^ ^ Gesammelte Schriften von Ludwig Vamberger. Band m. Werltn Rosenbaum Kart 1895. politische Schriften von 1848 bis 1868. Von Kudnig Kamverger. Berlin Rosenbaum H Hart 189k. Inhalts - Verzeichnis. Sclt- Die Flitterwochen der Preßfreiheit...... 1 Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung..... 59 Juchhe nach Jtalia........... 159 Ans den Demokratischen Studien:...... 193 Vorwort ............. 198 Des Michael Pro Schriftenwechsel niit Thomas Contra aus dem Jahre 1859 ...... 204 Berlin in Paris............ 255 Ueber die Grenzen des Hnmors in der Politik . . 267 Alte Parteien und neue Zustände ...... 291 Nousiöul- clö öismaivk.......... 337 Die Slitterwochen der Preßfreiheit. Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. 111. I Vorbemerkung. 53ie hier folgenden neun Leitartikel sind einer Sammlung von deren siebenundzwanzig entnommen, welche ich im Mai 1848 unter dem Titel „Llitterwochen der Preßfreiheit" herausgab. Mein erster journalistischer Waffengang fiel mit der durch die französische Lebruar-Revolution in Deutschland hervorgerufenen Märzbewegung zusammen. Am 6. März hatte der Großherzog von Hessen, hauptsächlich auf das immer stürmischer gewordene verlangen seiner rheinischen Provinz und deren Hauptstadt Mainz hin, sein altes Ministerium entlassen, seinen Sohn zum Mitregenten ernannt und die damals stereotypen freiheitlichen Forderungen bewilligt. Am 8. März feierte die Stadt Mainz diese „Revolution" in einem glänzenden öffentlichen Lest. Am folgenden Tage suchte ich den mir bis dahin unbekannten Verleger der „Mainzer Zeitung" auf und bot ihm meine Dienste an, die er sofort annahm, obwohl ich ihm auch ein gänzlich neuer Mensch war, natürlich bei meinen vierundzwanzig Jahren und meinem bis Hahin völlig zurückgezogenen Studienleben. Am 10. März erschien mein erster Leitartikel. Cs folgten noch einige andere, und da sie Aufmerksamkeit erregten, beschloß der Verleger das Lormat der Zeitung, die bis dahin in bescheidenem Guart erschienen war, zu einem für den damaligen Brauch sehr ansehnlichen Großfolio anwachsen zu lassen. Am 1ö. März 1* traten wir in dieser neuen Gestalt auf, und an der Spitze des Blattes paradirte der Leitartikel „Das deutsche Parlament", welcher die erste Nummer der „Slitterwochen" bildet.*) Cr ist auch als der erste in die hier folgende Auslese aufgenommen. Dem Aufsehen, das er erregte, kam ganz besonders zu statten, dasz ihm sofort von der Residenz aus die Ehre einer lebhaften Abwehr zu Teil wurde. Dies verhielt sich so: der Verleger der Zeitung war ein Herr Theodor von Zabern, verheirathet mit der Tochter des Staatsraths Jaup. Letzterer, welcher zu den alten Liberalen in Darmstadt gehörte, war soeben von dem neu ernannten liberalen Minister Heinrich von Gagern an dessen Seite gerufen worden. Als er den Leuerbrand gewahrte, den ich in die bis dahin so friedliche Zeitung seines Schwiegersohns geworfen hatte, stiegen ihm, um dessen willen, sowie wegen der sehr aufgeregten Stimmung, die damals Rheinhessen beherrschte, schwere Bedenken auf. Er sandte also mit seiner Namensunterschrift einen Gegenartikel ein, in dem er vor den republikanischen Tendenzen und vor der Undankbarkeit gegen die deutschen Lürsten warnte, die aus meinem Artikel sehr unverblümt herausschauten. Natürlich ließ ich es an einer Replik nicht fehlen, die zwar respektvoll, aber doch sehr entschieden gehalten, war. Diese beiden Stücke sind im folgenden nicht abgedruckt. Sie mußten jedoch erwähnt werden, weil sie den Keim zu den Schwierigkeiten legten, in deren Solge ich anfangs Mai die Redaktion niederlegte, allerdings, um sie in einer späteren Periode wieder aufzunehmen. Der Kampf, den ich bis dahin in der Mainzer Zeitung gegen die Partei Gagern weiter führte, war in dem Maße, als die politischen Gegensätze zwischen den deutschen März- ministern und der Demokratie sich verschärften, immer heftiger geworden, und meinem Verleger, einem vortrefflichen, aber etwas ') Das kleine Buch, dem die hier folgende Auslese entnommen ist, erschien als die Sammlung aller bis dabin von mir verfaßten Leitartikel bei Joh. Wirth in Mainz unter dem Titel: Die Flitterwochen der Preßfreiheit. Ein Politisches Mosaikbild aus leitenden Artikeln von Ludwig Bamberger, ehemaligem Redakteur der „Mainzer Zeitung'. Die Vorrede ist vom ZU. Mai 1348 datirt. !2l6 Seiten.) behäbigen Manne, bereitete der Federkrieg zwischen seiner Zeitung und dem Vater seiner Frau soviel Mißbehagen, daß ich, um seiner Noth ein Ende zu machen, ihm selbst vorschlug, mich zu entlassen. Auch in der Stadt Mainz waren die Gegensätze sehr schroff geworden, und ein Theil der oberen Fünfhundert, namentlich Beamte und reichere Laufleute, fand sich bewogen, ein gemäßigtes Grgan, die „Rheinische Zeitung" (nicht zu verwechseln mit der kölnischen gleichen Namens) zu gründen. In der Zeit zwischen jenen Erstlingsversuchen im März bis zu meinem Rücktritt im Mai schrieb ich beinahe einen Tag um den andern den Leitartikel abwechselnd mit dem älteren Redakteur Dr. Karl Mische, der später lange Jahre das Auswärtige in der „Kölnischen Zeitung" bearbeitet hat. Daneben besorgten wir zwei allein alles Uebrige der Redaktion. Die im Folgenden ausgewählten Nummern geben ein Stimmungsbild jener Epoche des Vorparlaments und der ersten Tagungen der deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche. Ich wohnte den Sitzungen derselben bei und berichtete darüber in meinem Vlatt. Dreifacher Art sind die Elemente, die da zusammenfließen und sich abspiegeln. Zum ersten: die allgemeine demokratische Richtung; zum zweiten die besondere Art, die in den Rheinlanden vorherrschte, endlich das Zusammentreffen dieser beiden Elemente mit der individuellen Geistesverfassung des Schreibers. Es war eine erste stürmische Eruption, die plötzlich gegen alle Erwartung entfesselt, alles in der Stille angesammelte Material ausströmen ließ. Da drängte sich so vieles und so vielerlei zusammen, daß das Produziren mit wohlthuender Leichtigkeit von statten ging. Man brauchte nur den Zapfen auszustoßen, und es quoll lebendig sprudelnd heraus. Dabei die erste Lust, sich gedruckt zu sehen mit dem blitzschnellen Effekt auf die nächsten Mreise. Nach wenigen Tagen standen schon die Ungeduldigen sich drängend auf der Straße vor dem Vureau der Zeitung, lange ehe sie ausgegeben ward. Das mußte dem natürlichen Feuer noch mehr Nahrung zutragen. Die politische Tendenz galt auch damals schon vor Allein der deutschen Einheit, allerdings nicht mit der preußischen Spitze, denn das preußische war uns besonders antipathisch, und die Demokratie war großdeutsch. Die Einheit konnte ich mir nicht anders vorstellen, als mit Beseitigung der Surften. Der Bundestag, die Landesherren hatten Alles in sich personifizirt, was als Zerstückelung und Unterdrückung der deutschen Nation sich mit kaß beladen hatte. Daher erschien die Einheit kaum anders, als in republikanischer Lorm denkbar, wozu noch die im Cultus der französischen Revolution herangewachsene politische Zinnesweise das ihrige beitrug. Das tiefe Mißtrauen in die Aufrichtigkeit der im Handumdrehen zugestandenen „Bewilligungen" erklärt sich daraus von selbst und ward durch den späteren Verlauf nur zu sehr gerechtfertigt, wie sich dieses finstere Mißtrauen gegen die regierenden Geschlechter und ihre Anhänger mit dem hell auflodernden Seuer der Begeisterung für die große Zeitbewegung mischt — das ist es, was meines Erachtens, diesen ersten politischen und publizistischen versuchen ihr vorherrschendes Gepräge giebt. Der flachklang philosophischer und ökonomischer Studien, zwar etwas doktrinär, aber durch die Srische der Tugend vor Trockenheit bewahrt, fügt dem Colorit eine eigenartige Schattirung bei, die, wenn ich mich nicht täusche, sich auch später nicht verloren hat. Die ökonomische Anschauungsweise, zwar vorzugsweise genährt aus den Werken der klassischen, individualistischen Schule, zeigt die Spuren der Einwirkung von Friedrich List und der sozialistischen Litteratur, kabe ich doch etwas später proudhon's Lsn^us Zu ?eup1s ins Deutsche übertragen und mit einer Vorrede herausgegeben. Alles in Allem wird die nachstehende Probe jugendlichen Beginnens wohl bestätigen, daß der Mensch im Kaufe der Jahre sich zwar ändert, aber doch in vielem derselbe bleibt. Juli 1894. V. Das deutsche Parlament. Geständnis eines Staatsverbrechers. Motto: Das Verbrechen des Hochverraths wird begangen durch Angriff oder Verschwörung . . . . 2) gegen die Selbständigkeit des Staates. (Gr. Hess. Sirasgstzb., Art. 129- Den 16. März 1848. , ^lir haben die Freiheit der Presse, das ist im scru- pulösen Sinne des Wortes die Möglichkeit, durch den Druck jede Meinung auszusprechen, deren Veröffentlichung kein besonderes Gesetz verbietet. Aber wir haben noch mehr als das, wir haben die Freiheit des Moments! Zuckend liegt die alte Welt im Sterben, ein neu Geschlecht stürmt über ihre Leiche, und aus dem Schoß der ringsum bebenden Erde schlägt hoch zum Himmel auf der entfesselte Geist der Menschheit. Halb wach von ihrer Träume Lager aufgesprungen, stehen in dem wilden Schöpfungschaos verlegen zitternd die zwerghaften Gewalten, welche schlafend die scheintodte Welt hüteten. Jugend, deine Zeit ist da! die Zeit, von der du so lange gesprochen und gesungen, die Zeit, mit sieghafter Hand die Errungenschaft des Geistes, das Schlußwort der Erkenntnis als eine That in den Boden deines Landes einzupflanzen! Das ist nicht blos der Augenblick, die Freiheit nach dem Gesetze zu gebrauchen, es ist der Augenblick, die Gesetze der Freiheit zu machen. Nur aus dem Tod erblüht Leben, ewig ist nichts als die Veränderung! Auch die Gesetze müssen fallen, nur die Gesetzlichkeit muß bestehen; wenn stets das Alte gelten soll, wohin soll denn das Neue kommen? Niemand glaube ein Freund der guten Sache zu sein, weil er jetzt in den befriedigten Jubel einstimmt: das ist leicht, auf dem Grabe seines Feindes zu tanzen; wer ernstlich an die Freiheit glaubt, der hat den Mut, im Namen der Zukunft der Gegenwart trotzig ins Gesicht zu reden, der Gegenwart, welche das Gesetz für sich hat, Demi das Gesetz ist der Ausdruck des Bestehenden und der Feind des Werdenden. Das ewige Lied vom gesetzlichen Fortschritt muß verstummen vor dem ewigen Gesetz des Fortschritts. Alle Reformatoren waren Verbrecher! Heraus ihr Schwerter der Justiz! ich will euch einen Hochverräter denuncieren. Über ihn, Männer der Gerechtigkeit! ich zeige ihn euch, ganz Deutschland heißt der Bösewicht! Ja, im Angesicht von achtunddreißig Gesetzbüchern stehen achtunddreißig Millionen Verbrecher. Ihr Losungswort heißt: Deutsches Parlament. Die Wächter des Gesetzes vernehmen es, und sie verstehen es nicht; die Verschworenen verstehen es und sagen es nicht. So will ich der Verräter sein. Der einstimmige Ruf nach einem deutschen Parlament ist bloß der Ausfluß der allgemein und ohne Widerspruch anerkannten Wahrheit, daß nichts wünschenswerter sei, als Deutschland in einen einzigen Staat verwandelt zu sehen. In diesem Gedanken — ich habe darauf vorbereitet — liegt der Keim eines Hochverrates. Aber wenn die Freiheit der Presse es möglich macht, ihn in die Welt hineinzuschicken, so muß die Freiheit des Momentes ihn vor der Verfolgung sichern. Der Augenblick, wo die ganze Welt aufsteht, im Namen der nnverjährbaren Menschenrechte, ergreift alle Geister mit der Gewalt des sittlichen Ernstes und gießt über sie aus die Macht der erhabenen Wahrheit; und während der Zauber dieses heiligen Momentes alle Kräfte, sogar die des Gesetzes bannt, wollen wir hintreten und es aussprechen: Ja. alle Deutsche wünschen nichts sehnlicher, als daß Deutschland ein einziger Staat sei, und ihr Verlangen nach einem deutschen Parlament ist nichts als ein Vorbote oder eine Umschreibung für dies ihr wahres Begehren. Stehe gegen diesen Ausspruch aus, wer behaupten will, daß er eine Lüge, oder die Wahrheit zu sagen eine Sünde sei. Aber mehr noch! Stehe auf, wer behaupten will, daß die Deutschen Unrecht haben, eine solche gänzliche Vereinigung zu wünschen! Beweise Einer, daß es besser sei für die deutsche Nation, in achtunddreißig Souveränetäten zerrissen, als ein einziger Staat zu sein! Wohlan! Vierunddreißig reiche Throne suchen einen Anwalt. Wahrhaftig sie werden keinen finden, der die eiserne Stirne hätte, sie zu verteidigen. Nie haben sich die abtötenden Wirkungen dieser sinnlosen Zersplitterung empfindlicher gezeigt, als in diesem Augenblick, wo die südwestdeutschen Staaten, uach- dem sie so lange in politischer Dürftigkeit gedarbt haben, plötzlich das Erbe der Freiheit an sich rissen. Welche Verwirrung in den Begriffen des Volks, welcher Mangel an politischen Talenten bei den Regierungen! Wie schwer ist es überall, Männer zu finden, welche der Aufgabe gewachsen sind, rasch das Staatsgebäude nach den neuen Grundsätzen zu organisieren! Was ist in Baden, Hessen oder Nassau geschehen, diese kostbare Zeit durch Sicherung der notwendigsten Reformen in den Staats-Einrichtungen — 10 — zu benutzen? Gar Nichts! Was da ist, war die Frucht und das Werk des ersten Augenblicks. Die Schuld davon liegt einzig in dem Mangel an politischen Größen, die sich in den engen Verhältnissen eines Stäätleins nicht entwickeln können. Nicht blos die Naschheit des Blicks, welche durch die Überschaunng umfassender Verhältnisse, nicht bloß die Gewandtheit, welche durch die Mannigfaltigkeit der Erfahrungen erlangt wird, mit Einem Wort, nicht bloß die Geschicklichkeit fehlt unsern Staatsmännern, sondern vielmehr noch der Mut, das Selbstvertrauen, welche aus der Bekanntschaft mit einem großartigen Betriebe erwachsen. Wie auch hätten sich alle diese Fähigkeiten bilden können durch die Teilnahme an einem kleinlichen Staatshaushalte, zu dessen Leitung der beschränkte Blick eines staatsexaminierten Schreibers ausreicht? — Größtenteils aus derselben Quelle entspringen aber auch die demütigende!? Szenen, welche die errungenen Freiheitstriumphe entweihen. Diese ktäglichen Vorstellungen von den eroberten politischen Gütern, welche das Volk zu vandalischen Thaten hinreißen, seine Freunde mit Trauer und seine Feinde mit Frohlocken erfüllen, diese blinde Wut gegen die unbedeutendsten Werkzeuge der obersten Gewalten und gegen die (politisch unschuldigen) häuslichen Frivolitäten der Fürsten, dieses gedankenfeindliche Ungestüm, welches nur zum Geschrei des Unwillens angeführt sein will, diese bornierten und barbarischen Judenverfolgungen endlich sind die Ausbrüche eines Geistes, dem die politische Richtung beinahe gänzlich abgeht. Diese Richtung, der selbständige Lebensgenuß, welcher in dem Bewußtsein liegt, thätiges Mitglied eines Verbandes zu sein, der die Aufgabe hat, nach Innen und Außen die Geschicke des Menschengeschlechts zu entwickeln, kann in einem kleinen Staate bei dem Denker nnr als Wunsch, bei der Mehrzahl gar nicht aufkommen. Solche Vereinigungen suhlen sich in der Begleichung zum großen Ganzen — 11 — zu unbedeutend, als daß sie auf den Gedanken kommen könnten, wichtige Probleme zu lösen; jedwede Art von Kraft dazu fehlt ihnen außerdem; ihre Einwirkung auf die Welt- verhältnisse ist gleich Null. Der ganze Staat ist nichts als ein erweiterter Haushalt, und es ist viel, wenn er nur im Wege der Nachahmung die Fortschritte glücklicherer Nationen auf sich anwenden kann. — So ist es gekommen, daß wir an staatsmännischen Talenten und allgemeiner politischer Gesinnung den empfindlichsten Mangel leiden. Hundert andere Übel, die aus derselben Quelle fließen, haben sich schon im Laufe der vergangenen Zeiten offenbart; sie sind in Aller Mund, und die Grundursache selbst, die Zerrissenheit Deutschlands, ist längst verurteilt. Dergestalt also stehen die Sachen. Fern von aller politischen Skandalsncht uud Polteret sei es gesagt: Kein vernünftiges Bedenken, nur das Interesse der Fürsten steht der Vereinigung Deutschlands im Weg. Der Streit zwischen dem Heute und dem Morgen ist keine Controverse über die Vorzüge zweier politischen Prinzipien, sondern der Konflikt zwischen dem Fortschritt des allgemeinen Wohls und Privatrechten, die nach den bisherigen Gesetzen wohl begründet sind. Es kann nicht oft genug wiederholt werden: nicht in politischer Schmähsucht wenden wir uns an die Fürsten. Wer fühlte sich rein und uneigennützig genug, den Stein aufzuheben gegen die, deren Selbstverläugnnng nicht bis zu dem bittern Opfer einer Thronentsagung geht? Ist es doch — weil die Einsicht so gewaltig von dem eignen Vorteile beherrscht wird — sogar denkbar, daß die deutschen Souveräne die Sonne selbst nicht sehen, die Notwendigkeit von Deutschlands gänzlicher Verschmelzung. Aber es bleibt darum nicht minder wahr, daß der Kampf der Dynastieen mit der Nation kein Kampf gleicher Elemente ist, sondern der Zusammenstoß des öffentlichen Wohls mit einem Eigentumsrechte. Denn, aus dem feudalen Untereigentum entsprungen, hat die Landes- Hoheit es zu keinem andern als einem privatrechtlichen Wert für den Besitzer gebracht, und zu Regensburg und Wien hat man sich nicht um das Recht der Menschheitsbeglückung gestritten. Wie dem immer sei, der stolze Geist, welcher im Vertrauen auf die Heilkraft der Zivilisation mitleidig, doch unerbittlich dahinschritt über die unglücklichen, durch verbesserte Produktionswerkzeuge brodlos gewordenen Proletarier, wird früh oder spät auch den Arbeitern an der deutschen Staatsmaschine verkünden, daß sie entlassen sind, weil das Werk dnrch eine nene Erfindung, die deutsche Einheit, vervollkommnet worden. Und der Ruf nach einem deutschen Parlament ist nichts als das Resultat dieser Erkenntnis, das heimlich brennende Gelüste nach dieser verbotenen Frucht. Habe ich aus der Schule geplaudert, die wohlberechneten Pläne durchkreuzt? Lange genug haben die schlauen Politiker in superkluger Geduld die Stunden des tausendjährigen Reiches ausgerechnet. Versuchen wir es mit der Kraft der Wahrheit! Der Augenblick, da es möglich ist, sie ganz zu sagen, ist kostbar. Deutschtand wird ein Parlament bekommen und wird dann einsehen, wie schwerfällig und untauglich dieses Werkzeug sei. Können sich doch sogar Föderativ-Republiken mit solchen Centralrepräsentationen vieler souveränen Provinzen nicht befriedigen, weil das Bewußtsein der politischen Größe in ihnen ein viel zn schwaches Mittel für seine Zwecke hat; und die Halbheit eines solchen Instituts offenbart sich stets in der Unmöglichkeit, seine Kompetenz mit Genauigkeit zu bestimmen. Nirgends bleibt die praktische Erfahrung bei solchen Staaten-Parlamenten stehen. In der Schweiz ist die Vernichtung der Kantonalsouveränetät so gut wie vollbracht; Nordamerika wird in der Aufhebung der provinziellen Selbständigkeit folgen. Der mexikanische Krieg ist der erste gewaltige Schritt dazu, die Übernahme einer gemeinsamen Schuld zu Lasten der Union ist der Anfang, Steuern zum Besten der Union werden folgen, und in der Sklavenemanzipation wird sich zum erstenmale die Stimme der Majorität absolute Geltung verschaffen. Wo aber die Länder nicht über die Staaten-Parlamente hinausgehen, da weichen sie von ihnen zurück. Irland und Sizilien wollen ihre besondere Vertretung. Nun aber erst denke man nach über die Beschaffenheit eines Kongresses, welcher 38 souveräne Staaten, deren jeder selbst wieder in ein dynastisches und ein volkstümliches Interesse gespalten ist, im Ganzen 76 selbständige Gewalten, unter einen Hut bringen soll. Das Problem ist kaum geringer, als die Organisation der Arbeit in Frankreich, und bis jetzt weiß kein Mensch recht, was da kommen soll. Nur eines sühlen Alle, das deutsche Parlament soll der Anfang und der Ersatz für den deutschen Staat sein. Je mehr es die Souveränetät der Landesherren in sich verschlingt, desto vollkommener wird es seinem Begriffe entsprechen. Sollte es nicht möglich sein, diesen Erfolg von vornherein zu sichern? In vielen deutschen Ländern bereits hat sich die Stimme des Volks nm Aushebung der ersten Kammer erhoben. Diese Stimme wird Gehör finden. Und warum will man bei dem deutschen Parlamente mit dem anfangen, was jeder daheim verwirft? Warum ein Zweikammersystem? Warum ein besonderes Kollegium der Fürsten? Hunderte der angesehensten Männer werden demnächst in Frankfurt zusammenkommen, über die Nationalrepräsentation zu beratschlagen. Wenn sie dann einstimmig aussprechen, daß dieser Kongreß rein aus Deputirteu der Nation zusammengesetzt, daß ihm die Entscheidung über die wichtigsten Gesammtinteressen ausschließlich in die Hand gelegt werden müsse, wer wird dieser Stimme widerstehen? Vielleicht stehen wir am Vorabend einer zweiten friedlichen Revolution! Äm Tage vor Eröffnung des Vorparlaments. Frankfurt, 30. März, 3 Uhr. Heiliger Himmel! — Geschrei! Gewehrfeuer! Frankfurt schwimmt in — Schwarz- Roth-Gold und hat einen provisorischen — Rausch! Sie überladen sich so mit Hoffnung und Triumphgefühlen, daß der Sieg zu einer Nebensache werden könnte. Es sieht hier aus, wie bei einem unschuldigen Pfingstfeste. Die Hänser bedeckt mit Laub, Teppichen und Fahnen, die Straßen voll von geputzten Leuten. Eleganz genug, aber entsetzlich wenig Volk. Deutsche aller Gegenden und Arten strömen zusammen, ehemals fortgejagte und künftig fortzujagende. Eines der ersten Gesichter, das mir aufstieß, war Moras,*) der die bekannte Schwimmprobe abgelegt hat und nun wieder auf dem Trocknen ist, während die preußischen Spione als begossene Hunde herumlaufen. Neben Republikanern mit abwärts hängenden Bärten und nach hinten gestrichenen Haaren gehen Kammerherrengesichter mit aufwärtsgedrehten Schnauzbärten und von hinten nach vorn gequälten Frisuren. Ehrsame Bürger in Hauskäppchen, von ihren bewundernden Frauen und Kindern umgeben, stehen vor ihren Thüren und schießen mit wichtigen Gesichtern in die Luft. An den Läden stehen die Alten und die Jungen mit klugen Mienen, anf denen geschrieben steht: „Es ist doch eine merkwürdige Zeit; was die Leute für närrische Köpfe haben! gewissermaßen auch amüsant, wenn sie nur keine tollen Streiche machen!" Die betagte schwarze Judengasse ist herausgeputzt wie eine Groß- *) Moras war wegen politischer Umtriebe t>or Ausbruch der Bewegung auf Verlangen einer preußischen Behörde in Mainz arretiert worden nnd sollte mit dem Dampfboot rheinabwärts ausgeliefert werden; aber es gelang ihm, auf der Fahrt ins Wasser zu springen und mit Hülfe eines von Freunden bereit gehaltenen Kahnes zu entkommen. Er war ein junger Kaufmann, der später keine Rolle spielte. — 15 — mutier bei der Hochzeit ihres Enkels. Rührender, freudig- wehmütiger Anblick! Was hat sie nicht alles gesehen und erlebt, und auf einmal soll sie in ihrem hohen Alter mit zum Tanze gehen. Gutmüthig läßt sie sich schmücken, mitführen und bemüht sich, fröhlich auszusehen; aber es kam mir vor, als dächte sie im Stillen an die Leiden ihrer begrabenen Kinder und getraue sich nicht, ein Herz zu fassen. Eine Schaar Sachsenhäuser Schützen machte einen guteu Eindruck; Leute in grünen Kitteln und grauen Filzhüten, aber nicht geleckt und gestriegelt, sondern bestaubt, gebräunt und bärtig. Auf den Schultern trugen sie sinnreiche Petitionen — jeder eine gute Doppelflinte. Vor einem Hause auf der Zcil hielten sie an uud gaben eine Salve; ein kleiner, ältlicher Mann im schwarzen Gelehrtenhabit trat ans Fenster und redete sie an. Es war Jordan.*) Die ersten Worte konnte ich nicht verstehen. Der Rest lief darauf hinaus: sie möchten doch nur für die Ordnung Sorge tragen, damit die wichtige Versammlung in ihrem Geschäft nicht gestört werde. Die guten, lieben, alten Herren! Wenn sie nur nicht gar zu gut, zu lieb und zu alt wären. Bis heute Mittag waren 246 Deputierte eingeschrieben. Wenn es wahr ist, daß die ganze Hessen-Darmstädtische erste Kammer sich unter der Zahl befindet, so ist die deutsche Geschichte witziger und frivoler, als der liebe Heinrich Heine selber. Was von der Versammlung zu erwarten steht, weiß man hier noch nicht besser, als anderswo — gar zu viel Wohlwollende und gar zu wenig Wohlgemute. Eine vorbereitende Besprechung gestern Abend im Weidenbusch soll heftig gewesen sein, indem *) Sylvester Jordan, geborener Tyroler, später Professor in Marburg, eines der unschuldigsten Opfer der niederträchtigen kurhessischen Regierung. Nach zwölfjähriger harter Gefangenschaft ward er in oberster Instanz frei gesprochen. Im Jahre 1848 gehörte er zu den zahmsten, schüchternsten alten Liberalen, gleich noch so manchem anderen vormaligen Märtyrer der alten deutschen Despotenlaune. — 16 — die Republikaner bereits hart aneinander gerieten mit den Konstitutionellen. Im fremden Publikum fiehts übrigens republikanischer aus, als ich glaubte. Wenigstens sprechen die Republikaner laut, während die Anderen schweigen. In den Frankfurter Herzen sitzt viel Furcht. „Sind Sie auch für die Republik?" fragen sie mit bangen Gesichtern jeden Ankömmling, und es wird einem ordentlich wichtig zu Mut, mit so gespannter und ängstlicher Miene um seine Meinung konsultiert zu werden. Hinter den lustigen Fahnen pochen enge Herzen. „Kurse?" fragte am Tisch ein stattlicher Herr mit einem großen Schnurrbart, der mehr wie ein Eisen- als wie ein Goldfresser aussah. „Kurse?" — „Keine!" war die Antwort. Daß von allen Seiten kurzweilige Bemerkungen fallen, läßt sich denken: „Was soll man aber mit den Fürsten machen, wenn man sie absetzt?" fragte Einer. — „Ja, da sitzt der Knoten!" erwiderte ernst der Andre. „Historisch" und „Organisch" sind Trumpf; „wasch mir den Pelz und mach ihn nicht naß" ist der kurze Sinn aller schönen Reden und „die verfluchte französische Revolution!" der stille Gedanke vieler guter Seelen. Die Leute vom gesetzlichen Fortschritt wären der Meinung, man solle mit den Franzosen einen Vertrag schließen unter dem Vorbehalt, daß sie in zwanzig Jahren wieder eine Revolution machen, wo wir dann auf dem Wege des gesetzlichen Fortschritts weit genug gediehen wären, den letzten bequemen Sprung zu machen. Herr, erleuchte sie! Die Paulskirche ist ein herrliches Lokal. Ein Rondel, mit hellgelbem (Chamois-farbigem) Stuck bekleidet, mit dreifarbigen Draperien behängt, und Raum für 2500 Zuhörer. Amphitheatralisch geordnete Kirchenbänke füllen die Mitte für die Deputirten aus; dahinter und auf der Galerie ist das Publikum. Vor jenen Bänken steht die ' Rednerbühne und dahinter noch höher der Präsidentensitz, alles in den drei Farben prangend. Symbole genug! Nun, zu früh Lachen taugt nichts, aber zu früh Weinen auch nicht. Morgen den ersten Bericht. Frankfurt, 30. März, spät am Abend. Ich bin jetzt im Stande, Ihnen bestimmtere Auskunft über den Stand der Dinge zu geben, als heute Mittag. Es sieht viel ernster aus, als damals. Im Saale des Weidenbusches und des Wolfsecks sind große Versammlungen abgehalten worden. Das Merkwürdigste von allem, was darin zu Tage kam, war, daß Projekte für die morgen beginnende Versammlung dem Bundestag zur Genehmigung vorgelegt worden sind! Daß diese Idee von den beiden Gagern ausgegangen, wie man mir sagt, bezweifle ich sehr. Von den vielfachen Meinungen, die auftreten, hat die, daß die Versammlung, als mit keinem genügenden Mandat versehen, nichts thun könne, als allgemeine Volkswahlen für eine konstituierende Nationalrepräsentation zu verlangen, die meiste Aussicht. Eine andere Schattirung ist die, daß der Augenblick zu drängend sei, um so formell gewissenhaft zu verfahren. Es müsse also das Notwendigste angeordnet werden und die Versammlung selbst oder ein Ausschuß sich permanent erklären, bis die Volkswahlen zum Ziele gediehen seien. Für diese Ansicht sprachen Raveaux aus Kölu und Rob. Blum aus Leipzig im Wolfseck mit vielem Geiste uud großem Erfolg. Gegen die Republik scheint eine große Majorität zu sein. Zwar erklärten fast alle Redner, daß die Republik der vollkommenste Freiheitszustand sei; Viele sogar bekannten sich laut als Republikaner — darunter namentlich die beiden erwähnten — aber fast Alle sagten, daß die Republik zu proklamieren nicht angehe, weil der Nordosten von Deutschland nicht reif und nicht gesinnt dazu sei; daher ein Bürgerkrieg die Folge der Republik sein müsse. Fast alle Redner aus dem Norden sagen aus, mau habe bei ihnen daheim nur sehr wenige Sympathien für die Republik. Blum sagte unter anderem in seiner Rede: „Die Versammlung müsse einen Riegel den Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 2 — 18 — Einfällen eines Hanswursten vorschieben, der seine bluttriefende Hand nach der deutschen Kaiserkrone ausstrecke." Dies wurde mit donnerndem Applaus approbiert. Raveaux replizierte: „Er könne nichts einwenden gegen Blum, aber er glaube, daß, wenn man die Sünden der anderen Fürsten aufzählen wolle, keine große Differenz herauskäme, sie hätten alle mehr oder weniger Schuld auf dem Haupte, und wenn man doch einmal Einen fortjage, so möge man lieber gleich die anderen 33 mitgehen lassen." (Endloses Bravo.) In der Versammlung im Weidenbusch (der ich nur kurze Zeit beiwohnte) trat Hecker entschieden republikanisch auf. Aber die enorme Mehrzahl waren Konstitutionelle, darunter viele Langweilige. „Einigkeit" wurde in ungemessenen Quantitäten als Knalleffekt verbraucht. Merkwürdige Exemplare von norddeutschen Magistern mit hohen Halskrägen und schweren Uhrgehängen bestiegen die Rednerbühne. Wenn diese erst mit gehörig einstudierten Reden in der Versammlung auftreten, mag's heiler werden. Zu einem republikanischen Resultat kommt das provisorische Parlament gewiß nicht. So etwa mögen die Ansichten gruppiert sein: Für augenblickliche Proklamierung der Republik sind in der Versammlung Wenige, diese Wenigen sind Badenser und Württemberger. Im anwesenden Publikum sind die meisten Frankfurter Bourgeois total konstitutionell, aber das Volk und sehr viele Fremde republikanisch. Während ich der Versammlung im Wolfseck beiwohnte, empfingen Hecker und Struve einen glänzenden Fackelzug. Nonge ist auch hier, desgleichen Venedey. — Z9- — Die Nationalökonomie. Ein Beitrag zur Reform desöffentlichen Unterrichts. Den 9. April 1848. Die Volkswirtschaftskunde ist ihrem Gegenstande nach der populärste, der Zahl ihrer Schüler und Verbreiter nach der unpopulärste Wissenszweig auf der Welt. Der Fehler liegt weniger an der Auffassungsweise ihrer Bearbeiter als an der Natur der Massen. Man hat den Nationalökonomen übertriebene Grübeleien, fruchtlose Distiuktionen schon oft vorgeworfen, wie man es den Logikern noch hundertmal schlimmer angethan hat. Diese Unglücksverwandtschaft ist begreiflich: denn die Nationalökonomie des alten Stils ist und sollte sein nichts anderes, als die Logik des gesellschaftlichen Verkehrs, d. h. die Zerlegung der Thatsachen, aus denen dieser Verkehr sich zusammensetzt, in ihre einzelnen, unterscheidbaren Bestandteile und die Rückführung jeder Wirkung auf ihre wahre, mehr oder weniger dem Auge des Plumpen Praktikers verborgene Ursache. Sie sollte geben im Wesentlichen die Fähigkeit, die Begriffe, mit denen man rechnen muß, zu kennen, nicht aber die Fähigkeit, bestimmte Resultate zu erzielen. Ebenso wie die Logik weder die Erziehungskunst noch Chemie lehrt, zur Erwerbung dieser Kenntnisse aber unentbehrlich ist, ebenso wenig lehrt die alte Nationalökonomie einen glücklichen Staat herstellen, ist aber die notwendige Voraussetzung zur Ergreifung dieser Aufgabe. Dieses Verhältnis, daß die Volkswirtschaftskunde nur eine Analyfis, aber keine Synthesis, nur eine Erkenntnis des Vorhandenen aber zunächst keine Herrschaft über dasselbe sei, war den großen Theoretikern sehr wohl bekannt, und ist namentlich von dem mehr klaren als scharfen Jean Baptiste 2* — 20 — Say geradezu ausgesprochen worden. Diese Wahrheit verringert den Wert der Wissenschaft nur in den Augen derer, die sich aus Unkenntnis eine falsche, wie es gewöhnlich geht, übertriebene Vorstellung von den Resultaten derselben gebildet hatten; sie macht diese Resultate um kein Haar entbehrlicher. Unterscheiden ist Verstehen, verstehen aber muß man überall seinen Gegenstand, wo man ihn mit Erfolg behandeln soll. Wer in seinen Bestrebungen zur Verständigung und zum gemeinschaftlichen Handeln mit der Masse angewiesen ist, den hindert, beugt, verzehrt nichts so sehr, als deren Unbekanntschaft mit jeder Art von Logik, sei's der allgemeinen, sei's der besonderen im gesellschaftlichen Verkehr. Es ist eine aller Denker würdige Aufgabe, sich zu besinnen, ob nicht eine einfache, natürlich von scholastischem Wust gereinigte Logik in die notwendigsten Lehrgegenstände unserer Volksbildungsanstalten aufgenommen werden müsse, und es ist außer allem Zweifel, daß Belehrung über die Begriffe, welche im bürgerlichen Verkehre agiren. auf Jung und Alt ausgedehnt werden muß, wenn wir Verbesserungen in der Organisation der Gesellschaft herbeiführen und zeitweise plumpe Rückschritte verhüten wollen. Wende man seine Vorwürfe nicht gegen den Theoretiker, welcher, um einen verworrenen Knaul von Thatsachen auseinander zu lösen, seine Denkkraft schärfen und anstrengen mußte, wende man sie gegen den faulen, aufgeblasenen Praktiker, welcher beständig den „gesunden Menschenverstand" im Munde führt, d. h. die selbstgenügsame Verachtung jeder gewissenhaften Prüfung, jeder allgemeinen, von besonderen Standes- und Gewohn- Heits-Vorurteilen freien Auffassung, d. h. den Wahn, daß richtiges, zuverlässiges Denken — die schwierigste Sache von der Welt! — weniger besondere Übung und Benützung früherer Erfahrungen erheische, als die Fertigung eines Stiefels. Heute, wo die grausameu Mißdeutungen der Freiheit euch fast zur Verzweiflung an euch selber, weil an eurem — 21 — Volke, bringen, heute werdet ihr doch fühlen, daß alle eure Vorstellungen scheitern gerade an jenem „gesunden Menschenverstand", mit dessen Lobpreisung ihr so lange dem Volke geschmeichelt, mit dem ihr es in dem eigensinnigsten Glauben an die Unfehlbarkeit des ersten besten, vom beschränktesten, kurzsichtigsten Privatvorteil geleiteten Urteils, gesteist habt; daß eure Vorstellungen scheitern an der Geringschätzung, womit jeder Unterricht im höheren Denken gegen die Beibringung der praktischen Handgriffe zurückgesetzt worden ist. Nicht der Fleiß der Denker, die Faulheit der Pfuscher ist es, welche verhindert hat, daß eine so notwendige Kunde, wie die Volkswirtschaftslehre, bis jetzt eine Fremde unter uns war. Nicht einmal Mangel an populärer Schreibart kann man den Theoretikern vorwerfen. Der Begründer der neuesten Schule alten Stils. Adam Smith und sein Evangelist I. B. Sah. haben so einfach, so lebendig und handgreiflich geschrieben, daß gerade diese ihre Schreibart zu den Hauptvorzügen ihrer Leistungen gehört, und der Letztere hat den Inhalt seiner größeren Werke eigens zum Zwecke der Volksbelehruug in einen „Katechismus der Volkswirtschaftslehre" zusammengefaßt, der wahrlich dem menschlichen Verstände näher steht und zugänglicher ist, als der Katechismus von Mysterien und Wundern, welcher dem Kinde fast von seiner Geburt an bis zu seinem Austritt aus der Schule eingetrichtert wird. Es ist wahr, daß die Staatswirtschaftslehre, wie sie bisher studiert worden, keine Staatswohlfahrtslehre, aber es ist nicht minder wahr, daß sie der erste Teil der letzteren ist. Heute fallen die Praktiker des gedankenlosen Schlendrians, wie die Idealisten der noch unpraktischen Theorieen. von zwei Seiten über die guten Nationalökonomen her und werfen ihnen Unfruchtbarkeit für weltliche Zwecke vor. Es geht, wie gewöhnlich: jene haben nichts von ihnen lernen wollen, und diese vergessen, daß sie viel von ihnen gelernt haben. — 22 — Die Bewegung des gesellschaftlichen Verkehrs bietet eine Fülle von Phänomenen dar, die stündlich auf die plumpste Weise verkannt werden, deren plumpe Verkennung die abenteuerlichsten Forderungen und die abenteuerlichsten Maßregeln hervorgerufen hat. Die Nationalökonomie, indem sie die Natur dieser Phänomene zu ergründen sucht, will diese Mißgriffe verhindern. Wie weit ihr dies bis jetzt gelungen, ist eine untergeordnete Frage; genug, daß die Bemühung da ist. Wer so diese Wissenschaft auffaßt, der wird ihr große Leistungen nicht absprechen können. Ob sie praktische Probleme bis jetzt gelöst hat, ob sie solche überhaupt lösen kann, ist eine andere Frage. Es ist ein Anderes, die Erkenntnismethode für tatsächliche Verwicklungen an die Hand zu geben, ein Anderes, die Entscheidung der letzteren im Voraus zu berechnen. Der Fehler der Nationalökonomen lag vielleicht darin, daß sie sich mit zuviel Sicherheitsgefühl auf das letztere Feld begeben haben. Es ist fast unmöglich, den Ursachen und Wirkungen lebendiger Konstellationen ihre Bahn theoretisch auszurechnen. Die kleinste Abweichung in der Stellung der Thatsachen kann das ganze Gebäude umstoßen. Darum sind die Probleme über den Schutz der Industrie, über die Art der Besteuerung, über die Wahl der Zirkulationsmittel (des Geldes) noch immer offene Fragen, die nie auf dem Boden der Theorie allein ihre entschiedene Lösung finden werden. Aber, wer je um diese Theorie sich bemüht hat, der wird auch zugeben, daß es ihm nach den ersten Studien wie Schuppen von den Augen gefallen, daß er plötzlich gewahr geworden ist, wie roh und verworren die Kombinationen des bürgerlichen Geschäftsganges vor seinen Blicken gelegen hatten. Nicht die Kunst, die Welt der gesellschaftlichen Thätigkeit zu lenken, aber das Organ, das Sinneswerkzeug, ihre Elemente zu unterscheiden, wird durch die Nationalökonomie gegeben. Es ist klar, daß diese Lehre die Voraussetzung zur Beherrschung und Leitung der öffent- — 23 — lichen Wohlfahrt ist. Die Nationalökonomen haben nicht den Vorwurf verschuldet, daß sie, gleichgültig gegen die wahre Beglückung des Menschengeschlechtes, sich mit dem alten Zustand der Dinge, mit dem Elend der Armen, mit dem Mißbrauch der Kräfte auf der einen, der Verwüstung der Kräfte auf der anderen Seite befriedigt erklärt hätten. Sie wollten die wahre Volkswohlfahrt herbeiführen helfen; aber daß sie mit ihrer Theorie allein deren Gesetze finden zu können glaubten, das war ihr Irrtum. Ihre Grundsätze von der Heilsamkeit der unbedingt freien Konkurrenz, von der unbedingten Rücksicht auf die Konsumenten waren zweifache Sünden, zum ersten in sich selber Rechnungsfehler, zum zweiten Entscheidungen, welche über die Grenze der bloßen Begriffslehre hinauslagen. Sie hätten bei ihrer eigentlichen Aufgabe, das Vorhandene zu analysiren, bleiben sollen. Aber daß die alten Zustände unvollkommen, und wohin sie zu führen seien, die Schwäche des alten formellen Rechtsbodens gegenüber den Lebensanforderungen der Menschheit, haben sie selber gefühlt und mit einer Klarheit und Überzeugungsstärke ausgesprochen, wie kaum einer der neuesten Sozialisten. Adam Smith, der bescheidene, angebetete, nüchterne Gelehrte, hat einen Satz niedergeschrieben, welcher zu terroristisch klingt, um ihn heute zu zitiren. und der im III. Band, 4. Buch, 5. Kap., 2. Teil seines Hauptwerkes nachzulesen ist;*) er hat ein andermal gelegentlich einen Gedanken hingeworfen, in dem er mit dem extremsten der Kommunisten, mit P. I. Proudhon, über die gleichen Anlagen, den gleichen Wert und die gleichen Ansprüche jedes Arbeiters zusammentrifft: „Die Abweichung der natürlichen Anlagen in verschiedenen *) Ich habe dieses Kapitel im Ad. Smith wieder nachgelesen, ohne bestimmt sagen zu können, auf welche Stelle hier angespielt ist. Vielleicht dachte ich damals an den Schluß von III. S. 66 u. 67 der englischen Baseler Ausgabe von 1791. L. B. — ^4 — Menschen ist in der That viel geringer, als wir merken, und die so ganz verschiedene Geistesfähigkeit, welche zwischen Menschen von verschiedenen Berufszweigen, nachdem sie einmal zur Reife herangewachsen sind, zu herrschen scheint, ist vielfach nicht sowohl die Ursache, als die Wirkung der Arbeitsteilung ...... Wäre nicht die Aufforderung da, alle von den Einzelnen produzirten Dinge gegen einander auszutauschen, so müßte jeder Mensch sich selber alle Mittel zum Leben verschaffen. Nun aber ist es gerade diese notwendige Aufforderung, die Produkte gegenseitig umzutauschen und — als Voraussetzung dazu — sich in die Arbeit zu teilen, welche die zwischen Menschen von verschiedener Profession so auffallende Ungleichheit der geistigen Fähigkeiten erzeugt, und deshalb gerade sind diese Ungleichheiten, die ungleichen Beschäftigungen und Talente gleich nützlich." Sah war ein durchsichtiger, aber kein kühn durchdringender Geist, wie Smith. In allen Dingen fühlt er das Rechte, oft ohne genaue Rechenschaft geben zu können. Im dritten Band seiner Staatswirtschaftslehre sagt er: „Die Notwendigkeit scheint mir durchaus unerwiesen, daß neun Zehntel der Bewohner der meisten Länder Eurapas in einem an die Barbarei grenzenden Zustande lungern." Wir fühlen gar wohl, daß diese kurze Erläuterung nicht allgemein verständlich ist. Es liegt dies in der Natur ihres Vorsatzes. Das können wir nicht unternehmen, eine Wissenschaft auf diesem Wege unter das Volk zu bringen. Wir können nur auffordern, daß Anstalten dazu getroffen werden. Wir wollten versuchen, einen Teil, welcher noch nicht bis zur Würdigung der nationalökonomischen Wissenschaften gediehen, einen andern, welcher darüber hinausgegangen ist, dafür zu gewinnen, daß er bei der Reform des öffentlichen Unterrichts sich dieser Wissenschaft annehme; wir wollten zugleich dem Volke, welches dieselbe noch nicht einmal dem Namen nach kennt, einen Wink geben, der vielleicht trotz der Fremdheit — 25 — des Gegenstandes nicht erfolglos sein wird; einmal, weil wir vielleicht es dahin gebracht haben, daß das Volk uns warme Teilnahme und Urteilsfähigkeit für seine Interessen zutraut, und zum Andern, weil es selber fühlen muß, wie sehr es über seine wichtigsten Angelegenheiten im Dunkeln tappt. Unser Wunsch geht dahin, daß, sobald es die Ruhe der Gemüter irgendwie erlauben wird, von Seiten der Regierungen und der Gemeinden Anstalt getroffen werde, die Jugend wie die Erwachsenen in den Elementen der Volkswirtschaftskunde zu belehren. Aufregendes. Den 11. April 1848. Stolz und glücklich waren alle auf die hohe See des Freiheitskampfes hinausgesteuert, als der erste aus Frankreich kommende Wellenschlag das so lange auf dem Sand zurückgehaltene Staatsschiff wieder flott gemacht hatte. Ach. zu lange nur waren sie des großen, erhabenen, wilden Meeres entwöhnt! Der erste starke Wind, kaum ein Sturm zu nennen, bricht herein, und seekrank, zum Sterben seekrank liegt die halbe Mannschaft danieder. Fort ist alle Lebenslust, fort der letzte Mut, im Schwindel drehen sich die Köpfe, dunkel wird es vor den Augen, in blasser verzweifelter Todesangst wird, das nackte, das arme Leben zu retten, alles, alles, die kostbarste Habe, die erbeutete Freiheit selber über Bord geworfen: — o säßen wir nur wieder in Frieden auf dem Sande! — Habt Ihr darum an jenem großen Abend der Freiheit zugeschworen, daß ihr sie bei dem ersten Windstoß wieder im Stiche lasset? Habt Ihr gemeint, Ihr schwöret, der Freiheit treu zu bleiben bei Gläserklang und schönen Reden, und davon zu laufen beim ersten Wetterleuchten? Die ewigen Sterne droben, die auf Euch herunter sahen, zu denen damals Euer stolzer Schwur, jetzt Euer klägliches Geschrei empor- gestiegen ist. sie lachen Euch ins Gesicht — nnd rückwärts dem Sande entgegen geht das Schiff am sichersten zn scheitern! Ist denn gar nicht zu helfen? Ordnung! ruft Ihr. Ordnung um jeden Preis! und Ihr selber schafft den heillosesten Wirrwarr. Ihr selber seid in Auflösung begriffen! Auflösung, das ist der Zustand, der alles ergriffen hat. die Menschen wie die Verhältnisse, und Sammlung, Organisation, das ist es, was allenthalben Not thut. In Auflösung sind die alten Regierungsgewalten, in Auflösung ist die bürgerliche Thätigkeit, in Auflösung sind die politischeu Bewegungen und Massen, welche der erste Freiheitstrieb ins Leben gerufen hat, in Auflösung endlich sind die Köpfe und die Gemüter selbst. „Polizeistaat!" Daß dieser — oft gedankenlos hingeworfene — Ausdruck die ganze Anstalt der öffentlichen Wohlfahrt im Grund ihres Wesens bezeichnete, das wird jetzt erst recht augenscheinlich: ein träges, steifes, seelenloses Uhrwerk, nicht von dem außer ihm liegenden Zweck, die Interessen der Gesellschaft zu fördern, belebt und bewegt, sondern einzig regiert von den mechanischen Gesetzen, nach denen es erbaut war, von den mechanischen Gesetzen, die auf nichts berechnet waren, als das Uhrwerk selbst zn erhalten; eine Erfindung, deren Absicht nicht das Regieren, sondern das Befehlen, nicht das Wohl des Ganzen, sondern das Ansehen der Herrschenden war, eine Maschine der Maschinisten wegen. Dieses Gesetz galt durch und durch. Die Diener der Obrigkeit, bis zum winzigsten herunter, betrachteten sich als den Zweck und den Bürger als das Mittel; der Bürger betrachtete sie als Feinde und sich selber als das Opfer. Kein Gedanke des wechselseitigen inneren Zusammenhangs von der einen Seite noch der anderen! Die Triebkraft der widersinnigen Maschine war die Furcht. Als mit der Furcht des Bürgers auf einmal die ganze Wohlfahrtsanstalt ins Nichts zerstob. — 28 — da begann erst der Fluch jenes unsinnigen Wesens sich in seiner wahren Größe zu zeigen. Selbsterhaltung war der einzige Zweck, das einzige Bewußtsein der alten Staatsgewalten von oben bis unten, und als sie einsahen, daß es mit ihrer Herrschaft, mit der Furcht, zu Ende war, daß sie nichts mehr für sich selber zu hoffen hätten, da legten sie ruhig die Häude in den Schoß und sahen, sehen noch mit der gleichgiltigsten Miene der Not, der Angst der Gesellschaft zu. Nicht allem die Kraftlosigkeit, auch die perfide Selbstsucht ist es, welche jetzt die Thätigkeit der noch zum Scheine bestehenden Autoritäten gänzlich aufhebt. Sie allein sind noch einigermaßen organisiert, sie auch haben die Übung des Regierens und könnten noch manches leisten, wenn sie den Rest ihrer Geschicklichkeit und Kraft dem Bürger aufrichtig, rückhaltslos leihen wollten. Aber nicht der geringste Versuch wird gemacht. Mit der alten Tyrannei ists aus, was kümmert sie das Wohl des Staates, was hat es sie jemals gekümmert? Das ist die eine fluchwürdige Folge des Polizeistaates, diese ist heute noch eine Beschuldigung gegen die alten Gewalten; die andere Folge, gleichfalls derselben Unglücksquelle entsprungen, ist heute ihre Entschuldigung: das grenzenlose Mißtrauen gegen jede regierende Gewalt, die blinde Verwechselung der Sache mit den Personen, der Institutionen selbst mit den alten Mißbräuchen. Die Polizei — und Polizei war die ganze Regierung — ist in den Augen der Meisten nichts als eine feindliche Macht; keine Regierung will man, denn man kennt die Regierung nur als das böse Prinzip. So ist es gekommen, daß die früheren Autoritäten in sich selber gleichgiltig, vom Volke zurückgestoßen, völlig untauglich sind. Hinter uns ist völlige Auflösung. Das Natürlichste wäre, vorwärts zu organisieren, zu ordnen. Im ersten Augenblick war die Energie dazu vorhanden. Man improvisierte rasch einige leitende Kollegien. Das reichte aus für den — 29 — Moment der allgemeinen Energie, der übereinstimmenden, gutbeseelten Mitwirkung Aller. Aber jetzt ist die Auslösung der Behörden immer weiter gediehen. Zu der Auslösung der Behörden ist die Auflösung der Zustände, zu dieser endlich die Auflösung der Gemüter gekommen. Die Ge- werbsthätigkeit zerfällt, und die Folge ist, daß die Meinungen zerfahren und verderben. Die erste improvisierte Organisation — wenn sie diesen Namen verdiente — ist jetzt zu schwach, Schaden abzuhalten. Gutes zu stiften. Organisation, Ordnung von Gewalten, eine geregelte Wechselwirkung, das ist es. was wir fordern. Aber wenn wir Ordnung rufen, so drehen die Leute die Köpfe rückwärts und sehen sich nach der alten Staatsordnung um! Du lieber Gott! Hinter Euch liegt die Ordnung nicht, vor Euch liegt die freie, selbstthätige Ordnung. Als wir nach den barbarischen Szenen, deren Schauplatz vorige Woche unsere Stadt gewesen,*) bittere Klagen erhoben, als wir zur kräftigen Gegenwirkung, zum Schutz des Eigentums und des Verkehrs aufforderten, da riefen Viele: „Seht! sie ziehen die Segel ein; seht! sie kehren um, sie fühlen, daß sie zu weit gegangen sind!" Dieser rief es triumphierend, jener wohlmeinend und beruhigt — es ist uns wohl zu Ohren gekommen. Gütiger Himmel, wie lächerlich! Welche Gimpel müßten wir sein, wenn wir so wenig wüßten, was wir wollen! Steinigen, nicht loben müßte man uns, wenn wir unsere Stimme in der Besprechung der großen Angelegenheiten der Gegenwart erhoben hätten und, durch die kleinste Wendung irre gemacht, vom eingeschlagenen Wege abgingen; verhöhnen müßte man uns, wenn wir so wenig auf eine solche Wendung gefaßt gewesen wären. Was da geschehen ist, hat uns gar nicht überrascht, wir haben es ja vorausgesagt, und — will man es doch wissen? — *) Die Zerstörung der Taunus-Eisenbahn. — 30 — wir sagen noch Schlimmeres voraus, noch Schlimmeres namentlich, wenn man in dieser Schwebe zwischen dem Alten und Neuen länger noch verharrt. — Haben wir nicht schon vor drei Wochen gewarnt, daß, wenn nicht schnelle Hilfe kommt, allgemeine Auflösung und Verwilderung bevorsteht, haben wir nicht dringend gebeten, daß die Bürger selbst ihre Bewegung organisieren, die in ihren Angelegenheiten durch regelmäßige Diskussionen nnd durch bestimmte Vorschläge die Initiative ergreifen möchten? Ja, wir wollten aufregen, wir wollen es noch, politisch aufregen, die Kräfte in Aktion setzen, die Meinungen zum Ausspruch bringen, wir wollen aufregen zu einer allgemeinen Thätigkeit, die allein zur Ordnung führen kann. Denn die Zerfahrenheit, wie der Popanz, der ehemals regierte, sind gleich unheilvoll. Die VertrauenspsUtik. Den 12. April 1848. Der deutsche Bund ist so sehr ein Bild des Jammers geworden, daß ein ordentlicher Mensch es nicht übers Herz bringen kann, auf ein so kläglich verendetes Wesen loszuschlagen. Diesen Bund, an den sich alle traurigen Erinnerungen der letzten dreiunddreißig Jahre knüpfen, diesen Bund aufrecht zu halten, ist man noch immer bemüht. Zu den wirksamsten Stichwörtern, mit welchen bis jetzt die Regierungen in Deutschland die mattherzigen Kammern gängelten, gehörte das „Vertrauen". Vertrauen war in aller Minister Mund, Vertrauen zwischen Fürst und Volk wnrde bei allen Schlechtigkeiten verlangt, und das unentbehrliche Vertrauen mußte erhalten werden mit Verzicht auf alle anderen Rechte; Vertrauen zum Fürsten um jeden Preis. Vertrauen in Hannover. Vertrauen in Kassel, Vertrauen in Berlin; und wenn man in Oldenburg oder Hessen-Homburg eine Verfassung verlangte, so beschämten der Großherzog und der Landgraf ihre Unterthanen mit Vorwürfen über mangelndes Vertrauen. Während in dem Bundestag die Politik der gemeinsamen Verräterei an dem Volke und des gegenseitigen Neides und Mißtrauens der Fürsten saß, wurde die Nation durch die Politik der schönen Redensarten nnd der Rührung mißbraucht. Als der deutsche Bund, infolge der Anstrengung, die ihn das Preßgesetz vom 3. März gekostet hatte, in Ohnmacht fiel, griff er, sich zu stärken, nach der bewährten Vertrauensessenz und siehe da — es half! Er verlangte, daß man seinen Namen durch die Namen ehrlicher und freisinniger Männer rette, und die Regierungen schickten „Männer des Vertrauens" an den Bund. Die Regierungen wußten wohl, was sie thaten. Sie wußten, daß in Deutschland das politische Leben noch von der Vorstellungsweise des patriarchalischen Lebens beherrscht ist. daß die Pietät, der Respekt, die Dankbarkeit, die Bescheidenheit, überhaupt die sozialen und die familiären Tugenden in die Politik übertragen und immer die Rechte der Sache den Rechten der Person geopfert werden. Sie wußten also, daß ein Schrei des Unwillens sich erheben würde, wenn nur ein Zweifel verlauten wollte gegen Leute, wie Jordan, Uhland, Welcker, Bassermann u. A, die stets als redliche und freisinnige Männer sich bewährt und zum Teil dafür harte Verfolgungen erlitten hatten. Wenn sie sich in dieser Voraussicht nicht getäuscht haben, so ist es Pflicht der Presse, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Glauben die, welche sich des freien Wortes bemächtigen, nicht, daß sie jetzt auf Rosen gebettet seien, seitdem sie die Zensur los sind, glauben sie nicht, daß sie nur der öffentlichen Meinung zu schmeicheln hätten! Nein, mit dem redlichen Wirken für das Allgemeine ist immer Märtyrerschaft verbunden, und der Mnt, welcher ehedem gegen die Gewalt von Oben gebraucht wurde, ist jetzt noch zehnmal nötiger gegen das Vorurteil von Unten. Und wenn noch so sehr über Jmpietät und Ruchlosigkeit geschrieen wird, so darf sich die Presse nicht irre machen lassen, jene gefährliche Gutmütigkeit des blinden Vertrauens und der persönlichen Rücksichten zu bekämpfen. Rühmliche Vergangenheit, guter Charakter, das Alles soll seine Anerkennung finden; aber Taten der Gegenwart, Taten in Sachen des allgemeinen Interesses dürfen nur nach sich selbst und nach weiter nichts beurteilt werden. Die bisherige Wirksamkeit der „Vertrauensmänner" entspricht den Forderungen des deutschen Volkes nicht, und das ist erklärlich. Diese Männer waren bis jetzt in den einzelnen Staaten in der Opposition gegen die Regierung; sie hatten das bestimmte Ziel, gewisse, durch die bisherigen Verfassungen erreichbaren Rechte durchzusetzen; sie haben an der Erreichung dieses Zieles Jahrzehnte mit großen Anstrengungen, mit großen Opfern gearbeitet; sie wurden von den Regierungen als Feinde betrachtet. Es ist sehr natürlich, daß sie in diesem Augenblick, wo ihre Meinung bereits vollständig gesiegt hat, wo sie selber von ihren bisherigen Feinden zu Hilfe gerufen werden, nach so langem, mühevollem Streben sich befriedigt suhlen. Volle Befriedigung mit dem, was schon erreicht ist, das ist der einfache Ausdruck für die Art. wie die Vertrauensmänner und ihre Gleichgesinnten seitdem, und namentlich bei der Fraukfurter Versammlung, ausgetreten sind; Unwille, ärgerlicher Unwille gegen alle die, welche weiter gehen wollen als sie, und völlige Unbekanntschaft mit dem Unterschied zwischen den Forderungen, die das Volk ehemals und die es jetzt gestellt hat. Darnm erscheinen sie immer mit solcher unerschütterlichen Zuversicht, darum nennen sie sich selber mit komischer Selbstgenügsamkeit einmal über das andere „Männer des Vertrauens" und nehmen nun für sich jene Resignation des Volkes auf seine eigene Kontrolle und jene politische Delikatesse in Anspruch, mit der sie selber so lange bekämpft wurden. Heute sind die bisherigen Ver- Handlungen dieser siebenzehn Männer veröffentlicht worden, die sich bereit zeigen, den Bund der Fürsten zu stärken, die des Verlangens nach einem freien deutschen Reiche, das sie so lange besungen und besprochen haben, nicht mehr zu gedenken scheinen, denen nicht einfällt, an dem abgeschmackten Flickwerk des Wiener Kongresses etwas zu ändern, die vielmehr Ludwig Bambsrger's Ges. Schriften. IH. 3 — 34 — jene unsinnige Landesvertretung zur Grundlage ihrer eigenen Beteiligung machen, indem sie die 38 Staaten (nach der bisherigen Abstimmungsordnung der Bundesverfassung für den engeren Rat) mit 17 Stimmen vertreten. Durch diese Veröffentlichung haben wir wenig Neues erfahren. Wir wußten bereits, daß das Grundgesetz für eine deutsche Nationalversammlung, welches der Bundestag noch schnell durch einen Beschluß vom 30. März dem auf den 31. zusammenberufenen Vorparlamente eskamotiren wollte, — dieses Grundgesetz, welches das Vorparlament selber zurückgewiesen und welches Preußen mit solchem Heißhunger durch einen Staatsstreich ins Werk zu setzen versucht hat, daß dieses Grundgesetz mit Fürstenwahl und Fürstenkammer und Aufrechthaltung der achtunddreißig Staaten unter Mitwirkung der Vertrauensmänner entstanden ist. Wir erfahren jetzt, daß dieser Rat der Siebenzehn in einer Sitzung vom 5. April eine Kommission zum Entwurf einer Bundesverfassung niedergesetzt hat, von der wir nach solchen Vorgängen nichts erwarten können. Nein, das sind die Leute nicht, welche Deutschland verjüngen können! Vor den Wahlen. An Freund und Feind. „Raum Ihr Herr'n dem Flügelschlag einer freien Seele." Den 15. April 18^8. Die heilige Zeit, wo das deutsche Volk in den Bund der mündigen Nationen aufgenommen werden und zu dem ersten hohen Akte politischer Selbständigkeit herantreten soll, die Zeit der Wahlen zur Nationalversammlung, steht bevor. Sie kann nicht genug durch ernste Betrachtungen über den mächtigen Schritt, welchen wir bereits vorwärts gethan haben, über die notwendige Umgestaltung unseres öffentlichen Lebens, sie kann nicht weihevoll genug herangewacht werden. Sonderbar, wer bedenkt, daß kaum sechs Wochen verflossen, seitdem wir in einem an Exaltation grenzenden Zustande uns selber dies Recht der Mündigkeit erworben haSen, den muß es billig wundern, daß heute schon eine Ermunterung, wie die oben ausgesprochene, für nötig erachtet werde. Und nötig ist sie; denn aus einem Zustand der Aufregung ist ein großer Teil in den der Erschlaffung, von kühnem Selbstgefühl in jämmerliche Kleinmütigkeit, von großherzigem Zusammenschließen in engherzige Absonderung übergegangen — mit einem Worte: es droht ein Rückfall, der immer gefährlicher ist, als der erste Krankheitszustand, es droht ein — 36 — Rückfall. weil unsere politische Natur uoch nicht Krast und Zähigkeit genug erlangt hat. Die Verhältnisse bilden den Menschen mehr, als der Mensch die Verhältnisse. In einer Staatsverfassung der gehudelten Untertänigkeit konnte kein aufgeweckter und mutiger Bürger heranwachsen. Luft und Licht braucht ein gesunder Keim, um mächtig auszuschlagen; Luft und Licht kann er nicht zu viel haben. Das ist's ja, was uns vor Allem kränkt, daß man das Unglück des Volkes mißbraucht als eine Waffe gegen sein Glück, daß man ihm sagt: werde erst vollkommen gut, ehe du vollkommen frei wirst; daß man das Unmögliche verlangt, um das Mögliche zu verweigern. Wir wissen so gut, als die altklugen Herren, daß weite Strecken unseres Vaterlandes noch lange kein Blütenanger republikanischer Tugenden sind, aber wir verachten die anmaßende Kunstgärtnerei, welche mit wetterprophetischer Nase ein Volk von dreiunddreißig Millionen in dreiunddreißig zierlichen, vor rauhen Winden schützenden konstitutionellen Treibhäuschen zurFreiheit uud Mannesgröße aufziehen will. Wir überschätzen den Geist des Volkes nicht, wie er ist; aber wir glauben, daß er sich rasch entwickeln kann, wenn man ihm die Gelegenheit dazu giebt. Wenn ihr den Sklaven nicht eher frei machen wollet, bis er ein stolzer Mann geworden, so wird er an der Kette sterben. Große Verhältnisse aber bilden im Flug große Menschen, ehrende Stellung giebt Ehrgefühl, freie Bewegung Freiheit. Wie edel, wie rührend edel hat sich das Volk Frankreichs seit den Tagen der letzten Revolution entfaltet! Nicht blos pathetische Zeitungen, die nüchternsten Alltagsmenschen erzählen Wunder von Seelengröße, die sie an diesem „erhabenen Pöbel" erlebt haben. Wen stimmt es nicht bis zu Thränen, wenn er sieht, wie Hunderttausende entblößter, sogenannter ungebildeter Menschen in der höchsten Ausregung sich durch das Wort eines geistreichen Mannes beschwichtigen lassen; wie der dürftige Arbeiter seinen Notpfennig auf den Altar des — 37 — Vaterlandes trägt mit einfachen Worten, vor denen die hochgestochenen Reden eurer Hofpoeten und Staatsdeklamatoren erblassen müssen. Nicht die Paragraphen der heuchlerischen Charte, nicht das Dnchatel'sche Bestechungssystem haben dieses Volk erzogen, sondern die wenigen Tage wiedererlangter Menschenwürde und erhebender Selbstherrschast. Und wenn der Keim dazu schon da lag, so war er zurückgeblieben von der Saat der neunziger Jahre und dem kurzen Sommer des dreißiger Juli. Eure Schullehrerweisheit, ihr gründlichen Professoren, wird kein freies Volk erziehen. Seht hin auf die kurze Zeit eures jungen Regiments, denn es ist wahr, daß seit mehreren Wochen eure doktrinäre Gewalt, eure gelahrte Staatsmethode am Ruder sitzt. Was habt ihr vollbracht? Ein Land, das in erhabenem Unwillen ausgestanden war, ist ein zerfahrener trostloser Wirrwarr geworden, in dem ihr freilich darum desto leichter euer Spiel treibt. Schlimm, wenn ihrs nicht wolltet, schlimmer noch, wenn es euch recht ist! Nicht begreifen können wir, wie gerade in diesen Zeiten viele edel, wahrhaft frei denkende Menschen es für Pflicht halten können, ihre entschiedenen Gesinnungen in sich zurückzudrängen. Auch wir machen uus keine übertriebenen Hoffnungen von der nächsten Zukunft, ja wir sind vielleicht gefaßt, aber nicht eingeschüchtert, in der Erwartung eines grausamen Rückschrittes. Doch, weit entfernt, darin eine Aufforderung zum Schweigen zu sehen, fühlen wir uns nur gestachelt, um so lauter zu reden. Nur die Freiheit er- zieht freie Menschen, das ist unser Bekenntnis. Und eben weil die Freiheit der That entweicht, muß die Freiheit der Gesinnung um so mehr gebraucht werden. Ihr. die ihr im heimlichsten Winkel eures Hauses die Republik heranbeten wollet, euch begreifen wir nicht. Der schüchterne, der furchtsame Glaube gewinnt keine Anhänger: aus offenem Markte müßt ihr zusammenläuteu, wenn ihr Proselytem machen wollet. Wir überlassen es Anderen, die Wahrheit mit dem — 38 — Arzneilöffel auszuteilen, wir kennen keine halben Wahrheiten, wir kennen nicht die schöne, vielbeliebte Erziehungstheorie, welche lehrt, daß man den kindlichen Gemütern erst Lügen beibringen müsse, um dieselben später wieder auszurotten, wenn sie die Wahrheit vertragen können. Gefährliches Experiment, gefährliches Spiel mit dem Höchsten, Heiligsten! Wir wiederholen das oft Gesagte: Unser Vertrauen hat Niemand, als die Wahrheit. Begreifen können wir nicht, wie ein überzeugter Mensch seinen starken Glauben beschneiden kann, um ihn verstümmelt herzugeben; uns treibt die Natur, gauz zu sagen, was wir denken. Akkomodation! Das Wort kennen wir nicht. Vielleicht fallen auch wir ihm zu, wenn wir erst alt und mürbe geworden sind, und wir bitten im Voraus unsere Nachkommen, alsdann derb auf uns loszuschlagen, wie wir es heute auf Andre thun. Wir lassen den Professor, wir lassen den konstitutionsseligen Fanatiker in Ehren gelten, sie sind Diener ihrer eigenen Überzeugung; du aber teurer Freund, der Du uns zwischen vier Wänden gestehst, daß du ein heißer Republikaner seist, daß aber die Zeit nicht da sei, es zu sagen — verzeih es Freund! du bringst uns zum Lachen! Wir haben wahrlich nicht unsre Freude daran, schwachen Seelen ein Ärgernis zu geben. Es ist nicht süß, verketzert zu werden. Gerne würden wir den Trotz unserer Meinung bändigen, wenn wir ihn nicht den Starken wie den Schwachen schuldig wären. Sterbende schickt man in die milden, umschlossenen Thäler, heranwachsende Jugend in die freie Bergluft. Diese lernet ertragen, ihr glaubtet denn, an einer auszehrenden und nicht an einer Entwicklungskrankheit zu leiden. Die Doktoren mögen Mixturen verschreiben, w ir verschreiben rauhen Wind. Sturm zu blasen ist unser Geschäft, Sturm blasen wir heute zu nächsten Wahlen. Unsere Staaten waren bis heute nichts als große Kinderstuben. Landesväter, Landesmütter und Landeskinder führten — 39 — zusammen eine stille Wirtschaft, und die sauberen Landesvettern machen uns noch heute große Sorgen. Das war ein gemütliches Treiben von häuslichen Tugenden und häuslichen Lastern; brummige oder lockere Landesväter waren ein Schrecken oder ein Skandal; teutschen Ludwigs Landessöhne hielten es mit der Mutter, die Landestöchter mit dem Vater und die Landesbedienten mit beiden zugleich; Bescheidenheit und Verschämtheit war die Zierde der Buben und Mädchen; wenn sie Fleisch wollten, forderten sie Salz und bekamen — Prügel; wenn Einer brav war, so durste er es nicht wissen, bis er vom Präzeptor mit einer Prämie überrascht wurde. Das Erziehungssystem war das aus der guten alten Schule, jedes Selbstgefühl zu unterdrücken und die Gefahren des Lebens dem Bevormundeten zu verschweigen. So haben wir jetzt ein blödes, empfindliches, schüchternes Bürgertum, das der freien, politischen Bewegung und namentlich der freien Presse einen schweren Stand bereitet; das sich seiner besten Gefühle und Bestrebungen schämt und bei der geringsten Anklage jämmerlich heult. Lasse man doch endlich im öffentlichen Leben diese Prüderie fahren, dieses Verschämtthun mit seinem Verlangen, welches in die Pensionen gehört! Diese Aufforderung geht an die Einzelnen, wie an die Massen, namentlich für das Geschäft der herannahenden Wahlen. Wer sich fähig und gedrungen fühlt, vom Volke zum Vertreter ernannt zu werden, der warte nicht bis ein zuvorkommender Freund ihn wieder seinen Freunden zum Weitergeben in die Ohren flüstert, der trete frei heraus und sage; „Ich bin euer Mann, mich müsset ihr wählen! das kann ich euch leisten, das sind meine Beweise, das versprech' ich euch zu verfechten!" Warum sich schämen seines guten Eifers, oder selbst seiner Ambition? Es ist kein Geheimnis: wir sind Alle mehr oder weniger eitel, und Jedem wird, Jedem soll es schmeicheln, vom Volke mit Vertrauen beehrt zu werden. Also weg mit falscher Uneigennützig keit, weg mit erlogener — 40 — Bescheidenheit! weg auch mit unzeitigem Ärgernis über Anmaßung und Eigenlob! Für die Parteien gilt dasselbe. Was ihr wollet, das lasset auf den Straßen ausrufen! Konspirirt und koalifirt unter freiem Himmel, werbet so viel ihr könnt! Errötet weder vor Lob noch vor Tadel! Und weil wir an diesem Kapitel einmal halten, schließlich ein Wort für die Presse. Kaum ist sie frei, kaum bedient sie sich ihres Rechtes, einmal selber zu zensieren, statt zensiert zu werden, da erhebt sich ein allgemeines Wimmern und Schelten. Jeden Augenblick kommt Einer, der sich persönlich verletzt fühlt. — In das Privatleben dringt nnser Auge nicht; wer sich aber in die Öffentlichkeit begiebt, der hört auf, eine Person zu sein, der wird eine Sache. Nicht Personen greifen wir an, sondern Sachen und Zustände! Nicht die Personen mögen sich verteidigen, sondern die Sachen. Wie albern, auf Anklagen der Presse mit Injurienklagen zu antworten! Wahrhaftig, liebe empfindliche Leute, eure Erziehung ist schwer genug, ihr müsset sie uns nicht durch Prozeßkosten vertheuern. Die Presse klagt vor dem Publikum. Wer sich gegen sie vor den Gerichten verteidigt, sich hinter die Schliche und Formen des Rechtes zurückzieht, statt die Jury seiner Mitbürger anzurufen, der — merke man es! — der giebt seine Sache verloren! Die intolerante Toleranz. Den 30. April 1848. Je weniger öffentliches Leben, desto mehr Verschiedenheit in der Denkungsart einzelner Teile der Gesellschaft. Still, wie wir bisher in Deutschland lebten, schöpfte Jeder nur aus seinem eignen Selbst, seiner Beschäftigung und Umgebung das Maß seines Urteils. Kein größerer Kontrast kann gedacht werden, als der, welcher zwischen den Ansichten des behäbigen Mittelstandes und den Resultaten der denkenden Kritik herrschte, die, gewissermaßen auf einem archimedischen Punkt außer der Erde stehend, das ganze alte Weltgebäude im Geiste aus den Angeln gehoben hatte. In der Harmlosigkeit eines Lebens, das kaum mehr als den Raum zu einer Existenz hergab, bewegten sich diese Kontraste friedlich neben einander: von der einen Seite beschränkte Selbstzuversicht, die Nichts außer dem Bereich ihrer eigenen Sinnesart kannte, von der anderen höfliche Schonung und Resignation. Kaum daß einmal bei den religiösen Kämpfen ein Vorposten der Kritik, oder — wenn man es gar so nennen will — der Negation mit den Anschauungen der Masse ins Gefecht kam. Da schlägt plötzlich eine Krise herein, eine Krise, so mächtig, daß die ungeheuersten Ergebnisse daraus hervorgehen können. Die, welche in Gedanken weit über die — 42 — jetzige Weltgestaltung hinausgegangen waren, hatten nicht blos das Ziel, sie hatten auch die Methode großer Revolutionen zu erwägen Zeit gehabt und sich durchdrungen von der Überzeugung, daß entschlossenes Ergreifen des unwiederbringlichen Moments die Grundwahrheit aller mächtigen Verbesserungen sei. So ist es gekommen, daß auf einmal lange verhaltene, bisher fremde Ideen hervorbrechen und mit Ungeduld, mit rücksichtslosem Vordrängen sich geltend machen. Man wirft ihnen Heftigkeit und Schonungslosigkeit vor, weil sie unduldsam, ungestüm auftreten. Auch dieser Vorwurs rührt aus der alten Zeit blasser Gleichgültigkeit her. Wo nichts zu erreichen war, steckten die Meinungen kaum den Kopf aus dem Fenster und wünschten sich einen freundnachbarlichen Guten Morgen. Jetzt auf einmal die Entscheidung auf der Straße! Aus den Häusern stürzen die Meinungen hervor, die höflichen Nachbarn fahren mit den Köpfen aneinander, sie sind — Parteien! Wie kindisch, Wehe zn schreien über diese Spaltungen, Bekriegungen, welche den „schönen" Frieden stören. So lange Keiner was wollte, waren wir höfliche, einige Leute, jetzt zum erstenmal giebts einmal Etwas zu gewinnen, jetzt ist der Sieg der einen Überzeugung die Niederlage der andern — und Ihr klagt, daß die höfliche Verträglichkeit der Nachbarn, die „Einigkeit der Bürgerschaft" gestört ist. Ihr klagt, wenn eine Zeitung rücksichtslos Partei ergreift, weil Ihr gewöhnt wart, nur solche zu lesen, die gar nichts wollten; Ihr klagt über die Heftigkeit der Meinungen, weil Ihr nichts kanntet, als Dispute beim Wein oder Thee. Was verfocht, was konnte denn früher eine Zeitung verfechten? Man deklamirte zur Unterhaltung, nicht zur Überzeugung — denn das war nicht nötig — von Preßfreiheit und deutscher Flotte, höchstens stritt man, mit Söldlingen auf beiden Seiten, um Zollsysteme. In der Politik wie in der Religion stolzirte eine vergnügte Halbheit — 43 — als Fortschritt und Aufklärung unwidersprochen einher. Derselbe unwidersprochene Kampf, wie um Preßfreiheit und Münzgleichheit, wurde, fast ohne Gegner, wider Buchstaben- und Wunderglauben geführt. Daß eine Meinung da sei. welcher dies lange nicht genug ist, wußte man kaum. Was Wunder, daß man sich auf einmal skandalisirt, da sie herausbricht, weil sie glaubt, daß die Zeit einen Sprung zu machen im Begriffe und seit dreißig Jahren nur zurückgegangen ist, um einen bessern Anlauf zu haben? — Vielleicht verziehe man noch die grelle Farbe der Meinung, aber die Heftigkeit ihres Auftretens wird durchaus verdammt. Abermals, weil man der Kämpfe aus heiliger Überzeugung entwöhnt ist. „Nichts erbitterter, als Religionskriege" ist ein gangbares Wort. Aber woher denn diese Erbitterung? Ganz einfach, weil die Religion immer eine Sache der vollsten, ernstesten Überzeugung war und kein Paradegaul für „Fortschreitende" und „Aufgeklärte." Darum sind Religionskämpfe erbittert, und darum sind es alle Kämpfe, die in einem heiligen, ganzen Glauben geführt werden. Verächtlich ist die Religion, welche nicht Proselyten machen will, verächtlich die nicht fanatische Religion, welche ihr Größtes und Wichtigstes als eine Nebensache hinstellt und nicht die äußerste Kraft anwendet, es Allen beizubringen. Es ist unhaltbar, vom religiösen Standpunkt aus dem Fanatiker zuzurufen: Störe nicht den sanften Frieden der Bürger und Familien um der Religion halber. Er hat Recht: die Religion, an die er glaubt, steht über all dem und ist für Alle mehr wert, als jene Güter. Die, welche ihm wehren wollen, haben keine Religion. Das sollen sie zugeben, daß sie ihm Schweigen auferlegen wollen im Namen der Irreligiosität; das ließe sich hören; aber ein ernster, braver Mensch kann nie zu frieden sein, einen nach seiner Meinung beseligenden Glauben in der Tasche herumzutragen. Die Religion unserer Zeit heißt: Politik und unser Bekenntnis: Freiheit! Und — 44 — - wir können uns nicht denken, wie ein Freiheitsgläubiger den — seiner Ansicht nach — freiheitsfeindlichen Systemen sachte und schonend entgegentreten kann. Wer uns verübelt, daß wir pochen und stürmen, der hat keinen politischen, wie der „Tolerante" keinen religiösen Glauben, der ist ein Gleichgültiger, und nur der Gleichgültige, dem der häusliche und städtische Friede des Essens und Spazierengehens über Alles geht, kann sich über uns skandalisiren. Wir gestehen es: wir sind politische Fanatiker! und ehren auch den konsequenten religiösen Fanatiker mehr, als den wässerigen „toleranten" Halbaufgeklärten. Der Mittelstand, die „Bourgoisie", welche bis jetzt die Hauptrolle in der Gesellschaft spielte, war dieser Stand der Mitte, der unbewegliche Jndifferenzpunkt in allen Dingen. Nun, da auf einmal die kritische Entschiedenheit losbricht, schließt sich das Volk dieser an. Natürlich auch! Der Gegenstand ihrer Betrachtung war das Volk, und das Volk ist entschieden, heißblütig, fanatisch, wie sie. So werden die Leute aus dem Reiche unserer chinesischen Mitte von vorn gezogen und von hinten gestoßen mit grellen Ideen und heftigen Methoden, von denen sie bisher keine Ahnung hatten. Und darum klagt man Unser Einen an als Unbesonnenen und Volksverführer. — Wem ist es recht, geschmäht und verketzert zu werden? oder Andern ein Ärgernis zu sein? Könnte man es über sich gewinnen, die Ursachen und die Unvermeidlichkeit der Parteiverhältnisse zu begreifen, so würde auf beiden Seiten nichts vom Ernst des Kampfes eingebüßt, aber viel Herzeleid erspart werden. — Vielleicht ist diese Rechtfertiguug verlorene Mühe. Was kann man aber mehr thun als sich erklären? Wenn auch nur Einer bekehrt würde zur Vorurteilslosigkeit, würden wir die Mühe für nicht verloren ansehen. Hundert Jahre Abstand waren zwischen der Gesinnung der Bourgoisie auf der einen und zwischen dem Bedürfnisse des Volks und der Erkenntnis der Kritik auf der anderen Seite. Die hundert Jahre donnern — 45 — - auf einmal zusammen herein. Möglich, daß die vordersten Glieder noch an dem Widerstand des Alten zermalmt werden. Wir könnten begreifen, daß wir zum Notfall aufgerieben werden müßten, um deu Nachdrängenden desto sicherer Bahn zu machen; aber wie man zurückgehen, wie man die Meinung in die Tasche stecken kann, das begreifen wir nich!. Die Zeit, eine kurze Zeit wird uns rechtfertigen. Lasset die ungewohnten Kämpfe und unbekannten Parteien nur eine kurze Periode über im neuen öffentlichen Leben agiren, und Alles, was Euch jetzt unwillig und grimmig und ungerecht macht, wird Euch so nötig werden, wie das tägliche Brot. Fn die Leser der Mainzer- und an die Redaktion der Rheinischen Zeitung. Den 5. Mai 1348. Im Begriffe, einen Entschluß auszusprechen und zu motiviren, der — vermöge meiner bisherigen Beteiligung an der Redaktion der „Mainzer Zeitung" und vermöge der eigentümlichen Weise, wie in den letztverflossenen Wochen das Publikum sein Urteil über die Denk- nnd Redeweise dieses Blattes an meine besondere Persönlichkeit geknüpft hat — auch dem allgemeinen Interesse angehört, im Begriffe meinen Entschluß, heute die Redaktion der M. Z. niederzulegen, mitzuteilen und zu motiviren, glaube ich nicht unbescheiden oder geschmacklos zu handeln, wenn ich selber in diesem Abschiedsworte mit meiner Individualität heraustrete. Sollte ich nicht vermeiden können, eine oder die andere Erklärung zu Gunsten meines persönlichen Verhaltens niederzulegen, so werde ich dabei zu Werke gehen in dem deutlichen Bewußtsein, daß Nichts lächerlicher ist, als mit eigener Hand ein kokettes Bild seiner Seele zn entwerfen. Zu den oben angegebenen Beweggründen kommt noch, daß die heutige Nummer der „Rheinischen Zeitung", mit der ich erst eine duellfähige Opposition ins Leben getreten sehe, so geradezu an und gegen mich gewendet ist. — 47 — daß auch bei dem Willkomm und Abschied, den ich heute dieser Opposition zu geben in der Lage bin, ich mich zu persönlichem Auftreten herausgefordert fühle. Endlich ist noch ein dritter Umstand vorhanden, der dazu nötigt, daß sozusagen meine eigene Naturgeschichte zu der jüngsten Lebensgeschichte der „Mainzer Zeitung" ins Spiel gesetzt werde. Die Intervention einer Gegenpartei, über die ich früher Bericht erstattet habe, konnte durch meinen heutigen Schritt dem Publikum ins Gedächtnis zurückgerufen und mit diesem Schritt in irgend einen Zusammenhang gebracht werden. Ein solcher Zusammenhang existirt aber nicht im Geringsten, und auch um von einer falschen Auffassung dieser Art abzuhalten, muß ich mein persönliches Verhalten zu dem Gang der Zeitung bis zu meinem heutigen Rücktritt in ein deutliches Licht setzen. Es find noch nicht volle zwei Monate, daß ich, zum ersten Mal in meinem Leben, in den Besitz des Marschallstabes, den jeder Deutsche bei seinem Abzug von der Universität im Tornister mit fortträgt, daß ich in den Besitz des leicht zugänglichen Glücks gekommen bin, mich gedruckt zu sehen. Ich hatte — seit drei Jahren von der Hochschule zurückgekehrt — so viel es immer die Erlernung des juristische!? Handwerkes erlaubte, den größten Teil meiner Zeit und den einzigen Ernst meines Strebens darauf verwendet, das Universitätsleben fortzusetzen, d. h. ohne Rücksicht auf eine zu erringende praktische Stellung, einige Wissenszweige zu verfolgen. Überdem brach die welterschütternde Begebenheit des 24. Februar herein, und, wie Viele, riß auch mich die dadurch aufgejagte Wirbelbewegung aus der Geduld einer langsam voranschreitenden Thätigkeit und in die Lust, im Sturmleben der politischen Elementargestaltung wirkend mitzureisen. Man möge immer sagen, daß meine Handlungsweise um deswillen den Vorwurf verdiene, sie sei von dem Bedürfnisse nach einer persönlichen Aktion aus- — 48 — gegangen. Hundert Andere würden sich darüber vielleicht dem Kitzel einer Selbsttäuschung hingeben und sich den leicht zu erringenden Glauben an ein rein objektives Streben erwerben. Ich gebe gern zu, daß teilweise ein Bedürfnis meines Naturells mich in meiner Handlungsweise treibt, ich weiß aber auch, daß die Begierde nach Erkenntnis der menschlichen Dinge sowohl, als viel mehr noch die Lust, das Erkannte verwirklicht zu sehen, ein individueller Trieb ist, welcher nur in dem gänzlich untrennbaren Zusammenhang der einzelnen Persönlichkeit mit der Totalität alles Seienden wurzeln kann. Die