England und Deutschland/Von Prof. Dr. r>. Schulze-Gaevernitz Zweite erweiterte Auflage der Festschrift zum Geburtstage Sr. Rgl. Hoheit des Großherzogs von Baden am 9. ^uli ^908 //^/F ^XPON^^veiVile Buchverlag der Hilse G. m. b. H. Berlin-Schöneberg » « » ^908 Eine tvirtschaftsxolitische Studie. „England und Deutschland" — wie viel der Stimmung und der Verstimmung ist in diesen Worten beschlossen — wie viel Gefühlswallung, die gelegentlich zur Weißglut des Hasses ausflammt, um ebenso schnell wieder abzubrennen! Ist dann der Rauch verflogen, so lächelt ein wolkenloser Himmel auf Massenbesuche und verbrüderungsfeste herab, durch welche neue Freundschaft und alte Blutsverwandtschaft — öfters etwas zu geräuschvoll — bekräftigt werden soll. Der Hochstand des politischen Wetterglases begünstigt zur Zeit — wie lange? — ruhig vorurteilslose Erwägung, prüfen wir also: Gibt es eine deutsch-englische „Frage", und was ist ihr Wesen? Bei der Beantwortung dieser Frage schieben wir die wirtschaftliche Seite der Zache in den Vordergrund. Ist auch die Wirtschaft nicht die Herrin der Politik, so ist sie doch — wie die Amme der Heldin in der Tragödie — eine vielvermögende Dienerin. Ihr Leitsaden führt zu jener „Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung oder Vorliebe für fremde Ltaaten", die Bismarcks Ideal war. Lehr wohl aber läßt — 6 — sich mit solcher Betrachtungsweise dieeine politische Leidenschaft vereinen, welche zugleich Pflicht ist: ruhig starke Liebe zum vaterlande als die höchste irdische Bestimmung des menschlichen Willens überhaupt. Sind doch Nationen die Strahlen, in denen das göttliche Licht sich aus Erden am großartigsten auseinander faltet. Je mehr wir selbst in die Tiefe dieses Fichteschen Gedankens hineinwachsen, um so mehr werden wir nationalpolitische Zielsetzung auch bei der fremden Nation und ihren Staatsmännern anerkennen und zu ehren bereit sein. Sicherlich ist für Verständigung bereits vieles erreicht, wenn man sich beiderseits aus die weitsichtige Wahrnehmung der eigenen Interessen zurückzieht, ohne von der anderen Seite mehr zu verlangen, vieles, was sonst trennend wirkte, fällt für diesen vielleicht nüchternen, aber sachgemäßen Standpunkt in das Nichts zusammen. Erinnern wir uns: schon im Krimkriege verlangte Bismarck nicht eine russische, nicht eine englische, sondern eine lediglich „preußische" Politik. Wäre ihm die Notwendigkeit eines Krieges erwiesen worden, so hätte er, wie er sagte, die deutschen Soldaten mit gleicher Genugtuung auf russische, französische oder englische Truppen feuern sehen,' in Friedenszeiten dagegen, und wenn man keinen Krieg beabsichtigt, erschienen ihm internationale Verstimmungen als „mutwillige Selbst- schwächung"/) Werfen wir zunächst einen Blick auf Großbritannien. Bekanntlich hat England seit Jahrhunderten auswärtige Fragen überwiegend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt — ein Kaufmann, der dem Kavalier das „alberne Nuhmgeschäft" überließ: mochte letzterer die britische „Krämerpolitik" verachten, der Brite hat inzwischen die Welt eingeheimst. Nach fast zweihundertjährigem Kampfe gegen Frankreich ist England — nicht ohne Hilfe deutscher Waffen, die es besoldete — im neunzehnten Jahrhundert zur Weltherrschast emporgestiegen. Seit den Napoleonischen Kriegen war England allen Mitbewerbern auf politischem wie wirtschaftlichem Gebiete unerreichbar voran. Mit der Leeherrschast besaß es das Monopol der Kolonien, an welchen die andern Nationen nur so weit Anteil hatten, als es der britischen Vormacht gefiel. In den meisten überseeischen Zonen vertrat der Brite den Europäer überhaupt. Großbritanniens Weltherrschaft war der längst begrabenen Größe des alten Rom vergleichbar. Kls England l 846 zum Freihandel überging, war die Welt britisches Wirtschaftsgebiet. England nannte sich mit Stolz „die Werkstatt der Welt". Es hoffte, daß die übrigen Nationen zum Freihandel übergehen und fortfahren würden, Nohstoffe und Nahrungsmittel gegen englische Gewerbeerzeugnisse auszutauschen. Der Größe des damaligen England war der Globus gerade groß genug. Nur der versteht die bedeutenden Manchesterleute Englands der den Freihandel als Mittel der britischen Weltherrschaft ersaßt: Beherrschung der Welt durch den Handlungsreisenden und den preiskourant. Damals durste der Brite Kosmopolit sein, weil britisches Interesse und Menschheitsinteresse für ihn zusammensielen. Insbesondere zeigte sich diese VerKoppelung idealer Menschheitsinteressen und höchst realer britischer Wirtschaftsinteressen bei der Loslösung der spanischen und portugiesischen Kolonialgebiete von ihren Mutterländern. „Spanisch Kmerika frei und, wenn wir unsere Sache nicht sehr schlecht führen, englisch." Mit Necht konnte Grillparzer solcher Freiheitsfreundlichkeit die Worte zurufen: „Ihr schwärmt entzückt mit begeisterten Blicken Für die Freiheit der Länder, die ohne Fabriken." Kber die andern Nationen waren weit entfernt, dem Sirenengesänge der Freihändler zu folgen. Fr. List forderte die allseitige Ausbildung der menschlichen Fähigkeiten für die Nation auch auf wirtschaftlichem Gebiete,- er forderte neben der Landwirtschaft, insbesondere für die vereinigten Staaten und für Deutschland, den Ausbau des Großgewerbes und der Schisfahrt. Eine Nation ohne Industrie schien ihm „ein Individuum mit einem Arm, das sich eines fremden Armes bedient, dessen Beihilfe es aber nicht für alle Fälle versichert ist". Eine Nation ohne Schiffahrt war ihm „ein Vogel ohne Flügel, ein Fisch ohne Flossen, ein zahnloser Löwe, ein Hirsch an der Krücke, ein Ritter mit hölzernem Schwert, ein Helote und ein Unecht der Menschheit". Großbritannien aber war damals der Industriestaat und der Frachtführer der Welt. Daher wandten sich die Bestrebungen Lists natürlicherweise gegen England. Auf die Wasserkante war der Blick dieses großen Süddeutschen gerichtet, der eine ferne ZuKunst vorausnahm. „Ihr aber," rief er seinen Landsleuten zu, „die ihr gegen die Wiederkehr gallischer Herrschaft eifert, solltet ihr es erträglicher oder ruhmvoller finden, daß eure Ströme und Häfen, eure Ufer und Meere fortan unter dem Einfluß der britischen stehen?" Den Ratschlägen Lists folgend, errichteten die vereinigten Staaten und Deutschland hinter Schutzzöllen ein ausblühendes Großgewerbe. Mit der Zeit entwickelten sie eine gewerbliche Ausfuhr, die bei der großen Aufnahmefähigkeit Englands sich vielfach gerade dem englischen Markte zuwandte. Vagegen verharrten sie — selbst aus- suhrfähig geworden beim Schutzzoll und erschwerten — 9 — nach wie vor der britischen Ware den Zugang zu ihren eigenen Märkten. Solch „einseitiger Freihandel" erschien dem Durchschnittsengländer seit jeher als unbillig. Eine weitere Tatsache hat diese Stimmungen verschärft: die sogenannte „aggressive Schutzzollpolitik", welche Deutschland und die vereinigten Staaten in den neunziger Iahren einschlugen. Man versteht darunter die sattsam bekannte Gepflogenheit deutscher Kartelle und amerikanischer Trusts, auf dem inneren Markte die Konkurrenz auszuschalten, die inländischen preise — häufig um den vollen Betrag des Zolls — zu steigern und auf Grund dieser inländischen Preissteigerungen die Auslandspreise herabzusetzen. Durch „Schleuderkonkurrenz" — so klagt man in England — bedrohe das Kusland zahlreiche, an sich lebenskräftige englische Industrien. Erst „dumping" erzeugte in England jene Bewegung für Vergeltung, welche mit durchaus freihändlerischer Grundüberzeugung vereinbar ist.^) 5lber auch abgesehen von diesen immerhin mehr örtlichen Beschwerden fällt es dem Briten begreiflicherweise schwer, seine Wirtschastssuprematie durch neu emporkommende Mächte bedroht zu sehen. Es fällt ihm dies um so schwerer, als mit der wirtschaftlichen auch die politische Vorherrschaft in Frage gestellt ist. Kriegsschiffe sind Maschinen — die kostspieligsten aller Maschinen — und jede Nation kann sie, auch unabhängig von langgestreckter Küstenentwicklung, in dem Maße besitzen, als es ihr gelingt, den kapitalistischen Schwerpunkt der Welt in ihr eigenes Gebiet zu rücken. Das Geschlecht, welches heute Großbritannien regiert, übt in der vierten Generation die Weltherrschaft der vorfahren- nicht leicht wird es ihm, in die Rolle des xrimus intsr parss hinabzusteigen. Die angedeuteten wirtschaftlichen Verschiebungen erhellen aus folgender Tabelle^) — 10 — W cO O r^z c?z 01 - —: <^ !^! ^: ^ «Z u^j Q 01 O cO O ^ 0Z i?; <^ ^> V . l- ^ L 01 O ^ Z !Z >0 ^ ^ - ^ ^ L ^ « c». s v ^ ^ ^ cL> O -» X! S -» -5 -» 01 -5 O 00 01 I/> ^> «1 ^ ^> s W ^ w l» S cv L ^ ^s- ^> !-» «> ^ "-^-o ^> ^ Z-^ Z s L 5 Q >^<-" -Q ^ 8 ^'"^ ^ v n >2> 2! 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Noch besitzt Großbritannien mehr als die Hälfte allen Schiffsraums und nennt mehr große Reedereien sein eigen, als alle andern Nationen zusammengenommen. Noch baut Großbritannien die Mehrzahl aller Schiffe, die den Dzean befahren; immerhin sank sein Knteil am Weltschiffsbau 1892 bis 1907 von 83,1 auf 57,9°/°. (vergl. Tab. 23—26'.) Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Baumwollindustrie, an welcher der britische Kapitalismus und Freihandel dereinst in die Höhe rankte, einen neuen Aufschwung genommen, der ihre Ueberlegenheit für Jahrzehnte festlegt, von 1903 zu 1907 vermehrte sich die Zahl der Baumwollspindeln um 17Vs°/o, die der Baumwollwebstühle um 12»/». Wie in den goldenen Tagen Ure's zahlten die englischen Baumwollspinnereien im Jahre 1907 eine vurchschnittsdividendq von 15Vs°/o. (vergl. Tabelle 12—14.) Frankreichs wirtschaftliche Weltstellung beruht aus altererbtem Kapital, das durch nüchterne Lebensgewohnheiten und Geburtenbeschränkung noch heute vermehrt wird. Ein Nentnerstaat, agrarischer Selbstversorgung zuneigend, übt Frankreich als Geldmarkt und als Land niedrigster viskontsätze einen weitreichenden internationalen Einfluß, (vergl. Tab. 5, 6, 7, 27.) Die Vereinigten Staaten haben auf Grund ungeheurer Fläche, riesiger Nohstosserzeugung und fast doppelt so starker Bevölkerung das britische Mutterland endgültig — 17 — überholt' sie sind heute die erste Wirtschaftsmacht der Welt, u. a. auch die größten Erzeuger von Edelmetall (Gold ^Silber), von Baumwolle und Erdöl. Klier ihre wirtschaftliche Struktur ist eine andere als die Großbritanniens. Noch sind die vereinigten Staaten überwiegend Binnenland, das erst neuerdings bewußtermaßen See- interessen anbaut. Noch 19W war in der Landwirtschaft doppelt so viel Kapital angelegt, als in der Industrie mit Ausnahme des Bergbaus. Der Turmbau der Trusts ruht aus der breiten Schulter des Farmers. Immerhin liegt die Entwicklung der amerikanischen Industrie — bei verwandten Lebensgewohnheiten — vielfach in der Richtung der englischen. Zwischen beiden Staaten entwickelt sich ein gewisser Parallelismus der gewerblichen Erzeugung — überwiegend angewandter Vhnsik — und damit eine unvermeidliche Rivalität. Britische Sachverständige stimmen dahin überein, daß England den Mitbewerb der vereinigten Staaten auf die Dauer weit mehr zu fürchten habe als den Deutschlands.') Man spricht — zur Zeit übertreibend — von einer „Kmerikanisierung" des britischen Marktes. Zweifellos besteht eine solche Kmerikanisierung des kanadischen Marktes, insbesondere in Stahl, Eisen, Maschinen, in Baumwolle und Lederwaren. Kber dem stärksten und gefährlichsten Mitbewerber gegenüber ist England durch Sprach- und Kulturgemeinschaft und, was mehr sagt, durch politische Ohnmacht gebunden. Nicht allein Englands kanadisches Herrschaftsgebiet steht auf dem Wohlwollen der vereinigten Staaten. Kuch die Herrschaft über den stillen Bzean ist, nachdem 80»/» der britischen Seemacht in der Nordsee versammelt wurden, an Amerika und Iapan übergegangen, deren Zwiespalt des Briten Glück ist.