Gesammelte Schriften von Ludwig Bainberger. Vanb IV. ^» Berlin Rosenbaum 6c Hart UM- politische Schriften von Z8V8 bis z§7§. Lllöwig Vsmöerger. ^ Berlin Rosenbaum 6c Hart 58?6. Inhalts - Verzeichnis. Seite Eine Stimme aus der Fremde......... 1 Kandidaten-Rede gehalten zu Mainz 1868 .... 11 Anlage. Auszug aus der „Volks-Zeitung" vom März 1860............. 58 Vertrauliche Briefe aus dem Zoll-Parlament: ... 69 1868. I.—VI.............. 81 1869. I.—V. . . . . ,........ 137 1870. I.—IV.............. 181 Die fünf Milliarden............. '219 Zur Embryologie des Bankgesetzes........ 251 Zur Geburt des Bankgesetzes.......... 277 Die Entthronung eines Weltherrschers...... 311 Das Gold der Zukunft............ 383 Gne Stimme aus der Sremde. , i Vorbemerkung. ^!3uf den »2, Februar M7 waren die Ivahlen zum konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes siir alle Staaten nördlich des Mains ausgeschrieben worden. In der ans diesem Anlaß entstandenen Bewegung trennten sich die deutschen Liberalen nach zwei Richtungen. Diejenigen, welche nach den großen Aricgsereignissen des Jahres M6 sich der preußischen Politik und der Gründung des Norddeutschen Bundes angeschlossen hatten, strengten sich an, mit allen Arästen siir die Wahl freisinniger Männer zu arbeiten, während eine andere Richtung sich siir wahlenthaltnug erklärte. Letztere setzte sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Teils waren es strenge Demokraten, welche dabei beharrten, den Krieg uud die Treunnng von Süddcutschlaud zu verurteilen, teils waren es Anhänger der abgesetzten Dynastien. In Berlin hatte sich ein Zcntralausschuß für die Lrziclung liberaler Ivahlcn in ganz Deutschland gebildet. Gbwohl schon seit dein kerbst die Spaltung der preußischen Fortschrittspartei eingesetzt hatte, infolge deren die bis dahin bestandene große liberale Partei Preußens sich in Nationalliberalismus uud Fortschritt trennte, hielten in diesem Mahlseldzuge die beiden Richtungen noch krästig zusammen. In dem erwähnten Ausschuß wirkten stramme Nationalliberale, wie von Unruh, und stramme Fortschrittsmänner, wie Lndols parisius, friedlich nebeneinander. Eugen 1* Richter verfaßte einen Wahlaufruf „An die Gewehre", der viel Aufseilen machte. Ls wurden zwanzig solcher Linzelblättcr verfaßt. Auch an mich erging vom Ausschuß die Aufforderung ein Flugblatt auszuarbeiten. Ich war, nachdem ich Sommer und Herbst in Deutschland zugebracht und mich bereits in der Presse lebhaft an der Tagespolitik beteiligt hatte/) nach Paris zurückgekehrt, um meine Übersiedelung nach Deutschland vorzubereiten. In unserer ehemaligen Flüchtlingswclt herrschte zwar der demokratische Groll gegen das „brudermördcrische" Prenßen noch vor, aber die große Zahl der im Auslande lebenden Deutschen stand doch auf der Seite derer, die es für Unsinn hielten, die Gunst der Umstände nngenützt aus Trotz zu verschmähen. Die süddeutsche Demokratie, zu der ich mich noch rechnete, war freilich anderer Meinung, und das nachfolgende Wahlflngblatt hat mir damals zum Brandmal schändlicher Apostasic verholscn. Doch habe ich später mit manchem meiner ehemaligen Aetzerrichter und lieben Freunde friedlich ini Deutschen Reichstag zusainmcngesessen. September >8^5. e. B. *) Siehe Band III: „Alte Parteien und neue Zustände", S. 295. Mne Stimme aus der Fremde. „Augen haben sie und sehen nicht, Ohren haben sie und hören nicht." H)ein, die Nachwelt wird es nicht glauben, denn schon die Mitwelt glaubt es nicht. Geht doch hin und sagt einein Franzosen, Engländer, Italiener: Die Deutschen sollen jetzt ein Parlament haben, aber sie wollen nicht recht d'ran; dein einen ist's nicht groß genug, dein andern ist's nicht hoch genug; Der fürchtet, es habe nicht genug zu sagen, Jener, es könnte zu viel Gewalt bekommen; der Eine meint, die Fürsten werden es uiiterdrücken — und aus lauter Furcht zu ertrinken, springen sie in's Wasser! O hättet Ihr doch etwas von dein Geist, dem Schwung, der Einsicht, welche Euch das Ausland jetzt borgt! Könnte» doch der Neid, die Furcht, das Stauueu, die ringsum an Eureu Grenzen auflodern, Euch Lebensfeuer in die Adern blasen! Könntet Ihr Euch mit fremden Augen sehen! Das ist das Geheimnis, aus dem erklärlich, warum vou den draußen lebende» Teutschen die meisten so ungeduldig rufen: Greifet zu! greifet zu! — Ja, Ihr habt es nicht erlebt, wie wir, daß ein Fremder die Karte an Eurer Wand anschaute mit den sechsunddreiszig abenteuerlich verschlungenen Farbenklecksen, und, mitleidsvoll den Finger darauf legend, fragte: „Ist das eiu Vaterland?" Ihr gabt nicht, mehr als einmal, die Augen niederschlagend, leise zur — 6 — Antwort: „Das wird es werden einstmals!" innerlich aber würgten Scham und Zweifel. — Und jetzt erlebt Ihr es nicht, daß ringsnm alle Stimmen rnsen: „Heil Euch Deutschen; jetzt geht es in Erfüllung; Euer Land ersteht aus der Asche!" Ihr erlebt es nicht, daß Aller Augen auf Euch blicken, daß alle Hände hinwärts deuten und weit im Kreise die ganze gesittete Welt laut ausruft: „Dort kommt eiu Volk zur Welt!" So geht Ihr hin und seht es nicht, was Freund und Feind ringsnm mit Staunen betrachten. Schon raubt der Anblick Eurer werdenden Nation Frankreich den Schlaf, Ihr aber besinnt Euch, ob Ihr aufwachen sollt? Meint Einer, iu dem großen, eitlen, rauschenden Paris höre mau jetzt von der Ausstellung reden, oder von neuen Straßen und Baulichkeiten, oder von Mexiko, oder von der nahenden Eröffnung der Kammern? — Nichts von alledem! Deutschland heißt die Parole. Mit Deutschlnud steht man auf, init Deutschland geht man nieder. „Die Deutschen macheu ein Parlament, ein Volk, ein Reich, sie haben gegessen vom Baum der Erkenntnis, den ihnen der Eigennutz ihrer Fürsten, die Eifersucht ihrer Nachbarn so lange verwehrt. Das wird sein: Schrecken uud Herrlichkeit!" — So ruft es von allen Seiten. Kein Blatt, kein Buch, keiu Zwiegespräch, oder es hallet daraus wieder: Deutschland. Der eine sagt's mit Neid: Frankreichs Weltherrschaft geht zu Ende, kommt erst dies Volk von Arbeitern uud Denkern hinter das Geheimnis seiner Kraft! — Der andere verkündets mit Freude: Deutschlands Auferstehung ist der Freiheit Morgenrot, denn nur die Freiheit wird uns die Stärke geben, mit ihm zu wetteifern! — Also tosen Furcht und Hoffnung an Eurer Grenze. Nur Ihr allein wollt nichts gewahr werden. Deun das ist des Unglücks letzter Fluch, daß es stumpf wird gegen seinen eigenen Stachel. Hundertjähriges Eleud hat uns dahingebracht, daß wir nicht fühlten, wie elend wir waren, hat uns taub gemacht, daß unverstanden der Ruf ans Ohr schlägt: Tretet heraus aus Eurer Nacht! Diejenigen, welche das Maß verloren für ihr eigenes Geschick, sollten sich mahnen lassen von dem Urteil älterer Nationen, deren Blick geschürst worden durch Erlebnisse eigener Größe nnd eigenen Falls! Niemand in ganz Frankreich, der nicht die Dinge bei uuS zu Haus für die größten der neuen Zeit erklärte! Selbst der Sturz des Papsttums hat dieses katholische Land unendlich weniger ausgeregt, als der Sturz Österreichs und der drei deutschen Fürsten. Sie betrachten alles als so fertig, so überwunden, sie sehen so als unmöglich an, daß wir das Werk unvollendet sinken lassen — was sag ich? — daß wir es mißtrauisch selbst zerstören, daß sie bereits fragen: Was wird nnn daS einige Deutschland zunächst beginnen? — Und sie antworten sofort: „Deutschland wird von uns daS Elsaß zurückfordern." — Vergeblich erwidert mau ihnen: „Friede, Freiheit, Eintracht!" Sie gehen weit genug zu glauben: Deutschland, geeinigt unter Einem Parlament, könne sich rasch zu solcher Herrlichkeit entwickeln, daß die seit zweihundert Jahren Frankreich einverleibten nnd mit ganzer Seele ihm anhangenden deutschen Provinzen sich möchten znm Muttervolk hingezogen fühlen. Wie könnten wir ihnen die Wahrheit gestehen? wie wollteil wir? Wer würde sie uno glauben? Geht doch hin nnd erzählt einem Franzosen: „Dies Deutschland, das Ihr fv groß und dränend fertig seht, hat erst noch seine besten Freunde zu Hause zu gewinnen, ehe es dran denkt, über seine Grenzen zu gehen. Es hat nicht Zeit noch Lust für deu Elsasser. Der Hannoveraner, der Hesse, der Schwab, - 8 — der macht ihm noch das Leben snner. Der Fremde erkennt nns an, indem er gegen uns rüstet; zu Hause verkennen hunderttausend Landsleute noch ihre eigene Bestimmung, indem sie nicht einmal die Hand aufheben zur Wahl in5 Parlament." So sitzen wir draußen iu der Fremde, und alle die Glückwünsche, alle die Eifersucht, alle die Befürchtungen, die unseren Herzen zujubeln, werden zu ebensoviel bitteren Pfeilen, wenn eine Botschaft aus der Heimat kommt. Sie wollen nicht wählen, das Parlament ist ihnen nicht gnt genug! So höret einmal, mit de5 Fremden Urteil, auch eiuen seiner Weisheitssprüche: „So viel der Mann wert ist, so viel mich seine Sache": "laut, vaut 1'b.oiuins, laut vMt 1a eliosö! Gebt einem Stümper das beste Instrument, er wird ihm keinen Ton entlocken; gebt einem Künstler nur eiue gespaunte Saite, er wird sie beleben. Stellt einen Schwachkopf an die Spitze des glücklichsten Unternehmens, er wird es zn Grunde richten; leiht einein Mann von Genie die notdürftigste Anstalt, er wird sie znm Gedeihen bringen. So viel der Mann wert ist, so viel die Sache. Seid Ihr selbst was wert, so wird Euer Parlament was wert sein, viel sogar, unermeßlich viel. Seid Ihr aber faule, au Euch selbst verzweifelnde Schläfer, so wird eo weniger sein als nichts, ein Quell von Unglück nnd Beschämung. Denn: kommen wird das Parlament auf jeden Fall!! Thut aber nicht voraus jeder seiue Schuldigkeit, setzt er uicht alle Kraft daran, daß es aus freien Männern zusammentrete, dann werden die Feinde des freien Bürgers ihre Kreaturen hineinsetzen, nnd die Kreaturen werden Eure Rechte im Stiche lassen und mit Füßen treten helfen. Die fremden Völker aber werden denken: Solches sei Euer Wille gewesen. Denn nimmer werden sie glauben: Ihr seiet ans- — 9 — gerufen worden, aus freier Wahl eiueu Reichstag zu entsenden, und Ihr hättet Euch schwachmütig Eures Rechts begeben; Ihr hättet der Stimmen gespottet, die Euch zuriefen: Erwählet Mäuuer des Rechts, der Freiheit, der Zukunft. Sie werden für wahr halten, daß die Kreaturen der Finsternis und Gewalt die Vertreter deutschen Geistes uud deutschen Willens seien und werden zum Schluß kommen: Deutschland wollte nicht einig noch srei sein! So würden sie urteilen und sie würden Recht haben. Noch aber ist es uicht zu spät! Noch ist die Stunde nicht verronnen, die für eine unermeßbare Zukunft das Schicksal Dcntschlands besiegeln soll! Noch seid Ihr Herren, das wahr zu macheu, was ringsum die Welt Euch zuruft, was die Zeichen der Geschichte mit Flammenschrift auf Eureu Weg schreiben. Geht hin und wählet! Wählet freie Männer! Lasset sie geloben, sich fest zu klammern an das große Gut, das ihren Häuden anvertraut wird, au die Zukunft Deutschlands. Dies ist der Wendepunkt seiner Geschichte. Dies ist: Leben oder Tod! Paris, Januar 1867. L. Vamberger. Kandidaten-Rede gehalten zu Mainz bei Gelegenheit der Wahlen für das erste Deutsche Zoll-Parlament in der Volksversammlung vom 27. Februar 1868. ^Ktenozzrri;?h^rhL ^«fzrirhrr»r«g. Vorbemerkung ^)er Aampf um die Wahl zum Zoll-Parlament war in Mainz einer der heftigsten von allen, die seit dem Jahre ^8öö in Deutschland dnrchgefochten wurden. Aus der einen Seite standen, unter derselben Lahne geeinigt, die in der Stadt wie im Landbezirk sehr starke, vom streitbaren Bischof Ketteler geleitete ultramontane Partei mit ihrer Anhänglichkeit an Gsterrcich und die ebenfalls zahlreiche Partei der süddeutschen Demokratie, welche aus Grundsatz, aus Antipathie gegen Preußen wie in Vertretung eines großdentschen Programms einen dem Anschluß des Südens an den Norddeutschen Bund seind- scligen Abgeordneten nach Berlin entsenden wollten. Beide erfreuten sich der ganzen Gunst der Darmstädtcr Regierung unter dein Minister von Dalwigk, der seit langen Jahren die Seele aller kleinstaatlichen Intriguen gegen Preuße» gewesen war. Regierung wie Geistlichkeit hatten das Gpfcr gebracht, einen radikalen demokratischen Mhrer, den Advokaten Dümont, als Kandidaten anzunehmen. Dieser gefähr- lichen und mächtigen Koalition galt es den Sieg zu entwinden. Jcb war erst im Laufe des Winters wieder nach Mainz gekommen uud hatte mich im Iiausc meines dort ansässigen Bruders häuslich eingerichtet. Meine Freude an der Wiedergeburt Deutschlands, meine lange zurückgehaltene Sehnsucht nach thätiger Teilnahme an dessen politischem Leben beseelten mich mit einem Feuereifer, de« ich fügend- 14 — lich nenne» kann, obwohl ich in der Mitte der vierziger Jahre stand. Gern hätte ich mich in dein Mahlkreis Alzey-Lingen vorgestellt, in welchem der Sieg unzweifelhaft war, und der mir sechs Jahre später zufiel. Aber die hessische Landesversammlnng, welche die Kandidaturen zu verteilen hatte, reservierte ihn, als den sichersten, für den Darmstädter Advokaten Metz, der als einer der Hänpter des Nationalvereins im letzten Jahrzehnt sich die größte Popularität erworben hatte. Mir teilte man Mainz zu, weil es der gefährdctste Posten war, und mau nur mit mir Aussicht auf Erfolg zu haben meinte. Ich mußte gute Miene zum bösen Spiel inachen, und obwohl ich die großen Schwierigkeiten erkannte, ging ich nicht ohne vertrauen in den Kampf. Um so mehr spannte ich alle Kräfte an, uud ich hatte das Glück ausgezeichnete Hilfe zu finden. So viel Fener, so viel Hingebung, so viel Arbeitsleistung habe ich nie wieder nnter meinen Augen am Merk gesehen wie damals. Zwar fand ich meine alten Freunde von vor zwanzig Jahren in dem mir jetzt feindlichen kager der Demokratie; sie waren beinah alle noch da, denn im Jahre Mtt waren wir alle noch jung gewesen, lind natürlich war ans dieser alten Freundschaft jetzt eine um so heftigere Feindschaft geworden. Aber ein Teil dieser alten Demokratie hatte doch denselben Meg zurückgelegt wie ich, ein andrer, sür den meine ehemalige Popularität wieder auslebte, ließ sich durch mich gewinnen. Der Kern der wohlhabenden Kaufmannschaft und Industrie stand auf meiner Seite. Im ländlichen Teil des Mahlkrcises, der beinah hundert Grtschaften umfaßt, war die Demarkationslinie einfach: protestantisch oder katholisch. Line stattliche Zahl angesehener Männer aus allen Ständen trat in den Dienst unserer Mahlagitation, die mit einem auss seinfte ausgerechneten Mechanismus Tag und Nacht betrieben wurde. Ich mietete mir ein ans mehreren Stnbcn bestehendes Büreau und zwar im selben Hause, in dem ich die „Mainzer Zeitung" vor zwanzig Jahren redigiert hatte. Dieselbe Zeitung ward anch wieder mein Grgan. Monate lang beherrschte der Mahlkampf die ganze Stadt. Bis in die Mädchenschulen pflanzte sich der Lifer des Für nnd Mider — 15 — fort, wie viele Reden ich in diesen lochen gehalten habe, weiß ich nicht mehr, manchmal drei an einem Tage in drei verschiedenen Vrt- schastcn. Es war die Zeit des großen Aufschwungs, in der die Massen wie die Einzelnen noch lebhaft von Ideen ergriffen waren, und in der auch das wort noch eine werbende Rra^t besaß. Die hier nachfolgende Rede gestattet einen guten Einblick in die Gedankenströmungen, welche damals die Geister bewegten. Sie trng nicht unwesentlich zuni Wahlsieg bei, der nur mit knapper Not errungeu wurde. Meine Mehrheit betrug uicht mehr als vierunddreißig stimmen. Aber auch das war nnr mit der äußersten Anspannung zu erlangen gewesen. Ich genoß in vollen Zügen die Freude, ein sehulichst erstrebtes Ziel der Güte der Sache, der Eingebung zahlloser Mitarbeiter, aber auch meiner eigenen Thätigkeit zn verdanken und an einem entscheidenden Wendepunkt des Lebens glücklich zum Ziel gelangt zu sein. September ^8Y5. L. B. Geehrte Mitbürger! Betrachten Sie es nicht als die Beobachtung einer mechanischen und herkömmlichen Schulregel, wenn ich zum Eingang meiner Ansprache um Ihre ganze Nachsicht bitte. Ich bedarf des Wohlwollens Derer, die mit einigem Vertrauen zu mir hierhergekommen sind, nud ich glaube schon gefühlt zu haben, — denn das fühlt sich heraus, — daß ihre Anzahl nicht gering ist. Ich bedarf auch der milden Beurteilung Derer, die ohne vorgefaßte Meinung, aber mit der redlichen Absicht hierhergekommen sind, nach Anhörung dessen, was hier besprochen werden wird, sich eine freie und unabhängige Überzeugung zu bilden. Ich bedarf endlich, wenn Gegner unter uns sein sollten, — und ich heiße sie willkommen, — ich bedarf weuigslens ihrer Gerechtigkeit. Ich bedarf derselben nicht blos nm meinctivcgen, sondern auch zur Ehre der Sache, die wir heute hier behandeln, und zur Ehre unserer Stadt, die sich würdig zeigen soll der politischen Rechte, die sie berufen ist, auszuüben und in der Weise zu verfechte», wie es gesitteten uud denkenden Menschen gebührt. Ich bedarf Ihrer Nachsicht, denn Sie können wohl denken, welche Gefühle auf mich einstürmen in dem Augenblick, da ich zum erstenmale nnd unter so bedeutsamen Verhältnissen wieder des Glückes teilhaftig werde, uuter meinen Mitbürgern zu stehen und allgemeine An- — 18 — gelegenheiten zu behandeln. Aber ich will alles Persönliche aus dem Spiel lassen und meinen Empfindungen Schweigen gebieten. Wir haben so Wichtiges, so Umfangreiches zu behandeln, daß von dem Menschen nicht länger die Rede sein kann. Auch die sachliche Aufgabe ist an sich so unendlich schwierig, daß ich in jeder Weise Ihre Nachsicht, Ihre Milde, Ihre Laugmut iu Anspruch nehmen mnß. Die Fragen, die wir heute zu erörteru haben, stehen auf einer solchen Höhe des allgemeinen Interesses, daß es beinahe kein Gebiet des menschlichen Lebens, keine Frage der staatlichen Ordnung und der allgemeinen gesellschaftlichen Existenz giebt, die hier nicht hereinragte, nud die gewissermaßen nicht verlangte, daß auch sie mit einem Worte berührt werde. Schließlich beherrscht mich die Bvrstelluug, daß uusere heutige Aufgabe uns wohl weit über die Bedeutung eines lokalen Interesses hinausführt. Ich glaube nicht unrecht zu thuu, weuu ich behaupte, nicht blos unser Wahlkreis, nicht blos unsere Provinz, nicht blos unser kleiner Staat, svuderu ganz Deutschland sehe ans die Angelegenheit der Wahl unserer Stadt mit größter Spannung. Es ist schon gesagt worden bei früherer Gelegenheit, daß nnscr Großherzogtum Hessen berufen sei, vielleicht eiuen sehr wichtigem Ausschlag zu geben in der Frage, die heute Deutschland zunächst zu lösen hat, weit dieser Kleinstaat auf jeuer künstlich gezogenen Linie selbst steht, die für eine Weile — hoffentlich eine kurze — Deutschland in zwei Gebiete scheidet. In diesem Lande Hessen aber, welches diese schwere, bedeutsame Rolle zu spieleu berufen ist, befindet sich wieder unsere Stadt, von der Grenze selbst durchschnitten; denn die Bewohner von Castel, die wir immer als unsere Stadtgenvsfen angesehen haben, sind durch die Demarkationslinie von uns getrennt worden; uud wie hier die Gegensätze nnd Scheidepunkte örtlich ein- — 19 — ander berühren, so berühren sich auch in unserer Stadt die allgemeinen politischen Gegensätze auf das Grellste. Wir wissen, in welcher Weise mit seiner Macht, mit seiner Verwaltung, mit seiner ganzen Organisation der Nordbnnd bereits bei uns eingezogen ist, während ans anderer Seite nirgends stärker als bei uns das dynastische Interesse sich breit macht und dem Ausbau des norddeutschen Bundes Widerstand leistet. (Zustimmung.) Sie wissen, meine Herren, in welcher Weise in unserer Bürgerschaft die Meinuugeu für und gegen die eine oder andere deutsche Macht, für und gegen die eine oder andere der herrschenden politischen Richtungen schroff und lebhaft «inander gegenübergestellt sind. Wenn je also es einen Kampfplatz gab, auf dem es von Interesse, ans dem es iin höchsten Grade wichtig war, wie die Würfel fallen würden, so ist es in unserer Stadt, und deshalb sind die Angen von ganz Deutschland auf uns in dem Augenblicke gerichtet, wo wir zur Wahlurne schreiten sollen. Nun werden Sie wohl fühlen, welche Last aus meinen Schultern ruht in dem Augenblicke, wo ich hierher trete und die Ausgabe übernehme, im Namen einer Partei, deren Mitglieder in so großer Zahl unsere achtbarsten Stadtgenossen sind, Prinzipien zu vertreten, welche wir für die heilsamsten halten uud unter deren Geltung wir zum Siege zu kommen hoffen. Lägeu die Diuge so, meiue Herren, wie sie in anderen Ländern liegen, wo die Gestaltung einer Nation nicht Gegenstand einer Frage ist, wo niemand Zweifel aufstellt, ob vor allen Dingen eine Nation zusammengehören solle, uud wo deshalb nur Fragen des inneren Wohles uud der Freiheit Zu lösen sind, so wäre meiue Aufgabe heute eine einfache; ich hätte Sie von dem Zoll-Parlament und seiner eigentümlichen Aufgabe mit Ausführlichkeit zu unterhalten, ich hätte vor allen Dingen die Grundsätze auseinander zu legen, die 2* — 20 — für mich die maßgebenden sind in Fragen des materiellen Wohlstandes nnd der Gesetzgebung für Handel und Wandel. Ich hätte Jhuen zu erklären, in welcher Weise ich glaube, daß der Staat nützlich in Verkehrs- und Kreditwesen einzugreifen hätte. Ich hätte zu erklären, in welcher Weise ich glaube, daß auch durch Bauk- oder Bodenkredit-Anstalten dem Gewerbstande und Ackerbau Hilfe zu leisten sei; ich hätte zu erklären, welches außerordentliche Gewicht ich auf die Frage der allgemeinen deutschen Freizügigkeit lege, welche große Berücksichtigung z. B. die Eiuführuug der Münzeinheit verdient, in der wir noch z. V. sogar gegen die Schweiz zurückstehen. Aber für das alles, meine Herren, für das alles finde ich zu meinem Bedauern, daß die Wogen der Stimmung zu hoch gehen. Ich habe es empfunden. Nach anderem verlangt das Ohr der Versammlungen in gegenwärtigen Zeitlänften, wo die politischen Frage» in den Vordergrund getreten sind. Sie verlangen vor allem, daß ich über die brennenden Fragen mich aussprcche. Nur eines sei mir erlaubt anzuführen, um Ihnen das Verständnis meines persönlichen Verhaltens zu den Aufgaben des Zoll-Parlaments deutlich zu machen, um Jhuen mit einem einzigen Beispiel ans meiner eigenen Vergangenheit zu zeigen, welche außerordentliche Wichtigkeit nach meiner Anschauung dem Zoll-Parlament zukommt. Ich bin niemals — ich gebe das weder als ein Verdienst, noch als einen Vvrwnrf — ich bin niemals Mitglied des sogenannten Nationalvereins gewesen. Zu einer Zeit, als viele Derer dem Vereine angehörten, die mir jetzt vorwerfen, daß ich mich betäuben nnd berauschen lasse von allzu weitgehenden Hoffnungen, derselben Natur, wie die seiner ^eit im Nationalverein verkörperten, — zn der Zeit hatte ich nicht viel Hoffnung auf den Nationalverein gesetzt. Während der Epoche, welche man die neue Aera in Preußen nannte, als eben die Regentschaft angetreten, war der Nationalverein in seiner höchsten Blüte und mau glaubte, daß es gelingen könnte, eine glückliche Wendung für deutsche Ereignisse herbeizuführen. Damals, im Jahre 1859, hielt der Nationalverein eine große allgemeine Versammlung in Berlin, und viele meiner Freunde lnden mich ein, doch endlich auch in denselben einzntreten. Ich sah mich damals veranlaßt, an den Vorsitzenden des Nativnalvereins und durch ihn an die ganze Versammlung, eine Denkschrift zu richten, in welcher ich auseinandersetzte, daß ich zwar die Bestrebnngen und die Wirksamkeit des Vereins in ihrer allgemeinen Bedeutung anerkenne, daß ich aber die bloß theoretische Agitatiou, iu welcher er sich herumdrehe, die bloße Wiederholung derselben Grundsätze, ohne jede Praktische Handhabe, für entschieden unzureichend halte; daß er nach etwas suchen und streben müsse, das aus dem praktischen Leben heraus mit unserem Begehren nach allgemeiner politischer Einigung übereinstimme, und ich setzte damals auseinander, wie diese praktische Handhabe gegeben sei in der materiellen Einigung der deutschen Interessen. Ich sagte, es ist Aufgabe des Nationalvereins vor allen Dingen die Aufmerksamkeit des Volkes darauf hinzulenken, welche Schädigung die Nation in ihren wichtigsten Interessen des täglichen Brotes dadurch erleidet, daß Deutschland in viele einzelne Fürstentümer zersplittert ist, deren die meisten teils durch Unfähigkeit, teils durch schlechten Willen in Fragen der großen deutschen Berkehrsinteressen sich kennzeichnen. Ich verlangte damals, daß der Nachweis geliefert werde, welchen Schaden die Teilung Deutschlands den materiellen Interessen bringt; daß der Nativnalverein in jedem einzelnen Lande, ja in jeder bedeutenden Stadt Deutschlands gewissermaßen eine Sternwarte für alle Nahrnngsfragen errichte, deren Beobachtuugeu, gleich wie die von Wind — 22 — und Wetter, den Fragen des Verkehrs, des Handels, der Industrie nnd allein demjenigen gewidmet seien, was die materiellen Interessen beeinflußt. Die Sache wurde damals zur Kenntnis genommen, aber wie es so geht, hernach zn den Akten gelegt. Ich wollte aber wenigstens die Genugthuung haben, sie zu veröffentlichen, und sie erschien als besondere Beilage znr Berliner „Volks-Zeitung".