Geisteshelöen. führende Geister.) Line Sammlung von Biographieen. Herausgegeben von Dr. Unkon Dekkelheim. Sechster Band, tl. Sammlung.) Berlin. Ernst kofmanu öc Lo. 1894. Nachdruck verboten. Ubersetzungsrecht vorbehalten. Vorwort. Al-achfolgende Arbeit über Carlvle setzt sich aus Stücken zusammen, welche zum größten Teil bereits an anderen Orten veröffentlicht sind, so in meinem Buche „Zum sozialen Frieden" Leipzig, Duncker und Humblot 1890 und in der Münchener Allgemeinen Zeitung 1891. Wenn ich mich entschloß, dem Wunsche des Verlegers nachzukommen und diese Studien vorliegend zu der Einheit zusammenfassen, in welcher sie ursprünglich gearbeitet waren, so geschah dies nicht in dem Sinne, daß der Carlyle'sche Standpuukt für mich eine abschließende Lösung der philosophischen und sozialpolitischen Streitfragen enthielte, welche unsere Zeit bewegen. Tagegen scheint mir Carlnle's Bedeutung in der Tat hervorragend als Symptom für den Umschwung, welcher das Denken des XIX. von dem des vorhergehenden Jahrhunderts trennt. Jener sozialpolitischen Stimmung, welche auf Grund einer ungeheuer anschwellenden Arbeiterbewegung in den dreißiger und vierziger Jahren unseres Jahrhunderts das englische Volk ergriff, hat er die schärfste, vielfach sprichwörtlich gewordene Prägung verliehen. Wenn Kingslen und DiSraÄi, die christlichen Sozialisten oder die englischen Positivisten, ihren letzten und eigentlichen Gedanken zum Ausdruck bringen wollten, wenn Arbeitervereine oder sozialpolitisch augeregte Uuiversitätskreise nach einem Motto suchten, griffen sie seitdem mit Vorliebe zu einem Carlyle'schen Worte — gerade weil/ sich vieles und selbst entgegengesetztes mit Carlyle belegen ließ. Wenn ich im folgenden nicht kritisiere, sondern objektiv darzustellen suche, so wird derjenige Leser, der die Eigentümlichkeit Carlyles kennt, hierin keinen Mangel erblicken. Jedenfalls war es nicht die leichtere Anfgabe, die systemlose Fülle der Carlyleschen Gedanken -— ein uferloses, schwer zu beschisfendes Meer — in die Form eines Systems zu gießen, worin die Vorbedingung einer gedrängten Tarstellung lag. Im Oktober 1892. Krllinsdorf, Schlesien. Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwork..................V Einleitung. Carlyles Leben und innere Entwickelung .... 1 Erstes Kavitel. Carlyles Theorie der Gesellschaft.......35 Zweites Kavikel. Carlyles Gcschichtsphilosophie........73 Drilles Navilrl. Carlyles Stellung zur Gegenwart.......116 Viertes Kapitel. Carlyles Stellung zur künftigen Entwickelung . . 148 NuellLN...................184 Einleitung. (Larlfles Leben und innere Entwickelung. Carlyle sagt irgendwo, daß der Schriftsteller zu den mächtigsten unter den Menschen gehöre, indem er weit über sein Leben hinaus Zeiten und Völker sich Unterthan mache, daß insbesondere in der Gegenwart er thatsächlich der Herrscher sei, weil er am meisten die Macht habe, den Willen seiner Mitmenschen zu beeinflussen. Soweit dieser Satz wahr ist, gehört Carlyle selbst zu den mächtigsten Männern unserer Zeit. Sein Einfluß ist um so tiefgreifender geworden, je langsamer er sich Bahn brach. Bei Beginn seiner Laufbahn hatte Carlyle schwer um Anerkennung zu kämpfen. Selbst Nahrungssorgen blieben ihm nicht unbekannt in jener Zeit, als er für sein erstes größeres Werk, den seitdem so bekannt gewordenen „Sartor Resartus", vergeblich nach einem Verleger suchte. Dies alles aber konnte ihn nicht veranlassen, seine Ansichten oder auch nur seinen Stil dem Geschmack des Tages anzupassen; er hätte ein solches Verfahren schlechthin „seine Feder verkaufen" genannt. So war er gezwungen, seinen Leserkreis sich selber zu erziehen. Keine leichte Aufgabe; denn für ein Ohr, das an die Glätte der Macaulayschen Sätze gewöhnt war, mußte Carlyles Ausdrucksweise zunächst fast etwas Abstoßendes haben. Seine Sprache erschien unenglisch, weil sie zu englisch war. Sein Stil erschien schwülstig, unbeholfen, ja sogar lächerlich dort, wo in der altertümlichen Sprechweise eines abgelegenen schottischen Dorfes gewaltige Gedanken und gewaltigere Leidenschaften nach Ausdruck rangen. Hierzu kam die Eigentümlichkeit und Fremdartigkeit dieser Gedanken selbst. .Als man ihn später notgedrungen anerkannte, blieb er lange sür die meisten ein Kuriosum. In diesem Manne, der einer Zeit, welche sich unerreichter Aufklärung und nie dagewesenen Fortschrittes rühme, mit den Strafgerichten Gottes drohte, schien einer jener finsteren Puritaner, ein Genosse Cromwells, um zwei Jahrhunderte zu spät geboren. v. Schnlze-Gävernitz > Carlyle. 1 — 2 — Der Beginn einer allgemeineren und rückhaltloseren Anerkennung ist durch die Erwählung des damals siebenzigjährigen Carlyle zum Lord Rektor der Edinburger Universität bezeichnet. Es war die einzige öffentliche Auszeichnung, die Carlyle während seines Lebens zu teil ward — nach den Begriffen seiner Heimat aber allerdings eine hohe Auszeichnung, welche nur Größen in Staat oder Wissenschaft zu teil zu werden Pflegt. Gladstone war sein Vorgänger, Disraeli sein Mitbewerber, welchen er bei der Wahl mit einer Majorität von 347 Stimmen schlug. Hieraus mag man auf die Bedeutung schließen, welche Carlyle damals bereits in den Augen seiner Landsleute besaß. Die Rede, mit der Gladstone sein Amt niederlegte, war ein Meisterstück der Beredsamkeit dieses Mannes, welche selten verfehlt hat, britische Hörer mit sich fortzureißen. Sie hatte einen Sturm unerhörten Beifalls entfesselt, der sich bis weit auf die Straßen hinaus fortpflanzte. Unmöglich schien es, seinem Nachfolger mehr zu spenden; und doch wurde wenige Wochen darauf Carlyle ein Höheres zu teil. Als er seine Antrittsrede geendet hatte, herrschte im Saale minutenlanges Stillschweigen. Die Anwesenden — nnter ihnen wissenschaftliche Größen ersten Ranges — empfanden, daß in dem schlichten Greise nicht eine flüchtige Tageserscheinung vor ihnen stehe, mit der man sich durch Beifall auseinandersetzen könne, vielmehr, was Goethe schon dem Anfänger gegenüber, erkannt uud ausgesprochen hatten „daß er auf originalem Grund beruhe" und eine „moralische Macht von großer Bedeutung" darstelle, „in der viel Zukunft vorhanden sei""). Carlyle entfloh, nachdem er seine Rede gehalten; an den Gräbern seiner Eltern suchte er die Ruhe des Geistes wieder zu gewinnen, welche ihm über jedem Hinaustreten in die Öffentlichkeit verloren ging. Von jener Rede (gehalten am 22. April 1866) aber wurden binnen wenigen Tagen M »00 Exemplare verkauft. Seitdem ist sein Einfluß weiter gewachsen. H. Taine, der um jene Zeit England besuchte, konnte bereits erklären: nach dem Eindrucke, den er gewonnen habe, besitze über die jüngere Generation Englands kein Schriftsteller einen Einfluß, der dem Carlyles gleichkäme. Heutzutage findet man in England nicht wenige Männer, welche bekennen, von Carlyle mehr oder weniger abzuhängen, ihm ihr geistiges Sein und jenen sittlichen Halt zu verdanken, ohne *) Vergl. Goethe und Carlyles Briefwechsel S. 37, Berlin 1887; Goethes Gespräch mit Eckermann vom 25. Juli 1827. welchen — wie unser zumeist skeptisches Zeitalter, beweist — wahrhaft erfolgreiches Handeln unmöglich ist. Eine ganze Carlylelitteratur ist seitdem entstanden und bald derartig angewachsen, daß sich in ihr zurechtzufinden, keine kleine Aufgabe mehr ist. Das Buch von Garnett*) enthält eine — so weit ich beurteilen kann — ziemlich vollständige Übersicht derselben. Zahlreiche deutsche Veröffentlichungen über Carlyle beweisen, daß der schottische Denker auch bei uns die Beachtung findet, welche er seit lange schon um deswillen verdient, weil kein zweiter Ausländer deutsches Wesen und deutsche Eigentümlichkeit so verstanden und geschätzt hat. Wenn man in die Carlylesche Gedankenwelt einzudringen anfängt, so erscheint auch heute die Form, in der sie auftritt, noch fremdartig. Der Inhalt aber, den jene Form umschließt, ist uns bei weitem nicht mehr so entgegengesetzt, wie den Landsleuten Carlyles in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Gar bald erkennen wir, daß ein großer Teil der Gedanken, welche unsere Zeit im Gegensatz zu der jüngst verflossenen bewegen, sich in den Werken Carlyles bereits vorgebildet findet. Durch ein Studium Carlyles kommt man dem Verständnis der Gegenwart selbst näher, und was giebt es wichtigeres für den Politiker sowohl, als den Gesellschaftsphilosophen, welcher Richtung er Persönlich auch angehöre, als Einsicht in die eigene Zeit? Viel Mißverständnis und Streit wird mit zunehmender Einsicht vermeidbar. Unser Urteil über Carlyles Bedeutung wird bestätigt durch eine Autorität, welche hier zu deu gewichtigsten zählen dürfte, die John Stuart Mills. Derselbe erklärt in seiner Selbstbiographie, daß in ihm selbst, dnrch Bentham vermittelt, weit mehr Elemente des achtzehnten Jahrhunderts vorhanden seien als in Carlyle. In dem letzteren vielmehr verkörpere sich der „Kampf des neunzehnten gegen das achtzehnte Jahrhundert"**). Wie der Zusammenhang ergiebt, versteht Mill unter dem Ausdruck „achtzehntes Jahrhundert" die individualistische Weltanschauung, wie sie in der klassischen Nationalökonomie ihren Ausdruck gefunden hatte. Der Gegensatz, in den Carlyle dazu tritt, hat zum Hintergrunde daS Auftreten einer sozialrevolutionären Partei, welches die herrschenden Lehren Lügen strafte. Einer Zeit, welche durch Auflösung der inneren und äußeren *)R. Garnett. Iiits ok?n. «Ärhls. London, Walter Scott, 1888. ") I. St. Mill, Selbstbiographie Kap. V. 1" — 4 — Bande, welche die Individuen bisher zurückgehalten und verknüpft hatten, ein goldenes Zeitalter auf Erden herbeizuführen vermeinte, trat ein Mann entgegen, der ihr etwa folgendes zurief: „Nicht eine neue herrliche Gesellschaft baut ihr auf, wie ihr wohl wähnet, sondern ihr seid daran, den von den Vätern errichteten Bau täglich mehr zu lockern, der euch — wenn schon nicht mehr regendicht — heute noch kümmerliche Unterkunft bietet. Ihr zehrt von einem Kapital, das weisere Vorfahren aufgespeichert, aber das früher oder später aufgezehrt sein muß. Auch seid ihr blind für die Zeichen der Zeit, die euern Untergang verkünden. Was die Assyrier einst den Juden gewesen, was die Barbaren für die üppigen Völker des Mittelmeeres, das ist die sozialrevolutionäre Partei für euch: eine Zuchtrute in der Hand der Gerechtigkeit, zudem ein Kind eurer eignen Sünde, das euch zur Umkehr zwingen oder vernichten wird." Ein solcher Mann mußte Leuten, die unter dem Einfluß Ricardos standen, ein Anachronismus erscheinen. Aber des Eindrucks verfehlte er auf die Dauer schon um seines Ernstes willen nicht. Denn unbeeinflußt von der Tagesgunst, unberührt von der Tagesmeinung wandte er sich allein an das Gewissen seines Volkes — ein Jesaias im XIX. Jahrhundert. Aber Carlhle war mehr als ein Puritanischer Bußprediger. Im Besitze des ganzen Bildungsschatzes seiner Zeit und mit den Mitteln des modernen Denkens hatte er die von ihm angegriffenen Richtungen innerlich überwunden. Hieraus folgt, daß er im Besitze einer originalen Weltanschauung sich befand, was das Wesen eines großen Philosophen und geistigen Neuerers ausmacht. Wenn Carlyles philosophische Bedeutungj lange verkannt wurde, so beruht das auf der Darstellungsweise. Dieselbe ist nichts weniger als systematisch. Erst wiederholtes Durchlesen seiner Werke, welche in den 40 Bänden der Bibliotheksausgabe von Chapman gesammelt sind, führt zur Erkenntnis, daß die durch sie verstreuten Bemerkungen über die Welt, die Geschichte und die menschliche Gesellschaft eines inneren Zusammenhangs nicht ermangeln. Allmählich wachsen die scheinbar oft widersprechenden Gedanken zu jener Einheit zusammen, wie sie die Gedankenwelt großer und schöpferischer Menschen zu bezeichnen Pflegt. In dieselbe einzudringen, sie nachzudenken uud in einem Systeme, das selbständig zu entwerfen war, darzustellen, ist die Aufgabe vorliegender Arbeit. Wir finden bei Carlyle Berührungspunkte mit der Weltanschauung des Goethe der Wanderjahre, des Faust, der Gespräche mit Eckermann, nicht wenige mit Schopenhauer, ferner solche mit der Kantischen und Fichteschen Philosophie, woraus eine Verwandtschaft mit dem deutschen Denken folgt. Endlich aber besteht in wichtigen Punkten eine Übereinstimmung mit August Comte, welche eine Reihe von Schülern beider zu eigentümlichen Kombinationen führte. Mit Comte gemeinsam ist Carlyle der dem Engländer angeborene Sinn für die positiv sestgestellte Thatsache, welche ihn die Träume der deutschen Idealisten vermeiden ließ, sodann insbesondere die eigentümliche Auffassung der Gegenwart und der Gegensatz zu der dieselbe beherrschenden, individualistischen Nationalökonomie. In letzterer Hinsicht regte Carlyle die gegenwärtige Generation seiner Landsleute an, die Volkswirtschaft statt vom kapitalistischen Standpunkte Ricardos vom Standpunkt der Arbeit aus zu beurteilen. Von ihm ging der Anstoß zu jenem Umschwung in der Auffassung sozialer Erscheinungen aus, welchen ich in meinem Buche „Zum sozialen Frieden" Leipzig, Duncker & Humblot, 1890, eingehend schilderte. Aber wie Carlyle seine Zeit auf das tiefgehendste beeinflußte, so ist er selbst sein Ergebnis seiner Zeit und der Geschichte seines Volkes. Wenn ein Leben an äußeren Ereignissen, wie das der meisten Schriftsteller, arm ist, so wird es interessant durch die verschiedenartigen Einflüsse, welche sich bei der Bildung seiner Weltuno Gesellschaftsanschauung kreuzten. Als die drei Hauptelemcnte sind in dieser Hinsicht zu bezeichnen: der Puritanismus seines Elternhauses, die deutsche Litteratur und Philosophie, die revolutionären Bewegungen und sozialen Probleme der Neuzeit. Man hat gesagt, daß England zu verstehen unmöglich sei, ohne seine Kirche zu verstehen. Von allen Engländern aber dürfte Carlyle derjenige sein, dessen Verständnis am wenigsten zu erreichen ist, ohne Rücksichtnahme auf die kirchlichen Verhältnisse, unter denen er aufwuchs. Große Bewegungen, die einem Zeitalter ihren Namen gaben, haben ein ganzes Volk nie auf einmal ergriffen. Zuerst in Wenigen erwacht, breiten sie sich alsbald über die Masse derer aus, die geistig und politisch im Vordergrund stehen. Dagegen bleiben noch lange abgelegenere Kreise vorhanden, in denen die alten Zustände sich erhalten. Hinter der Aufklärung des vorigen und unseres Jahrhunderts liegt nun ein Zeitalter der religiösen Leidenschaft, welches dem unseren als Reaktion gegen die Überspannung der Gefühlsund Willenskräfte eine vorwiegend rationalistische Stimmung zurückließ. Aber noch lebt in breiten Schichten der Geist jener früheren Zeit fort, ganz besonders unter den Völkern angelsächsischer Zunge, welche von der religiösen Bewegung am spätesten erfaßt, aber dann mit einer Gewalt erschüttert wurden, wie sie kaum in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte ihres gleichen findet. Äußerlich freilich konnte sich weder die englische noch die schottische Kirche dem Einflüsse der Zeit entziehen, seitdem sie um ihr Dasein zu kämpfen aufgehört hatte. Insbesondere verwuchs die englische Kirche mit der herrschenden Aristokratie und wurde nicht ohne vorhergehende Kämpfe ein Teil und eine Stütze der Staatsverfassung. Vornehm geworden, vernachlässigte sie ihre sozialen Pflichten. Jener Zeit gehört das aus Romanen bekannte Bild des englischen Geistlichen an, der ein vollkommener Lebemann, zumeist der jüngere Sohn einer angesehenen Familie, für Fuchshetzen und Truthahupasteten als Sachverständiger nicht seines gleichen findet. Auch stand die Kirche, wenigstens ihre öffentlichen Organe, durchaus auf Seite der wirtschaftlich mächtigen, zunächst der agrarischen, dann der industriellen Aristokratie. Hieraus erklärt sich, daß die Geistlichkeit den Arbeitern gegenüber sich zunächst feindlich verhielt. So urteilt wenigstens der Graf von Shaftesbury in seinem Tagebuch: „Von wem hätte ich am meisten Hilfe erwarten dürfen? Doch unzweifelhaft von der Geistlichkeit, zumal derjenigen der Jndustrie- gegenden; aber gerade das Gegenteil ist mir geworden, mit äußerst seltenen Ausnahmen; und doch giebt es in unserer Kirche 16 WO Pfarrer außer den hohen Würdenträgern/' Erst später entstand eine christlich-soziale Bewegung. An ihr ist Carlyle bereits ursächlich beteiligt. Mitgewirkt aber hat gewiß, wie gerade der Entwickelungsgang Carlyles beweist, daß in breiten Kreisen des Volkes der alte Puritanische Geist sich forterhalten hatte. Wie wäre es auch denkbar, daß ein so ungeheurer Anstoß, wie der von der englischen Reformation gegebene, seine Wellen nicht über Jahrhunderte ausbreitete? Insbesondere war das schottische Volk noch zu sehr von den Traditionen seiner „großen Zeit" — denn als solche gilt ihm die Kircheurefvrmation — beherrscht, um von den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts mehr als oberflächlich berührt zu werden. Man bedenke, daß zu einer Zeit, da in Deutschland das Luthertum längst erstarrt war, gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts, in Schottland eine Religionsverfolgung stattgefunden hat, die den schwersten Heimsuchungen der alten Kirche nichts nachgiebt. Wie jene ersten Christen lieber sterben, als den Kaiser anbeten und das Christentum verleugnen wollten, so haben damals die schottischen Presbyterianer ihre Weigerung, für den König zu beten und ihren Glauben abzuschwören, mit dem Tode gebüßt. Eine Inschrift auf dem Edin- burger Friedhof vermeldet: .Vom 27. Mai 1661, da der hochedle Marquis von Argyle enthauptet wurde, bis zum 17. Februar 1683, da James Renwick litt, wurden auf die eine oder andere Weise für dieselbe Sache gemordet und abgethan gegen 18 000,--, edle Blutzeugen für Jesus Christus." Vor allen waren die Moore und Hügel des Westens, wo Carlyles Geburtshaus stand, das Land jener nächtlichen Feldpredigten gewesen, auf deren Teilnahme der Tod stand. Noch heute verehrt, wie uns Carlyle berichtet, das Landvolk die „Gräber seiner Märtyrer"; noch lebt das Gedächtnis an die flüchtigen Feldprediger fort, „deren die Erde nicht würdig war"*). Dieselben Gegenden blieben der Sitz der Kameronianer, jener äußersten Richtung der Presbyterianer, die zu der unter Wilhelm III. restaurierten Kirche nicht zurückkehrte. Noch gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts waren sie stark genug, ein eigenes Presbyterium zu gründen, zerfielen aber dann in verschiedene Sekten. Die meistgenannte der aus ihnen hervorgegangenen Sekten sind die sogenannten „ durZKsrs", denen Carlyles Familie angehörte. Thomas Carlyle wurde am 4. Dezember 1793 zu Brunswark bei Annandale im südlichen Schottland geboren. Sein Vater James Carlyle gehörte einer jener Bauernfamilien an, welche als Clangenossen den Namen einer der großen ausgestorbenen Adelsfamilien des Landes trugen. 1793 heiratete James Carlyle eine gewisse Margarethe Aitken, „eine Frau," wie Carlyle sagt, „für mich von der edelsten Abkunft, nämlich der der Fronnnen, Gerechten und Weisen." Thomas Carlyle war ihr erstes Kind; sie erlebte es, ihn auf der Höhe seines Ruhmes zu sehen, bekannt und geehrt, soweit die englische Zunge klang. Nach Thomas kamen noch acht andere Kinder, drei Söhne und fünf Töchter. Das Geschlecht, dem er entstammte. Pflegte große starkknochige Menschen hervorzubringen, die uralt wurden, wilde Charaktere, mit denen nicht gut zu verkehren war. Auch in Carlyles Vater lebte der alte Jähzorn fort, aber er war überwunden von einer religiösen Überzeugung, welche sein ganzes Leben bis in die Einzelheiten hinein beherrschte. Durch seinen Glauben, sagt sein Sohn von ihm, sei er sicher inmitten einer fallenden Ära geschritten, „ein Mann der alten Zeit, auch ein ultimus Rowa-norura". Dies ist Carlyles Vater, ein echter Schotte, in allem das Urbild seines Sohnes, welcher sich stets bewußt war, daß er das beste, was er besitze, dieser *) Brief an die Hebräer II, 38. — 8 — Quelle verdanke. Auch darin historisch gesinnt, betrachtete der Sohn sich selber im eigentlichsten Sinne als eine Fortsetzung des Wesens seines Vaters, den er nach dessen Tode mit dem Pfeiler verglich, auf dem er selber stehe, den die Wasser bereits überflutet hätten, die auch ihn bald bedecken würden. „Keiner von uns," schreibt er von ihm, „wird je den kühnen, glühenden Stil vergessen, der frei seinem ungefesselten Herzen entquoll. Voller Metaphern, obschon er nicht wußte, was Metaphern waren, mit allen möglichen Kraftworten, die er sich aneignete und mit erstaunlicher Akkuratesse anwandte; kurz, energisch, bündig, klar, nicht in ehrgeizigen Farben, sondern im weißen Sonnenlichte schimmernd, gab uns seine Rede den vollkommensten Ausdruck seiner Ideen. Ihn habe ich, wie niemanden sonst, emphatisch reden hören. Im Zorn brauchte er der Schwüre und Flüche nicht; seine Worte selbst waren wie scharfe Pfeile, die bis ins innerste Mark eindrangen." „Eine bemerkenswertere Persönlichkeit als mein Vater, ist mir auf meiner Lebensreise nicht vorgekommen. Voll ungefälschter Aufrichtigkeit in Gedanken, Worten und Handlungen; durchaus still, und doch, wenn's Not that, fähig, in helle Zornesflammen aufzulodern, besaß er einen blitzartig-durchdringenden Einblick in die Dinge; eine kurze, natürliche und in jedem Worte wahre Beredsamkeit, wie ich sie in keinem andern Manne wiedergefunden habe. Humor von der grimmigsten skandinavischen Sorte zeigte er gelegentlich; selten oder niemals jedoch Witz — dazu war er zu ernst." Carlyles Mutter war nach seiner eignen Beschreibung eine mehr innerlich gerichtete Natur. Auch muß ihr Geist eine größere Freiheit besessen haben, wie sie denn später, unter der Anleitung ihres Sohnes, selbst Goethe schätzen lernte. Je mehr Thomas Carlyle eine verschlossene, Freundschaften wenig zugängliche Natur war, desto mehr hing er mit geradezu schwärmerischer Liebe und Verehrung an seiner Mutter. Sie stand ihm zeitlebens von allen Menschen am nächsten, selbst seine Frau nicht ausgenommen. Was Carlhle mit seiner Mutter verband, war, daß er bei ihr, unter alten Formen zwar, jene Übereinstimmung des Denkens und Handelns fand, welche dem modernen Menschen fehlt und die unter neuen Formen zurückzugewinnen, Carlyle für die wichtigste Aufgabe der Gegenwart hielt. So konnte er ihr ohne Unwahrheit schreiben, daß ihre Ansichten trotz äußerer Verschiedenheit die gleichen seien, daß auch er für die alte gute Sache kämpfe. Auch über den Grund des Elends der Gegenwart stimmten sie überein, nur daß die Mutter in der Sprache des Testamentes das — 9 — Sünde nannte, was der Sohn als den Mangel einer das Leben beherrschenden und regulierenden Weltanschauung beklagte. „Kein Wunder," schreibt sie am 19. Juli 1840, „wenn wir unfruchtbare Zeiten haben; denn wir sind ein Volk mit Sünde beladen wie Israel vor Alters. Wenn Gottes Gerichte die Welt heimsuchen, so sollten wir, die Bewohner der Erde, Gerechtigkeit lernen." Die Eindrücke des Elternhauses sind zeitlebens für Carlyles Entwickelung die bestimmenden geblieben,, wie sehr er später den uugeheuren Schatz des modernen Denkens in sich aufnahm. „Es war kein fröhliches Leben," sagt er von seiner Jugend, „wessen Leben wäre es? und doch floß es sicher und ruhig dahin, und war mehr als das der meisten oder aller, von deren Lebenslaufe ich Zeuge gewesen bin, ein gesundes Leben! Wir waren eher schweigsam als gesprächig. Aber wenn auch nur wenig gesagt wurde, so hatte doch das Wenige gewöhnlich Bedeutung." Frische und Urwüchsigkeit zeichnet den engen Kreis aus, iu dem sich die Jugend Carlyles abspielt. Etwas Altnordisches liegt in diesen Leuten mit eckigen Köpfen, mit grauen, scharfen Augen, Ernst und Willenskraft in den Zügen und einem Blitz von Humor in den Mundwinkeln. Die Kinder liefen barfuß umher, aber waren reinlich gekleidet und wurden mit Haferbrei, Milch und Kartoffeln groß gezogen. Unser Carlyle lernte von seiner Mutler lesen, und, als er fünf Jahre alt war, schickte ihn der Bater zur Dorfschule. Später vertauschte er die Volksschule mit der Lateinschule zu Annan. Der Vater wurde zu diesem Schritte durch seinen Geistlichen veranlaßt, welcher in dem Kinde die seltenen Geistesgaben erkannt hatte. Dieser Geistliche, John Johnstone, übte auf den jugendlichen Carlyle einen größeren Einfluß als Lehrer und Schule. Überhaupt sind die religiösen Eindrücke, welche Carlyle in seinem heimischen Kreise aufnahm, für seine Entwickelung nicht hoch genug anzuschlagen. Mit wunderbarer Klarheit sieht der Greis noch nach sechzig Jahren die Gemeinde in der kleinen Kapelle sich versammeln, unter ihr viel greise Gestalten mit langen weißen Bärten und braunen Gesichtern, welche die Not des Lebens gefurcht hatte. Trotz Regen und Schnee kamen sie nicht selten bis 20 Meilen über Haiden und Moore hergewandert. Nirgends, sagt Carlyle, seien so wie in Schottland Männer, die das Christentum wie die Apostel lebten nnd lehrten, neben dem angestellten Klerus einer evangelischen oder katholischen Kirche gestanden. Den Prediger der Gemeinde, John Johnstone, bezeichnet Carlyle noch in hohem Alter „als den geist- — 10 — lichsten Mann, den ich je unter irgend einer kirchlichen Bekleidung zu erblicken das Glück hatte. Diese Bauernvereinigung, jenes kleine haidekrautgedeckte Haus und jener schlichte Evangelist zusammen, bildeten eigentlich die Kirche des Distrikts. Sie wurden vielen zum Segen und Heil, und auch in mir leben die frommen, himmlischen Einflüsse fort." Carlyle war durch seine Geburt in eine Welt gestellt worden, die von dem, was wir achtzehntes Jahrhundert nannten, völlig unberührt geblieben war, ans welche die von den gleichzeitigen Verhältnissen abstrahierte Nationalökonomie schlechterdings nicht paßte. Das Thun dieser Menschen bestimmte sich thatsächlich nicht nach individualistischen Motiven, sondern nach einer gemeinsamen, ihr ganzes Wesen durchdringenden Weltanschauung. Die. Arbeit geschah hier in der That um ihrer selbst willen, sie war ein Gebet. So war Carlyle in einer Welt aufgewachsen, ähnlich der des Mittelalters oder der großen Kirchenbewegung — Zeiten, welche der Rationalismus nicht begreift, weil er ihre Beweggründe nicht auf die seinen zurückführen kann. Carlyle hatte sie verstehen und zugleich durch eigene Erfahrung kennen gelernt, wie viel gesunder, in sich zufriedener und leistungsfähiger sie waren, als die Welt des Individualismus, in die er nunmehr hinaustrat. Noch ein anderes verdankte er seiner Abstammung: germanisches Blut, dessen er sich später gerne rühmte. Insbesondere besaß er eine innere Verwandtschaft zur deutschen Sinnesart, die ihn alsbald zur deutschen Litteratur führte, und diese, zu den allerdings weit stärkeren Eindrücken seiner Jugend hinzutretend, bildet die zweite Gruppe von Einflüssen, welche seine Persönlichkeit vollenden. Vierzehnjährig verläßt Carlyle sein Elternhaus und wandert zu Fuß nach Edinburg, um das entbehrungsvolle Leben eines schottischen Studenten zu beginnen. Nach Froudes Beschreibung boten die Universitäten nördlich vom Tweed in jenen Jahren wenig mehr als eine bloße Zucht in der Armut und der Genügsamkeit. Die jungen Männer, die sie besuchten, waren meistens Kinder von Eltern so arm wie Carlyles Vater. Sie wußten, mit welchen Opfern die Ausgaben ihres Universitätslebens, so verhältnismäßig gering sie auch waren, verbunden sein mußten, und sie verließen ihre Heimat mit dem festen Entschluß, ihre Zeit möglichst auszubeuten. Nur fünf Monate konnten sie jährlich Kollegien hören; während der übrigen Zeit unterrichteten sie entweder selbst oder halfen daheim in der Landwirtschaft, um für ihren eigenen Unterricht zu bezahlen. — 11 — Zur Theologie bestimmt, ging Carlyle bald aus „prohibitorischen Zweifeln" zum Studium der Jurisprudenz über, erwarb alsdann infolge einer gelösten Preisarbeit eine Lehrerstelle der Mathematik, lag diesem Berufe eine Reihe von Jahren an verschiedenen Schulen ob und veröffentlichte 1824 sein erstes Buch: eine Übersetzung von Legendres Geometrie mit einem selbständigen, nicht unbedeutenden Kapitel über Proportionen. Diese äußere Zersplitterung war das Abbild einer schweren inneren Krise, wie sie durch den Zusammenstoß zweier, durchaus verschiedener, Weltanschauungen hervorgerufen ward. Während sich in den breiten Schichten des Volkes, aus denen Carlyle herkam, der alte puritanische Geist erhalten hatte, beruhte die Wissenschaft auf der Grundlage einer individualistischen Weltanschauung; theoretisch bedeutete sie Materialismus, ethisch Utili- tariertum. Mau bedenke, wie England im achtzehnten Jahrhundert gerade der Ausgangspunkt jener Richtungen war, welche das Individuum zum Maßstab alles Denkens und Wollens machten, wie die englischen Schriftsteller jenes Zeitalters, ein Bolingbroke, ein Shaftesbury, ein Bayle und ein Locke recht eigentlich die Vorläufer der Revolution" waren, wie die damals zur Herrschaft gelangte sogenannte klassische Nationalökonomie die individuelle Selbstsucht für die Grundlage aller Beziehungen der Menschen untereinander erklärt hatte. Diese Anschauungen waren es, welche damals auf Carlyle einstürmten. Neben den heimischen Philosophen studierte er insbesondere d'Alembert, Diderot, Rousseau und Voltaire, hierzu trat später, allmählich überwiegend, die deutsche Litteratur und Philosophie. Die Zeit des Werdens umfaßte bei Carlyle, von Eintritt in die Universität an gerechnet, volle zwanzig Jahre, innerhalb deren er mit wunderbarer Kraft den Gedankengehalt seiner Zeit in sich aufnahm. Er sammelte so, von einem vortrefflichen Gedächtnis unterstützt, jene erstaunliche Fülle von Kenntnissen, die ihm den Stoff bot, um der beste Unterhalter, ,tks vsst tslker ok LnAlg,nc1" zu werden. Wichtiger aber als das i innerhalb jener zwanzig Jahre gelangt er unter schweren Kämpfen zu einem Standpunkt, von dem aus das Denken der Neuzeit und die puritanischen Anschauungen seines Elternhauses nicht mehr Gegensätze sind. Unerläßlich zum Verständnis der Carlyleschen Schriften ist es, den Gang dieser Entwicklung im Auge zu haben, in welchem der „Sartor Resartus", zahlreiche Briefe und einige spätere Aufzeichnungen Carlyles genügende Einsicht gewähren. - Denn Carlyle selbst maß seiner Ent- — 12 — Wicklung eine mehr als biographische Bedeutung bei, was er dadurch bewies, daß er sie in dem erstgenannten Buche einen deutschen Professor, eine Art Faust, zum zweitenmale durchmachen ließ. Die Mehrzahl der Menschen — Arbeiter auf besonderem Gebiet, d. h. Organe der Gesellschaft zu speziellen Funktionen — nehmen zwar auch die Meinungen ihrer Zeit, insbesondere die in der Jugend ihnen entgegengebrachten, willig an, ohne jedoch mehr als oberflächlich von ihnen berührt zu werden. Dem gegenüber können es nur wenige sein, welche die Strömungen ihrer Zeit in der Weise in sich zu einer Einheit zusammenschließen, daß sie die Wirkungen derselben, die sonst oft über ein Jahrhundert auseinanderliegen, innerhalb eines Menschenalters erleben. Ihr Lebensgang wird so typisch für ihre Zeit und die Zukunft wird in ihnen vorgebildet. Carlyle gehörte zu diesen wenigen Berufenen. Das zweite Element, das nach dem Puritanismus des Elternhauses auf ihn eindrang, war die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, welche in dem französischen Materialismus und der englischen Nationalökonomie ihren Ausdruck findet. Beide gehen vom Individuum aus. Da dem Individuum allein körperliche Eindrücke unmittelbar gegeben sind, so glaubte man, daß überhaupt nichts als Körper existiere; da von inneren Motiven Schmerz- und Lustgefühle am unmittelbarsten gegeben sind, so glaubte man, daß alle Handlungen davon beherrscht würden, ein Standpunkt, welcher ähnlich dem von Copernicus beseitigten gäocentrischen ist, indem er noch mehr als dieser das Individuum zum Mittelpunkt der Welt erhebt. Von diesem Grundgedanken aus aber ist die Möglichkeit sowohl von Religion als Sittlichkeit zu leugnen. Denn jene setzt eine jenseitige, unkörperliche Welt voraus, diese fällt hinweg, weil , alle Gegenstände, belebte wie unbelebte, lediglich in soweit in Betracht kommen, als sie zur Befriedigung des individuellen Bedürfnisses dienen. Carlules Bedeutung besteht darin, daß er sich vor diesen Konsequenzen dieses einmal eingenommenen Standpunktes nicht scheute, welchen er innerlich zu überwinden noch nicht imstande war. Er that nicht, was die meisten an seiner Stelle gethan hätten, den Glauben, den er aus dem Elternhause mitgebracht hatte, und der bisher Leitstern und Ziel seines Lebens gewesen war, mit einem schützenden Walle zu umziehen. Er war zu ehrlich, nm sogenannte doppelte Buchführung für möglich zu halten. Desgleichen durchschaute er als vergebliches Bemühen, wenn die Utilitarier versuchten, das, was das Volk bisher Tugend genannt, beizubehalten, indem — 13 — man es als besten Weg zum Wohlsein empfiehlt. Nannte sich doch ein Paulus von Tarsus, den die Menschen später den Heiligen nannten, den „Ersten der Sünder" — welche innere Qualen umschließt dieser Ausdruck! — während ein Nero fiedelnd und schmausend auf dem Palatin saß und sogar wohlgemut starb, mit einem: qua,1is artiköx psrso. Welcher Unterschied also zwischen der utili- tarischen Tugend, die nichts als ein verständiger Egoismus ist, und der religiösen Sittlichkeit früherer Zeiten! Statt des Weihrauchkessels, meint Carlyle, schwinge unsere Zeit offenkundig die Bratpfanne — denn was ist ein böses Gewissen gegen die Qualen einer schlechten Verdauung? Diese Folgerungen blieben für Carlyle nicht rein gedankenmäßig, sondern wurden innere Erlebnisse. Carlyles Wahrhaftigkeit verachtete auf religiösem und sittlichem Gebiet jeden Kompromiß. Hierin eben besteht jene originale moralische Kraft, von der Goethe gesprochen: durch sie wurde er dazu getrieben, seine Zeit aus ihren eignen Voraussetzungen heraus zu überwinden. Der Skeptizismus war für ihn also nicht bloß ein theoretischer, sondern auch ein praktischer. Während ihn früher, wie er es ausdrückt, „gebahnte Wege", d. h. autoritativ gegebene Pflichten das durch Leben führten, trat er nun mit dem Verlust einer festen Weltanschauung in eine Periode des Schwankens und der Unsicherheit im Handeln. „Schwach zu sein, ist das Elend", sagte er mit Milton.