^) England umschmeichelt die „Tochternation" jenseits des Atlantik. Deutschland steht — alles in allem genommen — hinter Großbritannien noch erheblich zurück, nähert 2 — 18 — sich ihm aber zusehends auf Grund größeren Bevölkerungszuwachses und breiterer landwirtschaftlicher Grundlage- einer britischen, noch immer abnehmenden^) Landbevölkerung von etwa 5 steht eine deutsche von etwa 18 Millionen gegenüber, (vergl. auch Tabelle 15, 16, 17.) Um so verständlicher ist es, wenn die britische Verstimmung an dem Punkte des „geringeren Widerstandes" einsetzt und gegen den schwächeren Mitbewerber sich wendet — den Vetter Landratte — dem es einfiel, au ch zur Lee zu fahren. Dem deutschen Michel hatte man mitleidig die Wolkenregion der Gedanken überlassen, und gerade ihm wurde die Wissenschaft die Führerin zur Praxis. II. Werfen wir nunmehr einen Blick auf Deutschland. Gerechterweise müssen wir zugestehen, daß die Verstimmung auf britischer Seite tiefer begründet ist als aus der unsern. Gedenken wir unserer politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und unseres fabelhaften Aufstiegs, den England jedenfalls nicht gehindert, ja, ohne es zu wollen, sogar gefördert hat. Die älteren Liberalen Deutschlands haben englisches Wesen in jenen Tagen blind verehrt, da der deutsche Idealismus unfähig erschien, die deutsche Wirklichkeit zu gestalten. Kuch heute noch gibt es Nachzügler, denen alles Englische —bloß weil es englisch ist — vornehm und unübertrefflich erscheint. Demgegenüber betont ein jüngeres Geschlecht, das in Treitschkes Schule gegangen ist — öfters übertreibend — den nationalen Eigenwert. Es hält den Kopf um so höher, als bis vor kurzem der Durchschnitts- Engländer deutschem Wesen gegenüber die Miene gönnerhafter Ueberlegenheit zur Schau trug, hierzu kommt die Meinung, daß jeder Fortschritt Deutschlands bislang dem — 19 — zähen Widerstände Englands abzuringen war, — hierzu der Krgwohn, daß England auch heute, wo es kann, dritte Nationen — die vereinigten Staaten, Frankreich, Japan, ja sogar Rußland — gegen uns auszuspielen versucht. Man fürchtet die vielbesprochene „Einkreisung" Deutschlands durch ein System britischer Bündnisse und Verständigungen. Diese für die Gegenwart vielleicht irrige Meinung knüpft an die geschichtliche Tatsache an, daß uns das offizielle England seit Waterloo während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts entgegengearbeitet hat. England war es, welches auf dem Wiener Kongreß die Neubegründung der von Bülow eroberten Niederlande durchsetzte, deren südlicher Teil mit Antwerpen noch bis zu den Nevolutions- kriegen deutsches Reichsgebiet gewesen war. Kuch später suchte England das werdende Deutschland vom Meere abzudrängen, so insbesondere in der Frage der Elbherzog- tümer. palmerston hatte die Nation hinter sich, wenn er unsern Krieg gegen Dänemark als „verbrecherisch" brandmarktes) Disraeli bezeichnete den Krieg von l866 als die „deutsche Nevolution", welche das ganze Gleichgewicht Europas hauptsächlich zum Schaden Englands verschöbet) Englische ^Einflüsse waren es, welche im entscheidenden Zeitpunkte des deutsch-französischen Krieges die Beschießung von Paris verzögerten und damit eine weltgeschichtliche Entscheidung gegen uns zu fälschen drohten. Während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts scheiterten mannigfache deutsche Kolonisationspläne, z. B. die des Hamburger Syndikus Sieveking,«) an dem Widerspruch der britischen Negierung: kaufmännischer Wagemut war machtlos ohne den Nückhalt an einem geeinten, seestarken Hinterlande. Der Hanseat erschien dem Angelsachsen damals wie das Huhn, das im Stalle der edlen Nosse ein Körnlein pickt, und das man — sobald es lästig wird — mit einem Fußtritt verjagt. N)ir wollen uns hüten, den englischen Staatsmännern einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie die Interessen ihres Landes gegen uns wahrnahmen. Sie waren die Treuhänder ihres Volkes und fürchteten als solche das Emporkommen einer Großmacht an der Elb- und Wesermündung. Trifft sie vom britischen Standpunkt aus ein Vorwurf, so ist es der, daß sie nicht stark genug waren, Deutschlands Einigung rechtzeitig zu hintertreiben, und daß sie später Deutschlands Aufstieg durch gelegentliche Nadelstiche bekämpften, statt mit der dennoch siegreichen Lache sich rechtzeitig zu verbünden. Auch wollen wir nicht vergessen, daß wahrend des ganzen neunzehnten Jahrhunderts eine deutschfreundliche Nebenströmung den britischen Staatsmännern ihre gegen uns gerichtete Arbeit erschwerte — eine Strömung, von der die Königin selber nicht unberührt war. Dankbar gedenken wir insbesondere des großen Geistes, der weithin die Aera viktorias beeinflußte — unseres Freundes, wenn je einer uns im Auslande gelebt hat. Thomas Tarlvle erzog die besten seiner Landsleute zum Verständnis des aus Altpreußen herauswachsenden Neudeutschland — welches weder auf erloschenen Traditionen, noch auf radikalen Wahnvorstellungen, sondern auf Tatsachen beruhet") von allem, was er bei seinem zweimaligen Besuche in Deutschland gesehen, gefielen ihm die preußischen Soldaten am meisten mit ihrem „intelligenten Schweigen" — seltsam gewiß für einen westeuropäischen Philosophen vor l866 und 187V! Als Greis erlebte Tarlnle die Genugtuung, seine Ausfassung der deutschen Frage bewahrheitet zu sehen. „Es war," schrieb er l867, „eine ganz klare Prophezeiung, daß Deutschland entweder ehrlich preußisch werde oder zu allmählicher Auflösung kommen mußte. Aber wer von uns erwartete, daß wir selbst, anstatt unserer Kindeskinder, es lebend schauen würden!" ^) „Deutschland steht fürderhin auf eigenen Füßen," bemerkte Tarlyle bereits in einem Briefe an Neuberg vom 23. 5lugust l866, „es wird nicht mehr auf der Landstraße zergliedert werden, sondern allen Krten von Napoleons und hungrigen, schmarotzenden Hunden mit blankem Stahl in der Hand und einem ehrlichen Ziel im herzen entgegentreten — dies scheint mir die beste Nachricht zu sein, die Europa seit vierzig Jahren oder mehr gehört hat. Möge der Himmel das Werk segnen!" „von keinem so merkwürdigen Kriege," schrieb Tarlqle in sein Tagebuch im September l87v, „habe ich je gelesen, und ich erwarte, daß seine Resultate heilsamer, großartiger und hoffnungsvoller sein werden, als die von irgendwelchen Kriegen meiner Zeit." ^) Indem Deutschland „den Vorsitz in Europa" angetreten habe, meinte er, sei für Europa eine weitere Frist von mehreren Jahrhunderten gestellt zu dem versuche, die in ihm vorhandenen Keime des sozialen Neuaufbaues zu entwickeln. Kuch öffentlich hat Tarlqle seine Stimme zu Gunsten Deutschlands erhoben. Nlan erinnere sich, daß mit der völligen Niederlage Frankreichs die britische Volksstimmung scharf gegen Deutschland aufwallte, insbesondere als Deutschland aus territorialer Abtretung bestand. Zu der Zeit, als die Wogen der Entrüstung in England am höchsten gingen, veröffentlichte Tarlr/le seinen vielbeachteten Brief an die Times (vom N. November l87L>): Die Fremdherrschaft, welche Napoleon in Deutschland aufrichtete, sei nicht der erste, sondern der letzte Kkt einer Neihe von Mißhandlungen gewesen, die Deutschland von Frankreich erlitten habe - darum sei Deutschland in vollem Necht, seine Grenze zu befestigen- die Zurücknahme des Elsaß und Lothringens werde nicht nur für Deutschland, sondern für alle Welt zum heile ausschlagen, sogar für Frankreich. Bei dem Einfluß, den Earksie damals aus seine Landsleute — 22 — ausübte, hat er uns einen schwerwiegenden Dienst in gefahrvoller Zeit geleistet, als uns die Früchte unserer Liege durch ausländische Einmischung verkümmert zu werden drohten. Seit jenen Tagen hat das offizielle England das Dasein Neudeutschlands mehr oder minder willig anerkannt. Zwar schrieb Bismarck bereits 1857: „England kann uns keine t Thancen maritimer Entwicklung in Handel oder Flotte gönnen und ist neidisch aus unsere Industrie." Aber diese Mißgunst fiel in den siebziger und achtziger Iahren politisch noch wenig ins Gewicht. Zu Bismarcks Zeiten waren Deutschland und England sich gegenseitig Faktoren zweiten Ranges. Deutschland war „befriedigt" — eine europäische Großmacht auf vorwiegend agrarer Grundlage. Diese für England sehr bequeme Kuffassung wurde durch den englischen Freihandel erleichtert, der das damals schon vorhandene Kussuhrbedürfnis der deutschen Industrie zu sichern schien, hierzu kam die handelspolitische Meistbegünstigung aus dem Boden der britischen Kolonien, deren " Deutschland sich damals vertragsmäßig erfreute. Durch seinen Freihandel hat uns England mehr genützt, als es uns durch alle politischen Widerstände zusammengenommen gehemmt hat. lvo wäre die deutsche Zucker- industrie, diese frühe Führerin unseres Wirtschaftsaufstiegs, wo die deutsche Textil- und Eisenindustrie, wo der neudeutsche Kapitalismus überhaupt ohne den reichen, allezeit ausnahmefähigen englischen Markt? Kus dem Rücken des sreihändlerischen England wagten wir es, nach der Wirtschaftlichen Weltmacht zu greisen. Durch das Handelsmarkengesetz hat England das ,,mg,äs in ksrinan?" marktgängig gemacht. Wahrlich, wir haben dem Briten nichts vorzuwerfen! Die von England ausgehenden Widerstände zeigten sich vor allem in der Verkümmerung unserer kolonialen Kn- »- / — 23 — fange. Zwar erlaubte uns Gladstone, unsere Hand aus einige nicht wertlose Teile Afrikas zu legen. Aber jedenfalls hat England die kolonialen Bestrebungen Deutschlands zum mindesten nicht ebenso gefördert, wie die der vereinigten Staaten, Japans und Frankreichs. Das besiegte Frankreich hat seit l870 ungeheure Eroberungen über See gemacht. Das siegreiche Deutschland mußte sich mit wenigen Brocken begnügen, obgleich es seiner ganzen wirtschaftlichen Struktur nach Kolonien nötiger braucht als der kinderarme, rentenverzehrende Nachbar. Sonderbar! und doch vom englischen Standpunkt aus verständlich genug, da Großbritannien den französischen Mitbewerber nicht mehr fürchtet, Japans bedarf, den vereinigten Staaten nichts mehr verweigert. Kber diese von England ausgehenden Hemmungen haben zunächst politisch um so weniger gewogen, als Bismarck selbst nur spät und zögernd kolonialen Interessen sich zuwandte. Jedenfalls war auf der Grundlage des britischen Freihandels zu Bismarcks Zeiten eine offizielle Freundschaft aus der Entfernung der gewöhnliche, unschwer zu erhaltende Zustand. Kber gerade durch Bismarck wurden Verschiebungen vorbereitet, welche in ihrer weiteren Entwicklung die Lage zuspitzen mußten. Bismarck war Neumerkantilist — ein Jndustriebegründer größten Stils. Ein preußischer Junker sagte 1879 bei Beratung des Zolltarifs: Die einzuführenden Getreidezölle seien der Landwirtschaft kein genügender Ersatz für die Erhöhung der Jndustriezölle. Dieser Satz ist in tieferem Sinne wahr, als sein Urheber selbst wohl gedacht hat — dann wenigstens wahr, wenn wir unter Landwirtschaft das ostelbische Bitter- gut verstehen. Denn für dieses war der Nutzen der Getreidezölle nur ein vorübergehender, während, wie v. d. Goltz und Schäffle hervorheben, die tiefste Ursache seiner Krisis von den Mitteln des Zollschutzes nicht berührt wurde. Finders die Industriezölle. Zwar hat die deutsche Industrie die Gunst der innerpolitischen Lage seit l878 weniger ausgenutzt als die Agrarier. Der Zolltarif von 1879 war im vergleich mit den Nachbarstaaten kein übermäßig protektionistischer. Trotzdem haben die Industriezölle jene Entwicklung zwar nicht bewirkt, wohl aber beschleunigt, welche den Charakter des westlichen Deutschland dauernd umgestaltete. In Bismarcks nationaler Wirtschaftspolitik wurzelten die Kartelle der schweren Industrie — großkapitalistische Zusammenballungen, welche sich Englands individuellem Kapitalismus zuerst ebenbürtig zur Leite stellten, um sodann amerikanischen Dimensionen entgegenzuwachsen. Zeit jenen Tagen verschob sich Deutschlands volkswirtschaftlicher Schwerpunkt auf Industrie, Handel, Schiffahrt und Bankwesen. Seitdem stauen sich die früher auswandernden Bevölkerungsüberschüsse in Rheinland, Westfalen und den norddeutschen Großstädten, in dem ganzen mittleren und westlichen Deutschland. Zu Beginn des zwanzigsten Iahr- hunderts ist die industrielle vurchtränkung des ganzen westelbischen Deutschland für unser nationales Dasein die wichtigste Tatsache geworden. Kuch die Landwirtschaft hat an dieser Industrialisierung, nicht zu ihrem Schaden, teilgenommen. Noch I. v. Liebig klagte, daß England die Knochensubstanz des Kontinents als Dungstosf ausführe. „Großbritannien raubt allen Ländern die Bedingungen ihrer Fruchtbarkeit, es hat die Schlachtfelder von Leipzig, lVaterloo und der Krim bereits nach Knochen umgewühlt, die in den Katakomben Siziliens angehäuften Gebeine vieler Generationen verbraucht und zerstört jährlich noch die Wiederkehr einer künstigen Generation von 3Vs Millionen Menschen - einem Vampyr gleich hängt es an dem Nacken Europas." heute steht Deutsch- land in der Anwendung künstlicher Düngemittel allen Ländern der Welt voran. Bei einem Weltverbrauch an Thilisalpeter von l 400 000 To. im Iahre 1905 kamen auf Deutschland allein 5l5 000 To., dagegen auf Frankreich nur 245 000, auf Großbritannien nur l 00 000 To. Die deutsche Landwirtschaft hat l902 über eine Million Tonnen an Kainit und anderen Nalidüngesalzen verbraucht- dagegen betrug die Ausfuhr nach den vereinigten Staaten nur 25l 000, nach Großbritannien 36 000, nach Frankreich unter 25 000 To. — Ziffern, die zugleich den Verbrauch dieser Länder darstellen, da Eigenproduktion nicht vorliegt, sehnliches gilt vom Thomasmehl, dem wichtigsten Phosphat. Beide Dungstosfe sind recht eigentlich Erzeugnisse des deutschen Bergbaues und des deutschen Eisengewerbes und finden bislang im Auslande