Das Neunzehnte Jahrhundert IN Deutschlands Entwicklung Unter Mitwirkung von Sieginund Günther, Cornelius Gurlitt, Frit> ksoenig, Georg Raufmann, Richard M. Me^er, Franz Tarl Müller Frau? Reuleaux, Heinrich ZVelti, Cheobald Ziegler Herausgegeben von Paul Schlenttzer Band I Theobald Ziegler Die geistigen und socialen Strömungen Berlin Georg Bondi ^S99 Die geistigen und socialen Strömungen des Neunzehnten Jahrhunderts von Theobald Ziegler Erstes bis fünftes Taufend Berlin Georg Bondi ^8Z9 Inhalt. Seite Einleitung.............. 1—1v I. 1800 bis 1830 . . ........... 11—163 Erstes Kapitel: Die drei Weltanschauungen . ... 13—57 Die Aufklärung —21. Der Klassizismus —28. Die Romantik —SS. Das allen drei Richtungen Gemeinsame —57. Zweites Kapitel: Die Schellingsche Naturphilosophie und die Hegelsche Phäuoinenologie . . . . . 58—82 Von Kant zu Schilling — 67. Schelling —77. Hegel —82. Drittes Kapitel: Preußens Fall und Wiedernufrichtuug 83—109 Deutschland bis zum Falle PreußenS —89. Das Erwachen eines neuen Geistes —98. Ein neuer Staat —105. Die religiöse Erneuerung —109. Viertes Kapitel: Nach den Befreiungskriegen. . .110—130 Das Erwachen des politischen Bewußtseins —116. Die Burschenschaft—122. Die Reaktion—123. Der Liberalismus—130. Fünftes Kapitel: Der Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie ..........- . . .131—163 Die individualistische Anschauung vom Wesen des Staates —134. Die Lehre vom Vertrag —133. Die romautischc Staatslehre —144. Die Hegelsche Rechtsphilosophie —153. Sprachwissenschaft —163. VI Inhalt. Seile II. 1830 bis 1848 165—267 Sechstes Kapitel: Das junge Deutschland .... 167—193 Die Julirevolution —171. Die Litteratur bis zu Goethes Tod —175. Wolfgaug Meuzel —177. Borne —180. Heine —184. Tendenzen und Schicksale des jungen Deutschlands —191. Seitentriebe mit ähnlicher Tendenz —193. Siebentes Kapitel: Die religiöse Bewegung bis auf Strauß und Feuerbach......... 194—226 Die Union —195. Hengstenberg —198. Die Hegelsche Religionsphilosophie —201. Strauß' Leben Jesu —210. Ludwig Feuerbach —213. Die innere Mission —215. Der Katholizismus um die Wende deS Jahrhunderts —218. Beginn des Kampfes gegen den deutschen Katholizismus —223. Der Kirchenstreit in Preußen —226. Achtes Kapitel: Friedrich Wilhelm IV. und die vier- Die Anfänge Friedrich Wilhelms IV. —231. Die Opposition und Reaktion —233. Die Kirchenpolitik des Königs —237. Der Deutschkatholizismus —239. Friedrich Wilhelm IV. und die Kunst —244. Der König und die Wissenschaft. Schelling -250. Die oppositionelle Poesie —253. Socialistische Klänge —256. Erwachen des Nationalgefühls —265. Liberale Forderungen —267. Neuntes Kapitel: Die Revolution von 1848—49 . 271—294 Vorspiele der Revolution; die Revolution als Vorspiel—273. Der Kampf um die Einheit und um die Freiheit —277. Osterreich und Preußen, Frankfurter Parlament —280. Das Erbkaisertum und Friedrich Wilhelm IV. —283. Der Ausgang der Revolution —286. Reformbewegungen auf dem Gebiet der Kirche und Schule — 294. Zehntes Kapitel: Die Reaktion der fünfziger Jahre 295—366 Reaktionäre Politik —299. Reaktionäre Schulverwaltung —302. Die Kirche im Dienst der Reaktion —307. Friedrich Julius Stahl —312. Bunsen gegen Stahl —315. Die Poesie der fünfziger Jahre: Lyrik und Epik —319. Der Roman —322. Der Aufschwung der Naturwissenschaften —327. Der Materialismus- streit —333. Das Eingreifen des Darwinismus in den Materia- lismnsstreit —339. Materialistische Tendenzen der Zeit —344. Schopenhauer —352. Der Pessimismus —356. Eduard vvu Hartmann —361. Zurück zu Kaut —364. Weitere Wirkungen der Schopenhauerschen Philosophie —366. ziger Jahre 227—267 III. 1848 bis 1871 269—399 X^V^?^^- Inhalt. VII Seite Elftes Kapitel: Bismarck und die Begründung des deutschen Reiches.......... 367—399 Der Regierungswechsel und die liberale Ära —370. Das Schillerfest —371. Der italienische Krieg und der deutsche Nationalverein —377. Der Militärkonflikt —378. Bismarcks Anfänge —383. Die schleswig-holsteinische Frage —385. Der Krieg von 1866 —393. Der deutsch-französische Krieg —39S. Bismarck —399. IV. 1871 bis zum Ende des Jahrhunderts . . 401—687 Zwölftes Kapitel: Der Kulturkampf..... 405—454 Das neue Reich; Bismarck nnd die Nationalliberalen—409. Das Unfehlbarkeitsdogma —416. Der Altkatholizismus —419. Aufmarsch zum Kampf —423. Der Kampf —428. Der Gang nach Canossa —432. Erfolge und Folgen des Sieges —440. Die protestantische Abwehr —445. Innere Zustände des Protestantismus —449. Die Ritschlsche Schule —454. Dreizehntes Kapitel: Socialismus und Socialdemokratie ............. 455—522 Vorgeschichte —460. Ferdinand LassaUe —468. Karl Marx —471. Der Marxismus in Deutschland —477. Das Socialistengesel) uud die Ära der socialen Reformen —483. Die Aufhebung des Socialistengesetzes —488. Der Kathedersocialismus —494. Der Umschwung der öffentlichen Meinung —496. Liberalismus und Socialismus —503. Der Socialismus und die Parteien —508. Socialdemokratie und Kirche —513. Die National- Socialen —522. Vierzehntes Kapitel: „?in äs siecls"..... 523—687 Die allgemeine Struktur der Zeit —527. Zwei Thronwechsel —535. Deutsche Machtstellung und deutsches Machtbewusztsein —549. Der Antisemitismus -558. Die Agrarier —560. Die Frauenfrage —578. Das Wiedererwachen des Individualismus —580. Max Stirner —582. Der Anarchismus —586. Friedrich Nietzsche —598. Die Wirkung Nietzsches —605. Andere Vertreter des Individualismus —608. Die Fragen der Schulreform —617. Die Wissenschaft —627. Kunst und Poesie: Die Musik —638. Die Malerei —646. -Die Poesie —663. Sudermann -672. Gerhart Hauptmann —679. Schluß —687. Anhang: ............... 689—714 Annalen —694. Litteratur —700. Register —714. Bilder. 1. Goethe ........... Titelbild. 2. Schleiermacher....... zu Seite 40. 3. Wilhelm von Humboldt .... zu Seite 104. 4. Hegel.......... zu Seite 144. 5. Heine . ........ zu Seite 184. 6. D. Fr. Strauß....... zu Seite 208. 7. Friedrich Wilhelm IV..... zu Seite 232. 8. Robert Mayer . ... . . . zu Seite 328. 9. Schopenhauer....... zu Seite 344. 10. Bismarck........ zu Seite 384. 11. Lassalle.......- - zu Seite 464. 12. Karl Marx ........ zu Seite 472. 13. Nietzsche......... zu Seite 592. Einleitung. Das geistige Facit des zur Neige gehenden Jahrhunderts zu ziehen, ist eine schwierige, aber so reizvolle und lockende Aufgabe, daß sie den, der den Gedanken einmal gefaßt hat, nicht mehr losläßt und freigiebt, bis er sie zur Ausführung gebracht hat. Und daher wage ich es — auf alle Gefahr hin und allen Bedenken zum Trotz, von denen aber doch einige zuerst beiseite geschoben werden müssen. Wir stehen ja noch gar nicht am Ende des Jahrhunderts, so lautet ein erster Einwand, noch sind es zwei Jahre bis dahin, die Abrechnung kommt also noch zn srüh. Allein was für eine Geschichte der Thatsacheu allcnsalls richtig wäre, gilt nicht ebenso von einer Überschau über die geistigen und socialen Strömungen eines längeren Zeitabschuitts. Dort kann noch Neues, Wichtiges geschehen, so unwahrscheinlich es in diesen? Augenblick auch ist; diese dagegen wechseln nicht so plötzlich und rasch; was hier etwa an Neuem kommt, selbst wenn große Ereignisse des änßeren Geschehens in diesen zwei Jahren die Welt in andere Bahnen reißen sollten, — die geistige Strömung, die davon ausginge, gehört fraglos schon dein zwanzigsten Jahrhundert an; an dessen Ende hätte dann ein Historiker nachzuweisen, daß gewisse Richtungen und Tendenzen, die dasselbe erfüllt haben, mit ihren Wurzeln in die letzten Jahre des neunzehnten zurückreichen. Dagegeu siud die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts jetzt am Ende des Jahres 1898 alle schon da; weiter sich ausleben, schärfer sich accentuieren, rascher oder kläglicher vollends dahinsterben — das können sie in den nächsten zwei Jahren noch, aber ganz anders werden kann es auf geistigem Gebiet bis dahin nicht mehr. Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des 19. Jahrh. 1 ^ Einleitung. Schwerer wiegt ein anderer EinWurf, der sich wiederholt schon hat vernehmen lassen. Was redet ihr nur soviel von lln äs 8isc-Is? Die Zeit und was in ihr abläuft, die Geschichte ist ein Kontinuum, Sprünge giebt es da nicht, und darum wird es im Jahre 1901 nicht anders sein als es 1898 gewesen ist; das Jahrhundert ist keine Einheit, sondern ein ganz willkürlich und zufällig Abgegrenztes, eiu künstlich Gemachtes; sein Eintreten ist also kein wirklicher Anfang, sein Ende kein wirklicher Abschluß; Heraklit hat recht: alles fließt. Philisterweisheit — mochte ich sagen, die eben deshalb, weil sie ganz recht hat, ganz wertlos ist. Das wissen wir natürlich auch, daß die Menschen am Neujahrstag 1901 uicht mit einem Schlag andere sein, mit neuen Herzen nnd neuen Gedanken aufwachen werden, und daß in der That wie das Leben des Einzelnen so auch das Leben der Völker und der Menschheit eine Kette ist, die nicht von Zeit zu Zeit zwischendurch einmal abreißt. Und dennoch! In seinen „Monologen", dieser Neujahrsgabe für das neunzehute Jahrhundert, hat schon Schleiermacher in seiner sinnigen Weise diesen Einwand zurückgewiesen: „So durchschneiden Nur die unendliche Linie der Zeit, heißt es hier, in gleichen Entfernungen, an oft mir willkürlich durch den leichtesten Schein bestimmten Punkten, die für das Leben, weil alles abgemesseue Schritte verschmäht, ganz gleichgültig sind und nach denen nichts sich richten will, weder das Gebäude unserer Werke noch der Kranz unserer Empfindungen noch das Spiel unserer Schicksale: und dennoch meinen wir mit diesen Abschnitten etwas mehr als eine Erleichterung für den Zahlenbcwahrer oder ein Kleinod für den Chronologen; bei jedem vielmehr knüpft sich daran unvermeidlich der ernste Gedanke, daß eine Teilung des Lebens möglich sei. Aber wenige dringen ein in die tiefsinnige Allegorie und verstehen den Sinn der vielfach wiederkehrenden Aufforderung." Diesem in die Tiefe dringenden Idealismus ift vielmehr ein solcher Einschnitt eine Mahnung zur Selbstbetrachtung, die von der Außenwelt in das eigene Innere, in die Welt des Geistes und damit in das Reich der Ewigkeit führt, wo der Mensch, außerhalb des Gebietes der Zeit uud sreigesprochen von ihrem Gesetz, des Geistes Leben anschaut, das keine Welt verwandeln und keine Zeit zerstören kann, weil es selbst erst Welt und Zeit erschafft. Einleitung. Sollte aber eine solche idealistische Betrachtungsweise der derberen Struktur unseres heutigen Geisteslebens zu fein und zu fernliegend sein, nun so bezeugt es die Geschichte selbst, daß die Jahrhunderte doch so etwas wie eine Eigenart haben, sich voneinander unterscheiden und mit überraschend charakteristischen Zügen das eine sich vom anderen sondert und abhebt: ich nenne das zwölfte, das sechzehnte, das achtzehnte, und mit dem unsrigeu scheint es mir auch nicht anders zn sein. Und so haben denn auch zu allen Zeiten die Menschen die Wende eines Jahrhunderts ganz besonders lebhast wie ein wirkliches Ereignis empfunden und durchlebt; wenn uns das Zittcru und Schauern der Welt vor dem Jahre 1000 allzu abergläubisch vorkommt, so dürfen wir doch Schiller, den geisteshellen, gelten lassen, der schon 1789 im schonen Optimismus seines Zeitalters „an des Jahrhunderts Neige" den Menschen begrüßt hat als „den reifsten Sohn der Zeit, frei durch Vernunft, stark durch Gesetze, durch Sanftmut groß und reich durch Schätze, Herr der Natur". Und so stehen auch unsere Gefühle — darüber glaube ich mich nicht zu täuschen — unter dem Eindruck eines wirklichen Ein- schnitts, eines zn Ende gehenden Zeitabschnitts, einer zum Abschluß kommenden Weltperiode, wobei es im Augenblick nicht darauf ankommt, ob wir dieses Ende mit Schmerz und Wehmnt beklagen wie einen geliebten Toten, von dem wir Abschied nehmen müssen, oder hoffnungsfreudig uud froh dem nenen Morgen entgegenjanchzen. Ob Abendrot oder Morgengrauen, ein Altes ist im Ablaufen, ein Nenes zieht herauf, und wir spüren es, — wie Mephisto spukt dem eiuen schon durch alle Glieder die herrliche Walpurgisnacht, wie Faust verkündigen einem zweiten die dnmpsen Glvcken schon des Osterfestes erste Feierstunde, wie Gretchen tönt einem dritten des Weltgerichts Posaune zu: äiss iras, äies illa solvet, Zasoluln in tavilla! Aber eben weil wir Übergangsmenschcn sind und weil wir das spüren, soll es nns auch an diesem Sylvesterabend des Jahrhunderts in Selbstbetrachtuug und Einkehr zum Bewußtsein kommen, was dieser Übergang für uns bedeutet, und wie der Einzelne am Ende eines Jahres, so wollen wir an des Jahrhunderts Neige die Ergebnisse desselben zusammenschauen und zusammenrechnen und I* 4 Einleitung. Gewinn nnd Verlust gegeneinander abwägen: das ist uns Bedürfnis und das ist unser Recht. Allein ob wir das können? und ob ich das kann? Gemacht haben es ja für unser Jahrhundert auch schon andere. „Hundert Jahre Zeitgeist" heißt ein Werk von Julius Duboc, ans „Sterbelager des Jahrhunderts" hat sich Ludwig Büchner prüfend und richtend gestellt. Aber vielleicht ist es noch einfacher, vielleicht kann man das Ergebnis der Rechnung iu Einer Formel, in Einem Begriff aussprechen, wie Nur ja das achtzehnte Jahrhundert kurz- weg das der Aufklärung nennen. Auch für das unsrige fehlt es an solchen Formeln nicht. Für Schopenhauer ist es „ein Philosophisches Jahrhundert, weil es zur Philosophie reif und eben deshalb ihrer durchaus bedürftig ist"; „das reichste der neuen Geschichte" nennt es Heinrich von Treitschke, denn es „ernte die Saat des Zeitalters der Reformation". „Ein Jahrhuudert der Kritik" sieht Kuno Fischer in ihm, weil es „Mythen zerstört, sreilich auch wieder welche schafft". „Durchzogen vom Kampf um den Einzelnen" ist es diesem, nnd jenem eine „Zeit der großen Sehnsucht"; das historische oder das sociale Zeitalter heißt es deu einen, den anderen Wohl noch häufiger die Epoche der Naturwissenschaften und der Technik im ausgesprochenen Gegensatz dazu und im Triumph über alle Geistes- wisseuschaft, so daß das Schiller'sche „Herr der Natur" heilte noch ganz anders Wahrheit ist als vor hundert Jahren. Aber so wahr nnd treffend diese Formeln alle sind im Munde desseu, der sie ausspricht, und an der Stelle, wo er sie ausspricht, so wenig können sie doch — das zeigeil auch die Widersprüche, in denen sie sich gegen einander bewegen — in ihrer Kürze die unendliche Maunigfaltigkeit uud den Reichtum des Geisteslebens von drei Generationen in sich zusammenfassen. Und so meint denn auch Edmund Psleiderer, wenn er in seiner geistvollen Rede über den geschichtlichen Charakter unserer Zeit an ihr „den extensiven Zng der Allgeschichtlichkeit und den intensiven der Thatgeschichtlichkeit" als besonders charakteristisch hervorhebt, damit selbst nur einen Teil des Jahrhunderts zu treffeil und mnß uns überdies erst einen Kommentar geben zu dieser glücklich gefundenen Welldung. Was folgt daraus? Daß die Sache so einsach überhaupt uicht Einleitung. 5 liegt. Es giebt keine Formel und wäre sie die treffendste und kompakteste, die als Zauberschlüssel uns mit einem Griff die Thüre offnen ließe zum Verständnis des ganzen Jahrhunderts; in ein Schlagwort läßt sich die geistige Signatur eiues solchen längerem Zeitraums uicht fassen. Jedenfalls für den uicht, der selbst noch mitten darin steht; auch vom Jahrhundert der Aufklärung reden wir nnr a parts potiore, die einen, weil uns die Ausklärung am achtzehnten Jahrhundert das Wertvollste, die anderen, weil ihnen dies das Verhaßteste daran ist und weil es sich dadurch jedcusallsambestiinmtesten vom neunzehnten abhebt, das auf den Ruhm der Aufklärung doch uur teilweise Anspruch erheben kann und dem Weltgeist eher wie Faust verworren gedient hat. So braucht es also auch hier vielmehr geduldiger Arbeit und breiter Darlegung, uud des Bekenntnisses, daß Eiues Meuschen Wissen und Denken nicht mehr als Stückwerk zu liefern vermag; auch da gilt, daß das Ganze nur für eiucn Gott gemacht ist und nur vom Auge des Weltgeistes sel bst überschaut werden könnte. Ich stehe nicht über dem Ganzen, sondern auf einem bestimmten Standort, von dem aus ich nur das zu sehen und zu spüren im stände bin, was bis zu ihm herandringt. Als Sohn meines Volkes, als Deutscher schreibe ich daher zunächst und berichte von den geistigen und socialen Strömungen dieser hundert Jahre, wie sie uns Deutsche mit sich dahin getragen und umbrandet haben; weil wir aber in Europa geographisch das Reich der Mitte bilden und weil uus auch innerlich ein fremdbürgerlicher Zug durch unsere Lage und durch den Gang unserer geschichtlichen Entwicklung aufgeprägt ist, so wird nebenher doch auch Fremdes, wo es auf uns gewirkt hat und wirkt, zur Sprache kommen müssen. Denn wer kaun, um uur Eiu Beispiel zu uennen, vom deutschen Geistesleben am Ende unseres Jahrhunderts sprechen, ohne auf Kierkegaard und Ibsen oder auf die beiden Antipoden Zola nnd Leo XIII. hinzuweisen? Ich stehe aber auch insofern auf eiuem bestimmten Standpunkt, als ich urteile, wäge und richte; nnd das ist, so sehr ich mich anch um Objektivität bemühen mag, in diesem Falle nicht möglich ohne die stärkste, weuu auch ungewollte Hervorkehruug meiner eigenen Subjektivität. Je mehr man sich der eigenen Zeit nähert, Einleitung. desto mehr wird sich das bemerkbar machen: andere sehen die Dinge anders und sehen sie anders an. Selbst wo ich nicht urteile, wird schon die Auswahl des Stoffes, das Nennen oder Nichtnennen von Namen und Erscheinungen wie Urteil und Kritik wirken. Das Wesentliche scheidet im Lause der Zeit die Geschichte selbst vom Unwesentlichen: je mehr ich mich der Gegenwart nähere, desto mehr muß ich als Einzelner dies thun; schon deshalb wird die zweite Halste größer sein müssen und subjektiver ausfallen als die erste. Aber der Schaden ist nicht allzu groß: ich trete damit vor Leser, die das alles auch miterlebt haben und kennen, ich setze mich dafür offen ein und lasse ihnen das Recht frei, ihrerseits Kritik zn üben an dem Kritiker des neunzehnten Jahrhunderts. Und darum ist die wichtigste Frage doch nicht die nach dem Maßstab, den ich an die Erscheinungen des Jahrhunderts anlege, wenn ich nur vielleicht uegativ sage, daß es nicht der einer bestimmten Partei sein soll. Viel schwieriger ist die Vorfrage zu beautworteu, wo ich bei einem so uferlosen Unternehmen für Auswahl und Beurteilung auch nur den Stoff hernehme und finde? Man wird an Bücher denken, uud einem deutschen Professor liegt dieser Gedanke besonders nahe: er sucht das Leben nur zu gern im toten Buchstaben und in gedruckten Lettern. Und es ist auch nicht so falsch: in Büchern leben die Probleme, Interessen und Ideen, die eine Zeit bewegen, fort, an sie muß man sich also in der That in erster Linie halten. Allein es ist doch nur die eine Hälfte: der Geist spricht nicht nur in Worten, er spricht auch iu Thaten. Und gerade da macht sich innerhalb, unseres Jahrhunderts selbst ein Umschwung uud eine Verschiebung deutlich bemerkbar: seiue erste Hälfte ist litterarischer, sozusagen buchförmiger als die zweite. Gedruckt wird heute freilich noch viel mehr und, wenigstens was Zeitungen betrifft, auch mehr gelesen, und so haben wir noch immer allen Grund, mit Schiller über das tintenklecksende Säkulum zu seuszen und zu flucheu. In der Allgemeinen Deutschen Biographie, diesem großen Friedhof deutschen Geisteslebens, wo sie alle eingesargt werden, die etwas dazu beitragen, haben namentlich zu Anfang fast nur solche Männer Ausnahme gefunden, die etwas geschrieben haben, die Männer der That treten erst in den späteren H -»i ^ >SS Einleitung. 7 Bänden etwas mehr hervor; und ebenso sorgen wir, weil wir die Bildung eines Volkes nach der Zahl der Analphabeten schätzen, vor allem dafür, daß unsere Kinder ja gewiß alle lesen und schreiben lernen. Aber besser ist es damit doch geworden, uud das hängt mit einem Allgemeinen zusammen. Wir schätzen heute den Willens- uud den Thatmenschen doch ganz anders ein, weit höher als zu Anfang des Jahrhunderts, wo sich der Deutsche eines solchen Thatmeuschen als seines schlimmsten Feindes zu erwehren uud ihm vor allein seine Geistesbildung und Ideologie entgegenzusetzen hatte. Hier bedeutet iu unserem nationaleil Leben und Empfinden Bismarck, dieser große Willens- und Thatmensch, einen Knotenpunkt, den wir bis tief in die Arbeit der Philosophie herein spüren: auf den Intellektualismus ist der Voluntarismus gefolgt; und wer ganz besonders scharfe Sinne hat, der könnte vielleicht fragen, ob nicht hinter diesem schon wieder ein neues Zeitalter, ein solches der Imponderabilien, der Stimmung und des Gefühls im Anzug sei, das ja Bismarck für stärker und standhafter erklärt hat als den Verstand der Verständigen. Aber Bücher oder Menschen? ist hier nicht die einzige Frage; eine zweite kommt alsbald dazn: Einzelne oder Massen? große Individuen oder breite Schichten? oder wie wir den Gegensatz heute zu sormulieren lieben: Genie oder Milieu? Es ist eine Frage der Geschichtsphilosophie, ob große Menschen Produkte ihrer Zeit oder ob die Gcftaltuug der Welt um sie her ihr Produkt und sie die Schöpfer und führenden Geister derselben seien? Der Kollektivismus entscheidet darüber anders als die individualistische Geschichtsauffassung. Diese Frage beantworten hieße zugleich auch das große Problem von Freiheit und Notwendigkeit, von individueller Schuld uud individuellem Verdienst lösen. Das läßt sich aber hier nicht uur so nebenbei thnn, die beste Lösung dafür findet man noch immer in Schillers Wallenstein, über den wir in diesen hundert Jahren nicht hinausgekommen sind. Aber für unsere Zwecke hilft uus vielleicht ein Wort Hegels aus der Not: „Wer, was seine Zeit will und ausspricht, ihr sagt und vollbringt, ist der große Mann der Zeit. Er thut, was das Innere nnd Wesen der Zeit ist, verwirklicht sie, nnd wer die öffentliche Meinung, wie er sie hier und da hört, nicht zu verachten versteht, wird es nie zn ^^-.^- v g Einleitung. Großem bringen." Das ist es: ob Produkt oder Schöpfer, für uns sind die großen Männer des Jahrhunderts die großen Buchstaben, in denen wir deutlich leseu können, was ihre Zeit will nnd was sie im Inneren bewegt; die Zeit versteht darum nur, wer ihre großen Männer versteht. Die Moral muß mit einem Tropfen demokratischen Öls gesalbt sein, deswegen hat ihr gegenüber Nietzsche unrecht; die Geschichte muß die Bedeutung der führenden Geister anerkennen, deswegen ist sie aristokratisch und ist die materialistische Geschichtsauffassung von Marx einseitig und falsch. So heißt es nicht Gcuie oder Milieu, sondern Genie und Milieu: das ist für uns, die wir ja jedenfalls historisch nnd moralisch zugleich urteilen müssen, das lösende Wort. Und so richtet denn auch die Geschichte wieder gauz demokratisch über die Größe: ein großer Mann ist nicht groß, wenn er einsam — freilich nicht ist, aber wenn er einsam bleibt und ihm jeglicher Erfolg versagt ist; eine Stimme ohne Echo und Resonanz muß verschalle«, wenn sie an sich noch so laut und kräftig wäre. Zu den geistigen Strömungen gehören darum die Ziffern und die Nnllen, gehören Individuen uud Massen, gehören Menschen und Zustände. So setzt sich unser Stoff zusammen aus Büchern, Thaten nnd Menschen; und an uns ist es, ob wir etwas von der Seelenkrast und Fähigkeit besitzen zu verstehen, wie spricht ein Geist zum andern Geist, zu erkennen, wer die Geister sind, die sprechen, was sie in Worten nnd Thaten zu sagen hatten und wie es aufgenommen wurde von den wenigen oder den vielen, die nie bloß Herdentiere, sondern immer anch Geist sind von diesem selben Menschengeist. Skrupel und Zweifel macht mir endlich neben diesem Großen, der Einsicht in die Grenzen der Menschheit und in die Schraukeu meiner Individualität, auch noch ein Einzelnes, gleich der erste Schritt, die Frage der Gliederung uud Anordnung, des Aufbaues uud der Komposition. Welche eigenartige Schwierigkeiten hier vorliegen, dafür am besten ein Beispiel. Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Borstellung" ist im Jahre 1818 geschrieben worden, aus der philosophischen und allgemein geistigen Strömung uud Stimmung dieser Zeit heraus wird es also zu V,"!--^ > Einleitung. 9 verstehen sein; gewirkt aber hat es erst fünfzig Jahre später, da erst kommt ihm der Zeitgeist entgegen, nimmt es an und in sich auf und läßt es zn einer Macht werden, die zwar viel angesvchtcn, aber heute noch durchaus nicht gebrochen nnd überwunden ist. In welchem Zusammenhang soll nnn von Schopenhauer geredet werden? Doch nicht zweimal, und richtiger doch wohl au seiner Wirkungsstelle hier in den sechziger und siebziger Jahren, als dort, wo sein Ursprung nnd seine zeitliche Entstehung liegt. Oder eiu zweites Beispiel: im Jahre 1800 erscheint Fichtes „geschlossener Handelsstaat", sein socialistisches Credo mit der Lehre vom „ausschließenden Recht auf eine bestimmte freie Thätigkeit", kürzer vom Recht auf Arbeit, ein wahrhaft prophetisches Buch ans die Ära des Schutzzolls und des Socialismus. Aber selber kommt das dann doch erst viel später, siebzig, achtzig Jahre später, und das Recht aus Arbeit in der Form der Arbeitslosenversicherung steht erst heute als eine noch zu lösende Frage aus der Tagesordnung der Zeit, so daß auch da wieder die Entstehung des Gedankens und die Reception und Wirkung desselben weit auseinanderfallen. Oder ist es am Ende gar ein Gesetz im Reiche der Geister, daß neue Jdeeu immer erst eine oder zwei Generationen JnkubationSfrist, wie der Mediziner dieses Stadium der Latenz zu nennen pflegt, nötig habeu, bis sie verstanden nnd recipiert werden, bis sie zu wirken anfange,? und Macht gewinnen? So leichthin als allgemeines Gesetz möchte ich es freilich nicht aussprechen, obgleich es gerade in der Geschichte des Geisteslebens unserer Zeit und unseres Volkes überraschend häufig Bestätigung findet; jedenfalls aber ist es eine Thatsache, mit der hier gerechnet werdeu muß und die das Geschäst der Anordnung erschwert und gelegentlich auch zu Wiederholungen nötigt. Und darum, wie ich sie auch gestalte — und ich habe es erst aus gar mancherlei Arten versucht —, befriedigen wird sie schon mich selber nie ganz. So bin ich schließlich auf eine Mischung vou chronologischer und sachlicher Gliederung gekommen. Chronologisch ist sie wie von selbst gegeben, sie ist hier dieselbe wie in der politischen Geschichte: von 1800 bis 1830, bis 1848, bis 1871, nnd dann bis heute. Aber wie farblos ist das! und wie besagt es so gar nichts! Da klänge es schon ganz anders charak- in Einleitung. teristisch, wenn ich gliederte: Das Zeitalter Goethes, Heines, Friedrich Wilhelms IV., Bismarcks, Bebels und Nietzsches. Charakteristisch gewiß, aber ich fürchte, anch recht einseitig, und in dein demokratischen Zeitalter, das noch vor kurzem von Individuen und führenden Geistern nicht mehr viel wissen wollte, recht anstößig; und zugleich wäre es wie eiu Programm nnd wie die Bindung an ein solches, nnd das käme hier am Anfang jedenfalls zu srüh. Darum ist es doch wohl besser, ich halte au jenen paar kahlen Jahreszahlen sest, suche dann aber innerhalb des zeitlichen Rahmens sachlich zu gliedern und scheue mich dabei nicht zurückzugreifen oder auch vorwärts darüber hinauszugehen und die einmal in Angriff genommene Linie bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückzuverfolgen und bis an ihr Ende durchzuführen. Ein geradliniges und einförmiges Nacheinander ist also nicht beabsichtigt. Dabei trifft es sich gnt, daß wir, anders als die politische Geschichte des Jahrhunderts, genan mit dem Jahre 1800 einsetzen können: sür das geistige Leben unseres Volkes ist dieses ein bedeutsamer Knotenpunkt, au dem nicht weniger als drei Weltanschauungen, absterbend die eine, in voller Kraftentfaltung die andere, zu jugendlich keckem Ansturm ausholend die dritte, sich zusammenfinden und feindlich ans einander stoßen: sie sollen sich uns zuerst darstellen, dann in ihrem Weiterwirken sich vor uns ausleben und schließlich, aufgehoben im Hegelschen Doppelsinn des Wortes, ins allgemeine Bewußtsein übergehen und damit neuen Bewegungen, Richtungen und Stimmungen Platz machen. Jetzt aber zur Sache, hinaus ins weite wogende Meer, das es kühnen Mutes zu durchschwimmen gilt! I> Mo bis pso. Erstes Kapitel. Die drei Weltanschauungen. Die Aufklärung. Ein reiches Erbe hat das achtzehnte Jahrhundert seinem Nachfolger hinterlassen, und es wäre eine reizvolle uud interessante Aufgabe, zu untersuchen, wie das neunzehnte mit dieser Erbschaft abwirtschaftet und gewuchert hat. Wenn jenes mit einem Wort als das Zeitalter der Aufklärung zn bezeichnen ist, fo wäre die Frage näher dahin zu präcisieren, ob die Aufklärung nun auch wirklich siegreich durchgeführt worden sei und ob sie mit ihrer Fackel alle Schlupfwinkel des Aberglaubens durchleuchtet und den Segen der Bildung nach oben uud nach unten gleichmäßig verbreitet habe. Ich fürchte, in einer solchen Prüsung würde unser Jahrhundert schlecht bestehen und müßte schamrot bekennen, daß es diese Arbeit nicht nnr nicht überall zu Ende geführt, fondern nicht einmal energisch genug weitergeführt, daß es sogar schon Gethanes wieder zerstört, sogar schon Erleuchtetes wieder dunkel gemacht habe; ans den Ehrennamen eines Jahrhunderts der Aufklärung wird das uusrige, wie schon gesagt, in der Geschichte jedenfalls keinen Anspruch machen können. Aber schuld daran sind doch nicht allein wir Kinder und Enkel jener Zeit, sondern die Aufklärung selber und der ganze Entwickelungsgang, den sie genommen hat und der mit Notwendigkeit über sie hinausführte: sie starb sozusagen an sich selber. Was ist Aufklärung? diese Frage hat schon Kant aufgeworfen und sie dahiu beantwortet: Aufklärung sei „der Ansgang des Menschen aus seiuer selbstverschuldeten Unmündigkeit", ihr Wahlspruch also: „saxers ancks! habe Mut, dich deines eigenen Ver- 14 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, standes zu bedienen!", das einzige Erfordernis dazu: „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen", d. h. zu räsonnieren. Sie wurzelt in der Renaissance, die Protestantische:: Länder England und Holland sind ihre erste eigentliche Heimat; aber gerade hier und dann weiterhin in Deutschland kam sie mit der orthodoxen Theologie des Protestantismus in den schärfsten Konflikt, und so hat „der Zwang, sich gegen diese emporzuarbeiten, ihre ganze Front- und Problemstellung bestimmt". Und doch ist sie von Haus aus ein weit Umfassenderes, „eine Gefamtumwülzung der Kultur auf allen Lebensgebieten" uud „ein Wandel der allgemeinen Stimmung". Dreierlei ist dabei von besonderer Wichtigkeit. Sie zwingt den bis dahin absolutistischen Staat in ihre Bahnen, besteigt mit Friedrich dem Großen den preußischen Königsthron und verkündigt von dort herab, daß der König der erste Diener des Staates sei und in seinen Landen jeder nach seiner Fayon selig werden könne: und dieser Praxis entsprach die Theorie von dem auf Vertrag aufgebauten Staat, die längst schon da war, aber nun von Rousseau die schärfste Formulierung erhielt. Fürs zweite entsteht unter ihrem Einfluß und Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Entwickelung von Handel und Industrie namentlich wieder in England und Holland eine neue Gesellschaft, die sich hauptsächlich aus den bürgerlichen Kreisen rekrutiert und ebenso dem Staat wie der Kirche gegenüber Mündigkeit für sich in Anspruch nimmt; die Aufklärung ist liberal; darum ist es auch kein Zufall, daß in jener Zeit die Realschule, als Bürgerschule gedacht, entstanden ist. Endlich beherrscht die Nufkläruug die Litteratur. In Holland können die freigeistigen Gedanken ungehindert gedruckt werden, uud vou England bringt Voltaire nicht nur den Lockeschen Sensualismus, sondern auch die neue Naturlehre Newtons auf den Kontinent herüber uud popularisiert sie. Der Mathematik aber entnimmt man die methodologische Forderung, alles klar und deutlich, wie sie es thut, zu formulieren und es dadurch begreiflich zu macheu. Indem also Kant die Frage zu beantworten sucht, wie mathematische Naturwissenschaft möglich sei, hat er damit nnr anerkannt, daß das die Grundwissenschaft und die wichtigste Angelegenheit sei für Die Aufklärung. 15. den denkenden Geist der Zeit. In der Philosophie aber trafen zwei Ströme zusammen — die Leibnizsche Monadologie mit ihrem Individualismus und ihrer optimistischen Hoffnung aus eine mögliche Versöhnung von Glauben und Wissen, und der englische Empirismus Lockes, der in Frankreich zum Materialismus vergröbert wird, in Deutschland aber die Wolssche Metaphysik empiristisch und sensualistisch zersetzt und so zur Bildung jener eklektischen Popular- und oommoii sense-Philosophie führt, die sür das Anfkläruugs- zeitalter so besonders charakteristisch ist und durch die einseitige und ausschließliche Betonung des praktischen Endzweckes der Vervollkomm- nnng und Glückseligkeit rasch genng aushört wissenschaftlich zu seiu. Am uufruchtbarsteu mußte natürlich die Aufklärung auf dem Gebiete der Poesie sein, wo Gottscheds ästhetische Theorie ebenso nüchtern und verstandesmüßig war wie seine poetischen Musterbeispiele, iu denen er die französische Regelmäßigkeit zum Vorbild uahm. Wenn Friedrich der Große Gellert für den bedeutendsten deutschen Dichter hielt, so entsprach das zwar durchaus dem Geschmack der aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft, deren Ton dieser treffen wollte nnd auch wirklich traf, aber es begreift sich zugleich auch Friedrichs abschätziges Urteil cks lg littöraturs allsinaiicts, mit dem er 1780 freilich schou zu spät kam. Immerhin verdankt man den moralistischen Tendenzen der Zeit die Pflege des Sittenromans und ihren liberalistischen das Aufkommen des bürgerlichen Dramas, dessen Thema vielfach die Mesalliance ist zwischeu Bürgermädchen und Kavalier. Das Wichtigste war aber doch die Auseinandersetzung mit der Theologie. Die verschiedensten Standpunkte waren hier möglich. Leibniz hatte vermittelt, auch Wolf, den doch selbst Kaut als „Urheber des Geistes der Gründlichkeit" rühmte, hatte eine übernatürliche Offenbarung anerkannt, nur wollte er es der Theologie überlassen, sie im Judentum und Christentum als eine zugleich vernünftige und unentbehrliche nachzuweisen. Aber wenn der Hauptgedanke der war, daß auch die Theologie sich vor dem Forum der Vernunft zu legitimieren nnd hier ihre Ansprüche zu beweisen habe, so konnte sich ja anch herausstellen, daß irrationale Elemente in ihr vorhanden seien, und dann — ja dann war das Band zwischen Wissen und Glauben wieder einmal zerschnitten. So konnte denn auch Hermann 1«! 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, Samuel Reimarus in seiner Schutzschrist für die vernünstigen Verehrer Gottes die positiven Religionen als ein Gewebe von Irrtum, Selbsttüuschuug uud Betrug bezeichnen, und davon nahm er selbst den Stifter des Christentums uicht ganz aus. Nuf diesem Standpunkt wnrde die Aufklärung zu einer oft recht leidenschaftlichen Gegnerin der positiven Religion, der sie — ganz unhistorisch — eine uatürliche mit den drei Gedanken Gott, Unsterblichkeit, Tugend als Norm gegenüberstellte. Atheistisch und materialistisch wie in Frankreich ist sie aber darum in Deutschland doch uie gewesen, Bahrdt und Edelmann mit ihrem Raditalismus uud der Haltlosigkeit und Zerfahrenheit ihres Lebens waren Ausnahmen und Karikaturen und galten in der Bewegung felbst als die sritants terridle8. Indem aber die Aufklärung überall die natürlichen Normen und Regeln für Religion, Staat, Recht, Knust uud Poesie auf- gefundeu zu habeu glaubte, wnrde sie unhistorisch nicht in dem Sinn, als ob sie nicht mit Vorliebe Geschichte getrieben hätte; sie hat sich sogar große Verdienste um dieselbe erworben, indem sie sie von dem orthodoxen Schema und den theologischen Gesichtspunkten losmachte; sondern weil sie die Geschichte von anßen und oben her meistern wollte und ihre eigenen moralischen und intellektuellen ZNaßstäbe an sie anlegte; dabei kam natürlich das „dunkle" Mittelalter besonders schlecht weg. Uud zugleich wurde sie dadurch erfüllt vou jenein „ruchlosen" Optimismus uud Hochmut auf die eigene Zeit, sie glaubte sich am Ziele, „wie wir es doch so herrlich weit gebracht"; ans dieser Aufklürungsstimmung ist auch Schillers Apotheose des Menschen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts heraus empfunden und gedacht. So bedeutet die Aufklärung Emanzipation auf alleu Gebieten, zumeist aber von der Autorität der Kirche: das Leben und der Staat, die Wissenschaft nnd die Litteratur ist durch sie weltlich geworden. Uud es ist eine Emanzipation des Einzelne», der ja ganz energisch auf seine Vernunft und iu der Synthese mit Rousseaus Gefühlsüberschwang anch auf sein eigenes Herz hingewiesen wird; ein Zng deS Subjektivismus und Individualismus geht durch sie hindurch, der sich anch in dem unhistorischeu Wesen der ganzen Bewegung ausspricht, weil er sich nicht binden Die Aufklärung. 17 lassen will von der Macht der Geschichte, heiße sie nun Tradition oder Sitte. Aber indem sie sich am Ziel glaubte, war sie auch schon überwunden, und zwar überwunden nicht von außen her, sondern gerade durch ihre größten Söhne selbst. Der größte aller deutschen Aufklärer war Lessing, bis zu seinem Tode im Jahre 1781 rechneten sie ihn sraglos zu sich. Und doch hatten schon seine theologischen Streitschristeu gezeigt, wie sehr er über ihnen stand, und wie viel tiefer, vor allem wie viel historischer er die religiösen Probleine zu nehmen wnßte als die andern. Und nach seinem Tode vollends erfuhr die Welt durch Friedrich Heinrich Jacobi, daß er schließlich gar kein echter Rationalist im Sinne des Leibnizisch-Wolsischen Deismus mehr gewesen war, sondern wenn er sich nach jemand hätte nennen sollen, so wäre es Spinoza gewesen, von dem damals die Welt noch redete „wie von einem toten Hunde", etwas anderes als dessen xa! ?r«p wußte er nicht. Und im selben Jahre, in dem Lessing starb, erschien Kants Kritik der reinen Vernunft, von der Man paradox und kühn behaupten tonnte, daß sie sür uns Deutsche ebensoviel und etwa dasselbe zu bedeuten habe wie für die Franzosen ihre Revolution von 1789, — eine völlige Umwälzung in der Welt des Gedankens. Nuu stand ja auch Kaut mit einem Fuß noch fest auf dem Boden der Ausklärung, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit hat er verteidigt wie sie, uud das praktisch sittliche Interesse stellte er mit ihr in den Vordergrund; aber mit dem anderen Fuße schritt er nm so gewaltiger über sie hinaus und überwand sie so gründlich — vor allem gerade da, wo er Motive und Ziele mit ihr zu teilen schien, daß alles, was Geist hatte, sich von ihr abwandte nnd ihm, dem Allzermalmer ihrer metaphysischen Scheinbeweise, znfiel. Weil die Menschen von Geist Kantianer wurden, hörten sie wie er selbst auf, Aufklärer zu sein. So haben die beiden größten Vertreter der Ausklärung diese erst iu sich selber überwunden und sie dann auch äußerlich getötet, indem sie ihr den Geist wegnahmen. Nirgends tritt uns dieses Schicksal eiuer geistigen Götterdämmerung, die über diese sich Licht und Sonne dünkende Aufklärung hereinbrach, klarer entgegen, als in dem 1801 erschienenen Zteglcr, die geistigen u. socialen Striimungen des t»> Jahrh. 2 18 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, Pamphlet von Fichte „Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen", — vielleicht seiner gröbsten, jedenfalls seiner witzigsten, aber schwerlich auch seiner gerechtesten Schrift. Hier zeichnet Fichte den altgcwordenen Freund Lessings und Mendelssohns als „den wirklich existierenden Repräsentanten der platten Denkart", er macht ihn verantwortlich für den ganzen Geist der Oberflächlichkeit und Seichtigkeit in feiner Zeit und nennt ihn „den Urheber des Meinnngssystems der Mittelmäßigkeit". Noch bezeichnender hätte er ihn nennen müssen den Vertreter derjenigen Auskärung, die fich — eben in ihm — selbst überlebt habe. Denn Nicolai hatte einst etwas zu bedeuten; er war der Freund jener Beiden gewesen, hatte mit Lessing die Litteratnrbriefe geschrieben, tapfer gegen Aberglauben und Schwarmgeifterei aller Art gckämpft, für vielerlei gemeinnützige Zwecke, vor allem für eine erweiterte und zeitgemäßere Volksbildung agitatorisch lebhaft die Feder gerührt, mit klugen Augen die Welt, die er durchreiste, angesehen und den Deutschen über ihre den meisten recht wenig bekannten socialen Zustände allerlei Wertvolles und praktisch Brauchbares mitgeteilt; und ein ehrlicher Manu war er ohnedies immer gewesen nnd war er noch. Aber'als Lessing tot war mit seiner ihn ehrenden nnd ihn hebenden Freundschaft, da ging es auch mit Nicolai zu Ende; trotzdem schwang er den Knüttel des gesunden Menschenverstandes, wie er ihn besaß nnd verstand, in seiner „Allgemeinen Deutschen Bibliothek" unverdrossen weiter und traf damit, weil ihm die Gabe, die Geister zu unterscheiden, nnd weil ihm Phantasie nnd Genialität völlig versagt war, alles wirklich Neue uud Originale, namentlich das, was besser nnd größer als er, was wirklich genial war. Am lächerlichsten aber machte er sich durch seine Furcht vor Jesuitismus und KryPtokatholiziSmns, den er liberall ausspürte und witterte: es war etwas wie ein Gespenstersehen oder wie eine fixe Idee in ihm, uud doch — die Zeit der konvertierenden Romantiker, der knnstliebenden Klosterbrüder uud der visionären Nonnen war im Anzug, und die Jesuiten kehrten drei Jahre nach seinem Tode wirklich wieder zurück: darin hatte also der alte Nicolai doch richtiger und schärfer gesehen, als die, die ihn darüber auslachten und verhöhnten. Aber darum galt er nun eben trotzdem bei den nach- -5»-'-° — Die Aufklärung. >!' kantischen Philosophen und den nachlessiugischcu Dichtern als das Borbild aller Geistlosigkcit und als der Typns der ganzen schal und geistlos gewordenen Aufklärung, und so traf jeder Keuleuschlag, der dem altcu Friedrich Nicolai galt, diese mit. Und dennoch würde man sich schwer täuschen, wollte mau glaubeu, Nicolai sei der letzte Rationalist und die Aufklärung sei, als er 1811 starb, auch äußerlich tot uud überwunden gewesen. Gerade an der Geschichte dieser Gcistesrichtnng sieht man recht deutlich, wie tauge eine solche fortlebt, fortvegetiert, auch wenn sie innerlich längst morsch und hohl geworden, uud die Welt, die etwas zu bedeuten hat, längst über sie zur Tagesordnung weitergeschritten ist. In der Poesie waren Schiller und Goethe, in der Philosophie Kant und die auf ihn folgenden spekulativen Systeme, in der Theologie Schleiermacher und die von ihm angebahnte gefühlsmäßige Richtuug und Auffassung der Religion dem ganzen Troß der Mittelmäßigen zu hoch und unverständlich, zu tief uud unzugänglich, zu geuial und unerreichbar, und so blieben sie — Rationalisten. Noch tief in die zwanziger, ja dreißiger Jahre herein hat die neuerstarkte Protestautische Orthodoxie uud der wieder lebendig werdende Pietismus gegen „Aufklärung" uud „Rationalismus" gekämpft, als ob sie noch eine Macht wären. Ost waren ihnen diese Namen freilich nur das altgewohnte Aushängeschild, unter dem sie ganz andere neuere, aber ihneu ebeuso unbequeme und feindliche Richtungen treffen wollten; namentlich leistete Hengstenberg in seiuer „Evaugelischcu Kirchenzeitung" im Mißbrauch dieser Bezeichnung Erhebliches. Allein abgesehen von solchem Mißbrauch und Mißverständnis, auch Perthes bezeugt, daß iu den zwanziger Jahre» in Sachsen süufzehu Sechzehntel der Pastoren uoch immer in dem Heidelberger Paulus ihren Herrn und Meister sehen und daß in Gvthn die Aufklärung noch unbedingt die Kirche und die Predigt beherrsche; Bretschueider war seit 1816 Gein'ralsnperintendent daselbst; und in Heidelberg stand neben dem Erzrationatisten Paulus, der noch 1839 sein fünfzigjähriges Doccntenjubiläum unter allgemeiner Teilnahme feierte, Johann Heinrich Voß, der seine Fehde mit dem „unfrei", d. h. katholisch gewordenen Fritz von Stolberg 1819 nnd 1820 doch wesentlich als protestantischer Aufklärer durchgesuchten hat. 25 20 1300 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, Vor allem aber lebte dieser Geist weiter im deutschen Mittelstand, in der Bourgeoisie der immer noch nicht großen Städte, wo er ja von Ansang an zu Hanse gewesen war: wenn sie so schlecht und recht, so eiusach uud nüchtern in den kümmerlichen Kriegszeiten und noch geranme Zeit nachher ihr Dasein wieder ausznbauen sich bemühte, aus Ehrenhaftigkeit nnd Rechtschaffenheit, ans Zucht und Sitte bei sich und den Ihrigen hielt und sich endämonistisch lind vpnmistisch des Lebens im eugeu Kreis der Ressource oder in dem vom Hausherrn despotisch regierten eigenen Hanse freute und sich daran geuügen lies?, so waren das doch recht wackere und branchbare Erbstücke aus der guteu alten Zeit der Aufklärung, die wir darum nicht fo gar leichten Herzens hätten preisgeben sollen. Ein Wort von Heine über Nicvlai trifft das Ganze und trifft den Nagel auf deu Kopf: „er hatte recht und machte sich doch mir lächerlich". So lachen wir heute über die Philisterhastigkeit jener Zeit, über allerlei Zopfiges und Steifes, Enges und Kleinliches, über Nüchternheit und Rührseligkeit, über optimistische Selbstgerechtigkeit und aufdringliches Moralisieren; allein vielleicht hatten diese Spießbürger unserer unendlich reichereu, aber in ihrer Hast vielsach auch die Ruhe des Innenlebens preisgebenden Zeit und Welt gegenüber doch das bessere Teil erwählt und hatten wirklich etwas von der Tugend und Tüchtigkeit, deren Lob sie sangen, von der Zufriedenheit und Glückseligkeit, worin sie es so herrlich weit gebracht zu haben meinten. Und auch das läßt sich nicht verkennen, daß vieles von dem, was sie im Munde führten, beim Anfang des neuen Jahrhunderte nur deswegen fo abgestanden klang, weil es inzwischen verwirklicht und aus der Theorie bereits iu die Praxis übergegangen war oder demnächst übergehen sollte. Die Abschaffung der Folter im Gerichtsverfahren und die Abschaffung der Prügelstrase im Heer, die Aushebung der Leibeigeuschast und der Adelsvorrechte nnd die Annäherung der vorher kasteuartig gegeneinander abgeschlossenen Stände — das sind nur ein paar Beispiele dafür. Die drei Idyllen von Voß „Die Leibeigenen", „Die Erleichterten" nnd „Die Freigelassenen" zeigen uns, wie wacker die Teudenzpoeteu der Ans klärung für solche Gedanken eintraten; als sie verwirklicht waren, Der Klassizismus, 21 konnte man sie dann freilich uugeleseu lassen, etwa wie unsere Jugend Onkel Toms Hütte hente nicht mehr liest und nicht mehr versteht. Und auch darüber täusche man sich nicht: was das Volk in den Bcsreiuugskriegeu geleistet hat, ist uicht alles blos; auf Kant oder auf Schiller, auf die Romantiker und auf die neuerwachte Religiosität zurückzuführen, es ist zum guten Teil auch eiu Werk der Ausklärung und des Besten, was sie gelehrt und erstrebt hatte. Aus Boyen, der 1812 ein Führer der Aktionspartei war, wirkte vor Kant dieser Geist der Ansklärnng mächtig ein und hatte ihn schou in jungen Jahren Hand anlegen lassen an eine innere moralische Hebung des Heeres; gerade iu ihm zeigt sich die Mischung vou Altem und Neuem als charakteristisch sür die ganze Zeit. Und noch viel ausgesprochener werden wir diesen Einfluß und diese Nachwirkung des AufkläruugszeitalterS iu der liberalen Anschauung auf dem Boden des Staates und der Politik wiederfinden. Es ist, wie wenn sie hier uach einer Unterbrechung und fast völligen Vernichtung noch einmal und erst recht zum Leben zurückgekehrt wäre. Aber einstweilen war sie doch das Alte, und darum wenden auch wir ihr jetzt deu Nückeu und kehren uns dem emporstrebenden und blühenden Neuen zu. Der Klassizismus. Kaut war nicht der einzige, der noch im achtzehnten Jahrhundert soweit über die Ausklärung hinausschritt, und nicht Fichte allein ist so unbarmherzig mit Nicolai umgesprungen. Noch vor diesem haben Schiller und Goethe in den Xenien über den unfreundlichen Kritiker, der über die Präteusionen der „Hören" spottete und die Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen unklar saud, die Schale ihres Zornes ausgegossen, ihn als Leerkopf und plnmpen Gesellen, als Albernen und Lächerlichsten von allen, als „armen empirischen Teufel" verhöhnt, und diese wilde Epigrammenschar als Füchse mit brennenden Schwänzen ausgesandt, um die papierne Saat der Ansklaruugsphilister überhaupt zu verderben. Die Antworten der also Angegriffenen und Mißhandelten haben dann freilich zur Genüge gezeigt, daß „das Gelichter noch viel kläglicher war als es die beiden gemalt". 22 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. Denn als die Sonne des Jahrhunderts erstmals ausging, da standen diese Dichterdioskuren wirklich auf der Höhe ihres Schaffens. Mit seiner lauten Stimme uud seinem Ruf: Zurück zur Natur! hatte Rousseau von Fraukrcich nach Deutschland herübergewirkt uud hier eiuen Sturm und Drang entfesselt, vor dein selbst Lessiug erschrocken war, wie viel mehr Nicolai! Und in der That ist Rousseau bei aller Verwandtschaft und aller Zugehörigkeit zu ihr doch noch weit mehr der große Antipode und der eigeuttiche Uberwinder der Aufklärung. Dadurch hat er in dem ganzen geistigen Habitus der Zeit einen solchen Umschwung hervorgerufen, daß man feinen Einfluß auf unser modernes Fühlen und Empfinden gar nicht hoch genug veranschlagen kann; das neunzehnte Jahrhundert steht gefühlsmäßig unter dem Zeichen Rousseaus, der Natur gegenüber empfinden Nur mitten in unserem realistischeu Zeitalter uoch heute sentimcn- talisch wie er. In diese Gefühls- und Gedankenkreise ist dauu durch Herder auch der junge Goethe hineingezogen worden, unter dem Zeichen Shakespeares hat auch er gegen den sranzösischen Klassizismus, der den Aufklärern als höchstes Muster galt, gekämpst, und bald war er der kühnste uud keckste dieser himmelstürmenden Neuerer. Aber die italienische Reise hatte die Gärung zu Ende geführt und ihm nicht als ein Fremdes, fondern feiner apollinischen Natnr durchaus angemessen, die maßhaltende Schönheit des Griechentums als Leitstern seines künstlerischen Schaffens gewiesen; nnd sast gleichzeitig war Schillers stürmischer Genius in der Philosophie Kants nnd im Studium der Geschichte zur Klärung und Reife gekommen und hatte sich ebenfalls der Zucht der Antike willig gefügt. Und nun führten die beiden in engverbuudeuer Freundschaft den .^enicnkamps, der sich zuerst gegen die Mittelmäßigkeit uud Seichtigkeit der Aufklärung richtete uud auf der ganzen Linie siegreich durchgesuchten wurde. Aber dieser Kampf beweist doch deutlich auch das andere, daß damals im Jahre 1796 die beiden noch nicht so als die Einzigen nnd Ersten anerkannt waren, noch nicht so turmhoch über allen anderen in der Schätzung ihrer Zeitgenossen standen, wie dies heute unwidersprochen gilt. In Poesie und Kritik herrschte die breite Masse jeuer Mittelmäßigen und Seichten, und um die Der Klassizismus. 2:! beiden Dichterfürsten her war es noch recht einsam ans ihrer stolzen Höhe. Es hing dies damit zusammen, daß sie einer Richtung huldigten, die sie abseits führen mußte von dem, was damals populär war — sie waren Ncnhumanisten. Langsam, aber sicher war zunächst von der jüngsten Universität, dem haunoverscheu Göttingen diese neueste Reeeption des klassischen Altertums ausgegangen: es handelte sich um eine „Neubeseelung der Philologie", wie es Erwin Rvhde so treffend bezeichnet, die wieder einmal „in ihren besten Köpsen das Bestreben zeigte, ans einer äußerlich lcrubaren Gelehrsamkeit eiu das ganze Innere bestimmender uud bildender Humanismus zu Werden: pbilosoodig. lleds-t czuas xlnlolo^ig. kuerat". Und gerade um die Wende des Jahrhunderts stand als geistiger Führer dieser Richtung Fr. A. Wolf auf der Höhe seines Schaffens: seine Prolegomena zn Homer sind 1795, seine Goethe gewidmete Darstellung der Altertumswissenschaft ist 1807 erschienen. So machte die Philologie den Ansang mit jenem Aufschwung der Geisteswissenschaften in Deutschland, der dem der Naturwissenschaften in den fpütcren Jahrzehnten unseres Jahrhunderts durchaus ebenbürtig ist. Es war eine neue Renaissanee — die wievielte ist das doch in der Geschichte des deutschen Geisteslebens? uud seit Winckel- inann und Lessiug huldigten ihr auch jenseits der strengen Wissenschaft die feinsten Geister; eine Wechselwirkung fand statt, der nen- erwachte dichterische Geist belebte die wissenschaftliche Arbeit und der Klassizismus unserer Dichter holte sich bei den Philologen Verständnis, Anregung und Belehrung für Inhalt und Form. So bezeichnet auch für Schiller uud Goethe der Zeitraum von 1787 bis 1803, d. h. von Goethes Jphigenie bis zu Schillers Braut von Messina die Periode ihres Klassizismus. Und neben ihnen stand als der feinsinnigste Vermittler zwischen Sprachwissenschaft und dichterischer Produktion Wilhelm von Humboldt. An Goethes Hermann und Dorothea entwickelte er seiue ursprünglich dem Griechentum entnommenen, durch Kant und Schiller geläuterten ästhetischen Auschauungeu. Nur schwer köuueu wir uus heute uoch vorstellen, waS diesen Menschen Homer und was ihnen Griechenland gewesen ist. Hier finden sie, was sie suchen und selber werdeu 24 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. wollen — Menschen, ganze nnd volle, individuelle und schöne Menschen: hier glaubten sie das Ideal, das wir erst mühsam erjagen müssen, das Ideal einer ästhetischen Kultur wirklich erreicht. In dieser idealistischen Verklärung sieht Humboldt die griechische Menschheit, und darum versenkt er sich mit Wolf in die einfache Größe und Schönheit Homers, darum übersetzt er für sich Pindar und bcgiuut die Übertragung des Aschylcischen Agamemnon, denn in diesen Dichtern fand er eine einzigartige Verknüpfung plastischer und musikalischer Eindrücke. Es ist gesagt worden, der Nenhumanismus habe die Griechenbegeisternng religiös empfunden und betrieben; im strengsten Sinne gilt das mir von jenem unglückseligen schwäbischen Dichter Hölderlin, dessen Griechensehnsucht so reine und seine Blüten trieb, dem aber über dem Heimweh nach dem Land der Griechen, das er mit der Seele suchte, die allzuzart besaitete Laute zerbrach, der arme Sinn hoffnungslos verrückt wurde. Allein bis zu einem gewissen Grad ist Ähnliches doch auch bei andern der Fall gewesen: in den Genien spottet Schiller über das hitzige Fieber der Gräcomanie und mahnt Friedrich Schlegel zn Verstand, Maß und Klarheit, aber seine „Götter Griechentands" hatten doch auch die Totenklagc angestimmt über das Vergehen der schönen griechischen Götterwelt. Und etwas wie Religion bedeutete es auch dein weit kühleren Humboldt: in der Mitte zwischen einer das positive Christentum bekämpfenden Aufklärung und einer den mittelalterlichen Katholizismus wieder erneuernden Romantik, blieb er bei dem specifisch griechischen, dem klassischen Ideal, das seinen heidnischen Ursprung und Charakter nicht verleugnen konnte und wollte: er fühlte positiv griechisch, also weder christlich noch antichristlich. Und endlich heißt uns auch Goethe nicht umsonst der alte Heide; seine Braut von Korinth klagt: Und der alten Götter bunt Gewimmel Hat sogleich das stille Haus geleert. Unsichtbar wird Einer nur im Himmel Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt; Opfer fallen hier, Weder Lamm noch Stier, Aber Menschenopfer unerhört. An ihm aber und an Schiller wird uns auch klar, was unser Volk dieser Schule der Alteu damals zu daukeu hatte, lind darnm, Der Klassizismus. 2,', wenn heute Chauvinisten und Banausen, Querköpfe und Paradoxesten von eiuer Entgleisung Goethes und einer Ansteckung Schillers dnrch diesen Goethcschen Klassizismus reden und darüber klagen, daß sie beide so gar klassisch und uudeutsch geworden seien, so bedauern sie es nicht nur, daß wir eine Jphigeuie und Helenadichtung, eiue Braut vou Messiua oder Balladen wie die Kraniche des Jbykus und den Ring des Polykrates haben, sondern sie rütteln ebeuso auch am Recht und an der Schönheit von Hermann und Dorothea, von Walleustcin und vou Tell; denn ohne Homer und Sophokles ist auch dieses Herrliche in seiner klassischen Einfachheit und typischen Plastik, in seiner Jdeensülle und tragischen Kraft nicht denkbar und nicht möglich. Aber ums Jahr 1800 war dieser Neuhumanismus einstweilen nur das Vorrecht weniger Höchstgebildeter, er war aristokratisch durch und durch; erst als Wilhelm von Humboldt die Leitung des preußischen Unterrichtswesens zufiel, ist er neun Jahre später der Berliner Universität uud im Priuzip auch den preußischen Gymnasien einverleibt worden uud damit erst als Teil und Ferment in die allgemeine deutsche Geistesbildung eingegangen. So stehen Schiller und Goethe gerade als die Vertreter dieses klassischen Idealismus in dem Augenblick, wo das Jahrhundert anhebt, ciusamer da, als wir uns das heute vorzustellen im stände sind. Auch hier waren es uur die Meuscheu vou Geschmack, die aufhörten au den nbgestandeucn Werken des Aufklärungszeitalters Freude zu haben; das Gros der Mittelmüßigen mit ihrem unaus- gebildeten Schönheitssinn ergötzte sich viel lieber an den Ritter- nnd Räuberromanen eines Spieß, Vulpius und Cramer oder an Langbeins plumpen und platten Nachbildungen von Boccaccio's Novellen, an dcu zwischen moralisierender Teudenz und unmoralischer Nührseligkcit hiu und her schwankenden, aber immer den Geschmack der breiten Masse treffenden Stücken von Kotzebue oder an den zwar fehr ehrenwerten und anheimelnden, aber immer nicht genialen nnd oft recht prosaischen Dichtuugeu eines Voß uud Claudius, eines Schröder und Jsfland; niemaud hielt es für einen Raub, fie alle gelegentlich wie ihresgleichen neben oder gar über Schiller und Goethe zu stellen. Berechtigter war die weitverbreitete Schwärmerei für Jean Paul: in erster Linie war es freilich die träume- 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, rischc und schwärmerische Empfindsamkeit des Ausklärnngszeitalter^ selber, das in seinen Romanen eine Ergänzung suchte gegenüber der intellektualistischen Verstandcsdürre des Rationalismus, und außerdem ein Zeichen beginnender Formlosigkeit, die man so leicht mit Genialität verwechselt und die schließlich doch nur ein Nicht- können geschickt maskiert; aber der gute Kern seines Wesens, der siegreich durchlenchtende Humor eiues Quiutus Fixlein oder eines Schulmeistertem Wuz bildete auf der anderen Seite auch eine willkommene Ergänzung zu der Würde und Höhe der beiden Großen, die manchen ängstlich machte nnd es zu vertraulicher Hingabe nicht kommen ließ, nnd ihrer stilvollen Strenge gegenüber, die den Menschen etwas zumutete, erholte man sich gerne an seiner zerfließenden Stillosigkeit. Noch viel weniger Verständnis aber hatte die Zeit für die ganze fülle Bildungsarbeit dieser ueuen Humanisten, wie sie erfolgreicher und virtuoser doch von keinem betrieben wurde als von Wilhelm von Humboldt. Der noch ganz im Geist der Aufklärung formulierte Gedanke des jugendlichen Schiller, daß die Schaubühne als moralische Anstalt zu betrachten sei, hatte sich im fnnkenschlagen- den Wechselgespräch zwischen ihm und Humboldt zu dem feineren und tieferen Streben sublimiert, das teilweise auf Kaut zurückging, die ästhetische Bildung überhaupt zur Vorschule der moralischen und allgemein menschlichen zu machen. Humanität war daSLosungswortHerders: Bildung zur Humanität und schöneil Menschlichkeit wnrde dnrch ihn zum Ziel des neuhumanistischen BildnngsstrebenS, uud das Ideal desselben war durchaus ästhetisch bestimmt — die Schaffung einer ästhetischen Kultur, wie die Griechen sie gehabt hatten. In diesem Siun sollten die Künstler und Dichter die Erzieher der Menschheit werden, in diesem Sinn verstanden Schiller und Goethe ihre Ausgabe — jener mehr bewußt iu Anlehnung an Kant, dem ja das Schöne auch schon „das Symbol des Sittlichguten" und „die Kultur der Gemütskräfte durch die Humaniora die Propüdentik zn aller schönen Kunst" gewesen war; Goethe genial-naiv, aber im letzten Ende doch auch darin -mit dem Freunde durchaus eins und auf Generationen hinaus für die Edelsten seines Volkes der Führer auf dem Weg zn solcher wahren menschlichen Bildung, die bei ihm Der Klassizismus. 2 7 ja immer mehr eine universale wurde. Idealismus aber war es nach zwei Seiten hin: einmal weil es eine sich ins Unendliche erstreckende sittliche Aufgabe und dann weil es die Innerlichkeit war, deren Bildung über das äußere Leben, seine Anforderungen nnd deren Befriedigung gestellt wnrde und den Menschen als einzelnen zur schönen Individualität, oder wie Schiller es nannte: zur schönen Seele sich entfalten lassen sollte. Und es war klassischer Idealismus, uicht Deshalb, weil damals gerade Goethe mit seiner für den Faust bestimmteu Helcuatragödie oder Schiller mit seiner Braut von Messina die dem modernen Menschen gezogene Grenzlinie des Antikisierens teilweise schon überschritten, sondern weil sie doch beide das Land der Griechen mit der Seele suchten und von griechischer Schönheit uud Freiheit, der eine naiv, der andere sentimentalisch sich zur Erfüllung jcuer Aufgabe stärken und ausrüsten ließen. Und es war endlich ästhetischer Individualismus, was ums Jahr 18V0 Schiller und Goethe in sich darstellten uud was Wilhelm von Humboldt und die ihm Geistesverwandten ihnen nachlebten und für fich erstrebten. Wie Goethe aus der Welt, notabene der kleinen stillen Welt Weimars, in die Einsamkeit Italiens sich flüchtete, so hat auch Humboldt in Rom, das ihm als die Stadt der idealen Menschheit erschien, gelernt, was er sein Leben lang so meisterhast verstand: sein Innenleben unberührt erhalten von den Kräuse- lungen des amtlichen Thuns uud der geselligen Ansprüche; nnr in jenem sah er ein wirklich Wertvolles, sah er Gehalt und Inhalt seines Lebens. Wodurch er der Gefahr eutraun, aus einem Individualisten zn einem Egoisten und ästhetischen Genießling zn werden, werden wir später sehen. Schiller that schon vorher mit dem „Tell" den Schritt vom Einzelnen zum Volk, wie er deuu immer einen Politischen Tic gehabt uud auch im Wallenstein das Milieu nicht übersehen hat. Bei Goethe aber kommt erst mit Wilhelm Meisters Wanderjahren der Übergang von der Bilduugsodyssee des Individuums zu eiuem ueueu Soeialen und Soeialistischen zur deutlichen Aussprache. Der zweite Teil des „Faust" zeigt, wie schwer ihm dieser Schritt zum Handeln und zur Socialethik gewordeil ist, und doch findet er auch dasür eben noch vor Thorschluß im Faust den schönsten Ausdruck, weuu er dieseu sagen läßt: 28 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, Verpestet alles schon Errungne; Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, Das letzte wär' das Höchsterrungne. Eröffn' ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch thätig-frei zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich auf der neusten Erde, Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft. Im Innern hier ein paradiesisch Land, Da rase draußen Flut bis auf zum Rand, Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen, Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben, Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß. Und so verbringt, umrungcn von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. Die Nomantik. Aber noch ans einem anderen Grunde waren Schiller und Goethe um des Jahrhunderts Wende nicht so allgemein anerkannt, wie wir das vermnteu möchten; neben dem Klassizismus war bereits wieder eine andere Richtung im Aufstreben begriffen, die Romantik. Sie war üii cle sidols entstanden und war im Jahre 1800 das Modernste und „die Moderne". Daß der alte Nicolai den eigentlichen Dichter dieser Jüngsten, Tieck, als Fortsetzer der Straußsederngeschichten eine Zeitlang in den Dienst der Ansklärnng gespannt und als Schlange an seinen Verlegerbnsen ausgenommen hatte, gehört zu jener Ironie, in der sich auch die Geschichte der Geister zuweileu gesallt. Aber die Anfänge der Romantik gingen doch noch über diesen Vielseitigen zurück und reichteu höher hinaus. Wieder stoßen wir hier auf Rousseau, der mit dem Gesühlston in seiner lauten und weitreichenden Stimme dem Intellektualismus der Aufklärung gegenüber für alles Gefühlsmäßige, Instinktive lind Geniale eintrat und so recht eigentlich das Zeitalter des Gefühls einläutete. Und ueben ihm steht Herder, der von Rousseau und Hamann Die Romantik, 2!> inspiriert ein so ganz Neues in das Geistesleben des deutschen Volkes hereintrug, daß wir noa) immer vor diesem Maunc als vor einer unbegriffenen oder doch uoch nicht ganz begriffenen Erscheinung staunend Halt machen; für die Geschichte z. B. beginnen seine „Ideen" zum Teil erst heute recht fruchtbar zu werden. In ihn, lebte ein so feines Gefühl für das Volkstümliche und Eigenartige, für das Nationale in Poesie und Sprache, ein so klares Verständnis für alles Wachsende, Werdende und sich Entwickelnde, ein solcher Spürsinn für echt Menschliches und menschlich Schönes, daß er ganz deutsch nnd ganz Kosmopolit, universal und national zugleich, gewissermaßen nach zwei Seiten hin befruchtend wirkte. Er selbst sammelt die Stimmen der Völker im Lied und weist wie auf die hebräische so auch auf die romanische Poesie hin; und unter seinem Einfluß schreibt Goethe über deutsche Art und Kunst, begeistert sich am Straßburger Minister für die Kunstwerke des deutscheu Mittelalters nnd gießt in eine, wie er damals meint, echt Shnkespearische Form die Geschichte Gottfrieds von Berlichingen mit der eisernen Hand und schildert iu ihm und seiner Hausfrau deutsches Freiheitsgefühl und deutschen Biedersinn aus den Tagen Luthers. Und uuter demselben Einfluß steht auch Bürger, der selten nach Verdienst geschätzte, wenn er seine volkstümlichen Balladen von Lenore uud des Pfarrers Tochter von Taubeuhain dichtet. Auf die Griechen und auf Homer hat Herder uoch vor Schiller uud Goethe hingewiesen, uud in seinem Sinn schreibt Friedrich Schlegel in den neunziger Jahren die Bruchstücke einer Geschichte der Poesie der Griechen und Römer, durch die er für diese leisten will, was Winckelmann für die griechische Kunst geleistet hat. Und wenn Herder, als „Oberpriester des Griechentums" das Christentum auch allzusehr mit der Humanität selbst identifizierte, so war ihm, der ja zugleich auch Generalsnperintendent war, die Religion schließlich doch die „innigste Angelegenheit", das „Mark der Gesinnungen eines Menschen", der „Altar seines Gemüts", uud damit Präludierte er Schleierinachers Gesühlsreligion, wie er diesem auch für seine Spinozabegeisterung zum Führer wurde. Als er, dem Bildung das Höchste war, das Wort hinwarf: „Aufklären heißt nicht bilden; alle Aufklärungsanstalten verfehlen nicht allein, sie vernichten den letzten Zweck aller 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. Bildung: Menschheit und Glückseligkeit", so war das eine so scharse Absage an die Ausklärung wie nur eine, und sie erfolgte im Namen eines Bildnngsideals, das von allen das universalste war. Rechnen wir dazu endlich noch sein Naturgefühl, seine die Jdentitätsphilo- sophie anteeipierende Jneinssetzung von Geist nnd Natnr, sein Verständnis für die Eigenart des Mittelalters und die ganz persön- licheGestalt seines genialischen Denkens in ihrer sprunghast rhapsodischen Systeinlosigkeit uud ihrer von leideuschaftlicheu Stimmungen vorwärts getriebeneu Subjektivität, so kanu man zwar vielleicht über den thatsächlichen Einfluß Herders auf die Romantiker im einzelnen streiten, darf aber daran nicht zweifeln, daß er die Romatik, sie soznsagcn prüformierend, als einen Teil seines Wesens in sich trug. Persönlich steht Herder freilich um die Wende des Jahrhunderts als ein rechter Neithart und Griesgram beiseite uud schreibt verstimmte und verfehlte Bücher gegen Kant und nörgelt uud mäkelt an dem glücklicheren und größeren Goethe. Aber dabei ging, ihm selbst kaum bewußt, seine reiche Saat doch eben jetzt aus. Aug. Wilh. Schlegel erfüllte als Übersetzer die Forderungen, die Herder an Übertragungen fremder Dichterwerke gestellt hatte — es war ciu Nachdichten mehr als ein Übersetzen; nnd er übersetzt Shakespeare, zu dem sich unter Herders Ägide Goethe am „Schäke- spears Tag" des Jahres 1771 so überschwänglich bekauut hatte und den jetzt sein Brnder Friedrich als „Vertreter der interessanten Poesie" feiert; und Tieck, nnmnehr des Kucchtsdienstes bei Nicolai ledig, greift für feine Dichtungen nach den deutschen Volksbüchern, wie wiederum aus Herders Anreguugen hiu Goethe sür feinen Fanst nach ihnen gegriffen hatte. Und auch an der romantischen Theorie fängt Friedrich Schlegel bereits zn zimmern an und macht dabei freilich die unglaublichsten Sprünge; aber daß neben der französischen Revolution nnd neben Fichtes Wissenschastslehre Goethes Wilhelm Meister als Roman der Romane eine der drei großen Tendenzen des ausgehenden Jahrhunderts bedeute, verkündigt er ohne Schwnuken mit allem Nachdruck. Uud damit tras er die Sache doch: das Revolutionäre, das ganz Subjektive uud das Ästhetische und Praktische als Leben und Erleben in eins zusammengefaßt — das waren wirklich die drei Tendenzen der Romantik Die Romantik. :!> als einer „progressiven Uuivcrsalpoesic", zu deren Inventar er dann noch selber das Spiel der Ironie hinzufügte. Dieser Begriff ist für die Romantik der charakteristischste, aber auch der bedenklichste. Man hat als Quelle dafür neuerdings besonders Jean Paul genannt; und es ist wahr, seine Art „das Komische neben das Empfindsame zu stellen nnd ihm dadurch nachträglich einen Teil der Empfindsamkeit zn rauben" oder, wie er selbst sagt, „den Leser ins Dampfbad der Rührung zu führeu und ihn sogleich wieder ins Kühlbad der frostigen Satire hinauszntreiben" entspricht der romantischen Praxis in Trecks Volksmärchen oder in Clemens Brentanos „Godwi"; und das Athenäum weist ausdrücklich auf seine „Grotesken und Bekenntnisse als die einzigen romantischen Erzeugnisse unseres nnromantischen Zeitalters" hin und freut sich, daß „sich der Mensch von universeller Tendenz an den grotesken Por- zellnufigureu seines wie Reichstrnppen zusammengetrommelten Bilderwitzes ergötzen oder die Willkürlichkeit iu ihm vergöttern" könne. Namentlich ist es jene von Brentano treffend sogenannte „Ironie des aus dem Stücke Falleus", die Jean Paul bis zum Unerträglichen übt uud die ihm die romantischen Dichter in Roman und Drama ebenfalls bis zum Überdruß nachmachen; nnr ist sie bei ihnen uoch unerfreulicher, weil sie eben Nachahmung und Manier ist. Aber Alfred Kerr, der vou Brentano aus auf diesen Einfluß Jean Pauls geführt worden ist, weiß doch anch, daß es daneben noch eine subtilere und wandlungsreichere Form der romantischen Ironie giebt, nnd sie kennt der Verfasser der Geschichte der Poesie der Griechen von Sokrates her; diese sokratische Ironie stellt er daher in den Lyecumsfragmenten voran, wo er — freilich unhistorisch genug — von ihr sagte: „sie ist die einzige, durchaus unwillkürliche und doch durchaus besonnene Vorstellung. Es ist gleich unmöglich sie zu erkünsteln und sie zu verraten. Wer sie nicht hat, dein bleibt sie anch nach dem offenen Geständnis ein Rätsel. Sie soll niemanden täuschen als die, welche sie für Täuschung halten nnd entweder ihre Freude haben an der herrlichen Schalkheit, alle Welt zum besteu zu haben oder böse werden, wenn sie ahnden, sie wären wohl auch mit gemeint. In ihr soll alles Scherz und alles Ernst sein, alles treuherzig offen und alles tief verstellt. Sie entspringt 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. aus der Vereinigung vou Lebenskunstsinn und wissenschaftlichem Geist, aus dem Znsammentressen vollendeter Naturphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie. Sie enthalt uud erregt ein Gcsiihl von dem uuauflöslicheu Widerstreit des Unbedingten uud des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung. Sie ist die frcieste aller Licenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst weg; und doch auch die gesetzlichste, denn sie ist unbedingt notwendig. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die harmonisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbstparodie zu nehmeu haben, immer wieder von neuem glaubeu und mißglauben, bis sie schwindlicht werden, den Scherz gerade für Erust, den Ernst für Scherz halten." Weit darüber hinaus geht aber die andere Stelle, wo cS heißt: „Die Philosophie ist die wahre Heimat der Ironie, welche man logische Schönheit definieren möchte: denn überall wo in mündlichen oder geschriebenen Gesprächen und nur nicht ganz systematisch philosophiert wird, soll man Ironie leisten und forderu; nnd sogar die Stoiker hielten die Urbanität für eine Tugend. Freilich giebts auch eiue rhetorische Jrouie, welche sparsam gebraucht vortreffliche Wirkung thut, besonders im Polemischen; doch ist sie gegen die erhabene Urbanität der sokratischen Muse, was die Pracht der glänzenden Knnstrede gegen eine alte Tragödie in hohem Stil. Die Poesie allein kann sich auch von dieser Seite bis zur Höhe der Philosophie erheben und ist nicht aus ironische Stellen begründet wie die Rhetorik. Es giebt alte und moderne Gedichte, die durchgängig im ganzen und überall deu göttlichen Hauch der Jrouie atmen. Es lebt in ihnen eine wirklich transcendentale Bufsonerie. Im Innern die Stimmung, welche alles übersieht und sich über alles Bedingte unendlich erhebt, auch über eigene Kuust, Tugend oder Genialität; im Äußern in der Ausführung die mimische Manier eines gewöhnlichen, guten italienischen Buffo." Ein Gefühl von dem uuanflöslichen Widerstreit zwischen Unbedingtem und Bedingtem, zwischen der Weite des Ideals und der Euge und Kleinlichkeit der wirklichen Welt — vielleicht ist das seit dem Sturm und Drang, seit Roussean nnd Herder die Grnnd- stimmuug der Zeit; hier berührt sich diese neue Richtung mit jener Die Romantik. 33 früheren, auch damals kam, unter dein Einfluß Rousseaus, der Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit voll und neu zum Bewußtsein. Hier wäre der Punkt gewesen, wo Schiller den Romantikern uäher stand als Goethe; denn ihm lag dieser Gegensatz ganz besonders schwer ans der Seele, weil er sentimentatisch war und nicht wie Goethe naiv. Aber hier kommt auch alsbald der scharfe Trennungsstrich: Schiller sucht den Widerstreit zn überwinden dnrch das unendliche Streben seiner sittlichen und künstlerischen Persönlichkeit, durch eiu positives Ideal; die Romautiker dagegen, durch jenen Widerstreit im Gleichgewicht ihrer Seele gestört, setzen an die Stelle eines solchen ernsten Strebeus das Spiel einer beständig oscillierenden Reflexion, machen aus Ernst Spaß, nehmen „das ganze Spiel des Lebens wirklich anch als Spiel" und nennen dann dieses Spiel uud diesem Spaß Ironie. Der aber, auf den bei ihnen dieser Begriff zurückgeht, ist uicht Rousseau, souderu Fichte, dessen Philosophie formell paradox ist: Ironie ist die Form des Paradoxen, paradox aber ist ihnen alles, was zugleich gut uud groß ist. Allem auch Material sucht ja die Fichtesche Philosophie die Erhebung über das Bedingte und findet sie — im unbedingten und absoluten Ich. Dieses absolute Ich Fichtes wird zum Subjekt der romantischen Ironie. Fichtes Ich schasst sich eine Objektenwelt frei nnd gebunden zugleich mittelst der produktiven Einbildnngskraft. Das war ein Begriff, den anch der Dichter brauchen konnte, mie er ja vom künstlerischen Schaffen herübergenvmmen ist. So wird das künstlerische, das dichterische Ich verabsolutiert und ihm in seiner Genialität das Recht zugesprochen, sich über alles souverän zu erheben uud mit allem nach Willkür zu spielen, — das Fichtesche Ich wird zum romantischen Ich, dessen Eigentümlichkeit darin bestehen soll, daß „jeder nach Belieben philosophisch oder philologisch, kritisch oder poetisch, historisch oder rhetorisch, antik oder modern sich müßte stimmen" können. Und hier ist auch zugleich der Ausgaugspuukt sür die Forderung, daß alles poetisicrt werden soll: jedenfalls werden in der Ironie zunächst einmal Philosophie nnd Poesie eins. Und wie sich endlich in Fichtes Wissenschaftslehre das Ich selbst in seiner Entwickelung zuschaut und erfaßt, so setzt sich auch das roman- Zicgler, die geistigen u, socialen Strömungen des 10. Jahrh. 3 -!4 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. tische Ich schließlich über sich hinweg und spielt souverän auch mit sich selber; nun erst wird die romantische Poesie, wie es bei Fichte ein Wissen des Wissens giebt, zur Poesie der Poesie, zur potenzierten Poesie. Aber auch Fichte konnte noch überboten und übertrumpft werden; es geschah dies durch Novalis. Zunächst erfaßte er Fichtes Philosophie mit dem Herzen nnd darum in ihrer ganzen Tiefe; anch ihre moralische Tendenz war ihm durchaus sympathisch, das Gewissen erklärte er für des Menschen eigenstes Wesen in vollster Verklärung. Aber rasch genug enthüllen sich nns auch die Differenzen: das Ich ist nicht nur Vernunft wie bei Kant und Fichte, Novalis will tiefer dringen und neue ungenannte Kräfte im Ich aufsuchen. Dieses Geheimuisvolle entdeckt er in dem, was er Instinkt, Genie nennt, und so setzt er an die Stelle des vernünftigen Wissens und Erkeunens den Begriff der Offenbarung; Philosophie ist ihm Selbstoffenbarung, Selbftbesprechung: „es dünkt dem Menschen, als sei er in einem Gespräch begriffen nnd irgend ein unbekanntes geistiges Wesen veranlasse ihn auf eine wunderbare Weife zur Entwickelung der evidentesteu Gedanken". Das klingt so mystisch, daß der Übergang zur Religion hier nahe liegt, und auch die Hinwendung zu dem gotttrunkenen Spinoza fehlt nicht: da trifft Novalis mit Schleiermacher zusammen und berührt sich noch vorher mit der Glaubens- und Offenbarungsphilosophie Jacobis. Aber bedeutsamer ist für ihu noch ein anderes. In jener Tiefe des Bewußtseins verwandeln sich unsere Gedanken in Gesetze, unsere Wünsche in Erfüllung: Fichtes Ich ist weltschöpferisch und beherrscht die Natnr durch seine vernünftigen Gesetze — das war die Koperuikanische Nmkehruug des Verhältnisses von Subjekt und Objekt, von Ich und Natur seit Kant; der Poet aber feiert die Macht des genialen Ich mit seiner Wunderkraft der Fiktion, und der religiöse Mensch preist die Macht des Glaubens, der Berge versetzt und Wunder thut. Das alles fließt dann zusammen zu dem Glauben an die Allmacht des romantischen Ich, das ein geniales, ein poetisches, ein religiöses zugleich ist, und so wird es zum Magus der Welt, zum Wunderthäter und Zauberer. Dieser „magische Idealismus" häugt bei Novalis des weiteren auch uoch mit seiner Todessehnsucht zusammen: Sterben Die Romantik. ist ein echt philosophischer Akt, das Leben eine Krankheit des Geistes, und darum steht es bei uns, das Leben wie eine schöne genialische Täuschung, wie ein herrliches Schauspiel zu betrachten; und so zaubern wir gewissermaßen das Jenseits herab und herein in unser diesseitiges Dasein und machen diese Welt zu einer wunderbaren, gespenstischen, zauberhaften. Aber Novalis geht noch direkter auf sein Ziel los. Die Gesetze der Mathematik sind nach Kant Gesetze unseres Geistes und bestimmen dennoch — oder eben als solche — die Welt der Erscheinungen, die Natur, uusere Objekten- wett; folglich wird anch unserem Romantiker die Mathematik zum schaffenden Idealismus, zum Zauberschlüssel uud eigentlichen Element des Magiers. Und nuu wird das ins Praktische übersetzt: der magische Idealist kann ebensowohl seine Gedanken zn Dingen als die Dinge zn Gedanken machen; der Körper soll in den Dienst der eigenen Seele nnd damit in den der Geisterwelt im ganzen treten. Dieser Zauberer aber, der sich so die ganze Welt dienstbar macht, dieser magische Idealist und idealistische Magier ist doch wieder kein anderer als der geniale Künstler, als der romantische Poet, die Welt, die er schafft, ist Poesie und ist Märchen. Novalis weist, wie schon gesagt, mit seinen religiösen Stimmungen nnd seinem mystischen Idealismus über sich selbst hinaus zu Schleiermacher, der aber fraglos größer, der größte ist uuter allen diesen Romantikern und ein ganz anderer als sie. Aufgewachsen im sicheren Schoße herrnhutischer Frömmigkeit, aber über die Enge dieses idyllisch friedlichen Kleinlebens rasch sich hinaushebend, war er durch die Auseinandersetzung mit Kaut und seiner widerspruchsvollen Freiheitstehre zu einem Determinismus geführt worden, der seinem tief religiösen nnd specifisch reformierten Abhängigkeitsgefühl entsprach nnd ihn philosophisch sür Spinoza gewann, dessen Manen er bald ehrerbietig die bekannte Locke opferte. In Schlvbitten im Hause des Grafen Dohna hat er die Welt vornehmer Geselligkeit und feiuer Herzensbildung kennen gelerut; in Berlin kam dann die weltläufige Bildung des Kreises hiuzu, der unter dem Vortritt jüdischer Franen — einer Henriette Herz und Dorothea Veit geborener Mendelssohn — zn Goethe emporsah und mit feinem Instinkt das anch über die Poesie Hinausgreisende Neue in diesem einzigartigen Genius herausfühlte 3* 1800 bis 1L30: Die drei Weltanschauungen, und so mit Notwendigkeit von der Nüchternheit der noch immer Berlin beherrschenden Nicolai, Biester und Engel abgestoßen, sich im Gegensatz zn ihnen zusammenfand. Aber zum Krystall einer neuen Bildung schoß das alles doch erst zusammen, als durch den unruhigen Geist Friedrich Schlegels Bewegung in das Ganze kam: hier in Berlin entstand so die romantische Schule, während die Romantik schou ein paar Jahre eher zu existieren begonnen hatte. Und die drei Hohenpriester des Kreises waren Tieck der Dichter, Friedrich Schlegel der Theoretiker nnd Schleiermacher der Prediger, die beiden letztereu zn persönlich engster Freundschaft verbunden, wobei jener den männlichen, dieser den weiblichen Teil der ungleichen Ehe repräsentierte. Aus diesem Wirbel herans, gespornt von dem ewig mit Projekten sich tragenden Genossen, schrieb Schleiermacher im letzten Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in der Stille von Potsdam seine Reden über die Religion an die Gebildeten nnter ihren Verächtern. Diese Gebildeten, wer sind sie anders als eben jener Kreis einer neueu Bildung, wie er ihn in Berlin kennen gelernt hatte, in dem man der rationalistischen Theologie und ausgeklärten Predigtweise jetzt ebenso überdrüssig war wie seit langem schon der Orthodoxie? Und so widmet er in der dritten Rede der Ausklürung die scharfe Absage: sie, die verständigen nnd praktischen Menschen von heutzutage sind in dem jetzigen Zustand der Welt die Feindseligen gegen die Religion; sie sind nicht gebildet zu nennen, obwohl sie das Zeitalter bilden und die Menschen aufklären möchten bis zur leidigen Durchsichtigkeit; sie verachten die Religion nicht, aber sie veruichteu sie. Diesen verhängnisvollen Händen will sie Schleiermachcr entreißen, indem er sie auf einen ganz anderen ihnen völlig fremden Boden stellt. Nicht im Wissen ist sie zu suchen: damit trifft er die Ausklärer, welche die Religion in Metaphysik — freilich in was für eine? — verwandeln und Vernünftigkeit — freilich was für eine? — von ihr fordern; nnd anch nicht im Handeln: auch damit trifft er die Aufklärer mit ihrem schal gewordenen Gerede von Tugend und ihrem weichlichen Eudämonis- mus, aber ebenso auch Kant und seinen praktischen Vernunftglauben an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Wenn aber nicht Wissen Die Romantik. 37 und nicht Handeln, so muß Religion Anschauung und Gefühl sein: ahnendes Anschauen des Universums, des Unendlichen im Endlichen, und dadurch eiu eigenartiges Gestiimntsein deS Gemüts, das wie eine heilige Musik alles Thun des Menschen begleitet. So wird der einzelne Mensch dnrch Religion ein Kompendinm der Menschheit und hat nur in ihr die Universalität, die ihm sonst abgeht. Durch jene Beziehung auf das Universum wird für den Frommen jede Begebenheit zum Wunder, jede neue Anschauung zur Offenbarung; jeder braucht einen Mittler, der seinen Sinn für Religion weckt; jede heilige Schrift ist ein Denkmal, daß ein großer Genius, ein Virtuose der Religion da war, aber nicht mehr da ist, und Religion hat nicht der, der an die Bibel glaubt, sondern wer selbst eine machen könnte; Unsterblichkeit aber heißt nichts anderes als mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein iu jedem Augenblick. So werden die religiösen Begriffe ihres gewöhnlichen Sinnes und ihrer Unbegrciflichkeit beraubt uud iu einen nenen Sinn umgedentet, der sie verständlich und den Gebildeten erträglich macht, sie werden verflüchtigt und vergeistigt, vermenschlicht und doch unendlich bereichert und vertieft, aus der schwindelnden Höhe der Trnusceudenz auf den realen Boden der Immanenz versetzt und damit vereinfacht und psychologisiert. Wie polemisch aber Schleiermacher sein kann, das zeigt sein ablehnendes Perhalten gegen den Gottesbegrisf, der ihm doch zusammenfallen könnte und müßte mit dem des Universums; und das zeigt noch mehr seine Abneigung gegeu die Kirche: auch er will ein Geselliges in der Religion, aber verwirklicht findet er es nicht iu der Kirche, sondern einzig nnr in der frommen Häuslichkeit; freilich nicht iu uuseren beschränkten Lebensverhältnissen, wo „wir unsere eigenen Sklaven sein und verrichten müssen, was durch tote Kräfte sollte können bewirkt werden", nein, erst — und hier redet er sast so utopisch wie Bebel oder Bellamy — „erst wenn Wissenschaften und Künste die Welt in ein Zauberschloß verwandelt haben, wo der Gott der Erde mir eiu magisches Wort auszusprechen, nnr eine Feder zu drücken braucht, wem? geschehen soll, was er gebeut, dann erst hebt sich über keinem mehr der Stecken des Treibers und jeder hat Ruhe und Muße, in sich die Welt zu betrachten". Der An- 38 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. klang solcher Stellen an Novalis ist unverkennbar, wie er ihn denn auch neben Spinoza feiert als „den göttlichen Jüngling, dem alles Kunst ward, was sein Geist berührte, seine ganze Weltbetrachtung unmittelbar zu einem großen Gedicht"; und doch wie menschlich nüchtern und realistisch gedacht das alles im Vergleich zn dem magischen Idealismus jenes Poeten uud Phantasten! Aber Schleiermacher ist auch historisch genug, nm die Vielheit der Religionen für notwendig zn erklären und sich der positiven Religionen gegen die dürftige und schemenhafte Idee einer allgemeinen Vernunft- oder natürlichen Religion anzunehmen. Das Recht der Eigentümlichkeit nnd Individualität bleibt darum dem Einzelnen doch gewahrt und in jedem beginnt die Religion aufs neue als ein ganz Persönliches, auch wo man sich einem größeren Gauzeu anschließt, schreiben wir demselben „eine unergründlich tief ins einzelne gehende Bildsamkeit" zu, vermöge deren aus dem Schoß eiuer solchen gemeinsamen Sphäre Eigentümlichkeiten aller Art hervorgehen können; so gilt anch hier nicht Uni- sormität, sondern Eigenart. Unter allen Religionen aber ist die christliche doch die höchste und vollkommenste, ein allgemeines Entgegenstreben des Endlichen gegen die Einheit des Ganzen, gegen das Universum, durch und durch polemisch gegen alles Irreligiöse und Unheilige, uud der herrschende Tou aller religiösen Gefühle in ihr die heilige Wehmnt. Von ihr war Christus selbst erfüllt, getragen vom Bewußtsein der Einzigkeit seines Wissens nm Gott und seines Seins in Gott; und doch hat er nie behauptet, der einzige Mittler zu sein, der einzige, in welchem jene Idee sich verwirkliche, nnd ebenso verbietet die Bibel keinem andern Buch auch Bibel zu sein oder zu werden; denu nichts ist unchristlicher als Einförmigkeit zn suchen in der Religion. Es ist ein gewaltiges Erbe, das unser Jahrhundert in diesem merkwürdigen Buch vom vvrigen überkommen hat, ein Zukunfts- und Schicksalsbuch, das heute noch nicht ausgeschöpft und nicht veraltet ist, eiu Eckstein zugleich, au dem noch immer manche Anstoß nehmen nnd scheitern. Und darum ist es kein gutes Zeichen für die religiöse Entwickelung im neunzehnten Jahrhundert, daß Die Romantik. :!!> das Oberhaupt der neuesten Theolvgenschule, Albrecht Ritschl, demselben so gar verständnislos und so affektiert feindselig gegenüber sich gestellt hat. Indem Schleiermacher die Religion auf Gefühl stellte, machte er sie als persönliches Erlebnis unabhängig von der fortschreitenden Wissenschaft nnd unabhängig auch von dem Wandel der sittlichen Anschauungen und rückte sie dennoch in das Centrnm wie des Menschen so des Universums, das ihm pantheistisch mit der Gottheit selbst in Eins zusammenfloß und sich uns als Unendliches in gefühlsmäßiger Anschauung offenbart. Auf diesem Boden allein ist die gesuchte und aufgegebene Versöhnung von Religion und Kultur möglich, so allein kann man fromm fühlen und frei denken zugleich. Schleiermacher selbst aber hat an den Grundgedanken seiner Reden sein Leben lang festgehalten, auch die mildernden nnd ins Christliche umdeutendeu Änderungen nnd Erläuterungen der weiteren Auflagen ändern daran nichts, so unerfreulich sie in vieler Beziehung sind. Nur hat er später iu der Dialektik seiner religiösen Anschnunng eine psychologische und metaphysische Grundlage gegeben, indem er das Gefühl als Identität von Denken nnd Wollen ins Centrinn der menschlichen Persönlichkeit rückt nnd diese Aushebung der Gegensätze zugleich als das Göttliche in uns begreift, das ja notwendig über alle Gegensätze hinaus die höchste Einheit sein und darstellen muß. Uud auch in der Glaubenslehre faßt er die Religion noch immer als Gefühl, als das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, dem dann Gott entspricht als die Antwort ans die Frage nach dem Woher unseres empfänglichen und selbstthätigen Daseins; so ist uns das Göttliche auch hier einzig nur gegeben in der eigenen Brnst, im Gesühl dieser unserer Abhängigkeit. Im übrigen aber ist freilich die Glaubenslehre der große Eiertanz, den der pautheistische Redner und Dialektiker mit der in der christlichen Kirchengemeinschaft geltenden Lehre, die nicht pantheistisch ist, auszuführen hatte. Wenn aber die schon in den Reden in den Vordergrund gestellte Determiniertheit uud schlechthinige Abhängigkeit den Menschen in seiner Eigenart nnd Selbständigkeit bedrohte und das Sittliche dabei zu kurz zu kommen schien, so ließ ja Schleiermacher ans die 4" 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, Reden im Jahre 1800, als Morgengabe für das neue Jahrhundert, die Monologen folgen, das hohe Lied einer ihrer selbst gewissen nnd sich voll erfassenden Individualität, einen Hymnns auf die Freiheit eiucr individuell sich bildenden nnd gebildeten Natur, wirklich das Programm jener neuen Bildung und einer durch und durch idealistischeu Sittlichkeit. Es war die Größe, aber auch die Schwäche der Kantischeu Moral, daß sie den Menschen auch als sittlichen vor das allgemeine Beruuuftgesetz gestellt und dieses als einen alle individuellen Neigungen zu Bodeu schlageudeu kategorischen Imperativ ausgerichtet hatte. Darin lag ihr demokratischer und revolutionärer Charakter, darin aber auch eiue Mißachtung der Individualität uud ihrer Rechte, die für „feiugcstüumte Seeleu" unerträglich war; deshalb hat sie Goethe abgelehnt und hat sich Schiller dagegen ansgelehut. Das gab nur gebrochene Charaktere, keine harmonischen Menschen; der neueu Bildung aber war es just um solche zu thun. Deshalb stellten ihre Vertreter Goethe so hoch, weil sie in ihm ohne allen inneren Widerstreit diese Harmonie verwirklicht sahen; sein Leben war der verkörperte Protest gegen Kants Lehre von der Nothwendigkeit des Kampfes zwischen Neigung uud Pflicht. Schiller aber suchte der mönchische!? Moral Kants zn entgehen durch die Entdeckung der schonen Seele, durch diesen ästhetischen Begriff wollte er die sittliche Strenge Kants ermäßigen; doch er war selbst zu sehr im Banne dieser Philosophie, als daß er den Grundfehler in der Vernachlässigung des individuellen Moments im Sittlichen begriffe» hätte. Da kam Schleiermacher und proklamierte wie für die Religion, so auch für die Sittlichkeit das Recht individueller Eigentümlichkeit: zu werden, was man ist, seiue Eigentümlichkeit zu bilden, das ist unsere sittliche Aufgabe und ist des Menschen Bestimmung. Darin klingen die Monologen zunächst weit romantischer als die Reden: es war eine Ethik des Individualismus, wie sie auch Friedrich Schlegel wollte, und sie schien bei diesem Virtuosen vornehmer Geistesbildung aristokratisch sein zu müssen durch uud durch; es war ein souveräner Subjektivismus, der freilich auch von Kant stammte, aber doch noch mehr an die romantische Ironie Schlegels oder gar an den magischen Idealismus vonNovalis erinnerte; und es war Selbstbespiegclung mehr Die Romantik. II als individuelle Sclbstdarstellung, so daß der zweite Abschnitt der Monologen in der That den Spott hervorrufen konnte, daß der Versasser als ein geistiger Narciß mit verliebten Worten sein eigenes Bild anrede und sich selbst ins Schöne sehe. Aber es ist doch nicht so, als ob Schleiermacher erst später die Sittenlehre auf socialen Boden gestellt und die Jndividnalethik zur Socialethik erweitert habe. Freilich macht ihn sein sittlicher Idealismus vorläufig uoch gleichgültig gegen die reale Welt, in der er, ein Fremdling, lebt; und auch au Raum nnd Zeit bindet er sich nicht, Jugend nnd Alter sind ihm dasselbe — so sehr ist er überzeugt vou Wert und Kraft seines Innenlebens, erfüllt von jenem seiner selbst mächtigen Idealismus, wie wir ihn anch bei Humboldt gcfundeu haben. Aber es ist kein Egoismus, auch keiu „göttlicher"; die Pflege des Eigentümlichen schließt den allgemeinen Sinn nicht aus, fordert ihu sogar: „wer sich zu einem bestimmten Wesen bilden will, dem muß der Sinn geöffnet sein für alles, was er nicht ist"; und dieser allgemeine Sinn, „wie könnt' er wohl bestehen ohne Liebe"; ohne sie, diese Anziehungskraft der geistigen Welt, müßte alles in gleichförmige rohe Masic zerfließen; wer weiter nichts als solche zu sein begehrt, dem geuügt Gesetz und Pslicht, gleichmäßig Handeln und Gerechtigkeit. Und so sordert er denn auch hier schon Gemeinschaft in jedem Augenblick des Lebens als Ergänzung der eigenen Kraft. Aber freilich, was heute unter uns besteht au geistiger Gemeinschaft, das ist herabgewürdigt zum Dienst des sinnlichen Wohlseins; darnm möchte er neue Gemeinschaften nach Willkür schaffen, Freundschaft und Geselligkeit, Ehe uud Staat vergeistigen uud verklären nnd Sprache uud Sitte, dieses Gemeinsame, immer mehr Gewand und Hülle werden lassen der inneren Eigentümlichkeit, daß sie „zart und bedeutungsvoll sich jeder edelu Gestalt auschmiegeu uud ihrer Glieder Maß verkündend jede Bewegung schön begleiten". So ist er nur der Denkart und dem Leben des jetzigen Geschlechts ein Fremdling, dagegen „der prophetische Bürger einer späteren Welt, zu ihr durch lebendige Phantasie und starken Glauben hingezogen, ihr angehörig jede That und jeglicher Gedanke"; denn sie kommt gewiß, diese bessere Welt, ein „erhabenes Reich der Bildung und der Sittlichkeit". Und so fehlt ihm doch 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, nur Eines — die Fühlung mit der ihn umgebenden sittlichen Wirklichkeit und der historische Sinn für sie und für seine eigene Herkunft aus ihr uud seiue Abhängigkeit von ihr: wie bei Wilhelm von Humboldt so bedürfte es auch bei ihm des Hereingreisens eines großen historischen Schicksals, um ihn an seiue Welt zu binden und Hand legen zu lasseu an die Schaffung jenes erhabenen Reiches der Bildung und der Sittlichkeit ans dem realen Boden des preußischen Staates uud mitten heraus aus dieser seiner Weltwirklichkeit. In dem allem liegen romantische Elemente unauflöslich ver- wobeu mit anderem, was ihn von den Romantikern trennt. Zu diesem Trennenden gehört aber mit aller Bestimmtheit jedenfalls uoch eines. Wie in den Monologen, so hatte es Schleiermacher schon in den Reden abgelehnt, — trotz der schönen rhetorischen Forin, die er dem höchsten Gegenstand einzig angemessen erachtete, einen Weg vom Gebiete des Kunstsinns zur Religion zu siudeu, sei es, daß es keinen solchen gebe und die Künstler deshalb vielleicht verurteilt seien, irreligiös zu sein, oder daß nur ihm dieses Gebiet zu schwierig uud zu fremd sei. So ließ er sich in die künstlerische und poetische Richtung der Romantik nicht hineinreißen und schützte sich dadurch auch iu der Auffassung der Religion vor jener Überschätzung des mittelalterlichen Katholizismus, der Novalis in dem unter dem Einfluß der Reden geschriebenen Aussatz „Europa" zum Opfer fiel. Ganz fromm und ganz frei! war das Motto Schleiermachers; durch Frömmigkeit zur Unfreiheit! war das Thema, das hier von Novalis variiert wurde. Deu Genossen allen aber zeigte sich Schleiermacher weit überlegen — an Wissen zuerst und Kenntnis seiner Vorgänger, und darum konnte ihm auch die Synthese der beiden großen Tendenzen der neueren Philosophie, der Abhängigkeit und der Freiheit, Spinozas und Fichtes, besser gelingen als ihnen, wobei doch immer die Hauptsache blieb, „daß jeder Mensch auf eigene Art die Menschheit darstelle in einer eigenen Mischung ihrer Elemente, damit auf jede Weise sie sich offenbare". Vor allem aber überragte er sie an Charakter: er war eine durch uud durch sittliche Natur, und darum fehlte dem Verküudiger der schlechthiuigen Abhängigkeit auch der Tic der Freiheit nicht, nnd deshalb Die Romantik, 4I schied er nun auch in den Monologen das Ethische ausdrücklich vom Ästhetischen uud Schönen. So kouute er in dem romantischen Strudel nicht untergehen nnd konnte auf die Dauer uicht darin bleiben: er machte sich an eine Übersetzung Platos und kehrte damit allen mittelalterlichen Velleitäten entschlossen den Rücken; Friedrich Schlegel kam von den Griechen zur katholischen Kirche, Schleiermacher von der Romantik zu Plato, darum war er so viel gesünder; und er machte sich an eine Kritik der bisherigen Sittenlehre und nahm damit sich und sein Denken in strenge Zucht und versenkte sich mehr nnd mehr in die Welt der Sitte, die er als ein Objektives und Sociales entdeckt und begriffen hat, nnd mit der es deshalb auch nicht erlaubt und nicht möglich sei, sein Spiel zu treiben. Wie tief er aber doch iu den Geist der Romantik eingetaucht war, das zeigt seine eigene Herzensverirrung; obwohl sie Eleonore Grunow gegenüber weit besser motiviert war als das ehebrecherische Verhältnis Friedrich Schlegels zu Dorothea Veit oder Schellings zu Karoline, die eine Zeit lang Aug. Will). Schlegels Gattin und die geistreiche Egeria des ganzen Kreises in Jena, aber dort zugleich auch die „Dame Lucifer" gewesen war — namentlich Schiller gegenüber, dessen sittliches Pathos die Jenaer Romantiker zu verhöhnen nicht müde wurden. Das freche Wort Nietzsches über Schiller als den Moraltrompeter von Säkkingen hätte anch schon Karoline falschmünzen können, wenn Scheffels Trompeter nicht erst fünfzig Jahre nachher gekommen wäre. Beim erstmaligen Lesen der Glocke wollte diese geistreiche Bande vor Lachen fast von den Stühlen fallen ob des philisterhasten Geistes in dieser Verherrlichung des Bürgertums und seiner ehrenfesten Sittlichkeit. Mit Schleiermacher, der trotz jener späteren „Erläuterungeu" zu den Reden auch als Theologe ein tapferer Mann und ein freier Geift geblieben ist sein Leben lang, hatte ein guter Genius die Romantik verlassen, sie geht nun unaufhaltsam ihren Gang von der Revolution zu der Reaktion weiter, in seltsamer Mischung Gutes und Böses mit sich führend: aber das Böse, das sie über unser deutsches Volk gebracht hat, überwog das Gute doch bei weitem. Uud sie beherrschte nun auf Jahrzehnte hin, mehr und intensiver als Kant und Goethe, die geistige Strömung der Zeit. 44 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. Einen Augenblick schien es freilich, als ob sie eine einseitig litterarische und literarhistorische Wendung nehmen wolle, damals als Aug. Will). Schlegel, der alexandrinische Literarhistoriker und „urteils- sertige" Kritiker der Schule, nach der Auflösung des Kreises in Jena nach Berlin ging und dort in öffentlichen Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst die von seinem Bruder keck und paradox im Fragmentenstil hingeworfene Doktrin der Schule systematisch ausbaute und für sie um Verständnis und nm Anhänger warb. Aber wenn er im zweiten Kursus mit einer entschiedenen Verurteilung seines ganzen ideenlosen Zeitalters einsetzt nnd neben der Poesie den Zustaud der Wissenschaft, des geselligen Lebens, der Politik, der Erziehung, der ganzen Anschanungs- und Gesinnnngs- welt desselben, mit scharfer Zuspitzung ans die iu Berlin noch immer nicht überwundene Ausklärung, als einen solchen deS tiefsten Verfalls schildert, so zeigt sich doch auch bei ihm die Absicht als eine allumfassende, die Wirkung dieser neuen Bildung soll sich ans alle Gebiete erstrecken; und über Erwarten ist das denn anch gelungen. Drei Punkte sind es vor allem, an welchen sich dieser Einfluß der Romantik auf Wissenschaft und Leben verhängnisvoll spürbar machte. Kant hatte die Menschen mit ihrem Naturerkennen ans die Gesetze der Vernunft hingewiesen und in Kopernikanischer Umkehrung die Natur vom erkennenden Ich abhängig gemacht; die Kausalität ist eine Kategorie unseres Verstandes, kein Gesetz der Dinge außer uns; daraus beruht ihre Allgemcingültigkeit und Notwendigkeit. Fichte ging noch einen Schritt weiter und ließ die Natur vou der Verminst verschlungen werden, potenzierte das Ich mit seiner Produktiven Einbildungskrast zum alleinigen Schöpfer der Welt der Erscheinungen und verdünnte so den transcendentalen zum subjektiven Idealismus. Auch die Romantiker waren subjektive Idealisten wie er, aber sie gingen weit über ihn hinaus; denn sie nahmen dem Ich die Gesetzmäßigkeit und das Gesetz und begabten es mit der Willkür des Genies: schöpferisch ist in Wahrheit nur das geniale, das künstlerische, das an nichts gebundene uud sich selber an nichts bindende Ich. Damit lösten sie es in der Wissen- schast los von der Zncht des logischen Gesetzes und von der spröden Die Romantik. 45 Wirklichkeit des Gegebene,,, sie machten es im magischen Idealismus, dessen liebstes Kind bald genug das Wunder wurde, allmächtig und im Spiel der auf souveräne Willkür gestellten Ironie zügellos und frech, und selbst in ihrem eigensten Gebiet, dem der Poesie, machten sie die Regellosigkeit zur Regel und die Formlosigkeit zur Form. Uud ebenso befreiten sie dieses vornehme, aristokratische, hochgebildete Ich von den Schranken der Sitte und Sittlichkeit im Leben. In der 1799 erschienenen Lucinde verkündigte Friedrich Schlegel cynisch offen das Lob der Frechheit, wies auch die entfernteste Erinnerung an bürgerliche Verhältnisse als unnatürlichen Zwang weit von sich, rühmte sich seiner „beueidenswürdigen Freiheit von Vorurteilen" und ermähnte auch die Geliebte, alle Reste von falscher Scham und Prüderie von fich zn werfen und sich nichts einreden zu lassen von Gewöhnlichen, und Schicklichem. Und anch die Faulheit verherrlichte er als das einzige Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese geblieben sei; darum spottet er über Prometheus, der die Menschen zur Arbeit verführt habe uud von dem sie es haben, daß sie nie ruhig sein können. Angesichts solcher zum Teil doch recht wertloser Cynismen und Paradoxien bleibt es immer seltsam, daß Schlciermacher in seinen vertrauten Briesen über die Lucinde für dieses Buch eintrat. Freilich übte er damit zugleich auch praktisch aus edelste Weise die Kunst der Freundschaft, gerade für das Uuküustlerische des Romans hatte er kein Auge und sachlich war ihm doch vieles recht sympathisch darin: die Unmoral unserer gewöhnlichen Moral glaubte er dadurch getroffen und die Verachtung der landläufigen Ehe in ihrer tiefinnerlichen Unsittlichkeit ließ ihm einen Augenblick sogar „vorläufige Versuche" in der Liebe als notwendig und nützlich erscheinen, damit jeder Irrtum über Echtheit uud Dauer derselben zum voraus ausgeschlossen sei. Das alles aber galt nicht bloß in der Theorie uud sür die Poesie, was sie lehrten, das lebten die Romantiker auch: und von allem Heiligen haben sie die Heiligkeit der Ehe am wenigsten respektiert; niemals hat man es mit der Ehe ä trois leichter genommen und nur darüber gewitzelt, ob nicht eine solche a Hug-trs noch erfreulicher sei. Und so war das schlimmste an Schlegels schlechtem Roman schließlich doch das, daß er wahr war, nichts 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. anderes als eine photographisch getreue Schilderung der Jugendsünden Schlegels und seiuer intimsten Beziehnugen zu Dorothea Veit. Freilich darf mau auch die Kehrseite nicht übersehen. Gar enggelmnden wie der Zopf, den sie trugen, war das Dasein der Menschen im achtzehnten Jahrhundert, philisterhaft und pedantisch Anschauung und Leben. Man denke daran, wie sich Klopstock skandalisierte ob der harmlosen Stndeutenstrciche Goethes in Weimar, wobei er ganz vergaß, daß ihm selbst von Bodmer iu Zürich sein harmloses sich Auflehnen gegen die Philistersitte dereinst in ähnlicher Weise verdacht worden war. Vor diesem Alltagsleben mit seinem „Zirkel von Gewohnheiten" graute erst den Stürmern uud Dräugern, dann dreißig Jahre später den juugen Stiftern der romantischen Schule. Überall sahen sie nur die Prosa uud Alltäglichkeit, alles war beherrscht vom Nutzen uud vom Priuzip der Ökonomie. Nicht zum weuigsteu auch die Moral, wie sie in dieser Welt der Anfklürnng theoretisch und praktisch in Geltung war: die Nützlichkeit mißgönnte der Sittlichkeit sogar die Existenz, darum war diese nnr eine Scheinsittlichkeit; ihr sollte daher ebenso wie der ganzen Scheinbildung ein Ende gemacht werden, in diesem Sinn klingt es doch nicht so ungeheuerlich, wenn Fr. Schlegel mit dem Wunsche spielt, „eine Moral zu stiften". Nur war er der Mauu uicht dazu, aber neben ihm stand ja Schleiermacher, nnd auf die vertrauten Briefe über die Lncinde folgten alsbald die Monologen mit ihrer neuen Ethik. Einstweilen aber galt es, sich „über alle Borurteile der Kultur und bürgerlichen Konvention hinwegzusetzen" und auch „die entfernteste Erinnerung an bürgerliche Verhältnisse, wie jede Art von Zwang" sich vom Leibe zu halten: darin waren im Grunde die Tieck uud die Schlegel uud die Brentano eins, und soweit es sich um die Polemik gegen die Moral des Zeitalters handelte, konnte dem anch Schleiermacher nur zustimmen. Namentlich um die Ehe und um die Stellung der Frau war es übel bestellt; nicht ohne Grund läßt Goethe seine Jphigenie in die Worte ansbrechen: Der Frauen Zustand ist beklagenswert. Mit Recht spottet und klagt das Athenäum darüber, daß „die Fraueu gleichsam mehr an Gott oder an Christas glaubeil sollen Die Romantik. 47 als die Männer und irgend eine gntc und schöne Freigeisterei ihnen weniger ziemen solle als den Männern"; und das böse Wort Fr. Schlegels, daß in der landläufigen Ehe schließlich beide Teile „im Verhältnis der Wechselverachtung nebeneinander weglcben", enthielt nur zuviel Wahrheit. Auch hier konnte und durfte also Protest erhoben und Kritik geübt, konnten Rechte gefordert werden. Aber wie es zur Zeit des Perikles eiuer Aspasia bedürfte, um die Stellung der Frau zu hebeu nnd sie an Bildung den höchstgebildeten Männern gleichzustellen, so mußte auch zu Anfang des Jahrhunderts erst durch allerlei Verirrungeu hindurch der Gedanke an die Gleichberechtigung der Frau sich Bahu brechen. Schleiermachers „Idee zu einem Katechismus der Vernunft für edle Frauen" ist nicht nur aus seinem Verkehr mit Henriette Herz, sondern auch aus seinen Beziehungen zu Eleonore Grunow herausgewachsen. Doch wo er sich einem Sokrates ähnlich reiu erhielt uud aufrechten Hauptes vom Gastmahl des Lebens wegging, da erlagen andere der Versuchung oder verstanden von Anfang an den Gedanken der Emanzipation im Sinne fleischlicher Willkür, und die Forderung, das Leben selbst zum Kunstwerk auszugestalten, blieb bei den meisten doch nur Phrase: man zerbrach die Fesseln der alten Sitte uud vergaß dieses Kunstwerk zu schaffen nnd sich zunächst einmal in die einem Emanzipierten unerläßliche Selbstzucht zu nehmen. Zuchtlosigkeit im Denken und im Leben war somit die erste Gefahr, mit der die Nomantik das deutsche Geistesleben bedrohte; ^ ein verhängnisvoller Zug uach rückwärts war die zweite. Durch Wackeuroders „Herzensergießnngen eines knnstliebcnden Klosterbruders" ging ihr die von Schleiermacher freilich nicht aceeptierte Beziehung zwischen Religion und Kunst ans. Dabei verlegte man das goldene Zeitalter, wo diese beiden eins gewesen nnd die Knnst „durchdrungen war vom Blut und Atem der Nation", in die Vergangenheit — erst in die Tage Dürers, in die ersten Jahrzehnte des Neformations- zeitalters, bald aber ging man noch etliche Schritte weiter zurück: die Nazareuer versenken sich fromm in die Werke der Präraphaeliten, Brentanos „Chronika eines fahrenden Schülers" spielt im vierzehnten Jahrhundert, Novalis' Heinrich von Ofterdingeu um die Weude des zwölften zum dreizehnten. Und uun stieg sie aus in 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, ihrer alten Pracht, jene mondbeglänzte Zaubcrnacht des romantisch verklärten Mittelnlters, die wundervolle Märchenwelt eines Kaiser Octavianus und einer heiligen Genoveva. Die Verherrlichung des Mittelalters begann, und wenn sich die Neuhumanisten nach den Griechen sehnten und dieses Land der Schönheit mit der Seele suchten, so priesen die Romantiker die Farbenpracht der mittelalterlichen Ritter- und Sängerwelt, der altdeutschen Burgen und Städte. Uhland stellte sie in ausdrücklichen Gegensatz zu jenen und über jene, wenn er sagt: „was die klassischen Dichterwerke trotz meines eifrigen Lesens mir nicht geben konnten, weil sie mir zn klar, zu fertig dastunden, was ich in der neuen Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmuck vermißte, das faud ich hier (im Waltharilied): frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen Hintergrunde, der die Phantasie beschäftigte und ansprach". Damit machte ja die Romautik zunächst nnr ein Unrecht wieder gut, das das AufklärnngSzeitalter in seiner prosaischen Nüchternheit und unhistorischen Vcrständnis- losigkeit an jeneu mittleren Zeiten begangen hatte. Sie hat dem deutschen Volk seine gotischen Dome und seine rheinische Malerschule wieder lieb geinacht und ihm den Sinn für deutsche Art uud Kunst erneuert; uud neben der Kunstgeschichte weiß die Germanistik und vergleichende Sprachwissenschast von diesen befruchtenden und belebenden Einflüssen zu erzählen: des Knaben Wunderhorn erschloß unserem Volk uud seinen Dichtern den Jungbrunnen der Volkslyrik, der lange verschüttet war, und besruchtete damit weithin dürres Land. Aber wie die Romantiker alles übertrieben, so auch das; ihre Vorliebe für das Mittelalter war nicht minder ungerecht und uuhistorisch als die Abneigung der Aufklärer dagegen. Und doch schließt der Vorwurf des Unhistorischen bei dieser widerspruchsvollen Gesellschaft den entgegengesetzten nicht aus, daß sie damit eine Epoche des Historismus herausgeführt habcu, au dem unser ganzes Jahrhundert krankte. Wir beugen uns vor der Macht des Historischen und Gewordenen, des Überlieferten nnd Altherkömmlichen, iveil wir müssen; im Wallenstein hat Schiller diese Macht des Bestehenden geschildert: Was grau vor Alter ist, das ist ihm göttlich! Die Romantik. 4!> Aber die Übertreibung dieses Zwangs, das ruere in 86rvi- tium der Geschichte, der Historismus im Dienste der Reaktion uud mit dem Gesolge scheuer Thatenlosigkeit und angekränkelter Gedankenblässe — das ist doch ebenfalls das Werk der Romantik uud ihreS uach rückwärts gewendeten Blicks und beeinträchtigt ihr Verdienst, das sie sich um die Wiedererweckung des Interesses an unserer deutschen Vorzeit unstreitig erworben hat. Das Schlimmste aber war, daß sie, bemüht die Poesie iuS Lebcu eiuzusühreu, uuu auch die poetische, sarbeureiche Welt des Mittelalters in unsere Wirklichkeit und Gegenwart zurückführen, sie mit allen ihren Institutionen für uus wieder lebendig machen wollte. Ein Quell der Erueueruug für daS religiöse und politische Leben namentlich schien es ihr. Fast noch harmlos klingt es, wenn an Dürer neben seinem künstlerischen anch der schlichte, einfältig-fromme Sinn gepriesen und der Wunsch laut wurde, mit ihm und Raphael im selben Jahrhundert zusammengelebt zu haben, und so Frömmigkeit und Kuustbegeisterung in eins zusammenklingen uud sich zusammenschlingen. Schon polemischer ist Wackenroder, wenn er sich gegen den uukünstlerischen uud uufrommen Geist des Anfklüruugszeitalters wendet, doch hält er eben darum Luther wegen seiner Vorliebe für die Musik eines guten Wortes noch für wert. Dagegen geht Tieck in „Frauz Sterubalds Wauderuugeu" schon weiter zu Klageu und Anklagen auch gegen die Reformation, die „statt der Fülle einer göttlichen Religion eine dürre, vernünftige Leerheit erzeugt habe, die alle Herzen schmachtend zurücklasse". Und selbst Schelling meint in seinem „Epikurisch Glaubensbekenntnis Heinz Widerporstens": Drum, sollt's eine Religion noch geben (Ob ich gleich kann ohne solche leben), Könnte mir von den andern allen Nur die katholische gefallen, Wie sie war in den alten Zeiten, Da es gab nicht Zanken noch Streiten. Bei ihm ist es freilich nur hypothetisch gemeint, uud die Art, wie er diese katholische Weltanschauung des weitern beschreibt und schildert, klingt ironisch und blaSphemisch genug. Um so erusthafter redet dagegen Novalis in dem schon genannten Aufsatz „die Christenheit oder Europa". Hier wird alles Zieqler, die geistigen u, socialen Strömlingen des lg. Jahrh. 4 '.0 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. von den ander» Gesagte weit überboten durch dao freilich auch phantastisch verzerrte Bild, das er vou dem Gang der Geschichte unter dem Gesichtspunkt der Religion entwirst. Es waren schöne, glänzende Zeiten, so hebt die romantische Geschichtsklitterung dieses merkwürdigen Protestanten an, wo Europa Ein christliches Land war; ein großes gemeinschaftliches Interesse verband da die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reiches; ohne große weltliche Besitztümer leukte und vereinigte ein Oberhaupt die großen politischen Kräfte. Unmittelbar nntcr ihm stand die zahlreiche Znnft der Geistlichen, anSerwählte, mit wunderbaren Kräften ausgerüstete Männer, die erfahrenm Steuerleute auf dem großen unbekannten Meere des Lebens: Friede ging von ihnen aus, sie predigten nichts als Liebe zu der heiligen wunderschönen Fran der Christenheit, die mit göttlichen Krästen versehen jeden Gläubigen aus den schrecklichsten Gefahren zu retten bereit war. Das weise Oberhaupt der Kirche aber widersetzte sich mit Recht frechen Ano- bildnngen menschlicher Anlagen aus Kosten des heiligen Sinns nnd unzeitigen gefährlichen Entdeckungen im Gebiet des Wissens; so wehrte er den kühnen Deutern ösfeutlich zu behaupten, daß die Erde ein unbedeutender Wandelstern sei; denn er wußte wohl, daß die Menschen mit der Achtung für ihren Wohnsitz und ihr irdisches Vaterland auch die Achtuug vor der himmlicheu Heimat uud ihrem Geschlecht verlieren und das eingeschränkte Wissen dem unendlichen Glaubeu vorziehen uud sich gcwöhuen werden, alles Große nnd Wunderwürdige zu verachten und als tote Gesctzwirkuug zu betrachten. Das waren die schönen wesentlichen Züge der echt katholischen oder echt christlichen Zeiten. Aber nntcr dem schädlichen Einfluß der Kultur auf den Sinn für das Unsichtbare entartete dieses Reich, und so predigte endlich ein fencrfangender Kopf öffentlichen Aufstand. Diese Insurgenten stellten wohl eine Menge wichtiger Grundsätze auf, aber sie vergaßen das notwendige Resultat ihres Unterfangens: sie trennten das Untrennbare, teilten die unteilbare Kirche uud risseu sich frevelnd vou dem allgemein christlichen Verein los, in dem allein die dauernde Wiedergeburt möglich war. Jrreligiöserweise schlössen sie die Religion in Staatsgrenzen ein, Lnther behandelte das Christentum willkürlich, verkannte seinen Die Nomantik. ,'>l Geist und führte in Religionsangelegenheitcn die heilige Allgemeiu- gültigkeit der Bibel und damit die Philologie ein, deren auszehrender Einfluß von da au unverkennbar wird. So war es mit der Deformation um die Christenheit gethan! Dem trat der Jesuitenorden entgegen, der jetzt (18,00) in armseliger Gestalt an den Grenzen Europas schläst, aber vielleicht von dorther sich mit neuer Gewalt eiust über seine alte Heimat verbreiten wird. Doch auch er konnte die Ausbreitung von Religionshaß und Unglauben nicht verhindern, die Philosophie in ihrer modernen Form als Aufklärung verketzerte Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit uud Kuustliebe, Borzeit und Zuknnft, sänberte die menschliche Seele uud die Wissenschaften von der Poesie, vertilgte jede Spnr des Heiligen und entkleidete so die Welt ihres bnnten Schmuckes. Es kam die französische Nevvlutivn, scheinbar der Gipfel des Unglaubens, in der That aber ist eine solche Anarchie das Zeugungselement der Religion. Ans der Bernichtuug alles Positive» hebt sie ihr glorreiches Haupt als ueue Weltstifterin empor, lind so prophezeit nun Novalis eine nene goldene Zeit mit dunkeln unendlichen Augen, eine wunderthätige uud wundcnheileude, tröstende uud ewiges Lebe» entzündende, die er mit dem Blick des Sehers bereits im Auzug schaut. Jetzt ist uoch Krieg; deu Palmeuzweig kaun allein ciue geistliche Macht darreichen, uur die Religion kauu Europa wieder ausweckeu uud die Volker versöhueu. Dazu muß aber der Protestantismus aufhören und einer neuen dauerhaften Kirche Platz machen, die ohne Rücksicht auf die Laudeogrenzen alle nach dem Überirdischen durstigen Seelen in ihren Schoß aufnimmt und das alte Füllhorn des Segens wieder über die Völker ausgießt. Der Aufsatz ist damals nicht gedrnkt worden — bezeichnender- ^ weise auf den Rat des alten Heiden Goethe, dem vor soviel Religiosität graute; erst in der vierten Auslage der Schriften von Novalis hat ihn Friedrich Schlegel zum Abdruck gebracht, nachdem er inzwischen mit Dorothea Veit, die ihm zu lieb zunächst einmal Protestantisch geworden war, zur katholischen Kirche übergetreten wan und er war nicht der einzige aus dem romantischen Kreise, der diesen Schritt that; auch Karl v. Hardeuberg, eiu Bruder des früh verstorbenen Novalis, that ihn, um von anderen späteren Konvertiten hier noch 4» 5.2 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen, zu schweigen. Nun wird man ja freilich in dem Anfsatz von Novalis auch die fortschrittlich-weitherzigen Züge eines universalen Christentums nicht verkennen dürfen; aber immerhin — das war doch eine ganz andere Verherrlichung mittelalterlicher Frömmigkeit, eine weit energischere Abkehrung vom Protestantismus als wir sie iu den Herzeusergießnugen des Klosterbruders oder auch noch in Stern- balds Wanderungen finden; und diesem Mann ist es ganz anders ernst mit seiner centralen Auffassung der mittelalterlichen Religion als Tieck iu der Geuoveva oder im Kaiser Oktavian. Nehmen wir dazu hier schon die Idealisierung der Monarchie, wie er sie in den „Jahrbüchern der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms III." diesem jungen König als „Blumen" zn Füßen legte, so ist ja der Sirenengesang von der Znsammengehörigkeit von Thron uud Altar bereits fertig, wie wir ihn nun seit hundert Jahren immer wieder anstimmen hören: Novalis ist der Dichter, der dieses Märchen, diese tadle oonvevris gedichtet, der Prophet, der dieses kirchlich-politische Programm verkündigt hat; und als vollends Gentz die Legende von dem revolutionären Geist des Protestantismus als der Quelle aller Übel und von der BundeS- genossenschast der alten Kirche mit dem monarchischen Legitimitätsprinzip in die offizielle Publizistik einschmuggelte, da haben es Priester uud Fürsten als historische Wahrheit und unfehlbare politische Weisheit hingenommeu — oder halten es doch wenigstens immer wieder für nützlich, daß wir Volk daran glauben sollen. Von Schlciermachers Wunsch, daß „nie der Saum eines priesterlichen Gewands den Fnßboden eines königlichen Gemaches möchte berührt und nie der Pnrpur den Staub am Altar mochte geküßt haben", haben sie wohl nie gehört uud uoch weniger die Warnung darin verstehen mögen. So sind die Romatiker die Vorkämpfer und Träger der Reaktion in Kirche uud Staat geworden. Endlich das Dritte. Die Nomantik war von Haus aus eine litterarische Schule, eine Cliqne von Kritikern nnd Dichtern; der Litteratur, der Poesie galt also ihr Stürmen uud Drängen. Eine ueue Ästhetik entstand, die das geniale Schaffen für Kunst und Poesie uoch einmal höher anschlug als es die Stürmer und Drüuger Die Romantik. 53 zwanzig Jahre zuvor gethan, und der der Gedanke der Naturbeseelung und Einfühlung erstmals in seiner Wichtigkeit sür die Erkenntnis des Schönen aufging. Wiederum ist es Novalis, bei dem es in den „Lehrlingen zu Sais" heißt: „So wird auch keiner die Natnr begreisen, der kein Naturorgan, kein inneres naturerzeugendes und absonderndes Werkzeug hat, der nicht, wie von selbst, überall die Natur au allem erkennt und unterscheidet und mit angeborener Zeugungslust, in inniger mannigfaltiger Verwandtschaft mit allen Körperu, durch das Medium der Empfinduug, sich mit allen NatnrweseU vermischt, sich gleichsam iu sie hineinfühlt." Den Dichtern aber rühmt er diese Eigenschaft nach, darum bleibe ihnen allein die Seele der Natur nicht fremd; für sie habe die Natur alle Abwechslungen eines unendlichen Gemüts; und wenn auch im einzelnen in ihr ein bewußtloser, nichts bedeutender Mechanismus allein zu herrschen scheine, so sehe doch das tiefer blickende Auge eine wunderbare Sympathie mit dem menschlichen Herzen im Zusammentreffen und in der Folge der einzelnen Zufälligkeiten. Damit hing aufs engste jene neuerwachte Frende an der Natur zusammen, der sie eine wahrhaft religiöse, dnrch und durch pautheistische Verehrung widmeten ; damit auch das Stimmungsmäßige ihrer Poesie, die immer sublimer und unfaßbarer uur wie Melodien und Lieder ohne Worte die Dinge umschwebt und in ein Tönen und Klingen ohne viel Inhalt und Sinn übergeht, „Einbildungen von Gedichten" mehr als wirkliche Gedichte; nnd endlich auf der andern Seite die Vorliebe für Didaktik und Allegorie, welche jenein Symbolismus zu widersprechen scheint und doch nur ciue andere Art von Symbolik ist. Man lese z. B. den Prolog zu Tiecks Kaiser Oktavianus — erst die Waldbegeisterung des Dichters: Es brennt der Wald im hellen grünen Feuer, Und Geister in den Zweigen sich entzünden. Da regt die Poesie sich im Gemüte, Es greift der Dichter nach der goldnen Leyer, Er will sein volles Herz der Welt verkünden; uud gleich daraus die frostige Allegorie von der Romanze: Glaube heißt mein edler Vater Und die Mutter ist die Liebe, Die den Glauben nahm zum Gatten, Beide haben mich erzeuget. S4 1800 bis 1330: Die drei Weltanschauungen. Allein weder konnte noch wollte sich die Romantik beschränken ans Ästhetik und Poesie, aus Bnch und Wort. Was sie schriebe», hielten sie wie junge Schriftsteller meist sür Thaten, was sie dichteten, für Wirklichkeit, und so floß thuen Dichtung und Wahrheit, Roman und Leben, Phantasie und Weltbegebenheit, Märchen und Wirklichkeit in eins zusammen. Nicht einer verbesserten Kunst nur, sondern einer erneuerteu Bildung, der Einführung der Poesie in das Leben, der Vernbsolntierung des Ästhetischen, der Romanti- sieruug des Daseins im Stil des Goetheschen Wilhelm Meister galt ihr Streben und Schaffen. Tieck hielt es für einen feineren und höhereu Genuß, „die gewöhnlichen Empfindungen zu veredeln und in der trockensten Prosa des Lebens die reinste und schönste Poesie zu finden" uud tadelte die Schriftsteller, die immer „das sogenannte Poetische absondern und zu einem für sich bestehenden Stoff zu machen suchen: sie trennen dadurch die Einheit"; und umgekehrt sagt Fr. Schlegel dasselbe: „es giebt unvermeidliche Lagen nnd Verhältnisse, die man nur dadurch liberal behandeln kaun, daß man sie dnrch eine kühne Art der Willtür verwandelt und durchaus als Poesie betrachtet". Das sieht aus wie großes Wollen nnd nimmt sich titanenhaft aus, und war doch nur litterarisch und dilettantisch. Am Gegensatz zu Schiller wird die Wirkung klar: ihm war das Schöne und die ästhetische Erziehung der Menschen eine ernste Angelegenheit, Symbol des Sittlichen jenes, Vorstuse zur Sittlichkeit diese; ihnen ist das Ästhetische das Höchste und Letzte und darüber kommt das Sittliche zu kurz; bei Schiller ist alles tiefgründiger Ernst, hier alles Schein, Willkür uud Spiel, und darum sind die srommcn Romantiker im Grnnde genommen recht srivole Gesellen. Indem sie anch im Leben der blauen Blume nachjagen, die es doch mir in der Phantasie giebt und geben kann, und sich in eine Traum- nnd Märchenwelt einspinnen, kommt ihnen darüber der Wirklichkeits- und Wnhrheitssinn abhanden. Und auch diesen Defekt habeu sie ihrem, — unserem Jahrhundert mit auf deu Weg gegeben, wir werden fehen, wie mühsam es sich davon losringt, und man kann jetzt schon vorausnehmen, daß darin die beste Rechtfertigung für den Realismus iu allen seinen Formen nnd Gestalten, ja selbst in seinen Übertreibungen nnd Thorheiten DaS allen drei Richtungen Gemeinsame. 55 liegt: der Realismus des neunzehnten Jahrhunderts ist der Kampf gegen die Verlogenheit der Romantik. Überschauen wir das alles, so ist Nomantik auch heute noch mitten unter uns, und Romantiker ist jeder, der wie Nietzsche den Einzelneu und sein geniales Ich auf den Thron setzt oder wie Friedrich Wilhelm IV. das Mittelalter wieder in die moderne Welt einführen will oder wie Richard Wagner alle Künste, wie Nietzsche Kunst und Wissenschaft, wie Ludwig II. von Bayern Kunst und Lebeu in Einen Ocean zusammenfließen nnd sie alle in wildem Wirbel durcheinander taumeln läßt. Jene drei Tendenzen der Romantik, obgleich zum Teil widerspruchsvoll in sich selber wie die ganze Nomantik eiu widerspruchsvolles Gebilde ist, — sie beherrschen, sie verderben das neunzehnte Jahrhundert von Anfang bis zu Ende. Und nicht bloß da, wo sie herrscht, anch da wo man sie bekämpft, zeigt sich ihre Macht; denn sie zu überwinden ist bis zur Stunde nicht gelungen; dafür hatte sie im deutschen Geistesleben zu feste Wurzeln geschlagen nnd hatte sie zu viel Fascinierendes für den deutschen Geist, mit dessen Bestem sie doch auch wieder aufs engste verwandt war. - Das allen drei Richtungen Gemeinsame. Die Stärke der Nomantik aber lag doch von Anfang an darin, daß sie den allen diesen drei verschiedenen Richtungen gemeinsamen Gruudzug am entschiedensten zum Ausdruck brachte — den individualistischen. Absicht und Leistung auch der Aufklärung war, den Einzelnen frei zu machen von den Banden des Glaubens nnd Aberglaubens, des Herkommens und der Sitte, der Autorität und Heteronomie und den Menschen auf sich zu stellen, an sein eigenes Urteil, sein eigenes Denken zu verweisen; ihre Bildung, ihre Sittlichkeit, ihre Glückseligkeit war durchaus individualistisch: das Wertlegen auf die individuelle Form der Unsterblichkeit, die sie sich zu beweisen so viele Mühe gab, entstammt demselben Zug, und die kleinliche Zuspitzung ihrer anthropocentrischen Naturbetrachtung auf die Zwecke und den Nutzen des Einzelnen, wie sie z. B. in den Gedichten des biederen Barthold Heinrich Brockes so naiv zu Tage tritt, gehört ebenfalls hierher. 5.1! 1800 bis 1830: Die drei Weltanschauungen. Und individualistisch war, wie wir gesehen haben, auch das klassische Ideal der Nenhumanisten, nnd war es in dem Maße noch mehr, als dieser Neuhumanismus zugleich auch aristokratisch war. Der Bilduugstrieb aller dieser Menschen richtete sich darauf, sich zur schönen und harmonischen Persönlichkeit durchzuarbeiten und wahres Menschentum fein und rein in sich zum Ausdruck zu bringen! das erfüllte sie und ließ in der Stille seines bewegten und lebensvollen Innern jeden Einzelnen von ihnen ganz nur mit sich selbst beschäftigt sein. Von Beziehungen zu anderen stand ihnen daher die Freuudschast mit gleichgestimmten nnd gleich hochstehenden Seelen an erster Stelle; denn ihr unterzog man sich freiwillig uud in ihr fand man deshalb anch volles Genüge. Schiller und Goethe iu ihrem Freundschaftsverhältnis zu einander sind dafür typisch, und in anderer Weise ist es auch der Briefwechsel Wilhelm von Humboldts mit Charlotte Diede, den er ganz für sich, vor Frau und Kindern verborge!?, jahrelang geführt hat und an dem uns nebeu allem Schönen und Feiueu die Spuren von Eitelkeit und geistiger Genußsucht doch immer unangenehm berühren: es zeigt sich darin die Gefahr einer derartigen geistigen Sublimierung und Bildungs- gourinandise. Solche durchgearbeitete Persönlichkeiten gab es auch in der Nomantik, ein Bildungsvirtuose war Schleiermacher so gut wie Humboldt. Im übrigen aber war hier das alles gesteigert nnd potenziert, outriert und ins Maßlose verzerrt: das Recht und die Macht des genialen Einzelnen, der sich nicht binden ließ durch Gesetz, Sitte und Kouvention der gewöhnlichen Philistermoral und sich ausleben wollte iu schrankenloser Freiheit des eigenen Fühlens nnd Geuießens, steigerte sich bis zur Verabsolutiernug und bis zum Glauben an die wunderwirkende Allmacht des Jndividnums nnd bis zum frivolen Spiel mit allem, was sonst über jeden Gedanken an Spiel erhaben ernst und fest zn stehen schien in Welt und Leben; hier war man cynisch und aristokratisch zugleich, derBildnngs- hochmut gab dafür die Vermittelung. Und dem Individualismus widersprach auch die Flucht fo vieler von diesen ganz subjektiv gerichteten Menschen in die Vergangenheit einer individnallosen Zeit und in den Schoß einer alle Subjektivität vernichtenden Kirche Das allen drei Richtungen Gemeinsame. 57 nicht eigentlich: es war auf der einen Seite der Gegenschtag gegen den Überschivang des Subjektiven, dem sie eine Zeitlang sich allzn zügellos hingegeben hatten, ein böses deutsches Sprichwort über die spätere Bekehrung solcher jnnger Libertins ist für diese Romantiker vielfach nicht zu hart; und andererseits war es doch wiederum nur ein Spielen und nicht allzu erust nehmeu auch mit diesem Ernsthaftesten und Heiligsten, was es für deu Menschen giebt, ein ironisches Oscillieren und sich Stimmen können auch zu deu schroffsten Gegensätzen, zu den gewaltsamsten Umschlägen und Überzeugungswechseln; auch darin bethätigt ja der Einzelne seine Souveränität, wenn er, der Freigeborene und Freidenkende, sich nun plötzlich selber „uufrei" machte und so erst recht bewies, daß er alles könne. Darum hätte die katholische Kirche an solchen Konvertiten eine rechte Frende eigentlich nicht haben dürfen, aber wie so oft zog sie den äußereu Gewinn und Effekt der inneren Überzeugung nnd Kräftigung vor oder begnügte sich jedenfalls damit. Doch genug des Allgemeinem Wir wenden nnS nun zunächst dahin, wo die Macht der Romantik am Anfang des Jahrhunderts zum erstenmal ihren heimischen Boden verläßt nnd ans ein ihr freilich von Haus aus nicht ganz fremdes Gebiet übergreift, — ich meine die Philosophie. Zweites Kapitel. Die Schellingsche Naturphilosophie und die Hegelsche Phänomenologie. Von Kant zu Schelling. Das Jahrhundert hebt philosophisch an. Das Wort, daß wir Deutsche ein Volk von Denkern, vielleicht auch von Träumer» seien, stammt aus jenen Tagen. Beherrscht aber war die philosophische Arbeit damals, wie sie es heute wieder ist, von Kant. Die neuere Philosophie ist von Haus aus Naturphilosophie, zu thnu ist es ihr um eine mathematische Erklärung der Außenwelt, die Auffassung ist eine mechanistische, und es sragt sich nur, ob dies auch auf den Menschen ausgedehnt wird — I'komms maollins — oder ob bei den Tieren Halt zu machen ist, wie Descartes meint! jedenfalls wurde auch der Organismus von dieser mathematischmechanischen Erklärung nicht ausgenommen. So ist doch die Entwickelung von dem dualistischen Descartes zu dem monistischen Materialismus der Encyklopädisten eine konsequente, auch ohne daß man auf Hobbes und die englischen Einflüsse, die freilich auch da sind, zurückgreift. Am konsequentesten aber verfuhr Spinoza, der große MetaPhysiker, indem er dem Kansalzusammenhang zu Liebe, den er als einen absoluten erkannte, nicht nur alle Wuuder, sondern auch Zwecke und Freiheit ans dem Weltbild strich und nur jene großartige und durchgehende Verkettung und Ordnung in der körperlichen wie in der geistigen Welt gelten ließ, die einander durchaus entsprechen. Auch Leibniz war Mathematiker und erkannte die Bedeutung des mechanischen Prinzips an; aber mit dem System Von Kant zu Schelling. 5>!> der wirkenden Ursachen suchte er das der Endursachen zu vereinigen, neben der Kausalität sollte die Teleologie gelten; dies ist die Bedeutung seiner Monadologie. . Indem nuu aber seiue Schule, die Wolsiauer und Anf- klärungsphilosophen in Deutschland, für die Erklärung der Körperwelt den Begriff der Monade ausgaben, fielen sie in den alten Dualismus zurück. Dabei kam aber die empirische Seite der metaphysischen gegenüber zu kurz und erlitt der Zweckgedanke eine völlige Umgestaltung: der Zweck wurde nicht mehr in den Dingen gesucht als die ihnen innewohnende Seele und Form, sondern jenseits von ihnen im Menschen. Die Teleologie der Aufklärung war eine anthropoceutrische und, wie wir am Beispiel von Brockes sehen, eine ganz äußerliche und ganz kleinliche: znm Nutzen des Menschen war die Welt so eingerichtet, wie sie es war. Diese BetrachtnngSweise war für die Naturerklärung völlig unfruchtbar, die Philosophie wurde durch sie von der Naturwissenschast losgelöst und hörte auf Naturphilosophie zu sein; sie wnrde Metaphysik und suchte Gott, Unsterblichkeit und Tugend sicher zu stellen; von den empirischeu Wissenschasten hatte dabei höchstens die Psychologie einigen Gewinn. MetaPhysiker war auch Kant, er suchte „reine" Vernunft- wissenschaft. Aber bei diesem Suchen stieß er auf Schwierigkeiten, und so kam er zu der Erkeuutuis, daß es dort, wo die Wolsianer sie suchten — im Gebiet des Transcendenten, diese reine Vernuuft- wissenschaft nicht gebe: was sie hatten beweisen und feststellen wollen, ist der Demonstration unzugänglich, eine rationale Theologie, Psychologie und Kosmologie giebt es nicht. So ist er der Allzermalmer der alten transcendenten Metaphysik geworden. Allein dabei ging es ihm wie Saul, der auszog seines Vaters Eselin zu suchen und dasür ein Königreich fand. Vom Transcendenten gab es keine reine Vernunftwissenschaft, wohl aber gab es eine solche von der Natur, Metaphysik ist immanent, ist reine Naturwissenschast, und die Kritik der reiueu Vernunft hat die Möglichkeit einer solchen aufzuzeigen, die Methode dafür zu finden, sie ist eine Theorie der Erfahrung. Zu dieser Naturphilosophie hat 5iaut selber nur die „Aufaugsgrüude" gegeben. Doch sie und die in ihnen «10 1800 bis 1830: Schilling und Hegcl. entwickelte dynamische Auffassung der Materie interessieren uns hier auch uicht. Ein anderes ist wichtiger. Jene immanente Metaphysik ist zugleich Phänomenalistisch. Das war die Kopernikusthat Kants: wie Kopernikus den Zuschauer mit der Erde sich um die Sonue dreheu nnd dagegen diese in Ruhe ließ, so macht Kaut, um die Möglichkeit einer solchen „reinen" Naturwissenschnft zu erweisen, die Annahme, daß die Gegenstände sich nach uns, nicht unsere Erkenntnis sich nach den Gegenständen richte; denn die Natur ist nicht fertig gegeben, sondern gegeben ist uns nur der Stoff in unseren Empfiuduugeu, Ordnung nnd Zusammenhang dagegen wird erst in uns nnd unserem verbindenden Geiste durch die Formen unserer Anschnuuug und die Kategorien uuseres Perstandes in uuser Weltbild hereingebracht. So muß die Natur in ihrer Bestimmtheit vou uus uud unserer Forschung im einzelnen wie im ganzen erst geschaffen oder richtiger schöpferisch entdeckt werden. Das ist die Bedeutung des Satzes, daß der Verstand der Urheber der Natur sei. Bei Kaut war das nicht genial-romantisch, sondern streng naturgesetzlich gemeint; sein Verstand war ein „Naturverstand", uud die Natur als Gegenstand der Erkenntnis ging ihm auf iu synthetischen Grundsätzen nnd Gesetzen a priori. Aber möglich war das nur, weil und wenn die Natur selbst ein Subjektives, die Welt der Er- scheiuuugeu, nicht eine Welt von Dingen an sich war; nur dann ließen sich jene Formen nnd Gesetze auf sie antuenden nnd mit Recht anwenden; die Naturgegenstände mußten subjektiviert werdeil, damit das Bewußtsein objektiviert werden, sein Thun, das ein Verknüpfen ist, allgemeingültig und notwendig sein könne. Daß die Gesetze unseres Bewußtseins aus deu Inhalt desselben Anwendung finden, ihu ordnen und gestalten, ihn erst zu dem machen, was er ist, verstand sich so von selbst. Der Idealismus oder PhänomenaliSmus Kants ist eine notwendige Konsequenz seines Denkens, nicht Mittelpunkt und nicht AuSgaugSpuukt desselbeu. In dieser Welt der Erscheinuugeu gilt uuu das KausalitätS- gcsetz uueingcschränkt, nicht einmal das menschliche Handeln ist davon ausgenommen. Aber ist diese Erscheinungswelt die einzige? Das war sür Kaut eiu uuerträglicher Gedanke, und ein Faktum gab eS, daS dagegen lautesten Protest zu erheben schieu, daS Sittengesetz uud die Von Kant zu Schilling, '!1 ganze Welt des Sittlicheil. Aber auch die Vernunft selbst strebt über jene Erscheinungswelt, in der immer daS eine bedingt ist durch daS andere, hiuaus zu einem Unbedingten und Unendlichen, Und so thut auch Kaut den kühnen Schritt ins Transcendente, hinüber in eine intelligible Welt. Was ihn jedoch von der AllfkläriingSmetaphysik unterscheidet, das ist die klare Einsicht, daß es eine demonstrierbare Erkenntnis von dieser jenseitigen Welt nicht gebe, sie läßt sich nicht beweisen, folglich läßt sie sich nur glaubeil: Freiheit, Gott und Unsterblichkeit sind praktische Postulate, dem Willen zugänglich, nicht dem Denken. Zweierlei liegt hierin. Einmal die Anbahnung eines ganz neuen Verhältnisses zwischen Glauben und Wissen, der Versuch für jeues Platz zu schaffen, ohne doch dieses zu beeinträchtigen uud zu beschränken, jedem blieb eine Welt, seine Welt unverkümmert und ganz. Das andere aber ist die Überwindung des Rationalismus durch die Anerkennung eines irrationalen Restes, der dem Denken uuzugäuglich und undnrchdringlich ist und sich dem Menschen nur in seinem sittlichen Wesen, damit aber als das Höhere und Höchste offenbart. Dies ist die Bedeutuug seiner Lehre vom Primat des Willens; damit ist die Linie von Kant über Schopenhauer zu dem modernen Voluntarismus vorgezeichnet. Glauben und Wissen, Wollen und Denken, intelligible lind Erscheinnngswelt — haben wir mit diesen Gegensätzen nicht doch nur den alten Dualismus wieder? Es ist wahr, Kauts Denken ist dualistisch, daS hängt mit den pietistischen Jugendeindrücken zusammen, die ihn den Gegensatz von Stoff und Form, von Sinnlichkeit und Verstand, von Neigung und Pslicht nie haben überwinden lassen; daher der mönchische Rigorismus seiner Moral, der nicht lliir die Romantiker, sondern auch schon Schiller abstieß. Aber versucht hat er es wenigstens, diesen Dualismus zu überwinden und diese Gegensätze zu überbrückeil, und dazu sollte ihm der Zweckbegrifs helseu. Das ist seltsam. Leibniz hatte gerade in der Teleologie selbst das eine Glied deS Gegensatzes zum Mechanismus gesehen lind deshalb für den Gegensatz dieser beiden Prinzipien nach einer Lösung im Wesen der Monaden gesucht. Für Kant war vielmehr diese hinter der Erscheinung liegende wirkliche Welt der Dinge an sich, die er sich doch wohl im Sinn der Leibnizschen «!2 1800 bis 1830! Schelling und Hegel. Monaden vorstellen mochte, selber das eine Glied des Gegensatzes zu der Welt der Erscheinungen, nnd umgekehrt schlug nun er in der Kritik der Urteilskrast die Brücke zwischen beiden durch den Gedanken des Zwecks. In der Natur giebt es Produkte, die sich als bloße Wirkungen des Naturmechanismns nicht erklären lassen, es sind das die organischen Wesen; ihre Besonderheit besteht darin, daß bei ihnen nicht nur das Ganze durch die Teile, sondern ebenso auch die Teile durch das Ganze bestimmt sind, und dieses Ganze als die das Einzelne beherrschende und bestimmende Idee ist wie bei einem Kunstwerk, so anch hier der Zweck. Nun kann man freilich evolutivuistisch die Entstehung der einen Art aus der andern nach rein mechanischen Prinzipien bis zu einfachen ersten Ansängen zurückversolgen, aber der Ausang selbst, die ursprüngliche Organisation ist nach reinem Naturmechanismns unerklärlich; daß „rohe Materie sich nach mechanischen Gesetzen ursprünglich selbst gebildet habe, daß aus der Natur des Leblosen Leben habe entspringen und Materie in die Form einer sich selbst erhaltenden Zweckmäßigkeit sich von selbst habe sügen können", erklärt Kant sür „vernuuftwidrig"; also muß hier eine teleologische Auffassung Platz greisen. Aber freilich zur Erklärung der organischen Wesen trägt sie nicht bei, nud vorstellbar ist uns ein Endzweck in der Natur auch nicht. Der Verstand muß daher immer wieder nach einer mechanischen Erklärung auch der organischen Wesen suchen dürseu und suchen; denn das einzige objektive Erklürungsprinzip ist das der mechanischen Kausalität; reflektieren aber wird er über sie, als ob sie Produkte einer nach Zwecken wirkenden Intelligenz wären, nnd diese Betrachtungsweise wird sich danu als heuristisches Priuzip auch für die Erkenntnis der mechanischen Zusammenhänge nützlich erweisen, durch welche sich jener ZweckAm eiuzelneu Falle durchsetzt. So ist der Zweckbegriff regulativ, uicht konstitutiv. Eine zweite Betrachtungsweise führt ihu vou der Specifikation der Natur und ihren vielen besonderen Gesetzen zu der Annahme eines höchsten Zweckes für die Natur im ganzen. Dieser kann nur im Sittengcsetz gefunden werden — ein neues Zeichen für deu Primat des Willens, der die Natur als Ganzes erst zu einem Sinnvollen macht. Damit mündet die Betrachtung zwar Von Kant zu Schelling. «U! nicht in eine Physikotheologie ivie bei den Aufklärern, aber in eine Ethikothcologie aus, in einen Glauben, nicht in ein Wissen. Auf diese Weise hat Kaut die beiden Prinzipen des Mechanismus und der Teleologie miteinander auszugleichen gesucht. Das eine ist eiu Erkläruugspriuzip uud koustitutiv, das andere ein subjektives Prinzip der Reflexion und regulativ; da an gewissen Punkten jeues nicht ausreicht, so muß dieses dafür eintreten; so läßt sich „eine große und sogar allgemeine Verbindung der mechanischen Gesetze mit den teleologischen in den Erzeugungen der Natur denken, ohne die Prinzipien der Beurteiluug derselben zn verwechseln nnd eines an die Stelle des anderen zu setzen." Dabei ist übrigens unverkennbar, wie Kant über ein gewisses Schwanken nicht wegkommt nnd von der bloß subjektiven Bedeutung des Zweckes zur objektiven und metaphysischen hinansstrebt; hier setzt später die Naturphilosophie des objektiven Idealismus ein und thut jenen Schritt, den Kant unserem Denken zn thun verboten hat. Man sieht, wie intensiv Kant sich mit der Natnr, ihren Erscheinungen und Gesetzen beschäftigt hat, seine Philosophie war in wesentlichen Teilen Naturphilosophie. Ganz anders Fichte. Durch die Debatte über das unglückselige „Ding an sich" war die subjektive Seite der Kantschcu Philosophie, ihr „Idealismus" in den Vordergrund gerückt worden; indem Fichte das Ding an sich über Bord warf, wurde das Ich der einzige Gegenstand seiner Philosophie nnd diese selbst zur WissenschastSlehre. So war er natnrlos: ein selbständiges Interesse flößte ihm die Natur uicht eiu, theoretisch war sie ihm bloßes Nicht-Ich, wie Hegel richtig sagt, nur „Bedingung des Selbstbewußtseins, blvß eiu zum Behuf der Erklärung dnrch Reflexion Gesetztes", uud selbst zu erklären aus dem Ich als ein Erzeugnis seiner produktiven Einbildungskraft; und praktisch nicht minder unselbständig das Material für menschliche Pflichterfüllung und Pflichtleistung. Die einzige Aufgabe dieser Philvsvphie der Natur gegenüber war daher, sie zu „deduzieren", weiter beschäftigte sie sich mit ihr nicht. Das war nun aber für die Rvmantiker, die doch im übrigen Fichte für die philosophische Verabsolutierung des Ich dankbar zn sein allen Grund hatten, völlig unerträglich. Wenn sie als Poeten der 64 1800 bis 1830: Schelling und Hegel, Welt etwas Neues zu sagen hatteu, so war es ein nenes, gefühls- und stimmnngsmäßiges Verhältnis zu der Natur, der sie ihre iutimsten Geheimnisse ablauschten, wie sie ihr Tiefstes und Bestes in sie hineinfühlten und sie damit belebten und beseelten. Dieses Gefühl des Unbehagens hat sich bei einem von ihnen, der freilich noch mehr Klassizist als Romantiker, der Stimmung nach aber doch auch dieses war, bis zur Tragik gesteigert. Hölderlin motivierte 1799 in der dritten Fassung seines dramatischen Entwurfes „Empedokles" den Untergang des Helden durch desseu Abkehr von der Natnr: das hat ihn elend gemacht, das ist seine Schuld. In diese aber hat den in der Maske des Empedokles steckenden Hölderlin die Fichtesche Philosophie und ihr subjektiver Idealismus verstrickt: Zur Magd ist mir Die herrnbedürftige Natur geworden, Und hat sie Ehre noch, so ist's von mir. Was wäre denn der Himmel und das Meer Und Inseln und Gestein und was vor Augen Der Menschen alles liegt, was wär' es noch, Dies tote Saitenspiel, gab' ich ihm Ton Und Sprach' und Seele nicht? Verachtet hab' ich dich (Natur) und mich allein Zum Herrn gesetzt, ein übermütiger Barbar! ich kcmnt' es ja, Das Leben der Natur, die Götter waren Mir dienstbar nun geworden, ich allein War Gott und sprach'S im srechen Stolz heraus. Aus dieser Nerabsolutierung des Ich, ans dieser Naturlosig- keit, die alle poetischen und romantischen Naturen von der Fichteschen Philosophie abstoßen mußte, sehnt sich Empedokles-Hölderlin hinweg, zurück zur Natur und zur Einheit mit ihr, zurück zu jenem ästhetischen Naturpantheismus, wie er ihn vor der Bekanntschast mit Fichte im Sinne Goethes bei Spinoza gesunden und ihm 1796 in dem Gebet „au den Äther" einen so wunderbar schönen Ausdruck gegeben hat; oder anders ausgedrückt: er sehnt sich von Fichtes subjektivem Idealismus zurück zu Spinoza und vorwärts zur Naturphilosophie Schellings. Uud es gelingt ihm, sterbend ruft Empedokles den Agrigeutineru zu: Von Kant zu Schelling. 65 O gebt euch der Natnr, eh' sie euch nimmt! -------hebt wie Neugeborne Die Augen auf zur göttlichen Natnr. So gewinnt er in der Natur jenes Einswerden mit dem Unendlichen wieder, das er wie Schleicrmacher als den Kern der Religion erkennt und empfindet. Unter den Romantikern selbst aber war es Novalis, der in „den Lehrlingen zn Sais" den Übergang von Fichte zu einer lebensvolleren Auffassung der Natur iu mystischer Begeisterung für diese aubahute. Hier heißt es erst: „Was brauchen wir die trübe Welt der sichtbaren Dinge mühsam zu durchwandern? Die reinere Welt liegt ja in uns, in diesem Quell (der Freiheit). Hier offenbart sich der wahre Sinn des großen bunten verwirrten Schauspiels: und treten wir von diesen Blicken voll iu die Natur, so ist uns alles wohl bekauut uud sicher kennen wir jede Gestalt. Wir brauchen nicht erst lange nachzuforschen, eine leichte Vergleichuug, nur wenige Züge im Sande sind genug, um uns zu verstäudigen." Aber es geht doch schon weit über Fichte hinans, wenn ein anderer sagt: „Der Siuu der Welt ist die Verminst; nm derentwillen ist sie da, und wenn sie erst der Kampfplatz einer kindlichen, ausblühenden Vernunft ift, so wird sie eiust zum göttlichen Bilde ihrer Thätigkeit, zum Schauplatz eiuer wahreu Kirche werdeu. Bis dahin ehre sie der Mensch als Sinnbild seines Gemüts, das sich mit ihm in unbestimmbaren Stufeu veredelt." Und auch au der „leichten Vergleichnng" kaun sich der Schüler Werners, des Begründers der Geo- gnosie an der Bergakademie in Freiberg, nicht genügen lassen: einen Naturhistoriker prophezeit er, der „vertraut mit der Geschichte der Natur uud bekannt mit der Welt, diesem höheren Schauplatz der Naturgeschichte, ihre Bedeutungen wahrnimmt und weissagend verkündigt". Denn „alles Göttliche hat eine Geschichte, und die Natnr, dieses einzige Ganze, womit der Mensch sich vergleichen kann, sollte nicht so gut wie der Mensch, iu eiuer Geschichte begriffen sein, oder, welches eins ist, einen Geist haben? Die Natnr wäre nicht die Natur, wenn sie keinen Geist hätte, nicht jenes einzige Gegenbild der Menschheit, nicht die unentbehrliche Antwort dieser geheimnisvollen Frage, oder die Frage zu dieser unendlichen Ant- Zicglcr, die geistigen u. socialen Strömungen des lg. Jahrh. 5 s>>! 1800 bis 1S30: Schelling und Hegel, wort." Einstweilen freilich erschließt sie sich nur dem Dichter, der allein es fühlt, was die Natnr den Menschen sein kann nnd dein allein ihre Seele nicht fremd bleibt. Ein solcher Dichter aber war Goethe: er hatte den Zauberschlüssel zum Verständnis der Natur, mit seinen großen tiefen Augen hat er ihr tief in die Seele geschaut. Das zeigen jene wunderbaren Aphorismen „die Natur", von denen jeder eine Offenbarung über sie enthält: „Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uus und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht. — Es ist ein ewiges Leben, Werden lind Bewegen in ihr, nnd doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillstehen in ihr. — Gedacht hat sie und sinnt beständig, aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Sie hat sich einen eigenen, allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. — Sie ist alles." So blieb er um der Natur willen Spinoza treu und wollte nichts von Fichte wissen. Nnd auch das Historische au ihr giug ihm auf. Im Zusammenhang mit Herders „Ideen zur Geschichte der Menschheit" erkannte er das unablässige Sichfortbilden, den Entwickelungsgcdankcn in der organischen Welt, den Gesetzen der Umwandlung, der Metamorphose der Pflauzen und der Tiere forschte er nach und freute sich, als er den Zwischenknochen im Oberkiefer des Menschen entdeckte und dadurch die Stetigkeit der organischen Entwickelung auch zwischen Tier und Mensch bestätigt fand. Freilich nahmen ihn die Naturforscher nicht immer ganz ernst, „nirgends wollte man zugeben, daß Wissenschaft und Poesie vereinbar seien". Solchem Unverstand gegenüber redet auch er einmal wie ein Romantiker: „man vergaß daß Wissenschaft sich ans Poesie entwickelt habe; man bedachte nicht, daß nach einem Umschwung von Zeiten beide sich wieder frenndlich, zu beiderseitigem Vorteil, auf höherer Stelle gar wohl wieder begegnen können"; uud er verweist auf Alexander von Humboldt, der ihm zugestanden, daß es der Poesie auch Wohl gelingen könne, den Schleier der Natur aufzuheben; „uud wenn er es zugesteht, wer wird es leugnen?" Was Wuuder, daß die Romantik nnn auch hierin von Fichte zu Goethe übergiug, und daß die Schelling. «!7 romantische Philosophie sich in der Auffassung der Natur von ihm den Weg zu Spinoza weisen ließ! Ein Franzose hat Goethes Art, die organische Welt anzusehen, „die philosophische genannt, indem sie sich enger an die Philosophie der Natnr anschließe". Und so ist denn auch wirklich die Naturphilosophie, wie sie Schelliug geschaffen hat, romantisch, goethisch, spinozistisch geworden; ihren Ausgangspunkt aber nahm sie, so seltsam es klingt, dennoch von — Fichte. Schelling. Als Schüler Fichtes bewegt sich Schelling von Anfang an auf dem Boden des Idealismus. Zwar ueuut er ihn wieder mit Kant den transcendentalen, aber er stand in gewissen Hauptstückeu Fichte doch näher als Kant; wie Fichtes Wisseuschastslehre, so sollte auch sein System dieses transcendentalen Idealismus vom Jahre 1800 eine Eutwickelungsgeschichte des Geistes seiu. Allein die Stimmung des Buches war eine andere. Fichte war eine durch und dnrch sittliche Natur; sür das Handeln brauchte er Realität; diese kann nicht demonstriert und gewußt, nur geglaubt werden. So kommt Fichte zum Glauben und so wird seine Weltanschauung religiös. Hier ist der Punkt, wo er sich mit Jacobi uud uoch von einer neuen Seite her mit der Romantik berührt, von der ihn doch das sittliche Pathos weltenweit trennt und scheidet. Erst Schelling ist ganz und nur Nomantiker das Sittliche liegt ihm durchaus ferne, dafür erfüllen ihn ästhetische Interesse«, und so war denn auch die Schlußwenduug jeues Werkes, eine Deduktion der Kunst als des allgemeinen, des einzig wahren und ewigen Organs der Philosophie, weder kantisch noch fichtisch, sondern ästhetisch und specifisch romantisch. Die Kuust ist diesem Philosophen das Höchste; was wir Natur nennen, ist ihm ein Gedicht, und von der Philosophie erwartet er, darin auch mit Goethe sich berührend, daß sie, „sowie sie in der Kindheit der Wissenschaft von der Poesie geboren uud geuährt worden ist, und mit ihr alle anderen Wissenschaften nach ihrer Vollenduug als ebeusoviele einzelne Ströme in den allgemeinen Ocean der Poesie zurückfließen, von welchem sie ausgegaugcu warm"; und das Mittelglied dieser Rückkehr uud Wiederbriuguug aller Wissenschaften wird eine neue Mythologie seiu. Das Orgau der neucu Philosophie s* 68 1800 bis 1830: Schelling und Hegel. aber, die intellektuelle Anschauung, die nach Kant nur für einen Gott gemacht war, ist ihm ein' Kunstsinn, der bevorzugten d. h. genialen Geistern zukommt, aber auch nur solchen. Das System des transcendentalen Idealismus ist das Ganze, und doch »nieder uicht das Gauze dieser im Geiste ihres Urhebers immer neu sich gebärenden Philosophie; noch vor ihm waren Schellings Entwürfe zn einem System der Naturphilosophie erschienen. Dort war die Frage: wie kommt das Ich, die Intelligenz zu eiuer Natur? und darauf antwortete diese Geschichte des Selbstbewußtseins; hier hieß es: wie kommt die Natur zur Intelligenz? wie entwickelt sich in ihr und aus ihr die Vernunft? darauf antwortet die Naturphilosophie. In ihr kommt der Gegensatz zu Fichte, die romantische Stimmung als eine andersartig positive Stellung zur Natur zur deutlichem Aussprache. Fichte war wirklich naturseindlich, weil ihm der Natursinn, das Organ für alles Naturartige und Naturmächtige fehlte, er war ein Naturstürmer, wie es früher Bilderstürmer gegeben hat. Dieses „Widerstreben gegen die Natur" hat ihm noch 1806 Schelling in seiner Abhandlung „über das Verhältnis der Naturphilosphie zur verbesserten Fichte'scheu Lehre" mit aller Härte vorgehalten: daß er ihr alles Dasein und Leben abgesprochen habe, daß sie ihm tot, gar nichts, ein leeres Gespenst sei uud er, weuu er vvu der „sogenannten" Natnr rede, ihr nicht einmal gönne, Natur zu heiße». Komisch uud tragisch zugleich aber ist es, wenn dabei Fichte mit — Nieolai zusammengestellt wird, weil er wie dieser die Natnr nur auf das Mechanische und auf ihre Nützlichkeit für deu Menschen hin anzusehen gewohnt sei; so seien, der direktesten Entgegensetzung ohnerachtet, beide der innersten Grundlage uach dennoch eins: Nieolai als der Wasserstoss, Fichte als der Sauerstoff vorgestellt geben in der gegenseitigen Durchdringung die reine Indifferenz, „das wahre Wasser des Zeitalters" als Produkt! Für die Romantiker war im Gegensatz zn der Fichteschen Natnrlosigkeit die Natur eine Realität, ein Ansich, ein Wirkliches. Vom Ich freilich kommen sie auch ihr gegenüber nicht los. Charakteristisch ist dafür Schleiermachers nnhistorisches Wort über Spinoza: „in heiliger Unschuld uud tieser Demut spiegelte er sich in der Welt, wie auch er ihr liebenswürdigster Spiegel war". Und vollends die Dichter Schelling. der Schule! Sich, ihre Gefühle und Stimmungen fühlten sie in die Natur hinein: das war ihr gutes Recht, damit bahnten sie, wie wir gesehen haben, in neuer Weise das Verständnis des Schemen an und begründeten die moderne Ästhetik. Aber schlimm war, daß das romantisch-individuelle, von allem Gesetz losgesprochene Ich mit allen seinen Schrullen, Fratzen und Bizarrerien, seinen oft so wenig großen und hohen, sondern vielmehr recht kleinen Gefühlen sich in sie hineinlegte oder hineinträumtc. Keiner hat die Natur mehr mit folcher Traumstimmung erfüllt als Tieck: in seinen Märchen, z. B. im „blonden Eckbert" stehen intime Stimmnngsmotive im Vordergrund, wie sie den Märchen sonst sremd sind, das Grauen und Grausen der eigenen Seele, das er so meisterhast analysiert, grinst Eckbert auch aus der Natur entgegen uud macht sie ihm so gespenstischunheimlich. In den „Lehrlingen zn Sais" hat Novalis diese „Beziehung der Natur auf das Gemüt" geradezu lehrhaft entwickelt und dabei auch seinerseits dem Dichter das Vorrecht zugesprochen, der Natur ius Herz zu sehen, aber daneben doch das wissenschaftliche Erforschen derselben in der großen, zusammenfassenden Weise seines Meisters Werner gelten und sich von ihm imponieren lassen. Und min kam Schelling, erfaßte die Aufgabe als eine philosophische uud verwandelte die Natnr in Geist. Hierzu half ihm der wiederentdeckte Pantheismus Spiuozas, nnr daß dieser neue slüßiger, lebendiger, seiner Erstarrung in mathematische Formeln entkleidet war. Wies gemeint ist, zeigt uns vielleicht deutlicher als jede lehrhafte Auseinandersetzung jenes merkwürdige Gedicht „Epikurisch Glaubensbekenntnis Heinz Widerporstcns" aus dein Jahre 1799, das erst wie Materialismus anhebt: --behaupte zu dieser Frist, Daß nur das wirklich und wahrhaft ist, Was man kann mit den Händen betasten Seit ich gekommen bin ins Klare, Die Materie sei das einzig Wahre, Unser aller Schutz und Rater, Aller Dinge rechter Vater, Alles Denkens Element, Alles Wissens Anfang und End. 7i! 1800 bis 1830: Schelling und Hegel. Aber dann kommt es anders, kommen klar und entschieden die Gedanken der Naturphilosophie znm Wort: Wußt auch nicht, wie mir vor der Welt sollt' grausen, Da ich sie kenne von innen und außen. Ist gar ein trag' und zahmes Tier, Das weder dränet dir noch mir, Muß sich unter Gesetze schmiegen, Ruhig zu meinen Füßen liegen. Steckt zwar ein Ricsengeist darinnen, Ist aber versteinert mit seinen Sinnen, Kann nicht aus dem engen Panzer heraus Noch sprengen das eiserne Kerkerhaus, Obgleich er oft die Flügel regt, Sich gewaltig dchut und bewegt, In toten und lebend'gen Dingen, Thut nach Bewußtsein mächtig ringen; Daher der Dinge Quallität Weil er drin quellen und treiben that, Die Kraft, wodurch Metalle sprossen, Bäume im Frühling aufgeschossen, Sucht wohl an allen Ecken und Enden Sich ans Licht herauszuwenden, Läßt sich die Mühe nicht verdrießen, Thut jetzt in die Höhe schießen, Seine Glieder und Lrgan' verlängern, Jetzt wieder verkürzen und verengern, Und sucht durch Drehen und durch Winden Die rechte Form und Gestalt zu finden. Und kämpfend so mit Füß' und Händ' Gegen widrig Element, Lernt er im Kleinen Raum gewinnen, Darin er zuerst kommt zum Besinnen; In einen Zwergen eingeschlossen Von schöner Gestalt und graben Sprossen, Heißt in der Sprache Menschenkind, Der Riesengeist sich selber find't. Vom eisernen Schlaf, vom bangen Traum Erwacht, sich selber erkennet kaum, Über sich gar sehr verwundert ist, Mit großeu Augen sich grüßt und mißt; Möcht' alsbald wieder mit allen Sinnen In die große Natur zerrinnen, Ist aber einmal losgerissen, Kann nicht wieder zurückfließen, Und steht zeitlebens eng und klein In der eignen großen Welt allein. Schilling. 