oft besprochene Frage über die Wirkung und den Wert des sogenannten Egoismus löst sich in die oft gegebene Entscheidung auf: daß in dem ganzen Bereich unserer Welt die Erreichung der einzelnen und der Gesamtzwecke durch die innerste gegenseitige Verwebung gesichert, daß es ebenso thöricht ist, jenen Egoismus der persönlichen Befriedigung bei einer Wirksamkeit fürs Allgemeine verleugnen zu wollen, als es Unrecht ist, bei einer solchen Wirksamkeit mit der Sonde nach subjektiven Bestimmungsgründen zu suchen. Das Wesen des wirklichen und darum human genannten Menschen ist eben, persönliche Befriedigung aus seiner thätigen Verbindung mit dem Allgemeinen zu schöpfen. — Ich habe vor zwei Monaten das lebhafte Bedürfnis gefühlt, an der politischen und sozialen Aktion Teil zu nehmen, weil die Natur des Menschen und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft der Gegenstand meines überwiegenden Interesses sind, uud ich glaube, daß, indem ich dieses gestehe, ich mich nur durch die Aufrichtigkeit von denen unterscheide, die angeblich mit gänzlicher Selbstverleugnung in die Öffentlichkeit treten. Dieses Bedürfnis war es, welches am Tage, wo die Preßfreiheit verkündet wurde, mich bestimmte, dem Verleger der „Mainzer Zeitung" meine Dienste anzubieten, die von ihm wie von dem damals einzigen Redakteur, meinem seitherigen 49 — Kollegen, mit Zuvorkommenheit angenommen wurden. Es war damals gerade der erste Erfolg errungen worden, und Befriedigung für den Augenblick, wie Hoffnung für die Zukunft beherrschten die Stimmung der Herzen, namentlich auch gegen die Männer, deren Zeit mit jenem Augenblicke gekommen schien. Was die „Rheinische Zeitung" heute als ihr Ziel nennt, was aber in ihrem Munde, weil sie sich mit dem bisherigen Gang der Dinge einverstanden erklärt und mehr als gutmütiger Weise noch keine Reaktion sieht, ein purer Schall ist — die Vereinigung Deutschlands war das, was ich als die Frucht jenes blütemeichen Augenblicks erwartete und jenen Männern als aufrichtigen Vorsatz zutraute. Ich erinnere an den ersten Artikel aus meiner Feder und fordere auf, darin etwas Anderes als jenes Verlangen ausgesprochen zu finden. Möglich, daß eine republikanische Überzeugung darin zu finden gewesen, aber bis zu dem Grade einer Forderung habe ich damals nie diese Überzeugung ausgedehnt. Ich war ebenso entschieden der Anftcht, daß der Herbeiführung der thatsächlichen, nicht blos deklamirten Einheit, jede andere Begehrnis weichen müßte, als ich fest vertraute, daß die wirkliche Konstituirung der deutschen Einheit die Konstituirung der Republik mit sich führen oder wenigstens gewaltig vorbereiten würde. Die Siebenzehner selbst haben im Vorworte zu ihrem Projekt den — ihnen gefährlich scheinenden — Zusammenhang dieser beiden Eventualitäten eingestanden. Von den ersten Tagen des März bis zu der Versammlung des Vorparlaments verliefen vier Wochen, während deren man vergeblich nach einem deutlichen Hervortreten wahrhafter Einheits- und Freiheitsbestrebungen von jenen ans Ruder gekommenen alten Liberalen spähen konnte; und, wie vieler Anderer, war auch mein Glauben an deren Absichten schwankend geworden; ich habe dies deutlich in jener Zeit ausgesprochen und bin, ohne jedoch noch ein Wort von Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III, 4 — so — Republik geäußert zu haben, mit banger Erwartung nach Frankfurt gegangen. Ich bin den dortigen Verhandlungen mit unausgesetzter Aufmerksamkeit von Anfang bis zu Ende gefolgt; ich habe nicht blos die Redner von der Tribüne gehört, sondern alle Parteien in ihrem Treiben unter sich aus der unmittelbaren Anschauung kennen gelernt — und habe dort mit der Überzeugung abgeschlossen, daß die angebliche Vermittlungspartei der alten Liberalen mit Leib nnd Seele den fürstlichen Interessen angehört, von denen sie benützt und von denen ihnen so viele liberale Grundsätze gelassen werden, als vor der Hand zur Erhaltung des noch nicht ganz eutbehrlichen Kredits in der öffentlichen Meinung nötig sind. Von diesem Augenblick, nachdem man zum hundertsten Mal erfahren, daß in der Nähe der Throne auch ehrliche Leute dem Throne mehr als dem Volke ergeben werden, von dem Augenblicke an, als ich sah. daß von der Partei, welche durch die neue Verbindung mit den Dynastieen und durch die früher erworbene Autorität im Volke für die nächste Zeit das Übergewicht erlangen mußte, nichts zu erwarten war, kam ich zu dem Resultat, daß nur gleichzeitig mit dem Verschwinden der Dynastieen Deutschlands Einheit und Freiheit geboren werden könne. Es gehört wirklich eine gute Portion polternder Gedankenlosigkeit dazu, nach Art der „Rheinischen Zeitung", noch keine Reaktion zu sehen in Kabinetten, welche — die ersten acht Tage ihrer Existenz ausgenommen — noch gar nichts gethan haben, als geheime Truppeumärsche anzuordnen, in Kabinetten, deren Generalissimus Matthy in Baden a, la Nikolaus wirtschaftet, und deren Spiritus familiaris Gagern in seiner offiziellen Zeitung jenes famose Projekt für Deutschlands Zukunft veröffentlichen ließ, wogegen das der Siebenzehner noch Demagogie ist; keine Reaktion endlich zu sehen in Kabinetten, welche ihre Bundes - Vertrauensmänner nicht augenblicklich zurückberufen, nachdem sie einen Verfassungs- entwurf ausgeheckt haben, der Einen nicht zur Entscheidung kommen läßt, ob er kolossaler ist durch Lächerlichkeit oder durch Unverschämtheit, und den die „Rheinische Zeitung" selber zu bekämpfen verspricht. Die Reaktion ist da, die Schwäche des Vorparlaments hat ihr auf die Beine geholfen, und es ist die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie noch eine Zeitlang herrschen wird. Diese Entwicklung der Dinge habe ich schon in Frankfurt kommen sehen, und von jenem Zeitpunkt an bin ich rückhaltslos gegen die ganze Vcr- trauensfippschaft und für die republikanische Staatsform aufgetreten. Dieser Wendepunkt hatte eine eigentümliche Wirkung auf meine Stellung gegenüber dem Eigentümer der „Mainzer Zeitung". Als ich ihm meine Dienste anbot, hatte ich ihm natürlich kein Glaubensbekenntnis in einem Dutzend Artikeln abgelegt, sondern wir waren übereingekommen, daß er aus meinen ersten Arbeiten meine Gesinnungen entnehmen möge. Aus dem oben Mitgeteilten erhellt, wie damals noch Mancher mit mir übereinstimmen konnte, der jetzt mir gegenüber steht, und so war es auch zwischen uns der Fall. Nachdem diese Meinungsverschiedenheit unzweifelhaft geworden war, gestanden wir uns auch gegenseitig zu, daß das Verfahren des Einen mit der Mißbilligung des Andern, immer unleidlicher für Beide werden müßte und faßten den Entschluß, uns zu trennen. Dies fiel aber gerade in jene Zeit, wo eine Anzahl von Beamten und Kaufleuten hier an der „Mainzer Zeitung" mit Privatmitteln versuchen wollten, was der Minister Matthy viel klüger mit Bajonetten gegen die „Deutsche Volkszeitung" ausgeführt hat. Der ehreuwerte Charakter des Verlegers — möge er mir es nicht als Anmaßung auslegen, daß ich ihm öffentlich meine Hochachtung auszusprechen wage — sträubte sich natürlich nicht nur gegen die thatsächliche Nachgiebigkeit gegen eine so unwürdige Zumutung, sondern auch gegen den Schein derselben, und jene Intervention allein war schuld. — 52 — daß der Schritt, welchen ich heute thue, uicht schon vor vierzehn Tagen erfolgte. Wir warteten nur auf den vollendeten Rückzug jener Angreifer, um jenen Entschluß auszuführen, und einer dieser Tage, nachdem durch das Erscheinen der „Rheinischen Zeitung" bestätigt war. daß keinerlei Verständigung zwischen dem Eigentümer der Zeitung und meinen Gegnern stattgefunden, war dazu anberaumt. In der heutigen Nummer der Rh. Ztg. fordert mich die neue Redaktion zu einem fortgesetzten Kampfe heraus. Nach dem Beschlusse, welcher feststand, konnte ich diesen Kampf nicht mehr annehmen, ich konnte auch nicht noch mehrere Tage ohne Erwiderung vorübergehen lassen. So wurde ich denn plötzlich heute Morgen zu der Entscheidung getrieben, sogleich in Vollzug zu setzen, was erst im Laufe der folgende:? Woche geschehen sollte. Ich bin dadurch gezwungen, ein Aktenstück, wie das, welches ich gegenwärtig niederlege, ohne die gehörige Muße und Ueber- legung binnen weniger Stunden, und dazu noch überraschter Weise auszuarbeiten. Dem, was ich in der Eile bisher zusammengestellt habe, will ich nur noch eine kurze Antwort auf den Prinzipienstreit, welchen die neue Redaktion der Rh. Z. eröffnet hat, folgen lassen. Was zuerst die streitige Materie angeht, so ist es vor allen Dingen merkwürdig, wie hartnäckig die konstitutionelle Partei immer auf dasselbe Argument zurückkommt und den Schein voranstellt, als wäre es nie widerlegt worden. Dieses Argument besteht darin, daß sie uns den Inhalt ihrer Forderungen, die Freiheiten, welche sie verlangt, entgegenhält und fragt, ob diese Freiheiten einem Volke nicht genügen könnten? Und weil auch die Redaktion der Rh- Z. mit dieser Frage zum tausendsten Male kommt, so müssen wir ihr zum tausendsten Male antworten: daß wir dieselben Freiheiten verlangen, zugleich aber auch eine Garantie für ihre Erhaltung, welche in der Monarchie nicht liegt. Darum ist es schief, sich als großer Geist über Formpedanterien hin- — 53 — aussetzen zu wollen, wo die Form so wesentlich ist. Wenn wir beide Wein wollen, ist es denn gleichgiltig, ob wir ihn in einen Krug oder in ein Sieb fassen wollen? Wir glauben auch, daß die Diktatur des Ehrgeizes lange nicht so schwer zu verhindern ist, als die Übergriffe einer Dynastie, und wo es den Dynastieen an Stärke fehlt, da treibt der Ehrgeiz bald diktatorische Minister ans Ruder. Die Meinung, welcher die Rh. Ztg. ergeben ist, unterscheidet sich, abgesehen von jener Prinzipienfrage, von der Meinung der Partei, welcher ich angehöre, namentlich dadurch, daß sie glaubt, es handle sich um einen kleinen Schritt vorwärts, an den sich im Laufe der Jahre andere Schritte anknüpfen ließe». Unsere Meinung ist, daß es sich um eiue Revolution handelt. Die Gegner leugnen die Notwendigkeit der Revolutionen, wir sind durchdrungen davon. Wenn lange Perioden hindurch erkannte Mißbräuche geherrscht haben, wenn zwischen den bestehenden Zuständen und dem Bedürfnisse der Völker sowie den Resultaten der Erkenntnis ein krasser Zwiespalt existiert, dann sind Revolutionen unvermeidlich. So war es am Ende des vorigen Jahrhunderts, so ist es jetzt, nachdem das gegenwärtige Jahrhundert hinter die erste Revolution zurückgegangen ist. Wir sagen es offen, wir wollen einen Bruch mit der Vergangenheit, weil das Bedürfnis der jetzigen Weltlage und der denkende Geist ebenfalls entichieden mit der Vergangenheit brechen müssen. Wenn ich sage, daß dieser Bruch, daß eine Revolution trotz aller „Entwicklung von innen heraus" kommen wird, so stütze ich mich dabei nicht auf die hellsehende Kraft, welche in die Eingeweide des Weltgeistes hinein schaut, und darinnen findet, daß „die konstitutionelle Monarchie die für das neunzehnte Jahrundert zubereitete Staatsform" ist, sondern auf den praktischen Gang aller Entwicklung, welche sich von der Erreichung eines wohldurchdachten Endzweckes durch nichls abhalten läßt. Ich bin nicht von denen, welche — um — 54 — dem lieben Herrgott durch ihr Zutrauen zu schmeicheln — ausrufen, daß das Gute in der Welt siegen müsse; die Welt war nicht immer auf Rosen gebettet; aber meiner Ansicht nach wächst die Einsicht des Volkes in die gänzliche Un- branchbarkeit unserer Vergangenheit so sehr, daß die Revolution sicher kommt, heute -- morgen — übermorgen. Meine Ansicht greift man mit Gründen an; meine Methode glaubt man der Verdammnis anheimzugeben dadurch allein, daß man sie charakterisiert. Leidenschaft! ruft man aus, Wühlerei! Richtig; ich gebe Beides zu. Revolution befördern, heißt in der Pharisäersprache „Wühlen", und mit Begeisterung streben: „Leidenschaft". Nie ist eine Revolution gemacht worden ohne heftigen Angriff auf das Bestehende, nie ohne Leidenschaft. Die Lente, welche denken, wie die Redaktion der Rhein. Ztg., hätten keine der drei französischen Revolutionen gemacht. Ich will damit nicht zu dem Witze Anlaß geben, als meinte ich, daß es Leute uon meinem Schlage gewesen; sie waren nnr ebenfalls leidenschaftlich und ungeduldig, und in der Erstrebung dessen, was sie als Ziel erkannt hatten, durch keine Bedächtigkeit aufzuhalten. Die Redaktion der Rh. Ztg. meint aber gewiß nicht, daß sie sich nicht den Dank des Menschengeschlechts verdient hätten. Ja, wer Revolutionen will, der liebt die Freiheit brünstig, wie ein Jüngling, und nicht zufrieden, wie ein Mann. Aber die Rh. Ztg. glaubt, wir kämen ohne Revolution durch, die Redaktion, welche, so gut wie ich, im Verstände mit der Vergangenheit gebrochen hat, will die Ruinen von Jahrhunderten in Staub zerfeilen. Es ist aber nicht blos zur Herbeiführung des Neuen, daß die ganze naturalistische Empörung der Menschheit nötig ist, sondern zur Einschüchterung des Alten. „Wehe dem, der wagt, unserer Freiheit zu uahen! Tod und Verderben!" ruft Ihr aus mit wütender Bärbeißigkeit. Gute Redaktion, sie sind schon genaht, — 55 — und Ihr fresset ihnen noch aus der Hand; gute Redaktion! weder Du, noch viel weniger Deine Aktionäre werden den Freiheitsräubern Furcht einjagen, nicht einmal das klein bischen Furcht, das sie unzweifelhaft vor uns Leidenschaftlichen hatten, ehe sie ihrer Soldaten wieder sicher waren. Im Gegentheil. Ihr besonnenen, auf Eure Unnahbarkeit trauenden „Männer" (par exesllönes) allein habt der Reaktion das Heft in die Hände gegeben. Man wird mir einwerfen, daß ja doch meine Methode zu keinem Ziele geführt. Für den Augenblick allerdings nickt; aber das wußte ich gar deutlich voraus. Ich wußte, daß noch ein Rückschlag erfolgen würde, ich wollte nur den Augenblick für die Saat der Zukunft benützen. Ich erinnere an das erste Wort, mit dem ich mein Auftreten in diesem Blatte bezeichnet habe. Ich sagte damals, daß ich mich der Freiheit des Momentes nach Kräften bedienen wollte, der kurzen Epoche, wo, wenn nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, doch nach der Natur der Sache, Jedem die Freiheit der Äußerung in Vorschlägen für Deutschlands Konsiituiruug vergönnt werden müßte, den Vertrauensmännern io gut wie den Republikanern. Dieser Moment geht jetzt rasch zu Ende. In Baden wird er bereits rückwärts verleugnet; wer weiß, was anderswo geschieht. Ich bin zufrieden, daß der Eigentümer der „Mainzer Zeitung" mir Zeit gelassen hat, ihn der Hauptsache nach zu benutzen. In diesen zwei Monaten, wo kein Wort zn kühn war, das nicht in die Köpfe geschleudert wurde, ist Enormes gewonnen worden, hat die Vergangenheit mehr in der Masse des Volkes verloren, als ihr durch die Leichtgläubigkeit der Vertrauenden gelassen wird. Nicht bloß hat das Volk durch diese Bewegung bereits viel gelernt, sondern den Anstoß zu weiterem Lernen erhalten. Ein politisch nicht durchgebildetes Volk wird nicht durch Ausbildung zur Begeisterung, sondern durch Begeisterung zur Ausbildung angetrieben. — 56 — Die Leidenschaft, die aufgewirbelt worden, hat die Köpfe mit der Lust entzündet, Einsicht in politische Dinge zu gewinnen, und wird damit mehr fördern, als hundert besonnene Ermahnungen. Ob die Taktik der Nüchternen uns zum Ziele führt, ob die Agitation der Heißen einen fruchtbaren Keim gelegt, das wird die Zukunft ausweisen. Genug, daß ich zeigte, wie ich nicht planlos zu Werke gegangen, weil ich glühend bin. Die, welche seit zwei Monaten mit mir mündlich oder schriftlich in vertrauliche Berühruug gekommen sind, werden mir das Zeugnis geden, daß ich mich über die heute feststehende erste Entwicklung der Dinge keinen Augenblick täuschte, daß ich diese Niederlage der Freiheit mit der größten Sicherheit erwartete. Ich habe trotz all dem weiter gehandelt, weil ich nur wollte, was ich eben aufzeigte. Ich bereue dies keinen Augenblick, und werde, so wie ich immer kann, so weiter wirken, getrieben durch die Konsequenz der Logik und meinetwegen durch die Hitze der Leidenschaft. Was ich von mir abwälzen wollte, war vor allem der Vorwurf, daß iäi, bewußt oder unbewußt, mit dem Werkzeuge der Öffentlichkeit gespielt habe, wie es die „Rheinische Zeitung" andeutet. Diese dünkelhafte Altklugheit, welche auf ihrer Seite uichts als „ernste männliche Fassung, Besänftigung, Selbstbeherrschung, Wärme, heiliges Feuer, Begeisterung. Kraft, Mut, Männlichkeit u. dgl. m." sieht, auf der anderen aber nur „Ueberflutung der Leidenschaft, Krankhaftigkeit, traurige Opfer, Sklaven, schmähliche Dupes, giftige Gereiztheit, u. s, w.," diese dünkelhafte Altklugheit, sage ich. überrascht mich nicht, ich weiß, daß sie zeitweise die Redaktion, meine alte Freundin, befällt. Glaube sie mir nur, daß, wenn ich auf die Karrikatur, die sie von mir entworfen hat, hätte antworten wollen, mir weder der Stoff noch die Gabe gefehlt hätte, ein Bild nach der Natur zu zeichnen, das mich revanchieren sollte. Aber mir geht es nicht so, daß ich erst, nachdem ich mich weidlich der Lust der — 57 — Verkleinerung hingegeben habe, mich schließlich erinnere, daß die Achtung, welche ich aus einem langen Umgang für einen Charakter geschöpft und welche ich ihm durch denselben bewiesen habe, nicht durch den Witz des Schicksals, das uns gegeneinander- führt. vemichtet werden kann. Darum habe ich mich von vorn herein schon bemüht, als ehrlicher alter Freund mit Respekt aufzutreten; darum aber auch läßt mich ein versöhnlicher Schluß nach vehementen Angriffen völlig kalt; ich weiß, wenn ich anfange, wie ich enden will, und vergesse, wenn ich am Ende bin. den Anfang nicht. Es ist mir leid, daß ich meine Kampffähigkeit einem von mir hochgeachteten Gegner gegenüber nicht erproben kann; es ist mir leid, daß ich von der Ehrlichkeit, mit der er mir gegenüber aufzutreten erklärt, nichts sehe als ein Versprechen für die Zukunft, welches mit der jüngsten Gegenwart kontrastiert. Doch es wird der Redaktion darum noch Gelegenheit genug bleiben, ihre Ehrlichkeit zu beweisen. Ihre Aktionäre und Reaktionäre werden nicht säumeu, sie auf die Probe zu setzen. Ich habe mir in der kurzen Zeit meiner Wirksamkeit bei diesem Blatte warme Freunde und bittere Feinde erworben, jedenfalls in beiden aufmerksame Leser. Ich weiß, daß ich dies mehr der Gunst der heftigen Ereignisse als meiner Fähigkeit verdanke. Jedenfalls ist es mir süß, daß ich es dazu gebracht habe. Ich glaube nicht ohne Einwirkung auf die Lebendigkeit unserer politischen Bewegung geblieben zu sein, und das ist, was ich wollte. Jene Freundschaft hoffe ich von dieser Thätigkeit auf immer erübrigt zu haben, von dieser politischen Bewegung erwarte ich mir spätere Früchte. Ich nehme das Bewußtsein mit mir, nicht nur nach bestem Wissen und Willen, sondern auch nach einem festen, übersichtlichen Plan gehandelt zu haben. Wer sich die Mühe nehmen will, meine Arbeiten rückwärts zu überschauen, der wird, was ich heute erläutere, — 58 — darin bestätigt finden. Ich nehme Abschied mit Dank für die Aufmerksamkeit, die meinen Leistungen zu Teil geworden. Getrost, wie ich mich durch die Ereignisse treiben lasse, weiß ich noch nicht, ob ich auf eine andere Weise wieder in die Öffentlichkeit treten werde. Ich mag heftig und leidenschaftlich geschrieben haben. Unwürdiges habe ich mir nicht zn Schulden kommen lassen. Auch schroff zu sein, ist meine Natur und ich lasse sie so agiren, wo ich glaube, daß Schroffheit taugt. Unseren Lesern ein herzliches Lebewohl. Mainz, 5. Mai 1848. Ludwig HZcrmberger. Lrlebniffe aus der Mlzer Orhebung im Mai und Iuni ZS49. Vorwort. Der und Jener, welchem ich das nachfolgende Schriftchen ganz oder bruchstückweise mitgetheilt habe, ehe ich es dem Drucke übergab, hat mir von der Veröffentlichung desselben abgerathen: der Eine, weil er es überhaupt für zweckwidrig hielt, die Blößen, welche sich die eigne Partei gab, rückhaltlos aufzudecken; der Andere, weil er nur befürchtete, daß der größte Theil des Publikums jener Ansicht sein und mir meine Offenheit hoch verübeln werde. Mich selber haben diese Einwürfe nicht einmal zu ernstem Nachdenken bringen können. Uns bis aufs Kleinste klar zu machen, an welchen Mängeln und Fehlern wir zu Grunde gegangen sind, scheint mir eine so einfache Forderung des Menschenverstandes, daß mein Ohr für jeden Disput darüber taub ist. Daß wir nicht von der eigenen Partei reden können, ohne zugleich von der gegnerischen vernommen zu werden, mag unangenehm, mag nachtheilig sein; doch ist es ein größeres Uebel, seine eignen Unvollkommenheiten nicht zu kennen, als sie dem Gegner zu verrathen. Zudem, was ist denn hier Unbekanntes aufzudecken? Da doch die Thatsache offenkundig ist, daß wir unterlegen sind, so kann es — 62 — tein Geheimniß sein, daß unsere Leistungen ungenügend waren. Wenn die Niederlage die Verrätherin unserer Schwäche ist, so ist das einzige Mittel, diesen Schaden auszubessern, sie auch zur Lehrerin zu machen. In allen Dingen gilt es sonst als Regel, daß man, um eine Aufgabe zu lösen, ihre Schwierigkeiten kennen muß. Im Revolutioniren allein, der schwierigsten aller Unternehmungen, huldigt mau hier und da der Ansicht, daß es gelte, sich und seinen Genossen die Schwierigkeiten, welche zu besiegen sind, zu verheimlichen. Das ist allerdings das beste Mittel, um revolutionäre Versuche hervorzurufen, aber das schlechteste sie durchzuführen. Eine mißlungene Erhebung ist immer ein großes Unglück. Der Satz, daß es recht schlecht kommen müsse, um besser zu werden, ist mir viel zu problematisch, um mich für die positiven Uebel einer Niederlage zu entschädigen. Wäre er mehr als ein armseliger Trost, so müßte man ja absichtlich dem Gegner in die Hände arbeiten, was doch Keiner zu thun den Muth hat. Möge man sich in Deutschland daran gewöhnen, den Schwierigkeiten einer Revolution in's Auge zu sehen und sich von seinen Kräften Rechenschaft zu geben. Fürchtet Einer, solche verständige Vorsicht möchte die Revolution ein für allemal unmöglich machen? Nun, dann fürchtet er auch, daß die Revolution ein für allemal unmöglich sei, und dann müßten wir nach seiner Meinung darauf verzichten. Wenn es ein Verdienst wäre, an den künftigen Sieg der Demokratie zu glauben (man hört nämlich oft aus diesem Glauben eine Tugend und einen Stolz machen, wie in der katholischen Kirche), so wäre es verdienstvoller, zu glauben, daß dieser Sieg mit Umsicht und mit offnen Augen, als daß er bloß mit blindem und tollem Wagen zu erringen sei. Will man den Zufall mit in Rechnung bringen — gut, so überlaste man auch dem Zusall, der den Erfolg bereiten soll, die Revolution — 63 — hervorzurufen. — Die Deutschen haben ihren Ruf der praktischen Untauglichkeit diesmal in einem schrecklichen Grade bewahrheitet, und obgleich namentlich die Niederlage der badischen Sache von der allgemeinen Stimme mehr der prinzipiellen Schwäche der Vrentauo'schen Partei in die Schuhe geschoben wird, so kaun ich mich doch nicht von dem Gedanken los machen, daß das Gelingen vielmehr an das Auftreten praktischer Talente geknüpft war. Es heißt Brentano viel zu sehr als eine staatsmännische Größe hinstellen, wenn man behauptet, er habe die Kraft, welche retten konnte, nicht aufkommen lassen. Wer die unordentliche und gehaltlose Herrschaft Brentano's") nicht stürzen konnte, der konnte noch weniger den europäischen Absolutismus stürzen, und die Partei Struve^) hätte wohl gesiegt, wenn in ihr selber und im Volk ebenso viel Glaube an *) Brentano, Advokat in Karlsruhe, stand während des Auf- standcs an der Spitze der improvisirten, aus dem Landesausschuß hervorgegangcnen, Regierung und übte einige Wochen hindurch eine Art diktatorischer Gewalt aus, namentlich, als unter Struwe eine ungestüm zu größeren Wagnissen drängende Bewegung gegen die provisorische Regierung ausbrach. Brentano ging nach der Niederlage der Revolution nach Nord-Amerika, erlebte das Jahr 1870, kehrte vorübergehend nach Deutschland zurück, und starb am 19. August 1891 in Chicago. Struwe, Gustav, in München geboren, trat als junger Mann in die diplomatischen Dienste des Großhcrzogs von Oldenburg, der ihn in Frankfurt verwendete. Er verließ jedoch bald diese Laufbahn und lebte seit Anfang der vierziger Jahre in Mannheim, wo er sowohl der Politik als dem Studium nachging. Unter anderen trieb erPhrenologie und machte für den Vegetarianismus Propaganda, redigirte auch eme radikale Zeitung. Im Frühling 1848 stellte er sich mit Hecker an die Spitze der ersten badischcn Erhebung, welche mit der Niederlage bei Kandern endete. Er flüchtete in die Schweiz. Von da aus (Rheinfelden) machte er abermals im September einen bewaffneten Vorstoß gegen Baden, wurde dabei zugleich mit Karl — 64 — die Tüchtigkeit ihrer individuellen Kräfte, wie an die Richtigkeit ihrer allgemeinen Grundsätze gewesen wäre. In der Pfalz gar waren die Sachen so, daß ich lachen müßte über denjenigen, welcher behaupten wollte: er hätte es viel besser gemacht, wenn er an's Ruder gekommen wäre. Die Pfälzer Regierung ließ sich selber nicht nur gern von Jedem regieren, sondern hätte sich, glaube ich, auch mit Freuden von jedem revolutionären Usurpator stürzen lassen. Weil ich mir dies nicht verhehle, nehme ich mir auch die Erlaubniß, unverhalten zu tadeln; oder wo mich die Lust anwandelt — zu persifliren. Im Munde des Hochmuths klingt ein scharfes Urtheil widerwärtig und ungerecht. Ich glaube demüthig genug aus der letzten Revolution gekommen zu sein, um mich sogar über meine Nebenmenschen lustig machen zu dürfen. Im Juli 1849. L. B. Blind verhaftet aber bei Ausbruch der Erhebung von 1849 wieder in Freiheit gesetzt. Nun übernahm er die Führung eines Korps und bewährte sich als ein tapferer, wenn auch nicht kriegskundiger Mann. Nach der Niederlage ging er nach Amerika, kehrte 1363 nach Deutschland zurück und ließ sich in Coburg nieder, wo er seine „Weltgeschichte" schrieb. Von da zog er zuerst nach Stuttgart, dann nach Hefzlach in der Nähe von Stuttgart und schließlich nach Wien. Allda starb er im Jahre 1870. Er hatte durchaus den Charakter eines Schwärmers, hingebend und etwas excentrisch. Seine Frau, eine geborene Französin, bethciligte sich lebhaft an seinem Wirken und begleitete ihn auch auf seinem Feldzuge. it Mühe entsinne ich mich, wie die Sache bei uns anging. Nach zwei Monaten herber Erfahrungen und nach der gänzlichen Niederlage des Volkes wird es mir fast unmöglich, mich in die Stimmung der Tage zurückzuversetzen, wo wir — zwar durchschnittlich mit schwerem Herzen — doch immerhin mit einer Art von Schwung dem Ausbruch der Bewegung entgegengingen. Seitdem die Reichsverfassung den Anstoß zu einem endlichen offenen Kampf zwischen den deutschen Großmächten und der Nationalversammlung herbeiführen zu wollen schien, dachte man in Deutschland wieder an eine handgreifliche Revolution. Es wurden auch bei uns, in Rheinhessen, im Stillen Vorbereitungen getroffen, und wie das geht, die Vorbereitungen steigerten die Lust nach der Ausführung. Es wurde Munition angekauft, nach Waffendepots gekundschaftet und dergleichen Dinge mehr getrieben, welche die Gemüther in Spannung setzen und als ahnungs- grauendes Geheimniß die Reihen entlang von Einem dem Andern in's Ohr geflüstert werden. Die ersten Demonstrationen in Württemberg, so miserabel sie nach herkömmlicher Weise verpfuscht wurden, fachten die Volksstimmung noch mehr an. Jedes Gesicht auf der Straße sah Einen, je nach der Gesinnung des Inhabers, argwöhnisch oder erwartungsfreudig an, mit der stillen Frage: geht's los? Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 5 — 66 — und mehr als einmal riefen mir Leute aus dem Volke dies auf offener Straße laut nach. In den öffentlichen Zusammenkünften des demokratischen Vereins wurde es verübelt, wenn man von irgend etwas Anderem als von dem bevorstehenden Kampf sprach. Am buntesten gar ging es auf dem Redaktionsbüreau der Mainzer Zeitung zu. Dort summte von früh bis spät der ganze Schwärm der Ungeduldigen, Neugierigen, Berichterstatter ab und zu; es war nicht mehr möglich, drei Worte im Zusammenhang zu schreiben, und nachdem alles Einriegeln und Hinauswerfen sich als unzureichende Maßregel erwiesen, mußte feierlich beschlossen werden: in Anbetracht der stürm- und drangvollen Zeiten keine leitenden Artikel mehr zu schreiben. Und an dem Allen war merkwürdiger Weise die ehrsame deutsche Reichsverfassung schuld. Was hatte aus dem zahmen Machwerk plötzlich einen Revolutionshebel gemacht? Es war nicht das Vertrauen auf die Bundesgenossenschaft mit dem Reichsphilisterium, welches die Demokratie in Bewegung setzte. Wer wäre so dumm gewesen zu glauben, daß der Philister für sein lange besungenes einiges Deutschland in den Kampf gehen werde? Wenn eine Bevölkerung in Konstitutionelle und Republikaner zerfällt, so zerfällt sie deßhalb nicht auch in solche, welche sich für die Konstitution und solche, welche sich für die Republik schlagen. Da giebt es nur zweierlei Rassen, solche, die sich überhaupt und solche, die sich gar nicht schlagen. Zu der letztgenannten Sorte gehörte eben die deutsche Reichspartei. Denn es war Keinem ein Geheimniß, daß der ganze Troß der Nationalversammlung, der Einheit, kurz der ganzen hochtönenden Reichsposaune eigentlich nichts wollte, als — Nichts, wofür er sich, so lange es anging, wohlklingender Phrasen bediente. Trotzdem der Philister in den ersten Wochen des Verfassungskonfliktes eine wüthige Miene annahm und — 67 — wieder einmal, wie vor Zeiten für Schleswig-Holstein, Gut und Blut verpfändete, wußten wir Alle, daß nicht ein Haar breit auf ihn zu rechnen sei. Man hat seit dem Anbeginn der letzten Bewegung bis auf diesen Moment die Demokratie mit dem Vorwurf verfolgt, daß es ihr mit dem Verfassungsstichwort nicht ernst gewesen sei. So hart es mir ankommt, der gesinnungslosen Bourgeoisie gegenüber, welche das namenlose Unglück Deutschlands zu verantworten hat, die redlichen Absichten der demokratischen Partei zu vertheidigen, so halte ich es doch für nothwendig, über diesen Punkt ein Geständniß niederzulegen. Denn mit dieser Anklage, daß die Demokratie etwas Anderes als die Verfassung im Schilde geführt habe, wird die Bourgeoisie ihre Teilnahmlosigkeit an einer Bewegung entschuldigen, welche um ihrer Prinzipien willen vor sich ging, und mit derselben Anklage werden die königlichen und herzoglichen Gerichte die erwünschten Hochverrathsuntersuchungen gegen die Theilnehmer bemänteln. Die demokratische Partei — das ist wahr — dachte aus einem Siege in dem Verfassungskampf mehr Früchte ziehen zu können, als das Pfuschwerk der von allen Parteien der Nationalversammlung zusammengeflickten Charte. Allein sie rechnete dabei nicht so sehr auf eine Uebertölpelung derjenigen Kampfgenossen, welche nur die Verfassung wollten, als an die Nothwendigkeit, welche aus dem hartnäckigen Widerstande der Verfassungsgegner von selbst hervorgehen mußte. Es war voraus zu sehen, daß die deutschen Fürsten Alles aufbieten würden, die Erhebung zu bemeistern, und daß ein Sieg der letzteren daher nur in einer Beseitigung der ersteren bestehen konnte, ein Resultat, welches dann alle diejenigen wollen mußten, welchen es in Wahrheit um die Garantie der in der Verfassung enthaltenen Grundsätze zu b* — 63 — thun war, ein Resultat, welches aufzuhalten in der Hand eben der deutschen Fürsten jeden Augenblick lag. Wenn die demokratische Partei aus einem Siege der Verfassungskämpfer auf den Sturz der Dynastieen rechnete, so geschah es, weil sie erwartete, daß diese sich selber stürzen würden. Ich sage das nicht, um die Demokratie von Hochverrätherischen Gedanken gegen die Monarchen rein zu waschen, was eiue Lächerlichkeit wäre, sondern um zu zeigen, wie sie in dem der Bourgeoisie angebotenen Bündniß nicht an eine unredliche Uebervortheilung dachte. — So viel ist gewiß: ein großer Theil der demokratischen Partei hielt, abgesehen von allen weiteren möglichen Entwickelungen, den in der Reichsverfassung gesicherten Zustand werth, daß er dem herandrohenden schrankenlosen Absolutismus gegenüber mit allen Opfern eines offenen Kampfes vertheidigt werde. Die Demokratie mochte mehr erstreben als die Verfassung, allein sie wurde bestimmt loszuschlagen, weil selbst dieser äußerst nothdürftige Halt einer künftigen Existenz angegriffen wurde, und sie wäre zu selbiger Zeit nicht auf den Gedanken einer Erhebung gekommen, wenn nicht eben in der Verfassung der letzte Rest der deutschen Freiheit gefährdet gewesen wäre. Selbst ein preußisches Kaiserthum, nach den Beschlüssen der Nationalversammlung eingesetzt, hätte nicht den geringsten Empörungsversuch erfahren. Mit der Verfassungsfrage schien endlich derjenige glückliche Umstand eingetreten, dessen Abwesenheit seit dreißig Jahren alle deutschen Volksbewegungen zum Scheitern gebracht hatte. Die Ausbrüche in einzelnen Staaten waren bisher stets an ihrer Vereinzelung zu Grunde gegangen, und solche, die für alle Theile Deutschlands zugleich vorbereitet wurden, gingen eben daran zu Grunde, daß sie als Komplotte lebensunfähig waren. — 69 — Eine Volkserhebung konnte in Deutschland nur gelingen, wenn am politischen Himmel ein Zeichen erschien, das von selbst, durch seine bloße Erscheinung, allen Stämmen mit gleichem Erfolg zurief: „Jetzt ist es Zeit!" — Ein solches Zeichen mußte, wenn je Etwas, das offene Fehdewort der Fürsten gegen die Nationalversammlung und die Aufforderung der letzteren an das Volk sein. Das war die große Frage: Wird ganz Deutschland sich erheben? Das war es, was den Bedenklichsten, den zähesten Zweifler voranschieben mußte. Ich erinnere mich von allen Seelenzuständen jener verhängnißvollen Tage noch am deutlichsten der peinlichen Verlegenheit, welche jene Frage, von deren Beantwortung Alles abhing, in uns erzengte. Ich war stets der Meinung und habe bei vielen Gelegenheiten danach gehandelt, daß nichts bedächtiger erwogen sein wolle, als der Entschluß, das Signal zu einer Erhebung zu geben. Das Volk ist gleich bereit, seine Haut zu Markt zu tragen, und im Nu sind Tausende dem Elende, der Verfolgung oder dem Exil verfallen. Außerdem bringt natürlich jede Niederlage noch hinter den Zustand zurück, der selber schon als unerträglich zur Erhebung aufgefordert hatte. — Ich habe mir viele, viele Male seit dem trostlosen Ausgang dieser letzten Bewegung die Frage vorgelegt: War es vor der Lage der Dinge gerechtfertigt, daß damals das Zeichen zur Betheiligung an der Erhebung in Nheinhesseu gegeben wurde? Und dann suchte ich mir, so gut es heut noch geht, die Stimmung jener Tage zu vergegenwärtigen. Es war nicht Hoffnung, es war nicht Ekstase, überhaupt kein leidenschaftlicher Zustand, in dem wir uus befanden. Mit einem Herzen voll Unruhe, aber mit dem klaren Bewußtsein eines unvermeidlichen „Muß" entschlossen wir uns zum äußersten Schritt. Dem letzten spärlichen Rest der sogenannten Revolutionserrungenschaften — 70 — war der offne Krieg angekündigt, die höchste Gefahr war leibhaftig da. Es fragte sich: hat das Wagniß eines Kampfes Aussicht auf Gelingen? und die Antwort lautete: Ja, wenn ganz Deutschland sich betheiligt. — Und wird es sich betheiligen? das war die inhaltschwere Frage. Wir hatten unsere großen Zweifel. Allein die Antwort auf alle Bedenklichkeiten lag so nahe, war so unabweisbar kategorisch, daß man nicht anders konnte, als sich zu fügen. Diese Autwort lautete: Wenn Jeder so fragen und zweifeln will, dann ist nie eine deutsche Revolution möglich. In Sachsen schwankte damals der Kampf noch unentschieden; es war ungewiß, ob Berlin sich zu der preußischen Intervention abermals passiv verhalten werde. Am Niederrhein war Alles in Gährung, Düsseldorf, Elber- feld, Jserlohn in offener Erhebung; da kam die Bewegung in Rheinbaiern, die Aufforderung zur Hülfe von dort, das Volk war Feuer und Flamme, und — es war nicht länger zu zaudern — im Vertrauen, daß man überall in Deutschland im selben Moment denselben tausendfach gebotenen Entschluß fassen werde, mußte das verhängniß- volle Wort über die Lippen. Es war am 9. Mai, einem Mittwoch, als Einer der Unscrigen aus Rheinbaiern mit der Botschaft zurückkehrte, daß dort dreißigtausend Männer schlagfertig und entschlossen bereit stünden; daß ein preußisches Detachement auf dem Wege nach Landau anfgehalten und zur Umkehr gezwungen worden sei; und endlich daß man dort fest auf Unterstützung von Rheinhessen aus rechne. Zur selben Stunde brachten die Zeitungen die offizielle, vom Landesvertheidigungsausschuß in Kaiserslautern ergangene Bitte um Zuzug aus Hessen und Baden. Schnell wurde be- rathen und beschlossen. Zitz, ich und ein Dritter"), denen schon vorher die allgemein vorbereitenden Maßregeln übertragen worden waren, erließen sofort eine „Marschordre", in welcher sämmtliche mit Waffen versehene Bewohner Rheinhessens aufgefordert wurden, sich mit Kleidungsstücken und mit Lebensmitteln auf drei Tage ausgerüstet, in Wörrstadt, einem grade in der Mitte der Provinz gelegenen Flecken, zu sammeln. Wir schickten gleichzeitig einen Abgesandten an den pfälzischen Landesvertheidigungsausschuß, der ihn von den getroffenen Maßregeln in Kenntniß setzen, weitere Dispositionen über die zu bildende Schaar von ihm einholen und namentlich auch die Erklärung abgeben sollte, daß wir, ohne eigentlichen militärischen Führer ankommend, sogleich an der Grenze das Korps einem durch den Landesausschuß zu bezeichnenden Offizier übergeben müßten. Der Zufall hatte mich kurz vorher mit einem Manne bekannt gemacht, der uns tauglich schien und sich bereit erklärte, die ersten Anordnungen und die Führung bis zu jenem Moment zn übernehmen. Es war Carl Hänsner, ein geborner Pfälzer, der in der bairischen Armee gedient, die polytechnische Schule durchgemacht und später auf dem Gebiete des Freischaarenkrieges praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Der gänzliche Mangel an Offizieren, an welchem zum Theil die Pfalz und an dem allein Baden zu Grunde gegangen ist, brachte es hernach mit sich, daß Häusner bis wenige Tage vor unserem Rückzüge Kommandant des Korps blieb. Einige Stunden, ehe wir die Marschordre ausfertigten, brachten ihn einige gemeinsame *) Heute ist mir nicht mehr bestimmt gegenwärtig, wer dieser Dritte war. Offenbar war er in Mainz geblieben und ich wollte ihn, als ich die Schrift veröffentlichte, nicht schädigen. Ueber Zitz giebt meine Autobiographie näheren Ausschluß. — 72 — Bekannte auf die Redaktion. Er theilte mir mit, daß er im Begriff sei, nach der Pfalz zu gehen. Eine kurze, überaus kräftige Gestalt, ein offenes Gesicht, einfaches Wesen und mehrere praktische Bemerkungen über den Volkskrieg flößten mir Vertrauen ein, und als es sich gleich hernach um Auffindung eines provisorischen Anführers handelte, bot ich ihm in Ermangelung jeder Auswahl diese Stelle an. Er erklärte sich mit einigen ungezwungenen bescheidenen Verwahrungen bereit. — Von Mittags 1 bis 4 Uhr wurden Marschordres geschrieben, Boten expedirt, Maßregeln berathen. Wir betrieben die ganze Unternehmung mit ungeheurer Hast, denn wir glaubten, die Entscheidung sei nur um einige Tage von uns entfernt. Als endlich im buntesten Wirrwarr, in athemlosen Hin- und Herlaufen das Nöthigste geordnet war, ging ich nach Hanse und packte mir in eine Serviette ein ganz kleines Bündel mit dem Allernöthigsten auf wenige Tage. Wenige Wochen vorher hatte ich mich in einem Garten vor der Stadt eingerichtet, um allda einen idyllischen Sommer zu verbringen. Ich sah den heiteren Rhein, die blauen Berge, die grüne Umgebung noch einmal lange an. Es war mir, ganz im Innersten meiner zweiflerischen Brust, vollständig klar, daß ich auf lange oder gar auf immer Abschied nahm. — Jeder Fleck, auf welchen damals mein Auge fiel, jedes Wort, das gesprochen wurde, hat sich mir in der Schärfe eingeprägt, mit welcher wir in Momenten der höchsten Spannung aus Rathlosigkeit die unbedeutendsten Einzelheiten der Umgebung, eine Blume in der Tapete oder eine Spalte im Fußboden, zu beobachten pflegen. Die Pflicht gebot, zu einem glücklichen Zusammentreffen das Seinige beizutragen, der Verstand sagte mir, daß es ein verlorenes Spiel sei. Zitz, Häusner und ich fuhren nach Wörr- stadt, kamen spät dort an, trommelten noch die Wirths- — 73 — leute aus ven Betten, ließen uns mit dem Bedeuten, daß es jetzt los gehe, Schreibzeug geben und fertigten abermals bis tief in die Nacht Marschordres für die umliegenden Kantone aus. Des andern Morgens um 4 Uhr wurden wir schon durch die Schritte einer unter unseren Fenstern aufmarschirenden Kolonne geweckt. Es war eine Abtheilung Feuerarbeiter von Mainz, die den Tag über Sensen schmieden sollten. Alsbald erdröhnten alle Schmiede- und Schlosserwerkstätten von Wörrstadt von den Hämmern unserer braven Sensenmacher; was an gedienten Soldaten im Orte war, wnrde zusammengesucht, um Patronen zu fabriziren. Alles war voll Eifer, die ganze Einwohnerschaft natürlich auf der Straße und in der größten Aufregung. So weit ging Alles lustig und ohne Anstoß von Statten, und als ich die geschäftige Bewegung, den guten Willen um mich her so rasch entwickelt sah, hob sich mein Muth. Doch die Freude war kurz. Nach wenigen Stunden sollten wir einen Vorgeschmack dessen bekommen, was es heißen wolle, eine Freischaar leiten, ein Geschäft, von dessen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten — wie ich offen gestehen muß — weder Zitz noch ich eine Ahnung gehabt hatten. Gegen drei Uhr zeigte man an, daß die Mainzer einrückten. Wir gingen hinaus ihnen entgegen. Es waren die Turner, wohl bewaffnete und equipirtc Leute, ein Theil des Arbeitervereins, zwar ohne Waffen, aber aus entschlossenen und intelligenten Menschen bestehend, denen wir die ersten anzuschaffenden Gewehre bestimmt hatten, und endlich ein Anhang von etwa hundert Bassermannischen Gestalten"), wie sie der ehrenwerthe Reichs- *) Bassermann'sche Gestalten. So nannte man mit einem damals geläufigen Ausdruck wild und verwildert aussehende Leute, wie sie bei entfesselten Volksbewegungen, namentlich in großen Städten aus dem Boden aufzuschießen scheinen. Der badische Abgeordnete Basser- kommissarius wohl kaum so schrecklich auf der gefährlichsten seiner nächtlichen Wanderungen gesehen hat. Das Rheinufer*) hatte den Kern der Abtheilung geliefert, welcher rasch durch wahlverwandte Elemente angewachsen war. Sogar unterwegs hatte sich die Gesellschaft noch mit vielen Kameraden aus allen Weltgegenden, Handwerksburschen, die in allen Dialekten sprachen, und sogar mit einem Polen verstärkt. Ich muß gestehen, daß mir bei dem Anblick dieser Verfasfungs- kämvfer etwas bassermännisch zu Muth wurde. Vor Allem der erbsündliche demokratische Geldmangel war es, der uns bei dem Anblick dieser furchtbar entblößten und unbewaffneten Schaar erschrecken ließ. Wie konnten wir es verantworten, solche Leute, denen erst das Hemd auf den Leib gegeben werden mußte, so lange, bis ihnen Bedeckung und Bewaffnung angeschafft war, einer Provinz zuzuführen, welche sie ernähren mußte und welcher es wohl auch nicht sowohl an Menschen als an Bewaffneten fehlte? Endlich flößte auch der Mangel an organisirenden militärischen Kräften gerechte Besorgnisse wegen der Diszivlinirung dieser rohen Masse ein. Zitz und ich faßten den Entschluß, die Unbewaffneten zurückzuschicken. Alsbald wurde diese Absicht, wiewohl noch mann, der im Lauf der Begebenheiten zu einer Art Typus des sehr gemäßigten Liberalismus wurde, hatte im Frankfurter Parlament, von einer Reise nach Berlin zurückkehrend, in seiner Rede den schrecklichen Eindruck geschildert, den ihm die unheimlich bewegte Stadt gemacht hatte, und bei den besonders pathetisch betonten Worten: „Ich habe Gestalten gesehen!" brach die Linke in ironisches Gelächter aus. Das Wort Bassermann'sche Gestalten blieb noch lange nach 1848 sprichwörtlich. Die Tagelöhnerbevölkerung, welche am Rhein beim Löschen und Laden der Schiffe und ähnlichen Beschäftigungen, ihren Lebensunterhalt fand, galt von Alters her für ein besonders tumultuarisches und undisziplinirbarcs Element. — 75 — nicht verkündet, ruchbar; dumpfes Murren, Drohungen, Anklagen gingen durch die Menge. Wir ließen Alles, was da war, zu einem Kreise zusammentreten uud legten ihnen unsere Aufforderungen mit allen möglichen Gründen und Beschwörungen vor. Da war Gelegenheit zu sehen, wie sich Volksszenen entwickeln. Im ersten Augenblick schien man sich fügen zu wollen, denn die übergroße Mehrzahl, vielleicht neun Zehntheile, sah die Vernünftigkeit der Sache ein. Aber alsbald übernahm es ein Schreier, einige Worte heraufzurufen. Es war ein kleiner Kerl mit trotziger Miene, der einen feuerrothen Federbusch auf seinem Freischärlerhute und eine Trompete an einer rothen Schnur an der Seite trug. Er begleitete seine Worte mit einem Stoß aus seinem Instrument. Ein zweiter schloß sich an. Es war ein Mann schon stark in den Vierzigen, in zerrissener aber seriöser Philistertracht, einem langen Rock und einem ungeheuren nach oben ausgeschweiften Cylinderhut, einem wahren Prachtstück von Lüiaxsau tronadlon, unter dem ein furchtbar verschlagenes und unheimliches, unrasirtes Gesicht herausguckte. Nun griff es um sich, geballte Fäuste erhoben sich in die Luft, es bildeten sich Gruppen, und bald war die Zuhörerschaft in einen streitenden, tobenden Haufen verwandelt. Je mehr die Vernünftigen uns zu unterstützen suchten, desto wilder wurden die Andern. Das Hauptargument war: sie müßten sich schämen, zurückzukehren, nachdem sie vor wenigen Stunden auf Leben und Tod Abschied genommen hätten; auch habe man ihnen versprochen, daß sie in Wörrstadt Waffen die Masse finden sollten (wovon natürlich nichts geschehen war). Bald mischten sich in diese Entgegnungen Flüche, Anklagen des Verraths, Drohungen. Unterdessen fuhren wir fort, den Einzelnen zuzureden und die Rücksendung einzuleiten. Es gelang, mehrere Züge aufzustellen — 76 — und, nachdem dem Anführer das Zehrgeld für den Rückweg ausgehändigt war, sie zum Abmarsch zu bewegen. Aber nach wenigen Schritten löste sich die Schaar wieder auf, weil sie sah, daß die Anderen nicht folgten. Es war eben unmöglich, die große Mehrzahl von der Stelle zu bringen: die, welche sich zum Fortgehen bewegen ließen, waren eben die, welche wir zu behalten wünschten, und die, welche wir am liebsten losgewesen wären, blieben am gewissesten da. Ich war von Reden, Umherlaufen und Aufregung furchtbar erschöpft; der Vorfall zeigte mir, welche Leiden die Zukunft bringen werde. Ich war einen Augenblick entschlossen, von dem ganzen Unternehmen abzustehen, und erklärte den Umstehenden: Mit Leuten, die schon im ersten Augenblick so widerspenstig seien, wage ich nicht gegen einen wohldisziplinirten Feind zu gehen. Einer der Unsngen, der mit an der Spitze stand, fuhr heftig auf, faßte mich am Arme und schrie mir zu: „Du hast die Sache unternommen und mußt sie ausführen, aber nicht vor der ersten Schwierigkeit zurückweichen, die Du überschätzest!" Der Einwnrf leuchtete mir ein. Ich gab nach. Der energische Mensch aber entfernte sich am dritten Tag von seinem Posten, ging nach Haus an sein bürgerliches Gewerbe und ließ nichts mehr von sich sehen und hören. Im Laufe des Nachmittags und des Abends langten noch fortwährend Zuzüge aus der Provinz an. Die Theil- nehmer waren alle mit Schießwaffen versehen und flößten uns bei dem ersten Anblick das Zutrauen ein, daß es mit dem Verhältniß der Bewaffneten zu den Unbewaffneten doch nicht so schlecht aussehe. Eine neue Täuschung, eine neue Erfahrung im Gebiete des Landsturmkrieges. Als wir die Waffen näher besichtigten, sahen wir, was es bedeutet, wenn der Bauer sagt, daß er eiu Gewehr besitze. — 77 — Gering angeschlagen waren unter zwanzig Flinten im Durchschnitt neunzehn unbrauchbare — daß die brauchbaren selbst wieder von den verschiedensten Sorten, aus den Armeen aller Zeiten und Nationen zusammengestöppelt, daher für Munitionirung und Exercitium gar nicht zu vereinigen waren, vervollständigte die Tröstlichkeit dieser Bewaffnung. Wir beruhigten uns mit den im Gang befindlichen Geldsammlungen und Waffenankäufen und mit der eisernen Nothwendigkeit. Der Ort war über und übervoll mit Zuzüglern, an allen Ecken wurde nach Herzenslust getrommelt, geschossen, musizirt, geschimpft, gejubelt. Alle Strapazen der folgenden zwei Monate, die in dieser Beziehung Großes aufzuweisen hatten, waren Nichts gegen den Eindruck dieses Chaos, aus dem unsere künftige militärische Welt hervorgehen sollte. Endlich, tief in der Dunkelheit, war es uns gelungen, die Leute in den Häusern und Scheunen, übel genug, unterzubringen. Nun mußten noch die nöthigsten Anordnungen getroffen werden. Wir hielten eine Zusammenkunft mit den provisorischen Führern, um die wichtigsten Chargen zu besetzen. Namentlich erinnere ich mich, daß wir uns große Mühe gaben, für die vier als unentbehrlich erklärten Adjutanten gute Reiter ausfindig zu machen. Wir haben später noch oft über jene Anstrengung gelacht, denn im Laufe des ganzen Feldzugs war es uns auch nicht möglich, nur ein einziges vier- füßiges Thier für den Oberkommandanten aufzutreiben. Endlich, lange nach Mitternacht, kauerten wir nns zu zehn bis zwölf in ein Zimmer zusammen. Am Morgen, als sich Einer nach dem Andern aus dem Stroh, den Decken, Mänteln und anderen kriegerischen Schlafanstalten entwickelte, zählte ich noch ein Dutzend mehr, welche sich über Nacht eingefunden hatten. Wir stellten die Leute auf in den Abtheilungen, wie sie gekommen waren, präsentirten — 78 — ihnen den provisorischen Oberkommandanten und beköstigten sie mit Brod und Käse nebst scharfen Ermahnungen zur Disziplin. Unser Kommandant hat im Laufe der späteren Zeit gezeigt, daß ihm sehr viel zu einem militärischen Führer fehle, aber ein großes Geheimniß hatte er von vornherein los, das ich gleich am zweiten Tage probat fand und von ihm ablernte, nämlich ein gut Stück undemokratischer Grobheit im Dienste. Es giebt eine Sorte von Leuten, bei denen Gründe angeben so viel heißt, als sich entschuldigen, und mit denen man auf räsonable Weise daher nie fertig wird, während ihnen eine Derbheit im- ponirt. Ich selber war auch hierin Neuling und glaubte Anfangs mit den Leuten auf dem Tone unterhandeln zu können, wie ich es aus dem Saale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewöhnt war. Allein ich habe nach der Hand tagtäglich so schlagende Beweise von der verderblichen Wirkung der Höflichkeit und der vortrefflichen der Grobheit erlebt, daß ich mich mit einem Theil der Mißbräuche des stehenden Heeres ausgesöhnt habe. Unserer Gestaltenlegion also wurde eine derbe Lektion gemacht, die sie mit großer Fügsamkeit hinnahm. Sodann wurden achtundvierzig von der widerspenstigsten Miene zu einem eigenthümlichen Geschäfte ausgesucht. Mehrere Bürger aus " hatten zu dem Zuge vier kleine eiserne Kanonen, sogenannte Katzenköpfe, geliefert. Diesen „Geschützen" also wurden je zwölf zugetheilt, um sie abwechselnd sechs und sechs zu ziehen. Diese Bespannungsmannschaft erhielt den Titel „Artilleristen", welchen sie mit Stolz führte, so lange sie zu diesem Dienste verwendet wurde. Endlich also brachen wir mit unserer gesammten Macht, *) Auch dieser, damals aus Diskretion verschwiegene Ort ist mir heute nicht mehr bestimmt erinnerlich. — 79 — dem Generalstab, der Artillerie und dem Train gen Alzei auf, wo sich noch eine große, dort gesammelte Abtheilung mit uns vereinigen sollte. In Alzei große Begeisterung, die sich anstrengte, über das ungehobelte Aussehen unseres Zuges die Augen zuzudrücken. Es wurde Mittag gemacht und Alles auf's Gastfreundlichste bewirthet. Ich hörte einen Mann in folgenden Worten sich beschweren: „So oft Preußen hier waren, hab' ich Einquartirung bekommen, heut aber haben sie mir keine gegeben." Von Alzei zog also jetzt das ganze rheinhessische Korps in einer Stärke von beiläufig 1500 Mann nach Pfedders- heim und den umliegenden kleineren Dörfern, wo Nacht gemacht wurde. Ein Detachement wurde auf dem Landsitze des Herrn von Gagern bei Monsheim einquartiert und hat die ihnen zu Theil gewordene Bewirthung nicht genug rühmen können. Wir waren erst zwölf Stunden unterwegs und hatten bis dahin noch nicht das pfälzische Gebiet betreten, als wir schon die erste Probe der Konfusion zu schmecken bekamen, wodurch sich überhaupt das pfälzische Kommando fast in allen seinen Phasen auszeichnete. Ein erster uns durch einen Boten nach Wörrstadt überbrachter Befehl war von dem provisorischen Oberkommandanten Fenner v. Fenneberg*) erlassen und dirigirte uns nachDürkheim an derHaardt, von wo wir uns bis Neustadt ausdehnen und die von der westlichen Ebene in's Gebirge führenden Pässe besetzen sollten. Um zehn Uhr Abends kam ein reitender Bote nach Pfedders- heim, welcher uns von dem Landesvertheidigungsausschuß *) Fenner von Fenneberg, ehemaliger österreichischer Offizier, der in den Dienst der Pfälzer Revolution getreten war. Er ging später auch aus der Schweiz nach Amerika, wo er starb. Er hat Memoiren über seinen Antheil an der Wiener Oktober-Revolution Veröffentlicht. — 80 — die Ordre brachte, nach Kirchheimbolanden, also an die nordwestliche Grenze der Pfalz zu marschiren, von wo aus wir zur Vertheidigung der nördlichen Gebirgspässe gegen die Nahe und die preußische Grenze zu im Alsenzthal verwendet werden sollten. Angesichts dieser sonderbaren Widersprüche — jede der beiden Ordres war offenbar in Unkenntniß der andern gegeben, — mußte also der erste Kriegsrath gehalten werden, der sich nach sehr heftigen Debatten für Befolgung des letzterhaltenen Befehls entschied. Jedoch wurde aus Vorsicht zugleich mir der Auftrag gegeben, dem Korps voraus und nach Kaiserslautern zu reisen, um dort bestimmte Dispositionen entgegenzunehmen. Ich kam des Abends zwischen sechs und sieben in Kaiserslautern an, begab mich in die Frnchthalle, wo der Landesausschuß seinen Sitz hatte, und fand dort dessen Mitglieder mit Ausnahme von Fries,*) auch den noch als Reichskommissär anwesenden Eisenstuck,**) ferner d'Ester***) und Martinn.l') Hier erfuhr ich, daß der Rückmarsch der 800 Mann Preußen ans der Pfalz nicht sowohl in Folge eines unüberwind- *) Fries, pfälzischer Jurist. **) Eisenstuck, sächsisches Mitglied des Frankfurter Parlaments, Reichskoinmissär, zur Beruhigung in die aufgeregte Pfalz geschickt. D'Ester, junger Kölnischer Advokat, Mitglied der Berliner Nationalversammlung, einer der feurigsten und radikalsten Deutschen jener Zeit, mit Karl Marx an der Rheinischen Zeitung betheiligt, starb in der Schweiz. -s-) Martiny aus Westprcußen, Jurist, Mitglied des Frankfurter Parlaments, einer der entschiedensten Anhänger der äußersten Linken außerordentlich liebenswürdiger Lebemann, blieb nach dem Scheitern der Bewegung in Deutschland, wurde verhaftet und nach wechscl- vollen Schicksalen zu Gefängniß verurtheilt, in dem er mehrere Jahre verbrachte. Nach seiner Befreiung ließ er sich als Anwalt in Danzig nieder, wo er noch heute allgemein geehrt und beliebt — 81 — lichen Widerstandes, als auf Befehl des Reichskommissärs geschehen war, welchem die Truppen, als von der Zentralgewalt beordert, Gehorsam geleistet hatten. Zwar hatten die Bürger von Speier sich geweigert, die Preußen einzulassen, und dieselben in die Lage gebracht, eine Nacht hindurch im Walde bei gräulichem Regenwetter zu kampiren. Allein, wie ich später die pfälzischen Truppen und Ver- theidigungsanstalten und den Geist der Pfälzer kennen lernte, glaube ich nicht, daß die Preußen ohne die Intervention Eisenstucks erfolglos linksum gemacht hätten. Eben jener Rückzug aber, welcher uns in Mainz als eine gezwungene strategische Operation geschildert worden war, hatte uns, wie schon bemerkt, großes Zutrauen in den Willen und die Kraft der Pfälzer eingeflößt. Nach meinen Erfahrungen konnten damals noch 300 Preußen siegreich durch die ganze Pfalz ziehen. Eisenstuck hatte auch den auf der Volksversammlung zu Kaiserslautern erwählten Landesvertheidigungsausschuß als eine zur Durchführung der Reichsverfassung eingesetzte Behörde von Reichswegen bestätigt und ihm dadurch bei dem ängstlicheren Theil der Bevölkerung eine bedeutende Stütze gegeben. — Der Zweck meiner Reise war, wie gesagt, zunächst eine Aufklärung über die sich widersprechenden Befehle zu erlangen. Ich stellte in Abwesenheit Fenners den Umstand dem Landesausschuß vor, sah aber aus dessen Antwort alsbald, daß wir die Sache viel zu ernst genommen hatten. Wir glaubte»:, daß bestimmte Dispositionen mit genau gefaßten Plänen wohnt und seiner Gesinnung treu geblieben ist. In der Konfliktszeit (1862—63) wurde er in Mcmel zweimal in das Abgeordnetenhaus gewählt, legte am 7. Februar 1863 sein Mandat nieder, weil er mit einem Antrag, die Sitzungen bis zur Anerkennung des Steuerbewilligungsrechtes auszusetzen, keinen Anklang fand. Ludwig Bamberger's Ges. Schrifien, III. 6 — 82 — vorlägen, und fürchteten durch unsere eigene Entscheidung diese möglicher Weise auf eine gefahrbringende Art durchkreuzt zu haben. Welche Unschuld! Man hörte meinen Bericht au, als ob ich sagte, daß ich nicht wüßte, in welchem von zwei Gasthäusern ich absteigen sollte. Auch fragte ich gar nicht weiter, was zu thun sei, sondern nahm stillschweigend an, daß es bei dem Quartier in und um Kirchheimbolanden, welches sehr gut war, vor der Hand sein Bewenden haben solle. Wir kamen alsbald auf allgemeinere Diskussionen über den Stand der Dinge. Von bestimmten Waffenankäufen, von Engagements höherer Offiziere, von Verbindungen mit anderen Provinzen war noch nichts geschehen und so beiläufig die Rede, wie von Dingen, die man mit aller Muße betreiben könne. Man gab sich noch den neu angekommenen Absagebrief Dufours") herum, über dessen Entscheidung man unbegreiflicher Weise bis zu jenem Augenblick noch gezweifelt hatte, während man in ganz Deutschland über das ihm gemachte Angebot gelacht und in der Schweiz es für eine Ironie gehalten hatte. Selbigen Tags sollte jedoch noch ein Mitglied des Ausschusses nach Paris gehen, um Offiziere zu werben. Ich ging gegen Abend, nachdem man noch lange mehr geplaudert als berathen hatte, mit d'Ester und Martiny nach Hause. Sie klagten mir, als wir allein waren, auf's Heftigste über die Langsamkeit und Unentschiedenheit des Ausschusses. Der Anschein gab ihnen damals in meinen Augen vollständig Recht. Doch habe ich mich während der ganzen Entwicklung der Dinge überzeugt, daß diese *) Dufour, General der Schweizer Eidgenossenschaft, welcher im Sonderbundskrieg die siegreiche Armee befehligt hatte. Er hatte schon in dem Napoleonischen Heer gedient und galt für einen bedeutenden Militär. — 83 — Unentschiedenheit, diese Zögerung und Schonung, welche dem Ausschuß und der späteren Regierung zumeist vorgeworfen wurden und wahrscheinlich in künftigen Schilderungen der Pfälzer Insurrektion eine große Rolle spielen werden, in allen gegebenen Voraussetzungen so tief wurzelten, daß sie trotz anerkannter Schädlichkeit nicht zu vermeiden waren, daß sie die Revolution ruiniren mußten, weil diese von vornherein nicht durchzuführen war, und wenn nicht an der Unentschiedenheit, am Gegentheil zu Gmnde gehen mußte. Diese Behauptung führt mich dazu — von dem chronologischen Bericht der Vorgänge abweichend — zu der Schilderung einiger allgemeinen Zustände überzugehen, welche sich besser in ein Bild zusammenfassen lassen. Ich nehme zuerst: Die politischen Rulturzustände der j?falz. Die Rheinbauern standen von den dreißiger Jahren her in dem Rufe einer sehr erregbaren und freiheitsliebenden Bevölkerung. Sie hatten damals die erste Rolle in Deutschland gespielt. Im Laufe der mit dem März 1848 begonnenen Bewegung hatte man zwar auffallend wenig von dieser Provinz gehört, doch hatte sie ihre Abgeordneten nach Frankfurt sowohl als nach München immer aus der radikalen Partei gewählt, und die Vorgänge, welche der ganzen letzten Insurrektion den Impuls gaben, die Volksversammlung von Kaiserslautern und ihre Folgen, weckten den alten Glauben wieder auf. Ich habe Gelegenheit gehabt, viele Theile von Deutschland aus eigener Anschauung, andere aus getreuen Schilderungen unter diesem Gesichtsvunkt kennen zu lernen. Nach meinem zweimonatlichen Aufenthalt in der Pfalz, wobei ich stets in die Kreuz und Quere das Land durchreiste, kann ich behaupten, daß ich nur einzelne nördliche und i!" — 84 — südliche Theile von Deutschland für weniger demokratisirt halte, als diesen Landstrich. In der Weise, wie bei uns in Rheinhessen, wie in Rheinpreußen, in Franken, Thüringen, Sachsen, wie selbst in Hessen-Darmstadt, Kurhessen, Nassau, war dort während des ganzen vorausgegangenen Jahres durchaus nicht gewirkt worden. Von einer über das Land verbreiteten, wohlorganisirten Demokratie konnte gar keine Rede sein. Hier und da bestand so Etwas, wie ein demokratischer Verein; an eine gemeinsame, permanente, rührige Leitung der Agitation, an eine systematische Propaganda war nicht zu denken. Es fehlte, sei es als Folge, sei es Ursache dieser Zustände, durchaus an agitatorischen Talenten. Als die Einzigen, welche einigermaßen auf diesen Namen Anspruch machen könnten, wurden mir zuweilen zwei Bürger aus Neustadt an der Hardt genannt, welche jedoch durchaus kein allgemeines Ansehen genossen, daher auch wohl nicht vom rechten Zeuge waren. Was ich kennen lernte, war für die eben bezeichnete Aufgabe durchaus unbedeutend. Eine gehörig durchgebildete demokratische Bevölkerung fand ich nirgends, ebenso wenig glühende Begeisterung. Der Anblick des Landes, das ich in den ersten Tagen einer von Erfolgen begleiteten Revolution betrat, war durch und durch matt. Ich reiste von Kirchheim nach Kaiserslautern, von da nach Neustadt, Ludwigshafen, Frankenthal, Grünstadt durch den Theil des Landes, der für den besten galt, ohne in der Bevölkerung auch nur die Spur einer Aufregung zu sehen; hier und da eine freisinnige Aeußerung, ein Wirthshausgespräch, — Enthusiasmus nirgends. Natürlich konnte man, wie von jeher, Alt- banern nicht leiden und zog gegen die Preußen los. Doch habe ich in allen diesen Wuthäußerungen gegen die Preußen, die ich so oft unter den Bürgern, den übergetretenen Soldaten und der Volkswehr vernahm, immer mehr den Aus- — 85 — druck der Furcht als den des kampflustigen Hasses wahrgenommen. Der Terrorismus von Dresden hatte seine guten Wirkungen gethan und viel Verdienst um die Siege der Preußen in der Pfalz. Die Gräuel von Wien haben im November Berlin eingeschüchtert, und die Grausamkeiten von Dresden haben in der Pfalz und vielleicht in ganz Süddeutschland einen Schrecken verbreitet, der überall schon vor den Kanonen siegte, — Namentlich war es das Landvolk, auf welches die demokratische Propaganda in dem übrigen Deutschland so viel Sorgfalt verwendet hatte, und welches sich in der Pfalz in einem Zustand vollständiger Gleichgültigkeit befand. — Die Pfalz ist ein üppiges, reiches, prächtiges Land. Die provisorische Regierung war bis auf die letzten Tage stets in den armseligsten,man kann sagen: in den lächerlichsten Finanzverhältnissen. Was freiwillig hergegeben wurde, war kaum der Rede werth und rührte meist von einzelnen noblen Leuten her. Das Zwangsaulehen mußte zu zwei Drittel durch Exekution eingetrieben werden. Und wenn man nun bedenkt, was dazu gehört, daß ein Volk uud gar eine Zahl von nur 800000 Menschen dem Kolosse königlicher Gewalten widerstehe, welche Opfer seiner Zeit in Polen, welche in Ungarn gebracht werden mußten, um einen nennens- werthen Widerstand möglich zu machen, Opfer, zu welchen nur die höchste Ekstase, die wildeste Freiheitsbegeisterung hinreißen können — wenn man dies bedenkt und sich dagegen den Anblick einer vollkommen nüchternen, hier und da gelind liberalen, aber eben so oft entschieden reaktionären, im Ganzen mit gewohnter Ruhe ihren gewohnten Geschäften nachgehenden Bevölkerung vergegenwärtigt — so wird man allerdings es erklärlich finden, daß die provisorische Regierung auf einen solchen Boden keine großartige Revolutionspolitik zu pflanzen wagte. Mag man noch so sehr — 86 — die Nothwendigkeit kühner, durchgreifender Schritte abstrakter Weise darthun; mit revolutionärem Handeln richtet man nichts aus ohne eine revolutionäre Masse. Ein Terrorist an der Spitze lederner, philiströser Bürger gleicht einem Kavalier mit hohen Reiterstiefeln, großen Sporen und langer Peitsche auf einem elenden Klepper. Er macht eine lächerliche Figur und kann das Thier blutig stacheln, aber nicht beflügeln. Die Pfalz war durch radikale Maßregeln nicht zu retten. Und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht diese Ueberzeugung den Männern der provisorischen Regierung eben jene Scheu vor großen Gewaltsschritten eingeflößt hätte. Waren sie auch nichts weniger als genial an Geist oder Charakter, so war ihr Verstand doch hinreichend und ihre Lage verzweifelt genug, um sie zu entschiedenen Maßregeln zu bringen, wenn diese nützen konnten. Aber ihr Glaube an den Sieg war zu schwach, als daß sie vor ihrem eigenen Gewissen ein starr revolutionäres Handeln hätten verantworten mögen. — Allein wenn dem so ist — wird man fragen — warum gaben sie die Sache nicht auf? Die Antwort lautet: weil sie angefangen war. Den Rest erfrage man bei der menschlichen Natur. Ich selber fand Alles, was ich während meines Aufenthaltes sah, wie man stets von einer Konsequenz zur anderen vorangetrieben wurde, dabei dennoch wiederum vor ganz entschiedenem Handeln schauderte, stets verzweifelte und stets hoffte, — das Alles finde ich sehr natürlich, aber das Einzige, was ich nicht begreife, ist der Theil der Revolution, den ich nicht mit erlebt habe: ihren Anfang. Wie man bei einem solchen politischen Kulturzustandc, den doch die Inländer kennen mußten, das va bs>Qon8", das war das Zauberwort, welches von Anfang bis zu Ende als das Alpha und das Omega seiner militärischen Dispositionen gehört wurde. Er erklärte in allen Fällen, es sei nichts zu thun als „ä tormsr äss xslotons". Dieses Universalmittel, welches darin bestand, daß das Corps statt in neun, in fünf Hauptabtheilungen gebracht werden sollte, weil Ruppert wahrscheinlich es aus früherer Zeit so gewöhnt war, konnte aber nie zu Stande kommen, weil das Corps nie ganz beisammen war. Endlich mit dem Rückmärsche nach Kirchheim war der langersehnte günstige Moment eingetreten, und wie wohl wir nur eine Stunde vom Feinde standen und jeden Augenblick eines Angriffs gewärtigt sein mußten, wurde der Vormittag des 15. Juni dazu bestimmt, dem ewigen Pelotons-Jammer ein Ende zu machen. Aber vergeblich! Nachdem die Mannschaft den ganzen Morgen über versammelt, gezählt, verlesen, und wieder gezählt, gestellt, und wieder gestellt, die die Mittagszeit längst vorüber und ein Drittheil der Leute, welche die Nacht hatten im Freien zubringen müssen, am Umfallen war, hatte es dem guten Ruppert noch nicht gelingen können, seine Pelotons zusammenzubringen, und weil die nöthigsten Sicherheitsmaßregeln über diesem Gamaschengeschäft versäumt worden waren, mußte letztlich unverrichteter Sache geendet werden, um die nöthigen Vorsichtsmaßregeln auf den Abend zu treffen. Kaum waren einige Kompagnien auf die wichtigsten Grenzpunkte abgeschickt, als die Nachricht kam, es sei zwischen einem derselben und den Preußen bei Morschheim zum Treffen gekommen. Es wurde Generalmarsch geschlagen. Der Kommandant lief kopflos herum, und nachdem ich und Andere ihn mehrmals aufgefordert hatten, zu verfügen, — 144 — was geschehen solle, stellte er sich an die vorderste der in einigen Zwischenräumen aufgestellteuKompagnien, kommandierte: links um marsch! nnd zog mit ihr im Eilschritt auf dem Wege nach Morschheim ab, ohne sonst irgend Etwas anzuordnen. Zitz und ich schlössen uns an. Als wir eine Weile marschirt waren, kam uns bereits ein Wagen mit einem Todten entgegen, und in einem kurzen Zwischenraume folgte die Kompagnie, welche nach Morschheim dirigirt worden war, selber nach. Erstaunt fragten wir nach dem Grund dieses Rückmarsches und erfuhren nun den Hergang der Dinge in folgender Weise: Die Kompagnie war, nichts Böses ahnend, vor Morschheim angekommen. Der Hauptmann hatte aus Nachlässigkeit, oder, wie er sich nachmals entschuldigte, weil er sich auf Andere verließ, die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln einer Vorhut u. s. w. versäumt, und ließ die ganze Compagnie unter Trommelschlag auf das Dorf zu marschiren, als plötzlich dicht am ersten Hause aus einem Kornfelde eine Salve fiel, die einen Mann tödtete und zwei leicht verwundete. Im selben Augenblick sprangen etwa 15 Mann Preußen aus dem Korn auf und liefen davon. Der Vorfall ist besonders deßhalb bezeichnend, weil ohne ein ver- rätherisches Einverständniß oder mindestens ohne ver- rätherisches Stillschweigen der Dorfbewohner unsere Leute nicht in die Falle gekommen wären. Einige der Unseren sendeten den Fliehenden Schüsse nach, mit welchem Erfolg ist zweifelhaft. Die große Zahl der Kompagnie aber war so erschrocken, daß sie auf der Stelle umkehrte. Als wir ihnen nach Anhörung dieses Berichts eben deßhalb Vorwürfe machten, war die Antwort, wie immer: „Wir fürchteten umgangen zu werden". Diese Gefahr, welche in der That überall wegen der Mangelhastigkeit der Führung und der Schwäche der Zahl vorhanden war, demoralisirte eben — 145 — alle einzelnen Abtheilungen. Wir marschirten indessen weiter vorwärts, indem die auf dem Rückweg befindliche Kompagnie beordert wurde, sich uns anzuschließen. Es dauerte nicht lange, so gewahrten wir ein Detachement preußischer Kavallerie, welches allerdings die Straße zu unserer Rechten umgangen hatte und nun von der Flanke her auf uns gallopirte, sobald wir aber Position genommen und eine gute Zahl Plänkler ausgesendet hatten, wieder abschweifte und nach der Grenze zu davon ritt. Morschheim wurde nun wieder besetzt und wir blieben dort bis 10 Uhr stehen, ohne daß noch Etwas von einem Feinde sichtbar geworden wäre. Dies und die Vcrgleichung des Terrains überhaupt bestärkte uns in dem Glauben, daß wir in der allernächsten Zeit keinen ernsten Angriff, sondern nur Neckereien zu bestehen haben, die Hauptoperationen aber mehr gegen den Süden in die große Ebene von Mutterstadt gerichtet sein, und wir deßhalb Zeit haben würden die Antwort des Oberkommando's auf das Memorandum von Grünstadt abzuwarten, ohne auf eigene Faust zu handeln. Eine Kompagnie, deren Hauptmann für einen der Tapfersten und Rüstigsten im Korps galt, wurde als Besatzung in Morschheim zurückgelassen, der Rest marschirte wieder nach Kirchheimbolanden. Andern Morgens um 5 Uhr wieder Allarm in allen Gassen, Generalmarsch, entsetzte Gesichter, Hin- und Herrennen, Rufen, Jammern, Fragen. Die Preußen kommen! die Preußen kommen! Kein Tambour wußte Rechenschaft zu geben, wer ihn beordert habe, Keiner wußte zu sagen, woher die Nachricht käme, und wir mußten um so mehr an einen blinden Lärm glauben, als ja alle Zugänge so besetzt worden waren, daß ein solcher plötzlicher Ueberfall unmöglich schien. Wie erstaunte ich aber, als ich, an die Hauptwache kommend, dort die Kompagnie fand, welche wir als Besatzung in Ludwig Bmnbergir's Ges. Schriften. III. 10 — 146 — Morschheim gelassen hatten. Als ich dem Hauptmann meine Verwunderung darüber ausdrückte, antwortete er mir barsch: Die Leute seien zu müde gewesen, um den Feldienst zu versehen und er sei deßhalb im Laufe der Nacht zurückmarschirt! Es war das gewiß ein unverzeihlicher Streich, der aber seine Erklärung allerdings wieder in den Grnndübeln der ganzen militärischen Lage der Pfalz fand. Denn die Leute waren in der That durch die Manöver im Alsenzthal, wo sie in der elendesten Kleidung der schlechtesten Witterung preisgegeben waren, über die Maßen ermüdet und hatten außerdem 24 Stunden weder ein ordentliches Nachtlager noch eine warme Speise auftrerben können. So war nun Morschheim von Besatzung entblößt, und auf der ganzen Kaiserstraße bis nach Kirchheim nicht ein einziger Posten geblieben, und es stellte sich bald heraus, daß die Preußen dort eingerückt waren und mit Macht auf uns los marschirten. Als Rnppert auf dem Sammelplatz erschien, und wieder wie gewöhnlich, einem Automaten gleich herumlief, beschwor ich ihn, doch irgend Etwas anzuordnen, was in dieser dringenden Lage geschehen solle. Allein ich hätte ebenso gut mich an den nächsten Laternenpfosten gewandt. Es war kein zusammenhängender Gedanke und noch weniger irgend eine Anordnung aus ihm herauszubringen. Während sich die Mannschaft noch sammelte und einer der erwähnten polnischen Offiziere sich mit Herstellung der nöthigsten Ordnung beschäftigte, ging ich nach Hause. Ich hatte mir eine Entzündung am rechten Fußgelenke zugezogen, die durch den Marsch vom vorhergehenden Abend so sehr gesteigert war, daß ich kaum länger stehen konnte. Als ich nach Hause kam, fand ich in der Wohnstube Zitz, umgeben von einer großen Anzahl Kirchheimer Bürgern, welche das ganze Zimmer ausfüllten. Bürgermeister, Stadträthe und Offiziere — 147 — der Gürgerwehr, Reaktionäre und Liberale waren brüderlich vereinigt, um uns die dringendsten Vorstellungen gegen eine Vertheidigung des Platzes zu machen, in dessen Folge die Stadt leiden könnte. Ja man setzte sogar hinzu: falls wir dennoch den Kampf annehmen, oder es etwa mit Barrikaden versuchen sollten, so würden wir die Bürger im Rücken zu Feinden haben. Ein Hauptredner dieser liebenswürdigen Deputation war einer der ersten Liberalen des Orts, der mehrere hohe revolutionäre Funktionen versah. Wir antworteten, daß wir selber hier als in einer militärischen Sache nichts zu entscheiden hätten, und daß die Frage auch rein aus dem Gesichtspunkt der strategischen Rathsamkeit gelöst werden müsse. Unterdessen sah man bereits die Preußen von drei Seiten mit Artillerie und Kavallerie in überlegener Zahl heranrücken; die Stimmung unserer Mannschaft war im Allgemeinen nicht die beste. Als unter diesen Umständen der Kommandant Ruppert noch immer nicht zu einer Handlung gekommen war, entschlossen Zitz und ich uns auf eigne Faust zu handeln, wo längere Säumniß mit irgend einer Anordnung das Schlimmste war, was geschehen konnte. An einen Widerstand war, wie aus der obigen Schilderung hervorgeht, nicht zu denken. In Kirchheim selbst standen im Ganzen in jenem Augenblick höchstens etwa 400 Mann; ob die übrigen, welche auf umliegende Dörfer postirt waren, bei einem sich entspinnenden Kampf eintreffen würden, war eine große Frage. Die Zahl der anmarschirenden Preußen betrug mindestens 3000 Mann. Kavallerie und Artillerie hatten wir gar nicht. Es war mithin der Augenblick eingetreten, von dem Vorbehalt des noch unbeantworteten Memorandums Gebrauch zu machen und den Rückzug anzuordnen. Zitz und ich fertigten also an alle einzelnen Compagnieführer schriftliche Ordres aus, sich am Gebirge — 148 — her nach Dürkheim an der Haardt nnd von da nach Neustadt zurückzuziehen. Kurz darauf begaben wir uns nochmals auf den Sammelplatz und überzeugten uns, daß die Ordres ausgeführt waren. Es befand sich kein Mensch mehr daselbst, die Kompagnien waren abgezogen und die preußische Artillerie feuerte die Landstraße herab, auf der wir uns befanden. Eine kurz vorher improvisirte Barrikade war verlassen, die Mannschaft bereits außerhalb der Stadt. Es war mir unmöglich, länger zu Fuß zu gehen, ich ließ mir einen Wagen anspannen, Zitz setzte sich zu mir, und wir fuhren auf der Straße nach Rockenhausen zu, ab. Als wir etwa hundert Schritte weit hinaus waren, fiel der letzte Kanonenschuß und die Preußen zogen von der Kaiserstraße her ein. Später erst erfuhren wir, daß noch eine kleine Zahl der Unsrigen im Schloßgarten zurückgeblieben war. Sei es, daß sie das mehrmals wiederholte Hornsignal nicht vernahmen, sei es, daß sie es mißverstanden, oder daß sie überhaupt nicht weichen wollten: die Schützenkompagnie, wozu sie gehörten, zog ab, ohne zu entdecken, wo die Fehlenden seien. Die anrückenden Preußen fanden sie noch im Schloßgarten und es entspann sich dort ein Kampf. Das Gerücht meldete später, es seien dabei siebzehn Schützen gefallen, doch ist diese Zahl wohl übertrieben. Mehrere, die ausdrücklich mit Namen unter den Gefallenen aufgeführt wurden, sind noch am Leben. Gewiß ist, daß zehn gefangen wurden. Außerdem waren vor der Anordnung des Rückzugs einige Plänkler verwundet worden. Die andere Seite des Gerüchts, daß im Schloßgarten vierzig Preußen gefallen seien, ist sicher übertrieben und giebt einen Maßstab sür das Uebrige ab. Als wir etwa drei Stunden gefahren waren, erfuhren wir, daß Kaiserslautern bereits am Abend vorher geräumt und im Lause des Vormittags von den Preußen besetzt worden sei. Unter allen Unge- — 149 — Herrlichkeiten der pfälzischen Kriegsleitung ist wohl keine merkwürdigere zu finden, als daß man uns Seitens des Oberkommandos ohne Nachricht über diese Räumung und ruhig auf unserem Posten ließ, während man unseren Rücken von einer Seite her Preis gab, wo wir es am allerwenigsten erwarten konnten. Angenommen, irgend ein Grund hätte nns bestimmt, in Kirchheimbolanden ernsten Widerstand zn leisten, angenommen selbst, wir hätten dort den Angriff von Osten her gewahrt, so waren wir zum Lohne dafür einige Stunden später vollständig cernirt und verloren, denn bereits im Lauf des Nachmittags reichten sich die preußischen Vorposten von Kaiserslautern und Kirchheimbolanden her die Hände. Der Einmarsch war zugleich von drei Seiten her erfolgt; von Osten über Kirchheim und Grünstadt, von Westen über Homburg und von Norden über Lauterecken. Von allen drei Seiten her dirigirte sich der Feind auf Kaiserslautern zu. Nirgends fand er ernsten Widerstand. Ueberall war entweder die Zahl von vornherein zu gering oder sie verminderte sich beim ersten Schuß um die Hälfte. Die Volkswehr, die im Lauterthal stand, lies, während der Kommandant auf's Rekognosciren gegangen war, sammt und sonders davon; von 2400 Mann, die bei Grünstadt und Göllheim standen, waren eine Viertelstunde, nachdem das Gerücht von der Annäherung der Preußen sich verbreitet