele der Geschichtsschreibung erinnert." (Friedrich Dernburg im „Berliner Tageblatt") „ . . . Die deutsche Kriegsgeschichte hat in Tolmar v. d. Goltz den kompetentesten Beurteiler gesunden, den das gegenwärtige Deutschland besitzt." (Hamburger Nachrichten) „ . . . Gin solches herrlich klares Bild entrollt uns der Verfasser in seinem klassischen Werke, das wohl aus diesem Gebiete das hervorragendste der Neuzeit genannt werden muß." (Dresdner Journal) „ . . . Das Goltzsche Werk wird sich wohl bald einen großen Leserkreis erwerben. Es bietet jedem einen ungeahnten Gewinn, der von der Geschichte mehr als nur „Vokabeln" wissen möchte." (Frankfurter Zeitung) „ ... So wird dies großartige Werk zum Lese-, Lern- und gleichzeitig zum Nachschlagewerk, vor allem aber zu einem hervorragenden Mittel für die Förderung des Geistes und des Verständnisses für die Geschichte unseres Vaterlandes während jener zuerst so traurigen und dann doch wieder so ruhmreichen Periode." (Neue Militärische Blätter) „ . . . Das vorliegende Buch ist eines der hervorragendsten militärischen Werke." (Danzer's Armee-Zeitung) „ ... Das Buch gehört zu den klassischen Werken moderner Geschichtsdarstellung." (Magdeburgische Zeitung) „ ... Ich wüßte nichts Lehrhafteres — volkspsnchologisch wie kriegs- psnchologisch — als die ausgezeichnete, in knapper Form alles Bemerkenswerte in fesselnder Darstellung bietende Schilderung der Kriegsereignisse in dem vorliegenden Buche." (Generalmajor Keim im „Tag") Druck von Hesse L Lecker in Leipzig Die geistigen und sozialen Strömungen Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert von Univ.-Professor vr. Theobald Ziegler ^5.-20. Tausend 7^2 Seiten 8° mit ^2 Porträts Broschiert M. ^.50, in Leinen gebunden M. 5.50 „. . . Lines der tüchtigsten und umfassendsten Bücher: Theobald Zieglers Buch .Die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts'. Line immense Fülle von Wissen ist in diesem prägnant geschriebenen, alle Erscheinunzen der Aultur aufgreifenden Band vereinigt. Die Bewegungen des Säkulums treten in großen Gesamtbildern wie auch im Detail lebendig hervor." (Berliner Tageblatt) „. . . Referent trägt kein Bedenken, dem Buch als dem besten der vorhandenen bleibenden Wert bcizumessen: dem Verfasser steht vielseitiges und gründliches Wissen zu Gebote, und wenn wir gefragt werden, ob dieser eine Band oder mehrbändige Werke wie Treitschkes Geschichte für die Grientierung über unser Jahrhundert wichtiger sind, so bedenken wir uns keinen Augenblick." (Literarisches Zentralblatt) „Die plastische Alarheit, die Sicherheit in der Erkennung des Wesentlichen, das Herausgreifen der verwandten Strömungen und verwandten ^deen, die Vereinigung derselben in einer Disposition, wie sie nur ein hoch über dein Ganzen stehender Geist vermag, sind an sich schon so fesselnd, daß es ein mehr als momentanes Behagen gewährt, von einen: so überschauenden Geiste Alar- heit gebracht zn sehen in die Entwickelungsreihen der Menschheit im l9> Jahrhundert. Zu alledem kommt ein Stil, der an sich ein rein ästhetisches Vergnügen gewährt." (vannoverschcr Courier) „. . . Daß Ziegler der rechte Mann dazu war, bestätigt sein neues, uns vorliegendes Werk, dessen versasser sich nicht nur als ein Mann von erstaunlicher Vielseitigkeit, Weite des Blickes, tiefer philosophischer und historischer Bildung, sondern auch als ein Meister des Stils, der vornehmen, niemals gelehrt flunkernden oder gespreizten Formgebung, der wirkungsvollen Gruppierung und sicheren Zeichnung bewährt. Bei allein Reichtum des Wissenswerten, Aufhellenden, Durchdenkenswürdigen, den er, kein Geistesgebiet vernachlässigend, uns bietet, weiß er doch stets den Blick aufs Große zu richten, mit sicherem Griffel die Linien so zu führen, daß wir erkennen, ,wie alles sich zum Ganzen webet, eins in dem andern wirkt und lebet'. Und was die Hauptsache ist: aus dem Buche spricht ein Eharakter, ein ganzer Mann, gesund an Geist und Herzen; und darum ist das Luch niemals langweilig." (Zeitschrift für den deutschen Unterricht)