*) Ich kann es also schwarz auf weiß bestätigen, daß dieselbe Idee, aus der das Zoll-Parlament entsprungen, schon vor einem Jahrzehnt die meinige war. Aber es ist mir nicht vergönnt, bei dieser Frage stehen zu bleiben. Ich muß auf das Feld des Kampfes, ich muß mich in die Diskussion begeben, über jene Streitfragen, die jetzt schon so lange hin und her erwogen werdeu, die wir aber berufen sind, noch drei Wochen hindurch in heftigem Kampfe zu erörtern. Aber eine große Schwierigkeit wirft sich mir hierbei entgegen. Sie liegt in der Verschiedenheit der Anschauung, die unsere Partei leitet, nnd derer, welche der Gegenpartei eigentümlich ist. Die Gegenpartei beruft sich auf wenige ganz allgemeine, herkömmliche Sätze theoretischen Begriffes, von Recht, Freiheit nnd Fortschritt, welche über den Fragen des praktischen Lebens und der Veränderungen stehen, wie sie im Laufe der Geschichte unfehlbar eintreten müssen. Ihr wird es immer glückcu, wenn sie ihr Panier entfaltet, das Beifallzujauchzen einer Menge zu erobern, die mehr mit dem Herzen, als mit dem Verstand urteilt. Wir aber, wir haben mit Verstand über die gegenwärtige konkrete Lage der Dinge nach allen Seiten hin zu urteilen, wie praktische Menschen es müssen, nicht um deu Sieg leerer Theorien zu streiten, sondern im Interesse des Vaterlandes zu handeln, denn dieses zu fördern, ist uns lieber, als alle glänzende Rechtfertigung der Theorien. Als Anlage hier wiederum veröffentlicht S. 58. — 23 — Wir haben die Aufgabe, unsere Sache in solcher umständlichen Weise zu verteidigen, es ist daher nicht vhne Schwierigkeit Ihnen unseren Standpunkt erschöpfend auseinander zu setzeu. Ja, ich bin in großer Verlegenheit, wenn ich es unternehme, dein Gegner in seinen Widersprüchen zu folgen. Der entwindet sich, und entriuut mir, wo auch immer ich ihn zn soffen fuche. Ich nehme das, was er als die Gesamtheit seiner Überzeugung, als seinen Wahlaufruf, als sein Programm aufgestellt hat und suche ihn irgendwo zn fassen. Aber alles ist voll von Widersprüchen, in einer Zeile immer das Gegenteil von dem, was er in der vomnsgehenden zugestanden. Er beginnt damit, daß er mit freudigem Ausruf davon spricht, daß nun endlich mit direktem allgemeinen Wahlrechte eine große deutsche Bersnmmluug berufen werde, und er endigt damit, daß er dieselbe Versammlung als unzureichend, ungenügend und verwerflich in den härtesten Ausdrücken von sich stößt. Er beginnt damit, daß er beklagt, daß wir in diesem Zoll- Parlament so sehr beengt seien in unserem Berns und unserer Thätigkeit und schließt damit, daß er sich dagegen verwahrt, irgendwie dafür anfzutreten, daß diese Thätigkeit erweitert werde. Er legt eiu außerordentliches Gewicht darauf, daß die Steuern verweigert werdeu und er will nicht, daß wir vou Politik sprechen, als wenn Steuerverweigerung nicht der wichtigste aller politischen Akte wäre! Ja, meine Mitbürger, wenn ich in diesem Programme gelesen hätte, die Abgeordneten sollen nur Steuern von dieser oder jener bestimmten Natur gewähren oder verweigern, sie sollen sich für die eine oder andere, direkte oder indirekte Steuern, erklären, nur über die Natur der Steuer und nicht über Fragen, ob Ausgaben gemacht werden oder nicht, so müßte zugegeben werden, die Herren sind konsequent, wenn sie nicht politische Gebiete berühren, — 24 — sie wollen blos über die materielle Frage reden. Allein das thun die Herren nicht, sie sagen: Ihr sollt gar keine Steuern bewilligen, sollt sie absolut verweigern, und nicht untersuchen, ob die Steuern gut oder schlecht verwendet werden. Das ist ein rein politischer Grnnd. Die Gegner wollen mit andern Worten, daß keine Ausgaben gemacht werden; denn wenn man einmal ausgegeben hat, hernach sagen, ich bewillige keine Steuern, das ist natürlich eine völlige Inkonsequenz, eine rein praktische Unmöglichkeit. Sie müssen sagen, ich will nicht, das; der Staat irgend welche neue Ausgaben für irgendwelchen Zweck mache. Ich frage, ist das eine politische Aufgabe oder nicht? kann ich blos vom Standpunkte des Zuckers, Tabaks :c. beurteilen, ob der Staat das Recht hat, eine Militärnns- gabe oder Ausgaben für Gesandtschaften, Gesetzgebung oder dergleichen zu machen? Und dennoch wollen die Herren Gegner Zoll-Parlaments-Abgeordnete wähle», die sich nicht mit politischen Aufgaben zu befassen haben. Das sind wüste Behauptungen voll der größten Widersprüche, nnd ich will sagen, wie diese Widersprüche sich erklären. Es ist die Partei der Gegner durchaus uicht gleichartig zusammengesetzt, wie alle Partcieu, denen es nur darauf ankommt zu negieren, zu verneinen, die sich darin zusammenfinden, daß sie etwas Bestimmtes nicht wollen, daß sie von den einander widersprechendsten Grüuden geleitet werden; und wer dieses Programm der Gegenpartei mit Aufmerksamkeit verfolgt, der wird deutlich sehen, wie bald der einen Meinung, bald der andern ein Zugeständnis gemacht ist; wie der Eine verlangt, daß man in diesem Zoll - Parlamente doch anerkenne, daß die Ereignisse von 18liki etwas Gutes und Nützliches wären, und wie der Andere wieder will, daß man mit Hohn und Verachtung darauf sehe; nnd wie Schritt vor Schritt immer ein Satz Für und ein Satz Gegen erscheint, damit man jedem sein Teil gebe; so daß zum Schluß das unglaublichste und undenkbarste aller Machmerke herauskam. Weuu Sie ein politisches Glaubeusbekenntnis, ein Programm, welches die Fahne einer große» Partei bei einem wichtigen Akte sei« soll, durchleseu und fiuden darin Sätze wie diesen: „Wir wollen die Ereignisse des Jahres 1866 weder beklagen, noch in den Himmel erheben, und wir verkennen ihre Tragweite nicht," so bitte ich Sie, mit der Hand an den Kopf zu fühlen und sich zn fragen, was Sie dabei denken können, wenn eine Partei nicht weiß, ob sie solche Ereignisse, wie die von 1866, beklagen oder loben soll, und Ihnen schließlich nichts als völlig sinn- nnd bedeutungslose Worte zn sagen weiß. Eine Partei, welche die Tragweite solcher Ereignisse, ob sie gut oder schlecht seien, nicht zu bezeichnen wagt, das ist entschieden eine Partei, die nichts zu sagen weiß, weil sie nichts zu denken weiß, und ich erkläre, daß die Partei, die ein solches Programm ausstellt, es nicht Wahlaufruf, sondern Armutszeugnis nennen sollte. (Stürmisches Bravo.) Und nun, meine geehrten Mitbürger, lassen Sie mich, da wir doch in diesem Wahlprogramm nichts finden, sehen, ob ich anderwärts aus der Diskussion, aus dem, was in der öffentlichen Besprechung in aller Mnnd sich herumwälzt, die Gründe finden kauu, die man uns entgegenwirst, und lassen Sie uns sehen, ob es uns gelingt, sie in Gestalt zu bringen, so daß wir sie bekämpfen können. Hier tritt mir vor allen Dingen das entgegen, daß Sie in dem Parteiprogramm, wie in allen Aussprüchen der Gegenpartei eine ungeheure Überschwänglichkeit finden. Wenn die Rede von dem ist, was unsere Gegner dem Volk bieten wollen, und ich lese: „das ganze Deutschland ists" — „das freie Deutschland", „das unbedingt in der radikalsten Weise gestaltete", „das in der vollständigsten Weise geeinigte Dentschland", — 2«; — kurz alles, was man nur von Herzen begehren kann, — das alles wolle sie, das alles erstrebe sie, diese Partei, so muß sie doch auch überzeugt sein, daß es ihr gelinge, denn sonst hat sie keinen Beruf! Sie sagt aber nicht mit einem Iota, wie sie es herbeiführen will! — Ich glanbe, daß die Gegenpartei nicht stark hier vertreten ist, und ich will daher meinem Univillen über dieses Gewähren Zügel anlegen. Doch ich kann nicht anders sagen, als: daß wer solche glänzende Versprechungen macht nnd seit Monaten und Iahren sie ausstößt uud nicht weiß, wie sie erfüllt werden sollen, daß der ein Marktschreier ist nnd Quacksalberei treibt, gleich dem Charlatan, der auf offenem Markte eine Mixtur anpreist, die alle Krankheiten heilen soll, während er mir gefärbtes Regenwasser bietet. (Große Heiterkeit.) Sie könnten ebenso gut in ihrem Programm, wie sie das geeinigte, befreite nnd in der höchsten Vollkommenheit schwelgende Deutschland versprechen, jedem Menschen täglich eine Pastete uud eine Flasche Wein versprechen, das würde sie mich nicht mehr gekostet haben. (Heiterkeit.) Ich muß es auch für eine zweite, nicht aufrichtige und ganz unhaltbare Bekämpfung unserer Anforderuugeu erklären, wenn die Gegenpartei sagt, nnd es ist schon eher der redliche und aufrichtige Teil, der so zu Werke geht, wenn sie sagt: „ja, wir billigen, was Ihr verlangt, wir anch wollen uns einigen mit Norddeutschland nnd ein gesamtes Deutschland herstellen; allein mit der gegenwärtigen Anordnung der Dinge sind wir nicht einverstanden und wir wollen unsere Bedingungen stellen." Verehrte Mitbürger! Es ist sehr schöu, Bediugungen zn stellen, wenn man einige Aussicht hat, sie durchzusetzen. Wer aber in der Lage ist, mit seinem einfachen Menschenverstände einzusehen, daß mau uicht dem Anderen mit Erfolg Bedingungen vorschreiben kann, uud dennoch vorschreibt, der thut nichts anderes, als das; er einfach auf Das verzichtet, was er als wünschenswert erklärt. Da müßten besser die Herreu den Mut haben zu sagen: „wir wollen uns nicht einigen," denu der Norddeutsche Bund, die dreißig Millioueu, die sich bereits geeiuigt haben, die cutscheiden durch das Schwergewicht und die Überzeugung, daß sie uns nachziehen werden. Ihr Gegner seid nicht in der Lage, solche Bedingungen zu stellen, und es wäre besser, Ihr sagtet: „Wir wollen gar nichts," als daß Ihr saget: „Wir wollen unsere Bedingungen ertrotzen." lZustimmuug.) Haben wir uicht Beispiele erlebt, wie es abläuft mit solche» Vediuguugeu? Es sind heute noch nicht sechs Monate über Deutschland hingegangen, daß wir sahen bei den Zvllangelegenheiten, wie in Baiern nnd in Württemberg die radikalen Opponenten von allen Seiten versicherten: „Der Zollvertrag wird nicht angenommen, nnd die Zolleinigung mit dem Norddeutschen Bunde wird nicht angenommen, wenn nicht gewisse Bedingungen, die wir Herren vorschreiben, von Preußen nnd seinen Bundesgenossen akzeptiert werden." Himmelhoch gingen die Wogen; in Baiern nnd Württemberg schien der Zollverein verloren, Opposition von allen Seiten! „Preußen mnß uns nachgeben! Es hat nns uoch nötiger, als wir es, nnd wir schreiben ihm vor: diese uud jeue Abänderung in der geineinsamen Gesetzgebung mnß gemacht werden, wenn wir den Zollvertrag annehmen sollen." Und was geschah?! — Im letzten Augenblick nahm die Sache ein klägliches Ende. Die am lautesten geschrieen hatten, zogen sich am ersten zurück, uud — verzeihen Sie den burschikosen Ausdruck — aus dieser Strvhrenvmmage kam nichts heraus, als eine Blamage. (Bravo! Heiterkeit.) — In derselben Lage sind wir, wenn wir dem Norddeutscheu Buude Bedingungen vorschreiben, die wir uicht ertrotzen köunen. Dieses Vor- — 28 — schreibeil von Bedingungen, dieser politische Kompromis, den die Herren jetzt noch versechten wollen, gehört bereits der Geschichte an; denn wenn Sie mit einiger Aufmerksamkeit dem Gang der Dinge des ersten deutschen konstituierenden Reichstages gefolgt sind, so wissen Sie auch, daß zwischen den freisinnigen Parteien des Reichstages und dem Bundeskanzler-Amt über viele Abänderungen verhandelt worden ist, welche zum größten Teile angenommen wurden. Man hat damals über die Bedingungen verhandelt, nnd wenn die Norddeutsche Verfassnug nicht vollkommener ist, als sie ans der Beratung des allgemeinen Reichstages hervorging, so ist sie es, nachdem das Mögliche an Bedingungen erreicht worden, was unter den gegebenen dringenden Umständen erreichbar war, da einmal das freiheitliche Element — merken Sie wohl — der Zahl nach nicht das stärkere war. Diese Bedingungen sind geschlossen nnd es ist nicht daran zu denken, neue Bedinguugen zu stellen. Also auch dieser Vorwurs ist ganz uichtig und als unüberlegt zu erklären. Ich muß noch ein Anderes als einen entschieden banalen, leeren und eitlen Vorwurf abweisen, nnd das ist, daß diese Herren unsere Partei anklagen, sie begnüge sich mit Phrasen. Wenn je irgend jemand glaubte, den Spieß umkehren zu können, nm seine eigene Schwäche zn decken, so geschieht es gerade hier von Seiten unserer Gegner. Ich habe es bereits gesagt, wir begnügen uns mit der Mühseligkeit, nach gegebenen Umständen überall zu sehen, wie wir die Interessen des Volkes und der Freiheit verteidigen können mit den Mitteln, die uns gegeben sind, uns langsam aber sicher voranzuhelfen. Wir sind gezwungen, Paragraph für Paragraph in der deutschen Verfassung zu diskutieren und so lange zu arbeiten, bis wir den einen oder den anderen ändern können. Jene aber, wie aus deren Programm zu — 29 — lesen, bringen in allgemeinen, seit einem Jahrhundert nutzlos abgehaspelten Phrasen, mit denen man im Augeublick keinen Hund von dem Ofen lockt, das Ganze ihrer politischeu Weisheit, nud wenn sie uus Phraseu vorwerfen, dann können wir dies mit nichts anderem vergleichen, als damit, daß auf dem Markte eiu Dieb uns die Uhr aus der Tasche zieht und daun mit dem Rufe: „Halt den Dieb!" um den Verdacht von sich abzulenken, hinter uns herlauft. (Heiterkeit.) Aber damit uicht zufrieden, klagen jene den Norddeutschen Bund an, das; seine Verfassung so unvollständig sei, daß wir freien Südländer uns unmöglich damit zufrieden geben köuuteu. Auch das ist ein eitler Porwurf. Der Norddeutsche Bund hat zunächst vor der seligen Deutscheu Bundesverfassung den großen Vorzug, daß er keinem Lande irgendwie in Beziehung auf fein Grundrecht irgend welche Beschränkungen auferlegt. Sie dürfen die Presfe und alle Rechte, durch welche Freiheiten ausgeübt werden, so uu- bediugt, wie Sie wollen, in einem Lande entfesseln, ja, Sc. K. Hoheit der Großherzvg von Heffen und bei Rhein kann abdanken und Heffen zu einer Republik erklären, ohne daß deshalb der Norddeutsche Bund gemäß seiuer Verfassung das Recht hätte, einen Einspruch zu erheben. Wenn er uns nichts nehmen kann, köunen wir auf jeden Fall dnrch den Eintritt nichts verlieren. Es sind aber iu diesen Grundrechten wichtige Dinge, die wir nicht besitzen, wie namentlich der wichtige Punkt der deutschen Freizügigkeit und eiue Menge anderer Vorteile. Ja, sagt man uns, die Miuistcrverantwvrt- lichkeit ist nicht in der Norddeutschen Bundesverfassung anerkannt. Ministerverantwortlichkeit?! Es hat einmal im Preußischen Landtage ein Deputierter das sehr treffliche Wort ausgesprochen: „Was sprechen wir hier von Minister- Verantwortlichkeit? sprechen wir doch einmal von Gendarmenverantwortlichkeit!" (Heiterkeit.) — 30 — Die Mißbräuche, die Übergriffe der einzelnen Beamten, werden wir die einmal auf gesetzliche Weise zn bekämpfen und von uns abzuwehren imstande sein? Das ist noch nn- endlich viel wichtiger, als daß man uns mit großen Buchstaben theoretische MinifterverantN'ortlichkeit in die Verfassung schreibt, die schließlich nie einen Wert hat, als wenn es dem Volke gelingt, ans der Verfassung herauszugehen, d> h. Revolution zu machen. In unserem Lande besteht auch noch das Gesetz, welches die Gendarmenverantwortlichkeit nicht anerkennt; denn wir haben nebst manchen Vorteilen aus dem französischen Gesetz jenes Arsenal von freiheitsmörderischen Edikten, die in späteren Jahren aus der französischen Revolution zu Parteizwecken erlassen wurden und dahin gehört das Dekret vom Jahr VIII. (1800 der christlichen Zeitrechnung), in welchem vvr- geschrieben ist, daß kein Beamter wegen Übergriffe gegen einen Bürger vor Gericht gestellt werden kann, ohne daß die Regierung dazn ihre Erlaubnis gäbe; mit anderen Worten, seder Beamte ist unverantwortlich! Schaffen Sie uus diese Gesetze ab, uud Nur wollen uns mit der au den Himmel geschriebenen Ministerverantwortlichkeit noch ein wenig gedulden. Ich verachte sie nicht, aber wenn ich nicht irre, haben wir in unserer gesegnete» Verfassung auch eine Ministerverantivortlichkeit, und ich frage Sie aus eigener Erfahrung, wie oft ein Minister vor den Staats-GerichtShvf gestellt worden ist, und ich frage, wie weit das kvnstitivnelle System bei nns so gilt, daß unsere Minister in Hessen sich vor einer absolute» Äammer- Majvrität zurückziehen? Das ist der geschriebene Buchstabe der Ministerverantwortlichkeit, er mag gewiß wichtig sein, aber er ist kein Abhnltungspnnkt, der wichtig genug wäre, die Vereinigung Deutschlands auszuhalten und es giebt andere wichtigere Güter, als dieses Gesetz. Übrigens ist der — 31 — Bnudeskanzler verantwortlich und sind seine Kollegen, jeder seiner Kammer, also namentlich der Preußischen, verantwortlich. Ich komme nnn zu einer anderen Anklage, die man uns entgegenschlendert. „Ja," sagt man, „Ihr seid Eurer Meinung abtrüunig geworden, Ihr seid ehemals radikal und für die Freiheit beseelt gewesen, und setzt?!" — Was weis; ich alles, welchen Ungeheuerlichkeiten wir huldigen! Wäre» nur nicht in den Ansaugen unserer politischen Entwicklung, so wären dergleichen Vorwürfe wirklich undenkbar. In andern Ländern, die daS Glück haben, sich schon länger in politischen Fragen zu bewegen, da verlangt man von einem Manne nicht, das; er etwa heute etwas uicht für Recht auerkeuue, weil er eo vor Jahren nicht für Recht angesehen hatte. Da verlangt man uur Wahrheit nach seiuem Herzen und legt uicht falsches Gewicht ans eine scheinbare, äußere Konsequenz, weil diese mit dem Herzen und der Überzeugung nichts zu thun hat. Ich erinnere Sie nur an deu großen englischen Staatsminister Robert Peel, der die erste Hälfte seines Lebens die Interessen der Schutzzölle vertreten; wie er plötzlich zur Erkenntnis gekommen, die Interessen der Handelsfreiheit in England zn verteidigen unternahm. Einen krasferen Übergang hat vielleicht die politische Welt nie gesehen, und glauben Sie, daß es in England jemanden eingefallen wäre, der sei ein Abtrünniger, ein schlechter, verächtlicher Mensch? — Nein, niemanden ist dies cingesallen. In gebildeten Ländern wird es nie jemanden einfallen, einen Mann seiner Politischen Gesinnung halber, für die er aus innerster Überzeugung eintritt, anzugreifen. Es ist leider in unserem lieben Deutschland so Sitte, daß man sich lauge gewöhnt hat, die politischen Aufgaben nicht als etwas Praktisches zn betrachten, das berufen ist, die lebendige» Interessen einer auf der Erde wandelnden Nation zn schützen und zu vertreten, sondern ein theoretisches Spiel mit Formeln und Floskeln war bei uns der Mittelpunkt der politischen Streitigkeiten; die lange Gewohnheit, uns in religiösen Zwisten zn bewegen, die nicht das Interesse dieses Lebens berühren, hat nns dahin gebracht, daß wir uns gewöhnt haben, auch die Fragen des praktischen Lebens wie religiöse Streitigkeiten, wie bloße Theorien ohne durchschlagenden Wert zu behcmdelu, und es ist so weit gekommen, daß wir uns leider schou wieder mitten im Religionshader befinden, was unsere Partei tief beklagt. Ich will diesen Gegenstand nicht weiter berühren, aber mit Freuden ergreife ich die Gelegenheit, nm hier zu erklärein Wir haben in religiösen Dingen nur eine einzige Überzeugung, das ist die, daß wir Anhänger der unbedingten Freiheit in allen Stücken sind und daß wir der deutschen Nation auch das Zutrauen schenken, daß sie in religiösen Dingen die unbedingt größte Freiheit vertragen kann. Wir appellieren an keine religiöse Partei, uns zu unterstützen. Wir betrachten den Kamps für's Wohl uud Wehe Deutschlands und die lang ersehnte Einigung unserer Nation zunächst als einen Kampf praktischer Lebensintcressen und die Religion als eine Frage des Jenseits und des inneren Menschen, nnd es kann uns nichts Angenehmeres und Erfreulicheres begegnen, als wenn in dem bevorstehenden Streite hcnte zum letztenmale von religiösen Fragen die Rede gewesen ist. (Stürmisches Bravo!) Von den bisher widerlegten Gegengründen sind die meisten solcher Art, daß ich Mühe habe zu glauben, sie könnten einem Menschen, der mit Verstand und Aufrichtigkeit nach Wahrheit geht, als ehrliche Einwände erscheinen. Aber es giebt auch allerdings Bedenken besserer Art, von — 33 — denen ich annehmen kann, daß sie jemand mit ganzer Überzeugung in sich trage, obgleich sie irriger Natur sind. Ich habe mich immer bemüht, namentlich seit es mir vergönnt war, wieder nnter meinen Landsleuten zu sein, von Gegnern, deren ich viele zu meinen Freunden zähle, zu erfahren, was uns denn eigentlich trenne; und ich habe zunächst immer sagen hören, daß an und für sich gegen das Neugeschaffene, das uns geboten wird, nicht so viel einzuwenden sei, daß man aber sich enthalten müsse, es anzunehmen, weil es uns auf eine uugerechle Weise zugekommen sei; weil man den Krieg nicht billigen könne, und daS Verfahren nicht billigen könne, mit dem man es erworben hätte. Ich muß die Unschuld solcher Freunde wirklich bewundern, nnd ich habe mich gefragt: in welch' rvsenfarbiger Welt wir denn leben, daß man glaubt, wir konnten die Güter dieser Erde auf die reinste, unschuldigst«, uud gerechteste Weise in der Politik erwerben? Wenn ich die Zustände unseres Landes betrachte, wenn ich das Unheil sehe, das auf Deutschland ruht und mich sragc, wvher es rührt, so mnß ich antworten: Es ist das Resultat eines tausendjährigen Unrechts, das an der deutschen Nation begangen worden. Und wenn wir von der tausendjährigen Last dieses Unrechts befreit werden sollen, dann soll ich sagen: ich will nichts davon wissen, weil wir nicht nach den Vorschriften der Rechtstheorie erlöst worden sind? Wo sollen wir mit solchen Doktrinen hinkommen, und namentlich, wo sollen Revolutionäre mit solchen Doktrinen hinkommen, die doch wahrscheinlich auch wisse», daß glückliche Revolutionen nicht mit dem Gesetzbuch in der Hand gemacht werden? Ich habe es schon einmal gesagt, es kommt mir wirklich so vor, wie wenn einem etwas gestohlen worden ist und der Dieb es ihm endlich zurückbringt, der Eigentümer aber ausruft: ich will es nicht, ich muß es erst Ludwig Bamdergcr's Grs, Schriftcn, IV. g — :!4 durch einen regelrechten Prozeß erweisen, daß mir mein Gut zurückkommt. Die nnveränßerbaren Rechte auf die deutsche Einheit, sie sind die unsrigen, und die alten Rechts spräche sagen: ich nehme mir mein Gut, Mo ich es finde. Und das wollen auch wir. (Bravo!). Es erinnert wirklich an den Zusammenhang, der zwischen unseren, etwas mit dem alten Bundestage liebäugelnden Demokraten und dem deutschen Reich obwaltet, wie sie nichts annehmen, wen» es nicht auf schulgerechte Weise kommt. Es erinnert mich an jene alten ReichS- generale der österreichischen Armee, die, von den Franzosen der Revolutionsarmee geschlagen, immer behaupteten, sie seien auf unregelmäßige Weise geschlagen worden — es gelte nichts! (Heiterkeit) und wenn die Regel der bewährten Taktiker Dann und Laudvn noch gälten, so würden sie gewonnen haben. (Bravo! — Heiterkeit!) Nach diesen Grundsätzen, nach dieser Theorie dürfte unsere deutsche Einigung allerdings auch nicht als nach der Regel erworben betrachtet werden. Aber ich denke, wir benutzen den Sieg, wenn er auch nicht nach den Regeln der Taktik erfochten ist. (Bravo!). Man hat uns aber noch etwas anderes eingeworfen. Wir demoralisieren — sagt man — das Volk, wenn wir ihm zeigen, daß solch widerrechtliches Perfahren, wie eS in Deutschland ergangen ist, auch zn einem Ziele nnd zu etwas Annehmbarein führen kann. Ich glaube wirklich, daß, die so urteilen, das Volk für allzu kindisch halten. Die verschiedenen Schichten der Gesellschaft sind so verschieden nicht in dem Gefühl der greifbaren Wahrheit und wandeln nicht auf zwei verschiedenen Welten, deren eine in dem Glauben lebt, es gehe auf Erden alles nur mit dem größten Rechte nnd ohne Rücksicht auf Macht und Gewalt zu, und von denen die andere erkennt, wie die Dinge in der Weltgeschichte vor sich gehen. Das Volk ist nicht so unschuldige es weiß, daß Macht und Ungerechtigkeit vielfach in der Weltgeschichte geherrscht haben nnd wir anch berechtigt sind, Erreichbares hinzunehmen, ohne deswegen das Recht zu verleugnen; denn wenn nur auf Rechtsgrundlagen dauernder Bestand zu finden ist, so giebt es doch nur Ein Mittel, das gedrückte Recht zu befreien; nnd das ist, wir wissen es wohl: die faktische Übermacht. Wie lange sollen wir denn nach ihrer Theorie warten, nm dem Volke zu gebeu, was es augenblicklich schon haben könnte? Glauben wir, daß es in einem, zwei, drei Jahren den Ursprung vergessen haben werde? Das Gedächtnis ist nicht so kurz, nnd wir thun besser daran, aufrichtig nnd ehrlich einzngestehen, warum ein Gnt uns annehmbar und vorteilhast erscheint, als uns damit zu täuschen, daß wir nach einigen Jahren dem Volke einreden könnten: hier sei ein reiner Rechtsprozeß vollzogen worden. Wenn wir das Volk so erziehen wollen, so komnu mir das wahrlich so vor, wie wenn die Jugendlehrer den Kindern im zarten Alter allerhand religiösen Wahn von Engeln nnd Teufeln vorführen, weil sie noch nicht reis seien, andere Wahrheiten, die davon abstrahieren, zu er kennen. Ich habe nie der Überzeugung gelebt, daß man dem jungen Menschen eine andere Lehre beibringen soll als die, der er berufen