hatte, nur noch 400 Mann übrig. Weiße und blauweiße Fahnen empfingen vielfach die ein- marschirenden Königlichen. Die provisorische Regierung und das Militärkommando waren nach Neustadt gezogen, wo sich auch die Ueberreste der auf dem Rückzug befindlichen Truppen sammelten. Am Ende der von Kaiserslautern nach Neustadt führenden Eisenbahn, deren Lokomotiven alle beim Rückzug mit weggenommen waren, wurden noch einige Befestigungen ausgeführt, sei's, weil man einen — 150 — Augenblick daran dachte, sich in dem engen Thale zwischen Neustadt uud Frankenthal zu halten, sei's, um gegen ein rasches Nachrücken des Feindes gesichert zu sein. In Neustadt setzte sich auf Anordnung Miroslawskys der ganze Zug nach dem Badischen in Bewegung. Fünf Tage, vom Donnerstag den 14. bis Montag den 18. Juni gingen zwischen der Invasion und dem Uebertritt auf das badische Gebiet vorüber, ohne daß es noch irgendwo zu einem ernsten Zusammenstoß gekommen wäre. Bei Dürkheim und im Anweiler Thale gab es noch einige unbedeutende Plänkeleien. Es wäre den Preußen ein Leichtes gewesen, im Lauf von drei Tagen ihre Macht nach dem Rheine hin vorzurücken und den ganzen Rückzug abzuschneiden. Volle 24 Stunden, ehe das pfälzische Korps bei Knielingen über den Rhein ging, standen die Preußen bereits von beiden Seiten um wenige Stunden entfernt in Dahn und in Germersheim. Absicht war es gewiß nicht, diese immerhin noch ansehnliche Macht von etwa 8000 Mann mit sechs Kanonen und vielen Vorräthen ruhig ins Badische gehen zu lassen; wahrscheinlich vielmehr falsche Berechnung unserer Kräfte, deren richtige Schätzung den Feind wohl zu einer ganz andern Operationsweise hätte bestimmen müssen. Es scheint, daß man — vielleicht nicht mit Unrecht — sich zum Grundsatze gemacht hatte, auch nicht das Geringste zu wagen und nur da anzugreifen, wo man der Uebermacht ganz gewiß war. Die Okkupation der Pfalz war ein Marsch, aber kein Sieg. Jetzt erst, als Alles in vollem Rückzug war, entschloß sich Baden, der Pfalz Hülfe zu leisten und kam auf den klugen Einfall, die Operationen gegen Landau zu unterstützen, welche Willich seit jenem früheren Versuch, so gut es mit seinen geringen Kräften und ohne ein Stück Geschütz gehen konnte, geleitet hatte. Ein lächerlicheres Irvp tarci ist nie da gewesen. — 151 - Am 15. oder 16. wurden einige badische Truppen nach Landau geschickt, welche aber am 17. schon wieder zurück- I kamen, weil die Preußen bereits im Begriffe waren, die Verbindung zwischen Germersheim und Landau herzustellen. — Am 18. Juni Vormittags ging der Ueberrest der Pfälzer Revolution, etwa 6000 Mann Infanterie: nämlich sämmtliche Freischaaren, der größte Theil des übergetretenen regulären Militärs und einige Volksivehr, welche letztere zum Theil noch auf dem Rückzug ausgehobeu worden war, ferner 45 Mann Chevauxlegers, die 8 von Baden gekauften Kanonen, der Generalstab, die provisorische Negierung und das ganze Kanzleipersonal auf der zwischen Wörth und Knielingen das bairische und badische Ufer verbindenden Schiffbrücke über den Rhein — ein trauriger, demüthigender Anblick und für mich die klarste Vorbedeutung von dem Schicksal Badens, welches nicht blos kurzsichtiger und eng- , herziger Weise die Pfalz im Stiche gelassen, sondern sich so wenig um deren Schicksal bekümmert hatte, daß ihm dieses Ende der Dinge vollständig unerwartet zu kommen schien, ein Ende, das jeder halbwegs einsichtige Mensch in der Pfalz deutlich vorausgeahnt hatte, und auf welches auch die badischen Führer vorbereitet sein konnten, wenn sie den zahlreichen wahrhaftigen Schilderungen, welche ihnen von Eingeweihten wochenlang voraus gemacht wurden, hätten Gehör schenken wollen. Die ganze Rheinlinie, welche jetzt plötzlich frei wurde, war ungedeckt. Am selben Morgen erst, wo der Uebergang stattfand, wurden bei Knielingen einige Schanzen errichtet, der Uebergang von Speier war nur von ein paar Dutzend Leuteu besetzt, und der Einfall bei Germersheim, der zwei Tage später sich ereignete, war das Produkt derselben Sorglosigkeit. Für die seit drei Tagen erwarteten Pfälzer Truppen war durchaus keine Vorsorge getroffen. Als die ermüdeten Leute ankamen, — 152 — war nicht die kleinste Labung an Speise oder Trank für sie aufzutreiben. Keine Veranstaltung war getroffen, daß sie unter Dach und Fach kämen. Von Morgens 9 bis Mittags 3 Uhr kampirten die Leute, welche zum Theil schon fünf Stunden marschirt waren, auf einer nassen Wiese, ohne einen Bissen Brod oder einen Schluck Bier zu erhäschen, in der Sonnenhitze. Ruppert stand, wie immer, unbeweglich und stumm bei unserem Korps und wußte nicht, was geschehen solle. Es schien mir eine gewagte Sache, sich darauf zu verlassen, daß überhaupt vom pfälzischen oder badischen Oberkommando irgend eine Ordre kommen werde; die Kompagnieen unseres Korps fingen bereits an, sich zu verlaufen, indem Einzelne nach der noch über eine Stunde entfernten Stadt gingen, um sich zu erfrischen; ich sah, daß es hier, wie überall iu solchem Wirrwarr galt, sich selber zu helfen. Ich hielt den ersten besten Wagen an, aus welchem eine schwarzroth-goldne Schärpe herausguckte. Es war gerade Brentano, der darin saß. Ich bat ihn, auszusteigen und mir eine Ouartieranweisung sür unser Korps zuschreiben. Er entsprach meinem Wuusch, die Ordre wurde auf Neurath, ein Dorf eine halbe Stunde nördlich von Knielingen, ausgestellt; ich raffte die Kompagnieen zusammen und führte sie hin. Der Bürgermeister war nicht auf Einquartierung vorbereitet. Der Wirrwarr erneuerte sich also hier, die Einwohner, ebenfalls nicht in Kenntniß gesetzt, hatten weder Lagerstätten noch Speise, und zudem gab Brentano einige Minuten später auch dem Blenker- schen Korps Anweisung aus dasselbe Dorf, das bei einer krassen Armuth nun plötzlich zwölf- bis dreizehntausend Mann beherbergen sollte. Das loyale Karlsruhe, das wenig Einquartierung hatte, wurde dagegen verschont. Die Nahrung, welche unsere Leute nun endlich fanden, bestand in saurer Milch und — Salat. Der vierte Theil saß bar- — 153 — fuß in den Häusern und wartete auf neue Schuhe, um sich von der Stelle bewegen zu können, ebenso viele hatten keine Hosen oder Blousen mehr. Mit dem Augenblick, wo das Korps nach Baden hinüberging, hatten wir den Entschluß gefaßt, die Funktion als Provinzialkomitee, welche nun ganz illusorisch werden mußte, ohne an Verantwortlichkeit oder Last etwas zu verlieren, aufzugeben und das Korps direkt unter das badische Kriegsministerium zu stellen, welches unter allen Umständen, und wäre es auch bloß wegen seiner materiellen Mittel, mehr Vertrauen einflößte, als das pfälzische. Ich ging noch am Abend des 18. zu dem Kriegsminister Werner und machte ihm den betreffenden Vorschlag. Er verlangte, daß ich ihn schriftlich eingebe. Ich gehe nach Haus, schreibe, fertige ein vollständiges Inventar, das ich mit zu übergeben anbiete, und reiche Alles ein. Der andere Tag vergeht, ohne daß ich Bescheid erhalte. Ich gehe wieder aufs Kriegsministerium. Die Eingabe war ungelesen verloren gegangen. Die Unordnung, das Getümmel der Regierungsdilettanten und die Kleinigkeitskrämerei waren gerade wie in der Pfalz. Nachdem ich noch einen Tag vergeblich gewartet hatte, entschloß ich mich, persönlich zu Mieroslawsky nach Heidelberg zu gehen, um wo möglich mit diesem die Sache auf summarische Weise abzumachen. Als ich am Morgen des 20. in dieser Absicht auf den Karlsruher Bahnhof kam, rief mich ein genauer Bekannter aus früherer Zeit an und nahm mich auf die Seite: „Wo willst Du hin?" — Nach Heidelberg zu Mieroslawsky. — „Du kannst nicht. Die Preußen sind bei Germersheim über den Rhein, die ganze Besatzung von Philippsburg ist in einem Zuge bis nach Bruchsal gelaufen, ich selber bin Zivilkommissär von Bruchsal und eben hier, um den Vorfall zu melden." — Dies war Morgens um 10 Uhr, die oben erwähnte Meldung selber schon um — 154 — 9 Uhr gemacht worden. Bei Tisch sprach ich um 2 Uhr mit dem Minister des Innern, der zu dieser Zeit, also volle 5 Stunden nachher noch nichts von diesem inhaltschweren Ereigniß wußte und es nicht glauben wollte! Mache man sich darnach ein Bild von der Handhabung der obersten Regierungsgeschäfte. — Da inzwischen weder ein Bescheid von Seiten des Kriegsministeriums an mich gekommen, noch eine Besprechung mit Mieroslawsky möglich war, so standen wir noch immer in den alten Schuhen, unter pfälzischer Oberleitung und dem segensreichen Kommando des Majors Nuppert. Unter diesen Umständen erhielt das Korps von dem pfälzischen Oberkommando Befehl, nach Eggenstein und Leopoldshafen zu rücken, wo man das erste Gefecht mit den über den Rhein gegangenen Preußen erwartete. Während das Korps von Neureuth aus direkt nach Eggenstein marschirt war, folgte ich mit einer Kompagnie, die in Bulach im Quartier war, nach. Als wir mit den Uebrigen zusammentrafen, standen dieselben, wie sie gekommen waren, auf der Chaussee, und als ich fragte, was denn geschehen, ob hier eine Aufstellung genommen, ob die nachgekommene Kompagnie hier ebenfalls Posto fassen, ob man die Bagagewagen da behalten oder zurückschicken solle u. dgl. m., war Ruppert die alte unerschütterliche Säule. Der Oberst war nicht zu finden, Ordres keine gegeben. Auch der Offizier, welcher die zwei ebenfalls und zwar hinter uns auf der Chaussee postirten Geschütze befehligte, wußte nicht, was er thun solle. Zugleich kamen Gerüchte von ungeheuren feindlichen Massen, die bereits an dem nächsten Orte, Graben, stünden. Es wurde Nacht, wir hörten und sahen Nichts, Keiner wußte, was geschehen solle, was vor, hinter oder neben uns sei, ja es war nicht einmal eine Parole ausgegeben, um Freund von Feind unterscheiden zu können. Das Wort „Verrath" — 155 — ging vielfach durch die Reihen, und wenn auch der Verdacht der Verrätherei in diesem Feldzug aufs Lächerlichste mißbraucht wurde, so war die Lage jener Nacht eine solche, in welcher sich diese Uebertreibung noch am ersten entschuldigen ließ. Als nach einiger Zeit noch immer keine Ordres kamen, verlangten einzelne Offiziere, daß man wenigstens eine Stellung einnehme, die irgend einen militärischen Sinn habe. Ruppert fügte sich und--fing an, seine Pelotons zu organisiren! Abends halb 9 Uhr, fast Angesichts des Feindes! Diese Stupidität war zum Verzweifeln. Aber er war Kommandant, und um die Entmutigung der Leute nicht zu steigern, mußte man ihn gewähren lassen. Er nahm also einen Bleistift und fing wieder an zu zählen und zu rechnen, zerriß die Kompagnieen und stiftete dadurch so viel Unordnung und Ungelenkigkeit als möglich. Nachdem er eine Stunde lang gezählt, abgetheilt ' und wieder abgetheilt hatte, bildete er endlich zwei Carres zu beiden Seiten der Chaussee, — Carres von zwei Mann Höhe, die mit sechs Pferden umzurennen waren. In diesem Zustand, in Dunkelheit und einer empfindlichen Kälte verging die Nacht, während der die Unzufriedenheit und das Mißtrauen immer mehr stiegen. Viele erklärten mir, sie würden anderen Morgens das Korps und Baden verlassen, und es fiel mir auch gar nicht ein, sie davon abwendig zu machen, denn es mußte aus solcher Wirthschaft Jedem klar werden, daß in Baden nicht viel Besseres mehr zu erwarten sei, als in der Pfalz, und ich fand es ganz in der Ordnung, daß die Leute nicht Lust hallen, sich von der Dummheit und Kopflosigkeit opfern zu lassen. Des Morgens kam em Reiter, welcher den mündlichen Befehl überbrachte ' nach Karlsruhe zurückzukehren. Die Mangelhaftigkeit dieser Form gab Grund, die Ausführung zu beanstanden. Einige Kompagnieen gingen zurück, andere blieben da. Ich selber, noch immer am Fuße leidend und durch die Anstrengung der vorausgehenden Tage und der letzten Nacht beinahe völlig unbeweglich geworden, war schon einige Zeit vorher nach Karlsruhe zurückgefahren. Um 7 Uhr kamen Einzelne zu mir aufs Zimmer, die ihren Abschied verlangten, den ich ertheilte. Alsbald mehrte sich die Zahl so, daß das Zimmer stets voll gedrängt uud keine Möglichkeit mehr war, jedem Einzelnen einen schriftlichen Abschied auszufertigen. Während dieses Vorgangs kam Zitz, der ebenfalls in der Nacht in Leopoldshafen gewesen war, aufs Höchste indignirt über das, was er dort, wie an anderen Orten gesehen und mit der festen Erklärung, daß er Denen gegenüber, welche uns gefolgt seien, nicht länger die Verantwortlichkeit tragen könne, sie einer solchen Wirthschaft ex- ponirt zu lassen Wer in Baden dienen wolle, möge es auf eigene Faust und eigene Verantwortung thun; seinem Gewissen sei es unmöglich, die Leute durch seine Mitwirkung noch ferner zu bestärken. Er knüpfte daran gütliche Vorwürfe darüber, daß ich nicht schon in der Pfalz zur Auflösung eingewilligt hätte, wo die Rückkehr den Rheinhessen viel leichter gewesen wäre. Gleichzeitig erklärte er, einige tausend Gulden aus seinem Vermögen opfern zu wollen, um das Korps nach dem Elsaß zu führen, und von dort aus dessen ungehinderte Rückkehr von der hessischen Regierung zu erwirken. Ich stellte ihm vor, daß dieser Plan unausführbar sei. Weder die badische Regierung noch die französische würden den Durchzug resp. Uebertritt gestatten, die hessische Regierung würde sich auf keine Unterhandlung einlassen, und im besten Falle würde die Dislokation und Erhaltung des Korps während der ganzen zur Ausführung nöthigen Zeit, auch eine mit seinen Privat- Mitteln unerschwingliche Summe erheischen. Dagegen gestand''ich zu, daß ich mich nicht minder gedrängt fühle, jetzt, wo mir die Sache durchaus verloren schiene, nicht länger mit meiner Ueberzeugung zurückzuhalten. Zitz ging weg, um die Ansicht der Offiziere, welche er zu einer Besprechung bestellt hatte, einzuholen. Während er abwesend war, ward der Andrang der den Abschied Verlangenden immer stärker. Nachdem nun Zitz die Nachricht zurückgebracht hatte, daß alle Offiziere, welche sich eingefunden, unsere Ansicht theilten, erließen wir eine Erklärung, worin wir unseren Rücktritt aussvrachen und den Einzelnen überließen, in badische Wehrkörper einzutreten. Zugleich verfügten wir die Vertheilung der Gelder und des Inventars. Noch waren wir mit diesen Anordnungen beschäftigt, als uns Warnung auf Warnung zukam, die Herren Reichard und d'Ester, über unsere Maßregel empört, liefen durch die Stadt mit gräulichen Drohungen von Arretiren, Füsiliren u. dgl. m. Es wäre in der That ein eigenthümliches, tragi-komisches Schicksal gewesen, zu Ehren des spät erwachten terroristischen Bedürfnisfes der pfälzer provisorischen Regierung zu fallen, und ich glaubte nicht, daß Herr Reichard so entsetzlich grausam sein würde, uns durch einen Tod zur Rettung seines revolutionären Talents lächerlich zu machen; aber was ich befürchtete, war, daß man als unglücklicher Staatsgefangener möglicher Weise bei einem schnellen Rückzug vergessen und von dem pfälzischen zu dem tragischeren preußischen Terrorismns kommen könne. Wir zogen es daher vor, von Karlsruhe abzureisen. Herr Reichard hat sich nachher noch hoch und theuer verschworen, er hätte uns im Betretungsfalle erschießen lassen. Wenn dem so ist, so wird er nicht verfehlen, aus Dankbarkeit dafür, daß wir ihm diese fruchtlose Gräuelthat er- — 153 — sparten, mir zu verzeihen, daß ich hier seiner etwas frivol erwähnt habe. Ein Theil unserer Leute ging zu den Badensern, ein anderer auf verschiedenen Wegen nach Hause. Ich selber verließ Baden, ohne auch nur den Schatten eines Schattens von Hoffnung für den Widerstand der Badenser mitzunehmen. Juchhe nach Italial Vorbemerkung. ie Flugschrift „juchhe nach Italia" war die erste Arbeit mit welcher ich in Paris, während ich um Geschäftsleben stand, zur politischen Schriftstellerei zurückkehrte, nachdem ich grade zehn Jahre vorher in der Schweiz meine Erinnerungen aus der pfälzer Erhebung veröffentlicht hatte. Den Anstoß gab mir der Hrieg Frankreichs gegen Österreich zur Befreiung Italiens. Bekanntlich ward der Feldzug im Mai 18S9 eröffnet. Es war mir sofort klar, daß mit diesem Ereignis eine neue Aera der europäischen Politik beginne, und daß der Erlösung Italiens die Deutschlands folgen müsse, wenn Preußen nicht ganz taub für den Ruf des Schicksals bleibe. Aber die Strömung in Deutschland war weithin eine entgegengesetzte. Nicht nur im Süden, wo die österreichischen, antipreußischen, katholischen und zum Teil auch die demokratischen Tendenzen eine Parteinahme für Gsterreich gegen Preußen und gegen Louis Napoleon diktirten, sondern auch in vielen Mreisen des nördlichen und westlichen Deutschlands war dieselbe Auffassung vorherrschend. Die großen Blätter, auch am Rhein, huldigten der Idee, Preußen müsse Österreich beispringen, um nicht nach dessen Besiegung zu schwach Frankreich gegenüber dazustehen; der Rhein müsse am Ticino verteidigt werden, wie da- mals die Formel lautete. Eine interessante Gruppe unter den preußischen Kämpfern für Österreich bildeten die drei Männer Lothar Bücher, Roobertus und Kaplan Berg. Berg war ein Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 11 — 162 — rheinischer Katholik, dessen liberalreligiöser MiMzismus sich gut mit verwandten Zügen im Naturell der beiden anderen vertrug, von Wien aus schrieb der aus Amerika zurückgekehrte Julius Sröbel im selben Sinn. — In der festen Überzeugung, daß es ein nationales Unglück für Deutschland märe, sich in diesen Strudel mit hineinziehen zu lassen, fühlte ich den unwiderstehlichen Drang, einen IVarnungsruf zu erheben. So schrieb ich im Mai bei Ausbruch des Krieges sofort den hier folgenden Abschnitt. Aber es war, und das begreift sich bei einem Blick in den Text, nicht möglich, innerhalb Deutschlands einen Verleger für diesen heftigen Ausbruch zu finden. Auch schien es mir aus verschiedenen Gründen nicht angezeigt, mit meinem Namen herauszutreten. Über dem Suchen nach einem Verlag verstrich viel Seit, und die Bemühungen, Preußen zu übertölpeln, griffen immer mehr um sich. Da half Karl Vogt in Genf. Cr teilte ganz meine Ansicht und hatte selbst eine Flugschrift im gleichen Sinne verfaßt.*) Durch seine Vermittlung wurde'.das „Juchhe" bei Reinhold Baist in Frankfurt a. M. heimlich gedruckt und mit der Verlagsangabe „Bern und Genf, Vogts Verlag, 18Z9" in Deutschland verbreitet. Ehe aber noch der Druck- fertig war, war nun auch der Monat Juni vorübergegangen und Anfang Juli der Friede geschlossen. So empfahl es sich auch, dieses Ereignis noch zu berücksichtigen und die Schrift mit einem Anhang zu versehen, der jedoch im Nachstehenden, als weniger bezeichnend für den damaligen Meinungskampf, nicht wiedergegeben ist ,Iuchhe nach Italia" erregte ziemlich viel Aufsehen und Anfeindung. Julius Lröbel in seiner Flugschrift „Deutschland und der Sriede von villafranca" erklärte es für eine von der französischen Regierung bezahlte Arbeit. Der Name des Autors blieb, wenige Eingeweihte ausgenommen, unbekannt. Ich antwortete unter diesem Anonymat noch in einem „Offenen Brief an Julius Sröbel", der *) Studien zur gegenwärtigen Lage Europas. Von Karl Vogt. Genf u. Bern. Selbstverlag des Verfasser», l8Sg. — 163 — als Anhang zu einer Broschüre H>. B. Oppenheims „Deutschlands Not und Ärzte" im selben Jahr 18Z9 im Berliner Verlag von L. C. Huber erschien. Das kleine Soldatenlied am Eingang des Textes hatte das spaßhafte Glück, mehrfach für echt genommen zu werden. Karl Braun berichtet in seinem 1870 (Leipzig, Duncker u, Humblot) erschienenen Band „während des Krieges" das Nähere über einen Sammler, der es als einen interessanten Lund aus dem Nachlaß eines hessischen Soldaten glossierte, enthüllt aber dabei das Geheimnis der Autorschaft, indem er auch nachweist, daß die betreffende Parade nicht im Gktober 177Z, sondern erst sechs Monate später abgehalten worden sei. Lriedrich Kapp, der sich so eingehend mit der Geschichte des Soldatenhandels befaßt hatte, bat mich in einem Briefe aus New-Dork um Auskunft über das auch von ihm für echt gehaltene Lied. 11 Im Mai. Juchheisa nach Amerika Du Deutschland gute Nacht I Ihr Hessen präsentiert's Gewehr, Der Landgraf kommt zur Wacht. Ade Herr Landgraf Friederich Du zahlst uns Schnaps und Bier, Schießt Arm man oder Bein uns ab So zahlt sie England dir. Ihr lausigen Rebellen ihr, Gebt vor uns Hessen Achtl Juchheisa nach Amerika Du Deutschland gute Nacht! (Ein schön und wahrhaftig Soldatenlied, so Anno 1776 am 19. Oktober zu Kassel auf der Paraden von denen abziehenden Militärs mit admi- rabler borms Immern vor Jhro Durchlaucht gesungen worden). ermissimus saßen bei der Chokolade und prüften mit höchsteigenen Augen die neuesten von London eingelaufenen Subsidienrechnungen. Sie bestätigten, daß die Posten mit der berechneten Anzahl von verstümmelten Gliedern ihrer Soldatenlieferung nach dem übereingekommenen Tarif für Arm, Bein, Aug' oder Finger genau stimmten, und geruhten in landesväterlicher Huld einen nicht unansehnlichen Teil dieser Summen auf das Budget des ruhmreichen Karolinums und zur Verschönerung landgräflicher Parkanlagen, zu welchen an Sonn- und Feiertagen auch die getreuen Kasseler Bürger Zulatz hatten, auszuwerfen. Hierauf ließen Durchlaucht dero Leibschimmel vorführen und begaben sich zum Paradeplatz, wo der letzte Transport der an das Ministerium North verkauften Soldaten aufgestellt war, und den gnädigen Landgrafen mit einem wohleinstudierten: Juchhe nach Amerika! empfing. Was damals die kleinsten deutschen Landesherren mit ihren getreuen Unterthanen ausrichten konnten, das läßt sich auch heute noch mit einigermaßen veränderter Manier durchführen. Denn es ist bekannt, daß man dem wackeren Hessensürsten Unrecht thut, wenn man glaubt, er allein habe diesen sauberen Menschenhandel betrieben. Hessenland war nur damals, wie zu aller und neuester Zeit, das erhabene Musterbild eines patriarchalischen deutschen Regiments. Waldeck, Anspach, Anhalt-Zerbst, Braunschweig und Hannover oblagen der nämlichen Industrie, und nicht bloß in den Vereinigten Staaten, auch am Kap und in Batavia kämpften die wackeren Deutschen für fremden Despotismus zur Bereicherung ihrer Souveräne. So verstanden allzeit deutsche Fürsten die Handfestigkeit ihrer Landeskinder für ihre Privatzwecke zu benutzen, und so übten sie diese Kunst mit besonderer Vorliebe da, wo es galt die Ansprüche des Absolutismus gegen irgend ein nach Unabhängigkeit ringendes Volk zu verteidigen. Was wir heute sehen, ist ganz dasselbe Schauspiel, nur mutatis mutanäis. Das Handgeld für die an Österreich zu leistende Hilfe gegen Italien wird zwar nicht in blanken Thalern verrechnet, allein die Trieb- seder ist, wie damals, die Erhaltung und Befestigung der partikulären Landessouveränetät, welche durch eine nationale Bewegung des Kontinents und durch die Erschütterung des — 166 — fundamentalen Habsburgischen Absolutismus mit Recht bedroht erscheint. Und wie innig die Aufrechterhaltung ungeschmälerter Landessouveränetät mit der Vermehrung allerhöchster Zivillisten und Domanialgerechtsamen verwachsen ist, haben deutsche Stände seit 1849 weidlich erfahren können. Der fortgeschrittenen Bildung aber verdanken es die allerhöchsten Herrschaften, daß sie die zu einem lustigen Juchhe nach Amerika! begeisternde Schnapsverteilung nunmehr durch Gestattung burschenschaftlicher Lieder ersparen, und mittels aufgewärmten Franzosenhasses, mittels jesuitischer Umtriebe, besoldeter Zeitungen und herabgekommener Aktienbesitzer eine scheinpatriotische Erhebung in Szene setzen, deren Ausgangs- und Endpunkt in erster Linie die Erhaltung des Habsburgischen Soldaten- und Pfaffen-Despotismus ist. in zweiter Linie die Erhaltung der darauf basirten Zersplitterung Deutschlands in dreißig souveräne Staaten. Ihr wütet für Habsburg gegen Italien und für eure absoluten Landesherren gegen Euch selbst und glaubt eine deutsche, d. h. einheitliche Erhebung zu feiern! O admirable Konus tmmsrir! Wie sie schreien werden — denn Schreien ist ja die Parole, und sie kennen den Zauber dieses Betäubungsmittels — wie sie schreien werden, die Schurken und Schwachköpfe aller Abstufungen, über den Einzelnen, der sich unterfängt, mit frecher Selbstgewißheit sein abstechendes Urteil als den Ausspruch des Menschenverstandes der Stimme einer Nation entgegenzustellen. Nun, es giebt solche Gewißheiten, es giebt Ueberzeugungen, die in Ruhe und Unbefangenheit abgewogen, das Bewußtsein in sich tragen, daß sie allein richtiger sehen, als eine rasende Gesammtheit, die am Ende auch nur von einigen Wenigen geführt, berauscht, gehetzt, sich einherwälzt. Und wer sind sie denn, die sich auf die große Mehrheit, auf die heilige Volksstimme berufen? Sind es die, welche ihr von jeher gehuldigt haben? Nicht doch! — 167 — Es sind die, welche von ewig her nur Hohn und Ungnade für die öffentliche Meinung an den Tag legten, welche nie das freie Wort ertragen konnten, welche den beschränkten Unterthanenverstand in zehnfache Bande zu schlagen für unentbehrlich erklärten, und das Recht klüger, besser und mächtiger zu sein als ganze Völker von einem Gott geerbt zu haben beteuerten. Jetzt aber, wo ihr sie braucht, die derben Arme der verachteten Massen, jetzt wo ihr nach euren wohlüberlieferten geheimen Rezepten sie berückt habt, jetzt soll ich Ehrfurcht hegen vor der erhabenen vox populi? Gemach, Ihr Herren! Wisset ihr, was eine öffentliche Meinung ist? Nicht das blöde Geschrei einer seit zehn Jahren geknebelten, erdrückten, zersetzten, demoralisierten Anzahl von Millionen. Nicht der hohle Widerhall jener allein privilegierten Irrlehren, welche seit zehn Jahren die Dunkelmänner aller Klassen in die Ohren der Nation hineinschreien durften. Nicht der Ausbruch des Giftes, welchen Ultramontanismus und Agiotage unbehelligt dem Volkstörper eingeimpft haben. Ja, wenn in diesen zehn Jahren, welche seit dem letzten National-Bankerott verflossen sind, ein freies Wort hätte in Deutschland erschallen dürfen, wenn gleiches Recht gegolten hätte für die Missionäre der Aufklärung, wie für die der Verdummung. ja, wenn eine Masse da wäre, die man nicht alles politischen Denkens mit Gewalt entwöhnt hätte, ja und wenn dann eine öffentliche Stimme sich erhöbe und mit Alleinigkeit ihr Wort erschallen ließe, wer wollte sich nicht in Demut bengen und seinen Irrtum bekennen? Aber nimmermehr vor diesem eingetrichterten Gebrüll entwürdigter Unterthanen, hinter welchen die ganze Meute wohlabgerichteter Hetzhunde einherbellt — nimmermehr! Meint ihr, die Herren hielten so ganz umsonst auf die ausschließliche Gewalt, die Presse zu besitzen, die Lehrer zu ernennen, die Schulen zu regieren, die Bücher zu zensieren, die Klöster zu stiften, und unwidersprochen Jahr ans Jahr ein ihr — 168 — Lied ertönen zu lassen? Meint Ihr. daß sei blos aus Brodneid auf die Beredtsamkeit ihrer Nebenmenschen und aus Wohlgefallen an ihrer eignen Suada? Nicht doch! Sie wissen es recht gut, daß man ein Volk vergiften, verfälschen, verdummen kann. Und wenn alles künstlich präpariert und einstudiert ist, dann sollen wir die Macht der Wahrheit aus diesem Präparat empfangen, das ihr Volk zu nennen beliebt, wenn ihr Blut und Thaler braucht? Die Stimme des vereinsamten freien Menschenverstandes will nicht verstummen vor diesem mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis veranstalteten Gebrüll zu Gunsten habsburgischer Despotie und deutscher Zaunkönige. Denn, rund heraus sei es gesagt: nicht um Italien handelt es sich für uns, nicht um Bonaparte; es handelt sich um Deutschland, um Deutschlands Wohl, um die Einheit, welche nicht an der Eider und nicht am Po ihre gefährlichsten Feinde hat, sondern an der Donau, und überall da, wo ein Duodeztyrann jetzt Wachtparaden mit Kaiser- Franzens-Hymnen aufführen läßt. Mit Recht ist es gesagt worden. Das Beste, was jetzt geschrieben werden könnte zur Aufklärung Deutschlands, das wäre eine kurze, handgreifliche, volkstümliche Geschichte des Hauses Habsburg. Ja. wenn sie Geschichte kennten! Man hat es oft genug gerügt, wie arm die deutsche Litteratur an großen historischen Talenten sei, aber es ist noch selten zu Gemüte geführt worden, wie innig verwebt diese schlechte historische Erziehung mit dem Unglück deutscher Nation ist. Geschichte! Als brauchte es Geschichte! Ist Malmö und Friederizia Geschichte? Ist Ollmütz Geschichte? Ist Bron- zellen Geschichte? Sind alle die rettenden Thaten von Wien bis Hessen-Kassel, sind die Kriegsgerichte und Spinnhäuser als letztes Siegel aus die Einheitsbestrebungen der Nation Geschichte? Ist das Konkordat mit den Jesuiten Geschichte? Lebendige, brennende Gegenwart, frische Scham- — 169 — röthe um verlorene Anstrengungen, Schmach und gebrochene Worte und zerrissene Verträge, Thränen, die noch fließen sollten um edle Opfer, Blut, das noch dampft, Ketten, die noch klirren. — Geschichte, welcher Lebende braucht von Geschichte was zu wissen, der nicht Gedächtnis und Verstand zugleich verloren hätte! Aber nicht einmal das Gedächtnis zu verlieren, giebt es eine Ausrede. Nehmen sich doch die Herrschaften selbst die Mühe, die glorreiche Erhebung von 1813 anzurufen, als wären diese Jahre des Aufschwungs und der Hingebung nicht unzertrennlich und jämmerlich verbunden mit den Jahren 1815 bis 1818. 19 und alle folgenden, mit der Abläugnung aller Verheißungen, mit der Verfolgung aller Wackeren, mit der Erstickung aller guten Keime. Ja, das, das darf man dem deutschen Michel bieten, wenn man von Gottes Gnaden ist und ihm über die Polizeistunde hinaus zu singen erlaubt. Hätte man doch beinah die Stirne, ihn an 1848 zu erinnern und lassen gewisse Wiener Hofdemokraten schon leise durchblicken, daß man in der Burg die Reichsverfassung noch nicht ganz vergessen habe und mit einer großdeutschen Auferstehung schwanger gehe. Welch ein entsetzlicher Verlust, Haß gerade jetzt der Johann*) gestorben, und wo wird man den Reichshanswursten im Tyroler- röcklein hernehmen, um eine gemüthliche Verwesung einzusetzen, bis daß wieder die Stunde gekommen sei. die Puppe in den Kasten zurückzuschieben und dem Spatz in Frankfurt mit einigem Ernst von Pulver und Blei in der Brigittenau**) ein Ende zu machen! Ja, das alles habt Ihr vergessen und noch viel mehr, wer könnte es aufzählen das Register groß- und kleindeutscher Eidbrüche und zerbrochener Werkzeuge? Und möget Ihr immerhin vergessen, wenn ihr nur denken *) Der Reichstierweser Erzherzog Johann. ") Zu Wien, wo Robert Blum erschossen wurde. — '.70 — wolltet, nur ein klein bischen armseliger Logik, nur den einfachen Satz der Kriminalistik zur Anwendung bringen wolltet: ^>8 ksoit eui xroässt, d. h, der ist der Thäter, welcher den Nutzen davon hat. Ist es Euch denn noch gar nicht eingefallen, warum die Herren von Bayern, von Nassau, von Hannover, ja sogar von Kurhessen auf einmal so wütig patriotisch geworden, warum auf einmal aus dem Mund dieser teilungsseligen Selbstherrscherlein das große ganze Deutschland so armsdick hervorquillt, und warum sie beinah dem Gedanken nahe kommen, die schwarzrotgoldene Fahne nicht mit dem Zuchthause zu bedrohen? Merkst du denn gar nichts teurer Michel? Ach, du merkst es wohl, aber du willst es nicht merken. Es ist so selig, auf Anstiften einer hohen Obrigkeit zu brüllen! Das ist das ganze Geheimnis. Ist denn diesem Volk wirklich noch zu helfen! Einem Volk, das nicht in Hohngelächter ausbricht, wenn Habsburg von deutschen Brüdern spricht, eineni Volk, das nicht stutzig wird, wenn die Jesuiten von Nationalität predigen, einem Volk, das nicht in Unwillen gerät, wenn seine Winkeldespoten das Vaterland in Gefahr erklären? Seht ihr denn nicht, was in Gefahr schwebt? Die österreichische Hausmacht schwebt in Gefahr, das böse Prinzip Deutschlands, und darum alles, was zusammenwurzelt mit diesem böseu Prinzip, die Vielherrschaft, die Zerstückelung, die Dunkelheit, der Jesuitismus, der Rückschritt und die Luderwirtschaft des patriarchalischen Polizeiregiments in allen Graden und Formen. Wahrlich, eine Nation, die nicht von Abscheu und Ekel ergriffen wird, wenn österreichische Kaiser von deutschen Brüdern und von nationaler Einheit sprechen, ist schwer zu retten. Ist auch nur ein Schimmer von Möglichkeit vorhanden, daß ein Habsburg anderes wollen könne, als die Ohnmacht deutscher Stämme, als die Verläugnung aller Nationalität? In demselben Augenblick, wo der Herr von Buol ein Rundschreiben — 171 — an die europäischen Kabinette erläßt, in dem er das Prinzip der Unabhängigkeiten als eine lächerliche Utopie verhöhnt, damit er beweisen könne, daß Italien naturrechtlicherweise unter den slavisch-deutschen Stock gehöre, im selben Augenblick trinkt er mit Deutschland Brüderschaft im Namen der heiligen Blutbande! Ist das nicht Wahnwitz? Und wer hat 1815 und die Schandkarte von Deutschland gemacht? Wer hat die Profoße geliefert, welche die oberste Fuchtel über deutsche Zerstückelung und Entnervung führten, wer hat die Melterniche und Münchbellinghausen geliefert? Wer mußte sie liefern, um nicht von einem wahrhaft verkörperten Deutschland zur Seite geschoben zu werden? In der That, wer nicht aus der Geschichte gelernt hat und nicht mit dem Verstände begreift, daß eine österreichische Hausmacht kein einiges, mächtiges Deutschland vertragen kann, dem ist allerdings nichts besseres zu raten, als daß er in Gottes Namen den Beruf deutscher Nation als getreuer kurhessischer Unterthan erfüllen helfe. Und da glaubten wir, im Jahre der Gnade 1848 sei Deutschland dumm gewesen. Wie groß steht diese Zeit der Erleuchtung doch neben der heutigen! Damals hörte man noch mit Wuth und Verachtung vom Frankfurter Bundestag sprechen, als vom Urquell alles Bösen! Jetzt aber liegen wir seelig in den Armen dieser Bruderanstalt! Oder ist der Buud etwas Anderes als Österreich? Der Repräsentant des österreichischen Korporalstocks in Deutschland, die kaiserlich privelegirte Mutterloge aller Zerstückelung, aller Knechtung und Knebelung? Österreich braucht Italien, wie alle seine fremden Völker, um mit dem fremden Gewicht auf Deutschland lasten zu können, und weil die Gefahr ausbricht, ihm das Rutenbündel zu entreißen, mit dem es uns zu Paaren treibt, deswegen stehen wir für es auf und können den Augenblick nicht erwarten, bis wir den Märtyrertod für unsern Zucht- — 172 — meister sterben. Und wie sie schüren, wie sie jauchzen die guten Landesväter, wie sie patriotisch glühen! Natürlich, sie wissen warum, nur gar zu gut! Österreich ist der Fels, aus dem ihre Kirche steht, Österreich der Eckstein des Kerkers deutscher Einheit und Freiheit, dessen vierunddreißig Zellen sich öffnen würden, wenn die schwarzgelbe Fahne in Frankfurt herabgerissen würde, wenn einer rein deutschen Macht die Möglichkeit in den Schoß fiele, den faulen Plunder raubritterlicher Souveränetäten mit einem kräftigen Stoße in alle Winde zu zerstreuen und aus Deutschland einen wirklichen Staat zu machen. Darum singt Wittelsbach deutsche Lieder, darum hält Nassau Wachtparaden, darum veranstaltet Hessen-Darmstadt Nationalgeistsausbrüche. O diese Wackern! Wie sie vor Rußland, wie sie vor Frankreich krochen, als der Wind des Despotismus von der Newa und der Seine her blies. Jeder schickte seinen winselnden Tribut zu dem Gesellschaftsretter in den Tuilerien und errichtete dem Zaren einen Hausaltar. Jetzt aber sind sie Franzosenfresser und Slawophoben geworden. Derselbige darmstädtische Herzog, welcher jetzt gegen das russenfreundliche Bündnis wappnet, verschrieb sich einen französischen Credit Mobilier aus Paris und führte russische Klassifizirung und Uniformirnng in seinem Ländchen ein, um dem Kaiser Nikolaus näher zu rücken. Ja auch Kurhessen, erhabenen Sinnes, wird deutsch begeistert, vom edlen Hannover nicht zu reden, lauter Schwärmer für Einheit und Fortschritt. So auch die württembergische Reichsritterschaft, welche mit einer Hand ihre modrigen Pergamentsprivilegien und mit der andern das deutsche Einheitspanier trägt. Je mehr sich einer um die Entmündigung, Kränkung. Niedertretung deutscher Nationalität verdient gemacht, desto lauter schreit er jetzt. Ja ihr Herren, wenn Deutschland nicht zu ewiger Blödheit verflucht wäre, es könnte euch schön zu Leibe rücken; wenn dem Habsburger Geier die Krallen abgehackt, wenn die kleineren Raubvögel aus dem Schutze — 173 — seiner Fittiche herausgejagt, wenn das Zion des Jesuitis- mns gebrochen, wenn die Stimmen der Nationen ringsum laut würden, und dann — ja, wenn das möglich wäre! — wenn in Preußen ein Funke von Ehrgeiz, Mut und Aufschwung aufloderte, allerdings dann könnte aus der Fabel Deutschland eine Wahrheit werden, — aber dann hieße ja deutsch sein nicht blind sein, und Elend wäre nicht unser Erbtheil, Was am meisten bei dem ganzen Vorgang empört, das ist zu sehen, auf welche Manier künstlich und diabolisch eine öffentliche Meinung gemacht werden kann, welche gar nicht naturgemäß aus dem eigenen Wesen des deutschen Volkes entspringt. Das gesammte Ausland, welches dermalen unter dem Glauben lebt, es handle sich bei uns um eine großartige spontane Erhebung, um einen lebendigen Ausbruch innerer Gluthgefühle, möge immerhin in diesem Wahne befangen bleiben. Es möge uns dieser Wahn in seinen Augen noch mit einer gewissen Glorie umgeben, denn ein freiwilliger und mit edlem Selbstgefühl zusammenhängender Irrtum gleicht doch von ferne einer Äußerung nationalen Lebens. Aber unter uns dürfen wir nns gestehen, daß der ganze Sturm nur künstlich zusammengeblasen nnd aus den kläglichsten Elementen aufgewirbelt ist. Im deutschen Charakter liegt weder der glühende Nationalhaß gegen das Ausland, noch die katholische Bigotterie, noch die Eroberungs- und Herrschsucht über fremde Völker, welche jetzt auf Anordnung der österreichischen Polizei überall in Musik gesetzt und in den Gassen losgelassen werden. Der Deutsche — das ist ja bekannt — ist kosmopolitisch, anerkennend und vorurteilsfrei. Die Berserkerwuth, die man ihm jetzt einredet, ist nur mit bornirtem Nationalgesühl vereinbar, von dem er nichts weiß. Aber das ist das Kläglichste in der Weltgeschichte, daß die großen Massen nicht einmal selbst die Vorurteile erzeugen, mittelst deren man sie zum gefügigen Spiel- und Werkzeug — 174 — ihrer Herren macht. Nicht die Blutströme sind das Traurigste in den Annalen der Menschheit, sondern die vergifteten Quellen, denen sie entspringen. Wie in den Religionskriegen die Völker von Fürsten und Pfaffen für dogmatische Spitzfindigkeiten fanatisirt wurden, um Hofinteressen, Klostergüter und Landeshoheiten zu verteidigen, so wird jetzt ein antifranzösischer und antiitalienischer Rassenhaß eingetrichtert, um Habsburgs Gut mit deutschem Blut und kurhessische Souveränetät mit einer Intervention in der Lombardei zu verteidigen. Ist doch der ganze Wahnwitz des Nationalhasses nur ein Vermächtnis der Feudalherrschaft und der Unersättlichkeit adliger Raubritterschaft, welche der Plünderung fremder Länder zu lieb das edle Kriegshandwerk ergriff und durch die Konsequenz hundertjährigen Unfugs das Ungetüm der Nationalfeindschaften großgezogen hat. War der Bauer in der Normandie jemals lüstern nach den Feldern seines Unglücksgenossen in der Pfalz, oder träumte der Handwerker in der Lausitz von dem Besitz der Gefilde am Po und am Tessin? Nein! Aber Monarchen und Raufbolde, welche von Hofhistoriographen zu erhabenen Erscheinungen gestempelt worden, schleppten in erbarmungsloser Unersättlichkeit den Bauernsohn vom Pflug hinweg (wenn sie ihn nicht lieber gradezu für blankes Geld verkauften) und zwangen ihn, sich auf den gleich elenden Bauern eines andern Landes zu werfen, und nachdem das zwangsweise gegenseitige Morden und Plündern zum Ruhm und zur Bereicherung einiger erlauchten Häuser ehrwürdig historisch geworden, ist es auch dahin gekommen, daß die armen Teusel verschiedener Zungen sich einen ewigen Haß nachtragen, welcher jedoch nur dann angefacht wird, wenn es den Interessen der Herrschenden dient, die selbst aufgeklärt genug sind, um zu anderen Zeiten mit ihren ausländischen Vettern im herzlichsten Einverständnis zu leben. Um nicht vom glorreichen Rheinbund zu reden, welche süße Eintracht mit Ruß- — 175 — land und mit dem jetzigen Napoleon haben wir nicht selbst erlebt, als es sich darum handelte, mit Hilfe der europäischen Zentralpolizei die eigenen getreuen Untertanen zu maßregeln, welchen man jetzt mit solcher Entrüstung den Erbfeind de- nunzirt. Die Deutschen vollends sind noch mehr als jeder andere Stamm frei vom barbarischen Fremdlingshaß und gar von dem Ehrgeiz, nach Außen zu herrschen. Wie könnte auch in einem Volk, das nie zu einer staatlichen Organisation und zu nationaler Einheitsform gekommen ist, der Drang bestehen, fremde Länder zu unterjochen? Ehe wir fremdes Gut besitzen wollten, müßten wir doch uns selbst besitzen. Aber die gelehrte Burschenschaftsmaskerade will uns jetzt weiß machen, wir hätten von jeher den Beruf gefühlt, über Italien zu herrschen, weil deutsche Landsknechte für Sold und Plünderungsrecht in Italien hausten! Als hätten sie nicht auf allen Seiten für und wider jedes Land und jeden Herzog hundertmal in derselben Schlacht sogar gegeneinander gekämpft, in Frankreich, in Italien, in Spanien und wo nicht? als hätten die Schweizer, die Schotten und alle abenteuer- und rauflustigen Völkerschaften nicht dasselbe getrieben! Wenn die Deutschen der Stimme ihres eigenen Rechtsgefühls und dem Vernunftschluß aus ihrer ganz gleichartigen Unglückslage folgten, so würden sie der italienischen Einheitsbestrebung aus tausend Kehlen zujauchzen. Aber wer das jetzt ausspricht, der wird als sentimentaler Faselhans niedergeschrieen. Denn in diesem politischen Kunstgriff liegen abermals zwei Geheimnisse der modernen Volksausbeutung begraben. Einmal das Niederschreien überhaupt. Wo die Herren einen Grundsatz hervorkeimen sehen, der ihnen im innersten Mark gefährlich werden könnte und dessen logische Konsequenzen bei einiger ungestörter Erörterung mit zwingender Beweiskraft ihnen zu Leibe rücken möchten, da geben sie ihren Claqueurs die Losung, beim ersten Wort mit solchem anscheinenden moralischen Unwillen — 176 — loszubrechen, daß vorab keine Stimme hörbar werde, und daß sodann der verblüffte Philister aus der himmelhohen Entrüstung des tonangebenden Auditoriums auf die Ruchlosigkeit des lautgewordenen Gedankens und auf die Ungeheuerlichkeit seiner eigenen Versuchung bei Duldung solcher Blasphemieen schließen müsse. So war es unter der bour- oonischen Dynastie peremptorisches Stichwort, jede Erinnerung an den Konvent niederzuschreien; so wurde Rüge niedergeschrieen, als er zum ersten Mal gegen Österreichs Herrschaft in Italien sprach. Etwas Bestialität steckt ja immer im Menschen, und wenn man ihm das Toben noch gar zur Ehrensache macht, so hat man doppelt leichtes Spiel. Auch hat man in neuester Zeit die Ausrottung finsterer Vorurteile damit zu hemmen verstanden, daß man die Anfeindung überlieferter Barbareien als unreife Sentimentalität lächerlich zu machen bemüht war. Wenn Gut und Blut für irgend einen angestammten Landesquälhans gebraucht wurde, da war kein Gefühl zu stark, keine Thräne zu heiß, keine Treue zu schwärmerisch. Ein ganzes Ländchen mußte in Rührung schwimmen, wenn die allerhöchste Schwiegertochter glücklich in die Wochen gekommen. Aber handelt es sich um Abschaffung entmenschender Prügelstrafen, um Reinigung mittelalterlicher Halsgerichtsordnungen, welche mit dem Geiste des übermütigen Junkertums innig verwandt sind, so ist jede Humanität und Nachsicht unpraktisches und schädliches Gefühlswesen. Gleicher Weise wird jede Teilnahme für die von Grund aus berechtigte Erhebung Italiens gegen Österreich als unstaatsmäunische Jugendeselei verhöhnt, während es doch auf der Hand liegt, daß Sardinien dieselbe Sache verficht, welche Preußen verfechten müßte, wenn Deutschland zu einer Existenz kommen sollte. Brutalität aller Art als Nrkraft und Gesundheit propagieren, das haben die hochobrigkeitlichen Stimmführer allzeit meisterlich verstanden, wenn es sich nicht etwa darum handelte, über die Schreckensherrschaft der Re- — 177 — volution und die Blutgier der Demokratie Ach und Wehe zu schreien. Noch abgeschmackter als die falsche Starkgeisterei ist das Klugthun der realistischen Politiker, welche mit volkswirtschaftlicher Nüchternheit die Unentbehrlichkeit eines Habsburgischen Territorialbesitzes in Italien nachweisen.*) In der That, Österreichs wirtschaftliche Blüte ist ein schöner Beweis für den Segen seines Ltaws yuo. Es ist kaum glaublich und doch wahr, daß es eine Zeit lang beinahe Stichwort gewesen, dem Fluch österreichischer Verfinsterungspolitik den Segen des materiellen Wohls als Kompensation entgegenzusetzen. Hat wirklich eine Art, dieses materielle Wohl! Ein Land, das in den Krieg hineingeht, verblutet und verarmt, wie sonst kaum eines aus langem Krieg heraus gekommen. Assignaten, allgemeiner Landesbankrutt vor dem ersten Schuß! Ruinirte Industrie, entehrter Handel, Unmöglichkeit des Verkehrs mit dem Ausland. Das sind die Vorteile, welche einem halben Jahrhundert des Friedens unter dem Schutze des Mönchs- und Polizeiwesens entsprossen sind, und welche ganz Deutschland drohen, wenn es die schwäbischen Reichsstände und süddeutschen Curialstimmen dahin bringen, daß habsburgisches Regiment siegreich über den Bund ausgedehnt werde. Ein Land, das alle seine Unternehmungen mit fremden Kapitalien gründen, das um von der Hand in den Mund zu leben, seine Eisenbahnen eine nach der andern um den halben Kostpreis versilbern, seine Domänen ver- *) Einer der banalsten Trugschlüsse in der Nationalökonomie ist, daß man ein Land besitzen müsse, um in vorteilhaften Handelsbeziehungen mit ihm zu stehen. New-Iork war Wohl fruchtbarer sür Liverpool als es noch einer englischen Kolonie angehörte? und Augsburg und Nürnberg hatten keinen blühenderen Verkehr mit Venedig als dieses noch nicht dem österreichischen Bruderstaat einverleibt war? Lasset Oberitalien dem Habsburgischen Bettelmönchsregime entzogen sein, und es wird euch bessere Zinsen abwerfen, als wenn ihr es unter der soldatischen Fuchtel zur Verarmung führet, wie die anderen österreichischen Provinzen. Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. 1'^ — 178 — pfänden, seine Kreditinstitute notzüchtigen muß, welches, wie ein recht liederlicher Junker, die Waare bei dem einen Wucherer borgt, um sie daneben beim andern um den Drittelswert zu verpfänden! Arbeitet zehn Jahre an einer Valuta-Regulirung, um das Ideal der gothaischen Einheit von Münz, Maß und Gewicht ins Werk zu setzen, und kann die Maskerade seiner Nachzahlungen nicht vierundzwanzig Stunden auf den Beinen halten, trotzdem bei Stockprügelstrafe verwarnt ist. von einer kaiserlichen Bank Silber gegen Papier zu verlangen. Das sind die Vorteile, welche Deutschland von Österreichs Wohlstand mitgenossen. Hätte es nicht einen Soldaten auf je zehn italienische Untertanen ernähren müssen, so hätte es seine Schulden bezahlen können, und halb Süddeutschland wäre jetzt nicht um ein gut Teil ärmer. Die Armee hat das Land aufgefressen, die Armee hat dem Boden die Hände entzogen, und die Armee war für Italien unentbehrlich. Das sind die vielgerühmten materiellen Segnungen. Oder ist es vielleicht gar die germanische Seeherrschaft in adriatischen und levantinischen Gewässern, welche von der Habsburgischen Zwingherrschaft in Italien bedingt ist? Denn wenn man mit pausbackigen Seehanswurstiaden kommen kann, ist ja der Marineburschenschäftler gleich siegesberauscht. Da habt ihr sie eure österreichische Marine, das berühmte Haxg-x I^owsoon der einzigen unteilbaren Fregatte, deren Husarenbemannung regelmäßig einmal im Jahr ersäuft, worauf dann ein erzherzoglicher Seewolf zur Stelle ans Ufer eilt, um durch höchsteigne Ortsbesichtigung ein persönliches Opfer zu bringen (nicht zu gedenken, des unter allerhöchster kaiserlicher Fürsprache alljährlich erneuerten Pensionsgesuchs des Marinerats Jordan). O ihr praktischen Gimpel, wenn ihr vergleichen wolltet, was die kleine Republik Venedig zur See ausgerichtet, und was der Koloß Österreich mit denselben Häfen zu Stande gebracht hat. Überall nichts als Elend, Unfähigkeit, Verrottung; und das — 179 — Alles blüht auch uns, wenn es gelingt, uns noch mehr, als wir es schon sind, unter die Habsburgische Oberhoheit zu stellen. Denn darum handelt es sich, und darum im besten Fall, nämlich wenn wir mit Österreich siegen; denn was uns pasfirt, wenn wir mit Österreich geschlagen werden, davon mag gar keine Rede sein. Aber nehmen wir an, das große Nationalwerk gelingt, Deutschland wird in den Angriffskrieg gegen Frankreich verwickelt, und Österreich verdankt die Erhaltung seiner Integrität den Umtrieben deutscher Kleinfürsten und ultramontaner Pfaffen. Dann wird es erst recht klar werden, wie der österreichische Despotismus in der deutschen Vielstaaterei wurzelt, wie ihm zu Liebe Preußen erniedrigt und erdrückt werden muß, und dann wird eine Bruderseligkeit zwischen neuen Metternichen und deutschen Landesvätern aufblühen, dergleichen noch nicht dagewesen. Das ist der Kern der Frage, um die es sich jetzt handelt. Welche geringe Vorstellung man immer von dem Verhältnis habe, in welcher das gegenwärtige preußische Herrschergeschlecht seiner deutschen Aufgabe gewachsen ist, wie viel Wahres auch an der süddeutschen Antipathie gegen märkischen Jntelligenzdünkel sei — das ist und bleibt doch der einzige Ausweg aus Deutschlands Jammerzustand, daß Preußen möglichst weit das Raubstaatensystem absorbiere. Wie wenig Zutrauen man immer in dynastische Einigungs- und Be- freiungs-Methoden setze, es ist nicht zu läugnen, daß nach der erbärmlichen Niederlage von 1848, von Berlin aus noch mehr Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang winkt, als von einem Frankfurter Parlamente aus. Und dann handelt es sich jetzt gar nicht um die Wahl zwischen zweierlei Mitteln. Zu einem von unten auf anhebenden Befreiungs- und Ver- einigungs-Versuch liegt nicht das geringste Material da, wogegen noch nie eine so günstige Gelegenheit vorhanden war, die preußisch deutsche Bewegung vorwärts zu schieben. Es handelt sich nicht um Ab- und Zuwägen. es handelt sich ums 12» — 180 — Ergreifen der günstigen Umstände, welche unter den gegebenen deutschen Verhältnissen nur überhaupt denkbar sind. Damit Preußen diesen Rettungsversuch unternehmen könne, muß Habsburg anderwärts beschäftigt und entkräftet sein. Je näher man die Situation ins Auge faßt, desto unschätzbarer und verlockender erscheint sie. In ruhigen Zeiten würde ein preußischer Ausdehnungsversuch an Deutschlands Nachbarn lauter entschiedene Gegner finden. Alle diplomatischen Traditionen der alten europäischen Scheelsuchts- vulKo Gleichgewichtspolitik lauten auf die Notwendigkeit: Deutschland, wie jeglichen Nachbarn durch Teilung und Zersplitterung darnieder zu halten. Es war stets und wird stets das System Rußlands, Frankreichs und Englands bleiben, sich Ästerreichs gegen preußische und Preußens gegen österreichische Fortschritte zu bedienen. Die Geschichte Deutschlands seit 1815 ist nichts als eine Reihenfolge solcher Intriguen. Nun auf einmal sind die beiden gefährlichen Nachbarn einem entschiedenen Vorangehen gewogen, sie sind nicht blos bei dem Überwiegen Preußens über Österreich sondern, was noch seltener der Fall war, bei dem Unterdrücken der kleinen fürstlichen Kläffer direkt interessirt — und diese Gelegenheit, seine ärgsten Widersacher los zu werden, sollte sich Deutschland entgehen lassen! Endlich auch sind die innern Verhältnisse Preußens gerade momentan in einem so glücklich disponirten Stadium, wie dies bei der Halbheit und Zweideutigkeit der Berliner Politik überhaupt nur denkbar ist. Nach Beseitigung eines Regiments/ welches von augenverdrehenden Junkern mit Hilfe einer Bande von Polizeispionen, ^.Asnts provoeawurs und sonstigem Gesindel ä 1a Gödsche, Ohm und Lindenberg dirigirt worden, tritt eine neue Regierung auf, welche zum mindesten einigen Ehrgeiz — das Einzige was Deutschland hoffen kann — zu hegen versprochen hat. Während Rußland und Frankreich gezwungen sind, diesem Ehrgeiz Vor- schub zu leisten, ist England durch Familienbande verhindert, solchen Widerstand in den Weg zu legen, als es sonst wohl zu thun versucht wäre. Und alles das trifft sich glücklicher Weise vor Ablauf des ersten Dezenniums nach Deutschlands letztem Rettungsversuch. Ja, man hätte hoffen dürfen, daß wir noch nicht so ganz und gar vergessen hätten, was wir vor zehn Jahren geträumt, und welche unerhörten Mißhandlungen, Enttäuschungen, welche Abläugnungen und Niedertretungen wir seitdem erfahren haben. Ja man hätte es hoffen dürfen, aber Deutschlands Unstern — so scheint es — ist mächtiger als alle Kombinationen, welche uns das Glück in den Schoß wirst. Wie kommt es. muß man sich fragen, wie ist es nur möglich, daß eine eben aus der Schule der teuersten Erfahrung hervorgegangene Nation ihr Heil so mit Füßen treten, ihre Erlösung mit Wut von sich stoßen könne? O König Lear, o König Lear, wie sehe ich dich dereinst, die Haare ausraufend in der Wildnis irren, wenn dich die vorgezogenen Töchter Austria und Bavaria mit Peitschenhieben werden von ihrer Thür jagen lassen! Freilich erklärt sich zum Teil aus der großen Möglichkeit der Rettung die Größe der Gefahr, denn die Kleinfürsten und ihr Anhang, welche die Dinge viel besser verstehen als ihre getreuen Unterthanen, setzen Himmel und Erde in Bewegung um die öffentliche Meinung auf den österreichischen Abweg zu führen. Jetzt hört man auf Hofburgen, auf Wachtparaden und Regierungsbänken nichts als Deutschland und Brüderschaft rufen. Das erbärmliche Nassau, welches, um eine landesangehörige Dorfschenke zu protegieren, jahrelang sich dem Anschluß nachbarlicher Eisenbahnen widersetzt; welches um einiger Thaler Einkünfte wegen die Aufhebung der Rheinzölle verhindert und in souveränem Starrsinn, gegen den Willen aller größeren Uferstaaten den deutschen Strom veröden läßt, diese Duodeztyrannen, Spielbordellbesitzer und kaiserlich russischen Regimenisinhaber machen - 182 — jetzt schwarz-rot-goldnen Patriotismus, — und Deutschtand berstet nicht vor Lachen! Oder sollen wir an die edlen Aufwallungen von Hessen-Kassel glauben, oder an bayerische Staatsstreichler, welche ihre Nachtmützen-Konstitution noch zu wild finden, um nach erhabenem Lon plaisir zu regieren! O Schilda, mein Vaterland! Aber wenn ein Landesvater deklamiert, wer möchte da widerstehen, und wenn eine hohe Obrigkeit die patriotischen Lieder bis auf weitere Zuchthaus-Konstellationen fteigiebt! Stehen nun gar neben der Landespolizeibegeisterung die katholischen Pfaffen, die man auch in protestantischen Ländern seit 1849 stets nach Belieben schalten und verdunkeln ließ, kommen endlich die „besten Männer" stets von ihrem Instinkt herbeigeführt, da wo eine Eselei zu begehen ist, nnd getreu ihrem Beruf des ungefährlichen und impotenten Patriotismus und der Vertrauensseligkeit; gesellt sich zu allem dem die heilige Truhe, von deren Grnnd hohnlachende österreichische Schuldverbriefungen hervorgähnen: welch ein Rezept für eine öffentliche Meinung zu Habsburgs Erlösung! Steht Einer auf und will an alles das erinnern, so wird er zuerst natürlich niedergeschrieen; als bezahlter Verräter, Franzose, Pole, Jude von der „Augsburger" denunziert, die zur Stunde nur österreichisches Geld anerkennt, (dasür giebts nämlich immer noch Silber in den Kassen.) Ist aber schließlich den Argumenten doch nicht auszuweichen, so kommen die beliebten Theorien, die man je nach Umständen bald aus dem Sack herausholt, bald wieder hineinsteckt. Da heißt es vorab: aller innere Zwist muß schweigen, wenn es sich um äußere Feinde handelt. Mit Verlaub, es wird zwar große sittliche Entrüstung aufwirbeln, aber ich nehme mir die Freiheit doch zu bemerken: der innere Feind ist bei weitem gefährlicher als der fremde, eine Stiefmutter, die mit Vergiftung droht, ist unendlich gefährlicher als ein Nachbar, der mich berauben will, und zuerst suche ich mich - 183 — der Stiefmutter zu entledigen. Je näher mir ein Feind steht, desto hassenswerter und verderblicher ist er, und alles Böse, was Frankreich schon an Deutschland verschuldet hat, ist ein Sandkorn, wenn zu Österreichs hundertjährigem Giftmischersystem verglichen. Während — wie schon oft bemerkt worden — ein Angriff von außen zuweilen eine heilsame Aufrüttelung innerer Kraft nach sich zieht, giebt es gegen das infame Erstickungs- und Erstarrungs-System innerer Blutsauger keine Schadloshaltung. Es frißt beständig um sich, und wächst im Wirken. Habsburgs Despotismus und Jesuiten-Allianz ist hundertjährig*) und endlos, Frankreichs Angriffe sind periodisch, dem Systemwechsel und den Machtbedingungen unterworfen. Österreich ist hundertmal tätlicher für Deutschlands Größe als Frankreich, zunächst aber handelt es sich gar nicht um französische Angriffe. Der Angreifer ist vorerst Österreich und gegen den ersten Angreifer sich zu verteidigen, verlangt der gesunde Menschenverstand; Oesterreich droht uns mit dreifacher Gefahr, einmal indem es den Kampfplatz von seinem oberitalienischen Boden in das Rheinland herüberspielen, indem es unsere Länder statt seiner Länder verwüsten, mit unserm Geld statt mit seinem Nichtgeld die Kroaten ernähren will; zweitens indem es aus der Kalamität eines österreichisch-französischen Kriegs die ungleich größere eines Universal-Krieges schaffen möchte, denn die auf jeden Fall bankerotte und gefährdete Monarchie hat ja doch nichts zu verlieren; drittens schließlich und hauptsächlichst aber indem es durch das in Wirkung gesetzte Solidaritätsverhältnis mit seinen fürstlichen Satrapen und durch die Überstimmung Preußens ganz Deutschland in die Tasche stecken würde. Und das alles sollen wir hinnehmen, ja sollen *) Die Anhänglichkeit für diesen (Jesuiten-)Orden ist in der Familie Habsburg erblich geworden, schrieb Kaiser Joseph II. 1770 an Choiseul. — 184 — mit Heißbegierde, Feuereifer und Glutbegeisterung danach greifen — alles um einer französischen Diversion am Rhein zu entgehen, für die im Augenblick noch nichts als nur halbe Wahrscheinlich spricht! Es wäre ebenso langwierig als müßig, dermalen abzuwägen, was für und wider eine solche Wahrscheinlichkeit aufzubringen sei. Wer kann die tausendfachen Kombinationen voraussehen, die im Verlaufe des Weltengangs in die Ereignisse eingreifen, wer kann den Einfluß des heute noch ganz Ungeahnten auf den Gang der Geschichte ausrechnen? Gewiß ist nur eine Gefahr, das ist die: Deutschland zunächst, und dann Europa durch unsere freiwillige Einmischung mit den Schrecknissen nnd Verwüstungen des Krieges heimzusuchen, und alsdann im besten Fall, im Fall eines österreichischen Obsiegens, den Habsburgischen Stock und die jesuitische Kamarilla definitiv zum Maßstab deutscher Geschicke einzusetzen. Die Gefahr eines Angriffes von außen besteht jederzeit für jeden kontinentalen Staat; sie bestand für Deutschland von französischer Seite her vor der heutigen Verwicklung, und wird nach Beseitigung derselben bestehen, so lange das europäische Festland ein System von Militärstaaten bleiben wird. Aus Furcht vor solchen Angriffen, auf seine Nachbarn offensiv losgehen zu wollen, hieße sich zu einem permanenten Kriegszustand verdammen. Freilich hat es die Soldatenherrschaft aller- wärts schon dahin gebracht, daß der Normalzustand von Europa in gewissen Proportionen diesem ewigen Kriegszustand entspricht, indem jeder Staat Jahr aus Jahr ein fabelhafte Armeen unterhält und fortwährend seine Rüstungen ausdehnt, infolge deren die wechselseitige Beobachtung und Balanzierung dieses Unwesens zu einem wechselseitigen Ueberbieten in länderaussaugeuden Kriegsbudgets führt. Aber wir dächten, dieser perennierende friedliche Kriegsstand sei schon Unglück genug an sich und brauchte nicht noch, um den Kontinent vollends zu Grunde zu richten, zu einem per- manenten Blutvergießen vervollkommnet zu werden. Bornierte Korporalssouveräne können darin allerdings das Ideal ihres erhabenen Berufs finden, aber ein nicht blödsinnig gewordener Bürgerstand kann unmöglich nicht seine ganze Kraft diesem unseligen Treiben entgegensetzen. Die mächtigste Handhabe zur Aufwühlung des öffentlichen Geistes gegen den italienischen Feldzug hat die österreichische und kleinstaatliche Partei allerdings in der persönlichen Geschichte Ludwig Napoleons gefunden, und es ist nicht zu läugnen, daß hier Stoff zu großen Anklagen und Befürchtungen gegeben sei, ja es muß zugestanden werden, daß die desfallsige allgemeine Entrüstung nicht, wie so manche andere Manifestation, zum großen Teil gemacht und künstlich aufgeblasen ist. Unendlich fern — weit ferner als den österreichischen Hofzeitungen und dem schwäbischen Moniteur — liegt uns der Gedanke, für die Lauterkeit der Triebfedern und die Unschädlichkeit der Absichten dieses Mannes einzustehen. In unsere« Augen war er ein ausgemachter Verächter der Menschenwürde und des Menschenrechts zur Zeit, wo sich die Wiener Hofskribenten noch mit seiner Ehrenlegion schmücken ließen, und wo alle gekrönten Häupter Europas in seinem teuren Haupt die einzige Bürgschaft für Erhaltung ihres Thrones und si-^o der Religion, der Familie und des Eigentums erhalten zu sehen beteten. Wir also dürfen diese Edlen jetzt mit gebührender Verachtung heimschicken, wenn sie uns das Schreckensbild seiner schwarzen Seele zu heilsamer Einschüchterung vor Augen führen möchten. Wir haben von seiner Freiheitsliebe und Uneigennützigkeit einen solchen Begriff, daß wir ihn nicht höher schätzen, als jeglichen gnädigen Landesherrn, welcher ihn jetzt vogelfrei erklärt. Das ist aber auch Alles, was wir sagen können. Seine mehr oder weniger zweifelhafte Legitimität macht ihn uns nicht gehässiger oder verächtlicher als seine hundertahnigen deutschen Vettern, und wenn ein - 186 — Unterschied zwischen beiden existiert, so ist es gerade deßhalb zu seinen Gunsten. Denn während die sogenannten legitimen Herrscher von Notwendigkeit und durch ewige Familientradition, ja durch das Blut in ihren Adern zu ewigen Neaktionstendenzen verdammt sind, so liegt in ihm, dem Usurpator. Neuerer, dem abenteuerlichen und unruhvollen Charakter wenigstens die Möglichkeit des Abweichens von dem Grundsatz des trägen Beharrens, und er kann doch, wenn auch wider Willen, aus Neuerungssucht und Ehrgeiz iu eine Unternehmung hineingetrieben werden, welche auf den dunklen Wegen der Geschichte zum Frommen der Menschheit ausschlagen möchte. Was aber ist von einem Habsburger, von einem Wittelsbacher, Nassau-Usinger oder Hessen- Rumpenheimer zu erwarten! Nicht einmal Ambition, als etwa die auf Einführung eines neuen Gamaschenschnitts. Der Charakter der Habsburger und ihrer fürstlichen Hintersassen steht nicht höher als der Louis Napoleons, ihre Motive sind ebenso eigensüchtig wie die seinigen, ihre Menschenliebe ist nicht größer, die Freiheit ist ihnen nicht minder gleichgiltig als ihm, sie ist ihnen von Haus aus noch gehässiger und itsra noch gefährlicher. Da steht also die Wage vollständig ein, und wenn ich daher von den persönlichen Motiven absehe, so bleibt mir nur noch übrig nach dem äußern Thatbestand zu fragen. Da muß denn geantwortet werden: Napoleon dient im Augenblick wenigstens einer guten Sache. Ob er diese Sache später seinen Privatzwecken unterwerfen wolle, steht, wo alles Künftige seiner Natur nach unentschieden ist, dahin. Es wird die Aufgabe der Italiener sein, nachzusehen, daß die Unabhängigkeit, für die sie jetzt mit ihm kämpfen, ihnen nicht hinterher abhanden komme, und wir brauchen für sie nicht klüger zu sein, als sie selbst für sich sein wollen, um so mehr, wenn wir uns als ihre Widersacher erklären. Im Augenblick dient Napoleon ihnen. Die Italiener, welche es — 18. — durch unzerstörbare Thatkraft. Ausdauer und Vaterlandsliebe dahin gebracht haben, daß der seitherige Chef des europäischen Despotismus mit ihnen gegen den historischen Absolutismus kämpfen mutz, welche seinen Ehrgeiz an ihre gute Sache zu fesseln verstanden haben, diese Italiener haben es jedenfalls unendlich weiter gebracht, als die liberalen Schwaben, welche nunmehr zur Gunst gelangen, für die Befestigung der Wiener Zuchtmeisterei verbluten zu dürfen. Garibaldi mag mit mehr Genugthuung unter der blau-weiß-roten Fahne kämpfen, als die Wiener Studentenlegion unter der schwarz-gelben. Denn die französische Trikolore ist zu ihm übergegangen, der erhabene Narr Studiosus aber kriecht zu den Füßen des Kroatenfürsten, welcher ihn vor zehn Jahren hängen, assentieren und spießruten ließ Dort kann die Freiheit um die Früchte des Kriegs betrogen werden, hier streitet der Absolutismus für seinen eingestandenen Selbstzweck. Wenn ein despotischer Kaiser für die Unabhängigkeit zu Felde zieht, so ist er mir jedenfalls lieber als ein französischer Republikspräsident, der für den Papst und die Österreicher zum Schwert greift, und ebenso gut wie der Pseudotugendrepublikaner Cavaignac der italienischen Freiheit den Dolch ins Herz gestoßen hat, ebenso gut kann der Tyrann Bonaparte das Bollwerk der Dynasten- und Pfaffenherrschaft brechen. Er kann es doch wenigstens, und so lange die Möglichkeit existiert, steht es deutschen armen Sündern schlecht an, den Lombarden zu grollen, weil sie nicht so erhaben sind, dem Pathos der Rotteckischen Weltgeschichte zu lieb, mit ihrem Befreiungswerk zu warten, bis sie ein Heldenstück von Brutus und Lukretia ins Werk setzen, und mit ihren Spazierstöcken (denn Waffen hat man ihnen ja nicht gelassen) die dreimalhunderttausend österreichischen Bayonette zum Land hinausschlagen. Ja ein solches vollkommenes Spektakel tragischer Historie verlangt der Herr Professor von seinem Kabinet aus schauen und mit — 188 — dem Gruseln der Bewunderung die überwältigten Heroen unter den Händen der Kroaten verbluten zu sehen; dann wird er sein hochpoetisches Probatum vielleicht in vertraulichem Kreise aussprechen; aber mit fremder Intervention frei zu werden, pfui der Schande! das ist ja gar nicht der Mühe wert! Fremde Intervention! als wäre die ganze politische Geschichte der letzten Jahrhunderte etwas anderes als eine Kette solcher fremden Einmischungen. Erstlich von der Einmischung zum Vorteil dynastischer Interessen zu reden: was waren die drei Teilungen Polens anders? Und dann kam die Intervention Preußens in Holland zu Gunsten der Oranier von wegen der bloßen Verschwägerung; und dann die Koalitionen gegen die französische Republik zu Gunsten der Bourbonen; weiter das Einschreiten der Bourbonen selbst wieder für ihre Vettern in Spanien, und die österreichischen Einmärsche durch ganz Italien, schließlich nicht zu vergessen die Rettung Habsburgs durch die Russen in Ungarn. Nicht wahr, in allen diesen Fällen und vielen vorhergegangenen ist die fremde Intervention kein Gegenstand des Abscheus für die prinzipberittenen Staatshistoriographen? Möchte aber ein entwaffnetes geknebeltes Volk durch fremden Zuzug frei werden, dann satteln die Herren ihr großes trojanisches Abschreckungspferd, dessen Bauch von Gefahren schwanger geht. Ist nicht die eigene österreichische Residenz noch zur rechten Zeit durch den wackern Polenkönig von den Türken befreit worden? Hätte Nordamerika ohne die Hilfe Spaniens und Frankreichs das englische Joch abschütteln können? Sind die Griechen Engländer oder Franzosen geworden, weil sie durch die anglofränkische Allianz aus den Händen der Türken gerissen wurden? Ist Belgien nicht einzig und allein mit Hilfe der französischen Bayonette zu einer staatlichen Selbst- ständigkeit gelangt, die sich zu seinem Besten gewendet hat? Man sieht es: so viele Befreiungen von Fremdherrschaft, so viele Interventionen weist die Geschichte auf, und es wäre — 189 — Zeit, diese läppischen Turniergesetze einzustecken, welche die Gesalbten des Herrn durch ihre Herolde ausposaunen lassen, um vorzuschreiben, wie man sie kavaliermäßig anzugreifen habe — absonderlich um deßwillen, daß auch sie von jeher so loyal zu Werke gegangen sind. Also still einmal mit diesem Gefasel! Der gewöhnlichste Menschenverstand muß begreifen, daß Italien nur durch die sranzösche Hilfe das Habsburgische Joch abschütteln kann; und wenn Deutschland nicht von österreichischen gekrönten und ungekrönten Emissären und Stockjobbers in die Tollheit hineingeritten wäre, so würde nicht nur seine gesunde Vernunft ihnen Beifall zurufen, sondern die vollkommenste Analogie des eignen Schicksals würde dem transalpinischen Einigungswerk aus vollem mitfühlenden Herzen entgegenjauchzen. Wie! die ihr seit einem halben Jahrhundert unter dem Druck der Zerklüftung schmachtet und nach Einheit ringt, die ihr euch vergeblich nach Münze, Maß und Gewicht abquält, ihr fallt wie wilde Tiere über den Italiener her, der für die gleiche Sache mit gleichem Rechte aufsteht! Ihr brüllt Arndtsche Lieder, wenn der Mailänder fragt, ob Wien oder Lemberg sein Vaterland sei? Ihr blinden Narren, ihr merkt nicht, daß man euch einigen gelehrten strategischen Po- und Mincio-Quark unter die Nase schmiert, damit ihr nicht den sauberen fürstlichen Braten riecht? Nicht am Po und nicht am Mincio ist das Bollwerk deutscher Größe, sondern in der endlichen Verwirklichung der zum Kinderspott gewordenen deutschen Einheit, und nicht in Mailand und Verona müsset ihr Herren sein, sondern bei Euch selbst daheim, um ungehindert den nebenbuhlerischen Mächten entgegentreten zu können. Ja verhöhnt sie nur, nach Buol-Schauensteinschen Rezepten, die Einheits- und Nationalbestrebungen der Italiener, damit euch uach demselben Maße ausgemessen werde, und damit ihr die Gebote eures ureignen Heils mit Füßen treten lernet. — 190 — Was hat man doch schnell dem bescheidenen herzoglich nassauischen Kammermitglied von der Regierungsbank herab geantwortet, als es sich, wie die Zeitungen jüngst berichtet, zu fragen erkühnte, ob nicht für die Entwicklung der Bundeseinheit bei Gelegenheit dieses erhabenen Aufschwungs und des in erlauchtem herzoglichem Gemüte erwachenden Nationalgefühls irgend Etwas geschehen möchte, dürfte, könnte? Unzeitige Frage das! Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr schwebt, jetzt ist keine Zeit zu inneren „Zwistigkeiten", hernach aber, wenn wir die Franzosen geschlagen und die heilige apostolische Majestät wieder zu Ansehen und Würden gebracht haben werden, dann, ja dann, nun das versteht sich ja! — dann beginnt das große Bruderwerk, dann schlichten wir die inneren „Zwistigkeiten", und ein verehrliches Kammermitglied wird beim Marmorschleifen oder Wollzupfen im Zuchthause zu Diez an der Lahn über die Rechtzeitigkeit deutscher Bundesreformen nachdenken können. Und in Anbetracht dieser sonnenklaren Wahrheiten sind getreue Stände mit Stimmeneinhclligkeit zur Tagesordnung übergegangen, auf allen „Zwist" verzichtend. Solche getreue Gimpel wollen fremden Völkern ihre politische Weisheit vordiktiren, über die Art, wie man sich auf klassische Manier frei macht, oder wollen uns weiß machen, sie haßten in Louis Napoleon den Despoten! Was sie in ihm hassen, das ist der Popanz, welchen der gnädige Landesherr, um dem Kaiser und seinen Jesuiten beizuspringen, ihnen zum Anbellen vorhält, und während die Narren für ihre Nationalität und Unteilbarkeit zu brüllen glauben, lachen sich Serenissimus und die heiligen Patres ins Fäustchen, denn ihr Acker wird wieder einmal vom Schweiß und Blut der dummen Teufel bestellt. Es gibt fürwahr Thorheiten, welche eher das Mitleid als den Unwillen herausfordern. Solcher Art waren die Vertrauenstölpeleien von 1813 und 1848. Den Gelöb- — 191 — nissen des Befreiungskrieges und den Bewilligungen der Märzesnöten zu glauben, war der Unerfahrenheit und Gutmütigkeit noch zu verzeihen; heute aber, wo man nicht einmal gelobt, noch bewilligt, sondern Alles leistet, indem man Gelder für Waffen und Monturen erhebt, — an sich schon ein allerhöchster Genuß — heute geht die Blödheit über jegliche Geduld hinaus. Das ist nicht mehr erlaubt, zu vermeinen, Habsburg und sein Jesuitenbruder der Bayer, diese zwei Urobskuranten, träten für deutsche Nationalität in die Schranke; und es mutz jeder wissen, daß, wo nassauische, hannoverische, kurhessische, badische Landesherren oder schwäbische Reichsunmittelbare zum Schwerte greisen, es nur um die Erhaltung feudaler Privilegien und souveräner Sonderinteressen sich handeln kann. Gegen den Welteroberer Napoleon I. für das zertretene Vaterland in Wut zu entbrennen, war natürlich, und vor dem Gespenst des Sozialismus zurückzuschaudern, war denkbar, aber sich von großen und kleinen Staatsstreichlern einen theoretischen Despotenhaß binnen vierundzwanzig Stunden auf dem Polizeiwege eintrichtern zu lassen, ist abgeschmackt; in einen stupiden Franzosenhaß sich hineinzutollen, ist pöbelhaft; und mit Rohheit über Italien herzufallen, ist kannibalisch. Ja, seid nur recht unvernünftig, rauflustig und lachet über die sentimentalen Verehrer fremder Rechte und fremder Würde. So seid ihr euren Junkern recht, so brauchen sie euch, so entwöhnen sie euch nicht nur selbst des Menschengefühls, in dem euer eignes Freiheits- und Sittlichkeitsbedürfnis wurzelt, so stempeln sie euch auch für den Haß und die Verachtung anderer Nationen, so schüren und verewigen sie die bittere Zwietracht der Völker, den finsteren Unrat, in dem ihre Wurzel haftet. Was kann dem Kaiser in Wien willkommener sein, als wenn das „Norw ai lectssetii« nicht mehr dem österreichischen Soldaten, sondern jedem Deutschen mit Recht gilt, und als wenn der Sachse und Rheinländer die kroatischen Raubthaten mit seinem Blut kontrasignirt? Du blonde Burschenschaft, was schärfst du die Rapiere! Denke an die Frau von Madersvach und übe dich im Weiberpeitschen. Was singt ihr von Eichen? Auf die Haselstaude dichtet euch ein Lied und Haynau ist euer Körner!*) War doch eure erste Waffenthat Anno achtundvierzig, daß ihr die fremde Dirne Lola mißhandeltet, als der deutsche König sie eurem vaterländischen Zorn geopfert, und jagt ihr nicht jetzt mit gleicher Erhabenheit die wälschen Spielpächter über die Grenze, welche das landesväterliche Säckel bereichert haben? Der ersten und besten Gelegenheit aber, welche das Glück euch unverhofft nach dem achtundvierziger Schiffbruch in den Schoß wirft, die Jnfufionsdespoten und die ganze Erbschaft Metternichs los zu werden, der spuckt ihr wahnsinnig ins Angesicht und zum ersten Mal, da seit dem großen Friedrich vielleicht — leider nur vielleicht — der deutschen Sache ein preußischer Arm zu Diensten stehen möchte, um den Plunder des westfälischen Friedens wegzufegen — jetzt rast ihr, ein süßer Lazzaronipöbel, hinter dem Wiener Bomba und seinen blutschwitzenden Heiligen her. Deutschland gute Nacht! *) Der österreichische General von Haynau hatte in Ungarn eine patriotische Dame, Frau von Maderssvach, auf offenem Markte von den Soldaten mit Stockschlägen abstrafen lassen. Äus den Demokratischen Studien (herausgegeben von Ludwig Walesrode). Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. III. 13 Vorbemerkung. it dem „Iuchhe nach Italia" hatte ich den Entschluß zur Rückkehr in die politische Schriftstellerei ausgeführt. Der Grundgedanke, welcher den Anlaß dazu gegeben, hatte sich auch als richtig legitimiert. Die Zeit des Stillstandes und der Hoffnungslosigkeit war auch für Deutschland vorüber. Darum galt es, nicht mit einzelnen Slugschriften, sondern mit gesammelten Kräften sich an der publizistischen Arbeit zu beteiligen. So geriet ich auf den Gedanken, etwas Umfangreiches und periodisches ins Leben zu rufen, und nachdem ich mit meinen nächsten Lreunden und Gesinnungsgenossen Rat gepflogen, beschlossen wir, den Versuch mit einem Jahrbuch zu machen, für welches der Titel „Demokratische Studien" gewählt ward. Als ein geeigneter Verleger war uns Gtto Meißner in Hamburg, ein politischer Gesinnungsgenosse, empfohlen. Ein litterarischer Herausgeber war nicht leicht zu finden, verschiedene Umstände lenkten meine Wahl auf Ludwig walesrode hin, der damals in Hamburg wohnte. Ich kannte ihn nicht persönlich, sondern nur aus früheren Publikationen der vormärzlichen Zeir, unter denen „Der Humor auf der Bank der Angeklagten" und ein politisches Märchen ihrer Seit Aufsehen gemacht hatten, walesrode hatte als Lreund Johann Jacobns im Vordergrunde der Königsberger Liberalen gestanden. Meine Wahl erwies sich nachträglich als eine sehr unglückliche. An den besten Absichten zwar fehlte es 13* — 196 — dem Herausgeber nicht, aber an Befähigung zu der übernommenen Aufgabe in unglaublichem Grade. Solche Langsamkeit und Schwerfälligkeit ist mir in meinem Leben nicht wieder vorgekommen. Über sechs Monate ließ Ivalesrode das gesammte fertige Material liegen aus dem einzigen Grunde, weil er mit seinem eigenen Veitrag nicht fertig werden konnte. Cs war grade zum verzweifeln. Auch sah er sich gedrungen, dem Vorwort, das ich verfaßt und welches, in die gegenwärtige Sammlung aufgenommen, hier folgt, noch ein vor-vorwort vorauszuschicken, in dem er selbst seine Schuld an der Verspätung beklagt. Der erste Land erschien im Sommer 1860. Zu seiner Charakteristik wird es am besten sein, das Inhaltsverzeichnis wiederzugeben. Cs führt auf: Vor-vorwort des Herausgebers. — Vorwort von L. B. — Unsere Ideale und Enttäuschungen in England und Frankreich, von ls>. B. Oppenheim. — Sichte's politisches Vermächtnis und die neueste Gegenwart, von S. Lassalle. — Ein Blick auf das jetzige Genf, von Karl Vogt. — Des Michael pro Schriftenwechsel mit Thomas Contra, aus dem Jahre ILZ9. Von L. Bamberger. — Deutschland und seine beiden Großmächte, von Ludwig Simon aus Trier. — Cin Brief aus Italien an den Verfasser des „Juchhe nach Italia". von Moritz Hartmann. — Die erste politische Hinrichtung in den vereinigten Staaten. (John Brown.) >von Sriedrich Kapp. — Die beiden Napoleons, von Michelet. — L. v. Schiller. Cin kulturgeschichtlicher Protest, von Adolf Stahr. — Die jüngste Litteratur-Bewegung in Frankreich, von Karl Grün. — Kurhessen unter dem Vater, dem Sohne und dem Cnkel. von *"**. — Über vaterländische Gesinnungsleiden, von Ludwig Ivalesrode. — Der zweite Band erschien im folgenden Jahre 1861. Außer den alten Mitarbeitern lieferten noch Arnold Rüge und 1V. Rüstow Beiträge dazu. Bei diesem zweiten Bande blieb es. Die Sortsetzung wurde entbehrlich, nachdem seiner der Mitbegründer. H. B. Gppenheim. aus ',dem Cril nach Deutschland zurückgekehrt — 197 — war und die Monatsschrift „Deutsche Jahrbücher" in Berlin begründet hatte/ In dem nachfolgenden „Schriftenwechsel" ist die ewige Lrage von Preußens Veruf zur deutschen Hegemonie nach den zwei Seiten hin beleuchtet, nach welchen im Jahre 1866 die deutsche Demokratie sich spalten sollte, L. V. Vorwort. Gewiß hat jeder mit regem Sinn für das politische Leben begabte Deutsche beim Ausbruch des letzten Krieges dieselben Prüfungen durchgemacht, aus denen der erste Anstoß zu dem nachfolgenden Werke hervorgegangen ist. Mit dem Ende des Jahres neunnndvierzig war eine völlige Ohnmacht eingetreten und das öffentliche Bewußtsein der Nation bald ganz und gar geschwunden. Der Kreislauf der Ideen stockte, der Zusammenhang der Organe war unterbrochen, die gemeinsame Empfindung aufgehoben. Diejenigen, welche im Stillen wach geblieben, waren vereinsamt. Da schlug es mächtig in die Nacht herein. Siehe da! es leuchtet und wettert, es flammt von fernher auf, es zuckt durch alle Fibern. So gäbe es noch Bewegung? noch Geschichte? und wäre nicht Alles todt? Und Jeder auf und hinaus, und zum ersten Male nach so langer Zeit wogt in der stürmisch erregten Brust wieder einmal das alte, das gute Bedürfniß: Mensch zu sein mit Menschen, Bürger mit Bürgern; zu denken mit Denkenden, zn fühlen mit Fühlenden, Wort um Wort zu tauschen. — Aber wehe! welche Verwirrung! die stumme Vereinsamung ha^ alle Geister einander entfremdet, hat alles Verständniß aufgehoben, alle Vorstellungen verkehrt. Freunde hauen auf einander los in der Verwirrung des Augenblicks, Feinde rennen Arm in Arm nach vermeintlich gleichen Zielen; und — 199 — wie Mancher erst rettet, thöricht triumphirend, in der Verrücktheit der Eile den bestäubten Perrückenstock, dieweil er die wcrthvollste Habe den zerstörenden Elementen Preis giebt. Wie immer in solchen Katastrophen fehlt es dann nicht an Gesindel, welches sich die allgemeine Bestürzung zu Nutze macht, um ungestört zu plündern; und so geschah es wörtlich, daß im Tumulte dem deutschen Volke so recht das Bewußtsein dessen, was es wollte und mußte, im eignen Lager abhanden kam. Die Diebe — je nun, wer brauchte sie zu uennen? Allmählich begann es zu tagen in den Köpfen und ringsumher. Nun erkennt man sich, nun tritt man zusammen, reicht sich die Hände und sagt sich: bleiben wir zusammen, lassen wir uns nicht mehr in der stummen Finsterniß zerstreuen, das ist die Hauptsache. Um so mehr, als das Wichtigste erst noch geschehen muß, als die Zeiten, die da kommen sollen, die Vereinigung der Gleichen und die Einsicht des Nothwendigen strenger gebieten werden, denn je zuvor. Und so ist — um Vieles zu überspringen — auch hier versucht worden, eine Stätte zu gründen, für gemeinsame Ueberzeugung und gemeinsames Wirken. Freilich nur ein bescheidenes Taschenbuch. So groß der Zweck, so klein das Mittel. Aber das ist ja eben das Kennzeichen der Noth. Besäßen wir die großen Hülfsquellen, so wäre unsere Lage nicht die schlimme, die sie ist. Wer beobachten konnte, in welche Schranken die Reaktion das deutsche Preß- und Vereinswesen zurück geführt hat, der wird sich nicht wundern, daß ein gutgemeinter Versuch in solch ein Büchlein auskaufe. Doch zu Etwas ist auch das Unglück immer gut. Das anspruchslose Gerüste, das wir da aufrichten, ist zu schwach, um eiu großes Schild zu tragen, und so fühlen — 200 — wir uns glücklicherweise der Pflicht entbunden, ein Parteiprogramm aufzustecken. Partei ist eiue unentbehrliche Sache, aber die Programme sind vom Uebel, namentlich im Vaterlande der Philologie und der Definitionen. So möge ein Symbol, eine Fahne genügen. Nennt sie immerhin die demokratische und denkt Euch dabei von Allem, was Ihr je mit diesem Begriff verbunden habt, das Einfachste. Das Uebrige mögen die Leistungen selber erklären und beiläufig die Namen der Personen, von denen ja manche hoffen dürfen, nicht vergessen zu sein. Man kann eben so gut auf die allmählich erwachsene Umgestaltung seiner Ansichten stolz sein, als auf deren ungebeugte Treue gegen sich selbst. Am Besten thut man, auf keines von Beiden stolz zu sein. Hier ist nun Raum für Jeglichen von uns zu zeigen, was ein Jahrzehnt von auf alle Fälle bitteren Erfahrungen aus ihm gemacht hat. Schwerlich haben die Grundanschauungen sich bedeutend verändert, denn sie ruhen auf Ueberzeugungen, welche nicht vom äußern Erfolg einzelner Exerimente abhängen. Wann und wo wir Etwas lernen konnten, war es keines Falls von unsern Gegnern irgend welcher Schattirung; die klägliche Arbeit, welche sie verrichtet haben, seitdem sie allein am Ruder sind, war nur geeignet uns durchaus im Widerspruch zu befestigen. Oder sollten wir bei einem Blick auf deutsche Jammerzustände bedauern, nichts mit dem Vertrauen gemein zu haben, welches die Einen so unfehlbar anmaßend vindizirten und die Andern so unterthänig beschränkt zu Diensten stellten? Nicht minder ausgemacht ist, daß ganze Geschlechter von Anklagen, mit denen man seiner Zeit uns in den Ohren gelegen, heute von selbst in ihr Nichts zerfallen müssen. Will man noch immer das alte Lied von der Ueberstürzung singen? Ich denke, wir haben Zeit gehabt. — 201 — einen Fuß vor den andern zu setzen. Oder gilt es die beliebte Denunziation des Eigennutzes und Ehrgeizes aufzuwärmen? Den Lohn an Würden und Vortheilen soll mir Einer zeigen, welche dem ungebeugten freien Sinn bisher gewinkt hätten, welche ihm von jetzt an winkten. Entsagung, Entbehrung, Verzicht, nicht blos auf weltliche Vortheile, sondern auf das größte Gut, auf die Uebung der eignen Kraft, das war unser Antheil, das wird er — wer weiß wie lange noch — bleiben. Dem Vorwurf des Irrthums bleibt jede Meinung allzeit ausgesetzt, aber den Vorwurf der Leidenschaft können wir hierfüro mit stillschweigender Verachtung vorübergehen lassen. Blinder Haß war niemals unsere Sache, denn Haß ist Vorurtheil, und Demokratie ist Vorurteilslosigkeit. Unser Eines ist eher im Stande zu begreifen, wie so irgend ein König Bomba in aller Unschuld daz°u kommen mag ein Scheusal zu sein, als daß die kleinste Durchlaucht es je zu dem Verständniß brächte, warum der Mensch nicht erst beim Baron anfange. Es geht durch deutsche Lande jetzt im Stillen eine traurige Sage, und mancher Ehrenmann wiederholt sie mit beklagenswerthem Beifall. Ein Angriff von Außen, so heißt es, sei das Einzige, was den inneren Verfall aufhalten, was das Bewußtsein der Nation auf die Höhe ihres Berufs erheben könnte. Klägliches Armuthszeugniß, verzweifeltes Rettungsmittel; Ueberreste jener von oben her eingeschwärzten Irrlehren, welche nur dann an uuser Selbstgefühl zu avpelliren erlauben, wenn die Landeshoheit durch fremde Waffen in Gefahr geräth. Und das sollte das geistgenährteste Volk der Erde sein, welches nicht zur Erkenntniß seines eigenen Ichs gelangen könnte, ohne vom äußeren Feind aufs Blut gestachelt zu werden? Nicht so viel lebendige Seele besäßen wir, um uns mit eigenen Denkkräften aus dem Dämmerungszustaud zu entwinden — 202 — und ims auf unser besseres Selbst zu besinnen, man wecke uns denn mit Kolbenstößen und zünde uns das Dach über den Köpfen an? Wohlan denn, wir, denen die Blutschuld des Bürgerkrieges so oft salbnngsreich vorgehalten worden, wir schaudern zurück vor der Erlösuug durch den Völker- krieg, der zwar nach Fürstenrecht geadelt, aber au Inhalt und Wirkung Hundertwal scheußlicher ist als der innere Zwist. So gönne man uns denn Teil zu nehmen an dem Versuch, ob nicht auf dem Wege des Denkens die Nation zum Gefühl ihres inneren Zusammenhangs, zu der Erkenntnis, daß sie ein mächtiges Ganze sei, gelangen könne. Der Despotismus hat den Satz erfunden: Teile, damit du herrschest; die Freiheit spricht: ich herrsche, indem ich binde. Ein geistiges Band wieder anzuknüpfen, das ist auch unser Ziel und unsere Hoffnung. Denen vor Allen aber sei es erlaubt, mit wehmütiger Freude dieser Hoffnung entgegenzueilen, welche das Gesetz des Überwinders seit länger als einem Jahrzehnt von der Schwelle des Vaterlandes abwehrt. Schiene fügt sich an Schiene; aufblühend vermählt im Dampf sich Nord und Süd, jubelud reicheu die Städte am Rheine sich die Hände, nicht für sie, nicht für sie, die Verbannten. Auch das ist Fluch vou Deutschlands Fluch. Im Lande der Grenzpfähle und der Schlagbäumc sind Meister Engherz und Kleingeist Hof- Rechenkünstler. Deutschland ist kein politisches Vaterland, in dessen Organen die Stimme des Blutes selbst für die verstoßenen Söime spräche. Es ist nur ein Inbegriff polizeilicher Domänen. Es kennt keine Landsleute, sondern nur Unterthanen, getreue und ungetreue. Nie hat der Kopf eines deutscheu Ministers, nie hat das Herz eines deutschen Fürsten sich bis zu dem Gedanken einer wahren Amnestie erheben können; niemals werden sie es. Aber es bleibt eine Amnestie, welche nur vou Volkes Gnaden und vom — 203 — eigenen Willen erteilt wirb. Das ist die lebensfrohe Rückkehr zum geineinsamen Denken und Fühlen, das ist die neubeseelte Wiedervereinigung im Geiste Derer, die zurückgeblieben mit Denen, welche in die Fremde hinaus zerstreut worden bis in den äußersten Westen. Teurer noch als die heimische Erde ist das heimische Wort, wenn es ein Band einträchtigen Strebens für das Vaterland webt zwischen seinen getreuen Söhnen diesseits und jenseits des Rheins, diesseits und jenseits des Ozeans. Paris, am Neujahrstage 1860. L. V. 5 Aes Nimmt Pro Klürifienweliiset mit Tliomas Conlra, aus ckem Jalir 18Z9. i. Thomas Contra an Michael Pro. Mein geliebter Narr in Armiuio! ^ab ich's doch immer gesagt: nicht der Mensch ändert sich, es ändern sich nur die Umstände. Ein Jahrzehnt hindurch hab ich dem süßen Wahn gelebt, Du seiest an Haupt und Gliedern reformiert; doch kaum stellt die Weltbühne wieder von ungefähr die Szenerie wie ehedem vor, so springt auch wieder mein alter Adam in seiner alten Rolle darauf herum. Und da sprechcn die Herren Kriminalisten von Besserungstheorien! Da wollen sie einen armen Schelmen von Dieb zur Urschöne seines guten Prinzips zurückführen, indem sie ihn stumm, taub und blind auf Jahre hinaus in eine kahle Mauerzelle einschließen: wenn doch mein von der Weltgeschichte in eigner Person aus der Politik hinausgeworfener und in den praktischsten Lebensverhältnissen umhergeführter, auch insonsten nicht grade auf den Kopf gefallener Freund ein solches Pracht-Exempel von Unverbesserlichkeit statuiert. Du merkst es, ich erliege schon wieder der Versuchung, in meinen herkömmlichen Protest gegen das pensylvanische Gefängniswescn einzubiegen. Aber wenn ich auch überzeugt bin, es werde eine vernünftige Nachwelt kommen, welcher es ebenso ungeheuerlich und unbegreiflich — 205 — dünken muß, daß man den Verbrecher durch protestantische Einmauerung bekehre, wie die Mitwelt nicht mehr glauben kann, man habe dereinst durch die katholische Folter ihn ausforschen wollen, so verzichte ich immerhin diesmal auf mein Lieblingsthema, schon um der Stunde schönes Gut nicht zu verschwenden, in der ich mich, von ernster Trübsal fern, an Deiner ewig grünen Thorheit zu ergehen denke. Ja, das ist derselbige Mensch, der mir so oft lächelnd gebeichtet, wie man im alltäglichen Leben mit jeglicher Verbesserungslust in Haus oder Stadt, au Freunden, Sippen oder Gesinde nur den Kopf anrenne, derselbige Mensch, welcher jede Erziehung (außer der eignen) zur Fügung und Toleranz als Illusion preisgab, und welcher jetzt — wie find' ich ihn wieder? Kaum hat das erste thörichte Hähnchen aus dem Traume gekräht, so ist mein Jüngling mit einem Sprung ans dem Bette und hinaus, um die frische Brust im Morgenrot des ungeborenen Tages zu baden. Nacht, mein Freund, stockfinstre Nacht! und was Du als das Gold der anbrechenden Sonne begrüßest, das ist der blasse Mondschein Deiner Fantasie, in welchem sich die Gespenster einer längst entschlafenen Welt erlustigen. Also Deutschland willst Du wieder einmal befreien oder vereinen: Huis yuiä ubi, c^nibus auxiliis, «zur Hnomocko Huaocko? Hätte Einer vor Jahresfrist, da noch alle patriotischen Gefühle im Winterschlaf des Dezenniums begraben lagen, mir verkündet, daß er von Neuem das unglaubliche Werk der Wiedererweckung oder vielleicht richtiger gesagt, der Erweckung unseres Vaterlandes zu staatlicher Existenz ins Auge fassen wolle, so hätte ich mit Spannung, wenn auch gewaltig zweifelnd, aufgehorcht; denn ich hätte mir denken müssen, es handle sich um die Anwendung nie geahnter, nie erprobter Kräfte und Mittel. Heute aber weiß ich. woher der Wiud bläst, der Euren Glauben angefacht hat, — 206 — und ich verzweifle von vornherein an diesem windigen Wesen. Ströme schwarzer Tinte und jenseits derselben am fernen Gesichtskreise einige leichte Nebelwölkchen von Preußisch-Blau, das ist Alles, was ich sehe; das ist das gelobte Land, das Ihr wieder einmal vom Horeb Eures Exils aus erblickt und segnet. Und aus diesem Boden soll die Saat der Freiheit, seien wir bescheiden und sagen nur: die Saat der Einheit zum Himmel emporschießen? Gesetzt nun auch, es geschähe das ganz Außerordentliche, gesetzt sämtliche 12 000 Quadratmeilen des deutschen Vaterlandes bedeckten sich mit Adressen an des Prinz-Rc- genlen Königliche Hoheit und mit Manifesten an den Eisenacher Ausschuß; gesetzt es kämen hundert feierliche Deputationen nach Berlin und kassierten hundert schwerbedeutsam nichtssagende Antworten ein; gesetzt auch alle Hoflieferanten von Hannover verlören die königliche Kundschaft ob ihrer Gesinnungstüchtigkeit: soll ich glauben, daß damit auch nur eine arme Unterthanenseele aus dem deutschen Sündenpfuhl erlöst werden möchte? „Mit Hilfe von Brod und Eisen, hat der Commissär des Convents gesagt, kommt man bis ans Ende der Welt, von Schuhen hat er nicht gesprochen:" — von Tinte und Feder aber noch viel weniger. Bei uns daheim sieht es jedoch grade aus, als wäre dem so. Thatlosigkeit und Erstarrung sind vom Übel. Allein es gibt noch etwas Gefährlicheres: das ist die Schein- thätigkeit; das ist die selbstbewußte Selbsttäuschung, die im rastlos drehenden Eichhornskäfig herumwirbelt, ohne vom Fleck zu kommen, und sich Wunder was von ihrer fortschreitenden Regsamkeit einbildet. Meiner Treu, ich sehe Euch noch lieber, wenn Ihr Euch verdrießlich an den Nägeln kaut, als wenn Ihr Euch die Finger krumm schreibt und vermeint, nun habt Jhrs am rechten Ende angepackt. Ich begreise, ja ich begreife es recht gut, und die — '^07 — Schrift hat Recht: am Anfang war das Wort. Aber es heißt doch auch: Bedenke das Ende! Mit unseren großen politischen Unternehmungen geht es wie mit so manchen litterarischen. Man läßt das Publium auf kolossale Encyklopädien unterschreiben, macht sich mit ungeheurem Eifer und Studium an den Buchstaben A, aber ehe die Lieferungen zum C oder D gediehen, sind Autoren, Verleger und Subskribenten in eine bessere Welt hinüber entschlafen, und auf dem Bücherbrett bleiben die ersten Folianten mit einer gelehrten Vorrede und den Abhandlungen „Aar" bis „Beelzebub" verwaist stehen. Schon dreimal hat das Jahrhundert auf ein freies einiges Deutschland subskribirt, und jedesmal hat es bei dem Prospektus und den ersten kostspieligen Nummern sein Bewenden gehabt; eben hängt man zum viertenmal die Bogen aus. Danke schönstens! Habe genug subskribirt; will mir gern das Grimm'sche Wörterbuch kaufen, wenn es erst fertig sein wird und in Eure politische Bewegung einsteigen, wenn ich erst sehe, welcher Orten der Tintenstrom uns ans Land führen soll. Stellt Euch doch nicht, um's Himmelswillen, als sei für die Erkenntnis deutscher Übelstände noch ein so großes Gebiet geistig zu erobern. Die Vögel zwitschern's von den Bäumen und die Buben jodeln's auf den Gassen. Was Deutschland fehlt? Nun, so verblümt beiläufig zu sagen: es ist eigentlich ja keine Krankheit, es ist eine Mißbildung, es ist gar kein Casus für die Medizin, es ist eitel Arbeit für die Chirurgie, und wo diese von Nöten ist, da helfen keine Tränklein noch Salben, so sehr es auch schwache Seelen gelüsten möge, darin Trost zu suchen. Unsere Epoche macht sich selbst den Vorwurf des sogenannten Materialismus. Daß man sich eine Unvoll- kommenheit zur Last lege, bekundet notwendig das Vorhandensein der Vorstellung von einem vollkommneren Zustand, und damit zusammenhängend das Streben nach — 208 - Erreichung desselben. Das Bewußtsein eines Mangels ist mindestens der erste Ansatz zur Überwindung desselben, nicht selten vielmehr das Symptom einer bereits weiter gediehenen Reife. Umgekehrt verrät die Zufriedenheit oder sogar der Stolz über gewisse Leistungen die Beschränktheit der Einsicht in und der Forderungen an sich selbst. So glaubte das Mittelalter Wunder was von seiner Menschenliebe und Wohlthätigkeit, weil das Pfaffen- und Klosterwesen die mit ihm innig verwandten und verwebten Betilerhorden ernährte. Heute klagt sich die Gesellschaft des Elends ihrer unteren Schichten mit schreienden Worten an und erklärt sich schuldvoll, so lange der brennende Vorwurf des Proletariats nicht von ihrem Gewissen getilgt sei. Gleisznerische Obskuranten machen sich diesen scheinbaren Gegensatz zu Nutze, um die Segnungen ihrer guten alten Zeit dem Jammer des heutigen Geschlechts entgegenzusetzen. Aber wie Wenige sollten so einfältig sein ihnen zu glauben, und welch' ein bescheidenes Maß von Kenntnis der Staats- nnd Sittengeschichte gehört dazu, um nicht zu übersehen, daß die Lebenslage der Massen — so beklagenswert sie immer noch sein mag — in diesem Jahrhundert um ein Unendliches besser bestellt ist, als in den früheren? Gleicher Weise verhält es sich mit der Beschuldigung des Materialismus. Thatsächlich waren unsere Voreltern so viel mehr als wir in Rohheit der Anschauung und des Lebens befangen, daß es ihnen gar nicht beikommen mochte, sich der allzu großen Hingebung an die stoffliche Welt zu bezüchtigen. Allerdings sprachen sie vielleicht vom unsichtbaren Geist mit mehr zerknirschter Ehrfurcht als wir. Aber das lag eben daran, daß sie mit allem Geistigen weniger vertraut, dasselbe als ein fremdes, ihnen aus der Ferne vorschwebendes und unheimliches Wesen zitternd anbeteten. In Wirklichkeit ist die Summe des geistigen Lebens in unseren Tagen gegen frühere Zeiten millionenfach vervielfältigt, sowohl in die — 209 — Breite der Massen hinaus als in die Tiefe der Individuen hinein. In demselben Maße haben sich körperliche Brutalität, Grausamkeit und Unempfindlichkeit aus dem öffentlichen Verkehr, dem Familienleben, dem Polizei-, Justiz- und Soldatenwesen verloren. Schauspiele der Rohheit und Scheußlichkeit, welche vor hundert Jahren eine zarte Hofdame mit Gemütsruhe angesehen hätte, würden heute das menschliche und ästhetische Gefühl eines Hökerweibes empören. Unter Georg II, war es noch Sitte, daß die Leute aus der feinsten englischen Gesellschaft an Sommernachmittagen nach Tyburn, dem Richtplatz, hinausfuhren, um sich an dem Anblick der allwöchentlichen Auspeitschungen liederlicher Weiber zu belustigen; und wer von dem Privatleben Friedrich Wilhelm I. von Preußen einige Kenntnis genommen hat, der weiß, daß — auch abgesehen von den Stockschlägen, mit denen er seine Kavaliere traktierte — heute kein Holzhauer sich so unflätig benehmen würde wie jener fromme König. Aber weil zu gleichen Zeiten die religiöse Fantasie sich geräuschvoller als heutzutage mit übernatürlichen Anschauungen herumtrieb, läßt sich unsere Mitwelt von den Nutznießern vermoderter Zustände ob ihrer materialistischen Versunkenheit abkanzeln und schlägt in komischer Einfalt zuletzt selbst an die unschuldige Brust. Nicht anders verhält es sich mit der moralischen Weltbeschaffeuheit. Kehre doch, ich bitte dich, in das erste beste Kapitel der Geschichte ein, und du wirst grade in jenen Zeiten, wo das unsterbliche Seelenheil und die Posaunen des jüngsten Gerichts unablässig widerhallen, auf Schritt und Tritt Beispielen von Verrat, Treulosigkeit, Wortbruch. Gewalt und Eigennutz begegnen, welche heute schier unmöglich wären und damals mit der größten Naivetät begangen wurden. Es ist umgekehrt freilich auch ein unendlich weiter Abstand zwischen meiner Überzeugung und der Überzeugung Derjenigen, welche sich mit satter Zufriedenheit in der Sanftmut und Aufklärung des Jahrhunderts spiegeln Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. HI. 14 — 210 — und uns undankbar finden, daß wir uns nicht dabei beruhigen wollen. Es fehlt wahrlich nicht an Dummheit, Schlechtigkeit und Elend, welche zu beseitigen man für möglich halten darf, ohne ein unpraktischer Schwärmer zu sein, und grade die Erfolge der Vergangenheit können uns darin ermutigen. Aber soviel scheint mir festzustehen, und das ist es, worauf ich nach einem vielleicht zu langen Umwege hinauskommen wollte: die nichts weniger als materialistische, vielmehr vorwiegend geistige Eingenommenheit unseres Geschlechts ist den gefährlichsten Verlockungen ausgesetzt und ganz vorzüglich in dem besonderen Fall der Grundübel, welche an dem deutschen Staatsleben nagen. Unsere ganze politische Aktion und Agitation kommt nicht aus der Form des allerabstrakteften Denk- und Redeprozesses heraus, und, was das Schlimmste dabei ist, wir treiben uns mit dem bekannten hochkomischen, philisterhaften Urbehagen darin herum, in süßestem, breitestem, entzücktestem Selbstgenügen. Das ist der Jammer, das die unheilbare Krankheit. Freilich weiß ich es, was man mir erwidern kann: die schlechte Methode ist nicht Gegenstand der freien Wahl, und die Fehler find nicht einseitig unserem Naturell aufzubürden. Wer hangt, der verlangt, sagt man im Volke; und nur weil es allerdings so ganz verteufelt schwer ist, eine praktische Handhabe znr Beseitigung des auf Deutschland lastenden Feudalwesens aufzufinden, ergibt sich die Nation jenen erbärmlich unfruchtbaren, theoretischen Bemühungen, welche eben Deutschland wieder mit dem hohlsten Wortgeklingel uud der albernsten Scheinbewegung ausfüllen. Zu allen Flüchen rufen wir stets von Neuem auch noch den der Lächerlichkeit herbei. Lächerlichkeit! Es ist eigentlich sündhaft so zu reden, aber die Vorstellung von Glück und Verdienst sind in unserem von Grund aus durch den Dämonismus aller Religionen verschrobenen Gehirn so mit einander verknetet, daß — 211 — man sie nicht ablegen kann, und daß wir Unglück und Schande nie ganz auseinander zu halten vermögen. Der Durst nach Freiheit und Würde, den wir im Innern nähren, verführt uns unablässig, im Gang der Geschichte und des Lebens die Fußspuren einer waltenden Gerechtigkeit zu suchen: während eine unbefangene Einsicht uns belehren könnte, daß wir rückwärts aus dem Erfolgbringenden erst die Begriffe des Guten und Gerechten abgeleitet haben; daß wir solchergestalt von den allgemeinsten Grundanschauungen bis herab zu den einzelnen Lebensangelegenheiten dasjenige, was da glückt, gut nennen, und daß, wenn auch in der Entwicklungskette der Gesamt- und Einzel-Existenzen richtige oder gerechte Wahl häufig mit Erfolg verbunden ist, doch die Uranfänge aller Schicksale sich in handgreiflich unverantwortliches Werden hineinverlieren. Wer den Satz zum Besten gibt, daß es den Nationen nur dann schlecht gehe, wenn sie es nicht besser verdienen, der ist gewiß dabei interessirt. über die Ursachen seiner eigenen Wohlfart und über die Ursachen des öffentlichen Unglücks keine andere Rechenschaft abzulegen, als mit dieser geheimnisvollen Offenbarung aus den Rezepten der Vorsehungsküche; und von den Staatsphilosophen zum mindesten, welche uns neuerlich wieder mit dieser einsichtsvollen Versicherung abfinden, können wir ruhig sagen: sie hätten nur, was sie verdienten, wenn man ihnen den Guelfenorden um den Hals hängte. Ich sage vielmehr: jede Nation verdient so glücklich zu sein als es nur möglich ist, und die Grenzen dieser Möglichkeit, wenn sie überhaupt je gefunden werden können, sind da unsichtbar, wo die freie Erörterung aller Angelegenheiten und die freie Übung aller Kräfte für unstatthaft erklärt sind. Man hat mit vielem Rechte behauptet: die Freiheit der Rede und der Schrift sei das Alles in Allem einer guten Staatsverfasfung, aber man hat dabei meistens übersehen, daß jene Versammlungs- und Preßfreiheit nur da möglich ist, wo auch gleichzeitig nach allen an- 14* — 212 — deren Richtungen hin die von den herkömmlichen Gewalt- habereien aufrecht erhaltenen Schranken gefallen sind, und wenn man jenen Satz anführt, um alle sonstigen Neuerungen auszuschließen, dreht man sich daher in einem falschen Zirkel. Es ist neuerdings ganz besonders Mode geworden, alles Bestehende aus dem Gesichtspunkte seines Entstandenseins zu betrachten. Die Hegelsche Geschichtsphilosophie hat zu diesem Verfahren eine fertige Methode geliefert, und, wie alle Dialektik, ist sie zweischneidig. Diejenigen, welche sich mit Ernst und Innigkeit in ihren bedeutenden geistigen Gehalt vertieften, haben die Kraft der Entwicklung und Befreiung aus ihr gesogen und den fruchtbarsten Samen zur Erweiterung des Denkens und des Lebens ausgestreut. Diejenigen hingegen, welche sich der äußeren Formenkunst ergaben, haben darin ein bequemes Mittel gefunden, mit erhabenem Seelen- anstand die Rechtfertigung aller überlieferten Fäulnis vorzutragen und solche Interessen und Gewalten, welche ihrer ganzen Natur nach dem Denken und der Kritik gradezu entgegengesetzt sind, nebenher auch noch mit einer wolkigen Ge- lehrtenperrücke aufzustutzen. Auf diese Weise haben die so» genannten Kulturphilosophien eines Rieht und Fröbel uns abgestandene Verhältnisse mit einer Geistreichigkeits-Brühe schmackhaft aufzukochen versucht; aber es gehört wenig Scharfsinn dazu, hinter der liebreichen Vertiefung in das Bauerntum, welche jener zur Schau trägt, wie hinter der Begeisterung für die auswärtsstrebende Machtentfaltung, welche dieser predigt, die praktische Nutzanwendung herauszulesen. Die inneren Staatsverhältnisse sollen in seliger Ruhe weiter schlummern, und wer den Nutzen davon hätte, das braucht nicht lange gesucht zu werden. Hat doch der eine dieser erhaltungsbeflissenen Staatsphilosophen uns noch jüngsthin belehren wollen, daß es eben so thöricht sei, für die Sünden der Regierungen die menschliche Urheberschaft der Machthaber verantwortlich zu machen, wie wenn man wegen schad- — 213 lieber Naturereignisse von denselben Rechenschaft fordern wollte. Es wäre allerdings eine zweifach bequeme Lage für diejenigen, welche die Fülle der Gewalt und ihre reichen Früchte kosten, wenn die ausgebeuteten Massen zu allem Schaden auch noch den Spott für ihre UnVollkommenheit allein zu tragen verdienten; und von dieser unterthänigen Ehrfurcht bis zu der Predigt, welche in der Kartoffelkrankheit die gerechte Heimsuchung für die abnehmende Muttergottesverehrung erblickt, ist's wirklich nur eiu kleiner Schritt. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß unsere Staatsphilosophen auch noch den kurzen Weg bis in den Schootz der Alleinseligmachenden zurücklegen werden. Das „Alles verstehen und darum Alles verzeihen" läßt sich nach doppelter Richtung zur Anwendung bringen, und wenn man schon einmal Alles verzeiht, kann man gleich auch Alles loben, besonders da, wo das Lob seine Ermunterung und Belohnung so gewiß erwarten darf. Ist es nuu auch unschwer, die Schleichwissenschaft zu entlarven, welche mit der gelehrten Miene aufgeklärter Forschung überlebten Absolutismus und mittelalterliche Beschränktheiten zu verjüngen strebt, so gibt es für unser — wie oben geschildert — Geiskslüsternes Zeitalter aber auch gefährlichere, weil ehrlicher gemeinte und spontaner erzeugte Bernhigungstheorien unter dem Schein der Freude am Fortschritt. Dahin gehört vor allen Dingen der Glaube an die sich selbst bahnbrechende Macht der Wahrheit, oder wie man es auch nennen hört: der Idee. Das ist abermals so eine billige Zauberformel, mit welcher der gebildete Mensch einen Vorwand findet, die Hände in den Schooß zu legen und, wie man sich ausdrückt, seiner Ketten zu spotten. Macht der Wahrheit! ein schönes Wort, aber leider erst noch von der Erfahrung zu bestätigen. Wir kennen so ein paar tausend Jahre menschlicher Geschichte, nicht mehr glücklicher Weise für unser armes Gehirn und besonders für unseren — 214 — menschlichen Stolz; denn es gibt nichts Traurigeres als die ununterbrochene Kette von Elend und Verbrechen, von Grausamkeit und Hilflosigkeit, welche man Geschichte nennt. Jede Seite ist mit unschuldigem Blut gerötet, jede erzählt den Triumph eines Missethäters. Nichts desto weniger sind die einfachen Wahrheiten, auf die wir heute noch die Hoffnung künftiger besserer Zeiten bauen, von jeher bekannt gewesen. Was Gerechtigkeit und Freiheit sei, hat in der Hauptsache das Altertum so gut gewußt und erörtert wie wir, und konnte für die unverdorbene Auffassung der einfachsten Religionswahrheiten aller Kulturvölker nie zweifelhaft sein. Wenn auch Jehova in Kanaan einiges standrechtliche Ausschreiten und Jupitern viel unkirchlicher Lebenswandel zur Last fällt, so wäre es doch höchst nnkonstitutionell, diese persönlichen Angelegenheiten der göttlichen Majestäten bei der öffentlichen Debatte ihrer Religionsversassung zur Sprache zu bringen; und die Tugend, Sitte. Menschlichkeit und Gerechtigkeit, welche sie als ihnen wohlgefällig verkündeten, sind noch dieselben, welche nach unseren heutigen Begriffen den guten und edlen Bürger schmücken sollten. Aber grade die Gefäße, in welchen die Wahrheitsschätze geborgen werden sollten, wandelten ja ihren Gehalt in giftige Lügen um und fügten sich allenthalben zu herrschenden oder dienenden Werkzeugen der Gewalt und des Eigennutzes. Aus der von Natur aus sittlichen Religions-Empfindung ist überall das Pfaffentum als ihr konträres Gegenteil hervorgegangen, aus der liebenswürdigen Milde der Bergpredigt der Scheiterhaufe der Inquisition. Mächtig ist die Wahrheit allerdings, aber nur in dem, welcher aus ihr die Überzeugung seines guten Rechtes zu wirksamen Thaten abzuleiten vermag, und nicht in dem idealistischen Fuhrmann, welcher sich beseligt lächelnd neben den im Dreck steckenden Karren niederläßt in dem Vertrauen, daß die inwendige Kraft des guten Prinzips ihn aus dem Kothe ziehen werde. Wir glauben erstannlich weit — 215 — über das mythologische Heidentum hinaus gediehen zu sein und laboriren doch noch an den Vorstellungen einer kindlichen göttererfüllten Welt, in der jede kathegorische Abstraktion unseres Denkvermögens als buntgekleidete Persönlichkeit herumspringt. Der Eine sieht die Geschichte, der Andere die Idee, der Dritte die Wahrheit als hochgeschürzte Gestalt leibhaftig über die Weltbühne schreiten; die liberalen Fran- zosen haben denselben Götzendienst für die Revolution in Schwung gebracht. Wo wir ein Buch aufschlagen, wo wir einer Rede horchen, zeigt man uns die eine oder die andere dieser Gestalten als verkörperte Person mit geschäftigen Händen agirend; man explizirt uns ihre ganze Naturgeschichte, die Gesetze ihres Organismus, und baut die weitestgehenden Pläne auf die künftige Mitwirkung derselben fabelhaften Wesen. Daß alle diese Visionen im Grunde nichts sind als eine philosophisch aussehende Travestirung für die gute alte Mutter Vorsehung ist eben so gewiß, als daß die ihnen samt und sonders zu Grunde liegende pantheistische Anschauung nichts anderes dokumenürt. als den vergeblichen Versuch der Losreißung von der angewohnten Vorstellung göttlicher Persönlichkeit und die Rückkehr zu ihr auf dem Umweg einer parabolischen Nebelbahn. Derjenige aber, dessen menschliche Bescheidenheit es nicht bis zum Stolz der christlichen Demut zu bringen vermag, und der auf jeden, wenn auch noch so ehrfurchtsvollen, Verkehr mit allen überirdischen Mächten verzichten muß, der läßt bei Anfassung seiner menschlichen Angelegenheiten nicht blos die biblische Vorsehung, sondern auch alle ihre pan- theistischen Surrogate ungeschoren und rechnet bei seinen Zukunftskombinationen nur mit den handgreiflich gegebenen Verhältnissen an Kraft und Willen, höchstens daneben mit den Sätzen einer vorsichtig anzuwendenden Erfahrung. Also weg mit allen diesen vornehm angethanen Vertrauensvoten an den guten Geist im Menschentum, an die — 216 — sich aus dem Schooß der Welt durchbohrende Wahrheit, an die Nächtens herumpatrouillirende Idee, an die über Berg und Thal einherwallende Geschichte. Trostbedürftige Herzen mögen sich in den Umgang mit diesen erhabenen Gespenstern aus der Dürftigkeit des Lebens flüchten. Was mich betrifft, so habe ich immer gesehen, daß die mechanischen Gewalt- instrumente, wenn auch alle geistige Autorität ihnen fehlt, noch sehr gut ihren Zweck erfüllen, die Menschen niederzu- halteu, und daß im Grunde noch nie eine mechanische Herrschaft schließlich anders denn mit mechanischen Mitteln gebrochen worden ist. Nirgends sollte es überflüssiger sein, an diese Thatsache zu erinnern, als im lieben Vaterlande, und nirgends doch ist sie schwerer verkannt. Gibt es irgendwo in der Welt einen krasseren Gegensatz von Sachverhalt und Bewußtsein als in Deutschlands Verfassung? So ausgemacht ist es seit Jahrzehnten, wie unzureichend, unwürdig nnd unvernünftig unsere staatlichen und nationalen Zustände seien, daß kaum einer unserer absoluten Fürsten oder ihrer servilsten Hof- zeituugsschreiber die Abgeschmacktheit und Zweckwidrigkeit unserer buntscheckigen Verhältnisse öffentlich zu leugnen wagt: und dennoch währt derselbige Jammer, über welchen seit einem halben Jahrhundert das gesamte Volk Zeter und Hohngelächter ergießt, auch schou ein halbes Jahrhundert lang unabänderlich fort. Zwei- bis dreimal, wenn die Welt- stürme sie durcheinander gerüttelt, haben Fürsten und Ritter laut unter Gottes Himmel verkündet, wie das Alles unerträglich sei und von nun an besser werden müsse; uud immer wieder nach »erbrausten Winden ist zu jener alten Ordnung der Dinge zurückgekehrt worden, welcher auf offenem Markt Henkershand den Stab gebrochen hatte. Wo in aller Welt soll ich da die Macht des Geistes, den Fortschritt durch Erkenntnis gewahr werden? Wenn Einsicht und Bewußtsein etwas über Schloß und Riegel ver- — 217 — möchten, so wäre die deutsche Einheit längst aus dem Reiche der Arudt'schen Liederfantasie in das Reich der Wirklichkeit hinausgeschritten; und sie ist es zum großen Teil nur deshalb nicht, weil Hilflosigkeit. Zaghaftigkeit und andere mit diesen verwandte Charakterschwächen uns den Glauben und die Zuflucht in die theoretische Propaganda als einzigen politischen Instinkt untergeschoben haben. Schläft Europa, so schlafen auch wir. Das ist dann freilich das Schlimmste. Fängt sichs aber irgendwo zu regen an, so geht bei uns alsobald der Wortschwall los, und das ist nicht viel besser. Wenn die Fürsten des deutschen Bundes alles uns Mißfällige im Reich blos mit schönen Reden, mit Adressen an ihre getreuen Unterthanen verteidigten, so begriffe ich, daß wir von Gegenreden und Gegenadressen in Fülle unsere Ei' lösung erwarteten; wenn z. B. ein König von Bayern sich der Herstellung eines einigen Deutschlands nie mit Gensdarmen und nur mit Gedichten widersetzt hätte, so würde ich begreifen, daß man ihm mit Gegengewichten zu Leibe ginge. Aber mit Nichten! Mit seinen Gedichten ist er auf unserer Seite und für die Einheit, nur mit seinen prosaischen Gensdarmen ist er einigermaßen dagegen und läßt die Dichter ins Loch sperren. Freilich haben aller Orten und Zeiten nationale Bewegungen mit Rede und Schrist begonnen; aber Rede und Schrift mahnten zu Handlungen. Bei uns fordert eine Schrift die andere und eine Rede die andere heraus. Der Ausschuß erläßt ein Manifest an die Nation, die Nation antwortet mit einem Manifest an den Ausschuß; und wenn Alle unendliche Male feierlich sich einander erklärt haben, daß sie vollständig mit einander einverstanden seien, so werden die nämlichen Redensarten sieben mal sieben Tage um die Feste von Jericho herumtrompetet; da aber die Zeiten der Wunder vorüber sind, so bleiben die Mauern stehen vor wie nach. Ist nun gar irgend ein kleiner Souverän so unschuldig, an diesen Gedaukenrevolutionen — 218 — Ärgernis zu nehmen und etwelchen Unterschreiber mit einer Verfolgung zu beglücken, so ist die Befriedigung vollständig, und das Bewußtsein einer großen That ist gesichert. Dieses ganze politische Scheinleben hat seine höchste Blüte in jenem Typus erreicht, welchem mit Recht der Name Gotha anklebt, als die schimpfliche Erinnerung an die aufgeblasenste Selbstbelügung in dem Augenblick der tiefsten Erniedrigung. Jene sogenannten Männer, welche noch den Himmel zum Zeugen anriefen, daß sie für ihr großes Ver- sassungswerk leben und sterben würden, als sie schon unter Henkersaufsicht die Fetzen desselben am Spottpfahl ihrer letzten öffentlichen Auftritte freiwillig hinunterwürgten, diese sind die echte Versinnlichung der eitlen, mit sich selbst buhlenden Phrase, die in ihrem verstockten Dünkel auch gegen die körperlichste Wirklichkeit schamlos unempfindlich geworden ist. Und wenn mich nicht Alles täuscht, so erkenne ich gar viele der altbekannten Geckenstimmen in dem Chorus unserer neuesten Jubelouvertüre, ja was noch schlimmer ist: der ganze Spektakel ist von Natur darnach geartet, die Herren wieder oben auf zu bringen, und somit läßt sich auch das Ende ihres glorreichen Beginnes haargenau vorausbestimmen. Sage mir doch nicht, ich solle vermeiden, gleich bei dem ersten Versuch der Rückkehr zu einer besseren Zeit den bösen Geist der verderblichen Zwietracht wieder herauf zu beschwören. Das ist eben ein Kennzeichen jener ganz körperlosen Scheingebilde, daß alle wirklichen Unterscheidungen in ihrer Nebelform unsichtbar sind; und nur weil sie auf alle Leiblichkeit und Fruchtbarkeit verzichten, können sich dergleichen politische Kombinationen das Ideal einer universalen geschlechtslosen Parteivermischung vorsetzen. Freilich so lange man nur Adressen schmiert und neue Glückwünsche zum eben ausgesprochenen Glückwunsch wechselt, kann man sich aller noch so wesentlichen Abstände des Verfahrens und der Absichten bemeistern. aber von der ersten Viertelstunde — 219 — des Übergangs ins Leben an würden die Gegensätze nicht minder grell aneinanderprallen. Immer und überall das Bedürfnis der Selbsttäuschung und die ängstliche Vermeidung alles dessen, was an die bittere Wirklichkeit erinnern könnte! Und aus demselben Grunde findet dieser durchweg abstrakte, nur in theoretischen Formen lebende Geist für seine Bedürfnisse keinen höheren und keinen näheren Gegenstand als die Gewährung parlamentarischer Formen. Eine Nationalvertretung, eine Volksrepräsentation beim Bundestag, oder wie sonst die Sache benamst werden mag, das bleibt immer der Brunnen, aus dem ein Trunk den Durst auf ewig stillen soll. Abermals ein Ausfluß des supranaturalistischen Vertrauens in die Macht geistiger Anstalten. Das Dogma des Parlamentarismus entspringt aus einem zweifachen Trugschluß, der seinerseits immer wieder in der spiritualistischen Befangenheit unseres Zeitalters wurzelt. Zum ersten verläßt dies Dogma sich darauf, daß die feierliche Erörterung und Verkündigung der Wahrheiten durch die fiktiven Orgaue der Gesamtheit an und für sich eine zwingende Machtentfaltung in die Welt stelle. Zum zweiten lebt es in der irrigen Verwechslung zwischen Rednergabe einer und praktischer Tüchtigkeit und redlichem Willen andererseits. Alles Huldigungen an den theoretischen Schein. Daß die rohe Sinnenwelt sehr zuverlässige Mittel biete, um die geistige Autorität parlamentarischer Versammlungen zu bewältigen, hat keine Zeit so handgreiflich bewiesen, als die unsrige. Kein Land des Kontinents beinahe, oder es hätte in den letzten zehn Jahren einmal einem mehr oder weniger mittelbaren Staatsstreich gegen seine parlamentarische Verfassung beigewohnt- Freilich stellen wir uns heute an, als hätte der arme Kurfürst von Hessen ganz allein seine ma^na Odarw zu Fidibussen verbraucht. Wahrhaftig mich jammert diese verfolgte Unschuld, denn wenn mir nicht mein Gedächtnis einen ganz infamen Streich spielt, so hat auch sein heutiger Verfolger einige rettende Thaten auf dem Bewußtsein. Ist doch meines Er- innerns die jetzige Berliner Volks- und Herrenkammer nicht so ganz freiwillig und urgesetzwüchsig aus einer Nationalversammlung hervorgegangen, die nicht minder eidkräftig besiegelt gewesen, als die Kasseler Ständekammer. Auch hat sich in allen deutschen Residenzstädten dieselbe Prozedur wiederholt, und wo die Bajonette nicht exerziermäßig nach Stuttgarter Manier eingeschritten sind, war es blos, weil ihr Blinken aus der Ferne genügte, um die wortprangende Majestät der Volksvertretung zur Rückkehr in den vormärzlichen Staub zu bestimmen. So wenig zuverlässig als Waffe nach außen, so wenig untrüglich ist die parlamentarische Institution als Heilsanstalt nach ihrem inneren Wesen. Zu einer beratschlagenden, d. h. rcdeführenden Versammlung werden natürlicher Maßen vorzugsweise Diejenigen berufen, welche die meiste Zungenfertigkeit besitzen. Redekunst ist nichts als eine besondere Art von litterarischer Befähigung. Diese aber ist ganz und gar zweierlei mit welt- und geschäftskundiger Einsicht, und auch von der letzteren bis zu der bürgerlichen und politischen Tugend liegt noch eine weite Sirecke. Eine Volksvertretung sollte ihrem Begriffe nach eine Vereinigung solcher Männer sein, welche mit dem tiefsten Verständnis des Staatslebens den redlichsten Willen für das allgemeine Beste verbänden; allein das blendende Bedürfnis nach ora- torischen Leistungen, welches in den Debatten die erste Rolle spielt, hat für die Zusammensetzung solcher Versammlungen eiuen ganz anderen Maßstab, den der litterarischen Qualifikation, untergeschoben. Es giebt sehr viele Meuschen, welche das Vermögen einer glänzenden Diktion besitzen und dabei nur ein beschränktes Maß von gesundem Verstand. Stände der allgemein herrschende Geschmack aus der Höhe der Vollkommenheit, — wovon er weit entfernt ist — so — 221 — wäre allerdings ein Teil der Gefahr beseitigt, denn die wahre Beredsamkeit fällt zusammen mit der Leistung des gediegensten Inhalts an Gedanken. Jedoch sogar von diesem — meistens verkannten — höheren Standpunkt aus verbürgt der talentvolle Redner noch lange nicht den tüchtigen, den redlichen Sachwalter des Volks. Einer der geist- aber bei weitem nicht der charaktervollsten Menschen des Jahrhunderts hat die witzige Redensart in Gang gebracht: „Kein Talent doch ein Charakter," oder auch, wie er sich ein andermal ausdrückt: „schlechte Musikanten aber gute Bürger." Der Witz ist gut und berechtigt, entsprang aber doch aus dem instinktiven Bedürfnis, die eigene Geistespräge durch Verspottung ihrer Kehrseite zu rächen. Denken wir uns, es gäbe, wie M Swapgeschäfte auch für die Angelegenheiten des Gemüts und der Empfindung parlamentarische Einrichtungen, wäre nicht Heinrich Heine unfehlbar eines der glänzendsten Lichter in solch einem Gefühls-Unterhaus geworden? Hätte nicht Alles andächtig geschwiegen, wenn er mit irgend einem Herzens-Antrag die Nednerbühne betreten und Alles in Rührung und Wehmut fortgerissen hätte? und wie wenig möchte der Privatmensch ein solches Verträum gerechtfertigt haben? Nur unschuldige Jünglinge und überspannte Frauenzimmer stellen sich unter ihrem jeweiligen Lieblingsschriftsteller den Mann vor, welcher fühlt und handelt wie seine edelsten Romanhelden; und wie unendlich selten ist ein Professor der Philosophie auch ein Philosoph! Diese selbe falsche Voraussetzung der Identität von rednerischer und politischer Begabtheit erklärt zu einem großen Teil die bitteren Enttäuschungen, welche die Neuzeit an ihren Volksvertretungen erlebt hat, und rechtfertigt in einem gewissen Grade die Verdrießlichkeit, mit welcher zuweilen gegen das Überwuchern des Advokatenstandes in den Parlamenten losgezogen wird. Schließlich aber ist diese Konzentrirung der politischen Kraft und der politischen — 222 — Aufmerksamkeit auf den oratorischen Teil um so weniger sachlich begründet, als in Wahrheit auch die besten Reden in solchen Versammlungen Niemanden von der einen Seite des Hauses auf die andere hinüberreden. Ein Jeder kommt ja doch mit seiner fertigen Parteiansicht, weil mit seinem fertigen Interesse, in die Versammlung, und alle Kraftentfaltung an Geist und Wort läuft zuletzt auf nichts hinaus, als auf die theoretische Rechtfertigung der im Voraus- des Sieges und auf die theoretische Satisfaktion der im Voraus der Niederlage gewissen Seite eines Hauses. Wirf nun, wenn ich bitten darf, einen Überblick rückwärts auf die eben zusammengestellten Erscheinungen und sage mir ehrlich, ob dir nicht überall das kalte Wasser theoretischer Abstraktionen, erdichteter Voraussetzungen und schattenhafter Luftgebilde über dem Kops zusammenschlägt. Willst Du hierzu aber noch beherzigen, daß diesen dunstförmigen Gedankenanstalten gegenüber in jedem Staate des Festlandes eine Institution vorhanden ist, welche genau den Gegensatz zu ihnen bildet, nämlich eine mit höchst körperlichen Flinten und Kanonen ausgerüstete, mit Fleisch und Brot genährte, in besonderen Fällen mit Branntwein traktirte. stehende Armee, so kannst du dir unmöglich verbergen, wie eitel das Vertrauen in die Tauglichkeit jener rein geistigen Turniere sei. Ich bin aus Gründen, die ich ein ander Mal entwickeln werde, dem Elihu Burrit und der ganzen quäkernden Olivengesellschaft von Herzen abhold, aber Eines scheint mir doch klar: so lange es massenhafte stehende Heere giebt, und so lange vollends diese Armeen einem abgesonderten Inhaber der sogenannten exekutiven Gewalt, im Gegensatz zur legislativen, in die Hände geliefert sind: mit anderen Worten, so lange der eigentlich gebietende, d. h. gesetzgebende Körper nur eine Zunge, der gehorchende aber, d. h. der ausführende, Zähne und Hörner hat, so lange bleibt das Ansehen und die Macht der Par- — 223 — lamente eine reine Erdichtung, und der Kops wird unter der Botmäßigkeit des Armes stehen. In Amerika und England sind Parlamente denkbar, in dem heutigen festländischen Europa werden sie immer von der Duldung der Armee abhängen. Ich weiß wohl, daß auch Vieles zur Verteidigung des Repräsentativ-Systems anzuführen ist, allein das ganze unbändige Vertrauen, welches der aufklärungsfreundliche Teil der deutschen Nation in die Veranstaltungen von parlamentarischer Natur setzt, fordert in mir die widerstrebenden Betrachtungen mit Macht heraus. Wer denkt nicht — der ihn zu sehen Gelegenheit gehabt — mit Beschämung an den Götzendienst, welcher s.nuo 1848 mit den Frankfurter Abgeordneten getrieben worden! War es doch als tauchte ein wahrer Prophet und gottgesandter Mann auf, da wo einer von ihnen in größeren oder kleineren Versammlungen erschien; und das heute erneuerte Pochen auf eine Vertretung beim Bunde als Universalmittel gegen alle Schmerzen verrät, daß noch immer ein guter Rest jenes alten Glaubens in den Herzen zurückgeblieben ist. Es ist aber dieses vertrauensvolle Sich- hingeben an beratschlagende Körperschaften überhaupt nichts Anderes als ein Kennzeichen einer aus Rat- und Kopflosigkeit zusammengesetzten Lage. Menschen, die nach Abhilfe von unerträglichen Zuständen suchen und in- sich den Charakter oder die Geisteskraft zn einer gesunden That- vermissen, lieben es außerordentlich, die Auffindung eines, rettenden Ausweges von dem Witze irgend einer Kongregation zu erwarten, der sie mit unendlichem Vertrauen zugleich auch, unendliche Kräfte zu erteilen wähnen. Ein jeglicher vermeint: was er nicht errate oder ahne, das werde sein Abgesandter schon ausklügeln, und so schieben in einem fort die größeren Massen den kleineren die unlöslichen Aufgaben zu, um sich über ihre inwendige Mittellosigkeit zu täuschen. Die Nation ernennt ein Parlament, das Parlament ernennt einen. — 224 — Ausschutz, der Ausschutz ernennt einen Berichterstatter, jeder wirft den Ball dem andern zu. jeder befiehlt den Geist, den er nicht hat, in die Hände seines Abgeordneten, bis dann von Stufe zu Stufe, von einem Aufschub zum anderen das Problem abgekühlt, abgeniergelt und abgeblaßt in irgend einem langweiligen Druckbogen zu Tage kommt, der nur deshalb nicht mit dem Unwillen und dem Schmerze bitterer Enttäuschung empfangen wird, weil langes Ermatten und spätes Erkalten die Unerquicklichkeit und Unfruchtbarkeit des ganzen Bemühens längst zu Tage gefördert hatten. In diesen Zuständen spiegelt sich am deutlichsten die ganz verkehrte, weil übertriebene Rolle, welche die parlamentarischen Anstalten in der modernen und besonders in der deutschen Fantasie spielen. Was da nicht in der großen Gesamtheit vorhanden ist, das kann die kleinere ihr nicht zurückgeben; der Entschluß und die Erfindung, zu welchen nicht die Nation herangereift ist, werden ihr nie aus dem Schoße ihrer Erwählten entsprießen. Parlamente — mit einem Worte — sind da. um Erobertes zu bewahren und zu entwickeln, aber nicht um zu gestalten, was nie da gewesen. Sie sind ein Bollwerk, aber keine Mauerbrecher. Wer sie einsetzt, ehe er das Reich der Freiheit im Fundament gegründet, der bahnt nicht dem Fortschritte, sondern dem Verrate einen Weg; wer sie aber vollends vorschiebt, damit sie erfinden und erkämpfen, was nicht vorher der Gedanke der Nation erfuuden und der Arm der Nation erkämpft hat, der treibt nur Schabernack mit seinen eigenen Sinnen. Man hat das Frankfurter Parlament seiner Zeit- und Kraftvergeudung angeklagt. Diese Anklage war nur der zweite Teil und die Vervollständigung der ärmlichen Selbsttäuschung, in welcher sich die ganze Nation herumtrieb. Als sie, im Zustände ihrer thatsächlichen Unfreiheit verharrend, mit allen vormärzlichen Unterdrückungs- Anstalten auf dem Nacken, eine beratschlagende Versammlung als theoretisches Sinnbild der Befreiung installierte, da war — 225 — diese von vornherein der Ohnmacht, dem eitlen Spiel und schließlich dem Untergang gewidmet. Regierungen und Regierte fanden eine Weile hin ihre Rechnung am Weben dieses Scheingebildes, weil diese sich selbst und jene ihre Unter» thanen zu beschwichtigen verlangten, aber das wahre Ende der deutschen Erhebung wurde nicht in Stuttgart am letzten, sondern in Frankfurt am ersten Tag der deutschen Nationalversammlung abgespielt. Ich habe nie auf dem Altare der Paulskirche geopfert, und ich habe daher ein Recht, den wohlfeilen Spott abzuwehren, welchen spät erleuchtete und ermutigte Kritiker jetzt über die Männer ergießen, denen das wenig beneidenswerte Schicksal zugefallen war, den Fehlgriffen und und dem Selbstbetrug der Nation als Spiegelbild zu dienen und unter den Augen Aller ein Jahr lang jenen Tod des Elends zu sterben, welchen die deutsche Revolution in der ersten Hälfte des achtundvierziger Märzes bereits schnell, aber von den wenigsten bemerkt, gestorben war. Und sollten erschütternde Weltbegebenheiten je die deutschen Fürsten wieder dazu vermögen, das scheinbar große Zugeständnis einer gesamt-deutschen Volksvertretung zu machen, so würden im wesentlichen die nämlichen Thorheiten und die nämlichen Ergebnisse zutage kommen. Und darum trägt die heute wieder aufdämmernde Bewegung bereits den Keim des Verderbens im Herzen, weil sie abermals unter dem Gestirn der parlamentarischen Hoffnungen und der parlamentarischen Traditionen empfangen ist. Was aber dann? fragst du. Das ist eben der Jammer! Große Thaten, wie die. welche England und Frankreich, Holland und Nordamerika zur politischen Emanzipation gebracht haben, lassen sich nicht vordozieren. Diejenigen Vorgänge aber, welche zunächst uns wieder aufgerüttelt haben, sind keiner fruchtbaren Anwendung auf unsere Verhältnisse fähig, ich meine die italienischen. Wir dürfen an keinen Sukkurs von außen denken, wir sind in der trübseligen Lage Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. III. IS — 226 — eines herabgekommenen Reichen, dessen Mittel nicht auslangen, daß er sich mit eigenen Kräften wieder heraufarbeite, dessen Standes- und Ansehens-Traditionen ihm aber auch nicht erlauben, fremde Unterstützung zu empfange::. Wir sind zu vornehm, um geschenkt zu nehmen, zu dürftig, um unsere Ehre aufrecht zu erhalten. So fristen wir als verschämte Arme dem Ausland gegenüber eine politische Scheinexistenz, und iu der Verlegenheit heften wir das rettungsuchende Auge auf wen? auf Preußen! Theorie und abermals Theorie bis zum Ende! Gedankenfonnen ohne Fleisch und Bein, mathematische Anschauungen mit körperlosen Grund- und Aufrissen. Ihr konstruiert Euch im Geiste einen preußischen Staat, wie er sein könnte oder sollte, aber die Menschen, welche diesen preußischen Staat zu jetziger Stunde vorstellen, die thun Euch nichts zur Sache. Vom großen Kurfürsten und vom großen König ans führt in Eurem schulgerechten Hirn eine schnurgerade Lmie mit historischer Notwendigkeit bis herunter auf Euren deutschen Kaiser, aber andere sind die Wege der Logik, andere die Wege des menschlichen Samens, und wäre es auch ein königlicher. Nicht der Beruf schafft sich den Mann, sondern der Mann schafft sich den Beruf. Das Sprichwort sagt zwar: Gelegenheit macht Diebe, aber es hütet sich zu sagen: Gelegenheit macht ehrliche Leute. Kraft verschwenden kann jeder, sich Kraft geben kann niemand, und daher sind alle eure hochgeborenen Anschauungen von der Sendung Preußens luftige Spekulationen ohne Rücksicht auf das einzig entscheidende Maß der Dinge, d. h. die handelnden Personen. Das alles rührt her vom Mißbrauch der Abstraktion. Wäre es unser vernünftiger Sprachgebrauch, in neunzig Fällen von Hunderten, statt falscher Weise Preußen, richtig Hohenzollern zu sagen, so würden an dem Worte selbst eine Menge irriger Voraussetzungen scheitern, ehe sie auf die Oberfläche kämen, und gleicher Weise vermieden wir durch Übung solcher Rede- Vorsicht, wie die Gefahr thörichter Hoffnungen, so auch die Gefahr thörichter Mißverständnisse. Warum muß ich allezeit gegen Österreich losziehen hören? Ist Habsburg Österreich? Kann sich denn kein ehrlicher Mensch aus seiner Livree herausdenken, und prügelt Ihr Euch zuletzt, als treuergebene Lakaien, für die Knöpfe an Euren Röcken? Wenn der Erzherzog Johann — Gott habe ihn selig — gesprochen hat: Kein Österreich, kein Preußen, sondern ein einiges einziges Deutschland, so war er halt ein Herzog, und mein bürgerlicher Verstand erlaubt sich deu Wunsch, die beiden ganz unschuldigen geographischen Begriffe durch die beiden dynastischen ersetzt zu sehen. Kommen wir wieder einmal auf dem Gürzenich bei Austern und Rheinwein zusammen (was schon passieren könnte), so wollen wir vorschlagen, statt der Ost- und Nmd-Mark deutscher Erde die beiden Namen Habsburg und Hobenzollern im bruderliebenden Pokale aufzulösen. Bis dahin aber gebt mir Acht, daß die guten Leute an der Donau — und sie sind dessen wohl kapabel — es nickt für sich nehmen und mit Zinsen wiedergeben, wenn Ihr Österreich im Munde uud Habsburg im Gedanken habt. Schneidet mir ja den sympathischen Nerven nicht durch, welcher von Wien aus aus Deuischlands Herz zuläuft, er ist mir — verzeih mir die Sünde — beinahe lieber als sein Zwillingsnerv im Norden, und ich täusche mich sehr, oder der elektrische Schlag, der Leben bringen soll, möchte noch viel eher von dort unten heraufkommen. So manchmal, wenn ich den Konstabler unter den Linden seine Fortschrilts- Laterne putzen sehe, dieweil schwarte, donnergeladene Wolken sich um den Turm der Slephansknche zuiammeiiballen, summt es mir wie ein altes, almungsvolles Liedel im Kopfe: Schädliches Österreich, ich ziehe dich vor dem nützlichen Preußen! Vor allen Dingen aber nähre mir keinen Vertrauens- luxus in fürstliche Größen. Wir haben an jenem schönen 15« — 228 — Gut hinreichenden Vorrat und noch für Generationen ausgesorgt. Wenn man auf die souveränen Geschlechter die allergewöhnlichste Statistik anwenden will, so wird man sehen, wie viel günstiger Zufall dazu gehört, daß einer unter Hunderten über die niedrigste Mittelmäßigkeit der Geistesund Körperkraft hinausrage, und man wird von ihnen nicht verlangen, daß sie durch geniale Unternehmungen ihr behagliches Auskommen oder auch nur ihre bürgerliche Ruhe kompromittieren sollten. König von Preußen zu sein z. B. ist schon eine leidliche Versorgung. Manchen, der es durch Gottes verehrungswürdige Fügung geworden, möchte es saure Mühe gekostet haben, durch sein Genie auch nur das Fürstentum Hechiugen zu erschwingen. Warum soll er also seinen Besitz in Gefahr bringen? Aus Liebe zur Freiheit und Größe des deutschen Volks? Ihr habt gut reden, meine Herren armen Teufel, Ihr seid in der Bewunderung des Leonidas und seiner dreihundert Proletarier aufgewachsen, und von keinem irdischen Schatze besitzt Ihr soviel als vom hohen Ideale der Menschenwürde. Wäret Ihr aber von Kindesbeinen an von Generalen aller Waffengattungen erzogen, in der Lehre vom Befehlen und Gehorchen groß gesäugt, mit der Milch des göttlichen Rechts getränkt und mit weltlichem und geistlichem Weihrauch umnebelt worden, so möchtet Ihr den heutigen Statusquo mit ganz anderen Augen ansehen. Es erfordert eine ganz außerordentliche Persönlichkeit für den in Purpur geborenen Prinzen, daß er nicht durch und durch von feudalistischen, aristokratischen und soldatischen Vorurteilen gesättigt sei, und wäre auch das alles nicht, so genügte der Instinkt der persönlichen Erhallung um ihn zum konservativsten Menschen seines Landes zu machen. Mit welchem Rechte verlangt Ihr von einem zu solchen Empfindungen gezwungenen Regenten, daß er Euren idealistischen Erwartungen und Anforderungen entspreche? Schwärmer der Gerechtigkeit Ihr, lernt erst — 229 — gegen einen armen König gerecht sein und verlangt von ihm nicht das Unmögliche. Wenn Ihr es nicht verlangt, so werdet Ihr auch nicht getäuscht werden, noch Euch nach jeder verlorenen Illusion über Euren Fürsten statt über Euch selbst beklagen. Ihr werdet auch zugleich Eurem Ziele um die Vermeidung eines unausbleiblichen Irrtums näher rücken. Was mich betrifft, so erkläre ich jedem Fürsten von Geblüt und jedem Hohenzollern insbesondere, daß ich ihn nicht um eines Haares Breite für Deutschlands Fortschritt verantwortlich mache, und daß ich mich aller Ansprüche an seine Mitwirkung los und ledig erkläre, dagegen erlaube ich mir, den Kodex meiner Pflichten und die Regeln meines Verfahrens in Einklang mit dieser meiner Recht- und Anspruchslosigkeit zu formulieren. Im Übrigen appelliere ich an die Erfahrung. Als die preußischen Heere unter der Rute des gewaltigen Napoleon in Rußland standen, und für Deutschland die Stunde der Erhebung schlug, da war es nicht Friedrich Wilhelm III., welcher es wagte, mit dem gefürchteten Zwingherrn zu brechen und vielleicht für des Vaterlandes Befreiung seine Krone einzusetzen, da zögerte und scheute das königliche Haupt, und Aork, der Patriot aus bürgerlicher Herkunft, mußte seinen Kopf spielen, um durch eine kühne Wendung, sozusagen durch einen Akt der Empörung, seinen zaudernden Souverän zu kompromittieren. Als Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone zu Füßen gelegt wurde, da stieß er sie mit dem Fuße von sich, und nun, nun baut iu Gottes Namen auf einen neuen Friedrich oder Wilhelm! „Wer zum ersten Male liebt und sei's auch glücklos, ist ein Gott, Doch wer zum zweiten Mal unglücklich liebt, der ist ein Narr.* Dein Thomas Contra. II. Michael Pro an Thomas Contra. Mein kluger Freund! Ich will nicht darüber streiten, ob es richtig sei, daß der einzelne Mensch sich nicht ändern könne. Aber ganze Menschen-Arten sind doch der Besserung zugänglich. Wenn ich bedenke, daß zu Goethes Zeiten, nach des alten Meisters Versicherung, die Lumpen sich durch Bescheidenheit ausgezeichnet haben, und wie es ihnen seitdem gelungen ist, den Vorwurf zu Gemüthe nehmend, sich von dieser Charakterseite ganz und gar unkenntlich zu machen. Wundern möchte sich der selige Wolfgang, wenn er heute die Menschlein sähe, welche das Jahrhundert mit Orakelstimmeu abkanzeln und im Donner ihrer Unfehlbarkeit einherpoltern. Die gute alte Zeit, in der mit Gründen und Schlüssen auf dem Papier gefochten wurde, ist vollständig überwunden. Die „Autoritäten", welche die Volksvertretungen mit Kanonen widerlegen, reden, wenn sie sich zum Reden erniedrigen, nur mit Vernichtungsworten. Wo das Dreinschlagen die oberste Regiemngskunst ist, muß natürlich das Anschnauzen die oberste Dialektik sein, und wie man jeden Lümmel zum Schießen gebrauchen kann, so läßt sich aus jedem Gelbschnabel ein patziger Hof- und Staatszeitungsschreiber machen. So diesseits wie jenseits des Rheins. Haben wirs doch jüngst- hin erlebt, daß ein solcher Mann Gottes im Vollbewußtsein höchstseines erhabenen Standpunktes vor Gericht erklärte: was er in der Stadt Augsburg zu Papier gebe, das gehe rein über den Horizont unserer bürgerliche» Schädel und sei nur zur Erleuchtung von Fürsten und Staatsmännern bestimmt. So weit hatte es Gott der Herr nicht gebracht, da er zu Mosen sprach: „Geh' hin und verkünde allem Volke", — und ist doch auch seiner Zeit eine Autorität gewesen! Das Schönste bei der Sache kam aber hernach zu Tage, nämlich, das sothanes Augsburger Fürstenbrevier von Kommunisten auf Haldsold bedient wird, die in ihren Musestunden, wenn gerade auf der äußersten Linken nichts zu verdienen ist. bei der äußersten Rechten Arbeit finden und Herrn Baron von Cotta mit den schönen Resten ihres Zerstörnngstriebes vergünstigen. Variatio äs- Isewt. Es muß recht vergnüglich sein, in den Pausen des proletarischen Klassenkampfes auf vertrautem Fuß mit Deutschlands Baronen, Staatsmännern und Fürsten zu verkehren. Auch fehlt es, wollte man tiefer eindringen, wie bei allen historischeu Erscheinungen, nicht an der Erklärung des inneren Zusammenhanges. Vor allem muß heutzutage ein armer Sterblicher darauf gefaßt sein, unter dem Hohngeschrei der modernen Weisen vernichtet zu werden, wenn er sich beigehen läßt, von Prinzipien zu reden. So verächtlich konnte nicht Reinecke, der ehrliche Fuchs, sich über Schwänze äußern, nach dem er den seinen in der Falle gelassen, wie heutzutage eine gewisse Sorte von Politikern sich über Prinzipien lustig macht. Es hat damit aber auch so seine Schwanzbewandtnis. Genau besehen tragen die Herren alle einen armen, schlecht vernarbten Stummel am Leibe und haben die Blume ihrer Integrität in irgend einem speckverzierten Fangeisen eingebüßt. Inäs iras! Ehemalige Freischärler, welche für — 232 — das göttliche Recht predigen, demokratische Abgeordnete, welche der Hofkanzlei ihre Feder leihen, müssen natürlich auf Prinzipien nicht gut zu sprechen sein. Da haben wir denn die praktischen Anschauungen in Schwung gebracht, welche je nach Zeit und Umständen zu allen Standpunkten benützt werden können. Alle Bäche der Gemeinheit münden in den großen Strom der praktischen Anschauungen, und die vollendete Thatsache ist der einzige Maßstab von Recht und Vernunft. Vollendete Thatsache? Nur diejenige That ist als vollendet zu betrachten, welche als gut, wahr und gerecht sich iu dem Bewußtsein der mitlebenden Menschheit eingebürgert hat. Wenn das Geschehensein allein heilig spräche, so würde jedes Privatverbrechen mit demselben Grunde seine Unwiderleglichkeit und folgerichtig seine Unstrafbarkeit beanspruchen können, wie der kolossalste Staatsstreich — denn nicht der äußere Unifang, sondern der sittliche Inhalt entscheidet über den Wert einer Handlung. Aber so wenig ein Verbrechen zur Tugend wird, weil der Urheber sich durch die Flucht der Justiz entzieht, so wenig wird eine öffentliche Gewaltthätigkeit zur Quelle und zum Maße des Rechts, weil der Gewaltthäter stark genug bewaffnet ist, um den siegreichen Fuß auf den Nacken der Wahrheit zu setzen. Das Recht ist keine Erscheinung der Sinnenwelt und kann daher durch Physische Gewalt nicht geschaffen werden. Es ist eine Wesenheit, welche nur in der Vorstellung, im Geiste der Menschen existirt und aus der Gesamtheit des geistigen Lebens gewonnen wird. So lange daher eine Thatsache nicht den Beifall der Überzeugungen gewonnen hat, so lange ist sie nicht zum Recht geworden, so lange ist sie nicht vollendet; denn das volle Ende, das Vollmaß des Lebens ist erst erreicht, wenn finnliche Erscheinung und geistige Thätigkeit in Eins zusammenfallen. Und diesen Teil unserer Existenz, ich meine den geistigen Inhalt, und ich möchte beinahe hinzusetzen, diesen — 233 — besseren Teil (denn ich fühle mich den Geistverächtern an Vorurteilslosigkeit hinlänglich gewachsen, um ihre Ironie herausfordern zu dürfen) ja diesen bessern Teil, die Übung der Intelligenz und der Gerechtigkeit, den sollen und wollen wir uns nicht auch noch von den die rohe Gewalt und den plumpen Eigennutz vertretenden Mächten ranben lassen. Die vollendete Thatsache ist ein Parasit, der auf Kosten unseres Gehirns lebt. Er wächst in dem Maße als wir uns von ihm die Organe der Erinnerung ausfressen lassen, und es liegt in unserer Macht, ihm zu widerstehen, indem wir das Gedächtnis seines Ursprungs und unserer Eindrücke tren bewahren. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an unseren Widersachern und lernen wir von ihnen, übernommene Vermächtnisse und anvertraute Güter ungeschmälert folgenden Geschlechtern überantworten. Wenn aristokratische Stammhalter sich vor ihren Blutsverwandten gebunden halten, das Erbe an Land und Leuten als ein unantastbares Ganze zu hinterlassen, so haben denkende Menschen ein größeres Reich, größere Schätze und größere Vorfahren aufzuweisen, als alle Monarchen von Gottes Gnaden, — sie von Geistes Gnaden: denn ihr Fideikommiß ist das unendliche Reich des Gedankens, ihre Kronjuwelen sind die unzähligen Schöpfungen der Intelligenz, ihre Ahnen sind alle die Lehrer und Denker, welche die Jahrtausende hindurch an dem Bau des geistigen Lebens mitgearbeitet haben. Ich sollte meinen vor diesem ihrem Berufe dürften sie etwas Respekt haben; und gerade, weil es in der Welt so schlecht bestellt ist, gerade weil — wie du mit Recht hervorhebst — Gewalt und Lüge so vielfach triumphiren, gerade darum ergeht zwiefach an Jeden, welcher dies einsieht, das Verbot der Anerkennung der rohen Thatsache. Sei immer Pessimist, so viel du willst; es find nicht die Verächter und Gleichgültigen, welche der Menschheit Böses nachsagen; — 234 — sondern die, welche am meisten von ihr erwarten, die, welche am lebendigsten für sie empfinden, erscheinen natürlicher Weise mich in der vordersten Reihe ihrer Angreifer. Von Cato bis Voltaire waren die eifrigsten Verfechter von Recht und Wahrheit bittersprechende Pessimisten und haben Besseres gewirkt, als süßlich Verzückte, die im Interesse des eigenen Wohlbehagens dem Bedürfnis huldigen, überall Vortreffliches und Anerkennenswertes zu gewahren. Pessi- miere nur immer zu! Aber ein Anderes ist: die Macht der schlimmen Thatsachen einzugestehen, ein Anderes, vor ihr verzichtend zu verstummen. Ist jene Folter nicht doch gefallen, wie du selber anerkennst? und vor wem? und wird nicht — wie du gleichfalls die Hoffnung anssprichst — auch jene Marterkammer des puritanischen Seelendünkels fallen, die blödsinnbiütende Zelle? Und wenn du dich also selbst nicht hindern kannst, im Vorbeigehen der um sich greifenden Macht des Gedankens ein Vertrauensvotum in den Schoß zu werfen, warum verlangst du von andern den Verzicht aus den Gebrauch ihrer geistigen Kräfte, da wo die körperlichen im Augenblick den Dienst versagen, dn Menschheit anbetender Pessimist, du sanftes Lamm der Bildung im rauhen Wolfskleide der Verzweiflung! Aber so sind einmal heut zu Tage die furchtlosen Denker. Aus lauter Angst, sie möchten vor den letzten Consequenzen ihrer unerbittlichen Logik zurückschrecken, gehen sie lieber über ihr eignes Extrem hinaus, und unversehens ins Lager ihrer Feinde. Beklagst du dich nicht selbst in deinem Briefe über diejenigen, so die Waffen des philosophischen Geistes zu verräterischen Fechterkunststücken für die Erbfeinde des Wissens und Forlschritts führen? Was Jene mehr oder minder bewußt thun, das treibst du ahnnngslos zum eignen Schaden. Gerade so verfahren auch jene modernsten Vergötterer der Naturwissenschaft, welche von ihrer — im Grunde uralten — Entdeckung trunken, daß alles Leben, > — ^35 — selbst das erhabenste, untrennbar an den Stoff gebunden sei, sich für verpflichtet halten, die Fülle ihrer Verachtung über alle dem reinen Denken zugewandten Zweige des Wissens auszugießen. Während der Gewaltstaat und die Hochkirche die radikalen Physiologen < um Wkami^ von ihren Lehrstühlen relegieren, erziehen diese ihnen die Jugend zu einer Verachtung der Philosophie und zu einer ausschließlichen Verehrung der praktischen Fächer, welche für Scepter und Krummstab so recht gleichgültige und fügsame Unterthanen nach dero Herzen formen. Und wären sie noch selber wirklich so schlimm, als sie uns möchten glauben macken! Aber mit Nichten. Auf gleiche Weise, wie du, schmollender Fortschrittsgeist, zu eigenem Seelentort die Herrlichkeit der rohen Thatsachen predigst, auf gleiche Weise sind alle jene Kraftstoffel und Kreisläufer im Gruude ihres Herzens verkappte Philosophen, nur nicht immer sehr scharfe; ja derselbe Trieb des abstrakten Denkens, den: sie Hohn rufen, hat ihren Wahrheitseifer angezündet, und die Logik, deren sie spotten, liefert ihnen die Waffen zu ihren Experimenten, Bohren sich Esel, wissen selbst nicht wie. Doch davon ein ander Mal. Einstweilen lerne von Jenen, welche die Federn bezahlen, um zu beweisen, daß die Kanonen recht haben; lerne von der Kanone selbst den Respekt vor der Feder, d. h. vor dem Reich des Gedankens. Wie sich immer der Mensch drehe, sein Leben ist ganz und gar im Geiste, sagt irgendwo mit großer Wahrheit ein moderner Materialist, der im Übrigen nicht immer so einfach und richtig sieht (Proudhon). Und also bleibt es. So lange es ein menschliches Ich giebt, d. h. eine die räumlichen und zeitlichen Vorgänge in Vorstellung und Urteil zusammenfassende Empfindung, und so lange diese Thätigkeit der kennzeichnende Akt menschlichen Lebens ist. so lange -? j — 23k — komme ich ebensowenig, wie irgend eine Sprache, über den Begriff des Geistes, d. h. des Denkens hinaus, und wäre es auch noch tausendmal schärfer als geschehen und als nötig ist, bewiesen, daß im Reiche der Intelligenz kein Sperling vom Dache fällt ohne den Machtspruch des alldurchdringenden Stoffes. Räumst du aber dem Gedanken das Recht des Daseins ein, so mußt du ihm unvermeidlich das Recht der Ausbreitung, der Fortpflanzung, das Recht zur Hoffnung auf endlichen Sieg einräumen. Wohl oftmals hört man von Solchen, die sich allen Beweisen zum Trotz nicht von dem süßen Troste einer unsterblichen Seele trennen können, den verzweifelten Ausdruck hinschleudern, daß es in der Ökonomie ihrer Lebensanschauung für sie schier unmöglich sei, ohne die Annahne einer Fortdauer nach dem Tode auszukommen. Ihnen kann man mit Recht antworten: Ihr müsset auskommen, Ihr müsset Euch, wenn Eure Logik besiegt ist, auch im Gemüte mit diesem endlichen Leben zurecht finden. Nicht so aber mit dem Glauben an Recht und Freiheit, d. h. an Wahrheit: dieses, ich möchte sagen dieses Jenseits auf Erden gehört unentbehrlich zur Ökonomie unseres gesamten, d. h. unseres geistigen Lebens; es bliebe, könnten wir darauf verzichten, kein Notbehelf, mit dem wir uns begnügen möchten, es bliebe keine vernünftige Existenz, und alles Kulturleben würde zum Unsinn. Ich weiß es wohl, daß Künstler und Kunstaffen sich einen ästhetischen Jndifferenzpunkt herausgezirkelt haben, von dem aus sie wähnen, den Weltuntergang ohne Störung ihres eigenen Gleichgewichts mit ansehen zu können, ja ohne nur in den Ätherregionen ihres Schönheitslebens berührt zu werden. Aber es gehörte, denke ich, nicht allzu große Verstandesschärfe dazu, ihnen nachzuweisen, daß man in solche Voraussetzungen sich wohl hineinträumen könne, aber sich hineindenken nimmermehr. Alle Begriffe, durch welche wir irgend eine Bejahung in Rücksicht auf den Ge- — ^37 — samtinhalt der Lebensaufgabe ausdrücken, heißen sie nun Schönheit, Tugend, Recht, Freiheit, Glück, oder wie sie sonst wollen, fassen sich schließlich doch in Eins zusammen. Dies Eine ist: Wahrheit. Alles Leben der Intelligenz dreht sich um die Teilnahme des Individuums an allgemeinen Wahrheiten; und wenn letztere auch als Gegenstände der besonderen Aufmerksamkeit teilbar erscheinen, so ist doch der Nachweis überflüssig, daß sie an der Wurzel ein unteilbares Ganze, ja durchaus nur einunddasselbe ausmachen. Große Künstler waren daher auch immer große Menschen und lebte» das ganze Dasein ihrer Zeit nach allen Richtungen hin mit. Wenn heutzutage die Farben- und Ton-Virtuosen es zur Konservierung ihres ästhetischen Teints für notwendig erklären, sich gegen alle rauhen Winde der politischen Welt zu vermummen, so kommt es eben daher, daß wir viel mehr Kunsttändelei als Kunst vor Augen sehen, und daß dem Spiele allerdings jeder Ernst eine Störung ist. Noch läppischer ist die litterarische Schönseligkeit, weil ihr der falsche Denkprozeß viel weniger natürlich steht, als dem in die unmittelbare Form versenkten Gehirn des Künstlers. In der Betrachtung des Lebens vorsätzlich dem auf der Oberfläche Wohlgefälligen nachjagen und die Innenseite meiden, da wo die positiven Thatsachen unsere Ansprüche an die Harmonie des Daseins verletzen, darauf reduzirt sich ja die ästhetische Vornehmheit — das ist doch am Ende nur eine andere Art. sich aus stiller Verzweiflung irgend einer Form des Rausches zu übergeben. Das ist in seiner abgeschmacktesten Weise schon da gewesen, als Könige und Hofleute, welche von dem Schweiß des Landes praßten, in ihren Mußestunden die arkadischen Schäfer agierten. Nein, mein Freund, ich ehre den sogenannten Pessimismus, der in seinem Wahrheitsdurste alle Erscheinungen des Lebens umkehrt, damit er sie genau und auch von ihrer Schattenseite beschaue, nicht weil er sich am Anblick des — 238 — Übels weidet, sondern weil die Ehrlichkeit seines Strebens ihn nicht ruhen läßt, bis er allen verborgenen Rissen und Schäden der Dinge nachgesehen habe. Er entspringt, dieser Pessimismus, aus dem rastlosen Eiser für das Gute; aber ich verlange auch Selbsterkenntnis genug von solchem Wahrheitsfreunde, daß er sich nicht selbst so beschränkt und oberflächlich auffasse, wie die thörichte Welt, welche ihm vorwirft, dem Übel zu huldigen uud das Gute als einen wesenlosen Schein zu verspotten. Du willst praktisch sein, mein Freund, und du siehst nicht einmal, was in deinem eignen Innern vorgeht; Eines ist aber noch schlimmer und unpraktischer: du ahnst nicht, daß du dir deine eignen Waffen stiehlt, um sie dem unwürdigsten deiner Gegner zu borgen. Es ist unter Kennern des menschlichen Herzens eine ausgemachte Sache, daß nichts vorsichtiger zu gebrauchen sei, als Selbstanklagen. Öffne dem ersten besten Tropf dein Herz mit der Bekennung deiner Mangel, er wird sie salbungsvoll einstreichen und dir bei Heller und Pfennig anschreiben. Seine eigenen Schwächen kennt er nicht einmal von Ferne, und an deine Tugenden würde er nicht glauben, selbst wenn du es überwinden könntest, davon zu reden. So hast du schließlich nichts geleistet, als irgend einen Gimpel in der Anbetung seiner eigenen Vortrefflichkeit und in der Mißachtung der Besseren zu bestärken, die Distanz zwischen ihm und seiner Bekehrung zu erweitern. Wenn einem unserer Widersacher deine Ausfälle gegen die Selbstherrlichkeit des Gedankens, gegen parlamentarische Verfassung, gegen die Hinneigung zu Preußen unter die Augen kämen, was würde er daraus folgern? Daß du der roben Gewalt mit Verachtung allen Fortschritts die Ehre gäbest, daß du die despotische Regierungsform als die allein vernünftige anerkenntest, und daß du die Herren von Rechberg, Veust und von der 1 — 239 — Pfordten auf Händen trügest. Und da wäre dir wohl geholfen? So muß ich dich denn daran erinnern, daß man es in endlichen Dingen immer nur mit relativen Größen zu thun hat, und daß es ein schlechtes Handwerk ist, im Kampf zwischen den Bösen und den Guten, die schwachen Seiten der letzteren in die Pfanne zu hauen. Regierung ist ein notwendiges Übel, und so muß der Volksvertretung, die auch eine Weise des Regierens ist, selbstverständlich ein gutes Teil von der Natur des Grundübels anhaften. Es ist beinahe Modesache geworden, gegen beratende Körperschaften zu Felde zu ziehen, aber aus dem ganzen Halali hab' ich noch keinen sinnigen Vorschlag zur Ersetzung des so ruudweg veidämmten Systems heraus hören können, dahingegen an nichtsnutzigen Absichten und an traurigen Surrogaten kein Mangel ist. Vergiß nicht, wer den verächtlichen Ausdruck „Parlamentarismus" in Gang gebracht hat! Es geschah nach dem 2. Dezember des Jahres 1852. Waren das wohl lautere Triebfedern, welche uns den Ekel an dem Kammerwesen einzuflößen gedachten, oder war es vielmehr die anmutige Berechnung jenes Vielfraßes, der in die Schussel spuckte, damit er sie allein aufzehren könnte? Keine Regierung hat so derb auf die Eitelkeit staats- männiicher Eloquenz geschimpft und schimpfen lassen als die französiiche, uud drolliger Weise ist keine so redselig und deklamatorisch wie sie. Sie möchte alle Zeitungen, Flugschriften, Bücher allein machen, ^c>spnprll-.iw tue- eit? kmck bv sver)' w-ui kimsklf-, heißt es dort im Coriolan. Und Meßlick; gleich als gälte es jedem Irrtum den Weg zu verlegcu, hat sie sich nicht enthalten können, durch die Einsetzung von Kammern, wenn auch nur uud eben weil ? nur zum Schein, gnuidsätzlich dem Systeme zu huldigen. welckes sie thatsächlich zerstört hatte. Wie in Frankreich so aller Orten. Wenden wir uns aber den Angriffen zu, welche von dem äußersten Flügel der liberalen Seite auf den Parlamentarismus eindringen, so bin ich wahrlich in noch