*) Hierin erblickte er auch den tiefen Grund des Pessimismus unserer Zeit, dem er in jenen Jahren seinen vollen Zoll zahlte. „Alles Leiden besteht in mißleiteter Fähigkeit." Innere Kämpfe machen den Menschen erst dann unglücklich, wenn sie das Gebiet des Handelns berühren und wenn Zweifel, wofür Arbeit und Leben einzusetzen seien, Planlosigkeit der Lebensläuse herbeiführen. Carlyle machte in jenen Jahren die Erfahrung, die unsere Zeit heute im großen zu machen daran ist: je mehr die bisherigen Lebenszwecke fallen und genußsüchtige Motive maßgebend werden, desto weniger wird das von den letzteren in Aussicht gestellte Ziel erreicht. „Das ist gewiß," sagt Carlyle, „wenn das, was man gemeiniglich Glück nennt, unser Ziel ist, so gehen wir alle irre." Mephisto, die Macht des Zweifels und der Verneinung, welche heute den Menschen durch das Leben begleitet, führt Faust zu den sinn- ?^ra,cliss lost I, 1S7: »l'o ds vsak is nrisöradls, äoiris or suikerins." Vergl. La,rl^1s in ?g,st, ^nä ?rs8Sirt S. 297: ,g,1l inissr/ is tg-oult^ misäirsotöü/ — 14 — lichen Genüssen, als den einzig zweifellosen, in denen jener, während er sie kostet, vor Begierde verschmachtet. Es waren die Jahre, die Carlyle als die düstersten seines Lebens bezeichnet. Von inneren Kämpfen zerrissen, an allem zweifelnd, trieb ihn damals allein die Sorge um das tägliche Brot zur Thätigkeit. Rettungslos schien er dem Pessimismus verfallen: Selbstmordgedanken lagen ihm nicht ferne. Seit jener Zeit bewahrten seine Züge die Spuren tiefen Seelenschmerzes, wie sie seine Bilder, insbesondere das beste von ihm erhaltene, aufweisen. Er wandte später auf sich jenes Wort an, das Dantes Persönlichkeit bezeichnet: „sieh' da, ein Mensch, der in der Hölle gewesen ist." Sein Pessimismus führte ihn, den sozialen Kämpfen der Zeit gegenüber, in das Lager der Unterdrückten. Bezeichnend für Carlyles damaligen Standpunkt ist folgende Geschichte. Er wurde von einem Bekannten gefragt, ob er bei einem jener kleineren, damals so häufigen Arbeiteraufstände, bei dem er zufällig zugegen war, als die Miliz Ruhe stiftete, geholfen habe. „Auf welcher Seite," fragte Carlhle ironisch, „auf der der Unterdrücker oder der Unterdrückten?" Ein Mensch, dessen inneres Wesen in solcher Weise zerrissen, war, konnte für seine Mitmenschen wenig Anziehendes besitzen. Bald scheu und in sich gekehrt, schien er bald wieder sarkastisch und selbstbewußt. In der That spielten in Carlyles Leben Jugendfreundschaften eine geringere Rolle als in dem der meisten andern. Stütze und Beratung fand Carlyle während jener Jahre in einem Studiengeuossen und Landsmann, der einige Zeit später in höchstem Glänze aufflammte, um bald im Wahnsinn unterzugehen: Edward Jrving, dem Sohn eines wohlhabenden Bürgers in Annan,, einem hochbegabten, jungen Theologen. Carlyle allein aber konnte die geistigen Krankheiten besiegen. Im Juni des Jahres 1821 vollzog sich, was er in „Sartor Resartus" seine „Bekehrung" nennt, da er „den Teufel authentisch bei der Nase nahm" und Überzeugungen gewann, die sein ganzes späteres Leben beeinflußten. „Nichts in Sartor Resartus ist Thatsache," sagt er; „symbolische Mythe alles, außer dem Ereignis in der Rue St. Thomas de l'Enfer, welches sich wörtlich in Leith Walk mit mir zutrug, während dreier Wochen absoluter Schlaflosigkeit, in denen meine einzige Erholung in einem täglichen Bade an dem Strande zwischen Leith und Portobello bestand. Das Ereignis trug sich auf dem Hinwege zu; auf dem Rückwege fühlte ich mich gewöhnlich für den — 15 — Augenblick erfrischt. Ich erinnere mich dessen wohl und könnte gerade auf den Platz zngehen." Da uns die Echtheit der Geschichte auf diese Weise bestätigt ist, dürfen wir die Worte borgen, insbesondere weil dieselben uns zugleich einen Einblick in Carlyles innerstes Wesen verschaffen: „Ausgeschlossen von der Hoffnung in einem tieferen Sinne, als wir uns noch träumen lassen! Denn während der Professor mühselig diese Welt durchwanderte, hatte er allen Verkehr mit einer anderen und höheren abgebrochen. Unser Freund, der sich bisher so voller Religion oder wenigstens Religiosität gezeigt hatte, verschweigt nicht, daß er in jenen Tagen gänzlich irreligiös war: ,Der Zweifel hatte sich zum Unglauben verfinstert', sagte er: ,ein Schatten nach dem andern zog sich sinster über die Seele, bis sie von sternenlvser Nacht, schwarz wie Tartarus, eingehüllt war/ Denjenigen Lesern, die über das menschliche Leben nachgedacht haben, — was man nämlich nachdenken nennen kaun, — und im Widerspruch mit der hergebrachten Gewinn- und Verlust-Philosophie zu ihrem Glück entdeckt haben, daß Seele nicht gleichbedeutend mit Magen ist, und die deshalb, um mit den Worten unseres Freundes zu reden, einsahen, daß der Glaube für das Wohl des Menschen recht eigentlich das eine genannt werden kann, das not thut, wie mit dem Glauben sonst schwache Märtyrer voller Freuden Schmach und Kreuz ertragen nnd ohne denselben Weltmenschen mitten im Luxus ihrer krankhaften Existenz durch Selbstmord ein Ende machen, solchen Lesern wird es klar sein, daß der Verlust religiösen Glaubens für eine reine, moralische Natur, wie die seine, ein Verlust war, der alles andere in sich schloß. Unglücklicher junger Mann! Dein so liebevolles Herz, würde von alleu Wunden, von dem Druck langdauernder Entbehrung, dem Dolchstich falscher Freundschaft und falscher Liebe wieder genesen sein, wäre ihm nicht seine Lebenswärme entzogen! „So muß der betäubte Wanderer dastehen, wie so viele vor ihm und eine Frage nach der andern in die Sibyllcuhöhle des Schicksals rufen, ohne eine andere Antwort zu erhalten als das Echo . . . Keine Wolkensäule am Tage und keine Feuersäule bei Nacht leitet deu Pilgrim. So weit hat der Geist der Forschung ihn gebracht. Aber was thut's?' ruft er aus, ,es ist ja nur das gewöhnliche Schicksal dieses Zeitalters! Wenn du nicht vor dem Siscle de Louis Quinze geistig majorcnn wurdest, und nicht als bloßer Dummkopf zur Welt kamst, so hattest du gar keine andere Aussicht. Die ganze Welt ist ebenso wie du dem Unglauben ver- — 16 — kauft. Ihre alten Gottestempel, die schon seit lange nicht mehr regendicht waren, fallen in Trümmer, und nun fragen die Menschen: „Wo ist die Gottheit? Unsere Augen haben sie nie gesehen!"' Trotz aller dieser tollen Äußerungen wäre es erbärmlich, unsern Diogenes gottlos nennen zu wollen. Obschon, wie wir alle, ein unnützer Knecht, war er doch zu keiner Zeit seines Lebens entschiedener ein Diener des Guten, ein Diener Gottes, als er an Gottes Dasein zweifelte.' „Einen Umstand muß ich noch besonders bemerken," sagt er, „daß die Forschung, die bei mir, was sie nicht immer ist, echte Liebe zur Wahrheit war. Trotz alles Leides, das sie mir zugefügt hatte, liebte ich die Wahrheit dennoch und wollte von meiner Treue gegen sie nicht um ein Haar breit abweichen. Wahrheit! rief ich, und wenn der Himmel mich dafür, daß ich ihr folgte, zermalmen sollte! Keine Lüge! Und wenn ein ganzes himmlisches Schlaraffenland der Preis des Abfalls wäre! ' „Es war, wenn ich jetzt darauf zurückblicke, eine seltsame Abgeschiedenheit, in der ich damals lebte. Die Männer und Frauen um mich herum, selbst wo sie mit mir sprachen, waren bloße Figuren; ich hatte es so gut wie vergessen, daß sie lebendig und nicht bloße Automaten waren. Mitten in den von Menschen wimmelnden Straßen und Versammlungen wandelte ich einsam, und — ausgenommen, daß ich mein eigenes Herz zerfleischte und nicht das eines anderen — grimmig wie ein Tiger im Dickicht. Einigen Trost würde es mir gewährt haben, wenn ich mir wie Faust hätte einbilden können, ich würde vom Teufel versucht und gequält; denn eine Hölle ganz ohne Leben, selbst teuflisches Leben, wäre, denke ich mir, noch furchtbarer. Aber in unserem Zeitalter des Niederreißens und des Unglaubens, ist sogar der Teufel niedergerissen worden, und man kann nicht einmal mehr an den Teufel glauben. Für mich war das Weltall völlig ohne Leben, ohne Bestimmung, ohne Willen und selbst ohne Feindseligkeit; es war eine enorme, tote, unermeßliche Dampfmaschine, die in stumpfer Gleichgültigkeit weiter rollte, um mich Glied nm Glied zu zermalmen. In solcher Stimmung und vielleicht der unglücklichste Mann in ganz Paris nebst Vorstädten, wandelte ich an einem schwülen Hundstage, nach vielem Herumspazieren zwischen städtischem Unrat, in einer drückenden Atmosphäre und über ein Pflaster, so heiß wie Nebucadnezars feuriger Ofen, die schmutzige, kleine Rue St. Thomas de l'Enfer entlang, als mit einem Male eine Idee in mir aufstieg und ich mich fragte: Wovor fürchtest du dich eigentlich? warum willst du > — 17 — ewig klagen und winseln, und zitternd und furchtsam wie ein Feigling einhcrschleichen? Verächtlicher Zwcifüßler! Was ist die Totalsumme des Schlimmsten, was dir bevorsteht? Tod? Wohlan, Tod; und sage auch die Qualen Tophets und alles dessen, was der Mensch oder der Tenfel wider dich thun kann oder will? Hast du kein Herz? Kannst du nicht alles, was es auch sei, erdulden, und als ein Kind der Freiheit, obschon ansgestoßen, Tophet selbst unter die Füße treten, während es dich verzehrt? So laß es denn kommen! Ich will ihm begegnen und ihm Trotz bieten. Und während ich dies dachte, rauschte es wie ein feuriger Strom über meine ganze Seele, und ich schüttelte die niedrige Frucht auf immer ab. Ich war stark in ungeahnter Stärke, ein Geist, fast ein Gott. Von dieser Zeit an war die Natur meines Elends eine andere: nicht mehr Furcht war es oder winselnder Schmerz, sondern Entrüstung und grimmiger, feuersprühender Trotz." Wenn Carlyle den Standpunkt des Materialismus und den sich für ihn hieraus ergebenden Pessimismus verließ, so war der wichtigste Faktor in dieser Entwicklung der Einfluß des Puritanis- mus seiner Heimat nnd seines Elternhauses. Mitgewirkt bat das Studium der deutschen Litteratur und Philosophie. Carlyle selbst legt den Hauptuachdruck darauf, daß sein Pessimismus sich selber aufgezehrt habe. Die Leiden hätten in ihm die Überzeugung erwachsen lassen, daß das Ich im Menschen nicht der Zweck des Daseins sei. Carlyle müßte kein Abkömmling der Puritaner gewesen sein, wenn sich ihm nicht diese Veräuderung seiner Anschauungen als Bekehrung dargestellt hätte. Nennt er doch bei der Darstellung des Lebens des von ihm viel bewunderten Oliver Cromwell die „Bekehrung", unter welcher Denkform sie sich auch vollziehe, die „einzige Epoche im Leben des Menschen". Sie ist der Punkt, in dem der Mensch den Unterschied zwischen Gut und Schlecht, welcher der materialistischen Philosophie ein relativer zn sein scheint, als absoluten erfaßt. Wie ihn Goethe bei dieser Gelegenheit beeinflußte, darüber findet sich eine interessante Notiz aus dem Jahre 1833: „Eins frappierte mich ganz besonders in Goethe. Er hatte in seinem Wilhelm Meister eine Gesellschaft talentvoller Leute beschrieben, die sich gebildet hatte, um Vorschläge zu empfangen und Rat zu erteilen . . . ." Der Mann, der Meisters Leitung übernommen hat, erzählt ihm, daß täglich eine Zahl Anfragen an die Gesellschaft gerichtet würden, die man in verschiedener Weise beantwortete; daß aber ganz besonders viele nach einem Rezept zum glücklichen Leben fragten: Das alles, sagte er, würde beiseite gelegt nnd gar nicht v. Schulzc-Glivernitz, Carlyle. I 5 — 18 — beantwortet. „Als ich dies zuerst las," fährt Carlhle fort, „wunderte ich mich nicht wenig. Was, sagte ich zu mir selbst, war es nicht gerade ein Rezept fürs Glück, das ich mein ganzes Leben lang suchte, und bin ich nicht gerade deshalb, weil ich darin erfolglos blieb, so elend und unzufrieden? Für eine bloße Paradoxie konnte ich die Stelle bei Goethes Aufrichtigkeit nicht halten: endlich, nachdem ich dieselbe eine lange Zeit überdacht hatte, fand ich, daß sie eine große Wahrheit enthielt. Kein Mensch hat ein Recht, ein Rezept fürs Glück zu verlangen, er kann ohne Glück fertig werden; es giebt etwas besseres als das. Alle Menschen, die großes geleistet haben, — Priester, Propheten und Weise, — hatten in sich einen höheren Leitstern als die Liebe zum Glück, nämlich geistige Klarheit und Vollkommenheit . . . Liebe zum Glück ist im besten Falle bloß eine Art Hunger, eiu ungeregeltes Begehren im Menschen, weil ihm nicht genug vou den Süßigkeiten dieser Welt zu teil geworden ist. Wenn man mich fragt, was denn dieses höhere Etwas sei, so kann ich nicht sofort antworten, aus Furcht mißverstanden zu werden. Es giebt keinen Namen, den ich diesem Etwas beilegen, und der nicht in Frage gezogen werden konnte. Es giebt keinen Namen dafür; doch wehe dem Herzen, das es nicht fühlt: in einem solchen Herzen ist keine Kraft. Einst nannte man dieses Höhere das Kreuz Christi: sicherlich kein Glück!" Die Selbstsucht, welche in Zeiten, wie den unsern, die Triebfeder des menschlichen Handelns wird, hat den Menschen notwendig dem Pessimismus ausgeliefert — eine Erfahrung, die allmählich in der Gegenwart gemacht wird. „Unsere Propheten predigen uns: du sollst glücklich sein, angenehme Dinge lieben und sie finden. Nun schreit das Volk, warum haben wir nicht angenehme Dinge gefunden?" Seine „Eitelkeit", d. h. sein Glaube, geboren zu sein, um glücklich zu sein, ist es, was ihm fortwährend Enttäuschungen bringt. Die Leiden aber haben eine erziehende Kraft, sie führen zu einem Punkte, auf dem die Selbstsucht gebrochen wird und die Entsagung eintritt. Auf diesem Wege wird derjenige, dessen Egoismus nicht mehr durch irgendwelche überkommene Glaubensvorstellungen gezügelt wird, zu einem ähnlichen Standpunkt geführt wie der, den der Gläubige von vornherein einnimmt; daher denn Carlyle mit Goethe von der „Heiligkeit des Leides" spricht und im Leiden ein Mittel der Erlösung sieht. Wenn Carlhle Aussprüche thut wie den, daß die „Entsagung das wichtigste im Leben sei, daß mit ihr das Leben eigentlich erst beginne", so darf man hieraus nicht schließen, daß seine Philoso- — 19 — phischen Überzeugungen eine asketische Grundlage haben, in der Weise wie die buddhistische Religion, das mittelalterliche Mönchs- tum und unter den Neueren Schopenhauer die Entsagung gefaßt haben. Carlyle erblickt hierin eine Täuschung; denn außer im leiblichen Tode, den die Askese anticipiert, giebt es keine Flucht von der Welt. Nicht draußen, sondern im Menschen liegt die Welt; sie folgt ihm in die Mauern des Klosters und in die Höhle des Ana- choreten. Überallhin begleitet ihn „der dunkle Punkt des Ich", und folgerichtig handeln alsdann allein die Büßer, die sich in die Fluten des Ganges oder unter die Räder des Gotterwagens stürzen. Die Entsagung, die Carlyle lehrt, ist uichts negatives, sondern Überwindung der Welt durch Thätigkeit, durch eine Thätigkeit, die nicht egoistisch, sondern in durchaus entgegengesetzter Weise bestimmt ist, und deren Richtung von der geschichtlichen Gesellschaft abhängt. Die Form, in der Carlyle seiner antiindividualistischen Grund- cmschanung einen dem Denken der Gegenwart entsprechenden Ausdruck verlieh, bot ihm, wie wir unten sehen werden, nicht mehr die puritanische Weltanschauung, sondern die deutsche Philosophie: Kant, die Kantianer und Goethe. Wir können die Bedeutung der Deutschen für Carlyle wie für das neunzehnte Jahrhundert überhaupt nicht besser ausdrücken, als mit folgenden Worten H. Taines*): „Von 1780 bis 1830 hat Deutschland die Ideen unseres Zeitalters hervorgebracht, und noch während eines Halbjahrhunderts, vielleicht während eines Jahrhunderts, wird es unsere Sache sein, sie nachzudenken. --Keine originalere und allgemeinere Geistesbewegung, keine die in ihren Folgerungen für alle Gebiete fruchtbarer gewesen wäre, hat sich während der letzten drei Jahrhunderte gezeigt. Die Bewegung ist vou derselben Art wie die Renaissance und das klassi- zierende Zeitalter, sie knüpft an sich alle Gegenstände des zeitgenössischen Denkens. Sie erscheint, wie jene, in allen civilisierten Ländern, Pflanzt sich, wie jene, unter verschiedenen Formen fort." ---„In der That, alle Ideen, welche während der letzten fünfzig Jahre in Deutschland ausgearbeitet worden sind, sind auf eine einzige rückführbar: die der Entwickelung, welche darin besteht, alle Teile einer Gruppe als gegenwärtig abhängig und sich ergänzend anzusehen, in der Art, daß jeder einzelne die übrigen bestimmt, und daß sie vereinigt in ihrer Folge und ihren Gegensätzen die innere Eigenschaft, die sie vereinigt und hervorbringt, darstellen."--„Hierdurch haben die Deutschen den Geist von *) Vergl. H. Taine, I/Iäsalisras a,uAlais, S. 72 ff. Paris 1864. 2» Zeitaltern, Civilisationen und Rassen erfaßt und haben das, was nur ein Haufe von Thatsachen war, in ein System der Gesetze der Geschichte verwandelt. Durch sie haben sie den Sinn der Dogmen erneuert. Sie haben Gott mit der Welt, den Menschen mit der Natur, den Geist mit der Materie vereinigt und die zeitliche Verkettung und Notwendigkeit der Formen entdeckt, deren Gesamtheit das Weltall ist."-- In ähnlicher Weise sagt Hillebrand in seinen Vorlesungen' Deutschland habe den Begriff des Organismus in die europäische Gedankenwelt eingeführt, ebenso wie der französische Rationalismus, der englische Empirismus und der italienische Humanismus vorher eingeführt worden und unentbehrliche Teile der geistigen Konstitution Europas geworden seien. In der That ist es der Begriff des Organismus, welcher sämtliche einzelne Wissenschaften, wie die Gesamtwissenschaft überhaupt, umgestaltet. Die Idee des Organismus giebt allein die Möglichkeit zur philosophischen Überwindung des individualistischen Standpunktes; sie ermöglicht einen Standpunkt antiindividualistischer Moral, wie ihn religiöse Zeiten besessen haben, verbunden mit einer den wissenschaftlichen Überzeugungen der Gegenwart entsprechenden Weltanschauung. Wie der Mensch als Einzelwesen durch die Selbstsucht, so ist er als Teil eines Organismus durch das geleitet, was Carlyle bald als „Glaube", bald als „Liebe" bezeichnet. An Stelle der utilitarischen Begründung der Moral wird damit „Selbstverleugnung der Grund aller Tugend" (sslkäsnis,! pa,rsnt ok virtus). Alles nicht aus diesem Beweggrunde entspringende Thun ist individualistisch und wirkt gesellschaftsauflosend. Da bei dem heutigen Kulturmenschen die Eigenschaft als Teile eines Gesamtwesens die eines Einzelwesens weit übertrifft, so handelt nur derjenige gut, d. h. „den Tendenzen der Natur gemäß", der von altruistischer*) Grundlage aus handelt. Selbstsucht ist der Grund alles moralisch Schlechten.**) Carlyle sucht hiermit unter einer dem modernen Denken entlehnten Form die christliche Anschauungsweise seiner Jugend wieder herzustellen, freilich nicht die dogmatische Form derselben, wohl aber den Grundgedanken des Christentums: die altruistische Lebensauffassung. Ja, Carlyle hat, indem er jeden Quietismus verwirft *) Hier wie im folgenden wird der Ausdruck „altruistisch" nach dem Vorgange H, Spencers gebraucht. **) Vergl. Rsross g,nci ksrovorstiip S. 218. — 21 — und Selbstüberwindung nicht durch Weltflucht, sondern durch Arbeit in der Welt verlangt, sogar den eigentümlichen Gesichtspunkt des Protestantismus wieder ausgenommen. Die geschilderte innere Entwickelung war für Carlyle von so weitreichender Bedeutung, daß die schlichten Ereignisse seines äußeren Lebens dagegen verschwinden. Die Geschichte des letzteren besteht lediglich in einer Geschichte seiner Schriften. Die erste selbständige Arbeit Carlyles war das Leben Schillers, der ihn von den deutschen Schriftstellern zuerst gefangen nahm. Zu Schiller zog ihn eine gewisse Verwandtschaft der Schicksale. Schiller war, wie er, in seiner Jugend von Hindernissen umgeben; auch er hatte mit Armut, schlechter Gesundheit und Anfällen von Verzweiflung zu kämpfen. Auch Schiller hatte die überkommenen Glaubenssätze unter sich zusammenbrechen gefühlt und doch war er zu eignen, moralischen Überzeugungen gelangt, nach denen er sein Leben in edler Weise regierte. Das Leben Schillers erschien 1825 in Buchform und wurde von Goethe wert gehalten, in das Deutsche übersetzt zu werden. Aber Schiller konnte auf die leidenschaftlichen Fragen, welche Carlyle beschäftigten, keine Antwort geben. Für ihn hatte Kant das letzte Wort in der Philosophie gesprochen. Carlyle dagegen war weit entfernt je Kantianer zu sein. Schiller sah die Verbesserung der Welt in den Fortschritten der ästhetischen Kultur, Carlyle, der weit entfernt war, einer poetischen Epoche anzugehören, in moralischem Fortschritt. Von Schiller wandte sich Carlyle zu Goethe, dessen Wilhelm Meister ihn zuerst anzog. Immer mehr vertiefte er sich in Goethe, wovon die in jenen Jahren erscheinenden Artikel über Goethe Zeugnis ablegen. Da die Studien ihm zugleich Mittel zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes gewähren mußten, so unternahm er in jener Zeit auch eine Übersetzung Wilhelm Meisters, welche 1524 erschien. Daneben schrieb er Aufsätze über die deutschen Romantiker (l325). Äußerlich war Carlyles Lage wenig glänzend. Alle Versuche, eine feste Anstellung zu gewinnen, scheiterten; freilich sieht es so aus, als ob diese Versuche weniger ernsthaft von Carlyle selbst als von seinen Freunden gemacht wnrden. In Edinburg als Hauslehrer thätig, in den Mußestunden mit Studien beschäftigt, verbrachte er die glücklichsten Tage der Erholung in der ländlichen Stille bei den Seinen. Mainhill, wohin die Familie übergesiedelt war, wurde sein oft ausgesuchtes Asyl. Zwar hatte eine vorüber- — 22 — gehende Wolke das Verhältnis zu den Seinen getrübt, als er von inneren Kämpfen zerrissen, aus seinem Zustande wenig Hehl machte. Jenen einfachen Leuten, denen die Wahrheit ihres Glaubens so sicher war, wie die Anwesenheit der Sonne am Himmel, muß damals sein ruheloser, zerrissener Geist wie „besessen" erschienen sein. Aber diese Wolke verzog in dem Maße als er sich selbst zu innerem Gleichgewicht hindurchrang. Die Mutter, voll liebevoller Besorgnis um das ewige Heil ihres Erstgeborenen und Lieblings, beruhigte sich bei dem Gedanken, daß zwischen ihr und dem Sohne lediglich Verschiedenheiten des Ausdrucks bestünden, nicht aber der inneren Überzeugung. So vergingen in aller Stille die Jahre, in denen Carlyle die verschiedenen Bildungselemente seiner Zeit zu einer Einheit zusammenschmolz. Aber die Form, in welche später der Guß vorgenommen wurde, war noch nicht vollendet. Carlyles Größe besteht erst in der Anwendung dieser Gedanken auf die sozialen Probleme der Gegenwart. Mit den letzteren trat er zum erstenmal in Berührung während eines Ausenthaltes in London, 1824 bis 1825, von wo er Reisen nach den englischen Jndustriebezirken und Paris unternahm. Von besonderer Wichtigkeit waren für Carlyle die Eindrücke der letzteren Reise. Die Hauptstadt Frankreichs war damals noch voll von Erinnerungen an die Revolution und das Kaiserreich. Seine Interessen wurden seitdem jenem „merkwürdigsten Phaenomen moderner Zeit", der französischen Revolution, zugewandt, deren Ausklänge einst von ferne das Ohr des Kindes noch berührt hatten. So fehen wir Carlyle in den folgenden Jahren neben Kant, Schelling, Fichte, Herder, dessen Ideen zur Geschichte der Menschheit er besonders schätzte, neben Naleigh, Shaftesbury, Temple und andern Landsleuten, den Schriftstellern der französischen Revolution zugewandt. Aus diesen Studien ging ein Aufsatz über Voltaire hervor, welchen er als den personifizierten Franzosentypus jener Zeit ansah. Auch mit den St. Simonisten, welche auf die größten Männer der damaligen Zeit Einfluß übten, trat Carlyle in Beziehung. Hieraus erklären sich die Berührungspunkte Carlyles mit August Comte, welcher zahlreiche Jünger Carlyles später der in England aufkommenden Positivistischen Schule zuführte, welche ich an anderem Orte besprach.*) ») Zum sozialen Frieden. Band II Gewöhnlich stellt sich dies als ein Zurückgehen auf frühere Glaubenszustände dar, welche spätere Entstellungen zu reinigen vermeint. Denn die ursprünglichen Glaubens^ Vorstellungen sind insofern für Reformationen am verwertbarsten, weil sie bildsam und den neuen Bedürfnissen gegenüber anpassungsfähig sind. Die Zeit gewinnt damit wieder einen lebenden, ihr angemessenen Gläubensinhalt, welchen sie ihrem Denken gemäß gestaltet und fortbildet. Die Männer, von denen solche Bewegungen ausgingen, sind im Carlyleschen Sinne wahre Helden, weil sie von einem positiven Glauben erfüllt, „nicht den Menschen, sondern Gott zu Liebe" ihr Werk verrichten. In gewissem Sinne könnte man sämtliche Religionsstifter ihnen zurechnen, weil auch diese immer an vorhandene Vorstellungen anknüpften. Anders dagegen, wenn die Entwicklung so weit fortgeschritten ist, daß lebensfähige Keime des Glaubens unauffindbar sind. Die besseren Geister, die einen Scheinglauben verabscheuen, werden alsdann ihren Unglauben offen aus- sprechcn. Indem sie die UnHaltbarkeit der überkommenen Glaubensvorstellungen nachweisen, wirken sie als „Aufklärer". Ihr Werk ist das der Zerstörung, Positives können sie ihren Zeitgenossen nicht geben, weil ihnen selbst der positive Gehalt fehlt. Ihre Weltanschauung bezeichnen sie als Skeptizismus, ein Ausdruck, welcher jedoch thatsächlich einen rein negativen Inhalt hat. Irgend welche feste Weltanschauung setzt immer Glauben voraus. In gleicher Weise zerstörend verhalten sie sich gegenüber den sittlichen Vorstellungen, indem sie die über dem Individuum stehenden Werte angreifen und stürzen. Daher sind sie nicht als Helden zu bezeichnen; denn ein Held ist im Carlylcschen Sprachgebrauch nur der, welcher sein individuelles Dasein altruistischen Zwecken opferr. Trotzdem ist aber auch bei ihnen nicht selten ein gewisser Enthusiasmus bemerkbar, wie er sich in dem „sorassö 1'intains" cuisspricht. Aber dieser rein negative Enthusiasmus hat nicht die konstruktive Macht des Glaubens. Alle diese Bemühungen haben eine Tendenz, welche immer unverhüllter hervortritt. Je mehr die Formen des Glaubens zerfallen, desto mehr gelangt das Individuum zur Freiheit und zur Herrschaft. Selbstsucht für das praktische, empirische Erfahrung für das theoretische Gebiet gelten als das einzig Reale. Damit treibt die Menschheit zum „entsetzlichen Wahnsinn des Materialismus". Die lange und vielfach komplizierte Geschichte der negativen Zeiten geht der Erreichung dieses Nullpunktes voran.- Carlyle hat eine Reihe'charakteristischer Merkmale aufgestellt, durch welche sich das Geistesleben der negativen von dem — 63 — der positiven Zeiten unterscheidet. Solange der Mensch von altruistischen Motiven beherrscht nnd als Organ des gesellschaftlichen Ganzen thätig ist, vollziehen sich die Funktionen des Gesellschaftslcbcns unbewußt, ähnlich wie die Funktionen des gesunden menschlichen Körpers. Sie werden dagegen bewußt vorgenommen, je mehr der Individualismus zur Herrschaft gelangt. „Bei allen Kundgebungen der menschlichen Natur, äußeren und inneren, Persönlichen und gesellschaftlichen, kennt das Vollkommene sich selbst nicht, während alles was sich kennt, mehr oder weniger unvollkommen ist." „Unbcwußtheit gehört dem reinen, ungemischten Leben an, Bewußtheit einer krankhaften Mischung, einem Kampfe zwischen Leben und Tod." Daher ist das sittliche, d. i. das gesellschaftliche Handeln unbewußt in den gläubigen Zeiten, wogegen die Zeiten des beginnenden Unglaubens „an Stelle heroischer Thaten Moralphilosophien" hervorbringen. Die Tugend wird selbstgefällig zur sogenannten „Sentimentalität". „Prediger verkünden „Wohlwollen" nach allen vier Winden und tragen Wahrheit auf ihren Petschaften eingegraben — unglücklicherweise aber mit wenig oder gar keinem Erfolge." Zuletzt aber folgt die Ära der Sophisten, die über das Dasein der Tugend schwatzen, sie vom utilitarischen Gesichtspunkt beweisen oder leugnen. In gleicher Weise verdankten die Staats- und Rechtsphilosophien nicht dem kräftigen Zeitalter der antiken Republik ihr Dasein. Alle diese Theorien gehen darauf hinaus, Recht und Staat, deren Wert in Positiven Zeiten für den Menschen etwas transcendentes, d. h. Gegenstand des Glaubens ist, ihres überirdischen Scheines zu entkleiden. Von ihnen Rechenschaft geben nämlich heißt nichts anderes, als sie auf das Individuum zurückführen und ihre Entstehung aus dem Egoismus herleiten. In nahem Zusammenhang hiermit steht der Unterschied, daß in Positiven Zeiten der Prophet oder Dichter, d. h. der begeisterte Denker, der geistige Führer ist, in negativen dagegen der Logiker, der nicht begeisterte Denker. Der erstere allein wirkt produktiv; ihm verdankt man die Gestaltung — 64 — jcner Symbole, die allein den Menschen zu sozialem Thun veranlassen. Selbst ans rein intellektuellem Gebiete besteht ein großer Unterschied zwischen dem „Mann der Logik" und dem „der Einsicht", dem „Folgerer" und dem „Entdecker". Rein logische Argumentation ist schlechterdings außerstande, Positives hervorzubringen; sie gleicht einer Mühle, welche gegebenes Material verarbeitet. Um die Kluft zwischen positiven und negativen Zeiten zu ermessen, vergleiche man die, welche sie geistig beherrschen, sagt Carlyle, etwa Christus und Jercmias Bentham, in welchem letzteren er den Hauptvertreter des modernen Materialismus und Utilitariertums sieht. Wenn die Formen des Glauben ins Wanken geraten, so werden damit auch die Formen, nach denen sich das Handeln der Menschen bewegt, die Sitten im weitesten Sinne, schwankend. Denn ihr Inhalt ist vom Glauben abhängig. Damit treten die egoistischen Motive wieder mehr und mehr in den Vordergrund, Den utilitarischen Rechts- uud Moraltheorien, welche in solchen Zeiten aufkommen, entspricht in dem Leben ein utilitarisches Handeln. In demselben Verhältnis als dem einzelnen die äußere Welt mechanisch wird und die lebende Gottheit sich aus ihr zurückzieht, in demselben Verhältnis wird das Ganze, dem der einzelne angehört, aus einem lebenden Organismus zu einem mechanischen Konglomerat. Je mehr die Auflösung fortschreitet, desto mehr also entsprechen die in dieser Periode herrschenden Theorien den thatsächlichen Zuständen. Träte jedoch der Fall ein, daß die genannten Theorien sich einmal völlig mit den Verhältnissen deckten, d. h. daß alle altruistische Motivation aufgehört hätte, so wäre dies das Ende sozialer Zustände, und die Menschheit wieder bei vorgescllschaftlichcn Zuständen angelangt. Der Mensch ist einfach Tier, meint Carlyle, soweit sein Dasein nicht auf dem Glauben beruht und er damit zum sozialen Wesen wird."') Auch hier schreitet die Entwicklung nicht gleichmäßig Vergl. Lori'ssxnu(leuio- rmlit^), die für ihn unzweifelhaft, für dich unglaublich ist. Brich sie unter ihm zusammen und er sinkt in endlose Tiefe." Unter diesen Umständen können die äußeren Formen noch lange aufrecht bleiben, wenn sie auch für viele bereits ihren inneren Wert verloren haben. Denn sie sind objektive Regeln, die an sich von der subjektiven Beurteilung seitens des einzelnen unabhängig sind. Andererseits aber sind sie doch nichts als Ausdruck der inneren Formen. Ändern sich die letzteren, d. h. die Glaubensvorstellungen, so muß auch das Gesellschaftssystem in ähnlichen Umbildungen nachfolgen. Dieselben werden eine organische Fortentwicklung bedeuten, so lange auf subjektivem Gebiete neue Ideale des Handelns hervorgebracht werden. Tritt dagegen auf letzterem Zersetzung ein, so werden auch die äußeren Formen nicht mehr weiter entwickelt werden. Einmal bestehend aber erhalten sie sich, obwohl nicht mehr fortbilduugsfähig, noch lange. v. Schulze-Gävernitz, Carlyle. 