ist, im späteren Leben wesentlich in seinem Herzen zn tragen. Es ist mir ein jeder recht, der nach seiner Überzeugung lebt und handelt; aber wenn ich Kinder zu erziehen hätte, würde ich ebenso wenig heute religiöse Wahrheit lehreu, um sie nach zehn Jahren dem Spott zu überliefern, wie ich heute iu der Geographiestnude sagen würde: Die Erde sei viereckig, nm in drei Jahren zu sage», sie sei rund. (Bravo! Heiterkeit.) — Lassen Sie uns, weil wir auf diesem Kapitel stehen, untersuchen, was es mit — 36 jenen frappanten Sätzen auf sich hat, denen man mit Wut und Unwillen am meisten entgegentrat. Man hat gesagt, der leitende Mann habe das Wort ausgesprochen, daß Macht über Recht gehe. Was ist Wahres daran?! Inwiefern müssen wir den Satz anerkennen? Wir können das Faktum, daß Macht auf dieser Erde herrscht, ebenso wenig wegleugnen, wie das Faktum, daß der Mensch einen sichtbaren stofflichen Leib hat. Wir können es nicht leugnen, daß die Gewalt eine große Wichtigkeit in den Angelegenheiten dieser Welt ausübt, daß der Besitz der Herrschaft allein schon oft imstande ist, dem Recht Gehorsam oder Niederlage zn bereiten, und wenn wir uus zu Gemüt führen, daß wir in Deutschland immer einen großen Überfluß an Recht und einen großen Mangel an Macht in allen Dingen der Entfaltung der Nation hatten, so dürfen wir am Ende es nicht als eine Verneinung thatsächlicher Wahrheiten erklären, wenn Derjenige, der Deutschland zu einer neuen Gestaltung herbeiführen wollte, auch das Bedürfnis fühlte, das Gleichgewicht herzustellen und dadurch die Macht zu haben, damit dem Recht der Nation auf Existenz endlich seine Bahn gebrochen werde. Machen wir uns nicht blind darüber, wir geben uns nur ein Zeugnis der Unreife, wenn wir verkennen wollen, daß die Nation, die etwas sein will, anch die Macht haben muß, es zu sein, nnd daß es nicht genügt, die schönsten Worte von Recht uud Einheit Deutschlands zu deklamieren, wenn Sie nicht die Macht wirklich physischer Mittel besitzen, dieses Recht durchzuführen. Ja, ich will es wagen; denn obgleich ich überzeugt bin, in gewissen Blättern, die es sich zur Aufgabe machen, alles zu entstellen, was in unserer Partei vorgeht, wird auch dies wieder entstellt werden, will ich es wagen, rücksichtslos und furchtlos einen Namen auszusprechen, der als Vogelscheuche, als Zielscheibe aller Vermaledeiung hingestellt worden ist. Möge man nur immerhin vorwerfen, daß ich nach dem Erfolge urteile, ich geize nur nach dem Verdienst, die Wahrheit nach meiner ehrlichen Überzeugung zu sagen uud will in diesem Sinne auch zwei Worte von Bismarck sprechen, damit ich meine Gedanken über diesen jedenfalls — ich glaube, das werden nachgerade anch die Gegner einräumen — höchst interessanten Menschen ausdrücke, damit Sie sich sogleich Rechenschaft geben können, wie ich ihn und seine Rolle beurteile. Ich will ihn nebeil einen andern Mann stellen, mit dessen Beruf nnd Thätigkeit er eine große Ähnlichkeit nnd viel Verwandtschaft hat. Sie erraten ohne Zweisel, daß ich von Cavour spreche. Cavour, der Mann, der die Einheit und die Freiheit Italiens zu gründen übernahm, er hat sich einer ähnlichen Aufgabe unterzogen, wie Bismarck; aber ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich ihn um ein Großes hoher stelle, weil es ihm vorschwebte nnd znm Teil gelang und weil es ihm jedenfalls von Herzen kam, nicht blos die Einheit, sondern anch gleichzeitig die vollste Freiheit seines Baterlandes zu begründen, uud weil er als Freiheits-Verehrer und aus dem Frcihcitslampse hervorging. Allein dieser Unterschied, auf den ich das größte Gewicht lege, hindert mich dennoch nicht, zu sehen, welche Eigenschaften und welche Berdienste nach der Lage der Dinge der Mann hat, an den sich ein bedeutender Wendepunkt der modernen Geschichte knüpft. Er ist nach meiner Ansicht der getrene Ausdruck der Lage, in welcher er Deutschland vorsaud und aus welcher heraus es sich zu entwickeln gezwungen ist. Er ist ein Manu von zwei ganz verschiedenen Naturen, wenn Sie ihn politisch betrachten. Er ist ja — ja er ist unleugbar und wird es wohl sein ganzes Leben lang bleiben — das, was wir mit dem Ausdrucke Junker bezeichnen, er ist ein Junker vom Wirbel bis zur Zehe, aber er ist ein mit großem politischen — 38 — Blick und großem politischen Willen begabter Junker. Der Unterschied zwischen ihm und unser Einem besteht zuerst darin, daß er eiu Mensch des praktischen Lebens in politischen Dingen ist und wir alle mehr oder weniger von Haus aus reine Theoretiker zu sein Pflege«. Wenn wir Anhänger der Freiheit und des Rechts sind, so kommt es daher, daß wir sie mit unseren Schulbcgriffen, mit unseren ersten Lehren, mit unserer allgemeinen Vorstellung in uus cingcsogen haben und daß wir nns vorsetzten, sie aus dieser theoretischen Überzeugung nach und nach ins Leben zu übersetzen. Bei Bismarck ist es gauz anders, in ihm war keine Spur von Sinn für uatiouale Entwicklung und allgemein menschliche, geschweige denn von freiheitlichem Berufe. Er war ein Mensch des rein politischen Lebens, aber seine eigenen Konsequenzen haben ihn erzogen; er hat allmählig einsehen lernen, welche große unentbehrliche Wichtigkeit, welche Lebenskraft in der freien, ungehemmten Entwicklung und in der uationalen Gestaltung eines Volkes wohnen können. Ihn hat die Schule des Lebens dahin geführt, daß er den Wert und die Wichtigkeit von Dingen erkannte, für deren Bedeutung ihm früher das Auge verschlossen war. Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, wie grell der Widerspruch in der Überzeugung des Bismarck von heute uud des Bismarck vor einigen Jahren ist. Auch er ist einer von den Leuten, denen man den Vorwnrf machen kann, daß sie ihre politische Überzeugung geändert haben. Dieser Mann, der heute Osterreich aus Deutschland hinausgedrängt hat, der es als den wichtigsten Grundsatz seiner Politik erklärt hat, daß Österreich den Schwerpunkt seiner Macht »ach Ungarn verlegen müsse, dieser Mann hat im Anfang der fünfziger Jahre noch in der preußischen Kammer erklärt, Österreich sei die Stütze der deutschen Nation! Es ist irrig und falsch, sagte er damals, zn behaupten, Österreich sei kein deutscher Staat, weil er so viele nicht- deutsche Länder beherrsche. Aber heute erklärt er, daß nur ein rein deutscher Staat Deutschland regenerieren könne. Dieser Manu, der heute den Frieden von Nikolsburg diktiert, welcher die Grundsätze der Handelsfreiheit und der Ver- kehrscrweiterung im modernsten Sinne unter die ersten Paragraphen seines Friedensinstrumentes aufnimmt, es ist derselbe Mauu, der achtzehn Jahre vorher in der Preußische» Kammer noch für Zunft, für Innung, für jede Be- schräuknug des Handels und Verkehrs gesprochen hat. Wie ist er zu dieser Bekehrung gekommen, einzusehen, daß die industriellen und kommerziellen Kräste entfaltet werden müssen? Wie kam ihm der Gedanke, daß Deutschland berufen werden müßte, sich zu gestalte», indem er sich auf das allgemeine Wahlrecht stützte? Es geschah auf dem Wege der Erfahrung, die er sammelte, als er in seiner diplomatischen Laufbahn zu Frankfurt den österreichischen Diplomaten gegenüberstand und hier ward ihm deutlich, daß mit Österreichs oberster Gewalt nie und nimmer möglich sei, die Nation zu vereinigen, daß die Klein- Staaten der Einigung Deutschlands eutgegeusteheu, die sich auf Osterreich stützen, und daß darum Deutschland genötigt sei, vor allen Dingen den Einspruch Österreichs und deshalb auch den Widerstand der kleinen Fürsten zu brechen; nnd das Mittel, dies herbeizuführen, erkannte er zunächst in der materiellen Einigung Deutschlands. Und deswegen hat er schon in dem Jahre 1858, noch lange, ehe von diesen Dingen öffentlich die Rede war, verlangt, daß der Zollverein als Grundlage znr materiellen Einigung Deutschlands verwendet werde, schvn damals die Idee ausgesprochen, daß durch Berufung einer allgemeinen deutschen Zollversammlung die deutsche Nation anfange, den Versuch mit einer nationalen Existenz zu macheu. 40 — Glauben Sie, daß er deshalb begeistert sei, sür unser Recht und unsere Freiheit in der Art, wie wir die Dinge auffassen? Nein, durchaus nicht! Sie werden ihm nimmer beibringen die Gewissenhaftigkeit, welche das Recht des Einzelneu und das Recht des Ganzen gegenüber der herrschenden Gewalt instinktmäßig in Schutz nimmt; allein Sie werden meistens ein offenes Auge iu ihm finden sür Das, nias lebensfähig an einer Nation ist, denn er hat den Trieb nach großer politischer Wirksamkeit, ohne welchen in monarchischen Staaten nichts zu vollbringen ist, und wir leben bis jetzt in monarchischen Staaten. Er hat das Zeug eines Staatsmannes in sich, er hat gesuhlt, daß zunächst mit unsern alten Institutionen nichts zu machen war; und so sind wir von beiden Seiten ans den Punkt gekommen, wo wir fanden, daß unsere Überzeugung in gewissen Dingen sich berühre, daß die Interessen des Mannes, welcher der große Politiker einer Nation zn sein berufen war, zusammentrafen mit dem Begehren derer, welche das Recht der Nation auf Größe und Freiheit im Herzen tragen. Das ist nach meiner Auffassung die Bedeutung Bismarcks, deu ich weder in seinen Untugenden, noch in seinen Tugenden verkenne. Wann wird die deutsche Nation aufhören, ihn wie einen Wau-Wau, mit dem man die Äinder hinter den Ofen verscheucht, zu betrachten? Diesen Mann, der vou dem gesamten Auslande als derjenige betrachtet wird, der nach seiner Weise die deutschen Geschicke mächtig erweitert hat, — und der ihnen jene wichtige Weu- oung gab, von der ich hoffe, daß sie weit über seiu nächstes Ziel das Recht und die Freiheit der deutschen Nation werde herbeiführen. (Bravo!). Und nun, da wir von Bismarck gesprochen, meine Herren,.....ich hoffe, ich halte Sie nicht zu lauge hin; die Sache muß mit Ausführlichkeit be sprochen werden. Ich werde mich möglichst kurz fassen; wenn Sie mir aber noch einige Geduld schenken wollen, so werde ich Punkt für Punkt weiter gehen, da ich nicht hoffen kann, Sie noch einmal zu einer solchen Versammlung, in der wir die Sache gründlich erörtern können, zu vereinigen, und es ist besser, da Sie mir doch einmal Ihren Abend geschenkt, wir bleiben zusammen nnd sprechen redlich und treu zu Ende. Es mag ein Opfer für Sie sein, aber der Dienst des Vaterlandes ist auch hierin nicht immer ein leichter. Vou Bismarck führt mich mein Gedanke natürlich zu Preußen. Ja, meine Freuude, wenn man uns von Preußen spricht, so wirst man es nns an den Kopf, als wenn wir wirklich Preuße» gemacht Hütten mit allen seinen Fehlern nnd Schäden. Wenn ich höre, wie unsere Gegner nns anschnauzen, so oft von Preußen die Rede ist, so bin ich in Gefahr, mir vorzukommen, wie seuer Schulkuabe, der auf die Polternde Frage seines Lehrers: „Wer hat die Welt erschaffen?" ängstlich antwortete: „Ach, Herr Lehrer, ich will es mein Lebtag nicht wieder thun!" (Heiterkeit.) Haben wir Preußen gemacht? — Es ist das Erbstück der deutscheu Nation! Ich will hier nicht untersuchen, wao gutes und was schlechtes daran, ob man stolz darauf sein taun, ein Preuße zu seiu oder uicht. — Ich kenne wenigstens viele Leute, die stolz darauf sind, aber ich habe bis jetzt noch niemanden gesunden, der stolz daraus gewesen wäre, ein Hessen-Darmstädter zu sein. (Heiterkeit.) Aber wir wollen das liegen lassen! — Ich sage, Preußen ist einmal da, wie wir es haben, und wir müssen mit ihn» nns verstehen, wenn wir dem praktischen Leben angehöre» wollen uud nicht mit leeren Phrasen über die Wirklichkeit hinaus bis zu den Steruen rufen, und auf das „Tischchen deck' dich!" eiuer unverbürgten Zukunft uus verlassen wollen. Ja, ich begreife noch am ersten die Konsequenz jener Schwaben, die als obersten Grundsatz aufstellen: LorussiAM esss äslsnclaiir! Preußen müsse zerstört werden. Ich habe nur dnuu nach darum zu bitten, daß mir auch vorerst die Mittel angegeben werden, mit denen es zerstört werden soll. Unter dieser Bedingung mögen die Herren so weit gehen, zu proklamieren, daß Preußeu abgeschafft werden müsse, wie jene Frau im Jahre 1848, welche die Begeisterung sür die Emanzipation ihres Geschlechtes soweit trieb, daß sie als 1 aufstellte: „Die Männer sollen abgeschafft werden". (Heiterkeit.) Ja, diese Konsequenz lasse ich mir gefallen! Herr Moritz Mohl, einer der Helden jenes unerschütterlichen Schwabentums, will von Prenßen so wenig wissen, daß er nicht einmal den Zünduadeln zugesteht, daß sie gut schießen: denn sie sind eine preußische Erfindung und sv wollen wir sie nicht; wir wollen nichts, was von Prenßen kommt! — Das heiße ich mir noch Konsequenz. (Heiterkeit!) Die sonderbündlerischen Schwaben selbst zerfallen bekanntlich in zwei verschiedene Parteien; die Einen wollen gar uicht wählen und in schöner politischer Enthaltsamkeit Gottes Wasser über Gottes Land lausen lassen und nach alter herkömmlicher deutscher, so sehr bewährter Weise sich damit begnügen, zu protestieren; die Andern, und das sind die Klügeren, die sagen: Geht hin und wählt, aber erklärt srank und frei, daß Ihr gegen den Zollverein, gegen die Handelsfreiheit seid, weil sie von Nvrddeutschland ausgehen. Sie sind Anhänger der Schutztheorie, die längst von der Wissenschaft verurteilt ist; und das sind die Klügern von jenen preußenfeindlichen Schwaben. Wir aber haben nun einmal Preußen, nnd wir können es nicht los werde»; sehen wir zu, ob wir zu ihm einige Hoffnung haben, in ihm einigen Trost schöpfen können für uusere Angelegenheiten? Ja, man hat uns gesagt, es sei ein Berbrechen, Hoff- mmg auf Preußen zu setzen. Es war nicht immer so! Es war eine Zeit, wo die, welche sich jetzt bekreuzigen, wenn von Preußen die Rede ist, gar nicht so verzweifelt waren. Ich erinnere an's Jahr 1859, wie der Prinzregent nach Frankfurt kam, und wie ihm damals Ovationen gebracht wurden nnd der Frankfurter Bürger mit Zutrauen zu ihm Herautrat uud der Himmel voller Baßgeigen hing, und wie der Nationalverein, dem ein großer Teil unserer jetzigen Demokraten angehörte, gegründet wurde, uud der doch auch nur auf Preußen seine Hoffnungen setzte. Sie sehen also, selbst uach der Auffassung derer, die uns heute so verwerflich finden, weil wir nicht verzweifeln, unter Preußens Führung Deutschland zn einigen, war es nicht immer so beschaffen, nnd im Flng kann die Sache überhaupt nicht geschaffen werden, wenn wir's auch für möglich halten, Deutschland unter Führung Preußens zn einigen. Wer sehr leicht hofft, meine Freunde, der verzweifelt auch sehr leicht. Diejenigen Lcnte gerade, die beim Eintritt jener neuen Aera dem neugebackenen Regenten znjanchzten, die, welche gleich Haud uud Herz ihm boten, ^— die sind, als es nicht geglückt, in derselben Verzweiflung umgekehrt. Die aber, nnd ich rechne mich dazu, die kein Vertrauen in jene neue Aera hatten, uud nicht jenem Nationalverein angehörten, die erst sehen wollten, ehe sie glaubten, — die glauben aber auch, nachdem uud weil sie gesehen haben; nnd uachdem wir gesehen haben, daß durch Preußen sichtbare Ziele zu erreichen sind, sind wir auch berechtigt, zu hoffcu, daß aus Preußen Deutschland werden kann. Denn jenes Preußen ist nicht allein eine Dynastie, uud es ist auch uicht die Monarchie jenes preußische Volk, das seit zwanzig Jahren der Führer in der Entwicklung politischer Freiheit, in der Besprechung aller politischen Angelegenheiten Deutschlands war, ans das wir so lange mit Be- — 44 — wundernng und Hochachtung hinblickten, wie es die Rechte der Nation verteidigte. Müssen wir dieses Prenßen verachten, das ja beispielsweise auch den von den Gegnern so hochgestellten Johann Jacvby hervorbrachte, den ich die Ehre habe, zu meinen Freunden zu zählen, auch trotz aller Meinungsverschiedenheit iu Politischen Dingen? Ist nicht jener Jacvby auch ein Preuße? Glaubeu Sie, daß es ihm möglich gewesen wäre, die Stellung iu Deutschland einzunehmen, wenn er nicht jene vortrefflichen Ostpreußen hinter sich gehabt hätte, die so lange in Deutschland das Recht und die Freiheit mit großer Zähigkeit vertraten, jene Preußen, denen auch unser größter deutscher Philosoph Jmmauucl Kant angehört? Ist nicht Preußen, dein auch Schultze-Delitzsch angehört, der Mann, der das gewerbliche und genossenschaftliche Leben der ganzen Welt zum Teil iu neue Bahnen lenken half, und ist nicht in Preußen jene Stadt Berlin, welche eine der radikalsten und sreisinnigsten der ganzen Welt ist? Also wenn dies das leibhaftige Preußen ist, so srage ich Sie: wollen Sie mit ihm oder ohne es sich entwickeln, nnd wenn Sie glauben, sich schuldig zu sei», jeuer Ostpreußen Hunger durch eiu Scherfleiu aus Ihrer Tasche zu stillen, und wenn Sie wirklich glaubeu, in Politischer Fähigkeit ihnen überlegen zu sein, wäre es daun nicht Ihre Schuldigkeit, ihnen mich beiznstehen mittels Ihrer politischen Erfahrungen, Kampffähigkeit, Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit, das Ziel deutscher Freiheit erriugen zu helfe»? — Also, es ist lächerlich und thöricht, vvn aller Wirklichkeit abstrahierend, uns auf diese Weise vvn Preußen trennen und über unsern eigene» Schatten springen zu wollen. Preußen ist der größte Teil von Dentschland, und Deutschland kanu ohne das Volk von Preußen nicht gedacht werden, außer von jenen Phantasten, die sagen, wenn es in Deutschland nicht nach unserm Kopf geht, so schließen wir uns der Schweiz au. Ja, jene Deutsche, welche nicht zufrieden siud mit den 40 Millionen, bis die 10 Millionen Österreicher, womöglich auch uoch Lothringen und Elsaß dabei sind, die sind aber gleich bereit, wenn es nicht nach ihrem Wunsche geht, iu die Schweiz mit weniger als 3 Millionen zn gehen und dort ein neues Vaterland zu gründen, wozu ich ihucn gratuliere, wenn sie es imstande sind. (Heiterkeit.) Und dieses Preußen, daß Sie so sehr verlästern, müssen Sie selbst nicht anerkenne», daß es so viel Gutes gestiftet: den Zollverein, Freiheit der Flußschiffahrt, Hebung des Verkehrs, daß es vor allem die materielle Wohlfahrt Deutschlands würdigt und trägt? Kaum nach beendigtem Kriege hat es die Jmmoratität der öffentlichen Spiele verdammt nnd das Ende derselben zu beschleunigen gesucht, hat überall im Auslande die Interessen des deutschen Volkes aufrecht erhalte»! — Wenn jeues vielbeweiutc Osterreich die berühmte Schlacht von Königgrätz gewonnen, so hätte es doch nicht an das deutsche Parlament gedacht, oder glauben Sie, die Herren von Rechberg und Graf Leo Thun hätten uus damit beglückt? Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen Österreich und Preußen? — Ich will Jhneu denselben mit einem Wort schildern. — Sie haben in Osterreich jetzt das äußerste Maß vou Freisinuigkeit und politischer Kraft an das Steuer der Regierung gebracht, welche das Land nur aufzuweisen hat, das Ministerium GiStra und Verger! Es ist die äußerste Linke von Österreich, die vorgerückt wurde! Wir aber iu Deutschland, im Norddeutschen Bnnde, in Prenßen mit seinen dermaligen Zustäuden, die ich mich durchaus nicht besinne, entschieden beneidenswerter als die österreichischen zn erklären (und ich möchte jeden dieser Demo- 46 — traten herausfordern, zu sagen, ob er etwa vorzieht, in Osterreich oder iu Preußeu zu leben?); ja, wir in Deutschland, mit dem Prenßen jetzt zusammengeht, wir haben noch nicht einmal den äußersten Rand der allergelindesten freisinnigen Partei an die Regierung gebracht, kaum einen einzelnen Junker abgestoßen, uud dcuuoch sind wir schon ein Staat, der nach außen uud iuueu hohe Achtung beanspruchen kann, während Osterreich bereits seinen letzten Trumpf politischer Leistungsfähigkeit ausgespielt hat und uns in nichts gleichsteht. Was wollen schließlich die Herren Demokraten? Wolle» sie die alten Zustände herbeiführen? Ich kenne nur zwei Wege: entweder vorangehen oder das Alte wieder hervorrufe». Wollt Ihr Oesterreich wieder herstelle», wie es war? Wollt Ihr aus dem Glase trinke», in das bei dem großen Feste die Zähre des Königs von Hannover gefallen ist, während er die Hoffnung aussprach, daß er bald wieder in seine Hauptstadt zurückkehre» werde? Wollt Ihr de» Kurfürsten von Hessen zurückführen? Oder soll aus Süd- dentschland vielleicht ein Sizilien werden, ein Sammelplatz aller möglichen nnheilbrütenden Elemente, welche sich gegen die Einheit des Vaterlandes auflehnen? Wollt Ihr aus Süddeutschlaud eine Vendse macheu uud Zustände herbeiführen, bei denen niemand weiß, welche Gefahren sie heraufbeschwören köuueu? Die Herren sollen es uns sagen, sollen aussprecheu, ob sie vielleicht auf Frankreich hoffen, auf eine fremde Revolution, der es gelingen würde, nicht nur das Glück des eigenen Landes zu gründen, sondern auch »och ein Nebenland mit den Resten seines Glücks zu beschenke»? Ihr vergeht jede Erklärung darüber, ob eine Nation auf diese Weise glücklich werden kann. Wir aber haben es ja an nns selbst erfahren, wie es sich in Wahrheit verhält. Eine Nation muß durch eigene Kraft, selbst aus der Schule des Lebens, aus ihrer eigenen Bildung uud eigenem Willen hervorgehen und nicht glaube», daß sie imstande sei, insolge eines ans fremdem Boden fallenden Signals und einiger Stimmsührer mit dem Volke machen zu können, was sie mir will. Hat die Demokratie den Mut, zu behaupten, das; Deutschland jetzt imstande sei, an eine siegreiche und glückliche Revolution auS eigener Selbstbestimmung zu denken? Ohne daß die dreißig Millionen nördlich des Mains darüber einig seien uud entschlossen, mitzukämpfen? Und dafür haben nur nicht deu allergeringsten Anhaltspnukt. Aber es kommt Euch nicht daraus an, wie die Dinge in der Wirklichkeit stehen, ob sie Lebensfähigkeit besitzen. Ihr schmeichelt nur allen unklaren Hoffnungen und Träumen des Volkes. Ihr schleudert leichtsinnige uud gedankenlose Worte hinein, ohne Euch Rechenschaft zu geben, ob eiu Funke von Wirklichkeit dahinter sei. Es hat mich befremdet und schmerzlich überrascht, in einem Programme, das ehrenwerte Namen trügt, Ausspriichc zu siudeu, die liebäugeln mit Aufgaben, die niemand von uns heute zu lösen imstande ist. Es kommt deu Herren nicht darauf au; sie liebäugeln mit der äußersten Rechten und mit der äußerste» Linken, wen» sie »»r Stimme» herbeiführen können, »nd wenn es eine Partei gäbe, die verlavgte, daß der Mondschein ans Flaschen gezogen uud zu Lebenselixier destilliert werde, so würden die Demokraten auch von diesem Lebenselixier ihr einige Proben versprochen haben. (Heiterkeit.) Ich sage dies mit Hinweis auf die Stelle des Programmes der demokratischen Partei, wo gesagt wird, daß ma» Mä»ner wählen solle, die ein Herz haben für die Not des Volkes. Glauben die Herreu vielleicht, daß sie nicht nur daS Monopol des Verstandes, der Liebe zum Recht und zur Freiheit, sondern mich das Monopol des Herzens haben? »nd das; man ein Menschenfresser und versteinert ist, weit man zur Fortschrittspartei gehört? Aber berühren wir doch jetzt auch diese soziale Frage. Wen« etwas iu der Welt, so ist, denke ich, doch die soziale Frage mir mit vereinigten Kräften nicht blos der Nation, sondern der gesitteten Welt, zu losen und nur mit gemeinsamen Kräften kann diese, ja nicht mehr wegzu- läugnende Frage beseitigt werden. — Ich bitte nur noch um einige Sekunden Ihrer Aufmerksamkeit, um auch diesen wichtigen Punkt nicht unbesprochcn zn lassen! Keine Zeit hat jemals ähnlich wie die nnsrige sich aufrichtig bekannt zu dem großen Spruch des Alten: Rss )8sc:ra wiser, „Ein heilig Ding ist das Unglück ?c. Wenn je eine Zeit dieser Ueberzeugung gehuldigt hat, so ist es die unsrige! Die soziale Frage ist eiue Aufgabe, die uusere Zeit sich gestellt hat, und je ernster es uns darum zu thun ist, diese Aufgabe zu löse», um so weniger dürfen wir leichtsinnig daran gehen, um so weniger dürfen wir sie durch leere Theorien verwirren, welche die Probe nicht bestanden haben. Denn dabei steht gerade die große Gefahr vor uns, daß nnzeitigc Experimente uns hinter den erreichten Standpunkt zurückwerfen müßten. Wenn im Augenblick Bürger unter unS sind, welche der sozialistischeil Richtung huldige«, so werde ich ihueu die volle Wahrheit meiner Ansichten sagen. — Ich will sie vor allem daran erinnern, welches die Folgen davon waren daß in Frankreich im Jahre 1848, ohne Aussicht auf dauernden Bestand, nur zum Zweck einer politischen Diversion eine Art von praktischem Svzialismus versucht wurde, und wie der sozialistische Charakter des Pariser Juni-Aufstandes die ganze Bewegung in Europa auf Jahrzehute zurückwarf. — 49 — Auf alle Fälle können diejenigen, welche auf eine Lösung dieser schwierigen Frage früher oder später hoffen, doch uur erwarten, daß dies auf dem Bodeu eines großen Staates geschehe. Der große Staat, den wir ansbanen wollen, giebt aber augenblicklich gerade den Beweis dafür, daß es ihm zum mindesten ernst ist mit der Absicht, denjenigen Teil der sozialen Aufgabe iu's Werk zu setzen, welcher vom politischeu Gebiet aus heilsam auf die nationale Arbeit einzuwirken berufen ist, indem er die Fesseln des Verkehrs bricht und überall sich mit eben so viel