7l Fürchtet wohl in bangen Träumen Der Riese könnt sich ermannen nnd bäumen Und wie der alte Gott Satorn Seine Kinder verschlingen im Zorn. Denkt nicht, daß er eS selber ist, Seiner Abkunst ganz vergißt, Thut sich mit Gespenstern Plagen, Konnt also zu sich selber sagen: Ich bin der Gott, der sie am Busen hegt, Der Geist, der sich in allem bewegt. Vom ersten Ringen dnnkler Kräfte Bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte, Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verauillt, Die erste Blut', die erste Knospe schwillt, Zum ersten Strahl von neugebornem Licht, Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht, Und aus den tausend Augen der Welt Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt. Hinauf zu des Gedankens Jugendkraft, Wodurch Natur verjüngt sich wieder schafft, Ist Eine Kraft, Ein Pulsschlag nur, Ein Leben, Ein Wechselspiel von Hemmen und von Streben. Es ist übrigens nicht ohne Interesse, daß von der Veröffentlichung dieses Schellingschen Gedichtes im Athenäum Goethe auch diesmal wieder abgeraten hat, natürlich wegen der allzn burschikosen Polemik gegen die Schleiermachersche Wendung der Nomantik zum Religiösen, und wegen der chnischen und blasphemischen Form, in welche sich dieselbe hüllte. Nnd doch war darin die ernsthafte philosophische Überzengnng Schellings ausgesprochen, so hat er, Dichter und Philosoph zugleich, die Natur verstanden und in diesem Sinn nnd Geist hat er seine Naturphilosophie oder spekulative Physik geschaffen, wobei schou hier vorausgenommen werden mag, daß das der Pnnkt ist, wo Schopenhauer mit seiner ursprünglich ganz romantisch gemeinten Lehre vom Willen in der Natur eingesetzt und au Schelling augeknüpft hat. Ans das Einzelne dieser längst vergessenen Naturphilosophie dürfen wir hier nicht eingehen. Nur auf zweierlei ist hinzuweisen, auf ihre Beziehung zn Kant und auf die zu der Natnrwisfenschaft ihrer Zeit. Von Kants Schriften machte die Kritik der Urteilstraft den größten Eindrnck anf Schelling. Aber freilich mit dem 72 1800 bis 1830: Schelling und Hegel, Ergebnis derselben, das; die reale Geltung der Zweckmäßigkeit in der organischen Natur zu verneinen sei, konnte er sich nicht be- srennden; er erkennt eine objektive, aber freilich bewußtlose uud blinde Zwcckthätigleit an und gründet sie ans die Einheit von Natur und Geist: weil Geist in der Natur ist und sich in ihr stnfenmäßig entwickelt und verwirklicht, sind ihre Produkte geistartig d. h. zweckmäßig. Das im einzelnen nachzuweisen, hat er sich in immer ueueu Anlänsen uud unter dem Einfluß der verschiedenen Phasen seines sprungweise sich ändernden Denkens von verschiedenen Gesichtspunkten aus bemüht. Uud dafür war er doch nicht ohne die nötigen Vorkcuntnisse. In Leipzig hat er zwei Jahre lang Mathematik, Physik und Medizin gar eisrig studiert uud in den damaligen Stand der Natnrwissen- schaft einen genauen Einblick gethan. In seiner Naturphilosophie spielt der Begriff der Polarität eiue Hauptrolle, Polarität, Gegensätzlichkeit sieht er im Organischen wie im Anorganischen, in Natur nnd Geist, es ist ihm ein durchgängiges Gesetz, auf dem alle Entwickelung, alles Leben, alle Wissenschaft beruht. Uud diesen Begriff entnimmt er der Lehre vom Magnetismus, wie er ihn nach dem damaligen Stande des Wissens als Galvanismus oder tierische Elektrizität kennen gelernt hat: in ihm sah er nach Kuno Fischers treffendem Ausdruck „deu dynamischen Prozeß, der die elektrische, magnetische, chemische und zugleich die specifische LebenSthätigkeit in sich vereinigt, das Band der unorganischen und organischen Natur, das Centralphänomen der physischen Welt". Dazu kam dann die neue Chemie Lavoisiers: der Sauerstoff war entdeckt, die Luft als Verbindung von Sauerstoff und Stickstoff erkannt und damit der phlogistischen Theorie vom Verbrennungsprozeß durch die Lehre von der Oxydatiou ein Ende gemacht. Auch das kannte und das be- schästige Schelliug, selbst sür seine Polemik gegen Fichte sahen nur ihn oben einen daher genommenen Vergleich benützen. Zum Verständnis der organischen Welt aber half ihm die medizinische Lehre Browns von der Erregbarkeit des Körpers und der durch Vermehrung uud Verminderung der Reize herbeizuführenden Heilung, was sich mit dem Galvanismus leicht verbinden zu lassen schien. Und noch größeren Einslnß hatte auf ihn sein LandSmann Kielmeyer, Schilling, 7!! der an der Stuttgarter Karlsschule Naturwissenschaft lehrte, durch eine Rede, worin er mit der Erregbarkeit oder Irritabilität die Sensibilität uud Reproduktion als organische Grundkräfte verband; sie saud er, das biogenetische Grundgesetz fast schon antecipierend, ebenso in der Entwickeluug des eiuzelucu Individuums wie in den Entwickelungsstufen der verschiedenen Organisationen thätig; und indem er durch sie auS dem Unorganischen das Organische und aus diesem das geistige Leben hervorgehen ließ, enthüllte sich ihm die Einheit nnd der Zusammenhang des Ganzen, was diese Naturauschau- ung dem Philosophen besonders empfehlenswert erscheinen lassen mußte. Es galt nur, in allen drei Gebieten jene Gruudkrüste in irgend einer Gestalt wiederzufinden nnd nachzuweisen. Für uns aber ist wichtiger als das, was Schelling aus diesen naturwissenschaftlichen Boranssetzungen und Kenntnissen genommen und gemacht hat, die Bedeutung dieser seiner Naturphilosophie für das Geistesleben unseres Volkes. Nichts steht heutzutage tiefer in der Wertschätzung der Zeitgenossen als die Schelliugsche Naturphilosophie: „ein geistreich scholastisierendes Gemisch von Tiessinn nnd Unsinn" haben es selbst billige Beurteiler gcnauut, nudere halten sich nur an das Sinnlose und den Galimathias, aus Naturforscherversnmmlungen können Redner stets des Beifalls gewiß sein, wenn sie daran erinnern und dem gegenüber selbstgefällig betonen, wie wir es doch so herrlich weit gebracht haben. Und es ist wahr, wenn wir einzelne Satze herausgreifen, wie den, daß die Pflanze den Kohlen-, das Tier den Stickstoffpol repräsentiere, dieses also südlich, die Pflanze nördlich sei, oder daß das Tier in der organischen Natur das Eiseu, die Pflanze das Wasser darstelle, so ist das barer blanker Nonsens. Steckt aber doch ein Riescngeist darinnen — im Ganzen nämlich; und daraus hinzuweisen ist heute nötiger und ist auch gerechter als den Toten immer wieder uoch eiumal tot zu schlagen. Der Gedauke der Entwickelung wird hier zum erstenmal in ganz moderner Fassung und Form auf die Natur angewendet: daß „die Stufenfolge aller organischen Wesen durch allmähliche Entwickelung einer nnd derselben Organisation sich gebildet habe", hat dieser vielgeschmähte Naturphilosoph doch weit deutlicher als Kant und Goethe zehu 74 1800 bis 1830: Schilling und Hegel. Jahre vor Lamarck, sechzig Jahre vor Darwin ausgesprochen: es ist dies eine der größten Antecipationen der Philosophie. Und wenn er erklärt, daß „die Prinzipien des Organismus nnd Mechanismus dieselben seien" und die Nllgegenwart des Lebens verkündigt, also das, was wir heute „Monismus" nennen, so zucken wir, die wir inzwischen die Orgien des Materialismus auf der eiuen Seite erlebt und auf der audern Fcchncrs „Tagesansicht" von einer Allbeseelung der Dinge kennen gelernt haben und die Welt sogar als Wille begreifen sollen, darüber doch nicht mehr so gar verächtlich die Achseln und erinnern uns wieder einmal an Spinoza nnd Goethe. Daß aber der Nachweis für all das von dem Philosophen nicht erbracht wurde nnd nicht erbracht werden konnte, das freilich liegt auf der Hand, lind damit beginnt das Unrecht der Naturphilosophie: au die Stelle von Beweisen setzte sie kecke Behauptungen und Machtsprüchc, an die Stelle von wissenschaftlich begründeten Gesetzen vage Analogien nnd leere Worte. Da liegt ihr Gegensatz zu Kant: wenn dieser sagt, daß „wir von den Dingen nur das a. priori erkennen, was wir selbst in sie legen", so meint er mit diesem „wir selbst" die Naturforscher und ihre methodische Arbeit uud gerade nicht die spekulativen Naturphilosophien, die ohne Methode und ohne Rücksicht auf die Erfahrung „Luft uud Licht a priori konstruieren". Denn eben darin bestand die Gefahr der Naturphilosophie, daß sie, trotz aller thatsächlichen Abhängigkeit von den zufälligen nnd jedesmal letzten Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung ihrer Zeit — denn woher anders sollte sie ihren Stoff nehmen? —, die Empirie gering achtete und ihr, indem sie sie zum bloßen Material und Mittel herabsetzte, Gewalt anthat. Wie man im sechzehnten Jahrhundert im faustischem Drang nach einem Zanberschlüssel suchte, der dem Meuschen den Zugang zur Natur uud ihreu Geheimnissen mit Einem Schlag öffnen sollte, bis man entdeckte, daß die Mathematik zwar ein Schlüssel, aber kein Zanberschlüssel sei und die Natur sich zwar ihre Geheimnisse abgewinnen lasse, aber nur in langsam redlichem Bemühen einer methodisch fortschreitenden Forschung, so glaubte man auch jetzt wieder, und zwar nicht nur Dichter nnd Philosophen, in den Formeln der Naturphilosophie das einfache und direkte Mittel in die Hand zu bekommen zur Erkenntnis und zum Ver- Schilling. 7', ständnis der Natur und der Mühe empirischer Beobachtung uud laugsam aufwärts führender Induktion überhoben zu sein. Wie diese Naturphilosophie auf die Zeitgenossen wahrhaft berauschend gewirkthat, das beschreibt der Norweger Steffens in einem Brief au Schelling vom 1. September 1800. Von seiner frühesten Kindheit an lebte und webte dieser für die Romantik prädestinierte Enthusiast in der Natnr, sich von ihr loszusagen war ihm unmöglich. So suchte er unverdrossen alles zusammen, lernte Tiere und Pflanzen und Steiue kennen, strich herum in den Gebirgen und auf den Feldern, zu Wasser und zu Lnude, und sammelte vielleicht nicht ganz gewöhnliche Kenntnisse. Aber, klagt er, „das leidige stückweise Theoretisieren steckte mich an, das herrliche Ganze, was von meiner Kindheit meine Seele durchdrang, erstarb mir unter den Händen, es zerfiel in tausend Trümmer und ich suchte vergebens aus dem zerschlagenen Gotte ein Ganzes kärglich zusammenzuleimen. Meine Freude war dahiu, der innere Friede verloren, eine wunderliche Unruhe bezeichnete mein ganzes zerstörtes Wesen". Da lernte er Schelling kennen, es war ihm, als hätte dieser für ihn geschrieben. Die Hoffnung belebte sich, seine verlorene Jugeud wieder zu erleben, das ganze Leben der Natur faßte ihn — stärker, unwiderstehlicher als jemals; nnd was die Naturphilosophie ausing, vollendete der transscendentale Idealismus. Schon 1801 erschienen dann seine „Beiträge zur inneren Naturgeschichte der Erde", die streug naturwissenschaftlich anheben, dann ganz naturphilosophisch werden, uud schließlich echt romantisch bei der unendlichen Welt in den innersten Tiefen des eigenen Geistes endigen. Oken aber, der als Naturforscher sich bemühte, die Naturphilosophie zum uaturwisseuschaftlichen System zn erheben und über diesen Bemühungen um ein spekulatives Ganzes die Detnilarbeit des Forschers geflissentlich vernachlässigte, scheint die Ansicht zu bestätigen, daß die Naturphilosophie nicht nur nichts geleistet — denn wo sind heute diese spekulativen Lehrbücher und Systeme? — sondern daß sie es sogar verschuldet habe, wenu wir Deutsche zu Anfang des Jahrhunderts in unserer Erkenntnis der Natnr hinter den anderen Nationen so weit zurückgeblieben seien. Weil wir damals Naturphilosophie trieben, hatten wir keine Natnrwissenschaft. 7«! 1800 bis 1830: Schelling und Hegel, Aber auch das ist doch nur die eine Seite und ist nur halb wahr. Kant und Fichte haben die Philosophie naturlos gemacht, Kant gegen seinen Willen, weil er als Pietist herangewachsen sich zur Natur kein Herz sassen konnte, die Sinnlichkeit zum bloßen Stoff degradierte, sich um die Möglichkeit synthetischer Urteile a posteriori, d. h. um die induktive Wissenschaft nicht kümmerte und vor dem kühnen Gedanken seiner genialen Jugendarbeit über „die Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes" selber erschrak; Fichte, weil er subjektiver Idealist war nnd deshalb die Natnr gewaltthätig in ihrer Selbständigkeit und ihrem Eigenwert vernichtete. Ihnen gegenüber hat Schelling als Romantiker das Interesse an der Natnr znnächst selber wieder gehabt und es der Wissenschaft seines Volkes wieder eingeflößt; und als dann die Orgien der unfruchtbaren Naturphilosophie vorüber waren, da blieb als Residuum in diesem Taumelkelche doch zweierlei zurück: das ^ Interesse an der Natnr, das rasch genug auch den Deutschen zu methodischer Naturforschnng trieb, uud ein Universalismus der Naturbetrachtung, der den Gedanken der Einheit sowohl der Natur selbst in allen ihren Teilen als auch der Natur mit dem Geist lebendig erhielt nnd so das Band zwischen Naturwissenschast und Philosophie doch uicht ganz abreißen ließ. So urteilte auch Alexander von Humboldt, wenn er noch 1834 an Bunseu schreibt: „Ich habe nie anders als mit den Ausdrücken der Bewundernng von Schelling gesprochen. Einem Deutschen steht es wahrlich nicht an, das edle Bestreben, das Beobachtete zu verknüpfen, das Empirische durch Ideen zu beherrschen, mit Verachtung zu behandeln. Ich habe uie die Möglichkeit einer Naturphilosophie bezweifelt, wenn mich anch der Teil derselben, welcher das Heterogene der Materie (specifisch verschieden scheinender Stoffe) behandelt, bisher nicht überzeugt hat. Schellings Naturphilosophie, dem rohen Empirismus, der nüchternen Anhäufung von Thatsachen entgegenstehend, ist ganz von den Philosophischen Träumereien verschieden, die nicht ihm, sondern mißverstandenen Lehren zugehvren, aber allerdings eine Zeitlang von gründlich speciellem Wissen abhielten, weil die Jngend wähnte, man könnte eine specielle Chemie, eine reinliche, a. priori, ohne sich die Hände zu benetzen, eine Astronomie Hegel. 77 ohne Meßinstrumente und Fernröhre treiben. Ich bin fest überzeugt, der große Philosoph würde mit Achtung jeden behandelt haben, der ans dem Wege der Beobachtung den Horizont des menschlichen Wissens zu erweitern strebt, weil er in dem Beobachteten selbst das Material erkennt, welches der Geist ordnen, beherrschen soll." Dieses Zeugnis wiegt doch recht schwer: denn Alexander von Humboldt hat die Zeiten der Naturphilosophie selbst mit durchlebt und ist es ja gerade gewesen, der durch sein eminentes Wissen nnd sein fruchtbares Forschen und nicht zum wenigsten auch durch seiu persönliches alle überragendes Ausehen jene Scharte der deutschen Naturforschung bald geuug auswetzte uud den Vorsprnng der andern Völker vor uns mit Riesenschritten einholte. Sein Kosmos, heute freilich darin auch nicht mehr ganz unangefochten, bewies, daß man auch als strenger Empiriker universal sein könne; uud wenn wir jetzt über Haeckels monistische Metaphysik zuweilen die Geduld verlieren möchten, so haben wir doch anch wieder eine Freude zu sehen, wie die Philosophie auch unsere modernen Naturforscher nicht losläßt und sie geistreich und kühn macht. Robert Mayer nnd Helmholtz, der Physiker Hertz nnd der Chemiker van't Hoff — sie alle zeigen, daß es eine Naturphilosophie uoch immer giebt, das heißt jetzt freilich: inmitten exakter Forschung eine philosophische Vetrachtungsart der Natur und eine philosophische Zuspitzung ihrer Probleme. Hegel. In dem romantischen Saus und Braus zu Jena hatte sich eben um die Wende des Jahrhunderts ein Landsmann Schellings diesem beigesellt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In seiner Habilitationsschrift vom Sommer 1801 äs orbiti.? plirnetar-uvi hatte er unter anderem anch die Lücke zwischen den Planeten Mars und Jupiter besprochen, die schon Kant zu denken gegeben. Während dieser sie naturwissenschaftlich zu erklären versuchte, dachte Hegel daran, an die Stelle der arithmetischen Progression der Entfernungen die pythagoreische Zahlenreihe von 1, 2, 3, 4, 9, 10, 27 zn setzen und so den größeren Zwischenranm zwischen dein vierten und 78 1800 bis 1830: Schelling und Hegel. fünften Glied des Systems begreiflich zu machen. Das war nun aber schon deshalb falsch, weil — jene Lücke gar nicht vorhanden war; und zwar hatte das bereits am 1. Januar des Jahres 1801 Piazzi durch die Entdeckung der Ceres als des ersten der seither so zahlreich gefundenen Planetoiden nachgewiesen. Das war fraglos ein Mißgeschick, das diesen Erklärungsversuch eines Natnr- philosophen traf — schlimmer uoch als im Jahr zuvor der Tod der Auguste Böhmer, welchen bösartige Gegner der „allernenesten Philosophie" d.h. den Rezepten ihres Bräutigams Schelling zur Last legen wollten. Aber es war ein Mißgeschick, wie es auch der exakten Naturforschung alle Tage passieren kann und hänfig schon passiert ist; in John Stuart Mills Logik kann man eine Reihe von Beispielen ans der Geschichte der exakten Wissenschaften dafür finden. Deshalb hat Strauß gauz recht, wenn er dagegen protestiert, daß man diese Kleinigkeit gegen Hegel speciell und gegen die Philosophie im ganzen ausbeute: „Der Löwe ist tot, gewisse Tritte aber dürfen darum unter uns nicht Mode werden." Man thut aber auch noch aus einem allgemeinen Grunde Hegel unrecht, wenn man ihn wegen dieses ganz beiläufigen nnd kaum zur Sache gehörigen Mißgriffs in seiner Habilitationsschrift besonderer uaturphilosophischer Gewaltthätigkeit und Konstruktionslust anklagt: Hegel hat sich nur ganz vorübergehend mit Schelling und seiner romantischen Philosophie identifiziert. Dem schwerfälligen, substantiellen Schwaben war es nicht wohl in der geistreich-liederlichen Gesellschaft, die sich in Jena um Karoline Böhmer-Schlegel- Schelling her zusammeusand; das zeigt eine spätere Äußerung Hegels über Karoline, „deren Tod wir neulich hier vernommen und von der einige hier die Hypothese aufgestellt haben, daß der Teufel sie geholt habe". Die spielende Willkür romantischer Ironie und Subjektivität sagte seinem ernsthaften Wesen, seinem Durst nach Objektivität und seinem verzehrenden Hunger nach Realität nicht zu, und in der Philosophie interessierte ihn der Geist mehr als die Natur. So kam es srüh genug zwischen deu beiden Jugendfreunden zum Bruch. In den Tagen der Schlacht von Jena vollendete Hegel seine Phäuomenologie des Geistes mit jener gewaltigen Vorrede, die eine schneidige und schneidende Absage war an Schelling nnd seine „Begeistc- Hegel. rung, die wie aus der Pistole mit dem absoluten Wissen unmittelbar ansängt", an sein Absolutes als „die Nacht, worin alle Kühe schwarz sind", an „die triviale Prosa" und „die verrückte Rede" einer in der Philosophie wie in der Poesie grassierenden Genialität. Dabei kommt der Satz Hegels, daß „das Geistige allein das Wirkliche sei", freilich auch der Natur zu gut: auch von ihr ergreift die Vernunft Besitz und „Pflanzt auf allen ihren Hohen und in allen ihren Tiefen das Zeichen ihrer Souveränetät auf". Naturphilosophie ist darum auch ihm stets ein Teil des Systems geblieben, und er hat es Schelling immer als Verdienst zugerechnet, daß er sie geschaffen und damit „den intelligenten Charakter der Natur als Bedürfnis der Wissenschaft ausgesprochen" habe. Aber die Naturphilosophie war ihm doch fraglos der minderwertigste Teil, an dem ihm selbst am wenigsten gelegen war. Denn die Natur ist doch nur der Geist „in seinem Anderssein", seiner Entäußerung und Erstarrung; zu ihr hat sich die Idee selbst „entlassen", ihr wahres Sein gewinnt diese erst im Menschen, doch nicht — und damit beginnt sein entschiedener Gegensatz zur Romantik — nicht in dem sich selbst bespiegelnden genialen Einzelnen, sondern in den objektiven Mächten des menschlichen Gesamtlebens, in Recht und Staat, in Kunst, Religion und Sittlichkeit. Das Wort, daß man Gott mehr gehorchen müsse als diesen menschlichen Institutionen und ihrer Autorität, hat er um seines individualistischen Klanges willen in dieser Fassung nie gelten lassen, nnd selbst in der Bernsnng auf das Gewissen sah er mehr die Gefahr des Irrtums und des Bösen als das gute Recht des Subjekts und seiner individuellen Überzeugung. So gut kannte er seine früheren romantischen Genossen und ihr >— Gewissen. Und so ist ihm wichtiger als die Entwickelung der Natnr in Mechanik, Physik und Organik und in der Psychologie des subjektiven Geistes der Gang der Geschichte, wichtiger als der Einzelne der Staat, nnd über dem Gewissen des Einzelnen steht ihm die Sitte, weil hier überall erst das Vernünftige wirklich wird. Aber einen romantischen Zug, den Historismus, hat Hegel damit doch festgehalten, ja verstärkt und erst recht zur Geltung gebracht, dadurch daß er Vernunft und Geist anch in der Geschichte fand und sie dadurch erst interessant machte. Und hier wird nun allerdings auch 80 1800 bis 1830:, Schelling und Hegel, die Form der Phäuomeuologie romantisch. Es handelt sich in dem Werk nm das Werden der Wissenschaft und des Wissens, um die Erhebung des Bewußtseins von seinen niedersten Stufen und Formen auf deu zur Erkenntnis des Absoluten nötigen spekulativeu Standpunkt, zum absoluten Wissen. Auch die Phänomenologie de5 Geistes ist eine Entwickelungsgeschichte des Einzelbewußtseins. Aber mit dieser individuellen Bildungsgcschichte kombiniert Hegel die Bit- dungSgeschichte der Menschheit: die psychologische Entwickelung deS Bewußtseins ist im wesentlichen identisch mit der Bildungs- oder Kulturgeschichte der Menschheit. Und so entfaltet sich vor unseren Augen das reiche Leben des Geistes nach zwei Seiten hin — nach der Seite des Einzelnen als Geschichte seiner Bewnßtseinsstnsen von den niederen hinauf zu jener höchsten deS absoluten Geistes, und nach der Seite des Ganzen als Geschichte der charakteristischen Bildungs- uud Kulturstufen der Menschheit. Diese beiden Seiten werden aber nicht geschieden und unterschieden, sondern lansen durcheiuaudcr und gehen ineinander über, nnd nicht einmal bei der zweiten Reihe verfahrt Hegel streng historisch, sondern hebt mit einer gewissen Willkür diejenigen Epochen heraus, welche für die jedesmalige individuelle Bewußtseinsstnfe als Parallelcrscheiuung zu dienen und sie in ein Helles Licht zu setzen vermögen. Um sich hierzn das Recht zu wahren, nennt er keine Namen von Völkern, Philosophen und Nichtnngen, wählt auch gelegentlich solche Erscheinungen aus, die ihm zufällig uahe lagen, während fie für uns jetzt längst wieder bedeutungslos geworden oder von uns geradezu vergessen sind. Die Fvlge dieser Behandlungsart ist eine gewisse llndurchsichtigkeit und Schwerverständlichkeit des Werts, das damit an Dantes Oiviua oommsäia erinnert. Treffend sagt daher Hegel selber: „Das Ziel, daS absolute Wissen oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Weg die Erinnerung der Geister, wie sie an ihuen selbst siud und die Organisation ihres Reiches vollbringe». Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist Geschichte, nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung nnd die Schädelstätte des absolnten Geistes, Hegel. ^1 die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre: nur aus dem Kelche dieses Gcisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit." Noch Viel mehr aber erinnert die Phänomenologie an den zweiten Teil von Goethes Faust, und deshalb hat Haym ganz recht, wenn er von ihr sagt: „hier wird das Fest des absoluten Wissens gefeiert; diese Feier würdig zu begehen, wird ein romantischer Maskenzug aufgeführt. Ju lauger Reihe erscheinen vor dem Throne des Absoluten historische Figureu, zu psychologischen Geistern verkleidet und wiederum psychologische Potenzen nnter der Maske historischer Gestalten." Daher dann sein Urteil, die Phänomenologie sei das Werk eines „unverzeihlichen Konfnsionarius", „eine durch die Geschichte in Verwirrung uud Unordnuug gebrachte Psychologie und eine durch die Psychologie in Zerrüttung gebrachte Geschichte". Aber dauebeu hat Eduard Zeller doch noch mehr recht, wenn er seinerseits die Phänomenologie „das Genialste" nennt, was Hegel je geschrieben habe. Es ist — romantische Genialität. Aber trotz dieses Tributes, deu Hegel der Romantik dargebracht hat, seine Philosophie ist bei allem Wurzeln in der Romantik ein Kampf gegen und ein Sieg über alle Romantik. In ihr wird der Geist Herr über die Natur und die Geschichte Herr über den Einzelnen und das Belieben des Einzelnen; und so bedeutet sie die Abkehr von der romautischeu Naturphilosophie — sie ist im Wesentlichen Philosophie deS Geistes; die Objektivität, wie sie vor allein in den großen Mächten der Kultur und der Geschichte sich darstellt, überwindet die subjektive Willkür des Einzelnen und ist darum in ihrer ganzen reichen Fülle der Gegenstand dieses Philosophierens. Damit tritt Hegel dem griechischen Geiste nahe, für den er sich mit Hölderlin frühe schon begeistert hatte, und ist vor allem Goethe viel mehr verwandt als den romantischen Genossen seiner Jenaer Dozentenzeit, wie ihn denn auch Goethe seinerseits Wohl zu schätzen wußte. Für beide ist das Wirkliche eine Macht, vor der sie sich respektvoll beugen Aus diesem Gegensatz gegen die Romantik heraus, in der der Einzelne mit seinen Gcfühlsansprüchen und der Willkür seiner genialen Ziegler, die geistigen u. socialen Strömungen des 19. Jahrh. 6 >^ 1800 bis 1830! Schilling und Hegel. Einfülle wahre Orgien feiert, ist die Hegelsche Philosophie zu begreisen als ein Kampf gegen den Einzelnen. Darum haßt auch Nietzsches „Erzieher" Schvpenhaner diesen Philosophen der Objektivität gewissermaßen antsoixanäo als den großen Antipoden seines individualistischen Zöglings, der ihm aber doch mit der Zeit gerechter geworden ist als der romantische Meister selber, weil er ihm ferner stand und Witterung hatte für alles, was Geist besaß und Geist war. Geist aber ist das Element der Hegelschen Philosophie. Doch ehe Hegel über die Romantik siegen konnte, mußten den Menschen seiner Zeit und mußte auch ihm selber der Wert jeuer objektiveu Mächte, des Staates und der Sitte, des Volkstums und der Religion erst noch durch den Gang der Weltgeschichte zum Bewußtsein gebracht werden: sie mußten an den Wert dieser Güter erst wieder glauben lernen, ehe Hegels Philosophie ausreifen und die Zeitgenossen an seine Philosophie glauben konnten. Und darum haben auch wir, uach dem Vorgang der Phänomenologie, in diese Geschichte des Bewußtseins unseres Volkes hier au dieser Stelle ein Stück realer Geschichte einzufügen und zuzusehen, wie diese auf jene wirkt und sie in neue Wege leitet. Drittes Kapitel. Preutzens Fall und Wiederaufrichtung. Deutschland bis zum Falle Preußens. Neben der rationalistischen Weltanschauung ist zu Anfang des Jahrhunderts noch ein anderes Stück und Werk des Aufklärungszeitalters in die Brüche gegangen, nicht das geringste oder schlechteste — der Staat des aufgeklarten Despotismus, das Friedericianische Prenßen. Erst schien es, als sollte derselbe durch die reaktionäre Negieruugsweise seines Nachfolgers laugsam untergraben werden. Das Wöllnersche Religionsedikt vom 9. Juli 1788 war eine Kriegserklärung gegen den bis dahin herrschenden Geist der Aufklärung, mit Hilfe der Censur uud vcxatorischer Maßregeln gegen Einzelne, die selbst vor Kant und gerade vor ihm nicht Halt machten, hoffte man mit ihm fertig zn wcrdeu. Aber noch wurzelte er zu tief in den mittleren Schichten des Volkes nnd in weiten Kreisen der Beamtenschaft, nnd so erhob sich ein heftiger Widerstand gegen diese Reaktion, an dessen Spitze man den allzu gewissenhaften und in seinem Alter auch ruhebedürftigen Kant nur ungern vermißt. Dieser Opposition war die Faulheit des „betrügerischen und intriganten Pfaffen", wie Friedrich der Große Wollner genannt hatte, und war das ganze unmoralische uud heuchlerische Regiment Friedrich Wilhelms II. nicht gewachsen. Und ein Jahr nach dem Erlaß des Edikts erhob sich im Westen die große revolutionäre Sturmflut, die uuter ihreu Wogen schließlich Freuud und Feind, Aufkläruug und Reaktion verschlingen sollte. 6* ^! isoo bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. Deutschland war kein Staat, so hatte sich auch kein staatliches nnd nationales Bewußtsein entwickelt; Bildung nnd Anschauungsweise waren individualistisch, um den Menschen allein handelte es sich, nicht um deu Bürger, uicht um das Volk, und so entsprach ähnlich wie im Hellenismus uach Alexander dem Großen dem Individualismus ein weitherziges Weltbürgertum, das an den staatlichen Pflichten achtlos vorüberging. DaS Lob eines eifrigen Patrioten war für Lessing das letzte, wonach er geizen würde, des Patrioten uämlich, der ihn vergessen lehrte, daß er ein Weltbürger sein sollte: und noch 1778 wünscht er „recht sehr, daß es in jedem Staate Männer geben mochte, die über die Borurteile der Völkerschaft hinweg wäreu und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört". Justus Möser mit seiuen „patriotischeu Phantasien" war daher ein weißer Rabe, wenn er auch in Herder aus geistigem Gebiet eiuen Gesinnungsgenossen hatte und der patriotischeu Romantik präludierte. Nur schelte man sie darob nicht allzu hart, die führenden Geister in der letzten Halste des vorigen Jahrhunderts: sie bauten eben damals doch au eiuem großen deutschen Vaterland, an dem geistigen Kaiserreich deutscher Nation, dessen Hauptstadt Weimar und dessen Reichskanzler Goethe war. Deutschland wurde zuerst geistig Ein Volk, ehe es sich zu einem machtvollen Staatengebilde zusammenschloß. Nun hatten freilich die preußischen Fürsten auch einen Staat geschaffen und Friedrich der Große hatte ihn durch die unvergleichliche Genialität seines Wesens in all seiner Kleinheit mächtig und groß gemacht; nnd er hatte noch weit mehr gethan: er hatte nach Goethes Zeugnis auch dein deutscheu Geistesleben „wahren und höheren eigentlichen Lebeiisgehalt" gegeben; „die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Litteratur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen A^angel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können". Derselbe Lessing, der so verächtlich vom Patriotismus sprach, schuf in seiner Minna von Baruhelm ein Werk „von vollkommenem norddentschem National- gchalt". Aber gerade Goethe, der sich rühmte, schon als Knabe preußisch gesiuut gewesen zu sein, korrigiert sich sofort: „oder um richtiger zu Deutschland bis zum Falle Preußens. 8', reden, fritzisch gesinnt, denn was ging uns Preußen an"; und ebenso war in Schwaben Schubart fritzisch gesinnt. Auch hier war es also der Eiuzelue, uicht der Staat, dessen Tieuer dieser Einzelne doch nnr sein wollte, und so hat, jedenfalls außerhalb Preußens, gerade die Große Friedrichs und die Begeisternng für ihu dem Individualismus uur neue Nahrung gegeben. Wenn man sah, wie anch die Franzosen für den Sieger von Roßbach schwärmten, so konnte man in der That an den Sieg rein menschlicher Größe über nationale Völkertrennung glauben. Und nun folgte gleich hinterdrein die Reaktion in Preußen; damit schien der Beweis erbracht, daß nur jener „Einzige" den Dank und die Liebe uud die Bewunderung verdient habe, am Staat dagegen wirklich nichts gelegen sei. Damals hat auch Wilhelm von Humboldt deu preußischen Staatsdienst verlassen. Da kam in Frankreich die Revolution, ein großes politisches Ereignis, dessen Heldenspielcr nicht ein Einzelner, sondern das ganze Volk war. Natürlich rüttelte sie auch in Deutschland die Geister mächtig auf und entflammte sie zunächst zu jauchzender Zustimmung: man denke an Klopstock uud Schiller, au Fichte und Wilhelm von Humboldt, an Georg Forster in dem freilich ganz besonders tollen Mainz oder au Josef Görres uud sein „rotes Blatt" in Koblenz; nnd noch 1798 hat sie Kant in der „Nechtslehre" als die „hoffnungsvolle Wende der Zeiten" begrüßt. Aber bei den meisten folgte unter dem Eindruck der Pariser Schreckeustage ebenso rasch Abkühlung nnd Ernüchterung: so radikal und so blutig hatten sich diese wcltbiirgerlichen Optimisten eine Revolution freilich nicht vorgestellt. In demselben Werke von Kant, das als Produkt seines Alters allerdings anch sonst von Widersprüchen durchzogen ist, giebt er dem Schander über die Hiurichtuug eines Monarchen durch sein Volk den denkbar stärksten, Ausdruck; und noch deutlicher spiegelt sich in den Wandlungen von Friedrich Gentz die wechselnde Stimmung dieser neunziger Jahre. Erst begrüßt anch er die Revolution mit lautester Zustimmung, gleich darauf bekämpft er in seiuer Ubersetzuug des konservativen Werkes von Burke ihren Radikalismus und Individualismus, lvill sagen: Ronsseauschen Atomismus; als aber 1797 Friedrich Wilhelm III. den preußischen Thron besteigt, da ist er 86 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtuug. wieder liberal und empfiehlt dem König ein liberales und nationales Regiment. Im allgemeinen aber schien die Wirkung ans Deutschland überhaupt keine nachhaltige zu sein; am Ende des Jahrhunderts war fast überall die alte politische Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit wieder da — im Norden infolge des unrühmlichen Basler Friedens, durch den Preußen vom Krieg zurückgetreten war, im Suden umgekehrt eine Wirkung der leidigen Erfahrungen, die man in dem lange sich hinschleppenden Kriege gemacht hatte. Und so träumten gerade damals viele besonders lebhaft den Traum vom ewigen Frieden oder schrieben gegen den Unsegen oder das Überflüssige der stehenden Heere: uuter dem Eindruck des von Prenßen geschlossenen Friedens hat auch Kaut 1795 seiueu philosophischen Entwurf „znm ewigen Frieden" veröffentlicht, der der Abneigung gegen das „heillose Kriegführen" einen freilich nicht aktuell klingenden Ausdruck gegeben hat. In dieser Apathie sah man das leuchtende Gestirn des großen Korsen mehr staunend oder ästhetisch bewundernd als in patriotischer Beklemmung und zorniger Anteilnahme am politischen Himmel aufsteigen und nahm feine Siege uud seine bald auch auf deutsches Gelnet sich erstreckenden Eroberungen hin wie Unabwendbares und llnentrinnbareS. Mit divinatorischcm Scharsblick hat ihn Schiller im Wallcnstein gezeichnet, den Schöpfer kühner Heere, Des Lagers Abgott und der Lander Geißel, Des Glückes abenteuerlichen Sohn, Der, von der Zeiten Gunst emporgetragen, Der Ehre höchste Staffel rasch erstieg, Und ungesättigt immer weiter strebend, Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel. Das Schlußwort seines Neiterlieds in Wallensteins Lager Es sitzt keine Krone so fest und so hoch, Der mutige Springer erreicht sie doch war mit Vewußtseiu von Napoleon gesagt und unter dem Eindruck seiner Siege und Erfolge nachträglich beigefügt worden. Wenn aber Schiller auf den Wallenstein den „Tell" folgen ließ und damit sich von diesem Eindruck besreite und die Völker Deutschland bis zum Falle Preußens. 87 gegen „Tyranncnmacht" zur Einigkeit und zur Empörung rief, so gaben sich dagegen Männer wie Goethe und Hegel, wie Johannes von Müller und Johann Peter Hebel, jeder natürlich in seiner Weise, der überwältigenden Macht dieses ungeheuren Menschen, also wiederum eines Einzelnen, zunächst völlig hin. In seiner Objektivität wohl am charakteristischsten schreibt darüber Hegel zwei Tage vor der Schlacht bei Jena: „den Kaiser — diese Wettseele — sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten. Es ist in der That eine wundersame Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier, auf einen Pnnkt konzentriert, anf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht." Um so mehr ließ die Würdelosigkeit, mit der im Neichsdepntationshanptschluß von 1803 die deutschen Fürsten, die blieben, diejenigen berankten, welche gingeu, die Völker kalt; mau war im eigenen Hanse ans Antichambrieren und Bestechen so gewöhnt, daß man die Schmach nicht empfand, die im Vorzimmer des Herrn von Talleyrand zu Paris deutsche Fürsten uud Minister auf sich luden. Und ebenso blieb die Ironie unbemerkt, die darin lag, daß hier in Deutschland die Fürsten zu Revolutionären wurden, indem die Großen die Kleinen mediatisierten uud sich um legitimes Recht den Teufel kümmerten. Würdiger war das Ende des alten römischen Reichs deutscher Nation, dem Hegel schon vier Jahre zuvor in seiuer „Kritik der Versassung Deutschlands" als einem bloßen „Gedankending" das Grablied gesungen hatte. Aber eben deshalb weil Deutschland „kein Staat mehr war", wurden ihm, als es nun auch äußerlich zu existieren aufhörte, doch mir wenige Thränen nachgeweint und selten ein Klagelied wegen seines Verschwindend augestimmt. Dagegen wallte ob der Grüuduug des Rheinbunds nnter Napoleons Protektorat doch gar manchem wackeren Manne zornig das Blut. Der Bayer Min gab in seiner Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung" diesem Gefühl der Empörung den entschiedensten Ausdruck uud entwarf zugleich eiu so klares Bild vou der Politischeu Situation — uur über Sachsen nud dessen Fürsten hat er sich übel getäuscht — und kennzeichnete die von Napoleon her drohende Gefahr, wenn es vollends heiße „Ein Gott und Ein Napoleon", so richtig, daß wir unS über das Schicksal des Büchleins nicht ^8 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung, wundern dürfen. Als Napoleon darauf aufmerksam wurde, trat er ihm wie einer feindlichen Macht mit Haß uud Verfolgung entgegen und ließ, da er des Verfassers nicht habhaft werden konnte, wenigstens den Verleger, den Buchhändler Palm in Nürnberg wider Völkerrecht nnd Gerechtigkeit erschießen. Darüber gingen vielen die Augeu auf. Immerhin blieb gerade im Süden nnd Westen Deutschlands die öffentliche Meiuung trotz allein unklar und zerrissen. Ein National- gefühl war nicht da, ein Staatsbewußtsein noch viel weniger. Das ruhmlose Zusammenbrechen der deutschen Staaten vor Napoleon rief den Zweifel am Bestehenden, an dem schon die Revolution in Frankreich den Glauben weithin erschüttert hatte, anss neue wach. Dazu kam die Gestalt Napoleons selbst, unter dessen Fahnen nun die Söhne der kleinen Staaten Jahrelang siegreich nnd ruhmvoll fochten; dieser Napvleonskultus hat sich deshalb in den Rheinbundsstaaten auch noch lange erhalten — man denke z. B. an Wilhelm Hauffs Novelle vom „Bild des Kaisers". Die Beaintcu aber freuten sich über die straffe Centralisation nnd die Umgestaltung der Verwaltung, die überall einen Fortschritt zum Besseren bedeutete. Im Nheinbnnd wurden diese zusammengestoppelteu Staatengebilde burcaukratisch modern, und dabei drang, z. B. in Bayern durch Moutgelas, der Geist der Aufklüruug in Gebiete, wohin ihm bis dahiu, uamentlich durch die Kirche, der Zutritt verschlossen geblieben war. Diesen Anteil am Anfban des moderne» Staates soll man der Ausklärung nicht bestreikn und schmälern, hier in diesen neuen Königreichen und Großherzogtümern ohne Tradition nnd geschichtliche Vergangenheit konnte sie, wie es ihrem nnhistorischen Wesen entsprach, unbekümmert um früher Geltendes Neues schaffen nach den Rezepten der Vernunft, nach Schema und Schablone; und hier hat sie vieles recht gut gemacht. Das muß man ihr um so mehr gut schreiben, als sie nun alsbald auf der andern Seite eine so gewaltige Eiubuße erleiden sollte — durch den Untergang des friede- ricianischen Staates. Denn in diesem Augenblick brach über Preußeu die große Katastrophe herein. Dort war zu Eude des achtzehnten Jahrhunders nach der unfähigen und moralisch unwürdigen Regierung Friedrich Wilhelms II. der neue König Friedrich Wilhelm III. mit seiner lieb- Deutschland bis zum Falle Preußens. 5!> reizenden Gemahlin, der Königin Louise, mit begeisterten Erwartungen begrüßt worden. Und wirklich wnrde auch dem schamlosen Pfaffen- und Höflingsregiment rasch ein Ende gemacht, die durch das Wöllnersche Edikt schwer getroffene Aufklärung atmete wieder auf und hoffnungsvoll legte Gentz zum Erstaunen freilich und Entsetzen einer an stummes Gehorchen gewöhnten Beamtenschast seine liberalen nnd nationalen Wünsche vor dem Throne nieder. In den eben damals sich bildenden romantischen Kreisen aber erinnerte man sich der altgcrmanischen Köuigs- und Mannentrene und beteiligte sich enthusiastisch au den im Interesse des Königtums gegründeten „Jahrbüchern der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms III." und an dem hier gepflegten Königskultus. Ihn trieb natürlich wieder Novalis auf die Spitze: auch Königtum und Hoslebcn werden von ihm romantisiert d. h. ins Maßlose idealisiert, der König als „ein zum irdischen Fatum erhobener Mensch" gefeiert, in der Königin „die Muse erblickt, die den Poeten mit heiliger Glut erfüllt und zu sanften himmlischen Weisen sein Saitenspiel stimmt", diejenigen glücklich gepriesen, die in der Nähe dieses Paares weilen dürfen — „das glänzendste Fest ihres Lebens, der Anlaß einer lebenslänglichen Begeisterung" — und ihnen beiden allerlei überspannte Aufgaben zugewiesen. Und doch war gerade diesem König gegenüber alles Idealisieren und alles an seine Persönlichkeit sich knüpfende Hoffen und Wünschen vergeblich. Dem persönlich ehrenwerten Fürsten fehlte es an Energie und Initiative, an der Schlagkraft des Entschlusses, gegenüber allem romantischen Überschwang war Nüchternheit und Schwunglosigkeit geradezu sein bestes Teil. So unterblieben von vornherein im Innern alle, auch die driugcndst notwendigen Reformen oder blieben, wenn begonnen, alsbald wieder ans halbem Wege stecken; nach außen wurde der alte Kurs jeuer auch von Jelin so hart gegeißelten schwächlichen Neutralität beibehalten, der das linke Rheinuser Preisgab und doch begehrlich von Napoleon Hannover annahm, und so trieb unter Haugwitz' unfähiger Leituug der äußeren Angelegenheiten das preußische Staatsschiff rettungslos dein Zusammenstoß entgegen, bei dem es zerschellen sollte. Und dieser Znsammenbruch war furchtbar, denn es ging alles verloren, auch die Ehre! !!0 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung, Das Erwachen eines nenen Geistes. Gerade in der Tiefe des Falls lag aber die Möglichkeit der Rettung und Wiedererhebnug. Die Rheinbnndsstaaten haben äußerlich durch Napoleon mehr gewonnen als verloren; das nationale Bewußtsein, das sich dieses Gewinnes und dieses ganzen Wesens dnrch Napoleons Gnaden hätte schämen müssen, war nicht da, nnd so fügte mau sich im ganzen doch willig in das französische Protektorat oder in die französische Fremdherrschaft. Norddeutschland dagegen und speciell Preußen wnrde von Napoleon mit ansgesuchter Grausamkeit und verletzendem Übermnt behandelt, hier gesellten sich zu den physischen und materiellen Leiden des Krieges die moralischen Nöte. Offizieren und Bürgern stieg die brennende Schamröte in die Wattgen, wenn sie Festung nm Festung unrühmlich kapitulieren sahen; uud zu der Scham gesellte sich der Haß gegen den erbarmungslosen Gegner, der den preußischen Staat in Trümmer schlug, das KönigShaus und selbst die allverchrte Königin Lonise brüskierte, dem Volk unerschwingliche Lasten auferlegte uud durch das Verbot des Handels mit England jedem einzelnen Hause seine schwere Fanst zn spüren gab. So ging eine Saat des furchtbarsten Hasses in jenen Jahren auf. Aber hinter diesem Haß, der ost recht berserkermäßige Formen annahm, verbarg sich ein anderes Höheres, das dasür bürgte, daß er nicht thatenlos bleiben nnd nicht in ohnmächtigen Wutausbrücheu sich verpuffen werde: Niebuhr nennt es „Kraft, Ernst, Treue nnd Gutmütigkeit", die sich im preußischen Volke zusammengefunden haben uud die uun in ihrer Vereinigung alsbald wieder an der Aufrichtung des in Trümmer geschlagenen Staates zu arbeiten begannen. Aber welches Staates? Der Schlag hatte den Friedericianischen Staat und das Friederieia nische Heer getroffen, uud daher ist es nicht so gar verwunderlich, daß gerade die Männer, die sich um die Wiederaufrichtung Preußens besonders verdient gemacht haben, die Stein, Scharnhorst, Gueiseuau, den großen Friedrich stets mit einer gewissen Abneigung betrachtet haben und diese auch auf die Aufklärung im allgemeinen ausdehnten; nnd ihnen nach ineint dann Das Erwachen eines neuen Geistes. 91 auch Trcitschke, daß „die schonungslose Wahrhaftigkeit des Krieges die Phrasen der aufgeklärten Eitelkeit vernichtet" habe. Aber Uurccht hatte jene Abueiguug und hat dieses moderne Urteil doch. Nicht Friedrich war der Besiegte, sondern seine Epigonen, und die Schuld am Untergang trng nicht die Anfklärnng als solche, souderu das trägeFesthalteu an altgewordenen Formen, die unter den nenen Verhältnissen und einem mit neuem Geist erfüllten Feinde gegenüber ans dein Gebiet der Heereseinrichtungen und der Kriegskunst, der Finanzverwaltung nnd der Staatsleitung versagten. Die Preußische Staatsmaschine war ans einen Lenker wie Friedrich den Grvßen berechnet nnd eingerichtet, aber weder der zweite noch der dritte Friedrich Wilhelm glich dem großen Vorgänger in irgend einem Zuge, uud darum konnten sie die Maschine nicht im Lans erhalten. Daß aber dieser Schlag so ties empfunden wurde, daran war doch Friedrich schuld, der sein Volk nicht nnr fritzisch, sondern anch preußisch und staatlich fühlen gelehrt hatte. Und jenen Ernst und jene Treue, die Niebuhr diesem Volke nachgerühmt, entnahmen auch spätere Führer der Aktiouspartei nicht allein dem kategorischen Imperativ Kants, sondern noch vorher dem Moralismns der Aufklärung, iu dereu Geist sie aufgewachsen waren. Trcitschke rühmt den Prediger Ermau, der beim Einzug Napoleons in Berlin diesem sagte: ein Diener des Evangeliums dürse nicht die Lüge auSsprechen, daß er sich freue über den Einzug des Feindes: ich nehme an, daß auch dieser Berliner Prediger, der lange Jahre Mitglied der Philosophischen Klasse der Akademie war und seinem Sohue eine „ethisch-philosophische Richtung" gab, zu deu Ausgeklärten gehört hat und in Krast seines Rationalismus den Mnt fand, bei diesem Anlaß die Wahrheit zu sagen, lind ebenso waren die Gncisenau, Boyen und Humboldt erst Zöglinge der Aufklärung, ehe sie die Regeneratoren Preußens wurden. Sie waren freilich daneben noch ein anderes, sie waren auch Anhänger Kants. Darin hatten ja jene Männer natürlich recht: geholfen konnte nur werden durch den Bruch mit den Voraussetzungen uud Jdeeu des aufgeklärten Despotismus, aber nicht weil er ausgeklärt, sondern weil er despotisch war. Der Despotismus mit seiner Losuug: uichts durchs Volk! hat den Geist der Initiative und die Energie !^ 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. des Widerstands gelähmt; wollte man also helfen, den korsischeil Eroberer bekämpfen und ihm seinen Raub wieder entreißen, so dnrfte man nicht passiv bleiben, dnrste wirklich nicht, wie der Minister von der Schuleuburg am 17. Oktober 1806 in Berlin hatte anschlagen lassen, Ruhe als die erste Bürgerpflicht betrachten; sondern nnn galt es zu handeln, und zwar kam es darans an, daß jeder Einzelne haudle und für das Vaterland an seinem Teil und mit seiner Kraft eintrete. Und hierbei mischte sich denn nun alsbald dem vielfach matt und schlaff gewordenen Geiste der Ausklärnng der große Gedanke Kants vom kategorischen Imperativ der Pflicht bei: die beiden Anschauungen flössen, den meisten ganz unbewußt, zusammen nnd bewiesen ihre ursprüngliche Verwandtschaft gerade auch in dem, was sie den Besten gaben und waren. Die Lehre vom kategorischen Imperativ in ihrer Kantschen Fassung ist ja als wissenschaftliche Grundtage der Moral fraglos falsch, und lange ist die deutsche Ethik dadurch aus einem Irr- und Umweg sestgehalten werden: wir dürsen das Sittengesetz nicht als ein Faktum betrachten, das aus einer andern intelligibeln Welt in diese empirische Menschenwirklichkeit hereinragt, sonst bleibt es unbegriffen und unbegreiflich, und wir dürfen die Neigung nicht so rigoristisch zu Boden schlagen und uicht so dualistisch von der Pflicht trennen, sonst bleibt die Ausgestaltung des Menschen zn einer einheitlichen sittlichen Gesamtpersönlichkeit unmöglich. Aber als Moralpredigt hat der kategorische Imperativ doch recht und hat diese andere Koperuikusthat Kants, sein „du kannst, denn du sollst", in jener Zeit ganz gewaltig gewirkt. Was den Meuschen der Ausllärungszeit mit ihrem unverwüstlichen Optimismus und ihren weichen Sentiments bei aller Ehrenhaftigkeit und allem Tngendstreben fehlte, das gab ihnen dieser mächtige Weckruf des Königsberger Moralphilosophen zu dem erhabenen Gedanken der Pflicht und der Pflichterfüllung um jeden Preis, auch uuter Darangabe der eigenen persönlichen Neigung nnd des eigenen individuellen Glucksgesühls, er gab ihnen — Eisen ins Blut. Aber uoch einmal, dieser Gegensatz ist den meisteu nicht zum Bewußtsein gekommen: direkt aus der Aufklärung wuchsen sie hinein in den Kantschen Pslichtbcgriff, ohne dessen wissenschaftliche Begründung Das Erwachen eines nenen Geistes. 93 zu kennen und ohne daß sie aufhörten uud aufhören wollten, Menschen der Aufklärung zu sein. Ein reiner Kantianer war nicht schon Boyen, sondern erst der neun Jahre jüngere Clausewitz. So wundern wir uns nicht, daß der erste, der den Gedanken der Wiederaufrichtung aus dem tiefen Fall erfaßte nnd aussprach, der nächste Thronerbe Kants, Fichte, mit seinen gewaltigen Reden an die deutsche Nation gewesen ist. Verwunderlich ist bei ihm freilich ein Persönliches, der rasche Wechsel in seinen politischen Anschauungen vom Weltbürgertum zum Nationalismus. In den „Grnndzügen des gegenwärtigen Zeitalters", also noch 1805 war er auf dem Standpunkt Lessings gestanden. Er hatte gefragt: „welches ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers?" und seine Antwort hatte gelautet: „Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter derjenige Staat in Enropa, der auf der Höhe der Kultur steht. Jener Staat, der gefährlich fehlgreift, wird mit der Zeit freilich untergehen, demnach aufhören auf der Höhe der Kultur zu stehen. Aber eben darum, weil er untergeht nnd untergehen muß, kommen andere, und unter diesen Einer vorzüglich herauf, und dieser steht nunmehr auf der Höhe, auf welcher zuerst jener stand. Mögen dann doch die Erdgebornen, welche in der Erdscholle, dem Fluß, dem Berg ihr Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie behalten, was sie wollten und was sie beglückt: der sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich augezogen werden und hin sich wenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinn können wir denn über die Handlungen und Schicksale der Staaten uns vollkommen beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen, bis an das Ende der Tage." Aber vor der Not des Vaterlandes zerstob dieser Kosmopolitismus wie Spreu vor dem Wiude, der Kosmopolit wird zum /, Patrioten, der Weltbürger steht und fällt mit seiner Nationalität. Und noch ein anderes war zerstoben, die Unzufriedenheit, das Mißtrauen, der Unglaube an seine eigene Zeit. Wenn Kant mit seinem „Ihr sollt" an die Thatkraft und an das Pflichtgefühl der Menschen als sittlich vernünftiger Wesen appelliert hatte, so war darin Fichte durchaus eiuig mit ihm; aber eben deswegen hatte er 94 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. soeben noch über seine sündhaft selbstsüchtige Zeit mit ihren drei Hauptlastern, der Frechheit, der Faulheit und der Falschheit seinen Fluch ausgesprochen. Jetzt aber gewann er, entsprechend der religiösen Wendung, die eben damals seine Philosophie zu uehmeu sich anschickte, durch seiu „Ihr werdet", „ihr könnt uicht untergehen" das Gefühl des Vertrauens, den Glauben an die sittlich göttliche Weltordnuug wieder. „Mit uns gehet die Zeit Riesenschritte. Irgendwo hat die Selbstsucht durch ihre vollständige Entwickelung sich selbst vernichtet, indem sie darüber ihr Selbst und dessen Selbständigkeit verloren." Und so redet er wie ein Prophet des alten BnndeS und verkündigt seinem am Boden liegenden, unselbständig gewordeneu Volke: ihr könnt nicht verschwinden aus der Reihe der Völker. Motiviert aber wird dieses Vertrauen damit, daß die Deutschen für den Gang der Meuscheugeschichte uueutbehrlich seien. Die Menschheit muß ihre Bestimmung erreichen, das kann sie nur durch wahre Bildung, und diese ist einzig bei den Deutschen möglich uud wirklich; denn sie allein sind ein UrVolk, weil nur sie allein „eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus der Naturkrast lebendige Sprache" haben; daraus solgt, daß bei ihnen allein die Geistesbildung ins Leben eingreift, daß es ihnen allein mit aller Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst ist, daß sie endlosen Fleiß uud Ernst in allen Dingen haben nnd daß nur hier auch „das große Volk" bildsam ist. In diesen großen nnd allzugroßeu Worteu uud Gedanken steckt freilich selbst noch etwas vom früheren Kosmopolitismus: nicht um Deutschland allein handelt es sich, sondern noch immer um die Menschheit— „weun ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit" —; aber ihr Schicksal häugt au der Existenz des deutschen Volkes, das der einzige Träger wahrer Kultur uud bei dem allein noch Ursprünglichkeit und Liebe zur Freiheit, Wisscuschast und Philosophie, Gesittung und Religiosität zu finden ist. So ist dieser Kvsmopolitismus nnn doch zn wirklichem Patriotismus geworden, an die deutsche Nation, nicht an die Menschheit wendet sich der Redner; und ist es kein enger und specifisch preußischer Patriotismus, so ist es dafür eiue um so größere uud weitere, eine echt deutsche Vaterlandsliebe, die ihn erfüllt und beseelt. Das letztere zeigt gleich der Eingang der Reden: „Ich rede für Deutsche Das Erwachen eines neuen Geistes. 95 schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzeud und wegwerfend alle die treuueudeu Unterscheidungen, welche uuselige Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben. Wir werden zeigen, dasz jedwede andere Einhcitsbezeichnung oder Nationalband entweder niemals Wahrheit uud Bedeutung hatte, oder salls es sie gehabt hätte, daß diese Vereinigungspnnkte dnrch unsere dermalige Lage vernichtet uud uus entrissen sind lind niemals wiederkehren können; und daß es lediglich der gemeinsame Grundzug der Deutschheit ist, wodurch wir den Untergang unserer Nation im Znsammenfließen derselben mit dem Auslande abwehren und worin wir ein auf ihm selber ruhendes und aller Abhängigkeit durchaus unfähiges Selbst wiederum gewinnen können." Wodurch dieses Selbst wiedergewonnen werden kann, durch eine aus philosophischen: Geiste erfließende Nationalerziehung, davon wird später die Rede sein. Hier ist nur noch darans hinzuweisen, daß sich dieser deutsche Prophet im Gegensatz zu den jüdischen, die nur zu oft Unrecht bekamen durch den Gang der Geschicke ihres Volkes, im Glauben an die Zukunft seines deutschen Volkes nicht getäuscht hat. Seine Beschwörungen, die sich an Jünglinge und Alte, an Geschäftsmänner, Denker, Gelehrte und Schriftsteller, an die Fürsten Deutschlands und an die Deutschen insgesamt wenden und diese wuchtigen Reden so wuchtig schließen, waren nicht vergeblich. Die Wirkung dieser mutvollen That war weit über die Kreise derer hinaus, die sie hörte», eine große und tiefe; nnd daß so Tiefes verstanden wurde, war ein Zeichen, daß wirklich noch geistige Kraft und eine Summe wahrer Bildung in diesem am Boden liegenden Volke steckte. Und zum Katheder wollte sich auch die Schaubühne gesellen. Wie Fichte war auch Heinrich von Kleist durch die Schule Kauts hindurchgegangen; aber dieses Studium hatte ihn nicht befreit, sondern uur iu ein Meer von Zweifeln auch über feinen eigenen Dichterberuf gestürzt. Und auch das Jahr 1806 machte ihu nicht sofort zu dem patriotischen Dichter, der er wurde: vorher mußte das Eleud französischer Fremdherrschast schwerer lasten auf seinem Volk und sich ihm auch persönlich spürbar machen, bevor er aus seinem Traumleben erwachte, seine egoistischen Schmerzen von sich !'«! 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. schüttelte und den größereil Schmerz fürs Vaterland empfand. Schon der Michael Kohlhaas, diese großartige Erzählung voll packender Realistik trotz ihres romantischen Schlusses, ist die Verkörperung der damals in der Lnft liegenden Idee, daß verletztes Ncchtsgefühl mit Notwendigkeit umschlage in die wildeste Rachbegier. Aber das war doch nur eiu Vorspiel zu dem grandiosen Rachedrama, der Hermannsschlacht. Dem Nachegesühl giebt Hermann selbst den denkbar stärksten Ansdrnck, wenn er rust: Die ganze Brüt, die in den Leib Germaniens Sich cingefilzt, wie ein Jnsektenschwarm, Muß durch das Schwert der Rache jetzo sterben.-- Die Guten mit den Schlechten! Was! Die Guten! Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil Soll sie zuerst vor allen andern treffen! oder wenn er Thusnelda, die ihn an die wackere That eines jungen römischen Centurio erinnert, die Antwort giebt: Er sei verflucht, wenn er mir das gethan! Er hat auf einen Augenblick Mein Herz veruntreut, zum Verräter An Deutschlands großer Sache mich gemacht! — — Ich will die höhnische Dämonenbrut nicht lieben! So lang sie in Germanien trotzt, Ist Haß mein Amt und meine Tugend Rache! Das alles gilt natürlich nicht sowohl von Hermann und den Römern, als vielmehr von der Gegenwart: Hermann ist der Vertreter des deutschen Volkes von 1809, das gegen den Erbfeind sich erheben soll, der Manu, den Kleist und alle Patrioten mit ihm herbeisehnten zur Befreiung der Nation. Und die verräterischen deutschen Fürsten, die Fust, Nristan und wie sie sonst uoch heißen, wo sind sie zu suchen, wenn nicht in den Staaten des Rheinbundes, die dem Fremden halfen das eigene Volk zu knechten? Ja selbst die „Mißvergnügten" sind kein'e anderen als die sich sammelnden Mitglieder des Tugendbnndes, die nach Kleists Ausfassung zu viel schwatzten und zu wenig handelten. Varus auf der andern Seite ist der brutale französische Marschall mit dem bißchen Firniß der Formen, Ventidins der französische Diplomat, der in den Boudoirs der Damen mehr Glück hat als an dem Hofe, bei dem er accrcditiert ist, und der doch diese deutschen Franen tief verachtet. Und endlich Das Erwachen eines neuen Geistes. 97 eine solche deutsche Frau — Thusnelda, von der Kleist selber einmal gesagt hat: „sie ist im Grunde eine recht brave Frau, aber ein wenig einfältig, wie die Weibercheu sind, die sich von den französischen Manieren fangen lassen". So war das Stück trotz seines entlegenen Stoffes ein ganz aktuelles und modernes; so mußte der Deutsche damals wirklich fühlen, denken nnd handeln, wenn er seiueu Unterdrücker los werden wollte, und so haben — die specifisch Kleistscheu Kraßheiten abgerechnet — viele der Besten auch wirklich gedacht. Um so tragischer, daß der Dichter uicht die Aufführung, ja uicht eiumal den Druck des Stückes erlebt hat. Man fühlte so, gewiß. Aber es aussvrecheu zu hören uud es sich eiuzugestehen, davor erschraken diese im Kosmopolitismus des achtzehnten Jahrhunderts aufgewachsenen Menschen doch, uud dem kategorischen Imperativ entsprachen solche Nachcgefühlc auch nicht. Und so ist für die Hermannsschlacht die Zeit erst gekommen, als der Krieg von 1870 auf der einen Seite jenes nationale Fühlen wieder erneuerte und uns in die Stimmung von 1809 zurückversetzte, und als der Sieg auf der andercu Seite jene Tage der Schmach uud des Leidens, des Hasses uud der ^.Rache defiuitiv iu Vergangenheit verwandelte und au ihre Stelle die Beruhigung des Besitzes treten konnte. So war das Stück dem patriotischen und nationalen Empfinden dieser Zeit zugänglich geworden, das Krasse daran aber wurde erträglich, weil man es nnr noch historisch zu nehmen hatte und der hohe ästhetische Wert des Ganzen über solche Einzelheiten leicht und sicher hinweg half. Und endlich war es neben Katheder und Theater die Kanzel, von der herab Schleiermacher zuerst in Halle, dann nach der gewaltsamen Aufhebung der dortigen Universität besonders wirkungsvoll in Berlin seinen Hörern die Zeichen der Zeit deutete und ihnen Mut in die Seele gab. So paradox damals das Thema klingen mochte, „daß die letzten Zeiten nicht schlechter sind als die vorigen", so überzeugend weiß er der Erkenntnis, daß im bürgerlichen Znsammensein seither nicht alles so war, wie es sein konnte nnd sollte, die Anffassnng von der großen Erschütterung der Zeit als einem reinigenden Übel und das srohe Bewußtsein zn entnehmen, daß man sich nuu entsündigt habe und vieles ausgetilgt Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen de- IS. Jahrh. 7 98 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. werden könne. In einer andern Predigt knüpft er an den Gedanken „von der Beharrlichkeit gegen das uns bedrängende Böse" die Warnung, daß das Böse nicht unsern Mut daruiederschlageu, daß wir nicht unsere Besonnenheit verlieren und endlich daß wir nns nicht die Lust und Freude am Lebeu rauben lassen sollen: denn dadurch würde auch die Lust den Kampf zu erneuern vermindert und die Fähigkeit richtig zu beurteilen, was geschehen soll, geschwächt. Bcsouders hoch anrechnen aber wollen wir es dem ehemaligen Romantiker, daß er in der Predigt „über die rechte Verehrung gegeu das einheimische Große aus einer früheren Zeit" vor allem an Friedrich den Großen dachte und seinen Geist wieder heraufbeschwor. Und so wird es uns von den dreien doch am wohlsten und freiesten bei dieser stillen Klarheit und tief sittlichen Beurteilung der Lage, weil Schleiermacher, ohne die beängstigende Leidenschaftlichkeit Kleists und ohne die Überschwänglichkcit und das ciutöuige, auf die Dauer doch ermüdende und allzn ausdringliche Pathos FichteS, schlicht uud fein durch deu Verstand hindurch zum Herzeu redet und auf den Willen wirkt. Ein nener Staat. Während aber so in Hörsäleu und Kirchen und, wenigstens der Absicht nach, auch vou der Bühne herab der Geist entfesselt wurde, nachdem er so lange gebuuden war, kamen zugleich auch die Müuuer der That au die Reihe, die Stein-Hardeubergsche Gesetzgebung baute aus Trümmern einen neuen Staat. Der Grundgedanke dieser großen Reform war dem friedcri- eianischeu Staatsideal direkt entgegengesetzt, zwischen ihm und ihr lag die französische Revolution mit ihren großen befreienden Gedanken. Im Staat des aufgeklärten Despotismus hieß es freilich: alles für das Volk, aber leider auch: nichts durch das Volk! „Alle Kräfte erwarteten, wie Stein es formulierte, deu bewegenden Stoß von oben"; nirgends war infolge dessen Selbständigkeit uud Selbstgefühl. Die Einsicht, daß Bildung auch politisch frei machen müsse, hatte jeuem hyperiiudividnalistischen Zeitalter gefehlt und lag ihm feru. Jetzt dagegen lantete die neue Parole: Entbindung der Kräfte des Volkes, Entfesselung der Volkskraft, Hilfe durch Selbsthilfe, Ein neuer Staat. 9!' durch Mithilfe eines freie», sich selbst verwaltenden Volkes. Die Befreiung der erbnnterthünigen und thatsächlich leibeigenen Banern van der Gebundenheit au die Schalle uud au deu Rittergutsbesitzer, die Selbstverwaltung der Städte, die Umwandlung des gcwvrbenen Söldnerheeres in ein Volk in Wafsen nnd die Schaffung der Landwehr, endlich last uot, least die geistige Erneuerung nnd Emporhebung, wie Wilhelm von Humboldt als Uuterrichtsminister sie anbahnte und eiuleitete — darauf richteten sich die Weitausgreisenden Gedanken dieser Reform: Preußen war nie großer als damals, wo es ganz am Boden lag. Die Größe dieser Reformen und die Art ihrer Durchführung liegt ja zum Teil darin begründet, daß die sührenden Geister, die den König kannten, ans den unentschlossen Zögernden ihre Hoffnung nicht bauen konnten und ihrerseits entschlossen waren, nötigenfalls selbst über seinen Kopf hinweg Prenßen wieder stark und frei und groß zu macheu: die Treitschkesche Legende von Friedrich Wilhelm III. habeu die Lebeuserinnerungen des Generals von Bvyeu erbarmungslos zerstört. Man spürt in solchen kühnen Gedanken und Plänen noch die Nähe der srauzösischen Revolution uud das Wehen ihres scharfen Geistes. Aber iu erster Linie war es doch ein anderer, ein neuer iu deu Zeiten der Not erstarkter Geist nnd die Einsicht, daß aus solcher Not nicht der maschinenmäßig blinde Gehorsam, wie ihn der Despotismus gefordert hatte uud der Gouverneur vou Berlin nach der Schlacht von Jena noch immer fordern wollte, sondern nnr das eigene in Freiheit starke Pflichtgefühl helfen könne. Und es war zugleich der Glaube au die idealen Mächte und ihre sieghafte Kraft. Es siegt immer und notwendig die Begeisterung über deu, der uicht begeistert ist, dieses Fichtesche Wort gab dieseu „Ideologen" den Mut zum Kampf und den Glauben an den Sieg über deu großeu Realisten, der Enropa seinen Fuß ans den Nacken setzte und die Ideologen verlachte oder sie— man denke an die Ächtung Steins uud die Aufhebung der Universität Halle — voll Haß und geheimer Furcht verfolgte. Die Schillersche Mahnung Ans Vaterland, ans tenre, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen, Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft 100 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. Wurde Verstandeil und wurde eine Macht. Und mit dein kategorischen Imperativ Kants und deni Pathos des Schiller'schen Patriotismus und Idealismus stimmte in diesem Augenblick auch die für Volks- tnm nnd Deutschtum sich begeisternde Romantik cmfs beste zusammen. Des Knaben Wnnderhorn, Görres' Sammluug deutscher Bolksbücher, v. d. Hagens Arbeit am Nibelungenlied uud Aruims in Heidelberg erscheinende Zeitung für Einsiedler gehören mit in dieses allgemeine Aufwachen der Geister und des deutschen und seiues Deutschtums sich bewußt werdenden Geistes. So ging den Befreiungskriegen eine Zeit politischer und geistiger Befreiung voran; auf sie hat der deutsche Liberalismus, wenu er sich recht versteht, als auf die Stunde seiner Geburt hinzuweisen, in dieser Bereinigung von politischer nnd geistiger Freiheit liegen noch immer die stärksten Wurzeln seiner Krast. Nur wenu er frei ist, kann man den Bancrn zum Soldaten brauchen und ihn sein Baterland lieben lehren; nur ein sich selbst verwaltendes Bürgertum versteht den Staat und gewinnt Interesse an ihm; nur ein im Geiste der Freiheit erzogenes, intelligentes und aufgeklärtes Bolk kann nach den Worten des alten Weisen „um seiu Gesetz", d. h. um seiue Sitte und seine nationale Kultur „kümpsen wie um eine Mauer". Zu dem Ziele aber mußte der Staat vor allem aufhören eine Maschine zu fein, er selbst mußte sich mit Geist erfüllen. In den sechziger Jahren hat mau in Süddentschland über die Anmaßung Preußeus gespottet, den Staat der Intelligenz sich zu heißen: aber in jenen Jahren der großen Reform war das Wirklich keit und war es ernst gemeint. Schou im Sommer 1807 hatte dem König als Antwort an eine Deputation aus Halle jemand das schöne Wort eingegeben: „der Staat muß durch geistige Krüste ersetzen, was er an physischen verloren hat". Das Höchste aber erreichte Wilhelm von Humboldt, als er in dieser notvollen Zeit mutig die Gründuug der Berliner Universität betrieb und sie in seiner feinen Art und in seinen hohen Gedaukeu auch glücklich zu staude brachte; er sah dariu zugleich eine große nationale, eine allgemein deutsche Aufgabe und Augelegenheit. Preußisch und deutsch zugleich war es gedacht, wenn er dem König schrieb: „ein Staat wie ein Privatmann handle Ein neuer Staat. 101 immer gut und politisch zugleich, wenu er in einem Augenblicke, wo ungünstige Ereignisse ihn betroffen haben, seine Kräfte anstrenge, irgend etwas bedeutend Wohlthätiges dauernd für die Zukunft zu stiften und es an seinen Namen anzuknüpfen"; und wenn er in dieser Berliner Hochschule „der deutschen Wissenschaft eine kaum noch gchofftc Freistatt" eröffnen wollte, „um einen ncnen Eifer und neue Wärme in ganz Deutschland für das Wiederaufblühen des preußischen Staates zn erregen und ihm alles, was sich in Deutschland für Bildung und Aufklärung interessierte, auf das festeste zn verbinden, in einem Zeitpunkte, wo ein Teil Deutschlands vom Kriege verheert, ein anderer in fremder Sprache von fremden Gebietern beherrscht ward". In diesem Sinn ist diese neue Universität gegründet worden, wirklich als die Verkörperuug des Gedankens von „der Solidarität des preußischen Staates und der geistigen Bildung, des Gedankens, daß die Kraft Preußens in der Kraft der Intelligenz rnhe." Und wenn wir an Schleiermachers „gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn" und an den Einfluß, den gerade sie gegenüber den utopistischen Vorschlägen Fichtes auf die ueu zu errichtende Hochschule geübt haben, so haben auch ihr die drei Weltanschauungen der Aufklärung, des Nenhumanismus und der Romantik gemeinsam ihr Bestes als Feengeschenk in die Wiege gelegt. Ant mächtigsten war zunächst durch Wilhelm vou Humboldt der Beitrag des Nenhumanismus: diese ganz individnalistische und scheinbar lediglich ästhetische Bildung trug nun alsbald praktische Früchte, der Gedanke Schillers von der ästhetischen Bildung als der notwendigen Vorstufe der sittlich politischen bekam durch die Geschichte vvllaus recht: staatliche und politische Gesinnung, Patriotismus und echt vaterländische Begeisterung, wovon das Jahrhundert der Auskläruug nichts gewußt und nichts gewollt hatte, knüpst sich an Humboldts nenhnmaniftische Bildungsreform, von den Universitäten und neuorganisierten Gymnasien strömten die Jüuglinge Anno 1813 und 1815 als Freiwillige unter die Fahnen. Aber noch ein anderes erkannten Stein vor allem und Hnm- 102 1800 bis 1880: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. bvldt, daß man zur Selbsthilfe und zur Selbständigkeit das Volk als ganzes und von uuteu herauf erziehen müsse. Der Neuhumanismus mit seiuer ästhetischen Bildung hat etwas Aristokratisches, die einseitige Philologie hat es noch heute in dein Maß und in der Form, daß sie bildungshochmütig geworden ist: dadurch vor allem hat sie allmählich die Gunst des Volkes verloren und die klassische Bildung selbst um Kredit und Popularität gebracht. Das war nicht die Nrt und nicht die Meinung eines so feinen nnd edeln Geistes gewesen, wie Wilhelm von Humboldt einer war: echte Bildung ist überhaupt nie hochmütig. Auch Humboldt war es bei allem seinem Aristokratismus nicht. Darum ist ihm vielleicht als erstem die sociale Bedeutung der Musik aufgegangen, wenn er von ihr sagt, sie sei „ein natürliches Band zwischen den unteren nnd höheren Klassen der Natiou; dies sei es, was ihr vorzüglich beim Gottesdienst, dessen ganz eigentlicher Zweck es sei, alle Glieder der Nation nur als Menschen und ohne die zufälligen Unterschiede der Gesellschaft zu vereinigen, einen so großen und mächtigen Eiufluß verschaffe". Ju solch socialem Sinne waltete dieser Individualist seiues Amtes, uud damit beschämte dieser „Heide" zugleich auch das Mißtrauen seines Königs, der ihm, dem decidierten Nichtchristen, nur den Unterricht, nicht auch den Knltus anvertrauen zu dürfen glaubte. Bon jenem Gesichtspunkt aus haben dann die beiden, Stein nnd Humboldt, die Hilse des Mannes angerufen, auf den auch schon Fichte in seinen ans Nationalerziehung dringenden Reden hingewiesen hatte, die Hilfe Pestalozzis. Auch in diesem pädagogischen Genie steckt wie in Fichte eine stark socialistische Ader! sein Ausgangspunkt war tief im innersten Herzen der, daß ihn seines Volkes jammerte. Aber das haben wir erst neuerdings, in der socialistischen Hälfte des Jahrhunderts, entdeckt und verstehen gelernt. Damals sah man in ihm vor allem nur den Pädagogen, dessen Methode, wie der Freiherr von Stein sagte, „die Selbstthätigkeit des Geistes erhöhe, den religiösen Sinn und alle edleren Gesühle des Menschen errege, das Leben in der Idee befördere nnd den Hang zum Leben im Genuß miudere und ihm entgegenwirke". Am tiefsten hat es aber doch Fichte ersaßt. Eine neue Erziehung Ein neuer Staat. 103 schien ihm der einzige Weg zur Rettung, sie ein- und durchzuführen wies er dem Staat als Aufgabe zu, und dabei scheute er sich in seinem gewaltthätigen Idealismus nicht, ihm das Recht des Zwingens iit weitestem Umfang zuzusprechen; denn es galt die Erziehung allgemein zn machen sür jeden feiner nachgeborenen Bürger ohne alle Ausnahme. Dieser neuen Erziehung ist nur die Welt, die dnrch das Denken erfaßt wird, die wahre und wirkliche, in sie hat sie also ihre Zöglinge einzuführen; der feste und gewisse Geist, die einzige mögliche Grundlage eines wohlcingerichteten Staates, soll in allen erzengt werden. Das Ziel aber wird enthusiastisch so beschrieben: dieser „zu erzeugende Geist führt die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen Lebens als eines ewigen nnd des Vaterlandes als des Trägers dieser Ewigkeit und, falls er iu deu Deutschen ausgebaut wird, die Liebe für das deutsche Vaterland als einen seiner notwendigsteu Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der ruhige uud rechtliche Bürger von selbst". Und es wird sogar noch mehr durch sie erreicht wcrdeu, als dieser nächste Zweck: „der ganze Mensch wird nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst abgerundet, nach außen zu allen seiueu Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit vollkommener Tüchtigkeit ausgestattet". Wenn aber unsere bisherige Erziehung mechanisch nnd darnm durchaus verfehlt ist, wie kann da geholfen, an welchen Punkt der wirklichen Welt kaun jenes Neue angeknüpft werden? Darauf antwortet Fichte: an den von Johann Heinrich Pestalvzzi erfundenen, vorgeschlagenen uud unter dessen Augen schon in glücklicher Ausübung befindlichen Unterrichtsgang soll es sich anschließen. Seine Persönlichkeit, die er treffend mit der Luthers vergleicht, giebt ihm den erfreulichen Beweis, daß das deutsche Gemüt iu seiner ganzen wunderwirkenden Kraft in dem Umkreis der deutschen Zuuge uoch immer walte; seine Absicht ist gut, die freie Geistesthätigkeit des Zöglings, sein Denken, iu welchem späterhin die Welt seiner Liebe ihm aufgehen soll, anzuregen uud zu bilden; und gut ist auch das Mittel, den Zögling in die unmittelbare Anschauung einzuführen, seine Geistesthätigkeit zum Entwerfen von Bildern an- 104 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiedcraufrichtuug, zuregen und nur an diesem freien Bilden ihn lernen zu lassen alles, was er lernt. Nur erscheint ihm sür seine Absicht der nächste sociale Zweck Pestalozzis, „äußerst vernachlässigten Kindern ans dem Volke, unter der Voraussetzung, daß das Ganze bleibe, die notdürftigste Hilfe zn leisten", allzn dürstig und begrenzt. Und doch lag gerade hier das, was Preußen damals brauchte: Weckung nnd Belebung aller Kräfte! Hilfe zur Selbsthilfe! Das war das rechte Wort für jene Zeit, wo es galt auch in Preußeu „die gesunkene Menschheit vom Verderben zu retten dnrch Wecknng und Stärkuug ihrer besten echt menschlichen Kräfte". Daher sahen in ihm die Nicolovius und Süvern nud bald auch Wilhelm von Humboldt selbst einen Verbündeten nnd Mithelfer an ihrem großen Werk, und daher erschien ihnen die Rezeption seiner Pädagogik als ein brauchbares und notwendiges Bcstandstück ihrer politischen und nationalen Aufgabe. Deshalb holte man seine Schüler aus Averdou nach Preußeu oder sandte junge Leute aus Preußen zu ihm dorthin, und diese brachten dann voll Begeisterung mit, was sie bei Vater Pestalozzi gesehen und gelernt hatten, um es in der Heimat anzuwenden nnd weiterzubilden. Bald erfüllte so der Geist Pestalozzis die preußische und weiterhin dann auch die Volksschule der anderen deutschen Länder. Und da sich dieser Geist in der Forderung wahrer Menschenbildung nnd der Entwickelung von Kraft, d. h. in dem Gedanken der richtig verstanden „formalen Bildung" mit dem Neuhumanismus berührte, fo war wenigstens die Möglichkeit einer organischen Verbindung aller Erziehungs- und Unterrichtsstufen zu einem einheitlichen Ganzen, wie sie Pestalozzi verlangte und ihm nach Süvcru für Preußeu erstrebte, gegeben. Dieser letzte, echt sociale Gedanke blieb freilich einstweilen Gedanke und Idee, wie er es in der Hauptsache noch heute ist. Aber für die geistige Höhe jeuer Zeit ist der aus diesen Anschauungen heraus von Süvern vorgelegte Entwurf zu eiuer allgemeinen preußischen Schulordnung, wenn er anch nicht Gesetz geworden ist, doch überaus bezeichnend. „Alles wird der Staat in und mit seinen Bürgeru erreichen können, heißt es da, wenn er sorgt, daß sie alle iu Einem Geist von Jugend auf für seine großen Zwecke, deren Gegenstand ja ihre eigene Gesamtheit ist, gebildet, Wilhelm von Humboldt (?, X>'ä!>'c>i' >>inx, .1. 1^. so. IZi'vitlmjil' >k ^iu^ol Die retigwse Erneuerung. 105 dadurch zugleich schon früh innerlich konsolidiert werden." Deshalb aber soll, meint der damalige preußische Gcheimrat, durch Vorschriften nnd Formen nichts gebunden nnd nicht alles in überall gleicher Einförmigkeit in den Gang einer Maschine gebracht werden; denn „nicht die toten Kräfte der Natur sind eS, worauf der preußische Staat gegründet ist, sondern die lebendigen, unendlicher Erhöhung uud Entwickelung fähigen Kräfte der Menschenwelt". So geistesmächtig und so freiheitlich walteten die damaligeu preußischen Beamten ihres Amtes, sie fürchteten den Geist nicht, wie ihre Epigonen von heutzutage, soudern sie sind es selber gewesen, die ihn entbunden und entfesselt haben. Und in Kraft dieses Geistes erstand der preußische Staat als ein neuer aus Niederlage und Fall zu höherem Leben. Die religiöse Erneuerung. Schule und Wissenschaft im Bund mit der Vaterlandsliebe nnd im Dienst der Wiederansrichtung des Saates, die als eine geistige und sittliche gedacht war —: dazu kam nun noch als drittes die Religion. Wir haben schon gesehen, die Aufklärungsreligion mit ihrem dürren Moralismus uud ihrer dünnen, unhaltbaren Metaphysik war abgestanden uud tot: als rationaler Supra- naturalismus, wie sie sich später in mehr vermittelnder Form gern nannte, war sie Sache eines uuklareu und schwächlichen Denkens ohne rechte Überzeugungskraft und ohne alle Volkstümlichkeit; und ebenso war der Moralismus zwar durchaus achtnngs- wert uud rechtschaffen, aber — die Predigten zeigen es — entsetzlich trocken und nüchtern und jedenfalls kein specifisch Religiöses mehr. Auch Kant hatte, trotz der tiefen Aus- und Umdeutung protestantischer Glaubenslehren, in seiner Neligionsphilosophie hierin keinen Wandel geschasst: diese spekulative Deutuug verstand man nicht; der Begriff des Mythus war auch ihm uoch nicht aufgegangen, und über dem im Vordergrund stehenden Dringen aus das Moralische kam mich bei ihm das Gefühlsmäßige der Religion in keiner Weife zn seinem Recht. Da war wie ein befruchtender Regen über dürres Ackerlaud, Schteiermachcr gekommen mit seinen Reden über die Religion. In ihnen pulsierte erstmals wieder echt religiöses Lebeu 106 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichwng. und Empfinden, und damit war Begriffen wie Offenbarung, Glanbe, Eingebung, heilige Schrift, das Existenzrecht wieder zurückgegeben, das sie in ihrer orthodoxen Fassung der rationalistischen Kritik gegenüber nicht hatten behaupten können. Aber aus den Kreisen der Romantik entsprungen war diese gefühlsmäßige Auffassung eine Gesahr, weil sie gar zu leicht sich mit den auderen Tendenzen derselben, besonders den ästhetischen und reaktionär mittelalterlichen verbinden konnte. Friedrich Schlegel, der ihnen als erster zugejubelt hatte, freilich ohne sie in ihrem positiv aufbauenden Sinn zu verstehen, suchte bald darauf seinen Frieden im Schoß der mittelalterlich-römischen Kirche und trat in die Dienste MetternichS. Und sachlich können auch wir in der in den Reden formulierten Auffassung des Religiösen als Mangel hervorheben, daß sie im Gegensatz zn der moralisierenden Aufklärung dem Sittlichen zn wenig Platz und Wert eingeräumt habe in uud für die Frömmigkeit; berufen konnte sich freilich für die Thatsächlichkeit dieses negativen Verhältnisses Schleiermacher gerade damals auf den romantischen Kreis selber, der es in seinem Leichtnehmen mit der Ehe z. B. aä oeulos demonstrierte, daß man fromm und sittenlos zugleich sein könne. Für sich aber hat er den Mangel dadurch ergänzt, daß er den Reden die Monologen zur Seite stellte; und in seinen Predigten durchdrungen sich ohnedies das Religiöse und das Sittliche zu einer unauflöslichen Einheit. Und das war es überhaupt: wenn diese Gefühlsreligion weite Kreise gewinnen, wenn Religion überhaupt wieder eine selbständige Macht uud Bedeutung erlangen sollte auch in den Kreisen der Bildung, wo man ihr zuletzt verächtlich den Rücken gekehrt hatte, so mnßte sie sich mit sittlichen Teudeuzeu verbinden und mit sittlichem Inhalt erfüllen. Und auch das kam: Not lehrt beten! Die Not der Zeit von 1806 bis 1815 hat die Deutschen wieder beten, wieder religiös empfinden gelehrt und ihnen gleichzeitig den Wert von Charakter und Sittlichkeit wieder zum Bewußtsein gebracht. Wir dürfen ja nur an die Dichter der Freiheitskriege denken und an ihre Lieder, die am Wachfeuer und auf dem Marsch gesungen wurden, an das Körnersche „Bater, ich ruse dich!", an das Arndtsche „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte", an das Schenken- Die religiöse Erneuerung, 107 dorssche „So zündet nun die Feuer in Gottes Namen an": oder dürfen uur sehen, wie die Freiwilligen von den Kirchen, von der Abcndmahlsfeicr hinweg hinaus ins Feld gezogen sind. Staatsmänner und Feldherrn wie Stein und Gueiseuau waren fromm, deshalb fchon fühlen fie sich gegensätzlich gestimmt gegen das Ausklärungszeitalter und seineu großen Vertreter, den Voltärianer aus Preußens Königsthron, und in demselben Sinn ereiferte sich Arudt über Friedrichs „undeutsche Art". Aber auch die Philosophie nahm in Fichte nnter dem Einfluß der Zeitereiguisse eine entschieden religiöse Wendung i 1813 dachte er sogar darau als Feldprediger oder wenn das der mangelnden Ordination wegen unthuntich sei, als religiöser Redner im Hauptquartier mitzuziehen, um in den Leitern und Anführern „heiligen ernsten Sinn zn befördern und alles daraus herzuleiten", um „die Kriegsührer in Gott einzutauchen"; und verpflichten will er sich dabei, seine Vorträge ans dem Boden des Christentums und der Bibel zu halten. Jeder Krieg stimmt ja, wenn er nicht wie der Dreißigjährige zn lang danert nnd dann alles verroht und verwildert, die Menschen fromm; aber hier sehen wir den religiösen Zng doch ganz besonders stark, viel stärker aeeentniert als dies z. B. 1870 der Fall war, wo dem Krieg nicht die Unterdrückung, dem Sieg nicht die Niederlage vorangegangen ist. So ging die politische und geistige Erhebung Prenßcns zugleich auch mit einer sittlich religiösen Erneuerung des Volkes und nicht zum wenigsten anch der Gebildeten des Volke? Hand in Hand, und diese war nicht ausschließlich romantisch. Anch dafür ist Perthes uud sein Kreis ein charakteristischer Zeuge, iu seiuer Korrespondenz sieht man zunächst in aller Einfachheit uud Schlichtheit, mehr pietistisch als romantisch diese religiöse Stimmung kommen, wachsen, mächtig werden. Und kaum war dauu der Krieg vorüber, so beugten sich diesem Znge auch die Fürsten nnd „huldigteu der höheren Macht" — durch den Abschluß der heiligen Allianz. Aber hier liegt anch bereits wieder die Peripetie, der Keim des Verderbens und der Verderbnis sür diese rciue schöne Flamme srommer Begeisterung nnd sittlicher Erneuerung; deun das war doch wieder eine romantische und darum eine ganz nngesuude uud geradezu verderbliche Idee, an deren Wiege ja auch keiu so srommer nnd 108 1800 bis 1830: Preußens Fall und Wiederaufrichtung. freigesinnter Geist wie Schleiermacher oder Fichte, sondern eine so raffinierte Person wie die Fran von Krüdener und ein so eitler Phrasenr und Phantast wie Alexander I. von Rußland gestanden hat. Es war ja ein ideal schöner Gedanke, die Grundsätze des Christentums zur Unterlage der Politik eines ganzen Erdteils zu erheben, seitens der Fürsten ein großes Versprechen, ihre Völker hiufvrt nnr als Zweige einer nnd derselben christlichen Nation betrachten, als Bevollmächtigte der Vorsehung regieren, die Beziehungen der Staaten untereinander nnd die innere Verwaltung der einzelnen Lander ans die Vorschriften des Christentums, auf Gerechtigkeit, Liebe und Friede gründen und wie Familienväter ihren Unterthauen gegenüberstehen zu wollen. Und es war anch wirklich in jenem Augenblick der Ausdruck für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das nach der Niederwerfung Napoleons die Völker und Fürsten Europas beseelte. Allein beim Lichte des Werktages besehen war es doch nur ein phantastisch andächtiges Schwärmen ohne Kraft und Willen zum Guten, und unter den Händen Metternichs verwandelte es sich für die Völker rasch genug in den schwersten Flnch. Denn dadurch ist in den leitenden Kreisen der unheilvolle Gedauke recipiert worden, daß die Religion eine staatserhaltende Macht und ein Machtmittel zur Staatserhaltung sei; jene tadls convsnris von der Znsammengehörigkeit von Thron nnd Altar, die Novalis gedichtet hatte, fand nun ihre Glänbigen. Das machte die Rechtgläubigkeit und den mit ihr sich verbindenden Pietismus uach oben wohlgelitten und verdarb so im ersten Keim viel Schönes und Herrliches. Der oben schon erwähnte Wunsch Schleiermachers, daß „nie der Saum eines priesterlichen Gewandes den Fußboden eiues königlichen Gemachs möchte berührt und nie der Purpur deu Staub am Altar, möchte geküßt haben", erwies sich gerade damals als vollauf berechtigt. Denn die damit eingeleitete Verbindung der Religion mit der Reaktion hat nnfer ganzes Jahrhundert hindurch die Religion aufs schwerste geschädigt. Und deshalb wandten sich auch in allen Perioden desselben die politischen Oppositionsparteien gegen die Kirche und die Religion, weil sie in ihr die Verbündete der Herrschenden sahen; nnd daher treiben auf der anderen Seite so viele ein heuchlerisches Spiel mit Die religiöse Erneuerung. 109 ihr, weil es daS ganze Jahrhundert hindurch und bis zu dieser Stunde weltlichen Vorteil bringt und etwas einträgt, wenn man für fromm gilt, ohne daß man dabei nötig hätte, eS auch wirklich zu sein; und umgekehrt bekämpfen so viele wahrhaft religiöse Menschen diese Verbindung der Religion mit dem Staat nnd die Institution des Landeskirchentums als ein Unmoralisches und kommen damit in eine mehr oder weniger entschiedene Lppositionsstellung zu allem Kirchlich-Religiösen. Darin hat das neunzehnte Jahrhnndert einen der schlimmsten Rückschritte dem achtzehnten gegenüber gemacht: damals proklamierte der große König den für Staat uud Religion gleich notwendigen und fegenbringenden Grundsatz, daß in feinen Landen jeder nach seiner Fayon selig werden dürfe; im neunzehnten Jahrhundert dagegen hat der Staat die freien Denker verfolgt oder doch wenigstens durchweg zurückgesetzt und mit Mißwollen nnd Mißtrauen betrachtet. Jedenfalls mehr zu seinem als zu ihrem und ihrer Sache Schaden. Hier liegt zugleich der iunere Widerspruch des Jahrhunderts: iu keinem ist so frei gedacht und geschrieben, in keinem so viel Kritik geübt worden, und in keinem hat man von oben her die Freiheit des Denkens mehr gefürchtet und beargwohnt; vom Wöllnerschen Religionsedikt des Jahres 1788 bis zum Privatdozentengesetz des Jahres 1898 ist dieser Faden immer nen gesponnen worden und nie abgerissen; daß der Geist sich nicht anders dämpfen läßt als durch Geist, haben sie nie begriffen. Doch wir stehen noch am Ansang jener religiösen Ernenernng, als sie rein und stark Heranswuchs aus der Not der Zeit uud aus der Seele des VolkeS; wie die Quelle sich trübte und „fromm" und „frei" allmählich sich trennten, werden wir im nächsten Kapitel erfahren. Viertes Kapitel. Nach den Befreiungskriegen. Das Erwachen des politischen Bewußtseins. Vor dein Krieg gab es, außer in litterarischen Dingen, kaum eine öffentliche Meinung in Deutschland; dein alten Nicolai, der eine, solche hatte schaffen wolleu, sehlte dazu die geistige Potenz. Seit den Befreiungskriegen giebt es eine öffentliche Meinung, vor allein ans dem Gebiet der Politik; die Presse wird eine Macht, der Rheinische Merkur von Görres, der „wie ein Vesnv von einer hohen Hand mächtig hingepflanzt in die Ecke zwischen Rhein nnd Mosel zum Schntz und Trutz gegen dasFranzosentnm" seineDonnerkeule schlenderte nnd deu deshalb schon Napoleon als fünfte Großmacht anerkannt und gefürchtet hatte, fährt fort, die Geister wach zu rütteln, bis ihm die alsbald beginnende Reaktion ein vorzeitiges Ende bereitete. Weniger agitatorisch waren die „Kieler Blätter", in denen Dahl- mann als ein durch die Geschichte geschulter Politiker wirkungsvoll und vornehm die Deutschland bewegenden politischen Fragen besprach. Der Krieg und die Niederlage hatte die Menschen gelehrt und berechtigt Kritik zu üben an dem Staat, der sie so schlecht behütet nnd geschützt hatte; durch deu Zusammenbruch staatlicher Leitung und polizeilicher Bevormundung war der Einzelne auf sich selbst gestellt und genötigt worden, aus eigener Jntiative zu handeln; daraus war ja danu auch der Sieg hervvrgewachsen; und wie so der Einzelne an sich selbst verwiesen nnd seiner Kraft bewußt geworden war, so erhob er uun hinfort auch seine Stimme zu Urteil nnd Rat: nur durch diese Entfesselung des bis dahin gebundenen Jndividnnms konnte eine öffentliche Meinung entstehen. Das Erwachen des Politischen Bewußtseins. 111 Namentlich wer die Feldzüge von 1813 bis 1815 mitgemacht hatte, kehrte innerlich reif nnd selbständig geworden nach Hanse und in seinen Beruf zurück. Worauf richteten sich aber Kritik und Wünsche? Schon 1802 hatte Hegel in seiner „Kritik der Versassnng Deutschlands" die Nnhaltbarkeit und UnWirklichkeit der dentschen Zustände erkannt nnd aufgezeigt. „Deutschland ist kein Staat mehr", war das Ergebnis dieser kritischen Studie, die nach Kuno Fischers treffendem Nns- drnck „einen Fortschritt des deutschen Bewußtseins" bedeutet. Seit 1806 war dann auch thatsächlich ein Vakuum da, es gab keinen Kaiser und kein heiliges römisches Reich deutscher Nation mehr, das Einheitsband, die nationale Selbständigkeit und Einheit war nun völlig verloren, so daß das von Italien gebrauchte Wort Metternichs, es sei nur ein geographischer Begriff, mit Fug und Recht auch auf Deutschland angewendet werden konnte. Und neben der fehlenden Einheit erkannte man auch den Mangel an Freiheit, es gab nirgends eine „grnndgesetzliche Rechtssicherheit". Nach dieser Seite hin hatte die französische Revolution doch mächtig und nachhaltig auf die Geister gewirkt. Wie sie und ihr großer Sohn mit eisernem Besen die Scherben des alten deutschen Reiches zusammengefegt, bei sich zu Hause mit alteu Privilegien gründlich aufgeräumt und draußen nach Willkür Fürsten ein- und abgesetzt hatte, so hatte sie auch jenseits der Grenzen in den Geistern aufgeräumt mit den Gedanken und Gefühlen eines toten und geistlosen Gehorsams, den kritiklosen Glauben an das Gottesgnadentum erschüttert uud dem Patriarchalischen oder despotischen Unterthanenverhältnis nnd Unterthanenbewußtsein ein Ende gemacht. Das bis dahin bestandene Bevormundungssystem hatte versagt, folglich hatte es auch den Anspruch auf das alte Autoritäts- und Pictätsverhnltnis für immer verwirkt. Das hatte ja auch der von Kalisch aus am 25. März 1813 von Friedrich Wilhelm III. uud Alexander I. erlassene „Aufruf an die Deutschen" anerkannt, wenn er eine Verfassung versprach, die „aus dem ureigenen Geiste des deutschen Volkes heraustreten" sollte. Daraus richteten sich demgemäß die Wünsche des Volkes, mehr wollte es nicht, es war nicht revolutionär; Jünglinge und Männer, die uuter dem Rus: mit Gott sür König und Vaterland! in den 112 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen. Krieg gezogen waren, sind nicht radikal. Und solche Wünsche waren auch nicht etwa nnr die Losung einer Partei wie heutzutage, sondern sie entsprachen der Anschauung des ganzen preußischen, des ganzeu deutscheu Volks, und Wortführer wie Dahlmann im Norden oder Anselm Feuerbach im Südeu bürgten sür die Maßhaltnng und Gerechtigkeit auch im Wünschen uud Fordern. Da kam, was niemand gefürchtet, niemand für möglich gehalten hatte: nach den herrlichen Siegen zunächst ein unbefriedigender Friedensschluß, der altes Unrecht nicht sühnte nnd die deutschen Grenzen uicht schützte; die Diplomaten verdarben mit der Feder wirklich, was das Volk in Waffen gut gemacht hatte. Uud auf dem Wiener Kongreß, wo die Fürsten Europas in einem Meer von Verguügungen zeigen zu wollen schienen, daß sie es an Würdelosigkcit mit Napoleons Bruder auf der Wilhelmshvhe aufnehmen können und von der Frivolität deS cmoien rs^ims uichts vcrgesseu haben, wurde nicht die alte deutsche Kaiserherrlichkcit wieder ins Leben gerufen oder gar Preußen die Führung in Deutschland anvertraut, sondern der Bundestag in Frankfurt eingerichtet, der nur den Schatten der Einheit, nur eiu loses Bundcsverhältnis gab und sich rasch noch viel bcdeutuugsloser und erbärmlicher, noch viel macht- nnd rechtloser herausstellte, als man erst hatte ahnen können. Der Kampf der preußischen Staatsmänner und der deutschen Patrioten, ihre Bemühungen, wenigstens auf einigen Punkten Einheit zu schaffen, durch Denkschriften die Fürsten, durch Flugschriften die öffentliche Meinung dasür zu gewinnen, waren vergeblich gewesen: an dem Neid der Großen und an der Selbstsucht uud dem partikularistischeu Machtgcfühl der Kleinen lind nicht znm wenigsten auch an der eigenen Unklarheit der Stimmführer und der öffentlichen Meinung scheiterte alles, der Partiknlarismns behielt recht — anch im Bewußtsein des Volks, das in ihm eine berechtigte Eigentümlichkeit der Deutschen sah. Nicht besser erging es den Versuchen znr Lösung der Ver- fassuugsfrage. Zwar enthielt die Bundesaktc in K 13 die Bestimmung: „in allen BnndeSstaatcn wird eine landesständische Verfassung stattfinden"; aber war das eine Zusage oder eine Verpflichtung? Gar bald konnte man den Spott hören, daß die Bundesakte dnrch diesen DaS Erwachen des Politischen Bewußtseins. 113 Paragraph für alle BundeSstaaten ja eine Verfassung nur prophezeit habe, nnd Prophezeiungen — daß Gott erbarm! Nur in einzelnen kleinen Staaten, allen voran in Weimar unter Karl Augnst, beeilte man sich das Wort einzulösen; in Süddeutschlnnd folgte man in den Jahren 1818 und 1819 nach. Dabei kam es teilweise zn ernsten Kämpfen, die die öffentliche Meinung heftig erregtem, vor allem in Württemberg, wo für „das gute Recht" mit viel Leidenschaft gestritten wurde. Nur schade, daß es in Wahrheit ein gänzlich veraltetes und herzlich schlechtes Recht war; nnd nicht einmal das Recht stand anßer Frage, da die alte landständische Verfassung ja mir für die alten Landesteile, aber nicht für die in der Napoleonischen Zeit hinzugekommencn neuen zurecht bestand. Keiner hat das schärfer ausgesprochen als Hegel, der sich mit aller Entschiedenheit auf die Seite des Königs Friedrich I. und seines Ministers v. Wangenheim stellte und deu Widerstand der Lnndstände gegen die ihnen vorgelegte Verfassung als einen „Schwabenstreich" bezeichnete. Von ihnen könne man fagen, „sie haben nichts vergessen und nichts gelernt; sie scheinen diese letzten 25 Jahre, die reichsten Wohl, welche die Weltgeschichte gehabt hat, und die für uns lehrreichsten, weil ihnen unsere Welt uud unsere Vorstellungen angehören, verschlafen zu haben. Es konnte kaum einen furchtbareren Mörser geben, um die falschen Rechtsbcgriffe nnd Vorurteile über Staats- verfassnngen zu zerstampfeu, als das Gericht dieser 2S Jahre, aber diese Landstände sind unversehrt daraus hcrvorgegaugen, wie sie vorher waren. Altes Recht und alte Verfassung sind ebenso schöne, große Worte, als es frevelhaft klingt, einem Volke seine Rechte zu rauben. Allem ob das, was altes Recht und Versassung heißt, recht oder schlecht ist, kanu uicht auss Alter ankommen; auch die Abschaffung deS Menschenopfers, der Sklaverei, des Feudaldespotismus und unzähliger Infamien war immer ein Aufheben von etwas, das eiu altes Recht war. Man hat oft wiederholt, daß Rechte nicht verloren gehen können, daß hundert Jahre Unrecht kein Recht machen tonnen, — »tan hätte hinzusetzen sollen: wenn auch das hundertjährige Unrecht diese hundert Jahre lang Recht geheißen hätte; serner daß hundertjähriges uud wirkliches positives Recht mit Recht zu Gruude geht, wenn die Basis wegfällt, welche die Bedingung Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des 19. Jahrh. 8 114 1800 bis 1880: Nach den Befreiungskriegen, seiner Existenz ist. Wenn man das Belieben hat, leeres Stroh zn dreschen, so mag man behaupten, daß dem einen Ehegatten auch noch nach dem Tode des andern sein Recht auf den andern, dem Kans- mann, dessen Schiff von der See verschlungen worden, uoch seiu Recht auf dasselbe verbleibe. Es ist von jeher die Kraukheit der Deutschen gewesen, sich an solchen Formalismus zu hängen und damit herumzutreiben. So ist denn auch noch bei dieser württem- bergischen Ständeversammlung beinahe der ganze Inhalt ihrer Thätigkeit aus die uusruchtbarc Behauptung eines formellen Rechts mit Advvkateneigensinn beschränkt. Aus diesem Eigensinn, da sich in dem Formalismus des positiven Rechts nnd dem Standpunkt des Privatrechts zn halten, wo es sich vom vernünftigen und vom Staatsrecht handelt, folgt für die Geschichte ihrer anderthalbjährigen Verhandlungen, daß sie höchst leer an Gedanken sind, und sür einen so großen Gegenstand, als der ihnen vorgelegte, die sreie Versassung eines deutschen Staats jetziger Zeit, wenig oder fast nichts Lehrreiches enthalten." Allein die Stimme des Philosophen war in diesem Fall die eines Predigers in der Wüste. Die Klänge, die in diesen Kämpfen Ludwig Uhlaud auf seiner politischen Leier so kräftig anschlug, fanden nicht nur in Schwaben, sondern überall da ein gewaltiges Echo, wo die Regierungen zögerten, hinhielten nnd schließlich versagten. Gewiß war es, wie dreißig Jahre später im Frankfurter Parlament bei der Kaiserfrage, der romantische Schimmer, der sich dem Dichter vor das klare Auge des Politikers zog und dieses trübte; ihm erschien das Alte in einem poetisch verklärten Lichte, weil es grau vor Alter und seiner Zeit wider alles Recht weggefegt worden war. Und unsympathisch war ihm, dem schwäbische!? Partikularisteu, der Vertreter des besseren Neuen, Wangenhcim, dem er als einem Fremden zurief: Du meinst es löblich, doch du hast Für unser Volk kein Herz. Aber eine politische That waren diese vaterländischen Gedichte doch. Wo hat seit dem Zeitalter der Nesormation ein deutscher Dichter es gewagt, so direkt einzngreiseu in das politische Leben seines Volkes und Staates? Wohl war Schiller ein Dichter der Das Erwnchen des politischen Bewußtseins. 115 Freiheit im höchsten Sinne des Worts, aber ein politischer Dichter, ein politischer Teudenzdichter ist erst Uhland geworden. Und weil es ihm gelungen, das Besondere und Zufällige über seine enge Sphäre hinauszuheben znm allgemein Menschlichen nnd das Abstrakte und Fernliegende durch die bei aller Schönheit doch so einfache uud schlichte Form auch dem Volke nahe zu bringen, deshalb klingen sie immer wieder au, wo eiu Volk vou irgend welcher Willkür verletzt und gekränkt werden soll in dem, was es für sein altes gntes Recht hält; und darum gehören sie zn den allerersten Symptomen, aber auch zu den kräftigsten Mitteln der Erwecknng des Interesses für politische Angelegenheiten in Deutschland. Es ist übrigens für Süddentschland bezeichnend, daß diese Versassungsfragen die Geister weit mächtiger erregten als vorher der Kampf um die Befreiung vom fremden Joch und um die nationale Einheit und Selbständigkeit. Freiwillig den Krieg mitzumachen oder wie er, allerdings an seine Mutter, schreibt, „sich mutwilligerweise auszusetzen", ist Uhland nicht eingefallen, zu den Dichtern der Freiheitskriege ift er trotz der paar Kriegs- und Siegeslieder nicht zu rechuen, daS waren Norddeutsche. Den Süddeutscheu ruft der General Theobald wenige Tage vor der Schlacht bei Leipzig in einem Brief au Justinus Kerner zn: „Im übrigen habt ihr liebelt neuen Mittelalterdichter doch eine gar beschränkte Ansicht von der Dichtkunst . . . ihr müßt mir doch gestehen, daß eure Bersleiu eiu unkörniges Winseln und Klagen sind, an deuen mau sich uicht so ganz begnügen kann . . der Stoff, der Gehalt fehlt euren Gedichten. Das kommt daher, daß ihr immer um die alten Geschichten heruinschweift, wo dann ein ewiges Einerlei herauskommt. Macht euch aus dem Mittclalter heraus, kommt in die gegeuwärtige Zeit, die Wahrhast poetisch ist." Während aber die kleinen Staaten, vor allem im Süden, im Kampf um die Verfassung vorangingen und sich diese grundgesetzliche Rechtssicherheit erstritten, dachte in Österreich Metternich nicht an die Erfüllung jenes in der Bnndesakte niedergelegten Versprechens: und iu Preußen war wiederum er es, der die Erfüllung der vom König noch ausdrücklich wiederholte» Zusage erst zu verzögern, dauu definitiv zu verhindern wußte. Über Proviuzialstäude, iu 8* 116 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen. deren Zusammensetzung dem Großgrundbesitz der Löwenanteil zufiel und deren Rechte und Thätigkeitsgelnet kümmerlich eng begrenzt waren, ging die preußische Negierung vorläufig nicht hinaus: eiue Koblenzer Petitiou ok ri^ts,. die Görres überbrachte, wurde vom Köuig ungnädig zurückgewiesen. Angesichts dieser Haltung der deutschen Großmächte und der sofort sich herausstellenden Unzulänglichkeit der Frankfurter Bundesversammlung bemächtigte sich des eben noch durch die Siegessrende mächtig gehobenen Volkes in fast plötzlichem Umschlag der Stimmung ein Geist der Uuznsriedenheit und Enttäuschung, der Ernüchterung nnd Ermattung auf der einen, des um so leidenschaftlicherm nnd hastigeren VorwärtSdrängeus auf der anderen Seite. Das bittere Uhlandsche Gedicht „Wenn heut ein Geift herniederstiege" ist schon zum 18. Oktober 1816 gedichtet! Das Volk sühlte sich geradezu von den deutschen Fürsten um Einheit oder um Freiheit oder um beides betrogen. In diesem selben Sinn hat 1824 der junge Prinz Wilhelm von Preußen, uuser späterer erster Kaiser, eiuem Freuude voll Bitterkeit geschrieben: „Hätte die Nation Anno 1813 gewußt, daß nach elf Jahren von einer damals zu erlangenden uud wirklich erreichten Stnfe des Glanzes, Ruhmes und Ansehens nichts als die Erinnerung und keine Realität übrig bleiben würde, wer hätte damals wohl alles ausgeopfert solchen Resultates halber?" Neben dieser Fassung kann Bismarcks Verwahrung in seiner parlamentarischen Jungfernrede „als ob die Bewegung des Volkes von 1813 anderen Gründen zugeschrieben werden müßte nnd es eincS andern Motivs bedurft hätte, als der Schmach, daß der Fremde in unserem Lande geboten", natürlich ganz wohl bestehen bleiben. Übrigens kamen zu deu schwere» Nachweisen des Krieges sofort auch noch die schlimmen Not- nnd Mißjahre 1816 und 1817 nnd trugeu Uuzufriedcnheit und Verstimmung in breite Schichteil des Volkes. Allem die Träger dieser nationalen und freiheitlichen Bewegung wareu weder die Bauern noch die bürgerlichen Kreise im allgemeinen, die in ihrer provinzialen Enge und kleinstädtischen Beschränktheit dasür nicht den Blick und dazu nicht den Mut hatten, sondern vielmehr ans den deutschen Universitäten einzelne Professoren und noch vor ihnen das Gros der deutschen Studentenschaft. Die Burschenschaft. 117 Die Burschenschaft. Die damaligen Studenten waren freilich zunächst sast durchweg gereiftere Meuschen als sonst Studenten zn sein pflegen- sie hatten Bedeutsames erlebt und durchgemacht, die meisteu hatteu als Freiwillige geholsen Großes zu erkämpfen und zn erringen, sie hatten bereits selber etwas geleistet. Und nun kamen sie ans die Universitäten zurück und sanden hier in den bestehenden Landsmannschaften, zu deuen sich die Studenten bis dahin organisiert hatten, den alten Partikularismus wieder, über den sie während des Feldzugs in der Waffenbrüderschaft der deutschen Stämme hinausgewachsen waren, und fanden hier den Pennalismus wieder, die eines freien Menschen unwürdige Knechtung der Jüugereu durch die Älteren, die ihrem neuen Geist der Selbständigkeit und des auf sich selber Steheus so völlig widersprach. Überhaupt hatte dem deutschen Stndcntenleben mit seiner Roheit und seiner Rauflust, seiner Renommage und seinem Sauskomment bis dahin der Ernst und der Inhalt gefehlt: die Wichtigthnerei der Meusur und die Nichtigkeiten der Kneipe, die Geistlosigkeit uud Knabenhaftigkeit des ganzen Treibens imponierten den Heimkehrenden nicht mehr; wer im Kugelregen gestanden, der braucht seiucn physischen Mut auf dem bißchen Mensur nicht erst noch zu erweisen, und wer blutige Siege mit erfochten hat, kann an dem Triumph des Niedertrinkens von Kommilitonen keine Freude mehr haben. Und darum gründeten sie ein Neues, die allgemeine deutsche Burschenschaft, in der die Stammes- und die Altersunterschiede verschwinden uud die sich mit erusthaften Diugen, mit der Vorbereitung auf die Schaffung eines einigen und freien Alldentsch- lands befassen sollte. Ihre Farben schwarz, rot, gold waren die der Lützower Jäger und wiesen so aus die Herkunft aus den Freiheitskriegen hin. Das ist die größte That und ist die stolzeste Zeit der deutschen Studentenschaft gewesen. In seiner Weise hat Nietzsche diesen Versuch der deutschen Studenten und das Mißlingen des Versuchs so gedeutet uud formuliert: „Im Kriege hatte der Jüngling den unvermuteten würdigsten Kampfpreis heimgetragen, die Freiheit des Vaterlandes: mit diesem Kranze geziert sann er ans Edleres. Zur Universität znrück- 118 1800 bis 1830: Nach dcn Befreiungskriegen, kehrend empfand er, schweratmend, jenen schwülen nnd verderbten Hauch, der über der Stätte der lluiversitätsbilduug lag. Plötzlich sah er mit erschrecktem, weitgevfsnetem Auge die hier unter Gelehrsamkeiten aller Art künstlich versteckte nndeutsche Barbarei; plötzlich entdeckte er seine eignen Kameraden, wie sie sührerlvs einem widerlichen Jngendtanmel überlassen wurden. Und er ergrimmte. Mit der gleichen Miene der stolzesten Empörung erhob er sich, mit der sein Friedrich Schiller einst die „Räuber" vor den Genossen recitiert haben mochtei nnd wenn dieser seinem Schauspiel das Bild eines Löweu uud die Ausschrist in t^i-armos gegeben hatte, so war sein Jünger selbst jener zum Sprunge sich anschickende Löwe: und wirklich erzitterten alle „Tyrannen". Ja, diese empörten Jünglinge sahen für den scheuen und oberflächlichen Blick nicht viel anders aus als Schillers Räuber: ihre Reden klangen dem ängstlichen Horcher wohl so, als ob Sparta und Rom gegen sie Nonnenklöster gewesen wären. Der Schrecken über diese empörten Jünglinge war so allgemein, wie ihn nicht einmal jeue „Räuber" in der Sphäre der Höse erregt hatten: von denen doch ein deutscher Fürst, nach Goethes Erklärung, einmal geäußert haben soll: wäre er Gott nnd hätte er die Entstehung der Räuber vorausgeseheu, so würde er die Welt nicht geschaffen haben." „Woher die unbegreifliche Stärke dieses Schreckens? Denn jene empörten Jünglinge waren die tapfersten, begabtesten und reinsten unter ihren Genossen: eine großherzige Unbekümmertheit, eine edle Einfalt der Sitte zeichnete sie in Gebärde und Tracht aus: die herrlichsten Gebote verknüpften fie untereinander zu streuger uud frommer Tüchtigkeit; was kouute man an ihnen fürchten? Es ist nie znr Klarheit zu bringen, wie weit mau bei dieser Furcht sich betrog oder sich verstellte oder wirtlich das Rechte erkannte: aber ein fester Instinkt sprach aus dieser Furcht und aus der schmachvollen und unsinnigen Verfolgung. Dieser Instinkt faßte mit zähem Hasse zweierlei an der Burscheuschaft: einmal ihre Organisation, als den ersteu Versuch eiuer wahren BildnngSinstitntion, nnd sodann den Geist dieser BildnngSinstitntion, jenen männlich erusteu, schwer- gemuten, harten nnd kühnen deutschen Geist, jenen ans der Reformation her gesuud bewahrten Geist des Bergmannssohnes Luther." Die Burschenschaft. 119 „An das Schicksal der Burschenschaft denkt nun, wenn ich frage: hat die deutsche Universität damals jenen Geist verstanden, als sogar die deutschen Fürsten ihn in ihrem Hasse verstanden zu haben scheiueu? Hat sie kühn und entschieden ihren Arm um ihre edelsten Söhne geschlungen mit dem Worte: mich müßt ihr töten, ehe ihr diese tötet!? — Ich höre eure Antwort . . ." „Damals hat der Student geahnt, in welchen Tiefen eine wahre Bildungsinstitntion wurzeln muß: uämlich in einer innerlichen Erneuerung und Erregung der reinsten sittlichen Kräfte. Und dies soll dem Studcnteu immerdar zu seinem Ruhme nacherzählt werden. Auf den Schlachtfeldern mag er gelernt haben, was er am wenigsten in der Sphäre der „akademischen Freiheit" kernen konnte: daß man große Führer braucht und daß alle Bildung mit dem Gehorsam beginnt. Und mitten in dein siegreichen Jubel, im Gedanken an sein befreites Baterland hatte er sich das Gelöbnis gegeben, deutsch zu bleiben. Deutsch! Jetzt lernte er den Tacitus verstehen, jetzt begriff er den kategorischen Imperativ Kants, jetzt entzückte ihn die Lcyer- und Schwertweise Carl Maria vou Webers. Die Thore der Philosophie, der Kunst, ja des Altertums sprangen vor ihm auf — und in einer der denkwürdigsten Blutthaten, in der Ermordung Kotzebnes rächte er, mit tiefem Instinkte und schwärmerischer Kurzsichtigkeit, seinen einzigen zu zeitig am Widerstande der stnmpfen Welt verzehrten Schiller, der ihm hätte Führer, Meister, Organisator sein können, und den er jetzt mit so herzlichem Jngrimme vermißte". „Denn das war das Verhäiignis jener ahnungsvollen Studenten: sie fanden die Führer nicht, die sie brauchten. Allmählich wurden sie untereinander selbst unsicher, uneins, nuznfrieden; unglückliche llngeschicktheiten verrieten nur zu bald, daß es an dem alles überschattenden Genius iu ihrer Mitte mangele: und jene mysteriöse Blutthat verriet neben einer erschreckenden Krnst auch eine erschreckende Gefährlichkeit jenes Mangels. Sie waren führerlos — und darum gingeu sie zu Grunde". Diese etwas überschwängliche und auch historisch nicht durchweg unausechtbare Schilderung des großen Wollens und des Mißlingens dringt doch im ganzen hinab in die Tiefe dieser studentischen Be- 120 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen, wegung; nur ein Zng fehlt, der religiöse. Nicht nur deutsch, svudern auch christlich fühlten diese Jünglinge, wobei freilich im einen wie im andern zwei Strömungen zusammeutrafen. Auch sie hatte draußen im Feldlager die Not beten und der Sieg „Nun danket alle Gott!" singen gelehrt. Ihre „Führer" aber waren wie beim Deutschcmpfinden so auch beim Frommfühlen vielfach die Romantiker, und romantisch war deshalb vieles an dieser christgermanischen Burschenschaft. So mischte sich der Ernst des Lebens nud romantisches Spielen und sich Bespiegeln in eigenartiger Weise, und darum flößt ihr Treiben und sich BeHaben dein einen tiefen Respekt ein, während der andere über viel Kindisches lächelt und spottet. Ich denke, der Respekt gebürt dem Kern, denn der war gut, das Lächeln der Äußerlichkeit mit ihrem romantischen Firlefanz. Allein zunächst — wir haben es schon in den Worten Nietzsches vorausgenommen — der Versuch dieser akademischen Jngend ist nicht gelungen. Die Einigung der gesamten Studentenschaft kam nur in Jena zn stände, das neben Gießen der Ausgangspunkt der Bewegung war; auf deu übrigen Hochschulen blieben die Landsmannschaften oder Korps neben der Burschenschaft bestehen, und natürlich befehdeten sich nun beide iu eiuer Unzahl von Duellen. Ein böses Omen auch für die staatliche Einigung der deutschen Stämme! Nud auch die Freiheit wollte sich nicht einstellen. Weil die Jugend ungeduldig ist, so mochte sie sich nicht begnügen mit der programmmäßigen Borbereitung, mit Erziehung und Selbst- erziehnng, um was es sich doch in erster Linie handeln mnßte und hatte handeln sollen; sondern sie wollte Thaten sehen und Früchte pflücken und dachte daher darauf selber zuzugreifen und selber zu schaffen und zu machen, was von oben nicht gegeben, gegen ausdrückliches Versprechen nicht gegeben wurde. Dabei blieb übrigens die große Mehrzahl nach wie vor durchaus harmlos; nur etliche besonders Eifrige gingen weiter. So gleich auf dem Wartburgfest am 18. Oktober 1817, wo man die Leipziger Schlacht und das 300 jährige Gedächtnis der tapferen That Luthers am 31. Oktober 1517, patriotisch uud religiös zugleich, seierte. Das war ein schönes nnd durchaus berechtigtes Fest, auch historisch diese Verknüpfung der Erinnerung au die zweimalige siegreiche Auflehnung des deutschen Die Burschenschaft. 121 Volke? gegen drohende kirchliche und weltliche Universalmonarchie wohl berechtigt — es war ein großer nnd weihevoller Tag: wie eines Maientags seiner Jugend erinnerte sich seiner spät noch Heinrich Leo. Ein bißchen jugendlicher Überschwang und Phrase war natürlich auch mit dabei — was schadete das? Aber es war dessen nicht einmal zu viel; am phrasenreichsten hat vielleicht nicht ein Student, sondern einer der anwesenden Professoren gesprochen. Da hängten nun aber jene Übereifrigen die Farce daran und das Satirspiel, indem sie ans einem Scheiterhaufen — uach dem Porgang Luthers! — die Bacher von allerlei mißliebigen Schriftstellern verbrannten, welche thatsächlich oder nach der Meinnng der rasch urteilenden Jugend schuld oder mit schuld waren an der Verweigerung der versprochenen Konstitntion und, wie Schmalz und andere „Schmalzgesellen", die besteu Männer der Nation als Verschwörer, Demagogen und Hochverräter schmählich denunziert nnd verunglimpft hatten. Es war das um so überflüssiger, als diese Denunziationen von Schmalz dnrch Niebuhr und Schleiermacher schou gebührend zurückgewiesen waren. Anstatt nun aber diese Farce als Jugendstreich zu ignorieren, nahmen schon das einzelne deutsche Regierungen tragisch, die Preußische im Ernst, — Metternich gab sich wenigstens den Schein, sie ernst zu nehmen nnd fruktifizierte die Sache im antifreiheitlichen Sinn seines politischen Systems; man fabelte von einer förmlichen Verschwörung, holte aus wie zu einer Haupt- und Staatsaktion und beschritt sogar dem verständigen und dnldsamen Großherzog von Weimar gegenüber den diplomatischen Weg der Warnung und Verwarnung. Noch uugesährlicher als jene Scene aus der Wartburg waren die ebenfalls vielen Anstoß erregenden Geschmacklosigkeiten und Ausschreitungen der „teutsch- tümeludeu" Jugend in Kleidung nnd Sitte, in Ausdruck und Rede, in Rechtschreibung und Wortwahl. Namentlich die um den Turnvater Iahn markierten in ihrem äußeren Auftreten den Krafthuber uud deu Urgermanen nnd nahmen den Mnnd recht voll von Zwingherrn und trieften gelegentlich Wohl auch einmal von Fürstenblut; thatsächlich aber waren sie, wie Jmmermann spottet, mit dem znfriedeu, was ihnen der Schneider an Deutschheit verlieh uud blieben harmlos trotz ihrer langen Haare und ihrer großen Worte. 122 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen. Dagegen standen im Hintergrund freilich ein Paar ganz fanatische Gesellen, die Unbedingten, welche wie die heutigen Anarchisten auch den Gedanken erwägen, ab man das Volk nicht aus seiner Gleichgültigfeit aufrütteln und aufschrecken könne durch Schlag und That. Alis diesen Kreisen und dieser Strömung heraus kam dann jene unglückselige That von Karl Ludwig Sand, die Ermordung Kotzebues in Mannheim am 23. März 1819. Kotzebue hatte seiner Zeit durch die ganz unflätige Satire „Dr. Bahrdt mit der eisernen Stirn oder die deutsche Union gegen Zimmcrmann" übles Aufsehen und schweres Ärgernis erregt, war dann eiu beliebter Dramatiker der Deutschen geworden, indem er allem Weichlichen und Schwächlichen, allem Rührenden und Sentimentalen, allem Tugendhaften und Frivolen, also mit einem Wort dem Geschmack des deutschen Philisters schmeichelte; dagegen hatte er Napoleon wacker bekämpft. Jetzt aber schrieb er als russischer Staatsrat politisch-litterarische Berichte für die Petersburger Regierung, die von Spott und Gift gegen die studentische Bewegung und die freie Presse Weimars strotzten nnd ihn halb mit Recht und halb mit übertreibendem Unrecht in den Ruf eines russischen Spions brachten. Dasür sollte er gestraft werden, deshalb schwang Sand gegen ihn den Dolch des Mörders. Die Reaktion. Nnr einmal in der Geschichte hat ein Volk aus einem solchen Attentat Gewinn gezogen, das athenische aus der That der Tyrannenmörder HarmodioS uud Aristogeiton. Sonst aber, von Brntus uud Cassius bis herab auf Hödel und Nobiling, auf Santo Caserio und Angiotillo, ist Fluch um Fluch die Folge jedes solchem sinnlosen Verbrechens gewesen. Und zu den unheilvollsten Geschehnissen dieser Art gehört fraglos die That Sands, zumal da auch ernsthafte Männer, wie der Theologe dc Wette taktlos genug waren, sei es auch uur in einem Privatbrief nnd in der starken Erregung des ersten Augenblicks sie als „ein schönes Zeichen der Zeit" zu begrüßen und von „Mißbilligung der Handlung bei Billigung der Motive" zu reden. Damit schienen diejenigen recht zu bekommen, welche in ihr daS Symptom einer allgemein verbreiteten ver- Die Reaktion. Der Liberalismus. 123 » brecherischen Gesinnung und in den Studenten und Burschenschaftern nicht mehr harmlose und ideale Jünglinge, sondern Verschwörer und Mörder sahen und sie demgemäß behandelten. Die Karlsbader Beschlüsse, die Mainzer CentraluntersuchungSkommission, die Maßregelung der Professoren und anderer gebildeter Männer, oder um Namen zu nennen, die Absetzung de Weites, der Hastbefehl gegen Görres, die Mißhandlung Arndts und Jahns, die Verdächtigung und polizeiliche Vernehmung eines Schlciermacher und Reimer, das Mißtrauen gcgeu die Universitäten und höheren Schulen, gegen lustige Studenten und turnende Primaner, und dahinter Censur und Polizeiliche Verbote aller Art, Gefängnis und Expatriieruug, ein Spionagesystem ohne gleichen, im Inland dnrch „Perlustrieruug" der Bricsc, draußen durch freiwillige oder bezahlte ^.Aents pro- vooatsurs — das alle5 war Ergebnis und Folge jener thörichten und verbrecherischen That. Die Reaktion war da, vder, wenn man sich erinnert, daß Prenßcn schvn vorher, im Jahr 1816, den Rheinischen Merkur unterdrückt hatte, sie stand nnn in vollster Blüte. Freilich mußte sie selber zugestehen, daß thatsächlich doch recht wenig bei ihrem Jnqnisitionsversahren herauskam und nüchterne Lente das Ganze schließlich doch nur „sür eiu Hirngespinst oder höchstens für einen Studentennnfug" halten konnten; aber deshalb drückte sie nur um so schwerer wie eiu böser Alp auf das geistige Leben der Nation und vor allem auf die Bildung und ihre Vertreter. Die Burschenschaft aber bewies durch die Art, wie sie alles das hinnahm, anch in diesen bösen Stunden den guten Geist, der sie von Anfang an beseelt hatte: Das Band ist zerschnitten, war Schwarz, Rot nnd Gold, Und Gott hat es gelitten, wer weiß was er gewollt! so singen keine Revolutionäre und Verschwörer. Der Liberalismus. Doch im Zusammenhang mit dieser Reaktion und als Gegendruck gegen sie war auch schon die Partei des Widerstands und der Opposition ans dem Plane, der deutsche Liberalismus, der seinen Nameu von den spanischen Vcrfassungskämpsen erhalten hat. Jetzt wurde er Partei, dazu hat ihn die Reaktion gemacht. Seine >>- llMMM 124 1SV0 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen. Wortführer und Hauptvertretcr fand er naturgemäß da, wo ein Organ für die öffentliche Meinung vorhanden war, also in den süddeutschen Kammern, in denen sich zum ersten Mal in Deutschland parlamentarisches uud überhaupt politisches Leben entwickeln konnte. Wie kurz vorher Nhlands „vaterländische Gedichte", so sanden jetzt die Kammerreden eines Notteck und Liebeustein in Baden jubelnden Widerhall durch ganz Deutschland. Was der Liberalismus wollte, ist klar: Deutschlands Einheit und des deutscheu Volkes verfassungsmäßige Freiheit. Darin hatte er recht und nnr recht, dagegen kommen alle Scheltworte deutscher Historiker nicht auf. Aber ebenso ist auf der anderen Seite unverkennbar, daß ihm vvu vornherein ein partikularistischer Zug anhaftete, weil er wesentlich süddeutsch war. Auch im Norden gab es Liberale, natürlich; aber dort hat der Liberalismus etwas Esoterisches, er war das Vorrecht einzelner Männer oder kleinerer Kreise, und daher war er selber aristokratisch nnd vornehm, maßvoll nnd verschlossen; man denke an Varnhagen von Ense oder gar an Wilhelm von Humboldt. Als dieser 1819 als Minister für ständische Angelegenheiten uach Berlin bernfen wurde, war eben böseste Reaktionszeit, das Jahr der Karlsbader Beschlüsse; er suchte —natürlich vergeblich — die Selbständigkeit Preußens dagegen auszuspielen, während er innerlich darin ebenso wie seiner Zeit in dem Wöllner- schen Religionsedikt nnd der darnach sich haltenden Regiernng, als freier und vornehmer Geist eine Beleidigung für ein denkendes Bolk sah. Und so trug uach seinem Sturz, der ihn mit Boyen nnd Beime schon nach einem halben Jahre traf, diese seine Haltung dem aristokratisch eiusnmen Manne die Bolksgnnst in so hohem Maße ein, daß ihm von liberaler Seite der Dank für das, was er dem Staat geleistet oder eisrig und tapfer angestrebt hatte, reichlich zn Teil geworden ist. Im Süden dagegen war der Liberalismus wirklich Votkssache uud deshalb populär und volkstümlich sich haltend, auf weite Kreise berechnet und dementsprechend gelegentlich anch derb zufahrend und mehr und mehr geradezu agitatorisch-radikal. Fürs zweite hatte er etwas Doktrinäres an sich. Seine Träger waren Professoren, Advokaten nnd überhaupt Männer des gebildeten BürgerstandeS, der noch immer mit dem Geiste der Aufklärung Der Liberalismus. 125 erfüllt war, und so war auch er noch voll davon nnd war deshalb selber intellektualistisch und lehrhaft. Nur in Württemberg hatte sich die Sache so eigentümlich — oder soll man lieber sagen: so widerspruchsvoll? — verschoben, daß hier der romantische llhland liberal war und die Partei der Freiheit nicht ans modernes Vernunftrecht, sondern auf altes historisches Volksrecht zurückgriff, das — wir wisseu es schon — nur leider kein „gutes" war: so war hier der Liberalismus poetisch, während er sonst prosaisch war und nicht frei von einem Stich ins Philisterhafte. Umgekehrt waren in den übrigen Verfassungsstaaten die Romantiker die Anhänger des Alten, der alteu Ständeversassuug namentlich im Gegensatz zu der konstitutionellen Monarchie, und die Vorkämpfer der Privilegien von Fürsten und Adel, während die Liberalen ein Neues wollten im Bruch mit dem alten und historisch Gewesenen nnd, besonders stark im Negieren, gerade auch die Vorrechte des Adels grundsätzlich negierten. An dieser Entfremdung zwischen Adel nnd Bürgerlichen, die immer mehr zum vollen Gegensatz wurde, hatte übrigens der Adel die größte Schuld. In den Kriegsjahren hatte namentlich der preußische Adel sein Bestes gethan: an Opferwilligkeit war er dem Bürger- ftand durchaus ebenbürtig, teilweise vorangegangen; als Offiziere und Heerführer hatten seine Angehörigen glänzende Proben persönlichen Mntes nnd militärischen Könnens abgelegt nnd auch die Führer der Reformbewegung gehörten vielfach dem Adel an, dem Herrn von Stein hat sein freiherrliches Bewußtsein auch nach oben hin den Rücken gesteift. Aber kaum war der Friede hergestellt, so zeigten die uugemessenen Ansprüche des Adels im ganzen, daß er wie die Bourbonen nichts gelernt und nichts vergessen hatte. Die Mediati- sierten von 1803 und 1806 ließen sich in Z 14 der Bundesakte eine Reihe vou Vorrechten zuweisen, die leider heute noch nicht alle beseitigt sind, und der niedere Adel that sich 1815 in dem AdelS- verein „der Kette" kastenmäßig zusammen, widersetzte sich namentlich in Ostelbien der Durchführung der Bauerneinanzipativn oder gestaltete doch deren Folgen vielfach in Fluch statt in Segen für die Befreiten. Damals sind die Bauern auf deu Gütern zu armseligen nnd abhäugigen Tagelöhnern geworden und sind die Zustände begründet worden, wie sie nach Göhres drastischer Schilderung 126 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen, noch heute mannigfach ans ostelbischcu Domänen und Rittergütern bestehen. Und auch politisch eroberte sich der Adel namentlich wieder im Norden eine weit über seine Bedeutung hinausgehende Position, so in Hannover, wo ihm im Allgemeinen Landtag 43 gegen 3 Vertreter ans dem Bauernstand zugestanden wurden; und anderswo dominierte der Adel beim Zweikammersystem wenigstens in den ersten Kammern, Was Wunder, wenn dagegen der Liberalismus eiserte! und was Wunder, wenn er, noch in den Kinderschuhen steckend, im (5'ifer polternd und nicht ohne Übertreibung redete und historisch Gewordenes nicht begreifen und anerkennen wollte! Ganz besonders aber fehlte es dem Liberalismus jener Tage an Originalität und schöpferischer Kraft: der Geist war bei der Romantik, nicht bei ihm; und so mußte er sich für das Neue, das er an die Stelle des zu beseitigenden Alten setzen wollte, nach fremden Mustern umsehen. Dabei geriet er auf die französische Charte, durch welche die Mächte dem französischen Bolke die Rückkehr der Bourboucu aeeeptabel gemacht nnd zwischen den Errungen- schaften der Revolution und den Traditionen des avoieri reZiius eine äußerliche Vermittlung herzustellen gesucht hatten. Dieses fremde Muster wollten die Liberalen ohne weiteres von dem Boden, auf dem es selbst schon mehr Kunstprodukt als Naturerzeugnis war, auf den ganz andersartigen deutschen Boden herüber verpflanzen. Darin offenbart sich die Nachwirknng des uuhistorischen und gewaltthätigeu Sinnes der Aufklärung, nnd darum war ihre Sache in dem immer historischer werdenden neunzehnten Jahrhundert zum voraus weuig aussichtsvoll. Sein Vorbild holte also der süddeutsche Liberalismus — im Norden dachte man wohl eher an England — nuS Frankreich, mit dem man eben noch im Krieg gewesen war. Auch daran erkennt man die Nachwirknng deS achtzehnten Jahrhunderts, das weltbürgerlich- kosmopolitisch gewesen war und für das Nationale nnd Volkstümliche kein Verständnis nnd kein Herz hatte. Nun würde man natürlich dein Liberalismus schweres Unrecht thun, wollte man das so direkt auch vou ihm sagen: er trat ja gerade wie für die Politische Freiheit so anch für die nationale Einheit ein. Allein jene stand ihm doch in erster Linie, wobei er nicht bedachte, daß man erst Der Liberalismus. 127 einen Staat haben muß, ehe man Rechte in demselben fordern nnd erwerben kann; nnd weil er doktrinär und unhistorisch war, fehlte es ihm doch an Verstäudnis und Herz für die deutsche Eigenart und ein freindbürgcrlicher Zug, eine gewisse Überschätzung des Fremden hastete ihm von Anfang an. Ganz anders dachten und fühlten darin die Romantiker und deswegen waren sie dem Liberalismus anfangs durchaus überlegen: schon vor der Niederlage und dem Sieg hatten sie die Freude an den Besitztümern des Volkes in Sprache, Lied, Sage, Sitte, Religion und Kuust selber empfunden und in anderen wieder wachgerufen, und jetzt in den Zeiten der Not, des Kampfes und des Sieges war ihnen uud mit ihnen vor allem der norddeutschen Jugeud Vaterland und Nation zu einem Gegenstand der Freude und Verehrung, zu einer rechten Herzensangelegenheit geworden, und gerade Frankreich und das Französische betrachteten sie als das speeisisch Feindliche. Auch darin fühlte der Süden anders, weil er in seinem Wesen dem Französischen verwandter war, weniger von Frankreich gelitten hatte als das von Napoleon mit ausgesuchtem Haß verfolgte Preußen und weil seine Jugend in Waffenbrüderschaft mit französischen Truppen Jahre hindurch an deren Sieg und Ruhm teilgenommen hatte. So kam auch von dieser Seite her ein Antagonismus zwischen den fremdbürgerlichen Liberalismus und die nationale Romantik, der znm Teil auch ein Gegensatz war zwischen Süd und Nord. Anderer-- seits lag hier aber auch eiu oppositionelles Element in der Romantik selbst, durch das sie in Konflikt geraten konnte mit den von Metternich geleiteten oder durch ihn vergewaltigten Regierungen. Die politische Reaktion wollte und durfte nichts wissen vom Nationalen uud allgemein Deutschen, darum war ihr auch der romautische Teil der Burschenschaft verdächtig. So kreuzten nnd mischten sich hier die Gegensätze doch recht eigentümlich. Immer wieder sei's gesagt: Uhland war Romantiker und war liberal! Uud auch Josef Görres, der spätere Ultramontane, war Romantiker und war damals noch liberal: am 12. Januar 1818 überbrachte er an der Spitze einer Deputation dem Reichskanzler Hnrdenberg die bekannte rheinländische Adresse mit der Bitte um Erlassung einer Verfassung und Einlösung des königlichen Ver- 128 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen, sprcchens. Allem bei ihm hatte der Liberalismus noch einen anderen Grnnd und Hintergrund: diesem Rheinländer war der Preußische Staat zu sehr Staat, es wurde ihm darin zu viel regiert, es war ihm trotz der Stein-Hardenbergischen Selbstverwaltung noch viel zu viel Bureaukratismus und Mechanismus da; dadurch fühlte sich seine urwüchsige Kraft bedrückt, seine starke Individualität bceugt, seine vulkanische Natur dadurch zu immer uenen Zornausbrüchen empört. Hier ist der Punkt, wo Görres uud Bismarck sich berühren, der Punkt, wo der Liberalismus auch heute uoch die letzte» Wurzeln seiner dahinsiechenden Kraft hat; uns allen ist dieser Kampf gegen die Allmacht der Juristen und Bureaukraten, gegen die Schreiberweishcit am grünen Tisch so sympathisch, daß wir darüber oft die Notwendigkeit und den Segen des grünen Tisches, die Leistungen und Erfolge unserer Beamtenschaft nur zu sehr zn vergessen geneigt sind; und auch das übersehen wir, daß in jeuer Nlmeiguug gegen den preußischen Beamtenstaat doch zugleich anch der rvmantisch-ultramontane Partiknlarismns einer späteren Periode die beste Nahrung und seinen volkstümlichsten Halt finden konnte. Je mehr sich aber in den zwanziger Jahren die Reaktion verschärfte und einlebte, auch im Süden unter dem Drucke Metternichs an Boden gewann, die Kammeropposition zum Schweigen brachte, die Presse knebelte und gegen Demagogen und Liberale auch persönlich Gewalt brauchte, desto radikaler wurde uatürlich auch der Liberalismus. Gegen Gewalt konnte schließlich nur Gewalt, gegen den Druck von oben nur die Revolution von unten helfen, und anch an republikanischen Äußerungen und Wünschen fehlte es, namentlich im alemannischen Südwestcn an der Schweizergrenze nicht. Auch unter den Studenten regte es sich wieder: die Burschenschaft bestand heimlich weiter, uud die Radikalen unter ihnen dachten nun wirklich daran, „die Revolution zn erzeugen", sie schwärmten für die Republik und hörten grundsätzlich aus, „sich für vorzugsweise fromm auszugeben". Von der Schweiz her stiftete Follen einen geheimen Jünglingsbund, der sich einem deutschen Mäuucrbund angliedern sollte. Natürlich gab das der Mainzer Centralunter- suchuugskommission willkommenen Stoff zu ueuen Nachforschuugeu, Der Liberalismus. 129 Verhaftungen und Einkerkerungen; damals ist auch der französische Philosoph Cousin, der in Deutschland die Philosophie au der Quelle kennen lernen wollte, sistiert worden. Diese Verhaftung machte in ganz Europa Aufseheu und führte fast zu interuatioualeu Verwickelungen ob dieser Polizeiwillkür, die hier statt an deutschen Studenten sich auch einmal an einem französischen Professor vergriff. Während es aber in der Heimat vielfach recht trostlos anssah, schöpfte der deutsche Liberalismus immer wieder Mut und Hoffnung aus dem, was draußen vorging. Denn daß anch jetzt noch, nach der Niederwerfung nnd Bändigung der französischen Revolution und trotz der heiligen Allianz und des Metternichschen Systems, Volkserhebungen siegen können, das zeigten eben in den zwanziger Jahren allerlei Beispiele in Ost und West. Den stärksten Eindruck machte ans die deutsche Jugend der Freiheitskampf der Griechen von den Tagen Alexander Ipsilantis an bis zu dem Einzug der Bayern in Athen. Es offenbarte sich darin zugleich auch der Einfluß der ueuhumanistischen Bildung. In seinem Roman „Hyperion" hatte der griechenbegeisterte Hölderlin schon das Vorspiel dieses hellenischen Befreiungskriegs, die Kämpfe der Griechen gegen die Türken im Jahr 1770 verherrlicht, freilich alsbald anch die Enttäuschung dieses „außerordentlichen Projektes" erlebt, „durch eine Räuberbande sein Elysinm pflanzen" zu Wolleu. Inzwischen war das Griechische in den deutschen Gymnasien neu belebt und wenn anch vielfach in recht unvollkommener Gestalt ein Bildnngselement der deutschen Jugend geworden; ganz anders als heute freuten sich Lehrer und Schüler dieses neugewonnenen Besitzes, Homer war ihnen lebendig, der Weg zum deutscheu Vaterland ging damals wirklich über Thermopylä und Marathon, und er hat sich noch im Jahr 1870 jnst nicht als ein Um- und Holzweg erwiesen. Nnn kämpften die Nachkommen dieser Helden aus den Perserkriegen — oder was man so dafür hielt — im Vaterland Homers und Platons den Kampf der Christen gegen den Islam, den Kampf der Freiheit gegen den Despotismus, den Kampf der Kultur gegen die Barbarei; wenigstens glaubte man so, selbst 1897 war ja für viele die Stunde der Enttäuschung und Ernüchterung über diese modernen Griechen noch nicht gekommen. Es bildeten sich allüberall Ziegler, die geistigen u. socialen Strömungen des lg. Jahrh. 9 130 1800 bis 1830: Nach den Befreiungskriegen. philhellenische Klubs, man sammelte Beiträge, Scharen von Freiwilligen zagen hinüber. Nicht bloß von Deutschland, auch „der englische Lord" und Dichter hat iu Missolonghi seinen Tod gefunden; aber in erster Linie war es doch die deutsche Jugeud, die sich begeisterte; und als dann Wilhelm Müller seine Griechenlieder von dem aus Mnnkaes hohem Turme gefangenen Alexander Dpsilanti oder vom kleiueu Hydrioten saug, da sang alle Welt mit, redete laut vom Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken und meinte damit doch schließlich auch und nur — die eigene Freiheit. Der weltbürgerliche Zug und Sinn der Deutschen verschmolz sich so mit nationalen Gedanken uud Hoffnungen, der Liberalismus blieb national, auch wo er sich international drapierte. In diesem Sinn hatte schon 1818 der Franzose Berauger vou einer „heiligen Allianz der Völker" gesprochen uud der Deutsche Börue sprach es ihm jetzt nach. Wenn in Italien oder Spanien, in Südamerika oder Griechenland die Sache der Freiheit siegreich war oder unterlag, so jubelte ihr der Deutsche zu oder wehklagte um sie, als wären es seine Siege oder Niederlagen. Die Fürsten und Minister hatteu sich aus ihren Kongressen in Aachen und Karlsbad, in Tevlitz und Verona zusammengethan zur Unterdrückung der Volkssreiheit und zur Niederhaltung des freien Geistes, die Völker einigten sich daher, wenigstens in Gesinnung und Sympathiekundgebungen aller Art, zu Abwehr und Schutz. Daran knüpfte dann in den dreißiger Jahren Mazzini mit seinem jungen Europa au, uud darin findet die politisch unreife Polenbegeisterung Erkläruug und Rechtfertigung. Hier lag aber auch die Möglichkeit, daß, als drübeu iu Frankreich die Julirevolution ausbrach und Erfolg hatte, die Deutschen dem Beispiel folgten, wie die Belgier im Westen und die Polen im Osten. Doch noch war die Frucht nicht reis. Aber anch wir sind uoch nicht fertig mit der Zeit von 1300 bis 1830. » Fünftes Kapitel. Der Sieg der Hegelschen Rechts- Philosophie. Die individualistische Anschauung vom Wesen des Staates. Mit der veränderten Stellung der Völker und der Einzelneu zum Staat, wie sie seit den Befreiungskriegen faktisch eingetreten war, hing auch im Bewußtsein der Zeit eine Umwälzung in den Gedanken über Ausgaben uud Wesen des Staates zusammen. 1792 hatte Wilhelm von Humboldt in seinen „Ideen zu einem Versuch m'e Grenzeu der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" diesem die allerengsten Grenzen gezogen, ihm jede Knlturausgabe abgestritten und lediglich den Schutz nach innen uud nach auszeu zugewiesen. Positiv lautete seine Formel so: „daß die Erhaltung der Sicherheit sowohl gegen auswärtige Feiude als innerliche Zwistigkeiteu den Zweck des Staats ausmachen nnd seine Wirksamkeit beschäftigen müsse"; negativ stellte er den Grundsatz aus, daß „der Staat sich schlechterdings alles Bestrebens, direkt oder indirekt auf die Sitten und den Charakter der Nation anders zu wirken, als insofern dies als eine natürliche, von selbst entstehende Folge seiner übrigen schlechterdings notwendigen Maßregeln unvermeidlich ist, gänzlich enthalten müsse; und daß alles, was diese Absicht befördern kann, Uorzüglich alle besondere Aufsicht auf Erziehung, Religionsanstalten, Luxusgesetze u. f. f. schlechterdings außerhalb der Schranken seiner Wirksamkeit liege". Persönlich erklärt sich diese Verengung des Staatszweckes bei Humboldt aus den Erfahrungen, die er als Referendar beim Kammergericht zu Berlin unmittelbar nach dem Erlaß des Wöllnerschen Religionsediktes mit diesem Staat und g5 132 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie. dieser Regierung gemacht hat. Aber zu Grunde liegt doch zugleich die Abneigung der Zeit gegen den Staat selber, die geschichtlich bedingt, in der Abneigung gegen den vielregierendcn und allbevormundenden Polizeistaat des aufgeklärten ^ Despotismus wurzelte. Und andererseits hing sie bei ihm zusammen mit dem Individualismus der nenhumanistischen Bildung, mit dem „in und durch sich Sein", das den Gebildeten gleichgültig machte gegen Vaterland und Staat: er hatte genug zn thun mit seiner Selbstbildung und darum kehrte er dem Staate wie Diogenes in seiner Tonne den Rücken; der Herdersche Humanitätsbegriff konnte auch diese Weudung nehmen. Keinenfalls aber thut man Unrecht, wenn man wegen jener Schrift und der in ihr zum Ausdruck kommenden Stimmung den jugendlichen Humboldt — aber natürlich nur den jugendlichen! — unter die Vorläufer des theoretischen Anarchismus rechnet. Und theoretisch dachte auch Schiller kaum anders, während er doch als Dichter historischer Dramen von Fiesko bis Tell Staat und Vaterland viel richtiger zu würdigen wußte. Dem Verfasser der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen war unser wirklicher Staat nur ein Notstaat, ein notwendiges Übel; sein Ideal, der ästhetische Staat des schönen Scheins und der freien Bürger, „existiert dem Bedürfnis nach in jeder feingestimmten Seele, der That nach möchte man ihn wohl nur, wie die reine Kirche und die reine Republik, in einigen wenigen auserlesenen Cirkeln finden, wo nicht die geistlose Nachahmung fremder Sitten, sondern eigene schöne Natur das Betragen lenkt, wo der Mensch durch die verwickeltsten Verhältnisse mit kühner Einsalt und ruhiger Unschuld geht und weder nötig hat, fremde Freiheit zu kränken, nm die seinige zu behaupten, noch feine Würde wegzuwerfen, um Anmut zu zeigen". Dieser Staat begründet nicht „die bessere Menschheit", sondern er gründet sich auf sie, weil sich iu ihm der Wille des Ganzen nur durch die Natur des ästhetisch erzogenen und gebildeten Individuums vollzieht; die „Harmonie in dem Individuum" ist die notwendige Voraussetzung für die Harmonie der Gesellschaft. So ist auch für Schiller die Hauptsache ästhetische Jndividualbildung, nicht staatliche Gesinnung. Gewachsen aber war diese Stimmung und niedere Einschätzung Die individualistische Anschauung vom Wesen des Staates. 133 alles Staatlichen auf dem Boden des alten deutschen Reiches, das freilich kein Staat mehr war nnd weder etwas für die Kultur noch auch uur das Notwendigste zum Schutz und zur Schonung seiner Angehörigen leistete: und weiter gewachsen war sie in der nachfriederizia- nischeu Zeit, wo in Preußen der große Zug, die Sprungfeder des Geistes aus der Staatsmaschine herausgenommen war und überall nur noch toter Mechanismus, kein staatliches Leben mehr sich zeigte. Über beide war dann die Sturzwelle der französischen Revolution hereingebrochen uud hatte zunächst auch uur zerstört, nicht aufgebaut; es herrschte dort wirklich Jahrelang die Anarchie. Während aber in Frankreich Napoleon ein neues Gebäude aufführte, groß und imposant nach außen, im innern aber absolutistisch mit dem alten Motto: esst moi, entstand in Preußen ein neuer Staat, in dem gerade im Gegensatz dazu auf die Kraft nnd Mitwirkung des Volkes gerechnet war. Würde nun dieses Neue auch den Menschen zum Bewußtsein kommen und von ihnen verstanden werden? Da war es von vornherein bedauerlich, daß das Politisch- parlameiitarische Leben sich nach 1815 zuerst nur in den kleinen deutschen Staaten und vorläufig uoch gar nicht in dem neuen preußischen Staat entwickeln durfte. So war zwar Preußen ein Staat, aber es hatte keine öffentliche Meinung, nnd so konnte sich beim Volk im großeu uud ganzen ein staatliches Bewußtsein nur sehr langsam entwickeln; daß im preußischen Beamtentum ein solches eben in dieser Zeit dnrch stille Pflichterfüllung deunoch großgezogeu wurde, entzog sich noch geraume Zeit den Blicken der Welt; höchstens das Dreiuregiereu uud die Superklugheit des preußischen Geheimenrates kam den Regierten, vor allem unter Görres' lautem Protest in den Rheinlanden, zum Bewußtsein. Umgekehrt hatten die kleinen Staaten eine öffentliche Meinung, aber sie waren keine vollen nnd ganzen Staaten; dazu fehlte ihnen die Macht, und darum fehlte es ihren Oppositionsparteien am nötigen Verantwortlichkeitsgefühl und an dem Maßhalten in ihrem Auftreten. Auch hier gab es dieselbe stille Arbeit des Beamteutums, das aus verrotteten Zuständen heraus modern eingerichtete Staatswesen herzustellen und aus willkürlich zusammengerafften Fragmeuten nnd Splittern des alten deutschen Reiches ein Ganzes zn schaffen hatte; 134 1800 bis 1830: Sieg der Hcgelschen Rechtsphilosophie, aber diese Leistung wurde iu diesen engcu Verhältnissen uud in den Zeiten des Kampfes gegen die von den Beamten exekutierte Reaktion verständnislos uud ohue Dank hiugeuommen, und so kommt es, das; die Geschichtschreiber dieser Zeit zwar viel vom preußischen Beamtentum jener Tage zn rühmen wissen, aber meistens vergessen, das; es in jenen kleinstaatlichcn Verhältnissen und angesichts einer oft recht kleinlich kontrollierenden parlamentarischen Opposition vielleicht noch schwieriger war, ein moderner Beamter zu werden und einen modernen Beamteustaat zu bauen. Zugleich aber erhielt durch jene Verschiedenheit im Aufbau des Staates und in der Anteilnahme, den die öffentliche Meinung daran nahm, der Gegensatz zwischen Nord nnd Süd neue Nahrung; hier ist vielleicht die Stelle, wo er bis 1870 am gefährlichsten war nnd wo er uns gelegentlich noch heute zu schaffen macht. Dazu kam noch eines. Die Revolution nnd die Napoleonische Zeit hatte auch in Deutschland deu Privilegierten zwar nicht alle ihre Privilegien, aber doch ihre alte Stellung genommen: sie waren die Träger des alten deutschen Reiches und seiner Regierung — so weit es eine solche gab — gewesen, die Trägerin der Arbeit in den neuen deutschen Staaten war oder wurde dagegen immer mehr die Bourgeoisie. Dieses deutsche Bürgertnm aber war, wir haben es schon gehört, in der Enge und Kleinheit seines meist kleinstädtischen Daseins noch nicht hinausgekommen über die Aufklärungsbildung des vorigen Jahrhunderts, es war ein an den dürr uud diiuu gewordenen Gedanken desselben zehrendes Philistertum. DaS mußte sich auch iu seinem Verhältnis zum Staat zeigen. Die Lehre vom Vertrag. Und Wirklich entsprach diesem rückständigen Wesen des deutschen Bürgertums, soweit es sich mit dem Staat befaßte, .eine Stantstheoric, die iu der Aufklärung wurzelte, also ebenfalls rückständig und zugleich unhistorisch war, die aber doch die neugewonnene Machtstelluug der Bourgeoisie uud die Notwendigkeit ihrer Forderungen zu rechtfertigen wußte, also liberal war. Sie kuüpfte zunächst an die Gedanken der französischen Revolution an und weiterhin an Rvusseaus wenigst tiefe aber wirkungsvollste Die Lehre vom Vertrag. 135 Schrift, den Couti-at sooial. Von den beiden Ideen, die sie beherrschen, stammt die erste aus dem rationalistischen und konstruktiven Geist der modernen Philosophie und Weltanschauung seit der Renaissance — eS ist die Lehre vom Vernunft- oder Naturrecht, das als Anssluß der vernünstigen Natur des Menschen absolut gültig und für alle Menschen gleich verbindlich über allem positiven Recht .schwebt und als Maßstab au dasselbe angelegt, rücksichtslos als das einzig wahre uud gute Recht durchgeführt werden soll: es ist somit international, von aller Geschichte unabhängig, kritisch und gegen das Bestehende revolutionär. Und das andere Grundetemeut dieser Theorie war die Lehre vom Vertrag, der aus dem Ende des Mittelalters stammende Glaube, daß der Staat auf einem Vertrag entweder historisch ruhe oder der Idee nach als auf einem solchen ruhend gedacht werden müsse und daher iu seinem Bestand abhäugig sei vou der Zustimmung aller oder doch der Mehrheit der ihu konstituiereudeu Individuen. Wie damit der Grundsatz der Volkssonveränetät zusammenhängt, liegt auf der Hand; auch er bildet somit eiu uotwendiges Bestandstück dieser ganzen Konzeption nnd zwar dasjenige, dnrch welches sie sich dem Liberalismus ganz besonders empfehlen mnßtc. Und doch steckte in dieser Vertragstheorie auch da, wo sie es ausdrücklich ablehnte, den bürgerlichen Gesellschaftsvertrag als eine geschichtliche Thatsache zu behaupten und in ihm nur eine „Idee", ein regulatives Prinzip zur Bestimmung des öffentlichen Rechtes sah, das alte unhistorische Wesen der Aufklärung. Außerdem aber war sie atomistisch uud individualistisch, sie stellte den Staat ans die Willkür aller Einzelnen, verwechselte die volont6 A^n6ra1e mit der voloirtö äs tvus, verkannte also seine Notwendigkeit und nahm ihn als ein Zufälliges, das sich ebenso wieder in seine Atome auflösen köune, wie es sich aus ihueu willkürlich zusammengesetzt habe. Eben darum hatte dieser Gedanke vom Vertrag für die ganze Welt der Aufklärung etwas Fascinierendes, auch Kant in seiner, freilich dnrch die nahende Altersschwäche von Verworrenheit und Widersprüchen nicht freien Schrift „metaphysische Ansangsgründe der Rechtslehre" ist darüber uicht hinausgekommen nnd hat ihr durch seiueAutorität uoch einmal uud aus lange hin einen starken Halt gegeben. 136 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie, Und ebenso hat Fichte in seiner „Grundlage des Naturrechts" sich auf den Boden dieser Theorie gestellt und einen wahreil embarras 6s riekösses von Verträgen zusammengehänst; hat er doch in einer seiner ersten Schriften sogar das Recht der Eltern auf die Kinder durch eiuen Bertrag mit der Geburtshelferin begründet: „hätte sie nicht durch Bertrag meinen Eltern versprochen, ihr Recht ans mich an sie zurück abzutreten, hätte sie nicht überhaupt laut dieses Vertrages im Namen meiner Eltern gehandelt, so wären meine Rechte durch diese erste Ausübung desselben die ihrigen; so aber sind sie meinen Eltern". Praktisch aber hielt man diese Lehre deshalb für so wichtig, weil man von dein Staatsbürgervertrag die Möglichkeit einer Verfassungsänderung durch daS Volk, sei es auf dem Wege der Reform oder der Revolution, abhängig dachte. In Einem schien sich freilich Kant, und ihm nach Fichte, von der älteren Vertragstheorie wesentlich zu unterscheiden, in der Frage nach dem Zweck des Staates. Die Ausklärnng hatte auch hierin eudämonistisch gedacht und dein Staat die Aufgabe zugewiesen, die Glückseligkeit aller und das Wohl jedes Einzelnen in irgend einer Form zn schassen und zu förderu. Kant war auch hier wie iu der Moral rigoristisch, nicht endämonistisch; deshalb schloß er die Glückseligkeit vom Zweck des Staates aus und faßte diesen als Verwirklichnng der Gerechtigkeit, sein Staat war ein Rechtsstaat. Fragt man aber weiter, warnm denn durch den Staat das Provisorische Recht in ein peremptorisches, der rechtlose Naturzustand iu einen Rechtszustand verwandelt uud übergeführt werden soll, so kommt man doch wieder auf deu abgewiesenen Zweck des Schutzes von Leben und Eigentum, also auf die privaten Interessen aller Einzelnen zurück. Und wenn Kant das Rechtsgesetz formuliert: „handle so, daß die Ausübung deiuer Willkür die der andern nicht beeinträchtigt", so kommt er auch von dieser Seite her über die Subjektivität und den Jndivi- dnaliSmns nicht hiuaus. Die Meinung war freilich die, der Staat solle im Recht das Vernuustgesetz, die volont6 A6n6ru1o verwirklichen; aber thatsächlich handelte es sich auch bei Kant um die Angemessenheit der Handlung an die empirische Allgemeinheit, an den Willen aller und an die Willkür jedes Einzelnen. Während aber schon Fichte, der sich zunächst ganz an Kant Die Lehre vom Vertrag. 