größerer Verlegenheit, Einrichtungen zu bekämpfen, welche uns an dessen Stelle geboten würden, denn ich vermisse jede positive Andeutung von dieser Seite. Ich habe selbst in einem umfangreichen Werke, das ein gewissenhafter, geistvoller und sachkundiger Demokrat gegen den Parlamentarismus mit besonderer Hinweisung auf England geschrieben hat (Bucher, der Parlamentarismus) vergeblich nach Etwas gesucht, das wie ein Ersatzmittel aussähe. In der That liefert mir meine Fantasie keine Erfindung, welche aus etwas Drittes neben dem Absolutismus und der Volksvertretung hinausliefe, und ich brauche mich wohl nicht zu verachten, wenn ich nicht erfinderischer bin als die ganze Weltgeschichte vor und nach Christi Geburt, diesseits und jenseits der Meere. Wäre es — vom Wünschenswerten nicht zu reden — möglich, die Welt aus lauter Kantönli's zusammengesetzt zu denken, so möchten allerdings Urver- sammlungen statthaft erklärt werden, obgleich vorauszusehen ist, daß auch in diesen ein beträchtlicher Teil der Mißbräuche wieder auftauchen würde, welche man den repräsentativen Versammlungen zur Last legt. Aber in der Welt des massenhaften Zusammenwirkens und des allseitigen Jn- einandergreifens ist Staat und Großstaat ein und dasselbe, sind die kleinen Souveränetäten nur zwerghafte Bildungen ohne die Grundbedingungen innerer Entwicklung und äußeren Bestandes. Die unabweisbaren Erfordernisse des Großstaates und der Selbstverwaltung begegnen sich ganz ausschließlich in der Volksvertretung. Auf die Schelme, welche uns das parlamentarische Leben verleiden möchten, will ich nicht weiter zurückkommen. Forsche ich aber dem Gedankengang nach, welcher mehr als einen ehrlichen Mann dahingebracht hat, unser Heil von irgend einer andern Methode auf unklare Weise zu erwarten. so begegne ich einer Erscheinung, welche zu den eigentümlichsten unseres Zeitalters gehört und meines Erachtens eines aufmerksamen Studiums wert ist, weil sie ganzen Reihen von trügerischen Anwendungen zu Grunde liegt. Ich möchte sie von ungefähr als den Zauber der falschen Genialität bezeichnen und in politischen Dingen damit charakterisieren, daß sie die Erlösung in Form irgend einer — bis dato freilich noch verhüllten — gut inspirierten Diktatur herankommen fühlt. Dieser Dämmerungsglaube an die „kühnen Griffe" erklärt sich allerdings bei einer Generation, welche deren manche erlebt hat; aber wenn sie einen Augenblick den Überschlag aller in diese Gattung gehörenden Unternehmungen machen wollte, so würde sie zu dem höchst beachtenswerten Resultate kommen, daß alle samt und sonders einem einzigen Geschlechte angehören, nämlich dem der gemeinschädlichen Handlungen. Das klärt die ganze Sache auf. Schlechte Streiche giebt es genug, aber gute Streiche sind ein unbekanntes Ding. Es giebt Geheimmittel, welcher Manier man über Nacht eine Volksvertretung in Beschlag nehmen und eine Verfassung in die Tasche stecken kann, wie es Geheimnisse giebt über Nacht mit einem Börsenmanöver eine Million zu erschwindeln; aber es giebt nicht ein ähnliches Patentverfahren, um über Nacht die Gesetze der Freiheit zu gründen oder ein ehrliches Vermögen zu erarbeiten. Man kann heimlich Brand stiften, aber man kann nicht heimlich bauen. Ja, nicht blos die rettenden Thaten und das politische Gaunerwesen, auch das finanzielle haben wesentlich dazu mitgewirkt, die Fantasieen mit einer ungesunden Hefe zu versetzen. Man hat so viele Bubenstreiche aller Art im Handumdrehen geraten sehen, daß man auf den Glauben verfallen ist, auch das Reich der Freiheit könne einmal auf diese Weise aufgebaut und erhalten werden. Das ist aber ein großer Irrtum. Etwas Böses kann vom Einzelnen mit Überraschung vollbracht werden, etwas Gutes ersprießt nur Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. III. 10 — 242 — aus dem Zusammenwirken Vieler nach allbekannten Grund- sähen. Warum? Die Autwort ist sehr einfach. Das Böse ist eben der partikularistische Vorteil des Einzelnen, das Gute ist das harmonische Wohl Aller. Aus der Natur des Grundwesens entspringt die Methode seiner Anwendung. Daher bleibt alle sogenannte Gesellschaftsrettnng nach plötzlich erfundenen Rezepten, so weit sie nicht geradezu Betrug ist, wilde Fantasterei. Daher auch vermöchte derjenige Sozialismus, der mehr als eine humanistische Tendenz sein und sich zu einem ganz und gar die Gesellschaft umformenden System erheben will, erst dann ernstlich mitzusprechen, wenn er sich einmal in praktische Forderungen eingelebt hätte, die ihrerseits zu ganz elementaren Anschauungen des allgemeinen Bewußtseins sich durchgearbeitet haben müßten. So lange er sich aber auf Pläne reduziert, welche bald so, bald anders von einzelnen Köpfen ausgeheckt werden und in den schwankendsten und abenteuerlichsten Vorschlägen aufs Tapet kommen, so lange mag er als soziale Alchymie das Privatstudium in Anspruch nehmen, nicht aber die Ehren 'einer Tagessrage und noch weniger die Ehren eines Zankapfels in dem Kampf um politische Befreiung. Machen wir doch auf dem viel weniger schlüpfrigen Gebiete der Finanzverwaltung stets von neuem dieselbe Erfahrung, daß es keine Hexenkünste giebt, um eine arme Staatskasse in eine reiche umzuwandeln. Weil der einzelne Spekulant Geniestreiche machen kann, mittels deren er das Geld aus fremden Taschen urplötzlich in die seinen herüberspielt, hat die Gimpelhaftig- keit von jeher sich auch mit der Erwartung äffen lassen, ein „genialer" Finauzminister könne mittels irgend einer ungeahnten Kunst ans dem Nimis ein?1us machen. Aber sie hat dabei nur übersehen, daß, wenn Peter dem Paul sein Geld ausschwindeln kann, es darum noch nicht gesagt ist, man könne alle bestehlen, um alle reich zu machen. Nein, mein genialer Herr Brück, mit all Ihrem Genie sind Sie — 243 — nicht im Stande, eine pure Zahlenkombinalivn zu erfinden, welche dieLöcher des kaiserlichenBudgets auszufüllen vermöchte; mit all Ihrem Genie sind Sie dazu verdammt, nicht anders als der allernüchternste Haushälter zu dem abgedroschenen, altbackenen Mittel zu greifen, das da heißt: Sparen. Ein Staat, der nicht auskommt, muß weniger ausgeben. Das ist das ganze Geheimnis. Zerbrecht Euch uicht die Köpfe; ich gebs Euch schriftlich, Ihr werdet nichts Besseres finden, und wenn Ihr noch so viele geniale Minister mit noch so getreuen Vertrauenskommissionen zusammensperrt. Und gerade so müssen alle die Erwartungen mesfiani- scher Freiheitsdiktaturen zu Schanden werden. Wie viele gemeinnützige Diktaturen hat die christliche Zeitrechnung aufzuweisen? Halb und halb den Oliver Cromwell und den Washington darum nicht, weil er nur als Oberbefehlshaber gegegenüber einem fremden Feind, nicht als omnipotenter Staatslenker gegenüber dein eigenen Volke, weil er endlich in der That immer nnter der Macht des Kongresses gestanden. Und wenn auch, wollt Ihr auf solche Ausnahmen Eure Hoffnung bauen? Bleibt mir daheim mit allen Wunderkuren! Arbeiten heißt die Losung, und noch einmal Arbeiten, gemeinsam Thaten und gemeinsam Raten. Freilich, wenn etwas am hellen Tage vor aller Augen geschieht, da ist Jedermann Kritikus und legt den klugen Finger in die Wunden. Derjenige aber, welcher den Menschen Augen und Ohren verbindet und hinter Wolken agiert, der giebt ihnen nur Stoff zum Bewundern. Führt ein Despot Paläste auf und baut Brücken und Straßen, so möchten die Gaffer gleich sich zu Tode erstaunen über den Wohlthäter der Menschheit. Was an guten Keimen erstickt, was au Existenzen zertrümmert, was an Thränen vergossen, was an Leben verseufzt werden muß. damit ein Einzelner all die Macht unbehelligt in seinen Händen sammele, um solche Steinwunder aufzutürmen, das sehen sie nicht, und darum 16* — 244 — wägen sie's nicht ab gegen die vermeintlichen Großthaten. Zeigt hingegen ein freies Staatswesen, eben weil es frei ist, anch seine schwachen Seiten, so haben sie gleich das Wort der Verdammnis bereit. Es giebt ein ungeheures Kapitel in der Politik, welches ich. wie ein bekanntes komisches Bild, überschreiben möchte: „Was man sieht und was man nicht sieht." und erlauben es Deine Geduld, Zeit und Umstände, diese Unterhaltungen fortzusetzen, so verspreche ich Dir, besagtem Kapitel einen besonderen Tag zu widmen. Auch die Schäden, welche Dir bei den parlamentarischen Verfassungen in die Augen springen, gehören, der Hauptsache nach, gauz in diesen Belang. Es wird wohl nie einem Menschen vergönnt sein, selbst mit Hilfe der gewissenhaftesten Forschung zu zeigen, wie viel tausend geheime Quellen des Lebens, des Glücks uud des Gedeihens mit jedem Rucke zu fließen beginnen, welcher eine der zahlreichen Fesseln sprengt, so ererbte oder neue Vorurteile um die Bewegung und Thätigkeit der Einzelnen geschmiedet haben. Noch weniger wird es möglich sein, die tausendfache Fortpflanzung von Tod und Erstickung zu verfolgen, welche sich unvermeidlich an jeden Akt der Knechtung und Hemmung anreihen. Die Natur des Vorgangs selber widersetzt sich der Untersuchung, gerade durch die unendliche Ausbreitung und Vertiefuug in die feinsten, untersten und zahllosesten Wurzeln und Keime des universellen Werdens. Aber ein klares Anschauen des Prinzips an sich muß schon zu einer lebendigen Ahnung der thatsächlichen Wahrheit führen, und hier ist abermals einer der vielen Fälle, in denen das wohlfeil geschmähte Prinzip zum höchsten unentbehrlichsten Werte sich erhebt. Wirf nur einen Blick auf die Geschichte von Handel und Gewerbe und den Weg ihrer Entwicklung. Es ist nichts anderes als der Kampf des richtig geahnten Prinzips der freien Bewegung gegen die augenfälligen Vorzüge der Beschränkung, in welche sich andere als die zunächst Interessierten vergafft hatten. Noch immer haben wir nicht das Recht, zu lachen über jene Parfümeure, die den Apothekern das Recht bestritten, solche Klystiere zu geben, welche vornehme Damen nicht um der Gesundheit willen, sondern zur Erhaltung der guten Hautfarbe in Anspruch nahmen. Noch heute ist der Kampf der Postillone und der Fuhrmannsschenken gegen die Eisendahnen nicht ausgekämpft. Und wenn es glücklicherweise möglich geworden ist, nachzurechnen, daß die Zahl der Menschenopfer, welche der Dampf und die Schienen im Jahresdurchschnitt verschlingen, bei richtiger Abwägung der Proportionen unendlich klein ist gegen die Hals- und Beinbrüche, welche die Fuhrwerke der guten Zeit aufs Gewissen nahmen, jo wirst Du dagegen freilich niemals nachrechnen können, wie geringe Opfer eine die Freiheit Aller unter Aller Augen beratende Staatsverfassnng erheischt, verglichen zu den Legionen von Seelen, welche ein von Stille und Finsternis sich nährender Absolutismus zu ewigen Tode verdammt. Nachrechnen kannst Du es uicht, aber ahnen; abmessen aus einzelnen Beispielen und aus analogen Ersahrungen. Allein ein zweiter eigentümlicher Zug unserer Zeit, welche doch so viel vom industriellen Fortschritt durch die freie Bewegung gelernt haben könnte, hat gerade für den naheliegenden Schluß aufs politische Leben ihre Sinne abgestumpft. Es ist dies das so gewaltig vorwiegende Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung. Ruhe und Ordnung sind die Stichworte, welche das Ideal der Freiheit aus den Herzen verdrängt haben. Es scheint beinahe, als hätte der Mechanismus, indem er sich zur ersten Macht der Gütererzeugung ausbildete, auch ganz und gar sich der Seelen bemächtigt. Ein rein mechanisches Vorbild der Ungestörtheit und Regelmäßigkeit, in welche das Leben der Gesellschaft eingeschraubt sein soll, ist als das ausschließliche Bedürfnis des Lebens anerkannt worden. Und wie ein gutes Prinzip segensreich wirkt, so ein böses verderblich. Von der blos formalen Sicherheit, welche eine geängstete und kurzlebige Bürgerschaft für sich verlangt, bis zu der allerengherzigsten Selbstliebe, welche jeden Einzelnen wieder nur mit seinem isolierten Behagen ohne Rücksicht auf seine Mitbürger beschäftigt, ist nur ein Schritt und ein ganz konsequenter. Sodann wiederum von der Engherzigkeit dieser auf das alleinige Selbst eingeschränkten Aufmerksamkeit bis zu der Kurzsichtigkeit, welche nur um die nächsten Stunden dieses nämlichen Ichs besorgt ist, führt ein zweiter nicht minder konsequenter Schritt zum auflösenden, durch und durch zerstörenden Atomismus. Auf solchem Zersetzungsphänomen richtet dann triumphirend der Absolutismus seine Blendwerke aus und giebt jedem nur um seine nächste Minute beschäftigten Philister irgend einen monumentalen Augentrost. Es genügt, die Straßen mit Gas zu beleuchten, damit in allen Köpfen sofort die Nacht heraufziehe, die Nacht der Blindheit, der einsamen Absperrung und der Angst. Unsere Gesellschaft war nach den Prüfungen der achtundvierziger Jahre in die verzweifelte Stimmung des Wanderers gekommen, welchen auf winterlichem Marsche der Schlaf überfällt. So sehr er auch die Warnung kenne, sich nicht dem verräterischen Ruhebedürfnis hinzugeben, er fühlt nur die Pein und das Verlangen des Augenblicks und sinkt in die Arme des Schlafes, in dessen Schatten der Tod lauert. Recht kurzatmig und verzärtelt hat sich dabei auch das Zeitalter bewiesen, von der Kurzsichtigkeit nicht zu reden. Was frühere Geschlechter nm einer guten Sache willen ausgehalten, wie lange sie ihre Freiheit oder ihre Religion unter Entbehrungen und Erschütterungen verteidigt, daran dachte niemand, und kaum fällt es hinterher jemandem ein, zu Prüfen, ob denn mit dem Verzicht auf alle politischen Güter die heilige Lade der polizeilichen Ordnung und des ungestörten Verkehrs in der That auch so lange geborgen gewesen sei? Im Jahre 1852 wurde, um den beliebten Salbungs- Ausdruck zu gebrauchen, die Aera der Revolution geschlossen; auf dem ehernen Deckel, welcher über dem Krater aller Schrecken festgeschmiedet sein sollte, schlug Groß und Klein mit überschwänglicher Ernährungsseligkeit die Buden des Gewerbes auf, und vom Dank der Beglückten gerührt sprach der rettende Säbel zu ihnen: wie schön sind deine Zelte Jakob und deine Hütten Israel! Aber kaum war ein Jahr ins Land gegangen, da ward es dem Säbel zu eng in der Scheide und er dachte: der Retter ist nicht des Menschen wegen gemacht, sondern der Mensch des Retters wegen. Zuerst ging der orientalische Krieg los; seitdem haben wir beinahe ununterbrochene Kriegsjahre gehabt, und von Ruhe und stillem Glück ist weniger die Rede als jemals. Die beiden Großvögte der Ruhe uud Ordnung, Rußland und Österreich, haben jeder an seinem Ort dem Frieden ein Ende gemacht. Wenn Veranstaltungen der öffentlichen Freiheit, wenn parlamentarische Zerrereien, Wahlumtriebe und gesundes Parteienwesen zum hundertsten Teile solche Friedensstörungen und Gewinnstentziehungen nach sich geführt hätten, das wäre nie und nimmer zu verschmerzen gewesen, uud der moralischen Nutzanwendungen auf die Unmöglichkeit unter dem Joch der Revolution zu lebeu, gäbe es kein Ende. Jahrtausende lang hat der Monarchismus die Welt zu einem Kriegslager gemacht. Wer deukt daran, es ihm vorzuwerfen? Aber wenn ein Straßenkrawall ausbricht und ein Stein in den Kramladen fliegt, da soll gleich der Teufel die Freiheit holen. Obwohl Du im Herzen mit diesen feigen und beschränkten Anwandlungen nichts gemein hast, so mußte ich sie Dir vor die Augen halten, damit Du inne werdest nicht blos, daß Du immerzu Wasser auf die Mühlen unserer Gegner leitest, sondern auch, daß zwischen Dir und ihnen eine Gemeinsamkeit des Grundgedankens besteht, welche Dir nicht zur Ehre gereicht. Du rückst dem Parlamentarismus zu Leibe, weil er ein Geschöpf des geistigen Lebens sei. Ja — 248 — wohl, das ist er. Dieser Vorwurf ist sein Stolz. Das Reich der Freiheit ist das Reich des Geistes. Zwischen dem Gedanken und der brutalen Gewalt giebt es nichts Drittes. Du hast es wiederum erlebt: sobald Du dem nüchternen Realismus die Macht in die Hände giebst, hat er nichts eiligeres zu thun, als sie dem Schwerte zu überliefern. Das Freiheits-Jdeal des moderneu Ordnungsfanatikers ist nicht mehr das des antiken Republikaners oder des mittelalterlichen Städters, welcher seine Würde darein setzte: mitzuraten und mitzuthaten. Sein Ideal ist die Freiheit der Ruhe, d. h.: der Ungeschorenheit; er bildet sich ein: es sei möglich, Herr im Hause zu sein, ohne sich selbst um die Wirtschaft zu kümmern. Und doch könnten auch hier ihm Steine predigen. Wovon erzählen sie, jene Städte des Mittelalters von Flandern bis nach Italien, in deren verödeten Straßen das Gras wächst, deren Mauern einer herabgeschmolzenen Einwohnerschaft zu weit geworden sind, deren Paläste wie Königsmäntel um ihre Bettlergestalten schlottern? Sie erzähle« von einer ruhmreichen Bürgerschaft, welche Zeit genug hatte, ihre Staatsangelegenheiten zu führen, selbst mit Königen zu unterhandeln, gelegentlich auch in Parteienzwist zu zerfallen, für ihre Freiheiten zu kämpfen, dabei aber nichtsdestoweniger die Schätze des Ostens und Westens in ihre Warenlager zu sammeln und Denkmäler des Reichtums, der Macht und des Genies zu hinterlassen, welche den Stolz ihrer unter fürstlicher Oberhoheit herabgekommenen Enkel ausmachen. Heute aber erbebt alles vor dem Luftzug einer Debatte, und selbst ein vernünftiger Mensch, wie Du, klagt darüber, daß die Nationen nicht denken können ohne zu reden. Oder ist Dein ganzer Ausfall gegen die Gefahren der politischen Eloqnenz etwas anderes als die Umschreibung dieses Vorwurfs? Das Wort ist die Empfängnis des Gedankens, und gleicherweise giebt es kein politisches Leben, das heißt: kein gemeinsames Denken, ohne öffentliches WMWWWWW» — 249 — Sprechen. Ist es nun so wunderbar, so veroammlich, so bedauernswert, wenn bei dem Reden die schöne Rede zur. Geltung gelangt, uud kannst Du Dir es anders denken? Ihr jammert über den Einfluß der Advokaten, der Leute von der Feder? So ist es Euch lieber, von Generalen und Pfaffen regiert zu werden, nach der Vorschrift des Herrn de Maistre? Vor allein aber, ist das politische Leben als Selbstzweck denn für nichts anzuschlagen? Steht hier plötzlich das große Gesetz der Natur still, die überall Mittel und Endzweck in ewige Wechselwirkung verflicht? Rechnest Du für nichts den Lebensgenuß, welchen ein frisches Teilnehmen am gemeinsamen Dasein durch die Massen treibt; den Verbrauch an Intelligenz, welchen es erheischt; die Saat von guten, weil aus der Enge in die Weite hinaussprießenden Empfindungen, von Bürgertugenden, welche es großzieht? Die Freiheit ist redselig und die Knechtschaft ist stumm. Ehre der Sprache, sie ist der Inbegriff alles Menschenlebens. Und nun, mein Freund, nun verlangst Du schließlich, ich solle mich reinwaschen von der Anklage sträflichen Umgangs. Deine Späher berichten, sie hätten mich nächtens bald mit Gvthaern, bald sogar mit preußischen Prinzen fortschrittsbenebelt Arm in Arm aus der Kneipe kommen sehen. Herr, was soll ich da sagen? Zum ersten, daß Deine Späher und mehr noch Deine Fragen etwas indiskret sind, und daß es mir vielleicht dienen könnte, gar nicht zu antworten. Zum zweiten, daß der Mensch, der sich in den Strom des politischen Lebens hineinwirft, nicht immer mit jüngferlicher Vorsicht seinen Partei-Umgang abgrenzen kann. Haben wir doch Könige vom ältesten Geblüt mit ihren Lazzaronis Brüderschaft machen sehen, um sich die Freiheit vom Halse zu schaffen, warum sollte nicht einmal ein Demokrat zu der Fürsten- und Geheimratsbank sich herablassen dürfen, um der guten Sache willen? — 250 — Unter allen Hoch- und Not-Peinlichkeiten, in welche mich Dein unerbittliches Jnquisitoriat radikaler Strenggläubigkeit verstrickt, beunruhigt mich keine Anklage so wenig als die, so aus Verkehr mit dem Schwarzen, soll heißen: dem Schwarz-Weißen lautet. Ich bin der That geständig und verlange dennoch Freisprechung. Meine Verteidigung beschränkt sich auf den einfachen Satz, daß von etlichen und dreißig Übeln das größte das kleinste ist. Das ist die ganze Hexerei. Keine Spur von erotischen Trieben in diesem ganzen Umgang, keine Anwandlung von Minne- noch Wollust. Wenn ich den Namen Preußen höre, so fühle ich weder Glauben noch Liebe noch Hoffnung in meinem Busen Heraufziehen. Ich sage mir nur, daß ein großer Staat nie so erbärmlich sein kann als ein kleiner, und aus dem einfachen Naturgesetz der Schwere weiß ich, daß die kleineren Massen von größeren angezogen werden, nicht aber umgekehrt. Ist es irgend einer Zukunft vorbehalten, Deutschland auf monarchischem Wege zu einigen, so kann nur Preußen ihr Werkzeug sein, und in dieser Voraussetzung stelle ich meine Stimme zur Verfügung. Besitzt aber die Monarchie weder Lebens- noch Heils-Kraft genug, um diese Sendung zu erfüllen, ;so soll es mich ebensowenig wundern als betrüben. Wie gesagt: ich kenne keinen Staat, als den Großstaat, ich kenne keinen deutschen Staat als den preußischen, ihn allein können wir ohne das Gefühl schlechthiniger Beschämung nennen. Was jfür Grütze in all den anderen Regierungshandmühlen gemahlen wird, davon werden wir weder fett noch mager. Daß die protestantischen Beherrscher von Baden und Württemberg nach den Seligkeiten Päpstlicher Pantoffelherrschaft schmachten, wird das große Deutschland nicht zum Verderben führen, und daß der Herzog von Coburg den National-Ausschuß beherbergt, wird es nicht retten. Aber lasse Preußen von allen Lastern der tief eingewurzelten Feudalherrschast zu einem freien Bürgerwesen gesunden, und wir wollen sehen, wie lange die Nebenländer zurückbleiben können. Nicht blos jeder vernünftige Regierungsakt, auch jeder Widerstand von unten kann in Preußen allein einen Umfang gewinnen, der ihm Bedeutung gebe. Setze z. B. den Fall eines Konflikts zwischen der Verwaltung und dem Richterstand über die Anwendung eines Gesetzes. Es hat ja schon einmal Richter in Berlin gegeben. Das wäre sofort eine ernste Erscheinung. Aber verlege den Fall nach Homburg, Nassau oder Lippe, da ist die sämtliche Magistratur in den fürstlichen Hühnerstall einzusperren, und die Sache geht schon an der Komik zu Grunde. Du hältst mir die Personenfrage entgegen. Sind denn siebzehn Millionen Einwohner nicht auch Personen und so wahrhaftig von Fleisch und Bein als einige Dutzend vom echten Geblüt? Liegt es nicht blos an der Einsicht undM dem Willen der siebzehn Millionen, wenn ihre undurchdringlichen Körperlichkeiten leichter wiegen, als die geringe Zahl der allerhöchsten Existenzen, welche die andere Wagschale herabziehen? Auf Seiten der Personen, welche zu einer gegebenen Zeit am Nuder sitzen, siehst Du das natürliche Übergewicht. Das ist nichts Natürliches, das ist eben rechte Abstraktion, wenn auch tausendjährige, und mit der Rückkehr zu den einfachen Gesetzen der Physik, mit der Rückkehr von der Fiktion und dem Aberglauben zu gesunden Verhältnissen, gewinnen die Millionen den ihnen gebührenden unendlich überwiegenden Einfluß über die kleine Zahl der Privilegirten. Diesmal, mein Freund, bin ich der Realist.! Du selbst giebst mir Beispiele an die Hand, aus denen hervorgeht, daß meine Behauptung kein leeres Verstandesspiel sei. Wenn Friedrich Wilhelm III. wider seinen Willen zur mannhasten Umkehr gegen Napoleon fortgerissen wurde, so war es eben der Geist der Massen, welcher der schwachen Persönlichkeit heilsame Gewalt anthat. Preußen, nicht — 252 — Hohenzollern, hat 1813 gemacht. Und wenn im Jahre 1848 Preußen für Deutschlands Einheitsruf sich taub stellte, so sehen wir bei jedem neuen Wogengange dieselbe Welle immer höher und mächtiger an seine Ohren schlagen. Möglich doch auch, daß einmal in solchem Andrang ein Dort das Steuer an sich reiße. Welcher Staat hat anßer Preußen etwas Bleibendes in Deutschland gewirkt? Es hat nicht blos das Zeichen der Erhebung gegen die Herrschaft Napoleon's I. gegeben, es hat auch den Zollverein gegründet. Auch der Geist echter wissenschaftlicher Aufklärung und philosophischer Befreiung verdankt ihm allein die Stätte, von der aus unsere ganze moderne, spezifisch deutsche Bildung ihre Strahlen ausbreitete. Berlin war in den dreißiger Jahren der Mittelpunkt jenes unerschrockenen Denkens, welches uns den Namen der philosophischsten Nation der Welt eingetragen und ganze Schichten der Gesellschaft aus den Händen des Pfaffeneinflusfes gerissen hat, der in den freiesten Staaten der Erde unendlich mehr Seelenherrschaft ausübt, als bei uns. Endlich ist es nicht minder Preußen, dem wir, ob auch nur mit genauer Not, es verdanken, wenn dem deutschen Volk die Schmach erspart blieb, für weltliche und geistliche Sultanei in Italien Henkerdienste zu verrichten. Da, wo Preußen mit solch barer Münze bezahlt, da gebe ich ihm auch meine Kundschaft; uicht geheime Sympathien, sondern trockene Rechenexempel widme ich ihm: Fordert keine andre Liebe, Denn es macht mir Schmerz. Und nun, dieweil man uns Demokraten doch immer ein störrisches, durch Unmäßigkeit alles kompromittierendes Wesen zum Vorwurf macht, und dieweil man ferner behauptet, alles Kontroversieren führe nicht vom Fleck, möchte ich schließlich Dich und die Welt durch eiue Konzession in Erstaunen setzen, indem ich, wie Du es verlangst, die Gothaer Deinem Gerichte Gottes übergebe. Aber eben da ich sehe, wie Du schon triumphierend die Pechpfanne von Sodom und Gomorrha über ihre Häupter aufschwingst, befällt mich, gleich dem Erzvater Abraham, ein menschlich Rühren, und ich fordere Amnestie für die Gerechten, so unter ihnen wohnen möchten. Ja, ich kann mir eine Redlichkeit des Herzens und des Verstandes denken, welche dahin gelangt, sich an das Halbe zu gewöhnen, und das resolute Leben in dem Ganzen, Guten, Schönen beruhigt fahren zu lassen. Ich kann mir dies um so mehr denken, wenn ich voraussetze, es habe einer seine besten Jahre und Hoffnungen in deutschem Elend yerseufzt. Schwerer allerdings ist es, sich in den Geist jener bekannten Tugendmoralisten zu versetzen, die sich in einem Atem mit der Zunge zwischen die Bayonnette werfen, während ihre Lippen schon den Ladstock küssen, und deren Lippen den Gesetzesschänder zermalm, während ihre Zunge den Staub von seinen Stiefeln leckt. Gelüstet Dir darnach, solches Wildpret mit Haut und Haaren zu verspeisen, so segne der Himmel Deinen Appetit, und damit ich Dir ein Prachtexemplar verrate, laß Dir von allen „besten Männern" jenen empfehlen, welcher kürzlich an Schillers hundertjährigem Geburtstag sich berufen fühlte, nach echter Schusterjuugenart im Vorübergehen ein herabwürdigendes Bild auf ein bescheidenes Heldengrab zu kohlen.*) Dort, wo die Ufer des Rheins anfangen flach zu werden und wo die ersten Windmühlen an lanzenkundiger Ritter Thaten gemahnen, wirst Du auch jenes weisheits- *) Siehe „Köln. Zeitung" von Anfang November, die sinnreiche Parallele zwischen dem „Talglichtstümpfchen" (I) Robert Blmn und der Sonne Schiller. — 254 — triefende Haupt ausfindig machen, dessen Selbstanbetung es nicht verwinden kann, daß künftige Geschlechter den Namen Robert Blum unter den besten nennen werden, so sich durch den Tod für die Freiheit verherrlicht haben. Dem Michael pro. Es gibt kein häßliches Porträt. Jedes Abbild, und sei es noch so getreu, verklärt; selbst die mechanische Photographie leistet das. Ein Bild ist eben doch immer eine Abstraktion und schwebt über dem Wirrwarr des Lebens. Was aber für das Menschenantlitz das Konterfei, das leistet für das Ereignis die Geschichte. Wie groß und hinreißend auch die Entsagungsszene in derNacht des vierten August gewesen sein mag. noch reiner und erhabener steht sie jedenfalls im Rahmen der Geschichte da. Die Gegenwart ist für die Vorgänge, was der Kammerdiener für den großen Mann. Sie sieht ihr Objekt zu sehr aus der Nähe und empfindet es in einem verkleinernden Maßstabe. Der Mensch von heutzutage ist wesentlich ein alter Mensch; der Realismus aller Art hat ihm die Jugend abgestreift Alte Leute sehen auch die Dinge zu sehr in der Nähe und müssen daher Brillen aufsetzen, durch welche die Gegenstände mehr in die Ferne hinausgerückt werden. Erst wenn die Erlebnisse in der historischen Distanz erscheinen, werden sie richtig verstanden. Wie viel besser wird heute beurteilt als damals! Und wie viel klarer wird der Oktober 1862 vor uns stehen, wenn wir ihn um einige Jahre mögen überlebt haben! Nun gibt es aber ein Surrogat für die Geschichte: das ist die Entfernung. Zeit und Raum — das weiß ja im lieben Deutschland ein neugeborenes Kind — Zeit und Raum sind ein und dasselbe Kautschuck, nur in die Lange oder in die Breite geLudwig Bamberger'S Ges. Schriften. IH. 17 — 258 — zogen, und um fünfzig Thaler Reisegeld kann sich jeder aus hundert Meilen Entfernung ein Jährchen Vergangenheit präparieren. Dieses Mittel ist nicht zu verachten, und die richtige Würdigung des hier erwähnten optischen Gesetzes möchte wenigstens manchen modernen Historiker daran erinnern, daß es nicht immer reiner Profit ist, das Detailstudium bis auf den Punkt zu treiben, wo das geistige Auge mitsamt dem körperlichen in den presbytischen Zustand gerät, der bekanntlich vor Bäumen den Wald nicht sieht. — Kurz und gut, ich meine: was eben in Berlin abgespielt worden ist, nimmt sich von Paris aus betrachtet, schon anders, schon geschichtlicher, ganzer, besser vielleicht nnd richtiger aus als dorten. Und vor allen Dingen, daß es sich hier ausnimmt. ist schon an sich ein Gewinn. Wenn Deutschland uur einmal anfängt politisch interessant zu werden, so hat es auch schon einen Schritt gemacht; und wenn es sich dazu noch dieser Jnteressantheit bewußt wird, wenn es wahrnimmt, wie es außerhalb seiner Grenzen Aufmerksamkeit erregt, so wird ihm das in seiner Haltung entschieden von Nutzen sein. Eitelkeit ist allerdings ein schlechtes Erziehungsmotiv, allein Schamgefühl ist der Vorläufer aller Entwicklung, und wenn wir nur einmal werden gelernt haben, uns gebührlich zu schämen, so wird uns auch das kommen, was uus eigentlich allein fehlt: nämlich die Galle. Man spricht in Paris jetzt sehr viel von Berlin. — Es war der erste Regentag nach einem langen Sommer und liebevollen Herbste, und zum ersten Male sammelten sich auch die Freunde wieder am häuslichen Herd. Die Franzosen fragten uns Deutsche gleich beim Eintritt über die preußische Kammervertagung aus und erwarteten genau zu wissen: wie es mit den Barrikaden, mit dem Staatsstreich und mit allen sonstigen, in ihrer theatralischen Vorstellungsweise mit diesem Ereignis notwendig verbundenen Bühnenkunststücken ablaufen werde? Ich bemühte mich, ihnen aus- — 259 — einander zu setzen, wie das alles in der dünneren Atmosphäre nach dem Nordpol zu nicht so grobkörperlich aufeinander poltere und wie der Konflikt dadurch nichts au Wichtigkeit verliere. Ich mochte meine Sache nicht besonders gut gemacht haben, denu ich sprach eigentlich mehr für die Ehre meines Landes, als aus dem Grunde meiner Überzeugung. „Sie können sagen, was Sie wollen", bemerkte einer der Anwesenden, Herr Grsgoire, Journalist und Republikaner, „es lassen sich halt Argumente für jegliches Verhalten finden, aber die Art, wie der Mensch sich beträgt, hängt einzig und allein von seinem Temperament ab. Ihr Deutscheu habt in der Politik kein Temperament, und deswegen werdet Ihr sobald nichts zu Wege bringen. Nichts in der Welt geschieht mit dem Kopf allein, Eingeweide muß mau haben; Ihr ehrt, lobt, besingt und wünscht die Freiheit, aber", setzte er mit einer heftigen Geberde hinzu: „vous o'g,vs2 xas ä'sQtraillss pour 1a libsrts! Ist I/bsrte auf Deutsch vielleicht männlichen Geschlechts?" — Und als ich ihm erwiderte, daß auch für die Deutschen die Freiheit ein Weib sei — „nuu", sagte er, „so gebe ich noch nicht alle Hoffnung für Euch auf. Ich begreife", fuhr er fort, „daß in Preußen die Junker wieder obeuauf kommen, sie verdienen es, denn sie sind die einzige Spezies deutscher Menschen, welche politisches Temperament haben. So oft ich lese, daß ein Osfizier irgend einen Bürgerlichen über den Haufeu sticht, wenn er sich über ihn ärgert, erscheint es mir ganz naturgemäß, daß diese Leute herrschen. Sie allein haben ihr politisches Rechts- oder Vorrechtsbewußtsein in den Knochen, uud sind deswegen berufen, über Eure leidenschaftslose bürgerliche Vernuuft zu befehlen. Ihr möget im Augenblick noch mehr Gesetzlichkeit und Freiheit haben als wir Franzosen; Ihr möget sie sogar trotz Eurer Reaktion behalten, aber wir sind doch besser daran als Ihr, und alle Nationen der Erde sind besser daran. Von Indien und China bis nach Rußland ist im Gruude kein Volk unfreier 17* / — 260 — als es selbst sein will. Wir sind hier despotisirt in Frankreich, sehr wahr; aber nnter uns — hol mich der Teufel! wir sind es nur, weil wir es sein wollen, ich kann es nicht leugnen. Die Bauern haben einen Napoleon gewollt und die Bourgeois eine Ordnungsgeißel, und wenn sie ihn auch heute etwas weniger mögen als vor zehn Jahren, er steht ihren Wünschen noch immer näher als das unbekannte Etwas, das sie hinter ihm sehen. Seien Sie überzeugt: Louis Napoleon bleibt keine vier Wochen länger daran, als Bürger und Bauer ihn ernstlich behalten wollen. Aber so etwas wie in Kurhessen, wie in einem großen Teil Deutschlands überhaupt, daß neunundneunzig Hundertteile der Nation sich über die Verwerflichkeit eines Systems klar sind, daß sie sich jeden Morgen über dasselbe ärgern, und daß es dennoch obenauf bleibt, das begreift man sonst in der Welt nicht mehr." „Aber in England", sagte ich, „begreift man es doch; denn in diesem Lande, das entschieden so hoch über Eurem Frankreich steht, ist die Ansicht völliges Gemeingut geworden, daß es besser sei, irgend einen Mißstand zwanzig Jahre lang mittelst des sich ausbreitenden Bewußtseins zu untergraben, als seine Abschaffung von dem zufälligen Ausgang eines Handgemenges abhängig zu machen. Das höhere Leben der Nation beginnt erst, wenn ihr Wohl und Wehe nicht mehr im Spiel der Revolution gewonnen und verloren wird. Ihr Franzosen seid Spieler; Ihr liebt die Börse und die Revolution und den Krieg aus demselben Grunde. Totgeschossen oder dekorirt, bankerott oder Millionär zu werden, das ist Euer Element. Es ist viel schön Menschliches darin, aber es ist nicht Jedermanns Sache; und schließlich, um auf Ihren letzten Satz zu antworten: ein Volk, das unterdrückt wird, obgleich es einstimmig der Freiheit huldigt, ist mir lieber als eiu Volk, das frei sein könnte und nicht frei sein will." „England!" rief Grsgoire, „immer das verfluchte Eng- — 261 — land! Sehen Sie denn nicht, wie es überall vergiftend und verderbend wirkt, selbst mit seinem bloßen Beispiel. Wie tonnen Sie sich nur von den Engländern zum Narren halten lassen, die Ihnen hundertjährige Entwicklungsgeduld predigen? Ich will Ihnen sagen, was der Unterschied ist: Sie wissen, ich habe dieses Frühjahr einen Streit mit Herrn von P. gehabt, und ich habe mit der größten Bereitwilligkeit zu einer Aussöhnung die Hand geboten. Warum? In den ersten vier Jahren meiner journalistischen Laufbahn habe ich drei Duelle durchgemacht, worunter zwei, die blutig ausgegangen sind. Jetzt kann ich meiner humanen Antipathie gegen den Zweikampf unbedenklich nachgeben, meine Ehrenstellung in der Gesellschaft ist gemacht, und kein Mensch wird mir leichtsinnig zn nahe treten. Aber ein Kerl, der bei der ersten Ohrfeige philosophische Kaltblütigkeit auspackt oder sich an die Gerichte wendet und hundert Franken Strafe plaidirt, der ist für immer verloren und wird stets im Leben den Kürzereu ziehen. Der Engländer ist über das politische Duell hinaus, es wagt ihm doch niemand eine Maulschelle zu versetzen — bei ihm daheim wenigstens", setzte er mit einem vorbehaltvollen boshaften Lächeln hinzu. „Und, was Sie da gegen das Wesen der Revolution gesagt haben" — fuhr er fort — „ist nun vollends schnurstracks das Gegenteil °der richtigen Auffassung. Niemals war eine Zeit revolutionärer als die nnsrige, denn ich nenne revolutionär das. was nicht an die Dauerhaftigkeit der Ewigkeit appellirt. sondern an die Nützlichkeit des Augenblicks. Man wirft uns Franzosen die Häufigkeit unserer Umwälzungen vor und will auch von unseren schönsten Revolutionen nichts wissen, weil damit die Unruhe des ewigen Wechsels gesetzt sei. Aber, um Gottes Willen! wo in der Welt erblicken Sie denn noch irgend ein Prinzip ans den Füßen? Die Grundsätze laufen ja über den Erdball mit den Köpfen nach unten und den Beinen in der Luft, daß man sich schier tot lachen könnte; sie laufen — 262 — sogar über das Wasser köpflings hinüber. England, das England des William Wilberforce, das um des Durchsuchungsrechtes wegen beinahe Krieg mit uns angefangen hätte, schickt brünstige Gebete zum Himmel für den Sieg der Sklavensache, und der amerikanische Präsident fabrizirt Belagerungszustände, an denen Haynau, wenn er noch lebte, seinen Meister erkennen würde. In Preußen findet die Volkssache ihre Rechnung beim beschränkten indirekten Wahlsystem, und der Absolutismus tastet im Dunkeln nach dem allgemeinen Stimmrecht." — „Sie könnten", bemerkte ich, „die Parallele noch fortsetzen, wenn Sie mit ihrer Betrachtung von Paris ausgehen wollten. In Berlin exerzirt sich die Junkerpartei, ihrem erblichen Abscheu vor gallischen Vor- bilden: zum Trotz, auf den bonapartistischen Despotismus mit plebejischer und militärischer Popularitütsbafis ein, während hier zwischen dem Papst und Italien und zwischen noch manchen anderen Gegensätzen eine Politik der freien Hand einreißt, deren alberne Zweiköpfigkeit unfruchtbarer und widerwärtiger ist, als alles was man je der Art den preußischen Diplomaten hat vorwerfen können." Herr Grsgoire stimmte bei und erging sich hierauf in einer neuen Parallele zwischen dem Roi Oalimt-Koiriws, der seinen Garibaldi umgebracht, und dem Roi donnstö-Iiommö, der mit seiner Verfassung nach den ersten Honig-Monden auseinander gekommen sei. „Ach, wenn doch hier keine Theaterzensur wäre", rief er aus: „welch ein herrliches Stück könnte man aus Garibaldi's Niederlage und bevorstehendem Tod für die Porte St. Martin aufbauen! Es ist ganz fertig, man braucht's nur niederzuschreiben. Welch eine prächtige Shakespearesche Gespensterszene, wenn in der Nacht nach Aspromonte die Geister Bom- bas und Cavours am Schmerzenslager des Eroberers von Neapel sich unterhielten!" — Dann kam er wieder auf Viktor Emanuel und Wilhelm I. und schloß damit, daß er sagte: „der König, der weniger Prinzipien und vielleicht weniger — 263 — Gefimmngstreue hat, als beide, der koi Mlosopbs, der König Leopold, ist am besten mit sich und den Seinen ausgekommen." Ein älterer Herr, welcher bisher nur wenig mitgeredet, aber aufmerksam zugehört hatte, ebenfalls Franzose, nahm nun das Gespräch auf und sagte: „Ich bin 1859 in Italien und 1861 in Deutschland gewesen; ich habe den Enthusiasmus für Viktor Emanuel und den für Ihren König" (denn da ich weder ein Bayer, noch ein Österreicher bin, so pasfire ich stillschweigend für einen Preußen und lasse es mir gern gefallen) „in der Nähe gesehen. Ich kann Sie versichern, meine Herren, daß ich beide Monarchen für durch und durch honnette Menschen halte, und was Wilhelm I. betrifft, so bin ich überzeugt, daß er nicht bloß an sein gutes Recht, sondern auch an den Beifall der größeren Anzahl seiner Unterthanen glaubt." — „Wer glaubt nicht an sein Recht und an den Beifall der Menge?" fiel Herr Gr«goire dazwischen. „Was mich betrifft, ich bin fest überzeugt, savs eompar^son, daß selbst Herr Mirss sich für eine gekränkte und populäre Unschuld hält. Sein Advokat hat mirs erst gestern bestätigt." „Mit dem guten Glauben eines deutschen Regenten", sagte ich, dazwischen tretend, „hat es seine ganz besondere Bewandtnis, und er hat noch eigentümliche Gründe für sich. Meine Landsleute ernähren ihre politische Substanz noch mit so unschuldiger Ammenmilch, daß sie das Zujubeln und Ver- traneneinblasen für das sicherste und himmlischste Mittel halten, einen Souverän auf ihre Seite zu bekommen. Als König Wilhelm an die Regierung kam, war er sowohl, als die Mitwelt alt genug, um genau wissen zu können, wie er gesinnt sei. Die Deutschen aber, und nicht blos die Preußen, glaubten ihn zu einer Art männlicher Viktoria umschaffen zu können, wenn sie ihn mit ihrer begeisterten Fortschrittslunge anschrieen; sie huldigten dem König, wie sie ihn wünschten. - W4 — und er nahm Alles für den König, wie er sich selbst seit fünfzig Jahren kaiinte und wie er sich bei mehr als einer Gelegenheit rückhaltlos gezeigt hatte. Offenbar war der König im Rechte und offenbar stützt er sich noch heute auf jene schönen Tage erster Huldigung, wenn er sich für populärer hält, als seine ganze Kammer. Einer unserer ehrwürdigsten Radikalen hat einmal bei einer denkwürdigen Gelegenheit gesagt: es ist das Unglück der Könige, daß sie nicht die Stimme der Wahrheit hören wollen. Ich möchte es gerade umdrehen und sagen: es ist das Glück der Könige, daß ihnen die Völker so viele Unwahrheiten zum Besten geben. So wenig eine schöne Frau sich von ihrer Jugend, so wenig können sie sich von der Vorstellung ihrer Popularität trennen, wenn sie letztere auch nur einmal gekostet haben/' „Und wie glauben Sie", fragte mich der alte Herr, „daß die Sachen sich in Preußen entscheiden werden?" „Ich bin darauf vorbereitet", anwortete ich, „daß sie sich gar nicht entscheiden. Zuvörderst ganz mechanisch g-e nommen, so haben sie da eine Verfassung, die wirklich von Hause aus keine war, denn sie kennt auf der einen Seite keine Steuerverweigernng und auf der anderen keine Ministeranklage. Die einzige Art, wie daher die preußischen Bürger einen gesetzlichen Widerstand leisten könnten, bestünde darin, daß die Beamten nnd Lieferanten des Staates keine Gelder annähmen und die Inhaber der Staatsschuldverschreibungen keine Zinsen; aber auf dieser Höhe der Entsagung sind wir denn doch noch nicht angekommen. Die Preußische Frage wird sich dadurch auf ihren wahren Standpunkt einer allgemein deutschen zurückbegeben, daß sie das chronische Zerwürfnis zwischen Volk und Regierung ausbildet, welches vorläufig das Gefäß unserer Zukunft ist. Was 1848 verhindert hat, daß Preußen nnd Berlin — wie zu wünschen gewesen wäre — für die ganze Nation maßgebend wurden, das war der Unterschied der volkstümlichen Gesinnung. Es — 265 — stack damals wirklich noch so viel Patriarchalisches in dem Massenbewußtsein der größten deutschen Monarchie, wovon wir im Süden durch Glück uud Unglück längst befreit worden waren. Die Gemäßigten unter den Liberalen haben sich eine Zeit lang mit der Formel gewiegt, daß die preußische Politik in Deutschland moralische Eroberungen machen werde. Ich kenne die preußische Politik und das süddeutsche Volk viel zu gut, um von diesen moralischen Eroberungen von oben herab etwas erwartet zu haben. Aber da ich eigentlich gut preußisch gesinnt bin, d. h. da ich an die allein seligmachende Kraft des großen Einheitsstaates glaube, und in Preußen die größte fertige Gruppe zur Assimilirung des Übrigen sehe, so tröstet mich jetzt der Gedanke, daß in diesem Augenblick der wahre Weg der moralischen Eroberung eingeschlagen ist. Nämlich der Weg der moralischen Eroberung von unten durch exemplarisches Volksbeiragen. Die Schmerling und ihre großdeutschen Marktschreier freuen sich mit dem, was sie für eine Kompromittirung der preußischen Popularität ansehen. Ich aber glaube, es ist jetzt in die Hände des Volks in Preußen gegeben, alle gegen es in Deutschland bestehenden thörichten Vorurteile zu zerstören. Die Wahlen und die Kammerabstimmungen haben einen guten Anfang gemacht. Die Gerichte könnten es vollenden; aber so weit erhebe ich meine Hoffnungen noch nicht. Nehmen Sie. meine Herren", schloß ich, „die jetzigen Vorgänge in Berlin nicht zu wichtig. Gewiß, sie werden ein historisches Merkzeichen bleiben, aber die deutsche Frage wird nicht isolirt an Einem Punkt entschieden werden und die heurige Krisis ist nur einer der zahlreichen Prozesse, die wir noch allseitig und vorbereitend durchzumachen haben." Wir nahmen unsere Hüte und gingen heim. Als wir ans Wasser kamen, sagte Mr. Gregoire, indem er meinen Arm nahm: „Hier auf diesem Hnai ä'Ors^ bei ähnlichem Regenschauer führte man uns Depulirte am 2., Dezember — 266 — nach der Kaserne, in der wir zuerst gefangen saßen." — „Wenn Sie wieder an die Herrschaft kommen", erwiderte ich, „vergessen Sie nicht, die Scheußlichkeit der marternden Untersuchungshaft abzuschaffen." „Bewahre der Himmel!" fuhr Mr. Grsgoire auf. „Lieber will ich noch zehnmal eingesperrt werden, als daß ich das Recht aufgäbe, die da drinnen ihrerseits nach Mazas zu bringen" (wir waren inzwischen auf dem Karoussel-Platze angekommen), „wenn ihr Stündlein schlagen wird. Werde ich ein Thor sein und fünfzig Jahre lang von der Rechts- und Prinziplosigkeit mißhandelt werden, um Jene gleich am ersten Tage meiner Rückkehr mit dem Maße der ewigen Grundsätze zu regalieren, damit sie mich nur recht schnell wieder transportieren können? ?6reat ^ustitia,, tmi, rormcws! Übrigens, Sie wissen es ja als Beobachter unserer Gerichtszustände, wir haben schon heute weder Kriminab noch Zivilrecht mehr. Es wird alles nach den Umständen entschieden. Lonis Napoleon nennt sich manchmal kokett den Sohn der Revolution. ?röQ6^ gaiäs! Er ist der wahre Vater der Revolution und ihr größter Erzieher." — Und so redend, drückte er mir die Hand und lief munter in die Nacht hinein. Ich aber ging bedenklich an dem Kürassier vorüber, der fest in seinen Stulpenstiefeln mit dem blanken Schwert in der Hand vor dem Gitter des kaiserlichen Schlosses aufgepflanzt stand. Noch lange mußte ich über die Reden dieses Abends nachdenken, aber ehe ich einschlief, wiederholte ich mir, wie schon oft zuvor: Die schlechte Gegenwart gehört dem Experimente, Dem guten Recht gehört die bessere Zukunft. Paris. 21. Oktober 1862. Über die Grenzen des Humors m der Politik/' *) Aus den „Deutschen Jahrbüchern für Politik und Litteratur". 1863. Berlin. Bd. 6. S. 17S ff. „Lar cdarite odlixo o.nsliir los porwr snx-memes a SU rirs vt k Ivs knir. Lt la mömo cdkritK odlixo ^ussi ich hervorgegangen war, die preußische Hegemonie mit der äußersten Heftigkeit bekämpfte. Auch von dem Geist der „Rheinischen Zeitung" trennte mich diejenige Linie, welche damals bereits die Spaltung der preußischen Fortschrittspartei von den späteren National-Liberalen andeutete; die Rheinische war streng fortschrittlich, während ich nach der anderen Seite neigte, und darum mochte die Zeitung meinen zu Gunsten der Indemnität geschriebenen Artikel nicht aufnehmen. An der Spitze der Redaktion stand der westfale Dr. Becker, genannt der rothe Lecker, welcher schon dem Stäbe der alten kölnischen Rheinischen Zeitung unter Marr angehört und 1843 in dem sogenannten Kommunistenprozeß verurteilt, lange Jahre auf der Sestung gesessen hatte. Bekanntlich starb er im Jahre 133Z als Gber. bürgermeister von Holn und Mitglied des Herrenhauses. Die Artikel wurden, wie das hier wiedergegebene Vorwort meldet, im kerbst 1866 von mir, als ich zunächst nach Paris zurückgekehrt war, gesammelt und bei Sranz Duncker unter dem Titel .Alte Parteien und neue Zustände' herausgegeben. Sie erscheinen in gegenwärtiger Sammlung, weil sie sehr bezeichnend sind für den Meinungskampf, der damals im Lager alter Gesinnungsgenossen entbrannte, üer Stuttgarter „Beobachter" war in Hener Zeit das Hauptorgan der süddeutschen preuszenfeindlichen Partei. An der Spitze !ider Redaktion stand Karl Mayer, der poetisch begabte, brave schwäbische Demokrat von echtem Korn und Schrot, mein alter Crilsgenosse und Sreund. In späteren Jahren, saß er selbst im deutschen Reichstag als Mitglied der Volkspartei. Auch -knüpften sich die alten treuen Beziehungen hier wieder an. Der Artikel „Srankreich", unter dem Eindruck lebendiger Wahrnehmung geschrieben, wirft ein interessantes Streiflicht auf den Anteil, welchen ein gebildeter Teil der französischen Bevölkerung an der Entstehung des schon damals vorausgesehenen Kriegs gegen Deutschland zu tragen hatte. Vorwort. Die nachfolgenden Aufsätze sind, mit Ausnahme des dritten, im Laufe der letzten drei Monate in der „Rheini- schen Zeitung" erschienen. Ihre Veröffentlichung fiel in die Zeit, welche zwischen dem preußisch-österreichischen und dem preußisch-sächsischen Friedensschluß verstrich. Die Redaktion des genannten Blattes glaubte damals aus verschiedenen Gründen, die Nummer III., welche dem Verhalten der Preußischen Kammern gewidmet ist, nicht abdrucken zu dürfen. Keiner dieser Gründe obwaltet bei der gegenwärtigen Ausgabe, und der Verfasser erlaubt sich, gerade diese Abhandlung der Aufmerksamkeit des Lesers zu empfehlen. Er ergreift die Gelegenheit, der „Rheinischen Zeitung" wiederholt dafür seinen Dank auszusprechen, daß sie ihm ihre Spalten zur Verteidigung einer Ansicht geöffnet hat, welche nicht in allen Stücken von ihr geteilt wird. Solche gegenseitige Würdigung abweichender Folgemngen aus sonst gemeinsamen Grundsätzen gibt das beste Zeugnis, daß es einer Partei aufrichtig um Wahrheit und thatsächlichen Fortschritt zu thun ist. Paris. 10. November 1866. L. B. I. Die vollendete Thatsache. Wer Eine denkt, ein Parteiprogramm sei ein ewig Unantastbares, ein unveränderlicher Ausfluß heiliger Überzeugungssätze. Der Andere umgekehrt setzt über Alles die Macht der positiven Umstände und das Leben über das Prinzip. Mit Festhaltung ausdauernder Grundgedanken durch die wechselnden Gestaltungen der Ereignisse hindurch zu steuern, ein unwandelbares Ziel im Auge zu halten und zugleich dem Strom und den Krümmungen des Weges zu folgen, ist in aller Lebenskunst das Schwierigste; zumeist aber in der politischen, weil es da unter fortwährender Rechen- schaftsablegung und fortwährendem Dreinreden vor Freund und Feind zu geschehen hat. Dem viel- und übelberufenen Wort der vollendeten Thatsache seinen wahren Wert zuzumessen, war selten eine so heikle Aufgabe wie diesmal. In je engeren Zwischenräumen diese Parole neuerer Zeit wiederkehrt, desto tiefer empfindet der aufrichtige Verstand das Bedürfnis, über die Legitimität der von ihr beanspruchten Macht mit sich ins Klare zu kommen. Schlichte Denkart fühlt von Hause aus ein inneres Widerstreben gegen die Unterwerfung unter den Zwang, dessen Rechtsbrief nicht über die mechanische Besitzergreifung zurück- - W7 — geht. Alles, was als schön und gut uns gelehrt worden, empört sich gegen die Huldigung an eine blos äußerliche Wucht. Welcher moralischen Unmöglichkeit heißt es nicht Thür und Thor öffnen, wenn das Bekenntnis der vollendeten Thatsache zur Staatsreligion erhoben wird? Keine neuere Verfassung möchte, wie die französische aus den neunziger Jahren, das Recht auf Revolution in ihre Grundartikel aufnehmen: wie könnte man einer Anschauung Raum geben, aus welcher das Recht auf Überrumpelung von oben direkt flösse? Und trotzdem hat die öffentliche Stimmung in einem großen Teil des nichtpreußischen Deutschlands aus freiem Antrieb die Notwendigkeit des Anschlusses an die vollendete Thatsache proklamirt. Was immer Wahres sein möge an der höchst bedenklichen Anziehungskraft des Erfolges, sie genügt nicht, um uns zu erklaren, daß in großer Zahl unverdächtige, einsichtsvolle, lange her der guten Sache ergebene Bürger sich um die neueste Gestaltung der Dinge scharen. Es sind das keine leicht beweglichen Haufen, die um des Vorteils willen sich dem Triumphzug anschließen oder die willenlos von dem Volumen und Lärm der rollenden Masse in deren Bahn gerissen werden. An tausend von einander getrennten Stellen ist Hunderttausenden gleichzeitig die Überzeugung erstanden: daß der Weg zu dem unveränderten Ziel eines die ganze Nation umfassenden deutschen Staats nicht rückwärts von dem Geschehenen ab, sondern an das Geschehene anknüpfend vorwärts gehe. Die Unverdächtigkeit einer solchen Gesinnung braucht uns übrigens um so weniger aufzuhalten, als es sich hier nicht entfernt darum handelt, den Sieg und den Sieger mit Allem, was um ihn und an ihm ist, heilig zu sprechen. Wir sind nicht so töricht, uns vorzugaukeln, der Sieger sei jetzo nicht mehr in beinahe allen Lebensfragen unser unerbittlicher Gegner; wir hüten uns um so mehr, ihm unser — 298 — Weihrauchfaß mit unserm Beirat entgegen zu bringen, als wir gewärtig sein können, daß ihm ein Bündnis höchst entbehrlich erscheinen wird, welches er schon stolz verschmähte, noch ehe die Entscheidung für ihn gefallen war. Noch weniger als mit dieser Art von unbelohntem Versöhnungseifer, haben wir hier zu thun mit der Zunft der Realpolitiker, welche den altherkömmlichen naiven Servilismus des Professorentums in ein regelrechtes, aber temperirtes System gebracht hat. Der Royalismus und Loyalismus imserer jüngsten historischen Schule wirkt vielleicht entnervend auf manchen guten Geist in der studierenden Jngend; er mag die Demokratie oder, wie er nach Vorgang der schwarzen Kommission lieber sagt, die Demagogie mit seinem vornehmen Unwillen verfolgen, immerhin ist er nicht geeignet, in die Masse der Gebildeten einzudringen, wie sein Vorgänger, der Rotteck-Welcker-Dahlmannische Liberalismus. Auch hat es vorerst keine Not, daß das deutsche Volk an einem Ebenbilde der Lieblinge dieser Schnle, Cäsar und Mirabeau zu Grunde gehe. Also weder nach dem Beispiel unberufener Verbündeter (wer ungerufen zur Arbeit kommt, geht unbedankt davon), noch nach dem Beispiel der für Macht und Zucht schwärmenden Historiker treten wir an das Reich der vollendeten Thatsache heran. So wenig wir uns scheuen, so wenig thun wir uns daraus zu gut, daß wir das Faktum als solches anerkennen. Legitimismus zu machen, indem man die Augen vor handgreiflichen Thatsachen verschließt, ist vom demokratischen Standpunkt noch lächerlicher, als vom royalistischen. Wenn ihrer Zeit Nikolaus oder der Herzog von Modena das Julikönigtum als nicht existirend betrachteten, oder wenn das Faubourg St. Germain den Herzog von Bordeaux als König von Frankreich behandelte, so waren sie kaum so komisch, als die französischen Republikaner, welche von Napoleon III. mit es Uonsiöur sprechen, oder Deutsche, welche das Regiment Bismarck mit Ironie zu beseitigenMauben. Zwischen der Wegleugnung des Geschehenden und der Lakaienphilosophie, die alles Geschehende vernünftig und ehrwürdig findet, liegt ein ganzer Weltraum. Wie sehr übrigens die Demokratie selbst sich auf den Standpunkt stellt, dem Reich der unumstößlichen Wirklichkeit sein Recht einzuräumen, das geht unter Anderm daraus hervor, daß sie die Erwartung einer politischen Amnestie ausspricht. Welchen vernünftigen Gedanken kann sie dabei der Regierung unterlegen, wenn nicht die Voraussetzung, daß die Rückkehrenden die Entscheidung der Thatsache als maßgebend für den vorausgegangenen Kampf anerkennen und sich einverstanden erklären, auf dem Boden des neuen Gesetzes ihre Sache auszufechten? Wer die vollendete Thatsache nicht anerkennen will, muß konsequent, wie Viktor Hugo und Louis Blanc, verschmähen, von einer Amnestie Gebrauch zu machen. Wo liegt endlich das Problematische in der Nutzanwendung aus der vollendeten Thatsache, wenn es weder deren servile Vergötterung noch deren verblendete Ableugnung gilt? Das Problem liegt in der Würdigung der Prinzipien, welche den Gehalt der Thatsachen ausmachen, in der Scheidung dessen, was wir nicht umhin können aus diesem Gehalt uns anzueignen, und dessen, was wir, unbestochen von allem Erfolg, immerdar abzuweisen haben, als ewig Unzulässiges und Verwerfliches. Hier treffen wir vor Allem auf den Götzendienst, der jetzt wieder mit dem Krieg getrieben wird, als gäbe es kein höheres Handwerk, kein kostbareres Werkzeug. Daß Menschenglück und Menschenleben der einzige Staatszweck sei, der Krieg aber schnurstracks das Gegenteil, wird da im sinnverwirrenden Rausch blendender Schauspiele vergessen — eine Erziehungserbschaft der guten Zeit, da die Völkergeschichte nach Schlachten und Hoffesten rechnete. Der Mensch, sollte man glauben, sei nur etwas wert, wofem er im Soldatenrock auftritt und mit der Schärfe des Schwertes — 300 — dreinschlägt. Allenfalls wird die Sache noch in religiöse Aussprüche gehüllt, deren Konsequenz uns gradezu auf die Wiedereinsetzung der gerichtlichen Zweikämpfe und der Gottesurteile mit Wasser und Feuer zurückführen müßte. Daß eine Nation körperlich gesund und mannhaft sein müsse, um zum Vollgenuß und zur Sicherheit ihres Daseins zu gelangen, wird Niemand abstreiten. Je höher ein Volk in der Intelligenz gediehen ist, desto mehr würdigt es die Tugend physischer Ausbildung, das alte Griechenland wie das neue England. Die modernste Wissenschaft, die Nationalökonomie, und die modernste stoffergebene Philosophie lausen schließlich auch hinaus auf die Verbesserung der körperlichen Grundlage der Heersubstanz. Und wie der am einsichtvollsten verwaltete Staat auch die besterzogene und bestverpflegte Armee auf die Beine bringen muß, so werden auch die besterleuchteten Köpfe den bestgenährten Muskeln den Gegendienst erweisen. Es ist in keiner der offiziellen Ansprachen hevorgehoben worden, aber es wird ohne Hochverrat erlaubt sein, die Lesart von der göttlichen Hilfe aus der Religion in die Moral zu übersetzen und das Wunder des Erfolges zunächst in der Intelligenz zu suchen, welche in der Organisation und in der Zusammensetzung der Massen waltete. Die Demut nennt es Gotlesgnad', Die Mißgunst nennt es Hinterlad', Die Menschen nennen es Denken. Der zweite Trugschluß, vor dem wir uns zu bewahren haben, ist der von der Unvermeidlichkeit dieses bestimmten Krieges. Daß ein Krieg notwendig war, um Österreich unschädlich zu machen, ist gewiß. Aber wir lassen nicht daran rütteln, daß den Bevölkerungen aller rein deutschen Länder gegenüber ein treues Handreichen genügt hätte, wenn Preußen seither ein Staat gewesen wäre, in welchem die öffentliche Meinung geachtet und getreu nach dem bestehenden Rechte — 301 — regiert worden war. Man wirft uns ein, der leitende Gedanke habe mit Elementen zu rechnen gehabt, welche noch eher fürs Blutvergießen, als für moralische Eroberungen zu gewinnen gewesen. Um so schlimmer, wenn dem so ist! Der Haß zwischen Süd- und Norddeutschen ist eine kable oouvsous. Er ist zunächst die Erfindung der Menschensorte, deren Nahrungszweig im Staate Haß und Zwietracht sind: Parteigänger, Überläufer, Zeloten aller Art. Ist doch der bösartige Wahnwitz so weit getrieben worden, daß der preußischen Regierung die Notwendigkeit vordemonstrirt wird, ihre Mainlinie mit einer dichten Reihe starker Grenzfestungen gegen die Einfälle der Türken oder Rothäute aus Baden, Württemberg und Bayern zu decken. Ein neuer Pfahlgraben soll quer durch Deutschland gehen als ewiger Pfahl in seinem Fleisch! Wenn im Felde Hohe und Niedere gleiche Lorbeeren geerntet haben, so hat im feindlichen Quartier vor Allen der Soldat die deutsche Ehre gerettet. Das Glorreichste, was die preußische Armee aus diesem Feldzuge heimbringt, ist das Zeugnis der gesitteten Aufführung, welches dem gemeinen Manne nachfolgt. Nichtsdestoweniger hat die Erfahrung abermals gelehrt, daß eine gute Kriegsverfassung über die ganze Ergebenheit ihrer Soldaten verfügt, unabhängig von deren An- und Einsicht. Darum ist es nur um so notwendiger, daß eine so zweischneidige Exekutive nicht mit ihrer Wurzel auf einem andern Boden stehe, als auf dem des Volkswillens. Die unvermeidliche Ergänzung der Jndemnitätsbill wäre ein energisches Gesetz über Ministerverantwortlichkeit und ferner eine authentische Auslegung zur Entkräftung des bekannten vom Obertribuual ergangenen Urteils. Dagegen ist notwendiger Weise aus dem unwiderruflich Geschehenen vor Allem festzuhalten: der allseitige Anschluß an den preußischen Staat bis zur Verschmelzung inklusive. — 302 — Nach dem Erlebten gibt es nun hoffentlich keine monarchischen Föderalisten mehr, die da glauben, einen deutschen Bundeseinheitsstaat aus dreißig legitimen Fürsten und obersten Kriegsherren zu Einem Willen und Einer Aktion aufzubauen. Wer jetzt noch für ein selbständiges süddeutsches Staatensystem arbeiten will, der arbeitet für die Zurückführimg der Habsburger und des Dualismus in Deutschland. Das möge sich nicht blos der schwäbische Partikularismus, sondern vor Allem die preußische Regierungspolitik gesagt sein lassen. Ein selbständiges System süddeutscher Fürstentümer ist gleichbedeutend mit der Streichnng des ersten und Hauptartikels der Nikolsburger Präliminarien, der da lautet: Austritt Ästerreichs aus Deutschland. Darum reibe man sich nicht in Berlin die Hände bei dem Gedanken, Süddeutschland durch eine nordische Kontinentalsperre auszuhungern. Hier übrigens tritt die Aufgabe der preußischen Regierung zurück hinter die Aufgabe des deutschen Volkes. Hier gilt es, sich zu regen ohne Ende. Wenn auch in dem Friedensinstrument die viel- gefürchtete Mainlinie steht, so ist doch der Fluch dieses Gedankens entkräftet durch das Hinausdrängen Östreichs. Ein Unglück war die Mainlinie nur, wenn sie die Grenze ward zwischen Preußen und Östreich. Ein Unglück würde sie wieder, wenn mittelst Herstellung eines scheinbar selbständigen dynastischen Süddeutschlands Habsburg Zeit und Wege fände, bis an den Main zurückzukommen. Die Furcht, daß Deutschland in Preußen untergehen könne, wenn Preußen Deutschland erobert, ist einer großen Nation mit tausendjähriger Kultur unwürdig. Wenn Preußen uns fängt, so mag es rufen, wie jener Soldat von der Reichsarmee: „Ich habe einen Gefangenen, er läßt mich aber nicht los." Wird auch Frankfurt preußisch, so wird es doch nicht künstig heißen, der Faust sei die größte preußische Dichtung, — 303 — so wenig es neuerer Zeit geheißen hat. der Mann von Eisleben und Wittenberg habe die Bibel ins Preußische übersetzt. II. Äer Scheideweg. Zürnende Stimmen, warnende und klagende Stimmen, Scheidebriefe von alten Freunden und Schmähbriefe von unbekannter Hand, das ist jetzt für unser Einen das tägliche Brot. Wer deß nicht achten wollte, um den stände es immerhin bedenklich. O, sie verstehen es ganz gut, wie man's anzufassen hat, um Einen stutzig zu machen. Jene, welche uns zurufen: „Bravo, Ihr praktischen Menschen, wohl bekomme eurem ungeduldigen Appetit die Fütterung mit rohen Thatsachen; wir armen Leute vom Grundsatz, wir hungern lieber noch eine Weile; ha, ha. es ist schon gut, Ihr seid gescheit und wir sind dumm. Prost die Mahlzeit, Ihr klugen Herren!" Solche freundschaftliche Mephlstophelik kann ihre Wirkung nicht verfehlen und verdient, daß man nochmals stillstehe und sich des Weges umschaue, bevor man weiter geht. Es ist ja gewißlich wahr: mit der Einbildung, besonders praktisch und überlegenerweije mäßig zu sein, beginnt gemeiniglich im Menschen der erste Anfang zur Reaktion; und wer fände nicht in seinen eigenen Papieren das Konzept zu den Abtrünnigkeitsvorwürfen, die jetzt auf ihn herunter hageln? Von Herrn Düpin an, der mit dem Motto: „je sörs lg, Kranes«, aus der Monarchie zur Republik und aus der Republik zum Kaisertum hinübertrollte, bis zu Herrn v. Vincke und seiner Kniggeschen Kunst, mit Gesetzen nmzu- — 304 — gehen, fehlt es nicht an abschreckenden Exempeln. Nicht doch! nicht doch! so ist es nicht gemeint; und wenn die guten Freunde nur ein Scherflein jener Gerechtigkeit, so sie für die Leitung der Welthändel in Anspruch nehmen, für unsern Gedankengang übrig hätten, so würden sie uns nicht unbarmherzig in den Pfuhl der praktischen Verlorenheit hinabstoßen. Noch wissen wir so gut wie sie, daß die bescheiden thuende Entsagung, welche da spricht: „man muß die Menschen nehmen, wie sie sind; schlechte Welt, schlechte Zustände", daß die nichts ist. als seichte, satte Frivolität, und daß der letzte Vers ihrer demütigen Bibelweisheit lautet: „Nrmäus voll- äsoipi". Noch wissen wir. daß es kein Heil gibt ohne Wissen, kein Wissen ohne Gesetz; und mehr als je sind wir überzeugt, daß es sich nicht um prinzipielle Verleugnung irgend eines heiligen Glaubensartikels handelt. Von thatsächlicher Aufopferung freiheitlicher Güter kann ja nicht die Rede sein, da wir deren leider keine zu verlieren hatten. War schon vor dem letzten Umschwung der Dinge es so schwer, sich zu verständigen, wer dürfte jetzt sich beklagen, in der vielfachen Stimmen Gewirr nicht mit Geduld vernommen zu werden? Es gehört nun einmal zur Oekonomie der Natur, daß ein guter KämPe ein unbarmherziger sei, und wer nicht will mißverstanden werden, der thut besser, er bleibt daheim... Aber darum sei wenigstens einem Jeden vergönnt, mit gleichen Waffen, an seiner Ehre ungekränkt, für seinen gnten Glauben zu fechten. Wer jedoch wäre strenger verpflichtet, durch billiges Anhören werkthätige Gedankenfreiheit zu üben, als die, welche der brutalen Gewalt noch eben den lautesten Fluch nachschleudern? Verlassen wir auf einen Augenblick den Kampfplatz der heimischen Erde und versuchen wir, ob die unbefangene Betrachtung eines fremden Streits uns nicht Gelegenheit gibt, eine nützliche Rückanwendung zu machen. Es besteht nun einmal eine so aufdringliche Ähnlichkeit zwischen dem Gang — 305 — der italischen Dinge und dem der unsrigen, daß kein Stolz sich dieser Wahrnehmung entziehen kann. Vielleicht finden sich diesseits wie jenseits der Alpen noch Unerschütterliche, welche behaupten: die Befreiung des Landes von den Österreichern und Bourbonen sei ein Unglück, wenn auch nur deshalb, weil sie durch die französischen Bajonette vollbracht worden, und besser wäre der Halbinsel, sie stünde noch heute unter Bomba, Maximilian und Antonelli, geduldig harrend auf eine regelrechte Revolution, als daß es so gekommen sei, wie es gekommen ist. Es gibt Mazzinisten vom reinsten Wasser, welche so urteilen, obwohl vielleicht Mazzini selbst nicht so weit geht. Aber unter den freisinnigen Deutschen ist, so fern es die Beurteilung der italischen Dinge gilt, dieser äußerste Formalismus ohne Zweifel ganz gering vertreten. Nun haben wir oft Piemont um seinen Cavour und Victor Emanuel beneidet und es glücklich gepriesen, daß es im Namen der italischen Nationalität und Freiheit unternehmen konnte, was anderwärts unter Anrufung ganz anderer Güter bereitet worden ist. Aber wer von uns möchte um den Preis französischer Beihilfe mit Jenen tauschen? Und wenn es für Italien noch immer ein Gewinn war, im Namen der Freiheit durch den Selbstherrscher der Franzosen zur Einheit gekommen zu sein, wäre der Gewinn für Deutschland nicht größer, im Namen von was es immer sei, durch eine deutsche Heeresmacht, geführt zur Not sogar von einem unumschränkten König, zur Einheit zu gelangen? Doch nehmen wir die Sache noch näher und faßlicher ins Auge. Eben jetzt, in diesem Moment, existirt in Italien eine Partei der Unerbittlichen, welche nicht ihre Einwilligung dazu geben mag. daß Venetien auf eine andere Manier von Österreich befreit und mit Italien vereinigt werde, als nach ihrem Rezept der orthodoxen Revolution. Sie schlagen vor, man solle Venetien nicht annehmen, sondern mit Österreich und Frankreich zugleich Krieg führen, bis daß Florenz oder viel- Ludwig B-mberger'S Ges. Schriften. III. 20 — 306 — mehr Rom allein. Dank seinen eigenen Siegen, jenen die Gesetze diktieren könne. Wären wir nun im Irrtum, anzu- nehmen, daß dies Gebühren, welches keine Narrheit ist, allein einer Narrheit bedenklich ähnelt, von den wenigsten unserer deutschen orthodoxen Freunde gut geheißen wird? Und doch ist die Analogie vollkommen. Es stände schöner um die Gegenwart und sorgenfreier um die Zukunft, wenn Cialdini bei Custozza und Persano bei Lissa die Schlachten der italischen Großjährigkeit geschlagen hätten; aber würden darum unsere grimmigsten Preußenfeinde dem Parlament von Florenz raten, mit dem Schicksal schmollend, Venetien wieder an den Erzherzog zurückzuweisen? So und nicht anders liegen die Sachen in Deutschland ebenfalls, nur daß in eigenen Angelegenheiten das Urteil sich verwirrt durch die unmittelbare Nähe der Empfindung. Während es uns schier komisch dünken wollte, daß nach ihren Niederlagen zu Wasser und zu Lande die Italiener ob der Schändlichkeit der Vorenthaltung Tirols Zeter schrieen, riefen sie uns über die Alpen herüber zu: sie begriffen nicht, wie wir für den großen Dienst der preußischen Leistung blind sein könnten. Und so wird es immer sein in der Welt. Es lohnt wohl einmal der Mühe zu untersuchen, wer am Ende der Freiheit treuer ergeben sei: die Demokratie, welche jetzt in Sack- und Asche geht, oder die, welche des Glaubens lebt, daß das Geschehene zu gedeihlicher Wendung führen könne? Es lohnt wohl der Mühe zu fragen, ob die, welche einen Erfolg gewahren, auch da, wo er gegen ihren Rat und gegen ihr Ansehen durchgegangen ist, nicht freier und selbstloser einer guten Sache zugethan sind, als die, welche selbst triumphiren müssen, um sich zu freuen? Es lohnt wohl der Mühe zu fragen, ob der Glaube lebendiger und mächtiger sei in denen, welche sich nicht trösten können, weil die Garde siegestrunken in Berlin einzieht, oder in denen, welche auf eine Entwicklung bauen, die im Laus der — 307 — zehn letzten Jahre vier der finstersten Mächte unrettbar in den Abgrund gestürzt hat: den Kaiser Nikolaus, das Haus Habsburg, die weltliche Macht des Papstes und die amerikanische Sklaverei? Es lohnte wohl der Mühe zu fragen, ob diejenigen gemeint sein können, einer mechanischen Einheit die bürgerliche Freiheit leichten Herzens hinzuopfern, welche überhaupt einen Ausweg aus dem täglich wüster wuchernden, markverzehrenden System des bewaffneten Friedens nirgends sonst sehen, als in dem schließlichen Triumph jener Verfassungsform, welche eben Europa die Lehre gegeben hat, daß ein Freistaat aus einem blutigen Kampf um die Existenz hervorgehen kann, ohne in die Hand eines kühnen Soldaten zu fallen? Ist es so sündhaft zu glauben, daß Europa entweder unaufhaltsam rückwärts oder vorangehen muß zu diesem letzten unvermeidlichen Schluß aus allen Voraussetzungen menschlicher Würde nnd menschlicher Freiheit? Und das vorausgesetzt, ist es sündhaft zu glauben, daß Europa diesen großen Kampf nicht wird ausfechten können, bevor Deutschland im Stande sei, die ganze Kraft seines Armes und seines Geistes in die Wagschale zu werfen? Und das vorausgesetzt, ist es so sündhaft zu glauben, daß, um in diesen Kampf einzutreten, die deutsche Nation die Einheit ihres Willens und ihrer Bewegung als unentbehrliche Vorbedingung gefunden haben müsse? auf daß sie nicht mehr in die erbärmliche Lage komme, sich zu fragen, ob das gute Recht auf Seiten des Großherzogs von Mecklenburg oder des Großherzogs von Darmstadt sei, und daß sie nicht mehr in die abgeschmackte Notwendigkeit gerate, gegen angreifende Gewalt für den gesetzlichen staws hno und damit für Kur- hessen und Nassau, für ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer zu fechten? Das und vieles Andere wäre zu fragen, und vielleicht wäre noch mehr zu antworten, als irgend ein Narr fragen kann. Aber man würde uns einwerfen, mit solchen großen 20* — 308 — Rosinen auf dem unerreichbaren Boden unserer Tasche sei kein Hund vom Ofen wegzulocken; und stände auch dieser Einwurf nicht entgegen, der Umfang eines Zeitungsartikels und der Umfang der Preßfreiheit würden nicht erlauben, näher auf diese Dinge einzugehen. Dennoch sind sie kaum entbehrlich für die richtige Würdigung der guten oder bösen Prinzipien, die in Jeglichem von uns arbeiten und ihn je nach dieser Seite treiben oder nach jener. Wie sie hier im gröbsten Umriß stehen, haben sie einzig den Zweck, gegen den Vorwurf der Abtrünnigkeit, des Wankelmuths, der Zugänglichkeit für grobes Blendwerk feierlichen Protest niederzulegen. Der Zukunft liegt es ob, uns zu rechtfertigen, der Zukunft, die wir nicht sehen werden, und die von uns noch viel weniger wissen wird, als von den Tausenden, die namenlos modern unter den Grabhügeln von Sadowa. Aber fernab, wie wir stehen von diesen letzten Zielen, ist dennoch in allen Fragen der Gegenwart die Scheidelinie angedeutet, welche im Laufe der Entwicklung zu einer tiefen Spaltung auszuwachsen bestimmt ist. Ein Freund und Gegner hat es bei einem früheren Anlaß ganz richtig herausgefühlt, wenn er sagte, daß die Grundverschiedenheit zwischen den deutschen Föderalisten und den Eiferern des Einheitsstaats eng verwandt sei mit dem geschichtlichen Zwiespalt zwischen der Gironde und der Bergpartei. Das letzte Wort dieser Meinungsverschiedenheit geht eben darauf hinaus, festzustellen, ob der Staat ein notwendiges Übel sei oder eine organische Lebensform? ob, so wie zuweilen von geplagten Hausfrauen zu hören ist, es ein Elend sei, daß man Mägde halten müsse, weil das Vorurteil nicht erlaube, selbst die Böden zu scheuern und Stiefel zu wichsen, und so auch der Gedanke ein Recht habe, es sei ein Jammer, daß man eine Verfassung, ein Gesetz, eine Tribüne und eine Wahlversammlung nicht entbehren könne, und in einer bessern Welt müsse ein jeglicher Mensch sein eigener Staat sein? Ob wir so niedrig angelegt sind, daß unsere besten Kräfte zu leidigen Thätigkeiten verwendet werden müssen, oder ob wir so glücklich sind, in die Lösung der schwierigsten Aufgaben auch die Blütenentfaltung des Daseins legen zu können? Kein philosophisches Turnier wird diese Frage entscheiden. Der Gang der Weltgeschichte allein wird sie beantworten. Der Reihe nach sind Altertum und Christentum, lateinische und germanische Nassen, die Parteien der großen französischen Staatsumwälzung und die Vorkämpfer sozialistischer Lehren in die Schranken eingetreten. Wer wollte sich vermessen, den Ausgang voraus zu verkünden? Einstweilen aber gibt es noch Arbeit vollauf, um das unbestreitbar Gute und das gemeinsam Unentbehrliche aus beiden Lebensanschauungen zu Ehren zu bringen. Seid Ihr nicht für die Einheit in unserem Sinne, so sind wir doch im entferntesten nicht gegen die Freiheit in Eurem Sinne. Hätten die Ereignisse eine deutsche Föderativrepublik gebracht, wir hätten sie herzlich willkommen geheißen und schwerlich verlangt, daß Ihr den Führer der preußischen Politik zum Präsidenten machtet. Nimmermehr glanben wir, daß sie jetzt in München nnd Stuttgart Fuß fassen und von da über den Main hinauf- rückeu werde. Daß Etwelche mit einer Frontenwendung auf dem Schlachtfeld aus deutschen Vaterlands begeisterten schweizer Hinterländer zu werden verlangen, das haben wir wohl manchmal sagen hören, Halten's aber für Anfälle tollen Humors. Und also denn, da Ihr uns dermalen thatsächlich gar nichts Besseres zu bieten habt, so lasset dem Anfang der Einheit, wie schlecht Ihr ihn immer haltet, seinen Spielraum und gönnt ihn: den Versuch, sich einen Platz an der Sonne zu verdienen. Sagt Ihr, der Norden werde nicht sein Juukertum überwinden, so fragen wir: Hat denn bis jetzt der Süden sein Perrücken-Despotentum überwunden? Der preußische Verfaffungskampf ist achtzehn Jahre jünger — 310 — als der süddeutsche; er hat es bei viel stärkeren Gegnern und größeren natürlichen Schwierigkeiten immerhin noch etwas weiter gebracht, als die süddeutschen Verfassungskämpfe. Wo die an harte Fürstenköpfe stießen, da gingen sie spurlos unter, und ihre Siege, da wo gutmütige Laune sie gewähren ließ, hatten keinen stofflichen Wert. Vom Freiheitsabschwören ist nirgends die Rede, noch weniger vom Hosiannasingen zum Gott der Heerschaaren; die preußischen Volksvertreter haben nur gethan, was sie nicht lassen konnten, und die Notwendigkeit, der sie gehorchten, war nicht ihr Werk, sondern das Werk des ganzen Volkes. Wie wir das verstehen, das soll ein folgendes Kapitel erklären. III. Die Preußische Gammer. Die Klagen der Volkspartei über die preußische Kammer stammen nicht von heute und nicht von gestern. Man hat ihr Mangel an Kühnheit und Entschiedenheit vorgeworfen And dafür gehalten, sie hätte dem Geschick der Nation eine bessere Wendung geben können. Nennen wir gleich das Kind beim Namen: das letzte Wort der Mißbilligung lautete, die Kammer hätte aus der passiven Verneinung zur aktiven Steuerverweigenmg schreiten sollen. In der That wäre dies die einzige Manier gewesen, den Konflikt aus der theoretischen Sackgasse auf den Weg der Praxis zu bringen. Wenn man nun zur Not behaupten könnte, daß eine Volksvertretung nicht blos auf der Höhe der Volksgesinnung stehen, sondern als ein treibendes Element ein Mehreres von Rührigkeit — 311 und Energie im Leibe haben und das hinter ihr etwa zurückstehende Land in die Lage setzen müsse, ihr zu folgen, so bliebe das unter allen Umständen eine Auffassung von höchst bestreitbarer Giltigkeit. Daß sie sich aber im vorliegenden Falle nicht bewährt haben würde, darüber haben die jüngsten Ereignisse nicht den leisesten Zweifel übrig gelassen. Der Krieg ist gegen die Meinung der Kammern, wie gegen die Meinung des Volks durchgesetzt worden. Die Regierung hat dem Volk befohlen, in den Krieg zu ziehen, und das Volk, eben noch unwillig, teilweise bitter grollend, hat dem Befehle der Regiemng gehorcht. Wenn die Kammer aufgefordert hätte, die Steuern zu verweigern, und die Regiemng hätte befohlen, die Steuern zu zahlen, was hätte das Volk gethan? Es ist hier ebensowenig der Ort, über die Rechtsfrage an und für sich eine Stimme abzugeben, als Vermutungen darüber anzustellen, was im Punkte des Rechts die Überzeugung der Kammermajorität gewesen sein mag. Es handelt sich blos darum, im Namen der historischen Kritik derjenigen Auffassung zu antworten, welche die Kammer für gesetzlich berechtigt und politisch verpflichtet erklärte, über die Verwerfung des Budgets hinaus zu einer Aufforderung an das Volk zu schreiten. Allen Einsichtigen muß es nach der Erfahrung dieses Krieges klar sein, daß die Kammer, indem sie das unterließ, die größte Niederlage vermied, welche eine Volksvertretung erleiden kann: die gräuliche Situation nämlich, sich über den Grad des thätigen Einverständnisses mit ihren Wählern getäuscht und sich ins Feld vorangewagt zu haben, um von ihren Truppen im Stich gelassen zu werden. Es war keine angenehme und keine leichte Aufgabe, von oben und von unten gescholten und provozirt, auszuhalten wie ein Regiment im Felde, Gewehr bei Fuß, von allen Seiten beschossen und nicht in der Lage, das Feuer zu erwidern. Die Kammer