Einsicht als Anstrengung der Hebung der wirtschaftlichen Thätigkeit unseres Volkes widmet. Sind Sie aber mit Leistungen solcher Art nicht zufrieden, wollen Sie erst Heil erwarten von einer gänzlichen Umgestaltung der Grundlagen unserer tausendjährigen Gesellschaft, so siud Sie doch gewiß mit mir darüber einig, daß die große Aufgabe, z. B. über das Erb- und Familien-Recht das letzte Wort menschlicher Gesittung auszusprechen, nicht in der hessischen ersten Kammer, nicht zwischen Seligenstadt nnd Bicdenkops gelöst werden kann : daß sie nicht einmal von einer großen Nation, sondern nur im Bunde der gesitteten Nationen gelöst werden kann. Wir aber treten in den Verkehr der gesitteten Nationen nur dadurch, daß wir dein ganzen Deutschland angehören. Als Hesfen-Darmstädter können wir eine diplomatische nnd völkerrechtliche Rolle höchstens auf die Art spielen, wie es vor kurzer Zeit unserem Minister-Präsidenten beliebte, mit Ihrer Majestät der Königin Jsabella einen ?as äe vsux zn tanzen. (Heiterkeit.) Um wirksam Teil zu nehmen an der Entwicklung des großen Ganzen, können wir nur existiere», wenn wir selbst ein großes Ganze bilden. Ich komme nun zu jener Militärfrage, die man uns auch immer an den Kopf wirft. Ist es nicht Wahrheit, kudwig Ramberger's Ges. Schriften. IV. ^ — 50 — daß wir uns jede politische Berechtigung absprechen, wenn wir außerhalb jener Militärorganisation bestehen wollen, die Deutschland schützt? — Glauben Sie, die normale Existenz eines Staates sei die, gemäß welcher er znr Erhaltung seiner Nationalität nnter einem Schutz steht, in der Art, wie ihrer Zeit die freie Stadt Frankfurt auf der Kriegsmacht ihrer LiuientruPPen bestand? Ist es richtig, daß unsere Sicherheit blos auf den Waffen eines anderen deutscheu Staates beruhe? In einer geordneten Nation, die mit gleichen Rechten uud gleichen Pflichten leben will, muß jeder Teil auch zur Verteidigung beitragen, und es ist nicht mehr als recht und billig, daß jeder Deutsche und jedes deutsche Land die Lasten, welche im Augenblick noch durch die europäischen Zustände über nns verhängt sind, mittrage. Diese Lasten zn beseitigen, ist die erste Aufgabe der ganzen gesitteten Menschheit, und sie wird auch von jetzt an nicht mehr unterlassen, an der Beseitigung jenes bewaffneten Friedens zu arbeiten, welcher die unerträglichste Last Europas ausmacht. Noch aber müssen wir bewaffnet sein, denn wir können uns nicht darüber täuschen, daß uns täglich das Bedürfnis einer fremden Dynastie zum Spiclball ihrer Launen machen kann. Ich stimme mit vielen Anhängern der vielverschrieenen sog. natioualliberalen Partei nicht überein, die übermäßiges Gewicht auf die Repräsentation der deutschen Macht nach Außen legen. Nein, mein Stolz wäre es nicht, die fremden Volker dahin zu briugen, daß sie mehr Ehrfurcht vor unserer Macht nach außen, als vor der Größe und Freiheit unserer inneren Entwicklung hätten. Aber wir dürfen uns deshalb nicht blind machen über Gefahren, die einmal da sind. — 51 — Ich erinnere an Italien, wo eine so sehr begeisterte Nation durch eine schlecht organisierte Armee nicht imstande war, das zu leisten, was sie bei so großen, für die Herstellung einer Kriegsmacht gebrachten Opfern erwarten durfte. Wolleu wir ein Lissa, ein Custozza erleben? Nein, wir haben die Notwendigkeit erkannt, daß es besser ist, eine Armee zn besitzen, welche, wenn sie auch teuer ist, wenigstens ihrem Zweck entspricht, als eine solche, die zwar etwas wohlfeiler ist, aber nichts taugt und so befehligt ist, daß am Ende des Feldzugs ihre Offiziere iu ihrer Verzweiflung sich eine Kugel vor den 5iopf schießen. Wessen Schuld ist es, wenn in unserem Großherzogtum die Diuge so lästig uud unbequem bei Einführung der neuen Einrichtungen gemacht wurden? Sie erinnern sich, welche Verzweiflung uud Ratlosigkeit unsere Mitbürger erfaßte, als es vor kurzem auf einmal hieß: man müsse binnen acht Tagen einen Einsteher finden oder dieuen. Ist das die Schuld der deutschen Militürorganisation oder die Schuld unserer Negierung? Wessen Schuld ist es, wenn auf einmal anf eine gar nicht zn begreifende Weise die verwickeltsten Anordnungen binnen acht Tagen befolgt werden sollten, in solcher Weise, daß wir sehr gut wisfeu, daß die eigenen Beamten der Negierung nicht wußten, wer Koch oder Kellner sei, überhaupt keinen Rat zu geben wußten, und daß der Minister selbst zn einem Beschwerdeführenden sagte: „Gehen Sie hin nach Berlin zum Kriegsminister, wir können Ihnen nicht helfen!" Das ist nnr die Folge jenes traurigem Znstandes, daß zwischen Berlin und Darmstadt die Akten wechseln, während wir uichts davou wissen; daß wir keine Vertreter beim Norddeutscheu Reichstage haben, die in unserem Namen mitsprechen könnten. Die Regierung schickt ihre Boten 4* — 52 — nach Berlin, aber sie will nicht in den Norddeutschen Bund eintreten, will nicht, daß wir Boten dahin schicken. Haben wir, im Grunde genommen, nicht ganz dasselbe erlebt, als die Wahlen für das nvtorischcrmaßen zu Mitte März tagen sollende Zollparlament bis zum letzten Augenblick verschoben wurden! Das, was man längst wußte, es wurde über Hals und Kopf fertig gemacht, die Wählerlisten gezwungener Weise und ohne Schuld der städtischen Behörde mit einer UnVollständigkeit in der Eile angefertigt, von der ich Ihnen nur einen schlagenden Beweis geben null. Heute zufällig erzählte mir der Beigeordnete des Bürgermeisters, Herr Carl Racks, unter dessen Präsidium wir hente die Ehre haben, versammelt zn sein, daß ihn, er weiß selbst nicht wie, die Lust auwaudelte, doch auch einmal nachzusehen, ob er iu der Wählerliste stehe, und wisseu Sie: der Beigeordnete, welcher nach dem ersten Bürger unserer Stadt kommt, stand nicht in der Wählerliste vou Mainz! (Lang andauernde Heiterkeit.) Das siud die Zustände, in denen wir uus befinde»! Sie sehen, wie es mit der Wählerordnung, mit der Militärvrdnnng u. s. w. geht. — Uud wie soll's uoch sonst mit unserm armen Großherzogtum kommen? — Es ist halbiert worden durch die Mainliuie, ciu Stück uach dem Norden, eins gehört zum Süden, und nachdem es halbiert — erlauben Sie mir den Ausdruck — ist es auch noch kastriert worden, (Große Heiterkeit) da es seine selbständige Kriegsherrlichkeit verlor. Was soll nun mit ihm geschehen?! — Ich nehme das demokratische Programm in die Hand und suche aus ihm einen Aufschluß darüber zu erhalten, wie etwa die Zukunft unseres Kleinstaates außerhalb des deutscheu Bundes sich gestalten soll? Aber ich finde keinerlei Andeutung darüber, lind doch muß ich annehmen, daß jene Herren als ver- — 53 — künftige Menschen sich über das Schicksal unseres in der Luft schwebenden Ländchens Rechenschaft geben, und ich muß daher voraussetzen, daß sie ihr Rezept für die Behandlung der beideu südmainischen Provinzen als tiefes Geheimnis den Vertrauensmännern mitgeteilt haben, welche Herrn Dr. Dumont so einstimmig aus ihren Schild erhoben. Leider bin ich heute noch nicht in der Lage, dies gut bewahrte Geheimnis erkundet zu habeu. (Heiterkeit.) Was aber, meiue Freunde, was wollen wir? Wir wvlten ganz einfach in der Weise vorangehen, daß wir vor allem unsere Hoffnungen darauf setzen, mittelst des Stimmrechts der deutscheu Nation — die deutsche Nation selbst uud ihre Regiernugcn zu erziehen zum bessern politischeu Lebe». Wir haben erst eben wichtige Erfahrnngen aus Wahlen gemacht, die nicht fehr freiheitlich ausfielen und werden noch mehr derartige Erfahrungen mit dem allgemeinen Stimmrechte machen, daß nämlich für die allgemein politische Erziehung unseres Volkes noch viel zu wünschen übrig bleibt. Aber wir müssen diese uuvoilkommenen Zustände zn besseren anszubildeu suchen und zwar mittelst der Erfahrung und Uebung der eigenen iiraft, die keinem erlassen wird, der es im Leben zn etwas bringen svll. Wir müssen nns in gemeinsamer Arbeit eines gemeinsamen Parlaments und in dem, nm dasselbe konzentrierten, gemeinsamen Denken der Nation an die Lösung großer Ausgaben gewöhnen, um dann, wenn es nns vergönnt sein soll, nicht von äußern Stürmen nuterbrocheu zu werden, nach Ablauf der gegenwärtigen Wahlperiode freisinnigere Wahlresultate zu erzielen und mittelst dieser endlich dahin zn gelangen, die fanlen und dürreu Stämme, welche eine wüste Vergangenheit auf dem Boden des Vaterlandes zurückgelassen hat, zu fällen. (Beifall.) Wir wollen auch, da wir doch einmal in einer — 54 — monarchischen Verfassung stehen, den Weg verfolgen, der auf diesem Boden allein zu gesitteten Zuständen führt, den Weg, auf dem uns glücklichere Monarchien, wie England, Holland, Belgien, vorangegangen sind. Charakteristisch an den Zuständen dieser Staaten ist, daß allgemach ihre regierenden Häuser von der Nation zu besserer Einsicht erzogen worden sind, daß sie einsehen lernten, ihr eigenes Interesse stehe nicht notwendig mit den Interessen des Volkes im Widersprach, und daß sie sich mit Anstand und ohne Murreu vor der öffentlichen Meinung beugen lernten. Es geht uns mit den Regierungen, wie — Sie mögen mir die Vergleichuug verzeihen — wie den Gesetzgebern mit den Verbrechern; Nur müssen sie entweder unschädlich machen oder bessern. So lange sie nicht mit Gewalt unschädlich zn machen sind (und Sie werden sich nicht dem Glauben ergeben können, daß die Kandidatur unserer Demokratie uns einen Mazzini verspreche, welcher diesem Unternehmen gewachsen sein möchte), so lange wir sie nicht unschädlich machen können, müssen wir uns der mühseligen Aufgabe widmen, sie einigermaßen zu erziehen nnd besser zn machen, und bei diesem schwierigen Versuch ist es doch rätlicher, wir suchen uns Einen heraus, den wir zu bessern und zu erziehen hoffen dürfen, als dreißig oder noch mehr zugleich. (Bravo! Heiterkeit.) Diese Thätigkeit beginueu wir damit, daß wir in einem deutschen Parlament eine Vertretung der deutschen Gesamtheit erzielen, und so die gesamte öffentliche Meinung als die wirksamste Kraft nns zu Gebote steht. Und wenn die Gegner keine Ausdehnung der Kompetenz des Zollparlamentes zu politischem Berns wollen, so ist das gar nichts anderes, als wenn dieselben der ungereimten Theorie, die von gewissen Schwaben ausgebreitet wurde, bei- — 55 — stimmten und die dahin formuliert ist: wir wollen gar nicht wählen. Die Verzichtleistuug auf die Teilnahme an den politischeu Angelegeuheiteu Norddeutschlands seitens des allgemeinen Stimmrechts ist auch nichts anderes als eine Befolgung der verurteilten Enthaltuugsmethodc. Gesteht es also ein, wenn Ihr es aufgebt, uns auf dem parlamentarischen Wege zu einigen. Legt die Hände in den Schoß, und sagt: wir wollen gar nichts thun, wir verzweifeln am Vaterlande! — Was Ihr uns bietet, es ist ein berauschendes Mittel, gebraut aus schönen Redensarteu, mit denen Ihr uns wieder in den Schlaf lullen würdet; der Becher, den Ihr uns reicht, enthält oben leeren Schaum, uuten verderbliches Gift! — Man hat uus oft gesagt, daß eine bedauerliche Spaltung in der liberalen Partei sei, aber ich eigne mir das andere Wort an, das ebenfalls schon gefallen ist: Es geht eine Reinigung der liberalen Partei vor sich. Auf der gegnerischen Seite stehen die unehrlichen, trüben und einsichtslosen Elemente, stehen, als die Besten noch, diejenigen, die nicht wissen, was sie wollen, uud sich begnügen mit dem Gedanken an das Unerreichbare, ohne Verständnis für das Wohl und Wehe des Vaterlandes. Nein, meine Herren! das ist (sich unterbrechend) — nnr noch ein einziges Wort, ich muß zum Schlüsse eileu! — Man wirft uns vor, mir vor, es berge diese Kandidatur nichts als den Wunsch, mit der Ehre Ihrer Vertretung bedacht zu werden, es sei nur Ehrgeiz damit verbundeu. — Meine Herren! Ich will heute alles berühren uud will zum Schlüsse auch dieseu Punkt berühren. Wer, der einmal ernstlich in die Brust greift, kann sagen: ich bin frei von Ehrgeiz? — Wer vor seinem Volke an wichtigen Angelegenheiten der Nation teil zu uehmen — 56 — wünscht und dabei glaubt, er sei srei von Ehrgeiz, der irrt an sich selbst. Und ich glaube, daß es erlaubt ist, nach der Ehre zu dürsten, einer guten Sache mit Erfolg dienen zu können; und den Ehrgeiz, aus dem Vertrauen seiner Mitbürger Vertrauen in sich selbst und dadurch Sporn und Spannkrast zu nützlicher Thätigkeit zu gewinnen — diesen Ehrgeiz, ich besitze ihn! (Stürmischer Beifall) und ich will hinzusetzen, daß ich deswegen nicht mich eitler Selbstüberschätzung hingebe. Meine Freunde! — Ich appelliere an das Herz und den Verstand eines jeden redlichen und denkenden Menschen, und frage ihn, ob je ein Feind, ein Verkleinerer ihn mit bittern Anklagen so sehr gedemütigt hat, wie er sich selbst demütigt, wenn er in der Stille seines Kämmerleins sich ausforscht und mit sich zu Gericht geht? Daß ich meine ganze Unzulänglichkeit bei dem Gedanken der Teilnahme an einer solchen Aufgabe, wie die Lösung der gemeinsamen großen politischen Angelegenheiten unseres Vaterlandes fühle — glauben Sie doch, m. H.! daß, wenn man mir diese Bescheidenheit zutraut, Jhneu dafür schon Bürgschaft sein kann die langjährige Erfahrung, die ich in der Welt, in großen Verhältnissen gemacht habe, und die mich vor der Thorheit sattsam bewahrt, zu glauben, ich sei berufen, wenn es mir gelingt, zur Ehre Ihrer Vertretung zu kommen — ich sei berufen, vor dem gesamten Deutschland und in Berlin vor den Vertretern der Nation eine Rolle zu spielen. Wer die Ueberzeugung von seinem Ruhme uud seiner Größe zwischen Darmstadt nnd Mainz gepflegt hat, kann dieser Illusion sich hingeben; wer aber, wie ich, in halb Europa arbeitend gelebt und die Bewegungen großer Völker mit durchgemacht uud das Glück hat, viele der besten Männer aus den strebenden Parteien großer Staaten zu seinen Freunden zu zählen und inne geworden zu sein, daß er vielen Meistern zu Füßen zu sitzen verdient, der wird, das dürfen Sie ihm glauben, sich schon glücklich schätzen, wenn er einfach seine Pflichten zu erfüllen im stände ist. Mit dem Vertrauen, daß dies mir gelingen werde, werbe ich um Ihre Stimmen, und hoffe auf den Sieg unserer Sache! — (Lang anhaltender Beifall.) Anlage. Auszug aus der „Volks-Teilung" vom ^Wärz 1L60. ?(^Ins ist in Sachen des Nationalvereins von einem im Auslande wohnenden deutschen Geschäftsmann das folgende Schreiben zugegangen. Da wir den darin gemachten Vorschlag nur billigen können und für einen solchen halten, dessen Ausführung dem Nationalverein, sowie den von demselben erstrebten Zielen zur größten Förderung gereichen würde: so bringen wir den Antrag auf dem Wege der Öffentlichkeit zur Kenntnis des Vorstandes und aller Glieder des Nationalvereins nnd empfehlen ihnen denselben dringend zur Beachtung. Das Schreiben Bambergers lantet: Geehrter Herr! Sie sind Mitglied des Deutschen Natioualvereins, und wenn ich auch demselben nicht angehöre, so erlaube ich mir dennoch, seinen Hanptvertretern durch Ihre gütige Vermittelung einen Plan vorzulegen, der mir nützlich und lebensfähig genug erscheint, um eine Prüfung zu verdienen. Nicht alle Deutsche, welche das Herz auf dem rechten Fleck haben, sind diesem Verein beigetreten, und nicht alle, welche zu ihm zählen, seheil in seinem Programm die Erfüllung ihrer billigen Wünsche für das Vaterland. Ader die Einen wie die Andern möchten es vorläufig für beträchtlichen Gewinn erachten, wenn die Verwirklichung dessen erreicht werden könnte, was er als die nächste Stnfe eines Emporstrebcns zum gemeinsamen Besten vorgezeichnet hat. Bei so bewandten Umständen drängt sich die Frage auf: wie kommt es eben, das; so viele der Sache von Herzen Zugethane ihr nicht auch der Form uach sich anschließe»? Wie kommt es ferner, daß die erklärten thätigen Anhänger dieselbe Sache bis jetzt durchaus nicht in solchen Schwung und Klang zu briugen vermocht haben, wie bei dem Zusammentreffen so eiumütiger und tiefberechtigtcr Wünsche einer Nation zn erwarten wäre? Denn wenn ich mir auch, so lange ich in der Fremde lebe, kein cndgiltiges Urteil über heimische Vvrgänge zugestehe, so glaube ich doch den herüberdringenden Botschaften tränen zu müsseu, welche auf die Frage nach dem Leben nnd Treiben Ihres Vereins, je nach Gesinnung bald lächelnd, bald seufzend, immer aber achselzuckend Bescheid thun. Es ist ja auch gar nicht anders möglich. Eine Stiftung, welche zur Erreichung ihrer Zwecke durchaus keine besonderen praktischen Wege und Mittel sich vorgczeichnet hat, giebt damit stillschweigend zu verstehen, daß sie sich auf dem Boden einer theoretischen Propaganda bewegen will. Nnn srage ich aber: was ist noch auf dem Wege der uackteu Überzeugung für so offenkundige Wahrheiten, wie die meisten der in Ihrem Glaubensbekenntnis enthaltenen sind, zu erreichen? Stellen Sie sich einen Verein vor, der sich die Aufgabe vorsetzte, deu Satz, daß zweimal zwei vier ist, in der Welt auszubreiten! Ich glaube mithin, daß dem Deutschen Nationalverein überall da ein wesentlicher Dienst geleistet wird, wo ihm die Möglichkeit einer zn vervollständigenden Erkenntnis gleichzeitig mit der Möglichkeit eines thatsächlichen Wirkens nahegelegt werde» kann. Jede dieser zwei Bedingungen scheint mir erfüllt in der Vorzeichnung folgender Ausgabe: „Thatsachen in möglichst großer Zahl aus dem täglichen Leben zu sammeln, welche den Einfluß der Viel- staaterei auf Deutschlands Handel und Gewerbe ins Licht setzen helfe»." Derjenige wäre gewaltig im Irrtume, welcher sich dem Glauben überließe, nnser so sehr auf Erwerb bedachtes Publikum bedürfe in diesem Punkte am wenigste» der Erleuchtung, uud die Füße, welche so hastig dem Gewinn nachlaufen, müßten am deutlichsten fühlen, wo sie der Schuh drücke. Eine ganz falsche Voraussetzung in der That! Über nichts kommen wir später im Leben zur Klarheit, als über das, was uns am allernächsten liegt. Kein Übel entgeht unsrer Beobachtung mehr, als eines, das uns von ewig her anhaftet! Es hat Jahrtausende der Zivilisation bedurft, um nur deu Begriff der Volkswirtschaft hervorzurufen, uud nicht sind es fünfzig Jahre her, daß die Masse der Gebildeten noch keine Ahuung davon hatte, daß man die Natur und die Grundbedingungen der alltäglichen Arbeits- und Vertehrs-Verhältnisse in Untersuchung ziehen könne. Wie konfus und roh sind doch heute uoch die betreffenden Anschauungen in ganzen Schichten der unterrichteten Bevölkerung. Alle Betrachtungen, welche bei Gelegenheit des Zollvereins, des Maß- nnd Münzwcsens, der Handelsgesetz- gebuug angeregt worden sind, machen mir einen kleinen Teil derjenigen Studien ans, zn welchen die wirtschaftlichen Zustände Deutschlands unter dem Gesichtspunkte der nationalen Zersplitterung Anlaß geben könnten. Ich trage die Überzeugung in mir, daß jeder, sein Geschüft mit — 01 — offenen Augen betreibende, Deutsche imstande wäre, charakteristische Beiträge zn solchen Studien aus seiner Erfahrung zu liefern, nnd daß die Nation über die Summe von Mißständen, welche ein Jahr solcher Betrachtungen an den Tag fördern müßte, vor sich selbst erschrecken würde. Sehen Sie, ich lebe schon lange im Auslande, aber selbst da entzieht man sich nicht den peinlichen Entdecknngen dieser Art, sobald man nur durch internationale Verhältnisse mit deutscheu Einrichtungen in Berührung kommt. Handelt es sich z. B. um die Regelung des Verkehrs mit einer nachbarlichen Eisenbahn, so greift man allsogleich in das Wespennest der groß nnd klein durcheinander gezettelten Souoeräuetätsverhältnisse hinein. Zunächst habeu Sie es da mit der Landesregierung von Flachsenfingen zn thuu. Diese Maschine ist natürlich an sich so schwerfällig uud umständlich wie die des allergrößten Staates mit zentralisierter Kanzleiwirtschaft. Aber kaum sind Sie einen Schritt in diesem Rädermerk vorangediehen — halt! da geraten Sie iu einen Faden des Deutschen Bundes, und also linksuin marsch! zu den Psvrten des Frankfurter Kollegiums, daselbst Verweisung an die Militärkommissivn. Wenn alle die harten, saumseligen Prüfungen bestanden sind, wenn die Herren von der Militürkommission, die sich mit den Unterthanen des betreffenden engeren Vaterländchens außerordentlich wenig identisch fühlen, herablassend genug gewesen sind, das Gelingen einer flachsen- singischen Eisenbahn nicht als eine höchst gleichgiltige Sache zn betrachten, so geraten Sie endlich an eine neue Stufe des RegierungSsegefeners von wegen des Zoll- nnd Transitwesens. Der Staat gehört zum Zollverein und kann abermals nicht eigenmächtig entscheiden. Also rechtSnm! marsch, an die kompetente ZollvereinösteUe. Nun geht erst der rechte Jammer an. Zu jeder Modifikation bestehender An- — 62 — ordnnngen ist die Stimmeneinhelligkeit nötig, und Sie wissen ja, der Herr von Finkennest nnd der Herr vvn Entenhorst sagen immer Nein, so lange man ihnen nicht auf ewige Zeiten die Dnrchgangsabgaben garantiert, welche ihre raub- gräslichen Borsahren an Markttagen zn erheben pflegten, u. s. w., n. s. w. lind da nenne ich Ihnen noch Verhältnisse, welche die gnte Seite, die Seite des Fortschrittes in unseren Zuständen repräsentieren, denn der Bund nnd der Zollverein sind ja noch Triumphe des Ganzen über die Einzelnen. Wenn mir, eben weil ich im Auslande weile, der unendlich größte Teil des praktischen Erfahrnngs- materiats entgeht, so habe ich dagegen den Borteil (das „odiose Privilegium" würde der Jurist sageu), die Schimpflichkeit solcher Zustände bei der natürlichen Bergleichnng mit dem schlichtereil Geschäftsgang irgend eines nichtdeutscheu Staates in ihrer ganzen Vodenlosigkeit zn empfinden. Denken Sie sich das beschämende Gefühl, als Deutscher einem Franzosen oder Belgier dieses nrweltliche Spinnengewebe politischen Unsinns auseinandersetzen zu müssen. Deuu was es nur in allen BcrwattungSsystemen mangelhaftes giebt, das kombinieren wir ja in Eins zusammen. Wir habeu die Schäden der Antoritätszersplitternng neben den Schäden der Zentralisativn; wir haben die Schleich- und Umwege des Schreiberwesens neben der Brutalität des Säbelregiments; wir haben die Unbeweglichkeit vvn oben und die Starrheit von unten, und von Hessen-Kassel bis Hanan ist für ein Nachtwächter-Reskript so weit als von Paris bis Bayonne. Nun denken Sie sich erst einen deutschen Kaufmann, der schutzbedürftig mit seiner lippe - detmoldischen Landes- kindschaft in japanischen Gewässern herumschwimmt. Es kanu mir übrigens nicht beikommen, das Thema der ausländischen Erfahrungen über den wirtschaftlichen — 63 — Segen deutscher Vielstaaterei hier erschöpfen zu wollen. Fiudet meiue Idee Anklang, so wird es dem Register an schönen Gaben nicht fehlen. Nur einen Gesichtspunkt lassen Sie mich schließlich noch erwähnen, welcher auch niemals nach Gebühr berücksichtigt worden ist: ich meine die Entfremdung deutscher Gewerbskräfte zum Vorteile andrer Nationen. Gehen Sie durch die arbeitsamen Viertel von Paris und lesen Sie die Schilder, oder nehmen Sie einen Adreßkalender zur Hand. Sie werden erstaunen, wie es da von deutschen Namen wimmelt, und wenn Sie sich näher umthun, so erfahren Sie dazu noch, daß in vielen Gewerbszweigen Meister und Gesellen von Ruf zu einem unverhältnismäßig starken Anteil abermals Deutsche sind. Die ersten Wagenbauer und Kunstschrciner sind Deutsche, ebenso die Schuhmacher und Schneider von europäischer Berühmtheit. Das ganze Waren-Kommissionsgeschäft ist in Händen der Deutschen. Gehen Sie nach London, es ist ebenso, und ähnlich in der ganzen Welt. Glauben Sie, das sei außer Zusammenhang mit der Enge nnd Verkommenheit deutscher Regieruugszustände? Glauben Sie, das habe nichts zn schaffen mit den Hemmnisfen der Freizügigkeit und mit den dreißigerlci Heimatsberechtigungeu, mit den Schranken, welche das Pfuschwesen deutscher Politik der Entfaltung deutscher Kraft zu Wasser uud zu Lande anlegt? Auf diese Art wandern Millionen der tüchtigsten Menschen für immer in die Fremde, tragen mit ihren Leistungen dazu bei, daß der ausländische Nachbar in allen Stücken ihre eigene Heimat überflügelt, und bei der Geschmeidigkeit deutschen Wesens sind Meister Hufnagels Söhne schvu Stockfrauzofen, der Art, daß Monsieur Ufnackel der ältere uns von Paris aus irgend einen neuen Modeschnitt in seinein Handwerk oktroyiert, dieweil Ufnackel der Jüngere bei der ersten Gelegenheit als Nsrsellal äss liv^is — 64 — in einer reitendeil Batterie ans den Rhein losmarschiert. Znr Schadloshaltnng genießen wir dann die mißratenen Familiensöhne, welche der irische oder schottische Adel in den österreichischen Kadettenrock steckt. Das sind so ans dem Stegreis herausgegriffene Proben dessen, was Einem unter die Augen kommt, wenn man im Auslande lebt. Welche Erfahrnngen mnß erst ein in Deutschland ansässiger Kaufmann oder Indnstrieherr machen! Da liegt ein unabsehbares Feld der Entdeckungen, nnd ein Gebiet, aus welchem die Nation mit neuen Argumenten ohne Ende sür die Erfüllung ihrer Wünsche überrascht werden soll; nnd zwar Argumente aus der nüchternen Praxis der Ernährung. Denn merkwürdigerweise sind wir bei aller realistischen Richtung der Gegenwart über das Ungereimte der