137 anschloß, über diesen hinausging und seiuem geschlossenen Haudels- staat erst eine Reihe der wichtigsten socialen Aufgaben zuwies, dauu in der Not der Zeit die nationale Basis und Kraft des Staates verstehen lernte nnd ihn durch die Forderung einer Nationalerziehung als Kulturträger und Kulturbringer anerkannte, ging die Vertragstheorie in das Bewußtsein der Bourgeoisie und des Liberalismus in ihrer alten Form über. Die philosophische Begründung und die feineren Unterscheidungen in der Lehre von Basis und Zweck des Staates wurden beiseite gelassen nnd ihre einzelnen Gedanken ohne weiteres für Parteizwecke srnchtbar gemacht. Das Naturrecht gab Handhabe und Maßstab zn liberaler Kritik am Bestehenden und an den Maßnahmen der Regierung, der Vertrag begründete den Glauben an die Souverünetät des Volkes und rechtfertigte die Forderung einer Mitwirkung desselben bei der Ge- setzgebuug, und der Rechtsstaat hatte in erster Linie die Rechte des Volkes zu schützen und die Gleichheit aller vor dem Gesetz durchzuführen. Diese Anschauuug, die sich auf Kant berufen konnte, wenn sie auch seine tiefsten Gedanken nicht verstand, wnrde nun also nach den Befreiungskriegen vom Liberalismus wieder hervorgeholt. In weitereu Kreisen verschaffte ihr vor allem der Badener Notteck Aufnahme nnd Anerkennung, dessen 1813 begonnene „Allgemeine Geschichte" das Recht des Liberalismus allen verständlich durch die ganze Weltgeschichte hindurch als siegreich zu erweisen suchte und dessen gemeinsam mit Welcker insLeben gerufenes „Staatslexikon" immer aufs neue den Gedanken variierte, daß der Staat auf Vertrag gegründet und der Wille der Majorität das einzig Ausschlaggebende sei. Und wenn der Schwabe Uhland sang: Vertrag! es ging auch hier zu Lande Vou ihm der Rechte Satzung aus, Es knüpfen seine heil'gen Bande Den Volksstamm an das Fürstenhaus. Ob einer im Palast geboren, In Fürsteuwiege sei gewiegt, Als Herrscher wird ihm erst geschworen, Wenn der Vertrag besiegelt liegt, so erhielt die Theorie dadurch auch noch die dichterische Weihe. Diese Männer haben dem Liberalismus seine leicht faßlichen, aber 138 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie, weder neuen noch tiefen Staatsgedanken gegeben, und sie haben damit um so mehr Eindruck geinacht, weil sie selber sür die Forderungen desselben, besonders auch für die Freiheit der Presse, maunhast eintraten nnd gelegentlich anch dafür zu leiden hatten. Heute ist diese Theorie überwunden, dem Historismus war das Ungeschichtliche und Geschichtstose, der Vorliebe für alles „Organische" das Quantitative nnd Ntomistische daran unerträglich; aber daß der, freilich falsch formulierte, Gedanke des Natnrrechts damit gänzlich abgethan und die kritische Ader, die darin steckte, nllzn rasch unterbunden wurde, war doch ein bleibender Schaden und Perlust, den wir erst allerneuestens wieder gut zu macheu uns anschicken. Gewiß ist das Naturrecht keiu unveränderliches und sür alle Zeiten geltendes, nnd es ist kein „Recht" im eigentlichen Sinn des Wortes, Wohl aber ist es die immer wachsende und wechselnde Idee eines besseren Rechtes, die als Trieb des Fortschritts sich der Geister bemächtigen will und zu ihrer Verwirklichung drängt: ohne diese Idee würde das positive Recht verewigt und versteinert nnd die Menschheit in ihren rechtlichen und staatlichen Lebensbedingungen zu ewiger Stagnation verurteilt bleiben. Die romantische Staatslehre. Allein so wie sie damals vorgetragen wurde; war diese Auf- klärnngsanschauung in der That flach und veraltet und überdies als die Theorie der französischen Revolution mit dem Stempel deS StaatSgefähr- lichen gezeichnet. Um so leichter konnte daher die Romantik der un- historischen Auffassung vom Staat eine historische, der mechanischen eine organische entgegenstellen nnd es der Weltgeschichte überlassen, den Sieg dieses Neuen über ein Angeworbenes einzuleiten und allmählich durchzusetzen. Am srühesteu Wohl finden wir diese romantische Staatstheoric bei Novalis. Seine poetisch überspannte Verherrlichung des jungen Preußischen Königspaares kennen wir schon; sie hing zusammen mit seiner Vorliebe für die Monarchie überhaupt. Aber auch deu Staat als solchen wertete er ganz anders, als dies bisher geschehen war. Ihm war er der „Makro- anthrvpos", der Mensch im Großen, das dringendste Bedürfnis für deu Menschen: „nm Mensch zu werden und zn bleiben, bedarf er Die romantische Staatslehre. 139 eine? Staates"; „der vollkommene Bürger lebt ganz im Staat". Dieser aber besteht nicht aus einzelnen Menschen, sondern ist ein „mystisches Individuum". „Das Volk ist eine Idee; Mir sollen ein Volk werden." Aber „der Staat wird zu wenig bei uns verkündigt. Es sollte Staatcwerkündiger, Prediger des Patriotismus geben. Jetzt sind die meisten Staatsgenossen aus eiuem sehr gemeinen, dem feindlichen sehr nahe kommenden Fusze mit ihm." Etwas vou solchem romantischen Mysticismus hat zu Zeiten auch Friedrich von Gentz seiner publizistischen Thätigkeit beigemischt. Vom Kantischen Standpunkt aus hatte er in seiner Schrift „über den Ursprung und die obersten Prinzipien des Rechts" die französische Revolution begeistert begrüßt, unter dem Einfluß Burkes, dessen „Betrachtungeu über die französische Revolution" er, wie schon erwähnt, ins Deutsche übersetzte, hatte er dann Wasser in diesen Wein gethan und pries hinfort die englische Verfassung an. Bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. hatte er denselben in einem Sendschreiben wie ein zweiter MaraniS Posa ausgesordert Preßfreiheit zu geben. Aber auch diese liberalisierende englische Periode, in der er als publizistischer Bekämpser Napoleons besonders fruchtbar war, lief ab: die „Fragmente ans der neuesten Geschichte des politischen (Eichgewichts in Europa" bildeten den Höhepunkt derselben nnd waren ein gewaltiges Kriegsmanisest, worin er die „Starken, Reinen und Guten" zum Widerstand aufrief, an Beredsamkeit staud er darin den Fichteschen Reden nicht nach, viele Gedanken derselben hat er nntccipiert. Aber es ist nicht das ganze Volk, an daS er sich wendet, sondern nnr eine aristokratische Elite, und darin zeigt sich, recht im Gegensatz zu Fichte und Steiu, das Mißtrauen gegen das Volk uud die romantische Exklnsivität. Und so überrascht es nicht, ihn bald daraus im Dienste Metternichs als den Bekämpser des Liberalismus und den Verfechter des Legitimitätsprinzips uud der RestaurationStendenzen zu findein an der Demngogenhetze nach KotzebneS Ermorduug hat er hervorragenden Anteil genommen. Nun verkündigte er, 1813 und 1814 haben „die Fürsten mit ihren Feldherrn, die an ihren Ratschlägen teil hatten — mit ihren Handlangern würde man heute sagen — da5 Größte verrichtet"; gegenüber dem Verlangen des Volkes nach einer Volks- 140 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie, Vertretung verweist er auf die alten „landständischen Verfassungen", die „aus deu sür sich bestehenden, uicht vou Menschenhänden geschaffenen Grundelementen des Staates entspringen"; und im Staat sieht er die einzige Schutzwehr gegen die revolutionäre Vernunft des Einzelnen, in der katholischen Kirche das Bollwerk gegen den Subjektivismus der Protestanten; denn die Reformation erschien ihm — dem Protestanten — als die Quelle alles Übels, als der Anfaug aller Revolution. „Etwas Mittelalter, etwas Gottes- guadeutum und ein Überfluß vou Polizeiweisheit" — so ueuut R. Haym in seiner trefflichen Monographie über Gentz diese Mischung. Daß übrigens die Romantik bei dem durch und durch verstandeS- mäßigeu nüchterneu Manne nur Mittel und Schein war, zeigt seine letzte Periode, in der er vou dem Nomantiker Adam Müller zu dem Rationalisten nnd Materialisten Holmes zurückkehrt nnd blasiert und skeptisch au der Richtigkeit und Durchführbarkeit seiuer eigenen Ideen zweifelt. Ein großes Talent, aber ein charakterloser Genieß- ling und ein Lniup, das ist unser Urteil über diesen ersten großen politischen Jonrnalisten Deutschlands. Und ähnlich wie er hat ja anch der erst so revolutionäre Friedrich Schlegel seine Feder in den Dienst der Metternichschen Politik gestellt nnd in seiner „Concordia" gegen „den fanatisch verwilderten Zeitgeist" sür deu christliche» Staat sich ereifert. Ist aber die politische Romantik in diesen Journalisten im schlimmsten Sinue des Worts reaktionär geworden, so leistete in geistvollster und seiuster Weise die historische Rechtsschule den reaktionäre« Tendenzen Vorschub, iudem sie dem liberalisierenden Naturrecht gegenüber den historischen und nationalen Ursprung des Nechts betonte und es, wie die Germanisten jener Tage die Sprache, aus der Volksseele und dem Volksgeist ableitete. Wenn aber Savigny, neben K. F. Eichhorn der Begründer dieser Schule uud zugleich der größte Jurist unter den Romantikern, ans solchen Gedanken heraus seiner Zeit deu Berus zur Gesetzgebung absprach und L!c>6s ^apo1«Zon uud PreußischesLaudrecht als künstliche und willkürlich gemachteGebilde scharf und teilweise ganz ungerecht kritisierte, so verurteilte er damit Zeit uud Staat und .Volk überhaupt zu einem qnietistischen Zuwarten, einem kouservativen Stagnieren und sügte sich so doch Die romantische Staatslehre. 141 trefflich ein in die Mctternichsche Politik des Stillstands und der Kirchhofsrnhe. Der wissenschaftlichen Jurisprudenz freilich wies diese Schule, allen voran Eichhorn, als neue wichtige Aufgabe die Erforschung der deutschen Ncchtsgeschichte zu, es zeigten sich aber gleich iu ihrem Entstehen auch schon die Gefahren, mit denen der Historismus unser Jahrhundert bedroht, die Wnnden, die er ihm geschlagen hat. Die romantische Staatstheorie im engereu Sinn aber fand ihren Hauptvcrtreter in Adam Müller, der in staatswissen- schaftlichcn Schriften Adam Smith bekämpfte und damit der Nationalökonomie unserer Tage vorarbeitete. Im direktesten Gegensatz zu Wilhelm von Humboldt erklärt Müller in seinen „Elementen der Staatskunst" den Staat für „die Totalität der menschlichen Angelegenheiten, ihre Verbindung zu einem lebendigen Ganzen". Er ist ihm „das ewig bewegte Reich aller Ideen: das körperliche, physische, ergreifbare Leben reicht nicht hin ihn zu deduzieren, und wir waren genötigt, alles Unsichtbare, Geist, Sitte, Herz, das ganze idcalische Treiben deS Menschen zurückzufordern, die dem Staat abwendig gemachten Gcdauken der Bürger zu vindizieren, als wir uns bestrebten, das Wesen des Staates zu erkennen". Oder wie er anch sagt: „der Staat ist nicht eine bloße Manufaktur, Meierei, Afsekuranzanstalt oder mcrkantilische Societät; er ist die innige Verbindung des gesamten physischen und geistigen Reichtums, des gesamten inneren nnd äußeren Lebens einer Nation zu einem großen energischen, unendlich bewegten und lebendigen Ganzen". In diesem Sinn wendet er sich ebenso gegen die eudämvnistische wie gegen die Kantischc Lehre vom Zweck des Staates, den sie ihm alle viel zu eng fassen. „Fragt nun noch irgend jemand: was ist denn der Zweck des Staates? so frage ich ihn wieder: dn betrachtest also den Staat als Mittel? als ein künstliches Mittel? Ordnung, Freiheit, Sicherheit, Recht, die Glückseligkeit aller sind erhabene Ideen für den, der sie ideenweise auffaßt; der Staat, wie groß und erhaben, wie alles umfassend, wie in sich nnd auf sich selbst ruhend er auch sei, verschmäht es nicht, mitunter betrachtet zu werden, als sei er nur um eines dieser Zwecke willen da; er ist aber zu groß, zu lebendig, um sich, den Wünschen der Theoretiker gemäß, einem 142 1800 biS 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosvphic, dieser Zwecke ausschließend und allein hinzugeben; er dient ihnen allen, er dient allen gedenkbaren Zwecken, weil er sich selbst dient." Und ebenso stellt Müller der „Chimäre des Naturrechts" ein anderes Recht entgegen, „welches lebendig ist, d. h. welches sich selbst garantiert, nicht erst an eine auswärtige, mit ihm in keiner Verbindung stehende Macht oder Zwangsgcwalt zn appellieren oder von ihr abzuhängen braucht; kurz welches also innerlich eins ist mit dem Staate, oder mit der Nationalität, oder da unser Blick durch die Religion aus die ganze Menschheit gerichtet ist, mit der Rechtsidee, welche die Menschheit verbindet, mit der Religion". Diese Auffassung des Staates ist das Produkt der Zeit — das Buch ist 1809 erschiene» —, wie er selbst sagt: „unsere Bäter hatten vom Staat den Begriff, daß er eine Zwangsanstalt sei; indes sind andere Zeiten gekommen, und das Beste, das Wichtigste hat sich uicht erzwingen lassen": darin liegt seine Stärke, in der Überwindung der uulebendigen und äußerlichen Staatstheorie des Naturrcchts mit seinen „toten Begriffen" und der anarchistischen Notstaatslehre der Neuhumanisten; den Staat mit Gesinnung uud mit Geist zu er- sulleu, das erschien diesem Frennde Kleists vor allem notwendig; denn „in allen unsere» Gesetzgebungen und Staatsbegrisfen zeigt sich diese Todesspur, daß wir den Mut und die Krast verloren haben sie zu beleben und zu bewegen, daß in uns selbst wenig Geist, wenig Persönlichkeit ist". Allein über dieses Allgemeine kam Müller in seiner geistreich schwatzhaften Manier nicht zu schärfen Begriffen, und so regte er wohl an, eine haltbare Theorie zn schaffen vermochte er aber nicht; nud vom Geist und vou Gesinnung mochten die Regierungen, denen sich seine Staatslehre sonst wohl empfohlen hätte, und mochten vor allem seine Freunde in Wien aus die Dauer nicht allzuviel höreu. So ist der romantische Staatsrechtslehrer par excellence, der zugleich die Approbation der reaktionären Mächte finden konnte, doch nicht er, sondern Karl Ludwig von Haller geworden. Dessen Staatslehre kündigte sich schon aus dem Titel in ihrer Gegensätzlichkeit gegen den Liberalismus an als „Restauration .der StaatSwissenschast oder Theorie des natiirlich-geselligen Zustands, der Chimäre des künstlich-bürgerlichen entgegengesetzt". Ihr Ber- Die romantische Staatslehre. 143 fasser war damals noch Schweizer und Protestant, später trat er in die Dienste Karls X. in Paris nnd wurde wie Adam Müller Katholik. Schon die Vorrede des Werkes läßt den Romantiker in aller Deutlichkeit erkennen, läßt es aber auch fast unbegreislich erscheine», wie ein solcher Schriftsteller Wirkung thun und Einfluß gewinnen touute: bald pathetisch im hohen Ton des Propheten bald weinerlich-sentimental nnd immer salbungsvoll wie ein Sonntagnachmittagsprediger für politische alte Jungsern redet dieser Mensch von Staat und Geschichte. Gegenüber dem ans Vertrag ruhenden künstlich-bürgerlichen Zustand will er auf den Naturzustand zurückgehen, der ihm alsbald mit Gottes Ordnung zusammenfällt. Das hier geltende Naturgesetz ist einfach genng; es besagt, daß nur der Überlegene, der Mächtige herrsche uud herrscheu solle. So gründet er Staat nnd Recht aus Stärke uud Macht. Machthaber aber siud die Könige und Fürsten, und darum ist es gottgesetzte nnd gottgewollte Naturordnung, daß sie herrschen und ihnen gehorcht werde; sie sind nicht Diener des Staates — dieses friederieianische Wort ist Haller ein Greuel —, soudern unabhängige Herren desselben, der Staat ist ihr Eigentum, wie daS Hausweseu dem Familienvater gehört: Staatsrecht ist vom Privatrecht nicht wesentlich verschieden, das Patriarchalische Regiment ist göttliche Ordnung. Doch wie, wenn diese Herreu ihre Gewalt mißbrauchen? Konstitutionell uud geschriebene Gesetze, die der Liberalismus als Schutzwehr gegen diese Gefahr aufrichten will, überhaupt menschliche Eiurichtuilgen helfen dagegen nichts, sondern im wesentlichen nur — Religion lind Moral, die vvm Mißbrauch der Gewalt abhalten. Ganz ausschließe« kauu jedoch dieser Mauu des Naturstandes nnd der Gewalt den Gedanken der Selbsthilfe, nötigenfalls durch Revolution, natürlich nicht: aber Insurrektionen sind, so meint er und so hilft er sich über die Schwierigkeit hinweg, der Sache nach nur selten, ihre Ausführung ist meist schwierig, oft unmöglich, öfter noch nicht klug, uud so bleibt sür die Unterthauen in solchen Fälleu nur übrig — aus Gott zu vertrauen. Wie gesagt machte diese Gewaltstheorie Eindruck und fand Beifall: in dem Kreis des preußischen Kronprinzen, des nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm IV. wurde sie bewundert nnd acceptiert. 144 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie. Hegel freilich meinte, einen Teil dieser großen Wirkung und weiten Verbreitung verdanke das Bnch Wohl dem Umstand, daß „es aller Gedanken sich abzuthun und das Ganze so aus Einem Stück gedankenlos'zu halten gewußt habe"; auch seine scheinbare Konsequenz bestehe „in der völligen Inkonsequenz einer Gedankenlosigkeit, die sich ohne Rückblick fortlaufen läßt und sich in dem Gegenteil dessen, was sie soeben gebilligt, ebensogilt zu Hause findet". Und in der That, das Buch war geistlos und in seiner Gedankenlosigkeit und Inkonsequenz geradezu srech; aber es war ein bequemes Buch für die Inhaber der Gewalt nnd die Träger der Reaktion nnd die beste Rechtfertigung für alle Gewaltmaßregeln, denen gegenüber es die Völker so christlich fromm — auf Gott verwies. Die Hegelsche Rechtsphilosophie. Da kam — diesmal wirklich nach dem Dreitakt der dialektischen Methode aus Satz und Gegensatz ein neues Höheres, die Hegelsche Rechtsphilosophie. Was Hegel an Rousseau und dem Liberalismus und was ihm ebenso an Hallers Theorie so besonders widerwärtig war, das war die Degradation des Staates zu einem Willkürlich- Künstlichen oder Willkürlich-Gewaltsamen und seine Degradation zu einem bloßen Mittel. Wohl kennt auch er den Not- und Ver- stnudesstaat der bisherigen Staatsrechtslehrer, wobei der Staat in der That nur Mittel, jeder Einzelne sich selbst Zweck und die Atomistik ganz an ihrem Platze ist. Das ist die bürgerliche Gesellschast, in der die Subsistenz nnd das Wohl des Einzelneu mit samt seinem rechtlichen Dasein in die Subsisteuz, das Wohl und Recht aller verflochten und nur in diesem Zusammenhange wirklich und gesichert ist — ein System allseitiger Abhängigkeit. Und ebenso ist ihm mit Kant der Staat Rechtsstaat, sofern im Recht der freie Wille sein Dasein hat. Aber ganz anders als Kant macht er Ernst mit der Vernünftigkeit des Willens, mit dem Begriff der volontö Asnsrals. Dieser Wille ist nicht bloß in der Sphäre des abstrakten oder formalen Rechtes, nicht bloß innerlich in der Moralität des einzelnen Menschen und seinem individuellen Gewissen, sondern wirklich ist er nur in der ganzen sittlichen Welt, deren erste Stufe die Familie, deren höchste Stufe der Staat ist. G. w. F. Hegel 81'Li'L ^!nx. 1^/. KieliliiiA so. IZi-oit,I«>i>l' >Ü!, IliU^vI IZ^>I. Die Hegelsche Rechtsphilosophie, 145 Darum ist für Hegel der Staat ein Notwendiges, kein Zufälliges, das au und für sich Vernünftige uud Seinsollende, keiu Willkürliches, „die Wirklichkeit der sittlichen Idee", „das sittliche Ganze" uud insofern „der Gott ans Erden". Mit Adam Müller erklärt er den Staat für den absoluten und unbewegte» Selbstzweck! an Rousseau tadelt er, daß nach ihm der allgemeine Wille nur Wille aller Einzelnen sei, der contrat social auf Willkür beruhe und dadurch alle Autorität vernichtet werde; und Haller gegenüber betont er eben jenes Vernünftige am Staat, dessen Gewalt nicht Willkür, sondern die sich durchsetzende Vernunft selber sei: es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist. An der Sitte hat er seine unmittelbare, in dem Bewußtsein des Einzelnen seine vermittelte Existenz: iu ihm kommt die Freiheit zu ihrem höchsten Recht, und doch hat der Staat das höchste Recht gegen den Einzelnen und sür diesen ist es die höchste Pflicht, Mitglied eines Staates zu sein und sich demselben ganz hinzugeben. Diesen Gedanken, daß der Staat mehr sei als öer Einzelne, vor und über ihm sei, hat Hegel nicht etwa der Romantik eines Adain Müller entnommen, sondern mit vollem Bewußtsein grcist er in demselben ans antike Anschauungen und Jdeeu zurück: die Omnipotenz des Staates ist ihm als Neuhumanisten, nicht als Romantiker an den Borbildern und Theorien der Alten zum Bewußtsein gekommen. Damit tritt er in den schärfsten Gegensatz wie gegen die uvch immer nachwirkenden Plattitnden der Aufklärung fo gegeu die subjektive Willkür der Romantik, und lehrt und fordert eine staatliche Gesinnung, wie sie vielleicht ans den Freiheitskriegen direkt Hütte herauswachsen können, wenn damals der Staat seine Pflicht gethan hätte uud „veruüuftig" gewesen wäre. Hier liegt aber zugleich auch die iuuige Perbindung der Hegelichen Nechts- und Staatsvhilosovhic mit dem preußischen Staat. Jedem Staat mußte eine solch hohe Wertschätzung, wie sie ihm hier als der Verkörperung aller Sittlichkeit zu teil wurde, angeuehm sein, eine Unterstützung seiner Aufgabe und seiner Voraussetzung, staatliche Gesinnung zu pflanzen und aus sie zu rechnen, lag darin. Aber der preußische Staat mußte doch noch eine gauz besondere Frende Zicgler, die geistigen u. socialen Strömungen des lg. Jahrh. 10 ! i 146 1800 bis 1830- Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie. haben an dem Buch — nicht nur weil es in Berlin geschrieben war von einem Professor seiner ersten Universität, sondern speciell und vor allem darum, weil der Staat, der Hegel vorschwebte, iu der That der preußische Staat war. Spotteud hat Haym gesagt: in der Hegelschen Rechtsphilosophie habe „das schöne Standbild des antiken Staates einen schwarzweißeu Anstrich erhalten". Sehen wir zunächst ab von der Bosheit, die in diesen Worteil liegt und liegen soll, und sügen dem Bilde, um es zu vervollständigen, noch hinzu: und überdies habe Hegel dieser so angestrichenen Statue die rote Jakobinermütze ausgestülpt, so ist damit ganz ernsthaft die Anerkennung für den politischen Verstand Hegels ausgesprochen. Als Prenßeu bei Jena so unrühmlich znsanunengebrochen war, da hatte sich dieser Mann der Realität mit Verachtung von dem verächtlich gewordenen Staate abgewandt uud Napoleon — „diese Weltseele" — bewundert. In diesem Sinn schreibt er im Januar 1807: „Die Wisseuschast ist allem die Theodieee; sie wird eben sosehr davor bewahren, vor den Begebenheiteil tierisch zn staunen, oder klügerer- wcise sie Zufälligkeiten des Angeilblicks oder des Talents eines Individuums zuzuschreibeu, die Schicksale der Reiche von einem besetzten oder nichtbesetzten Hügel abhängig zu machen, als über den Sieg des Unrechts uud die Niederlage des Rechts zu klageu. . . Die französische Nation ist dnrchs Bad ihrer Revolution nicht nur von vielen Einrichtuugen befreit worden, über die der Menschengeist als über Kinderschuhe hinaus war, uud die darum auf ihr, wie noch auf den anderen, als geistlose Fesseln lasteten, sondern anch das Individuum hat die Furcht des Todes und das Gewohnheitsleben, das bei Veränderung der Coulissen keinen Halt mehr in sich hat, ausgezogen; dies giebt ihr die große Kraft, die sie gegen andere belveift." Aber mm fährt doch anch er schon hoffnungsvoll fort: „Sie lastet auf der Verschlossenheit uud Dumpfheit dieser anderen, die, endlich gezwungen ihre Trägheit gegen die Wirklichkeit aufzugeben, in diese heraustreten nnd vielleicht, indem die Innerlichkeit sich in der Äußerlichkeit bewahrt, ihre Lehrer übertreffen werdeu." Nun war das wirklich eingetreten, ein neuer preußischer Staat war eutsiauden uud dem gebührte nicht länger mehr Verachtung, sondern vollste Anerkennung und Bewunderung, lind hier zeigte Die Hegelsche Rechtsphilosophie. 147 Hegel doch einen merkwürdigen politischen Instinkt und Takt: dieser preußische Staat wandelte 1820 auf den Bahnen der Reaktion, im Schlepptan Metternichs, und in seiner unsicheren Haltung dem Versass ungsprobtem gegenüber machte er den Eindruck des Schwachen und Unselbständigen, deS Unfertigen und haltlos Schwankenden; wie leicht konnte sich da dein oberflächlichen Beobachter die innere Kraft nnd das innere Recht dieses aus allerlei Bestandstücken eben erst zusammengefügten Stnatswesens verbergen? und wie vielen blieb das damals wirklich verborgen? Hegel dagegen sah auch uuter dieser reaktionären und unfertigen Gestalt den inneren Kern voll Starke, Gesundheit und Zukunft, wie er sich in der Erziehung der Beamten und des Heeres und in der stillen Arbeit an der Gründung des deutschen Zollvereins langsam aber sicher entwickelt hat, und er scheute sich nicht, trotz aller häßlichen Verhüllung auf dieses Innere als ans sein wahres Wesen hinzuweisen. Aber eine Gefahr lag darin freilich. In der Borrede zu der Philosophie des Rechtes steht der berühmte und berüchtigte Satz: „was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig". Was in Preußen damals wirklich war, das war vielfach ein Reaktionäres, ein Vergängliches nnd Unvernünftiges; und so konnte Hegel als Lobredner des Wirklichen selber mit zum Reaktionär werden. Es ist nicht zu verkennen, daß er dieser Versuchung nicht ganz entgangen ist: wie das Gewissen der Sitte gegenüber in seiner Moral nicht zn seinem vollen Recht kommt, so gefährdete jene Allgewalt des Staates die Freiheit des Einzelnen, so drohte „die Substanz" daS Individuum zu verschlingen: uud dazu kam der Historismus, der den Einzelnen zum unselbständigen Glied einer Kette macht und ihn in diese rechtlos uud thatenlos hineinschmiedet: nnd wenn er endlich, gegen den Geist seines Systems, im inneren Staatsrecht die fürstliche vor die regierende und gesetzgebende Gewalt stellt, so konnte das Hallerisch und byzantinisch gemeint sein und gedeutet werden. Aber wer Hegel hente noch — als es in den fünsziger Jahren R. Haym that, lag die Sache anders: sein Buch „Hegel und seine Zeit" war eine Streitschrist uud eine That — wer ihn heute uoch schlechtweg des Konservatismus und Qnietismus bezichtigt, als ob er unbesehen alles Wirkliche, nur 10* 148 1800 biS I8S0: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie. ivcil eS da sei und bestehe, für vernünftig nnd somit der Erhaltung N'ert angesehen habe, der verkennt, daß jenes Wort ein Rad mit zwei Speichen ist: nur das Vernünftige ist ihm wirtlich, an der Verminst mißt sich das Existenzrecht des Bestehenden, sie hat daher Kritik zu üben und auf die UnWirklichkeit, Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit alles Unvernünftigen in Staat nnd Geschichte hinzuweisen. Hier liegt die sortschrittliche, um nicht zu sagen die revolutionäre Seite der Hegelschen Philosophie, und man sieht, wie er hier sogar der Lehre vom Naturrecht einen guten Sinn abzugewinnen vermag, wenn dasselbe nur nicht ein Zeitloses nnd Unveränderliches sein soll, sondern als jenes dritte Höhere begriffen wird, auf das in Satz und Gegensatz die Vernunft als auf ein Kommendes und zu Verwirklichendes jedesmal hinweift. Schützen aber sollte Hegel gegen einen solchen Vorwurf vor allem noch feine Geschichtsphilosophie, in die die Rechtsphilosophie ausmündet, eine großartige Theodicee, welche ans der Einsicht ruht, daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur von Gott kommt, sondern Gottes Werk selber nnd als solches vernünftig ist. Da das Wesen des Geistes Freiheit ist, so ist anch die Weltgeschichte nichts anderes als der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit und die Entwickelung des Begriffes der Freiheit. Und nun begleitet Hegel — nicht willkürlich konstruierend, sondern auf Grund des damalige» historischen Wissens diesen fortschreitenden Werdegang der Geschichte zur Freiheit von Ost nach West. Im Orient ist das Kindheitsalter der Geschichte, die Geistigkeit ist substantiell, die Einzelnen unfrei, nur Eiuer, der Herrscher srei. Das Jünglingsalter, vertreten durch die griechische Welt, ist das Reich der schönen Freiheit, wo das Subjekt natürlich eins ist mit der Substanz. Das römische Reich ist die Zeit der sauren Manuesarbeit — aus der eineu Seite die abstrakte Allgemeinheit des Imperiums, die den Einzelnen und die Völker unterjocht, und daneben auf der anderen die abstrakte persönliche Freiheit jedes Einzelnen im Recht; aber allmählich wird im Despotismus das Persönliche überwiegend, und so bereitet der Schmerz der Innerlichkeit den Boden für das Aufgehen einer höheren geistigen Welt nnd einer geistigen Befriedigung durch das Christentum vor. Die Versöhuuug nnd damit die Reali- Die Hegelsche Rechtsphilosophie, 149 sierung des wahrhaften Begriffes der Freiheit kommt durch die germanische Welt- anhebend vom Gegensatz Mischen dem geistigen Prinzip und der rohen wilden Weltlichkeit überwindet sie zuerst die Weltlichkeit, wobei jedoch das kirchliche Mittelalter von Hegel, wie übrigens auch schon in der Phänomenologie, recht 'chmarz gemalt wird. Das Prinzip der absoluten Unfreiheit ist hier in daS Prinzip der Freiheit selbst hineingebracht, eine völlige Verkehrnng findet statt. Erst mit der Renaissance kündigt sich „der Tag der Allgemeinheit an, welcher endlich nach der langen folgenreichen und furchtbaren Nacht des Mittelalters hereinbricht"; die Reformation aber ist die alles verklärende Sonne, die auf jeue Morgenröte am Ende des Mittelalters folgt: ihr Inhalt ist, das; der Mensch durch sich selbst bestimmt ist frei zu sein; die Versöhnung der Religion mit dem weltlichen Recht deS Staates, das Prinzip des freien Geistes zum Panier der Welt gemacht — das ist ihr Werk; ihr gegenüber ist „die katholische Welt in der Bildung zurückgeblieben und in größte Dumpfheit versunken". Das ist wahrhastig nicht die Sprache eiues Reaktionärs und das siud nicht die Konzeptionen einer Philosophie des Stillstandes; mit seiner Stellungnahme gegeu Mittelalter nud Katholizismus und seiner Betonung der Freiheit im Wesen der Reformation trennt sich Hegel zugleich mit Absicht uud Bewußtsein von aller romantischen Geschichtciklitteruug. Und ebensowenig dürfen wir Hegel ans jene Seite stellen, wenn >vir an Einzelheiten seiner Rechtsphilosophie denken — an das Verlangen nach Schwurgerichten oder nach Freiheit und Öffentlichkeit der landständischen Debatten, an seine Betonung der öffentlichen Meinung und ihres Wertes oder an seine Bestimmung der Aufgabe des Fürsten, die uach ihm wesentlich darin bestehen soll, daß er „seinen Namen unterschreibt, ja sagt und den Punkt auf das I setzt". Das waren 1820 sehr weitgehende liberale Forderungen, denen mau zum Teil ihre Herkunst aus einer ausgesprochenen Vorliebe für englische VersassnngSzustände anspürt, während allerdings seine Kritik der englischen Resvrmbill vom Jahr 1831 ein Ausfluß der Verstimmnng des alternden und durch die Jnlirevo- lutiou erschreckten Philosophen ist und iu ihrer Vorliebe für „die 150 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie. stille Arbeit der wissenschaftlichen Bildung und der Weisheit und Gerechtigkeitsliebe der Fürsteu" nicht eben freiheitlich auSklingt. Wenn aber sv im einzelnen die Hegclsche Rechtsphilosophie doch recht weit hinausgeht über das empirische Preußen, so bleibt sie an einem Punkte auffallend dahinter zurück — iu der Konstruktion eines besoudercu „Standes der Tapferkeit", dessen „Notwendigkeit" er zu deduzieren sich abmüht; und doch hatte er in dem preußischen Heer zu jeuer Zeit bereits „daS Volk iu Wasfeu" vor sich und hatte die Zeit erlebt, da auch nach ihm die Pflicht „alle Bürger eines Staates zn seiner Verteidigung ausruft". Hier ist also ein Punkt, wo er Wirkliches und VeruüuftigeS nicht erkannt hat, obwohl es da war, hier auch zugleich eiu Beispiel seiner „gewaltsam" konstruierenden Methode, wenn er sagt: „das Prinzip der modernen Welt, der Gedanke und das Allgemeine, habe das Feuergewehr er- snndcn, und uicht eiue zufällige Erfindung dieser Wafse habe die bloß persönliche Gestalt der Tapferkeit in die abstraktere verwandelt". Es liegen eben bei Hegel wie in jeder realistischen Staatsauffassung zweierlei Momente, das der Autorität nnd das der Freiheit, des Ganzen nnd des Einzelnen; die beiden miteinander zu vereinigen war seine Aufgabe und sein Ziel, nnd die Frage ist nur, wieweit sie vou ihm auch wirklich ausgeglichen nnd in eins gesetzt worden sind. Daß ihm die Vereinigung dieser einander entgegenstrebenden Elemente nicht durchweg gelungen ist — wo ist sie übrigens gelungen, iu der Theorie uud iu der Praxis? —, das zeigt schon äußerlich das Auseinanderfallen seiner Schule in zwei Richtungen, eine konservativ-reaktionäre nnd eine radikal-revolutionäre, wovon im nächste« Zeitabschnitt von anderem Ausgangspunkt her ausführlicher die Rede sein wird, die Partei deS Wirklichen und Historischen ans der einen, des Vernünftigen nnd Philosophischen auf der anderen Seite könnte man sie auch nennen. Einstweilen aber trug die Rechtsphilosophie ihrem Verfasser in den zwanziger Jahren die Ehre ein, als der Preußische — seiue Gegner spotteten: der königlich preußische StnatSPhilosoph angesehen zu werden. Zu seinen Füßen saßen in Berlin neben den Studenten auch die höchsten Staatsbeamten uud Offiziere, und für Anstellung namentlich ans Universitäten war es unter Alteusteiu und seiuem vortragenden Die Hegelsche Rechlsphilvsophie. 1S1 Rat Schulze, dem Freunde Hegels, mindestens eine Empfehlung, ein Anhänger dieser Philosophie zu sein; und das steigerte dann auch das Machtbewußtsein Hegels und seiner Schnle im engeren Sinn und brachte uns so eine erste große Welle jenes Cliquenwesens, das in Gelehrtenkreisen dieses Jahrhundert hindurch mir immer gewachsen ist. Hegel ist einer der ersten großen Schulhänpter und „Macher" gewesen, wie das die Maßregelung des Philosophen Beneke beweist; und auch Schopenhauers Abneigung gegen die „Philosophieprofessoren" schreibt sich daher, seine maßlosen Jnvektiven gegen den „Char- latan" und seine „Spaaßphilosophie" sind eine Art Rache auch dafür. Und auch das dürfen wir nicht verkennen, daß recht viel Scholastik und Formalismus in dieser Hegelschen Philosophie mit dem Dreitakt ihrer Methode steckt: weil sich diese so leicht lerneu und handhaben und aus alles anwenden ließ, tonnten auch uu- philosophische und sterile Kopse sie sich aueignen und sich darin zurechtfinden, und so war es bei vielen mehr Geklapper uud Jargon als Inhalt uud rege Geistigkeit. Umgekehrt aber hat man über diesem Äußerlichen nnd Normalen, mit dem sich doch nur die Fernerstehenden begnügten, die Ideen und den Geist der Hegelschen Philosophie allzusehr verkannt uud damit auch diesen allzu rasch abgethan geglaubt. Uud doch steckte Geist auch schon in jener Methode mit ihren drei Momenten, dem abstrakten, dem dialektischen und dem spekulativen. Als abstraktes geht das Denken nach Hegel ans vom Gesetz der Identität, hält an der sesten Bestimmtheit des einmal Gesetzten fest und glaubt es nun ein für allemal unterscheiden zu können. Allein ein solches starres Entweder — Oder giebt es nicht, das Bestimmte hebt sich auf, wird zum Unbestimmten, nnd so tritt der Widerspruch der Identität als das Tiesere nnd Wesenhaste gegenüber, er ist nicht bloß negativ, ein nicht sein Svllendes, sondern er ist das Prinzip aller Bewegung, und die Bewegung ist der daseiende Widerspruch selbst; der Stachel der Negation ist das Triebrad alles Fortschritts und aller Bewegung. Denn das Resultat dieser Negatiou ist kein negatives, aus Setzen und Entgegensetzen ergicbt sich das dritte spekulative Moment, ein Höheres als positives Ergebnis. Die Negation der zweiten Stufe war bestimmte Negation, und dieser bestimmte Inhalt wird zu einem ncnen Begriff, der reicher ist als 152 1800 biS 1830: Sieg der Hegelschcn Rechtsphilosophie. der Vorangehende: er enthält diesen und sein Entgegengesetztes mit, ist die höhere Einheit beider — im Werden ist Sein nnd Nichtsein „aufgehoben". Das; bei diesem Prozeß die Negation, der Widerspruch das Wichtigste ist, markiert Hegel dadurch, das? er den ganzen Gang darnach benennt — es ist die dialektische Methode. Aber für Hegel fällt Denken uud Sein zusammen, uud so ist diese Methode des Denkens uud der Logik zugleich der Gang der Sache, der reale Prozeß selbst, das Subjekt ist uur der Zuschauer, der diesem objektiven Porgang, dieser Entwickelung mit seinem Denken folgt. Möglich aber ist das, weil die Sache selbst vernüustig und Verminst ist: das ist der objektive Idealismus uud PanlogiSmuS der Hegelscheu Philosophie, in der die Logik die Lehre ist vom weltschöpferischen Logos, vou Gott, ehe er Natur wird. So ist der Begriff der Entwickelung von Hegel gefunden und soll nun aus alle Gebiete der Natur und des Geistes angewandt werden. Während er aber für die Natur uicht geuug Interesse hat und deshalb dem Reichtum ihrer vielen Formen gegenüber auf das Begreifen verzichtet, in ihnen keine Notwendigkeit, sondern nur Zufall und Zeichen der Ohnmacht deS Geistes in seinem Anderssein sieht, so hat er ihn um fo fruchtbarer gemacht für das Dasein und für die Schöpfungen deS Geistes. Indem er die großen Mächte des geistigen Lebens, Staat und Recht, Wissenschaft und Knnst, Sitte und Religion wie in ihrer Entwickelung so auch in ihrer geschichtlichen Bedeutung für das Leben der Menschheit im ganzen und iu ihrer substantiellen Bedeutung sür das geistige Leben jedes Einzelnen anerkannte und verstehen lehrte, befruchtete er unser Jahrhundert mit eiuer solchem Fülle vou Ideen, wie vor ihm uud uach ihm kein anderer Philosoph: darin steht er auch über Kaut. Das verbirgt sich, weil feiu System als System so gründlich wie kein anderes überwunden und abgetragen worden ist, aber cS verbirgt sich doch nur in dem Siuu: WnS im Leben will erstehen, Mnfj als Schule untergehen. Als man das System in Trümmer schlug, wurde der Riescn- geist, der darin steckt, entbunden und sür daS allgemeine Bewnßt- sein der Zeit freigemacht. Sprachwissenschaft, 153 Was Hegel durch seine machtvolle Auffassung vom Wesen des Staates für die Rechtsphilosophie geleistet hat, haben wir eben gehört; was seine Philosophie für die Theologie und Religionswissenschaft bedeutet und wie er die ganze schriftstellerische Produktion deS nächsten Jahrzehnts geradezu beherrscht, wird der solgende Abschnitt zeigen; in der Ästhetik braucht man nur an Fr. Th. Bischer zu eriuueru. Welche» Dieust er aber durch seiue Philosophie der Geschichte dieser geleistet hat, das wird man erst ganz richtig abzuschätzen vermögen, wenn die Hochflut der historischen Kommissionen und der lMlhistorischen Bereine wieder einmal abgelaufen ist nnd man einsieht, daß doch noch wichtiger als die Kenntnis aller der kleinen Manlwnrfshügel eines betriebsamen GelehrtenfleiszeS die Erkenntnis von jener gewaltige» Gebirgskette ist, die eigentlich Geschichte heißt nnd die in Wirklichkeit das lebendige Kleid d'er Gottheit ist, an dem die Menschheit gewoben hat und weben wird, solange sie war und ist und sein wird. Und wenn wir uns endlich erinnern, daß auch der wissenschaftliche Socialismus unserer Tage mit Waffen kämpft, die ihm die Hegelsche Dialektik und Geschichtsnnfsassnng zurecht geschmiedet hat, so werdeu wir das Märchen von dem reaktionären Hegel endlich definitiv Preisgeben können und stauueud stehen ob solcher Vielseitigkeit und Wirkung ins Weite; und vielleicht dürfen wir sogar hoffen, daß seine Zeit noch einmal und dann wohl erst recht kommen wird; die eben beginnende Darstellung von Hegels Leben, Werken und Lehre durch Kuno Fischer wird dazu gewiß ein gut Teil beitrage». S p r a ch wisse n s ch aft.' Schoit die nächsten Schicksale der Hegelschen Philosophie, wie durch den Kampf unterhalb der Schule der an die Form gefesselte Geist entbunden, die Schule auseinandergesprengt und das System vernichtet wurde, gehören in die solgende Periode. Aber davon innß doch hier noch die Rede sein, daß sie als Lehre vom Geist und seinen objektiven Erscheinungsformen nnd als Befrachtung der GeisteStvisseitschasteu iu ihrer Zeit nicht allein steht. Der Nen- humauiSmus nnd die Romantik sind die Wurzeln dieses geisterfüllten Systems, und diese beiden haben unabhängig von Hegel und noch, 154 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie, bevor seine große Zeit kam, sich angeschickt, wie das Recht so noch eine andere von jenen Erscheinungsformen nnd Schöpfungen des menschlichen Geistes wissenschaftlich zn erkennen nnd historisch zu begreifen — die Sprache. So nimmt nnter den Händen der Neuhumanisten die klassische Philologie eiucn ueuen Aufschwuug, und aus der Romantik heraus entsteht als neuer Zweig der Sprach- wisseuschaft die Germanistik; begriffen aber wird jene als ein Teil der Altertumswissenschaft überhaupt, und diese findet in der deutschen Litteraturgeschichte ihren Stützpunkt und ihren Zweck, schließt übrigens nach Jakob Grimms Absicht anch die Arbeit des Historikers nnd des Juristen in sich. Am umfassendsten und tiefsten geht Wilhelm von Humboldt zu Werk: er strebte immer und überall znm Ganzen, was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, wollte er in seinem innern Selbst genießen; und daher drängte es ihn, über Mann und Weib, über Griechen und Deutsche hinaus zum Menschen zn kommen. In den Phrenäen regten um die Wende des Jahrhunderts die Basken durch ihre sprachliche Sonderexistenz seine linguistischen Interessen an und damit erhielten seine Studien ihre entscheidende Richtung; aber nicht so als ob er damit den Plan den Menschen zu studieren ausgegeben oder auch mir verengt hätte; an der Sprache das Volkstum zu erfassen, das war für ihn der Weg ins Weite uud zum Ganzen; Humboldt blieb Menschenforscher, indem er Sprachforscher wurde. Durch seiueu Bruder wurde er mit den amerikanischen Sprachen bekannt, das Sanskrit machte auch bei ihm Epoche, so wurde er ein Meister der Sprachwissenschaft. Zwar haftet seiner gelehrten Produktion — ich sage nicht: seinem Wissen — immer etwas vom Dilettanten an: er schreibt wie ein granä seiAnsar — darin erinnert er an Bacon und dessen sreilich andersartige Ai-i-näsur —, gewissermaßen monologisch nur für fich, unbekümmert, ob feine Gedanken so wie sie lauseu sich einsngen in ein Ganzes seiner Wissenschaft. Aber als Forscher wird er darum doch von den Linguisten als ein Zünftiger anerkannt. Dabei mochte er aber den Philosophen nicht verleugnen; und wirklich verträgt ja anch die Sprache, ans der Grenze zweier Welten, der inner-pshchologischen nnd der äußer-physiologischen, Natur- und Geistesvrodnkt zugleich, Sprachwissenschaft. 155 neben der exakt-empirischen eine philosophische Behandlung, ja fordert sie geradezu. Dnrch diese Verbindung zweier Vehandlungsweisen erscheint uuter deu zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten Humboldts ganz besonders gelungen nnd bewuuderuswert die auch formell volleudetste Abhandlung über „die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues uud ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts". Was er hier über den in der geistigen Natur des Menschen begründeten Ursprung und über das die zweifache Natur des Menschen vermittelnde Wesen der Sprache oder über Lautsystem und innere Sprachsorm oder über die Klassifikation der Sprachen sagt, das hat noch heute vielfach volle Geltung. Überall zeigt er sich hier als glücklicher Nachfolger Herders: ideenreich nnd feinfühlig, ins Weite spürend und in die Tiefe dringend wie dieser überragt er ihn bei weitem an Klarheit der Gedanken und mehr noch durch eine wahrhast staunenswerte Fülle positiven Wissens. Und anch bei ihm werden die Gedanken über die Sprache, die er einmal als den Odem nnd die Seele eines Volkes bezeichnet hat, zugleich Ideen zn einer Philosophie der Geschichte der Menschheit. August Friedrich Wolf war auch für Humboldt wie für so viele eiu Führer gewesen zur Teilnahme an der geistigen Bewegung des Neuhumanismus; aber auch dieser, der in Wols seinen gelehrten Meister fand, verdankte Humboldt die feinsten und tiefsten Anregungen, den Philosophischen und ästhetischen Gedankcnhintergrund. In seiuer „Darstellung der Altertumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Wert" vom Jahre 1807 hat Wolf Stellen aus einer Humboldtschen Skizze über die Griechen eingefügt. Diese Abhandlung eröffnete eine mit Bnttmann ins Leben gerufene Zeitschrift „Musenm der Altertumswissenschaft", die Goethe, „dem Kenner und Darsteller deS griechischen Geistes", gewidmet war. Dieses Programm der moderueu AltcrtumSwisseuschast begründete das Recht derselben mit der Ursprünglichkeit und eigenartigen Ent- wickeluug der beiden Völker, mit deren GeisteSschöpfnngen sie sich zu beschäftigen habe; so ist sie der Inbegriff der Kenntnisse und Nachrichten, die nnS mit ihren Handlungen, Zuständen und Schicksalen, mit ihrer Äultur, Sprache, Sitte, Religion, Kunst und 156 1800 bis 1860: Sieg der Hcgelschen Rechtsphilosophie, Wissenschaft, ihrem Nationalcharakter und ihrer Denkart bekannt machen und die unS in erster Linie durch ihre Sprachdenkmale, aber auch durch sonstige Überbleibsel iu Stein und Erz vermittelt siud. Und darum sei das Ziel „die Kenntnis der altertümlichen Menschheit selbst, welche Kenntnis aus der durch das Studium der alten Überreste bedingten Betrachtung einer organisch entwickelten bedeutungsvollen Nationalbildung hervorgeht"; ihr Wert aber bestehe in der „Besörderuug rein menschlicher Bildung uud Erhöhung aller Geistes- nnd Gemütskräfte zu eiuer schonen Harmonie deS inneren und äußeren Menschen". Es war dasselbe, was der gelegentlich so übel von Wols behandelte Herder ähnlich so bereits sormnliert hatte, nur daß es hier im Munde eines Meisters vom Fach, der für diese Kenntnis der „altertümlichen Menschheit" im einzelnen so Großes leistete, doch noch wirkungsvoller und klarer klang. Bei der Gründung der Berliner Uuiversität wurde Wolf als eine der Hauptzierden der neuen Hochschule gewonnen; aber seine große Zeit lag bereits hinter ihm; „ein wenig in einer Art Müßiggang verwildert" stand er hinfort mehr nörgelnd als fördernd znr Seite; doch was er in Halle so groß begonnen, das hielten seine Schüler Heindorf, Bekker und Vöckh in Berlin fest und führten es in seinem Geiste weiter. Der letztgenannte hat durch sein großes Werk über „dieStaatShanshaltung der Athener", worin er ein so umfassendes und anschauliches Bild von dem wirtschaftlichen Leben dieses „größten nnd edelsten aller hellenischen Staaten" entwirst, die historische Aufgabe der Philologie sicher erfaßt und energisch gefördert. Indem er sich damit an die Spitze der Sachphilologen stellte, geriet er mit Gottsried Hermann in Konflikt: auch dieser war eiu neuhumanistischer Philologe, aber die sprachliche Seite der Altertumswissenschaft stand ihm doch so sehr im Vordergrund, daß ihm von der Gegenpartei Vernachlässigung des realen Teiles derselben und einseitige „Notcngelehrsamkeit" zum Vorwurf gemacht werden konute: Grammatik und Metrik waren seine hauptsächlichsten Arbeitsgebiete. Dabei fehlte eS ihm aber nicht an warmer Begeisterung für die Alten, die von ihm begründete „griechische Gesellschaft" in Leipzig zeigt auch ihn unter den Vorkämpfern nnd Verehrern des Gricchcntnms; nur bewahrte er dabei feinen an Kant Sprachwissenschaft. 157 gebildeten und in der Auslegung der alten Schriftsteller bewährten methodologischen Kriticismns nnd allem neu humanistischen Überschwang gegenüber eine gewisse rationalistische Nerstandeskühle. Böckh hatte sein Werk über die Staatshaushaltung der Athener Niebuhr gewidmet, „dem scharssinnigen nnd großherzigen Kenner des Altertums"; denn auch dessen gelehrte Arbeit galt der Erforschung der „altertiimlichen Menschheit". Aber Nicbnhr war auch noch anderes, er war Staatsmann und preußischer Patriot, er war ein großer Mensch und ein sittlicher Charakter. Der Haß gegen Napoleon gab ihm ein, die erste philippische Rede des Demosthenes zn übersetzen, nm vor diesem größeren und gefährlicheren Philipp zn warnen; dem Staatsmann rückte Staat nnd Politik in den Mittelpunkt auch seiner gelehrten Arbeit, so wnrde er mit Notwendigkeit Historiker; und an keinem Volke ließ sich in den Zeiten der Not den Deutschen der Wert des Staates klarer vor die Augeu führen, als an dem römischen, dessen große Leistungen im Gegensatz zu den Griechen aus dem staatlich-Politischen Gebiete lagen. So entstand seine römische Geschichte, deren erster Band im Jahre 1811 erschienen ist. Während Wols die Geschichte wesentlich „als Dienstmagd sür die Erklärung der Schriftsteller" ansah, drehte Niebuhr das Verhältnis geradezu um; nicht die Quellen sind ihm die Hauptsache, sondern das positive Bild, das er aus ihnen mit Hilse seines historischen Blicks, seines in eigener staatsmännischer Arbeit geschärften Urteils und einer dnrch Verstand gezügelten und geleiteten Phantasie gewinnt. Demgemäß bestimmt er seine Ausgabe in der Vorrede zum ersten Band seiner römischen Geschichte: „Die Geschichte der ersten vier Jahrhunderte Roms ist anerkannt ungewiß nnd verfälscht. Es wäre sehr thöricht, deswegen Livius zn tadeln, daß er sie dennoch, wenige Zweifel ausgenommen, als rein historisch dargestellt hat; die Vortrefflichkeit seiner Erzählung macht seine Rechtsertiguug, und auch in dieser Hinsicht war es sehr richtig, ihn mit Hervdot zu vergleichen. Wir aber haben eine andere Ansicht der Historie, andere Forderungen; und wir müssen es entweder nicht unternehmen, die älteste Geschichte Roms zu schreiben, oder eine > ganz andere Arbeit unternehmen als eine notwendig mißlingende Nacherzählung dessen, was der römische Historiker zum 158 1800 bis 1830: Sieg der Hcgelschen Rechtsphilosophie. Glauben der Geschichte erhob. Wir müssen nns bemühen, Gedicht und Verfälschung zn scheiden nnd den Blick anstrengen, um die Züge der Wahrheit, besreit vou jeueu Übertünchnngen, zn erkennen. Jenes, die Trennung der Fabel, die Zerstörung des'Betruges, mag dem Kritiker genügen- er will nur eine täuschende Geschichte enthüllen, und er ist zufrieden, einzelne Vermntnngen aufzustellen, während der größere Teil des Ganzen in Trümmern bleibt. Der Historiker aber bedarf Positives; er muß wenigstens mit Wahrscheinlichkeit Zusammenhang und eine glaublichere Erzählung au der Stelle derjenigen entdecken, welche er seiner Überzeugung aufopfert." Was Niebnhr für die Geschichte geweseu ist, das hat wohl keiner besser zn würdigen gewußt als sein Nachfolger in der Bearbeitung der älteren römischen Geschichte, Schwegler. Neidlos erkennt er an, daß „Niebuhrs Werk der Behandlung der Geschichte des Altertums eiueu gauz nenen Charakter verliehen, ein höheres Ideal von Geschichtschreibung aufgebracht und an einem Musterbeispiel dargestellt, ebeu hierdurch aber auch eiueu unermeßlicheu Umschwung in allen Forschungen über römisches Altertum herbeigeführt" habe. Wie es aber auch über die Kreise der Altertumswissenschaft hiuauS gewirkt hat, bezeugt Goethe, weuu er uach Niebuhrs' Tode sagt: „so eiues Maunes tiefer Sinn und emsige Weise ist eigentlich das, was uns anserbant. Die sämtlichen Ackergesetze gehen mich eigentlich gar nichts an, aber die Art, wie er sie aufklärt, wie er mir die komplizierten Verhältnisse deutlich macht, das ist's, was mich fördert, was mir die Pflicht auferlegt, in den Geschäften, die ich übernehme, auf gleiche gewissenhafte Weise zu verfahren." Endlich sei hier noch erwähnt, daß anch die Romantik auf die klassische Philologie Einfluß gewann — in Heidelberg, wo Georg Friedrich Creuzer sich von ihr für seine mythologischen Studien die Wege weisen lassen wollte. Seine „Symbolik und Mythologie der alteu Völker, besonders der Griechen" erwies diesen Weg freilich als einen Irrweg, indem er nach Rohdes treffender Charakterisierung „das für den wahren Lebenstrieb ältester Religion nahm — ein phantastisches, halb philosophisches Begriffsspiel, das sich in sinnfälligen Symbolen mit Bewußtsein nur halb kundgäbe—, Sprachwissenschaft, 159 was in Wahrheit in alte Religion, die griechische znmal, erst spät als deren Todesleim eintrat: ein solcher Irrtum war ihm nur möglich, weil ihm eine unbesangene Ersassung der geschichtlichen Entwickelung, eine ungefärbte und unverschobene Erkenntnis dessen, wie es eigentlich gewesen, durch Anlage uud Bildung sehr erschwert", mit einein Worte also, weil er zuviel — Romantiker war. Schädigte aber hier die Romantik die Arbeit des Gelehrten,, solHat sie umgekehrt auf dem Gebiet der germanischen Philologie nicht nur befruchtend gewirkt, sondern dieselbe als Wissenschaft direkt begründet nnd aus sich hervorgehen lassen. Die Freude am Mittelalter und die Tendenz es zu „retten" nnd zu verherrlichen führte sie wie zum Interesse an der altdeutschen Malerschule und an der Entwickelung des deutschen Rechts so auch zum Studium der mittelalterlichen Poesie. Zum Vorgänger hatte sie auch hier wieder Herder, auf das Nibelungenlied hatte besonders der Geschichtschreiber Johannes von Müller hingewiesen. Und nun griff zuerst Tieck nach den Volksbüchern und modernisierte die Minneliedcr aus dem schwäbischeu Zeitalter; das Wichtigste aber leistete August Wilhelm Schlegel in seinen Berliner Vorlesungen, in denen er der mittelalterlichen Dichtung ihre Stelle anwies in dem Gesamtrahmen einer umfassenden Litteraturgeschichte und das Nibelungenlied als ein Wunderwerk der Natur und als ein erhabenes Werk der Kunst zugleich mit den Homerischen Epen in Parallele setzte; wahrhaft Prophetisch sind die Worte, in deueu diese Darlegungen ausklingen: „wenn es überhaupt noch gelingen mag, unsere Nationatmythologie zu erneuern, so können aus dieser Einen epischen Tragödie eine Menge enger beschränkte dramatische entwickelt werden: nachdem wir lange genug in allen Weltteilen umhergeschweift, follteu wir endlich einmal anfangen, eiuheimische Dichtung zu benutzen". Unter dem Eindruck dieser Vorlesungen entschloß sich v. d. Hagen zur Herausgabe des Nibelungenliedes. Eine zweite weiter vorgeschobene Etappe bildeten sodann die Heidelberger Romantiker, von denen Arnim und Brentano „Des Knaben Wunderhorn", Joseph Görres „teutsche Volksbücher" Herausgaben. Ihnen folgten die Gebrüder Grimm mit ihrer Sammluug von Kinder- und Hausmürcheu und deutschen Sagen. Allein bei 160 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie, ihnen hat sich Absicht nnd Methode bereits geändert und sich über das Dilettantische jener ersten Angaben nnd Samiuluugen weit hinausgehoben. Dieses Unterschiedes von seinen romantischen Freunden ist sich Jakob dnrchans bewuszt, wenn er über Des Knaben Wnnder- horn schreibt: „Die Auswahl ist gcwis; vortrefflich, die Verkuüpsung geistreich, die Erscheinung für das Publikum angenehm nnd willkommen, aber warnm mögen sie fast nichts thun als kompilieren nnd die alten Sachen znrecht inachen? Sie wollen nichts von einer historischeu genauen Untersuchung wissen, sie lassen das Alte nicht als Altes stehe», sondern wollen es durchaus iu unsere Zeit verpflanzen, wohin es an sich nicht mehr gehört, mir von einer bald ermüdeten Zahl von Liebhabern wird es ausgenominen. So wenig sich fremde edeie Tiere aus einem natürlichen Boden in einen anderen verbreiten lassen, ohne zn leiden und zu sterben, so wenig kann die Herrlichkeit alter Poesie wieder allgemeiu ausleben, d. h. poetisch; allein historisch kann sie unberührt geuosseu werden." Wohl haben auch sie die Märchen allgemein wieder aufleben lassen nnd ihrem Volk ein Buch geschenkt, das, ein rechtes Volksbnch, Alt uud Juug vertraut und lieb geworden ist. Allein ihr Absehen war nnd wurde immer mehr das historisch-gelehrte, hier lag auch die Berechtigung ihrer „Andacht znm Unbedeutenden", worin sich doch nur, neben ihrem allem Blendenden abholden Wesen, die Gewissenhastigkeit des Forschers, die Trene im Kleinen uud die Achtsamkeit auch aus das scheinbar Gcringsügige manifestiert. Und wenu auch sie der romantischen Doktrin ihren Tribut entrichteten, indem sie das Wort „Volkspoesie" überspannten und vom Volkslied bebaupteteu, es dichte sozusagen sich selber, so lag dem auch wieder ihre Stärke zu Gruude, das seine, spürende Verständnis für das Volkstümliche nnd für das unbewußte Leben nnd Weben in der Volksseele, für das Wesen von Sage und Mythus und für die Poesie auch im Recht. Zur strengen Wissenschaft aber erhob fich ihr Arbeiten nnd damit die Arbeit der Germanistik erst, als Jakob Grimm dnrch seine deutsche Grammatik den sesten Grnnd legte, auf dem hinfort streng wissenschaftlich weiter gebaut werden konnte. Das Bnch ift Savigny gewidmet: was dieser dem Recht war, wollte Grimm der Sprache Sprachwissenschaft. 161 werde», von der es in der Porrede ganz romantisch und fein psychologisch heißt, sie sei „gleich allein Natürlichen und Sittlichen ein unvermerktes, unbewußtes GeheimuiS, welches sich in der Jngend einpflanze uud uusere Sprechwerkzcuge für die eigentümlichen vaterländischen Töne, Biegungen, Wendungen, Härten oder Weichen bestimme, und auf diesem Eindruck beruhe dann jenes unvertilgliche, sehnsüchtige Gefühl, das jeden Menschen befällt, dem in der Fremde seine Sprache und Mundart zu Ohreu schallt". Polemisch wendet er sich hier gegeu die unsägliche Pedanterie, in deutschen Schulen deutsche Grammatik zu lehren und gegen die gewaltthätig? Sprachreinigung der Puristen, die alles Fremde bis auf die letzte Zaser aus der deutscheu Sprache gestoßen wissen nnd künstlich Wohllaut nnd Wortreichtum vermehren wollen; nnd ebenso bekämpft er sowohl die philosophische als die kritische Richtung des Sprachstudiums. Ihnen stellt er seinen Plan, eine historische Grammatik der deutschen Sprache zu gebeu, gegenüber: „Spuren, die noch in unserer jetzigen Sprache trümmerhast und gleichsam versteint stehen, wurden mir allmählich deutlich und die Übergänge gelöst, wenn das Neue sich zu dem Mitteln reihen konnte nnd das Mittete dem Alten die Hand bot; zugleich aber zeigten sich die überraschendsten Ähnlichkeiten zwischen 'allen verschwisterten Mundarten uud noch gauz übcrseheue Verhältnisse ihrer Abweichungen"; und so galt es nun, diese fortschreitende unaufhörliche Nerbindnng bis ins Einzelnste zu ergründen und darzustellen; denn „der Gang der Sprache ist langsam, aber uuaushaltbnr wie der der Natur; stillstehen kann sie eigentlich niemals, noch weniger zurückschreiten". In diesem Geist hat er sein Werk gehalten und den Gedanken darin durchgeführt, daß auch in der Grammatik „die Unverletzlichkeit und Notwendigkeit der Geschichte anerkannt werden müsse". Damit hat er wirklich in unser deutsches Altertum Bahu gebrochen und der Wissenschaft von demselben das Fundament gegebeu. Uud uun begann fröhlich die große und fruchtbare Arbeit der Germanisten, von der unser ganzes Jahrhundert erfüllt ist. Zu gute kam ihr gleich zu Anfang die Bnndesgenosfenschaft mit der klassischen Philologie, deren Schulung und Methode ihr Lachmann für Kritik nnd Textbchandlnng zuführte. Was Wolf in seinen Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des 13. Jahrh. 11 162 1800 bis 1830: Sieg der Hegelschen Rechtsphilosophie, Prolegomena zum Homer vom griechischen Epos gelehrt hatte, das übertrug Lachmaun auf das Nibelungenlied. Schou A. W. Schlegel hatte unter Berufung auf Wolf behauptet, dieses sei. für Einen Menschen zu groß und es für das Werk der gesamten Kraft seines Zeitalters erklärt: nun sucht Lachmann zu erweisen, daß es aus einer noch erkennbaren Zusammenstellung einzelner romauzeuartiger Lieder entstanden sei, nnd hält eS sogar für möglich, diese Lieder aus dem Znsammenhang zu losen uud in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen. Mit letzterem hat er sicher uurecht, mit ersterem schwerlich recht gehabt; aber darum bleiben seine Verdienste um Text und Kritik des Nibelungenliedes und anderer Hauptwerke der mittelalterlichen Litteratur uud um die Art, wie hinfort auch hier streng philologisch gearbeitet wnrde, denuoch bestehen. Daß es aber unter deu Germanisten auch nie an deutschen Dichtern gefehlt hat, die neben der strengen Methode das kongeniale Verständnis für ihres Volkes Dichterart besaßen — ich nenne nur Uhland und Hoffmann von Fallersleben —, das hat dieser Wissenschaft ihre Frische nnd die Fühluug mit dem Volk und seinen Gebildeten bewahrt bis zum heutigen Tag. Ihr Verdienst aber bleibt der große Beitrag an nationaler Gesinnung, die sie durch die Beschäftigung mit all dem Großen und Herrlichen in unserer Sprache und Dichtung in ihren Jüngern uud durch sie in der gebildeten Jngend unseres Volkes überhaupt groß gezogen hat. Aber auch der durch Herder in sie gelegte universale Zng der Romantik kam der Sprachwissenschaft zu gut. Friedrich Schlegel war es, der in Paris ans das Indische aufmerksam wnrde uud durch seine kleineSchrift „über dicSprache uud Weisheit derJudier" inDeutschland den Austoß gab zum Studium des SnnSkrit, dessen Verwandtschaft mit anderen indogermanischen Sprachen er mit sicherem Blick erkannte, wenn er sie auch mir dilettantisch begründete. Sein Bruder August Wilhelm solgte ihm auf diesem neueu Wege. Noch vor ihm aber wandte Franz Bopp seine streng methodische Arbeit der Sanskritgrammatik zn und wnrde so der Begründer einer neueu Disciplin, der allgemeinen vergleichenden Sprachwissenschaft. Den Zusammenhang dieser Studien mit der Germanistik bezeugt schou Jakob Grimm in seiner Grammatik: „Aufschlüsse, heißt es hier, Sprachwissenschaft. 163 wozu uns die allmählich wachsende Bekanntschaft mit der reinsten, ursprünglichsten aller dieser Sprachen, nämlich dem Sanskrit, berechtigt, erscheinen als Schlußstein der ganzen Untersuchung überhaupt; und — fügt er hinzu — sie hätten keinen besseren Händen anvertraut werden können als denen unseres Landsmannes Bopp." Die dichterische Weihe aber erhielt dieser Universalismus durch Goethes westöstlichen Divan, seinen Gedankenhintergrund und seine begriffliche Rechtfertigung durch das weltumfassende System Hegels nnd seine Philosophie der Geschichte. So schließt sich der Ring. Wir aber verlassen damit diese erste Periode deutschen Geisteslebens. Manches von dem hier Berichteten findet Erfüllung und Abschluß erst in späterer Zeit, wie umgekehrt die Anfänge anderer Entwickelungen schon in die zwanziger Jahre fallen oder gar noch weiter zurückreichen; da sie aber erst durch ihren weiteren Verlauf Richtung nnd Art deutlicher erkennen lassen, versparen wir sie auf später und wenden uns jetzt dem folgenden Zeitabschnitt zu, ohne doch mit dem ersten schon ganz fertig zu sein. 11* II, Mo bis )§4§. Sechstes Kapitel. Das junge Deutschland. Die Julircvolntion. Vor mir liegt die Photographie eines Bildes von Karl Begas aus der Zeit kurz nach den Befreiungskriegen, die ich der Güte des Direktors des Wallraf-Museums in Köln verdanke. Es ist ein Familienbild. Vater und Mntter stammen noch ans dem achtzehnten Jahrhundert, es siud geisteshelle, praktisch tüchtige Menschen; ob mehr aufgeklärter Familiendespotismus oder etwas vom kategorischen Imperativ Kauts in der energischen, straffen Männergestalt steckt, wage ich nicht zn entscheiden. Die zwei älteren Töchter haben Schiller und Goethe gelesen, ich möchte annehmen mehr Schiller, die eine jedenfalls schwärmt sür Thekla nnd singt „Des Mädchens Klage" znr Laute, ohue sich jedoch mit dem allzu sentimentalen Schmerz dieses Mägdleins zu identifizieren. Moderner ist die dritte Tochter, d. h. sie ist sromm und ernst, wie es die Jahre waren, in denen sie die Augeu des Bewußtseins erstmals aufschlug. Die beiden Jungen aber mit den offenen Hemdkragen und den frischen Gesichtern, die wachsen vollends hinein in diese neue Zeit der „teutschen" Jugend mit ihrer Begeisterung sür Vaterland uud Freiheit und versprechen einmal wackere Glieder der Burscheuschast zu werden, wenn diese bis dahin nicht aufgehoben ist. Über dem Gauzeu aber schwebt der Geist ruhigen Behagens, tüchtigen Arbeitens, ehrenfesten Lebens, so einfach und schlicht wie ihre Kleidung sind auch diese Menschen, so anspruchslos wie die Einrichtung des Zimmers und so harmonisch wie sie ist auch der Geist dieser Familie. 168 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. Und so war die deutsche Welt nach den Befreiungskriegen überhaupt, so voll innerer Tüchtigkeit und Kraft, so voll Freude am Schönste» und Besten, was der deutsche Geist bereits geschaffen hatte und was er weiterhin erhoffte und erstrebte. Aber mit diesem Volk haben die deutschen Regierungen nichts anzufangen gewußt, sie haben es hineingetrieben in Opposition und schließlich in Revolution, es ist ein Jammer. Dieser Umschwung kommt jetzt. Lange vorbereitet uud doch wie mit einem Schlag wird die Welt eine andere: Hast und Unruhe, Gäruug und Kritik, kecker Witz und bitterböse Satire tritt uns von nun an überall und in allerlei Formen entgegen. Den Einschnitt dafür bildet die Julirevolution in Frankreich, deren Flammen schon jetzt auch nach Deutschland herüber zu schlagen drohen, wie achtzehn Jahre später die der Februarrevolution es wirklich gethan haben. Noch war es zu diesem Äußersten zu srüh. Mau weiß, wie gleichgültig die Sache den sreilich immer unpolitischen und nun auch schon eiuuildnchtzigjährigeu Goethe ließ. Als Ecker- Mann am 2. August zu ihm kam, rief er ihm entgegen: „Nun, was denken Sie von dieser großen Begebenheit? Der Vulkan ist zum Ausbruch gekommen; alles steht in Flammen;" aber er meinte damit nicht die Revolution und den Sturz der Bourbonen, sondern „ganz andere Dinge. Ich rede vvn dem in der Akademie zum öffentlichen Ausbruch gekvmmeneu, sür die Wissenschaft sv höchst bedeutimgsvolleu Streit zwischen Cuvier und Geosfroy de Saint- Hilaire". In ihm sah er den Sieg der synthetischen über die analytische BeHandlungsweise der Natur, den Sieg des Geistes über die Materie auch in der Naturforschung, uud das erschien ihm wichtiger als alle Politik. Bei anderen politischeren Naturen wie Hegel oder Niebuhr war dagegen der Eindruck ein großer, aber entschieden schreckhast. Der erstere schreibt uoch im Dezember 1830: „Gegenwärtig hat daS ungeheuere politische Interesse alle anderen verschlungen — eine Krise, in der alles, was sonst gegolten, problematisch gemacht zu werden scheint"; und noch düsterer sieht Niebnhr die Sache an: „daß wir namentlich in Deutschland im Fluge der Barbarei zueilen, ist meine seste Überzeugung, und sehr viel besser steht es iu Frankreich nicht. Daß uns auch Verheerung droht, wie Die Julirevolutimi. 169 vor zweihundert Jahren, das ist mir leider ebenso klar, und das Ende vom Liede wird Despotismus ans den Ruinen. Um fünfzig Jahre uud wahrscheinlich weit früher, wird iu ganz Enropa, wenigstens aus dem festen Lande, keine Spur von freien Institutionen uud von Preßsreiheit sein." Thatsächlich kam es sreilich zunächst nur zur Vertreibung des jammervollen Diamautenherzogs vou Braunschweig uud zu Unruhen in Sachsen, Hessen-Kassel und Altenburg. Fast bedeutungsvoller für das geistige Leben als diese wirklichen Revolutionen im kleinen wurden zwei Jahre später die revolutionären Reden auf dem Ham- bacher Fest am 27. Mai 1832, iu denen sich die Gärung und der Radikalisinus Süddeutschlands Luft machte, und dann im folgenden Jahre jener kopflose Frankfurter Putsch, der wieder viele deutsche Studenten um Freiheit uud Lebensmut brachte — man denke an Fritz Reuter uud seine „Festungstid" — und der Reaktion anss neue deu Porwand gab zu Demagogeuversolguugeu und Polizeimaßregeln. Dieselbe zeigt jetzt derbere und bestimmtere Züge: die Preß- und Versammlungsfreiheit wird beschränkt oder beseitigt, und gar vielen bleibt unter ihren festen Griffen nur die Wahl zwischen Einkerkerung oder Exil. Andere werfen an jeder politischen Wirksamkeit verzweifelnd die Flinte ins Korn, so 1839 selbst Uhland, dem die württembergische Regierung 1833 den Urlaub zum Eintritt in den Landtag versagt uud darauf die erbetene Entlassung aus dem akademischem Lehramt „sehr gerne" gemährt hatte. Aber es hals doch nichts, der Geist ließ sich nicht bannen, es war doch anders geworden in der Welt durch die Julirevolutiou, die Luft war Heller und freier, das Leben im ganzen mutet uns moderner an. Auf dem Wartburgseste des Jahres 1817 klang noch alles so rührend weltfremd, da tränmte man romantisch von der blauen Blume der Einheit und der Freiheit, da ging man in die Kirche und zum Abeudmahl, da flatterten die blonden Lockeu uoch gar jugendlich uud große weiße Krageu legten sich sast jungfräulich keusch über deu schwarzen Sammet der altdeutschen Röcke — die christgermauische Romantik führte hier daS Wort. Dagegen auf dem Hambacher Fest eiu demokratischer Liberalismus, ein immer bitterer werdender Radikalismus uud, wiewohl das Auge von der 170 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. Hardt hinüberschweifte über den Rhein zn der romantischen Ruine von Altheidelberg, eine durchaus realistische Anschauungsweise. Auch jetzt wieder erfüllte der Gedanke der Wiedergeburt des Vaterlands, der Befreiung nnd Wiedervereinigung Deutschlands die Herzen der Feiernden. Aber wild klangen Siebenpfeiffers Worte von dem deutschen Volk, das zürnend die Locken schüttle und dem Meineid seiner Fürsten drohe, zornig die Anssordernng an das Volk, die Freiheit nicht erdrosseln zu lassen von den Mörderhänden der Aristokraten, sondern nachdem die Fürsten es an den Abgrnnd geführt, das heilige Werk ohne sie zu vollbringen; und auch weltbürgerlich genug klang die Rede dieses liberalen Führers aus, neben dem Hoch ans das freie, einige Deutschland in ein Lebehoch auf die Polen als der Deutschen Verbündete und auf die Franken als der Deutscheu Brüder. Allein vorsichtig setzte doch schon er dem letzteren hinzu: „die unsere Nationalität und Selbständigkeit achten"; und Wirth erklärte ausdrücklich: „selbst die Freiheit dars auf Kosten der Integrität unseres Gebietes nicht erkauft werden; der Kampf um unser Vaterland und unsere Freiheit muß ohne fremde Einmischung durch unsere eigene Kraft von innen heraus geführt werden, und die Patrioten müssen in dem Augenblicke, wo fremde Einmischung stattfindet, die Opposition gegen die inneren Verräter suspendieren und das Gesamtvolk gegen den äußeren Feind zu den Waffen rufen." So war das Fremdbürgerliche doch' nnr Verbrämung und Ornament, das Herz schlug auch bei diesen radikalste»: Liberalen im Süden in erster Linie deutsch. Sie wollten nach wie vor das Richtige, nur hatte sie die Ungeduld uud die Empörung über das ewige Versagen und die Reaktion nachgerade leidenschaftlich gemacht und der Bewegung einen revolutionären Charakter gegeben. Allein noch beschränkte sich diese auf Redeu; erst kam an die Reihe — es ist das bezeichnend für den deutschen Geist — die litterarische und philosophische Schilderhebung, ehe sie anno 1848 auch politisch wurde und zur Revolution sührte; eine Periode der Kritik geht dem Versuch voran, die Gedaukeu in Thaten umzusetzen. Und so gliedert sich diese Periode ganz von selbst in die drei Abschnitte vom jungen Deutschland, von der religiösen Bewegung durch die Hegelsche Linke und von der Vorbereitung auf die Revo- Die Litteratur bis zu Goethes Tod. 171 lution unter, um nicht zu sagen: durch Friedrich Wilhelm IV. Dem jungen Deutschland aber gebührt dabei sachlich und chronologisch der Vortritt. Die Litteratur bis zu Goethes Tod. In der poetischen Litteratur beherrschte die Romantik die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts in Deutschland, Mährend Goethe — immer sui Zensris — damals vielmehr eine europäische, ja geradezu eine „westöstliche" Stellung einnahm. Dabei erscheint die Romantik in wechselnden Gestalten nnd verschiedenen Formen. Nach der Zerstreuung des Jenenser Kreises bildete sich ein ueues Centrum in Heidelberg, von dem die Erneuerung unserer mittelalterlichen Poesie ausging: 1806 beginnen Arnim und Brentano mit der Sammlung deutscher Volkslieder in „des Knaben Wnnderhorn", 1807 macht sich v. d. Hagen an die Herausgabe des Nibelungenliedes, und 1808 suchen sie sich in der Einsiedlerzeituug ein ueues Schnlorgan zu schasfeu. Daun kommen die Freiheitsdichter, unter denen noch vor dem Ausbruch des Kriegs Heinrich von Kleist mit seinem Haß- und Rachedrama den ersten Platz einnimmt, Theodor Körner „ein Sänger und Held" der populärste, Erust Moritz Arudt der markigste und wirkungsvollste war. Die große und dauernde Wirkung auf sein Volk hat dieser letztere freilich vor allem durch seine prosaischen Schriften ausgeübt, denen Freytag mit Recht „die starke, treibende Kraft, die hohe Wahrhaftigkeit, die rücksichtslose Tapferkeit und neben dem trotzigen Zorn gegen die Bösen die warme, wohlthuende Liebe zum Vaterland, zu allem Guten und Großen" nachrühmt; sein „Geist der Zeit" stellt sich an Wucht uud Kraft neben Fichtes Reden an die deutsche Nation und war um so viel volkstümlicher, als er weniger tief und schwerverständlich war. Darauf folgen die Schwaben, deren Poesie, sern von Cliquenwesen und Schulebilden uud fern auch von aller Berührung mit dem Berlinerischen Geistreichthnn, weitaus die gesundeste und kräftigste Form der Romautik repräsentiert. Sie gehören zusammen, ohne eine Schule zu sein; persönliche Freundschaft, ähnliche bürgerliche Lebensverhältnisse und Landsmannschaft sind das Band, das sie bei aller Verschiedenartigkeit im einzelnen zusammenbindet und 172 1830 bis 1848: Das junge Deutschland, ihnen gemeinsame Züge leiht: etwas Schlichtes und Einfaches, etwas Enges und Umgrenztes, etwas Harmloses und Naives, etwas Intimes und Anheimelndes ist ihnen allen eigen; die Natur ihres Heimatlandes spiegelt sich in ihnen wieder, nichts Großes und Erhabenes, aber viel Schönes und Herzerfreuendes, nichts Wildes und Anfregendes, aber viel stille Innerlichkeit und viel liebliche Anmut, keine üppige Fülle, aber viel Abwechslung, nichts Überraschendes, aber viel Beglückendes. So sind sie manchmal elegisch, znweilen lehrhaft, aber immer mit jener anschauenden nnd einfühlenden Phantasie begabt, die den Dichter ausmacht, uie ohne Humor und daher nie verstimmend, ein harmloses Lächeln umschwebt ihre Lippen, das höchstens bei Justinus Keruer den Schalk verrät, wenn er mit seinem eigenen Geisterglanben spielt uud andere Gläubige recht gründlich znm Besten hat. Sie alle sind in erster Linie Lyriker, Balladen und Romanzen gelingen ihnen trefflich, am besten aber stimmen sie sich doch ans den Ton deS sangbaren Volksliedes und beweisen damit, wie wenig aristokratisch sie sind und wie nahe sie ihrem Volke stehen, für das sie ein Herz haben und zu dem sie sich rechnen, weil sie zu ihm gehören. Nhland uud Mörike stehen voran, jener der als charaktervoller Mann nnd als tiefgründiger Forscher durch feine moralische Haltung und seine ernsthaste Gelehrtennatur so gar nichts gemein hat mit Schlegelscher Frivolität und Ironie, in seiner schwäbischen Einsilbigkeit und Wortkargheit nichts gemein hat mit dem schnellfertigcn und absprechenden Tone der norddeutschen Romantiker und den das energische Bemühen um Korrektheit der Form vor romantischer Zuchtlosigkeit und Unbestimmtheit schützt. Und ueben ihm Mörike, der der Natnr gegenüber zu gocthisch empfindet, um ganz ins romantische Traumland zu versinken, obgleich er sich lange genug iu das Märcheulaud Orplid hiueingeträumt uud in seinem Roman „Maler Nolten" dnrch den Gespensterspuk am Schluß der Romantik einen allzn reichlichen Tribut entrichtet hat; eiu echter Lyriker, eine feine sinnige Natnr, aber bequem und uicht durch den großen Strom der Welt zum Charakter gebildet und gehärtet. Und wo diese Schwaben politisch siud — ueben Uhland denke man an Karl Mayer und an Panl Psizer —, da siud sie liberal, während sich die Fouaue und Die Litteratur bis zu Goethes Tvd. 173 Achim von Arnim nur zu leicht mit den rückschrittlichen Tendenzen der Zeit verbinden ließen. Aber Romantiker waren sie doch alle, nnd wenigstens Mörite und Justinus Kerner geneigt, die Märchen- und Gespensterwelt der Schilderung der wirkliche!: Welt oder gar dem Leben selbst beizumischen und es so zn „poetisieren"; wenn man sie freilich mit E. T. A. Hoffmann vergleicht nnd mit seiner Manier, gerade in die Alltäglichkeit unseres Daseins das ganze Grauen der Geisterwelt einzumischen und das wie ein Natürliches und Selbstverständliches vorzutragen, so zeigt sich doch auch hier, wie maßhaltend diese Schwaben sind. Dafür fehlt ihnen dann wieder der dämonische Zug nnd die geniale VersinnlichungSkraft dieses unheimlichen „Gcspensterschauers." ^ ^^.-^/«^ Etwas wie einen litterarischen Kampf riefen dann die Schicksalstragiker hervor. In Werners „vierundzwanzigstem Februar", < in Müllners „neunundzwanzigstem Febrnar" nnd „Schuld" und ihnen nach in einer Reihe von ähnlich komponierten Stücken wnrdc die antikisierende Schicksalsidee der „Braut von Messina" ins Romantisch-Unheimliche verzerrt. Über dieses Unwesen, das auf der deutschen Bühne eine Zeitlang spnkte, kam das litterarische Hochgericht durch Platen. Er stand zu fest auf dem Boden der Antike, um diese Verwechslung von antikem Schicksal nnd romantischem Aberglauben zu ertragen, und so verhöhnte er in seiner „verhängnisvollen Gabel" das Lächerliche dieser Schicksalstragödien aufs wirksamste, während er im „romantischen Odipns", der gegen Jmmermann gerichtet war, doch weit über das Ziel hinausschoß nnd entschieden Unrecht hatte und Unrecht that. Daß Grillparzer bei seinen Lebzeiten so wenig gekannt und geschätzt wurde, hat vor allem darin seinen Grund, das; sein erstes Stück „Die Ahnfrau" eine solche Schicksalstragödie war nnd auch schon in der Form der kurzen trochäischen Reimzeilen sich Müllners Schuld zum Vorbild nahm. Und doch stand schon die Ahnsrau turmhoch über deu Werner und Müllner, und auf sie folgte ja alsbald die Sappho und das goldne Vließ, wo Antikes nnd Modernes doch ganz anders verschmolzen und zur Einheit zusammengefügt war; hier konnte man mit mehr Recht an Schiller nnd Goethe denken, obwohl doch der Abstand — nicht des Wertes, aber 174 1830 bis 1848: Das junge Deutschland, der Behandlungsart und des Geistes — groß geuug ist uud weit mehr als iu der Jphigenie eiu „verteufelt humaner" und moderner Geist darin steckt. Doch das alles hals ihm nichts: er lief um seines Erstlingswerkes willen als Schicksalstragiker und war damit zunächst gerichtet und verdammt. Freilich liegt in dieser Verkeunung und im ganzen Schicksal und Lebensgang Grillvarzers zugleich auch ein Stück österreichischer Geschichte. In diesem durch eine beispiellose Polizeiinißwirtschaft niedergehaltenen Land konnte sich anch das Große nur schwer ins Freie und Weite durcharbeiten: dumpf und drückend, eng und stickig war hier die Lust. Das Volk verkam geistig uud moralisch und ergötzte sich lieber an den Possen Nestroy's als an der echteu Poesie GrillparzerS oder au Raimunds veredelter Volksbühne. Und die Censur hals uach und verbot in unbegreislicher Launenhaftigkeit und Brutalität selbst solche Stücke, die zur Verherrlichung der Habsburgischeu Dyuastie hätten dienen können. So wurde Grill- parzer verbittert uud schwieg, nnd Raimund nahm sich selber das Leben. Der Romantik ist es gelungen, den toten Schiller auf Jahrzehnte hinaus so in den Hintergrund zu drängen, daß das Drama fast unbeeinflußt von ihm in dieser Zeit sich entwickelte oder doch nur widerwillig seinem Einsluß sich hiugab — zum Schaden der deutschen Schaubühne, auf der nun ein Geschäftsmann wie Raupach als Erbe Kotzebues schrieb uud aufführte, was der breiten Mittelmäßigkeit gefiel. Mit dem noch lebenden Goethe ging das Zurückdrängen nicht so leicht: dazu war er zu groß und überdies stand er der Romantik näher, wie ja auch sie ausdrücklich an seinen Wilhelm Meister angeknüpft hat. Der zweite Teil des Fanst klingt trotz der klassischen Walpurgisnacht und der Heleuatragödie selber romantisch aus, der mittelalterlich-katholische Schluß steht im volleu Gegensatz zu dem protestantisch hellen Eingang des ersten Teils; dagegen hilft keine Rettung. Nnd ebenso ließ er sich auf anderem Gebiet durch die Brüder Boisseree einweihen in die Geheimnisse altdeutscher Kunst am Rheiu und kehrte damit doch nur zu einer Jugendliebe zurück, die sich ihm einst am Straßburger Münster entzündet hatte. Aber in den Propyläen wandte der alte „Heide" doch entschieden dem Mittelalter den Rücken und wies Wolfgcmg Menzel. 175 wieder auf die klassischen Vorbilder für die bildende Knnst hin. Und ebenso erklang in den hellsten Momenten des zweiten Faust als der Weisheit letzter Schluß das gar nicht romantische, sondern ganz moderne Wort: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß; und gar nicht reaktionär, sondern eher wie ein Bekenntnis zum Liberalismus sügt sich dem der Wunsch an: aus freiein Grund mit sreiem Volk zu stehn. Ebenso kommt Goethe im westöstlichen Divan in der Form der Einkleidung dem auf Herder zurückgehenden Universalismus und speciell sogar dem „romnutischeu Kultus des Orients", dessen beste Frncht Fr. Schlegels „Sprache und Weisheit der Jndier" und seines Bruders Sanskritstndien gewesen waren, weit entgegen. Allein der Inhalt, den er in diese Formen hüllte, war die spiegelblanke und doch unendlich tiefe Lebensweisheit uud die fröhliche, milde und tolerante Weltanschauung eines so durch und durch freieu Geistes, das; hier von romantischem Helldunkel uud mittelalterlicher Gebundenheit keine Rede sein konnte. Goethe war zu gesund, um Romnutiker zn sein, wie er denn in schneidend scharfer Absage noch 1829 erklärt hat: „Das Klassische nenne ich das Gcsuude und das Romantische das Kranke. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sonderu weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist." Das war schon damals die Lehre vom „Dekadenten", aber Goethe war kein Dekadent. Wolfgang Menzel. Doch darum blieb er auch uicht unangefochten. Noch bei seinen Lebzeiten wurde von zwei ganz verschiedenen Seiten her der Kampf gegen ihn eröffnet, von Wolfgang Menzel auf der einen' von Ludwig Börne auf der anderen Seite. Man könnte versucht seiu, Menzel der liberalen Partei zuzurechnen, so entschieden redete er in seiner ersten Zeit ihre Sprache, und ihn dann in seinen späteren Jahren des Abfalls von ihr zu zeihen. Allein faktisch hat er doch nie zu den modernen Verfechtern der Freiheit, zu deu 176 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. Liberalen im Sinne der Parteischablone gehört, sondern einfach an den Idealen seiner Jugend festgehalten, und das waren die der christgermanischen Burschenschaft. Bon ihr und ihren Tendenzen war er ausgegangen, aber eben jenes chriftgermanische Element, das in ihr steckte, war im Gruude romantisch und antiliberal. Niemand hat diese doppelte Strömung, wie sie durch die Burschenschaftsbewegung in den deutschen Liberalismus hineinkam, schärfer gesehen als Heine: „zwei grundverschiedene Parteien, die keiner Transaktion fähig und heimlich dem blutigsten Hader entgegenzürnten". Menzel gehörte zu deu Männern des Wartburgsestes, zu „den dunkeln Narren, den regenerierten Deutschtümlern", wie sie Heine nennt; eine Zeitlang konnte er darum mit dem Liberalismus gehen, danu aber mußte er sich von ihm trennen. Zunächst aber reagierte das nationale Element in ihm gegen Goethe. Nicht nur mißfallen hat ihm dessen „Talent des äußeren Lebens, seine Kuust des Bequemen, Leichteu und Feinen, seine Virtuosität des Genusses", das Ästhetische seiner Weltanschauung, sondern er sah darin geradezu eine Gesahr für das deutsche Volk, als dessen „modernster" Vertreter ihm Goethe erschien. In diesem Operieren mit anderen als rein ästhetischen Maßstäben bei Beurteilung eines Dichters liegt Menzels Berwandtschast mit der Denkart des jungen Deutschland; eine vorwiegend ästhetische Zeit war abgelaufen, die sittlichen und nationalen, die freiheitlichen und politischen Gesichtspunkte drängten sich energisch in den Vordergrund. Von diesem Standpunkt aus bekämpfte Menzel Goethes Nniversalismus nnd Goethes Heidentum, weil er die Deutschen germanisch und christlich haben wollte. Aber als geschickter journalistischer Klopffechter, der er war, wußte er den Handel von dem poetischen uud nationalen Standpunkt hinüberzuspielen auf den moralischen, wo er gewiß war, alle besorgten Mütter und alle prüdeu alten Jungfern beiderlei Geschlechts, das ganze Philisterium und Moralpfaffentnm für sich zu haben, obgleich er Goethe auch selber wieder der Philistern und des Spießbürgertums beschuldigte. Die „Wahlverwandtschaften", die wir heute einfach ästhetisch genießen und würdigen, ohne irgendwie sittlichen Anstoß daran zu nehmen oder uns moralisch darüber zu eutsetzeu, gaben dazu vor allem eine willkommene Handhabe; auch Borne. 177 das Märchen von Goethes Hochmut, Egoismus und Herzlosigkeit wurde von ihm in Umlauf gesetzt und mit dem Brustton sittlicher Entrüstung vorgetragen. Dieser Kampf wurde mit Menzelscher Grobheit jahrelang geführt, und vou rechts her kam dann Hengstenberg und wurde nicht müde, den großen Dichter als deeidierten Nichtchristen und Heiden allen Frommen und Stilleu im Lande zu denunzieren. Das hat vielen die Freude au Goethe verdorben nnd den Weg zu ihm verbaut, thut es ja thörichter Weise, namentlich in pietistischen Kreisen, einzelnen beschränkten Leuten noch heute. Börne. Aber gefährlicher als der im Gruude doch au einer inneren Zwiespältigkeit laborierende Menzel war von links her Börne. Börne nnd Heine sind die Väter nnd Urheber des jungen Deutschland, sie gilt es daher zuerst etwas näher kennen zu lernen. Beide sind Juden, und so liegt es nahe zu sagen, daß das junge Deutschland eine wesentlich jüdische GeisteSrichtuug repräsentiere und daß darauf das negativ Zersetzende und das Kosmopolitische desselben zurückzuführen sei; schon Menzel, erst der Frennd der beiden nnd der Verfechter der Judenemanzipation, spottet, als er mit ihnen zerfallen war, über „das juuge Palästina". Aber erstens steht bis 1835 neben ihnen als Dritter im Bunde eben dieser christgermanische Burschenschafter Menzel selbst, dessen litterarischer Adjutant längere Zeit Gutzkow war und hält von Ansang an dem speeisisch jüdischen Einfluß die Stange; und fürs zweite waren die Stimmführer der Schule, die Gutzkow und Laube, die Wicnbarg und Mundt keine Juden, — die jüdische Rasse erklärt also die Litteraturbeweguug der dreißiger Jahre uicht, wenn sie auch hier wie in der alten Welt „ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition" überall da abgab, wo der Stoss dafür bereit lag. So interessiert uns denn nicht der Jude, sondern der Schriftsteller Börne. Zum Journalisten und zum Liberalen hat ihn sreilich der Zorn über die Zurücksetzung werden lassei?, die er in der freien deutschen Reichsstadt Franksnrt als Jude zu erdulden hatte und die mit der antisemitischen Richtung eben jener christgermanischen Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des I». Jahrh. 12 178 1830 bis 1848: DaS junge Deutschland. Bewegung zusammenhing: aber der Umgang mit Henriette Herz und Nahel führte ihn über den engen jüdischen Gesichtskreis rasch hinaus auf die Höheu damaliger Geistesbildung, nnd sein litterarisches Vorbild ist der über jeden Verdacht des Judaisiereus erhabene Jean Paul gewesen. Und die Ideen, sür die er kämpfte, waren doch dieselben patriotischen und nationalen wie die der Burscheuschaft, — die Idee der Eiuheit und der Freiheit feines Vaterlandes; auch Heiue hat iu seiner bitterbösen Schrist über ihn, wo er mit dem Scharfblick des Hasses auf ihu sah, gesagt: „Borne war Patriot vom Wirbel bis zur Zehe, und das Vaterland war seine gauze Liebe". Vor allem sür die Freiheit als „die Gesundheit und Ehre der Völker" hat er zeitlebens tapser gestritten, und dabei hat er anfangs auf Preußen gehofft, bis dieses unter Metter- nichs Leitung entgleiste und die Hoffnungen aller Liberalen schmählich zu schänden machte. Nerv und Sprungfeder feiner schriftstellerischen Thätigkeit wareu somit politisch, wobei er im Unterschied von Gentz „von uuteu her an den Staat herantrat"; deshalb thut ihm aber Treitschke doch Unrecht, wenn er ihn knrzweg im Politischen einen „Stümper" nennt. Allein unter den drückenden nnd vexa- torischen Censurverhältnisseu jeuer Tage konnte niemand politisch frei schreiben, uud so wurde Börue, was er nicht war und uicht sein wollte, litterarischer Kritiker; natürlich nur in der Absicht, „die Kunstkritik zum Organ der Zeitkritik" zu machen nnd aus diese Weise auf das politische Leben, auf das nationale Gemeingefühl des deutschen Volkes zu wirken oder, wie er es selbst ausdrückte, „die Litteratur mit dem Leben zu vermitteln". Um aber das thun zu können, erhob er die Ironie im gewöhnlichen, nicht im speeisisch romantischen Sinne des Worts zum litterarischen Stil und versuchte so indirekt zu sagen, was direkt auszusprechen ihm wie allen seinen Zeitgenossen verwehrt war; uud iu diesem lustigen Versteckspiel erwarb er eine Virtuosität, die ihu zu eiuem unserer allerersten Stilisten nnd glänzendsten Journalisten gemacht hat. Allein in der Ausübung dieses mit seinem Wesen im Widerspruch stehenden litterarischen Handwerks geschah es, daß er nun doch einseitig, bis ius Extrem einseitig wurde uud alles nur aus seiueu ethischen oder genauer gesagt, Politischen Wert hin ansah: einen Borne. 179 anderen als den politischen Maßstab findet er anch für Künstler und Kunstwerke nicht, will jedenfalls einen anderen nicht gelten lassen. So kommt auch bei ihm der ganz unpolitische Goethe schlecht weg! kalt und herzlos erscheint er dem Mann, dessen Herz ganz nur der Freiheit gehörte: weil das deutsche Volk sich zuviel gefallen läßt, tadelt er Schillers Tell, der zu laugsam zur That schreite uud über einen feigen Meuchelmord nicht hinaus komme; und weil Unentschlossenheit ihm die Hanptsündc im Leben eiues Volkes ist, mißsällt ihm Shakespeares Hamlet, der umhergeht wie „Haus der Träumer": „der Deutsche schreibt sich ab und Hamlet ist fertig" — dieses Wort charakterisiert den Manu und seine Art. Und noch bezeichnender für ihn ist seine Vorliebe für Jean Paul, desseu nnkünstlerische Formlosigkeit ihn in seiner Bewunderung nicht störte und irre machte; für die Schönheiten des Käthchens von Heilbronn hat er dabei doch ein offenes Ange. Aber gerade mit dieser specifisch nnd Pikiert politischen Tendenz seiner litterarischen Kritik ist Vörne der geistige Anführer des jungen Deutschland geworden, das eben dnrch diese Tendenz für die politische Geschichte unseres Vaterlandes, für die Vorbereitung der Revolution von 1848 weit wichtiger geworden ist als dnrch Dichterwerke von bleibenden: Wert für unsere Litteratur und ihre Geschichte. Daß ein Mann wie Börue, der so gewaltig ans die Zeit wirkte und als Verfechter der Freiheit, als unerschrockenster und tapferster Kämpfer gegen den Metternichschen Absolutismus durch seine spott- nnd giftgedräugteu Artikel den Machthabern und ihren Werkzeugen höchst unbequem war, ein Gegenstand des Hasses für viele wurde, ist natürlich, nnd da läßt es sich begreifen, daß mau alsbald auch nach antisemitischen Waffen griff. Ein autisemitischer Zug lag ja wie gesagt im Wesen der christgermanischeu Burschenschaft; Ausbrüche von Judenhaß waren nach der Niederwerfung Napoleons in mehreren deutschen Städten vorgekommen; und sowurdeauch jetztl1831) Börue gegenüber von einer Kreatur Metteruichs, einem Hofrat Jarcke geklagt, daß diese Jnden „aus kluger Berechnung das Werk der Verführung treibeu, um iu eiuem großen welthistorischen Akt Rache zu uehmen für deu Druck und die Schmach, die das Volk, dem sie ihrem Ursprung nach angehören, jahrhundertelang von dem unsrigen 12» 180 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. geduldet". Vörne gab dieser Angriff freilich nur Gelegenheit zu der schönen Antwort: „Wie! wenn wir das deutsche Volk haßten, würden wir mit aller Kraft dafür streiten, es von der schmachvollsten Erniedrigung, in der es versuuken, es von bleierner Tyrannei, die auf ihm lastet, es von dem Übermute seiner Aristokraten, dem Hochmut seiner Fürsten, von dem Spotte aller Hofnarren, den Verleumdnngen aller gedungenen Schriftsteller befreien zu helfen, um es deu kleinen, bald vorübergehenden und so ehrenvollen Gefahren der Freiheit Preis zu geben? Haßten Nur die Deutschen, dann schrieben nur, wie Sie, Herr Jarcke. Aber bezahlen ließen wir uns nicht dafür; denn auch noch die sündevolle Rache hat etwas, das eutheiligt werden kauu." Heine. Solche antisemitischen Aussalle galten übrigens neben Vorne ebenso auch Heiue. Von ihm zu reden ist weit schwerer. Borne ist sein Leben lang inzmer er selber gewesen, Treue gegen sich und seine Überzeugungen ist das beste an ihm, schriftstellerisch freilich macht es ihn einförmig nnd auf die Dauer nicht mehr amüsant. Heiue dagegen ist eine Proteusnatur, „ein Chamäleon", er schillert in allerlei Farben, ein Charakterkopf war er nie; und schon darum ist er ein Zeichen, dem widersprochen wird und widersprochen werden muß. Und dazu kommt heute der widerliche Streit über Denkmal oder Nichtdenkmal, der die Gemüter aufregt, aber das Urteil über ihu nicht klärt und nicht fördert. Denn ob Heine ein Denkmal bekommt oder nicht bekommt, ist für seine Wertschätzung uugefähr gerade so gleichgültig, wie es für die Beurteilung freigesinnter Menschen gleichgültig ist, ob sie einen Orden bekommen oder nicht; die Stadtverordneten uud Gemeinderäte, die darüber beeinflußt vom Lärm der Presse beraten und entscheiden, entscheiden ja doch nicht über die Bedentilng und den Wert des Mannes für das Geistesleben unserer Nation. Also sehen wir selber zu. Daß Heine nächst Goethe und natürlich in gemessenem Abstand von ihm der größte Lyriker Deutschlands in unserem Jahrhundert ist, deu eiueu Mörike vielleicht ausgenommen, darüber kann doch eigentlich kein Streit sein; nicht einmal Carl Busse wird ihm damit Heine. 181 ganz gerecht, daß er ihn „das gewaltigste Nachahmertalent der Weltlitteratur" nennt, nud ihn mit Treitschke einen „Anempfinder" zu nennen, wäre vollends schief. Lieder, die wie die seinen aus Flügeln des Gesangs sich verbreiten und in den Melodien von Mendelssohn, Schumann und Methssssel in die Herzen des Volkes einziehen, sind echt nnd selbst schon voll Seele uud Melodie. Und diese Lyrik, Heines ganze Poesie wurzelt iu der Romantik; „die Wallfahrt nach Kevlaar" zeigt das vielleicht am deutlichsten und reinsteu Wenn sie bei ihm vielfach die specifische Forin des Weltscyinerzlichen annimmt, so ist das Folge der Zeit nnd Zeichen ihres Niedergangs: der Traum eines Ausgleichs zwischen Bedingtem und Unbedingtem, einer Versöhnung von Poesie und Leben, den die Romantik geträumt hatte, wollte sich nicht verwirklichen, alle Reaktion ist uupoetisch und züchtet Philister. Auch Lord Byron, darin Heines Vorbild und überhaupt maßgebend für die Stimmung der Zeit, ist voll Zerrissenheit nnd Weltschmerz; nnd daß es hier wie dort nicht sowohl der Schmerz einer Welt, als vielmehr der Schmerz um das eigene, zarte und weiche Ich ist, ist ja ebensallS durchaus romautisch. Wie alle Romantiker konnten auch diese Dichter des Weltschmerzes nicht vou sich selber loskommen. Zur Romantik gehört aber auch die Ironie; doch wenn diese bei den Urhebern und ältesten Vertretern der Schule im Dieust ihrer Romantik stand und sich souverän gegeu alles wandte, was philisterhaft und uupvetisch war, so kehrte sich bei Heine die Ironie gegen die Romantik, das heißt also gegen sich selber. Jenes „Doktor, sind Sie des Teusels" am Schluß des „Seegespeusres" ist hierfür charakteristisch, es ist sozusagen das Motto für die ihm in der Geschichte des deutschen Geisteslebens zugefallene Aufgabe uud für seine Stellung in derselben: er überwindet die Nomantik zuerst in sich selber und damit wird er, der Nomantiker, znm großen Anti- romantiker, zum Sieger über sie. Wir können das gewissermaßen experimentell noch heute au uns selbst nacherleben: jeder vou uns hat seine romantische Periode, der Weltschmerz gehört, wenigstens bis vor kurzem, zum Inventar eines jeden normal sich entwickelnden jungen Menschen; in dieser Epoche ist Heine mit seiner Lotosblume und seinem Fichtenbaum, mit seineu Thränenfluteu und seinein 182 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. Liebesweh unser Dichter gewesen, und in ihr nehmen wir an den ironischen Schlußkadenzen und den schrill nnd grell springenden Saiten seiner Leier, an dem „Doktor, sind Sie deS Tenfels" schwersten Anstoß, wir setzen uns gegeu diesen das Heiligste unserer Gefühle entheiligenden Autiromantiker zur Wehre. Bald genug aber besiegt nns diese Ironie und Selbstverspottung, denn sie befreit uns und sührt uns aus ^.dem sentimental Weltschmerzlichen hinaus in die Freiheit uud Helle, iu die Welt uud das Lebeu, uud nuu danken wir Heine für den geleisteten Dienst der Befreiung und Gesundung. Seine Lyrik ist Gift, das das Gegengift gleich mit sich sührt, es ist wirklich ein Heilserum, das nns gegen romantische Anfälle und Anfechtungen immnn macht, und darum ist auch seine Schrist über „die romantische Schule" (1833) ein so gutes, eiu fo gescheites und richtiges Buch, wie es doch nnr einer schreiben konnte, der Romantiker und Antiromantikcr zugleich gewesen. Und deshalb habe ich den, der gegeu Heine eifert, stets zunächst im Verdacht einer bewußten oder unbewußten Borliebe sür allerlei ungesunde Romantik. Sieht man Heine so an, so wird man endlich auch allerlei Cynisches und Frivoles au ihin besser begreifen und — verzeihen, zumal da sich die Frivolität oft — nicht immer! — nnr ^gegen das richtet, was der Romantik und dem romantisch Gestimmten heilig ist; denkt man diese antiromantische Spitze hinzu, so hört es auf, frivol zu klingen und anstößig zn sein. Von diesem Staudpnnkt ans wird uus auch der antinationale Zug iu seinem Wesen, der heute vou vielen besonders peinlich empfnnden wird, ich möchte sagen: doppelt verständlich. Es ist anch hier einmal der Gegensatz zn der christgermanischen Tendenz der burschenschaftlichen Romantik, und es ist andererseits der in der Romantik selbst wieder steckende Universalismus, der darin sozusagen entbunden uud frei wird. Uud auch dagegen kommt sofort wieder die sich selbst zersetzende und aufhebende Ironie zn Hilfe. Als sich die Deutschen 1831 sür die im Aufstaud gegen Rußland unterliegenden Polen begeisterten, wie etliche Jahre zuvor für die siegreichen Griechen, da dichtet Heine das Lied von den zwei Rittern, von den Polen aus der Polackei: Heine. 183 Keiner je verriet den andern, Blieben Freunde, ehrlich tren, Ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei. Ja, sie haben wirklich Wäsche, Jeder hat der Hemden zwei, Ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei. Polen ist noch nicht verloren, Unsere Weiber, sie gebären, Unsere Jungfrau» thun dasselbe, Werden Helden uns bescheren, Helden, wie der Held Svbieski, Wie Schelmufski und Uminski, Eskrokewitsch, Schubiakski Uud der große Eselinski. Auch das war ein wohl angebrachtes Heilserum gegen den romantisch ungesunden Polenenthnsiasmus jener Tage, ein kräftiges Sturzbad über die halb romantische, halb liberale Gefühlspolitik dieser unklaren Zeit. Dazn kommt aber noch anderes, Persönliches nnd Allgemeines. Borne bleibt auch in Paris, von wo er für Cotta „seine Schilderuugeu aus Paris" schreibt, der glühende deutsche Patriot; Heine dagegen, leichtlebig wie er ist uud schon dadurch dem französischen Geist näher verwandt als der schwerflüssigere und gründlichere Börne, wird den Franzosen ein Franzose und sucht es ihuen gleichzuthun au Geist nnd Witz und Frivolität. Allein im Unter- und Hintergrund bleibt doch auch er ein Deutscher: gerade weun er die Schale seines Hohnes am frechsten über Deutschland ausgießt, fühlt er sich durchaus als Deutscher; denn dieser Hohn gilt dem Metternichschen, dem unfreien und in seiner Unfreiheit sich behaglich philisterhaft streckenden und dehnenden Deutschland, und aus diesem Winterschlaf möchte er den deutschen Michel aufrütteln, sei's auch mit noch so unsanfteu Püfsen nnd Stößen, mit Keuleuschlägeu uud giftigen Pfeilen. Schulter an Schulter kämpft er darin mit Börne, über den er später so ungerecht und lieblos urteilt; und als der deutsche Bundestag 1835 anch seine schon geschriebenen und erst noch zu schreibenden Schriften verbot. 184 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. da galt dieser Ukas doch nicht dem Franzosenfreund, sondern dem deutschen Liberalen, der dem Bundestag nud den deutschen Regierungen so ganz besonders nnbeqnem war. DaS Verbot aber verschärfte natürlich nnr den Gegensatz nnd reizte den bösen Spötter erst recht zn blutigem Hohn: so entstaub 1842 der Sommer- uachtstraum des Atta Troll nnd 1844 Deutschland, ein Winter- nuirchcn. Über den ersteren hat er 1846 an Varnhagen von Ense selbst geschrieben: „das tausendjährige Reich der Romantik hat ein Ende, und ich selbst war sein letzter und abgedankter Fabelkönig. Hätte ich nicht die Krone vom Haupte fortgeschmissen und den Kittel angezogen, sie Hütten mich richtig geköpft. Vor vier Jahreu hatte ich, ehe ich abtrünnig wurde von mir selber, noch ein Gelüste, mit den alten Traumgenossen mich hernmzutummeln im Mondschein — und ich schrieb den Atta Troll, den Schwanengesaug der untergehenden Periode, und Ihnen habe ich ihn gewidmet. Das gebührte Jhuen, denn Sie sind mein nächstverwandtester Waffenbruder gewesen, iu Spiel und Ernst. Sie haben gleich mir die alte Zeit begraben helfen nnd bei der nenen Hebammendienste geleistet — ja, wir haben sie zn Tage gefördert und erschrecken, es geht uns wie dem armen Huhn, das Enteneier ausgebrütet hat und mit Entsetzen sieht, wie die junge Brüt sich ins Wasser stürzt und wohlgefällig schwimmt." In diesem Briefe charakterisiert er- seine Stellung im Geistesleben der Zeit doch ganz richtig, wenn sich in die „Wahrheit" anch etliche „Dichtung" mischt. Im übrigen gebe ich Heine vollständig preis: der leichtbewegliche ist anch der ganz charakterlose — wirklich „ein Talent, doch kein Charakter"; aber wir haben hier nicht zn richten über i>en Menschen, sondern uns ein Urteil zu bilden über Heines Bedeutung für das geistige Leben unserer Nation, und diese kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Nur eiu Romantiker konnte bie Romantik töten, nnr ein so durch uud durch frivoler Mensch konnte die Frivolität, die in aller Romantik steckt, erbarmungslos ans Licht ziehen uud uus dadurch von ihr frei machen; und daß er es auf so graziöse und witzige Art that und dadurch die Lacher immer ans seine Seite brachte, machte ihn zu ihrem gefährlichsten und einflnszreichsten Gegner. Tendenzen und Schicksale deS jungen Deutschland. 185 Tendenzen und Schicksale des jungen Deutschland. Nnd nnn also um diese zwei, um Börne und Heine her das junge Deutschland. Wenn die Romantik das Leben poctisieren und zum Spiel machen wollte und alles ironisch behandelte, so macht dieses aus der Poesie Erust, stellt sie iu deu Dienst des Lebens und des Tages nnd legt ganz erusthaste Absichten in sie hinein, und so wcrdeu diese unter Hegels Einfluß aufwachsenden Jung- deutschen zu Tendenzschriststellern und Journalisten, die ihre Leitartikel in dieser noch vorwiegend litterarischen Epoche dramatisieren oder in Romane kleiden. Aber inmitten einer ernüchterten nnd von Illusionen allmählich frei werdenden Zeit und nnter HeineS starker Einwirkung wurden auch sie Antiromautiker, die selbst etwas vom Bourgeois und Philister annahmen nnd auch als Poeten recht unpoetisch waren: an Poesie waren ihnen die Nomantiker bei weitem überlegen. Damit aber wurden sie zn Realisten, die ans der blanen Nomantik heraus der Wirklichkeit und dem Leben zustrebten und alle Unnatur haßten, zn Sensnalistcn, die für die Emanzipation nicht nur der Kinder und Frauen, sondern geradezu auch sür die Emanzipation der Sinnlichkeit uud des Fleisches eintraten und dadurch ebenso gerechten wie übertriebenen uud unverdienten Anstoß erregten; denn recht hatten sie, wenn sie der Unsinnlichkeit in der Kunst, der Fleisch- und Blutlosigkeit z. B. der Nazareuischcu Malerschule entgegentraten; nnd sie waren auch dabei „besser" als ihr Ruf oder als ihre Werke, au Phantasie und an? Können, an Gestaltungskraft uud Anschaulichkeit fehlte es ihnen, nnd gewiß hat keines ihrer Bücher sinnenaufreizeud uud verführerisch lüstern gewirkt. Ihrer Tendenz nach aber waren sie liberal, bekämpften den Bundestag in Frankfurt nnd das Metternichsche System nnd schwärmten sür die das Vougeoisregiment Louis Philipps angreifende Knmmeropposition in Paris und sühlten sich mit ihr solidarisch eius im Dienste der Freiheit: auf dem Hambacher Fest war ja auch diese Allerwelts- solidarität zum Wort gekommen: ein französischer Straßburger und mehrere Polen hatten gesprochen; und sie waren religiöse Freigeister, die die Religion mit Pathos oder Ironie, mit Witz oder Haß bestritten, weil sie in ihr nnr ein Machtmittel der Reaktion sahen nnd sie nur als solches kannten. 186 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. Alles das zusammen tritt vielleicht am klarsten bei Gutzkow in die Erscheinung, nachdem er Menzel den Dienst gekündigt und die Führung des jungen liberalen Poetengeschlechtes übernommen hatte; nnd zugleich berührt er sich in diesen seinen Anfängen eigenartig mit Friedrich Schlegel. Es war ein boshafter Streich gegen das Andenken des eben verstorbenen und ans dem Totenbett noch christlich Posierenden Schleicrmacher nnd zugleich „ein kecker Schnß in die Stickluft dieser Tage" überhaupt, als er dessen „Bertraute Briefe über Schlegels Lucinde" mit einer die Emanzipation der Ehe in starken Worten fordernden Vorrede herausgab und damit dessen Andenken doch einen besseren Dienst erwies, als es auf den ersten Blick scheinen wollte. Und es war zugleich die Nechtsertigung seines 1835 erscheinenden Romans „Wally, die Zweiflern?": wie Schlegels Lneinde auch das ein schlechter Roman, aber ein Programm wie die Lueiude. Wenn wir heute das Buch lesen, nehmen Nur keinen anderen Anstoß daran, als den, daß es ästhetisch verfehlt uud der Zweifel, unter dessen Wucht die Heldin erliegen soll, nicht wuchtig, uicht vertieft genug, die heikle Situation, in der die Sinnlichkeit zu ihrem Recht kommen soll, ganz uuauschaulich und unsinnlich ist und uns in ihrer Reflektiertheit kalt läßt und abstößt. Aber die Katastrophe war doch wahr, der Selbstmord der Wirklichkeit nacherzählt, fast wie in Goethes Werther, den Gutzkow auch wirklich — uur ohuc Glück — nachahmen und dem als dem Roman der Empfindsamkeit er ein Buch blasierter uud hoffnungsloser Zweifelsncht gegenüberstellen wollte. Wie nämlich Wally im Roman, so hatte am 29. Dezember 1834 Charlotte Stieglitz in Wirklichkeit ihr Leben dnrch Selbstmord geendigt. Ihr Main?, anch einer vom jungen Deutschland, hatte als Dichter nicht gehalten, was der Jüugling hatte hoffen lassen und das schwärmerisch liebende Mädchen von ihm erwartet hatte. Die Schuld an dieser seiner rasch eintretenden Flügellahmheit schrieb sie sich nnd den Fesseln der Ehe zu. Folglich war ihm zu helfen, wenn sie ging uud so jeucs hemmende Band loste: ein großer Schmerz — man kannte das von Heine her so gut — gab ihm dann wohl zu sagen, was er fühlte und litt. So phantasierte sie sich ihr Opfer znrecht nnd täuschte sich dabei doch uur selber über ihre wahreu Motive; denn ihr unbewußt war Tendenzen und Schicksale des jungen Deutschland, 187 es natürlich die eigene Enttäuschnng und Ernüchterung, der Zweifel am Talent ihres Mannes, was ihr, ihr selber für sich, das Leben wertlos machte. Sie also war das leibhaftige Vorbild für den Roman Gntzkows, der darüber alsbald geschrieben hatte: „seit dem Tod des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist in Deutschland nichts Ergreiseuderes geschehen, als der Tod der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besüße und es aushalten könnte, daß man von Nachahmungen sprechen würde, könnte hier ein Seitenstnck zum Werther geben." Wally war dieses Seitenstück, freilich ohne das Genie Goethes. Das Recht des Selbstmords aber gehörte hinfort anch zu den Tendenzen dieses alle Rechte heischcuden Poeteugeschlechts. Dem Glauben an Goethe aber, den Börne uud Menzel diesen Jungen und Liberalen zunächst zerstört hatten, ^gaben ihnen zwei andere Frauen zurück — Rahel und Bettina. Nahel, die so lange „still und bewegt" im Mittelpunkt des geistreichen Berlin gestanden und deren Nachlaß nun ein Jahr nach ihrem Tode 1834 ihr Gatte Varnhageu von Ense zum Andenken sür ihre Freunde herausgab, lehrte diese pietätlose Jugend, daß man sehr kritisch sein und sich nach aller Art Freiheit sehnen und daneben doch zn Goethe, dem Dichter, dem Menschen emporsehen könne, und daß man zu ihm emporsehen müsse, wenn man neben der Wirklichkeit das Poetische festhalten und noch mehr, wenn man sich selber znr schönen Individualität emporbilden wolle. Uud die andere, die für Goethe zeugte, war Bettina mit ihrem 1835 erscheinenden Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde". Was thut diese Romantikerin mitten unter den Bekämpfern der Romantik? so könnte man fragen; denn was Börne von ihr schreibt: „nach vierzig Jahren kam Miguon wieder und nanute sich Bettiua", ist ja wahr: wie sie als Tochter aus dem Brentanoschen Hause und als Gattin Achim von Arnims dem romantischen Kreise durch Schicksal uud Wahl augehörte, so war sie selbst romantisch durch und durch. Und doch, diese merkwürdige Frau war kein romantischer Petrefakt, feinfühlig und offen für alles, warmherzig und begeisterungssähig lebte sie in und mit ihrer Zeit weiter und wußte sich für die neuesten und modernsteil, also auch für die freiheitliche» Tendeuzeu derselben zu begeistern, 188 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. und darum wirkte sie auch so stark und so elemeutar aus die Jugend ihrer Zeit. Während Borne in ihren: Buch nur eine Bestätigung mehr für seine immer enger sich bornierende Goethcfeindschaft sand, sah die Jugend plötzlich Goethe, den gestorbenen, hier im Bilde der Bettina wieder lebendig und in unverwüstlicher Lebenskraft vor sich hingestellt, so daß sie die Verächter schelten ließ und sich ihm anss neue zuwandte. Wieviel an jenem Bnche Wahrheit war nnd wieviel Dichtung mit unterlief, darum kümmerte sie sich nicht, das zu entscheiden blieb späterer gelehrter Forschung vorbehalten. Bettina aber, die ein Herz voll Liebe — nicht nur für Goethe hatte uud sich aller Mißhandelten uud Verfolgten tapfer annahm, fand sich jetzt mit dem vom Bundestag geächteten jungen Deutschland zusammen, nnd ein anderer Wortführer desselben, Laube, bezeugt ihr, wie „gar sehr mit Frische in unsere Litteratur diese Bettina-Kühuheit" hercingeweht habe. Durch sie ist allmählich auch echtere Poesie in die Schule gekommen, wenn sie daneben anch nicht aufhörten Tendenzpoeten zn sein. Für das aber, was diese Jnngdentschen zu sagen hatten, war der Roman das geeignetste Gefäß — die Prosasorm entsprach auch am besten ihrem Können, der geeignetste Ort dagegen war die Bühne. Und so trat denn Gutzkow dafür ein, daß der Roman „die Geschichte der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart" behandeln dürfe und solle, selbst aber hat er doch erst zwanzig Jahre später im großen Stil diese Forderung verwirklicht. Damals war es vielmehr Laube, der iu bewußtem Gegensatz zn den an Walter Scott sich anlehnenden historischen Romanen der ablaufenden romantischen Periode den zeitgeschichtlichen Roman geschaffen hat. WaS er damit wollte, hat Wienbarg, der der Schnle den Namen gab, als Programm für diese jungen Dichter jugendlich keck so sormnliert: „Greift in die Zeit, haltet euch an das Leben. Ich weiß, was ihr entgegnet. Nicht wahr, es ist verdammt wenig Poesie in dieser Zeit, in diesem Leben, das wir in Deutschland führen? Woher der Stoff zu einem zeitgeschichtlichen Roman? Ich frage aber dagegen, woher entnahm Goethe ihn für Wilhelm Meister? — Versteht mich recht. Um alles in der Welt keinen Wilhelm wieder. Der ist abgethan, der ist Goethes nnd seiner Zeit. Was nnd wer ist euer? Welcher Idee könnt ihr Leib und Seele verleihen? Was habt ihr erlebt Tendenzen und Schicksale des jungen Deutschland. 189 und gestrebt? Welche Bekanntschaften, Ansichten und Lebensverhältnisse vermögt ihr iu die Region der Poesie mit hinüber zu nehmen? Ich gebe zn, und mir blutet das Herz dabei, ja wir leben in einer Zeit, wo der matte Qnell der Poesie kaum über die ersten sechzehn Jahre unseres Lebensalters hinausspringt. Aber gut. Haltet einmal Abrechnung mit der Zeit, entzieht einmal dnrch einen herzhasten Entschluß dieser heutigen deutschen Litteratur den Schimmer poetischer Lügen, deckt einmal auf, ihr Dichter, was ihr schauet, laßt einmal den Staub wirbeln in der Wüste nud zählt die Grashalme, die auf grünen Jnselfleckchen wachsen, zeigt uns den Himmel, wie er gran und schmutzig über uns niederhäugt, und fangt die Sonnenstrahlen anf, die sich auf euern Scheitel stehlen, reißt der Zeit den Mantel der Heuchelei, der Selbstsucht, der Feigheit vom Leibe und macht mit dem Kusse eures Mundes aller Welt bemerklich, wo nur noch ein echter Faden, der rote Faden der Poesie hinzieht, klopst, hämmert in alles taube Gestein und sucht die Erzadern zu erforschen, wie sparsam, tief und versteckt sie auch fortlaufen. Noch einmal, haltet Abrechnung mit der Zeit, mit eurem eignen Leben! Das bißchen Poesie, das sich darin verzettelt, das bißchen auszuweisen, bringt euch Ehre und der Zeit Schande. Jetzt müßt ihr euch schämen. Wendet das Blak. Die Philister nennen euch Lügner, Schaumbläser, Puppenspieler, Romanschmierer, und bei Gott! die Philister haben recht." Der Roman Laubes aber, der diesem Programm zn entsprechen suchte, „das junge Europa" mit seinen drei Teilen: die Poeten, die Krieger uud die Bürger giebt wirklich das beste Bild von der ganzen Bewegung, gerade weil es ein Roman ist, und macht so das Wort wahr, daß die Poesie oft wahrer ist als die Geschichte selbst. Zugleich ist er, namentlich in seinein zweiten Teil, das beste Beispiel sür die Kunst und das Können dieses nenen Realismus. Derselbe will uns freilich oft recht unrealistisch, phrasenhaft und posierend vorkommen; allein auch das gehört zur Realität jener Zeit, in der auch im Leben nicht selten die Phrase die That nnd die Pose den Ernst des Handelns überwucherte oder ersetzte. Und das gilt dann natürlich ebenso oder noch mehr auch von den Bühnenstücken des jungen Deutschland: es waren Tendenzstücke mit 190 1830 bis 1848: Das junge Deutschland. vieleil starken Worten nnd mit Menschen, die mehr deklamierten als fühlten oder handelten. Am stärksten und trotz aller Rhetorik am poetischsten sind die Tendenzen der Schnle in Gntzkows Uriel Acosta zum Ausdruck gekommen; die Freiheitsforderung der Zeit wird hier mit kräftigem und doch nirgends bloß hohlem Pathos vorgetrageil, die Tragik lind das Martyrium der eigenen Überzeugung, die mit Glauben und Sitte der Seinen in Widerspruch gerät, zeigt sich nicht zum wenigsteil auch darin, daß Uriel zuerst widerruft, um dann erst zum Bekenner sich durchzuringen; anch das ist für diese Menschen realistisch wahrer als die fraglose Heldenpose es gewesen wäre. Übrigens gehört dieses Stück und ebenso das harmlosere und volkstümliche Lustspiel „Zopf und Schwert" wie im Leben Gntzkows selber, so auch im Geistesleben des deutschen Volkes bereits in eine spätere Zeit mit anderen Voraussetznngeu und anderen historischen Hintergründen. Zunächst brach vielmehr, ebeu infolge des Romans „Wally, die Zweiflern:von außen her eine Katastrophe herein über die jnnge Litteratenschule: der Frankfurter Bundestag legte wieder einmal sein Gesicht in die ernstesten Falteil, erklärte diese „schlechte Litteratur für antichristlich, gotteslästerlich und alle Sitte, Scham und Ehrbarkeit absichtlich mit Füßen tretend" nnd verbot sämtliche, auch „die uoch zu edierendeu Werke" der Gutzkow, Wieubarg, Laube und Mundt, denen anch noch Heine angefügt oder vielmehr vorangestellt wurde. Gutzkow wanderte, wenn auch nur auf kurze Zeit ius Gesüuguis, Laube iu eine, freilich leichte, Haft. Man mag über solches Martyrium billig spotten; aber man darf doch nicht vergessen, daß der Eindruck, den dieses gewaltthätige und willkürliche Dazwischengreifen auf diese jungen Schriftsteller machen mußte, ein uuverhältiiiSmäszig stärkerer und die Ungewißheit, die Hinsort über ihrem Produzieren lag, eine wirklich harte Strafe war; und wenn man bedenkt, daß sie die Maßregelung in erster Linie der Denunziation ihres alteil Genosseu und jetzigen Konkurrenten Menzel zu danken hatten — denn Menzel von diesem Vorwurf der Denunziation zu reinigen, ist vergebliches Bemühen —, so mag man die Bitterkeit ermessen, die sich ihrer bemächtigen mußte. Man kann wirklich mit Recht Heine der „Anmaßung" zeihen, wenn er sich in Seitentriebe mit ähnlicher Tendenz. 191 seinem offenen Schreiben an die hohe Bundesversammlung mit Martin Luther verglich', uns aber erinnert das Edikt des Bundestags doch unwillkürlich an jenes Edikt Karls V. gegen Luther, das Aleander geschrieben und worin verboten wird, irgendwelche Schriften Lnthers zu lesen, „selbst die, die er etwa noch schreiben sollte". Der Geist aber läßt sich so nicht bannen, ob er nun groß ist oder klein. Übrigens können wir mit der litterarischen Bewegung des jungen Deutschland nicht zu Ende kommen, wenn wir nicht gleichzeitig auch deu mit ihr sich verschlingenden Sturm nnd Drang ans religiösem Gebiet iuS Auge sassen: Gntzkows verhängnisvoller Nomau erklärt sich erst hieraus ganz, wie er denn auch in den Geständnissen seines Helden über Religion und Christentum ausdrücklich auf diese Beweguug Bezug nimmt. Seitentriebe mit ähnlicher Tendenz. Doch ehe wir dazu übergehen, ist noch auf zweierlei hinzuweisen. Einmal daraus, daß auch außerhalb der Schule die Ver- bindung von Poesie und aktueller Politik sich findet, zum Beweis, daß das damals sozusagen in der Lust lag. Anastasius Grün, oder wie er eigentlich hieß, der Graf Anton Alexander von Auersverg trat in den Ludwig Uhland gewidmeten „Spaziergängen eines Wiener Poeten" kühn und sicher für die Freiheit des Worts und des Gedankens eiu nnd bekämpfte in „Schutt" den Metternichschen Geist deS Knechtsinns und der Lüge und verkündigte voll Schwung einen Völkersrühling und ein politisches Ostern als ein Auserstehen zu Freiheit uud Licht. Diese Verkündigung machte um so mehr Eindruck, als sie aus dem Lande des Drucks und der Finsternis, aus dem Metternichschen Österreich kam: also auch dort fehlte es hinter der Kirchhofsruhe doch nicht ganz an Leben und Bewegung, auch dort wachten Geister auf, auch dort „fuhr Leben in deu Stein". Und gerade für Österreich war es nicht ohne Bedeutnng, daß es ein hochgeborener Graf war, der so polemisch und so sreiheitsdnrstig iu die Saiten griff. Und fürs andere sei hier noch der Dorfgeschichte erwähnt, die 192 1830 bis 1848: Das junge Deulschlcmd, »in jene Zeit in dem Schweizer Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius), in Jmmermann und Auerbach hervorragende 'Vertreter fand. In gewissem Sinn steht diese Flucht zu den Baueru aus das Land in direktem Gegensatz zu dein gebildeten nnd kritischen Litteratentum des jungen Deutschland oder zn der blasierten Heimatlosigkeit des weitgereisten Fürsten Pückler, dieser wunderlichen Tages- nnd Modegröße, dessen Bornehmthun selbst Heine imponierte; auch wareu die Gotthelf und Jmmermann nichts weniger als liberal. Allein es war doch auch das nur ein Symptom mehr für die allgemeine Unzufriedenheit mit den Zuständen, in denen man lebte; uud uicht nur der liberale Anerbach in „Besehlerlcs", sondern auch der konservative Jmmermann in seiner Schilderung des prächtigen Westsälischen Hosschnlzen im „Münchhausen" gaben dem Mißmut Ansdruck über das Regiment einer allmächtigen Bureaukratie, die alte Gerechtsame nnd geheiligtes Herkommen verletzte und beseitigte; sie alle waren im Sinne des juugen Deutschland Tendenzschriststetler. Und dem realistischen Zuge der Litteratur entsprach diese neu auskommende Gattung ohnedies. Wie schwer es aber war, dasür den richtigen Ton zu finden, sieht man gerade an den drei Genannten. Jmmermann steht mit seinem Oberhos gesnnd nnd fest auf dem Boden der Wirklichkeit uud schafft Personen voll Individualität und Kraft; aber indem er sie mit der Satirc des „Müuchhauseu" verknüpft, giebt er ihnen einen künstlerisch falschen Hintergrnnd. Gotthelf fehlte es überhaupt au Kunst und Poesie, man hat daher doch recht den Eindruck des Rohen und Un künstlerischen, des Formlosen und Ungestalten, und die Tendenz macht sich zn breit und wirkt geradezu ausdringlich. Anerbach endlich trifft fast nur in den ersten kleineren Erzählungen den passeudeu Tou, meist aber, ich möchte sagen: je mehr er aus Schwaben hinaus gegen Westen und vom Land in städtische Verhältnisse gerät, idealisiert er seine Menschen, dadurch bekommen sie etwas Unnatürliches uud Geschwollenes, uud lehrhaft ist er ohnedies und in dieser seiner Lehrhastigkeit selbst anspruchsvoll und geschwollen; er wollte immer etwas Bedeutendes sagen, und trug daher auch das Unbedeutendste und Trivialste im großen Stil des Propheten vor. So schwer fiel es diesen Realisten allen, realistisch Seitentriebe mit ähnlicher Tendenz. 193 d. h. wahr imd natürlich zu sein und darüber doch der Pflichten des Künstlers nicht zn vergessen. Nuerbach aber, dessen Lehrhastigkeit philosophisch war nnd aus Spinozas Pantheismus zurückging nnd der sich gern einen Schüler und Freuud vou D. Fr. Strauß nannte, mag uns daran mahnen, nunmehr das Litterarische zu verlassen und uns der Bewegung zuzuwenden, die sich in den dreißiger Jahren an den Namen dieses letzteren aukuüpste. Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des 19. Jahrh. 13 siebentes Kapitel. Die religiöse Bewegung bis auf Strautz und Feuerbach. Die Union. Der Hofprediger Roggc erzählt von seinem 1790 geborenen Vater, dieser habe in seinem inneren religiösen Leben eine Entwickelung durchgemacht, die ihn von dem aus dem Vaterhause und von der Universität mitgebrachten Rationalismus zum Pietismus und von diesem zu einem stark ausgeprägten konfessionellen Luthertum geführt habe. Das ist ein typisches Beispiel für die religiöse Entwickelung im ersten Drittel des Jahrhunderts überhaupt. Daß der alte Rationalismus noch immer eine Macht war, ist schon gesagt worden. Dann kam Schleiermachers mächtiger Einfluß auf die Erneuerung der Religion und Religiösität seiner Zeit; und in den Befreiungskriegen ergriff eine religiöse Stimmung die Jugend mehr noch als die in der rationalistischen Periode wurzelnden Alten. Uud auch als sie uach Hause zurückkehrten, hörten die „Bnrschen" nicht aufj germanisch und christlich gestimmt zu sein: deshalb war auch der Antisemitismus jener Tage national und religiös zugleich. In der Romantik aber faßten sich zunächst alle diese religiöse«? Tendenzen zusammen, auch da wo sie nicht in ihr wurzelten und aus ihr stammten, iu sie müudeteu sie vorläufig doch alle ein. 1817 das Jubeljahr der Reformation brachte sodann die Erfüllung eines Lieblingsgedankens von Schleiermacher — die Union, zuerst in Nassau, dauu vor allem iu Preußen, als die Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche. Nicht ohne Die Union. Hengstenberg. 195 Schwierigkeit und Widerspruch; denn was uns gebildeten Indifferentsten von heutzutage unverständlich und selbstverständlich erscheint, war damals als ein Trennendes noch verstanden und als ein Festzuhaltendes noch lebendig. Dazu kam, daß schon hier und uoch mehr dann freilich beim Agendenstreit der zwanziger Jahre die Kirche und der religiöse Teil ihrer Angehörigen das selbstherrliche Eingreifen des Königs Friedrich Wilhelm III. wie eine Vergewaltigung der Gewissen empfand; und so schloß sich an beides eine oppositionelle Bewegung an, die teilweise sogar bis zu separatistischer Ge- meindebildnng weiterging. Dort waren es die strengen Lutheraner, von denen einzelne wie Klaus Harms mit seinen 95 Thesen sofort energisch Protestierten, andere wie die einfachen Bürgersleute iu BreSlau unter des Theologen Scheibel und des Naturphilosophen Steffens Führung es in zähem Kampf bis znr Loslösung von der Landeskirche trieben und damit bereits die Frage nahelegten nach der Vereinbarkeit dieser Landeskirche und der fürstlichen Landesbischöfe mit dem Prinzip wahrer protestantischer Freiheit. Hier im Agenden- streit fanden umgekehrt die Kreise der Freidenkenden jene königliche Einmischung unerträglich uud bestritten daher „das liturgische Recht evangelischer Landesfürsten" nachdrücklich; an der Spitze dieser Opposition stand Schleiermacher, der damals zugleich ohnedies auch politisch verdächtig war. Daß er, uachdem er einen Augenblick ebenfalls mit dem Gedanken seines Austritts aus der Landeskirche sich getragen hatte, schließlich müde wurde und nachgab, hat ihm den Haß des jungen Deutschland über Gebühr zugezogen, der dann freilich noch durch das mehr erbanliche als konsequente Ende des Bielgewandten vermehrt wurde. Welche Rache Gntzkow dafür an ihm nahm, ist bereits erzählt; es war auch gar zu verführerisch, Schleiermachers eigene Jugend gegen dieses Lebensende auszuspielen, und es war leichter die Widersprüche in ihm ans Licht zu ziehen, als die Kunst ihrer Vermittlung im Leben und System des großen Dialektikers und Dogmatikers zn begreifen und an ihr sich künstlerisch Zu freuen. Hengstenberg. Nun ist ja nicht zn verkennen, daß der Unionsgedanke eine gewisse Abschwächung der dogmatisch-konfessionellen Gegensätze, eine 13* 19V 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, gewisse liberalisierendc Indifferenz, also ein rationalistisches Element zur Voraussetzung hat und seine Verwirklichung in der That nnr auf Grund der vorausgegangeneu Aufklärung möglich war. Das empfand in den zwanziger Jahren vielleicht keiner stärker, ergriff jedenfalls keiner gieriger als Ernst Wilhelm Hengstenberg. Seine Stellung nahm er nach einer entscheidenden Wandlung in seinen Anschauungen erstmals, als er an des Ministers Altenstein Erlaß gegen „mystische, pietistische nnd separatistische Abwege" scharfe Kritik übte, dann aber vor allem in der 1827 von ihm ins Leben gerufenen Evangelischen Kirchenzeitung, in der wie kaum je zuvor in Deutschland die Religion znr Parteisache gemacht und dadurch herabgewürdigt und vielen aufs neue wieder verdächtig oder gründlich entleidet wurde. Rücksichtslos wurde hier alles „Rationalistische" bekämpft, mit diesem Namen aber insofern arger Mißbrauch getrieben, als in ihm nicht nur die Überbleibsel des Rationalismus aus dem vorigen Jahrhundert, sondern auch alles das zusammengefaßt wurde, was unter der Flagge Schleiermachers oder Hegels oder später als junges Deutschland austrat. Leidenschastlich, gehässig und perfid wnrden namentlich auch Persoueu augegriffeu, felbst vor Jnvektiven uud Deuuuziationen scheute das edle Blatt nicht zurück; am bekanntesten ist die von Ludwig von Gerlach in der Kirchenzeitnng in Scene gesetzte Hetze gegen die Halleschen Theologen Gesenius und Wegscheider, die der Minister nnr. mit Mühe vor Absetzung schützen konnte. Es ist eine der schlimmsten GeschichtS- klitterungen Treitschkes, verständlich und entschuldbar nur als ein Niederschlag vou Jugeudeiudrückeu, daß er in seiner deutschen Geschichte Heugsteuberg hinter Stranß stellt und so bei seinen Lesern den Schein erweckt, als sei dessen „Leben Jesu" verant- wvrtlich zu machen sür die Schilderhebung uud Mobilmachung Hengstenbergs und des orthodox-pietistischen Klubs in der Berliner Wilhelmstraße. Diese war 1827 erfolgt, dasLebeu Jesu erschien 1835; schon in seinen HabilitativnSthesen von 1825 hatte Hengstenberg das alte Tertullianische Lrsclo ^am ^dsuräum sst wieder einmal zum Prinzip erhoben, der Angriff der „Vernunft" auf den „Glauben" folgte erst zehn Jahre später; Hengstenberg hatte längst schon gegen Schleiermachers VermittlnngStheologie und Hegels Versöhnung von Hengstenberg. 197 Glauben und Wissen gewütet und gezetert, ehe ihm ganz willkommen in Strauß' Leben Jesu und Glaubenslehre die Konsequenz der beiden Standpunkte sich enthüllte. Mit dieser einfachen Nichtigstellung der Daten enthüllt sich Dreitschkes Darstellung als der Nietzschesche „Irrtum der Verwechslung von Ursache uud Folge". Übrigens gilt Heugstcubergs Polemik nicht bloß Schleiermacher oder Hegel oder Strauß, sondern der ganzen theologischen Wissenschaft überhaupt, für die dieser Mauu, der gauz Wille war, niemals Verständnis gehabt hat. Und es weist dies zugleich uoch auf eine andere Art von Uuion hin, welche sich in jenen Jahren vollzog, die zwischen Orthodoxie uud Pietismus. Eigentlich ein unnatürliches Bündnis, denn der Pietismus ist im Gegensatz zu der Orthodoxie entstanden und sein Verbündeter in diesem Kampfe war — daS anfängliche Verhältnis von Thomasius zn Francke ist dafür Zenge — von Haus aus der Rationalismus. Aber wie uun dieser im Lansc des achtzehnten Jahrhunderts immer siegreicher um sich griff und jenen beiden Gegnern gleichmäßig Abbruch that — mau deuke z. B. an die ratiouatistische Periode des Waisenhauses zu Halle —, da schlössen sie sich jetzt, als sein Stündlein sich nahte und die religiöse Wiederbelebung sich spürbar machte, gegen den gemeinsamen Feind zusammen, die Orthodoxie wurde Pietistisch und der Pietismus wurde kirchlich. Der Vorteil war auf beiden Seiten klar: die Orthodoxie erstarkte und kräftigte sich inuerlich, der Pietismus wurde aus einer seelesiolg. xressg, eine Macht und wurde einflußreich. Allein ebenso deutlich traten auch die Nachteile in die Erscheinung: die protestantische Kirche wurde durch deu Einfluß des Pietismus gegen die Meinuug Luthers weltfremder, sinnenscindlicher, tultnrfeindlicher, und so spannte sich der alte Gegensatz zur „Welt" auss ueue, das Volkslebeu wurde dadurch zerrissener nnd die Kirche durch diesem Rücksall iu mittelalterliche Ideale in ihrer ganzen Existenz gefährdet; und der Pietismus brachte der Kirche die Allüren der eeelkLiolÄ, der Sekte: indem die Stillen im Lande zur Macht kamen, wollten sie nicht aufhören, die Stillen zu sein uud legtcu daher das Schleichende, Gedrückte, deu Kleiuen-Leute-Geruch uicht ab; die mächtig gewordenen thaten so, als ob sie noch immer die Unterdrückten wären, und das gab ihueu dauu den Anschein des Hench- 198 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, lerischeu und Heimtückischen, des Unwahren und Unheimlichen: sie waren die Perfolger und Unterdrücker und gaben sich doch das Air der Verfolgten nnd Unterdrückten. Daran haben seit jenen Tagen die Besten immer den größten Anstoß genommen, das hat viele abgestoßen und der pietistisch gewordenen Kirche entfremdet. In Hengstenberg aber lag auch insofern ein Widerspruchsvoll- Uusicheres, als er anfänglich die Union protegierte, „um unzähligen Seelen den Segen der Landeskirche zu erhalten", vor der königlichen Lieblingsschöpfnng machte dieser glanbenseisrige nnd rücksichtslose Kritiker also vorsichtig Halt. Erst als Friedrich Wilhelm IV. das Werk des Vaters zwar nicht geradezu rückgängig machte, aber doch als Mißgriff beklagte uud abschwächte und dagegen den Konfessionalismus stärkte uud begünstigte, snnd auch er in den vierziger Jahren den Weg von der Union zur Betonung eines streng lutherischen Kou- fessioualismus zurück. Darin enthüllte sich zugleich auch der verhängnisvolle Einfluß der heiligen Allianz uud ihres Glaubens an die unentwegte Znsammengehörigkeit von Thron nnd Altar. Diese und im Gegensatz dazu den Zusammenhang von Unglauben und Revolution hat Hengstenberg den Regierenden immer aufs neue klar zu macheu nnd einzuprägen gesucht, darin berührt er sich mit Gentz. So hat er dem Glauben Vorschub geleistet, daß die Kirche im Dieust der Reaktion stehe und ist schuld daran, daß alle politischeu Oppositionsparteien auch der Kirche Opposition machen: das gilt noch bis zum heutigen Tag. Die Hegelsche Religionsphilosophie. Während aber Hengstcnberg an der Arbeit war, Glauben und Wissen zu trennen, glaubte Hegel eine Formel gesunden zn haben, um die beiden definitiv miteinander zu versöhnen. Ihm ist die Religion „diejenige Region, worin alle Rätsel der Welt gelöst, alle 'Widersprüche des tiefer sinnenden Gedankens enthüllt sind, alle Schmerzen des Gefühls verstummen, die Region der ewigen Wahrheit, der ewigen Ruhe"; deshalb haben die Völker mit Recht das „religiöse Bewußtsein als ihre wahrhaste Würde, als den Sonntag des Lebens angesehen, aller Kummer, alle Sorge, diese Saudbauk der Zeitlichkeit, verschweln iu diesem Äther; iu dieser Regiou des Die Hegelsche Neligionsphilosophie, 199 Geistes strömen die Lethefluten, aus denen Psyche trinkt, worin sie allen Schmerz versenkt, alle Härten, Dunkelheiten der Zeit zu einem Traumbild gestaltet und zum Lichtglanz des Ewigen verklärt". Mit so vollem Ton erkennt Hegel den Wert der Religion für das menschliche Leben an, und auch die Bedeutung des Gefühls für die Religion kommt in diesen einleitenden Worten nicht zu kurz. Allein ebenso energisch wahrt er aus der andern Seite das Recht des vernünstigen Denkens innerhalb der Religion nnd Theologie; denn auch die Religion ist ein Erzeugnis des göttlichen Geistes und darum vernünftig. Deshalb polemisiert er nach verschiedenen Seiten hin: gegen den Rationalismus, der das Dogmatische beiseite setzt und auf eiu Minimum reduziert; gegen die historische Theologie, welche das philosophische Denken über religiöse Fragen verwirft und sich auf ein gelehrtes Registrieren beschränkt, als ob es sich nm Überzeugungen anderer, um Geschichteu haudle, die nicht in unserem Geiste selbst vorgehen, nicht das Bedürfnis unseres Geistes in Anspruch nehmen; mit Komptoirbedienten eines Handelshauses vergleicht er solche Theologen, „die nur über fremden Reichtum Buch und Rechnung führen, die nur für andere handeln, ohne eigenes Vermögen zn bekommen; sie erhalten zwar Salair; ihr Verdienst ist aber nur zu dienen und zu registrieren, was das Vermögen anderer ist oder war". Und endlich wendet er sich auch gegen Schleiermacher nnd seine Gefühlstheorie: daß ein Inhalt im Gefühl ist, macht für diesen Inhalt selbst nichts Vortreffliches aus; auf demselben Boden sproßt die königlichste Blume neben dem wncherndsten Unkraut; und ebensowenig hängt die Existenz dieses Inhalts davon ab, ob er im Gefühl ist; denu auch Eingebildetes, das nie existiert hat und nie existieren wird, ist darin; nnd endlich reißt mit dem Appellieren an das eigene Gesühl die Gemeinschast nnter uns ab, nur auf dem Boden des Gedankens uud des Begriffs sind wir auf dem Boden des Allgemeinen nnd der Vernünftigkeit, zum Gesühl übergehend verlassen wir ihn und ziehen uns zurück iu die Sphäre unserer Zufälligkeit. Wenn er aber das Gefühl als „die tierischsinnliche Form" für das schlechteste Gesäß erklärt, in den der Inhalt der Religion gegossen werden könne, und Schleiermacher gegenüber meint, wenn Religion schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl wäre, so 200 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, müßte der Hund dciS frömmste Geschöpf und der beste Christ sein, so schießt er mit diesem Spott doch weit über das Ziel hinaus uud verleugnet seine eigenen seinereu Vorstellungen vom Anteil des „Herzens" am Wesen der Religion. Das Mißtrauen Hegels gegen alles bloß Subjektive nnd Individuelle kommt darin wie für die Moral so auch für die Religionsphilosophic zum Ausdruck, nnd der Panlogismns mit seiner Bevorzugung des Denkens und Begreifens drängt sich bedenklich in den Vordergrund und zeigt sich gerade der Religion gegenüber mit ihreu irrationalen Gefühlselementen doch nicht ausreichend. Aber die Versöhnung zwischen Glanben und Wissen erscheint auf diesem Boden allerdings aussichtsvoll. Religion ist selber Wissen, das Wissen deS absoluten Geistes von sich im endlichen Geist. Also gehören zwei Faktoren dazu: ein objektiver, Gott, den man als Geist fassen muß; denn als solcher ist er zugleich sür den Geist, ist absolutes Manifestieren, Schaffen eines anderen, des subjektiven Geistes, für welchen er ist; Schaffen aber ist sich Offenbaren Gottes. Uud fo tritt neben das Objektive sofort auch das Subjektivmenschliche, neben Gott die Religion, die nichts anderes ist als das Bewußtsein des Meuscheu von Gott. Dieses Bewußtsein aber ist kein Fertiges, sonderu auch einmal wieder ein sich Entwickelndes, das sich Erheben aus dem Äußerlichen und Nichtigen zn sich in seiner Wahrhaftigkeit, nnd das Resultat dieser Entwickelung ist die Religion „als die Freiheit des Geistes in seinem wahrhasten Wesen; das wahrhafte Bewußtsein ist uur das vom Geiste in seiner Freiheit. In diesem notwendigen Gang liegt der Beweis, daß die Religion etwas Wahrhaftes ist, nnd derselbe Gang bringt unmittelbar den Begriff der Religion hervor". Diese Entwickelung vollzieht sich in drei Stufen, als Gefühl, als Vorstellung uud als Gedanke. Indem jedoch das Gesühl, wie wir schon wissen, von Hegel allzusehr als das zu überwiudeude Individuelle uud Zufällige gefaßt wird, bleibt für die Religion im wesentlichen nur die zweite Stufe, die Form der Vorstellung, die dann durch das Deuken des Philosophen an den Beweisen vom Dasein Gottes in das Reich des Wissens übergeführt wird. Der religiöse Mensch hat denselben Inhalt wie der Philosoph, nur in einer anderen, wesentlich sinnlichen, sei es nun bildlichen oder geschichtlichen Form und Einkleidung. Strauß' Leben Jesu, 201 Damit schien wirklich der Friede hergestellt, Glaubeil und Wissen versöhnt zu sein. Und wenn Hegel das Christentum als den Höhepunkt und Abschluß der geschichtlicheil Eutwickelungsreihe und damit als die absolute Religion anerkennt, nicht nur die Grundgedanken desselben von der Entzweiung und Versöhnung des Menschen mit Gott, sondern sogar die Lehre von der Dreieinigkeit festhält und tiefsinnig spekulativ ausdeutet, so konnte er allerdings selber glaubeil, die Vernunft mit der Religion versöhnt zu haben und sich rühmeu, daß die Wiederherstellung der echten Kircheulehre von der Philosophie ausgehe. Allein zwei Fragen blieben doch: war wirklich der Inhalt hier wie dort derselbe? die Unbestimmtheit seiner Aussagen über die Persönlichkeit Gottes, das Ignorieren des Unsterblichkeitsglallbens und die Verflüchtigung der biblischen Ge- schichtSerzählnngeil bedeutete doch mehr als bloße Formverschieden- heit. Und wie stand es mit dem Vorwurs, die Philosophie stelle sich über die Religion? der Versuch Hegels ihn zurückzuweisen, da sie ja denselben Inhalt habe, scheitert an dem Zusatz: „sie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe". Das war doch wieder der alte Bildnngs- und Philosophenhochiilnt, der die positive Religion wenigstens der Form nach auf eine niedere Stufe herabdrückte nnd durch die Erklärung der Unangemesfenheit ihrer bildlicheil Aussageu und Geschichtserzählungen ernstlich gefährdete; wenll der Purpur fällt, muß hier auch der Herzog nach. Wenn das vielen entging, die froh waren ihr GlaubenSschifflein in diesem sicheren Hasen zu bergen, so hing das zum Teil damit zusammen, daß über die Rangordnung der drei Stufeil und Offenbarnngs- formen des absoluten Geistes: Kuust, Religion und Philosophie die Schule selbst unter sich uneins war und von den sechs möglicheil Permutationen wenigstens vier in angenehmer Abwechslnilg benützt wurden: dainit schien es immer noch möglich, daß die Religion den ersten Platz behaupte und einnehme. Strauß' Leben Jesu. Die Form der Vorstellung sollte die Zauberformel sein, durch die der Streit zwischen Glauben und Wissen sür immer geschlichtet wurde. Sie erwies sich aber bald genug als die schärsste 202 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, Waffe zum Angriff des Wissens auf den alten Glauben; man durfte mir mit jener Unangemessenheit Ernst machen. Und das geschah im kirchlichen „Revolutionsjahr" 1835. Denn setzen wir für „Form der Vorstellung" Mythus, so haben wir David Friedrich Strauß und sein Leben Jesu. Der konsequente Rationalismus sah in Jesus einen Menschen und leugnete jegliches Wunder. Wie wurde er aber dann fertig mit den Berichten des Neuen Testaments über Jesus und das, was er gethan hatte nnd was an ihm geschehen war, von seiner übernatürlichen Erzeugung an bis herab zu seiner Auferstehung uud Himmelfahrt und bis zu den Wundern der Apostel? Es gab sür ihn zwei Wege. Die Radikaleren — mau denke an Lessings Unbekannten, den Wolfenbütteler Frag- mentisten Herin. Sam. Reimarus — hielten die Berichte für absichtliche Täuschung und redeten von Betrug, den die einen auf die Berichterstatter und die Apostel beschränkten, andere aus den Religionsstifter selbst ausdehnten. Die Gemäßigteren dagegen suchten die Wunder und Wunderberichte natürlich zu erklären und thaten dies in einer vielfach recht künstlichen und gewaltsamen, recht geschmacklosen und daher notwendig den Spott herausfordernden Weise. Überdies war das ganze Verfahren hier wie dort und dort wie hier durchaus unhiftorisch und unpsychologisch. Da kam Strauß, der selbst durch den damals sportmäßig geübten Glauben an das Wnnder hindurchgegangen war, aber gerade hierbei, an Justinus Kerners Geistersehern und Dämonenglauben Kritik zu üben gelernt hatte. Auch er stellt Jesus auf den rein natürlich-menschlichen Boden mit der spekulativen, der Hegelschen Philosophie entnommenen Begründung, daß es die Idee nicht liebe und ihre Art nicht sei, ihre ganze Fülle in ein Exemplar auszuschütten uud gegen alle andern zu geizen; des Menschen Sohn sei nicht ein einzelner Mensch, sondern vielmehr die Menschheit im ganzen. „Das ist der Schlüssel der ganzen Christologie, daß als Subjekt der Prädikate, welche die Kirche Christo beilegt, statt eines Individuums eine Idee, aber eine reale, nicht kantisch unwirkliche, gesetzt wird. In einem Individuum, einem Gottmenschen gedacht, widersprechen sich die Eigenschaften und Funktionen, welche die Kirchenlehre Christo zuschreibt; iu der Idee der Gattung stimmen Strauß' Leben Jesu, 203 sie zusammen. Die Menschheit ist die Vereinigung beider Natnren, der meuschgewordene Gott, der zur Herrlichkeit eutäußerte unendliche und der seiner Unendlichkeit sich erinnernde endliche Geist; sie ist das Kind der sichtbaren Mutter und des unsichtbaren Baters, des Geistes und der Natur; sie ist der Wnnderthäter, sosern im Verlaufe der Menschengeschichte der Geist sich immer vollständiger der Natur bemächtigt, diese ihm gegenüber zum machtlosen Material seiner Thätigkeit heruntergesetzt wird, sie ist der Unsündliche, sof«rn der Gang ihrer Entwickelung ein tadelloser ist, die Verunreinigung immer nur am Individuum klebt, in der Gattung aber und ihrer Geschichte ausgehoben ist; sie ist der Sterbende, Auferstehende und zum Himmel Fahrende, sofern ihr aus der Negation ihrer Natürlichkeit immer höheres geistiges Leben, aus der Aushebung ihrer Endlichkeit als persönliche», nationalen und weltlichen Geistes ihre Einigkeit mit dem unendlichen Geiste des Himmels hervorgeht." So bleibeu „Christi übernatürliche Geburt, seine Wunder, seine Auferstehung und Himmelfahrt ewige Wahrheiten, so sehr ihre Wirklichkeit als historische Wahrheiten angezweifelt werden mag". Denn die Berichte über den Stifter des Christentunis zeigen uus überhaupt nicht deu Jesus der Geschichte, sondern den Christus des Glaubens und sind selbst Produkte des Glaubens, dessen liebstes Kind bekanntlich das Wunder ist, sind Mythen, d. h. „heilige Sagen, geschichtSartige Einkleidungen urchristlicher Ideen, gebildet in der absichtslos dichtenden Sage", also nicht Schöpfungen von Betrügern, sondern Gebilde der unbewußt schaffenden Phantasie und Vorstellungswelt der gläubigen Gemeinde. Nun war es sreilich, wie Strauß selbst ausdrücklich betont, nicht neu und nicht zum erstenmal, daß der Begriff des Mythus auch auf Christliches angewandt wurde; aber neu war das Verständnis für das Wesen des Mythus, wie es Hegel herausgearbeitet hatte, und für die Mythologie, die eben damals die Geister lebhaft beschäftigte — man denke 'an Crenzer und Banr; und uuerhört war, daß sämtliche Erzählungen des Nenen Testaments, das ganze Lebeu Jesu in der Überlieferung desselben, „ihr ganzer Verlauf" es sich gefallen lassen mußte, diesem Begriffe unterstellt und aus ihn hin angesehen zu werden, und daß nicht nnr fast alle, sondern daß gerade auch diejenigen neutestamcntlichen Erzählungen 204 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung. für mythisch erklärt wurden, von denen das Christentum selbst — man braucht ja nur die Bedeutung des Glaubens an seine Auferstehung zu nennen -— abzuhängen schien. So war der Angriff unerhört umfassend und unerhört central zugleich. Strauß selbst rühmt sich in der Vorrede der inneren Be- sreiung seines Gemütes und Denkens von gewissen religiösen und dogmatischen Boraussetzungen: „mögen die Theologen diese Vor- anssetznngslosigkeit unchristlich finden, er findet die gläubigen Boraussetzungen ihrer Werke unwissenschaftlich". Und doch mußte auch er eine Voraussetzung machen, das erste und das vierte Evangelium durften nicht von Augenzeugen, also nicht von Matthäus uud Johannes verfaßt sein: der dichtenden Gemeinde mnßte Zeit gelassen, das Bild, das sie mit ihren Sagen umWeben sollte, mußte in eine die Konturen verwischende Zeitenferne gerückt werden. Hier lag nun freilich die Schwäche der damaligen Stranß'schen Position: es sehlte ihr die seste Basis einer ins einzelne gehenden Quellennntersuchuug, und so konnte Strauß selber in der dritten Auflage schwankend werden zu gunsteu der Echtheit des Johannesevangeliums, und konnten seine Resultate als willkürliche und gewaltsame von den Gegnern zurückgewieseu werden. Diese Lücke ergänzte dann die Tübinger Schule unter Baurs Führung nachträglich und — fügen wir gleich hinzu — doch wesentlich im Anschluß an Strauß, der ihr das Problem gestellt hatte: uud sie hat seiue Resultate iu der Hauptsache durchaus bestätigt, den Angriff sogar noch erheblich verschürft und wuchtiger gemacht. Durch das klassische Werk von Baur „Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelien" war namentlich „das Gespenst des angeblichen Johannes" für alle Zeiten gebannt nnd in der Unterscheidung judenchristlicher nnd heidcnchristlicher Elemente in der ältesten christlichen Gemeinde der Schlüssel gefunden zum Verständnis der Gestaltung ihrer frühesten Urkunden. Und wenn davon auch heute im einzelnen manches überholt uud umgestaltet ist, im großen baut die wissenschastliche Theologie bis zur Stunde noch immer mit diesen Bausteinen und auf dem von Baur gelegten sicheren Grunde. Damals aber war das Interesse am Inhalt zunächst noch größer als an den Berichterstattern, am Leben Jesu größer als Strauß' Leben Jesu. 205 an den Berichten über dieses Leben: und überdies mußte auch zuerst der Glaube an den Inhalt der biblischen Überlieferung erschüttert werden, ehe man daran gehen konnte und wollte, den Zweifel ans die Berichterstatter auszudehnen. Dieser Weg war nicht der methodologisch richtige, aber er war historisch notwendig und psychologisch natürlich, deun er war im Gang der theologischen Arbeit begründet. Stolz-bescheiden hat Strauß selbst einmal darüber gesagt: „meine Art war für den Ansang gerade angemessen und natürlich, und ohne meinen Vorgang ständen die Tübinger heute (1846) gewiß noch nicht da, wo sie stehen". Kaum ein anderes Buch hat in unserem Jahrhundert eine ähnliche Wirkung hervorgebracht wie das Straußsche Leben Jesn. Es war der volle Eindruck des Schreckhaften, nnd so übersah man zuerst völlig den großen Dienst, den Strauß der Theologie selbst durch die Beseitigung der rationalistischen Erklärnilgen und der orthodoxen Vertuschungs- und Vermittlnngskunststücke und durch die Anbahnung einer historischen und auellcmnäßigen Erforschung der Grundlagen des Christentums geleistet hat, man vergaß, wie Holtz- mann es noch umfassender nnd ganz besonders treffend formuliert, „die Wohlthat, daß die trüben und seichten Gewässer jener romantischen und doch so thatenlosen Zeit verweht worden sind durch den rauhen aber belebenden Frühlingswind dieser Straußischen Kritik, die die sittliche und wissenschaftliche Notwendigkeit geltend machte, zu vielen Dingen Nein, statt gedankenlos zu allem Ja zu sagen". Vielmehr sah man in ihm nur den Feind und Frevler, der am Heiligen rührte und schickte sich darum alsbald zu leidenschaftlicher und deshalb sachlich meist recht wenig sördernder Abwehr an. Daß er seines Amtes als Repetent am Tübinger Stift entsetzt wurde, versteht sich nach den kirchlichen Usancen des Nennzehnten Jahrhunderts von selbst. Und dann kamen die Gegenschriften — von den Altgläubigen uud Pietisten, den Halbglüubigen oder Suprauaturalisten, den Rationalisten und den rechtsstehenden Hegelingen, die eben noch den Traum der Versöhnung von Glauben und Wissen geträumt hatten und nun so nnsanft daraus empor gerüttelt wurden: fie vor allem mußten ihre Unschuld an diesem ungeheuerlichen Friedcnsbruch versichern. Nur Hengstenberg jubilierte. 206 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung. Natürlich! Das war ja nun die Konsequenz deutscher Philosophie und sich wissenschaftlich nennender Theologie, und so begrüßte er — er! — das Straußische Buch als „eine der erfreulichsten Erscheinungen auf dem Gebiete der neueren theologischen Litteratur"! So freundlich war die erste Begegnung zwischen den beiden, aus dem paradoxen Gruud, wie Strauß so hübsch sagt, „weil sie eine absolut feindliche war." Allein die Gegner hatten die Rechnung doch einigermaßen ohne den Wirt gemacht. Wer mit 27 Jahren einen so genialen ersten Wnrs that, so scharssinnig und scharssichtig einer achtzehu- huudertjährigen Autorität und Überlieserung zu Leibe giug, der sürchtete sich auch vor modernen Theologen nicht, deren schwache Seiten und Blößen er ja eben erst gründlich aufgedeckt hatte. Den Erweis einer für sein Alter staunenswerten theologischen Gelehrsamkeit hatte er durch sein Buch erbracht. Dazu kam die Lessingsche Ader, der Geist rücksichtsloser Wahrhaftigkeit und der glänzende Stil des jungen Theologen, der ihn — nur der Neid'Nietzsches hat ihm auch das absprechen wollen — zn einem unserer allerersten Schriftsteller gemacht und ihn auch darin Lessing nahe gerückt hat. Und so sausten nun in seinen Streitschriften die Hiebe so hageldicht auf die Steudel uud Paulus, die Heugstenberg und Eschenmayer, die Menzel und Rosenkranz herab, daß man sich wirklich in die Zeiten Goezes und Antigoezes zurückversetzt glauben konnte. Darüber schieden sich aber auch die Geister. Die Hegelsche Schule, der ja seit 1831 das zusammenhaltende Haupt des Meisters fehlte — Strauß war nach Berlin eben zu seiner Beerdigung gekommen —, fiel in eine Linke und eine Rechte auseinander, wie das ja bei der Philosophie Hegels durchaus möglich war, je nachdem man das Seiende oder das Vernüustige, das Wirkliche oder das Seinsollende iu den Vordergrund rückte; und während die Vorsichtigen zwischen den beiden extremen Richtungen die Mitte zu halten suchten, wandte sich alles, was jung und keck und kritisch war, der Linken zu. Für sie gründeten in den Halleschen Jahrbüchern Rüge und Echtermeyer das Organ, in welchem es an Geist nur so funkelte uud sprühte. Strauß selber und sein Freund Strauß' Leben Jesu. 207 Bischer, Bruno Bauer, Reiuhold Köstlin und wie sie alle hieszeu, sie scharten sich zusammen zu Trutz und Schutz; in den Aufsätzen Wischers „Dr. Strauß und die Württembergs" treten die Gegensätze der Zeit in voller Schärfe und Leidenschaft zu Tage, es ist ein fulminantes Kriegsmanifest gegen alles Pietistische und Reaktionäre, gegen alles Altgcwordene und Berengte. Nicht bloß im religiösen Leben, auch auf andere Gebiete schlugen die Funken über, und so wurde gegen alles bloß auf Autorität hin Angenommene und Festgehaltene in Wissenschaft und Litteratur, iu Knnst und Lebeu von diesem freiheitdürstcudeu Realismus Sturm gelaufen, das juuge Deutschland in der Litteratur, der Freiheitsdrang der Liberalen in der Politik kamen neben der philosophischen und religiösen Linken zum Wort und fanden in diesen Jahrbüchern eine Freistätte uud ein Organ. Die revolutionäre Speiche am Rad der Hegelschcn Philosophie, wonach nur das Vernünftige in der Welt Existenzrecht habe und folglich alles Unvernünftige wert sei negiert und in Trümmer geschlagen zu werden, war jetzt für einige Zeit oben auf. Und daß dieser Sturm nicht nur auf die litterarischen Kreise beschränkt blieb, sondern auch in die Schichten des Volkes drang und die Geister weithin auswühlte, das zeigte neben dem Gezeter der kirchlicheil Kleine-Leute-Blättcheu und dem angstvollen Vorwnrf, daß Stranß sein Buch nicht wenigstens lateinisch geschrieben habe, vor allem anch das Schicksal der Straußischen Bernfnng nach Zürich. Strauß war Theologe, das war sein Beruf, nicht etwa nur ein ihm von außen her aufgedrängter, sondern sein ihn auch innerlich ganz ausfüllender Berns. Darum war es ganz natürlich nnd sein gutesRecht, daß er annahm, als man ihm in Zürich eine theologische Professur anbot. Der Mann, der das „Leben Jesu" geschrieben hatte, hatte den Befähigungsnachweis für eine solche vollständig erbracht. Allein das Landvolk des Kantons Zürich, von konservativen Pfarrern gegen die damalige liberale Negierung aufgehetzt, kam mit Stecken und mit Stangen, stürzte die Regierung und erzwäng die Rücknahme der Bernfnng, beziehnngsweise die Pensionierung von Strauß. Daß damit für ihu auch jede andere Berufung auf den Lehrstuhl einer Universität im monarchischen Deutschland unmöglich geworden war, 208 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, lag auf der Hand. Und so schrieb Strauß, der eben noch in seinen „zwei friedlichen Blättern" neben dem Vergänglichen auch das Bleibende im Christentum anerkannt, neben seinem Nein auch sein Ja hatte laut werden lassen, jetzt unter dem Eindruck dieser ueueu schwereren Unbill seine „christliche Glaubenslehre" (1840), in der er der dogmatischen Wissenschaft die Bilanz zog und ihr auf allen Punkten den Baukbruch auküudigte: im Feuer der Hegelschen Dialektik verdampfte die ganze christliche Dogmatik. So war das durch Hegel neu geschlungene Band zwischen Glauben und Wissen wieder einmal gründlich uud mit vollem Bewußtsein zerschnitten: „also lasse der Glaubende den Wissenden, wie dieser jenen, ruhig seine Straße ziehen; wir lassen ihneu ihren Glaubeu, so lassen sie uns unsere Philosophie; uud wenn es den Uberfrommen geliugeu sollte, uns aus ihrer Kirche auszuschließen, so werden wir dies für Gewinn achten. Falsche Vermittlungsversuche siud jetzt geuug gemacht; nur Scheidung der Gegensätze kann weiter führen." Mit dem Schteiermachcrschen Wort: „mitten in der Endlichkeit Eins zn werden mit dem Uucudlichen und ewig zu sein iu jedem Augenblick" nnd mit dem Hinweis auf Nückerts „sterbende Blume" schloß diese spekulative Kritik der christlichen Glaubenslehre. Es war eiu Seitenstück zu Abälards bitterbösem ,Lie st nou-, nur daß hier aller Nachdruck auf dem „Nein" lag und jedes Kapitel erbarmungslos iu eiu „Neiu" ausklaug. Der Konflikt aber, der so gewaltsam in das Leben von Strauß eingrisf, hat damals vielen jüngeren Geistlichen schwer die Seele bedrückt und auch von ihnen manche aus dem regelmäßigen Gang ihres Daseins herausgerissen. „Ich kann nicht iu dem Dienst einer Kirche bleiben, schreibt seiu Freund Märkliu, gegeu welche ich mich durch meine Denkweise in einem Znstande innerer, heimlicher Empörung befinde; so wird mein Leben ein in sich geteiltes, nnd das kann ich unmöglich aushalten." Aber noch häufiger wollte die Kirche die, die deu ehrlicheu Versuch der Vermittlung machten, nicht bei sich ertragen und dulden und drängte sie von sich hinweg in andere Bernse hinüber. Strauß selbst aber hat, obwohl er schon 1835 die Schwierigkeit deutlich gesehen und offen zugestanden hat, doch nie aufgehört, au die Möglichkeit zu glaubeu, daß Leute seiner David Friedrich Strauß I'Iiotc>Arl>i>^I»oI>o vVufna^iiio Strauß' Leben Jesu. 209 Denkweise Geistliche bleiben können; noch 1860 schreibt er onrüber seinem Freund Rapp: „Das Amt des Geistlichen ist zunächst unstreitig, der Gemeinde ihren Glauben vorzutragen. Ist dieser Glanbe auch der seinige, desto besser; wo nicht, so soll er eher sich weh thun als ihr. Er darf ihr kein Stück ihres Glaubens unterschlagen, von keinem der vermeintlichen Edelsteine ihres heiligen Apparats geradezu sageu: das ist Glas, wenn es auch wirklich uichts anderes ist; schon deswegen dars er es nicht, weil er sich dadurch jede weitere Einwirkung auf die Leute abschneidet. Nur in der Art, wie er mit jenem Apparat hantiert, wie er das eine Stück öfter, das andere seltener zum Vorschein bringt, das voran, jenes zurückstellt, dadurch aber auch ganz hinlänglich, wird er seiner subjektiven Überzeugung Raum geben und das, was er will, auch im Volk allmählich vorbereiten helfen. Das Licht des Denkens, die Luft der Humanität, die Wärme des sittlichen Strebens wird auch das Dogmatische, das er vorträgt, durchdringen, das Irrige darin unschädlich und das Wahre und Gnte srnchtbar machen." So weuig radikal dachte Strauß, so sehr wirkte in ihm der Hegelsche Respekt vor allem Substantiellen und Bestehenden nach, so unrecht that die Kirche, Männer seiner Art zu ächten und auszustoßen. Während aber Strauß im Grunde seines Wesens vielmehr eine konservative Natur als ein radikaler Revolutionär gewesen ist — „einen schwäbischen Philister" nennt ihn Treitschke, wobei er ihm freilich das Schwäbische fast ebensosehr zum Borwurf macht wie das Philisterhafte — und während die an ihn anknüpfende Arbeit der Tübinger Theologenschule als eiue unendlich fruchtbare und gar nicht bloß negativ gewirkt hat, vielmehr die Grundlage unserer heutigen wissenschaftlichen Theologie geworden ist, gingen andere tumultuarischer vor und uugestüm negierend weiter. Die Halleschen Jahrbücher wurden immer radikaler, Bruno Bauer suchte Strauß ä, taut, xrix zu überbieten nnd zu übertrumpfen und machte als „Herostratus" der neutestameutlichen Kritik und als Führer der „Freien" bei Hippel in Berlin eine Zeitlang großes Ausseheu. In politischen Dingen aber führte Rüge, dem Feuerbachs „Wesen des Christentums" die richtige Interpretation Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des 19. Jahrh. 