Dr. Heinrich Dietzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. Seite ^—^2». Die Gehe-Stiftung zu Dresden in den ersten ^5 Iahren ihrer Thätigkeit. Seite 1—Xl.il. 4 ^ahröuch der Gehe-Stiftung Zu Dresden. Band V. Dresden v. Zahn Lc Iaensch ^c>00. Weltwirtschaft und Volkswirtschaft von Dr. Heinrich Dietzel, Professor an der Universität Bonn. Dresden Verlag von v. Zahn öc Iaensch M0. Inhatt. ^ Seite Einleitung. Territorialwirtschaft — Nationalwirtschaft — Weltwirtschaft. Die zwei Ursachen des Entstehens der Weltwirtschaft; Auseinandergehen der Urteile betreffs der Wirkungen dieses Vorgangs für die Nationalwirtschaften ...................1—S I. Die nationalwirtschaftlich günstigen Wirkungen des Anschlusses an die Weltwirtschaft. Oberstes Ziel der Wirtschaftspolitik: Erreichung des Maxi- mum an Bolksreichtum wie des Maximum an Stetigkeit der volkswirtschaftlichen Lebens. 1. Die Steigerung des Volksreichtums durch Anschluß an die Weltwirtschaft. Der Anschluß an die Weltwirtschaft bewirkt erstens das Reicherwerden des Volks in qualitativer Hinsicht: Vermehrung der Güterarten, über die der Verbrauch sich zu erstrecken vermag. Die Begrenzung der Produktionsmöglichkeit, welche bei Eigenwirtschaft waltet, fällt fort.......6—7 Der Anschluß an die Weltwirtschaft bewirkt zweitens das Reicherwerden des Volks in quantitativer Hinsicht: Vermehrung der konsumtiblen Gütermengen. H.. Das „Gesetz des abnehmenden Ertrags" der Rohstoffarbeit kann wirksamer bekämpft, das „Gesetz des zunehmenden Ertrags" der industriellen Arbeit wirksamer ausgenutzt werden wie bei Eigenwirtschaft......7—16 L. Das „Gesetz des territorial verschiedenen Ertrags" gleicher Arbeit, das bei Eigenwirtschaft dem Streben nach dem Reichtumsmaximum hinderlich ist, wird bei Anschluß an die Weltwirtschaft zu einem Werkzeug dieses Strebens. Bei „kosmopolitischer" Arbeitsteilung wird die Arbeit jedes Volkes nationaler, indem jedes Volk sich auf diejenigen Zweige der Produktion zu beschränken vermag, auf welche die Sonderart des nationalen Territorium und der nationalen Kultur es hinweist............17—20 ! - vm — Seite 2. Die Stetigung des Wirtschaftslebens durch Anschluß an die Weltwirtschaft. Das „Gesetz des zeitlich wechselnden Ertrags" gleicher Arbeit, vor allem der Rohstoffarbeit (Ernteschwankungen), wird weniger lästig empfunden; der Anschluß an die Weltwirtschaft wirkt wie eine Versicherung gegen Mißwachs und Überwachs. 21—29 II. Maß und Maßstab des der weltwirtschaftlichen Entwicklung zu dankenden nationalwirtschaftlichen Fortschritts ...................30—40 III. Kritik der gegen den Anschluß an die Weltwirtschaft erhobenen Bedenken und der auf Grund dieser Bedenken geforderten Politik der „Nationalisierung". 1. Die Möglichkeit zeitweisen Rückgangs des Außenhandels. Diese Möglichkeit, und damit die Möglichkeit von Schwankungen und Verschiebungen der Nationalwirtschaft, ist nicht zu bestreiten. Aber sie ist das kleinere Übel, und die Gefahr mindert sich, je weiter die weltwirtschaftliche Entwicklung fortschreitet.... 41—48 2. Die Möglichkeit dauernden Rückganges des Außenhandels. Theorie, daß die jetzige Differenzierung der Nationen in „Industriestaaten" und „Rohstoffstaaten" nur ein Zwischenspiel der Wirtschaftsgeschichte sein könne, da die Rohstoffstaaten von heute sich künftig industrialisieren und ihre Materialien wie ihre Lebensmittel selbst verbrauchen würden; Konsequenzen für das Programm der Handelspolitik; Vertreter der Weltmachtpolitik und Vertreter der Politik der „Nationalisierung".....49—57 ^. Theorie vom Rückgang des Fabrikatenexports. Selbst wenn diese Theorie zuträfe, wäre eine Politik der „Nationalisierung" nicht geboten...........58—66 Sie trifft aber nicht zu: daß das Emporkommen von Industrien in den Rohstoffstaaten das Einschrumpfen des Fabrikatenexports der Industriestaaten zur Folge haben müsse, ist ein Irrtum.............66—88 ö. Theorie vom Rückgang des Lebensmittelimports. Selbst wenn diese Theorie zuträfe, wäre eine Politik der „Nationalisierung" nicht geboten..........89—101 Sie trifft aber nicht zu: für vorläufig unabsehbare Zeit kann die Lebensmittelproduktion der Welt noch rascher wachsen als der Lebensmittelbedarf; sie kann wachsen durch Erweiterung der heute zur Produktion dienenden Fläche, wie durch intensivere Ausnutzung derselben. Die Gefahr der Übervölkerung besteht gleicherweise bei Eigenwirtschaft wie bei Anschluß an die Weltwirtschaft......112—119 Schlußwort..................119-120 i i Einleitung. Wenn wir jetzt, da das Jahrhundert zur Rüste geht, der Fortschritte und Wandlungen gedenken, die es unserm Volke gebracht, so treten als ragende Merksteine der Entwickelung drei Daten vor unser geistiges Auge: 1833 — 1848 — 1871. Das Jahr 1833 erfreut sich nicht des gleichen historischen Prestiges wie das Jahr der Märzrevolution und das Jahr des deutsch-französischen Krieges. Aber mit Unrecht. Denn zu dem, was die Eigenart unseres heutigen staatlichen wie gesellschaftlichen Daseins ausmacht — zu dem, wodurch dies heutige Dasein ein höheres, vollkommeneres ist als das der Vergangenheit, hat das Jahr 1833 den Grund gelegt. Damals kam, nach langen Mühen, der deutsche Zollverein unter preußischer Vormacht zum Abschluß; dieser Staatenbund, der den ersten Schritt auf der Bahn nationaler Einigung bedeutete, an deren Ende die Wiedererrichtung des deutschen Reiches liegen sollte. Und weiter hob die sociale Epoche an, die, nach dem kaiserlichen Worte, „im Zeichen des Verkehrs steht"; damals, als zu Leipzig jene kleine Broschüre erschien, die den Titel trug: „über ein sächsisches Eisenbahnsystem als Grundlage eines allgemeinen deutschen Eisenbahnsystems" — jene kleine Broschüre, in der F. List den Plan entwickelte, als Correlat des „nationalen Zollsystems" ein „nationales Transportsystem" zu begründen, ein allmählich über ganz Deutschland auszudehnendes Schienennetz ins Leben .zu rufen, dessen Ausgangs- und Mittelpunkt die Linie Leipzig—Dresden bilden müsse. Das Originalmanuskript findet sich im Eisenbahnmuseum zu Dresden Dietzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. 1 Wie unser staatliches Dasein durch die Wiedererrichtung des deutschen Reiches, so hat durch das Emporkommen des modernen Verkehrswesens unser gesellschaftliches Dasein eine tiefgehende, nach den verschiedensten Seiten hin ausgreifende Metamorphose erfahren. Von einem der wesentlichsten Momente dieser socialen Metamorphose soll im Folgenden die Rede sein: von der Verflechtung der deutschen Volkswirtschaft in den, nahezu die ganze Erde umspannenden, „weltwirtschaftlichen Organismus, in welchem die einzelnen Volkswirtschaften die Funktion von Gliedern erhalten"^) — Weit richtiger und allseitiger als die große Mehrzahl der Zeitgenossen hatte der Verfasser jener Broschüre von 1833 die revolutionäre Energie der ueuen Transporttechnik gewertet. Während so Viele meinten, daß in der Hauptsache uur dem Personenverkehr eine namhafte Forderung werden werde, Manche sogar dieses leugneten, prophezeihte F. List eine ganz außerordentliche, unberechenbar große Hebung auch des Güterverkehrs. Solange die Versendung der Waren mittels Karren oder Kahn geschah, d. h. überaus langsam vor sich ging und, wenigstens zu Lande, recht teuer sich stellte, konnte es noch keine nationale, keine „allgemeine Wirtschaft" (Lamprecht) geben — konnte nur in wenigen Gütergattungen ein regelmüßiger Austausch, eine ständige Arbeitsteilung zwischen fern voneinander liegenden Gebieten des „geographischen Begriffs" Deutschland stattfinden. Wie in politischer Hinsicht in eine Anzahl fast souveräner Territorialstaaten, so zerfiel Deutschland in ökonomischer Hinsicht in eine Reihe von nahezu autarkischen Territorialwirtschaften. Dank dem Eisenbahnsystem, mit dem ein weitverzweigtes Kanalsystem Hand in Hand gehen müsse, werde — so führte F. List aus — die deutsche Nationalwirtschaft erstehen, werde die Möglichkeit des Austausches und der Arbeitsteilung zwischen allen deutschen Gauen sich eröffnen. Waren jeder Art — auch ganz geringwertige, wie Getreide, Holz, Steine, Erze, Kohlen u. f. w. — werde das „rollende Flügelrad" zwischen Königsberg und Lindau, Hamburg und München, Mannheim und Breslau herüber und hinüber tragen. -) Ad. Wagner, Grundlegung der Pol. K. Bd. I. S. 362. Aber selbst er war weit davon entfernt, die weltwirtschaftliche Entwickelung der Zukunft zu ahnen: Den internationalen Verkehr dachte er sich in der Hauptsache beschränkt auf den Umsatz hochwertiger Rohstoffe der Tropen gegen hochwertige Fabrikate der gemäßigten Zone. Was den Fernhandel mit Korn anlangt, so erschien ihm als ein Äußerstes, nur „in Zeiten außerordentlicher Teuerung" zn Erwartendes — daß Getreide aus dem Innern Deutschlands, z. B. aus Bayern, nach England gelange. Die „Luftschlösser", die F. List auf die neue Transporttechnik baute, seine damals als zu „amerikanisch" verspotteten Verkehrsprognosen sollten sich nicht nur bewahrheiten, sondern schließlich weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Um vieles gewaltiger, als wie er vorausgesagt, hat der Aufschwung des Handels — des Binnen- wie des Außenhandels — im „Jahrhundert des Dampfes" sich gestaltet. Jahraus jahrein, mögen die Preise höher oder tiefer stehen, bezieht heute ganz Westeuropa Korn aus weiter Ferne — aus Rußland uud Rumänien, Nordamerika und Argentinien, Indien und Australien. Und es bezahlt dies Korn, und ums es sonst noch an Lebensmitteln, Materialien, Fabrikaten aus aller Welt bezieht, in der Hauptsache zwar mit Fabrikaten, daneben aber auch mit Materialien — z. B. Kohlen, Cement, Düngemitteln — und mit Lebensmitteln — z. B. Salz, Zucker, Branntwein, Bier, Wein. Nicht nur tropische Rohstoffe und Mauufakte der gemäßigten Zone begegnen sich auf den Meeren — wie die nationalwirtschaftliche, so hat schließlich auch die weltwirtschaftliche Entwickelung nahezu alle Gütergattungen in ihren Kreis gezogen. Dies Ergebnis ist einerseits den Errungenschaften der neuen Transporttechnik zu danken, andererseits der Thatsache, daß viele Staaten, zuerst England, dem Außenhandel manche Fesseln, die früher ihn eingeschnürt hatten, abnahmen und den Druck anderer wesentlich milderten. Wurden durch das Eisenbahnwesen u. s. w. die Hindernisse von Raum und Zeit, durch welche die Natur die Erstehung einer Weltwirtschaft bis dahin vereitelt hatte, um ein Beträchtliches gemindert, so durch Beseitigung von Einfuhr- und Ausfuhrverboten, durch Zollherabsetzungen und Zollbefreiungen die Hindernisse, die der ,nomo L^xisus' hinzugethan. — Die Weltwirtschaft ist ein Neues. Ist nun dies Neue ein Gutes oder Schlimmes? Zählen die Wirkungen, die unser volkswirtschaftliches Dasein durch sie erfahren hat, zu den Fortschritten, deren die Lebenden sich freuen dürfen, oder zu den Wandlungen, die sie zu beklagen haben? Die Einen urteilen: zwar habe wie alles auf dieser unvollkommenen Erde, auch die Verflechtung der Volkswirtschaften in die Weltwirtschaft ihre zwei Seiten; aber weitaus überwiege das Gute. Daher sei das Zollsystem in der Richtung zum Freihandel weiterzubilden oder umzubilden, das Transportsystem so einzurichten und zu verwalten, daß der Verkehr zwischen Inland und Ausland ein immer regerer werde. Die Andern urteilen: weitaus überwiege das Schlimme. Habe bisher schon die weltwirtschaftliche Entwickelung manches Unheil heraufbeschworen, so drohten in Zukunft noch weit ärgere Gefahren. Nicht Erweiterung, sondern Wiedereinschränkung des Außenhandels müsse die Parole sein — Beeinflussung der Volkswirtschaft im Sinne der „Nationalisierung" durch eine Politik „eigenwirtschaftlicher Unabhängigkeit". — Um diese Kontroverse zu entscheiden, wird zunächst (I. und II.) darzulegen sein, ob und welche wirtschaftliche Vorteile der Anschluß an die Weltwirtschaft den Völkern bringt; dann (III), ob und welche wirtschaftliche Nachteile ihm entspringen, bezüglich wie schwer sie ins Gewicht fallen. Das oberste Ziel der Wirtschaftspolitik muß sein: zu bewirken einerseits, daß das unter den gegebenen Bedingungen Mögliche Maximum des Volksreichtums erreicht werde, und andererseits, daß das wirtschaftliche Leben des Volkes so stetig als möglich verlaufe. Der Lösung dieser doppelten Aufgabe vermag — wie im Folgenden erörtert wird — ein Volk desto näher zu kommen, mit je mehr Völkern es Verkehr und je mehr Verkehr es mit ihnen treibt; bei „Eigenwirtschaft" kann die nationale Arbeit weder so produktiv, noch so kontinuierlich sich vollziehen wie bei Anschluß an die Weltwirtschaft. 1. Für jedes Volk ist der Kreis der möglichen Produktionen jeweilig begrenzt. Begrenzt einmal durch die Natur; denn auf dem nationalen Territorium gedeihen nur gewisse Gattungen von Pflanzen und Tieren, und nur gewisse Gattungen von Erden und Erzen finden sich vor. Begrenzt ferner durch den socialwirtschaftlichen Status, d. h. durch Menge und Beschaffenheit der materiellen Mittel (Arbeitskräfte, Kapitalien), über welche die Nation derzeit verfügt. Non omnia xossumuZ omves — wie von den Individuen, so gilt der Satz von den Völkern. Bei Eigenwirtschaft wird dies Begrenztsein als eine lästige Fessel des Reichtumstrebens empfunden — desto lästiger, je monotoner das Land u. s. w.: Bei Anschluß an die Weltwirtschaft wird ihr Druck kaum noch gespürt. Kann ein Volk auch nur mit einigen — 6 — wenigen Waren auf den Märkten anderer Völker konkurrieren, so bleibt zwar seine Produktionsmöglichkeit unter Umständen die gleiche, aber seine Konsumtionsmöglichkeit wächst, erstreckt sich auf alle die guten Dinge, welche diese anderen Völker hervorbringen. Diese Wirkung, diese Vermannigfaltigung der materiellen Genüsse, war es, was zuerst dem Denken über den Verkehr auffiel und gefiel. „Die Größe der Stadt verursacht einen ständigen Zufluß von allerlei Gütern dieses Lebens aus allen Gegenden der Welt; wir können die Produkte anderer Völker ebensogut als unser Eigentum genießen wie unsere eigenen Landesfrüchte." (Aus der Leichenrede des Perikles in Thukydides' Geschichte des peloponnesischen Krieges, Bd. II. 38.1) Diese Thatsache der Mehrung des Volksreichtums in qualitativer Hinsicht dank dem Verkehr, die der antike Schriftsteller kausal faßt, ist später seitens der christlichen Socialphilosophen teleologisch verwertet worden. Von der Zeit der Kirchenväter (Origines) bis ins Jahrhundert der Aufklärung (D. Hume) hinein ist es zahllose Male, oft mit gewaltigem Pathos, ausgesprochen worden, daß Gott die einzelnen Bezirke des Erdballs mit nur begrenzter, aber verschiedenartiger Produktionsmöglichkeit bedacht habe, um den Völkern den Trieb zu Austausch und Arbeitsteilung einzupflanzen und sie durch die Weltwirtschaft zu der Weltgemeinde zu einen, in der sie als Kinder Eines Gottes sich lieben lernen sollen. Die Bezeichnung der Nationen als „Provinzen Eines Königreichs", die in den Plaidoyers der Liberalen der klassischen Epoche zu Gunsten des Freihandels häufig sich findet, ist keineswegs aus dem „kosmopolitischen" Geiste des XVIII. Jahrhunderts empfangen, sondern ist — wie noch vieles Andere in dem Wort- und Jdeenschatz dieser angeblichen „Materialisten" — uraltes Erbstück der „ethischen" Socialökonomie der Vergangenheit. Dank dem Verkehr erweitert sich die Genußsphäre eines Volkes einmal insofern, als solche Güter ihr zuwachsen, die auf dem Raumgebiet, das es beherrscht, gar nicht produzibel wären — auf die es bei Eigenwirtschaft verzichten müßte. Zweitens — was zwar minder wichtig ist, aber doch nicht, wie üblich, übersehen werden darf — insofern, als gewisse Dinge, die ihm zwar produzibel, aber nur zu bestimmtem Zeitpunkt produzibel sind, jederzeit beschafft werden können. ^) Ganz ähnlich bei Lenophon, ^.tkeii. rsp. 2, 7. — 7 — Bei Eigenwirtschaft ist ein Volk gezwungen, z. B. das Brotkorn sorgsamst zn Rate zu halten, damit es bis zur nächsten Ernte ausreichte; frisches Obst bietet sich nur während kurzer Frist dar — läßt es sich auch konservieren wie Brotkorn, so doch nnr zu höheren Kosten und unter Beeinträchtigung des Wohlgeschmacks. Durch Verkehr mit andern Völkern, die zu anderen Monaten in die Scheuer sammeln, wird die wirtschaftliche Position eine günstigere. Fällt in Europa und Nordamerika die Brotkornernte in den Juli und August, so in Argentinien und Australien in den Dezember und Januar, in Indien in den März, u. s. w. — jederzeit kann, wenn einem Volke die Borräte sich erschöpfen, irgend ein anderes Volk mit neuer Frucht in die Lücke springend) Geht bei uns im Winter das frische Obst zur Neige, so kann z. B. das Kapland aushelfen, indem es die Aprikosen sendet, die hier Ende des Jahres — Trauben, Äpfel, Birnen, die im Januar — Pfirsiche, die im Februar reifend) — Zu dem Reicherwerden in qualitativer Hinsicht — durch Vermehrung der Güterarten, über die der Verbrauch des Volkes sich zu erstrecken vermag — tritt als zweite, noch bedeutsamere Wirkung des Anschlusses an die Weltwirtschaft das Reicherwerden in quantitativer Hinsicht durch Vermehrung der konsumtiblen Gütermengen. Bei Aufwand gleicher Gesamtarbeit wird ein Verkehr treibendes Volk ein höheres, vielleicht ein weit höheres Gesamtprodukt erzielen, als wenn es isoliert wirtschaftete; m. a. W: feine nationale Arbeit wird produktiver. ^. Die Natur hat jedem Volke die Stätten, wo die Produktivität der Rohst off arbeit, des einen Hauptzweiges der nationalen Arbeit, ihr Maximum erreicht (d. h. die Stätten, wo die Arbeitseinheit das Maximum Rohstoff liefert) nur in begrenztem Umfang zur Verfügung gestellt. Und auch auf diesen besten Arbeitsplätzen — auf den fruchtbarsten Äckern, den ergiebigsten Bergwerken u. s. w. — läßt die Natur die Erreichung des Produktionsmaximums nur unter der Bedingung zu, daß nicht mehr als ein bestimmtes, begrenztes Quantum Arbeit auf sie verwandt wird. Vgl. I. d. Econ. 1882, II. S. 133. — Economist 1896, S. 1317. 2) Nation 1894, S. 457. Kann ein Volk seinen ganzen Bedarf an agrikolen und montanen Rohstoffen ausschließlich auf den Böden und Gruben erster Klasse decken und zwar derart decken, daß es nur das begrenzte Quantum Arbeit ihnen zuführt, bei dessen Verwendung das Pro- duktivitätsmaximum statthat, so ist, was die Rohstoffproduktion betrifft, der ideale Zustand vorhanden. Überschreitet aber seine Ziffer und damit sein Bedarf an Rohstoffen eine gewisse Grenze, so wird ein Volk, falls es isoliert wirtschaftet, von solchem idealen Zustand sich entfernen müssen — wird das Gesetz des „abnehmenden Ertrags" in der Rohstoffproduktion sich geltend machen, die Produktivität seiner agrikolen und montanen Arbeit unter das mögliche Maximum sinken. Gehen Ziffer und Bedarf empor, fo können zwei Wege behufs Ausdehnung der Rohstoffproduktion eingeschlagen werden. Entweder muß das Volk, während es bisher nur die Böden und Gruben erster Klasse in Anspruch nahm, jetzt herabsteigen zu denen zweiter, dritter Klasse u. s. w.; oder es muß die Deckung des erhöhten Bedarfs dadurch zu bewirken suchen, daß es auf die Böden und Gruben erster Klasse ein größeres Arbeitsquantum als bisher verwendet. (Natürlich kann es auch — und wird es in der Regel — beide Methoden kombinieren.) Die Steigerung des Gesamtprodukts an Rohstoffen läßt sich auf jenem wie auf diesem Wege erzielen. Aber das Volk muß, mag es jenen oder diesen wählen, jetzt mehr Arbeit einsetzen für den Zentner Weizen, Kohle u. f. w. — der durchschnittliche Ertrag der Arbeitseinheit seiner Rohstoffarbeit hat abgenommen. Wie es auch verfahre, immer wird ein isoliertes Volk, nachdem sein Rohstoffbedarf eine gewisse Grenze überschritten hat — die selbstverständlich für verschiedene Völker ganz verschieden, ebenso für die verschiedenen Zweige der Rohstoffproduktion ganz verschieden liegen kann — auf das, wie die englische Socialökonomik es getauft hat, Gesetz des „abnehmenden Ertrags'") stoßen, auf eine wirtschaftlich fatale Naturthatsache. Die klarste Darstellung und Begründung dieser äimillisUinZ rstuias" der Rohstoffe erzeugenden Arbeit ist bis heute die, welche N. W. Senior (Outlinss ok?o1. Ao., 26. 81.5.) gegeben hat. Sieht, unter dem Druck wachsender Ziffer, ein Volk sich gezwungen, zu schlechteren Arbeitsplätzen seine Zuflucht zu nehmen, oder die besten mit einem größeren Arbeitsquantum zu belegen, als mit demjenigen, bei welchem das Produktivitätsmaximum statthat, so wird es ärmer, wie es sein könnte, falls es sich zu beschränken vermöchte auf Ausnutzung nur der Böden und Gruben erster Klasse bis zum Punkte des Produktivitätsmaximum. Das Kopfprodukt (der Ertrag an materiellen Gütern jeder Art, der bei gleicher Verteilung des Gesamtprodukts, der „nationalen Dividende", auf den Kopf entfallen würde), das Kopfprodukr, an dem die Höhe des Volksreichtums sich mißt, steht niedriger, wie es stehen könnte, falls die Zahl der Münder und Mägen, und damit der Rohstoffbedarf, niedriger wäre. Durch Vervollkommnung der Technik der Rohstoffproduktion kann erreicht werden, daß das „Abnehmen des Ertrags" zeitweise hintangehalten wird — daß ein größerer Rohstoffbedarf als früher mit gleicher oder vielleicht sogar geringerer Arbeitsmenge wie früher beschafft wird. Aber kein Fortschritt agrikoler oder montaner Technik vermag jenes Gesetz auf die Dauer außer Wirksamkeit zu setzen. — In der Industrie, im Handel, im Transport — kurz: auf allen übrigen Gebieten der Arbeit mit Ausnahme der Rohstoffproduktion — gilt dagegen das Gesetz des „zunehmenden Ertrags". Das heißt: mit Ausdehnung der industriellen u. s. w.^) Produktion steigt der durchschnittliche Ertrag der industriellen Arbeitseinheit, steigt die Produktivität der industriellen Arbeit der Nation. Wie es neulich einmal formuliert wurde: in der Landwirtschaft ist „der letzte Scheffel der teuerste" und im Bergbau der letzte Zentner. In der Industrie sind umgekehrt „die letzte Elle, das letzte Groß die billigsten".") Möglich ist, daß die Minderung der Produktivität in der Rohstoffproduktion wettgemacht wird durch die Stei- ^) Im Folgenden ist — da es hierauf vor allem ankommt — nur noch von der industriellen Produktion die Rede. ') E. v. Halle, Weltmachlpolitik und Socialreform. (Sociale Praxis 1899, S. 556.) gerung der Produktivität in der Industrie — daß deshalb trotz wachsender Bevölkerung und wachsendein Bedarf an Lebensmitteln und Materialien, das Kopfprodukt, das Durchschnittseinkommen, nicht sinkt, sondern emporgeht. Aber auch in diesem Falle — dessen glänzendstes Beispiel das XIX. Jahrhundert bildet — bleibt das Walten jenes Gesetzes des „abnehmenden Ertrags" der Rohstoffproduktion eine fatale Thatsache; das Kopfprvdukt würde noch mehr emporgehen, wenn jenem Gesetze ausgewichen, mindestens sein Druck gemildert werden würde. Dies ist — wie auch die volkswirtschaftliche Situation liege — immer „ein Ziel aufs innigste zu wünschen". Erreicht werden kann es, wie oben schon gesagt, einmal durch Vervollkommnung der Technik der Rohstoffproduktion; es kann aber auch erreicht werden durch Vervollkommnung der territorialen Arbeitsteilung, durch Erweiterung der Tauschbeziehungen zwischen den Völkern. Dank dem Verkehr kann einerseits die Minderung der Produktivität der nationalen Arbeit, die als Folge des Gesetzes des „abnehmenden Ertrags" in der Rohstoffproduktion eingetreten ist oder einzutreten droht, vermieden, mindestens auf ein geringeres Maß herabgebracht werden. Dank dem Verkehr kann andererseits die Steigerung der Produktivität der nationalen Arbeit, die als Folge des Gesetzes des „zunehmenden Ertrags" in der Industrie winkt, auf ein höheres Maß hinaufgebracht werden, wie bei Isolierung. Ein Volk, dessen Rohstoffproduktion — hinsichtlich aller oder gewisser Nohstoffarten, z. B. der Lebensmittel — in den „absteigenden Ast" der Produktivität hat einlenken müssen, vermag sich von diesem Zwange ganz oder teilweise zu emanzipieren durch den Verkehr. Indem es die eigene Rohstoffproduktion einschränkt, das Manko begleicht durch Bezng von solchen Völkern, deren Rohstoffproduktion den Punkt des „abnehmenden Ertrags" noch nicht oder wenigstens nicht so weit überschritten hat, wie es selbst, und die Rohstoffeinfuhr bezahlt mit der Ausfuhr solcher Waren, hinsichtlich deren seine Produktion im „aufsteigenden Ast" der Produktivität steht, z. B. mit der Ausfuhr von Fabrikaten — indem ein Volk so handelt, wird es die Ungunst des Gesetzes des „abnehmenden Ertrags" der Rohstoffproduktion wirksamer bekämpfen, die Gunst des Gesetzes des „zunehmenden Ertrags" der Industrie voller genießen, wie es bei Eigenwirtschaft — trotz aller technischen Fortschritte — der Fall sein könnte. Denken wir uns zwei, bisher voneinander isolierte Völker, ^. nnd L. Wenn — wie wir weiter supponieren wollen — die Produktionsmöglichkeit (s. o. S. 5) im Lande ^ ungefähr die gleiche ist wie im Lande L, so wird, falls ^. und L jetzt in Verkehr treten, eine Vermannigfaltigung des Genießens nicht platzgreifen — jener erste wirtschaftliche Vorteil des Verkehrs kommt hier nicht in Betracht. Dafür kann aber eine, vielleicht gewaltige Vermehrung des Volksreichtums Beider sich ergeben kraft Steigerung der Produktivität in ^ wie in L. In dem Falle nämlich, daß ^ viele, L weit weniger Köpfe zählt, und demgemäß bisher die Rohstoffproduktion dort weit mehr hatte ausgedehnt werden müssen als hier. Angenommen, die Situation sei bisher, bei Isolierung, die gewesen, daß das große Volk um sich mit Korn nnd Fleisch zu versorgen, bis zu Böden achter Klasse — ganz unproduktive Äcker, Wiesen, Weiden — herabsteigen mußte; das kleine Volk L dagegen nur bis zu Böden zweiter Klasse. Auf beide Völker habe also das „Gesetz des abnehmenden Ertrags" gedrückt — jedoch auf ^. viel schwerer als auf L. Durch Verkehr mit L würde für ^. eine wesentliche Ab- schwächung dieses Druckes eintreten; aber nicht minder würde, nur aus anderer Ursache, L durch Verkehr mit -k. profitieren. Das Volk ^ nämlich, das bei' Isolierung in der Rohstoffproduktion unproduktiver arbeitet als L, arbeitet umgekehrt produktiver wie L in der Fabrikation. Wird die Volkswirtschaft von ^. durch das Gesetz des „abnehmenden Ertrags" der Rohstoffproduktion weit härter betroffen als die von L, so kommt jener dagegen das Gesetz des „zunehmenden Ertrags" der Industrie in weit höherem Grade zu Gute wie dieser. Bei Verkehr zwischen beiden kann in ^ die Industrie, der derzeit im allgemeinen produktivere der beiden Hauptzweige der Arbeit, noch mehr ausgedehnt werden — über den eigenen Bedarf — 12 — hinaus, behufs Exports nach L. In L dagegen, wo die Industrie derzeit im allgemeinen minder produktiv ist, kann sie eingeschränkt werden, kann der Bedarf an Fabrikaten zum Teil durch Import aus ^ gedeckt werden. Umgekehrt bezüglich der Rohstoffproduktion, z.B. der Kornproduktion. Zufolge des Bezuges aus L kann die Kornproduktion in ^ ^ eingeschränkt werden — kann eine Quote der agrikolen Gesamtarbeit, die bisher auf Böden niederster Klasse ganz unproduktiv verausgabt werden mußte, freigemacht und weit produktiver verwandt werden in der Industrie; ein Arbeitsquautum, das bisher, in der Kornproduktion thätig, nur ein geringes Quantum (inländischen) Korns produzierte, produziert jetzt, in der Exportindustrie thätig, ein größeres Quantum (ausländischen) Korns. Mit gleicher Gesamtarbeit erlangt das Volk ^. jetzt mehr Korn, das von L mehr Fabrikate. Die nationale Arbeit Beider wird, als ganze genommen, produktiver. Allerdings: das Volk v kann jetzt, da es Korn nach ^ exportiert, den Kornbau nicht mehr ausschließlich auf Böden erster und zweiter Klasse treiben, sondern muß Böden niedrigerer Klasse mit in Anspruch nehmen; die Produktivität der Kornproduktion sinkt. Wenn aber L so reich ist an fruchtbaren Äckern, daß, um den eigenen und zu einem Teil den Bedarf von ^. zu decken, hier nur bis zu Böden dritter Klasse hinabgegriffen zu werden braucht, m. a. W. wenn hier die Produktivität der Kornprodnktion nur um ein Geringes sinkt, so kann dieser Nachteil weit überwogen werden durch den Vorteil, der für L aus der Verbilliguug der jetzt aus ^. bezogenen Fabrikate sich ergiebt. Ob und wie weit, dank dem Verkehr, die Produktivität der nationalen Arbeit solcher Völker wie ^ und L gesteigert wird, ist nur iQ LOQorsto zu entscheiden. (Die Entscheidung hängt einerseits ab von der Höhe der Volksziffer hier und dort, andererseits von der Lage der Bodenverhältnisse hier und dort.) Ist es der Fall, so gebietet das nationalwirtschaftliche Interesse beider, Austausch und Arbeitsteilung zu Pflegen. Beide werden profitieren — die zifferreiche, industriell vorgeschrittene Nation ^. wie die bodenreiche, industriell zurückgebliebene Nation L — 13 — — das Volk, welches durch den Verkehr zum „Industriestaat", wie das, welches zum „Rohstoffstaat" werden wird.^) Ob jenes mehr als dieses durch den Verkehr profitiert, oder umgekehrt, läßt sich wieder nur in vonorsto bestimmen. Wie beim Binnenverkehr zwischen Individuen und Gruppen des gleichen Volkes kann beim Außenverkehr zwischen Völkern wie ^ und L der Vorteil sich ungleich verteileu. Daß aber ^. mehr wie L, oder L mehr wie ^. profitiert, kann kein Grund gegen Austausch und Arbeitsteilung zwischen ihnen sein. — Unsern Agrariern und ihren akademischen Anwälten ist die Thatsache, daß das nationale Interesse, das Interesse an möglichster Hebung der Produktivität der nationalen Arbeit wie möglichster Hebung der Ziffer (m. a. W. an möglichster Hebung des Reichtums wie der Macht des Volkes), Ziffer- und industriereichen Völkern, wie z. B. Deutschland, vorschreibt, Verkehr mit ziffer- und industriearmen Völkern, wie z. B. Rußland, zu treiben, nicht klar. Statt die Folge solchen Verkehrs — die Einschränkung der Rohstoffproduktion, besonders der Landwirtschaft, die Ausdehnung der Industrie — als eine, zwar dem ag raren Interesse zuwidere, aber vom nationalen Interesse gebotene hinzunehmen, möchten sie die Ursache aus der Welt schaffen, den Verkehr wenigstens in agrikolen Produkten unterbinden. Im Agrarischen Handbuch heißt es: „so lange nicht alles Land bebaut ist und alles bebaute Land in voller technischer Betriebsinteu- sität bewirtschaftet wird, so lange ist es natürliche Entwickelung, wenn die diesem Beruf (der Landwirtschaft) angehörende Einwohnerschaft sich mehrt; es ist unnatürlich, wenn nur sie allein hinter der Entwickelung der andern Berufe zurückbleibt, oder gar, wie gegenwärtig" — in Deutschland, England u. s. w. — „absolut sich vermindert".^) Ist unter „natürlicher" Entwickelung diejenige zu verstehen, welche das nationale Interesse erheischt, so ist der Satz falsch. Das nationale Interesse erheischt für Völker wie das heutige Deutschland, daß die Landwirtschaft, der derzeit unproduktivere Zweig der nationalen Arbeit, Hände abgebe an die Industrie. Ist unter „natürlicher" Entwickelung diejenige zu verstehen, bei welcher das private Interesse der Landeigentümer — das übrigens keineswegs zusammenfällt mit dem der Landwirte i. e. S., der Pächter und der Arbeiter — am besten seine Rechnung findet, so kann aller- ») über diese Begriffe s. unten Abschnitt HI. -) Citiert nach A. Berthold, deutsches Reichsbuch, 1899, S. 28. 14 dings nicht bestritten werden, daß solcher „natürlicher" Entwickelung es entspräche, wenn die agrikole Bevölkerung stetig vorwärts schritte, wenn alles Land „bis an die Schneegrenze" (P. Arndt) bebaut, alles bebaute Land so intensiv wie nur möglich bewirtschaftet würde — ungeachtet immer stärkeren Druckes des Gesetzes des abnehmenden Ertrages. Denn dann stiege, mit steigendem Preise der agrikolen Produkte, die den Landeigentümern zufließende Grundrente höher und höher. Aber der Lohn der Arbeiter, der agrikolen wie der industriellen, das Einkommen der großen Masse des Volkes, fiele tiefer und tiefer. Solche Entwickelung wäre wider das nationale Produktions-, wie das nationale Verteilungsintercsse. — Seitens Oldenbergs/) der wie die Agrarier die Emanzipation Deutschlands von der ausländische» Kornzufuhr fordert, wird das Zurückgehen der Landwirtschaft und Emporkommen der Industrie aus dein privaten Interesse des Kapitals erklärt. Daß man die Industrialisierung Deutschlands und anderer Länder Westeuropas hauptsächlich aus dem Zifsermoment, dem Hochstande der Volksziffer, deduziere — uud rechtfertige — sei ein Irrtums) „Warum gehen die Neubürger in die Industrie und nicht in die Landwirtschaft?" Etwa weil letztere überfüllt ist? Keineswegs; sondern weil es „nicht rentiert, in der Landwirtschaft zu arbeiten — weil die Industrie rentabler ist, darum fließen ihr die Kapitalien und die Arbeitskräfte zu. . . Es ist das Verwertungsbedürfnis des Kapitals, das zum Industriestaat drängt". (S. 7.) An der Thatsache, daß „die Kapitalien es sind, die (die Industrialisierung) organisieren", die Arbeitskräfte mitreißen, ist natürlich nicht zu zweifeln. Aber die Frage „wie diese kapitalistische Führung zum National Interesse sich verhält" (S. 3), die Frage, „ob diese auf Rentabilität angelegte Produktion (die Nation) in eine unwirtschaftliche Bahn drängt" (S. 45) oder nicht, ist, im Gegensatz zu Oldenberg, in dem Sinne zu beantworten, daß die kapitalistische Führung dem Nationalinteresse entspricht, das Volk auf der wirtschaftlich richtigen Bahn vorwärts drängt. Das Rentabilitätsinteresse, das private Interesse des Kapitals, deckt sich im Punkte der Industrialisierung mit dem Produktivitäts- iiueresse des Volkes. Auch wenn die kapitalistische Produktionsweise binnen kurzer Frist in dem „großen Kladdaradatsch" zusammenbrechen 1) Oldenberg, Deutschland als Industriestaat, 1897. 2) Vgl. Nr. 2 der Leitsätze, die Oldenberg seinem Vortrage beigegeben hatte: Als treibende Kraft der Industrialisierung ist „nicht in erster Linie die Zunahme der Bevölkerung anzusehen, sondern die führende Rolle des Kapitals in der Volkswirtschaft". » ^ — IS — sollte — die Industrialisierung würde, müßte andauern. Die Wirtschaftsminister des Zukunftsstaates würden der dann kommunistischen Produktionsweise die gleiche „industrielle Wenduug" (Oldenberg) geben, wie heute die Kapitalisten-Unternehmer — wenigstens in dem Falle, daß jene die konkrete, volkswirtschaftliche Konjunktur Deutschlands richtig begriffen, die wirtschaftlichen Vorteile, die das nationale Geschäft, wie es heute liegt, aus der Industrialisierung zieht, die Erhöhung der nationalen Dividende dank dieser, richtig kalkulierten. Ob für künftig diese Industrialisierung Gefahren in sich berge, wird unten (III.) zu erörtern sein; dem „augenblicklich empfundenen Bedürfnis" (S. 4S), der heutigen Richtung der Magnetnadel des nationalen Interesses, entspricht sie unbedingt. Die Meinung, daß die Industrialisierung die notwendige, nationalpolitisch korrekte Folge des Hochstandes der Volksziffer in Westeuropa sei, sucht Oldenberg zu widerlegen: „Wenn es der natürliche Bevölkerungszuwachs wäre, der zum Industriestaat treibt," so müßte doch Frankreich eine Ausnahme bilden. Denn hier sei dieser ja „in beständiger Abnahme" begriffen — „und wo würde mehr über die Entvölkerung des Landes zu Gunsten der Städte geklagt als in Frankreich?" Es ist aber, genau gesprochen, eben nicht der „Bevölkerungszuwachs", sondern der Hochstand der Bevölkerung, welcher die eine Hauptursache der Industrialisierung bildet (die andere Hauptursache ist die, daß gewisse natürliche, wie außer dem Ziffermoment noch weitere sociale Momente in Westeuropa der Industrie günstiger liegen als anderswo). Wenn auch derzeit miniin wachsend, hat die Volksziffer Frankreichs bereits eine solche Höhe erreicht, daß dort wie in Deutschland viel geringwertiges, die Arbeit karg lohnendes Land der Lebensmittelproduktion zugewandt werden muß. Trotz der hohen französischen Kornzölle vermag die produktivere, größere Erträge für gleiche Arbeit erzielende Lebensmittelproduktion zifferarmer Länder die französische zu bedrängen, vermag die französischen Bauern zu zwingen die mindest Produktiven Böden außer Kultur zu setzen (bezüglich zu bewirken, daß sie solche Böden trotz des steigenden Brot- und Fleischbedarfs einer zwar minim wachsenden, aber kaufkräftiger werdenden Bevölkerung nicht in Kultur setzen) und treibt damit Kapitalien und Arbeitskräfte der für das heutige Frankreich produktiveren Industrie zu — zum Schaden der Landeigentümer, zum Nutzen des ganzen Volkes. „Die Schweiz dagegen", fährt Oldenberg fort, „mit ihrem schnellen Volkszuwachs und ihrer rapide gesteigerten Fremdenindustrie — 16 — sinke sehr viel langsamer als Frankreich zum Industriestaat herab" (S. 7). Vermutlich ist diese Behauptung aus der berufsstatistischen Tabelle deduziert, die er seinem Vortrag beigegeben hat. Danach sank der prozentuale Anteil der Landwirtschaft „unter der erwerbsthätigen Bevölkerung" in Frankreich von 46,3 (1881) auf 44,8 "/<> (1891), in der Schweiz von 45,9 "/<, (1870) auf 44 <>/<, (1888); „unter der ganzen Bevölkerung" dort von 48,8 °/g (1881) auf 45,7 (1891), hier von 42,5 °/g (1870) auf 41,6 (1888). In der Schweiz schritt also der Prozeß der Industrialisierung etwas langsamer vorwärts; „sehr viel langsamer" ist zu viel gesagt. Aber lassen wir die Frage des Tempos auf sich beruhen. Daran kann doch kein Zweifel sein, daß die Schweiz „eines der blühendsten Industrieländer" ist und eines der Länder, die hinsichtlich der Deckung ihres Lebensmittelbedarfs am meisten vom Auslande abhängig sind, viel abhängiger als Frankreich? „Die vorhandenen Anbau- und Kulturflächen genügen bei weitem nicht den Ansprüchen für die Nahrung, noch weniger für die industriellen Leistungen der Bevölkerung, die auf 73 Einwohner pro ^in angewachsen ist — gegen 66 in Österreich- Ungarn, 72 in Frankreich, 100 in Deutschland". Dabei muß bedacht werden, daß „mehr als ein Drittel der Fläche der Schweiz Gebirgs- ödland ist V) Mag sein, daß —- dank dem Vorwiegen des kleinen Grundbesitzes in Frankreich und in der Schweiz — die ländliche Bevölkerung hier „zäher an der Scholle haftet" (Oldenberg, S. 7) wie in England und Deutschland. Vermutlich würde dort das Tempo der Industrialisierung ein noch rascheres gewesen sein, wenn der große Grundbesitz vorherrschte. Aber der „wirkliche Grund" der Industrialisierung auch jener „Bauernstaaten" — und die nationalpolitische Legitimation dieses Prozesses — liegt in dem, im Vergleiche zu den verfügbaren Lebensmittel- und Rohstoffquellen, hohen Stande der Bevölkerung. Wenn in der Schweiz wie in Frankreich eine beträchtliche Volksquote „dem Lockrufe des Kapitals in die hochrentable Industrie" gefolgt ist, so ist sie nicht fehl, sondern recht gegangen. Dem nationalen Interesse, dem Produktivitätsinteresse, ist damit nicht minder gedient wie dem privaten Interesse sowohl der Kapitalisten an höchstem Profit, wie der Arbeiter an möglichster Hebung der „Rentabilität" ihrer Leistungen, an möglichster Lohnsteigeruna/) -) Export, 1899, S. 502/503. °) Die Frage, wie der Verkehr, bezw. wie die Industrialisierung zufolge Verkehrs, auf Grundrente, Lohn, Kapitalrente wirke, hoffe ich demnächst an anderer Stelle ausführlich behandeln zu können. Wie im Vorigen schon angedeutet, sind die wahren Antagonisten die Daß der Verkehr eine Vermehrung der konsumtiven Gütermengen, ein Reicherwerden des Volkes in quantitativer Hinsicht, bewirkt, hat aber noch eine zweite Ursache. L. Von Natur und weiter — worauf hier nicht näher eingegangen werden soll — auch socialwirtschaftlicher Verhältnisse halber liegen die Bedingungen für gleiche Produktion, für Erzeugung der gleichen Güterart, für das eine Volk günstiger, für das andere ungünstiger, steht die Produktivität hier höher, dort tiefer. Mit gleicher Arbeit vermag das eine Volk, im Durchschnitt der Jahre, mehr Rohstoff dieser und jener Art zu gewinnen, das andere weniger. Hier gedeihen z. B. Weizen und Roggen besser, dort Mais und Gerste; hier sind Eisen und Zinn mit geringen Kosten produzibel, dort Kohlen und Salz. Und dasselbe gilt für die Rohstoffverarbeitnng. Wie die Bedingungen für Erzeugung von Weizen und Eisenerz differieren von Volk zu Volk, so differieren auch die Bedingungen für Verarbeitung des Weizens zu Mehl, des Erzes zu Roheisen. Doch hält sich die Differenz der Produktivität gleicher industrieller Arbeit — wenigstens soweit diese Differenz das Ergebnis natürlicher Einflüsse ist — in der Regel innerhalb engerer Grenzen als die gleicher Rohstoffarbeit. Wirtschaftet ein Volk isoliert, so muß es seine nationale Arbeit an die Produktion aller der Güterarten setzen, deren es begehrt — mögen die Bedingungen gut oder schlecht stehen, die betreffenden Güter wenig oder viel Arbeit verschlingen. Durch den Verkehr erschließt sich jedes Volk die Möglichkeit, seine nationale Arbeit ausschließlich, oder wenigstens hauptsächlich, an die Produktion solcher Güterarten zu setzen, hinsichtlich deren sie verhältnismäßig am produktivsten ist. Pflegen die Völker Austausch, teilen sie die Arbeit der Bedarfsbefriedigung untereinander, so wird ihre Arbeit auf jeden Fall produkiver, in vielen Fällen weit produktiver, wie wenn sie auf solche Kooperation verzichten. Landeigentümer einerseits, die Arbeiter anderseits. Die Kapitalisten-Unternehmer haben an der wirtschaftspolitischen Kontroverse: Industrialisierung, oder Agrari- sierung, ein sekundäres Interesse. Dietzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. 