nur wenig Verwendung. Noch ehe Thilis Salpeterlager erschöpft sind, geht Deutschland daran, der Luft und der Wasserkraft unerschöpfliche Salpeterschätze zu entnehmen und damit die Stickstoffrage der landwirtschaftlichen Statik durch die chemische Industrie zu lösend) vom deutschen Standpunkt aus ist diese industrialistische Entwicklung zu bejahen trotz der Gefahren, die sie in sich schließt — Gefahren geistiger wie politischer Natur. Ein Landheer allerersten Ranges, welches uns im Notfall gegen zwei Großmächte verteidigt, ist bei der Unsicherheit aller Bündnisse und den Gefahren unserer geographischen Lage die wichtigste Forderung unseres nationalen Daseins. Auf schmaler Fläche zusammengedrängt, ohne Neuland, nicht übermäßig reich an Naturschätzen — verdanken wir lediglich der industriestaatlichen Tntwicklung die fortlaufende Verstärkung unserer militärischen Machtstellung durch Zuwachs an Geld und Menschen. Ihr verdanken wir es, wenn wir trotz aller Hasser und Neider heute sicher und geachtet in Europa — 26 — dastehen. Denn weder aus agrarer, noch auf kleingewerblicher Grundlage wären jene Militärvorlagen möglich gewesen, welche aus reichlich zuströmendem Nekrutenangebot in kurzen Zwischenräumen immer wieder vermehrte heeres- zisfern schöpften. Daß wir mit dieser Krt der Friedenswahrung auf dem richtigen Wege sind, zeigt die Tatsache, daß das Deutsche Reich von seiner Rüstung nicht erdrückt wird, sondern wirtschaftlich fortschreitet und in seiner allgemeinen Wehrpflicht sogar eine Vorschule zum Industrialismus besitzt. Kber die Gegenwart weist über Europa hinaus. Eine Entwicklung ist zum vollen Durchbruch gelangt, welche in den englisch-französischen Kämpfen des achtzehnten Jahrhunderts angebahnt und von Napoleon bewußtermaßen erfaßt war: Die europäische Geschichte wurde über den Rahmen Europas hinaus erweitert und zur Weltgeschichte im eigentlichsten Sinne des Wortes gesteigert. Es handelt sich heute um Erschließung, Beherrschung und Besiedelung jener breiten Gebiete der Halbkultur und der Barbarei, die bisher von der Geschichte unberührt waren. Es handelt sich um ihre kapitalistische Ausbeutung, aber auch um ihre kulturelle Erziehung. Diejenigen Nationen, welche an dieser Entwicklung vollen Knteil nehmen, wachsen über den Nahmen des alten Gleichgewichts hinaus und werden zu eigentlichen „Weltmächten". Wer mit diesen Weltmächten nicht Schritt zu halten vermag, hat keine Aussicht, in den folgenden Jahrhunderten die Geschicke der Menschheit selbsttätig mitzubestimmen. Kus die politische Sandbank geworfen, wird er unfrei, weil abhängig von der Duldung der Stärkeren. Aber bei dem engen Zusammenhang aller Nulturgebiete steht noch Weiteres aus dem Spiele: Wer politisch bei Seite geschoben ist, hat keine Hoffnung, den Talweg des wirtschaftlichen und geistigen Stromes durch sein Gebiet zu lenken. Er wird zum Nachzügler eines vorwärts stürmenden Heeres. hieraus ergibt sich für uns Deutsche von heute eine unabroeisliche Ausgabe: In den neuen und erweiterten Weltverhältnissen der Gegenwart hat die deutsche Nation das Recht und die Pflicht der Selbstbejahung — das Recht zu Gunsten ungezählter Nachfahren, die Pflicht im Interesse der Menschheit. Denn die Menschheit wäre ärmer, wenn im Strahlenkränze des göttlichen Lichtes, das sich in den verschiedenen Nationen verschieden bricht, der Strahl des deutschen Genius verbliche. Damit erhebt sich die über alles ernste Frage: Wird zu Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts neben den beiden angelsächsischen Weltmächten, neben der im Augenblick geschwächten, aber in ihrem Kerne doch zukunftsreichen slavischen Weltmacht, wird neben den neu aussteigenden Weltmächten der gelben Nasse unser Deutschland die machtpolitische Gleichberechtigung behaupten? Wie die Verhältnisse liegen, so kann Deutschland nur durch intensiveSteigerungseiner Volkswirtschaft die Enge der kleindeutschen Grenzpfähle überwinden und so mittelbar an der übereuropäischen Ausdehnung teilnehmen: Deutschland als weltwirtschaftlicher Industrie-, Handels- und Gläubigerstaat auf verhältnismäßig starker, europäisch-landwirtschaftlicher Grundlage. Wie dem immer sei — ob wir wollen oder nicht — der Würfel ist gefallen, den Vismarck geworfen hat. Jetzt handelt es sich nicht mehr um die Wahl des Weges, aus dem wir bereits ein weites Stück zurückgelegt haben, heute steht und fällt Deutschlands volkswirtschaftliches Dasein mit seinen weltwirtschaftlichen Beziehungen, welche alle Zweige der heimischen Produktion, nicht zum mindesten auch die deutsche Bauernwirtschast, befruchten,- sie allein ermöglichen es, eine Bevölkerung von 6V Millionen Menschen auf enger Fläche zu ernähren. Mit dem Eintritt Deutschlands in die Weltwirtschaft wurde das Verhältnis zu England für uns eine — 28 — Frage ersten Ranges — ein Verhältnis sowohl der Interessengemeinschaft, roie des Interessengegensatzes. Nächst Großbritannien hängt keine der großen Volkswirtschaften so sehr vom Leeverkehr ab wie die Deutschlands, indem die weltwirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands sich vorwiegend in der Richtung des Seeverkehrs entwickeln. Hören wir in dieser Hinsicht die Denkschrift des Reichsmarineamtes vom Iahre l9t)5 über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Die auf dem Boden des heutigen Deutschen Reiches lebende Bevölkerung hat sich seit der Begründung des Reichs um die Hälfte (etwa 20 Mill.) vermehrt — d. h. um fast ebenso viele Menschen, als zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf demselben Boden überhaupt lebten. Unter den europäischen Großstaaten hat Deutschland die stärkste Bevölkerungszunahme. Zum ersten Male seit Gründung des Reichs hat die Bevölkerung in dem Jahrfünft l895/l90v einen Zuwachs durch Einwanderung erfahren. Der deutsche Außenhandel ist in dem Jahrzehnt von l894 bis l904 von 7,3 aus l2,2 Milliarden Mark (um 66 v. H.) angewachsen, und zwar stieg der Seehandel von 4,9 auf 8,5 Milliarden Mark (um 75 v. h.), dagegen der Landhandel nur von 2,5 aus 3,7 Milliarden Mark (um 48 v. k).). An dem Wachsen des Seehandels ist am stärksten der Handel mit den außereuropäischen Ländern beteiligt, der um l,9 Milliarden Mark (um 93 v. h.) gestiegen ist. An der Entwicklung des Seehandels sind alle Zweige der heimischen Gütererzeugung interessiert. Die Landwirtschaft ist an der Kussuhr zur See mit einer Anzahl ihrer Produkte, namentlich Zucker, in hohem Grade beteiligt. Sie bedarf der überseeischen Zufuhr von Düngemitteln, Abfüllen und Mais. Noch viel erheblicher ist das Interesse der Industrie am Sechandel und am Leeverkehr. Es gibt keine große deutsche Industrie, die nicht für die Einfuhr von Rohstoffen oder die Ausfuhr von Fabrikaten auf die Lee angewiesen wäre. Eine Störung des deutschen Seehandels würde vor allem die Arbeitsgelegenheit der gewerblichen Arbeiterschaft treffen. Der Schiffahrtsverkehr der deutschen Häfen hat sich in dem Iahrzehnt von 1893 bis 1903 von 27V2 auf fast 42 Millionen Netto-Registertonnen, d. i. um über 52 v. H. gehoben. Der Aufschwung Deutschlands im Weltseeverkehr schreitet beinahe viermal so schnell fort wie seine Bevölkerungszunahme. Die Seeoerkehrsleistung der deutschen Schiffe steigerte sich im Verkehr mit den europäischen Ländern 1893 bis 1903 von 4 auf 5Vs Milliarden Seemeilentonnen, im überseeischen Verkehr von 24 aus 45V2 Milliarden Seemeilentonnen. Neben diesem von den deutschen Häfen ausstrahlenden Verkehr betätigen sich deutsche Schiffe in wachsendem Umfange im Küsten- und Zwischenverkehr fremder Länder. Der Anteil Deutschlands an der Welthandelsflotte stieg von 6,5 v. h. 1894/95 auf 9,9 v. h. 1905/06, der Wert der deutschen Handelsflotte von 327 Millionen 1895 auf 810 Millionen Mark 1905. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Werften ist in den letzten sechs Iahren außerordentlich gesteigert worden. Die Iahresproduktion hob sich von 130 000 To. im Durchschnitt der Iahre 1894/1899 auf 206 000 To. 1899/1904. Die deutsche Schisfbauindustrie hat sich vom Ausland nahezu unabhängig gemacht, von ihrem Bedarf an Zchiffsblechen und Profilstahl einschließlich Stabeisen bezog sie 1903 nur noch 1,7 beziehungsweise 2,5 v. H. vom Auslande — gegen 27,2 beziehungsweise 25,9 v. h. im Iahre 1899. Der Wert des in den deutschen Werften arbeitenden Kapitals stieg zwischen 1899 und 1905 von 110 Millionen Mark auf 180 Millionen Mark, — 30 - d. i. etwa 60 v. k). Der Anteil am Weltschiffbau sank 1894/1904 bei Großbritannien (ohne Kolonien) von 79 auf 61 v. h. und stieg bei Deutschland von 9 auf 10 v. H. Nicht minder handelt es sich um Interessengemeinschaft wie Interessengegensatz auf dem Gebiete der industriellen Ausfuhr. Nächst Großbritannien hat kein Land ein gleiches Interesse wie Deutschland an der Gsfenhaltung der Märkte und an kolonialen Absatzgebieten. In allen Zonen begegnen sich deutsche und britische Waren. Zwar bahnt sich zwischen beiden Mächten aus vielen Gebieten eine Arbeitsteilung an, da Deutschlands Industrie vielfach mehr chemisch als physikalisch gerichtet ist. Trotzdem berührt Deutschlands gewerblicher Ausstieg die britische Vorherrschast in einzelnen Punkten außerordentlich schmerzlich. In der Erzeugung von Eisen und Stahl ist Großbritannien bekanntlich von Deutschland überflügelt worden, (vergl. Tabelle 5—8). In der Ausfuhr von Eisen und Eisenwaren streift Deutschland heute an Großbritannien heran, hinter dem es zu Beginn der achtziger Iahre noch hoffnungslos zurückstand.^) Man denke serner, um an einen — immerhin nicht unwichtigen — Einzelfall zu erinnern, an die Industrie des künstlichen Indigo. Veispielshalber hierüber einige Angaben.^) vor Iahrhunderten vernichtete der von Westen her vordringende Indigo — ein Schützling des westeuropäischen Merkantilismus — die deutsche Waidkultur und Waidfärberei, das Gewächs spätmittelalterlicher Stadtorganisation. Der Indigo war eine Waffe des britischen Kapitalismus, sowohl des kolonialen als des textil- industriellen. Iohann Heinrich Schneidler, Schönfärber in Hannover, schrieb 1803 in einem Aufsatz über die Baumwollfärberei: „Die Engländer sind einmal hierin jeder anderen Nation zuvorgekommen? durch ihren National- — 31 — reichtum sind sie bereits im Besitze alles dessen, was zur Vollkommenheit dieser Industrie gehört? wie ein Koloß ragen sie unter dem Hausen derer hervor, die es mit ihnen aufzunehmen wagen und lächeln ihrer Ohnmacht. Es scheint auch fast für immer vergebens zu sein, vorzüglich für die armen Deutschen, denen es zwar nicht am Ivillen, aber desto mehr an Kraft gebricht, gegen eine Nation anstreben zu wollen, die so große, entscheidende Handelsvorteile in dieser Manufaktur auf ihrer Leite hat, wodurch sie imstande ist, den niedrigsten Preis zu halten." Durch die Briten wurde die Indigokultur aus lvestindien nach ihrer ostindischen Heimat zurückgeführt und dort von europäischen Pflanzern im kapitalistischen Großbetrieb, daneben aber auch von der einheimischen Bauernwirtschast, übernommen. 5ie wurde zu einem wichtigen Mittel der geldwirtschaftlichen Umformung der indischen Rohstoffproduktion überhaupt. Das Gesamterzeugnis an Indigo wurde zu Beginn der neunziger Iahre auf 8V—l3 bezieht Großbritannien mehr Indigo aus Deutschland, als es durchschnittlich von l88l bis l896 aus Kalkutta bezog. Die Ausfuhr Deutschlands an Indigo betrug in Doppelzentnern: 1898 1906 nach Großbritannien...... 767 14 537 „ den vereinigten Staaten . . . 2225 25 639 „ (Lhina.........