14 210 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung. der Hcgelschen ReligiouSphilosophie zu sein schien, eine immer stärkere und kühnere Sprache, so daß es bei den damaligen Preßzuständen kein Wuuder war, weuu er der Censnr und Polizei weichen, die Jahrbücher erst aus Preußeu wegverlegeu uud schließlich Deutschland verlassen und nach Paris ins Exil gehen mußte. So machte man dann freilich den deutschen Liberalismus mit Gewalt fremdbürgerlich uud undeutsch. Ludwig Feuerbach. Radikaler als Strauß war Ludwig Feuerbach, schon deswegen, weil er Philosoph und nicht wie jener Theologe war. Sein Buch vom „Wesen des Christentums" erschien 1841, ein neues Skaudalou, das sachlich noch weit über das Leben Jesu hiuausgiug, aber doch nicht dasselbe Aussehen machte oder dieselbe Verbreitung fand wie dieses. Man hatte inzwischen doch etwas ertragen gelernt, und so war der Sturm nicht mehr so groß und die Wirkuug auch darum nicht so ausgebreitet, weil das Werk ein philosophisches, also doch mehr esoterisches war. Allein trotzdem auch daS ein Buch, das bis in die Gegenwart herein, seit etlichen Jahren sogar wieder recht lebendig in dieselbe hereinwirkt. Auch Feuerbach hatte erst Theologie studiert, sich dann Hegel zugewendet und war dabei auf die Anthropologie geführt worden, oder wie er selbst sagt: „Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft mein zweiter, der Mensch mein dritter und letzter Gedanke." Auch er geht vom Gegensatz zwischen Glauben und Wissen aus und erklärt es für eine geradezu „welthistorische Heuchelei", daß wir trotz des offenkundigeil Widerspruchs unserer Religion mit den wissenschaftlichen, politischen, socialen, kurz geistigen nnd materiellen Interessen an ihr festhalten; diesen Widerspruch, diesen Zustand welthistorischer Heuchelei hat die Hegelsche Philosophie nieder entlarvt noch überwunden, aus sie kann sich ' ebensogut die Orthodoxie als die Heterodoxie stützen. Und daS hängt damit zusammen, daß Hegel nicht in das eigentümliche Wesen der Religion eingedrungen ist; darin war ihm Schleiermacher überlegen, der die Religion zu einer Gefühlssache machte, aber freilich „aus theologischer Besaugeuheit uicht dazu kam und kommen konnte, die notwendigen Konsequenzen seines Standpunkts zu ziehen und Ludwig Feuerbach. 211 cinzugestcheu, das; objektiv Gott selbst nichts anderes ist als das Wesen des Gefühls, wenn subjektiv das Gefühl die Hauptsache der Religion ist". Diese Basis der Theologie glaubte Feuerbach erkauut und damit ihr Geheimnis, daß sie in Wahrheit Anthropologie sei, aufgedeckt zu haben, er snchte das Wesen der Religion im Menschen und faud es in dessen Glücksverlangen. Dnrch diese letztere Bestimmung ist er der Pater der sogenannten Wunschtheologie geworden, die Nitschl vierzig Jahre später, uur zu zahmer Position umgebogen, wieder aufgenommen hat. Das Wesen der Götter ist also nach Feuerbach menschlich: sie sind Projektionen des Besten in uns, Spiegel des Meuscheu, Ideale der Völker, das Kollektaueenbuch unserer höchsten Empfinduugeu uud Gedauken, aber objektiv sind sie nicht. Darum hat auch nicht Gott die Menschen geschaffen nach seinem Bilde, sondern die Menschen schufen sich ihre Götter anthropomorph nach ihrem Bild. Das ist der Illusionismus der Fcuerbachschen Rcligionsphilosophie. Was so von der Religion überhanpt gilt, gilt natürlich auch vom Christentum: seine Gruuddogmcn sind erfüllte Herzenswünsche, sein Wesen ist das Wesen des Gemüts; Christus ist die Einheit von Gemüt und Phantasie, daher der Unterschied des Christentums vom Heidentum; „an der Not des Herzens scheitert der Mutwille der olympischen Götter, im Christentum stieg die Phantasie aus dem Palaste der Götter herab in die Wohnnng der Armut, wo nur die Notwendigkeit des Bedürfnisses waltet, und demütigte sich unter die Herrschaft des Herzens". Aber wenn der christliche Gedanke von der Einheit des göttlichen mit dem menschlichen Wesen das geheime Wesen der Religion selber ist, so ist die Form der Religion oder das offenbare, bewußte Wesen derselben der Unterschied: Gott ist das menschliche Wesen, er wird aber gewußt als ein anderes Wesen. Jenes ist die Liebe, die den Menschen mit Gott, Gott mit dem Menschen identifiziert, dieses der Glaube, der „Gott vom Menschen trennt, und darum den Menschen von dem Menschen; denn Gott ist nichts anderes als der mystische Gattungsbegriff der Menschheit". So setzt sich „durch den Glauben die Religion mit der Sittlichkeit, der Vernunft, dem einfachen Wahrheitssinn des Menschen in Widerspruch"; der Glaube ist das Gegenteil 14* 212 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung. der Liebe, darum ist er das Böse im Christentum uud der Urheber aller Greuel der christlichen Religionsgeschichte. Da aber Feuerbach Philosoph ist, bleibt er nicht im Negativen uud in der Kritik stecken, sondern er wendet sich auch positiv dem Menschen zu; und dabei kommt er, wie übrigens anch schon Strauß, gauz kousequeut auf den Gedanken der Menschheit, denn sie, nicht der einzelne Meusch schafft die Gottheit nach ihrem Bilde; und so gewinnt er eine Ethik, die neben dem egoistischen Glücksverlangen den Tuismns (oder wie wir heute uoch häßlicher sagen: den Altruismus) zum Priuzip hat. Dem „ich will" des eigenen Glückseligkeitstriebs steht das „dn sollst" des anderen mit seinem Glücksetigkeits- triebe, oder moderner ausgedrückt: dem Individuum steht die Gesellschaft, dem eigenen Glückseligkeitsverlangen das Gattnngs- intcresse einschränkend und Pflichten setzend gegenüber, hier liegt der Keim, aber anch nur der Keim für eine wahrhaft sociale Ethik. Der Mensch aber ist diesem ersten deutschen Positivisten nicht die fleisch- und blutleere Abstraktion des Hegelschen Panlogismus, ein Gefäß und Durchgangspunkt der Idee, sondern der ganze runde und volle, also auch der sinnliche Mensch nach allen Seiten seines Wesens und in der ganzen Vollsaftigkeit und Leibhaftigkeit desselben. Darin berührt sich der Feuerbachsche Anthropologismus mit dem Realismus des jungen Deutschland, das ja auch der Sinnlichkeit, dem Fleisch, der Realität und Weltwirklichkeit überhaupt wieder zu ihrem Recht verhelfen nnd sie gegen alles Asketische schützen wollte. Indem aber Feuerbach dabei immer radikaler wurde, that er lange vor Strauß den Schritt vom Hegeltum hinüber zum Materialismus. Freilich iu seiner Weise. Der Materialismus war für ihn nur „die Grundlage des Gebäudes des menschlichen Wesens nnd Wissens"; sein Hauptgegenstand blieben nach wie vor „die aus den Menschen entsprungenen Gedanken- nnd Phantasiewesen, die in der Meinung .und Überlieferung der Menschen für wirkliche Wesen gelten". Dieser Materialismus ist nicht etwa eine Konsequenz der Hegelschen Philosophie, sondern die Reaktion gegen sie und ihre Mißachtung der Natnr. Und ebenso ging Feuerbach zu socialistischen Anschauungen weiter, die ihu zu einem der Väter und Heiligen der deutschen Socialdemokratie gemacht haben. Sein viel mißver- Die innere Mission. 213 standenes Wort: „waS der Mensch ißt, das ist er" war weit mehr socialistisch als materialistisch gemeint und antecipierte die sociologische Lehre vom Milieu und von der socialen Not als dem Nährboden des Verbrechens und der Jmmoralität. Im Zusammenhang mit dem Socialismus werdcu wir daher Feuerbach uoch einmal begegnen. Wie stark Feuerbach auf Gottfried Keller gewirkt hat, ist bekannt. Dessen „grüner Heinrich" und die Art, wie der Dichter hier zwei Anhänger des Philosophen, den von aller Proselyteu- macherei vornehm sich fern haltenden Grafen Dietrich und !Peter Gilgus, den plebejischen Apostel des Atheismus, einander gegenüberstellt, mag uns zeigen, daß es doch vor allem die religiöse Frage und die entschlossene Parteinalune für den Atheismus war, die damals viele für Feuerbach interessierte nnd an ihm imponierte. Treffend ist das Wort Kellers von „den in der Verbreitung begriffenen Werken des lebenden Philosophen, der nur diese letzten Fragen in seiner klassisch monotonen aber leidenschaftlichen Sprache, dem allgemeinen Verständnis zugänglich, um uud um wendete und gleich einem Zaubervogel, der in einsamem Bnsche sitzt, den Gott aus der Brnst von Tausenden hinweg sang." Indem sich aber seine religiöse Geistesfreiheit mit einem politischen Radikalismus verband, erinnert Feuerbachs Stellung im Geistesleben der vierziger Jahre weit mehr als die von Stranß an die Encyklopädisten vor dem Ausbruch der französischen Revolution. Die innere Mission. Auch bei der Abwehr des Straußscheu Augriffs auf die neu- testamentliche Gruudlage des alteu Glaubens treffen wir auf jenes Herankomme» und Anwachsen einer positiv religiösen Stimmung und Strömung, die uns schon vorher, seit dem Anfang des Jahrhunderts und vollends seit den Befreiungskriegen deutlich spürbar entgegengetreten ist. Doch soll hier nicht noch einmal von Schleiermacher nnd den Romantikern, von Ernst Moritz Arndt und der christgermanischen Burscheuschaft, auch nicht von Hengstenberg und seiner evangelischen Kirchenzeitung die Rede sein. Sondern ich meine vielmehr die Bewegung „der Stillen im Lande", die von „Laien" mehr als von Geistlichen getragen, eben darum zuuächft 214 1830 bis 1818: Die religiöse Bewegung. 'nicht specifisch konfessionell und kirchlich war, sondern eher allgemein christlich mit mehr oder weniger Pietistischer Färbung genannt werden mag. Vielleicht haben Herrnhutsche Einflüsse, auf die ja auch Schlciermachers feine gefühlsmäßige Religiosität zurückzuführen ist, wie zur Entstehung so auch zu dieser allgemein christlichen Haltung der Bewegung beigetragen: der internationale Zug, der sie ihre Fäden nach der Schweiz, nach England und Amerika ausspannen ließ, stammt wohl eben daher. Eine Art Gegengewicht dazu bildet der specifisch schwäbische Pietismus mit seiueu zahlreichen originellen / Charakterkvpfeu und seiner provinziellen Enge uud Selbstgcrechtig- keit, dem wir aber doch nicht vergessen wollen, daß er in dem rheinbündischen Lande deutschen Glauben nnd deutsche Sittlichkeit mit der diesem Stamme eigeneil Zähigkeit festgehalten hat. Solche Kreise thaten sich wohl zuerst in Basel zusammen, wo Urlspcrger 1780 die deutsche Christentnmsgesellschaft gründete, in Elberfeld schlössen sie sich an Krnmmacher und seiue „narkotische" Predigtweise an, in Berlin in den dreißiger Jahren an Goßner, der schon als Katholik in Bayern mit diesen pietistischen „Brüdern" sympathisiert hatte. Unter den Universitätslehrern stand der verschwommene Tholuck iu Halle dieser Richtung besonders nahe. Rothe aber, der diese „Neugeburt des deutschen Volkes durch die Kraft des wieder lebendig gewordenen Evangeliums" freudig begrüßt hat, klagt, daß dieser junge christliche Geist seine Lebensfülle nicht habe ausströmen können in große sittliche Ideen nnd Aufgaben und statt eines christlich nationalen Lebens sich auf die Enge der rein privaten Lebenskreise konsiniert gesehen habe. Das zeigte sich alsbald. Mit den Traditionen der Brüdergemeinde hing es zusammen, daß die Heidcumissiou eineu Hauptgegenstand des Interesses nnd der Arbeit für viele dieser Frommen bildete; man denke nur an Basel und sein Missionshaus oder an Goßner, der von Berlin aus eine eigene Mission einrichtete. Aber gab es denn Heiden und Unglänbige nicht anch in der Christenwelt selber? So lag es nahe, der äußeren eine innere Mission an die Seite zu setzen, deren CentralauSschuß uach seinen späteren Statuten es sich znr Aufgabe machte, „innerhalb des evangelischen Deutschlauds, sowie unter den im Auslande lebenden Teutschen, durch den Dienst der inneren Die innere Mission. 215 Mission das Reich Gottes bauen zu helfen. Er wird insbesondere bestrebt sein, solche Gebiete des Volkslebens, die der Wirkung des Evangeliums entzogen sind, demselben wieder zu offnen, die Werke christlicher LiebeSthätigteit anzuregen, isolierte Bestrebungen dieser Art miteinander in Verbindung zu setzen und mit Rat und That ihnen zu dienen." Dazn kam von pietistischer Seite her ein HeiligungSstrcben im Geiste des mittelalterlichen Katholizismus, Verdieneuwollcu und Werkgerechtigkeit. Und das alles wirkte dann zusammen zur Gründung von allerlei christlichen Gesellschaften zum Zweck werkthätiger Erweisung des neuerwachten Glaubenseifers. Einzelne Männer gingen voran und zeigten sich von demselben Geiste beseelt; und so tragen Wicherns rauhes Haus bei Hamburg, Fliedners Diakonissenhaus in Kaiserswerth, Gustav Werners Rettungsanstalten iu Neutlingeu von Ansang an jenes allgemein christliche Gepräge ohne ausgesprochene konfessionelle Färbung. Es sind dies Schöpfungen, in denen sich die Wiedererneuerung und Erstarkung eines tieferen religiösen Lebens besonders erfreulich offenbarte und durch die im Norden und Süden unseres Vaterlandes Großes geleistet, viel Gutes uud Bleibendes ins Werk gesetzt wurde. Heute würde mau vou praktischem Christentum und christlichem Socialismus reden; aber es ist doch nicht nur ein anderes Wort, wenn man- es damals „innere Mission" nannte. Der Nachdruck lag auf der Wiedergewinnung Abgefallener und Verlorener für das Christeutnm, die Arbeit war specifisch christlich. Eben darum ist auch jene Verbindung des Pietismus mit der Orthodoxie und dem Landeskirchentum, wovon schon die Rede war, nicht spurlos an dieser Arbeit vorübergegaugeu, sondern hat ihr immer mehr einen unerfreulichen und einseitigen Stempel aufgedrückt, hat auch in sie nach Rothe's treffendein Ausdruck viel „Essig gegossen". Und überdies ist dadurch viel Scheiu- und Henchelwesen in jene Anstalten und Vereine und in das Wirken derselben hineingekommen; denn die Macht verdirbt zwar nicht notwendig den Charakter des einzelnen, aber sie verdirbt stets die Religion; ein Zng der Unduldsamkeit und Ausschlieszlichkeit entstellte bald auch diese Liebesthütig- keit der „Frommen" nnd machte das Wirken der „inneren Mission" den Freigesinnten über Gebühr verdächtig nnd antipathisch. 216 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, Der Katholizismus um die Wende des Jahrhunderts. Aber nicht nur die Protestantische, sondern vor allem auch die katholische Kirche erfuhr in jenen Jahren eine Erneuerung nnd Wiedererstarknng nach der positiven streng kirchlichen Richtuug und Seite hin. Die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts war auch iu sie eingedruugen, ja hatte sie mächtiger ergriffen als irgend ein sonstiger von außen her kommender Einfluß vorher oder nachher: das achtzehnte Jahrhundert war so rationalistisch, daß auch der Katholizismus rationalistisch wurde. Unter dem Einfluß der Aufklärung mußte Papst Clemens XIV. 1773 den Jesuitenorden aufheben, das war sozusagen die äußere Gewähr und Bestätigung des von ihr erfochtenen Sieges. In Österreich war in Joseph II. ein Aufklärer auf den katholischen Kaiserthron gekommen, der zwar mit seinen allzu kühn sich überstürzenden Reformen scheiterte — aber weniger an der Kraft nnd Stärke des Katholizismus als au der Stumpfheit der Massen seines durch die Kirche iu tiescr Unwissenheit gehaltenen Volkes nnd an der Zerklüftung des österreichischen Bölkergemisches, woran der unselige Staat heute uoch leidet nnd schließlich sicher untergeht. Allein im Josephinis- mus hat dieser freie Geist doch auch dort tief iu uuser Jahrhundert herciu sich erhalten nnd für alle Zeiten die Möglichkeit eines geläuterten von Aberglauben und Jutolerauz sich srei machenden Katholizismus acl »vulos demonstriert. Und noch eine andere, mit dem Geist der Ausklärung zusammenhängende Bewegung in der katholischen Kirche Deutschlands war nicht zum Ziel gekommen — der Febrouiauismus, der es in der Emser Punktation von 1786 mit der Gründung einer deutschen, von Rom sich ablöseudeu Nationalkirche versucht hatte. Auch dieser Gedanke wirkte, teilweise in Verbindung mit dem Josephinismus, iu unser Jahrhundert hereiu nach, uud es ist interessant zn sehen, wie namentlich der alte germanische Widerstand gegen den Cölibat im deutschen Klerus wieder auflebt. Autieölibatäre Bereine entstanden, denen in den zwanziger und dreißiger Jahren namentlich in Süddeutschland zahlreiche Geistliche bcitrnten, so daß Gregor XVI. uoch 1832 diese lozäissima cyniurutio beklagen und verdammen mnßte. Und neben Der Katholizismus um die Wende des Jahrhunderts. 217 dem Cölibat war es die Unauflöslichkeit der Ehe und der Marien- kultus, die von katholischen Theologen selbst z. B. von Werkmeister 1823) heftige Angriffe erfuhren. In Bayern, wo das Volk noch am tiefsten in Aberglauben und Unwissenheit versunken war, kam die Aufklärung von oben: der Minister Montgelas, der einen von der Kirche unabhängigen modernen Staat erst schaffen mußte, suchte durch Hebung und Neuordnung des Schulwesens das Volk aufzuklären und von Aberglauben frei zu machen. Und endlich vollzog sich auf diesem Boden eines aufgeklärten Jndifserentismns auch eine Annäherung zwischen Katholizismus und Protestantismus, die ich einmal in aller Naivetät in der Unterschrist eines aus dem Ansang des Jahrhunderts stammenden Tausscheins konstatieren konnte: „katholischer und auch lutherischer Psarrer zu —" nannte sich der katholische Ortspfarrcr, der auf diese Weise den paar Protestanten seiner Gemeinde den weiten Weg in das nächste protestantische Dorf ersparen wollte. Die mit dem Pietismus zusammenhängende evangelische Bewegung und ..Erweckung" bayerischer Gemeinden durch Boos und Goßner richtete sich erst gegen einen „rationalistisch angewehten" Katholizismus und führte dann ihrerseits zu freundlichen Beziehungen nnd einer gewissen Ausgleichung zwischen Katholiken und Protestanten. Zu solcher inneren Lockerung und Lösung des starr sich abschließenden Katholizismus kamen dann noch von außen her die schweren Schläge, welche die römische Kirche und den Papst durch die französische Revolution und dnrch die verschiedenen Akte der Gewaltthätigkeit Napoleons trafen. Und doch hat gerade dieser große Realist, der wie alle Realisten die Macht der Kirche und der kirchlich religiösen Ideen unterschätzte, durch Vernichtung des Gallikanismus in Frankreich, ähnlich wie Ludwig XIV., wider Willen zur inneren Erstarknng derselben beigetragen. Anch daß er Pins VII. zum Gefangenen nnd Märtyrer gemacht und ihm Gelegenheit zur Entfaltung großer Standhaftigkeit gegeben hat, ist für die Kirche ein Gewinn gewesen. In Deutschland aber wirkte im selben Sinn und nach der gleichen Richtung hin die Nomantik mit ihrer Vorliebe für das Mittelalter und für die von ihr freilich recht unhistorisch gedachte Frömmigkeit desselben. Der Übertritt so 218 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, vieler auS ihren Kreisen stammenden Dichter und Künstler oder von ihr beeinflußten Fürsten und Adligen zum Katholizismus verlieh zwar der katholischen Kirche wenig innere Kraft, aber dafür um so mehr äußeren Glanz nnd in die Augen fallenden Triumph. Auch begnügte sich die Nomantik nicht immer mit der schöneil und künstlerischen Außenseite des katholischen Knltns, sondern nahm auch au dem massiveren Aber- und Wunderglauben vollen Teil. Der Modethorheit des Mesmerismus und Somnambulismus entsprach hier Clemens Brentanos Glaube an die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerich zn Dülmeu; seineu Aufzeich- nungen darüber fehlte aber jede Spur des versöhnenden Humors und der leisen Selbstironie, womit Justinus Kerner, halb gläubiger Betrogener halb schalkhafter Betrüger, seiu Bild vou der Seherin von Prevorft romantisch umspielen ließ. Von Frankreich herüber aber drangen die Einflüsse von Bonald und de Maistre, von Chateaubriand und Lamennais, diesen Erneuerern der katholisch-kirchlichen Frömmigkeit von freilich sehr verschiedenen Ausgangspunkten aus und machten sich nachhaltig spürbar: man saßte sich von allen Seiten wieder Mut nnd ein Herz zur Kirche und auch zu den scheinbar am tiefsten erschüttertem Institutionen derselben. Und endlich kam die Heimkehr des Papstes nach Rom nnd die Wiederherstellung nnd Zurück- bernfung des Jesuitenordens. Das fiel zusammen mit dem, Sieg der politischen Legitimität und Reaktion über den „Parvenu" und die Revolution, und so verstärkte sich der Glanbe an die Znsammengehörigkeit von Thron und Altar, die römische Kirche Verbündete sich mit der Reaktion, sich in ihren Dienst stellend oder sie in ihren Dienst nehmend. Sie galt als die legitime Kirche, der Protestantismus fiel unter den Begriff der „Revolution" und war daher den Männern der heiligen Allianz verdächtig, wir wissen das von Geutz her. Beginn des Kampfes gegen den deutschen Katholizismus. Und nun beginnt, langsam aber zäh der Bernichtnngskampf der jesuitisch geleiteten römischen Kirche gegen die libcral-josephini- schen uud die national deutschgesinnten Elemente innerhalb des Katholizismus. Der Kampf ift so vollständig gelungen, daß diese Beginn des Kampfes gegen den deutschen Katholizismus. 219 Periode dein jungen katholischen Geschlecht von hente wie auS dem Gedächtnis gewischt ist — „ein Stück untergegangener Welt wie die des alten Ägypten? oder Assyriens". Erleichtert wurde der Kirche dieser Sieg dnrch das Ungeschick der preußischen Diplomaten in Rom, von denen erst Nielmhr durch seine Abneigung gegen jeden kirchlichen wie politischen Liberalismus und seine der römischen Hinterlist uicht gewachsene Verftäudnislosigkeit sür die Macht dieser Kirche, dann vor allem Bunsen dnrch seine sanguinische Leichtgläubigkeit und seine dilettantische Pietgeschästigkeit dem gewandten und geschästskuudigen Gegner leichtes Spiel gab. Im übrigen arbeitete die Zersplitterung Deutschlands iu eine Menge kleiner und allzu selbständiger Staaten Rom in die Hände, mit ihnen war leichter fertig zu werden als mit einem einheitlichen nnd machtvollen Ganzen. Endlich war auch die zunächst gegen die Kirche gerichtete Säkularisation der geistlichen Fürstentümer zu Ansang des Jahrhunderts ihr schließlich doch wieder zu gute gekommen' ans deutschen Fürsten waren katholische Würdenträger und Hierarchen geworden, die naturgemäß mehr Juteresse an ihrer Kirche als am deutschen Staat hatteu und immer mehr einen ausschließlich kirchlichen Sinn bethätigten. In die Erscheinung tritt diese aus Uuterdrückuug des freiheitlichen germanischen Geistes gerichtete Tendenz der römischen Kirche zuerst in der Mißhandlung des Konstanzer BistnmsverweserS von Wessenberg. Dieser, eine der frömmsten und liebenswürdigsten Gestalten des deutschen Katholizismus, war auf dem Wiener Kongreß für den Gedanken einer deutschen Nationalkirche vielleicht mehr tapser als geschickt eingetreten. Dafür wurde seine Wahl zum Kapitularvikar in Konstanz von der Kurie verworfen. Trotzdem ist er — damals war so etwas noch möglich! — dnrch den badischen Staat und getragen von der Liebe und Verehrung seiner ganzen Tiöeesangeistlichkeit Jahrelang auf diesem Posten gehalten worden: Fürst nnd Regierung, Geistliche und Laien wnßten, was sie an ihm hatten. Und nnn war er eifrig bemüht in der ihm hierzu gelassenen Spanne Zeit den Klerus durch eine wahrhaft christliche Bildung nnd dnrch besondere Pflege der praktischen Theologie zu heben nnd das Volk sittlich nnd religiös zu fördern; deshalb 220 1830 bis 1848: Die religiöse Bewegung, bekämpfte er den weitverbreiteten und in allerlei auch christliche Formen sich kleidenden Aberglauben. Alles das aber geschah im Geiste eiuer Mahrhast humanen Milde und Duldsamkeit, an die Stelle der Polemik trat bei ihm und seinen Gesinnungsgenossen die Jrenik. Es war ein idealer, menschlich verklärter Katholizismus, deu er praktisch und schriftstellerisch vertrat und auch in seiner Geistlichkeit zu verbreiten suchte. In diesen Bestrebungen wußte er sich eins mit dem ebenfalls mehr praktischen und sinnigen als gelehrten nnd verstandesmäßigen Hirscher in Tübingen und Freiburg und mit dem milden 'und gemütvollen Sailcr in LandShnt und Regensburg. Sie alle waren Männer einer Übergangszeit — von der Aufklärung hinüber zur religiösen Wiedererneuerung, aber römisch-katholisch im heutigen Sinne deS Worts waren sie nicht. Nnd sie standen nicht vereinzelt, in Süddeutschland hielt der Klerus zu Wessenberg und die Mehrzahl desselben fühlte wie er durchaus deutsch und wahrhast „christtatholisch". Um so bedauerlicher war es, daß sich an einem solchen Mann erstmals auch die Unznver- lässigkeit der deutschen Regierungen denjenigen gegenüber zeigte, die durch treues Festhalten am Staat mit der Kurie in Konflikt kommen. Wessenberg wnrde das Opfer einer solchen verfehlten Kirchenpolitik und von der inzwischen in andere Bahnen einlenkenden badischen Regierung der Kurie zulieb preisgegeben. Sailer und Hirscher zeigeu, wie zu Anfang des Jahrhunderts die katholische Kirche uach Überwindung des Rationalismus ihre» Anteil an dem Aufschwung der theologischen Wissenschaft zu gewinnen suchte. Der bedeutendste Vertreter einer solchen wissenschaftlichen Richtung war der Professor Hermes, erst iu Münster, dann iu Bonn. Er suchte Glauben und Wissen miteinander zu versöhnen nnd räumte daher diesem iu erster Linie als Entwickelungsstufe seine Stelle und sein Recht ein. Von Kant und Fichte stark beeinflußt beganu er gauz kartesianisch mit dem Zweifel, freilich nur nm ihn dann um so energischer zu überwiudeu uud durch seiue Erkenntnistheorie einer „christkatholischen Theologie" den Weg zu bahnen. Damit machte er Schnle, sein Einfluß auf den Universitätsbetrieb der katholischen Theologie wuchs rasch, mehr als dreißig Lehrstühle auf deutscheu Hochschulen waren mit Her- Beginn deS Kampfes gegen den deutschen Katholizismus. 221 mesiaueru besetzt und auch auf die Praktische Schulung der Geistlichkeit am Rhein war dieser Einfluß ebenso stark als günstig: der Erzbischof Spiegel von Köln hat dieses letztere stets anerkannt, nnd sein Nachfolger Droste berechnete die Zahl der von ihm perhorreszierteu hermesianischen Geistlichen in seiner erzbischöslicheu Divcese auf mehr als fünftausend. Deun Eiferer wie dieser Herr von Droste- Vischering, Graf Stolberg nnd andere mußten Anstoß nehmen an einer Lehre, die den Zweifel auch nur als Durchgangsstadium sür zulässig erklärte und den Glauben von der Vernunft abhängig zu macheu schien, nnd so wurde auf ihr Betreiben — nach seinem und seines Beschützers Spiegel Tod — 183S seine Lehre vom Papst verworfen, die Lektüre seiner Schriften verboten und den Professoren in Bonn untersagt, darüber zu lesen. Die preußische Negierung, statt ihre Professoren und die Lehrfreiheit ihrer Universitäten zu schützen, ließ es geschehen oder begünstigte nnd unterstützte gar uoch das kirchliche Vorgehen. Die Hermesianer wehrten sich für sich und ihren Meister, so gut es ging, und eine Zeitlang wogre der Kamps in leideuschastlicher Erregung hin und her: allein schließlich siegte auch hier Roms Macht über deutsche Wissenschaft, der Jesuit Perrone als letzter großer Dogmatiker der römischen Kirche mit seinen 1>i'aölL. Jahrh. 16 242 1830 bis 1848: Friedrich Wilhelm IV. sogar in Düsseldorf Schule zu macheu begauucu. Und gerade da berief der König den alternden Cornelius in 'die nordische Hauptstadt, in deren dünner Luft voll Skepsis und Verstandeskühte der Meister dieser fleisch- und sarblosen, keusch-asketischen und monumentalidealistischen Kunst, dem zum vollen Künstler doch gerade etwas von der Hauptsache, eiu Stück Können fehlte, sich schlecht genug ausuahm und sich auch persönlich von Ansang an wenig behaglich fühlte. Auch für diese Nichtuug der Malerei war Heine und das juuge Deutschland mit ihrer Emanzipation des Fleisches und war Feuerbach mit seiner Anerkennung der'Sinne und der Sinnlichkeit vernichtend. Die Künstler fingen an seinem Rat zn mißtrauen: „Streben Sie mehr nach der Schönheit als nach der Charakteristik", und das Publikum sreute sich bereits der Künstler mehr, die sich die Betonung des Charakteristischen und Individuellen angelegen sein ließen. So kam, was man bedauern kaun, der geplante La-ir^o Santo uicht zu stände, selbst die Kartons, welche Cornelius dazu entwarf, fanden um ihrer farblosen Gedankenblnsse willen wenig Verständnis und Beifall. Umgekehrt wahrte Rauch in dem Denkmal Friedrichs des Großen, der sich freilich zu romantischer Aus- sassuug schlechterdings nicht eignete, die Selbständigkeit seiner klassizistischen, von Thorwaldsen beeinflußten Richtung und entschied daneben die Kostümsrage zu gunsten der modernen realistischen Auf- fassuug. Vollends aber ein Schlag ins Gesicht aller Romantik war Adolf Menzels realistische Darstellung Friedrichs des Großen und seiner Zeit, und darnm rief sie auch bei dem Köuig, der sich ihrer großen Wirkuug als Enkel jener Zeit doch nicht ganz entziehen konnte, sehr gemischte und zwiespältige Gefühle hervor. Dagegen gelang dem König in der Kunst ein anderes Großes — die Wiederherstellung und Vollendung des Kölner Doms. Freilich auch hierbei zeigte sich der Wandel der Anschauungen und Gefühle. Goethe hat im Straßburger Münster ein Stück deutscher Art und Kunst gesehen und darum bebte unter seinen Meißelschlägen der schöne Bau ahnungsvoll der alten deutschen Heimat entgegen; selbst der Romantiker Uhland, freilich der gesündeste und sreieste von alten, empfand vor diesem Bau mir ästhetisch, auch wenn er daneben die Zweckmäßigkeit dunkelblauer Glassenster für Friedrich Wilhelm IV. und die Kunst. 243 die Bestimmung einer christlichen Kirche erwog. Dagegen sah Friedrich Wilhelm IV. in dem Wiederaufbau des Köluer Domes ein Zeichen sür das Wiedererstehen und -erstarken mittelalterlicher Frömmigkeit uud katholischer Kirchenherrlichkeit. Wir modernen Menschen halten es mit Goethe und Uhland, erblicken darin voll reiner ästhetischer Freude das Meisterwerk eines Banstils, dessen Wert allerdings nicht in seinem speeifisch deutschen Charakter, sondern in seiner eigentümlichen Schönheit zu suchen ist nnd dessen Beziehung zur Religion des Mittelalters wir historisch verstehen und gutheißen. Deshalb wird es uns heute auch nicht ganz leicht zu begreisen, daß von liberaler Seite her diesem Unternehmen Mißtrauen oder gar Hohn entgegengebracht und dabei auch die deutscheu Aecorde überhört wurden, welche der König bei der festlichen Grundsteinlegung voll und warm anschlug und denen dann auch aus Bayern herüber von dem „teutsch" gesiuuten Köuig Ludwig ein volles Echo antwortete. Aber auch diesem ergiug es uicht viel besser mit seiner in griechischem Stil erbauten Walhalla, in der doch unter den großen Deutschen aus Furcht vor deu Ultramon- tanen Luther und Melanchthon keine Stelle finden konnten. Das eben war der Fluch jener Jahre, daß auch das Schöne und Große, was diese beiden Monarchen planten und thaten, unter ihren Händen den Parteistempel einer überlebten romantischen Richtung oder einer immer stärker sich aecentuierenden konfessionellen Ausschließlichst und Absichtlichkeit erhielt und darum weder mit Dank noch mit Frendc hingenommen und genossen werden tonnte. Wenn sich daher Bretschneider, der alte Rationalist, Strauß, der theologische Kritiker und Heine, der geistreiche Antiromantiker, in der Abneigung und im Mißtrauen gegen den Kölner Dombau zusammenfanden, so ist das für jene Tage doch ein recht charakteristisches Symptom und nicht etwa nur der Ansfluß eines unberechtigten nnd thörichten, „geradezu persönlichen Hasses", wie nns Treitschke glauben machen ;nöchte. Das Wort von Stranß, daß hier in ungesunder Frömmelei und Knnstspielerei vollendet werden solle, was dereinst in frommem Ernst begonnen worden, traf schließlich doch nicht soweit neben das Ziel; und ist denn nicht thatsächlich diese von einem protestantischen Fürsten ins Werk gesetzte Wiedererneuerung 16» 244 1830 bis 1848: Friedrich Wilhelm IV. des Kölner Wunderwerkes von der katholischen Kirche im Interesse ihrer Wiedererstarkuug verwertet und als ein Sieg ihrer Macht und Herrlichkeit verstanden und ausgebeutet worden? Daß die Freude keine reine sein konnte, daran sind die Liberalen wirklich nicht schuld. Der König und die Wissenschaft. Schelling. Hatte aber der König auf dem Gebiete der Kunst schließlich denuoch mit diesem einen großen Wurf gegen seine Gegner recht behalten — nicht freilich in dem wie er es meinte, aber in dem, was er thatsächlich dabei erreichte und leistete, so mißglückte ihm auf einem anderen, dem Gebiete der Wissenschaft ein Plan, der ihm ganz besonders am Herzen lag. Wir wissen, wie verhaßt ihm die Hegelsche Philosophie war, deren Vertreter ja sraglos unter dem Ministerium Altenstein, namentlich durch dessen vortragenden Rat Johannes Schulze besonders begünstigt nnd bei Besetzung von Univcrsitätsprofessuren bevorzugt worden waren: sie war in den zwanziger und dreißiger Jahren wirklich die preußische Staatsphilosophie. Das Auseinandergehen der Schule in eine Rechte und eine Liuke und die immer radikalere Entwickelung der letzteren schien aber doch der Abneigung des Kronprinzen recht zu geben, und so war es kein Wunder, daß er als König die praktischen Konsequenzen zog. So ungeteilt die Freude war, als er die Gebrüder Grimm nach Berlin berief, so waren es doch nicht zwei von den Göttingcr Sieben, sondern die Romantiker, die er in ihnen sah und an seiner Berliner Hochschule haben wollte. Allein um Hegel zu überwinden, mußte Ulan einen Philosophen finden. Nun hatte eben in dieser Zeit der junge Adolf Trendelenburg an der Berliner Universität in seinen „logischen Untersuchungen" die Nnhaltbarkcit der dialektischen Methode Hegels siegreich dargethan. Allein als Gleichwertiger konnte diese wissenschaftlich dünne Persönlichkeit Hegel unmöglich entgegen- gestellt werden, dazu besaß er nach außen zu wenig Autorität, und sachlich war sein eigenes an Aristoteles sich orientierendes Philosophieren über die Körperliches und Geistiges verbindende Kategorie der Bewegung zu sehr nur Gelehrtenweisheit und Kunstprodukt. Der König und die Wissenschaft, Schilling, 245 Dem König aber war schon jenes methodische Widerlegen und Widersprechen zn pedantisch, versprach auch keine sofortigen Erfolge. Daher sah er sich nach einem zugkräftigeren Gegner um, und den glaubte er in Schelling zu finden. Die Hegelsche Philosophie war von Schelling ausgegangen, einen Augenblick hatten die beiden Jugendfreunde zusammen philosophiert, als waren sie nur einer. Aber Hegel hatte mit Schelling gebrochen, uud erst mit stillem, später anch mit laut sich äußerndem Neide hatte dieser zugesehen, wie ihn der weit weniger geniale, aber viel gelehrtere und methodischere, viel tiefgründigere und systematischere Freund überholte. In seiueu Vorlesungen an der dnrch König Lndwig 1826 nengegründeten Münchner Universität, deren glänzendste Zierde er war, polemisierte er deshalb mit affektierter Geringschätzung gegen Hegel nnd nannte seine Philosophie eine traurige Episode in der Geschichte der neueren Philosophie; was an ihr wahr nnd gut sei, habe Hegel ihm gestohlen. In einer vielbemerkten Vorrede zu einem Buche vou Cousiu, dem französischen Eklektiker, der für Schelling nnd Hegel zugleich schwärmte, sprach er sich 1833 auch öffentlich gegen diesen „neuen Wolfianismus" aus, der „an die Stelle des Lebendigen nnd Wirklichen den logischen Begriff setze", eine „von dürftigen Köpfen wie billig bewunderte Erfindung". Die ganze Sache wuchs sich zu einer Art von tu eoelv entfernter" Liberalismus, der dazu uoch eine speeisisch nationale und preußische Färbung trug. Prinzipiell aber erklärte er wie Tahlmann nnd damit durchaus im Gegensatz zu der „Objektivität" seines Lehrers Ranke: „Die Strebungen der Gegenwart sollen sich orientieren und geistig begründen durch deu Hinblick auf die zurückgelegten Stufen; der Historiker seinerseits kann nur in einem lebendigen Rapport mit dem heutigen Tage die sittliche Wärme gewinnen, aus welcher der Vergangenheit ein neues künstlerisches Dasein erblühen soll." Auch daß beide über Politik lasen, beweist, wie sehr es ihnen nach Sybels Worten darum zu thun war, „jedes Studium mit der Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zn durchdringen und in jedem Fache den Wert desselben für die gegenwärtigen Nationalinteressen im Auge zu behalten". Und auch darin unterschied sich Sybel von Ranke, daß er ganz realistisch lind nominalistisch „die Ideen nicht außerhalb des Meuscheu als dämonische Kräfte sah, die ihn wider seinen Willen fortstoßen, sondern in aller Geschichte die Menschen sah, die sich das Gedankenbild erschnsfen, danach handeln und dafür einzustehen haben". Im Südeu aber vertrat Gervinus, ursprünglich ein Schüler Schlossers nnd ebenfalls einer von den Göttinger Sieben, ähnliche Tendenzen, wenn er in seiner „Geschichte der poetischen National- Litteratur der Deutschen" den Zusammenhang derselben mit dem politischen Leben und der ganzen nationalen Entwickelung unseres Volkes auszuweisen suchte und damit zugleich das Volk vou der ästhetisch-litterarischen weg zur Politischen Arena herüberrusen wollte. Nur zeigt ihn seine Anteilnahme an der dentschkatholischen Bewegung weit radikaler, als dies bei allem Gegensatz gegen den Ultramontanismus Sybel gewesen ist; und seine spätere gegen Preußen uud die Ereignisse von 1866 und 1870 sich kehrende Verbitterung ließ doch erhebliche Zweifel zu au der Klarheit und Liberale Forderungen. Weite im politischen Urteil dieses Geschichtschreibers des neunzehnten Jahrhunderts. Liberale Forderungen. Bei Gervinus hängt die politische Wendung wohl anch damit zusammen, daß diese Süddeutschen doch ganz anders als der Rheinländer Sybel sich frühe schon an der „naturgemäßen Ausbildung unserer praktischen Zustände" mitbeteiligten, wobei ihnen dann auch viel klarer als deu Preußen die Misere der Kleinstaaterei und der auch in der dänischen Sache wieder zu Tage tretenden Ohnmacht des deutschen BnndeS zum Bewußtsein kommen mußte. Praktisch aber grisseu gerade vom Südwesten her — aus Baden, Hessen, Nassau und Württemberg — liberale Abgeordnete die Frage einer Bundesresorm ans und verlangten auf einer Zu- sammenknnft in Heppcnheim ein deutsches Parlament oder ließen sich von Karl Mathy aus den Zollverein hinweisen als diejenige Schöpfung, aus der Deutschlands politische Einigung unter Preußens Führnng herauswachsen könne nnd müsse; womit er freilich sozusagen mir umkehrte, was schon List in seiner packenden Weise den deutsche» Industriellen zngernfen hatte: „Nnr aus der Einheit der materiellen Interessen erwächst die geistige, nnd nur aus beiden die Nationalkraft i welchen Wert aber haben alle unsere Bestrebungen ohne Nationalität und ohne Garantie für die Fortdauer dieser Nationalität?" Diese Lösung der deutschen Frage hatten schon zur Zeit des Wiener Kongresses einzelne mutige Patrioten zu hoffen und zu fordern gewagt. Ganz besonders warm nnd gescheit aber war zu Ansang der dreißiger Jahre ein Schwabe, Paul Pfizer in seinem „Briefwechsel zweier Deutschen" dasür eingetreten. Mit aller wünschenswerten Klarheit spricht er es aus, daß nur durch Preußeu die Begründung einer starken Einheit herbeigeführt werden könne, und läßt sich von dem Gedanken einer „preußischen Hegemonie" in Deutschland auch durch die Erwäguug nicht abschrecken, daß „Preußen selbst die Schwierigkeiten, mit welchen eS auf jeden Fall zu kämpfen hat, neuerdings durch eine engherzige und unvolkstümliche Politik zur Freude derjcuigeu noch bedeutend vermehrt habe, deren ganzer 266 1830 bis 1848: Friedrich Wilhelm IV. Patriotismus darin besteht, die Preußen zu hassen". Er glaubt an die Kraft und Entwickelungsfähigkeit dieses „jugendlichen" Staates, der „einen Ruhm darin sucht nichts zu unterlassen, was ihn zum Mittelpunkt deutscher Geistesbildung machen kaun". Um aber dieses Ziel zu erreichen, mnß „das Bedürfnis festerer Einigung klar erkannt, das Bewußtsein des Nationalzusammeuhaugs immer lebendiger, die vaterländische Gesinnung immer kräftiger werden, besonders aber muß der denkende, gebildete, durch den Kampf mit dem physischen Bedürfnis nicht ausschließlich iu Anspruch genommene Teil der Nation seiner Einheit stets eingedenk bleiben und einem großen Zweck die Rücksichten einer kleinlichen Eigensucht zum Opfer bringen; vor allem aber müssen unsere Schriftsteller, denen wir die Rettung unserer geistigen Einheit verdanken, nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern das Werk vollenden, indem sie der Nation znm Glauben an ihre Kraft, znr Einsicht in ihre Pflicht, zur Erkenntnis ihrer Rechte verhelfen." So klar und so frühe schon entwickelte dieser politische Kopf das Programm der deutschen Einigung für die nächsten Jahrzehnte. Jetzt trugen solche Gedauken und Forderungen die Gebildeten und Schriftsteller der Nation hinaus in die weiteren Kreise des Volkes; namentlich war es die 1847 ins Leben gerufene „Deutsche Zeitung", uuter der Redaktion von Gervinus in Heidelberg und im Verlage von Fr. Bassermann in Mannheim, die „vom Süden aus vor anderem preußische Interessen besprechen sollte". „Nie trat eine deutsche Zeitung imponierender vor die Nation", urteilt G. Freytag von ihr; unter der stolzen Schar von Mitarbeitern, den namhaftesten Liberalen aus allen Teilen Deutschlands, standen neben Karl Mathy die Historiker Gervinus, Dahlmann, Häusser, Waitz, Droysen u. a. oben an. Es war so recht ein Professorenblatt, und als solches hat es den Grund gelegt zu der Professorenpolitik des Professorenparlaments im Jahre 1848. Daß aber diese für die preußische Hegemonie sich einsetzende Zeitung in Preußen selbst am wenigsten Unterstützung fand, zeigte doch, daß der Südwesten durch seine nun dreißigjährige parlamentarische Schulung an politischer Bildung und national deutscher Gesinnung in jenem Augenblick Preußen voraus war. Andererseits hatte man Liberale Forderungen. 267 freilich hier in diesen Zwergstaaten das Beste nicht gelernt, was man doch sozusagen mit Händen hätte greifen müssen, daß zum Wesen jedes Staates uud zur Durchsetzung und Durchführung jeder politischeu Aktion vor allem — die Macht gehöre. Und doch hätte das schon Paul Pfizer verstanden und gesagt: „Zum Vollbringen eines großen und gnten Werkes gehört nicht allein der Wille, sonderu auch die Macht. Und wo ist denn außer Preußen die Macht, Deutschland wieder zu beleben?" Die Professoren aber verließen sich allzusehr auf den guten Willen nnd verwechselten die Macht der Ideen, an die sie glaubten, und die Macht des Worts, das sie handhabten, mit der thatsächlichen Macht, die doch allein im stände ist Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen und die hinter dem Wort stehen muß, wenn dieses nicht zur Phrase werden soll. Den nationalen Wünschen dieser Kreise gab am 5. Februar 1848 in der badischen Kammer der Antrag Bassermanns auf Einsetzung eines deutschen Parlaments einen weithin wirkenden Ausdruck, den freiheitlichen Forderungen entsprach ebendort Mathys Antrag aus Beseitigung der Censur. Sie kamen gerades znr richtigen Stunde denn als nun die Revolution ausbrach, da wiesen sie ihr den Weg in die Paulskirche uach Frankfurt. / Neuntes Kapitel. Die Revolution von 1646 und 49 Vorspiele der Revolution; die Revolution als Vorspiel. Im Hochland siel der erste Schuß, Im Hochland wider die Pfaffen! Da kam, die fallen wird und muß, Ja die Lawine kam in Schuß . . . Sie rollt, sie springt — o Lombardei, Bald fühlst auch du ihr Wälzen. Ungarn und Polen macht sie frei; ^Durch Deutschland dröhnen wird ihr Schrei, Und kein Bannstrahl kann sie schmelzen. So sang am 25. Februar 1848 als ein rechter Prophet und Kündiger des Kommenden Freiligrath, als in Paris ward „abermals das Pflaster aufgerissen" und dort, wie er derb sagt, „ans der lumpigen Pracht des Königssaals der dritte König ward geschmissen", nachdem im Jahre vorher „im Hochland", in der Schweiz der Sonderbundskrieg der liberalem nnd bundesstaatlichen Partei gegen die von Österreich und Frankreich protegierten Ultramontanen und Partikularisten den Sieg gebracht hatte. Auch in Württemberg und Bayern wurde durch kleine Emeuteu der kommenden Revolution Präludiert. Dort war es im Notjahr 1847 ein im ganzen harmloser Brotkrawall, der aber angesichts der früheren Beliebtheit des um sein Land hochverdienten Königs Wilhelm I. doch zn denken gab. Hier richtete sich die Sache direkt gegen den König Ludwig I. selber. Ihm hatte noch kürzlich die Frankfurter Germanistenversammlung sür seine deutsche Gesinnung den Dank votiert. Allein er verdiente ihn in jenem Augenblick schon nicht mehr, wo er und sein Minister Abel 272 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49, den ultramontanen Tendenzen und Übergriffen weitgehende Konnivenz bewies und ein wahres „Jesuitenregiment" in Bayern schalten und walten ließ; und noch schlimmer war sein unwürdiges Verhältnis mit der spanischen Tänzerin Lola Montez, das dem bereits wankenden Ministerium Abel einen ehrenvollen Abgang verschaffte, große Mißstimmung im ganzen Land hervorrief und in der Hauptstadt selbst zur Bedrohung des Königs und zu tumultnarischen Auftritten führte. Da sich an diesen namentlich anch das Gros der Studentenschaft beteiligte, während das Korps Alemannia es mit der königlichen Maitresse hielt und ihr als Leibgarde diente, kam es zur Schließung der Universität und zur Absetzung mehrerer namhafter Professoren. Wie der tote Eid die Seinigen znm Siege führte, so brachte die Beerdigung des alten Löwen Görres die Gärung zum Ausbruch und damit die Entscheidung: der .König mußte nachgeben, die Universität wieder eröffnen und die Abenteurerin aus dem Lande gehen heißen. Es war das vierzehn Tage vor dem Ausdruck) der Februarrevolution in Frankreich. Gerade angesichts solcher schon in die frühere Zeit fallender Zuckungen und Gleichgewichtsstörungen mag man darüber streiten, ob die Revolutiou von 1848 nicht besser als Abschluß der vorigen Periode und als Fazit der vierziger Jahre, in Deutschland speciell als Folge der Regierung der Romantiker in Preußen und in Bayern damit zusammenzustellen wäre; zumal wenn man bedenkt, daß die Revolution mißlungen ist. Allein ich sehe in ihr doch weit weniger das Mißlingen als vielmehr das Vorbereiten und Werden eines Kommenden, den Frühling und das Morgenrot einer neuen Zeit für unser deutsches Volk. Seit 1848 ist ein anderer Geist da, und trotz der zehn Jahre schwerer Reaktion, die noch einmal kommen, ist doch nicht diese der Sieger geblieben. Der März 1848 bildet den großen Einschnitt im Leben unseres Volkes im neunzehnten Jahrhundert. Mit „vormärzlich" bezeichnen wir heute mit Recht ein absolut Vergangenes, kaum mehr Verständliches, fast Vorsintflutliches: wer in „vormärzlichen" Anschauungen lebt, ist veraltet, ist für unsere Zeit tot: wir Menschen von 1848 bis 1898 können uns dagegen verstehen, was immer uns auch trennt; diese fünfzig Jahre sind Gegenwart, nicht einmal das Jahr 1870 hat für das Der Kampf um die Einheit und nm die Freiheit. 278 geistige Leben unseres Volkes eine solche Bedeutung. Daß es im Frühling auch Blüten giebt, die abfallen ohne zu Früchten auszureifen, das lehrt uns die Natur; und daß sich der junge Most gar ungebärdig zeigt und als Sauser den Leuten zu Kopf steigt und sie für eine Weile „toll" und ausgelassen werden läßt, wissen wir ebenfalls. Sollte es im Leben der Menschheit anders sein? und sollten wir eine Zeit darum schelten, weil nicht alle ihre Früchte reifen? und die Menschen einer solchen stürmischen Werdezeit scheltcit, weil sie sich gelegentlich recht jugendlich „toll" und ungebärdig augestellt haben? Füufzig Jahre sind im Leben eines Volkes eine kurze Spanne Zeit: das Große, das in ihnen geschehen ist, enthält die beste Rechtfertigung auch dafür, daß in jenem Jahr nicht alles geschehen und erfüllt uud fertig geworden ist, was man sich im ersten kühnen Anlanf versprach und was man alles auf einmal haben wollte. Im übrigen schreibe ich nicht die Geschichte dieses Jahres und darf mich daher über diese politische Sturm- und Drangperiode des deutschen Volkes kurz fassen. In solchen revolutionären Zeiten konzentriert sich das geistige Leben auf ein paar einfache Gedanken und Forderungen; diese werden mit elementarer Gewalt ausgesprochen und in allerlei Thaten umgesetzt, davou erzählt daun die politische Geschichtschreibnng. Der Kamps nm die Einheit und um die Freiheit. Vor dem Stnrm, der von Paris herüber über die deutschen Lande brauste, beugten sich zunächst in den kleinen deutschen Staateu Fürsten und Regierungen: an die Stelle der reaktionären traten die liberalen Märzminister. Was sie von dem Alten beseitigten und an seine Stelle setzten, die Märzerrungenschaften zeigeu, um was gestritten nnd was vom Volk gewünscht und gefordert wurde. Am kläglichsten nnd rühmlosesten aber bengte sich vor diesem Stnrm der Deutsche Bnndestag in Frankfurt. An seine Stelle trat das Deutsche Parlament, das zn schaffen suchte, was er Jahrzente lang versänmt und verhindert hatte, eine Form für das Ganze, wie sie den nationalen Wünschen des gesamten Volkes entsprach, und das allgemein zu regelu unternahm, was in den einzelnen Ländern Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des lg. Jahrh. 18 274 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49, fast überall schon beseitigt, gewährt und eingeführt war. Darin liegt das zweifache, um das es sich handelte, — wir kennen beides schon seit 1815 —, es war die Freiheit und die Einheit. Ein Flugblatt aus jeuer Zeit (abgedruckt bei Hans Blum) speeialisiert 'diese Forderungen in einer recht bezeichnenden Weise so: Allgemeine Volksbewaffuung mit freier Wahl der Offiziere. Ein deutsches Parlament, frei gewählt durch das Volk. Jeder deutsche Mann, sobald er das 21. Jahr erreicht hat, ist wahlfähig als UrWähler und wählbar zum Wahlmanu. Auf je 1000 Seeleu wird eiu Wahlmanu eruaunt, auf je 100 000 Seeleu ein Abgeordneter zum Parlament. Jeder Deutsche, ohue Rücksicht auf Rang, Stand, Vermögen uud Religion, kann Mitglied dieses Parlaments werden, sobald er das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat. Das Parlament wird seinen Sitz in Frankfurt habeu uud seine Geschäftsordnung selbst entwerfen. Unbedingte Preßfreiheit. Vollständige Neligions-, Gewissens- und Lehrfreiheit. Volkstümliche Rechtspflege mit Schwurgerichten. Allgemeines deutsches Staatsbürgerrecht. Gerechte Besteuerung nach dem Einkommen. Wohlstand, Bildung und Unterricht für alle. Schutz und Gewährleistung der Arbeit. Ausgleichung des Mißverhältnisses von Kapital und Arbeit. Volkstümliche und billige Staatsverwaltung. Verantwortlichkeit aller Minister und Staatsbeamten. Abschaffung aller Vorrechte. Unter den freiheitlichen Forderungen stand — charakteristisch für diese deutsche Revolution — die der Preßsreiheit meist in erster ' Linie. Der Gelehrte will frei denken, schreiben und lehren dürfen, die Gelehrten waren also die Träger und Führer dieser Revolution. Wenn daher das Landvolk seinerseits die alten Forderungen der Bauernkriege — freie Jagd, Windfall, Laubstreu, Abschaffung der Zehnten und Fronen — wiederholte und gelegentlich auch hauste wie die Bauern im sechzehnten Jahrhundert, wenn auch uicht gegen Menschen, so doch gegen Schlösser uud Archive, in denen die Saalbücher ihrer Feudalherren ausbewahrt lagen: oder wenn Arbeiter Der Kampf um die Einheit und um die Freiheit. 275 „größere Teilnahme am Gewinn der Fabrikanten", „Schutz mid Gewährleistung der Arbeit", Handwerker „Schutz gegen die überlegene Konkurrenz der Fabriken" und beide „Ausgleichung des Mißverhältnisses von Kapital nnd Arbeit" begehrten, so wurden sie damit ans die Ergebnisse der Revolution vertröstet, die das alles von selber bringen werde. Und ebenso wurden die socialistischen Klänge, wie sie bewußt und energisch in der Neuen Rheinischen Zeitung von Karl Marx und Freiligrath angeschlagen wurden, geflissentlich überhört oder vom lauten politischen Getöse verschlungen. Daß sich Hecker aus der Heidelberger Versammlung der Paterlandssreuude am S. März einen „Socialdemokraten" nanute, sollte wohl von vornehereiu nur eine möglichst radikale Bezeichnung sein und blieb auch für ihn selber ohne Folge, ein Wort ohne Sinn und Perstand. Doch spricht gerade mit Beziehung auf die Vadeuer Putsche auch Rttmelin von der Besorgnis, „durch eiue mehr gegen den Besitz nnd die ganze gesellschaftliche Ordnung als für die Freiheit und Einheit Deutschlands tampseudc Bewegung, durch ein ausgebotenes Hilfskorps von Lumpen und Taugenichtsen im günstigsten Fall zu einer rheinischen Winkelrepublik a la Blauqui uud Baboeuf zu gelangen"; und der blutige Ausgang des Experiments mit den Natioualwerkstätteu in Paris mochte zu solchen Befürchtungen berechtigten Anlaß.geben. Für Deutschland waren sie aber thatsächlich doch verfrüht und überflüssig. Hier lag, wie gesagt, den Trägern der Revolution immer zuerst und vor allem die Gedankenfreiheit am Herzen. Man muß freilich auch wisse», wie die Censur bis dahin gehandhabt worden war. In der badischen Kammer hat Karl Mathy 1843 diesen ganz unwürdigen Zustand und seine schlimmen Folgen meisterhaft geschildert; und er mußte es wissen, denn in Mannheim saß ihm wie ein Alb ein solcher Meister Hämmerling, der berüchtigte „Mustereensor" Nria- Sarachaja aus dem Nacken und suchte seine und seiner Gesinnungsgenossen Gedanken zu vernichten oder in einer Weise zu verstümmeln und zurecht zu zerren, daß „auch der Gescheiteste nicht mehr erriet, was sie ursprünglich gewesen sein mögen". Jeuer Stil des An- spielens und Audenteus war die Notwehr dagegeu, und uicht alle 18"° 276 1848 bis 1871: Die Revolutivn vvn 1848 und 49, bedienten sich seiner in so geistvoller, vornehmer und verhältnismäßig harmloser Weise, wie D. Fr. Strauß in seiner Schrist über „den Romantiker auf dem Throne der Cäsareu". Neben der Preßfreiheit und Abschaffung der Censnr stand dann noch das Begehren von Geschworenengerichten, PersammlungSrecht und allgemeiner Volksbewaffnung oder Errichtung von Bürgerwehren im Vordergrund. Allem voran aber erhob sich stürmisch das Verlangen nach einem einheitlichen deutsche» Parlament, weil man durch dieses ebenso die Einheit wie jeuc Freiheitsrechte gewahrt und vertreten, verbürgt und erreichbar glaubte. So schienen diese beiden Kardinalforderungen wie bisher, so auch jetzt wieder eins, und doch sieht man, wie sie rasch genug auseinander treteu und ihre Vertreter sich scheiden. Schon vorher gab es Gemäßigte und Radikale, der Reaktion gegenüber aber waren beide eins gewesen. Jetzt, wo es sich um die Schaffung eines Neuen handelte, stellten jene die Einheit, diese die Freiheit voran, jene wollten, daß Deutschland geeinigt, diese, daß es Republik werde, oder sie verlegten das Schivergewicht in die Einzelstaaten und suchten dort die weitgehendsten freiheitlichen Forderungen mit Gewalt durchzusetzen und den Staat in ihrem Sinn umzugestalten. Diese Scheidung der Geister war verhängnisvoll, statt einer einheitlich geschlossenen Linken standen den Regierungen zwei sich bald blutig befehdende Parteien gegenüber, und namentlich die in der Mitte stehenden Gemäßigten, die nach zwei Seiten hin zu kämpfen hatten, wnrden dadurch iu ihrer Aktiou gelähmt nnd zu unnatürlichen Büuduisseu nach rechts oder nach links genötigt. Verhängnisvoll aber ist dieses Auseinandergehen der Einheits- und der Freiheitspartei für den Verlauf unserer deutscheu Geschichte geblieben bis heute. Und auch ein Problem ist es bis heute: ob eine, starke konzentrierende Macht, die allein die Einheit bringen konnte nnd erhalten kann, der Freiheit neben sich Raum gewähren werde; uud ob die Freiheit, weun sie wirklich damals zuerst errungen worden wäre, die Einheit hätte schassen können oder nach hergestellter Einigung nicht notwendig wieder hätte verkümmern uud sich in ihrer Existenz gefährden lassen müssen. Zunächst aber ließ es sich im Jahre 1848 so an, als ob beide Osterreich. Preußen. Frankfurter Parlament. 277 Parteien Hand in Hand gehen und ihre Ziele miteinander gefördert werden könnten. Namentlich in den kleineren Einzelstaaten wurden die freiheitlichen „Märzerrnngenschasten", wie sie von beiden Parteien begehrt worden waren, auch gemeinsam durchgesetzt; an die Spitze der Regierungen traten die seitherigen Führer der liberalen Opposition, meist natürlich gemäßigte und im parlamentarischen Kampf wohlgeschulte uud erprobte Mänuer. Es giug dabei oft recht stürmisch nnd anarchisch zu, aber daneben doch auch wieder recht harmlos, um nicht zu sageu: gemütlich und humoristisch. Daß in Baden die Bauern die Republik und den Großherzog dazu habe» wollten, ist eine oft wiederholte Anekdote. Den Mut, den Treitschke für die vierziger Jahre zur Abwechslung auch einmal an den Deutschen vermißt, Spektakel und Tumult zu machen, hatte man jetzt allüberall zur Genüge; meine früheste Lebenserinnerung ist das Klirren der von einem Volkshaufen eingeworfenen Fensterscheiben an dem Hause, das mein Vater, ein konservativer Geistlicher, bewohnte. Österreich. Prenßen. Frankfurter Parlament. Viel schwieriger war die Situation der beiden großen deutschen Staaten, die noch keine Verfassung und keine parlamentarische Volksvertretung hatten. So ist zuerst in Österreich das Metternichsche System zusammengebrochen, scheinbar nnter dem Ansturm der Wiener Studeuten, die ja iu Österreich gelegentlich auch heute noch bei Straßentumultcu eiue führende Rolle spielen; in Wirklichkeit freilich erlag es nicht sowohl einer Revolution von unten als vielmehr den Intriguen, die in den obersten Kreisen schon längere Zeit vorbereitet nun den Anlaß benützten nnd die Tumultuanten vorschoben. Haltbar wäre es freilich auch ohne das nicht mehr gewesen, denn eS war doch hohler und brüchiger, als es sich den Anschein gegebeu hatte; die Revolntion fand hier nach den Zeugnissen der eigenen Gehilfen Metternichs „einen Negierungsapparat vor, aus dem die Energie längst entflohen war". Immerhin ist Metternich selbst, so innerlich würdelos er regiert hat, damals doch nicht ohne Währung des ünßeren Anstandes und mit einer gewissen Würde gefallen. In Berlin aber ist es erst zu allerlei tumultuarischeu Auf- 278 1848 bis 1871: Die Revolutivn von 1848 und 4g, tritten, dann am 18. März zu jenen denkwürdigen Seencn gekommen, die hente nach fünfzig Jahren noch dort in der Erinnerung des Volkes als epochemachend nachzittern. Die Entschuldigung, daß mindestens die Anstifter „Fremde", Polen, Frauzoseu uud „Kommunisten" gewesen seien, lag nachträglich zu nahe, als daß sie glaubhaft wäre: die Aufständischen waren das Berliner Volk, auf den Barrikaden ist Bürgerblut geflossen. Der König aber zeigte in diesem Aligenblick der Gefahr weder Entschlossenheit und Konsequenz noch königliche lind männliche Haltung. Als Romantiker lies; er sich dnrch ein Wort seines Hospredigers mehr bestimmen als durch den Rapport seines Generals; als nervöser Mensch schrak er sentimental bei jedem Schuß zusammen, deu er hörte; und als absolutistischer Herrscher bedieute er sich auch bei diesem Alllaß der an Elisabeth iu Schillers Maria Stunrt erinnernden Rcgierungsweisc, „in der Regel seine Minister zu strengem Gehorsam anzuhalten, zuweilen aber iu kritischen Momenten ihnen die Verantwortung für seine Maßregeln zuzuschieben". Der von ihm befohlene Abzug der siegreichen Truppeu aus Berliu kam zu früh oder zu spät, jedenfalls nicht im rechten Moment, er machte Geschehenes nicht mehr ungeschehen, gab Erruugeues uuuötig preis uud erbitterte die letzten Getreuen, das Heer. Jener theatralische Umzug aber am 21. März in den von der Burschenschaft herübergenvmmenen „deutschen Farben" Schwarz-Not-Gold war ein böses Omen für die Rolle, die dem preußischen König in der deutschen Frage znfalleu sollte. Den Mut sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen fand der soeben aufs schwerste Gedemütigte ja doch nicht, und zum posieren war der Augenblick zn ernst. So fiel zunächst keiner Regierung und keinem deutschen Fürsteu sondern dem Parlament die Aufgabe zu, das nationale Verlangen des deutschen^ Volkes uach Einheit zu befriedigen nnd dafür die rechte Form zn finden. Dieses war über die Köpfe der Regierungen uud des kläglich uachgiebig gewordenen Bundestages hinweg unverhofft rasch^nnd leicht in der Paulskirche zu Frankfurt zusammengetreten. Der Jubel uud die Freude des Volkes iu diesem Augenblick war unbeschreiblich. „Ein Umschwung der Verhältnisse war eingetreten, so schildert Robert Prutz die Stimmung, so allgemein, Österreich. Preußen. Frankfurter Parlament. 279 so ungeheuer, wie selbst die verwegenste Phantasie ihn niemals geträumt hatte, ein Tag der Freiheit umspielte uns, so hell, so wolkenlos, so fruchtbar, daß es ja reinweg thöricht gewesen wäre, dabei noch zurückdenken zu »vollen an jene arme kalte Dämmerung, jene unheimlichen blassen Nebel, die nnn, so hofften wir, begraben wären aus ewig." Und diesem hoffnungsfreudigen Optimismus gab auch die Jnschrist über dem Präsidentenstuhl iu der Paulskirche den entsprechend unbestimmten und allgemeinen Ausdruck, wenn es hier hieß: Des Vaterlaiides Grüße, dcS Vaterlandes Glück, O schafft sie, v brincft sie dem Volke zurück! Allem zur Erfüllung dieser Aufgabe hatte man es leider versäumt, dieser sich souverän fühlenden Versammlung vou vornherein eine starke Centratregierung zur Seite zu stellen, uud damit fehlte ihr, wie sich bald genng herausstellte, die Macht zur Durchführung ihrer Beschlüsse. Es hiug das zusammen mit der parlamentarischen Entwickelung in den Einzelstaaten. In den Zeiten der Reaktion hatte man sich gewöhnt, Volksvertretung und Regierung als Gegensätze, nm nicht zu sagen als Feinde zu betrachten und darüber, ähnlich wie 1789 in Paris, vergessen, daß sich ein Land allenfalls ohne Parlament, niemals aber ohne Regierung regiereu und verwalten läßt. Darum konnte man es jetzt einen Augenblick versuchen, ohne Regierung fertig zn werden. Als man aber dann die Lücke ausfüllte und durch den „kühnen Griff" Heinrich v. Gagerns unmittelbar durch das Parlament der Erzherzog Johann als Reichsverweser an die Spitze gestellt wurde, da war er ein Johann ohne Land und ohne Macht, die Regierungen der Einzelländer hatten sich vom ersten Schrecken bereits wieder erholt und so widersetzte sich namentlich Preußen mit Nachdruck jedem Eingriff dieser machtlosen Centralgewalt. Trotzdem ist nichts ungerechter nnd nichts leichter als über den „Doktrinarismus" dieses „Prosessoreuparlameuts" zu spotten oder zu schelten Ich denke von demselben doch ganz anders, voll Respekt. Gemessen an unserem heutigen Reichstag oder selbst an der Konstituante von 1789, ist eS eiue Persammlung von Rittern des Geistes gewesen, aus die wir allen Gruud habeu, heute noch 280 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49, stolz zu sein und sehnsuchtsvoll wie auf ein entschwundenes Ideal hinznblicken. Niemals war der Ernst und das Verantwortlichkeits- gesühl in einer Versammlung, nie die Zahl bedeutender Menschen nach Talent und Rednergabe, nach PatrivtiSmns nnd Charakter größer, es war wirklich die Elite unseres Volkes hier versammelt. Mit der großen Zeit der Befreiungskriege verbanden sie die ehrwürdigen Gestalten eines Iahn und E. M. Arndt, der sich selbst „wie ein gutes altes deutsches Gewissen" in der Versammlnng vorkam. Der historische Siuu war verkörpert in Tahlmann nnd Droysen, in Waitz und v. Räumer, iu Gerviuus und Döllinger und in den Juristen Albrecht, Beseler und Simsou: als politische Dichter standen Auerspcrg (Anastasins Grün) und Nhlaud obenan, der neben Jakob Grimm zugleich die Germanistik vertrat; aus Preußen kamen vou Vincke und Bekerath, aus Baden Karl Mathy nnd Welcker, aus Württemberg die Gebrüder Mohl und der Ästhetiker Bischer, aus Sachsen Roßmäßler nnd Robert Blum; nnd Hessen gab neben dem Führer der Linken Karl Vogt der Versammlung iu Heinrich v. Gagern den würdigsten nnd dieser schweren Ausgabe voll gcwachseueu Präsidenten. Aber auch sachlich ist es nicht so, wie man gewöhnlich sagt: daß was diesem ersten deutschen Parlament mißlungen sei, zwanzig Jahre nachher Bismarck sozusagen aus dem Nichts heraus geschaffen habe. Vielmehr, ohne dieses Frankfurter Parlament auch zwanzig Jahre nachher kein Bismarck und keine deutsche Einiguug. Der Versuch ist 1848 mißlungen, gewiß: aber es ist dadurch der Boden gelockert uud zubereitet, es sind die Geister geweckt worden, das nationale Wollen ist zu Wort gekommen, das nationale Bewußtsein und Gewissen ist gestärkt und es sind die Waffen geschmiedet worden, durch die das Werk allein hat gelingen können. Und dnzn kam noch die zwar negative, aber doch überaus wertvolle Erkenntnis, daß Ideen allein nicht ausreichen, sondern daß in der Politik die Macht sie zu verwirklichen gerade so die Hauptsache ist, wie in der Kunst das Können. Das Erbkaisertum und Friedrich Wilhelm IV. Uud um was handelte es sich in der Paulskirche? Freilich auch um die Gruudrechte des deutschen Volkes und jedes einzelnen Das Erbkaisertum und Friedrich Wilhelm IV. 281 Deutschen, die die Versammlung so breitspurig und langweilig, so doktrinär und gründlich, in echt deutschem Drang nach Sicher- stellnng der individuellen Freiheit beriet; aber vor allem doch um die gar nicht individuelle, sondern um die große uatiouale Frage der Einheit, der Gestaltuug des deutscheu Volkes zu einem Ganzen. Sobald man aber dieses Problem anfaßte, stieß man auf eiu historisch Gegebenes, auf die Schwierigkeit des deutschen Dualismus — Osterreich nnd Prenßen, zwei Großmächte, von denen nur eine Platz haben konnte am Steuerruder des Schiffes — uud auf die Schwierigkeit des alteu deutscheu Föderalismus: wie war eine staatliche Einheit möglich von vielen souveränen oder doch souverän sich dünkenden Staaten? 1815 hatte man eine Lösung versucht, die keine war und keine sein konnte: für beide Großmächte den Platz offen zu lassen, wobei freilich doch die eine — es war Preußen — zu kurz kommen mußte, und die Einheit aller so lose als möglich zu gestalten, damit ihr zu lieb keiuer das Opfer seiner Souveränetät zu bringen habe. Aber was dabei für diese Einheit und was für Deutschlands Ansehen und Machtstellung und vor allem was dabei für das Volk selbst herauskam, das hatten 33 Jahre Buudestags- jammer gezeigt. Wollte man also mehr als dieses Staatenbündel — und man wollte mehr —, so gab es nur eine Lösung, diejenige, ans die schon Paul Pfizer uud zuletzt noch Karl Mathy hingewiesen hatte — die Einigung unter Preußens Führung und, entgegen dem ersten Verfassnngsentwurs Dahlmauns, die völlige Hinausdrängung Österreichs; denn nur jenes war eine wahrhaft deutsche, dieses dagegen eine zu zwei Dritteilen undentsche Macht. Allem gegen diese Lösung lehnten sich rechts und links die Parteien auf, und so kam es zu der Scheidung in die beiden großen Grnppen der Großdeutschen und der Kleindentschen. Die Gründe dieser großdentschen Partei waren teilweise ganz idealer Natnr, so wie sie am glänzendsten nnd gemütvollsten Uhland entwickelt hat, der in der Kaiserfrage durch und durch Romantiker war. Bei ihm erscheint mitten uuter staatsrechtlichem Deduktionen und praktischen Erwägungen plötzlich der Satz: „Die deutschen Wahlkönige, erblich, solange das Geschlecht tüchtig war, fallen nicht unter die konstitutionelle Staatssorm; es wareu iu lauger Reihe Mäuuer vou Fleisch 282 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49. und Bein, kernhafte Gestalten, mit leuchtenden Augen, thatkräftig im Gnten und Schlimmen." So ließ sich der Politiker von dem das Mittelalter nnd seine Institutionen verklärenden Romantiker den täuschenden Schleier vor die Augen ziehen; und aus „Gesühls- politik", wie er selbst sagt, erklärt er sich gegen deu Ausschluß von Österreich: „Österreich", ruft er, „hat seiu Herzblut gemischt in den Mörtel znm Neubau der deutscheu Einheit, Österreich mnß mit uns sein und bleiben in der neuen politischen Paulskirche." Die katholische Fraktion unter Dölliugers Führung, die am besten wußte, was sie wollte, trat von kirchlich-religiösen Gesichtspunkten aus für das katholische Österreich gegeu das protestantische Preußen ein. Anch an freiheitlichen Gründen fehlte es nicht, die sich sreilich mit den reaktionären Wünschen vieler Österreicher nnd Ultramontnnen eigentümlich mischten und verbanden: eine starke republikanische Partei war da, welche aus Deutschland eine sei es einheitliche oder lieber noch eine föderative Republik machen wollte nnd dies in wiederholten Polksaufstäudeu namentlich in Baden unter Heckcrs Führung zu verwirklichen suchte; sie mußte uatürlich Preußen als den stramm inonarchischen, bureaukratisch festgefügten und militärisch am besten disciplinierten Staat für ihre Pläne besonders sürchten und hassen uud deshalb alles daran setzen, seine Berufung au Deutschlands Spitze zu hintertreiben. Dazu kamen endlich noch specifisch partiknlaristische Gefühlsgründe, die Abneigung des Schwaben oder Bayern gegen das stramme und schneidige Auftreten des Norddeutscheu im allgemeinen und gegen das snffifante nnd schnodderige Berlinertnm im speciellen, der „Preußenhasz", wie man schon damals sagte. Und dem gesellte sich der nnr zu gerechtfertigte Widerwille aller Liberalen und geistig Freien gegen die Person eines Königs, der acht Jahre lang die Erwartungen getäuscht, romantischen Belleitäteu sich hingegeben nnd sich zuletzt »och in dem Revolutionsstnrm so ganz unköniglich, feige und starrsinnig zugleich gezeigt hatte. Aber alleu solchen Antipathien, Wünschen uud historischen Liebhabereien zum Trotz — in der Versammlung siegte der Politisch kühle Perstand über das romantisch oder religiös oder freiheitlich fühlende Herz, und nach mancherlei Schwankungen wurde — aber nur mit vier Stimmen Majorität! — das Erbkaisertum acceptiert Der Ausgang der Revolution. 283 und darauf von 290 Stimmen — 248 enthielten sich der Wahl — der König von Preußen zum deutschen Kaiser gewählt — freilich, wie einer dieser Erbtaiserlichen (G. Rümelin) selbst sagt: „wir haben deu König von Preußen nicht wegen, sondern trotz seiner Persönlichkeit zum überhaupt machen wollen." Denn dieser zum Deutschen Kaiser gewählte König von Preußen hieß Friedrich Wilhelm IV. Uud au dieser Persönlichkeit, nicht am deutschen Parlament von 1848/49 scheiterte damals die Lösnng. Friedrich Wilhelm IV. hatte sich von Anfang au »mit allerlei Phantastischen und mittelalterlichen Ideen getragen, er wollte deu Kaiser von Österreich als römischen Kaiser u-nd neben ihn den König von Preußen als „teutschen" König oder gar nur als erblichen Reichserzfeldherrn an die Spitze stellen: uud so erhielt nuu auch die Deputation des Franksurter Parlaments, die ihm am 3. April 1849 die Kaiserkrone überbringen sollte, eine abschlägige Autwort: er wolle die Krone nicht anS den Händen einer Versammlung, die einer Revolution ihren Ursprnng verdanke und deren Ansprüche nur auf einem Akt der Revolution beruhen; er wolle sie von den gekrönten Häuptern, durch Vereinbarung mit ihren Regierungen, nicht von der Nation empsangen; und dazu ließ er die Deputation dnrch den Ton seiner Antwort fühlen, daß es eine Anmaßung sei, wenn eine Persammlung von Volksvertretern eine Krone schassen nnd geben »volle. Damit stellte er sich freilich in den schroffsten Gegensatz zu dem doch auch von einem Romantiker, von Ludwig Uhland, gesprochenen Wort, daß „kein Haupt über Deutschlaud leuchten werde, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öles gesalbt sei". Uhland sprach wahr: diesem Haupte fehlte die Weihe des demokratischen Öles und darum war es ihm versagt, über Deutschland zu leuchten. Der Ausgaug der Revolution. So ist die Revolution vou 1848 au Friedrich Wilhelm IV. gescheitert, und die Radikalen schienen recht zn haben oder nachträglich Recht zn bekommen, daß mit den Fürsten die Einheit nicht zu schaffen sei, sondern nur gegeu sie, durch Gewalt. Daß man 284 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49. eine Revolution nicht mit Grundrechten und Mehrheitsbeschlüssen durchführen kann, auch das erkannten sie richtiger als die Majorität der Gemäßigten, die ihre Herkunst ans der Revolution vergaßen oder wenigstens gerne vergessen gemacht hätten. Und daher nun die die Verhandlungen der Paulskirche wie blutige Arabesken umspielenden Ausstände in Baden und in der Pfalz, iu Frankfurt und Dresden. Die Führer dieser Ausstände, die Hecker und Struve, Sigel uud Schurz, Heubner und Tzschirner und wie sie alle hießeu, waren damals in aller Mund und vielfach Populäre Figuren, namentlich in ihrer engeren Heimat; Heckcrs Bild ist aus mancher dörflichen WirtShausstube des Schwarzwaldes erst durch das von Bismarck verdrängt worden. Schließlich war vor allem Baden im Sommer 1849 das Stelldichein aller revolutionären Geister, hier kämpfte die Revolution den Verzweislungskampf nm Dasein und Sieg und hier unterlag sie den preußischen Waffen unter der Führung des Priuzeu Wilhelm, der iu dieser Zeit einer der am meisten gehaßten, weil falsch beurteilten Männer gewesen ist. Mit der definitiven Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. war aber auch die Mission der Nationalversammlung zu Frankfurt definitiv gescheitert. Die Gemäßigten thaten daher ganz recht ihr Mandat als erloschen zu betrachten und aus- zutreteu; uud ebenso that die württembergische Regierung uur ihre Pflicht, als sie den nach Stuttgart übergesiedelten radikalen Nnmps mit seinen fünf Reichsverwesern ohne Reich, ohne Macht und ohne Autorität auSeiuauderspreugte. Daß au diesem Satirspiel der großen Tragödie auch Uhland teilnahm nnd nun „mit dem bitteren Gesühl der unziemlichen Behandlung" scheiden mußte, war das Betrübendste daran; nnd doch deckt seine Persönlichkeit gewissermaßen den Rückzng und verhindert, daß man nicht allzu schadensroh die Worte darauf anwenden darf: clssiiiit in pisuem inulisr kormosa, »uz>orns. Den Gemäßigten aber, die schon der Persönlichkeit Friedrich Wilhelms IV. gegenüber so große Resignation geübt hatten, ist es nicht hoch genng anzuschlagen, daß sie als „Gothaer" in dem seltsamen Unionsparlament in Ersnrt es nochmals versuchten, mit Preußen zur Einigung Deutschlands zn gelangen. Dort standen sie Der Ausgang der Revolution. 285 auf der Linken und kreuzten die Waffen mit den in Frankfurt kaum vertreteuen preußischen Junkern, unter denen, wie schon auf dem vereinigten Landtag von 1847, als der kecksten einer auch Otto von Bismarck sich hervorthat. Diese Gothaer Kleindeutscheu sind es gewesen, die in dem deutschen Volk den Gedanken der preußischen Spitze über die Nevolutions- und Reaktionszeit hinüber lebendig erhalten und für eine bessere Zukunft gerettet haben. Für das halbe Wesen des preußischen Königs aber ist es bezeichnend, daß er uun im Dreikönigsbündnis und iu deu soustigeu Unions- vcrhandlungen nachträglich doch erreichen wollte, was er soebeu abgelehnt hatte; doch seiuem Freunde Nadowitz, der die Preußische Regierung in Erfurt vertrat, fehlte es au Klarheit, Offenheit und Vertrauen, und so scheiterte es noch einmal. Die Geschichte läßt ihrer so nicht spotten, für ihn war es unwiderbringlich zn spät. Inzwischen hatte nämlich das durch die Stürme der Zeit in seinen Grundfesten erschütterte Österreich aus eigener Kraft nnter Radctzkys Führung die Revolution in Italien nnd um deu teuren Preis russischer Einmischung und Hilfe auch den ungarischen Aufstand niedergeworfen. Und sobald es Lust hatte, griff es auch wieder nach seiner alten Stellung in Deutschtand. Die Reichs- verfassnng, um deren Anerkennung in deu Einzelstaaten blutig und fast überall erfolgreich gestritten worden war, wurde einfach beiseite geschoben, mit Hilfe der süddeutschen Regierungen, die von einer preußischen Hegemonie nichts wissen wollten, der alte Bundestag wieder hergestellt uud durch die Tage von Olmütz anch Prenßen in unerhörter Demütigung gezwungen, auf der alten unwürdigen Basis demselben wieder beizutreten. Damit war es mit den nationalen Wünschen und Hoffnungen zu Ende, die anch an einem anderen Punkte, Dänemark gegenüber iu der schleswig-holsteinifchen Sache erst durch Preußens Schuld, daun durch das Londoner Konferenzprotokoll in kläglicher Weise unerfüllt blieben. Gerade hier hatte sich die nationale Begeisterung am einmütigsten und thatkräftigsten gezeigt und gerade hier hatte sie die schmählichste Enttäuschung nnd Dämpfung erfahren. Nachdem man aber mit der nationalen Bewegung fertig geworden war, ging man ebenso daran, die freiheitlichen Regungen zu unterdrücken und auszurotten 286 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49, und für ihre Siege und ihre Ausschreitungen Rache zn nehmen und gründlich heimzuzahleil. So kam, was komme» mußte, anfs neue eine Periode der Reaktion. Die Oppositionspartei aber stand ihr hinfort weniger geschlossen nnd einig gegenüber als bisher. Groß- und Kleindeutsche, gemäßigte Gothaer und radikale Republikaner bekämpften sich aufs unversöhnlichste nnd warfen sich gegenseitig vor, die Schuld an dem Mißlingen zu tragen oder gar Verrat an der Einheit und mehr noch an der Freiheit geübt zn haben. So waren die nationalen und die freiheitlichen Elemente zerspalten und zerklüftet nnd dadurch zunächst zu kläglicher Ohnmacht der wachsenden Reaktion gegenüber verurteilt. Aber eins blieb doch unverloren — der politische Geist war erwacht, ganz Deutschland war eiu Jahr lang nur politisch gewesen. In Volksversammlungen und Volksreden, in Resolutionen und Wahlen, in Flugschristen und Zeitungsartikeln, in Prosa und Versen, in Karikaturen und Witzblättern, in weitaussehenden Plänen nnd Aktionen berufener Politiker oder in schlichten Worten und naheliegenden Handlungen einfacher Leute war dieses politische Gefühl und Bewußtsein hemmungslos zur Aussprache gekommen, und die Erinnerung daran haben sich die Mitlebenden treu bewahrt. Es war viel Thörichtes und Schlechtes, es war viel Unreifes und Zügelloses dabei; auch viel Blut ist umsonst geflossen nnd viele Opfer sind unnötig gebracht worden. Aber es ist unberechtigt, dies so wie Hans Blum in seinem durch und durch tendentiös gefärbten Bliche über „die deutsche Revolution" thut, in den Vordergrund zu stellen und wie eine Hauptsache zu behandeln. Im Grunde hat die Revolution doch das Rechte gewollt, und Blut und Opfer vergessen sich nicht. 1848 ist das Volk der Deutschen ein politisch denkendes nnd fühlendes Volk geworden und ist es seitdem geblieben, das war der thatsächliche Gewinn, ihn konnte dann später Bismarck in die Rechnung stellen und daraufhin das Große wagen und wagend gewinnen. Reformbewegungen auf dem Gebiet der Kirche und Schule. Übrigens haben die Deutscheu auch in diesen rein politischen Tagen ihre sonstige Kulturaufgabe nicht ganz aus den Augen ver- Neformbewegungen in Kirche und Schule. 287 loren. Die eben erworbene Preßfreiheit kam der ganzen geistigen Produktion zu gute, der Kampf um Gedanken- und Redefreiheit hatte doch nicht bloß den politischen Ideen gegolten. Mit den mißliebigen, vormürzlichen Ministerien fielen auch die Kultus- und Unterrichtsminister, so in Prenßen Eichhorn. Wie überall, so rief man auch auf dem Gebiete der Kirche und Schule nach Freiheit und Selbständigkeit, verlangte auch sür die geistigen Interessen Licht und Raum, Beseitigung alter Zöpfe und Einführung von Reformen. Aber es war auch hier wie iu der Politik ein Frühliugssturm, der uoch einmal vorüberging, um einer neuen Periode der Reaktion Platz zu machen. Und so isr von wirklichen Änderungen und Fortschritten nicht viel zu berichten. Auch die Nationalversammlnng hatte ihre ausgedehnte Kirchen- und Schuldebatte, und wenigstens für Schulangclegenheiten und Volks- crziehung wurde ein besonderer Ausschuß und in diesem wieder eine Sektion sür die Volksschulen eingesetzt, dagegen wurde der beantragte Ausschuß für Neligionsangelegenheiten abgelehnt. Schließlich kam es — nach besonders erregten und langwierigen Debatten — doch nur zu den in Artikel 5 und 6 der Grundrechte so formnlierten Bestimmungen über kirchlich-religiöse und Schulangelegenheiten: § 14. Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. Z 15. Jeder Deutsche ist unbeschrankt in der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Übung feiner Religion. Verbrechen uud Vergehen, welche bei Ausübung dieser Freiheit begangen werden, sind nach dem Gesetze zu bestrafen. § 16. Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuß der bürgerlichen nnd staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch thun. § 17. Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig, bleibt aber den allgemeinen Staatsgesetzen unterworfen. Keine Religionsgemeinschaft genießt vor anderen Vorrechte durch den Staat; es besteht fernerhin keine Staatskirche. 288 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49. Neue Religionsgcsellschasten dürfen sich bilden; einer Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht. § 18. Niemand soll zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit gezwungen werden. > §19. Die Formel des Eides soll künftig lauten: So wahr mir Gott helfe. § 20. Die bürgerliche Gültigkeit der Ehe ist nnr von der Vollziehung des Civilaktes abhängig; die kirchliche Trauung kann nur nach der Vollziehung des Civilaktes stattfinden. § 21. Die ReligionSverschiedcnheit ist kein bürgerliches Ehehindernis. Die Standesbücher werden von den bürgerlichen Behörden geführt. §22. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. § 23. Das Unterrichts- und Erziehungswesen steht unter der Oberaufsicht des Staates und ist, abgesehen vom Religionsunterricht, der Beaufsichtigung der Geistlichkeit als solcher enthoben. § 24. Unterrichts- und Erziehungsanstalten zu gründen, zu leiteu und an solchen Unterricht zu erteilen, steht jeden: Deutscheu frei, wenn er seine Befähigung der betreffenden Staatsbehörde nachgewiesen hat. Der häusliche Unterricht unterliegt keiner Beschränkung. Z 25. Für die Bildung der deutschen Jugend soll dnrch öffentliche Schulen überall genügend gesorgt werden. Eltern oder deren Stellvertreter dürfen ihre Kinder oder Pflegebefohlenen nicht ohne den Unterricht lassen, welcher für die unteren Volksschulen vorgeschrieben ist. §26. Die öffentlichen Lehrer haben die Rechte der Staatsdiener. Der Staat stellt nnter gesetzlich geordneter Beteiligung der Gemeinden aus der Zahl der Geprüften die Lehrer der Volksschulen an. Z 27. Für den Unterricht in Volksschulen und niederen Gewerbeschulen wird kein Schulgeld bezahlt. Unbemittelten soll auf allen öffentlichen Unterrichtsanstalten freier Unterricht gewährt werden. Z 28. Es steht einem jeden frei, seinen Beruf zu Wahlen nnd sich für denselben auszubilden, wie und wo er will. Reformbewegungen in Kirche und Schule. 239 Bezeichnend bei den Verhandlungen war das Verhalten der ultramontanen Partei. Schon daß eine solche im Parlament vorhanden war, war auffallend; und überdies war sie nach Biedermanns Erinnerungen „unter allen am frühesten organisiert und discivliniert, mit den bestimmtesten Stichwörtern versehen und von den tüchtigsten Führern geleitet"; und daneben gab es auch noch in den andereil Parteien Ultramontane, die in allen kirchlichen Fragen mit ihr stimmten. So war eine geschlossene Partei immer auf dem Plan, wo es galt, katholische Interessen zu wahreu oder Gewinn für die Kirche einzuheimsen, schou damals ein Beweis, daß die katholische Kirche es trefflich versteht, mit jeder Regierungssorm, nötigenfalls auch mit der Revolution sich zu vertragen. Daß wie heute noch in Baden so auch damals schon die äußerste Linke mit dem Selbständigkeit und Freiheit für sich begehrenden Ultramontauismus sich verbündete uud nicht begriff, wie sie damit doch nur einer alle Geistessreiheit gefährdenden Macht Handlangerdienste leistete, versteht sich nach den Erfahruugen, die wir inzwischen gemacht haben, fast von selbst. Vom 22. Oktober bis 16. November aber tagten die deutschen Bischöfe in Würzburg uud erklärten: „wie entschieden und streng auch die Kirche anarchische Bestrebungen jeder Art verabscheue und verwerfe, so habe doch auch sie ein lebendiges Interesse an der Sicherung alles dessen, was der allgemeine Nus nach Freiheit von administrativer Bevormundung und Kontrolle Wahres enthalte, und dürfe es nicht verabsäumen, an den Zusagen, die die Fürsten ihren Völkern gegeben, den ihr gebührenden Anteil in Anspruch zu nehmen". Die Trennung der Kirche vom Staat erklärten sie unter gewissen Borbehalten accevtieren zn können. Was sie forderten, war: unbeschränkte Freiheit der Lehre uud des Unterrichts, Errichtung uud Leitung eigener Erziehungs- uud Unterrichtsanstalten, Ausschluß des Staates von der Prüfung und Überwachung der Geistlichkeit, Freiheit der Assoziation für alle geistlichen Vereine, Aufhebung des Placet und endlich selbständige Verwaltung und Verwendung des Kirchen- nnd Stistungsvermögens. So geschickt wußte die Kirche revolutionäre Gedanken in ihrem Sinn umzubiegen; nnd was sie ans Grund derselben ver- Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des I». Jahrh. 19 290 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49. langte, das gewährte ihr dann fast alles die Reaktion, zumeist natürlich die Regierung Friedrich Wilhelms IV. in der revidierten Verfassung vom Jahre 1850. Namentlich wnrden ihr bei der regen Vereinsthätigkeit, die sie als Märzerrungenschast in die fünfziger Jahre mit herübernahm, keinerlei Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Weit weniger glücklich schnitt die Protestantische Kirche ab. Jene Bestimmungen der Grundrechte waren nicht zum wenigsten zu grinsten der links stehenden Richtungen in ihr erlassen worden. Da diese aber größtenteils mit der politischen Linken zusammenfielen und die nachfolgende Reaktion mit den orthodoxen und pictistischen Elementen Hand in Hand ging, so kümmerte man sich natürlich nicht um diese der Revolution entstammenden Grundrechte und hütete sich wohl, die Protestantische Kirche freizugeben. So blieb von den auch in kirchlichen Kreisen unter dem Einfluß des Jahres 1848 auftauchenden Hoffnungen und Wünschen der Gedanke der Unabhängigkeit der Kirche und ihrer Verfassung vom Staat, also der Gedanke größerer Freiheit unausgeführt. Dagegeu fchieu es, als sollte die Zusammenfassung der deutschen evangelischen Kirchen zu einer gewissen Einheit gelingen. Ans Anregung von Bethmann-Hollweg und Philipp Wackeruagel kam im September 1848 der erste deutsche Kirchentag in Wittenberg zusammen, um eiuen Kirchenbund der evangelischen Kirchengemeinschaften Deutschlands zu gründen mit der Aufgabe, alle gemeinsamen Interessen der zu ihm gehörigen Kirchengemeinschaften zu fördern. Allein weder die Kirchentage noch die Eisenacher Konferenzen, die von Abgeordneten der deutschen Kirchenregierungen beschickt wnrden, haben zu der Einheit etwas Wesentliches beigetragen. Übrig blieb uur die Sammlung zum Kampf gegen den „Unglauben" im Bund und im Dienste der Reaktion, und als Erfreuliches eine stärkere Betonung der Pflicht der Kirche an der Abstellung von Notständen im Volksleben. In Wittenberg wurde auf Wicherus ernste Worte hin der Centralausschuß für innere Mission gebildet und die Kongresse dieser inneren Mission tagten hinfort gleichzeitig mit den Kirchentagen, eine Verbinduug, die ihnen freilich nicht eben gut gethan hat. Auch auf dem Gebiet der Schule regten sich dieselben. Ge- Reformbewegungen in Kirche und Schule. 291 danken wie überall, Wünsche die auf Freiheit namentlich von der Kirche und auf größere Einheit abzielten. In der Nationalversammlung dachte mau sogar daran, ein allgemeines deutsches Schulgesetz auszuarbeiten; doch überwog schließlich die Meinung, die Regelung des Schulwesens den Eiuzelstaateu zu überlassen, da dasselbe „auss innigste mit dem individuellen Geiste der Stämme und mit der relativen BildungSstuse derselben zusammenhänge"; und so beschränkte man sich aus jene allgemeinen Grundsätze, wie sie in den oben mitgeteilten Paragraphen niedergelegt wurden uud wie sie dann — natürlich — Papier blieben. Immerhin bildeten die in zahlreichen Petitionen an die Nationalversammlung und in Bersammlungen und Reden zur Aussprache kommenden Wünsche nnd Reformgedanken teilweise „schätzbares Material" für die Zukunft. Am meisten gilt dies von den Reform- bestrebungcn auf dem Gebiet der Mittelschulen. Von besonderem Interesse waren die Perhandlungen der sächsischen Gymnasiallehrer, weit hier in Hermann Köchly ein wirklicher Gymnasial- reformer zu Worte kam, der vorher schon den Kampf begonnen hatte und jetzt die Zeit zur Durchführung einer wirklichen Schulreform gekommen glaubte. Auf der Leipziger Versammlung im Juli 1848 entwickelte er seine Anschauungen: das alte Gymnasium sei eine Lateinschule, sein Prinzip die lateinische Sprachbildung gewesen, darin habe es seinen Mittelpunkt gehabt. An die Stelle dieser Einheit sei aber längst Vielheit und Zerfahrenheit getreten. Daher sei ein nener Mittelpunkt zu suchen nnd das sei — das Deutsche; um dieses müssen sich die übrigen BildungSmittel gruppieren, aus der einen Seite Mathematik uud Naturwissenschaften, auf der anderen die historisch-ethischen Disciplinen; so erst sei das Prinzip das modern-universelle. Daraus ergebe sich dann als Zweck der altklassischen Studien die Erkenntnis des Griechen- und Römer- tumS in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung aus den Quellen nnd dnrch sie: könne man das nicht erreichen, so müsse man den alt- klassischen Unterricht ganz aufgeben. Jedenfalls aber folge daraus die Gleichstellung des Griechischen mit dem Lateinischen und der Wegfall des Lateinischsprechens nnd des lateinischen Aufsatzes; auch dürfen die alten Sprachen nicht vor dem 14. Jahre beginnen und 19* 2!^ 1848 bis 1871: Die Revvlutwn von 1848 und 49. müssen auf die neueren gegründet werden. Dieser letztere Vorschlag wnrdc abgelehnt, sonst aber schloß sich die Versammlung den Gedanken Köchlys an, die im wesentlichen maßgebend geblieben sind sür unsere vou der neuhnmanistischen doch recht weit abliegende Anschauung vom Gymnasialnnterricht. Und ans der preußischen Laudesschulkonferenz im April 1849 tauchte sogar schon der Plan eines Reformgymnasiums mit dreiklassigem gemeinsamen Unterban aus. Allein diese Verhandlungen kamen eigentlich schon zu spät, und wie 1789 in Frankreich, so zeigte es sich auch hier, daß sich uuter deu Stürmeu einer politischen Revolution nicht nebenher auch noch die Schule reformieren läßt. Das allgemeine Schulgesetz, das der Minister von Ladeilberg für Preußen plante, ist bis heute nicht zustande gekommen. Nur in Österreich kam es merkwürdigerweise doch zn einer solchen Reform, vermutlich weil sie hier an: nötigsten war, nnd dann weil man hier klug genug war, statt eiuer parlamentarisch beratenden Versammlnng von vielen Köpfen zwei Männer mit der Aufgabe des Reformierens zu betrauen und weil man in dem Philologen Bonitz und dem Herbartianer Exner dafür die richtigen Männer fand. Die Bevorzugung, welche in dem Entwurf der Mathematik nnd deu Naturwissenschaften vor den klassischen Sprachen zu teil wurde, befriedigte freilich nicht dnrchweg, und da in der nun folgenden Reaktionszeit auch der Klerus seine dadurch gefährdete Herrschaft über die Schule zurückforderte, so kam es über Ansänge nicht hinaus, der Bvnitz-Exnersche Organisationsentwnrs blieb zwar in Geltuug, wurde aber, namentlich zu gunsten der Ordensschulcn, so „mild und nachsichtig" durchgeführt, daß die Erfolge jedenfalls sehr ungleichmäßig waren, an manchen Orten sogar hinter den bescheidensten Erwartungen zurückblieben. Am wenigsten erreichten die Lehrer der Volksschulen. Von der äußeren Hebung und Besserstellung wurde zwar in der Paulskirche gesprochen, ein Redner nannte die Mehrzahl der deutschen Volksschnl- lehrer sogar „eine Klasse verschämter Armer"; aber gethan wurde nichts für sie. Und ebenso blieb, worauf die Wünsche sich besonders entschieden richteten, die Loslösung der Schule vou der Kirche und „dem alten Hörigkeitsverhättnis" zu dieser eiu frommer Wunsch. Die Reformbewegungcn in Kirche und Schule. 293 Forderung der Aufsicht durch Mänuer vom Fach, durch „Kunstver- stäudige" ist ja bis heute fast überall uoch unerfüllt uud wird wie eine Anmaßnng von der Geistlichkeit empfunden und vou deu Negierungeu zurückgewiesen. Auch der Gedauke tauchte schou aus, das; die sociale Frage wesentlich eine Erziehungsfrage sei; einer der Redner erklärte, der Keim und Ansang der Gefahr „liege in der Volkserziehung, d. h. in der bisher verimchlässigten Volkserziehung; der Proletarier wird nicht geboren, er wird erzogen." Deshalb „wenn Sie die Ruhe Ihres Lebens, die Sicherheit des Besitzes, die Behaglichkeit des Genusses lieb haben, sorgen Sie aus allcu Krästen für eiue tüchtige Vollserziehung." Allein das alles verklang einstweilen spurlos. Und ebenso blieb auf den deutschen Universitäten, wo so mancher alte Zopf abzuschneiden gewesen wäre, alles beim Alten. Daß die Resormbedürftigkeit anch hier erkannt und anerkannt wurde, das bewies eine im September 1849 eröffnete Konferenz von Universitätslehrern, die den ausdrücklichen Zweck hatte, die preußischen Universitäten „von dem Druck des uuverdieuteu Mißtrauens, das die iu deu Jahren 1819 uud 1834 auf Grund von Beschlüssen der -deutschen Bnndesversammlnng erlassenen Verordnungen hervorgerufen hatte, zu befreien uud ihnen die Selbständigkeit wiederzugeben, deren sie zu einer freudigen Wirksamkeit und zur Entwickelung eines kräftigen korporativen Lebens bedürfen." Aber obgleich iu diesem Sinn die Versammelten gleich die erste Frage „ist die Vertretung des Staats dnrch eine besondere Behörde (Kurator) bei deu Uuiversitäteu uvtwendig?" verneinten und Böckh ausdrücklich erklärte, „die korporative Selbständigkeit der Universität kann mit einem Kurator nie bestehen," so blieb hierin doch alles beim Alten, und uicht bloß damals aus den schon bestehenden, sondern auch noch viel später aus der neu eingerichteten Straßburger Universität hat man am Kurator festgehalten. Ähnlich erging es den meisten andern Beschlüssen dieser Versammlung. So war anch das wie so vieles iu diesen Jahren pro nikilo. Und ebenso hat im Süden, in Württemberg D. Fr. Strauß vergebens sein Wort eingelegt für den alten Baum der Laudesuuiversität, der „iu der letzten Zeit besonders viel gelitten habe", und sich umsonst gefreut, daß 294 1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49. pietistische Umtriebe, wie sie gegen Nischer, Schwegler und Zeller so wirkungsvoll in Scene gesetzt worden Ware», künstig „sich etwas mehr werden bescheiden müssen". So schielt wirklich wie ans politischein so auch auf geistigem Gebiete alles umsonst, große Antänse, starke Worte, viel Geschrei, wilde Bewegung, aber nirgends Resultate und Thaten, nichts Bleibendes und bleibend Wertvolles. Es war wie ein Taumel, der eiu ganzes Volk erfaßte; uud so bietet dieses Jahr der Massenpsychologie ergiebigstem Stoss. Jener Franzoseuseiertag, au dem durch ganz Süddeutschland der bliude Schrecken vor einbrechenden Frauzoseuscharen Panikartig uud mit Blitzesschnelle von Ort zu Ort sprang und sich zn Hallucinationen nnd allerlei Siunestänschungen verdichtete, ist dafür besonders bezeichnend: es war in der That eine Zeit der Massen nnd der Masseitgefühle. Allein vielleicht war dieses Jahr doch nicht so ganz umsonst, wie es erst schien; vielleicht fehlte den Massen nnr der rechte Führer, der Bewegung nnr der leitende Kopf; das Ziel war ja doch wohl das richtige, wenn auch die einen sich in den Mitteln vergriffen, andere darüber hinausschösset! uud es dem Wollen im ganzen durchaus an Kraft nnd an Macht gebrach. Die Massen, zn denen damals auch die Gebildetsten gehörten, fanden sür ihren Kamps um den Einzelnen keinen alle überragenden Einzelnen, der sie sicher nnd mit starker Haud zum Ziele geführt hätte. So unterlag dieses Wollen eines Neueu den alten Mächten, die eben doch noch da waren nnd wirkliche Macht waren, an die Stelle der Revolution trat die Reaktion. Zehntes Kapitel. Die Reaktion der fünfziger Jahre. Reaktionäre Politik, Es war also wieder böseste, schlimmste Reaktionszeit, oft brutal und immer kleinlich, namentlich in der Rache und der persönlichen Mißhandlung der Gegner, d. h. aller derer, die sich an der Revolution, sei es radikal oder gemüßigt, beteiligt hatten. Zwar daß gegen die mit den Massen in der Hand Ergriffeneu standrechtlich versahreu wurde, war uur natürlich und gerecht, nnd die Klagen gegen den „Kartätschenprinz", der nach der Niederwerfung des dritten badischen Anfstandes in Rastatt eine Anzahl der am schwersten Kompromittierten hat erschießen lassen, waren trotz des in sie einstimmenden Protestes von Uhland ebenso grundlos, wie der im Jahr zuvor über die Erschießung Robert Blnms in Wien ausgebrochene Lärm. Krieg ist Krieg, uud in Revolutioueu spielt mau uicht nur um Kronen und Macht, sondern auch um das eigene Leben; auch eine siegreiche Revolution — wir wissen das von Frankreich und von England — ist mit Henkerbeil uud Pulver uud Blei ebenso bei der Hand, wie die siegende Reaktion. Wenn dann freilich einein der zu lebeusläuglichem Zuchthaus Verurteilten wie dem Dichter Gottfried Kinkel in abenteuerlicher Weise die Flucht aus deu Kerkermauern gelang, so war der Jubel darüber aus der andern Seite auch wieder begreiflich uud berechtigt. Selbst die Poleu, diese kosmopolitische»! Revolutionäre von Prosession, welche sich überall beteiligt hatten, aber im eigenen Land den Deutschen recht unliebenswürdig begegnet waren, faudeu wie ein Jahr znvor im Parlament, so jetzt auf der Flucht überall teilnehmende Herzen, 296 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. auch wenn sie klug auf deutsche Gutmütigkeit baueud im konservativen Hause Aufnahme und Versteck sich erbaten; es sprach für sie nebeu der nlteu deutscheu Unsitte der Fremdbürgertichkeit doch auch eiu gut Teil echter Meuschlichkeit und sittlichen Mitleids. Weit schlimmer als die standrechtlichem Exekutionen aus der Walstatt waren nach hergestelltem Frieden die politischen Prozesse und Verurteilungen, die persönlichen Maßregelnngen und Mißhandlungen, die kleinlichen Zurücksetzuugen oder die rücksichtslosen Absetzungen von Beamte«, Geistliche« uud Lehreru. Davon betroffen wnrden auch solche, welche deu Freihcits- uud Einheitsgedanken nur geträumt und ohne Anwendung von Gewalt um seine Verwirklichung sich gemüht hatten. Und an solche Racheakte reihte sich dann naturgemäß die Verfolgung aller derer, welche fortfuhren, auf Kanzel oder Katheder nicht bloß politisch, sondern auch wissenschaftlich nnd religiös freie Gedanken, auszusprecheu. Von alldem wurden damals gerade unsere besten nnd bedeutendsten Männer betroffen und vielen dadurch Lebeusglück uud Lebensmut zeitweise oder für immer zerstört und geknickt. Ich eriunere uur au den skandalösem Prozeß Waldeck in Preußeu, in dem die Grundlage der Anklage vom Staatsanwalt selber schließlich als ein Bubenstück gebrandmarkt wnrde, ersonnen, „um eiueu Mann zu verderben", oder an die nicht minder skandalöse Verurteilung von Wiggers in Mecklenburg, au die Ab- setzuug der Professoren Neyscher in Tübingen nnd Mommsen in Leipzig und an die später gegen Kunö Fischer nnd Moleschott versügte Entziehung der Vsnm leZencki in Heidelberg. Feiler Servilismus und feiges Deuuuzicmtentum, Fälscher und Polizeispione hatten bei alledem gute Zeit. Solchen Versolgungen nnd ihrer Wirkung suchten sich dann natürlich in jeuen Tagen aufs ueue ganze Scharen durch Auswanderung zn entziehen, und so gab es wiederum viel deutsches Flüchtlingselend und viel deutsche Flücht- lingsverbitternng in Amerika, in England und in der Schweiz, mauche tüchtige Kraft ist dadurch der alten Heimat für immer verloren gegangen. Auch von den demokratischen Erruugeuschaften der Revolutionszeit suchten die reaktionären Nachfolger der liberalen Märzminister so viele als immer möglich zu beseitigeu oder wie Friedrich Wilhelm IV. Reaktionäre Politik, 297 das geschmackvoll ausdrückte: es galt mm „den demokratischen Schmutz des Jahres der Schaude aus deu deutscheu Versassimgen zu entfernen." Die Reichsverfassuug von 1849 wurde, wo sie anerkannt war, stillschweigend oder ausdrücklich beiseite gelegt, die Grundrechte durch Bundestagsbeschluß ausdrücklich sür ungültig erklärt, in den Einzelstaaten die Verfassungen reaktionär revidiert nud durch Verordnuugcu uud Pvlizeimaßregeln auch gegen die Bestimmungen des Gesetzes die Grundrechte des deutschen Volkes schnöde mißachtet und verletzt. Gewiß war vielfach wieder Ordnung zu schaffen und Chaotisches und Anarchisches zu gestalten, Verbogenes und Schiesgewordeues einzurenken nnd zu stützen. Aber wohin es eigentlich zielte, das sah man doch deutlich in Kurhesseu, wo der Minister Hnsseupflng zusammen mit dem Kriegsmiuister vou Haynan die Versassnng brutalisierte und nach seinem Ermessen abänderte. Dieser Mann, „der Hessen Haß und Fluch", hatte sich schon einmal iu deu dreißiger Jahreu als Minister fünf Jahre lang dem liberalen Geist entgegeugeworfeu uud Landtag, Beamte nnd Bürger zn betigen oder zu brechen gesucht. Unter Friedrich Wilhelm IV. in den preußischen Staatsdienst herübergenommen hatte er auch hier der Neaktiou gedient, kehrte aber nun 1850 belastet mit einer freilich kaum haltbaren, fast chikanösen Anklage wegen Fälschung, als Minister in seine Heimat zurück, um Kurhessen aus dem Fahrwasser der preußischen Uuionspolitik heraus in den von Österreich wiederhergestellten Bundestag zurückzuführen und im eigenen Laudc die Verfassung zu suspendieret: uud die alte kurfürstliche Willkürherrschaft wiederherzustellen. Mit beispiellosem Trotz und srcchem Hohn spottete der eigenwillige und fanatische Mann des Widerstandes, den die überwiegende Mehrzahl der Beamten der Gesetzesübertretung eutgegenstellte und kümmerte sich nicht -um die Stenerverweigeruug des Volkes, die Beschlüsse des Landtages, die Sprüche der Gerichte. Sein Helfershelfer auf kirchlichem Gebiet war Vilmar, der uuter dem Vorwand der Freiheit der Kirche eine orthodox-pietistische Gewaltherrschast von unerhörter Skrupellosikeit etablierte und dafür die Mehrzahl der kurhessischeu Geistlichen zu gewinnen ivnßte. Denn er war eine sascinierende nud imponierende 298 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. Persönlichkeit. Man kennt ihn gewöhnlich nnr als den feinsinnigen Versasser einer unserer trefflichsten Darstellungen der deutschen Litteraturgeschichte. Aber, wie Sybel ihn richtig charakterisierte, „die Hitze der religiösen Leidenschaft, die sich bei ihm wie bei Hassenpslug allmählich zn fanatischer Glut steigerte, verzerrte und verdüsterte bei ihm Einsicht und Phantasie. Er war überzeugt davvn, mit einem der Dämonen leiblich gerungen zu haben und erklärte einer ihn anstaunenden Pastorenkonferenz, nnr der verdiene den Namen eines Christen, der einmal mit Satan gekämpft, uicht figürlich, sondern wie er körperlich, Faust gegen Faust, Stirn gegeu Stiru, Zahn gegen Zahn. Es war bei solchen Meinungen kein Wunder, daß er zur Ausrottung des Bösen die Heiligen des Herrn mit allen Waffen ausrüsten wollte"; und da nach seiner Anschauung Demokraten und Ungläubige zusammenfiele», so arbeiteten sich der herrschsüchtige Minister nnd der herrschsüchtige Hierarch gegenseitig anfs beste in die Hände. Zur Nemesis und Ironie der Geschichte gehörte es dann freilich, daß Hassenpslug über Vilmar stolperte und stürzte. Dem Kurfürsten war der hochmütige und sittenstrenge Vilmar zuwider, der ihm im entscheidenden Augenblick einmal wie ein Prophet des alten Bundes drohend und sieghaft entgegengetreten war, und so weigerte er sich seine von Hassenpslug eifrig betriebene Wahl zum Generalsnperintcndentcn zu bestätigen: darüber sielen beide. Hassenpslug zog sich ins Privatleben zurück, Vilmar aber vertrat als Professor der Theologie in Marbnrg seine kon- fessionalistische nnd katholisierende Richtung ebenso leidenschaftlich, wie er sie vorher Praktisch in der kurhessischen Kirche bethätigt und zur Herrschaft gebracht hatte. Auch iu Preußeu dachte, wie in Knrhessen Hassenpslug, die Kamarilla, die sich um den König her bildete und ihn mehr und mehr nach ihrem Willen regieren ließ — es standen immer noch die Gebrüder von Gerlach oben an —, an die Aushebung der Verfassung, die der König in den Stürmen der Revolution inhaltlich freisinnig aber formell eigenmächtig octroyiert hatte. Allein trotz ihrer Sophismen, durch die sie ihn seines Eides ledig sprechen wollten, hielt er sich iu religiöser Ängstlichkeit daran gebunden und schrak daher vor diesem Äußersten zurück. Konstitutionell hat er Reaktionäre Schulverwaltung, 299 darum doch nicht mehr regiereil gelernt, mich ließ sich ja die Versassung reaktionär revidiereu uud im einzelnen Fall immer anfs neue reaktionär interpretieren: und das geschah dann beides. Überall zog man die Zügel straffer an: die Polizeigewalt und Polizeiwillkür wurde verstärkt und in Berlin schaltete der Polizeipräsident von Hinkeldey mit sast unumschränkter Macht und nicht geringerer Skrupellosigkeit, so daß er selbst der Kreuzzeituug und ihren Hintermännern nnbeguem wnrde nnd daher im Duell mit eiuem der^ Edelsten der Nation, einem Herrn von Rochow seinen Tod fand. Die Begnadigung dieses adeligen Nawdys gehörte mit zu deu allgemeinen Zeichen dieser nm Gesetze sich nicht kümmernden Reaktion. Die Gerichte muszteu sich zur Bersolguug der Verdächtigen oder Unbequemen hergebe» uud brachten sich um den Ruf der Unparteilichkeit. Bor allem aber beschränkte man die Selbständigkeit der Gemeinden nnd stärkte den Einfluß des ost- elbischeu Adels, deni man auss neue Vorrechte aller Art, sogar die gutsherrliche Polizei zurückgab. Absolutistische, feudale uud klerikale Teudeuzen arbeiteten zusammen uud die Bureaukratie stellte sich, freiwillig oder gezwungen, in den Dienst von allen dreien. Reaktionäre Schulverwaltnng. Natürlich war es wiederum iu erster Linie das dem Kultusminister unterstellte Gebiet, auf dem sich dieser reaktionäre Geist am deutlichsten und in seiner ganzen geistigen Blöße — Reaktion ist immer geistlos — zeigte; und zwar war er diesmal unter dem Ministerium von Räumer uicht bloß in Personenfragen geschäftig, sondern er ging auch organisatorisch vor. Ganz besonders hatte man es auf die Schule abgesehen, da die Lehrer sich häufig den radikalen Parteien angeschlossen hatten und man —natürlich! — die Schulbildung selbst für eine Hanptquelle und Ursache der Revolution ansah. Nach beiden Seiten hin wnßte mau dagegen kein besseres Mittel, als die Schule noch mehr als bisher schon der Kirche beider Konfessionen auszuliefern und unterzuordnen. Deshalb betrachtet die Lehrerwelt noch heute diese durch Sachkenntnis ja meistens nicht gerechtfertigte kirchliche Schnlaufsicht als Fremd- herrschast und Ausfluß der Reaktion nnd lehnt sich mit Recht und 300 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. Energie dagegen auf. Ausdrücklich ans Herabminderung der Lehrerund Volksbildung selbst hatten es die Stiehlschen Regulative abgesehen. Friedrich Wilhelm IV. sprach es geradezu aus, daß die Seminardirektoren einen Hauptteil der Schuld au den Ereignissen von 1848 tragen, und deshalb redete man eine Zeitlang von völliger Aufhebung der Schullehrerseminarien uud dachte daran die Lehrerbildung, um sie recht „einfach" zu machen, Landgeistlichen in die Hand zu geben. Soweit wollte der Minister aber doch nicht gehen, und darnm erhielt der Referent für das Volksschulweseu Ferdinand Stiehl den Auftrag, ohne Bruch mit der Vergangenheit durch zeitgemäße Änderungen die gewünschten Resultate herbeizuführen. Das war der Aulaß zu den berüchtigten drei Regulativen von 1854. Dieselben sind in ihren pädagogischen Bestimmungen besser als ihr Ruf, obwohl auch nach dieser Seite hin die darin enthaltene Zurückweisung der berechtigten Forderungen der Volksschullehrer auf bessere und erweiterte Bildung zu bedauern war. Dagegen war die Art, wie der Religionsunterricht betont und in den Mittelpunkt gerückt und doch zugleich durch die Überfülle vou Memorierstoff vcrüußer- licht uud mechanisiert, also verschlechtert wurde, ein Aussluß dieser reaktionären Zeitstrvmung; und ihr entsprach der Paränetische, für ein Ministeria lreskript wenig geeignete Ton, in dem sie abgefaßt, die frömmelnden Arabesken, von denen sie umrankt waren, so daß die Beseitigung dieser Regulative doch nicht mit Unrecht ersehnt und bald immer stürmischer von liberaler Seite gefordert wurde. Was Stiehl auf dem Gebiet des VolksschulU'escns, das sollte Ladung Wiese für die höheren Schnlen sein und leisten: Vereinfachung und Christianisierung erschienen hier wie dort als die dnrch die Zeitverhältnisse gebotenen Ziele und Ausgabe!?. Aber Wiese war klüger als Stiehl nnd verstand seine Zeit besser, er behielt auch als Mann der Reaktion die Fühlung mit der modernen Unterströmung nnd machte dieser die nötigen Konzessionen. In Personenfragen freilich verfuhr er ähnlich wie seine Vorgänger in den vierziger Jahren. Es ist ihm allerdings nachgerühmt worden, daß er „durchdrungen von dem Recht der Freiheit eines Christenmenschen die Persönliche Überzeugung hochgestellt" habe; allein dagegen sprechen doch zu deutlich die Beispiele aller derer, die um Reaktionäre Schulverwaltung. 301 ihrer persönlichen Überzeugung willen unter ihm sich haben Maßregelung oder Zurücksetzung gefallen lassen müssen: er machte vielfach Anstellung und Beförderung von Lehrern nicht von ihren wissenschastlichen und pädagogischen Leistungen, sondern von ihrer Stellung zu Religion und Kirche abhängig und legre dabei den Hauptwcrt auf das kirchliche Bekenntnis und die Teilnahme am kirchlichen Leben, Durch diese Art zu christiauisiereu mußteu dann notwendig schwache Charaktere zur Heuchelei und starke Natureu erst recht in die Arme der schärfsten Opposition getrieben und bitter gemacht werden. Viel glücklicher als in dieser auf Christianisierung abzielenden Behandlung und Mißhandlung von Menschen war Wiese in den ans Vereinfachung des Unterrichts berechneten Verordnungen und Reformen. Die MaturitätsprüsungSordnnng von 1856 hielt im ganzen am bewährten Alten fest, nnd der Gründling von christlichen Privatgymnasien trat er ausdrücklich entgegen. Die schon in den vierziger Jahren erhobenen Klagen über den unchristlichen Geist der höheren Schulen und der philologischen Lehrer wurden auf Kirchentagen und Pfarrkonferenzen wieder aufgeuommeu uud durch den denunziatorischen Hinweis aus die durch ihn verschuldete Revolution uuu erst recht eindringlich und nachdrücklich geinacht. Aus diesen Kreisen heraus kam man dann auf deu Gedanken, den unchristlichen Staatsgymnnsien christliche Privatgymnasien entgegenzustellen. In Königsberg plante man ein preußisches Natioual- gymnasinm, ans dem die Jugend zu wahrer Gottesfurcht und znm Patriotismus erzogen werden sollte. In Stuttgart wurde ein „Privatgymnasium auf dem Grunde des christlichen Bekenntnisses und in der Kraft des christlichen Geistes" ius Leben gernfen. Dem evangelischen Gymnasium in Gütersloh aber, der wichtigsten Gründung dieser Art, gab Friedrich Wilhelm IV. selbst die Weihe; bei seinem Bestich der Anstalt sprach er die bezeichnenden Worte: „Es liegt in Ihrem Unternehmen eine schwere Anklage gegen die andern Lehranstalten; aber sie ist gerecht und wohlbegründet; man kann sie nicht oft genug wiederholen. Viele dieser Anstalten sind glaubenSbar. Mau darf dies gerade in unserer Zeit aus falscher Weichlichkeit uicht verschweigen. Ich bin für Ihr Unternehmen mit 302 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. meinem ganzen Herzen; es mnß durchaus unterstützt werden." Allein eben gegen diesen Anspruch besonderer Christlichkeit und jenen vom König ausdrücklich erhobeueu Vorwnrf, der schou iu der Gründung solcher „christlicher" Anstalten für die anderen alle lag, glaubten die Gymnasiallehrer protestieren zu müssen. Die Erlanger Philologenversammlung von 1851 nnter Führung von Wiese uud Eckstein, von Nägelsbach uud Bäumlein erhob dagegen Einspruch und wollte auch deu alten Gymnasien das Prädikat der Christlichkeit nicht absprechen lassen. Ganz recht hatten sie, wenn sie betonten und es historisch begründeten, daß „das Verhältnis der klassischen Litteratur zum Christentum nicht als ein feindliches betrachtet werden müsse". Das konnte nur ein dem mittelalterlichen Mvnchtnm verwandter Pietismus behaupten. Dagegen war es nur halbe Wahrheit uud lag nicht so einfach, weuu die in Erlangen Versammelten die Berechtigung der klassischen Litteratur als einer „Vorstufe des Christentums" erweisen und so den Streit und Gegensatz schiedlich friedlich beilegen wollten. Zwei Jahre nach einer gescheiterten Revolution kommeu eben nicht die freiesten Geister, sondern — so war es auf den Kirchentagen — die reaktionären oder gnnstigstensalls — so war es in Erlangen — die vermittelnden nnd halben Elemente zu Wort. Unzweifelhaft haben sicy aber jene Männer ein Verdienst erworben, daß sie den schlimmsten Angriffen der Reaktion auf die höheren Schulen durch ihre Taubeneinfalt, die sich iu diesem Fall wie Schlangenklngheit aus- nahm, die gesährlichste Spitze abbrachen. Das soll auch Wiese unvergessen seiu, und ebenso seinem Minister v. Räumer, der bei der Eiusühruug Wieses in das Ministerium ausdrücklich hervorhob, „nur Beschränktheit könne behaupten wollen, daß eine tüchtige wissenschaftliche Ausbildung durch das klassische Altertum der Erziehung der Jugend zn gottesfürchtigen Menschen hinderlich sei." Und ebenso ist es das Verdienst Ranmers, daß er die aus Leipzig vertriebenen Philologen Haupt, Iahn und Mommsen 1853 und 1854 für Preußische Universitäten gewann, trotz „aller Schwierigkeiten nnd Bedenken, welche sich der Berufung dieser drei Gelehrten ersten Ranges entgegenstellten". Die Kirche im Dienste der Reaktion, 303 Die Kirche im Dienste der Reaktion. Ganz besonders widerlich aber waren die Bütteldienste, welche die protestantische Kirche d. h. der in ihr immer mehr zur Herrschast gelangende Konfessionalismus und der mit der Lrthodoxie sich verbindende Pietismus der Reaktion in den füusziger Jahren geleistet hat. In Stuttgart hatten sich gleich beim Ausbrnch der revolutionären Bewegung die Pietisten als die Anhänger des Alten ausgespielt und den König gebeten, von den geplanten und durch das liberale Ministerium Römer vertretenen Neuerungen Abstand zn nehmen: freilich mochte ihnen Paul Pfizer als Chef des Kultusministeriums besonders unerwünscht sein. In Ludwigsburg unterlag D. Fr. Strauß bei der Wahl zum Frankfurter Parlament seinem pietistischen Gegner Hofsmann, der ausdrücklich erklärte, daß er „die Zustände, die gekommen seien, nicht gewünscht" habe. Und im Norden waren es natürlich die um Hengstenberg, welche für ihren Einflnß auf Köuig und Staat bangten und die Revolution iu apokalyptischen Bildern als Teufelswerk zu beschwöreu suchten. Diese Haltung während der Revolution empsahl die kirchlichen Kreise nachher als deren Bündiger und als die Verbündeten des Thrones und der Reaktion; nnd wenn dabei so geschickt intriguiert und operiert wurde wie in Berlin von dem Hofprediger Friedrich Wilhelms IV., dem Schwaben Hoffmann, oder in Stuttgart von dem Prälateu Kapfs, so konnte Einfluß uud Erfolg nicht ausbleiben. Namentlich benützten diese Kreise die innere Mission für ihre Parteizwecke. Sie fand in den üblen Miß- und Notjahren von uud 1854 ein überaus reiches Feld für ihre Thätigkeit vor uud hat vielfach der Not gesteuert und der Armut geholfen: aber sie that es jetzt immer entschiedener in kirchlich-pietistischem Parteiinteresse, indem sie das biblische Wort, daß man das Gute „allermeist des Glaubens Genossen" thun solle, nur zu wörtlich befolgte, und brachte sich damit doch vielsach um Segeu und Kredit. Bis tief herein in die achtziger Jahre suchte sie bei ihren: Thun zugleich auch parteipolitische Ziele zu sörderu, und so hat sie es anders Gesinnten recht schwer gemacht, ihr Wirken gerecht zu beurteilen und Hand in Hand mit ihr sociale Aufgaben zu erfüllen. 304 1843 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. Wenn es im Süden vor allem der Pietismns war, so erhob anderswo der mit ihm verbündete KonfessionaliSmus aufs kühnste sein Haupt nnd gebärdete sich mit aller Unduldsamkeit einer siegreichen Hierarchie „knabenhaft, roh uud geistlos", wie Bansen sagt. Von Vilmar in Knrhessen war schon die Rede. Ihn: reihte sich in Mecklenburg aufs würdigste Kliefoth an, dessen bekanntestes Opfer der Nostocker Theologe Michael Baumgnrten war. Obgleich selbst ein strenger Lutheraner, wurde er dennoch seines Amtes entsetzt, weil er den hierarchischen Gelüsten Kliefoths entgegentrat; als er an die Öffentlichkeit appellierte, mußte er dafür sogar im Gefängnis büßen. Weniger brutal als in Mecklenburg und Kurhessen, denen sich als Dritter im Bnnde Hannover anschloß, Versuhr die kirchliche Reaktion in Preußen. Aber auch hier stellten sich doch besonders jüngere Geistliche in großer Zahl aus die Seite der reaktionären Partei, des Absolutismus und Feudalismus und verunglimpften auch auf kirchlichem Gebiet jedes Verlangen nach Freiheit als Revolution und Anarchie. Und begünstigt und provoziert wurde das alles von oben, vom preußischen Oberkirchenrat, der erfüllt war vom Geiste Heugstenbergs und Stahls. Namentlich im Osten der Monarchie gefährdete dieser lutherauische Konfcssionalis- mus die Union, die sich auch durch den König allerlei Ab- schwächuugen gefallen lassen mußte. Den Mittelpunkt aller dieser Bestrebungen aber bildeten mehr und mehr die Kirchentage, auf denen die Parole dieser rückläufigen Bewegung ausgegeben uud der Feldzugsplan für eiu gemeinsames Vorgehen in den verschiedenen Ländern entworfen wnrde. Da sich aber auf ihueu neben den Lutheranern auch Reformierte und Vertreter der Brüdergemeinde zusammenfanden, so nahmen die starren Lutheraner selbst an dieser loseu „Konföderation" Austoß uud zogeu sich allmählich von ihueu zurück. Damit verloren sie zuerst an Bedeutung, bis sie schließlich zu tagen aufhörten. Gerade weun man diese Zeiten ins Auge faßt und sich erinnert, wie damals die evangelische Kirche im Dienste der Reaktion sich gegen alles kehrte, was Politisch und kirchlich liberal war, so wird man sich weniger darüber wandern, daß erst die Liberalen nnd dann späterhin die Socialdemokraten sich so ganz von ihr Die Kirche im Dienste der Reaktion. g«Z5 abwandten und ihrerseits kirchlich und reaktionär für dasselbe hielten. In der Zeit von 1848 bis 1860 haben sich die kirchlichen Kreise nnd die verschiedenen deutschen Kirchenregiernngen thatsächlich so gehalten nnd gezeigt. Auch moralisch hat diese Zeit der Kirche nicht gut gethan. Viele Führer der kirchlichen Reaktion standen sittlich teilweise recht niedrig. Ich selbst habe als Knabe bei einem Missionsscst zwei von ihnen von der Kanzel meines Baters herab in frechster Weise lügen hören, und nnten lächelten sie sich dann mit der Miene römischer Anguren ihr verlegenheitsvolles Einverständnis zu. Noch einfacher lag die Sache für die katholische Kirche. Sie hatte schon die Bewegung von 1848 im Interesse ihrer Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit, das heißt im Interesse ihrer Machtstellung zu bcuützen gesucht. Jetzt beutete sie die reaktionäre Stimmuug nnd Gesinnung der Regierenden durch die Betonung der Zusammengehörigkeit von Thron und Altar anfs klügste aus, bekämpfte die Revolution und befestigte dadurch die eigene Machtstellung nur immer mehr. Der Bischof Ketteler von Mainz übernahm dabei die Führung. Aus diese Weise schien ihr ein ganz besonders Großes gelingen zu wollen — der Abschluß von Konkordaten, durch welche ihre Rechte und ihre Macht dem Staat gegenüber ins ungemessene gesteigert uud das durch die Gunst der Verhältnisse bereits Errungene auch für die Zukunft sicher gestellt werden sollte. Mit Österreich, wo 1852 mit einem Federstrich die im Jahr 1849 widerwillig gegebene Verfassung wieder aufgehoben worden war, kam 1855 ein solches wirklich zu staude. Es beseitigte die letzten Reste und Spuren der Josephinischen Grundsätze und ordnete Unterricht, Eheschließuug und das Verhältnis der Konfessionen ganz nach den Ansprüchen und Wünschen der katholischen Kirche. Selbst das, was auf dem Papier bestehen blieb, wie die Bonitz-Exncrsche Organisation der Gymnasien und Realschulen, wnrde dadurch thatsächlich wirkungslos gemacht. So wurde für Österreich die Intoleranz geradezu zum Gesetz erhoben, nnd Hand in Hand damit ging die Niederhaltung alles geistigen Lebens. Was in Österreich und ähnlich anch in Hessen durch die Mainzer Konvention gelungen war, versuchte man dann von Rom Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des IS. Jahrh. 20 306 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. aus auch in Baden und Württemberg. Allein hier scheiterten die Konkordate an dem Widerstand der Kammern und an dem in Versammlungen, Petitionen und Flugschristen sich äußernden Unwillen des Volkes; in beiden Ländern sielen die Konkordatsminister. In Württemberg hatte das keine weiteren Folgen, hier begnügte sich der wesentlich religiös interessierte protestantische Teil der Bevölkerung mit der Abwendung der Gefahr. Auders in Baden, wo von 1348 her doch noch starke liberale Neigungen und Tendenzen vorhanden waren. Auch sollte hier das Konkordat der Abschluß eines lange und heftig geführten Kampfes zwischen dem erzbischöflichen Stuhl in Freiburg und der Staatsgewalt sein und den Sieg des ersteren besiegeln. Allein die Überspannung des Bogens hatte die gerade entgegengesetzte Wirkung. Großherzog Friedrich, der kurialeu Anmaßung überdrüssig, wollte Frieden haben mit seinem Volk und entschloß sich auch politisch zu einem vollständigen Systemwechsel: er regierte fortan liberal. Doch das fällt bereits in das Jahr 1860. Im übrigen hieß es hier und anderswo: Reaktion ringsum! Trotzdem aber war die Welt eine andere geworden, das tolle Jahr war nicht spurlos au den Menschen und Einrichtungen vorübergegangen. Gewisse thatsächliche Errungenschaften der Revolution ließen sich nicht mehr rückgängig machen; nnd innerlich ließ sich der Geist des deutschen Volkes, einmal in seiuen tiefsten Tiefen aufgewühlt, auf die Dauer uicht mehr bannen und knebeln. Freilich, die Stimmung hatte gründlich umgeschlagen, es war wie am Tag nach einem jugendtollen Rausche, die fünfziger Jahre mit ihrer „brecherischen Stimmung", wie Bischer sie genannt hat, sind Tage des Katzenjammers gewesen; aber auf sie folgen erfahrungsmäßig und notwendig neue Tage der Frische und der Kraft, und darum war es uicht hoffnungslos wie ehedem. Im Augenblick freilich waren sich die Menschen dessen nicht bewußt, es war wirklich Katzenjammerstimmung, es war dem Deutschen übel bis zum Erbrechen. Mau war um eine große Illusion ärmer geworden und sah in der ganzen Bewegung eiuc Jllusiou uud darum eine Verirrung. So verlor gerade die uatiouale und die liberale Partei den Glauben an sich selbst — das beweisen die vielen Vorwürfe, Klagen und Anklagen über Vcr- Friedrich Julius Stahl. 307 rat — und die erstere vor allem den Glauben an Preußen, das ja auch wirklich die nationale Sache im Stich gelassen, zweimal sogar verraten hatte. So schien, waS man eben noch gewollt hatte, vergessen- man schämte sich dessen, was man vor knrzem noch so heiß ersehnt uud erstrebt hatte. Viele der eifrigsten wollten von Politik überhaupt nichts mehr wissen, und thatsächlich war dieselbe auch auf Kauuegieszerei uud Kladderadatschwitze beschränkt: die politischen Figureu des Eisele uud Beisele in den „Fliegenden Blättern" machten dem Staatshämorrhoidarius platz. Der Reaktion aber fehlte es an Geist, uud so wurden durch sie die süufziger Jahre das geistloseste und gedankenärmste Jahrzehnt deS neunzehnten Jahrhunderts. Friedrich Julius Stahl. Hoch trug natürlich das Haupt uur die äußerste Rechte, die konservative Partei, die sich iu Preußen um die seit 1848 bestehende „Krenzzeituug" scharte. Mit Geschick und Leideuschast, mit Sophistik und Brutalität wurde hier die reaktionäre Auffassung von Staat uud Kirche, von Monarchie und Orthodoxie, von den bevorrechteten Stäuben des Adels uud der Geistlichkeit vertreten. Das eiserne Kreuz an der Stirne des Blattes nnd das Motto: „Vorwärts mit Gott sür König und Vaterland" waren einst, zur Zeit der Besreiuugskriege, frei vou aller Parteibezeichuuug, Jnsiguie und Wahlsprnch eines ganzen Volks gewesen, jetzt waren sie zum Abzeichen uud Schlagwort einer einzelnen Partei iu ihre»? Kreuzzug gegen den Liberalismus und den Unglauben degradiert. Ludwig vou Gerlach als „Rnndschauer" wetteiferte mit Heugstenbergs Evangelischer Kirchenzeitung in Urteil und Ton. Und zu leugueu ist nicht, daß in der Presse und im Landtag die konservative Partei damals wirklich ihre hohe Zeit hatte und anch geistig nie besser vertrete« war. Das verdankte sie, die von Haus aus ein antisemitisches Gepräge trug uud uie hat verleugnen können, — gehörte doch die Emanzipation der Judeu mit zu den Errungen- schasten des Jahres 1848, die sie nicht anerkannte anßer soweit sie mußte — einem getauften Juden, dem Berliner Staatsrechtslehrer Stahl: und da sie über die Gedaukeu uud Ideen jener Tage nie 20» 308 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jnhre. hinausgckommeu ist, so wuchert sie bis heute mit jüdischem Geistes- kapitai. ES gehört das zu jener Jrouie, in der sich die Weltgeschichte zuweilen gefällt und die stets etwas ganz besonders Reizvolles und Komisches hat. Friedrich Julius Stahl war Bayer, hatte sich in seiner Jugeud als Burscheuschaster mit freiheitlichen Ideen berührt und war deshalb unter dem nltramontanen Ministerium Abel als Professor in Erlangen nicht eben xsrsona Ar^tissima gewesen. 1840 hatte ihn dann, wie schon erzählt, Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen, auf die Empfehlung Bnnsens hin, der sich freilich über ihn in Unklarheit befand: er hielt ihn für einen Schüler Schellings und sah sich daher bitter enttäuscht, als ihm dieser schrieb: „Stahl hat sich, wie Sie selbst finden werden, einem ganz beschränkten Orthodoxismus ergeben; demgemäß sind auch seine kirchenrechtlichen Ansichten. Für die Versassnng unserer Kirche sollen die ersten Einrichtungen uach der Reformation Norm sein und bleiben, nur im Geiste Speners gemildert. Er übersieht, das; der Protestantismus notwendig insofern etwas Fließendes ist, als er ein ihm Entgegenstehendes zu überwinden, allmählich innerlich und ohue äußere Mittel zugleich mit sich in das Höhere, die zukünftige Kirche, zu verklären hat." Schelliug hatte Recht: von seinem Judentum her hastete Stahl eiu Starres, Unlcbendiges auch in seinem Christentum an, die Kirche, auch die protestantische, war ihm nur verständlich in der Form der alttestnmentlichen Theokratie. Allein den König fesselte gerade dieses sein Buch über das „Kircheurecht der Protestanten", und seine „schwächlichen Mittel", über die Schclling spottet, erwiesen sich doch bei weitem wirkungsvoller zur Vekümpfuug „der großen Macht der Verfinsterung in Berlin und auf allen preußischen Universitäten", als des alternden Schelling Philosophie der Offenbarung. Stahl sollte in Berlin den Hegelianern, vor allem der Hegelschen Rechtsphilosophie entgegentreten, wozu er sich durch seine erstmals 1830—1837 erschienene „Philosophie des Rechts nach geschichtlicher Ansicht" bereits hinlänglich legitimiert hatte. Die in diesem Werk vorgetragene Auffassung vom Staat wurde die Stnatsthevrie der fünfziger Jahre, die StaatsrechtS- lehre der Reaktion: und als Mitglied der ersten Kammer über- Friedrich Julius Slahl. setzte Ztahl dann selber die Theorie ins Praktische. In dieser den Verhältnissen und politischen Fragen des TageS angepaßten Form wnrde sie die Grundlage für das Programm der konservativen Partei, als Parlamentarier nnd Parteisührer vertrat sie Stahl selbst in Angriff und Verteidigung mit großem Geschick nnd wußte sie dadurch entschieden znr herrschenden zu machen, daß er als schlagfertiger Debatter uud bedeutender Redner Freuud und Feind zu imponieren verstand. Diese Stahlsche Rechtslehre trat damit für die konservative Anpassung an die Stelle der Hallerschen, von der früher die Rede war, und wurde um so einflußreicher, je mehr ihr Schöpfer dem plumpen Haller an Feinheit des Geistes und Schürfe der Dialektik sowie an Philosophischer und juridischer Bildung überlegen war. Stahl ist stärker in der Kritik als im Ausbau eiues eigenen Systems. Mit Geschick bekämpfte er daher noch einmal die veraltete und doch noch immer nicht ganz überwundene Vertrags- nnd Naturrechtslehre als diejenige, auf der der Liberalismus aufgebaut sei. Den Liberalismus aber galt es ja vor allem zu überwinden als „das System der Revolution". Wenn er dabei auch deu Unterschied zwischen den radikalen nnd den gemäßigten Elementen desselben nicht übersah, so lag es ihm doch als Parteimann nahe, ähnlich wie Plato den Sophisten gegenüber, den Liberalismus als solchen auch für die extremsten uud radikalsten Gedanken uud Ausschreitungen verantwortlich zu machen. Ja noch weiter klittert er sogar so: „das socialistische System ist das notwendige Ergebnis, das notwendige Ende der Revolution. Wie sie nach der Konseanenz ihres eigenen Prinzips vom Stadium des Liberalismus weiter gedrängt wird zu dem der Demokratie, so vom Stadium der Demokratie zu dem des Socialismns, und zwar ist hier der Fortgang von der Art, daß die demokratische Partei nicht bloß die socialistische als ein anderes Element nach sich zieht, sondern sich selbst zur socialistischen steigert". Die üble Einseitigkeit des Liberalismus aber, „seiue tiefe Verirrung, ja tiefe Versündigung" besteht nach ihm darin, daß er „zu seiner Triebfeder die Menschlichkeit habe, gelöst von der Gottesfnrcht", daß seine Weltanschauung uud ganze Weltordnung also „den Stempel der tiefeu Profauität" trage: womit er doch nur seine eigene „tiefe" Unfähigkeit cnt- 310 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. hüllt, menschliche Dinge menschlich zu betrachten und staatliche uud kirchliche Frageu anSciuauderzuhalten. Im übrigen freilich sagt er über den Liberalismus, seine „Intention der individuellen Freiheit" nnd deren zersetzende Wirkungen manches Gute uud deckt auch seiue wirklichen Schwächen namentlich in den Bcziehnngcn der Bourgeoisie zum vierteil Staude scharf und richtig auf. Wie die Naturrechtslehre, so bekämpft er dauu weiterhin auch die spekulative Theorie Hegels und der Hegelianer, in der „der Selbstmacht der Vernunft" viel zu viel Recht einaeränmt sei. Aber auch die kontrerevolutionäre Theorie Hallers erscheint ihm plump, einseitig und unrichtig, wenn er ihr anch „große Perdienste" nicht absprechen will. Das feudalistische System uud die altständische Monarchie ist nicht mehr möglich, uud das ist auch kein Verlust, sondern ein Fortschritt; eine Rückbildung in einen solchen Znstand wäre nicht heilsam. Damit trennt er sich und seine Anschauung ausdrücklich von dein „Junkertum", über das er uicht ohne Schürse redet: „Ich leugne nicht, ich vertrete Interessen der Aristokratie, näher bezeichnet der Ritterschaft; aber ich vertrete nicht ihr Interesse überhaupt, sondern nur bestimmte Interessen derselben, nur solche, die wie jedes wahre Staatsinteresse zugleich das Interesse des Landes sind. Es find das: ihr gebührender starker Anteil an der Laudesvertretung, ihre Verwaltung der Ortspolizei, die Stetigkeit ihres Grundbesitzes in den Familien. Tagegen vertrete ich mit uicht geringerem Nachdruck das Interesse des allgemeinen Staatsbürgertnms ... ich habe iusbesoudere überall uud auf das bestimmteste jegliche Stellung der Grnndherren bestritten, durch welche die ländliche Bevölkerung in ein mittelbares Verhältnis gesetzt würde, alle Patrimouialität der obrigkeitlichen Gewalt, alle andere Unterthanenschast außer der gegen den König. Ich bin nicht der Schutzredner für den Geift des Junkertums, den Kasten- stolz, den müßiggängerisch-übernuitigen Verbrauch verdienstlos empfangener Stellung, das nackte Gebahren des Eigennutzes, die Stumpfheit für ideale Ziele, den schonungslosen Eiser sür die politische Ordnuug mit ihren Begünstiguugcu bei erbostem Widerstand gegen die kirchliche Ordnung mit ihrer Zucht nnd streugeu Sitte. Soudern ich zeuge — und mußte besonders in jenem Friedrich Julius Stahl. 311 Zeitraum der Nivellierung zeugen — für deu adeligen Geist der Ehrfurcht gegen die Familieneriunerung, der Tradition von hohem Beruf lind hoher Pflicht, der ritterlichen Ehre und Sitte, des Zchutzes uud Beistandes für die minder wohlhabende Landbevölkerung, der persönlichen Treue und Hingebung gegen den König." So genau kennt Stahl seine eigenen Leute und ihre agrarische Begehrlichkeit. Daher mahnt er sie immer wieder einzutreten „für den Stand, der besonders ihrer Vertretung empfohlen ist, für den Ztand des kleinen Grundbesitzes" und für die Besitzlosen. Aber thatsächlich hat er dieser Begehrlichkeit doch immer wieder das Wort geredet und die junkerlichen Wünsche befriedigen helfen, mit „dem allgemeinen Staatsbürgertnm" nahm es der konservative Parteisührer doch nicht immer so genall und ernst. Also weder Montesquieu noch Rousseau, weder Kant noch Hegel, weder Haller noch Gentz! Daher sein berühmtes Wort, daß „die Wissenschaft umkehren müsse", wobei das „umkehren" für den Manu und seine Art besonders charakteristisch ist. Im Gegensatz zu ihnen allen stellt er sich auf deu Boden der historischen Rechts- schnle, will sie aber ergänzen durch eine dem System der Revolution eutgegeugesetzte Rechts- und Staatslehre auf der Grundlage christlicher Weltanschauung. Allein so ganz Christ, wie Treitschkc meint, der für diesen konservativen Juden ausfallend viel Sympathie hat, ist 5tahl doch nie geworden. Der Gedanke der alttestamentlichen Theokratic beeinflußt, wie schon gesagt, seiue Gedaukeugänge und der Gott, deu er au die Spitze seiues politischen Systems stellt, trägt noch allzu deutlich die Züge des jüdischen Jehovah an sich. Mit dieser Bvranstellnng eines persönlichen Gottes hängt ein Doppeltes zusammen: der Staat ist einerseits ein Göttliches und Gottgewolltes, und andererseits gipfelt er notwendig in einem Persönlichen, das heißt natürlich in der Person des Fürsten: anch die Monarchie ist gottgewollt, Persönliche Fürstengewalt ist Gottesordnung. Daher gilt „Autorität, nicht Majorität"! das glücklich formulierte Schlagwort, mit dem er der Revolution und konstitutionellen Doktrin entgegentritt, nnd gilt „Legitimität", die wichtiger ist als Konstitution nnd Repräsentation. Das ist die „insti- tntionelle" Verfassnngsform Stahl'S, „eine wirkliche Monarchie, in der 312 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre, der König nicht willenloses Werkzeug der Parlamentarischen Majorität sei, nicht Minister eines NegicruugssystcmS annehmen muß, das sie ihm vorschreibt, sondern innerhalb der gesetzlichen Schranken selbständig nach eigenem Gewissen und Urteil regiere, ja der Schwerpunkt der Gewalt sei". Ju diesem Legitimitätsprinzip liegt sein eifervoller Gegensatz gegen alles Revolutionäre nnd was ihm so erscheint, hier die Stärke seiner Stellung und der Ausgangspunkt sür alle die vieleu Widersprüche, die dem allen anderen gegenüber so scharfsichtigen Kritiker an seiner eigenen Theorie entgangen sind. Die freiheitlichen Gedanken, die von seiner eigenen Vergangenheit her und vou seiner Vorliebe namentlich sür die ältere Form der englischen Verfassung seinem System nicht ganz fehlen, kommen freilich dem konservativen Parteiführer-mehr und mehr abhanden: das zeigt sich besonders in seiner Auffassung des Adels. Immer wieder wehrt er sich, wie wir oben sahen, der Schutzredner des Junkertums zu sein und immer wieder wird er es faktisch doch, indem er die Interessen der Aristokratie, die er in der Theorie idealisiert, in der Praxis in der ganz realen Gestalt und in der nackten Brutalität einer feudalen Jnteresscnpolitik aufs eifrigste vertritt. Bunsen gegen Stahl. Ganz besonders verhängnisvoll aber wurde es, daß dieser Vertreter des christlichen Staates als Mitglied deS preußischen Oberkirchenrats auch die konfessionellen Gedanken und Ansprüche der Evangelischen Kirchenzeitung in ihrer ganzen Einseitigkeit nnd Härte zu verwirklichen suchte uud so die konservative Partei zugleich zur Trägerin eines bestimmten kirchlichen Bekenntnisses machte uud auf diese? wie aus eiu politisches Programm gewissermaßen verpflichtete. So trat die Preußische Kirche ausgesprochener als je zuvor in den Dienst einer Politischeu Partei und gründete sich ganz unprotestnntisch auch ihrerseits auf Autorität und Legitimität. „Ungläubig" galt zugleich für revolutionär, wer nicht für dieses angesehen, wer im Staat wohlgelitten sein und befördert werden, Titel und Orden erhalten wollte, der mußte auch fromm nnd gläubig — wenn nicht sein, so doch scheinen i Carriere machte mir, vier kirchlich war. Das ist Bimsen gegen Stahl. 313 der Fluch des Pharisäertums, den dieser aus dem Judentum herstammende Führer der preußischen Konservativen ans das kirchliche und politische Leben bis zu dieser Stunde gelegt hat; und der tiefste Grund ist doch darin zu suchen, daß er, eben als Jnde, den Protestantismiis in seiner geistbcsreienden Macht niemals verstanden hat. Der Humor der Sache aber ist, daß die preußischen Konservativen trotz ihres Antisemitismus an dieser jüdisch infizierten Weltanschannng heute noch festhalten. Denn darin hatte der klnge Mann freilich ganz recht: „ein Mangel der LegitimitätSPartei ist ihre UnProduktivität". Da war es nun doch eine gewaltige Überraschung, als gerade auf kirchlichem Gebiet der Freund Friedrich Wilhelms IV., Chr. C. Josias Bnnscn in seiner an E. M. Arndt gerichteten Schrift „die Zeichen der Zeit" seinen Bedenken über die Stahlsche Lehre von der Toleranz, von der Kirche und der Union offenen und entschiedenen Ausdruck gab. Sein langjähriger Aufenthalt iu England hatte ihm den Blick für politische und kirchliche Freiheit erhalten und geschärft. Als er nnn 1854 ins alte Vaterland zurückkehrte, da sah er, der Anhänger der Union, mit Schrecken allüberall den Geist der Unduldsamkeit nnd das Anwachsen der Macht einer herrschsüchtigen Hierarchie, die Welt erschien ihm wie verwandelt. Aus dieser Stimmung heraus griff er 1855 zur Feder uud wandte sich in einem ersten Bändchcn gegen die Anmaßung der katholischen Kirche, in erster Linie gegen den Bischof Ketteler von Mainz. Ganz parallel damit lief dann im zweiten Bändchen die Auseinandersetzung mit Stahl, „von dein er sich iu frühereu Jahren eines Besseren versehen nnd der jetzt das anerkannte Organ der rückläufigen, aber mächtigen politischen und kirchlichen Partei geworden ist". Eine Rede „über christliche Toleranz", die dieser in Berlin vor dein Hos nnd einer großen und angesehenen Versammlung gehalten hatte, gab ihm dazu Anlaß und Ausgangspunkt. Und es war freilich auch toll und frech, weun dieser preußische Lbcrkirchenrat „die Toleranz für ein Kind deS Unglaubens und die Gewissensfreiheit sür einen Teil jenes Werkes der Zerstörung und Umwälzung, welche die moderne Wissenschaft bezeichnet und die Ruhe Europas bedroht", erklärte uud das Christentum als „die Religion der Intoleranz, seinen Keim als Exklusivität, seine Wirknugsart als 314 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. Aggression" kennzeichnete. Trefflich verstand es Bimsen, die sophistischen Fechterküuste seines Gegners aufzuzeigen, mit Recht sah er in solchen Äußerlingen Ausflüsse einer „jüdisch-scholastisch-Pietistisch-luthera- uischeu Weltauschauuug"; uud gauz besonders tief faß es, wenn er rief: „Herrn Stahls Ansicht ist nicht halbkatholisch, sondern ganz katholisch oder (damit keine Unklarheit bleibe) ganz papistisch. Wenn es einmal zu einer endgültigen Auseinandersetzung Herrn Stahls mit der uuierteu Landeskirche Preußens oder dieser mit ihm kommen sollte, so sagen wir ihm vorher, salls er bei seiner Lehre von der Kirche beharrt, werde er weniger Schwierigkeit sinden, sie in München geltend zu machen als in Erlangen." lind endlich weist er nach, wie die Stahlsche Umkehrung des evangelischen Begriffs der Kirche und seine Lehre vom christlichen Staat die Union in Preußen und die freie Schriftforschung auss schwerste gefährde und bedrohe. Positiv aber erklärt er sich in vollem Gegensatz zu Stahl uud seiueu Gesiuuuugsgenvssen sür Gewissensfreiheit als das eine, was jetzt dringend nvt sei, d. h. „Freiheit des Göttlichen im Einzelnen nnd in der Gemeinde nnd Anerkennung, daß Gewissensdruck Auflehnen gegen Gott ist". „Nur unter diesen: Banner ist es möglich, allem Unbedingten zu widerstehen, das seine Herrschaft geltend machen will im Gebiete des Geistes mit Rechtszwang des Staates und der Kirche. Nur dem Staate der Freiheit steht es an, Gewaltthätigkeit zu verdammen, nur ihm gelingt es, Duldung zu gründen, wo sie fehlt, sie zu verwandeln in Freiheit, wo sie besteht"; oder wie es an einer anderen Stelle heißt: „Gewissensfreiheit, Gemeinde, Persönlichkeit, diese drei bleiben uns übrig als Gottes Boteu au uus für uuser geistliches und geselliges Lebeu uud gegenüber von Gewissens- drnck nnd Verfolgung, von Knechtung des Geistes und von Gewaltthätigkeit." Man kanu sich denken, welches Aussehen uud welchen Jubel diese mannhaften Worte bei allen Freigesinnten in ganz Deutschland erregten. Obgleich nichts weniger als populär geschrieben erlebten „die Zeichen der Zeit" in wenigen Monaten drei Auflagen. Man sah darin wirklich einen Aufschrei des protestantischen Gewissens wie gegen römische so anch gegen lutherisch-kvnsessionelle Unduldsamkeit nnd Gewaltthat. Persönlich aber hat Bunsen durch Die Poesie der fünfziger Jahre: Lyrik und Epik. 315 diese Schrift vieles gesühnt, was er früher verfehlt hatte; um ihretwillen maß auch er zu deuen gerechnet werden, die in diesem Jahrhundert den Kampf um den Einzelnen tapfer und erfolgreich gerümpft haben. Die Poesie der fünfziger Jahre: Lyrik und Epik. Die rückläufigen Tendenzen machten sich nicht bloß in der Politik und Kirche, sondern natürlich auch auf dem Gebiete der Litteratur geltend. Die Lyrik der vierziger Jahre war im weseut- licheu liberal oder geradezu revolutionär gewesen. Nur selten klang ein konservativer Ton dazwischen, am kräftigsten wurde er vou dem schlesischen Grasen vvn Strachwitz angeschlagen. Namentlich in seinen nachgelassenen Gedichten von 1843 — er war 1847 jung gestorbeu — wendet sich dieser adelige Dichter gegen die liberalen Pveten als die „jüngsten Sterne, die Zwitter vom Rouc uud vom Propheten", und prophezeit seinerseits ebenso kühn als wahr: So kommt es, ihr Männer des ewigen Nein, So kommt's, ihr TtMnnenvertreiber, Es wird eine Zeit der Helden sein, Nach der Zeit der Schreier und Schreiber. Bis dahin webt mit Fleiß und List Eure Schlinge ineinander, Wenn der gordische Knoten fertig ist, Schickt Gott den Alexander. Jugendkraft und Jngendmut, ein Stück ritterlichen Freiheitsgefühls, wie es 300 Jahre zuvor die Sickingen und Hütten gehabt hatten, fehlt diesem Jüngling nicht, dessen Lieder in ihrer Frische uns zum Teil an die besten Sachen Detlev von Liliencrons erinnern. Für die sünfziger Jahre aber sind neben Geibel, den man taute cls inieax für den größten deutschen Lyriker erklärte, die christlichen Poeten mit ihren srvmmen Liedern besonders charakteristisch. Einst hatte Fr. Th. Bischer in den Halleschen Jahrbüchern über Albert Knapps christliche Lyrik spotten köuneu: in ihm sei der Pietismus „modern, sentimental geworden und habe sich soweit den Kindern der Welt anbequemt, daß er Almanachsform annähn: und seine Christlichkeit im Frack einführte. Albert Knapp hat ein ansehnliches Talent zur Poesie durch seine pietistische Umweudung 316 1848 bis 18711 Die Reaktwn der fünfziger Jahre. schimmlicht gemacht. Er läßt Leonidas mit seinen gefallenen Tapfern, das Schwert noch krampfhaft in die Faust gepreßt, in herrlichem Zuge zur Unterwelt wallen, dann stoßen sie auf Abraham nnd Sarah und müssen sie küssen. Seiue poetische Theorie ist: alles Große uud Schöue auch aus der profanen Welt soll Stoff der Poesie sein, aber nur sofern es dnrch eine ausdrückliche Beziehung auf das Christliche geheiligt ist: er sagt zum Dichter: Preise immerhin Griecheulnud iu seiuer Herrlichkeit, aber bedaure am Schluß des Gedichts lebhaft, daß Athen keinen Stadtpfarrer hatte, daß Homer kein Gesangbuch schrieb uud Achilles keineu Konfirmations- nnterricht genoß. Nichts soll in sich, in der Grenze und Bestimmtheit seines Wesens Teil haben an Gott, es soll erst dieser Thran priesterlicher Salbung, dieses Christoterpentinöl darüber gegossen werden." So frivol durfte man mit Julius Sturm oder Karl Gerok iu deu fünfziger Jahren nicht umspringen, wobei freilich auch zu ihreu Guusteu ius Gewicht fällt, daß Sturms Lieder inniger nnd tendenzloser nnd Gervks Poesie weit weltförmiger und freier war als Knapps in der Chriftoterpe veröffentlichte christliche Gedichte. Im übrigen aber sah es um die Poesie dieser Zeit traurig geuug aus. Das Miserabelste stelle ich gleich voran — es ist Amaranth von Oskar von Nedwitz. Hier war es freilich aus mit jener politischen Aktualität der vierziger Jahre, und doch war auch das Tendenzpoesie: weil die wälsche Ghismonda freigeistig nnd pnntheistisch ist nnd nicht die gehorsame Magd ihres EhegemalS werden will, wird ihr der brave deutsche Jüngling untren und wendet sich der keuschen, frommen nnd hansmütterlichen Amaranth zu. Das ist uoch einmal Romantik, Verherrlichung mittelalterlicher Anschauungen, mittelalterlicher Frömmigkeit und Miune, aber kraft- und fast- nnd geistlose Romantik bis zur Uuerträglichkeit — Im Erker sitzet Amaranth Und stützt ihr Käpschcn in die Hand das steht Wörtlich da —, sadestes Zuckerwasser mit Süßholzsast, magcnverderbend, oder wie Bischer von all den Jahren sagte, in der That „brecherisch". In diese Reihe gehören anch von Roqnette Waldmeisters Die Poesie der fünfziger Jahre: Lyrik und Epik. 317 Brantsahrt und von Scheffel der Trompeter von Säkkingen, gesünder und poetischer beide, der letztere auch studentisch frisch und forsch und durch Humor uud echte Lyrik mit Amaranth auf den ersten Blick gar nicht zu vergleichen. Aber wenn am Schluß der Papst den Spielmann Werner zum Marchese Camposautv ndelu muß, damit zwischen ihm und des Freiherrn Tvchterlein Margaretha leine revolutionäre Mesallianee geschlossen wird, so enthüllt sich doch auch da etwas von der kontrarevolntionären Tendenz, nnd der Freiherr bekommt schließlich doch recht mit seiner „theoretischen Entwickelung": Die Natur hat feste Linien Weislich um uns all gezogen, Jedem ist der Kreis gewiesen, Drinn gedeihlich er mag walten. Seit das heil'ge römische Reich steht, Steht in ihm der Stände Ordnung, Adel, Bürgersmann und Bauer, In sich selber abgeschlossen, Aus sich selber sich erneuernd, Bleiben sie gesund und kräftig, Jeder ist alsdann ein Pfeiler, Der das Ganze stützt, doch nimmer Frommt ein Durcheinanderschütteln. Wißt ihr, was daraus hcrvvrsprießt? Enkel, die von allem etwas Haben und im ganzen nichts sind; Flaches, inhaltloses Mischvolk, Schwankend, losgerissen von der ltberliefrung festem Bodens Ganz, scharfkantig muß der Mensch sein, Seine Lebcnsrichtnng muß ihm Schon im Blute liegen, als ein Erbteil früherer Geschlechter. Drum verlanget für die Heirat Standesgleichheit unsre Sitte, Und die Sitte ist Gesetz mir, Über seine feste Mauer Soll kein fremder Mann mir klettern, Item, drum soll kein Trompeter Um ein Edelfräulein frei'n! Diese im Grunde doch recht nichtssagende nnd geistesarmc Reaktionsepik der fünfziger Jahre spukt iu der auflagereichen Dichtung von Webers „Dreizehnlinden", die sich bandwnrmartig und langweilig dahinzieht, noch bis in unsere Gegenwart herein. 318 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre, Strachwitz, Redwitz, Scheffel, Weber — sie alle sind Katholikein und katholisch wurde in jenen Tagen der Reaktion auch eine andere Schriftstellerin, die Gräfin Jda Hahn-Hahn, die solange, in der Liebe nach „dem Rechten" gesucht und in Dichtung und Wahrheit doch nnr den Falschen gefunden hatte. In ihren Romanen hatte sie sich bis dahin recht als Mondaine geriert, „aus der Gesellschaft" im Jargon ihrer adligen Kreise diesen allerlei feudale Erlebnisse erzählt nnd dabei ähnlich wie Fürst Pückler den Adel doch immer nur im Äußerlichen und Äußerlichsten gesucht und gefunden. Daher war die Satire „Diogeua. Roman von Jdnna Gräfin Hahn", womit Fanny Lewald diese aristokratische Vorkämpferin für das Recht der Leideuschaft und die Emanzipation der immensen Seelen von Edel- sranen verhöhnte, nur gerecht, obgleich schließlich auch die Gräfin Hahu-Hahn aus demselben Milieu des jungen Deutschland heraus zu erklären ist, wie die liberale Jüdin in der Stadt der reinen Vernunft. Aber jetzt im Jahre 18S0 hörte sie aus, die Welt lieb zu haben und suchte ihren Frieden im Schoße der katholischen Kirche. Doch eitel sich selbst bespiegelnd, wie sie es nach wie vor zu thun liebte, schrieb sie nun auch alsbald die Geschichte ihrer Bekehrung „Von Babylon nach Jerusalem", und stellte sich ihren staunenden Lesern von ehedem als immer schon „schlafende Katholikin" vor, die nun erst zum wahren Leben erwacht sei; und dabei sagte sie nach Art der Konvertiten ihrem früheren Glauben gleich auch alles Üble nach. Die Herkunft dieser neuentdeckten Frömmigkeit aus der Revolution dokumentiert sie durch ihre Schwärmerei für Soldaten und Priester zugleich als für „die weltliche und geistliche Miliz der mit Barbarei bedrohten Civilisation". Glücklicherweise hatten übrigens die deutschen Katholiken nicht nötig, auf den Übertritt dieses eiteln LitteratnrweibeS zu warteu, um auch eine wirk liche Dichterin die ihrige zu nennen. In Annette von Droste- Hülshoff hatten sie Deutschland bereits seine größte Lyrikerin gegeben bis zn dieser Stnnde. In ihr war Poesie und Frömmigkeit, war Kraft und keusche Sprödigkeit, war Realismus und Romantik zugleich; und auch was sie gegen die moderne Zeit auf dem Herzen hat, Der Roman. 