2 — 18 — Wenn jedes Volk die Erzeugung der Güter, die ihm die verhältnismäßig wenigste Arbeit kosten, über den eigenen Bedarf hinaus ausdehnt, den Überschuß exportiert und mit ihm die Güter importiert, die andern Völkern die verhältnismäßig wenigste Arbeit kosten, so wird die Gesamtarbeit des Völkerganzen produktiver, das Gesamtprodukt ein höheres, als es sein könnte, wenn jedes Volk alles selbst produzieren muß, was es zu konsumieren wünscht. Je mehr die „Völkerwirtschaft" sich der Weltwirtschaft nähert, je größer das Raumgebiet, auf welchem der Verkehr frei sich entfalten darf, desto vollständiger kann das Hemmnis, das jenes Gesetz des „territorial verschiedenen Ertrages" gleicher Arbeit für den Fortschritt der materiellen Kultur bedeutet, überwunden werden; desto näher können die Nationen dem, nach den gegebenen Bedingungen möglichen Maximum des Reichtums kommen. Denn je größer das Raumgebiet des freien Verkehrs, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß die Produktion jeder Güterart auf dem oder den Territorien^) sich konzentriere, wo die auf diese Güterart gerichtete Arbeit ihren Maximalertrag, ihr Produktivitätsmaximum findet. Denken wir uns wieder, wie oben (S. 11), zwei bisher isolierte Völker ^ und L, mit ungefähr gleicher Produktionsmöglichkeit, aber, im Unterschied zu oben, mit gleicher Ziffer, gleichem Bedarf. Auch hier kann eine Vermannigfaltigung des Genießens aus dem Verkehr nicht entspringen; jedoch, falls die Bedingungen gleicher Produktion in ^ und L wesentlich differieren, eine vielleicht außerordentliche Vermehrung des Genießens. Angenommen, daß in ^. wie L die gleichen Rohstoffe, z. B. Weizen und Kohle, gewonnen werden können. Aber in ^ bringt ein gegebenes Arbeitsquantum, im Durchschnitt, 10 Centner Weizen, in L nur 5 Centner; umgekehrt bringt in ^ ein gegebenes Arbeitsquantum 5 Centner Kohle, in L dagegen 10 Centner. !) Daß die Produktion sich auf nur Einem Territorium konzentriere, von Einem Volke allein der Gesamtbedarf der Volker an Gütern einer bestimmten Art, z.B. Weizen oder Eisenerz, gedeckt werde, kann, wenigstens was die Rohstoffe betrifft, nur ausnahmsweise die Wirkung der Weltwirtschaft sein: jenes Gesetzes des abnehmenden Ertrags (S. 8 ff.) halber. '/ > — 19 — Diese Thatsache des territorial verschiedenen Ertrags gleicher Produktion ist nicht aus der Welt zu schassen. Geben aber ^. und L ihre bisherige „Unabhängigkeit vom Auslande" auf, verlegt sich nun ^ hauptsächlich auf den Weizenbau, L auf die Kohlengewinnung, exportiert ^. Weizen uach L, L Kohlen nach so wirkt dieser Verkehr genau so wie wenn in ^. eine Steigerung der Produktivität der Kohlenarbeit, in L eine Steigerung der Produktivität der Weizenarbeit auf das Doppelte stattgefunden hätte. Denken wir uus weiter zwei bisher isolierte Völker 0 und v, wieder mit ungefähr gleicher Produktionsmöglichkeit, gleicher Be- völkerung, gleich großem Bedarf an Rohstoffen. In beiden Ländern gedeiht z. B. Baumwolle gleich gut; aber die Baumwollfabrikation ist in 0 dadurch günstiger gestellt, daß die Maschinerie, weil hier Kohlen und Eiseu billiger einstehen als in v, mit geringeren Kosten beschafft und unterhalten werden kann als dort. Dann wird es — falls die Differenz der Fabrikationskosten größer ist als der Betrag der Transportkosten der Rohbaumwolle von v nach L plus dem Betrage der Retransportkosten der Baumwollenfabrikate von 0 nach v^) — für beide Völker ein wirtschaftlicher Gewinn sein, wenn in 0, außer der Verarbeitung der inländischen Baumwolle, auch die der Baumwolle von O platzgreift — wenn v den Rohstoff nach 0 exportiert, die Fabrikate von daher importiert. Die Produktivität der nationalen Arbeit Beider wird so gesteigert, Beide werden reicher, als sie im Zustande der Eigenwirtschaft waren. Ob die Differenz der Produktivität gleicher Arbeit verschiedener Völker in der Stofferzeugung oder Stoffverarbeitung obwaltet, ist völlig irrelevant; ebenso ob die Ursache solcher Differenz in natürlichen Verhältnissen — wie in den obenstehenden Beispielen supponiert wurde — oder in sozialwirtschaftlichen liegt. Je mehr Völker, und in je mehr Produktionen sie sich in die Hände arbeiten, je mehr die sog. „kosmopolitische" Arbeitsteilung Die List-Carey'sche Jndustriezolldoktrin, die ein wesentliches Argument aus dem Hinweis auf die „Transportsteuer" entnimmt, die durch Verarbeitung aller Rohstoffe im eigenen Lande zu ersparen sei, leidet an dem Fehler, daß sie diese Bedingung ignoriert. 2* — 20 — extensiv und intensiv vorwärts schreitet, desto produktiver — und auch desto nationaler wird die nationale Arbeit jedes einzelnen Volkes: desto nationaler in dem Sinne, daß jedes Volk sich immer ausschließlicher auf solche Zweige verlegen wird, auf welche die Sonderart des nationalen Territorium — der Natur des Landes — und die Sonderart der nationalen, wirtschaftlichen und sonstigen Kultur seiner Bewohner es hinweist — auf solche Zweige, in denen die Nation ihr Eigenstes, Vollkommenstes zu zeigen und zu leisten vermag. „Nationale" Wirtschaftspolitik — mit diesem suggestiven Titel drapiert sich herkömmlicherweise die Politik derer, welche dem Verkehr von Volk zu Volk Schranken setzen wollen. Der Titel ist arg irreleitend: nicht die, welche den Schutz der nationalen Arbeit), die „Nationalisierung" des Wirtschaftslebens im Munde führen, vertreten eine in Wahrheit nationale Wirtschaftspolitik. Sondern die, welche jenen Schutz bekämpfen, der nichts bedeutet, als die Aufrechterhaltung der derzeitigen Gruppierung der nationalen Arbeit — jenen Schutz, der die nationale Arbeit davon abHalt, sich so zu gruppieren, wie es das nationale Interesse an möglichster Förderung der nationalen Arbeit, an möglichster Steigerung ihrer Produktivität durch eine spezifisch nationale Auslese der Arbeitszweige erheischen würde. — 2. Wie, dank dem Verkehr, der Volksreichtum über das Niveau, das er bei Isolierung zu erreichen vermöchte, emporgehoben wird, so wird auch das wirtschaftliche Leben des Volkes stetiger, als es bei Eigenwirtschaft sein könnte. Dadurch nämlich, daß bei Anschluß an die Weltwirtschaft der, der Stetigung entgegenwirkende Druck einer Naturthatsache, die man als das Gesetz des „zeitlich wechselnden Ertrags" gleicher Arbeit bezeichnen kann, sich wesentlich abschwächt. Die Produktivität gleicher Arbeit, vollzogen auf gleichem Territorium, variiert. Die Laune der Natur läßt den Ertrag, vor allem der agrikolen Arbeit, in regellosem Wechsel auf und ab Selbstverständlich abgesehen von denen, die nur den zeitweisen Schutz junger Arbeitszweige fordern. — 21 — schwanken. Das Volk mag im Durchschnitt mehr Lebensmittel und Rohstoffe ernten als das Volk L, aber in einzelnen Jahren kann das Verhältnis ein umgekehrtes sein. Auch die „Ernten" der montanen und der industriellen Arbeit unterliegen dem Spiele des Zufalls; jedoch in weit geringerem Grade. Es genügt hier, nur die Thatsache des zeitlichen Variierens der agrikolen Produktivität ins Auge zu fassen. » Sie aus der Welt zu schaffen, ist unmöglich. Wie bisher so wird in alle Zukunft das Gesamtprodukt jedes Volkes, bei gleicher Gesamtarbeit, von Jahr zu Jahr bald größer, bald kleiner sein, weil die Landwirtschaft bald mehr, bald weniger bringt. Aber weit ' schwerer hat ein isoliertes Volk an den Folgen dieser Thatsache zu tragen als ein Volk, das — mit den Eigenwirtschaftlern gesprochen — „in die Ketten der Weltwirtschaft verstrickt" ist. Im Zeichen der Verkehrslosigkeit ist die nationale Wirtschaft schlimmsten Störungen, gewaltsamsten Verschiebungen ausgesetzt.^) Stürzen, nach reichen Ernten, die Preise für Korn u. s. w. herab, so erfolgt ein plötzlicher Aufschwung aller der Arbeitszweige, auf deren Erzeugnisse sich die Plusnachfrage der Konsumenten wirft, die, wegen der Verbilligung der agrikolen, jetzt mehr ausgeben können für irgendwelche andere Güter. Schnellen, nach kargen Ernten, die Preise für Korn u. s. w. empor, so erfolgt umgekehrt ein plötzlicher Niedergang aller der Arbeitszweige, die durch die Minusnachfrage der Konsumenten, die Konsequenz der Verteuerung der agrikolen Güter, betroffen werden. Solche ruckweisen Bewegungen, solche verwirrenden Scenenwechsel auf der Bühne der nationalen Wirtschaft zu vermeiden — möglichste Konstanz der Preise der agrikolen Produkte, besonders derer, die zu den unentbehrlichen Dingen zählen, zu bewirken, wäre „ein Ziel aufs innigste zu wünschen". Selbstverständlich in desto höherem Grade, je kleiner und monotoner , - das Wirtschaftsgebiet! Die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten dürfte weit eher von andern Volkswirtschaften abgeschlossen werden als z. B. die deutsche; denn jene „ist kaum der Gefahr eines allgemeinen Ernteausfalles ausgesetzt, da die klimatische Differenzierung eine Art Versicherung gegen das zu weite Umsichgreifen von Dürre oder Feuchtigkeit bedeutet" (Sartorius von Waltershausen). Bei Isolierung giebt es nur einen Weg, es zu erreichen: der Staat mußte die Überschüsse fetter Jahre aufsammeln behufs Deckung der Defizits magerer Jahre. Aber der Weg ist schlecht. Selbst wenn alle technischen Schwierigkeiten, die entgegenstehen — geringe hinsichtlich der Reservierung von Korn, große hinsichtlich der von andern unentbehrlichen Lebensmitteln wie z. B. Kartoffeln, Fleisch u. s. w. — überwunden wären, so hätte doch solche Methode ein gewichtiges wirtschaftspolitisches Bedenken gegen sich: die Ungewißheit, ob und wie viel der Staat derzeit ankaufen, ob und wie viel er verkaufen werde, würde die Produzenten und Händler, vor allem die von agrikolen Produkten, wie die Konsumenten in fortwährender Erregung halten. Sie böte aber weiter auch durchaus keine sichere Gewähr für Herstellung der Preiskonstanz. Denn auch der erleuchtetste Landwirtschaftsminister weiß nicht, ob die Zukunft eine Serie reicher oder karger Ernten bringen wird. Mehr als ein bestimmtes Quantum — ein Quantum, das genügte, die Defizits einiger Jahre zu decken — kann der Kosten halber nicht reserviert werden. Treten, nachdem die Magazine mit ihm bereits versehen sind, reiche Ernten ein, so stürzen die Preise doch. Sind die Läger, weil ausnahmsweise viele karge Ernten sich folgten, erschöpft, so schnellen die Preise doch empor. Dem Ziele möglichster „Stabilisierung" der Preise der Lebens- mittek und damit möglichster Stetigkeit der wirtschaftlichen Entwickelung, möglichst seltener und geringer Störungen und Verschiebungen innerhalb der nationalen Arbeit, kommt man weit näher durch Anschluß an die Weltwirtschaft, und auf weit einfacherem und sichererem Wege. Wenn es unsern Agrariern Ernst wäre mit ihrem Programm der „Stabilisierung der Preisbildung"^) agrikoler Produkte, so könnten sie den Antrag Kanitz, das Projekt der Reservelegung von Korn u. f. w. mit bestem Gewissen fallen lassen, müßten wieder zu der alten Fahne des Freihandels zurückkehren. ') Vgl. z. B. die Rede des Bundesdirektors in der Generalversammlung des „Bundes der Landwirte" vom 14. Febr. 1898. — 23 — In doppelter Weise wirkt der Verkehr auf Stabilisierung hin. Einmal insofern, als er dem Volke ermöglicht, gewisse agrikole Produktionen, deren Ertrag in diesem Lande stärker variiert als in andern, auszumerzen bez. einzuschränken und seinen Bedarf, ganz oder zum Teil, aus der Ferne zu befriedigen. Damit gestaltet das Gesamtprodukt der nationalen Landwirtschaft sich gleichmäßiger. Deutschland könnte, bei Eigenwirtschaft, z. B. den Gesamtbedars an Wein und Tabak selbst decken. Zufolge unserer klimatischen und Bodenverhältnisse unterliegen aber die Wein- wie die Tabakernte hier größereu Schwankungen^) als z. B. in Frankreich, Italien, in Kuba, Brasilien u. s. w. Es ist volkswirtschaftlich rationeller, wenn wir auf die Selbstdeckung des Gesamtbedarfs verzichten und einen Teil desselben durch Import bestreiten. Für die deutschen Kolonien Afrikas — wie für viele andere tropische und subtropische Bezirke — bedeuten Heuschreckenschwärme, die oft in wenigen Stunden ungeheure Verwüstung unter den Feldfrüchten anrichten, die schlimmsten Feinde der wirtschaftlichen Wohlfahrt. Kommen sie oder kommen sie nicht — das ist hier die „sociale Frage". Ihnen zu wehren geht nicht an — aber bei Verkehr-) kann man die Kulturen aufgeben, denen sie vorzugsweise drohen, und an deren Stelle solche setzen, welche erfahrungsgemäß von ihnen verschont bleiben. Zweitens insofern, als Defizite aus dem Auslande ergänzt, Überschüsse, die die inländische Ernte ergiebt, in das Ausland abgeleitet werden können. Dadurch wird zwar das Gesamtprodukt der nationalen Landwirtschaft nicht stetiger, aber die Preisbildung gestaltet sich gleichmäßiger als bei Isolierung, — die Preislinie verläuft statt in scharfen Zacken in gelinden Kurven. Das Maß der Schwankungen würde weit über das heute obwaltende steigen, falls Wein- und Tabakbau, statt wie jetzt nur in geringem Umfang, auf den relativ besten Arbeitsplätzen betrieben, weiter ausgedehnt würden. 2) Wenn in unseren Kolonien (vgl. z. B. den Artikel von Warburg, D. Kol.-Ztg. 99, S. 162) die Behörden den Eingeborenen den Rat geben, gewisse meistgefährdete zu Gunsten gewisser mindcrgefährdeter Kulturen einzuschränken, so kann diesem Rat nur dann Folge geleistet werden, wenn der Ausfall in solchen Produktionen, die bisher behufs Deckung des Eigenbedarfs statthatten, durch Zufuhr aus anderen Gebieten wettzumachen ist. — 24 — Je mehr Völker miteinander verkehren, je größer das Gebiet der Erde, innerhalb dessen agrikole Produkte durch den Handel frei bewegt werden dürfen, desto konstanter wird ihr Preis. Denn desto stabiler wird das Gesamtangebot, der eine Faktor der Preisbildung, desto geringere Oscillationen zeigt die Bewegung der Gesamternte, aus der die Völkergesamtheit ihren Bedarf deckt. Mit Recht ist oft — und zwar auch seitens solcher, die sonst wenig Gutes an der „kosmopolitischen" Arbeitsteilung zu rühmeu wissen — gesagt worden, daß der Anschluß eines Volkes an die Weltwirtschaft dem Abschluß einer Versicherung gegen die Gefahr von Erntedefiziten, von Hungersnöten, gleichkomme. Der freie Handel mit andern Völkern — sagt Bastiat — „a^it sur 1k priuoiris des assuranoes; il eoMPSQSö zzour les divers xavs, st pour Iss diverses annees, Iss rrmrivaisks rseoltss pur les lzonnss". Er bewirkt »uns Ässuranes universelle oontrs 1u ckisstte"; ein isoliertes Volk ist dagegen „a msrei ckss Variation« des saisons" (I. d. Econ. 1897. IV. S. 155). „Die durch den Handel verknüpften Länder bilden einen großartigen Assekuranzverein gegen Mißwachs und tragen die Folgen eines solchen Ereignisses gemeinsam, so daß das gerade von Mißwachs getroffene Land wesentlich erleichtert wird (Ad. Wagner, Grundlegung, I. S. 366). Man hat nur meistens übersehen^), daß die Assekuranz gegen den Üb er wachs von nicht geringerer Bedeutung ist als die Assekuranz gegen den Mißwachs. Und ferner die Thatsache zu wenig betont, auf die oben mit Nachdruck hingewiesen ist — die Thatsache, daß, indem die Preise der agrikolen Produkte, besonders die der Lebensmittel, stetiger werden, das ganze Wirtschaftsleben des Volkes stetiger wird. Wie außerordentlich stark die Schwankungen z. B. der Kornpreise in der „guten, alten Zeit" waren, da das Ideal der kornwirtschaftlichen Autarkie, das heute unsern Agrariern vorschwebt, so ziemlich verwirklicht war, — wie damals bei Mißernten „die Be- Bezüglich des Obstes — wo die Thatsache sich gebieterischer aufdrängt als beim Getreide, dessen Überschuß sich eher von einem Jahr ins andere übertragen laßt — ist neulich seitens Seelig (die Obstzölle, Nation, 1900, S. 62) gerade die Bedeutung des Verkehrs als Versicherung gegen die Gefahr erstickender Fülle scharf betont worden. — 25 — völkerung durch Hunger und verzweifelte Auswanderung in der entsetzlichsten Weise dezimiert wurde'"), ist so häufig erörtert"), daß eine Wiederholung hier nicht am Platze wäre. Nur an einige Daten lokaler Kornpreisstatistik sei hier erinnert, aus denen das Maß der Preissprünge, welches die „Unabhängigkeit vom Auslande" mit sich bringt, noch deutlicher erhellt als aus den sür ein ganzes Land aufgemachten, ziemlich fragwürdigen Berechnungen der Bewegung des Durchschnittspreises. So an die Statistik der Dresdener Brodfrnchtpreise für die Zeit von 1852 bis 1895, die ergeben hat, wie sowohl „die Jahrespreisschwankungen wie die Schwankungen von Monat zu Monat immer schwächer geworden sind unter Einwirkung des erweiterten Welthandels"^) Ferner an die Jenenser Statistik für die Zeit von 1752 bis 1887, nach der der Roggenpreis variiert hat — das Minimum gleich 1 gesetzt — im Jahrzehnt 1761/70 zwischen 1 und 0,44, 1811/20 noch zwischen 1 und 3,77, Mitte des Jahrhnnderts noch zwischen 1 und 1,68, in den achtziger Jahren nur noch zwischen 1 und 1,38.4) Die Ursache dieser Stetigung der Kornpreise liegt, wie gesagt, darin, daß die Gesamternten der Weltwirtschaft weniger variieren als die Ernten der einzelnen Volkswirtschaften. Wenn Oldenberg von „wie gewöhnlich internationalen Mißernten" spricht (S. 29), so ist er vermutlich beirrt durch das Gespenst des Jahres 1891 — das einige Zeilen später auftritt — eines Jahres, in dem Deutschland wie Rußland eine Mißernte in Roggen, Deutschland wie Rußland wie Frankreich eine mäßige Ernte in Weizen hatten. Daß mehrere Länder zugleich unter Mangel, oder „smizarras äs rietiösseL", leiden, möchte ich zwar nicht als „gewöhnlich" bezeichnen; aber bisweilen kommt es vor. Wie 1891 mehrere Länder über Kornnot zu klagen hatten, so 1893 Frankreich, Italien, Spanien über so große Traubenfülle, daß „tlre^ äicl not lcncnv, >vUs.t to äo vitli tnsir vvö-z,ltli".b) -) Oldenberg, S. 29. 2) Vgl. z. B. Conrad, Artikel „Getreidepreise" im Handwörterbuch der Staatswissenschaften lS. 892). — Schmoll er, Aussätze zur Social- und Ge- werbepolitik, S. 23. E. Würzburger, in den Mitteilungen des Statistischen Amtes der Stadt Dresden, 1898. «) Conrad's Jahrb., N. F., Bd. XVIII, S. 222. °) Ecouomist 1894, III, S. 7. — Handelsarchiv 1893, II, S. 517. — 26 — Aber mit aller Schärfe muß hervorgehoben werden, daß im strengen Sinne internationale Mißernten, Mißernten des ganzen, verschiedene Weltteile umfassenden Gebietes der Erde, innerhalb dessen heute agrikole Produkte ausgetauscht werden, nach aller bisherigen Erfahrung nicht vorkommen. Die Regel ist, daß die Welt ernte an Korn, Wein u. s. w. weniger variiert als die der einzelnen Weltteile, ebenso wie die Totalernte jedes einzelnen Landes weniger variiert als die seiner einzelnen Provinzen u. s. w.^) Das Minus an Korn, das 1891 in Deutschland u. s. w. eintrat, wurde zn großem Teile kompensiert dnrch das Plus au Weizen, über welches Nordamerika uud Ostindien damals verfügten; vgl. Handelsarchiv 1893, II, S. 478. Um wie geringe Prozente die Welterntcn in Getreide von Jahr zu Jahr voneinander abweichen, vgl. Exporr, 1893, S. 475. Um wie viel weniger die europäischen Totalernten wie die der einzelnen Länder, vgl. die Tabelle Beerbohms für die Jahre 1892 bis 1897: während für ganz Europa Minimum und Maximum, in dieser Periode, um 35 "/<,-) auseinander liegen, so für einzelne Länder um 50°/g (Ungarn, Rußland), um 58"/^ (Rumänien), um mehr als 60 "/<, (England). Nach den neuesten, mir zugänglichen Daten (44. Jahresbericht der Baltimorer Handelskammer) schwankte die Welterzeugung von Weizen in den Jahren 1895 bis 1898 zwischen dem Minimum vou 2,18 Milliarden Bnshels (1897: schlechte Ernten in Frankreich, Rußland, Ostindien) und dem Maximum von 2,87 Milliarden (1898: vortreffliche Ernten in Nordamerika, Frankreich, Rußland), d. h. Minimum und Maximum der Welternte verhielten sich etwa wie 1 und 1,3; dagegen erntete z. B. Frankreich im Jahre 1897: 243 Millionen Bnshels, 1898: 371; Großbritannien im Jahre 1895: 38, 1898: 75; Rumänien im Jahre 1896: 80, 1897: 3S.2) — Bezüglich Zuckers vgl. die Variationen des Gesamtproduktes der Welt mit denen des Produktes der einzelnen Länder (1887/96): Handelsarchiv 1897, II, S. 937: Bezüglich Rohseide (1887/96):' ebenda 1898, I, S. 112 und Nationalztg. 1898, 26. IX. Selbst ein durch und durch pessimistischer Schriftsteller, der für die, welche von den erstaunlichen wirtschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte reden, nur ein spöttisches Lächeln !) Die italienischen Weinernten von 1836 und 1897 wichen z. B, um nur 1v°/o voneinander ab; die der einzelnen Provinzen Italiens dagegen bis 70, ia 133 "/<,; vgl. Handelsarchiv 1898, II, S. 68 und 1896, I, S. 35S. ") Das Minimum gleich 100 gesetzt. -) Handelsarchiv, 1899, I, S. 1046. hat, gesteht doch zu, daß „die Ausgleichung der Mißernten viel wert sei"?) Das Verdienst schreibt er aber ausschließlich den „neuen Verkehrsmitteln" zu. Gewiß bilden diese, bildet das Emporkommen der neuen Verkehrstechnik die eine, eben die technische Bedingung der Ausgleichung — wäre jedoch nicht anch die andere, die sociale Bedingung erfüllt, d. h. wäre nicht der Kornhandel zwischen Ländern und Kontinenten gestattet, so könnte die Ausgleichung bei weitem keine so vollkommene sein, wie sie heute ist. Wenn das Programm der Autarksten in Erfüllung ginge — wenigstens in seinem Hauptpunkte, der Wiederherstellung der kornwirtschaftlichen Autarkie^) — so könnte zwar, dank der „neuen Verkehrsmittel", innerhalb Deutschlands eine Ausgleichung guter und schlechter Ernten der einzelnen Gebiete erfolgen; aber die Gefahr der Mißernte, bez. der Zuvielernte Deutschlands als Ganzen bestünde fort. Nur dadurch, daß Deutschlaud Kornhandel treibt mit aller Welt, wird sie beseitigt, oder mindestens gewaltig abgeschwächt. Wie viel höher würde, bei kornwirtschaftlicher Autarkie, im Jahre 1891 der Roggenpreis emporgeschnellt sein — damals, als die Ernte nur 4,7 Millionen Tonnen ergab, gegen 6,3 und 5,3 Millionen Ende der achtziger Jahre, gegen 7 Millionen in den späteren neunziger Jahren! 6) Allerdings — trotz unseres Kornhandels mit Osteuropa und Übersee trat damals eine beträchtliche Steigerung des Roggenpreises ein. Weshalb aber? Weil der Verkehr in Roggen weit weniger weltwirtschaftlich entwickelt ist als der in Weizen. Für Roggen ist Rußland das ausschlaggebende Exportland; und damals, 1891, hatte Rußland eine miserable Roggenernte (f. o.), konnte das Manko in Deutschland durch seine Zufuhr nicht ausgleichen. Eine weit beträchtlichere Steigerung des Preises wäre aber bei uns eingetreten, wenn wir damals, behufs Deckung unseres Roggenbedarfs auf den Oldenberg, S. 10. — Der Satz widerspricht allerdings dem Satze von den „wie gewöhnlich internationalen Mißernten" (s. o. S. 25). 2) Vgl. unten Abschnitt III. °) Vgl. Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reiches 1899, S. 26. — 26 — „sicheren, unabhängigen, inneren Markt" allein angewiesen gewesen wären — wenn wir nicht die fatale Lücke, die durch das Versagen des russischen Roggenimports entstand, zum guten Teil wenigstens durch Import aus andern Ländern hätten ausfüllen können. Wie die kornwirtschaftliche Autarkie auf die „Stabilisierung der Preisbildung", welche unsere Agrarier (s. o.) durch sie erreichen wollen, in Wahrheit wirkt, dafür bietet die Bewegung des englischen Weizenpreises während der napoleonischen Ära, als die Kornzufuhr nahezu völlig stockte, einen vortrefflichen Beleg. Jahre von „extraorälug-r^ slevstioii" und „8uääso äexressiou" lösen damals einander ab. Im Jahre 1795 steht der Weizenpreis (per Quarter) auf 117, 1793 auf 47, 1800 und 1801 auf 113—118, 1803 auf 56, 1807 auf 87, 1310 auf 106, 1812 auf 125, im Juli auf 140 Shillings. ^) Damals hatte in England die Entwickelung statt, welche unseren Agrariern als die „natürliche" gilt (s. o. S. 13) — so gut wie alles Land ward bebaut, alles bebaute Land höchst intensiv bewirtschaftet. Allerdings waren die „neuen Verkehrsmittel" noch nicht da, aber die Verkehrsbedingungen innerhalb Englands lagen schon zu jener Zeit recht günstig. Nicht das Fehlen der neuen Verkehrsmittel, sondern das Fehlen des Außenverkehrs in Korn — die Unmöglichkeit, Defizits zu ergänzen, Überschüsse loszuwerden, war die Ursache der außerordentlichen Preisschwankungen dieser Periode, in der „tlls ssasons xsrtormsä tllöir o^olss ol" soareit^ au<1 abornlariLez s-nä, ooruilleroö vas not xsrraitteä, . . . tlis clsszz aucl iirkAular vidrations tlre markst oolllouiiäsll tb.s oaloulations ok tlis larmer, a,i><1 renclöie«! insvita-dls tlis pörioclioal vigitations c>k g.Ari«u1tura1 distrsss". Warfen die mageren Jahre mit ihren fetten Preisen dem „lanäsä iritersst" hohe Gewinste zu, so brachten ihm die fetten Jahre mit ihren mageren Preisen schwere Verluste — „sudäsnl^ suspsudsä tue llouriskivA sta-ts of aAiiouItnrö".^) Würde in Deutschland sich nicht Gleiches ereignen, wenn wir die Isolierung, die damals England über sich ergehen lassen mußte, willentlich bewirkten durch eine Politik kornwirtschaftlicher Autarkie? Würden nicht, wenn wir alles Korn, dessen unsere steigende Bevölkerung bedarf, im Lande selbst bauen wollten, die gleichen Preisvibrationen unser Wirtschaftsleben erschüttern — und die gleiche ^) R, Torreus, esss.^ orl tkö sxtsrnal eorn traäs, 1826, S. 274, 286, 290. — Vgl. über die Preisbewegung zwischen 1797 und 1816 auch Economist, 1897, S. 203. -) R. Torreus, a. a. O. S. 286. — 29 — Preissteigerung der agrikolen Produkte, in der großen Linie, eintreten, wie damals in England? Unsere Agrarier wollen allerdings keine absolute Sperrung der Grenzen gegen ausländisches Korn. Die Meisten von ihnen denken sich die Sache wohl so, daß nur, solange der Kornpreis im Jnlande unter einem gewissen Niveau bleibt, kein Import stattfinden, während in Fehljahren — nachdem der Preis jenes Niveau überschritten — die Einfuhr das Minus beseitigen, in Füllejahren die Ausfuhr das Plus wegschaffen soll. Auch dies System hat in England bestanden: nach der Kornbill von 1815 durfte Kornimport erst stattfinden bei einem Weizenpreise von mindestens 8t) Shilling per Quarter. Darüber, wie starke Preisschwankungen es erzeugt, könnten unsere Agrarier aus dem Zickzackkurse des englischen Weizenpreises unter Herrschaft jener Bill sich belehren. Ebenso darüber, daß auch das System der „sliäinZ seals" (des mit steigendem Kornpreise fallenden, mit fallendem Kornpreise steigenden Zolls), welches in England jenes von 1815 ablöste, an seine Stelle gesetzt wurde, um die „Stabilisierung der Preisbildung" zu bewirken, dieser vielmehr entgegenwirkt. Die sicherste und einfachste, die relativ beste Methode, zum möglichen Maximum der Preiskonstanz der unentbehrlichen Lebensmittel, und damit zum Maximum der Stetigkeit der wirtschaftlichen Entwickelung — die nicht allein, aber zu einem wesentlichen Teile von dem Verlaufe der Preisbewegung betreffs Brotkorn u. s. w. bedingt ist — zu gelangen, ist die volle Freiheit des Außenhandels in Korn, der durch keinerlei Schranken beengte Anschluß der Volkswirtschaft an die Weltwirtschaft. II. Eines gewaltigen ökonomischen Fortschrittes sind, im Verlaufe des 19. Jahrhunderts, die Völker teilhaftig geworden dank der Weltwirtschaft. Könnte man mittels der „Galoschen des Glückes" die lanäatorös tsvixoris aeti zurückversetzen in die gute, alte Zeit der Eigenwirtschaft „mit ihrem unvergleichlichen Neiz"^) — sie würden, wie ihr Gesinnungsgenosse in Andersens Märchen, rasch und gründlich bekehrt werden. Leider aber ist die Möglichkeit, das Dasein der Ahnen leibhaftig vor die Augen der Lebenden zu zaubern, uus verschlossen. Nur durch mühsames Studium des Einst gelangen wir zu eiuer exakten Wertung des Heute, vermögen wir zu erkennen, wie eintönig damals der Verbrauch gewesen — wie knapp der Zuschnitt des Haushalts selbst der „höheren Zehntausend", geschweige denn des Mittelstandes und der Arbeiter — wie wechselvoll das Wirtschaftsleben. Die Vermannigfaltigung des Genießens liegt so auf der Hand, daß sie keiner Belege bedarf. Um die beträchtliche Steigerung des Durchschnittseinkommens, die beträchtliche Steigeruug der materiellen Wohlfahrt zu erweisen, müßte eine große Reihe statistischer Daten — Daten der Einkommen-, Lohn-, Preis-, Konsumstatistik — ins Feld geführt werden, was hier nicht angeht. Ich muß mich darauf beschränken, einen Versuch, der jüngst zwecks Bestreitung dieser Thatsache gemacht wurde, zu kritisieren. Wo sei denn — ist gefragt worden ^) — der, augeblich durch die „kapitalistisch geführte" Welthandelspolitik bewirkte, ökonomische ') Oldenberg, S, 11. -) Oldenberg, S. 9. — 31 — Fortschritt? Man thue so, als ob wir „uns in einer allgemeinen Glückseligkeit wälzten"; und beweise dies z. B. damit, daß jetzt viel mehr Kaffee und Kakao konsumiert werde als vor 50 Jahren, der Verbrauch an Cylinderhüten und Regenschirmen großartig zugenommen habe, die Baumwollenstoffe mehrere Dutzeud mal billiger geworden seien. Solches preise man „in materialistischem Entzücken ...als Maßstab des Kulturfortschrittes". Man triumphiere über jede 100 Millionen Mark, um die der auswärtige Handel wächst — „als ob damit das menschliche Glück auch um so viele Millionen innerhalb der Nation gewachsen wäre". Bedeute wirtlich der sogenannte ökonomische Fortschritt „eine Steigerung irgend welcher Genüsse, die ernsthaft ins Gewicht fällt"? Der Fortschritt könne doch weder nach Geld, noch nach Warenquantitüten kalkuliert werden; er sei „auf den Menschen zu beziehen". Gewiß nicht nach Geld; weshalb aber nicht nach Warenquantitäten? Beziehen wir ihn denn nicht auf den Menschen, wenn verglichen wird das, was einst, mit dem, was jetzt verbraucht wird? Kann denn der ökonomische Fortschritt anders gemessen werden? Erfreut man sich, wenn man Konsnmtionsmengen vergleicht, „am kapitalistischen, geldwirtschaftlichen Fortschritt", bleibt man dabei „echt manchesterlich am Geldausdruck der Dinge haften"?^) Aber der Pessimismus leugnet auch, daß bei Anlegung dieses Maßstabes ein Fortschritt sich ergebe. Ob denn dieser Mehrkousum von „lauter entbehrlichen Gegenständen", so viel Aufhebens wert sei? Die Nahrung sei „nicht billiger . . . und nicht wesentlich besser . .., die Wohnung eher teurer und schlechter geworden". Nur Weniges bleibe, was „wirklich als realer Faktor ins Gewicht fällt, so der Fortschritt im Beleuchtungswesen, Verbilligung des Petroleums u. s. w." Ja, allerdings: u. s. w.! Da die verwickelte Frage betreffs der Gestaltung des Wohnungswesens hier so knapp abgethan wird, so darf auch knapp entgegnet werden. Daß das Wohnen teurer geworden ist, unterliegt keinem Zweifel; d. h. absolut teurer — ob es relativ teurer geworden, läßt sich allgemein nicht entscheiden. Daß es „eher schlechter" ge- ') Vgl. die Sätze bei Oldenberg, S. 9. — 32 — worden, darf mit aller Bestimmtheit verneint werden. Im Durchschnitt wohnen Reich wie Arm heute besser, meist weit besser als einst. Hier stehen die Galoschen des Glückes bereit. Man sehe sich doch um in den ,lzss,ux rsstes« der Vergangenheit, deren es in vielen Orten noch genug giebt — in den Häuschen mit engen, niedrigen, schlecht belichteten, schlecht zu lüftenden Stuben, schmalen, feuergefährlichen Treppen, dunklen Gängen, dumpfigen Kellern, wo ' - früher die untere Klasse hauste, und vergleiche damit die Masse der Arbeiterwohnungen von heute, gleichviel ob in den „Mietskasernen" der Großstädte oder in den ,eitss ouvrisrss" der Montan- und Fabrikbezirke! Dann wird man schwerlich noch leugnen, daß ^ im Großen und Ganzen die untere Klasse gegenwärtig besser wohnt als früher; natürlich auch teurer. Aber die Steigerung des Lohnniveaus — die Konsequenz der Steigerung der nationalen Produktivität, die nicht allein, aber zu einem Teile durch die Weltwirtschaft bewirkt ist — gestattet der dienenden Schicht höhere Ansprüche zu stellen und mehr zu zahlen. Der Pessimismus wühlt in den Wunden, die noch offen geblieben sind, kapriziert sich darauf, die Ausnahmen in grelles Licht zu rücken, verschließt den Blick gegen die Regel — gegen die Thatsache, daß im Allgemeinen die Mißstände im Wohnungswesen einst weit ärger waren als jetzt, nur früher weniger fcharf gefühlt wurden. Daß wir die Mißstände, die leider heute noch vielerwärts sich zeigen, schärfer fühlen, rührt gerade daher, daß ein beträchtlicher Fortschritt im Wohnungswesen erfolgt ist. Die Nahrung ist allerdings nicht billiger geworden — sie könnte übrigens bei uns um einiges billiger sein, wenn die Agrar- zölle nicht errichtet wären! Aber „wesentlich besser" ist sie geworden. „Zu Beginn des Jahrhunderts — schreibt z. B. Conrad — ernährte sich die Bevölkerung in der Tuchler Heide hauptsächlich von Kohl, wie noch jetzt der russische Bauer; dann ging sie zur Kartoffelnahrung über. Noch in den 40 er Jahren galten Mehl und Brot auf dem Lande im Osten, besonders in den polnischen Gegenden, für Luxusgegenstände, die nur ausnahmsweise genossen wurden. In den folgenden Decennien hat fortdauernd der Ge- — 33 — treidekonsum auf dem Lande zugenommen, und ist mehr und mehr die Grundlage der Ernährung geworden".^) Und der Verbrauch von Weizen ist stetig gestiegen, der von Roggen relativ zurückgegangen. Nach der Reichsstatistik (Stat. Jahrb. 1899, S. 153) waren verfügbar zum Verbrauch für menschliche und tierische Ernährung und gewerbliche Zwecke, auf den Kopf Kilogramm: Roggen Weizen Kartoffeln 1879—84 121,0 60,0 339,9 1884-89 115,9 64,3 399.9 1889—94 112,6 70,4 398,2 1894—98-) 125,8 79,8 453,6 Man wird, trotzdem hier der Betrag für „menschliche Ernährung" nicht ausgesondert ist, mit Bestimmtheit behaupten dürfen, daß diese Zahlen auf eine beträchtliche Steigerung des Brot- wie des Kartoffelkonsums deuten. Die Verwendung von Getreide und Kartoffeln für „gewerbliche Zwecke", d. h. vor allem zu Brennereizwecken, ist in der Zeit von 1887/98 nur ganz schwach gewachsen (Stat. Jahrb. 1899, S. 51). Die Verfütterung von Getreide hat, wenn überhaupt, so sicher nicht in dem Maße zugenommen, daß jene Behauptung hinfällig werden könnte. Auch insofern als die Nahrung vermannigfaltigt ist — als heute weit mehr an Kaffee, Thee, Reis, Südfrüchten verbraucht wird wie einst, ist die Nahrung „wesentlich besser" geworden. Die starke Steigerung des Zuckerverbrauches — von 2,4 pro Kopf im Jahre 1840 auf 9^—10^ ^ in den letzten Jahren — fällt doch wohl „als realer Faktor ins Gewicht"? Die Fleischstatistik ist ja leider arg unzuverlässig. Aber auf Daten wie die für das Königreich Sachsen auf Grund der Be- Conrad, in den Jahrbüchern f. NO. und Statistik, III. Bd. 17, S. 6S6. -) Die Ziffern für 1894/98 ergeben sich, wenn der Durchschnitt der für die einzelnen Jahre berechneten Berbrauchsziffern gezogen wird. Dtetzel, Weltwirtschaft und Bolkswirtschast, 3 — 34 — steuerung kalkulierten, kann man sich berufen. Hier ist der Verbrauch von Rindfleisch von 7,2 KZ pro Kopf (1834—1844) auf 13,5 KZ (1885—1894), der Verbrauch von Schweinefleisch von 8,6 auf 21,2 KZ heraufgegangen.^) Bringt man mit in Rechnung, daß inzwischen die Qualität des Fleisches sich wesentlich gehoben hat, so erscheint die Steigerung noch bedeutsamer. Sachsen gehört zu den Gebieten Deutschlands, wo die „kapitalistische Führung" zum Industriestaat am weitesten vorgedrungen ist, wo eine überaus große Quote der Bevölkerung der industriellen Arbeiterklasse zugehört. Wenn hier — trotz der Perfidie des Kapitals, das die Arbeiter in die Industrie lockt, um eine möglichst große „Reservearmee" und dadurch „die Tiefhaltung des Lohnes, seine Existenzbedingung"") zu erzielen — die Steigerung des Lohnniveaus so beträchtlich war, daß eine solche Steigerung des Fleischverbrauchs erfolgen konnte, so darf man daraus schließen, daß auch in den übrigen, industrialisierten Gebieten Deutschlands eine namhafte Steigerung des Lohnniveaus und, vermutlich, auch des Fleischverbrauchs erfolgt ist. Denn: da „zwischen den einzelnen Arbeitszweigen" und, füge ich hinzu, zwischen den einzelnen Arbeitsorten „ja Freizügigkeit besteht, so kann im Deutschen Reiche nur ein Lohnniveau herrschen — natürlich oairi Aravo salis".^ Und der Verbrauch an Bekleidungsmitteln? Fällt es nicht „als realer Faktor ins Gewicht", daß die Baumwollstoffe, weil so wesentlich verbilligt (s. o.), so viel weiteren Kreisen zugänglich geworden sind? Außerordentlich ist ihr Verbrauch emporgegangen — in Deutschland von 0,34 KZ pro Kopf (1836—1840) auf 4,95 KZ (1891 — 1895). Der Verbrauch an Wollstoffen — nach einer allerdings vagen Berechnungsmethode — von 0,85 R. Martin, Fleischverbrauch Sachsens, Zeitschrift des Kgl. Sächs. Bureaus 1895, S. 115. Den Fleischkonsum in Deutschland schätzte Scheuer Ende der siebziger Jahre auf 35 KZ, Lichtenfelt für 1893 auf 39,9 i-Z, die anfangs 1899 erschienene Druckschrift über die Fleischnot auf 46 KZ. (Nanticus, Beiträge zur Flottennovelle, Art. „Einkommen und Konsum", citiert nach dem Referat der Nationalztg. vom 3. März 1900.) -) Oldenberg, S. 7. °) Oldenberg, S. 35. — 35 — pro Kopf (1849) auf 1,35 KZ (1864) und 3,3 KZ (1891 bis 1895).^) Daß „hauptsächlich der Konsum an mehr entbehrlichen Gegenständen"") eine Erweiteruug erfahren habe, trifft nicht zu. Es trifft ebensowenig zu, wenn Oldenverg — gemäß seiner Theorie von der durch das „Verwertungsbedürfnis des Kapitals" bewirkten Industrialisierung (vgl. oben S. 14) — die „außerordentliche Steigerung und das außerordentliche Raffinement" des Verbrauchs an entbehrlichen Gütern mit dem Satze erklärt: „denn hier verdient das Kapital". (S. 9.) Mag die Genußsteigerung, die aus dem Mehrkonsum entbehrlicher Güter fließt, eine „eingebildete" sein oder nicht — die Behauptung, daß an deren Produktion „das Kapital verdient" (soll heißen: mehr verdient als bei Produktion unentbehrlicher), ist unhaltbar. Wenn zufolge der Freizügigkeit der Arbeitskräfte nur „ein Lohnniveau" herrschen kann, so zufolge der Freizügigkeit der Kapitalien nur ein Profitniveau — natürlich wiederum eura Krano ss-lis, d. h. differenziert durch die Differenz des Risikos. Warum soll das Kapital s lös rsssourees g.Iiraeritaii'ss tir6es 6u 6s- tiors czu'uri g,pxoint illeertain . . . Daus Is eomirisros r6eiprc>c>us, entrs 6sux xs^s, 6isait-il, eslui c^ui vsu6 Iss marslianäisss Iss xlus riössssairss g, 1'g.vsritAAS, xaros yu'il sst inüs'psllüg.rit, 6s 1'a.utrs, c^u'il os veriä <^us son suxsrüii st i^u'il xsut, 6-uis Iss eovstariess 66ts,voradlss, ss passer 6'olz^sts 6s luxs, tÄi»6is <^us Is x^s yui aotistg 6es r>rc>6uits alimsutÄirss ris xsut rsstrsir>6rs sa eousoramativu et ss trouvs tributairs 6s lautrs". Es ist die Theorie des Verhältnisses der „Industriestaaten" zu den „Nahrungsstaaten", wie sie z. B, Oldenberg vorträgt. Und auch die Prak- Auch die Begründung des Satzes, daß — wie im Geiste der Physiokraten J.Büsch, einer der leitenden deutschen Socialökonomen des 18. Jahrhunderts, schreibt — „der Binnenhandel sicherer sei als der größeren Schwankungen unterworfene Außenhandel", ist alt: wie in der Gegenwart so ist auch früher schon darauf hingewiesen worden, daß der Außenhandel bedroht sei 1. durch die Möglichkeit zeitweisen, 2. durch die Möglichkeit dauernden Rückganges. 