— ZI 273 „ Japan ......... — 10 634 Derartige Ziffern sind nichts als Einzelbelege der einen, für uns über alles wichtigen Tatsache: Deutschland wächst mehr und mehr in die Stellung hinein, die Großbritannien um die Mitte des neunzehnten Iahrhunderts für sich ausschließlich in Anspruch nahm. vor unseren Augen, den meisten Mitlebenden unfaßbar, vollzieht sich eine märchenhafte Verwandlung. Denken wir daran, wie Deutschland im achtzehnten Iahrhundert der Luxuseinsuhr der Höfe keine Ausfuhr entgegen zu setzen hatte. Neben einigen Leinengeweben war Sand der Ballast der aus Deutschland ausgehenden Lchiffe — Sand, den spöttische Franzosen „Is vroäuit ä'^IIsmgZiiö" nannten. Denken wir an die „Armeleutehaftigkeit" unseres neunzehnten Iahrhunderts, welches Großtaten in der Dichtung, Musik und Philosophie verrichtete, aber bildnerischer Rultur so fern war. — 33 — Um die Mitte des Jahrhunderts schildert Disraeli in seinem Endnmion mitleidig den deutschen Diplomaten, der aus der Metropole der Welt, aus dem Kreise glänzender Damen und Weltbeherrschender Staatsmänner in die heimische Verbannung zurückkehrt. Lein Land ist das Erzeugnis von Friedenskongressen und künstlichen Protokollen. Es „spielt" eine Großmacht. Sein Volk ist arm, nur reich an Wäldern: es gilt erst, ein „Vaterland" ihm zu geben — „mit Blut und Eisen" setzt Disraeli weitsichtig hinzu. Und heute? Dem Könige Midas gleich berührt Deutschland unscheinbare Rohstoffe: sie werden unter seiner k)and münzbares Gold. Deutschland — der an Großbritannien herangipselnde Industriestaat! Unseren Großvätern wäre solche Prophezeiung als Wahnwitz erschienen. Wir aber nörgeln, während solches geschieht. Früh ermüdet, verzagt so mancher an der deutschen ZuKunst. Einen andern blendet der Glanz des goldenen Uegens. Emporkömmling, vergißt er der geistigen «Duellen der niederrauschenden Fülle. Man schildert den Ausstieg der deutschen Volkswirtschaft, ohne die politische Ursache auch nur zu erwähnen: Sedan und die Kaiserkrönung im Spiegelsaale zu Versailles. III. Was die ZuKunst bringt, wer kann es wissen? Traumwandelnd greift unser Volk heute nach einer Uolle, die möglicherweise zur Heldenrolle auswächst. Fallstricke mancherlei Krt bedrohen den Schauspieler, den ohne seinen Willen die Weltbühne gefangen nahm. von den uns bedrohenden Gefahren ist eine aber dringlicher als alle andern: In elfter Stunde könnte England den versuch wagen, den unbequemen Emporkömmling, den es wirtschaftlich nicht mehr niederzuzwingen vermag, mit Gewalt zu Loden zu schlagen, vergessen wir nicht: In 3 — 34 — dieser Richtung liegen die glorreichen Ueberlieferungen der britischen Flotte. Um 1650 besaß Holland den Welthandel, die Kolonien und die Zeemacht. Die niederländische Handelsflotte umfaßte an Tonnengehalt die Hälfte aller europäischen Schiffahrt. Demgegenüber baute das damals noch überwiegend binnenländische England die ersten eigentlichen Kriegsschiffe — Schiffe größeren Tonnengehalts und stärkerer artilleristischer Bestückung als die im Bedarfsfall zu Kriegsschiffen umgewandelten Gstindiensahrer der Holländer, vergeblich forderte de Uuyter von den Generalstaaten Kriegsschiffe des britischen Typus. Die Amsterdamer Kaufleute sparten, wo die Ztuarts und Tromwell kein Opfer scheuten. Kn dieser einfachen Tatsache zerbrach die Handels- und Kolonialherrschaft der Niederlande, sehnliches wiederholte sich in größeren Verhältnissen zwischen England und Frankreich — Frankreich, das unter Tolbert an Bevölkerung, Reichtum und Kolonien England weit überlegen war. Ist Großbritanniens Handels- und Kolonialsuprematie von heute, ist der britische und damit erstgeborene moderne Kapitalismus überhaupt denkbar ohne Trafalgar? 5ln diese Erinnerungen wird wieder angeknüpft. Der alte, grundsätzlich friedliche Freihandel trägt greisenhafte Züge. Ein neu aufsteigender Imperialismus ist allenthalben geneigt, politische Machtmittel in die lvagschale der Mrtschastskämpfe zu werfen. Dieser Imperialismus kann durch eine Parlamentswahl jeden Tag wieder an das Uuder gebracht werden. Deutschland wird in einigen Jahrzehnten nicht nur weit bevölkerter, sondern, wie der Gutlook wiederholt ausführte, auch wirtschaftlich ebenso reich sein wie Großbritannien.") Morgen wird ein unüberwindliches Großdeutschland seine Zchatten über Europa hinaus werfen; heute gilt es, Kleindeutschland niederzuzwingen. Die Lage wird dadurch verschärft, daß das Deutschland von heute der britischen Seemacht breiteste Angriffsflächen darbietet. Zwar besteht nicht die Gefahr der Aushungerung ,' denn Deutschland dürste schwerlich mit England und Rußland zugleich im Kriege sein. Wohl aber rechnet mancher Brite daraus, die deutschen Handelsschiffe und die deutschen Kolonien ohne weiteres zu kapern. Diese Kolonien — „durch nichts beachtenswert als durch ihre verteidigungs- losigkeit" ^) — erscheinen ihm als ein Pfand, das wir in seine Hand legten. Sie sind gegenwärtig nicht mehr so wertlos, wie zu Lismarcks Zeiten. Schwerer noch wiegt der allgemeine wirtschaftliche Rückschlag, den eine Blockade der deutschen Häfen im Gefolge haben würde. Die zweimonatliche Tholeraquarantaine soll Hamburg allein eine Summe von 250 Millionen Mark gekostet habend) Nach der Zusammenstellung des deutschen Reichsmarineamtes sind schon gegen Ausgang der 90 er Iahre gegen 70°/o des gesamten deutschen Außenhandels über See gegangen.^) Eine Blockade würde die deutsche Volkswirtschaft bis in die abgelegensten Winkel hinein erschüttern, insbesondere die deutschen Geschäftsbeziehungen mit dem Auslande unterbinden, bei längerer Dauer zerschneiden. So sagte die Saturdan Reviers nicht ohne Berechtigung: „England ist das einzige Land, welches ohne Gefahr für sich selbst und mit Sicherheit des Erfolges gegen Deutschland Krieg führen kann." Angesehene Zeitschriften wie die Rational Review, die Saturdan Review und der Spectator haben es sich seit Iahren zur Ausgabe gemacht, das „lZsrmanmm esse äölsnäsm" den Gehirnen ihrer Leser einzuhämmern. Einige Beispiele sind nicht überflüssig: „Eine Menge kleiner Streitfragen hat die größte Kriegsursache ausgebaut, welche die Welt je gesehen hat. Wäre Deutschland morgen vernichtet, so würde übermorgen jeder Engländer reicher sein." „Ham- z» > V — 36 — bürg, Bremen, der Kaiser-Wilhelmkanal und die baltischen Häfen würden unter unsern Kanonen liegen, bis die Kriegsentschädigung gezahlt wäre. Wäre unser Werk getan, so könnten wir, das Wort Bismarcks verändernd, zu Frankreich und Rußland sagen: Zucht euch Kompensation in Deutschland!" „Hamburg ist einer der größten Hafenplätze der Welt,' in welch unheimliche Lage würde es geraten, wenn tatsächlich nicht ein einziges Lchiff ein- oder ausführen könnte! Blockaden sind ohne Zweifel schwer durchführbare Unternehmungen, aber Hamburg liegt für uns so günstig, daß es sehr leicht vom Weltverkehr abzusperren ist. Man gebe sich keinen Täuschungen hin: die Blockade aller deutschen Häfen an der Nord- und Ostsee bietet uns nicht die geringsten Schwierigkeiten." „Die deutsche Flagge ist überall. Kber bei einer Kriegserklärung müßte sich uns die gesamte Handelsflotte auf Gnade und Ungnade ergeben. Ueberall auf den Weltmeeren würden unsere Kreuzer die deutschen Kauffahrer abfangen und als Prise wegführen." „Inzwischen würde von den neutralen Marktplätzen der deutsche Wettbewerb, über den von unsern Kaufleuten so oft geklagt wird, völlig verschwinden. Wir würden nicht mehr hören, daß Deutschland auf chinesischem und japanischem Markt vordringe." „Es würde keiner Macht einfallen zu verhindern, daß Deutschland ein paar hundert Millionen ^ Strafe zahlen müßte, daß es alle seine Kolonien verlöre, sein politisches Ansehen und seine Handelsverbindungen einbüßte." ^) In der National Neview hat der frühere Botschafter Englands in Wien auf Oesterreichs Bundesgenossenschaft hingewiesen: Der Iusammenbruch des seehandelnden Norddeutschland sei das einzige Mittel, um habsburgs alte Vorherrschaft in Deutschland wieder herzustellen. In den angesehensten Zeitschriften werden Gpfer an Nußland in 5lsien empfohlen, um Deutschland zu isolieren. Negnpten — 37 — in der Hand, könne man Konstantinopel an Rußland preisgeben. Man schwärmt für eine englisch-französisch-russische Tripelallianz. Altangesehene Zeitungen, wie die Times und die Daily Mail, neue und zu diesem Zwecke begründete wie Mr. Garvins Gbserver machen es sich zur Ausgabe, die öffentliche Meinung ihres Landes gegen Deutschland zu „erziehen" : Was das Spanien Philipps II., das Frankreich Ludwigs XIV. und Napoleons, sei heute Deutschland: der Gegner. Zurückhaltender sind die verantwortlichen Staatsmänner. Immerhin sprach ein hoher Admiralitätsbeamter, Herr Lee, von der Vernichtung einer feindlichen Flotte noch vor dem Bekanntwerden der Kriegserklärung. Ein hochangesehener Staatsmann wie Lord Cromer bekämpfte die Altersversicherung der Arbeiter: alle verfügbaren Mittel seien für nahe Kriegszwecke zusammenzuhalten. Lord Charles Leresord begrüßte bereits den Tag, an dem englische und französische Luftschiffe Seite an Seite Kämpfen würden. Wer als Gegner gedacht war, konnte nicht zweifelhaft sein. Solche Stimmen mögen die Gefühle nur eines kleinen Bruchteils der britischen Nation zum Ausdruck bringen. Die Gefahr für uns liegt darin, daß sie ein Stück tatsächlicher Durchführbarkeit enthalten. Darum ihre verführerische Werbekraft jenseits des Kanals. Der Brite hat in nahezu zweihundertjährigem Kriege das Szepter der Weltherrschaft errungen- wird er es ohne Schwertstreich niederlegen, wenn er sieht, daß es im Frieden seinen Händen allmählich aber sicher entgleitet? Nicht tadeln wollen wir den britischen Vetter ob seiner Mannhaftigkeit,- aber wir haben Anlaß, ihr Beachtung zu schenken. In der Tat, wir haben ihr Beachtung zu schenken: denn Hand in Hand mit den angeführten Aeußerungen, die sich leicht vermehren ließen, ging die Zusammenfassung — 38 — der englischen Schlachtflotte im Kanal und in der Nordsee — Hand in Hand hiermit die französisch-britische Verständigung, welche dem verbleichenden Nevanchegedanken Frankreichs rote Wangen anhauchte. Zunehmender Anhängerschaft erfreuen sich in England die Bestrebungen für Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, durch welche England den Wert seiner Freundschaft für Frankreich verdoppeln würde. Zweifelsohne türmen sich an dieser Stelle des politischen Himmels dunkle Wolken, welche die Zukunft Neudeutsch- lands bedrohen. Um so düsterer blickt uns der Horizont, als die britische Staatskunst es stets verstanden hat, Bundesgenossen für sich in das Feuer zu schicken. Diese Gefahren liegen in der Natur der Verhältnisse — kein Bismarck hätte uns vor ihnen schützen können. Glücklicherweise hält für den Fall des stets ungewissen Kriegsspiels Deutschland gewisse Trümpfe in seiner Hand, die den ernst prüfenden Engländer immerhin bedenklich machen können. Bekanntlich ist der Rhein Deutschlands wichtigste Verkehrsader. Nicht viel weniger als ein Drittel des gesamten deutschen Seeverkehrs geht über die Nheinhäsen.^) Deutschland wäre nicht zum Frieden zu zwingen, solange der deutsche Handel unter neutraler Flagge unbehindert über die Nheinmündung ginge. England müßte, um Deutschland zu treffen, entschlossen sein, die Neutralität der Niederlande, diese seine eigenste Schöpfung, zu verletzen und Notterdam, ähnlich wie im südafrikanischen Kriege die Delagoabai, zu blockieren, vielleicht würde England damit dem Gegner für den Friedensschluß ein Pfand in die Hand spielen, das an Wert sämtliche deutsche Kolonien erheblich überträfe, vielleicht würden Englands Siege zur See durch Frankreichs Niederlagen zu Lande wettgemacht. Ein unglücklicher Seekrieg müßte Deutschland zu Napoleonischen Gedankengängen drängen, die ihm zur Zeit durchaus fern liegen. Wäre England auf dem Landwege zu treffen —etwa im Bündnis mit der mohammedanischen Welt? Die Kontinentalsperre weist in der Richtung eines gegen England gerichteten europäischen Zollbundes. Jedenfalls würde ein solcher Krieg, den mancher Iingo für einen bequemen Lee- Krieg ansieht, ein ganzes kriegerisches Zeitalter eröffnen. 