hat damit das Einzige gethan, was sie in so unglücklicher Stellung thun konnte, sie hat ihre Position öe- — 312 — hauptet, sie hat die Rcchtskontinuität bewahrt zwischen dem Zeitabschnitt vor und dem Zeitabschnitt nach dem Krieg. Sie hat vielleicht der Regierung einen Dienst geleistet, indem sie ihr die Notwendigkeit ersparte, mit handgreiflicher Gewaltsamkeit nach innen aufzutreten; aber sie hat dem Volke, dem Recht und der Verfassung, dem ganzen Deutschland einen größeren Dienst geleistet, indem sie die Notwendigkeit abwandte, eine siegreiche Contrerevolution mit allen ihren Schrecken und allen Folgen unabsehbarer Oktroyirungen und Mißhandlungen zu erleben. Wenn die preußische Kammer dem Ministerium eine Indemnität votirt hat, so ist es noch mehr an der Zeit, daß das deutsche Volk der preußischen Kammer eine Indemnität votire. Was die Indemnität, welche die Kammer dem Ministerium bewilligt hat, im Sinne der freisinnigen Mehiheit bedeute, darüber ist jeder Unbefangene wohl im Klaren. Sie bedeutet weder eine Abschwörung der Vergangenheit, noch ein Vertrauen in die Zukunft. Sie bedeutet am allerwenigsten, daß die Kammer wünschte, bisher anders gedacht und gehandelt zu haben, als sie gedacht und gehandelt hat. Mögen Andere es als die höchste Aufgabe politischer Weisheit empfinden, zu möglichst früher Zeit zu wittern, wohin der Wind den Cäsar und sein Glück tragen werde: der Trost, die Rettung, der Anhaltspunkt der freisinnigen Partei in Preußen liegt eben darin, daß sie sich bis zum letzten Augenblick den Dingen widersetzt hat, welche über Deutschland gekommen sind, und daß sie dem Cato nicht das Recht zu dem Vorwurf gibt, ihr habe die siegreiche Sache gefallen. Sie ist besiegt worden, sie erkennt sich als thatsächlich von Ereignissen überwunden, die kein menschlicher Wille und kein menschlicher Protest mehr rückgängig machen kann. Uns will bedünken, die Arbeit ist jetzt zweierlei, südlich und nördlich des Mains. Im norddeutschen Bunde hat — — 313 — mit welchen Nöten immer — das Recht der Freiheit seinen schweren Kampf zu kämpfen; im übrigen Deutschland hat das Recht der Einheit — und ein Recht ist es, dem anderen vollauf ebenbürtig, — seine Sache durchzusetzen. Wer da meint, es könne gelingen, in Bayern, Württemberg und Baden einen grünen Garten der Freiheit anzulegen, während das Land nördlich vom Main unter einer Decke von Schnee und Eis erstarren werde, dem haben wir allerdings nichts zu sagen; und wer sich von der positiven Unausführbarkeit solcher Hirngespinste Rechenschaft gibt und versichert, es sei dennoch nichts zu thun, als seinen Grundsätzen gemäß zu protestieren und zu hoffen, dem lassen wir ohne Neid sein otwra ourll äi^uiww. Möge er, sich Ehrenkränze flechtend, weiter singen: „Hoffnung, du sollst uns im Leben liebend und tröstend umgeben!" Nicht Jedem ist es erlaubt, sich zur reinen Priesterschaft geweiht zu halten und die Arbeit zu verschmähen, weil sie der Erniedrigung und Herabsetzung nicht entgeht. Arbeit gibt es dermalen die Hülle und Fülle, und wer in sich Kraft, Lust und Überzeugung fühlt, den treibt es um so mehr dazu, je größer und undankbarer zunächst die Aufgabe ist. Kein Preis winkt unserer Mühe, kein Paria« mentssitz ladet uns zur Ruhe ein. Heimatsverlustig zu Hause, nie in der Versuchung gewesen, heimisch zu werden in der Fremde, deutsche Bürger iu pgMous WlläLlwro und korre- spondirende Ehrenmitglieder mehrerer vaterländischer Zuchthäuser, dem Süden zustimmend durch die Empfindung, dem Norden durch die Besinnung, so treten wir die Wanderschaft an, um das übel gelittene Wort der Einigung zu predigen. Und wenn wir Johann Jacoby begegnen, so wird er uns die Hand nicht weigern, trotz allen Groß-Jnquisitoren des Reichs! Wie aber, wenn festgestellt werden soll, daß vorzugsweise der preußischen Volksvertretung die Pflicht auferlegt sei, am Recht der Freiheit festzuhalten, wie ist damit die Jndemnitätserklärung zusammenzureimen? Diese ist es ja, ? — 314 — welche die Rechtsverletzung zu sühnen, die Minister schuldfrei zu sprechen übernommen hat. — Hat sie das? Wenn man nicht behaupten will, die Kammer könne Geschehenes ungeschehen machen, und wenn nachzuweisen ist, daß es auch nicht in der Macht der Kammer gewesen, das zu verhindern, was geschehen ist, so blieb ihr eben nichts zu thun, als ihr Recht auf dem Wege theoretischer Anerkennung zu retten; und das hat die Indemnität in den Grenzen der Möglichkeit bezweckt. Die Indemnität ist kein Geschenk des Hauses an die Regierung, sie ist ein Geschenk der Regierung an das Haus. Je bescheidener wir hierbei die Machtstellung des Hauses annehmen, desto mehr genügen wir ja den Voraussetzungen seiner Verächter, ohne dadurch etwas für unsere Auslegung zu verlieren, denn der Geschenkgeber kann nicht der Freigesprochene sein, der Geschenknehmer nicht der Freisprecher. Was der Ministerpräsident in Übereinstimmung mit der mißbilligenden Demokratie an den preußischen Zuständen konstatirt, die thatsächliche Übermacht der Regierung über die Legislatur, das eben liefert uns auch den richtigen Maßstab für die Bedeutung der Indemnität. Dieser Akt war nicht das Beste, was die Regierung der Kammer bieten konnte, aber es war faktisch das Beste, was sie ihr bieten mochte und geboten hat. Und nun wirft man dieser vor, daß sie dies Beste annahm! Warum dieser Vorwurf? Gab es durch Feindseligkeit etwas Besseres zu gewinnen, als was die Regierung einzuräumen sich herbeiließ? Darauf haben wir eben geantwortet. Man kann beispielsweise sagen: Wenn Ludwig Philipp den Prinzen Napoleon hätte nach der Landung von Boulogne füsilieren lassen, so würde heute Frankreich in einer andern Lage sein. Aber man kann nicht sagen, daß nach langjährigen, über das ganze Land hin unter höchster Anspannung der öffentlichen Meinung geführten Kämpfen, beliebige Motionen und Abstimmungen eine andere Machtstellung zwischen dem Volk und der Regierung herbei- — 31S — geführt haben würden, als welche die letzten Ereignisse vorfanden. Wenn eine der Regierung überlegene Kraft im Volke gewesen wäre, so hätte sie in so langer Zeit und bei so heftiger Aufforderung sich Bahn brechen müssen. Und, wie es ebenfalls der Ministerpräsident konstatirt hat, war schon dies Machtverhältnis zn Gunsten der Obrigkeit vor dem Krieg, so lag es nach demselben zweifelsohne noch so viel günstiger. Mit feindseligem Vorgehen war also nunmehr keine thatsächliche Wiederherstellung des Rechtes zu erwirken. Es blieb dann nur noch die Wahl zwischen zwei Formen der Rechtsverwahrung, welche aber, die eine wie die andere, auf dem Boden der blos theoretischen Erklärung stehen bleiben mußten, welche beide nur Formen waren, beide nur die feierliche Anerkennung einer legalen und moralischen Wahrheit. Es gab die einseitige oder zweiseitige Anerkennung. Die einseitige, in welcher die Kammer für sich allein die Integrität ihrer verfassungsmäßigen Ansprüche aufrecht erhielt, — oder aber die zweiseitige, mittelst deren die Kammer, unter Mitwirkung der Regierung, also in der feierlichsten Form eines Vertrags, bei welchem beide streitenden Parteien konkurrieren, ihr unversehrbares Recht einregistrirte. Ist die vorausgegangene Auslegung richtig, so lohnt es nicht mehr der Mühe, weiter zu begründen, warum das Haus der zweiseitigen Prozedur den Vorzug gegeben hat, und warum man gezwungen ist, ihm einzuräumen, daß es unter den ob- schwebenden Verhältnissen das theoretisch vollkommenste Instrument zur Herstellung eines öffentlichen Rechtsstandes ergriffen hat, nachdem es durch seine verneinende Haltung vor dem Kriege und während des Krieges bis zur Indemnität die einzige haltbare Stellung zur Wahrung der Rechtskontinuität eingehalten hatte. Wenn die Indemnität an der angebornen Unvollkommen- heit der Oktroyirung leidet, so ist die Oktroyirung ein Erbübel, welches nicht blos allen preußischen, sondern allen — 316 — deutschen Verfassmigsrechten innewohnt. Die einzigen nicht oktroyirten, sondern durch Druck von unten eroberten Verfassungen datirten von Achtundvierzig und sind mit Neunundvierzig wieder verschwunden. Die ganze Verfassung namentlich, um deren Integrität es sich bei diesem Streit handelte, ist ein Objekt der Oktroyirung gewesen, und wenn die neuere Praxis überall den Standpunkt der protestirenden Wahlentsagung verlassen hat. wenn Wähler und Gewählte recht thaten, von der angebotenen Verfassung Gebrauch zu machen, so thaten sie doppelt recht, von der angebotenen Indemnität Gebrauch zu machen. Denn wenn oktroyirte Verfassungen Geschenke sind, so ist die Jndemnitätsforderuug eingestandener Maßen die Rückerstattung eines vorenthaltenen Objekts, wenn auch für den Moment eine freiwillige, und das ist unendlich mehr als ein Geschenk. Nicht wollen wir davon reden, daß ein praktisches, ein politisches Motiv mit unterlaufen dürfte. Das sind ja jetzt verpönte Begriffe bei jenen Reinen, denen Alles unrein ist. Ob es erlaubt, ob es notwendig, ob es nützlich war, einer Regierung, welche sagt: Wir haben vier Jahre ohne Rechtsstand unfruchtbar gewirtschaftet; vergönnt uns vor dem Lande den Versuch, mit einem Rechtsstaud fruchtbar zu wirtschaften, — ob es der Moment war, auf eine solche Zumutung mit Nein zu antworten, ob es richtig gewesen wäre, allen Schwachen und allen Listigen der Zukunft die Hinterthüre zu öffnen: „ja, wenn die Kammer auf das Anerbieten guten Einverständnisses gehört hätte!" — das Alles soll dahin gestellt bleiben. Wir haben stets der Meinung gehuldigt, daß nichts weniger zu einer guten Regierung gehöre, als die Voraussetzung des Vertrauens, und wir haben stets diejenige Verfassung für die beste gehalten, welche dem Volke das größte Mißtrauen als permanente Pflichtausübung auferlegt. Wir finden uns bei den obwaltenden Zuständen weniger als je — 317 — veranlaßt, von unserer Ansicht abzuweichen. Wir wollen daher zur Rettung der preußischen Majorität nichts aufführen, was irgend ein Vertrauenssystem in sie hinein interpretieren könnte. Nur das wollen wir beweisen: die Verwahrung der Kammer zu Gunsten von Recht und Freiheit ist so förmlich, wie die irgend einer äußersten Partei. Auch Bayern und Württemberg haben Frieden gemacht, nachdem sie mit den Waffen protestirt hatten. Die Kammer konnte nicht mit Kanonen-, sondern nur mit Stimmkugeln protestieren, ehe sie Frieden machte; und sie hat das Recht so lange gewahrt, daß es in der Form noch über die Thatsachen hinaus eine Brücke fand für den ehrenvollen Rückzug. — Diesseits des Krieges geschlagen, nimmt es jenseits des Krieges eine neue Aufstellung. Wir modifizieren, was wir im Eingang gesagt: Das deutsche Volk hat der preußischen Kammer keine Indemnität zu votieren, denn sie bedarf keiner Indemnität. IV. Frankreich. Leider ist es nun einmal nicht zu bestreiten, daß die öffentliche Meinung in Frankreich dem Gang der Dinge in Deutschland feindselig geworden ist, und daß eine Regierung, welche irgendwie kriegslustig wäre, von der allgemeinen Stimme mehr vorangetrieben als zurückgehalten würde. Heute braucht man ja für diese thatsächliche Bewandtnis den Beweis nicht mehr aufzubringen. Es liegt in dem diplomatischen Rundschreiben, welches nicht im geringsten zur Er- — 318 — leuchtung der fremden Höfe, sondern ganz handgreiflich zur Entschuldigung vor der eigenen Nation bestimmt ist. Die napoleonische Regierung begütigt das französische Volk, damit es ihr die friedliche Haltung nachsehe; sie bittet um Verzeihung, wenn sie nicht um der Rheingrenze willen einen europäischen Krieg entzündet habe! Ist das die Nation, welche dem Redner von Bordeaux so oft vorgeworfen, daß er sein kaiserliches Friedens-Programm nicht eingehalten habe? Ist das die Bürgerschaft, welche, halb aufgeklärt, halb ernüchtert durch den Industrie- und Finanz-Geist der Neuzeit, mit ihrer alten Herzhaftigkeit auch das Recht auf ihre alten Thorheiten verloren zu haben schien ? Wie ? Die liberale Presse verlangt nach Pulverdampf, und ein Bonaparte nötigt ihr humane Einsicht auf. In der That, es ist so. und es ist nicht das einzige beschämende Erlebnis dieser Tage. Die neuen Zustände haben in Frankreich ebenso merkwürdige Verschiebungen ans Licht gerufen, wie in Deutschland. Die Leute vom „Siecle", welche stets Waterloo im Mund und die Trikolore in der Faust führten, werben für Deutschland, und die Leute vom „Temps", welche sowohl allen nationalen Vorurteilen, wie dem Militarismus entgegenwirkten, welche englisches Selfgoverne- ment und deutsche Geistesfreiheit in Frankreich einzubürgern übernommen hatten, Hetzen jetzt mit der unermüdlichsten Erbitterung zum Angriff aus unsere Grenzen. Gänzlich erloschen war allerdings die geheime Lust nach der Rheingrenze niemals in der Nation. Zwei erbliche Gebrechen, die geographische Unklarheit und die leichtfertige Selbstgenügsamkeit, unterhielten im Stillen den Glauben, daß die Deutschen am Rhein doch noch so eine Art Franzosen (zweiter Klasse) seien und sich auch glücklich fühlen würden, wieder eindepartementiert zu werden. Man weiß, wie unsre Landsleute in jenen Grenzgebieten eine Zeit lang dazu beitrugen, diesen Wahn zu fördern. Allerhand — 319 — Pariser Gelehrsamkeit, welche auch heute wieder zu Markte kommt, beschaffte ethnographische Studien, aus denen ein ripuarisches, stark gallisch gefärbtes Frankenland im Rheinthal hergestellt ward. Theophile Lavall^e, der Professor der Geschichte an der polytechnischen Schule, war und ist der Hauptverkünder dieser Lehre. Henri Martin, ein durch Kenntnisse, Gesinnung und Charakter hochstehender, nach jeder Richtung hin sehr achtungswerter Gelehrter, doch nicht frei von einem gewissen nationalen Mystizismus, hat seit den jüngsten Ereignissen seine Stimme in einem ähnlichen Sinne vernehmen lassen, wenn auch nicht um zu annektiren, doch um einen selbständigen Rheinstaat zu befürworten, jenen Rheinstaat, für w.elchen alle unsere Gegner draußen und alle unsere Narren daheim schwärmen. Immerhin hatte sich seit den letzten zehn Jahren diese Denkweise schon bedeutend modifiziert. Die stets wiederkehrenden Kriege in der Krim, in Italien, in Mexiko hatten den Sinn für eine nüchterne friedliche Entscheidung um so mehr gefördert, als die Feldzüge gegen Rußland und Juarez sehr viel zu wünschen übrig gelassen. Das gesinnungslose Bürgertum wollte Ruhe und Sparsamkeit; alle Art von Opposition war von selbst darauf hingewiesen, nicht die Armee mit dem Kaisertum durch Ruhm und Einfluß zu verketten. Endlich, und das verdient ganz besondere Beachtung, war deutsche Bildung zu stets wachsendem Ansehen in Frankreich gelangt. In ruhigeren Zeiten wird es einmal der Mühe lohnen, die Geschichte der deutschen Bildung in Frankreich während der letzten zehn Jahre, mit Thatsachen belegt, zu schreiben. Neben der Aufzählung der deutschen Bücher, welche in diesem Zeitraume ins Französische übersetzt worden sind, und der noch unendlich viel größeren Zahl derjenigen, welche in der französischen Presse besprochen wurden, müßte man auch die Geschichte der französischen Schriftsteller geben, welche, Dank ihrer deutschen — 320 — Bildung, zu großem Einslutz gekommen sind, oder ihrerseits deutsche Bildung zu Ehren gebracht haben. In den letzten Jahren konnte man keine Revue aufschlagen, in der nicht deutsche Werke übersetzt oder ausgezogen oder rezensiert waren. Wir haben mit eigenen Ohren gehört, wie ein ausgezeichneter französischer Schriftsteller, durchaus kein ultranationaler, seine, allerdings sehr grundlose Besorgnis darüber aussprach, daß diese auf deutsche Kultur erpichte Richtung den heimischen Geist ganz um seine berechtigte Geltung bringen möchte. Es wurde Mode, deutsche Sprache den kleinen Kindern spielend beizubringen, ihnen deutsche Kindermädchen in verschiedener Abstufung von der simplen Bonne bis zur gelehrten Gouvernante zu halten. Unser Einer mußte Jahr ans Jahr ein Konsultationen über deu Dialekt der Bewerberinnen erteilen, wie ein Doktor über die Qualität der Ammen. Es ist deshalb doch nicht wahrscheinlich, daß die heute aufwachsende Generation mehr deutsch spreche« wird, als die erwachseue. Die Franzosen haben die — wohl in ihrer Art einzige — Eigentümlichkeit, daß sie, der Schule entlaufen, die fremden Sprachen, deren sie in der Kindheit mächtig gewesen, wieder total verlernen. Man hörte Goethe öfter zitieren, als Racine. Er wurde ein ganz populärer Mann (mehr als Schiller), und der ehemals einzig bekannte und geschätzte E. T. A. Hoffmann trat in den Hintergrund. Von deutscher Musik vollends lief alles über. Aus dem aristokratischen Konservatorium zogen Beethoven, Mozart und Genossen mit fliegenden Fahnen an den Eingang des volkstümlichen Fauburg St. Antoine, wo Pasdeloup mit seinen Sonntags-Konzerten den Arbeiterfamilien Bachsche Fugen statt des Roi Dagobert zum Besten gab, und man balgte sich um die Plätze. Endlich kommen jetzt noch die Genossenschaften nach deutschem Vorbild zum Durchbruch, wo- bei man die Vaterschaft von Schulze-Delitzsch anruft. Ernst Renan popularisirt deutsche Philologie und Kritik, und Michelet — 321 — erwirbt sich in seinem Buch über Ludwig XIV. und XV. das doppelte Verdienst, den nationalen Götzen zu zertrümmern, um Friedrich dem Großen eine Apologie zu schreiben, dergleichen unter allen deutschen Verherrlichungen nicht zu finden ist. Doch wir lassen nns von der Fülle nnd von der Anziehungskraft des Stoffes zu lange festhalten und eilen, zu unserer Ausgabe zurückzukommen. Es ist augenfällig, daß unter so bewandten Dingen die Rheingelüste bedeutend nachgelassen haben mußten, und daß vollends von Feindseligkeiten gegen Deutschland in den gebildeten Kreisen nicht die Rede sein konnte. Zwar fand der Krieg gegen Dänemark allgemeine Mißbilligung, doch meist aus Beweggründen, welche mit den nationalen Vorurteilen nichts gemein hatten. Man betrachtete die Sache als Gewaltmißbrauch des Starken gegen den Schwachen, und es war sehr verzeihlich, wenn die Franzosen nicht verstanden, wie eine zn Hause in Fetzen zerrissene Nation im Namen ihrer unteilbaren Einheit den Nachbar heimsuchen mochte. Dazu galt Dänemark für ein im Innern freies Land; Preußen und Österreich galten für Musterstaaten des Gegenteils. Die Konflikte zwischen der Kammer und der Regierung in Preußen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, und natürlich war alle Welt eifrig auf Seiten der Volksvertretung. Unter solchen Umständen trat die deutsche Krisis an die öffentliche Meinung in Frankreich heran. Es ergab sich in der Parteinahme ein eigentümliches Resultat. Die Presse nämlich vertrat durchaus nicht die Ansicht der breiten Masse, und diejenigen Organe, weiche sich mit der Masse zusammenfanden, waren solche, von welchen es ihrer besonderen Natur nach am wenigsten zu erwarten gestanden hätte. Die große Menge war für Österreich, die bedeutende Majorität der Blätter für Preußen. Von letzteren natürlich alles, was zur Regierung nähere oder fernere Beziehungen unterhält, Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. HI. 21 — 322 — sodann alle eifrigen Verbündeten Italiens. Diejenigen, die nicht von selbst diese Pflicht erkannt hatten, wurden von jenseits der Alpen so gewaltig mit Vorstellungen und Liebkosungen behandelt, daß sie sich nicht erwehren konnten. Die Italiener wußten, wo Barthel den Most holt, und sie warben mit Kreuz und Schwert für Bismarck. Endlich muß man annehmen, daß das Berliner Preßbureau, dem zu Hause so wenige Blätter widerstanden haben, auch seinen Weg über den Rhein gesunden und daß die Sache Preußens dieser Anstrengung einige sehr notable Anwälte verdankte. „Das Weit're verschweig' ich, doch weiß es die Welt." — In der gebildeten Gesellschaft begegnete man selten einem Mann von selbständiger Denkweise, der nicht für Preußen gewesen wäre. Dieweil die oberflächliche Mehrzahl, sich einfach ihrem Anstands- und Rechtsgefühl hingebend, in Preußen abstrakterweise den Rechts- und Friedensbrecher verdammte, erklärten feinere Köpfe, ebenfalls aus Abstraktion, sich für Preußen, als das aufgeklärte und fortschrittliche, gegen Österreich, das finstere und fluchbeladene. Für den eigentlichen Kernpunkt der Sache, für den angebahnten Weg der Vereinigung durch die unvermeidliche Zerstörung der Territoritalherrschaften, dafür hatten weder die einen noch die anderen das richtige Verständnis, und das machte hernach denen die Sache so leicht, welche gegen Preußen Hetzen wollten. Sie brauchten nur zu zeigen, und das war sehr einfach, daß die preußischen Regierungen seit fünfzig Jahren in Deutschland nichts weniger dargestellt hatten als das Prinzip der Freiheit. Sie brauchten nur das Arsenal der unparteiischen Geschichte zu öffnen, um den Anhängern Bismarcks entgegenzurufen: „Ihr vermeint mit Preußen gegen Österreich für Aufklärung, für protestantische Denkfreiheit, für verbessertes Schulwesen, für die berühmten unabhängigen Richter in Berlin, für selbständige Gemeinden zu kämpfen, — da seht Euch einmal an, was die lebendige — 323 — Wahrheit von diesem Regiment des Fortschritts und der Bildung erzählt und vergleicht damit Eure Vorstellung!" — Des beklagenswerten Schnitzers, der nun zu guterletzt noch in Frankfurt gemacht wurde, wollen wir gar nicht einmal besonders gedenken. Da kam mehr als ein Freund Preußens in Frankreich zu Falle, und das berüchtigte Wort Talley- rands bei der Erschießung des Herzogs von Enghien schwebte auf allen Lippen. Ehe wir weiter gehen und beschreiben, wie auf all das die allerneueste Wendung der Dinge gekommen ist, gebietet uns die Pflicht, bei den eben beschriebenen eigentümlichen Meinungsschattierungen einen Augenblick stehen zu bleiben. Denn sie sind, wenn überhaupt für Machthaber und Siegestrunkene etwas zu lernen ist, sehr beherzigenswert. Wir haben uns mit aufrichtiger Vermeidung aller künstlichen Argumentation ganz objektiv au die Schilderung der Vorgänge gehalten, die wir in nächster Nähe erlebt und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgt haben, und die Lehre, welche sich unabweisbar aufdrängt, ist diese: Nicht nur in Deutschland, sondern noch viel mehr in Frankreich ist die Sache und die Partei des Freisinns die einzige natürliche und nützliche Verbündete Preußeus. Wenn das Berliner Kabinet Kundschafter hat, welche ihm ebenso genau und gewissenhaft über die Disposition der Geister in Frankreich Rapport erstatten, wie sie es über die Dispositionen und Anstalten der Sachsen und Österreicher gethan haben, so kann ihm die Wahrnehmung nicht entgehen, daß die öffentliche Meinung in Frankreich sich nur mit ihm versöhnen wird, wenn es Gesetz und Recht in Ehren hält. Oder wollte man behaupten, es sei gleichgiltig für uns, mit welchen Empfinduugen diese benachbarte Nation auf Deutschland hiuschaut? Wollen wir uns darauf verlassen, daß ein Kaisertum, dem so viele angestammte und nenerwachsene Rücksichten einen Rheinkrieg empfehlen, allzeit Ursache haben 21* — 324 — wird, den ermunternden Zuruf der Nation zurückzuweisen? Wenn nicht, so haben wir auf das zu achten, was man in Frankreich von uns denkt, und dies umsomehr, als daraus dieselbe Politik ersprießen muß, welche den deutschen Süden und überhaupt alles, was Lebenskraft hat, mit Preußen allein versöhnen kann. Nicht die Nachteulen, welche fromme Lieder plärren, sind seine Verbündeten; diese möchten zwar, daß es mit Frankreich zum Kriege käme, und sie würden sich hinter den Fronten die Hände reichen mit ihren Gesinnungsgenossen von der bonrbonischen und pfäffischen Partei. Wenn die beiden Kulturvölker in offene Fehde geraten, dann ist Hoffnung, daß die Herren und Damen, welche einst dem König Franz von INeapel einen Ehrenschild geschickt, das Unrecht wieder gut machen können, welches sie eben an den Hannoveranern und Nassauern verüben helfen. Wohlverstanden: Wir sagen nicht, daß gekränkter Freisinn der einzige Grund der französischen Mißstimmung gegen Preußen sei, aber dieser Grund beraubt es seiner letzten und besten Verbündeten. Gewiß ist gekränkte Eitelkeit sehr stark im Spiele. Das war namentlich aus dem schnellen Meinungsumschlag ersichtbar. Niemals hatte man so vernünftig und mäßig über Ländervergrößerung und Grenzkriege in Frankreich sprechen hören, als vor den Siegen in Böhmen. Die Leute gingen alle mehr oder minder von der Vorausaussetzung aus, der eigentliche Urheber des Krieges sei ihr Kaiser gewesen, ^er habe die Sache inspiriert noch mehr als abgekartet, und da sie diesen Krieg für ein schädliches und ungerechtes Unternehmen hielten, so wollten sie auch von verlockenden Vorteilen nichts wissen. Sie mißbilligten, daß der Kaiser diese Verwicklung angezettelt habe, etwa um Saarbrücken oder das ganze linke Rheinufer oder sonst was zu erwerben, und es war eine Freude, sie über die Sinnlosigkeit solcher Gebietserweiterungen reden zu hören. Nach Sadowa war alles wie verwandelt, und nun fing — 325 — man gerade umgekehrt an, es der Regierung zu verdenken, daß sie bis jetzt nicht einen Länderzuwachs davou getragen. Es ist gar keine Täuschung darüber möglich, daß verletzte Nationaleitelkeit am stärksten mit unterlief, daß man es schmerzlich empfindet, nicht mehr die einzige unwiderstehliche, siegesgewisse Armee in Europa zu haben. Nun dieser geheime Stachel im Fleisch sitzt, wird er von allen unseren Widersachern ausgebeutet, und auf die gefährlichste Weise von denen, welche bisher die Freunde der guten Sache überhaupt oder gar der deutschen -Sache insbesondere gewesen waren. Wenn diese jetzt schreien: Hannibal vor den Thoren! wenn sie die Furcht aussprechen, daß eine Militärdynastie, nur vou roher Eroberungssucht getrieben, ohne Idee, ohne Grundsätze, allen Nachbarn Gefahr drohe, daß es Zeit sei, an Hof und Haus zu denken, — so ist die allgemeine Sinnesverwirrung nur allzuleicht herbeigerufen. Der talentvolle Chronist der „kkvus ciss Osux Ncmäss," Herr Forcade, war zwar nie unser besonderer Freund. Im schleswig-holsteinischen Krieg war er dick dänisch. Doch da er sonst als ein entschiedener Fortschrittsmann, ein freier Kopf, ein warmer Anhänger Italiens, ein Kenner und Würdiger Englands bekannt ist, so beweist sein scharfer Antagonismus immerhin, daß wir in diesem Moment auch einen Teil der aufgeklärtesten Bevölkerung gegen uns haben. Aber Herr Forcade kann kein Deutsch, das erklärt immer viele Mißverständnisse. Viel schlimmer steht es um den „I-swxs." Der „I-smxs" war lange Zeit eine Art deutscher Mission in Frankreich. Im selben Haus des Faubourg Montmartre war eine Anzahl rüstiger Kräfte ansässig, welche gleichzeitig die Monatsschrift „ksvus 66rmg,mcin-s" und das Tageblatt „1,-s Iswps" redigierten und druckten. Es waren zumeist Elsässer, wie die mitwirkenden Namen von selbst verraten, also geborene Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich. Im dänischen Krieg noch war der „I-smps" vielleicht — 326 — das einzige ganz vorurteilslos für Deutschland kämpfende Blatt. Nun kommt auf einmal der deutsche Bundesgenossenkrieg. Daß der „Isroxs« für den Süden sein würde, war vorauszusehen. War er doch 1869 auch nicht sofort auf Seilen der Italiener gewesen, sondern hatte jener süddeutschen Partei näher gestanden, welche zu Oesterreich hielt und gern Preußen mit fortgerissen hätte. Wenigstens wissen wir, daß er die Parteinahme der deutsche Demokratie für Italien gegen Oesterreich höchst nngern sah. Er hat sich seitdem bekehrt und wird sich ohne Zweifel auch zu dem neuen Deutschland bekehren. Gab es doch damals in der französischen Demokratie eine sehr namhafte Fraktion, welche sehr mißvergnügt auf die Befreiung Italiens durch die französische Armee blickte. Und es ist doppelt natürlich, daß eine mögliche Einigung Deutschlands durch die preußische Armee, gar noch im Einverständnis mit dem Kaisertum, dieser Fraktion nicht zu Patz kommt. Auch dieser Standpunkt hat seine Berechtigung und nicht ihm gelten irgendwie unsere Vorwürfe. Ebensowenig bestreiten wir die natürliche Folgerichtigkeit, aus welcher die bekannten Heidelberger und Badener Berichte des „Isrops« hervorgingen. Der Berichterstatter hatte stets zu unseren Freunden von der süddeutschen Demokratie gehalten; er lebte und webte mit ihnen, er vertrat bis zuletzt ihren Standpunkt, und diesem Standpunkt nicht ungerecht zu werden, das ist ja unsere Pflicht, selbst da, wo er nns verdächtigt; es gehört zu unserer Selbsterhaltung, ihn zu begreifen. Auch das verstehen wir noch, wenn ein Stockfranzos wie Louis Blanc in seiner Indignation über das, was Preußen thnt, sich so weit vergißt, daß er über die gewaltsam vernichtete Souveränetät des Hauses Hannover blutige Thränen vergießt. (Diese Seite müßte sich schön in einem seiner Kapitel über den Krieg in der Vendee ausnehmen.) Aber wo alles Verstehen aufhört, das ist, wenn im „Ismxs« tagtäglich auf — 327 — allen Spalten des Blattes die Lärmglocke über die Gefahr geläutet wird, welche von Deutschland herüberdroht. Das arme Frankreich darf keine Nacht mehr ruhig schlafen. Drüben steht der Preuß' und fletscht die Zähne nach Elsaß. Lothringen, der Freigrafschaft, Burgund, wer weiß nach was allem? Dieses lächerliche Notgeschrei haben dem „Isioxs" sicherlich seine Württembergischen Freunde nicht beigebracht, und wer ihm die Briefe aus Bern und dem Haag schreibt, des Inhalts, daß auch die Schweiz und Holland von Preußen gefressen zu werden fürchten, das weiß er und der liebe Gott besser als wir. Will man aber in Berlin wissen, mit welcher Ausrede die Angriffe des „Iswvs" und seine Provokationen zum Krieg gegen Preußen beschönigt werden? Nun, man sagt: „Frankreich, übel oder gut regiert, kaiserlich oder nicht, ist immerhin das Land von 1789, und ehe daß der Staat, in welchem das Junkertum mit seinem eingeborenen Haß gegen Recht und Freiheit so mächtig ist, über uns herfalle, wollen wir das Prävenire spielen." Das ist offenbare Sophistik, und die Mitarbeiter am „Ismps« sind nicht die Leute, welche proklamieren, daß der demokratische Gehalt des kaiserlichen Frankreichs einen Schuß Pulver wert sei. Sie wissen auch, daß alle Parteien in Norddeutschland mit Ausnahme der Freunde Öfterreichs ein Interesse am Frieden mit Frankreich haben. Aber sie wollen uns nun einmal an den Kragen und darum machen sie aus jedem Akt der Willkür, aus jeder Nechtsverkennung, die sie in Preußen denunzieren können, einen Schlachtruf zum Angriff gegen den Staat, der allerdings seine Mission nur erfüllen kann, wenn er ein entschlossener und beharrlicher Bekenner des Rechts und der Freiheit ist. Nomti MStitiara äiseiw! — 398 — V. Der Cäsarismus. Ein Jeglicher spricht jetzt von Cäsarismus, nnd Gott weiß, was viele Tausend sich Alles darunter denken mögen. Es ist immer vom Übel, wenn Stichwörter durch die Massen laufen und in einem einzigen dunkel empfundenen Ausdruck das Sinnbild aller Hoffnungen oder aller Schrecken ausprägen. Notwendiger Weise steigert sich die Verwirrung noch, wenn der Umstand hinzutritt — und das ist meistens der Fall — daß das Stichivort einer fremden Sprache entstammt. Alsdann hat die Fantasie den weitesten Spielraum. Man kennt die Geschichte von den russischen Soldaten, die bei der Militärverschwörung nach Kaiser Alexanders Tode auf deu Ruf dressirt waren: „Es lebe die Konstitution!" und welche nachträglich zu erkennen gaben, daß in ihrem Sinne die Konstitution die Gemahlin oes Prinzen Konstantin war, zu dessen Gunsten das Komplott bereitet worden. Etwas — wenn auch nur von weitem — Ähnliches ist beinahe immer im Spiele, wo dergleichen fremdartige Losungsworte des Heils oder des Unheils umgehen. Sind sie des Heils, so wächst ihnen, indem sie von Hand zu Hand gereicht werden, alsbald ein unbändiges Vertrauen zu, sie werden in Kurzem der Gnadenbrunnen, aus dem ein Trunk den Durst auf ewig stillen soll. Was ist dann die natürliche Folge? Die Lösung kann unmöglich auch nur entfernt das halten, was ihr der naive Glaube angedichtet hatte, und das enttäuschte Gemüt zertrümmert ebenso schnell, ebenso unbedachter und unverdienter Weise, wie es dasselbe aufgebaut, das Idol des gestrige» Tages. — 329 — Keiner anderen Bewandtnis ist es zuzuschreiben, daß seit dem Jahre 1849 die Gegner der Freiheit ihren ver- läumderischen Feldzug gegen den Parlamentarismus mit solchem Erfolg weiter führen konnten. Aus dem Parlamente eine unbedingte Forderung zu machen, ist unter allen Umständen eben so notwendig, als es verderblich ist, eine Gottheit, ein Lebenselixir, einen Balsam für alle Schmerzen damit zu verkündigen. Es war ja gar zu natürlich, daß ein Volk, wie das unsre, indem es zum ersten Mal nach einer vielhundertjährigen Laufbahn in seiner Gesamtheit politisch auftrat, indem es zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes aus dem Grunde der vierzig Millionen heraufschallen hörte, — daß es damals andächtig aufhorchte, und daß die Erkorenen selbst mit in die selige Anbetung versanken, welche ihnen von der unabsehbaren Gemeinde ihrer Gläubigen dargebracht wurde. Als dieser Tempel hilflos zusammenbrach, weil sein Dach auf Säulen unschuldsvoller Fantasie nnd nicht auf Grundvesten thatsächlicher Zustände gebaut war, beeilte sich der böse Geist, daraus die Lehre zu ziehen, daß es ein eitles törichtes Ding sei mit allen Volksvertretungen, Wahlkörperschaften und rednerischen Verhandlungen. Und am selbigen Tage, da der Katzenjammer auf den Rausch gefolgt war, hat sofort die lauernde Reaktion das Senkblei nach der Stelle ausgeworfen, an der sie den Anker einhaken könnte für ihr dunkles Fahrzeug. Dasselbe Fahrzeug trägt jetzt den Cäsar, und wenn auch für den Augenblick sein Glück, doch wahrscheinlich nur sein kurz gemessenes. Trotz aller Schwächen, welche man dem Parlamentarismus nachgewiesen hat, wird immer und ewig eine aus Volkswahlen hervorgegangene Versammlung als der eigentliche Qnell aller Gesetzgebung und als der erste Helfer gegen alles Unrecht in der Mitte eines jeglichen Staates thronen, der in Freiheit leben und wachsen will. Und selbst die höchste Achtung, welche der Majestät einer — 330 — sich selbst regierenden Nation gebührt, wird mit Recht einer solchen Versainmlnng zukommen von der Zeit an, wo eine solche Versammlung auch das sein wird, was sie sein soll: das Willensorgau des Staates. Die großen und kleinen Parlamente des Jahres Achtundvierzig leisteten kaum mehr, als von den ersten Versuchen eines aus politischer Unmündigkeit an männliche Ausgaben herantretenden Volkes zu erwarten gewesen war. Es liegt darum auch eine gewisse Übertreibung in der Liebhaberei, uns stets wieder auf jenes erste Lallen der Nation, wie auf eine heilige Offenbarung geheimer Wahrheiten zurückzuweisen, welche ausschließlich in den Urkunden jener Beratungen niedergelegt seien. Was jenes Geschlecht gewußt hat, das weiß das heutige auch, und wenn dieses von der Frische des Glaubens an die Macht der Wahrheit und des Rechts etwas verloren hat, so muß es sich auch ein wenig der Unschuld und Unerfahrenheit entledigt haben, die in der Freude an der Verkündung herrlicher Grundsätze schwärmt, dieweil man ihnen unter ihren Augen das Grab gräbt. Die Abgötterei, welche mit dem Parlament getrieben wurde, hat seinen Verächtern Thür und Thor geöffnet. Durch die Pforte korrekter und gemessener Vorstellungen wird auch das Parlament wieder zu Ehren eintreten. So viel vom ungezügelten Glauben an die Heilkraft eines Stichworts. Was der ungezügelte Schrecken mit denselben Mitteln leistet, das wissen wir Alle, denen kein Zweifel darüber geblieben, daß die Losung „Sozialismus und Kommunismus" den Bannspruch abgegeben hat, mit dem recht eigentlich in Frankreich die Republik und von da aus in ganz Europa die Freiheitsbewegung in die Flucht geschlagen worden ist. Das rote Gespenst, wie es vielsagender Weise genannt wurde, erschien der Fantasie der besitzenden Klassen uuter allen Gestalten, mit welchen die — 331 — bis zum Wahnsinn gesteigerte Furcht sich selbst ihre Bilder in Nacht und Grausen ausmalt. Wenn wir bei der nächsten Gelegenheit ohne den Glauben an die Halbgötter und ohne die Furcht vor den Teufeln ans Werk gehen, so haben wir einen großen Schritt gemacht und, indem wir die Stichwörter des Himmels und der Hölle ihrer Zauber entkleiden, ist schon ein Stück der Arbeit gethan. Aber das Schicksal ist erfinderisch mit seinen Plagen, und kaum sind wir den Teufel los, so ist Belzebub auf unseren Fersen. Also geht dermalen die Furcht vor dem Cäsarismus um und bestellt mit der solchen Unholden eigenen Tücke emsig das Feld der Zwietracht. Das letzte Argument der Kleinstaaterei ist jetzt der Cäsarismus, und wer seiner selbst zu gewiß ist, um zu fürchten, daß seine Seele vor dem Purpur in den Staub sinken könnte, der überträgt zum mindesten die Furcht auf seinen Samen und ruft uns zu: „Lasset uns die Kind lein bewahren, daß sie nicht im Baalsdienst der Gewalt großgezogen werden!" Es ist, als ob jeder preußische Regierungskommissar ein Kardinal wäre, welcher sämmtliche Knaben am Main und Neckar, wie eben- soviele kleine Mortaras, in ein Trenbundkloster zu Herrn Selig Paulus Kassels Füßen gebunden niederlegen sollte. Wir wollen den Geist, der eben in Preußen dominirt, weder besser noch unschädlicher hinstellen, als er ist. Male man ihn so schwarz, wie man immer Lust hat; es ist nicht unsere Sache, da Einsprache zu erheben. Aber Kleinmut und Verzweiflung sind die schlimmsten Fehler, denen man im Leben überhaupt und in der Politik in Sonderheit anheimfallen kann. Und Gespensterseherei ist eine der abgeschmacktesten Erscheinungen des Kleinmuts und der Verzweiflung. Auch der „Cäsarismus" ist ein solches, aus fremden Lebens- und Sprachkreisen zu uns eingedrungenes Gespenst, mit welchem jetzt die Säuglinge auf der schwäbischen Alp in Furcht und Schlaf gesungen werden. — 332 — „Schlaf, mcm Kind, schlaf leis, Da draußen geht dcr Preufz." So klang der Refrain eines badischen Schlummerliedes aus dem Jahre 1849 von Ludwig Pfau, das wir eben so ungern als unvermeidlich dem Leser vorenthalten. Aus seinen herzinnigen Tönen voll bittrer Wehmut und heiligen Zorns, wie sie damals der gepreßten Seele entstiegen, geht uns noch heut die Mahnung zu, daß Preußen nicht zu annektieren braucht, um die Hand auf den deutschen Kleinstaaten zu haben, daß die Fürsten von rechts und links zwar selbständig genug smd, um auf eigne Faust schlechte Wirtschaft zu führen, aber nicht selbständig genug, um auf eigene Faust sich vertreiben zu lassen, so daß schließlich der Südwesten in allen Punkten, wegen deren er Preußen scheut, doch unter dessen Oberherrlichkeit, dagegen von allen Vorteilen, die es bietet, ausgeschlossen ist und nicht einmal mit dem Gewicht einer Stimmkugel zur Änderung seines eigenen Schicksals beizutragen vermag. Denn der Schwerpunkt seiner Entwicklungsfähigkeit liegt vor wie nach in der preußischen Gewalt, d. h. ganz und gar außer seiner Sphäre. Wie dem immer sei, es war damals und bis auf die neueste Zeit Haß und Widerstreben aus lebendigen, greifbaren Thatsachen natürlich erwachsen, es war der Groll der Freiheit gegen die Contre-Revolution, gegen den Feudalgeist, gegen alle nach und nach aus der Niederlage der Märztage wieder mit wachsenden: Übermut sich aufrichtenden Gewalten. Von Cäsarismus und ähnlichen künstlichen Warnungen war nicht die Rede. Wie kommen wir zu diesem Stichwort? Es kann hier nicht unternommen werden, die Geschichte dieses Wortes und des von ihm umschlossenen Begriffs zu schreiben. Wie die moderne Formel mit dem Römertum und Mittelalter, mit heidnischer und christlicher Weltherrschaft zusammenhängt, mag um so mehr unausgeführt bleiben, als diese — 333 — historischen Bewandnisse in dem Gesichtskreis eines jeden Gebildeten liegen. Die Vorstellung in ihrer heutigen Bedeutung, aber ohne den Namen, kündigt sich zum ersten Mal in Macchiavells „Fürst" an, und es ist um so merkwürdiger, daß der Name nicht mit der Auffassung zugleich erscheint, als der dem Autor vorschwebende Zeitgenosse zufällig ja selbst Cäsar Borgia hieß. Da tritt uns zum ersten Mal jene Mischung von Genie und Frivolität entgegen, welcher der Politiker eine zugleich despotische und revolutionär nationale Sendung andichtet. Aber nicht einmal nach dem 18. Brumaire verfiel der Sinn der Gegner auf den Jdeengang einer Anknüpfung an die Analogie mit dem Sturz der römischen Republik, und der Begriff des Cäsarismus, wie er heute von Hand zu Hand geht, ist erst mit den Anzeichen des zweiten französischen Kaisertums in die Welt gekommen. Romieu mit seiuem Buch „Die Ära der Cäsaren" gab den ersten Anstoß dazu. Romieu selbst war ganz der Mann, wie er uns in der Umgebung des merkwürdigen Römers geschildert wird. Geistvoll, ausgelassen liederlich und aus Verachtung aller Grundsätze und alles Menschlichen nur an die Herrschaft der Gewalt und Intrigue glaubend. Mit seinem Buch „Das rote Gespenst" hatte er das Bürgertum in Schrecken gejagt und dann die Ära der Cäsaren drauf gesetzt, als Rat und Rettung, wie man sich dem aufgeklärten Despotismus in die Arme werfen müsse. Dem Parlamentarismus entfliehen, weil er den Kommunismus im Gefolge habe, und in die Hände Cäsars abdanken, das war der Grundgedanke. Dann wurde das Thema in der Ver- gleichung mit dem Sturz der römischen Republik ausgearbeitet und nachgewiesen, wie zweitausend Jahre lang die Welt, von Tacitus zum Narren gehalten, dem Cato die schöne und dem Cäsar die verwerfliche Rolle zugeteilt hatte. — 334 — Ergebene Diener des Kaisers, unter andern der bekannte Jurist Troplong, arbeiteten die Sache ins Breite, uud die deutsche Wissenschaft kam mit ihrer Gründlichkeit hinterdrein, die neue Offenbarung von den untersten Fundamenten aufzumauern. Der kritische Verdacht gegen die Auffassung des Tacitus ist älter als das ganze Betreibe. Neu ist nur die Schwärmerei für den revolutionären Despoten, welcher die eigene Genialität an die Stelle von allem Andern setzt, von Volkswille, Freiheit und Gesetz'. Wie der römische Cäsar das Proletariat mit Verteilung von Ländereien berücksichtigt hatte, so gehört zur Erneuerung der an ihn anknüpfenden Theorie immer auch etwas Koketterie mit den sozialen Fragen, und wie seiner Zeit Verachtung der republikanischen Aristokratie, so heute Verachtung des freisinnigen Bürgertums. Gänzlich ausgebaut wurde die Lehre unter ihrem Namen zu guter Letzt, als Napoleon III. den eigentlichen Cäsarenspiegel herausgab, in welchem er sich zugleich als das Werkzeug der Vorsehung und den Nachfolger im Geiste des großen Juliers verkündigt. Der Grundbegriff des Cäsarismus, wie er uns hier aus seinem allmäligen Werden klar wird, ist die Zuspitzung der Volksherrschaft in das persönliche Regiment des Genies, die Erfüllung der Revolution in dem Bund zwischen dem demokratischen Feldherrn und dem hungernden Proletariat, die Beseitigung der Mittelklassen, welche bis dahin die Tradition von Recht, Freiheit und Sitte in ihrem Schooß gehegt hatten. Eine gewisse Frivolität — wie ein gewisser demagogischer Ursprung und sozialistischer Beigeschmack — war vom Urvater her stets dem Begriff des Cäsarismus leise beigemischt. Und nun vergegenwärtige man sich von neuem das Preußentum, wie es leibt und lebt, und frage sich, ob es nicht uns selbst unnötig schrecken, aber das Preußentum unnötig erhöhen und erniedrigen heißt, wenn man ihm den — 335 — Purpur des großen Helden um die Schulter wirft? Was soll ihm dieser Mantel, der sich so ganz und gar nicht rollen läßt? Freilich wissen wir, zu welchen schmeichelhaften und bedenklichen Parallelen mit alten und neuen Cäsaren sich die Reden und Thaten des leitenden Staatsmannes verwenden lassen, aber es ist trotz alldem nicht das besondere Auftreten dieses Mannes, welches unseren Süddeutschen ihr gerechtes und ungerechtes Widerstreben einflößt. Es ist der alte preußische Stock, mit welchem hundert Jahre lang die Unterthauen von ihren Königen traktirt wurden, es ist die sichtbare und unsichtbare Soldatenfuchtel, welche so lange über dem Lande geschwebt hat, es ist der Gesamtbegriff von steifer Eleganz und abstoßender Grazie, die Kunst, sich unnötig verhaßt zu machen und jede Tugend mit einen: Stachelkranze von Unausstehlichkeiten zu umgeben — das ist es, wovor man, jetzt wie vor siebenzehn Jahren, südlich vom Main zurückschaudert. Es ist auch die altherkömmliche Souveränetät auf ihrem Roedsr äs brovxs, mit der in Wirklichkeit das neue Deutschland die Frage seiner Zukunft auszumachen hat. Es ist der alte Kampf des beschränkten Unterthanenverstandes, der weder an der Tiber, noch an der Seine zur Welt gekommen ist, nicht gegen die Staatslehren von Macchiavelli oder Romien, sondern der Herren Stahl, Leo und Gerlach. Man muß sich bliud machen, um das nicht zu sehen. Wenn wir aber solches Gewicht darauf legen, nachzuweisen, daß es nur auf Leichtsinn oder Kriegslist beruhen kann, die Furcht vor dem Cäsarismns mit der Furcht vor dem Preußentum zu vermengen, so handelt es sich um etwas ganz Anderes, als um einen Wortstreit. Der Cäsarismus ist die Rückbildung, die Umkehr, der Weg nach Abwärts, das Grab der Revolution, der Untergang, der mit Glanz und Festen beginnt und mit Fäulnis endet. Wir aber haben nichts vor uns, als den alten, harten, unliebens- — ?36 — würdigen Militärstaat, den bemoosten Legitimismus, den zähen Kastengeist, und nicht hinab ins Thai, sondern hinan zur Höhe zieht sich der Kampf. Und ob man uns mit Ruten zu züchtigen drohe oder mit Skorpionen: Vorwärts heißt die Parole, Vorwärts! und das ist die Hauptsache. N0N316UI' äs LiZin^ek. Vorbemerkung. iese Schrift habe ich im Spätsommer des Jahres 1867, während ich im Seebade Trouville wohnte, ausgearbeitet. Ich war bald nach dem Frieden von Nikolsburg zweimal zu längerem Aufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt und hatte auf verschiedenen wegen, auch durch vertrauliche lebendige Unterhaltung mit Eingeweihten der politischen Vorgänge, mich zu unterrichten gesucht. Ms zu ZZismarck selbst war ich nicht vorgedrungen, hatte ihn nicht einmal mit Augen gesehen. Mein Grundgedanke war, den gebildeten Sranzosen eine andere als die damals unter ihnen stereotype Auffassung von dem Inhalt der letzten großen Ereignisse beizubringen, vor Allem galt es, ihnen die führende Persönlichkeit ins richtige Licht zu rücken. Die dem deutsch-österreichischen Kriege vorausgegangene Periode der preußischen Verfassungskämpfe hatte den Minister von Vismarck für das gesamte liberale Deutschland, und das begriff damals die weitaus große Mehrzahl sämtlicher Deutschen in sich, zum pro- totyp eines einzig und allein auf reaktionären Absolutismus versessenen Junkers gestempelt. Um so mehr erschien er unter diesem Seichen den Ausländern und besonders den Sranzosen. Daher sahen sie in seinem Sieg über Oesterreich und die deutschen Mittel- staaten nichts als den Triumph blinder Reaktion. Gerade die dem napoleonischen Regiment feindlich gesinnten liberalen Sranzosen wollten eine innere Verwandtschaft zwischen ihrem Kaiser und dem deutschen Staatsmann,' zwischen dem Dezember-Staatsstreich und dem böhmischen Seldzug gewahren. Cs lag ihnen das Alles um 22* — 340 so näher, als sie ihre Belehrung über Deutschland seit dem Krieg vorzugsweise aus süddeutschen Ledern bezogen. Andere wieder, denen die Tendenz der inneren deutschen Politik gleichgültiger war, schöpften ihre Antipathie gegen Bismarck und die deutsche Umgestaltung mehr aus Beherzigung französischer Interessen. Sie beklagten die Störung dessen, was sie das europäische Gleichgewicht nannten, was aber für sie in Wahrheit das Uebergewicht Frankreichs bedeutete. Beide Teile stimmten darin überein, daß sie nicht nur das Ganze der neuen Wendung und ihres Urhebers perhorres- zierten, sondern auch die Weissagung eines preußischen Angriffs gegen Frankreich daran knüpften; die Einen, weil sie behaupteten, das reaktionäre Preußen werden nicht ruhen, bis es das. auch unter Napoleon noch revolutionäre, Lrankreich unterdrückt haben würde; die Andern, weil sie erwarteten, die Erfolge der preußischen Waffen müßten zu Croberungsgelüsten anfachen. Merkwürdiger weise ist ja die Prophezeiung eines Kriegs auch in Erfüllung gegangen, aber mit dem Unterschied, daß, wie so manchmal, der, welcher den Teufel an die wand malte, ihn auch herbeirief, von den tieferen Beweggründen des Bruchs mit Gesterreich, von dem inneren Eonncr zwischen dem preußischen Siege und den nationalen Zielen des deutschen Volkes hatten nur die wenigsten eine Ahnung. Nicht blos im Dienste der objektiven Wahrheit, sondern ganz eigens zum Zwecke besseren Einvernehmens zwischen der öffentlichen Meinung in Frankreich und dem neugestalteten Deutschland stellte sich der Gedanke ein, dem versuch der Aufklärung Worte zu geben. Nachdem ich die Arbeit vollendet hatte, wünschte ich zunächst sie in der Revue des dsux moucles zu veröffentlichen. Der mir nahe befreundete Historiker Pierre lLanfrey wollte es vermitteln, kam aber mit der Ablehnung zurück. Buloz, der Herausgeber, hatte den Artikel zu preußisch gefunden. Der Alte war bekanntlich ein. virtuos in der Beurteilung seines Publikums und wußte was es hören wollte. Darauf wandte ich mich an die Revue moderne, die aus der ehemaligen kevue Oermallique hervorgegangen war, aber die besondre Beschäftigung mit deutschen Stoffen. — 341 — abgelegt hatte. Cin echter Sranzose, der Lretagner Comte de Keratri), der später in und nach dem Krieg eine gewisse Rolle spielte, hatte sie übernommen, und da ihm Sensationelles willkommen war, sand er sich gern bereit. Der Artikel erschien in zwei auf einander folgenden Heften des Lebruar 1867. Im Juni wurde dann das Ganze als Buch im Verlage von Michel Lsvy herausgegeben. Line deutsche Uebersetzung, welche von der Verlagshandlung Ernst Günther inBreslau besorgt und von mir durchgesehen ward, erschien im Herbst 18S3, ebenso eine Uebertragung ins Englische von Charles Lee Lewes, Dreslau Ernst Günther, London Trübner Co., 186g. Bei der Aufnahme in die gegenwärtige Sammlung warf sich die Lrage auf, ob diese in Gestalt des französischen Originals oder der deutschen Uebertragung geschehen solle. Nach reiflichem Ueberlegen, auch mit Sachverständigen, habe ich mich für das Original entschieden. Jas Interesse der Schrift, wenn sie ein solches bietet, liegt nämlich nicht in dem, was sie Deutschen sagen könnte, sondern in dem, was sie damals den Lranzosen sagen wollte und sagen zu müssen glaubte. Um dem Leser diesen Gesichtspunkt vor Augen zu halten und damit ein Zeitbild jener Tage zu vergegenwärtigen, ist es zweckentsprechend, in dem Wortlaut an den Sinn des Textes zu erinnern. Ausreichende Vertrautheit mit der französischen Sprache darf wohl bei der weitaus überwiegenden Mehrheit der Leser vorausgesetzt werden. Dezember 1394. L. V. I. Lorsque, dans la matinée du 8 mai 1866, le télégraphe annonça que la veille cinq coups de revolver avaient été tirés à bout portant sur M. de Bismarck, sans même le toucher, on eût pu surprendre sur les lèvres de plus d’un honnête homme des exclamations, fort discutables au point de vue de la stricte morale car elles étaient l’indice de ce délit mental que, dans la casuistique des gens du monde, on entend par „tuer le mandarin." L’Allemagne se voyait menacée d’une effroyable calamité, sans pouvoir l’attribuer à une autre cause que la perversité, la frivolité même, semblait-il, d’un seul homme. Le ministre prussien était, à n’en pas douter, l’unique promoteur de cette guerre fratricide dont l’Europe ne voyait l’approche qu’avec un sentiment *) Die Franzosen nennen es: luer le Mandarin, in lako- nischer Anspielung auf J. J. Rousseau’s casuistisclie Frage: Was würdest Du tiiun, wenn Dein Gluck von dem Tod eines Manda- rinen in China, also eines ganz Unbekannten und Entfernten, abhinge und der blosse Gedanke hinreichte, um ihn aus der Welt zu schaffen? d’horreur mêlé d’incrédulité. Les fils de cette Allemagne paisible et sentimentale allaient donc s’entr’égorger! Et pourquoi, bon Dieu? Pour assurer le triomphe du plus grand ennemi des libertés publiques, du champion du moyen âge, du blasphémateur au front d’airain qui avait proclamé tout haut qu’il n’y a dans le monde qu’une seule loi, la force! C’était une clameur universelle, aussi bien en Prusse que dans les autres pays germaniques et au dehors. Toutes les villes et les plus loyales corporations envoyèrent des députations à Berlin pour conjurer le roi et avec l’accent le plus ému, de renoncer à cette entreprise néfaste. Plus d’une fois les conscrits appelés sous les drapeaux refusèrent de marcher; les mères suivaient les colonnes de ceux qui partaient, et lançaient au ciel leurs malédictions contre l’auteur de cette guerre désastreuse. Blind, le jeune axalté qui avait froidement exposé sa vie pour arrêter la marche des événements, comme Karl Sand, le meurtrier de Kotzebüe, comme Oscar Becker, l’auteur de l’attentat contre le roi de Prusse, était un de ces étudiants allemands qui conçoivent et mûrissent l’idée de l’assassinat politique dans la retraite d’une vie calme et studieuse. Chose significative: en France, où la passion politique a depuis longtemps pénétré les masses, l’exaltation qui mène à l’attentat trouve de préférence des énergumènes dans la classe ouvrière. En Allemagne, où le sentiment politique n’est pas encore assez enraciné pour être autre chose qu’une affaire de tête et non de tempérament, il arme le bras de la jeunesse des universités. M. de Bismarck, imperturbable en face d’nne attaque soudaine, avait arrêté lui-même et livré à la police son agresseur. Celui-ci, après le premier interrogatoire, s’ouvrit l'artère carotide et mourut avec le stoïcisme 345 d’un ancien Romain. Cette fin tragique d’une vie si jeune et jusque-là sans tache vint encore ajouter à la consternation générale. Par une ironie cruelle, la conscience publique se trouvait en quelque sorte confondue avec le crime; tandis que la justice était forcée de se ranger du côté du grand coupable. A quelques mois de là, le même homme qui avait soulevé contre lui la réprobation universelle, faisait son entrée solennelle à Berlin, au son des cloches, aux acclamations de la foule, salué par des jeunes filles vêtues de blanc, avec tout l’appareil des vainqueurs officiels: et c’était, il faut le reconnaître, plus qu’un vain cérémonial. Bien qu’exténué de fatigue, malade même M. de Bismarck ne put se soustraire à cette ovation. Durant les derniers mois, il avait décuplé les efforts de son activité, déjà si prodigieuse dans les temps ordinaires; poursuivant l’exécution de ses projets jusque sur le champ de bataille même, descendant de cheval pour présider un conseil, concentrant en ses mains avec une supériorité irrésistible, et menant à bonne fin avec une incroyable rapidité, les négociations d’une paix hérissée d’une multitude d’intérêts et de complications. Ces excès d’activité avaient fini par ébranler même cette constitution de fer; ce ne fut qu’à grand’peine qu’il réussit à se tenir à cheval pendant ce jour de fête, dont il fut seul .le héros, malgré toutes les couronnes pré sentées au roi et aux princes. Déjà la Prusse admirait; l’Allemagne et l’Europe suivaient de loin en se défendant, sentant qu’il y avait là une force extraordinaire, peut-être moins malfaisante qu’elle ne s'était annoncée. M. de Bismarck avail-il eu raison lorsque, quatre ans plus tôt, au moment de quitter la France pour prendre en main la direction de l’Etat prussien, il disait à une grande dame russe qu’avant 346 peu il serait l’homme le plus populaire, le Cavour de l’Allemagne? Les analogies sont si nombreuses et si frappantes entre les deux pays, que chaque épisode de leur histoire amène naturellement la tentation des parallèles. Celui qu’on pourrait essayer entre le créateur du Statuto italien et le destructeur de la constitution prussienne ne serait pas une des études les moins intéressantes du genre. Mais avant de comparer, il faut connaître; et c’est précisément à l’absence de cette condition première de tout jugement sérieux que nous désirons remédier en rassemblant le plus possible d’éléments. Nous compléterons donc les données jusqu’ici fort superficielles, sur lesquelles la masse du public s’est contentée de baser son appréciation d’un des hommes les plus intéressants de ce temps. Cependant, toute question de détail réservée, il est permis d’affirmer dès à présent que le ministre de Guillaume I er s’est vanté, en disant qu’il pourrait arriver d’un bond à la popularité du ministre de Victor-Emmanuel. Sans aucun doute il se rendait trop bien compte de la différence, pour ne pas, suivant son habitude, avoir mêlé un peu de sarcasme à l’expression de sa pensée, sérieuse au fond. Ni le jour de son entrée solennelle à Berlin, ni depuis, M. de Bismarck n’a été un de ces hommes selon le cœur du peuple. Différences de soleil et de sang à part, ce seigneur aristocratique, au verbe dédaigneux et incisif, ne sera jamais le bien-aimé d’une nation. L’essence de son être et le passé de sa vie mettent un abîme entre lui et le génie de la faveur populaire. D’ailleurs, à l’incomparable gloire d’avoir tiré son pays du néant, M. de Cavour eut le bonheur de joindre le mérite plus grand encore d’avoir fondé le culte de la liberté, laissant en cela bien loin derrière lui le rénovateur de l’empire d’Allemagne. Même assombrie de regrets et de méfiances, cette journée de triomphe n’en fut pas moins pour M. de Bismarck le point de départ d’nn revirement mémorable de l’opinion publique. A partir de ce moment, la vitalité de son œuvre et la force de son esprit n’ont pas cessé de grandir aux yeux de l’Allemagne et de l’Europe; et des milliers d’hommes pour lesquels il fut jadis un objet d’exécration, se résignent à voir en lui, à tort ou à raison, peu nous importe pour le moment, le créateur d’un nouvel ordre de choses, bienfaisant, durable, susceptible de faire arriver, peut-être à travers bien des épreuves encore, la nation allemande à des destinées meilleures. La conscience publique cependant ne pouvait assister à ce changement sans être profondément frappée de cette évolution qu’elle exécutait en quelque sorte sur elle-même et malgré elle. Certes, les succès les plus discutables devant la morale n’ont jamais manqué d'un nombreux cortège. Le mot de Cromwell restera toujours vrai. Traversant Londres en grande pompe, et complimenté par un de ses compagnons sur l’affluence de la foule, le Protecteur répliqua: „Si l’on me menait pendre ce serait mieux encore." Mais la différence entre l’entraînement de la rue et l’assujettissement des consciences, pour être peu apparente, n’en est pas moins profonde. Notre époque a assisté à des entreprises heureuses qui ont recueilli tous les fruits de la victoire, sans néanmoins pouvoir se vanter d’avoir perverti autour d’elles les notions du bien et du mal. Or, c’est précisément cette faiblesse, la plus grave et la plus funeste de toutes, qu’avec beaucoup de légèreté certains de nos hommes politiques reprochent à I Allemagne, et plus particulièrement à la partie éclairée de la population, telle que la représentent, par exemple, l’immense majorité des libéraux en Prusse et le pays de — 348 — Bade dans le Midi. On comprend à présent quel est l’inte'rêt d’une enquête sur les idées et les procédés de l’homme qui fut l’instigateur de tout ce mouvement. Si pour sa valeur seule déjà, pour s’être inscrit avec des caractères impérissables dans le livre de l’histoire, il mérite l’honneur d’être étudié de près, la part de res* jxmsabilité, qui de lui rejaillit sur une nation entière, fait de cette recherche un devoir impérieux. II La politique n’est pas une science, elle est tout au plus un art. Par conséquent rien de plus dangereux pour elle que les formules consacrées. L’immense bienfait de la Révolution française n’avait pu nous léguer seulement des avantages. Les choses humaines ne sont pas de nature si absolue. Or, la clause du bénéfice d’inventaire n’existant pas dans le code de l’histoire, nous avons hérité de toutes les formules dont une irruption de vérités nouvelles avait dû dans le temps exagérer la valeur. Fascinées par la grandeur de ces antithèses, les générations suivantes ont, quelquefois à tort, cru pouvoir résoudre un problème de la vie réelle en le soumettant à cette trop simple alternative: ou révolution ou contre-révolution. M. de Bismarck, à son début dans la politique, avait partagé cette erreur. Il l’expie en quelque sorte depuis qu’il n’y sacrifie plus, car ceux qui ne voient point de salut hors de l’application stricte des formules révolutionnaires, sont précisément les ennemis les plus inexorables de celui qui jadis ne connaissait d’autre but que la contre-révolution. Otto-Edouard-Léopold de Bismarck Schœnhausen est 350 né le 1 er avril 1815, au manoir même de Schœnhausen dont il tire une partie de son nom de famille. C’est un domaine situé dans la Saxe prussienne. Sa famille est originaire de la Marche de Brandebourg, le cœur des Etats royaux de Prusse. On la dit fort ancienne; depuis plusieurs siècles, elle figure dans les annuaires du service militaire. Pour caractériser le type de ce que les Allemands nomment le junlcer, on est convenu de se servir du mot français hobereau. Cependant les deux expressions ne sont pas équivalentes: pour rendre le terme de hobereau, les Allemands ont le composé krautjunlcer qui signifie „gentillâtre planteur de choux", tandis que le véritable junlcer est avant tout le rejeton d’une famille militaire, mélange de cavalier à la Stuart, de sous- lieutenant prussien, de baron féodal germanique, et de Don Quichotte espagnol. Cette aristocratie eut, jusqu’à la fin du dix-huitième siècle, le privilège de remplir les cadres des officiers. On sait que de fait, elle en forme encore la majorité. Le père même du grand Frédéric, le bourgeois le plus terre-à-terre qui ait jamais occupé un trône, le caporal épicier qui, après avoir dans la journée vendu un titre de noblesse à quelque roturier, inscrivait le soir dans son livre de ménage: „Encore un lièvre de pris, vaut 600 thalers", ne supportait pas l’idée qu'un homme du peuple fût admis parmi ses officiers. Son fils en toute autre chose le contraste le plus frappant du père, aussi libre penseur que l’autre fut chrétien orthodoxe, ce philosophe humanitaire était bourré de préjugés aristocratiques et militaires. Nous possédons une lettre dans laquelle il dénonce comme un scandale intolérable le fait d’un lieutenant projetant une mésalliance, il décréta qu’un simple sous-lieutenant ayant fait une campagne aurait le pas sur un conseiller du roi; et, par faveur spéciale, il nomma sous-lieutenant le conseiller 351 Mayer, un roturier qui présidait la cour des comptes, afin qu’au moins il ne fût pas forcé de passer derrière les plus jeunes officiers. Cette sollicitude extrême de la royauté pour la noblesse ne pouvait manquer de faire de celle-ci le soutien le plus dévoué du trône, bien qu’à l’occasion l’excès de l’infatuation légitimiste amenât de temps en temps des conflits entre les deux principes. Un sieur de Schlubhut, condamné pour détournement de deniers publics, ayant défié le roi Frédéric Guillaume I er , en disant que jamais un gibet n’avait été dressé pour un gentilhomme, fut pendu le jour même par ordre spécial, ce qui, depuis ce moment jusqu’à nos jours, n’empêcha pas ses égaux de rappeler, en guise de sourde menace contre quelques velléités progressistes des souverains, qu’à tout considérer, ils avaient été les maîtres du pays avant l’avénement des Burgraves de Nuremberg (fondateurs de la dynastie des Hohenzollern). M. de Bismarck, quoique fils d’un chef d’escadron, ne suivit la carrière militaire que pendant l’année de service rigoureusement obligatoire. Il se destinait à la carrière administrative, à laquelle il se prépara par l’étude du droit. Mais il embrassa sans réserve la religion féodale de ses pères, et doué de la furia dont il a depuis donné tant de preuves, il réussit vite à développer en lui le type outrecuidant, intolérant, provoquant du junker. Un physique exubérant, un esprit tourmenté par l’aiguillon de sa force occulte dans un milieu étroit, achevèrent de le jeter dans la nuance la plus extrême de son parti; et débutant à l’âge de trente-deux ans dans la vie publique, M. de Bismarck ne perdit pas un instant pour attirer sur lui la haine de ses adversaires. Si les extrêmes se touchent, c’est par ce fait qu’ils Bont tous à côté de la vérité. De même que les ultrà- 35 '2 protestants se rapprochent de la papanté , les ultrà- prussiens du parti féodal ont toujours penché vers l’Autriche. Fidèle à cette tradition, l’homme qui plus tard devait reléguer l’Autriche hors de l’organisation allemande, inaugura sa carrière, non-seulement en plaidant la cause de cette puissance, mais en poussant les choses jusqu’à prêcher l’humble soumission de la Prusse à l’autorité légitime de la dynastie des Habsbourg. Pour comprendre la signification de ce contraste profond entre le culte envers l’Autriche et la tendance naturelle de l’Etat prussien, il est indispensable de remonter en arrière d’un siècle à peu près. Retraçons donc rapidement les incidents les plus marquants de cet antagonisme dynastique, qui tantôt tourna en guerre acharnée, tantôt couva sous les apparences trompeuses d’une alliance cordiale, pour ne finir que de nos jours par la solution violente, qui trahit le véritable caractère de cette mortelle inimitié. La lutte entre les deux cours est tellement le pivot des événements de l’année 1866, qu’on ne saurait jamais saisir la véritable portée, ni les vrais mobiles de ceux-ci, sans être initié aux précédents de l’histoire contemporaine 1 ). Le principe d'hostilité entre l’Autriche et la Prusse date du règne de Frédéric le Grand, mais il n’est pas tout à fait synonyme ni contemporain de la rivalité au sujet d’une hégémonie allemande. Des quatre guerres que Frédéric a soutenues contre l’Autriche et dont son royaume est sorti agrandi, consolidé et renfermant en lui le germe de tout son développement ultérieur, la première et la troisième n’avaient eu en vue que l’exten- !) Voir surtout le livre fort intéressant de M. Adolphe Schmidt: Preussen's deutsche Politik, Leipzig, 1867, sur lequel nous nous sommes de préférence appuyé dans le récit des épisodes de 1786 à 1806. 