1. Die erstere Möglichkeit ist nicht zu bestreiten. Dem Außenhandel eines Volkes können zeitweise Störungen, und damit seiner Wirtschaft akute Leiden, erwachsen durch Willensakte fremder Staaten wie durch alle möglichen anderen, außerhalb seiner Grenzen sich abspielenden Ereignisse, die es nicht zu verhüten, vielleicht nicht einmal vorauszusehen, die Macht hat. Wenn z. B. Rußland seine Einfuhrzölle erhöht, so mag der Export deutscher Fabrikate geschmälert werden. Es ist denkbar, daß zufolge solcher Maßnahme des Auslandes die Produktion des Inlandes eine fatale Verschiebung erfährt, große Kapitalien und zahlreiche Arbeitskräfte gezwungen werden, sich neue Felder des Erwerbes zu suchen. Als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika der Bürgerkrieg ausbrach, ergab sich für England ein böses Manko im Import von Baumwolle — die sog. eotton-iainins. Striken die Kohlenarbeiter Englands, so kann in Ländern, welche ihren Kvhlenbedarf hauptsächlich aus England zu decken gewohnt sind, z. B. in Italien, der Pulsschlag mancher Jndustrieen stocken. Wenn in Indien Hungersnot oder Pest wüteu, so jammern die englischen Spinner und Weber, die Chenmitzer und Greizer Tuchfabrikanten, die tische Konsequenz ist die gleiche, heute und damals. Wie die Physiokraten, der französische „Bund der Landwirte", die Exportsreiheit für Korn verlangten, dagegen die Jmportfreiheit durch Schutzzölle beschränkt wissen wollten, so jetzt der deutsche „Bund der Landwirte" und die Kathederagrarier. „Dies alles ist schon einmal dagewesen". — Vgl. außer Oldenbergs Schrift z. B. E. v. Halles Aufsatz „Weltmachtpolitik und Socialreform" in der „Socialen Praxis" (1899, S. 556). — 42 — Bijouterie- und Uhrenproduzenteu Württembergs und Badens über die Minderung ihres Absatzes. Während ein isoliert wirtschaftendes Volk sich nur zu kümmern braucht um das, was innerhalb des nationalen Territoriums vor sich geht, so muß, im Zwange der Weltwirtschaft, ein Volk sich sorgen um alles, was auf dem Erdball geschieht — muß darauf gefaßt sein, daß ihm bald von dort, bald von hier, bald aus dieser, bald aus jener Ursache vielleicht nur kurzwährende, immer aber mit Verlusten für Kapitalisten, Unternehmer, Arbeiter, Konsumenten verknüpfte Schwierigkeiten auftauchen. An dieser Thatsache ist nicht zu zweifeln. Die Gefahr solcher Vorkommnisse besteht, besteht überall und immer.^) Aber das Argument wiegt ziemlich leicht. Denn diesem Passivum auf dem Konto des Außenhandels steht ein überwiegendes Aktivum gegenüber. Um vieles stärkeren Schwankungen, weit häufigeren und tiefergreifenden Verschiebungen wie die Wirtschaft eines Verkehr treibenden Volkes ist die eines verkehrslosen Volkes ausgesetzt. Chikanen fremder Nationen, Folgen von Vorgängen, die „hinten weit in der Türkei" sich vollziehen, braucht es nicht zu fürchten — dafür aber Launen der Natur, Folgen von Elementarereignissen, die im eigenen Lande ihr Wesen treiben und die Stetigkeit seines Erwerbslebens ungleich mehr gefährden. Wenn ein Volk nur die nationale Arbeitsteilung pflegt — wenn Verkehr nur stattfindet zwischen nationalen Industriellen und nationalen Bauern, so treibt die Wirtschaft hin und her mit dem Auf und Ab der nationalen Ernte; jetzt bringen die Bauern 10, jetzt 20, jetzt nur ö Milliarden Centner agrikoler Lebensmittel und Materialien auf den „sicheren, unabhängigen, inneren Markt". Der Weltmarkt mit Hunderten von Millionen Produzenten und Konsumenten bietet für die an ihm teilhabenden Nationen eine weit größere Gewähr gleichmäßigen Angebotes von Rohstoffen gleich- Dies Argument wird z, B. geltend gemacht von Ad. Wagner, Grundlegung, Bd. I, S. 368, und G. Schmoller, Aufsätze zur Social- und Gewerbepolitik, S, 174, 176. -) Vgl. oben S. 24. — 43 — mäßiger Nachfrage nach Fabrikaten, d. h. stabiler Produktions- und Konsumtionsverhältnisse, als ein enger, nationaler Markt mit einigen Dutzenden von Millionen. Gewiß ist die Möglichkeit zeitweiser Störungen des Außenhandels zu beklagen; aber sie ist das kleinere Übel, mit dem die Sicherung gegen größeres Übel erkauft wird. Und dies kleinere Übel tendiert dahin, immer kleiner zu werde», je mehr die „kosmopolitische" Arbeitsteilung, die weltwirtschaftliche Entwickelung fortschreitet. Denn: mit je mehr Völkern ein Volk Verkehr treibt und in je mehr Gütergattungen es Verkehr treibt, je weiter verzweigt der Außenhandel einer Nation ^) und je mannigfaltiger sein Inhalt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß schlechte Chancen durch gute wettgemacht werden — daß, wenn hier ein Thor sich verschließt, dort sich eines öffnet; daß, wenn im Absätze oder Bezüge gewisser Waren eine Hemmung eintritt, andere Waren mehr exportiert, bezüglich importiert werden können. — Für manche Völker steht heute das Risiko des Außenhandels ziemlich hoch. Vor allem für gewisse Kolonialstaaten mit ganz einseitig entwickeltem Verkehr. So z. B. für Brasilien, in dessen Gesamtausfuhr der Kaffee weitaus vorherrscht; eine beträchtliche, die Konsumtion stark herabdrückende Erhöhung des Kaffeezolles seitens aller Kaffee importierenden Staaten könnte für Brasilien eine schwere, wenn auch vielleicht nur temporäre Krisis nach sich ziehen. In noch höherem Grade wie Brasilien als Ganzes ist der nördliche Teil der Republik, der Staat Amazonas, durch die Gefahr eines Wechsels der Handelskonjunktur bedroht: denn hier hat „die Leichtigkeit der Gummigewinnung den Anbau von Zuckerrohr, Kakao, Tabak u. s. w. ganz in den Hintergrund gedrängt; sollte die Zufuhr von Gummi aus anderen Ländern nach den Verbrauchsmärkten größere Verhältnisse annehmen, wodurch die Preise dauernd gedrückt würden, oder sollten billige Ersatzmittel aufkommen, so stünden große Verluste zu erwarten." ^) Das wirtschaftliche Schicksal der Kolonie Mauritius hängt völlig ab vom Ausfall der dortigen Zuckerernte einerseits, vom Ausfall der „Die geographische Ausdehnung (des Handelsgebieles) vermindert das Risiko" (Nasse). -) Handelsarchiv 1898, II, S. 528. — 44 — Reis- und Weizenernte Ostindiens — wohin die Hauptmasse des Zuckers geht — andererseits.^) Gleiches gilt für einzelne westindische Kolonieen, wo das Volk „nichts kennt als sein Zuckerrohr", der Zuckerexport 60—90°/<, des Gesamtexports beträgt.-) Dagegen steht das Risiko des Außenhandels tiefer z. B. für Jamaika und Trinidad. Hier ist neben der Kultur von Zuckerrohr die Kultur von Kaffee, Kakao, Bananen u. f. w. emporgekommen, deren Produkte jetzt, wegen der Verbillignng der Transportkosten, „weiter abgelegene Märkte, wie Nordamerika und Europa, erreichen können". Dank der intensiveren Verflechtung in die Weltwirtschaft empfinden diese Kolonieen die Möglichkeit zeitweiser Störungen, die aus der „Abhängigkeit vom Auslande" erwächst, nicht so stark wie Manritius u. s. w. Würden aber Brasilien, Amazonas, Mauritius richtig handeln, wenn sie — wie ihnen von protektionistischer Seite geraten wird — des hohen Risikos wegen diese „Exklusivität" in Produktion und Export durch staatlichen Druck zu beseitigen, durch Zölle oder sonstwie das Kapital zu bewegen suchten, daß es die einseitige Vorliebe für Kaffee, Gummi, Zucker überwinde und sich mehr der Erzeugung solcher Güter widme, die bisher vom Auslande bezogen, mit Kaffee u. s. w. gekauft wurden — m. a. W, daß es mehr die nationale Arbeitsteilung Pflege? Gewiß nicht. Die Produktivität ihrer nationalen Arbeit steht bezüglich der Zweige, die sie jetzt vor allem behufs Exportes kultivieren, weit höher als bezüglich derer, die man ihnen auf Kosten jener zu betreiben rät. Wie die Situation derzeit liegt, handeln sie richtiger, wenn sie um der Größe des Gewinstes willen das hohe Risiko einseitig entwickelten Außenhandels tragen. — Fassen wir einige europäische Völker ins Auge. Für Griechenland — in dessen Export Korinthen und Wein, in dessen Import die Cerealien vorwiegen^) — macht sich die „Abhängigkeit vom Auslande" stark fühlbar. Schlägt die Korinthen- nnd Weinernte fehl und schrumpft damit der Export zusammen, so sinkt die Kaufkraft für das Brotkorn des Auslandes. Soll aber Griechenland etwa deshalb den „nationalen" Weizenbau bis auf die Höhe des Bedarfs hinaufschrauben? Dann würde es wirtschaftlich noch schlechter fahren wie heute. Schon geringer ist das Risiko für Italien, dank der größeren ') Handelsarchiv 1899, II, S. S18. 2) Export 1898. ») Die Totaleinfuhr wertete (1896) 1l6 Millionen Drachmen, davon Getreide: 29,5 Mill. Die Totalausfuhr 72,4 Will., davon Korinthen: 23,6 Mill,, Wein: 6 Mill. (Handelsarchiv 1899, 1, 788/89). — 45 — Ausdehnung und Mannigfaltigkeit seines Exports. Noch weit geringer für die Schweiz. Diese ist hinsichtlich der Deckung des Kohlen- und Eisenbedarfs gleich abhängig, des Lebensmittelbedarfs noch „abhängiger vom Ausland", noch weniger „elementar selbständig" wie Italien. Sie ist „in einem verhältnismäßig so starken Umfang am Welthandel beteiligt, wie kein anderes Land" . . . „bezieht alljährlich nicht weniger als die Hälfte sämtlicher Lebens- und Unterhaltsmittel vom Auslande, setzt etwa ein Drittel der gewonnenen Erzeugnisse dahin ab".^) Weil aber die Schweiz auf der Bahn weltwirtschaftlicher Entwicklung weiter vorgeschritten ist, wie Italien — weil ihre Ausfuhr auf eine große Zahl von Gütergattungen sich erstreckt und viele Länder zu ständigen Kunden hat, hat dieses kleine Land unter dem handelspolitischen Bruche mit Frankreich (1892) weniger gelitten als das große Italien, dessen Ausfuhr mit der Hauptmasse ihrer Hauptartikel — Wein und Rohseide — an den französischen Markt gebunden gewesen war. Und was von dem „Industriestaat" Schweiz gilt, gilt auch von Belgien, Deutschland, England. Kein Wechsel in der Handelspolitik anderer Staaten, kein wirtschaftlich relevantes Geschehen in irgend einem Bezirk des Erdballs, von dem sie nicht, direkt oder indirekt, als Abnehmer oder als Lieferanten getroffen würden! Aber eben weil sie am weitesten vorgeschritten sind auf der Bahn weltwirtschaftlicher Entwicklung — weil die Fäden ihres Verkehrs nach allen Seiten laufen und in allen Farben spielen, empfinden sie die bald von da, bald von dort, bald an diesem, bald an jenem Punkte sie treffenden Störungen ihres Außenhandels schwächer als alle anderen Völker, empfinden sie heute schwächer als früher. Zur Zeit des sog. „Jndustriemonopols" war Englands volkswirtschaftlicher Körper weit nervöser wie heute. Denn damals dominierten in seiner Ausfuhr verhältnismäßig wenige Artikel — gewisse Baumwolle-, Wolle-, Eisenwaren — und für die Einfuhr, besonders die von Lebensmitteln, kamen nur wenige Bezugsquellen, vor allem Deutschland in Betracht. Ende der dreißiger Jahre blickten englische Staatsmänner voll Angst auf die Industrialisierung Deutschlands, bangten vor dem Tage, da Preußen, der bisherige Agrarstaat, sein Korn für seine eigene Bevölkerung brauchen werde — „es kann sein, daß wir Korn kaufen möchten, wenn es keines zu verkaufen hat; daß wir Zufuhren bedürfen und sie nicht erhalten können".^) ') Zeitschr. d. Preuß. Statistischen Bureaus 1897, H. VIII. — Export, 1899, S. S02. -) I. Bowring, a. a. O,. S. 48. 46 — Jetzt ist die Situation eine ganz andere, sicherere geworden. Der Bezugsquellen für Korn stehen unendlich viele zu Gebote; die Ausfuhr ist nicht nur größer, sondern weit mannigfaltiger geworden: ,svsr^ cksoacks . . . tlis miuor Industries ars akkorclinA ooouvation to a larAsr Proportion ok ins vorlcinA Population; tliat is: our pro- duotions lzsooins inors clivsrsiüsck, and vs are ckspsnckinA Isss and Isss upon a ks^v Krsat branonss."^) Je mehr der Außenhandel quantitativ und qualitativ sich entfaltet, desto geringer wird das Risiko — desto falscher wird der Satz, daß wegen der Möglichkeit zeitweisen Rückgangs die wirtschaftliche Lage eines Verkehr treibenden Volkes eine „Prekäre" sei. — Die pisos äs rssistanos derer, welche dies erste Argument zu Gunsten der „Nationalisierung" ins Feld führen — wie auch derer, welche mit dem zweiten Argument, der Möglichkeit dauernden Rückganges des Außenhandels (s. u. S. 48), operieren — ist der Hinweis auf die Gefahr, die in der „Abhängigkeit vom Auslande" betreffs des Bezuges der unentbehrlichen Lebensrnittel, vor allem des Brotkorns, liege. Aus ihr wird die Forderung hergeleitet — uud vielfach als eine im Grunde ganz selbstverständliche hingestellt —, daß jede große Nation doch mindestens so weit „sich selbst genüge", daß sie ihren Brotkornbedarf voll durch Eigenproduktion decke. Wird jener Möglichkeit zeitweiser Störungen des internationalen Verkehrs — die hier zunächst allein zur Diskussion steht — gedacht, so Pflegt, mehr oder weniger „graulich" gemalt, das Gespenst des Verhungerns im Kriegsfalle heraufbeschworen zu werden, das einem auf den Getreideimport angewiesenen Lande drohe. Schon die Physiokraten lassen es tanzen; die englischen Landlords haben mit ihm großen Effekt, und großen Profit, erzielt; heute geht es vor allem in Frankreich und Deutschland um. Es mag hier unentschieden bleiben, ob in andern Ländern das Gespenst einmal Fleisch und Bein gewinnen könnte und sie deshalb dem Ziele kornwirtschaftlicher Autarkie zustreben müßten. Für Deutschland ist die Gefahr zweifellos eine überaus geringe: ein Blick auf die Landkarte, auf die Fülle der Zufuhrwege, über die wir verfügen, lehrt dies. Auf dem Rhein, der Elbe, der Donau, -) Economist 1893, S. 1028. — 47 — — über Rotterdam und Antwerpen, Genua und Trieft könnten wir Brotkorn selbst in dem, ja möglichen Falle beziehen, daß wir von Frankreich und Rußland zugleich angegriffen würden und deren Flotten unsere Seehäfen blockierten.') Wenn allerdings auch England mit Beiden im Bunde wäre, wenn weiter Österreich, Italien, die Schweiz, Holland, Belgien, alle uns mißgünstig gesinnt, den Kornexport nach Deutschland sperrten — dann, in extremis, wäre es denkbar, daß jene Möglichkeit Wirklichkeit würde, daß unser Volk durch Hunger besiegt würde. Gewiß; doch dafür, daß diese Situation nicht eintrete, hat der Leiter der auswärtigen Politik zu sorgen. Und wenn es ihm mißlänge, was dann? Nun: sollte künstig einmal, wie einst Preußen im siebenjährigen Krieg, Deutschland von „Feinden ringsum" bedroht sein — dann muß uns Gott entweder einen zweiten Friedrich den Großen senden, der sie in Bälde niederwirft; oder die fremden Heere fluten siegreich über die deutschen Gaue. In letzterem Falle aber nutzt uns die kornwirtschaftliche Autarkie blutweuig — denn dann sperren die Feinde die Korntransporte, vernichten die Vorräte oder füttern sich und ihre Pferde mit dem Korn, dessen Besitz uns „unabhängig vom Auslande" machen sollte. — Eine weitere Frage wäre hier noch zu behandeln — nämlich die, ob mit wachsender „Verstrickung in die Ketten" der Weltwirtschaft die Gefahr, daß Zeiten der Überproduktion und Krisis sich einstellen, wachse? M. a. W: ob außer jenen zeitweisen Störungen des Außenhandels (und damit der Volkswirtschaft), die ihre Ursache in Vorgängen im Auslande haben — Wechsel in der Zollpolitik u. s. w. — auch gewisse Störungen der Volkswirtschast, die ihre Ursache in Vorgängen im In lande — in Mißgriffen der nationalen Kapitalisten-Unternehmer — haben, auf das Debet des Außenhandels zu setzen seien und mit immer steigendem Gewicht auf ihm lasten?-) Vgl. Brentano, in der „Nation", 1899/1900, S. 218. Solche Mißgriffe — so wird behauptet — müßten vorkommen, weil der äußere Markt „unübersichtlicher" und „schwankender" sei wie der innere, und müßten desto häufiger und in desto größerem Maßstabe vorkommen, je ausgedehnter der äußere Markt. — 48 — Die Erörterung dieses kontroversen Themas würde hier zu weit führen. Nur ganz kurz darf ich bemerken: 1. Wäre jene Frage zu bejahen ^) — wäre der Satz, je mehr Verkehr, desto größer die Gefahr von Überproduktion und Krisis, richtig — so wäre immerhin zu replizieren, daß auch dies Passivum wohl überwogen werde durch jeues mehrfach oben (S. 20, 42) erwähnte Aktivum. Die Störungen, die einem isolierten Volke drohen znfolge des, durch die Launen der Natur verhängten Wechsels von Über- nnd Unterproduktion in der nationalen Landwirtschaft, schrumpfen ein dank dem Verkehr. Verglichen mit ihnen erscheinen die Störungen, welche einem der Weltwirtschaft angeschlossenen Volke zufolge von Rechenfehlern der Menschen drohen mögen, als das kleinere Übel. Weil ein größeres Übel vermieden wird, muß dies kleinere Übel geduldig ertragen werden — die Bewertung und Gestaltung wirtschaftlicher Zustände kann nur nach dem Prinzip des .raillimura raalura" erfolgen. 2. Jene Frage ist aber zu verneinen; jener Satz ist falsch, der umgekehrte richtig. Für ein Volk, das erst in das Geleise der Weltwirtschaft einlenkt, ist die Gefahr von Überproduktion und Krisis allerdings eine ziemlich große. Je länger aber ein Volk auf diesem Geleise sich bewegt, desto geringer wird sie. Wie das Risiko, das der Außenhandel wegen jener Möglichkeit zeitweiser Störungen involviert, mit quantitativer nnd qualitativer Ausdehnung des Außenhandels herabgeht, so auch die Gefahr von Überproduktion und Krisis. „Die Krisentheorie hat sich nicht bestätigt — sagte neulich der Abg. Heyl zu Herrnsheim (28. November 1899) — es hat sich im Gegenteil herausgestellt, daß infolge der immer ausgedehnteren Weltwirtschaft die Krisen immer mehr abnehmen" 2. Zweitens wird die Doktrin von der prekären Lage eines in die Weltwirtschaft verschlungenen Volkes begründet mit dem Argument der Möglichkeit dauernden Rückganges des Außenhandels. — Vgl. z. B. Ad. Wagner, Grundlegung, Bd. I, S. 369. — 49 — Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind England, Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Belgien „Industriestaaten" geworden; d. h. hier hat sich die nationale Wirtschaft dahin entwickelt, daß derzeit die Rohstosfproduktion hinter dem nationalen Bedarfs zurückbleibt, die Industrieproduktion dagegen den nationalen Bedarf überschreitet. Sie exportieren Fabrikate, importieren Materialien und Lebensmittel. Allerdings exportieren sie auch Lebensmittel — wie Salz, Zucker, Bier, Branntwein, Wein — und Materialien — wie Sämereien, Kohlen, Roheisen, Cement; und importieren auch Fabrikate in beträchtlicher Menge. Aber ihr Außenhandel erhält sein eigenartiges Gepräge dadurch, daß in der Ausfuhr die Fabrikate vorherrschen, in der Einfuhr die Materialien — vor allem Erze, Hölzer, Textilstoffe — und die Lebensmittel. Umgekehrt sind andere Völker „Rohstoffstaaten" geworden; d. h. hier hat sich die nationale Wirtschaft dahin entwickelt, daß derzeit die Rohstoffproduktion den nationalen Bedarf überschreitet, die Industrieproduktion hinter ihm zurückbleibt. Das Charakte- ristikum ihres Außenhandels bildet die Thatsache, daß im Export die Rohstoffe — Lebensmittel und Materialien — vorherrschen, im Import die Fabrikate. Je nachdem der Export agrikoler oder der Export montaner Rohstoffe überwiegt, bez. jener und dieser ungefähr gleiche Bedeutung haben, lassen sich innerhalb der Gruppe der Rohstoffstaaten unterscheiden: Agrarstaaten — z. B. Rußland, Ungarn, die Donaustaaten, Brasilien, Argentinien; Montanstaaten—z. B.Mexico, Chile; Agrar-Montan- staaten — z. B. Australien, die südafrikanischen Kolonien. Wird diese Differenzierung der Nationen in Industrie- und in Rohstoffstaaten, diese „kosmopolitische" Arbeitsteilung zwischen Ländern, die einen Überschuß an Fabrikaten, und solchen, die einen Überschuß an Lebensmitteln und Materialien erzeugen, dauern? Von manchen Seiten wird heute die Frage mehr oder minder schroff verneint: es handle sich um ein nur kurzes Zwischenspiel der Wirtschaftsgeschichte. Denn mit wachsender Ziffer und wachsender materieller Kultur würden die Rohstoffstaaten von heute sich „industrialisieren", würden künftig die Fabrikate, die sie jetzt von den Industriestaaten beziehen, selbst erzeugen, die Materialien und Dietzel, Weltwirtschaft und Vollswirtschast, 4 — 50 — Lebensmittel, die sie jetzt nach den Industriestaaten senden, selbst verarbeiten und verbrauchen; und demgemäß würde in den Industriestaaten von heute die Exportfabrikation wieder eingeschränkt, dagegen die Rohstoffproduktion wieder ausgedehnt werden müssen. Knrz: das Ende vom Liede wäre, daß die Nationen, nachdem das Zwischenspiel vorüber, wieder zurückkehrten auf den „stg.ws yao antea", d. h. den Zustand national-wirtschaftlicher Autarkie (s. o. S. 2). F. List hatte einst gefordert: wie England, so sollten auch alle übrigen Kulturvölker der gemäßigten Zone durch eine planmäßige „Erziehung" aller produktiven Kräfte, auf die Staffel industrieller Exportfähigkeit emporgehoben werden; nachdem dies geschehen, sollten sie, einander so ziemlich ebenbürtig, auf dem Markte der Tropen konkurrieren, als „Industriestaaten" ihre Fabrikate austauschen gegen Lebensmittel und Materialien der Tropen, der „Rohstosf- staaten". Jetzt wird behauptet: diese inzwischen eingetretene Differenzierung in Rohstoff- und in Industriestaaten wird wieder aufhören; dereinst werden alle Völker ihren Rohstoff- wie ihren Industriebedarf in der Hauptsache wieder selbst decken, dereinst die „kosmopolitische" Arbeitsteilung selbst zwischen den Nationen der gemäßigten Zone und denen der Tropen nur noch in begrenztem Umfange statthaben — F. List habe sich geirrt; auch die Industrialisierung der Tropeu stehe über kurz oder lang zu erwarten. Ein nicht nur zeitweiser, sondern dauernder Rückgang des in den letzten Jahrzehnten so mächtig angeschwollenen Außenhandels sei so gut wie gewiß, jedenfalls „mehr als wahrscheinlich" (Oldenberg). Solchem Verlaufe der Dinge könnten nun die Rohstoffstaaten von heute gelassen zusehen — besäßen sie doch die Materialien und die Lebensmittel, deren es zur Emanzipation vom Fabrikatenimport des Auslandes bedürfe. Hier würde der Rückgang des Außenhandels glatt und schmerzlos sich vollziehen. Nicht so in den Industriestaaten. Müsse schon die Wiedereinschränkung der Exportfabrikation mit großen wirtschaftlichen Ein- büßen — Entwertung der fixen Kapitalien (Maschinen u. s. w.) und, wie Ad. Smith einmal sagt, „erworbener Geschicklichkeiten" der Unternehmer und Arbeitskräfte — verknüpft sein, so drohe ihnen aus der Notwendigkeit, die Rohstoffproduktion wieder auszudehnen, eine vielleicht noch schlimmere Gefahr: vor allem sei bezüglich der Lebensmittel zu befürchten, daß das erforderliche Plus, wenn überhaupt, so doch nicht rasch genug sich erzielen lasse. Je mehr die in der Exportfabrikation thätige, je mehr die vom Korn der Fremde sich nährende Volksquote inzwischen gewachsen sei — desto größer die Verluste, wenn einst der Zwang zur Umkehr sich einstellen werde, desto gewisser die Gefahr der Brotnot mit ihren unberechenbaren politischen und socialen Folgen. Oavsaiit corisulss! — Die Zahl der deutschen Wirtschaftspolitiker, die auf Grund solcher Prognose „den im Gange befindlichen Nerwandlungs- prozeß ... in einen Industriestaat kritisch erörtern", ist keine geringe. Viele beklagen, daß die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr „das schöne Bild harmonischer Entwickelung und ebenmäßiger Gliederung in allen ihren Teilen" (P. Voigt) darbiete, und befürchten, daß zufolge der Industrialisierung der Rohstoffstaaten eine rückläufige Bewegung des Außenhandels, ein Einschrumpfen des Fabrikatenexports wie des Rohstoffimports, eintreten könne. Aber nur „ein Teil von ihnen sieht in dieser Entwickelung eine Sackgasse; Andere, dem hergebrachten Optimismus näher bleibend, sehen in ihr einen Engpaß, der ins Freie führt V) Letztere nämlich glauben, daß die dem Außenhandel drohende Gefahr gebannt werden könne durch eine „Weltmachtpolitik" (E. v. Halle), und verlangen, daß eine solche betrieben werde. Deutschland werde „seinen Platz an der Sonne, seinen Rang unter den Kulturnationen, seine wirtschaftliche und politische Bedeutung" dann, aber „nur dann behaupten, wenn das ganze deutsche Volk... fest durchdrungen ist von der todesmutigen Gesinnung des alten Hanseatenwortes: naviAg-rs nsoesss est, vivsrs noo. usessss." (P. Voigt.) -) Oldenberg, Sociale Praxis 1899, S. 746. — 52 — Erstere dagegen — deren Hauptvertreter Oldenberg ist — sehen die Situation durchaus pessimistisch an. Die praktische Konsequenz dieser „Sackgassen"-Doktrin lautet: damit der unausbleibliche Rückgang des Außenhandels Deutschland nicht unvorbereitet, vielleicht einmal ganz plötzlich treffe, sei heute schon, in weiser Vorsicht, dahin zu wirken, daß die deutsche Volkswirtschaft sich wieder mehr „verselbständige". Vor allem und zunächst müsse durch stärkere Pflege der nationalen Lebensmittelproduktion „die Voraussetzung jeder unabhängigen Entwickelung" wiederhergestellt werden. Dann vermöge die Landwirtschaft einen Teil der steigenden Bevölkerung aufzunehmen, der andernfalls sich der Exportfabrikation zugewandt hätte; und dank der Mehrnachfrage seitens dieses Plus heimischer Landwirte, dank der „Erweiterung des landwirtschaftlichen Unterbaues" könne auch „eine entsprechende Verbreiterung des oberen industriellen Stockwerkes" erfolgend) Wenn rechtzeitig der „Umbau" im autarkischen Stile geschehe, allmählich die Exportfabrikation herab-, die nationale Landwirtschaft und die nationale Industrie emporgebracht werde, so verliere die rückläufige Bewegung, die dem Außenhandel bevorstehe, ihre Schrecken. Je länger dagegen die deutsche Nation Lebeusmittel importierender Industriestaat bleibe, je tiefer sie in das Nessusgewand des Verkehrs hiueingerate — desto wahrscheinlicher werde es, daß sie zur Strafe für ihre Hybris, für die „breitspurige Welthandelspolitik" mit ihrem „romantischen, abenteuerlichen Reiz", in Armut und Elend ende. Dann könnte einmal ganz plötzlich der Tag kommen, da die Unmöglichkeit offenbar würde, das durch das Versiegen des Imports bewirkte Korndefizit durch Steigerung des inländischen Kornbaues zu decken, und könnte es „einen Zusammenbruch geben, der, aller Voraussicht nach, das Ende der Nation wäre V) Das Programm der „Weltmachtpolitik" kann hier auf sich beruhen. Denn, mag man dem Außenhandel der Industriestaaten das Horoskop so oder so stellen: der Erwerb weiterer Kolonien oder Kohlenstationen, die Vermehrung der Kriegsflotte, die Steigerung -) Oldenberg, S. 43. 2) Oldenberg, S. 14. des Einflusses Deutschlands auf die Handelspolitik fremder Länder liegt in jedem Falle auf der Linie des nationalen Interesses. Nur das Programm der „Selbständigkeitspolitik", das bisher allerdings nur bezüglich der Forderung der „intensiven Pflege" der deutschen Landwirtschaft klar formuliert ist, soll im Folgenden auf seine Berechtigung hin untersucht werden. Zuvor ist noch zweierlei zu bemerken. 1. Zunächst zur Auffassung Oldeubergs. Man habe dieseu — schreibt Schmoller (Die Woche. 1899. Nr. 39) — falsch verstanden, wenn man aus seinen „freilich sehr schwarz malenden Zukunftsbildern" schloß, er wolle Deutschland „mit einer chinesischen Mauer umgeben, nichts hineinlassen, nichts hinaussenden"; er sage nur, ein Staat dürfe „seine Landwirtschaft — wie England — nur dann zu Hause zerstören, wenn er gleichzeitig in seinen Kolonien eine neue Landwirtschaft unter dem sicheren Schutze seiner Kanonen erziehe und schaffe." Dxpressis vsrbis hat aber Oldenberg nur gesagt, daß die deutsche Landwirtschaft so weit ausgedehnt werden müsse, daß sie den nationalen Bedarf voll decke. Dagegen hat er nicht — wie es nach den Ausführungen Sch mollers scheinen könnte — die Forderung der „neuen Landwirtschaft" in den Kolonien gestellt. Diese Forderung widerspräche zwar dem Selbständigkeitsprogramin keineswegs. Abgesehen von dem ersten Satze betreffs des Fabrikatenexports u. f. w. wird Oldenberg mit Schmoller übereinstimmen, wenn dieser schreibt: „Wir müssen mit unserer wachsenden Volkszahl unseren Fabrikatenexport steigern, mehr Lebensmittel, Kolonialwaren, Wolle, Kulturmittel aller Art von außen beziehen. Es ist nur die Frage, ob wir bei dieser Entwicklung, die uus immer wieder auf die See hinausführt und uns in friedliche und feindliche Berührung mit anderen Mächten, in Konflikte mit Konkurrenten bringt, diesen schutzlos gegenübertreten sollten oder nicht; es ist die Frage, ob wir nicht durch Verträge oder Büudnisse, durch Kolonialerwerb, durch Zollunionen wenigstens einen Teil der Länder und Gebiete, auf die wir wirtschaftlich angewiesen sind, uns politisch angliedern, sie in feste Beziehung mit uns, gewissermaßen unter unsere Kontrolle bringen sollen . . . Dazu brauchen wir eine starke Seemacht." Aber jene Forderung der „neuen Landwirtschaft" in den Kolonien hat Oldenberg doch nicht gestellt. Vielleicht deshalb nicht, weil er — ebensowenig wie Schmoller — zu sagen wüßte, wie sie verwirklicht werden könnte? — 54 — Denn Kolonien, welche der wachsenden Volkszahl Deutschlands das erforderliche Plus an Lebensrnitteln, vor allem an Brotkorn — worauf Oldenberg das Hauptgewicht legt — „unter dem sicheren Schutze seiner Kanonen" zu liefern vermöchten, dürften ziemlich schwer zu finden sein. Nordamerika, Argentinien, die agricol wichtigsten Länder Südafrikas, Australien sind in festen Händen; Rußland, die Donauländer, Kleinasien, Indien, gleichfalls. Durch Verträge und Bündnisse mögen wir uns einzelne dieser Brotkorn erzeugenden Gebiete, von deren Produktion wir „wirtschaftlich abhängen, politisch angliedern". Aber Kolonien zu gewinnen, in denen eine „neue Laudwirtschaft" sich erziehen und schaffen ließe — das wäre, so wie die Dinge heute liegen, ein etwas phantastischer Traum. Unsere südafrikanischen Besitzungen mögen uns künftig Lebensmittel, zunächst Vieh, später auch Getreide, in großen Mengen senden (f. u.) — aber bis dahin wird es noch gute Weile haben. — Übrigens hat schon Oldenberg selbst das Mißverständnis abzuwehren gesucht, als ob er mit dem „Umbau" im Selbständigkeitsstile die vollkommene „Einkapselnng auf gegebenem Territorium" meine. Seine Auffassung könne vielmehr „ebensowohl zur Erweiterung des Territoriums (z. B. zu einer Kolonialpolitik), oder zu einer Kombination beider Möglichkeiten führen — nur, daß Wirtschaftlichesund politisches Gebiet in gewissen Grundzügen sich decken sollen." Mir scheint: das Programm der „Selbständigkeitspolitik" könne nicht nur, sondern müsse zur Forderung der Erweiterung, und zwar zu einer recht erklecklichen Erweiterung des Territoriums, führen. Denken wir uns, die eine Alternative Oldenbergs, die „Ein- kapselung", sei bis zu dem Punkte, den er mit deutlichen Worten bezeichnet, verwirklicht: d. h. die „intensive Landwirtschaftspflege" sei so weit gediehen, daß Deutschland hinsichtlich der Lebensmittel, (solcher, die es zu erzeugen die Fähigkeit hat, wie Weizen, Roggen u. s. w.) durchaus „unabhängig vom Auslande" dastehe. Wäre etwa die „elementare Selbständigkeit" damit auch nnr annähernd erreicht? Keineswegs. Die „latente Fremdherrschaft"^) bestände in weitestem Umfange fort. Denn bezüglich solcher Lebensmittel die wir nicht produzieren können, die aber nach unseren Konsumlionssitten uns kaum minder entbehrlich sind wie Weizen, Roggen u. s. w., die wie diese zu unserm „täglichen Brot", zu den „Elementen" unseres Konsums zählen — bezüglich der wichtigsten Fabrikationsstoffe, agricoler wie montaner — bezüglich der wichtigsten „Cirkulationsstoffe" blieben wir ja nach wie vor in „verhängnisvoller Abhängigkeit vom Auslande". ') Oldenberg, Sociale Praxis, 1899, S. 747. — 55 — Gehören etwa Kaffee, Thee, Reis — Baumwolle, Jute, Hanf, Wolle, Holz (oder soll die „intensive Landwirtschaftspflcge" so weit gehen, daß auch der Bedarf an Wolle und Holz voll aus deutschem Boden gedeckt werde?) — Eisen und Zinn — Gold und Silber, Kupfer und Kautschuk, die „Elemente" der Telegraphie u. s. w. — nicht zu den „Grundzügen" unserer heutigen Wirtschaft? Auch nach vollständiger Emanzipation vom Brotkornimport des Auslandes wäre die „Knechtschaft" nur um ein Geringes gemindert; würden, wenn dereinst die rückläufige Bewegung Platz griffe, deren Folgen kaum minder schlimmer sein als in dem Falle, daß auch der Brotkornimport noch fortbestände. Allerdings verhungern wir ja nicht, wenn dereinst die Brasilianer und Javaner ihren Kaffee, die Inder und Chinesen ihren Thee selbst trinken, die Ägypter und Nvrdamerikaner ihre Baumwolle selbst verarbeiten und verbrauchen sollten. Wenn aber, wie Oldenberg meint (s. u.), der Wechsel in der Handelskonjunktur plötzlich hereinbräche, so könnten dadurch Unternehmer und Arbeiter, die bis dahin die Fabrikate erzeugten, welche als Gegenwerte für Kaffee, Thee, Baumwolle u. f. w. exportiert wurden, in arge Not geraten. Wer von dem Alb des „plötzlichen" Rückgangs von Export und Import beängstigt wird, kann nichts anders als eine Expansions- oder Kontrollpolitik im großen Stil befürworten. Ist es Oldenberg ernst mit seiner Prognose und seiner Therapie — der Zusatz „in gewissen Grundzügen" öffnet allerdings eine Pforte, durch welche nian unbequemen Konsequenzen entschlüpfen kann — will er unser Volk voll befreien aus der „latenten Fremdherrschaft", es wirklich sichern gegen die Gefahr der rückläufigen Bewegung, so muß er einer Weltmachtpolitik das Wort reden, welche gewiß diskutabel, aber zweifellos weit „romantischer" ist, als die von ihm so betitelte, bisherige „Exportpolitik" oder „Welthandelspolitik" Deutschlands (die, nebenbei bemerkt, seit 1879 mehr von der Tendenz, den Import zn hemmen als den Export zu fördern, geleitet wurde). Ist nnter den „gewissen Grundzügen" nur die Brotkornproduktion, unter „elementarer Selbständigkeit" nur die kornwirtschaftliche Autarkie zu verstehen^), so ist das Programm Oldenbergs allerdings weniger Neuerdmgs — in einer Äußerung zum Flottengesetzentwurf — hat Oldenberg erklärt: „volkswirtschaftliche Selbständigkeit setzt planmäßige Pflege gerade nicht der rentabelsten, sondern der wichtigsten Produktionszweige voraus, d. h. derjenigen, in denen uns das Ausland zu überflügeln droht und deren Produkte wir nicht entbehren können." Also z. B. auch der Produktion der Wolle, des Holzes, des Eisens, des Kupfers n. s. w.? — 56 — romantisch — in diesem Falle muß aber die, von ihm so herbe getadelte „abenteuerliche Exportpolitik", die „breitspurige Welthandelspolitik" weiter betrieben werden. Hörte der Import von Brotkorn und auch der übrigen in Deutschland produziblen Lebensmittel — Fleischvieh, Eier, Gemüse, Obst, Wein — gänzlich auf, so würde doch, um den Import der in Deutschland nicht produziblen, oder nur unter weit ungünstigeren Bedingungen wie im Auslande produziblen Lebensmittel und Materialien zu bezahlen, ein Export von mehreren Milliarden Mark erforderlich sein; die „Fremdherrschaft" währte weiter und mit ihr das Risiko der rückläufigen Bewegung. Wenn unsere Konsumtionssitten, unsere Produktions- und Cirkulationsverhältnisse nicht eine radikale Verschiebung, und zwar eine Verschiebung, die die ungeheure Mehrzahl als einen schroffen Rückschritt der materiellen Kultur empfinden würde, erfahren sollen, so kann die Forderung, daß „wirtschaftliches und politisches Gebiet in den Grundzügen sich decken", nur verwirklicht werden kraft einer „Weltmachtpolitik" a outranos. Erst dann, wenn wir Besitz oder zwingenden Einfluß in allen Zonen und Weltteilen gewonnen hätten, wäre die Idee der „elementaren Selbständigkeit" eine Thatsache geworden. — 2. Zur Kennzeichnung des Unterschiedes der Auffassung Olden- berg's und der Weltmachtpolitiker einerseits, und derjenigen der Agrarier andererseits. Soweit die Argumente Ersterer den Letzteren passen, werde» sie von den Agrariern, wie oben schon gesagt (S. 39), bestens acceptiert. Aber im Ziele gehen die Bestrebungen dieser und jener diametral auseinander. Den Agrariern ist Alles genehm, was man über die Gefahr der Jndustriestaatsbildung sagt — sofern daraus die Konsequenz der „Einkapselung" der Kornproduktion innerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle gezogen wird. Sie stimmen auch Oldenberg noch dann zu, wenn er — in einer Äußerung zum Flottengesetzentwurf — betont, wir hätten „im Sinne der Selbständigkeitspolitik" das Interesse, z. B. in China „ein eigenes Gebiet für Baumwollenpflanzungen zu gewinnen, das wir auf die Dauer nicht entbehren können." Sie würden ihm auch noch weiter zustimmen, wenn er verlangte, daß wir irgendwie nnd irgendwo Länder uns aneignen sollten, die uns gestatten würden, Eisen, Kupfer, Zinn, Jute, Hanf, Wolle — „hier stock' ich schon" — auf Boden zu gewinnen, der „unter dem sicheren Schutz unserer Kanonen steht". Aber — sobald er die Forderung vertreten würde, die ihm am meisten am Herzen liegen müßte, weil sie der für ihn schlimmsten Form der „latenten Fremdherrschaft" ein Ende setzen würde: die Forderung, daß die Machtsphäre des deutschen Reiches auf Länder zu erweitern sei, die Brotkorn und sonstige, auch bei uns produzible, Bodenerzeugnisse spenden können, so würde die Freundschaft in bittre Feindschaft sich wandeln. Für Oldenberg wie für die Weltmachtpolitiker wäre es ein „Ziel aufs innigste zu wünschen", daß etwa Argentinien oder Canada oder sonstwelche große, Korn und Fleisch produzierende Staaten — so viel produzierende, daß dank ihrer Mitwirkung der ganze Bedarf Deutschlands gedeckt werden könnte — in Besitz oder wenigstens nnter Kontrolle unserer Nation kämen. Dann würde, um mit P. Voigt zu reden, unser Volk „ruhig schlafen können", da es dann „die Grundlagen seiner Existenz, den Boden, ans dem sein Getreide gebaut wird, und sein Vieh weidet, politisch beherrschte", die „elementare Selbständigkeit" (Oldenberg) bezüglich der unentbehrlichen Lebensmittel voll sich errungen hätte. Den Agrariern dagegen könnte „nichts Fataleres passieren", als wenn jener, wie oben gesagt, phantastische Traum in Erfüllung ginge, als wenn uns z. B. Jemand ganz Amerika oder Australien schenkte — sie Würden's höflich sich verbitten, wenn man ihnen nicht für alle Zeit gewährleistete, daß die „nationale" Arbeit der deutschen Landwirte des Mutterlandes durch ausreichende Zölle vor der Konkurrenz der „nationalen" Arbeit der deutschen, oder wenigstens Deutschland „politisch angegliederten" Landwirte in Übersee geschützt werden werde. — Das Programm der „Selbständigkeitspolitik", beruht, wie oben gesagt, auf zwei Behauptungen, die, so eng sie auch sich verschlingen, doch getrennt erörtert werden müssen; erstens (^.) ist zu prüfen, ob dem Fabrikatenexport, zweitens (L) ob dem Lebensmittelimport der Industriestaaten ein dauernder Rückgang bevorstehe? ^. Der Fabrikatenexport. Wir uehmen hier zunächst an (I), es sei gewiß, daß die Industrialisierung der Rohstoffstaaten von heute eine rückläufige Bewegung der