319 Da lachte nicht der leere, der übersatte Spott, Man baute die Atla're dem unbekannten Gott . . . Nun aber sind die Zeiten, die überwcrten da, Wo offen alle Weiten nnd jede Ferne nah, klingt nicht nach Reaktion, die sie anch nicht mehr erlebt hat, sondern nach wirklichem individuellem Fühlen und Suchen und Finden. Bor allem der Natur gegenüber empsand sie ganz modern, indem sie sie sah und in ihren Haidebildern zeigte, wie sie wirklich war. Der Roman. Mit der Gräfin Hahn-Hahn sind wir bereits aus dem Boden des Romans, und hier ist aus dieser Epoche das Erfreulichste und und Wirkungsvollste zu verzeichnen. Zwar entrichtete auch er in den viclgeleseueu pietistischeu Romanen der Nathusius und in dem giftigen Pamphlet auf die Tübinger Schule, auf Baur namentlich und Bischer, „Lritig 8ivnt clsus" den Tendenzen und der Geist- losigkeit der Zeit seinen Tribut. Daß sich die Berfasserin dieses letzteren heuchlerisch sogar aus den heiligen Geist und seine Inspiration berief, zeigte die ganze Verlogenheit nnd sittliche Fäulnis des damaligen schwäbischen Pietismus, während die nvrddentsche NathusinS durchaus harmlos, aber sreilich auch recht geistlos sür Unterhaltung und Frömmigkeit zugleich zu sorgen bemüht war. Um so geistreicher griff dagegen Gntzkow mit seinen beiden Niesen- romanen in die diese Zeit bewegenden und beherrschenden Fragen ein nnd schuf neben Fanny Lewalds oben schon erwähnten „Wandlungen" iu den Rittern vom Geist, in freier Anlehnung an Jmmermauus Epigonen, den Zeitroman, der die politischen Gegensätze scharf, aber freilich noch in einer phantastisch-rontantischeit Form erfaßte und herausarbeitete, am Positiven aber durchaus scheiterte. Denn der Bnnd dieser Ritter vom Geist ist, wie Juliau Schmidt nicht übel sagt, „ein gegenseitiger Assekuranzverein für geistreiche malkontente Leute und sein Inhalt ist das Suchen eines Inhalts". Viel realistischer ist sein anderer Roman „Der Zauberer von Rom", iit welchem von dem deutschen Katholizismus und seinem kühnen machtvollen Ausstreben, zugleich aber auch von der Skrupellosikeit seiner Parteigänger uud der Verwerflichkeit der von ihnen gebrauchten Mittel ein ganz gewaltiges Bild aufgerollt :^20 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. wird; auch der phantastische Schluß von der Wahl des waldensisch gesinnten zum Reformieren entschlossenen Papstes rechtfertigt sich historisch durch die Hoffnungen uud Täuschungen bei der Wahl Pio nvno's. Romantisch war anch noch Gottfried Kellers „grüner Heinrich", ein Nachfahre vou Goethes Wilhelm Meister und Mörikeö Maler Rollen lind doch ganz anders, realistisch erfüllt vou wirtlich persönlich Erlebtem uud von den freiheitlichen Ideen des republi- kauischeu Zürichers, den Feuerbach „vou der UnPoesie der spekulativen Theologie und Philosophie erlöst" und Hettner, „eine vollkommene Blüte unserer modernen Geisteskultur", über Spinoza nnd seiu Verhältnis zu unserer Zeit aufgeklart hatte. Um aber die Zeittendenzeu darin ganz verstehen und würdigen zu können, mnß man den Kellerschen Roman in seiner ersten Auflage und ursprünglichen Gestalt kennen. Einstweilen blieb das Buch freilich ohne Wirkung, das deutsche Volk mußte zu diesem durch und durch poetischen Realismus erst erzogen werden, und diesen Dienst leistete ihm der Roman, der in den fünfziger Jahren am mächtigsten einschlug, Gustav Freytags Soll uud Haben. Derselbe erschien 1855, nachdem Freytag ein Jahr zuvor iu seinen Journalisten eines der wenigen deutschen Lustspiele vou bleibendem Wert mit zeitgeschichtlichem Hintergrund geschaffen hatte. Daß man „das Volk bei seiner Arbeit aufsuche»" müsse, war der Ausgaugspuukt und das Neue an diesem Roman; davon war selbst in Fanny Lewalds „Wandlungen" oder in Gntzkows „Rittern vom Geist" keine Rede gewesen, um vou der müßiggängerischeu Gesellschaft in deu Snlonromanen der Gräfin Hahn-Hahn ganz zu schweigen. Ausdrücklich stellt Freytag die Arbeitsamkeit uud bürgerliche Nechtschassenheit des deutschen KaufmanushauseS dem untergehenden Adelsgeschlecht derer von Rothsattel gegenüber, — wohl wissend, daß es in der Tanzstunde der adligen Backfische lnstiger uud poesicvvller zugeht als im Comptoir von T. O. Schröter. Aber darum ist es doch gerecht und weislich so eingerichtet in dieser unserer Menschenwelt, daß T. O. Schröter uud Auton Wohlfahrt siegen über den von jüdischen Wucherern und Spitz- bnben zu Tode gehetzten, aber schließlich doch nur an seiner eigenen Der Roman. 321 Schwäche und Haltlosigkeit zu Gruudc gcheudeu Freiherr,:; uud fiir deu soliden Kaufmann ist es auch gut, sich so rasch als möglich aus der polnischen Wirtschaft herauszuretten ans den soliden deutschen Boden: dort kann nnr der rücksichtslose Halbamerikaner Fink Ordnung schaffen und fertig werden. Wenn auch hier die Mesalliance zwischen dein schlicht bürgerlichen Anton und der Freiiu von Rothsattel vermieden wird, so geschieht das nur, weil thatsächlich Art besser zn Art sich gesellt, Anton zu Sabine, die zum Hanse T. O. Schröter gehört, und Fink — „Herr von Fink" — zu Leuore vou Rothsattel, die Anton solange geliebt hat und in deren adelige Kreise er doch nicht hcrcinpaßt. An diesem Buch hat sich die Generation, die sich an Redwitz und Bodenstedt und Roqnette, an der Nathusius oder der Jda Hahn- Hahn den Magen so gründlich verdorben hatte, wieder gesund gelesen, und dabei schadete es nichts, daß es darin gelegentlich auch — wie in einem echten Kansmannshause — ein wenig prosaisch nnd nüchtern und gar nicht mehr romantisch und phantastisch zugeht. So kam doch etwas von dem „Behagen am fremden nnd eigenen Leben, von der Sicherheit uud dem frohen Stolz" über den Leser, die der Dichter in der Widmung an den Herzog Ernst von Sachsen- Eobnrg-Gotha bei den damaligen Deutschen mit Recht vermißte. Es gab noch Seiten des deutschen Lebens, um deren willen es wert war, gelebt, geliebt uud geachtet zu werden. Auch dieses Buch hat iu Fanny Lewalds „Von Geschlecht zu Geschlecht" und in Fritz Reuters „Ut mine Stromtid" seine Nachsahren gesunden: die Freiherrn von Nothsattel, die von Arten nnd die Axel von Rambow sind von einem Stamm. Aber erst hat doch Fritz Renter in „Kein Hüsuug" das Eleud der uuter dein mecklenlmrgischen Adel seufzenden Bauer» geschildert, ehe er sich freischrieb von heimatlicher Verbitterung, in der „Festungstid" durch den die Eisenstäbe seiner verschiedenen Kcrkerzellen vergoldenden Hnmor mit den persönlichen Erinnerungen an ein durch die Reaktion der dreißiger Jahre verpfuschtes Leben fertig wurde uud in Onkel Bräsig deu Deutschen eine humoristische Figur von wahrhaft Dickens'scher Vollendung geschaffen hat. Ziegler, die geistigen u. socialen Strömungen des 1v. Jahrh. 21 322 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. Der Aufschwung der Naturwissenschaften. Kein Hüsung fällt noch in die fünfziger Jahre und ist erfüllt von der Stimmung oder Verstimmung und Verbitterung derselbe!?. Das könnte mit einem Schlag hinüberführen zn dein Philosophen, der eben damals anfing, sich einer verstimmten und verbitterten Zeit zn empfehlen — zu Schopenhauer. Allein wie das so kam, daß der lange unbeachtet gebliebene jetzt mit einemmal in Mode kam, das hat seine Geschichte nnd setzt vieles andere voraus. Die Philosophie war bankrott geworden — durch den Zu- sammcnbruch der Hegelschen Schule uud das Fiasko Schelliugs in Berlin; Fenerbachs Borlesnngen in Heidelberg im Winter 1848 ans 49, in denen er die Welt für „eine Republik" erklärte, die „weder cineu absoluteil noch einen konstitutionellen Gott ertrage", hatten der Reaktivn alle Philosophie verdächtig gemacht. Und 1848 hatte sich auch die Geschichte kompromittiert. Historiker wie Dahlmann hatten in Frankfurt das große Wort geführt und mit ihren Praktisch-Politischen Leistungen so wenig Erfolg gehabt. Das deutsche Volk mußte erst wieder etwas Großes erleben, ehe es sich sür historische Darstellungen interessierte. Ranke, der die Geschichte und den Staat „von oben her" betrachtete und dabei immer vornehmer nnd abstrakter wurde, blieb davou natürlich unberührt, doch war seine Wirkung darum ganz groß nur bei Königen, Fürsten und bei Historikern, die von ihm zu lernen hatten. Dagegen las man Macaulays englische Geschichte in allen den Kreisen gerne, die an dem whigistischeu Standpunkt dieses Historikers keinen Anstoß nahmen oder sich im Gegensatz zu der Misere der eigenen reaktionären Welt uud Zeit daran erfreuten. Von Deutschen aber war es nur Theodor Mommseu, dessen römische Geschichte in den fünfziger Jahren weithin gebührendes Aufsehen machte. Die Schilderung, wie aus der Revolution ein Cäsar herauswuchs, schien den Menschen jener Tage wie ein Stück lebendiger Gegenwart, da sie, klein wie der Maßstab dieser Zeit war, in Napoleon III. einen Cäsar vermuteten; daß dieser dem genialen Cäsarbilde Mommsens so menig glich, wie seinem Onkel, dem großen Napoleon, das hat sich Der Aufschwung der Naturwissenschaften, ,'!^! erst später ganz deutlich herausgestellt. Aber davon ganz unberührt blieb das unvergängliche Verdienst Mommsens, das; er iu einem, von Manier und Raffinement freilich nicht ganz'freien Stil die Vergaugeuheit auch den modernsten Menschen verständlich und interessant machte und durch seine meisterhaften Charakteristiken die Menschen Roms — Sulla, den großen Reaktionär, Cicero, den charakterlosen Schwätzer und Allerweltsdilettanteu, Cato, den charaktervollen Don Qnixvte der Republik, und leuchtend über allen Cäsar, den Unvergleichlichen, der ganz Genie war, — uns in wahrhaft künstlerischer Anschaulichkeit vors geistige Auge stellte. Es war ein lehrreiches Werk für die eigene Zeit und doch eine streng gelehrte Arbeit — darin bestand Reiz und Wert zugleich. Später haben sich Politiker und Gelehrter in ihm getrennt und der letztere ist am Ende des Jahrhuuderts allmählich auf die erste Stelle in Deutschland gerückt. Damals waren beide noch eins, und die glänzende Frucht dieser Vereinigung sind die drei ersten Bände seiner römischen Geschichte, die auch darin schon ganz modern ist, daß sie das kulturgeschichtliche und natioualokonomische Material über dem Politischen uud Persönlichen nicht vernachlässigte. Im übrigen aber waren in jenen Tagen nicht die Wissenschaften des Geistes, sondern die der Natur an der Reihe und in Mode, wenn natürlich auch dort iu der Stille emsig weitergearbeitet wurde. Wir haben gesehen, wie ans das nenerwachte Interesse für die Erforschung der Natur in Deutschland die vielgeschmähte Naturphilosophie Schellings und seiuer Schüler doch vou Einfluß war. Und daß Deutschland auch iu wirklichem Natur- erkennen und -wissen nicht gar zu weit uud gar zu lang hinter den anderen Nationen zurückblieb, dafür sorgte von Anfang an der Universalismus Alexander von Humboldts, des merkwürdigem Mensche«, der wie ein Mephisto am Hofe Friedrich Wilhelms IV. umherging nnd laut und leise medisierte, uud daneben doch als ein König der Wissenschaft über die Geister herrschte, selber das ganze exakte Wissen seiner Zeit umsaßte, durch eigene Arbeiten bahnbrechend und grundlegend wirkte und daneben andere zn ernster Arbeit anregte uud auch das mehr für Hegelsche Philosophie als für exaktes Wissen interessierte Ministerium Alteusteiu in Personen- 21* ^4 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. und Berufuugsfragcu vielfach glücklich inspirierte. Sein Kosmos, aus dem Bestreben hervorgegangen, „die Natur als ein durch iuuere Kräfte bewegtes uud belebtes Ganzes aufzufassen", steht wie eine specifisch deutsche Warnung vor einseitigem Specialistentum am Anfang dieser naturwissenschaftlichen Periode uud ist eben darnin von den Specialisten stets mit einer gewissen stillen Abneigung bedacht worden. Durch dieses Buch, wie zuvor schou durch seilte Berliner Vorlesungen über physikalische Geographie, leitete er zugleich jeue Popularisierung auch der streng exakten naturwissenschaftlichen Forschungen ein, woriu uus Deutschen freilich immer uoch die Engländer überlegen sind. Die Gebildeten im besten Sinne des Worts mit den Ergebnissen der Wissenschaft bekannt zu machen und dafür zu interessieren, ist durch feinen Vorgang gewissermaßen sanktioniert worden, und Naturforscher wie Helmholtz und Dubois-Neymond sind ihm darin gefolgt. Auch um die von Oken ins Leben gerufenen Naturforscher- versammlnngen hat sich Humboldt große Verdienste erworben, indem er an die Spitze der Berliner Versammlung von 1828 trat und ihr durch seine Person den glänzenden Mittelpunkt uud durch seine Eröffuuugsrede gewissermaßen Programm und Stempel gab. Das nationale Moment stellte er dabei in den Vordergrund, wie er sie iu einem Briefe schon vorher „uue irodle ing-niksst^kioll äs 1'nniks soisutitic^us cle 1'^IIemgAns" genannt hatte und dann fortfuhr: „s'sst 1k imticm clivisss su oro^anes st sn politi^us, cjui ss rsvsls a slle-msius clans la korcs äs sss tkerckiss inksllso tuslles". Den Hauptwert der Versammlung fand er jedoch im persvnlicheu sich Kennenlernen und in dem Gedankenaustausch der teilnehmenden Gelehrten, iu der „Gründung freundschaftlicher Ber- hältuisse, welche den Wissenschaften Licht, dem Leben heitere Anmut, den Sitten Duldsamkeit und Milde gewähren". Der wissenschaftlichen Arbeit dieser Versammlungen gab er dnrch die Einrichtung der Sektiouen die Möglichkeit, die Erörteruug au bestimmte Einzelprobleme anzuknüpfen nnd sie dadurch erst zu einer sruchtbarcu werden zu lassen. Um aber eine solche Versammlung glänzend zu gestalten, dazn mnßten auch neben ihm Männer von Namen da sein, nnd an Der Aufschwung der Naturwissenschaften. 325 solchen fehlte eS aus jener Berliner Zusammenkunft'nicht. Humboldt selbst hat sich besonders um das Erscheinen von Gaus; bemüht und neben Goethe den Astronomen Olbers, den Anthropologen und Physiologen Blumenbach und den Anatomen Sömmerring in seiner Rede besonders genannt. Aber seit der Mitte der zwanziger Jahre kamen anch Jüngere. Zuerst Johauues Müller, der große Bahnbrecher der Physiologie, der von seiner natnrphilosophischen Jugend her die „philosophische Behandlung" und die Bedeutung der „erweiternden und zum Allgemeinen strebenden Phantasie" für die Naturertenntnis anzuerkennen uie aufgehört hat. Durch seiue Theorie der Sinnesempsiudung schien die Kantsche Lehre vom Raum so- zusageu, experimentell bestätigt, durch seine Arbeit über die Myxinoiden legte er den Grund zu eiuer wisseuschastlicheu Morphologie der Wirbeltiere und gab damit seinerseits der Naturforschung die für das neunzehnte Jahrhundert charakteristische Richtung, vom Werden aus das Sem zu begreifeu, also genetisch zu Verfahren, woraus ebenso auch Schwanns Theorie der Tierzelle hinwies. Für die ganze Naturanschauung aber wnrde am bedeutsamsten das Gesetz von der Erhaltung der Energie, das zuerst anfangs der vierziger Jahre ein einfacher schwäbischer Arzt, Robert Mayer, ausgestellt hat, iudem er den Umsatz von Bewegung in Wärme und von Wärme iu Bewegung erkannte und das mechanische Äquivalent der Wärme zu bestimmen snchte. Es setzte sich übrigens nicht sofort durch, und so mnßten der Engländer Joule, der Däne Colding und der Deutsche Helmholtz es uoch eiumal entdecken: so wenig Zusammenhang war damals Noch in der gelehrten Welt und so wenig Interesse in den weiten Kreisen der Gebildeten für solche großen Entdecknngen. Deswegen sollten aber Berliner Gelehrte wie Treitschke den großen Schwaben nicht noch immer geflissentlich ignorieren oder gar ausdrücklich verkleinern und ihn mit seinen verständnislvsen Landslenten von 1850 nnd 60 selbst verständnislos einen Halbnarren schelten. Aus dem von Mayer gefnndenen Gesetz ruht heute nicht nur die Physik, sondern unser ganzes Natnrerkennen, obgleich es nur eine Hypothese ist und volle Geltung nur für das System der Systeme, für das Universum beanspruchen könnte: dieses aber ist uns iu der Er- Z26 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre, fahrnng ine gegeben, sondern ist immer nur eine Idee. Bedeutsam war anch, das; es sein erster Entdecker als Arzt sofort auch aus die organischen Porgänge anwandte und auch hier nur Verwandlung, nicht Neuschaffung von Kraft und Stoff gelten ließ. Dadurch war jedenfalls, wie auch Sigwart zugiebt, der Versuch vollkommen gerechtfertigt, alle Vorgänge der organischen Welt „aus die bekannten physikalischen uud chemischen Gesetze zurückzuführen uud als die letzten Grundlagen des Geschehens nichts anderes als dieselben einheitlichen nnd unveränderlichen Substanzen anzunehmen, ans welche die Erforschung der leblosen Natur sührt, nnr in ver- wickelteren Verbindungen nnd mannigsaltigercr Wechselwirkung". Fraglich bleibt nur, wie sich mit diesem Prinzip die Annahme eines Kausalverhältnisses zwischen mechanischem Geschehen in der Außenwelt und bewußter Empfindung vereinigen lasse; diejenigen, welche das für unmöglich halten, sind daher entweder zu einer rein materialistischem oder zu der Hypothese des psycho-physischen Parallelismus genötigt, wonach im Gebiet des materiellen und physiologische» Geschehens ein strenger Kausalzusammenhang bestehe nnd daher ein psychisches Geschehen niemals als Wirkung oder als Ursache eines physiologischen Vorgangs betrachtet werden könne; und jedenfalls hat der Determinismus in diesem Mayerschen Gesetz die kräftigste Stütze gefunden, was freilich auf Seiten der Geisteswissenschaften lange übersehen und verkannt worden ist. Weit mehr Eindruck uud Aufsehen machten von Anfang au die chemischen Untersuchungen Liebigs, dessen Laboratorium zu Gießen rasch ein wahrer Wallfahrtsort wurde für jüngere nnd ältere Studenten. Für diese weite Verbreitung der Ergebnisse seiner' wissenschaftlichen Arbeit sorgte er zunächst selbst durch seine 1844 erstmals erschienenen „chemischen Briefe". Dieselben waren nach seiner eigenen Erklärung ganz im Sinne Humboldts „für die gebildete Welt geschrieben, welche vor der Erörterung der wichtigsten und schwierigsten Fragen in der Wissenschast, insofern sie einflußreich für den weiteren Fortschritt und die Anwendung sind, nicht zurückzuschrecken gewohnt ist".- Aber anch für die Vertreter der übrigen naturivissenschastlichen Disciplinen waren sie vom größten Wert, uud uoch kürzlich hat mir eiu hervorragender Naturforscher » Der Aufschwung der Naturwissenschaften. 327 begeistert von dem Eindruck gesprochen, den gerade dieses Buch in seiner Jugend auf ihn gemacht habe. Das Aufsehen, das die Liebigschen Forschungen hervorriefen, hängt freilich auch damit zusammen, daß ihre Resultate nicht bloß für andere Wissenschaften wie Physik und Physiologie, sondern auch für die Praxis in Industrie und Agrikultur von hervorragender Wichtigkeit waren. Gerade als Agrikntturcheinie sollten sie sosort auch praktisch verwertet werden, und als das nicht mit einem Schlag gelingen wollte, da brach zum ersten Mal in Deutschland ein großer natnrwissenschastlicher Streit zwischen Liebig und der landwirtschaftlichen Schule zu Hohenheim ans, in dem Liebig Sieger blieb, nachdem er den allerdings noch vorhandenen Fehler in seinen Aufstellungen korrigiert hatte. Hier trat die Naturwissenschaft in den ihr schon von Bacon zugewiesenen Dienst der Naturbeherrschnng nnd bahute einer besseren Ausbeutung der Naturkräfte die Wege: Wisseu war Macht. Uud mehr und mehr wnrde das anch für die uaturwissenschastliche Arbeit im allgemeinen erkannt und kam der Zeit zum Bewußtsein. Die Dampfmaschine und ihre Verwendung als Arbeitsmittel im großen Stil gehörte freilich noch dem achtzehnten Jahrhundert an, aber das erste Dampsschifs und die Erfindung der Lokomotive als Transportmittel für Waren und Personen fällt in unser Jahrhundert; uud der rasche Ausschwuug der Telegravhie zu Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre erinnerte daran, daß der erste elektromagnetische Telegraph im Jahre 1833 durch Gauß und Weber zwischen dem physikalischen Kabinett und der Sternwarte in Göttingen hergestellt worden war. Ebenso benützte die Medizin die bessere Kenntnis von Tier und Mensch nnd die Fortschritte der Technik — man denke z. B. an den von Helmholtz 1851 erfundenen Augenspiegel — zu eiuer rationellere» Behandlung des kranken nnd des gesunden Menschen. Die iu Frankreich aufgekommene physikalische uud mikroskopische Methode waudte man deutscherseits zuerst in Wien an, wo namentlich die Perkussion und Auskultation geübt nnd weitergebildet wurde. In Deutschland aber bedeutet Virchows Cellularpathologie auch darüber hinaus eiuen mächtigen Fortschritt nnd etwas wie das- Schlußglied einer ganzen großen Entwicklungsreihe. 328 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. Der M a t e r i a l i s m u s st r e i t. Was Wunder, daß nun zunächst die Naturforscher im Glauben an sich selber und an den Umfang nnd die Ausdehnbarkeit ihres Wissens immer kühner wurden! Die Frage des Lebens, welche sie seither der Philosophie überlassen hatten, beschäftigte Physiologen, Chemiker nnd Mediziner, nnd über Wvhlers künstlicher Herstellung des Harnstoffs als des ersten organischen Körpers aus anorganischen Stoffen (1828) ging der Begriff der Lebenskraft, durch den man bis dahin die Brücke über die Kluft zwischen dem Anorganischen und dem Organischen und von diesen? hinüber znm Geistigen glücklich glaubte geschlagen zu haben, mehr und mehr in die Brüche; von ihr wollte auch Liebig nichts mehr wissen. Und nnn kam, ihr selbst unbewußt, der deutsche Zug zum Philosophischen und Metaphysische» doch auch in der Naturwissen- schast sofort wieder zum Durchbruch. Allein verlassen von wirklich philosophischer Schulung uud unbekannt mit dem Kantischen Geist der Kritik zimmerte sie sich das metaphysische System von Kraft und Stoff, den seit Demokrit immer wieder neu auftauchendeu Materialismus zurecht. Es hing dies zusammen mit den Fortschritten der Naturivisseuschast uud ihrer völligen Emanzipation von der Philosophie lind bedeutete zugleich einen Gegen- und Rückschlag gegen die Schellingsche Natur- und die Hegelsche Geistesphilosophie und gegen die ganze idealistische Richtung zu Anfang des Jahrhunderts überhaupt. Für all das gab es keinen schärferen nnd dcutlichereu Ausdruck als die Abkehr vom Geist selbst nnd die Ableitung alles Organischen uud Geistigen aus der Materie. Dazu kameu fremde, teils antike, noch mehr aber französische aus dem achtzehnten Jahrhundert stammende Einflüsse; und endlich der Aufschwung der materiellen Interessen, der Industrie, namentlich nachdem das Jahr des tolleu Idealismus resultatlos verlaufen und uur der Druck der politischen lind kirchlichen Reaktion auf den Geistern übrig geblieben war. Da galt es einerseits gegen sie den schärfsten Ausdruck der Opposition zu finden, und das war, wie man von den Encyklopädisten her wußte, der Materialismus und der Atheismus. Aber andererseits war eS doch selbst wieder ein Nest von deutschem Der Materialismusstreit. Idealismus und Doktrinarismus: wie den Aufschwung der Naturwissenschaften, so suchte mau auch die einseitige Pflege der materiellen Interessen sozusagen auf den Begriff zu bringen, philosophisch zn begründen und thu durch eine Metaphysik des Materiellen zu rechtfertige». Die Hauptvertreter dieser materialistischen Metaphysik waren Moleschott, Vogt und Büchner, aber allen dreien fehlte es an Schärfe und Tiefe des Denkens. Molcschott und Vogt bedeuteten wenigstens als Naturforscher etwas, und wenn der eine im „Kreislaus des Lebens" den großen Gedanken von der Erhaltung des Stoffes gegen Liebig materialistisch deutete uud der andere sich über Rudolph WagnerS „Köhlerglauben" an eine Lebenskraft und Seelensnbstauz streitbar lustig machte oder iu verletzender Schärfe die Abstammung des Manschen vom Affen proklamierte, so war das doch besser snndiert, als das populäre Gerede in allen den vieleil Auflagen von Büchners „Kraft und Stoff", das in seiner Oberflächlichkeit allen Halbwissern und Dilettanten natnrwissenschaftlich interessante Thatsachen nnd eine damit vermischte kindlich rohe Metaphysik in leicht faßlicher Form darbot. Gegenüber dem Materialismus des achtzehnten Jahrhunderts brachten sie freilich kaum einen einzigeil neuen Gedanken vor, überlegen waren sie ihm nur durch den Reichtum an neuzeitlichem Wissen von Thatsachen. Über die Hauptfrage, wie sich das Seelische uud Geistige zum Materiellen verhalte, waren sie sich selbst nicht einmal klar. Wenn sie durch kecke Sätze zu imponieren suchten, wie den, daß die Gedanken etwa in demselben Verhältnis zum Gehirn stehen, wie die Galle znr Leber oder der Urin zu den Nieren, so schwankten sie doch unsicher darüber hin und her, ob das Seelische selbst Bewegung, oder ob es Produkt, Funktion oder gar nur Erscheinungsweise einer solchen sei. Nur Czolbe zeichnete sich unter diesen Materialisten der sünsziger Jahre dnrch eine wissensch'astlichere Haltung und ein Ringen mit den auch von ihm geseheilen Schwierigkeiten ans. Er war vou Feuerbach ausgegaugeu, begnügte sich wie dieser mit der gegebenen Welt und machte Ernst mit der völligen Beseitigung deS Übersinnlichen. Dazu bestimmten ihn vor allem sittliche Gründe: die erkennbare Welt dnrch Hinzlierfindnng 330 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre. einer übersinnlichen verbessern zu wollen schien ihm Anmaßung und Eitelkeit, also unmoralisch, daher mache der Materialismus oder wie er lieber will, der Sensualismus Anspruch auf tiefere echtere Sittlichkeit. Die schwächste Seite des Materialismus aber erkannte er in der Deutung uud Erklärung des Bewußtseins nnd Selbstbewußtseins, deshalb suchte er das letztere durch eine in sich selbst zurücklaufende Bewegung des Nervenflnidums begreiflich zu machen. Daß damit die Kluft zwischen Bewegung und Empfindung doch nicht ausgefüllt wäre, hat er freilich uicht gesehen, ganz abgesehen davon, daß sich ein solcher Kreislauf im Gehirn thatsächlich nicht nachweisen läßt. Später an seiner eigenen Hypothese irre werdend, hörte er ehrlicher Weise auf Materialist zu sein. Czolbe hatte dem Materialismus eine Zeitlang aus ethischen Gründen den Vorzug gegeben. Anch die anderen Materialisten sprachen sich über das Verhältnis ihrer Metaphysik zur Moral aus und waren vielfach Vorkämpfer politischer Freiheit und allgemein humaner Forderungen. Darin lag dem Zeitbewußtsein gegenüber ihre Stärke. Daneben zogen sie aber — anch hierin widerspruchsvoll und voreilig — allerlei ethisch bedenkliche Konseqnenzen oder gaben unverfänglichen und richtigen Gedankeil eine herausfordernde uud eynische Formulierung, namentlich die sittliche Verantwortlichkeit glaubten sie als konsequente Deterministen ablehnen zu müssen. Das waren freilich die unvermeidlichen Kinderkrankheiten dieser wieder neu entdeckten Weltanschauung, die aber doch in einem gewissen Zusammenhang standen mit dem allgemeinen Unbehagen und dem Unglauben der Zeit an sich und an das, was in ihr bestand uud heilig gehalten wurde. Einen socialistischen Zug in diese materialistische Richtung brachte vor allem Moleschott durch seine „Lehre der Nahrungsmittel für das Volk"; in ihrer Besprechung brauchte Feuerbach das vielberufene Wort: „Der Mensch ist, was er ißt." Es war nicht sowohl materialistisch gemeint — gerade an Moleschott wurde sich Feucrbach vielmehr seines Unterschieds von dem landläufigen Materialismus bewußt: „Der Materialismus ist für mich die Grundlage des Gebäudes des menschlichen Wesens und Wissens, aber er ist für mich nicht, was er für die Physiologen, die Naturforscher im engeren Sinne, z. B- Moleschott ist, und zwar notwendig von ihrem Stand- Der Materialismusstrcit. 331 punkte und Berufe aus ist, das Gebäude selbst." Sondern Feuerbach wollte den Einfluß der Ernährung, der Lebenshaltung und Lebenslage auch auf das sittliche Handeln des Menschen durch jenes Wort zum Ausdruck bringen und mit Moleschott die Besserung der materiellen Lage der arbeitenden Volksklassen im Interesse ihrer sittlichen Hebnng befürworten. Selten ist also ein Wort thörichter und böswilliger mißdeutet worden. Besser verstand man in den regierenden Kreisen diese Konsequenz der materialistische» Lehre. Die freiheitliche und socialistische Wendung des Materialismus gab ihnen den Anlaß und seiue turbulenten lind maßlosen Angriffe einzelner Wortführer den Vorwand, um in Tübingen Büchner, in Heidelberg Moleschvtt — diesen bezeichnender Weise etwa gleichzeitig mit dem Hegelianer Kuuo Fischer — von ihreu Lehrstühlen zu verdräugeu. Gerechtfertigt aber schien dieses Mundtotmacheu der Materialisten durch den Staat diesem um so mehr, als die Philosophie, welche die uächste Pflicht gehabt hätte, ihren Anstnrm mit geistigen Waffen zu bekämpfen, dazu sich völlig unfähig erwies. Sie lag in den fünfziger Jahren so völlig darnieder, daß sie in der That als der schwächere Teil sich erwies und ihre Antworten meist recht unsicher und dürftig klangen. Die Ulrici, Herm. Fichte, Fabri und wie diese Antimaterialisten alle hießen, waren schlechte Kämpen und verschafften den immer kecker und fanatischer ihr Hanpt erhebenden Gegnern leichte Triumphe. Sie alle wollten zuviel beweisen — nicht nur deu Materialismus widerlegen, sondern zugleich auch die theistische Weltanschauimg und die christlichem Dogmeu ihm gegenüber Philosophisch sicher stellen. So hatten auch sie den Kantischen Kritizismus vergessen, waren so dogmatistisch wie ihre Gegner und boten daher nicht nnr der Widerlegung dieselben Handhaben, was sie aus Kauts Antimonien hätten wissen können, sondern waren auch iu alleu naturwissenschastlichen Fragen thatsächlich schwächer, weil hier ihr Wissen aus zweiter Hand stammte und wirklich dieses ueue Wissen mit den veralteten Verstellungen der christlichen Dog- matik auf vielen Punkten unvereinbar war. Viel wirksamer war daher die Bekämpfung des Materialismus von seiteu der Naturwissenschaft selbst; denn nicht alle Vertreter 332 1848 bis 1871: Die Reaktion der fünfziger Jahre, derselben standen zu seiner Sache. Ans der Göttinger Natnr- sorscherversammlnng im September 1854 kam es sogar zu einer großen und dramatisch sich zuspitzeudcn Auseinandersetzung zwischen beiden Parteien. Nudolph Wagner nahm in seinem Vortrag „Menscheuschvpfung und Seelensubstanz" den Kampf um die Seele auf, zog sich aber von Karl Vogt den Borwurf des „Köhlerglaubens" zu, den er durch seine Berusung auf die Bibel und seine kindliche Vorstellung von der Seele selbst provoziert hatte, und giug zum mindesten nicht als Sieger aus dem Streit hervor. Durch die Eiumischuug theologischer Gesichtspunkte und die unhaltbaren Versuche, z. B. die biblische Schöpfuugssage mit den Ergebnissen des modernen Natnrerkennens in Einklang zn bringen, machten Männer wie Wagner oder Psaff in Erlangen ihre Sache nicht besser nnd verhalfen den Gegnern zu immer neuen Triumphen. Wirkungsvoller war die Zurückweisuug des Materialismus durch Liebig iu der vierten Auflage seiner chemischen Briefe. Er gab zwar der exakten Naturforschung Recht, daß „alle Kräfte der Materie wirklich Anteil haben an dem organischen Prozeß"; aber daß „die anorganischen Kräfte es thun und für sich ausreicheu, den Organismus, ja den Geist hervorzubringen", erklärte er sür völlig nnerweisbnr und wies mit starken Worten die Machtsprüche dieser „Dilettanten in der Natnrwissenschaft" zurück. Wenn er freilich erklärte: unsere Verminst erkenne, daß die Ideen der organischen Welt einen Urheber haben und daß iu dem lebendigen Leib eine Ursache bestehe, welche die chemischen und physikalischen Kräste der Materie beherrsche und sie zn Formen zusammensüge, welche außerhalb des Organismus niemals wahrgenommen werden, so war das selbst uichts anderes als ein solcher Machtspruch eutgegengesetzter Art. llud wenn er zn den „Behauptungen der Dilettanten" auch die Lehre rechuete, daß „in einer unendlichen Reihe von Jahren, über die sie aus das wohlfeilste verfügen, aus dem niedrigsten Organismus, der in der That als eine einfache Zelle sich darstellt, ein höherer, und aus diesem ein noch höher stehender und nach und nach die ganze Mannigfaltigkeit der Schöpfung entstanden, daß Pflanzen uud Tiere eine ununterbrochene Kette bilden und Übergänge nicht geleugnet werdeu köuueu", und dagegen erklärte: „die Der Darwinismus, 333 strenge wissenschaftliche Forschung weiß von einer solchen Kette der organischen Wesen nichts", so kam das in diesem Augenblick fast schon zu spät. Denn nur vier Jahre nachher erschien Darwins Bnch „on tllc- oriAiii ot' spritz,? l>)^ mean8 ot" natural 8elearus k>i>z e^o sun^ c^uia rioo intelliAvi' rilli. Witzblätter wie der Kladderadatsch waren dieses seines Rnhmes voll, und die demokratischen Zeitungen namentlich auch iu Süddeutschland behandelten ihn wie einen Tollhäusler oder wie einen Staatsverbrecher, der um den eigenen Kopf spiele, während er umgekehrt seinem König die Erinnerung an das Ende des englischen Karl I. und die Rücktrittsgedanken ausreden mußte. Seine Erfolge dem widerspenstigen Kurfürsten von Hessen gegenüber oder bei der Ausdehuuug des preußischen Handelsvertrags mit Frankreich ans den Zollverein konnten dagegen nicht aufkommen uud versanken klanglos in dem Meer von Haß, das sich gegen ihn gesammelt hatte. Mit den „moralischen Eroberungen" Preußens, von denen Wilhelm I. im Die schleswig-holsteinische Frage. 383 November 1858 gesprochen hatte, war eS nichts geworden, gerade im Gegenteil hatte Preußen, so schien es, sür lange alles moralische Prestige eingebüßt. Die schleswig-holsteinische Frage. Da kam zu gnter Stunde die schlesnng-holsteiuische Frage ins Rollen. Die vertragswidrige Vergewaltigung der Deutscheu iu Schleswig-Holstein durch die sanatischen Eiderdünen in Kopenhagen und die Bestätigung der im Widerspruch mit allen Verträgen stehenden Verfassung durch den neuen König Christian IX. im Jahre 1863 entfesselte den Sturm — zuerst in den Herzogtümer« selbst, dann sofort auch im übrigen Deutschland, wo der Nationat- verein gerade nach dieser Seite hin die Stimmung energisch vorbereitet und erhitzt hatte. Los von Dänemark! das scholl nun als Losungswort brausend von Ort zu Ort, Kammern, städtische Behörden, Vereine und Volksversammlungen faßten in diesem Sinne Resolutionen, und aufs neue ertönte das „Schleswig-Holstein stammverwandt" und das „up ewig uugedcelt" als Losung und Gelöbnis durch die deutschen Lande. Damit war dem deutschen Volk der Alp von der Seele genommen, die „brecherische", bleierne Stimmung war vorüber, der deutsche Michel reckte und streckte und dehnte sich, man witterte Morgen-, witterte Frühlingslust. Und fest zu stehen schien das Recht des Erbprinzen von Angustenburg aus die Herzogtümer als auf sein väterliches Erbe, ihn anzuerkennen beeilten sich die Kleinstaaten, und der Bundestag wurde mit Auträgeu bestürmt, die von ihm dasselbe begehrten. Fürstliche Legitimität, nationale und liberale Wünsche liefen diesmal glücklicherweise in einer Richtung, was wollte man mehr? Jetzt zeigte sich der Vorteil, daß der deutsche Buud als solcher 1852 von der Londoner Konferenz und ihrem Protokoll ausgeschlossen geblieben war, nun war er auch nicht au die Abmachungen dieses heillosen Vertrages gebunden. Für Österreich und Preußen lag die Sache freilich anders, sie gehörten zn den Unterzeichnern und Garanten dieses Protokolls. In dieser schwierigen Situation übernahm Bismnrck die Füh- ruug und begann jenen meisterhaften diplomatischen Feldzng, der so klug und richtig mit dem Eigensinn nnd dem Fanatismus des ver- 384 1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches. blendeten Dänemarks rechnete und dadurch vorsichtig uud altmählich, Zug um Zug uud Schritt für Schritt die deutschen Großmächte von ihrer Verpflichtung loslöste, ohne sie ins Unrecht zu setzeu und den übrigen Großmächten Gelegenheit zu einem mehr als platonischen Eingreifen zn geben. lind den diplomatischen Siegen gehen die militärischen zur Seite: eo kommt die Erstürmung der Düppeler Schanzen und der Übergang nach Alsen, bei dem die preußischen Truppen das Beste thuu. Durch diese Siege setzte sich das vielgeschmähte und seit Llmütz kaum noch als Großmacht augesehcue Preußen wieder gründlich in Respekt und gab nach Jahrzehnten zum erstenmal wieder den Deutschen allen das Gesühl, daß sie eiu Recht habeu, stolz zu sein. Die Armeereorganisation König Wilhelms hatte die Probe glänzend bestanden, das Heer war mit einem Schlag Populär, was es im stillen seit den Befreiungskriegen nnd dem alten Blücher in Preußen selber doch nie ganz aufgehört hatte zu sein, und auch die oppositionellen Parteien freuten sich über die Siege des Volkes in Waffen. Aber sür wen war Schleswig-Holstein vom dänischen Joche befreit worden? Nach der öffentlichen Meinung für den einunddreißigsten kleinen Fürsten: uud übermütig, als ob er es schou Hütte, und pochend auf sein legitimes Recht lehnte darnm der übel beratene Mann die Verständigung mit BiSmarck und dessen im preußischen und deutschen Interesse zugleich gestellte Forderungen brüsk ab. Da machten die beiden Großmächte ihrerseits ebenso brüsk das Recht der Eroberuug geltend und behielten nach allerlei Übergangssormen Schleswig-Holstein sür sich. Aber so sehr sich Bismarck mit dieser Lösung der allgemeinen Ansicht uud Willeus- meinnng entgegenstellte, die Stimmung für ihn hatte doch bereits eine Wandluug erfahren. Schon 1864 hatte Karl Mathy geschrieben: „Bismarck gefällt mir täglich besser", uud diesen Eindruck gewannen immer mehr auch andere. Man fing an zn ahnen, daß ans den verschlungenen Psadeu dieser Politik ein einheitlicher Wille uud ein klarer Verstand die Richtung gebe und hinter dein tollen Juuker ein ganz großer Mann stehe; man hatte Otto von Bismarck falsch benrteilt, der Mann war jedenfalls ganz ernst zu nehmen. Der Krieg von 1866. 385 So war der Eindruck über diese Lösung der Schleswig-Holsteimschen Frage doch mehr der der Verblüffung als der einstimmiger Verurteilung. Und man lernte aus dieseu Vorgängen noch ein anderes, was man 1848 freilich nur negativ hatte lernen können, daß in politischen Dingen die Macht es ist, die entscheidet, nicht das Wort und nicht die Phrase, nicht Agitation und Resolution. Bismarck aber war eiu solcher Maun der Macht, der That, des Willens. In diesem Sinn galt nuu freilich auch das Wort: Macht geht vor Recht. Es ist einfach wahr, wenu es auch gefährlich ist und schlimm mißbraucht werdeu kaum Der Krieg von 1866. Die Scheidung der Geister aber kam erst im Jahre 1866. Über das Coudomiuium von Schleswig-Hotstein veruneinigten sich die beiden Großmächte mit Notwendigkeit, auch hierbei zeigte sich Bis- marcks diplomatische Überlegenheit wieder im glänzendsten Lichte. Damit kam nun aber endlich auch die deutsche Frage an die Reihe. Dieser gordische Knoten ließ sich nur zerhauen, nicht lösen. Die Stellung Preußeus im deutschen Buud ist eine unwürdige und unhaltbare! Österreich hat das Recht auf die Führung in Deutschland verwirkt! das waren die Sätze, die durch den Tag von Königgrütz aus der Theorie iu die Praxis umgesetzt wurden. Es war das Programm der erbkaiserlichen Partei in Frankfurt und des aus ihr hervorgewachseueu Nationalvereius; und darum, wer es mit Österreich hielt, wer großdeutsch war, staud gegeu Preußen; und politisch gegen Prenßen stand auch die Mehrzahl der Mittelstaaten, denen der lose Staatenbnnd, wie ihn Metternich so klüglich eingerichtet hatte, in seiner Machtlosigkeit behagte nnd für ihre Souveränetät vorteilhafter düuchte als eiu geschlossener Buudesstaat unter Preußens strammer Führung. Aber auch in Preußen selbst lageu die Dinge für Bismarcks Pläne kraus genug. Die Ostelbier, besonders die dort herrschende Junkerpartei, welche in den fünfziger Jahren am Ruder gewesen war, waren Preußen, sühlten sich alo solche und kümmerten sich nm Deutschland blutwenig; und überdies war ja das, nm was gestritten werden sollte, das Programm der verhaßten liberalen Partei, und daher fingen sie an, Bismarck wie Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des lg. Jahrh. 25 386 1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches, einen Abgefallenen zu betrachten. Der Rundschauer der Kreuzzeitung, immer uoch Herr von Gerlach, erklärte sich entschieden gegen die Politik Bismarcks und die durch sie hervorgerufene Auflösung der konservativen Partei in Preußen. Und auf der andern Seite stand der so Angegriffene immer noch im Konflikt mit der liberalen Volksvertretung, die ihm und seinem König das Schwert vorenthalten wollte, das sie zu dem bevorstehenden Waffengang brauchten und schliffen. Der Konflikt war auf einem Höhepunkt augelangt. Und doch fingen in der äußeren Politik gerade die Liberalen nachgerade an, Vismarck zu verstehen und jubelten ihm zu, nur über sein inneres Regiment schüttelten sie nach wie vor bedenklich und mißmutig den Kopf, während es bei den Konservativen gerade umgekehrt war. Sein eigener König gehörte zu den Widerstrebenden, auch ihm mnßte die Zustimmung abgerungen werden. Über den Bruderkrieg aber zeterteu vor allem die Radikalen, welche doch achtzehn Jahre vorher kein Bedenken getragen hatten, ans den Barrikaden und im offenen Felde ebenfalls Bruderblnt zn vergießen und damit selbst die Lehre gegeben uud anerkannt hatten, daß die deutsche Frage nur mit Blut und Eisen zu lösen sei. Und aus anderen Gründen wollten die Katholiken namentlich am Rhein nichts wissen von einem Kampf mit dem katholischen Österreich. In Volksversammlungen wurde gegen den Krieg protestiert, Stadtratsund Stadtverordnetenversammlungen in West und Ost erließen Friedcnsadressen, siebzehn Handelskammern von Rheinland und Westphaleu richteten, ebenso wie das Ältesten-Kolleg der Kaufmannschaft von Berlin, eine Kollektivpetition gegen den Krieg an den König; auch Bischöfe schlössen sich diesen Kundgebungen an, nnr Breslau erkannte die Gründe znm Krieg an und sicherte mntig Opferwilligkeit zu wie im Jahre 1813. Und als es dann zur Einberufung der Landwehr kam, da zeigte sich vielfach Widerwille, in den Rheinlauden und in Ostpreußen kam es sogar zu Peinlichen Exzessen seitens der Einberufenen. Allein die preußische Disziplin wurde dieser Schwankungen rasch Herr; und überdies stellte es sich heraus, daß die Unzufriedenheit doch weniger tief in die unteren Schichten des Volkes hinabgedrungen war, als die Führer der Opposition sich das vorgestellt hatten: es war ein Konflikt des ge- Der Krieg von 1866. 387 bildeten Mittelstandes, nicht des ganzen Volkes. Eben damals sing der Liberalisinus der Bourgeoisie an, die Massen, die ihm bisher unbedingte Heeresfolge geleistet hatten, zu verlieren. Das wußte Bismarck, und darum entschloß er sich, durch das allgemeine Stünmrccht den Keil zwischen beide Teile noch tieser hineinzutreiben. Aber auch die Klügsteu und Besonnensten sahen in dem Bruch und Krieg mit Osterreich doch etwas wie einen Frevel; und ein Unglück war er gewiß; nur freilich ein notwendiges Unglück, durch den Gang der deutschen Geschichte unvermeidlich geworden. Österreich ging uicht freiwillig, also mußte es mit Gewalt hinausgedrängt werden, und so war thatsächlich Preußeu der angreifende Teil, »ur der unvergleichlichen Staatskuust Bismarcks ist es gelungen, auch das — wenigstens zn verschleiern und es zu einem Gegenstand des Streites und Zaukes zu mncheu, wer von beiden Teilen eigentlich der Angreifer sei, oder Österreich so tief zu verletzen, daß dieses schließlich wirklich zum Angreifer wurde. Dabei wogte die öffentliche Meinung unklar nnd zerrissen hin und her. Marks hat den Kampf in der Seele Wilhelms I. als desseu Biograph geschildert. Aber der König durchlebte nur, was jeder einzelne von uns in ganz Deutschland damals auf sich nehmen und durchmachen mußte: jeder mußte die deutsche Frage iu und für sich selber lösen, mußte Stellung nehmen und sich entscheiden, uns allen that damals Bismarck Zwang an. Es war uach eiuem Ausdruck Hegels die Zeit des „unglücklichen, in sich entzweiten Bewußtseins": in jeder Stadt, in jeder Familie fast standen sich die verschiedenen Parteien und Staudpuukte schroff und voll Haß gegenüber, niemand wußte so recht, was er wünschen und hoffen sollte, außer dem Einen, außer Bismarck. Wir alle, die wir diese Zeit mit Bewußtsein durchlebt haben, haben damals eine Krisis durchgemacht, aus der nur wir Jüugereu sofort ohue Letze uud Bruch hervorgegangen sind. Das Verhältnis von Strauß und Bischer ist hierfür gewissermaßen typisch. Die Freundschaft der beiden, vvu denen 1848 der eine wegen seiner Stellungnahme gegen Robert Blum sein württembergisches Abgeordnetenmandat niedergelegt hatte, der andere im Franksurter Parlament der FraktionSgenosse Blums auf der Linken gewesen war, geriet für 25* 388 1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches. einige Zeit in bedenkliches Schwanken; denn wie Strauß schreibt: „wenn in einer politischen Entwickelung der eine etwas Verruchtes sieht, das ihn bis zur Menschenseindschaft verstimmt, der andere etwas Großes, das ihm die Brust zu ueuer Patriotischer Hossuung hebt, so bedarf es der ganzen Stärke altverwurzelter Freundschaft, damit einer nicht am andern irre werde." Übrigens zeigt sich gerade in diesen Briefen von Strauß, welche Kämpfe und Wandlungen auch einem so überzeugten Anhänger PrenßenS in jenen Tagen auserlegt waren. Ich stelle ein paar Stellen zusammen. Am 3. Juli schreibt er: „die Diuge stehen leider jetzt so, daß in jedem nnr ein geringes Übergewicht der Meinung, der er anhängt, vorhanden sein kann, wie bei einer Abstimmung mit schwacher Majorität. Keiner wird das Mißliche, das sein eigenes cieäo drückt, verkennen. Auch mir erscheint dieser Krieg als ein Greuel; allein nun er einmal ausgebrochen ist, stelle ich mich mit meinen Wünschen ganz auf die Seite, der ich immer angehört habe, überzeugt, daß ein Sieg derselben uns zwar wenig Gutes, der der andern aber nur Schlimmes bringen kauu. Oder genauer meine ich, ein Sieg Preußens brächte uns im Augenblick auch Schlimmes, ließe aber für die Zukunft doch Gutes hoffen, während uns von Österreich jetzt uud iu Zukunft nnr Schlimmes kommen kann. Gerade bei diesem geringen Übergewicht der einen oder andern Wagschale wird es mir aber mehr als je deutlich, wie das, was dem Züngleiu deu Ausschlag giebt, am Eude etwas ganz Individuelles ist, in der ganzen Art zu sein, zu empfinden und zu wirken eines jeden liegt." Am 12. Jnli: „Österreich hasse ich, die Mittel- stnaten und ihre Politik verachte ich, vor Preußen habe ich Respekt, zur Liebe langt's noch nicht; aber meine Hoffnung für Deutschland ruht auf Preußen. Entweder durch Preußeu oder gar nicht ist Deutschland zn helfen." Am 4. August schreibt er au Kuno Fischer: „Gleicher Sinn ist viel wert in solcher Zeit der Spaltung und ebenso selten. Nicht nur daß aus dem Kreise meiner Freunde einzelne noch immer im Groll gegen Preußen verharren: ein Mann, dem auch Du es wohl nicht zugetraut hättest, ist ebeu jetzt iu dieses Lager übergegangen. Schon im vorigen Frühjahr überraschte mich Gewinns, als ich ihn in Heidelberg wieder sprach, nicht wenig dnrch Der Krieg von 1866. 389 seine Idee eines selbständigen Schleswig-Holstein, von dem er sich einen Stützpunkt sür eine ganz nene deutsche Politik versprach. Seitdem ohne weitere Nachricht von ihm, sah ich ihn vor vier Wochen, wenige Tage vor der Schlach't bei Königgrätz hier i» Darmstadt, im Begriff ins Lager des 8. Armeekorps abzureisen, um sich von der dort herrscheudeu Stimmung zu überzeugein die seiuige war so, daß er gegen „den schändlichen Raub" Schleswig- Holsteins schnaubte nnd sich vermaß, er hätte nichts dagegen, tuen» bei dieser Gelegenheit Prenßen „zerkrümelt" würde. Eine böse Sackgasse sür einen Geschichtschreiber des neunzehnten Jahrhunderts!" Am 7. August: „Unterdessen haben sich ja die Geschicke vollendet! einerseits, weuu wir uoch die Preußische Thronrede hinzuuehmen, über unsere kühnste Erwartung: audererseirs doch so, daß uoch mancherlei Befürchtungen Raum gewinnen. Nicht allein die drohende Maiulinie, auch Sachsens Verschonnng, die der Annexion die Spitze abbricht nnd den fremdartigen Eiuslüssen Thür uud Thor öffnet, lassen einen noch nicht zur vollen Freude kommen. Doch bei dem allem: Großes ist erreicht, zn noch Größerem der Boden bereitet, man kann für Deutschland wieder hoffen." Und endlich am 13. Angnst zusammenfassend an Bischer: „Zwar daß ich an dem Gang dieses Krieges meine Freude gehabt haben würde, hast du dir gewiß gedacht. Daß in ganz Deutschland nur Preußen eine wirkliche Macht, es allein bestimmt ist, den Gedanken der deutschen Einheit seiner Verwirklichung entgegenzusühreu, war ja längst meine Überzeugung. Doch daß seine Übermacht so entschieden, Österreich so ganz faul und hohl sei, das wußte ich nicht, und insofern machte mich Preußeus Siegeslauf, diese unwiderstehliche Vernichtung des an sich Nichtigen, nngemein glücklich. Allerdings nun war das siegreiche Preußen nicht dasjenige, dem ich den Sieg gewünscht hätte. Gewünscht hatte ich ihu einem liberalen, wahrhaft konstitutionellen Preußen; aber das absolute Preußeu hat ihu davongetragen. Darüber könnte ich nun grollen; statt dessen entnehme ich nur daraus eine geschichtliche Belehrung. Bis das liberale Prinzip seine Kräfte soweit zusammengefaßt, seine Bckenner so weit unter einen Hnt gebracht hätte, um einen solchen Stoß gegen den Partikularismus zu sichren, hätten wir noch lange 390 1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches, warten können. Nnr darum ist ihm der Absolutismus mit seiuer konzentrierten Kraft zuvorgekommen. Das sind Thatsachen, die wir anerkennen, nach denen wir unsere Begriffe berichtigen müssen. Eins uach dem audern! und da ist, wie es scheint, die Einheit, wenigstens die Grundlegung zu derselbe:?, das eine, die Freiheit erst das andere. Du wirst sagen, es sei der Fluch des Strebens nach dein einen ohne das andere, daß auch die Einheit nur halb erreicht worden. Aber aus der andereu Seite ist es ein unschätzbarer Vorteil dieses Gangs der Dinge, daß der Standpnukt des Bundesstaats bereits überschritten, die Dinge bereits halbwegs zum Einheitsstaat angekommen sind. Und wenn du es au sich nicht einsehen kauust, daß, was geschehen, zu Deutschlauds Wohl geschehe!? ist, so blick nur ins Ausland. Die Franzosen berste?? vor Neid nnd Besorgnis, und die Engländer haben Respekt." Die letzten Äußerungen entstammen schon der Zeit nach der Entscheidung. In der Politik ist der Erfolg ausschlaggebend, und der Erfolg war auf der Seite Preußens. Oder auders, richtiger ausgedrückt: die Schlacht von Königgrütz war nur das Fazit einer lange?? geschichtlichen Entwickelung und die Rechnung stimmte, über Osterreich war damit wirklich der Spruch der Weltgeschichte gefällt; indem es seither keinen Versuch mehr gemacht hat, eine Revision dieses Urteils herbeizusühren, hat es die Thatsache seiner Ausschließung aus Deutschlaud anerkannt. So straste sich nach des Österreichers Frieds ung trefflichen Ausführung??? „die Unterdrückung der lebendigen Kräfte im Volke durch die Gegenresormatiou und später durch die Re- gieruug Kaiser Franz' und Metternichs. Nie mehr konnte Österreich den Verlust jeuer tauseude von Familien gutmachen, welche uach dem Siege Kaiser Ferdinands II. über den Protestantismus verbannt worden waren. Derselbe Druck, der daun durch mehr als ein Jahrhundert auf den Geistern lag, lähmte auch den Willen nnd die Entschlußfähigkeit von Generationen und zog eine genußliebende, zu großen Anstrengungen unwillige Bevölkeruug groß. Und dies war für den Staat vielleicht noch schlimmer als die geistige Öde in Schule und Wissenschaft; denn Mangel an Bildung ist in der Geschichte oft durch Kraft und Thatenfrendig- teit ersetzt worden. Dieser Mißstand steigerte sich in der Zeit Der Krieg von 1866, 391 bis 1848; die Revolution dieses Jahres fand einen Regierungsapparat vor, aus dem die Energie längst entflohen war. Die absolutistische Negierung hatte durch Unterdrückung aller selbständigen Regungen die Völker im Zaum gehalten und nichts als die blinde Erfüllung der Befehle gefordert. Und das System der Bevormundung feierte im Untergang seinen Triumph: ein Teil der ungarischen Regimenter nnd die Flotte zn Venedig gehorchten Kossuth und Mauin so pünktlich ivie srüher dem legitimen Herrscher. Die leitenden Männer von 1866 waren in den Ideen Metteruichs uud der Restauration ausgewachsen. Sie bestritten den Völkern das Recht, sich den Staat selbst zn formen; sie unter- schätzteu die Krnst des Natioualgesühls; die Legitimität und die Verträge waren für sie die einzige Quelle nicht bloß des positiven Rechts, sondern auch die Wurzeln der historischen Entwickelung. Sie vertraten die Staatenordnnng der heiligen Allianz und damit eine versinkende, ihnen unersetzlich scheinende Welt". Beim Volk aber „erfuhr, die Gewohnheit des Gehorsams uud des Genießens keine Unterbrechung". Die Konzerte von Strauß im Volksgarteu zu Wien wareu uach wie vor gut besucht; nur bei einzelnen „brach nach österreichischer Art der Hang zur Selbstkritik und Selbstver- hvhnung bitter hervor". Preußeu aber brachte dieser Sieg nicht nur die erstrebte Vorherrschaft iu Deutschland, sondern auch die innere Gesundung und Heilung von einer doch vorhandenen schweren Wunde. Als Bismarck, statt nach dem Willen seines Königs den Sieg auf deu böhmischen Schlachtfeldern gegen Österreich und die Süddeutschen rücksichtslos auszunützen nnd ihn im Verhältnis zn dem eigenen Landtag nach den Aspirationen der Konsliktszeit zu eiuem inneren Düppel werden zu lassen, nach außen und innen sich der Mäßigung befleißigte nnd den König Judemnität nachsuchen ließ für die budgetlose Regierung der Konfliktsjahre, da war die Möglichkeit eines kräftigen Bundes mit Österreich geschaffen und der Konflikt im Innern beigelegt. Hinfort standen nur noch zur Rechten die Jnnker verdrießlich bei Seite, weil sie darin die Anerkennung deS liberalen Gedankens sahen, nnd links die unbedingten Fortschrittsmänner, welche über die Ztärkung des monarchischen Prinzips grollten und nichts vergessen. 392 1843 bis 1871- Die Begründung des deutschen Reiches, aber auch nicht verstehen konnten, daß ein Hauptstück ihres Programms von ihrem Gegner verwirklicht sei. Indem sie gegen die doch erst-teilweise errungene Einheit die Forderungen der Freiheit ausspielten uud über ihre Vergewaltigung dnrch Bismarck klagten, bildete sich im Bruch mit ihnen die nationalliberale Partei, welche von 1866 bis 1879 unser politisches Leben beherrscht oder richtiger unter Bismarck die politischen Geschäfte besorgt hat. Der ganze Verlaus der Dinge aber forderte den Liberalismus zur Einkehr bei sich und zn ernstlicher Selbstkritik aus, wie sie damals der altliberale Baumgarten iu eindringender Weise an ihm übte. Noch aber sehlteu die Süddeutschen. Ausgeschlossen vom Norddeutschen Bund waren sie freilich insgeheim bereits dnrch Schutz- und Trutzbündnisse enger mit diesem verbunden, als die Welt wußte und ahnte. Und der Zollverein, der sich schon 1864 neu besestigt und die Versuche Österreichs in ihn einzudringen oder ihn zu sprengen siegreich abgewehrt und damit bewiesen hatte, daß die materiellen Interessen politischen Sympathien und Antipathien vorgehen, brachte nun das erste Organ der vollen Einheit und Einigung, das Zollparlament. Damit kam nun endlich Karl Mathys Gedanke siegreich zu Ehren: dieses Zollparlament schien sörmlich nach der Ausgestaltung zu eiuem Vollparlament zu rufe». Während sich aber im Norden trotz aller auch da noch bestehenden Gegensätze ein erfreuliches politisch-Parlamentarisches Leben entwickelte mit viel energischer Arbeit auf dem Boden der Gesetzgebung, standen wir im Süden isoliert und innerlich uoch immer in wilden Pnrteigegensätzen zerrissen, traurig und neidvoll beiseite. Lieber sranzösisch als preußisch! konnte man bei den württembergischen und deu nicht zu ihrer Freude annektierten Frankfurter Demokraten hören, und die nationale Partei war außer in Baden auch jetzt noch überall in der Minderzahl. Und war es vor dem AuSbruch des Krieges natürlich, wenn ein Parteimann wie Treitschke seine Stelle an einer süddeutschen Universität freiwillig niederlegte, so war es uach dem Abschluß der Schntz- und Trutzbündnisse doch verwunderlich, daß die württembergischc Regierung den Professor Panli in Tübingen, der sie und das Königshaus freilich in der Form nicht eben taktvoll kritisiert und angegriffen hatte, znr Nieder- Der deutsch-französische Krieg. 393 legung seines Amtes zwang nnd so seinen großdeutscheu Gegnern einen willkommenen Triumph verschaffte; das war mehr Rache als Gerechtigkeit. Bei den Wahlen zum Zollparlameut brache» die wildeu Parteileidenschaften hervor und ihr Ausfall bewies, wie widerwillig Süddeutschland noch immer war. Damals knüpfte sich das verhängnisvolle Band zwischen den Ultramontanen und den Radikalen; der Kampf gegen „die Verpreußuug" führte sie zusammen: die Presse der beiden Richtungen feierte die wildesten Partei- orgicn und erging sich in einer Flut von Schmähungen gegen preußische Art uud Vismarcksche Politik. Kurz vor Ausbruch des französischen Krieges hatte in Württemberg sogar ein Antrag der Bolkspartei auf Herabsetzung der Präsenz oder deutlicher auf Ersetzung des stehenden Heeres durch das Milizsystem Aussicht auf Annahme, nur die Bundestreue des Königs uud der Sturz des rabiat großdeutschen Kultusministers von Golther verhinderten diese Blamage. Dagegen mußte noch im Februar 1870 iu Bayern der national, wenn auch nicht „kleindeutsch" gesinnte Minister Hohen- lohe einem Mißtrauensvotum der „Patrioten", d. h. der ultramontanen Partikularisten weichen. Umgekehrt drängte Baden zum Anschluß und Eintritt in den norddeutschen Bund und ließ sich nur schweren Herzens von Bismarck abweisen und zum Warten und zur Geduld vertrösten. Der deutsch-französische Krieg. Da brachte der aus nichtigen uud frivolen Gründen uns auf- gezwuugene Krieg mit Frankreich die Lösuug und die Befreiung von jenem uuglücklicheu Bewußtsein der Entzweiung, wie er uns äußerlich die Einheit gebracht hat. Damit erfüllte sich das Napoleonische Natioualitätsprinzip auch an uns. Die Süddeutschen traten auf die Seite Preußeus, der Widerstand der Ultramontanen uud der süddeutschen Volkspartei hielt dem Sturm- der allgemeinen Volks- begeisternng nicht stand. Und nun ging es wieder einmal unter den Klängen des deutschen Liedes — es war die in den vierziger Jahren gleichzeitig mit Beckers „Sie sollen ihn nicht haben" von Schneckenlmrger gedichtete „Wacht am Rhein" — ins Feld. Der Erfolg war ein ungeheurer, der Siegeslauf -beispiellos. Die 394 1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches, Stimmung jener Zeit darf ich hier nicht schildern. Aber es ist keine Überhebung, wenn ich sage: glücklicher haben wir Deutsche uns nie gefühlt als in jenen Tagen, nicht aus Siegesübermut, sondern vor allein auch darum, weil es eine Katharsis und eine Versöhnung der Geister war uach Jahren der Zwiespältigkeit und des Kampfes. Die sich vier Jahre zuvor im eigenen Hanse bekriegt hatten, die stritten nun gemeinsam sür ein nnd dasselbe Vaterland. Wir wurden wieder Ein Volk, und damit war aller Hader vergessen; namentlich wir Süddeutsche fühlten uns wie erlöst von dem schwer auf uns lastenden unklaren nnd bösen Übergangszustand der vier letzten Jahre. Und anch besser sind wir als Volk im ganzen nie gewesen: der Egoismus machte dem Eintreten für das Ganze Platz, über sich und seine eigene kleine Person mit ihren selbstischen Interessen war man hinanfgehoben, und anch die trennenden socialen und konfessionellen Unterschiede waren vom Sturme dieser Zeit verweht. D. Fr. Strauß hat in seinem Brief an Renan damals auch denen aus der Seele gesprochen und für die das rechte Wort gefunden, die ihn sonst als Ketzer weit von sich wegwiesen. Daß der Krieg nach Schillers Wallenstein ein rauhes Handwerk ist nnd das lange Lagcrleben vor Metz oder Paris anch auf mauch einen verrohend wirkte, hat Rindfleisch in seinen Kriegseriuueruugen in voller realistischer Ehrlichkeit geschildert. Aber im Großen können sich weder die Friedensfreunde mit ihren ethischen Anklagen gegen den Krieg noch die Demokraten mit ihren politischen Vorwürfen gegen den Militarismus auf den siebziger Krieg berufen. Dagegen ist es eine von Treitschke aufgebrachte Legende, daß unser Volk mit besonderer Frömmigkeit in diesen Krieg gezogen oder aus ihm heimgekehrt sei. Auch diesmal lehrte die Kriegsuot manch einen beten. Allein dabei unterschied sich dieser Krieg doch durchaus in der Stimmung der Kämpfer vou den Befreiungskriegen zu Anfang des Jahrhunderts: die Not war nicht so groß, daß sie zum beten gezwungen Hütte, nnd so war das Buch der heimkehrendem — man mag das beklagen oder darüber schelten, aber man darf es nicht leugnen wollen — das im Jahr 1872 erschienene Glaubensbekenntnis von Strauß „der alte und der neue Glaube", das trotz aller Ablehnung von Seiten Bismarck. 395 der Kritik doch recht viele „Wir" als Leser fand, die ihm zustimmten. Klar aber war alsbald nach den entscheidenden Siegen um Metz und bei Seda», daß nnn auch die deutsche Frage gelöst sei im Sinne der alten Erbkaiserlichen nnd der jüngeren Gothaer: Deutschland mit Ausschluß Österreichs eins und Prenßens König deutscher Kaiser. Und wieder zeigte sich Bismarcks Größe wie beim Friedensschluß vou Nikolsbnrg in der Mäßigung, mit der er sich gegeil jeden Zwang und Druck auf die Bundesgenvssen sträubte, mit der nniws in nsoessariis sich zufrieden gab uud so auch den souveränen Fürsten die Annahme der Verfassung erleichterte. Die Reservatrechte Württembergs und mehr noch diejenigen Bayerns waren freilich eiu störendes Ornament am Bau des deutschen Reiches, das viele fast ebenso beklagten wie vier Jahre zuvor die Erhaltung Sachsens und den Ausschluß Süddeutschlands; aber es war doch mir ein unschöner Schnörkel, keine wirkliche Beeinträchtigung, die den Bau gefährdete. Am 18. Jannar 1871 erfolgte im Spiegelsaal zu Versailles die Proklamation, dnrch die Prenßens König sich die deutsche Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Damit war der alte Kaisertranm Wirklichkeit geworden, Barbarossa war aus dem Kyffhäuser herausgestiegen, die Raben flatterten nicht mehr unheilverkündend um den Berg; aber der große Realist, der diese Krone geschmiedet hatte, zusammen mit dem nüchternen dieser Erhöhung innerlich widerstrebenden Sinn des Königs Wilhelm bürgte dafür, daß die Romantik nicht von vorneherein verdarb, was nur klare politische Arbeit erhalten und ausgestalten konnte. Deutschland saß im Sattel, nun sollte es reiten. Bismarck. Ich glaube nicht, daß meine Leser den Eindruck haben, als ob hier die Mitwirkung des deutschen Volkes an der Begründnng des deutschen Reiches unterschätzt sei; ich sage noch einmal: ohne 1848 kein 1870! Aber daß es schließlich doch von einem König und einem konservativen Minister im Heerlager draußen im Feld und Sieg zu Eude geführt uud zustande gebracht worden ist, dein darf sich uiemand verschließen. Das Heer und sein genialer Führer 396 1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches. Moltke sind damals wieder populär geworden beim ganzen Volk: daß heute noch jeder junge Mann stolz daraus ist zu dieneu und gedient zn habe», schreibt sich von jeuer Zeit her, und der Jubel, mit dem mau iu Nord uud Süd die einziehenden Truppen begrüßte, galt nicht nur dem Sieg uud dem Errungenen, sondern war zugleich auch die Besiegelung dieser Einheit zwischen Volk und Heer. Und ebenso sind dadurch der Monarchie, welche seit 1848 in wcitcu Kreisen mehr nur ertragen wurde und deren Nimbns durch die Annexionen von 1866 doch ernstlich Not gelitten hatte, die Herzen wieder gewonnen worden. Sie hatte sich als Macht gezeigt, die imponierte, die deutschen Fürsten hatten Opfer gebracht, selbst der, der dabei das meiste gewonnen hatte, König Wilhelm hatte sein Prenßentum dran geben müssen, und das war ihm nicht leicht geworden. Aber noch mehr als der änßere Glanz der Kaiserkrone bedeutete der, der sie trug: die schlichte Größe dieses Maunes ohne alle Genialität voll treuer Pflichterfüllung uud voll kindlicher Sicherheit machte ihn uns alle» im höchsten Grade verehrnugswürdig, und indem er die Herzen des ganzen deutschen Volkes für sich uud seiue Persvu gewauu, gewann er uns für das Königtum und die Monarchie. So mußte der deutsche Kaiser aussehen, wie dieser milde Greis mit den srenndlich blickenden Augen und der hoheitsvoll stattlichen Gestalt, so hatten wir ihn uns immer gedacht, nun stand er vor uns so, wie wir ihn haben wollten. Aber darüber kann natürlich kein Zweifel sein, daß der, der all dieses Große erreicht und fertig gebracht hat, schließlich doch ein anderer, daß es Bismarck war — siegreich gegen eine Welt von Schwierigkeiten von seinem König und Herru au, der seiu Größtes damit vollbrachte, daß er au ihm festhielt uud sich ihm unterordnete, bis herab zu seinen Feinden, die ihn mit beispielloser Schärfe und haßersülltem Herzen bekämpft haben. Aber für uns, die wir von den geistigen Strömungen im Leben unseres Volkes zu reden haben, ist es doch nicht bloß dieser wunderbare Erfolg iu der äußeren Politik, soudern es ist die sieghaste Macht einer großen, alles weit überragenden Persönlichkeit, die nun die nächsten zwei Jahrzehnte geradezu beherrscht. Nur einmal noch hat ein Mann im Leben unseres deutschen Volkes so hinreißend uud machtvoll gewirkt, so Lismarck. 397 fraglos die Geister zur Entscheidung für oder gegen sich, zn Liebe oder Haß anfgcrnfen und gezwungen — es war im sechzehnten Jahrhundert Martin Luther. Wir habeu nur vier ganz große Menschen iu unserer deutscheu Geschichte: Luther, Friedrich den Großen, Goethe und Bismarck; nnser Jahrhundert kann sich rühmen, zwei davon die seinigen zu nennen. Weder mit Friedrich noch mit Goethe ist Bismark ohne weiteres zu vergleichen: jener ist der Mann „der Skepsis der verwegenen Männlichkeit, welcher dem Genie zum Kriege und zur Eroberung nächst verwandt ist", dieser der universale Mensch und Träger einer wahrhaft humanen Bildung, mit der er alles Gute und Große des achtzehnten Jahrhunderts herüberrettete in das neunzehnte nnd dieses bewahrte vor dein völligen Versinken in romantische Krankhaftigkeit und Barbarei. Auch sie haben etwas Dämonisches, bei Friedrich dem Großen haben erst jüngst Max Lehmann und Hans Delbrück daraus hingewiesen; allein es verbarg sich bei Goethe hinter jener spinozistischen Betrachtungsweise im Lichte der Ewigkeit, womit er den Dingen auf den Grund sah, bei Friedrich hinter der blanken Helle seines Verstandes. Bismarck dagegen war wie Luther einseitiger, er war wie dieser ein Mann des Willens und des Temperaments, der instinktiv aus der Volksseele heraus zu handeln, wie er intensiv in ihr zu lesen wußte, ein Revolutionär nnd Nenerer im großen Stil und daneben doch konservativ bis in die Knochen, selbstherrlich nnd gewaltthätig, leidenschaftlich und dämonisch, mit einem Wort eiu Geuie, ciu Heros, ein ganz großer Mann. Groß auch in dem Sinue Hegels: „In der öffentlichen Meinung ist alles Falsche und Wahre, aber das Wahre in ihr zn finden ist die Sache des großen Mannes. Wer, was seine Zeit will und ausspricht, ihr sagt und vollbringt, ist der große Mann der Zeit. Er thut, was das Innere und Wesen der Zeit ist, verwirklicht sie, und wer die öffentliche Meinung, wie er sie hier und da hört, nicht zn verachten versteht, wird es nie zu Großem bringen." Eben darum waren die beiden auch dem Volke verwandter, zugänglicher, in ihrer Riesengröße verständlicher. Die Gebiete, ans denen diese naheverwandten Genien wirkten, waren freilich verschieden: Lnther der religiöse, Bismarck der politische Erneuerer der Deutscheu. Darin liegt alsbald auch ein bedeutsamer sachlicher Unterschied: das 398 1843 biS 1871: Die Begründung des deutschen Reiches. Religiöse ein Innerliches und Ideales, das Politische ein Äußerliches, Reales nnd Realistisches, und deshalb hat uns Bismarck zu Realisten gemacht, weil die Zeit dazu erfüllt und angethan, war. Und ein zweites hängt damit zusammen: Luther bewegt sich auf einem dem Volk am Herzen liegenden Gebiet, bei Bismarck scheint es umgekehrt, uud darum begiuut er mit Gegensatz nnd Konflikt, mit Zwang und Vergewaltigung. Dem Volke der Dichter und Deuker war die Politik von Hans aus fremd und wenig sympathisch Und so scheint es, als habe er das Fühlen und Empfinden seines Volkes erst umgestalten und in seine Bahnen zwingen müssen. Aber so scheint es nur. Wir haben gesehen, wie die politische Frage seit 1815 uud vollends seit 1848 im Mittelpunkt und Vordergrund des Interesses gestanden hat und auf ihre definitive Lösung alles hinwies uud hindrängte; seit dem juugen Deutschland galt der Idealismus als überlebt, seit 1848 als unpraktisch und unbrauchbar. So bestätigt also Bismarck nur die Regel, daß große Individuen nicht groß sein und werden können, wenn sie ihre Zeit nicht verstehen, wenn sie nicht aussprechen, was diese im Tiefsten bewegt, ausführen, was sie ersehnt und erstrebt. Nicht weil ihm so Großes gelungen, sondern mehr noch weil er so groß gewesen ist und so typisch den Genius uuseres Volkes in sich verkörpert hat, ist er wie Luther zum Markstein geworden, an dem sich die Geister geschieden haben und lauge noch scheiden werdeu. Deuu auch das gehört zur welthistorischen Größe, daß sie drückt und reizt: das Verhältnis Melanchthons zu Luther ist dafür für alle Zeitcu charakteristisch, das Wort: „ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern Krieg" gilt für alle Großen. Sie drückt aber nicht nnr, sie erdrückt auch, darum pflegt auf die Zeit eines so großen und starken Menschen eine Generation von Epigonen zu folgen, und der Charakterstärke thnn sie ohnedies nicht gut. lind darin hatte Bismarck doch im Gegensatz zu Luther etwas von dem Realisten Napoleon, daß er zwar seinfühligcr als dieser die Imponderabilien, das was in der Volksseele unterirdisch schwingt, zu schätzen und zu benützen wußte, aber das Ideale zu Pflegen war nicht seine Sache, wo es und seine Trüger ihm unbequem wurden, da schritt auch er rücksichtslos darüber hinweg und schob sie verächtlich beiseite. Bismavck, 399 Aber nicht nur wie er war, schon das; er da war als einzigartig mächtige Persönlichkeit, war bedeutungsvoll für seine Zeit. Wir werden bald sehen, wie die Tendenzen dieses Zeitalters aufs Massenhafte und Nivellierende gerichtet waren: dnrch die Verleihung des allgemeinen Stimmrechts hat Bismarck denselben erst recht zum Ausdruck verholfen und ihnen mächtig Vorschub geleistet. Daß sie aber nicht alles überfluteten nnd unter ihrem Strome begruben, dafür war er da, wie ein Riese stand er und stemmte sich dagegen und an ihm brach sich die Hochflut der allgemeinen Gleichheit. Der Heroenkultus, wie ihn von England herüber Carlyle predigte, die Schützling des Genies, die Anerkennung der Individualität und ihrer Bedeutung — das alles kam auch durch ihn iu die Welt und wuchs in allerlei Formen, oft selbst im Gegensatz zu ihm, aber doch immer im Hiublick auf ihn und seine Niesengestalt, zwischen den anderen Strömungen mächtig heran und wurde zu einem der bedeutsamstell Züge iu dem Bilde von llri äe siöele. So ist die deutsche Welt in der ersteil Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts lutherisch oder autiluthcrisch gewesen, im letzten Drittel des neunzehnten ist sie bismarckisch oder antibismarckisch. Deshalb wird seine Gestalt, wie sie alles überragt, so auch bei allein, was wir noch zu berichten haben, beherrschend, bestimmend, beeinflussend, herausfordernd, hemmend, bekämpfend uns immer im Sehfeld bleiben nnd häufig wieder in den Mittelpunkt desselben rücken müssen; denn nun erst hatte er sich durchgesetzt, nun erst kommt seine Zeit, in Wahrheit die Ära Bismarcks. IV. )§7) bis zum Cnde des Jahrhunderts. Ziegler, die geistigen n, socialen Strömungen des 19, Jahrh, 26 / Seine eigene Zeit in Worte fassen und sich damit gewissermaßen über sie stellen zu wollen, erscheint auch mir vermessen. Man verwechselt dabei zn leicht persönliche Stimmnngen und allgemeine Strömungen, und man steht den Menschen und den Ereignissen viel zu nahe, das Kleine und Bedeutungslose sieht man noch zu deutlich und zu groß, das Große und Bleibende ninwuchert von dein Kleinen nnd Vergänglichen viel zu klein. Und doch steht es mit der Zeit von 1871 bis 1890 hierin verhältnismäßig noch günstig: es ist die Zeit Bismarcks uud durch ihn die Zeit Wilhelms I. Diese Männer leben sich vor unsern Augen darin aus, nnd um ihretwillen hält sich auch manches Neue, das nnter ihnen unabhängig von ihrem Eiufluß heranwächst, sast geflissentlich und seine Zeit abwartend zurück. , Deshalb ist der Einschnitt so scharf markiert und deshalb ist seit 1890 die Welt so anders und rings um uns her alles wie verwandelt. Dieses Neue war schon vorher da, aber aus Licht wagte es sich erst, als das Alte und als der große Alte weg war. Darum ist von diesem Neuen auch erst ganz zuletzt zu reden, lln cts siöols ist die Zeit von 1890 bis zu diesem Augenblick. Als abgeschlossen liegt dagegen die Bismarcksche Ära im ganzen doch schon jetzt klar vor unseren Augen, sie gehört mehr als uns lieb ist bereits der Vergangenheit an. Ganz deutlich zerfällt sie iu zwei Perioden, eine liberale von 1871 bis 1878 und eine zweite nicht leicht zu bezeichnende: rückläufig könnte man sie wohl in gewissem Sinn nennen, sofern jetzt mit den Konservativem regiert und ostelbischen Ansprüchen nnd romantischen Tendenzen Naum geschaffen wird; aber auf der andern Seite setzt hier auch ein Neues kräftig ein, dem sich gerade der Liberalismus nicht gewachsen und gewillt zeigt, so daß dieser mm zum Teil als das Rückständige und Rückläufige erscheint. Und zwei von diesen Elementen — das konservativ agrarische uud das romantisch 26* 404 Nach 1871. ultramontane einerseits, das socialistische und sociale aus der andern Seite überdauern die Bismarcksche Ära und wirken in der Gegenwart mächtig weiter. Allein trotzdem möchte ich hier nicht chronologisch periodisieren nnd gliedern, sondern zunächst die zwei Entwickelungsreihen herausgreifen, die sich am deutlichstem hervorheben und sondern lassen, — die abgeschlossene des Kulturkampfes und die in der Klarheit des Höhepunktes vor nns stehende des Socialismus. Alles übrige können wir teilweise in sie einfügen, teilweise mit dem Neuen des letzten Jahrzehnts in einem besonderen Schlußabschnitt zusammenfassen. Zwölftes Kapitel. Der Kulturkampf. Das neue--Reich. Bismarck und die Nationalliberalen. In den sechziger Jahreil verschlang das politische Interesse alles andere: so einseitig und namentlich auch so litterarisch gleichgültig war das deutsche Volk nie gewesen. Freytags „Verlorene Handschrist" oder Fritz Reuters „Ut mine Stromtid", die beide 1864 vollendet vorlagen, genoß man nur so nebenher, obwohl der gesunde und erfrischende Humor des letztere!?, verkörpert iir der unsterblichen Gestalt seines Onkel Bräsig, über den bitteren Ernst der Zeit hinweghelsen konnte. Allein so Schlag aus Schlag folgten die großen Ereignisse — der Militärkonflikt in Preußen, die Losung der Schleswig-Holsteinschen Frage durch deu deutsch-dänischen Krieg nnd die Einverleibung der Elbherzogtümer in Prenßen, der Krieg von 1866 und als Siegespreis die preußischen Annexionen und die Gründung des norddeutschen Bundes, und endlich der deutsch- französische Krieg und die Aufrichtung von Kaiser und Reich —, daß man atemlos znsah nud für anderes schlechthin keine Zeit, keinen Sinn, keinen Blick mehr hatte. So sind wir ans einer Nation von Dichtern und Denkern zu einem politischen, aus einem immer noch idealistischen zu einem recht realistischen Volke umgeschmiedet worden. Und nnn war also des deutschen Volkes Sehueu uud Träumen und Hoffen erfüllt, wir hatten Kaiser nnd Reich, es war Frühling geworden in deu deutschen Landen, und selten hat ein Volk hoffnungsvoller und mutiger der Zukunft entgegengesehen als wir Deutsche zu Anfang der siebziger Jahre. Wohl galt auch hier das Wort des verständigen Pfarrers in Goethes Hermann und Dorothea: 40V Nach 1871: Der Kulturkampf, Seid nicht scheu und verwundert, daß nuu auf einmal erscheinet, WaS Ihr so lauge gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget. Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben Kommen von oben herab, iu ihreu eignen Gestalten. Gerade daß das Reich „von oben herab" gekommen war, verhüllte manchem die Thatsache, daß es das Gewünschte nnd Gewollte wirklich sei. Die alten Achtundvierziger, die demokratischen Volksparteiler im Süden, und von der Generation der Konfliktsperiode die nuversöhut bleibenden Fortschrittsmänner im Norden, konnten sich mit dem Gewordenen nicht befreunden: jenen war das Reich zu monarchisch und zu preußisch, diesem war es zu bismarckisch. Daß aber die Mehrheit des deutschen Volkes trotzdem mit dieser Lösung der deutschen Frage znsrieden war, sah man nicht nur aus dem Jubel Einzelner, wie er nns z. B. in der Schrift Bnnmgartens: „Wie wir wieder ein Volk geworden find" entgegenklingt, sondern vor allem ans den Reichstagswahlen der siebziger Jahre. Die uationallibcrale Partei, so recht die Trägerin dieser frohen, optimistischen Stimmung jener Zeit, erhielt imposante Mehrheiten, bis auf 155 stieg die Zahl ihrer Sitze im zweiten deutscheu Reichstag. Zugleich eiu Zeicheu, daß das deutsche Bürgertum der Trüger der nationalen Bewegung gewesen war; denn vornehmlich ans ihm rekrutierten sich die Mitglieder dieser Partei; uud neben den die Versöh- nulig acceptierenden Flügel der Preußischen Konflikts- und Fortschrittspartei traten in ihr viele Abgeordnete aus den annektierten Provinzen und aus den selbständig gebliebenen Mittelstaaten Sachsen, Baden uud Württemberg. Da diese Partei, fast für sich allein schon die Mehrheit des Parlaments, als nächste Aufgabe den Ausbau des Reiches mit Bismarck zusammen durchzuführen hatte und da sich derselben anch die Kouservativeu nicht versagteil, so ging es verhältmsmäßig glatt nnd rasch. Wenn anch das Ministerium im weseutlicheu konservativ blieb und der König namentlich sich immer nur schwer selbst von sv reaktionären Männern, wie dem Kultusminister von Mühler trennen mochte, so wurden die liberalem Forderuugeu uud Wünsche doch durch das Parlament kräftig vertreten, und auch Bismarck ging darauf so willig ein, daß es darüber nnd weiterhin über die Das neue Reich. Bismarck und die Nationalliberalen. 407 Kulturkampsgesetzgebung zum Bruch und Konflikt mit den grollenden und nltprenßisch gebliebenen Konservativen kam. Unter den Dekla- ranten der „Kreuzzeitung", ja selbst unter den Hintermännern der „Reichsglocke" und der ganzen skandalösen Preß-Kampagne gegen „die Aera Delbrück-Camphansen-Bleichröder" sanden sich seudale nnd konservative Namen. Was man vielfach gefürchtet hatte, nach dem siegreichen Kriege komme die Reaktion, das hat sich in den siebziger Jahren nicht bewahrheitet; im Gegenteil, es war eine liberale Ära, die freilich mehr vom Willen Bismarcks abhing und nicht auf der konstitutionellen Doktrin lind dem parlamentarischen System beruhte. Vom „englischen Persassungs- und Verwaltungsrecht", wie es Gueist soeben verstehen gelehrt hatte, kam doch auch ewiges in die Gesetzgebung des Reiches und Preußens, wenn auch der Jurist dem Politiker häufiger Konzessionen machte als dieser dem Juristen. Über der Arbeit vergaß man Theorie nnd System und bei der Arbeit fand man sich, lernte man sich verstehen nnd gab sich anch hin lind her nach. An Arbeit fehlte es freilich nicht. Denn dieses neue Reich war wie der Kaisertitel zunächst noch scheinbar leer und unausgefullt und mußte uun erst mit Inhalt nnd Leben erfüllt werden. Nnd es war auch eiu recht künstlicher Ban, der zu keiner staatsrechtlichen Schablone Passen wollte und in der Abgrenzung der Gewalten unendliche Schwierigkeiten in sich zn bergen schien: das Problein, Einheit nnd Vielheit, Bestehendes nnd Neues in sich zu vereinigen, schien schier unlösbar; den Unitariern war der Einheit viel zn wenig, den Partikularisten ihrer schon zu viel. Aber siehe da! Die leeren Formen füllten sich rasch, der norddeutsche Buud hatte dariu schon kräftig vorgearbeitet: und beim guteu Willen von allen Seiten, der namentlich auch den deutschem Fürsten nachzurühmen ist, lichtete sich das Chaos erfreulich schnell, die Abgrenzung machte sich leicht und wo sie zu eug gezogen war, da wuchs nach einem glücklichen Ausdruck vou Marks „die Wirklichkeit über die unsichereu Greuzeu sröhlich hinaus." Aber daß es eine ungleiche Ehe war, dieses Verhältnis zwischen Bismarck uud der uatiounlliberaleu Partei, war unverkennbar. Größe drückt und überwältigt, wie schon gesagt, und so verdunkelte Bismarcks riesige Gestalt immer wieder das Parlament uud drohte 408 Nach 1871: Der Kulturkampf. es zur Bedeutungslosigkeit hernbzudrückeu. Oft genug erzwäng er sich durch die Einsetzung seines ganzen Willens und seiuer Persönlichkeit Nachgiebigkeit auch da, wo eine solche mit den Principien und dein Programm einer liberalen Partei schlechthin unvereinbar war. Viel seltener setzte umgekehrt die liberale Partei ihm gegenüber ihren Willen durch. Aber gerade weil der Widerstaud so oft bei der dritten Lesung erlahmte, minderte sich Bismarcks Respekt vor der Partei, und das häufige Widersprechen Lasters erschien ihm mehr wie schulmeisterliches Besserwissenwollen als wie charakterfeste Opposition nnd reizte und erbitterte ihn darum über Gebühr und Notwendigkeit. Ganz besonders zuwider war ihm au diesem optimistischen Liberalismus eiu gewisser sentimentaler Humanismns nnd Philanthropinismus, der sich z. B bei den Kämpfen um das Strafgesetzbuch durchzusetzen suchte und diesem harten Mann von Stahl und Eisen als Schwäche und Weichlichkeit lächerlich vorkommen mußte; so konnte er mir mit Aufbietung aller Kraft die Beibehaltung der Todesstrafe gegen den liberalen Doktrinarismus erreichen. Das alles gab dann dem Spott der Gegner von links und von rechts und dem Mißtrauen der alten Feinde Preußens immer wieder neue Nahrung und ruinierte vor allem die nationalliberale Partei selbst, der man eine übertriebene Neignng zum Abschluß von Kompromissen und eine allzugroße Nachgiebigkeit, Mangel an Rückgrat nicht ganz ohne Grund nachsagte. An Gegnern aber, die auf jede Blöße lauerten und sie auszunützen suchten, fehlte es weder dem ueuen Reich noch der nationalliberalen Partei, am allerwenigsten aber Bismarck, der auch seinerseits stets ein guter Hasser geweseu ist uud es verstanden hat, au oorsaire oorsairs st äeirri zu seiu. Die Welsen in Hannover, die freilich am wenigsten zahlreiche Rechtspartei im alten Kurhessen, die Polen mit ihreu nie verjährenden nationalen Aspirationen und ihrem unrnhvollcu Haß, die ucugewouneueu Elsaß-Lothringer, die eine zweihuudertjährige Zusammengehörigkeit doch weit mehr zn Franzosen gemacht hatte, als das ein bequemer Germanisierungs- eifer zugeben wollte, die paar Dänen im Norden von Schleswig — sie alle waren mit dem ganzen Bestand des deutschen Reiches unzufrieden. Und auch in Bayern und Schwaben, in Frankfurt und Das Unfehlbarkeitsdogina, in Sachsen lebte der partiknlaristische Preußenhaß vielfach fort und fand an der brüsken Schneidigkeit so vieler Norddeutschen nnd ganz besonders an der schnodderigen Art des sich leicht und gerne überhebenden und alles besser wissenden Berliuertums reichliche Nahrnng; das oft gehörte Wort „das verstehen die Süddeutschen nicht" hat das sich Verstehen hin und her unnötig erschwert. Aber im Grunde ging doch das Einleben iu die neuen Verhältnisse und das sich Gewöhnen an die Zusammengehörigkeit rascher, als man erst erwartet hatte, und die Gegensätze hörten bald genug ans trennende zu sein. Der Partikularismus war schnell keine Gefahr mehr für das deutsche Reich, noch einmal sei hier auch des Verdienstes der deutschen Fürsten um diesen BerschmelzungSprozeß gedacht. Das „lieber französisch als preußisch!" ließ nach 1870 nicht einmal mehr „das bayerische Vaterland" von Dr. Sigl hören, obwohl hier ein burlesk vorgetragener Preußenhaß noch bis znr Stunde seine Abnehmer findet. Das Unfehlbarkeitsdogma. Dagegen ward im Augenblick der Entstehung des Reiches mitten hinein in das innere Leben unseres Volkes eine Frage geworfen, die es wirklich zu zerklüften drohte, die nns ein volles Jahrzehnt aufs leidenschaftlichste erregt uud beschäftigt hat und die auch heute noch unser nationales nnd politisches Leben leidig beeinflußt und beherrscht — die Frage, wie sich der deutsche Staat zu dem am 18. Jnli 1870 verkündigten Dogma der päpstliche» Unfehlbarkeit und seinen Folgen zu stellen habe. Dieses Dogma war ja nicht eigentlich ein Neues. Nachdem im fünfzehnten Jahrhundert das Episkopalsystem in Konstanz und vor allem in Basel kurzdauernde Siege errungen hatte, war das Papsttum im sechzehnten Jahrhundert aus der schweren Erschütterung durch die Reformation neu erstarkt und gekräftigt hervorgegangen, so daß es schon auf dem Tridentiner Konzil die ausschlaggebende Macht iu allen Entscheidungen gewesen und von den Jesuiten schon damals die Lehre vou der persönlichen Unfehlbarkeit des Papstes aufgestellt worden war; uud seither hatten es sich diese zur Ausgabe gemacht, den Primat des Papstes zu einem immer schrankenloseren zu erheben. Doch stellte selbst Möhler noch seine 410 Nach 1871: Der Kulturkampf. „Uuvcrirrlichkeit" ausdrücklich in Abrede. Aber in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sollte nuu doch die Stunde schlagen für die öffentliche Verkündigung dieses päpstlichen Absolutismus uud seine Befestigung durch die Fixierung zum Dogma. Papst Pius IX., der bei feiner Thronbesteigung im Jahre 1846 von den überschwäuglichsteu nationalen und liberalen Hoffnungen der Italiener begrüßt worden war, hatte unter den Stürmen des Jahres 1848 mit diesen Jugeudträumeu als mit einer Jugend- verirruug rasch und gründlich gebrochen, sich nach seiner Rückkehr nach Rom ganz in die Hände der Jesuiten gegeben und unter ihrem Einfluß am 8. Dezember 1854 die von ihnen längst schon vorgetragene Lehre von der unbefleckten Empsäugnis der Maria feierlichst verkündigt, obgleich der Orden der Dominikaner gestützt auf die Autorität des heiligen Thomas von Aquiuo nie aufgehört hatte, den Franziskanern gegenüber dieser Lehre energisch zu widersprechen und sie abzulehnen. Jetzt wurde ex oatksclra herab proklamiert: „Zur Ehre der heiligen Dreisaltigkeit, zur Zierde der jungfräulichen Gottesgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstnm der christliche» Religion, aus Vollmacht unseres Herrn Jesn Christi, der heiligen Apostel Petrus uud Paulus und Unserer eignen, erklären Wir und entscheiden i die Lehre, welche sesthält, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblicke ihrer Empfängnis vermöge einer besonderen Gnade und Bevorzugung von Seiten des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers der Menschheit, vor jeglichem Makel der Erbschuld frei bewahrt worden fei, ist vou Gott geoffenbart nnd muß daher von alleu Gläubigen fest uud staudhast geglaubt werden. Sollten also einige, was Gott verhüte, sich unterfangen, anders gesinnt zu sein, so mögen sie erkennen und fortan wissen, daß sie durch ihr eigues Urteil sich verdammt, am Glauben Schisfbruch gelitten haben und vou der Einheit der Kirche abtrünnig geworden find, außerdem durch ihre That selbst den vom Rechte bestimmten Strafen verfallen, weuu sie das, was sie im Herzeu sinnen, mündlich oder schriftlich oder ans was immer für eine äußerliche Weise an den Tag zu legen wagen." Es war ein Probepfeit, dessen Gelingen zu Größerem ermutigen uud treibeu DaS Unsehlbarkeitsdogma, 411 sollte: und wirklich war die katholische Welr in Jndifferentismus und Unterwürfigkeit durch die Arbeit eines halben Jahrhunderts so zurecht gearbeitet, daß das Dogma ohne besonderes Ärgernis durchgeführt werden konnte. Ein deutscher Professor in Würzbnrg brach sogar in die freilich den Thatsachen wenig entsprechenden, über- schwänglichen Worte ans: „Es jubelt die ganze christliche Welt ob der Ehre ihrer Königin und Mutter. Bis zu den Wäldern Amerikas dringt durch die Wildnis, bis in die Kerker des fernsten Asiens durch die Folterbänke und eisernen Thore hindurch die heilige Freude lind verklärt das Angesicht des Wilden wie des Europäers, des Mongolen wie des Schwarzen; und nur die Häresie knirscht vor verbissener Wut, den Triumph der Jungfrau uicht hindern zu können." Das katholische Volk verstand die Lehre fast durchweg falsch, und die „Häretiker" zuckten über diesen scheinbar harmlosen Anachronismus gleichgiltig die Achseln. Im Jahre darauf gelang es dann der Kirche, mit Osterreich jenes Konkordat zu schließen, das der Kurie wesentliche Teile der Staatshoheit auslieferte, Österreich aber aufs neue der deutschen Bildung entfremdete und mit schuld war an der Katastrophe von 1866. Dagegen scheiterte wie bereits srüher erwähnt der Konkordatsabschluß in Württemberg und Baden. Hier war es zugleich der Abschluß eines heftigen Streites mit dem erzbischöslichen Stuhl in Freiburg, in dem sich die Regierung unglaublich ungeschickt und schwach gezeigt und den Sieg fast schon aus der Haud gegeben hatte. Die sechziger Jahre brachten im Zusammenhang mit dem italienischen, dem deutsch-österreichischen und dem dentsch-sranzösischen Kriege dem Papst den Verlnft der weltlichen Herrschast. Als Napoleon III. die Truppen, mit denen er diese Jahre lang aufrecht erhalten hatte, im Auguft 1870 aus Rom hatte zurückziehen müssen, benutzten die Italiener die ihnen durch die deutschen Siege gebotene Gelegenheit und ließen am 20. September ihre Soldaten durch die Porta Pia einziehe!,. Das war das Ende des Papstkönigtums in Italien. Doch mitten in diesen verlustreichen Kämpfen um seine änßere Machtstellung hatte Pius IX. mir um so protziger seine geistige Macht betont und sie auch thatsächlich zu befestigen 412 Nach 1871: Der Kulturkampf. und auszudehnen gewußt. Am 8. Dezember 1864 veröffentlichte er Encyklika und Syllabns, die beiden Dokumente, in denen er allem Fortschritt und Liberalismus, aller modernen Kultur und Civilisation den Fehdehandschuh hinwarf nnd alle Duldung gegen Andersgläubige, alle Glaubens- uud Gewissensfreiheit schlechtweg verneinte uud für verwerflich erklärte. Es war das eine Kriegserklärung zugleich auch gegen den Protestantismns und gegen jeden Staat, der sich der Kirche nicht bedingungslos unterwirft oder, wie Hohenlohe 1869 es ausdrückte, „gegen mehrere wichtige Axiome deS Staatslebens, wie es sich bei allen Kulturvölkern gestaltet hat". Im folgenden Jahr traf die Verdammung durch eine päpstliche Allo- kution vom 25. September 1865 die längst schon recht harmlos gewordene:? Freimaurer, als eine „verbrecherische, gegen die heiligen und die öffentlichen Dinge sich vergehende Sekte". Denn in ihnen sah die katholische Kirche etwas wie ein teuflisches Widerspiel gegen die Zoolews ^losv. nnd hörte darnm nicht ans sie zn fürchten und sie zn bekämpfen. Es war dies ein Vorspiel zn dem berüchtigten Antifreimaurerkongresse zu Trient mit seinem tragikomische»: Miß Vnughan-Schwindel im Jahre 1896. Nun sollte aber erst der Hauptschlag kommen — die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubenssachen sollte öffentlich als Dogma verkündigt und durch eiu ökumenisches Konzil sanktioniert werden. Rein dogmatisch betrachtet war das ein Jnternnm der katholischen Kirche, das Außenstehende nichts anging, und wenn die Bischöfe sich zn dieser ihrer eigenen Selbstabdanknng willig zeigten, so brauchten sich die Katholiken nicht daran zu kehren, daß die Protestanten an dieser Vergottung eines Menschen wie an einer Gotteslästerung schweren Anstoß und Ärgernis nahmen. Aber anders lag die Sache für den modernen Staat; denn in dem unfehlbaren Papst wachten notwendig alle die Herrschaftsansprüche wieder auf, wie sie in Rom von Gregor VII. bis zu Bonifaz VIII. ihm gegenüber erhoben worden sind. Vor allem veränderte das Dogma die Stellung der Bischöfe, machte sie dem Papst gegenüber ganz unselbständig und ^schloß damit eine Fülle von Konflikten in sich, welche ein selbständiger Bischof als Landeskind gewiß vermieden hätte, in die er aber nun als willenloses Organ eines unfehlbaren Das Unfehlbarkeitsdogma, 413 Oberherrn ulti^ ninntss auch Nnder seinen Willen hineingetriebeil iverden konnte. Darin sah der katholische und im katholischen Bayern ausgewachsene Hohenlohe scharfer als der ostekbische Bismarck, ivenn er als bayrischer Ministerpräsident schon im April 1869 auf die hochpolitische Natur dieser Aktiou und ans die daher drohenden Gefahren hinwies. Allein nicht bloß von außen her kamen Bedenken und kam Opposition: auch in den Kreisen deS gebildeten Katholizismus erregte die Knnde von dem römisch-jesuitischen Plan, durch ein vatikanisches Konzil den Papst sür unfehlbar erklären zu lassen, die schwersteu Bedenken. Die Bischöse, die das Dogma gutheißen sollteu, begaben sich ja damit für alle Zeiten ihrer Selbständigkeit nnd ihres Einflusses ans die Kirche und ihre Lehre zu gnnsten des einen absoluten Papstes. Ganz besonders aber nahmen katholische Gelehrte daran Anstoß, daß diese Lehre weder aus der Schrift noch aus der älteren Tradition zu begründen sei und mit bestimmten Thatsachen der Kirchen- und Dogmengeschichtc nicht im Einklang stehe. Und endlich sahen gerade die klügeren Kircheu- sürsten, auch wenn sie sachlich gegen das Dogma nichts einzuwenden hatten, schweren Herzens die Berwickelungeu voraus, iu die durch seine Verkündigung die Kirche mir dem Staat und mit der gauzen modernen Bildnng geraten mnßte. Namentlich war es auch diesmal wieder der deutsche Geist, der dagegen reagierte und sich anslehnte. So wies der Bischof Hefele von Rottenburg in einer gelehrten Schrift „(?au8k Honorii i?apas" nach, daß der Papst Houorius I. ex oat^sära eine ketzerische Form des Dogmas vom Gottmeuscheu uud seinem Willen verkündigt, die sechste ökumenische Synode darauf über den toten Papst als Ketzer das Anathema ausgesprochen hat und daß seine Verurteilung von seinen Nachfolgern anerkannt und von späteren Synoden wiederholt worden ist; woraus sich von selbst ergab, daß ein Papst auch Häretisches lehren, also nicht unfehlbar sein kann. Selbst der streitbare Bischof Ketteler von Mainz, der das neue Dogma freilich nur für gefährlich und inopportun hielt, that noch in letzter Stunde vor Pins IX. einen Fußfall und beschwor ihn im Namen der meisten deutschen Bischöfe, auf die Verkündigung desselben zu verzichten. Und ebenso bemühten sich katholische Gelehrte, vor allem 414 Nach 1871: Der Kulturkampf, in München Döllinger, Friedrich, Huber, dieselbe zn verhindern und die öffentliche Meiuung — z. B. durch die vielbemerkteu und auf besten Juformatioueu beruhenden „Jauus"briefe in der Allgemeinen Zeitung — dagegen in die Waffen zn rufen. Aus dem Konzil selbst aber machte der österreichisch-kroatische Bischof Strvßmaier die strammste Opposition nnd setzte alles daran, gegen das Dogma eine Mehrheit zustande zu bringen. Allein vergebens. Unter Zustimmung von 533 Mitgliedern des Konzils wurden durch die Koustitution I^8tor ssterrms die Glaubenssätze vou dem unbegrenzten Universalepiskopat des römischen Bischofs und als ein von Gott geoffenbartes das Dogma vom nnsehlbaren Lehramt des ex oatliscli-Ä redenden Papstes verkündet, wenn er eine den Glauben oder die Sitten betreffende Lehre definiere; wie es wörtlich heißt: „üomirnum ?nutiöeeiri, euru ex oatliecliÄ loc^uitnr, est eurn omiiiuni - eliriistianoruin ?astoris et Doeroris munsre kunASizg, pro 8uprem^ sna apostolioa auetoritate clootrinani cle ücle vel moridus ab univer8a Ucolssia teiienclaill cletlnit, per a88i8tentiain clivinam ipsi in L. ?etro proiinssam, ea inkiillikilitats pollere, <^u!l clivinu.? reclemptor U!eriln>8 in8truotam e88e voluit; i6eoc^us eiu8mncl! U,»mani ?oiititie!8 cletliiitione8 e88e ex 8ess, non irntenr ex eon8en8n Leole8iÄS irrelc>rinaoile8. 3i <^ui3 autenr öuio ^08trae cleknitioni eontra6ieere, cpiocl Den.? avertat, praesullip8srit, anatl^eraa 8it". Nicht stimmten freilich gerade diejenigen Bischöfe zu, die die gebildete Hälfte aller Katholiken vertraten, von den deutscheu haben nur vier ihr Placet abgegeben. Das war am 18. Juli 1870, also am gleichen Tag, an dem Frankreich wegen der spanischen Königskandidatur eiues hohenzollernschen Prinzen an Deutschland den Krieg erklärte. Als die deutschen Bischöfe nach Hause kamen, fanden sie ihr Volk unter Waffen gegen das katholische Frankreich, uud zwei Monate später war es aus mit der weltlichen Herrschaft des unfehlbaren Papstes, die italienischen Truppen scheuchten die letzten Neste der zum Konzil versammelten Geistlichen aus Rom weg. Auch da hieß es „die Weltgeschichte ist das Weltgericht"! Hier in der Heimat trat aber nun an die deutscheu Bischöfe, soweit sie der Opposition angehört hatten, die Frage heran, ob sie Das Unsehlbarkeitsdogma, 415 an ihrer Überzeugung festhalten uud damit die Einheit der Kirche gefährden nnd auflösen wollten. Doch dazn mnd keiner von ihnen den Mut und die Kraft. Die meisten unterwarfen sich sosort, nnter ihnen auch Ketteler von Mainz, ihr Hirtenbrief aus Fulda, der die Fortsetzung des Widerspruchs als „ein mit den Grundsätzen der katholischen Kirche unvereinbares Beginnen" bezeichnete, ist ein recht unerfreulich sich windendes Aktenstück. Am längsten zögerte der Rottenbnrger Hefele, uoch im November 1870 bezeichnete er das nene Dvgma als „einer wahrhaftigen, biblischen nnd traditionellen Begründung entbehrend und die Kirche in unberechenbarer Weise beschädigend"; aber im April 1871 hat auch er, vou der württem- bergischeu Regierung im Stich gelassen, ebenfalls nachgegeben und das Dogma in seiner Diöcese verkündigt. Man mnß ihn wie ich kurz vor dem Konzil und unmittelbar nach seiner Unterwerfung gesehen haben, nm die Seelenkämpfe zu ahnen und zu ermessen, die ihn in kurzer Zeit ans einem kräftigen Mann zn einem gebrochenen Greis gemacht haben. Der Bischof hat nicht nnr, nach Hase's Wort, den Gelehrten, sondern auch den Menschen in ihm erwürgt. In die maszlosen Vorwürfe über solche Schwäche kann ich aber auch vom sittlichen Standpunkt aus nicht einstimmen. Es war eiu Konflikt der Pflichten, dessen Lösung doch wesentlich durch die Individualität bedingt ist; der Starke wird in solchem Fall seiner Überzeugung solgeil und die Fahne deS Aufruhrs erheben; wer sich aber diese Stärke nicht zutraut, wem vor den möglichen Folgen graut, dem fehlt dazu nicht nnr der Mnt, sondern anch das moralische Recht; und Hefele war kein kühner Neuerer uud Irorains äaetion, sondern ein feiner Gelehrter, der theoretisch kühn, in der Praxis scheu uud ängstlich die Verantwortung für Abfall nnd Schisma nicht ans sich zu uehmeu wagte. Von Luthers ebenso temperamentvollem als gottvertrauendem Wagemut hatte er kein Füttkcheu iu sich: wer null ihn darob schelten? Anch hier gilt: oxsrari Lsauitur esse; auch er konnte nicht anders. Daß die Mehrzahl des Volkes, nnd nicht nur die urteilslose Masse, sondern auch die Gebildete«, Laien wie Priester, ihren Bischöfen fvlgten, bewies, wie gut die jesuitisch-nltramontane Partei seit den Tagen der Romantik gearbeitet hatte. Wir haben gesehen, das; die 416 Nach 1871: Der Kulturkampf, Kirche auch eine Zeit wie die des Jahres 1848 für ihre Zwecke zu benutzen wußte. Wir können hier nachtragen, daß sie trotz ihrer Verbindung mit der Reaktion und den reaktionären Prinzipien der Legitimität und Autorität auch die demokratischen Allüren, die sie sich damals aneignete, sortan sestgehalten hat. Namentlich die Vereinsbildung wnrde jetzt energisch in die Hand genommen; zur „Belebung des katholischen Sinnes", zur Mehrung religiöser Freiheit entstand im April 1848 der Pinsverein; Vincenz- und Boui- satiusvereiu solgtcn, den schon vorher bestehenden Gesellenvereinen wnrde erneute Ansmerksamkeit zugewandt. Damit aber diesen Ver^ einen das einigende Band nicht fehle, wurde ebeufalls 1848 zum erstenmal und hinfort alljährlich anf einer großen allgemeinen Septemberversammlung Heerschau über sie gehalten, und schließlich alle diese Bestrebungen in dem nachgerade 180000 Mitglieder zählenden katholischen Volksverein zusammengefaßt. Dabei war wichtiger als der jedesmalige Zweck eines solchen Vereins oder als die Reden nnd Beschlüsse dieser Versammlungen die Erziehung und Disziplinierung der Massen, womit sich nötigen Falls ihre Faua- tisiernng unschwer verbinden ließ. Aus diese Vereine, die „nach und nach alle Teile des Volkslebens umspannen" und dieses dem jesuitischen Geiste unterwerfen sollten, konnte man unbedingt zählen, wie später bei den Neichstagswahlen, so damals im Jahre 1870, als es sich um das jesuitische Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit handelte. Die Saat ging anf, die Kirche bestand die Probe auf ihre Geschlossenheit und ihr festes Machtgefüge im ganzen vortrefflich. Der Altkatholizismus. Aber ohne Widerstand ging es doch nicht ab. In dem Kreise der katholischen Gelehrten war man durch die Mißhandlung seitens der Jesuiten uud durch deu mit dem Index und der Censur getriebenen Mißbrauch ohnedies sehr schwer gereizt. Die Verurteilung des Österreichers Günther hatte, ähnlich wie einst die von Hermes, bei seinen zahlreichen Anhängern böses Blut gemacht; nnd daß Döllinger sich allerlei Verdächtigungen und Vergewaltigungen ge- sallen lassen und seine Opposition immer wieder gut machen und entschuldigen mußte, kränkte ihn und seine Freunde schwer. So regte sich Der Altkatholizismus. 417 noch einmal der deutsche Geist der individuellen Freiheit uud der wissenschaftlichen Ehrlichkeit, auS solchen Motiven heraus entschloß man sich, nicht leichten Herzens, zu Protest und Widerstand gegen das neue Dogma. Die Führung übernahmen Döllinger, Friedrich, Reusch, Schulte, Reinkens, neben dem von früher her schon oppositionellen Bonn war diesmal auch München ein Hauptsitz des Widerstandes. In welchem Sinn der Widerspruch erhoben wurde, zeigt vielleicht am kürzesten eiue vom Rhein ausgehende Erklärnng: „in Erwägung, daß die im Vatikan gehaltene Versammlung uicht mit voller Freiheit beraten und wichtige Beschlüsse nicht mit der erforderlichen Übereinstimmung gesaßt hat, erklären die unterzeichneten Katholiken, daß sie die Dekrete über die absolute Gewalt des Papstes und dessen Persönliche Unfehlbarkeit als Entscheidungen eines ökumenischen Konzils nicht anerkennen, vielmehr dieselben als eine mit dem übereinstimmendem Glauben der Kirche im Widerspruch stehende Neuerung verwerfen". Nnn gab es freilich unter den Prvtestauten nicht wenige, die da meinten, nachdem sich im neunzehnten Jahrhundert die Katholiken von römisch-jesuitischer Seite so vieles und darunter auch ein nenes Dogma, wie das von der unbefleckten Empfängnis der Maria, haben gefallen nnd aufoktroyieren lassen, sei der Widerstand nicht mehr konsequent und komme jetzt schon zu spät: wer a bis y gesagt habe, könne und müsse auch noch z sagen, könne und-müsse auch uoch dieses letzte Dogma mit in den Kauf nehmen. Allein so richtig das vom Protestantischen Standpunkt auS gedacht war, aus dem der Subjektivismus in jeder Frage und an jedem Punkt sein Recht beansprucht, innerhalb des Katholizismus mit seiner starren Objektivität und seiner Verusnng auf Autorität und Tradition steht die Sache anders. Wenn also Männer wie Döllinger, deren Nechtglänbigkeit bis dahin wenigstens nach anßen hin über jeden Zweifel erhaben gewesen war und die ihrerseits als streitbare Kämpfer und als Zierden der Kirche gewirkt und gegolten hatten, sich gerade an diesem Pnnkt zum Widerstand entschlossen, so mußte im llnfehlbarkeitsdogma doch eine ganz besonders starke Provokation liegen, nnd darnm gerade hier ein Ansbänmcn des deutschen Gewissens nnd des deutschen Frcihcitsgefühls gegeu die römisch-jesuitische Vergewaltigung des- Ziegler, dic qeistiqcu u. sociale» Strommigcn dcS 19. Jahrh. 27 418 Nach 1871: Der Kulturkampf. selben als sittlich berechtigt und notwendig anerkannt nnd der Protest der deutschen Wissenschaft dagegen mit Achtung begrüßt werden. Und wenn auch die deutschen Bischöfe bis zur Entscheidung in diesem Dogma eine Gefährdung des Friedens zwischen Kirche und Staat gesehen hatten, so dnrfte man sich vor allem von staatlicher und staatstreuer Seite her dieses Widerstandes sreuen. Jedenfalls aber — ignorieren konnte man die Bewegung schon deshalb nicht, weil sie zu Verwickelungen zwischen Kirche nnd Staat führen mußte. Theologische Professoren und einzelne Geistliche, die das Dogma nicht annehmen wollten, wurden von ihren Bischöfen exkommuniziert uud ihnen ihr Lehramt entzogen, — das führte zu Eingriffen in Rechte des Staates, der die Professoren angestellt hatte. Und als sich bald auch ganze Gemeinden von „Altkatholikcn" bildeten, die den Anspruch erhoben, nach wie vor gute Katholiken zu sein und nnr das neue Dogma nicht anerkennen wollten, da mußte der Staat zu dieser Neubildung kirchlicher Gemeinschaften Stellung nehmen, namentlich die Frage der Mitbenützung der Gotteshäuser sührte zu schwer lösbaren Streitigkeiten. Und als vollends 1873 von den Vertretern dieser Altkatholiken ein eigener Bischof in der Person des Breslaner Professors Reinkens gewählt und von dem Bischof der alten jansenistischen Kirche Hollands in Rotterdam rite konsekriert war, da mußte auch ihu der Staat anerkennen, schützen und dotieren. Am günstigsten zeigte sich der Bewegung Baden, dessen Negierung damals in der starken Hand Jollys lag, am zurückhaltendsten war Bayern, wo freilich auch die Gegensätze am schroffsten waren und den geistigen Führern der Bewegung die fanatischsten Bischöfe uud die zurückgebliebenste Landbevölkerung gegenüberstanden. Dem Umfang nach war und blieb freilich die altkatholischc Bewegung klein, Hase rechnet etwa 100 000 Altkatholikeu im Reich und in der Schweiz, 1878 waren ihrer in Deutschland 52 000, die dann allmählich unter 30000 zurückgegangen sind. Von Anfang an war es eben auch diesmal wieder verhängnisvoll, daß keiner der opponierenden Bischöfe sich an die Spitze der Bewegung gestellt oder sich ihr auch nur nachträglich angeschlossen hat; in einer so straff disziplinierten Kirche folgt die Herde fraglos dem Hirten, Aufmarsch zum Kampf. 419 wohin er sie auch führe. Im Laufe der Zeit stellten sich aber auch innerhalb dieser kleinen Kirche selbst Gegensätze heraus. Während die einen sich ans die Abweisung des neuen Dogmas beschränken und im übrigen einfach katholisch bleiben wollten, gingen die anderen zn tiefer greisenden Reformen weiter; nnd als diese Partei der „Reform der kirchlichen Znstände sowohl in der Versassnng als im Leben der Kirche" siegte, kehrten doch manche dem Altkatholizismus rasch wieder den Rücken, andere zogen es unter solchen Umständen vor auch noch den nächsten Schritt zu thun nnd traten Zum Potestautismns über. Auch die Aushebung des Cölibats- zwaugs, so berechtigt sie war, wirkte doch im ersten Augenblick nicht durchweg günstig und gab zu allerlei Mißdeutungen Anlaß. Aber die Hauptsache bei dem Abfall und der Kircheubilduug dieser „Altkatholikeu" war der moralische Eindruck, der, namentlich anch dnrch das Gewicht der Namen, die an ihre Spitze traten, die Zahl bei weitem aufwog und auch durch die Paar Unwürdigen, die sich anschlössen, nicht wesentlich beeinträchtigt wurde: dem kouute sich auch die katholische Kirche nicht verschließen, daß sie noch einmal ärmer gewordeu war au Geist uud Gewissenhaftigkeit, an Mut uud Freiheitsgefühl. Die Bewegung war ja eine weit ernstere und sittlich höher steheude als die des Deutschkatholizismus; mit der Reformation des sechzehnten Jahrhunderts kanu sie sich freilich weder an Tiefe noch an Stärke irgendwie vergleichen, am meisten gemahnt sie an den JanseniSmns und seinen Protest gegeu jesuitischen Geist uud päpstlichcu Absolutismus. So bedeutet der Altkatholizismus eiue iuuere Schwächung der katholischen Kirche — einen Dolliuger verliert man nicht, ohne den Verlust zu spüreu —, weuu anch äußerlich, gerade im Zusammenhang mit dem alt- katholischen Gegensatz, eine gewaltige Steigerung und Zusammeu- raffnng ihrer Macht und Machtmittel die nächste Folge war. Aufmarsch zum Kampf. Ich habe schon erwähnt, daß noch vor der Eutscheidnng iu Rom der damalige bayerische Ministerpräsident Fürst Hohenlohe in einem Rundschreiben vom 9. April 1869 auf die Gefahren hinwies, welche dem Staat dnrch das Unfehlbarkeitsdogma erwachsen 27* 420 Nach 1871: Der Kulturkampf. müssen, und zn gemeinsamen Abwehrmaßregeln anssorderte. Aliein Bismarck, darin ein echter Ostelbier, daß er Wesen, Macht nnd Behandlung der katholischen Kirche nicht verstand, lehnte die Beteiligung ab und glaubte durch vorbeugende „Mahnungen und Warnungen" eiueu etwa drohenden Konflikt zwischen Staat nnd Kirche beschwöreu zu können. Uud so lebte er denn bis 1870 iu vollem Frieden mit den Katholiken Prenßeus und wollte keinen Krieg mit ihnen. Es war dies gewissermaßen traditionell in Prenßen seit dem Regierungsautritt Friedrich Wilhelms IV., und die konservative Parteiregiernng der fünfziger Jahre hatte das für ein notwendiges Bestandstück ihrer Verwaltung angesehen, uameutlich in Personensrageu deu katholischen Wünschen die weitgehendste Rechnung zu tragen. Nogge, der in dieser Zeit als Militärgeistlicher iu Koblenz stand, klagt, daß die Anmaßung, mit welcher der Ultramontanismus am Rhein, namentlich wieder in der Frage der gemischten Ehe», ausgetreten sei, vor allem in der schwächlichen Haltung der Regierung Ermutiguug gesunden habe. „Der Ober Präsident von Kleist-Retzow, der von Aufaug der fünfziger Jahre bis zur Übernahme der Regentschaft durch deu Prinz von Preußen an der Spitze der Verwaltuug stand, hatte es als seine besondere Aufgabe angeseheu, mit der katholischen Kirche zu liebäugeln, in der Meinung, in der überwiegend katholischen Rheinprovinz dadurch am besten die ihm verhaßten liberalen Neigungen bekämpfen zu können, und diese Haltung wirkte auch nach seiner Enthebung von dem Amte des Oberpräsidenten noch lange in verhängnisvoller Weise nach." Verwuuderlicher war, daß einen nicht geringen Anteil an dem Überhandnehmen und Anwachsen dieser ultra- montanen Strömung in der Nheinproviuz „die oft über das. Maß hinausgehende wohlwollende Haltung hatte, welche die Priu- zessiu vou Preußeu schou als solche uud iu uoch höherem Maße uach der Throubesteiguug ihres hohen Gemahls als Königin alleu katholischen Bestrebungen gegenüber einnahm". Wenn Rogge trotzdem „das Gerede über ihre Hinneigung zum Katholizismus in das Gebiet der Fabel verweisen" und jene Haltung auf ihre Bewunderung für die äußerliche Machteutfaltung der römische» Kirche uud auf das Bestreben der Parität gerecht zn werden zurückführen Aufmarsch zum Kampf. 421 möchte, so kann man über solches romantische Katholisiereu hoher Damen natürlich auch weniger harmlos urteilen. Doch dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls stimmen mit dem, was er über ihre Bevorzugung von Klöstern und sonstigen katholischen Anstalten und Werken der Barmherzigkeit aus dieser Koblenzer Zeit er- zählt, auch meine mehrjährigen Beobachtungen in Baden-Baden aus den siebziger Jahren durchaus zusammen; und ebenso treffe ich im Endurteil mit ihm überein, daß „diese Haltung, die von allerhöchster Stelle zu allem genommen wurde, was mit den Einrichtungen uud Bestrebungen der römisch-katholischen Kirche zusammenhing, nicht versehlen tonnte, das Selbstbewnßtsein der leitenden und maßgebenden katholischen Kreise zn steigern und der evangelischen Kirche ihre Stellung vielfach zu erschweren". So wenig dachte man iu Preußen damals vou obeu her au einen kirchlichen Konflikt. Allein jene schon erwähnte Katastrophe, der Einmarsch der Italiener in Rom und die völlige Vernichtung der weltlichen Herrschast des Papstes, vereitelte diese friedlichen Absichten. Wir wissen heute, daß, wie Döllinger schon 1861 vorausgesagt hatte, das Papsttum durch diesen Verlnst an seinem kirchlich-moralischen Prestige nichts eingebüßt hat, sondern nur einer Last und der Blamage, den schlechtest regierten Staat der Welt als Kirchenstaat vor aller Augen darzustellen, ledig und loS geworden ist. Doch im ersten Augenblick glaubte die Kurie wohl selbst, wie sie es als Fiktiou bis zur Stunde aufrecht erhalten hat, daß das ein wirklicher Verlust und eine clsminutio cg,pit>is für sie sei und erhob darnm das fürchterlichste Gezeter. Und doch kamen gerade jetzt für sie die Tage stolzesten Triumphes, wie sie sie noch selten erlebt hat, und sie kamen ihr nicht zum wenigsten dort, wo sie wie immer so anch jetzt wieder den heftigsten Widerstand zu besiegen hatte, in Deutschland. Mitten im Krieg eilte der polnisch-deutsche Erzbischos Lcdo- chowski nach Versailles uud erhob dort den Anspruch, das ucue Deutsche Reich solle sich dem von den Italienern Roms und seiner weltlichen Machtstellung berankten Papste zur Verfügung stellen. Daß das den Krieg gegen Italien bedeute zu dem noch nicht 422 Nach 1871: Der Kulturkampf, beendeten mit Frankreich hin, genierte ihn und seine Gesinnungsgenossen wenig; aber ebenso selbstverständlich, daß sich BiSmarck pflichtgemäß dieser Forderung versagte. Allein darin lag nicht der einzige Grund, daß sich schon im November 1870 bei den Wahlen zum preußischen Landtag, dann im März 1871 bei denen zum ersten deutschen Reichstag ähnlich wie beim Frankfurter Parlament im Jahre 1848 die Katholiken als solche zusammenscharten nnd die von ihnen gewählten Abgeordueteu eine besondere katholische Fraktion bildeten; und zwischen hinein erfolgte die Gründung der ultramou- tancn „Germauia" in Berlin, deren erstes Blatt am I. Januar 1871 erschien. Man war darüber um so mehr erstaunt und beunrnhigt, als die Führung der Partei ein der Neugestaltung Deutschlands seit 186K feindlich gegenüberstehender und Wohl auch durch Person liehe Nichtbeachtung gekränkter Welse — Ludwig Windthorst — übernahm. Dieser gefährliche Mann zeigte sich alsbald als vollendeter Meister ! politischer Geschicklichkeit. Ihm gelang, was fast unmöglich schien, die auseinanderstrebenden Elemente zu einer kompakt geschlossenen Partei zusammenzufassen, — auf der einen Seite die hannoveranischen Welfen und die antipreußischen Partikularisten ans Bayern, ans der auderu Seite patriotisch gesinnte Preußen, nnd unter diesen wieder die freiheitlich, fast demokratisch angehauchte» Nheiuläuder neben den feudalen Rittergutsbesitzern aus Schlesien; und es war -nicht etwa ein Herrschen über Nullen, Mäuuer wie die beiden Reichen- sperger und Maklinckrodt, wie Schorlemer-Alst und Frauckeustein haben sich Jahrelang dieser seiner Führung uutcrworsen. So hatte der Katholizismus, der seit 1848 unablässig gerüstet hatte, mobil gemacht, uud in der Person des Führers lag uuverkeuubar eiue feindliche Spitze gegen den neuen deutschen Staat. Trotzdem hat Bismarck, der nach feiner ausdrücklichen Erklärung durch diese ganze Schildcrhebuug überrascht wurde, den Ausbruch des Kampfes solange als möglich zn verhindern gesucht. Eiu Kamps mit der Kirche kounte seinem Werke und den nächsten Aufgaben deS Reiches uud seiuer Ausgestaltung nur schaden, widersprach seinen Persönlichen Anschnnuugcn und Neiguugcn uud mußte bei Kaiser Wilhelm und noch mehr bei dessen Fran, der in der Welt der Nomantik wurzelndeu Kaiserin Augustn aus Widerstnud uud Friktionen stoßen. ' Der Kampf. 423 Überdies garantierte die Person des ans den Konfliktsjahren her beibehaltenen Kultusministers, des reaktionären und streng kirchlich und kvusessionell gesinnten Herrn von Mühler, noch immer für die Nachgiebigkeit des Staates gegen die kirchlichen Ansprüche in allen Cinzclfragen bis an die letzten Grenzen des Möglichen. So ist jedenfalls der Kampf nicht von der NegierungSseite ansgegangeu, denn ihr konnte er mir unerwüuscht sciu. Umgekehrt drängte auch das Centrum dazu nicht mutwillig, seine Existenz war schon der Kampf, aber diese Existenz war eine in dem Gang der Dinge, in der Entwickelung der katholischeil Kirche im neunzehnten Jahrhundert liegende Notwendigkeit, es mußte zum Zusammenstoß zwischen ihr und dem neuen Staatsgebilde kommen, das sich durch Niederwerfung des katholischen Österreich nnd des katholischen Frankreich konstituiert hatte und an dessen Spitze ein protestantischer Kaiser stand. Die Existenz des nencn Reiches war an und für sich schon eine Niederlage der ultramontanen Kirche, die Existenz des Centrums war der Versuch, dem Reiche deu Sieg zu eutreißeu, und das bedeutete Kampf. Der Kampf. Dieser begann denn auch sosort. Das Centrum stimmte gegen die die Thronrede beantwortende Adresse im ersten deutschen Reichstag, weil dieselbe die Nichteinmischung Deutschlands in das innere Leben anderer Völker ausdrücklich betonte nnd damit auch der mittelalterlichen Kaiserpolitik in Italien nnd den neuesten Hoffnungen auf die Beihilfe Deutschlands zur Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes entgegentrat. Nnd umgekehrt verlangte eS die Aufnahme der schlecht redigierten Artikel 15 nnd 18 der preußischen Verfassung, welche in vagster Weise der Kirche die selbständige Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten zusagten, in die Reichsverfassung. So war die Situation einer Kampfstellnng durch das Centrum gegeben und die Stimmung hin nnd her gleich von vorne herein verbittert. Dazu brachte danu die Altkatholikenfrage in Bayern, Baden und Preußeu mit Notwendigkeit Schwierigkeiten und Reibungen, uud selbst Herr v. Mühler konnte sich der Pflicht des 424 Nach 1871: Der Kulturkampf. Staates, seine Beamten gegen die Übergriffe der Bischöfe zn schlitzen, nicht entziehen. So brach denn der Kampf los, den man nach einem Worte Nirchows den „Kulturkampf" zu nennen pflegt. Er wurde natürlich am vorsichtigsten in Bayern, dafür um so energischer in Baden durch Jolly, iu Preußen durch den 1872 als Kampsminister an Mühlers Stelle berufenen Kultusminister Falk uud im Deutschen Reiche vielfach durch Bismarck selbst geführt. Im Reich der Kauzelparagraph, wonach Geistliche, die bei „Ansübuug ihres Berufes Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstand einer Verkündigung oder Erörterung machen", uuter Strafe gestellt wurden, die Ausschließung des JesuiteuordeuS auS dem Reich nach dem Porgang der Schweiz, die Einführung der Eivilehe: in Preußen die Aufhebung jener beiden Verfassungsparagraphen, das Schulaussichtsgesetz, welches die Schule vou der Kirche emauzipiereu sollte, die Bestimmungen über die Vorbildung nnd Anstellung der Geistlichen, das Gesetz über die Verwaltung erledigter Bistümer und die Errichtung eines königlichen Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten — so solgten sich die Maigesetze der Jahre 1873 nnd 1874 Schlag auf Schlag. In Baden kam dazn noch die Einführung der den Mtramontanen besonders, verhaßten Simultanschule. Nud als die Preußischem Bischöse uud viele Geistliche sich zu gehorchen weigerten, wurden ihnen die Temporalien gesperrt, wurden sie abgesetzt, gefangen gesetzt oder ausgewiesen; und da der Staat die nicht zur Anzeige gebrachten Geistlichen nicht anerkannte und ihirxn jede Amtshandlung untersagte, und umgekehrt die Gemeinden von dem ihnen erteilten Recht der Psarrwahl keinen Gebrauch machten, so stand der größte Teil der Bistümer uud etwa eiu Viertel der Pfarreieu verwaist. Mit Spauuuug verfolgte man im Volk die aufregenden Debatten im Reichstag uud iu deu verschiedene» Einzellnndtagen, vor allem dem preußischen. Hier wurden große weltgeschichtliche Fragen von beideu Seiten mit Geist und Kraft erörtert und die verschiedenen Standpunkte mit Leidenschaft und Erbitterung verfochten. Ganz abgesehen von allein, so aus geistiger Höhe ist der Parlamentarismus in Deutschland weder vorher noch nachher ge- Der Kampf, 425 standen, wenn es auch den Rednern auf staatlicher Seite zuweilen an den für diesen Kampf notwendigen Kenntnissen fehlte; etliche Kirchenhistoriker hätten damals dem Parlament Wohl angestanden. Und den Redeschlachten sekundierte die Presse: in Tageszeitungen, in Wochen- und Monatsschriften, in Flugschriften und großen gelehrten Werken wurde das pro und contra eisrig erörtert und immer neue Gründe und neue Gesichtspunkte beigebracht und herausgehoben. Von den Parteien standen sich am klarsten gegenüber das Centrum als Träger der katholischen Ansprüche und der Abwehr gegen die staatliche Kirchengesetzgebung, und anf der andern Seite die nationalliberale Partei, mit deren Hilfe vornämlich Bismarek nnd Falk im Reich und in Preußen, Jolly iu Baden jene Gesetze durchbrachten. Die Konservativen waren zwiespältig in sich selber — als Regierungspartei zur Heeresfolge anch hier bereit, als streng kirchlich-konsessionelle Partei für den Widerstand des Centrums nicht ohne Mitgefühl und betroffen und besorgt über die Wirknng, die diese Gesetze auch auf die protestantische Kirche ausüben mußten: die Civilehe als obligatorische und das Schnlanfsichts- gesctz liefen auch der orthodox-protestantischen'Anschannng entgegen, nnd die Simultanschule in Baden war ihnen ebenso ein Greuel wie den Ultramontanen. Umgekehrt erkannten die links stehenden Parteien das Kulturinteresse des Kampfes gegen eine herrschsüchtige Kirche, von deren Oberhaupt Syllabus und Eneyklika ausgegangen war, wohl an — von Virchow stammte ja eben deshalb das Wort vom „großen Kulturkampf der Menschheit" —, aber die dadurch herbeigeführte Stärkung der Staatsgewalt und der Triumph des ihnen verhaßten Staatsmanns auch in dieser großen Sache, war ihnen unerwünscht, ihr Doktrinarismus des 1ais3S2 aller- laisse? faire verbot jedes Hinansrücken der „Grenzen der Wirksamkeit des Staates", nnd die Lehre von der Trennung von Kirche nnd Staat, die Cavour in die handliche Formel „Lliiega likera in Uksro stato" gebracht hatte, ließ sie an dem Recht des staatlichen Vorgehens gegen die Kirche und ihre Orgaue zweifeln. Aber auch in den Reihen derer, die an diesem Recht des Staates, sein Verhältnis zu der Kirche in seinem Interesse selbständig zu ordnen, nicht zweifelten, konnte man sich gewissen Bedenken gegen die 426 Nach 1871: Der Kulturkampf. Richtigkeit und Opportuuität des eingeschlagenen Weges nicht ganz verschließen, zumal die Folgen sich doch bedrohlich geuug herausstellten. Ein nationales Unglück war schon unter allen Umständen die Entfesselung der konfessionellen Leidenschaft nnd die Zuspitzung der konfessionellen Gegensätze in dem eben erst äußerlich geeinigten Reich. Dem katholischen Volk mußte es als „Kirchenversolgung" erscheinen, wenn seine „Priester in das Gefängnis geschleppt wnrden, weil sie getanft hatten, weil sie das Sakrament der Buße gespendet, weil sie in Gegenwart von Gemeindegliedern das Meßopfer dargebracht, weil sie die Kommunion ausgeteilt, weil sie Sterbenden die Wegzehrung nnd die letzte Ölung gespendet hatten", und diese „Verfolgung" ließ es mit guter deutscher Trene nur um so fester um seine geistlichen Führer sich scharen; und diese gewannen zn dem allgemeinen Nimbus des katholischen Priestertums sür sich uoch die höhere Weihe des Martyriums. Umgekehrt scheute mau auch auf katholischer Seite kein Mittel, um die Volksleidenschaft zu schüren und zu erhitzen: der Name „Hetzkaplan" stammt ebenfalls aus dieser Zeit, die Kanzel wurde zu solchem unchristlichen und unkirchlichen Treiben vielfach mißbraucht, die Presse führte eiue maßlose Sprache; und Vorkommnisse wie die Marpinger Wundererscheinungen zeigten, daß man auch den dicksten Aberglauben in den Dienst des kirchlichen Widerstandes zu stellen wußte. Und wenn die „Germania" selber das Kullmannsche Attentat auf Bismarck am 13. Juli 1874 die „Verdichtung des katholischen Zorns über die Bismarcksche Kirchenpolitik" nannte, so beweist das die Siedhitze des Kampfes nnd gab Bismarck recht, wenn er dem Centrum zurief, daß es diesen Böttchergesellen nicht von seinen Rockschößen schütteln könne. Auch von Rom her wurde geschürt, Pius IX., ohnedies ein Virtuose im Fluchen und Verdammen, brauchte die stärksten Ausdrücke uud das Jesuitenvrgan, die Liviltk oatwlic-a. führte eine Sprache von unerhörter Maßlosigkeit. Namentlich auch auf die katholischen Außenglieder des Reiches, die polnischen nnd die nenerworbcnen elsässischen Reichsteile, aber auch auf das immer noch stark Partikularistische Bayern wirkte der Kampf nicht günstig. Den anmaßlichen Anspruch von Pius IX. in seinem Schreiben an den Kaiser Wilhelm auf die Lberherrlichkeit über jeden, der getanft sei, wies der Kaiser Der Kampf. 427 selbst aufs würdigste zurück. Aber aus kultnrkämpferischer Seite ließcu taktlose Reden von eiuem protestantischen oder evangelischen Kaisertum vergessen, daß der moderne Staat absolut konfessionslos ist und jeden nach seiner Fa?on selig werden lassen muß, daß also die Konsession deS Oberhaupts den Staat selbst uicht berühren darf. Dazu kamen ernstliche Bedenken, ob nicht der Staat jenen Fricderi- eianischen Grundsatz mit den neuen Gesetzen direkt verletze nnd wirklich doch in das innere kirchliche und religiöse Leben des Katholizismus eingreise nnd dessen Selbständigkeit verletze; wenn ja, so wurde durch solche Mißgriffe die katholische Kirche mm ihrerseits zur Verteidigerin der Gewissensfreiheit, und so konnte man denn auch das zu allem brauchbare Wort, daß „man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen", auf katholischer Seite iu allen Tonarten variieren hören. Damit verband sich aber mm die Hauptsrage, ob es ans dem eingeschlagenen Wege möglich sei, die Macht der Kirche zu brechen. Denn darüber konnte man sich doch keinen Illusionen hingeben, es war eine Machtsrage, das Vatikanum hatte die im mittelalterlichen Katholizismus lebendige Idee der Wcltbeherrschnng anss neue als Leitmotiv der Kirche mit aller Deutlichkeit erklingen lassen und gezeigt, daß diese nach wie vor in ihr lebe. Und hier konnte man bald erkennen, daß die alte Wahrheit, nichts helfe einer Bewegung so sehr als das Martyrium, auch der kümpfenden katholischen Kirche in Deutschland zu gute kam. Es handelte sich freilich nicht annähernd nm Verfolgungen uud Strafen, wie sie einst im Mittelalter die Kirche dnrch den Arm des Staates so erbarmungslos über die Ketzer verhängt hatte; jenes Wort des Bischofs Martin von Pader- born von einer wahrhaft „divkletianischen Verfolgung" war eine lächerliche Übertreibung uud eine durch die Albigenserkriege und die Scheiterhaufett eines Hus oder Giordano Bruno längst überholte Reminiscenz. Aber unsere Zeit ist für das Leiden empfänglicher nnd empfindlicher, ist seinsühligcr und — materieller, nnd so genügten die Anklagen uud Verurteiluugen, die Absetzungen und Gefängnisstrafen vou Bischöfen, die Temporaliensperre gegen renitente Geistliche, die Bestrafung der politisierenden Kapläue wegen Vergehen gegen das Preßgesetz, um doch das Gesühl wirklicher 428 Nach 1871: Der Kulturkampf. Verfolgung und eines echten Martyriums zu erzeugen: und die ihrer Seelsorger beraubten Gemeinden in Preußen und Baden warfen die Schuld daran natürlich nicht auf die Renitenz ihrer Geistlichen, sondern aus die Verfolgungssncht des Staates. Die Folge von all dem war notwendiger Weise ein starkes Anwachsen der Widerstandskraft aus katholischer Seite: die Zahl der Centrumsmitglieder im Reichstag wuchs auf 100 und mehr, das hieß: in jedem Wahlkreis, in dem das nach der konfessionellen Verteilung der Bevölkeruug überhaupt möglich war, wurden Kandidaten der entschlossensten Opposition vom katholischen Volke gewählt. Innerhalb der Partei schlössen sich die verschiedenen Elemente — welfische, partiknlaristischc, demokratische, aristokratische, — immer enger zusammen; und eS nahm nicht nur die Leidenschaft nnd der Fanatismus, es nahm auch die sittliche Kraft zu, die im Katholizismus steckende echte Religiosität, der Glaube an das seligmachende Kir- chentnm wurde durch diese Vorgänge hervorgelockt und erwies sich als eine Macht. Der Gang nach Canossa. Angesichts dessen erhob sich für den Staat die Frage, ob er diesem so energisch herangewachsenen Widerstand gegenüber stand halten und sich durchsetzen könne, nnd ob er dazu auch wirklich deu Willen habe? Hier galt, was von jedem Streit nm die Macht zu sagen ist: entweder mußte man zum äußersten Widerstand entschlossen sein und darin ausharren — mindestens, wie Sell richtig sagt, „ein Menschenalter lang, über diejenigen hinaus, mit denen er begonnen war"; denn diese sind ja, durch den Kampf verbittert, nicht zu gewinnen; oder man durfte ihn überhaupt nicht anfangen. Es ist heute Sitte geworden, den Kulturkampf für einen Fehler zu erklären und dafür entweder Bismarck oder noch lieber den „Juristen" Falk verantwortlich zu machen, jeder möchte ihn sich von den Rockschößen schütteln; und der Mißerfolg scheint diesen Anklägern und Verleugnern recht zu geben. Nun ist ja gewiß, das; von staatlicher Seite der Bogen sehr straff gespannt und starke Worte gebraucht worden sind; auch übersah mau anfangs wohl, daß nicht alle jene Gesetze bleibend gültig sein sollten, sondern Der Gang nach Caiwssa, 429 manche als Kampfmittel mir zeitlichen Wert hatten. Das bedeut lichstc Übersehen aber war das des idealen Faktors, der im Widerstand der deutschen Katholiken mit drin steckte, daS war ein Punkt, wo sich Bismarcks Realismus dem Idealismus doch nicht ganz gewachsen zeigte. Er sah nur die sein Werk gefährdende Macht, ihr gegenüber hatte er recht; er sah nicht das deutsche Gewissen, das sich auch in sein katholisches Christentum nicht greifen und uicht darau rühren lassen wollte; deshalb fehlten dem Kampf auf feiten des Staates die gewinnenden nnd positiven Züge. Allein der größte Fehler lag doch nicht darin, wie der Kampf geführt wurde, sondern daß er überhaupt geführt wurde, menu mau nicht entschlossen war, auszuhalten: er lag entweder im Anfang oder im vorzeitigen Ende, nicht in der Mitte. Allzu optimistisch ist freilich die Meinnng, wenn der Staat nur uoch ein paar Augenblicke länger stand gehalten hätte, würde er gesiegt haben, die Anzeichen sür die Nachgiebigkeit der Kirche und für die Erlahmung des Widerstandes seien schon vorhanden gewesen. Die Kirche kann sehr lange warten, darin offenbart sich ihr Glaube an ihre eigene Ewigkeit, und darin lag zu allen Zeiten ihre Kraft und in allen Kämpfen ihre Aussicht aus Sieg. Aber sei dem wie es sei, jedensalls bekamen bald genug diejenigen recht, welche von Anfang an vermutet hatten, daß dem Staat für diesen Krieg die nachhaltige Kraft fehle und ihm dariu die Kirche schließlich doch überlegen sein werde. Bismarck machte — nicht als Sieger — Frieden mit der Kirche und betrat den Weg nach Canossa, den er am 14. Mai 1872 zu gehen sich verschworen hatte. Die Geschichte dieses Friedensschlusses ist noch nicht geschrieben. Daß Bismark von Anfang an in diesem Kriege sich nie recht wohl gefühlt habe, ist sicher zu viel gesagt, auch weun es ihm in retrospektiver Betrachtung selbst so vorkam: dazu war sein Kampseseiser nnd seine Kampfesfreudigkeit in der ganzen Zeit zu echt und zu groß, bald wie von Berserkerzorn eingegeben bald sieghaft und siegessicher sielen die Worte von seinen Lippen. Wohl aber war es dem Kaiser dabei nicht wohl, seiner Natur, auch seiner religiösen, widerstand dieser Kampf mit der Kirche, und das schneidige Vorgehen Bismarcks und Falks erregte auf diesem 430 Nach 1871: Der Kulturkampf, Gebiete sein entschiedenes Mißfallen. Wie alle Fürsten hat auch er an die Zusammengehörigkeit von Thron und Altar geglaubt und daher ihr Auseinandergchen als ein Unglück empfunden. Und da die Hauptträger des Kulturkampfes die Liberalen waren und mit dem politischen sich in dieser Frage auch der. kirchliche Liberalismus verband, so sah er bei seiner konservativen und religiös mit dem Alter stark nachdunkelnden Gesinnung auch darin ein Peinliches und Unerfreuliches; und diese Stimmung wurde von kirchlich-orthodoxer Seite her benützt, der Hof der Kaiserin Augusta, die nm jene Zeit immer entschiedener „katholisierte", bereitete Bismarck und Falk die schwersten Friktionen. In Baden- Baden konnte man von ihren Hofhcrren und Hofdamen die abfälligsten Urteile über die beiden hören, selbst an der Tafel bereiteten sie damit den eingeladenen Gästen schweres Ärgernis, und solche Stimmen gelangten dann durch seine Gemahlin auch wohl an das Ohr des Kaisers. Allem die Hauptsache lag doch auf anderem Gebiet. In der Behandlung wirtschaftlicher Fragen schien Bismarck ein Umschwung — vom Freihandel zum Schutzzoll — notwendig, namentlich verlangte er das Tabakmonopol im Interesse der Finanzen des Reichs, und für beides versagten sich ihm die Nationalliberalen, die ihm als ausschlaggebende Partei auch sonst lästig geworden waren.' Als sie vollends Lnst zeigten auch am Regiereu in weiterem Umfange teilzunehmen und den Eintritt mehrerer ihrer Mitglieder ius Ministerium zur Bedingung machten, da erschien ihm das wie ein Nückfall in die Doktrin des die Rechte der Krone beeinträchtigenden Parlamentarismus. Genug, er wandte sich von ihnen ab und schloß über ihre Köpfe weg und gegen sie den Pakt mit dem Centrum. Erleichtert wurde dies dadurch, daß am 7. Februar 1878 Pius IX. starb uud mit seinem Nachfolger Leo XIII. leichter zum Frieden zu kommen war: er fluchte nicht so viel wie sein Vorgänger, war also wenigstens in der Form traktabler und wünschte auch wirklich „uach Entfernung der Hindernisse einen wahren, soliden und dauerhaften Frieden zu schließen". Allein es war nur eine feinere Nummer, die er spaun, das Garn war dasselbe, iu seiner Feinheit war er sogar noch gefährlicher, und deshalb gab es keinen anderen Weg zn einem raschen Friedens- Der Gang nach Canossa, 431 schlich zu kommen, als den nach Canossa. Er wurde nun beschritten. Der Kampfmiuistcr Falk wurde im Sommer 1879 entlassen und in langsamem Abbruch die Maigesetzgebung Stück für Stück beseitigt, am einen Ort rascher, so in Bayern, anderswo langsamer, aber schließlich bis 1887 ebenso gründlich in Preußen, in Badeu noch langsamer nnd doch nicht ganz so radikal und vollständig. Im Reich steht noch zweierlei — die obligatorische Civilehe, die sich inzwischen so eingelebt und eingebürgert hat, daß die katholische Kirche, die in dem Geltungsbereich des (üoäs Xg-polson ohnedies einigermaßen daran gewöhnt war, vom Widerstand dagegen mehr oder weniger absieht und denselben als einen aussichtslosen lieber der konservativen Partei und den orthodoxen Pastoren der evangelischeu Kirche überläßt. Dagegen bekämpft sie um so leidenschaftlicher mit Nach- und Anklängen an die Knltnrkamps dcbatten und ihre Stimmung den zweiten übriggebliebenen Nest — das Jesuitengesetz; auf den Katholikeuversammlungcn ift das das nie versagende Zug- und Spektakelstück. Ob es von diesem Rest heißt: „auch dieser schon geborsten kann stürzen über Nacht", bleibt der Zukunft vorbehalten. Angesichts des sich allmählich doch ganz mit dem jesuitischen Geiste durchdringenden und indentifiziercnden Wesens der katholischen Kirche könnte man sagen, der Unterschied sei heute sachlich uicht mehr groß, ob auch vollends die Mitglieder des- Ordens selbst offen nnter uns nmherwandeln oder nicht, thatsächlich haben wir sie ja doch. Aber andererseits würden darin die Katholiken so entschieden den vollen letzten Triumph, die Protestautcu aber darin so sehr das Eingeständnis staatlicher Niederlage und Unterwerfuug sehcu, daß es — symbolisch betrachtet — doch eine recht ernsthafte Sache, etwas wie ein kan- dinisches Joch ist, das dem Staat am Schluß seines traurigen Canossaganges auferlegt werden soll. Die NeichstagSmchrhcit, welche das Centrum schou wiederholt für den Antrag auf Rück- berufuug der Jesuiten zu gewinnen wußte, hat dafür offenbar kein rechtes Verständnis, vielmehr sehen seine liberalen Bundesgenossen darin uur die Beseitigung eines Ausnahmegesetzes, als ob es nicht von jeher anch in den liberalsten Staaten oollsZia illioita gegeben hätte. Eine Niederlage aber haben die deutschen Staaten und das 432 Nach 1871: Der Kulturkampf. deutsche Reich und hat mit ihnen und durch sie auch der Protestantismus in diesem Kulturkamps allerdings doch erlitten. Die katholische Kirche ist im wesentlichen siegreich uud, was uoch viel mehr bedeuten will, innerlich gestärkt daraus hervorgegangen. „Katholisch ist Trumpf" im deutschen Reich, das Centrum die ausschlaggebende Partei im Reichstag, ein Ultrnmvntaner führt dort seit 1895 das Präsidium, uud die in den Landtagen von Preußen oder Bayern, von Baden oder Elsaß-Lothringen alljährlich sich wieder- ' holenden Klagen über mangelnde Parität erinnern mir noch an die Liraeelii cle seclitione Mereiitss. Die Annahme der Francken- steinschen Klausel, die den Einzclstaaten den die Summe vou 130 Millionen Mark in einem Jahre übersteigenden Betrag der Zölle und Tabaksteuern überwies, leitete diese Machtstellung des Centrums im Jahre 1879 ein, und noch im Jahr 1898 erwies es sich bei der Annahme des Flottengesetzes als die ausschlaggebende Partei. Die Spaltung, die dabei eintrat und zum erstenmal diesen starken Turm uach außeu hiu geborsten zeigte, läßt zwar aus tiefere Gegensätze schließen, und die gonvernemental-staatsmännische Haltung wird es uoch rascher zersetzen, als dies einst bei der nationalliberalen Partei der Fall war, weil sie bei ihm nach seiner ganzen Vergangenheit völlig wider die Natnr geht; aber das Ende des Jahrhunderts wird das Centrum uoch einheitlich und geschlossen bei einander sehen und Windthorsts Epigone Lieber wird, wenn er es erlebt, wohl auch da uoch der ausschlaggebende Mann sein und sich als solcher fühlen. Erfolge nnd Folgen des Sieges. - Daß freilich auch hier die Bäume nicht ganz in den Himmel wachsen, das hat das Scheitern des konservativ-klerikalen Schulgesetzes unter dem Freiherrn von Zedlitz-Trützschler als Kultusminister im Jahr 1892 und das Scheitern der ultramontan ameu- dierten Umsturzvorlage im Jahr 1895 gezeigt: in beiden Fällen handelte es sich um Angriffe aus geistige Mächte — auf die Schule uud die Freiheit der Wisseuschast. Vielleicht kauu man daraus schließeu, daß der Staat vor allem deshalb im Kulturkampf unterlegen ist, weil er ihn in der Person Falls in der That zu juridisch Erfolge und Folgen des Sieges. 4^! gefühlt und weil er in der Art Bismarcks allzu realistisch mit Machtmitteln um Macht gestritten uud uicht bedacht hat, daß ein Kulturkampf vor allem mit geistigeu Potenzen, mit den Waffen des Geistes uud der Krast ausgesochteu werdeu muß uud uur durch sie siegreich beendet werden kann; wie umgekehrt die Kirche uur dadurch den Sieg davon getragen hat, daß durch den Kamps in ihr die Macht der religiösen Idee entbunden und zur Hilfe aufgerufen wurde. Das wird auf protestantischer Seite meist allzusehr über- seheu. lind doch hatte schon 1855 Bnnsen mit Bezug ans den« badischen Kirchenstreit richtig erkannt, daß „sobald sich ein religiöskirchlicher Geist regt, die Negierung den Kürzeren zieht". Allein wenn wir auch diese innere Kräftigung des Katholizismus als Folge des Kulturkampfes anerkennen, dürfen wir sie doch nicht in den Vordergrund rücken, sie uns nicht allzu intensiv innerlich vorstellen. Jedenfalls überwiegt die Kehrseite. Niemals ist der Katholizismus im ganzen politischer d. h. weniger religiös, niemals streitbarer d. h. dem Geiste des Christentums ferner gewesen als in den siebziger Jahren. Seine Bischöfe wurden Diplomaten oder Heerführer, seine Pfarrer Fraktionspolitiker und seine Kapläne Agitatoren und Journalisten, und selbst die Kauzelu wurden immer aufs neue zu Wahlreden und demagogischen Aufreizungen mißbraucht; die sittlich religiöse Aufgabe der Kirche kam darüber am meisten bei der Geistlichkeit selber und durch sie zu kurz. Uud diese weltlich politische Auffassung ihres Berufes ist bei den katholischen Geistlichen, der dumpfe Groll und das Mißtrauen gegen einen Staat, der seine Kirche Jahrelang verfolgt haben sollte, ist in dem katholischen Volk hente noch nicht verschwunden; ein rechtes Herz zum deutschen Staat können sich viele noch immer nicht fassen. Das hängt schließlich doch wieder zusammen mit dem. unseligen Vatikanum, das den Papst zum unumschränkten Herrn der Kirche uud diese damit zu einem internationalen Staat gemacht hat, der durch alle nationalen Staaten hindnrchgreift und den deutschen Katholiken immer vor die konfliktvolle Wahl stellt, ob er dem Kaiser oder dem Papst jenseits der Berge zn gehorchen habe. Und auch der konfessionelle Gegensatz ist dnrch den Kultur- Zieglcr, die geistigen u. socialen Strömungen des lg. Jahrh. 28 434 Nach 1871: Der Kulturkampf. kämpf verschärft und vergiftet worden. Derselbe war freilich nicht ein Kampf zwischen Katholiken und Protestanten, sondern zwischen Kirche und Staat: aber dieser Staat hatte ein evangelisches Oberhaupt und protestantische Munster, und die Mehrzahl der kulturkämpferischen Abgeordneten waren Protestakten. Dazu kam jener taktlose Brief von Pins IX. an Kaiser Wilhelm vom 7. August 1873, worin es hieß: „Jeder, welcher die Taufe empfangen hat, gehört in irgend einer Beziehung oder auf irgend eine Weise, welche hier «Mäher darzulegen uicht am Orte ist, gehört sage ich dem Papste an". Das mußte die Protestauteu iu diesem Augenblick aufs äußerste reizen und erbittern, und selten hat man deshalb einem Wort des Kaisers Wilhelm begeisterter zngejubelt als seiner Zurückweisung dieser Anmaßung auf Grund des „evangelischen Glaubens, zu dem Ich Mich, wie Eurer Heiligkeit bekannt sein muß, gleich Meinen Vorfahren nnd mit der Mehrheit Meiner Unterthanen bekenne". Und klagten die Katholiken bis 1879 über Verfolgung uud klageu sie noch hente über mangelnde Parität, fo klagen umgekehrt in einer Reihe von deutschen Staaten die Protestanten über zu große Nachgiebigkeit, über eine ost geradezu uuglaubliche Schwäche der Regierungen, über allerlei bedenkliche Konzessionen derselben an die katholische Kirche uud über mancherlei persönliche Begünstigung ihrer Bekeuner. So ist der Zustand zwischen den Konfessionen labil geblieben, im Kleinen wie im Großen bricht da und dort züngelnd und zündend die Flamme des konfessionelle!? HaderS hervor; und wie das anders, besser werden soll, ist leider nicht abzusehen. Der Riß geht aber tiefer: die Bildung beider Teile ist eine verschiedene; das zeigt die Litteraturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts am deutlichstem Aberglauben giebt es auch unter den Protestanten nnr zu viel; aber systematisch großgezogen wird er nur in der katholischen Kirche, wenn sie immer aufs neue— zuletzt noch 1891 — den heiligen Rock von Trier ausstellt uud die vou ihm ausgehenden Wunderheilnngen aktenmäßig konstatiert, oder Wundererscheinungen wie die in Marpingen unwidersprochen läßt uud in m^orsm eoolesms Aloi-iam begünstigt. Iu eiueu wahren Abgrund von abergläubischen Vorstellungen über Satansreich und Teufelsknlt Erfolge und Folgen des Sieges. 435 ließ der Miß-Banghan-Schwindcl blicken, auf den ein großer Teil der katholischen Weit mit samt dem unfehlbaren Papst hereingefallen ist. Und auch das hängt wieder mit dem katholischen Priuzip der völligen Unterordnung der Laieu unter das unfehlbare Lehramt der Kirche und des Papstes zusammen: selbst zu sehen und selbst zu Prüfen ist ja verboten. Daher hat die Kirche kein Interesse au der Erhöhung und Erweiterung der Volksbildung und hat kein Herz sür die allgemeine Volksschule; daß diese, ein Geschöps uud Werk des Staates, sich von ihr frei uud unabhängig entwickeln, und entfalten soll, ist ihr ein Dorn im Auge und soll um jeden Preis verhindert werden. Noch weniger aber kann die katholische Kirche, wie sie sich im neunzehnten Jahrhundert schließlich bis zur Unfehlbarkeitserkläruug des Papstes entwickelt hat, die Wissenschaft iu ihrer Freiheit anerkennen und ihres Amtes, Wahrheit zu suchen, ungestört walten lassen. Wenn der Papst unfehlbar ist, giebt es in der katholischen Welt keine freie Wissenschaft; hatte doch fchon 1863 eine Versammlung katholischer Gelehrter iu München unter Döllingers Assistenz den Satz angenommcu: „Es ist GewisseuSpflicht, in allen wissenschaftlichen llntersnchungen sich den dogmatischen Anssprüchen der unfehlbaren Autorität der Kirche (d. h. also, jetzt: des Papstes) zu uuterwerfen." lind Leo XIII. hat davon auch thatsächlich Gebrauch gemacht nnd durch seine Encyklika ^etsrni patris vom 4. August 187S die Theologie und Philosophie des Thomas von Aquino als maßgebend für alle gelehrte Arbeit in der katholischen Christenheit erklärt. Daß diese Disciplinen damit auf den Staudpuukt der mittelalterlich-scholastischeu Wissenschaft zurückgeworfen siud uud ihueu jeder selbständige Fortschritt unmöglich gemacht oder als Frevel augerechnet wird, liegt aus der Haud. Die Folgen sind denn auch bereits spürbar. Ein beflissener und forcierter Thomismus uud AristotelismuS, der um alles Dazwischenliegende sich nicht kümmert oder es als Fehlgang und Irrtum verwerflich fiudet, lastet wie ein Alp auf deu theologischen nnd philosophischen Studien der Katholiken und macht ihre Arbeit unter allen Umständen unfruchtbar, vielfach aber auch uuwahr und ungerecht. Typisch dafür ist der 1897 erschienene dritte Band der „Geschichte 28* 436 Nach 1871: Der Kulturkampf. des Idealismus" von dein Prager Professor Willmann, den Paulsen ganz richtig als „das jüngste Ketzergericht über die moderne Philosophie" bezeichnet hat. Gemessen an dem „Realismus" des heiligen Thomas erscheint hier die ganze deutsche Philosophie, ans die wir stolz sind, als verwerflicher „-Nominalismus", ihr Idealismus erhält günstigstenfalls das Prädikat des „unechten", Spinoza und Kant müssen sich von diesem Pamphletisten unaufhörlich „Sophisten" schelten und der erstere dazu noch als „Fälscher", der letztere als „Prä- ditaut des Umsturzes von Glaube, Sitte uud Wissenschaft" denunzieren lassen. Dem gegenüber werden allerlei dunkle Ehrenmänner als Wegweiser zum „echteu" Idealismus und Erneuerer desselben aus den Schild gehoben und schließlich die päpstliche Thomas-Eneyklika gleichsehr als „eine That der lehrenden Weisheit, wie als reife Frucht der spontanen Negenerationsbestrebungen der christlichen Wissenschast" gepriesen. Greller ist der Riß zwischen katholischer und protestantischer Wissenschaft kaum je zu Tage getreten. Aber anch kaum je tragischer. Denn wie unglückselig muß sich eiu Gelehrter sühleu, der alles, was sein Volk Großes und Ernsthastes anfzuweisen hat an Denkarbeit und genialer Ideen konzeption, sür einen großen Jrrgang erklärt, über den man nur schelten und Wehe rufen kann, und 'der voll verbitterten Mißtrauens uud iu dem schlechten Gewissen der eigenen Gebundenheit und Unfreiheit überall da bösen Willen sieht, wo redliches und mutiges Forschen seinen eigenen Weg sich sucht und im ehrlichen Ringen um die Wahrheit auch kirchlich Überliefertem und offiziell Geglaubtem gegenüber nach bestem Wissen und Gewissen Nein zu sagen sich herausnimmt. Angesichts dieses Geistes der Ungerechtigkeit nnd dieser Neigung alles auders Gedachte zu karikieren und zu verketzern, mnsz dann freilich, trotz alles Eifers, den gerade unter Leos XIII. Einfluß die katholische Theologie und Philosophie entwickelt, um den Vorsprung des Protestautismus hereinzuholen, der Liebe Müh umsonst bleiben. Die Philosophie braucht Freiheit, unter Vormuudschast gehalten und mit gebundener Marschroute, mit Scheuklappen rechts und links kaun sie nicht gedeihen und vorwärtsschreiten; nnd auch die Theologie kann ihres Amtes Glauben und Wissen zn vermitteln nicht walten, wenn ihr das Wifsenwollen von vorue herein unter- Erfolge und Folgen des Sieges. 437 sagt und zum Verbrechen angerechnet wird. So bleibt für diese zwei Disciplinen das harte Wort von der „wissenschaftlichen Jnferiorität" des Katholizismus zu Recht bestehen. Eine katholische Philosophie ist ein hölzernes Schüreisen, nnd in der dnrch die . historische Kommission der Münchener Akademie Heransgegebenen „Geschichte der Wissenschaften in Deutschland" uimmt sich Werners Darstellung der katholischen Theologie und ihrer Geschichte ganz besonders armselig und dürftig ans. Dasselbe gilt auch von der specifisch katholischen Geschichtschreibung, zninal seitdem sich die katholische Kirche um die Ehre Döllinger den ihrigen zu uennen selbst gebracht hat. Typisch dafür ist Janssens Geschichte deS dentschen Volkes seit dem Mittelalter nnd ihre Fortsetzung dnrch Pastor. Gewiß ist hier viel neues Material ans Licht gefördert worden und hat zur Ergänzung des Bildes beigetragen: dieses Verdienst teilt das Werk mit einer Reihe von Veröffentlichungen auch aus dem Kreise der Jesuiten. Aber die Verwertung uud uoch vorher die Ansbentung der Quellen schon ist eine absolut tendenziöse, durch Weglnssnng, Aneinanderreihung, Znsammenstellung wird das Bild geradezu gefälscht und zwar immer im Sinn der Kirche, immer zu Nngunsten des Protestantismus, so daß auch hier die inajoi- LLoleZias Aloria, die Geschichte meistert und der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit Übeln Eintrag thnt. Wenn aber so der wissenschaftliche Geist sei es nuu gedämpft und geknebelt oder in der Wurzel gefälscht wird, so wird es doch bei dem Borwurf der wissenschaftlichen Jnferiorität sein Bewenden haben müssen, ^nnd damit richten sich auch alle die Klagen über Imparität von selber. Die vor allem für Staatsanstellung geforderte Parität hat die volle wissenschaftliche Gleichwertigkeit zur nnumgäuglichen Boranssetzung. Daß aber jener Vorwurf nicht etwa nur ein Ansfluß protestantischer Voreingenommenheit nnd Gehässigkeit sei, das zeigt die Statistik über die Beteiligung der Koufessiouen an den höheren Stildien, nnd das geben hochstehende Katholiken selber zu. Gerade der skandalöse Miß-Vaughan-Humbug trieb den soliden katholischen Gelehrten, deren eS in Deutschland doch noch manche giebt, die Schamröte 'aus die Wangen. In der Kölnischen Volkszeitung erhob sich im Interesse des gesunden 438 Nach 1871! Der Kulturkampf, Menschenverstandes und der deutschen Wissenschastlichkeit gegen diesen heillosen romanischen Unsug ein kräftiger Widerstand. Und noch ernsthafter lautete die Einsprache des Würzburger Professors Hermann Schell iu feiuer 1897 erschienenen Broschüre „Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts". Dem Miß-Baughau-. Schwindel gegenüber bezeichnet er es als eine Schande, daß „solcher unchristlicher Aberglaube und mythologischer Unsinn" überhaupt eine Enthütluug und Entlarvung nötig gehabt habe und gesteht angesichts dessen die misseuschaftliche Juferiorität des Katholizismus »numwnnden zu. Als Gründe dafür macht er sich zn eigen, was Kardinal Mauniug, Erzbischos vou Westminster, 1890 in einer Art von geistigem Testament in acht Punkten zusammengefaßt hat. Es sei 1. der Mangel eines Klerus, der wisseuschaftlich uud bürgerlich vollgcbildet sei; 2. die Seichtigkeit der Predigt; 3. die immer mehr im Zunehmen begriffene Neiguug der katholischen Kreise, den Gebranch der heiligen Schrift nach Umfang und Energie zurückzudrängen; 4. die Unterschätznng des Protestantismus und seiner Thätigkeit auf dem Gebiet der Humanität und Nächstenliebe, nnd doch seien die größten Bewegungen-zur sittlichen Besserung und Hebung der bestehenden Übelstände und zur Durchführung der christlichen Nächstenliebe im großen Stil von protestantischer Seite ausgegangen; 5. ein dem biblischen Geist zuwiderlaufender Sakra- mentnlismus; 6. der Offizialismus d. h. die Überschätzung des geistlichen Amts, das decken und ersetzen soll, was der Person des Priesters an Geist und Bildung, an Gründen und an Umgangsformen, an Geduld uud Liebe mangle; 7. die Vorliebe für Polemil und Kontroverse, für Hervorhebung des Unterscheidenden nnd Ge- schöpflichcn, das die Gebildeten abstoße nnd geradezu als Ärgernis von ihnen empfunden werde, uud 8. der Jesuiteuordeu. Jhu uud deu vou ihm gepflegten RomanismnS macht Schell für das Aufkommen des derbeu uud uuchristlicheu Aberglaubens und für das Mißtranen verantwortlich gegen alles, was von selten der deutschen Theologie zur rationalen und ethischen Pertiefnng der katholischen Glaubenslehre aufgeboten werde. Dagegen rnft er den germanischen Geist auf, der viel mehr als der romanische zur innerlichen, ver- nnnstmäßigen und sittlichen Auffafsnng der Religion angelegt sei Erfolge und Folgen deS Sieges. 439 lind deshalb dazu berufen erscheine, ein Gegengewicht gegen die weltlich-formale Richtung des engherzigen romanischen Nationalgeistes zu bildeu. Darin enthüllt sich zugleich der letzte und tiefste Gründ dieses Protestes. Wieder einmal und noch einmal bäumt sich hier der deutsche Geist aus gegen die jesuitische und romanische Leitung des Katholizismus, die ihn im neunzehnten Jahrhundert so schnöde mißhandelt, jede sreie und selbständige Regung unterdrückt hat uud nun am Ende desselben als Triumphatvr dazustehen scheint. Ob das die letzten Zncknngen eines sterbenden oder die ersten Lebenszeichen eines nen erwachenden Geistes sind, wer will es sagen? Einstweilen wird der Geist Mannings sicherlich noch einmal beschworen und dem freimütigen Würzburger Professor der Zuzug von Studierenden noch mehr unterbunden werden, als dies uach seiner Klage schon bis dahin der Fall war. Gerade darin liegt die schwere Gesahr für den Katholizismus, daß er die Stimmen der Kritik aus dem eigenen Lager nicht mehr ertragen kann. Man ist nicht ungestraft unfehlbar; der Unfehlbare kann nicht die leiseste Ritze bei sich zulassen, sonst zerstiebt er wie eine jener Glasthränen ins Nichts. Und doch könnte das Schicksal Spaniens, au dem soeben vor nnsern Angen der geschichtliche Urteilssprnch des Weltgerichts so unerbittlich vollstreckt worden ist, dem Unfehlbaren und allen, die an ihn glanben, ein lehrreiches Memento sein. Der Bischos Ketteler freilich hatte schon 1855, fast als ob er zum voraus dem Gegner diese Waffe entwinden wollte, anch für den unleugbaren Verfall nnd die Sünden der in der katholischen Einheit gebliebenen Nationen — das deutsche Volk und seine Reformation verantwortlich machen wollen. Aber wer mochte ihm das glauben? Nein, durch den Katholizismus nnd Jesnitismus ist Spanien seit den Tagen Philipps II. in seiner Kultnrentwickelung gehemmt und zu geistiger Inferiorität verurteilt worden. Die Folge davon war sein Herabsinken von der Großmachtstellung zu eiuein Staat zweiten und heute wohl schon dritten und vierten Ranges; das Laud ist wirtschaftlich verkommen und hat nun auch seinen reichen Kolonialbesitz eingebüßt, weil es ihu durch Mißwirtschaft verwirkt hat; und als es sich 440 Nach 1871: Der Kulturkampf, schembar aufraffte, um die letzten Neste desselben gegen Amerika zu verteidigen, da verlor es alles, auch die Ehre. Denn rühmloser ist noch nie ein Krieg geführt worden. Nimmt man dazu die unerfreulichen Znftände in dem Papstland Italien, den Zersetzuugs- proceß deS katholischen Österreich und deu unverkennbaren Niedergang des ebenfalls katholischen Frankreich, das in diesem Augenblick an einer ihm von den Klerikalen im Bunde mit Antisemitismus und Militarismus geschlagenen Wunde schwer darniederliegt, so ist es mit dem stolzen „Katholisch ist Trumpf" in der Wcltpolitik so gar weit her in diesem Augenblick doch nicht; nur in dem überwiegend Protestantischen Deutschland scheint das Wort noch wahr zu seiu. Daher die Anstrengung, hier wenigstens festzuhalten, was mau hat, uud immer neue Triumphe zu erringen. Die protestantische Abwehr. Wie verhielt sich nun zu dem allem der Protestantismus? Seine Stärke liegt iu der Freiheit, und diese steht mit der Biuduug durch die Autorität eines Unfehlbaren im diametralsten Gegensatz: so mußte durch das Batikaunm die Kluft zwischeu deu beiden Kirchen prinzipiell noch erweitert werden, und der Kulturkampf trug dazu auch iu der Praxis das Seiuige bei. Allein im Wesen der Freiheit liegt auch die Gefahr der Uneinigkeit und Zersplitterung, und ihr ist der Protestantismus in unserem Jahrhundert mehr als je zugänglich gewesen: er macht heute vielfach den Eindruck völliger Zerklüftung und Auflösung, wie bei einem Parlament redet man nicht uur vou einer kirchlichen Rechten und Linken, sondern man kennt sogar mehrere Mittelparteien. Das lahmte schon währeud des Kulturlampfes nicht nur seine, sondern auch die Kraft des Staates. Die orthodoxen Protestanten, darin mit den Konservativen eins, mit denen sie sich während der Reaktionszeit immer mehr identifiziert hatten, waren ihm gegenüber von zwiespältigen Gefühlen bewegt: als Protestanten mußten sie den Staat in seinem Kampse gegen die WeltbeherrschungStendenzen der römischen Kirche unterstützen: als orthodox-konfessionell wurden sie von den Maigesetzen über die Civilche im Reich, die Schulaussicht iu Preuße«, die Sinniltan- schule iu Badeu mitbetrvffeu und haben deshalb auch ihrerseits Die Protestantische Abwehr. 