5 - 66 — Sind doch gerade die oberen Klassen, welche zuerst vom Unglauben ergriffen werden, so eng durch ihre persönlichen Interessen mit dem herrschenden Gesellschaftssystem verbunden, daß sie dasselbe auch deshalb äußerlich festhalten. In solchen Zeiten ist die Gesellschaft krank. Die äußeren Formen, obwohl scheinbar noch in Kraft, beherrschen doch thatsächlich nicht Mehr das Handeln derer, welche nicht mehr an sie glauben. Die Arbeit geschieht nicht mehr um ihrer selbst willen, weil der Glaube an den absoluten Wert des durch sie zu verwirklichenden Gutes geschwunden ist. Das Individuum wird der Mittelpunkt alles Handelns. Da aber oie äußeren Formen noch als die herrschenden anerkannt sind, auch undere noch daran glauben, so wird die Thätigkeit nunmehr auf den Schein gerichtet, als sei die Arbeit gethan. „Wenn der Glaube ungewiß wird," sagt Carlyle, „so wird auch die Praxis ungesund." „In allen Fällen muß ein Mensch, um treulich zu arbeiten, auch fest glauben." Kommt es ihm dagegen nur darauf an, den Lohn für die Arbeit einzustreichen, statt unter Aufopferung seiner selbst das Werk zu verrichten, so bleibt die ihm anvertraute Arbeit ungethan. Das ist das Zeitalter der Reklame; der eine versucht in dem anderen den Irrtum zu erregen, als sei eine Leistung verrichtet, die 'thatsächlich ungethan geblieben ist. So setzt z. B, der Londoner Hutmacher einen sieben Fuß hohen Hut auf einen Wagen und läßt ihn durch die Straßen fahren; er versucht nicht bessere Hüte zu machen, „wie das Universum von ihm verlangte und wie er bei seinem Scharf-- sinn sehr wahrscheinlich hätte machen können; sondern sein ganzer Fleiß wird darauf verwendet, uns zu überreden, daß er bessere Hüte gemacht habe". Jede Arbeit aber, die nur scheinbar gethan wird, bedeutet zugleich einen Eingriff in die Ordnung, welche die Bedingung des Daseins des Einzelnen ist: die Gesellschaft. Dieselbe stammt aus einer Zeit, da ein jeder an seiner Stelle die ihm anvertraute Arbeit verrichtete. Wo nun solche ungethan bleibt, da klafft eine Lücke in der Zusammenarbeit aller. „Was für Arbeit immer in unehrlicher Weise gethan wird mit einem Ange auf ihren — 67 — äußeren Schein, ist eine neue Beleidigung und die Erzeugerin von neuem Elend für den einen oder den anderen." „Keine Lüge geht zu Gruude, sondern ist zum Wachstum ausgesät." Die wichtigste Arbeit in der Gesellschaft, die Herrschaft, ist für die, welche zu ihr berufen sind, nicht mehr Pflicht, sondern Mittel zu persönlichen Zwecken. Wenn nun der Teil im Sinne des Ganzen zu funktionieren aufhört, so werden auch die Lebensvcrrichtungen des Ganzen immer fehlerhafter. Ähnlich wie ein kranker Körper seinen Organen nicht mehr die ihnen entsprechende und genügende Nahrung zuführt, so zeigen sich durchaus analoge Verhältnisse auf sozialem Gebiete: ein Zustand, den Carlyle als „Dyspepsie der Gesellschaft" zu bezeichnen liebt. Mit dem Zerfall der organischen Gliederungen innerhalb des Volksganzen, dem Aufhören der genossenschaftlichen Zusammenhänge, der Isolierung des einzelnen ist der Schwächere dem Stärkeren schutzlos preisgegeben. Massenelend und demgegenüber Ansammlung des Reichtums in den Händen weniger, welche ihre Schätze nicht mehr zu verwalten vermögen, sind die Folgen. Alle diese Schäden lassen sich durch künstlich ersonnene Mittel, durch Pillen, wie Carlyle sagt, die man dem kranken Körper zu schlucken giebt, nicht heilen. Wie für Carlyle die äußeren Zustände der Gesellschaft von subjektiven Bedingungen abhängen, so ist auch der soziale Zersetzungsprozeß unaufhaltsam, solange auf subjektivem Gebiete die Auflösung fortdauert. Der Unglaube also ist der eigentliche Sitz des Übels, der „Mittelpunkt des sozialen Krebses, der alle Dinge mit dem Tode bedroht". „Die Menschen haben, um im altertümlichen Dialekt zu sprechen, „Gott vergessen" oder im modernsten Dialekt und der eigentlichen Wahrheit des Gegenstandes, sie haben das Faktum dieses Weltalls aufgefaßt, wie es nicht ist. — Sie glauben, dieses Weltall sei seinem inneren Wesen nach ein großes, unverständliches Vielleicht; seinem äußeren Wesen nach ist es unverkennbar genug ein großer umfangreicher Viehstall und ein Arbeitshaus, mit 5* — 68 — einer ungeheuren Küche und langen Speisetafcln, und nur der ist weise, der seinen Platz daran finden kann,"*) Trotzdem aber bestehen die nicht mehr geglaubten Formen noch lange fort — mehr und mehr als bewußte Lügeu, Carlyle mit einer merkwürdig entwickelten Einbildungskraft glaubte „diese Phantasmen und Trugbilder", welche seine Zeitgenossen beherrschten, oft leibhaftig zn sehen; am hellen Tage umgaben sie ihn auf den Straßen „mit gespcnsterhafter Nachahmung des Lebens". Endlich aber kommt ein Tag, da die gesellschaftlichen Formen zu sehr zur Lüge geworden sind, da „Arbeit" in zu geringem Grade verrichtet wird, da zu schlechten Herrschern die Führung vertraut ist, da als Folge von alledem soziales Elend in weitem Umfange die Unmöglichkeit des bestehenden Systems offenbar macht. Alsdann erfolgt mehr oder weniger gewaltsam ein allgemeiner Zusammenbruch. „Unsere Führer sind zu schlecht, lieber keine Führung!" Carlyle^) sieht in diesem Rufe lediglich die „Verzweiflung der Menschen, Helden, die zur Regierung von Menschen tauglich sind, zu finden, sowie die Fügsamkeit in diesen Mangel und dcu Glauben, daß es ohue solche geheu wird". „Das bestehende System der gesellschaftlichen Formen ist zn schlecht. Lieber gar keine Formen!" rufen diejenigen, auf welchen die alten Zustände am schwersten lasten. Mau predigt Zerstörung der bestehenden, ja aller Gesellschaft und verspricht durch Rückkehr in den Naturzustand ein Paradies ans Erden; eine Richtung, welche Carlyle als „Adamitismus" oder das „Evangelium Rousscaus" bezeichnet und von welcher der moderne Anarchismus nicht zu weit abweicht. Diese Ansichten sind thatsächlich eine genaue Umkehrung der Wahrheit. Denn nicht darin besteht das Unglück solcher Zeiten, daß Herrscher vorhanden sind, sondern vielmehr darin, daß sie statt Herrschern nur Scheinherrscher haben, welche *) Vergl. ?s.st Ävcl ?rsssnt S. 129, Ausgabe von Kretzsch- mar. Wsesll^nsous Z8sa>^s Bd. II, S. 338. **) Vergl. ?s.st -M 50, ferner Lai-l^le, I^ttsr vs.^ ?g,rnr>Iilst8 <1idra,iF säition) S. 386. **) Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch ll, Kap. 1. — 81 — sophien, welche den alten Glauben zerstörten. Das Individuum war ihr Ausgangspunkt und sein Wohlsein ihr Ziel. Als dann mit fortschreitender Auflösung der Individualismus die Frucht des Pessimismus zu zeitigen begann, war der Endpunkt, zu dem die antike Welt aufstieg, die Welt- Verachtung des Stoikers.*) Aber es giebt, sagt Carlyle, etwas Höheres, als stolzen Stoikismus. „Es ist geringfügig genug, wenu du — wie der alte Zeno dich lehrte — die Erde unter dir verachten kannst, weil sie dir Leiden bringt; du kannst die Erde lieben; obgleich sie dir Leiden bringt, ja weil sie dir Leiden bringt. Aber dafür war ein Größerer notwendig als Zeno, und auch er ward gesandt."**) Während die alte Welt Schmerzen und Leiden als das zu fliehende, Leben und Lebensgenuß als das zu suchende Gut betrachtet, setzte das Christentum dem Individualismus die Entsagung entgegen, jenen Akt, mit dem nach Carlyle das Leben wahrhaft beginnt. Daher der völlige Unterschied, die Unverglcichlichkeit des Christentums mit jeder vorhergegangenen Weltanschauung.***) „Die christliche Lehre, jene Lehre der Demut, in jeder Beziehung göttlich und der Quell göttlicher Tugenden, ist weder überlegen, noch unterlegen, noch gleichzustellen irgend einer Lehre des Sokrates oder Thales. Denn sie ist ganz anderer Natur und so sehr von diesen verschieden, wie etwa ein vollendetes praktisches Werk von einem richtigen Rcchenexempel. Derjenige, welcher sie mit diesem Maßstabe mißt, mag allerdings klagen, daß ihm über den Buchstaben hinaus die göttliche Demut noch unbekannt, daß das erhabenste Gefühl, welches der Menschheit verliehen worden ist! ihm noch verborgen sei." Ich habe darauf hingewiesen, daß Carlyle die vom Christentum verlangte Entsagung nicht asketisch auffaßt. Vielmehr tritt sie in Erscheinung allein in der von ihr un- *) Vergl. den Brief an Mrs. Carlyle, (Flügel). **) 8g,rtor Rssartus S. 185 slibiÄr^ süitiou>. ***) 8g,rtor Rös»rtus S. 185 (lidrar^ süition). v. S chulzc-Gävernitz, Carlyle. ß — 82 — trennbaren positiven Seite, der „Liebe", und die Liebe findet ihren Ausdruck in der „Arbeit". Liebe und Arbeit in dem Sinne, wie Carlyle diese Ausdrücke faßt, als Gesinnung und Thätigkeit, die auf überindividuelle Zwecke gerichtet sind, werden in weitester Form erst durch das Christentum ermöglicht. Es beruht dies auf seinem inneren Wesen. Einmal hat es die Bedingung, auf welcher nach Carlyle alles menschliche, d. h. soziale Dasein beruht, nämlich daß Selbstsucht das gesellschaftszerstörende, Liebe und Hingabe das gesellschaftsaufbauende Prinzip ist, in dieser allgemeinen Weise zuerst ausgesprochen. Es beruht dies auf einer Vertiefung seines Gottcsbegriffes. Während alle Ideale, die bisher das menschliche Handeln altruistisch bestimmt hatten, beschränkter Natur waren d. h. mehr oder weniger zugleich individualistische Motive mit in Bewegung setzten, tritt in der christlichen Gottesidee ein unbeschränktes, allumfassendes Ideal auf. Aber Religion ist ein innerlicher Akt, der nicht dadurch verwirklicht wird, daß er gelehrt, sondern daß er gelebt wird. „Wenn du mich sragst, bis zu welcher Höhe die Menschheit in der Religion gestiegen, so sage ich. schaue auf unser göttlichstes Symbol: Jesus von Nazareth und sein Leben.'"") Für den Stifter des Christentums, wie für seine Nachfolger ist Gott „die Thatsache der Thatsachen", d. h. das wahrhaft reale Ziel des Wollens, dem alle anderen Ziele des mensch' liehen Daseins sich unter-, ja einordneten.*^) Carlyle ist ein Kind des Zeitalters Kants, ein Kämpfer gegen Spekulation und Dogmatismus. Voll historischen Sinnes erhebt er sich vom Boden der religiösen Stimmung seiner puritanischen Väter aus und vielfach im Anschluß an Goethe zu eiuem Standpunkte, der von dem in folgendem Satze enthaltenen wenig abweicht. „Die evangelische Kirche *) Ls-i-tor Rsss-rtus S. 217, 221; ähnlich lütter vs,^ xlilsts, lidrs-rz^ öäition S. 367. **) L^rtor Rsss-rtus S. 186. Vergl. ferner ?s,8t s,nä ?rs8snt, Ausgabe von Kretzschmar S. 214. — 83 — muß mit den andern äußeren katholischen Autoritäten auch die äußere Autorität des geschriebenen, für unfehlbar gehaltenen Wortes aufgeben; aber sie muß zugleich ihren Standpunkt in der Glaubenslehre dort nehmen, wo ihn der Glaube nimmt, nämlich in der Person Christi, wie sie aus dem Evangelium hervorleuchtet."*) Daß wir nicht zuviel sagen, ergiebt sich aus Carlyles Stellungnahme zu den zeitgemäßen Einwendungen gegen das Christentum. Diese Angriffe richten sich zunächst gegen die überlieferten Dogmen, die für viele Christentum selbst bedeuten. Kein Wunder, daß diese Versuche längst vergangener Jahrhunderte, die christliche Religion gcdankenmäßig zu fassen, für das neunzehnte Jahrhundert unbrauchbar geworden sind. Aber hieraus folgt für Carlyle nur, daß wir die Pflicht haben, die alte und unvergängliche Wahrheit in neue, uns angemessene Formen zu kleiden — eine Aufgabe, deren Lösung, wie ihm klar ist, von dem deutschen Denken abhängt.**) Carlyle steht auf dem Standpunkte, daß nicht Dogmen autoritativ zu glauben, sondern Dogmen zu bauen allemal die Sache religiös bedeutender Zeiten sei. Die zweite Reihe von Angriffen richtet sich gegen die Urkunden der christlichen Religion. Carlyle bemerkt hierzu, daß alle Angriffe, welche gegen die Bibel sich richte», lediglich die Prätension der sogenannten Inspiration treffen. „Dies ist die einzige Mauer," sagt er, „gegen welche sie seit langen Jahren mit unzähligen Sturmböcken anrennen. Räume ihnen diese ein, und der Sturmbock schwingt frei hin und zurück durch den Raum, ohne irgend etwas weiter zu bedrohen."***) Aber die Vorstellung der Inspiration, welche mit dem Zustande unseres heutigen Denkens unvereinbar ist, hat doch, wie alle derartigen Vorstellungen, für Carlyle einen wahren *) A. Harnack, Dogmengeschichle (1890), III. S. 745. NisoslI. Ls. VI.' S. 371. NiseslI. Ds. II. S. 232 ff. k* — 84 — religiösen Kern, War sie doch ihrer Zeit der Ausdruck der richtigen Überzeugung, daß eine Religion, die den Menschen praktisch beherrschen soll, auf mehr als einer bloßen historischen Überlieferung beruhen muß. Carlyle findet diese Grundtage in der Natur des Menschen gegeben; die christliche Religion hat nichts anderes als das ausgesprochene und bewußt gewordene Gesetz, auf dem das menschliche Leben überhaupt beruht, das „Naturgesetz" des sozialen Daseins, zum Gegenstände. Dementsprechend kann Carlyle sagen, die christliche Religion stehe im Menschen geschrieben „mit geheimnisvollen aber unverlöschtichen Buchstaben, mit denen verglichen Bücher und alle authentischen Offenbarungen nur nebensächliche Dinge sind". „Hierin," meint er, „liegt der wesentlichste Punkt der ganzen Frage, mit deren Bejahung die christliche Religion für immer steht oder fällt,"*) eine Frage, welche von den Weisen aller Zeiten, auch denen seiner Zeit — und hier denkt Carlyle an Goethe^) — in gleichem Sinne entschieden worden sei. Die dritte Reihe von Angriffen, welche scheinbar die gefährlichsten sind, richtet sich gegen den Inhalt der heiligen Geschichte selbst. Dieselbe ist durchsetzt von Wundererzäh- lungcn, welche eiust die Religion als solche legitimieren sollten, aber heutzutage den Hauptanstoß bilden. Auch hier steht Carlyle auf dem Boden seiner Zeit, ohne den religiös wertvollen Kern des Wunderglaubens zu verkennen. Nach Carlyle beruht alle Religion auf der Überzeugung einer nur relativen Bedeutung der sinnlichen Erscheinung gegenüber einer mächtigeren Wirklichkeit. Wenn dieser Gedanke in dem Idealismus der neueren deutscheu Philosophie seinen wissenschaftlichen Ausdruck gefunden hat, so bedürfte er und bedarf er noch heute für das Verständnis der Masse der Einkleidung in die Wundererzählung. Denn nur das *) Nisesll. Ls. II. S. 233. **) An anderer Stelle beruft sich Carlyle auf Fichte und die deutsche Philosophie, z. B. Sartoi- Rss^rws S. 187. — 85 — Durchbrechen des gewöhnlichen Laufes der Diuge durch ein übernatürliches Ereignis stellt für diesen Standpunkt das Dasein einer jenseitigen Welt und die beschränkte Geltung der Sinnlichkeit fest. Daher von allen Religiousstiftcru Wunderthnten berichtet werden. Auch ist für diesen intellektuellen Standpunkt das Wunder durchaus nicht unannehmbar. So lange die Sinnenwelt eine Summe von vereinzelten Thatsachen darstellt, erscheint jederzeit ein Ereignis möglich, das dem gewöhnlichen Gang der Dinge widerspricht. Später dagegen schließt sich die Sinncnwelt zu einem durch Gesetz beherrschten System zusammen. Sie wird philosophisch genommen eine Thatsache — ein Ausdruck der Einheit des erkennenden Subjekts, wie denn die Überzeugung von der Uuverletzlichkeit der Naturgesetze Hand in Hand geht mit der Einsicht von der Subjektivität der siuulichcu Erscheinung. Es tritt alsdann ein Punkt ein, wo Wuuder, d. h. jede Unterbrechung dieses Zusammenhanges im natürlichen Geschehen, gerade seiner Subjektivität wegen d. h. aus erkenntnistheoretischen Gründen unannehmbar wird. Carlyle hat es in einer Zeit, in der selbst die Massen weithin dem Wunderglauben entwachsen sind, für seine Pflicht gehalten, dies auf das nachdrücklichste zu betonen, gerade im Interesse der Religion. „Was unglaublich ist, das glaube nicht," ruft er. „Bei deinem Seelenheil versuche es nicht. Nicht der spitzfindigste Hokuspokus wird dir hierzu etwas helfen — und es ist entsetzlich gefährlich, gerade auf diesem Gebiete."'^ Besteht doch Religion nicht, wie man heutzutage versucht ist anzunehmen, aus den Thatsachen, welche der Mensch am meisten bezweifelt, sondern aus den wenigen Thatsachen, welche für ihn unbestreitbar sind. Jede Bemühung, zu glauben, was man nicht glauben kann, wird den Menschen ans die Dauer innerlich unwahr und schwankend machen. Eine großartige Beschreibung dieser inneren Kämpfe, *) Vergl. llts ok 8tsi-linA S. 54, 84, 85, 92 u. a. — 36 — wie sie die heutige Zeit mit sich bringt und der Gefahren eines Opfers des Intellektes, welches schwachen Naturen nur zu nahe liegt, hat Carlyle in seiner Biographie I. Sterlings gegeben — eines hochherzigen Mannes, welcher in einer positiven Zeit und unter einer gegebenen Weltanschauung sich zu einem Charakter entwickelt hätte, aber nicht stark genug war, eine negative Zeit aus sich heraus und ohne Rückfall in vergangene Denkformen zu überwinden. Noch im hohen Greisciialter hat Carlyle seinen Standpunkt zum Wunderglauben, wie Fronde berichtet, festzuhalten erklärt und selbst die als grundlegend angesehenen Wunder der biblischen Erzählung ausdrücklich verworfen. Aber Carlyle ist weit entfernt von der Annahme, daß mit den Wundern die Religion falle. So lange die Menschen die Sinnenwelt für real nehmen, mußten sie durch Wunder handgreiflich an die Existenz eines Jenseits erinnert werden. Demjenigen dagegen, dem die Sinnenwelt Erscheinung geworden ist, sind Wunder nicht nur unglaublich, sondern anch entbehrlich. „Die ganze Welt ist ihm ein Wunder", Äußerung einer vom Denken schlechterdings unfaßbaren Macht. Für Carlyle berührt der Gegensatz zwischen Wissenschaft und Christentum nur Punkte äußerlicher Natur. Weit entfernt, eine „Selbstzersetzung des Christentums" anzunehmen, ist Carlyles Standpunkt gegensätzlich zu A. Comte, mit dem ihm sonst so vieles gemeinsam ist, im wesentlichen der Goethes, wie ihn dieser vielfach, z. B. in dem berühmten Gespräche mit Eckermann vom 11. März 1832 ausgesprochen hat. „Echt sei dasjenige zu nennen, was mit der reinsten Natur und Vernunft in Harmonie steht und uoch heute unsrer höchsten Entwicklung dient." In diesem Sinne halte er, obgleich er die Möglichkeit einer weitgehenden Kritik der biblischen Überlieferung nicht verkenne, den Inhalt der Evangelien für echt, „Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, über die Hoheit und sittliche Kultur des — 87 — Christentums, wie er in den Evangelien schimmert, wird er nicht hinauskommen."*) In ähnlicher Weise äußert sich Carlyle, daß das Christentum, einmal hier, nicht wieder vergehen kann. „Die Pforten der Hölle sollen es nicht überwältigen."^) „Sein Tempel liegt jetzt zwar in Trümmern," sagt er an anderer Stelle, „mit Gestrüpp überwachsen und die Wohnstätte trauriger Geschöpfe. Aber trotzdem mache dich danach auf. In einem tiefen Gewölbe, geborgen vor den fallenden Trümmern, findest du noch den Altar und brennt die Lampe auf immer und ewig."^*) Die Stellung Carlyles zum Christentum ist um deswillen wichtig, weil dasselbe nach ihm auf die europäische Vergangenheit den bestimmenden Einfluß geübt hat.f) Wenn nach Macchiavclli Staaten durch dieselben Gründe erhalten werden, durch welche sie entstanden sind, so gilt dies nach Carlyle noch mehr von einer ganzen Knlturwelt. Er erklärt gewissen Weltverbesserern gegenüber, welche hoffen, daß eine neue Religion in Bälde das Christentum ersetzen und das soziale Millenium bringen werde, ein solches werde nie kommen, da sie ja die Religion hätten, die sie annehmen oder verwerfen könnten.ff) Wenn Carlyle der allenthalben sich vollziehenden Zersetzung gegenüber eine Reform der Gesellschaft für möglich hält, so beruht dies in letzter Linie auf seiner soeben angedeuteten Stellung zum Christentum. Mau verkenne jedoch nicht, daß das, was Carlyle unter Christentum versteht, weit verschieden ist von der zeitgenössischen Kirchenlehre, wie sie ihm in seinem Heimatlande entgegentrat. Diese hielt er der *) Vergl. ferner auch Wilhelm Meisters Wanderjahre, Buch II. Kap. I. **> Nisosll. Ls. II. S. 172. Larwr Rssarws. S. 185. f) Nisosll. Ds. II. S. 328. „Das Christentum muß r>on Gläubigen wie Ungläubigen für alle Zeit betrachtet werden als das Leben und die Seele unsrer modernen Kultur." 1"i) Vergl. auch ?ast a-nä krsssvt,, Ausgabe von Kretzschmar, S. 214. > — 88 — Gegenwart für unangemessen, ihren Untergang für unvermeidlich. Den Auszug aus „HormäsäitLb", wie er die englische Hochkirche benannte, aus der Welt unglaublich gewordener Formeln und Dogmen, betrachtete er als eine Hauptaufgabe seiner Zeit. Das Mittelalter. Das Christentum hat einer Welt des Individualismus die Möglichkeit des Glaubens wiedergegeben, in die Zersetzung Keime neuen, organischen Lebens gelegt: das großartigste Beispiel einer sozialen Reform. Neben dem Christentum ist nach Carlyle vor allem das „große teutonische Geschlecht" an dieser Entwicklung beteiligt. Ihm mißt er die Aufgabe der Welteroberuug und Weltorganisation bei. Indem es die alte Welt unterwarf und selbst von dem Höchsten, was sie hervorgebracht hatte, dem Christentum, ergriffen wurde, verschmolz es die europäischen Völker zu einer neuen Einheit. Das Beste, was die romanischen Völker besitzen, sagt Carlyle, verdanken sie dem germanischen Blut in ihren Adern/") Zu dem sozialen Aufbau brachten die Germanen das Element der Treue, auf welchem nach Carlyle jede ursprüngliche Gesellschaft beruht. „Die große Thatsache dieser Periode," sagt Carlyle vom Mittelalter, „ist Glaube und neben dem Glauben Treue. Auf jenem baute sich die Kirche des Mittelalters auf, Treue dagegen war die Grundlage des Staates." Der Besitz einer feststehenden Lebensthcorie ist es, der das Mittelalter auszeichnet. Jahrhunderte arbeiteten an der Ausgestaltung der mittelalterlichen Weltanschauung, bis sie endlich im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Sie findet ihren Sprecher in Dante, welcher deswegen für Carlyle von höchstem Interesse ist. Es besteht ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Denkweise eines mittelalterlichen und eines modernen Men- *) Sdepsrsä, Liu-I^ls, S. 174. — 89 — schen. Das irdische Leben besitzt für den mittelalterlichen Menschen nur eine beschränkte Wirklichkeit gegenüber einer ewigen und unendlichen Wirklichkeit. Seine Gedanken gehen ohne Schwierigkeit von der einen Welt zur andern über. Jene ist ihm im Grunde ebenso übernatürlich, wie diese. Die Begriffe „gut" und „schlecht" fallen ihm nicht mit denen von „nützlich" und „schädlich" zusammen. Im Gegentheil besteht diejenige Handlungsweise, welche jene Zeiten als „gut" bezeichnen, in einer Hingabe an Ideen und Aufopferung des Individuums. „Gut" und „schlecht" waren durchaus unvergleichlich, nicht nur durch Gradunterschiede verbunden; sie gehörten verschiedenen Welten an. Diese Anschauung vom transcendenten Charakter des sittlichen Gutes fand in der Vorstellung von Himmel und Hölle ihren Ausdruck ; es war dies die ihrer Zeit angemessenste Verkörperung einer Wahrheit, die anders als im Gleichnis nicht zu fassen ist. Für Dante und sein Zeitalter bestand die Welt des Glaubens in fester, greifbarer Gestalt. „Er zweifelte so wenig daran, daß der Malebolge Pfuhl mit seinen dunkeln Zirkeln und hohen Wirbeln vorhanden sei, und daß er ihn selber schen würde, als wir daran zweifeln, daß wir Konstantinopel sehen würden, wenn wir uns dahin auf den Weg machten."*) Dieses System der Glaubensvorstellungen war aber eine Thatsache von größter Praktischer Wichtigkeit. „Meinung und Thätigkeit," sagt Carlyle, „hatten sich noch nicht entzweit, sondern die erstere erzeugte die letztere oder versuchte sie zu erzeugen, ebenso, wie der Stempel seinen Abdruck bewirkt, so lange das Wachs noch nicht hart geworden ist."**) Entsprechend den inneren Formen bildete sich ein System der äußeren Formen der Gesellschaft aus: autoritativ gegebene Lebenswege, in die der Einzelne hineingeboren wurde. Seine Thätigkeit richtete sich ans außerhalb des Individuums liegende Ziele; sie gewann so den Charakter der Arbeit im *) Lsroö8 Äncl lisrovoi-sliix, S. 106. *) Kretzschmar II. S. 226. — 90 — Carlyleschen Sinn. Als Ergebnisse dieser Arbeit ragen heute die Dome der mittelalterlichen Städte in ein fremd gewordenes Zeitalter. Wenn so der Mensch in Denken und Handeln noch ein unentzweites Ganze darstellte, so war er dabei nicht isoliertes Individuum, sondern Glied eines Organismus. Genossenschaftlicher Aufbau ist ueben Arbeit das Merkmal des Mittcl- alters. Durch diese Organisation wurde der eine mit dem andern näher oder ferner verbunden. Jeder hatte seinen bestimmten Platz auf der sozialen Stufeuleiter, welche ihm seiu Dasein gewährleistete. Auch von dem, auf dem die Last des sozialen Systems ruhte, dem Knechte, galt dieses. Wir zitieren folgende Stelle, welche Carlyles Auffassung von Mittelalter und Neuzeit charakterisiert: „Gurth, der geborne Leibeigne Cedrics des Sachsen, ist bemitleidet worden. Gurth, mit dem metallenen Halsbande und Cedrics Schweine hütend, ist allerdings nicht das, was ich ein Muster menschlicher Glückseligkeit nennen möchte. Aber dennoch scheint mir Gurth, der den Himmel über sich, die freie Luft und das schattige Gebüsch um sich und in sich wenigstens die Gewißheit eines Abendbrotes und einer geselligen Wohnung hat, Gurth scheint mir glücklich im Vergleich mit manchem Arbeiter von Lancashire und Bucking- bamshire in unsrer Zeit, der nicht der geborne Sklave irgend jemandes ist. Gurths metallenes Halsband kränkte ihn keineswegs, denn Cedric verdiente sein Herr zu sein. Die Schweine gehörten Cedric, aber auch Gurth bekam seinen kleinen Anteil davon. Gurth genoß die unaussprechliche Befriedigung, sich, wenn auch auf rohe Halsbaudmanier, doch auf unauflösliche Weise an seine Mitmenschen gefesselt zu fühlen. Er hatte Vorgesetzte, Gleichgestellte, Untergebene. — Gurth ist längst „emanzipiert". Er besitzt, was wir Freiheit nennen. Die Freiheit, sagt man mir, sei etwas Göttliches. Aber Freiheit ist gerade nicht göttlich, wenn sie die Freiheit ist, zu verhungern."*) Vergl. Kretzschmar, Vergangenheit und Gegenwart, S. 200. — 91 — Ein weiteres Merkmal des Mittelalters ist für Carlylc also die Gesellschaftsgliederung. Jede Gesellschaft muß sich nach seiner Ansicht in der einen oder andern Form aristokratisch gliedern, worauf gerade ihr Wesen beruht, da nicht Gleichheit, sondern Vielheit die Eigentümlichkeit des Organismus ausmacht. Bemerkenswert aber ist, wie sehr jene Zeit die tauglichen Männer zur Herrschaft zu bringen verstand. „Die tapfersten Männer, die, wie nicht genug wiederholt werden kann, im ganzen genommen auch die weisesten, stärksten und in jeder Hinsicht besten sind, Waren hier in einem anerkennenswerten Grade von Genauigkeit gewählt worden, und jeder saß auf seinem Stück Land, welches ihm geliehen oder geschenkt war, damit er es regiere,"*) Carlyle hat die Eigentümlichkeiten des Mittelalters insbesondere an der Hand der englischen Geschichte studiert und entnimmt ihr zumeist seine Beispiele. Mit besonderer Vorliebe verweilt er bei jenen harten Königen der Normanncn- zeit, die mit eiserner Faust das Reich zusammenfaßten. Ihr Leben war kein „geierhaftes Reißen um die Beute, sondern ein kräftiges Regieren." Von Kämpfen freilich war die Zeit erfüllt, aber dieselben dienten dazu, zu ermitteln, wer die Macht und damit das Recht über den andern hätte. „Durch vielen und hitzigen Kampf stoben die zu Staub geschlagenen UnWirklichkeiten hinweg und hinterließen die schlichte Wirklichkeit und Thatsache: du bist stärker als ich, klüger als ich, du bist Herrscher, ich Unterthan."**) Damals gab es in der That Könige, nicht solche, denen man erschreckt zurief: Ibisses kaire, thut nichts, verzehrt euern Lohn und schlaft. „Ebensowenig war die Feudalaristokratie eine eingebildete. Diese Jarls, welche wir jetzt Carls nennen, waren nicht nur dem Worte, sondern der That nach starke Männer, ihre Herzöge Anführer, ihre Lords I^v-warSs, d. i. Gcsetzeshüter. Sie besorgten Landesverteidigung und Polizei, Gesetzgebung und Rechtsprechung, sogar die Ausbreitung der Kirche." Es *> ?s.gt anä ?i-sssnt, Ausg. von Kretzschmar, S. 261, ?ast a,vÄ ?rsssnt, Ausg. von Kretzschmar, S. 231. waren nicht etwa gemietete Rcgierer, die vielleicht gar die Bezahlung einstrichen und das Regieren ließen, sondern sie fühlten sich zu ihrer Stellung und damit zur Herrschaft von oben berufen. Letztere war damals nicht ein Mittel für den Ehrgeiz oder die Genußsucht des Einzelnen, sondern eine Art göttlicher Mission. Von diesen Grundlagen aus entwickelte sich die vielgerühmte englische Verfassung. Sie ist nicht ein Muster, das man beliebig nachahmen kann, sondern ein Ergebnis der eigentümlichen Verhältnisse Englands. Sie blieb nach Carlylc auch dort nur so lange gesund, als ihre Grundlagen die gleichen blieben, d. h. als das Parlament eine Versammlung thatsächlich herrschender Per- sonen war, — Peers, Äbte, Lords, Ritter der Grafschaften und Stadtobrigkciten, von denen ein jeder sein Teil des Landes thatsächlich regierte. Mehr noch als die politische Geschichte interessierte Carlyle das tägliche Leben des Mittelalters. So hat Car- lyle an der Hand des Tagebuches eines gewissen Jocelinus de Bracelonda den Unterschied zwischen der Denk- und Mo- tivationsweisc des mittelalterlichen und modernen Menschen besprochen. Verfasser genannter Chronik*) lebte im XII. Jahrhundert im Kloster des heiligen Edmund zu Edmundsbutt) und hat in naiver Weise das, was ihm von den Ereignissen seines täglichen Lebens von Bedeutung war, aufgezeichnet — kein bedeutender, sondern ein Durchschnittsmensch, aber gerade darum für seiue Zeit bezeichnend. Carlyle erzählt, etwa drei Jahrhunderte vor Abfassung der Chronik habe in jener Gegend ein Mann mit Namen Edmund gelebt, ein Machthaber in den östlichen Grafschaften, „der ein sehr eigentümlicher Mensch und Gutsherr gewesen sein muß." Von seinem Leben ist nur wenig bekannt. Jedoch steht fest, daß seine Untergebenen sich nicht über ihn beklagten, daß es seinen Arbeitern nicht einfiel, seine Scheuern *1 LliroNiea, ^ooliivi cls Lrg,oslonll^, isnt ü," — 1a, postsritv" habe ihn der Franzose hilfsbereit unterbrochen; „Mousisui- non, nülls tois, nou" habe er selber erwidert, „sie appellierten an den ewigen Gott, durchaus nicht an die Nachwelt". Von diesem Standpunkte aus betrachtete Carlyle die Geschichte des Puritanismus mit wehmütigem Erinnern. „Das alte Reich Gottes, das alle wahren Männer, jeder in seiner Weise und Sprache, erstrebt haben, wich damals dem Reiche Nicht-Gottes, den die Menschen früher den Teufel nannten."