Exportindustrie der Industriestaaten zur notwendigen Folge habe. Die Frage, ob diese Annahme richtig oder falsch, wird uns später (II) beschäftigen. I. Selbst wenn die Behauptung: mehr nationale Industrie dort, weniger Exportindustrie hier, voll und ganz zuträfe, so wäre doch unsern „Selbstgenüglern" keineswegs zugegeben, daß um dieser, — 58 — ! zu einem derzeit noch nicht bestimmbaren Termin drohenden Gefahr willen die Industriestaaten jetzt schon eine Politik planmäßigen Znrückschraubens des Außenhandels einleiten müßten. Der Thatsache, daß während der letzten Jahrzehnte ihr Verkehr mit andern Völkern gewaltig zugenommen hat, danken England, Deutschland u. s. w. eine außerordentliche Steigernng der Produk- ^ tivität ihrer nationalen Arbeit. Wenn der Umfang dieses Verkehrs auch nur durch Beseitigung des Lebensmittelimports, nur durch Aufhebung der „kosmopolitischen" Arbeitsteilung bezüglich der Kornproduktion, gemindert würde, so würde die Produktivität fallen, die nationale Dividende der Industriestaaten herabgehen. Daß dem so sein müßte, ist zweifellos^); nur über das wie viel kann man streiten. Zugegeben, daß für künftig solches Herabgehen der nationalen Dividende als ein unvermeidliches Fatum drohe — als Folge des absolut gewissen Rückganges des Fabrikatenexports wie des Lebensmittelimports (wodurch die Industriestaaten gezwungen würden, das Korn, das sie jetzt billig vom Auslande beziehen, teurer im Julande zu produzieren) — weshalb aber es heute schon heraufbeschwören, weshalb willentlich die wirtschaftliche Wohlfahrt der heutigen Generation unter das erreichbare Maximum Herabdrücken? Wenn man dem Individuum sagen würde: heute und für gewisse Zeit noch kannst dn 3000 Mark, vielleicht auch mehr, verdienen; künftig aber wirst du nur noch 2000 Mark verdienen. Wähle nun — willst du die 3000 Mark weiter haben, solange es geht; oder willst du jetzt schon dein Einkommen verringert sehen auf 2000? Das Individuum, wenn es nicht ein ganz sonderbarer Kauz ist, wird sich für Ersteres entscheiden. Warum sollte eine Nation, ein Industriestaat der Gegenwart, sich anders entscheiden? Verbleibt sie im weltwirtschaftlichen Nexus, so ist sicher, daß, solange dieser dauert, das Durchschnittsverdienst, das Durchschnittseinkommen ihrer Bürger höher steht, wie es stehen könnte, falls der Nexus loser würde. Es mag nicht weniger sicher Vgl. unten zu N. — 59 — sein, daß dieser Nexus nicht ewig währen, daß er dereinst loser und loser werden wird und damit die nationale Dividende herabgehen. Weshalb aber sollte die heutige Generation eine Verkürzung des materiellen Genießens sich auferlegen, die sie vermeiden kann? Solche asketische Politik ließe sich nur aus der Befürchtung rechtfertigen, daß die spätere Generation plötzlich durch die rückläufige Bewegung der Exportindustrie betroffen werden und dadurch überaus große Verluste erleiden könnte. Dann dürfte von den Lebenden gefordert werden, daß sie kleineres Übel auf sich nähmen, um den Nachkommen größeres Übel zu ersparen. Jene Befürchtung ist aber nicht minder gegenstandslos, wie die des plötzlichen Bersiegens des Brotkornimports. ^) Die Vorwärtsbewegung der Rohstoffstaaten von heute auf der Linie gewerblichen Fortschrittes kann nur allmählich erfolgen. Und mögen sie, einer nach dem andern, der eine in rascherem, der andere in langsamerem Tempo sich industrialisieren, so werden andere Nationen, die derzeit als Fabrikatenkunden und Rohstofflieferanten noch keine Rolle auf dem Weltmarkt spielen, allmählich ihr Angebot an Lebensmitteln und Materialien"), und entsprechend ihre Nachfrage nach Fabrikaten steigern — werden die Rohstoffstaaten der Zukunft sein, deren Kundschaft die jener ersetzt. In England, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Belgien — überall ist das Emporkommen der Gewerbe auf ihre jetzige Höhe das Ergebnis langjähriger, hinsichtlich mancher Gewerbe recht lahmer Entwickelung gewesen. Auch in den Rohstoffstaaten der Gegenwart — z. B. in Rußland, Ostasien, Argentinien, Australien — wird es nicht im Sturmschritt vor sich gehend) Industrien schießen nicht von heute auf morgen ins Kraut. Für jede neue Branche muß erst das Geld flüssig gemacht, müssen die personalen Kräfte geschult, Bauten und Betriebsanlagen hergerichtet werden; in aller ') Vgl. darüber unten zu L. °) Über die Möglichkeit des Mehrangebots von Lebensmitteln s. u. °) Die Fabel, daß die industrielle Eutwickelung in diesen Ländern sich bisher in überaus rascher Weise vollzogen habe, kann hier nicht widerlegt werden. Vgl. z. B. über Rußland meinen Artikel „die Theorie von den drei Weltreichen" (Nation, 1900, Nr. 33). Regel wird auch, wenn ein Land, das bisher Rohstoffe exportiert hat, sie selbst durch Verarbeitung im Jnlaude verwerten will, dessen Verkehrsnetz gemäß der neuen Situation umgearbeitet werden müssen. Allerdings: Kapitalien, Unternehmer, Arbeiter, Maschinen u. s. w. kaun man aus den Industriestaaten importieren. Wenn aber aus solchem „Selbstmord", solcher „Totengräberei" (Oldenberg) der Industriestaaten den Rohstoffstaaten neues gewerbliches Leben im Fluge erblühen könnte, so wäre ihnen der „zweite Arm" — nach dem bekannten List'schen Gleichnis — längst schon zugewachsen. Die „es^itaux, <^ui ns eormÄissöut ni roi vi xatris" (Quesnay) sind doch zu vorsichtig, um auf einmal in großen Massen das Risiko der Auswanderung zu wagen; Unternehmer und Arbeiter haften auch im „Zeitalter des Dampfes" ziemlich zähe an der Scholle — noch immer ist der Mensch „die am schwersten transportable Waare" (Ad. Smith); die Maschinen allein thun es nicht. Gewiß — die industrielle Vegetation mag seitens der Rohstoffstaaten künstlich beschleunigt werden durch die Treibhauswärme, die das Schutzzollregime ausstrahlt. Jedoch sofern (g.) die neuen Gewerbszweige ihre wirtschaftlichen Mittel aus dem Lande selbst gewinnen, immer mit der Wirkung, daß der Rohstoffproduktiou — um im Gleichnis zu bleiben — so viel Finger, so viel sachliche und personale Kräfte verloren gehen, wie die Industrie an sich zieht. Förderung der Industrie heißt in diesem Falle Beeinträchtigung der Landwirtschaft und des Bergbaues, Verkürzung des Exports von Lebensmitteln und Materialien. Wird den Industriestaaten der Fabrikatenexport nach gewissen Rohstoffstaaten beschnitten, so nimmt gleichzeitig der Rohstoffimport aus diesen ab — d. h. die Schutzzollpolitik dieser zwingt jene, neue Absatzwege und Bezugsquellen in anderen Rohstoffstaaten zu suchen, denen derzeit noch an der Steigerung ihrer Rohstoffausfuhr mehr gelegen ist als an der Entfaltung der nationalen Industrie. Gelingt dies, so bleibt, trotz der Beschleunigung der Industrialisierung gewisser Rohstoffstaaten durch das Schutzzollregime, die wirtschaftliche Lage der Industriestaaten die gleiche wie zuvor. Gelingt dies nicht, so müssen sie die nationale Rohstoff- — 61 — Produktion emporschrauben, muß ein Teil der bisher in der Exportindustrie thätigen Kapitalien, Unternehmen, Arbeiter sich der Landwirtschaft und dem Bergbau zuwenden — eine Verschiebung, die „automatisch", unter dem Signal fallender Löhne und Profite in der Exportindustrie, steigender Rente in der Rohstoffproduktion sich vollzieht. Sofern dagegen (d) die neuen, aus dem Samen des Protektionismus erzeugten Gewerbszweige der Rohstoffstaaten ihre wirtschaftlichen Mittel aus den Industriestaaten gewinnen, d. h. dadurch gewinnen, daß ihnen von dort Kapitalien n. s. w. zufließen, so tritt in den Industriestaaten gleichfalls eine Verschiebung ein — nur anderer Art. Auch in diesem Falle schrumpft die Exportindustrie ein; da aber die bisher in ihr thätigen Kapitalien u. s. w. sich zum Teile expatriiert haben, so können sie der nationalen Rohstoffproduktion sich nicht zuwenden. Deren Erweiterung ist jedoch in diesem Falle keine Notwendigkeit; denn um so viel als das bisher exportindustriell thätige Kapital und die bisher exportindustriell thätige Bevölkerung zufolge der Auswanderung zurückgeht, um so viel geht auch der Bedarf des Industriestaates, an Materialien und Lebensmitteln des Auslandes zurück. Der Normalfall ist der, daß die jungen Manufakturen der Rohstoffstaaten ihre wirtschaftlichen Mittel teils aus inländischen, teils ans ausländischen Quellen nehmen. Ob nun die Industrialisierung gewisser Rohstoffstaaten so oder so sich vollziehe — immer (außer in dem Falle, daß andere Rohstoffstaaten an ihre Stelle treten, s. o. S 60) ergiebt sich für die Industriestaaten eine fatale, die Produktivität ihrer nationalen Arbeit mindernde Metamorphose ihrer Volkswirtschaft. Da aber diese Metamorphose eintreten muß — da jede einzelne, erfolgreiche Schutzzollaktion, heute in diesem, morgen in jenem Rohstoffstaat, die Wirkung hat, entweder (Fall a) die Industriestaaten zu zwingen, die nationale Rohstoff- Produktion zu erweitern, wozu das Freiwerden von Kapitalien u. f. w. in der Exportindustrie die Möglichkeit bietet; oder (Fall o) den Bedarf der Industriestaaten an Lebensmitteln und Materialien der Rohstoffstaaten zu mindern, so ist selbst dann, wenn die Industrialisierung gewisser Rohstoffstaaten durch den Hebel intensiven Zoll- — 62 — schutzes künstlich beschleunigt würde, die Gefahr, daß die rückläufige Bewegung des Fabrikatenexportes plötzlich eintrete — daß plötzlich der ganze Fabrikatenexport, oder auch nur eine überwiegende Quote, einschrumpfe eine überaus geringe. Eine Störung des Erwerbslebens der Industriestaaten wird jede erfolgreiche Schntzzollaktion seitens der Rohstoffstaaten nach sich ziehen. Immer müssen dort Kapitalien und Arbeitskräfte neu sich gruppieren; ohne Verluste geht dies niemals ab. Aber die Notwendigkeit solcher Neugruppierung kann kein durchschlagendes Argument gegen den Außenhandel sein. Denn solche Neugruppieruug muß auch aus vielen anderen Ursachen, die mit dem Außenhandel nichts zu thun haben, oft genng platzgreifen: zufolge Fortschritten der Technik, Umgestaltung der Verkehrs- und Siedeluugsverhält- nisse u. s. w. Überall — selbst im „geschlossenen Handelssiaate" — muß ein Teil der Kapitalien und Arbeitskräfte Ort und Art der Beschäftigung dann und wann wechseln; der Ausschwung der Industrie in den Rohstoffstaateu bedeutet nichts als eine Ursache mehr. Ob letztere Ursache größere Massen, und diese ruckweiser, in Bewegung und Erregung versetzen werde als z. B. die Entdeckung eines neuen Materials oder einer neuen Maschine u. s. w. ist allgemein nicht zu entscheiden. — Daß ein Rohstoffstaat nach dem anderen eine chinesische Mauer gegen die Fabrikate der Industriestaaten aufführe und diese all- mühlich höher und höher geführt werde — dies kann sein. Dafür aber, daß jeweilig die Mauer nicht um allzu viel erhöht werde, und daß nicht alle Rohstoffstaaten zugleich darauf verfallen, das Ideal der „Unabhängigkeit vom Auslande" im Sturmschritt zu nehmen — dafür sorgen gewisse „Gegenkräfte". Vor allem: die Interessen der exportierenden Landwirte und Bergwerksbesitzer. Die Herren Agrarier sind überall Geschäftsmänner ^) — in Ostelbien wie im Westen Nordamerikas, in Rußland wie in den Laplatastaaten, in Südafrika wie in Australien. In korneinführenden Industriestaaten schwören sie auf Zollschutz, da dieser, Oldenberg schreibt (S. 32): er sei an die Denkweise der Geschäftsmänner nicht gewöhnt. Vielleicht liegt es daran, daß er diese „Gegenkräfte" übersieht. — 63 — soweit er agrikole Produkte betrifft, ihnen Nutzen bringt. In kornausführenden Rohstoffstaaten scharen sie sich um die Fahne des Freihandels; denn der Zollschutz betreffs Fabrikate, welchen die Industriellen als die „nationale" Politik preisen, wird ja auf ihre Kosten betrieben. Als Konsumenten bezahlen sie die Fabrikate teurer, als Produzenten werden sie geschädigt einmal, insofern als ihnen die zollbegünstigten Gewerbe Kapitalien und Arbeitskräfte „vom Munde wegnehmen" (Oldenberg), und zweitens insofern als die Preise der agrikolen Produkte und damit die Grundrenten tiefer stehen, wie sie stehen würden, wenn Freihandel herrschte nnd demzufolge Agrarproduktion und Agrarexport höher stünden?) Da die Landwirte „an der Rentabilität interessiert sind" ^), so müssen sie in den Industriestaaten Gegner einer Exportpolitik zu Gunsten der Industrie sein: denn der Aufschwung der Fabrikation entzieht ihnen Kapitalien und Arbeitskräfte. In den Rohstofs- staaten müssen sie, aus gleichem Grunde, Gegner einer Import- Politik zu Gunsten der Industrie sein; hier lassen sie wohl, solange das zollsüchtige Fabrikinteresse nicht zu weitgehende Forderungen stellt, mit sich reden. Überschreitet es aber eine gewisse Grenze, so „hört die Gemütlichkeit auf": unter jenem oder diesem Titel bildet sich der „Bund der Landwirte", der für das agrarische Interesse an Förderung des Exports — und damit Hebung der Preise und der Grundrenten — gegen das Fabrikinteresse an Hemmung des Imports zu Felde zieht. Auch deshalb ist die „Plötzlichkeit" der Wandlung der Handelskonjunktur, ist ein plötzlicher Rückgang des Fabrikatenexportes der Industriestaaten ein Phantom. Es tritt, wenn in einem Rohstoffstaate kraft Eingreifens des Zollschutzes eine Erweiterung der Industrie erfolgt, das Umgekehrte des Falles ein, dessen Oldenberg (S, 20, 44) erwähnt. Die bisher für den Stand der Preise und der Grundrenten maßgebend gewesenen, mindestproduktiven, zu höchsten Produktionskosten bestellten Böden kommen außer Anbau; denn thuen werden natürlich die Kapitalien und Arbeitskräfte, die der Fabrikatenschutz der Landwirtschaft abwendig macht, entzogen. Bezüglich: die Jnanbaunahme noch minder produktiver Böden, die erfolgt wäre, wenn Fabrikatenimport und Agrarexport weiter gestiegen wären, unterbleibt. In jedem Falle werden Preise und Grundrenten in die dem ,1anükä in- tsrsst/ entgegengesetzte Bewegung gedrängt. — ') Oldenberg, S. 44. — 64 — Man könnte vielleicht fragen: woher kommt es denn aber, daß die nordamerikanischen, die russischen u. s. w. Agrarier so lange Zeit hindurch der industriellen Hochschutzzollpolitik nicht nur ruhig zugeschaut, sondern sie sogar unterstützt haben — weshalb die „Gemütlichkeit" der doch weit überwiegenden agrarischen Majorität hier so lange Zeit hindurch gedauert habe? Der Gründe sind viele, und hier sind es die, dort jene. Bei diesem Thema länger zu verweilen, geht nicht an; nur auf die vornehmste Ursache dieses Phänomens möchte ich hinweisen. Ist das Erwerbsinteresse der Landwirte der Rohstoffstaaten dem Fabrikatzollsystem feindlich, so hat dieses dagegen ihr Steuerinteresse für sich. Dank der Einnahmen, welche Staaten wie die genannten aus den Zöllen machen, kommen die Agrarier um die andernfalls drohende, ihnen fatale Notwendigkeit, mit höheren Grund- oder Einkommensteuern belastet zu werden, herum. Verbrauchssteuern in Zollform zu zahlen ist ihnen, besonders den führenden Landmagnaten, bequemer als einer rigorosen Besitzbesteuerung zu unterliegen. Ist es in den Industriestaaten, z. B. in Deutschland, das Erwerbsinteresse, welches die Koalition der Großagrarier und gewisser Großindustriellen behufs Schutzzollpolitik geknüpft hat, so ist es in den Rohst off staaten das Steuerintcresse. Wie aber für die Koalition, die das Erwerbsinteresse, so kommt auch für die Koalition, die das Steuerinteresse geknüpft, ein Tag, da sie brüchig wird und schließlich bricht — eine Zeit, da in den Industriestaaten die Industriellen begreifen, daß dem Erwerbsinteresse ihrer Mehrheit eine Freihandelspolitik besser dient, in den Rohstoffstaaten die Agrarier einsehen, daß sie besser sahren, wenn sie, auch um den Preis einer Schädigung ihres Steuerinteresses, wider den Jndustrieschutz Front machen. — So sicher es ist, daß die Rohstoffstaaten von heute sich industrialisieren werden, so sicher ist andererseits, daß die Metamorphose, die demzufolge in den Industriestaaten von heute eintreten wird nicht wie ein Blitz aus heiterm Himmel oder ein „elektrischer Schlag", auch nicht in dem Tempo der „Siebenmeilenstiefel" ^) heraneilen kann. Wenn überhaupt, so wird nur allmählich, im Verlause von Jahrzehnten, der Fabrikatenexport einschrumpfen wie pari r>s,ssu, gleichen langsamen Schrittes, der Rohstoffimport. Und ebenso allmählich wird in den Industriestaaten das Wachstum der Rohstoff- ') Oldenberg, S. 19. — 65 — Produktion und der „nationalen", für den inneren Markt arbeitenden Industrie vor sich gehen. Wer behauptet, daß die Faktoren, welche auf Industrialisierung der Rohstoffstaaten hinwirken, „sich ihrer Natur nach gegenseitig zu beschleunigtem Tempo steigern"^), der sieht nur die eine Gruppe der Faktoren, übersieht, daß die Wirtschaftspolitik der Rohstoffstaaten auch bestimmt wird durch Faktoren, die „ihrer Natur nach" auf Aufrechterhaltung und Erweiterung des Rohstoffexports und Fabrikatenimports hinwirken, eine Verlangsamung des Tempos erzwingen. Und weil dem so ist, weil die rückläufige Bewegung des Fabrikatenexports nur allmählich eintreten kann, liegt für die Industriestaaten kein Grund vor, den „Umbau" im autarkischen Stile schon jetzt zu beginnen. Dieser Umbau würde, wenn man ihn z. B. kraft wesentlicher Erhöhung der Agrarzölle anbahnen wollte, eine rückläufige Bewegung auslösen, die vermutlich plötzlicher sich vollzöge, als die, welche beim „Fortwursteln" (Oldenberg) eintreten könnte. Zur Zeit liegt für die Industriestaaten um so weniger Anlaß zu einer Politik der „Nationalisierung" vor, als für die nächste Zukunft ein Zurücklenken mancher Länder in das Geleise liberalerer Handelspolitik wahrscheinlicher ist, wie ein weiteres Umsichgreifen der Schutzzollepidemie — wahrscheinlicher ist, daß der Fabrikatexport der Industriestaaten zunehme, wie daß er einschrumpfet) Daß unsere „Exportpessimisten" sich dieser Prognose anschließen werden, wage ich allerdings kaum zu hoffen. Aber selbst wenn es der Fall sein sollte, wenn sie zugäben, daß ihre Kassandrarufe über die künftig immer schroffere Absperrung der ausschlaggebenden Kundenvölker Westeuropas ohne hinreichende Würdigung der „Gegenkräfte" ergangen feien, würden sie mir zweifellos erwidern, daß meine Prognose sie keineswegs zu beruhigen vermöge. Wenn auch für die nächste Zukunft, während einiger Jahrzehnte vielleicht, der Fabrikatenexport der Industriestaaten wachsen sollte statt zu fallen, so handle es sich doch nur um eine Galgenfrist, nach deren Ablause der dauernde Rückgang schließlich doch Oldenberg, S. 32. °) Vgl. H. Dietzel, die Theorie von den drei Weltreichen. 1900. Dietzel, Wettwirtschaft und Vollswirtschaft, 6 — 66 — erfolgen müsse; der Termin könne wohl verschoben, nicht aufgehoben werden. Gleichviel ob die Rohstoffstaaten von heute demnächst eine agrarisch-freihändlerische oder industriell-schutzzöllnerische Politik trieben — ihre Industrialisierung sei nur eine Frage der Zeit; und wenn diese Zeit reif sei, werde die Uhr des Fabrikatenexports Westeuropas abgelaufen sein. II. Selbst wenn, wie bisher angenommen, die Behauptung, daß Industrialisierung der Rohstoffstaaten Einschwinden des Exports der Industriestaaten bedeute, voll und ganz zuträfe, dürfte Westeuropa solcher Rückbildung seiner Volkswirtschaft, da sie nur allmählich vor sich gehen würde, gelassen entgegensehen — wäre es Thorheit, wollten Deutschland u. s. w. schon jetzt den Kurs „eigenwirtschaftlicher Unabhängigkeit" steuern, ungefähr gleiche Thorheit wie aus Furcht vor dem Tode Selbstmord zu verüben. In Wahrheit ist aber jene Behauptung — sofern sie ihren Inhalt als gewiß, nicht bloß als möglich setzt — überaus anfechtbar. Sie beruht auf einem Irrtum, einem allerdings historisch ehrwürdigen Irrtum; denn er gehört zu denen, welche das socialökonomische Denken als eine der Eierschalen seines Ursprunges in der Zeit der „Handelseifersucht" bis heute mit sich fortschleppt. HuioHuiä alieudi aäjicitur, aliki ckstraliitur sBaco); ein Volk kann an Reichtum nur gewinnen, wenn, und nur fo viel gewinnen, wie ein anderes verliert. Im Bann dieser Anschauung stand die überwiegende Mehrzahl der Staatsmänner und Publizisten der merkantilistischen Ära. Voll grimmigen Neides blickte jede Nation auf die aufstrebenden Nachbarn, suchte die industrielle Entwickelung der Länder, die ihr bisher Absatzgebiete gewesen waren — gleichviel ob fremde Staaten oder eigene Kolonien —, um jeden Preis niederzuhalten, z. B. dadurch daß sie der Ausfuhr von Kapitalien, Arbeitskräften, Maschinen wehrte. Es war eine der geistigen Großthaten des jnngen Liberalismus (D. Hume, Ad. Smith), daß er die theoretische Basis dieser Politik der „Handelseifersucht" zerstörte — daß er die Doktrin von der absoluten Disharmonie der wirtschaftlichen Interessen der Völker verneinte. „Im Verhältnis, wie die Bewohner eines Landes wohlhabender — 67 — und geschickter werden" — heißt es bei Hnme — „steigern sich ihre Bedürfnisse; je mehr sie selbst produzieren, je größer die Menge austauschfähiger Dinge, die sie hervorbringen, desto mehr können und werden sie von den Bewohnern anderer Länder kaufen, desto bessere, kauffähigere Kunden für diese werden. ... Die nationale Industrie eines Volkes kann selbst durch den größten Wohlstand seiner Nachbarn keinen Schaden nehmen. . .. Falls freier Verkehr zwischen ihnen besteht, wird die nationale Industrie einer jeden Nation durch die zunehmende Kultur aller anderen eine Steigerung erfahren." „Freimütig will ich gestehen" — so schließt der berühmte Essay über die „Handelseifersucht" —, „daß ich nicht nur als Mensch, sondern auch als Engländer den wirtschaftlichen Fortschritt Deutschlands, Spaniens, Italiens, und selbst Frankreichs" — des Feindes — „wünschte; England wie alle übrigen Nationen würden blühender sein."^) Wenden wir diese Sätze auf die Doktrin von der „rückläufigen Bewegung" an, deren theoretische Basis genau die gleiche ist wie die der Politik der „Handelseifersucht". Wenn die Rohstoffstaaten von heute künftig industriell emporkommen — wenn sie gewisse Fabrikate, die sie jetzt schon produzieren, und andere Fabrikate, die sie heute noch nicht produzieren, so billig zu erzeugen lernen werden, daß bezüglich jener wie dieser die Konkurrenzfähigkeit der Industriestaaten aufhört, so muß natürlich in den betreffenden Exportindustrien Westeuropas eine rückläufige Bewegung sich einstellen, welche für die Kapitalisten, Unternehmer, Arbeiter, die in ihnen thätig waren, fatal ist. Nicht aber muß die „Exportiudustrie" Westeuropas als ganze zusammenschrumpfen. Ist auch das Rentabilitätsinteresse gewisser Bernfsgruppen durch das Emporkommen der „Industrie" in den Rohstoffstaaten bedroht, so dagegen nicht — wenigstens nicht notwendigerweise — das Produktivitätsiuteresse der Völker. Im Gegenteil: es kann sein, daß neue, die Produktivität der nationalen Arbeit hier wie dort steigernde Beziehungen des Verkehrs, neue David Hume's Politische Versuche. Deutsche Übersetzung von 1800; S. 144—152. S* — 68 — Formen der Arbeitsteilung zwischen den einstigen Rohstoffstaaten und den Industriestaaten sich bilden. Nur eine Verschiebung innerhalb der „Exportindustrie" der letzteren muß eintreten. Daß ein Rückgang eintreten werde, ist nichts weniger als gewiß. In Asnsi-gMus latst error: der Grundfehler der Doktrin von der „rückläufigen Bewegung" liegt darin, daß sie mit dem allgemeinen Begriffe „Exportindustrie", bez. „Industrie" operiert. Ein Plus an gewissen Industrien in den Rohstoffstaaten wird ein Minus an gewissen Exportindustrien in den Industriestaaten zum Korrelat haben — aber Wachstum der „Industrie" dort verträgt sich durchaus nicht nur mit Ausrechterhaltung, sondern sogar mit Wachstum der „Exportindustrie" hier. Wie oft ist während unseres Jahrhunderts, in Wiederholung jenes merkantilistischen Irrtums, die Exportindustrie schon totgesagt worden! So, bald nach Gründung des deutscheu Zollvereins, die britische. Wenn, so meinte man damals^) in Deutschland — dem Agrarstaat mit niedrigen Preisen der Lebensmittel und Rohstoffe, niedrigen Arbeitslöhnen und doch verhältnismäßig hohen Arbeitsleistungen seiner fleißigen und gewerblich wohlgeschulten Bewohner — wenn hier die bereits hie und da mit der britischen konkurrierende Fabrikation noch weiter sich entfalte, so sei der industrielle Primat Englands gefährdet. Im Jahre 1845 schrieb F. Engels: „Die deutsche Industrie macht jetzt große Anstrengungen, die amerikanische hat sich mit Riesenschritten entwickelt. Amerika mit seinen unerschöpflichen Hilfsmitteln ... hat in weniger als zehn Jahren eine Industrie geschaffen, welche in gröberen Baumwollwaren, dem Hauptartikel der englischen Industrie, schon jetzt mit England konkurriert, die Engländer aus dem nord- und südamerikanischen Markt verdrängt hat(!), und in China neben der englischen verkauft wird. In anderen Industriezweigen geht es ebenso ... Wird auf diese Weise die englische Industrie geschlagen, wie dies in den nächsten zwanzig Jahren, wenn die jetzigen socialen ') Vgl. z. B. I. Bowring, a. a. O. — 69 — Zustände bleiben, wohl nicht anders geschehen kann, so .. . hat die Majorität des Proletariats (Englands) keine andere Wahl als zu verhungern oder — zu revolutionieren." „Denkt die englische Bourgeoisie an diese Chance? Im Gegenteil! Ihr liebster Ökonom, Mac Culloch, doziert ihr aus der Studierstube heraus: es ist gar nicht daran zu denken, daß ein so junges Land wie Amerika, das noch gar nicht ordentlich bevölkert ist, mit Erfolg Industrie treiben oder gar gegen ein altes industrielles Land, wie England, konkurrieren könne. Es wäre wahnsinnig von den Amerikanern, wenn sie das versuchen wollten, denn sie könnten nur Geld dabei verlieren; laßt sie hübsch beim Ackerbau bleiben, und wenn sie erst das ganze Land bebaut haben, dann wird die Zeit auch wohl kommen, wo sie mit Vorteil Industrie treiben können. Und das sagt der weise Ökonom und die ganze Bourgeoisie betet's nach, während die Amerikaner einen Markt nach dem andern wegnehmen".^) Bald darauf entdeckte ein „Genosse" diesseits des Kanals den ? hippokratischen Zug im Antlitze der Exportindustrie Frankreichs: „Is luarolie ss kerinsra äsiuain", rief 1848 Ledru-Rollin.^) Statt dessen erfolgte ein Aufschwung des Außenhandels, wie ihn selbst die größten Optimisten Ende der vierziger Jahre nicht geahnt hatten. Die deutsche Industrie blühte empor, mit ihr die belgische, die schweizerische. Aber weder der englische noch der französische Fabrikatenexport ging zurück. Die englische Gesamtausfuhr hob sich vielmehr von 50 Mill. ^ (1840) auf 223 Will. F (1880), die französische von 1200 Mill. Frcs. (1846/57) auf 3468 Mill. Frcs. (1880).6) Anfang der achtziger Jahre trat für den englischen Export eine Periode ein, in der er eine kleine Abschwächung gegen die von F. Engels, Lage der arbeitenden Klassen in England. 1345, S. 297 der 2. Ausg. v. 1892. I. d. Econ. 1898. III, S. 383/4. — Vgl. Ledru-Rollin, vs I» Ü6<:g,<1siies äs (18S0). Bd. IV. °) Vgl. die Übersichten der Ausfuhrbewegung der Hauptländer bei Tuch, Schutzzoll und deutsche Waarenausfuhr, 1883, S. 2. 8. — 70 — 1879/83 zeigtet) Unter dem Drucke dieser — wie sich bald ergab, nur temporären — Depression äußerte I. Palgrave (1883): die Tage großer Geschäftsprosite seien vorüber; die Weiterentwickelung verschiedener großer Industriezweige stocke; man könne fast sagen, daß England im Begriffe sei, in einen nicht länger fortschreitenden Zustand überzugehen.') Auf dies Zeugnis sich berufend, orakelte nun wiederum F. Engels (1885): „neue Märkte werden immer seltener; so sehr, daß selbst den Negern am Kongo die Civilisation aufgezwungen werden soll, die aus den Kattunen von Manchester, den Töpferwaren von Staffordshire, den Metallartikeln von Birmingham fließt. Was wird die Folge fein, wenn kontinentale und besonders amerikanische Waren in stets wachsender Masse her vor strömen, wenn der jetzt noch den englischen Fabriken zufallende Löwenanteil an der Versorgung der Welt von Jahr zu Jahr zusammenschrumpft? Antworte, Freihandel, du Universalmittel!" Und wiederum, unbekümmert um den gänzlichen Fehlschlag seines früheren Orakels von 1845, beantwortete sich F. Engels die Frage mit der frühereu tragischen Alternative: verhungern oder revolutionieren. „Entweder die Nation geht in Stücke, oder die kapitalistische Produktion".--) Als er einige Jahre später (1892) auf das Thema zurückkam, hielt er es für angebracht, auf jenes Dementi, das seinem Export- pessimismns durch die Thatsachen zu teil geworden war, hinzuweisen. Jedoch — schrieb er — „das Wunderbare fei nicht, daß so viele der Prophezeiungen (von 1845) fehlgingen, sondern daß so viele eingetroffen sind". Nur eine führte er allerdings an — nämlich die, daß „die kritische Lage der englischen Industrie, infolge kontinentaler und amerikanischer Konkurrenz, die ich damals (1845) Vgl. die Ziffern bei R. v. d. Borght, der angebliche Stillstand des englischen Exports (Wolf's Zeitschrift für Socialwissenschaft, 1899, S. 420). 2) Aus I. Palgrave's Rede in der Versammlung der ,Lrit>isti ^.Lsoeiatiori" zu Southport (1883); citiert nach Engels, a. a. O., S. XXII. °) Engels, a. a. O., S. XXI, XXII. — 71 — in einer allerdings viel zu nahen Zukunft voraussah, seitdem wirklich eingetreten ist". Im Jahre 1892, aus welchem diese Sätze Engels' stammen, befand sich allerdings wieder einmal die englische Industrie im Zustande der Depression; aber nicht zufolge der fremden Konkurrenz, sondern der Überspannung während der Jahre 1889/1891. Auch bis heute ist die „kritische Lage" noch nicht „wirklich eingetreten". Sie lebt nach wie vor nur in der Phantasie der Pessimisten und wird planmäßig vorgespiegelt seitens der englischen Schutzzöllner. Weder durch die kontinentale, noch durch die amerikanische Industrie ist bisher die englische Industrie „geschlagen"'); jene haben sich nur mit dieser in ein außerordentlich erweitertes Arbeitsund Erwerbsfeld geteilt. Nicht der „wissenschaftliche Socialist", sondern der von ihm verspottete, „weise Ökonom" Mac Cnlloch hat recht behalten: erst nachdem die Bevölkerung der Vereinigten Staaten „ordentlich" gewachsen, nachdem zwar nicht das „ganze Land", aber eine große Quote des fruchtbaren und durch Eisenbahnen und Kanäle erschlossenen Landes bebaut war, haben die Amerikaner begonnen „mit Erfolg Industrie zu treiben". Aber bis heute kann noch nicht davon die Rede sein, daß „die Amerikaner einen Markt nach dem andern wegnehmen" — noch immer bleibt ihre Mehrzahl „hübsch beim Ackerbau", überwiegt ihre Rohstoff- ihre Fabrikatenausfuhr. Kontinentale und amerikanische Waren strömten, wie nach 1845, so nach 1885 und nach 1892 „in stets wachsender Menge hervor". Die Industrialisierung in den Rohstoffstaaten schritt vorwärts — nicht minder jedoch die Exportindustrie der Industriestaaten, statt „von Jahr zu Jahr einzuschrumpfen". Zur Abwechselung war es 1895 einmal ein Anarchist — Kropotkine —, der den Bankrott Englands n. f. w. wegen Mangels an Absatzwegen verkündetes) D tutti yuantt — ihre Reihe ließe sich mit Leichtigkeit verlängern. Die trübe Melodie, die heute bei uns aus dem Lager derer erklingt, die allein die 1) Vgl. R. v, d. Borght, a. a. O. 2) I. d. Econ. 1895, XI. S. 213. „nationale" Wirtschaftspolitik zu vertreten glauben, ist vor ihnen schon manches Mal, seit Jahrzehnten, gepfiffen worden — vor allen: von den „Internationalen" jeder Schattierung. Oldenberg klagt — am Schlüsse seiner Broschüre (S. 45) — darüber, daß die deutsche Socialdemokratie von der nationalen Wirtschaftspolitik, der „eigenwirtschaftlichen Unabhängigkeitspolitik", nichts wissen wolle, die doch dem Interesse des vierten Standes keineswegs zuwiderlaufe. Die Arbeiterpartei stehe eben „in der Regel unter dem Banne rückständiger, d. h. alternder Knlturströmungen"; die „ausgelassene Fortschrittsfreudigkeit aus den enthusiastischen Flegeljahren des indnstriellen Fortschrittes" sei für sie „noch heute ein eisernes Dogma". Die Socialdemokratie lehnt allerdings die „Nationalisierung" der Volkswirtschaft mit dem Effekt der Korn- und Brotvertenernng strikte ab — mit vollem Rechte. „Ausgelassene Fortschrittsfreudigkeit" aber kann man, wenigstens was die Exportfrage, das Problem der Entwickelung zum Industriestaat, betrifft, ihren Hauptführern nicht zum Vorwurf machen. Sie waren, und sind zum Teil noch, Pessimisten strengster Observanz. Fast wörtlich decken sich gewisse Ausführungen Engels' mit Sätzen Oldenbergs. „Die kapitalistische Produktion kann nicht stabil bleiben, sie muß wachsen und sich ausdehnen, oder sie mnß sterben . . . Ihre Lebensbedingung ist die Notwendigkeit fortwährender Ausdehnung, und diese fortwährende Ausdehnung wird jetzt unmöglich. Die kapitalistische Produktion läuft ans in eine Sackgasse". So Engels (a. a. O-, S. XXII). Man vergleiche damit, was Oldenberg in seinem Vortrage über das „Verwertungsbedürfnis" des Kapitals, über den Trieb, die Exportindustrie „ins Ungemessene wachsen" zu lassen, sagt (S. 7, 13); in seinem Artikel gegen Sombart (Sociale Praxis, 1899, S. 746) heißt es: ein Teil der Nationalökonomen, d. h. derjenige zu welchem er zählt, sehe in der Entwickelnngsbahn, die zum Industriestaat führe, eine „Sackgasse". Und wie Engels prophezeit: „entweder die Nation geht in Stücke, oder die kapitalistische Produktion", wenn Englands Anteil an der Versorgung des Weltmarktes mit Fabrikaten künftig mehr und mehr sinkt (S. XXII), so prophezeiht Oldenberg für Deutschland: wenn unsere Volkswirtschaft „ihre eigene Grundlage verliert", mehr und mehr sich stützt auf die „Pfeiler des auswärtigen Handels", so wird, falls „diese Pfeiler eines Tages weggezogen werden", falls die Absatzgebiete Deutschlands sich von dessen Fabrikaten emanzipieren, es „einen Zusammenbruch geben, der nach aller Voraussicht das Ende der Nation — 73 — wäre" — und deshalb müsse eben rechtzeitig mit der „kapitalistischen Produktion" gebrochen werden. Der Unterschied ist nur der, daß Oldenberg bloß die Herrschaft des industriellen Kapitals „in Stücke gehen" lassen möchte, Engels die Herrschaft des Kapitals überhaupt. — Beiläufig bemerkt: wie in der Beurteilung der Zukunft, so kommen Beide auch in der Beurteilung eines, der Vergangenheit angehörenden, handelspolitisch epochemachenden Faktums überein — und irren Beides) Engels schreibt: „die Freihandelstheorie (der Cobden u. s. w.) hatte zum Grund die eine Annahme, daß England das einzige große Industriezentrum einer ackerbauenden Welt werden sollte, und die Thatsachen haben diese Annahme vollständig Lügen gestraft". Die übrigen Länder „fingen an zu fabrizieren, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die übrige Welt, und die Folge ist, daß das Jndustriemonopol, das England beinahe ein Jahrhundert lang besessen hat, jetzt (1885) unwiederbringlich verloren ist" (S. XXI). Und Oldenberg: England, das als der zeitlich erste Industriestaat „die relativ günstigste Position hatte, hat die Thatsache keineswegs vorausgesehen, daß es Konkurrenten auf dem Weltmarkte bekommen würde. Vielmehr, als England in den vierziger Jahren mit Bewußtsein" — dank der Freihandelstheorie — „den entscheidenden Schritt zum Industriestaat machte, da glaubte es, daß kein anderer Staat ihm auf diese Bahn folgen würde — soweit der Geschäftsmann überhaupt über dergleichen Zukunftsfragen ernsthaft nachzudenken im stände ist. Die Thatsachen haben inzwischen entschieden" (S. 15). Die Behauptung, daß die Vertreter der Freihandelstheorie in den vierziger Jahren geglaubt haben, daß der Freihandel das Fortbestehen des „Jndustriemonopols" gewährleiste, trifft keineswegs zu. Die Sachlage war folgende: das Jndustriemonopol — welches bisher schon gegen Frankreich hatte verteidigt werden müssen — erschien in den dreißiger Jahren durch das rasche Wachstum des Wettbewerbes Deutschlands arg bedroht °), die weitere Entfaltung des englischen Exports aufs schwerste gehemmt durch das Bleigewicht, das in Form von Zöllen auf Korn, auf Materialien, auf Halbfabrikate an der englischen Industrie hing. Zu verhüten, daß die englische Industrie ins Hintertreffen gerate, daß Deutschland u. s. w. ihr vorkämen — es Den Irrtum teilen übrigens auch viele andere nicht-socialdemokratische Schriftsteller Deutschlands. °) Vgl. oben S. 68. — 74 — zu verhüten durch die Beseitigung jenes Bleigewichts, war die sichere Hoffnung der Cobden u. s. w. Um zu meinen, daß „kein anderer Staat England auf die Bahn zum Industriestaat folgen würde", waren die Führer der Anticornlaw-Liga viel zu gute „Geschäftsmänner"; sie wußten sehr wohl, daß die Industrialisierung anderer Nationen nur eine Frage der Zeit sei, fürchteten aber diese Entwickelung nicht, da sie jener Doktrin Humes huldigten. Daß England durch deu Freihandel sich das „Jndustriemonopol" für alle Ewigkeit zu sichern vermöge — das haben wohl einige, aber mir solche „Geschäftsmänner" geglaubt, wie Oldenberg sie sich vorzustellen beliebt. — Oft genug schon haben warnende Finger das Mene Tekel an die Wand des westeuropäischen Judustriepalastes geschrieben — er steht aber noch immer. Die neuesten Seher haben ihre Widerlegung durch die Ziffern der Exportstatistik noch nicht erhalten können; den Vorfahren — aus den dreißiger, vierziger, achtziger Jahren (s. o.) — ist sie bereits zu teil geworden. Die Industrialisierung der Nohstosfstaaten von einst ist weiter und weiter vorgeschritten. Aber nicht in den „Congonegern" Engels' oder den „Antipoden" Oldenbergs^) haben die alten Industriestaaten die Ersatzmänner der ihnen durch jene Entwickelung verloren gegangenen Abnehmer gewisser Fabrikate sich suchen müssen — sie haben sie vielmehr, großenteils, gefunden in den kaufkräftiger gewordenen Konsumenten der Völker, deren gewerbliches Emporkommen man in England und Frankreich einst fürchten zu müssen wähnte, — Deutschlands, Belgiens, der Schweiz. Die neuen Industriestaaten sind den alten Industriestaaten bessere Kunden geworden, als jene einst als Rohstoffstaaten waren. Eine gewaltige Quote des Gesamthandels in industriellen Produkten bewegt sich zwischen alten und neuen Industriestaaten, uud zwischen diesen und dem „Agrikultur-Manufakturstaat" Nordamerika, den zu hindern, daß er „auch nur einen Nagel" selbst fabriziere, znr Zeit der Handelseifersucht das eifrigste Bestreben des Mutterlandes gewesen war. Der Fortschritt der gewerblichen Expansion der Rohstoffstaaten hat bisher für keinen Industriestaat einen dauernden Rückgang des Fabrikatenexports zur Folge gehabt — wenn der fran- -) Vgl. Oldenberg, S. 11. — 75 — zösische seit Anfang der neunziger Jahre lahm geht, so liegt die Schuld nicht am Emporkommen der Fabrikation in anderen Ländern, sondern am System Möline, das mit seinen Hochschutzzöllen den Import minderte, nnd zugleich, wie notwendig, den Export. Die rückläufige Bewegung der „Exportindustrie" Westeuropas ist ausgeblieben; es hat sich an ihr das alte Sprichwort bewahrheitet, daß wer fälschlich totgesagt wird, recht lange lebt. Nur eine Verschiebung innerhalb der Exportindustrie ist eingetreten; heute gelangen vielfach andere Arten von Fabrikaten, bezüglich andere Sorten der gleichen Fabrikart — andere „Nummern", Qualitäten — zum Export als früher. Gewisse Exportindustrien haben dadurch, daß die bisherigen Kunden die Fabrikation selbst in die Hand nahmen und den Weltmarkt betraten, Einbußen erlitten; so z. B. die englische Drahtstiftindustrie durch die Entwickelung der deutschen, die englische Maschinenindustrie — besonders die Industrie landwirtschastlicher Maschinen — durch die Entwickelung der nordamerikanischen, die englische Garnindustrie, in gewissen „Nummern", durch die Entwickelung der deutschen, schweizer u. s. w. Dafür haben andere einen Zuwachs erfahren und sind zahlreiche neue erblüht.