6V Millionen Deutsche sind nicht von heute auf morgen von der Weltbühne zu fegen. Den schlimmsten Fall gesetzt: von der Weltwirtschaft abgedrängt, an den Kdern seiner besten Kraft unterbunden, wäre Deutschland vielleicht noch reich genug, um Rußlands doch wieder auslebende asiatische Politik zu finanzieren. Auf Grund dieser Ungewißheiten werden Englands leitende Staatsmänner, soweit sie sich ernsthast ihrer Verantwortung bewußt sind, den Satz Bismarcks erwägen:^) „Ich würde niemals zureden, einen Krieg um deswillen sofort zu führen, weil es wahrscheinlich ist, daß der Gegner ihn später besser gerüstet beginnen würde- man kann die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen." Leider aber wird die Politik nicht immer von weitblickenden und ihrer Verantwortung voll bewußten Männern gemacht. Dieser Erkenntnis entsprang die deutsche Flotte — die deutsche Flotte, nicht Sache des Luxus, des Ehrgeizes oder gar der Eroberungssucht. Die deutsche Flotte — eine Forderung unseres barsten Daseins, unentbehrlich wie das tägliche Brot, das sie nicht nur uns, sondern auch unsern Kindern verteidigt! Mehr noch als den Amerikanern, den Beherrschern eines Kontinents, gilt das Wort Boosevelts den auf beschränkter und armer Fläche zusammengedrängten Deutschen: „Kein Schiedsspruch oder irgend ein anderes Mittel kann gefunden werden, um zu verhindern, daß Völker, die ihre erste und hervorragendste nationale Eigenschaft, die Fähigkeit — 40 — der Selbstverteidigung, verloren haben, in schwerster und furchtbarster Weise mißhandelt werden. Wenn wir Insulte verhindern wollen, müssen wir imstande sein, sie zurückzuweisen. Wenn wir den Frieden wollen, muß es bekannt sein, daß wir zu jeder Zeit zum Kriege fertig sind." In der Tat, es ist eines großen Kulturvolkes unwürdig, sein Dasein aus die Duldung eines vielleicht wohlwollenden, vielleicht feindlichen Nachbars zu stellen. Neben mancherlei anderen Erwägungen, welche für den Flottenbau ins Feld geführt werden, liegt der entscheidende Punkt doch in der deutsch-englischen Frage. Mr bedürfen der Flotte, um die Handelseifersucht Englands in unschädliche Grenzen zu bannen und dem nüchternen Sinn des englischen Volkes die für uns hochgefährlichen Kngrifssgedanken zu verleiden. Mit der englischen Flotte muß — in einem entsprechenden Kbstande nach unten, wie für Verteidigungszwecke genügt — in Zukunft auch die deutsche Flotte wachsen. Ueber den Friedensschutz hinaus verlangt das deutsche Volk zwar nicht Eroberung, wohl aber eine gewisse Wahrnehmung seiner überseeischen Interessen durch die Neichs- gewalt. Wenn es dies verlangt, so muß es seinen Diplomaten das Werkzeug in die Hand geben, ohne welches sie nichts als schwächliche Bittsteller sind und besser zu Hause bleiben: eine schlagfertige Flotte, die, wenn schon zweiten Ranges, doch als Bundesgenossin wie als Gegnerin nicht gleichgiltig ist. In nächster Zukunft dürfte es sich weniger um Kolonialerwerb für uns handeln, als um die Erhaltung des offenen Marktes für alle und um die Abwehr fremder Eroberungen, z. V. auf dem Loden der noch unabhängigen mohammedanischen Welt. Sollte in ZuKunst einmal die Liquidation alternder Kolonialmächte her- einbrechen, so muß Deutschland die Macht besitzen, neben Großbritannien an ihr teilzunehmen. Für Frieden und Verständigung ist es von Wichtigkeit, daß England den deutschen Flottenbau als unabwendbare Tatsache hinnimmt. In dieser Hinsicht sind gewisse, in England noch weitverbreitete Irrmeinungen abzuweisen. Der deutsche Flottenbau ist nicht das Werk eines Mannes. Zwar war es das Verdienst des Kaisers Wilhelm II., den Flottengedanken in das deutsche Volk geworfen zu haben. Aber heute wird die Flotte nicht nur vom Kaiser, sondern von der Nation gebaut. Der deutsche Flottenverein zählt über «ine Million Mitglieder: er zählt sie auf der Rechten, wie auf der Linken. Auf der Rechten schlug der Flottengedanke Wurzel trotz des entgegenstehenden Ideals eines sich selbst versorgenden, beschränkt europäischen Agrarstaates. Aus der Linken starb das Manchestertum, welches den Kampf der Völker allein mit dem „vreiskourant" entscheiden zu können hoffte. Leider besaß das deutsche Manchestertum niemals den weltumspannenden Hintergrund eines Manchester. Die deutschen Manchesterleute waren, selbst in ihrer besten Zeit, kleinbürgerlichen Kalibers. Wenn jetzt in England das Manchestertum veraltet ist, so berühren seine Neste in Deutschland wie vetrefakte. Noch lebt ein Stück Manchestertum in der Sozialdemokratie, wie überhaupt auf ihrem Loden westeuropäisch bourgeoise Gedankenreihen das Dasein fristen.^) Noch lehnt die Masse der deutschen Arbeiter die maritime Machtentfaltung ab. Aber früher oder später mutz gerade für Gewerkschaftler der Satz sonnenklar werden, daß ein ehrlicher Friedenszustand wassengerüstete Mächte voraussetzt, die sich gegenseitig achten, weil fürchten. Macht doch der Gewerkschaftler tagtäglich die Erfahrung, daß Verträge zwischen Schwachen und Starken zur berüchtigten „Löwen- — 42 — gesellschaft" ausarten, in welcher der einen Seite aller Vorteil, der anderen aller Nachteil zufällt. Aber noch folgen die breiten lvählermassen der sozialdemokratischen Partei keineswegs gewerkschaftlichen Gedankengängen. Wie sie im Innern nur erst teilweise der zähen Kleinarbeit vertrauen, sondern das heil als Geschenk eines fabelhaften äsus ex maokillg, erwarten, so verwirrt diese ihre eigene Schwäche auch ihre Beurteilung der auswärtigen , Lage. Ein siegreiches Proletariat soll in Bälde eine allgemeine Weltverbrüderung herbeiführen und durch ungeheure Produktionssteigerung den Ramps der Völker um den Futterplatz beseitigen. Dieser Gedanke gehört in die Kinderstube,' leider ist er nicht so poetisch und nicht so harmlos wie das Märchen vom „Tischlein deck' dich"! 26) Tatsächlich wäre der wirtschaftliche Rückschlag, welcher einer Niederlage gegen England folgen müßte, das einzige Mittel, die Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung, damit aber auch die Zukunft Deutschlands, lahm zu legen. Auch sollten die Arbeiter nicht vergessen, daß die Marine innerhalb des staatlichen Drganismus erfahrungsgemäß einen freiheitlichen und verkehrsfreundlichen Bestandteil darstellt. Der Flottenbau fördert den Industriestaat. Er beschäftigt hochbezahlte und organisationsfähige männliche Arbeiter, die sich das Weib als Hausfrau und Kindererzieherin leisten können. Vagegen gefährden die Mode-, Saison- und Luxusindustrien durch Unterernährung den körperlichen Bestand der Arbeiterklasse — dies um so mehr, als sie schlechtbezahlte weibliche und jugendliche Heimarbeiter bald anziehen, bald auf das Pflaster werfen. Indem die Arbeiter die Flotte verweigern, verurteilen sie sich selbst zu politischer Einflutzlosigkeit. Zwar sind auch in Wehrmachtssragen realistischere Auffassungen im Aussteigen, wie sie etwa in den „Sozialistischen Monatsheften" gelegentlich nach Ausdruck ringen. Aus dem Ge- — 43 — werkschastskongreß zu Hamburg 1908 erklärte der Abgeordnete Molkenbuhr die antimilitaristische Propaganda vieler Parteifreunde für „kleinbürgerlichen Kadikalismus". Ein Bernstein wagte den Latz: „Wo wichtige Interessen der Nation in Frage stehen, kann die InterNationalität kein Grund schwächlicher Nachgiebigkeit gegenüber den Prätensionen ausländischer Interessenten sein." Kber noch scheinen solche Unterströmungen auf lange hinaus zu schwach, um auf den Gang der Parteipolitik Einfluß zu gewinnen. Wie dem immer sei, jedenfalls ist die politische Bückständigkeit der deutschen Arbeiter kein ernsthaftes Hindernis des Flottenbaues. Das gleiche gilt von der Hoffnung unserer „Freunde", daß Deutschland sich durch den Flottenbau finanziell zugrunde richte.^) Zwar scheint diese Meinung aus den ersten Blick berechtigt, wenn man das chronische Defizit des deutschen Reiches und seine in Friedenszeiten wachsende Verschuldung mit dem glänzenden Stande der britischen Finanzen vergleicht. Durch eine mustergiltige Grdnung der Finanzen hat der Liberale Gladstone das britische Weltreich untermauert. Sein System verbindet bekanntlich, unter Freilassung der notwendigsten Lebensbedürfnisse, direkte Steuern mit Verbrauchsabgaben aus Massenluxus, wobei der Schwerpunkt immer noch auf letzteren ruht. Im Rechnungsabschluß für das Finanzjahr 1906/07 brachten Zölle und Verbrauchssteuern an 65 Millionen Lstr., Einkommen- und Erbschaftssteuer dagegen nur an 50 Millionen Lstr. Das „freihändlerische" Großbritannien erhob 1906 an Zöllen 17,13 M., Deutschland nur 10,34 M. pro Kops der Bevölkerung. Die Erfolge dieser „Freihandelsfinanz" sind mit den Händen zu greisen. Der Voranschlag für das abgelaufene — 44 — Finanzjahr 1907/08 sah eine Einnahme von 152,8 Millionen Lstr. vor, die wirklichen Einnahmen beliefen sich auf 156,5 Millionen Lstr., die Ausgaben waren mit 152,5 Millionen Lstr. angesetzt, betrugen aber in Wirklichkeit nur 151,8 Millionen Lstr., so daß sich ein Mehr von 4,7 Millionen Lstr. herausstellte. Der Voranschlag für das Finanzjahr 1908/09 umfaßte Einnahmen von 157 770 000 Lstr. und Ausgaben von 152 869 000 Lstr. Der Ueberschutz von 4,9 Millionen Lstr. erlaubte, die Zuckerzölle um mehr als die Hälfte zu ermäßigen, den Stempel aus Seeversicherungspapiere herabzusetzen und endlich 1,2 Millionen Lstr. für die Altersversicherung bereitzustellen. Derselbe Etat nahm serner eine Schuldentilgung in Höhe von 15 Millionen Lstr. in Aussicht. Im Iahre 1906 wurden tatsächlich 18 Millionen Lstr. getilgt. Kus Grund regelmäßiger Tilgung wird der englische Staat, wenn nicht unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, am 31. März 1909 die Nationalschuld auf denjenigen Betrag zurückgeführt haben, den sie im Iahre 1889 einnahm, d. h. aus 697 Millionen Lstr., nachdem sie durch den südafrikanischen Krieg 1903 auf etwa 771 Millionen Lstr. angewachsen war. Demgegenüber beruht das finanzielle Elend Deutschlands auf mangelhafter Erschließung vorhandener Steuerquellen — eine Folge unfertiger konstitutioneller Zustände. Wie dereinst im England der Stuarts, so feilschen in Deutschland Krone und Parlament um die Steuern. In England ist dieser Kampf formell zugunsten des Parlaments entschieden, ohne daß der persönliche Einfluß des Monarchen — die Persönlichkeit vorausgesetzt — dabei Not gelitten hat. Welchen Einfluß aus die Geschicke seines Volkes übt nicht hinter den wechselnden Ministerien das stille und zähe Wirken des parlamentarischen Königs! In England ruht die Steuerverweigerung als ein oer- — 45 — staubtes Rüstzeug in der Waffenkammer der „Gemeinen", während in Deutschland gerade die ergiebigsten Steuern parlamentarisch am schwersten durchzusetzen sind. Nach K. Wagner kamen 1904/05 auf Tabak pro Kops der Bevölkerung in Großbritannien 6,5 Mk. Steuern, d. h. fast sechsmal soviel wie bei uns, an Branntwein (nach Abzug der Zuschüsse an die Lokalverwaltung) 10,5 Mk. pro Kops oder mehr als viermal soviel wie bei uns, an Bier über 6 Mk. pro Kops, fast achtmal soviel als in Norddeutschland. Die alkoholischen Getränke und Tabak brachten dem britischen Staatssäckel in genanntem Jahre auf den Kopf der Bevölkerung 24,2 Mk. gegen nur 4,8 Mk. pro Kopf in Deutschland. Das Gesamterträgnis dieser drei Steuern belies sich 1904/05 aus nahezu 1000 Millionen Mk. 5luf Branntwein, Bier und Tabak ruht steuerlich die britische Seemacht und das britische Weltreich. Diese Besteuerung gilt als Selbstverständlichkeit, nicht nur aus politischen, sondern auch aus hygienischen und moralischen Gründen. Keine Regierung, weder eine konservative, noch eine liberale, noch eine arbeiterparteiliche wird an ihr rütteln. In Deutschland wird nicht weniger geraucht und getrunken als jenseits des Kanals, aber Branntwein, Tabak und Bier brachten 1903/04 hier nur 253 Millionen Mk. Daß die geringeren Wohlstandsverhältnisse Deutschlands hierfür nicht in Betracht kommen, beweisen folgende Tatsachen: Frankreich ist, alles in allem genommen, heute nicht mehr reicher als Deutschland, und doch brachten Getränke und Tabak nach dem französischen Etat von 1905 fast 16 Mk. pro Kopf, mehr als das dreifache wie bei uns. Der österreichische Konsument ist ärmer als der deutsche, und doch liefern die Getränke und der Tabak in Oesterreich immer noch mehr als das doppelte wie in Deutschland.^) (vergl. Tabelle 31 u. 32.) "l^" » x . / < ->s — 46 — Deutschlands Finanzmisere ruht also nicht aus mangelnder SteuersähigKeit, sondern aus mangelnder Steuerrvilligkeit. Das deutsche Volk wird es lernen müssen, sich selbst zu besteuern, wenn anders es seine Land- und Seerüstung als Lebensinteresse ersaßt und aus eigenem Entschlüsse auf sich nimmt. Tatsächlich hat das deutsche Volk sich auf diesen Weg bereits festgelegt: eine schwache Flotte ist schlechter als gar keine, hinausgeworfenes Geld — heute schon Hunderte von Millionen. Zur Verbreitung dieser Einsicht kann die Regierung durch freiheitliche Politik im Innern viel beitragen. Wie sagt doch Friedrich List? „Unter allen Gewerbszweigen erfordert die Schiffahrt am meisten Energie, persönlichen Mut, Unternehmungsgeist und Ausdauer — Eigenschaften, die offenbar nur in der Luft der Freiheit gedeihen." Iene Einsicht wird in den breiten Massen um so früher zum Durchbruch kommen, je eher die besitzenden lilassen mit gutem Beispiel vorangehen, deren Reichtum heute mehr denn je aus überseeischen Quellen gespeist wird, könnte der Flottenverein ein würdigeres Ziel der Agitation erwählen, als eine kräftige, dabei vernünftig abgestufte, insbesondere die Zahl der Kinderi berücksichtigende Ueichserbschaftssteuer? In letzter Linie setzen unsere „Freunde" ihre Hoffnung auf internationale Schiedsgerichte und Kbrüstungsverträge. Abrüstung ist so lange eine unpraktische Frage, als eine Macht es in ihrem Belieben hat, von heute auf morgen, wenn sie will, unsere Schiffahrt und unseren Seehandel zu vernichten und damit unser nationales Dasein ins herz zu treffen. Man vergesse nicht: mit der Steigerung des Seeverkehrs und dem Wachstum der Handelsflotten lastet die britische Seeherrschast schwerer als vor 50 Iahren aus der nicht britischen Welt. Wie viel mehr an schwimmenden Werten — 47 — würde heute jede der großen Volkswirtschaften in einem Kriege mit England auf das Spiel setzen! Nichts aber gefährdet den Frieden mehr als die Schwachmütigkeit sogenannter „pacifisten", welche die Kbrüstungsvorschläge einer Macht ernst nehmen, deren Flottenausgaben das vierfache der Deutschen betragen.