Bielstaaterei viel erleuchteter, vom idealen Standpunkt des politischen Ehrgefühls a»5 als von dem der praktische» Nützlichkeit. Wie groß die Unklarheit in letzterer Rücksicht ist, geht unter anderem mich daraus hervor, daß die verbissensten unter den allerhöchsten Gegnern deutscher Eiuignug sdiesenigen, welche sich zuletzt in der Würzburger Koterie so lieblich zusammeugethau haben) von Zeit zn Zeit eine Deklamation loslassen, des Sinnes, daß sie ans dem Boden des materiellen Lebens allen Fluch der staatlichen Zersetzung in Deutschland beseitigen wollen. Von allen den zahlreichen Projekten trockener Pelzwäscherei ist dieses das tollste. Die Schranken nnd Sparreu im deutschen Geschäfts- und Verkehrswesen werde» so lange existieren als die einzelnen Landeshoheiten. Die ersteren wachsen llnmittelbar aus den Hauptbestandteilen der letztern hervor. Das wissen die Herren übrigens sehr gut. Das hindert sie aber freilich nicht, bei drohender Gefahr eine Diversion anfs Gebiet der materiellen Interessen zu machen. Diese Diversion nnd die Schleswig-Holsteinische sind die — 65 — zwei rostigen Notanker, welche jedesmal ausgeworfen werden, wenn die Flut bedenklich steigt, um nach verlaufenen Wassern stillschweigend ins Zeughaus zurückzuwandern. Trotz allen Veranstaltungen haben wir weder Maß-, Münz- noch Gesetzgcbungseinheit und werden ebensowenig sie als die Herzogtümer haben, so lange die dreißig Landeshoheiten in Blüte stehen. Wenn daher auf diesem Felde noch Arbeit für die Vervollständigung der Überzeugungen in Fülle zu verrichten ist, so wird damit zugleich die zweite Existenzbedingung gefunden: eine praktische Thätigkeit. Wirken heißt vom allgemeinen zum besonderen herabsteigen. Ein Verein zur Erstrebung deutscher Einheit muß seine Aufgabe, soll sie von der Stelle kommen, nach den einzelnen Zweigen des Lebens einteilen. Ein «Unwesentlichster dieser Zweige wäre hier gegeben. Man gründe ein Zentralbüreau, ich möchte sagen: eine Hauptsternwarte für die Beobachtung der Wechselwirkung zwischen deutscher Politik und deutschem Gewerbslebeu. Aber vor allen Dingen müßte diese Warte in eine Großstadt verlegt werden. Der Ort ist bei keiner Sache gleichgiltig, am allerwenigsten bei einer so Praktischen. Koburg, Eisenach oder Gotha taugen nicht für eine solche Zentralstelle. Der Blick ist unvermeidlich beschränkt in engen Räumeu. Es braucht auch weiter keiuer staatlichen Anerkennung, keiner korporativen Berechtigung zu solchem Unternehmen. Ein einzelner tüchtiger, gut bezahlter Mann, der sich als Privatmensch eine Kanzlei mit Gehilfen einrichtet, ist der Sache gewachsen. Er braucht keine groß- und keine kleindeutsche Tendenz aufzustecken. Bemerken Sie, daß ich in meinem Programm die Frage ganz offen lasse. Wenn jemand — «;t> — Thatsachen aufzubringen hat, welche beweisen, daß die Existenz des Staates Hessen-Homburg dein deutschen Gesamtleben förderlich sei, so soll ihm auch das unbenommen sein. Wir warten sogar mit Ungeduld ans so etwas. — Sache dieser Sternwarte müßte es dann sein, über ganz Deutschland eine lebendige Verbindung auszubreiten und ein Beschwerdebuch zu halten für alle Klagen der Kauf- und Ge- werbsleute, endlich besonders dies Material, wissenschaftlich gesichtet und geordnet, auf deu Tisch der Nation in bestimmten Perioden niederzulegen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß der deutsche Handelsstand im In- und Auslande mit Frendcn die nötigen Summen znr Bestreitung einer solchen Anstalt unterschreiben wird. Und das ist doppelt nötig. Denn man zahlt nicht blos da, wo mau sich interessiert, man interessiert sich auch da, wo man zahlt. Millionen wnrden für das abgebrannte Hamburg gesteuert: warum sollten nicht Hundcrttanscnd zusammeukommen, wo es sich darum handelt, daß die Nation aus der Asche erstehe? Erlangt eine solche Gründung Lebensfähigkeit, so wird sie ohne Zweifel mit der Zeit andere verwandte Unternehmungen hervorrufen, beispielsweise für Beobachtnng der gesamteu deutscheu Rechtsentwickluug in Praktischen Dingen. Am 20. d. M. versammeln sich in Berlin Abgeordnete des preußischen Handels. Vielleicht fände sich da ein trefflicher Anhaltspuukt für ein Zusammenwirken der Leute vom politischen uud vom kommerziellen Beruf. Aber ich will mich nicht vcrmcsfen, in Einzelheiten vorzudringen; ich will mir nicht herausnehmen, einsichtsvollen Männern nnd solchen vorab, welche den unendlichen Vorteil haben, an Ort und Stelle zu sein, Lehreu zu geben. Ich beabsichtige nicht mehr, als was dein geziemt, welchem mit dem hcimi- scheu Boden unter den Fußen eben das Wichtigste fehlt. Ich beabsichtige nichts, als eine Frage aufzuwerfen. Ihnen und Ihren Freunden gebührt es, die Autwort zu erteilen. Hochachtungsvoll Ihr ergebener L. Lamberger. Paris, 14. Februar 1860. Vorbemerkung. (R)as zu dem Inhalt des Nachfolgenden erläuternd vorausgeschickt werden könnte, findet sich in der Widmung. Nur über die äußere Veranstaltung, mittels deren die Briefe hergestellt wurden, möge bemerkt werden: ich schrieb den Text selbst mit polygraphischer Tinte und ließ das Manuskript in einer Druckerei vervielfältigen, wie dies jetzt mit vielen lithographischen Korrespondenzen geschieht. Diese Blätter versandte ich an alle größeren Zeitungen der Partei, die sie auch wiedergaben. — Das Beiwort „vertraulich" sollte natürlich nicht bedeutein geheim, sondern nur den samiliärcn Ton motivieren. Den Grundgedanken, der sich durch das Ganze zieht: die aufdringliche Notwendigkeit, aus dem Zoll-Parlament ein voll-jl>arlament zu machen, übernahm dann der französische Angriff. Gktobcr I8Y2. L. L. Herrn Dr. Arnold Rüge in Vrighton. Verehrter Freund und Meister! Gern Hütte ich mit Deinem Namen etwas Beträchtlicheres geschmückt, als die kleine Sammlung der hier aufgespießten Eintagsfliegen. Aber meine Feder ist nun einmal leider nicht aus dem Holz geschnitzt, auf welchem die wohlbeleibten Bünde wachsen. Mich besitzt, zu meiner Schande oder Ehre, die schnell lebende Gegenwart. Mit raschem Eifer die Erscheinung jedes Tages in sich aufnehmen, im selben Tempo den empfangenen Eindruck wiedergeben, und alsvbald auch erleben wollen, wie das Selbstgedachte und Selbstempfuudene auf andere wirkt; diesen dreifachen Kreislauf stets mit neuer Lust durcheilen; seinen Gewinn mehr im schnellen Umschlag als in der soliden Anhäufung des Kapitals erjagen; für das thätige, sichtbare Eingreifen in den Augenblick verzichten auf den edlereu Lohn geduldigen Forscheus uud Schaffens; am Morgen säen, am Mittag ernten, am Abend backen; alles Licbeu und alles Hassen heiß vom Ofen weg auftischen uud — Dank all dem — in jeder Minute inue wcrdeu, daß man offenen Auges und rühriger Hand mitten in dem bunt bewegten Fluß des breiten frischen Lebens schwimmt und rudert: 74 das, dünkt mich, ist die Art der Zeit, ist ihre Lust und ihre Signatur. Alle Ewigkeiten bestehen doch wieder nur aus Augenblicken, uud warum sollte der späteutsernte heiliger sein als der nächstergreifbare? So dient die Zeit sich selbst, nnd das Symbol dieses Dienstes nennt mit unvergleichlicher Tiefe die deutsche Sprache „Zeitung". Dies rastlos bringende uud rastlos verschlingende Element, das sein Recht nur aus der letzten Erdumdrehung schöpft und das mit ihr in den Abgrund hiuabrollt, birgt in seinem Schoß das Mysterium uuserer maßgebenden Weltanschauung. Zunächst verrät es merkbar die umsichgreifende Erschütterung des Glaubens an ein Jenseits; denn wer dem Tode ernstlich traut, wirft sich nicht mit solcher Gewalt au die Brust des Augenblicks. Sodann vermittelt es die unendliche Leistungskraft des Könnens mit dem unendlichen Durst des Wissens. Die löslichen Teile, die von der unübersehbaren Oberfläche des stündlich anschwellenden Ozeans von Kenntnissen in flüchtiger Form emporsteigen, fallen in der Tagespresse als befruchtender Thau und Regen auf die lernbegierigen Köpfe der breiten Menschengefilde hernieder. Sie auch, diese ephemere Presse, vollendet erst die Wuuder des Dampfes und der Elektrizität, verwandelt die bloße Götter-Schnelligkeit in die leibhaftige weltbeherrschende Allgegenwart des Vaters der Götter nnd Menschen. Ans dem Platt, das uns zum Frühstück vorgelegt wird, schwingen wir uns empor zur Sonnenhöhe, von der herab der ganze Erdball wie das Tischtuch vor uns ausgebreitet liegt; und in geringerer Zeit als der Zucker braucht um in der Theetasse zn schmelzen, schweist unser Auge von dem Palast des Taikuu über deu stillen Ozean und das Felsengebirge hinüber zn dem Weißen Hause vou Washington. Welch Meisterwerk der Schöpfung wirkt erstaunlicher als diese sturm- beflügelte Zeitungsprcsse, die, während wir den letzten Mvrgentraum ausschlafen, mit hunderttausend Äehlen den Verlauf des neuesten Weltprozesses in die Luft schmettert, als die wackerste, munterste, Gott preisende Dampf-Lerche des Himmels' uud der Erde. Der ist kein echter Sohn des Jahrhunderts, dem nicht der eigentümlich süße, frische, feuchte Dust des eben geborenen Morgenblatts ein Wohl- geruch ift. trotz dem Odem des Feldes. Wir schlagen es auf, und verrichten unser Frühgebet. Denn jetzt begrüßen wir das Universum bis zu den Antipoden und suhlen uus gestärkt in der Gemeinschaft des Denkens und Wissens mit hnnderttansenden unseres Gleichen, empfinden das erhaltende Band, schauen die waltende Ordnnng, hören den hallenden Tritt des großen Weltgeschickes, senden unsere innerste Herzensansicht hinaus und empsaugen sie zurück von Unzähligen unserer Mitlebenden. Dem Menschenbeobachter will es oft thöricht erscheinen, daß wir mit Vorliebe nach den Blätter» greife», die unserer eigene» Meinung diene». Machte er sich klar, wie die Zeituug mit an die Stelle von Gottes Wort getreten, wie die Weltangetegeiiheiten der Inhalt unserer religiösen Auschaiinngsfvrm gewvrde», so würde er fich sage», daß dies mit Notwendigkeit so zugelN'- daß uicht Wiß- noch Nenbegierde, sondern Gattungs- und Herzensbedürfnisse uns dabei treiben, daß der Mensch, der nach der Zeitung seine Hand ausstreckt, geleitet wird vou dem Trieb, seinen Glaube» zu kräftigen, seinen Geist zu erheben z» dem, was ihm hoch und heilig ist, und darum iu seiner Zeitung lesen will, wie er vordem in seinem Buche betete. Ein schlechtes Geschäft hat bei diesem Tausch das Publikum uicht gemacht. Für ein Lumpengeld geben wir Journalisten ihm kvmptante, verständliche, unersetzliche Ware, Welten voll Thatsachen und Erkenntnissen, da wo ihm die Priesterschaft vormals »in teureu Preis bedenkliche Wechsel auf die Sterne verkaufte. Und von bouzenhafter — 76 — Anmaßung kann uns dabei so wenig bekommen, daß kein Sterblicher mehr als wir das Gefühl von der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit seines Wirkens mit sich herumträgt. Das Beste, Mas wir aus Hirn uud Herzeu Pressen, sehen wir wie die Furche, welche das eilende Schiff im Wasser zieht, von der nächsten Welle verschlungen: von allem Guten und Bösen, das wir säen, bleibt keine Spur, die unsern Namen trägt, und zur Unsterblichkeits-Auferstehuug geheu wir ein in die Schieblade des Käsekrämers. Doch sagen wir getrost mit der lustigen Person, die uus nicht ganz unverwandt ist: Gesetzt, daß ich von Nachwelt reden wollte, Wer machte denn der Mitwelt Spaß? Den will sie doch und soll ihn haben'. Die Gegenwart von einem braven Knaben Ist, denk ich, immer auch schon was. Ehedem griff ich wohl zur Broschüre: doch war das iu der stilleren Zeit vor 18l>6, da es noch gemächlich bei uus herging. Auch die Flugschrift ist heute schon zu schwerfällig geworden für den Geschwindschritt unserer Tages- prüokkuvation; sie paszt übrigens weniger in den Geschäftsgang des auf Betrieb dauerhafter Ware angelegten deutschen Buchhandels. So hab ich, um der raschen uud ausgebreiteten Wirkung sicher zu sein, diese drei Jahre her mich immer wieder der Lust ergeben, die erste starke Regung iu die Tagesflut hinausströmen zu lassen. Eine gute Gemeinde vvn etwa einem Dutzend rüstiger Blätter stand mir zu Gebote, um wie aus einer Reihe von Sigualstntionen qner durch Deutschland von Posen bis Nürnberg am selbeu Tag mein Stücklein auszuspielen; und ich glaube, das kleine System hat sich bewährt. Auf diesem Wege sind auch die hier gesammelten Briefe in den drei Sessionen des ersten Zoll-Parlaments ursprünglich in die Welt gekommen. Ein gewisser Anklang, den sie fanden und der mir zur Aufforderung ward, ihueu noch ein Weilchen das Leben zu fristen, ist teilweise die Wirkung vom Nachklang der Freude über einen Wahlsieg, der, nicht ohne Grund, vorher kaum für möglich gegolten hatte. Denn wir fanden uns im goldenen Mainz der wunderbarsten Mnsterkarte aller deutschen Hydraköpfe gegenüber. Obenan die älteste protestantische Regierung, die Erbin des Reforinativnshelden Philipp, jetzt schwelgend in allen Freuden und Künsten des Papismus; sekundiert vom streitbarsten der Kirchenfürsten mit seinem sormidablen Gefolge von Hyänen und alten Weibern; uud in engster Verbrüderung mit dieser edlen Gesellschaft der ganze Chor der Rache ans dem Krühwinkler Freiheits- puppeuspiel, diesmals aus besonderes Allerhöchstes Verlangen in großem Kostüm mit uagelncueu Vcrrinas, Saint- Iusts uud sogar mit leibhaftigen Baboeufs ausgestattet; endlich, auf daß gar nichts fehle, am Schluß des Zuges die großdeutschen Musikanten mit der schwarzgclben Fahne und sogar einige Fransauillvns mit trikoloren Kränzen für die Rückkehr der Grande Nation. Dieser ganze Plunder war ausgestanden wie ein Mann, und seinen bunten Bilden, hatten wir nichts gegenüberzustellen, als den ungelenken Racker von deutschein Staat, dessen beste Hoffnungen noch eingeschnürt sind in Windeln aus hartem, grauein preußischem Kvmmistuch. Wer die Rheinlande kennt und namentlich den Teil, ans dem dies alles vorging, der muß in der That einräumen, daß dieses fröhliche, bewegliche, respektlose Volk große Selbstüberwindung an sich übte, indem es sich zum Verständnis der beinah noch abstrakten Vorzüge des neuen Vaterlands in dieser seiner anmutslosen Form erhob. Seit achtzig Jahre», Dank der jakobinischen Sintflut, aller adligeu Landesinsassen entledigt; seit Julius — 78 — Cäsars Zeiten bis zur Schlacht von Waterloo mit erblichen Landesvätern verschont; 1815 von Metternich mit einem Angestammten beschenkt, den sie unter Napoleons Herrschaft nur als Monsieur de Tarmstadt gekannt hatten nnd zu dessen Nachsvlgeru ihr verhärtetes Herz mit der echteu kindlichen Pietät emporzublicken bis ans diesen Tag, sürcht ich, noch nicht gelernt hat; endlich auch Jahrhunderte lang unter dem Regiment des Krummstabs zu leichtem, lotterigem, üppigem Leben verzogen: so mußte .ihnen das märkische Staatswescn mit seiner monarchischen Treue, seiner eisernen Aristokratie, seiner schnarrenden Blcchstimme, seiner bitteren Ernsthastigleit und spaßlvseu Disziplin entsetzlich wenig Perlockendes bieten. Und unter solchen Umständen dennoch nnbeirrten Blicks sich für deu einzigen Ausweg ans dem kleiustaatlichen Jammerthal erklären, das war in der That eine dankenswerte Anstrengung. Es gehört zum Verständnis der zunächst an meine Wähler gerichteten Briefe, daß diese so beschaffenen thatsächlichen Boraussetznngen Dir gegenwärtig seien. Wollte ich die Gründe alle aufführen, die mich bestimmen, diese kleine Sammlung Dir zu widmen, selbige würde solchen Gründen gegenüber noch dürstiger erscheinen als sie ohnehin ist. Zunächst möchte ich nicht nach deutschem Laudesbranche warten, bis Dn gestorben bist, nm Dich zu loben (abgesehen von der Ungewißheit des Bortritts). Dann gewiß werden sie in allen unseren Zeitungen schreiben: „Er war einer der frischesten nnd unverdrossensten Mitbegründer jener aufrichtigen Denkfreiheit, welche das Fundament zur politischen Ermannung der Teutschen legte, uud er blieb au der Arbeit von seinem ersten Eintritt in die akademische Laufbahn bis in die späten Zeiten hinein, da er sich be- schied, an fremder Küste im Schutz der Freiheit das Wohl der Seinen zu bergen'. Wie Arndt und Iahn und Jordan verfolgt nnd eingekerkert, lies; aber er nicht sich mürbe machen zn einer frommen, kvniastreuen Seele, svndern sein aristophanischer Geist lachte in den Kasematten, lachte als er herauskam, lachte als man ihn mit seinen Jahrbüchern aus Halle vertrieb und als man ihm seine Pressen in Leipzig versiegelte, lachte, als er lange vor Magenta nnd Solferino nnd Kvniggrätz den großdeutschen Chauvinisten im vollen zornbrüllenden Parlamente zurief: „die Radetzkys müssen geschlagen werden," lachte, als man ihm in Berlin die Pressen der „Reform" zerschlug, und lachte noch lange am ganzen Leibe darüber, daß in der lieben Heimat die wenigsten sich dankbar erinnerten, wie er seit vierzig Jahren das prophezeit und das vorbereiten half, was 1866 vollbrachte, uud wie er von Brighton her zum Auszug gegen Österreich blies, als Berlin noch mitten im innern Konflikt steckte." So etwa werden dann die Nekrologe in der Gartenlaube, mit Dciuem Bildnis verziert, sprechen, und irgeud ein Biederer wird, nni das Maß des Dankes voll zu mache», ein gutes Glas in seine eigene Gurgel gießen, auf daß Du hochlebest droben in deu elpsäische» Gefilden. Indem ich diese Schuld lieber jetzt bekenne, mochte ich noch folgendes hinzusetzen: Die Freiheit ist eine Tochter der Philosophie. Man prüfe nur ihre Geburtsakten, nnd ihr Stammbauin wird dies allenthalben ausweise». Wenn das Schwerste vollbracht ist. die Köpfe gereinigt, die Fetische angebohrt sind, geraten oie Ansänge in Vergessenheit, die Enkel kehre» gleiß»erische» Blicks zurück znr respektablen Hochkirche, oder sie verleugne» ihre philosophische Herkunft uud Missio», indem sie das nichtssagende Psendvnvm „Natur" dazunschen schieben. Männer, welche wie Du den deutschen Geist von dein Lenz seines spekulativen Blütentreibens an bis zn den heißen Schnitter- — 80 — tagen des sechsundsechziger Sommers begleitet und fortentwickelt haben, sind lebendige Argumente für die Fruchtbarkeit der Philosophischen Begabung, der unser Volk vielleicht den besten Teil seiner erworbenen wissenschaftlichen und noch zu erwerbenden politischen Größe verdankt. Dies vor Vergessenheit zu bewahren ist die Schuldigkeit derer, die bei Dir und den Deinen zur Schule gingen, die aber ihrerseits auch Heuer schon beginnen alte Änaben zu werden und sich ihres allmählich anssterbenden, zuweilen noch altmodisch nach Hegel, Gans und Feuerbach, Rüge und Echtermayer schmeckenden Jargons ein wenig zu schämen. Berlin, 29. Mai 1870. In alter Treue Dein L. Vamberger 1868 i. Berlin, 12. Mai 1868. Geehrte Herren! Zwei Wochen sind heute über das erste deutsche Zoll- Parlament hingegangen. Die Hälfte der Zeit, während welcher eS diesmal zu tagen hat, ist mutmaßlich verstrichen. Wenn auch noch bei weitem nicht der interessanteste und schwierigste Teil der gegenwärtig zu lösenden Ausgaben hinter ihm liegt, so hat es doch schon lehrreiche und bedeutsame Ersahrungen gesammelt »nd von ungefähr einen Maßstab gewonnen für die Wirksamkeit, welche ihm vorerst zu entfalten vergönnt sein wird. Das Bertraueu, welches Sie, meine geehrten Herren, in mich gesetzt, die großartigen Anstrengungen, welche Sie bei Gelegenheit der Wahl gemacht haben, legen mir die angenehme Pflicht aus, Ihueu iu ungezwungeuer Form und Weise Recheuschast zu geben über die Eindrücke, die ich empfange, über die Wahruehmungen, die ich machen werde. Ich beabsichtige nicht, Ihnen Tag für Tag zu berichte,?, was iu dein Saal des Parlaments gesprochen und beschlossen worden ist, denn darüber können Sie in den Ludwig Namberger's Ges. Schriften. IV. k — 82 — Zeitungen Aufschluß finden. Vielmehr empfinde ich das Bedürfnis, mich mit Ihnen bald über den Kern, bald anch über die Schale der Dinge mit jener Freiheit und Aufrichtigkeit zu unterhalten, der wir uus in den zahlreichen öffentlichen Versammlungen, in denen wir untereinander verkehrten, rückhaltlos zu ergeben pflegten. Eigentlich müßte eiue Herzensergicßung von der Art, wie sie mir eben vorschwebt, eine gegenseitige sein. Der Abgeordnete müßte sogar vielleicht uoch bevor er sich zu eiuer Epistel an seine Wähler niedersetzt, auch von dieseu etwelche vertrauliche Mitteiluugeu erhalte» habe»; er müßte wissen, ob und welche Zweifel ihnen in der Zwischenzeit aufgestiegen seien, damit er in seinen Antworten gerade daraus IvSgehe. Aber aus den Augen, aus dem Sinn! .Kaum, daß ich ei» viertel Dutzend Briefe von zu Haus bekam, diejenigen abgerechnet, in welchen einige Leute von Fach so freundlich waren, mich von ihrem Standpunkte aus über besondere Dinge, wie Eise», Blei, Petroleum uud dergleichen zu belehren. Mau war auch vou dem ganze« Wnhlspektalel so müde und hatte meine» Namen so oft gehört, daß ich nur lebhaft denke» kau», wie wohl es that, eimual a»ssch»a»fe» zn können. Auch wird mir nicht so schwer zu raten, was man daheim denkt; vierzehn Tage Berlin habe» mir die Rheinlnft noch nicht so aus den Änvchen getrieben, daß ich mir nicht vorstellen könnte, wie einer z. B. ebc» politisiert, we»» er an einem schöne» Abc»d i» der Moritz-Halle seine sterbliche Hülle von außen nnd innen zugleich ersrischt. Raisonniert mag schon werden, öas ist unvermeidlich, aber sollte vielleicht der eiue oder der andere sich beklagen, daß es bis jetzt nicht nach seinem Sinne gcgauge», so ist es nicht meine Schuld uud dem Zoll-Parlament seine Schuld ist es auch nicht ausschließlich. Denn ich habe es Ihnen ja von der ersten bis zur letzten Stunde gesagt: Erwarten Sie bei Leibe nicht, daß wir in Berlin sofort ein großes politisches Feuerwerk abbrennen nnd die Welt durch große Thaten in Erstaunen setzen. Die Zeiten sind überhaupt vorüber, iu denen man hoffte, die Welt mit Reden aus den Angeln zn heben, nnd wenn sie auch nicht vorüber wären, so konnte man doch nicht daran denken, daß bei den dermaligeu ebenso merkwürdig verschluugeneu als unbequem eingegrenzten Zustanden ein parlamentarischer Geniestreich mit Glück au dieser Stelle nnternommen werden möchte. Nicht minder habe ich denen, welche beim Abschied zn nur sagten: „Nuu, wir werden bald über Sie in den Zeitungen lesen, wenn es einmal iu Berlin losgeht", — immer geantwortet: „Macht Euch nur darauf gefaßt, daß ich keine langen Reden loslassen werde, Zeit und Ort sind glicht dazu angethan". Ich habe bis jetzt Wort gehalten und hoffe es auch bis zum Ende auszuführen. Bei deu wirtschaftlichen Tingeu, die hier zu verhandeln sind, läßt sich das Zweckmäßige einfach nnd kurz vortragen. Wer bei diesen Verhandlungen das Thatsächliche allzu ausführlich bespricht, der ermüdet, nnd wer es zn sehr ins allge ineine hinüberspinnt, der bringt die Versammlung, welche ihre Zeit sehr nötig hat, um ihr kostbares Gnt, ohne etwas anderes vorzutragen, als was nenn Zehnteile längst sich selbst gesagt hatten. Auch ist es mit wenigen Ausnahmen im Zoll-Parlament bisher beobachtet worden, bündig, schlagend und zur Thatsache zu reden, und die wenige Arbeit, welche ans Grund der Vorlagen abgethan werden konnte, wurde besonders vvu der liberalen Seite mit Gewissenhaftigkeit und Schärfe behandelt. Von großer Politik, über welche etwas zn hören Sie wohl am meisten Lnst verspüren, kam gerade soviel ans die Füße, als man erwarten dnrfte, ja eher noch etwas 6* — 84 — mehr. Wenn die Sache der deutschen Nation nicht im Schvvsze derselben sv viel natürliche nnd nnnatürliche Feinde hätte, wären wir dach längst nicht mehr in dem dürftigen Vorbereitungszustand, in dem wir gerade eben erst aufzuhöreu augefaugeu habeu, der Gegenstand des Mitleids und des Spotts aller gesitteten Völker zu sein. Solche Schicksale wurzeln nicht in Kleinigkeiten, ihre Ursachen sind daher nicht im Handumdrehen zu beseitigen. Meuschcu oder Gesamtheiten, denen es aus die Länge schlecht geht, tragen den Keim ihres Unglücks bekanntlich immer in der eigenen Brnst nnd sind namentlich schwer zu kurieren, weuu sie einmal über die erste Jugend hinweg sind. Alt ist uuu zum Glück allerdings die deutsche Nation an Politischen Lebenssahren auch nicht zn nennen: ihre eingefleischten Untugenden stammen noch ans der uupolitischeu Vorzeit, aber gerade die Nachweheu dieser letztereu sind wegen ihres hoch binausreichenden Ursprungs schwer auszurotten, nm so schwerer, als zwischen dem Moder und dem Zops ja auch sv viel Gutes und Gesundes mit eingewachsen ist, das geschont und gepflegt sei» will. Ich sage also nnd habe es ja immer gesagt, wenn wir vom künftigen Zoll-Parlament sprachein So tiese Ge- daukeu und geheime Hoffnungen sich auch an die Sache knüpfen, so sehr muß man doch darauf gefasst sein, das; die große nnd die kleine Politik, die Frechheit der einen und die Zimperlichkeit der andern, die Epitalsnppeuselig- keit der Philister nnd die Feuerfresserei der Himmelsstürmer sich zusammeuthun werde«, um etwas tot zn machen, das möglicherweise zu verständiger Ausbildung des gemeiusamen deutschen Staatswesens herangcpflegt werden könnte nnd schließlich auch trotz allem noch zur Erreichung unseres letzten