441 dagegen protestiert oder noch lieber durch Hosprediger und hohe Damen dagegen intriguiert. Dagegen war der beste Bnndesgenosse des Staates in diesem Kamps der liberale Protestantismus. Ein Vorspiel dazu bildete in den fünfziger Jahren das erste Bändchen von Bunsens „Zeichen der Zeit". Dieser hatte, wie wir gesehen haben, in England doch nicht verlernt, „was Toleranz nnd Religionsfreiheit und was daheim Protestantismus und Protestantische Kirche und Union heißt"; und so wallte ihm doch voll Zorn sein Blut, als er den Hirtenbrief des Bischofs Ketteler in Mainz zur Bonifatiusfeier im Juni 1855 und darin die Anklage las, das deutsche Volk habe durch die Reformatiou seinen Beruf für das Reich Gottes verscherzt, wie das jüdische seinen Beruf als Volk Gottes, da es den Messias kreuzigte, eS habe durch sie das Gewissen verloren. Zu solcher unerhörten Rede, die „eher eines rohen JunkcrS und eines übermütigen Priesters würdig schien als eines so hochgebildeten deutschen Mannes uud eines christlichen Bischofs", mochte er uicht schweigen: „Die Ehre unseres Volkes ist eiu Heiligtum, um welches zu kämpfen, soweit es die Wahrheit zuläßt, eine heilige Pflicht erscheint". Aber auch er stieß bei dieser Abwehr schon aus protestantische Verbündete des unduldsamen Bischofs, auf den Historiker Leo in Halle nnd — Nur wissen es bereits — ans den Führer der Konservativen in Preußen, ans Stahl. Daß aber diese bischöflichen Jnvektiven und Ansprüche nicht bloß Worte wareu, das zeigte ihm gerade damals der badische Kirchcnstreit und das österreichische Konkordat im großen und der „sich wie aus dem Abgrnnd erhebende Dämon hierarchischer Verfolgung" in einer Reihe von Einzelfällen. Bunsen war auch uur eiu Einzelner. Das Aufsehen uud der Beifall aber, den sein mannhaftes Auftreten in weiten Kreisen fand, bewies, daß er nicht allein stand; es war wie ein erstes Augenaufschlagen des gesunden Menschenverstandes nnd des deutschen Gewissens. Das Erwachen selber folgte in den sechziger Jahren. Die liberalen Protestanten schlössen sich zum deutschen Protestantenvercin zusammen und nahmen nun anch ihrerseits den Kampf gegen katholische Anmaßungen von außen und gegen hierarchische Gelüste nnd zelotische Unduldsamkeit in der eigenen protestantischen Kirche mit aller Energie 442 Nach 1871: Der Kulturkampf, auf. Schon 1869 wies eine Versammlung iu Worins die iu einem „apostolischen Schreiben" des Papstes an die Protestanten gerichtete Zumutung, in „den einigen Schafstall Christi" zurückzukehren, ab und bezeichnete die in der Encyklika und dem Syllabus ausgesprochenen Grundsätze als „staatsverderblich und kulturwidrig". 1871 nach erklärter Unfehlbarkeit sprach es der Ausschuß des Vereins als seiue Überzeugung aus, „daß jener Wahn der Unfehlbarkeit eines Meuscheu mit beschräukteu Kräften und von beschränktem Wissen, wenn demselben praktische Wirknng verstattet wird, die Existenz und die Autorität des Staates bedrohe, daß er die Geltung der Gesetze und den Gehorsam gegen die versasfuugs- gemäßen Anordnungen der Obrigkeit in Frage stelle, daß er den konfessionellen Frieden, die Grundbedingung der deutscheu Einheit breche und jede Verständigung der verschiedeueu Kircheu unmöglich mache, daß er die Wirksamkeit der Schule lahme und die Erziehung der Jugend verderbe, daß er jede freie Forschung aushebe, die Liebe zur Wahrheit ertöte uud daher die deutsche Gewisseuhastigkeit und Wahrhaftigkeit zerstöre". 1872 erließ der Ausschuß einen Aufruf, ivoriu er aus die Staatsgesährlichkeit der Jesuiteu hinwies und an das Wort des Papstes Clemens XIV. erinnerte, daß der Friede auch iu der Kirche „gar nicht möglich sei, solange die Gesellschaft Jesu bestehe"; viel zn optimistisch klaug dieses Schreiben freilich in den Worten aus: „Es wird hoffentlich der letzte Kampf sein wider die künstliche Erneuerung des Mittelalters. Die Zeichen der Zeit sind uns günstig. Der deutsche Kaiser uud das deutsche Reich werdeu auch diesen Kampf siegreich durchführen. Wenn der Jesuitenorden wieder begraben sein wird, dann wird die Luft reiuer uud das Licht Heller werden in der Welt." Dagegen lautete es schou 1874 wie Klage uud fast wie eine Warnung, wenn es in dem neuen Aufruf hieß: „Dem deutschen Staat im Kampf mit den römischen Übergriffen mit ganzer Krast zn helfen, ist eine kirchliche Chrenpflicht, die unser Berein freudig übt uud mit tiefer Betrübnis vou vieleu berufenen Trägern des protestautischeu Kircheutums in Deutschland veruach- lässigt sieht. Aber mit deu Arbeiten der Gesetzgebung allein ist die Macht Roms in Deutschland ebensowenig zn brechen, als mit der verstandesmäßigen Aufkläruug des Volkes. Wie iu deu Zeiten Die protestantische Abwehr. 443 der Reformation weder die Vertreter der Wissenschaft und Bildung, noch die Helden des nationalen Gedankens allein, sondern im Bunde mit beiden das religiöse Gewissen Luthers die deutsche Nation von den römischen Fesseln befreite, so kann anch hente unser Bolk das römische Joch erst dann abschütteln, wenn es zugleich mit dem deutscheu Recht uud der deutschen Wissenschaft die religiösen Beachte des unverfälschten Christentums gegen den Koloß der römischen Papstkirche ins Feld sührt." Überhaupt aber tritt seit 1872 iu den Erklärungen des Vereins allmählich eine Frvutveränderung ein. „Ist es notwendig, daß zu dem Kampfe gegen den llltramon- tanismus eine neue Zerklüftung der evangelischen Kirche hinzukomme?" fragt der Aufruf dieses Jahres; und 1882 wird noch deutlicher gesagt: „der Feind vor den Mauern ist nicht die einzige Gefahr, vor welcher wir Protestanten uns zu wehren haben. Er wäre uus viel weniger gefährlich, wenn nicht unter uns selbst offen nnd versteckt Parteibestrebnngen, welche dem Geist der Reformation widerstreiten, die Alleinherrschaft in unserer Kirche zu erzwingen trachteten". In diesen inneren Kämpfen ging hinfort die Kraft des Vereins aus nnd erlahmte darum wie die des Staates im Widerstand nach außeu. Am II. November 1883 hat das protestantische Deutschland den 400jährigen Geburtstag Luthers gefeiert. Luther ist Deutschlands größter Sohn. Daß ein Drittel der Deutschen aus konfessioneller Befangenheit das verkennt und darum jenem Feste sich versagte, ist für diesen Teil selbst am meisten zn beklagen, er bringt sich damit um ein gutes Stück Freude am eigenen Volkstum nnd macht sich geistig arm. Auf der auderu Seite erhielt dadurch aber auch die Festfreude der Feiernden eine oppositionelle Spitze, die ja freilich der historischen Bedeutung des streitbaren Reformators entsprach. Iu deu Rheinlanden kam es durch die wenig taktvolle Polemik eines Festredners und durch den Zelotismus der darov entsetzten Pastoreil sogar zu eiucm Skandal und Konflikt innerhalb des Protestantismus selbst. Daß aber die katholische Presse es sich iticht versagen konnte, das Andenken des großen Mannes bei dieser Gelegenheit und von da an überhaupt immer aufs neue zu schmähen und z. B. das thörichte Gerede vou Luthers Selbstmord zu kol- 444 Nnch 1871: Der Kulturkampf, Portieren, war ein häßlicher Zug konfessioneller Gehässigkeit und trug zur gegenseitigen Verbitterung nicht wenig bei. Ein Zeichen der wachsenden Berschärsuug des Gegensatzes war auch die am 5. Oktober 1886 auf Anregung Beyschlags erfolgte Stiftung des Evangelischeu Bundes zur Wahrung der deutsch-Protestautischen Interessen und zur Abwehr der seit Beendigung des Kulturkampfes zunehmenden Aumaßnng der römischen Kirche und ihrer Vertreter in Deutschland. In diesem Sinn war die Gründung durchaus berechtigt, ebenso wie früher die des Gustav-Adols-Vereins, der Bund trat damit gewissermaßen an die Stelle des Protestantenvereins uud nahm sich der Abwehr und Sammlung vielfach mit erfreulicher Energie an. Allein auf der anderen Seite ist nicht zu verkeimen, daß er auch deu Streit vermehrt, die Gegensätze weiterhin zugespitzt und ost auch seinerseits recht kleinlich und gehässig geredet nnd gehandelt hat. Es giebt nun auch protestantische Hetzkapläne nnd sie sind um keiueu Deut besser als die katholische«. Uud wenn Prozesse, wie der gegen deu elsässischeu Psarrer Müller, der wegeu seiner Kritik des Uusehlbarkeitsdogmas verurteilt wurde, im Gegensatz zu der fast privilegierten Straflosigkeit aller Verunglimpfungen Luthers, in protestantischen Kreisen mit Recht peinlich empfunden werden, so erscheinen uns dagegen die Thümmelschen Retigions- prozesse in den Rheinlanden oder der Streithandel des Lothringischen Pfarrers Gerbert als Zeichen zunehmender Streitsucht auch iu den .Kreisen des evangelischen Bundes. Freilich euthüllte gerade in diesem Lothringischen Prozeß die Rede eines kaum ganz zurechnungsfähigen Advokaten der Gegenpartei nach eiuem bekannten Sprüchwort auch dem Bliudesten die maßlosen Ansprüche nnd die erschreckende Unduldsamkeit des heutigen Katholizismus. Dagegen war es dem ganzen protestantischen Volke aus der Seele gesprochen, als sich gegen die Schmähungen Luthers und die Verunglimpfungen der Reformation als eines „unheilvollen Giftes" in der päpstlichen Canisius- cncyklika vom 1. August 1897 Kircheubehördeu uud Syuoden in verschiedenen Ländern Deutschlands zu lautem Protest aufrafften; man sah darin zugleich auch einen Protest gegen die wachsende Schlappheit deutscher Negierungen und gegen das Kokettieren protestantischer Fürsten mit katholischen Würdenträgern, deren Ge- Innere Zustände des Protestantismus. 445 wänder in unserer Zeit nur zn oft „den Fußboden eines königlichen Gemaches berühren". Man ahnt oben gar nicht, wie anachronistisch uns heutzutage derartiges anmutet und wie man dem gegenüber selbst den kirchlich-religiösen Judifsereutismus als Schlitz und Waffe schätzen lernt. Innere Zustäude des Protestantismus. Warum aber sür gewöhnlich auch aus kirchlicher Seite die Abwehr im ganzen so matt und der Widerstand so kraftlos und wirkungslos ist, das hängt damit zusammen, daß im Protestantismus selbst noch zu viel Unprotestnntisches und Hierarchisches steckt und deshalb die sreien Elemente im Kampf dagegen ihre Kräfte ausbranchen müssen. Hierin lag deshalb doch in erster Linie der Anlaß zur Gründung des deutschen Protestantenvereines. In der Neaktionsveriode war auch die protestantische Kirche reaktionär, verfolgnngssüchtig nnd hierarchisch geworden, noch einmal nenne ich die Namen Hengstenberg in Preußen, Kliefoth in Mecklenburg, Vilmar in Hessen, Kapsf in Württemberg. Mit dem Aufhören der Reaktion und dem Eintritt der neuen Ära in Preußen regte es sich hoffnungsvoll auch in Kirchlich-liberalen Kreisen, ein Gesangbnchstreit in der Pfalz zu Ende der fünfziger, der Kampf der Hannoveraner gegen einen veralteten Katechismus zu Anfang der sechziger Jahre bildeten die Porspiele. Und nun folgte die Begründung des Vereins selbst, der sich nach seinem Statut namentlich auch zum Zweck setzte „den Ausbau der deutschen evaugelischeu Kirchen auf der Grundlage des Geimindeprinzips und die Bekämpfung alles unprotestantischen hierarchischen Wesens innerhalb der einzelnen Landeskirchen und die Wahrung der Rechte, Ehre und Freiheit des deutschen Protestantismus". Was das erstere betrifft, so handelte es sich vor allem um eine der politischen nachgebildete kirchliche Repräsentativ- vcrfassnng. An die Stelle der ausschließlichen Konsistorialregieruug sollten wie in den reformierten Gebieten so auch in den ursprünglich lutherischen Landeskirchen aus Geistlichen und Laien zusammengesetzte Synoden treten und die Kirche mitregieren helfen. Diesem Ziel war mau iu Preußen schon 1846 dnrch die Einberufung der ersten Geueralsynodc einen Augenblick nahe gewesen. Heute ist 446 Nach 187 l: Der Kulturkampf, es im wesentlichen erreicht, seit 1875 besteht neben den einzelnen Provinzialsynoden auch eine Gesamtvertretung durch die Generalsynode; uud ähnlich ist es auch iu den andern deutschen Ländern. Allein was sich der Protestantenverein davon versprochen hat, eine allgemeine Beteiligung der Laieu an kirchlichen Angelegenheiten und eine Zurückdrängung orthodoxer uud konfessionalistischer Unduldsamkeit im Kirchenregiment, ist nicht in Erfüllung gegangen. Fast überall, vor allem in Preußen nnd Württemberg sind, namentlich zn Anfang, die Synoden in die Hände der rechtsstehenden Parteien gefallen und haben „jede freie Richtung der Geistlichen wie der Gemeinden rechtlos zu machen und zu ersticken unternommen"; nnd so mußte ihnen nnd dein mit ihnen Verbündeten Kirchenregiment gegenüber der Protcstantenverein um seiue Existenz nnd um die Anerkennung, berechtigtes und gleichberechtigtes Element der protestantischen Kirche zu sein kämpfen. Diese Auerkennung durchsetzen ist ihm aber gerade in den Hauptländern des deutschen Protestantismus nicht gelungen, so uahe man dem auch in der Falkschen Ära schon gewesen war. Nur Baden und Weimar machen auch hier wieder eine rühmliche Ausnahme. Damit sind wir schon bei dem weiteren Zweck des Protestanten? Vereins angekommen, der gerne von ihm so formuliert wurde: „der deutsche Protestantenverein arbeitet an der großen und schweren Aufgabe einer Erneuerung der Kirche im Geist evangelischer Freiheit und im Einklänge mit der gesamten Kulturentwickeluug unserer Zeit". Gerade diese moderne Kulturentwickelung verwarfen aber die strenggläubigen Kreise. Eben deshalb betrachteten sie den Protestantenverein nnd seine Mitglieder als „ungläubig" und sagten ihnen die kirchliche Gemeinschaft mehr oder weniger direkt auf. So erhielt einmal ein dein Protestantenverein augehöriger Berliner Geistlicher von einem feiner Kollegen einen Brief, der mit den Worten begann: „Ener Hochwürden teile ich hierdurch mit, daß wir grundsätzlich so viel als möglich alle kirchliche Gemeinschaft mit denen meiden, welche die Grnndlehren unserer Kirche, die Gottheit Christi, die heilige Dreieinigkeit, die Versöhnung durch das Blut Christi leugnen". Uud im Eifer dieses Kampfes gegeil „den Unglauben, den Nationalismus und den Protestantenverein" Innere Zustände des Protestantismus. 447 leugnete der Berliner Pastor Kuak noch im Jahre 1808 das Kopernikanische System und die Bewegung der Erde um die Sonne, weil das mit dem Buch Josua im Widerspruch stehe: mit Recht redeten die liberalen Blätter, allen voran der Kladderadatsch, mit Hohn von diesen neuen Protestantischen Dunkelmännern. Und was einzelne an ZclotismuS leisteten, wurde, durch die Masse vermehrt nnd durch das Echo vieler Stimmen verstärkt, auf Psarrversammlungen nnd später auf deu Synoden wiederholt — „Zeugnis ablegen" nennt man das. Namentlich den liberalen Professoren ans den Universitäten galten diese Erklärungen und Proteste, und nicht überall glückte es, den Sturm durch einen Gegensturm so grüudlich abzuschlagen, wie iu den sechziger Jahren in Baden den gegen Schenkels „Charakterbild Jesn" in Seene gesetzten EntrüstungSspektakcl. Schlimm war, daß auf diesen unprotestantischen Geist der Unduldsamkeit die deutschet? Kirchenbehörden sich immer wieder einließen und eine Reihe von Glaubensgerichten über evangelische Prediger ergiugcu, die im Namen der Ordnung abgehalten doch nur von dem Streben diktiert waren, auch in protestantischen Gebieten „eilte hierarchische Macht aufzurichten und ihr inneres Leben unter die Botmäßigkeit bekenntnismäßiger Lehrsatznng zu zwingen". Besonders verfolgungssüchtig zeigte sich schon in den sechziger Jahren der lutherische KonsessionaliSmus der hannovernnischen Kirche, aber ebenso unduldsam gegen die liberalen Geistlichen war auch die „kirchenpolitisch strebsame" Orthodoxie in Preußen, wo nur an Sydow, LiSko und Hoßbach erinnert werden soll. Unter Falk wußte zwar der frei- und feindenkende Präsident des Ober- tirchenrats Herrmann solche Glaubensgerichte möglichst fern zuhalten: als er aber nach Falls Rücktritt auch seinerseits der rasch wieder sich breit machenden Orthodoxie weichen mußte nnd die Hof- Predigerpartei der positiven Union, teilweise durch die Hilse der Kaiserin, das Ohr des alternden Kaisers gewann, da sah es in den achtziger Jahren um die Stellung der liberalen Geistlichen in der preußischen Landeskirche bedenklich genug aus. Man sorgte schon auf den Universitäten dafür, deut theologischen Nachwuchs den Liberalismus als eine gefährliche, die Carriere schwer bedrohende MI»! « ! 448 Nach 1871: Der Kulturkampf. Zache erscheinen zu lassen. Das alles hatte natürlich den Niederrang der Protestantenvereinssache zur notwendigen Folge. Heute ist er nur noch ein kleines Hänslein von Offiziere» ohne Heer. Teilweise lag das freilich auch in dem Wesen der Bewegnng mit begründet, der es doch selber auch an Klarheit uud Entschiedenheit fehlte. Zudem sie eintrat für „die Berechtigung der individuellen Mannigfaltigkeit innerhalb derselben Kirchenversassung", konnten sich Orthodoxe nnd Liberale dem Verein anschließen, und wirklich gehörte ihr auch ein so positiver Mann wie der Mecklenburger Michael Baumgnrten längere Zeit an. Allein thatsächlich waren es doch die dogmatisch Freidcnkenden, die den Verein konstituierten; nnd der von ihren Gegnern erhobene Vorwurs, daß sie die Gottheit Christi nnd die Dreieinigkeit verwerfen, traf auf die meisten sicher zu. Weil sie aber doch auch nach links hin eine Grenze ziehen und uach rechts den konservativeren Elementen die Thüre offen lasfen wollten, so kamen sie mit ihren öffentlichen Kundgebungen teilweise ins Gedräuge. Mau höre z. B. die gegeu eine Berliner Pastoralkonferenz im Jahr 1868 veröffentlichte Erklärung: „Wir gestehen jenen Pastoren das Recht nicht zu, uns darüber zu verhören, ob wir glauben, daß JesuS Christus wahrhaftiger Gott sei. Noch weniger sind sie befugt, in unserem Namen die Frage zu beantworten. Aber wir wollen die unbestreitbare Thatsache nicht verheimlichen, daß die antike heidnische Welt der Griechen nnd Römer eher an Christus glauben lernte, wenn er ihr als Gott gepriesen wurde, und die heutige moderne Welt mit ihrem erweiterten Gottesbewußtsein und Naturbegriff weit eher für Christus gewonnen und erwärmt wird, wenn er ihr als Mensch menschlich dargestellt wird. Wir behaupten auch hier das volle Recht der heutigen protcstantischeu Welt, Christus geschichtlich zu erfasse» und menschlich zu begreifen. Wer ihr dieses Recht abstreitet, der nötigt einen sehr großen Teil der Gebildeten entweder zu offenbarer Heuchelei oder zur Lossagung vom Christentum. Wir wollen umgekehrt, daß sie aufrichtige Menschen und Christen bleiben." Das war sehr schön gesagt, aber für die einen zu viel und für die audern zu wenig; nnd so konnte Strauß die Vertreter dieser Anschauung als die „Halben" im Eifer des Gefechts sogar für noch Innere Zustände des Protestantismus. 449 „absurder" erklären als die „Ganzen" von der Lbservanz Hengsten- bergs. Heilte würde auch er sich den LnxuS einer solchen Poleiitik schwerlich mehr gestatten. Der Kamps mit der immer kühner ihr Hanvt erhebenden Orthodoxie und die eigene innere Arbeit hat die kleine Schar des Protestantenvereins weiter nach links hin gedrängt, uud umgekehrt haben die noch jenseits von ihnen Stehenden alle Ursache, sich mit diesen tapferen Resten zusammenzuschließen und Schulter an Schulter mit ihnen die letzten schwer gefährdeten Positionen zu verteidigen. Die Gründer und Führer des Protestanteuvereius gehörteu ursprünglich meist zur „Vcrmittlniigstheologie". Die wissenschaftliche Arbeit aber hat ihren eigenen Weg und bethätigt an ihren Werkzeugen ihre eigene Kraft: das zeigte sich auch an dieser Richtung. Männer wie Holtzmann oder Weizsäcker dürfen sich heute als würdige Thronerben nnd echte Nachfolger Baurs und seiner Schule betrachten, deren kritische Untersuchungen über das Neue Testament, das apostolische Zeitalter nnd seine Lehranschauungen sie in tiefdriitgender gelehrter Forschung' und in wissenschaftlich freiem, hohem und feinem Geiste unbekümmert tun alle Anfechtungeu rüstig weitergeführt haben. Dabei unterstehen freilich auch sie deut Los aller Theologie. In dem Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen übernimmt sie zuerst die Vermittlerrolle. Bestimmt die religiösen Vorstellungen zu einem System zusammenzufügen foll sie dieselben mit der sortschreitendeu Wissenschaft und Weltanschauung in Einklang bringen nnd versöhnen. Allein solange es ihr auch gelingt, schließlich ergeht es ihr nicht anders als aller übrigen Wissenschaft, sie selber wird Wissen, wird historische oder philosophische Wissenschaft, nnd nun kommt sie ihrerseits in Konflikt mit den religiösen Vorstellungen, denen sie ihre Arbeit gewidmet hat. Da sehen und erleben wir es dann riugs um uns her, wie gerade solche wissenschaftliche Theologen von der Kirche aufs heftigste augegriffen und ihr Wisfen und Arbeiten vielmehr als ein die Religion Schädigendes und den Glauben Beeinträchtigendes in seinem Werte verkannt nnd mamngfach angefochten nnd verketzert wird. So erfüllt sich auch hier die Tragik im Kampf zwischen Glauben und Wissen, die keinem tiefer sinnenden und nach Wahrheit strebenden Menschen erspart bleibt. Ziegler, die geistigen u. sociale» Strömungen des iü. Jahrh. 29 450 Nach 1871: Der Kulturkamps. Die Ritschlsche Schule. Indem aber solche Männer sich immer entschiedener zu überlegenster wissenschaftlicher Geistessreiheit emporarbeiteten und so allmählich auf den äußersten linken Flügel der Theologie zu stehen kamen, schob sich zwischen sie und ihre orthodoxen Gegner anfs neue eine Vermittelude Richtung mitten inne, durch die der liberale Protestantismus zunächst uoch einmal an Bodeu verlor und die eine Zeitlang auch iu der wissenschaftlichen Theologie die Vorherrschaft an sich reißen zn wollen schien — es war das die Schule des Göttiuger Theologen Ritschl. Dieser war von Baur ausgegangeu, hatte aber dauu in einer menschlich wenig erbaulichen Form mit ihm gebrochen und im Gegensatz zu ihm gewissermaßen als „Palinodie" seine Hypothese über „die Entstehung der altkatholischen Kirche" nach der positiven Seite hin umgestaltet; nnd ebenso sagteer sich später ausdrücklich auch von Schleiermacher los durch eine recht böse Schrift über dessen Reden über die Religion. Von jenem schwd ihu die durchaus autihegelfche und überhaupt aller Spekulation und Metaphysik abgeneigte Haltung seiner Theologie, von diesem seine Ablehnung alles Mystischen iu der Religion. Es würde hier zu weit führen, Nitschls dogmatisches System darzustellen; es ist dies auch schwierig bei eiuem Mann, der in den verschiedenen Auflagen seines Hauptwerks über „die christliche Lehre von der Rechtfertigung nnd Versöhnung" bald uach einem theoretischen Beweis für das Dasein Gottes sncht, wodurch Theologie als Wissenschaft erst möglich werden soll, bald die Möglichkeit nicht nur der herkömmlichen Beweise mit Kant bestreitet, sondern sie überhaupt und schlechtweg leugnet. Immerhin zeigt sich uns hier der erste der Punkte, worin er geschickt sich den Strömungen seiner Zeit anzupassen wußte. 1862 war sür die Philosophie die Losung ausgegeben worden: zurück zu Kaut! Ihr schließt sich auch Ritschl au, indem er erkenntnisthevretische Untersuchungen mit seiner Theologie verbindet nnd scheinbar ganz tantisch alle natürliche Theologie und Religion ablehnt. Damit ist aber nur dem Glauben im Unterschied vom theoretischen Wissen Platz geschaffen: dieses hat es mit Seinsurteileu, der Glaube dagegen mit Werturteilen zu thun. Indem aus dem Wert, deu die Glaubens- Die Ritschlsche Schule. 451 sätze für den Menschen haben, auf deren Richtigkeit nnd auf die Existenz des ihneu zu Grunde liegenden geschlossen wird, nähert sich die Ritschlsche Theologie der Lehre Fenerbachs, daß der Wunsch der Vater des Glaubeus sei. Gerade in dieser Wendnng besteht aber das Verhängnisvolle dieser Theologie, die so kritisch anhebt und schließlich einfach als wertvoll und^ damit als wahr statuiert, was sie wünscht. Das ist zwar sehr bequem, aber es ist weder kantisch noch ganz ausrichtig. Zugleich liegt iu der Umwandlung des Glaubens- inhalts in Werturteile auch eine Beziehung zu den modernen Strömungen in der Psychologie: durch die Zurückdränguug des Jutellcktualistischen, die starke Betonung des persönlich Machtvollen in Gott und die Hervorhebung der Selbstthätigkeit der menschlichen Seele nähert sich diese Theologie der voluntaristischen Anschauung, die seit Schopenhauer im Vordergrund steht. Indem Ritschl endlich die christliche Weltanschauuug, aus deren ideologischen Charakter er besonderes Gewicht legt, nicht aus dem Standpunkt Christi heraus, sondern aus dem seiner Gemeinde entwickelt, entgeht er einer Reihe historischer Schwierigkeiten und gewinnt durch diese Voranstellnng der christlichen Gemeinde, die auch das eigentliche Objekt der Rechtfertigung ist, ein sociales Prinzip, das wiederum einem Zuge der Zeit sympathisch entgegenkam. So war diese Theologie wirklich „zeitgemäß", und rasch bildete sich um den Meister her eine „Schule" von jungen Theologen, für welche Ritschl, einer jener akademischen Größen mit weitreichendem Einfluß, auch auf den Lehrstühlen der protestantischen Theologie überall Platz zu schaffen wußte. Gerade die Talentvollsten schloßeu sich au ihn an, wir dürfen ja nur an die Leistnngen des einen dieser Ritschlianer, an Adols Harnacks Dogmen- gescyichte denken. Allein eine kirchliche Bewegung im großen Stil war es darum doch nicht: es war eine theologische „Schule", ihre Mitglieder waren Offiziere, aber ein Heer, die Gemeinde, stand auch hinter ihnen nicht, lind schon im Begriff der Schule liegt, daß — nach dem Tode des Meisters — die Schüler, gerade weil es keine unbedeutenden Kopse waren, selbständig weiter nnd damit rasch auch auseiuauder gingen: kurzlebiger als diese Ritschlsche Schule ist kaum je eine gewesen. Es hing aber auch mit dem Wesen der 29* 452 Nach 1871: Der Kulturkampf. Ritschlschen Theologie, ihrer Unklarheit und absichtlichen Unbestimmtheit zusammen. Wenn z. B. Ritschl die Gottheit Christi sesthült und sie so begründet: „Eine Autorität, welche alle anderen Maßstäbe entweder ausschließt oder sich unterordnet, welche zugleich alles menschliche Vertrauen auf Gott in erschöpfender Weise regelt, hat den Wert der Gottheit", so ist das ein frevles Spiel mit Worten: ist nun Christus wirklich Gott oder ist er es nicht? Er ist es „für den Glauben", seine Gottheit ist „ein Wertbegriss", ihre Anerkennung „eiu Werturteil"; aber ob diesem Werturteil auch ein Seinsurteil entspricht, ob Christus nicht bloß für den Glaubenden den Wert eines Gottes hat, was ja auch Feuerbach und Strauß nicht bestreiteu, soudern ob er Gott ist, das hütet man sich wohl zn beantworten: nnd doch heißt es mit Hegel: Hier ist die Rose, hier tanze! Dabei mußten mit Notwendigkeit die Anschauungen der Schüler auseinandergehen, Kaftan ist ein anderer als Herrmann. Und an solchem Spielen mit Worten mußte man von links und noch mehr von rechts her Anstoß nehmen und es als ein »Spiel mit doppelten Karten entlarven; von einer solchen „Renaissance des reinen Luthertums" wollten die Konfessionellen nichts wissen. Was mehr dazu beigetragen hat, zene innere Selbstzcrsetzuug der Schule oder diese Augrisfe von außen, Thatsache ist, daß es zwar noch Ritschlinner, aber heute bereits keine Ritschlsche Schule mehr giebt; auch „die christliche Welt", als Parteiorgan der Schnle gegründet, ist heute über diesen engen Nahmen hinausgewachsen, nicht zum wenigstem auch durch die energisch sociale Wendung, die sie genommen hat. Aber auch sür diese Wendung ist ein anderer der Führer geworden. Ritschl selber hat durch seine Jnbilänmsrede zur Feier des 150 jährigen Bestehens der Uuiversitüt Göttingen, in der er den Liberalismus uud die Socialdemokratie in übler theologischer Geschichtsklitterung mit dem Ultra- montanismns zusammen als Frucht der mittelalterlichen Welt- anschannng hinstellte, jene Wendung verleugnet nnd die socialen Theologen von seinen Rockschößen abgeschüttelt, damit aber auch die letzte Karte aus der Hand gegeben, die ihn das Spiel gewinnen lassen nnd es seiner Schule ermöglicht hätte, auch theologisch eine Wirkung ans weitere Kreise auszuüben. Dagegen haben die heftigen Angriffe, die von orthodoxer Seite » Die Ritschlsche Schule. 453 gegen Adolf Haruack gerichtet wurden wegen seiner kritischen Äußerungen über das apostolische Glaubensbekenntnis, in den neunziger Jahreu zu einer Annäherung der Ritschlianer an die Liberalen gesührt und damit auch sie in rascher Entwickelung weiter nach liuks hinüber getrieben. Dieser Streit steht in einein gewissen Zusammenhang mit der dnrch Schrempf hervorgerufenen Bewegung und mnß daher noch einmal erwähnt werden. Hier kommt er mir deshalb in Betracht, weil er die Sellnng der kirchlichen Parteien verrückte uud die Machtstellung der Ritschlianer auf den deutschen Hochschulen erschütterte. Die Orthodoxie betrachtet heute die Ritschlschen Professoren als ihre schlimmsten Gegner, und da es ihr gelungen ist, namentlich in Preußen die Unterrichtsver- waltuug ihrem Willen dienstbar zn machen, so ist es anch mit der Begünstigung von oben für jene zu Eude. Die sogenannten „Stras- professoren" an verschiedenen Preußischen Hochschulen siud vor allem den Ritschlianern vor die Nase gesetzt worden; nnd nachdem man die juugeu Theologen so lange gelehrt hat, daß sie glauben dürfen, was sie wünschen, werden sie ja wohl auch bald lernen zu glauben, was gewünscht wird. So siegte ans der ganzen Linie — im Katholizismus die nltramontan-jesuitische Richtung, im Protestantismus die Orthodoxie, die im Norden mehr konfessionalistisch, im Süden immer noch mehr pietistisch gefärbt ist. Dort wagen nur noch vereinzelte Stimmen gegen den finsteren Geist zu protestieren; hier stehen noch manche aufrecht, aber das Häuslein der Freigesinnten schmilzt doch sichtlich zusammen und der Nachwuchs, der darüber trösten könnte, ist nicht groß. In einer anderen Beziehung aber ist der Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus um so großer: dort folgt das Volk iu seiner großen Masse den bischöflichen und priefterlichen Führern, die 104 Centrumsabgeordneten, welche bei den Reichstagswahlen von 1898 aus der Urue hervorgegangen sind, haben das aufs neue bewiesen. In der protestantischen Kirche liegt die Sache ganz anders. In den sechziger uud siebziger Jahreil nahm noch eine größere Anzahl gebildeter Laien an den Kämpfen des Protestantenvereins eifrigen Anteil, ein Mann wie Bluutschli ist dasür typisch. Heute kümmert sich nm eine Ver- «> 454 Nach 1871: Der Kulturkampf, sammlung dieses Vereins in Berlin kaum noch ein Mensch, nnd die Fragen der Ritschlschen Schnle sind Schnlstreitigkeiten, die für weitere Kreise kein Interesse haben, kaum daß der Apostolikums- strcit einen Augenblick eine mehr neugierige als teilnahmvolle Aufmerksamkeit Hervorries; eine Gemeinde haben die Ritschlschen Theologen nicht hinter sich. Die religiöse Tendenz, welche sich in der Litteratur seit etlichen Jahren spüren läßt, steht dnrch ihren Mystizismus im vollstem Gegensatz zu Ritschls Anschauungen, ist also von der Theologie und ihrer Entwickelung völlig unbeeinflußt. Wo aber bleiben die Massen? In Ostelbien ist zuweilen der protestantische Psarrer noch der Führer seiner Banern bei den Wahlen, aber nicht in kirchenpolitischem, sondern in rein politischkonservativem Interesse, im großen ganzen aber ist gerade das arbeitende Volk der Kirche entfremdet, huldigt theoretisch dem Grundsatz: „Religion ist Privatsache" uud bekennt sich praktisch zu einem oberflächlichen, bewußt-antikirchlichen Materialismus. An die Stelle der Religion ist als das große Interesse der Zeit die sociale Frage getreten. Ihr wenden auch wir uns zu. Dreizehntes Kapitel. Socialismus und Socialdemokratie. Vorgeschichte. Die sechziger Jahre waren erfüllt von politischen Kämpfen, durch sie sind wir Deutschen ein politisches Volk geworden: und auch in den siebziger Jahren stand daS politische Interesse für das deutsche Volk im Vordergrund. Es galt der Freude über die errungene nationale Einheit, bei manchen auch dem Schmerz und der Verbitterung über den Verlust der politischen Svndereristenz und über die Unterordnung unter das Ganze und speziell unter die preußische Vormacht; und die politische Arbeit richtete sich ans den Ausbau und die innere Ausgestaltung deS neugegründeten Reichs — im freiheitlichen Sinn, wie die Hauptmitarbeiter triumphierend, die radikalen Parteien unbefriedigt zweifelnd uud mehr fordernd hinzufügten. Auch der Kulturkampf war zunächst ein kirchenpolitischer, ein Kampf um die Macht, das religiöse Moment ist erst allmählich stärker aceentuiert worden. Der große Träger dieser politischen Ära ist Bismark, der geniale Staatsmann und politische Führer des deutschen Volkes, in ihm faßt sie sich zur Einheit einer Person zusammen. Eben deshalb wurde es auch den Menschen der siebziger Jahre so schwer zu fassen, daß mitten um sie her und zwischen ihnen herauf andere als politische Interessen sich in der Öffentlichkeit in den Bordergrnnd drängten und die politische Ära, da sie kaum begonnen uud in wunderbarer Naschhcit auch sofort eiueu Höhepunkt erreicht hatte, bereits wieder im Ablausen begriffen sein sollte, um einer ganz andersartigen, der socialen und socia listischen Platz zu machen. Sie empfanden das zunächst durchaus uur als 456 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie, ein Lästiges und Störendes, als ein Feindliches nnd Unberechtigtes, Eben deshalb hielt man es sich so lange als möglich vom Leibe und spielte der ganzen Bewegung gegenüber Vogel Strauß. Als ich nach deu Reichstagswahlen von 1874, bie der Socialdemokratie 352 000i Stimmen und neun Mandate einbrachten, in einem Artikel aus dieses Anwachsen der socialistischen Stimmen aufmerksam machen nnd hierin das Charakteristische dieser Wahl gesehen wissen wollte, wies die Redaktion einer Berliner Wochenschrift denselben zurück uud brachte au Stelle desselben einen Jubel- Hymnus ans den Sieg der nativnalliberalen Partei. Allein bald half es nichts mehr, die Augen zu verschließen, das Neue kam, war da nnd wnchs, nnd schließlich wurden auch die Wider- strebendsten iu den Bannkreis einer nenen Ideenwelt gezwungen, mochten sie ihr nun als Freunde und Anhänger zusnllen oder als Gegner sie perhorrescieren uud bekämpfen; und diese neuen Ideen waren die deS Socialismus. Die sranzösische Revolution von 1789 war die That des dritten Standes, der Bourgeoisie, ihre Bedeutung liegt darin, das; sie für ein Jahrhundert den Sieg nnd die Überlegenheit dieses dritten Standes festgestellt hat. Das gilt auch für Deutschlaud. Die Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung ist ihm hauptsächlich zu gute gekommen. Was damals für die Bauern geschah, mar fa wohl Emanzipation, brachte ihnen Befreiung von der Erbunter- thänigkeit, die uicht zu verwechseln ist mit den harmlosen Resten der westdeutschen „Leibeigeuschast", und von den damit zusammenhängenden Fronen und Gesindezwangsdiensten; aber es schns nicht nnr den Gutsherren schwere Verlegenheit, sondern war auch für die dienstfrei gewordeueu Bauern zunächst kaum eiu Segen, wenigstens für die kleineren nicht, die in ihren bisherigen Herrn auch ihre Beschützer verloren uud uun dem Gutsherrn für seinen kapitalistischen Betrieb als unselbständige nnd proletarische Arbeiter preisgegeben wurden. Vou ihnen galt das Wort KnaPPs: „wer die Freiheit aus Schwäche uicht gebrauchen kann, der wird durch Freilassung eigentlich uur verstoßen". > Ebenso litt dann auch die Bourgeoisie am meisten unter der hereinbrechenden Reaktion, das beweist der überall voranstehende Vorgeschichte, 457 Kampf gegen die Censur und der Ruf' nach Preßfreiheit. Die freiheitliche Bewegung im zweiten und dritten Jahrzehnt war von Studenten uud Akademikern getragen, das junge Deutschland bestand aus Litteraten und Journalisten. Auch die Revolution von 1848 war iu Deutschland wesentlich eine Revolution der bürgerlicheu Parteien, das zeigt die Zusammensetzung des Frankfurter Parlaments aus der geistigem Elite des Volkes und es zeigt es der Inhalt der revolutionären Gedanken uud Forderungein das Bürgertum war der Träger des Einheits- und des Freiheitsstrebens im Volke. Und als seit Ende der fünfziger Jahre das politische Leben neu erwachte, da waren die Männer des Nationalvereins und die kirclMH-liberalen Mitglieder des Protestantenvereins wiederum vor allem Angehörige des gebildeten Mittelstandes, und deshalb machte auch Bismarck seine Politik von 1866 bis 1878 vorwiegend mit Hilfe der ans ihm hervorgegangenen uatioualliberalen Partei. Alles das wird uus noch deutlicher werden, wenn wir zu den foeialiftischen Untcrstrvmnngen übergehen, die dieser bürgerlich-Politischen Hochflut doch auch nicht fehlten. Die socialistischen Ideen sind auch in Deutschland so alt als das Jahrhundert selber ist, wir brauchen hier nur schon Erwähntes zu rekapituliereu. Pestalozzi und Fichte sind in erster Linie zn uennen: jener mit seinen 1797 erschienenen „Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts", dieser mit dem „geschlossenen Handelsstaat" von 1800. Aber die sociale Pädagogik, die jener wollte und meinte, ist erst im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts erkannt und als eine zu verwirklichende Ausgabe erfaßt wordeu, und die socialistischen Jdeeu Fichtes wurden, als sie ans Licht traten, für Schrullen gehalten uud ihr Urheber wird vou deu Nationalökonomen anch heute noch kaum als Borläufer gekannt und genannt. In den dreißiger Jahren war es dann Heine, der die Deutschen mit dem srauzösischen Socialismus bekannt zu machen suchte, deutsche Flüchtlinge und Handwerkslmrschen lernten den Socialismus au der Lmelle, in Frankreich oder auch in der Schweiz kennen nnd brachten seine Ideen in die Heimat zurück; vor allem suchte der Schneider Wilhelm Weitling als energischer Agitator dafür Propaganda zu 458 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. machen. Es war durchweg fremde Ware, die in Deutschland nicht viele Liebhaber fand und als Schmuggelware von Polizei und Censur mit besonderer Härte an der Grenze zurückgehalten oder im Biuuenland hiuter Schloß und Riegel gebracht wurde. Lorenz von Steins Schrift über den Socialismus und Kommunismus in Frankreich klang in den vierziger Jahren nach Roschers Ausdruck „dem deutschen Publikum wie ein Märchen aus weiter Ferne"; und ebenso überhörte man in Bettinas „Dies Buch gehört dem König" über den klingenden- Sätzen von der Freiheit aller, die den Einzelnen frei mache, die erschütternden „Erfahrungen eines jungen Schweizers im Vogtlande". Solcher Not gegenüber, wie sie hier geschildert wurde, sagte man wirklich: „es geht nicht zu helfen"; die warmherzige Frau aber meinte: „es geht doch" und setzte es sich zur Aufgabe, „der Elenden Ansprüche ans Leben zu vertreten" und „keine Familiengruft zu bauen den Ahnen, wo Lebende kein Obdach haben". Darum erfahren wir von diesem geheimen Socialismus auch so wenig, Genaueres eigentlich nur durch die Spiegelbilder, die in dem Roman der Fanuy Lewalo vor und in dem von Gutzkow nach der Revolution davon entworfen wurden; und in beiden wird ausdrücklich auf Paris als Ausgaugs- nnd Sammelpunkt solcher deutschen Socialisten hingewiesen. Faßbarer waren die socialistischen Auklngeu und Forderungen, die sich 1844 an den Weberanfstand im schlesischen Eulcngebirge aukuüpftcn oder die Freiligrath in seinen Gedichten vortrug. Daß auch auf konservativer Seite in Viktor Aime Huber den socialistischen Ideen ein Wortführer erstand, freilich ohne daß er bei seiner Partei Verständnis dafür gefunden hätte, ist ebenfalls schon erwähnt. Die wissenschaftliche Nationalökonomie dagegen stand als „klassische" bis auf Rodbertus ganz uuter dem Eiufluß Adam Smiths, den sie fälschlich im Sinn des extremen laisse? aller 1ais8k2 ta-ire deutete. Hier hat die Naturrechtslehre am längsten nachgewirkt. Auch für die Volkswirtschaft nahm man wie für den Staat eine von natürlichen Trieben abhängige natürliche Ordnung an, in der sich nach den Gesetzen der freien Konkurrenz alles von selbst reguliere. Deshalb wollte sie von einem Eingreifen des Staates in den Gang dieser wirtschaftlichen Entwickelung nichts Vorgeschichte. 459 wissen: der Staat hat nur das Eigentum und die freie Bewegung zu schützen, jeder Versuch diese lenken und durch Gesetze, Verbote oder Schutzzölle nach innen oder außen beeinflussen zn wollen, richtet nur Schaden an. Es war die liberaliftische und optimistische Gesellschaftsausfassuug, die trotz Nodbcrtus und Marlo-Winkelblech bis 1860 in der Theorie uud Praktisch iu der Wirtschaftspolitik herrschend blieb. Und doch wurde im NevolutionSjahr 1848 der socialistische Hintergrund für einen Augenblick blitzartig erleuchtet durch gelegentliche Bauernaufstände, die Teilnahme der Fabrikarbeiter an den Barrikadenkämpfen, die dahin zielenden Formulierungen gewisser Forderungen und Programme uud allerlei wilde Reden Einzelner. Namentlich in der Neuen Rheinischen Zeitung, die Freiligrath zusammen mit Marx und Engels in Köln redigierte, kam das zum Ausdruck; diese Männer wollten der politischen Bewegung in der That ein proletarisches Gepräge geben. Auch vou Feuerbach wissen wir, daß sein politischer Radikalismus damals eine socialistische Färbung angenommen und er dies in dem bekannten Wort „was der Mensch ißt, das ist er" zum Ausdruck gebracht hat. Allein alle Versuche, die bürgerliche Revolution ins socialistische Fahrwasser hinüberzuleiteu scheiterten nicht nur an der rasch sich wieder zusammenraffenden Macht der preußischen Regierung, sondern sie kamen auch thatsächlich zu srüh. Bis 1860 blieb Preußen nnd mit ihm das im Zollverein ihm angegliederte Deutschland der Freihandelstheorie treu, unter deren Einfluß das Handels- und Zollgesetz von 1818 nnd bald darauf der Zollverein zustande gekommen ist. „Prenßen wie später der Zollverein gediehen dabei, die Erziehung unserer Industrie für die Kämpfe auf dem Weltmarkt" wurde dadurch ermöglicht. Aber dieser Gang war kein rascher, der deutschen Industrie ist es nicht leicht geworden, sich zu ihrer heutigen Höhe emporzuarbeiten, ohne Schweiß nnd Mühe ist auch ihr nichts in den Schoß gefallen. 1848 war Deutschland wirklich uoch zu wenig Industriestaat, die Arbeiterschaft, das Proletariat noch nicht zahlreich und koncentriert, auch geistig noch nicht entwickelt genug, um sich auf sich selbst und seine Lage zu besinnen und seinen Anteil an Welt und Leben und allen Kulturgütern zn 460 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. fordern oder diese Forderung gar Praktisch mit Gewalt durchzusetzen. Ferdinand Lassalle. Und vielleicht war es auch zu Anfang der sechziger Jahre noch reichlich früh, trotz der gewaltigen volkswirtschaftlichen uud soeinleu Umbildung, die sich seit 1848 vollzogen hatte. Fast noch bedeutsamer als die Entwickelung der Großindustrie waren die totale Anderuug der Berkehrsverhältnisse nnd die riesigen Fortschritte der Technik. Dadurch erlitt die ganze Produktionsweise, ja selbst die Gruppierung der Bevölkerung, und durch die letztere namentlich auch die Wirtschaft der Familien, eine völlige Umgestaltung. Das Kleingewerbe litt darunter, ueben der Handwerkernot trat aber anch die ungünstige Lage der Fabrikbevölkerung immer schärfer hervor. Und das alles» kam den Menschen auch intensiver als bisher zum Bewußtsein: man sah und hörte, mau las uud dachte mehr. Auch die Lebenshaltung der Reichen wurde eine luxuriösere, uud dem-gegenüber kamen sich dann die Besitzlosen um so ärmer uud dürstiger vor. Neid uud Unzufriedenheit hat es wohl immer gegeben, aber jetzt forderte das Austreten der Börsenmänner und einzelner Fabrikauteu förmlich dazu heraus; es eutstaudeu iu deu Großstädten die Villenviertel, neben denen sich die Arbeiterwohuuugen um so miserabler auSnahmen. So mußte kommeu, was kam. Aber es wäre ohne die Macht einer großen Persönlichkeit wohl etwas später gekommen; denn noch einmal, 1863 war es reichlich srüh. Und auch daß wir das Urspruugsjahr so geuau angeben können, verdanken wir ihm, dem einzelnen, verdanken wir Ferdinand Lassalle. Einer der merkwürdigsten Menschen ist er in uuserer deutschen Geschichte nnr einem zu vergleichen, dem großen Agitator des sechzehuteu Jahrhunderts Ulrich voit Hütten, wenn man nicht neben diesem seinen Zeitgenossen Luther uud nebeu Lassalle Bismarck als die noch größeren Agitatoren ihrer Epoche bezeichnen null. Der fränkische Ritter uud der BreSlauer Jndenjunge — eine seltsame Zusammenstellung, und doch jeder durch den andern zn verstehen. Tan Lassalle die Verwandtschaft mit diesen stürmischen nnd dämonischen Ferdinand Lassatte. 461 Geistern des sechzehnten Jahrhunderts selber gesuhlt hat, beweist seine historische Tragödie „Franz vou Sickingen", wo er Ulrich von Hutteu sagen läßt: Sieh, Franz, nur kleine Seelen bleiben hinter dem Vermögen, doch der große Mann erfüllt DaS ganze Können in der großen Sache. Und wenn in ungewisser Wage schwankt Dem ernsten Prüfungsblick die eigne Kraft Gemessen mit der Seele große» Zwecken, — Dann schwingt er sich getrost zum Halbgott auf, » Läßt hinter sich des Staubs Bedenklichkeiten, Verbrennt in heiliger Begeistrnng Feuer Sem irdisch Teil uud stürmt titanenhaft Selbst den Olymp!----- ES ist die Macht daS höchste Gut des Himmels, Wenn man sie nützt für einen großen Zweck; Ein elend Spielzeug, wenn zum Flitterstaate Sie mir die Hand beschwert, in der sie ruht. Ganz besonders wie Selbstcharakteristik kantet es, wenn Hntten schließlich verspricht: Und kann ich auch nicht Reisige und Mannen Dir in dein Lager führen, will ich Größ'res thun. Zur Werbetrommel soll die Feder werden, Hinreißen in Bewunderung mein Volk, Halb Deutschland soll sie in dein Lager führen, Wenn du dem Kaiser gegenüber stehst, Zum Riesensittich will ich aus sie breiten, Der dich begeistert auf zum Ziele trägt! Lassalle hatte schon eine wildbewegte Vergangenheit hinter sich, als er 1862 auf die politische Arena trat; bekannt gemacht hatten ihn vor allein seine wiederum an Hutteus Reden gegen den Herzog Ulrich von Württemberg erinnernden Kämpfe für die Gräfin Hatzfeld und die Anklage, die er sich 1849 als Mitarbeiter der Neuen Rheinischen Zeitung zugezogen und der er mit glänzender flammender Beredsamkeit entgegen getreten war. Und ebenso war er schon ein hervorragender philosophischer und nationalökonomischer Schriftsteller: das System Herakkits hatte er in Hegelschem Sinn geistvoll ans- nnd umgedeutet, angezogen von dem ihm kongenialen ?rtt>r« Fc5 dieses alles Feste in dem Strom des Werdens auflösenden griechischen Philosophen und von seiner Ethik, als deren 462 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Grundgedanken er „die Hingabe an das Allgemeine" erkennen zu müssen glaubte. Vielleicht uoch mehr aber war es die lohende Feuerflamme, die ihm aus diesem System revolutionär entgegen- schlng. Als scharfsinnigen Fachgelehrten aber erwies er sich in seinem 1861 erschienenen „System der erworbenen Rechte", das den Übergang von der Philosophie zur politischen Praxis schon ahnen ließ und d?r Hegelschen Dialektik den auch für die Agitation überaus fruchtbaren Gedanken von der Relativität aller rechtlichen Institutionen entnahm. Dabei zeigte sich Lassalle freilich ebenso wie iu seiuem nationalökonomischen Hauptwerk „Bastiat-Schulze"' vvu 1864 stärker in der Kritik als in eigenen schöpferischen Gedanken. Trotzdem geben auch Fachmänner zu, daß mit diesem seinem Auftreten anch für die wissenschaftliche Nationalökonomie in Deutschland eine neue Zeit begonnen habe. Vollends aber vor seiner Polemik hatten die Gegner, ob es nun die manchesterlichen Nationalökonomen und fortschrittlichen Arbeiterfreuude oder eiu Literarhistoriker wie Julian Schmidt war, alleu Grund sich zn fürchten: so gewaltig sausteu wie Keuleuschläge seine Hiebe, so tödlich verwundeten wie giftige Pfeile seine spitzen Witze. Allein die Anerkennung, die er sich durch seine Schriften bei Gelehrten und Gebildeten erwarb, befriedigte seine maßlose Eitelkeit nicht, die doch an echte Größe und Machtgesühl heranreichte und auch von Bismarck als „Ehrgeiz im hohen Stil" verstanden worden ist. Auch das erinnert an die Menschen der Renaissance und erinnert an den Übergang Huttens von der lateinischem Gelehrtensprache zu dem allen verständlichen deutschen Idiom. Allein schriftstellerisch sich bethätigen genügte dem zum Redner und Agitator Geborenen überhaupt nicht. So sühlte er sich zu der Politik hingetrieben, in der er sich 1848 erstmals versucht hatte, und sür die ja nuu seit 1859 durch die neue Ära in Preußen die Bahn frei geworden war. 1859 erschien seine Broschüre über „den italienische!? Krieg und die Aufgabe Preußens". Danach schien seine Stellung naturgemäß in den Reihen des Nationalvereins und, als der Konflikt ausbrach, auf der Seite der preußischen Fortschrittspartei zn sein. Allein vielen von diesen persönlich ehrenwerteu und bürgerlich soliden Liberalen war der Manu zu vulkanisch und dämonisch, auch nahmen Ferdinand Lassalle. 463 sie wohl an seinem, noch in die Gegenwart hereinreichenden inoral - sreien Vorleben sittlichen Anstoß: nnd innere Gründe zur Trennung von dieser inanchesterlichen, allein Eingreifen des Staates in die sociale Entwickelung abgeneigten Partei lagen doch auch vor. Zu Bismarcl aber mochte er, der wie Cäsar lieber im kleinen Kreise der erste sein als dienen und sich unterordnen wollte, auch nicht geheu, und so richtete er seine Blicke ans den vierten Stand, die Welt der Arbeiter, die eben damals langsam in Gärung geriet. Diese Arbeiterwelt betrachtete die Fortschrittspartei als ihre Domäne, seit 1789 hatten sie ja der Bourgeoisie in allen Revolutionen Hceressolge geleistet und 1848 auf den Barrikaden namentlich in Berlin für sie nnd ihre politischen Wünsche gefochten nnd ihr Blut verspritzt. Allein ihnen eine selbständige Stellung bei sich einzuräumen uud sie als gleichberechtigten Faktor anzuerkennen, fiel dem Liberalismus nicht ein. Als sich Arbeitervereine zum Eintritt in deu Natioualverein meldeten, geriet dieser in Verlegenheit und beschloß endlich — es klingt wie Hohn und schlechter Witz — sie zu seinen Ehrenmitgliedern zu ernennen; so wurden ihnen nnter dem schlauen und doch durchsichtigen Schein besonderer Ehrung in protzenhastem Hochmut die Vollrechte der Mitgliedschaft uud der gleichberechtigte Anteil an der politischen Arbeit vorenthalten. Auch vom allgemeinen Stimmrecht wollte die Fortschrittspartei damals nichts wissen; und wenn sie es auch mehr aus Furcht vor den ländlichen Wahlkreisen des ostelbischen Junkertums ablehnte, so war es doch thatsächlich zugleich auch ein Versagen politischer Gleichberechtigung nnd Mitarbeit an die Arbeiterwelt. Und endlich stand die Fortschrittspartei streng auf dem Boden der englisch-manchesterlichen Freihandelstheorie: das laisss? g,11er laissM kg.irs sollte der Industrie nnd den Arbeiterverhältnissen gegenüber der Weisheit höchster Schluß sein; staatliches Eingreisen galt ebenso wie Schutzzoll als uuvereiubar mit den Gedanken des politischen Liberalismus und wurde daher vou diesem rundweg abgewiesen. Nur einer, Schulze-Delitzsch dachte sreundlicher: allein was er durch seine verdienstlichen, aus gutem warmem Herzen hervorgehenden Gründungen von Rohstoff-, Lebensmittel- und Vorschnßvereinen leisten wollte und leistete, kam doch nur den Kleinbürgern und Handwerkern, 464 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. nicht den Arbeitern im ganzen zn gut; und da er über den Gedanken der Selbsthilfe nicht hinwegkam, so galt er Lassalle vielleicht als braver Mensch, aber als schlechter Musikant und zurückgebliebener Bourgeois. So mußte Lassalle also zuvorderst mit der Fortschrittspartei brechen und abrechnein das that er in seiner rücksichtslosen Weise zur Freude und uuter den jubelnden Zurufen der konservativen Kreuzzeitung. Es ist nicht ohne Interesse zn sehen, wie in diesem Augenblick die drei Freunde Lassalle, Lothar Bucher und Franz Segler vom gleichen Pnnkt aus nach drei verschiedenen Richtungen anseinandergehen: Ziegler bleibt, was er in dieser Konsliktsperiode vollends geworden war, radikaler Fvrtschrittsmann; Lothar Bucher, der 1850 wegen Beteiligung an dem radikalen Steuerverweigerungsbeschluß der Nationalversammlung verurteilt worden und ins Exil gegangen war, wnrde Bismarcks rechte Hand, nnd Lassalle der Gründer der deutschen Socialdemokratie. So nahe lagen damals noch die Mensche» und die Wege, die sie gingen, beisammen. Nach seinem Bruch mit dem Liberalismus handelte es sich für Lassalle darum, eiu Neues zu schaffen, und den Anfang dazu machte er in seinem offenen Antwortschreiben an ein Leipziger Ecntralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses vom I. März 1863. Hier entwickelte er iu glänzender Form und durchsichtigster Klarheit seiue drei agitatorischen Grundgedanken — die Lehre vom ehernen Lohngesetz, unter dessen Druck 89—96"/g der preußischen Bevölkerung seufzen und hungern sollten, das Verlangen eines Staatskredits — er setzte ihn später aus 100 Millionen Thaler sest — zur Gründung von Prodnktiv- assoziatiouen, als deren Mitglieder die Arbeiter Teil bekommen sollten am Gewiuu ihrer Arbeit, und endlich als Mittel hierzn das allgemeine gleiche und direkte Stimmrecht. Die Schrift zündete wie „eiu Feuerbrand im Pulverfaß", aber einen durchschlagenden Erfolg von seiner damit beginnenden beispiellosen Agitation hat Lassalle selbst doch nicht erlebt, den dröhnenden Schritt der Arbeiterbataillone hat er nur in seiner lebhasten Phantasie nnd in seinem sie leidenschaftlich herbeisehnenden Geiste ahnungsvoll gehört, in Wirklichkeit sammelten sich die Bataillone Ferdinand Lassalle. 465 nur langsam. Ab und zu das Ausjubeln einer von seiner stürmischen Beredsamkeit mit fortgerissenen Volksversammlung, die Präsidentschaft über den allgemeinen deutschen Arbeiterverein, der es aber bei seiuen Lebzeiten zu nicht mehr als 4610 Mitgliedern gebracht hat, die Zustimmung Herweghs, dessen Arbeiterlied „Bet' nnd arbeit', rnst die Welt" Hans von Bülow komponierte, sonst viel Feind, viel Ehr — das Mar alles, was er erreichte: denn schon am 31. Juli 1864 machte die irrationale Kugel des Walachischen Bojaren Raeowitza im Duell um eine adelige Dirne, die Lassalle einen Augenblick ernsthaft nahm, seinem in die Welt Hineinstürmen ein jähes und vorzeitiges Ende. Und auch seine socialen Ideen - und Pläne sind beiseite gestellt und überholt. So vor allem das eherne Lohngesetz, das er so formulierte: „Das eherne ökonomische Gesetz, welches unter den heutigen Verhältnissen, unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage nach Arbeit den Arbeitslohn bestimmt, ist dieses: daß der durchschnittliche Arbeitslohn immer aus den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Friftung der Existenz und znr Fortpflanzung erforderlich ist. Dies ist der Punkt, um welchen der wirkliche Tageslohn in Pendelschwingungen jederzeit herum gravitiert, ohne sich jemals lange weder über denselben erheben noch unter denselben herunterfallen zu können. Er kann sich nicht dauernd über diesen Durchschnitt erheben, denn sonst entstünde dnrch die leichtere bessere Lage der Arbeiter eine Vermehrung der Arbciterehen und der Arbeiterfortpflanzung, eine Vermehrung der Arbeiterbevölkernng und fomit des Angebotes von Händen, welche den Arbeitslohn wieder auf und unter seinen früheren Stand drücken würden. Der Arbeitslohn kann auch nicht dauernd tief unter diesen notwendigen Lebensunterhalt fallen. Denn dann entstehen Auswanderungen, Ehelosigkeit, Enthaltung vou der Kindererzeugnng uud endlich eine durch Elend erzeugte Verminderung der Arbeiterzahl, welche somit das Angebot von Arbeiterhänden noch verringert und den Arbeitslohn daher wieder auf den früheren Stand zurückbringt." Dieses Gesetz, das übrigens auch ein so politisch gemäßigter Socialist wie Nodbertus als eiu natürliches und richtiges anerkannte, wurde die schärfste Zicgler, die geistigen u. socialen Strömungen des 19. Jahrh. 30 466 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Waffe im Kamps der nächsten fünfundzwanzig Jahre und galt auch auf der Gegenseite vielfach als unwiderleglich; heute ist co von der Socialdemokratie selbst für unrichtig erklärt und zum alten Eisen geworscu. Und ebenso hat die Socialdemokratie zwar eine Zeitlang die Lassallesche Forderung von Stantshilfe zur Gründung von Prodnktivgenossenschaften ihrem Programm einverleibt, schließlich aber anch das als unpraktisch und mit ihren letzten Zielen uud Gedanken unvereinbar fallen lassen. Und auch das positive Verhältnis zum Staat, den er als „das uralte Vestafener aller Civilisation" gegen die Manchester-Männer als die „modernen Barbaren" verteidigte, und sein nationales PathoS, das ihn Beziehungen mit BiSmarck anknüpfen ließ, ist beseitigt und seiner Partei abhanden gekommen; namentlich ist der Gedanke an ein sociales „Volkstönigtum", der ihn gelegentlich bewegte, ans Kops nnd Herz der Socialdemokratie verschwunden. Allein sciue Bedeutung liegt auch nicht in den einzelnen Gedanken, die ihm ohnedies meist nicht eigentümlich, sondern die von anderen entlehnt sind, sondern sie liegt in dem, waS er praktisch geschaffen hat. Lassalle hat die arbeitenden Klassen in Deutschland auS ihrem dnmpfen stumpfen Schlafzustand aufgeweckt, aufgerüttelt und aufgeschrieen und die Arbeiter mitten durch Neid und Unzufriedenheit und Haß hindurch aufgerufen zur Teilnahme am politischen Leben ihres Volkes und zum Verlangen nach dem ihnen zukommenden Anteil an den Gütern unserer modernen Kultur. Uud was er so geschaffen hat, das blieb bestehen nnd wnchs aus jenen kleinen Anfängen heranS zu gewaltiger Macht, so wie er es im ahnungsvollen Geist vorausgesehen uud herbeigeführt hatte; dieses Werk LassalleS, es heißt — die deutsche Socialdemokratie. Und auch über das Mittel, das ihr zu Macht und Größe verhelfen sollte, hat er sich nicht getäuscht. In seiner Schrift gegen Bastiat-Schnlze ries er: „schon zuckt auf den Höhen der Blitz des direkten und allgemeiueu Wahlrechts auf diesem oder jenem Wege, bald fährt er zischend hernieder": nnd noch bestimmter in einer Rede von 1864: „so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht kein Jahr mehr vergehen, und Herr von Bismarck hat die Rolle Robert Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist Ferdinand Lassnlle. 4g7 oktroyiert". So erkannte er doch ganz anders als die Doktrinäre der Fortschrittspartei die ihm freilich auch kongenialere, weil revolutionäre Größe Bismarcks und begriff, daß dieser anf kühnen Bahnen zum Ziele strebend gegen die Fortschrittspartei, um sie zu überbieten und zu übertrumpfen, das allgemeine Stiminrecht ausspielen müsse; vielleicht hat es ihm dieser anch direkt gesagt. Jedenfalls that 1806 Bismarck, anch seinerseits nicht ohne mannigfache Beeinflussung durch Lassallesche Ideen nnd im Hinblick auf seine Schöpfung, den kecken Wurf, nm den ihn damals viele so hart gescholten haben und heute noch manche schelten nnd anklagen, er nahm das allgemeine direkte nnd geheime Wahlrecht in die Verfassung des norddeutschen Bundes und später in die des deutschen Reiches anf. Einmal eingeführt aber darf und kann dieses Volksrecht nicht mehr beseitigt werden, das wäre der Ansang des Endes. Es lag einerseits darin nach rückwärts eine Anerkennung des demokratischen PrineipS uud der sortschreiteudeu Demokratisieruug der Welt in unserem Jahrhundert überhaupt; nach vorwärts aber hat es mächtig zur weiteren Erstarkung dieser demokratischen Tendenzen in Deutschland beigetragen und speciell der socialistischen Partei die Möglicl?- lichkeit eröffnet, ans gesetzlichen! Wege ihrem Ziele näher zu kommen und Teile ihres Programms schrittweise zu verwirklichen. Es war wirklich, wie Schmoller es ueuut, „eine socinlpolitische That ersten Ranges". Ist es doch die notwendige Ergänzung der allgemeinen Schnl- nnd Wehrpflicht und das große Sicherheitsventil gegen eine im Dunkeln sich vorbereitende Revolution. Ans diesen beiden Gründen muß es festgehalten nnd mnß für seine Erhaltung gestritten werden wie für eine Mauer, so unbequem es auch seilt mag und so schwere Pflichten es gerade auch den führenden Geistern des Volkes auferlegt. An diesem entscheidenden Pnnkte traf der socialistische Agitator nnd der konservative Staatsmann zusammen — in dem klaren Verständnis für das, was ihre Zeit bewegte, nnd in der kühnen Förder»»g dessen, was ihr notwendig war. Deshalb hat auch Bismarck bis zn seinem Tode diese seine Schöpfung nie verleugnet. Die Zeit nach Lassalles Tod war zuuächst eine Periode allgemeinen Wirrwarrs für die socialistische Bewegung. Kleine Diadochen 30* 468 Nach 1871: Socialismus und Sonnldenu'kraiie. stritten sich um die ReiclMcrweserschaft in der Partei; immerhin hielten 1867 zwei Lassalliten in den ersten Reichstag des norddeutschen Bundes ihren Einzug, uud schließlich hat Herr von Schweitzer einige Jahre hindurch die Führung der Partei mit Geschick in den Händen gehabt. Karl Marx. Inzwischen begann aber eine andere Richtung sich zwischen sie und ihnen voranzudrängen — die internationale von Karl Marx. Auch dieser Jude und Hegelianer wie Lassalle, aber ein ganz anderer Mensch. Lassalle war ein Redner und volkstümlicher Agitator wie Hntten, seurig uud sprühend, voll Temperament und unter der Herrschaft von Impulsen, die nicht bloß sinnlicher Natnr waren, sondern auch als nationale nnd ideale Instinkte in ihm wirkten, uud darum voll Aucrkenuung für Bismarcks Person nnd Größe, weil er das Dämonische an ihm als ein ihm Wahlverwandtes erkannte, voll Hoffnung ans Preußen, dessen Beruf zur Führung Deutschlands er ja 18S9 entschieden verkündigt hatte; Karl Marx dagegen war der Mann des kühlsten Verstandes, kritisch bis zur Er- barmungslosigkeit, ohne Ideale, weil ganz ohne Illusionen, auch ein Agitator, aber uicht im Stile Huttens, sondern wie Mazzini oder, wenn das Bild erlaubt ist, wie die Kreuzspinne, die still ihre Netze spinnt und ihre Opser mit tödlicher Sicherheit in denselben einfängt. Was er aber im stillen sann und spann, das war die socialistische Theorie, sein Werk „das Kapital" die große Rüstkammer noch henke, aus der die Partei uud ihre Führer sich die geistigen Waffen geholt haben. Er war halb international- schon aufgewachsen; als Redakteur der Rheinischen Zeitung hatte er die Interessen des aufstrebenden Handels in den Rheintanden zn vertreten und trat vou da aus für den Zollverein und Prenßens Hegemonie ein. Da aber viele seiner Mitarbeiter wie er selbst den radikalsten Elementen der Hegelschen Linken angehörten — neben anderen „Freien bei Hippel" waren auch Max Stirner und Brnno Bauer darunter —, so geriet das Blatt immer mehr in daS extremste Fahrwasser. Obgleich von der Allgemeinen Zeitung schon jetzt als „kmnmunistisch" angeklagt, hielt es sich doch dem französischen Karl Marx, 469 Socialismus gegenüber uvch vorsichtig zurück und behielt sich ein eingehendes Studium desselben vor. Aber als es deu Notstand der Moselbaueru eingehend behandeln wollte, wurde das Fortbesteheu der Zeitung verboteil. Marx verließ Preußen und wandte sich nach Paris. So wurde er durch die Verfolgungssucht der Reaktion aus Deutschland weggetrieben und hat dann — mit kurzer Unterbrechung im Jahre 1848 — als Emigrant ohne Heimat nnd Heiinatgcfühl im Anstand gelebt und hier zuerst in Frankreich die ausgebildeten Theorien des Socialismus, dann in England mit seinem Freunde Engels die schon viel höher als in deu Rhein- lauden entwickelten socialen Formeu des Judustriestaats kennen gelernt. Erst setzte er sich kritisch mit der Hegelscheu Philosophie uud dem aus ihr hervorgegangeuen Feuerbach, dauu mit Proudhous „Philosophie des Elends" auseinander, wobei er diesem seinen kleinbürgerlichen Staudpunkt uud sein beständiges Hin nnd Her zwischen Kapital nnd Arbeit, zwischen politischer Ökonomie uud Kommunismus mit aller Härte vorwarf. Dann aber kam der Hauptschlag. Im Februar 1848 veröffentlichte er gemeinsam mit Engels das kommunistische Manifest, die Doktrin eines iuter- uatioualeu Buudes aller Kommuuisten, der sich der „Bund der Gerechten" uaunte. Es war international und revolutionär zugleich, das -,eigt der lapidare Schluß: „die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten uud Absichten zu verheimlichen. Sie erklären offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz 'aller bisherigen Gesellschastsorduuug. Mögen die herrschende» Klassen vor einer kominunistischen Revolution zittern! Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zn gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Schon hier hat Marx die Grundlinien seiner Geschichtsund Socialphilosophie gezogen, wie sie dauu in schwerer wissenschaftlicher Rüstuug in seinem Hauptwerk „Das Kapital" uäher entwickelt worden sind. Den Ausgangspunkt bildet die sogenannte materialistische Geschichtsanssassnng, die Lehre von der Priorität der ökonomischen vor deu politischen und geistigen Strömungen deS geschichtlichen Lebens, das iu Wahrheit eine Geschichte von 470 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Klassenkämpfen zwischen Ausbeutenden und Ausgebeuteten, Herrschenden und Beherrschten darstellt, während alles andere nur Folgeerscheinung, der „Oberbau" zu diesen fundamentalen Vorgängen sein soll. In diesem geschichtlichen Prozeß hat die Bourgeoisie das große Perdienst, den Feudalismus beseitigt zu habein aber die Waffen, mit denen sie gekämpft und gesiegt hat, richten sich nun gegen sie selbst; die immer wiederkehrenden Handelskrisen, eine Folge der planlosen Produktion und Überproduktion, stellen die aus dem Privateigentum aufgebaute Gesellschaftsordnung dieser Bourgeoisie in Frage; sie ist dem Tod verfallen, und der Träger dieser Revolution ist das Proletariat, gleichfalls ein notwendiges Produkt der seitherige» Gesellschaftsordnung. Dieses wird sich erhebe» uud da es die »»geheure Mehrheit bildet, zur herrschenden Klasse werden. Im Besitz der Herrschaft geht es dann an eine allmähliche Umgestaltung der Gesellschaftsordnung, das wichtigste ist die Expropriation des Eigentums, die Centralisierung aller Produktionsmittel in den Händen der Gesellschaft, die neue Gesellschaft ist kommuuistisch. Damit vcrschwiudet ihr politischer Charakter, Klassenherrschaft und Staat hören auf; das letzte ist die Association, in der die freie Entwickelung eines jeden die Bedingung für die freie Entwickelung aller ist. Das ist der evolntionistischc Gedankeugang des Programms, wonach wir es in den socialen Bewegungen aller Zeiten, also auch der unsrigen, nicht mit willkürlich und künstlich gemachten Erscheinungen, sondern mit unvermeidlichen Produkte» einer ebenso logisch-dialektischen als historischen Entwickelung z» thun haben. Das alles dem Proletariat zum Bewußtsein zu bringen und es über sich und feine weltgeschichtliche Rolle klar »'erden zu lassen, darin besteht der „wissenschaftliche" Socialismus, wie ihn Marx geschaffen hat; darin aber zugleich auch das Programm für sein praktisches Verhalte» und Vorgehen. Heute ist der Träger der socialen Vorwärtsbewegung das Proletariat; das Ziel ist ^ negativ Abschaffung der bisherigen Aneignnngsweise, des Privateigentums und der Privatproduktion, Positiv der Kommuuismus und Kollektivismus, d. h. die Vergesellschaftung der Produktions- ^. Mittel auf demokratischer Basis. Das Mittel zur Erreichung dieses Zieles ist der Klassenkainpf, der Sturz der Bourgeoisie und des Der Manismus in Deutschland. 471 Kapitalismus, die Herrschaft deS Proletariats. Und das alles ist nicht willkürlich, immanente Potenzen setzen den Prozeß in Bewegung, es ist eine Evolution und daher bedarf es keiner Revolution im üblichen Sinn des Wortes, das alles muß kommen. Näher darf hier natürlich nicht auf dieses-Manifest uud uoch weniger ans die wissenschastlicheu Theorie« von Marx über die Arbeit als Wertsubstanz und Wertmaß, über Mehrwert und kapitalistische Aeeumulation eingegangen werden. Gewiß mit Recht hat Sombart iu ihr zwischen Wesentlichein und Aeeideutiellem geschieden. Nnr daraus sei hingewiesen, daß die ganze Darlegung der Anlage nach eine Hegelsche Konstruktion ist, ausgeführt mit dem Hegelscheu Begriff der Eutmickeluug uud mit deu Mitteln der dinlektischeu Methode, was an und sür sich noch nicht als Tadel gemeint ist, da doch auch bei Marx wie bei Hegel der konstruktive!? Darstellung reiches Erfahrnngsmaterial auS Geschichte uud lebendiger Gegenwart zu Gruude liegt. Was ihr dagegeu schlt, ist die Psychologische Begründung, die ja auch in der ganzen deutschen Philosophie von Kant bis Hegel am schwächsten ist. Darin war ihr Adam Smith doch überlegen, der seinem Werke über deu Reichtum der Natiouen eine Theorie der moralischen Gefühle vorangeschickt hatte. Aber was der Theorie abgeht, das wird durch die Praxis ersetzt. Indem sich das Programm an Menschen mit Fleisch und Blut wendet, setzt es sich in Leidenschast und Temperament, in Gesühl und Willen nm. Darin liegt seine Stärke, aber daran findet es auch seine Grenzen, namentlich auch mit der Behauptung, daß das Politische und Intellektuelle uur Produkt uud Oberbau sei; gerade die materialistische Geschichtsauffassung iu ihrer Einseitigkeit und Ausschließlichkeit ist der anfechtbarste Teil der ganzen Lehre. Der Marxismus iu Deutschland.. Dieser konsequent internationale Kommunismus war also bereits 1847 iu der Theorie sertig. Allein zunächst kam gleich daraus eiue Revolution, deren Proletarischer Teil in Frankreich blutig niedergeschlagen wurde und die iu Deutschland einen ausschließlich bürgerlichen Charakter trug. Zwar bekamen Marx und Engels, wie bereits erwähnt, die Neue Rheinische Zeituug wieder 472 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. in die Hand und suchten in ihr auch für die kommunistischen Ideen Propaganda zu macheu. Auch sollten die Mitglieder eines von ihnen gegründeten deutschen kommnnistischen Vereins innerhalb der bürgerlichen Revvlutionsbeweguug als Sauerteig wirken, nnd der Kölner Kvmmuuistenprozeß > in der Reaktionszeit des Jahres 1862 bewies, daß man aus diesen Verein aufmerksam geworden war. Aber Deutschland war damals ökonomisch noch viel zu rückständig, die Revolution wurde von den Bourgeois gemacht uud die Arbeiter kämpften auf den Barrikaden sür sie. Das war keine Widerlegung des Marxschen Manifestes: er hatte das sogar genau so vorausgesehen und vorausgesagt: „Ju Deutschland kämpft die kommunistische Partei, sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegeu die absolute Monarchie, das sendale Grundeigentum uud die Kleiubürgerei. Sie unterläßt aber keinen Augenblick, bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichem Gegensatz zwischen Bourgeoisie uud Proletariat herauszuarbeiten, damit die deutschen Arbeiter sogleich die gesellschaftlichen uud politischeu Bedingnngen, welche die Bourgeoisie mit ihrer Herrschaft herbeiführen muß, als ebenfoviele Waffen gegen die Bourgeoisie kehren können, damit nach dem Sturz der reaktionären Klassen in Deutschland sofort der Kamps gegeu die Bourgeoisie selbst begiuut. Ans Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht, uud weil es diese Umwälzung uuter fortgeschritteneren Bedingungen der europäischen Civilisation überhaupt uud mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt, als England im siebzehnten und Frankreich im achtzehnten Jahrhundert, die deutsche Revolution also unr das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revo- lutivn sein kann." Freilich so „uumittelbar" kam diese doch uicht hinterdrein; denn einmal hatte die bürgerliche Revolution uicht gesiegt, wie Marx vorausgesetzt hatte, und dauu war das Proletariat iu Deutschland doch noch nicht so weit entwickelt: er uud Eugels habe» die deutscheu Verhältnisse aus Persönlicher Anschannng immer weniger gekannt uud sie allzusehr nach ihrer Umgebung in Frank- Der Marxismus in Deutschland. 473 reich, in Belgien und vor allem in England beurteilt; daraus erkläre» sich so manche Einseitigkeiten auch in der Theorie. 5 a blieb daö Manifest, das für England uud Frankreich zu theoretisch war, auch für Deutschland zunächst ein unbekanntes Stück Papier. Erst mußte die reaktionäre Periode ablaufe» uud Deutschland materiell sich weiter entwickeln und in die Reihe der europäischen Industriestaaten eintreten. Und darum ist auch nicht schou aus der ersten, sondern erst auf der zweiten Londoner Weltausstellung von 1862 durch Marx aufs »eue eine internationale Arbeiterassoziation ins Leben gerufen werden, die aber vorerst kein rechtes Gedeihen nnd auch keiue gauz klaren Ziele hatte. Da kam 1862 Wilhelm Liebknecht, der dem Marxistischen Kreise angehörte und sich mit den Ideen von Marx erfüllt hatte, nach Deutschland zurück uud griff seiuerseits in die nach Lassalles Tod eingetretene Verwirrung innerhalb der Arbeiterbeiveguug eiu. Er fand zwei Verbände vor — deu von Lassalle gestifteten allgemeinen dentscheu Arbeiterverein, und den im fortschrittliche» Fahrwasser eiuhcrsteueruden Verband deutscher Arbeitervereine; aber beide waren ihm zu national uud zu politisch. Auch er hatte ja von 1849 au Emigrantenbrvt essen müssen und wurde nun nach seiner Rückkehr von der Polizei thöricht mißhandelt. Das erfüllte ihn mit Haß gegen Preußen, den er hinfort nicht mehr los wurde, wie er denu überhaupt eiu schwarzgalliger und sanatischer Mann ist, dem sein Fanatismus in jesuitischer Weise jedes Mittel erlaubt erscheinen läßt, das zum Ziele sührt, uud den sein Haß eng gemacht hat. Für diesen Haß gegen das damalige Preußen fand er in dem Sachsen der sechziger Jahre einen wohlvorberciteten Boden, nnd er bildete wohl anch daS erste Band, das ihn mit Bebel als dem gelehrigen Schüler der Marxistischen Ideen verknüpfte. Dieser gehörte — neben Albert Lange, Max Hirsch, Sonneman» u. a. — dem ständigen Ausschuß jenes Verbnudes deutscher Arbeitervereine au und war zunächst radikaler FortschrittSmann nnd Gegner der Lassalliten, im übrigen ein durch und durch ehrlicher, idealistisch angelegter, reich begabter Mensch mit großem Eiufluß auf die Arbeiter, denen er als Drechslermeister mit seinen Anschauungen nnd seiner EmpfinduugS- weise näher stand als alle die anderen von HanS aus gebildetere» 474 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Führer. Er gab dem Verband eine ihn von den fortschrittlichen Tendenzen rasch weit abführende Richtung, löste ihn von Schulze- Delitzsch und dessen harmloseren Bestrebungen los und führte ihn von diesem hinüber zu Marx. Auch von der süddeutschen Volks- partei losten sie sich ab, nnd 1368 erfolgte der Anschluß des Perbandes an die Internationale Arbeiterassociation. Damit war die socialdemokratische Partei in Deutschland gegründet nnd waren die Pläne Liebknechts verwirklicht, er nnd Bebel waren auch bereits iu den ersten norddentschen Reichstag gewählt. Im Angust 1869 hielt die Partei ihre erste Heerschau ab, wobei sich die 262 Delegierten bereits als die Vertreter von 150000 Arbeitern bezeichnen konnten; auch das erste Programm wurde hier festgestellt. Nur eins gelang nicht, die Bereinigung dieser internationalen Marxisten mit den nationalen Lassalliten, die beiden Parteien haben sich vielmehr etliche Jahre hindurch aufs leidenschaftlichste befehdet und gegenseitig übel beschuldigt und beschimpft. Allein das war eine .scinderkrankheit, die überwunden werden mußte. Die Evolution, die Schwerkraft der Sache selbst und nicht znm wenigsten auch die Drangsalierung durch Polizei uud Gericht — Tessendorsf als Staatsanwalt und Stieber als „Polizeispitzel", wurden damals berühmt uud berüchtigt — drängte zur Bereinigung der beiden Parteien, die sich denn auch im Mai 187S in Gotha wirklich vollzog nnd durch ein nenes Parteiprogramm besiegelt wurde. Dieses Programm ist ein seltsames Gemisch von Marxistischen und Lassalleschen Grundsätzen. Der internationale Charakter der Arbeiterbewegnng und der Entschlnß, alle Pflichten, welche derselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung aller Menschen zur Wahrheit zu machen, wird betont, aber den Lassalleancrn znlieb hinzugefügt: „obgleich, zunächst im nationalen Rahmen wirkend". Der Tenor ist durchaus kommunistisch: der Gesellschaft gehört das gesammte Arbeitsprodukt, und gefordert wird die Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft; aber um die Lösung der socialen Frage anzubahnen, sollen im Sinne Lassalles socialistische Prodnktivgenossenschaften mit Staatshilfe nnter der demokratische!? Kontrolle des arbeitenden Volkes errichtet werden. Auch vom ehernen Lohngesetz ist die Rede, es soll dnrch Abschaffung des Der Marxismus in Deutschland. 475 Zystems der Lohnarbeit, Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, Beseitigung aller socialeu und politischeu Ungleichheit zerbrochen werden. Ebenso ist sich die Partei der großen Bedeutung des allgemeinen gleichen direkten Wahl- und Stimmrcchts mit geheimer und obligatorischer Stimmabgabe wohl bewußt. Sie hatte durch die nationale Vewcgnng des Jahres 1870/71, den schreckhasten Eindruck des Kommunealisstandes in Paris und dnrch ein thörichtes Parteimauisest, das Deutschland aus seiuem Siegeslauf in die Arme fallen wollte, einen erheblichen Rückschlag erlebt: das nationale Bewußtsein hatte doch noch nnd hatte vor allein damals eine gewaltig werbende Krast, mehr als die verschwommene Idee einer allgemeinen Menschenverbrüdernng, aus der sich der Gedanke der Solidarität der Interessen der Arbeiter in den westeuropäischen Industriestaaten noch nicht herausgeschält hatte. Aber unter dem Einfluß der französischen Milliarden, die nach Deutschland herüberwandcrten, kam alsbald hinter der nationalen Erhebung der wirtschaftliche Aufschwung iu Deutschland, der auf ein dafür wenig vorbereitetes Geschlecht traf. Wie ein Taumel erfaßte es die Besitzenden, der Kapitalismus feierte wahre Orgien, die ungesundesten Gründungen suchten und sanden sür ihre Prospekte unter deu Edelsten der Nation vollklingende Namen, das Fieber der Spekulation ergriff wie eine Epidemie alle Kreise, - Adlige, hohe Beamte, Offiziere, Gelehrte, Geistliche —, die Presse zeigte sich sast durchweg käuflich, kurz alles machte den Tanz um das goldeue Kalb lustig und ehrlos mit, die Massenpsychologie war um eine recht unerfreuliche Erfahrung reicher. Es wird immer Laster zu ganz besonderer Ehre angerechnet werden müssen, daß er damals im preußischen Abgeordnetenhause mutig den Fiuger iu die schwärende Wunde legte und die ganze Heil- losigkeit dieses ehrlosen Grllndertnms aufdeckte; dies eine „unbeschreiblich sreche Komödie" zu uenueu und ihm allerlei unlautere Motive unterzuschieben, hätte der Geschichtschreiber der deutschen Socialdemokratie den Antisemiten überlassen sollen. Das „ethische Pathos" Lasters war an jenem Tage echt. Aber auch die Arbeiter- weit wurde von der Bewegung in Mitleidenschaft gezogen. Geld war billig, deshalb wurden die Preise auch für die notwendigsten 476 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Existenzmittel teuer. Die Folge davon war zwar eine Erhöhung der Löhne, die sich die Arbeiter teilweise durch Streik erzwängen^ wenn aber die Erhöhung hinter der Preissteigerung zurückblieb, so wurde ihre Lage nur schlimmer statt besser, und der Gegensatz zu dem auf Gummirndern dnherfahrenden und in luxuriösen Diners schwelgenden Gründertum nur um so greller. Umgekehrt kounteu diejenigen Arbeiter, bei denen die Lohnerhöhung eine wirkliche, keine mir relative Erhöhung bedeutete, ihre Lebenshaltung besser gestalten. Aber da sie dem bösen Beispiel des protzcnhasten Gründer- tums ausgesetzt waren, so erlagen auch unter ihnen viele der Versuchung und mißbrauchten den höheren Lohn ebenso wie die Gründer den im Börsenspiel errafften Gewinn zu wüstem Genuß. Ich selbst habe damals in Zürich an Montagen junge Arbeiter in Droschken Champagnerflaschen schwingend durch die Straßen sahren sehen. Und nun kam, was kommen mußte, die Sturmflut, der große Krach des Jahres 1873 und zog in seine Wirbel nicht nur die Schuldigen mit hinein. In erster Linie mußten die Bourgeois ernten, was sie an Sturm gesät hatten. Dann aber trafen die an die Krisis sich anschließenden Arbeiterentlassungen und die plötzliche Herabsetzung der Löhne taufende von Arbeitern und Arbeiterfamilien, welche bisher lediglich aus der Ferne und mit Neid den Orgien des Gründertums zugesehen hatten nnd nun für sie mit büßen mußten. Das ist die schwere Schuld, welche die deutsche Bourgeoisie der Arveiterwelt gegenüber aus sich, geladen hat. Und überdies haben diese Gründerjahre mit ihrer Überproduktion uud ihren darauffolgenden Krisen für die Theorie von Marx Illustration uud praktische Bestätigung geliesert und sie durch das Elend, das sie brachten, den Arbeitern erst recht verständlich uud einleuchtend werdeu lasse». So hatte schließlich doch die Socialdemokratie den einzigen realen Gewinn von diesem Tanz nm das goldene Kalb, und sofort wuchsen denn auch ihre Stimmen, die 1871 ans 102000 herabgegangen waren, 1874 wieder auf 352 000, die Zahl ihrer Abgeordnete» stieg von zwei auf nenn. Damit war der Gedanke, auf gesetzlichem Wege ans Ziel zn gelangen, zwar noch in weite Ferne gerückt, aber eine leere Utopie war es nicht mehr. Die Agitation auf die Wahlen hin und die Vertretung der socialistischen Das Socialistengesetz und die Ära der socialen Reformen. 477 Ideen im Parlament wurde nun vor allem ins Auge gesaßt. Allein beides mußte erst gelernt werden: dort ging es noch gar stürmisch zu, Tölcke mit seiuem Kuüpvel war für soeialistische Versammluugeu eine Zeitlang typisch, und im Reichstag dachte man mehr an lallte Worte als daran, die Gegner zu überzeugen oder gar für positive Porschläge zn gewinnen nnd an ihrer Arbeit sich zu beteiligen; es waren gewissermaßen die Flegeljahre des deutschen Socialismus. Das zeigte sich auch bei den Streiks, die oft recht unüberlegt und srivol in Scene gesetzt und recht lärmend nnd terroristisch durchgeführt wurden, so daß der Bourgeois hinter diesem berechtigten und natürlichen Kampsmittel bald etwas wie eine diabolische socialdemokratische Erfindung witterte. Dabei führten die socialdemokratischen Parteiorgane nnd Agitatoren eine überaus herauS- forderilde und beleidigende Sprache, verhöhnten auch die gebildetsten und wohlmeinendsten Männer der Gegeilpartei als „Mastbürger", warfen die ehrlich Liberalen mit den schlimmsteil Reaktionären als reaktionäre Masse in einen Topf, erklärten Vaterland nnd Vaterlandsliebe für Phrase und Heuchelei, alle Religion sür Humbug, hetzten die Massen gegen alle staatlichen Einrichtungen nnd gegen die Monarchie insbesondere aus, nannten die Ehe eine staatlich konzessionierte Prostitution nnd beschimpsten die Organe des Staates und die Anhänger der alten Ordnung als Spitzel und Reptile, als servile und feile Dummköpfe oder Schurken. Und natürlich fehlte es dann auf der Gegellseite an starke» Worten auch nicht, Tessendorffs Vorgehen ans gerichtlichem Wege erschütterte vielsach sogar den Glauben an das Recht. So ging ein Strom der Verhetzung und der gegeuseitigeu Verbitterung dnrch das deutsche Volk, wenige Jahre nachdem es sich national geeinigt und in den Tagen des Kampfes auch innerlich einig und sittlich gesund gezeigt hatte. Uild diese socialdemokratische Ausregung fiel zusammen mit der kousessiouelleu Verbitterung durch den nach anderer Richtung hin zerklüstenden Kulturkampf. Das Socialistengesetz nud die Ära der socialen Reformen. Da kam das Unglücksjahr 1878 mit seinen beiden fluchwürdigen Attentaten auf das greise Haupt Kaiser Wilhelms I. 478 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Das von Hödel konnte man als Folge jener aufreizenden socialdemokratischen Agitation ansehen, das von Nobiling hatte damit sicherlich nichts zu thun. Aber wir alle glaubten an diesen Zusammenhang: und so ergrifs die eiueu bleiche Furcht vor einer Bewegung, die zu solchen Schreckensthaten sichre, die andern zornige Empörung, zumal wenu sie der blutüberströmten Gestalt des ehrwürdigen Kaisers gedachten: das monarchische Gefühl war damals eine Macht, die sich nicht nngestrast verletzen ließ. Unter solchen Eindrücken fanden die ReichstagSwahlen des Jahres 1878 statt, und sie ergaben eine Mehrheit, welche bereit war, einem Ausnahmegesetz gegen die Socialdemokraten zuzustimmen. So svlgt nun auf die Ära des seinem Ende sich zuneigenden Kulturkampfes die Herrschaft des Socialistengesetzes von 1878—1890. Schon 1863 hatte Bismarck die Wichtigkeit der Arbeitersrage erkauut und sich dann immer energischer über die feudale sowohl wie über die liberalistisch-manchesterliche Ansfassung hinausgearbeitet. 1871 hatte er dem Handelsminister Grasen Jtzenplitz die beiden Grundgedanken seines späteren socialpolitischen Programms entwickelt, einmal „denjenigen Wünschen der arbeitenden Klassen, welche in den Wandelungen der Produttions-, Verkehrs- und Preisverhältnisse eine Berechtigung habeu, durch Gesetzgebung und Verwaltung entgegenzukommen", dauebeu aber „die staatsgefährliche Agitation durch Verbots- und Strafgesetze zu hemmen". 1875 sagte er zu Schmoller, wie dieser in seinen Briefen über „Bismarcks volkswirtschaftliche und socialpolitische Stellung und Bedeutung" erzählt: er sei eigentlich anch Kathedersocialist, habe nnr noch keine Zeit dazn. Allein wenn ihm auch damals schon „eine große staatliche Socialreform zu gunsten der Arbeiter vorschwebte", so bedeutete ihm doch, wie Schmoller meint, z. B. die Anerkennung des Rechts auf Arbeit „im ganzen nicht mehr als die Zusage von staatlichen Notstandsarbeiten in Jahren der Krise nnd sonstiger allgemeiner Not" : anch weitergehende Forderungen der Arbeitsschutzgesetzgebung hat er nach demselben Gewährsmann schon seit 1878 abgelehnt. Jedenfalls aber kamen in diesem Jahre die socialen Reformen nicht pari passn mit dem Socialistengesetz, kamen überhaupt nicht rasch genug, uud so trat zunächst mir die RePression, die Bekämpsung Das Socialistengesetz und die Ära der socialen Reformen, 479 der gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie in die Erscheinung. Und diese Bekämpfung hatte durch die unbestimmte Fassung des Gesetzes und der davon betroffenen Bestrebungen etwas Willkürliches, die Ausweisung, welche verhängt werden durste, vernichtete die Existenz zahlreicher Familien und war von einer nn- leugbareu Härte, die Beschränkung der Preß- nnd Koalitionsfreiheit, die Zerstörung aller Arbeiterorganisationen und die Auslösung oder das Verbot aller Arbeitcrversammlungen wurde recht als Ausnahmemaßregel und als Eingriff in die bürgerliche Freiheit und Gleichberechtigung empsundeu, auch die Maßregelung ein- zeluer wurde durch untergeordnete Potizeiorgane in einer ost recht uugeschickteu und brutalen Weise gehandhabt. Die alljährlich im Reichstag darüber stattfindenden Behandlungen, bei denen den socialdemokratischen Abgeordneten allein noch ein offenes Wort möglich war, brachten ein auch ihre Gegner erschreckendes Material zu Tage, uud die Leidenschaftlichkeit und Sophiftik, mit der auch Regierungsvertreter diese Dinge zu verteidigen suchten, machten keinen erfreulichen Eindruck. Infolgedessen wirkte das Soeialisteugesetz ähnlich, wie etliche Jahre zuvor die Maigesetze auf die Katholiken gewirkt hatten — verbitternd und die Gegensätze verschärfend. Daß Bismarck noch heute bis zu feinem Tod nnd über diesen hinaus den Socialdemokraten verhaßt ist bis auss Blut und sein und Kaiser Wilhelms I. Andenken von ihnen verflucht wird, uud daß so gerade iu unserer besten und liebsten nationalen Empfindung ein Riß durch unser deutsches Volk hindurch geht, daß Vaterland und alles was national heißt, von der Socialdemokratie verlacht nnd mit Füßen getreten wird nnd damit jede Spur vou dem nationalen Socialismus Lassalles aus ihr verschwunden ist, das findet im Socialistengesetz und in den persönlichen Ersahrungen der bedeutendsten Socialdemokraten aus dieser Zeit seine Erklärung und, müssen wir zugeben, bis auf einen gewissen Grad leider auch seine Rechtfertigung. Positiv aber wirkte diese Verfolgungs- und Leidcnsperiode ans die Socialdemokratie einerseits einigend: daß die alten Gegensätze zwischen den beiden Richtungen so rasch verschwanden und die Partei trotz aller persönlichen Streitigkeiten und Reibungen, die die Oberfläche 480 Nach 1871: SvcialismuS und Svcialdenwkrcttic. ihrer Kongresse kräuseln und nach außen einen so kläglichen und kleinen Eindruck machen, heute noch so eiuig und sestgeschlossen dasteht wie keine andere, kommt daher. Andererseits aber war es auch eiuc Zeit der Läuterung uud Reinigung: zu Radau und Zpektakel waren diese Jahre zu erust, man lernte an sich halten, in Wort und Schrift sich vorsichtiger uud damit anch gebildeter ausdrücken, und man benutzte die Zeit zu stiller Arbeit. Es waren die Lehrjahre der Partei, am Ende derselben zählte sie viele gereiste Männer und viele auch wissenschaftlich durchgebildete Redner nnd Schriftsteller in ihren Reihen. Bor allem aber Ziele, nm deren willen man Bersolguug leidet, werden zu sittlichen Idealen; Charaktere, die trotz der Ungunst von allen Seiten nnd trotz der über sie verhängten Verurteiluugen uud Straseu au diefeu Jdealeu festhalten, werden zu selbstlosen, tapsereu Meuscheu, Streber wachsen ans diesem Boden uud in solchen Zeiten nicht leicht. Die Situation erinnerte wirklich an die ersten Jahrhunderte der christlichen Kirche: kleine Leute, Bersolguugeu, Standhaftigkeit und ein Gefühl des Martyriums hier wie dort. Nnd deshalb, wenn auch heute noch in den Reihen der Socialdemokratie mehr Idealismus zu fiudeu ift als bei uns Bourgeois oder in den Kreisen der oberen Zehntausend, — so kommt auch das aus Rechuuug des Socialistengesetzes. Angesichts dieser Kampsstellnng nnd der im geheimen oder vom Ausland her nur um so gefährlicher fortgesetzten Agitation und wachsenden Berbitterung konnte auch die sociale Friedeno- botschaft Kaiser Wilhelms I. vom 17. November 1881 ihren nächsten Zweck der Beruhigung uud Versöhnung nicht erreichen. Diese Botschaft hing zusammen mit der großen Gesamtweudung der iunereu deutsche» Politik vom Jahr 1879. Der Kulturkampf wurde beendigt, um wenigstens nach einer Seite hin zum ^riedeu zu kommen und der Zuchtlosigkeit der siebziger Jahre gegenüber in der Kirche ein Organ der Ordnung und Sammlung zu erhalten. Die Landwirtschaft, uameutlich die ostelbische litt unter der Schraukeu- losigkeit des modernen Verkehrs und ihrem Ruf uach Schutz schloß sich auch eiu Teil der vou Krisen heimgesuchten Industrie au. Das Reich bedürfte auch der finanziellen Selbständigkeit und diese DaS Socialistengesetz und die Ära der socialen Reformen, 4g i tonnte ihm nur durch Vermehrung der Zölle nnd Verbrauchssteuern geschaffen werden^ und die socialistische Gefährdung deS Staates heischte ueben deil Maßregeln der Abwehr auch solche der Hilfe und des Schutzes. Mag man auch die dadurch bedingte Abkehr vom Liberalismus bedauerlich finden, eS gehört jedenfalls zu deu größten Thaten Bismarcks, daß er umlernte, alles das in seinem Geiste zusammenschaute, es über die Köpfe seiner Kollegen nnd der Geheimräte hinweg aufgriff und deu altcu Kaiser, dem allerdings diese vom Liberalismus uud vom Kulturkampf wegführende Wendung nicht so gar schwer fallen mochte, dafür gewauu. Um die Bedeutsamkeit dieses Jahres zu begreifen, muß man auch noch die große Schwenkung in der europäischen Politik hinzunehmen. In diesem selben Jahre 1879 kam der Buud mit Österreich zn stände, der das seit 1866 zerschnittene Band wieder knüpfte und damit dem großdeutschen Gedanken nachträglich eine gewisse Genugthnnng und die einzig mögliche Form der Verwirklichung gab, damals freilich vor allem seine Spitze gegen Rußland kehrte. Es war doch etwas wie die Sühne alten Unrechts, wie die Heilung eiuer nie gauz verharschten Wuude. Und bald ging es denn auch an die sociale Reformarbeit, welche schon die Thronrede vom IS. Februar 1881 und uoch deutlicher die Botschaft vom 17. November desselben Jahres ankündigte. Hier hieß es: „Schon im Februar dieses Jahres haben wir Unsere Überzeugung aussprechen lassen, daß die Heilung der socialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der RePression socialdemokratischer Ansschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde. Wir halten es sür Unsere Kaiserliche Pflicht, dem Reichstag diese Nnsgabe von neuem ans Herz zu legen, und würden mit um so größerer Befriedigung auf alle Erfolge, mit denen Gott Unsere Regierung sichtlich gesegnet hat, zurückblicken, wenn es Uns gelänge, dereinst das Bewußtsein mitzunehmen, dem Vaterlande neue und dauernde Bürgschaften feines inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit nnd Ergiebigkeit des Beistandes, auf den sie Anspruch haben, zn hinterlassen." Und in der Botschaft vom 1-t. April 1883 wurde noch einmal der Überzeugung Ziegler, die geistigen u. socialen Strömungen des IS. Jahrh. 31 482 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Ausdruck gegeben, daß „die Gesetzgebung sich nicht auf die Polizeilichen und strafrechtlichen Maßregeln zur Uitterdrückung und Abwehr staatsgesährlicher Umtriebe beschränken dürfe, sondern suchen müsse, zur Heilung oder doch znr Milderung des in dem Strafgesetz bekämpften Übels Reformen einzuführen, welche das Wohl der Arbeiter zu fördern und die Lage derselben zu bessern nnd zn sichern geeignet sind"; der Kaiser mahnte angesichts seines hohen Alters zur Eile: solange Gott ihm Frist gebe, wolle er „kein in seiner Macht stehendes Mittel versänmen, um die Besserung der Lage der Arbeiter und den Frieden der Berufsklasscu untereinander zu fördern". Dieses wiederholte und in feierlichster Form verkündigte Programm schien bestimmt, den ersten deutscheu Kaiser zum Träger einer neuen soeialen Ära zu machen. Aber es that noch mehr: es leitete eine neue Auffassung vom Staat und seinen Ausgaben ein, die der liberalen schnurstracks zuwiderlies, aber noch viel weniger konservativ genannt werden kann: es ist die realistische und staatssocialistische. Sie macht den Staat für das Wohl der arbeitenden Klassen verantworlich, legt den Besitzenden zu gunsten der Arbeiter zwaugsweise Opfer aus uud sucht den monarchischen Staat (aber wohlgemerkt nicht die Person des Monarchen) als Hort nnd Beschützer der wirtschaftlich Schwachen erscheinen zu lasseu. Damit tauchte natürlich der alte Streit über die. Grenzen der Wirksamkeit des Staates wieder auf, der sich doch nicht prinzipiell entscheiden, sondern mir von Fall zn Fall schlichten läßt. In diesem Augenblick war 'jedensalls für die „manchesterliche" Staatsanffassung keiu Raum mehr. Sie galt es also aus deu Köpfeu und aus der Praxis der Staatsverwaltung zu verdrängen; und überhaupt kam es nun darauf an, ob es gelinge, für diese Resormgedanken die öffentliche Meinung uud vor allem bei den Beteiligten Verständnis und Vertrauen zu gewinnen. Darin lag die doppelte Aufgabe, sie den Besitzenden, die das diätenlose Parlament beherrschten nnd somit die Klinke der Gesetzgebung in der Hand hatten, plausibel zu machen, lind auf der andern Seite durch sie die unteren Klassen mit den Besitzenden und, was noch wichtiger war, mit dem Staat wieder auszusöhnen, dem sie deshalb den Rücken gewendet hatten, weil er bis dahin so gar wenig für sie Die Aufhebung des Socialistengesetzes. 483 gethan hatte. In welchem Umfang das erstere vor allem wieder dem einen Bismarck gelangen ist, beweist die Reihe der social politischen Gesetze in den achtziger Jahren, ich nenne nur die drei größten über kranken- nnd Unfallversicherung und das Juvatiditäts- und Altersversicherungsgesetz. Nnr die freisinnige Partei versagte in starrem Festhalten an der liberaiistischen Auffassung vou Wesen und Ausgabe des Staates dieser großartigen Resormarbcit fast durchweg ihre Zustimmung. Und gewiß hat das „Klebegesetz" im einzelnen anch große Mängel. Darnm hat aber Schmoller doch recht, wenn er den in ihm gipfelnden Sieg des Versicherungswesens aus allen denkbaren Gebieten sür „einen der größten socialen Fortschritte unsers Jahrhnnderts" erklärt nnd Bismarck als den Moses seiert, der „mit seinem Stäbe aus den harten dürren Stein schlug und das lebendige Wasser der socialen Versicherung hervorquellen machte". Um so ärmlicher nimmt es sich dagegen ans, wie Mehring in seiner „Geschichte der deutschen Socialdemokratie" über dieses „plumpe Verlegenheitsmanöver" Bismarcks und die „Bettelresormen" der achtziger Jahre höhnt und geifert. So bliud darf nicht einmal der Haß machen, nicht einmal er so absichtlich ungerecht Weiß in Schwarz verwaudelu. Dagegen scheiterte allerdings das Zweite, der Versuch die Arbeiter durch diese Reformgesetze zu versöhnen uud ihnen den Glauben an den Staat wieder zurückzugeben, durchaus; und daran war doch vor allem das Socialistengesetz schuld. Die Aushebung des Socialistengesetzes. Wenn aber die socialen Reformen gerade auf die Arbeiterkreise die Wirkung versagten, so war es doch ein Glück nnd ein Segen, daß das Socialistengesetz, als es 1890 abließ nicht wieder erneuert wurde. Es war wie eine grvße Lnstreinigung, es war wie ein Ausatmen vvn schwerem Bann — aus alle Gefahr hiu. Der Socialismus ist eiue Weltanschauung, ist Wissenschaft und Glaube zugleich; deshalb ist er nur mit Waffen deS Geistes zu überwinden, oder er ist überhaupt nicht zu überwinden. Die nächste Folge der Aushebung des Gesetzes war bei den Socialdemokraten die Abänderung des Gothaer Programms: an seine Stelle trat die Erfurter Fafsuug vou 1891. Hier wurden 81* 484 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokvalie. jene Lassalleschen Einschiebsel ausgemerzt: vom ehernen Lohngesetz, das zur Agitation in all der Zeit so gute Dienste gethan hatte, ist nicht mehr die Rede, ebensowenig von seinen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe; jenes hatte schon ein Jahr zuvor aus dem Parteitag zu Halle Liebknecht als nnerweislich, ja geradezu als falsch bezeichnet; freilich trat an seine Stelle die Lehre von der Reservearmee der Ungelernten und Arbeitslosen, welche praktisch dieselben Dienste thut. Die Hauptsache au dieser Änderung aber war: der Marxismus war inzwischen vollständig durchgedruugeu, die deutsche Socialdemokratie hatte sich mit ihm identificiert. Daraus ergiebt sich vvr allem ihr internationaler Charakter, der immer wieder feierlich verkündigt und auf den internationalen Arbeiterkongresscn auch bis auf einen gewissen Grad bethätigt wird, wogegen das Symbol dieser Verbrüderung uud Solidarität der Arbeiteriuteressen, der Weltfeiertag des 1. Mai, einstweilen noch mehr angestrebt als durchgeführt wird. Frei von der eisernen Umklammerung durch das Socialistengesetz zeigte die Bewegung aber bald anch Tendenzen einer inneren Umwandlung oder wie man es fast technisch nennt, der „Mauserung". Eine gewisse Unklarheit und Zwiespältigkeit ergab sich hinsichtlich der Ziele. Das socialistische Programm ist kurz gesagt negativ die Beseitigung des Privateigentums, positiv die Schaffung von staatlichem oder gesellschaftlichem Eigentum, soweit das Produzierte nicht konsumiert wird, sondern die Mittel zn neuer Produktion abgeben soll. Sobald man aber sragt, was diese geforderte Umwandlung des Privateigentums in gesellschaftliches Eigentum der Produktionsmittel leisten und bringen würde, beginnt das Utopische des Socialismus. Freund und Feind lockt eS immer wieder das auszumalen und Znknnstsbilder von der so umgestalteten Gesellschaft zn entwerfen — ich nenne hier nnr Schüffle und Eugen Richter, Hertzka uud vvr allem Bellamy mit seinem so großes Aufsehen machenden „Rückblick ans dem Jahre 2000 auf 1887"; aber auch Bebel in seinem Buch „Die Frau und der Socialismus", das als die populäre Gesamtdarstellung des Socialismus gelten kann, hat lins solche Blicke in die Zuknnft nnd ans die nene Gesellschaft thun lassen. Auch das eriunert au die Ansänge des Christentums mit seiner Die Aushebung des Socialisteugcsetzcs. 485 Erwartung einer nahen Parusie. Mein schon Bebel erklärt, daß doch „kein Mensch heute zu übersehen vermöge, wie künftige Generationen ihre Einrichtungen treffen, ihre Bedürfnisse am vollkommensten befriedigen werden", uud daher „könne es sich selbstverständlich nicht um die Feststellung unumstößlicher Grenzlinien uud unabänderlicher Maßregeln handeln, sondern höchstens darum, wie uach der Expropriation aller Arbeitsmittel die Dinge auf den verschiedenen Hauptgebieten der menschlichen Thätigkeit wahrscheinlich sich gestalten werden". Dagegen wollen kühlere nnd weniger phantasiereiche Führer der Socialdemokratie nicht einmal so weit gehen und erklären es geradezu für kindisch „zn erfragen, wie es in eiuem socialdemokratischen ZukuuftSstaate aussehe; das könne nur ein Narr verlangen". Und endlich hat nenerdings einer ihrer begabtesten Zchriftsteller, Dr. Bernstein, ausdrücklich erklärt, „die letzten Ziele der Socialdemokratie kümmern ihn nicht, dafür habe er sich auch nie interessiert". So können wir eine utopistische und eine realistische oder socialpolitische Strömung iu der Partei unterscheiden, auf dem Ztuttgnrter Parteitag ist es zwischen ihnen zu interessanten Auseinandersetzungen, gerade auch über die Frage des „Endziels" gekommen. Jene hatte ursprünglich die Führung und die werbende Kraft, wie sich auch das Urchristentum an den Parusieerwartnngen begeistert uud erhitzt hat. Aber wie sich dieses allmählich in die Welt einlebte nnd einfügte uud ihm die Zukunft in eine unbestimmte Ferne verschwamm und verflüchtigte, so sehen wir auch die Socialdemokratie immer realistischer sich den Aufgaben der Gegenwart zuwenden nnd die Zukunft Zukunft sein lassen. Es ist das der Übergang zu einer praktischereu Haltung und zu dem Entschluß, an Stelle einer radikalen Revolution den Weg der Reformen wenigstens von Fall zn Fall nicht mehr grundsätzlich zu verschmähen und abzuweisen. Dieses Praktischerwerdeu tritt noch an einem zweiten Punkt zu Tage. Die deutsche Socialdemokratie ist international; aber indem sie anerkennt, daß zur Verwirklichung ihrer Ziele einzig nur die Gewinnung politischer Rechte uud die Benützung des allgemeinen Stimmrechts sichren kann, ist sie ans die Beteiligung au dieser politischen Arbeit im Parlament und in den Einzeltandtngcn hingewiesen- und daS ist ein specifisch Nationales. Und hier zeigt sich 486 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. nun doch, daß die Lassallescheu nationalen Ideen bei der Socialdemokratie nicht so ganz ansgcstorben sind, wie es dem Wortlaut des Programms nach scheint, zeigt sich jedenfalls, daß innerhalb der Partei anch hierüber manche realistischer und praktischer denken als die alteu Führer und die doktrinären Programme. Der Hauptvertreter dieser Praktischeren Richtung ist der bayerische Herr von Vollmar, dessen Streit mit Bebel nur durch die Vorlage des Umsturzgesetzes im Jahre 1895 so rasch verstummt ist und der auch in Stuttgart wieder recht vernünftig nnd gemäßigt gesprochen hat. Die nach heftigen Debatten erfolgte Entscheidung zu Gunsten einer wenigstens fakultativen Beteiligung der Partei an den Wahlen znm Preußischen Landtag für 1898 beweift ebenfalls das Wachsen dieser Strömung wie der Widerstand dagegen das Vorhandensein der beiden Richtungen und ihr Ringen um die Vorherrschaft. So scheint mir der Gedanke, daß das socialistische Ideal sich in der ganzen Welt sicherer und leichter verwirklichen lasse als in den einzelnen Staaten uud Völkergruppen und der Wunsch uach Beseitigung aller nationalen Differenzierung bei der Socialdemokratie selbst im Schwinden zu sein. In diesem Sinn hat Eduard Bernstein in dem vornehmsten Organ der Partei, der „Neuen Zeit", erklärt, daß auch die Zukunstsgesellschaft sich stets gruppenweise gliedern uud verwalten müsse; Gesellschaft sei ein uferloser Begriff; auch uach dem Sieg des Socialismus seieu Gesetze, Beamte uud große Territorialgeiueinschaften unentbehrlich: warum das uicht die Nationen sein könnten? ein volles Aufgehen derselben ineinander sei weder zu erwarten noch also auch nur zu wünschen; Verträge und Ausbildung des internationalen Rechts genügen für absehbare Zeit. Uud gegen den anch hierin fanatisch bornierten Liebknecht sagte ein anderer der Jüngeren, Schönlank, geradezu aggressiv: Liebknecht lobe mit Vorliebe das Ausland und setze Deutschland, die Heimat der wichtigsten Arbeiterpartei, herab; und doch vergebe man sich nichts, wenn man als Glied einer großen Staats-, Volks- nnd Wirtschaftseinheit, wie sie aus dem Nationalstaat hcrvorwachse, auch ihre driugenden uationaleu Kulturaufgaben auf dem Gebiet der Politik und der socialen Reform mit Thatkraft durchführen helfe. Angesichts dessen ist die Hoffnung auf die Um- ^ 7^ ' Die Aufhebung des Socialisrcngesetzes, 487 Wandlung der Socialdemokratie in eine radikale Resormpartei wirklich nicht so aussichtslos und thöricht, wie es die Fanatiker und die rabiateu Organe der Partei selber, oder andere auch nur, um die Zwiespältigkeit der Richtungen zu verdecken, und wie es ebenso die unversöhnlichen gegnerischen Blätter glauben machen möchten. Möglich aber ist eine solche Umwandlung nnr von innen heraus, ans dem Bodeu einer nicht zügellosen aber an allen Rechten des Staatsbürgers gleichmäßig teilhabenden Freiheit. Daher konnten sich die Anfänge dazu erst nach der Aufhebung deS Socialistengesetzes zeigen, nnd sie drohen jedesmal wieder in dem Augenblick zu verkümmern und zu verschwinden, wo dieses, sei es nnn in der Form des sogenannten Umstnrzgesetzes oder einer gegen die Aufforderung zum Streiken sich richtenden „Zuchthansvorlage" zum Schntz der Arbeitswilligen wieder auflebeu soll. Daher war es . nur zu begrüßen, daß der Reichstag jene erste Vorlage, die das Centrum nebenbei anch znr Knebelung der sreien Wissenschaft mißbrauchen wollte, verwarf. Für die Staatsgewalt bedeutete diese Niederlage allerdings eine Schwächung: aber sattisch ist eS doch ein Glück, wenn der neue Gesuudungs- und Umwandlungsprozeß der Socialdemokratie möglichst ungestört seinen Fortgang nehmen kaun. Äußerlich freilich hat die Aufhebung des Socialistengesetzes, das nach zwölfjähriger Geltung am 1. Oktober 1890 ablief, der Partei zunächst einen großen Triumph nnd Aufschwung gebracht. Schon bei den ReichStagswahlen im Februar jenes Jahres stellte sie sich als die bei weitem stärkste heraus, 1893 wurden 1786000 Stimmen für sie abgegeben, wobei man freilich bei weitem nicht alle, die für sie stimmen, als zur Partei gehörig ansehen darf, sondern viele eben nur als Mitläufer, die ihrer Oppositiousstimmuug den schärfsten Ausdruck geben wollen; gewählt wurden 44 socialdemokratische Reichstagsnbgeordnete, die sich allmählich durch Nachwahlen noch nm etliche vermehrt haben. Und auch in den meisten Einzellandtagen — den preußischen mit seinem schlechten Klassenwahlsystem bis jetzt ausgenommen — sitzeu Socialdemokraten nnd lernen hier mit anderen sich vertragen und an den dringenden Kultur- uud Neformausgabeu iu ihrem Teil mitarbeiten. Die Reichtagswnhl von 1898, die der 488 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie, Partei 2 100 000 Stimmen und 56 Abgeordnete gebracht hat, zeigt, daß der Höhe- und Sättigungspunkt der Partei noch immer nicht erreicht ist, weuu wir uns auch wohl diesem Punkt mit rascheu Schritten unHern dürsten: die Socialdemokraten selbst sind von diesen, Zuwachs nicht besriedigt. Der Kathedersoeialismus. Ebenso groß als diese äußerlich sichtbaren Erfolge sind aber auch die inneren moralischen, kurz gesagt die Sättigung uud Dnrch- träukung unseres ganzen Geisteslebens mit socialen Ideen. Zunächst hat die Socialdemokratie doch nicht unrecht, wenn sie sich der geistigen uud moralische» Urheberschaft aller der inzwischen erlassenen socialen Gesetze rühmt und sie für sich in Anspruch uimmt, — selbst da wo ihre Vertreter im Reichstag schließlich dagegen gestimmt haben. Ohne ihre Existenz nnd ihre Auswuhlnng der Massen, aus Purer Gutherzigkeit hätten sich die Bourgeois uud die Arbeitgeber, hätte sich Parlament uud Regierung zu dieser socialen Reformarbeit niemals oder doch sicher nicht so früh uud nicht in so weitem Umfang entschlossen. So hoch wir auch den Einfluß des Gerechtigkeitsgefühls einschätzen mögen, — die weitverbreitete Anschauung des Baisse? aller laisss? kg-ire wird dnrch dasselbe für sich allein niemals überwunden werden; und daß uns überhaupt die früheren Zustände und das frühere Los der Arbeiter als etwas Ungerechtes nnd Vernunftwidriges, als ein Unsittliches und Menschenunwürdiges zum Bewußtsein gekommen ist, das hat iu weiteren Kreisen - einzelne billigdcnkende und patriarchalisch gutherzige Arbeitgeber hat es immer gegeben — doch erst der Socialismus und seine freilich vielfach selbst wieder ungerechte und maßlose Kritik an den bestehenden Zuständen bewirkt; mußte er es doch den Arbeitern selbst erst zum Bewußtsein briugeu uud sie mit ihrer Lage unzu- sriedeu machen. Voran aber ging in diesem Umlernen ehrlich und tapfer die Wisseuschast. Auch hier macht, wie schou gesagt, daS Anftreten Lassalles Epoche, wenngleich die Wendung schon vor ihm durch andere vorbereitet worden war. So hat schou List, indem er „sein Augeumcrk von den Interessen der Konsumtion auf die der Produktiou hinwendet", Der Kathedcrsvcialismus, 489 nach Kuics den nationalen Charakter des Zollvereins, „die Befreiung der nationalen Gewerbsarbeit von der Fremdherrschaft der englischen Industrie, die Sicherung des nationalen Marktes für die nationale Gewerbsarbeit" iu deu Mittelpunkt aller seiner Erörterungen gestellt nnd durch dieses sein Eintreten für den Schutzzoll die manchesterliche Freihandelslehre anch theoretisch erschüttert. 1853 gab sodauu Knies selber der politischen Ökonomie jene Wendnng znm Historischen, die die Überwindung der aus dem Boden des Naturrechts gewachsenen klassischen Nationalökonomie erst möglich machte; nnd um dieselbe Zeit gaben Rodbertus und Marlo im Gegensatz zu ihr dem Socialismus zum erstenmal in Deutschland eine wissenschaftliche Begründung. Aber sie alle waren damals weiße Raben nnd wurden kaum beachtet: selbst der Streit zwischen Rodbertus und von Kirchmauu über die Ursachen des Pauperismus und der Handelskrisen machte wenig Aussehen nnd Eindruck. Darum spürt man Rodbertus auch ordentlich an, wie er bei Lassalles Austreten Morgenluft wittert, wiewohl er seine Mitwirkung an dessen agitatorischer Thätigkeit für sich eutschiedeu ablehnt und vor einer politischen Organisation der Arbeiter ausdrücklich warnt. So waren es in den sechziger Jahren doch zunächst nnr die Socialisten selber, die deu Kamps gegen die herrschende Theorie des liberalistischen Individualismus auch wissenschaftlich aufnahmen: negativ kritisch Lassalle in seinem „Bastiat-Schulze", seinem Polemischen Meisterwerk, und kritisch nnd positiv zugleich Marx im ersten Band seines „Kapital", der sich ebenso durch die ungeheure Masse sorgfältig ermittelter Thatsachen wie durch die Fülle neuer Ideen und die Schärfe der Dialektik auszeichnete. Tagegen wurden Dühring und Lauge, als nicht zur Zuuft gehörig, von dieser auch nicht für voll genommen, der letztere galt einfach als Lassallit; und doch war iu seiner „Arbeitersrage" die Auweudung darwiuistischer Jdeeu auf die Volkswirtschaft nnd der hohe sittliche Ton, in dein diese den Gebildeten damals vielfach noch ganz gleichgültigen nnd unverständlichen Probleme besprochen wurden, neu uud zuknnstsvoll. Dieselbe Bedeutung hatte auch SchäfsleS ,,Quiutesseuz des Socialismus", worin dieser Wandlnngsreiche dein Socialismus sehr weit entgegenkam und ihm fast zum Verwechseln ähnlich sah. 490 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Dieses Büchlein erschien zu Anfang der siebziger Jahre. Aber noch vorher war die große Wendung eingetreten. Fast gleichzeitig hatte Brentano auf die englischen Arbeitergilden hingewiesen und als Folge der Selbsthilfe solcher Gewerkvereiue eine Gesundung der soeialeu Verhältnisse und eine fortschreitende Hebnng der Arbeiterklasse in Aussicht gestellt, nnd hatten Adolf Wagner und Schönberg „sich im Gegensatz zu der individnalistischen und socialistischen Richtung für eine maßvolle Staatsintervention ausgesprochen" nnd zur praktischen Lösung der Arbeiterfrage sociale Reformen verlangt nnd geraten, Selbsthilfe uud Staatshilfe zu kombinieren. Nasse, Held und vor allem Schmoller, der sich durch seiue epochemachende llntersuchnng über das deutsche Kleingewerbe im 19. Jahrhundert bekannt gemacht hatte, bewegten sich ans derselben Linie; und sie alle vereinigten sich dann im Jahre 1872 unter Zuziehung von Abgeordneten, Journalisten, Industriellen nnd Beamten zu dem „Verein für Socialpolitik", der es sich nach Schmollers Eröffnungsrede im Jahre 1897 unbekümmert um die Politische Parteistellung seiuer Mitglieder zur Aufgabe machte, „durch seine Thätigkeit aufzuklären, die Wahrheit ins Licht zn stellen, durch seine Reden und Schriften, seine Versammlungen und Publikationen in alle Parteien und Klassen eine größere Erkenntnis der socialen Dinge hineinzubringen und den berechtigten praktischen Idealen einer durchführbaren fociaten Reform die Wege zu bahnen". Wie sehr ihm das gelungen ist, zeigt nicht nur die stattliche Reihe der von ihm hervorgerufenen Schriften und Beiträge „zur Erkenntnis der socialen Wirklichkeit", sondern auch der thatsächliche Einfluß, den er trotz aller Anfechtungen seit der großen Schwenkuug Bismarcks auf die deutsche Gesetzgebung gewonnen uud bis 1392 behauptet hat. Wir wollten, ruft Schmoller in der schon genannten Rede, „wir wvllten nie die Volkswirtschaft von Gründ aus umgestalten, nie den Plan einer vollendeten socialen Zukunft vorlegen. Wir wollten nnr mit der Leuchte der Wissenschaft den Wegen der Praxis vorangehen, uns selbst uud womöglich das Vaterland über das Einzelne nnd Konkrete der socialen Thatsachen und der Reformen belehren, in den Kämpfen des Tages, der Interessen und Leidenschaften der Stimme der Billigkeit, der Vernunft, der Wissenschaft Gehör verschaffen"; Der Kathedersocialismus. 491 und daß diese Thätigkeit des Vereins in 25 Jahren nicht umsonst gewesen ist, daß sie Gutes und Nützliches gewirkt hat, dnrste er auch wirklich mit Recht und mit Stolz behaupten. Aber auch außerhalb des Vereins wurde eine überaus rührige Thätigkeit von diesen „Knthedersocialisteu", wie man sie wohl zuerst spottend, dann im Ernst und mit Recht genannt hat, entfaltet, und was sie iu ihreu wisseuschaftlicheu Untersuchungen zu Tage forderten, kam vielfach anch der Praxis zu gut. Eine deskriptive Richtung der Nationalökonomie ersorschte nicht nnr die Vergangenheit im Interesse der Gegenwart, sondern suchte sich auch über diese direkt zu orientieren, indem sie namentlich die thatsächliche Lage einzelner Arbeitsgruppen und Industriezweige znm Gegenstand ihrer Uutersuchung machte und so den teilweise noch kümmerlichen Enaukten der Regierung ergänzend zur Seite trat. Was so namentlich die Schule Brentanos für die Industrie, das leistete KuaPP durch sein eigenes großes Werk über „die Bauernbefreiung und deu Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens" und durch Einzeluntersuchungen von Mitgliedern seines Straßburger Seminars sür die Kenntnis der ländlichen Arbeiterverhältnisfe- Schmoller aber betont neben der historischen namentlich anch die ethische Seite der socialen Frage, ihre Beziehung zur Sitte, und so fand er schließlich „den letzten Grund aller socialen Gesahr nicht in der Dissonanz der Besitz-, sondern der Bildungsgegensätze", und verlangte deshalb, daß alle Reform an diesem Punkt einsetze und nicht nur die Lebenshaltung, sondern auch der sittliche Charakter, die Kenntnisse und Fähigkeiten der unteren Klassen gehoben werden. Anch dieser Umschwung in der Wissenschaft von der individualistischen zu der staatssocialistischeu Auffassung war, wie wir gesehen haben, eine Folge der von Lassalle eingeleiteten Bewegung. Knapp hat diese Beeinflussung, die mit der Zeit eine gegenseitige wnrde, einmal scharf nnd witzig so formuliert: es habe eine Zeit gegeben, wo die deutsche Wissenschaft von der Socialdemokratie gelernt habe, es sei aber dann bald die Zeit gekommen, wo diese umgekehrt von der Wissenschaft lernen könne und zu lernen habe. Natürlich sahen die Vertreter der alten Wissenschaft nicht nur, fondern auch die der bestehenden Gesellschaftsordnung in dieser 492 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. 1 ^ jungen Schule rasch genug eine Gefahr. Diesem Gesühl der Be- äugstiguug gab wohl zuerst Treitschke, empfänglich wie er war für alles, was um ihn her die Geister erregte und namentlich über die von ihm festgehaltene nationalpolitische Grenzlinie hinaus zu führen drohte, schon 1874 energischen Ausdruck, indem er diese Katheder^ socialisten vor der Öffentlichkeit als die Gönner des Socialismus und der Socialdemokratie denunzierte. Er hatte ja durchaus Recht und schien es dadurch noch mehr zu bekommen, daß nicht nur einzelne vou diesen Kathedersvcialisten wie eine Zeitlang Schaffte der socialistischen Lehre nahe genug kamen nnd manche Teilnehmer an den wissenschaftlichen Seminarien dieser Nniversitätssocialisten direkt ins socialdemokratische Lager übergingen. Allein er bewies ans der anderen Seite doch nur, daß er seine Zeit, d. h. die nächste Zukunft und was sie uns brachte, nicht mehr verstand, wenn er sich iu seinem Urteil über die socialen Zustände allzu sehr aus den Boden des manchesterlichen iaisse-i aller stellte und den socialistischen Anschauuugeu gegenüber allzu schroff au der individualistische!? und liberalistischen Theorie festhielt. „Keine Kultnr ohne Dienstboten"; „die Klassenherrschaft ergiebt sich notwendig aus der Natur der Gesellschaft"; „unabänderlich gilt das Gesetz, nur einer Minderzahl ist beschiedeu, die idealen Güter der Knltnr ganz (!) zu genießen; die große Mehrheit schafft im Schweiße ihres Angesichts": „die Masse wird immerdar Masse bleiben"; „diese Ordnung ist gerecht und sie ist notwendig"; „das Wachstum der Bevölkerung uud ihrer Bedürfnisse hält unwandelbar die alte Regel aufrecht, daß die Mehrzahl der Menschen in beschränkten Verhältnissen leben muß und die durchschnittliche Arbeitszeit sich nicht erheblich verringern kann": sv hat Treitschke zu einer Zeit, wo er noch liberal war, „iu besonders klassischer Form", wie Höffding meint, d. h. in ebenso oberflächlicher als brutaler Deutlichkeit deu Gedanken des individualistischen Liberalismus formuliert; und seit der Herausgabe seiuer „Politik" sehen wir, daß er daran anch noch als Konservativer bis zu seinem Ende festgehalten hat. Diese Theorie „von der mangelnden Gesittnngsfähigkeit der unteren Klassen uud der Notwendigkeit, eilten ungebildeten Arbeiterstand zu erhalten, weitn die Bildung der höheren Klassen nicht unmöglich werden soll", ist noch Der Kathedersocialismus. 493 heute die einzelner Manchesterleute und entspricht den Wünschen und Ansichten aller satten, mit dem Bestehenden zufriedenen Bourgeois. Treitschke selber betrachtete sich freilich dem „matteu Endämonismus" der Kathedersocialisten gegenüber als den Vertreter der deutscheu Gesittung uud des deutschen Idealismus. Aber in Wirklichkeit sprach doch damals schon aus ihm der Reaktionär, der er von da an immer mehr geworden ist. Wenn etwas von Zukunft in dieser seiner Schrift zn finden war, so ist es die Borwegnahme gewisser Gedanken Nietzsches. Einstweilen aber vertrat ihm gegenüber Schmoller in seinem offenen Sendschreiben „über einige Grundfragen des Rechtes und der Volkswirtschaft" mit Glück und Geschick den Standpunkt, dem zunächst die Zukunft gehören sollte, d. h. den socialreformatorischen. Mit Recht und nicht ohne ironischen Beigeschmack konnte er daher fünfzehn Jahre später mit Beziehung auf diese Fehde sagen: „ich glaube in jener Zeit besser in die Zukunft gesehen zu haben als mein verehrter Kollege, der mich damals eben darnm vom Standpunkt der angeblich bedrohten höheren geistigen und ästhetischen Kultur aus als thörichten Socialisten abkanzelte". Und auch thatsächlich hat der Kathedersocialismus insofern gesiegt, als er, der vor sünfundzwanzig Jahren Mühe hatte sich durchzusetzen, heute die deutsche Nationalökonomie ist und mit ganz vereinzelten Ausnahmen alle Lehrstühlc für Volkswirtschaft von seinen Jüngern besetzt sind, wobei es natürlich an verschiedenen Nuancen und allerlei Gegensätzen auch bei ihm nicht fehlt. So gleich iu Berlin, wo neben Schmoller ein so eigenartiger Kollege wie Adolf Wagner steht. Diese fast unumschränkte Beherrschung der Katheder durch deu Staatssocialismus galt so sehr als anerkauut, das; Schmoller in seiner Rektoratsrede von 1397 dieses Wirkliche zugleich auch als das Vernünftige feiern zu dürfen glaubte: „Weder strikte Smithianer noch strikte Marxiancr können heute Anspruch darauf machen, sür vollwertig gehalten zu werden; wer nicht auf dem Bodeu der heutigen (!) Forschung, der heutigen (!) gelehrten Bildung uud Methode steht, ist kein brauchbarer Lehrer". Doch das hieß den Bogeu zu straff spanuen. Nicht nur im Interesse der akademischen Lehrfreiheit wurde von den verschiedensten Standpunkten aus dagegen Einspräche erhoben, sondern auch die Nemesis folgte 494 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. dieser triumphierenden Hybris auf dem Fuß. Wie wir noch hören werden, erhob der Individualismus iu den neunziger Jahren anfs neue sein Haupt und fand namentlich in konservativen Kreisen starken Anhang. Auch auf eine rückläufige Strömung in den Anschauungen Bismarcks konnte er sich berufen, dem damals „doch häufig die Förderung der augenblicklichen Unternehmerinteressen als die Quintessenz der Soeialpolitik erschien, weil hierdurch deu Arbeitern Brot geschafft werde", und der sich in den „Hamburger Nachrichten" oft recht unfreuudlich gegen die reformsrcundlichen Kathedersoeialisten vernehmen ließ. Im Reichstag war der einflußreiche Freiherr von Stumm, der große Arbeitgeber im Saargebiet, der Wortführer dieser Richtung. Namentlich in seiner Herrenhausrede vom 28. Mai 1897 richtete er gegen den Kathedersocinlis- mus gauz im Sinne Treitschkes aufs neue die schwersten Vorwürfe als gegen die Gönner der Socialdemokratie, die ihr Flankeudeckuug bieten. Daher verlangte er, „die Wissenschaft müsse Halt machen wie vor Religion und Sitte, fo vor dem Umsturz", und suchte dem Kultusminister gegen sie den Rücken zu steisen. Und immer mehr schwenkte denn auch der neue Kurs der Regierung, der erst so socialreformatorisch eingesetzt und mit einer internationalen Arbeiter- schutzkvnserenz und einer deutschen Arbeiterschutzgesetzgebung so verheißungsvoll begonnen hatte, in die Stummsche Richtung ein, sistierte oder verlangsamte doch die Socialresorm und entzog dem Kathedersocialismus seine Gunst. Die gegen den Willen der Fakultät erfolgte Berufung von Julius Wolf, einem „von Illusionen freien Realisten" in der Nationalökonomie, zum Professor der Staats- wisseuschafteu nach Breslau, die Ernennung Rcinholds zum Professor dieser Wisseitschaft in Berlin und die Bedenken der badischen Regierung gegen die Berusuug des freilich dem Socialismus sehr weit entgegeukommenden Werner Sombart ans Herkners Stelle nach Karlsruhe sind die ersten Anzeichen dieser rückläufigen und dem Kathedersocialismus abgünstigen Bewegung. Der Umschwung der öffentlichen Meinung. Fast noch größer als vor 2S Jahren der Umschwnng der Anschauung bei den Vertretern der Wissenschaft war die Waudluug Der Umschwung der öffentlichen Meinung. 495 in der Stellung der bürgerlichen Parteien zur socialen Frage nnd in dem Verhältnis der öffentlichen Meinung der Gebildeten zum Socialismus und seineu Forderungen. In den siebziger Jahren war die Stimmung der Bewegung im wesentlichen ungünstig, doch wurde sie von den meisten unterschützt, das zeigte sich auch darin, daß die Gründe, mit denen man z. B. in öffentlichen Versammlungen ihren Rednern gegenübertrat, oft so gar sadenscheinig und kindlich waren, das Grnseln mit dem „Teilen" war ein beliebtes Mittelchen und entfesselte immer anfs nene das Hohngelächter der Socialdemokraten. Man gab sich nicht die Mühe, die Gegner zu verstehen und verstand sie auch wirklich nicht, die socialistischen Redner waren ihreu Gegnern bei weitem überlegen. Etwas später trat dann an die Stelle der Gleichgültigkeit die Erbitterung über die Störenfriede der nationalen und optimistischen Stimmung uud die Angst vor dem beständigen Anwachsen dieser „Reichsfeinde", zu denen ja die Klerikalen damals ohnedies auch gezählt wurden; die Attentate auf Kaiser Wilhelm I., die ihuen direkt oder doch der durch sie hervorgerufenen Verhetzung und Verwilderung in die Schuhe geschoben wurden, vermehrten beides, Schrecken und Haß. Und nuu kam das Socialistengesetz, damit war der Höhepunkt der ihnen abgeneigten Stimmung erreicht, es bedeutet aber zugleich wie im Drama die Peripetie. Und zwar trug es dazu selbst am meisten bei: es schuf Märtyrer, und damit stellte sich das Mitleid ein; man sah so viele vor Gericht, verurteilt, ausgewiesen, m der Verbannung, im Elend, und mau mußte sich sageu, daß sie für ihre Sache, für ein Ideal leiden und verfolgt werden, und man hörte ihre Klagen Und Anklagen und mußte ihuen Recht gebeu, daß hierbei, auch von den Richtern, vielfach über das Notwendige hinansgegangen werde und die Polizei teilweise zu recht unmoralischen Mitteln greife; man brauchte ja uicht alles zu glaubeu, aber daß es »Aents xrovo- oateurs, Spitzel und Denunzianten gab, das war doch wohl wahr uud war recht unmoralisch uud häßlich; besser als diese Organe der Ordnung und der Autorität waren ihre Opfer jedenfalls. Und man mußte wahruehmeu, wie die Zahl der socialdemokratischen Wähler auch unter dem Druck des Gesetzes zunahm, also war dasselbe wirkungslos, es half nichts, das Gift fraß im stillen weiter 496 Nach 1871: ZocialismuS und Socialdemokratie. und war hier weit gefährlicher, vom Ausland her ertönten die Stimmen nur um so greller und wilder; indem man die Socialisten expatriierte, hatten sie ja daS Recht und konnten gar nicht anders als international sein. Und so war man doch in weiten Kreisen sroh, es war wie eine Gewissensberuhigung, als zu den negativen Repressivmaßregel u die positiven socialen Reformen zunächst einmal durch die kaiserliche Botschaft augekündigt wurden nnd dann der Reihe nach kamen. Und dabei erkannte man nun doch, wieviel wirklich zn resormieren war, wie recht also der Socialismus mit seinen Klagen über die Zustände uud seiuen Anschuldigungen gegen Menschen nnd Verhältnisse hatte, ein „berechtigter Kern" schälte sich thatsächlich heraus, ein wirkliches Verdienst hatte diese Bewegung also doch. Und in der Arbeit an diesen Gesetzen und in den Debatten darüber lernte mau deu Socialismus nun auch besser keimen, auch die Diskussion zwischen den socialistischen Rednern nnd ihren Gegnern wurde in den achtziger Jahren sachlicher und gerechter: hierbei hat sich Schäffles schon genannte handliche Broschüre ein großes Verdienst erworben. Auch der Verein für Socialpolitik und seine alljährlich wiederkehrenden Verhandlungen, die Kathedersocialisten und ihr Einfluß auf die Studenten in ihren Vorlesungen uud Seminarien und auf weitere Kreise durch ihre Schriften nnd Aufsätze trugen dazu nicht wenig bei: der Staatssocialismus machte Schule, nnd als ihn Bismarck in die Praxis einführte, da fanden sich anch unter den Beamten Männer, die alsbald mit Verständnis, mit Eiser nnd gutem Willeu ans seine socialreformatorischen Gedanken eingingen nnd dieselben — teilweise vielleicht sogar über seine eigenen Intentionen hinaus — verwirklichen halfen und forderten. Liberalismus uud Socialismus. Uud hier lag auch der tiefste Grund, warum es Z879 mit der liberalen Hälfte der Bismarckschen Ära zu Eude war. Der Liberalismus versagte sich dieser staatssocialistischen Wendung am längsten, weil er iudividualistisch und kapitalistisch, nicht socialistisch war. Das Mittelalter bedeutet auf der ganzen Linie des menschlichen Lebens Gebundenheit — Gebundenheit des Einzelnen an die Kirche, des Vasallen an seinen Lehnsherrn, des Leibeigenen an den Liberalismus und Socialismus. 497 Grundbesitzer, des Gewerbetreibenden an die Zunft, der Wissenschaft an das Dogma, schließlich sogar Gebundenheit des Dichters an die Tabnlatnr. Dieser durchgängigen Unfreiheit gegenüber hat seit dem sünszehnten Jahrhundert für die Kulturvölker Europas der große Befreinngsprozeß begonnen. Die erste Sturzwelle dieser freiheitliche» Bewegung, der erste große Akt in diesem welthistorischen Drama war die Renaissance und Reformation, der zweite die Philosophie der Anfklärnng, der dritte die französische Revolution. An der ersten uud zweiten Aktion hatte Deutschland einen hervorragenden Anteil, was in der dritten Frankreich in raschem Ansturm, aber unter beständigen Rückläufen und Zncknngen sich erobert hatte, mußte der deutsche Liberalisinus im Laus des neunzehnten Jahrhunderts in langsamein Ringen für den dritten Staud zunächst erkämpfen. Mit dein Gegensatz, den es auf alle» diesen Zinsen zn überwinden gab, hängt es zusammen, daß dieser fortschreitende Befreiuugsprozesz der Neuzeit eine individualistische Richtung nahm. Der Liberalismus ist vermöge seiuer geschichtlichen Voraussetzungen uud Entstchungsbedingungen von Haus aus Individualismus, das lag nicht in seinem Belieben und war nicht seine Schuld, sondern das ist eine historische Notwendigkeit, ist sein gutes Recht und mehr noch, ist geradezu sein Ruhmestitel. Weil er auf allen Gebieteu eine unberechtigte Vergewaltigung des Individuums uud seines persönlich freien Seins und Vehabens vorfand, so galt sein Kampf der Bcsreiling dieser Individuen. Das zeigte sich zuerst in der Renaissanee, jener ästhetisch aristokratischen Revolution der höhereu europäische» Gesellschaft, wo unter Zurückgreifen auf die Antike das Recht der schöne» Persönlichkeit und des nomo sinAolare in all seiner natürlichen, Welt- und sinnenfrendigen Unmittelbarkeit für Kuust und Leben, für Geselligkeit, Bildung und Erziehung zurückgefordert wird. Und es zeigte sich ebenso in der demokratischen Bewegung der Reformation, wo das Gewissen und der Glaubeu des eiuzelneu Menscheu unabhängig gestellt wurde vom Machtspruch und Bann der Kirche — „ein Christenmensch ist ein sreier Herr über alle Dinge und niemanden Unterthan", sagt Luther —, uud wo neben den Pflichten nnd Rechten dieses Christenmenschen zugleich auch die lauge verschüttete Quelle aller religiösen und sittlichen Kraft im Zieglcr, die geistigen u, socialen Slromungeu des 19. Jahrh. 32 498 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Subjekt neu entdeckt wurde. Es zeigt sich dreihundert Jahre später im Neuhnmanismus, der die Tendenzen der Renaissance wieder ausnimmt und die ästhetische Bildung der Einzelpersönlichkcit sich zum Ziele setzt; und nicht minder in dem Entwickelungsgang der neuereu Philosophie, die gleich anfangs mit Descartes das Ich zum selbständigen Ausgangspunkt aller Gewißheit macht, in Leibniz aus die Individualität den Nachdruck legt, in Kant sogar die Gesetze der Nntnr aus dem Ich ableitet, demselben weiterhin geradezu eine weltschöpferische Sonveränetät zuweist und es schließlich zum Ganze«, zum Absoluten, zum All erweitert. Und endlich zeigt es sich im Verhältnis des Einzelnen zum Staat: auf die mittelalterliche Idee einer europäischen Universalmonarchie solgt die Zeit selbständiger nnd eigenartiger Nationalstaaten, und hier wieder als erstes der individualistische Despotismus mit seinem Persönlichen 1'ötat o'e8t irioi, dann die Umkehrnng dieses Wortes in Iö3 rrioi 8oot 1'etat, die Atomistik der den Staat bildenden souveränen Individuen in der Theorie des Nousseauschen (^onti-at sooial und in der Thatgeschichtlichkeit der französischen Revolution. An dieser Auffassung des Staates hat der Liberalismus im Prinzip wenigstens immer festgehalten. Diesen libcralistischen Individualismus können wir eben wegen seines Atomismus als eiue mechanische Weltanschauung bezeichuen. Nicht als ob jeder Individualismus mechanisch sein müßte, im Gegenteil. Im Kern seines Kerns, in der Seele seiner Seele erhebt ja — man denke an Leibniz und Herder — gerade das Individuelle den stärksten Protest gegen den alle Individualität ertötenden Mechanismus, hierin liegt seine Stärke, die Quelle seines unveräußerlichen Rechts. Daß er das uud somit sich selber nicht verstanden hat, ist der innere Widerspruch des Liberalismus, an dem er in dieser Form wenigstens zu Gruude gehcu mußte, das ist die große Unterlassungssünde, die er namentlich in seiner Anwendung aus Staat und Gesellschaft niemals wieder hat gnt machen können. Denn wie faßt er doch die Menschheit ans? Als eine Summe von Individuen, die vielmehr bloß Atome sind, deren jedes, von Haus aus dem andern im wesentlichen gleich, gleiches Recht besitzt wie alle übrigen nnd selbständig nnd spröde diesen andern gegenübersteht. Liberalismus und Socialismus. 499 Und auch wo sie sich zu Gruppen vereinigen, da geschieht dies immer mir vornvergehend nnd zufällig, willkürlich und künstlich, auf Grund vvn freigeschlossenen Verträgen; und darum siud alle solche Vereinigungen nicht nur nicht notwendig und unanflvslich, sondern sie sind lediglich im Dienste uud Interesse dieser einzelnen gebildet, sind nur um ihretwilleu da und stehen deshalb nicht über ihnen, sondern in irgend einer Forin — als Mehrheit, als Vielheit bleiben die Einzelnen auch ihnen gegenüber sonverän. Auf politischem Gebiet hat diese individualistische Anschauung den Absolutismus der Fürstengewalt nnd die feudalistische Unter- drücknng ganzer Klassen uud Stände überwunden, das Notrecht der Revvlution verkündigt und jene Lehre vom Staat und seinen Ausgaben entstehen lassen, der Wilhelm v. Humboldt in seiner mehrfach genannten Jugendschrift den denkbar schärfsten Ausdruck gegeben hat. Auf sittlichem Gebiet balanciert der Individualismus das menschliche Handeln auf der Nadelspitze der Subjektivität und des Gewissens und erklärt für tugendhaft den, der diesem individuellen Führer folgt. Nicht auf den Erfolg der Handlung kommt es bei ihrer sittlichen Würdigung irgendwie an, sondern lediglich auf deu guten Willen, auf die Motive, auf das innerliche „du sollst"! Hier ist der Mensch absolut frei, gebuudcn mir an sich: denn das Sittengesetz ist das Gesetz seiner eigenen vernünftigen Natur, ist Autonomie, nicht Heteronomie. Nnn liegt aber im Wesen des Staates äußerlich, in dem des Sittlichen (selbst bei Kant!) innerlich schon an sich ein antiindividualistisches Element uud darnm doch von Haus aus ein Korrektiv gegen eine schrankenlose Geltend- machung jenes atomistischen Standpunkts, und deshalb ist die liberalistische Theorie auf diesen beiden Gebieten während des ganzeil Jahrhunderts nie ganz durchgerungen uud vor allem nicht unwidersprochen geblieben. Im Sittlichen trat ihr gleich an der Schwelle desselben Schleiermachers Güterlehre und Hegels Anschauung von den substantielle« Mächten der Sittlichkeit siegreich entgegen, und im Staat hat derselbe Wilhelm v. Humboldt nach dem Unglück von Jena seinerseits an einer ganz andersartigen Wirklichkeit banen helfen und die Grenze seiner Wirksamkeit thatsächlich weit in „die Sorgfalt für den positiven Wohlstand der 32* 500 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Bürger" hinein vorgeschoben; auch seine Verbindung mit Pestalozzi, dem Verkündiger einer socialen Pädagogik, zeugt dafür. Anders dagegen verhält es sich auf dem Boden deS gesellschaftlichen, des wirtschaftlichen Verkehrslebens. Hier steht in der That jeder als einzelner den andern einzelnen gegenüber, weder nach der Theorie noch in der Praxis als ein sittlich handelnder, in keiner Weise ihnen sittlich verbunden und verpflichtet, sondern lediglich nur als ein Güter produeierendes, Güter tauschendes, Güter konsumierendes Wesen. Und als solches jeder für sich und aus eigener Kraft, jeder für sich und im eigenen Interesse, im übrigen aber — vo^us ^-cktzre! Auf daß jedoch das Schiff flott werde, dazu muffen, sagt die individualistische Volkswirtschaftslehre, alle Hindernisse weggeräumt oder doch wenigstens weggedacht werden. Wegzuräumen sind die staatlichen Hindernisse, die noch aus dem Mittelalter uud der Zeit fürstlicher Allgewalt stammen: Leibeigenschaft und Hörigkeit, Frondienst und Erbunterthänigkeit, Znnft- und JnuungSzwang, Verkehrsschranken von Ort zu Ort und von Land zu Land, gesetzliche Beschränkung des Niederlassung^- und Heimatrechts, der Eheschließung und Familiengründung, die staatliche oder kommunale Festsetzung der Preise und Löhne, die gesetzliche Regulierung der Dienst- nnd Arbeitsverträge. Und wegzudenken wenigstens ist — Adam Smith hatte das freilich nicht gewollt und geineint — die sittliche Natur jenes gesellschaftlichen Atoms, mit ihr hat die VolkS- wirtschafts- nnd Gescllschaftstehre nicht zn rechnen; und wenn faktisch derjenige am weitesten kommen und sich am besten stellen sollte, der am rücksichtslosesten vorwärts hastet, skrupellos sein Ich nnd dessen Interesse znr Geltung zu bringen sucht, so ist eS nicht Sache einer individualistischen Wirtschastslehre, ihn davon zurückzurufen nnd sich bei solchen Bedingungen aufzuhalten; sie kennt mir eines: die freie Konkurrenz nnd als Triebfeder des ganzen Handels und Wandels volkswirtschaftlich ausgedrückt den Profit, die Rente, ethisch gedacht den Egoismus. Was aber dabei herauskommt? Wir seheu es im Lause des Jahrhunderts: im Wettbewerb aller gegen alle ein immer steigender Wohlstand, eine immer sich mehrende Güterproduktiou, immer größerer Reichtum au Kapital, Bervvllkommnnng der Technik, Liberalismus und Socialismus. 501 Fortschreiten von Handel nnd Wandel, von Perkehr nnd Industrie, allgemeines Prosverieren der Geschäfte, ein selbst die kühnste Phantasie übersteigendes Blühen nnd Gedeihen der Einzelnen 'und der Nationen. Doch wo das Bild im lichtesten Glänze strahlt, verbergen sich die dunkelsten Schatten. Wer sind denn „die Einzelnen"? und was heißt „die Nationen"? Die Einzelnen sind immer nur wenige Einzelne, und die ganze Nation, damit ist es ohnedies nichts. Im Wettbewerb der freien Konkurrenz geht es zu wie aus dem Schlachtfeld oder noch schlimmer: d.'r glücklichen Sieger sind einige wenige, der Unterliegenden, der Toten und Verwundeten unendlich viele. Die Wirkung der Konkurrenz ist uämlich eine ihrem Ausgangspunkt schnurstracks entgegengesetzte: dieser war der schone Gedanke, daß alle Menschen von Natur gleichgestellt seien und somit anch gleiches Recht znm Wettbewerb, gleichen Anspruch ans Geltendmachung ihrer Interessen haben; und das Eude ist: Kapital und Eigentum, Mittel uud Kraft zu produeieren, die Freiheit und Gelegenheit zu konsumieren, die Teilnahme au der vollbesetzten Tafel dcS Kulturlebens — alles das ist Sache einiger weniger wirtschaftlich Starker, und die überwiegende Mehrzahl der wirtschaftlich Schwachen befindet sich als Arbeiter in vielfacher Not nnd — was dem Gedanken und Prinzip des liberalen Individualismus noch viel mehr zuwiderläuft — in vielfacher schlimmster Abhängigkeit von jenen wenigen als Arbeitgebern. Nnd wenn diese ihre Übermacht benützen uud ihre Arbeiter zu bloßen „Händen" machen, so geht das niemand an; die Hände gegen die Ausbeutung ihrer Herren zu schützen hat vor allem der Staat kein Recht, der sich jeder Einmischung in dieses Verhältnis zn enthalten hat. Wenn es thatsächlich doch nicht so schlimm gewesen und nicht bis zu diesen äußersten Konsequenzen gekommen ist, so sind daran andere Faktoren schuld, vor allem der Umstand, daß bei uns in Deutschland der Individualismus an Staat und Sitte uud Sittlichkeit doch immer noch einigen Widerstand uud gewisse letzte Schranken gesunden hat uud sich darum niemals vollständig hat durchsetzen können. Wenigstens die Kinderarbeit war in Preußen seit 1839 beschränkt uud iu deu fünfziger Jahren sogar schon das Institut der Fabrikinspektoren eingerichtet worden, und an patriarchalischen ö02 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Sitten und gutgemeinten Wohlsnhrtseinrichtungcn fehlte es in einzelnen Fabrikbctrieben ohnedies nicht. Aber charakteristisch für den liberalistischcn Individualismus auf diesem Gebiete sind nicht solche überdies nicht sehr wirksame Einschränkungen durch eine wohlmeinende Bureaukratie von oben oder jene Ausnahmen einzelner richtig empsindeuder Arbeitgeber, sondern charakteristisch ist, wie es im Wesen dieser Gesellschaftsordnung liegt, daß die prinzipiell verkündigte Freiheit und Gleichheit aller einzelnen Individuen in ihr Gegenteil umschlägt, iu Ungleichheit, Unfreiheit und Abhängigkeit hineinführen kauu, nach Treitschke sogar hineinführen mnß. Das Schlimmste aber ift die ethische d. h. die unsittliche Basis dieser Ordnung i statt Individuen und freier Persönlichkeiten schließlich nur „Hände", statt Menschen nur „Dieustbotcn", ein Glied und eine Seite nur statt des ganzen Menschen, und so das Ganze kein Ganzem mehr, sondern verkümmert gerade iu seiueu höchsten uud reichsten Funktionen; nnd statt einer organisierten Gesellschaft, wo „alles sich znm Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und lebt", eine uuorgauische, uugegliederte Masse, der vor allem eiues sehlt, die volle Teilnahme an den Gütern unseres Volkstums, an den Errungenschaften unserer Kultur, au ihreu Genüssen nnd ihren Segnnngen, an Schönheit und Glück, an Wahrheit nnd Bildung, an sittlicher Freiheit und menschenwürdigem Dasein. Dem tritt nun der Socialismus gegenüber als eine sittliche Lebensanschauung anderer, höherer Art. Ist der Individualismus mechanisch, so kann mau ihu im Gegensatz dazu organisch nennen, der dissonierenden Tendenz desselben tritt er, wie schon sein Name sagt, associierend gegenüber. Der Einzelne ist hier nicht etwas für sich, sondern etwas nur als Glied und Teil eines Ganzen, im Dienste dieses Ganzen und verpflichtet zu thätiger Mitarbeit am Auf- nnd Ausbau desselben: nnd zwar muß diese sociale Anschauung gerade auch auf die von ihr noch am wenigsten berührte nnd durchdrungene Arbeit im Dienste der materiellen Kultur übertragen werden. Die Gesellschaft soll auch beim Producieren und Konsumieren uicht länger als ein zusammengewirbelter Hanse gleichgültig durcheinander sich schiebender Atome betrachtet werden, sondern eher, nach dem freilich gefährlichen nnd in seiner Durch- Liberalismus und ZvcialismuS. 503 führung immer schiefer werdenden Bilde Schäffles, als ein organischer Körper: die Gntercrzeugung nnd Güterverteilung sozusagen der Stoffwechsel dieses Körpers, den zu erhalten auch im Bewußtsein des Einzelnen als die höhere Pflicht neben der der individuellen Selbsterhaltnng anerkannt werden mnß. Oder wie der Bischof Westcott von Dnrham es ausdrückt: „der Socialismus betrachtet die Menschheit als ein organisches Ganzes, eine lebensvolle Einheit, die durch die Verbindung von in wechselseitiger Abhängigkeit zusammenwirkenden Mitgliedern gebildet wird; seine Methode ist Kooperation, sein Ziel die Erfüllung einer Dienstpflicht. Er will das Lebeil so organisieren, daß es einem jeden die vollständigste Entwickelung seiner Kräfte sichert". Gerade der Individualismus hat es versäumt zu gliedern, zu differenzieren, Individualitäten zn schaffen, er hat jene Massen zusammengeballt, die unS so unpersönlich und individnallos und deswegen so unheimlich wie alles chaotisch Elementare gegenüberstehen, er hat mit seiner die Gesellschaft atomisierendcn Tendenz direkt antiindividnalistisch und dissonierend gewirkt, und darum tritt ihm der Socialismus als das höhere sittliche Priuzip gegenüber, indem er in dem Sinn wirklicher Gliederung und Differenzierung wahrhaft assoeiativ und genossenschaftlich thätig fein will. Aber es ist doch kein bloßer Gegensatz, eine Doppelstellung und ein recht eigenartiges Doppelspiel ist zwischen den beiden unverkennbar. Ohne den Liberalismus ist der Socialismus überhaupt uicht denkbar; auch er ist liberal, der Geist besreieuder Kritik ist seine Voraussetzung. Alle jene Hindernisse, die der Liberalismus weggeschafft hat und uoch bekämpft, gelten auch ihm als Hindernisse, darin geht er mit dem Liberalismus Hand in Hand; ja er ist streng genommen nur noch liberaler, indem er eine weitere Befreiung anstrebt, nämlich die des Arbeiters von der Übermacht des Capitals, und sür ihn weitere politische Rechte verlangt, vor allem das der Koalition; uud er setzt den Differenziernngs- nnd Jndivi- dualisiernngsprozeß nur weiter fort, indem er ihn von den Bourgeois, für dereu Emanzipation der Liberalismus kämpfte, auch auf den vierten Stand ausdehnen will. Anch er ist somit in Wahrheit ein Kampf um den Einzelnen. S04 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie, Der Socialismus und die Parteien. Dabei hüte mau sich aber, Socialismus und Socialdemokratie ohne weiteres zu identifizieren. An zwei Punkten setzt sich diese — abgesehen von vielem anderen Vergänglichen und Zufälligen an ihr — dem Liberalismus uud Individualismus gegenüber entschieden ins Unrecht, indem sie das Weseu des Socialismus ihrerseits verkennt. Sie kämpst mir für den vierten Stand und kämpft um seine Herrschaft, d. h. also sie bedroht die anderen Stände und Klassen nun ihrerseits mit Abhängigkeit und Uusrei- heit; uud sie verkeimt, was der Liberalismus geleistet und au Disferenzieruug errungen hat, indem sie alles, was nicht socialdemokratisch ist und heißen will, ausdrücklich als „reaktionäre Masse" iu ciueu Tops wirst uud den Geistesarbeiter entweder überhaupt nicht als Arbeiter anerkennen oder umgekehrt die Eigeu- art seiner Ausgabe uud Leistung nicht gelten lassen will. Ihr Zukuuftsideal gleicht doch wieder der Fabrik mit ihrer Zwangsarbeit uud ihrer nivellierenden Einförmigkeit. Hier liegen Gründe zu ernstlichen Befürchtungen und das gute Recht zu energischer Abwehr sür die andern. Und endlich ist das Spielen mit dem Begriff des „Revolutionäre!?" zum mindeste« unehrlich und bedenklich: bald bedeutet es die große Wandlung uud Veräuderuug überhaupt, die allerdings gefordert uud angestrebt werden muß: bald den plötzlichen Sprung, der gewaltsam zum Ziele führen soll, im Gegensatz zu dem allmähliche» Koimueu eines ncueu Geistes uud zn den Reformen, die dieses Kommen herbeiführen oder doch beschleunigen uud fördern sollen; eS bedeutet die Durchsetzung mit Gewalt und widerspricht damit der Marxistischen Geschichtsanffassnng und deu Lehreu aller Geschichte, die zeigt, daß für eineu solchen Wandel der Dinge das Geschlecht erst innerlich vorbereitet lind erzogen sein muß, sonst bleibt alles beim alteu. Schafft eine neue Welt, und die neue Menschheit ist da! sagt der Revolutionär: aber das wäre ein SchöpsuugSwunder, und wir glauben au keine Wunder, lind auch iu ihren Reihen glauben es viele nicht mehr; ans dem Parteitag iu Stuttgart hat v. Bollmar frei herausgesagt: „uus köuute nichts Unglücklicheres geschehen, als wenn uns plötzlich Der Socialismus und die Parteien. unerwartet die Macht in den Schoß fiele, weil wir nicht den Politischen Reisegrad dafür besitzen". So ist die Socialdemokratie selbst in einer innerlichen Wandlung („Mauserung") begriffen vom Revolutionären hinüber zum Socialreformatorischeu. Es hat damit freilich noch gute Wege, der Ungeduld der Lebenden zuliebe, die das ueue auch ihrerseits uoch erleben möchten, bekennt man sich mit dem Mnnde noch immer zn den „Endzielen" nnd hanfig genng auch zur Revolution in jedem Sinn; aber die Kugel ift im Rollen, und darum ist es heute auch von der Gegenseite her weder nötig noch taktisch klug und nützlich, den Teufel der Revo- lntion an die Wand zn malen nnd mit dem hauenden Säbel und der schießeudeu Fliute uoch fernerhin zu drohen; man müßte denn nur selbst eine solche Revolution wünschen und provozieren wollen. Ans all' dein ergeben sich nun aber auch in der Stellung nähme der anderen Parteien und der öffeutlichen Meiuuug zu dem Socialismus eigenartige Verschiebungen uud Kreuzuugeu der Fäden hin und her. Daß zwischen Bismarck und Lassalle zur Zeit, als jener im heftigsten Konflikt mit der Fortschrittspartei stand, Beziehungen angeknüpft wurdcu, ist schon erwähnt; nnd ebenso das; die Kreuzzeitung das Auftreten Lassalles wie das eiues Bundesgenossen begrüßt hat. Überhaupt aber zeigten einzelne Mitglieder der konservativen Partei früher ein Verständnis für die socialistischen Ideen als die Liberalen: neben Huber und Rodbertus wären hier namentlich noch Lothar Bncher nnd Wagener zu neuueu. Aber der großen Masse der Konservative fehlte es daran doch ebenso wie allen anderen, weshalb die beiden ersten sich ganz von der Partei zurückzogen uud Wagener, der Begründer der Kreuzzeitung, über diese Verstäudnislosigkeit seiner Parteigenossen wenigstens häusig genug Klage führte: sie begriffen den Übergang Deutschlands vom Ackerbau- zum Industriestaat nicht und hatteu ohnedies nur für jenen uud ihre damit verbundenen Interessen ein Herz, nicht aber sür die Industrie uud ihre Bedürfnisse. Dazu kamen die liberalen Forderungen der Socialdemokratie, ihre negativ kritische Stellung znm bestehenden Staat und bald auch ihre antimonarchische nnd demokratische Haltung, die sie den Konservativen geradezu verhaßt machte. Immer mehr konnten sie sich dasür auch ans den späteren 506 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Bismarck berufen. Als daher nach dessen Sturz antisociale Arbeitgeber, allen voran der Freiherr von Stumm, wachsenden Einslnß aus die gonvernemeutalen Kreise gewannen und die Abwendung des neuen Kurses von soeialpolitischen Resormen durchsetzten, verschärfte sich der Gegeusatz aufs neue, und so stehen heute die Konservativen den Socialisten sast diametral gegenüber. Daß freilich auch in ihren agrarischen Wünschen nnd ihrem Rufen nach Staatshilfe für die Landwirtschaft ein gutes Stück Staatssocialismus steckt, bemerken sie nicht oder wollen es wenigstens nicht Wort haben- und thatsächlich ist es auch nicht socialistisch gemeint, sondern soll nur sür ihre immer gieriger werdende agrarische Jnteresfenpolitik, die schon Stahl gekannt hatte, das „große Mittel" sein. Den eigentlich socialen Gedanken des Socialismus stand der Liberalismus als individualistisch von Ansang an fern; nur aus Unkeuutuis, Mißverständnis uud Opportunist hatte er in der Reaktionszeit die Soeialisten als Bnndesgenossen im Kamps gegen die Regierungen benützt nnd in ihnen etwas wie seinen eigenen linken Flügel gesehen: doch galt diese Freundschaft den liberalen, nicht den socialen Elementen. Deshalb erschrak er schon 1848 in Berlin und Frankfurt, in Sachsen und Baden über die socialistischen Einschläge iu der revotutionüreu Bewegung und schüttelte sie unwillig von sich ab. Ebenso hat der Nativnalvereiu und die Fortschrittspartei in den Arbeitern nnr radikale Elemente gesehen und sie als solche für ihre Zwecke benützt. Daher war der Liberalismus auf der ganzen Linie auch aufs äußerste betroffen und empört, als zuerst Lassatlc, dann Liebknecht lind Bebel die Arbeiter von ihm wegriescu und in selbständiger Parteibildnng organisierten. So war er ansangs der eigentliche Antipode der neuen Partei, wenn auch aus verschiedenen Motiven. Die Fortschrittspartei war von HauS ans Gegnerin alles Staats- socialismus und Hauptvertreteriu der Manchesterdoktrin, — man denke au Bamberger, Barth und weiterhin vor allem an Eugen Richter — und sah sich namentlich in Berlin in dein bis dahin unbestrittenen Besitzstand ihrer Rcichstags-Mandate dnrch sie zuerst wesentlich bedroht, dauu derselben wirklich beraubt uud so auf den Kampf mit ihr hingewiesen. Die Nationalliberaleil bekämpften die Der Socialismus und die Parteien. 