^) Noch l9t)4 stand einer britischen Marineausgabe von 880 Millionen Mk. eine deutsche von nur 167 Millionen Mark gegenüber, (vergl. auch die höchst bezeichnenden Tabellen 29 u. 30.) Die britischen pacifisten befürworten die Abrüstung der andern, welche die britische Seeherrschast selbstverständlicherweise unangefochten ließe und gar vertragsmäßig verewigte. Kls der bekannte Friedensapostel Herr Stead aus Deutschland zurückkehrte, verlangte er als britischer Flottenapostel für jeden deutschen Kiel zwei britische. VWcils sst>, Wtirara Qon seridsrö. England wird früher oder später sich damit abfinden müssen, daß seine Seeherrschast des neunzehnten Jahrhunderts einem maritimen Gleichgewicht von vier bis fünf Mächten im zwanzigsten Jahrhundert Platz machen mutz. Ie eher es sich zu dieser Einsicht durchringt, um so besser für den Weltfrieden. Die deutsche Flotte erscheint in diesem Zusammenhang als die einzig gesunde Grundlage einer ehrlichen Verständigung mit England. Die deutsch-englische Frage ist dann beseitigt, wenn England im Kriege gegen uns einen zu großen Einsatz wagen müßte. Iedes Panzerschiff, das die deutsche Flagge über die Wellen trägt, ist eine neue Gewähr dafür, daß das englische Volk Deutschland als eine gleichberechtigte Macht anerkennen und sich auf dem Boden friedlichen Wettbewerbs zurückhalten wird. Dem Frieden und der Freundschaft dient in dieser armen Welt immer noch am besten die Unmöglichkeit, mit Gewalt mehr — 48 — zu erreichen, als durch vertragsmäßiges Zugeständnis. Die Achtung vor einer unangreifbaren Macht führte England zur Anerkennung der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Bedürfnisse der vereinigten Staaten,' nur eine ähnliche Achtung kann unseren britischen Vetter veranlassen, sich auch mit Deutschlands Ausstieg endgültig zu versöhnen. Wenn neuerdings deutschfreundliche Stimmen jenseits des Kanals wieder häufiger zu Worte kommen, so beruht dies gewiß nicht zuletzt auf der Anerkennung, welche unsere bescheidenen Flottenanfänge seitens englischer Fachmänner finden. Ich verweise z. B. auf die Ausführungen des bekannten Sachverständigen Archibald S. hurt in Ninetienth Tenturn (Iuli 1902): „Wie Deutschland sich zum großen Teil durch den Handel mit England aufbaute, so ist die deutsche Flotte eine getreue, wenn auch keine knechtische Nachahmung der englischen. Der Geist in beiden Flotten ist derselbe. Diensterfüllung des Dienstes wegen, ohne Aussicht auf Belohnung, ist die Losung für den englischen Marineoffizier und ebenso für den deutschen." ,,Zn allen deutschen Dienstzweigen wird Ausgezeichnetes geleistet, heute kohlt z. V. die deutsche Flotte fast so gut als die englische. Der „Kaiser Wilhelm II." nahm in Kiel Kohlen ein, während ich an Bord war. Die Durchschnittsleistung war 283 To. pro Stunde. Ich glaube, diese Leistung ist einmal von der „Majestic", dem Flaggschiff des Admirals Wilson, übertroffen worden, zeigt aber, welche Fortschritte die deutsche Flotte in Leistungsfähigkeit macht. Außer der englischen gibt es keine Flotte in der Welt, die so tüchtig wäre wie die deutsche." Um so weniger darf in diesem Zusammenhange verschwiegen werden, daß konstruktive Mängel in den Augen britischer Fachmänner die deutsche Flotte bislang stark entwerteten. Erst den neuesten Schiffskonstruktionen Deutschlands wird größere Achtung entgegengebracht. So weit diese Achtung begründet ist, hätten — 49 — wir mit den früheren Mißgriffen ein teueres, aber nicht zu teueres Lehrgeld bezahlt. Dieser Achtung wird der Gerechtigkeitssinn des britischen Volkes zu Hilfe kommen: wenn es die maritime Machtentfaltung den Amerikanern und Franzosen, den Russen und Japanern vergönnt, darf es sie derjenigen Nation verweigern, welche nächst Großbritannien der Weltwirtschaft am innigsten verflochten ist? Noch steht die deutsche Flotte an Stärke hinter der französischen zurück, und doch sind Frankreichs überseeische Interessen im vergleich zu den deutschen künstlich angebaute, kann ein billig denkender Engländer verlangen, daß Deutschland sein Dasein der Gnade oder Ungnade einer fremden Macht anvertraut? Warum soll sich England von der deutschen Flotte mehr bedroht fühlen, als von der stärkeren französischen oder amerikanischen? Aus dem Loden solcher Erwägungen dürfte in England jene Stimmung erwachsen, welche bei aller Pflege der amerikanischen, französischen und japanischen Freundschaft auch für Deutschland noch guten Willen übrig behält. Selbstverständlicherweise wird kein vernünftiger Deutscher es den Engländern verdenken, diejenigen Sicherheitsmaßregeln zu.ergreisen, welche in ihrem Interesse ihnen geboten erscheinen. Leider ist es nicht überflüssig, den reinen Verteidigungszweck der deutschen Flotte, die von Grund aus friedlichen Absichten des deutschen Volkes wie seiner Negierung auf das nachdrücklichste hervorzuheben. So mancher Nierbankpolitiker hat zwar in einem Nebel von Alkohol und Tabaksqualm — so mancher Zeitungsskribent hat mit Tinte und Feder das britische Weltreich zertrümmert, aber damit lediglich das eigene Vaterland geschädigt. Es wäre erfreulicher, solchen Wahnwitz mit Stillschweigen übergehen zu können,' leider wird er in England beachtet und ernst genommen. Ein verständiger Mann wie Sir Harrn Iohnston und nicht 4 — 50 — er allein,^) behauptet, Deutschland baue seine Flotte, um Südafrika und Australien zu erobern und dem Vriten ein ..maritimes Sedan" zu bereiten. (!) Demgegenüber handelt es sich gar nicht um die Frage, ob es für Deutschland, ob es für die Menschheit wünschenswert wäre, daß das britische Weltreich in Stücke ginge. Ich persönlich würde diese Frage nachdrücklich verneinen. In meinen Augen ist das britische Reich eine Kulturtatsache allerersten Ranges, welche insbesondere der breiten Masse der farbigen Menschheit zu segensvoller Erziehung gereicht. Indem es ihr die Geldwirtschaft aufzwingt, entfesselt es den Einzelmenschen von tausendjährigen Gewohnheiten und Gebundenheiten und leitet ihn, wie Hegel so schön ausführt, durch die Arbeit schrittweise zur Freiheit.^) Ein Angriffskrieg auf diese be- wundernswerte Drganisation, welcher roher Naubsucht und verächtlichem Neide entspränge, hätte, um ein tiefsinniges Wort Goethes zu gebrauchen — Gott nicht in sich. Glücklicherweise jedoch liegt diese Frage uns überhaupt nicht zur Entscheidung. Zeit dem Luche des Rapitän Mahan steht es fester denn je, daß England nur von einer Macht besiegt werden könnte, welche die dauernde Herrschaft über die britischen Meere an sich risse, hierzu gehörte eine Flotte, welche der englischen nicht nur ziffernmäßig gewachsen, sondern an schweren Schlachtschiffen überlegen wäre.22) Eingekeilt zwischen Rußland und Frankreich, hat Deutschland während des ganzen 2V. Iahrhunderts das erste Landheer der Welt zu unterhalten. Es übersteigt offenbar die Kräfte der deutschen Volkswirtschaft, daneben noch eine Flotte zu tragen, welche über Englands Seemacht emporwüchse, husarenstücklein („ra-ias") würden an der wunderbaren Geschlossenheit der britischen Nation wie Seifenblasen zerplatzen. Ein offenbar sehr sachkundiger Artikel der deutschen Marinerundschau Iuni lW2 begründet die Unmöglichkeit eines deutschen Angriffskrieges gegen England für alle praktisch in Betracht kommende Zukunft. Die „überraschende Invasion", mit der General Mercier in den Tagen von Faschoda spielte, sei angesichts des modernen Nachrichtendienstes eine Chimäre. Eine Invasionsarmee vorzubereiten, erfordere Wochen. Der größte Transporter sei wehrlos gegenüber dem kleinsten Torpedoboote. Eine Landung sei im feindlichen Feuer unmöglich- gelinge sie, so bleibe sie so lange wirkungslos, ehe nicht Pferde, Geschütze, sowie ein riesiger Train (in einem Lande wie England vor allem große Mengen von Nahrungsmitteln) gelandet seien. Die Durchführung einer derartigen Landung sei nur möglich unter dem Schutze einer das Meer schlechthin beherrschenden Schlachtslotte. Insofern hatte Balfour recht, wenn er den Gedanken einer Invasion als Utopie aus dem Bereiche der praktischen Möglichkeiten ausschied. In dieser Hinsicht stimmen augenscheinlich die maßgeblichen Kreise der deutschen Marine mit dem britischen Neichsver- teidigungsausschuß überein.^) Dringt aber erst die Einsicht durch, daß Deutschland und England sich gegenseitig nicht vernichtend treffen können, und daß ihr Krieg lediglich dritten Mitbewerbern zugute käme, so muß trotz allen Iingo- tums auf beiden Seiten der Weg einer Verständigung sich finden lassen.^) Ist erst der Gipfel der politischen Gefahr überklommen, so dürste es möglich sein, die nachfolgenden wirtschaftlichen Weiten in friedlicher Gemeinschaft zu durchwandern. IV. Freilich ist auch das wirtschaftliche Verhältnis Deutschlands und Englands, welches in den Tagen Bis- marcks so einfach erschien, verwickelter geworden. Es ist zudem für beide Teile heute von alles überragender — 52 — Bedeutung. Kuch in dieser Hinsicht gebe ich zunächst einige Ziffern.^) I. Deutschland Mzzen (5perial)danael in Millionen Mark lyos. Einfuhr von Ausfuhr nach Summe M den ^5 Haupth indelsgebieten 825,5 1 070,2 1 895,7 1 236,3 636,2 1 872,5 I 088,5 457,1 1 545,6 809,8 649,3 1 459,1 433,3 382,7 816,0 241,3 443,4 684,7 291,1 355,8 646,9 216,8 373,6 590,4 372,2 170,2 542,4 357,6 114,4 472,0 241,0 230,9 471,9 149,7 176,4 326,1 128,2 197,3 325,5 188,1 88,8 276,9 145,0 72,4 217,4 Großbritannien Vereinigte Staaten Rußland seinschl. Finnland und russisch Asien) Österreich-Ungarn Frankreich Niederlande Belgien Schweiz Argentinien Britisch Indien Italien Schweden Dänemark Brasilien Chile ll. Lrsttbritanniens Hu55endanüel in isoo Liyos. Einfuhr von Ausfuhr nach Vereinigte Staaten '^Deutschland seinschl. der Niederlande) den 15 Haupthandelsacbieten 131 101,5 53 240,3 Summe 184 341,8 139 825,7 74 675,8 65150,4 Einfuhr Ausfuhr Summe * Deutschland Z3 0ZI.8 4S ZIZ,Z 86ZZ4,!, Niederlande ze S5Z,5 1S8Z3,i, 5Zqq>,,6 und der Eigenproduktion der Niederlande für die Ausfuhr nach Großbritannien, so Bedeutung Deutschlands für Großbritannien in keiner weise. — 5Z — Britisch Indien (einschl. Einfuhr Ausfuhr Summe Ceylon u. Straits- settlements) 51 177,9 51 932,1 103 110,0 Frankreich 53 871,7 28 784,8 82 656,3 Australien seinschl. Neuseeland) 44 745,7 30 833,8 75 579,5 Aanada (einschl. Neufundland) 30 949,0 16 064,1 47 013,1 Rußland 30 051,3 15 942,1 45 993,4 Belgien 29 033,4 16 753,9 45 787,3 Argentinien 23 803,0 19 913,6 43 716,6 Aegypten 16 858,2 9 152,6 26 010,8 Britisch Südafrika (Rap u. Natal) 6 337,8 16 722,0 23 059,8 Spanien 15 827,7 5 339,7 21 167,4 Brasilien 9 112,4 7 948,4 17 060,8 Italien 3 612,3 12 481,7 16 094,0 Japan 2 954,3 13 115,3 16 069,6 lll. einfuhr una Unttudr veutlchlanas uns aer vereinigte« Staaten von uns nach Sem britischen Wcve. ^. Deutschlands Einfuhr Ausfuhr (in Mill. Mk) ^os von und nach Großbritannien und den britischen Besitzungen in Europa 825,5 1 070,2 Britisch Asien 357,6 114,4 „ Afrika 95,2 44,3 „ Amerika 21,4 26,7 „ Australien 179,6 64,3 Summe 1 479,3 1 319,9 2. Der vereinigten Staaten Einfuhr Ausfuhr «in Mill, Mr.) ,905/06 von und nach Großbritannien 882,1 2 427,7 Britisch Asien 282,1 31,3 „ Afrika 7,2 59,2 „ Amerika 329,7 654,Z „ Australien _48^4_121,5 Summe 1 549,5 3 294,0 Einfuhr von Ausfuhr nach dem britischen Reich izos In Millionen Mark Deutschlands 1 479,3 1 319,9 Der vereinigten Staaten 1 549,5 3 294,0 Also Deutschlands Einfuhrüberschuß 159,4 Mill.Mk. Der Vereinigten Staaten Ausfuhrüberschuß 1744,5 „ „ IV. veutseviantk einfM von uns Hutiubr naed Sro55britannien an üen vlcbtigsten Inausttie- attiüein 1905 in Millionen Mark. s. Textilwaren (Garne, baumwollene Gewebe, Wollwaren, Baumwolltüll) d. Aohle c. Zucker 6. Fische e. Seeschiffe (Ziffer für März bis Dezember 1906) f. Spielzeug Teerfarben k. Alaviere i. Eisenwaren (Weißblech, Roheisen) k. Maschinen Cinkukr 164,7 108,5 vakat 35,4 19,6 vakat 14.9 16,8 (Baumwoll-, Wollgewebe, Wirkwaren, fertige Aleider) riuskulir (Feine, grobe Eisen- waren,°/, der Ge- samieinfuhr 14150-4,8°/, 19036-58,5°/, 4013-12,5°/, 23075 - 60,2»/, 5384 - 14°/, 9003 - 69,2°/, 3887 - 25,b"/, ft? aus den Verein. Staaten Deutschland den übrigen Ländern 180726-61.4°/, der Gc- samteinfubr 7040-2,4°/, 23053- 7,8°/, 2981 - 9,2°/, 2288-7°/« 4231 - 13°/, 4487-11,7°/, 2643--6,9"/« 2768,9-7,2°/, 1406-9,2°/, 337-2,2°/, 578-3,8°/, aus Deutschland England Westindien Britisch-Guyana VI. Zuckereinrudl ^anaüss ^900/0^ in Dollar 3 411 881 91 786 169 000 20 000 lyoq/os 13 000 456 000 4 000 000 2 500 000 Für Deutschland ist England weitaus der beste Markt, welcher die nächstfolgenden Märkte — Gester- reich-Ungarn, Rußland, die vereinigten Staaten — um SM^^Ä — 56 — mehrere hundert Millionen Mark an Kufnahmefähigkeit übertrifft. (Tabelle I.) Der englische Markt ist für uns um so wichtiger, als Deutschland nicht die Kolonien besitzt, aus welche es sich — wie England — im Notfall zurückziehen könnte. Die Möglichkeit Thamberlainscher Ioll- pläne ist für Deutschland ausgeschlossen,- Deutschland braucht fremde Märkte. Der mitteleuropäische Zollverein, welcher als Ersatz für den sich etwa verschließenden englischen Markt empfohlen wird, ist demgegenüber ein nebelhaftes Gebilde, selbständige Großstaaten werden den wichtigsten Teil ihrer Souveränität, welcher in der Handelspolitik zum Ausdruck kommt, zugunsten einer internationalen Gberinstanz nimmermehr ausgeben- sie werden sich nicht in Zollkriege verwickeln lassen, die sie nichts angehen. Weshalb sollte z. B. (Oesterreich-Ungarn sich für Deutschlands Zwecke mit England oder den vereinigten Staaten handelspolitisch überwerfen? Noch weniger wäre Deutschland geneigt, sich in wichtigen handelspolitischen Fragen von vertragsgenossen überstimmen zu lassen. Der deutsche Zollverein kam einst zustande, weil in und mit ihm die Frage der politischen Vorherrschaft Preußens über die deutsche Kleinstaaterei entschieden wurde. Der größerbritische Zollverein ist trotz aller Schwierigkeiten denkbar, weil die Herstellung eines gemeinsamen staatsrechtlichen (Organs nicht ausgeschlossen ist. (Ohne die Voraussetzung umwälzender politischer Katastrophen ist das mitteleuropäische Zollparlament — Utopie.