Zweckes erfolgreich mitarbeiten wird. Denn Gvtt verläßt zwar die Deutschen sv gut wie die anderen Menschen, x — 85) — wenn sie sich selbst verlassen; aber es giebt deren glücklicherweise jetzt bereits so viele — und wir haben ihrer hier eine hübsche Kompagnie beisammen — die entschlossen sind, sich an ihre gute Sache festzuklammern »nd auch das Zeug dazu haben, sich Wort zn halten, das; wir schon hvfsen tonnen, durch unsere eigene Zuversicht den Himmel und seine Heiligen schließlich ans unsere Seite zu bekommen. Schon der Zahl nach ist die liberale Fraktion im Parlament die ansehnlichste, und wer mir nicht glauben will, daß sie auch auf Weg und Steg iu allen praktischen Fächern die schlagfertigste, rüstigste und solideste ist, der lese nnr die stenographischen Berichte. Das werden freilich die wenigsten thnn, und die einen werden mir'S lieber aufs Wort glauben nnd die andern lieber aufs Wort uicht glauben. Wer in gehobener Stimmung ankam, der konnte wohl bei seinem Eintritt in die hiesige Welt einige jener warmen Apriltage durchlebe», welche geeignet sind, die unvorsichtigen Hvsfnnngobiüten an die Mittagssonne zn locken. Da war zunächst das freudige Gefühl, mit so viel wackeren Gleichgesinnten, alten nnd neue», zusammenzutreffen; zu überschlagen, welch' tüchtige Kräfte in allen deutschen Laudeu derselbe» Sache mit Leib und Leben ergeben sind. Es ist ein ganz verteufelter Ernst iu dieseu Leuten des Nvrdeus, der uns leichtere» Meuscheu des Südwestens gewaltig imponiert. Ich sage Ihnen, es sind unter diesen Männern Tenker, Arbeiter und Charaktere vvu einer knorrigen Stärke uud einer Solidität des Wissens, die erschreckend ist — nur erst gar für eiucu, der eiu halbes Menschenalter hindurch den Schlagrahm der französischen Politik austischen sah. Dergleichen grundgelehrte uud herbe Weseu, wie diese Norddeutschen, liefern bei uns im Süden etwa nur noch die Schwaben. Auch unter diesen sind famose Kerle, und — 86 — wie sie so verbissen giftig drcinblickcu, das steht ihnen ganz vvrtrefslich. Als vorsichtiger Politiker sollte ich meine Feinde nie anerkennen, allein ich denke, jene lesen ja unsere „bettelpreußischen" Zeitungen ebensowenig, wie wir ihre preußeufrcsserischen, und sie werden es ebensowenig erfahren, wenn ich sie einmal lobe, wie ich es erfahre, wenn sie aus mich schimpfen. Immerhin konnten selbst die trutzigsten Gesichter dieser Württemberger nicht den Eindruck zerstören, welchen das Zusammentreffen der Vertreter ans alle» Teilen Teutschlands ans jeden Menschen mit geradem Sinn hervorbringen mußte. Es war doch einmal etwas merkwürdiges, etwas zu merkwürdiges, um gauz unfruchtbar und erfolglos zu bleiben: daß znm erstenmal überhaupt die Abgeordneten des deutschen Volks in der größten Stadt des größten deutschen Reichs zusammentraten und damit den Grundstein zu einer künftigen Hauptstadt des künftigen deutschen Staates wie zur künftigen Gesamtvertretnng der künftigen Nation legten — (denn sehr im Beginnen und im Werden ist ja das alles noch,, das fühlt man nirgends so deutlich als bei dieser ersten Begegnung); - - und trotz allem Schimpfen nnd Poltern sprang es jedem in die Angen, daß hier das zerrissene Band zwischen Einst und Jetzt, zwischen Frankfurt und Berlin, zwischen 1848 und 1868 wieder angeknüpft sei. In solche Stimmung siel nun die Eröffnung des Parlaments mit ihrem ganzen äußeren Pomp. Hatte man sich vorher die Köpfe mit großen Ideen etwas erwärmt, uud war auch die Feierlichkeit und die Großartigkeit des gesamten Schauspiels dazu angethan, eiuer gehobenen Stimmung zu entsprechen, so war doch auch dafür gesorgt, daß unser Einer nicht schon die Ankunft des tausendjährigen Reichs uud die Erfüllung seiner frömmsten Wünsche hereinbrechen sah. Denn der hvsische Glitz nnd Glanz, der ans allen Ecken nnd Enden — 87 — hervorstrotzte und sich ganz selbstverständlich breit machte, wird wohl auch den zahmsten Bolksfreuud daran gemahnt haben, daß in diesem weißen Schtoßsaale so recht eigentlich die deutsche Nation noch nicht bei sich zu Hause sei. Die Kammerherren mit den goldbeladenen Röcken und dem silbernen Schlüssel am blauen Bande just an der Stelle, wo bei uns die Stabsärzte der Ranzengarde zur Faschingszeit ein gewisses Instrument zu tragen Pflegen, sahen mit ihren glatten, gewichsten und gestrichenen Kvpseu garnicht so aus, als ob sie ebeu das Bedürfnis fühlten, die Psvrten einer großen demokratischen Zukuuft aufzuthnn. Aber man konnte sich zum Troste auch sagen, daß, wenn es von diesen höflichen Herren abgehangen, überhaupt niemals ein deutsches Parlament nach Berlin wäre berufen worden; nnd so wenig sie die Wege der jüngsten Vergangenheit abzusperren ver- mvchteu, so wenig werden sie es mit den Wegen der Zukunft vermögen. Übrigens denken sich Leute, welche am Sitze eines fürstlichen Hofes aufgewachsen sind, bei der Gewährung des höfischen Schnick-Schnacks viel weniger als unser einer, der, nicht au den Anblick des Zeremoniels gewöhnt, in seiner verstandesmäßigcn und gleichheitliebeudeu Empfindung von all dem Apparat verletzt wird, der ihn, wie so manches andere im Leben, an den zwischen den Anforderungen der geläuterten Vernunft und den überkommenen, tief eiugewurzelteu Formen aller Art von Götzendieners obwaltenden Unterschied erinnert. Die Tronrede selbst fanden die einen farblos, die andern fein uud wvhlberechnet, noch andere endlich stark und bedeutsam. Jedenfalls hat sich einmal das Königtum noch vor der Majorität des Zoll- Parlaments ausgezeichnet, deuu es hat doch gewagt, vom „nationalen Gedanken" und von der künftigen Aufgabe, von Krieg und Frieden, von Deutschland und Osterreich zu sprechen, lauter Dinge, aus welche die Erwählten des — 88 — Volks in ihrer Mehrheit kein anderes Wort anzuwenden fanden, als etwa dieses: „Ich aber legte die Hand auf den Mund und schwieg."*) Am Tag nach der Eröffnung war dann das große königliche Baukett. Es war das erstemal in meinem Leben, daß mich ein König zu Tisch geladen hatte, und es kam mir recht spanisch vor. Ich frug mich, ob ich meinen guten Grundsätzen nichts vergäbe, wenn ich mich so vertraulich mit allerhöchsten Personen einließe, aber ich antwortete mir nach einiger Ueberlegung, daß der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts zunächst vorurteilsfrei sein müsse und auch bei gekrönten Häuptern davon keine Ausnahmen machen dürfe. Auch hatten mir meine Freunde, Löwe und Dnncker, welche bekanntlich zur preußischen Fortschrittspartei gehören und mit der Gegenwart unzufriedener sind, als unser Einer, versichert, daß sie uubedeuklich zu Tische kommen würden. Da dachte ich, wenn das grüne Holz hingeht, darf das dürre doch gewiß hingehen. Und so zog ich mir eine weiße Halsbinde an und ging oder vielmehr ich fnhr, denn obgleich ich nur zwei Schritt vom Schloß wohnte, so mußte ich mir doch, da es mit Eimern vom Himmel herabgoß, im letzten Augenblicke schnell eine Droschke nehme». Aber das half mir wenig. Sobald nur mein Kutscher sich iu der Nähe des Schlosses befand, ward er von zn Pferde Wacht haltenden Äonstableru von rechts und links hin und her kommandiert, herüber und hinüber besohlen, gescholten und kujoniert, daß ich mit dem armen Kerl das innigste Mitleid empfand. Während die Herren in den blauen *) Diese Anspielung bezieht sich auf den im folgenden Briefe besprochenen Beschluß des Zoll-Parlaments, der eine Antmortsadrcsse auf die königliche Botschaft ablehnte. 89 — Uniformen nnd den Pickelhauben nämlich sv gvttessämmer- lich mit meinem Fünfsilbergrvschensuhrwerk umgingen, machten sie den großen Karassen Miss emsigste breite Bahn, nnd als wir nnn gar an den Schloßhos kamen, da harrte meiner erst die wahre Beschämnng. Da hies; es: Fiakers kommen in diesen Hof nicht hinein! halte der Herr hübsch still nnd steige ans! Und so mußte ich armer Schwarten hals mein tätschle,» verlassen nnd nnter strömendem Regen qner durch den großen Schloßhof ohne Regenschirm (weil ich das Instrument nie besaß und ein noch thörichteres Porurteil gegen es besitze als gegen das Königtum) hinüber, die- weilen die stolzen Eanipagen mir hohnlachend an der Nase vorbei bis znm Eingangszelt sichre». Es geschieht dir schou ganz recht, sagte ich mir, daß du au dein Plebejer- tum hier gemahnt wirst, es geschieht aber anch dem König recht, wenn ich mit nassen Kleidern zu seinem Feste komme, warum schafft er diesen Unterschied nicht ab? Seitdem das allgemeine Stimmrecht eingeführt ist, sollte zwischen einem Droschkengaul und einem englisch'en Vollblut nicht mehr gesetzlicher Unterschied bestehen, , als zwischen einem Standesherrn nnd einem Sackträger. Tarin ist es doch in Paris, wo allerdings manch andres um sv schlechter ist, besser, denn iu die Tuilerieu fährt der lumpige Fiater ebenso srech hinein als die stolzeste Karosse. Freilich ist anch mal einer in einem Fiaker aus den Tuilerien Hinansgefahren und zwar der König Ludwig Philipp im Jahre 1848, das haben mvhl die Schildwacheu nvch in heilsamem Angedenken. Ich will Ihnen nnn das Fest nicht weiter beschreiben, denn das liefert jede illustrierte Zeitung. Man hatte mich — ohne Zweifel znr Beförderung der Versöhnlichkeit nnter allen Parteien — zwischen einen der eifrigsten Reaktionäre, den ehemaligen Iustizminister Grafen zur Lippe, »ud einen der verbissensten Schwaben aus Schwaben- 90 land gesetzt (es giebt nämlich anch Schwaben aus andern Landern hier, namentlich aus Pommern und Sachsen). Wir vertrugen uus ganz gut mit einander nnd verdarben uns den Appetit gegenseitig nicht im allergeringsten. Das Essen war kurz nnd gut, anch durste es nicht zu auserlesen sein, damit eS nicht aussehe, als wollte man die Herzen der Abgeordneten von innen aus durch den Magen beeinflussen. So schön wie das Fest, welches mir an demselben Abend die hier wohnenden Mainzer gaben, konnte es natürlich nicht sein, wenigstens konnte es mir nicht so schön vvrkommen. Das merkwürdige an letzterer Sache war, daß ungefähr dreißig Mainzer Kinder beisammen waren, lauter enragierte Norddeutsche, welche ein kurzer Aufenthalt in Berlin dazu gemacht hatte; das bestätigte mir, was ich immer bei den Wahlen gesagt hatte: ich riete der großhcrzoglichen Regierung, sie sollte lieber mich als einen ihrer Anhänger nach Berlin wählen lassen, denn ein gut hessisch Gesinnter würde vvu Berlin stark abgefärbt zurückkommeu, während doch an mir nichts mehr zu verderben sei. Den Bericht, welchen die „Mainzer Zeitung" über das Fest unserer Landsleute gegeben, bitte ich Sie nicht zu wörtlich zu nehmen. Es war von seiten des Berichterstatters mehr guter Wille als Geschick dabei; daß ich z. B. so dumm sei, vou mir als einem „Staatsmann" zu sprechen, wie der Berichterstatter sagt, das wird hoffentlich niemand geglaubt haben. Er verwechselte wahrscheinlich iu meinen Betrachtungen den Staatswein, den man uns kredenzte, mit dem Staatsmann. Es war spät in der Nacht, als wir heim gingen und ein schwerer Tag gewesen. Erst beim König im Schloß zu Mittag und gleich darauf bei dem Mainzer Gastwirt Kleinfelder in der kleinen Manerstrasze zu Nacht gegessen, — 91 — sv manches GlaS ausgenommen nnd so manche Rede ausgegeben zn haben, das zwang einem endlich ein Ende zu machen und das mird Ihnen auch für diesmal genehm sein. Nächstens mehr von Ihrem ergebeneu Ludwig Lamberger. II. Berlin. 22. Mai 1868. Geehrte Herren! Das war nun das Räuschlein der ersten Tage gewesen, welches ich Ihnen zuletzt beschrieben habe. Das Katzenjämmerlein der daranffvtgenden konnte naturgemäß nicht ausbleiben. Die Gelegenheit dazn lieferte die Frage: ab und welche Adresse das Parlament an den König ergehen lassen sollte als Antwort ans die Tronrede? Eine svlche Antwort, und zwar eine recht lebhafte, mußte namentlich denen höchst notwendig erscheinen, welche in dem Zoll- Parlament etwas mehr erblickten als eine Anstalt zu Heraus- nnd Herabsetzung einiger Steuern und Zölle. Zu diesen gehöre ich bekanntlich anch. Denn obwohl ich kanm dem Pvrwurs ausgesetzt zu sein glaube, daß ich die Dinge in allzu rosigem Lichte sehe, so wird mir doch niemand jemals aus dem Kopf bringen, daß irgend ein vernünftiger Er- kläruugsgruud für diese so breit und hoch augelegte Volksvertretung zu finden wäre, wenn ihr nicht der Gedanke zu Grunde läge, daß sie immer mehr über deu Zoll hinaus uud ins Politische hinein wachsen sollte. Nur die können das leugnen, welche überhaupt nicht sehen wollen, daß das deutsche Schicksal wieder in eine vorwärtsschreitende Ve- 93 wegnng eingetreteil ist. Deren giebt es allerdings mehrere Sorten, die sich darin begegnen, daß sie alle meinen, die deutschen Znstande müßten wieder hinter ihre jüngste geschichtliche Entwickelung zurückgeschraubt werde», wobei deuu die einen sich denken, daß es überhaupt iu der Welt am bestcu immer rückwärts gehe, uud die andern, daß man erst rückwärts gehe» müsse, um dauu desto besser vorwärts springen z» können lreeulsr xour nrienx sautsr). Dieser Znsammenhang veranschaulicht Ihnen denn auch am deutlichste«, warum die schlimmsten Reaktionäre und die unbändigsten Revolutionäre so hübsch mit einander sich vertragein weil sie nämlich beide darüber einig sind, zunächst einmal deu Krebsgang fördern zn müssen. Und ans gleichem Grund vertragen sich auf der andern Seite alle die, welche mit mehr oder weniger Gednld dem Naturgesetz des Fortschritts ergeben sind, ebenfalls bis zu einem gewissen Grade, weil sie eben ans dem Boden, der unter ihren Füßeu ist, weiter gehen uud weder iu die Hölle noch in den Himmel ihre Blicke richten wollen. Diese Hanptspaltuug in zweierlei Verhalten zur neuesten deutschen Geschichte Hütte aber doch nicht genügt, um die Adresse so zu begrabe», wie ihr geschehen ist. Denn im Grunde — nud wir haben dies bei einem Anlaß erlebt, von dem später »och die Rede sein wird und der Sie ganz speziell angeht — denn im Grnnde besteht die Mehrheit des Zoli-Pnrlameuts doch nicht geradezu aus absoluten Nichtswolleru. Aber rechts und links von denen, welche das Mögliche rasch wollen, sitzen so allerhand Köpfe, welche entweder fürchten, man sei nicht vertrauensvoll uud unterwürfig genug gegen die regierenden Mächte, oder aber umgekehrt, mau vertraue nnd huldige diesen zu viel, dergestalt, daß es schwer wird eine Majorität iu geschlvsseuer Reihe vorwärts zu schiebe», und daß dies »ame»tlich sehr schwer ward gleich i» den ersten Tagen, da man sich noch so wenig gegenseitig einander verstand und aufeinander eingeschult hatte. Ich beharre dabei zn denken: die Mehrheit der Zoll-Parlaments-Mit- glieder wollte wenigstens annähernd so etwas wie eine Adresse (man müßte ja sonst annehmen, der König von Preußen sei am Ende noch fortschrittlicher als die Mehrheit der Deutschen, da er doch die Kourage gehabt hat, eine Adresse an sie zn richten); aber als zn der Adresse „Vorwärts marsch!" geblasen wurde, da saud sich die Majorität noch so schlecht aus einander exerziert, daß die einen im Trab vvranliefe», während die andern sich besinnend stillstanden, so daß damit auch die Hanvttrnppe in der Mitte in Unordnung geriet und der gemeinsame Feind Zeit und Platz fand, alles in einen dummen Tumult aufzulösen. Wie ich später mit unserer Weinsrage kam, hatte man sich schon etwas besser ans einander eingeübt, und die Nichtwoller suchten uns vergebens von vorn und von hinten ans einander zn locken. Jenes erstemal war aber der Versuch ins Wasser gefallen, vor Deutschland und der Welt aktenmäßig festzustellen, daß das Zoll-Parlament sich als eine politische und dereinst zn größeren Dingen berufene Vertretung des deutschen Volkes betrachte. Viele von uus waren sehr niedergeschlagen darob, und leugnen ließ sich ja nicht: alle schadensrohen Widersacher innerhalb nnd außerhalb unserer Grenzen mußten sich dadurch ermutigt sehen. Mag man immer sagen: „Worte sind doch nur Worte!" Worte sind aber anch ausgesprochene Gedanken, nnd ohne zu denken, kann man nicht wollen, und ohne zu wollen, kann mau nicht handeln. Nur die, welche der Gedankenlosigkeit der Nationen huldigen, bemühen sich den sogenannten Parlamentarismus iu Verrus zn bringen. Aber war es auch schlimm, daß gewissermaßen die Versammlung beim Eintritt in ihr Beratungshaus sich das — 95 — Recht auf ein höheres Leben selbstschweigend abgesagt hatte, sv giebt es doch noch etwas schlimmeres! das ist Entmutigung. Selbst ein armer, einzelner, schwacher Mensch kann nichts thörichteres thun, als sich vou einem widerwärtigen Erlebnis niederschlagen lassen, lind nun gar erst eine Gesamtheit, welche die Aufgabe hat, eine unsterbliche Nation zu vertrete»! Darum rief ich auch immerfort dem und jenein meiner Freunde zu, welcher mit verdrossener Miene nach dem Fall der Adresse herumging-, sursuin coräa! Immer nnr von neuem den guten Humor und das Pertrauen in seine Sache herausgeholt! Und bei jeder unangenehmen Erfahrung sofort als ersten Gedanken zu setzen sich angewöhnt: „Wie lerne ich was daraus"? Auch mir hatte die Adreßver- hnndluug dazu gedient, eine kleine Lehre zu empfangen und zu beuutzeu und zwar folgcndergestalt. Es ist gut, daß ich Ihnen diese Geschichte erzähle, Sie werden auch was daraus lernen. Wie es so hieß, wir wollen eine Adresse machen, setzte ich mich hin nnd dachte auch meinen Senf dazu zu geben. Man war unseren Wahlbewegnngen in Mainz nämlich von hier aus mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt; man hatte mit dem lebhaftesten Interesse den Kampf beobachtet, welcheu unsere freisinnigen Wähler gegen die bekannte dreifache Allianz mit so heroischer Kraftanstrengung durchsochten, und Politiker aller Schattierungeu, der gemäßigtsten wie der heißesten Fvrt- schrittszone, haben mich unzählige Male versichert: über keiueu Wahlsieg fei eine so helle und volle Freude ausgebrochen, als über den unsrigcn. Das hatte nun zur Wirkung, daß man Ihren Abgeordneten mit der Zärtlichkeit empfing, welche Eltern solchen Kindern widmen, die sie trotz einer schwächlichen Körperbeschaffenheit groß gezogen haben. Und weil man mir sv liebenswürdig und wohlwollend entgegen- — W — kam war denn auch mein Eifer angestachelt. So geschah's, das; ich auch meinen Senf zum Adreszentwurf geben zn müssen vermeinte. Wie ich den aber im Schoße der Partei-Genossenschaft vorlas, den man gemeinhin die „Fraktion" nennt, merkte ich an allerhand langen Gesichtern, das; ich mit etwas nnwissentlich mnszte angestoßen haben, und das; ich nicht den Gedanken der großen Mehrheit getroffen hatte. Raten werden Sie's aber schwerlich, nach melcher Züchtung hin ich nber's Ziel Hinansgeschossen hatte, um so weniger, als der mißfällige Gedanke mir ans Ihrer aller Herzen mit aus den Weg gegeben worden war. Ich hatte mich nämlich mit erheblicher Breite und Wärme dahin ausgesprochen, das; zwar unter den obwaltenden Umständen ein schlagsertiger und Sicherheit verbürgender Heeresstand für Deutschland unentbehrlich, daß es aber doch die Aufgabe unserer Nation mie aller Nationen fei, dahin zu streben, das; im Einverständnis mit den anderen Großstaaten der Gedanke einer Entwaffnung nicht als eine leere Träumerei vvu der Hand gewiesen bleibe. Dies war es hauptsächlich, was beinahe allen meinen Gesinnungsgenossen in meinem Projekt anssiel. Sie müsse» daraus nicht schließen, daß etwa unter den Liberalen in Berlin mehr Äriegslnst herrsche als bei nns, oder daß dieselben vor der Staatsgewalt einen friedliebenden Gedanken auszusprechen sich scheuen. Der Unterschied zwischen der Ideensvlge des Nordens und der uusrigeu beruht nur darin, daß man hier dem gegenwärtigen Frieden viel weniger traut als auderwärts. Man betrachtet unsere Nachbar» »nt sehr mißtrauischen Augen, »nd vhue der Masse des französischem BvlkeS Unrecht thuu zu wolle», glailbt mau es iu den Händen ei»er Negieriing, vor deren Äriegsgelüsten man sich weniger sichern könne, indem ma» sich »nt ihr i» poetische Friede»Sst»die» einlasse, als indem man ihr eine — 97 — grimmige Widerstandsfähigkeit und Widerstandsentschlossenheit zeige. Da man nun in höher hinaufsteigenden Regionen auch viele Personen findet, welche diese Überzeugung teilen, so fürchteten unsere Freunde für unpolitische, Zeit und Umstände mißkenneude Menschen gehalten zu werden und damit sich weiteren Einfluß auf die herrschenden Anschauungen zu nehmen, wenn fie mit meiner Friedensphantasie an den Tag kämen, welche denn auch sofort ohne Sang und Klang begraben wurde. Es giebt sogar viele Lente hier, die deuten, ein Krieg mit Frankreich sei am Ende ein so großes Unglück nicht, weil es das sicherste Mittel sei, die deutsche Einheit herzustellen. Aber die Freunde dieses höchst zweiselhasteu uud allzu heroischen Mittels sind wenigstens unter den freisinnigen Parteien sehr düuu gesät und an dem Grafen Bismarck haben solche Einheitsmacher um den Weltfriedenspreis mich einen ganz entschiedenen Gegner. Man weiß es hier ganz bestimmt — und es ist das eine höchst wissenswerte Thatsache — daß der preußische Premier-Minister gegen einen Krieg mit Frankreich eine ganz grundsätzliche Abneigung hat, weil er ihn für eine nicht genng zn beklagende Kulturstörnug hält, weil er die Ansicht hat, daß ein noch so glänzender Sieg doch nnr mit den größten Opfern erkanst werden könnte, und daß eine noch so harte Niederlage das französische Volk nur dahin führen würde, eifersüchtiger als vorher auf Deutschland zu werden nnd nach einein ersten verlorenen Feldzng alsbald einen zweiten zn versuchen. Es giebt viele Lente hier, die behaupten, Bismarck habe zwei große Fehler begangen, einmal als er in Nikolsburg lieber die Main- liuie angenommen, als sich in einen >.lrieg mit Frankreich verwickelt habe, zum andern als er bei der Luxemburger Frage nicht losbrach, weil damals Prenßen in Rüstungen uud Armee-Organisation Frankreich so weit voraus gewesen — 98 — wäre. Allein ich denke, diese zwei Fehler — wenn es solche wären — gereichen ihm jedenfalls zu größerer Ehre als die geschicktesten Kunstgriffe, und ich glaube auch nicht, daß es salsch ist, wenn Herr v. Bismarck dem Grundsatz huldigt: ein Krieg zwischen den beiden Völkern sei die größte aller uns drohenden Kalamitäten nnd so lange nicht mathematisch bewiesen sei, daß dieser Krieg ans alle Fülle kommen müsse, so lange sei die erste aller Pflichten, ihn zu vermeiden und der Zeit den Spielraum zu lassen, Europa von den Zuständen zu befreien, welche dermalen eine solche Gefahr im Schoße bergen. Ich bin damit scheinbar weit von dem Adreßprojekt abgekommen, aber da die große Politik eigentlich als Hauptsache zwischen den Zeilen dieses Aktenstücks einherlief, so bin ich eigentlich „bei der Sache." (Sie werden wohl schon aus den Parlamentsberichten gemerkt haben, daß ich mir einige badischc und bayrische Ultramontanc persönlich attachiert habe, welche mich von Zeit zu Zeit zu Exkursionen in die deutsche Politik ermuntern, indem sie mir znrufen: „zur Sache!" um mir zu zeigeu, daß ich auf die rechte Fährte gekommen bin.) Es wird Ihnen nicht uninteressant gewesen sein, zn hören, daß, trotzdem man hier Friedensdemonstrationen nicht mit zu viel Nachdruck behandelt sehen will, trotzdem man auch stellenweise aus oratorischem Bedürfnis einmal die Hand ans den Degengriff legt, doch der erste Mann in der deutschen Politik über die Gefahr eines Zerwürfnisfes zwischen Deutschland uud Frankreich der humansten Anschauung mit Bewußtsein ergeben ist. Das definitive Adreßprojekt, welches schließlich von der nationalliberalen Fraktion angenommen wurde, vermied alle irgendwie starken Töne uud ging in seiner Fassung just nnr um so viel weiter in der Erwähnung der nationalen Ziele, wie ein Bolkshans weiter gehen mnß als eine — 99 — königliche Regierung. Nichtsdestoweniger erreichte auch dies Projekt bekanntlich nicht den Hafen. Rücksichten auf die auswärtige Politik waren dabei nicht oder nur ganz untergeordneter Weise im Spiele, dagegen eine Menge von Rücksichten, welche teils die Abgeordneten aus dem Norden denen aus dem Süden, teils die Abgeordneten aus dem Süden ihren Wählern schuldig zu sein glaubten. Diese verwickelten und vielfach unerfreulichen Rechnungsträgereien werde ich Ihnen das nüchstemal zu erklären suchen. Bis dahin Ihr sehr ergebener tudwig Bambergcr. III. Aachen, 1. Juni 1868. Geehrte Herren! Seitdem ich Ihnen das letztemal am 22. Mai geschrieben habe, ist die öffentliche Stimmung unserer Nation durch starke und güustige Eindrücke angeregt worden. Die Schluszakkorde, unter deren Begleitung das Zoll-Parlament für diesmal vom Schauplatz feiner Thätigkeit abtrat, erfüllte ein feierlicher und mächtiger Ton, welcher in der Nähe wie in die Ferne hinaus die Geister zur Andacht zwaug. Ohne viel Knust, ja mau kann wohl sagen, gehorchend einem natürlichen Impuls, reichten einander zu guterletzt alle die mannigfachen und zahlreichen Teilnehmer die Hände, um die gemeinsamen Erlebnisse, Irrungen wie Bestrebungen, in ein überschaubares, versöhnendes, finnig und bescheidentlich triumphierendes Schlußbild zu entrollen. Die