507 Socialdemokratie vor allem wegen ihrer seit 1871 immer stärker sich accentnierenden antinationalen Haltung, später waren sie im Gefolge Bismarcks in erster Linie mitbeteiligt am Socialistengesetz. Allein als dieser seit 1881 und 1883 selber in die socialresorina- torische Bahn einlenkte, folgte ihm auch diese Partei uud beteiligte sich an der socialen Gesetzgebung der achtziger Jahre; ja in einzelnen Vertretern derselben fand diese ganz besonderes Verständnis und eifrige Forderung, ich nenne hier nur Oechelhäuser uud Knlemann. Dagegeu stellte sich seit dem Stnrze Bismarcks heraus, daß bei vielen, nm nicht zn sagen bei den meisten National l iberalen die Arbeiterfreundlichkeit doch keine von Herzen kommende gewesen war: sie waren recht eigentlich die Partei der gebildeten und besitzenden Bourgeois und des Kapitals, namentlich am Rhein waren die Fabrikanten ihre Hauptstützen uud Führer, nnd so wurde zuerst die Parole ausgegeben, das Volk sei der Gesetzesmacherei müde uud müsse die neuen socialen Gesetze erst verdauen, ehe man auf diesen: Wege weitergehen könne; dann wnrde der Gegensatz gegen die Socialdemokratie eher verschärft als abgeschwächt, indem man das Revolutionäre au ihnen stark betonte und für die „Mauserung" kein Auge hatte oder haben wollte; nnd endlich griff man anch gegen die Kathedersocialisten den Treitschteschen Vorwurf auf, das; sie die Gönner der Socialdemokratie seien nnd verleugnete dabei auch wohl die liberale Vergangenheit soweit, daß man gegen sie das Einschreiten der Staatsgewalt ansrief und die Lehrsreiheit in Frage stellte. Berufen konnte sich diese Abneigung sreilich auf die Danklosigkeit, womit von den Arbeitern vielfach das Große und Gute hingenommen wurde, das vor allem der Staat, aber anch einzelne Arbeitgeber wie Krupp iu Essen oder Stnmm im Saargebiet sür sie thaten. Nnr der äußerste Flügel des Liberalismus, die deutsche Volkspartei, die sich hauptsächlich auS dem Süden rekrutierte, nahm socialreformatorischc Gedanken im weitesten Umfang in ihr Programm auf und erwies sich den Forderungen der socialistischen Arbeiterschaft besonders srenndlich. Es hing das ohne Zweifel zusammen mit der historischen Thatsache, daß sie bis ties herein in die sechziger Jahre die Verbindung mit den Arbeitervereinen auf- 508 Nach 1871: Socialismus und Zvcialdemokratie. recht zu erhalten gesucht hatte, und weiter mit dem starken Betonen der liberalen Forderungen und der scharfen Kritik am Staat und seinen Organe», worin beide Teile zusammengehen konnten; auch im Hau gegen Bismarck trafen sie sich. Hier wird auch die von den anderen Parteien meist verneinend beantwortete Frage, ob die Socialdemokratie als eine Partei wie jede andere anerkannt und behandelt werden solle, also bllndnissähig sei, in der Theorie wenigstens entschieden bejaht, wie ich glaube, durchaus mit Recht, weil sie sich nur so dem Staatsgauzen einfügen, zur Arbeit an Gemeinde- und Staatsverwaltung mit herangezogen werden und dadurch den Übergang zur radikalen Reformpartei vollziehen kann. Socialdemokratie und Kirche. Endlich das Centrum. — Doch ehe wir dessen Stellung zu der socialistischen Bewegung darlegen können, ist vorher ein Wort über die Stellung der Socialdemokratie zur Religion zn sagen. „Religion ist Privatsache", so tautet kurz und bündig hierüber das Programm der Partei; thatsächlich aber nimmt sie eine ganz andere, entschieden negierende Haltung ein, sie ist unkirchlich und irreligiös, ist atheistisch und materialistisch. Wie das gekommen ist, habe ich früher schon angedeutet. Thron und Altar haben sich während der Reaktionszeit eng verbündet, die revolutionäre Opposition gegen den monarchischen Staat traf daher ebenso uuch die Kirche. Und im Kamps gegen das anoisii re^ime schien wie bei den Encyklopädisten des achtzehnten Jahrhunderts die radikalste Weltanschaunng die beste Waffe zu sein, das war wie damals so jetzt wieder der Materialismus. Dieser hat überdies in seiner Oberflächlichkeit etwas Leichtverständliches, den Massen besonders Zugängliches uud hat als natnrwissenschastliche Anschauungsweise etwas Modernes an sich, was namentlich der Halbbildung immer imponiert. Auch ist er wirklich besonders geeignet sür Handarbeiter: sie haben es mit der Materie zu thun, ihre Gesetze nnd die Überwindung der ihnen von ihr kommenden Hemmungen und Hindernisse interessieren sie am meisten, uud darauf giebt der Materialismus die nächste beste Antwort. So wurden die Arbeiter materialistisch und atheistisch. Dabei wirkte endlich auch das Mißtrauen mit Socialdemokratie und Kirche. 509 daß die Religion ihnen nnr noch als eine Art Zügel und Zaum von den Gebildeten auferlegt und aufräsouniert werden solle, während diese für sich selbst nicht mehr an ihre Dogmen glauben; und wenn das heute nicht mehr ganz richtig ist, in den siebziger uud achtziger Jahren traf es vielfach zu, und von der Religivn der Jenseitigkeit gilt es doch wohl heute uoch. Wie stellt sich nun die Kirche dazn? Im Wesen des Christentums liegt selbst eiu socialistisches Element, das Lueasevaugelinm giebt diesem entschieden Ausdruck. Mau sah in der Armut eine Tugend uud iu deu Reichen Sünder und natürliche Feinde der Frommen; das Urchristentum war die Religion der armen nnd kleinen Leute lange, ehe es die Religion der Reichen und der Machthaber wurde. Daher hat sich auch im Mittelalter gcgeu deu Berweltlichungsprozeß der Kirche eiue socialistische Unterströmung erhalten, Sekteu mit kommunistischen Ideen, Reformatoren mit socialistischen Forderungen und Verheißuugeu traten immer wieder auf. Als die Reformation das Christentum aus seiue Quellen zurückführte, da erhofften die geplagten Bauern neben kirchlichen und politischen Reformen anch eine Erleichterung ihrer socialen Lage vom Evangelium, im Kommunismus Thomas Münzers uud iu den phantastisch-häßlichen Scenen zu Müuster saud das seinen verzerrten Ausdruck. Angesichts dessen hatte Liebknecht ganz recht, wenn er in Halle sagte: „der Kampf der Heißsporne gegen die schriftliche) Religion sei schwerlich die rechte Methode"; namentlich die Landbevölkerung stieß sich vielfach daran. Deshalb hätte auch die Kirche keinen Grund gehabt, sich der Bewegung von vorne herein feindselig gegenüber zu stellen. Allein der Kamps war ihr durch jene Hinneigung der Partei zu einem atheistischen Materialismus und die daher erfolgenden Augriffe förmlich aufgezwungen, sie befand sich wirklich im Stande der Notwehr. Und ihre Neigungen sührten sie, verweltlicht wie sie war, anch ohne das ans die Seite der Besitzenden und Mächtigen; wenn sie die bestehende Ordnung verteidigte, so konnte sie sich diesen empfehlen und sich dabei dem revolutionären nnd aggressiven Wesen der Socialdemokratie gegeuüber auf das Wort des Paulus berufein jedermann fei nnterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. S10 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Diese Kampfstellung der Kirche war aber nicht nnr nicht in ihrem Wesen begründet, sondern anch taktisch nnklng. So begannen denn zuerst in der katholischen Kirche anch andere Stimmen laut zu werden. Sie hatte sich ja in den Rheinlanden und in Westfalen inmitten einer mächtig aufstrebenden Industrie selber zu behaupte« und durchzusetzen, konnte dort also auch leichter zum Verständnis der socialen Frage gelangen. Und so hat der Bischos Ketteler von Mainz schon 1848 als einer der ersten die Wichtigkeit der „großen sveialcn Fragen der Gegenwart" erkannt, bestimmter aber doch erst 1864 in seiner Schrift „Die Arbeiterfrage und das Christentum" im Anschluß an Lassalle sich der Arbeiter und ihrer Forderungen angenommen: und von da an brach der Faden zwischen Arbeiterfrage und katholischem Christentum nicht mehr ab. Schmoller hat in seiner Rede beim sünfnndzwanzigjährigen Jubiläum des Vereins für Svcialpolitik ausdrücklich anerkannt, daß derselbe mit den sozialpolitischen Tendenzen des Centrums stets viel Gemeinsames gehabt habe, nur sei das in den Tagen des Kultnrkampses nicht hervorgetreten, da doch die meisten Mitglieder des Vereins Liberale warcin aber seit den achtziger Jahren habe eine Annäherung stattgefunden, „da der Verein für Socialpolitik und das Centrum aus ähnlichen ethischen, religiösen und hnmanen Tendenzen arbeiterfreundlich waren und sind". Ein socialpolitisches Programm stellte das Centrum 1877 ans, an der socialen Gesetzgebnng der achtziger Jahre nahm es einen hervorragenden Anteil, und Männer wie Hitze traten namentlich sür den Arbeitsschutz sehr energisch ein. 1880 that sich unter dem Namen „Arbeiterwohl" ein Verband katholischer Industrieller und Nrbeiterfrennde in München-Gladbach zusammen, und unter demselben Namen erscheint unter Hitzes Redaktion eine Monatsschrift in diesem Sinn. Hitze selbst wurde 1893 Professor sür „christliche Gesellschaftswissenschaft" in Münster, und Kurse zur Ausbildung in diesem christlichen SocialiSmns finden immer aufs neue zahlreiche Teilnehmer. Auch die großen katholischen September- Versammlungen setzen meistens neben anderen anch socialpolitische Themata ans ihre Tagesordnung, und Praktisch nimmt die katholische Kirche an der Losnng socialer Ausgabe» aller Art durch social-wissenschaftliche Belehrungen weiterer Kreise, dnrch ^vcialdcnwkratic und Kirche. 511 Pflege der Caritas und streng konfessionelle Organisation oon Arbeiterin Gesellen und dergleichen ohnedies eifrigen Anteil. Mit dieser strammen Bereiusorgauisation, wie sie die katholische Kirche schon seit 1848 trieb, hängt es zusammen, daß die katholischen Arbeitcrmassen im großen nnd ganzen der Socialdemokratie fern gebliebe» sind. Dagegen hat das Eingreisen des Papstes in die Frage eher geschadet als genützt. Seine Encyklika ksruiu oova.ru.oi vom 15. Mai 1891 über die sociale Frage bewies nur, daß der Italiener Leo XIII. von der Sache nichts verstand, nnd man kann dem Engländer Blatchford nur beistimmen, wenn er darüber sagt: „Als der Papst seine Encyklika schrieb, ist er anscheinend in rechter Perlegenheit gewesen. Er hätte offenbar gern den Armen geholfen; aber es widerstrebte ihm sichtlich ebensosehr, den Reicheu vor den Kopf zu stoßen. Er geht von der Bestimmung „der gegenseitigen Rechte von -Arbeit und Kapital" aus und ist deshalb von Anfang an zur Erfolglosigkeit verurteilt. Er hat uns nichts Nenes und nichts Wahres zu sagen. Er vertraut uoch auf das alte, längst wurmstichig gewordene Mittel, deu Reichen Güte und den Armen Geduld zu predigen. Seine Methode ist nun uennzehnhundert Jahre lang ohne Erfolg versucht worden . . . Der Papst ist wohlmeinend, aber furchtsam und versteht das Thema nicht. Deshalb ist seine Encyklika eine tragikomische Mischung von Inkonsequenzen und Irrtümern . . . Der Papst scheint mehr Wert darauf gelegt zu haben, den Socialismus anzugreifen als die Armen zu verteidigen. Seine Andeutungen über die Anpassung der Ansprüche von Kapital und Arbeit sind abgedroschen und eindrnckslos. Das, waS er verficht, ist das System der individualistischen Konkurrenz, durch Religion abgeschwächt. Dieses System haben wir seit vielen Jahrhunderten gehabt, seine Resultate sind unbefriedigend gewesen." Bedeutsam ist diese Kundgebung nur dadurch, daß sie offenbar auf den social- politischen Eifer der Katholiken einen Dämpfer zn setzen sich bemüht und erklärt, warum die katholische Kirche doch immer der Socialdemokratie mehr oder weniger feindlich gegenüberstehen wird. Den Ehrentitel eines „socialen Papstes" hat sich Leo damit jedenfalls nicht verdient. Anders liegt die Sache im Protestantismus. Er ist später 512 Nach 1871: ZvcialiSnins und Socialdemokratie. an die Frage herangetreten, nnter dem Einfluß von Rodbertus und Adolf Wagner vertrat znerst ein Pastor Todt staatssocialistische Anschauungen auf christlich-biblischer Grundlage. Dann nahm sich der Hofprediger Stvcker mit Energie der Sache an, zunächst in der Absicht, Berlin, das von der Fortschrittspartei an die Socialdemokratie verloren gegangen war, durch Begründung einer christlichsocialen Arbeiterpartei wiederzugewinnen. Dabei knüpfte er ausdrücklich an die innere Mission an, die als Berliner Stadtmissiou durch ihn ihr specifisch sociales Gepräge erhielt. Die christlich-sociale Arbeiterpartei, die er 1878 ins Leben ries, sollte konservativ und christlich sein, sie „steht auf dem Boden des christlichen Glaubens und der Liebe zu Köuig uud Baterland" und verwirft deshalb die Socialdemokratie „als unpraktisch, unchristlich uud uupatriotisch". Tabei betonte sie jedoch sehr stark die Notwendigkeit der StaatShilse für Arbeiterorganisation und eineS ausreichenden Arbeiterschutzes, und in seinen Reden ging Stvcker noch weiter als in seinem Programm. An diese Gründung knüpften sich anfangs die überschwäuglichsten Hoffnungen. Ein württembergischer Pfarrer verstieg sich sogar zu dem schwungvollen Verse: Der eine deutschkonservativ Wie Hahnenschrei er wach uns rief, Der andre christlich-social Weckt uns wie Morgcnsonncnstrahl, Die zwei, einträchtig im Verein Sie können Deutschlands Retter sein. Allein der Jubel war verfrüht. Indem Stöcker diese socialen Bestrebungen mit seinen antisemitischen Hetzereien verquickte und sich selbst, znerst im kirchlichen Jntriguenspiel, dann in seinem politischen Auftreten schwere Blvszen gab und es weder mit der christlichen Liebe noch mit der sittlichen Pflicht der Wahrhaftigkeit erilst und genan nahm, konnte die Bewegung keiueu rechten Fortgang gewinnen, namentlich scheiterte ihr Versuch, Berlin zurückzuerobern, völlig. Damit verlor sie rasch die Gnnst von oben, die nur durch Massenerfolge zu behaupten gewesen wäre; nnd diese eben blieben aus. Kaum minder bedeutsam war daher die viel geräuschlosere und nnscheinbarere Begründung des evangelisch-socialen Kongresses, Die National-Zvcialcn. 513 ebenfalls von Stöcker im Jahre 1890 ins Leben gernfen. Derselbe sollte „der Erörterung social-Unssenschaftlicher Fragen und der Gewinnung weiterer Kreise der Gebildeten für die christlich-sociale Bewegung" dienen. Teil daran nahmen aber bald mehr die kirchlichen Mittelparteien, deneu Stöcker gerade auch kirchlich zu weit rechts stand; nnd wenn man anfangs in dem Kongreß eiue Art kirchlich- neutralen Boden sah, aus dem sich Männer aller Parteien zusammenfinden konnten zu gemeinsamer socialer Aufklärung und Arbeit, so wurden allmählich die rechts stehenden Elemente ebenso wie die allzn energisch vorwärts drängenden Socialreformer abgeschoben uud eine Mittellinie eingenommen, auf der mau ohne allzuviel Anstoß, aber auch ohne allzuviel Wirkuug sich halten konnte. Dabei hat das Mitwirken von Männern wie Schmoller und Wagner natürlich sachlich einen weit größeren Wert als die wohlmeinende Beteiligung von Laien wie Hans Delbrück oder Adolf Harnack. Immerhin sind durch den Kongreß gewiß viele, besonders Geistliche für socialpolitische Fragen uud Reformen interessiert und gewonnen worden. Die National-Socialen. Aber gerade wegen der etwas vorsichtigen Haltung nnd Prinziplosen Mittelstellung des Kongresses war es unvermeidlich, daß die energischeren Reformer sich von ihm ablösten nnd ihre eigenen entschiedeneren Wege gingen. Hier übernahm Pfarrer Naumann die Führung, eine machtvolle sittliche Persönlichkeit mit warmem Herzeu uud klarem Kopf. Er ging von Stöcker aus, ließ aber bald die autisemitischen nnd konservativen, schließlich anch die christlichen nnd kirchlichen Bestandteile des Programms fallen und begründete eine neue Richtung und Parteibewegung, die nationalsociale, in der das Christentum mir noch als „Stimmung" mitschwingen soll. Sie steht von allen Parteien der Socialdemokratie am nächsten, indem sie wie diese Kritik übt an den bestehenden Zuständen, die Arbeitgeber, wie sie von König Stumm repräsentiert werden, anfs heftigste angreift uud ausdrücklich die Vertretung der Arbeiterintcressen sich zur Aufgabe macht. Deshalb wird sie natürlich von den Arbeitgebern und speciell im Parlament und in der Ziegler, die geistigen u, socialen Strömungen des lg. Jahrh. 33 514 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Presse von Stumm aufs heftigste besehdet. Worin sie sich von der Socialdemokratie unterscheidet, das ist nicht das Sociale und Socialistische, sondern das Politische, indem sie für das nationale Königtum sowie sür Heer, Flotte und Kolonialpolitik ganz entschieden eintritt. Das wird von Naumann, der nach Niederlegung seines Amtes ausschließlich politischer Agitator und Parteiführer geworden ist, in seinen vielen Reden, dann auch in einem eigenen Wochenblatt, „der Hilfe", ausgeführt; dagegen ist die täglich erscheinende „Zeit" nach kurzem Bestehen aus Mangel an Abonnenten wieder eingegangen. Das weist darauf hiu, daß wir es hier zunächst nur mit Offizieren ohne Heer zu thuu haben: iu Frankfurt ist es Naumauu zwar gelungen, anch unter den Arbeitern selbst einigen Anhang zu gewinnen; nnd das war wohl ursprünglich seine Absicht, durch möglichstes Entgegenkommen die socialdemokratische!? Arbeiter ins nationale Lager herüberzuführen. Allein die entschiedene Betonung eines starken Heeres und einer großen Flotte nnd die Perspektive eines Weltkriegs, nm Deutschland im Weltverkehr auf den ersten Platz zu stellen, hat bei diesen keine werbende Kraft; und an socialen Gedanken weiß Naumann nichts anderes zu bieteu als die Socialdemokraten selber. Daher sind seine Anhänger auch nicht in den Arbeiterschichten des Volkes, sondern sast ausschließlich unter den Gebildeten zn suchen: Nnivcrsitätsprofessoren nnd Studenten, Oberlehrer und andere Akademiker, vor allem aber jüngere Geistliche sind ihm in größerer Zahl zugefallen. Das Volk dagegen fehlt. Bei den ReichstagSwahlen von 1898 haben es die National-Socialen im ganzen nnr auf 23 000 Stimmen gebracht und keinen ihrer Kandidaten durchgesetzt. Darin zeigt sich aber doch nnr das Symptomatische dieser Bewegung überhaupt. Sie beweist, daß der Socialismus aufgehört hat nur das Glaubensbekenntnis der Arbeiterbevölkerung zu sein und immer mehr auch unter den Gebildeten Anhänger gewinnt und Propaganda macht. Das Er- sreuliche daran ist, daß damit der schlimmsten Wirkung der socialistische» Bewegung, der Scheidung der Nation in die zwei Klassen der Gebildeten und der Ungebildeten, entgegengewirkt wird. Diese nationalen Socialisten erkennen die Socialdemokraten als „Brüder" zur Linken, als eine in ihrer Art berechtigte Partei an, Die National-socialen. 515 setzen sich mit ihnen sachlich auseinander nnd sympathisieren mit ihnen, wo sie ihnen im Recht zn sein scheinen. Das Wort Göhres, der selbst drei Monate als Fabrikarbeiter lebte nnd dabei die Anschauungen nnd Bedürfnisse des vierten Standes näher kennen lernte: „es muß der Grundsatz durch uns zur Thatsache gemacht werden, daß auch ein Socialdemokrat Christ und ein Christ Socialdemokrat sein kann", ist für diese Bestrcbnugen namentlich in den Reihen der jüngeren protestantischen Geistlichkeit charakteristisch. Praktisch ist sreilich gerade über diesen Grundsatz der Gleichberechtigung und Bündnisfähigkeit noch am meisten Streit; hat sich doch bei den Wahlen von 1898 selbst die süddeutsche Volkspartei iu Frankfurt mit allen andern gegen die Socialdemokratie oerbündet, weshalb sie sich nun auch mit alleu andern von dieser zur reaktionären Masse rechnen lassen muß. Dagegeu ist Hans Delbrück bei den Preußischen LandtagS- wahlen entschieden für eine solche Anerkennung und Verbindung eingetreten; aber sein Rat: „zum Reichstag müßt ihr rechts wählen, zum Landtag links", wird wirklich nnr von wenigen begriffen werden und namentlich die Socialdemokraten selbst nicht sonderlich befriedigen. Immerhin tragen schon die Debatten über diese Frage zur Annähcrnng und gegenseitigen Verständigung bei; und darauf hinzuarbeiteu ist doch für alle diejenigen Pflicht, welche eine friedliche Lösung und die Ausgleichung auch dieses schroffsten Gegensatzes wünschen. Weil aber vielfach Geistliche, wie Stöcker, Naumann, Göhre, Wenck, die Träger der christlich- und national-socialen Bewegung sind, so haben auch geistliche Behörden dazu Stellung genommen. Aber auch sie mit ebenso wenig Glück wie aus katholischer Seite der Papst. 1890 hatte der evangelische Oberkirchenrat in Berlin einen Erlaß an die preußischen Geistlichen ausgehen lassen, in dem er diese unter dem Einfluß der socialen nnd resormsreuudlicheu Strömung jener Tage an ihre socialen Pflichten mahnte und zur Beteiligung an der socialen Arbeit aufforderte: selbst davon war die Rede, daß auch die Kirche es sich angelegen sein lassen solle, den berechtigten Bedürfnissen der Arbciterwelt Abhilfe zu schaffen und der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft vorzubeugen. Wie nun aber durch die um Nanmann die schärsere Tonart obenans kam uud Pastoren 33* Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. namentlich auch auf die großen socialen Mißstände in den ländlichen Bezirken Ostelbiens hinwiesen und dagegen von der einen Seite „Kvuig Stumm", von der andern das konservativ-agrarische Junkertum gegen alles, was social hieß, mobil machte und die Kanzel- wie die Kathedersocialisten auss heftigste angriff, nahm ein neuer oberkircheurätlicher Erlaß im Dezember 1895 das zurück und Warute die Geistlichen ernstlich davor, auf den socialen Kampfplatz herabzusteigen. Er begründete dies damit, daß hinter diesen weltlichen Aufgaben nicht selten die pfarramtliche Thätigkeit hintangesetzt, die Vertrauensstellung der Geistlichen in den Gemeinden gefährdet und die Würde des geistlichen Amts kompromittiert werde; die Kirche habe kein Recht, Schiedsrichterin in weltlichen Sachen zu seiu. Gleichzeitig suchte mau durch Versetzungen und Entsetzungen agitatorisch auftretender Geistlicher die christlich-socialen Pastoren einzuschüchtern nnd mundtot zu machen. Wie sehr Stöckers Ansehen gesunken war, das zeigte das Verhalten der Generalsynode im Dezember 1897: als Stöcker gauz richtig auf den Unterschied dieser beiden Erlasse hinwies und sich gegen den zweiten wandte, ließ man ihn im Stich und billigte die Netraktation des Oberkirchenrats. Der ganze Vorgang läßt deutlich erkennen, wie gefährlich die Beteiligung der Kirche an der socialistischen Bewegung für diese selber wird. Die Kirche begiebt sich damit auf eine schiefe Ebene und weiß nicht, wo und wann sie am unteren Ende derselben ankommt. Auf der andern Seite aber hat sie zu befürchten, daß das Volk ihr vollends den Rücken kehrt, wenn sie um feine berechtigten irdischen Bedürfnisse sich gar nicht kümmert und die wirtschaftlich Schwachen nicht anch nach dieser Seite hin stärkt und schützt. Daher läßt sich freilich das schilfartige Hin- und Herschwauken des preußischen Oberkirchenrats Wohl begreifen; nur zur Hebung des kirchlichen Ausehens hat es nicht beigetragen. Umgekehrt ist nicht zu verkennen, daß nicht nur das Volk die'sociale Mitarbeit der Kirche sich gerne gefallen läßt, sondern daß auch die Gebildeten vor dieser Bethätigung eines praktischen Christentums mehr Respekt haben als vor den Lehrstreitigkeiten über die Jungsranengeburt und die Geltung des Apostolikums. Jenes fördert und führt zu- Die National-Socialen. 517 sammen, diese trennen nnd geben der Abneigung gegen die 5!irchc nur immer nene Nahrung. Aber auch abgesehen von den Widerständen, die der national- soeialen Partei von oben und von außen her entgegengesetzt werden, leidet sie selbst an gewissen inneren Widersprüchen nnd Unklarheiten. Schon die Stellung zum Christentum ist keine ganz eindeutige mehr. An Unehrlichkeit aber streifte es, als Naumaun uud andere hervorragende Mitglieder der Partei im Januar 1897 einen Ansrus zu Sammlungeu für die streikenden Hasenarbeiter in Hamburg erließen uud darin doch jede Parteistellnng und jede Absicht den Streikenden zu einem Triumphe zu verhelfen ausdrücklich ablehnten. Wer in einem Kainpf um die Macht der einen Partei Machtmittel zur Fortsetzung des Kampfes zuführt, ist doch nicht neutral! das mußten Männer wie Nanmann und Herkner Nüssen. Nach deu Wahlen von 1898 traten dann aber auch in der eigeneil Parteipresse und auf dem Darmstadter Vertretertag scharfe innere Gegensätze zu Tag, ein konservativer rechter Flügel nnter der Führung Sohms steht einer radikalen Richtung, die vor allem Göhre repräsentiert, gegenüber. Während jener das nationale und monarchische Prinzip und deshalb auch den Gegensatz gegeil die Socialdemo- kraten stark betont, steht für diese das Sociale nnd damit die Gemeinsamkeit mit der Socialdemokratie im Vordergrund; und anch die agrarische Frage treuut: nicht alle sind mit Göhres Angriffen auf die ostelbischen Gutsherrn und mit Schulze-Gävernitz' Verwerfung hoher Getreidezölle einverstanden. So leidet die Partei unter ihrer konservativen Vergangenheit, mit der sie innerlich zerfallen ist, aber äußerlich findet sie noch nicht den Mut völlig mit ihr zu brechen. Unter solchen Umständen war es überhaupt eiu Fehler, daß die National-Socialen sich als besondere Partei konstituiert haben, zumal da doch alles an der Person Naumanns hängt und mit ihm einstweilen das Ganze steht und fällt. Korporationeil, Fraktionen, Parteien zn bilden liegt dem Deutschen im Blut, die Akademiker sind au ihre Korps und Verbindungen von der Hochschule her gewöhnt. Dariu zeigen sich die Engländer praktischer. Auch hier giebt es Socialisten, die sich „vorwiegend ans den Mittelklassen, 518 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. besonders aus dem gebildeten Proletariat rekrutieren, als Lehrer und Journalisten thätig sind oder höhere Ämter in der Lokal- verwaltnng iuue haben". Auch sie habeu sich zu einem Verein znsammcngethan — 1"lls l^abi«» öoeist^; aber diese Fabier sind keine politische Partei geworden, sondern Mollen nur die schon bestehenden Parteien lind Pereine „mit fabischen Gedanken durchtränken". Solche Fabier giebt es auch in Deutschland, nur ohne diesen besonderen Namen. Im Gegensatz zu den Socialdemokraten glauben sie „nicht, daß einmal ein Augenblick kommen Mird, wo es über den Socialismus als ein Ganzes zur Entscheidung durch eine Wahl oder durch eiue einzelne parlamentarische Abstimmung kommeu wird, daß das Geschick deS Proletariats einerseits, das der besitzenden Klassen andererseits eines Tags auf eine Karte werde gesetzt werden, sondern das; jede Errungenschaft des Socialismus nur eine von vielen Maßregeln sein werde und durch eine thatkräftige socialistische Partei das Interesse dasür im Vordergründe gehalten werden müsse". Den Arbeitgebern gegenüber aber sind sie allerdings der Meinung, daß das Privateigentum, soweit es bestehen bleibt, ein Amt und eiue Verpflichtung in sich schließt und nicht bloß in alter patriarchalischer Weise Wohlthaten von ihnen erwartet werden, sondern der Verzicht auf die einseitig ausgeübten Herrschaftsrechte und die Anerkennung socialer Gerechtigkeit gefordert wird. Vor allem aber verlangen sie, was im Beamten- und Militärstaat freilich besonders schwer zu erlangen sein wird, daß die Socialisten, also anch die Socialdemokraten solange als gleichberechtigt nnd voll angesehen werden, als sie ihre Ziele auf gesetzlichem Wege zu erreichen suchen. In diesem Sinn war einst der von Fichte beeinflußte Carlyle in England thätig, der uns anch noch als Individualist begegnen wird und überhaupt ein „genialer Wirrkopf" war, weshalb Trcitschke uicht mit Unrecht von dem „zweifelhaften Rnhme" dieses bei uus neuerdings doch stark überschätzten Mannes redet. Und in demselben Sinne sind seit Albert Lange anch unter uns viele bemüht, den Weg „znm socialen Frieden" zn finden und ihu ebueu zu helfen nnd anderen zn zeigen. Hier darf ich vielleicht auch meiner Schrift „die sociale Frage eine sittliche Frage" Erwähnung Die National-Socialen. 519 thun. Auch den Bund der deutsche» Bodenreformer, der sich nu deu Amerikaner Henry George anschließt, kann man hierher rechnen, namentlich seitdem er seine eigentliche Absicht einer Niickverwandlnng des Grundbesitzes in Gemeingut vorsichtig verschleiert und sie dafür ganz allgemein dahin bestimmt, daß „der Grund und Boden, diese Grundlage aller nationalen Existenz, unter ein Recht gestellt werde, das seinen Gebrauch als Werk- uud Wohnstätte befördert, das jeden Mißbrauch mit ihm ausschließt und das die Wertsteigeruug, die er ohne die Arbeit der Einzelnen erhalt, möglichst dem Bolks- ganzen nutzbar macht". Bei alledem läuft natürlich auch viel Laienhaftes und Dilettantisches, viel Gutgemeintes und Unbrauchbares mit uuter. Es ist oft mehr guter Wille und Gefühl als Sachkenntnis und praktisches Verständnis vorhanden. Um so erfreulicher ist, daß aus den deutschen Universitäten der Besuch der nationalökonomischen Borlesungen stark in Aufschwung und Mode kam, socialwisseuschastliche Stndeutenvereinigungen entstanden, in denen über soeialpolitische Fragen Belehrung gesucht und gegeben wird, daß für Geistliche, Lehrer und Beamte social- wissenschaftliche Ferienkurse abgehalten werden und so ein Strom nationalökonomischen Wisseus sich über weite Kreise der deutscheu Gesellschaft ergießt. Das alles trägt zur Verstäudiguug uud Versöhnung unseres durch die socialistische Bewegung zwanzig Jahre lang stark zerklüfteten Volkes mächtig bei. Und fraglos kann man am Ausgang des Jahrhunderts sagen: die Gefahr eines gewaltsamen Zusammenstoßes uud großen „Kladderadatsches", die uns eine Zeitlang nahe und fast unvermeidlich schien, ist erheblich in die Ferne gerückt und erscheint hellte schon recht vielen geradezu als beseitigt, wenn sie nicht gewaltsam oder gar absichtlich heranfbeschworen wird. Was aber nicht soviel heißen will, als ob die sociale Frage vom neunzehnten Jahrhundert auch bereits gelöst sei; nur den Weg zur Lösung hat dieses gefunden, — eine Neuordnung der Gesellschaft dnrch sociale Reformen und Förderung „der Einsicht in die Beziehungen zwischen dem Individuum uud der Gesellschaft ans dem Gebiete des wirtschaftlichem, sittlichen und politischen Lebens": im übrigen hat die sociale Frage nach einem Ausdruck Treitschkes angefangen, „sich in eine lange Reihenfolge praktischer Einzelsragcn S20 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. zu zerlegen". Darin haben wir es inzwischen nur zu verheißungsvollen Anfängen gebracht, die eigentliche Arbeit bleibt gerade hierfür dem zwanzigsten Jahrhundert vorbehalten, das nach Schmoller „das sociale" erst sein und werden wird. Mit allem dem habe ich mich in der Hauptsache auf den Teil der socialistischen Bewegung beschränkt, der sich aus die Arbeitersrage im engeren Sinn bezieht. Wir brauchen heilte das Wort „social" aber auch in einer viel weiteren Bedeutung und hängen es sast wie eine Etikette allem möglichen Inhalt vor, wobei dieser Inhalt davon oft recht unberührt bleibt und das Wort zur bloßen Phrase wird. Solches sich Berauschen an großen Worten nnd sich Begnügen mit bloßen Worten gehört auch mit zur Signatur der Zeit; im übrigen hat es keine Bedeutung. Dagegen sasse ich hier das Gesagte noch einmal kurz zusammen, nm das Bild abzuschließen und eine Gesamtanschauung zu ermöglichen. Als der Soeialismns in den sechziger Jahren kam und wuchs, da begriff man ihn erst nicht nnd ignorierte ihn wie eine Singularität und thörichte Utopie; dann haßte man ihn wie die Sünde, weil er die Kreise der nationalen Parteien störte; darauf ergriff Furcht und bleiche Angst die Bourgeoisie, weil er so mächtig um sich griff und sich so jugendlich wild und ungebärdig aufführte und auch wirklich bedrohliche Allnren annahm; nun aber kam die Wissenschaft und das Gefühl, und unter ihrem Einfluß sehen wir heute in ihm des Berechtigten gar vieles — sowohl in seiner Kritik unserer vielgepriesenen Kultur als in seinen positiven Forderungen. Aber auch er selbst ist aus einer anfangs noch recht unreifen uud wirklich revolutionären zu einer evolutionistischen Bewegung uud Partei gewordeu. Als er unter der Herrschaft des Socialistengesetzes das Wort „ans gesetzlichem Wege" aus seinem Programm wegstrich, war das mehr nur Notwehr; hente ist er die radikalste Partei in Volk und Parlament, oder schon nicht mehr die radikalste: der ihm diametral entgegengesetzte Anarchismus flaukiert ihn zur Linken. So sieht man heute doch ganz anders als noch vor fünfzehn Jahren in weiten Kreisen die Bewegung wachsen, sich beruhigen uud kläreu — ohne Furcht und ohne Haß, als eine Partei berechtigt wie andere auch, wenn auch vielfach unbequemer als die andern alle. Die National-Socialen. 521 Nur in einem Punkt ist sie selbst noch durchaus unklar und unfertig — iu der Agrarfrage. Der Socialismus ist historisch entstanden als Konsequenz uud Begleiterscheinung des Großbetriebs der Industrie, und an ihr als einem die Kultur Fördernden muß er auch durchaus festhalten. Aber ist der Großbetrieb auch für den Ackerbau das Richtige? und wenn nicht, wie ist hier der socialistische Gedanke anwendbar? Das ist für die Socialdemokratie eine ungelöste Zuknnftsfrage, es ist die Frage des vielverhandelten agrarischen Programms. Auch mit dem religiösen Problem hat sich der Socialismus verraunt. „Religion ist Privatsnche", ist ein wahres, aber doch nur ein halbwahres Wort. Religion selbst ist auch ein Sociales, im Gottesbegrisf stecken sociale Voraussetzungen und sociale Postulate, im Christentum wie wir gesehen haben ohnedies. Das verkannte der Socialismus und so hat er sich in eine Religions- nnd Kirchen- feindschaft hiueinreiszen lassen, die weder sachlich notwendig noch taktisch klug ist: er hat sich durch seine materialistische Weltanschauung geistig arm und rückständig gemacht uud sich weite Kreise verschlossen, sich um manche Anhänger nnd um wertvolle Buudesgeuosseu gebracht und so nicht „sociierend", sondern zer- klüstend gewirkt. Und endlich ist er durch Marx international geworden: Emi- ^, grantenstimmnng und Preußenhaß wirkten dabei mit; das Socialistengesetz hat den deutschen Arbeiter» mehr als ein Jahrzehnt den Staat gründlich entleidet, uud dem internatioualeu Wesen des Kapitals, der Industrie uud des Verkehrs entspricht auch thatsächlich die Solidarität der Arbeit und des Proletariats. Trotzdem trägt er specifisch nationale, bei nns specifisch deutsche Züge; er ist, wie das Sombart nachgewiesen hat, in Deutschland eiu anderer als in Frankreich oder in England. Und daß man Socialist nnd national zugleich sein kann, das zeigen nicht nur Naumann nnd die Nationalsocialen, sondern auch Lassalle nnd von Vollmar, Grillenbergcr nnd Bernstein. Ein centrifngaler Zug wird freilich dem Socialismus der Industriearbeiter immer anhaften, wie er auch dem Kapital und der Industrie notwendig eigen ist. Aber muß er darum ausschließlich znr Geltung kommen? Und überdies wird sich das 522 Nach 1871: Socialismus und Socialdemokratie. Internationale vorläufig auf die westeuropäischen Volker beschränken müssen, von Russen und Chinesen wollen auch unsere Socialdemokraten noch nichts wissen, lind ebenso ist nicht einmal die republikanische Staatssorm für ihn unerläßlich, weuu sie ihm gleich am besteu Passen mag; es läßt sich auch ein sociales Königtum oder Kaisertum denken. Nur demokratisch wird er immer sein, darin ist er ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Vierzehntes Kapitel. „k^in cls LISOlS". Die allgemeine Struktur der Zeit. Jede Zeit ist Übergangszeit. Aber vielleicht niemals ist es am Ende einer Periode einer Generation so klar gewesen wie uns heute, daß das kommende Jahrhundert einen anderen und vor allem einen bestimmteren, ausgesprocheneren Charakter tragen werde und tragen müsse, als das letzte Jahrzehnt dieses zu Ende gehenden neunzehnten. Und so leben wir nicht nur thatsächlich in einem Übergaugszeitalter, sondern — und das ist der tiefere Sinn von „?in cle 8idvls" — wir fühlen nns auch als Menschen des Übergangs. Übergangszeit aber ist böse Zeit, vor allem weil in ihr unsere Gedanken und Gesühle auf allen Punkten zwiespältig geworden sind. Zwiespältig gegenüber von Staat und Politik: auf der einen Seite eine Anspannung des uationalen Gedankens, der sich ost sogar wie Chauvinismus ausnimmt und es vielfach auch ist, und auf der auderu Seite ein Wiederaufleben humanitärer und ein Erstarken socialer Bestrebungen, die vielen in jeder Form als anti- und international verdächtig sind; eiu Heroenknltus hier, der da, wo der Heros sehlt, zum Byzantinismus wird, und eine Demokratisierung der Gesellschaft dort, die auch die alten unhistorischen Gedauken von absoluter menschlicher Gleichheit wieder aufleben läßt. Zwiespältig sind wir weiter gegen Kirche und Religion: ein neuerwacheudes Interesse für religiöse Dinge macht sich spürbar, und daneben immer noch das alte Sichabkehren von allem Kirchentum und Christentum. Zwiespältig in Sitte und Sittlichkeit: der sociale Geist, der von allen die gleiche Hingabc an das Wohl des Ganzen verlangt, erobert L24 Nach 1871: äs sik-ols« mehr und mehr Herzen und Köpfe, und daneben findet die Nietzfchesche JndividualitätSlehre, die das schrankenlose Recht des Sichauslebeus für die geniale Persönlichkeit iu Anspruch nimmt und zu dem Zweck alle sittlichen Werte umwerten möchte, begeisterte Anhänger. Zwiespältig sind wir aus dem Gebiet der Kunst uud Poesie: daS Klassische wird noch immer als Bildungsmittel benützt und verehrt oder doch historisch respektiert, und daneben die Abwendung vom klassischen Ideal als einem innerlich Unwahren und der realistische Werdedrang einer die Wahrheit auf Kosten der Schönheit pflegenden Knnstweise. Nud zwiespältig endlich gegen die Grundlage» unserer Gesellschast nnd der sie durchdringenden Kultur überhaupt: ein Festhalten und Sichanklammern an das Bestehende, als wäre es durchweg ein Vernünftiges uud bleibend Wertvolles, und auf der andern Seite eiu Anstürmen gegen dieses Bestehende, als wäre es bereits von allen guten Geistern der Vernunft und der Sittlichkeit verlassen und konnte nicht eilig genug bis zum letzten Bausteiu abgetragen und in Trümmer geschlagen werden, dem historischen Sinn des Jahrhunderts tritt ein revolutionärer Sturm und Drang gegenüber. So gürt und brodelt es rings um uns her und reißt uns alle in seine Strudel mit hinein. Eine Welt voll Gegensätze ist dieses „?ir> äs Asole", in der alles chaotisch durcheinander quirlt und wogt, Karneval und Aschermittwoch zugleich, krastvoll ausstrebende Renaissance uud pessimistisch müde Dekadence; eine Zeit der „Ruhelosigkeit uud Reizbedürstigkeit", aber auch der Nuhebedürftigkeit und Reizübersättignng, des sich Verlierens an das Zerstreuende der Außenwelt und des sich Sehnens nach der Wiedergewinnung eines Innerlichen und Einheitlichen. Und die Menschen dieser Zeit auf der eiuen Seite voll Überschätzung des Intellektuellen, von des Gedankens Blässe von früher Jugend auf angekränkelt und deshalb in ihrer Nervosität vou unausgesprochenen uud unaussprechlichen Stimmungen bewegt, nnd daneben doch praktisch, Militaristisch, voll Arbeit und Willen; pessimistisch und blasiert, tief innerlich müde auf der einen Seite und auf der andern vom Willen zum Leben, von Lebensdrang und Lebensfreudigkeit emporgerissen und emporgepeitscht, thatkrästig vorwärts, ehrgeizig auswärts strebend; frei von Vorurteilen, ungläubig uud kritisch, kühl bis ans Herz hinan, nud da- Die allgemeine Struktur der Zeit. 525. neben ergriffen von allerlei Mystik oder doch anempfinderisch damit spielend, voll Ncngier nnd Interesse für alles Rätselhafte und Geheimnisvolle, für alles Tiefe und Hinterweltliche nnd die Wissenschaft selbst in den Dienst des Aberglaubens herabziehend oder gar diesen in die Form der Wissenschaft kleidend. Aber wir dürfen dem Jahrhundertende auch nicht Unrecht thun. Es war doch anch wieder, wie Edmund Pfleiderer in feiner Gedächtnisrede auf deu Fürsten Bismarck sagt, ein „achtnngswertes Jahrhundert ernster realer Arbeit, geschichtlicher Thatkraft nnd frischer Unternehmungslust", und das kommt uns noch zu gut und giebt unserer Zeit die solide Unterlage, in der Erscheinungen hastiger Flucht den erfreulich festen Pol uud Mittelpunkt. Ich denke dabei nicht nur an die staatlichen und socialen Gestaltungen, wovon ja ausführlich die Rede war, sondern vor allem auch an die Leistungen auf dem Gebiet der Industrie und der Technik nnd an Männer wie Werner Siemens, die ihre führende Stellung der eigenen Arbeit verdanken und an der Spitze großer technischer Geschäftshäuser „ihre ganze Kraft dafür einsetzen, daß die Industrie ihres Landes im großen Wettkampfe der civilisierten Welt die leitende Spitze oder wenigstens den ihr nach Natur und Lage ihres Landes zustehenden Platz einnimmt". Gerade iu Siemens sehen wir wie iu einem Brennpunkt alle die großen und tüchtigen Tendenzen dieser Art von Arbeit vereinigt: den Bund von Natnrwissenschast, Technik und Industrie, die Rücksicht auf den allgemeinen Nutzeil und die Förderung des Gemeinwohls durch solche Unternehmungen, bei denen doch auch der Einzelne schließlich immer seine Rechnung findet, und das sociale Bewnßtseiu, lausenden von fleißigen Arbeitern dadurch ihr Brot zu geben und sie dnrch Beteiligung am Gewinn zu freudigem, selbstthätigem Zusammenwirken anzuspornen. In diesem Sinn und Geist wird bei uns im Großen nnd im Kleinen vielfach gearbeitet und geschafft. An jenen Bund von Wissenschaft und Technik knüpft, sich aber noch ein anderes, die völlige Umgestaltung unserer Existenz an. Daß die Lebenshaltung im ganzen eine höhere geworden ist, ist schon gesagt. Das wirkt auch geistig, hat eine Verfeinerung des Lebens znr Folge, macht aber gleichzeitig auch empfindlicher gegen Ent- S26 Nach 1871: Äs sisols" behrungeu und begehrlicher nach Genuß und Reiz. Ganz besonders aber verdanken wir jenem Bnnd die Überwindung von Raum uud Zeit durch Dampf und Elektrizität. Dadurch vollzog sich ein Umschwung, der nach einem Wort von Gcrland unserem Jahrhundert geradezu das Gepräge giebt: Dampfmaschine, Fabrik, Arbeiter- bevvlkerung uud sociale Frage; Lokomotive, Eisenbahnen, Pro- dukteuverkehr und Bevölkerungsverschiebuugeu; Telegraph und Telephon, Welthandel und Weltverkehr, Zeituugswesen und Presse — das alles gehört aufs engste zusammen. Die Mensche» sind sich dadurch uüher gerückt, sind aufeinander hingewiesen, viele trennende Schranken sind gefallen; aber auch die Reibungen werde» häufiger, das Leben hastiger und immer hastiger, man ist nicht mehr bei sich zu Hause, wird nicht heimisch nnd kommt nicht zn sich selbst, deshalb hat auch die Eisenbahnzeit über die Ortszeit gesiegt. Daß die Welt unter dem Zeichen des Verkehrs steht, ist zwar ein Triumph der Technik und ein Beweis des Fortschritts, kommt aber ihrem Innenleben nicht im gleichen Maße zu gut; die Zeitungen tragen Bildungskcime in die abgelegensten Dörfer, aber sie schädigen auch die Bildung uud machen sie flach und individualtos. Nnd noch nach einer andern Seite haben wir den Nanm „überwanden": neben dem Teleskop steht das Mikroskop und enthüllt nns eine ganz neue, die Welt des unendlich Kleinen. Und das weckt auch den Sinn für dieses Kleine, in der Natnrwissenschaft versteht sich das von selbst. Aber nicht nur sie, auch die Geisteswissenschaftcn, die Geschichte, die Psychologie, sind mikroskopisch geworden; die Einzelforschung wird höher geschützt als die zusammenfassende Darstellung, die oft wie ein Unwissenschaftliches und Dilettantisches angesehen wird; man vergißt, daß jene doch nnr Mittel und z. B. in der Geschichte die Darstellung das Höhere und überdies das künstlerisch Schwierigere ist. Ja selbst die Kunst kann sich diesem Mikroskopieren nicht entziehen, auch sie lernt achten aus das Kleine und Verborgene und setzt au die Stelle der ans der Oberfläche liegenden, dem unbewassueten Auge sichtbaren Motive und Gefühle die zerfasernde psychologische Aualyse und das Eindringen in die tiefsten Tiesen des Seelenlebens, in das, was unbewußt auf ihrem Grunde mitschwingt. So intim hängt hier das Äußere mit dem Inneren, das Mechanische mit dem Zwei Thronwechsel. S27 Geistigei?, die Wissenschaft mit der Praxis und diese mit dem Gefühlsleben zusammen. Aber je gewaltiger und sichtbarer die Wandlung unseres äußeren und inneren Lebens und seiner feineren Struktur und je reicher an Gegensätzen und Widersprüchen dieses Leben ist, desto schwerer, das alles in Worte zu fassen und auch nur annähernd zu erschöpfen. Nnr das Gröbste, nnr das bereits an die Oberfläche Emporgedrungene, das schon in Wort und Bild nach Ausdruck Ringende kann auch ich hier darstellen und mit Namen nennen wollen. Es ist ja die Luft, in der wir selbst leben, und deren Gewicht und Anhauch wir deshalb nicht spüren, weil dieselbe Luft auch uns ausfüllt, so daß Druck und Gegendruck sich ausgleichen. Und noch eines ist vorauzuschicken. „?in äs sidols" beginnt mit dem Rücktritt Bismarcks im Frühjahr 1890, aber wie Marks ganz richtig gesehen hat, dieses „jüngere Deutschland der Epoche nach 1890 bereitet sich in dem Jahrzehnt vorher überall schon vor, auch unter denen, die damals unter Kaiser Wilhelms" — und sägen wir hinzu: unter Bismarcks — „Banner fochten". Um dieses Neue zu verstehen, müssen wir deshalb auf die achtziger und teilweise sogar noch auf die siebziger Jahre zurückgehen und manches von dem, was ausschließlich zu dieser srühereu Epoche gehört, jetzt erst im Zusammenhang mit dem Neuen und Späteren nachholen und besprechen. Gerade das geistige Leben wandelt sich deutlicher erst in dem letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts und wird hier wieder reicher uud mannigfaltiger; hente klingt, oft in recht schrillen Dissonanzen, so vieles zusammen, was uun erst in diesem Zusammenklang seine Bedeutung, freilich auch oft eine ganz andere Klangfarbe erhält; und deshalb reiht es sich ein in „?in 6e Ädols", obwohl es schon vorher selbständig für sich vorhanden war und wirkte. Zwei Thronwechsel. Das Politische hat noch einmal wie billig den Vortritt; denn in der Bismarckschen Ära sind wir Deutsche nicht nnr wieder ein Volk, sondern immer mehr auch ein politisches Volk geworden uud habcu uns mit politischem Interesse erfüllt. Unsere exponierte '>28 Nach 1871: äs siedet Weltstellung nach außen, unsere vielen gesetzgeberischen Ausgaben zum iunereu Ausbau des ueuen Reichs und vor allein auch das allgemeine Stimmrecht, das doch zugleich auch eiue Pflicht in sich schließt und nach dieser Richtung hin erzieherisch gewirkt hat und wirkt, haben das Volk der Träumer und Denker politisch werden lassen. Da macht nun zunächst ein äußeres Ereignis einen Einschnitt. Am 9. März 1888 ist Kaiser Wilhelm I. gestorben, sast 91 Jahre alt, der Nestor der europäischen Regenten, allverehrt von Millionen seines Volkes. Seiue lange Regierung hatte dem Reich den Charakter der Einheitlichkeit und Stetigkeit ausgedrückt, seiue ehrwürdige Persönlichkeit die Monarchie zu etwas Selbstverständlichem gemacht, dem man nicht nur mit dem Kops, sondern anch mit dem Herzen zugethan war. Daß das Reich sich so rasch eingelebt hat im Volk und der Partiknlarismus sich verhältnismäßig leicht hat überwinden lassen, verdankt man neben Bismarcks Mäßigung und Bismarcks Persönlichkeit vor allem auch der Verkörperung des ReichSgedaukeu in der Gestalt unseres ersten Kaisers. Aber ganz abgesehen von den Kämpfen um das Socialistengesetz, die doch anch viel Verbitterung und Unzufriedenheit in das letzte Jahrzehnt seiner Negierung hineintrugen, es war das Regiment eines alten Mannes, der mit Einrichtungen und Persoueu uicht mehr gerne wechselte und fremden Einflüssen, vor allein dem Bismarcks ohne viel eigene Initiative sich unterordnete; das Wort vom „Majordomus" konnte aufkommen, das zwar nicht mehr Wahrheit, aber doch mehr Grund hatte als das vom „Handlanger". Doch auch Bismarck gehörte der alten Generation an, die Welt wurde damals regiert von Männern zwischen 70 und 90 Jahrcu. Darnm konnte doch alles, was jung war und sich jung fühlte, über die Gegenwart hinaus auch schon an die Zukunft deuten und mit der Znkunft rechnen. Daß das nicht mit mehr Ungeduld geschah uud uicht energischer vorwärts drängte nnd trieb, bewirkte wiederum des Kaisers ehrwürdige Gestalt neben Bismarcks alles überschattender Größe. Mit mehr Rücksicht hat uie eiu Volk Wünsche, auch berechtigte Wünsche, zurückgestellt, solange sein Fürst lebte; das dürfen die Fürsten, vor allem die aus dem Hohen- zollernhause, dem Volke dankbar nicht vergessen. Eben deswegen Zwei Thronwechsel. 529 schien es, daß sich, als er starb, jener schon einmal citierte Eingang zu dem Aufsatz von D. Fr. Strauß über den König Wilhelm I. von Württemberg Wort sür Wort anch hier anwenden lasse: „Wenn in einem mit Menschen angefüllten Raume die lange geschlossene Thür einmal aufgeht, so wird, ohne Rücksicht darauf, wer es ist, der hinausgeht oder hereinkommt, vor allem der eindringende frische Luftzug mit Erleichterung empfunden. Das ist naturgemäß die vorläufige Empfindung bei dem endlich eingetretenen Regierungswechsel, ganz abgesehen davon, wie man über den dahingeschiedenen Herrscher urteilen nnd was man von dem neuen erwarten inag. Jetzt muß doch manches anders werden, denkt man, was allzulange so gewesen: ob besser, wissen wir freilich noch nicht; aber schon daß es anders wird, ist eine Befriedigung. Es müssen da und dort neue Persönlichkeiten ans Nuder kommen, wo schon die alten verschwinden zu sehen als Bürgschaft des Fortschritts erscheint". So zn fühlen nnd zu empfinden rüstete man sich in den achtziger Jahren ohne Nngednld und ohne Verletzung der Pietät. Da kam das Unerwartete. Der Kronprinz, der die Mitte der fünfziger Jahre bereits überschritten hatte, somit selbst ein Mann des Wartens war, wurde von einer tückischen Krankheit erfaßt nnd besüeg im März 1888 als ein dem nahen Tode Verfallener den Thron. Die neunnndnennzig Tage seiner Negierung und ihre Geschichte gehören uicht zu den Ruhmesblättern des deutschen Volkes. Was er selbst als Fürst geleistet hätte und gewesen wäre, wissen wir nicht. Die Liberalen, die politisch und fast noch mehr die kirchlich Liberale,?, setzten große Hoffnungen auf ihn und seiue englische Gemahlin, und die lang vorbereitete von humanster Gesinnung zeugende Proklamation bei Übernahme der Regierung schien dem recht zu geben. Andererseits schrieb man ihm auch wieder ein starkes fürstliches Selbstbewußtsein zu, das damit im Widerspruch zu stehen schien. Übrigens ist es in der Geschichte stets wertlos, über ein „wenn" und eiu „vielleicht" zu streiten, wichtig ist allein das Thatsächliche, daß ihm jenes Liberalisieren die Konservativen entfremdete, deren Blicke sich dafür um so hoffuungsvolter auf seinen Nachfolger richteten. Und überdies galt Bismarcks Stellnng, schwerlich mit Recht, dadurch als bedroht, der gerade damals der Fortschrittspartei besonders Ziegler, die geistigen II. socialen Strömungen des IS. Jahrh. 34 530 Nach 1871: ,?iu clo sidels". schroff gegenüber stand; bedroht namentlich durch sein Verhältnis znr Kaiserin Friedrich, die nie zu seinen Freunden gehört hatte und der er sich nun auch für gewisse Familienpläne schroff versagte. Das brachte in die nutivnalgesinnten Kreise Beunruhigung und Verwirrung. Dazu kam der unerquickliche Streit um die Krankheit des Fürsten. Diese war anfänglich nicht erkannt worden, dann hatte die Kronprinzessin einen englischen Arzt beigezogen, und dieser erklärte sie für heilbar, während die deutschen Ärzte Krebs diagnostizierten und eine Operativ., verlangten. Es spielten hier dynastische Interessen mit, der Kronprinz sollte um jeden Preis bis zum Tode seines Vaters erhalten bleiben, was ja Mackenzie auch wirklich erreicht hat; und überdies war es ein Akt der Meuschlichkeit, dem Kranken selbst seinen Zustand in milderem Lichte erscheinen zu lassen. Allein was jedem Privatpatienten gegenüber geübt und für selbstverständlich angesehen wird, dem Fürsten wurde das versagt: Ärzte und Zeitungen sprachen um die Wette offen das Todesurteil über ihn aus und zeterten gegen alle, die das nicht glaubeu wollten oder sich in der Öffentlichkeit anstellten, als ob sie es nicht glauben. Eine unsagbar rohe Hetze begann, der todkranke Kaiser und seine Frau „die Engländerin" wurden aufs maßloseste beschimpft, so daß Mangel an Ritterlichkeit ein sehr parlamentarischer Ausdruck ist für das, was sich damals die Stimmsührer des deutschen Volkes zu schulden kommen ließen. Ja nicht einmal im Tod hatte der arme Kaiser Ruhe. Als Geffken in der deutschen Rundschau das Tagebuch des verstorbenen Kaisers veröffentlichte, erhob sich darüber die Debatte aufs neue, und selbst Bismarck, der wohl einen gefährlicheren Urheber hinter dieser Veröffentlichuug vermutet hatte, griff mit gewohnter Rücksichtslosigkeit, aber auch seinerseits härter, als notwendig gewesen wäre, in dieselbe ein. Wenigstens habe ich die Notwendigkeit des Jmmediatberichts vom 23. September 1888 nie einsehen können. Geradezu schmählich aber war die Veröffentlichuug Gustav Freytags über „den Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone" (1889), durch welche dieser ehemalige Freund des Kaisers nach dessen Tod das in ihn gesetzte Vertrauen so wenig rechtfertigte uud aufs neue schwersten Anstoß gab. Pietätlos zerrte er hier Gedanken, die ihu der Kronprinz einst arglos in seiner Seele Zwei Thronwechsel. 531 hatte lesen lassen, ans Licht und stellte dessen Eintreten für die Idee des Kaisertums im Jahre 1870 so dar, als ob sürstlichcr Stolz das einzige Motiv dasür gewesen wäre, ohne zu bedenken, baß dieser sich ihm gegenüber doch nur deshalb so rückhaltlos auch darüber ausgesprochen hatte, weil er annahm, daß sich für einen Mann wie Freytag das Höhere und Ideale sozusagen von selber verstehe. Aber wenn sich auch die hochgehenden Wogen dieser traurigen Monate rasch beruhigten und man im berechtigten Gefühl der Beschämung schuell darüber hinwegzukommen suchte, eins blieb doch bestehen: in Kaiser Wilhelm I. war die ganz alte Generation am Ruder gewesen; mit Kaiser Friedrich sollten die Männer der dreißiger und vierziger Jahre zum Negieren kommen, diejenigen also, die das Jahr 1848 und die Reaktionszeit mit Bewußtsein durchlebt, Kaiser und Reich durch schwere äußere und innere Kämpfe errungen hatten und somit allerdings von den alten liberalen Ideen der Einheit und der Freiheit wie keine andere Generation berührt und erfüllt waren. Indem aber nach der politisch inhaltsleeren Episode der 99 Tage an die Regierung des neunzigjährigen Großvaters die Herrschaft des noch uicht dreißigjährigen Enkels sich anschloß, folgte ans das Alter unmittelbar die Jugend, die mittlere Generation fiel aus. In einem so durch nnd durch monarchischen Lande wie Deutschland machte das etwas aus. Es konnte gar nicht anders sein, die Generation des neuen Kaisers fühlte mit ihm ihre Zeit gekommen, die der älteren war unwiederbringlich vorbei. Das bedeutet aber einen wirklichen Ausfall und Verlust im Leben einer Nation, wenn die Stimmungen, Erfahrungen nnd Anschauungen einer ganzen Generation sich nicht zur Geltung bringen können; und es ist zugleich ein Unvermitteltes, ein Sprung, wenn an das höchste Greisenalter mit Umgehung des Mannesalters i>er Jüngling sich anschließt. Alles Sprnnghaste aber wirkt wie im Leben der Einzelnen so auch in der geschichtlichen Entwickelung ganzer Völker beunruhigend und aufregend, es ist wie eine Revolution. Und etwas wie ein Unglück lag auch dariu, daß die übersprungene Generation, zurückgedrängt und benachteiligt wie sie war, nun anch unzufrieden uud grolleud beiseite trat und allzu- 34* 532 Nach 1871: äs siede' früh von dem Vorrecht des Alters zu kritisieren, zu uörgelu uud die bessere alte Zeit zu loben Gebrauch machte. Daß heute so viele Ältere darüber klagen, daß sie zu alt seieu, um ihre Zeit noch zu verstehen, hängt damit zusammen. Und wie sich ans der anderen Seite die Jugend, die ja ohnedies nie an zuviel Bescheidenheit leidet, das zn nutze macht, sich als Herrn der Situation suhlt und keck und rücksichtslos sich vordrängt, das können und müssen wir ja auf allen Gebieten sehen nnd erleben. Zum Abschluß aber und zuni Bewußtsein kam das alles doch erst im März 1890 beim Sturze Bismarcks. Den Ursachen desselben haben wir hier nicht nachzugehen, auch der Form der Entlassung nur deshalb zu gedenken, weil sie bei vielen den Stachel noch tiefer eingedrückt hat. Uns interessiert hier nur die Wirkung auf das Volk. Im ersten Augenblick konnte es scheinen, als sei dieselbe doch keine so große und tiefgehende gewesen. Das preußische Abgeordnetenhaus nahm die Sache hin, ohne ein Wort zn verlieren, selbst sein Präsident, der konservative Herr von Koller schwieg, und auch im Reichstag hat der sonst so redegewandte Herr von Levetzow dasür kaum das rechte Wort gefunden. Aber schon der beispiellose Enthusiasmus der Menge bei Bismarcks Abreise aus Berlin mußte eines anderen belehren. Bismarck blieb auch nach seinem Sturz der, der er war, der große Mann, zu dem die Welt — iu Liebe oder Haß — auch jetzt uoch Stellung uehmen mußte. Ob er in vulkanischem Zorn Unerhörtes sprach oder in elegischen Lauten das ungenützte Brachliegeu seiner Riesenkrast beklagte, ob er mit tieser politischer Weisheit als der getrene Eckart seines Volkes sich vernehmen ließ oder aus dem unerschöpflichen Schatz seiner Erinnerungen Heiteres uud Ernstes hervorholte, immer lauschte auf ihn ein ganzes Volk, um nicht zu sagen, die ganze Welt. Auf der Reise nach Wien oder in Kissingen strömten Tausende und Abertausende zusammen, um ihn zu sehen und reden zu hören; jener Uriasbrief seines Nachfolgers an den Kaiserlichen Botschafter in Wien war ebenso wie der Erlaß an sämtliche deutsche Gesandten vom Mai 1890 ein Pseil, der auf den Schützen selbst zurücksprang nnd an Bismarck und an dem Glauben des Volkes an ihn kraftlos abprallte. Als dem Achtzigjährigen am 1. April 1895 der deutsche Reichstag Zwei Thronwechsel. 533 ein einfaches Zeichen menschlicher Teilnahme und patriotischer Anerkennung versagte, war das mir ein jammervolles Zeugnis „kläglicher Undankbarkeit und noch kläglicherer Uureife", das sich die Volksvertretung selber ausstellte. Darum umbrauste an jenem Tage doch der lauteste Jubel den Alten im Sachsenwalde; uud daß die deutsche Jugend, uusere Studenten es darin allen auderen zuvorthaten, war für die Stimmung des Volkes bedeutsamer als jener Majoritätsbeschluß. Friedrichsruh war znin Wallfahrtsort für Unzählige geworden. Aber auch viel menschliche Kleinheit und Armseligkeit offenbarte sich diesem Großen gegenüber. Daß bei Socialdemokraten, Ultramontanen und Fortschrittsleuten der alte Haß gegen ihn blieb, war nur natürlich; es war zugleich eine Anerkennung dafür, daß er uoch immer eine Macht sei, mit der man lebendig, und jetzt auch tot, zu rechnen habe. Nein, ich rede hier von jenen ängstlichen Gemütern, die die Größe so wenig begriffen, daß sie ihn mit dem Maßstab des nächsten besten entlassenen Ministers maßen und von ihm erwarteten uud begehrten, daß er sich wie ein solcher ducke und schweige. Alte Mitarbeiter redeten nur noch von „dem alten bösen Mann" in Friedrichsruh, höhere Beamte fragten sich ängstlich, ob sie an einer Bismarckfeier sich beteiligen dürfen, Zeitungen, die ihm vieles zu verdanken hatten, klagten, daß der Alte polternd nnd scheltend hinter dem Reichswagen drein laufe. Es war etwas wie eine Scheidnng der Geister, die sich hier vollzog, nnd bei ihr wurden gar viele nur allzu leicht erfunden. Als er aber dann am 30. Juli 1898 seinein Volke für immer entrissen wurde, da war es anch wieder wie eine Sammlung. Jetzt senkten selbst die Geguer sast alle die Waffen nnd erkannten seine Größe rückhaltlos an: nnr Liebknecht im „Vorwärts" und ein paar elsässische Blättchen zeigten sich auch in diesem großen Momente klein und eng wie immer. In andächtiger Ehrfurcht und tiefem Schmerz richteten sich die Blicke seines Volkes auf den stille Gewordeneu, der nun nach einem Leben voll Kampf und Arbeit voll Sieg und Erfolg nnter den deutschen Eichen seines schönen Waldes zur Ruhe gebracht werden wollte. Die Grabschrift, die er sich selbst gewünscht: „Fürst Bismarck, treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I." 534 !Nach 1871: äs sieels". verstaild man als die Summe seines Lebens und als den scharfen Trennungsstrich zwischen zwei Generationen. Aber sie sagte doch nur die Halste. Uns war er mehr, war er die Verkörperung des deutschen Wesens selbst in seiner Krast und Stärke, in seiner Männlichkeit und seinem frohen Kampfesmnt. Noch einmal, neben Luther war er deshalb der größte Deutsche, weil er so ganz deutsch war. Darum steht er — dagegen kommt aller Haß nicht aus — er, der harte eiserne Neichskauzler, dem Herzen seines Volkes so nahe und hat sich vor allem das Herz der Jugend seines Volkes im Sturme erobert: er ist geliebt worden, heiß wie seit 350 Jahren keiner mehr geliebt worden ist. Um so schmerzlicher, daß auch diesmal wieder der Riß durch unser deutsches Volk geht und auch diesem besten uud größten seiner Söhne ein starker Bruchteil verständnislos und zornerfüllt den Rücken kehrt. Aber das muß wohl so sein und hängt mit der Kampsstellung zusammen, welche solche gewaltige Willensmenschen für sich selber einnehmen und anderen aufzwingen. Das ist das Los und das Schicksal der Größe. Aber auch das darf hier uicht verschwiegen werden, daß alter Groll in der Stunde des Verlierens wieder aufwachte nnd man sich fragte, ob es denn habe sein müssen, daß solche Krast acht Jahre lang ungenützt geblieben sei. In den Siehlei? wollte er sterben; daß ihm das versagt wurde, erhöht auch unseren Schmerz. Und es ist nicht zu verkennen, daß das Ausscheiden BiSmarcks weder den Reichsgedanken, namentlich im Süden, noch die Autorität der Regierung gestärkt hat. Dazu trugen freilich anch die Zickzacklinien bei, welche „der neue Kurs" in diesen acht Jahren beschrieben hat. Eiu Stoßweises und Plötzliches, ein Nervöses nnd Hastiges, Anläufe ohne Fortgang, impulsives Ansasseu ohne Nachhaltigkeit, jäher Wechsel zwischen socialem Resormeiser nnd Neigung zn strenger RePression unter dem scharfmachenden Einfluß Stumms, zwischen verständnisvoller Pflege vou Handel nnd Verkehr und agrarischen Velleitäten, dem Abschluß von Handelsverträgen und der Begünstigung der sie bekämpfenden Partei der Ostelbier — so schwankt das Staatsschiff im Innern und ebenso auch in der äußeren Politik unstät hin und her, dadurch verliert auch das Volk mehr uud mehr die Sicherheit und die Nnhe, den Respekt vor der Autorität . Deutsche Machtstellung uud deutsches Mcichtbewußtsciu, 535 und das Vertrauen zu seiner Leitung uud Regierung; nnd so ist in diesen acht Jahren viel schon von dein Kapital aufgezehrt wordeu, das Bismarck und sein lieber alter Herr beim deutschen Volk für Kaiser und Reich erworben haben. Aber anch da war der 30. Juli 1898 noch einmal ein Ruf zur Sammlung, au vielen Stellen ist das Gelöbuis ausgesprochen worden, daß das deutsche Volk über alles hinweg festhalten wolle, was es unter Bismarcks Führung an Einheit sich errungen hatte und an Macht. Deutsche Machtstellung und deutsches Machtbewußtseiu. Denn durch ihn sind wir uicht uur wieder ein Volk, sondern nur sind auch eine Macht geworden: er, der große Realist, hat auch uns zu Realisten gemacht, er der Mann voll Temperament und Willen hat auch uns den Willen gegeben, beides, ein Bolk und eine Macht zu sein. Dieses Machtbewußtsein ist freilich so plötzlich über uns gekommen, daß es nicht sofort sich in den Willen zur Macht umsetzte, wir habeil vielmehr zn Ansang nicht recht daran glauben wollen und es sicher noch weniger über Gebühr gezeigt. Selten ist ein siegreiches Volk bescheidener gewesen als das deutsche iu deu siebziger Jahren. Auch dafür ist Kaiser Wilhelm I. typisch, dessen Größe eben in seiner Bescheidenheit bestand; als einen der Großen der Erde hat er sich freilich gefühlt, aber Wilhelm der Große zu sein ist ihm nie eingefallen. Den Beweis für diese Bescheidenheit erbrachte die Friedenspolitik des neuen Reiches. Daß uus im Jahre 1875 Rußland davon habe zurückhalten müssen über das rasch wieder erstarkte Frankreich herzufallen, ist eine von dein eiteln und auf Bismarck ueidischeu Fürsten Gortschakow in die Welt gesetzte Fiktion; selbst wenn es in Berlin eine zu Krieg und „rechtzeitigem Angriff" dräugeude Militärpartei gegeben haben sollte, so waren Bismarck und, darin ganz mit ihm eins, Kaiser Wilhelm I. Manns genng, diese Augriffslustigeu in ihre Schranken zurückzuweisen. Allein gerade diese ausgesprocheue Friedenspolitik, das Streben, als „ehrlicher Makler" z. B. auf dem Berliner Kongreß von 1878 die in Europa vorhandenen Gegensätze auszugleicheu nnd drohende Konflikte zn beseitigen, und die in den Dienst dieser Politik sich stellende Gründung des Dreibunds, in dem Deutschland 536 Nach 1871: äs sieols. die führende Stellung einnahm, gaben demselben eine nie dagewesene Machtstellung, niemals ist in größerem Stil „Weltpolitik" getrieben worden als in diesen letzten zehn Jahren der Bismarckschen Ära unter Kaiser Wilhelm I. Selbst wenn Deutschland einmal zurückwich, wie in der Karolinensrage, hatte man nicht den Eindruck einer Nachgiebigkeit aus Schwäche, sondern den der stolzen Gelassenheit des Starker, der Kleinigkeiten als Kleinigkeiten behandelt und auch die Ungezogenheiten des Schwächeren nicht als Beleidigungen ahndet, sondern sich damit begnügt, die dabei vorgekommenen „Sachbeschädigungen" mit gutem Humor reparieren zu lasseu. Allein was von Anfang an nicht war, der Stolz auf die Macht uud der Wille zur Macht, allmählich ist es doch gekommen, gewachsen nnd groß geworden. Es war nur natürlich, daß dem Heer, das sich wunderbar bewährt und im Kriege gegen Frankreich so Großes geleistet hatte, steigende Sympathie und Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Im Reichstag gab es freilich um den Heeresetat und die Frage des Septeunats immer neue Kämpfe, und mehr als einmal drohte der Konflikt; aber immer wieder wnrde er durch Nachgiebigkeit von beiden Seiten vermieden, einmal hat der Kaiser selbst zugegeben: „der Reichstag ist im allgemeinen A^nöreux für die Armee geweseu nnd hat, was ich anerkennen muß, Pietätsgefühle, wenu es ihm auch schwer wurde, gezeigt". Und wenn wie 1887 der Reichstag nicht nachgeben wollte, so sprach sich das Volk in den Neuwahlen für die von der Regierung eingebrachte Militärvorlage aus und bewies ebensoviel Verständnis für die gespannte politische Lage als für die Notwendigkeit eines starken Heeres uud eiuer steteu Bereitschaft der deutschen Macht. Wie sehr man sich an die Grundzüge der eiust so heftig befehdeten Armeeorganisation gewöhnt hatte, das zeigte das Mißtrauen, mit dem man bis ties hinein in die liberalen Kreise 1893 die Herabsetzung der Dienstzeit auf zwei Jahre hinnahm: jetzt erschien die Erfüllung dieses alten liberalen Wunsches wie ein Sprung ins Dunkle und man fragte sich, ob die Vermehrung der Quantität nicht durch eine Verschlechterung der Qualität allzu teuer erkauft sei; inzwischen sind freilich auch diese Bedenken wieder verstummt. Durch die immer Deutsche Machtstellung und deutsches Machtbewußtsein, 537 vollständigere Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht aber im ganzen Deutschland nahmen die soldatischen und militaristischen Neigungen zu, der Mann ist stolz darauf gedient zu haben, und bei Paraden und Manövern zeigt sich die Teilnahme und Freude des Volkes au seinen Söhnen in Waffen immer aufs neue. Ein Strom von Kraft nnd Gewandtheit ergießt sich dadurch über das gauze Land, die Ansprüche, die in Leistungen und Disciplin an den Willen gestellt werden, erhöhen auch die Tüchtigkeit des Volkes und geben ihm eine straffe männliche Haltung; und die Wertschätzung der militärischen Tugenden, zn denen auch die Ehre und das Aussichhalten des Mannes gehört, wirkt aus das ganze Volk erziehend ein. Allein über zweierlei dürfen wir uns dabei doch nicht täuschen. Einmal, es sind doch nur die specifisch soldatischen Tugenden, die im Heere großgezogen werden; die eigentlich sittliche Erziehung der jungen Männer während ihrer Dienstzeit läßt zn wünschen übrig, namentlich den Söhnen vom Lande thut der Anseuthalt in den Großstädten mit ihren anspruchsvollen Gewohnheiten und ihreu verführnngsreichen Gelegenheiten vielfach moralisch nicht gnt; und dabei ist der Heeresleitung der Vorwnrf doch nicht ganz zu ersparen, daß sie nicht besser sorge und die Macht, die sie über hnndert- tansende von jungen Menschen in der Hand hat, zur sittlichen Hebung des Volkes nicht energischer ausnütze. Und fürs andere wird der militärische Geist ohne Not und Gewinu auch in die bürgerlichen Verhältuisse hereingetragen, wo er nicht hingehört und nicht günstig wirkt. Die Kriegervereine namentlich, die den Geist der Kameradschaft auch über die Dienstzeit hinaus lebendig erhalten sollen, kommen dnrch ihre vielen Feste und Vereinszusammenkünste der Vergnügungssucht uud Umnäßigkeit allzu duldsam entgegen, der in ihnen gepflegte Patriotismus zieht die Phrase und zieht Phrasenre groß, öffuet der Eitelkeit und Streberei Thür und Thor und erzengt jene gedankenlose Hurrastimmung, die die ernsthaste politische Erziehung uud Verselbstäudiguug mehr hemmt als fördert. Ganz besonders aber breitet sich der militärische Geist in den oberen Klassen ans. Wir haben allen Grnnd, ans unser Offizierskorps, auf feine Bildung, feine Tüchtigkeit nnd seine Ehrenhaftigkeit 538 Nach 1871: cls sik-els' stolz zu sein: das macht uns, wie Bismarck gesagt hat, so leicht keiner nach. Und wenn nun dieser Geist des Willens und der Kraft durch die Einrichtung des Reserveoffiziers auch in die bürgerlichen Kreise dringt, so ist das und die damit verbundene Beförderung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Strammheit iu weiten Kreisen uur zn begrüßen; und ebenso ist die stärkere Betonung der feinen äußerlichen Formen nnd der anständigen Führung und Haltung bei uns formlosen Deutschen ein wirklicher Gewinn uud für viele zugleich auch innerlich Schutz und Halt. Aber auch da macht sich doch die Kehrseite sehr energisch geltend und spürbar. Der Ossiziersstand gilt als der erste, Reserveoffizier zu sein schätzen daher viele Beamte oder Lehrer höher als ihren eigentlichen Beruf, den sie so nur immer weiter Herabdrücken. Und überdies werden dadurch auch solche Anschauungen und Sitten des Osfiziersstandes in die bürgerlichen Verhältnisse hereingetragen nnd für diese zum Mnster genommen, die nicht dafür passen. So vor allem jene „ Schneidigkeit", die ans dem Exerzierplatz ihr Recht haben mag, obwohl auch da das Schreien und Anschreien, das Schnarren und das Schimpfen keinen erfreulichen Eindruck macht und gewiß nicht notwendig mit dazu gehört; denn Schreien macht brutal sowohl die, die schreien, als auch die, die angeschrieen uud schließlich dagegeu abgestumpft werden. Im bürgerlichen Leben aber ist sie sicherlich nicht das Rechte, sie schädigt die Schnle und entfremdet dem Beamten das Herz des Volkes. Namentlich im Süden unseres Vaterlandes hat sie für viele etwas Anstößiges und Abstoßendes, sie trägt mir dazu bei die Kluft zwischen Offizier und Bürgerstand wieder zn erweitern und läßt so in Bayern oder Schwaben sogar die alte partiknlaristische Abneigung gegen dieses „schneidige" preußische Wesen, deu „Preußenhaß" wieder aufleben. Und wenn dazu vollends Soldatenmiszhandlungcn und Ausschreitungen von Offizieren gegen Bürgerliche kommen wie bei dem unseligen Brüsemitz in Karlsruhe, so wächst die Verstimmung, und Bebel findet mit seineil alljährlich beim Kriegsetat sich wiederholenden Diatriben gegen den Militarismus im stillen weit mehr Zustimmung als man gewöhnlich glanbt und ahnt. Jedenfalls aber würde jener Geist der Schueidig- keit beim Beamten Imehr imponieren, wenn er nicht meist einseitig Deutsche Machtstellung und deutsches Machtbewujztsein, 539 nur nach unten sich zeigte. Gerade im Zusammenhang mit dem militärischen Subordinationsgefühl hat sich bei unseren jüngeren Beamten eiu Zug des Strebertums herausgebildet, der srüber unbekannt war, lind der Vorwurs, daß Servilismus und Byzantinismus sich immer weiter ausbreiten, ist kein unberechtigter. Und ebenso ist die Übertragung der Art und Weise, wie der Offizier seine Ehre zu wahren hat, aus den Reserveoffizier und durch diesen aus die bürgerlichen Kreise überhaupt eine unerfreuliche Erscheinung. Das Schlimmste daran ist nicht einmal das Duell selbst, sondern die Unwahrheit, daß dieselbe Handlung verboten und geboten zugleich ist, uud die Ungleichheit in der Behandlung des Duellanten und des zum Messer greisenden Bauernbnrschcn oder Arbeitern. Die allzu leichte Bestrafung dieses Unfugs uud die häufigen Begnadigungen schädigen das Gerechtigkeitsgefühl des Volkes und wirkeu in weiten Kreisen verwirrend und verbitternd. Nimmt man dazu noch die schwere finanzielle Belastung, die unsere Rüstungen dem Volke auferlegen und die die Ausführung mancher uötiger Kulturaufgabeu unmöglich macht oder verzögert, so wird man sich nicht wuudern, daß im Gegensatz dazn die Bewegung der sogeuaunteu Gesellschnst der Friedensfreunde auch bei uns an Boden gewann, 1893 trat eine dentsche Friedensgesellschaft ins Leben, die sich recht rührig zeigt. Viele wollten sie sreilich nicht allzu erust nehmen, und die Art, wie von Österreich her Fran Bertha von Suttner die Agitation betreibt, stieß ohnedies die Männer ab. Da erhielten diese Bemühungen im Anglist 1898 Plötzlich eine ungeahnte Unterstützung, die zum Ernstnehmen zwang. Der Kaiser Nikolaus II. vou Rußland ließ sämtliche Mächte zn einem Kongreß einladen, der „in einem mächtigen Bündel die Bestrebungen aller Staaten vereinigen soll, die aufrichtig darum bemüht sind, den großen Gedanken des Weltsriedens triumphieren zu lassen über alle Elemente des Unfriedens und der Zwietracht". Pessimisten wollten es freilich auffallend finden, daß dieser Erlaß vier Wochen nach Bismarcks Tode erschien, und überdies zu einer Zeit, iu der Rußland in Ostasien allerlei weitgehende Pläne verfolgt. Davon aber waren jedenfalls alle politisch denkenden Köpfe überzeugt, daß diese Konferenz resultatlos verlaufen müsse. Solauge Fraukreich 540 Nach 1871: ,5in 6s sik-els°. wie hypnotisiert auf die Vogesen stiert und sich nicht entschließen kann, die Abtretung von Elsaß-Lothringen an Deutschland als ein Definitivnm anzuerkennen, solange kann von Abrüstung keine Rede seiu, ganz abgesehen davon, daß die Art und Weise einer solchen und die Kontrolle darüber vorläufig sür eine unlösbare Aufgabe gelten muß. Uud so wird noch geraume Zeit der beste Schutz des Friedens — eine starke Armee sein. Überhaupt ist dieser Gedanke eines ewigen Friedens — nicht etwa eine Utopie, wie man so vielfach sagen Hort, aber eine „Idee" im Kantischen Sinn des Worts, d. h. ein regulatives Priuzip für Völker und Staatsmänner des Inhalts: handelt so, als ob die Herstellung eines ewigen Friedens für ench Aufgabe und Pflicht wäre. In diesen: Sinn hat sich keiner werkthätiger in den Dienst dieser Idee gestellt, als Bismarck beim Abschluß des Nikolsburger Friedens mit Österreich im Jahre 1866, wo er durch die Mäßigung der deutscheu Forderungen die Möglichkeit späterer völliger Aussöhnung geschaffen und damit dem zur Währung des Weltfriedens abgeschlosfenen Dreibund zum voraus die Wege geebnet und erschlossen hat. Trotzdem bleibt der russische Abrüstungsvorschlag um seiner Motivierung willen interessant und wertvoll. Er begründet sich nämlich so: „Da die finanziellen Lasten eine steigende Richtung Verfölgen uud die Volkswirtschaft an ihrer Wurzel treffen, so werden die geistigen und physischen Kräfte der Völker, die Arbeit und das Kapital zum größten Teil von ihrer natürlichen Bestimmung abgeleukt uud uuproduktiverweise aufgezehrt. Hunderte von Millionen werden aufgewendet, um furchtbare Zerstörungs- maschinen zu beschaffen, die heute als das letzte Wort der Wissenschaft betrachtet wcrdeu und schon morgen dazn verurteilt sind, jeden Wert zu verlieren infolge irgend einer neuen Entdeckung auf diesem Gebiet. Die nationale Kultur, der wirtschaftliche Fortschritt, die Erzeugung von Werten sehen sich in ihrer Entwickelung gelähmt und irregeführt. Daher entsprechen in deni Maße, wie die Rüstungen eiuer jeden Macht' anwachsen, diese weniger nnd weniger dem Zweck, den sich die betreffende Regierung gesetzt hat. Die wirtschaftlichen Krisen sind zum großen Teil hervorgerufen dnrch das System der Rüstungen bis anfs äußerste, und die ständige Gefahr, welche in Deutsche Machtstellung uud deutsches Mnchtbewußtsciu. 541 dieser Kriegsstoffansammltiilg ruht, macht die Armee unserer Tage zu eiuer erdrückenden Last, welche die Völker mehr nnd mehr nur mit Mühe tragen können. Es ist deshalb klar, daß, wenn diese Lage sich noch weiter so hinzieht, sie in verhängnisvoller Weise zu eben der Katastrophe fuhren würde, welche mau zu vermeiden wünscht und deren Schreckeu jeden Menschen schon beim bloßen Gedanken schaudern machen." Man darf in dem allein ohne Zweisel den Einfluß Tolstois auf den Zaren sehen, und kann sich schließlich doch freuen, daß von einem Kaiserthrou herab auch einmal die der Knltnr schädliche Seite des Militarismus anerkannt und der Macht eines idealeu Gedankeus rückhaltlos gehuldigt worden ist. Ein Praktisches Resultat braucht mau sich darum zunächst doch von diesem Borgehen Rußlands nicht zn versprechen, auch ist nicht zu verkeimen, daß das Bild einseitig schwarz in schwarz gemalt ist. Aber der Gedanke des Weltfriedens hat dadurch au Stärke gewonnen, die Bemühungen der Friedensfreunde werden sich verdoppeln; und für uns Deutsche liegt als einziehbarer Gewinn die Enttäuschung der Franzosen über Rußlands Neigung zur Beteiligung am Nevanche- krieg gegen Deutschland auf der Hand. Wäre dem Friedens- und Abrüstnngsgedanken ein thatsächlicher Erfolg beschieden, so würde er mit dem nenerwachten Machtbewnßtsein in Deutschland nnch noch auf einem anderen Punkte in Konflikt kommen. Unser Landheer soll unsere errungene Weltstellung den Nachbarn gegenüber behaupten uud unsere festgestellten Grenzen schützen. Allein diesem Erhaltungswillen zur Seite geht neuestens ein energisches Streben nach Expansion, nach Erweiterung und Ausbreitung des deutschen Gebiets. 1866 war Österreich von Deutschland losgelöst nnd mit ihm mehr als zehn Millionen Deutscher von uns getrennt worden. Man hatte sich darüber getröstet, und als vollends seit 1879 das Deutsche Reich mit Österreich-Uugaru eug verbündet war, konnte man den Schnitt und Riß als vernarbt ansehen. Allein je ungünstiger die Situation dieser Deutschen in Österreich — freilich nicht ohne ihre eigene Schuld — sich gestaltete uud je frecher uamcutlich die Czechen sich ihnen gegenüber ausspielten, desto mehr richteten sich die Gedanken aufs neue diesen deutschen Schmerzenskindern in Österreich zu, und der starken deutsch-nationalen Partei 642 Nach 1871: „5in cts sit-ets". jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle kamen ans Deutschland ost recht weitgehende Sympathien entgegen. Man rechnet in gewissen Kreisen mit dem baldigen Zusammenbruch der Habsbnrgschen Mvnarchie und hofft auf eine nahe Vereinigung der Deutschen in Österreich mit dem neugeeinigten Reich. Dabei versteigt man sich sogar bis zu der Forderung eines Eingreifens in die dortigen Verhältnisse, nach dem Nietzscheschen Rezept: was fallen will, das soll man anch noch stoßen. Daß das alles nur um deu Preis eines großen europäischen Krieges zu haben wäre, kommt dabei entweder nicht znm Bewußtsein oder nicht in Betracht; und ebensowenig wird die Frage aufgeworfen, ob die Erwerbung dieser deutsch- österreichischen Provinzen wirklich ein Gewinn für uus und wünschenswert wäre. Einstweilen haben wir mit Posen und Elsaß-Lothringen noch vollauf zn thuu. Vor allem aber, um solche Pläne auszuführen, braucht man nicht nur äußere Machtmittel, sondern auch geniale Staatsmänner, die leisten müßten, was Bismarck nicht für erreichbar und nicht für wünschenswert gehalten hat. Haben wir diese? So ist dafür gesorgt, daß auch hier die Bäume uicht zum Himmel wachsen. In diesem Znsammenhang ist auch des Alldeutschen Verbandes zu gedenken, der sich 1886 gebildet, aber erst seit 1894 einen entschiedenen Anfschwnng genommen hat und heute etwa 16000 Mitglieder zählt. Als seine Aufgaben bezeichnet er die Belebung des vaterländischen Bewußtseins, nationale Erziehung, Unterstützung nationaler Bestrebungen im In- und Ausland und die Forderung einer kräftigen deutschen Jnteressenpolitik in Europa und über See. Hier verknüpfen sich jene pangermanistischen Tendenzen, das Schwärmen für „Großdentschland" mit der weit praktischeren und erfolgreicheren Bewegung zu gnnsten deutscher Kolonien. England verdankt seine Weltstellnng seinen Kolonien nnd seiner Flotte: Deutschland kam, so schien es, wie der Dichter, als die Welt längst schon weggegeben war, zu spät. Nur in Afrika war zunächst noch etwas zu holen: und siehe da, der Bremer Kaufmann Lüderitz griff zu und legte zu der ersten deutschen Kolonie in Südwestafrika den Grund; Kamerun und Ostafrika folgten, und so ist der deutsche Kolonialbesitz iu wenigen Jahren stattlich herangewachsen. Ursprünglich Deutsche Machtstellung und deutsches Machtbewußtsein. 543 war es die Absicht Bismarcks gewesen, dabei überall dem Kaufmann den Vortritt zu lassen nnd dem Staat nnr die Rolle des Beschützers zuzuweisen. Allein der wachsenden Kolonialbegeisternng gegenüber, die sich auch in der Gründung besonderer Kolonialvereine einen sichtbaren Ausdruck schus, konnte er daran nicht festhatten. Immerhin hat er, der im wesentlichen die Nation für „saturiert" ansah, die Begeisterung auch hier eher zu dämpfen als zu schüren gesucht, eine Kolonialabteilnng im Auswärtigen Amt und einen Kolonialrat giebt es erst seit seinem Stnrz. Wie stark aber das in jener Kolonialbegeisterung sich äußernde Nationalbewußtsein war, zeigte der Sturm des Unwillens über den verfehlten Vertrag mit England im Jahr 1890, durch den wir das kleine und wertlose Helgoland erhielten nnd dafür den Löwenanteil in Ostafrika an England Hingaben. Freilich sehlt es auch nicht an heftiger Opposition, deren Haupteinwand nicht nur der in der Gegenwart noch ausbleibende Gewinn, sondern vor allem auch die Zukunstssorge ist, ob diese afrikanischen Kolonien überhaupt entwickelungsfähig seien und namentlich, ob sie als Ackerbaukolonien zur Abwendung der drohenden Übervölkerungsgefahr und zur Hebung von Export nnd Import ein Wesentliches beitragen werden. Da klingen freilich die Zukunftspläne von Karl Jentsch verheißungsvoller: „die Erwerbung vou Kolonien in Kleinasien nnd Syrien mit dem Hintergedanken, nördlich über das Schwarze Meer überzugreifen, das russische Znrtum entweder von inueu auszulösen oder in einem Krieg zu zertrümmern, die von unserem Volkskörper grausam amputierten deutschen Provinzen Österreichs wieder mit uns zu verbinden, so dem deutschen Volke die Herrschaft über ganz Mittel- und Osteuropa uud Klein- asieu zu sicherm und ihm in der Ausbeutung eines jetzt wüstliegenden aber höchst knlturfähigen großen Läudergebiets und in der Civilisiernng seiner halb barbarischen Bewohner eine große, schöne und lohnende Aufgabe zu stellen". Mehr Anklang als solche Utopien eines unverantwortlichen Einzelnen fand ein anderer praktischer Versuch der deutschen Regierung im Osten sesten Fuß zu fassen. Das durch den Krieg mit Japan tief erschütterte China hat der Welt seine Ohnmacht und Schwäche so offenkundig gemacht, daß man hier in der That an Zertrümmerung und Anstellung 544 Nach 1871: cls sik-olö'. denken kann. Da galt es sich bei Zeiten einen Anteil an dem Ranbe zn sichern, und das geschah durch den — freilich mehr glücklichen als moralisch zu rechtfertigenden Griff der Besetzung Kiautschous, von wo wir Deutsche ebenso wie die Nusseu von Port Arthur, die Engländer von Wei-hai-wei aus den Zersetzuugsprozes; beobachteu, rechtzeitig weiter greiseu und jetzt schon unsere Handelsbeziehungen zn China ausdehnen und die Ausbeutuug des Hiuter- laudes iu Angriff nehmen können. Das; diese Beutestücke von den Mächten unter der Form eines Pachtvertrags eingeheimst werden, hat soviel Komik nnd Humor, das; man darüber das Unmoralische und Gewaltthütigc zu vergessen geneigt ist. Im großen und ganzen fand denn auch diese ostasiatische Aktion, wonach wir dort „nicht Störensriede, aber auch nicht Aschenbrödel" sein wollen, den Beifall der Nation: nur Liebknecht übte wie an allem Deutschen so auch hieran seiue saure ätzende Kritik. Das; auch draußeu in unseren Kolonien der Bureaukratismus sich breit macht und den kräftig sich regenden Handel und Wandel, statt ihm die freiestc Bahn zu lassen, in seine spanischen Stiefel schnürt, zeigen namentlich die Berichte unbefangener Beobachter aus Kiautschou. Weit schlimmer aber sind die Probeu vou „Schneidigkeit", wie sie die Leist und Wehlan in Asrika zum besteu gegeben habeu. Karl Peters mochte mau allenfalls — ich freilich thue es nicht — mit jenen Renaissancemenschen nnd Konquistadoren des sechzehnten Jahrhunderts zusammenstellen und ihm mit Ernst von Wolzogen nnd dessen Komödie „Unjamwewe" als einem Kraftmenschen allerlei verzeihen: aber die Scheußlichkeiten und Brutalitäten jener Assessoren hatte eine solche Entschuldigung nicht, auch der „Tropenkoller" ist keine; der dagegen losbrechende Unwille war deshalb nur zu berechtigt, denn das bringt unsere Kolonien nach außen und bei uns selbst in Mißkredit nnd zeigt überdies, wie viel tiefiunerliche Unsittlichteit uud Unsauberheit sich hinter dieser gerühmten Schneidigkeit unserer jungen Assessoren verstecken kann/ Jene Parallelaktion Deutschlands mit Rußland uud England in China war aber zugleich auch ein weithin sichtbares Zeichen dafür, wie sehr das neue Reich inzwischen in den Weltverkehr und das Weltmarktgetriebe hineingezogen war. Im Welthandel nimmt Teutsche Machtstellung und deutsches Machtbewußtsein, 545 Deutschland die zweite Stelle ein und wird nur noch von England überflügelt; aber indem es auch diesem immer mehr Konkurrenz macht, hat sich ein Gegensatz zwischen den beiden Ländern herausgebildet, der sich in der gereizten Sprache der Presse, namentlich soweit diese von Handelsinteressen beeinflußt uud abhängig ist, zuweilen recht unerquicklich spürbar macht. So bildeten sich neue politische Konstellationen, und das Reich geriet ganz von selbst immer tieser „in die politischeu Gegensätze, die den Erdball umspannen, hinein". Auch dabei empfindet man freilich das Stoßweise und Wechselvolle in der politischen Leitung störend, uud ans diesem mangelnden Vertrauen heraus erklärt sich dann auch eiu so Seltsames, wie das, daß der „Alldeutsche Verbaud" einen Vertrag mit England über die Delagoabai mißbilligt, ehe er auch nur seinen Inhalt kennt. Zum Schutz dieses sich dehneuden Handels- und Absatzgebietes, zum Schutz unserer Kolonien und zur Behauptung dieser neugewonnenen Machtstellung inmitten rivalisierender Nachbarn bedürfte es endlich auch einer starken Flotte. Schou Bismarck hatte unter Kaiser Wilhelm I. die Entwickelung der Flotte mächtig gefördert. Immerhin stand sie nicht nur hinter der von England, sondern anch hinter der Seemacht Rußlands nnd Frankreichs erheblich zurück. Das erscheint nnn vielen wie eine Demütigung nnd wie eiu Zeichen von Schwäche, auch im Interesse unseres Handels und uuserer Kolonialpolitik anf die Dauer unhaltbar, und daher forderten sie eine starke Vermehrung von Panzerschiffen nnd Kreuzern; wogegen andere meinen, daß für das uicht übermüßig reiche Deutschland die doppelte Großmachtstelltuig zu Land uud zur See eine zu schwere Belastung sei. Durch Annahme des Flottengesetzes im Frühjahr 1898, wobei bezeichnender Weise das Centrum den Ausschlag gab, ist der Streit vorläufig zu gunften der ersteren entschieden nnd ein Flottengrüudungsplau für die uächsteu siebeu Jahre festgelegt. Auch hier hat die öffentliche Meinung, wem? anch nicht so stark wie bei den Septennatswahlen von 1887 für die Vermehrung des Landheeres, mitgewirkt nnd auf die aufäuglich bedenkliche Neichstagsmehrheit den erforderlichen Druck ausgeübt, so daß es auch die Widerstrebend«: nur ungern auf die Kraftprobe eiuer Auflösung und Neuwahl hätten ankommen lassen mögen. Ziegler, die geistigen u. socialen Strömungen des 19. Jahrh. 33 546 Nach 1871: „?w cls sik-ols". Zeigt sich in diesen Kämpfen um Kolonien nnd Flotte das nationale Machtbewnßtsein praktisch interessiert und thatgeschichtlich geschäftig, so ist dasselbe zur Aussprache wohl am lebhaftesten gekommen in Treitschkes deutscher Geschichte. Mit seinem fortreißenden Pathos, dem vollen Brustton seiner patriotischen Gesinnung, seiner lantcn Stimme, aber uiemals sine ira et stuckio, sondern als Parteigänger der preußisch hohcnzollernschen Hegemonie erzählt er dem deutschen Bolk seine neneste Geschichte — leider nur bis 1848, da er darüber weggestorben ist. Dabei stellt er überall voll Absicht diejenigen Momente ins Licht, die die Freude an: Erreichten zu wecken, das Recht des Geschehenen zu erweisen besonders geeignet sind nnd beurteilt temperamentvoll uud leidenschaftlich wie er war die Menschen immer nur nach ihrer Stellung zu der siegenden Sache. Daß er in diesem Eifer mehr überredet als überzeugt, die politischen Gegner ungerecht und zornig schmäht nnd schilt und dagegen z. B. daS Bild Friedrich Wilhelms III. unhistorisch idealisiert nnd allerlei Legenden aufrecht hält, wird vergeblich bestritten, das thnt dem Wert seiner Geschichtsdarstellung und der Würde der Geschichtschreibung überhaupt entschieden Übeln Eintrag. Aber um so großer war die Wirkung, namentlich auf die deutsche Jugeud. Sie fühlte, daß hinter diesem Buch ein Mann, ein ganzer Mann stehe und das gewann sie bedingungslos auch für das, was er ihr erzählte nnd sagte, ihr wurde er zum politischeil „Erzieher". So ist unter seinem Eiuflusz das patriotische Empfinden der Jugend bis zu eiuem uns Deutschen bis dahiu fremden Höhegrad gestiegen; es ist nicht ohne seine Schuld viel „Rausch und Phrase" in dasselbe hineingekommen; und nicht mjt Unrecht hat daher schon Kaiser Friedrich die Kvnigsbergcr Studenten vor solcher Übertreibung gewarnt, nnd auch iu seiner letzten Rede in dem Lichthos der Straßbnrger Universität hat er sich noch einmal über und gegen nationale „Selbstüberhebung " ausgesprochen. Natürlich würden wir aber Treitschke schweres Unrecht thun, anch seiue Bedeutung bei weitem überschätze!?, wenn wir dieses an Chauvinismus streifende oder geradezu darein übergehende nationale Bewußtsein des juugeu Deutschland allein auf seine Rechnung setzen wollten. Er hat vielmehr nur dem, was da war, die Volksseele bewegte Deutsche Machtstellung uud deutsches Machtbcwußtseiu. 547 und die Jugend erfüllte, mit seiner starken Stimme Ausdruck und Nachdruck gegeben und es namentlich dieser letzteren erst recht zum Bewußtsein gebracht. Als 1871 unser Sehnen nach Kaiser und Reich gestillt nnd diese Ideale unserer Jngend verwirklicht waren, da ergriss nnS etwas wie Heimweh und Sehnsucht uach verloren gegangenen Idealen. Ganz anders bei der Generativ», die in diese Wirklichkeit hineinwuchs. Ihr waren das keine Ideale mehr, nnd daher stand sie denselben realistisch gegenüber; sie verstand daher auch nicht, wie eS jemand sich beikommen lassen konnte, daran zn rütteln. Darin lag eine Sicherheit, wie sie die ältere Generation nie gefühlt hatte nnd sich auch uicht mehr erwerben konnte, darin aber auch eine gewisse uationale Unduldsamkeit uud Ausschließlichkeit. In Bismarck und Kaiser Wilhelm I. sah sie das alles verkörpert, nnd daher schloß sie sich ihnen als Führern unbedingt an. Das war in den achtziger Jahren, zu einer Zeit also, in der die konservativen Mächte uud Parteien, das ostelbische Junkertum und anch die Kirche ans ihrer Seite standen. Im Liberalismus dagegen sah die so heranwachsende Jugeud den Gegner; was er in langjährigen Kämpfen erstritten hatte, wurde danklos als vorhanden hingenommen, was er an Ausdehnung der Freiheit uoch weiter erkämpfen wollte und worau er prinzipiell nnd ideal festhalten zu müssen glaubte, das schätzte man gering oder sah darin sogar ein Feindliches uud Trennendes. So wurde die Jugend der achtziger Jahre konservativ. Auch darin wurde Treitschke zum Wortführer für viele. An der Verschiedenheit seines Urteils über Strauß in den Jahren 1866 uud 1889 kauu man sehen, wie er in kirchlich-religiösen Fragen nachgedunkelt hat; und wenn er in seinen Norlesungeu über Politik uicht nur die Simultanschnle, die er nicht einmal verstand, sondern auch die obligatorische Civilehe bekämpfte, so zeigt das, in welchem Maße er anch politisch konservativ geworden ist. Mit diesen konservativen Neigungen der gebildeten Jugend verband sich dann jene militaristische Schneidigkeit nach unten und ein gewisses SubvrdiuationSbewußtsein nach oben, das aber doch noch andere tiefere Gründe hatte. Hier wirkte Bismarcks übergewaltige und übermächtige Persönlichkeit etwa ebenso ungünstig, wie diejenige Luthers aus die unter ihrem 548 Nach 1871: ,?in äs sitzcls". Einfluß herangewachsene Generation gewirkt hat: sie brach vielen das Rückgrat nnd gewöhnte durch ihr Vorangehen auf allen Gebieten Beamte und Politiker au eine Unselbständigkeit des Urteils und an eine Fügsamkeit des Handelns, die den Charakter schädigte. Und in derselben Richtung wirkte auch das stark entwickelte monarchische Gefühl, das der ehrwürdigen Person Kaiser Wilhelms I. gegenüber etwas Innerliches nnd Herzliches hatte und dadurch geradezu versittlicht war. Als es nach dessen und uach Kaiser Friedrichs Tod ohne weiteres Besinnen auf den Nachfolger nnd Träger der Krone übertragen wnrde, nahm es ganz naturgemäß den Charakter des Äußerlichen und Konventionellen, des Künstlichen und Forcierten an. Die Ausbreitung der Majestätsbcleidigungs- prozesfe mit ihreu häßlichen Begleiterscheinungen eines gemeinen Denunziantentums nnd streberischer Charakterlosigkeit hängt damit zusammen, zeigt aber auch die Gefahr der Abstumpfung und der Abnahme des monarchischen Gefühls. Ein Nebeneffekt ist die Rückkehr zn jenem Stil des Anspielens und Andentens, das die litterarische Ehrlichkeit und Tapferkeit beeinträchtigt und zu eiuer malitiösen und perniciösen Kritik führt, wie sie Maximilian Harden in der „Zukunft" mit ganz besonderer Virtuosität zu handhaben versteht. Nur schade, daß sie nichts hilst nnd nicht aufbaut, sondern nnr ätzend zersetzt und schließlich auch das dickflüssigere Germanenblut in gärend Drachengift verwaudelt. So hat sich iu deu neunziger Jahren ein gewaltiger Umschwung in der Stellung des Volkes zu seinen Fürsten vollzogen: ein reiches Erbe ist überraschend schnell verloren gegangen, viele überzeugte Monarchisten sind es heute nur noch mit dem Kops, nicht mehr mit dem Herzen, an die Stelle des warmen echten Gefühls ist vielfach ein künstlich forcierter liebedienerischer Byzantinismus getreten, dem dann natürlich auf der anderen Seite ebenso viel offen zur Schau getragene Gleichgültigkeit und Abueiguug gegenübersteht. Und doch, wo ein Volk sich soviel mit seinen Monarchen beschäftigt, an ihren Worten und Thaten soviel Interesse verrät und, wenu sie mit ihrer Persönlichkeit energisch hervortreten, an ihren Reden so eifrig Kritik übt, als wären es Thaten, da zeigt sich, wie stark dieses monarchische Bewußtsein noch immer ist und wie leicht deutsche Fürsten dasselbe für sich gewiuneu uud sich Der Antisemitismus, 549 einen Platz im Herzen ihres Volkes sichern können. Gestatte» wie die des Großherzogs Friedrich von Baden oder deS Königs Albert von Sachsen und Tage wie die Festfeier ihres siebzigsten Geburtstags beweisen das. Aus der anderen Seite haben wir freilich auch eiue starke republikanische Partei, die aber doch bis ties hinein in die Reihen der Socialdemokratie dies zunächst uur ganz Platonisch ist. Und so ist das kein Gegensatz, der die Geister und Gemüter bewegt und spaltet. Der Antisemitismus. Ganz anders zerklüstet wenigstens in einzelneu Gegenden unseres Vaterlandes die antisemitische Bewegung das Volk. Der Antisemitismus gehört fraglos zu den bedeutsamsten, aber um es gleich zu sageu, auch zu den unerfreulichsten Erscheinungen nnd Stimmungselementen ön cls sieeis. Abneigungen nnd Antipathien gegen die Judeu hat es zu allen Zeiten gegeben, das mag jeder Einzelne mit sich ausmachen, und auch das ist jedem zu überlassen, wie er sich persönlich und gesellschaftlich zu ihnen stellen will. Von Antisemitismus reden wir erst da, wo ganze Richtungen oder Parteien gegeu sie Stellung uehmen, sie von sich ausschließen und aus ihrer Antipathie ein Prinzip, aus dem Subjektiven ein Programinatisches und objektiv Geltendes machen. Anch an solchen Formen und Kundgebungen hat es das ganze Jahrhundert hindurch uicht gefehlt. Am Anfang stehen sreilich Schleiermachers Freundschaft mit Henriette Herz und Fr. Schlegels Beziehungen zu Dorothea Veit uud damit eine Verbindung gerade der gebildetsten Männer aus dem romantischen Kreis mit jener jüdischen Berliner Gesellschast, die den Bemühungen von Moses Mendelssohn ihre Erfüllung mit deutscher Kultur uud Bildung verdankte und vor allem für Goethe schwärmte. Allein je mehr die Romantik christlich und kirchlich wurde, desto mehr wurde sie antisemitisch. Namentlich zeigte sich das in der deutschen Burschenschaft mit ihren christlichgermanischen Anschauungen uud Lebensformen, und fo konnte wie heute wieder, so damals schon die Frage aufgeworfen werden, ob Juden iu die Burschenschaft Ausnahme finden können. In gelegentlichen Ausbrüchen des Mob iu verschiedenen ^deutschen Städten 550 Nach 1871: ^in sik-ols«. zeigte sich der Unwille des Volkes über den jüdischen Besitz, der dnrch das geschicktere, sparsamere und nüchternere Wesen der Juden den Vorsprung gewann, bei vielen aber allerdings auch auf skrupelloserer und vor Wucher nicht zurückschreckender Geschüftsgcbarung beruhte. Es hing das mit der Art zusammen, wie man, d. h. wie die Christen jahrhundertelang die Juden auf den Handel eingeschränkt und sie gezwungen hatten, den Verfolgungen und Aussauguugeu gegenüber List zu brauchen und wie in einem Kriegsznstand jedes Mittel für erlaubt anzusehen; die Rute des jüdische» Wuchers haben sich die Christen selbst gebunden. So traten da schon zwei Motive der antisemitischen Bewegung, das religiöse und das wirtschaftliche, deutlich zu Tag, während das nationale selbst bei der Burscheuschaft mit ihren „teutschen" Tendenzen noch fast ganz ausgeschlossen blieb. Die Romantik war antisemitisch geworden; im Mittelaltcr hatte man die Juden ja auch verfolgt. Um so selbstverständlicher, daß das junge Deutschland jndenfreundlich dachte, wenn wir auch davou absehen, daß Borne und Heine Juden waren; daS jnnge Deutschtand im allgemeinen aber nm ihretwillen als eine jüdische oder von Juden geleitete und mit jüdischem Geist erfüllte Gesellschaft und litterarische Koterie anzusehen, ist schon früher als falsch zurückgewiesen worden. Das Philosemitische in ihm hängt mit seinem Liberalismus, seinem Eintreten für alles zusammen, was Emanzipation heißt. Wer noch die Franksurter Judengasse gesehen hat und die gesetzlichen Beschränkungen des Judentums auf allen Gebieten des staatlichen und städtischen Lebens kennt, die dnrch die Wiener Kongreßakte noch in letzter Stunde bestätigt oder doch nicht beseitigt wurden, wird in diesem Kampf um und für ihre Befreiung nur ein durchaus Berechtigtes, auch eine Episode in dem allgemeinen Kamps um den Einzelnen anerkennen müssen. Der Hamburger Riesser ist als einer der energischsten Führer hier besonders zu ueuuen. In den vierziger Jahren war aber für diese Bestrebungen wenig zu hoffen, solange in Friedrich Wilhelm IV. die Romantik auf dem Thron saß und ganz unkönigliche Schimpfwvrte desselben, zumal seit er durch Johann Jacoby persönlich gereizt war, von seiner Abneigung gcgeu die Judeu offen Zeugnis ablegten. Allein das Jahr 1848 brachte ihnen doch, was sie wünschten, die volle Der Antisemitismus. 551 bürgerliche Gleichberechtigung, die nicht mir in die deutschen Grundrechte aufgenommen wurde, sondern selbst in der preußischen Verfassung eine Stelle fand. Die Versuche der reaktionären Partei in Preußen, sie ihnen in den sünfziger Jahren wieder zu entziehen, scheiterten, nur auf dem Verwaltungswege konnten ihnen die prinzipiell zugestandenen Rechte im einzelnen Fall verkümmert werden. Unter Kaiser Wilhelm I. fielen namentlich in der liberalen Ära der siebziger Jahre auch diese Beschränkungen von Fall zu Fall weg, im Parlament machte sich Laskers Eiusluß nach dieser Seite hin geltend, Leonhardt als Jnstizminister, Falk als Kultusminister trngen kein Bedenken, Juden in ihren Ressorts anzustellen, uud auch Bismarck galt, schon wegen seiner Beziehungen zu Bleichroder, für judenfreund- licher als er es vielleicht thatsächlich war. Allem die Keime zu einem neuen Umschwung reichen eben in jene Zeit zurück. Im Zusammenhang mit dem Sieg und dem Füns-Milliarden-Segen kam der gewaltige Aufschwung der Industrie auf der einen und auf der anderen Seite das Spekulationsfieber der Gründerperiode mit ihrer wahrhaft erschreckenden Korruption^ An dem Tanz um das goldene Kalb waren jüdische Bankhäuser in hervorragender Weise beteiligt, namentlich so, daß sie führten und dann freilich Christen aus alleu Kreiseu, auch die höchsten nicht ausgenommen, sich nur zu gerne anführe» nnd verführen ließen. Auch die Presse geriet vielfach in schmähliche Abhängigkeit von dem Gründertum und der Börse, nnd auch dabei spielten jüdische Redakteure eine Hauptrolle. Auf der anderen Seite darf aber auch uicht vergessen werden, daß es im preußischen Landtag der Jude Lasker war, der 1873 in jener großen Rede zuerst mntig den Finger in diese Eiterbeule legte und den Reiuiguugs- uud Gesuudungsprozeß dadurch energisch einleitete. Allein wie uun der unausbleibliche Krach erfolgte, da schrieen nicht mir die Geschädigten, sondern heuchlerisch auch viele der Schädigenden nach einem Sündenbock, ähnlich wie die Franzosen nach ihren Niederlagen überall nach Verrätern suchten; nnd das waren uun — man möchte sast sagen: natürlich — die Indem Namentlich machte sich Otto Glagau zum Sprecher dieser Anklagen mit teilweise recht perfiden Insinuationen gegeu Einzelne sowohl als gegen die Judenschast im ganzen. 1««^"-" , > 552 Nach 1871: cle sidole' So schoß anS jener giftigen Saat des Gründnngsschwindels der Judenhaß langsam aber sicher ins Kraut, vor allein wurde Berlin, wo sich freilich in Börsen- und Journalistenkreisen die Juden auch besonders unangenehm breit machten, der Sitz dieser Bewegung. Und wieder war es das Schicksalsjahr 1878, in dem der Hofprediger Stöcker diese Stimmung benutzte. Gegen die Fortschrittspartei und die Socialdemokratie, die dort um die Majorität raugeu, gründete er eine ueue, die christlich-sociale Arbeiterpartei. Als der ersten einer begriff er, daß dem Socialistengesetz eine Positiv schöpferische sociale Resormthätigteit zur Seite treten müsse, dieses Sociale suchte er durch das Bindeglied des Antisemitismus deu kouservativeu Parteiauschauungen einzuschmelzen. Das Fascinierende seiner Beredsamkeit gewann ihm zwar nicht die Massen, die in ihm vielleicht instinktiv sittliche Wahrhaftigkeit vermißten und sich durch seine kirchlich-orthodoxen Hintertreppenabsichten abgestoßen fühlten; aber viele, namentlich auch die akademische Jugend, jubelten ihm doch zu, und Bismarck, der für feine neue Politik Bundesgenossen brauchte, ließ ihu wenigstens eine Zeitlang gewähren. Daß ein auch in der Wahl seiner Mittel wenig ängstlicher, des öfteren der Doppelzüngigkeit beschuldigter und überführter Agitator in seinem Amt als Hofprediger belasseu wurde, hat freilich vielfachen Anstoß erregt und läßt sich auch mit dem Alter des Kaisers uicht ganz entschuldigen. Nun glaubte auch Treitschke seine Zeit zu verstehen und nahm sich mit seiner lauten Stimme der antisemitischen Bewegung an. Auch bei ihm war es wohl einerseits Abneigung gegen die Berliner Fortschrittspartei, die stark mit jüdischen Elementen zersetzt war und durch den sachkundigen Manchestermann Bamberger der neuen Schutzzollpolitik deu entschiedensten Widerstand entgegensetzte. Es war aber doch vor allem das rein nationale Pathos und Interesse: das Jndentum erschien ihm als ein Tropsen fremden Blutes im deutschen PolkSkörper. Dazu kam, daß er unter dem Einflnß des siebziger Krieges religiöse Jugeudeiudrücke wieder belebte uud legendenartig nach rückwärts, nach dem Muster vou 1813, auch iu dem Krieg von 1870 der Frömmigkeit eine bedeutsame Rolle zuweisen wollte. So begegnete er sich auch hier mit Stöcker: er schmähte auf den Der Antisemitismus, 553 Liberalismus und uäherte sich dem antisemitischeu Konservatismus. In den damals noch oon ihm redigierten Preußischen Jahrbüchern, in seinen Vorlesungen und — wo es am schlimmsten ist — in seiner Deutschen Geschichte hat er in seiner temperamentvollen Weise und Form diesem Antisemitismus immer mehr die Zügel schießen lassen. Machte er anfangs noch den Unterschied zwischen Judentum und jüdischen Auswüchsen und wetterte gegen diese mit sittlichem Ernst und nationalem Pathos, so beschimpfte uno verhöhnte er schließlich den Juden sogar wegen seiner krummen Nase oder wegen seiner dünnen Stimme und gewann sich dadurch im Kolleg den Beifall radaulustiger Studenten. Gelegentlich freilich graute ihm doch selber vor seinen antisemitischen Parteigenossen, aber dann dekretierte er schlankweg: „wenn wir ein unsauberes Anti- semitentnm emporkommen sehen, so tragen die gemäßigten Parteien die Schuld"! Das hieß die Verantwortung doch recht kavaliermäßig von sich abwälzen. Von ganz anderen Gesichtspunkten aus verfocht der radikale und positivistische Engen Dühring in seiner Schrift „die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kultnrfrage" in schroffster Weise dieselben Anschauungen, nur daß es ihm schwer wurde, dieselben mit seinem allem nationalen Egoismus abholden Kosmopolitismus in Einklang zu bringen. So zogen sich die Wolken von allen Seiten zusammen, nnd die achtziger Jahre waren erfüllt von einer wachsenden antisemitischen Bewegung, die es schließlich auch zu einer besonderen, freilich mehrfach in sich gespaltenen und immer neu zerfallenden Parteibildnng brachte. In den Kreisen der Studenten bildete sich unter dem Zeichen des Antisemitismus ein besonderer Verein, der voll Begeisterung an Treitschke sich anlehnte, im Sinn des alldeutschen Verbandes das Nationale stark betonte und sich als „Verein deutscher Studenten" von Chauvinismus vielfach nicht frei hielt. Aber auch die anderen studentischen Bereine nahmen in ihrer Mehrzahl eine antisemitische Haltung an nud schlössen die Jnden, prinzipiell oder thatsächlich, von sich aus. In den Reichstag gelangte der Antisemitismus durch Übertragung der Agitation ans ländliche Kreise, besonders in Ober- Hessen: aber auch sonst bearbeitete er z. B in Baden das Landvolk 554 Nach 1871: „17in Ss sik-ols". init Eifer und Erfolg. Zunächst verband er sich dabei mit den Konservative,,, bald aber wurde er diesen selbst gefährlich, da er sie an Skrupellosikeit uud Rührigkeit der Agitation doch bei weitem übertraf; durch Aufnahme agrarischer Forderuugen oder der Fürsorge für die Erhaltung der Handwerker wußte er sein ursprünglich wesentlich negatives Programm Positiv zu ergäuzeu und vielen mundgerecht zu machen. Bei den Reichstagswahlen von 1898 haben es die verschiedenen Schattierungen der Antisemiten oder, wie sie sich lieber heißen, die Dentsch-Nntionalcn auf 244 000 Stimmen und 12 Abgeordnete gebracht. Man wird nicht leugnen können, daß die Juden allerlei Schuld auf sich geladen und zu Haß und Mißachtung oft wirklichen Au- laß gegeben haben — durch Wucher an der Börse und auf dem Land, durch die Frechheit jüdischer Journalisten nnd die eligueuhafte Zudringlichkeit und Betriebsamkeit in wissenschaftlichen uud akademischen Verhältnissen. Dagegen Front zu machen haben wir alleS Recht. Aber so wie sie inseeniert, vergröbert und verallgemeinert wurde, ist die antisemitische Bewegung für uns Deutsche doch eine einzige große Schande: sie widerspricht nnserem ans Toleranz gestellten Wesen, ist unduldsam und chauvinistisch, ist maßlos und ungerecht. Und was sie will, ist nicht abzusehen: eine Petition au den Reichstag um Aufhebung der politischen Gleichberechtigung der Jnden mußte abgelehnt werden, weil sie mit den Grundlagen unserer Perfassung im Widerspruch steht; und wenn man Dührings Borschläge zur Entjudung des Volkes liest, so er- keunt man, wie unmöglich und aller unserer heutigen Anschauung vom Staat uud von der Stellung der Einzelnen im und zum Staat widersprechend die von ihm geforderte Ausuahmestetluug der Juden wäre. Unser moderner Staat ist nicht christlich nnd nicht einmal ausschließlich germanisch: an seinen Rändern gehören Polen, Dänen, Franzosen zn ihm; sollte er also die paar hunderttausend Jnden uicht auch uoch ertragen können? Der Gedanke, die Juden selbst durch schlechte Behandlung zum Verlassen Deutschlands zu bewegen und die daran sich anschließende Bewegung der Zivilisten, die auf Gründung eines national-jüdischen Staates in Palästina ausgeht, ist völlig utopistisch und anachronistisch und stört nur den längst Der Antisemitismus. 555 schon mit Ersvlg eingeleiteten NssimilationSprozeß. Und so bleibt doch nichts als Haß und Neid, darauf aber baut mau keine Partei, die Bestand hat, nicht einmal einen studentischen Verein, nnd damit treibt man keine ersprießliche Politik. Wie unvornehm aber die ganze Bewegung ist, das zeigt schon der eine Name — Ahlwardt, dem sogar die akademische Jugend in Berlin eine Zeitlang als „dem Rektor aller Deutschen" zugejubelt hat; der Prozeß wegen der von der Firma Löwe gelieferten „Jndenflinten" hat bewiesen, wie unsubstantiiert und leichtfertig antisemitische Veschuldiguugeu in die Welt geschleudert werden. Daß sie aber in ihrer Skrupel- losigkeit auch im höchsten Grade gefährlich ist, das ließ der Mordprozeß Buschhosf in kanten in furchtbarer Deutlichkeit erkennen: wenn die Ungarn in Tisza Eszlar an das Märchen glauben, daß Juden Kinder an sich locken und stehlen, um sie zu schlachten und ihr Blut zu rituellen Zweckeil zu verwenden, so rechnen Nur das billig zu „Halbasieu"; wenn aber dasselbe auch in Deutschland geglaubt und dadurch deutsche Städte in Aufruhr und deutsche Gerichte in Bewegung gesetzt werden, dann verhüllt der Genius unseres doch auch an Lessing großgewordenen Volkes beschämt sein Haupt. Kommt es gar wie in dem pommerschen Nenstettin zu Volksausschreitungen, so ist es an der Zeit, daß die ganze Bewegung als grober Uufug betrachtet und behandelt wird. Und wenn wir heute mit ansehen, wie in Frankreich der Antisemitismus im Bund mit den konservativen Mächten des Klerikalismus und Militarismus durch Lüge und Fälschung, durch brutale Drohungen und hochverräterische Machenschaften die Gerechtigkeit niederschreit, das Volk in atemlose Aufregung versetzt lind den Staat an den Rand des Verderbens führt, so ist auch das für uns eine Warnung, wohin wir es nicht kommen lassen dürfen. Treitschke freilich, den man für die Ausbreitung des Antisemitismus iu den Kreisen der akademisch Gebildeten besonders verantwortlich macheu muß, hat beim Tode Kaiser Friedrichs geglaubt es aussprechen zu dürfen: dieser habe die Fühlung mit seiner gewaltig aufstrebenden Zeit verloren, weil er für die antisemitische Bewegung nur Worte zornigen Tadels gehabt habe. Es war dies ein trauriges Zeichen dafür, daß wir uns in dieser Frage hin und 556 Nach 1871: „I'in cle sik-olö" her nicht mehr verstehen; denn wir anderen rechneten diese Worte gerade zu den erfreulichsten Kundgebungen des kaiserlichen Dulders. Nber auch auf das Judentum selbst hat der Antisemitismus ungünstig gewirkt. Was in tausend Jahren au den Judeu gefehlt worden ist, konnte natürlich iu dreißig und vierzig Jahren nicht mit einem Male gut werden; uud doch war die Verschmelzung und Augleichuug des jüdischen und deutschen Weseus auf dem besteu Wege; möglich ist sie nur durch das Aufgehen der 600 000 Juden unter den 52 Millionen Deutschen; dieser Prozeß aber wurde gestört uud gehemmt durch die Feindseligkeit des Antisemitismus. Die obere Schicht — ich meine damit gerade die gebildetsten uud edelsten Vertreter des Judentums — war auf dem besten Weg gauz deutsch zu werden uud deutsch zu fühlen; auch im Übertritt zum Christeutum saheu mauche nur noch die äußere Besiegelung dieses Verhältnisses. Jetzt traten auch sie wieder einen Schritt zurück, fühlten sich solidarisch mit ihren verfolgten Glaubens- und Stammesgenosseu, und heute ist der Übertritt eines Juden zum Christeutum keine indifferente, sondern — gauz besondere Fälle abgerechnet — eine recht verächtliche Sache. So hat der Antisemitismus die Kluft, die sich langsam zu schließen anfing, aufs neue wieder aufgerissen und erweitert und damit gerade das Gegenteil von dem erreicht, was er anzustreben vorgab. Er hat bis jetzt fast nur zersetzend, fast nirgends wirklich reinigend nnd aufbauend gewirkt, und deshalb kann ich ihn nicht zu deu gesundem, sondern nur zu den Kraukheits- symptomei? unserer Zeit rechnen. Was heute in Frankreich geschieht, bestätigt dieses Urteil auch für uns. Auch das ist nicht erfreulich, daß sich durch ihn das deutsche Parteiweseu noch mehr zerklüftet und innerlich gespalten hat. Nicht weniger als drei neue Parteien haben sich aus ihm herausgebildet. Die Deutsch-Socialen haben den antisemitischen Charakter am reinsten bewahrt; das Sociale war hier ursprünglich nur der Kamps gegeu Börse uud jüdischen Kapitalismus, gegen Wucher und jüdische Geschäftsgebaruug; mit Recht konnte die Soeialdemvkratie ans die Inkonsequenz und Halbheit hinweisen, womit hier der Kapitalismus nur da bekämpft werden sollte, wo er jüdisch, nicht da wo er überhaupt verwerflich war; allmählich haben sie sich Der Antisemitismus. 557 aber neben dem Schutz der bäuerlichen Kreise gegen den Wucher doch auch positiv des Mittelstandes anzunehmen gesucht, wobei es aber doch fraglich ist, ob sie sich damit uicht gauz besonders rückständig zeigen und . einer durch den Großbetrieb mit dem Uuter- gaug bedrohten Mittelklasse vergebliche Dienste leisten wollen; doch giebt es auch unter den Vertretern der Staatswissenschaft einzelne wie Julius Wolf, die die Aussichten des Mittelstandes mit günstigeren Augen ansehen und sich dafür aus die Statistik berufen. Die älteste Fraktion der autisemitischeu Partei ist die vou Stöcker gegründete christlich-sociale; hier war das Sociale wirklich ernsthaft gemeint, der Antisemitismus iu der Berliner Bewegung mehr uur Mittel zum Zweck der Agitation. Allein die Verquickuug beider Tendenzen schadete der ersteren, nnd der antisemitische Einschlag ließ das christliche Element doch nur in der unreinsten Er- scheiuuugssorm des Hasses uud der Intoleranz zum Ausdruck kommen. So war das Positive daran mehr nur eine Wirkung des unter den Gebildeten sich ausbreitenden Socialismus uud der rückläufigen Strömung, die dem Kirchlich-Religiösen auch sonst wohl zu gute kam. Allein trotzdem, wie sehr das Christliche die werbende Kraft für die Massen verloren hat, geht doch deutlich daraus hervor, daß der Führer der jüngeren Christlich-Socialen, der schon geuauute Psarrer Naumann diese von Stöcker und Heu Alten loslöste und bei Nengrüuduug seines Vereins das Christliche aus dem Namen und fast gar anch aus dem Programm hat streichen müsseni es soll nur noch als „Stimmung" mitschwingen und wird anch als solche mir noch als rudimentärer Rest von der ur- sprüuglicheu Herkunft dieser Partei und als Konnivenz gegen die vielen geistlichen Mitglieder derselbe,? weitergeführt. Aber auch das Nationale hat sich in den Kreisen dieser National-Socialeil gewandelt. Es bedeutete ausangs soviel wie antisemitisch und germanisch im Sinne des Vereins deutscher Studenten. Heute trägt man kein Bedenken, sogar Juden in den Verein aufzunehmen, weil eben weder das Christliche noch das Nationale mehr im Vordergrund steht, soudcru das Sociale, das in der Person Nnumanus eine so wuchtige Vertretung findet.' Antisemitisch wurden aber unter dem Einfluß der weite 558 Nach 1871: „?in cls sidelo«. Kreise so oder so erfassenden Bewegung mich viele einzelnen Mitglieder der alten Parteien, so in Oberhcssen und Baden in völliger Verleugnung ihres Liberalismus manche Nationalliberale, und antisemitisch wnrde vor allem die ganze konservative Partei, Ihr lag der Antisemitismus allerdings schon von Alters her im Blnt, die Emanzipation der Juden war ihr eine liberale, also verwerfliche Errungenschaft, der Innrer sah auf den Jnden mit tiefer Verachtung herab; daß sie dem Jndeu Stahl das geistige Kapital, womit sie wirtschafteten, zn verdanken hatte», hatten sie längst vergessen. So begrüßten und unterstützten sie die Autisemiteu nm so mehr als Bundesgenossen, als diese ihnen an agitatorischer nnd demagogischer Skrnpellosigkeit uud Anpassung^- sühigkeit doch bei weitem überlegen waren: mit ihrer Hilfe ist einst Ahlwardt in Friedeberg-Arnswalde gewählt worden. Aus dem Tivolitag in Berlin im Februar 1893 ist diese antisemitische Stimmung der Konservativen ganz besonders energisch und unverblümt zur Aussprache gekommen. Allein die schönen BcrbrüderungS- tagc dauerten nur kurz. Die Antisemiten machten bald gerade in konservativen Wahlkreisen ihre Geschäfte, und Schützlinge wie Ahlwardt blamierten die Partei der Edelsten der Nation doch allzu offenkundig. So wirkte auch hier der Antisemitismus nnr zersetzend. Die Agrarier. Deshalb thaten die Konservativen wohl daran, diese antisemitischen Allüren rasch wieder auszugeben, und sie konnten dies um so mehr, als sich ihnen eine andere Bewegung zur Hilfe darbot, die agrarische. Je mehr Deutschland ein Industriestaat wurde und in deu Weltverkehr eintrat, desto mehr fühlte sich die Landwirtschaft benachteiligt: nicht nnr aus Österreich uud Nußlaud, sondern bald auch aus Amerika und Indien kam Getreide oder Fleisch und drückte die Preise; der Wert des Geldes sank, die zu teuer erworbeucu Güter reutierteu nicht mehr in der alten Weise uud erlaubten nicht mehr dasselbe sorgenlose und behagliche Leben wie früher; die Freizügigkeit uud die leichte Möglichkeit des Wanderns und Reifens lockte die von ihren GntSherrn schlecht gehaltenen ländlichen Arbeiter iu Scharen in die großen Städte, deren An- Die Agrarier. 559 nehmlichkeiten sie auch als Soldaten kennen lernten. Das erschwerte und verteuerte den Grundbesitzern die Bewirtschaftung ihrer Güter und erzeugte wirkliche Schwierigkeiten und Notstände. Daraus ergaben sich die agrarische» Forderungen vou selbst: Schutzzölle sür die Landwirtschaft nnd deshalb Bekämpfung der besonders auf die Industrie Rücksicht nehmenden HaudelSverträge, vor allein des russischen; Beseitigung der Goldwährung nnd Einführung der Doppelwährung als wirksamsten Schutz gegeu deu Rückgaug des Preises der landwirtschastlichen Erzengnisse; Beschränkung der Freizügigkeit oder vorsichtiger gesprochen: „der Auswüchse" derselben. Noch einen Schritt weiter ging der Gras Kanitz. Er verlaugte in seinem viel genannten Antrag vom April 1894 Ver- staatlichuug des Ein- und Verkaufs des zum Verbrauch im Zollgebiet bestimmten ausländischen Getreides nnd Feststellung eines Minimalpreises, uud waudte so den socialistischen Gedanken der Staatshilse ganz direkt auf die Landwirtschaft an. Wo aber derartige große Mittel einstweilen nicht durchzusetzen wareu, da begnügte man sich mit den tlciueu Mitteln wie Tarisänderung, Steuererleichterung, Margariuegesetz, Erschwerung der Vieheinfuhr unter dem Vorwand der Seuchengefahr und dergleichen, bereitete sich zu neuem Stnrmlauf ans die Handelsverträge vor, beseitigte den Terminhandel oder bekämpfte die im Interesse der Industrie zu erbauenden Kanäle. Alles das geschah mit viel Auswaud von Geschrei, Drohung nnd Agitation, uud mau sah mit Staunen, wie demagogisch konservative Führer hierbei zu Werke giugeu. Verwunderlich war das Verhalten der Regierung, die auch hier wieder zwischen Weltmachtpolitik und dem damit unvereinbaren Liebäugeln mit den Agrariern unklar hin nnd her schwankte. Aber je nachgiebiger sie sich unter Miquels Führung gegen diese Forderungen zeigte, desto begehrlicher wurden die Agrarier. Gewiß haben sie ein Recht zu verlaugeu, daß der Staat auch der Landwirtschaft gedenke, und gewiß liegt es im Interesse des deutschen Staates, den Übergang vom Ackerbau- in deu Industriestaat sich so schonend als möglich vollziehen zu lasseu; aber aus Kosten der Konsumenten, zu denen doch alle Fabrikarbeiter und kleinen Leute, auch die kleineu Baueru mit gehören, den großen und vor allem 560 Nach 1871: äs sieels°. den Rittergutsbesitzern Porteile zu verschaffen ist keine Gerechtigkeit, und alles unter den Gesichtspunkt von Teilinteressen stellen wollen heißt den Staat als Ganzes ansheben. Merkwürdigerweise begaben sich anch die Natioualliberalcu, deren Stärke und Wählerkreise ganz wo anders liegen, vielfach in Abhängigkeit von dieser agrarischen Bewegnng. Bei den Reichstagswahlen von 1898 erwies sich jedoch diese Rechnung sür sie zum mindesten nicht gewinnbringend: uud überhaupt habeu diese Wahlen den Buud der Landwirte weit einflußloser erscheinen lassen, als man nach seinem lauten Wesen eS sich vorgestellt hatte; nur in Bayern that er dem Centrum erheblichen Abbruch. In dem Agrariertum steckt uicht bloß um der demagogischen Form nullen, sondern auch sachlich ein soeialistischer Kern, der Antrag Kanitz beweist das; und unschwer ist zu erkennen, daß dadurch vielfach nur die bäuerlichen Schichten aufgewühlt werden, um dann später, wenn sie einsehen, daß nicht für sie, sondern wesentlich nur für den ostelbischen Großgrundbesitz gesorgt wird, in das Lager der Socialdemokratie überzugehen. Deuu das ist das Charakteristische sür die letzten beiden Jahrzehnte des Jahrhunderts, daß sozusagen alle Wege zum Socialismus führen, nnter dessen Zeichen wir stehen oder bis vor kurzem noch ausschließlich gestaudeu haben. Das wissen wir schon nnd werden es namentlich bei der Besprechung der litterarischen Bewegung noch einmal deutlich sehen. Selbst ein Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident konnte konstatieren, daß er jede Gesetzesvorlage aus ihre Wirkung auf die Socialdemokratie, d. h. also auf ihren socialpolitischen Charakter hin ansehe. Das erfreulichste darau war, daß jeder sich social bethätigen wollte, wenn dabei auch allerlei Dilettantismus mit unterlief; das schlimmste war, daß man das Wort „social" vielfach vergeblich im Munde führte und allerlei übles Scheinwesen damit trieb. Die eigentliche Gefahr lag aber tiefer. Die Frauenfrage. Doch ehe wir dazu übergehen, haben wir von einer Seite der socialen Frage zu reden, die, immer schon latent, jetzt erst zur vollen Entfaltung kommt, man kann sie, die selbst wieder weit- Die Frauensrage. 561 verzweigt ist, unter dem Namen der Frauenfrage zusammenfassen. In den vorangehenden Jahrhunderten hat es eine solche nicht gegeben. In der Zeit des Absolutismus und aufgeklärten Despotismus war der Mann im Haus auch der unbeschränkte Herrscher, immer Despot, ausgeklärt nur zuweilen; auch mit der stillcu Herrschaft der Fraueu war es nicht weit her so wenig als mit ihrer Bildung, es waren vorwiegend männliche Zeiten; Maria Theresia und Katharina II. galten nicht nur als Ausnahmen, sie waren es auch. Auch die srauzösische Revolution brachte darin zunächst keine Änderung, obwohl in Frankreich die Frau schon vorher in der Gesellschaft mehr zn bedeuteu hatte. Weun Fr. Schlegel recht gesehen hat, daß neben der französischen Revolution und Fichtes Wissenschaftslehre Goethes Wilhelm Meister zu den drei großen Tendenzen des ausgehenden Jahrhunderts gehöre, so dürfen wir fraglos anch für die Stellung der Frau diesen Roman und überhaupt Goethes Stellung zu den Frauen für epochemachend ansehen. Zunächst in Hermann und Dorothea das Wort: Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung: Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret. Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern, Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen, Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schassen für andre. Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer Wird und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu sein dünkt, Daß sie sich ganz vergißt uud leben mag nur in andern! Denn als Mutter fürwahr bedarf sie der Tugenden alle, Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret Von der Schwachen, und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen. Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn. Dann der Gretchentypus: Ich weiß zu gut, daß solch erfahrnen Mann Mein arm Gespräch nicht unterhalten kann. Bin doch ein arm unwissend Kind, den ja Ausländer häufig sür den deutschen Frauentypus halteu. Daneben aber nun die aus Goethes persönlichstem Erleben mit Zicgler, die geistigen u> socialen Strömungen des lg. Jahrh. 36 502 Nach 1871: ,?iu äs 8isels^. Frail von Stein herstammenden hohen, führendeil Franengestalten voll reichen inneren Lebens, mit einem dem Manne durchaus ebenbürtigen geistigen Gehalt und Eigenwert. Den Übergang bildet Jphigenie. Erst: Wie cnggebunden ist des Weibes Glück, dann die Frage: Hat denn zur unerhörten That der Mann Allein das Recht? und endlich: — — es ziemt Dem edeln Mann, der Frauen Wert zu achten. Und darauf in vollem Ton das hohe Lied der Bildung in Tasso: Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nnr bei edlen Frauen an. Der ganze Reichtum aber breitet sich in Wilhelm Meister aus — Mignon und Philine, Anrclie nnd die schöne Seele (Fräulein von Klettenberg), Therese und Natalie; und noch moderner weil komplizierter in den Wahlverwandtschaften Charlotte und Ottilie. Hier kommt auch das Problem der Frauenerziehuug und Frauenbildung zn fast didaktischer Aussprache. Wie arm ist dagegen in diesem Punkte Schiller! Ihm gelingt das Weib als Heroine des Handelns oder des Leidens, im Wallenstein und in der Jungfrau, in der Maria Stnart und in der Braut von Messina, nnd sie gelingt ihm als Hausfrau und Mutter im Tell und in der Glocke. Dagegen fehlt es seiner Amalie und Lllise Millerin, seiner Thekla und Bertha an Kraft und Leben, sie haben eilten Stich ins ungesund Sentimentale. Und sentimental sind auch die Frauen Jean Pauls, das Ungesunde, das er wie vor ihm Schiller im Gegensatz zu Frau von Stein bei Frau von Kalb kennen lernte, hat er nicht überwunden; den Typus der genialischen Titanide mit der hohen heißen Seele hat er von ihr und Emilie von Berlepsch. Aber nicht an die aufgeregten Frauenzimmer, die sich um Jean Paul anbetend scharten, sondern an Goethes Dichtungen schloß sich im Leben ein Neues an. Die geistreichen Jüdinnen in Berliil, Dorothea Veit, Heuriette Herz und Rahel, später Varn- Die Frauenfmge, 563 hagens Frau, waren die ersten Frauen Deutschlands, welche gebildet und geistreich zu sein für Recht und Pflicht der Frau erkannten; und daß man nicht meine, das sei nur jüdisch, füge ich gleich uoch Karoline Schlegel hinzu, fraglos die geistreichste Frau, die Deutschland je besessen, aber daneben „Dame Lucifer" nnd mit der Monogamie doch auf allzu gespanntem Fuße lebend. Sie alle gehören dem romantischen Kreise an, das Glaubensbekenntnis desselben, soweit es sich auf die Frauen bezicht, hat Schleiermacher, der Freund von Henriette Herz in seiner Idee zu eiuem Katechismns der Vernunft für edle Frauen fo zusammengefaßt: „Die zehn Gebote. 1. Du sollst keinen Geliebten haben neben ihm: aber du sollst Freundin sein können, ohne in das Kolorit der Liebe zu spielen und zu kokettieren oder anzubeten. 2. Du sollst dir keiu Ideal machen, weder eines Engels im Himmel noch eines Helden aus einem Gedicht oder Roman, noch eines selbstgeträumten oder phantasierten; sondern dn sollst einen Mann lieben, wie er ist. Denn sie, die Natur, deine Herrin, ist eine strenge Gottheit, welche die Schwärmerei der Mädchen heinisucht an den Franen bis ins dritte und vierte Zeitalter ihrer Gefühle. 3. Du sollst von den Heiligtümern der Liebe auch nicht das kleinste mißbrauchen; denn die wird ihr zartes Gefühl verlieren, die ihre Gunst entweiht und sich hingiebt für Geschenke und Gaben, oder um nur in Ruhe und Frieden Mutter zu werdeil. 4. Merke auf den Sabbat deines Herzens, daß du ihn feierst, nnd wenn sie dich halten, so mache dich srei oder gehe zu gründe. 5. Ehre die Eigentümlichkeit und die Willkür deiner Kinder, auf daß es ihnen wohl gehe und sie kräftig leben auf Erden. 6. Du sollst nicht absichtlich lebendig machen. 7. Du sollst keine Ehe schließen, die gebrochen werden müßte. 8. Dn sollst nicht geliebt sein wollen, wo dn nicht liebst. 9. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer; dn sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken. 10. Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Wissenschaft nnd Ehre. — Der Glaube. 1. Ich glaube an die unendliche Menschheit, die da war, ehe sie die Hülle der Männlichkeit und der Weiblichkeit annahm. 2. Ich glaube, daß ich nicht lebe, um zu gehorchen oder um mich zu zerstreuen, sondern um zu sein 36* 664 Nach 1871: ,?in äs siöols." und zu werden; und ich glaube an die Macht des Willens und der Bildung, mich dem Unendlichen wieder zu nähern, mich aus den Fesseln der Mißbildung zu erlösen und mich von den Schranken des Geschlechts unabhängig zn machen. 3. Ich glaube an Begeisterung und Tugend, an die Würde der Kunst und den Reiz der Wissenschaft, an Freundschaft der Mänuer und Liebe zum Vaterland, an vergangene Größe und künstige Veredelung". Das Bedeutsamste an diesen Frauen aber war, daß sie wirklich nach der Männer Bilduug und Kunst sich gelüsten ließen, mit ihnen die tiefsten philosophischen nnd ästhetischen Fragen besprachen, au ihren Arbeiten beratenden und thätigen Anteil nahmen und selbst vielfach auch als Schriftstellerinnen sich vor die Öffentlichkeit wagten. Darüber hat Rahels Bruder Lndwig Robert einmal die launigen Verse gemacht: Soll ein Weib wohl Bücher schreiben? Oder soll sie's lassen bleiben? Schreiben soll sie, wenn sie kann, Oder wenn es wünscht ihr Mann, Und befiehlt er's gar ihr an, Ist es eheliche Pflicht; Aber schreiben soll sie nicht, Wenn es ihr an Stoff gebricht, Oder an gehör'ger Zeit, Oder gar an Fähigkeit. Schreiben soll sie früh und spät, Wenn es für die Armut geht, Wenn sie sonst was Schlechtes thät'; Aber schreiben soll sie nie, Wenn dnrch ihre Phantasie Leidet die Ökonomie. Und nun sag ich noch zum Schluß: Lebt in ihr der Genius, Wird sie schreiben, weil sie muß. Wirksamer als die Rahel aber hat keine diesem Typus der geistreichen Frau Geltung und Anerkennung verschafft: ihre Briefe und ihr Salon machten dafür Propaganda. Allein einstweilen war das alles doch nur Episode. Die Romantik, welche in Schlegels Lucinde so frech und in Schleiermachers Vertrauten Briefen über dieses Buch so überfein für Frauenemanzipation eingetreten und sie fast nach dem Rezept: Die Franenfrnge. 565 Wir wollen unsere Weiber tauschen Und alles svll gemeinsam sein, ins Leben eingeführt hatte, verließ bald fast muckerisch engherzig diese Pfade. Indem sie mit ihren Idealen znm sechzehnten Jahrhundert und in das Mittelalter zurückging, sing sie an Frömmigkeit und Schlichtheit, Keuschheit und Hausmütterlichkeit an der Fran zu preisen und verleugnete damit alles bisherige als Irrtum und Sünde. Dazu trug die religiös-katholisiereude Stimmung der späteren Nomantik das ihrige bei, und die Zeit der Kriegs- und Notjahre stellte an die Frauen ohnedies auch andere Anforderungen. Die Heldeujungfrau, die in Männerkleidern mit ins Feld zog, das deutsche Mädchen, das seinen Schmnck und seine Haare dem Vaterland zum Opfer brachte, das Wunden heilende Weib, das in Lazaretten Dienste that und zu Haus die unscheinbare Arbeit besorgte und sür die Helden draußen betete, — das war nun das Ideal, für solche deutsche Fraueu schwärmte die christgermanische Jugend. Erst in den dreißiger Jahren wnrde das wieder anders. Das junge Deutschland knüpfte gewissermaßen wieder an die Anfänge der Romantik an, und Nahel nnd Bettina bildeten ein lebendiges Band zwischen diesen beiden Perioden. Als Gutzkow Schleiermachers Vertraute Briefe über die Lucinde herausgab, entwickelte er iu der Vorrede dazu und im Anschluß an sie das Programm dafür. Die Emanzipation der Ehe von der Kirche ist das eine, das Recht der Töchter der gebildeten Stände „sich ihr Eheglück frei und einsichtsvoll und gesund zu gestalten" das andere. Schleiermacher hatte geschrieben: „auch in der Liebe muß es vorläufige Versuche geben, aus denen nichts Bleibendes entsteht, von denen aber jeder etwas beiträgt, nm das Gefühl bestimmter und die Aussicht auf die Liebe größer und herrlicher zu machen. Laß dir also darin die unbeschränkteste Freiheit und sorge nur, einen reinen Sinn und ein zartes Gefühl dafür zu behalten, was ein Versuch ist, damit du nicht einen solchen, der bestimmt ist Versuch zu bleiben, durch die Hingebung festhältst und sanktionierst, die ihrer Natnr nach das Ende des schülerhaften Versuchens und der Anfang eines Zustandes wahrer uud dauernder Liebe sein soll". Das erhob öött Nach 1871: .I'in äs sik-els°. nun Gntzkvw, wie Prölß richtig sagt, „zur Forderung einer soeialen Reform": eiu solches Festhalten an der ersten Liebe führe zu jenen schon „im Brautstand verkümmerten Ehen, jenen Wassersuppenhochzeiten und der ganzen Misere ordinärer Kindererzcngnng nnd schimmlichter Broderwerbnng". Und umgekehrt verlangen die Männer, daß sie „die Liebe immer aus erster Haud bekommen, und daß ihre Wahl erst da Augen für die Mänuer gehabt haben soll, als er welche für sie hatte"; deshalb darf auch das Mädchen „so wenig wie möglich Biographie haben", ehe sie sich verheiratet. Dabei verkümmere viel frisches Empfinden und der Charakter der Liebe werde schon im Keime verdorben. Dem gegenüber ruft er zu einer Reform auf mit den freilich stark mißverständlichen Worten: „Schämet euch der Leidenschaft nicht und nehmt das Sittliche uicht wie eine Institution des Staats! Bor allen Dingen aber denkt über die Methodik der Liebe nach und heiliget euren Willen dadurch, daß ihr ihn frei macht zur freien Wahl! Der einzige Priester, der die Herzen traue, sei ein entzückender Augenblick, nicht die Kirche mit ihrer Ceremouie und ihren gescheitelten Dienern. Die Sittlichkeit im Verkehr der Geschlechter, wenn ihn die Liebe heiligt, hängt am schlechtesten mit der Gewohnheit zusammen, welche auch immer das Gewöhnliche ist." Und seine „Wally" konnte den schlimmsteil Mißverständnissen nur ueueu Vorschub leisten. Hier berührte sich in bedenklich naher Weise der Kampf des jungen Deutschland um die Emauzipatiou der Frauen mit der Emanzipation des Fleisches: es konnte scheinen, als handle es sich bei jener nur um diese. Und bedenklich war auch die durch Heine vermittelte Abhängigkeit vom St. Simouismus oder vielmehr von den Cynismen Enfautins, der unter der Rehabilitation des Fleisches in der That die freie Liebe nnd Weiber- und Männergemeinschaft verstand. Gerade hier aber haben Franen wie Bettina nnd vor allem wieder Nabel ermäßigend und reinigend auf die Bewegung eingewirkt, sie wollten nicht Brnch, sondern „organische Fortentwickelnng des in Sitte und Brauch gegebeueu" uud verlangten nicht sowohl Emanzipation deS Fleisches, sondern der Fran, für sie wie für den Mann das Recht der Selbstbestimmung und freien Bethätigung auf allen Gebieten des geistigen Lebens. Daß aber daneben jene andere sinnliche Seite doch nicht Die Frauensrage. 567 aufhörte eine Rolle zu spielen, verdankte man im weitereu wiederum französischen Einflüssen, den Romanen der George Sand, die den Schein erweckten, als gehe es gegen die Ehe überhaupt und nicht bloß gegen eine in der Gesellschaft verkümmerte und die Rechte des Herzens beeinträchtigende Form derselben. Jda Hahn-Hahn hat sie fraglos so mißverstanden, während Fanny Lewald in den Bahnen der Rahel weiterging, nnr freilich frei von aller Romantik, nüchtern und verständig, eben darnm aber auch als Romanschriftstellerin nicht von der vollen Wirkung, die sie verdient. Das Jahr 1848 hat zwar auch die Frauen mit in den Strudel seiner Bewegung hineingezogen, aber nicht nm für sie besondere Rechte zu fordern, sondern nnr als Teilnehmerinnen an den Kämpfen der Männer. Vor allein ans radikaler Seite thaten sich manche Franen hervor wie Frau Strnve und Frau Herwegh, und dabei zeigten sie sich vielfach heißblütiger und leidenschaftlicher, auch wohl mutiger als die Männer. Aber auch von dem Martyrium jener Jahre haben sie reichlich ihren Teil bekommen, ich nenne nur Johanna Kinkel, die große Dulderin, und Malwida von Meysenbug, die Verfasserin der „Memoiren einer Jdealistin", welche für ihren politischen und religiösen Liberalismus den Bruch mit dem Elternhaus in schwerster Form auf sich nahm. Wie die Reaktion auch die Frauen mit traf, zeigt das Verbot der Fröbelschen Kindergärten dnrch Herrn von Ranmer in Preußen im Jahre 1851: sie galten als socialistisch und atheistisch. Nun hatte Fröbel die Frauen für besonders geeignet erklärt zur Leitung folcher Kindergärten, weil Kindheit nnd Franengemüt, Kinderpflege und weibliches Herz zusammengehören; also traf auch sie, vor allem die begeisterte Frau von Marenholtz das staatliche Verbot; und ebensowenig ließ die Reaktion die von Fröbel allerdings in demokratischem Geiste gegründete und geleitete „Hochschule für das weibliche Geschlecht" zu Hamburg aufkommen. Für derartige Bestrebungen war in dieser Zeit überhaupt kein Raum, selbst Liebeswerke sollte die Frau nur im kirchlichen Rahmen üben dürfen. Während aber so das Emanzipationsstreben der Franen als politisch nnd religiös verdächtig gebrandmarkt war, regten sich in ganz anderen Regionen neue Bestrebungen zur Hebung der Frnn, / 568 Nach 1871: „I'iii äs sieols". auf dem Gebiet der Fabrikarbeit. In den oberen Schichten war die Frauenfrage bis dahin wesentlich eine Ehe- uud Bildungsfrage gewesen, hier dagegen handelte es sich zunächst um das äußere Los der Fabrikarbeiterin. Der Mann, der eben genug für sich verdiente, war, um Frau uud Kinder zu erhalten, genötigt, auch diese in die Fabrik zu schicken. Und die Folge davon war, daß der Lohn noch mehr herabgedrückt wurde und das Familienleben sich auflöste. Gewisse Arbeiten können von Frauen uud Kiudern ebenso gnt besorgt werden als von Männern. Fraueuarbeit aber war wie Kinderarbeit „selbstverständlich" billiger, daher griff der Fabrikant lieber nach diesen kleineren und schwächeren Händen; überdies ließ die größere Anstelligkeit der Frauen, ihr Schönheitssinn nnd Geschmack, ihre geringere Widerstandsfähigkeit und das geduldige Hinuehmeu der gesteigerten Anforderungen der Unternehmer diesen die Frauenarbeit vorteilhafter erscheinen. So machten die Kinder den Eltern, die Frauen den Männern eine erfolgreiche Konkurrenz, und was zunächst diesen den Kampf ums Daseiu hatte erleichtern sollen, erschwerte ihn vielmehr beiden Teilen. Die schlimmste Folge dieser immer mehr sich ausdehnenden Beschäftigung von Frauen und Kindern in fast allen Zweigen der Industrie- und Fabrikthätigkeit war aber die physische nnd moralische Degeneration der Bevölkerung. Durch Kindersterblichkeit und vielfaches Siechtum der Mütter rächte sich die Natur für die Verimchlässigung der ersten Familienpflichten. Und ebenso konnte von Besorgung des Hauswesens und Erziehung der heranwachsenden Kinder bei einer den ganzen Tag in der Fabrik beschäftigten Fran keine Rede sein. Das Resultat war: die Frau vor der Zeit verblüht und vergrämt, die Kinder körperlich und geistig verwahrlost, namentlich die Mädchen ohne Anleitung zur Hausarbeit nnd ohne Borbild für häusliche Tngeudeu uud Pflichten, der Mann angewidert vom Elend uud der Schlamperei im eigenen Hans ein Kunde des Wirtshauses und dem Laster des Alkohols verfallen und zu Haus ein Wüterich, der in trunkener Roheit Fran und Kinder prügelte. Das war die Ehe und das Familienleben von vielen Arbeitern. Dieser Zustand schrie nicht allein zum Himmel, er zehrte auch am Mark des Volkes, darum heischte schon die Selbsterhaltung der Die Frauenfrage. 569 Nation und ihrer Volkskraft dringend Abhilfe, der Staat mußte einschreiten. Und so werden gerade diese Verhältnisse fast überall zum Ausgangspunkt der socialpolitischen Gesetzgebnng; doch wagte man sich uach der manchesterlichen Auffassung zunächst uur au Beschränkung und Verbot der Kinderarbeit, da diese sich uicht selbst zu schützen wissen. Allmühlich aber drang auch hier der staatssocialistische Gedanke durch, daß auch für die Frauen im Interesse der Moral, der gefährdeten Nachkommenschaft und der zu besorgenden Hauswirtschaft besondere Schutzvorschristen von Seiten des Staates erlassen werden müssen: denn was einsichtige und wackere Fabrikanten aus eigener Initiative schon vorher gethan und was Gemeinden und die Privatwvhlthütigkeit im Vnnde mit ihnen, namentlich in der Wohnungsfrage und in Einrichtungen für körperliche Pflege, Bewahrung, Erziehung und Schulung der Kinder geleistet hatten, reichte doch bei weitem nicht aus. In dieser Schutzgcsetzgebung für weibliche Arbeiter, wie sie heute neben England, Österreich uud der Schweiz besonders in Deutschland ausgebildet ist, kommt angesichts der auf alleu Gebieten gewerblicher Thätigkeit immer mehr zunehmenden Verwendung von Frauen der Gedanke zur Anerkennung, daß die Frauen eigenartige Aufgaben und Pflichten haben nnd daher bei bestimmten Anlässen und zu bestimmten Zwecken^entlastet werden müssen, oder anders ausgedrückt: Männer und Frauen bildeten hier lange Zeit hindurch und bilden teilweise noch eine gleichartige Masse von „Händen"; da handelt es sich nun darnm, diese Masse zu gliedern und zu differenzieren und die thatsächlich vorhandene und in den Geschlechtsfunktionen natürlich begründete Differenz zwischen Mann und Frau auch in der Gestaltung der Verhältnisse zum Ausdruck uud zur Geltuug zu bringen. Eine Reihe von Wünschen sind freilich auch uach dem Gesetz vom 1. Juni 1891 noch unbefriedigt geblieben, so vor allem fehlt noch fast überall das Institut weiblicher Fabrikinspektoren, bei denen die Arbeiterinnen ans besseres Verständnis anch in peinlichen Situationen rechnen können. Und ebenso ist ihr Koalitionsrecht mehr noch als das der männlichen Arbeiter beschränkt, wodurch sie gehindert sind ihre Standesinteressen selbst zu vertreteu. Daher müssen überall da, wo es sich um gesetzlichen 570 Nach 1871: cls sidols". Schutz und Erweiterung ihrer Rechte handelt, Männer für sie eintreten, und an solchen fehlt es auch nicht: soweit die Fraueufrage ein Stück der socialen oder Arbeiterfrage überhaupt ist, siud es natürlich in erster Linie die Socialdemokraten, die sich ihrer annehmen — ich nenne vor allem Vebel und sein Buch „die Frau uud der Socialismus". Allem eben diese Notwendigkeit sich durch Männer vertreten zu lassen, führt auf eine zweite Seite dieser Frauensrage: die rechtlich und Politisch inferiore Stellung der Frauen überhaupt, die in gewisser Beziehung bis zur vollen Rechtlosigkeit gesteigert ist. Hier sind es vor allem die gebildeten Frauen, welche dagegen angehen: so weit, das aktive und Passive Wahlrecht in Staat und Reich, in Gemeinde und Kirche sür sich zu begehren, wagen sich nnr die wenigsten vor. Das überlassen sie einstweilen noch einzelneu besonders vorgeschrittenen Staaten Nordamerikas und Australiens und der Zukunft; Ziel bleibt es freilich. Aber neben dem Institut der weiblicheu Fabrikinspektoren etwa die Beteiligung der Frauen bei den Wahlen zu lokalen Schulaufsichtsbehörden oder die Anstellung von Polizeimatronen oder ihre Mitarbeit bei Arbeiterschiedsgerichten und Verwaltung von Nrbeiterkassen ihnen zu gewähren, das wäre doch wahrlich weder gefährlich noch unbillig und ist schon znr Erziehung der Frau sürs öffentliche Leben dringend notwendig. Und ebenso sühlten sich die Frauen bei den Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuches über Ehe und Vermögensverwaltung benachteiligt; doch war hier ihre Agitation zur Erlangung besserer Bestimmungen vergeblich. Uud vergeblich ist einstweilen auch noch das doch so berechtigte Verlangen nach gleicher Behandlung von Mann und Frau iu den gesetzlichen Bestimmungen über Prostitution und geschlechtliche Krankheiten. Hier ist überhaupt einer der wundesten Punkte in unserer vielfach so miserabeln Gesellschaftsmoral. Sind an diesem zweiten Punkt alle Frauen gleichmäßig beteiligt, wenn auch die Vorkämpferinnen für Erweiterung der politischen und bürgerlichen Rechte vornehmlich den gebildeten Ständen angehören, so sind diese sast ausschließlich die Trägerinnen der dritten, im Augenblick im Vordergrund stehenden Seite der Frauensrage — der Forderung einer höheren, der männlichen Die Frauenfragc, 571 wesentlich gleichartigen Bildung, womit ja die Frauenbewegung in diesem Jahrhundert begonnen hat. Da lag scheinbar nnd zunächst ein großer Unterschied gegenüber der Frauenarbeiterfrage: dort handelt es sich darum, die Eigenart der Fran wieder zur Anerkennung zu bringen, aus der Arbeitern? wieder eine Frau zu machen; hier, wo die Frau faktisch und rechtlich von fast allen Gebieten der Arbeit und Erwerbsfähigkeit der Männer ferngehalten und ausgeschlossen war, sollte ans der Fran uud dem Mädchen eine Arbeiterin gemacht und die durch Sitte und Knltnr künstlich erweiterte Kluft zwischeu dem gebildeten Manu und der gebildeten Fran sollte verkleinert werden. Es ist also zuuächst eine Bildnngssrage, wie in den Zeiten der beginnenden Romantik und des jungen Deutschland: die Frau will teilhaben an der Bildung der Männer. Genau geseheu handelt es sich aber in unserer von materiellen Interessen beherrschten Zeit doch auch hier um eine Existenz- und Lebensfrage. Wiewohl durchschnittlich mehr Knaben als Mädchen zur Welt kommen — 106 auf 100 —, so gleicht sich schou im ersten Lebensjahr infolge der größeren Sterblichkeit der Knaben das Verhältnis nahezu aus, kehrt sich allmählich um und steigt mit zunehmendem Alter immer mehr zu Gunsten der Fraueu, und so überwiegt iu ganz Europa und speciell in Deutschland die Zahl der Franen erheblich, in Deutschlaud beträgt das Plus etwa eine Million. Dazu kommt dann die Abneigung unserer jungen Männer gerade auch in den oberen Ständen gegen die Eingehung einer Ehe; sie ist teilweise in wirklichen socialen Notständen begründet, teilweise aber auch die Folge von sittlich verwerflichen Ansprüchen nnd Gewöhnungen dieser jüngere» Münner- welt. Zugleich häugt mit diesem Nichtheirateu-könuen uud -wollen so vieler junger Männer ein anderer Notstand zusammen, die unser Volksleben Physisch und moralisch durchseuchende Prostitution, die so viele Frauen aus Mcuschen zu bloßen Werkzeugen männlicher Wollust und das Wort vom europäischen Sklavenleben zu einer so grauenvollen Wahrheit macht. Aber die Hauptsache ist doch das, daß obeu noch mehr als unten die Zahl der unverheirateten Frauen in beständiger Zunahme begriffen ist. Ihnen gilt es Existenz zu schaffen; das oft gehörte Wort „die Frau gehört ins Haus" ist solange eine leere Phrase, als man nicht im stände ist, jeder 572 Nach 1871: „?in ds sidels". Frau einen Mann und ein Hans zn geben, nnd auch solange, als man es ganz natürlich findet, daß die Töchter des Volkes an der Arbeit ihrer Väter, Männer, Brüder ihr schweres Teil auf sich nehmen und mir den höheren Töchtern dieses Recht vorenthalten -wird. Unbestritten ist eigentlich nur ein Fach, das der Lehrerin. Nicht bloß als Erzieherinnen in Privathäusern, als Kindergärtnerinnen und Kinderschullehrerinncn, auch an Volksschulen und höheren Töchterschulen finden Frauen als Lehrerinnen Verwendung, und dafür sind — teilweise sogar von Staats wegen — Einrichtungen getroffen und Seminarien gegründet. Aber das reicht nicht aus, längst schon ist dieses Fach überfüllt; und überdies erhebt sich ganz besonders dringend das Verlangen nach weiblichen Ärzten. Bei specifischen Frauenkrankheiten sperrt sich die weibliche Schamhaftigkeit nur zu oft gegen Untersuchung uud Behandlung von Männern, und das mit Recht. Dazu bedarf es aber des Universitätsstudiums, nnd so ist heute ein Hauptgegenstaud des Streites die Zulassung der Frau zu unseren Hochschulen. Natürlich läßt sich diese nicht auf die medizinische Fakultät beschränken: auch das für den Unterricht in den oberen Klassen von Töchterschulen geforderte Oberlehreriuzeugnis setzt akademisches Studium voraus. Uud endlich, warum soll eine Fran nicht auch Jnrisprudenz und Nationalökonomie, nicht Mathematik und Naturwissenschaften, nicht Philosophie uud Theologie, zuuüchst eiumal für sich, studieren dürfen? Der Kampf, der sich um diese Forderungen erhob, war erst ein theoretischer: man wollte die Jnferiorität der Fran als Physiologisch uud Psychologisch begründet nachweisen. Allem weder die Berufung auf das Gewicht und die Struktur des Gehirns noch auf die Zusammensetzung des Blutes wollte verfangen; übrig blieb nur die Frage, ob die Physische Kraft der Frau für die Anforderungen des Studiums ausreicht, und das läßt sich nur durch die Erfahrung erweisen, die denn auch bereits iu vereinzelten Füllen zu ihren Gnusteu entschieden hat, wogegen freilich auch das Wort, daß die Frau nur memoriere, uicht studiere, gefallen ist. Sagte man aber, daß die Frau deswegen nichts dem Mauue Ebenbürtiges leisten könne, weil sie es bis jetzt nicht geleistet habe, so ist das Die Frauenfrage. 673 Thatsächliche zunächst einzuschränken: auch jetzt schvn unter erheblich ungünstigen Bedingungen haben einzelne studierende Frauen Normales geleistet und stehen durchschnittlich hinter den männlichen Studenten an Leistung nicht zurück, übertreffen sie jedenfalls häusig an Fleiß. Daß es aber allerdings vielen Frauen an Sinn und Interesse für geistige Arbeit fehlt, daran ist nicht die weibliche Natur, sondern die übliche Erziehung unserer höheren Töchter schuld. Nach einer recht unvollständigen nnd oberflächlichen Schulbildung schleppt man sie durch das wilde Lebeu, die flache Unbedeutendheit unserer sogenannten Geselligkeit, läßt sie pflichtlos als Schmetterlinge in der Welt umherflattern und tanzen, sich putzen und zieren, flirten nnd kokettieren, und als geistige Nahrung haben sie französische, günstigeren Falls englische Romane oder die unter solchen Umständen geradezu schädliche und verweichlichende, weil lediglich spielerische Beschäftigung mit der Musik. Und da wuudert mau sich, daß so viele Frauen eitel und gefallsüchtig, kleinlich und für geistige Interessen stumpf, unlogisch und charakterlos sind! Statt aber dem entgegenzuarbeiten, verschließt man ihnen gewaltsam den Weg, der darüber hinausführt, den Weg ernster geistiger Arbeit. Während in anderen Staaten Frauen längst schou zum Universitätsstudium zugelassen werden, sträubt man sich in Deutschland noch immer dagegen: am hartnäckigsten waren lange Zeit die Universitäts- profefsoren selbst, von denen heute noch viele ihre Hörsäle Frauen ganz verschließen; niemand ist konservativer als sie, nirgends werden Zöpfe länger getragen und Vorurteile später abgelegt als auf den Hochschulen. Die Regierungen sind vorsichtig nnd zögern mit prinzipieller Entscheidung, überlassen sogar ganz gegen ihre Gewohnheit in dieser Frage die Verantwortlichkeit gerne den einzelnen Professoren. Die Ärztetage sperren sich voll Sorge gegen die drohende Konkurrenz des schwächeren Geschlechts; ganz besonders rückständig zeigte sich der 1898 in Wiesbaden gehaltene. Die öffentliche Meinung ist geteilt: in den Parlamenten fitzt der Widerstand hauptsächlich bei der ultramontanen nnd konservativen Partei: das „taosat, iurckisi-" des Apostels Paulus hat für sie etwas Bindeudes. Dagegen sind es neben den Socialdemokraten vor allem die Freisinnigen, welche für die Sache eintreten. Übrigens ist der 574 Nach 1871! 6s sidele'. Widerstand lim so thörichter, von welcher Seite er anch ausgeht, als dieser Fortschritt ja fraglos doch kommt. Und wie inkonsequent er ist, sieht man daran, daß in Deutschland zwar weiblichen Ärzten die Praxis gestattet wird, das Studium der Medizin aber und vor allem die Zulassung zum Examen den Frauen uoch versagt ist: sie müssen also ihre Ausbildung im Ausland suchen, und im Juland macht man dann von ihrem dort geholten Wissen und Können doch Gebranch! Geteilt ist aber anch die Meinung der Franen selbst. Die Masse jener thörichten Jungfrauen, die ans den Bräutigam warteu und ihn im Tanzsnal und auf den Spielplätzen zu ergattern suchen, und der vielen satten oder stumpfen Frauen will von der ganzen Bewegung nichts wissen: sie gilt es also für dieselbe zu gewinnen und aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln. Aber auch die der Bewegung geneigten Frauen sind geteilt: die einen beschränken sich grundsätzlich darauf, au der socialen Arbeit auf dem Gebiet der Krankenpflege und der Fürsorge für die Erziehung der Kinder und die bessere Ausbildung der schulentlassenen Mädchen teilzunehmen: nach dieser Seite hin sind besonders die vaterländischen Frauen- Vereine thätig, iu deucn sich übrigens leider viele nur aus Streberei und Rücksicht auf fürstliches Protektorat bereit finden lasfen. Bei diesen letzteren gilt dann natürlich jedes darüber hinansgehende Streben für „unweiblich". Dagegen hat es der von Louise Otto- Peters uud Auguste Schmidt im Febrnar 1865 in Leipzig ins Leben gernfene Fraueubitduugsverein von Anfang an als seine Aufgabe betrachtet, die Bildung der Frauen zu heben und ihre Gedanken ans ideale Ziele hinzulenken. Daran schloß sich noch im selben Jahr der erste deutsche Frauentag und die Gründung des allgemeinen deutschen Fraueuvereins an. Das Programm desselben erklärte in seinem Z 1 „die Arbeit, welche die Grundlage der ganzen neuen Gesellschaftsein soll, für eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts", nahm deshalb für die Fran auch „das Recht der Arbeit" in Anspruch und hielt es für notwendig, „daß alle der weiblichen Arbeit im Wege stehenden Hindernisse entfernt werden". Und den socialen Hintergrund im Geiste der sechziger Jahre enthüllte der § 2, der so lautete: „Wir halten es für ein unabweisbares Bedürfnis, die Weib- Die Frauenfrage. 