^ Für die alten Industriestaaten hat die Industrialisierung gewisser Rohstoffstaaten keinen Bruch des Verkehrs, kein Aufhören der Arbeitsteilung mit diesen nach sich gezogen. Der Verkehr ist gestiegen, die Arbeitsteilung hat sich nur gewandelt, hat sich vervollkommnet durch immer exaktere Anpassung der Exportindustrie an die den Ländern spezifischen, verschiedenen Produktionsbedingungen, an ihre national- wirtschastliche Individualität. Deutschland, Belgien, die Schweiz sind Industriestaaten geworden, wie Frankreich und England; Nordamerika schickt sich an, einer zu werden. Aber sie betreiben andere Exportindustrien wie Frankreich und England. Nicht vernichtende Konknrrenzierung, sondern heilsame Differenzierung der Nationen, nicht dauernder Rückgang, sondern ständiger Aufstieg des Außenhandels ist die Folge des Umsichgreifens der Industrialisierung gewesen. -) Vgl. das Citat oben (S. 46). — 76 — Die Thatsache, daß die Industriestaaten sich gegenseitig die besten Kunden sind, daß sie, durch segensreiche Arbeitsteilung miteinander verknüpft, nicht minder kooperieren wie konkurrieren, ist mit großem Nachdrucke von E. Nasse hervorgehoben worden. ^) Neuerdings von M. Webers) Und, noch schärfer zugespitzt, von G. v. Schulze-Gävernitz"): man könne sagen, daß „die Aufnahmefähigkeit eines Landes an fremden Jndustriewaren pro Kopf mit dem gewerblichen Charakter eines Landes in nahezu geradem Verhältnis stehe".") Ferner sei verwiesen auf die bündige Widerlegung, welche Arndt^) der „naiven Anschauung" hat zu teil werden lassen, als ob „ein Industriestaat gar keine, oder nur wenige Jndustriewaren vom Auslande beziehe, . . . alle Industriestaaten gezwnngen seien, ihre Produkte fernen, unentwickelten Ländern anzubieten". Es betrug (1896) die Ausfuhr Deutschlands nach Rußland, Österreich-Ungarn, den Balkanstaaten: 24,3 "/g der Gesamtausfuhr; nach den übrigen europäischen Staaten: 53,1 °/g (nach den Industriestaaten England, Frankreich, Schweiz, Belgien und Holland: 42 Nach europäischen Staaten exportierte also Deutschland 77,4 des Totale. Von dem Reste von 22,6 „ging fast die Hälfte — 10,2 "/g — nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. 'Somit erhielten die gesamten übrigen außereuropäischen Länder nur 12,4 °/g." Belgien und die Schweiz zusammen kaufen ungefähr gleich viel wie das industriell weit weniger entwickelte Österreich-Ungarn; Frankreichs Kundschaft ist von nahezu derselben Bedeutung wie die des ganzen „lateinischen" Amerika; Dänemark und Schweden-Norwegen nehmen uns mehr ab als alle britischen und niederländischen Kolonien.^) Frankreichs Gesamtausfuhr wertete (1896) 3401 Mill. Frcs. Davon ging nach Großbritannien für 1031, nach Belgien für 501, nach Deutschland für 340. nach der Schweiz für 180 Mill. Frcs. ') E. Nasse in Conrads Jahrbüchern, N. F. Bd. IV und VI, besonders Bd. VI, S. 395 ff. Er erläuterte diese Thatsache an dem deutsch-englischen Verkehr. Seit der Zeit — Anfang der achtziger Jahre — da diese ausgezeichneten Artikel, wahre Perlen unserer handelspolitischen Litteratur, erschienen, ist die wirtschaftliche Verflechtung der beiden führenden Industriestaaten eine noch weit innigere geworden. 2) In der dem Vortrage Oldenbergs folgenden Debatte: vgl. Verhandlungen des evangelisch-socialen Kongresses, 1897, S. 107. °) Nation, 1898, S. 329. Arndt, a. a. O., S. 23 ff. Vgl. aber unten S. 78. — 77 — — d. h. nach den Industriestaaten Westeuropas etwa 60 des Totales) Was England betrifft, so führte z. B. Dilke, in seiner Londoner Rede vom November 1897, gegen das Programm, daß das Mutterland den Kolonien kommerzielle Vorteile einräumen solle, den Umstand ins Feld, daß der britische Handel mit den Kolonien nur ^ des > Gesamthandels ausmache. Als Chamberlain zu Gunsten seiner imperialistischen Politik die „verblüffende Thatsache" geltend gemacht hatte, daß „die nordamerikanischen, die australischen und die südafrikanischen Kolonien mit einem Bevölkerungsbestande von etwa 13 Millionen fast ebenso viel von uns beziehen", als die drei europäischen Großstaaten — Rußland, Deutschland, Frankreich — mit einem Bevölkerungsbestande von etwa 220 Millionen, replizierte Lord Farrer mit folgender Tabelle: In der letzten fünfjährigen Periode (1894/98) hat betragen in Mill. >F: ^ Englands Import Export Total von nach Brit. Nordamerika . 13 7 20 Australien.... 7 20 27 Südafrika .... 6 8 14 26 3S 61 Deutschland -> Niederlande > . . 73 35 108 Belgien ^ Frankreich.... 47 14 61 Rußland .... 21 6 27 141 55 196 „Nach diesen Zahlen bemessen ist der Handel Deutschlands (einschließlich Belgiens und der Niederlande, deren Verkehr von dem Deutschlands nicht wohl getrennt werden kann), Frankreichs und Rußlands für England mindestens dreimal so viel wert als der der oben angeführten drei britischen Kolonialgruppen." „Und wenn wir den Durchschnittshandel der letzten Hälfte des Jahrhunderts auf Grund der statistischen Erhebungen (des Handelsministeriums) in Betracht ziehen, so scheint der Handel Englands mit den betreffenden europäischen Staaten wenigstens ebenso rasch gewachsen zu sein als sein Handel mit jenen Kolonien." ^) ') Arndt, a. a. O., S, 29. °) Lord Farrer. Citiert nach der Nationalzeitung vom 9. Februar 1899. — 78 — Fassen wir das Gesamtbild des englischen Exports ins Auge^), so gingen (1896) britische Produkte nach Europa im Werte von 88,9 Mill. F — davon nach Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich zusammen 52,5 Mill. F, d. h. die überwiegende Quote nach den industriell entwickeltsten Landern. Nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas im Werte von 20,4 Mill.; nach Britisch-Nordamerika (5,8), Australien (21,9), Kapland (10.7) zusammen etwa 38 Mill.; nach Britisch-Jndien 30,1 Mill. Der Export Englands nach jenen industriell entwickeltsten Ländern Europas plus dem nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist also — im Betrage von etwa 73 Mill. (52,5-4-20,4) — noch um etwas höher als der Export nach den wichtigsten britischen Kolonien. Deutschland, Holland, Belgien zusammen beziehen beträchtlich mehr britische Produkte (ca. 38 Mill.) als Britisch-Jndien (30,1 Mill.) mit seiner Bevölkerung von 300 Millionen; ungefähr gleich viel wie Canada, Australien, Kapland zusammen.^) Man mag den Verkehr, den die Industriestaaten untereinander zur Deckung ihres eigenen Bedarfs Pflegen, etwas höher oder etwas niedriger anschlagen; ganz exakte Berechnuugen siud, des Transit- Verkehrs halber, überaus schwierig.^) !) Vgl. die Tabelle bei Arndt. S. 31. 2) Auch Graf Posadowski teilt den populären Irrtum, als ob „England bezüglich seines Absatzes in der Hauptsache auf seine Kolonien angewiesen sei" (vgl. dessen Rede auf der Plenarversammlung des deutschen Handelstages, 2. März 1899). °) Auf den Einwand Webers (f. o. S. 76) hatte Oldenberg repliziert: der englische Außenhandel bedeute „wahrscheinlich zu sehr großem Teil nur die Vermittelung von Waren"', die Deutschland u. f. w. in letzter Linie nach fernen Ländern ausführen, da England sich „für den eigenen Industriebedarf vorzugsweise selbst versorgen dürfte" (Verhandlungen, S. 126). Arndt meint dagegen, daß „etwa '/g der in England eingeführten Waren im Lande selbst konsumiert werden, nur ^/g weiter geht" (a. a. O. S. 31—34). Ganz so hoch würde ich die Qnote, welche von Englands Gesamteinfnhr wirklich im Lande selbst konsumiert wird, nicht schätzen. Arndt betont z. B, bezüglich des Zuckers, des „allerwichtigsten Artikels" des deutschen Imports nach England, daß England in Summa für 2V Mill. >F einführe, dagegen nur für etwas mehr als eine halbe Mill. ^ wieder ausführe (S. 33). Aber England exportiert doch viel Zucker in Gestalt von Konserven — ob der so exportierte Zucker „nur ein sehr kleiner Teil der im Jnlande verbrauchten Menge ist", wie Apelt (a. a. O., S. 74/75) schreibt, wäre doch erst noch zu beweisen. In einer jüngst erschienenen Schrift über „die Handelsbeziehungen Deutschlands zu England und den englischen Kolonien" (1899) berechnet Arndt, daß von den in der deutschen Statistik angegebenen Zahlen über den Umfang des Handels Deutschlands mit England, auf der Einfuhr- wie der Ausfuhrseite, etwa 100 Mill. Mark für den von England vermittelten Handel Deutsch- — 79 — Daran aber, daß es nicht die Konsumenten in den industriell rückständigen Gebieten der Erde sind, welche die große Quote des englischen Fabrikatenexports absorbieren; welche Deutschland den Zucker, die Textilwaren, die Kohlen und Maschinen, die Produkte der Leder- und der keramischen Industrie, die Chemikalien, die Klaviere und die Bücher abnehmen; nicht die Neger und Malaien, welche die Luxusartikel Frankreichs kaufen^), sondern die Weißen — vor allem die Bewohner der westeuropäischen Industriestaaten und der ihnen wirtschaftlich am nächsten stehenden Vereinigten Staaten Nordamerikas — daran kann kein Zweifel sein. Die Industrialisierung Deutschlands u. s. w. hat für die Nationen, die schon in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts Industriestaaten waren, d. h. Frankreich und England, ein Einschrumpfen der Ausfuhr nicht zur Folge gehabt. Warum sollte denn das Ergebnis ein anderes sein, warum sollte eine rückläufige Bewegung in der „Exportindustrie" der Industriestaaten von heute sich einstellen, wenn künftig Länder wie Italien, Spanien, Portugal, die Balkanstaaten, Rußland — Canada, Mexiko, Brasilien, Chile, Argentinien — Ostindien, Japan, China — Australien in größerem Stile als heute zu fabrizieren begännen? Wenn weitgehende Arbeitsteilung, wenn ausgedehnter Verkehr in Fabrikaten zwischen Ländern wie England, Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweiz stattfindet, zwischen Ländern, die alle in der lands mit fremden Ländern in Abzug zu bringen sei, d. h. etwa des deutschenglischen Handels Transit-Verkehr sei (S. 30, 62). Wenn die Daten, welche die englische Handelsstatistik über Import und Reexport von Fabrikaten giebt, der Wirklichkeit entsprechen, so bleibt der weitaus größte Teil der Fabrikate im Lande, deckt England einen beträchtlichen Teil seines Industriebedarfs nicht selbst, sondern ist „abhängig vom Auslande". In Folgendem bedeutet die erste Ziffer den Totalimport, die zweite, in Klammer gesetzte, den Reexport; in 1000 ^. Baumwollene Waren 4384 (482). Wollene Waren, nicht spezifiziert 3286 (160), Wollentuch 974 (16), Wollenstoffe S112 (470). Seidene und sammetne Stoffe 9634 (435), seidene Bänder 3371 (321), Seidenwaren, n. s., 3639 (113). Eisenwaren, n. s., 3007 (336), eiserne Träger 646 (5), Maschinen 2746 (562), Nähmaschinen 311 (47). Musikinstrumente 1221 (45). Spielzeug 1110 (60). Glaswaren, u. s., 1556 (44). Porzellan und Steingut 860 (16), Papier 3530 (83). Vgl. die Tabelle bei Arndt, S. 57/58. - Oben sind die wichtigsten Kategorien des Fabrikatimports herausgegriffen. ') I. d. Econ. 1897, XI, S. 298. — 80 — gemäßigten Zone liegen, alle auf ungefähr gleicher Stufe socialer und wirtschaftlicher Kultur stehen — die Wahrscheinlichkeit, daß Arbeitsteilung und Verkehr nicht nur aufrecht bleiben, sondern noch emporgehen, ist doch eine weit, weit höhere, wenn es sich um jene Industriestaaten von heute einerseits, die Rohstoffstaaten von heute andrerseits handelt? Denn zwischen jener nnd dieser Gruppe ist doch die Verschiedenheit der natürlichen wie der social-wirtschaftlichen Verhältnisse eine ungleich größere als zwischen den Ländern der ersteren Gruppe? „Die Natur" — sagt Hume — „hat dadurch, daß sie den einzelnen Völkern so ungleiche Gaben, so verschiedene Klimate und Böden zuwies, den Austausch unter ihnen so lange gewährleistet, als sie alle arbeitsam und civilisiert bleiben." ^) Wer glaubt, daß Industrialisierung der Rohstoffstaaten Emporkommen gleicher Industrien wie in den westeuropäischen Ländern bedeute, hat sich den Einfluß der Differenz der natürlichen Verhältnisse auf die Gestaltung der Fabrikation nicht klar gemacht. Engels schreibt: „die Bedingungen der modernen Industrie, Dampfkraft und Maschinerie, sind überall herstellbar, wo es Brennstoffe, namentlich Kohlen, giebt; und andere Länder neben England haben Kohlen: Frankreich, Belgien, Deutschland, Amerika, selbst Rußland."^ Und Oldenberg: „die natürlichen Voraussetzungen . .. namentlich Eisen- und Brennstoffvorräte, fehlen den wichtigsten Konkurrenzländern nicht, sind vielmehr zum Teil in Hülle und Fülle vorhanden. "2) Auch hier^) begeht der unverantwortliche Internationale den gleichen Irrtum wie der „verantwortliche Reichsbürger".°) Gewiß — jene Hilfsstoffe giebt es vielerorts. Hat aber das Dasein von Kohlen nnd Eisenerzen bewirkt, daß die Völker, die deren Besitzes sich freuen, alle gleiche Fabrikationszweige betreiben? Mit Nichten; ihre industrielle Physiognomie ist grundverschieden. D. Hume, a. a. O,, S, 147. 2) Engels, a. a. O., S. XXI. °) Oldenberg, a. a. O., S. 20. Vgl. oben S. 72, 74. »Fragt man mich als Verantwortlichen Reichsbürger": Oldenberg, a. a. O., S. 32. — 81 — Einmal deshalb, weil es nicht nur auf das Dasein von Kohlen und Eisenerzen ankommt, sondern auch auf deren Qualität (z. B. Koksbarkeit der Kohlen) und Quantität, wie auf deren Produktionskosten und Transportkosten. Bezüglich dieser Momente walten aber stärkste Differenzen. England erscheint als der von Natur meistbegünstigte Staat. In Deutschland müssen wir die Kohlen zu den Erzen, oder die Erze zu den Kohlen fahren, während sie in England dicht bei einander sich finden. In Frankreich sind die „schwarzen Diamanten" wie das Eisen spärlich gesäet. Selbst wenn — was keineswegs der Fall — alle sonstigen Voraussetzungen der Industrie in diesen drei Ländern gleich ständen, müßte der Schwerpunkt dort in andere Industrien fallen wie hier. In Italien und in der Schweiz fehlen Eisen- wie Brennstoffvorräte — trotzdem ist die Schweiz, dank des Reichtums an Wasserkräften, einer der führenden Industriestaaten geworden; aber sie betreibt andere Industrien wie England u. s. w. Spanien wie Rußland haben Kohlen und Eisenerze; aber das Lagemoment steht hier ungünstig ^); in Nordamerika weit günstiger. Mag sein, daß in Südamerika wie Asien, wie Afrika, wie Australien „die natürlichen Voraussetzungen der Industrie" ... „in Hülle und Fülle vorhanden sind" — in jedem Lande liegen sie verschieden und diese Verschiedenheit führt dahin, daß hier vorzugsweise diese, dort vorzugsweise jene Industrien gepflegt werden. — Zweitens aber: selbst wenn, was das „Brot der Industrie" anlangt, die Territorien des Erdballs sich glichen wie ein Ei dem anderen, so würde ihre Fabrikation durchaus nicht gleiche Bahnen wandeln. Denn nicht jene Hilfsstoffe, so wichtig sie auch sind, entscheiden über die industrielle Physiognomie, sondern die Rohstoffe, die der Verarbeitung sich darbieten. Hinsichtlich der Rohstoffe aber — der agrikolen wie der montanen — sind die Territorien unendlich ungleich ausgestattet. Schon die westeuropäischen Industriestaaten weisen, auf engem Raume, starke Verschiedenheiten auf — z. B. hinsichtlich der Produktionsbedingungen von Weizen, Roggen, ') Über Rußland vgl. v. Schulze-Gävernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland, 1899, S. 287ff. Dietzel, Weltwirtschaft und Bolkswtrtschast, 6 — 32 — Gerste, Zuckerrüben, Kartoffeln, Flachs, Holz, Blei, Kupfer, Zinn, Zink u. s. w. Beträchtlich größer ist die Differenz zwischen Westeuropa und dem übrigen Europa. Noch weit größer die Differenz zwischen den Ländern der gemäßigten Zone und denen der Subtropen und der Tropen, deren industrielle Konkurrenz das Kassandraauge unserer Exportpessimisten schon am Horizont erblickt! Die Doktrin F. List's, daß es die natürliche Bestimmung der Tropen sei, den Ländern der gemäßigten Zone die Rohstoffe zu liefern und sich von ihnen mit Fabrikaten versorgen zu lassen — diese Doktrin, die zur Zeit des Aufkommens des Jndustriestaats- programms aufgestellt wurde, erklärt Oldenberg für „längst nicht mehr haltbar" ... „heute wirft sie schon das tropische Indien mit seiner, trotz aller Mißwirtschaft erstarkenden Großindustrie über den Haufen; die tropischen Länder liefern außer Rohstoffen auch selbst Fabrikate.") Und E. v. Halle schreibt: in der heißen Zone wachse „fast Alles, was der moderne Mensch für die Befriedigung seiner Bedürfnisse an organischen Stoffen gebraucht, während die gemäßigte Zone eine Reihe wichtiger derartiger Produkte zu zeitigen nicht gestattet: z. B Baumwolle, Seide, Reis, Kaffee, Thee, Tabak, zahlreiche Chemikalien, Arzneistoffe u. s. w."; die List'sche Theorie, der gemäß „ein ewig fruchtbarer Tausch zwischen den Zonen gesichert" war, sei dadurch widerlegt, daß die Tropen „anfangen Industrie für den heimischen Bedarf zu treiben".^) In einem Vortrage auf dem Berliner Geographischen Kongreß von 1899 soll er^) zum Beleg auf Indien (Baumwollspinnerei), China u. s. w. hingewiesen haben, wo große Gewerbszweige bereits entstanden seien, bezüglich bald entstehen würden; die Eisen- und audere Industrien seien, wie die Ethnographie uns lehre, aus der heißen Zone gekommen; die neue Technik habe den Industriebetrieb in den meisten Gebieten der Tropen ermöglicht — nur nicht in allzu feuchten 1) Oldenberg, S. 27. 2) E. v. Halle, Sociale Praxis, 1899, S. S5K. °) Mir liegt nur das ganz knapp gehaltene Referat im Export, 1899, S. 587, vor. — 83 — Gegenden; Reuleaux meine allerdings, es sei nur gewissen Völkern gegeben, moderne Industrie zu Pflegen. Gewiß: die tropischen Länder beginnen zu fabrizieren — genauer gesprochen: sie haben schon seit Jahrtausenden damit begonnen und haben, Indien und China wenigstens, ihre Manusakte , — vor allem höchstwertige kunstgewerbliche Produkte der Textil-, der Metall-, der keramischen Industrie — nach Europa gesandt und im Austausch hauptsächlich Silber daher empfangen. Die Industrie in gewissen, d. h. den dichtbesiedelten und kulturell entwickeltsten Gebieten der heißen Zone ist kein Novum. Ein Novum ist nur, daß diese, nachdem sie eine Reihe von Decennien hindurch gewisse Produkte der modernen westeuropäischen Großgewerbe in größeren Mengen importiert hatten, jetzt anfangen einige derselben — besonders Baumwollenwaren niedriger Qualität, billige Keramiken, dann die famosen Streichhölzer und Regenschirme, die bei denen, welche die „gelbe Gefahr" an die Wand malen, eine so große Rolle spielen — selbst zu erzeugen, unter Anwendung der neuen, Technik. Aber was für Indien und China und Japan gilt, gilt — vorläufig — nicht für die tropischen Kolonialländer. Wo ist denn in den Inseln des stillen Ozeans — in Centralamerika, in Brasilien, in Peru u. s. w. — in Afrika, selbst einschließlich Capland — in Australien (soweit es der heißen Zone angehört) die Industrie? Einzelne, ganz wenige Gewerbe sind hie und da durch Schutzzölle mühsam aufgezüchtet, mit größtenteils kläglichem Ergebnis. So lange diese an Naturschätzen so reichen Länder arm bleiben an Arbeitskräften und Kapitalien werden sie trotz der neuen Technik, trotz der Möglichkeit, westeuropäische Maschinen und Werkmeister sich kommen zu lassen, Rohstoffstaaten bleiben — wenn sie klug sind. Die ostasiatische Industrie wird weiter fortschreiten, in den arbeits- und kapitalarmen Koloniallündern wird, nachdem die Bevölkerung und der Wohlstand auf ein gewisses Niveau gestiegen, die Industrie emporkommen, wie sie, als diese Bedingung erfüllt war, im Osten der Vereinigten Staaten von Nordamerika emporgekommen ist. Aber werden die konkreten Industrien, die dort Oldenberg, S. 26, e» betrieben werden werden, die gleichen sein wie die, welche Westeuropa dann betreiben wird? Und wird dort „Industrie" in so beträchtlichem Umfange betrieben werden, daß der Import aus Westeuropa wesentlich zurückgeht? Beides ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. E. v. Halle sagt uns zwar: dort könne man „fast Alles" erzeugen; in Westeuropa nicht. Nun, manche der „organischen Stoffe", die er als Monopolartikel der Tropen namhaft macht, kann man auch bei uns haben — Baumwolle (früher in Sizilien), Reis (in Norditalien), Seide (in Südfrankreich, Italien, selbst im Norden Deutschlands), Tabak (Pfalz, Südrußland); Kaffee, Thee u. a. allerdings nicht. In den Tropen kann man — soweit es sich um Länder mit vertikaler Gliederung handelt, die in den höheren Lagen denen der gemäßigten Zone ähnliche klimatische Verhältnisse ausweisen — nahezu sämtliche „organische Stoffe" hervorbringen. Aber — so thöricht wie es von den Völkern Westeuropas wäre, wollten sie die Möglichkeit, Baumwolle, Reis, Seide, Tabak zu bauen, voll auspressen, so thöricht wäre es von den Völkern der Tropen, wollten sie alles das produzieren, was sie produzieren können — wollte z. B. Mexiko Flachs bauen behufs Entwickelung der „nationalen" Leinenindustrie, Brasilien da, wo Kaffeeplantagen ihr Gedeihen finden, Schafe weiden lassen, um deren Wolle im Lande zu verarbeiten, oder Indien die Theekultur und Jutekultur einschränken und Kartoffeln oder Gerste ziehen, um sich „unabhängig" zu machen von westeuropäischem Branntwein und Bier. Die Länder der gemäßigten Zone haben für Produktion gewisser agrikoler Rohstoffe günstigere Bedingungen wie die Tropen; und umgekehrt. Diese Differenz der Produktionsbedingungen der Rohstoffe sichert die Differenz der „Industrie" der Tropen und der der gemäßigten Zone. Man kann z. B. in Mexiko Flachs bauen — aber nur mittels künstlicher Bewässerung^); wenn die weise Regierung nicht dem merkantilistischen Irrtum, dem schlimmen Hang zur Polypragmosyne, huldigt, wird sie die nationale Arbeit lieber auf den Tabak, die Vanille u. s. w. hinlenken und die -) Vgl. Export, 1899, S. 636. — 8S — Hemden und Tischtücher aus Westeuropa oder aus Nordamerika importieren lassen. Aber selbst die Rohstoffe, agrikole und montane, welche die Bewohner der Tropen künftig erzeugen werden, werden sie keineswegs in der Regel selbst verarbeiten. In der Hauptsache dürften List und Reuleaux recht behalten. Nicht nur die allzu feuchten Gegenden sind industriefeindlich. Überall wo eine Regen- mit einer Trockenzeit wechselt, steht die neue Technik und die ihr gemäß betriebene Industrie unter ungünstigem Stern — die Eisen- wie die Holzteile der Maschinen leiden gewaltig durch jenen Wechsel. Und überall, wo die Temperatur ein gewisses Maß überschreitet, sperrt sich der Mensch gegen Fabrikarbeit — schon im südlichen Italien bildet diese Thatsache einen Hemmschuh der industriellen Entwickelung. — Die Verschiedenheit hinsichtlich des Vorkommens und der Erzeugungs- und Verarbeitungsbedingungen der Hilfs- und Rohstoffe ist von Natur gegeben; in alle Zukunft wird sie dahin wirken, daß die einzelnen Länder und Weltteile nicht gleichen, sondern verschiedenen Industrien, bezüglich Specialitäten, sich widmen — d. h. sofern sie den Geboten der wirtschaftlichen Vernunft Gehör schenken, nicht der Unvernunft, Alles selbst machen zu wollen, verfallen. Die Verschiedenheit der socialen Verhältnisse der Völker ist ein Historisches, Wandelbares; sie wird sich — vermutlich — mehr und mehr ausgleichen. Mit Steigen der Bewohnerziffer, der intellektuellen, moralischen, ästhetischen, technischen Bildung, des Kapitals mögen die socialen Verhältnisse z. B. Rußlands denen Deutschlands ähnlicher und ähnlicher werden. Dann wird zwischen Beiden nicht weniger, sondern mehr getauscht werden wie heute — ebenso wie heute zwischen England und Deutschland mehr getauscht wird wie einst, da jenes Industriestaat, dieses Rohstoffstaat war. Mit Recht wurde neulich die Thatsache, daß der Handel Nordamerikas mit Canada rascher als der Englands mit Canada wachse erklärt aus der größeren „Gleichheit der socialen Verhältnisse" der ersteren Länder, aus dem „uaturg,! ^ävant^eZ", welche der Verkehr zwischen zwei Völkern „comiiiS tc> rsssradls eaon otksr mors — 86 — g,r>ä mors evsr^ äa^", für Beide habe.^) Und mit Recht ist gleichfalls oft darauf hingewiesen, daß der Verkehr Englands mit den ihm kulturell nächststehenden Kolonien, z. B. dem Kapland und Australien, verhältnismäßig weit größer sei als der mit seiner volkreichsten, aber kulturell ihm weit ferner stehenden Kolonie, nämlich Ostindien; denn die etwa zehn Millionen dort kaufen ungefähr gleichviel britische Produkte (1896: 32,6 Mill. ^) als die fast dreihundert Millionen Ostindiens (1896: 30.1 Mill. F). Nicht weniger, sondern mehr — nur zum Teil andere — Fabrikate werden die Industriestaaten von heute den Rohstoffstaaten senden, nachdem deren Industrialisierung sich vollzogen hat. Welche? Das können wir zur Zeit ebensowenig sagen, wie man in den dreißiger und vierziger Jahren Hütte sagen können, in welcher Weise Arbeitsteilung und Verkehr zwischen England und Frankreich einerseits, Deutschlands andererseits sich gestalten würdeu, uachdem auch letzteres in die Reihe der Industriestaaten eingetreten. Die alten Industriestaaten werden die Specialitäten pflegen, für welche die natürlichen und socialen Verhältnisse ihnen am günstigsten liegen; die jungen Industriestaaten die, hinsichtlich deren ihre Arbeit relativ produktiver ist als die Arbeit der ersteren. Welche es sind, kann erst im Wettbewerbe der Zukuuft sich entscheiden. Nur das dürfen wir mit Sicherheit behaupten, daß, wenn die Entwickelung, welche unsern Exportpessimisten als ein trübes Gespenst erscheint — wenn das industrielle Emporkommen der Rohstoffstaaten helle Wirklichkeit geworden sein wird, der Außenhandel Westeuropas nicht herabgehen, sondern sich ausdehnen — das Netz weltwirtschaftlicher Berschlingung der Nationen aller Kon- !) Economist, 1898, S. 797. — Vgl. dagegen den von Arndt (S. 23) zurückgewiesenen Satz der Kölnischen Zeitung (28. September 1898), der den Verkehr zwischen Völkern annähernd gleicher socialer Entwickelungsstufe sn dsZatslls behandelt: „an unsern Grenzen treffen wir nur andere Länder, die gleichfalls schon dicht besiedelt und in der Kultur vorgeschritten sind; zu sehr großem Teil sind ihre Produktionsbedingungen den unsrtgen ganz ähnlich, so daß einem gegenseitigen Austausch . . . ziemlich enge Grenzen gezogen sind." In Wahrheit liegt die Sache so, daß mit den uns kulturell nächststehenden Ländern „an unsern Grenzen" die große Quote unseres Austausches sich vollzieht. (S. o. S. 76.) ! — 87 — tinente nicht loser, sondern fester werden — der Reichtum derer, die in diesem Netze hängen und von ihm „abhängen", nicht sinken, sondern, dank der Steigerung der Produktivität durch Vervollkommnung der territorialen Arbeitsteilung, steigen wird. — Zum Schlüsse muß hier, um Mißverständnissen vorzubeugen, zweierlei bemerkt werden. 1. Das industrielle Emporkommen der Rohstoffstaaten kann - nur in dem Falle als Kausalmoment wachsenden Verkehrs und steigender Wohlfahrt wirken, wenn es das Produkt spontaner Entwickelung ist. Wird es künstlich hervorgetrieben durch Schutzzölle, welche die Industrie der Rohstoffstaaten in Geleise treiben, die diese nicht deshalb einschlägt, weil sie produktiver, sondern weil sie, eben des Zollschutzes wegen, rentabler sind als andere, so tritt natürlich der entgegengesetzte Effekt ein. Wie der Import, so geht der Export zurück; der Verkehr zwischen ihnen und den Industriestaaten erfährt eine Einschränkung. Die Entfaltung der Industrie in den Rohstoffstaaten bedeutet unter diesen Umständen keine Steigerung der Produktivität ihrer Arbeit, sondern eine Minderung derselben! wie eine Minderung der Produktivität der Arbeit der Industriestaaten. Die Bevölkerung der Rohstoffstaaten wird reicher an Industrie, aber ärmer an Gesamtprodukt, wird damit kein besserer, sondern ein schlechterer Kunde sür die Waren der Industriestaaten. 2. Die Behauptung, daß das industrielle Emporkommen der Rohstoffstaaten, wenn das Produkt spontaner Entwickelung, den Export der Industriestaaten von heute nicht schmälern werde, läßt die Frage, ob die einzelnen Industriestaaten von heute die Rolle, die sie derzeit auf dem Weltmärkte spielen, auch künftig spielen werden, völlig offen. Es kann durchaus sein, daß z. B. England und Deutschland ihre führende Stellung dereinst einbüßen. Denn diese beruht, ^ wenigstens zu einem Teile, darauf, daß die industrielle Technik der Gegenwart im Zeichen der Kohle und des Eisens steht. Aber ihre Kohlenvorräte können sich erschöpfen, und noch schneller die an Eisenerzen. Die Gewinnung von inländischen Erzen ist, in England, von 17,1 Mill. Tonnen (1876) auf 13,9 Mill. (1897) herabge- — 88 — gangen^) — müssen die Erze aus der Ferne, aus immer größerer Ferne bezogen werden, so wird die Position dieser Länder, selbst wenn sie noch über reiche Kohlenschätze verfügen, eine schlechtere, während die Chance z. B. Nordamerikas und Schwedens dank ihrer so großen Bestände an Erzen steigt. Und weiter: wenn künftig mehr und mehr die Technik sich von der Kohle emanzipiert, wenn künftig die motorische Energie zu geringeren Kosten wie heute aus Wasser oder Wind gewonnen werden wird, so mag es sein, daß Länder, die derzeit, da ihnen das „Brot der Industrie" fehlt, relativ ungünstiger situiert siud als England und Deutschland, — Länder wie die Schweiz und Italien — in die vorderste Reihe treten. Durchaus ist denkbar, daß die, welche heute die letzten sind, künftig die ersten werden. Eine rückläufige Bewegung des Fabrikatenexports der Industriestaaten von heute, eine starke Verschiebung in der jetzigen Rangordnung der Industriestaaten kann eintreten aus Ursachen verschiedenster Art, die eine Minderung der Produktivität ihrer nationalen Arbeit bewirken. Nicht aber aus der Ursache, daß andere Länder, die heute noch Rohstoffstaaten sind, industriell emporkommen. — .> L. Der Lebensmittelimport. Die Möglichkeit dauernden Versiegens der in der Exportindustrie liegenden Erwerbsquellen ist die eine der Gefahren, welche der Pessimismus am volkswirtschaftlichen Horizonte Englands, Deutschlands u. s. w. aufsteigen sieht. Wir haben gezeigt, daß diese Gefahr nicht besteht — wenigstens nicht als Folge der Ursache, aus der sie hergeleitet wird, zu befürchten steht: der Industrialisierung der Rohstoffstaaten. Wie ist es nun mit der zweiten aus der gleichen Ursache hergeleiteten Gefahr, der Gefahr des „dauernden Versiegens der Nahrungsquellen", der rückläufigen Bewegung des Lebensmittelimports ans den Rohstoffstaaten in die Industriestaaten? Handelsberichte. Sonderabdruck aus dem Handelsarchiv, Serie I Nr. 1, S. 14. — 89 — » Wir nehmen auch hier wieder (vgl. oben S. 57) zunächst an (I), es sei gewiß, daß die Industrialisierung der Rohstoffstaaten diese Folge haben müsse; da mit steigender Bevölkerung in Nußland u. s. w. der inländische Bedarf an Brotkorn steige, werde die Ausfuhr von Brotkorn nach England, Deutschland u. s. w. herab- , gehen. Die Frage, ob diese Annahme richtig oder falsch, wird uns später (II) beschäftigen. I. Selbst wenn die Behauptung: mehr Bevölkerung und höherer Vrotkornbedarf dort, weniger Brotkornimport hier, voll und ganz zuträfe, so wäre doch die praktische Konsequenz, welche die Vertreter der „nationalen" Wirtschaftspolitik aus ihr ziehen — die Forderung, daß wegen dieses zu einem derzeit noch nicht bestimmbaren Termin drohenden Versiegens der Nahrungsquellen die Industriestaaten jetzt schon die kornwirtschaftliche Autarkie herstellen müßten, strikte abzuweisen. Denn: der Einfuhr von Lebensmitteln, die man heute noch aus der Ferne reichlich und billig haben kaun, zu wehren, die nationale Produktion bis zu voller „Unabhängigkeit vom Auslande" zu steigern, würde für die Industriestaaten eine Verringerung der nationalen Dividende bedeuten. Zugegeben, daß dereinst die Einfuhr stocken müsse, daß wir dereinst gezwungen sein werden, das Korn, dessen wir bedürfen, dem Boden unseres Landes abzugewinnen — weshalb sollten wir es heute schon thun? Weshalb, wie oben gesagt (S. 58), die wirtschaftliche Wohlfahrt der lebenden Generationen willentlich unter das erreichbare Maximum Herabdrücken? Daß unsere Landwirte solche asketische Politik vertreten, ist begreiflich. Für sie erbringt eben die Minderung der nationalen ^ Dividende eine Mehrung ihrer privaten Dividende, ihrer Grundrente. Daß auch Männer der Wissenschaft mit ihnen gemeinsame Sache machen, ist minder leicht begreiflich.^) Oldenberg irrt, wenn er meint, daß, nach Beseitigung des Lebensmittelimports, nach Herstellung der „elementaren Selbständig- Ein Hauptargument unserer Kathederagrarier — die Gefahr des Ausbleibens der Kornzufuhr in Kriegszeiten — ist ober. (S. 46> diskutiert worden. — 90 — keit", der Volks reich tum keine Schmälerung erfahren werde; er irrt weiter, wenn er behauptet, daß das Interesse der Arbeiterschaft, besonders der industriellen, für solche Politik spreche?) Der erstere Irrtum ist, wenngleich nicht mit klaren Worten ausgesprochen, so doch deutlich zwischen den Zeilen zu lesen. Oldenberg übersieht, daß die Wiederausdehnung der Brotkornproduktion in den Industriestaaten unter dem Druck des „Gesetzes des abnehmenden Ertrags" sich vollziehen und damit die nationale Dividende eine Schmäle- rung erfahren würde. Um nachzuweisen, daß das Interesse der Arbeiterschaft mit einer Politik „eigenwirtschaftlicher Unabhängigkeit" sich durchaus vertrage, hebt er hervor, daß, wenn die Lebensmittel im Jnlande produziert werden würden, die „Erwerbsgelegenheit" gleich hoch bleiben werde wie heute. Für den Stand des Arbeitslohnes ist aber die „Erwerbsgelegenheit", die Möglichkeit, Arbeit zu finden, keineswegs bestimmend. Wäre dem so, so müßte das Lohnniveau immer steigen, wenn die Volksziffer steigt; denn die „Erwerbsgelegenheit" bewegt sich parallel wie die Volksziffer. Das Lohnniveau wird vielmehr bestimmt von der Produktivität der nationalen Arbeit; sinkt diese, so sinkt das Lohnniveau, d. h. das Maß des Erwerbes, welches die dienende Masse aus ihrer Arbeit erzielt; steigt sie, so steigt das Lohnniveau.") Mit Erweiterung der inländischen Lebensmittelproduktion würde die Produktivität einschrumpfen und mit ihr das Einkommen der Arbeiterklasse, während das Einkommen der Gruudherrnklasse wüchse?) Oldenberg verwahrt sich gegen Identifizierung seines Programmes mit dem der „agrarischen Jnteressenpolitik". Es sei — schreibt er — „ein Unterschied zwischen dem Interesse der Landwirte und dem Interesse des Volkes an der Landwirtschaft ... Das Volk ist am Rohertrage, der Landwirt ist am Reinertrage der Landwirtschaft interessiert; das Volk an der Produktivität, der Landwirt an der Rentabilität der Landwirtschaft" (S. 44). Dem Interesse der Arbeiterschaft, der großen Quote des Volkes, entspreche die „Pflege des landwirtschaftlichen Rohertrages in irgend einer Form". Durch Wiederausdehnung der 5) Den gleichen Irrtümern begegnet man in der agrarischen Presse auf Schritt und Tritt. 