letzten Tage der vierten nnd die ersten der sünsten Woche unseres Zusammenseins hatten wirklich etwas vom fünften Akt einer dramatischen Komposition au sich. Es gereicht ja dem Leben nicht zur llnehre, wenn es einmal von selbst sich zu einem Kunstgefüge gestaltet, so wenig als einer Gegend, wenn sie gleichwie vom Pinsel eines geschickten Malers erfunden vor unser Auge tritt. Also — 101 — dürfen wir getrost uns dessen freuen, daß, ehe der Vorhang zwischen den thätigen und deu zuschauenden Teilnehmern dieser großen Staatsnktion niederfiel, die Rätsel, die Stürme, die Peinlichkeiten alle, so man gemeinsam durchlebt, wie läuternde Prüfungen im Hintergründe sicht- bckr wurden, während auf dem vordersten Plan sämtliche Mitwirkende, hoch uud niedrig, von rechts und links, harmonisch gruppiert im wohlgeordneten Halbkreis sich zusammenschlössen, beschienen vom Lichte einer hoffnungsreichen Zukunft. Dadurch kam es, daß man anseinanderging mit dem Gefühl, Gutes und Böses, wie immer es sich durchkreuzt habe, sei schließlich doch dem frommen Zweck des großen dauernden Ganzen dienlich gewesen; und solch ein Ende oder Abschnitt ist immer das Höchste und Beste, was Leben oder Kunst zu geben haben. Solch ein Gang der Dinge hat vor allein das Erbanende, daß er zeigt: es liegt dem Streben, nm daß es sich handelt, ein gesundes, gerechtes, starkes Wollen zu Grunde, welches anch die widerstrebenden Zwischensälle iu seine Sphäre hineinzwingt, ja die schädlichen selbst nötigt, sich in nützliche zu verwandeln. Dergleichen ist die wahre Bürgschaft künftigen Gelingens. — Das sind so etwa die Gedanken, mit denen wir, und zweifelsohne auch Sie, m. H.!, in diesen Tagen auf die Schwierigkeiten des Aufangs zurückschauteu. Um so besser für den, welcher, wie Ihr ergebener Diener, niemals den Mnt hatte sinken lassen. Zwar weiß ich, daß auf alle diese Betrachtungen eine Antwort bereit ist, welche mit einem bloßen verächtlichen Achselzucken das ganze Gebäude unserer letzten Eindrücke in Staub aufzulösen sich anheischig macht. Was ist denn geschehen? — wird man uns sagen — Festlichkeiten? Worte? Toaste? Thronreden? Händedrücke? — Ist das nicht das bekannte Bühnenmaterial aus der alten Rumpel- — 102 — kammer deutscher Schattenspielerei? — Ganz wohl, Ihr Herren. Aber zweierlei bitten wir geneigtest zu bedenken. Zunächst, wenn denn alles so eitel ist, was blos als Wort und Wunsch von Mund zu Munde geht, warum denn, werte Herren und Gegner, habt Ihr so mächtig triumphiert, und mit Euch im unzertrennlichen Bunde alle ausländischen Neider, damals als unser bescheidenes Adreß- projekt zu Boden fiel? Wenn Ihr Euch wohl bewußt wart, warum es galt, so lustig zu applaudieren, damals als uns versagt wurde, unseren Herzensgedanken einen solennen Ausdruck zu geben, so gestattet uns auch jetzt die Freude, daß es nns dennoch schließlich gelang, der Stimme des Gewissens ihre Bahn zu brechen. Wenn Ihr damals wußtet, warnm es Euch so sehr darauf ankam, uns den Mnnd schließen zu lasfeu mit dem vornehmen EinWurf: Ein garstig Lied, Pfui, ein politisch Lied! so möget Ihr auch jetztmals verstehen, warum wir uns des Jubels freuen, der aus Millionen Kehlen dennoch in dies politische Lied mit uns ansbricht. Euch und Euren Freunden (?v8 arois Iss ölliisini8) klingt der Ton freilich sehr fatal, und ganz recht habt Ihr damit. Dies bringt mich auf meine zweite Betrachtung. Bisher waren die deutschen Demonstrationen Seelen ohne Leiber (auch das Wiener Bundesschießen wird trotz oder wegen allem Spektakel solch eine leiblose Seele sein, weshalb denn auch alles bunte Jrrgelichter des heiligen römischen Schattenreiches dahin aufzubrechen begriffen ist). Umgekehrt war das Zoll-Parlament, wenn es gelang, ihm das politische Lebenslicht auszublasen, ein Körper ohne S?cle. Aus diesem Grunde hatte das demonstrative Element in unserem gegenwärtigen Fall einen ganz besonderen Berns. Es handelte sich ja nicht darum, erst etwas in die Sache hinein zu deuten, sondern umgekehrt, aus ihr — 103 — heraus zu lassen, was ihre Schöpfer ihr eingegeben hatten. Gerade weil es die Absicht des Zoll-Parlaments nicht ist, auf immer eiu bloßes Parlament sür Zölle zu bleiben, darum eben wirkt diese Absicht, wo sie zu Tage kommt, so verstimmend auf alle unsere Gegner. Darum singen uns Ehren-Sepp und Ehren-Varnbühler stets so rührend das Liedlein ihrer Treue vor, ihrer goldenen Treue zu den eingegangenen Verträgen, welche den Sinn hat, sich möglichst hölzern an den starreu Buchstaben zu halten und den tieseren Geist der Sache zu verleugucu. Diese Treue sieht einem Verrat so ähnlich wie ein Kukuksei dem andern. Die erste und wesentlichste Bedeutung des Zoll-Parlaments ist sinnbildlicher Natur. Es ist ein Symbol und Werkzeug, ja man könnte sagen: ein Sakrament unserer Zukuust, deun so heißt ja in der Kirche ein sichtbares Unterpfand nnsichtbareu Heils. Weil aber in dem Walten dieser neuen und sonderbaren Institution das Symbolische einen so bedeutenden Platz einnimmt, eben darum sind deren Verkleinerer so versessen darauf, sie zu eurer möglichst nüchternen, langweiligen — aber nützlichen, sagen sie, — Zähl- und Rechenmaschine zu machen; darnm sind diese Leute so ungehalten, wenn das treulose Ding sich mit Allotriis abgiebt. Noch klingt es mir lebhaft in den Ohren, wie dazumal, als ich die erste Lust verriet, mich um Ihre Stimmen zu bewerben, maucher herzlich gute, aber politisch höchst zweideutige Freund mir zurief: „In ein Zoll-Parlament sich wählen lassen? psni um das armselige Wesen: ja wenn es ein wirkliches Parlament wäre, ä ls, donus usurs! drum warte doch, bis eiu solches au die Reihe kommt." — Worauf dann ich, dem wohlmeinenden Frennd stark die Hand drückend: „Dank, bester Brnder Demokrat, sür Euren liebevollen Rat, bin mir aber leider uicht zu gut, für dies schlechte Zoll-Parlament, weil ich eben denke: — 104 — kann die deutsche Nation es sich einstweilen auf Abschlag gefallen lassen, so mag meine Herrlichkeit auch damit fürlieb nehmen, uud somit Gott besohlen bis auf Wiedersehen nach der ersten Periode." — Und richtig, wie ich heimwärts kam, fand ich manche dieser wohlmeinenden Nasen um ein beträchtliches länger geworden. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten, und der Schluß des Zoll-Parlaments entsprach dem Gedanken, den Sie, m. H.! und alle patriotischen Wähler in dasselbe hineingelegt hatten. Es war eine feierliche Bekräftigung der höheren Sendung, die es zu erfüllen hat, und wenn je auf eine Schöpfung, so ist auf diese das Dichterwort anwendbar: Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis. In diese und ahnliche Gedanken eiugespouueu, saß ich in der Eisenbahn und fuhr von Hamburg aus durch blühende Aueu in die Abenddämmerung hinein, nachdem ich mich von den Gefährten getrennt hatte, welche so glücklich waren, auch noch die beiden letzten Ergötzlichkeiten dieses schönen Triumphzuges, die Fahrt uach Blankenese und die Jllumiuation des Alstcrbassins mitzumachen.*) Dringende Geschäfte hatten mich genötigt, vor dem Ende dieses festerfüllten Tages den Rückweg anzutreten; uud nun lag ich rückwärts im Waggon ausgestreckt, blies den Dampf der gastfreien Zigarre vor mir her, welche Hamburg's Bürgerschaft zu allen anderen Ehren auf unsere Parlamentshänpter ausgeschüttet hatte, und komponierte mir die schönen Toaste, welche ich ausbringen würde, wenn ich zur Stunde mit den anderen Kollegen ans einem der *) Die Mitglieder des Zoll-Parlaments machten am Schlüsse der Session von 1868 einen gemeinsamen Ausflug nach dem Kieler Hafen und nach Hamburg. — 105 — großen Westindienfahrer zn Tische säße. In solchen Momenten, da einem keine Zuhörerschaft zerstreut, kann man ja derlei Dinge stets am besten. Und nichts ist dem seligen Simulieren so hold, wie eine einsame Eisenbahnfahrt, geleitet vom Scheidegrnß der sinkenden Sonne und dein Abschiedsnicken der jung ausgeschlossenen Aehren am Wege; zumal wenn man eben dem Tumult einer laut bewegten Menge entrückt ist. Da kann es leicht auch dem Nüchternen passieren, daß er die Tiuge etwas zu abeudrötlich vergoldet anschnnt und das unermeßliche Feld schwerer Zu- knuftsprobleme aus dem Auge verliert. Aber so gute Momente dauern heilsamer Weise auch uicht länger als eine Dämmerstunde. Dann sorgt die rauhe Wirklichkeit schon wieder für die Herstellung des europäischen Gleichgewichts in der Empfindung eines hesfendarmstädtischen Unterthanen. Wie ich an den Ort meiner Bestimmung im Westphälischen ankam, fiel ich in eine Schaar von Philistern hinein, die mit ihrer Begeisterung die meiuige sosort auslöschten. Nichts bringt den Enthusiasmus so urplötzlich zum Stehen, wie weuu eiu paar wollene und baumwollene Strnmps- weberseelen ihn überbieten. Auch diesmal bewährte sich an mir dies homöopathische Rezept. — „Nein!" — rief einer dieser grundkvnservativen erzloyalen Herren mir entgegen, — „Nein! dieser Graf Bismarck! ist das ein großer Manu! War das eine große Idee! diese Süddeutschen nach Kiel und Hamburg zu sühreu und ihnen zu zeigen, was Nvrddeutschlands Natur und Cultur vermag! Welch ein Geniestreich!" „Aber um Gotteswilleu, mein Verehrtester" (nnd in der Diese meines Herzeus bedachte ich ihn mit einer ganz anderen Titulatur), unterbrach ich ihn im Strom seiner Extase, „wie denken Sie sich denu so eiueu „Süddeutschen?" Meinen Sie vielleicht, die Professoren, Advokaten, Fabrikanten und Kaufleute aus Württem- — 10«; — berg und Bayern hätten bis auf den gestrigen Tag so wenig die Existenz und Beschaffenheit der Nord- nnd Ostseeküsten geahnt, daß der leibhafte Anblick dieser Gestade ihnen auf einmal die Schuppen von den Augen lösen werde? Nach Ihrem Entzücken über die Erfindung dieser Promenade zn schließen, deuten Sie sich nnter Ihren süddeutschen Brüdern so eine Art siamesischer oder beduinischer Abgesandter, wie sie Louis Napoleon zuweilen zwischen den Herrlichkeiten von Paris herumführen läßt, damit sie, überwältigt von den Wundern dieser Zivilisation, zu Boden sinken und den großen Sultan dieses mächtigen Reichs nm seinen Schutz auflehen. Allerdings hat man uns wieder einmal so viel vvn den „Stämmen" Deutschlands unterhalten, daß nichts natürlicher erscheint, als die Abgesandten seiner einzelne» Hvrden auch als Häuptlinge zu betrachten. Aber ich kann Sie versichern: selbst die Herren Bissing, Sepp und Lukas nnendlich weniger gelernt haben, als von diesen, so daß schon zur Herstellung des Gleichgewichts in unserer Urteilsfähigkeit eine besondere Beschäftigung mit ihnen angezeigt erscheint. ES ist keine Gefahr, daß darüber der Sinn für das Studium der großen nnd hohen Staatslehren möchte abhanden kommen. Denn die Beschäftigung mit diesen letzteren ist, verglichen zn dem trockenen Studium der vvlkswirtschaftlichen Einzelfächer, etwas so leichtes uud anziehendes, daß es jenen mehr schöngeistigen Gedankenrichtungen niemals an Jüngern gebrechen wird. Darum erscheint mir das Bestehen einer parlamentarischen Nationalvcrtretnng, in welcher jene schwierigen nnd genauen Sachkenntnisse den ersten Rang behaupten, die Allerwelts- Weisheit aber nur nebeuherläuft, als ein solcher Gewinn für die Ausbildung unseres politischen Berufs, daß ich darin ein gut Teil Trost gegeu die augenblickliche Dienstuntauglichkeit dieser Zollversammlung finde. Ich möchte behaupten, daß in allen Tagen der Vergangenheit nicht so viel Aufforderung nnd Gelegenheit zur Untersuchung dieser Fragen in Deutschland gegeben nnd benützt worden ist, als seit den anderthalb Jahren, seit welchen an vierhundert seiner Volksvertreter gezwungen wurden, sich mit Eisen, Baumwolle, Zucker, Salz, Tabak, Kohlen, Eisenbahnen, Glas, Papier, Bier, Branntwein, Wein, Ein-, Aus- und Durchfuhr zu befassen. Doch muß leider auf diesen harmlosen Beruf die vernunftwidrige Spaltnng der Nativn in so vielerlei Läuder nud gesetzgebende Körperschaften ihren verderblichen Einfluß ausüben. Der Wirrwarr der deutschen Staatsverfassnng mordet unerschwinglich viel Kraft und Zeit. Sie haben gelesen, daß ein Abgeordneter verlangte, man möchte in Znknnft die dem Zoll-Parlament zu unter- , — 168 — breitenden Vorlagen lange genug voraus mitteilen, daß es dieselben auch zu studieren Zeit habe. Ein anderer begehrte mit nicht geringerem Recht, daß sein heimischer Landtag nicht zugleich mit dem Zoll-Parlament Sitzung halte. Er hätte dabei — wäre man nur etwas mehr zum Lachen aufgelegt gewesen — an jenen zur Eile angetriebenen Jr- länder erinnern können, der in seinem Unmut ausries: „Ich bin doch kein Vogel, daß ich an zwei Orten zugleich sein kann!" Wie ist aber bei der bunten Musterkarte von Kammern und Parlamenten diesem Mißstand zu entgehen? Und dennoch ist der Übel größtes nicht einmal diese atemlose Übereilung, sondern das Schlimmste ist die Müdigkeit der Teilnehmer, mit welcher das Zoll-Parlament unvermeidlich schon zweimal zusammentraf. Von den dreihundert Mitgliedern des Nordens hatten, da wir am 3. Juli in Berlin ankamen, die meisten und jedenfalls die hervorragendsten seit dem November in Berlin getagt. Zuerst von November bis März im preußischen Landtag, sodann von März bis Juni im Reichstag. Und nun denken Sie sich, was es heißt, sechs bis sieben Monate lang Tag für Tag in einem Ranm mit mehreren hundert Menschen, bei schlechter Luft, angestrengter Aufmerksamkeit, vielfacher Spannung und Gemütsbewegung an schwierigen Gesetzgebungsarbeiten schaffen, Arbeiten, welche anßer dem Fleiß der Sitzungen den noch viel strengeren Fleiß der Vvr- beratungen in den Parteien und Abteilungen erheischen. Rechnen Sie dazu, daß die meisten Abgeordneten ebensolange ihrem Berns, ihrer Familie, dem regelmäßigen Leben entzogen sind, und Sie werden begreifen, wieviel Kraft nnd Gednld der Mensch noch im Vorrat besitzen kann, wenn im achten Monat von ihn: verlangt wird, er solle nun ein neues Feld iu Angriff nehmen, neue Frageu prüfen, neue Streitigkeiten durchfechten! Gerade die, welche 1ö9 von Anbeginn am meisten gearbeitet haben, sind dann am Ende ihres Kraftvvrrats angelangt, nnd damit hängt es zusammen, daß dieses Mal die Reihen der Unsrigen fühlbarer gelichtet waren, als die der anderen Parteien. So kam es, daß eine der wichtigsten Fragen unseres nationalen Haushaltes trotz der allgemeinen Überzeugung von ihrer Wichtigkeit und Dringlichkeit nur mit einem flüchtigen Worte am Schlüsse berührt werden konnte. Diese Frage und alles, was damit zusammenhängt, Ihrer Aufmerksamkeit zu empfehle», sei die Aufgabe meines nächsten und für diesmal letzten Briefes. Ludwig Lambcrzer. V, Berlin, 8. Juli. Geehrte Herren! Schon im Reichstag ist Abhilfe begehrt worden gegen den üblen Gebrauch, den hochangelanfenen Vorrat sämtlicher Petitionen in den letzten Tagen einer Sitzungsperiode packweise herbeizuschleppen uud plunderartig auf den Tisch des Hauses aufzuschütten. Das Pctitionsrecht, verständig geregelt, könnte vielmehr eine überaus kostbare Vorrichtung sein iu dem Räderwerk der öffentliche» Wohlfahrtsanstalten. Ja gradezu der Schlußstein einer guten Verfassung wäre ein hochansehnliches Beschwerdebuch der Nation, in dein Klagen uud Wünsche über die Handhabung der Gesetze mitten aus dem praktischen Leben heraus zu Worte uud zu geduldigem Gehör kämen. Aber nichts ist weiter entfernt von solch einem Ideal, als das Heuer übliche Verfahren. Natürlich entspringt auch dieses aus der tollen Vervielfältigung unserer parlamentarischen Körperschaften. Woher die Zeit nehmen und nicht stehlen? könnten unsere Vertreter aus Bemerkungen, wie die obige, antworten. Bei den namentlichen Abstimmungen des Zoll-Parlaments ergab sich diesmal ein Prüsenzstand von beiläufig 245 Anwesenden. Also fehlten 128, oder etwas mehr als der dritte 171 Teil von der Gesamtzahl und das noch in den wichtigeren Sitzungen nnd Momenten. Eine repräsentative Versammlung, in der eiu solcher Bruchteil sich der Mitarbeit entschlagt, ist schon in ihren eigenen Augen entkrüstet und entwertet. Die Lücken auf deu Bänken predigen die Vergeblichkeit des Mühens. Also vor der Zeit erkaltet und ermattet, sieht dann ein Parlament den letzten Tag seiner Beratschlagung heranbrechen. Da herrscht dann grade so viel Aufmerksamkeit nnd Arbeitsernst, als in der blasse während der letzten Lehrftnnden vor dem Beginn der Ferien. Wer nicht schon leibhaftig draußen schweift, der thut es doch im Geiste. Diesmal ausnahmsweise begann der letzte Tag mit einem großen Aulauf. Es war ja der entscheidende, an dem noch einmal die Petrolenmsteuer in die Schranken geführt werden sollte. Graf BiSinarck war endlich erschienen, und alle Herren von, ans nnd zn waren herbcigeblaseu worden zum letzten Stnrm. Und als diese Schlacht geschlagen, folgte natürlich auf die außergewöhnliche Spannung eine entsprechende Abspannung. Das nun war der Augenblick, in welchem die Reihe an die Behandlung sämtlicher Petitionen kam. Nicht blos der letzte Tag, sondern des letzten Tages letzte, matte, geduldlose Stunde. Wie kollerten da Gerechte und Ungerechte im gleichen Galopp zur Grube hinab. Kaum daß es gelang, dem Arm des Totengräbers eine Minute zu wehren, als zwischen dem Mann aus Württemberg, welcher das Parlament zu eiuer Nntional- maßregcl gegen die Maikäser aufforderte, und der Fran aus Schlesien, welche zu ihrem Privatvergnügen nach einem Hochverratsprozeß gegen die BreSlauer Zeitung begehrte, eiu Anliegen der allcrgewichtigstcn nnd dringlichsten Ratnr an die Reihe gelangte. Es handelte sich nm nichts Ge- 172 ringeres, als um die Reform des deutschen Münzwesens. Eiue Frage, sv schwierig, so brenuend, so inhaltsschwer und verhängnisvoll, daß man ebensogut ihrethalben als der Zölle wegen ein besonderes Parlament berufen könnte. „Zeit ist Geld," sagt der Amerikaner und will damit das Nachdrücklichste zu Gunsten der Zeit gesagt haben. Menschlicher noch und richtiger vielleicht wäre zu sagen „Geld ist Zeit", denn Zeit ist ja Leben. Wie viel Zeit und Kraft verschwendet nicht die deutsche Nation tagtäglich dadurch, daß ihr Geldwesen noch das treue Abbild ihrer Neichs- verwirrnng ist. Einheit der Sprache, sagt man, sei die Grundlage der Nationaleinheit. Das Geld ist die Sprache des Verkehrs. Denken Sie sich, ein Deutscher müßte stets siebenerlei Wörterbücher bei sich führen, nm mit seinen eigenen Lands- lenten in Geschäften zu verhandeln, uud Sie werde» von starken Zweifeln befallen werden über die Zusammengehörigkeit der Neichsbewohner. Und dennoch verhält es sich so mit der Quintessenz aller Verständigungsmittel: mit dem Gelde. Kann man nicht eher noch ohne die Landessprache reisen, als ohne das Landesgeld? Ich sür meinen Teil stehe nie an einer deutschen Eisenbahnkasse ohne Ingrimm über die Geduld, mit der wir das uuerträgliche Stück- uud Flickwcrk uud die schmähliche Vergeudung der kostbaren Zeit in unserem Lammesmute ertragen. Der Mann am Schalter spricht in Thalern uud Groschen, vor mir aber müssen noch sieben Landclleute passiereu, deren jeder eine andere Geldsprache spricht und versteht. Der redet Guldeu uud Kreuzer, jener Mark und Schilling, ein dritter Goldthalcr und Groten. Nun rückt die Frau vor, welche ihre Brieftasche so voll bayrischer Scheine hat, daß sie sünszigmal ihre Reise zahlen könnte, und heult in Verzweiflung, daß der Kassierer ihr 173 — für alle diese Schätze kein Billet verabfolgen will. Das ist ein Fragen, Klagen, Schelten, Rechnen, Zählen und Erklären ohne Ende. Welche Ironie ans das Jahrhundert, das die Zeit mit Dampf und das Wort mit Elektrizität beflügelt: welche Ironie auf den Sänger, der sich rühmt, das; zu Gott hoch im Himmel, vom Rhein bis zum Belt dieselbe Sprache emporklinge, dieweil die klingende Sprache seines engsten Vaterländche»5 vergebens an dem Schalter der nächsten Bahnstation um Erhörnng fleht. Alle Nationen der gebildeten und halbgebildeten Welt haben ihr Geldwesen gereinigt: wir sind, wie in den meisten politischen Dingen, nach dem ersten Ansätze stehen geblieben, zufrieden mit halben und Viertels-Maßregeln, und das Übrige der trägen Zeit überlassend. „Und Elend läßt zn hohen Jahren kommeil," sagt Hamlet, der Vater aller deutschen Reformatoren. Frankreich, England, Holland, Belgien, die Schweiz mit ihren zweiundzwanzig Kantvnalhvheiten, Italien mit seinen eben erst zusammengerafften Landschaften, selbst Spanien und die Türkei haben eine allerwegen geltende, gemeinverständliche Nationalmünze geschaffen. Nnr wir haben bei dem Wiener Münzvertrag von 1857 Genüge gesunden an einem Abkommen, welches nichts erledigte und die bunteste Verschiedenheit bestehen ließ. Wir haben die häßlichste Scheidemünze, die zerlumptesten, schmntzigsten Papierscheine, kein anderes Taschengeld, als die schwerfälligen Silberstücke. Zu alldem ist eine große Weltsrage gekommen. Das feurige Gold hat in den letzten drei Jahren einen gewaltigen Anlauf genommen, dem blassen Silber den Rang abzulaufen. Trügen nicht die bedeutungsvollsten Zeichen, so ist das Gold bestimmt, der alleinige Liebling der Völker zn werden bis in den fernsten Osten hin, der doch seit — 174 — Jahrhunderten zäh am Silber gehangen. Geschieht dies, dann mich nicht bloß das Silber nach und nach an Wert verlieren (in deu letzten drei Jahren schon über zwei Prozent!), sondern die Länder, welche mir Silber münzen, gehen einer gefährlichen Isolierung entgegen. In diesem Falle ist Deutschland. Während England, Belgien, Italien, die Schweiz, Spanien, die Türkei, Ägypten, Amerika schon auf dem Gvldfuß leben, ist Verwendung für Silber nur noch in Holland, Skandinavien, in Zeutral-Amerika, teilweise in Frankreich und Belgien zn finden. Frankreich geht eben mit sich zu Rate. Faßt es den Entschluß auch, das Silber auszugeben, so könnte Deutschland wohl hiuter- her beschließen, ihm zu folgeu und ebenfalls sein Silber in Gold einzuwechseln: nur schade, daß zwei zu einem solchen Handel gehören. Und eben den Zweiten, Unentbehrlichen fände es nicht mehr. Ja, viele Sachverständige behaupten, es sei bereits zu gegenwärtiger Stunde zu spät; in Frankreich, (gesetzt auch, es werde sich nicht geflissentlich dagegen absperren) und in den übrigen Silberländern fünde sich kein Platz für den Abfluß unseres Vorrats, dessen Barbestand auf 550 Millionen Thaler geschätzt wird. Am richtigen Verständnis für diese Probleme hat es längst nicht gefehlt in Deutschland. Das eben ist ja unsere alte Klage. Voraus im Wissen, zurück im Thun bei allen öffentlichen Dingen. Lauge vor den Franzosen waren wir zur Handelsfreiheit bekehrt, aber in der Nähe besehen, üben wir noch heute mehr Schutzzvlluerei als sie. So auch hat die Lehre mit außerordentlichem Fleiß nnd Eiser seit geraumer Frist die Münzrcform betrieben, die Dezimal- nnd Goldwährung empfohlen. Aber die offizielle Regierungsweisheit an maßgebender Stelle blieb ungerührt. Sie wollte ihr Silber gegen Gold umtauschen, sagte sie, weun ersteres wieder auf seiueu Einkaufspreis gestiegen sein — 175 würde. Ich will warten und hinübergehen, wenn das Wasser abgeflossen, sagte der Österreicher, als er an die Donau kam. Zu all diesen Mahnungen kommt noch eine letzte. Der Gedanke eines gemeinschaftlichen Münzsystems für alle gesitteten Nationen ist gewiß ein großer und fruchtbarer. Wie jedes Wort des Friedens und der Eintracht, wäre die feierliche Verkündigung dieser gemeinsamen Völker-Verkehrsprache ein Nagel zum Sarge der Kriegsfurie, ein Bindemittel der erfreulichsten und erfolgreichsten Art zwischen allen gesitteten Völkern. Dieses dreifache Ziel ist seit einigen Jahren von der Wissenschaft und Industrie Deutschlands nahe und immer näher ins Ange gefaßt worden: zuerst und vor allem ein deutsches, nationales, geeinigtes Münzwesen; sodann Beseitigung der Gefahr, die von der ausschließlichen Silberwährung herrührt; endlich drittens thatkräftige Teilnahme an der Erstrebnng eines großen internationalen Münzsystems. Der deutsche Haudelstag, dieser so angesehene als einflußreiche Vorarbeiter unserer wirtschaftlichen Gesetzgebung, hat sich der Forderung dieser dreifachen Aufgabe mit der nachhaltigsten Aufmerksamkeit und Anstrengung gewidmet, Dank insbesondere dem unermüdlichen Eifer und Fleiß eines Mannes, dessen Verdiensten um das Studium und die Förderung dieser und vieler anderen deutschen Wirtschafts-Angelegenheiten ein Ehrenplatz in der öffentlichen Hochachtung gebührt, des Herrn Dr. Ad. Soetbeer, Konsulenten der Hamburger Handelskammer. Das Zoll- Parlament schien diesem und seineu Genossen die Körperschaft zn sein, welche so recht berufen sei, diese beträchtliche Angelegenheit endlich in Fluß zu bringen, sie ans dem Bereich der theoretischen Betrachtungen in den Bereich der thätigen Gesetzgebung hinüberzuleiten. Demgemäß ward eine Petition übergeben, begleitet von zwei höchst 176 gründlichen nnd lehrreichen Denkschriften. Im Schoße des Zoll-Parlaments selbst war die Geneigtheit groß, sich mit der Sache zu befassen. Hier, vielleicht zum ersten und einzigen Male, bot sich eiu Gegenstand dar, welcher nicht streng in