^) Gegenüber derartig vagen Zukunftshoffnungen ist es jedenfalls weise, die vorhandenen Märkte zu pflegen. Wir werden uns wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen müssen: der britische Freihandel ist keine Selbstverständlichkeit mehr, lvir stützen ihn dadurch nicht, daß wir „offene Tür" predigen und das Gegenteil tun. Insbesondere sollten wir in solchen Zöllen Maß halten, welche versteckte Ausfuhrprämien für unsere industrielle Ausfuhr ermöglichen. Jeder derartige Zoll wird von England als „unfair" empfunden und ist ein Nagel zum Zarge des englischen Freihandels. Dieser Freihandel aber ist unser Interesse. Ein Wertzoll von lv bis 20°/o, wie ihn Tham- berlain vorschlug, würde bereits viele Zweige der deutschen Ausfuhr stark behindern, in einzelnen Fällen sogar pro- hibitiv wirken. Auch hätten wir eine weitere Verschärfung der Vorzugszölle zugunsten Englands aus dem Boden der britischen Kolonien zu fürchten. Noch vor wenigen Iahren versicherten deutsche Freihändler, daß Kanada die dem Mutterlands gewährten Vorzugszölle alsbald andern Staaten durch Handelsverträge zugänglich machen, daß keine weitere britische Kolonie dem kanadischen Beispiele folgen werde usw. Diese Prophezeiungen sind durch die Ereignisse widerlegt worden. Leibst einer liberalen und freihändlerischen Zentralregierung gegenüber sind die kolonialen Vorzugszölle nicht nur beibehalten, sondern noch erweitert worden. (Neuseeland Kanada hat lW6 einen dreifachen Zolltarif eingeführt: den niedersten ausschließlich für England, den mittleren für Vertragsstaaten, den höchsten für die übrige Welt, zu welcher zur Zeit Deutschland zählt. Aus der andern Leite wollen wir uns hüten, einen etwaigen Lieg der britischen Finanzreformer allzu tragisch zu nehmen, lvir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß der britische Freihandel zu Vergeltungszöllen greift oder in Schutzzoll umschlägt, wie denn das neueste vatentgesetz einer liberalen Negierung durchaus schutzzöllnerischem Geiste entsprungen ist??) Bei Handelsverträgen würden wir einem schutzzöllnerischen England ungewohnte Dpser bringen müssen. Aber bei dem ungeheuren Umfang der beiderseits in Betracht kommenden Interessen wäre ein befriedigendes Vertragsergebnis möglich und wünschenswert. Nur blinde Unvernunft könnte Handelsumsätze gefährden, welche, wie die zwischen Deutschland und dem britischen Reiche, beiderseits eine Milliarde Mark weit übersteigen. Ein sich auf seine Kolonien zurückziehendes England schüfe uns Ellbogenraum in der übrigen Welt: es verteuerte doch wohl die Lebenshaltung des britischen Arbeiters und entfernte sich handelspolitisch von den nicht britischen Nohstoffgebieten. Was wir auf dem Gebiet des britischen Reiches verlören, müßten wir in Rußland, in Südamerika, im Grient und in Vstasien einzubringen suchen. Lchon haben wir aus manchem dieser Märkte den Vorsprung. Um England auf neutralen Gebieten zu überflügeln, dürfen wir freilich nicht uns selbst hochschutzzöllnerisch einkapseln, vielmehr weist Thamberlain uns auf den entgegengesetzten Weg als den, welchen er auf Grund riesigen Kolonialbesitzes seinen Landsleuten predigt. Anderen Lchutzzollgebieten gegenüber besäße ein maßvoll schutzzöllnerisches England eine heilsame Netorsions- kraft. Es könnte vielleicht, einflußreicher als bisher, auch zu unsern Gunsten in der Richtung internationalen Zoll- abbaues wirksam werden.^) Aber wie immer seine Handelspolitik sich in ZuKunst gestalte, jedenfalls hat Großbritannien — nicht minder als Deutschland — ein dringliches Interesse an einer befriedigenden Gestaltung unserer gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Zweierlei kommt hierfür in Betracht. Noch ist Deutschland einer der wichtigsten Märkte des britischen Industriestaates — ein Markt, der an Aufnahmefähigkeit selbst von dem indischen Kaiserreich nicht übertrosfen wird. (Tab. II.) Noch führt Deutschland, im Gegensatz zu den kolonialen Nohstoffgebieten, hochwertige Industrieartikel in gewaltigen Beträgen von Groß- — 59 — britannien ein. vornan stehen seine Garne und Gewebe, Wolltuche, Baumwolltülle usw., daneben Maschinen und Seeschiffe. Im Iahre 1907 kaufte Deutschland von England Garne im kolossalen Werte von 23V Millionen Mark. Recht eigentlich britische Erzeugnisse wie Seeschiffe und Fische werden gegen ebenso eigentümlich deutsche Waren wie Teerfarben, Klaviere und Spielzeug zu etwa gleichen Werten getauscht. Noch beträgt der Ertrag der deutschen Hochseefischerei erst ein Drittel des heimischen Fischbedarss.^) Deutschlands Markt öffnet sich britischen Luxusartikeln, wobei das Schwinden französischer, das Vordringen englischer Einflüsse im deutschen Lebenszuschnitt seine Bolle spielt. Dieser Umschwung aber, der doch die Rückkehr zu unserer eigensten Grundlage bedeutet, vollzieht sich „mit zwingender Strenge".^) Trotzdem wird — angesichts der Tab. IV mitgeteilten Ziffern — den britischen Finanzreformern zuzugeben sein, daß Deutschland im Verhältnis zu England mehr und mehr in die Bolle des exportierenden Industriestaates hineinwächst. Insbesondere bahnt sich aus dem Gebiete der Textilindustrie zwischen beiden Ländern eine außerordentlich reich gegliederte Arbeitsteilung an, wobei — vorwiegend in zweiten Qualitäten — Deutschland ein leichtes Uebergewicht behauptet. Der britischen Bohlenausfuhr nach Deutschland entspricht die Ausfuhr des höher verarbeiteten deutschen Zuckers nach England. Diese Busfuhr ist allerdings kein sicherer Besitz Deutschlands, da der koloniale Bohrzucker, dessen Bundesgenossin die tropische Sonne ist, früher oder später den Bübenzucker auch von Freihandelsmärkten verdrängen dürste. Diese Verdrängung hat sich unter dem Druck handelspolitischer Matzregeln in Tanada jäh vollzogen, lvergl. Tab. VI.) Bber wenn für Deutschland der englische Markt heute immerhin wichtiger sein mag, als der deutsche Markt für - 60 - Großbritannien, so liegt das Verhältnis zum britischen Weltreich gerade umgekehrt. Deutschland ist von allen Ländern der Welt der kaufkräftigste Abnehmer größer- britischer Rohprodukte und besitzt im Verhältnis zum britischen Reich eine entschieden passive Handelsbilanz, (vergl. Tab. III.) Deutschland ist, roie ich an anderer Stelle nachzuweisen suchte, gegenüber manchen britischen Herrschaftsgebieten, z. B. Indien, als überwiegender Käufer nicht ohne Retorsionskrast. In diesem Verhältnis spiegelt sich jene ungeheure Verschiebung der britischen Volkswirtschaft, die sich langsam, aber sicher in unsern Tagen vollzieht und bie sich u. a. in der Kbnahme der britischen Ausfuhrkraft offenbart: in den letzten 24 Iahren hat die Ausfuhr Großbritanniens um 2Zv/o, die Deutschlands um 54°/o, die der vereinigten Staaten gar um 76°/° zugenommen.^) Die Titn als der Geldgeber riesiger Rohstoffgebiete überwuchert den kleinenglischen Industriestaat, wobei der Reichsverband durch politische Ordnung die Sicherheit der ausgeliehenen Kapitalien gewährleistet. Die Ausbeutung kolonialer Neuländer und Arbeitskräfte ermöglicht nicht nur den breiten Lebenszuschnitt der britischen Mittelklassen, sondern damit auch die Lohnhöhe der englischen Industriearbeiter, deren Erzeugnisse in wachsendem Maße dem reichen heimischen Markte zufließen. Der englische Arbeiteraristokrat steht aus den Schultern einer millionenköpfigen, farbigen Menschheit. Womit aber sollen diese Rohstoffgebiete ihre Zinsen an England begleichen, wenn nicht durch Rohstosfaussuhr nach Industrieländern? Denken wir insbesondere der stark wachsenden Verschuldung Australiens gegen England. Großbritannien selbst besitzt den Kolonien gegenüber vielfach nur schwach passive Handelsbilanzen, da die — 61 — koloniale Welt auf Grund von Vorzugszöllen und verwandten Lebensgewohnheiten mit Vorliebe britische Industrieerzeugnisse kauft, (vergl. Tabelle V.) Um so mehr benötigen die britischen Kolonien zur Kufrechterhaltung ihrer Zahlungsbilanz der Aussuhr in nicht britische Industriegebiete. Unter diesen steht Deutschland allen andern voran. Als Industriestaat ohne nennenswertes eigenes Kolonialreich ergänzt Deutschland recht eigentlich das größere Britannien. Die Forderungen, welche den britischen Kolonien aus ihrer Nohstoffaussuhr gegen Deutschland erwachsen, dienen zur Zahlung ihrer Schuld- zinsen an England. In gesteigertem Maße gilt das gleiche von Britisch Indien, welches nicht nuv Schuldzinsen, Pensionen, handels- und Plantagengewinne an England abzuführen hat, sondern auch seit Iahren eine entschieden passive Handelsbilanz im Verhältnis zu Großbritannien aufweist. Die Kaufkraft Europas, insbesondere Deutschlands, trägt das indische Budget und die indische Währung. Sichern wir also durch starke Rüstung den politischen Frieden und nehmen dem englischen Volke den Anlaß, sich über wirtschaftliche Ungerechtigkeit unsererseits zu beklagen! Dann dürfte England mit dem wirtschaftlichen und maritimen Aufschwung Neudeutschlands sich früher oder später versöhnen. Dann dürfte auch der alte Satz eines D. hume und A. Smith wieder zum Durchbruch kommen, daß kapitalkräftige und volkreiche Nationen sich gegenseitig die nützlichsten Nachbarn sind. „Freimütig wage ich es zu bekennen," sagt D. hume, „daß ich nicht nur als INensch, sondern auch als britischer Untertan den Ausschwung und die Blüte des Handels in Deutschland, Spanien, Italien und sogar auch in Frankreich wünsche", heute würde hume sagen: „in Frankreich, sogar in Deutschland". Adam Smith aber setzt hinzu: „Eine Nation sollte — 62 — ' die Reichtümer ihrer Nachbarn für einen Grund und eine Gelegenheit ansehen, selbst Reichtümer zu erwerben. Wenn eine Nation sich durch den auswärtigen Handel bereichern will, so hat sie leichtes Spiel, wofern ihre Nachbarn reiche, betriebsame und Handel treibende Völker sind." „Iks vsll bsinA ok Ksrmaii^ oannot !ail to brinA ^ävant^Ass to DnKlanä." 4") Deutschland — zum Frieden stark! Anmerkungen. > Bismarck. Gedanken und Erinnerungen. I, S. 17». ^ vergl. für diese Frage jetzt: Morgenroth. Exportpolitik der Kartelle. Leipzig 1907. s Nr. 1—Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 5905 und 1903. S. 29*. Nr. 5—8. Statistisches Jahrbuch 1908. S. zo*. Deport ok tke lankk Lommission Vol. l. London 190-5, ergänzt durch ^lulnall. victionary ok Ltstistics, ». Ldit. 190z und E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 190s und 190?. Die Ziffern für 190s Tabelle 7 aus: Gemeinfaßliche Darstellung des Eisenhüttenwesens, s. Aufl. Düsseldorfs 190?. Nr. 9—1>. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 5908. S. ZI". Nr. 12 u. 1Z t^ree tracle les^ue. Ike grovtn ok tke l'rgcle ok Lotton varns anä Zooäs. Manchester 5908; auf Grund von )ones nanäbook September 5907. vgl. auch l^lootal Kros6nur8t. Lpeecn st ins I^ree 'irscle Hall. 21 Jan. 1903. No. 1-1. Statistisches Jahrbuch 1908. S. 28'. ^anclie8ter Ouarclian v. zo. Dezember 1905. vergl. etwas ältere Ziffern s6 Baumwollindustrie bei Jurasch ek. Die Staaten Europa's. Leipzig 1907. S. 550 ff. Nr. IS. Berechnet aus E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 190k. 5. Teil, S. 55. Nr is. Statistisches Jahrbuch für 1907. S. 18' und 1908 S. 27'. Nr. 17. Statistisches Jahrbuch 5903. S. 2S*. Nr. 18. Berechnet aus Statistischem Jahrbuch für 1907. S. 2ö'. Nr. 19. L. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1907. 1. Teil, S. 257. Nr. 20. Statistisches Jahrbuch für 1907. S. Zl' und 1908 S. 41'. Nr. 21. Statistisches Jahrbuch für 1907. S. Z5*. Nr. 22, Statistisches Jahrbuch für 1907. S. Z5'. Nr. 22. Berechnet aus Statistischem Jahrbuch für 1907. S. Z?'