2) Wie oben schon gesagt, soll die Frage, wie das Interesse der Arbeiterschaft zu der Frage „Weltwirtschaft oder Volkswirtschaft" stehe, an anderer Stelle ausführlich erörtert werden. Dabei wird der Satz, daß der Gang der nationalen Produktivität die Bewegung des nationalen Lohnniveaus reguliere, zu begründen sein, — -) Vgl. Arndt, a. a. O., S. 46. O — 91 — Brotkornproduktion und Zusammenziehung der Exportindustrie nehme der Gesamtumfang der Erwerbsgelegenheit keineswegs notwendig ab; er verteile sich nur anders zwischen Landwirtschaft und Industrie. „Die wachsende Landwirtschaft zieht Arbeitskräfte an, statt sie wie heute abzustoßen und erweitert zugleich den innern Markt für die Industrie. Diese neuen Erwerbsstellen sind aber für die Dauer geschaffen. Und wo hätte der Arbeitslohn höher gestanden als in den Vereinigten Staaten, in der Zeit jener großartigen Landwirtschaftspolitik, die dem industriellen Kapital die Arbeitskraft vom Munde wegnahm?" (S. 44.) Der Satz, daß das Volk, und die Arbeiterschaft, interessiert sei „an der Produktivität der Landwirtschaft", ist richtig. Der Satz, daß das Volk, und die Arbeiterschaft, interessiert sei „am Rohertrage der Landwirtschaft", ist — allgemein ausgesprochen — falsch. Daß der Rohertrag der nationalen Landwirtschaft gehoben werde, ist vielmehr, so wie die Verhältnisse heute bei uns liegen, das Interesse der „an der Rentabilität interessierten Landwirte". Denn diese Hebung des Rohertrages läßt sich nur bewirken entweder durch Einbeziehung minder fruchtbarer, bisher nicht bebauter Böden oder durch stärkere Inanspruchnahme bereits bebauter Böden bei „abnehmendem Ertrage" — so oder so unter Minderung der durchschnittlichen Produktivität der agrikolen Arbeit. ^) Die Folge wäre: Steigen des Preisniveaus der agrikolen Produkte und Steigen der Grundrente, Fallen des Lohnes. Das Interesse des Volkes ist, daß solche Minderung der Produktivität verhütet werde, solange sie eben verhütet werden kann; die Hebung des Rohertrages der Landwirtschaft entspricht dem Interesse des Volkes nur unter der Bedingung, daß sie unter Erhöhung der Produktivität, wenigstens unter Aufrechterhaltung des bisherigen Standes der Produktivität, erfolgt. Das Interesse der Arbeiterschaft ist nicht, daß „der Gesamtumfang der Erwerbsgelegenheit" gleichbleibe, sondern daß die Produktivität der nationalen Arbeit durch Betrieb nur der derzeit produktivsten Arbeitsarten auf das erreichbare Maximum gebracht werde, und damit das Maß des Erwerbes der Arbeiterschaft. Wie die Verhältnisse heute bei uns liegen — in Nordamerika lagen sie zur Zeit der „großartigen Landwirtschaftspolitik" einigermaßen anders —, widerspricht die „andere Verteilung der Erwerbsgelegenheit zwischen Industrie und Landwirtschaft" ihrem „Schon jetzt wird" — sagt Th. v. d. Goltz in seinen „Vorlesungen" — „ein größerer Teil des Ackerlandes mit Getreide bebaut, als nach wirtschaftlichen Grundsätzen zweckmäßig ist." — 92 — Interesse, entspricht ihm die weitere Entfaltung der Industrie, als des derzeit produktiveren Zweiges der nationalen Arbeit. Von agrarischer Seite hört man oft sagen: kraft zu erwartender Fortschritte im agrikolen Betriebe und Fortschritte der agrikolen Technik, werde höherer Rohertrag ohne Minderung der durchschnittlichen Produktivität der agrikolen Arbeit erzielt werden, ohne Steigen von Preis und Grundrente, Fallen des Lohnes; es müsse nur zunächst einmal das Preisniveau „lohnender", die Landwirtschaft „besser gestellt" werden — dann werde der Aufschwung kommen. Diese optimistische Prognose des Aufschwunges der Landwirtschaft im Zeichen einer „nationalen Eigenwirtschaftspolitik" würde sich aber als nicht minder falsch erweisen wie jene pessimistische Prognose des „Zusammenbruchs" der Industrie im Zeichen einer „breitspurigen Welthandelspolitik"! Wenn die deutschen Landwirte heute, wo sie der ausländischen, preisdrückenden Konkurrenz unterliegen, diesen Druck durch Vervollkommnung des Betriebes, durch Ausnutzung der technischen Errungenschaften nicht — wenigstens in ihrer Mehrzahl nicht — zu Parieren vermögen, nicht im Stande sind, durch Erhöhung der Produktivität (Hebung des Rohertrages bei gleichbleibenden Produktionskosten oder Minderung der Produktionskosten bei gleichbleibendem Rohertrag) die Preisbaisse wettzumachen — weshalb sollten sie es denn dann können, wenn sie das Alleinrecht auf den inneren Markt errungen hätten? Nichts würde sich ändern — nur der Trieb, so billig als möglich zu produzieren, würde, wenn dieser Fall einträte, schwächer sein als heute; die dank dem Monopole gegebene Gewähr der Rentabilität würde dem Streben nach Erhöhung der Produktivität zu Schaden gereichen. Gewiß ist eine Hebung des Rohertrages der deutschen Landwirtschaft unter Erhöhung der Produktivität noch vielerwärts möglich; durch zahlreiche Beispiele kann diese Möglichkeit erhärtet werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß sie erfolge, ist größer, wenn die deutschen Landwirte unter dem Zwange des Mitbewerbes der Fremde stehen^), als wenn sie die inländischen Konsumenten unter dem Zwange ihres Monopols halten. Soweit es gelingt, die inländische Kornproduktion zu mehren, ohne das „Gesetz des abnehmenden Ertrags" heraufzubeschwören — soweit vollzieht sich die „Pflege des landwirtschaftlichen Rohertrags durch vermehrte landwirtschaftliche Arbeit" (Oldenberg) und die damit sich er- ') Vgl. I. Wolf (Verhältnisse der Landwirtschaft u. s. w., 1900, S. 7): „in Westeuropa haben die niedrigen Preise die Initiative des Landwirtes angeregt." — 93 — gebende Emanzipation von dem Lebensmittelimport des Auslandes in der Form, die mit dem Prodllktivitätsinteresse des Volkes, und der Arbeiterschaft, sich deckt. Vollzieht sie sich dagegen in Konsequenz einer Erschwerung des ausländischen Mitbewerbes, so kommt sie nur dem Rentabilitätsinteresse der Grundherren zu gute. Neben dieser Form der „Pflege des landwirtschaftlichen Rohertrages", die Oldenberg wohl im Auge hat, wenn er von der „Pflege ... in mehr kapitalistischer Form" spricht, erwähnt er (s. o. S. 54) noch der Möglichkeit, sie „in Gestalt innerer Kolonisation oder durch Gebietserweiterung" zu bewirken. Hiervon gilt ganz das Gleiche: eine Steigerung der nationalen Kornproduktion in dieser oder jener Gestalt entspricht dem „Interesse des Volkes (und der Arbeiterschaft) an der Produktivität" nur unter der Bedingung, daß auf der durch innere Kolonisation, bezüglich Gebietserweiterung zuwachsenden Agrarfläche die Lebensmittel billiger zu gewinnen sind als auf dem Boden des Auslandes, das sie uns jetzt gegen unsere Exportartikel liefert; m. a. W. nur unter der Bedingung, daß sowohl eine Hebung des Rohertrages als eine Steigerung der Produktivität erzielt wird. Wenn nicht, so entspricht sie nur dem Rentabilitätsinteresse der Grundherrnklasse! Um nachzuweiseu, daß eine „nationale Eigenwirtschaftspolitik" der industriellen Arbeiterschaft zum Vorteil gereichen werde, führt Oldenberg folgendes aus: „Die heutige Lage des industriellen Lohnarbeiters ist wesentlich bedingt durch den Zuzug vom Lande, d. h. durch den Mitbewerb der Zugezogenen auf dem Arbeitsmarkle. Sowohl dies numerisch verstärkte Angebot, wie die Qualität des Angebotes dieser zugezogenen Arbeitskraft mit geringen Ansprüchen, aber unverbrauchten Muskeln und Nerven, drückt beständig auf die industriellen Arbeitsbedingungen, wirtschaftlich wie sanitär, während der Gewinst des Unternehmers steigt" (S. 44). Wenn die Landwirtschaft mehr Hände beschäftigen könnte wie heute, würde der Lohn der industriellen Arbeiterschaft höher stehen — daher sei diese an der „Landwirtschaftspflege" interessiert. Thatsächlich liegt die Situation umgekehrt. Die heutige Lage der agrikolen Arbeiterschaft Deutschlands ist „wesentlich bedingt" und zwar günstig bedingt durch die Möglichkeit, in der Industrie, die immer mehr Arbeitskräfte zu absorbieren und immer höhere Löhne zu zahlen vermag, Beschäftigung zu finden. Die steigende Nachfrage der Industrie — der „nationalen" und der Exportindustrie — nach Arbeitskräften, ihr steigender Mitbewerb auf dem Arbeitsmarkt treibt den Lohn der industriellen wie der agrikolen Arbeiterschaft empor, — 94 — während der Gewinst der Unternehmer, wie der Zinsfuß, wie die Grundrente fallen. Das Einkommen der besitzenden Klasse geht herab, das Einkommen der arbeitenden Klasse herauf. Würde auf Kosten der Exportindustrie die Landwirtschaft „gepflegt", so würde der Lohn beider Hauptgruppen der Arbeiterschaft niedriger stehen wie heute. Weder die industrielle noch die agrikole Arbeiterschaft hat ein Interesse, die ihr von Oldenberg empfohlene „landwirtschaftliche Bundesgenossenschaft" (S. 45), d. h. die Bundesgenossenschaft der eine Steigerung des Kornpreises und der Grundrente heischenden Landbesitzer, zu suchen, sondern jene wie diese hat das Interesse, Front gegen den „Bund der Landwirte" zu machen. Nur wenn dereinst ein plötzliches Zurückgehen der Zufuhr von Lebensmitteln zu befürchten stünde, ließe eine „nationale Eigenwirtschaftspolitik", die jetzt schon Kapitalien und Arbeitskräfte aus der Exportindustrie in die Landwirtschaft drängte, sich verteidigen. Nur in diesem Falle dürfte verlangt werden, daß das Volk der Gegenwart sich ärmer mache als es sein könnte, um das Volk der Zukunft vor der Gefahr der Brotnot zu schützen. Mag nun auch ein „dauerndes Versiegen der Nahrungsquellen", die zur Zeit in den Rohstoffstaaten noch überreichlich sprudeln, dereinst eintreten — ein plötzliches keinesfalls. Geht in den Rohstoffstaaten von heute der Eigenkonsum an Lebensmitteln, zufolge Wachstums der Bevölkerung oder Steigerung der Produktivität ihrer nationalen Arbeit und damit Steigerung der Kaufkraft ihrer Bewohner, künftig empor; sinkt hier der zum Export nach den Industriestaaten verfügbare Überschuß, so steigen in den Industriestaaten die Lebensmittel im Preise, die Landwirtschaft wird hier rentabler wie bisher, die Konjunktur gestaltet sich derart, daß auch ohne eine mit Schutzzöllen oder sonstwie operierende „nationale Eigenwirtschaftspolitik" Kapitalien und Arbeitskräfte sich der „Pflege des landwirtschaftlichen Rohertrages" widmen und das Defizit deckend) Je mehr der Lebensmittelexport der Rohstoffstaaten sinkt, je mehr damit Kornpreis und Rente emporgehen, desto stärker drängen ') Diese Bewegung erfolgt natürlich nur in dem Falle, daß nicht neue „Nahrungsquellen" in anderen Ländern sich öffnen, welche die Lebensmittel ebenso billig spenden wie die alten, nunmehr versiegten. Ob dieser Fall wahrscheinlich sei, wird unten (II.) erörtert werden. — 95 — von selbst — „automatisch" (Arndt) — Kapitalien nnd Arbeitskräfte der Industriestaaten zur Wiederausdehnung der Kornproduktion, zur Einschränkung der an ihrem Exporte verkürzten, jetzt weniger als bisher rentablen Industrie. Nimmt in Rußland, Nordamerika, Argentinien, Australien, Ostindien die „Zahl der Münder", die vom nationalen Boden gesättigt werden müssen, zu und der Lebensmittelexport ab, so nimmt in gleichem Schritte die Inanspruchnahme des nationalen Bodens für Zwecke der Lebensmittelproduktion in England, Deutschland, Frankreich u. s. w. zu. Die „plötzliche" Brotnot ist ein Phantom. Es ist wiederum begreiflich, wenn unsere Agrarier dies Phantom vorspiegeln. Denn: gelingt es, die öffentliche Meinung mit ihm zu ängstigen und aus dieser Angst ein Hochkornzollregime herauszupressen, so wird ihrem Rentabilitätsinteresse gedient. Minder begreiflich ist, daß seitens derer „ohne Ar und Halm", die das Produktivitütsinteresse des Volkes im Auge haben, an dies Phantom geglaubt wird. Vieles Sonderbare giebt's in der agrarisch-„nationalen" Litteratur — das Sonderbarste aber ist die Doktrin vom „Eigensinn" des industriesüchtigen Kapitals, von seiner Landwirtschaftsscheu, seinem Hange, sich auf die Produktion entbehrlicher Güter zu werfen, die Produktion unentbehrlicher Güter zu fliehen, da es hier weniger verdiene als dort. Diese Doktrin kurz zurückzuweisen, bot sich schon oben einmal Anlaß (S. 35). Hier müssen ihr noch einige Worte mehr gewidmet werden. In den Industriestaaten von heute — heißt es — sei solcher Eigensinn des Kapitals ja augenscheinlich. In den jungen Ländern, den Rohstoffstaaten, hätten nur „besondere Umstände" das Kapital bis vor kurzem zurückgehalten, die Industrie zu bevorzugen. Bald werde das anders werden, werde das Kapital auch dort die minder rentable Landwirtschaft relativ vernachlässigen, sie auch dann noch vernachlässigen, wenn zufolge Bevölkerungswachstums „die Preise wieder etwas gestiegen sein werden. Der Rückgang des nordamerikanischen Weizenbaues, anstatt der zu fordernden Steigerung, läßt das ja schon jetzt erkennen". . .. „Solange wir nicht — 96 — eine socialistische Weltwirtschaft haben, wird gegen diesen Eigensinn des Kapitals nichts auszurichten sein".^) Und weil dem so sei, weil, trotz Steigens der Lebensmittelpreise, das Kapital sich auf die Fabrikation kaprizieren werde, werde schließlich eine „plötzliche Brotlosigkeit ungeheurer Massen" ^) über die Industriestaaten hereinbrechen. Das einzige Faktum, das der Vertreter dieser Doktrin zum Beweise beibringt, ist die Thatsache des — zeitweiligen ^) — Rückganges des nordamerikanischen Weizenbaues. Sie beweist aber nur, daß während gewisser Jahre die Weltmarktkonjunktur für Weizen ungünstig lag, und daß das Kapital auf das Sinken des Weizenpreises mit der Zuwendung zu anderen, rentableren Produktionen — agrikolen oder industriellen — reagiert. Zu fordern — im Interesse Nordamerikas oder dem der Welt? — wäre eine stetige Steigerung des nordamerikanischen Weizenbaues keinesfalls gewesen. Denn die Vereinigten Staaten produzieren ja weit mehr Weizen, als ihre eigene wachsende Bevölkerung braucht. Und die gleichfalls wachsende, fremdes Korn brauchende Bevölkerung der alten Länder kann — bisher wenigstens — auch anderswoher versorgt werden; in ihrem Interesse ist Oldenberg, a. a. O., S. 28. Vgl. S. 21 über die zu vermutende „industrielle Wendung" in Indien, China, Japan, Argentinien. Oldenberg, S. 32. 2) Es betrug in Millionen Bushels die Produktion Nordamerikas (nach Sartorius von Waltershausen, a. a. O., S. 7) an Weizen Mais 1885 . . 3S7112 1936176 1890 . , 399262 1489970 1892 . . 515949 1628464 1896 , . 427684 2283875 1897 über 500000 2316000. Dem Rückgange im Weizenbau war Ende des neunziger Jahrzehnts ein neuer Aufschwung gefolgt, dank des Einlenkens des Weizenpreises in die steigende Linie. Aber auch in den Jahren 1892/96 hatte das amerikanische Kapital die Landwirtschaft keineswegs „relativ vernachlässigt" — die Maisproduktion schritt gewaltig vorwärts (f. d. Tabelle). Das Kapital hatte nur ein Virement von einem derzeit weniger rentablen zu einem derzeit mehr rentierenden Zweige der Agrarproduktion vollzogen. Vgl. noch unten S. 109. — 97 — nur zu fordern, daß gemäß ihrer Nachfrage das Weizeuaugebot sich ausdehne. Ob dies in den Vereinigten Staaten u. s. w>, oder iu den Industriestaaten selbst geschieht, ist, vom Preismoment abgesehen, gleichgiltig. Geschehen ist es bisher und es wird immer geschehen — die Prophezeiung eines „steigenden Mißverhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot" bezüglich der Lebensmittel widerspricht aller Erfahrung/) Der „Eigensinn" des Kapitals besteht nur darin, hohen Prosit zu suchen, niedrigen zu meiden; ob es den hohen Profit aus der Produktion von Lebensmitteln oder der von Materialien oder aus der Fabrikation zieht, ist ihm gänzlich einerlei. In den Vereinigten Staaten teilt es zur Zeit seine Gunst zwischen der Landwirtschaft, dem Bergbau und gewissen Zweigen der Industrie — solchen, die hier von Natur hervorragend günstige Chancen haben, wie die Erzeugung von Roheisen, Stahl, Fleisch- kouserven u. a., und solchen, die ihre günstigen Chancen dem Protektionismus danken. In Brasilien interessiert es sich vor allem für Kaffee und Kautschuk. In den Laplatastaaten und in Australien verrät es entschiedenen „Eigensinn" zur Bevorzugung der Viehzucht. In Mexiko und in Südafrika geht seine Laune auf Gold, Silber, Diamanten. In den volkreichen, wirtschaftlich vorgeschrittensten Gebieten Westeuropas hat es während der letzten Jahrzehnte „zum Industriestaat gedrängt" (Oldenberg) und beharrt dabei — rsdus sie stÄntidus — durchaus mit Recht: in seinem privaten wie im nationalen Interesse. Weil hier wegen des steigenden Angebots billigerer Erzeugnisse des Auslandes der Markt für inländische agri- kole Produkte sich verengerte, hat es sich von der Landwirtschaft zurückgezogen. Aber es wird reumütig zu ihr zurückkehren, sobald, mit Einschrumpfen des Imports, der Markt für inländische agrikolc Produkte sich wieder erweitert. „Je knapper mit der Zeit die Nahrungszufuhr in normaleil ') Vgl. über Preis und landwirtschaftliche Produktion z. B. Wolf, a. a. O., S. 11/12. — v. Schulze-Gävernitz, a. a. O., S. 694. — I. d. Econ. 1899, XI., S. 178: in Frankreich fand ein Rückgang der mit Weizen, Roggen, Gerste bestellten Fläche statt, während, zufolge dcrPreissteigerung, dasHaferarcal beträchtlich wuchs. Dtetzcl, Weltwirtschaft und Vollswirtschast. 7 — 98 — Jahren wird" ') — immer angenommen, daß dein so sein werde —, je höher damit die Preise cmporgehen, desto massenhafter wird das Kapital sich zur Produktion von Lebensmitteln drängen. Nicht „eine politische Frage, eine Existenzfrage des Staates", wird es sein, ob rechtzeitig „die eignen landwirtschaftlichen Hilfsquellen gepflegt" werden, ob rechtzeitig das inländische Angebot die Nachfrage voll decken wird — sondern eher eine Geldfrage, eine Existenzfrage für das Kapital, daß es nicht, verlockt durch die Gunst der agrikolen Konjunktur, gespornt dnrch das Signal starker Preishaussc, mit seinem Augebot die Nachfrage überhole. Daß das Kapital danu auf der Bahn der Pflege der eignen landwirtschaftlichen Hilfsquellen zu eilig vorwärtshaste, ist wahrscheinlicher, als daß es sie erst einschlage, wenn es „zu spät ist".^) Hören wir eine Schilderung aus jener Zeit — um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert — da in England der Fall des Knapperwerdens des Kornimports, den Oldenberg den Industriestaaten voraussagt, Wirklichkeit geworden war. „^Vllils ineroasinA vonulation vont on onlarAinZ tns clomanä toi' aAriouItural nioclnos, ancl wbils onorinous obaiAes npon iin- portation — überaus hohe Fracht- und Versicherungskosten — ex- oluäoä torkiZn sunnlz^, ging das Preisniveau empor. ,?bo ro- olairnainA ok land ok lsss ancl lsss lertilitz? beeaino tlis inost kenetiLial sinnlo^insnt vbioli clisnosavlo oapital ooulä odtain . . . OurinA tks vsrioä . . . tillaAö was nsiAbtsnecl an<1 sxtsnclscl in a, äsArss altoZetdör nnsxainnlscl. Ins eaZer aviclit^ witb >vliiob no>v applioatious ok clisnosadls oaxital wors a.vp1io — 106 — Daß China und Japan — die, wie Oldenberg mit einiger Übertreibung sagt, „schon jetzt unerhört intensiv bewirtschaftet werden" ^) — in die Reihe der kornexportierenden Gebiete eintreten, scheint ausgeschlossen. Ob Indien künftig mehr Weizen ausführen wird oder weniger, muß dahingestellt bleiben. Dagegen dürfte es gewiß sein, daß neben Sibirien Vorderasien ein „Nahrnngsland" werden wird. „Wenn — so schrieb neulich (August 1899) die ,Nowoje Wremja' anläßlich des Projektes der Bagdadbahn — die 240000 c^km kulturfähigen Bodens Vorderasiens mit Getreide bebaut würden, so wäre die russische Getreideausfuhr nach der Türkei, Griechenland, Ägypten ruiniert, seine Ausfuhr nach Persien gefährdet." Das Euphratthal zählt zu den von Natur fruchtbarsten Gegenden der Welt; es sei, heißt es, noch weit fruchtbarer als das Nildelta, an Fläche ungefähr siebenmal so groß wie dieses.^) Es ist der Erdabschnitt, von dem der „Vater der Historie" sagte: „wir kennen kein Land, das besser zum Getreidebau geeignet wäre ... es trägt immer au zweihuudertfältige Frucht, in gnten Jahren wohl an dreihundertfältige". Jetzt ist die Landwirtschaft hier in kläglichem Zustande: die Araber haben als echte Nomaden weder Geschick noch Neigung zum Ackerbau. Seitdem Mesopotamien seine Stellung als hauptsächlichster Vermittler des Handels zwischen Indien und Europa einbüßte, ist es jämmerlich zurückgegangen, an Reichtum wie au Bevölkerung. Dank der Bagdadbahn wird es künftig zn einer der Kornkammern des Occidents werdend) welche die zu den Mündern gehörigen Hände aus dem jungfräulichen Lande vollbringen, und wird der Fortschritt des CerealieuexdortS aus Sibirien den Rückgang desselben, welcher demnächst etwa in Österreich-Ungarn eintreten kann, miudestcus wettmachen. Im Jahre 1898 sollen, nach Angabe der Rig. Jnd.-Ztg., bereits 320000 Tonnen Getreide auf den Linien des westlichen Netzes als Exportgnt befördert worden sein. ') S. o. S. 103. 2) Nach einer englischen Schätzung; vgl. Nationalztg. vom 17. August 1899. °) Vgl. über das Enphrat- und Tigrisgebiet: Sprenger, Babylonicn das reichste Land in der Vorzeit, 1886; Artikel der D. Kolon.-Ztg., 1895, S. 393, und 1893, S. 369. Über die Möglichkeit, durch Bewässerung die agrikole Produktion außer- — 107 — Und Afrika? War nicht dessen Nordrand einst eine der üppigsten Knlturoasen des „orkis tsi-raruw"? Die Fähigkeit, es wieder zu sein, hat dies Gebiet nicht verloren; man brauchte nur wieder, wie einst, Wasser über die dnrstigen Flureu zu leiten und, wie in Mesopotamien, der autochthonen Bevölkerung deu Hang zum Nomadisieren auszutreiben. Allein die dem Mittelmeer zugekehrte Abdachung Algeriens vermöchte, wie behauptet wird, 19 Millionen Menschen zu ernähren, während heute iu ganz Algerien nur etwas über 4 Millionen wohnend) Jetzt, nach dem wohl endgiltigen Znsammenbruch des Mahdismus, eröffnet sich die Perspektive, daß anch der Sudan, wenn durch Eisenbahnen mit der Küste verbunden, in die Reihe der agrikolc Produkte exportierenden Länder eintrete; in dessen südlichen Bezirken, um Chartum, wie zwischen dem Blauen und dem Weißen Nil giebt es ausgezeichneten jungfräulichen Boden.") Schwein- furth hat einmal darauf hingewiesen, daß das Sorghum, welches Afrika in enormen Quantitäten zu liefern vermöge, vielleicht das „Brot der Zukunft" für die untern Massen werden könnet) Aber lassen wir die damit angedeutete Möglichkeit, auch die für deu Weizen- und Noggenbau ungeeigneten Tropengegenden des „schwarzen Kontinents" in den Dienst der Ernährung der Kulturvölker einzubeziehen, auf sich beruhen: wie im Norden, so liegt auch im Süden Afrikas noch Boden in Fülle brach und wird, nahezu überall, der bebaute Boden überaus mangelhaft bewirtschaftet. Von der Kapkolonie heißt es, daß „tue lanä is cax^dls ok xioclaeinA xc-rnapL a Irrmäi-scitolä its xröLsnt )-iöIä"/) Betschuanaland wird ordentlich zu heben, bezüglich der Südküste Kleinasiens: den Bericht aus Mersiua im D. Handelsarchiv 1893, II, S. 687; bezüglich Palästinas: Artikel der D. Kolon.-Ztg., 1898, S. 363. ') Vgl. den Vortrag des Prof. Fischer (Marburg) im Export, 1893, S. 674. Über Tripolis: D. Kolon.-Ztg., 1898, S. 386. 2) Nach Nenfeld's Äußerung iu einem Londoner Iuterview, in dem er die irrige, in England herrschende Ansicht, als ob der Sudau eine „Wüste" sei, zurückwies (Nalioual-Ztg., 1. Dezember 1899). Export, 1896, S. 697. ') Westminster ReView, 1893, S. 49. — 108 — als ein zur Massenbesiedlnng hervorragend taugliches Gebiet geschildert, dank reichlichein Negenfall, großen Wasscrvorräten im Boden — „es fehlt ihm nichts als Bevölkerung" (Minister Laing).^) Wettn diese Länder, wie auch Transvaal und der Oranje- staat, bisher der Viehzucht vor dem Ackerbau den Vorzug geben °) — „nirgends haben die Ochsen in der hohen Politik so viel mitzusprechen wie in Südafrika" —, so liegt dies nicht daran, daß sie zum Ackerban, zur Produktion von Brotfrüchten u. s. w., sich nicht eignen, sondern an dem Mangel an Arbeitern nnd Kapitalien, an dem Hochstand von Lohn und Zinsfuß; weiter an dem Mangel an Verkehrsmitteln, Gleiches gilt von den deutschen Kolonien im Westen und Osten Südafrikas. „Sobald der Europäer, der hierzulande bei dem Mangel an helfenden Händen notgedrungen zu vielerlei gleichzeitig unternimmt, Zeit findet", die Landwirtschaft rationell zu betreiben, werden die Erfolge nicht ausbleiben. Namaland — meint man — sei zu eiuem der ersten Obst- und Weinbandistrikte prädestiniert; nicht die Schwierigkeit, Wasser zu beschaffen, hemme die Entwickelung der Garten- uud Ackerwirtschaft, sondern die Schwierigkeit des Absatzes. „Solange der Markt fehlt für die Feldfrüchte, ist man zumeist auf Viehzucht angewiesen."^) Man braucht unsern Kvlonialschwärmern lange nicht Alles zu glauben, wird an ihre Berechnungen des Verhältnisses von Kosten nnd Erträgnis vielfach dicke Fragezeichen machen müssen. So viel aber kann man ihnen zugeben, daß diese Gebiete früher hinsichtlich -) Export, 1894. — Ebenso über Transvaal: Export, 1894, S. 6S8. — D. Handelsarchiv, 1899, II, S. 623. 2) Daß auch die Viehzucht nicht in dem Maße betrieben wird, wie es nach den natürlichen Bedingungen geschehen könnte, hat seinen Grnnd darin, daß der Diamaut- wie der Goldbergbau, die uoch besser rentiere», ihr die Arbeiter und die Kapitalien wegnehmen. °) D. Kol.-Ztg,, 1898, S. 137. — Über die Möglichkeit einer namhaften Steigerung der agrikvlen Produktion — „bei zunehmender Bevölkerung, größerer Seßhaftigkeit" — in Deutsch-Ostafrika vgl. den Bericht Schele's im Kolon.- Blatt, 1894. Besonders aber: Th. Rehbock, Deutsch-Südwestafrika. Seine wirtschaftliche Erschließung unter besonderer Berücksichtigung der Nutzbarmachung des Wassers, 1899. — 109 — ihrer agrikolen Produktivität stark unterschätzt worden sind — daß es nicht so sehr klimatisch-tellurische Momente, die der Mensch nicht zu wandeln vermag, als sociale Momente sind, welche den Aufschwung der Landwirtschaft bisher hintanhalten. Wenn jenes sociale Moment eingriffe, welches unseren Malthusianern bange macht, wenn ein Knapperwerden der Kornzufuhr nach Westeuropa und damit eine Preissteigerung von Korn einträte, so würden, neben anderen, diese Gebiete dazu übergehen, wie die Tier- so auch die Cerealienproduktion kräftiger zu Pflegen und das Manko zu deckend) Und Amerika? Die schwierige Frage, wie großer Erweiterung die Landwirtschaft der Vereinigten Staaten und ihr Export noch fähig sei, vermag Niemand mit Sicherheit zu entscheiden. Daß alles öffentliche Land bereits vergeben sei und der Kornbau rückwärts gehe,2) ist falsch. Nach Mnlhall waren: ^ereZ uuäsr Oraiu Lroxs, ?ons Vü,lus, Nill. ok voll. 1893 . . . 140500000 09100000 963 1897 . . . 1S0300000 81100000 1122 Der Export stellte sich folgendermaßen: V«.ws Mit. ok volles ^siZIit, ?OllS 1893 1898 1833 1898 6rg.ins . . 200 334 5900000 13250000 ?rovisic>ns . . 226 290 720000 1080000 (üotwn . . . 189 230 980000 1720000. Nach dem Census von 1890 belief sich das Totalareal „unäsr tariris" auf 623 Mill. aersL. Von da bis zum Juni 1398 wurden „I^g,nä Zi-ant«" im Umfange von 84 Mill. acrss vergeben, so daß zu letzterem Zeitpunkt das Totalareal sich auf etwa 707 Mill. belief. -) Rehbock (a. a. O.) schätzt daS Gebiet Deutsch-Südwestafrikas, das erst durch künstliche Bewässerung der Kultur gewonnen werden müßte, dann aber reichsten Ertrag liefern könnte, auf 300000 ylviri. — Von Hermann (Kolon.-Ztg., 1900, Nr. 11) wird allerdings behauptet, daß Reh bock zum Optimismus neige. 2) Oldenberg, S. 21 und 28. >') Mulhall, in der North American ReView, 1899, S. 540—541. „I^aricl ^rant« anä selsetions inoluclinA Homestea>1 Zrimi« and ln,n(l« — 110 — Die Steigerung der agrikolen Produktion auf extensivem Wege, die schon seit Jahren als demnächst abgeschlossen bezeichnet wnrde, ist bisher noch immer in großem Stile vorwärts geschritten; und — im Westen wenigstens — kann sie auch weiterhin so vorwärts schreiten. Kalifornien ist „im Ganzen noch jungfräulicher Boden, Millionen von aoros sind noch nie vom Pfluge geritzt worden, weil sich der Strom der Einwanderung zuerst in die Minenindustrie ergoß" und in deren nächster Nachbarschaft Obst- und Weinbauanlagen emportrieb.^) Daß eine Steigerung kraft intensiverer Kultur vorläufig noch in nicht minder großem Stile möglich sei — vor allem wiederum im Westen — wird sich ebensowenig bestrciten lassend) Der Optimismus des Dankes: „ttiers i8 xlsnt^ ok rooiu kor 500 mi11ion8 ok xeoxls"/) dürfte der wirklichen Sachlage eher entsprechen als der Pessimismus unserer „Selbstgenüglcr", die mit Angst das Bevölkerungswachstum der großen Republik beobachten und meinen, mit jeder Million mehr rücke der Punkt, wo diese Kornkammer sich verschließen werde, näher. Bisher hat sie sich, mit jeder Million mehr, immer weiter geöffnet. Gewiß — einmal wird der Tag kommen, wo die Bewegung umschlägt. Für Canada liegt jedenfalls dieser Tag noch viel ferner wie für die Vereinigten Staaten. Die östlichen Provinzen sind zwar schon ziemlich intensiv bebant, aber der mittlere und der westliche Teil ist uoch nahezu „tsrrg, vii-Av". Die Erzeugnisse des Ackerbaues delonAinA tc> I'a.ilroü.cls, vkioQ vvsrs talvSll up 1>z? settlers in 5 ^sars s1893/97), covorsd an arsa, a,g larZs tns islanil ok Lirsat IZiitain: SÄ-nestsaä Arants 28600000 Railroaä ete . . 19500000 ?otal..... 48100000 mill. kwr. „I'nis Aavo au avsraZs ot' nsarl^ 10 mill. aerss tittvSll up z^earl^ to ds clsvotecl, kor tlrs most vart, to nsv karms, eitlrsr tillaxe or ZrannA« (S. 540). -) Export, 1897, S. 474. 2) „Der Besiedlungsprozeß des großen Gebiets ist äußerlich vollendet, und zum intensiven Fortschritt im Innern ist jetzt erst die Volkskraft völlig frcigcworden" (Sartorius v. Waltershauseu, a. a. O,, S. 2). Vgl. noch I. Wolf (a. a. O., S. 6). °) Jngersoll in der N. N. Review, 1393, S. 56. — 111 — und der Viehzucht „können noch ins Nngemcssene gesteigert werden", im Nordwesten scheint es möglich, den Weizenbau auf das Hundertfache von heute zu bringen — nur „tns xc>xu1g.tion 13 laclciiiF".^ Wie in Canada, so würden auch iu Centralamerika Nahrnngs- auellen sich erschließen, wenn die Vereinigten Staaten aus der Reihe der Korn exportierenden Länder ausscheiden sollten. In Mexiko steht der Ackerbau, trotz hoher Gunst des Klimas und des Bodens, noch auf ganz niedriger Staffel der Entwickelung, extensiv wie intensiv. Die Verhältnisse ähneln denen in Californien: der Schwerpunkt der Volkswirtschaft liegt in der Mineuiudustrie, das agrikole Gewerbe leidet unter dem Mangel an Händen, die die lohnendere Beschäftigung in den Bergwerken vorziehend) Und Südamerika? In Argentinien war, nach einer Schätzung von 1893^), erst etwa ^/„g des Weizenareals unter den Pflug genommen — heute (die Ziffern sind mir derzeit nicht zur Haud) eine größere Quote. Aber noch immer jammern die dortigen Staatsmänner und Agrarier über die „seareit^ ok I^ncis".^') Auch die südlichste Provinz Brasiliens, Rio Grande du Sul, könnte zu einein Weizenlande hohen Ranges werden. Anfangs des Jahrhunderts stand hier die Cerealienprodnktion in Flor und faud beträchtlicher Export uach Nordamerika statt. Der Kornbau ging aber wegen des Einbruchs des „Brandes" und der Störungen des Bürgerkrieges zurück. Heute wird er zurückgehalten durch die geringe Eutwickeluug der Müllerei und des Verkehrswesens einerseits, durch die Konkurrenz der Kaffee- und Gummiproduktion, welche bisher höhere Rentabilitätschancen bieten, um die Arbeiter andererseits") — wie einst in Nordamerika der Kornbau durch die Konkurrenz der Tabak- und der Baumwollprodnktion. Economist, 1894, S. 1319. — D. Kolon.-Ztg., 1396, S. 172, — Ztschr. d. preuß. Statistischen Bureaus, 1893. 2) Aktionär, 1899, S. S02. °) Export, 1893, Nr. v. 9. September. 4) Economist, 1897, S. 1703. Symptomatisch ist die Einführung einer Junggesellensteucr (1898). °) Vgl. I. Wolf (a. a. O., S. 11, IS), der um Argentiniens willen Südamerika als den „Erdteil der Zukunft" bezeichnet. °) Export, 1398, S. 441. — Nach dem Vortrag von Hermann Meyer — 112 — Auch in Paraguay ist bisher die Bevölkerung viel zu dünn gesäet. „Alles, was man pflanzt, gedeiht vortrefflich, aber es fehlt an Menschen, die sich damit abgeben, zu pflanzen." Hier machen die Theekultur und die Viehzucht die Hände der Getreideproduktion abwendig^) — in Uruguay der rasch aufstrebende Weinbau. Aber — wenn auch in viel geringerem Maßstab als in Argentinien, wo Boden- uud Klimaverhältnisse für die Getreideprodnktion die relativ günstigsten sind — nimmt in Brasilien wie in Paraguay die Getreideproduktion in letzter Zeit zu; in Chile ist der Cerealien- export schon älteren Datums.'^) Uud — last not least, — Australien? Wie in den Vereinigten Staaten, wie in Canada, ist hier die Bevölkerung während weniger Decennien um Hunderte von Prozenten gestiegen. Zn Beginn der Regierung Viktorias hatte es ungefähr 200000, im Jahre 1896 rund 4^ Mill. Einwohner; das kultivierte Laud erstreckte sich damals auf einen Umfang von noch nicht ^ Mill. Korks, jetzt (1896) von 16^ Mill. Aber nur ein minimer Teil des kultivierbaren Landes ist damit kultiviert — die Hände fehlen. „Ug,n^ larA-e lleläs, novv in iriiavo^ ^voulck szzseäil^ coins to tlls krönt, tllere ^vers onl^ g, suLkciöQt, suxxl^ lg-Izour g,va,i1g,l>1s"/') Neu-Seeland, ungefähr so groß wie Deutschland, hat heute nur 800000 Einwohner — man meint, daß es 30 Millionen ernähren könnte"); Queensland, statt nur etwa ^ Mill. (1895) deren 20. Ganz Australien vielleicht 300 Millionen/') So fern es mir liegt Schätzungen, wie die letztere und manche über seine centralbrasilianische Forschungsreise in der D. Kolon.-Gesellschaft (27. März 1897) sollen auch in der Provinz Matto Grosso große Strecken fruchtbarsten Kulturlandes liegen, die zufolge der spärlichen Bevölkerung und der schlechten Transportbedingungen nahezu keinen Ertrag geben; diese Provinz habe vielleicht die größte Zukunft — allerdings wohl mehr hinsichtlich Gewinnung von tropischen Produkten als von Cerealien. Export, 1893, S. 163; 1897, S. 605. — D, Kolon.-Ztg,, 1893, S. 126. 2) In Brasilien unter dem Druck der Kaffeeprcisbaisse, vgl. Nationalztg. vom 26. September 1899. — Über Paraguay: Export, 1899, S. 295. — Über Chile: Export, 1893, S. 613. °) Westminster Neview, 1897, S. 457. — Econ. 1896, S. 485. Export, 1898. S. 217. — Westminster ReView, 1894, S. 358. °) Export, 1895, S, 393. — Westminster ReView, 1893, S. 408. — 113 — andere, oben angemerkte, als bare Münze anzunehmen — es ist doch notwendig, ihrer zn erwähnen. Denn, wenn auch etwas aus dem Blauen gegriffen, geben sie doch von dem Stand der „Brotsrage" eine zutreffendere Vorstellung als Oldenbergs Sätze von der „ungeheuren Steigerung der Zahl der Münder, die von derselben Erde gesättigt sein wollen", von der „gewaltigen Volkszunahme" Rußlands, Ostasiens — von Afrika, Südamerika, Australien gar „nicht zu sprechen".i) Die Situation ist heute die, daß in allen den genannten Ländern — in Rußland, in Sibirien, in Vorderasien, zum Teil auch in Indien, in Afrika, in Nord-, Central-, Südamerika, Australieu — die Bevölkerungsflut noch unabsehbare Zeit andauern kann, ohne daß dadurch die Gefahr der Brotnot für Westeuropa heraufbeschworen würde. Vielmehr würde, gerade zufolge solchen weiteren Wachstums der Ziffer, die Versorgung der Welt eine noch ergiebigere werden als heute — die Summe des Brotes in noch rascherem Tempo steigen als die Summe der Münder. Der Satz, daß „die Zeit der extensiven Erschließung ihrem Ende zugehe" 2), ist falsch. „Die Massenproduktion der neu dem Verkehr aufgeschlossenen Gebiete" wird nicht „bald wieder zurückgehen"^, sondern kaun sich noch unberechenbar erhöhen. Dank Ausdehnung der brotspendenden Fläche und intensiverer Ausnutzung der jetzt schon mit Getreide bestellten Böden werden die Nahrnngsquelleu künftig reichlicher fließen als zu Ende des Säkulum, an dessen Beginn R. Malthus geschrieben, — werden reichlicher fließen nicht trotz, sondern wegen weiterer Volkszunahme. Nicht bloß „der Geschäftsmann und der Durchschnittspolitiker !) Vgl. oben S. 102 das Citat aus Oldenberg. Wie Oldenberg in seiner Beurteilung der Frage des Fabrikatenexports der Industriestaaten die „Gegenkräfte" übersieht (s. o.), so übersieht er diese auch bei der Frage des Lebensmittelimports. Die Möglichkeit ungeheurer Steigerung der agrikolen Produktion zaubert er hinweg mit seiner famosen Doktrin vom „Eigensinn" des Kapitals, das für solche Steigerung nicht zu haben sei. 2) E. v. Halle, Sociale Praxis, 1899, S. S56. 2) Th. v. d. Goltz, Vorlesungen über Agrarwesen und Agrarpolitik, 1899. Dtetzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. 8 — 114 — wird jeden auslachen, der von der Gefahr (der Brotnot) spricht" sondern auch der Wirtschaftsgeograph nnd der Sozialökonom, Aber weder durch Auslachen noch durch Vorbringen von Thatsachen werden sie den Pessimisten bekehren. Sein weitsichtiges Auge wird er in fernste Zukunft richten und wird sagen: einmal muß dieses „Interregnum des abnormen Nahrungsüberflusses unter abnormen Verhältnissen"") doch ablaufen! Wenn in den Industriestaaten von heute die Ziffer in dem Tempo weiter hastet, welches sie im „Jahrhundert des Dampfes" eingeschlagen, und iu den Rohstoffstaaten von hente die Ziffer das, zum Teil wenigstens, noch raschere Tempo des Wachstums beibehält; wenn, unter dem Zwange des damit mehr und mehr steigenden Bedarfs, der Pflug der Erde weites Rund umkreist haben, die Nahrungsmittelprodnktion in allen Provinzen der Weltwirtschaft auf ein gleiches, hohes Maß von Intensität gebracht sein wird — so muß, falls dann die „Zahl der Münder" und mit ihr der Bedarf noch weiter steigt, die Zeit kommen, da nnser Planet der menschlichen Lebewesen zu viele zählt, um sie noch so ausgiebig ernähren zu können wie heute; die Zeit, da für alle Völker aller Zouen das „Gesetz des abnehmenden Ertrags" sich geltend macht, dessen Drnck heute erst einige wenige spüren; die Zeit, da die ,sxsoiö8 korao' zwar nicht gerade verhungern würde, falls sie weiter sich mehrte, aber doch entweder mit weniger Nahrung sich begnügen müßte als bisher, oder mehr und mehr dem Genusse der entbehrlichen Güter entsagen, damit Arbeitskräfte frei werden behufs Mehrung des Rohertrages der Nahruugsmittelproduktion durch immer intensivere Kultur. Aber das Sichbegnügen hat eine Grenze und die Erhöhung der Intensität auch. Was dann? Gewiß, die Zeit kann kommen. Daraus aber ist ein Argument zu Gunsten baldigster Einleitung einer Politik „auf Selbst- beschrünkung gegründeter nationaler Unabhängigkeit", zu Uugunsten der Fortführung der „kosmopolitischen Exportpolitik"^), nicht zu entnehmen. Oldenberg, S. 27. ") Oldenberg. S. 41. °) Oldenberg, S. 41. — 115 — Denn, erstens: wenn die Zeit kommt, da die Nahrungsquellen schwächer zu fließen beginnen, so wird auch die Bevölkerungsslut schwächer fließen, wird die Zahl der Münder nur noch in solchem Maße sich mehren, daß eine Minderung der Mundrationen nicht zu erfolgen braucht. Weshalb hat denn, seit Ende der Napoleonischen Kriegsüra, eine Volkszunahme stattgefunden so gewaltig, so rasch, so stetig, auf so weiten Gebieten der Erde wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit? Weil, vor allem dank dem Fortschritt der Technik und der liberaleren Handelspolitik, die Produktivität der Arbeit der Kulturvölker eine so gewaltige, rasche, stetige Steigerung erfahren hat wie nie zuvor. Der Aufschwung des Transportwesens nnd die Ab- schwächung des Schutzzollregimes gab den Nationen, welche — kraft des Besitzes großer Kohlen- und Erzlager, des Daseins zahlreicher, wohlgeschulter gewerblicher Arbeitskräfte u. s. w. — die relativ günstigsten Produktionsbedingungen für die Industrie besaßen, die Möglichkeit, alle technischen und sozialen Errungenschaften voll auszuwerten behufs Entfaltung der Industrie. Und den Nationen, welche die für die Rohstofferzeugung relativ günstigsten Produktionsbedingungen besaßen, ward die gleiche Möglichkeit behufs Entfaltung von Landwirtschaft und Bergbau. Indem in immer steigenden Mengen die Fabrikate jener mit den Lebensmitteln und Materialien dieser auf dem Weltmarkt ausgetauscht wurden, stieg die nationale Dividende jener wie dieser. Zufolge der Erhöhung der wirtschaftlichen Wohlfahrt ging die Köpfeziffer in die Höhe. Die Zahl der Münder wuchs, weil die Fähigkeit der Hände, sie zu sättigen, wuchs — die Dividende sogar noch stärker emporging als der Divisor. Osssantö causa esssat elisetus. Wenn die Zeit kommt, da die Dividende herabgehen wird, zunächst: weniger rasch emporgehen wird als in den letzten Dezennien, so wird auch der Divisor ein langsameres Tempo einschlagen. Wie der Divisor stieg mit steigender Produktivität der Arbeit, so wird er fallen — durch das Eingreifen der ,röxr6ssivs ckeeks" oder des ,mora1 rsstraint^ — mit fallender Produktivität der Arbeit. Wie jetzt die Menschen überall 8* — 116 — sich mehrten, wo es mehr Brot gab, und desto rascher, je mehr es gab, so wird, wo dessen dereinst weniger werden wird, die Zuwachsrate der Köpfe sinken, und desto kräftiger, je weniger. Und erst dann wird die Bevölkerungsflut wieder anschwellen, wenn wieder eine neue Ära steigender Produktivität der Arbeit einsetzt und Mehrung der Ziffer ohne Minderung des einmal erreichten Niveaus materieller Kultur gestattet. Die Ziffer wuchs da am gewaltigsten, wo das Produktivitäts- maximum lag: in den Kolonialländern, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Australien. Nicht so rapid, doch gleichfalls in recht schnellem Tempo, in England, Deutschland, Belgien. Weit weniger schnell in Frankreich, in der Schweiz, in Italien, denen es, um ihre nationale Arbeit auf die gleiche Staffel der Produktivität, wie in England u.s. w., zu heben, am „Brot der Industrie" gebracht) Auf 1 hkill kamen Einwohner ^) in im Jahre 1840 1390 England 105,3 192 Deutschland 61,2 96,5 Belgien 138,3 206,0 Frankreich 63,2 72,5 Schweiz 60,6 (1860) 73,3 Italien 80,5 96,0(1880) Geringer, im Vergleich mit England u. s. w., war die Volkszunahme auch in Spanien, Portugal, Türkei, deren Wohlstand weder durch Ausdehnung der Industrie, noch durch Ausdehnung der Rohstoffproduktion wesentlich emporgebracht werden konnte. Größer dagegen wieder, zum Theil größer als in Deutschland, in den dünn besiedelten Staaten Europas, wo — wie in Rußland, Rumänien, Serbien, Österreich-Ungarn — vor allem die Landwirtschaft, oder wo — wie in Schweden — der Bergbau und die Hoh- produktion unter günstigem Sterne stand. Andere Momente — besonders das der Bodenverfassung, durch welche die Zuwachsrate der agrikolen Bevölkerung wesentlich beeinflußt wird — haben selbstverständlich mitgewirkt. °) Vgl. die Tabelle im Handwörterbuch der Staatswissenschaften (2. Aufl.), Bd. II, S. 657. — 117 - Auf 1 cikm kamen Einwohner in Rußland: 20 (1820), 42 (1890); in Schweden: 6,9 (1840), 10,6 (1890). In Österreich- Ungarn war die Vorwärtsbewegung eine etwas schwächere: die Dichtigkeit stieg von 1840 bis 1890 im Verhältnis wie 100:140.^) Nicht die Verschiedenheit der „Prolisicität" der Racen, sondern die Verschiedenheit der Produktivität der Volkswirtschaften während der letzten Dezennien erklärt, in erster Stelle, die Unterschiede im Gange der Bolkszunahme. Überall stößt die Ziffer vor, aber, je nach dem größeren oder geringeren Fortschritt der Produktivität, in ganz verschiedenen Prozentsätzen. Daß ein relativer Rückgang der Produktivität einen relativen Rückgang der Volkszunahme bewirkt, kann bisher am deutlichsten an dem Beispiel der Vereinigten Staaten veranschaulicht werden. So lange hier noch guter Boden in Fülle sich darbot, so lange noch Minen hoher Ergiebigkeit in Menge zu erschließen waren, eilte die Ziffer ,M Isaxs s.r»ä Kouuäs" vorwärts. Je mehr Landwirtschaft und Bergbau sich ausdehnten, je mehr die Urproduktion zu niederen Klassen der Böden und Minen herabsteigen mußte und damit die nationale Dividende relativ schwächer anstieg als früher, desto mehr verlangsamte sich das Tempo. Nach den Zensusaufnahmen stellte sich die Zuwachsrate in den Jahrzehnten 1840/50 und 1850/60 auf etwa 35, 1860/70 auf 26,6, 1870/80 auf 25,9, 1880/90 auf 24,8 o/g — ein schrittweises Sinken des Zuwachses; für das Jahrzehnt 1890/1900 nimmt Sartorius von Waltershausen eine Zuwachsrate von 20 "/g an.