353 sion territoriale, indispensable pour asseoir la nouvelle royauté sur des bases durables. Dans les intrigues qui sourdirent autour du partage de la Pologne, et surtout pendant le deuxième acte de ce triste drame, l’antagonisme entre les deux puissances était arrivé à un degré d’intensité qui ne pourrait être comparé qu’aux violences de l’année dernière; sans que pour cela il fût le moins du monde question d’empire germanique, de supériorité nationale. C’était tout crûment, tout bassement la lutte entre deux rapacités concurrentes. Cependant, ces querelles de mur mitoyen, soutenues avec l’acharnement d’une haine de voisin, alternaient avec des hostilités d’une portée plus élevée et d’un sens plus profond. Dans la guerre dite de la succession autrichienne, la reconnaissance de la pragmatique sanction n’avait été qu’un incident tout à fait secondaire, à côté de la revendication de la Silésie; dans celle qui suivit et qu’on nomme la seconde guerre de Silésie, se trahit déjà visiblement la pensée d’arriver à la prépondérance dans les affaires d’Allemagne. Après un retour vers une guerre de signification simplement dynastique et européenne, celle de Sept ans, la dernière des campagnes de Frédéric arbora de nouveau, et déjà bien ouvertement, le drapeau de la lutte intestine et nationale. Mais, même dans les complications, étrangères en apparence à cette arrière- pensée, celle-ci s’imposait toujours naturellement à tous ceux qui regardaient le fond des choses. Malgré les efforts contraires de Frédéric, la mort de Charles VII de Bavière et les combinaisons de la diplomatie avaient deux fois ramené la couronne du saint-empire dans la maison d’Autriche, représentée par François I er et Joseph II. Le roi de Prusse s’était arrangé des concessions territoriales qui devaient lui donner la force nécessaire pour reprendre au moment opportun ses projets ajournés, mais nette- 23 354 ment formulés dans son entourage le plus intime, dès le commencement de la guerre de Sept ans. Alors déjà, le général Winterfeld, le confident du roi, recommandait hautement „de conquérir toute l’Allemagne et de lui donner force de résistance contre l’étranger en la réunissant dans un seul et même Etat." En mai 1757, il déclarait à qui voulait l’entendre que „en moins de deux ans, on verrait toute la constitution de l’Empire renversée et Frédéric sur le trône des Césars allemands." Il faut ajouter qu’il conseilla en même temps de pénétrer en Hongrie et d’y lancer un appel aux mécontents, pour retrouver à cent dix ans en arrière tout le programme de M. de Bismarck, y compris les négociations avec Kossuth et Klapka. Dès lors, Frédéric était bien décidé à ne laisser à aucun prix s’étendre le territoire des Habsbourg en Allemagne. Il soutenait victorieusement cette politique, en venant au secours du Palatin contre les prétentions autrichiennes à la succession bavaroise, après la mort sans enfants de l’électeur Maximilien-Joseph, en 1777. La paix de Teschen lui donna gain de cause; mais l’Autriche se sentit d’autant plus pénétrée de la nécessité d’étendre son influence dans le midi de l’Allemagne. La Bavière et le Wurtemberg devaient fournir à ses yeux, alors comme naguère encore, les points d’appui naturels de toute opération ayant pour but de comprimer les ambitions de la Prusse. N’ayant pu obtenir ces pays les armes à la main, on prit la voie des négociations. On tâta le terrain en Wurtemberg, on élabora franchement la proposition d’un échange de provinces avec le nouvel électeur de Bavière. C’est de cette époque que date le fameux projet d’un troc à faire de la Belgique contre la Bavière, poursuivi par l’Autriche avec sa ténacité proverbiale à travers toutes les vicissitudes des événements, projet qui reparaît con- 355 8tamment jusque dans ses négociations avec la Convention et le Directoire. L’esprit de suite qui se révélait dans cette obstination poussait Frédéric à la recherche d’une combinaison plus profonde, véritable création, susceptible de développement. Pour la première fois, depuis que la paix de Westphalie avait virtuellement anéanti l’existence politique de la nation allemande, la pensée de reconstruire un commencement d’union viable fit sa rentrée dans le monde. Frédéric et ses ministres posèrent les bases d’un projet, dont le but avoué était avant tout la résistance contre les envahissements de l’Autriche. La Prusse alors eut recours au même argument, que depuis, dans des positions interverties, l’Autriche a rétorqué contre elle. Elle montra aux petits princes le danger que leur préparait l’appétit insatiable de l’Autriche, et les convia à se ranger sous la protection du roi pour sauver leurs souverainetés. Dans une lettre adressée à ses ministres, Frédéric s’exprime ainsi: „I1 est pour nous de la dernière importance de travailler de toutes nos forces à ce qu’il soit établi dans l’Empire une espèce d’association, telle que fut jadis la ligue de Schmalkalden 1 ). Le but de cette association doit être de maintenir, à l’encontre de la prépondérance et de l’envahissement médités par l’Autriche, les droits des princes." Il faut, ajoute le roi, „faire sentir à ces gens (les princes) qu’ils peuvent compter sur notre secours et que c’est leur propre intérêt qui rend cette institution nécessaire; mais il ne faut pas rester les bras croisés. Jamais ces gens ne feront rien de leur propre initiative. Mettez les fers au feu le plus vite possible. “ Cette lettre est du 6 mars 1784. Tous les jours suivants, il ne cessa d’accabler ses ministres de nouveaux mémoires Ligue des princes protestants contre Charles Y. 23* 356 pour qu’ils lui soumissent un projet de constitution, et, las enfin de les attendre, le 24 octobre, il leur apporte lui-même un travail intitulé: Projet de ligue entre les princes de VAllemagne, calqué sur le modèle de celle de Sckmalkalden. Cependant les choses ne pouvaient s’arranger au gré de son impatience. Il fallait six mois de négociations pour se mettre d’accord par la voie diplomatique avec les princes allemands, même sans tenir compte des entraves forgées par l’etranger. Alors comme aujourd’hui c’était un échange d’arrière-pensées entre la France et la Prusse. „La cour de France," écrivait le baron de Golz, ambassadeur à Paris, en mars 1785, „la cour de France ne goûtera guère cette association, préférant retenir les princes de l’Allemagne méridionale sous sa dépendance exclusive." Et Frédéric de lui répondre par retour du courrier: „Que la France approuve ou non une alliance entre princes allemands, ceci au fond doit nous être égal La chose est bonne en elle-même et c’est ce qu’il faut envisager avant tout. Il me semble que nous ne devrions être les serviteurs ni des Français, ni des Autrichiens, ni des Russes." Enfin le mois de juillet 1785 vit signer l’instrument de l’association par la Saxe, le Hanovre et la Prusse, avec la réserve de solliciter ultérieurement l’adhésion des autres princes. C’était un traité d’alliance en des termes assez généraux, renfermant plusieurs articles secrets. Ces clauses mystérieuses avaient trait principalement à la résistance contre tout projet d’échange de la Belgique avec la Bavière, et contre l’élection, à la prochaine vacance du saint-empire, d’un prince d’Autriche. Quatorze souverains entrèrent dans la confédération, et, chose excessivement remarquable au point de vue l’analogie avec les événements récents, aussitôt les trois premières signa- tures obtenues, Frédéric se mit en mesure de conclure avec les autres princes des conventions militaires, en vertu desquelles les troupes de ces Etats devaient être, sous certaines conditions!, cédées à la Prusse, c’est-à-dire incorporées à son armée et payées par son trésor. Mais Frédéric touchait de trop près à la fin de sa vie pour introduire des changements durables et radicaux dans les traditions de l’Empire. L’année suivante, l’union des princes fut enterrée avec lui. Dire à quel point sa race n’hérita pas de son esprit serait chose superflue. L’historiographie prussienne a fait de vains efforts pour ennoblir les traits de ses successeurs. Elle n’a pu escamoter cette vérité patente, que depuis sa mort on n’a vu que des cerveaux étroits. Dans les uns comme dans les autres nous retouvons invariablement Yautolâtne s’abritant sous les préceptes du droit divin, le culte du bouton de guêtre; tantôt un mysticisme voluptueux, tantôt une orthodoxie revêche; des velléités romanesques et des pusillanimetés invincibles; et, comme résultat final, une diplomatie tâtonnante, finassière, en dernier lieu inepte. On ne parvenait ni à s’insurger contre la suprématie autrichienne, ni à s’y résigner. La jalousie et la méfiance survécurent à l’énergie des luttes soutenues par Frédéric. On guerroyait contre la Révolution aux côtés de l’Autriche, tandis qu’en Pologne on était en hostilité ouverte contre elle; les généraux, faisant comme les cabinets, à tout moment refusaient de suivre l’appel de l’allié, l’exaspéraient de chicanes, de récriminations, de conditions d’argent. Ces tiraillements aboutirent à la paix séparée de Bâle. Celui de ces Epigones qui régna le plus longtemps fut précisément le plus insignifiant. Frédéric-Guillaume III, le contemporain de la Révolution française, de l’Empire, de la Restauration et de la monarchie de Juillet, fut, 358 dans toutes les péripéties de cette époque si agitée, une non-valeur absolue au point de vue du caractère et de l’intelligence. Les panégyriques obligés ont essayé d’elever au rang d’une rigidité honnête sa sèche platitude, qui à l’occasion ne se fit pas faute de tourner à l’odieux. Après 1815, il donna l’exemple d’un des plus grands actes d’ingratitude qui jamais aient été commis de roi à peuple, ce qui est beaucoup dire. Une victoire à laquelle il avait fallu le traîner, remportée au prix des plus incroyables sacrifices, du sang le plus précieux (la jeunesse des universités, des arts, du commei’ce s’était enrôlée en simples soldats), ne devint entre ses mains qu’un moyen d’arriver au rétablissement d’une servitude stérile, aux persécutions contre ceux dont le dévouement avait sauvé son trône, à un assujettissement stupide sous la férule du czar Nicolas, à la rétractation ouverte de la foi jurée; car il n’accorda jamais un iota de la constitution repré sentative qu’il avait solennellement promise au moment du danger. Lorsque parfois M. de Bismarck se plaint des méfiances qu’il rencontre dans ses grandes entreprises d’aujourd’hui, il devrait se rappeler qu’il fut un temps où, comme à plaisir, il avait ouvert la carrière à ces suspicions en se faisant l’apologiste de cette criante injustice d’autrefois. En 1847, prenant la parole devant ce qu’alors on appelait les États réunis de Prusse, il avait déclaré que les sacrifices de 1815 n’avaient pas donné au peuple prussien le droit de réclamer une constitution-, que les monarques de Prusse ne régnaient pas de par la grâce du peuple, mais par la grâce de Dieu, et que tout ce qu’ils voulaient bien accorder n’était qu’un acte de libéralité spontanée. Certes, l’homme qui a introduit le suffrage universel, en demandant que l’Allemagne fut mise en selle ne tiendrait plus ce langage aujourd’hui; mais la vie serait trop belle si l’on pouvait liquider un 359 passé en changeant d’avis. La Némésis se charge de rappeler à l’homme la continuité de son être, quand son intérêt le tenterait d’y renoncer. On ne peut pas éviter que le Bismarck de 1847 ne se dresse quelquefois entre le Bismarck de nos jours et ceux dont la confiance serait une chose précieuse pour lui. Cependant il nous reste, avant d’arriver définitivement à l’homme d’Etat, la tâche de raconter encore un des épisodes les plus curieux dans les précédents de l’idée politique qu’il était appelé à réaliser. Dans l’été de 1806, toute l’Allemagne méridionale était en train de passer sous la domination française. La confédération du Rhin n’était qu’une paraphrase de la servitude. Les princes, après avoir endossé la livrée du protecteur, furent augmentés de gage, élevés en rang, arrondis aux dépens de leurs voisins supprimés. La Prusse avait laissé tomber l’Autriche, et s’était retirée de l’Angleterre, pour jouir de la possession du Hanovre, prix de sa neutralité. Le moment était tentant pour risquer un pas en avant. L’Autriche vaincue, abattue, laissait une place libre dans le ci-devant Empire; tous les cousins étant avancés de landgrave à duc, de duc à grand-duc, d’electeur à roi, la Prusse aussi devait rêver un avancement en titre. D’un autre côté, l’alternative de gagner des forces nouvelles ou de subir la loi commune de l’humiliation s’imposait visiblement. C’était le tour de la Prusse de compter avec le lion, à qui plus que jamais l’appétit venait en mangeant. Ambition, rivalité instinct de conservation, tout aboutissait à la même conclusion: il fallait reprendre en main les projets de Frédéric le Grand, réaliser le plan de 1785, mutatis mutandis . Ces idées, on le pense bien, ne surgirent pas dans la tête du roi. Mais son entourage lui était bien supérieur. Il y avait parmi les princes le bouillant et généreux 360 Louis-Ferdinand, et parmi les conseillers le baron de Stein, l’infatigable adversaire de Napoléon, l’homme qui, plus que qui que ce soit, avait toujours proclamé la nécessité de créer une patrie allemande, et qui déjà dans ces temps voulait par moments aller beaucoup plus loin qu’on n’a osé le faire de nos jours. Depuis 1801 les changements de la carte de l’Europe avaient réveillé dans la tête de maint patriote l’idée de profiter du remueménage général, pour établir une Allemagne plus ou moins compacte, plus ou moins étendue. Des mémoires présentés au roi, des brochures, des. journaux avaient appuyé sur l’opportunité du moment. Quant au choix du vrai remède, on n’était pas plus d’accord qu’aujourd’hui. Déjà on discutait si ce serait une grande Allemagne complète ou une Allemagne du Nord seulement (la ligne de démarcation provisoire tracée dans la paix de 1795 en avait sugéré l’idée première); si l’on médiatiserait les petits princes ou si on les réunirait en fédération. En 1804, la tentation était venue du côté opposé. Napoléon, à la veille de proclamer son empire héréditaire- et désireux d’être reçu par les anciennes maisons sou, veraines à titre d’égal, avait mis Frédéric-Guillaume III dans la confidence de ses desseins, en le conviant à prendre aussi le titre d 'empereur. Le roi avait encouragé vivement le Premier consul, en ce qui regardait le changement à introduire en France, sans se prononcer sur ses intentions relativement à sa propre situation, et, après un échange d’opinions continué pendaut quelques mois, il avait fini par déclarer qu’il était content de son sort, et ne demandait pas mieux que de conserver le rang auquel la Providence avait élevé sa maison. H y avait bien dans cette réponse les deux éléments qui caractérisaient et l’homme et la situation: méfiance légitime envers toutes les avances d’un complaisant dangereux, et répugnance pour toute démarche un peu risquée, surtout quand elle se rattachait de loin à une origine révolutionnaire. Cependant, pour un homme capable de se laisser tenter par une grande entreprise, il y avait autre chose à faire que de conclure par cette fin de nonrecevoir, plate et sèche, portant trop clairement le caractère de cet esprit petit et immobile pour être purement interprétée dans le sens d’une réponse évasive. Car si la méfiance envers Napoléon avait été le seul motif de refus, on n’aurait pas flotté pendant toute la période de 1805 à 1806 entre l’Autriche et la France, entre l’entente et la résistance, entre les manœuvres et l’indignation, occupé avant toute autre chose de la nécessité de s’assurer l’acquisition de l’Electorat de Hanovre. Enfin, arriva l'année 1806, où, la confédération du Rhin étant proclamée, la couronne du saint-empire déposée par François II, la France renouvela à la Prusse la proposition de se mettre à la tète d’une confédération du Nord. Le 22 juillet 1806, aussitôt après la ratification de la confédération du Rhin, Talleyrand envoya à Laforest, ambassadeur de France à Berlin, la copie de l’acte constitutif, en l’accompagnant du commentaire suivant: „C’est pour la Prusse le moment de profiter d’une occasion si favorable pour agrandir et consolider son système; elle trouvera l’empereur Napoléon disposé à seconder son intention et ses projets. Elle peut rallier moyennant une nouvelle loi fédérale les Etats qui font encore partie de l’Empire germanique, et acquérir la couronne impériale ‘à la maison de Brandebourg. Elle peut, si elle le préfère, former une fédération des Etats du Nord qui sont plus rapprochés de sa sphère. L’Empereur approuve dès à présent tout arrangement de cette nature qui conviendrait à la Prusse. „Le 362 roi fit envoyer une réponse des plus empressées et des plus chaleureuses: „Le roi, dit M. de Haugwitz à Laforest, est au comble de la joie; il se regarde non-seulement comme l’allié de la France, mais comme l’ami personnel de l’empereur Napoléon." Toutefois il refusa de nouveau, pour le moment, de donner suite à ces propositions; non pas qu’il dédaignât le fond de la proposition; mais ses sentiments légitimistes et dynastiques lui interdisaient la pensée de baser cette innovation sur autre chose que sur le consentement des autres princes ses frères, même de l’Autriche, qui fut sondée indirectement. Ce furent, on le voit, les mêmes hésitations qui s’interposèrent, quarante- trois ans plus tard, entre son fils et l’assemblée nationale de Francfort, lorsqu’elle vint offrir à celui-ci la couronne allemande. Cé-tait sur le terrain des négociations avec les puissances secondaires de l’Allemagne que se préparait la rupture entre la Prusse et la France, tout comme elle s’est préparée en 1866, entre la Prusse et l’Autriche. Déjà, avant les ouvertures faites par M. de Talleyrand, la Prusse avait invité les cours de Saxe et de la Hesse- Electorale à former avec elle une confédération des Etats du Nord, sous réserve d’y faire entrer ultérieurement tous les autres Etats non compris dans la confédération du Rhin. Le 12 juillet, un premier projet se trouvait élaboré sous ce titre: Idées pour servir à la fondation d’une confédération du nord de T Empire (Ideen zu einem Nord deutschen Reichsbund), et après deux remaniements, au milieu du mois d’août, parut le projet définitif, composé de 24 articles et d’une clause additionnelle. Dans l’article 2, le roi de Prusse, sur l’invitation des Électeurs de Saxe et de Hesse, accepte la dignité d 'Empereur de l’Allemagne septentrionale ; les deux Electeurs, sur l’in- vitation de la Prusse, prennent le titre royal. On fixe les contingents militaires de l’armée fédérale. En temps de guerre, l’empereur en aura le commandement supérieur. Il y aura un congrès fédéral composé de délégués des cours confédérées. Jusqu’ici l’analogie avec les créations récentes est frappante, il y a cependant un point, le plus important, où les deux organisations se séparent: il n’est pas question de représentation élue. 11 n’y aura qu’un tribunal fédéral. Nous ne dirons pas ici à travers quel dédale et quelles péripéties dut passer ce projet, destiné à ne jamais entrer en vigueur. Pendant que Napoléon et Frédéric-Guillaume échangeaient les protestations les plus cordiales, ils se faisaient une guerre sourde et acharnée, sur le terrain de la diplomatie, l’un, pour établir sa confédération en dehors du concours de la France, dont il n’était plus possible de ne pas se méfier; l’autre, pour couper l’herbe sous le pied de celui qu’il avait tant de fois provoqué à aller de l’avant. Napoléon effrayait tantôt l’électeur de Hanovre, tantôt celui de Hesse avec ces insinuations et ces froides menaces à double tranchant dont il aimait tant à faire usage. Il n’en fallait pas tant pour faire échouer les projets de la Prusse, antipathiques à des princes qui ne nourrissaient envers elle et entre eux que des sentiments de jalousie. On connaît l’issue de ces vains efforts, et comment, se présentant au-devant des secrets désirs de Napoléon, et se trompant à un degré incroyable sur ses propres forces, du jour au lendemain, la cour de Berlin se lança dans cette triste aventure d’iéna, qui la balaya d’un seul coup. Mais les idées qui furent ensevelies sous les décombres du royaume de Frédéric-Guillaume n’en acquirent pas moins une signification plus importante, en reparaissant pour la seconde fois, et en prenant des 364 formes plus concrètes que lorsqu’elles sortirent de la tête du grand Frédéric. D’anneau en anneau, la chaîne de cette vocation traditionnelle traverse l’histoire moderne de l’Allemagne, et sans prétendre que le fait seul de ces précédents historiques soit une justification en droit des aspirations ultérieures, il est d’un poids immense pour démontrer aux contemporains que les choses entreprises de nos jours ne sont pas nées d’ambitions personnelles, de convoitises arbitraires. Bonne ou mauvaise, il y a là une idée, qui, depuis plus de cent ans, s’est présentée à l’esprit des meilleurs patriotes, chaque fois que les événements sollicitaient l’Allemagne de sortir de son état de torpeur et de son morcellement insensé. Ce qui, en présence des accusations et des méfiances suscitées contre l’égoïsme accapareur de la dynastie des Hohenzollern, est surtout digne d’être remarqué, c’est que, hors le grand Frédéric, les chefs de cette dynastie furent toujours les moins accessibles à cet ordre d’idées. Les rois ne donnent pas l’impulsion: ils la suivent, et quand ils la suivent, c’est contraints et forcés, avec des reculades et des demi-mesures. Le seul qui fit exception fut le seul capable de s’identifier avec des vues générales. Lui mort, les penseurs de la nation, les patriotes, les lettrés, les savants recueillirent l’héritage de sa conception. Quant aux rois, leur esprit ne s’éleva pas audessus de cet aveu mémorable: Nous sommes contents de notre sort et du rang auquel la Providence a élevé notre maison. En 1813, l’élan suprême du peuple contre la domination étrangère ramena naturellement les idées des patriotes vers les projets de 1806 et au delà. La suppression des petites principautés se présentait comme une chose d’autant plus logique qu’elles avaient toutes suivi les armées du conquérant contre l’Allemagne même. Mais Frédéric-Guillaume aimait mieux se réconcilier avec les princes, et envoyer en prison les patriotes, qui avaient dû lui imposer la levée de boucliers. Le pauvre homme, transi de frayeur à la nouvelle de la couvention de Tauroggen, ne parla de rien moins que de faire traduire devant un conseil de guerre le général York qui l’avait conclue pour lui regagner son royaume; et il l’aurait fait si les patriotes conjurés ne l’avaient pas soustrait à la pression de la diplomatie française. On lui fit accroire que le ministre français s’apprêtait à le faire enlever nuitamment de Berlin; on le persuada de se sauver à Bres- lau, où son entourage parvint à lui mettre l’épée au poing. Ce n’était pas le courage militaire qui lui manquait: bons soldats, ils le sont tous; ce qui leur fait défaut, c’est ce courage qui, en bas, s’appelle civique, et en haut pourrait s’appeler politique Enfin, le même spectacle se renouvelle pour la quatrième fois en 1849. En mars 1848, après la victoire du peuple, Erédéric-Guillaume IY saisit la bannière tricolore, la promène dans Berlin, et se laisse acclamer empereur des Allemands. Un an plus tard, après le triomphe de la réaction européenne, il rejette dédaigneusement la couronne impériale votée par le parlement de Francfort, offerte par une députation allemande. Il est donc clair comme le jour que l’idée de régénérer la nation allemande par l’élévation de la Prusse, n’est pas issue de la royauté; qu’elle est de plus noble origine. Toutes les fois que les événements ont suscité un élan politique, elle a paru; toutes les fois que le pouvoir du trône a été affermi, elle a été refoulée. Qu’on se méfie tant qu’on voudra des dangers inséparables d’une suprématie confiée aux instincts des-Hohen- zollern; qu’on flétrisse les procédés violents et antilibéraux qui leur ont en dernier lieu frayé le chemin; on ne saurait, sans mauvaise foi ou sans ignorance, nier que 366 l’idée dont M. de Bismarck a entrepris la réalisation ne soit une idée large et populaire, et non une idée étroite et dynastique. Si nous insistons sur cette considération, c’est qu’elle ne peut pas rester sans influence sur le jugement que nous aurons à porter au sujet de l’homme qui est devenu la personnification triomphante de cette idée. Celui qui se voua à la tâche de continuer et de mener à bonne fin l’œuvre du grand Frédéric, du libre penseur, de l’ennemi acharné de l’Autriche, de continuer la tradition patriotique de 1806, 1813 et 1848, ne pouvait plus être l’homme qui de 1847 à 1851 avait été le champion d’un absurde féodalisme, le détracteur des grands mouvements nationaux. Bien des changements devaient s’être accomplis dans ses convictions; et ce sont ces changements, quoique cachés sous les dehors déplaisants particuliers au naturel prussien et surtout au type junker, qui contribuent singulièrement à expliquer l’adhésion que le créateur du nouvel ordre de choses réussit à arracher à l’opinion publique. Quoi qu’en disent les purs, les incorruptibles, cette opinion publique n’est pas aussi folle qu’il leur plaît de le déclarer. Elle ne s’est pas du tout éprise pour M. de Bismarck d’un amour aveugle, passionné et confiant. Elle ne voit en lui que ce qu’il est, un homme possédant à un degré éminent la qualité si rare, dans l’histoire de l’Allemagne surtout, de vouloir, de pouvoir donner une grande impulsion à la chose publique. Ses défauts, elle les connaît; si elle était tentée de céder au désir de les ignorer, elle ne réussirait pas; lui-même a eu trop soin de les trahir, de les souligner, de les rappeler à tout propos. 11 s’est caractérisé un jour en faisant cet aveu, peut-être trop absolu, mais fort intéressant en tout cas: Qu’il ne se sentait pas d’aptitude pour les affaires intérieures ; faisant entendre par là que 367 son esprit hardi et impatient ne saurait se plier aux exigences de la légalité, au respect des intérêts individuels, qui dans nos sociétés de civilisation ancienne, même les plus arbitrairement gouvernées, ne permettent pas de longtemps marcher à la poursuite d’un but, sans regarder ni à droite ni à gauche. Il est de ceux dont on a dit: „Pour faire de grandes choses il faut avoir le diable au corps." Mais si cette condition est indispensable, elle n’est pas suffisante. Les grandes choses ne sont que les choses durables, elles ne durent qu’à la condition de répondre au besoin général: voilà ce qui fait la différence entre l’homme d’Etat et l’aventurier. L’un obéit au grand ordre des idées et des faits ; l’autre exploite une situation passagère; l’un prend conseil de la loi du développement éternel, l’autre des faveurs du hasard. En ce sens, quels qu’aient été ses travers et ses torts, M. de Bismarck a incontestablement le droit d’être appelé un homme d’Etat. Un an à peine s’est écoulé depuis que, grâce à son initiative, l’Allemagne est entrée dans une phase nouvelle; et déjà personne n’est plus à se demander si le progrès dans cette voie dépend de la vie ou de la mort du novateur. III. Lorsque M. de Bismarck entra au ministère, en 1862, on le prit généralement pour un casse-cou de la réaction. Après avoir passé par une jeunesse un peu orageuse, et sacrifié avec la fougue qui lui appartient aux plaisirs de l’âge, et, dit-on, au goût antique de la race germanique pour les libations prolongées, il setait lancé tête baissée dans l’arène de la lutte politique. Un écrivain impartial, ou plutôt suspect de bienveillance pour lui, s’exprime ainsi à son égard: „I1 est notoire que du temps de son activité politique, dépuis 1847 jusqu’en 1851, il était le meneur du parti conservateur dans sa signification la plus absolue et la plus antipathique, le chef de l’extrême droite, le champion de tous les privilèges, intérêts et prétentions du parti féodal, le défenseur de la juridiction seigneuriale, des corporations de métiers, l’antagoniste le plus obstiné de la démocratie et du parlementarisme, le plus zélé apologiste de la solidarité à maintenir entre la royauté et les immunités de l’aristocratie 1 )." Dans un discours de 1850, il déclarait hautement que, selon lui, la mission de la Prusse consistait dans la tâche de se subordonner à l’Autriche pour combattre à *) A. Schmidt, l. c. 369 ses côtés la démocratie allemande. Dans le même discours il insiste sur la nécessité de mettre un terme à l’occupation du Schleswig-Holstein, qu’il ne considérait que comme une aventure stupide dans laquelle la malheureuse politique de 1848 avait entraîné la Prusse. Et pour couronner le tout, il finit par ces mots: „C’est par l’effet d’une singulière modestie qu’on s’interdit de proclamer l’Autriche une puissance allemande parce qu’elle a le bonheur d’étendre sa domination sur d’autres peuples encore. Quaut à moi, je ne saurais admettre que, parce que les Slaves et les Kuthènes sont soumis à l’Autriche, ce seraient eux qui représenteraient cet Etat, en ne réservant à l’élément allemand qu’une importance secondaire. Bien au contraire, je respecte dans l'Autriche le représentant dlune ancienne puissance allemande Ainsi parlait l'homme qui devait, à dix an de là, insinuer au cabinet de Vienne que son monarque n’avait que faire de sa position en Allemagne, qu’il ne lui restait qu’un moyen de salut: transporter son centre de gravitation à Ofen, capitale de la Hongrie (seinen Schwerpunkt nach Ofen verlegen). Ainsi parlait l’homme qui n’eut ni repos ni trêve, jusqu’à ce que l’Empereur eût solennellement renoncé à toute immixtion dans les affaires d’Allemagne! Même contradiction sous le rapport de la possession des duchés, du régime commercial et industriel, sans parler du suffrage universel. Les événements qui lui avaient fourni l’occasion de se prononcer ainsi pour l’Autriche et contre les duchés, étaient venus clore l’ère de 1848. Durant l’interrègne révolutionnaire, M. de Bismarck s’était retiré de la vie parlementaire; mais il reparut dès 1849, pour reprendre sa part dans l’anéantissement des derniers efforts tentés par le parti national expirant, qui ne se lassait pas de confier ses espérances à la royauté prussienne. Celle-ci venait de faire une de ces faibles tentatives, SufcroiB Samüetget’ê @e{. ©driften. ni. 24 370 dont Jelle” est î coutumière, pour arriver sur la base des traités dynastiques 'à la suprématie prussienne, qu’elle n’avait osé accepter des mains du parlement. Précisément, comme en 1806, on négociait avec les cours de Saxe et de Hanovre, qui, comme alors, ne demandaient pas mieux que de ne pas voir aboutir les négociations. Déjà l’Autriche était là, prête à réinstaller l'ancienne diète dans son siège de Francfort. Pendant que la Saxe et le Hanovre signaient avec la Prusse l’alliance dite des Trois-Rois, leurs vœux étaient avec l’Autriche, tout comme la Hesse et la Saxe, en 1806, en signant la fédération, avaient été, qu’on nous permette cette locution triviale dans la manche de Napoléon. Le conflit de la Hesse électorale avec son souverain, prototype des petits tyrans allemands, fournit l’occasion, qui fut saisie avec empressement, de mettre fin à toute équivoque. C’était la tradition sacrée de l’ancienne dîète de toujours donner raison aux princes et tort aux Etats. L’armée autrichienne se mit en marche pour occuper l’Electorat et prêter main-forte au violateur de la constitution. La Prusse se laissa aller pendant l’espace de quelques heures à la velléité de venir au secours de la légalité foulée aux pieds. Son armée s’ébranla. Le choc des deux puissances fut signalé par cette fameuse bataille de Bronzellen, qui coûta la vie à un cheval blanc du camp autrichieu, passé à l’immortalité en sa qualité de martyr unique du dévouement du roi de Prusse à la cause d’un peuple. Après ce trépas expiatoire, les deux souverains jugèrent que le moment était venu d’arrêter le carnage et de s’embrasser. Le baron de MaDteuffel, le premier ministre de Prusse, partit pour Olmutz, et y signa l’acte de soumission à la volonté de l’Empereur, que M. de Bismarck avait déclaré être le dernier mot d’une bonne politique. L’ancienne diète fut rouverte sous la présidence de l’Autriche. L’histoire aile- 371 mande enregistrait nn nouvel exemple, le plus lamentable de tous, de l’inanité des espérances qu’elle avait fondées sur la royauté prussienne. M. de Bismarck se signalait naturellement aux préférences du régime qui avait si textuellement suivi son programme; d’autant plus qu’il s’était fait remarquer non- seulement par l’excentricité de ses opinions, mais encore par la vivacité et la promptitude de son esprit. M. de Bismarck n’est pas du tout ce qu’on appelle un orateur, mais, à travers l’imperfection de son débit, il domine son auditoire par l’énergie et la rapidité du travail intérieur de sa pensée. Quoiqu’on affirme que l'habitude de parler en public, et la confiance dans les bonnes dispositions de ses auditeurs lui aient dans les derniers temps passablement délié la langue, un de ses admirateurs, après avoir assisté à une séance du Reichstag, fait son portrait dans les termes suivants: „Aucune grâce éloquente, aucune ampleur de parole, rieu qui entraîne l’auditoire. Son organe, bien que distinct et intelligible, est sec et peu sympathique, le timbre de sa voix est monotone; il s’interrompt et s’arrête fréquemment, quelquefois il lui arrive même de bredouiller, comme si la langue récalcitrante refussait l’obéissance, comme s’il était obligé de chercher péniblement les expressions conformes à ses idées. Ses mouvement inquiets, un peu balancés, nonchalants, ne secondent en rien l’effet de sa diction. Cependant, au fur et à mesure qu’il parle, il surmonte ces difficultés, parvient à préciser ses expressions et finit souvent par des sorties vigoureuses et soutenues, trop vigoureuses quelquefois, comme personne ne l’ignore." Il faut ajouter que son langage, pour mauquer d’art, ne laisse pas d’être souvent imagé. Son esprit net et lucide ne dédaigne pas le coloris, de même que sa constitution robuste n’est pas exempte d’irritabilité nerveuse. 24 * M. de Manteuffel avait donc tontes les raisons pour employer les forces d’un partisan si convaincu et si capable. En mai 1851, il l’envoya à Francfort, en qualité de premier secrétaire de légation auprès la diète restaurée, et trois mois après, il le promut au grade d’envoyé principal, en remplacement de M. de Rochow. M. de Bismarck a occupé ce poste pendant huit ans, jusqu’en 1859, et c’est dans ce long intervalle que s’est opéré dans ses idées le plus gros de cette métamorphose partielle dont le monde a depuis constaté les effets surprenants. Comment s’est accomplie cette transformation? sous quelles influences, par quelles étapes son esprit a-t-il passé? L’attention ne s’est portée sur ces questions que récemment. Avant la grande crise de 1866, ni le public ni M.de Bismarck n’avient éprouvé le besoin de s’expliquer sur ce côté de la question. Des bruits vagues avaient circulé au sujet de rapports peu amicaux entre les représentants des deux grandes puissances allemandes à Francfort; la médisance les avait exagérés, même au point d’affirmer qu’un jour les démonstrations hostiles étaient sorties du terrain des altercations verbales. Les deux diplomates qui se livraient alors ces assauts, en qualité de représentants de leurs cours à la diète, étaient les mêmes qui, plus tard, devaient se trouver en face l’un de l’autre en qualité de présidents du conseil dans le combat décisif, dont leurs escarmouches antérieures avaient été le prélude. Le collègue de M. de Bismarck s’appelait M. de Rechberg. Depuis deux ans seulement que les événements ont révélé toute la portée des projets préparés de si longue main, la curiosité s’est aussi occupée du problème psychologique caché sous les grands traits de la catastrophe historique de 1866. Si le dossier de cette enquête n’est pas encore complet, il renferme néanmoins beaucoup de pièces d’un intérêt incontestable et qui valent bien la 373 peine d’être consultées, en y mettant une certaine circonspection. Dans une conversation de date assez récente et que, pour cette raison même, nous ne donnerons que dans la suite de notre récit, M. de Bismarck a eu soin de constater qu’en arrivant à Francfort, ses sympathies pour l’Autriche étaient d’une entière virginité. Il avait fait une visite au grand prêtre du nihilisme conservateur, au prince de Metternich, daus son château de Johannisberg, non loin de Francfort, et là sur les bords du fleuve classique baignant le pied de ces vignobles si chers au génie poétique de la nation, l’entente cordiale pour l’anéantissement du peuple allemand avait été célébrée dans une dernière idylle. M. de Bismarck et ses apologistes aiment à développer ce thème, que, placé face à face avec les procédés de l’Autriche, il n’eut qu alors l’occasion de la connaître de près, de pénétrer sa détestable politique; bref, que ce fut une étude de morale diplomatique qui l’amena à son chemin de Damas Nous en savons assez déjà du personnage que nous étudions pour être sur nos gardes en présence d’explications un peu trop imprégnées d’idéalisme. Traduite en prose, cette confession signifie, sans perdre de sa valeur, que le nouveau ministre, avec le besoin d’activité et les facultés que nous lui connaissons, éprouvait, dès son entrée aux affaires, le besoin impérieux d’agir et d’être quelque chose dans sa sphère. Quand bien même il eût eu moins de sève et de fougue, il se serait heurté contre la résistance autrichienne; d’autant plus que cette résistance, fondée d’ordinaire sur la force d’inertie, se trouvait par exception confiée à des individualités assez disposées à l’agression. La câlinerie sournoise, la fausse bonhomie de tradition à la cour de Vienne depuis François II, ne convenaient ni à l’humeur du prince de Schwarzenberg, premier ministre, ni à celle de son représentant M. de Rechberg. On en était alors, après le trop facile triomphe d’Olmutz, à un de ces moments d’infatuation dans lesquels les inspirés de Vienne, se grisant des souvenirs de leur ancienne chance proverbiale, s’abandonnaient aux accès de jactance démesurée dont les ordres du jour du maréchal Benedeck ont fourni depuis un si curieux échantillon. Le prince Schwarzenberg avait lancé dans les salons du château impérial cette phrase: qu’il fallait avilir la Prusse d’abord pour ensuite la démolir. Le petits princes de la confédération ramassaient ces choses avec avidité, et c’était à qui déploierait l’humeur la plus gouailleuse à propos de cette Prusse, la plus petite des grandes puissances, comme on avait pris l’habitude de l’appeler, qui avait rêvé de jouer un rôle en Allemagne. Qu’on se figure M. de Bismarck réduit à personnifier ce rôle de Jocrisse devant l’illustre réunion de Francfort, et l’on comprendra qu’il n’en fallait pas tant pour le jeter hors des gonds, et pour lui ouvrir les yeux sur la politique abjecte qu’il représentait. Déjà on avait raconté que le comte de Brandebourg, le fils naturel du roi Frédéric-Guillaume II, le général qui avait commandé le coup d’Etat contre l’Assemblée nationale de Berlin à la fin de 1848, était mort de douleur, brisé par l’humiliation de la journée d’Olmutz. Sur M. de Bismarck l’effet fut tout contraire: ce fut le point de départ d’une vie nouvelle, que le succès devait couronner. Dans une lettre écrite en 1856, de Rheinfelden en Poméranie, nous le trouvons déjà médisant franchement de l’Autriche, et s’intéressant aux duchés. Dans une seconde lettre, datée de Francfort, le 2 avril 1858, il est en plein dans la question de fond. C’est, avant tout, le Zollverein qui met en évidence la misère de l’organisation allemande; son opinion, telle qu’il la formule dans cette pièce, se résume à peu près en ceci: notre position dans le Zollverein est gâchée; j’ai la conviction que nous devons en dénoncer le traité dès que le terme arrivera. Il est impossible de continuer avec ce liberum, veto de vingt- huit gouvernements allemands appuyés sur une cinquantaine de réunions parlementaires. Leur vanité les pousse toujours à se donner de l’importance en faisant valoir lenr égalité dynastique. * Je crois, continue-t-il, que pour un Zollverein à transformer après 1865, il faudrait puiser dans Vanalogie des projets unionistes de 1849, établir une espèce de parlement douanier. Les gouvernements ne s’y décideront qu’à contre-cœur, mais avec de la liardiesse et de la persistance nous pourrions venir à bout de beaucoup de choses. Les chambres et la presse pourraient devenir d’un puissant secours pour notre politique extérieure; elles devraient discuter le système des douanes allemandes, du point de vue prussien, largement et sans ménagements. Alors l’attention, maintenant blasée, se tournerait de nouveau vers elles; il en résulterait pour la Prusse, que nos chambres deviendraient une puissance en Allemagne Qu’on veuille bien le remarquer, ceci fut écrit dans une lettre privée, une année entière avant le commencement de la guerre, d’Italie, signal de réveil pour les nations du continent, engourdies depuis 1849. Suffit-il, en présence de pareilles manifestations, d’expliquer un revirement si frappant par quelques accès de mauvaise humeur contre les procédés de la diplomatie autrichienne? N’est-il pas évident que M. de Bismarck subissait l’effet du changement qui l’avait enlevé aux préoccupations mesquines de la cour de Potsdam pour le placer sur le terrain de la politique européenne? N’aperçoit-on pas distinctement dans les idées qu’il jette sur le papier le reflet d’un travail intérieur, qui aboutit forcément à cette intuition: qu’il ne suffit pas de la rosée céleste du droit divin pour régénérer une puissanee, une dynastie; qu’elle est obligée, pour grandir, de s’assimiler les forces vives du sol dans lequel sont implantées ses racines? Son point de départ était, à ne pas en douter, l’intérêt dynastique. Son éducation royaliste devait avoir identifié en lui la majesté du souverain avec celle du pays. En élargissant sa pensée, il procéda par induction, et finit par arriver au sentiment des vérités élémentaires, dans lesquelles nous entrons, nous autres, de plain-pied. Nul doute aussi qu’au fond de son âme il ne soit resté ce qu’il était. Sa manière d’être se ressentira toujours de son point de départ et de son procédé inductif. C’est un empirique en matière de bien public; mais précisément cet instinct supérieur, qui est le propre des grands empiriques, l’a conduit à la découverte des lois que la science fait sortir de sa synthèse par le procédé inverse. Depuis lonptemps le parti national était parvenu à cette conclusion, qu’il fallait employer l’instrument de la royauté prussienne: enfin il se trouve un homme qui, partant de la royauté, comprend qu’il faut recourir au principe de la nationalité et de tout ce qui en découle. C’est de cette rencontre que sont sortis les événements. Rien qu’en embrassant si vigoureusement la cause des intérêts économiques, M. de Bismarck laissa loin derrière lui les misères de son ancien parti, qui avait toujours flairé dans le progrès de l’activité industrielle l’approche de son ennemi mortel. Sous le règne précédent, M. de Kleist-Reezow, un des chefs et des types les mieux réussis de la chambre des seigneurs, qui fut placé à la tête des provinces du Rhin en qualité de président du gouvernement, ne manquait aucune occasion pour exhaler la sainte horreur que lui inspirait l’état florissant de ce pays intelligent et laborieux. Il déclarait dans ses tournées, que le bruit des usines, l’aspect des hautes cheminées lui faisaient mal au cœur, les qualifiant du 377 reste d’œuvre du démon. Des soldats et des paysans, voilà tout ce qu’il fallait pour être heureux, sans sinquiéter d’ailleurs si les uns suffisaient pour faire vivre les autres. On doit convenir que l’homme issu de cette race avait fait bien du chemin pour arriver à se préoccuper si vivement de la législation douanière, et pour en demander à grands cris la réforme avec le concours des chambres et de la presse. La guerre d’Italie le trouvant ainsi disposé, on devine dans quelle direction il aurait voulu pousser son gouvernement. L’Allemagne courut alors un immense danger. Pendant un moment, un faux sentimentalisme et un patriotisme factice, suscités en faveur de l’Autriche, dans le Midi surtout, menacèrent d’entraîner l’Allemagne à prendre les armes pour cette puissance. La cour de Berlin n’ètait pas restée en dehors de ce mouvement. Elle oscillait, pendant toute la durée de cette guerre, entre son intérêt rationnel qui était contre, et ses instincts légitimistes qui étaient pour l’Autriche. Précisément à mesure que la nation ouvrait les yeux à l’évidence et se tournait vers l’Italie, la royauté prussienne inclinait vers les Habsbourg, dont la cause était défendue dans le château de Potsdam par les influences les plus augustes. La défaite de Magenta vint au secours de ces machinations, qui montraient an prince régent (le roi actuel) le principe révolutionnaire envahissant l’Europe. La Prusse lança une circulaire aux cours allemandes, dans laquelle elle annonçait son intention d’une médiation armée en faveur de l’Autriche, prenant pour point de départ le maintien de cette puissance dans son statu quo territorial; et, pour appuyer cette démonstration, on mobilisa six corps d’armée, 250,000 hommes. En même temps la Prusse proposa à la diète de mettre sur pied deux corps d’armée des autres Etats en les rangeant sous 378 son commandement. Heureusement, ces mesures, qui engageaient beaucoup trop 'Allemagne, ne furent point agréées par l'Autriche. Elle envoya à Berlin le prince Windisck-Graetz déclarer qu’il ne s’agissait pour la Prusse ni de médiation, ni de commandement eu chef; que son devoir était de marcher aux côtés de l’Autriche, qui ne pensait pas, ajouta-t-il, à lâcher un seul village de la Lombardie. Toutes ces péripéties, se succédant avec la même rapidité que les événements, coïncidèrent presque avec la bataille de Solférino, et pendant que le négociateur autrichien pressait la Prusse de hâter sa déclaration de guerre à la France, et qu’il télégraphiait à Vérone que l’alliance était certaine, qu’on ne devait pas conclure de paix, l’empereur François-Joseph venait se jeter entre les bras de Napoléon III, et signer la paix de Villafranca. L’inquiétude de voir agir la Prusse autrement qu’en vassale, la crainte, bien pardonnable en face de la politique vacillante et cauteleuse de la cour de Berlin, de se mettre entre l’enclume et le marteau en s’acharnant dans une lutte contre la France, avaient décidé l’Autriche à se réconcilier précipitamment avec cette dernière. Elle préférait recevoir la paix de Napoléon III, comme récemment elle a préféré remettre entre ses mains la Vénétie. Elle retournait sa colère contre la Prusse. Un manifeste impérial, daté du ehâteau de Laxembourg (25 juillet 1859), accusa dans les termes les plus violents la cour de Berlin, d’avoir seule amené la défaite en abandonnant lâchement son ancien allié. Un journal du parti autrichien ajouta l’aveu naïf, que l’Autriche aurait préféré perdre trois Lombardies plutôt que de fournir à la Prusse l’occasion de prendre une plus grande position en Allemagne.*) : ) Die neue Aéra. Sondershausen, 1862. 379 Cette explosion violente de l’ancienne rivalité ne trouvait plus au siège de la diète M. de Bismarck. Dès le début de la guerre, la Prusse, cédant à cet esprit de tergiversation que nous venons de rappeler, avait éloigné de ce terrain brûlant un personnage aussi redoutable, en le nommant ambassadeur à la cour de Saint-Pétersbourg, toute disposée à s’entendre avec lui dans ses sympathies pour l’Italie. Il entra dans ses nouvelles fonctions en avril 1859. A peine installé, le 12 mai, quinze jours après le passage du Tessin par l’armée autrichienne, il adressa à M. de Schleinitz, ministre des affaires étrangères à Berlin, une lettre, document remarquable, entre tous ceux qui sont venus nous initier rétrospectivement aux projets qui ont si violemment surpris le monde, après avoir été si patiemment mûris. Dans cette lettre, qui est plutôt un mémoire, M. de Bismarck commence par exposer qu’une expérience de huit ans passés auprès de la diète de Francfort se résume pour lui en ceci: dans toutes les questions grandes ou petites, extérieures ou intérieures, la volonté ou les besoins de la Prusse sont engloutis dans la majorité, dont l’Autriche dispose, grâce à sa solidarité avec les autres princes. „Dans la question d’Orient, dit-il, les princes ont déclaré qu’ils iraient de l’avant avec l’Autriche, bien que, sans aucun doute, ce fût sortir tout à fait du droit fédéral et lui faire violence. En feraient-ils jamais autant pour la Prusse? Certes non! car c’est leur intérêt de s’opposer à tout développement de la Prusse, et jamais nous ne saurions triompher de cette résistance sans nous affranchir de la situation qui nous est faite par le statu quo des traités." Et après avoir développé cette pensée, il ajoute: „L’occasion de rompre ces entraves ne reviendra pas de sitôt, si nous négligeons de profiter de la situation actuelle; et dans l’avenir nous serons, comme nous le fûmes dans le passé, réduits à nous resigner dans la conviction qu’en des temps ordinaires il n’y a pas moyen d’introduire des 4 — 380 — changements. Si les hommes d’Etat du Midi désirent nous entraîner vers la guerre (contre la France), ils ne le font peut- être pas sans cette arrière-pensée consolante pour eux, que pour un pétit Etat il est facile de faire volte-face selon la tournure * que doivent prendre les événements." La phrase suivante trace déjà littéralement le programme de 1866. „Je pense, dit-il, que nous devrions nous empresser de relever le gant, ne pas voir un malheur, mais une crise salutaire et un progrès , dans le cas d'une majorité prenant à Francfort une décision, dans laquelle nous puissions trouver une atteinte au principe fédéral, un excès de pouvoir,, une rupture des traités .“ C’était là, mot à mot, l’argument sous l’invocation duquel, à sept ans de là, s’ébranla l’armée de Bohême, après que la diète eut voté la proposition de mobiliser trois corps. «Plus la violation sera saisissable, continue l’écrivain, mieux cela vaudra pour nous; en Autriche, en France, en Russie, nous ne retrouverons pas facilement des conditions aussi favorables à une amélioration de notre position en Allemagne, et nos alliés < sont en excellente voie de nous offrir les plus justes motifs, sans que nous ayons besoin d’encourager leur outrecuidance. Même la Gazette de la Croix commence à se fâcher contre ces procédés. ..." Et continuant à parler de ce journal, il le range absolument dans le nombre de ses adversaires, des partisans de l’Autriche. Il dénonce l’attitude des feuilles subventionnées, dit il, par l’Autriche, et la timidité des autres, qui n’osent soutenir la Prusse, qu’en déguisant leur pensée sous des tendances allemandes. Il faudrait avoir le courage d’arborer franchement le drapeau d’une politique prussienne; des mesures militaires devraient seconder cette propagande. La lettre se termine par ce passage extrêmement curieux: f «Quant au mot allemand au lieu de prussien , je ne voudrais le voir écrit sur notre drapeau que lorsque nous serons unis i i — 381 — avec nos autres compatriotes d’une façon plus étroite et plus efficace; il perd de son charme si on l’use dès à présent en l’appliquant à l’état de choses représenté par la diète. Je crains que Votre Excellence, à propos de cette excursion dans le domaine de mon ancienne activité, ne m’arrête en me criant: ne gutor ultra crepidam! Aussi bien n’avais-je pas l’idée de faire un rapport d’office, mais seulement de donner un avis d’expert contre la diète. Je vois dans notre position au sein de la confédération, quelque chose de vicieux, que tôt ou tard nous serons obligés de guérir ferro et igné, à moins que nous ne le soumettions à temps et dans la saison favorable à un traitement sérieux. Je crois, que si aujourd’hui la confédération se trouvait suppri mée sans même être remplacée par autre chose, rien que ce résultat négatif suffirait pour développer sous peu des rapports meilleurs et plus naturels entre la Prusse et ses voisins allemands." Voilà mot à mot, au printemps de 1859, le programme de 1866. Rien n’y manque, pas même la phrase qui, répétée plus tard devant un comité de la chambre prussienne, devait déchaîner contre son auteur toute l’indignation des honnêtes gens, la thèse du feu et du fer. Mais le passage le plus intéressant est celui où l’écrivain touche à cette question dominante: l’absorption de la Prusse par l’Allemagne, ou l’absorption de [l’Allemagne par la Prusse? Quel était alors le fond de la pensée de M. de Bismarck? En demandant à substituer plus tard le mot Allemagne au mot Prusse, n’avait-il recours qu’à ce stratagème éternel des gouvernements, qui imposent des sacrifices à leurs pays, en les consolant par la perspective des avantages qu’ils en recueilleront dans un avenir indéterminé? Pensait-il, en posant ce jalon, flatter les sentiments libéraux du supérieur auquel était adressée cette lettre, le comte Schleinitz, ministre de cette période de modeste illusion, qu’on avait nommée „l’ère nouvelle" ? ou bien était-il sincère? Contentons-nous pour le moment d’avoir posé la question. Le développement de notre étude se chargera d’y répondre. i / 382 On vient de voir que la Prusse avait laissé clore l’incident de la guerre d’Italie sans profiter des conseils donnés par M. de Bismarck. Du côté libéral, ils n’avaient pas manqué non plus. Toutes les colères et toutes les rancunes dont le cabinet de Yienne avait accablé celui de Berlin avaient plutôt intimidé qu’excité celui-ci. L’esprit de la cour et les influences déjà signalées travaillaient à amener un rapprochement, en empruntant au patriotisme allemand quelques raisons spécieuses qui avaient fait, pendant la guerre, une impression profonde sur l’opinion publique. Les passages méridionaux des Alpes, disait-on, étaient nécessaires à la défence de l’Allemagne, et en laissant affaiblir Autriche, ajoutait-on, la nation se laissait couper un bras, sauf à perdre l’autre dans le conflit inégal que la France ne tarderait pas à soulever dans un avenir prochain. Ainsi posé, l’argument avait d’autant plus de chances de prévaloir, qu’alors comme depuis, la France n’avait pas manqué de conseillers malencontreux empressés à remettre en avant à tout propos la question des frontières du Bhin. Yers la fin de juillet 1860, l’entrevue à Teplitz des souverains d’Autriche et de Prusse avait donné lieu à de nombreux commentaires sur des conventions secrètes destinées à garantir désormais les possessions vénitiennes à la maison d’Habsbourg. Le 22 août, M. de Bismarck écrivait de Saint-Pétersbourg, une lettre dans laquelle il donnait cours aux appréhensions que ces bruits avaient fait naître dans son esprit. Il se plaint de n’être qu’incomplétement renseigné sur la politique intérieure de sa cour, et démontre que, quand même on n’aurait conclu qu’un traité purement défensif avec l’Autriche, celle-ci saurait bien arranger les choses de façon à provoquer l’attaque de la France en Italie. Il se demande ce que les chambres prussiennes diront de cette entrevue de Teplitz et de la réorganisation de ) l’armée. Il s’attend à ce que tous le gens raisonnables se rangeront, dans cette dernière question, du côté du gouvernement. „Un correspondant bien informé, mais passablement bonapartiste, dit-il, m’écrit de Berlin ceci: A Teplitz, la bonhomie viennoise nous a joliment mis dedans, nous avons été vendus, et pas même pour un plat de lentilles. Plaise à Dieu qu’il se trompe!* Et à propos de ce correspondant „un peu bonapartiste,* il se plaint dans les termes les plus vifs de ce que des journaux libéraux l’aient accusé de négocier avec la France et la Russie pour obtenir leur adhésion à de certains remaniements, sous la condition de leur faire des cessions territoriales sur les frontières, notamment sur les bords du Rhin. „Jamais, s’écrie-t-il, je u’ai conseillé autre chose que de compter sur nos propres forces et sur l’appel aux forces nationales allemandes. Cette gent emplumée de la presse allemande ne se doute donc pas, dans sa niaiserie, qu’en m’attaquant, elle va droit contre ce qu’il y a de meilleur dans ses propres tendances? — Puis, se tournant vers le parti féodal: — ah, dit-il, si j’étais un réactionnaire autrichien, la Gazette de la Croix aurait bien pris mon parti, mais puisque j’ai le malheur d’avoir des opinions à moi, on m’abandonne avec délices au dénigrement.* Ainsi donc M. de Bismarck, momentanément relégué au second plan de la question allemande, avait non-seulement continué de s’en préoccuper vivement, mais avait même fini par attirer l’attention publique sur la part active qu’il y prenait. Le principe de fermentation que la paix de Villafranca avait laissé derrière elle se chargeait d’empêcher la cour de Berlin de retomber dans sa nullité. La question de la Vénétie était une blessure ouverte, et toute tentative nouvelle pour la guérir devait remettre sur le tapis cette embarrassante alternative: 384 assister l’Autriche contre la France ou l’Italie, ou profiter des complications pour faire un pas en avant vers cette suprématie allemande si ardemment demandée par une ' partie de la nation. Une année après la date de la lettre que nous venons de citer, M. de Bismarck s’était entretenu avec le roi à Baden (les eaux thermales ont le privilège de stimuler l’esprit politique); il avait exposé ses vues et avait fait impression. Tous ceux qui ont eu l’occasion de causer intimement avec M. de Bismarck lui reconnaissent cette qualité, propre aux hommes supérieurs et surtout aux hommes d’Etat, de pouvoir fasciner, dominer, envelopper son interlocuteur. Qu’on se figure ce politique, débordant depuis si longtemps des idées qui l’obsédaient, mis en présence de celui dont avant tout il s’agissait de s’assurer le concours! Le roi ne se montra ni insensible ni prêt à se laisser entraîner. Au début de la régence, il avait eu son moment de popularité facile; comme tout autre, il y avait trouvé du charme. La reine, pendant qu’elle n’était encore que princesse de Prusse, avait toujours fait des efforts visibles pour gagner les sympathies de la classe bourgeoise par les petits procédés de condescendance si faciles aux grands. Peut-être faudrait-il même compter parmi les circonstances particulières de la situation l’incident de l’attentat dont le roi avait failli être victime à Baden même. Le jeune Oscar Becker avait cru devoir faire disparaître de la scène le souverain inaccessible aux vœux de la nation. Qui sait si cette tentative criminelle n’avait pas suscité quelques réflexions sur la pensée qui avait poussé le jeune exalté à cet acte de désespoir? L’histoire n’est pas sans exemple de pareils enchaînements. L’air même du pays où la scène se passait était favorable aux idées du novateur. Les habitants . » du grand-duché sont les aînés des populations allemandes dans la jouissance de libertés politiques. Le grand-duc, gendre du roi, arrivé au gouvernement en pleine réaction, et d’abord inspiré par elle, soudain avait eu comme une révélation libérale; du jour au lendemain il était devenu l’homme le plus aimé, le plus avancé même de son pays, et s’abandonnait avec bonheur aux douceurs d’une popularité bien méritée. Tout se réunisssit donc pour ouvrir l’esprit du roi aux projets de grandeur future que son ministre développait à ses yeux. Cependant il se hâta lentement d’y entrer. Esprit peu souple, élevé dans le militarisme le plus rigoureux, toujours hanté par le spectre de la Révolution, qui s’était dressé devant lui eu 1848, il était peu disposé à s’embarquer vers des horizons inconnus, derrière lesquels il pressentait trop de choses nouvelles. Finalement il engagea son interlocuteur à lui résumer, dans une note écrite, la substance de leur conversation. C’est en en communiquant l’abrégé à un ami, que M. de Bismarck écrivit, le 18 septembre 1861, de Stolpemunde, en Poméranie, une lettre non moins intéressante que les précédentes. Il insiste avant tout sur l’inopportunité des programmes purement conservateurs, qui, selon lui, menacent de sacrifier l’avenir de la Prusse et de l’Allemagne au statu quo des prétendues souverainetés des petits princes, boursouflés d’orgueil. Au lieu de voir lancer des invectives à la république allemande, suivant le mode des journaux réactionnaires, il aurait préféré trouver les indications positives sur une nouvelle et meilleure organisation de la nation: „Nous avons besoin, autant que du pain quotidien, d’une consolidation plus serrée de la force armée de l’Allemagne; nous avons besoin d’un système de douanes plus perfectible, et d’un nombre d’institutions communes ayant pour but de protéger les intérêts matériels de l’Allemagne contre les dangers Subttig Sambetger’ê ®ef. ©cfjriften. HL l 25 provenant de la configuration irrationnelle de ses délimitations à l’intérieur. Nous devrions écarter toute espèce de doute sur la sincérité de notre désir d’améliorer cet ordre de choses. — D'ailleurs, je ne vois pas pourquoi nous nous effarouchons avec tant de bégueulerie, h la simple idée d'une représentation du peuple, soit auprès de la diète, soit dans un parlement douanier et unioniste. Certes nous ne pouvons combattre comme une chose révolutionnaire une institution légalement établie dans tous les pays allemands, et. dont nous autres conservateurs mêmes, ne voudrions pas nous passer en Prusse. On pourrait créer une représentation nationale d'un esprit bien conservateur, sans renoncer à obliger par lit le parti libéral. Le bruit des préparatifs de départ m’empêche de continuer. Pour le cas où vous auriez encore l’occasion d’expliquer à nos amis ma manière de me prononcer sur ces choses, je joins à cette lettre le brouillon dont je vous ai fait lecture, mais en vous priant de ne pas en divulguer le texte, parce que je ne sais pas s’il convient au roi que ce compte rendu d’une conversation que j’ai eue avec lui et que sur son ordre j’ai jetée sur le papier soit ébruité, surtout après avoir déjà, suivant ce qui m’est revenu, fourni le sujet de certaines discussions.“ A quinze jours de là, il annonce à la même personne, en date de Berlin, 2 octobre 1861, qu’il a été à Coblentz (où se trouvait le roi), et que son séjour n’a pas été tout à fait inutile à la politique allemande; qu’il a été chargé par le roi d’élaborer et de compléter la petite ébauche remise à Baden. Le 15 du mois, il devait se rendre à la fête du couronnement, et c’est là probablement qu’il déposa entre les mains du roi son mémoire sur la nécessité d’un remaniement général dans les affaires d’Allemagne. Il n’a pu manquer de se conformer dans cet exposé aux idées d’un souverain qui, le jour même, étonna le monde moderne par la formule dont il se servit en posant la couronne sur sa tête: „Je la prends, dit-il, de la table du Seigneur," indiquant par là qu’il était au-dessus de toute convention humaine, ce qui implique également au-dessus de toute responsabilité. Tel était le monarque à qui il 387 s’agissait de faire prendre la direction d’un mouvement national, unitaire, progressif, basé sur l’application la plus large du droit représentatif, et sur une juste appréciation du développement économique. Cette contradiction implicite ne suffit pas pour justifier tous les procédés de M. de Bismarck; mais elle explique peut-être pourquoi un homme de sa façon seul avait quelque chance de faire entrer dans la pensée royale la nécessité de combattre le droit divin, en compagnie de Garibaldi et de Kossuth. 2ù* IV. Le régime constitutionel n'a été jusqu’ici qu’un vain mot en Allemagne. Dans la pratique, jamais les gouvernements ne se sont subordonnés à la volonté reconnue des majorités. Le cas d’un ministère se retirant devant une défaite parlementaire s’est peut-être présenté une ou deux fois dans l’ensemble des Etats, grands ou petits, de la confédération, depuis quarante ans qu’ils possèdent des chambres représentatives. L’opinion des familles régnantes est absolument établie à cet égard. C’est, d’après elles, une monstruosité révoltante que de vouloir mettre à la place de la volonté souveraine du prince les décisions de gouvernés. A Berlin, notament, la royauté a toujours déclaré que c’était une amère plaisanterie de prétendre qu’un souverain prussien se laisserait imposer des ministres par les élus du peuple. Quelle était la pensée du roi Guillaume quand, malgré cette conviction absolue, il affirmait dans les discours solennels, — toujours très-vagues, il faut le dire, qu’il observerait fidèlement la constitution? Quelle était, selon lui, cette constitution qui permettait de lever des impôts pendant quatre ans sans la sanction des chambres? Depuis que le régime constitutionnel existait sur le papier, les partis libéraux s’étaient toujours soutenus par l’espoir de le faire peu à peu entrer dans les habitudes gouvernementales. Mais le ton tranchant qu le roi avait pris à l’occasion de son couronnement, ne pouvait laisser subsister aucune illusion. C’était bel et bien la proclamation du gouvernement personnel et absolu. Dès lors vouloir introduire une nouvelle mesure législative, en l’annonçant comme l’œuvre personnelle du souverain, c’était la dénoncer d’avance à toutes les méfiances et à toutes les résistances du pays; tandis que le roi croyait naïvement faire taire toute opposition, en recommandant une innovation due à son initiative et à ses méditations. Tel fut le sort de ce fameux projet de réorganisation militaire, autour duquel s’est concentré le conflit soutenu avec tant d’acharnement entre le peuple prussien et son gouvernement, conflit envenimé et prolongé à tel point, que dans l’opinion du monde, la guerre de 1866 même ne passa longtemps que comme un expédient inventé pour faire diversion à cette question de principe, afin d’enlever par la force des complications extérieures l’adhésion du pays à un changement intérieur. Erreur grave, mais quil faut attribuer exclusivement à l’attitude prise par le roi et les ministres, depuis le couronnement jusqu’aux événements de Tannée passée. Quant à la question de savoir si ce projet de réorganisation dont le roi Guillaume revendiquait la propriété intellectuelle, répondait au but d'améliorer le système défensif du pays, l’opinion publique ne consentait guère à la prendre au sérieux. Elle ne voyait dans l'augmentation des régiments de ligne et des annnées de service, qu’une mesure destinée à supprimer l’institution de la landwehr, institntion née du mouvement populaire de 1813; il ne s’agissait, d’après elle, que de sacrifier l’élément civil à l’élément militaire, et de multiplier les charges d’officiers, refuge traditionnel des fils de la noblesse. Personne n’y découvrait une arrière-pensée guerrière. La chambre refusa le vote du budget, dans lequel on avait fait entrer les éléments de cette innovation. Il s’ensuivit, le 6 mars 1862, une de ces dissolutions, si souvent répétées depuis, et toujours avec le même eflet. En même temps, les ministres qui représentaient encore les derniers vestiges des velléités libérales de la régence furent remplacés par un cabinet fermement décidé à faire triompher ce qui, dans le langage de la cour, s’appelait la prérogative royale. Le roi, se souvenant des qualités de supériorité et d’énergie qu’il avait eu l’occasion de deviner en M. de Bismarck, le fit venir de Saint Pétersbourg, en l’invitant à entrer au ministère. Mais celui-ci pour le moment déclina cet honneur. Les uns en donnent pour motif qu’il n’aurait pas voulu se subordonner à M. Van der Heydt, personnalité considérable qui avait survécu à la dernière crise ; les autres, probablement avec plus de raison, supposent qu’avant d’entreprendre la réalisation de ses grands projets, le calculateur prévoyant aurait éprouvé le besoin d’étudier de près les dispositions de la cour des Tuileries, et de s’en assurer éventuellement le concours. Déjà du temps de son ambassade en Russie, il avait fait un séjour passager à Paris, et avait trahi une grande envie de nouer des relations de nature intime avec la diplomatie française. Mais le cabinet Schleinitz, peu accessible aux tentations de la politique remuante, se méfiant du caractère aventureux de l'homme, avait nettement enjoint à son représentant de modérer son zèle et de se rendre à son poste officiel en Russie. Cette fois, M ; de Bismarck n’eut pas de peine à faire agréer ses conditions. II fut nommé ambassadeur à Paris, ou plutôt il s’était nommé lui-même, car dès cette époque, il se trouvait virtuellement à la tête du gouvernement, et 391 il ne dépendait que de lui de choisir son moment pour prendre possession de la présidence du cabinet. Une fois installé à Paris, il ne perdit pas son temps. Un seul été lui suffît pour amener la diplomatie française à l’entente qui depuis devait créer à celle-ci de si graves embarras. On a suffisamment devisé sur les conciliabules qui auraient marqué le séjour de M. de Bismarck à Paris, et surtout à Biarritz. Ne prétendant raconter que ce qui peut raisonnablement se savoir, nous n’essayerons pas de pénétrer dans le sanctuaire de ces confidences. Que l’intimité ait été grande, que les arrangements aient été sérieux, il est permis de le supposer en présence de ce détail bien significatif, que dans l’automne de cette même année, appelé à Berlin pour prendre définitivement la direction du ministère, M. de Bismarck ne crut pas devoir renoncer à l’honneur de retourner un moment à son poste d’ambassadeur, afin de prendre congé en bonne forme, et sans doute aussi en vue d’une dernière explication avec qui de droit. Nous risquerions de fatiguer le lecteur en lui demandant de nous suivre à travers toutes les péripéties de cette longue et douloureuse lutte, qui pendant trois ans et demi souleva contre M. de Bismarck l’opinion publique du monde civilisé. Maintenant que nous avons assisté au cinquième acte de ce drame, que nous connaissons les mobiles de l’action principale, nous sommes peut-être tentés de juger un peu moins sévèrement les énormités auxquelles s’est laissé entraîner le ministre. Il faut lui accorder, qu’obligé de cacher son jeu non-seulement à son principal ennemi, mais encore à son allié principal, il se trouvait dans une situation terriblement embarrassante. Peut-être même, faudra-t-il lui tenir compte de ce que, tout plein de son idée dominante, convaincu qu’elle était finalement justifiable, il s’impatien- tait à tort, mais de bonne foi, contre une résistance qui lui semblait le résultat de l’aveuglement. Mais quoi qu’il en soit, l’histoire ne pourra jamais lui voter le bill d’indemnité qu’il a obtenu de la représentation nationale. Celle-ci devait obéir à la nécessité de se mettre sur le terrain du fait accompli et de l’avenir. Son vote n’était qu’une transaction entre les fautes de la veille et l'intérêt du lendemain. L’histoire a le devoir contraire. C’est d’elle aussi qu’on devrait dire: elle rend des arrêts et non pas des services. Et quand même on ferait la part la plus large aux circonstances; quand on admettrait à un certain point la nécessité dans laquelle M. de Bismarck se trouvait, de couvrir sous des dehors impopulaires des projets de grande utilité, il resterait toujours à examiner: si le sentiment aristocratique et le dédain de la légalité qui ont engendré tous ses procédés n’appartiennent pas trop à l’essence de sa personnalité, pour qu’il en puisse rejeter la responsabilité sur l’enchaînement des circonstances extérieures. Dans un rôle odieux, il a déployé trop de verve naturelle; il a montré trop de talent dans l’art de se jouer de la morale publique, pour nous persuader que sa manière de penser n’ait pas été au-devant des procédés excessifs qui purent lui être imposés par la situation. Depuis qu’on s’est occupé en quelque sorte de la révision de son procès, il a été dit par lui et par ses apologistes, qu’en entrant au ministère le 24 septembre 1862, il s’était sérieusement flatté de pouvoir se concilier l’opinion libérale du pays, et de marcher d’accord avec elle. Ceux qui soutiennent cette version ajoutent même, qu’en refusant une première fois un portefeuille, il aurait uniquement agi sous l’impression que le conflit né de la loi militaire ne serait pas de trop longue durée, et que dans l’intérêt de ses grands projets, il ferait mieux de 393 n’entrer au ministère qu’après l’aplanissement de cette difficulté, et avec la perspective de s’assurer la bonne volonté de la chambre. D’aucune façon l’attitude des progressistes n’aurait pu l’autoriser à cet espoir. Youloir leur faire partager l’idée d’une propagande à main armée, c’était se tromper singulièrement sur le fond de leur pensée. On ne pourrait même pas dire qu’ils reculaient d’horreur devant cette idée: non, ils n’en étaient pas encore là, parce qu’ils ne soupçonnaient personne de l’avoir conçue, tellement elle leur paraissait monstrueuse, impossible. Ils en étaient toujours à la tradition des conquêtes morales adoptée par le régent; ils avaient la ferme conviction que la Prusse, s’identifiant avec la cause libérale, serait irrésistible, et que l’Autriche aussi bien que les petits princes capituleraient sans brûler une cartouche. Ils ne désespéraient pas de voir le chef des Hohenzollern embrasser sciemment et ouvertement la cause du peuple allemand. En tout ceci, M. de Bismarck était d’un avis absolument contraire; et il n’est pas inadmissible que malgré toute sa perspicacité, il se soit laissé aller à l’illusion de faire entrer sa conviction dans l’esprit du parti opposé. Car il n’est pas exempt de cette loi commune qui permet aux contradictions les plus frappantes de se trouver réunies dans le même individu. 11 a étonné le monde autant par sa franchise que par son astuce; on l’a vu tantôt préparer de loin les événements avec un raffinement de circonspection, tantôt les affronter avec une parfaite légèreté. D’ailleurs, il est dans la nature des caractères entreprenants de fixer leur but à grande distance, et de s’en rapporter pour tous les incidents du chemin à la puissance de leur génie d’improvisation. Pour M. de Bismarck, les difficultés qu’il pouvait rencontrer dans le parlement, dans la constitution, dans l’opinion publique, n’étaient qu’un incident, un simple 394 détail, une de ces questions d’intérieur dont il ne se préoccupait point, par un manque de vocation naturelle, sur le fond desquelles il était donc exposé à sé tromper dangereusement. Il ne réfléchissait pas non plus à ceci, qu’il arrivait au pouvoir dans des circonstances et avec une réputation faites pour épouvanter l’opinion publique, et qu’au lieu de compter sur ses dispositions favorables, il aurait dû faire l’impossible pour la rassurer. Les rapports d’intimité, qui en dernier lieu avaient existé entre lui et de hauts personnages, avaient mis le comble à son impopularité déjà si grande. On l’accusait ouvertement d’avoir cimenté à Paris l’accord du Royalisme féodal avec le Césarisme moderne. Certaines allusions tombées de sa bouche, et aussitôt répandues, le faisaient apparaître non-seulement comme l’instigateur d’un complot ténébreux, tramé contre toutes les idées de progrès, mais encore comme un élève docile dans la science de sophistiquer le principe démocratique. 11 n’y avait pas jusqu’au suffrage universel dont on ne le soupçonnât de vouloir se faire une arme contre la liberté. Au lieu de comprendre tout ce qu’il y avait de légitime dans ces suspicions, M. de Bismarck perdit patience aux premières résistances qu’il rencontra. Il comprenait toutes les lenteurs et tous les ménagements dont il fallait user envers la royauté, mais il ne tenait aucun compte des précautions à employer en abordant l’opinion publique. Dès ce moment, il se jeta tête baissée entre les bras du parti féodal, dont il avait, dans des moments lucides, parfaitement reconnu le néant. Ce parti naturellement ne demandait pas mieux que de ressaisir son ancien favori. C’était presque toujours la loi militaire qui faisait les frais du conflit parlementaire. Deux fois la chambre fut dissoute, une autre fois elle fut simplement renvoyée avec la déclaration qu’on se passerait d’elle pour la fixation du budget. Tous les défis et toutes les insultes furent jetés à la face du pays. M. de Bismarck et son principal collègue, M. de Roon, le ministre de la guerre, eurent des moments de cynique audace. Un jour un orateur ayant formulé des soupçons fort graves contre les ministres, et M. Yirchow ayant demandé qu’ils fussent invités à assister aux débats afin de pouvoir répondre, M. de Bismarck sortit nonchalamment d’un cabinet attenant à la salle des délibérations et jeta à l’assemblée quelques mots dédaigneux, déclarant qu’il était inutile de recommencer, attendu que dans la pièce où il était, on entendait suffisamment ce qui se passait entre ces messieurs. Une autre fois il dit en pleine séance, en face des députés: „Quand nous serons d’avis de faire la guerre, nous la ferons avec ou sans votre approbation. “ Le président ayant voulu arrêter un jour le ministre de la guerre dans une sortie antiparlementaire, celui-ci s’écria que le président n’avait pas le droit de l’interrompre, qu’un ministre était au-dessus de la police de la salle et du contrôle présidentiel. Il en naquit un long conflit qui aboutit à une violation ouverte du principe constitutionnel; le roi envoya aux chambres un message dépourvu de toute signature ministérielle. En même temps les chambres étaient congédiées (27 mai 1863). Qelques jours après, parurent les ordonnances sur la presse. Le système des avertissements et des confiscations, visiblement importé du dehors, fut appliqué aux journaux; une pression violente fut ouvertement exercée sur tous les fonctionnaires. Quiconque avait le courage de ne pas plier était poursuivi à outrance, discipliné, envoyé au fond de la province. Le cri de l’indignation générale s’éleva si haut, que le prince héritier lui-même ne put se soustraire à l’émotion commune. Dans une ré- 396 union publique, à Dantzig, il déclara que les ordonnances avaient été rendues à son insu, et qu’il les désapprouvait. Il alla jusqu’à écrire au roi, son père, pour protester contre un régime, qui, disait-il, mettait en danger ses droits à la couronne. Sa lettre eut pour résultat de le faire éloigner de la cour pendant un certain temps. Enfin la mesure fut comblée par les fameux arrêts de la cour de cassation de Berlin, composée exprès pour les besoins de la cause à l’instar de ces tribunaux que, sous Jacques II, on avait nommés un „packed jury.“ Les acquittements prononcés en première et en seconde instance à l’égard des députés, poursuivis pour avoir attaqué les ministres dans leurs discours, furent cassés; la liberté de la tribune, consacrée expressément par un article de la constitution, fut supprimée par la voie pénale. Cette magistrature dont l’incorruptibilité était devenue proverbiale — peut-être à trop bon compte; — ces fonctionnaires qui, bien que pédants et traeassiers, avaient conservé dans le servilisme même une sorte de rigidité, enfin tout ce qui touchait de près ou de loin à la sphère officielle, semblait être soumis à un traitement de démoralisation systématique. Le trafic des consciences entrait en pleine activité, un mot nouveau caractérisait les jeunes employés qui faisaient une fortune rapide sans autre mérite que celui d'être prêts à tout pour un peu d’avancement. On les nommait „die Streber," comme qui dirait: „les aspirailleurs.“ Il semblait que le moment fût venu où les pessimistes triompheraient dans leurs prédictions. On allait voir tous les abus de l’ancien régime s’accoupler avec toutes les roueries du despotisme moderne; les préjugés de l’orthodoxie se combiner avec les relâchements d’un réalisme frivole. „Une seule des nombreuses mesures illégales de ce temps , 11 c’est ainsi que s’exprime un savant fort modéré, „aurait suffi chez un peuple moins froid que le nôtre, pour faire éclater une r évolution. Si tontes ces mesures n’étaient pas l’œuvre personnelle de M. de Bismarck; si les plus odieuses d’entre elles précisément étaient peut-être préparées en dehors de lui par son collègue du département de la justice, un féodal pur, celui-là, personnellement cher au roi, le premier ministre n’en portait pas moins devant le monde la responsabilité de tout ce qui se passait, et en vertu de sa supériorité reconnue, ce n’était que justice. Là où il n’agissait pas lui-même, au moins il laissait faire. Son attention était tout entière à l’observation des complications extérieures; il cherchait le prétexte appelé de tous ses vœux pour constater une violation du régime fédéral et en faire le point de départ d’une rupture avec l’Autriche. Pour y arriver, il commença par recourir à celui de ses procédés qui s’inspire d’une extrême franchise. En décembre 1862, deux mois après son entrée au ministère, il provoqua, avec l’ambassadeur autrichien à Berlin, le comte Karoly, une explication dont nous possédons les comptes rendus suivant la version de chacun de ces deux diplomates. Ces versions sont du reste assez concordantes entre elles et instructives au plus haut degré. Dans une circulaire, adressée aux cours allemandes, le 24 janvier 1863, M. de Bismarck dit avoir signifié à M. de Karoly, qu’à son avis les rapports entre les deux puissances ne sauraient rester dans le statu quo ; qu’ils devraient ou s’améliorer ou empirer, et qu’à défaut de la première alternative, la Prusse allait se préparer à l’autre. Il dit ensuite avoir rappelé que, dans le temps antérieur à 1848, grâce à une certaine convention tacite entre les *) Schmidt, l. c. 398 deux puissances, l’Autriche avait toujours pu compter sur l’appui de la Prusse dans les questions extérieures, tandis que celle-ci avait ses allures libres pour les questions intérieures, ainsi que cela s’était vu à l’occasion de la fondation du Zollverein; — que depuis le rétablissement de la diète, la Prusse rencontrait, précisément dans les Etats les plus voisins (la Hesse électorale et le Hanovre), une résistance due aux incitations de la cour de Vienne; (pie si cette cour, au risque de s’aliéner les sympathies de la Prusse, laissait les choses aller de ce train, elle se berçait probablement de l’idée que, dans une guerre dangereuse pour l’Autriche, les deux puissances devraient néanmoins se retrouver au sein de la même alliance: mats que cette supposition reposait sur une grosse erreur , qui n’apparaîtrait peut-être qu’au dernier moment, mais alors avec une clarté fatale ; que si l’on ne revenait à l’ancienne intimité, l’alliance de la Prusse avec un adversaire de l’Autriche ne serait pas du tout chose impossible dans un cas semblable a celui de la guerre d’Italie de 1859; que l’Autriche avait le choix ou de continuer sa politique antiprussienne, basée sur une coalition avec les Etats moyens, ou de s’unir honnêtement à la Prusse. Après avoir touché encore à quelques questions du jour, M. de Bismarck pria l’ambassadeur d’Autriche de mettre le plus d’exactitude possible dans ce qu’il allait écrire de cette conversation à M. de Rechberg, ajoutant que, d’après sa conviction, les bons rapports entre les deux cours ne sauraient plus être rétablis qu’au moyen de la plus entière sincérité. Peu de jours après, le 13 décembre, M. de Bismarck eut un second entretien avec le même diplomate. En examinant les paroles échangées à cette occasion, nous ne pouvons nous empêcher de remarquer que déjà, au commencement de 1863, l’Allemagne, bien que ne s’en doutant nullement, était à deux doigts de la catastrophe finale, uniquement ajournée alors par la mort du roi de Danemarck et la guerre du Schleswig. M. de Bismarck alla trouver le comte Karoly et lui déclara que, d’après les dépêches de son ministre à Francfort, les choses prenaient une tournure très-sérieuse à la diète; qu’on était sur le point de vouloir imposer à la Prusse par la ma- iorité dans l’affaire dite „des Délégués", une décision contraire h la constitution fédérale-, que cela amènerait une rupture de la fédération même, que le cas échéant, il rappellerait son représentant à la diète et qu’il cesserait de reconnaître la légalité d’une assemblée, dont la Prusse se serait retirée; qu’alors on ne pourrait plus soumettre les garnisons prussiennes des forteresses fédérales aux injonctions de la diète, qu'il en naîtrait un conflit fort grave, et que la responsabilité des suites retomberait sur les gouvernements qui auraient compromis l’état paisible de la confédération par leurs procédés agressifs C’est la formule identique dont la Prusse s’est servie trois ans plus tard pour préparer son casus ielli , et en présence de cette analogie frappante, le doute n’est plus permis sur l’intention, dès lors nettement arrêtée dans l’esprit du premier ministre, de pousser les choses à l’extrême. L’intervention seule de circonstances imprévues le fit renoncer à son plan de campagne, mais ce ne fut que pour mieux en poursuivre l’exécution à travers de nouvelles combinaisons beaucoup plus artificieuses. Le rapport du comte Karoly, adressé à M. de Rech- berg un mois après que M. de Bismarck eut lancé sa circulaire (18 février 1863), complète ce document en nous donnant le point de vue autrichien dans cette question de rivalité. M. Karoly trouve que les prétentions de la Prusse à une prépondérance dans les affaires intérieures de l’Allemagne ne sont basées sur aucun droit sérieux ; qu’en voulant y arriver aux dépens de l’Autriche, elle demande à celle-ci le sacrifice d’une position qui lui appartient en vertu d’une tradition séculaire, en vertu des traités et de la grandeur de la dynastie. „Enfin“, ajoute le ministre, et le mot, devenu historique, date de ce jour-là, „enfin il nous a textuellement posé l’alternative ou de nous retirer de l’Allemagne en transportant le centre de notre monarchie à Ofen, ou de trouver la Prusse dans les rangs de nos adversaires, à l’occasion du premier conflit européen qui surviendrait." La dépêche se termine par cette conclusion: „I1 nous appartient de dévoiler à temps le prétexte dont la Prusse voudrait se servir pour arriver à ses fins." Ce prétexte, il faut le dire, l’Autriche s’était .chargée de le fournir en prenant en main l’œuvre que les meneurs des petits Etats avaient élaborée sous le nom de Projet des délégués, afin d’organiser une espèce de contre-guérilla diplomatique, destinée à faire diversion aux tendances unionistes de M. de Bismarck. L’intention peu sérieuse de ces prétendues réformes était si transparente que personne ne fut pris au stratagème, excepté ceux qui l’avaient inventé. Le tout se résumait dans la proposition de convoquer, à titre d’essai, une assemblée composée de délégués des chambres des différents Etats pour délibérer sur quelques objets de législation civile, avec voix consultative seulement. C’était donner beau jeu à M. de Bismarck, et il ne se fit pas faute d’aplatir ses adversaires en opposant à leur triste simulacre de constitution un programme autrement hardi. Dans un vote motivé du 28 Janvier 1863, son envoyé à la diète insista sur des réformes sérieuses, notamment sur la convocation d’un vrai parlement allemand. Dans ces conditions, il assurait le concours de la Prusse. Mais si la majorité 401 faisait mine de lui imposer des demi-mesures, il ceserait de reconnaître l’autorité fédérale. Ces menaces ébranlèrent la majorité. Les gouvernements allemands, toujours heureux de se laisser retomber dans la béatitude de l’inaction traditionelle, sacrifièrent sans regret leurs velléités de réforme sur l’autel de la concorde. Comme d’habitude, le Hanovre et la Hesse furent les premiers à donner le signal de la débandade. Mais l’Autriche ne se tint pas pour battue. Depuis qu’elle avait perdu la Lombardie et se voyait menacée en Vénétie, elle s’était plus que jamais mis en tête que son salut dépendait de sa domination en Allemagne. Après avoir compris que le projet des délégués avait succombé par son insuffisance, elle se promit d’étonner l’Allemagne par quelque chose de grandiose et d’inouï. Si son esprit avait été à la hauteur de ses intentions, la monarchie autrichienne aurait pu saisir ce moment pour se donner le beau rôle. Car personne n’avait pris au sérieux les déclarations de M. de Bismarck. Les protestations parlementaires et nationales du ministre qui malmenait son pays avec un arbitraire sans précédent, étaient regardées comme une amère dérision. L’Autriche, s’emparant courageusement de la tradition de 1849, convoquant sans détour un parlement sur la base de la constitution donnée par le parlement de Francfort, enjoignant aux princes de s'effacer sous l’autorité de l’unité nationale, aurait au moins eu des chances de succès. Au lieu d’agir ainsi, elle croyait que la dernière comédie des délégués n’avait manqué son effet que faute d’une mise en scène suffisante. Augmenter les splendeurs du spectacle lui paraissait être tout ce que la situation pouvait lui imposer. Elle crut que c’était un trait de Sitbroifl Sam&etaer’ê ®ef. ScWften. m. 26 génie de réunir à Francfort un congrès de princes , dans lequel tous les souverains allemands paraîtraient en personne pour jouer le rôle de pères de la patrie, et que le public ne résisterait pas devant un si grand effet dramatique. Elle eut pour ce programme non-seulement l’adhésion de tous les petits princes, toujours prêts à parader et à s’amuser, mais aussi le concours d’une classe de politiques qui, grâce aux influences de l’Autriche même et à leur parenté d’esprit avec ses coryphées, étaient arrivés au poste de premiers ministres et à la renommée d’hommes d’Etat dans quelques gouvernements princiers. Tout ce monde qui se croyait si habile et si fort s’était donc concerté pour faire des journées d’août 1863 un chef-d’œuvre de solennité et d’éblouissement. Ce n’était à Francfort qu’entrées pompeuses, cortèges, harangues, uniformes, carrosses, majestés, altesses, excellences, le tout arrangé de manière à évoquer le plus possible les souvenirs des couronnements impériaux du temps jadis. A l’honneur du public, il faut dire que la galerie fut d’une impassibilité magnifique. En voyant tous ces seigneurs escortés de leurs laquais dorés, le bourgeois ne voulut pas oublier leurs tristes antécédents, et malgré les antipathies que la Prusse s’était attirées personne ne fut dupe de l’inanité des démonstrations organisées par ses adversaires. Quant au projet de réorganisation soumis au congrès, ce n’était autre chose que celui dès délégués repeint et redoré à neuf. L’embellisement principal consistait dans l’installation d’une présidence autrichienne, qui serait flanquée de plusieurs directeurs choisis dans les autres souverains. Le roi de Prusse avait été invité le dernier à venir à cette reunion, quatre jours apres les princes. M. de Bismarck répondit que des propositions de cette nature avaient besoin d’être examinées de plus près, et qu’on accepterait une réunion pour le mois d’octobre; que de cette façon, le roi aurait le temps de discuter les articles avec ses ministres. Mais le congrès, passant outre, adopta d’un trait, après une délibération sommaire, tout le projet autrichien, et une note fut expédiée à la Prusse, la mettant en demeure d’y adhérer ou de se voir exclure de la nouvelle organisation. Le 15 septembre, la Prusse répliqua par un refus, dont les motifs étaient tirés de l’insuffisance des changements projetés. Elle réitéra en même temps ses conditions principales : partage de la suprématie entre elle et l’Autriche sur le pied d’une entière égalité, et représentation nationale avec pouvoir législatif. Il lui fut répondu par des notes identiques de la part de l’Autriche et des autres Etats. Enfin, après une série de démonstrations plus violentes les unes que les autres, les diplomates des puissances confédérées se réunirent à Nuremberg pour délibérer sur des mesures préventives à prendre contre la Prusse, qui avait parlé de casus belli. En remettant sous les yeux du lecteur tous ces faits significatifs, nous devons nous étonner que l’opinion publique ne se soit alors montrée ni plus attentive ni plus alarmée. Cette indifférence en présence de menaces, dont maintenant nous pouvons apprécier le caractère de gravité, s’explique par le scepticisme avec lequel le peuple allemand, depuis un demi-siècle, s’était accoutumé à regarder tous les tiraillements entre ses deux grandes puissances. Chaque fois qu’une des deux avait demandé qu’on prît fait et cause pour elle contre l’autre, le public avait haussé les épaules. „Les loups ne se mangent pas entre eux,“ avait-on coutume de dire. Malgré tous les gros mots échangés, le pays pensait comme l’Autriche: qu’au moment décisif, la solidarité des tendances réactionnaires se chargerait de la réconciliation. 