. Nr. 2-1. Berechnet aus E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1907. 1> Teil. S. 20s (nach Lloyd's Register 190S/07). Nr. 25. E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1907. 1. Teil, S. 20s. Nr. 26. Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahr- zehnt. Zusammengestellt im Reichsmarineamt. Berlin 1905. Nr. 27. Berechnet nach Statistischem Jahrbuch für 190?. S. 5H' und 1908 S. 70*. Nr. 28. Statistisches Jahrbuch für 1907. S. 6i'/62*. Die Ziffer für Amerika entstammt der ^nnual keviev des tnnsncisl Lkronicle. Nr. 29. p. Rohrbach. Deutschland unter den Weltvölkern. 2. Aufl. 1903. S. 153. — 64 — Nr. zo. Denkschrift des Reichsmarineamts über die Entwicklung der deutschen Sceinteressen im letzten Jahrzehnt. Berlin 1905, sowie Hinze Der britische Imperialismus und seine Probleme. Zeitschrift für Politik. 1903 S. 20H. Nr. z;. lVlulkall. Ine victionary ok Swtistics. Edit. 1902. S. 7-^7 und 8>8. Nr. Z2 nach S. Rosen bäum, i^ooä Taxation in tne Unite6 Kin?6om, Trance, Oermsn/ an6 tne Unite6 Ztstes; in der Zeitschrift der i^o/al Ltatistical Lociet^ 1908. ^ v. Sch u lz e-G äv ernitz. Britischer Imperialismus und englischer Freihandel >zos. S. 2-^^. ° Lord Hsker. rational peviev. Mai 190g. vergl. auch Rohrbach. Deutschland unter den Weltvölkern. 2. Aufl. Bcrlin- Schöneberg 1908. S. ^8^ ff. ^ Deport on tne Oecline in tne ^Zricultural Population I8SI —l?0ö. London 190s . ^ l'n. Larl^Ie. ttistory ok k^rieärick II. ok prussia, callecl ^reäeriek tne direat. Vol. VIII. S. 25S/257. Leipzig ^8S^. " Lorre-ponäence betvveen Larl^le anä Emerson. II, S. 225. " IVliscellaneous Lssays. Werke VI, S. z-^l. vergl. hierzu den Brief Larl^Ie's an einen Herrn Wald- müller, abgedruckt bei E. Fischer. Lartor resartus. Leipzig ^832. S. -S2. ^ Vergl. Horney. Der volkswirtschaftliche Wert der städtischen Fäkalien, volkswirtschaftliche Abhandlungen der basischen Hochschulen, Karlsruhe 1903 passim. Passow. Agrikulturchemie. Leipzig 5905. S. ^o>. Denkschrift der badischen Anilin- uud Sodafabrik über die Gewinnung von Salpeter aus der atmosphärischen Luft. 1907. vergl. ferner Elektrotechnische Seitschrift 1907. S. KZ, sowie Siemssen, Der verbrauch an Kali in der deutschen Landwirtschaft. Berlin 1902. ^ Gemeinfaßliche Darstellung des Eisenhüttenwesens. Düsseldorf ,907. S. -2<. >6 Die Angaben a6 Indigo beruhen auf Ienke. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des künstlichen Indigo 1908. Diese Arbeit entstammt dem staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Freiburg i. B. " sne Outloolc vom 50. März 190s. vergleiche auch (Zuarterlv Heviev. ^uly 1,903 S. 232: „l^ke next ten ^e-irs vill de mors critical tkan tne last ten". ^ relational peviev. August 4900. S. 922. ^ Berliner Korrespondenz vom 8. Dezember 1,899. 20 Denkschrift des Reichsmarineamts 5905. 2> Zaturäa^ I?evie>v vom n- September 5397. " Zpecwtor vom is. Januar 1397. 22 Denkschrift des Reichsmarineamts über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt 5905: Ueber die Rhein- Häfen gingen im Jahre (90z nach Deutschland Seeeinfuhren im Werte von 1,5 Milliarden Mark, Seeausfuhren im Werte von mehr als 700 Millionen Mark. " Gedanken und Erinnerungen. Bd. II, S. 57s. 25 vergl. von Schulze-Gävernitz. Marx oder Kant. Freiburg i. B. 1903. S. 37. 26 Parvus. Marineforderungen, Kolonialpolitik und Arbeiter, interefsen. Dresden, Verlag der Sächs. Arbeiter-Zeitung. vergl. daselbst S. 13 folgendes köstliche Argument gegen die Flotte: .Gewiß, die Linienschiffe und Kreuzer sind gewaltige, starke Schiffe, ausgerüstet mit erstaunlichen Zerstörungswerkzeugen, aber gerade das macht sie schon wegen ihres langsamen, schwerfälligen Ganges sehr wenig geeignet zur Beschlltzung der flinken, leichten Handelsschiffe — eventuell aber können sie den eigenen Handelsschiffen durch ihren Schutz recht gefährlich werden. Bei dem weittragenden Schnellgeschützfeuer von schrecklicher Explosionskraft, das im Seekrieg zur Anwendung kommt, laufen die hölzernen Kauffahrteischiffe, die in die Gefechtslinie der sie beschützenden, wie der sie angreifenden panzerungeheuer kommen, die größte Gefahr." — Vergl. demgegenüber die sehr vernünftigen Worte Ealwers in den sozialistischen Monatsheften. <905, 2, S. 741, 74z. „Der ökonomische Konkurrenzkampf läßt sich nicht von heute auf morgen abschwächen oder gar beseitigen, er ist ebenso ernst, vielleicht noch ernster als ein blutiger Krieg." „Wenn England neuerdings dazu übergeht, seine Kolonialgebiete mit dem Mutterland zollpolitisch zu vereinigen, so geschieht es aus dem Grunde, weil es den Wettbewerb Deutschlands und auch der vereinigten Staaten auf dem Weltmarkt richtig bewertet und frühzeitig dafür Sorge trägt, einen großen Teil der Welt in einen Vorzugsmarkt für britische Erzeugnisse umzugestalten. Von diesem hier gekennzeichneten ökonomischen Lebensinteresse Englands wird in letzter Linie auch seine Weltpolitik bestimmt. Alle schönen Wünsche und Reden, ob sie nun aus England selbst vereinzelt zu vernehmen sind, oder von außerhalb stammen, ändern an der Kraft, mit der sich dieses kebonsinterefse geltend macht, nichts. Wer der Verwirklichung dieses kebensinteresses ent- gegensteht, oder auch nur entgegenzustehen scheint, ist eben ein natür- licher Gegner Englands." vergl. auch Bernstein. Die Voraussetzungen des Sozialismus. Stuttgart 190s, S. 1-5-5 ff. ^ Outlook vom ^7. November 1900: sksll Zo on to duilä sliips aZsinst Qermany, untill tne competition is soan6one6," — 66 — 26 vergl. Fr. Zahn, Finanzen der Großmächte. Berlin 5903, insbesondere Tabelle S. so. Nicht mangelnde Steuerfähigkeit, sondern Steuerwilligkeit, vergl. Zahn, a. a. V. S. SZ: „Nach Berechnungen I. Lißners (Die deutsche Tabaksteuerfrage. Leipzig 5907, insbesondere S. 5-55) gab das deutsche Volk für seinen Rauchgenuß 5877: 229.5 Mill. Mk., 590s aber 57Z.2 Mill. Mk., also zzq Mill. Mk. mehr aus. Nach der in diesem Zeitraume vor sich gegangenen Bevölkerungsvermehrung um H5°/g hätte die Aufwandssteigerung 503 Mill. Mk. betragen müssen. Die natürliche Aufwandssteigerung wurde infolge der deutschen Wohlstandsentwicklung also noch um 22s Mill. Mk. übertroffen, pro Kopf der Bevölkerung betrug nach Lißner der Iahresaufwand für Rauchzwecke: 537? 5.S? Mk. einschließlich 0.-50 Mk. Steuer I8SZ ?.?; „ „ l-os „ 190z 9.U » ^->? „ 590s 9.-58 „ „ ,. Weitere sehr instruktive Ziffern vergl. im Wörterbuch der Volkswirtschaft in 2 Bänden, herausgegeben von L. Elfter. 2. Aufl. Zena 5907, Band II, S. 50-59: Tabakverbrauch Netto-Steuerertrag pro Aopf in Ag pro Aopf in Mk. Großbritannien 0,7-5 S,63 vereinigte Staaten 2,52 z,8s Deutschland 5,55 1,5s Frankreich 0,99 s,37 22 vergl. v. Schulze-Gävernitz. Britischer Imperialismus und englischer Freihandel. 190s. S. 83, -527. n Zn ähnlicher Weise mißt der bekannte Lenjamin Kiclci Deutschland einen Ehrgeiz bei „von der Rheinmündung zum Euphrat- tal." I^ineteentn Lentur^. Zuli 590z. Der geistvolle Herausgeber des Vbserver, Herr Oarvin, erklärt die Einigung Deutschlands 5375 erst begonnen, nicht vollendet. Durch die Aufsaugung Hollands nnd Deutsch-Dsterreichs werde Deutschland die erste Seemacht (neben den vereinigten Staaten) werden. Vergl. (Zarvin, l'ke principles ok constructive economics, S. -5s. Aehnlich die (Zuarterl/ I^eviev, Juli 5908, S. 278. 2l Runo Fischer. Geschichte der neueren Philosophie. 8. Bd. Hegels Leben, Werke und Lehre. 5. Teil S. Z27/Z23 2- Mahan. Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte, Berlin, Mittler 5399. II. S. 29z: „Nur die Beherrschung der die britischen Inseln umgebenden Gewässer sührt zur Vernichtung der britischen Staatsmacht. Als Vorstufe dazu muß die britische Flotte durch Ueberlegenheit an Zahl oder Geschick lahm gelegt werden." '2 In der Lmpire I^eviev-/ Juni 5905 stellt I.. Laslikorcl entgegen der I^atiorml I^sviev fest, „daß nicht ein einziger kompetenter deutscher Seeoffizier den Gedanken eines deutschen Angriffs auf die englische Aüste als innerhalb der Wahrscheinlichkeit liegend betrachtet." Sehr vernünftig schließt er mit den Worten: „Es muß unser Grundsatz sein, unser Augenmerk auf den Fortschritt der deutschen Flotte zu richten, aber indem wir dies tun, denke ich, daß wir als Engländer immer bereit sein werden, „fair pla^" und ehrenbafte Methoden anzuwenden." ^ So Fürst Bülow zu), I., Lasnkorcl im Kineteentn Lentur^, Dezember 590-5. S. 880. In diesem Sinne äußerte sich auch Lord I^oseberr/ im Blouse ok l_orcls am 55. April 5905 hinsichtlich der englisch-französischen Entente: I vvelcome all our international s^mpatnies, but I vievv v-/itn alarrn an6 6istrust tne sirnultaneous Zrov-tn ok international antipattiies. I'ne one is not necessaril^ tne conseczuencs ok tne otner, an6 I, kor pari, varml)- as I velcome tke Aenerous eloczuence ok international L^mpatny, preker to see, as tne dasis ok our koreiZn policy, a rnore eolä-blooclecl viZilance sn6 reckoninA ok all tne Zreat korces vnick move in tne vorlä, anci not tke exclusivs ok kixinZ ok sttention on one or tvo. ^ I. Statist. Jahrbuch für das Deutsche Reick 5907, S. 570—57-5. II. Ltatistical Xbstract kor tne Uniteä KinZ-äom. London 590?. S. s-5—75. III. Statist. Zahrbuch für 5907, S. 570-573. IV. Statist. Zahrbuch für 5907, S. 202—20-5. vergl. auch die hiermit nicht völlig vergleichbaren Ziffern im Statist. Jahrbuch 5903 S. 20-5 u. 205, welche die ungeheure Steigerung der Garnausfuhr Englands nach Deutschland in diesem Jahre der Hochkonjunktur belegen. V. E. Trescher. Vorzugszölle. Berlin, Siemenroth 5908, S. 37, -55, -53, -53. VI. Daselbst S. S5- 2° Mit Recht erklärt den mitteleuropäischen Jollverein für unmöglich klonäel. l^a politique protectionniste en ^nZIeterre. Paris 190-5. S. 533. ^ vergl. Mitteilungen des Handelsvertragsvereins vom 20. Mai 590s, S. 79: „In der Handelskammer von Liverpool wurde die Mitteilung gemacht, daß infolge des dem Gesetzbuche einverleibten patcntgesetzes von 5907 23 Mill. Lstr. ausländischen Kapitals in England angelegt worden seien zur Herstellung von Handelsartikeln, die bisher im Ausland hergestellt worden sind, aber unter den neuen Verordnungen in England fabriziert werden müssen. Nicht weniger als 8000 ausländische Patente sind nämlich in England eingeschrieben, deren Besitzer jetzt vor die Wahl gestellt find, entweder auf den englischen Markt zu verzichten oder in England eigene Betriebe anzulegen." 8v vergl. den interessanten Aufsatz Schäffles: Mitteleuropa und ZVcltbritannien in der „Zukunft" vom >2. Mai 139-5, S. 23K, - 68 - Auch in seinem „Votum" Tübingen lyo^, S. 2oq hält Schäffle an dieser Auffassung fest. 89 vergl. die öfters zitierte Denkschrift des Reichsmarineamtes l?os, S. U?- " Muthesi-us bei v. Halle. Die Weltwirtschaft ;?os. I. Teil, S. Z2^: „Statt der französischen beginnen die englischen Formen führend zu werden. Der Uebergang vollzieht sich fast unbewußt, aber mit zwingender Strenge. Daran ändert kein Feindschaftsgefühl zu England etwas, und selbst ein Krieg mit England würde auf diesen Prozeß keinen Einfluß haben." " Hinze. Der britische Imperialismus und seine Probleme. Zeitschrift für Politik. 1908. S. 207. ^ O. riume. Nationalökonomische Abhandlungen. Leipzig ^677, S. 53. ^X. Smitli. V^ealtk ok nations. viertes Buch, drittes Kapitel, zweite Abteilung. vergl. ferner l^u^n kell in der Inclepenclant Heviev. «Oktober ;zoz. S. se. — 69 — I^aumann Vemokvatte uncl kaisevvum esr»fiikst Mit 24 lloppel - londruck-Vollbildern, einer guten Karte und Z farbigem Veckelbilde von Windbuk I. Auflage. I.—Z lausend, preis: gebunden Mk. 10.— „. . . Auf 6in?elbeiten einzugeben, tetilt bier der i^oum, deshalb sei Zusammenfassend nur gesagt, dass das Kohrbacbscbe Merk ein vollendetes iZild der Kolonie, ikrer Wirtschaftsformen und Aussichten vor uns entrollt: Hier ist das Land in ein- gehender und klarer Meise geschildert, wie es ist, einerseits frei van aller und jeder Schönfärberei, und andrerseits in voller Anerkennung und lichtvoller Darstellung seines Wertes und der aus ihm sich ergebenden Cntwickl^ingsmäglickkeiten. Or. kobr- bacbs iZucb sei kiermit auf das wärmste empfohlen." K, Zcbwabe, riauptm,, (Zr.-Licbterkelde. Militär-Mocbenblatt. Oas kucb verdient von jedem Kolonialfreunde und jedem, der in kolonialen tragen ein Mort mit- -usprecben bat, studiert ?u werden Oeutscbes gffi^ierblatt Vnchverlag der „k?ilfe", G. in. b. k?., Berlin-Schöneberg fr. I^aumami Von äer l^eicksmavwefakrt Oberst K. Gacike, Die englische keeresreform. — Georg Gotkein, Die preußische Polenxolitik. — Ernsr Oakn, Die politische Bedeutung des ver. hältniswahlsystems, — 6rns^ Jäckk» Friedrich Nietzsche und David Friedrich Stranß. — 6. 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