*) Dies der tiefgehende Unterschied zwischen damals nnd heute. Nicht zur Eroberung weltlicher Vorteile, sondern für die Freiheit, Gott in ihrer Weise zu dieuen, erhoben sich die Puritaner. Denn für Menschen, die an einen erhabenen und schrecklichen Gott glaubten, war die Art, in der sie ihn verehrten, wichtiger als alles andere. Ans dem gleichen Grunde ruhte ihr Erfolg. Aus ihrem Glauben entsprangen Thatkraft und Heroismus, die wir an ihnen bewundern. Ein Heer, das mit Psalmengesang in die Schlacht zog, Anführer, die vor jeder Schlacht um göttliche Erleuchtung beteten, konnten nicht, besiegt werden. Ihr Sieg ») Oliver Cromwell II. 3 ff. — 102 — ist nach Carlyle ein schlagendes Beispiel für das, was sich überall in der Weltgeschichte bewährt: die Überlegenheit der Idee. Wie sehr weiß Carlyle den Puritanern nachzufühlen, wie versteht er, durch kleine Züge, die er aus den Akten ausgräbt, ihre Denkweise im Gegensatz zu der unsern lebendig zu machen, die Fremdartigkeit, das Erstaunliche jcuer Zeit in ein Helles Licht zu setzen! So erzählt er z> B>, als Cromwell die Schotten geschlagen und Edinburg besetzt hatte, habe sich die Stadtverwaltung über die Ausschreitungen seiner Soldaten beklagt. Worin hätten nun die Ausschreitungen bestanden? Nicht in solchen, wie sie ein siegreiches Heer in einer eroberten Stadt sich gewöhnlich zu schulden kommen lasse, sondern darin, daß die Soldaten die Geschäfte der angestellten Geistlichkeit sich anmaßten, Predigten hielten, Seelsorge übten und Sakramente verwalteten. Insbesondere ist Cromwell nach Carlyle nur dann zu verstehen, wenn man ihn von der Idee eines Jenseits erfüllt denkt. „Täglich zu sterben" erklärte er für die Aufgabe seines Lebens, und zwar nicht, wie man mißverständlich gemeint hat, als Heuchler. Vielmehr lassen die von Carlyle gesammelten Briefe an seine nächsten Angehörigen, bei denen jede Rücksicht auf die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist, in ihm einen Mann erkennen, der nach schweren inneren Kämpfen und Schwankungen einen Boden gefunden hat, von dem aus seiu Handeln eine zielbewußte Einheit empfängt. Er handelt nicht individualistisch, sondern vielmehr als Werkzeug Gottes, dessen Willen zu erkennen und auszuführen sein tägliches Gebet ist. Carlyle zeigt ferner, wie, diesen Grundunterschied gesetzt, Cromwell viele moderne Züge trägt. Obwohl durchaus gläubig, steht er dem überlieferten Glaubenssystem vollständig unabhängig gegenüber. Jede Beurteilung andrer in Glaubenssachen weist er von sich ah; Gewissenszwang ist ihm Gewissensmord, daher er und die Puritaner als die ersten Gewissensfreiheit fordern. Damit fällt ihm auch die bisherige — 103 — Autorität der kirchlichen Organisation. Zwar notwendig, aber doch von Menschen gemacht, ist sie der höchsten weltlichen Gewalt, dem Staate, untergeordnet. Dieser ist nach Crom- well das würdigste Objekt der Thätigkeit des Mannes: „Der Mann ist für den Staat geboren." Wie er kein absolutes Recht des Königs anerkennt, so kennt er auch kein solches des Individuums oder des Parlamentes. Er spricht den positivistischen Gedanken aus, derjenige Herrscher habe göttliches Recht, welcher unter den gegebenen Verhältnissen der beste und tüchtigste sei. Carlyle sieht in Cromwell den größten Herrscher Englands, dadurch von allen späteren Regenten unterschieden, daß sein Glaube nicht Phrase, sondern Mittelpunkt seines Lebens war. Ihm und seiner Zeit verdankt England das, was es heute ist. Ja noch mehr, der Puritauismus hat sich selbst über die deutsche Reformation erhoben, indem bei ihm unter Aufgabe der Autorität des geschriebenen Wortes der christliche Inhalt keinen Schaden litt. Welche Stellung Carlyle den Puritanern in der englischen Geschichte beimißt, hat Taine mit folgenden Worten zusammengefaßt: Lss tiornrnss sont lös vsrita,t>1ss tisros cis 1'^.nZlstsrrs. — — Ils ont tonäs 1'^nAlstsrrs s, trs>vsrs 1a oorruption äss Ltusrts st I's,raol1isöiiisiit äss mwurs uioäsrnss, ps,r 1'sxsroieö äsvoir, xs,r 1s, xrstic^us äs 1s, justilzs, xs,r 1'opiniütrsts 6u trsvsll, xs,r 1s, i'svsv,ÄiLg,tiorl cln üroit, xsr 1s, rssistanss ^ 1 opprsssion, pa,r 1s eon^usts äs 1s, libsrts, xa,r 1s, rsprsssion äo. vios. IIs ont konäs 1'IIeosss; ils out tonäs Iss Lts-ts-IInis; ils konäsnt au^oiirä'dui, xs,r lsurs clssssuclsiits, 1'^.nstrslis st oolonissnt 1s rnonäs. In der That beruht für Carlyle noch heute alles, was im englischen Volksleben gesund ist, auf puritanischen Elementen, welche gerade in den breiten Kreisen des Volkes weiter fortlebten, und welche ausländische Beurteiler des englischen Volkes meist unterschätzen. Freilich wurde die gesunde Entwicklung unterbrochen durch das Ereignis, das die herrschende Klasse im Gegensatz zu der „großen Empörung" von 1649 die „ruhmreiche Staats- 104 — Umwälzung" von 1688 zu nennen pflegt. So wie jene Bewegung aus der Idee geboren war, ein historisch merkwürdiges Phänomen, ebenso verächtlich und innerlich wertlos war das zweite Ereignis. Was dort Glaube gewesen, war hier Geldsucht und Ehrgeiz. Es ist bezeichnend, daß man ein Ereignis, daß aus solchen Motiven hervorging, als die Grundlage der öffentlichen Zustände Englands in den folgenden Jahrhunderten ansieht.*) Seitdem ist in den Mittelklassen weithin an Stelle von Religion jene Heuchelei getreten, die Carlyle seinen Landsleuten zum schweren Vorwurf macht, an Stelle von Gott das Vorgeben von Gott. Thatsächlich herrscht der Individualismus, welcher auch in diesen Kreisen seine erste theoretische Ausbildung fand. Hierauf auch beruht Carlyles Gegensatz zu der orthodoxen englischen Staatskirche. Sie schien ihm gefährlich, weil sie die" freie Entwicklung des evangelischen Gedankens hemmte. Sie schien ihm verächtlich, weil sie zu einer Stütze der ohnehin Mächtigen geworden war, mit dem Geldinteresse der Mittelklassen sich verbündet hatte und aus solchen Gründen innerlich veraltete Glaubensformen aufrecht erhielt. Gerade auf diesem Gebiete gab Carlyle den Anstoß zu einem höchst bedeutenden Umschwung innerhalb der englischen Kirche, deren Geistlichkeit heute mehr und mehr vom Standpunkt des Kapitals auf den der Arbeit hinübertritt, wie ich in meinem Werke „Zum sozialen Friedeu" geschildert habe. Sobald sie sich damit aber wieder auf die Massen stützt, wird sie auf die Dauer auch die starre Orthodoxie aufgeben müssen, welche mit einem demokratischen Geiste heute unvereinbar geworden ist. Was an die Stelle setzen? Carlyle weiß, daß, wenn nicht Leere eintreten soll, hier die deutsche Geistesarbeit des neunzehnten Jahrhunderts Ersatz zu schaffen hat. ') Carlyle steht in seiner Auffassung der Revolution von 1688 nicht allein da; im wesentlichen ist sie dieselbe wie die Ma- caulays und die Taines. Vergl. Taine, Geschichte der englischen Litteratur (Leipzig, 1878), I. 199-204. '.->7>— .. — 105 — England und Deutschland haben noch gewisse positive Elemente in ihrem Volksleben, auf deren Weiterentwicklung Carlyle seine Hoffnung setzt. Frankreich hat die Hugenotten vertrieben, es erhielt dafür die Atheisten und die Jakobiner. Dort findet die negative Seite der Reformation ihre Fortentwicklung, es ist der Ausgangspunkt der revolutionären Bewegung der Gegenwart. Die Revolution. Ein Grundgedanke Carlyles ist der enge Zusammenhang zwischen innern und äußern Formen der Gesellschaft, die gegenseitige Abhängigkeit der psychologischen Zustände in den Menschen und der sozialen Zustände unter den Menschen. Aber zwischen beiden kann zeitweise ein Zwiespalt eintreten: das Glaubknssystem zerfällt. Das soziale System dagegen, welches darauf beruht, bleibt bestehen; es wird zur Lüge, bis endlich — eine Folge der herrschenden Glaubenslosigkeit — der Individualismus auftritt, um die leblos gewordenen Formen zu beseitigen. In welcher Lage befinden wir uns nach Carlyle heute? Mächtige Glaubensvorstcllungen hatten einst das Gesellschaftssystem des Mittelalters hervorgerufen. Der Zwiespalt nun, der unsere Zeit durchzieht, besteht darin, daß die äußeren Formen der alten Zeit teilweise noch fortbestehen, während der ihnen entsprechende subjektive Inhalt verflüchtigt ist. Der eine Teil Europas hatte in der sogenannten Reformation wenigstens den Versuch der Fortbildung der überkommenen Glaubensformen gemacht. Der andre, vorwiegend romanische, hatte sie äußerlich festgehalten, nicht etwa deshalb, weil er von ihnen noch beherrscht gewesen wäre, sondern im Gegenteil, weil für die geistig führenden Kreise der Glaube dort bereits aufgehört hatte, überhaupt Lebensintcresse zu sein. Bei diesen Nationen traten jene destruktiven Richtungen zuerst uud mit besondrer Schärfe auf, welche der Gegenwart die Signatur eines Zeitalters der Revolution geben. So war die große französische Revolution, in die noch die Jugendjahre Carlyles hineinfielen, für ihn eine großartige — 106 — Bewahrheitung seiner sozialen Theorie. Er begrüßt „diese furchtbarste Erscheinung der letzten zehn Jahrhunderte" wie eine Offenbarung, als „die Stimme eines Gottes, wiewohl eines zornigen". Scheinexistenzen müssen weichen, um Rea- litäten oder wenigstens dem Nichts Platz zu machen; ein Gesellschaftssystem, das nicht auf Glauben, sondern dem Schein desselben beruht, bricht zusammen. „Ohne sie — sagt Carlyle von der Revolution — würde man gar nicht wissen, was man aus dieser erbärmlichen Welt überhaupt machen sollte. Hier Charlatanerie (d. i. Scheincrfülluug überkommener Pflichten), dort das Elend niedergetretener Massen, das man — ein üsdils wäidriura — mit Wahl-- rechten, Kommissionsberichten, und den Bastillen des Armen- gesetzcs zu kurieren sucht: ein solcher Zustand ist nicht bestimmt, fortzudauern." Die Organisationen der geistlichen nnd weltlichen Gewalten, die früher die Herrschaft über die Menschen ausübten, diese „verwirklichten Ideale vergangener Zeiten" hören mehr und mehr auf, ihre Funktion zu verrichten, obwohl sie noch die Stellung von Herrschern einnehmen. „Die Kirche — sagt Carlyle vom vorrevolutionären Frankreich — ist dahin gekommen, ihre alten Neigungen und Abueigungen zu vergessen und hat ihr Interesse mit dem Königtum verbunden. Auf diese jüngere Macht hofft sie ihre Greisenhaftigkeit zu stützen. Diese beiden werden in Zukunft zusammen stehen nnd fallen. Ach, die Sorbonne sitzt noch da und murmelt iu ihrem alten Jargon weiter, aber sie leitet nicht mehr die Gewissen der Menschen. Dieses thun die Encyklopädien und die Philosophien. Eine unzählige Menge von profanen Schriftstellern uud Pamphletenschreibern üben nun die geistliche Gewalt über die Menschen aus." Ja, an Stelle der Indifferenz ist in weiten Kreisen sogar Haß gegen Kirche und Religion getreten, weil an ihr gerade die Lügenhaftigkeit des ganzen Systems am meisten bewußt wird. Irreligiosität wird zur Antircligiosität, das övrs>ss2 l'intaiiis die Stimmung weiter Kreise. Nicht anders steht es mit der weltlichen Führung der — 107 — Nation. Die Privilegien des Adels entstammen einer Zeit, in-welcher derselbe thatsächlich die Nation beherrschte, und waren als solche eine nicht zn große Belohnung für die Verrichtung der schwersten aller sozialen Funktionen gewesen. Seitdem ist er zum Hofadel geworden und klammert sich nun ängstlich an die allein noch bestehende Macht: das Königtum. Wunderbare Stützen des Thrones: diese „vergoldeten Stuckkaryatidcn". Aber auch das Königtum, dessen Wachstum alle anderen Gewalten erstickt hat, verliert seine innerliche Wahrheit. Die königliche Gewalt hat aufgehört, unter der Herrschaft bestimmter Ideen als Pflicht ausgeübt zu werden. Sie ist nur noch Mittel für das Dasein eines Einzelnen: aprss nons 1s äkluAs. Das Volk ist nicht mehr Gegenstand der Beherrschung, sondern der Ausbeutung: 1s psupls tailladls st L0rvsg,d1s ä msroi st irüssriooräs. , Nach Carlyle ist es der Individualismus, welcher die Menschen antisozial motiviert und gesellschaftlich auflösend wirkt. In der That, die Encyklopädisten, d. h. durchaus negative Zcitphilosophen, beherrschen die denkenden Kreise der Nation. Das Individuum ist theoretisch der Ausgangspunkt des menschlichen Denkens, praktisch der Zielpunkt des menschlichen Wollens geworden. Aber äußerlich hält man ein System aufrecht, welches auf einer durchaus entgegengesetzten Motivationsweise gegründet war. Dies der Grund der Uu- haltbarkeit des Bestehenden/') Jene hierarchische, feudale und monarchische Gliederung der Gesellschaft war eben nur möglich gewesen unter der Voraussetzung eines relativ hohen Quantums altruistischen Wollens. „Soziales Elend — sagt Carlyle**) — in großem Umfange hat zur Ursache stets moralisches Elend in entsprechendem Umfange. Bevor achtundzwanzig arbeitende Millionen zu diesem elenden Aussehen kamen, wie es der ältere Mirabcau jetzt betrachtet, in einer Nation, die sich christlich nennt, was für eine fast unendliche *) Lg-rl^Is. ?i-sueli üevol. II. Okax,. 3. **) e^rl^ls. ?rsn<-Ii ksvot. II. Ldg-p. 3. — 108 — Menge der Unchrlichkeit von Herrschern aller Art, geistlichen wie weltlichen Standes, muß sich da seit Jahrhunderten angesammelt haben!" Carlylc macht innerhalb der destruktiven Richtungen folgenden Unterschied. Zuerst kamen die skeptischen Philosophen, deren Wirkungen Carlyle als rein negative bezeichnet — übereinstimmend mit Comte, welcher unter diesem Gesichtspunkte jene Männer in seinen Heiligenkalender nicht aufnahm. Der einflußreichste unter diesen Schriftstellern ist Voltaire. Er ist thatsächlich mehr der Herrscher Frankreichs, als die äußerlich bestehende» Gewalten. „Er wird bald nicht über, sondern in allen Köpfen herrschen: Könige und Kaiser werden seine ausführenden Minister sein." Wie sein Jahrhundert überhaupt, war auch er skeptisch gesinnt. Carlyle bemerkt über Voltaire, derselbe frage bei jedem Gegenstande nicht darnach, was wahr, sondern vielmehr darnach, was falsch sei.*) Wenige Geister, die auf negativem Gebiete gleich mächtig gewirkt, ohne dabei irgendwelches Bedürfnis positiven Aufbaues zn empfinden. Vor allem richten sich Voltaires Angriffe gegen das Christentum. Diese ganze Kritik aber zerfällt, wenn man die Vorstellung einer „Totalinspiration" aufgicbt und eine historische Betrachtungsweise anwendet. Trotzdem oder gerade deshalb, weil er so wenig über dem Durchschnitt seiner Zeit stand, waren Voltaires Wirkungen binnen weniger Jahre ungeheure. Durch ihn mehr als durch irgend einen andern Schriftsteller wurde der Skeptizismus in die Massen hineingetragen, d. h. „die innern Formen der Gesellschaft aufgelöst". Nach Carlyle ist der Grundton dieser Anschauung: „Lügen soll man nicht glauben, Glauben ist überhaupt unmöglich; nichts ist sicher, als daß Vergnügen Vergnügen ist." Aber noch ist die bezeichnete Richtuug nicht die Revo- *) Ls.rlM, Niso. Zs. II. S. 184. — 109 — lution selbst. Ein Revolutionär muß bereit sein, sein Leben daran zu setzen. Aber das wareu jene Skeptiker im Hoskostüm noch nicht. Jene genannten philosophischen Richtungen haben den Individualismus zur Herrschaft gebracht. Dieser aber hat nie große historische Wirkungen hervorgebracht. Insbesondere wird er auch nicht zum Umsturz einer bestehenden, wenn auch innerlich-noch so unwahren Gesellschaft sühren, da zu viele Interessen mit ihrer Existenz verknüpft sind. Ist es doch gerade der Egoismus der herrschenden Klassen, welcher jene Formen weit über ihre wahre Lebensdauer hinaus aufrecht erhält, svdaß sie nun, wie Carlyle zu sagen Pflegt, dastehen „mit gespensterhafter Nachahmung des Lebens". Überall ist es erst der Glaube, welcher Veränderungen auf dem Gebiete der Gesellschaft hervorbringt, wie denn die Geschichte eines Volkes nach Carlyle nur insoweit von Interesse ist, als in ihr Wirkungen des Glaubens zum Ausdruck kommen. Es zeigt sich nun das eigentümliche Schauspiel, daß auch das Zeitalter der Revolution eine Art von Glauben hervorbringt. Die Entwicklung schreitet von Voltaire zu Rousseau fort. Betrachtete man das Individuum als den Ausgangspunkt für die Erklärung der gesellschaftlichen Erscheinungen, so konnte man dasselbe nicht als ein historisch gewordenes, daher mit Eigentümlichkeiten und Unterschieden von andern behaftetes ansehen. Dieselben durfte man vielmehr nur als zufällige Ergebnisse der Erziehung betrachten. Daher denn z. B. Cabanis behauptete, daß zwischen dem Genie und dem gewöhnlichen Menschen als Kind kein Unterschied sei. Dieses abstrakte Individuum, welches vor aller Gesellschaft vorhanden gewesen und seitdem unverändert das gleiche geblieben ist, aber stellt man zugleich als das in seiner ursprünglichen Reinheit wieder zurückzuführende Ziel Vor. Damit war auch für den Individualismus eine Art des Glaubens möglich geworden, wenn man unter Glauben mit Carlyle die Annahme von Werten außerhalb des wollenden Subjektes versteht. Für das konkrete Individuum konnten — 110 — sich andere nicht begeistern, wohl dagegen für Menschenrechte in s-dstrsoto. Dies ist nach Carlyle das neue, was Rousseau gebracht hat, nicht die Lehre vom oontrat social, welche schon vor ihm gelehrt wurde und die Folge einer individualistischen Gcsell- schaftsauffassung überhaupt ist. Aber während dieselbe bisher von skeptischen Philosophen vorgetragen war, erhob sich nun wieder ein „begeisterter Denker", eine Art von.„Evangelist", der die Menschen durch die Predigt von einer kommenden irdischen Glückseligkeit entflammte und ihnen wieder einen Glauben gab, für den sie sich hingeben, ja ihr Leben opfern konnten. Diese wie jede aus Glauben hervorgehende Bewegung hat etwas Wunderbares. „Aus der faulenden Masse von Skeptizismus, Sentimentalismus und Sensualismus hat sich ein Glauben erhoben, der das Herz des Volkes entflammt. Ein ganzes Volk, erwachend zum Bewußtsein des tiefsten Elends, glaubt, daß es im Bereiche eines Himmels auf Erden sei. — Selten kann man von einem ganzen Volke sagen, daß es überhaupt einen Glauben hat, außer an das, was man essen und angreifen kann. Wenn es aber einen Glauben bekommt, dann wird seine Geschichte erstaunlich. Seit der Zeit, als das stählerne Europa von dem Wort Peters des Einsiedlers erschüttert nach dem heiligen Grabe stürzte, ist kein allgemeiner Impuls des Glaubens mehr zu bemerken. Seit der Protestantismus zum Schweigen gekommen und der letzte Cameronianer auf dem Schlüsse von Edinburg erschossen war, da gab es keinen Partiellen Impuls des Glaubens mehr unter den Nationen Europas, und nun hat die französische Nation wieder einen Glauben, und dieser ist die Seele jenes Wunders, das man französische Revolution nennt."*) Aber die einstigen Glaubensvorstellungen, auf denen die europäische Gesellschaft sich aufgebaut hatte, besaßen einen metaphysischen Charakter nnd setzten eine mehr oder minder *) ?rsnek Revolution (?s.uelivit2 Däition) III. 152. — 111 — weitgehende Überwindung des individualistischen Willens voraus. Als Gipfel des gesamten.Glaubenssystems stand das Jenseits, welches der Mensch nur durch sittliche Umkehr erreichen konnte. Anders der neue Glaube. Sein Gegenstand hat nichts transcendentes, über das Individuum herausgehendes; vielmehr ist er das Individuum selbst. Sein Ziel ist nicht ein Jenseits, sondern Glückseligkeit auf Erden. Das Mittel, dieses Ziel zu erreichen, ist nicht, wie bei den frühern Arten des Glaubens, die Abwendung des Willens von sich selbst, d. h. eine Veränderung im Individuum. Im Gegenteil: dieses gilt als das normale, unveränderliche, an sich vollkommene. Alle Leiden und Unvollkomincnheiten, die dem geschichtlichen Menschen anhaften, gelten lediglich als Folge der fehlerhaften sozialen Anordnung. Daher handelt es sich um eine Neuordnung der Individuen, d. h. um staatliche und rechtliche Veränderungen, wie dies nicht anders für den modernen Sozialismus der Fall ist. In diesem Glauben wurzeln nach Carlyle die destruktiven Richtungen der Neuzeit. Sie alle wenden sich gegen die überkommene Ordnung als die Quelle schwer empfundener Leiden. Ob sie dieselbe mehr oder weniger negieren, macht zwischen ihnen keinen wesentlichen Unterschied, ebensowenig etwaige Verschiedenheiten in der Ausgestaltung der erhofften irdischen Glückseligkeit. Etwas Positives auf sozialem Gebiet hervorzubringen, sind sie außer stände. Ihre Anhänger, in der Zerstörung einig, gehen, sobald es Neuaufbau gilt, auseinander. Denn jener Glaube ist eben nicht von der Art, daß er den Individualismus bezwänge und damit viele einem Ziele unterordne. So schlagen gewöhnlich Revolutionäre, wenn sie siegen, ihren Lehren am meisten ins Gesicht. Von diesem Standpunkt aus ist Carlyle wohl der entschiedenste Gegner jenes vulgären Radikalismus, wie er zum erstenmal in der französischen Revolution auftaucht. Auch hier berührt er sich wieder mit Comte, der als den Hauptirrtum der Neuzeit die allgemeine Neigung bezeichnet, soziale Schäden den politischen Institutionen, anstatt den psychologischen Zuständen im Menschen zuzuschreiben. „Hieraus — — 112 — sagt Comte — entspringt jene Reihe von Versuchen, die ihrer Natur nach stets unfruchtbar, bisher stattgefunden haben uud noch oft stattfinden werden, nämlich ein Heilmittel in mehr oder weniger tiefgreifenden Veränderungen der rechtlichen Einrichtungen und der bestehenden Gewalten zu suchen, ohne daß die Erfolglosigkeit der frühereu Versuche die irre geführten Massen eines bessern belehrt."*) Schon die erste konstituierende Versammlung Frankreichs ist vorbildlich für die revolutionäre Entwicklung überhaupt. Sie war mächtig im Niederreißen, unfähig im Aufbau. Der Grund dafür liegt darin, daß jene Männer — geboten in einem skeptischen Zeitalter — selbst für ihr eignes Leben keine feste Richtschnur und kein unzweifelhaftes Ziel besaßen. Wie konnten sie eine Nation leiten? So ist die Konstitution, die sie machten, nichts als ein Kompromiß zwischen der alten Ordnung und den revolutionären Ideen, die thatsächlich Auflösung der Gesellschaft bedeuten. Carlyle nennt sie „ein papierenes Gebäude, in dem Menschen nicht wohnen konnten". Denn mag man noch so viele Konstitntionen machen, nur soweit sind sie lebensfähig, als sie Ausdruck der thatsächlichen Machtverhältnisse sind. Diese aber waren damals verwirrt und unbekannt und mußten erst durch die langen Kämpfe der kommenden Jahre festgestellt werden."*) In gleicher Weise vorbildliche Bedeutung besitzt der Kampf zwischen der Gironde und den Jakobinern, indem sich bereits hier die spätere Trennung des radikalen Mittelstandes vom revolutionären Proletariat andeutet. Die Gironde hat ihren Anhang in den besitzenden Kreisen, die Parlaments- dcbatten lesen. Die Jakobiner dagegen sind die Vertreter der hungernden Menge, die weniger liest, als sieht nnd höri. Die Girondisten wollen zwar die alte Ordnung zerstören, insbesondere die Vorrechte des Adels. Aber sie wollen doch *) xliilos. xos. IV. 116 und 117. 5. Ausq. (Paris 1869). **) ?l'svc,k Rsv. I. 190 II, 268. Ähnlich /I'-üns Rizvol. liv. II. oa,p. 2. IIn nouvss-u s/stsws cl'institution» ne konotionns hus Mi' nouvizg,u K.ystsniö cl'llg,1zituclö8 kt clserstöi' un nou- vsau 8)-8tdins ü'li^ditnlles c'e^t Iziitir uns visills maisov. — 113 — die Revolution nur bis zu einem gewissen Grade, sie wollen „eine Republik der Ordnung", d. h. eine solche, die das Eigentum garantiert. Ihre Sprache gegenüber den „ärmeren Brüdern" ist wie die der späteren Richtungen des bürgerlichen Radikalismus kalt und abweisend. Zu diesem Zwecke konstruieren sie eine „sogenannte Republik der Tugeud" auf Grundlage des ungcschichtlichen Individuums der Theorie. Eine solche Revolution ist aber im Widerspruch mit sich selbst. Jene „ärmeren Brüder" werden sich fragen: „Haben wir uns nicht erhoben und die Revolution durchgekämpft? Können wir nicht verlangen, daß sie uns wenigstens Brot bringe? Wenn wir unser Ziel noch nicht erreicht haben, so rührt das daher, daß wir von den Besitzenden um den Gewinn betrogen worden sind." Diejenige Richtung ist hier notwendig die stärkere, welche die folgerichtigere ist, die, wie Carlyle sagt, ,,sicher ihrer selbst" ist. In dieser Hinsicht ist bezeichnend jenes Wort Mirabeaus über den damals noch verspotteten Robespierre: „Dieser Mann wird noch etwas ausrichten, denn er glaubt jedes Wort, was er sagt." In der That ist der Standpunkt des Proletariats der folgerichtigere. Trotz aller Deklamationen ist das Elend unvermindert, die Glückseligkeit ferner denn je. Wenn sie aber wirklich auf. dem Wege staatlicher Umgestaltung herbeizuführen ist, so ist weiterer Umsturz das einzige Mittel, von dem etwas zu hoffen ist. Dies ist die zweite Woge der Revolution, welche nach Carlyle, „aus den Tiefen der menschlichen Natur emporsteigend", wie jede Leidenschaft etwas „Mystisches", d. h. vom Verstand nicht zu Erschöpfendes an sich trägt. Hierauf beruht jene erstaunliche Kraftentfaltung nach außen, welche die juugcn Revolutionsheere zu Siegern über die geschulten Armeen Europas macht. Während bisher alles Zersetzung war, breitet sich eine neue Organisation über das ganze Land. Dreitausend Jakobinerklubs mit ihrem Mittelpunkt, der Muttcrgcsellschaft zu Paris, sind, wie Carlyle sagt, die „thatsächliche Konstitution des Landes, nicht gemacht von zwölfhuudcrt erlauchten Se- v. Schn lzc-Gnvernip, Larwlc, 8 — 114 — natoren, sondern von der Natur selbst, unbewußterweise aufgewachsen aus den Bedürfnissen und Anstrengungen dieser 25 Millionen. Sie bestimmen die Debatten der Legislative, entscheiden über Krieg und Frieden, setzen im voraus fest, was jene Versammlung thun soll: zum großen Anstoß den meisten Philosophen und Historikern, welche darin zwar natürlich, aber nicht weise urteilen. Eine regierende Macht muß da sein. Alle andern Mächte sind Schein, dies ist eine Macht" Trotzdem aber behauptet sich jene revolutionäre Begeisterung, nachdem der Sieg errungen ist, nur kurze Zeit in der Herrschast. Der Grund dafür ist einmal ihre eigne Unfähigkeit, ihre lediglich negative Natur. Aber auch der Umstand kommt hinzu, daß die größten Männer der Zeit nicht von ihr ergriffen werden. Während die Helden positiver Zeiten — für Carlyle war Cromwell ein solcher — gerade die Träger des Glaubensinhalts ihrer Zeit sind, sind sie in negativen Zeiten von der Begeisterung, die ihre Mitmenschen ergreift, unberührt. Sie durchschauen deren Gegenstand als leeres Abstraktum. Soweit sie nicht mehr unter der Herrschaft älterer Glaubensformen stehen, treibt sie das Streben nach Macht, jener ursprünglichste soziale Faktor: sie sind die Zwingherrn der Revolution. Ein solcher Mann war Mirabeau, ein solcher Napoleon. Es sei hier auf die in Kapitel VI und VII des dritten Buchs der französischen Revolution gegebene Charakterisierung Mirabeaus verwiesen, als auf eine der glänzendsten Partien, die Carlyle geschrieben hat. Gleich geistvoll ist sein Urteil über Napoleon, bei dem er ein allmähliches Überwiegen des französischen Wesens über die italienische Natur wahrnimmt. Ob nun zeitweise ein Alleinherrscher die Revolution niedertritt, ob dann die besitzenden Klassen eine Plutokratie aufrichten — die elendeste Art der Herrschaft — der Jakobinismus ist nicht tot. In immer neuen Formen macht er vielmehr seinen Weg durch die Welt. Er ist ein Glaube und als solcher ebensowenig durch logische Widerlegungen, wie durch das Schwert verwundbar. Ideen, melche die Menschen beherrschen, lassen sich nur durch Ideen bekämpfen. Ähnlich beurteilte noch der Greis, wie uns Froude in seinem Leben Carlyles erzählt, die Pariser Kommune des Jahres 1871, Ihr gegenüber wüßten die englischen Mittelkassen nichts zu sagen als: Gott sei Dank, daß wir andre Menschen sind. Für Carlyle dagegen war dieser Ausbruch unterdrückter Leidenschaft der Massen nichts weniger als ein lokales oder ausnahmsweises Ereignis. Vielmehr nahm er an, daß in ganz Europa gleiche Stimmungen weit verbreitet seieni in Paris aber hätten sie, nachdem der Druck, der sie zurückhielt, einen Augenblick gewichen sei, sich mit Schrecken offenbart. Die „stumme Kreatur", welcher der artikulierte Ausdruck versagt sei, habe hier wieder einmal in fürchterlicher Weise zu deu oberen Klassen ganz Europas geredet: „Unsre Lage nach achtzig Jahren des Kampfes, ihr Betrüger, ist noch unverändert, unerträglicher von Jahr zu Jahr, von Revolution zu Revolution. Wenn ihr sie nicht verbessern könnt, so wollen wir die Welt in die Lust sprengen und uns und euch mit." Es ist begreiflich, wenn Carlyle tief pessimistisch unsre Zeit beurteilt, die ihm, wo er sich hinwendet, Zersetzung oder künftiger Zersetzung verfallenes zeigt. Von diesem Gesichtspunkte aus hat er die Revolution als das krönende Phänomen unsrer Zeitgeschichte bezeichnet. Andererseits aber verleugnet er doch auch hier den Optimismus nicht, welcher als Grundton, wenn auch zeitweise unhörbar, die Carlylesche Weltanschauung durchzieht. Sind doch nur die Formen bedroht, welche die Voraussetzung eines entsprechenden Glaubensinhaltes verloren haben, deren Auslösung also doch dem Interesse der Wahrheit und der Neugestaltung entspricht. Zu folgendem, eines Platon würdigen Bilde führt ihn dieser Gedanke: „Betrachte den Weltenphönix in Fcuerverbreunung und Feuerschöpfung. Weit sind seine schwingenden Flügel, laut sein Tvdesgesang: Schlachtendonncr und fallende Städte. Himmelwärts schlägt die Flamme seines Scheiterhaufens, alle Dinge in sich einhüllend: Tod und Geburt einer Welt." 8» — 116 — Drilles Raxikel. «Larlsles Stellung zur Gegenwart. Worauf beruht es, daß Carlyle, der als Straf- und Bußpredigcr des XIX. Jahrhunderts auftrat, sich doch den Glauben an die Zukunft der europäischen Kulturwelt bewahrte? Auf zwei Thatsachen, deren Anerkennung seitens eines Engländers besonders merkwürdig ist. Einmal hatte er im Laufe des Jahrhunderts eine Macht in Europa erstehen sehen, deren Staatsgewalt, noch thatsächlich, nicht nur zum Schein das Amt der Regierung führte: Preußen-Deutsch- land. Dieser Staat, hoffte er, werde ein festes Rückgrat für die schwankenden Verhältnisse Europas in den nächsten Jahrhunderten abgeben. Wichtiger aber war ihm gegenüber dieser änßeren Thatsache, welche nur eine Frist für den Neuaufbau verbürgte, die innere Entwicklung. Denn darin stimmte er mit A. Comte überein, daß die sozialen Verhältnisse abhängig seien von den psychologischen Verhältnissen, daß die äußere Geschichte nur ein Abbild der inneren sei. „Wenn die philosophischen Geister der Welt — sagt I. St. Mill*) in einer von Carlyle gewiß nicht unbeeinflußten Stelle — nicht länger an ihre Religion glauben oder nur mit Modifikationen daran glauben können, welche den Charakter derselben wesentlich verändern, so beginnt eine Übergangsperiode schwacher Überzeugungen, gelähmter Verstandeskräfte, lauer Grundsätze, die kein Ende nimmt, bis ans der Grundlage ihres Glaubens eine Erneuung bewirkt ist, welche zur Entwicklung eines religiösen oder rein menschlichen Glaubens führt. So lange dieser Zustand anhält, ») Selbstbivaraphie (Stuttgart, 1874), S. 199. — 117 — hat alles Denken und Schreiben, das nicht auf eine solche Erneuung hinarbeitet, sehr wenig andern, als momentanen Wert." Carlhle hätte hierin seinem Freunde Mill zugestimmt, nur den Glauben an die Möglichkeit einer rein menschlichen Religion als eine Täuschung bezeichnet, welche der utilitari- schen Denkweise des Zeitalters entstamme. Eine menschliche Religion sei eben des Menschen willen da nnd daher nicht imstande, den Individualismus zu bändigen, worauf doch aller soziale Aufbau beruhe. Carlhle glaubte vielmehr — und dies ist der tiefste Grund seines Optimismus — an einen unvergänglichen Kern des Christentums, welches nur in seiner dogmatischen Fassung von einstens heute unbrauchbar geworden sei. Die Reformation habe es unternommen, diesen Kern neu zu fassen, ohne freilich ihr Werk zu beenden. Im XIX. Jahrhundert sei nun die deutsche Geistesarbeit von neuem an diese wichtigste Aufgabe gegangen; neben der Kantischen Philosophie war ihm vor allen die Weltanschauung, zu der sich der alte Goethe durchgerungen hatte — „dieser wichtigste Deutsche nach Luther" — das hoffnungsvollste Zeichen der Zeit. Wenn Carlhle so allen Nachdruck auf die Notwendigkeit ciuer geistigen Neuorganisation legt, so ergiebt sich hieraus sein sozialpolitischer Standpunkt. Zwar ist er einer der bedeutendsten Gegner jenes egoistischen „la-issW-tairs" gewesen, wie es die besitzenden Mittelklassen übten. Er fordert, daß der Staat von der Seite des Kapitals zu der der Arbeit hiuübertretc, daß nicht mehr Kapitalauhäufung, sondern Hebung und Selbständigmachuug der Massen das Ziel aller Volkswirtschaft sei. Aber wie lebhaft er z. B. anch Fabrikgesetze befürwortete, er ist sich bewußt, daß der Staat im Vergleich mit der Wichtigkeit jener inneren Entwicklung nur unendlich wenig thun könne. Für ihn war die soziale Frage in erster Linie nicht eine politische, sondern eine religiöse. Nichts lag ihm ferner als der Irrtum, soziale Leiden durch Gesetze abschaffen zu wollen. So ist er neben Comte — 118 — unter den Philosophen der Neuzeit einer der grundsätzlichsten Gegner des Sozialismus. Wir verfolgen nunmehr im einzelnen seine Stellung zu den Problemen der Gegenwart. Die inneren Formen. Die Kritik, welche Carlyle an den gesellschaftlichen Zuständen der Gegenwart übt, bezieht sich nicht auf einzelne Schäden. So viel man deren auch aufzuzählen vermag, so liegt ihnen doch eine einzige Thatsache zu Grunde: die Gesellschaft unserer Zeit verliert mehr und mehr den zu ihrer Gesundheit notwendigen Glaubeusinhalt. Der herrliche Bau der Kirche, welchen einst große und gottbegeisterte Männer errichtet haben, ist nach Carlyle heute in traurigstem Verfall. Carlyle betrachtete es als seine Aufgabe, die Kirche seiner Zeit auf das heftigste zu befehden, den „Exodus aus Houndsditch" seinen Zeitgenossen nach Kräften zu erleichtern. Der Grund davon liegt darin, daß ihm hier der Sitz eines Übels zu liegen schien, welches das Leben seiner Nation in allen Äußerungen vergiftete: einer „unendlichen Heuchelei". (Vergl. Froude, Carlyle in London II, Kap. 17, S. 19; Brief Carlylcs an Erskine.) Carlyle aber macht diesen Vorwurf nicht einer Nation allein; es handelt sich ihm vielmehr um eine allgemein europäische Erscheinung. Wir leben heute im Zeitalter des „Jesuitismus". Auch der Protestantismus ist diesem Fehler erlegen, nachdem er zur Orthodoxie verknöcherte. Seit der „für alle Zeit gesegneten Restauration", wie man die Rückkehr Karls II. genannt hat, ist der jesuitische Sinn in England eingezogen. „Indem wir den Namen des heiligen Jgnatius verdammten, haben wir in wachsendem Maße sein System angenommen und in ihm eine gesunde Grundlage unseres Lebens erblickt." Wir begannen zu glauben, daß menschliche Symbole, die für frühere Generationen einmal Thatsachen deckten, an sich die Kraft haben, uns zu retten, daß wir sie deshalb äußerlich festhalten müßten. Während eine gesunde Religion für den Menschen gerade die Thatsachen umfaßt, welche für ihn so sicher sind, daß sie der Ausgangspunkt seines Denkens und Handelns werden, so könnte man heute die Religion als die Summe der Sätze definieren, über welche der Mensch am meisten zweifelt. Während früher gerade auf dem religiösen Gebiete jeder zur Sicherheit eines Ja oder Nein zu kommen bemüht war, so begnügen sich heute viele Menschen mit einem Ja und Nein oder gar Ja obgleich Nein.