26 * — 404 — Mais dès cette époque, les choses auraient pris sans doute une tournure sérieuse, de nature à faire revenir le peuple allemand de son erreur, si la marche de l’action n’avait pas été arrêtée d’une manière imprévue. Dans la nuit du 14 au 15 novembre, était mort à Copenhague Frédéric VII, roi de Danemarck. Cet événement devait emprunter aux circonstances une gravité extraordinaire. Vu dans son ensemble, l’épisode de la guerre du Nord (de 1864) se présente si bien dans toutes les conditions d’une intrigue dramatique, la plus habile qu’on ait jamais montée sur la scène politique, qu’amis et ennemis sont depuis longtemps convenus d’y voir le coup de maître de M. de Bismarck. S’il était vrai que la série des incidents qui se sont succédé depuis la mort subite du roi de Danemark jusqu’à la campagne de Bohême, eût été le résultat d’un plan dressé d’avance, il faudrait avouer qu’à aucune époque le machiavélisme, dans ses conceptions les plus hardies, n’a produit un chef-d’œuvre de cette force. Avoir trouvé l’Autriche en bonne voie de popularité, entourée du dévouement des princes allemands, campée dans la diète qu’elle présidait, représentant le système de la légitimité, vivant en profonde entente avec les puissances; et l’avoir, au bout de deux ans, isolée de tout le monde, discréditée devant les masses, brouillée à mort avec les princes et avec la diète ; lui avoir fait méconnaître le principe légitimiste et l’autorité fédérale, et l’avoir mise en contradiction, non-seulement avec la France et l’Angleterre, mais avec sa propre politique; l’avoir ainsi traînée à la remorque, malgré elle, d’étourderie en étourderie, pour finalement se retourner 406 contre elle et lai courir sus, quand elle n’avait plus ni amis, ni alliés, ni système, ni direction, ni consistance; ce serait là évidemment avoir fait preuve de la plus haute perfection dans cet art de duper, qui jadis passait pour le dernier mot de la diplomatie. Mais il faut savoir résister à la tentation qui nous pousse à dramatiser trop volontiers les événements. Certes la réalité produit bien souvent des combinaisons plus ingénieuses qu’il n’en est jamais sorti du cerveau d’un poëte, et cette fécondité de la vie même devrait nous rendre méfiants envers la tendance de notre imagination qui aime à chercher, derrière toute coïncidence des événements, la main humaine qui les a artificiellement préparés. Au seizième siècle, tout le monde eût été d’accord pour soutenir que M. de Bismarck avait fait empoisonner le roi de Danemark, parce qu’il sut tirer de cette mort subite un si grand profit pour la réalisation finale de ses projets. En examinant de près toutes les péripéties de cet épisode, on arrive plutôt à la conviction que le ministre prussien n’y a montré ni cette unité de vues ni cette diabolique préméditation, que les amateurs du roman dans l’histoire ont voulu reconnaître dans l’enchevêtrement des incidents. Le courant de l’action diplomatique l’entraîna parfois dans des contradictions si fortes avec lui-même, qu’on pourrait l’accuser d’avoir un peu légèrement compté sur les ressources de son talent d’improvisateur. Sa manière de profiter des incidents rappelle en certain moment le mot de ce romancier qui, pour caractériser son procédé inventif, disait: „Quand je laisse frapper un coup à la porte du cabinet de mon héros, je ne sais pas encore moi-même qui va entrer." En voyant s’ouvrir cette succession des duchés, M. de Bismarck dut naturellement saisir avec empressement l’occasion de faire d’une pierre deux coups : provoquer un conflit avec la diète et en même temps acquérir un territoire précieux. L’Autriche pouvait raisonnablement balancer entre deux partis à prendre: ou se ranger strictement du côté du traité de Londres, conclu en 1852 sous ses auspices, en reconnaissant le droit dynastique du roi de Danemark; ou bien se mettre à la tête du mouvement allemand en faveur de l’indépendance des duchés. M. de Bismarck qui avait juste l’intérêt contraire, qui ne voulait ni laisser les duchés au Danemark ni les soumettre à la juridiction fédérale, moyen sûr de les voir refuser à la Prusse, manœuvra si bien que l’Autriche le suivit docilement dans tous les chemins tortueux qu’il choisissait successivement pour s’approcher de son but. L’affaire des duchés avait toujours été pour les petits princes de la confédération un moyen de faire du patriotisme à bon marché. C’était un dérivatif sans danger pour l’effervescence populaire, un prétexte toujours bien venu pour jouer au soldat. Dans le cas présent, une circonstance toute particulière venait donner un nouvel attrait à la combinaison. La version la plus populaire revendiquait les duchés en faveur du prince d'Augustenbourg. C’était reconnaître en même temps le principe de la légitimité et celui des petites souverainetés, dont le nombre se serait trouvé augmenté par l’adjonction de ce nouveau confrère. La diète avait fait occuper le duché du ïïolstein par un corps d’armée fédéral, composé de Saxons et de Hanovriens. M. de Bismarck, pénétré avant tout de l’importance du fait accompli, n’hésita pas à décréter que les Prussiens iraient s’installer à côté, dans le Schleswig, sous un prétexte quelconque. LAutriche, à son tour, voyant marcher la Prusse, se dit qu’elle ne pourrait rester spectatrice inactive d’une pareille occupation et se décida également à entrer dans le Schleswig. Alors M. de Bismarck lui offrit de se réconcilier et de s’entendre pour agir de com- 408 mun accord. Il tendait une amorce à laquelle la cour de Vienne n’aurait su résister. Sous prétexte que les princes de la confédération qui faisaient cause commune avec la clameur publique entraînaient la diète sur la pente révolutionnaire des revendications nationales, il fit entrevoir à M. de Rechberg à quelles funestes conséquences la monarchie allait s’exposer par la reconnaissance de ce principe subversif. Il lui fit sentir combien il était plus prudent et plus digne de rester sur le terrain de la grande diplomatie, de repousser l’intervention turbulente de la diète qui obéissait à la pression de l’opinion publique, par conséquent de se mettre en rapport avec les grandes puissances européennes, non en qualité de mandataires de la confédération, mais à titre de grandes puissances allemandes. Une réconciliation avec la Prusse sur cette base réactionnaire paraissait à M. de Rechberg présenter un double avantage: il se hâta de donner dans le piège. S’emparant avec bonheur du rôle que M. de Bismarck lui avait assigné, il chargea son représentant auprès de la diète de soumettre à celle-ci une proposition ayant pour objet d’enjoindre au prince prétendant l’ordre de sortir des duchés, et d’interdire simultanément toutes démonstrations publiques en sa faveur dans les Etats de la confédération. La diète refusa. Alors l’Autriche et la Prusse réunies demandèrent qu’on les autorisât au moins à occuper le Sehleswig, en leur qualité de grandes puissances. Nouveau refus de la diète. Après ce double échec subi en janvier 1864, les deux gouvernements résolurent de se mettre en contradiction ouverte avec la diète, et d’entrer dans le Schleswig, malgré celle-ci. Ainsi donc l’Autriche, qui pendant un demi-siècle avait basé tout son système sur sa solidarité avec les souverains de second et de troisième rang dans la confédération et sur l’institution de la diète, s’était laissé entrainer à rompre ce lien, à faire cause commune avec la Prusse, guidée par un intérêt tout à fait contraire. Lorsque les deux armées se mirent en marche, le conflit en était venu à ce point, que le royaume de Saxe, appelé à deux ans de là à se faire écraser aux côtés de l’Autriche à Sadowa, refusa le passage à l’armée impériale qui dut faire un détour à travers la Prusse. Pour que rien ne manquât à la maladresse, un secrétaire d’Etat*) déclara formellement dans la chambre des députés à Vienne, au nom de son gouvernement, que l’Autriche n’entendait mener cette guerre que contre le mouvement soulevé en Allemagne, puisque jamais elle ne pourrait reconnaître le principe des nationalités! Après avoir supprimé ainsi de fait la diète et amené l’Autriche à en méconnaître l’autorité, M. de Bismarck était bien forcé de se débarrasser du traité de Londres, qui, aussi bien que la jurisprudence fédérale, lui interdisait l’annexion des duchés. En capitaine bien avisé, il s’était d’abord occupé uniquement de l’un de ses adversaires, et celui-là à sa merci, il se retourna contre l'autre. A plusieurs reprises il avait reconnu la validité du susdit traité; ce qui ne l’empêcha pas, le moment venu, de s’en affranchir. Le 15 mai 1864, il déclara qu’il ne se regardait plus comme lié envers le Danemark par le traité de 1852, puisque cette puissance l’ayant enfreint elle-même ne pouvait plus en revendiquer les avantages. Le lendemain du jour où il avait fait cette manifestation officielle il révélait, dans une lettre adressée à un ami (elle est datée du 16 mai 1864), que la question de droit n’était qu’un prétexte pour arriver, de manière on d’autre, à l’annexion des duchés. L’ami, appartenant au camp des conservateurs, s’était effrayé en lisant le *) M. de Biegeleben. projet d'adresse de la chambre prussienne, qui se prononçait vivement contre le Danemark. H. de Bismarck lui répond: „Je comprends vos objections contre l’adresse qui, néanmoins, à mon avis, nous rend service en exerçant une certaine pression sur la marche des négociations diplomatiques. Il est possible que je me trompe; car plus je travaille dans la politique) plus je perds confiance dans les calculs humains ... La situation est ainsi faite, qu’il me convient de lâcher, contre les Dano- philes de la conférence, tous les chiens qui ont envie d’aboyer (excusez ce style chasseur); le tapage de toute la meute réunie produit cet effet sur les pays étrangers, qu’ils se font à l’idée de regarder comme impossible le rétablissement du régime danois dans les duchés .... Je ne crains pas que l’adresse puisse nous créer des embarras. Je ne regarderais pas du tout comme un malheur que notre notre nation lût tellement saisie d’ambition prussienne, que le gouvernement, au lieu de stimuler) se trouvât plutôt obligé de tempérer l’ardeur générale. Enfin, pour caractériser la situation, je vous avouerai que l’annexion prussienne n’est pas le but suprême et nécessaire de mes efforts, quoiqu’elle m’en représente le résultat le plus agréable. “ Et, en même temps qu’il formulait ainsi sa véritable pensée, il ne se contentait pas de la déguiser en discutant avec le Danemark un point de droit fort douteux, mais il s’amusait à jouer encore un trosième jeu avec l’Angleterre. A lord Woodhouse, envoyé de Londres pour faire un dernier essai de conciliation, il répondit .que jamais la Prusse ne pourrait s’entendre avec le Danemark, tant que celui-ci conserverait son régime démocratique; qu’un coup d’Etat à Copenhague était le seul moyen d’éviter la guerre! Toutes ces tergiversations ouvrirent enfin les yeux à l’Autriche, qui commença dès ce moment à pencher définitivement vers le prétendant. M. de Bismarck, de son côté, ne sentant pas encore la situation suffisamment préparée pour montrer son jeu, ne crut pouvoir mieux faire que de l’embrouiller encore davantage: suivant l’Autriche sur son terrain, il se donna l’air de prendre en considération les droits du prince d’Augustenbourg, ne cherchant en somme qu’à gagner du temps pour profiter de nouveaux incidents. Finalement, après avoir mis en avant à Copenhague le traité de Londres, à Londres la démocratie de Copenhague et à Vienne le duc d’Augustenbourg, il vit arriver le moment qui devait lui permettre de renoncer à ce triple subterfuge. La guerre contre le Danemark, une première fois interrompue par les conférences de Londres, avait éclaté de nouveau après que le terme assigné à l’œuvre des diplomates fut expiré sans résultat. La seconde campagne, avec ses succès définitifs et l’invasion du Jutland, amena la paix de Vienne qui, le 30 octobre 1864, mit les duchés à la disposition absolue des deux puissances alliées. Aussitôt la Prusse se précipita sur ce nouveau point de droit, tiré uniquement du fait, pour mettre de côté toutes les questions de parchemin et ne revendiquer le pays qu’à titre de conquête- Encore une fois, cette intérpretation qui opposait la force brutale à toute invocation de principe, était trop du goût de l’Autriche pour qu’elle n’y eût pas donné son adhésion. On s’installa donc à titre de copossesseurs, en signifiant à la diète que l’affaire ne la regardait pas autrement. A partir de là, commencèrent nécessairement les hostilités entre les deux rivaux, l’Autriche cherchant à opérer de nouveau sa jonction avec la diète, qui soutenait plus que jamais le prétendant, et M. de Bismarck opposant toutes sortes de difficultés à l’admission de ce dernier. Les choses en arrivèrent bientôt à ce point que, pendant trois mois entiers, les négociations restèrent interrompues entre les deux cours de Vienne et de Berlin. Reprises enfin au mois de juin 1865, elles aboutirent, le 412 22 juillet, à un ultimatum prussien. Dès le 15, M. de Bismarck avait dit à Karlsbad, au duc de Gramont, que la guerre était devenue inévitable entre l’Autriche et la Prusse; qu’il désirait en venir aux mains le plus tôt possible; que la mission de la Prusse était de prendre en main les destinées de PAllemagne. Cependant il ne lui fut pas encore cette fois permis de dégainer. Les deux familles régnantes, malgré toute leur irritation, éprouvaient une répugnance extrême à tirer l’épée. Elles aiment beaucoup le régime militaire, mais au fond, elles ne sont pas de nature belliqueuse; l’horreur de rompre le lien de la sainte alliance, et un peu aussi l’horreur de verser le sang allemand, les remplissaient d’épouvante. Ces hésitations du dernier moment amenèrent une dernière transaction. Le 14 août, la conférence de Gastein créa un intérim destiné à faire cesser l’état d’indivis. Provisoirement l’Autriche obtint la possession exclusive du Holstein, la Prusse celle du Sclileswig, moins favorable parce que le Holstein sépare le Schleswig de toutes communications directes avec l’Allemagne. Mais celui qui avait accumulé toutes ces complications pour aboutir à une rupture, ne pouvait plus laisser échapper de ses mains une situation amenée avec tant de peine à ce point de maturité. On avait laissé passer la guerre d'Italie et le congrès des princes sans faire un pas vers une solution définitive. Ne pas saisir cette troisième occasion c’eût été décourager la fortune. L’acquisition de deux nouvelles provinces était sans doute faite pour plaire à la royauté beaucoup plus que toute espèce de point de vue national; et cette perspective, jointe aux succès remportés par les troupes, dut permettre à M. de Bismarck d’enlever finalement la décision de celui qui, jusque-là, avait toujours reculé devant une mesure extrême. Dès ce moment, le reste ne fut qu’une question de 413 manœuvre. Non-seulement le cabinet prussien renouvela ses exigences pour certaines conditions à imposer au futur souverain des duchés, mais il fit aussi élaborer par ses légistes un mémoire qui contesta les droits du prétendant d’une manière absolue. Et afin de concentrer tous ces moyens d’attaque, il renouvela la proposition de convoquer un parlement allemand, en l’accompagnant d’une circulaire diplomatique, qui adjurait l’Allemagne dans les termes les plus pathétiques de se serrer autour du drapeau de l’unité, sous peine de subir dans le cas contraire le sort de la Pologne (24 mars 1866). L’effet sur l’opinion publique fut nul. Par ses procédés contre les chambres prussiennes, M. de Bismarck avait perdu toute ombre de crédit auprès des gens sérieux. S’il eût encore pu prétendre à être cru sur parole, il aurait dû renoncer à cette illusion lorsqu’il accusa l’Autriche de nourrir contre la Prusse des intentions belliqueuses, jurant ses grands dieux que, quant à lui, aucune idée d’agression n’était entrée dans son esprit. C’était trop demander à la crédulité même des plus naïfs. Il est vrai que l’Autriche à cette époque s’était adressée à ses plus fidèles partisans dans une circulaire confidentielle pour les inviter à faire des armements (14 mars 1866), mais il est inutile d’ajouter que jamais précaution ne fut moins superflue. L’alliance entre la Prusse et l’Italie, dont les traces remontent jusqu’en 1865, était avancée à tel point que, trois semaines après la susdite circulaire prussienne, le traité formel entre Victor-Emmanuel et le roi Guillaume put être signé à Berlin (8 avril). L’Autriche depuis longtemps gémissait au souvenir de l’immense faute qu’elle avait commise en se laissant séparer de ses anciens fidèles; elle avait fini par faire amende honorable pour être réintégrée au sein de la diète. Dès le commencement de l’année 1865, M. de Schmerling, 414 le ministre d’État, avait formellement avoué que, dans la question du Schleswig - fîolstein, la politique autrichienne s’était complètement fourvoyée. Substituant maintenant le principe de l’autonomie du pays au système brutal du droit de conquête, l’Autriche convoqua les états des duchés pour les consulter sur leurs vœux ; en même temps elle parut devant la diète en pécheresse repentie, mettant aux pieds de la compétence fédérale, si longtemgs méconnue, le droit de prononcer en dernier lieu sur cette éternelle controverse. C’était le 1 er juin 1866. De cette façon la lutte se trouva directement engagée entre la diète et la Prusse. Sur la proposition de l’Autriche, la diète vota la mise sur pied de trois corps d’armée destinés à faire une démonstration contre les menaces de la Prusse ; et ce vote fournit à cette dernière le signal, attendu depuis des années, de déclarer le traité fédéral violé par la diète elle-même (14 juin). Entin était arrivé pour M. de Bismarck le moment décisif de vider par le fer et le feu la question de la suprématie en Allemagne. Une année auparavant, le 25 juillet 1865, il avait dit dans une entrevue à Salzbourg, à M. Von der Pfordten, ministre de Bavière, que le duel inévitable entre la Prusse et l’Autriche ne pouvait plus tarder, mais que ce serait fini vite : „Un seul choc, une bataille décisive, et la Prusse sera à même de dicter les conditions." Jamais programme n’avait été plus formellement annoncé et ne fut plus littéralement exécuté. VI. Si l’on devait juger l’habileté de M. de Bismarck d’après l’attitude dans laquelle il trouva en face de lui le peuple allemand au moment où éclatait la guerre de 1866, on serait tenté non-seulement de lui contester toute espèce de supériorité, mais il faudrait même avouer qu’après quatre ans passés à préparer le terrain de la lutte, il avait abouti à un effet absolument contraire à son intention. Il avait détruit ses dernières chances de trouver un appui dans le concours du pays. On n’arriverait jamais à comprendre les vrais mobiles de ces labeurs ardus, de ces marches et contremarches sans fin, si l’on se contentait d’en demander l’explication aux efforts dirigés par M. de Bismarck à l’adresse de l’opinion publique. Sa préoccupation à lui était d’autre nature. Sa façon réaliste d’envisager les questions le déterminait à chercher son appui ailleurs que dans l’assentiment théorique des masses; et toutes les fois qu’on croit le surprendre en flagrant délit de contradiction apparente, il faut s’attendre à le voir recourir aux mystères de certaines difficultés, dont le dernier mot pourrait se résumer en ceci: qu’entre deux maux, le moins grand lui avait toujours semblé celui qui l’obligeait à sacrifier le concours moral du pays au concours effectif du pouvoir établi. 416 Toujours est-il qu’au moment décisif il n’avait aucun appui moral dans la nation. A quoi lui avait-il servi de malmener, de compromettre l’Autriche en la brouillant avec la confédération et avec l’opinion publique? Le jour où il accusait la cour de Vienne de vouloir la guerre, d’avoir fait des armements dans ce but, cette ironie cruelle, cette provocation adressée au bon sens obligeait tout homme impartial de prendre la défense de l’Autriche contre ces insinuations encore plus ridicules qu’odieuses. Le jour où la Prusse attaqua l’Autriche, le peuple allemand, toujours prêt à prendre les choses politiques du côté sentimental, ne vit plus pour un instant dans ce conflit que la lutte d’un agresseur coupable contre une victime marquée d’avance. Le grand nombre avait toujours repoussé l’idée de cette guerre comme une chose moralement impossible. Il en advint qu’en présence du fait s’accomplissant, l’opinion se trouvait prise au dépourvu. Il se trouva des gens enferrés dans leur conviction pour crier encore que la Prusse n’oservait jamais, quand elle avait déjà livré plusieurs combats. L’opinion publique était donc réduite à faire une des opérations les plus difficiles de la tactique, un changement de front sur le champ de bataille même. Les premiers à se décider furent ceux qui, une fois la lutte entamée, jugèrent la question simplifiée du tout au tout. Dès ce moment, ils ne demandèrent plus qui était 1 agresseur ni qui avait le plus provoqué le parti libéral. Ils ne virent que les deux principes incarnés dans la Prusse et dans l’Autriche. Ils se décidèrent aussitôt pour la Prusse. En seconde ligne vinrent ceux pour lesquels la question d’existence qui se débattait entre les deux gouvernements n’était pas une cause déterminante. Il fallait qu’ils vissent toute l’intelligence et 417 toute la vigueur d’un côté, toute l’ineptie de l’autre pour comprendre où était la vie et l’avenir. L’adhésion de ceux-là vint avec la victoire. Les derniers, enfin, furent ceux qui eurent besoin de toucher du doigt, de voir une nouvelle organisation installée, des trônes supprimés, le Nord doté d’une constitution, le Midi appelé à un rendez- vous prochain, pour avouer qu’un grand pas était fait; qu’en tout cas il ne fallait plus penser à arrêter l’Allemagne dans cet élan vers son unité véritable et complète. Le nombre de ces derniers n’est pas encore épuisé. Il augmente tous les jours. Si M. de Bismarck était loin de représenter cette cause populaire dans toute sa pureté, on ne put au moins lui contester qu’il eût fait un pas énorme depuis son entrée dans la vie politique. L’homme qui, en dictant la paix de Nickolsbourg, et presque sur le champ de bataille, proclama la nécessité de créer des chemins de fer, des débouchés pour le commerce, la liberté de l’industrie, n’était évidemment plus le même qui, en 1849, le 18 octobre, dans la discussion sur la liberté des métiers, avait demandé qu’on limitât le nombre des apprentis dans chaque profession, et que les maîtrises fussent autorisées à prescrire la qualité et à fixer le prix des produits. Il n’appartenait plus, après son alliance avec Victor-Emmanuel, à son ancien parti qui avait envoyé un bouclier en vermeil au roi de Naples. L’homme qui se montrait, en 1849, l’antagoniste par principe de toute amnistie, devait arracher au roi, en 1866, dans la nuit même qui précéda l'entrée des troupes à Berlin, le décret proclamant la remise de tous crimes et délits politiques. Lui accorder un esprit flexible, ouvert aux idées du progrès, c’était lui faire une concession d’une portée d’autant plus grande, qu’on ne pouvait refuser à un homme de sa perspicacité le don de prévoir la conséquence de ses Subtuifl SBombetger’S ©ef. ©djriftcn m. 27 418 propres actions. Qui voudrait le soupçonner d’avoir ignoré que délivrer Venise, c’était attaquer Rome; que battre l’Autriche, c’était briser le concordat et relever la Hongrie; qu’unir l’Allemagne, c’était rompre avec la légitimité? Mais s’il était décidé, lui, à ne pas reculer devant les conséquences de son entreprise, il avait affaire en première ligne à des personnages dominés par un esprit bien différent. Les allusions à cet ordre de choses ne se rencontrent pas dans les confessions de M. de Bismarck qui précèdent son entrée au ministère; mais elles reviennent et s’accentuent de plus en plus, au fur et à mesure que sa politique s’avance vers le dénoûment suprême. Il fallait bien compter alors avec toutes les forces vraies du pays ; il fallait penser au concours des patriotes éclairés et à l’élan des masses libérales. Car il fallait bien envisager l’éventualité d’une défaite. M. de Bismarck n’avait pas eu de relations personnelles avec l’opposition parlementaire pendant la période du conflit soulevé par la réorganisation militaire et l’interprétation de la constitution. Mais au commencement de juin 1866, lorsque la guerre était devenue inévitable, il chercha à entrer en pourparlers avec quelques-uns de ses adversaires les plus influents et les plus intelligents. Il les fit prier de la manière la plus significative d’accepter des entrevues confidentielles avec lui, dans lesquelles il leur posa surtout la question de savoir s’ils voteraient les fonds nécessaires à la guerre, et s’ils le soutiendraient dans le cas d’un revers? Il les conjura d’abdiquer pour un moment leur antagonisme et de ne penser qu’à la patrie. On lui répliqua que c’était lui qui avait creusé un abîme entre le pays et la royauté, par la manière insensée dont il avait constamment froissé 419 l’opinion publique, et rendu impossible tout retour de la confiance au gouvernement. M. de Bismarck ne contesta pas la valeur de ces griefs, mais il s’abrita derrière les difficultés inextricables de sa position auprès d’un maître réfractaire aux idées modernes, entouré d’influences ultra- aristocratiques et peu enclin, grâce à son âge avancé, à modifier ses opinions. Il demanda que pour le moment on ne pensât qu’à l’Etat et à la grande patrie, et expliqua comment, sans se livrer à de vaines illusions, on pouvait mieux espérer de l’avenir. Il ne fit aucune difficulté pour reconnaître que quelques-uns de ses collègues dans le ministère méritaient d’être écartés, et qu’on avait eu tort de ne pas mieux se prêter à une entente avec la chambre au sujet des lois militaires. Que quant à lui, il aurait désiré aboutir à ces deux résultats, mais qu’on surfaisait son influence; qu’il avait à lutter avec des obstacles insurmontables. Le roi, dit-il, ne voulait pas entendre parler de mesures conciliantes, qui auraient eu pour effet une réduction quelconque de l’armée, et c’était peine perdue que de lui demander un changement dans la composition du cabinet. Dans cette situation il avait dû, disait le ministre, tout sacrifier à son grand but, poursuivi depuis huit ans. Ce but c’était l’expulsion de l’Autriche, condition indispensable pour la formation d’un État allemand. Assister l’Autriche dans la guerre d’Italie aurait été un suicide, et c’est dans ces termes mêmes qu’il dit avoir dissuadé dans le temps le roi de cette résolution, qui, pendant un moment, avait eu de grandes chances d’être adoptée. Mon plus grand triomphe, s’écria-t-il plus d’une fois dans ces entretiens, c’est d’avoir obtenu du roi de Prusse cette déclaration de guerre contre l’Autriche, et la convocation d’un parlement allemand. Laissez l’avenir faire le reste, et ne me demandez pas pourquoi je n’ai pu arriver à ce 27 * but suprême sans me mettre sur le dos la presse et les chambres. Il y a de grandes choses qu’on ne peut obtenir avec des discours et des votes. Il faut avoir cinq cent mille baïonnettes. — M. de Bismarck n’eut pas de difficulté à prouver à ses interlocuteurs, dans ces épanchements pleins des aveux les plus intéressants, qu’ils ne pouvaient pas désirer le voir se retirer dans ce moment suprême; quant à lui-même, il ne pouvait pas non plus, ajoutait-il, augmenter les difficultés de sa position en adoptant une politique radicalement différente de celle des dernières années. Je peux déposer mon portefeuille, dit-il, mais je ne peux pas du jour au lendemain avoir l’air de tourner casaque, d’autant plus que cela ameuterait contre moi tout ce qui est hostile à ma grande politique. — De telles explications, données dans le ton d’une loyale aménité, finirent par préparer une entente entre le ministre et une partie notable de l’opposition, qui décida de le soutenir, non après la victoire remportée, mais bien avant que le canon de Sadowa fût venu en aide à ses arguments. Celui qui réunirait les déclarations déposées par M. de Bismarck dans des notes et des discours officiels, depuis qu’il est au pouvoir, y retrouverait toujours la substance de ces entretiens, les mêmes idées fortement serrées les unes contre les autres: volonté de régénérer l’organisation allemande, subordonnée à la nécessité de disposer d’une grande force matérielle, afin de battre l’Autriche, et à côté de cette thèse, le sous-entendu revenant à tout propos, que le plus difficile est de gagner à cette cause l’esprit du roi. Le problème était d’une nature d’autant plus délicate que le roi, honnête à sa façon, se croyait toujours dans son droit, quand il insistait sur les plus grandes hérésies, en fait de légalité constitutionnelle. Il trouvait monstrueux qu’une opposition parlemen- 421 taire prétendit se mêler du choix de ses ministres et des dépenses affectées à l’armée, ne cessant pas pour si peu de protester de sa fidélité envers la constitution. Jusqu’en 1848, il n’avait vu dans l’État que deux choses: la royauté et l’armée, et ses opinions passaient pour si absolues qu’au moment de la révolution, la cour elle même l’avait prié de se dérober au ressentiment public. Pendant longtemps on vit inscrit, en grands caractères, sur son palais: ^Propriété nationale." Il n’était alors que l’héritier présomptif du trône. Le souvenir poignant de ces jours fit de lui le chef naturel de la contre-révolution. Il commanda la campagne contre le soulèvement badois de 1849, et signa les nombreux arrêts de mort qui attristèrent cet épisode, sans se laisser attendrir ni par l’illustration des patriotes, ni par l’intégrité des citoyens, ni par l’âge des jeunes gens dont les tribunaux militaires demandaient le sang. Depuis cette époque, quand les monarques de Prusse entendaient de temps en temps monter jusqu’à leur palais l’écho de quelques murmures de la population berlinoise, ils avaient l’habitude de dire qu’ils n’igoraient pas que les révolutionnaires les menaçaient du sort de Louis XVI. Croit-on que ce fût chose facile de bâtir sur ce terrain l’alliance avec l’Italie et la Hongrie contre les Habsbourg et les Hanovriens? Et pendant que le roi éprouvait les hésitations inspirées par ses sentiments légitimistes, il n’échappait pas non plus aux influences de l’horreur que la guerre inspirait au parti libéral. La reine, une descendante des Princes Mécènes de Weimar, moins inaccessible aux idées modernes, partageait à cet égard la répugnance qui agitait la nation elle-même. M. de Bismarck se voyait donc dans la nécessité de conquérir l’esprit du roi, non-seulement sur lui-même, mais encore sur tout son entourage le plus intime. La guerre 422 était déjà déclarée que derrière le dos du premier ministre, mais au su du roi, la cour négociait encore avec l’Autriche. Obligé de faire face à tous les embarras de cette situation, le ministre sans doute était toujours plus prompt à sacrifier les prétentions du pays que celles de la royauté; néanmoins son esprit ne fut jamais entièrement fermé aux objections de la partie adverse. , ; Je passe ma vie,“ avait-il coutume de dire, „à faire l’office de tampon entre le roi et les libéraux.“ Ce dualisme gouvernemental n’était pas uniquement représenté par la différence de vues existant entre le roi et son premier ministre, mais encore par la divergence peut-être plus grande entre ce dernier et ses principaux collègues, qui étaient des conservateurs pur sang. Cette divergence d’opinions dans le sein d’un même gouvernement, inadmissible ailleurs, n’a rien qui jure avec les traditions de la cour de Berlin. L’Etat prussien est avaut tout l’œuvre personnelle de Frédéric-Guillaume I er et de son fils le grand Frédéric. Tout le système porte encore aujourd’hui l’empreinte de ces deux fortes individualités. L’un et l’autre étaient les maîtres uniques et absolus du royaume, connaissaient seuls l’ensemble des affaires, veillaient même avec une certaine jalousie à ce que les ministres n’étendissent pas la connaissance des affaires au delà de leur département 1 ). A la mort de Frédéric, la gestion des finances même était si éparpillée dans des bureaux différents, qu’on ne possédait aucun ensemble de la situation, et que dans le public s’était répandu le bruit absurde que le roi avait volontairement détruit les comptes pour créer des embarras à son successeur. Son père n’avait jamais voulu permettre que les ambassadeurs étrangers vissent un ministre, et le fils suivait cet exemple. Jamais les ministres ne se ré- Twesten, der preussische Beamtenstaat. unissaient en conseil, n’échangeaient leurs opinions; souvent, pendant des périodes fort longues, ils ne voyaient pas même le roi, avec lequel ils ne communiquaient que par écrit et seulement sur des matières d’un ordre tout à fait secondaire. Ou raconte de Frédéric-Guillaume III, qui est mort en 1840, qu’il était resté dix ans sans recevoir son ministre en activité de service, M. von Altenstein; sous son successeur, l’avant-dernier roi, il n’était pas rare d’entendre un ministre se plaindre de ce qu’il ne pouvait pas arriver jusqu’au prince pour lui faire son rapport sur une affaire. Sous Frédéric-Guillaume II, le contemporain de la révolution française, les favoris, très-nombreux, des aventuriers de toute espèce, traitaient les ministres du haut en bas, et même sous le règne actuel, ces anomalies n’ont commencé à disparaître que depuis peu. Il y a deux ans seulement qu’un certain nombre d’officiers supérieurs composant ce qu’on appelle le «cabinet militaire* tout ià fait en dehors de la constitution, à coté des ministres, primaient souverainement l’influence de ces derniers. C’est dans ce cabinet militaire que les grandes questions furent agitées de la façon la plus intime et la plus décisive; et l’ou comprend comment ce dualisme s’accordait avec cette tradition dans la famille des Hohen- zollern, que l’État c’est avant tout les soldats et que les soldats leur appartiennent. Encore a l’heure qu’il est, il arrive parfois que le roi interrompt son travail avec les ministres quand on lui annonce un colonel. Avec ces habitudes, avec cette manière de voir, on peut se figurer ce qu’était un régime constitutionnel interprété par un roi de Prusse, et l’on n’aura plus de peine à croire que le souverain regardait ses ministres comme ses serviteurs personnels, et n’admettait pas qu’il eût à consulter autre chose que son goût pour les choisir ou pour les renvoyer. Quand on lui démontrait que tel des ministres exaspérait le pays sans bénéfice pour la couronne; qu’il était non- seulement tracassier, mais incapable et paresseux; le roi répondait que les manières de l’homme ne lui déplaisaient pas et qu’il était accoutumé à travailler avec lui. Quand on insistait, le roi se lamentait à l’idée qu’on voulût le séparer, lui septuagénaire, d’un serviteur fidèle; et quand on ne cédait pas à cette considération il se fâchait et tournait les talons. En 18G6, le ministère était composé de trois éléments différents: MM. de Bismarck et de Roon représentant l’aristocratie éclairée, active, relativement accessible aux idées du temps, aux conditions du progrès; à côté d’eux M. Von der Heydt, le ministre des finances, spécialité de grand talent, survivant à tous les régimes, faisant du libéralisme ou de la réaction à volonté; enfin, la féodalité pure était représentée par le ministre de l’intérieur, comte Eulenbourg, et celui de la justice, comte Lippe, tous les deux excessivement bien en cour. Les titulaires du culte, du commerce et de l’agriculture ne venaient qu’en sous- ordre. Ceux qui, après comme avant 1866, s’obstinent à ne voir en M. de Bismarck que le chef de la contrerévolution européenne, se sont toujours ingéniés à nier le conflit latent quil soutenait depuis longtemps contre les plus arriérés de ses collègues. Ils ont notamment toujours prétendu que l’hostilité que le premier ministre montrait contre le comte Lippe, ministre de le justice, n’était que pure comédie; ils en ont fait l’objet de leurs risées 1 ). Mais les événements les ont complètement désavoués. Car l ) A ce propos on a inventé le terme de Zwei-Seelen-Ministe- rium (ministère aux deux âmes) en parodiant un vers bien connu en Allemagne le garde des sceaux, après avoir été attaqué, blâmé, malmené par le chef du cabinet dans la séance publique du parlement du 10 octobre dernier, a fini par être renvoyé, pour avoir soutenu, avec un acharnement insensé, les poursuites contre la liberté de la tribune. Depuis, un nouvel incident a mûri le conflit entre M. de Bismarck et le comte Eulenbourg. La question du fonds provincial du Hanovre (question trop compliquée pour en essayer l’explication ici) a notoirement ébranlé la position du ministre de l’in- terieur, et, à cette même occasion, la scission entre M. de Bismarck et tout le parti ultra-conservateur a éclaté d’une façon manifeste A côté de ces faits d’une certaine importance, nous pourrions en citer bien d’autres de moindre dimension mais également significatifs, pour montrer que les difficultés créées à H. de Bismarck par l'entourage réactionnaire de la cour ne sont pas imaginaires, qu’il y a du vrai dans son affirmation, revenant à tout propos dans les conversations intimes: que son pouvoir à l’intérieur n’est dans aucun rapport avec son rôle dans la grande politique. Est-ce à dire qu’au milieu d’une cour féodale et sous un régime plus ou moins personnel, M. de Bismarck représente la justice ou la liberté? Après tout ce qui précède, nous ne saurions être soupçonné d’un tel paradoxe. D’ailleurs, en matière d’histoire comme en matière de roman, il vaut mieux montrer les personnages en action que les définir. Il ne s’agit que de les voir de tous les côtés et de près pour qu’ils prennent eux-mêmes la peine de s’analyser. M. de Bismarck se prête d’autant plus facilement à ce procédé qu’il n’a en lui rien de la vocation d’acteur dramatique, qu’on rencontre si souvent dans les hommes politiques éminents. Non pas qu’il y ait lieu d’accorder une confiance entière à ces allures franches par lesquelles il a l’habitude d’étonner son public. 426 Tous ceux qui l’ont fréquenté savent parfaitement à quoi s’en tenir sur ces confidences surprenantes faites quelquefois pour dérouter, tantôt par un excès de sincérité, tantôt par un excès contraire. Quand il simule, il exagère tellement, qu’il manque son effet, et Ton peut dire qu’il a plus souvent trompé ses adversaire en leur disant la vérité qu’en la niant. A-t-il fait une seule dupe par ces circulaires diplomatiques d’avril et mai 1866, dans lesquelles il se lamentait au sujet des préparatifs de guerre de cette belliqueuse Autriche, qui voulait à tout prix tomber sur la Prusse inoffensive? ou, quand il affirmait devant les chambres, qu’en gouvernant sans budget, il croyait rester dans les limites de la constitution (lui qui, plus tard, demanda l’indemnité?). Il nie peut-être sans scrupule, mais aussi sans art. Quand il prend des allures de pourfendeur, il a parfois l’air de rire sous cape. En face d’un adversaire, il peut être provoquant, malicieux, méchant même, mais il n’est pas faux; il peut blesser la morale et la justice, mais il ne blessera pas le bon goût par des attitudes pathétiques, Il n’est pas de la race des bulle- tiniers, qui croient qu’on mène le monde avec des phrases bien senties, ou qu’on triomphe des misères publiques, en les enveloppant "dans des banalités pompeuses. Bien au contraire, il est de ceux qui, par plaisir d’accentuer les contrastes, dépassent le but pratique. Avait-il besoin, dans le comité de la chambre, de proclamer le principe du fer et du feu? Ceux qui obéissent uniquement à ces sortes de conviction ne sont pas ceux qui les affichent en public, ils ont plutôt la bouche pleine de douceurs humanitaires. Son humeur nonchalante perce à travers l’état défectueux de ses chapeaux et de ses cravates. Quelque chose en lui rappelle ce type de crânerie et de bonhomie réunies dans l’étudiant allemand, querelleur, présomptueux) 427 ~ ferrailleur, jovial et un peu sentimental dans les recoins de son âme. Après Sadowa, il dit à un ami que l’aspect du champ de carnage l’avait pendant quelques jours rendu insensible à la jouissance de son triomphe. Quelquefois une nuance mélancolique paraît pour un instant dans ses lettres. Se plaignant un jour des dénigrements du parti de la croix: „I1 n’y a rien de tel, dit-il, que des inquisiteurs surgissant au milieu d’un camp ami; entre camarades, qui ont longtemps mangé à la même marmite, on est mille fois plus injuste qu’entre ennemis. Tant mieux, j’en prends mon parti, il est bon d’apprendre qu’il ne faut pas compter sur les hommes, et je rends grâce à tout incident qui me fait rentrer en moi-même.“ — Une autre fois, il se laisse aller jusqu’à une sorte d’Os- sianisme en écrivant: „J’ai presque la nostalgie de mon appartement du quai anglais (à Saint Pétersbourg) avec sa vue calmante sur les glaces de la Newa.“ On a raconté souvent la plaisanterie de la feuille d’olivier qu’il tira un jour de son étui à cigare, en disant à un libéral qu'il l’avait cueillie à Avignon pour l’offrir à l’opposition, mais que le moment n’était pas venu, et qu’il la conservait pour un temps à venir. Il use beaucoup du cigare, et cette habitude ajoute à la nonchalance de son extérieur. Pendant qu’il était ambassadeur à Francfort, son ennemi intime, M. de Rechberg, convoqua un jour les membres de la diète et les reçut chez lui en robe de chambre. M. de Bismarck, pour user de représailles, aussitôt tira de sa poche son étui, prit un cigare, en offrit un second à son voisin, et sans attendre la réponse: „N’est-ce pas, cher comte, vous permettez?“ dit-il en allumant. Cette désinvolture, cassante à l’occasion, est avant tout le résultat d’un esprit actif, remuant, impatient de tout faire et de tout savoir par lui-même. Il a tracassé, exaspéré la presse et la chambre; mais du moment qu’il espérait 428 séduire un député ou un journaliste par des confidences, par des explications, il les recherchait avec empressement, causant, avec un sans-façon parfois indiscret, de tous les grands rouages de l’Etat. En 1849, il envoya un cartel au rédacteur du Kladderadatsch (le Charivari de Berlin), et plus tard, pendant son ambassade à la diète, le public le soupçonnait très-fort de collaborer quelquefois en cachette à cette même feuille, surtout quand elle donnait quelque bonne charge d’un diplomate autrichien. Où il se laisait aller à toute la verve de son humeur, tantôt provoquante, tantôt enjouée, c’était devant les comités des chambres. Le babillage auquel il pouvait s’abandonner à huis clos allait beaucoup mieux à son talent que l’éloquence publique. „Dans ces moments," dit un témoin de ces discussions, „tout passait devant nos yeux dans une confusion de kaléidoscope et avec un mouvement si rapide qu’il était impossible de suivre. Il y avait un contraste frappant entre le sérieux des membres de la commission plongés dans les chiffres et autres données positives et le babillage du ministre brodé de termes étrangers." Pour compléter ce portrait, nous ne pouvons nous empêcher d’ajouter, au témoignage des faits et à celui des observateurs, le document dans lequel le ministre a entrepris un jour de se caractériser lui-même devant le public et devant la France tout particulièrement. On voit par là que ce n’est pas une confession faite pour être acceptée sans réserve. Mais sans oublier qu’elle a été dictée pour les besoins de la cause, on ne peut après tout, en jugeant le procès de M. de Bismarck, lui refuser la parole pour qu’il s’explique lui-même. Il est entendu qu’il ne prêtera pas serment et que nous serons libres de ne l’écouter qu’à titre de renseignement. Un journaliste français, M. Vilbort, qui avait suivi la campagne de l’armée prussienne, demanda une audience au' ministre avant de rentrer en France, et il a rendu compte de son entretien dans le Siècle du 10 juin 1866. Entièrement convaincu de l’indépendance d’esprit dans laquelle l’honorable journaliste se trouvait en sortant de ce tête-à-tête, nous devons présumer, d’un autre côté, qu’il n’a pu se permettre la publication de ce morceau qu’après en avoir prévenu le ministre. Nous n’allons donc pas trop loin en disant que c’est M. de Bismarck lui-même qui paraît dans les lignes suivantes pour parler au lecteur français. Voici comment s’exprime M. Vilbort: A mon arrivée à Berlin, on me dépeignait M. de Bismarck comme un homme inabordable. On me disait: „Ne cherchez point à le voir, vous y perdriez votre temps. Il ne reçoit personne; il vit au fond de son cabinet sous triple serrure. Il n’en sort que pour aller chez le roi, et c’est à peine si ses plus intimes conseillers parviennent jusqu’à lui. „ Je demandai pourtant une audience au premier ministre du roi de Prusse. M. de Bismarck me fit savoir sur-le-champ qu’il me recevrait le soir. En entrant dans ce cabinet, où la paix de l’Europe est comme supendue à un fil, mais dont la porte n’était fermée qu’au pêne, je vis un homme de haute stature, au visage tourmenté; sur son front élevé, large et plein, je découvris, non sans quelque surprise, beaucoup de bienveillance unie à l’opi- nâtreté. M. de Bismarck est blond; ses cheveux sont rares sur le sommet de la tête: il porte la moustache militaire, et dans sa parole il y a plutôt la rondeur du soldat que la circonspection du diplomate. C’est aussi le grand seigneur et l’homme de cour, armé de toutes les séductions dune politesse raffinée. Il vint à moi, me prit la main, me mena vers un fauteuil et m’offrit un cigare. Monsieur le ministre, lui dis-je après quelques préliminaires, comme beaucoup de mes compatriotes, j’ai à cœur de me renseigner le mieux possible sur les véritables intérêts de la nation germanique. Permettez-moi donc de vous parler avec une entière franchise. Je reconnais volontiers que, dans sa politique extérieure, la Prusse paraît tendre aujourd’hui vers des buts éminemment sympatiques à la nation française, savoir: 430 l’Italie définitivement affranchie de l’Autriche, l’Allemagne constituée sur la base du suffrage universel. Mais, entre votre politique prussienne et votre politique allemande, la contradiction n’est-elle pas flagrante? Vous proclamez un parlement national comme l’unique source d’où l’Allemagne puisse sortir régénérée, comme le seul pouvoir suprême qui soit capable d’accomplir ses nouvelles destinées; et en même temps vous traitez la seconde chambre de Berlin à la façon de Louis XIV, lorsqu’il entrait au parlement de Paris son fouet à la main. Nous n’admettons pas en France que, entre l’absolutisme et la démocratie, le mariage soit possible. Et pour aller jusqu’au bout de la vérité, à Paris, laissez-moi vous le dire, l’opinion publique n’a pas pris au sérieux votre projet de parlement national: on n’a vu là qu’une machine de guerre fort bien imaginée, et l’on croit généralement que vous êtes l’homme à briser cet instrument après vous en être servi, et le jour où il deviendrait incommode ou inutile. “—A la bonne heure, me répondit M. de Bismarck, vous allez au fond des choses. En France, je le sais, je jouis de la même impopularité qu’en Allemagne. Partout on me rend seul responsable d’une situation que je n’ai pas faite, mais qui s’est imposée à moi comme à tous. Je suis le bouc émissaire de l’opinion publique, mais je m’en tourmente peu. Je poursuis avec la conscience parfaitement tranquille, un but que je crois utile à mon pays et à l’Allemagne. “Quant aux moyens, je me suis servi de ceux qui se sont offerts à moi, à défaut d’autres. Sur la situation intérieure de la Prusse, il y aurait bien des choses à dire. Pour la juger avec impartialité, il faudrait étudier et connaître à fond le caractère particulier des hommes de ce pays. Tandis que la France et l’Italie forment chacune aujourd’hui un grand corps social qu’animent un même esprit et un même sentiment, en Allemagne, au contraire, c’est l’individualisme qui domine. Chacun ici vit à part dans son petit coin, avec son opinion à soi, entre sa femme et ses enfants, toujours en défiance envers le gouvernement comme envers son voisin, jugeant tout à son point de vue personnel, mais jamais au point de vue de la masse. Le sentiment de l’individualisme et le besoin de la contradiction sont développés chez l’Allemand à un degré inconcevable. Montrez-lui une porte ouverte, plutôt que d’y passer, il s’entêtera à vouloir s'ouvrir un trou à côté dans la muraille. Aussi, quoi qu’il tasse, aucun gouvernement ne sera jamais populaire en Prusse. Le plus grand nombre se montrera toujours d’un avis opposé. Par cela seul qu’il est le gouvernement et qu’il se place comme une autorité en tace de l’individu, il est condamné à être perpétuellement contredit par les modérés, décrié, conspué par les exaltés. Ç’a été le sort commun de tous les régimes qui se sont succédé depuis le commencement delà dynastie. Les ministres libéraux, pas plus que les ministres réactionnaires, n’ont pu trouver grâce devant nos politiques...“ Et, passant en revue les règnes et régimes divers depuis l’origine de la monarchie, M. de Bismarck s’attacha à me prouver dans un langage très-coloré, très-pittoresque, et tout semé de saillies, que les Auerswald et les Manteuffel avaient eu la même fortune, et que Frédéric-Guillaume III, qu’on appelait le Juste, avait perdu son latin à vouloir contenter les Prussiens, aussi bien que Frédéric-Guillaume IV. Ils acclamaient, ajouta-t-il, les victoires de Frédéric le Grand; mais à sa mort ils se frottèrent les mains d’aise de se voir débarrassés de ce tyran. Cependant, à côté de cet antagonisme existe un attachement profond pour la dynastie. Point de souverain, point de ministre, point de gouvernement qui puisse conquérir la faveur de l’individualisme prussien; mais tous crient du fond du cœur: Vive le roi! Et ils obéissent quand le roi ordonne. „ — Il y eu a pourtant qui disent, monsieur le ministre, que le mécontentement pourrait bien en arriver jusqu’à la rébellion. „— Le gouvernement ne croit pas avoir à la craindre, et il ne la craint pas. Nos révolutionnaires ne sont pas si terribles. Leur hostilité s’exhale surtout en épithètes contre le ministre, mais ils respectent le roi. C’est moi seul qui ai fait tout le mal, et c’est à moi seul qu’ils en veulent. Avec un peu plus d’impartialité, peut-être reconnaîtraient-ils que je n’ai pas agi autrement parce que je ne l’ai pas pu. Dans la situation actuelle de la Prusse en Allemagne, et en face de l’Autriche, il nous fallait avant tout une armée. En Prusse, c’est la seule force dis- ciplinable ... Je ne sais pas si le mot est français . . . „— A coup sûr, monsieur le ministre, on peut l’employer en France. „— Le Prussien qui se ferait casser un bras sur une 432 barricade, reprit M. de Bismarck, rentrerait au logis tout penaud, et sa femme le traiterait d’insensé; mais, à l’armée, c’est un soldat admirable, et il se bat comme un lion pour l’honneur de son pays. Cette nécessite d’une grande force armée, imposée par les circonstances, une politique frondeuse n’a point voulu la reconnaître, si évidente qu’elle fût. Quant à moi, je ne pouvais pas hésiter: par ma famille, par mon éducation, je suis avant tout l’homme du roi. Or, le roi tenait à cette organisation militaire comme à sa couronne, parce que lui aussi, en son âme et conscience, il la jugeait indispensable. Là- dessus, personne ne pouvait le faire céder ou transiger. A son âge, — il a soixante=dix ans, — et avec ses traditions, on s’obstine dans une idée, alors surtout;qu’on la croit bonne. D’ailleurs, au sujet de l’armée, je partage entièrement sa manière de voir. „I1 y a seize ans, je vivais en gentilhomme campagnard, lorsque la volonté souveraine me désigna comme envoyé de la Prusse auprès de la diète de Francfort. J’avais été élevé dans l’admiration, je pourrais dire dans le culte de la politique autrichienne. Il ne me fallut pas beaucoup de temps pour perdre mes illusions de jeunesse à l’endroit de l’Autriche, et je devins son adversaire déclaré. Rabaissement de mon pays, l’Allemagne sacrifiée à des intérêts étrangers, une politique cauteleuse et perfide, tout cela n’était pas fait pour me plaire. J’ignorais que l’avenir dût m’appeler à remplir un rôle; mais dès cette époque je conçus l’idée dont je poursuis la réalisation aujourd’hui, celle de soustraire l’Allemagne à la pression autrichienne, du moins cette partie de l’Allemagne unie par son esprit, sa religion, ses mœurs et ses intérêts aux destinées de la Prusse, l’Allemagne du Nord. Dans les projets que j’ai mis en avant, il n’est pas question de renverser des trônes, de prendre à celui-ci son duché, à tel autre son petit domaine. Le roi, d’ailleurs, n’y prêterait pas la main. Et puis il y a les relations de famille, le cousinage, une foule d’influences hostiles contre lesquelles j’ai eu à soutenir un combat de toutes les heures. „Tout cela, pas plus que l’opposion avec laquelle j’ai eu à lutter en Prusse, n’a pu m’empêcher de me dévouer corps et âme à cette idée: l’Allemagne du Nord constituée dans sa forme logique et naturelle sous l’égide de la Prusse. Pour atteindre ce but, je braverais tout: l’exil et même l’échafaud. Et j’ai dit 433 au prince royal, qui, par son éducation et ses tendances, est plutôt l’homme du gouvernement parlementaire: qu’importe si l’on me pend, pourvu que ma corde de pendu attache solidement votre trône à cette nouvelle Allemagne! .... *— Puis-je aussi vous demander, monsieur le ministre, comment vous entendez concilier la libre mission d’un parlement national avec le traitement rigoureux qu’a subi la chambre de Berlin? comment surtout vouz avez pu décider le roi, représentant du droit divin, à accepter le suffrage universel, qui est le principe démocratique par excellence?* M. de Bismarck me répondit vivement: *— C’est une victoire remportée après quatre années de luttes! Quand le roi m’a appelé, il y a quatre ans, la situation était des plus difficiles. Sa Majesté m’a placé sous les yeux une longue liste de concessions libérales, mais aucune à attendre d’elle sur la question militaire. J’ai dit au roi: J’accepte, et plus le gouvernement pourra se montrer libéral, mieux cela vaudra. La chambre s’est obstinée d’un côté et la couronne de l’autre. Dans ce conflit, j’ai suivi le roi. Ma vénération pour lui, tout mon passé, toutes mes traditions de famille m’en faisaient un devoir. Mais que je sois, par nature ou par système, l’adversaire de la représentation nationale, l’ennemi-né du régime parlementaire, c’est là une supposition toute gratuite. *Je n’ai pas voulu me séparer du roi, aux prises avec la chambre de Berlin, alors que la chambre de Berlin se mettait en travers d’une politique qui s’imposait à la Prusse comme une nécessité de premier ordre. Mais que je songe à mystifier l’Allemagne avec mon projet de parlement, personne n’est en droit de m’adresser cette injure. Le jour où, ma tâche remplie, mes devoirs envers mou souverain se concilieraient mal avec mes devoirs d’homme d’Etat, je pourrais prendre le parti de m’effacer, sans qu’il me fallût pour cela renier mon œuvre.* Telles sont en substance, dit M. Vilbort en finissant, les vues politiques que M. de Bismarck a exposées devant moi. Sa pensée, en recevant une autre forme, a pu tantôt s’accentuer ou tantôt s’atténuer sous ma plume; je me suis toutefois appliqué à la rendre aussi fidèlement que possible. Dans cette causerie spirituelle, M. de Bismarck a fourni des renseignements sur la nature du caractère alle- Sufcwtfl Bcnrtberaer’ê @ef. ©cfcriften. III. 28 434 mand, qui en plus d’un endroit ne sauraient être acceptés sans réserve. Il faut cependant lui accorder que parmi les traits qu’il relève il y en a un essentiellement de sa compétence; et il eut raison de supposer que l’esprit de son interlocuteur français serait particulièrement touché par les considérations appartenant à cet ordre d’idées. Cette question n’est autre que celle de l’importance à assigner dans le développement de l’Allemagne à l’intervention de l’élément révolutionnaire. En somme, c’est sur ce terrain qu’il faut chercher l’explication pratique de tout ce qui s’est accompli depuis tantôt deux ans. Le premier considérant de la transaction intervenue entre la nation et le ministre prussien doit être censé conçu dans les termes suivants: «Attendu que, soit par tempérament, soit par habitude, pour son bonheur ou pour son malheur, de toute façon le peuple allemand jusqu’à nos jours n’a pas fait preuve de vocation révolutionnaire . . .“ M. de Bismarck, lui, était bien fait pour sentir cette absence de tempérament, car il possédait cet élément qui manquait aux masses avec lesquelles il allait se mesurer. On ne peut douter un instant qu’il ne soit né révolutionnaire. Car on naît révolutionnaire comme on naît légitimiste, par la conformation du cerveau, tandis que le hasard seul décide si les circonstances de la vie feront du même homme un blanc ou un rouge. En entendant cet aristocrate proclamer à tous propos la supériorité du fait accompli, le remède du sang, du fer, du feu, n’est-on pas malgré soi, forcé de penser à ces Jupiter tonnants d’une autre époque, qui disaient que les révolutions ne se faisaient pas avec l’eau de lavande, qu’avec du pain et du fer on va au bout du monde? La conscience révolutionnaire est celle qui se croit en possession d’un moyen héroïque pour arriver au souverain bien. M. de Bismarck un jour formulait 435 cette conviction en disant à M. Virchow: „Vuus croyez peut-être entendre mieux que moi la politique nationale, mais je sais que moi j’entends mieux que vous et que toute la chambre ce que j'appellerai la politique politique" (die ■polilische Politik). Et plus il marchait, plus il s’affermissait dans ce sentiment de sécurité. On pourrait comparer son procédé à celui des ingénieurs qui ont construit un pont de chemin de fer à travers une rivière. Avant de lui confier le sort des voyageurs, ils y accumulent un poids énorme plus considérable que le maximum de toute charge que jamais les locomotives pourront y amener, et piiis ils observent de combien de millimètres le tablier s’abaisse. Ainsi M. de Bismarck avait accumulé sur le pays une charge exorbitante de mesures arbitraires, et le pays n’avait bougé que dans les proportions infimes dont la statique ne se préoccupe plus. La preuve était acquise que le convoi royal et militaire pouvait passer là-dessus avec armes et bagages. Dès ce moment, le choix était fait du procédé par lequel il était permis de s’avancer vers le problème de l’unité allemande. Ce que M. de Bismarck dit au journaliste français dans l’intimité du tête-à-tête, son collègue M. de Roon le jeta un jour brutalement à la face de la chambre. Un député ayant fait allusion à l’éventualité d’une explosion générale: „Je vois ici," s’écria le ministre de la guerre, en se tournant vers les bancs de l’opposition garnis par la grande majorité, „beaucoup de figures honnêtes et sérieuses, mais point du tout de nature à me faire venir cette peur;" et M. de Bismarck manquait rarement l’occasion de démontrer comment, en 1848, la démocratie avait succombé faute d’énergie, de savoir-faire et par sa confiance naïve dans la propagande théorique. On s’exposerait néanmoins à de grandes erreurs en jugeant trop exclusivement le degré de maturité du peuple 28 * 436 allemand d’après les points de vue que nous venons de mettre en évidence. Ce régime personnel et monarchique en haut, cette résignation en bas (autant en Prusse que dans les petits Etats, seulement moins visibles à l’œil nu), coïncident avec un développement intellectuel et une susceptibilité morale à la hauteur de n'importe quel pays du monde. L’homme d’Eiat qui a si fortement compromis la réputation de la nation est, certainement, un des moins disposés à lui contester sa valeur intrinsèque. 11 en exprimait un jour la pensée dans sa manière sarcastique, en disant, dans un comité parlementaire, que l’Allemagne était peut-être trop avancée pour supporter une constitution. Mais ce qui l’intéressait avant tout dans son impatience d’agir et avec sa méthode pratique, c’était le statu quo du moment. Cette appréciation énergique, outrée peut-être, de la force inhérente au statu quo, formait le plus vif contraste avec la manière de voir d’une opposition essentiellement idéaliste. Plus un peuple se laisse absorber par les travaux de l’esprit, plus il est exposé à trop peu compter avec la puissance des forces établies qui le tiennent enchaîné à son passé. La partie éclairée de la nation, très-considérable par le nombre, avec la soif d’instruction et le cosmopolitisme qui la caractérisent, avait vécu non-seulement de sa vie propre, mais aussi de la vie de tous les pays de civilisation moderne. Ayant participé par la pensée à tous les grands mouvements réformateurs, elle croyait pouvoir continuer les travaux interrompus de l’affranchissement général, au point où d’autres les avaient laissés. Mais ce principe des économistes: que le travail accumulé seul constitue la valeur, est également vrai dans la loi du développement humain. Les résultats féconds des entreprises révolutionnaires dépendent avant tout du travail intérieur qui les a engendrées. Croire qu’on peut béné- 437 ( licier dés efforts du voisin par l’assimilation des idées seules est une erreur profonde. Or l’Allemagne n’a jamais fait de révolution à elle. Elle a la gloire d’avoir fondé le protestantisme, développé la liberté philosophique, mais en fait d’affranchissement politique, elle n’a jamais rien produit ni de spontané, ni d’original, ni de durable. Elle ne peut se comparer en cela ni à l'Angleterre, ni à l’Amérique, ni à la France, ni à la Suisse, ni à la Hollande, ni à la Belgique. Elle est la dernière venue des nations politiques, et l’année 1866 pour la première fois lui a vu faire un grand changement organique sans impulsion du dehors. 11 est vrai qu’en définitive cette impulsion est venue d’en haut, non d’en bas, mais toujours, est il qu’au moins elle est venue du dedans. Au dernier rang du mouvement progressif se trouvent les peuples quand iis n’avancent qu’à force d’être battus. Ainsi, après la prise de Sébastopol, la Russie a eu l’abolition du servage; après les défaites de 1859 et de 1866, l’Autriche est revenue chaque fois au régime constitutionnel. L’Allemagne autrefois vivait dans les mêmes conditions. L’invasion de la première république l’avait réveillée, Bonaparte lui avait rendu d’immenses services en balayant ses trois cents souverains pour n’en laisser subsister qu’une trentaine. Depuis ce temps, l’Allemagne n’avait trouvé quelque force de résistance que lorsque l’écho des insurrections de Paris vint intimider ses princes, en 1830 et en 1848. La lutte constitutionnelle soutenue en Prusse par la chambre et le pays contre le principe de la monarchie absolue, depuis 1859 jusqu’en 1866, offre pour la première fois le spectacle d’un grand effort spontané, persistant, propre à développer l’éducation publique. Ses résultats, malgré le triomphe final de M. de Bismarck, nont pas été perdus; le parti libéral peut à bon droit s’attribuer une grande partie des progrès réalisés en Aile- magne par celui même qui l’a si cruellement maltraité. Mais autant sont palpables les résultats obtenus par le travail assidu de ces dernières années, autant étaient imaginaires les résultats sur lesquels s’appuyaient les radicaux pour continuer directement le mouvement de l’incident révolutionnaire de 1848. Ce qui dominait de fait, malgré tous les progrès intellectuels, c’était en haut le régime personnel, en bas l’insensibilité. Dans cet état de choses, M. de Bismarck n’avait pas hésité à mettre son enjeu sur le régime personnel. Faut-il conclure de là que sa victoire est celle de la royauté militaire? C’est, l’erreur précisément de ceux qui, ne regardant que l’agencement superficiel des choses, n’ont pas voulu distinguer entre la fin et les moyens. Nous n’agiterons ici ni la fameuse thèse de la justification des moyens par la fin, reprochée aux jésuites et pratiquée par tout le monde, ni la question de savoir si une victoire obtenue par des moyens regrettables ne se ressentira pas longtemps dans ses conséquences des conditions fâcheuses sous lesquelles elle a été remportée. 11 ne s’est pas agi pour nous de montrer les avantages ni les dangers des grands changements naguère survenus en Allemagne, — objet depuis de tant de commentaires, — mais seulement de pénétrer au fond des idées personnelles et générales qui en ont été le principe moteur. Si la grandeur du résultat obtenu ne peut manquer d’élargir les vues de ceux qui sont appelés les premiers à en tirer honneur et avantage, on ne saurait cependant assez encourager la nation à ne leur accorder qu’une confiance limitée et à prendre en main, elle-même, le plus tôt possible la direction de ses affaires. Mais avant tout, ne confondons pas avec les justes appréhensions les fausses alarmes par lesquelles certains radicaux cherchent à ameuter le libéralisme français contre 439 l’œuvre de l’unification allemande. Prenez garde, disent- ils, la Prusse militaire à la tête de la nouvelle Allemagne, c’est l’invasion réactionnaire menaçant la France révolutionnaire. Chose remarquable! les gens qui tiennent ce langage à la France, sont les mêmes qui disent à l’Allemagne que, si elle avait voulu attendre un quart d’heure de plus, elle aurait eu la certitude de s’unifier par un grand soulèvement populaire; et ils reprochent à ceux qui se sont ralliés à la nouvelle œuvre, d’avoir d’éses- péré des ressources révolutionnaires de leur pays. Il faut admirer la naïveté, qui sait si bien s’arranger des plus criantes contradictions. Ces politiques de haute imagination se sont levés le matin avec l’espoir de voir l’Allemagne entrer de plainpied dans la voie de la Convention de 1793; ils se couchent le soir fermement persuadés qu’elle va mettre à exécution les décrets du congrès de Pillnitz. Ainsi, toujours d’après les théories ’de cette science profonde, les mêmes hommes, dans le même joui - , suivant ce que décidera le hasard, feront les choses les plus contraires. Si on les avait laissé faire, eux, le peuple allemand aurait entonné la Marseillaise; malheureusement . on a laissé faire M. de Bismarck, et voilà que ce bon peuple va mettre ses baïonnettes au service du manifeste de Brunswick. Si ceux qui parlent ainsi se disent les amis du peuple, il faut avouer que leur amitié n’est pas fondée sur l’estime. Tant d’inconséquence serait chose vraiment incroyable, si l’on ne connaissait les extravagances dont est capable dans sou dépit l’esprit de parti infatué de lui-même et de ses formules. Aux yeux de toutes les orthodoxies, étroites et paresseuses de nature» il n’y a qu’à choisir entre des extrêmes qui restent éternellement les mêmes: entre le concile de Trente et l’anathème, entre Danton et Cobourg. Quant à ceux qui voient le monde tel qu’il est, s’ils 440 ne peuvent se faire illusion sur ce qui est encore debout en Allemagne de pouvoirs surannés, ils ne méconnaissent pas non plus ce qui a progressé depuis quatre-vingts ans. Quatre-vingts ans, y pense-t-on? Et l’on veut exciter le peuple français en lui persuadant qu’il a devant lui l’Allemagne du congrès de Pillnitz, et que les deux pays représentent toujours comme alors les contrastes excessifs de l’esprit nouveau et de l’esprit ancien? La France est-elle donc, comme il y a quatre-vingts ans, à ses yeux et à ceux du monde entier, la personnification de la liberté, la seule nation qui eût encore roulé dans sa tête les problèmes sociaux et en eût mûri les solutions? La nation allemande n’a-t- elle pas pris sa place au soleil de la civilisation moderne? ne se montre-t-elle pas sérieusement préoccupée de son avancement politique? Est-elle une masse inerte et inintelligente, qu’un chevalier errant de la légitimité puisse lancer un jour contre un France occupée à se régénérer? La coalition elle-même a été battue comme elle le méritait, et dans ce temps il n'était encore question ni de peuple allemand ni de peuple prussien. Et cette monarchie prussienne n’a vaincu la France que lorsque le génie moderne du grand Frédéric s’est trouvé en présence du régime honteux de Louis XY, et lorsque le soulèvement national s’est trouvé en présence du césarisme insatiable de Napoléon I er . Si jamais un roi de Prusse pouvait retomber dans l’aberration d’une croisade contre le drapeau de la liberté déployé par la France, il serait abandonné de tout ce qui peut donner la victoire, il serait battu comme il le mériterait, comme la première fois, et plus encore que la première fois. Les progrès de la liberté en France ont toujours profité aux partis libéraux en Allemagne. Croit-on que désormais mie Allemagne aspirant à pleins poumons le grand air de sa vie nouvelle voudrait s’engager dans une croisade légitimiste? 441 La lutte éternelle des peuples contre leurs maîtres ne devrait raisonnablement alterner qu’entre la nécessité de les renverser ou l’espoir de les moraliser. Quant à l’entreprise de les dompter par des institutions coercitives, par des restrictions inscrites dans les chartes monarchiques, l’expérience ne peut y voir qu’une valeur fort relative. Là où l’esprit des gouvernements persiste à l’état d’insurrection plus ou moins latente contre l’autorité de l’opinion publique; là où les chefs dEtat se croient injustement renfermés dans les limites d’un pouvoir constitutionnel, la force concentrée d’en haut aura toujours la chance de prévaloir contre la force diffuse d’en bas. Le vrai triomphe de la civilisation dans les Etats monarchiques, c’est d’élever l’esprit héréditaire des maisons régnantes à cette hauteur, où la guerre contre l’opinion de leur nation leur apparaît comme une impossibilité morale, comme une monstruosité incapable de naître dans le cerveau d’un homme sensé. Le peuple allemand, après avoir échoué dans une faible tentative révolutionnaire, a jugé lui-même que ses précédents n’avaient pas jusqu’ici suffisamment développé en lui les forces élémentaires indispensables pour engendrer les grands soulèvements victorieux. Il fallait donc se résigner à cette autre nécessité qui consiste à se vouer à l’éducation du gouvernement établi. Appliquer ce problème à trente maisons régnantes était chose inexécutable. C’est déjà assez de bonheur quand il y a quelque probabilité d’y réussir avec une seule. L’histoire et la nature des choses avaient désigné depuis cent ans la monarchie prussienne. Depuis un demi-siècle, celle-ci avait désespéré ses adhérents par sa nullité complète. Enfin, en 1866, elle donna signe d’intelligence, de vitalité et d’ambition salutaire. Pour tous ceux qui entendaient quelque chose à la politique de leur pays, c’était le moment d’encourager cet élan et surtout de soutenir l’auteur principal de cette 442 mémorable entreprise dans sa tâche si difficile si problématique, disons-le, de faire entrer l’esprit moderne dans le cœur d’une ancienne dynastie militaire. Comprend-on maintenant que celui qui devait l’essayer avec quelque chance de succès, ne pouvait tenir exclusivement ni de l’un ni de l’autre des deux éléments qu’il s’agissait de combiner? Ce devait être précisément ce personnage aux précédents, aux sentiments, aux instincts même aristocratiques, autant que cet esprit puissant, élastique, fécond, obligé par la loi même de sa perfectibilité de servir le progrès moderne. Certes, c’est chose bizarre que cette alliance entre la féodalité et une idée nationale, entre l’aristocratie et le suffrage uuiversel, entre ce grand seigneur et des chefs d’insurrection; mais il n’y a là en somme que l’incarnation des deux contradictions qu'il s’agissait de réunir en forçant la royauté prussienne à entrer dans une vie nouvelle. Jusqu’à quel point sera-t-il donné au même homme de développer les germes modernes, tant en lui que dans le noyau gouvernemental qu’il domine par sa personnalité? Rien ne nous oblige à penser qu’il ait dit son dernier mot. Maintes fois, depuis deux ans, il a prouvé qu’il sent le besoin de s’appuyer sur le progrès, pour tenir tête à une réaction incorrigible, qui guette le moment de l’écarter. De l’autre côté, il a exigé du parti libéral des sacrifices considérables, afin de désarmer les influences contraires qui assiègent le trône. Pour maintenir cet équilibre, il appuie un peu trop sur le moyen d’effrayer les libéraux par la menace de sa retraite. A la moindre contrariété, — c’est toujours son ancién défaut — il perd patience et leur met le marché à la main en posant la question de cabinet. Et alors l’opposition, connaissant les difficultés secrètes d’une situation fort délicate, recule devant la responsabilité d’ébranler la position de l’homme qui T' — 443 — représente le trait d'union entre le passé et l’avenir. Tout est affaire de compromis dans cette politique à face de Janus, tout, et autant que tout l’individualité dominante. M. de Bismarck, nonobstant l’élasticité de son esprit, fera toujours le désespoir de ceux qui se flatteront de voir en lui autre chose qu’un aristocrate, qui se sert du progrès non pas par instinct libéral, mais par instinct politique. Mars 1868. «\L« «y|y» »»X<» «yjy 1 Drucft t>on îîofenbaum & &art 23erlin W., TDilfyelmftr. 47. 8â‘-T- ‘•t* •T 4 T- «'JN» •'^'4 •''['• ✓p» EÜÉtt toïV-'.'*-;. far;. SZIst Y> * ■a — iij t ry v., H. K , ■ÀifT -zzsmBr- L W*V feSSBET' -, ,'^LL: .. ' '^ ; ^ - mm