-) Vgl. Sartorius v. Waltershausen, a. a. O., S. 5. — Handwörterbuch, S. 657, 763, 764. — ") Sartorius von Waltershausen, a. a. O., S. 9/10. — Daß das Nachlassen der Einwanderung nicht der ausschlaggebende Grund für dies Phänomen sein kann, sondern das Sinken der Zuwachsrate vor allem aus dem Sinken des Geburtenüberschusses herrühren muß, ergiebt ein Blick auf die Tabelle über die Einwanderung, S. 18. — Newcomb schätzt die Zuwachsrate für das Jahrzehnt 1890/1900 nur auf 18,94 °/g (vgl. Molinari, im I. d. Econ. 1899, X, S. 1S3). — Ob auch für West- und Mitteleuropa heute schon eine „immer weitere Kreise ziehende Tendenz allmählichen Geburtenrückganges" nachweisbar ist — — 118 — Die rasche Zunahme der Produktivität ist die Ursache der raschen Volkszunahme in einigen Ländern gewesen. Nimmt künftig die Produktivität ab, so wird auch die Volkszunahme abnehmen. — Dieser Einwand gegen die Begründung einer Politik der „Nationalisierung" auf die Möglichkeit dereinstiger Brotnot mag Widerspruch finden. Zweitens aber ist jene Begründung deshalb hinfällig, weil die Brotnotfrage mit der Frage: „Fortwursteln" auf dem Kurse zum Industriestaat oder „Rückwärtswursteln" zum Hafen „elementarer Selbständigkeit" nicht das Mindeste zu schaffen hat. Einmal angenommen, daß jener erstere Einwand nicht zuträfe; d. h. angenommen, daß im Zeichen der Weltwirtschaft Übervölkerung für die Gesamtheit der ihr angeschlossenen Völker, besonders aber für die Industriestaaten, bevorstehe, da künftig die Nahrnngsquellen dauernd versiegen würden, während die Zuwachsrate nicht abnähme. Dann mnß folgerichtig auch angenommen werden, daß im Zeichen autarkischer Volkswirtschaft (bezüglich durch Eigenproduktion der Lebensmittel unabhängiger Volkswirtschaft) Übervölkerung jedem einzelnen Volke drohe. Die Gefahr, daß die Nahrungsquellen dauernd versiegen, die Gefahr, daß die Ziffer hinauspralle über die Grenze, welche der derzeitige Stand der Nahrungsquellen ihr vorschreibt, ist — wenn überhaupt vorhanden — in diesem Zeichen ebenso vorhanden wie in jenem. Ein Volk von 50 Millionen, das aus dem nationalen Boden sein Brot gewinnt, kann, falls die Menge der Münder rascher wächst als die Menge des Brotes, genau ebenso der Brotnot verfallen wie eine Völkergesamtheit von 500 Millionen, innerhalb deren die eine Gruppe Lebensmittel produziert, die andere Industrie treibt u. f. w. Für eine Bölkergesamtheit wie für ein einzelnes Volk hängt die Frage, ob Brotnot sich einstellt oder nicht, wie vielfach behauptet wird (z. B. von I. Wolf, a. a. O., S. 13) — muß hier unentschieden bleiben. Vgl. die Tabellen in G. v. Mayr's Bevölkerungsstatistik (Schluß); abgedruckt in der Tübinger Zeitschr. 1897, S. 704/706. Das „Element der Schwankung" scheint mir noch zu groß, um sichere Schlüsse zu ziehen. — 119 — ab von der Bewegung der Produktivität einerseits, der Bewegung der Ziffer anderseits. Nimmt man an, daß im Zeichen der Weltwirtschaft eine Minderung der Produktivität ein Zurückgehen der Zuwachsrate nicht bewirken werde, so muß man gleicherweise annehmen, daß es auch im Zeichen der autarkischen Volkswirtschaft nicht geschehe. luoiäit in KoMarn, ^ui vult vitars Oliar^dcllin! Wenn Deutschland, geschreckt durch das Gespenst des möglichen VersiegenS der Nahruugsquellen, die außerhalb seiner Grenzen liegen, sich zurückziehen würde aus der Weltwirtschaft, so würde es das Gespenst des möglichen Versiegens der Nahrungsquellen, die innerhalb seiner Grenzen liegen, heraufbeschwören. Die Möglichkeit von Übervölkerung und Brotnot besteht — wenn sie überhaupt besteht — bei Isolierung wie bei Verkehr. Ob sie in jenem oder in diesem Zustande Wirklichkeit wird — immer muß, so oder so, die Woge der Ziffer zum Stillstand gebracht werden. Ob dieses Muß sich früher einstellen werde in jenem Zustande oder in diesem, vermag Niemand zu entscheiden. Die Behauptung, daß Übervölkerung und Brotnot rascher hereinbrechen würden, wenn die weltwirtschaftliche Entwicklung weiter dauerte, als wenn die Völker sie hemmten, aus dem Netze des Verkehrs ganz oder teilweise sich lösten, wäre eine völlig willkürliche. Und selbst wenn sie bewiesen werden könnte, wäre sie irrelevant — muß jenes Muß kommen, so ist es ganz gleichgiltig, ob es auf diese oder auf jene Generation trifft. Wie man sich auch zu dem Zifferproblem stellt: ob man meint, daß mit sinkender Produktivität die Bevölkerungsflut einhalten werde, oder die entgegengesetzte Meinung vertritt — mit dem Hinweise auf die Möglichkeit von Übervölkerung und Brotnot kann die Politik der „Nationalisierung" nicht begründet werden. So hält keines der Argumente, die für die „Verselbständigung", die „Unabhängigmachung" der Nationalwirtschaften, besonders der Industriestaaten, von der Weltwirtschaft ins Feld geführt zu werden Pflegen, Stich. Teils beruhen sie auf falschen Kalkulationen, bei denen nur gewisse Passiva in Anschlag gebracht, die überwie- — 120 — genden Aktiva ignoriert oder unterwertet werden — wie das Argument der zeitweisen Störungen, denen der Außenhandel ausgesetzt sei. Teils entstammen sie irrigen Prognosen, deshalb irrig, weil nur gewisse bedrohliche Tendenzen gesehen, die schützenden, stärkeren „Gegenkräfte" übersehen werden — wie das Argument der dauernd rückläufigen Bewegung des Fabrikatenexports und das des plötzlichen AufHörens des Kornimports. Teils werden sie gestützt auf Möglichkeiten, die — ob man sie verneine oder bejahe — für die Frage ohne Belaug sind, da sie einem Volke, dessen „wirtschaftliches und politisches Gebiet in den Grundzügen sich decken", nicht minder drohen als einem Volke, das, politisch souverän, wirtschaftlich eine Provinz der Weltwirtschaft bildet. Im Zeichen des Verkehrs leben die Kulturvölker der Gegenwart; in ihm werden sie auch künftig leben, wachsen und gedeihen. Nicht „unabhängiger vom Auslande" werden Deutschland, England u. s. w. werden, sondern abhängiger von ihm, und das Ausland von ihnen. Immer enger wird die weltwirtschaftliche Verknüpfung der Nationen werden, immer vollkommener die territoriale Arbeitsteilung, immer größer der Verkehr von Land zu Land, von Weltteil zu Weltteil. Künftig wird man die Verkehrsfeinde von heute, die den Zeiger an der Weltenuhr zurückdrehen möchten, in eine Linie stellen mit den Gegnern der Chausseen, der Eisenbahnen, der Maschinen. Bis dahin mag — die Politik der „Nationalisierung" hat ja eine starke Wnrzel werbender Kraft in dem Schlagwort „national" und eine noch derbere in dem sich als das „nationale" gebenden Interesse unserer Agrarier — noch einige Zeit vergehen. Noch viel Druckerschwärze mag der Sieg der fortschrittlichen, der in Wahrheit dem nationalen Interesse entsprechenden, über die rückschrittlichen Ideen kosten. Aber schließlich wird die Erkenntnis allgemein sich durchringen, daß das Doppelproblem der Wirtschaftspolitik — möglichste Steigerung des Volksreichtums und möglichste Stetigung des wirtschaftlichen Lebens des Volks — eine desto vollendetere Lösung erfahren muß, je mehr die Nationalwirtschaft mit der Weltwirtschaft verschmilzt. — Druck von Hesse 6 Becker in Leipzig, Seit 15 Jahren wirkt die Gehc-Stiftung in Dresden als staatswissenschaftliche und staatsbürgerliche Bildungsanstalt. Sie ist nicht ohne Vorgängerinnen. Abgesehen von amerikanischen Instituten von ähnlicher Bestimmung wären als solche speciell zu nennen die Hcols librs clos soiczneös politi^ue» in Paris^) und die Lenolg, 696), — Herr Rcgierungsrath vr. Schanze. 11. Staatsrecht (70), — derselbe. 12. 13. Deutsches Reichöstaatörccht - zweimal — (115 nnd 105), - derselbe. 14. 15. Sächsisches StaatSrccht - zweimal — (131 und 109), — derselbe. 16. 17. Völkerrecht - zweimal — (53 und 86), - derselbe. 18. Der allgemeine Theil dcS Bürgerlichen Gesetzbuches (111), — derselbe. 19. Das Recht der Schuldverhältnisse nach dem neuen Bürgerlichen Gesetzbnche (110), — derselbe. 20. Die für die Gemeindeverwaltung wichtigsten Bestimmungen des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches (124), — Herr Oberregiernngsrath Vr. Naundorff. ') Die eiuqellammerten Ziffer» geb?» die Zahl der durchschnittlich erschienenen Besucher an. IX 21. Handelsgesellschaften (76), — Herr OberlandeSgcrichtö- jetzt NeichSgerichtSraih Hoffmann. 22. 23. Wechselrccht - zweimal — (96 und 110), - Hr. NegiernngSrath vr. Schanze. 24. Urheberrecht (53), — derselbe. 25. Die Gesetze zum Schutze deS redlichen Verkehrs (31', — derselbe. 26. Strafrecht (611, - derselbe. 27. Gerichtsbarkeit und Rechtspflege in Sachsen (112), - Hr. Assessor, jetzt LcgationS- rath v. No flitz. 28. Die Arbeiterfrage in England , — Herr Handclsschuloberlehrcr Gcbaucr. 47. Die VvlkSivirthschaft Amerikas (67), - derselbe. 48-51. Die Grundlchren der Nationalökonomie — viermal — (74, 91, 89 und 95), Herr Director Edelmann -j-, dann H,'rr Dr. Wuttke. 52. Die Lehre vom Einkommen (67), — derselbe. 53—54. Finanzwissenschast — zweimal — (48 und 53), — Herr Director Edelmann 's. Thcilwcisc wiederholt i» Chenmiy, X 55. Finanzwissenschaft mit Ausschluß der Steuerlehre (78), - Hr. Dr. Wuttke. 56. Die Lehre von den Steuern (92), — derselbe. 57. Reichsfinanzwirthschaft (87), - derselbe. 58. Finanzgcschichtc des Königreichs Sachsen vom Ausgange des Mittelaltcrs bis zur Gegenwart l37), — derselbe. 59. Großstädtisches Finanzwesen (32), — Herr Director Edelmann 1'. 60. Agrargcschichte und Agrarpolitik (57), — Herr Professor Dr. Schulze. 61. Gewerbewesen <27), — Herr Director Edelmann j-. 62. Knnst und Gewerbe unter der Herrschaft des Merkantilismus (57), — Herr Dr. Sponsel. 63. Gewerbepolizei (32), — Herr Gewerberath, jetzt Oberregierungsrath a.D. Sicbdrat. 64. Gewcrberecht (64), — Herr Negieruugs-, jetzt Oberkonsistorialrath Lotichiuö. 65. Gcwerbegcrichte (77), — Herr Regierungsassessor Frhr. v. Welck. 66. Arbeiterversichernng (31), — Herr Negierungsrath Dr. Wcngler. 67. Die Arbeiterversichernng auf Grundlage der Statistik (76), — Herr Professor Dr. Helm. 63. Die Unfallversicherung (102), — Herr Dr. Löbner. 69. Die Unfallverhütung (46), — Herr Geh. Regierungsrath Morgenstern. 70. DaS Reichsgesctz, betreffend die Alters- und Jnvalidenversorgung der Arbeiter (120), — Herr Geh. Regierungsrath Dr. Rumpelt. 71. Der auswärtige Handel und die Handelspolitik (72), — Herr Director Edelmann -j-. 72. Deutschlands Handel und Zollwesen im 19, Jahrhundert (141), Herr Professor Findeisen -j-. 73. Die Handelspolitik des Deutschen Reiches (91*), — Herr vr. Wuttke. 74. Ursprung und Entwickelung der Verkehrsmittel (76), Herr Oberpvstsecretär a. D., jetzt Kgl. Bauverwalter und Commissionsrath Schaefer- 75. Verkehrswesen (67), — Herr Director Edelmann j-. 76. Deutschland zur See (84). — Herr Dr. Lindeman. 77. Elbschiffsahrt, besonders in Sachsen (65), — Herr Dr. Gleisberg. 73. Die Lehre vom Gelde — wegen Ablebens des Vortragenden unvollendet — (119), — Herr Director Edelmann -j-. 79. Deutsche Munzverfassung und Währungspolitik (70), - Herr Dr. Wuttke. 80. Genossenschaftswesen l50), — Herr Professor Dr. Schulze. 81. Das neue GenossenschaftSgesetz (73). — Herr Oberlandesgerichtsrath, jetzt Reichs- gerichtSrath Hoffmann. Die öftere Wiederkehr derselben Vortragenden, mit welcher der Beginn regelmäßiger Wiederkehr derselben Hauptvvrträge zusammenhängt, ist bedingt durch die Einrichtung der Lehrämter, d. h. der festen Anstelluug einiger Gelehrten mit dem Auftrage, die für die Gche^Stiftuug wichtigste» Disciplinen im Vortragsprogramm regelmäßig zu vertreten. Thatsächlich bestand ein solches Lehramt (für Nationalökonomie, Statistik und Verwaltungslehre) bereits in den Jahren ") Theilweise wiederholt in Planen i. B> XI 1889—1893, indem während dieser Zeit der Chef des Dresdener städtischen Statistischen Amtes, Herr Dircctvr Edelmann, welcher sich seit Eröffnung der Lehrthätigkeit der Stiftung im Januar 188ö als eine für die Zwecke der Stiftung ganz vorzüglich geeignete Lehrkraft bewährt hatte, mit Genehmigung der städtischen Behörden seine Thätigkeit regelmäßig zwischen der Gehe-Stiftung und seinem städtischen Amte theilte, bis er leider am 5. December 1893 beiden durch einen frühzeitigen Tod entrissen wurde. Die formelle Einrichtung zweier ordentlicher Lehrämter, eins für Staats- und Rechtslehre, eins für Volkswirthschaft und Statistik, erfolgte jedoch erst durch Z 39 des Nevidirten Statuts vom 30. November 1893, vom Königl. Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts bestätigt durch Decret vom 10. März 1894. Auf Grund dieser Bestimmung wurde im Herbst 1894 der frühere Königl. Sächsische Landgerichtsrath, nachmalige Regierungsrath im Kaiserlichen Patentamte, Herr Dr. Mr. Schanze und im Herbste 1895 Herr Dr. Hur. et xbil. Wuttke, beide durch frühere erfolgreiche Vorträge bei der Gehe-Stiftung bewährt, zu Inhabern dieser Lehrämter bestellt, der sie seitdem ausschließlich ihre Lehrthätigkeit gewidmet haben. Die oben aufgeführten 83 Vortragscyclen umfaßten zusammen 932 einzelne Vorträge, so daß im Durchschnitt auf einen Cyclus 11 Vorträge entfallen. Vortragscyclen, welche den ganzen Winter hindurch laufen, werden jetzt thunlichst vermieden, weil erfahrnngsmäßig der Eifer der Theilnehmer sich in so langer Zeit merklich abkühlt, zumal eine längere Pause in der Weihnachtszeit unvermeidlich ist. Die Normalzahl von einem Vortrage wöchentlich ergiebt sür jedes der beiden Winter-Quartale, vou denen das erste nicht früher als in der 2. Octvberwoche anfangen kann, 10—12 Vorträge. Erweisen sich diese zur Bewältigung des Gegenstandes unzureichend, so wird der Cursus jetzt entweder in zwei oder mehr selbständige Cyclen zerlegt oder im Nothfälle ihm noch eine Wochenstuude zugelegt. Bemerkt sei übrigens noch, daß die Gehe-Stiftungsvorträge pünktlich zur angesetzten Zeit beginnen (ohne sogenanntes akademisches Viertel) nnd somit etwas länger dauern als Universitätsvorträge, zumal auch die zur NichtÜberschreitung des Stundenschlags nöthigende Rücksichtnahme auf einen unmittelbar darauf in dem nämlichen Auditorium stattfindenden zweiten Vortrag wegfällt. Ist, was nur ausnahmsweise vorkommt, ein Abend mit zwei Vorträgen besetzt, so wird die Einrichtung so getroffen, daß der erste ^ 6, der zweite >/z 8 Uhr beginnt, so daß eine Collision XII auch bei etwas nberuvrmaler Dauer des ersten nicht stattfinden kann. Die Zulassung zu einem Vvrtragscyclus ist lediglich an die Formalität der Einschreibung geknüpft, worauf dem Betreffenden eine auf ihn persönlich lautende Zutrittsknrte zu dem betreffenden Cyclus eingehändigt wird. Die Karten sind beim Eintritt in das Auditorium vorzuzeigen uud diese Controle ermöglicht eine genaue Statistik des Besuchs. Für die hier besprochenen Vorträge steht der Stiftung ein eigenes Auditorium zur Verfügung, welches kaum mehr als 100 Zuhörer faßt. Für Schreibgclegenheit hat darin, um Raum zu sparen, nur iu sehr beschränktem Maaße Vorsorge getroffen werden können. Im Nothfälle können noch etwa 50 Personen, theils im Vorzimmer, theils in dem seitlich anstoßenden Sitzungszimmer so placirt werden, daß sie den Worten des Redners zu svlgcu vermögen. Aus diesen Raumverhältnissen ergiebt sich eine nicht zu überschreitende Norm für die Besucherzahl, welche bei der Beurtheilung der letzteren in Anschlag zu bringen ist. Nur iu zwei Fällen standen größere Räume zur Verfügung und wurden höhere Dnrchschnittszifferu erreicht, bei den Vorträgen des Herrn Professor Findeisen über Deutschlands Handel uud Zollweseu im 19. Jahrhundert, die im Stadtvervrdneteusaale nud bei der theilwciseu Wiedcrholuug der Borträge des Herrn vi-. Wuttke iu Plaueu i. B-, welche in einem großen Schnl- uud Bctsaale abgehalten uud von durchschuittlich 231 Personen besucht wurden. Daß die Vorträge des Herrn Negierungs- Nath Dr. Schanze über den allgemeinen Theil des neuen bürgerlichen Gesetzbuches im eigenen Hörsaale der Stistuug es aus die uämliche durchschnittliche Zuhörcrzahl (141) brachten, wie die oben erwähnten im Stadtverordnetcnsaale abgehalteneu, war nur unter großen Unbequemlichkeiten für die Thciluehmer zu ermöglichen. Die Zusammenfassung der Bvrtragscyclcu mit den Einzelvor- trägen in den folgenden Tabellen macht es nöthig, hier zunächst diese zweite Gattung von Gehe Stiftungs-Vorträgen zu besprechen. Eiu geistreicher Beurtheiler hat sie die „feierlichen Diners", die Vortragscyclen das „tägliche Brod" der Gehe-Stiftung genannt, und in der That ist ihnen ein gewisser repräsentativer Charakter nicht abzustreiten. Wie die Thätigkeit der Gehe-Stiftnng überhaupt am 10. Januar 1885 durch einen Einzelvortrag eröffnet wurde, den Se. Majestät der König durch persönliche Theilnahme auszuzeichnen gcruhtcu, so beginnt in jedem XIII Winter die Gehe-Stiftung ihre Vortragstätigkeit mit einem Einzelvortrage eines renvmmirten, fast regelmäßig auswärtigen Gelehrten, dein dann in jedem Mvnate ein weiterer Vvrtrag gleichen Charakters zn fvlgen Pflegt. Diese Vorträge, die in einem größeren, mehrere hundert Personen fassenden Saale abgehalten werden, bilden einen bemerkenswerthen Theil des öffentlichen geistigen Lebens der Stadt. Sie werden nicht blos öffentlich angezeigt, sondern auch von der Presse durch Berichterstattung und Besprechung ausgezeichnet, so daß au die vielen Tausende, welche uicht theilzunehmeu vermögen, wenigstens etwas von ihrem Inhalte gelangt. Außerdem werden sie neuerdings gedruckt, sowohl einzeln, als zum „Jahrbuch der Gehestistuug"^) vereinigt, jener vollen Publieität zugeführt, welche die Litteratur gewährt, und zugleich dauernd erhalten. Wie betreffs der äußeren Vorführung, so besteht auch betreffs des Inhaltes ein wesentlicher Unterschied zwischen Cyclus- und Einzcl- vorträgen. Während jene eine ganze Wissenschaft oder doch eine größere Partie derselben, wenn auch summarisch, zur Darstelluug zn briugen sucheu, köuueu die Einzelvorträgc sich selbstverständlich nur mit Einzelfragen befassen und werden naturgemäß solche bevorzugen, welche in besonderem Grade das Tagesiuteresse in Anspruch nehmen. Daher kommen in ihnen häufig praktische Streitfrage!: zur Erörterung, in denen es von Interesse ist, Fachmänner von anerkannter Competcnz ihre Meinung entwickeln uud begründen zu höreu. In den Bortrags- cyclen hingegen tritt naturgemäß das Polemische hiuter dem Didactischen zurück. Hier wird es sich zumeist um Darstellung des Bestehenden, des Geltenden handeln, nicht dessen, was angenommen zu werden verdiente. Die VortragScyelen werden also, ans die Wissenschaft angewendet, mehr das cvnservative, die Einzelvorträgc das fortschrittliche Element zur Geltung bringen. Trotz aller dieser Gegensätze ist es nicht die Verschiedenheit, sondern die innere Verwandtschaft beider Vortragsgattnngen, in welcher der Hauptwerth ilnes NebcueiuauderhergeheuS besteht, welcher ausdrücklich sauctivuirt ist durch Z 34 und 35 des Ncvidirtcn Statuts, von welchen der erstere betreffs der Eiuzclvorträge bestimmt.' ,,Jn den Einzelvorlrägcn, die weitere Kreise anzuregen bestimmt sind, sollen mit H c r a n z i c h n n g tüchtiger a n Swärtigc r K raste Fragen von hervorragendem allgemeinen Interesse behandelt werden." Verlag: von Zahn K Jaensch in Dresden. XIV In der ausdrücklich vorgeschriebenen Heranziehung auswärtiger Kräfte liegt der Schwerpunkt der ganzen Einrichtung. Durch sie werden die Inhaber der Lehrämter aus der Jsolirung befreit, in der sie sich, verglichen mit den Universitätsprvfessoren, befinden. Während diese nicht nur am Orte ihres Wirkens sich der Theilnahme an einer gelehrten Körperschaft erfreuen, sondern weit darüber hinaus in Folge der historischen Solidarität aller gleichartigen Institute als Mitglieder der Rsspublieg, ckootorum einen steten moralischen Rückhalt und Gradmesser ihrer Leistungen besitzen, sind die Inhaber der Lehrämter in Dresden völlig isolirt uud daher nothwendig ans den Vergleich mit auswärtigen Fachgenossen angewiesen. Es ist ein großer Gewinn für die Würdigung ihrer Leistungen, wenn das Pnblikum in den Stand gesetzt ist, sich daneben bei den anerkanntesten Fachmännern Raths zu erholen, und es bewahrt die Stiftung vor der Gefahr, auf welche der Altmeister der neueren deutschen Nationalökonomie Wilhelm Röscher in einem Briefe an den Verfasser eindringlich hinwies, daß ihre Thätigkeit möglicher Weise nur zu einer Vermehrung der im Ucberflusse dargebotenen minderwertigen populären Vorträge führen könnte. Dieser Verwäsferung, die der Gemeinverständlichkeit dienen will und nur die Plattheit befördert, liegt, wie Verfasser aus langjähriger Praxis versichern kann, eine arge Unterschätzung der Fassungskraft der nicht durch höhere Schuleu gegangenen Masse des Volkes zu Gruude. Die Arbeit eines gehobenen Volksschulunterrichtes, der Einfluß der auch den bescheidensten Mitteln zugängigen Literatur, endlich die Wirkung des praktischen Lebens, welches die verschiedenen Volkselemente viel mehr als früher durcheinander mischt und aneinander reibt, hat im Laufe eines Menschenalters in diesen Kreisen eine erstaunliche Veränderung zu Wege gebracht, welcher sich Derjenige nicht verschließen darf, der heutzutage mit Erfolg znm Volke sprechen will. Die Mitwirkung von Männern, welche in den obersten Bildungsschichten zn arbeiten gewohnt sind, ist ein kräftiges Gegengewicht gegen ein etwaiges Hcrabgchen des LehrtoneS, wozn bei der Gehe-Stiftung an sich um so weniger eine Veranlassung vorliegt, weil die Stiftungs- urkuude ihr gar nicht die Pvpulnrisirung der Wissenschaft zur Aufgabe stellt, sondern sie auf die „umfäuglicheu gebildeten Schichten" hinweist, die sie zur Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Aufgaben geschickt machen solle. Daß dieseSchichten sich sichtlich erweitern, ist eine erfreulicheThatsache, aber erst recht kein Grund, den Ton des Vvrtrags zn ändern oder herabzustimmen. XV Thatsächlich ist dies auch nicht geschehen. Die Gehe-Stiftung hat sich, ohne zufälligem Vorwiegen einzelner Besucherkreise, ans das ein thätsächlich Jedermann zugängliches Institut gefaßt sein muß, einen bestimmenden Einfluß einzuräumen, den Charakter einer wissenschaftlichen Anstalt zu wahren gewußt, und sie dankt dieses erfreuliche Ergebniß sicher nicht an letzter Stelle dem Zusammenwirken ihrer Lehrkräfte mit hervorragenden anderen Vertretern der Wissenschaft, zumeist von den Universitäten. In welchem Maaße diese an den Eiuzelvorträgen, deren zufällig gerade soviel als Vortragscyclen, nämlich 83, abgehalten worden sind, betheiligt waren, zeigen die nachstehenden Uebersichten. Nur fünf Einzelvorträge wurden von Gelehrten, die in Dresden oder dessen Umgebung ihren Wohnsitz hatten, abgehalten. Zu den übrigen 78 kamen die Bortragenden aus 27 anderen Städten, darunter nur vier, die nicht Universitätsstädte sind. Es war darunter vertreten: Hamburg Kiel Innsbruck München Oldenburg Rostock Tharandt Tübingen Würz bürg Besprochen wurden folgende Gegenstände und zwar vou den Herren: Berlin 13 mal, Bonn Leipzig 10 „ Erlangen Halle ? „ Freiburg i.B, Straßburg 6 „ Graz Jena 4 „ Heidelberg Karlsruhe weiter: Marburg Breslau Prag Göttingen je 3 mal Wien Greifswald Zürich je 2 mal je 1 mal ^. Aus dem Gebiete der politischen Hilfswissenschaften. 1. Individualismus und Socialismus im Geistesleben des 19. Jahrhunderts, — Prof. Dr. Theob. Ziegler. 2- Die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien durch Vasco da Gama und seine Bedeutung für den Weltverkehr, - Prof. Dr. S. Rüge. 3. Das moderne Japan, — Prof. Dr. K- Rathgen. i. Die wachsende Bedeutung der neuen Welt, — Prof. Dr, S. Nuge. 5. Bevölkerungsbewegung und Bevölkernngspolitik, — Geh. Reg. - Rath Prof. vi-. Elster. 6. Die Vereinigten Staaten und die europäische Auswanderung. — Prof. Dr. v. Philippovich. XVI 7. Die Deutschen außerhalb des Reiches, - Gel). Neg.-Natl) Prof. vl'. Böckh. 8- Cvlonialpolitik, — Dr. Jannasch. 9. Die Sklaverei im Alterthume, — Prof. Dr. Ed. Meyer. 1t). Der Ursprung der Sklaverei in den Colonien, — Prof. Dr, Knapp. 11. Die Theilung Afrikas, — Prof. Dr. S. Nnge. 12. Die überseeischen Schutzgebiete des deutschen Reichs, — Prof. Dr. Kirchhofs. 13. Die staatsrechtliche Stellung der deutschen Schutzgebiete, — Geh. Rath Prof. vi-, Georg Meyer -j-. 14. Die Entwicklung des französischen Kolonialreiches, — Dr. Anton. L. Aus dem Gebiete der Rechts- und Staatswisscnschnft. 15. Volksrccht und Gesetzesrecht, - Prof. Dr. Oertmann. 1l>. Gesetzgebung nnd RcchtSstudium der Neuzeit, — Prof. Dr. Meili. 17. Ein Ucbcrblick über das neue Bürgerliche Gesetzbuch, — Geh. Justizrath Prof. Dr, Leonhard. 13. Ueber deu Entwurf eiueS neuen Handelsgesetzbuchs, ^ Geh. Justizrath Prof. Dr. Gierke. 19. Die Kunst der Rechtsprechung, — Prof. Dr. Friedr. Stein. 2V. Verbrcchcnstricb nnd VergeltuugSidee, — Prof. Dr, v. Kirchcuhcim. 21. DaS Verbrechen als social-pathologische Erscheinnng, — Geh. Justizrath Prof. Dr. F. v. Liözt. 22. Entwickelungsgeschichte deS modernen Staats, — Geh. Hosrath Prof. Dr. So hm. 23. Die Entwickelung des deutscheu Bürgerthums von der Mitte deS 17. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, — Prof. Dr. Lamprccht. 24. Wahlrecht und Wahlpflicht. - Prof. Nr, Triepel. 25. Wahlsysteme und Minoritätenvcrtretung. — Prof. v>. Nosin. 2ti. UnitariSmnS nnd Föderalismus in der deutschen NeichSverfassung, — Prof.», Nehm. 27. Die rechtliche Stellung des Kaisers im neuen deutschen Reiche, — Geh. Hofrath Prof. vi-. Binding. 28. Die Veränderungen der deutscheu NeichSverfassung seit der Ncichsgründnng, — Prof. 0--. Laband. 29- Die staatsrechtlichen Verhältnisse Nußlands, — Prof. Dr. Bieuemann. 3». England und Rußland in Mittelasien, - Geh. Justizrath Prof. Dr. Gcffcken 5. 31. Die Zukunft des Krieges. — Prof. Dr. Jellinek. 32. Ursprung nnd Aufgabe des EousularwescuS, — Prof. V--, Stoerk. 33. Die Stellung deS modernen Staates zurNeligion und Kirche, — Prof. D,. Nieker. 34. Die Stellung der Kirche zur VolkSN'irthschast, — Prof. vr. Gotheiu. 35. DaS Wesen der Sociologie, - Prof. l)r. Gumplowicz. 3L. Die Fraucnfrage, — Prof. 0.-, Gust. Cohu. 37. Wirthschaftliche und socialeZuständcin osteuropäischen Länder», — Prof. v>', M i sch ler. 38. Socialismus und Kommunismus im Altcrthnmc, — Prof Dr. Ehcbcrg. 39. Die Anfänge dcö französischen Socialismus, — Prof v>-. Knapp. 4». Die Anfänge der kapitalistischen Wirthschaft, — Derselbe. 41. Socialismus und Socialrcform, — Pros. D«-- v. Schoenberg. 42. Wesen und Aufgaben der Socialpolitik, - Geh. Ober-Neg.-Nath Dr. v. Scheel. XVII Alls dem Gebiete der Vcrwaltlmgslehre. 43. StaatSvcrträge und internationales VcrwaltinigSrccht, — Pro?. O>. v. Stengel. 44. Der Einfluß der ökonomischen Theorien auf die Entwickelung des deutschen Ver- waltungsrcchts, — Prof. Dr. Stoerk. 45. Reform der Armcngcsetzgebung, — Prof. Dr. Löuing. 46. Stadtcrweitcrnngen, — Oberbaurath Prof. Baumeister. 47. Die Wohnungsnoth, — Prof. Dr. Schmoller. 43. Elektrische Centralanlagen, — Admiralitätsrath Prof. Dr- Hagen. 49. Die sociale Aufgabe der höheren Schulen, — Prof. Dr. Willmann. v. Aus dem Gebiete der Volkswirthschaftslehre. 50. Weltwirthschaft und Volköwirthschaft, - Professor Dr. H. Dietzel. 51. Ueber die Wirthschaft der Naturvölker. — Professor v>-. Bücher. 52. Volkswirthschaft uud Volkswirthschaftslehre, zur Kennzeichnung der darin herrschenden verschiedenen Richtungen, — Geh. Negiernngsrath Professor Dr. Eonrad. 53. Die neuesten Fortschritte der nationalökonomischcn Theorie, — Professor Dr. Sax^. 54. DaS Kapital, — Wirkl. Geh, Rath Professor Dr. v. Böhm-Bawerk. 55. Die Messung des Volkswohlstandes mit besonderer Berücksichtigung der Ernährung, — Geh. Oberregierungsrath Dr. Engels. 56. Die Erbschaftssteuer, — Geh. Oberregierungsrath Dr. v. Scheel. 57. Die Commuualbesteuerung mit besonderer Rücksicht ans die Reform derselben in Preußen, — Professor Dr. Robert Fried berg. 53. Die Lage der deutscheu Landwirthschaft, — Geh. Hofrath Professor Dr. o. Miaskowski 5. 59. Die agrarische Krisis in Rußland, — Professor v--. Buchholz. 60. Die nationalökonomische Eigenthümlichkeit der Forstwirthschaft, — Geh. Oberforst: rath Professor Dr. Judcich ^. 61. Die industriellen Betriebsformcn in ihrer historischen Entwickelung, — Professor Dr. Bücher. 62. Herannahende Umwandclnngcn dcö städtischen Industriebetriebes und die Stellung des Ingenieurs im Staate, — Geheimer Regierungsrath Professor Dr. Reuleaux. 63. Tcxtilstoffe uud Textilindustrie der Colonialländer, — Dr. Jannasch. 64. Der Schutz deö sogenannten industriellen Eigenthums, — Negiernngörath Dr. Schanze. 65. Die Anfänge der modernen Fabrikgesetzgebung, — Professor v--. Picrstorff. 66. Die englischen Gewerkvereine, — Legativnsrath von Rostn;. 67. Die internationale Arbeitsschutzgesetzgebung, — Geh. Hofrath Professor 0,-, Brentano. 6Z, Die Altersversicherung der Arbeiter, — derselbe. 69. Neuere Richtungen auf dein Gebiete der Arbeiter-Wohlfahrtspflege, — Geh. Oberregierungsrath Professor Dr. Post. 70. Die Arbeitslosigkeit und ihre Bekämpfung, — Professor Dr. Julius Wolf. II XVIII 71. Der gegenwärtige Weltverkehr, — Geh. NcgierungSrath Dr. Kollmann, 72. Die Meistbegünstigung im internationalen Verkehr, — Professor vi-. Stoerk. 73. Die Aufgaben der deutschen Handelspolitik, — Dr. Jannasch. 74. Großmagazine und Kleinhandelsstand, - Ministcrialrath Professor IX Mataja. 75. Das Hansirgewerbe in Deutschland, — Professor Dr. Stieda. 76. Die wichtigsten Formen der Collectiv-Unternehmung, — Professor Dr. Leser. 77. Die Währungsfrage. — Geh. RegierungSrath Professor Dr. Paasche. 73. Der gegemvärtige Stand der Währuugsfrage, — Professor Dr. Lexis. 79. Die österreichische Valutareform, - Geh. Hofrath Prof. Dr. v. Miaskowski ^. 30. Bimetallismus und Waarenpreise, — Dr. Ninke. 31. Die Bodenreform (vor dem Börseiigcsehe), — Professor Dr. Gustav Cohu. 32. Die Börsenrcform (nack dem Börsengcsetze), — Professor Dr. Loh. 83. Verfall und Reform des Genossenschaftswesens, - Dr. H. Stolp. Nach der Zahl der von ihnen in der Gehc-Stistung gehaltenen Vortrage, bez. nach dem Alphabet, gruppiren sich die Herren Vortragenden (mit Weglassung der Titel) wie folgt. Es sprachen: dreimal: 1. Jannasch (8, 63, 73)« 2. Knapp (10. 39, 40). 3. Rüge (2, 4, 11). 4. Stoerk (32, 44, 72). zweimal: 5. Brentano (67, 63). 6. Bücher (51, 6l). 7. Cohn (36, 81), 21. Eugel -j- (55). 22. Nob. Friedberg (57). 23. Geffckcn 5 (30). 24. Gierke (13). 25. Gothcin (34). 26. Gumplowicz (35). 27. Hagen (43). 28. Jellinek (31). 29. Jndeich 5 (60). 30. v. Kirchenheim (20). 3. v. Miaskowski(53,79). 31. Kirchhofs (12). 9. v. Scheel (42, 56). einmal: 10. Anton (14). 11. Banmcister (46). 12. Bienemann (29). 13. Biuding (27). 14. Böckh (7). ' 15. v, Böhm-Bawcrk (54). 16. Buchholz (59). 17. Eonrad (52). 13. Dictzcl (50). 19. Eheberg (38). 20, Elster (5). 32. Kollmann (71). 33. Laband (23). 34. Lamprecht (23). 35. Leonhard (17). 36. Leser (76). 37. Lexis (73) 33. v. Liözt (2l). 39. Löning (45). 40. Lotz (82). 41. Mataja (74). 42. Meili (16). 43. Ed. Meyer (9). 44. Georg Meyer -j- 45. Mischler (37). (13). 46. v. Nostitz (66). 47. Oertmann (15). 48. Paasche (77). 49. v. Philippovich (6). 50. Pierstorff (65). 51. Post (69). 52. Rathgen (3). 53. Nehm (26). 54. Neuleaux (62). 55. Rieker (33). 56. Niuke (80). 57. Rosin (25). 53. Sax 5 (53). 59. Schanze (64). 60. v. Schönberg (41). 61. Schmoller (47). 62. Sohm (22). 63. F. Stein (19). 64. v. Stengel (43). 65. Stieda (75). 66. Stolp (83). 67. Triepel (24). 68. Willmann (49). 69. Wolf (70). 70. Ziegler (1). Die eingeklammerten Zahlen verweisen ans das vorstehende systematische Verzeichnis; der gehaltenen Einzelvorträge. XIX Die sämmtlichen 83 Einzelvorträge, welche von Neujahr 1885 bis Ostern 1900 in der Gehc-Stiftung stattfanden, wurden von zusammen 37 324 Personen besucht. Das bedeutet eine Durchschnittsziffer von 450 Besuchern für jeden Vvrtrag. Nach Hunderten abgestuft ergeben die Besucherzahlen sämmtlicher 83 Einzclvvrträge folgende Scala: Besuchszahl: Vorträge mit dieser Vesuchszahl: 100-200 1 201-300 12 301-400 18 401-500 29 501-600 16 601-700 1 701-800 2 801-900 2 901-1000 1 1001-1100 1 Nur 13 Vorträge murden von weniger als 300, nur 7 vou mehr als 600 Personen besucht. Bilde« jene 13 Vorträge gewissermaßen einen Gradmesser für die untere Grenze des Interesses, so kann man die letztgenannten 7 uicht als kennzeichnend für die obere Grenze desselben ansehen) denn hier war die Größe der zur Verfügung stehenden Saal- ränme mit entscheidend. Die Gche-Stiftuug besitzt keinen eigenen Saal für die Einzelvorträge, sondern benutzte dazu anfänglich den Bvrsensaal, später, nachdem dieser der öffentlichen Benutzung entzogen worden war, abwechselnd die Säle des Meinhold'schen Etablissements, der Philharmonie, des Musenhauses und zuletzt deu Saal des neuen Vereinshauses. Die ungleiche Größe dieser Säle zog der Maximalzahl der auszugebeuden Billets, welche die der vorhandenen Sitze nicht überschreiten durfte, verschieden weite Grenzen. Sie betrug iu den ersten fünf Wintern, wo der Börsensaal benutzt werden konnte, 600. In diesen Jahren stellte sich die durchschnittliche Besucherzahl wie folgt: Frühjahr 1885: 423/ Winter 1885/86: 414/ 1886/87: 450/ 1887/88: 458,- 1888/89: 502 — im Mittel 449. In der siebenjährigen Periode des Herumwauderns machte sich mit Rücksicht auf die geringere Größe der Säle eine Reduction der Maximalzahl auf 500 nöthig. In Folge dessen sank die durchschnittliche Besucherzahl im Winter 1889/90 auf 364,- 1890/91: 384/ 1891/92: 366/ 1892/93: 365/ 1893/94: 385/ 1894/95: 436/ 1895/96: 389 - im Mittel 369. II' XX Mit der Uebcrsiedelnng ins Vereiushaus, in dessen großem Snalc über 1000 Menschen Sitzgelegenheit finde»/ trat sofort eine ansehnliche Steigerung der durchschnittlichen Besucherzahl ein. Dieselbe betrug in den Jahren 1896/97: 592/ 1897/98: 645) 1898/99: 490/ 1899/1900: 563 — im Mittel 558. Die 932 CyeluSvorträge der Gehe-Stiftung wurden von insgesammt 68 886 Personen besucht. Es betrug sonach die Besucherzahl sämmtlicher seit ihrer Eröffnung am 10. Januar 1885 bis Ostern 1900 von der Gehe-Stiftung veranstalteten 1015 Borträge (Einzelvorträge nnd Cyclen zusammen) im Ganzen 106 210. Der Antheil der einzelnen Jahre an dieser Gesammtsumine läßt folgende Tabelle ersehen. Jahr Einzelvorträge VortrcigScyclcu Voriräge Besucher Cyclcn Voriräge Besucher 1835 Januar bis März 4 1711 2 23 1039 1835/36 6 2 505 3 44 1637 1886/37 5 2 052 3 27 2 632 1387/88 5 2 293 3 56 2 592 1383/89 3 1506 4 69 4313 1839/90 5 1819 4 55 2380 1390/91 5 1923 5 61 3 742 1391/92 5 1831 5 65 3 543 1892/93 5 1324 6 53 3 523 1893/91 6 2 313 3 2? 2414 1894/95 6 2620 10 92 7 636 1895/96 6 2 337 8») 71«) 5 973«) 1896/97 5 2 959 6 65 5 873 1397/93 6 3 373 6 63 4 632 1893/99 6 2 910 7,°---) 74«») 3 326««) 1399/1900 5 2818 8 37 , 3 121 1885/36 bis 1899/1900 83 37 321 33 932 63 336 In dieser Uebersicht machen sich vier Jahresgruppen von auffallend verschiedenem Charakter bemerkbar. Die erste umfaßt die drei ersten Jahre 1885/87, die Zeit des tastenden Versnchens. Hier stehen 15 Einzelvorträge mit 6268 Besuchern 94 Cyelusvvrträgen mit zusammen nur 5308 Besuchern gegenüber. Die Einzelvorträge dominiren. incl. Chemnih. ") incl. Platte». XXI Die zweite sechsjährige Periode 1887/88 bis 1802/93 ist die Zeit, in welcher die Cyelusvorträge durch die ständige Thätigkeit des Herrn Direktor Edelmann chnrakterisirt wurden. Hier kommen auf 28 Eiuzelvvrträge 359 Cyelusvorträge. Die Zahl der Letzteren beträgt reichlich daS Zwölsfache, statt, wie in der vorhergehenden/ das Sechsfache der Eiuzelvvrträge, und 11196 Besucher» der Letztere» steheu 20 603 der Borrragseyelen gegenüber. Statt an Zahl hinter den erstgenannten zurückzubleiben, machen sie sast das Doppelte desselben ans. Einen Rückschlag bringt das Jahr 1893/94. Dnrch den Tod Direktor Edelmanns wurde das Lchriustitnt seiner hauptsächlichsten Stütze beraubt. Die Zahl der CyelnSvorträge sinkt auf 27 mit 2414 Besuchern herab, gegenüber den 2313 Bcsuchcru der 6 Eiuzelvvrträge kaum noch eine Mehrzahl zu nennen. Eine neue Periode beginnt im Winter 1893/94 mit der Neu- eonstituirung der beiden ordentlichen Lehrämter. In dem seitdem ver- flvsscnen abermals sechsjährigen Zeitraume sind neben 34 Eiuzelvvrträgen ^52 Cyelusvorträge gehalten worden und den 17 547 Besuchern der Ersteren stehen 40 561 Besucher der Letzteren gegenüber. Die Besucher der Vvrtragscyclcn machen weit über das Doppelte von der Zahl der Besucher der Einzelvorträge aus. Die Statistik der Hörer nach Stand und Beruf ist nicht in gleicher Vollständigkeit durchzuführen. Für das erste Quartal von 1885 mangeln hinlänglich genaue Aufzeichnungen. Für den eben abgeschlossenen Winter siud die zeitraubenden Auszüge und Zusammeustelluugeu noch nicht beendet. Es müssen also vvn der Gesammtzahl der Einzelvor- tragsbesncher 3529, von der Zahl der Cyclushörer 9160 als iu die folgende Statistik nicht inbegriffen außer Betracht gelassen werden, so daß sich dieselbe nur auf zusammen 33 795 Besucher von Einzelvor- trägcn und 59 726 Cyclushörer erstreckt. Infolge der mehrfachen Wiederkehr derselben Personen*) während des nämlichen Winters reducirt sich die Summe der gezählten Hörer Ueber daS Vetricbsjahr hinaus wird dic Pcrsonenidentität nicht verfolgt. ES sind sowohl in der Statistik der Vortragshörer als in derjenigen der Bibliothck- t'csucher die aus älteren Jahren bekannten Hörer und Leser — und es giebt solche, deren Verbindung mit der Gehe-Stifiung bis zur Zeit ihrer Eröffnung hinaufreicht — iu der Pcrsonalstatistik des neucu Jahres jedes Mal als neue Einheiten behandelt worden, was bisweilen schon durch veränderte Berufsstellnng nöthig werden würde. XXII bei den Besuchern der Eiuzelvortrügc auf 19054, bei deu Cyclushöreru auf 7436 Judividucu, von denen Jeder in demselben Jahre auf der einen Seite ungefähr acht Cyclusvvrträge besucht haben muß, auf der anderen nicht ganz zwei Einzelvorträgcn beigcwvhnt haben kann. Die Gesammtzahl der 26490 classificirten Besucher vertheilt sich nun auf die beiden Vortragsgattuugen und auf die der Statistik der v Gehe-Stiftung seit 14 Jahren zu Grunde gelegten Bcrufsgruppen, wie folgt: Beruf Besucher von Einzel- Vortraas- vorträgen cyclen 1537 476 192 73 2978 1363 5303 379 567 231 695 629 7. Kanzlei-, Rechnungs- und Exccutiv- bcamte, Expedienten.... 2466 1518 3. Sonstige Verwaltungsbeamte . . . 672 176 9. Richterliche Beamte, Rechtsanwälte und Referendare..... 845 333 10. Aerzte und Apotheker..... 380 136 1143 725 12, Gelehrte und Schriftsteller.... 539 190 13. Studireude und Schüler .... 1193 523 99 26 IS. Militärs.......... 