*) Die Religion verliert damit die Funktion, welche ihr nach Carlyle im Leben der Gesellschaft zukommt. Ihre Bedeutung besteht in gesunden Zeiten darin, daß sie den Mittelpunkt, um den sich das Dasein des einzelnen bewegt, aus dem Individuum hinausvcrlegt. Ganz anders heute. Die Religion wird zum Mittel für ein diesseitiges und, soweit man noch daran glaubt, ein jenseitiges Wohlergehen aufgefaßt. Der Schwerpunkt des Daseins rückt damit in das Individuum zurück. Trotz äußerer religiöser Formen ist das Handeln des Menschen vom Egoismus beherrscht, d. h. antisozial. Die Religion hat, wie Carlyle sarkastisch sich ausdrückt, „ihre Zuflucht in den Magen genommen". Der Geist der Unwahrheit verbreitet sich über alle Zweige des Lebens. „Nicht Wahrheit, sondern ein Amalgam von Wahrheit und Falschheit" scheint nützlich und sicher. „In Parlament und auf der Kanzel, in Schrift und Wort, wo immer Menschen einander etwas mitzuteilen haben, folgen sie dieser Gewohnheit. Die menschliche Rede ist nicht mehr wahr! Ein feines Gift der Lüge durchdringt die ganze Gesellschaft."^) „Kein Engländer," sagt Carlyle, „wagt mehr die Wahrheit zu glauben. Seit 200 Jahren ist er eingehüllt in Lügen jeder Art. Er hält die Wahrheit für gefährlich, und man sieht ihn überall bemüht, dieselbe dadurch zu mildern, daß er eine Lüge mitgehen heißt und beide zusammenspannt. Das nennt er den sichern Mittelweg."***) *> I^ttsr Da,/ ?-MpIi1öt8 S. 276. **) I^ttsr v-v ?Ämxll1sts S. 375. ***) lütter Dax ?gMxb.1st>s S. 1S3. Allen diesen Erscheinungen liegt ein Skeptizismus zu Grunde, der sich noch in den Deckmantel der Orthodoxie hüllt. Wie anders jene Puritaner! Ihnen war ihre Weltanschauung das wichtigste, gegen die ihnen alles zeitliche gering schien, und sie waren „schrecklich im Ernst". Zeitweilig hatte es geschienen, als ob der Heuchelei der Sieg zufallen solle. Aber heute ist ihre Niederlage entschieden. Die Menschen haben sich wiederum gegen falsche Formeln erhoben nnd erklären offen, lieber nichts, als unglaubliches glauben zu wollen: ein allumfassender Protestantismus. Sein Erzeugnis war die atheistische und politisch radikale Weltanschauung, welcher die Gegenwart gehört. Durch sie findet der Jesuitismus sein Ende. „Er hat in seinen Untergang eine ganze Welt mit hineingezogen, die einst lebend und schön war, jetzt tot und schrecklich ist."") Entgegen der Gewohnheit der konservativen Schriftsteller hat Carlyle die Macht der gegnerischen Richtungen eher über- als unterschätzt. Während eines langen Lebens hatte er Gelegenheit, in seinem Heimatlande das unaufhaltsame Vordringen jenes Individualismus zu beobachten, das auf dem Gebiete des Glaubens wie des Staates Auflösung bedeutet. Zugleich aber sah er ein, daß die alte Ordnung, eines Glaubensinhaltes bar, dem revolutionären Ansturm gegenüber schwach sei, und daß das neue nur von neueren Richtungen besiegt werden könne. Letztere aber sah er noch in weiter Ferne. Diese Beobachtungen verdüsterten den Lebensabend Carlyles. Carlyle betrachtete diese Entwicklung nicht ohne eine gewisse Genugthuung. Bedeutete sie doch den Untergang einer sündigen und unwahren Welt. „Der Tag der Abrechnung," sagt Carlyle, „langsam herankommend, ist jetzt endlich für Europa da; er klopft auch an die Thür von England, und jetzt wird man sehen, ob allgemeines Vorgeben von Glauben eiue Regel für das menschliche Leben bilden kann, ob ehrenwerte jüdische und andere Fetische verbunden *) I^ttsr ?^raxllsts S. 369. — 121 — mit thatsächlicher Verehrung von Aorkshire- und anderen Aktien hier unten ihren Zweck erfüllen werden." Seit der Restauration durch die englische Philosophie, vorbereitet, wohnt dem modernen Denken des größeren Teiles Europas eine gemeinsame Tendenz bei: der Materialismus. Dem Materialismus entspricht ans moralischem Gebiete das Utilitariertum, nichts als eine andere Seite derselben Erscheinung. Wenn die Glaubensvorstellungen dahin schwinden, so bleibt nichts als die persönliche Lust- und Schmerzempfindung, um das Haudeln des Menschen zu leiten. Das Ziel der Gesellschaft wird von diesem Standpunkte aus „das höchste Glück der größten Masse", „die Vervollkommnung der Rasse" :c. Dieses Ziel hat jedoch nichts mit den alten Idealen gemein, die den Menschen einst zur Aufopferung bestimmten. Für Carlylc ist das Bemühen um „das höchste Glück der größten Masse" notwendig erfolglos. Denn für ihn ist das Leben mit Leiden und Mühen seinem Wesen nach behaftet, und das Glück besteht nur darin, „zu arbeiten uud zu wissen, woran man zu arbeiten habe", was mir durch Glaubensvorstellungen möglich ist. Diese Anschauung ist der herrschenden gerade entgegengesetzt. Philosophen wie Nationalökonomen lehren, daß ein Persönliches, diesseitiges Wohlsein für den Menschen das allein erstrebenswerte Ziel sei, dessen Erreichung bis zu einem gewissen Grade nicht unmöglich sei. Hierin stimmen die sogenannten klassischen englischen Nationalökonomen einerseits mit den Merkantilisten und dem eudämo- nistischen Polizeistaate des vorigen Jahrhunderts, andererseits aber auch mit der modernen Sozialdcmokratie überein. Nur die Mittel zur Erreichung des Zieles sind verschieden. Aber die konsequentere Ansicht ist die, Welche das Individuum so frei als möglich sein persönliches Interesse will verfolgen lassen. Denn wenn man einmal die Entstehung der Gesellschaft aus dem Zusammeuwirken vieler individualistischer Willen ableitete, so mußte man demselben eine gleiche Rolle auch bezüglich der Forterhaltung der Gesellschaft zuteilen. Diese Lehre sah Carlyle insbesondere durch Jeremias — 122 — Bentham vertreten. Die Unterschiede, welche Mill von diesem Standpunkt trennten, verkannte Carlyle. Trotz ursprünglich zwischen ihnen bestehender Freundschaft trat er später auch zu Mill in entschiedensten Gegensatz. Er rechnete ihn nicht besser als die übrigen Professoren der „äisraal soiönes", mit welchem Namen Carlyle die Nationalökonomie seiner Tage beehrte. Schon in frühen Jahren erklärt sich Carlyle gegen die individualistische Richtung der National- Ökonomie seiner Zeit und diese Abneigung ist mit den Jahren gewachsen, weil er in ihr die volkstümlichste Form der Auflösungstendenzen erblickte, deren Bekämpfung sein Dasein galt. „Angenommen," sagt Carlyle, „ein Staat beschränke sich, wie jene Lehre verlangt, auf den Schutz des Eigentums, so wird auch er das nicht thun und seinen eigenen Bestand nicht lange schützen können." Die Gesetze der Nationalökonomie, entnommen der Privatwirtschaft des Kaufmanns, sind auf beschränktem Gebiete nicht unrichtig, aber entsprechen nicht dem Wesen des Staates. Herr Mengemann, wie wir den Namen des Carlyleschen Vertreters der Nationalökonomie, Mc. Croudy, verdeutschen wollen, erklärt z. B., daß man die Kolonien aufgeben solle, weil ihre gegenwärtige Verwaltung mehr koste als einbringe. Nach ihm ist die Erzielung von Reingewinn die' erste Regel auch für die Beherrschung eines Reiches. Carlyle erwidert, daß England danach auch Irland aufgeben müsse, das ebenfalls viel koste, daß Middlescx sich vou Surrey, die eine Grafschaft, die eine Gemeinde, ja zuletzt das eine Individuum sich vom andern trennen müsse. Ganz besonders aber zeigt sich die Unzulänglichkeit der Theorie, welche die Gesellschaft aus der Selbstsucht des Individuums ableitet, in der auch von ihr zugestandenen Übermacht des Geschlechtstriebes über den Trieb nach Gewinn. An jenem ersten nnd natürlichsten Motiv zur Aufopferung individuellen Daseins zeigt sich eben bereits, wie hoch die Interessen des Geschlechts über denen des einzelnen stehen. Wenn Malthus den Arbeitern sagt, daß sie es in der Hand haben, ihre Verhältnisse durch Enthaltsamkeit und da- — 123 — durch eintretende Verminderung des Arbeitsangebotes zu bessern, so läuft dies auf eine Verschiebung jenes Machtverhältnisses hinaus: der Trieb nach Gewinn hätte über den Geschlechtstrieb und damit die Theorie der Nationalökonomen über die Natur den Sieg davon getragen. Dieses ist freilich wenig wahrscheinlich. .Meint ihr denn," spottet Carlyle, „daß ein goldenes Zeitalter dadurch heraufkommen wird, daß 20 Millionen Arbeiter gleichzeitig auf diesem Gebiete streiken, indem sie in einem allumfassenden Gewerkverein den Beschluß durchsetzen, sich nicht eher zu begatten, als bis der Zustand des Arbeitsmarktes wieder ein befriedigender wird?"*) Die Malthusianer selbst glauben nicht an den Erfolg ihres Ratschlages. Daher die Furcht vor Übervölkerung, die damals in England die weitesten Kreise ergriffen hatte. „In diesen Vorstellungen ist nirgends Licht," sagt Carlyle, „sondern nur ein grimmiges Bild des Hungers, offene Mäuler, die sich immer weiter und weiter öffnen, eine Welt, die auf die furchtbarste Weise durch eine vom Hunger zum Wahnsinn getriebene, sich gegenseitig auffressende Bevölkerung zu Grunde geht."**) Da von der freiwilligen Enthaltsamkeit nicht viel zu erwarten ist, so sind es künstliche Mittel, welche die erschreckten Politiker und Nationalökonomen empfehlen, um die Zunahme der Bevölkerung einzuschränken. Carlyle nimmt auf eine Schrift Bezug, welche zur Zeit der Abfassung seines Chartismus wiederholt verlegt und in Massen verkauft wurde. Der Verfasser, welcher sich an die Arbeiter wendet, schlägt darin ein System der Kindertötung vor. Von den Malthus- schen Ideen erfüllt, hält er ein solches Verfahren für eine Pflicht des Patriotismus, der die Mutterliebe sich beugen müsse. „Man könnte ja auch schöne Friedhöfe bauen mit Kolonnaden und Blumen", in denen die patriotischen Kinder- mördcrinnen, meint Carlyle ironisch, „ihren Abendspazicrgang zu Kontemplationszwecken machen könnten". „Wäre da nicht," *) Vergl. Chartismus Kap. X. *) Verg5, La.rt.oi- Re8s,rtu8, Ausgabe von Fischer, S. 222. — 124 — frägt Carlyle in bitterem Hohn, „die Methode der alten Spartaner vorzuziehen? Sie hetzten ihre Heloten und spießten sie nieder, wenn sie zu zahlreich wurden. Wie viel leichter würde eine solche Hetze sein nach Erfindung der Feuerwaffen, selbst in dem dichtest bevölkerten Lande würden drei Tage jährlich genügen, um alle wehrhaften Proletarier niederzuschießen."*) Carlyle selbst kannte die Furcht vor Übervölkerung nicht. Was man so nannte, war nur ein Zeichen davon, daß die Kraft des germanischen Stammes noch ungebrochen fortdauerte. Vielleicht war dieser gerade heute daran, die Welt von neuem zu überfluten, wie er einst gethan. Carlyle erkannte das Recht der Eroberer an, welche alternde Gesellschaften beseitigen oder reorganisieren. Er kam damit den Ideen Darwins nahe. Denn dessen EinWurf gegen Nützlichkeit der sogenannten „prsvsntivö onsoks" wäre gewesen, daß die mit dem Anwachsen der Bevölkerung verbundene Steigerung des Kampfes nins Dasein die natürliche Auslese und damit die Vervollkommnung der Art befördere, während man durch jene künstlichen Mittel gerade diese günstige Wirkung gefährde. Wie sehr Carlyle aber die Pfeile seines Spottes gegen die Malthusianer richtete, so hat er doch in Malthus selbst, welcher bekanntlich einer historisch induktiven Methode folgt, nie einen Vertreter der von ihm bekämpften individualistischen Nationalökonomie gesehen. Vielmehr war es Jeremias Bcntham, welchen Carlyle innerhalb seiner Zeit als seinen eigentlichen Antipoden betrachtete. In ihm schienen die individualistischen Richtungen ihren Vereinigungspunkt gefunden zu haben. Er erst hatte die äußersten Konsequenzen jener Weltanschauung gezogen, die nur das Gesetz der Schwere und den Hunger als bewegende Mächte anerkennt.**) *) Vergl. Lki-tor kssa,rtus, Ausgabe von Kretzschmar, S. 177. **) Das; Bentham in der That der eigentliche Vertreter des lltilitariertums und der Philosoph der klassischen Nationalökonomie ist, erkennt Held (Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands 1881) an. Er bezeichnet Bentham als „den eigentlichen Propheten — 12S — Man kann ihn so als den äußersten Pnnkt jener Richtungen betrachten, welche das achtzehnte Jahrhundert durchziehen. Wenn daher die Utilitarier sich für die Verkünder einer neuen Weltordnung halten, so ist ihnen zn erwidern, daß sie vielmehr „ein Nachtrab seien, der so weit hinter den andern zurück ist, daß er sich für einen Vortrab hält".-) In dein Benthamismns sah Carlylc die stärkste der Mächte der Auflösung. Er trägt nicht Bedenken, denselben dem Christcutum direkt entgegenzusetzen. Dieses hat nicht einen theoretischen, sondern einen moralischen Zweck, ist daher voll von Glaubensclemcnten, ohne welche moralische Einwirkung unmöglich ist. Jener hat in erster Linie intellektuelles Interesse, sein Mittelpunkt ist der Egoismus des einzelnen, daher er Glanbensvvrstcllungen verwirft und Welt wie Gesellschaft materialistisch erklärt. Das von der Theorie unter der Bezeichnung als Lustgefühl aufgestellte Ziel des menschlichen Handelns heißt in die praktische Sprache des neunzehnten Jahrhunderts übersetzt: Macht oder Geld. Für den jungen Mann, der des letzteren genug hat, ist der Wunsch seines Lebens: „tc> riss iu xar-Imiusut". Nicht sachliche Gründe entscheiden, Welcher Partei er bcitritt, sondern vielmehr die Aussicht, welche sich seinem Ehrgeiz bietet. Ein Beispiel hierfür ist der junge Disraeli, der, nachdem er als Kandidat der äußersten Linken durchgcfallen war, zu den Tories überging. Für die meisten aber tritt das Streben nach Macht hinter der Geldgier zurück. Politische Macht wird mehr uud mehr als Mittel der Bereicherung betrachtet. Aller politische Kampf neigt dahin, znr Gcldspekulation zu werden: man wagt Summen eines möglichen ungeheuren Gewinnes willen. Gleich den Satirikern des alten Roms wird Carlyle nicht müde, die ,,g,uri saara, taniss" seiner Zeitgenossen zn des modernen England", dessen Eigentümlichkeit „unbedingte Kritik des bestehenden Rechtes aus Beruuustspostnlaten unter absoluter Verwerfung des Gewordenen als solchen sei". Vergl. LiU'tm- kskArtus, deutsche Ausgabe von Krekschmm , S. 180. — 126 — geißeln. Das, was der Engländer am meisten fürchtet, sagt Carlyle, was man in der Sprache älterer Zeiten als seine Hölle bezeichnen könnte, ist „not snLLösäiiiA", d. h. kein Geld zu machen. Alle Verhältnisse, welche zwischen Menschen bestehen, lösen sich heute in Geldverhältnisse auf. Gesellschaft ist nichts als ein „es-sli-iikxns". Jede Verpflichtung des einen gegen den anderen wird als eine durch Geld zu erledigende betrachtet. Thatsächlich bedeutet ein solcher Zustand vollständige Isolierung des Einzelnen und gegenseitige Vernichtung. Die äußeren Formen. Mit den „inneren" sind auch die „äußeren Formen" heute im Untergehen. Arbeit im Carlyleschen Sinne ist heute unmöglich. Keine Thätigkeit geschieht mehr um ihrer selbst willen, jede in Rücksicht auf das allein anerkannte, selbstsüchtige Ziel. Insbesondere aber zeigen sich auf dem wichtigsten Gebiet menschlicher Thätigkeit, dem der Regierung, die unheilvollen Folgen der Zeitrichtung, welche den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzt. Nach Carlyle wird nur noch dem Scheine nach regiert; die Rcgierer ziehen den Lohn ein, ohne dafür die entsprechende Arbeit zu verrichten; die, welche thatsächlich die Macht ausüben, sind von den äußeren Zeichen derselben ausgeschlossen. Zunächst fragt Carlyle.- wie geschieht die Auswahl unserer Herrscher, dieses wichtigste soziale Geschäft, 'dessen Erfolg oder Mißerfolg das Endresultat der gesamten Gesellschaftsorganisation darstellt? Unseren Vorfahren ist es in einem relativ hohem Grade gelungen, die zur Herrschaft befähigten auf die ihnen zukommenden Plätze zu heben. Sie besaßen ein bestimmtes Ideal des Mannes. Mit den Glau- bensvorstcllungen ist dem modernen Menschen notwendig auch der Maßstab menschlichen Wertes verloren gegangen. Das einzige, was er am Nächsten schätzt, ist lediglich Reichtum und die Fähigkeit, solchen zu erwerben. Ein äußeres Zeichen der Herrscherlosigkcit oder Anarchie ist die bunt zu- — 127 — sammengcwürfelte Bevölkerung von Statuen, welche die Plätze der englischen Städte verunzieren. Carlyle stellt es als eine der unheilvollsten Erscheinungen hin, daß in modernen Verhältnissen nicht der, der handeln, sondern der, der reden kann, die Höhen der Gesellschaft erreicht. Die Masse hängt demjenigen an, der ihr am besten zu schmeicheln und sie am feinsten zu täuschen versteht. Sind doch einst die Demokratien des Altertums an jenem Rheto- rentum zu Grunde gegangen, welches gleichgiltig gegen die Interessen des Staates, nur seinen eigenen Vorteil verfolgt. Hatte Platon im Gorgias und in der Republik diese Erscheinung als den schwersten Schaden seines Heimatstaates hingestellt, so nimmt Carlyle diese Angriffe wieder auf und eifert gegen das Ncuerwachen des antiken Demagogentums. Es sei sinnlos, dem, der am besten rede, das Recht der Herrschaft einzuräumen. Im besten Falle spreche das Talent des Redens weder für noch wider die Befähigung zum Herrschen. Mit größerer Wahrscheinlichkeit freilich sei anzunehmen, daß der Redner zur Regierung untauglich sei. Keiner von den großen Herrschern aller Zeiten sei ein gewandter Voiksredner gewesen. Jedenfalls aber könne mau ebensogut und mit gleichem Erfolge auf irgend welche andere Weise entscheiden lassen, wem die Herrschaft gebühre — etwa darum Würfeln, schlägt Carlyle vor, oder ein Sackhüpfen veranstalten oder auch ein Wettklettern an eingeseiften Stangen nach der oben angebundenen, fetten Gans. Entsprechend der entscheidenden Wichtigkeit, welche die Kunst der Rede für jede höhere Laufbahn besitzt, ist denn die Erziehung der gebildeten Klassen ausschließlich auf die Form statt auf den Inhalt gerichtet. Feste Ziele und Ideale giebt die Schule nicht mit. „Die alten Gottestempel fallen in Trümmer. — — Keine Wolkensäule bei Tage, keine Feuersäule bei Nacht geht dem Pilgrim mehr voran. Führerlos irrt er durch die Wildnis." Carlyle hat in seiner trefflichen Biographie des John Sterling die Schwierigkeiten der Berufswahl für einen ganzen Mann besprochen, der sich berechtigt glaubt, einen Platz unter » — 128 — den leitenden Klassen der Nation einzunehmen. Viererlei Wege stehen ihm offen: drei feststehende und geregelte, ein ungebahnter. Die ersteren sind, natürlich englische Verhältnisse ins Auge gefaßt, Parlament, Recht und Kirche. Hiervon sagt Carlyle: die letzteren beiden verlangen von einem Manne, der die Bildungsclcmcute seiner Zeit in sich aufgenommen hat, vielfach Annahme von Dingen, die ihm unwahr erscheinen. Werden diese Berufe verschmäht, so bleibt in englischen Verhältnissen nur die Litteratur. Carlyle hat keine Gelegenheit versäumt, jungen Freunden abzuraten, in dieses Meer sich zu stürzen, das schon so viele verschlungen habe.^) Die Erscheinungen, welche die große Welt durchziehen, wiederholen sich hier- eine schonungslose Konkurrenz, gewissenlose Reklame und Vorherrschen selbstsüchtiger Motive. Zugleich teilt sie mit ihr das Ungeregelte, die damit verbundene Isolierung des Einzelnen, während jene anderen Berufe doch wenigstens eine ans alter Zeit überkommene Organisation besitzen. Bezeichnenderweise sind alle vier Berufe, welche dem Manne heute Einfluß über seine Mitmenschen verschaffen, wie Carlyle sich ausdrückt, „redender Natur". Carlyle fragt nuu zweitens, wie üben diejenigen, welche in der soeben geschilderten Weise zur Herrschaft gelangt sind, diesen Beruf aus? Ursprünglich war das Parlament hervorgegangen aus formlosen Zusammenkünften der Großen, mit welchen der König die Zustäude der einzelnen Teile des Reiches beratschlagte. In der rechtlichen Form, in der es sich später feststellte, war es eine wirkliche Vertretung des Volkes, d. h. ein Abbild der in ihm vorhandenen Mächte. Es übte so thatsächlich den Berns aus, welcher nach Carlyle der dem Parlamente eigentümliche ist. Dasselbe setzt den Herrscher in Kenntnis von den bestehenden Machtverhältnisscu. Nicht als ob bcr absolute Herrscher in dieser Hinsicht weniger gebunden wäre. Auch er kann die „Gesetze des Universums", Brief an James Dodds vom 5. Februar 1840. Abgedruckt in Fischer, Th. Carlyle, Geschichte seines Lebens, 1882. — 129 — d. h. die Macht dcr Thatsachen nicht ändern. Auch er ist, wie der konstitutionelle Herrscher, darauf angewiesen, dieselben möglichst genau zu erkennen, um ihnen seine Regiernngs- maßregcln anzupassen. Was mit jenen im Widerstreit steht, wird auch er uimmcr durchsetzen. Aber die Art und Weise, in welcher er sich über die Mächte des Widerstandes und der Unterstützung Klarheit verschafft, ist eine weniger vollkommene. So ist beispielsweise unvollkommener die „sx xostlÄcto" Methode des Großhcrrn, der die Unzufriedenheit seiner Unterthanen an dcr Zahl dcr an ihren Ladcnthürcn angenagelten Bäcker erkennt. Unvollkommener ist auch die in Rußland gchandhabte Methode des „ässxotims raoäsrö xs,r 1's,ssa.ssinkt", an der dem Zaren die Grenze seines Willens klar wird. Carlyle stellt von diesem Gesichtspunkte aus die Vorzüge der parlamentarischen Institution hoch. Gegensätze werden hier mit Worten ausgefochten, die sich sonst mit den Waffen in der Hand vernichten würden. Eine ungeheure Arbcitsersparnis wird damit geleistet, indem die Machtab- wäguug, auf welche nach Carlyle alle menschliche Geschichte zurückzuführen ist, sich in friedlicher Weise vollzieht. Aber Voraussetzung dieser günstigen Wirkungen ist das Vorhandensein einer Gewalt neben !>'m Parlamente. Denn Carlyle sieht in demselben doch nur ein Mittel, wenn auch vielleicht das wichtigste, zur Führung der Herrschaft.*) Neue Aufgaben jedoch, welche es seinem Wesen nach nie erfüllen kann, sind heute dem Parlamente zu teil gc- worden. Das englische Königsgeschlecht hatte seinen Beruf verkauut und ist dafür durch Revolution gestürzt worden. Das lange Parlament erhielt bei dieser Gelegenheit jenen unnatürlichen Machtzuwachs, dcr alle anderen Gewalten in der seinen aufgehen ließ. Das Parlament wurde zum souveränen Herrscher der Nation erklärt. Als John Bradshaw diese Doctrin im Angesicht des Whitchall-Palastcs verkündete, Vergl. für das Vorhergehende lütter I>g,raxn1öt,s S. 265, 290 u. a. v. Schulze-Glivcrintz, Carlyle. g — 130 — führte cr damit ohne Wissen und Willen dc.n schwersten Streich gegen die Parlamente. Carlyles Ansicht ist folgende: eine parlamentarische Versammlung ist unfähig, die exekutive Gewalt auszuüben; je mehr sie also in die Stellung derselben einrückt, desto mehr bleiben die jener zukommenden Geschäfte thatsächlich unerledigt; die Regierung wird mehr und mehr zur Scheinregierung. Carlyle erkennt zwei Ausnahmen dieser seiner Lehre an: das lange Parlament und den französischen Konvent. Sie allein waren nicht Scheinexistcnzen, sondern haben thatsächlich die Macht ausgeübt, welche sie zu besitzen vorgaben. Nach Carlyle ist die englische Verfassung nichts in sich vollendetes, in ihrem Prinzip unantastbares. Er hält es für wünschenswert, daß die Exekutivgewalt wieder gestärkt werde. Wie kommt es aber, daß diese zufällige historische Erscheinung für das Muster und Ideal der Verfassung angesehen und seit der Wende des Jahrhunderts allenthalben nachgebildet wurde? Die revolutionäre Bewegung begann die Geister zu ergreifen, nachdem das herrschende Gesellschaftssystem unwahr und haltlos geworden war. Hieraus entsprang der Haß gegen die bestehenden Gewalten, der Widerwille gegen Autoritäten überhaupt. Auf dem Bunde, welchen die Revolution mit der historischen Verfassung Englands eingegangen hat, beruht der moderne Parlamentarismus, welcher nunmehr in der französischen Republik seine folgerichtigste Ausbildung erfahren hat. Eine Regierung, die der konstitutionellen Theorie und den volkswirtschaftlichen Anschauungen ihrer Zeit treu bleiben will, wird am besten thun, wie Carlyle sich ausdrückt, „in gefälliger und verfassungsmäßiger Weise nichts zu thun". Nur eine Aufgabe läßt die Theorie beim Staate verbleiben, nämlich die Aufrechterhaltung des Friedens. Denn die Träger dieser Theorie sind die besitzenden Klassen. Carlyle nennt diesen Zustand: „Anarchie pws Straßenpolizisten".*) *) Vevgl. l.attei' va,y ?ainp1,lets S. 8. „Wenn ich in diesen Tagen leidvollcn Todes und leidvollcr Gebnrt," sagt Carlyle, „--jene zwei statuengleichen (Z^i-äs äv. czoi-ps in ihren finstern Bäremnützcn und gekrei- dcten Hosen, auf ihren kohlschwarzen Tieren vor den „Horss- (lrmräs" die Wache reiten sehe, so überkommt mich eine Art trauriger Verwunderung darüber, wie in diesen Tagen des Zusammenbruchs und elender Impotenz fast aller alten Institutionen, diese älteste Institution noch jung ist. Rotbäckig, festknochig, sechs Fuß hoch steht sie vor mir, während so vieles andere bloßer Schein geworden ist.--Der Mann mit der Roßhaarpcrücke (d, i. der Advokat) verspricht mir Gerechtigkeit zu verschaffen, schleift mich Jahrzehnte durch Prozesse, ohne daß ich Gerechtigkeit erhalte — der Mann mit dem Schaufelhut (d. i. der Geistliche) verspricht meine Seele zu retten, mit gleichem Erfolge wie jener; sie beide sind eine Art von Unding. Aber der Rotrock (d. i. der Soldat) ist ein Faktum, kein Schatten. Er thut thatsächlich, wozu er da ist: erhält er Befehl, so zieht er sein langes Schwert und tötet mich."°^ Jeder anderen Aufgabe, die nicht zur allernotdürftigsten und unmittelbarsten Erhaltung seines Daseins unentbehrlich ist, hat der Staat sich dagegen cntschlagen. Wir haben gesehen, wie der revolutionäre Geist sich des Parlamentarismus bedient, um die Staatsgewalt zu schwächen. Wir fragen nun, in welcher Richtung bewegt sich die Entwicklung weiter. Eine Parteibildung, die auf prinzipiellen Gegensätzen beruht, giebt es für die Politiker, welche unter diesem System leben, nicht. Die einzige Unterscheidung, mittelst deren sie sich in zwei große Gruppen teilen lassen, ist die zwischen Gemäßigten nnd Radikalen. Der Geist der Revolution, welcher die Massen unaufhaltsam ergreift, treibt zum Sturze der überkommenen noch bestehenden Gewalten, ein Wunsch, welcher nicht selten sich bis zu jener Begeisterung für die Zerstörung erhebt. Die Staatsmänner mm, welche Vergl. über die ganze, liier nur in Bruchstücken wiedergegeben? Stelle: ?a.»t> -rncl ?resent Buch IV, Kap. 3. 9' darauf angewiesen sind, die Gunst der Masse sich zu erhalten, werden sich durch immer weitergehende Vorschläge überbieten. Der Bergpartei wird der Sieg gehören, bis weiter nach links hin neue Elemente auftauchen, welche die Radikalen durch radikalere Vorschläge noch übertreffen. Ein Beispiel solcher Entwicklung bietet bereits die Geschichte der ersten französischen Revolution. Wenn sich einstens die Politiker über die chartistischen Forderungen entsetzten, so haben sie sich seitdem mehr und mehr der Verwirklichung jenes Programms genähert. „Demokratie," sagt Carlyle, „ist heute überall. Ihr millioncnfüßigcr Tritt dröhnt auf allen Straßen und Wegen." Wenn wir dieses anerkennen, fassen wir das Problem unserer Zeit. Carlyle erkennt die Macht der demokratischen Bewegung nicht anders an, als einer ihrer begeisterten Anhänger, weil er sich der Machtlosigkeit der alten Gewalten ihr gegenüber bewußt ist. Freilich thöricht erschien Carlyle der Glaube, dem selbst Männer wie Bentham und Mill nicht ferne standen, daß nämlich auf dem eingeschlagenen Wege eine unbegrenzte Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu erreichen sei. Er verglich die Gesellschaft vielmehr mit einem alten Hause, dessen längst verdächtige Vordermauer auf die Straße gefallen ist. Noch hängen die Etagen an den Balken- cnden und durch den gegenwärtigen Zusammenhang aber schon in schiefer Richtung, und nur so lange, bis wenige rostige Nägel und wurmstichiges Gebälk nachgegeben haben; und unter solchen Umständen jubeln die Insassen des Hauses und verherrlichen die neuen Freuden des Lichts und der Lüftung und des freien malerischen Blickes und danken Gott, daß sie ein Hans nach ihrem Sinne bekommen haben!