575 lichc Arbeit vou den Fesseln des Vorurteils, die sich von den verschiedensten Seiten gegen sie geltend machen, zn befreien. Wir halten in dieser Hinsicht neben der Agitation durch Frauenbilduugs- vereine und die Presse die Begründung von Produktiv-Assoziationen, welche den Frauen vorzugsweise empfohlen werden, die Errichtung vou Jndustrieausstelluugen für weibliche Arbeitserzeugnisse, die Gründung von Industrieschulen für Mädchen, die Errichtung von Mndchenhcrbergen, endlich aber auch die Pflege höherer wissenschaftlicher Bildung für geeiguete Mittel, dem Ziele näher zn kommen". So enthielt dieses Programm vor allem diejenige Seite der Frauen- srage, welche als die sittliche und Bildnngsfrage bezeichnet werden kanu, „die Erziehung der Frauen zu freieren Persönlichkeiten", während andere Frauenvereine, allen voran der Letteverein, mehr an die Notlage der arbeitenden Frauen und an die Erweiterung ihrer Erwerbsthätigkeit dachten. Aber auf dem Frauentag zu Frankfurt a. M. im Jahr 1876 kam es zur Einigung zwischen beiden Gruppen, die Frauenbildungs- und die Erwerbsvereine vereinigten sich hier, und 1894 schlössen sich alle diese Bestrebungen zusammeu iu dem Bund deutscher Frauenvereiue, der aus Auregungeu von der Weltausstellung in Chicago hervorging. Als Zweck bezeichnet er „die Verbindung aller derjenigen deutschen Frauenvereine, die die Hebung des weiblichen Geschlechts auf geistigem, wirtschaftlichem, rechtlichem uud socialem Gebiete anstreben, zur gemeinsamen Förderung". Noch vorher ermöglichte es eine größere Stiftung im Jahr 1888 dem Verciu, auch Haud an die Gründung von Mädchengymnasien zn legen, damit die Forderung auf Zulassung des weiblichen Geschlechtes zum Universitätsstudium nicht mit Fug durch deu Hinweis auf die mangelnde Vorbildung desselben abgewiesen werde. Das erste Müdchengyinnasium in Karlsruhe litt freilich sofort uuter dem Versuch, bei dieser Gelegenheit zugleich auch iu aller Eile eine Gymuasialreform in Scene zu setzen; besser gelang es in Leipzig und mit den Gymnasialkursen, die Helene Lange schon vorher in Berlin sür Mädchen eingerichtet hatte. Dagegen widersetzte sich das bayerische Ministerium der Gründung einer solchen Anstalt in München, nnd 1898 versagte der preußische Kultusminister Bosse dem Antrag des Breslauer Magistrates ans Errichtung eines Mädchengymnasiums 576 Nach 1871: „?in äs sisols ohne Angabe von Gründen seine Genehmigung; auf eine Interpellation im preußischen Landtag hin erklärte er sich gegen jeden „Schritt vorwärts im Sinn der modernen Frauenbewegung; das Streben der Frauen, überall als Konkurrenten der Männer aufzutreten, sei falsch; das sei die Auffassung des ganzen preußischen Staatsministeriums". In dem durch das Dreiklassenwahlsystem zu stände gekommenen Abgeordnetenhans fand diese Anschauung von dem Bilduugskamps der modernen Frau als „bloßer Modesache" bei Konservativen und Ultramontanen lebhaste Zustimmung, und einer der letzteren konnte erklären: an Gelegenheit für Bethätigung fehle es den Frauen nicht; überall herrsche Dienstbotenmangel und höherstehcude gebildete Damen sollen sich der socialen Liebesthätigkeit widmen, wenn sie nicht heiraten können. So brutal stehen gerade in den sogenannten gebildeten Kreisen noch immer viele Männer der Frauenbewegung gegenüber. Kein Wunder, wenn sich angesichts solcher Hemmnisse nnd solchen Unverstandes bei den Frauen anch Verbitterung einstellt und weun bei diesen: zähen Kampfe vielen die Bewegung zu langsam scheint, so daß sie ungestüm vorwärts drängen und gleich auch das äußerste und letzte für erreichbar halten uud begehren. In den Reden und Schriften dieses radikalen Flügels hört und liest man die heftigsten Ausfälle gegen die Männer im allgemeinen, als handelte es sich um einen Kamps zwischen den beiden Geschlechtern und um die Gründung einer Art von Amazonenreich: eine Emanzipation vom Mann wird, so lächerlich und aussichtslos das ist, gepredigt. Und ebenso ist es heute noch unklug und verfrüht, die politische Gleichberechtigung zu fordern; dazu bedarf es erst einer längeren Bildungs- und Erziehnngsperiode. Weil sie aber dieses Durchgangsstadium nicht wollen, werfen sich manche einem utopistischen Socialismus in die Arme und hoffen von ihm mit der neuen Gesellschaft auch die Erfüllung dieser ihrer Wünsche. Andere wieder verkennen die Eigenart der Frau nnd gefallen sich in äußerer Nachahmung von Münnersitten, bilden studentische Vereine und singen der Athene Promachos Kommerslieder. Auch der socialdemokratische Parteitag in Stuttgart (1898) hat gezeigt, wie leicht gerade die Frau im öffentlichen Auftreten extrem wird und schreit; und so Die Fvauenfrage. 577 geht durch den ganzen linken Flügel dieser Frauenrechtlerinnen ein brutaler Zug, die Neigung mit dem Ellbogen sich Bahn zu brechen und nicht bloß den Gegner, sondern auch den vorsichtiger Vorwärtsschreitenden niederzuschreien. Deshalb erheben sich anch schon aus dem eigenen Lager heraus warnende Stimmen über „mißbrauchte Frauenkraft". Denn unverkennbar wird durch solches aggressive Verhalten und durch solche Voreiligkeiten, Übereilungen und Verzerrungen einer gnten Sache viel Schaden gethan. Die Gegner suchen damit ihren Widerstand zn recht- sertigen, andere erschrecken und weichen zurück, und namentlich die guten Freunde der Fraueubeweguug unter den Männern haben Mühe, sich dieser Buudesgenossenschaft zu erwehren und von ihr sich zu unterscheiden uud müssen das Vergängliche nnd das Bleibende an diesen Bestrebungen sorgsältig sondern. Anch der Typus des vordringlichen, dilettantischen und schcllenlauten „Litteratnrweibes" gehört hierher nnd zeigt die Frau als Schriftstellerin oft von einer recht wenig erfreulichen und achtunggebietenden Seite. Trotz solcher Auswüchse aber bürgt die Gerechtigkeit uud Notwendigkeit der Sache, das Vorwärtsschreiten derselben in anderen Ländern und vor allem das entschiedene Wollen der Frauen selber für ihreu Sieg in einer nahen Zukunft. Ein anderes Geschlecht wächst unter unseren Angen heran, Franen voll Lust zur Arbeit und voll energischen Dranges, dnrch Arbeit und Berus selbständige und freie Persönlichkeiten zu werden. Auch hier wird der Kampf um den Einzelnen mit Nachdruck geführt und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Um so mehr handelt es sich darum, die Bewegung in ruhigein Gang zu erhalten und nicht dnrch Ungeduld uud Übermaß schon Erreichtes wieder in Frage zn stellen oder einen, weuu auch mir vorübergehenden Stillstand herbeizuführen. Hier braucht es wirklich keiner großen Sehergabe, um vorauszusagen, daß das zwanzigste Jahrhundert den Frauen eine Reihe ihrer Forderungen erfüllen, sie ihre nächsten Ziele alle erreichen lassen wird. Wie lächerlich sich dann von diesem Punkte aus rückwärts gesehen der Widerstand unserer hohen Regieruugeu, unserer akademischen Senate nnd Fakultäten nnd der ärztlichen Vereine ausnehmen wird, kann man sich schon hente Zieglcr, die geistigen u. socialen Strömungen des 19. Jahrh. 37 S78 Nach 1871: .l^iii Äs sidclo". lebhaft vorstellen. Aufhalten wollen, was doch kommt, hat immer etwas von Douauixoterie an sich, man blamiert sich dabei. Das Wiedererwachen des Individualismus. Noch auf einen Punkt dieses Kampfes der Frau um deu Einzelnen ist hinzuweisen, es ist der wichtigste und tiefste. Am Socialismus tritt uns vor allem die nivellierende Tendenz entgegen: dein Fabrikarbeiter schwebt für den Zukunftsstaat das Bild der Fabrik vor, in der jeder im wesentlichen dasselbe zu leisten hat uud dein andern durchaus gleich steht. Gegen diesen alles gleichmachenden Socialismus kann man in einer größeren Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben der Zukunft etwas wie eine Schutzwehr sehen; denn ihnen als den Hüterinnen und Pslegeriuuen der Individualität darf man gerade hiergegen größere Widerstandskraft zutrauen als uns an das leibliche uud leider auch au das geistige Nuisormtragen gewöhnten Männern. In Wahrheit bedeutet freilich uur von oben angesehen der Socialismus eiue solche Nivellierung; von unten aus betrachtet erstrebt auch er wie der Liberalismus Emanzipation und Herausarbeituug des Individuums: aus den „Händen" sollen Menschen, ans den Massen sollen differenzierte Wesen werden, die an den Gütern der Kultur und Bildung ihreu Anteil bekommen. Allein diese individualisierende Seite tritt nicht hervor und daher wird sie von den meisten gar nicht gesehen; deshalb gilt der Socialismus in gewissem Sinn doch mit Recht als der strikte Gegensatz zum Individualismus; in diesem erwächst dem socialen Geist der gefährlichste Gegner. Das Sociale ist ein Gesellschaftliches; um die Wohlfahrt aller oder möglichst vieler handelt es sich, also in der That um Massen- bedürfuisse, Masseubefriediguug, Massengeist; und so ist das sociale Zeitalter eine Epoche der Masseninstinkte und Massengefühle, die „Beschleunigung des Lebensteinpos" läßt sie zu Massenleidenschaften und „Rauschgefühlen" herauwachseu; die Erleichterung der Vertehrs- möglichkeiten treibt bei allerlei Anlässen ungeheure Masseu zusammen und begünstigt auch das dauerhafte Hereinfluten der Menschen vom Land in die großen Städte, die so immer mehr zu Riesenstädten werden. Die Großstadtluft aber vermehrt das Masseu- Das Wiedererwachen des Individualismus. 579 gcfühl. Ganz besonders unerfreulich tritt das in dem über Raätt zur Reichshauptstadt gewordenen Berlin hervor, wo sogar in Fragen des Geschmacks Suggestionen nnd Herdentierinstinkte die Menge leiten und selbst die Gebildetsten mit fortreißen, Anch das Individuelle wird hier sofort wieder zur Mode und zur Sitte, zum Schlagwort und zur Parteisache oder führt gar zur Sektenbildung. Nur für äußere Dinge ift der Berliner gewitzigter als wir andern, dafür ist er mehr Oberflächenmensch; denn die Differenzierung kaun nur in der Tiefe und anf dem Grunde wirken. Endlich handelt es sich im Socialismus doch vor allen Dingen um Befriedigung und Besserung der äußeren Lebensbedingnngen, das giebt anch der zu, der die sociale Frage schließlich für eine sittliche Frage erklärt uud darin die beste Rechtfertigung des Socialismus sieht, auf das Milieu kommt es also an und dann erst auf das Persönliche und Innerliche. Und gegen das alles erhebt der Individualismus einen geradezu leidenschaftlichen Protest. Zu Anfang des Jahrhunderts stand derselbe mit seiner Betonung der Innerlichkeit auf seiner höchsten Höhe. Schillers ästhetische Erziehung hatte es auf schöue Individualitäten abgesehen, und Humboldt auf der klassizistischen, Schleiermacher auf der romantischen Seite waren wahrhaft virtuose Vertreter individueller Bildung. Im Staat und Staatsgedanken haben alle drei die Einseitigkeiten, welche diesen Individualismus bedrohen, überwunden: bei Schiller denke man vor allem an Wilhelm Teil, in dem der Einzelne als Held ans Vaterland sich anschließt und schließlich dem Ganzen, dem er angehört, Platz macht; bei Humboldt au seine Thätigkeit als preußischer Minister und seine Rezeption der socialistischen Pädagogik Pestalozzis; und bei Schleiermacher an feine Ethik, die als Lehre von den großen sittlichen Gütern der Menschheit der individualistischen Pflichtenlehre Kants so sieghaft gegenübertritt. Eine stark individualistische Richtung schlug dann der Liberalismus ein, der bis 1848 und nachher noch einmal das Glaubensbekenntnis des gebildeten Mittelstandes war; das jnnge Deutschland hatte stark ausgeprägte individualistische Züge, die Franen, die ihm angehörten, kämpften um das Recht ihrer Individualität. Tagegen bildeten seine Beziehungen zur Hegelschcu Philosophie mit 37* 580 Nach 1871: 6s «idc-Is ihrer panlogistischcn Betonung des Allgemeinen und der Idee und mit ihrer Vergötterung des Staates ein Gegengewicht; Feuerbach setzte dem Ich fürs praktische Handeln das Du entgegen, und anch die Götter waren ihm keine individuellen Schöpfungen, sondern das Kollektaneenduch der Menschheit im ganzen. Feuerbach war Socialist. Max Stirncr. Allein gerade beim ersten Regen der socialistischen Ideen in den vierziger Jahren hatte sich ihm auch sofort, der ganzcu drohenden Gefahr bewußt, der Individualismus in derb plebejischer Keckheit in den Weg geworfen, Max Stirncr schrieb sein Buch „Der Einzige und sein Eigentum". Das war freilich eine andere Art von Individualismus als der zu Anfang des Jahrhunderts vou den Schiller und Humboldt uud Schleiermachcr vertretene. Dieser war ästhetisch gewesen, um die Herausbildung zu schöner Menschlichkeit war es ihm zu thun. Davon ist bei Stirner keine Rede, der sich schon persönlich am wohlstcn fühlte in dem Kreise der „Freien" bei HiPPel, wo es milde ausgedrückt snr „feingestimmte Seeleu" recht wüst und derb zuging. Der Standpunkt seines Buches war der radikalste, ein extremer Nominalismus, der alle Ideen wegwars und für Spuk und Sparren erklärte, ein gründlicher Atheismus, der schon von weitem allem Göttlichen und Geistigen aus dem Wege ging und diese gespenstische Welt in das Reich des Spukes und Aberglaubens verwies, und endlich und vor allein ein entschlossener Egoismus und Individualismus, der sein' Sach' auf nichts stellte, die Einzigkeit uud Sonveränctnt des Ich proklamierte und diesem alle Macht und allcS Recht und alles zum Eigentum und zum Selbstgenuß zusprach, dagegen alle Pflichten weguahm und aushob. In diesem Zusammenhang aber ist vor allem vou Interesse, daß Stirner unter den Nenesteu der Neuen neben den politisch Liberalen und den Humanen im Sinne Bruno Bauers auch den socialen Liberalismus aufführt und als dessen Vertreter Proudhon und Weitling ausdrücklich bekämpft. Das Glaubeusbekenntnis des Kommunismus läßt er einen dieser Socialisten so sormulieren: „Wir sind freigcborene Menschen, und wohin Wir blicken, sehen Wir Uns zn Dienern von Egoisten gemacht! Sollen Wir darum anch Max Stirner. S81 Egoisten werden? Bewahre der Himmel, Wir wollen lieber die Egoisten unmöglich machen! Wir wollen sie alle zu „Lumpen" machen, wollen, daß Alle nichts haben, damit „Alle" haben"; oder: „Was er hat, das macht den Mann. Und im Haben nnd an Habe sind die Lente ungleich. Folglich muß Keiner haben, wie dem Politischen Liberalismus zufolge Keiner befehlen sollte, d. h. wie hier der Staat allein den Befehl erhielt, so nnn die Gesellschaft allein die Habe." Zn dem Zweck machen es sich diese Socialen zur Ausgabe, „die rechte Gesellschaft zu entdecken". Allein frei machen sie damit deu Menschen auch nicht: sie zwingen ihn zur Arbeit, legen ihm eine Socialpflicht ans, unterwerfen ihn der Oberhoheit einer Arbeitergesellschaft. Damit haben sie nnr den Herrn vertauscht, statt des Staates die Gesellschaft, und das ist „ein ncncr Spuk, ein neues höchstes Wesen, das Uns in Dienst und Pflicht nimmt". Positiv aber setzt Stirner dem Staat der Liberalen, der Arbeitergesellschaft der Socialen und der menschlichen Gesellschaft der Hnmauen einfach — das Ich entgegen. Dieses ist dem Staat gegenüber ein Berbr'echer und hat der Gesellschaft gegenüber die Befugnis zuzugreifen und zu nehmen, was es braucht. „Nach der Meinung der Kommunisten soll die Gemeinde Eigentümerin sein. Umgekehrt Ich bin Eigentümer, und verstündige Mich nur mit Andern über mein Eigentum. Macht Mir's die Gemeinde nicht recht, so empöre Ich Mich gegen sie und verteidige mein Eigentum. Ich biu Eigentümer, aber das Eigentum ist nicht heilig." An die Stelle des Staates und der Gesellschast aber setzt Stirner den freien Verein von Egoisten, den weder ein natürliches noch ein geistiges Band zusammenhält uud der kein natürlicher nnd kein geistiger Bund ist. „Der Verein besitzt nicht Dich, sondern Du besitzest ihn oder machst ihn Dir zu uutze"; hier wird das Eigentum anerkannt, in ihn bringst Du Deine ganze Macht und Dein Vermögen und machst Dich geltend, in ihm lebst Du egoistisch und — was die Hauptsache ist — „Du giebst ihn Pflicht- und treulos auf, wenn Du weiter keinen Nutzen aus ihm zn ziehen weißt." „Der Verein ist nur Dein Werkzeug oder das Schwert, wodurch Du Deine natürliche Kraft verschärfst und vergrößerst, der Verein ist sür Dich und durch Dich da; die Gesellschaft ist heilig, der 582 Nach 187!: äs sidole" Verein Dein eigen; die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du." Angesichts dessen ist es nicht zn verwundern, daß, wie von humaner Seite Feuerbach, sv auch von soeialistischer Seite ein Kritiker sofort Einspruch gegen das Buch erhob: Moses Heß, neben Karl Grüu einer der ernsthaften Kommunisten der vierziger Jahre, Mitarbeiter der Rheinischen Zeitnng, so lange sie bestand, that das in einer Broschüre „Die letzten Philosopheu", woriu er neben Brnno Bauer gauz besonders Stirner und sein Princip des Egoismus angreift, das ihm, dem Socialisten, die Sünde selber ist, und nicht ohne Grnnd über den Verein von Egoisten spottet, den Stirncr als eine Art von rudimentärem Gebilde doch noch habe bestehen lassen und bestehen lassen müssen. Im allgemeinen aber blieb Stirners Buch zunächst doch ohne viel Beachtung und jedenfalls ohne alle Wirkung, und ich vermnte, daß es trotz seiner Aufnahme in die Reclam-Sammluug und seiner häufigen Erwähnung in der Litteratur auch heute noch recht weuig — gelesen wird. Das Jahr 1848 ließ den politischen Liberalismus oben ans kommen, und nachher hatte Stirner selber noch Gelegenheit, die Reaktion an der Arbeit zu feheu, der darum auch 1852 sein letztes Werk, eine „Geschichte der Reaktion" gegolten hat. Und es kam dann in den sechziger Jahren der Staat im Gegensatz zu Stiruers Idealen erst recht zur Entfaltung seines Wesens und zu voller Macht; uud neben ihm wuchs der Socialismus heran, und beide bedrohten das Individuum, den Einzigen und sein Eigentum, der Staat, indem er das Individuum seinen allgemeinen Gesetzen uuterwars und in die „Uniform" steckte, der Socialismus, iudem er das Eigentum aufzuheben sich anschickte und den Einzelnen einer Arbeitsgemeinschaft einfügte, so sehr, daß viele in diesem Zukunfts- staat etwas wie ein alle Freiheit des Individuums ertötendes Arbcits- uud Zuchthaus sehen wollen; und als StaatssvcialismnS erschienen beide Anschauungen vereint und damit die Sphäre des Individuums erst recht von Eingriffen aller Art bedroht. Der Anarchismus. Dagegen mußte sich nuu der Individualismus zur Wehre setze», wenn er nicht ganz unterliegen nnd erdrückt werden wollte. Der Anarchismus. 583 Als Vertreter dieser individualistischen Strömung seit den siebziger Jahren steht natürlich Nietzsche oben an; und historisch nicht ohne Gruud sieht man in seinen Anschauungen etwas wie eine Fortsetzung der Stirnerschen Ideen. Allein die beiden sind doch auch wieder zu verschieden — nicht etwa nur wie Plebejer und Aristokrat —, als daß sie so unmittelbar aneinandergereiht werden dürften; und daher ist hier ein Zwischenglied einzuschicken, das in seinen verschiedenen Erscheinungsformen den Übergang auch sür uns leichter machen und vermitteln dürfte — es ist der Anarchismus. Den Zusammenhang desselben mit Stirncr zeigt besonders John Henry Mackay, der sich durch seinen 1891 erschienenen Roman „die Anarchisten" erst selber als Anarchist, dann durch seine Bemühungen nm das Andenken Stirners und die Herausgabe seiner Lebensgeschichte und seiner kleinen Schriften «beides 1898) als cnragierten Anhänger des „Einzigen" bekannt und ausgewiesen hat. In den vierziger Jahren, wo alles noch unklar durcheinander wogte und gärte, verknüpften sich in engem Anschluß au die Gedanken Prondhons und an dessen eigene Unklarheit Kommunismus und Anarchismus: der schon genannte Moses Heß war Soeialist und Anarchist zugleich. Aus diesen Anfangsstadien herans, wo schroffe Gegensätze noch ungeschiedcn beisammen lagen, hat sich die Meinung von dem inneren Zusammenhang der beiden Anschauungen gebildet, die doch in Wahrheit einander diametral entgegengesetzt sind; denn die eine bedeutet Organisation, die andere Auslösung aller Organisation. Daher kam selbst ans russischem Boden, wo unter Nikolaus I. der Staat in seiner abschreckendsten Gestalt als Last und Zwang erschien, der Anarchismus nicht sofort als „reine Zerstörung" zur Welt; auch Bakunin war noch von Prondhon, daneben freilich auch von Stirner beeinflußt, sein Berns mehr der eines „eomiuis vo^a,- Asur" der Revolution um jeden Preis und in jeder Form, und anssichtsvoll schien ihm diese nur, weuu die Arbeiter in ihrem Kampf gegeu das Kapital dafür gewonnen würden. Daher fliehte er für die von ihm begründete ^.Iliknc-s cls ls, äsmoorÄtis Socialist«! Anschluß bei der marxistischen internationalen Arbeiterassoeiation. Dies gelaug auch 1869, aber schon auf dem Baseler Kongreß im 584 Nach 1371: cts sidols". Herbst dieses Jahres zeigten sich die uuversöhnbnren Gegensätze zwischen Marxisten nnd Bakunisten, und sv wurde Bakuuiu bereits 1872 von der Internationale wieder ausgeschlossen; und nun erst begründete er einen eigenen internationalen Arbeiterkongreß, der die Vernichtung jeder politischen Macht für die erste Pflicht des Proletariats erklärte. Damit hatte sich die Scheidung definitiv vollzogen, der Zusammenhang des Anarchismus mit dem Socialismus war gelöst, dieser hatte seiue Kinderschuhe vertreten. Wo es daher eine starke und geschlossene Socialdemokratie giebt wie in Deutschland, ist für den Anarchismus kein Raum, der mit seiner Neigung zu Putschen, Verschwörungen uud Mordthaten auch besser nach Rußland oder in die romanischen Länder Paßt. Und doch kam gerade von Deutschland her ein neuer Anstoß. Als durch das Socialistengesetz die auf dem Boden des Gesetzes sich bewegende Agitation für die Socialdemokratie in Deutschland unmöglich geworden zn sein schien, fand der Gedanke Johann Mosts, daß nun die Zeit zu revoltttiouüreu Thaten gekommen sei, in den radikalen Kreisen der Arbeiterwelt vielfach Anklang »nd Anhänger. Sein Organ „Die Freiheit" machte dafür lärmend und demagogisch geschickt Propaganda, nnd aus einem Kongreß zu London im Juli 1881 wurde beschlossen, daß zur Vcruichtuug aller Fürsten, Minister, Adeligen, Geistlichen, hervorragenden Kapitalisten und sonstigen Ausbeuter jedes Mittel erlaubt und deshalb vornehmlich dem Studium der Chemie und der Anfertigung von Sprengstoffen, als den wirksamsten Waffen, volle Aufmerksamkeit zuzuwenden sei. In Frankreich uud Spanien, in der Schweiz und in Österreich nahm nun die Bewegung einen rapiden Aufschwung, um srcilich bald wieder zurückzugehen oder zu erlöschen. Eine Reihe von historischen Mordthaten sind auf diesen Aktionsanarchismns Mostscher Obscrvauz zurückzuführen und beweisen, wie es ans dem unterste» Grunde des Kessels brodelt uud gärt. Die letzte scheußlichste, die Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Österreich in Gens durch einen Italiener, hat die ganze Welt gegen diese Propagandisten der That in Aufruhr versetzt; ein Anschlag auf den deutschen Kaiser bewies gleich hinterdrein aufs ueue die Frechheit der Bande. In Deutschland Der Anarchismus. 585 selbst kmmte er freilich nicht auskommen; Most nnd Hasselmann, obgleich selbst Deutsche, haben in ihrer Heimat am wenigsten Anhänger gesunden, und die Socialdemokratie, aus deren Schoß sie allerdings hervorgegangen waren, hat sie sofort, als sie sich offen als Anarchisten bekannten, aus ihren Reihen ausgeschlossen, Bebel ist ans allen internationalen Kongressen, wo sich der Anarchismus eindrängen wollte, demselben anss schärfste und unzweideutigste entgegengetreten. In Deutschland verurteilt die festgefügte Socialdemokratie deu Anarchismus zur absoluten Bedeutungslosigkeit; wenn gelegentlich in Berlin Anarchisten eine Versammlung halte», fo hat das keine Bedeutung. Juteruatioualeu Abmachungen zur Bekämpfung und Ausrottung dieser Propagandisten der That braucht sich Deutschland darum doch nicht zn entziehen; nützlicher als sie werdeu freilich Maßregeln znr Gesundung der Verhältnisse in allen den Ländern sein, wo diese Sumpfpflanze gedeiht. Dagegen fehlt es gerade unter den Deutschen mit ihrem stark ausgeprägten Siuu für alle Eigenart und für das Recht der eigeueu Meiuuug um jeden Preis nicht an theoretischen Anarchisten. Der zum Deutschen gewordene John Henry Mackay als Anhänger Stirners ist schon genannt. Ein seltsamer Schwärmer anderer Art ist Moriz von Egidy. Er spricht gelegentlich ganz wie ein Anarchist, nur daß er den Namen nicht schön findet: „der größte Fehler am Anarchismus ist, gegenüber dem Gegner, den er zu überwindeu hat, — sein Name. Das geschieht den Vertretern dieser Jdeeu aber eigentlich ganz recht; warum muß denn alles genannt werde«, und warum müssen gerade Namen gesucht werdeu, die das Bestehende vernichten, statt Namen zu wählen, die den höchsten Grad der schon anerkannten Werte andeuten?" Warum ,ohne Herrschaft', warum nicht lieber ,Selbstzucht', Selbstbeherrschung'? Zucht und Herrschaft sind Werte, ohne die wir uns ein menschliches Dasein gar nicht vorstellen können. Es kommt eben nur daraus an, wer die Herrschaft über uns ausübt uud wer die Zuchtrute über uns schwingt, ob andere oder wir selber." Ausdrücklich erklärt er sich im Gegensatz zu den Blut-Anarchisten für einen „Edel-Anarchisteu". Wie so vieles ist übrigens auch diese Unterscheidung nur ein Zeichen für die unentwirrbare Konfusion dieses Verknndigers eines „einigen Christen- 586 Nach 1871: äs sidoto«. tums", der im Handumdrehen die Religion nnd die Erziehung reformiert nnd Socialist und Anarchist, Anarchist und Monarchist zugleich sein will, über alles aber doch ein mutiger und ehrenwerter Mann ist. Auch mit der Gesellschaft für ethische Kultur steht er im Zusammenhang, in der sich ja auch unklar allerlei zusammenfindet, darunter anch anarchistische Tendenzen. Wenn er aber die Selbständigkeit nnd llnabhüngigkeit in seinem „einigen Christentum" besonders betont, so berührt er sich darin mit den Anschauungen eines so scharfen Denkers wie Christoph Schrempf, der mit allem Nachdruck deu Kampf um die Persönlichkeit kämpft und dadurch zur Verwerfung der Kirche, also zu eiuem religiösem Anarchismus geführt wird; eben deswegen glaubt er sich auch auf politischem Gebiet deu Konsequenzen eiues den Staat negierenden theoretischen Anarchismus nicht ganz entziehen zu können. Friedrich Nietzsche. Uusere Jugeud aber, soweit sie anarchistisch denkt, steht darin vor allem unter dem Einfluß von Friedrich Nietzsche, diesem Wortführer des Individualismus am Ausgang des neunzehuten Jahrhunderts. Wie iu der Renaissance das Individuum sich frei macht von mittelalterlicher Gebnndeuheit aus allen Gebieten des Lebens nnd sich in Selbstmacht uud Selbstgcwißheit auf eigene Füße stellt, so wendet sich Nietzsche, im Gegensatz zu Stirner eine vornehm aristokratische, fein veranlagte, nervös-reizbare, schönheitStrnntene Natnr, gegen die Massen und ihre Instinkte. Er hat den Mut ganz er zu sein und fordert von der Welt für sich das Recht, sich ganz ausleben zu dürfen. Aber obgleich klassischer Philologe uud griecheubegeistert, obgleich mit Bewußtsein zurückgreifend auf die Renaisfauccstimmuug und den von ihr erfüllten uc>inc> sinAolare, ist er doch — ausgegangen von Schopenhauer und Wagner — zugleich durch uud durch moderu-romantisch. Neben dem apollinisch Klaren findet er schon im Griechentum den dunkel-dnstercn Hinter- gruud des Dionysischen, dementsprechend wird sein Individualismus vielmehr zum Kultus des Geuies, iu dem allein der Wille zum Leben zum gewaltigen Willen znr Macht heranwächst. Dabei Friedrich Nietzsche. 587 stößt er aber auf die Schranken der Überlieferung und der Moral, zunächst in der Geschichte; darum handelt eine seiner ersten Schriften vom Nachteil der Historie für das Leben. Wir Menschen des neunzehnten Jahrhunderts leiden au eiuem Übermaß und au Übersättigung von Geschichte; Geschichte aber macht objektiv d. h. subjektlos und schwächt die Persönlichkeit; sie stört durch ihre Secierübungcn die Instinkte des Volkes und verhindert den Einzelnen wie das Ganze am Reifwerden, macht harmonische Persönlichkeiten unmöglich; sie pflanzt und pflegt den Glauben, Spätling, Epigone zu sein, ist somit eine greisenhafte Beschäftigung, eine Art von angeborener Grauhanrigkeitt, in der noch etwas vom mittelalterlichen mömönto inori steckt, während sich das viel notwendigere rnemento vivers erst schüchtern hervorwagt. Auch findet sich in ihr allzuviel von jener Hegelschen Bewunderung für die Vernünftigkeit und Macht des Wirklichen: wer gelernt hat, vor diesem als dem Erfolgreichen den Rücken zu krümmen und den Kopf zu beugen, der uickt zuletzt chinesenhnft-mechanisch sein Ja zu jeder Macht; und doch ist der Erfolg, das Faktum immer dumm, der Geschichte mit ihrem „Es war einmal" tritt daher die Moral gegenüber und ruft: „aber eS sollte nicht so sein", denn die Moral ist die Auflehnung gegen die Geschichte als die blinde Macht der Fakta. Das Gefährlichste aber ist, die Geschichte vom Standpunkt der Massen aus zu schreiben; in Wahrheit verdienen diese Beachtung nur „als verschwimmende Kopien der großen Männer auf schlechtem Papier und mit abgenutzten Platten hergestellt, als Widerstand gegen die Großen und als Werkzeuge der Großen; im übrigen hole sie der Teufel und die Statistik"! Dem tritt sein Gedanke gegenüber, daß „das Ziel der Menschheit nicht am Ende liegen könne, sondern nur in ihren höchsten Exemplaren": das ist hinfort das Prinzip seiner Geschichts- und Kulturbctrachtung. Und von demselben Geist ist seine Streitschrist gegen D.Fr.Strauß erfüllt. Der Verfasser des alten und des neuen Glaubens ist ihm der Typus des „Bilduugsphilisters"; dieser aber ist „das Hindernis aller Kräftigen und' Schaffenden, daS Labyrinth aller Zweifelnden und Verirrten, der Morast aller Ermatteten, die Fußfessel aller nach hohen Zielen Laufenden, der giftige Nebel aller 538 Nach 1871: ,?in äs sivel-z« frischen Keime, die ausdörrende Sandwüste des suchenden und nach nenem Lebeu lechzenden deutschen Geistes; denn er sncht, dieser deutsche Geist, die Bildungsphilister hassen ihn deshalb, weil er sncht und weil er ihneu uicht glauben will, daß sie schon gefunden haben, wonach er sucht". Und ruchloS erschien ihm, dem Jünger Schopenhauers und dein Frennd WagnerS, an diesem „Philisterhäuptling" zweierlei: der Optimismus seiner Weltanschauung, der ihn Schopenhauer mit seinem Pessimismus freilich allzu leichthin abthnn ließ, und der puristische Klassizismus seines musikalischen Geschmacks. „Unzeitgemäß" aber nennt er selbst diese Streitschrift, weil in der That damals Strauß uicht der einzige Optimist war. Aus der sreudigeu politische« Stimmung zu Auftrug der siebziger Jahre ist „der alte und der neue Glaube" herausgeschrieben; Großes war für die Deutschen erreicht, der Sieg und mit ihm die Einheit war erstritten, wir hatten Kaiser uud Reich. Damals ging uns, die wir die kaiserlose, die schreckliche Zeit durchlebt hatten, das Herz weit aus und ein Glücksgefühl erfüllte uns, wie seitdem nie wieder. Es war aber nicht bloß der Triumph des Erreichthabens, souderu auch eiu Gesühl der Erwartung und der Hoffnung: wie nach den Perserkriegen, meinten wir, müsse nnn auch bei uus die Ära eines perikleischeu Kulturzeitalters anbrechen. Nietzsche war kein Politiker nnd lebte in der Schweiz, wo man damals den Deutschen ihr patriotisches Hochgefühl nicht eben leicht gemacht hat; und daher fehlt es ihm oder hat sich doch nicht groß und frei in ihm entwickelt, au die Stelle der Hoffnung tritt bei ihm vielmehr sofort die Sorge, ob sich aus dem deutschen Siege nnd der politischen Einigung auch eine sieghafte und einheitliche deutsche Kultur heraus- eutwickeln werde. Und die Gründerzeit und der daraus folgende Katzenjammer hat ja auch die Optimisten noch einmal liä übsarclum geführt uud den Mehltau der Ernüchterung uud Enttäuschung alsbald wieder ans jene hoffnungsvollen Frühlingssaatcn fallen lassen. Was Nietzsche aber an der bestehenden deutschen Kultur mißfiel, das hat er am klarsten in seinen Basler Vortragen über die Zukunft unserer Bildungsanstalten ausgesprochen. Unsere Gymnasien erziehen nicht für die Bildung, sondern sür die Gelehrsain- Friedrich Nietzsche. 589 keit, und sie leiden an Über- und Massenproduktion. Schuld daran aber ist der Staat. Dieser war dem Griechen der derbe, muskulöse, zum Kampf gerüstete Kamerad und Weggenosse, der dem edleren und gleichsam überirdischen Freund — der Kultur — das Geleite gab durch rauhe Wirklichkeiten; uns dagegen vt der Staat „Kultur- staat", mit den Staatstendenzen aber steht die wahre Kultur nnd der Geist der Bildung, der Geist, der aus dem innersten Kern der deutschen Reformation, der deutschen Musik und der deutschen Philosophie so wunderbar zu uns redet, in offenem Widerspruch. Der Staat steht aber ebenso auch hinter den Universitäten mit ihrer viel gerühmten Lchrfreiheit in bescheidener Entferuuug mit seiner Aufsehermiene; und daher geben auch sie keine Bildung. Wenn man diese an drei Gradmessern mißt, dem Bedürfnis nach Philosophie, dem Instinkt für Kunst nnd dem Verhältnis zum griechischen nnd römischen Altertum als dem leibhaftigen kategorischen Imperativ aller Kultur, wie steht es dann nm die Bildung unserer Studenten? Auf den Hochschulen ist an die Stelle der Philosophie historische Bildung getreten, zur Kunst verhalten sie sich gar nicht, und um klassische Bildung kümmern sich nnr die Philologen; darnm bleibt der Student ungeeignet und unvorbereitet sür Philosophie, instinktlos für wahre Kunst und ein als frei sich dünkender Barbar den Griechen gegenüber. Zu all dem fehlt es ihm an Führern; denn sachlich fängt wahre Bildung mit dem Gegenteil alles dessen an, was man jetzt als akademische Freiheit Preist, mit dem Gehorsam, der Unterordnung, der Zucht, der Dienstbarkeit. Einen solchen Führer stellt Nietzsche der Zeit in seiner Schrift „Schopenhauer als Erzieher" vor Augen. Was ihn an Schopenhauer anzog, das war nicht sowohl der Inhalt seiner Philosophie, als vielmehr der Meusch selber, so wie ihn Kuno Fischer uns später so meisterlich geschildert hat — der Philosoph als Künstler mit genialer GcisteSart und ästhetischem Widerwillen gegen die Kultur der Gegenwart. An ihm geht ihm das Ziel aller Kultur auf, und dieses heißt: „Die Menschheit soll fortwährend daran arbeiten, einzelne große Menschen zu erzeugen, und dies und nichts anderes ist ihre Aufgabe." Daraus dann die Frage an den Einzelnen: „wie erhält dein Leben den höchsten Wert, die tiefste Be- 590 Nach 1871! „?in äs sidele« dentnng? Wie ist es am wenigsten verschwendet?" und die Antwort darauf: „gewiß uur dadurch, daß du zum Vorteile der seltensten und wertvollsten Exemplare lebst, nicht aber zum Vorteile der meisten, d. h, der einzeln genommen wertlosesten Exemplare." Eben deshalb verurteilt Nietzsche unsere Kultur, weil sie diese ihre Aufgabe, den Genius zu erzeugen, nicht erkennt. Schuld daran ist die Selbstsucht der Erwerbenden, der Wissenschaft und ihrer Diener und vor allem des Staates mit seinem Streben nach möglichster Ausbreitung und Verallgemeinerung der Kultur; denn nicht auf die Masse und die Allgemeinheit, sondern auf den Einzelnen kommt es an. Positiv aber gilt es nun, diesen Genius als das zu erzeugende Ziel der Kultur in plastischer Anschaulichkeit vorzuführen. Er schildert den Menschen Rousseaus mit seinem revolutiouäreu Drang zur Natnr und der Gefahr Katilinarier zu werden, den Menschen Goethes, den beschaulichen Menschen im hohen Stil, eine erhaltende nnd verträgliche Kraft, aber mit der Gefahr zum Philister zu entarten; nnd nun zum Dritten — nicht, wie man erwartet, den llomms ä'aetion, wobei es in den siebziger Jahren nahe lag an einen ganz bestimmten zu denken, sondern, nach seinen subjektiven Bedürfnissen und Neigungen zurccht gemacht, den Menschen Schopenhauers, der ein Denker, ein Künstler nnd, weil er am Leben leidet und vom Leben erlösen soll, ein Heiliger sein muß. Damit ist uns der Weg zur wahren Kultur gewiesen, er heißt: „die Erzeugung des Philosophen, des Künstlers nnd des Heiligen iu uns und außer uns zu fördern und dadurch an der Vollendnng der Natur zu arbeiten". Der andere „Erzieher" war Richard Wagner. Aber in dem Augenblick, wo Nietzsche den Hymnus auf diesen fertig hatte, kam der Bruch, die Schrift auf ihn war zugleich auch die Absage an ihn und der Abschied von ihm. In diesen Sturz wird auch Schopenhauer mit hineingezogen, und nun folgt jählings die positiviftische Umkippung Nietzsches. Der früher als Mörder der Tragödie und als Plebejer hart gescholtene Sokrates steigt mit einem Mal im Werte, selbst die Geschichte und mit ihr die Tugend der Bescheidung und der Besonnenheit wird gepriesen, dagegen treten Genie und Kunst als minderwertig zurück. Der tüchtige Friedrich Nietzsche. 591 Handwerkererust ist mehr wert als natürliche Begabung und angeborenes Talent, Fleiß mehr wert als Genie. An solche große und überlegene Geister zn glauben ist nicht notwendig und hat etwas von Aberglauben an sich, und wer gar an sein eigenes Genie glaubt, verfällt wie Napoleon I. einem fast wahnsinnigen Fatalismus, der ihn seines Schnell- und Scharfblicks beraubte und die Ursache seines Untergangs wurde. Uud höher als die Kuust und als alles Dionysische stellt er nuu die gemäßigte Zone der Wissenschaft: „man hat dem Christentum, den Philosophen, Dichtern, Musikern eine Überfülle tief erregter Empfindungen zu danken: damit diese uns uicht überwuchern, müssen Nur den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher im ganzen etwas kälter und skeptischer macht und namentlich den Glutstrom des Glaubens an letzte endgültige Wahrheiten abkühlt". Darum ist ihm das Ziel der Kultur nicht mehr die Erzeugung des künstlerischen Genies, sondern die Erkenntnis der Wahrheit. Doch das war für Nietzsche nur Vordergrundsphilosophie, Übergang, nichts als Übergang; und so ist mitten in dieser zweiten Periode die dritte schon im Anzug. Dabei hilft ihm der Positivismus selbst über sich hiuaus: alles Erkennen ist individuell und relativ, die Welt ist nur Vorstellung; also giebt es keine Wahrheit und kein wirkliches Wissen. Damit erwehrt er sich der Tyrannei des Wahren, und bald hat ihm das Erkennen nur wieder Wert, soweit es die Schöuheit der Welt mehrt und alles, was da ist, sonniger macht. Damit sind wir wieder bei dem künstlerischen Thuu und der Kunst. Nach den Dichtern sehnt er sich als den „Astronomen des Ideals" und den Seheru, die uns von „purpur- glüheuden Sterilbildern und ganzen Milchstraßen des Schönen" zu erzählen wissen; uud mit Gefühl uud Affekt, Trieb und Instinkt kommt auch das Genie wieder oben auf. So vollzieht sich eine neue Umkippung, die zugleich etwas wie Rückkehr ist, diese Zarathustraperiode steht der ersten dionysischen näher als der zweiten Positivistischen. Zarathustra war der Stifter einer Religion der Lebensfvrderung und der Thatkraft. Das ist er auch in der uuvolleudet gebliebeneu Dichtung Nietzsches „Also sprach Zarathustra". Verkündigen soll 592 Nach 1871: äs sit-ols" er die uralte, min aber neu gewordene Lehre von der Wiederkunft des Gleichein „dieses Leben, wie du es jetzt lebst nnd gelebt hast, wirst dn noch einmal und noch unzählige Male lebeu müssen; nnd es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lnst und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muß'dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Büninen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht — und du mit ihr, Ständchen vom Staube". Vor einer solchen Wiederkehr nnd Wiederholung seines Lebens graute aber Nietzsche, diesem Manu der Schmerzen und des Leidens; gerade sür die Edleren und Feinempfindenden, die am Leben leiden, ist der Gedanke „zunächst zerdrückend"; denn um dieses Leben wieder leben zu wollen, mnß man eS schon ganz besonders lieb haben und hochhalten, uud das ist Sache des „Gesindels, das kalt nnd ohne viel innere Not" ist. Und es ist Sache der Gesunden nnd Robusten, der Lebensfrohen und Glücklichen. Nietzsche aber war nicht gesnnd und stark, er litt am Leben. Aber eben deswegen thut er sich Gewalt an, als eine Feigheit muß es ihm erscheinen, an diese Lehre nicht glauben zu wollen; er glaubt hinfort mit Leidenschast an das, was ihm Leiden schafft. Allein um das zu können, um wieder leben zu wollen, nicht bloß wieder leben zu müssen, muß er - dieses Leben erst umschafsen; nnd wie er ist uud nichts halb that, so macht er das Menschenleben nicht nur lebenswcrt, sondern göttlich, die Apotheose des Lebens und des Menschen ist ihm Bedürfnis. Hier setzt die Lehre vom Übermenschen ein, die also für ihn zunächst nnr Auskunftsmittel und Trost, eine Art Hilfshypothesc war und erst allmählich mit seinem Eigensten erfüllt zn selbständiger Bedentnng heranwuchs. Zwei oder gar drei Auffassungen des Übermenschen finden sich bei Nietzsche: eine darwinistisch-naturalistische — der Übermensch als Überart; hier gilt das Wort „der Mensch ist kein Ende"; dann aber eine zweite mehr persönliche, die der Denkweise Nietzsches, seinem Aristokratismus und —- seiner Ungeduld besser entspricht und an den früheren Gedanken, daß das Genie Friedrich Nietzsche. 59^ und seine Hervorbringnng das Ziel der Kultnrentwickeluug sei, anknüpft. Nicht um die Überart handelt es sich hier, sondern nin den exceptionellen und genialen Ausnahme- und Einzelmenschen inmitten der bestehen bleibenden Menschenart und um die Züchtung und Schöpfung solcher Menschen ans unserer Menschenart heraus. Hier gilt das Wort: „der Mensch ist ein Ende"; „nicht was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist das Problem, das ich hiermit stelle, sondern welchen Typus Mensch man züchteu soll, wollen soll, als den höherwertigen, lebenswürdigeren, znknnftsgewisseren". Aber noch einmal eine Verschiedenheit. Zunächst handelt es sich auch hier wieder ganz naturalistisch um Züchtung eines neuen Adels, eines adeligen Menschenschlags, die Ehe wird dafür in An- sprnch genommen: „nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf: dazu helfe dir der Garten der Ehe"; dieser neue Adel bildet eine Kaste, auf Blut und Abstammung kommt es dabei an. Solche Edelmenschen waren im Altertum die Adeligen in Megara, die Theognis als die „Guteu" verherrlicht, iu der Neuzeit sind es gewisse Herrschergeschlechter wie Napoleon I. als Abkömmling von Herrschernaturen der Renaissance auf Korsika, oder wie die Herren- geschtechter in der Mark, in denen die blonde Bestie gelegentlich zu Tage tritt, die sich aber dadurch als die von Natur Vornehmeren und Besseren ausweisen. Allein schließlich streift er auch diesen Rest von Naturalismus vollends ab. „Gezüchtet, gewollt, erreicht ist vielmehr das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, der Christ"; der Übermensch dagegen ist ein Glücksfall, „ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Kulturen heraus"; und gemeint sind damit weit weniger ganze Geschlechter, Stämme und Völker, als vielmehr große Einzelne, Ansnahmemenschen, Genies. Von diesen heißt es in der Götzendämmerimg: „große Männer sind wie große Zeiten Explosivstoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, daß lange ans sie hin gesammelt, gehäuft, gespart uud bewahrt worden ist, — daß lange keine Explosion stattfand. Ist die Spannung in der Masse zu groß gewordeu, so genügt der Ziegler, die geistigen n. socialen Strömmigen des in. Jahrh. 38 7.94 Nach 1871: sieele^ zufälligste Reiz, das Genie, die That, das große Schicksal in die Welt zu rusen. Was liegt dann an Umgebung, an Zeitalter, an Zeitgeist, an öffentlicher Meiuuug"! Und nun wieder: „der große Meusch ist eiu Ende; die große Zeit, die Renaissance z. B. ist ein Ende, Das Genie — in Wort, in That — ist notwendig ein Verschwender: daß es sich ausgiebt, ist seine Größe". Doch noch fehlt die Hauptsache, der Inhalt dieses Begriffs vom Übermenschen. Ihn bestimmt der Philosoph, der kein Mann der Wissenschaft uud der Gelehrsamkeit, kein historischer Mensch, sondern ein Künstler und ein Schaffender ist. Schon in seiner ersten Periode hatte Nietzsche dem Philosophen die Aufgabe zugewiesen, „auf die Verbesserung der als unveränderlich erkannten Seite der Welt loszugehcn"; jetzt bezeichnet er es als seine Aufgabe Werte zu schaffen: „die eigentlichen Philosophen sind Befehlende und Gesetzgeber, sie sagen: so soll es sein, sie bestimmen erst das Wohin nnd Wozu des Menschen, sie greifen mit schöpferischer Hand nach der Zukunft, ihr Erkennen ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist Wille zur Macht". Hier liegt der tiefste Gegensatz Nietzsches gegen Hegel und dessen bescheidene theoretische uud historische Auffassung der Philosophie und ihrer Ausgabe. Jeue Schöpfermacht soll sich uun vor allein aus moralischem Gebiet bewähren. Die Philosophen sind Psychologen und sind Moralisten — oder vielmehr „Jmmoralistcn", denn die Wertschätzungen der freien Geister sind denen entgegengesetzt, die heute Maß und Gewicht sind. Also Jmmoralist, aber uicht iu dem Siuu, als ob er alle moralische» Werte abschaffen wollte, im Gegenteil — der alten asketischen Moral stellt er eine nenc nnd vornehmere, die Moral des Willens zum Leben und zur Macht entgcgeu. Darin zeigt sich der ganz unhistorische, an die Aufklärung des vorigen Jahrhunderts erinnernde Zug in Nietzsche. Sitte, Sittlichkeit, Recht, Staat, Religion sind ihm nicht die Produkte einer vieltansendjährigen Entwickelung, sondern Werke der Willkür Einzelner — die alte Moral mit ihren asketischem Idealen ist das Werk der Priester, der Philosoph im Gegensatz zn ihnen der Schöpfer neuer Ideale. Eiu völliger Bruch mit dem Alteu ist möglich, eiu völlig ueuer Anfang ist nötig: dazu Friedrich Nicpjche, 595 bedarf es eines „cäsarischeu Züchters und Gewaltmenschen der Kultur", und das ist der Philosoph, ist Zarathustra-Nietzsche selbst. So wächst ihm der Philosoph zum Übermenschen heran, nnd die Rolle, die er sich als Philosophen zuweist, entspricht durchaus dem Größen- uud Höhengefühl, das sich an derZarnthustrnfigur berauscht und schließlich ius Ungcmcsseue gesteigert hat. Kraft dieses philosophischen Schöpferrechtes nimmt er nnn die Umwandlung aller Werte vor. Das Moralproblem hatte ihn schon in seiner zweiten Positivistischen Periode lebhaft beschäftigt; damals hatte er im Zusammenarbeiten mit seinem Freund Panl Nee der Geschichte der moralischen Empfindungen im Sinne der englischen Moralisten nachgespürt und eine Zeitlang dem Utilitarismus in der Ethik das Wort geredet. Aber diese englische Moralphilosophie wär ihm rasch zu zeitgemäß, sie fand eben damals anch in Deutschland mit ihrem Prinzip des größtmöglichen Nutzens möglichst lucler zahlreiche Anhänger; sie war ihm auch als Socinleudämonismns zu altruistisch uud socialistisch, zu sehr auf die Masse, auf die Vielzuvielen zugeschnitten, zn demokratisch. Nicht um alle öder uiele, soudern um den Einzelueu war es ihm zu thun, er kämpfte den Kampf um den Einzelnen nnd den Kampf gegen das Herdentier. Und dabei ist der erste Gegner, auf deu er trifft, der Socialismus. Ju diesem Gegensatz ist sich Nietzsche — bei ihm eine Seltenheit — immer gleichgeblieben; uud was er au ihm bekämpft, ist anch immer dasselbe, die Gleichmacherei. Sein Kampf gilt also dem Demokratischen nnd Liberalen daran — dagegen ist er „nntiliberal bis zur Bosheit". Im Zarathustra kommen die Prediger der Gleichheit als „Taranteln" besonders schlecht weg: „die Menschen sind nicht gleich, so redet ihm die Gerechtigkeit"; „Pöbel-Mischmasch" nennt er das Ideal des Socialismus; ihm, der sich als höherer Mensch fühlte, mußte die Nichtanerkennung der geistigen Arbeit, die Abweisung der Ansprüche des Individuellen im Menschen besonders unsympathisch sein. Für alles andere an dieser Bewegung hat er dagegen kein Auge: nieder ihre Ursachen noch ihre Ziele kennt er wirklich oder bemüht er sich zu kennen, und so entgeht ihm anch völlig, wieviel Kampf um den Einzelnen, wieviel „Pathos der Distanz" von unten angesehen auch in ihr steckt. 38* 596 Nach 1871: äs sivele" Wahrhaft grotesk aber wird das Mißverstehen dadurch, daß ihm Socialismus und Anarchismus zusammen sallen und er sich über den letzteren ganz besonders erbost. Denn genan soweit als er vom Socialismus abrückt, so uahe kommt er selber dem Anarchismus. Für den Staat von heute hat Nietzsche kaum ein gutes Wort, das neue deutsche Reich überhäuft er mit Bosheit, Hohu und Spott; „wir guten Europäer" wollen nichts von nationalen Unterschieden mehr wisseu, uud an Königen — „was liegt noch an Königen"! Die Verbrecher, die ihm anfangs als atavistische Menschen erschienen waren, werden ihm zu krank gemachten starken Meuscheu oder zu starken Menschen unter ungünstigen Bedingnilgen, ihre Tugenden sind von der Gesellschaft als Verbrechen gestempelt. Das trifft doch geuau auf das Anarchistenbewnßtsein zu, und dennoch sind ihm diese eine üble Rotte uud hassenswerte Gesellen. Hier liegt ein Widerspruch. Dein gegenwärtigeil Staat mit seinem demokratischen Tropfen Öls gegenüber mußte Nietzsche auf die Seite des Aiiarchismus, der kühnen Katilinarier treten und ihn durch sie negieren lassen; allein dein widerstrebte seine vornehme Natur, ihm graute vor diesen „Kanaillen", daS auch im Anarchismus steckende Prinzip der Gleichmacherei widerte ihn an. Und letzten Endes war nicht die Anarchie, sondern die Herrschaft der Starken und Mächtigen sei es in der Form einer Aristokratie und herrschenden Kaste von höheren Menschen oder als Tyrannis, als Kraft- und Gewaltsherrschaft eines Cesarc Borgia oder Napoleon I. das Ziel seiner Gedanken. Dem entspricht denn nun auch die Moral dieses Jmmoralisten. Im Gegensatz zur Schopenhauerschen Mitleidsmoral und znnl englischen Militarismus erklärt er, das Urteil „gut" rühre uicht von denen her, denen Güte erwiesen werde und nützlich sei; vielmehr seien es die Guten selbst gewesen, d. h. die Vornehmen und Starken, die Mächtigen und Höheren, welche sich selbst, ihre Art und ihr Thun als gut, als ersteil Ranges ansetzten im Gegeusatz zu allein Niedrigen, Niedriggesinnten, Gemeinen und Pöbelhasten. Der Instinkt für den Rang, das Pathos der Vornehmheit und der Distanz hat also die Werte bestimmt lind den Gegensatz vou gut und schlecht aus sich hervorquellen lassen. Der Grundtrieb der Moral ist der Wille zur Macht. Diese Mächtigen Friedrich Nietzsche. 597 aber und zum Herrscheu Geborenen siud ihm bald eine ganze Rasse — die Griechen im Gegensatz zn den Barbaren, die Römer im Gegensatz zu den Semiten, die Germanen im Gegensatz zu einer prähistorischen Urbevölkerung Europas, auf deren Grunde das Raubtier, die blonde Bestie nicht zu verkeime» ist; bald der herrschende Einzelne, der geniale Mensch, Napoleon I. z. B>, „dieses fleischgewordene Problem des vornehmsten Ideals an sich, Synthcsis von Unmensch und Übermensch", bei dem für Mitleid keiu Platz ist. Dauebeu steht, namentlich im Zarathustra, freilich auch ein feinerer und geistigerer TyPuS. Macht gewinnt nnr, wer seiner selbst mächtig ist, Härte und Strenge gegen sich übt, durch fortgesetzte Selbstüberwiuduug, also durch Leiden hindurchgegangen ist; die Grausamkeit ist hier uur eiue besondere Art von Mitleid: „was fällt, das soll man auch noch stoße»". Allem gege» diese Krast- und Gewaltmenschen erheben sich die Vielen, das ist der Sklavenanfstand der Moral, der mit deu Jude» seiueu Anfcmg geiiommen nnd im Christentum sich siegreich fortgesetzt hat. Auch hier siud die Träger entweder besondere Stämme oder Nassen wie die Juden oder eine besondere freilich teilweise auch auf Nassenunterschiede zurückzuführende Kaste wie die Tschandalas in Indien oder endlich wie die ersten Christen die kleinen Leute, die social Geriugeu uud Minderwertigen, auch der Bauerusohu und Plebejer Luther gehört hierher. Uud uoch ein Gesichtspunkt spielt herein: die Vornehmen sind auch die Physisch Starken, die Kräftigen uud Gesunden; solglich erscheinen gegen sie die Schlechten als die Schwächlichen uud Krauten, als die Physisch und Psychisch Entarteten, als Dekadenten. Während diese Uuvornehmeu alle deu Aristokraten oder Guten als „die Schlechten" gegenüberstehen, gelten ihnen jene kräftig Wollenden uud sich Durchsetzenden als „die Bösen". Die Kleinc-Leute-Moral hat erst deu Gegensatz von gut und böse geschaffen uud in die Welt gebracht. Böse ist im Sinne dieser Moral „eben der Gute der anderu Moral, der Vornehme, der Mächtige, der Herrschende, nnr umgefärbt, nur umgedeutet, nur umgesehen durch das Giftauge des Ressentiment". Das ist die große Umwertung der moralischen Werte, wie sie durch deu Sieg deS Pöbels, der Herde, der Sktaveu vollzogeil wurde; gut ist jetzt, 598 Nach 1871: „?in cls sit-els« was der Herde nützlich ist, und ist das Mittelmaß, als böse gilt, was die Einzelnen über die Herde hinaushebt. Diese Verkehruug der moralischen Welt gilt es aufzuheben; und es ist höchste Zeit, denn durch den Staat und sein Strafsystem, durch das Christentum und seine asketischen Ideale werden nicht mir die Starken als Perbrecher behandelt und angesehen, sondern sie selbst verkümmern und ersticken in dieser schlechten Lnft, in der drückenden Enge und Regelmäßigkeit der Sitte, sie stoßen sich wund an den Gitterstangen ihres Käfigs, sie werden schwach und krank nnd dekadent. Die Knltur macht krank — das ist der Rousseausche Zug iu Nietzsche; und diese Kultur ist eiue wesentlich christliche; darum Loi-Äse/. 1'inlÄmo! weg mit der asketischen Moral des Christentums! — das ist die Voltairesche Stimmung, ans der heraus sein letztes schon ganz krankhaftes Werk „der Antichrist" geschrieben ist. Als glänzender Gegensatz dazu aber erscheint ihm die Renaissance, — darin zeigt sich der ästhetische Aristokratismns Nietzsches. Nnd über allem schwebt der Geist Zarathustras, der ganz persönliche, siugulare, iudividuelle Geist Nietzsches, der erst selbst ein Dekadent nach jener Zeit der starken nnd vornehmen Adelsmenschen sich sehnt uud für die Zukunft den Übermenschen verkündigt, dann aber in nervöser Ungeduld und grandiosem Größenwahn das alles dichterisch an- tezipiert und sich selbst als diesen alles neu schaffenden Philosophen und Übermenschen fühlt. Die Wirkung Nietzsches. Daß das einschlagen und wirken, daß diese Lehre vor allem die Jugend mit sich fortreißen mnszte, versteht sich von selber. Im Staat, vor allein im deutschen Beamteu- und Militärstaat liegt die Neigung zu »informieren; je stärker also der deutsche Staat seit 1866 uud 1870 uud in ihm der Geist des Militarismus uud der Beaintenhierarchie nnd je stärker das Staatsbewußtsein in Deutschland wurde, desto mehr wurde die Eigenart und das Recht der freien Bewegung des Einzelnen gefährdet; Polizei und Staatsgewalt erdrücken bei uns die eigene Initiative, zur Selbsthilfe sind nur wenig geschickt, wir rufen sofort uach dem Staat. Und nnch im politischeu Liberalismus steckt eine stark antiindividualistische Die Wirkung Nietzsches. 599 Tendeuz: er ist der Hauptträger der demokratischen Strömung unseres Jahrhuuderts, diese hat aber entschieden die Neigung zu nivellieren, uebeu der Freiheit steht die demokratische Gleichheit, das allgemeine Stimmrecht begründet, wo ihm keine andere Gewalt entgegenwirkt, Massenherrschaft und erdrückt das Recht der Minoritäten und noch mehr das der selbständigen Einzelnen, lind nun gar der Socialismus: ich verkenne ja das Organisierende, Gliedernde, Differenzierende an ihm gewiß nicht; aber dem Einzelnen als einem sich Isolierenden wirkt er doch fraglos entgegen, mit seiner altruistischen Anschauungsweise verlangt er von ihm Unterordnung unter das Ganze und Dienst am Ganzen. In der Socialdemokratie verschmilzt sich damit noch das Prinzip der demokratischen Gleichheit, nnd in den in Arbeiterkreisen geinalten und für sie bestimmten Zukunftsbildern erscheint die socialistische Gesellschaft wie ein großer gemeinsamer Arbeits- und Speisesaal, das Geistige und Innerliche, auf dem alle Eigenart ruht, kommt nicht zu seinem Recht. Und nach, der gleichen Richtung hin wirkt die Kirche mit ihrem Traditioualismus, uud der geschichtliche Sinn des Jahrhunderts, der den Einzelnen als Glied einer Kette betrachtet und in sie einfügt. Dazu nehme man noch die Massenanhänfnng von Menschen in den tonangebenden Großstädten, die leichte Möglichkeit des Zu- sammenströmens der Meuschcu bei alle» möglichen Anlässen durch die modernen Verkehrsmittel und die dadurch angebahnte Ausgleichung der Verschiedenheiten nnd Gegensätze, die Verdrängung der Handarbeit durch die iudividuallose Fabrikware, der originelle» Tracht durch die zwar ewig wechselnde aber immer wieder alle Klassen nnd Stände gleichmachende Mode, und man wird die Klagen über das Iudividuallose und Schablonenhafte, das Uniforme und Monotone in unserer moderueu Welt verstehen: es giebt keine Originale mehr, und was noch schlimmer ist, es giebt so wenig Individualitäten und individuelle Persönlichkeiten: die Schopmhnuersche Fabrikware der Natur, die Nietzscheschen Bildnngsphilister, die Dutzendmenschen sind da und sie sind keine erfreuliche Gesellschaft. Und auch in der Theorie hat sich das niedergeschlagen nnd spiegelt sich wieder — als die weitverbreitete und vielgepriesene Lehre vom Milien. Das Thema dazu giebt uns, verwunderlich 600 Nach 1871: 6s sieeis für die vielen, die ihn nicht mehr verstehen, der Individualist Schiller, weuu er im Prolog zum Wallenstein von diesem sagt: Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen. Er selbst freilich hat uns im gleichen Stück auch gezeigt, wie man Milien und Individualität, den Notzwang der Begebenheiten mit der Freiheit des handelnden Einzelnen verknüpfen kann. Was Ein Mann kann wert sein, habt ihr nun erfahren steht auch im Wallenstein. Und so war es erst das moderne Frankreich, wo aus dem romanischen Geiste heraus nicht nur die unbestreitbare Bedeutung des Milieus erkannt, sondern auch seine Allwirksamkeit verkündigt und das Individuum von ihm erdrückt nnd verschlungen wurde. Der Historiker Taine hat dem deu schärfsten Ausdruck gegeben, in der fchöneu Litteratur ist Zola sein Hauptvertreter. Nud wie iu Schillers Wallenstein häugt diese Betonung des Milieu auch hier zusammen mit dem Determinismus: vom Milieu bestimmt und ans dem Milieu heraus soll der Einzelne erklärt werden: ist er ganz bestimmt und ganz erklärt, so bleibt für sein Eigenes nichts mehr übrig. Diese deterministische Stimmung ist aber auch von wissenschaftlicher Seite her genährt nnd bestärkt worden: die Statistik ist recht eigentlich die antiindividualistische Wissenschaft und Methode, mit Massen und großen Zahlen operiert sie, Durchschnittszahlen gewinnt sie; nnd da sie vor allem Menschemnassen ins Auge faßt nnd „die Wissenschaft von den socialen Massen" ist, wobei fie gerade von den individuellen Differenzen der die socialen Massen koustituierenden Atome absehen muß, so ist sie recht eigentlich die Methode der modernsten aller Wissenschaften, der Sociologie. Nun beweist die statistische Regelmäßigkeit auch in Fällen wie Selbstmord und Verbrechen den Determinismus freilich nicht, aber überraschend uud erschreckend wie sie ist, verstärkt sie den deterministischen Zng, der vor allein von naturwissenschaftlicher Seite her in unser Denken gekommen ist. Und auch der Philosoph glaubt seinem Kant und seinem Schopenhauer, daß iu der Welt der Erscheinungen alles, auch jede einzelne menschliche Handlung determiniert sei; der Freiheit daneben noch im Reich des Jntelligibeln, in einer Hinterwelt also, eine Stelle zu lassen, erscheint dagegen den meisten als überflüssiger Luxus oder bedenklicher MystiziSmus. Die Wirkung Nietzsches. 601 Aber gerade, weil sich dieser Determinismus vor allem auf die naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt und des Menschen stützt, kommt ihm aus dem Darwinismus der Begriff der Vererbung eben recht, für den man sich ebenfalls auf Schiller, diesmal auf seine Braut von Messiua berufen kann. Was das Milieu als unmittelbar Gegenwärtiges nicht zn leisten und zu erklären vermag, das schreibt mau nun auf Rechnung der Vergangenheit: zum Notzwang der Begebenheiten kommt das Schicksal der Vererbung, die auch den letzten irrationalen Rest des Individuellen beseitigt, indem sie es aus dem Milieu der Vergangenheit erklärt und ableitet. Milien uud Vererbung sind keine sich widersprechenden, sondern es sind sich ergänzende Faktoren. Die Anwendung von allem diesem auf Sociologie, Geschichte, Kriminalistik — hierfür neuue ich neben dem Italiener Lombroso nnr den Deutschen v. Liszt — ist ja klar; von seinem Einfluß ans die poetische Litteratur wird alsbald die Rede sein, doch sei neben dem Namen Zolas auch hier schou der von Ibsen genannt. Unter dem Zeichen dieser Lehre vom Milien und von der Vererbung stand im Zeitalter des Socialismus und Darwinismus die Welt, als Nietzsche kam nnd das hohe Lied vom Einzelnen saug. Freilich Determinist war auch er, von Rasse nnd Abstammung redete er nur zu viel; aber das stand nicht im Vordergrund, als Hauptsache hörte man doch mit Recht nur jenes sein Eintreten sür das Individuum heraus. Nnn sagen heute viele namentlich der älteren: das braucht es gar nicht; einmal haben wir das schon von Schiller und Humboldt, vou Goethe und Schleiermacher her gewußt; und zum zweiten liegt der Individualismus als Egoismus, als Wille sich durchzusetzen ganz von selbst schon in der Natur des Menschen und ist eher zu dämpfen als aufzurufen und zu stärken. Beides ist richtig. Aber jener ästhetische Jndividualismns unserer klassischen uud romantische Periode war untergegangen nnd verschüttet von dem Massenbewußtsein und Massengefühl der sechziger und siebziger Jahre, übertönt von den demokratischen Gleichheits- fordernngen nnd den socialistischen und kommunistischen Zntnnfts- erwartnngcn. Und wenn sich auch das Ego uur zu sehr durchzusetzen Pflegt im Leben, so handelt es sich eben nicht »in das 602 Nach 1871: ,?in cls Mols". beliebige Ego, sondern um das eigenartige Individuum nnd um das seiner selbst mächtige Ich. Hier hat nun freilich Nietzsche des Guteil bald zu wenig und bald zn viel gethan: zu weuig, indem er diesen Einzelneu allzu naturalistisch faßt nnd sich an der bloudeu Bestie und ihrer Ranbtiernatur ohne weiteres freut; zu viel, indem er nur das geniale nnd starke Ich, den höheren Menschen, den Übermenschen anerkennt und alle andern souverän als Sklaven seiner Herrschaft uuterwirft. Tagegen gilt doch das prophetische Wort Goethes gegen alles Übermeuschentum: Wie viel bist du von andern unterschieden? Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden! Aber selbstverständlich, das; nun das klingende Wort vom Übermenschen namentlich die Jugend, die ja nie an einem Übermaß von Bescheidenheit leidet, wie ein Taumel und Rausch erfaßte, jeder Jüngling sich für ein Genie uud damit für berechtigt hielt, den Herrn zn spielen und nach den Prinzipien der Herrenmoral zn leben. Allein dieser Tanmel wäre nicht so allgemein, die Nietzschebegeisterung nicht so epidemisch geworden, wenn nicht doch ein ganz Berechtigtes uud Zeitgemäßes darin steckte, und das ist eben der Anspruch des Jndividnnms aus sich selber nnd die Notwendigkeit dieses zu schützen und vor Vergewaltigung zu bewahre». Der Kampf um den Einzelnen war historisch berechtigt uud notwendig geworden. Es war eine Auflchnuug der Jugeud — im Namen der Jugend hatte Nietzsche dereinst gegen den Historismus der Zeit Protest erhoben — gegen das Netz, das man ihr mit Milieu uud Vererbuug, mit Tradition und Sitte vom ersten Tag au über den Kops werfen wollte; und es war eiu Protest der Roinautik gegen die Prosa und Nüchternheit der statistischen Massenbevbachtnngen und der Durchschnittszahlen; nnd endlich eiu Protest des Lebens und der Lebenden gegen die vielfach wirklich znr Unwahrheit gewordenen asketischen Ideale unserer traditionellen christlichen Moral. Nnd es schlug eiu iu eiuer Zeit, die einen Großen an der Arbeit gesehen uud erfahren hatte, was Ein Mann kann wert sein. Daß hier selbst wieder Gegensätze nnd Widersprüche zusammentrafen und gegeneinander rangen, dasür war in erster Linie dvch das Leben selber verantwortlich zu machen. Die Wirkung Nietzsches, 603 Das; aber Nietzsche der große Rattenfänger von Hameln wurde snr die Jugend und für die Fraueu ün 6s sieols, das hatte noch einen andern Grund. Der Materialismus und der Positivismus hatten unser Denken verflacht, die naturwissenschaftliche Methode, so überaus geschickt und feiu zur Erforschung äußerer Beziehungen, versagte deni geistigen Leben gegenüber vielfach den Dienst und kam nicht in seine Tiefe. Das zeigt namentlich der Labvratoriums- betrieb der experimentellen Psychologie. Auch die Philosophie mit ihren subtilen erkenntnistheoretischeu Haarspaltereien behandelte den Menschen, als ob in seinen Adern nur „der verdünnte Sast von Vernunft als bloßer Dcnkthätigkeit" rinne und vergaß mir allzulange Instinkt und Trieb, Gefühl und Willen; ein Ganzes fand und gab sie uicht, sie suchte es nicht einmal. Da kam Nietzsche, der große Psychologist und Symbolist, dem alles immer wieder nur Vordergrund ist uud ließ Hintergründe und Abgründe, ließ Rätsel und Geheimnisse in Hülle und Fülle darunter und dahinter ahnen; als symbolistisches Werk hat der Zarathustra seinen größten Reiz. Und wie in die Tiefe, so führte er auch hinaus in die Weite: nicht rückwärts, sondern vorwärts ließ er Blicke thun in unserer Kinder Land, ans neue Entwickelungsmöglichkeiteu; auch damit kam er einem im Socialismus groß gewordenen Zug, der Borliebe für utopistische Zukuusts- bilder, der modernen Parusieerwartung entgegen, und befriedigte überhaupt als Seher und Prophet jenes große Sehnen und Ahnen, von dem die iu sich zerrissene und mit sich unzufrieden gewordene Zeit erfüllt war. Ob da.bei die Tiefe immer auch tief, die gewollte Eutwickelungsmöglichkeit immer auch möglich war, darauf kam uicht so viel au, wenn die Menschen mir daran glaubten. Endlich aber, Nietzsche war auch Dichter uud Künstler. Philosophie in Form eines symbolistischen Dichterwerks, in das man soviel hineindeuteu und hineinlesen, von dem man auch soviel uicht verstehen darf, das war eiu Neues uud Interessantes. Daher auch die Sprache des Zarathnstrabuches — er selbst sagt darüber: „die Sprache Luthers und die Poetische Form der Bibel als Grundlage einer neuen deutschen Prosa, das ist meine Erfindung"; aber wenn sie auch zuweilen an das Buch Hiob oder ans hohe Lied anklingt, so ist sie doch wieder himmelweit davon verschieden, weil sie ganz 604 Nach 1871: äs sidole' modern ist, Nietzsche ist ein Böcklin in Worten. Aber daraus kommt es hier nicht an, sondern nur überhaupt daraus, daß Nietzsche der schlottrigen Prosa gerade auch unserer Juugdeutschcu das Gegen- bild eines wirklichen „Stils" entgegengestellt hat. Er ist der Künstler der deutschen Prosa im guten, freilich auch im schlimmen Siun des allzu Künstlichen und Raffinierten. Und dieses souveräne Sprachgefühl, es mußte saseiuieren und hinreißen, das Raffinierte und Pikante namentlich dort imponieren, wo dem überreizten Gaumen alles Einfache als langweilig und fad erscheint uud deshalb auch das Einfachste in Pikanter Sauce serviert werdeu soll. Und Nietzsche ist Aphorist, in der Art eines Montaigne nnd Larochefoueauld, eines Labruyere und Fontenelle, eines Vanvenargues uud Chnmfort: das war noch einmal etwas Neues uud etwas ganz Zeitgemäßes. Unsere überhastige Zeit hat zum Durchlesen ernsthafter Bücher keine Zeit nnd keine Ruhe; da kameu ihr wie gerufen ganze Baude voll feingeschliffener Aphorismen, die man nnr aufzuschlagen brauchte, um immer ein Ganzes zu finden und sie jeden Augenblick weglegen, auch jeden Augenblick in ihnen blättern zu können. Endlich aber hinter dem allem eine interessante und eine durch ihr Schicksal geradezu tragische Persönlichkeit, die dadurch besonders reizte, weil sie sich in immer neue Masken hüllt und voll von Widersprüchen auch zum Widersprechen herausfordert; er selbst somit ein Stück Menschliches allzu Menschliches, er selbst eine problematische Natur und interessanter noch als alle seine Bücher. Eiu Wunder wär's zu uennen, wenn der Unzeitgemäße nicht zeitgemäß geworden wäre und nicht alle Welt hinter ihm dreiu liefe! Die Jugend und die Fraueu, die immer gauz besonders gern nach dem Neuesteil lind nach dem Paradoxen greifen und deuen das Evangelium der Eigenmacht und der Kraft imponiert, heben ihn auf den Schild, begeisterte Verehrer nnd Verehrerinnen nehmen leidenschaftlich sür ihn Partei und schreiben Bücher zn seinem Rnhm, eine Frau, Lou Andreas-Salome hat ihn bis jetzt am besten verstanden, Reiseprediger voll Pathos und Weihe tragen seine Worte uud Lehre» weiter lind unduldsame Nietzschepfasfeu brüskieren die öffentliche Meinung, die sich ihm nicht mit Haut uud Hanreu gefaugeu giebt. So ist der Einsame, dem vor seinen ersten Andere Vertreter des Individualismus. 605 Jünger» graute und der am liebsten gegen den Strom schwamm, selbst ergriffen worden vom breiten Strom der Mode und der Masse, und sein vom Größenwahn verzerrtes Bild nnr immer verzerrter geworden. Erst wenn dieser Strom abgelaufen ist, wird sich bestimmen lassen, ob er ein vorübereilendes Meteor und Irrlicht war, oder eiu Gestirn, das leuchtet, schwerlich wärmt. Heute schwankt dieses Bild noch allzusehr vou Gunst und Mißgunst aller Art verwirrt, und der Betrachter steht ihm noch zu nah. Audere Vertreter des Individualismus. Aber wie nun diese individualistische Reaktion gegen den Socialismus erfolgte, da erinuerte man sich, daß Nietzsche nicht ihr einziger Bannerträger war, sondern daß sie vor ihm und neben ihm anch andere Vertreter gefunden habe. Auf den Engländer Carlyle wies man hin, den Nietzsche selbst, wie schon erwähnt, einen „genialen Wirrkopf" genannt hatte; schon daß er sich unter den Deutschen gerade Jean Paul znm Muster nahm, spricht dafür. Auch Romantiker war er, zu Novalis hat er Beziehungen und unter Fichtes Schriften zogen ihn die späteren seines stark romantisch und religiös gefärbten Idealismus am meisten an; aber gleichwohl geht ihm für die Größe Friedrichs des Großen das Verständnis auf, weil Friedrich inmitten des nivellierenden Zuges seines rationalistischen Zeitalters ein Einzelner, ein Held war; Carlyle aber predigt — Heldcnverehrnng. Und anch ein Socialist ist er gewesen, für viele auch unter uns darum selbst einer der Führer auf dem Weg zu dieser Weltanschauung; aber am Socialismus ist ihm wie keinem die individualisierende Tendenz aufgegangen, derselbe ist von ihm wirklich als ein Kampf um den Einzelnen aufgefaßt worden. Gerade deshalb verwirft er das heutige unpersönliche Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern und fordert, daß diese zu Führern werden und so die Gesellschaft sich organisiere: auch an ein starkes sociales Königtum hat er gedacht. Die Hauptrolle aber fällt dabei den Helden zu, und das sind in unserer Zeit Schriftsteller und Dichter, die der Welt die ewigen Wahrheiten in immer uenen Symbolen und Formen zu verkündigeu haben; für sich selbst hat er dabei nur an die bescheidene Rolle eines HeldeuverehrerS gedacht. 606 Nach 1871: ,?in äs sidels'. Ebenso wie von England her Carlyle, gewinnt in neilester Zeit nnter uns auch der Däne Sören Kierkegaard Einflnß. Mit Nietzsche zeigte er sich darin verwandt, daß ihm die Wahrheit nicht an sich wertvoll und überhaupt nur soweit wahr ist, als sie Anweisung giebt für die Gestaltung des eigenen Denkens und Lebens. Ihm soll sie Autwvrt geben auf die Frage: wie kann ich als sittliche Persönlichkeit bestehen? „Feine Sensibilität für subjektive Wahrheit und ein brennendes Verlangen nach intensivem Leben" schreibt ihm daher sein Übersetzer Schrempf zu und bezeichnet seinen Egoismus iu kühner Paradoxie als das Großartigste lind Bedeutendste an ihm. Von Deutschen aber ueune ich hier zunächst die beiden Dühring und Lagarde. Jeucr ist Positivist, die Wirklichkeit ist ihm allein real und vernünstig. Und auch Socialist ist er, so sehr, daß er auf die Berliner Socialdemokraten Einfluß gewaun und Engels ihm im Parteiorgan ausführlich entgegentreten und ihn widerlegen mußte. Aber für sich selbst war er Individualist: das Recht des individuellen Denkens und des rücksichtslosen Aussprcchens ließ er sich nicht verkümmern, mit Energie wachte er über das Eigentum seiuer Gedanken und hielt so viel auf sie, daß er dariu au Nietzsches Größenwahn erinnert. Das führte ihn in Konflikt mit allein Offiziellen, mit seinen Kollegen an der Universität und mit den Parteiführern der Socialdemokratie; dagegen sahen viele Studenten zu ihm als zn ihrem „Führer" auf, uud ebenso wurde er für eine Anzahl Arbeiter etwas wie der Stister einer socialistischen Sekte. Damit blieb er zugleich dein Grundsatz treu, daß der Philosoph seine Philosophie darleben, durch seine Persönlichkeit bewahrheiten müsse. Dühring ist aus seinen persönlichen Erlebnissen heraus zum Kulturkritiker geworden, obwohl er den Pessimismus bekämpft, kann man doch bei ihm selber von Entrüstnngspessimismns reden. Darin und ebenso in seinem starken Selbstgefühl und in seinen antisemitischen Antipathien berührt er sich mit Lagarde, der Staat und Politik, Kirche und Schnle und vor allein Misere deutsche Bildung schlecht nnd deshalb so flach findet, weil sie Massenbildnng ist. Auch er geht gern seine eigenen Wege und schwimmt energisch Andere Vertreter des Individualismus. 607 gegen den Strom. In der äußeren Politik erinnert sein Eintreten für eine „organische" Verbindung mit Österreich und für die Erwerbung eines erheblichen Kolonielandcs im Osten Europas oder in Vorderasien an die Phantasien von Karl Jentsch. Im Innern verlangt er Befreiung vou dem unwürdigen Possenspiel unserer Wahlen und unserer Volksvertretungen nnd einen Kaiser, der wirklich Kaiser ist; für die Kirche Organisierung der nicht-katholischen Religiösen zu vier deutsch-österreichischen freien Kircheu und eine Theologie, die wirklich Pfadfinderin der deutschen Religion sei; und endlich eine Neugestaltung des Unterrichtswesens in dem Sinn, daß Gymnasien und Universitäten zu Anstalten werden, an denen ernstlich unterrichtet wird und unterrichtet werden kann. Und dabei wendet er sich bald gegen Liberale nnd Juden, bald gegen die Stubengelehrten und ihren „Verschwörungsapparat", die Presse, oder gegen unsere Verwaltungsbeamten, „welche als Studenten statt der Hörsäle Kneipen und Fechtböden besuchten und allerhand unserm Anschauungen widerlichen Sport betrieben, darnach sich von irgend einem ost wenig empfehlenswerten Zubläser für ihr Examen dressieren ließen, und schließlich durch ihre Familienverlundungeu an Plätze gebracht wurden, auf denen sie sich nur durch die versteckte Hilfe der von ihnen verachteten Rotüre zu halten im stände sind". So weist er überall ans Schäden in unserem Volksleben hin, Nur stehen nach ihm vor dem. Bankerott, das geistige Kapital ist nahezu aufgebraucht; dagegen kann nur ciues helfen, auf allen Gebieten „Ernft zu machen" und als Einzelner sich sür die Existenz, das Glück, die Zukunft des Ganzen in jedem Augenblick seines Lebens verantwortlich zn erachten. Hierher gehört endlich auch Christoph Schrempf, der von Kierkegaard ausgegangen ist und an diesem wie eben gesagt vor allem den „Egoismus" groß fiudet. Als Pfarrer leidet er Schiffbruch daran, daß ihm, ganz im Gegensatz zu einer früher citierten Äußerung von Strauß, nichts an der Gemeinde, alles nur au seiner eigenen sittlichen Persönlichkeit gelegen ist. Diese aber findet er durch das Amt und das kirchliche Bekenntnis und die damit verknüpfte UnWahrhaftigkeit gefährdet; „das Opfer der Persönlichkeit zu bringen dafür giebt es niemals einen zureichenden Grund"; 608 Nach 1871: äs sik-els". „der wirkliche Dienst gegen die Gemeinschaft besteht immer nur darin, daß der Einzelne sich als Persönlichkeit behauptet, vertieft, ausweitet". Darum tritt er in seiner Zeitschrift „Die Wahrheit" immer aufs neue für die Persönlichkeit und den Einzelnen ein, nnd giebt schließlich lieber die Redaktivn auf, da er sieht, daß er auch als Redakteur so wenig wie als Pfarrer solns ixse bleiben kann und dadurch in Gefahr gerät, wenn auch nur den Schein seiner „Einzigkeit", seiner Subjektivität uud Eigenart preisgeben zu müssen. Im Schrempfschen Handel tritt uns somit wirklich die große Frage des Jahrhunderts, der Kampf um den Einzelnen entgegen, während der davon ausgehende Harnacksche Apostolikumsstreit nur die Orthodoxie wieder einmal an der Arbeit zeigte und darum ganz interesse- nnd belanglos war. Um alle diese Männer aber bildeten sich Kreise von Verehrern und Anhängern, Schremps namentlich hat etwas vom schwäbischen Sekteustifter au sich; und in allen diesen Kreisen pocht man dann dem Staat oder der Kirche, der Gesellschaft oder der Tradition gegenüber auf das Recht der Individualität und fühlt sich der Masse gegenüber als eigenartige und eben darum als höhere Persönlichkeit. Die Fragen der Schulreform. Am meisten leistet immer die Jugend solchem individualistischen Aufgebot Heeres folge. So schwärmte sie in ehrlicher Heroenbegeisterung für Bismarck und brachte ihm am 1. April 1895 jene große schöne Huldigung dar. Aber auch in Nietzsche glaubt sie ihren „Erzieher" zu finden. Ein Kritiker der Knltur ist dieser gewesen, die Bildung und die Zukunft unserer Bildungsanstalten lag ihm am Herzen. Er- ziehungSfragen beschäftigten aber gleichzeitig mit ihm auch schon Lagarde und werden dann zn Ende der achtziger und bei Bcgiuu der neunziger Jahre einen Augenblick zu der brennenden Frage des Tages überhaupt. Dabei war es weit weniger die Massen- bilduug in den Volksschulen, ihre Leistungen erschienen befriedigend. Und doch läßt auch hier die Lehrerbildung zu wünschen nnd eine Erhöhung derselben wird von den Lehrern selbst anss dringendste Die Fragen der Schulreform. 609 gefordert und teilweise von der sogenannten Universitätsansdehnnngs- bewegnng erhofft; ebenso führt man zwar vielfach das Wort „sociale Pädagogik" im Munde, aber man weiß noch nicht, welchen Inhalt man ihr geben soll und was es bedeutet; und die Lehrer ließ man ohnedies wciterhnngern, wo etwas Weniges für sie geschah, da gab man es widerwillig oder gar nur halb, wie in Berlin oder in dem reichen Elsaß-Lothringen. Nur sür die vor- und nachschulpflichtige Jugend sing man langsam an besser zu sorgen, die freiwillige Erziehungsthätigkeit leistete in den Kinderhorten manches Erfreuliche. Aber nicht um diese Kinder des Volkes, sondern um die der oberen Stände in den höheren Schulen handelte es sich diesmal. Das deutsche Gymnasium in seiner heutigen Gestalt ist aus der neuhumanistischcn Bewegung hervorgegangen, in Preußen ein Kind der allgemeinen großen Bewegung von 1808, Johannes Schulze der, der ihm die feste Form gegeben hat. Aber noch bei seinen Lebzeiten erfolgten heftige Angriffe auf dieses sein Werk. Vom Süden her erklärte sich schon in den zwanziger Jahren der Bayer Fr. Thiersch gegen „die neue Lehrweisheit in Preußen oder die gleichmäßige Steigerung des klassischen und realistischen Unterrichts" und tadelte daran zweierlei: einmal den Zweck, wonach die Schule „als Teil der Staatsmaschine betrachtet und darauf beschränkt werde, dem Staat die nötige Anzahl Diener des Altars sowie der Gesetz- nud Heilkundigen und dergleichen zu liefern", andererseits die Gefahr der Überladung, Überspannung und Uberbietung „bei der alle Glieder der Schule durchdringenden Aufregung und Anspannung, welche durch eine ununterbrochene und das Einzelne der Schule umfassende Oberaufsicht getrieben und durch die strengste Kontrolle der Abiturientenprüfungen im Schwünge gehalten werde"; in diesem „dampfmaschineuähnlichen Getriebe", in dem die realistischen Fächer mit den klassischen Sprachen „in gleicher Linie, Stärke, Bedeutsamkeit" erscheinen, sei Preußen im Begriff die wahre Bildnng zu verlieren. Kurz darauf erfolgte dann auch von medizinischer Seite derselbe Angriff, Lorinsers Aufsatz „zum Schutz der Gesundheit in den Schulen" vom Jahre 1836 bezeichnete die Vielheit der Unterrichtsgegcustände und der Unterrichtsstunden als eine große Gefahr für die in unserem moderneu Leben ohnedies gefährdete Gesundheit der Jugend. Zieglcr, die geistigen u, socialen Strömungen des 19. Jahrh. 39 610 Nach 1871: ,?in 6s siede Noch wurde diesmal der Sturm abgeschlagen; aber schon 1843 kam ein neuer. Hermann Köchly fand, wie schon erzählt, noch zu wenig Realistisches und zu viel lateinischen Formalismus in unseren Gymnasien, das Gymnasium müsse mit den Bedürfnissen der Zeit in Einklang gebracht werden. Da er zu dem klassischen Altertum uicht mehr so intim stand wie die Neuhumanisten, sondern dem Geiste des Jahrhunderts entsprechend sich lediglich historisch dazu verhielt, so wollte er im Jahre der großen deutscheu Nntioual- erhebuug das Deutsche iu den Mittelpunkt gestellt wissen und davon die andern Bildungsinittcl in zwei Gruppen, der historisch-ethischen und der mathematisch-naturwissenschaftlichen, sich anschließen lassen! so nur komme man zu einem modcrn-uuiversellen Bildungsprinzip. Allein wie so vieles aus diesem Jahr der Anläufe und Ausätze blieb auch das zunächst pro nitiilo, die Reaktion ließ im allgemeinen alles beim alten. Dagegen erhielten alsbald nach Beginn der neuen Ära unter der Regentschaft des Prinzen Wilhelm die Realschulen, über die in den Reaktionsjahreu die Sonne der Gnade nicht geleuchtet, die man vielmehr wegen ihres Zusammenhangs mit den Naturwissenschaften des Materialismus verdächtigt hatte, eine feste staatliche Organisation. Da aber im preußischen Beamtenstaat die Berechtigung zum Eintritt auch in den niederen Staatsdienst fast durchweg au einige Kenntnis des Lateinischen geknüpft war, so enstand eine zweite lateinische Anstalt — das Realgymnasium. Damit schien eines erreicht: Naturwissenschaster und Mediziner klagten über Vernachlässigung und Verkürzuug der Realien auf den humanistischen Gymnasien: nun hatte man neben den alten diese neuen Anstalten, auf denen jener Forderung Rechnung getragen wurde. Und wirklich schien Ruhe einzukehren: die große Aufgabe nach 1866, in den neu erworbenen Provinzen unter möglichster Schonung des Bestehenden auch auf dem Gebiete des Schulwesens die Assimilation an das in Preußeu Geltende herbeizuführen und ebenso nach 1371 in Elaß-Lothringen das französische dnrch das deutsche Nuterrichtssystem zu ersetzen gelang über Erwarten gut, und das freilich kaum halbwahre Wort vom Schulmeister, der bei Sadowa gesiegt habe, warf einen bescheidenen Strahl vom Glanz der politischen Erfolge auch auf die Schulen und ihre Lehrer. Die Fragen der Schulreform. 611 Der Kulturkampf der siebziger Jahre machte sich auch im Schulwesen spürbar, aber er und der große Umschwung am Ende derselben nnd zu Anfang der achtziger Jahre hielt die öffentliche Meinung so sehr in Atem, daß das nur wenig beachtet wurde und in verhältnismäßiger Stille Änderungen im Lehrplan und PrüfungS- mesen vorgenommen werden konnten. Aber es war nur eine Stille vor dem Sturm. Der Boden, auf dem das deutsche Gymnasium staud, war unterwühlt und die Frage nur die, ob das Gebäude selbst morsch geworden sei und des Abbruchs bedürfe. Im eigenen Haus waren die Gymnasiallehrer selbst unzufrieden und sind es fast überall noch heute. Die Verstaatlichung der höheren Schnlen hatte auch sie zu Staats- beamteu gemacht, ihr Dienst war ein mühevoller, ihre Aufgabe, dem Staat seine Beamten vorzubilden und überhaupt die leitenden Kreise heranzuziehen, die wichtigste; und jenes Wort vom Sieg des Preußischen Schulmeisters bei Sadowa und Sedan hatte ihr Selbstbewußtsein mächtig gesteigert. Dazu stand aber weder ihr Gehalt noch ihr Rang noch ihre Wertschätzung in den Augen des Publiknms im richtigen Verhältnis; noch lastete auf ihnen in allen diesen Beziehungen etwas von der alten Mißachtung der Schulmeister während dreier Jahrhunderte, und die anmaßliche Vorherrschaft des Juristenstandes, der in Deutschland überall regiert und bei seinem Mangel an Fachkcuutnissen doch immer den Technikern die eigentliche Arbeit zuweisen muß, empörte auch sie. So entstand erst eine dnmpfe Gärung, dann bildeten sich Vereine zur Hebung des Standes und es begann ein zäher Kampf gegen die Sparsamkeit der Finanzminister, den Mangel an gutem Willeu bei den juristischen Vorgesetzten nnd die Vorurteile des Publikums. Daß hierbei viel Kraft auf Äußerliches verwendet wnrde, die sachlichen Interessen der Schule darüber znrücktrateu, hohle Agitatoren an die Spitze kamen nnd das Publikum von den oft ins Kleine und Kleinliche sich verlaufenden Bestrebungen keinen günstigen Eindruck gewinnen konnte, ist nicht eigentlich die Schuld derer, die sich erzwingen mußten, was ihnen freiwillig zu geben längst schon billig gewesen wäre, als vielmehr Schuld des Staates, der das versäumte. Allein es trug doch das Seinige bei zn der allgemeinen Miß- 39» > 612 Nach 1871: cls sidels". stimmung, die in den achtziger Jahren das Gymnasium traf und das ganze höhere Schulwesen erschütterte. Noch einmal war es ein Jnteruum, ein Streit der Schulen unter sich. Das Berechtigungswesen beherrscht das preußische, seit 1873 das ganze deutsche Schulwesen, somit hängt das Gedeihen einer Schnlgattnng wesentlich ab von der Fülle der ihr staatlich zuerkannten Berechtigungen. Da war nuu sraglos das humanistische vor dem Realgymnasium und der Realschule bevorzugt; namentlich dem ersteren bliebe« mit einer kleinen Ausnahme die Pforteu zum Universitätsstudium verschlossen, speciell die Bitte um Zulassung seiner Abiturienten zum medizinischen Studium wurde immer wieder abgewiesen. Das empörte die Realschulmänner mit Recht, zumal da die Mediziuer selbst schließlich die Ablehnung nur noch mit dem schlechten äußerlichen Grund, das alte Gymnasium sei das vornehmere, motivieren konnten; und da sich die „Humanisten" unnötigerweise an dem Streit beteiligten und sich anstellten, als ob ihre Sache durch jeues Verlangen gefährdet sei, so entstand zwischen ihnen nnd den Realschulmännern ein erbitterter Kampf um das „Gymnasial- Monopol", der ebenfalls heute noch fortdauert und unter dem die Schule selbst und vor allem die klassische Bildung am meisten leidet. Denn bereits hatte sich fast plötzlich gegen diese ein Sturm vvu ungewöhnlicher Heftigkeit erhoben. Zuerst kamen an den Hochschulen Naturwissenschafter uud Mediziner und erklärten, daß die auf dem Gymnasium erworbene Vorbildung für ihre Zwecke nicht genüge. Da sie aber aus dem schon angegebenen Grunde sich nicht auf das Realgymnasium verweisen lassen wollten, so verlangten sie Verkürzung des Unterrichts in den alten Sprachen und dafür eine weit stärkere Berücksichtigung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. „Kegelschnitte, kein griechisches Skriptnm mehr"! so hat einer von ihnen diese Forderung formuliert. Dieselben Mediziner aber klagten im Buud mit Müttern und Vätern namentlich der oberen Stände über Überbürdung der Schüler und gaben in einer von Waffen starrenden Welt durch den Hinweis auf die Gefährdung der Wehrhaftigkeit des deutscheu Volkes dieseu Klagen weit größereu Nachdruck, als dies vierzig Jahre zuvor Lorinser hatte erreichen können. Und so rapid nahmen diese Über- Die Fragen der Schulreform. 613 bürdungsklagen zu, das; die Regierungen — allen voran den mit der deutscheu Schule unzufriedenen Elsässern zulieb der Freiherr von Mauteusfel als Statthalter vou Elsaß-Lothringen — Kommissionen einsetzten, medizinische Gutachten von ihnen einholten nnd auf Grund derselben sich beeilten, Minderung der Arbeit eintreten zu lassen; uud auch dabei traf Anklage und Abminderuug vor allem die alten Sprachen. Fraglos lag diesem Überbürdungsgeschrei viel Übertreibung und elterliche Weichlichkeit zn Grunde, und die medizinischen Gutachten zeigten vielfach ein erstannlichcs Maß von Unfähigkeit, gerade die Punkte zu entdecken, aus die es in Klage und Abhilfe eigentlich ankam; das konnte nur vou pädagogischer Seite aus geschehen. Denn ganz aus der Luft gegrisfeu war die Sache allerdings nicht. Die realistische Seite des utraquistischeu Systems hatte sich allmählich zu einer der sprachlich-historischeu gleichwertigen Hälfte ausgewachsen, und da auch die Lehrer dieser Fächer ihren philologischen Kollegen nicht nur au Wissen, sondern auch an Können mehr uud mehr ebenbürtig geworden waren, so hatten sich allerdings die Anforderungen und hatte sich die Last des Lernens in gewissem Sinu verdoppelt. Angesichts solcher Schwierigkeit fehlte es nicht an radikalen Geistern, die dieselbe einfach und kurz dadurch zu hebeu suchte», daß sie für alle oder doch für die Mehrzahl der höhere Bilduug suchenden Jugend schlankweg die völlige Beseitigung des altsprachlichen Unterrichts forderten. Und diesem Verlangen kam die geistige Strömung, wie sie in den achtziger Jahren sich vorzubereiten begann, zu Hilfe. So vor allem die nationale: 1870 war das Ideal, für das man schwärmte, zur Wirklichkeit geworden, man hatte Kaiser nnd Reich; nun suchte man für sein nationales Empfinden nach nenen Bethätigungsgebieten, uud eines davon war die Schule. Fast als ob die im Lateinischen und Griechischen unterrichtete Jugeud bis 1870 nicht national gefühlt uud wie 1813 und 14 so auch 1870 ihre Pflicht nicht gethan hätte, verlangte man an Stelle der Beschäftigung mit fremder Litteratur und Geschichte im Sprachlichen mehr Deutsch, im Historischeu ausschließlich „vaterländische" und namentlich auch moderne Geschichte. Steckte hier anch manches Körnlein Wahrheit und war in der That Versäumtes 614 Nach 1871: „5in äs sisels« gut zu machen und nachzuholen, so war doch der großwortige Chauvinismus erschreckend, der sich hierbei offenbarte nnd kläglich die Verständnislosigkeit dieser Patrioten für das, was das Altertum in seiner stillen Größe zur Weckuug wahrer Vaterlandsliebe nnd was die Eingliederung des Knaben in das Ganze eines Schnl- organismus wie zur Bildung des Charakters überhaupt so speciell auch zur staatsbürgerlichen uud socialen Erziehung beitrügt. Dazu kam fürs zweite der Realismus in der Kunst, wie wir ihn alsbald kennen lernen werden. Banausen und Philister hat es natürlich zu alleu Zeiten gegeben und sie sind niemals Freunde des klassischen Altertums und des klassischen Unterrichts gewesen; denn sie vermögen den Nutzen desselben nicht einzusehen und der ideale Hauch der Freiheit und der Schönheit, der das Griechentum durchzieht, ist ihnen unbequem und stört sie in ihrem satten Behagen. Jetzt aber kam ihnen ein wirklich nnd prinzipiell Neuest die moderne Kunstrichtung zu Hilfe, die dem idealistischen Schönmacheu einer altgewordenen Poesie und Kunst gegenüber aus Natürlichkeit und Wahrheit dringt und das Charakteristische und Bedeutende höher stellt als das Typische und Schöne. Sie schließt eben damit die Abwendung vom klassischen Kunstideal ein, und so tonnten sich mit Recht und Unrecht alle auf sie berufen, welche für dieses Ideal kein Verständnis und zu ihm kein Verhältnis mehr hatten. Und endlich hat — teilweise als Nachklang der materialistischen Ära der fünfziger Jahre und des philosophischen Tiefstands in Deutschland — die berechtigte Bewunderung für die gewaltigen Errungenschaften der Naturwissenschaften, der Medizin nnd der Technik die Beschäftigung mit den Geisteswissenschaften überhaupt und speciell mit der Altertumswissenschaft als ein dem modernen und praktischem Leben ganz besonders abgekehrtes Thun in dev Schätzung der Zeit zurücktreten lasseu, was sich bei manchen zn völliger Mißachtung steigert. Dabei war vielfach die Philologie mit ihrem sich Verlieren in Kleinigkeiten und ihrer Vorliebe für Entlegenes und sachlich Wertloses selbst nicht ohne Schuld. Auch einzelne hervorragende Philologen haben durch absprechendes Wesen nnd hochmütiges Herabseheu auf andere vielfach den Unmnt gegen Die Fragen der Schulreform. 615 sich herausgefordert. Eine Erklärung wie die von Wilamowitz- Moellendorff, daß der philologische Professor unter seinen Zuhörern keine Schulamts kandidaten, fondern nur Studierende der Philologie kenne und darüber, wie er feines Amtes walte, vor keinem irdischen Tribunal Rechenschaft abzulegen habe, gab doch Wohl einer längst vorhandenen Anschauung und Übung Ausdruck und erregte darum auch bei Freunden humanistischer Bildung schwersten Anstoß. Und endlich mußte ein Universitätsskandal wie in den sechziger Jahren der zwischen den beiden Philologen Ritschl und Iahn in Bonn an dem erziehenden Einfluß der Hnmaniora allerlei berechtigte Zweifel aufsteigen lassen. So erschien jene Abkehr der Zeit von den Altertnmsstudien zugleich auch fast wie eiu persönliches Gericht über ihre Vertreter, das natürlich ohne Wahl Schuldige und Unschuldige, Gerechte und Ungerechte traf. Das Schlimme aber war, daß das alles in erster Linie die Gymnasien als die Pflegstätten der klassischen Studien zu büßen hatten. Vou allen Seiten erfolgten Angriffe, der Bestand unseres ganzen höheren Unterrichtswesens wurde in Frage gestellt, Petitionen um Abänderung desselben bedeckten sich mit taufenden von Unterschriften und eine Flut von meist wertlosen Neformvorschlägen — der Minister von Goßler gab 1889 die Zahl derselben ans 344 an! — vermehrte das Chaos. In dieses Ordnung zu bringen, das Alte neu zu stützen oder an seiner Statt ein Neues zu bauen, dazu wurde im Dezember 1890 die Berliner Schulkonserenz berufen und alles blickte in jenen Tagen gespannt ans sie hin, als sollte das Heil sür unsere Bildung von ihr kommen. Das Eingreifen des Kaisers, der sich in Erinnerung an seine eigenen Kasseler Schuljahre zum Anwalt der Überbürdungsklagen uud des Vorwurfs wegen maugelnder nationaler Erziehung durch die Gymuafien machte, gab der ganzen Aktion noch mehr Schwung und Ansehen nach außen. Aber damit war auch das Interesse im wesentlichen erschöpft. Schon die Zusammensetzung der Konferenz ließ erkeuueu, daß es sich mehr um Erhaltung des Bestehenden als um einen Neuban handle; der einzige Vertreter eines pädagogisch Neueu war ein Unfähiger. Direkt aber al) iro^>u.Ii weichen. War die Vorliebe des Hofes für den Italiener ein Zeichen konservativer Rückständigkeit des Geschmacks, so entsprach Webers Musik der aktuellen Zeitströmung der Romantik und Meyerbeers auf starke Effekte berechnete und dem Geschmack dreier Nationen entgegenkommende Opern dem kosmopolitischen Wesen des jungen Deutschland und der klirrenden Phrase seiner Poesie. Hier knüpft auch Richard Wagner an. Mit einem heftigen Willen begabt, der „gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans Licht will und nach Macht verlaugt", will er zunächst nichts als wirken, siegen, erobern, vom Theater aus eine unvergleichliche Wirkung ausüben. Darin schien ihm Meyerbeer Führer werden zu können, „Nienzi" zeigt diesen Einfluß, und dnrch seine Hilfe hoffte Wagner damit an der großen Oper zu Paris anzukommen. Allein als Drama hat „Rienzi" große Schwächen, und auf Effekte verstand sich Meyerbeer doch noch besser, und so wurde sich Wagner im Gegensatz zu ihm und dem „Judentum in der Musik" über seinen Irrtum und damit über 632 Nach 1871: ,1?in cle sii-elo«. den modernen Erfolg, das moderne Publikum und das ganze moderne „Kunstlügenwesen" klar, er wurde zum Kritiker des Effekts als der „Wirkung ohne Ursache" und zum gcscllschastlicheu Revolutionär. Die revolutionäre Stimmung der vierziger Jahre, die ja auch schon im Rienzi zum Ausdruck kommt, verknüpfte sich aber zugleich auch mit der nationaleu Strömung, wie sie in der Musik durch Weber bereits ihren Einzug gehalten hatte, nnd so war Wagner noch vorher Romantiker, Weber wurde der, dem er am meisten verdankt. Und auch darin zeigt sich die Romantik, daß ihm die Musik als die tiefste Kunst das Innerste der Natnr und der Meuscheu- brnst erschließt nnd er dnrch sie alles Jauchzeu und Schluchzeu, alles Nhueu und Sehneu, alles Fühlcu uud Wolleu der Seele zum Erklingen nnd zur Aussprache zu bringen sucht. Das tritt schon im „Fliegendem Holländer" hervor, diesem Gegenstück zu Jbseus Frau vom Meere, mit seiner Balladcnstimmung, welche das Herz mit Graueu und geheimem Beben erfüllt. Romantisch im engeren Sinn waren „Tannhäuser" und „Lohengrin", aber zugleich auch musikalisch revolutionär. Doch erst der „Nibelnngen- ring" mit der Sigfriedgestalt sollte das Nevolntionsstück selbst werden. In diese revolutionäre Stimmuug kam Wagner auch durch persöuliches Erleben, durch den vollständigen Mißerfolg seiner Opern; dieser aber hing damit zusammen, daß seine Opern selbst schon durch und durch revolutionär waren, eine Völlige Umwälzung des Opern- und des Theaterweseus überhaupt zur Voraussetzung hatten uud zur Folge haben mußten. Sie waren wirklich etwas neues, Musikdrameu, in denen der dramatische Vorgang die Hauptsache war, in dreifacher Verdeutlichung sich darstellend, durch Musik, Gebärde uud Wort: „die Musik überträgt die Gruudregungeu im Jnuern der darstellenden Personen unmittelbar ans die Seeleu der Zuhörer, welche jetzt in den Gebärden derselben Personen die erste Sichtbarkeit jener inneren Vorgänge und in der Wortsprache noch eine zweite abgeblaßtere Erscheinung derselben, übersetzt in das bcwnßte Wollen, wahrnehmen". Und in dem engen Zusammenpassen nnd sich Anschmiegen des einen an das andere besteht dann vor allem die Kunst; darum ist Wagner nicht nur Tonkünstler, sondern auch Dichter und Regisseur. Dazu bedürfte es aber eines Die Musik, 633 neuen Theaters, diesem wahre Würde zn geben war für ihn ein „Kulturgedanke"; denn seither war es ja doch nur Luxus, diente nur zur Befriedigung von Scheinbedürfnissen. Wie er aber nun vor das Volk hintritt mit dem „Tannhänser" und mit „Lohengriu" und frägt: „wo seid ihr, welche ihr gleich leidet und bedürft wie ich"? da bleibt die Antwort und das Echo ans, und nun erfüllt ihn Ekel und Wut gegen eine Gesellschaft, der die Kunst nur zur Einschläserung und zur Betäubung dient, nnd er wird zum wirklichen Revolutionär. „So war ich", schreibt er selbst, „von meinem künstlerischen Standpunkt aus, auf dem Wege des Sinuens über die Umgestaltung des Theaters, bis dahin gelangt, daß ich die Notwendigkeit der hereinbrechenden Revolution von 1848 vollkommen zu erkennen im stände war". In dieser Stimmung hat er im Mai 1849 auf deu Barrikaden in Dresden mitgekämpft, und aus ihr heraus hat er an seinem „Jung Siegfrid" gearbeitet; sein Führer war damals Feuerbach. Aber es war böse Zeit, die Reaktionszeit der fünfziger Jahre, uud fo tritt an die Stelle des Nibelungenrings und ihm voran die Arbeit an „Tristan und Isolde", jenem „eigentlichen ozur8 muu-ö! hie völlig Minium', dort der Verein für Socialpolitik! Auf der eineu Seite steheu „die Weber", „Johannes" und „Die versunkene Glocke" auf der audcreu; Lamprechts kollektivistische und Marx' materialistische Geschichtsbetrachtung uud im vollen Gegensatz dazu die Individualisten Sybel, Treitschke und Friedjung; und iu merkwürdiger Verschränkung der Historismus des Jahrhunderts überhaupt mit seinem Glanben an die Macht und an das Recht des Bestehenden in seiner Existenz aufs heftigste angegriffen und bedroht von dem revolutionären Austurm einer individualistischen Jugeud gegen die Unterwerfung unter Konvention nnd Regel; die Frauensrage weiter von den einen gefaßt als Massen- und Lohnbewegung, von den andern als ein Kampf um höhere, freiere Bildung und um die individuelle Gleichberechtigung aller einzelnen; Socialpädagogik nnd Socialethik, das höchste Gut als Massenglück nnd Massenwohlsahrt, und daneben die Forderung, auch bei der Erziehung zu individualisieren und endlich einmal Ernst zu machen mit einer Ethik jenseits von Gut uud Böse bestimmt für geniale Menschen, die es satt haben, immer nur für andere zu leben, die selbst erleben und ganz schrankenlos sich ausleben wolleu. Das ist der Gegensatz der Zeit, darum wird heute gestritten, gehadert und gekämpft. Zu wessen Gunsten dieser Streit sich entscheidet, wer will es sagen? Das ist eine Zukuufts- frage, und Zukunftsfragen zu beantworten, dazn bin ich nicht da, prophezeien ist nicht meine Sache, mit der Zukunft habe ich es nicht zu thun. Wie das zwanzigste Jahrhundert aussehen und wie es seine Aufgaben löseu wird, weiß niemand von uns, zumal da hier auch das änßere Geschick unseres Volkes mit seinen Zufälligkeiten Schluß. 685 und Unberechenbarkeiten dazwischen greift. Nicht einmal das ist sicher zu sagen, welches die nächsten Aufgaben der Zukunft sein werden, obgleich dieselben ja ans der Gegenwart herauswachsen müssen. Zwischen Socialismus und Individualismus wird weiter- gcstritteu werden; doch ob einer den andern zurückdrängt oder ob beide sich incinanderschmiegen und ihre Berührungspunkte und gemeinsamen Ausgangspunkte entdecken und hervorkehren, wird man höchstens so oder so wünschen, nicht vorausbestimmen können. Aber allerdings, au der Lösuug der socialen Frage mnß weiter gearbeitet werden, und da sieht man heute schou deutlich, daß es sich uicht um einen revolutionären Hauptschlag und allgemeinen „Kladderadatsch" handeln kann, sondern daß sie iu eiue Reihe socialer Einzelaufgaben sich auflöst und mir über die Reihenfolge und das Tempo ihrer Inangriffnahme Meinungsverschiedenheiten bleiben werden. Am sichersten läßt sich der Sieg in der Frnuenfrage voraussagen: hier ist schweres Unrecht gut zu machen; die davon Betroffenen sind sich dessen bewußt und sind entschlossen, es sich nicht länger mehr anthun zu lassen, und von der anderen Seite mehren sich die, die das einsehen und ihnen Hilfe leisten; damit ist der Sieg im Prinzip bereits entschieden, und wiederum kann nur noch über Tempo nnd Reihenfolge gestritten werden; wer sich der Sache selbst entgegenstemmt, dokumentiert damit nur seine entschiedene Rückständigkeit. Ans allen diesen Gegensätzen, Kämpfen und Znknnstssorgen leuchtet aber doch überall nur jener von Pfleiderer so tapfer hervorgehobene Zug der „Thatgeschicklichkeit" hervor. Und auch an dem der „Nllgeschichtlichkeit" fehlt es nicht, d. h. an einer Jnter- nationalität nnf der einen Seite, „welche unseren Tagen so er- siMlich und iür jedermann spik'bav den weiten weltumspannenden Horizont im Unterschied von einem bloß partikularen und ortsgeschichtlichen Sonderleben giebt", und an dem Streben andererseits daß „thunlichst alle Stände, Kreise nnd Stnfen ins geschichtliche Leben und Bedeuten mit eintreten, statt lediglich als Passagiere oder gar als Ballgst mitgeführt zu werdcu, wie und wohin eine kleine Minderheit das Schiff der Geschichte steuert"; das Selbst- bestimmungsrecht gehört als demokratischer Zug mit dazu. Und 686 Nach 1871: äs sikols". noch einmal verknüpft sich dieser „Welt"begriff in Weltmacht und Weltpolitik, in Weltmarkt und Welthandel mit dem naturalistischen Wirklichkeitssinn, der deu Blick von allem Jenseitigen als dem ewig Uncrfaßbaren und Unbekannten weg der Welt und dem Leben zulenkt. Aus dieser Erde quillen unsere Freuden, und diese Sonne scheinet unseren Leiden, sagen wir mit Faust; darin liegt unsere beste Waffe gegen alle ungesunde Romantik. Daß der Unsterblichkeitsglaube im Bewußtsein der Zeit eine so kleine Rolle spielt, hängt nicht bloß mit der allgemeinen Abkehr von nnsruchtbaren Dogmen, sondern vor allem auch mit diesem Weltbewnßtsein zusammen, und freilich auch damit, daß man im socialistischen Zeitalter das Individuum so hoch nicht wertet, um ihm ewige Fortdauer zu garantieren. Der Individualist Nietzsche hat dagegen wenigstens den Tranm von der Wiederkehr des Gleichen geträumt, uud darum gehört das Wiederaufleben des Unsterblichkeitsglaubens in weiteren Kreisen doch nicht zu den unmöglichen Dingen; die spiritistische Unterströmung arbeitet dem ja vor, und manche müde Symbolistenseele, die es mit dem Leben nicht mehr ausnehmen kann oder mag, würde darin ohnedies Rettung und Halt sehen. Aber wenn wir inmitten dieser Gegensätze, die auf uns eindringen und die in jedem Einzelnen bald friedlich beisammen liegen, bald hart aufeinander stoßen, auch uicht wissen, wohin die Fahrt geht, eines hat uns das neunzehnte Jahrhundert doch sicherlich gelehrt: daß es auf uus aukoinmt, wohin wir steuern. Im Kampf umS Dasein die Hände in den Schoß legen, ist der sichere Untergang. In seiner Rastlosigkeit liegt das Erfreulichste an unserem Jahrhundert, seine Arbeitsamkeit. Darüber mag die Pflege des Innenlebens zum Teil verkürzt werden, aber der Segen der Arbeit ist auch etwas und ihu verspüren wir selbst wieder als einen innerlichen daran, daß uns die Arbeit zusammenführt nnd vereinigt; darin liegt die Hoffnung auf die Überwindung und Überwältigung der heute uoch so schroff sich anfühlenden Gegensätze. Wo Arbeit ist, ist auch Kanipf; und so werden uns Kämpfe — draußen im Wettbewerb nm unseren Anteil an der Erde und ihren Gütern und innen im Ringen der Stünde und der Parteien, der Geister nnd der Richtungen — auch scrnerhiu uicht erspart bleiben. Den ewigen Frieden, den Schluß. 687 Himmel aus Erden wird auch das zwanzigste Jahrhundert nicht bringen, daraus hat uus das neunzehnte vorbereitet mit der Fülle seiner äußeren Kriege uud seiner inneren Gegensätze. Aber eines haben wir allzu wenig gelernt, darin haben wir dem achtzehnte» gegenüber sogar erhebliche Rückschritte gemacht: wir sind in diesen Kämpfen auch innerlich streitbarer, hin und her unduldsamer geworden. Weun unsere Jugend den Kampfesmut nnd tapfereu Wahrheitssinn von heute verbinden wollte mit dem toleranten Geiste der Aufklärung, so würde das zwanzigste Jahrhundert nicht notwendig friedlicher sein müssen als das neunzehnte, aber den Ruhin gerecht zu sein auch gegen den Gegner und ihn zu verstehen und gelten zu lassen in seiner Eigenart würde es dann vor dem nnsrigcn voraus haben. Und schließlich wäre dieser Fortschritt doch der wertvollste. Ob wir ihn machen werden, das wird der Skeptiker bezweifeln; ein Tropfen Pessimismus ist nns Menschen des neunzehnten Jahrhunderts ja nlleu ins Blut gekommen, so hoffnungsfreudig wie Schiller stehen wir nicht an des Jahrhunderts Neige. Trotzdem bin ich optimistisch genug, es für möglich zu halten und daranf zu hoffen; denn diese Duldsamkeit entspricht dem deutschen Geist, und der muß sich doch immer wieder ans sich besinnen nnd aus allen romantischen Verduukeluugen uud politischen und religiösen Verirruugen zu seinem besseren Selbst zurückkehren. Noch immer gilt das Wort Hegels, daß die Geschichte ein Fortschreiten sei im Bewußtsein der Freiheit. „Frei siud aber nur die, die tapfer siud und milde zugleich — tapfer um sich nicht in Fesseln schlagen zn lassen nnd es ^aufzunehmen mit dem Leben, milde um andere zu verstehen und über dem Trennenden nicht das menschlich Einigende zn vergessen; und darum ist Goethes reine Menschlichkeit schließlich doch das Ziel, dem wir zustreben. An der Generation, die heute jnng ist, ist es diesem Ziele uüher zu kommen, als wir Menschen des neunzehnten Jahrhunderts ihm gewesen sind. In diesem Siun ruse ich dem deutschen Volk zum Autritt des neuen Jahrhunderts mein Glück aus! entgegen. Anhang: Annalen. Litteratur. Register. Ziegler, die geistigen n. socialen Strömungen des 1Z, Jahrh. 44 I. Annalen. Vorbemerkung. Des Geistes Wehen vernehmen wir wohl, waun es braust; aber wir können nicht sagen, woher es kommt nnd wann es sich erhebt. So lassen sich anch sür geistige Strömlingen keine bestimmten Ursprungszahlen angeben; nnd dazn kommen die in der Einleitung hervorgehobenen Schwierigkeiten hinsichtlich der Jnkubationsfrist der Ideen. Deshalb können hier nur ein paar wichtigere äußere Daten, Höhepunkte im Leben unseres Volkes und die Entstehnngszeit einiger bedeutsamer Geisteswerke zusammengestellt werden. Auf Vollständigkeit macht diese Tabelle somit keinen Anspruch. Die etwas bunte Mischung entspricht dem Gang der Sache selbst. 1800. Schleiermachers Monologen (Reden über die Religion 179g). Fichtcs geschlossener Handelsstaat. Schcllings transcendentaler Idealismus. Schillers Maria Stuart. 1801. Fichte gcgeu Nicolai. A. W. Schlegels Berliner Vorlesungen. 1803. Neichsdeputntioushauptschluß. Okütsaudriallcl, I^s ZcZuis 6u eliris- tiunisms. 1804. Napoleon I. Kaiser. Tiecks Kaiser Octavianus. Schillers Wilhelm Teil. Beethovens Eroica. 1805. Schiller stirbt. „Des Knaben Wnnderhorn". E. M. Arndts „Geist der Zeit". 1806. Rheinbund. Ende des alten deutschen Reichs. Schlacht bei Jena. Hegels Phäuoiucnologie. 1807. Friede von Tilsit. Fichtes Reden an die deutsche Nation. Fr. A. Wolfs „Darstellung der Altertumswissenschaft". 1808. Stcin-Hardeubergsche Rcformgesctze. Goethes Faust I. Eichhorns Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte. Fr. Schlegel über die Sprache und Weisheit der Judier. 1809. W. v. Humboldt preußischer Kultusminister. Kleists Hermannsschlacht. 1810. Berliner Universität. 1811. Niebuhrs römische Geschichte. Goethes Dichtung und Wahrheit. 1812. Russischer Feldzng Napoleons. Grimm, Kinder und Hausmärchcu. 1813—181S. Befreiungskriege. Freiheitsdichter. Görrcs' Rheinischer Merkur. Savignh „vom Beruf unserer Zeit für Rechtswissenschaft und Gesek- gebnng". Wiener Kongreß. Herstellung deS Jesuitenordens. Burschenschaft. RvtteckS Allgemeine Geschichte. 1816. NhlandS vaterländische Gedichte. Goethes „Kunst und Altertum". Bopp. Hallers „Restauration der Staatswissenschaften". 44* 692 I. Annalen. 1817. Union in Preußen. Wartbnrgfest. Grillparzers Ahnfrau. Ritters Erdkunde. 1818. Universität Bonn. 1819. Ermordung Kotzebues durch Sand. Karlsbader Beschlüsse. Jakob Grimms Deutsche Grammatik. Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung". 1820. Hegels Rechtsphilosophie. 1821. Schleiermachers „christlicher Glaube". Webers „Freischütz" in Berlin. 1823. Raumers Hohenstausen. Schlossers Geschichte des 18. Jahrh. 1824. Rankes Geschichte der romanischen und germanischen Völker. 1825. Ludwig I. König von Bayern. 1326. Uoriuinsrita (Zsrmaiiias Iiistoriea. Universität München. Lachmauns Nibelungen. 1827. Pestalozzi stirbt. 1823. Goethes und Schillers Briefwechsel. Berliner Naturforscherversammlnng: Alexander v. Humboldt. 1829. Ludwig Börne. 1830. Julirevolntion in Frankreich. 1831. Anastasius Grün. Panl PfizerS Briefwechsel zweier Deutscher. Hegel stirbt. 1832. Faust H. Goethe stirbt. Hambacher Fest. 1833. Frankfurter Putsch. Erster Elektromagnetischer Telegraph in Göttingen. 1834. Deutscher Zollverein. Schleiermacher stirbt. 1835. Strauß' Leben Jesu. Heiue und das junge Deutschland. Gewinns' Geschichte der poetischen Nativuallitteratur der Deutschen. Erste Eisenbahn in Deutschland. 1836. Jmmermanns Epigonen. 1837. Die Göttinger Sieben. Kölner Wirren, Verhaftung des Erzbischofs. 1840. Friedrich Wilhelm IV. Schons „Woher und Wohin". Strauß' christliche Glaubenslehre. Menzels Illustrationen znr Geschichte Friedrichs des Großen. 1841. Schelling, Stahl und Cornelius in Berlin. Feuerbach „Das Wesen des Christentums". Jacobys vier Fragen. 1842. Herwegh bei Friedrich Wilhelm IV. Rheinische Zeitung. Robert Mayers Wnrmetheorie. 1844. Deutschkatholizismns. Liebigs „chemische Briefe". 1845. Alexander v. Humboldts „Kosmos". 1846. Pius IX. Preußische Generalsynode. List stirbt. Germanistenversammlung in Frankfurt. 1847. Vereinigter Landtag in Preußen. Kommunistisches Manifest. 1848—49. Revolution in Deutschland. Frankfurter Parlament. 1850. Erfurter Uuionsparlament. Reaktion. Gntzkows Ritter vom Geist. 1853. Krimkrieg. Knies' „Politische Ökonomie vom Staudpunkt der geschichtlichen Methode". 1854. Die Stiehlschen Volksschulregulative. Der Materialismusstreit auf der Göttinger Naturforscherversammlung. Mommsens römische Geschichte. Scheffels Trompeter von Säkkingen. I. Annalen. 693 1855. Konkordat in Österreich. Buusens „Zeichen der Zeit" gegen Ketteler und Stahl. Freytags „Soll und Haben". 1858. Neue Ära in Preußen. 1859. Italienischer Krieg. Nativnalvcrein. Schillerfest. Darwins „Eutstehuug der Arten". 1860. Schopenhauer stirbt. 1861. Wilhelm I. König von Preußen. Militttrkonflikt. 1862. Bismarck Ministerpräsident. Deutscher Reformvereiu. Internationale Arbeiterassociation. „Zurück zu Kant!" 1863. Fürstenkongreß in Frankfurt. Lassalles vfseues Antwortschreiben. Frankfurter Schützenfest. 1864. Dänischer Krieg. SchleSwig-Holstein deutsch. Encyklika und Syllabns von Pius IX. 1865. Deutscher Protestantenverein. 1866. Krieg Preußens gegen Österreich; Preußens Vorherrschaft in Deutschland. 1867. Erster Norddeutscher Reichstag. Bismarck Bundeskanzler. Luxemburger Frage. Marx „Das Kapital" I. 1868. Erstes deutsches Zollparlament. 1870—71. Deutsch-Französischer Krieg. Wilhelm I. Kaiser von Deutschland. Bismarck Reichskanzler. Vatikan»»: und Unfehlbarkeitsdognia. Ende der weltlichen Herrschaft des Papstes. Altknthvlizismus. 1872. Freytags Ahnen. Stranß „Der alte und der neue Glaube". Falk Kultusminister i» Preußen. Der Kulturkampf. Grüuderschwindel. Verein für Socialpolitik. 1873—74. Die Maigesetze. Der Krach. 1875. Vereinigung der Lassallite» nnd Marxisten in Gotha. Dentsche Socialdemokratie. 1876. Richard Wagner? Bayreuther Festspiele. 1378. Attentat auf Kaiser Wilhelm I. Socialistengesetz. Leo XIII. Stöckers christlich-sociale Arbeiterpartei. 1879. Der Umschwung in der inneren Politik. Ende des Kulturkampfs. Bündnis mit Österreich. Treitschkes deutsche Geschichte I. 1881. Einleitung der socialen Reformen durch die kaiserliche Botschaft vom 17. November. 1883. Lutherfest. Lüderitz-Land, Begin» der deutschen Kolouialpvlitik. Richard Wagner stirbt. 1886. Evangelischer Bund. Ranke stirbt. 1888. Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich III. sterben. Kaiser Wilhelm II. Tagebuch Friedrichs nnd Bismarcks Jmmediatbericht. Wildeubruch, „die Quitzows". Nietzsches Umwertung aller Werte. 1889. Ibsen in Berlin. Gerhart Hanptmann. Sndermann. 1390. Bismarcks Sturz. Internationale Arbeiterschutzkonferenz. Ablauf des Socialistengesetzes. Berliner Schnlkonferenz. 1892. Der Bvlksschulgcsetzentwurf in Prenßen. Hauptmanns Weber. Secession der Münchner Maler. 1893. Hauptmanns Hannele. 1895. Umsturzvorlage in Preußen. II. Litteratur. Stumm gegen den Kathedersocialismus. Kiautschou. Hauptmanns versunkene Glocke, Sudermanns Johannes. Böckliuausstellung in Basel und Berlin. BiSmarck stirbt. Russischer Abrüstungsvorschlag. Kaiserin Elisabeth von Österreich durch eineu Anarchisten ermordet. II. Litteratur. Vorbemerkung. Ein Buch vhue Anmerkungen in die Welt hinausgehen zn lassen, wie es doch im Plane dieser Geschichte von Deutschlands Entwickelung im 19. Jahrhundert liegt, hat für den Verfasser viel Mißliches. Einmal bleibt dadurch manches unbegründet und uneingeschränkt, und dem läßt sich auch durch Anmerkungen am Schluß nicht mehr nachhelfen. Noch schlimmer steht es mit den Litteraturangaben. Ihre richtige Stelle finden diese immer unmittelbar dort, wo aus fremden Werken citiert wird oder solche benützt sind; nachträglich läßt sich nicht mehr alles erwähnen und anführen. Ganz wegbleiben müssen namentlich alle einzelnen Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, die gelegentlich Notizen oder Gedanken geliefert haben; doch möchte ich wenigstens die Beilage zur Allgemeinen Zeitung (u. a. Artikel von R. Eucken), die Frankfurter Zeitung (von Adolf Weyl), die Nation (von Aldenhoven, W. Kirchdach, R. M. Meyer, I. V. Widmann), die deutsche Rundschau, die sociale Praxis, die Znkunft nennen, ohne damit zu sagen, daß nur sie Ermähnung verdient hätten. Dagegen sollen die Titel derjenigen selbständigen Schriften, welche ich bei der Abfassung des Buches benützt habe, hier eine Stelle finden. Dabei ist es mir nicht um eine Ausstellung meiner Belesenheit zu thun, über diese möge sich der Leser nach dem Inhalt, nicht nach diesem Verzeichnis ein Urteil bilden, und überdies bedenken, daß ich die letzten St) Jahre selber miterlebt habe. So schließe ich denn im allgemeinen aus, was in der Darstellung selbst bereits eine Stelle gefunden hat, also vor allem die Werke der besprochenen Schriftsteller von Schleiermacher bis Nietzsche oder Gerhart Hauptmann, und nenne nur die, die ich während der Abfassung des Buches als Hilfsmittel acl Iroe gelesen oder wieder gelesen habe. Voran stelle ich einige häufiger zu Rat gezogene Nachschlagewerke und will, ohne mich dessen zn schämen, gestehen, daß mir anch Konversationslexika haben dienen müssen. Dann lasse ich diejenigen Bücher folgen, denen ich auf weitere Strecken hin vielfache Belehrung zu danken habe; darauf erst die übrigen. Die Ordnung ist in allen drei Abteilungen die alphabetische. Also noch einmal, nicht nm einen Rechenschaftsbericht über meinen Besitzstand, sondern lediglich nur Angabe meines Handwerkszenges, mit dessen Hilfe ich dieses Buch geschrieben habe, handelt es sich. Den Autoren, die mir in dieser Weise dienlich waren, sei nm so mehr gedankt, als ich mich immer mehr bestrebe, einem Bnch sein Bestes zu entnehmen, das mir daran nicht Znsagende dagegen ohne Polemik links liegen zn lassen. Umgekehrt allerdings bei Treitschke: ihm mußte ich des öfteren ausdrücklich widersprechen; waS ich ihm schulde, ver-- 694 1897. 1898. II. Litteratur. 695 gesse ich aber darum doch nicht. Endlich möchte ich an dieser Stelle auch den Herren Beamten der hiesigen Universitäts- uud Landesbiblivthek, die ich so vielfach habe bemühen müssen, meinen verbindlichsten Dank aussprechen. Straßburg i. E., 29. Oktober 1898. Theobald Ziegler. I. Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 1—44. Leipzig 1875ff. BrockhauS' Konversationslexikon, 14. Aufl. Berlin und Wien 1892 ff. Ersch u. Grnber, Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Leipzig 1818 ff. Meyers Konversationslexikon, 5. Auflage. Leipzig und Wien 18S3ff. Realencyklopädie für protestantische Theologie u. Kirche, B. 1—4 in dritter Auflage von Hanck 1896 ff., die folgenden Bände in zweiter Anfl. von Herzog u. Plitt herausgegeb. Leipzig. W. Neins Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik, B. 1—5. Langen- salza 1895 ff. H. Schultheß, Europäischer Geschichtskalender, Jahrg. 1860—1897. Nord- lingen 1361 ff. Wetzer u. Weites Kirchenlexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie u. ihrer Hilfswissenschaften, 2. Anfl., Bd. 1-11. Freiburg 1882 ff. II. Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philosophie (soweit erschienen in der Jubiläumsausgabe von 1897). Heidelberg. A. Hausrath, David Friedrich Strauß u. die Theologie seiner Zeit, 2 Teile. Heidelberg 1876, 1878. R. Haym, Die romantische Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Geistes. Berlin 1870. Richard Muther, Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert, 3 Bde. München 1893fs. Karl Neumann, Der Kampf um die neue Kunst. Berlin 1896. Friedrich Nippold, Handbuch der neuesten Kirchengeschichte, 3 Bde., 3. Aufl. Elberfeld 1880 ff. Johannes Proelß, Das jnnge Deutschland. Ein Buch deutscher Geistesgeschichte. Stuttgart 1892. Werner Sombart, Socialismus u. sociale Bewegung im 19. Jahrhundert. Jena 1896. Heinrich von Sybel, Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I. 7 Bde. München 1889/94. Heinrich von Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, ö Teile. Leipzig 1879—1894. Theobald Ziegler, Geschichte der Pädagogik mit besonderer Rücksicht ans das höhere Unterrichtswesen München 1895. III. Lou Andreas-Salom6, Friedrich Nietzsche in seinen Werken. Wien 1894. Panl Barth, Die Philosophie der Geschichte als Sociologie, Bd. 1. Leipzig 1897. Hermann Baumgarten, Historische n. politische Aufsätze u. Reden. Straß- bürg 1894. 696 II. Litteratur. Leo Berg, Zwischen zwei Jahrhunderten. Gesammelte Essays. Frankfurt 1896. --, Der Übermensch in der modernen Litteratur. Ein Kapitel zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. München 1897. Aus dem Leben Theodor von Bernhardts, 7 Teile. Leipzig 1893. Louis P. Bch, H. Heine u. Alfred de Musset. Eine biographisch-litterarische Parallele. Zürich 1897. Karl Biedermann, Erinnerungen aus der Paulskirche. Leipzig 1849. --, Dreißig Jahre deutscher Geschichte, 4. Aufl. Breslau 1896. --, 1815—1840. Fünfundzwanzig Jahre deutscher Geschichte, 2 Bde. Breslau 1889—1890. Hans Blum, Die deutsche Revolution 1848—1849. Florenz 1897. Jvh. 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Abel, Karl von 271 f. 308/ Aeschylus 24. Ahlwardt, Hermann 555. 558. Albert, König von Sachsen 549. Albrecht, Wilhelm Eduard 280. Aleander, Hieronmnus 191. Alexander der Große 84. Alexander I. von Rußland 108. 111. Altenstein, Carl Freiherr von 150. 196. 229. 231. 233. 244. 323. Angiolillo 122. Aristoteles 244. 333. 619. Arndt, Ernst Moritz 106. 107. 123. 171. 213. 259. 280. Arnim. Achim von 100. 159. 171. 173. 187. 240. Arnim, Bettina von 187 f. 232. 458. 565. 566. Arnoldi, Wilhelm, Bischof von Trier 237. Assing, Ludmilla 250. Auerbach, Berthold 192. 193. 233. Auersverg, Graf Anton Alexander von 191. 280. Augusta, deutsche Kaiserin u. Königin von Preußen 422. 430. Augustenburg, Friedrich Erbprinz von 383. ». Baboeuf, Fran?ois NoA 253. 275. Bach, Johann Sebastian 628. Bacchylides 619. Bacon, Francis 154. 327. Bahnsen, Julius 356. Bahrdt, Karl Friedrich 16 Barth, Theodor 506. Bakunin, Michael S83f. Bamberger, Ludwig 506. 552. Bassermann, Friedrich 266. 267. Bauer, Bruno 207. 209. 251. 468. 580. 582. Baumgarten, Hermann 262. 377. 392. 406. Baumgarten, Michael 304. 448. Bäumlein, Wilhelm 302. Baur, Ferdinand Christian 203. 20t. 222. 229. 248. 319. 449. 450. Bebel, Ferd. August 10. 37. 473 f. 484. 48S. 486. 506. 538. 570. 585. Becker, Nikolaus 393. Beckerath, Hermann von 280. Beethoven, Ludwig van «28. 631. 635. Begas, Karl 167. Behring, Emil Adolf 618. 683. Bekker, August Jmmanuel 156. Bellaim,, Edward 37. 484. Beneke, Friedrich Ednard 151. Bennigsen, Rudolf von 372. Beranger, Pierre Jean de 130 Berlepsch, Emilie von 562. Bernhardt, Sarah 667. Bernstein, Eduard 485. 48V. 521. Beseler, Karl Georg Christoph 230. Bethmann-Hollweg, Moriz August von 290. 362. Bettina, s. Arnim. Beyschlag, Wilibald 444. Beyme, Carl Friedrich von 124. Biedermann, Karl 289. Biester, Johann Erich 36. Birch-Pfeiffer, Charlotte 668. 702 III. Register. Bismarck, Otto Fürst von 7. 116. 128. 280. 284. 285. 286. 364. 368. 371. 372. 378—333. 395—399. 403. 404. 406—40». 420. 422. 424. 425. 426. 428—432. 433. 455. 457. 460. 462. 463. 464. 466. 467. 468. 478 f. 481. 482. 490. 494. 496. 505. 506. 507. 508. 525. 527. 528. 529. 530. S32-534. 535. 538. 539. 540. 542. 543. 545. 647. 551. 552. 608. 620. 625. 628. 646. 648. 631. 684. Bitzius, Albert (Jeremias Golthels) 192. Blanaui, Louis Auguste 275. Blatchford, Robert 511. Bleichroder, Gerson 407. 551. Blücher,Gebhardt Leberecht Fürst v. 384. Blum, Hans 274. 236. Blum, Robert 238. 280. 295. 387. Blumenbach, JohannFriedrich325.334. Blunlschli, Johann Kaspar 453. Böckh, August 156. 167. 293. Böcklin. Arnold 604.642 f. 644.645.679. Bodenstedt, Friedrich Martin 321. Bodmer, Johann Jakob 46. Böhmer, Auguste 78. Boisseree, Sulpice 174. 240. Bonald, Louis Gabriel Ambroise Vicomte de 218. Bonifaz VIII., Papst 112. Bonin, Eduard von 377 f. Bonitz, Hermann 292. 305. Boos, Martin 217. Bopp, Franz 162. 163. Borgia, Cesare 596. Börne. Ludwig 130. 176. 177—180. 183. 185. 187. 188. 650. Bosse, Julius Robert 576. Boven, Herm. v. 21.91.93.99.124.378. Brahm, Otto 656. 657. Brahms, Johannes 631. «38. Brentano. Clemens 31. 46. 47. 159. 171. 187. 218. 240. 629. Brentano, Lujo 490. 491. Bretschneider, Carl Gottlieb 243. Brockes, Berthold Heinrich 56. 69. Brown, Robert 72. Brüsewch (Leutnant a. D.) 638. Brutus 122. Bucher, Lothar 464. 506. Büchner, Ludwig 4. 329. 331. 339.354. Bülom, Hans von 466. 628. Bunsen, Christian Josias 76. 219. 224. 228. 230. 304. 308. 313—315. 433. 441. Bürger, Gottfried August 29. Burke, Edmund 85. 139. Buschhoff (Prozeß B.) 566. Busse, Karl 180. 647. 679. Buttmann, Philipp Karl 166. Byron, Georg Noel Gordon Lord 181. 355. C. Camphausen, Otto 407. Carlhle, Thomas 399. 618. «05. 606. Carriere, Moriz 344. Carstens, Asmus Jakob 240. Cäsar 323. Caserio, Santo 122. Cassius 122. Chamfort, Nikolaus 604. Chateaubriand, Franvois August 318. Christian VIII., König von Dänemark 257. Christian IX., König von Dänemark 383. Cicero 323. Claudius, Matthias 26. Clausewitz, Carl von 93. Clemens XIV., Papst 216. 442. Colding, Ludwig August 326. Cornelius, Peter von 241. 242. Cotta, Johann Friedrich Freiherr von Cottendorf 183. Cotta, Johann Georg Freiherr von Cottendorf 374. Cousin, Viktor 129. 246. Cramer, Carl Gottlob 25. Cuvier, Georg Leopold Baron von 168. 334. Czerski, Johann 237. 238. Czolbe, Heinrich 329—330. 337. D. Dahlmann, Friedrich Christoph 110. 112. 259. 263. 264. 266. 280. 281. 322. III. Register. 703 Dahn, Felix 649. 657. Dante Alighieri 80. Darwin, Charles 74. 333—339. 3S1. 361. 658. 660. Delbrück, Hans 397. 407. 513. 515. Demetrius Phalereus 620. Demokrit 328. 333. Demosthenes 157. Descartes, Rene 58. 498. Dickens, Charles 321. Diede, Charlotte 56. Diesterweg, Friedr. Ad. Wilh. 234. Dilthey, Wilhelm 364. 365. Diogenes 132. Dohna-Schlobitten, Alexander Graf von 35. Döllingcr, Johann Jgnaz223.280.282. 414. 416. 417. 419. 421. 435. 437. Dostojewski, Fedor Michajlowitsch 660. 662. 665. Droste-Hülshoff,Annettevon318—319. Droste - Vischering, Clemens August Freiherr von, Erzbischof von Köln 221. 224. 225. Droysen, Johann Gustav 266. 280. Duboc, Julius 4. Dubois-Reymoud, Emil 324. 337f. Dühring, Eugen 489. 533. 554. 606. Duncker, Max 377. Duuin, Martin von, Erzbischof von Posen 225. Dürer, Albrecht 49. Duse, Eleonore 667. E. Ebers. Georg 649. 657. Echtermeher, Ernst Thodor 206. Eckermann, Johann Peter 168. Eckstein, Friedrich August 302. Edelmann, Joh. Christian 16. Egidy, Moriz von 585f. Eichendorff, Josef Freiherr von 629. Eichhorn, Carl Friedrich 141. Eichhorn, Joh. Albrecht Friedrich 231. 233. 287. Eilers, Gerd 231. 233. Elisabeth, Königin von England 278. Emmerich, Anna Katharina 218. Empedokles 64. Enfantin,Barth6lemy Prosper253.566. Engel, Joh. Jakob 36. Engels, Friedrich 459. 469. 471. 472. 606. Erdmann. Joh. Eduard 362. Erman, Paul 91. Ernst, Herzog von Sachsen-Koburg- Gotha 321. 373. Ernst Angust, König von Hannover 258. Eschenmayer, Karl Adolf 206. Exner, Franz 292. 305. F. Fabri, Friedrich 331. Falk, Paul Ludwig Adalbert 424. 425. 428 ff. 432. 446. 447. 551. Fcchner, Gustav Theodor 74, 624. Ferdinand II., römisch-deutscher Kaiser 390. Feuerbach, Paul Joh. Anselm 112. Feuerbach, Anselm «39. Feuerbach, Ludwig 209. 210—213. 242. 247. 248. 320. 322. 329. 330 f. 337. 451. 452. 459. 469. 580. 621. 651. 679. Fichte, Joh. Gottlieb 9. 18. 21. 30. 33 f. 42. 44. V3f. 65. 66. 67. 68. 72. 76. 85. 93—95. 99. 101. 102—1V4. 107. 108. 136. 139. 171. 220. 345. 457. 518. 561. 605. 622. 626. Fichte, Hermann 331. Fiesole, Fra Giovanni Beato Angelico da 240. Finck, Heinrich T. 633. Fischer, Hannibal 342. Fischer, Johann Georg 648. Fischer, Kuno 4. 72. 111. 153. 247. 296. 331. 351. 362. 363 f. 388. 589. 624. 625. Fliedner, Theodor 215. Folien, August 128. Fontenelle, Bernard de 604. Fouque, Friedr. Heinrich Baron de la Motte 172. 704 III. Register. Forster, Georg 85. Francke, August Hermann 197. Franckenstein, Georg Arbogast Freiherr von u. zu 422. 432. Frnnz Josef, Kaiser von Osterreich 376. 390. Freiligrath, Herm. Ferdinand 252. 254. 256. 271. 275. 353. 458. 459. 646. Freytag, Gustav 171. 266. 320—321. 373. 375. 405. 530 f. «48. 649. 680. Friedjung, Heinrich 390f. 684. Friedrich I. Barbarossa, römisch-deutscher Kaiser 395. Friedrich II. der Große, König von Preußen 14. 15. 83. 84. 85. 90. 91. 98. 107. 230. 242. 376. 397. 605. 620. Friedrich III., Deutscher Kaiser, König von Preußen 529—531. 546. 555. Friedrich, Großherzog von Baden 306. 549. Friedrich I., König von Württemberg 113. Friedrich, Johannes 414. 417. Friedrich Wilhelm II., König von Preußen 83. 88. 91. Friedrich Wilhelm III., König von Preußen 52. 85. 83. 89. 91. 99.111. 139. 195. 223. 226. 227. 230. 241. 546. 631. Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen 10. 55. 143. 171. 198. 224. 226. 227-267. 278. 283. 284f. 290. 296. 297. 300. 301. 303. 308. 313. 323. 368. 376. 420. 550. 631. Fröbel, Friedrich 567. Fröbel, Julius 251. G. Gagern, Heinrich von 279. 280. Garborg, Arne 678. Gauß, Carl Friedrich 325. 327. Geffkcn, Friedr. Heinrich 530. Geibel, Emanuel 315. 341. 646. Geliert, Christian Fürchtegott 15. Genelli, Bonaventura 241. Gentz. Friedrich von 85. 89.139—140. 178. 198. 218. 311. Geoffroy Saint-Hilaire, Etienne 168. George, Henry 519. Gerbert, Camillus 444. Gerlach, Leopold von 298. 368. Gerlach, Ludwig von 196. 228. 298. 307. 386. Gerland, Georg 526. Gerok. Karl 316. 370. Gervinus, Georg Gottfried 238. 264 f. 266. 280. 338. Gesenius, Fr. Heinrich Wilhelm 196. 228. Gibbon, Edward 259. Gildemeister, Johannes 237. Giordano Bruno 427. Glagau, Otto 551. Gneisenau, Aug. Graf von 90. 91. 107. Gneist, Rudolf 407. Goethe, Joh. Wolfgang 10. 19. 21. 22-28. 29. 30. 33. 40. 43. 46. 51. 54. 56. 64. «g. 67. 71. 73. 74. 81. 84. 87. 118. 155. 158. 163. 167. 168. 171. 173,174f. 176. 177. 179. 180. 186. 187. 188. 240. 242. 243. 250. 320. 325. 333. 348. 358. 364. 366. 397. 405. 549. 561 f. 590. 601. 602. 628. 650. 651. 652. 658. 659. 663. 670. 684. 687. Goette, Alexander 334. Goeze, Joh. Melchior 206. Göhre, Paul 125. 515. Golther, Ludwig von 357. Gorres, Josef 85. 100. 110. 116. 123. 127. 128. 133. 159. 225. 236. 237. 240. 272. Gortschakow, Alexander Michailowitsch 535. Goßler, Gustav von 615. Goßner, Johannes 214. 217. 228. Gotthelf, Jeremias f. Bitzius. Gottsched, Joh. Christoph 15. Grabbe, Christian Dietrich 661. Grabow, Wilhelm 381. III. Register. 705 Gregor VH., Papst 412. Gregor XVI., Papst 216. Grillenberger. Karl 521. Grillparzer, Franz 173 f. Grimm, Gebrüder 159 f. 244. 259. Grimm, Jakob 154. 160 f. 280. Grisebach, Eduard 647. Grün, Anastasius s. Auersperg. Grün, Karl 582. Grunoiv, Eleonore 43. 47. Günther, Anton 416. Gutzkow, Karl Ferdinand 177. 186. 188. 190. 191. 195. 251. 254. 319-320. 458. 565 f. 648. Haeckel, Ernst Heinrich 77. 336. Hagen, Friedr. Heinrich von der 100. 159. 171. Hahn-Hahn, Jda Gräfin von 318. 319. 320. 321. 567. Haller, Karl Ludwig von 142-144. 145. 147. 229. 309. 310. 311. Hamann, Joh. Georg 28. Hanslick, Eduard 637. Harden, Maximilian 548. Hardenberg, Karl von 51. 98. 127. 128. 456. Harmodios 122. Harms, Klaus 195. Harnack, Adolf 451. 453. 513. 608. Hartmann, Eduard von 356—361. Hase, Karl 415. 418. Hasselmann, Wilhelm 585. Hassenpflug, Hans Fr. 297. 298. Hatzfeldt, Sophie Gräfin von 461. Hauff, Wilhelm 88. Haugwitz, Christ. Heinr. Graf von 89. Haupt, Moriz 302. Hauptmann, Gerhart 255. 662. 664. 672—679. 680. 683. Häusser, Ludwig 266. Haym, Nudolph 81. 140. 146. 147. 353 f. 373. Havuau, Julius Jakob von 297. Hebbel, Friedrich 659. Hebel, Joh. Peter 87. Hecker, Friedrich Karl Franz 252. 275. 282. 284. Hefele, Karl Joseph, Bischof von Rottenburg 413. 415. Hegel, Georg Will,. Friedr. 7. 63. 77— 82. 87. 111. 1I3f. 144-153. 163. 168. 170. 185. 196.197. 198-201. 202. 203. 206. 207. 208. 209. 210. 212. 244. 245. 246. 248. 253. 261. 308. 310. 311. 322. 323. 328. 334. 337. 352. 353. 354. 357. 362. 387. 397. 452. 461. 462. 468. 469. 471. 499. 579. 587. 594. 622. 624. 625. 683. 687. Heindorf, Ludwig Friedrich 156. Heine, Heinrich 10. 20. 176. 177. 178. 180-184. 185. 186. 190. 191. 242. 243. 245 f. 251. 253. 256. 354f. 457. 550. 566. 647. Held, Adolf 490. Helmholtz, Hermann Ludwig 77. 324. 325. 327. 334. 338. Hengstenberg, Ernst Wilhelm 19. 177. 195—198. 205. 206. 213. 228. 235. 239. 303. 304. 307. 445. 449. 651. Heraklit 2. 461. Herbart, Joh. Friedrich 362. Herder, Joh. Gottfried 22. 26. 28 —30. 32. 66. 84. 132. 155. 156. 159. 162. 174. 259. 498. 629. 658. Herkner, Heinrich 494. 517. Hermann, Gottfried 156—157. Hermes, Georg 220—221. 416. Herodot 157. Herrmann, Emil 447. Herrmann, Wilhelm 452. Hertling. Georg Freiherr von 237. Hertz, Heinrich Rudolf 77. Hertzka, Theodor 484. Herwcgh, Georg 233. 250. 252. 256. 257. 465. Herz. Henriette 35. 47. 178. 549. 562 563. Heß, Moses 582. 583. Hettner, Hermann 320. 651. Heubner, Otto Leonharo 284. Ziegler, die geistigen u. socialen Strömungen des 1Z. Jahrh. 45 706 HI- N Hehse, Paul 355. «49-«51. 653. Hinkeldey, Karl Ludw. Friedr. v. 299. Hirsch, Max 473. Hirscher, Johannes 220. Hitze, Franz 510. Hobbes, Thomas 58. 140. Hbdel, Max 122. 478. Hoff, Jakobus Hendrikus van 't 77. Hofsding, Harald 492. Hoffmann, August Heinrich von Fal- lersleben 162. Hosfmaun, Christoph 303. Hosfinann, Ernst Theodor Aniadeus 173. Hoffmann, Hans 653. Hoffmann, Wilhelm 303. Hohcnlohe - Schillingsfürst, Chlodwig Karl Viktor Fürst zu 393. 412. 413. 419. Holder, Julius 374. Hölderlin, Friedrich 24. 64. 81. 129. Holtzmann, Julius Heinrich 205. 44ö. Holz, Arno «77. 678. Homer 23. 129. 159. 316. Honorius I., Papst 413. Hobbach, Benj. Theod. Jvh. 447. Huber, Viktor Anne 255. 25«. 458. 505. Huber, Johannes 357. 414. Humboldt, Alexander von 66. 76f. 91. 250. 262. 323—32S. 326. Humboldt, Wilhelm von 23f. 25—27. 41. 42. 56. 85. 91. 99. 100—102. 104. 124. 131 f. 141. 154-155. 231. 240. 499. 579. 580. 601. 683. Hume, David 259. 364. Hus, Johannes 427. Hütten. Ulrich v. 315. 460. 461. 462. Huxlch, Thomas Henrh 395. I. Ibsen, Henrik 5. 601. 632. KSllf. 662f. 672. 673. 677. Jfflaud. August Will). 25. Jmmermann, Karl Leberecht 121. 173. 192. 319. 663. Jtzenplitz, Heinr. Aug. Graf von 478. Register. Jtzstein, Joh. Adam von 252. Jacobi, Friedr. Heinr. 17. 34. 67. Jacobh, Johann 232. 550. Iahn, Friedr. Ludw. 121. 123. 230. Iahn, Otto 302. 605. Jäger, Oscar 263. Janssen, Johannes 437. Jarcke, Karl Ernst 179. 180. Jean Panl s. Richter. Jhering, Rudolf von 623. Jentsch, Karl 543. 607. Johann, Erzherzog von Österreich, deutscher Reichsverweser 279. Jollu, Julius 418. 424. 425. Joseph II., römisch-deutscher Kaiser 216. 222. Joule, James 325. Julianus Apostata, römischer Kaiser 229. K. Kaftan, Julius 452. Kalb, Charlotte von 562. Kanitz, Hans Wilhelm Alexander Graf von 559. 560. Kant. Jmmanuel 13. 14. 15. 17. 21. 30. 34. 36. 40. 43. 44. 58. 5g-«3. 67. 68. 71. 73. 74. 76. 77. 83. 85. 86. 91. 92. 93. 95. 100. 105. 119. 13«. 137. 141. 144. 152. 156. 167. 220. 262. 311. 325. 328. 331. 333. 338. 345. 3«2-3«4. 371. 436. 450. 471. 498. 499. 540. 579. 600. 622. 623. 624. Kapff, Karl Sixt 303. 445. Karl I., König von England 332. Karl X., König von Frankreich 143. Karl August, Großherzog von Sachsen- Weimar 113. Katharina II., Kaiserin von Rußland 561. Kaufmann, Angelika 240. Kaulbach, Wilhelm von 644. Keller, Gottfr. 213.320.649. «51—«53. Kerner, Justinus 115. 172. 173. 202. 218. 648. Kerr, Alfred 31. III. Register. 707 Ketteler, Wilhelm Emmanuel Freiherr von, Bischof von Mainz 306. 313. 413. 415. 439. 441. 510. Kielmcyer, Karl Friedrich 72. Kierkegaard, Sören 5. 606. 607. Kinkel, Gottfried 295. Kinkel, Johanna 567. Kirchbach, Wolfgang 653. Kirchmann, Jul. Hermann von 489. Kleist, Heinrich von 95-97. 142. 171. 654. 659. Kleisr-Retzow, Hans Hugo von 420. Kliefoth, Theod. Friedrich 304. 445. Klinger, Max 645. Klopstock, Friedr. Gottlieb 46. 85. Knak, Gustav 447. Knapp, Albert 315—316. Knapp, Georg Friedrich 456. 491. Kneipp, Sebastian 618. Knies, Karl 489. Koch, Robert 618. Ko'chlv, Hermann 281 f. 610. Koller, Georg von 532. Körner, Theodor 106. 171. 629. 630. Kossuth, Ludwig 391. Köstlin, Reinhold 207. Kotzebue, Aug. Friedr. Ferdinaud von 25. 119. 122. 139. 174. 668. Kreutzer, Kouradin 630. Krüdener, Barbara Juliane Baronin von 108. Krnmmacher, Friedrich Wilhelm 214. Krupp, Alfred 507. Kulemaim, Wilhelm 507. Kullmann, Eduard Franz Ludwig 426. L. Labrupkre, Jean de 604. Lachmann, Karl 161 f. Ladenberg, Adalbert von 292. Lagarde, Paul Auton de «06 f. 603. 617. 627. Lamarck, Jean de 74. 333. 351. Lambruschini, Luigi, Kardinal 224. Lamennais, Hngues Felicite Robert de 218. Lamprecht, Karl 621 f. 623. 684. sLanzbehn^ „Reinbrandt als Erzieher" 617. Langbein, August Friedrich Ernst 25. Lange, Friedr. Albert 303. 473. 488. 518. Lange, Helene 575. Larvchefoucauld, Franeois Herzog vou 604. Laster, Eduard 408. 475 f. 551. Lassalle, Ferdinand 460-468. 473. 474. 479. 486. 489. 491. 505. 506. 510. 521. 648. Laube, Heinrich 177. 188. 139. 190. 251. 643. Laufs, Joseph 655. Lavvisier, Autoiuc Laureut 72. Lazarus, Moriz 623. Ledochowski, Mieczislaw Halka Graf, Kardinal 421. Lehmauu, Max 397. Leibniz, Gottfried Will). 15. 58. 61. 498. Seist, Assessor 544. Lenau, Nikolaus 355. Leubach, Franz von 643 s. 645. Leo, Heinrich 121. 441. Leo XIII., Papst 5. 430. 435. 436. Leonhardt, Gerhard Adolf Wilhelm 551. Leoiüdas 316. Leopardi, Giaeomo 355 f. Lessing, Gotthold Ephraim 17. 18. 22. 23. 84. 93. 202. 206. 555. Lewald, Fanny 254. 318. 319. 320. 321. 453. 511. 567. Liebenstcin, Ludwig August Friedrich Freiherr von 124. Lieber, Ernst 432. Liebermann, Max 645. Liebig, Justus 326-327. 328. 329. 332. 333. Liebknecht, Wilhelm 473. 474. 484. 486. 506. 509. 533. 544. Liebmann, Otto 36. Liliencron, Detlev von 315. 679. Lindau, Paul 647. 45* 708 III. Register. Liun6, Karl von 335. Lisco, Emil Gustav 447. List, Friedrich 265. 342. 488. Liszt, Franz von 601. Litzmanu. Berthold 6S4. Livins 157. Locke, John 14. 15. 364. Lombroso, Cesare 601. Lorinser, Karl Jgnaz 609. Lvrm, Hieronymus 35V. Lotze, Rud. Hermann 624. Louis Philipp, König von Frankreich 185. 257. Louise, Königin von Preußen 89. 90. Lüderitz. Franz Adolf Eduard 542. Ludwig I., König von Bayern 271 f. Ludwig II., König von Bayern 55. 241. 636. Ludwig XIV., König von Frankreich 217. 353. Ludwig, Otto 659. Luther, Martin 49. 103. 118. 120. 121. 191. 197. 243. 397ff. 415. 443. 460. 497. 534. 547. 597. 603. Lützow, Adolf Freiherr von 117. M. Mackali. J°h" Henry S83. 585. Mackenzie. Sir Morell 530. Maeterlinck, Maurice 663. Mainländer, Philipp 356. Maistre, Joseph Graf von 218. Makart, Hans 63». Mallinckrodt, Hermann von 422. Manin, Daniele 391. Manning, Henry Edward, Erzbischof von Westminster 433f. Manteuffel, Edwin Freiherr von 230. 262. 613. Manteuffel. Otto Theodor Freiherr von 369. 331. Marenholz-Bülow, Frau von 567. Marholm, Laura 650. MariaTheresia.römisch-deutscheKaiserin 561. Märklin, Christian 208. Marks, Erich 387. 407. 527. Marlo s. Winkelblech. Martin, Conrad, Bischof von Pader- boru 427. Marx, Karl 8. 256.275.459.4K8—471. 472. 473. 474. 476. 489. 504. 521. 620. 635. Mathy, Karl 238. 265. 266. 267. 275. 280. 281. 343. 384. 392. Maupassant, Guy de 659. 662. Mayer, Karl 172. Mayer, Robert 77. 325-326. 336. Mazzini, Giuseppe 130. 253. Mehring, Franz 483. Melanchthon, Philipp 243. 398. Mendelssohn, Moses 18. 181. 549. Mendelssohn-Bartholdy, Felix 630. Wenzel, Adolf 242. 631. Wenzel, Wolsgang 175-177.186.187. 190. 206. Methfessel, Albert 181. Metternich. Clemens Fürst von 106. 108. 111. 115. 121. 127. 128. 129. 139. 140. 141. 147. 178. 179. 183. 185. 191. 257. 260. 277. 374. 385. 390. 391. Metz-Darmstadt 372. Meyer, Jürgen Bona 357. Meyer, Richard M. 627. Meyerbeer, Giacomo 631. Meysenbug, Malwida von 567. Michelangelo, Buonarroti 240. 628. Mill, John Stnart 78. Miquel, Johann 559. Mohl, Moriz und Robert 280. Möhler, Joh. Adam 221—223. 409. Moleschott, Jakob 296. 329. 330 f. 354. 651. Moltke, Hellmuth Graf vou 396. Mommsen, Theodor 296. 302. 322— 323. Montaigne, Michel de 604. Montesquieu, Charles de 259. 311. Moutez, Lola 272. Montgelas, Maximilian Joseph Graf von 88. 217. Mörike, Eduard 172. 173. 130. 320. 648. III. Register. 709 Möser, Justus 84. 259. Most, Johann 584. Mottl, Felix 633. Mühler, Heinrich von 406. 423. 424. Müller, Adam 140. 141—142. 143. 145. Müller, Christian 444. Müller, Johannes 325. Müller, Johannes von 87. 159. 259. Müller, Wilhelm 130. Müllner, Adolph 173. Mundt, Theodor 177. 190. Münzer, Thomas 509. N. Nägeli, HanS Georg 630. Nägelsbach, Karl Friedrich 302. Napoleon I., Kaiser der Franzosen 86. 87. 89. 90. 91. 108. 110. 112. 113. 122. 127. 133. 139. 146. 157. 179. 217. 227. 322. 591. 593. 596. 597. 628. 658. Napoleon III., Kaiser der Franzosen 322. 371. 372. 381. 393. 398. 411. Nasse, Erwin 490. Nathusius, Marie 319. 321. Naumann, Friedrich 513f. 515. 517. 521. 557. Neander, August Wilhelm 221. Nestroh, Johann Nepomuk 174. Neumann, Karl 641. Newton, Jsaak 14. Nicolai, Christof Friedrich 18f. 20. 21. 22. 28. 36. 68. 110. Nicolovius, Georg Heinrich Ludwig 104. 231. Niebuhr, Barthold Georg 90. 91. 121. 157—158. 168. 219. 263. Nietzsche, Friedrich 8. 10. 43. 55. 82. 117 ff. 120. 197. 206. 351. 353. 365. 493. 524. 542. 583. 586-605. 606. 608. 616. 623. 628. 636. 637. 657. 660. 662. 663. 665. 678. 679. 683. 684. 686. Nikolaus I., Kaiser von Rußland 368. 583. Nikolaus II., Kaiser vou Rußland 539. Nobiling, Karl Ed. 122. 478. Novalis (eig.: Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg) 34—35. 38. 40. 42. 47. 49—52. 53. 65. 69. 89. 108. 138f. 345. 605. O. Oechelhäuser, Wilhelm 507. Oken, Lorenz 75. 324. Olbers, Wilhelm 325. Orsini, Felice Graf von 372. Otto-Peters, Luise 574. Overbeck, Friedrich 240. 241. P. Palm, Johann Philipp 88. Pastor, Ludwig 437. Pauli, Reinhold 392. Paulsen, Friedrich 365. 436. «24. Paulus, Heinrich Eberhard Gottlob 19. 206. 247. 249. Perrone, Giovanni 221. Perthes, Friedrich Christoph 19. 107. Pertz, Georg Heinrich 260. Pcstalozzi, Johann Heinrich 102. 103. 104. 234. 457. 500. 579. 683. Peters, Karl 544. Pfaff. Alexius Friedrich 332. Pfizer, Paul 172. 265 f. 267. 281. 303. Pfleiderer, Edmund 4. 525. 685. Philipp II., Konig von Spanien 439. Piazzi, Giuseppe 78. Pilvch, Karl von 241. 644. Pindar 24. Pins VII., Papst 217. Pius IX.. Papst 320. 410-414. 426. 430. 434. Platen. August, Graf von 173. Plato 43. 129. 309. 348. Pohl, Richard 637. Prblß, Johannes 566. Proudhon, Pierre Joseph 469. 580. 583. Prutz, Robert 278. Pückler-Muskau, Hermann Fürst von 192. 318. 710 III. Register. R. Racowitzn, Herr von 465. Radetzky, Joh. Wenzel Graf von 285. Nadowitz, Joseph Maria von 286. Rahel s. Varnhagen von Ense. Raimund, Ferdinand 174. Ranke, Leopold von 2V0—2«2. 263. 264. 322. 380. 620. Naphael Santi 49. 240. Rapp, Ernst 209. Näß, Andreas, Bischof von Straßburg 233. Rauch, Christian 240. 241. 242. Raumer, Friedrich von 260. 280. Raumer, Karl Otto von 299. 302. 369. S67. Ranpach, Ernst 174. Rednutz, Oskar von 31«. 318. 321. Ree, Paul 695. Reichensperger, August 422. Reimarus, Hermann Samnel 16. 202. Reimer, Georg Andreas 123. Reinhold, Professor in Berlin 494. Reinkens, Joseph Hubert, altkatholischer Bischof 417. 418. Renan, Ernest 394. Reusch, Fr. Heinrich 417. Reuter, Fritz 169. 227. 321. 405. Rew'cher, Augnst Ludwig 296. 372. Richter, Eugen 484. 506. Richter, Jean Panl Friedrich 25 f. 31. 178. 179. S62. 605. Richter, Ludwig 241. Messer, Gabriel 550. Rindfleisch, G. H. 394. Ritschl, Albrecht 39. 211. 4S0—454. Ritschl, Friedrich Wilhelm 615. Robert, Ludwig 565. Rochow, Hans Wilh. von 299. Rodbertns, Johann Karl 458. 459. 465. 489. 505. 512. Rogge, Bernhard 194. 420 f. Rohde, Erwin 23. 158. Römer, Friedrich 303. Ronge, Johannes 237 f. Röntgen, Wilhelm Konrad 618.'683. Noon, Albrecht von 378. Roquette, Otto 316. 320. Rosenkranz, Joh. Karl Fr. 206. Noßmäßler, Emil Adolf 280. Rothe, Richard 214. 215. Notteck, Karl von 124. 137. Rottmann, Karl 241. Rousseau, Jean Jacques 14. 16. 22. 28. 32. 33. 85. 134. 144. 145. 311. 498. 590. 598. 661. Rückert, Friedrich 208. Rüge, Arnold 206. 209. 239. 251. 256. Riimelin, Gustav 275. 283. Rupp, Julius 235. 239. S. Sailcr, Joh. Michael, Bischof von Regensburg 220. Sand, George 567. Sand, Karl Ludwig 122. 187. Sarachaya-Uria 275. Savigny, Friedrich Karl von 140. 160. Schaffte, Albert 484. 489. 496. 503. Scharnhorst, Gebhard Johann David von 90. Scheffel, Joseph Viktor von 317. 318. 340 f. 649. Scheibe!, Joh. Gottfried 195. Schell, Hermann 237. 438 f. Schilling, Friedrich Wilhelm Joseph 43. 49. «7—77. 78. 79. 245—249. 308. 322. 323. 328. 333. 346. 348. 357. 635. Schenk, Professor 618. Schenkel, Daniel 447. Schenkendorf,Ferd. Maximilian Gottfr, von 106. Schick. Gottlieb 240. Schiller, Friedrich 3. 4. 6. 7. 16. 19. 21. 22—27. 28. 33. 40. 43. 48. 54. 56. 61. 85. 86. 99. 100. 101. 114. 118. 119. 132. 167. 173. 174. 179. 252. 259. 278. 356. 370-371. 394. 562. 579. 580. 600. 601. 628. 648. 655. 656. 657. 658. 677. 683. 687. Schinkel, Karl Friedr. 241. III, Register, 711 Schlegel, Aug. Wilhelm 30, 43f, 159. 162. 172. Schlegel, Friedrich 24, 29, 30, 36. 40. 43. 43-47. S1. 54. 78, 106. 140, 162. 172. 175. 186. 549. 561. 564. Schlegel, Karoline 563. Schleiermacher, Friedr, Ernst Daniel 2, 19, 29. 35-43, 45 46.47.52. 56. 65. 68, 71, 97 f, 101. 105 f. 108. 121. 123. 186. 184, 195, 199. 208. 210. 213. 214. 221. 235, 450. 499. 549. 5«3f. 565. 579. 580. 601. 622. 626. 683. Schlenther, Paul 661. Schlosser, Friedrich Christoph 2K2- 2ö3. 264. Schlözer, Angust Ludwig 259. Schmalz, Theodor Anton Heinrich 121. Schmidt, Auguste 574. Schmidt, Julian 319. 373. 462. Schmidt, Kaspar s. Stirner. Schmoller, Gustav 467, 478. 483. 490, 493, 510, 513. 520. Schneckenburger, Max 393, Schnorr von Karolsseld, Julius 241, Schön, Heinrich Theodor von 232. Schönberg, Gnstav Friedrich 490, Schönlank, Brnno 486, Schopenhauer, Arthur 4, 8f, 61. 71. 82. 151. 260. 322. 344—352. 354. 356, 357. 358, 861, 362. 363. 3«4—3ö«. 451. 586. 588. 589. 590. 596. 599. 600. 624. 628. 633. 634. 636. 640. 647. 661. 678. 679. Schorlemer-Alst, Burghard Freiherr von 422. Schrempf, Christoph 453. 58«. 606. «07 f. Schröder, Friedrich Ludwig 25. Schubart, Christian Friedr. Daniel 85. Schubert, Franz 630, Schulenburg, Minister von der 92, Schulte, Johann Friedrich von 417. Schulze-Delitzsch, Hermann 372. 463, 474, Schulze, Johannes 151. 223. 231. 233. 244, 609, Schulze-Gävernitz, Gerhart von 517. Schumann, Robert 181. 630. Schurz, Karl 284. Schwann, Theodor 325. Schwegler, Albert 158. 294, Schweizer, Jean Baptiste von 468. Schwenningcr, Ernst 618, Schwind, Moritz von 241. Scott, Sir Walter 188. Sedlnitzki, Leopold Graf von, Bischof von Breslau 236. Sell, Karl 428. Semper, Gottfried 636. Shakespeare, William 22. 30. 179, 648. 654. Sickingen, Franz von 315. Siebenpfeisfer, Philipp Jakob 170. Siemens, Werner 525. Sigel, Franz 284. Sigl, Johann 409. Sigwart, Christoph 326, 624. Silcher, Friedrich 630. Simmel, Georg 624, St. Simon, Louis de 253. 566, Simson, Martin Eduard vou 280. Smith, Adam 141. 458, 471. 500. Sokrates 31, 590, Sohm, Rudolf 517, Sombart, Werner 471. 494, 521. Sömmerring, Sam, Thomas von 325. Sonnemann, Leopold 473. Sophokles 25. Spener, Philipp Jakob 308. Spiegel, Graf vvn, Erzbischof von Köln 221. 224. Spielhagen, Friedrich «48. Spieß, Christian Heinrich 25. Spinoza, Benedikt 17. 29. 34, 35. 38. 42. 58. 64. 66. 67. 68. 69. 74. 193. 238. 320, 436. 658. Spitta, Philipp 629. Spittler, Ludwig Timotheus Freiherr von 259. Spontini, GaSpar Luigi Pacifico 636. Stahl, Friedrich Julius 249, 304, 307—315. 441. 506, 558. Stammler, Rudolf 624. 712 III. Register. Steffens, Henrich 75. 195. Steiger, Edgar 657. 661. Stein, Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom 90. 98. 99. 101 f. 107. 125. 123. 139. 260. 456. Stein, Lorenz von 458. 624. Stein, Charlotte von 562. Steinthal, Hehmann 623. Stephan, Heinrich von 654. Steudel, Johann Christian Friedr. 206. Stieber, Wilhelm 474. Stieglitz, Charlotte 186. Stieglitz, Heinrich 187. Stiehl, Ferdinand 300. Stirner, Max 251. 463. 580—S82. 583. 585. 586. Stvcker, Adolf 312 f. 515. 516. 552. 5S7. Stolberg, Fritz von 19. 221. Storm, Theodor 648. Strachmitz, Moriz Graf von 315. 318. Strauß, David Friedrich 78.193.196 f. 201—210. 212. 213. 227. 229. 233. 243. 248. 262. 276. 293. 303. 330 f. 333. 339. 344. 387-390. 394. 448. 452. 529. 547. 587. 607. 642. 651. 679. Strauß, Johann 391. Strindberg, August 661. 662. 678. Stroßmaier, Joseph Georg, Bischof von Kroatien 414. Struve, Gustav von 284. Struve, Gattin des vorigen 567. Stuart, Maria, Königin von Schottland 278. Stuck, Franz 644. Stnmm-Halberg.Karl Ferdinand Freiherr von 494. 506. 507. 513. 514. 516. 535. 684. Sturm, Julius 316. Sudcrmann, Hermann 662. 004—072. 678. 679. Snlla 323. Snttner, Bertha von 539. Süvern, Johann Wilhelm 104-105. 231. Stsbel, Heinrichvon 237.261.203—204. 265. 619. 620. 684. Sydow, Adolf 447. T. Tacitns 119. Taine, Hippolhte 600. Talleyrand, Charles Maurice Herzog von 187. Taubert, A. 356. Tertullian 196. 661. Tessendors, Hermann Ernst Christian 474. 477. Theiner, Johann Anton 237. Theobald, Joseph Apollinaris Hono- ratus von 115. Thiers, Louis Adolphe 257. Thiersch, Friedr. 609. Tholuck, August 214. Thoma, Hans 655. Thomas von Aquino 410. 435. 436. Thomasins, Christian 197. Thorwaldsen, Bertel 242. Thiimmel, Wilhelm 444. Tieck, Ludlvig 28. 30. 31. 36. 46. 49. 52. 53. 54. 69. 159. Todt, Pfarrer 512. Tölcke, socialdemk. Agitator 477. Tolstoi, Leo Graf 541. 001 f. 663. Treitschke, Heinrich von 4. 91. 99. 178. 181. 196 f. 209. 228. 243. 262. 277. 311. 325. 341. 374. 392. 394. 492 f. 494. 502. 507. 518. 519. 540 f. 552f. 555. 619. 653. 684. Tzschirner, Samuel Erdmann 284. U. Überweg, Friedrich 337. Uhde, Fritz von 641. Uhland, Ludwig 48. 114f. 116. 124. 125. 127. 137. 162. 169. 172. 191. 242. 243. 249. 252. 259. 280. 281. 283. 284. 295. 648. Mich, Leberecht 235. 239. Ulrici, Hermann 33l. Unruh, Hans Viktor von 372. Nrlsperger, Johann August 214. III. Register. 713 V. Varnhagcn von Ense, Karl August 124. 184. Varnhagcn von Ense, Rahel 178. 187. 562. 565. 566. Valke, Wilhelm 229. Vaughan, Miß 412. 435. 437. AauvenargucS, Marquis de 604. Veit, Dorothea 35. 43. 46. 51. 549. 562. Veit, Philipp 241. Veuezianer, Moriz 357. Nilmar, August Friedrich Christian 297—298. 304. 445. Vincke, Ernst Friedrich Georg Freiherr von 280. Virchow, Rudolph 327. 424. 425. Vischer, Friedrich Theodor 153. 207. 280. 294. 306. 315. 316. 319. 357. 374. 375. 388. 389. 647. 653. Vogt, Karl 280. 329. 332. Lollmar, Georg von 486. 504. 521. Voltaire, Franeois Marie Arouet 14. 259. 598. Voß, Johann Heinrich 19. 20. 25. Vulpius, Christian August 25. W. Wackenroder, Wilhelm Heinrich 47. 49. Wackernagel, Philipp 290. Wagener, Hermann 505. Wagner, Adolf 490. 493. 512. 513. Wagner, Richard 55. 349. 3«5. 587. 588. 590. 628. «31—«38. Wagner, Rudolf 329. 332. Waitz, Georg 266. 230. 623. Waldeck, Benedikt 296. Wangenheim, Karl August Freiherr von 113. 114. Weber, Friedrich Wilhelm 317. 318. Weber, Karl Maria von 119. «29. 630. 631. Weber, Wilhelm Eduard 327. Wegscheider, Julius August Ludwig 196. 228. Wehlan, Assessor 544. Weis, Nikolaus, Bischof von Speyer 223. Weismann. August 337. Weitling. Wilhelm 25S. 457. 580. Weizsäcker, Karl 44». Welcker, Karl Theodor 137. 280. Wenck, Pfarrer a. D. 515. Werkmeister, Benedikt Maria Leon- hard 217. Werner, Abraham Gottlob 65. 69. 173. Werner, Gustav 215. Werner, Karl 437. Wessenberg, Jgnaz Heinrich Karl Freiherr von 219 f. Westcott. Bischof von Durham 503. Westphalen, Ferdinand Otto Wilhelm Henning von 369. De Wette, Wilhelm Martin Lebcrecht 122. 123. Wichern, Joh. Heinrich 215. 290. Wienbarg, Ludolf 177. 188 f. 190. Wiese, Ludwig 300—301. 302. Wiggers, Julius Otto August 296. Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich Freiherr von 615. Wilhelm I., Teutscher Kaiser, König von Preußen 116. 284. 3«8—370. 376. 377-378. 379. 382. 384. 387. 395. 396. 403. 422. 426. 434. 477. 479. 48vff. 495. 527. 528. 531. 533. 535. 536. 545. 547. 548. 651. 610. 645. 678. Wilhelm II., Deutscher Kaiser, König von Preußen 645. Wilhelm I., König von Württemberg 227. 271. 341. 529. Wildenbruch, Ernst von 653. «54— «55. «56. 657. Willmann, Otto 436. Winkelblech, Karl Georg (Karl Marlo) 489. Winckelmann, Johann Joachim 23. 29. Windthorst, Ludwig 422. 432. Wirth, Johann Georg August 170. >;'W^.M?S ^^^MMM»W «5WW W « S «5 714 III. Register. Wisliccmis, Gustav Adolf 235. 239. Wöhler, Friedrich 328. Wolf, Christian 15. Wolf, Friedrich August 23. 24. 155 —15«. 157. 161. Wolf, Julius 494. 557. Wöllncr, Johann Christoph von 83. 89. 109. 131. Wolzogen, Ernst von 544. 637. Wnndt, Wilhelm 261. 365. «23. 624. N. Yelin 87. 89. Vpsilanti, Alexander 129. 130. Z. Zedlitz-Trützschler, Karl Eduard Robert Graf von 432. Zeller, Eduard 81. 294. 362. 3«3. Zelter, Karl Friedrich 629. Zicglcr, Franz 464. Zola, Emil 5. 600. 601. 059 f. 662.663. Druck von Hesse 6 Becker in Leipzig. Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft, die aus Anlaß des bevorstehenden Jahrhundertwechsels die letzten hundert Jahre deutscher Entwicklung auf deu wichtigsten Kulturgebietcn historisch-kritisch behandeln. In zwangloser Reihe erscheinen im Verlage von Georg Sondi (Berlin) nacheinander folgende Einzelwerke: Geschichte der geistigen nnd socialen Strömungen vom ord. Univ.-Prof. Dr. Tcheovald Ziegler (Straßburg i. E.); Politische Geschichte vom ord. Univ.-Prof. vr. Georg Kaufmann (Brcslau); Kriegsgeschichte vom Hanptmann a. D. Fritz Hoenig (Berlin); Geschichte der Naturwissenschaften vom Prof. vr, Siegmund Günther (Technische Hochschule München) nnd vom Dr. ZraN) Carl Müller (München); Geschichte der Technik vom Geheimen Regiernngsrat Prof. Dr. Franz R^uleanr (Technische Hochschule Charlottenburg); Geschichte der bildenden Künste vom Hofrat Prof. Dr. CornellNS Gnrlitt (Technische Hochschule Dresden); Geschichte der Litteratur vom Privatdocenten Dr. Richard M. Meyer (Berlin); Geschichte der Musik vom vr. Heinrich Welti (Berliu); Geschichte des Theaters vom Dr. Panl Schlenther, Direktor des k. k. Hofburgtheaters zu Wien, der zugleich die litterarische Leituug des Gesamtwcrkes übernommen hat. Etwa 30 bis 40 Druckbogen stark, mit künstlerisch wertvollen Abbildungen versehen, in der vornehmen äußeren Ausstattung den anderen Bänden gleich, wird jedes einzelne Werk ein abgeschlossenes Ganze bilden nnd auch unabhängig von den anderen, voraussichtlich zum Ladenpreis von 10 Mark, im Buchhandel erscheinen. Jedes Werk wird in großen Zügen die Entwicklung seines besondern Kulturgebiets vorführen und zwar mit Berücksichtigung des Auslandes, soweit dies auf deutsche Kultur gewirkt hat oder von deutscher Kultur beeinflußt ist. Zumeist wird das Ausland bei den Naturwissenschaften und der Technik in Betracht kommen, weil hier die nationalen Schranken so gut wie gefallen sind. Jedes Werk will durch zusammenfassende Darstellung des geschichtlichen Verlaufs die wissenschaftliche Erkenntnis fördern, wird aber mit schriftstellerischer Kunst nach Form wie Inhalt so behandelt sein, daß es einen weiteren gebildeten Leserkreis zu fesseln vermag. Da die in den einzelnen Bänden behandelten Gebiete des Kulturlebens oft genng einander nicht nur berühren, sondern sich stellenweise fast anch decken werden, so kann es nicht fehlen, daß der Leser des Gesamtwerkes mitunter über ein und denselben Gegenstand verschiedene Auffassungen und Darstellungen kennen lernen wird, je nach den verschiedenen schriftstellerischen und wissenschaftlichen Individualitäten der Verfasser. Wir glauben darin keinen Mangel, sondern einen besonderen Reiz des Gesamtwerkes zu erkennen. Im Streben nach möglichster Objektivität einig, werden die Autoren kraft der bei ihnen anerkannten Sachkenntnis und Urteilsfähigkeit ihre eigene Meinung unabhängig von einander und unabhängig von den persönlichen Anschauungen des Herausgebers zu vertreten und zu behaupten haben. " " > ^t eO^MM^««^ ?!