345 93 Zusammen 19054 7436 Es ist augenfällig, daß die unter den Besuchern der Einzelvorträge relativ am stärksten vertretene Gruppe der (selbstständigen und un- selbstständigen) Geiverbtreibenden — sie macht hier ein reichliches Viertel der Gesammtzahl aus — unter den Besuchern der Vortragscyclen in viel schwächerem Maaße vertreten ist. Hier repräscntirt sie noch nicht ein Achtel der Gesammtzahl nnd steht erheblich zurück sowohl hinter derjenigen der Kanzleibeamteu, als derjenigen der Kaufleute, während diese unter den Besuchern der Einzelvorträge zusammen gerade so viel Vertreter zählen, als die Gewerbtreibenden allein. Dieser Gegensatz XXIII erklärt sich durch den Umstand, daß die Einzelvorträge regelmäßig Sonnabends stattfinden, also an einem Tage, an welchen: in den meisten Werkstätten die Arbeit zeitiger aushört, so daß die Leute noch Zeit und Lust übrig habeu, einen ernsten Vortrag anzuhören. Bei den Kaufleuten und Canzleibeamten fällt diese Bevorzugung eines einzelnen Wochentages weg, und weun die Letzteren sich im Gegensatz zu den Gcwerbtreibenden au deu Cyclusvorträgcn, die nie Sonnabends abgehalten werden, vcrhältnißmäßig stärker beteiligen, als an den Einzelvorträgen, indem sie von den Hörern dieser nur ein Achtel, von den Besuchern der Vortragscyclen hingegen ein Fünftel ausmachen, so mag hierbei der Hinblick auf die seit etlichen Jahren bei Staatsund Commuualbehördcn eingeführte«: Sccrctärsprnfnngen, von deren Gegenständen mehrere in den Vortragscyclen der Gehe-Stiftung regelmäßig behandelt werden, wenigstens als unterstützendes Moment mit einwirken. Noch frappanter als bei dev oben genannten Bcamten- katcgorie ist übrigens die starke Betheiligung an den Vortragscyclen bei den Verkehrsbcamten, die in beiden Vvrtragsgattungen fast iu gleicher Zahl vertreten sind. Ein ganz anderes Bild zeigt das Verhältniß bei Rentiers und Pensionären, Schriftstellern und Gelehrten im Allgemeinen, bei denen ein unmittelbar praktisches Interesse am detaillirten Eingehen auf gewisse Disciplinen nicht zu präsumiren ist, was sich im Herabgehen der Betheiligung an deu Vortragscyclcu auf ein Drittel und weniger gegenüber der Betheiligung an den Einzelvorträgen ausdrückt. Anders stellt sich die Sache bei den richterlichen Beamten und Nechtsanwälten, seit in den Vortragscyclen regelmäßig auch juristische Vortrüge abgehalten werden, die ihrem fachlichen Interesse entsprechen, weshalb diese Vor- tragsgattung von ihrer Seite mehr berücksichtigt wird, als von den unmittelbar vorher genannten Hörerclassen. Noch wäre einer dritten Gattung von Vorträgen zn gedenken, die weder von den Inhabern der Lehrämter, noch von fremden Professoren und zugczogeueu Fachgelehrten, sondern in Gemüßheit des oben citirten Z 36 des Nevidirtcn Statuts von den Theilnehmern der praktischen Uebungen selbst gehalten, kritisirt und discutirt werden. Solcher Uebungsabeude sind einschließlich des Eröffnungsabends am 8. März 1893 und eiuer nachträgliche« Sitzung zur Beendigung der angefangenen Discussion bis jetzt im Ganzen 80 abgehalten und durch- XXIV schnittlich von 12—15 Thciluehmern besucht worden. Ueber zwanzig läßt sich die Zahl der activen Thcilnehmer nicht gut ausdehnen, wenn alle nicht uur an der mit den bei dieser Gelegenheit znr Borlage gelangenden neuesten Erwerbungen der Bibliothek bedeckten Tafel im Sitzungszimmer Platz finden, sondern anch zum Worte kommen wollen/ denn hier darf es keine bloß passiven Teilnehmer geben. Sind doch alle Beteiligten, wenn auch überwiegend jüngeren Alters, über die Jahre hinaus, in welchen die Geistesarbeit eine überwiegend receptive ist. Besucht wurden diese engeren Bortrags- und Discussionsabcnde vorzugsweise von Gelehrten und Schriftstellern, Kaufleuten, Geistlichen und Lehrern, richterlichen und sonstigen Beamten. Aeußerlich betrachtet, ist das „Praktikum" von allen Veranstaltungen der Gehe-Stiftung die unscheinbarste. Es dient aber am directcsten dem Zwecke der Stiftung, insofern diese „eine geeignete Vorbereitung und Ausbildung von Männern" zu unterstützen bestimmt ist, welche sich „eiuer öffentlichen Wirksamkeit widmen wollen". Denn zu solchem Vorbereitetsein geuügt nicht die Bekanntschaft mit dem allgemeinen Systeme der einschlagenden Wissenschaft, sondern es gehört dazu wesentlich das Eindringen in das Detail einzelner Fragen und solche sind es, die im Praktikum zur Erörterung kommen. Es erhält dadurch nicht nur der Referent Anlaß, sich mit dem einschlagenden Material zu beschäftigen, sondern auch die übrigen Theilnehmer werden durch die von ihm aufgestellten und gedruckt vertheilten Thesen zum Voraus auf die streitigen Punkte hingewiesen, so daß eine allerseits gehörig vorbereitete und dadurch fruchtbarere Erörterung möglich ist. Die Thciluehmer des Praktikums würdeu es nun der Gehe- Stiftung wenig Dank wissen, wenn sie ihnen weiter nichts darböte als die Gelegenheit, sich gegeneinander auszusprechen,- denn diese könnten sie sich ja leicht auch auf anderem Wege, etwa durch Gründung eines Vereins, selbst schaffen. Der Werth der Verknüpfung mit der Gehe- Stiftung liegt vielmehr darin, daß dieselbe zugleich neben den Rathschlägen der Inhaber der Lehrämter das erwähnte unentbehrliche „Material" in thunlichster Vollständigkeit darzubieten sich angelegen sein läßt. Und damit kommen wir zn derjenigen Einrichtung der Stiftung, welcher dieser Band speciell gewidmet ist, ihrer eigentlichen Schatz- und Rüstkammer, der Bibliothek. XXV In der Stiftungsnrkunde war eine svlche nicht vorgesehen. In dieser ist nnr von „Vortragen und Uebungen" die Ncde. Aber da die Zeit dieser Vorträge und Nebungen so gewählt werden soll, daß sie von Männern, welche in ihrem Berufe thätig sind, nebenher benutzt werden können, mit anderen Worten, da diese Thätigkeit der Stiftung ans die Abendstunden verwiesen ist, deren ersprießliche Verwendung für svlche Zwecke in den Svnimerinvnaten crfahrnngsmäßig als ausgeschlossen gelten niuß, so würde die Stiftung mit Vvrträgcu uud Uebungen allein, gleich vielen Vereinen, nur zu einer intermittircnden Thätigkeit gelangen. Ja sie wäre insofern noch übler daran, als diese, deren Theilnehmer doch wenigstens formell durch das Band einer fortdauernden Mitgliedschaft zusammengehalten werden, und genöthigt, ihr Publikum sich im Frühjahr in alle Wiude zerstreuen zu lassen, um es dann im Wiutcr aufs Neue zu sammeln. Um dieser Calamität zn entgehen, gab es kein anderes Mittel, als die Einschiebung eines auch im Sommer fortwirkenden Bindegliedes und das konnte kanm etwas anderes sein, als eine Bibliothek. Bibliothek und Lesesaal mußten den durch die Stiftungsurkuude an die Hand gegebenen Bildungsmitteln hinzugefügt werden, um ihnen Stabilität zu geben. Darüber war sich das Direktorium der Gehc- Stiftuug klar, ehe diese ihre Thätigkeit eröffnete, und verwendete deshalb das der Vorbereitung gewidmete Jahr 1884 vornehmlich zur Anlegung einer solcheu, nicht einer Volksbibliothek — denn deren gab es schon zur Genüge — sondern einer stantswissenschaftlichen Fach- biblivthck, an der es in Dresden fehlte, wenn auch einige Zweige der Staatswisscuschasten schon in der königlichen öffentlichen, der Stadtbibliothek und den Bibliotheken der beiden statistischen Bnreaus, des königlichen und des städtischen, mehr oder minder ausgiebig berücksichtigt wurdeu. Auf letztgcdachten Umstand nahm auch das Revidirtc Statut vom 30. November 1893 Rücksicht, indem es in Z§ 29 und 30 folgende Bestimmungen traf: Zur Förderung des Selbststudiums unterhält die Gehe-Stiftung eine staatswissenschaftliche Bibliothek mit einem Lesezimmer. Die Bibliothek der Gehc-Stistnng soll zwar dazu beitragen, das; für staatSwisscnschaftliche Studien das literarische Material iu Dresden möglichst vollständig zu finden und dem öffentlichen Gebrauche zugänglich sei; eS soll aber bei den Anschaffungen auf das in anderen Dresdener Bibliotheken zu findende Material Rücksicht genommen werden. XXVI Diese Rücksichtnahme, welche, ehe sie zur Vorschrift wurde, schon vou Anfang an thatsächlich geübt wurde, entlastete die Gehe-Stiftnng von der Einbeziehung eines Wissensgebietes, welches, beiläufig bemerkt, in der Reichstagsbiblivthek einen bedeutenden Raum einnimmt, uämlich der Geschichte. Hierin durfte sich die Gehe-Stiftuug im Hinblick auf die ausgiebige Pflege, welche der Geschichte in der nach dieser Richtung berühmten Dresdner Königlichen Bibliothek zu Theil wird, äußerste Beschränkung auferlegen. Aehulichcs galt von der Statistik im Hinblick ans die Bibliotheken der genannten zwei statistischen Aemter. Aber auch bei dieser Beschränkung war an eine planmäßig durchgeführte gleichmäßige Vertretung der verbleibenden Fächer nicht zu denken. Es kam, um praktisch baldmöglichst einen Anfang machen zu können, vor Allem nur darauf an, den Rahmen für das Gauze festzustellen und von dcmselbeu vorerst soviel auszufüllen, als sich in kürzester Zeit leisten ließ. Das Erstere geschah durch Annahme des vom Verfasser eutworfeneu und im ersten Programme der Gehe-Stiftung abgedruckten Generalplans, das Zweite durch bestmöglichste Benutzung der sich darbietenden Gelegenheiten zur Vervollständigung der vom Verfasser anfänglich dargeliehenen, später schenkungsweise überlassenen Privat- bibliothck. Herr Dr. Jvh. Frantz, jetzt Bibliothekar an der Königlichen Bibliothek in Berlin, unterzog sich der Herstellung eines systematischen Zettelkatalogs, uud so wurde es möglich, vier Woche» nach Beginn der Vortrüge der Gehe-Stiftung, am 7. Februar 1885, dem Publikum wenigstens die etwa 4-5000 Bände zählenden Anfänge einer staatswissenschaftlichcn Fachbibliothek und ein etliche fünfzig fachwissenschaftliche Periodiea umfassendes Lesezimmer zu bieten. Heute zählt die Bibliothek über 50 000 Schrifteil. Im Lesezimmer liegen 174 Periodiea aus und ihre Zahl würde um die Hälfte größer seiu, wenu der Raum die Auslegung aller gehaltenen Zeitschriften und Fortsetzungswerke gestattete. Ihrem wachsenden Umfange entsprechend und in viel stärkeren Proportionen, als der Besuch der Vorträge, ist die Benutzung der Bibliothek gestiegen. In den ersten 10'/z Monaten (bis Schluß des Jahres 1885) haben die Stiftuugsbibliothek nur 56 Personen zum Entleiheil von Büchern benutzt. Die Zahl der verliehenen Bücher betrug 231. In einer zweiten gleich langen Periode (bis Michaelis 1886) stieg die Zahl der Entleiher auf 117, die Zahl der entliehenen Bücher auf 594. Die Zahl der am Schlüsse dieses Zeitabschnitts in den Händen des XXVII Publikums befindlichen Bücher betrug nicht mehr als 141. Erst von dieser Zeit an hat eine vollständige Aufzeichnung der Besucher, einschließlich derjenigen, welche nur das Lesezimmer benutzten oder sich begnügten, die gesuchten Bücher im Stiftuugslokalc eiuzusehcu, stattgefunden. Sie betrug im Geschäftsjahre (Michaelis bis Michaelis): Bcsuchcr: im Laufe des Jahres davon ausstehend ausgcliehenc Bücher: am Schlüsse: 1886/87: 1639 1 191 295 1887/88: 3138 1 796 246 1888/89: 4 388 2114 393 1889/90: 4 427 2 654 377 1890/91: 5611 3 420 570 1891/92: 7 282 4 730 716 1892/93: 11257 8 615 999 1893/94: 18 931 17 089 1415 1894/95: 20 975 17 166 1675 1895/96: 21368 17 338 1619 1896/97: 20527 15 378 1696 1897/98: 21076 16 349 1 844 1898/99: 20 140 14 460 1821 Mit Hinzunahme der in den ersten 21 Mvnaten ansgeliehenen 825 Werke sind sonach bis Michaelis 1899 von der Gehe-Stiftungs- Bibliothek im Ganzen 123 125 Bücher ins Hans verliehen worden. In dem eben beendigten Winter 1899/1900 kamen dazu weitere 10 992, welche indeß in den folgenden Svecialstatistiken, deren Aufmachung längere Zeit erfordert, noch nicht berücksichtigt werden konnten. Dem aufmerksamen Leser der vorstehenden Zifferreihen kann nicht entgehen, daß das Anfangs stetige Wachsthum des Verkehrs mit dem Jahre 1892/93 einer sprunghaften Bewegung Platz macht. Der Grund hiervon liegt in dem plötzlichen Hervortreten einer Leserklasse, welche im Verkehr der Gehe-Stiftung bis dahin nur eine beschränkte Bedeutung gehabt hatte: Studiereude und Schüler. Zerlegt man die Zeit von Eröffnung der Bibliothek bis Michaelis 1899 in zwei siebenjährige Perioden, so kommen Studirende nnd Schüler ans 1885 bis 1891/92: 301 mit 2202 entliehenen Büchern 1892/93 bis 1898/99: 5 543 „ 44003 „ „ Zusammen: 5 844 „ 46205 „ „ XXVIII andere Leser auf 1885 bis 1801/92: 1 928 mit 14 528 entliehene» Büchern 1892/93 bis 1898/99: 8 150 „ 62 392 „ „ Zusammen: 10 078 „ 76 920 „ „ Die Zahl der Leser überhaupt ist in der zweiten Perivde um? 22L9 ans 13 693 gestiegen, hat sich also gegenüber derjenigen der ersten ungefähr versechsfacht, die der Studircndcn uud Schüler verachtzehn- facht, die der nudereu Leser uur reichlich vervierfacht. Die Zahl der eutlieheucu Bücher ist iu derselben Zeit vvn 16 730 ans 106 395 gestiegen, hat sich also ebenfalls reichlich versechsfacht, die Zahl der an Stndircnde nnd Schüler allein verliehenen verzwciuudzwauzigfacht, während der Bedarf des übrigen Publikums uur reichlich ans daS Dreifache gestiegen ist. Diese Entwickelung hat gleich bei ihrem Beginn das Directvrinm vor die Frage gestellt, ob nicht die Gefahr naheliege, daß die Stiftnngs- Bibliothek ihrer eigentlichen Bestimmung entfremdet uud zu einer Bolksbibliothek im gewöhnlichen Sinne gemacht werden könnte, wozn um sv weniger ein Bedürfniß vorliegt, als die vou der Stadt unterhaltenen und vom Gemeinnützigen Vereine verwalteten Vvlksbiblivthekcn diesem Bedürfuisse reichlich gcuügeu. Eiue Schutzwehr blieb freilich auf alle Fälle bestehen: die Beschränkung der Biblivthek auf Fächer, welche mit den iu den Bolksbibliotheken vorzugsweise gepflegten nichts zu thun haben. Anf der anderen Seite war aber nicht zu überscheu, daß die Auffassung der „staatsbürgerlichen Erziehung" — uud dieser zu dienen' ist und bleibt doch wesentlich Aufgabe der Gehe-Stiftnng — sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich geändert hat und daß die Anfänge derselben in ein Alter gelegt worden sind, welches mau früher vou der Be- fassung mit öffentlichen Angelegenheiten thunlichst fern zu halten beflissen war. Gesetzeskunde uud Volkswirtschaftslehre bilden jetzt einen regelmäßigen Unterrichtsgegenstand in Fortbildnngsschnlen uud auf derselben Stufe stehenden Anstalten, nnd dnrch die Feier patriotischer Gedenktage werden selbst die Volksschüler zu einem Interesse an den Grundlagen unserer nationalen Verhältnisse angeleitet. Dieser Eutwickeluug konnte die Gehe-Stiftnng nicht schlechthin ablehnend entgegentreten. Sie hat, so lange ihre Hauptaufgabe uicht darunter litt, das von anderer Seite geweckte Interesse nicht unbefriedigt XXIX lassen zu sollen geglaubt uud aus ciuigcn ihrer Fächer eiue beschränkte Anzahl geeigneter Bücher, die denn verhältnißmäßig sehr stark benutzt werden uud gewissermaßen beständig aus einer Hand in die andere gehen, diesem Zwecke vorzugsweise gewidmet. Die folgende Uebersicht wird zeigen, daß es sich hauptsächlich um vier Capitel handelt, in welchen die abnorme Steigerung des VcdarseS in der zweiten, verglichen mit der ersten siebenjährigen Periode den Einfluß des Schülerverkehrs erkennen läßt: Geschichte, Geographie, Kolvnialpolitik und Militnirweseu, was iu diesem Falle so ziemlich gleichbedeutend ist mit Kriegsgeschichte. Da von diesen vier Capiteln drei der Haupt- abthciluug L. (Hilfswissenschaften) augehören, cvncentrirt sich das plötzliche Anschwellen des Bedarfs zum größten Theile auf diese, wo die Benutzung sich in der zweiten Periode auf das Fünfzehnfache der in der ersten stattgefundenen steigerte. Und vornehmlich dem Einflüsse des Capitels: „Kriegswesen" ist es zuzuschreiben, wenn auch bei Abschnitt v (Verwaltung) die zweite Periode im Vergleich mit der ersten einen achtmal so starken Verkehr aufweist. Die Ziffern in den übrigen Capiteln dürfen im Ganzeu und Großen als das Resultat einer normalen Eutwickelnng angesehen werden, welche im Hauptabschnitt D (Volkswirthfchnft) eiue Verdreifachung, iu Hauptabschnitt IZ (Staats- uud Rechtswissenschaft) eine Vervierfachung des Bedarfes erkennen läßt. ^. Politische Hilfswissenschaften. A » Ss, clicl, e»c Vüchcr: ISS'i—1MI,!>Ä I»!>Ü/!»—Z»!>z/!>a 18S5-I8M/W 1. Encyclopädien, Wörterbücher . 2. Bibliographie, Bibliothcktnndc . 3. Literatur und Zcituugöweseu 4. Philosophie........ 5. Geschichte........ 6. Geographie und Statistik. . . 7. Bevölkeruugöwisscnschaft . . . 8. Auswanderung und Kolonien . 1 8N2 34 483 36 285 65 446 511 74 203 277 44 1 007 1051 47 845 892 374 8164 9 033 97 232 329 634 6 063 6 702 ^sumiue ^: 3 637 51448 55 085 L. Staats- nnd Rechtswissenschaft. 9. Gesctzsaimnlnngcn........ 75 10. Land- und ReichStagSactm..... 40 11. Staatöwissenschaftliche Zeitschriften uud 72 277 147 317 4 432 132t 2 239 5 054 2159 2 650 XXX Ausgeliehene Bi> cher: I88Ü- I>W/g3—ISW/W I88!>—1«M/»g 331 997 1328 87 251 338 16. Praktische Politik........ 1032 2 571 3 653 594 1896 2 490 18. Kirche, Kirchenrecht und Kirchenpolitik . 200 825 1 025 Summe lZ: 3 780 15 331 19161 Verwaltung. 426 1750 2176 33 110 143 37 206 293 275 1632 1907 23. Gefängnißwesen......... 159 1395 1554 574 1995 2 569 25. Bau- und Straßenwesen, Städtcreinignng, 133 1613 1301 354 3 023 3 382 333 3 533 8 921 Summe 2 429 20 317 22 746 0. Volkswirthschnft. 1418 3 539 4 957 364 583 947 30. Landwirthschaft, Gruudeigeuthnm und 532 1309 1891 31. Forst- uud Jagdwesen, Fischerei . . . 141 274 415 123 379 507 33. Industrie und Fürsorge sür Arbeiter . 1603 4 950 6 553 3t. Handel, Handelspolitik und Zollwescn . 933 2 350 3 238 631 3 572 4 203 172 601 773 204 233 492 234 393 632 112 130 292 21 83 104 217 355 572 32 227 259 43. Consumtiou nnd häusliche Oekonomie . 32 161 193 Summe v: 6 834 19 249 26 133 Hanptsnmmc: 16 730 106 395 123 125 Läßt man die Stndirenden und Schüler als einen, viele in dem ursprünglichen Plane der Gehe-Stiftnng nicht eingeschlossene Elemente XXXI enthaltenden Theil der Leserschaft außer Betracht, so sind, wie die nachfolgende Tabelle zeigt, die Gelehrten nnd Schriftsteller zwar nicht die zahlreichsten aber die eifrigsten Benutzer der Gehe-Stiftnng gewesen, wobei nicht übersehen werden darf, daß die Inhaber der Lehrämter, welche doch zn allererst auf die Benutzung der Stiftnugs- Biblivthck angewiesen sind, unter dieser Gruppe von Lesern mit inbegriffen sind. Die Gcwerbtreibenden, welche unter den Besuchern der Einzclvorträge an erster, unter denjenigen der Vortragscyclcn an dritter Stelle standen, kommen in der folgenden Uebersicht erst an fünfter. Knnzlcibcamte und Kaufleute, welche dort die dritte und zweite, beziehentlich erste und zweite Stelle einnahmen, stehen hier an dritter und vierter, was die absolute Zahl der entliehenen Bücher anlangt. In der Durchschnittszahl der auf die einzelnen Leser kommenden Bücher geheu ihnen von sonstigen größeren Gruppen: Rentiers uud Pensionäre, Verwaltungsbeamte, Lehrer und richterliche Beamte vor. Das Letztere ist um so bemerkenswerther, als eine stärkere Benutzung durch Fachjnristcn erst mit der Gründung des juristischen Lehramtes und der systematischen Entwickelung der juristischen Abtheilung der Stistungs-Bibliothek eingetreten ist. Es kamen ans Entleiher entliehene Bücher durchschnittlich 5.20 4436 8,5 Itl 664 6,0 1797 12055 6,7 1636 10257 6,1 304 1672 5.5 410 2069 5.0 7. Kanzlei-, Nechmmgs- und Exccntivbeamtc, Expedienten 2076 12557 6,0 415 3305 8,0 9. Richterliche Beamte, Ncchtöanwälte und Referendare . 651 5060 7,8 192 1904 9.9' 1067 3417 7,9 12. Gelehrte nnd Schriftsteller.......... 639 13247 20.7 5844 46205 7.9 72 408 5.7 138 869 6,3 Zusammen: 15922 123125 7,7 XXXII In diesen Tabellen tritt nicht zu Tage, was die Bibliothek ganz besonders befähigt, dem Wunsche des Stifters gerecht zn werden, daß, wenn die von ihm gegründete Anstalt auch „die ihr gestellte große Aufgabe nur zu einem kleinen Theile und vorzugsweise nnr für die nähere Umgebung ihreS Kreises uud Sitzes zu lösen vermag . . . daraus eine Beschränkung der Intention auf Erreichung localcr oder provinzialer Zwecke mit Nichten gefolgert werden darf, die Stiftung vielmehr ihrer Bestimmung nach, einen allgemeinen Charakter haben sollte." Dieser Bestimmung vermag die Bibliothek dadurch besonders zn entsprecheil, daß sie möglichst leicht anch von Auswärtigen benutzt werden kann. Es geschieht dies auch in ziemlicher Ausdehnung. Denn nicht nnr ans verschiedenen Orten Sachsens, sondern anch aus anderen Gegenden des deutschen Reiches, ans Oesterreich-Ungarn (namentlich aus dem nördlichen Böhmen), hin uud wieder selbst aus der Schweiz wird die Bibliothek in Anspruch genommen, uud es gereicht der Verwaltung zur Genugthuuug, das Strebeu nach Vollständigkeit aus dem specifischen Gebiete der Bibliothek, soweit dies auch selbstverstäudlich von der Erreichung des Zieles entfernt ist nnd immer entfernt bleiben muß, als eine schätzenswerte Eigenschaft der Stiftungs^Bibliothck anerkannt zu sehen. Um die Bibliothek sür Solche, welche an kleinen Orten aller literarischen Hilfsmittel ermaugelu, benutzbar zu machen, sind nicht nur die Bedingungen der Venntznng thnnlichst erleichtert"), namentlich die Spesen des Hin- nnd Rücktransports zwischen Absender nnd Empfänger getheilt worden, sondern man hat anch die Kosten nicht gescheut, durch successive Drucklegung der wichtigsten Abtheilungen des Katalogs uud reichliche Vertheilung von Exemplaren desselben an solche Stellen, wo ein Bedürfniß der Verwaltung vorausgesetzt werden konnte, die Fernwvhneudeu mit dem in der Stiftuugs-Bibliothek Vorhandenen bekannt zu machen und ihnen dadurch deu oft schmerzlich vermißten Ueberblick der etwa zu benutzenden Literatur zu verschaffeu. Schon drei Jahre nach Eröffnnug der Bibliothek für den öffentlichen Gebrauch ging der erste Band des Katalogs, von dem damals, am meisteu cultivirtcn Abschnitte v (Volkswirthschaft) den damaligen . *) 8 31 des Nevidirtcn Statuts bestimmt: „Tie Benutzung der Bibliothek ist sowohl in- als außerhalb Dresdens wohnenden Herren thnnlichst zu erleichtern." XXXIIl Bücherbestand in thunlichst eingehender Specialisirung nachweisend und mit mehrfachen Indices verschen im Drnck hinaus. Im Jahre 1892 folgte der zweite Band, enthaltend die Capitel! Staatslehre, StaatS- und Völkerrecht nnd den Hauptabschnitt L! Verwaltung. Seitdem hat sich der Bücherbestand der Abtheilung v mehr als verdoppelt und namentlich durch die Literatur der inzwischen verflossenen 12 Jahre um zahlreiche besonders gesuchte Bücher vermehrt. Deshalb hat man schließlich im Interesse bequemer Benutzung seitens der Leser von der erst geplanten Heransgabe eines Nachtrags Abstand genommen und einen vollständigen Neudruck beschlossen, der aber, theils um nicht den Drnck zu lauge hinzuziehen und das Werk noch während desselben veralten zu lassen, theils um ein unförmliches Anschwellen des ursprünglichen ersten Bandes zu vermeiden, in drei Abtheilungen erfolgeu soll. Die erste, umfassend die Capitel: Nationalökonomie und Finanz- wisscuschaft, liegt hier vor. Der Bücherbestand dieser beiden Capitel, dessen Verzeichnis^ in der ersten Auslage auf 65 Seiten gegeben werden konnte, hat in der neuen Auflage 166 Seiten beansprucht. Bei den beiden folgenden Abtheilungen, von denen, die Genehmigung des Stiftsraths vorausgesetzt, die eilte, Ackerbau und Gewerbe umfassend, im nächsten, die andere, dem Handel und Verkehr gewidmete, im übernächsten Jahre herauskommen soll, wird der Zuwachs sich als ein uvch bedeutenderer erweisen. Schließlich ist noch einiges über den Bücherbestand und die Organisation der StiftungSbiblivthek zu sageu. Eine genaue Aufnahme des Bestandes in den einzelnen Capiteln kanu augenblicklich nicht vorgelegt werden. Aber das ist sicher, daß man zu ganz falschen Schlüssen kommen würde, wenn man die Ziffern der Benutzung zu Maaßstäben des präsumtiven Bestandes nehmen wollte. Wie weit man sich dadurch von der Wirklichkeit entfernen würde, zeigt folgender Umstand. In den Capiteln Geographie und Cvlvnialpolitik, auf welche nach obiger Statistik der Bibliothekbenntzung ein reichliches Drittel der ausgeliehencn Bücher kam, bezifferte sich nach einer im vorigen Jahre vorgenommenen Zählung, deren Ergebniß dem damals veröffentlichten, eben diese beiden Capitel betreffenden dritten Bande des Kataloges vorausgeschickt ist, der Bücherbestand auf weuig über 5000. Er betrug also nicht über ein Zehntel des Gesammtbestandcs und übertraf kaum den der in gegenwärtigem Bande behandelten Capitel: Nationalökonomie nnd Finauzwissenschaft, die doch in dem m XXXIV Verzeichnisse der Ausleihungen nur mit zusammen 5904 Nummern vertreten sind, mithin mich nicht ein Zwanzigstel der bis Michaelis 189!? überhaupt ausgeliehenen Bücher ausmachten. Daraus geht hervor/ daß jene bevorzugten Capitel relativ ungefähr siebenmal so stark benutzt worden sind, als Nationalökonomie und Finanzwissenschaft, nicht aber, daß sie im Bücherbestand siebenmal so stark vertreten seien, als diese. Aehnlichcs läßt sich, mit Ausnahme des schon erwähnten Capitels „Kriegswesen", mehr oder minder von allen Capiteln der Abtheilungen L, L und O behaupten. Vom Bücherbestände der Stiftnugs-Viblivthek bilden diese, während sie in der Bcnutzungsziffer, wenn man vollends das „Kriegswesen" ans die andere Seite wirft, mir etwa die Hälfte ausmachen, weitaus die Hauptmasse. Was die Verwaltung anlangt, so war diese anfänglich überaus einfach vrganisirt. Die Bibliothek besaß zuerst mir einen einzigen Beamten nnd zwar für den Catalogdienst, der namentlich in der Zeit der ersten umfänglichen Ankäufe sehr gehäufte Arbeit mit sich brachte. Die Vermehrung nnd Ordnung des Bücherbestandes, auch den Verkehr mit dem Publikum, wo dieser nicht ganz mechanischer Art war, besorgte der Verfasser neben der allgemeinen Verwaltung der Stiftung. Alles Uebrigc, namentlich das durch die Ausleihung entstehende Schreibwerk, war Sache des einzigen für alle Canzleigcschäfte angenommenen Expedienten. Jetzt beschränkt sich die Thätigkeit des Verfassers auf die obere Leitung. Hierüber enthalten die §Z 31 und 32 des Revidirten Statuts folgende Vorschriften: „Die näheren Bestiinmnngcii über die Verwaltung nnd Benutzuug der Bibliothek hat das Dircetorium zu treffen. „Für die Verwaltung der Bibliothek ist, sobald als erforderlich nnd thuulich, ein eigner Bibliothekar anzustellen, dessen Wahl nach § 1-1 »üb 4 deö Statuts auf Vorschlag des Dircetoriumö durch dcu StiftSrath erfolgt. „Der Bibliothekar muß ansier der erforderlichen sprachlichen und fach- teckmischeu auch hinreichende staatSwisseuschaftlichc Bildung nnd Litcratnr- kcnutuiß besitzen, um sowohl die Anschaffungen richtig zn leiten, als anch dem rathsucheudeu Publikum hinsichtlich der zu cousultircnden Bücher zweckmäßige Fingerzeige geben zu könne». „Es ist zulässig, die Function des Bibliothekars mit der Verwaltung eines Lehramtes bei der Stiftung oder mit der Geschäftsführung der letzteren zu verbinden." XXXV . ^ . Vvn dem Rechte, die Bedingungen der Biblivthckbcnutzung fest zu stellen, hat das Dircetorium schvn mehr als einmal Gebrauch gemacht. Denn unter der sich mehrenden Zahl der Leser, die seit 1894,95 ständig über 2000 im Jahre beträgt, befanden sich, wie nicht anders zu erwarten, auch solche, welche sich des geschenkten Vertraucus unwürdig erwiesen und gegen die mit erhöhter Streugc vorgegangen werden mußte. Sv fvlgtc dein Reglement vom 3. Fcbrnar 1885 ein rcvidirtes vom 7. December 1887 nud zuletzt eiu abermals erweitertes vom 6. Februar 1900. Das letztere ist auf Seite 38 dieses Baudcs abgedruckt. Dagegen ist bis jetzt die Nothwendigkeit nicht eingetreten, eiueu besonderen Vorstand der Bibliothek anzustellen, sv lange Verfasser im Stande ist, dieses Amt neben der Geschäftsführung der Stiftung zn besorgen. Wohl aber ist anf seine eigue Anregung eine Einrichtung getroffen worden, welche Ersatz bietet für den iu absehbarer Zeit uicht zu nctivirendcn „Lehrkörper", zu welchem nach Z 37 des Revidirtcn Statuts die mit Vorträgen bei der Gehe-Stiftuug daucrud beauftragten Herren gehören sollen und der sich nach dem bekannten Satze „trc-L taeiunt eollsAium" ans den zwei bestehenden ordentlichen Lehrämtern nicht aufbauen läßt. Dieses Surrogat, welches zugleich die Inhaber der Lehrämter mir der Bibliothekverwaltung in solche Verbindung setzt, daß sie im Staude sind, ihre Wünsche uud Bedürfuisse bei den Anschaffungen für die Bibliothek zur Geltung zu bringen, ist der vom Dircetorium durch Regulativ vom 2. Juni 1896 errichtete „Wissenschaftliche Ausschnß". In demselben werden unter Anderem in wöchentlichen Sitzungen alle eingehenden Novitäten, sowie sonstige fnr die Bibliothek wünschcns- werthen Erwerbungen besprochen und die sich zeigenden Bedürfnisse mit den verfügbaren Mitteln dergestalt in Einklang gebracht, daß die Junehaltung des durch das Budget angewiesenen Credits ohne Bevorzugung oder Zurücksetzung des einen oder anderen Faches erzielt wird. Beschränkungen sind dabei freilich nöthig,- denn fast die Hälfte deS für Anschaffungen angewiesenen Fonds wird durch Zeitschriften und Fortsetzungswerke absvrbirt. Und wenn die Schranken des Budgets selbst minder eng gezvgen wären, so würde die Rücksicht auf den verfügbaren Raum auf manche Anschaffung zu verzichten gebieten. Die Titel der neu erwvrbenen Bücher werden alsbald fortlaufend, nach den 43 im Kataloge unterschiedenen Hauptfächern gesondert, in zwei III» XXXVI im Lesesnale aufliegende Bände eingetragen, außerdem aller 14 Tage in derselben Ordnung auf zwei Fvlioseiten autogrnphirt und nicht nur deu übrigen ani Orte befindlichen öffentlichen Bibliotheken, sondern auch deu sonstigen Hauptintercssenten in und außerhalb Dresdens zugesendet, so daß für sie der gedruckte Katalog iu kürzesten Intervallen auf dem Laufenden erhalten wird. Zur Beherrschung der Büchermasse im Detail sind jetzt zwei- wissenschaftliche Beamte angestellt, einer in der Hauptsache für deu inneren, der andere für den äußeren Dienst. Der erstere, Herr Bruno Schwarze, der auch das Manuskript des vorliegenden Bandes und das zugehörige Register augefertigt und die mühsame Corrcctur besorgt hat, ist mit der Führung des Accessions- Katalogs, der Controlle der Verrechnungen mit den Lieferanten, der Verdaukungcn au die Schcukgeber, weiter mit der Einordnung der ueu hinzukommenden Bücher und der Fortführung des systematischen Zettel- Katalogs beauftragt. Der andere, Herr vr. xbil. Ottomar Schuchardt, hat iu erster Linie den äußeren Dieust, den Verkehr mit dem Publikum zu erledigen und die hiervon nicht iu Anspruch gcuommene Zeit der Ausdehnung des alphabetischen Nominalzettelkatalvgs auf diejenigen Abtheilungen der Bibliothek zu widmen, für welche die Einrichtung desselben uoch nicht vollständig durchgeführt ist. Eudlich ist seit mehreren Jahren Herr Dr. plül. Richard Böttger, dessen Name dem Leser schon im Verzeichnisse der Cyclusvorträge entgegengetreten ist, mit regelmäßiger Durchsicht der zahlreichen von der Bibliothek gehaltenen Periodica betraut, um die Titel der das Arbeitsgebiet der Stiftung berührenden Artikel mit Angabe der Stelle, wo sie stehen, zu excerpiren und genau nach dem Systeme des Real- Katalogs der Stiftungs-Bibliothek in ein großes, für etwa 100000 Zettel Raum bietendes Jonrualrepertorium einzuordnen. Die Aufbewahrung und Ordnung der Empfangsscheine über die ausgeliehenen Bücher, die Fixirung derselben in chronologisch zu führenden Preßcopirbüchern, die Eintragung der Entleiher in die zugehörigen alphabetischen Personenregister^), der Pvstverkehr, endlich die *) Die Empfangsscheine selbst werden nach dem Namen der Autoren, beziehentlich nach den Büchertiteln geordnet aufbewahrt, um für jedes etwa ansgelichenc Buch sofort feststellen zu können, wem und seit wann es ausgeliehen ist. XXXVII Rücknahme und Controlle der zurückgegebenen Bücher, alles dies ist Sache der Kanzlei, mit welcher die Ausgabestelle iu unmittelbarein Connex steht, so daß beide sich wechselseitig iu die Hand arbeiten können. Von der Aufstellnng der Katalogschränke im Entreesaalc, iu welchem sich Kanzlei und Ausgabestelle befinden, hat man absehen müssen, um die Wände zur Aufstellnng von Bücherschränken zu benutzeu, in welchen die am meisten gebrauchten Abtheilungen der Bibliothek: Geschichte, Geographie und Colonialpolitik untergebracht sind, damit für den ausgebenden Beamten in den am häufigsten vorkommenden Fällen die Wege thunlichst abgekürzt werden. Aus ähnlichen praktischen Rücksichten hat die Biblivthekverwaltung von der Ausgabestelle gctrcuut werden müssen, um den an den Entrecsaal anstoßenden hellsten Raum als Lesezimmer zu verwende». Neberhaupt muß mit dem Umstände gerechnet werden, daß die Gehe Stiftung kein eigenes für ihre Zwecke erbautes Gebäude zur Verfügung hat, sondern sich in einem über 200 Jahre alten stattlichen Miethhansc, welches wenigstens den Vorzug eiuer centralen und dabei geräuschfreicu Lage besitzt, so gut es gcheu wollte, hat einrichten müssen. Nicht hoch genug zu schätzen war daher das Entgegenkommen des Dresdner Stadtrathes, welcher sich geneigt erklärte, in einem für die Zwecke der städtischen Sammlungen neu zu erbauenden Gebäude der Gehe-Stistnng Unterkunft zu gewähren. Leider ist diese Aussicht zunichte geworden, indem sich bei Ausarbeitung des Bauplanes herausstellte, daß die nach Befriedigung des Nnumbcdürfnisscs für die städtische» Sammlungen übrig bleibenden Gelasse zwar im Vergleich mit den der Gehe-Stistnng jetzt zur Verfügung stehenden Räumeu weit stattlicher, aber ihrer Zahl und Anordnung nach für die Bedürfnisse der Stiftung in keiner Weise brauchbar waren. Es bleibt daher nnr zu wünschen, daß ein zweiter Gehe nicht bloß uusere Stiftung, sondern zugleich die verschiedenen in Dresden bestehenden privaten wissenschaftlichen Institute und Vereine behufs Unterbringung ihrer Sammlungeu und Sitzungszimmer mit einem seinen Namen tragenden Stiftuugshausc beschenke! Th. Prtcrmnnn. XXXVIII Bestimmungen für die Benutzung der Bibliothek der Gehe-Stiftung. 8 1. Die Bibliothek der Gchc-Stiftnng ist dazu bestimmt, Herren, welche sich in den Fächern, deren Kenntniß zn gedeihlichem öffentlichen Wirten vounöthcn ist, zn oricntircu wünschen, das hierzu nöthige literarische Material zu bieten. 8 2. Sie ist zu diesem Zwecke — mit Ausschluß der Sonn- und Feiertage und der event. Bibliothekfcrien — täglich von 10-2 Uhr, sowie laußer Sonnabends) Abends von 5 -!) Uhr zur Benutzung im Locale geöffnet. 8 3. Entlcihnng von Büchern in's Haus ist nur Solchen gestattet, welche dem Bibliothekar bez. dem die Bücher ausgebenden Beamten als VcrtraueuSwürdige bekannt sind oder sich als solche ausweise» können. Andere haben die Bürgschaft einer als vertrauenswürdig geltenden Person beizubringen. 8 4. Noch nicht gebundene, gestempelte und signirte Bücher, ingleichen alle gangbaren Nachschlage-Werke, sowie Mauuscriptc sind von der Verleihung iu'S Haus ausgeschlossen. ES bleibt vorbehalten, anch auö anderen Gründen einzelne Schriften von der Verleihung auszuschließen. 8 S. Ueber jedes entliehene Bnch oder sonstige Schriftstück ist ein Empfangsschein auszustellen, durch desscu Unterschrift sich der Entleiher zugleich den Bestimmungen über die Benutzung der Bibliothek ausdrücklich unterwirft; zu diesem Zwecke stud die in der Bibliothek vorhandenen gedruckten Formulare zu benutzen. Bei Entleihungen aus dem Lesezimmer (8 7) sind die hierfür bestimmten besonderen Formulare zu verwenden. Ohne Ausfüllung und Abgabe des vorgeschriebenen Empfangscheines darf kein Buch, Heft oder sonstiges Schriftstück aus dem Locale der Gehc-Stiftuug mitgenommen werden. XXXIX 8 6. Tie Verleihung in's Haus erfolgt iu der Regel auf 14 Tage, bei gröberen Werken auf 4 Wochen. Wünscht der Entleiher nach Ablauf dieser Fristen die Bücher noch länger zu behalten, so hat er unter Vorlegung der letzteren nm Verlängerung nachzusuchen. Diese kann, N'cnn die Bücher inzwischen nicht anderweit verlangt worden sind, mittelst entsprechenden Vermerks auf dem Empfangsscheine, wiederholt für gleiche Fristen, jedoch ohne besondere directoriclle Genehmigung nicht über die Gcslimilitdnlier von drei Monaten hinaus, bewilligt werden. 8 7. Ausleihungen ans dem Lesezimmer (vergl. § 5, Abs. 2) sind überhaupt mir ausnahmsweise und auch daun in der Regel nur auf 1-2 Tage gestattet. Ueber die Znlässigkeit und Dauer der Ausleihung entscheidet im einzelnen Falle der Bibliothekar, bez. der im Lesezimmer Aufsicht führende Beamte. 8 3. Die entliehenen Bücher sind mit Schonung zu benutzen nnd vor Beschädigung zu bewahren. Insbesondere hat der Entleiher sich alles An- nnd Unterstrcicheus, Hineinschreibens, Beschmutzcns, Einbrechcns der Blätter, des Herausreißcns oder Heransschneivens unbedingt zu enthalten, vielmehr bei Schriften, die ihren Zusammenhalt verloren haben, darauf zu achteu, daß von den Bestandtheilen derselben nichts abhanden komme, und daß dies geschehen, bei der Nücklicscrnng ausdrücklich hervorzuheben. 8 9. Für die Rücklieferung der entliehenen Bücher :c. hat der Entleiher Sorge zn tragen nnd ist für die Folgen mangelhafter Fürsorge in dieser Beziehung persönlich verantwortlich. Auswärtige Entleiher haben die Schriften dauerhaft verpackt und sranlirt zurückzusenden nnd bleiben für die dnrch mangelhafte Verpackung oder Adressiruug veranlaßten Beschädigungen nnd Verlnstc haftbar. 8 10. Erfolgt die Rückgabe der entliehenen Bücher innerhalb der gesetzten Frist nicht, so erhält der säumige Entleiher zunächst durch die Post eine nnfrnnkirtc schriftliche Mahnung. Kommt er derselben binnen drei Tagen nicht nach, so wird er dnrch die BibliothekS-Aufwartuug mündlich zur Rückgabe aufgefordert und hat derselben ans Verlangen die Bücher sofort einzuhändigen, sowie 5V Pfennige Einfordcrungs- gebiihr zn entrichten. 8 11. Bei der Rückgabe dcS Entliehenen erhält der Entleiher den Empfangsschein wieder ausgehändigt. XI. 8 12. Für verloren gegangene oder beschädigte Bücher ist nach ihrem vollen, vom Bibliothekar zn bestimmenden Werthe dnrch den Entleiher bez. dessen Bürgen Ersah zu leisten. Außerdem bleibt im Falle von Entwendung oder mnthwilliger Bc- schädignng strafrechtliche Ahndung vorbehalten. 8 13. Die Weitervcrleihung der anS der Bibliothek entnommenen Bücher an andere Personen ist durchaus unstatthaft. 8 14. Bei längerer Abwesenheit vom Wohnorte sind die entliehenen Bücher vor der Abreise zurückzugeben. Eine Wohnnngs-Veränderuug, welche nach der Ausstellung des Empfangsscheines eintritt, hat der Entleiher der BibliothekS-Verwaltung anzuzeigen. 8 15. Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Bestimmungen, sowie gegen die zu deren Durchführung angeordneten Maßregeln, iuglcichen wiederholte Sänmigkeit iu der Rückgabe der Bücher zieht den Verlust des Rechtes znr Benutzung der Bibliothek nach sich. Dresden, «. Februar 1900. Das Direktorium der Gehe-Stistung. Thierbach, Director. Xll Die Abtheilungen ^, L, 0, 0 der Wibttothek der Kehe-Stifwng zu Dresden umfassen folgende Wissensgebiete: Abtheilung ^. Hilfswissenschaften. I. Encyclopädien und Wörterbücher. II. Bibliographie und Bibliothekkunde. III. Literatur. IV. Philosophie. V. Geschichte. VI. Geographie und allgemeine Statistik.*) VII. Populationistik. VIII. Auswanderung nnd Colonisation.*) Abtheilung L. Staats- «nd Rechtswissenschaft. IX. Gesetzsammlungen. X. Land- und Neichstagsacten. XI. Staatswissenschafttiche Zeitschriften, Sammet- und Nachschlagewerke. XII. Staats- und Gesellschaftslehre.»*) XIII. Rechtswissenschaft im engern Sinne. XIV. Staatsrecht **) XV. Völkerrecht.'») XVI. Praktische Politik der einzelnen Staaten. XVII. Socialpvlilik, XVlll. Religion, Kirche, Kirchenrecht uud Kirchenpolitik. Abtheilung e, Verwaltung. (Band 2 des Katalogs-» XIX Verwaltung im Allgemeinen. XX. NiederlassnngS-, Heimaths- uud Bürgerrecht, XXI. Armenweseu uud Wohlthätigkeit. '1 Band A des Katalogs. Band S des Katalogs, XllI Kap. XXII. Polizei. ., XXIII. Gefängnißwesen. ., XXIV. Gesundheitswesen. „ XXV. Ban-, Wohnungs- nnd Straßenwesen. ,. XXVI. BildungS- und Erziehungswesen. „ XXVII. Kriegswesen. Abtheilung v. Volkswirthschaft. (Band 1 des Katalogs.) Vorliegende Untcrabtheilung I: Cap. XXVIII s,. Allgemeine Wirthschaftsgeschichte und WirthschaftSzustäude einzelner Länder, resp, deren Kritik, d. Volkswirthschaftslehrc. Cameralwissenschaft; Allgemeine Erwerbslehre, ä. Politische Arithmetik. „ XXIX. Finanzwesen. Künftige Unterabtheilung II: Cap. XXX. Landwirthschaft, Gruudcigenthnm und Grundcredit. „ XXXI--,. Forst- und Jagdwesen. d. Fischerei und Fischzucht. .. XXXII. Bergbau. ,. XXXIII. Industrie und Arbeiterverhältnisse. Künftige Untcrabtheilung III: Cap. XXXIVk. Handel. Handels- und Zollpolitik, b. Buchhandel. XXXVa. Transportwesen im Allgemeinen, d. Schifffahrt, o Post und Telegraphie. 6. Eisenbahnwesen. „ XXXVI. Münz-, Maaß- und Gewichtswesen. „ XXXVII. Credit- und Bankwesen. XXXVIII. Börsen- nnd Actienwesen. , „ XXXIX. Versicherungswesen. XI. a,. Sparcassenwesen. d. Leihhäuser. „ XI^I. Genossenschaftswesen. XI.Il AuSstellungöwesen. ^ Xllll. Häusliche Oecouoime. ' !