*) Dem Ansturm der Demokratie gegenüber ist eine Aristokratie, welche keine Pflichten, sei es in Armee, Staat oder Kirche, mehr hat, machtlos. Von diesem Gesichtspunkt aus '*) Man vergleiche für das Vorhergehende lütter v»,/ ?g,w- xlilsts S. 14 und bedenke dabei, daß jene Stelle unter dem Eindruck von 1848 geschrieben ist. ist die Heftigkeit zu verstehen, mit der sich Carlyle gegen die heimische Aristokratie wendet, für die der Müßiggang vornehm geworden sei. Der Grund davon ist der, daß er eben auch hier wie an so vielen anderen Orten an Stelle des Dinges nur ein Schcinding erblickte. In dieser Hinsicht bot ihm Deutschland noch glänzende Beispiele der entgegengesetzten Art. Vorwurfsvoll weist er die Großen seines Landes auf Karl August von Sachsen-Weimar hin, einen Fürsten, dem er zeitlebens Bewunderung zollte. Dieser Herzog, der im Vergleich mit englischen Verhältnissen arm zu nennen war, habe für sein Land mehr gethan als alle englischen Herzöge, die jetzt leben oder gelebt haben, seitdem ihnen Heinrich VIII. die Kirchcnländercien geschenkt hätte. Da die Aristokratie unnütz geworden ist, so können die Angriffe, welche in stets wachsendem Maße gegen sie gerichtet werden, nicht ohne Erfolg bleiben. Besonders dürfte eine Änderung der Landesgesetzgebnng unabwendbar sein. Hier werden Quadratmeilen fruchtbaren Ackers in Einöden zu Sportszwcckcn verwandelt, während in den Städten Millionen kräftiger Hände sich regen, für die das Laud zur Bebauung geschaffen ist. Carlyle scheint für die Verstaatlichung des Grund und Bodens gewesen zu sein, so wenigstens nach Aussprüchen in „?ast s,nä?rsssnt".^) Hieraus erklärt sich auch Carlylcs mitunter fast lächerlicher Eifer gegen die Jagdpassion der Großen seiner Heimat. Er werde den Tag segnen, sagt er, an dem das letzte Rebhnhn geschossen und der einzige Jäger, der noch möglich bliebe, der Kammerjäger sei. Ausnahmen freilich erkennt er an, Fälle, in denen Männer der Aristokratie auch heute noch große Ziele verfolgt haben. Insbesondere mag er hier an den Grafen von Shaftesbury gedacht haben. Aber sie können den Untergang ihres Standes nicht verhindern: sie können höchstens bewirken, daß das Ende „eine friedliche Euthanasie sei, nicht ein jäher Zusammenbruch in den Gluten der Revolution". *) Vergl. ?Iis xkilosopli^ ok 0g.rlvls bv v. Nsaä S. 127. Boston 1881. — 134 — „Ja, meine rosigen, fuchsjagenden Brüder," ruft Carlyle aus, „in euren frische:?, üppigen Zügen offenbart sich mir entsetzlich bereits das hippokratischc Gesicht."*) Dagegen ist es das Bürgertum, welches die Früchte jenes sozialen Auflösungsprozesses zieht. „Emanzipation" wird das Schlagwort der Zeit — nichts als eiu volkstümlicher Ausdruck für die Auflösung der zahllosen Abhäugigkeits- und Verpflichtnngsverhältnisse, die bisher die Klassen der Gesellschaft miteinander verflochten. Die Entwicklung führt mehr und mehr zur Plutokratie, d. h. der Gcldherrschaft, nach Carlyle der schlechtesten Art aller Beherrschung, weil sie den Herrschern am wenigsten Pflichten auferlegt und die Ausbeutung der Beherrschten am meisten begünstigt. Ein weitgehendes, ja ein allgemeines Wahlrecht an sich nutzt dagegen nichts. Denn die Wahlen werden so lange mittelbar oder unmittelbar durch Geld gemacht, bis größere Kreise des Volkes wieder irgendwelche allgemeine Interessen oder Ideale verfechten. Die soziale Frage, welche, erst überhört, dann immer drohender an die Pforten des Staates anpocht, findet Philosophen wie Nationalökonomcn ratlos. Während noch der Jubel ertöut, mit dem man die neue Ära begrüßt, treten Erscheinungen auf, welche geeignet sind, den denkenden Beobachter zu beunruhigen. Zunächst freilich zweifelt man nicht an der Vorzüglichkeit des eingeschlagenen Weges. Man mißt die Schäden, die man nicht leugnen kann, dem Umstände bei, daß noch Reste des alteu Systems bestehen, daß noch nicht genug aufgeklärt und niedergerissen sei. Aber im Verhältnisse, wie man hierin fortschreitet, nehmen jene Schäden zu, so daß sich die Vermutung eines zwischen beiden Entwick- lungsreihcn bestehenden Kausalzusammenhanges nicht abweisen läßt. Auf der einen Seite sammeln sich ungeheure Reichtümer: auf der andern Seite nützt der Masse des Volkes der erworbene Reichtum wenig. Auf der einen Seite Überproduktion, auf der andern Mangel. Hier werden 100 000 Vergl. ?ast anä ?r nach für Ideen und eine waltende Gerechtigkeit zu kämpfen hatte, mit dem Milden, der nur aus Beutclust in den Kampf ziehe. Während jener mit seinen Vasallen verkettet war, sie Freud und Leid, Gewinn und Verlust zusammen trugen, benutzt heute der Reiche den Armen lediglich für seine Zwecke; er muß ihn am Leben erhalten, so lange er für ihn arbeitet, aber sobald er ihn entbehren kann, entledigt er sich seiner nnd ,,glaubt durch die Bezahlung gewisser Schillinge und Pfunde seine. Verbindlichkeiten mit triumphierender Vollständigkeit ledig zu seiu. Ist doch der Lohn, der versprochen war, bis auf den letzten Pfennig gezahlt".*) Das schlimmste aber dabei ist, daß selbst das Gefühl einer weiteren Verpflichtung von Besitz und Macht fast in allen Kreisen verloren gegangen ist. Immer und immer wieder hat Carlyle seinen Lands- lcutcn an das Herz gelegt, daß der Arbcitsvertrag die Be- zichuugen zwischen den Klassen der Gesellschaft nicht erschöpfe. Er wird hiermit der Vater jener großen Bewegung, welche seit der Mitte des Jahrhunderts die Besitzenden ergreift und ihnen die Pflichten, welche ans dem Besitz herfließcn, in Erinncrnng bringt. Diese Bewegung war für die soziale Entwicklung Englands und für die Herstellung eines friedlicheren Verhältnisses zwischen den beiden Klassen von größter Wichtigkeit. Hören wir folgende Satirc Carlyles auf die bestehenden Zustände: „Der Herr von Pferden muß, wenn die Sommerarbeit gethan ist, seine Pferde den Winter hindurch ernähren. Wenn er nun zu seinen Pferden sagte: „Vierfüßler, ich habe nicht länger Arbeit für euch, aber Arbeit giebt es zum ^ *) Vergl. ?k8t s-nä ?rsssnt Buch III, Kap. 9. Überfluß in der Welt. Wißt ihr nicht oder habt ihr nationalökonomische Vorlesungen darüber nötig, daß die Dampfmaschine am Ende stets ein Mehr von Arbeitsnachfragc hervorbringen muß? Eisenbahnen baut man in diesem Viertel der Welt, Kanäle in jenem, viel Fuhrwerk wird gebraucht. Irgendwo in Europa, Asien, Afrika oder Amerika werdet ihr ohne Zweifel Bedarf nach Fuhrwerk finden. Geht und sucht euch Fuhren; Gott mit ench." Die Pferde nun schnauben mit vorgestreckter Lippe, damit andeutend, daß Europa, Asien, Afrika und Amerika etwas außer ihrem Gesichtskreise liegt, daß sie nicht genau wissen, wo denn der Bedarf nach Fuhrwerk sein könue. S i e können keine Fuhre finden. Zerstreut traben sie über die Landstraßen zwischen Zäunen zur Rechten und Linken. Endlich vom Hunger getrieben, springen sie über die Zännc nnd fressen fremdes Eigentum — das übrige ist bekannt. Ach, es ist kein heiterer Scherz; trauriger als Thränen vielmehr ist das Gelächter, das der Menschheit aufgezwungen wird, durch die Anwendung des Ibisse« tairs auf eine Welt, wie unser Europa im Jahre 1839".*) Sobald es der Vorteil gebietet, suchen die Menschen heute so schnell und leicht wie möglich auseinanderzukommen. Carlylc weist dem gegenüber darauf hin, wie gerade die Entwicklung zur Civilisation sich darin geltend gemacht hat, daß die Verhältnisse zwischen den einzelnen dauernderer Natur wurden. Der Nomade ist freier als der seßhafte Mann i er besitzt sogar ein Haus, das auf Rädern steht und das er nach Belieben mit sich nehmen kann. In noch höherem Maße genießt der Affe der Freiheit. Aller Fortschritt besteht nun darin, daß diese Art von Ungebundenheit allmählich aufhöre. „Der civilisierte Mensch lebt nicht in Räderhäuscru. Er baut steinerne Schlösser, bepflanzt Äcker, schließt Ehen auf Lebenszeit, hat hundertfache, aus langer Zeit sich herschreibende Besitzungen, die nicht ans dem Geldmärkte taxiert werden können; er besitzt Stammbünme, Bibliotheken, Gesetzbücher; er hat für diese Erde Erinnerungen und Hoffnungen, *) Vergl. Chartismus Kap. VI. — 142 — die über Tausende von Jahren hinausrcichcn", — hierdurch mit seinesgleichen in der mannigfachsten Weise verbunden. Von diesem Standpunkt aus stellt Carlyle die Hörigkeitsverhältnisse früherer Zeiten hoch, weil hier das Interesse des Herrn selbst eine Grenze gezogen hätte, über die hinaus er den Arbeiter verständigerwcise nicht habe hinabdrücken können. Wenn schon durch einen metallenen Halsring, so ist doch der Sklave mit irgend jemandem in der Gesellschaft dauernd verbunden. Für jeden, der Carlyle kennt, ist es selbstverständlich, daß Aussprüchcn wie diesem reaktionäre Tendenzen ferne liegen. Hat doch keiner heftiger als er gegen solche Bestrebungen auf allen Gebieten des mcnsch> licheu Daseins, dein der Politik wie dem des Glaubens, seine Stimme erhoben. Denn innerlich unwahr wie äußerlich erfolglos erschien ihm jeder Versuch der Rückführung vergangener Verhältnisse. „Der Versuch, die Zukunft an die Vergangenheit zn ketten durch ewige Glaubenssätze, ewige Herrschaftsverhältnisse u. s. w. und zur Vorsehuug zu sagen, bis hierher und nicht weiter, ist ein ganz sinnloser Versuch." Auch Carlyles eigentümliche Stellung zur Ncgerfrage, die ihm zeitweise den Zorn des gesamten aufgeklärten Europa zuzog, entsprang nicht reaktionären Tendenzen. In der Bewegung, welche zu guustcn der Ncgerbefreiung sich erhob, fürchtete er, die Regung des nationalen Gewissens, welches bezüglich der heimischen Arbeiter zu erwecken sein höchstes Streben war, auf ein verhältnismäßig fernliegendes Gebiet abgeleitet zu sehen. Indem man sich für den schwarzen Arbeiter erwärmte, schien nian des heimischen zu vergessen, dessen Lage viel elender, nnd dessen Hebung im Interesse der Menschheit unendlich viel wichtiger als die jenes sei. Zudem forderte die letztere Aufgabe Opfer, während sich in der Ncgerfrage Enropa lediglich auf Begeisterung beschränken konnte. Er sah gewiß, daß die Lage der Neger tief elend sei und in der That eine Änderung erheische. Unheilvoller und für die Lösung aller anderen Fragen in letzter Linie entscheidend aber erschien ihm die Lage, in welche die Masse der höchst civilisiertcn Nationen Europas zu versinken drohte. Nicht äußere Schmerzen, Mißhandlungen, selbst der Hungertod sind für den Menschen das schlimmste. Nach Carlyle ist Leiden mit dem Leben untrennbar verbunden. Aber bisher hatten die europäischen Völker das Leben durch den Glauben überwunden und durch die hieraus entspringende Hingabe das großartige Gesellschaftssystem aufgebaut, von dem die Kultur der Menschheit abhängt. Sie hatten Mühen und Leiden mutig auf sich genommen, so lange ihnen der Zweck ihres Ringens feststand. Nun aber der letztere fraglich geworden, wird des Lebens Not gerade den denkenden Menschen am meisten bedrücken. Denn das schlimmste ist nicht das äußere Elend, sondern der Verlust der Kraft, jenes zu überwinden: „1o ds irrsArüg,t.sä — to ds isolatsä" nennt es Carlyle, d. h. ohne innere und äußere Formen des Lebens zu sein. „Das Leben war für die Menschen niemals ein Maicn- tanz. Zu allen Zeiten war das Los der zn harter Arbeit geborenen stummen Millionen durch mannigfache Leiden, Ungerechtigkeiten, schwere Lasten, vermeidlichc und unvermeidliche, entstellt. Es war durchaus keiu Spiel, sondern harte Arbeit, welche die Muskeln und das Herz wund machte. Als Leibeigene, villlmi, dorä^rii, soonsraÄniii, ja sogar als Herzöge, Grafen und Könige wurden die Menschen oft ihres Lebens überdrüssig gemacht und mußten im Schweiß ihrer Stirn und ihrer Seele sagen: „Sehet, es ist kein Spiel, es ist grimmiger Ernst und unser Rücken kann es nicht mehr ertragen!" Wer weiß nicht, welche langfortgcsetzten barbarischen und unerträglichen Ungerechtigkeiten verübt wurden, bis die Herzen zum Wahnsinn getrieben, ausriefen: „üu 3g,cliskn, nilliM susr saolisss, Ihr Sachsen, ergreift eure Saxe!" Und dennoch wage ich zu glauben, daß zu keiner Zeit seit den Anfängen der Gesellschaft das Los dieser selben stnmmen Millionen von Arbeitern so ganz unerträglich war, wie es in den Tagen ist, die jetzt über uns dahingehen. Es ist nicht das Sterben, ja nicht einmal das vor Hunger Sterben, was den Menschen elend macht. Elend ist es, — 144 — erbärmlich leben zu müssen, ohne zu wissen weshalb; an Herz und Seele müde und matt und doch vereinzelt und von einem kalten allgemeinen Ibisse« tsirs umgürtet zu sein; das ganze Leben hindurch langsam sterben zu müssen, eingekerkert in eine taube, tote, unendliche Gerechtigkeit, wie in dem verfluchten eisernen Banch eines Phalaris-Sticrs." Wir gehen nunmehr zur Betrachtung der Bewegungen über, welche das soziale Elend hervorruft. Zuerst folgt das Proletariat deu radikalen Bewegungen der Mittelstände. Aber allmählich beginnen die Arbeiter zu begreifen, daß ihnen nur Worte, nicht Dinge geboten werden. Die Arbeiter beginnen jene Politiker zu durchschauen, „denen das Elend der arbeitenden, klagenden Massen nicht Elend ist, sondern nur Rohmaterial, aus dem man zn gunsten der eigenen kargen Theorien und des eigenen Egoismus Kapital schlagen kann." Hieraus nuu entspringt die sozialrevolntionäre Bewegung, welche bereits in der ersten französischen Revolution sich andeutet und seitdem die Ruhe Europas wiederholt gestört hat. Dieselbe ist durch deu Gegensatz der besitzlosen zu den besitzenden Klassen gekennzeichnet. „Ein rachsüchtiger Geist des Aufruhrs gegen die oberen Klassen, abnehmender Respekt vor den Befehlen 4hrer zeitlichen Vorgesetzten,' abnehmender Glaube an die Lehren ihrer geistlichen Vorgesetzten wird mehr und mehr unter den unteren Klassen allgemein. Man mag solchen Geist tadeln, ja bestrafen; aber alle Menschen müssen ihn als eine Thatsache anerkennen, die traurig und, wenn nicht verändert, verhängnisvoll sein wird. Aus unteren Klassen, die in solcher Weise mit den oberen verbunden sind, setzen sich nicht glückliche Nationen zusammen! Von allem Elend, unter dem sie leiden, ist das bitterste und schwerste die unerträgliche Überzeugung der unteren Klassen, daß ihr Los ungerecht sei, nicht auf Recht, ja nicht einmal auf Notwendigkeit und Macht beruhe, daß es anders sein solle und anders sein könne" (vergl. Chartismus S. 26). Der soeben bezeichnete Gegensatz bernht darauf, daß die obern Klassen thatsächlich aufgehört haben, den Beruf, — 145 — zu dem sie da sind, zu erfüllen: nämlich den der Leitung und Beherrschung der unteren. „Der gellende, unartikulierte Schrei der Massen — ähnlich denen des Schmerzes und der Wut des stummen Tieres — enthält für das Ohr des Weisen die Bitte: führe mich, regiere mich; ich bin unvernünftig und elend und kann nicht mich selbst führen." Aufgehört haben einerseits die durch die Kirche vermittelten Ideen, das innere Leben der Menge zu beherrschen. Eine solche Entwicklung wird früher oder später mit Notwendigkeit überall dort statt haben, wo die oberen Klassen irreligiös geworden sind. In keinem Lande Europas hat die Religion so sehr an Macht über den größeren Teil der Nation verloren, als in Frankreich. Daher ist dieses Land der eigentliche Ausgangspunkt der revolutionären Arbeiterbewegung geworden. Das größte Übel, au dem Frankreich heute leidet, geht auf die Unterbrechung desjenigen Zusammenhangs zurück, welcher auf kirchlichem Gebiet durch die erste Revolution verursacht wurde. „Daß eine ganze Generation von Denkern keine Religion mehr hatte, weder zum glauben, noch selbst zum bekämpfen, daß in dem denkenden Frankreich sich das Christentum zu eiuer fremden, auswärtigen Tradition verflüchtigt hatte, ist die traurigste Thatsache für die Zukunft dieses Landes."*) Aufgehört aber haben in zweiter Liuie auch diejenigen Organe, welchen die weltliche Führung der Nation zusteht, ihren Beruf zu erfüllen. Die unteren Klassen werden thatsächlich nicht mehr geleitet; denu das „laisss? iairs" auf wirtschaftlichem Gebiete ist ja eben nichts anderes als eine „Abdankung vou seitcu der Regeuteu". „Sie geben damit zu, daß sie hinfort znr Herrschaft unfähig sind, daß sie überhaupt uicht dazu da sind, um zn regieren, sondern um — man weiß nicht was — zu thuu." Mit dem bittersten Hohn übergießt Carlyle die Regierung seiner Heimat wegen ihrer Unthätigkeit auf sozialem Gebiet. „Da sitzen Meuscheu iu vo>vuiuK-3trkst (d. i. dem *) Vergl. Chartismus Kap. VI. v. Schulze-Glivernitz, Carlyle. 10 — 146 — Ministerium) und machen Protokolle, verfassen syrische und andere Verträge, geben sich mit griechischen, portugiesischen, spanischen, französischen, ägyptischen uud äthiopischeu Fragen ab, aber nicht mit der englischen Frage. Radetzky soll gegen Mailand vorrücken; das thut mir leid und mag vielleicht eine Depesche verdienen. Aber der irische Riese, Namens Verzweiflung, rückt gegen London vor und verwüstet alle englischen Städte und Dörfer. — — Er ist das Phänomen, über das man nicht nur Protokolle schreiben, sondern Tag und Nacht mit aller Kraft nachdenken soll. — — Ich sehe ihn in ?ioaäiU^ (Hauptstraße Londons) mit blauem Gesicht, in Lumpen gehüllt, in jedem Arm ein blaues Kind; vom Hunger getrieben, mit offenem Munde sieht er sich um, wen er auffressen soll. Auch er ist vom Himmel geschickt; ein göttlicher Sendbote ist zuletzt in so befehlender Weise gekommen, daß niemand seine Anwesenheit mehr leugnen kann, außer dem Scheinregenten von England (plmntÄsm govsrnor). --Dank den gerechten Göttern, die uns endlich schnellen Tod oder den Beginn der Heilung gesaudt haben."*) Denn jener Riese wird, wenn niemand sonst für ihn sorgt, für sich selber sorgcu. Die Thatlosigkeit der Regierung verbreitet in den darbenden Massen das Gefühl, daß von ihr keine Hilfe zu erwarten, daß vielmehr ihr ausschließlicher Zweck sei, die Besitzenden im Genuß ihrer Reichtümer zu schützen. Das ganze herrschende Gesellschaftssystem, einschließlich der Kirche und des Staates, wird als eine znr Unterdrückung des Arbeiters erfundene Anstalt betrachtet, deren Vernichtung als erstes und notwendigstes Ziel gilt. In Augenblicken, da die Not besonders hoch gestiegen oder die Staatsgewalt besonders geschwächt ist, erfolgen revolutionäre Ausbrüche. Was die Sozialrevolutionäre als positive Vorschläge aufstellen, fällt in den Eudämonismus des Polizcistaates zurück, bis endlich der Anarchismus die letzte Konsequenz zieht, welche jede Art positiver Vorschläge bereits als reaktionär beargwöhnt. Folge hiervon ist, daß die Revolution zwar Vergl. I^ttöi- vs./ ?a,wxd1st>8 S. 116. - 147 — siegen, aber nicht die Bedingungen der Revolution zu beseitigen vermag. Vielmehr Pflegen, nachdem wieder Ruhe eingetreten ist, die arbeitenden Klassen schlechter daran zu sein als zuvor. So hat in der Pariser Kommune „die stnmme Kreatur^ wieder in fürchterlicher Weise zu den oberen Klassen Europas geredet: „Unsere Lage, nach achtzig Jahren des Kampfes, ihr Betrüger, ist unverändert, unerträglicher von Jahr zu Jahr, von Revolution zu Revolutiou. Wenn ihr sie nicht bessern könnt, so wollen wir die Welt in die Luft sprengen und uus und euch mit." Es zeigt sich so offen, daß der Individualismus die Negation der Gesellschaft ist, daß er nur solange sich äußerlich halten kann, als er von überliefertem Kapital lebt. „Die Menschen haben das Universum so aufgefaßt, wie es nicht ist. Die Natur sagt zum Individuum, das sein Leben auf Grund dieser irrigen Auffassung regeln will: Nein. Sie sagt es in gleicher Weise zn einer Nation von Individuen. --Nur Versumpfung, Niedergang, Mangel an Kartoffeln, unbebaute Haideu, zerfallene Hütten, endlich Sozialdemokratie, Straßenbarrikaden, rote Republiken und am Schluß das Chaos — ist auf diesem Wege erreichbar." „In trauriger Oscillation, rasenden grundlosen Wirbeln schwankt die europäische Gesellschaft dahin, bald schrecklich niedersinkend, bald sich mit Mühe wicdererhebend, in immer kürzeren Zwischenräumen — bis eine neue Fclscnbasis ans Licht kommt und die Sintflut des Aufruhrs uud der Notwendigkeit des Auf-- ruhrs sich verlauft" 10* — 143 — Viertes Kapitel. (Larlvles Stellung zur künftigen Entwicklung. ^. Die inneren Formen. Das Problem, welches der Gegenwart znr Lösung gestellt ist, lautet nach Carlyle dahin: werden wir imstande sein, den Individualismus, welcher heute die den Menschen beherrschende Macht ist, zu überwinden und an seiner Statt soziale Motive wieder zur Geltung zu bringen? Diese Frage läßt sich auf die andere zurückführen, besitzt nnsere Zeit die Kraft, an Stelle der veralteten und abgestorbenen Ideale neue zu schaffen, d. h. die Religion im weitesten Sinn in ciue neue zeitgemäße Form zu bringen? „Der alte, göttliche Calvinismus," sagt Carlyle, „erklärt, daß sein alter Körper in Fetzen zerfallen und vernichtet ist. Sein eutkörperter und neue Verkörperung suchender Geist pfeift wieder in den Winden, jetzt noch Geist und Gespenst, aber dennoch neue Geisterweltcn und bessere Dynasticen als die Dollar-Dynastie ankündend."*) Einem doppelten Irrtum tritt Carlyle in dieser Hinsicht entgegen, welcher sich bei klein gesinnten Menschen nur gar zu leicht einstellt. Fehlerhaft ist das Bemühen, die überlieferten Glaubensformen künstlich festzuhalten. Carlyle war zeitlebens ein Gegner aller reaktionärer Richtungen, wie solche in den aristokratischen Kreisen damals verbreitet waren. Andere glauben nicht weniger irrtümlich, daß man eine neue Religion erfinden könne. „Invsutkr uns rsliAicm" ist von französischen Staatsmännern empfohlen worden. Diesen wie jenen Bestrebungen liegt der gleiche Irrtum zu Grunde: beide gehen von einer utilitarischen Auffassung der Religion *> ?ast anä ?ig8snt S. 279. — 149 — aus. Dem gegenüber besteht gerade das Wesen einer leben- digcn Religion darin, daß sie nicht Mittel, sondern allein Zweck, letzter und absoluter Zweck des menschlichen Daseins ist. „Denke dir einen Menschen," sagt Carlyle, „der seinen Mitmenschen empfiehlt, an Gott zu glauben, damit der Chartismus ins Hintertreffen komme und die Arbeiter in Manchester ruhig an ihren Spinnmaschinen bleiben. Diese Idee ist toller als in irgend einer Plakatstange, die man bis jetzt auf einer öffentlichen Straße gesehen hat. Mein Frennd, wenn du jemals dazu gelangst, so wirst du finden, daß aller Chartismus, Manchesterexzesse, parlamentarische Inkompetenz, Windbeutelministerien, die wildeste soziale Auflösung, ja das Verbrennen des ganzen Planeten im Vergleich damit eine ungeheure Kleinigkeit sind. — — Ebensogut würde ich es mir einfallen lassen, Milchstraßen und Sonnensysteme zu schaffen, damit kleine Häringsschiffe sich danach richten, als deshalb Religion zu Predigen, damit der Konstabler möglich bleibe. — Was mich betrifft, so habe ich, da ich in den letzten sechs Kalendermonatcn einige zwölf oder dreizehn neue Religionen, schwere Pakete und die meisten davon unfrankiert, aus verschiedenen Teilen der Welt erhalten, meinen unschätzbaren Freund, den Briefträger, instruiert, mir keine mehr zu bringen."*) Davon ausgehend, daß eine Reform der Gesellschaft abhängig ist von einer Neuentwicklung der inneren Formen, fragt Carlyle, wo die Kräfte zu suchen sind, denen die Lösung dieser wichtigsten Aufgabe zukommt. Im Mittelalter waren dieselben in der Kirche organisiert. Heute dagegen ist die geistige Führerschaft Europas, der „xouvoir spiriwsl" Comtes, desorganisiert. Er weiß, daß heute die geistige Führung nicht mehr von der Kirche oder irgendwelchen Anstalten, wie etwa den Universitäten, ausgeht, daß sie vielmehr in jenem uferlosen Meere zu suchen ist, das man Litteratur nennt. Mit der Erfindung der Buchdruckerei ist das Buch das wichtigste Mittel geworden, durch welches die Gedanken ?s,st, a,nä ?i-s8ent, Ausg. von Kretzschmar, S. 214. — 150 — des Einen Herrschaft über das Handeln der Andern gewinnen. Nach Carlyle ist der Schriftsteller daher der einflußreichste, moderne Mensch, der eigentliche Herrscher unserer Zeit. Er übt den Beruf aus, der in früherer Zeit dem Propheten und Priester zukam. Er leitet oder mißleitet die Mitwelt. Er hat jene Periode des Skeptizismus heraufgeführt, welche den Glauben zersetzt und mit dem Zerfall der bestehenden Gcscllschaftsorganisation endigt. Er hat die Folgerungen dieser Richtung gezogen: im Materialismus, Utili- tariertum und Pessimismus. Er allein ist imstande, die Mächte der Zerstörung zu bezwingen, gegen welche äußerliche Mittel, soziale Reformvorschläge aller Art, wie sie täglich entstehen und vergehen, wirkungslos bleiben. Könnte man dagegen darthun, daß in den Kreisen der Denker jene bezeichneten Tagesrichtnngen überwunden sind, so wäre damit wenigstens die Möglichkeit einer radikalen Gescllschaftsrcform erwiesen. Diejenigen Männer, welche wie keine andern die geistigen Führer Europas waren und damit einen großen, ja den bestimmenden Einfluß auf seine Entwicklung gewonnen haben, Männer wie Christus, Augustinus, Luther u. a. haben nicht dnrch eine ausschließlich logische Verstaudesthätigkcit diese Bedeutung erlangt. Ihre Stärke liegt vielmehr auf dem moralischen Gebiete, welches für Carlyle transcendenter Natur ist. Ihr Wirken war sozial aufbauend. Ihnen gegenüber stehen die Denker unserer Zeit, für welche allein das sinnlich wahrnehmbare das Reale und die Moral eine Nützlichkeitslehre ist. Haben jene die Mitmenschen zu sozialem Handeln erzogen, so werden sie durch diese wieder individualistisch bestimmt. Dieser Richtung gehörten nach Carlyle die französischen und englischen Aufklärungsphilosophen an, denen die Zeitgenossen folgen. Dagegen glaubte Carlyle, daß sich in Deutschland ein Umschwung anbahne. Dort schien man die materialistische und utilitarische Weltanschauung abzustreifen, aber nicht dadurch , daß man zu den alten Glaubensformen, der alten spekulativen Philosophie mit ihren Gottesbewcisen :c., zurück- — 161 — gegangen wäre. Diese sind durch den Skeptizismus endgiltig vernichtet. Vielmehr hatte man in Deutschland die herrschende Zcitrichtuug innerlich überwunden. Hier waren Männer aufgetreten, dereu Denken zwar durchaus modern war, aber doch gleich dem jener Größen der Vorzeit nicht einen rein logischen, sondern vielmehr einen moralischen Charakter an sich trug. Deutschland war iu dieser Richtuug für Carlyle der Lichtpunkt in dem düsteren Bilde der Gegenwart. Die vielgestaltige litterarische Bewegung, welche Deutschland um die Wende des Jahrhunderts durchmachte, und deren Weite die Namen Kants uud Goethes bezeichnen, erschien ihm, dem Ausländer, der ferne genug stand, als ein Ganzes. Ohne Kantianer zu sein, ohne Goethe in allem zu folgeu, erklärte er jeue Weisen Deutschlands für festgegründete Felsen inmitten eines Chaos, die zwar noch vereinzelt uud ohne Zusammenhang dastanden, aber doch Pfeiler, um die ein neues Festland aufsteigen könne. Die deutsche Litteratur ist die positive Fortsetzung der Reformation, wie die französische Revolution ihre negative war. Sie ist daher ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, an dem der Jüngling und Mann sich aufrichtete, dem der Greis den politischen Aufschwung Deutschlands zur Seite stellte. Der Zustand des Unglaubens, sagt er, lastet wie ein Alpdruck auf dem größeren Teile Europas, mir Deutschland hat in gewissen Grade ihn überwunden, obschon alle Nationen — jede in ihrer Weise — empfinden, daß das erste aller moralischen Probleme es ist, diesen Zustand abzuschüttelu oder sich darüber zu erheben.*) Carlyle fühlte sich mit den Deutschen seiner Zeit mehr geistesverwandt als mit den zeitgenössischen Denkern seiner Heimat. So wurde er der große Vermittler deutscher Ideen in England. Zeitweise hat die Erfüllung dieser Aufgabe Carlyle geradezu in eine materielle Notlage versetzt — denken wir an den buchhändlerischen Mißerfolg des Lartor Rssartus. Aber seine Bemühungen wurden dadurch nicht *) Nisesllaueous Lss^Z I, 254. — 1S2 — vermindert: „dreißig Millionen Menschen," sagt er, „welche dieselbe alte Sachscnsprachc reden, und in demselben alten Sachsengeiste denken wie wir. sollten von uns zu den Rechten der Bruderschaft zugelassen werden, die sie seit lange verdienen und unter deren Verweigerung wir hauptsächlich leiden".*) Nicht das ästhetische Moment ist es, welches Carlyle bei der deutschen Litteratur anzieht, nicht das Interesse, welches nach Jahrhunderte langer Vorbereitung die kurze Blüteperiode der Litteratur eines Kulturvolkes wachruft, Carlyle ist eine durchaus unkünstlerische Natur uud zu sehr von dem Ernste der Zeitprobleine erfüllt. Wir haben also der Frage näher zu treten, wodurch für Carlyle die deutsche Litteratur eiue Bedeutung in Beziehung auf jene beanspruchen kann. Carlyle legt in erster Linie Gewicht auf die kritische Philosophie, wie sie durch Kants große Werke begonnen, immer weiter sich verzweigt, immer mächtiger auch über die Grenzen Deutschlands hinaus um sich gegriffen hat. Carlyle sieht in folgenden Punkten die Verdienste der von ihr eingeleiteten Bewegung. Durch die Lehre der subjektiven Geltung von Raum und Zeit hat Kant den Völkern Europas ein Gut zurückgegeben, welches sie einst besessen, aber im Laufe der letzten Jahrhunderte verloren hatten: den Idealismus. Carlyle teilt vollständig den idealistischen Standpunkt und dieser ist die Grundlage, ans der sich sein ganzes Gedankenlcben aufbaut.**) Für Carlyle ist der Grundgedanke der idealistischen Nisosllaliscms l?8s^s I, S. 314. **) Vergl. den Brief an vi-. Chalmers vom 20. Februar 1847, abgedruckt bei Fischer, Lartor Rssartus S. 60, Leipzig 18W. „Für mich wenigstens hat die deutsche transcendentale Philosophie den schottischen und französischen Skeptizismus sozusagen verschlungen und verdrangt. Die ganze unfruchtbare Welt von Spinnweben, worin ich jahrelang in blindem, leidenschaftlichem Forschungstriebc mein Leben verlor, ist jetzt total vernichtet, so daß ich durch die unaussprechliche Gnade des Himmels von neuem und mit meinen eigenen Augen über das Universum ausschauen kann." — 153 — Philosophie uralt. Die christliche Religion, wie in beschränkterem Grade jede Religion überhaupt, beruht auf der Annahme, daß die Sinncnwclt nnr eine beschränkte, untergeordnete Gittigkeit habe gegenüber einer transcendenten, durch den Verstand nicht faßbaren Realität*) Nur hierdurch hatten die Religionen den Individualismus übcUvnnden, indem jedes altruistische Thun den Glauben an anßcrindividuelle Werte voraussetzt. In Formen, wie sie der Denkweise ihrer Zeit angemessen waren, hatten die Religionen die idealistische Grnndanschauung gefaßt. Dann als diese Formen veralteten, hatte man versucht, sie, die gar nicht dem Gebiete des Denkens entstammten, gcdaukcnmäßig zu beweisen. Dies war das Bestreben der spekulativen Metaphysik, jener „chronischen Krankheit des menschlichen Geistes". Zunächst war es eine konstruktive Spekulation gewesen, — unbewußt noch unter dem Einflüsse der überkommenen religiösen Vorstellungeu. Bald aber ward man innc, wie vergeblich jene Versuche seien. Hiermit setzte die skeptische Philosophie ein, deren Werk das Niederreißen der überkommenen religiösen und sittlichen Vorstellungen ist. Sie „von Pyrrho bis auf Hume und die unzähligen jüngeren Humes" leitet eine negative Periode ein, welche zunächst für die geistige, sodann für die soziale Organisation Auflösung bedeutet. Ihre Vollendung ist, wie obeu gezeigt, die materialistische und ntilitarische Weltanschauung. In jener neuen von Deutschland ausgehenden Bewegung ist aber die ganze vorhergehende Spekulation, sowohl die noch konstruktive als die ihr folgende destruktive innerlich überwunden, und damit jener negativen Periode des menschlichen Denkens ein Ziel gesetzt. Der Gruud davou ist der, daß sie die vorhergehende Philosophie nicht im einzelnen zu widerlegen sucht, vielmehr dieselbe in sich aufnimmt. Einerseits giebt sie zu, daß die sinnliche Erfahrung allein Gegenstand der Erkenntnis sei, sie gesteht damit die erkenntnis- thcorctische Berechtigung der materialistischen Wcltbetrachtung Niseslls-nsons Lsss-^s I, S. 278. - 154 — zu. Andererseits aber stellt sie doch diese Berechtigung als eine relative fest und hebt damit den Materialismus als Weltanschauung auf. Sie begründet so die Möglichkeit eines Glaubens. Dabei aber schneidet sie ein für alle mal den Versuch ab, den Glauben vcrstaudesgemäß zu beweisen. Sie hebt alle spekulative Metaphysik auf, und leitet, um den berühmt gewordenen Ausdruck Comtes zu gebrauchen, mit dessen Gedanken auch hier Carlyle sich berührt, eine Periode des „Positivismns" ein: sie bildet nach Carlyle die „Euthanasie der Metaphysik".*) Carlyle braucht folgenden Vergleich, nm die Bedeutung der neuen Richtung darzulegen: die bisherige Philosophie, wie sie iu England und Frankreich noch herrsche, bedeute einen stets erfolgloscu Versuch des Geistes, sich über den Geist zu erheben, ihn einzuschließen uud zu umfassen, ähnlich wie der stärkste Athlet sich stets vergeblich bemühen würde, den eigenen Körper mit seinen Armen zu umfassen und empor zu heben. Jener irische Heilige sei zwar über den Kanal geschwommen und habe dabei seinen Kopf zwischen den Zähnen gehalten, aber noch keiner habe es ihm nachgemacht. Der einzige Dienst vielmehr, den man jenem Athleten leisten könne, bestehe darin, ihn zu bewegen, aus seiner lähmenden Positur herauszutreten und eine freie, natürliche Stellung einzunehmen.'^) Eincu ähnlichen Dienst hat die von den Deutschen eingeleitete Bewegung dem menschlichen Geiste geleistet. In ihr erreicht der Skeptizismus den Punkt, wo die Negation sich selbst aufhebt, wo es als ein notwendigerweise unfruchtbares Bemühen erkannt wird, „die Überzeugung aus der Verneinung zu deduzieren". „Wie soll man," frägt Carlyle, „durch bloßes Untersuchen uud Verwerfen dessen, was nicht ist, jemals die Kenntnis dessen erlangen, was ist? Die Spekulation muß ebenso, wie sie mit dem Nein beginnt, auch notwendig mit dem Nein enden; sie bewegt sich in endlosen Zirkeln uud schafft und verschlingt sich selbst."^**) *) Brief an Emerson Bd. I, S. 67. **) Vergl. Kretzschmar II, S. 2SI. Vergl. Krchschmar II, S. 237. Es ist dies der Carlylesche — 155 — Carlyles positivistischcr Standpunkt zeigt sich z, B, in seinem Leben Sterlings. Dieser, ein feinfühlender und hochbegabter Geist, hatte den Versuch gemacht, eine religiöse Weltanschauung durch spekulative Mittel verstandesgemäß zu begründen. Carlyle mißbilligt diesen Versuch als den eines schwachen, nach der Seite des Willens nicht genügend begabten Geistes. Noch schärfer wendet er sich gegen den Lehrer Sterlings, den seiner Zeit in England wohlbekannten Philosophen Coleridge. Er verurteilt als „logische Alchemie" ic., die Bemühungen desselben, — unter Mißanwcndung der Kantschen Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft — Hirngespinnstc wieder einzuschmuggeln, d?c womöglich noch gewagter seien, als die der alten spekulative:! Philosophie. Ganz ebenso hätte Carlyle gegen viele der deutschen Fortbildner Kants sein müssen. Ja, diesem selbst ist er durchaus nicht überall hin gefolgt. Mit Vorliebe trägt er Kantische Lehren in einer indirekten Redeform vor, welche sie als fremde und nicht unbestreitbare erscheinen läßt. Das Verdienst jener von Deutschland ausgehenden litterarischen Bewegung liegt eben für Carlyle nicht in einer abgeschlossenen Leistung, nicht in unangreifbaren Sätzen — wann hätte der menschliche Geist solche je hervorgebracht? Aber sie bedeutet, wenn auch uoch reich verquickt mit Elementen der alten Zeit — das Aufdämmern einer neuen Periode des menschlichen Denkens. Bis hierhin geht zugleich die Berührung Carlyles mit Comte. Beide erkennen an, daß der menschliche Verstand sich bisher auf Gebieten bewegt habe, die ihm seinem Wesen nach nicht zustehen. Comte nun beschränkt die Aufgabe der Erkenntnis darauf, das Material der sinnlichen Erfahrung zu ordnen; denn mehr vermöge der menschliche Geist nicht.*) Weit verschieden davon ist der Standpunkt Carlyles. Bei Ausdruck für die Relativität aller Erkenntnis, den Grundgedanken jedes Positivismus. *) Er ist gewiß nicht in dem Sinne Materialist, daß für ihn der Stoff eine absolute Realität besitzt. Vcrgl. unten. — 156 — der Darstellung desselben ist der Umstand erschwerend, daß dem Engländer vollständig abgeht, worin gerade die Stärke des Franzosen liegt: die systematische Klarheit. Hier wie überall sind wir auf einzelne, in vierzig Bänden zerstreute Bemerkungen angewiesen. Nach Carlylc besteht eine doppelte Möglichkeit: entweder mit jener relativen Erkenntnis sich zu begnügen und damit in der Siunenwclt allein zu leben oder die relative Erkenntnis auf ein Absolutes zu beziehen. Wie die Wahl ausfällt, ist aber — und dies betont Carlylc wiederholt — gar nicht Sache der Erkenntnis, vielmehr eine rein moralische Frage. Derjenige, dessen Wollen im Individualismus befangen ist, geht den ersten Weg. Derjenige dagegen, der durch deu Einfluß seines Lebensschicksals und seiner Zeit vom eigenen Selbst abgewendet worden ist, wird sich für die zweite Möglichkeit entscheiden. Das erste ist die Weltanschauung negativer, das zweite die positiver Zeiten. In der Gegenwart war nun aber bisher eine Entscheidung in letzterem Sinne erschwert, ja für den denkenden Geist fast unmöglich gewesen. Die Begriffe, deren das altruistische oder soziale Wolleu zu seiner Zielsetzuug sich bediente, waren durch den skeptischen Geist, einer nach dem andern, zerstört worden. Sv war dieses nur noch in Kreisen möglich gewesen, in denen vergangene Zeiten fortlebten. Aber auch sie wurden mehr und mehr vou dem zersetzenden Hauche der Zeit berührt. Nuumchr ist in dieser Entwicklung ein Wendepunkt eingetreten. Man hat die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens festgestellt; man hat eingesehen, daß nur die äußere Form der sozialen Symbole, die Art und Weise, iu der ihr trausccudcntcr Juhalt gefaßt ist, dem Gebiet der Erkenntnis angehöre uud daher der Kritik sciteus des Verstandes ausgesetzt sei, daß dagegeu ihr Inhalt von diesen Angriffen unberührt bleibe. Man hat damit neben dem Individualismus auch die Berechtigung einer über das Individuum hinausgehenden Zielsetzung zugeben müssen und vom Verstandesstandpunkt aus weder die eine noch die andere Möglichkeit bejahen können. Damit ist es für den Einzelnen wieder — 157 — möglich geworden, in innerer Entwicklung vom Individualist mus ohne das Opfer des Intellekts zum Altruismus zu ge- langen- Es ist uunmehr zu erwarten, daß der Auflösungsprozeß der überkommenen Symbole verlangsamt werde, und was noch wichtiger ist, daß an Stelle des zerstörten nicht Leere treten, sondern ncne Symbole sich entwickeln werden — die Voraussetzung der sozialen Reorganisation der Menschheit. Wenn Carlyle das altruistische Wollen „Religion" und die daraus entspringende Annahme von überindividuellcu Werten „Glauben" nennt, so wird hiermit der Ausspruch verständlich: daß mit der litterarischen Bewegung in Deutschland der Glaube wieder möglich geworden, eine neue und zeitgemäße Offenbarung des Göttlichen für Europa erschienen sei. „In dem weitreichenden Strudel der Kantschen Philosophie, die bald in eine Fichtesche, Schellingsche, Hegelsche, Cousinsche u. s. w. überging, ist der Ausgang sichtbar genug, nämlich der, daß der Skeptizismus und der Materialismus, an und für sich notwendige Erscheinungeu iu der europäischen Kultur, verschwinden und ein Glaube für den wissenschaftlichen Geist wieder möglich, ja unvermeidlich geworden ist und das Wort Freigeist nicht mehr den Leugner oder Grübler, sondern den Glaubenden und dcu bedeutet, der zum Glaubeu bereit ist. Ja, in der höheren Litteratur Dcutschlauds liegt schon für den, der sie lesen kann, der Anfang einer neuen Offenbarung des Göttlichen. Bis jetzt ist es noch nicht von der großen Masse anerkannt, aber es wartet auf Auerkcunung und wird diese sicherlich finden, wenn die geeignete Stunde kommt. Dieses Zeitalter ist auch nicht ganz ohne seine Propheten."*) Iu der That, die Deutschen haben nicht nur den Glauben wieder möglich gemacht, sondern ihrerseits anch den entschei- denden Schritt gethan. Der Beweis hierfür ist ihr Idealismus. Letzterer ist nicht etwa verstandcsgemäß darzuthun; die von den Deutschen versuchten Beweise sind nichts weniger *> Vergl. Nisooll^nsous L«gg,/s, Band (Zlig-i-aotsristies. als stichhaltig. Vielmehr kann dcr Verstand die idealistische Weltanschauung der materialistischen nur als gleichberechtigt zur Seite stellen; die Wahl der ersteren und die Verwerfung der letzteren ist Sache des Willens. In noch höherem Maße gilt das Gleiche beziehentlich der moralischen Grundauffassung, dieses entscheidenden Punktes jeder Philosophie. Auch hier stehen zwei Möglichkeiten einander gegenüber, unter denen die Wahl nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Willens ist. Auf der einen Seite steht die utilitarische Moral, deren Maßstab das Individuum ist; sie geht daher nicht über die Sinncnwelt hinaus und legt ihr somit absolute Bedeutung bei. Auf der andern Seite steht die altruistische Moral, welche das Ziel des menschlichen Wollens über das Jndivi- duum hinaus verlegt. Die Sinncnwelt ist für sie nur relativ und das Prinzip der Moral aus ihr unableitbar. Darin, daß die Deutschen den Schritt vom negativen zum positiven Standpunkt gethan haben, liegt die tiefste und eigentliche Bedeutung der von ihnen eingeleiteten Bewegung. So lehnt Kant jeden utilitarischen Erklärungsversuch ab und behauptet die Unbegreiflichkcit des moralischen Gesetzes. „Zwei Dinge," sagt Kant, „erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir": beides die Punkte, an denen dem Menschen am unmittelbarsten die Beziehung der relativen Sinnenwelt auf eine Übersinnlichkeit zum Bewußtsein kommt. Damit ist dem Individualismus seine Grundlage entzogen, indem das Individuum uicht mehr als alleiniges Ziel des menschlichen Wollens aufgefaßt wird. Erst von diesem Standpunkt aus wird es verständlich, wie Carlyle die litterarische Bewegung Deutschlands als den „Exponenten" der Revolution bezeichnen kann. Beides sind die großen Zeichen, unter denen unsere Zeit steht. Auf dem Gebiete der äußeren Formen herrscht die Revolution, d. h. die Zerstörung; auf dem der inneren Formen, d. h. dem — 1S9 — des Geisteslebens, folgt dagegen auf eine Periode der Zerstörung bereits heute eine solche des Aufbaues. Schon aus dem Vorhergehenden crgicbt sich, wie wenig Carlyle im eigentlichen Sinne ein Anhänger der Kantischen oder einer von ihr abhängigen Philosophie ist. Noch mehr erhellt dies aus seiner Stellung zn Goethe.*) Wenn diesen ein späterer Denker**) als den Riesenbruder Kants bezeichnet, der ihm sowohl im Jahrhundert als in der Nation allein zur Seite zu stellen sei, so geht Carlyle noch weiter. Er sieht in beiden Vorläufer eiucr neuen positiven Periode. Wenn die Ideen Kants, selber vielfach noch von der alten Zeit beeinflußt, sich klärend, in allmählicher uud vielgestaltiger Eutwickluug das Denken Europas umgestalten, so hat Goethe — iu beschränktem Maße natürlich — bereits den neuen, wahrhaft modernen Menschen verkörpert. Seine innere Geschichte ist das „Vorbild der Geschichte unserer Zeit" überhaupt; er ist dazu gelangt, ihre Widersprüche voll durchzu^ leben und zu überwinden und innere Klarheit und Gesundheit, jene Einheit und Harmonie des Wesens zu erreichen, wie sie in früheren, gläubigen Perioden vielen beschiedcn war, heute dagegen keinem in gleich hohem Grade wie ihm zu Teil ward. Er hat „in Frömmigkeit und doch ohne Bliudhcit", vielmehr im Vollbesitz der Bildung seiner Zeit, in unüberwindlicher Sündhaftigkeit für das Recht und dennoch ohne stürmische Erbitterung gegen das Unrecht, wie ein antiker Held uud dennoch mit der Vielseitigkeit und vermehrten Begabung eines modernen" gelebt. So ist er den Weg vorangegangen, den wir nachgehen müssen: „der wichtigste Deutsche nach Luther".***) Über Goethes Stellung und Einfluß gegenüber den sozialen Richtungen des Jahrhunderts vergl. F. Gregorovius, Wilhelm Meister- A. Jung, Goethes Wanderjahre; Karl Grün, Goethe vom menschlichen Standpunkt; Varnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten Bd. I und die bei den drei ersten angeführte Litteratur. ^) Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung S. 627. Leipzig 1877. NiscöllÄirsons Assa^s I, S. 238. — 160 — Goethe hatte sich in seiner Jugend ganz mit dem Geiste seiner Zeit erfüllt: er war wie die andern ein Zerstörer, für den es keine Autorität gab. Infolge hiervon war sein Denken damals, wie das seiner Zeit, durchaus individualistisch und von hier aus gelangte er, wie tiefere Naturen überhaupt, zu jener Stimmung der Verzweiflung, in die er tief hjnab- tauchte, und die ihn sogar dem Gedanken des Selbstmords nahe brachte. Ein Denkmal dieser ersten skeptischen Periode in Goethes Leben ist hauptsächlich der „Werther", dessen Grundstimmung, wie Carlyle hervorhebt, noch nirgends in Europa veraltet ist, die in Byron wieder auflebte und heute in veränderter Form als moderner Pessimismus die Massen ergreift. Im Laufe seiner Entwicklung aber hat Goethe diesen Standpunkt verlassen; unter schweren inneren Kämpfen gelangt er allmählich zn einer Denkweise, die der seiner Jugend durchaus entgegengesetzt ist. Sie trägt vielmehr alle Merkmale, die einer positiven Zeitrichtung eigen zu sein pflegen, ohne jedoch einen Rückfall in vergangene Anschauungen zu bedeuten. Wenn jene erste Periode in Goethes Leben als die „skeptische" bezeichnet werden kann, so nennt Carlyle diese letzte Periode die „christliche".^) Für Carlyle besteht die Bedeutung Goethes darin, daß er, der ursprünglich pessimistisch und revolutionär gestimmt war, sich zu einem Standpunkt durcharbeitete, von dem aus ihm die Welt „nicht nur erträglich, sondern voll von Erhabenheit und Lieblichkeit" erschien, von dem aus er „die Schärfe und den Witz eines Voltaire mit der Ergebenheit eines Fsnslon" vereinigte.^) Also die Weltanschauung des alten Goethe ist es, welcher Carlyle jene oben besprochene vorbildliche Bedeutung beilegt — gewiß uicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, durch wie nnzählige Kanäle Goethesche Gedanken unserem Geschlechte verniittelt wurden. Goethe steht einmal außerhalb des Bereiches der speku- *) Vergl. Nisesllknsous Nsss.?» IV, S. 160 ff- Nisesl^nsous 1^88^« I, S. 247. — 161 — lativen Philosophie, welche bis Kant ziemlich unbeschränkt herrschte. Er hat nie versucht, überkommene Glaubensvorstellungen verstandesgemäß zu beweisen. Jede Spekulation lag ihm fern; jede Bemühung, hinter oder über der Welt der sinnlichen Erfahrung weitere Gebiete der Erkenntnis aufzuschließen, schien ihm unfruchtbar. Er hat „nie über das Denken nachgedacht", d. h. nie versucht, sich als Subjekt über das Subjekt zu erheben. Daher seine Vorliebe für die exakte Naturwifsenschaft, welche bereits am meisten von allen Wissenschaften die metaphysischen Begriffe abgestoßen hat — ein Prozeß, welcher heute das Gebiet der gesamten Wissenschaft ergreift. Aber der auf ihrem Gebiete ausschließlich giltigen, er- sahrungsmäßigen Erkenntnis räumt Goethe keinen absoluten Wert ein. Ist es doch gerade der Grundgedanke des Fanst, daß es für den Menschen nicht das höchste sei, das All mit seinem Verstände zu umspannen. Gerade das Bestreben, die Erde zu verlasfcn und sich zu einer gottesgleichen Höhe der Erkenntnis zu erheben, bringt vielmehr über Faust die Qualen tiefster Zerrissenheit. Durch ein langes und vielverschlungenes Leben, in welchem alle diejenigen äußeren Momente auf ihn einstürmen, die überhaupt heute für den sich entwickelnden Menschen von Einfluß zu sein pflegen, wird dieser Vertreter unseres Geschlechtes zu der Einsicht geführt, daß der Mensch nicht in der Erkenntnis, sondern in der Thätigkeit seine Befriedigung finde. „Das ist der Weisheit letzter Schluß: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, „Der täglich sie erobern muß." Wie Aristoteles war eben Goethe, im Gegensatz zu den meisten seiner Zeit, der Überzeugung, daß „das Ziel des Menschen Handeln nicht Gedanke sei". An häufigen Stellen seiner Werke spricht er das aus, so z. B. in seiner Kritik von Diderots „Versuch über die Malerei": „Der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wir uus". Ähnlich sagt im Wilhelm Meister der Abbs. v. Schulze-Gävernitz, Carlylc. 11 — 162 — dem Goethe häufig die goldenen Worte der eigenen Weltweisheit in den Mund legt: „das erste und letzte am Menschen sei Thätigkeit".*) Damit spricht Goethe aller spekulativen Philosophie, welche die absolute Wahrheit zu ergründen sich bemüht, das Todesurteil. Denn alsdann hat das ganze Gebiet der Erkenntnis nur relative Bedeutung und alles Theoretisieren, welches den Dienst des Lebens verläßt, „deutet auf Mangel oder Stockung der Produktionskraft hin". Nur in der Thätigkeit findet der Mensch Glück und Frieden, wie denn Goethe rät, in Trübsal und Anfechtungen des Lebens die Pflicht zu thun, die im Augenblick am nächsten liege. Zum zweiten aber ist Goethe positiv gerichtet, d. h. von den Positivistischen Voraussetzungen aus ist seine Weltanschauung nicht materialistisch und utilitarisch, sondern idealistisch und religiös. Wie wenig ihm einerseits ein Buch wie das Jacobis „von den göttlichen Dingen" „wohl machte", so sehr ist er doch andererseits von der Herrschaft der materialistischen Aufklärung freigeblieben. Schon in seiner Jugend, so erzählt er, seien die Lehren der französischen Encyklopädisten ihm ,,greiscnhaft" vorgekommen. Wie sehr ihm jede Einmischung metaphysischer Wesenheiten in die durch die Erfahrung festgestellten Erscheinungen widerstrebte, so konnte er doch die Natur nicht absolut denken, sondern nur in Beziehung auf eine jenseitige, dem Gebiet der Erkenntnis entrückte Welt. Die Natur war ihm die „Gott- Natur". Diese Anschauung stand ihm so unverbrüchlich fest, daß er dieselbe bei Gelegenheit der Besprechung ebeu jenes Jacobischcn Buches sür „deu Grund seiuer ganzen Existenz" erklärte. Es ist hier nicht der Ort, die Fülle von Aussprüchen anzuführeu, iu denen Goethe die soeben bezeichnete Anschau- *) Ähnlich heißt es in Wahrheit und Dichtung: „Im Leben komme alles aufs Thun an." Ferner Gespräch mit Eckermann vom 25. Oktober 1825: „Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten." Vergl. das vorhergehende und folgende daselbst. — 163 — ung ausspricht.*) Dagegen widerstrebte ihm jeder Versuch, mitttelst der Spekulation in das Jenseits sich zu schwingen. „Wer darf ihn nennen, und wer bekennen: ich glaub' ihn?"**) Diese Ausfassung, welche mit einer klaren, entwicklungs- geschichtlichen Natur- und Weltbetrachtung in keinem Widerspruche steht, hängt auf das engste zusammen mit Goethes ethischer Grundüberzeugung. Diese letztere, wie sie in seinen späten und reifen Werken zum Ausdruck kommt, so besonders in den Wanderjahrcn, dem Faust, den Sprüchen in Prosa und den Gesprächen mit Eckcrmann ist durchaus antiutili- tarisch. Wenn die Nützlichkeitsphilosophie behauptet, es sei das Ziel alles menschlichen Handelns, so viel als möglich die Summe des individuellen Leidens zn mindern und die der individuellen Lust zu erhöhen, so sieht Goethe dem gegenüber im Leiden nichts verabscheuenswertes, sondern ein „För- dernis des Heiligen", das man verehren und liebgewinnen müsse,***) Wie ihm das Leben ein stetes und schweres Kämpfen erscheint, und jeder Tag „eine Bresche, die viele *) Erinnert sei hier allein an jene für ihn ebenso bezeichnende wie merkwürdige Geschichte, die Eckermcmn anführt (Gesprach vom 29. Mai 1831). Derselbe erzählt, daß ihn die elterliche Liebe einer Grasmücke, welche in die Gefangenschaft freiwillig zurückkehrte, um ihre Jungen zu füttern, innig gerührt habe. Er habe sein Erstaunen darüber Goethe geäußert, dieser aber habe lächelnd erwidert: „Närrischer Mensch, wenn Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr Euch darüber nicht verwundern". Liegt doch eben in dem Siege der Liebe über den Selbsterhaltungstrieb, hier wie überall, etwas durch den Verstand unauflösliches. Dieses unauflösliche pflegte Goethe auch als das Dämonische in der Welt zu bezeichnen: er sah es überall wirksam, aber in großen Menschen mehr als anderswo. Ganz ähnlich Carlhle. **) Wo Goethe von den göttlichen Dingen redet, spricht er nicht in Begriffen, sondern Bildern. So lebt jenes uralte Bild, daß sich bereits in der indischen Mythologie findet, von der Welt als „dem lebendigen Kleide der Gottheit" für ihn wieder auf. So wurde ihm alles Vergängliche selber zum Gleichnis, und gerade, um dies anzudeuten, mochten ihm jene pantheistischen Anklänge, wie sie sich häufig bei ihm finden, sich geeignet erweisen. ***) Wanderjahre II, Kap. I. 11* — 164 — Menschen erstürmen", so ist er selber ein Kämpfer gewesen, der es sich im Leben „hat sauer werden lassen". Entsagung und Selbstbcschränkung lehrt nach Goethe das Leben, so wie denn jene Wanderer, durch verwickelte Schicksale hindurch geführt, zuletzt zu „Entsagenden" werden — aber nicht Entsagung im Sinne der Weltflucht. Wir haben vielmehr gesehen, wie Thätigkeit für Goethe der Zweck des menschlichen Lebens ist. Nach dem soeben ausgeführten nun ist diese Thätigkeit aber nicht auf das eigene Dasein zu richten, nicht individualistisch; sie ist Thätigkeit im Dienste des Ganzen, also soziale Thätigkeit im weitesten Sinne. Hierauf beruht die in den Wanderjahren ausgeführte Vorstellung, daß jeder nur „Verwalter" seines Besitzes sei, den er zu Gunsten des Ganzen zu verwalten habe. Zn diesem Besitz gehört nicht nur das Ererbte und Erworbene, sondern auch das Angeborene, das Talent. Jeder hat die ihm eigene Fähigkeit so auszubilden, daß, wie Goethe sagt, keiner dem andern aber jeder dem höchsten gleich sei — auszubilden zu den Zwecken der Gemeinschaft. „Mache ein Organ aus dir," heißt es in den Wanderjahren, „und erwarte, was für eine Stelle dir die Menschheit im allgemeinen Leben zugestehen werde." Von diesem Standpunkt aus ist jede im sozialen Sinne verrichtete Thätigkeit, „jede Arbeit gleich edel". Denn jeder wird ja als Organ des Ganzen thätig und durch ihn damit das Ganze. „Indem er eins thut, thut er Alles." Goethes ethischer Standpunkt ist dem Individualismus durchaus entgegengesetzt. Wenn er die Erziehung des Einzelnen zum sozialen Handeln für die Aufgabe der Menschheit hält, so ist er sich auch der inneren Bedingungen bewußt, ohne welche ein solches Fortschreiten unmöglich ist. Nicht individualistische Beweggründe können den Menschen zu sozialem Thun antreiben, vielmehr müssen entsprechende, altruistisch motivierende Ideen in ihm lebendig sein. Die Hingabe an solche ist das wichtigste für den Menschen, zugleich dasjenige, was ihm nicht angeboren wird, sondern was er durch das Leben erwerben muß. Goethe bezeichnet sie unter dem Namen der „Ehrfurcht" — denn was ist diese anderes als die Hingabe der Menschen an geglaubte, über ihm stehende Werte — und sieht in der „Ehrfurcht" die eigentlich moralische Grundstimmung, aus der allein alles soziale Thun herfließt. Durch die Religionen ward nach Goethe die Ehrfurcht dem Menschen vermittelt, und zwar im letzten und höchsten Maße durch das Christentum. Mögen nun auch die Glaubeusvorstellnngen, welche den Gegenstand der Ehrfurcht darstellen, wechseln, immer bleibt als notwendige Voraussetzung jener moralischen Disposition des menschlichen Willens die Beziehung der sinnlichen Welt auf ein Übersinnliches, d, h, der Glaube.*) „Alle Epochen," sagt Goethe in einer berühmt gewordenen Stelle, „in welchen der Glaube herrscht, siud glänzend, herzerhebend für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen hingegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es auch sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Schein- glanze strahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag." Jene gläubigen Perioden sind die des sozialen Handelns, die ungläubigen die des Individualismus; in den ersten verhält sich der Mensch thätig, in den letzteren theo- retisiercnd — Gedanken, au welche die Cartyleschen stark anklingen, so folgendes aus den Gesprächen mit-Eckermann: „Alle im Rückschreitcn und in der Auflösung begriffenen Epochen sind subjektiv, dagegen haben aber alle fortschreitenden Epochen eine objektive Richtung. Unsere ganze jetzige Zeit ist eine rückschreitcnde, denn sie ist eine subjektive. -— — Jedes tüchtige Bestreben wendet sich aus dem Juuern *) Hierin liegt der Grundunterschied zwischen Goethe und Carlyle einerseits und Cvmte andererseits. Alle drei sind Positi- visten und Verteidiger einer antiindividualistischen Moral. Die ersten beiden jedoch halten die letztere für unmöglich ohne Bejahung überindividueller, also transcendenter Werte, Comte dagegen setzt als Ziel des altruistischen Wollens die „Menschheit", ohne sich bewußt zu werden, daß er hiermit derselben ebenfalls einen dem Verstände unbeweisbaren, auf Glauben beruhenden Wert beilegt. — 166 — hinaus auf die Welt, wie Sie au alleu großen Epochen sehen, die wirklich im Streben uud Vorschreiten begriffen und alle objektiver Natur waren." (Gespräch vom 29. Januar 1826.) Beide, Carlyle wie Goethe, empfanden also den negativen Charakter der Zeit, in welcher sie lebten — einer Zeit, die ,,das schlechte zu tadeln, aber nicht das gute zu thun", die „einzureihen aber nicht aufzubauen" verstehe. Beide, Goethe in noch höherem Grade als Carlyle, sehen trotzdem hoffnungsvoll vorwärts. Man vergegenwärtige sich die harmonische Persönlichkeit Goethes, um zu wissen, daß für ihn die Zukunft mit dem Fortschritt unlöslich verbunden war. Wie hätte er sonst überhaupt eine Utopie der Gesellschaft schreiben und dieselbe in die Zukunft verlegen können, wie hätte er den Vertreter des modernen Menschen, Faust, nach langen Irrfahrten endlich doch der Erlösung zuführen können? Die Gewähr für die Zukunft fand er in dem, was er Religion und Christentum nannte, mit welchen Worten er allerdings einen weiteren Begriff verband als den gemeiniglich gebrauchten.*) Nicht nur daß die christliche Religion „nach den größten Verirrungen, in welche sie der dunkle Mensch hineinzog, ehe man sichs versieht, sich in ihrer ersten lieb^ lichen Eigentümlichkeit---—, zu Erquickung des sittlichen Menschcnbcdürfnisses, immer wieder hervorthut",^') in ihr hat die Menschheit auch eine Höhe erreicht, von der sie nicht wieder zurück kann. Goethe drückt dies dahin aus in jener bekannten Stelle der Wanderjahre: „Man darf sagen, daß die christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal göttlich verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst zu werden vermag.'"^) Wie nun in den Wandcrjahren die Religionen, und iusbesoudere die *) Man vergl. hierzu jenes stolze Wort aus deu Gesprächen mit Kanzler v. Müller (S- 138): „Wer ist denn heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich für eiuen Heiden haltet." **) Westöstlicher Divan, Noten zu Mamud Gasna. ***) Buch II. Kap. 1. Vercst. des weiteren die oben zitierte Stelle aus dem Gespräche Goethes mit Eckermann vom 11. März 1832. — 167 — höchste von ihnen, die christliche, jenes Geschlecht der Zukunft zur „Ehrfurcht" erziehen, so erblickt Goethe in ihnen die Quelle, aus der die Menschheit Kraft zu neuem sozialen Leben und Aufbau schöpfen wird, um deu Einzelnen wieder dahin zu bringen, sich, wie er es ausdrückt, „zum Organ zu machen". Wenn augenblicklich die negativen Mächte die Oberhand zu gewinnen scheinen, so beruht dies im Grunde darauf, daß wir uns augenblicklich in einem Übergangszeitalter befinden. Wenn nämlich die Menschheit den metaphysischen Zustand des Denkens nunmehr cndgiltig abstreift, so kann auch das Christentum nicht länger in Formen verharren, die jener Periode angehören. Aber alle verstandesgemäßen Anfeindungen können dem Christentum ans die Dauer nicht schaden. Sein wahrer Kern wird aus den Kämpfen der Gegenwart um so klarer hervorgehen. „Auch werden wir alle," sagt Goethe, „nach und nach aus einem Christentum des Wortes uns Glaubens mehr und mehr zu einem Christentum der Gesinnung und That kommen/' (Gespräch mit Eckermann vom 11. Mai 1832.) Wie weit aber auch dieser dogmatische Auflösungsprozeß fortschreite, der Untergang der metaphysischen Denkweise und das Aufblühen des Positivismus bedeutet nicht notwendig den Materialismus. Dasselbe gilt von den Erscheinungen der moralischen Welt. Auch hier ist man, mit Verlassen des dogmatisch christlichen Standpunktes, weder gezwungen noch berechtigt, eine mechanische, d. h. in diesem Fall utilitarische Erklärung eintreten zu lassen. Vielmehr kann man in ihnen so gut als in den Erscheinungen der Natur Offenbarungen eines Jenseits erblicken, wie dies nach Goethe alle produktiven Zeiten und Männer gethan haben. Wird doch in ganz hervorragender Weise gerade ans moralischem Gebiete der Mensch an jenen vom Verstände schlechterdings unauflöslichen Kern der Dinge erinnert. Es war hier nicht unsere Aufgabe, die Punkte, in deuen Goethe und Carlyle auseinander gehen, näher zu beleuchten. Man hätte zu diesem Zweck, um den wichtigsten Gesichtspunkt anzugeben, auf Goethes Stellung zur Antike, auf die — 168 — sich daraus ergebende Idee einer höheren Einheit des Guten und Schönen eingehen müssen — Anschauungen, denen Carlylc unzugänglich war, weil der strenge Geist seiner Puritanischen Vorfahren nie völlig die Herrschaft über ihn verlor. Unsere Aufgabe war vielmehr die, Carlyles Urteil über Goethe zu begründen. Ausgehend von einer Einteilung aller menschlichen Geschichte in Positive uud negative Zeiten, hatte Carlylc der Gegenwart einen durchaus negativen Charakter beilegen zu müssen geglaubt. Dem gegenüber war ihm die Erscheinung Goethes das tröstlichste Zeichen der Zeit. Schien sich doch Wieder eine positive Zeit anzukünden in jenem Manne, dessen Denken modern und dabei gläubig war und hoch über jener Aufklärung stand, die sich auf dcu Gassen des Besitzes der Zukunft rühmte. Von diesem Gesichtspunkte aus wird daS folgende, Carlyles Stellung zu Goethe zusammenfassende Urteil verständlich/') „So stellt sich von unserm Gesichtspunkte ans Goethe als der Vereinigcr und siegreiche Versöhner der zerfahrensten, widerstreitcndstcn Elemente des zerfahrensten und zerrissensten Zeitalters dar, welches die Welt seit der Einführung der christlichen Religion gesehen, mit welcher alten chaotischen Ära der Weltkoufusion und Wcltrefusion, der schwärzesten Finsternis, auf welche das Dämmern eines hohen und himmlischen Lichtes folgte, diese unsere jetzige wunderbare Ära in der That auch oft verglichen wird. Für das gläubige Herz aber darf keine Ära eine verzweiflungsvolle sein! Es liegt stets im Wesen der Finsternis, daß ein neues edleres Licht darauf folgt, ja daß sie ciu solches erzeugt. Die Leiden und Widersprüche einer atheistischen Zeit, einer in Lasterhaftigkeit und Unglaubeu versunkenen Welt, worin physisches Elend und die verzweiflungsvollc Desorganisation ganzer mit Unwissenheit und Not kämpfcndcr Klassen nicht fehlen — alles dies tritt wie die Frage einer Sphinx vor jedes neugeborene, fühlende nnd begabte Herz; es ist ein Wirrsal, bei welchem es sich um Leben und Tod handelt. *) NisesIlAiikouZ Ü88g,)'s I, S. 47. — 169 — „Wehe dem Lande, dem in solchen Zeiten kein Prophet aufsteht, sondern nur Tadler, Satiriker und ironische Desperados, die das Übel nur schlimmer machen und im besten Falle ein Ende beschleunigen. Das alte Europa hatte seinen Tacitus und Juvenal gehabt, aber diese richteten nichts aus! Auch das neue Europa hat seine Mirabeaus und Byrons, seine Napoleons und unzählige rotflammcnde Meteore gehabt, welche Pestilenz aus ihrem Haar schüttelten ^ Sintfluten und das Chaos siud wiedergekommen. Der klare Stern aber, der Vorbote des Tages, ist noch nicht erkannt worden. „Daß in Goethe die Kraft lag, aus den Widersprüchen, zu welchen der Mensch geboren wird, eine Versöhnung anzubahnen, charakterisiert ihn als den starken Geist seiner Zeit.--Das, was dieser Mann zu versöhnen ausersehen war, war das innere geistige Chaos, der Mittelpunkt aller äußeren und inneren Wirrsale, aus welchem die moralische, intellektuelle uud soziale Zersetzung hervorgeht. — — Goethe wird dadurch nicht bloß für den größten Mann seiner Zeit erklärt, sondern für einen Mann aller Zeiten, eine der Landmarken in der Geschichte der Menschheit." Aus dem vorhergehenden crgicbt sich, daß für Carlylc die durch die Namen Kant und Goethe bezeichnete Gcdanken- bewegung von höchster Wichtigkeit war. Mußte er bei der Betrachtung der äußeren Ereignisse seine Zeit fürchten, daß eine gänzliche Auflösung sich vorbereite, so waren auf dem Gebiete der inneren Geschichte wieder Erscheinungen aufgetreten, die einen positiven Charakter an sich trugen und auch für die äußere Entwicklung einen Wendepunkt möglich erscheinen ließen. „Ein großes Werk geht in diesen Tagen vor sich, ist bereits begonnen worden, schreitet langsam voran und kann nicht leicht zum Stillstand gebracht werden — — — kein geringeres Werk als die Wiederherstellung Gottes und dessen, was in den Traditionen und der Geschichte der Menschheit göttlich war, aber während langer hcrnnterge- kommener Jahrhunderte vergessen oder falsch erinnert wurde. Die wichtige, noch immer erhabene und gesegnete Thatsache von alledem, was man einst unter Gott und dem Göttlichen — 170 — verstand, kämpft sich empor in der Seele des Menschen, wird sich herausschälen aus dem, was manche von uns — unehrerbietig in ihrer Ungeduld — das „alte hebräische Gewand" nennen und wird von neuem die Nationen segneu, sie von ihrer Niedrigkeit, ihren unerträglichen Wehen und dem Wahnsinn ihrer Irrfahrten befreien. Diese Thatsache wohnt nicht ausschließlich oder in hervorragender Weise in hebräischen Kleidern, alten oder neuen, sondern im Herzeu der Natur und des Menschen. Kants „zwei Dinge, die ihn mit Bewunderung erfüllen", sind ebenso wahrnehmbar wie zu Königsberg in Preußen zu Charing-Croß in London. Aller Augen werden sie allmählich besser erkennen und die Wenigen, die das Salz der Erde sind, werden sie zuletzt gut erkennen — mit Erfolgen für jedermann. Ein großes Werk ist es in der That, vor dessen Größe jedes andere ins Nichts sinkt."') L. Die äußeren Formeu. Carlyle war zu sehr von der Abhängigkeit der äußercu von den inneren sozialen Formen durchdrungen, als daß er irgend einem jener Vorschläge hätte beipflichten können, mittelst deren man, sei es durch private Maßnahmen, sei es durch staatlichen Eingriff, den morschen Gesellschaftsbau zu verjüngen hofft. Allen solchen Weltverbesserern gegenüber hat Carlyle immer wiederholt: um das Gauze zu reformieren, reformiere dich selbst, das ist das beste und wichtigste, was du thun kannst; erhebe dich vom individualistischen zum sozialen Dasein; mache aus dir, wie Goethe gesagt hat, ein Organ. Mit jedem anderen Reformversuche läßt du das Übel selbst unberührt, du unterdrückst nur Symptome ohne die Krankheit zu treffen. Hinter der Größe dieses Problems schienen ihm alle jene Reformvorschläge weit zurückzubleiben. Von solchen Gedanken bewegt, konnte Carlyle kein fertiges Rezept einer sozialen Reform bereit halten. Aber wie sehr er auch vou der Schwäche des Einzelnen den Welt- *) Aisosllansous Lss^s VI, S. 371. gcschicken gegenüber durchdrungen war, so hielt er es doch für die Pflicht des Menschen, nicht die Hände in den Schoß zu legen, sondern zu handeln. Jeder Fatalismus war ihm fern. So ist Carlyle denn durchaus nicht arm an Vorschlägen sozial-politischer Natur. Dasjenige, dessen wir bedürfen, was wir früher bis zu einem gewissen Grade besaßen und heute nicht mehr besitzen, ist die „Organisation der Arbeit". Nachdem die Bande durchschnitten sind, die den einen mit dem anderen verknüpften, steht der Mensch isoliert in einem Einzelkampfe ums Dasein. Darum auf der einen Seite das Elend jener führerlosen Millionen. Auf der anderen Seite aber jagen die, welche zur Führerschaft berufen wären, dem Schein des Genusses, dem Gelde nach, nimmer des Glückes teilhaftig, wie viel Güter sie aufspeichern, und darum im Grunde so elend wie jene. Äußerlich nehmen sie die Stellen der Machthaber ein; thatsächlich aber sind sie machtlos. Denn wie sollten sie über jene Macht ausüben, mit denen sie nichts mehr verbindet? Dabei steht fest, daß jene Methoden, welche bisher den Menschen mit dem Menschen verbanden, veraltet und end- giltig unbrauchbar geworden sind, jene „Halsbandmethoden", wie sie Carlyle nennt. Dieselben als unmöglich festgestellt zu haben, ist die Bedeutung der Demokratie, welche die harte, nicht zu unterdrückende Thatsache der Gegenwart ist. Da nun hinfort kein Mensch mehr der „Halsbandlcibeigene" eines andern sein kann, die Menschen aber doch notwendig verbunden sein müssen, so müssen hierzu neue Methoden erfunden werden. „Denn der Mensch ist eben stets der geborene Leibeigene gewisser Menschen, der geborene Herrscher gewisser anderer, der geborene Gleiche gewisser noch anderer, möge er nuu diese Thatsache anerkennen oder nicht. Es ist für ihn ein Unglück, wenn er sie nicht anerkennt; er befindet sich in einem chaotischen Zustande und schwebt in Gefahr unterzugehen." Daher denn das Problem unserer Zeit „die ungeheuerste Frage, die jemals bis jetzt der Menschheit gestellt worden ist", in der Verbindung der „unvermeidlichen — 172 Demokratie" mit der gleich „unvermeidlichen Souveränität" besteht. „Hierin liegt die Aufgabe von Jahrhunderten; man weiß nicht, ob sie gesegnet oder ungcsegnct sein werden, je nachdem sie mit tapferm Streben darin Fortschritt machen oder mit träger Lügenhaftigkeit nur vom Fortschritt schwatzen. Denn entweder Fortschritt hierin oder Fortschritt zur Auflösung ist hinfort die Frage."^) Auf welchem Wege nun ist eine solche Verbindung möglich? Nur ciu einziger Weg steht dazu offen. Wir haben oben gesehen, wie jede Gesellschaft sich auf ein mehr oder weniger kompliziertes Herrschaftsvcrhältnis zurückführen läßt. Nun aber sind heute die „Halsbandmethodcn" unmöglich. Daher ist die Gesellschaft nnnmehr nur noch auf Grund gesteigerter sozialer Motive möglich. Von diesem Standpunkt ans besteht die Krisis, die wir durchmachen, darin, daß es sich heute um eineu schweren und hochbedeut- samen Schritt in jener aufsteigenden Entwicklung handelt, welche die Geschichte der Menschheit bisher darstellt. Stillstehen giebt es nicht; entweder Sturz oder Erklimmen jener Höhe. Carlyle glaubt an das letztere, „der Phönix" wird sich besser und schöner aus seiner Asche erheben. Hierin also liegt der Kernpunkt der sozialen Frage; ihre einzig mögliche Lösung besteht darin, daß der Individualismus, der heute die meisten beherrscht, zurückgedrängt und die altruistische Motivatiouswcise unter den Menschen wieder mächtig werde. Heute jagt alles nach dem Gelde, und wer auf die Höhen der Gesellschaft hinaufklimmt, sucht dort Genuß statt vermehrter Arbeit. Dagegen sind in allen gesunden Gesellschaftszustäuden die Ehrenposten stets zugleich Posten der Schwierigkeit und der Gefahr. Carlyle ist sich darüber klar, daß eine Änderung der Zcitanschauungeu auf diesem Gebiete Voraussetzung aller Reformen ist. „Ich würde es für überflüssig erachten, die Regierung um Heilmittel anzugehen, wenn ich glaubte, daß der Mammonismus hinfort das erste Prinzip unserer Existenz bleiben müsse." *) Vergl. ?ast ancl ?rösövt, Buch IV, Kap. 1. — 173 — Das Gewissen seiner Zeitgenossen wachzurufen, schien Carlyle die Aufgabe seines Lebens — eine höchst traurige und widerwärtige Aufgabe, welche ihm den Beruf eines Schriftstellers aufgezwungen hatte. Glücklicher wäre er, wie er annahm, als einfacher Arbeiter oder Pächter in seinem Heimatdorfe geworden. Aber wie hätte er sich einer Aufgabe entziehen können, die ihm, wie er meinte, von oben geworden war. „Er und der heilige Panlus," sagt Fronde, „(denn ich weiß nicht, von wem sonst dasselbe gesagt werden kann) schrieben, als gingen sie mit einer über alles wichtigen Idee schwanger, von der sie unter vielen Leiden und Arbeiten erlöst zu sei» wünschten." Wenn Carlyle den besitzenden Klassen ihre Pflichten gegenüber den minderbcgünstigten ins Gedächtnis rief, so waren das Worte eines Mannes, der allem Selbstinteresse entsagt hatte, und dessen Leben in einer Idee aufging. Daher die Wucht und die Eindringlichkeit seiner Mahnungen. „Die eine auserwählte Klasse," sagt Carlyle, „ist durch die Gesellschaft mit Reichtum, Einsicht, freier Zeit ausgestattet: allen äußeren und inneren Mitteln zur Herrschaft. Die andere riesige Klasse, die mit nichts von alledem ausgestattet ist, erkärt, daß sie regiert werden muß. Das Negative steht gegenüber dem Positiven; wenn das Negative und das Positive sich nicht vereinigen können, so ist es für beide ein Unglück. Unzählige Dinge könnten unsere oberen Klassen und Gesetzgeber thun; aber die Vorbedingung von alle dem ist, zu wissen, daß sie etwas unbedingt thun müssen" In der That liegt der Grund jeder sozialrevolutionären Arbeiterpartei darin, daß die Bande zwischen oberen uud unteren Klassen zerrissen sind, daß die oberen Klassen, die an sich dazu berufen sind, die öffentliche Meinung zu bilden, dieselbe einseitig im Interesse der Besitzenden bilden; daher eine öffentliche Meinung des Ganzen überhaupt nicht mehr besteht, vielmehr nur eine von Klassen. Reich und arm stehen sich alsdann wie zwei Nationen gegenüber, die Seite an Seite leben, aber anders fühlen und anders denken, und sich gegenseitig so unverständlich sind, „als wären sie in ver- — 174 — schiedenen Zonen geboren". Dieser Zustand fand sich in England in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, ganz ebenso wie er seitdem in Deutschland sich entwickelt. „Wir führen euch," ruft Carlyle den oberen Klassen zu mit Beziehung auf die unteren, „an die Küste eines ungeheuren Festlandes und fragen euch, ob ihr es nicht mit euern eignen Augen sehen, ob ihr nicht durch fremdartige Anzeichen wahrnehmt, wie massig dunkel, unerforscht, unvermeidlich es daliegt. Ihr müßt es betreten. Zeit und Notwendigkeit haben euch hierhin gebracht, wo es keinen andern Ausweg giebt. Ihr mögt es betreten; wenn der erste Schritt einmal gethan ist, so wird der nächste schon klarer und alle künftigen Schritte möglich sein." Es ist unsere Aufgabe nicht, jene Stellen aufzuzählen, in denen Carlyle ähnliche Gedanken ausspricht, in denen er die thätige wie die unthätige Aristokratie seines Landes auffordert „sich mit diesem entsetzlichen, lebenden Chaos von Unwissenheit und Hunger zu befreunden", in denen er sie daran erinnert, daß „das Leben dem Menschen geschenkt wurde, damit er es mutig und männlich wieder hinwegschenke". Hervorzuheben ist nur, daß hier der Punkt liegt, auf welchem Carlyle einen fast augenblicklichen, unberechenbaren Erfolg gehabt hat. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist er als einer der einflußreichsten von den Faktoren zu betrachten, welche im Laufe dieses Jahrhunderts jenen vollständigen Umschwung in der Stellung der oberen Klassen zu den unteren in England bewirkten. Carlyle predigt soziale Gesinnung. Aber dieselbe erschöpft sich für ihn nicht in philanthropischen Werken. Was er verlangt, ist eine Veränderung des Beweggrundes: ein Überwiegen der altruistischen gegenüber den individualistischen Motiven. Überall, bei jedem Geschäft kann und soll die soziale Gesinnung in Mitwirkung kommen und dadurch jede Thätigkeit wieder zur Höhe der Arbeit erhoben werden. Ein Beispiel, sagt Carlyle, welches, aus früherer Zeit überkommen, uns noch heute eine solche Thätigkeit auf Grund von sozialen Elementen vor Augen stellt, bietet das Heer. — 175 — Der Ritter kämpfte für Ideen: für Ehre, Fahne, König, Vaterland, denen er willig sein Leben opferte; und wenn auch heute viele andere Motive in Betracht kommen, ganz ohne jene erstgenannten wäre doch auch heute ein Heer noch unmöglich. Ähnlich ist nun, um wieder zu positiven Gesellschaftszuständen zu gelangen, jede menschliche Thätigkeit zu gestalten; sie ist wieder auf Ziele, die außer dem Individuum liegen, zu richten, wodurch wir zu einer „odivalr^ ok ladour", einem Rittertum der Arbeit, gelangen werden. Das Beispiel weiter ausführend, kommt Carlyle zu folgendem Vergleiche. Auch der Kampf mit den Waffen ist nicht immer ein ritterlicher und organisierter gewesen. Der Indianer bekämpft seine Feinde, lediglich um sie zu vernichten und ihre Skalpe in seinem Wigwam aufzuhängen. Ideen beherrschen sein Kämpfen nicht; daher bringt es keine soziale Organisation hervor; es ist unhistorisch und das Gesamtresultat aller jener zahlreichen Kriegszüge gleich Null. Anders der Ritter. Er tötet nicht, sondern unterwirft seine schwächeren Nachbarn. Er sucht sie dauernd zu beherrschen. Bald schlingen sich weitere Bande, als die des Zwanges, zwischen ihm und seinen Hintersassen. Er zieht mit seinen Vasallen aus, die mit und unter ihm kämpfen, und an seinen Eroberungen uud Siegen Teil haben. Durch ihu wurde — mochte sich auch die Wirklichkeit nur bis zu gewissem Grade dem Ideal nähern — die Gesellschaft organisiert und die europäische Geschichte hervorgebracht. Heute nnu hat der Kampf, den alle menschliche Geschichte darstellt, insofern einen andern Charakter angenommen, als es nicht mehr ein Kampf mit „Waffen", sondern mit „Werkzeugen", nicht mehr Krieg, sondern Konkurrenz ist, und die Waffen wegen der Thatsache der Demokratie und der Unmöglichkeit der Halsbandmethoden in Zukunft an Bedeutung verlieren müssen. Wie benimmt sich der Nachfolger des alten Feudalbarons, der Führer in dem industriellen Kampfe, der Arbeitgeber? Er gleicht heute noch mehr dem Indianer als dem Ritter. Seine Banknoten sind ihm, was die Skalpe für jene: an sich ebenso wertlos. „Er könnte ein Feldherr der — 176 — Industrie, ein Mitglied der letzten, echten Aristokratie sein. Die tausend Mann, welche um ihn herum spinneu und arbeiten, sind ein Regiment, welches er Mann für Mann angeworben hat, um einen sehr echten Feind zu bekämpfen: nämlich die Nacktheit des Rückens und die ungehorsame Baumwollenfaser." Aber wie viel besser verstand es der Feudalbaron, um den Sieg zu erringen, seine Arbeiter an sich zu fesseln: das eroberte Land teilte er unter sie als seine Vasallen, um in solcher Weise sie zu beherrschen. Sein Nachfolger dingt seine Leute auf eine vorübergehende Frist, lohnt sie mit einigen Groschen den Tag und glaubt im übrigen jeder Verbindung mit ihnen entbehren zu können. Die Nationalökonomie bestärkt ihn in dieser Anschauung, welche sie als „Gesetz" zu erweisen sucht; daß es ein solches nicht ist, zeigt das Ergebnis seines Kampfes. Der Sieg ist nur scheinbar errungen und das Endresultat seiner Anstrengungen wie bei den Kämpfen der Indianer gleich Null. „Die Baumwolle ist bezwungen, aber die nackten Rücken sind schlechter bedeckt als je." Das Geld, das Symbol des Sieges, nutzt dem Sieger zu nichts, weder zum Genuß, noch zur Macht. Denn beides ist nur möglich in der Verbindung und Vereinigung mit anderen; Vereinsamung ist die Höhe des Elends. Dies erfährt nun der siegreiche Anführer, den seine Soldaten, nicht wie die Hintersassen ihren Baron lieben, vielmehr hassen und verwünschen, zudem, wo sie können, schädigen. Zwischen beiden besteht ein Zustand fortgesetzter Empörung, statt eines geordneten und gegenseitigen Zusammenwirkens. Hierin nun muß Wandel eintreten. „Selbst rotröckige Regimenter," sagt Carlyle, „geschweige denn Ritter, würden nicht für dich kämpfen, wenn du sie am Abend der Schlacht gegen Bezahlung der stipulierten Schillinge ablohnen könntest und es ihnen freistünde, am Morgen mit dir dasselbe zu thun. Hospitäler, Pensionen, Beförderungen, ein strenger, dauernder Vertrag auf der einen wie auf der anderen Seite. Um wie viel weniger konnte der Feudalbaron mit bloßen zeitweiligen Söldnern auskommen, zu sechs Groschen den Tag, — 177 — die bereit gewesen wären, auf die andere Seite hinüberzugehen, wofern man ihnen sieben Groschen geboten hätte. Er hätte nicht existieren können.--"*) In gleicher Weise muß der, welcher zu seiner Nachfolge unter dem heutigen wirtschaftlichen System berufen ist, es irgendwie verstehen, diejenigen, mit denen er zusammenarbeiten soll, sich zu verbinden. Er muß in ihnen das Bewußtsein der Interessengemeinschaft erwecken und weitere Bande als die des Angebots und der Nachfrage, soziale Bande im Gegensatz zu jenen individualistischen, zu begründen wissen. Carlhle kommt so zu dem Begriff des „caMin ok in- äustr^", des Hauptmanns der Industrie. Dieser „Hauptmann der Industrie" ist mit Ausdehnung des Jn- dustrialsystems zum Nachfolger der alten Feudalaristokratie berufen, zum Herrscher auf dem Gebiete der äußeren Formen der Gesellschaft, ähnlich wie auf dem inneren Gebiete der Priester durch den Schriftsteller verdrängt wird. Notwendig aber hierzu ist, daß er gerade in dieser Richtung den früheren Aristokratien nachfolge und iu gewissem und zwar in höherem Grade als dies bei anderen Klassen der Fall ist, seine Interessen mit den allgemeinen zur Deckung bringe. Ein „Hauptmann der Industrie" ist derjenige Arbeitgeber, welcher auf gesellschaftlichem wie sozialem Gebiete die Interessen der Arbeiter zu den seinen macht, nicht aus Wohlthätigkeit und um dadurch ein patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis herbeizuführen, welches im eigenen Interesse auszunutzen die Versuchung nur zu nahe liegt. Vielmehr wird er, wenn seine Standesgenossen ihm nachfolgen, der politische Führer der freien und fortgeschrittensten Arbeiter der Nation, nnd damit, je mehr der Arbeiterstand die breite Basis des Volkes wird, der Politische Führer überhaupt. Daß solche Männer heute in England nicht mehr zu den Seltenheiten gehören, habe ich an anderer Stelle ausgeführt: Männer, welche von denkenden und iu der Arbeiterbewegung *) ?Ä8t s.nä?i-ö8snt, Ausgabe von Kretzschmar, Bd. VI, S, 259. v. Schulzc-G-iv-rilihi, CaNyle. 12 voranstcheudeu Arbeitern in das Parlament gewählt wurden. Carlyle hat durch die Aufstellung dieses Ideals zur Erziehung jener neuen Generation der englischen Arbeitgeber wesentlich beigetragen, welche von ihren Bcrufsgeiiosscn im Anfange des Jahrhunderts in derselben Weise verschieden sind, wie der landeingesesseue Edelmann von dem Squatter des fernen Westens. Aber Carlyle kennt einen besseren Lehrmeister als den Moralisten, einen solchen, der selbst den trotzigsten Kopf überwinden wird: „den unbeugbaren Lauf der Dinge". Er rechnete mit Sicherheit auf eine Veränderung der Zustände, weil das soziale System, wie es damals bestand, sich als unmöglich erweisen mußte. „Wenn Väter und Mütter in Hungerkellcrn zn Stockport ihre eigenen Kinder zu verzehren beginnen, —- — — wenn mitten unter deu regierenden „Korporationen der besten und edelsten", die nur auf die Erhaltung ihres Wildstandcs besorgt sind, dunkle Millionen von Gottes menschlichen Geschöpfen sich in wahnsinnigen Chartismeu und Meutereien erheben — während eine mögliche industrielle Aristokratie erst halb am Leben und unter Geldsäcken und Kassenbüchern verzaubert, eine anerkannte träge Aristokratie unter Täuschungen und Sünden fast erstickt scheint — in solcher Zeit wird es nach einigen Generationen selbst für den schlichten und ungebildeten Geist ganz handgreiflich unmöglich."*) Der sachliche Blick Carlyles zeigt sich darin, daß er unter den Mitteln, welche eine Veränderung herbeizuführen berufen sind, die Kampfgenosscn- schaften der Arbeiter erkannte. Sein Wort, daß die große Masse der Menschen sich nicht selber führen könne, galt ihm von den vereinzelten Individuen, von der unorganisierten Masse. In den vielgestaltigen Vereinen der englischen Arbeiter aber regte sich wieder nencs soziales Leben, welches um so bedeutungsvoller werden mußte, als es innerhalb einer rein individualistischen Gesellschaft erblühte. Carlyle war der erste, welcher darauf hinwies, daß Er- »> ?ast s-llä?i-sssnt, Ausgabe von Krehschmar, Bd. VI, S. 258. höhung der Lebenshaltung der Arbeiter nicht den Arbeitgebern schädlich sei, vielmehr den Wert jener „als bloßer Arbeiter" erhöhe — eine Einsicht, in welcher ihm die eng- lischcn Arbeitgeber allmählich nachfolgten. Wie jeder Kampf in der Ermittlung der Machtverhältnisse besteht, so dürfte auch der Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeiter einmal aufhören, sobald sich friedlichere Methoden finden, die Macht beider Parteien festzustellen. Es könnte damit das Arbeitsvcrhältnis wieder zu einem dauernden werden, wie es das früher gewesen ist. Carlyle enthält sich jeder weiteren Ausgestaltung eines Zukunftsbildes. Skeptischer selbst als Mill verhält er sich gegenüber der Möglichkeit einer genossenschaftlichen Produktion, Carlyle hat nicht, wie die Sozialisten, durch den Glanz einer sozialen Utopie die Massen bestochen. Dennoch verfehlte seine Ausdrucksweise ihren Eindruck nicht; eine Probe derselben bieten folgende Worte. „Schwierig ist die Aufgabe; aber die kurzfaserige Baumwolle war ebenfalls schwierig. Den Baumwollenstrauch, solange unbenutzt nnd ungehorsam wie die Distel am Wege — ihr habt ihn erobert.--- Ihr habt Berge in Stücke geschlagen, das harte Eisen geschmeidig gemacht; die Waldriesen, die Snmpf-Jotuns tragen Garben goldenen Kornes. Ägir, der Meeresdämon selbst, streckt seinen Rücken zur glatten Heerstraße für euch. Auf Fcucrrosscn braust ihr einher. Ihr seid sehr stark! Der rotbärtige Thor mit seinen blauen Sonnenaugen, mit seinem heitermutigen Herzen und gewaltigen Donnerhammer, er und ihr habt die Oberhand gewonnen. Ihr seid sehr stark, ihr Söhne des eisigen Nordens —- fcrnherziehend aus der grauen Dämmerung der Zeit. Ihr seid Söhne des Jotun- landes, des Landes der überwundenen Schwierigkeiten. Schwierig? Ihr müßt es versuchen."--Ihr werdet auch hier, könnte man den Gedanken fortführen, wie Carlyle anderwärts gethan hat, ihr werdet auch hier Ordnung in das Chaos bringen, ihr das mutige Volk der Germanen, die ihr schon einmal eine zerfallene Welt neu organisiert habt.*) *) ?ast aiicl?rsssnt, Ausgabe von Krctzschmar, Bd. VI, S. 261. — 130 — Carlyle nimmt eine eigentümliche Mittelstellung ein zwischen denen, welche die einzig mögliche Rettung beim Staate suchen, und denen, welche alles von der freiwilligen Initiative der einzelnen erhoffen. Das Ncuübcrhandnehmen sozialer Gesinnung, das nach ihm das wichtigste ist, soll in gleicher Weise den Staat sowie die einzelnen ergreifen. Gehen wir zu der Rolle über, welche Carlyle dem Staate anweist, so sehen wir ihn auch hier weit davon entfernt, irgend welche Maßregel als das Univcrsalmittel gegen alle Leiden hinzustellen; eine allgemeine Vorschrift für die Zukunft aufzufinden geht über den Verstand des einzelnen. Was dem einzelnen wie dem Staate allein übrig bleibt, ist eine Politik von Fall zu Fall, getragen durch Erkenntnis und Anerkennung der unumstößlichen Thatsachen der Zeit. Carlyle hat in Beziehung auf die Grenzen der dem Staat zukommenden Thätigkeit im Gegensatz zu der herrschenden Theorie sich wiederholt für staatliche Regelung der Arbeitsbedingungen uud Schutz der Schwachen ausgesprochen, damit ein Befürworter zugleich der frühesten Fabrikgesetzgebung. An einer Stelle stellt er sich vor, daß er diese seine Ansichten vor einem Auditorium von Zeitgenossen verteidige. Wenn er dabei auf die Notwendigkeit zu sprechen kommt, daß die Arbeit unter einer „entsprechenden Regulierung" vor sich gehen solle, „so erhebt sich," sagt er, „ein unbeschreiblicher Aufruhr, nicht länger unterdrückbar, seitens aller Art von Volkswirten und Konstitutionellen uud Professoren jener „häßlichen Wissenschaft", welche recht zahlreich im Saale zerstreut sitzen; Rufe ertönen, wie: „Private Unternehmung", „Rechte des Kapitals", „Frciwilligkeitsprinzip", „Grundsätze der britischen Verfassung", getragen von dem beistimmenden Gesumme der ganzen Welt". Wenn heute in England die Zulässigkcit staatlichen Eingriffs allgemein anerkannt ist, so zeigt dies die Größe des Umschwungs, welcher sich seit einem Halbjahrhundcrt in der öffentlichen Meinung vollzogen hat, an dem Carlyle ursächlich beteiligt ist. Bor allem aber forderte Carlyle die Abschaffung der Gctreidezölle. In ihnen sah er eine höchst gefährliche Be- günstigung einer Politisch einflußreichen Gesellschaftsklasse. In ihrer Abschaffung hat er ein Hanptverdienst Sir Robert Pccls erblickt. Hierdurch wurde nach Carlyles Meinung Zeit zu weiteren Reformen erst gewonnen, während ein Fortbestehen der Kornzölle — wie er fürchtete — die Revolution in nächste Nähe gerückt hätte. Sodann befürwortet Carlylc Fabrikgesetzgebung und eine staatliche Beaufsichtigung der sanitären Verhältnisse der arbeitenden Klassen. So wäre z. B. ciu Gesetz über Mini- malanfordcrungen an Wohnungen, die zu menschlichein Gebrauch dienen sollten, zn erlassen. Es tauchen ferner natürlich auch bei Carlyle diejenigen Vorschläge auf, für die in England sich das Herz jedes Menschenfreundes erwärmt: die Parkanlagen innerhalb der Großstadt, verbunden mit Spiel- Plätzen zum Zweck der nationalen Spiele, ferner Volks- bädcr u. f. w. Carlyle enthält sich auch hier eines Eingehens auf Einzelheiten. Das Interesse des Kapitals dürfe jedoch nicht allein den Ausschlag geben. Eine Industrie, welche sich nur auf Kosten der Gesundheit ihrer Arbeiter erhalten könne, sei eben nicht lebensfähig und darum nicht zu schützen. Vielmehr ist eine aus moralischen und hygienischen Gesichtspunkten sich ergebende Grenzlinie zu ziehen, welche der Staat als Minimum der Lebenshaltung seiner Angehörigen aufstellt, und welche allen Schwankungen der Nachfrage und des Angebotes gegenüber absolut sein soll. Das schwierigste aber und zugleich wichtigste Problem für den staatlichen Eingriff bildet der Pauperismus. Derselbe ist uicht mit anderen Schäden, an welchen wir leiden, als gleichgeordnet zu erachten; er ist vielmehr der Punkt, in dem sämtliche Fehler unseres sozialen Systems zur Erscheinung kommen. Hätten diejenigen, welche zur äußeren und inneren Führung des Volkes berufen sind, thatsächlich geführt, so gäbe es keinen Pauperismus. Nun aber jene das uicht gethan haben, vielmehr von Selbstsucht beherrscht, nur deu Platz der Führer inne haben, ohne deren Funktionen zu verrichten, so fallen alle die, welche ^am wenigsten fähig — 182 — sind, sich selber zu führen, jene „geborenen Sklaven, die keinen Herrn mehr finden können" dem Elend anheim. Diese Erscheinung breitet sich aus, je mehr die ererbten sozialen Bande schwinden, bis endlich ein Ergebnis erreicht ist, in dem sich das individualistische Gesellschaftssystem selber richtet und vor der Alternative: Reform oder Auflösung steht. Welche Maßregeln aber hat nach Carlyle der Staat dem Pauperismus gegenüber zu ergreifen? Wahre Hilfe ist nur von einer innerlichen Veränderung zu erwarten, von einem Neuaufblühen von Organisationen der Arbeiter an Stelle individualistischer Isoliertheit. Ein besonderes Gebiet jedoch, ans dem der Staat selb' ständig vorgehen könnte und sollte, ist nach Carlyle, der auch hierin der öffentlichen Meinung seines Volkes vorangegangen ist, die Landfrage. Wir haben oben gesehen, wie ihm die Sportländcreicn der englischen und irischen Großen einen Dorn im Auge waren. Er glaubte, daß die Zukunft das Land dem Klcingrnndbesitz zurückgeben müsse. „Die Jagdsaisons," sagt er, „werden gut sein, sie werden schlecht sein und zuletzt werden sie gar nicht mehr sein." Solche Wünsche wurden für Carlyle wie für unzählige seiner Landslcnte, insbesondere durch den Anblick eines hungerudeu Proletariats angeregt und staatlicher Eingriff schien um so gerechtfertigter, als nach allgemeiner, ans die Rechtsgeschichte gegründeten Überzeugung der Grund und Boden nicht ebenso im freien Eigentum des einzelnen steht als die fahrende Habe. Gerade auch in sozialer Hinsicht legte Carlyle der Einigung Deutschlands eine Bedeutung bei, mit der er nur das Ereignis der Zeitgeschichte zu vergleichen wußte, in welche der Tag seiner Gcbnrt noch hineingefallen war. Damals hatte die französische Revolution Enrkpa durchzittert; die Geschichte war seitdem „eine Periode dcv Revolution" gewesen. Nun war ein Ereignis wieder eingetreten, welches den Sieg einer positiven Macht bedeutete.. Nicht als ob Carlyle Deutschland von der allgemeinen Entwicklung ausgenommen geglaubt-hätte. , Die soziale Frage, die sich bereits früher für England erhoben hatte, .kMfte bald auch an — 133 — Deutschlands Thür. Dieselben Probleme, dieselben Kämpfe standen ihm bevor. Aber noch waren in Deutschland geschichtliche Mächte aus früherer Zeit überkommen, welche — ihrerseits zwar gewiß auch vergänglich — noch auf lange hinaus imstande schienen, den Bestand der Gesellschaft äußerlich zu sichern. Indem Deutschland „den Vorsitz in Europa" angetreten habe, meinte Carlyle, sei für Europa eine weitere Frist von mehreren Jahrhunderten gestellt zu dem Versuche, die in ihm vorhandenen Keime des sozialen Neuaufbaues zu entwickeln. Dieser Versuch freilich dürfte nach seiner Ansicht nur dann gelingen, wenn der Entwicklung, die in friedlichen Bahnen zu halten man stark genug ist, uugehinderte Entfaltung gewährt wird. Nur die freie Entfaltung der Geister ist imstande, dem haltlosen und zerrissenen Zeitalter neue Ideale zu geben und damit ncne soziale Zusammenhänge zu schaffen. Carlylcs Verdienst aber wird es bleiben, den Grundpfeiler jener neuen und doch alten Weltanschauung aufgerichtet zu haben: Eine hervorragende Stellung iu der Gesellschaft ist nur dann berechtigt, wenn sie der Hebung der unteren Schichten, Besitz nur dann, wenn er der Aufwärts- bewcgung der Besitzlosen dient. — 184 — (Quellen. Die im folgenden angeführten Citate sind der „I/idrarv Däition" der Werke Carlylcs, London 1369— 71 entnommen, 34 vols. 8°, sowie der deutschen Ausgabe von Kretzschmar 1855. Die chronologische Reihenfolge der Werke Carlylcs ist folgende: HikAknclrs's lAswsnts ok üeowetrv ancl ?riA0noinötrv 1824 'VViltikliQ Ueistsrs ^xprentiLesliip...... 1824 llks ok ?risÄrioli Sonillsr........ 1825 (ükrrllan Rom^uLS . . . ,....... 1827 ^rsnon Revolution........... 1837 Lartor Rssartus............ 1333 Lritiosl ancl Nisoellaiisous Lss^vs...... 1839 0tl^rtisrQ.......'....... 1340 Hsross, Hsro-^Vorsdip, anä tlis Hsroio in Listorv 1841 ?ast anä ?rsssnt........... 1843 I^iks anä luöttsrs ok Oliver Lrorn^vsll .... 1845 I^tter-Os-v kamxdlsts......... 135? luikö ok 5onn LtsrlinA.......... 1851 Ooo-rsional Oisooursö on tns UiZZer Husstion . . 1853 Historv ok ?riöSrion II........ 1858—65 InauAural L.6rsss at LäinbnrZd...... 1866 Nr. 0s,rlvls on tns War......... 1371 Des weiteren citieren wir: Rsrninisosnoes dv ?norns.s Larlvls, säitsä bv ^rnss ^.ntlionv ?ronäs.......... 1331 Lorrssponäsnos ok Idomas L!g.rl^lö auä Rs.1plr Waläo Drnsrson............. 1833 üarlv I-öttsrs ok ^donms Larlvls sä. dv Norton . 1886 Lorresponäsnes bstvesn Koktns g.nä Lsrlvls . . 1387 ?ronäs, Inoraas (Zarlvls. I,onäon, II Vols. . . 1882 ?ronas, rkoraas varlvls. I^onäon, II Vols. (Forts.) 1885