die Kompetenz gehörte und welcher dennoch auch bei den süddeutschen äußersten Parteien eines guten Empfanges gewärtig sein konnte. Denn der deutsche Süden jeder Farbe ist der Münzreform, der Gold- und Dezimalwährung hold*). Also war auch hier ein Werk des Friedens und des Gedeihens zu unternehmen. Zu allen diesen guten Vorbedingungen gesellte sich noch eine dritte. Die Fraktion „Mainbrücke" hatte ihr ganzes Dasein vorerst der Unterstützung der Müuzangelegen- heiteu gewidmet. Sie haben wohl von der Fraktion „Mainbrücke" gehört? Ihren Namen verdankt sie keinem geringeren Paten, als dem populärsten Manne des Südens, dem Abgeordneten Völk. Die Sache verhielt sich so: Das vorige Mal schon und diesmal wieder machte eine Verbindung viel von sich reden, welche sich nannte: „Die süddeutsche Fraktion". Der Name schien zu bedeuten, daß alle Abgeordneten von südlich des Mains hier vereinigt wären. In Wahrheit aber hatten sich unter diesem täuschenden Namen nnr die znsammengethan, welche den zornigen Kampf um Rührung und Erhaltung der deutscheu Zwietracht und Zerrissenheit bis zum letzten Augenblick zu kämpfen sich verschworen haben, die Pfaffenpartei nämlich nnd die in deren Schlepptan fahrende Volkspartei aus Württemberg, Baden und Bayern. Diesen nun eine Verbindung der übrigen Süddeutschen gegenüberzustellen, gefiel *) In der dritten Session l18M hat die Partei der „unversöhnlichen Partikularisten" auch dieses Vertrauen in ihren Menschenverstand Lügen gestraft. Sie hielt sich für verpflichtet, auch gegen die Münzreform zu stimmen I 177 — allen denen, welche Deutschlands Heil nicht von dem eigentümlichen Lebenstrank erwarten, der aus dem nächsten römischen Konzil und der nächsten französischen Revolution soll zusammengebraut werden. Und da es auch unter dieseu Freunden der guten Sache an Schattierungen nicht fehlen konnte — jeder deutsche Politiker hätte ja eigentlich das Bedürfnis, sich wieder in drei Fraktionen seiner selbst zu spalten —, so suchte mau uach einem außerhalb aller landläufigen Losungsworte gelegenen Namen. So erfand Völk die „Mainbrücke". Ich war nicht zugegen bei der Taufe, glaube aber kaum, daß sie mit Wasser vollzogen worden. Diese Fraktion nun von beiläufig dreißig Mitgliedern widmete sich diesmal vornehmlich der Münzfrage und beschloß nach mehrfachen sehr lebhasten uud gründlichen Beratuugeu, das Programm des Handelstages zu unterstützen: deutsche Münzeinheit aus Grund des DezimalfußeS, Anbahnung der Goldwährung und womöglich Nerständigung mit den übrige» Nationen. Doch alle diese Bemühungen mußten sich mit einem über die Maßen bescheidenen Resultat genug sein lassen. Als der bewußte letzte Tag herangerückt kam, drängte sich unabweisbar die Erkenntnis auf, daß das Haus einer gründlichen uud würdigen Besprechung dieser Sache uicht mehr Staud halten würde, und ihre besten Freunde rieten, sie lieber in ganz flüchtiger Weise empfehlend zu berühren, als durch den mißlungenen Versuch einer gebührenden Erörterung sie in ihrer Stellung zur Öffentlichkeit zu schädigen. Darum begnügte sich der Referent, kurzer Hand die Annahme eines Beschlusses zu befürworten, den schon der Reichstag vordem gefaßt hatte, und der iu allgemeinen Ausdrücken die Münzreform empfahl. Nur damit über die Anschauung der Bittsteller und ihrer Freunde kein Zweifel übrig bleibe, unternahm ich es mit wenigen Worteu, — 178 — Fürsprache für die Jnbctrachtnahme der Goldwährung einzulegen. Und da dieser zwar kurz, aber mit Entschiedenheit vorgetragene Gedanke aufmerksames und beifälliges Gehör faud, so bleibt immerhin das gewonnen, daß das Zoll-Parlament die Regierungen aufgefordert hat, sich nun endlich einmal ernstlich mit einer deutschen Münzreform zu befasfen uud dabei das Dezimalsystem, die Einführung des Goldes uud deu Anschluß an die übrigen Nationen zu beherzigen. Inzwischen wird dieser Vorgang dazu gedient haben, daß die öffentliche Meinung sich noch mehr als bis dahin des Gegenstandes bemächtigte. Bereits ist die Tagespressc seitdem lebhaft für die Sache aufgetreten. Möge sie, das Feuer unterhaltend, dafür sorgen, daß beim nächsten Zusammentreten des Zoll-Parlaments die Regierungen Material uud Raum für eiue würdige Behandlung dieser hochwichtigen Frage bereit halten, als welche ja keine den Aufgaben des Zoll-ParlamentS inniger verwandt ist. Die nächste Versammlung? Der nnd jener hat bei dem jüngsten verdrießlichen Auseiuandergehen gemeint, wir würden uns übers Jahr nicht wiedersehen. Doch wären die Leute am Ruder, welche darüber zuuächst zu eutscheideu haben, verdächtig klug, wenn sie heute schon zu wissen vermeinten, ob übers Jahr es möchte wohlgethan sein, ein Parlament zu berufen oder nicht. Zwar aus dem deutschen Frühling, welchen Vötk damals verkündet, ist noch kein Sommer worden. Ein kalter Reif hat sich ans die ersten Blüten niedergeschlagen. Aber eS sind der guten, kräftigen Keime nah und fern so viele in der heutigen Welt, daß ein Nachtfrost uns nicht zu schrecken braucht. Kehre» Sie mir die Augen wieder einmal nach Westen! Der Selbstherrscher, welcher so viele ChassevotS nnd Kanonen angehäuft, Paris über uud unter der Erde mit — 179 — Heerstraßen durchzogen, nm seine Gewalt mit eiserner Faust zu halten, er muß zurückweichen vor jenem unsichtbaren Etwas: der öffentlichen Meinung! Nicht Roß, nicht Reisige! Alle künstlichen Auswege durch Spiegelfechtereien des Krieges, so lange ausgeklügelt und ausgespäht, hat ihm in einer Nacht, vom 24. ans den 25. Mai der unsichtbare Geist verlegt. Die Tragweite dieses Ereignisses zu durchdenken, wäre ein zn kühnes Unterfangen für den Schluß eines Briefes. Möglich, daß wir vvr einem weltgeschichtlichen Wendepunkt stehen. Den zähen Anhängern der Unfreiheit nötigt dies Erlebnis die Einsicht ans, daß der Strom der Zeit unaufhaltsam weiter schiebt; es wird ihnen etwas heilsame Demut eiuslößeu. Deu ungestümen Heißspvrnen der Freiheit widerlegt es die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft der Barrikade. Seit vielen Iahren ist nichts merkwürdigeres in der Welt geboten worden, als das Schauspiel des wider Willen in freiere Bahnen gedrängten französischen Kaisertums. Frankreich war bis jetzt dasjenige Land, in dem der Glaube an die Möglichkeit eines Fortschritts ohne revolutionären Theatercoup die wenigste» Anhänger zählte. Und dennoch, wie ist im Laufe der Jahre das kleine Häuflein der Fünf gewachsen, welche den Kampf gegen die Reaktion auf dem Boden der nnwiderrnflichen Thatsachen acceptierten. Wie lange waren sie vereinsamt und verspottet! Jetzt sind sie eine Armee und helfen die Geschichte Europas machen. Im weiteren Verlauf dieser aufsteigenden Bewegung wird auch Frankreich sich wieder in seiner sittlichen Würde fühlen lernen, einen guten Teil seiner Stellung im Fort- ') Die Nacht nach dem Abschluß der Wahlen zum gesetzgebenden Körper. Seitdem obiges geschrieben wnrde, ist ein Jahr vergangen, welches die hier ausgesprochene Erwartung mehr als gerechtfertigt hat. 12* — 180 — schritt der Welt wieder erobern, und, dies wahrnehmend, die ungesnnde Eifersucht und Verzweiflung los werden, welche deu europäischen Brandstiftungsversuchen so leichtes Spiel versprachen. Wie nützlich das alles mit seinen weiteren Folgen für uns sein muß, brauche ich nicht nachzuweisen. Es möge zunächst eine Gegenströmung bilden gegen den frostigen Winter, der aus dem Nord-Osten des deutschen Reichs weht. Sodann möge es die im Schlafe stören, welche die kaum halbgethane Arbeit von 1866 mit unendlicher Selbstgenügsamkeit betrachten. Endlich aber, und das ist hauptsächlich zu wünschen, mögen wir wieder einmal lernen, daß die unbesiegbare Lebenskraft der öffentlichen Meinung nur da gedeiht, wo das Bewußtsein eines großen Volkes in einem wahren, ungeteilten Staat und in einer Volksvertretung sich zusammenschließt. So lange wir unser Flick- und Stückwerk behalten, sind wir verdammt, stümpernde Unterthanen zu bleiben. Im vielgescholtenen Frankreich bricht die öffentliche Meinung den Widerstand eines mächtigen Kaisers, in deutschen Landen ist sie zu ohnmächtig, auch nur einen Minister zu stürzen, der lächelnd sie mit Füßen tritt. Ihr ergebenster Ludwig Lamberger. 1870. i. Berlin, den 22. Mai 1870. Geehrte Herren! Sie kennen die Geschichte von dem sparsamen Reichen, zu dem der Freund sagte: Wie mögen Sie nur sich den geringsten Aufwand versagen, während Ihr Herr Sohn in Saus und Brans lebt? — Mein Sohn, erwiderte der Angeredete, hat einen reichen Vater, ich aber habe den nicht. — Das etwa ist in zwei Worten das Verhältnis des deutschen Südens zum Norden. — Viele Bayern und Schwaben wissen, sie haben jenseits des Mains eine große, gesittete, fleißige Familie, die für ihre Dummheiten und Unarten zahlen kann, und sie lassen sichs wohlschmecken; sie ergeben sich nach Herzenslust deu Scherzen ihres politischen Karnevals, des roten wie des schwarzen. Wollen Sie den handgreiflichen Beleg zur Richtigkeit dieses Gleichnisses, so schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nur ein wenig den schlechten Späßen, mit denen eine Anzahl südlicher Abgeordneter ihr Wegbleiben aus dem Zoll-Parlament be- — 182 — gründen. Wie stünde es mit den beträchtlichsten Nahrungs- Angelegenheiten des Landes, wenn dieses burschikose Schwänzen allgemeine Regel würde? Oder achten Sie auf die Posse, welche seit geraumer Zeit als Sturm auf die Militärverfassuugen zur Aufführung kommt. Bayern, heißt es da, und Württemberg sollen an die Stelle einer regulären Armee irgend ein Schützenkorps setzen, welches, lieblich anzuschaueu, daher käme über Berg und Thal mit dem Pfeil nnd Bogen früh im Morgenstrahl. Dumm sind bekanntlich die geehrten Herren Antragsteller nicht. Sie Nüssen so gut wie Sie uud ich, daß solche lobe- same Miliz einem Angriff von außeu nicht von Sonnenaufgang bis zum ersten Frühschoppen widerstehen würde. Ihre Rechnung ist vielmehr diese: der Norddeutsche Buud hält ja ein Heer, das stark genug ist, Deutschlaud zu schützen; weshalb sollten wir nns die Last auflegen, eine Armee zu bezahlen, Kriegsdienst zu thun; weshalb sollten wir uns den Ruhm versagen, dem Militarismus einen allzeit gern gesehenen Fußtritt zu versetzen? Kommt die Stunde der Gefahr, wird Moltke auch schon für Süddeutschland sorgen, ^owvsns: so rechnen noch die Anständigen von der Gesellschaft. Denn ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß es daneben noch andere Rechner giebt, die in der Stille ihres Herzens denken: die deutsche Nationalität sei, genau besehen, eine Sache des Vorurteils, und gewisse zeitliche uud ewige Angelegenheiten würden etwa auch unter der Schirmvogtei Frankreichs ganz wohl versorgt sein. Endlich spielt noch eine dritte Sorte mit, eine sehr verbreitete. Diese kalkuliert wie folgt: mit unseren Redensarten und Adressen, wohlverstanden, werden wir selbst beim augestammten, engeren Landesvater uud seinen Räten nichts ausrichten; aber es steht doch immerhin schön vor den Wählern, die Abschaffung des Militärs — 183 verlangt zu haben. Diese Taktik ist ja auch jenseits der bayerischen und schwäbischen Grenzpfähle nicht unbeliebt. Um sich viel Freunde zn machen, ist nichts einfacher, als möglichst „weit zu gehn". Tritt einer auf und sagt: es müssen zehn Groschen vom Thaler Steuern gestrichen werden, so steht er sicher da als ein edler Mensch; kommt dann ein zweiter hinterher uud begehrt der Groscheu zwanzig zn streichen, der ist natürlich ein noch viel edlerer als der vorhergehende. König Heinrich der Vierte von Frankreich schuldet einen guten Teil seiner Volksbeliebtheit dem ihm nachgerühmten Ausspruch: von Rechtswegen sollte jeder seiner Bauern des Sonntags ein Huhu im Topfe haben. Geliefert hat er die Hühner nicht, und die Bauern waren unter ihm, wie nach ihm, auf schmale Kost gesetzt; aber daß er den Antrag auf das Huhn im Topf gestellt, das weiß ihm noch heute die späte Nachwelt Dank. Im Munde eines allmächtigen Königs hat übrigens der bloße Wunsch schon etwas Rühreudes, weuu auch sonst nicht viel zu bedeuten. Was aber bedeutet im Munde des Volksvertreters eine Formel, von deren gegenwärtiger Unausführbarkeit und Erfolglosigkeit er vou vornherein überzeugt sein muß? Sie ist Blendwerk, uud ein recht verderbliches. Sie verwirrt nach unten, indem sie Unerreichbares für erreichbar ausgiebt, sie bringt nach oben die öffentliche Meinung als eine ernstlose Thörin in Mißkredit; sie vergeudet die Zeit und Geisteskraft der Nation auf Spielereien, welche mir bestimmt siud, das Zeug zu liefern, daraus politische Char- latane ihren roten Mantel schneiden, welcher die Augen der Menge auf sich zieht. Mitten zwischen großen kriegsgerüsteten Staaten, zwischen Osterreich, Frankreich, Preußen, Nußlaud, Italien, seine Sicherheit auf den Dilettantismus des Milizwesens gründen wollen, das heißt eben nur, sich wegcu der Verteidigung seines Landes auf andere verlassen 184 oder gleichgültig sein. Und darin besteht auch jenes ganze System. Es rechnet auf Norddeutschland zum Widerstande gegen die Frnuzosen, uud es rechnet auf die Frauzoseu zum Widerstande gegen Norddeutschland: das alte Schaukel- spiel der deutschen Fürsten nnd Kurfürsten, welche nach allen Seiten hin mit ihren Allianzen Handel trieben. Sie wenigstens nannten sich nicht Patrioten oder Volkspartei! An die Stelle des fürstlichen Svnderinteresses ist ganz einfach das Sonderinteresse der kleinen Parteigruppen getreten, welche jetzt in Bayern nnd Württemberg das große Wort führen lind welche nur innerhalb ihrer heimischen Schranken sich zu erhalten hoffen können. Um diesen letzten Zweck zu beschönigen, muß das bekannte Kuuststück herhalten: alles oder nichts! Ganz Deutschland bis an das letzte böhmische Dorf oder — wir bleiben gut bayerisch und gut württembergisch. Auf solche Konditionen hiu laufen sie allerdings keine Gefahr, vorerst beim Worte genommen zu werden. Man wundert sich oft darüber, daß in den vier süddeutschen Staaten Radikale und Ultramvntane so einig zusammengehen nnd legt ihnen die Koalition als Un- aufrichtigkeit aus. Doch thnt man ihnen damit Unrecht. Der bayerische Schwarze und der schwäbische Note, der bayerische Royalist uud der schwäbische Republikaner, beide sind ein uud derselbe Mensch, nur iu verschiedener Maskerade; nämlich der deutsche Philister, desto seliger, je kleiner die Verhältnisse: ohne politisches Bedürfnis, innerlich abgeschlosseil uud widerwillig gegeu alles, was über seine vier Pfähle hinausgeht, glücklich uud überglücklich im heimischen Gezänke, dessen höchste Lust ehedem landschaftliche und theologische Klopffechterei war, uud dessen Führerschaft und Zuschnitt bis auf dieseu Tag bäuerisch und Pfäffisch geblieben sind. Nur der äußere Anstrich ist verschieden, innerlich sind es dieselben Personen; in der Dunkelheit — 185 — würde man einen Stuttgarter Königsmörder nicht von einem Passauer Kapuziner unterscheiden können, und die schwabischen Jakobinermützen sind nur baumwollene Nachtkappen, welche rot gefärbt worden. Vielleicht habe ich selbst einmal behauptet: die Verkuppelung der Demagogie mit dem Jesuitismus sei widernatürlich, — Irrtum, ungerechter Verdacht! Der mittelmäßigste Maler würde mit einem Pinselstriche aus einem solchen Demagogen einen Jesuiten machen und umgekehrt; der Jesuit treibt Demagogie und der Demagoge treibt Jesnitismns und zwar jeglicher mit gleicher Herzenslust, jeglicher mit gleichem Talente. Beide vereinigen sich in ihrer Antipathie gegen den Staat, das große Geineinwesen, welches sich von ihrem persönlichen Getriebe weder befriedigen, noch beherrschen läßt, teilen sich wonniglich in den, heimischen Spielplatz sogar mit ihren Ministern, wofern diese nur gesonnen sind, den Krakehl in den Grenzen der angestammten Mundart zu halten. Dies, geehrte Herren, ist die nackte Wahrheit über den Stand der Dinge zwischen dem, was man jetzt in Deutschland nationale Partei nennt, und altem übrigen, was sich nnter mannigfachen Vermnmmungen bald als Politischer, bald als religiöser Fanatiker, bald als unterwürfiger Fürstendieuer, und häufig als ein Gemisch von allen dreien umhertreibt. Der Grundzug ist das Philistertum, die angewohnte Behaglichkeit mit der Führung seines Lebens und der Verwertung seines Einflusses auf deu möglichst vertrauten und bequemen Raum augewiescn zn bleiben. Ich setze diese Wahrnehmung allen andern voran, weil sie unser ganzes öffentliches Dasein beherrscht und uns in Beurteilung desselben am richtigsten leitet. In dem Augenblicke, da zum dritten- und letztenmale Ihre Erwählten zusammentreten, die, um deren Namen so grimmer Streit entbrannt war, erhebt sich unvermeidlich die Frage, wie — 186 — denn seit jener ersten Entscheidung das Schicksal des Vaterlands sich gestaltet habe, was gewonnen, was verloren sei? Vor nunmehr zwei Jahren hatten die einen gehofft, die andern gefürchtet, das Zoll - Parlament könnte im Handumdrehen ein Politisches Heilsinstrumeut werden. Diese Erwartungen sind nicht in Erfüllung gegangen; hat überhaupt etwas sich verändert, so geschah es eher zum Schlimmeren als zum Besserem, wäre es auch nur dadurch, daß sich nichts verändert hat, denn die Zeit giebt ja auch den unliebsamsten Einrichtungen eine gewisse Weihe nnd Festigkeit! Die sonderbare Scheidung zwischen Nord- uud Süddeutschland, welche vor zwei Jahren noch wie ein böser Tranin aussah, wird heute vielfach schvu für zu Recht bestehend nnd wie etwas zur Dauer Bestimmtes angesehen, besonders vom Auslande, welches bekanntlich auf unsere inneren Angelegenheiten seinen Einfluß nicht verloren hat. Aber wenn wir äußerlich so wenig vorangekommen sind, daß man nicht ohne Fng sagen möchte, wir seien zurückgegaugen, so ist die innerliche Entwicklung der Zustände sichtbar vorangereift. Die leitende Politik Nord- dentschlands hat für gut befunden, den Süden vorerst sich selbst zn überlassen. Ihre Beweggründe, ihre guten wie ihre schlechte», sind bekannt. Aber das ist jedenfalls erreicht, daß die Sinn- und Zukuustslosigkeit der süddeutschen Souderbündler sich iu ihrer ganzen Blöße preisgegeben hat. Unbehindert, ja aufgefordert, zu zeigen, was sie wollen und was sie vermögen, haben fie bewährt, daß sie nichts wollen und nichts vermögen, aber anch gar nichts, als die bösen Triebe, welche Deutschlands staatlichen Beruf seit Jahrhunderten zurückhielten, iu buuteu Reihen zu entfesseln, — spießbürgerliche Trntzköpfigkeit, Krakehlsucht und Planlosigkeit. Nicht ein Schritt, nicht ein Entwurf, nicht ein Gedanke, dem sich entnehmen ließe, wie sie sich ihre Po- — 187 — litische Existenz im Verhältnisse znin Vatcrlande zn gestalten vermeinten; dagegen in allen Stücken Verkettung mit Bundesgenossen, die unter ihren Augen sich zum Untergänge bereiten. Wie doch heißen ihre Stützpunkte? Österreich. Rom, die europäische Revolution. So viel Worte, so viel Hoffnungslosigkeit! Es ist, als ob selbst die Ironie des Zufalls sich dreiu mischte, in unerwartet rascher Aufeinanderfolge die Geister in's nichts zurückzuscheuchen, aus deren Allianz die Widersacher des Norddeutschen Reiches ihre Macht gebaut hatten. Kaum drei Jahre siud hingegangen, und was alles haben wir erlebt an diesen Hanpt- verbündeten unserer Gegner, an ihrem dreifachen Hort und Heil! Rom, wer wüßte es nicht, ist aus Abwege gerate», welche ihm seine heftigsten Gegner nicht zugetraut hätten. Seine Verblendung im Kampfe mit der fortschreitenden Menschheit geht ins Unerklärliche. Der persische König, welcher das Meer peitschen ließ, um deu Elementen Gehorsam zu befehlen, war ein Lamm der Demut verglichen mit denen, welche die Lehre aufstellen, das Weltall solle sein Denken in die Gewalt eines einzigen Sterblichen geben. Und nun rede man noch vom preußischen Cäsarismns! Das Cäsarentnm auf dem Gipfel seines Übermuts angekommen, begehrte die Göttlichkeit für deu römischen Herrscher! Caligula, der sich Statueu uud Tempel errichten und Opfer darbringen ließ, stellte mit ausdrücklichen Worten denselben Satz auf, gegen welchen die deutschen und französischen Bischöfe auf dem Konzil vergeblich protestierten, nämlich, daß „diejenigen, welche als Herrscher über die anderen Menschen gesetzt sind, nicht Menschen seien wie die anderen, sondern Götter." In dem Augenblicke, da das deutsche Episkopat verständige Anstrengungen macht, im Interesse der katholischen Religion den Papst und seine Rat- — 188 — geber von der Verkündigung der neuen Lehre abzuhalten, in diesem Augenblick erblicke» die Gegner des deutschen Nationalstaats in der römischen Glanbenspvlitik ihre erste und stärkste Verbündete. Man muß sagen: der Augenblick ist gut gewählt! Ihr zweites Zion ist die österreichische Monarchie. Diese ist in so unglücklicher Lage, daß es trotz aller ihrer Süuden grausam erscheinen könnte, das jammervolle Bild ihres unanshaltsam hereinbrechenden Untergangs zn entrollen. Erinnern Sie sich noch, wie jüngst die Schützen gen Wien Pilgerten? Dort sollte das Morgenrot der deutschen Wiedergeburt ausgehen, vou dort her aus engster Verbrüderung mit dem österreichischen Kaisertum die Kraft des deutschen Reiches entspringen. Nicht zwei Jahre sind vergangen und wie hat der Engel der Vernichtung aufgeräumt iu diesen Kreisen! Die Wehr nud Waffe, welche das deutsche Reich decken sollte, sie ist zn Schaudeu geworden, zuerst an der widerspenstigen Lanne eines kleinen Bergvolkes. Aber der mutwillige Hohn dieses uubezwuugenen Aufstaudes war nur das Signal der Empörung für die bnutgemischten Stämme, welche der hundertjährige Absolutismus unter dem Scepter Habsburgs zusammengehalten. Wie ward nns die Sonne der Freiheit als von Osten kommend angekündigt! Osterreich war im Handumdrehen der Musterstaat geworden. Schwaben beteuerte es, und in Frankreich glaubte man's. Als die ersten warmen Strahlen einer gewissen Freiheit auf dieseu Moder fiele», geschah, was geschehe» mußte »ach dem Naturgesetz: er geriet in Gärnng, u»d die einzelne» Bestandteile liefen »ach allen Weltgegenden auseinander; die freisinnigen deutschen Minister, welche iu redlicher Absicht sich der unmöglichen Aufgabe unterzogen hatten, diese Quadratur des Zirkels eines liberalen Gesamtösterreich zu'finden, sind in alle Wind- — 189 — richtuugeu zerstoben. Geblieben ist niemand als der ehemalige Znchtmeister von Wnldheim, der Politische Tausendkünstler, welcher die sächsischen und großdeutscheu Angelegenheiten mit so bewährter Meisterschaft aus das Schlachtfeld von Königgrätz zugesteuert hat. Die deutschgesiunten Männer, welche mit ihm an's Ruder traten, welche beim Schützenfest mit ihm toasteten, mit ihm und mit Franz Joseph iu den süddeutschen Bruderkuß sich teilten, hat er hinterrücks die Hofburg hinabgestürzt. Zu ihrem Ersatze hat er sich einen Polen, einen eingefleischten Hasser alles Deutscheu verschriebe», der seit 1866 für ihn in der französischen Presse gegen die Deutscheu iu und außer Osterreich wühlte. Prophezeien ist ein undankbares Handwerk, aber es heißt kaum Prophezeien, wenu mau voraussagt, daß in Österreich schließlich Herr von Benst dieselben Lorbeeren pflücken wird, wie in Sachsen. Der Dualismus sollte die Formel sein, mittels deren der große Zauberkünstler die Geister beschwören wollte. Aus der Zweiteilung Cis- leithanien nnd Transleithauien, Deutschland und Ungarn, ist aber mit unvermeidlicher Konsequenz eine Dreiteilung geworden. Deutschland, Ungarn, Polen: daraus erhob sich mit gleicher Notwendigkeit der Anspruch auf Vierteilung aus dem Muude der Czechen; bereits klingt hinein der Ruf der Nutheuen, der Südslaven, deren jeder seine Nationalität mit gleichem Rechte wie Ungarn zu bergen gesonnen ist. Aus dem Dualismus wird der Atomismus. Gerade das ist allerdiugs erst recht uach dem Geschmack unserer gegueri- schen Landsleute. Obliegen sie doch auch dem Bemühen, sogar in Norddentschland mit dein Mikroskop möglichst viele Nativnalitäten aufzusuchen, auszusondern, was deutsch und was nicht deutsch seiu soll, etwa in Preußen einen besoudereu Staat von Wenden, von Kassnben, von Obotriten uud was sie sonst noch Trennendes uud Ge- — 1!>0 hässiges nnsgraben können. Ihr Ideal wäre erreicht, wenn jeder Deutsche seinen aparten Staat mit einem besonderen Hausschlüssel dazu haben könnte, etwa wie er in der Stammkneipe sein Deckelglas und seine Pfeife hat. Die Scheu des Philistertums vor der weiten Weltluft ist der geheime Trieb der deutsche» Sonderbündler. Welch ein Glück, das; es deu Gegnern nicht gelungen ist, Deutschlands Zukunft mit dem österreichische» Auflösungsprozeß znsammenzukvppeln! Nur durch die gegenwärtige Zersetzung könne» die Deutsch-Österreicher mit uus vereinigt werden. Ich kauu mir das Vergnügen nicht versagen, Ihnen als Schluß dieser Rückschau aus einem Briefe, welchen ein seit Jahren im Herze» des Kaiserstaates wohnender Freund mir von daher schreibt, eine Stelle mitzuteilen. Wie Sie bald erkennen werden, ist er nichts weniger als nationalliberal, er ist freilich auch kein grvßde»tscher Berserker, sondern eher ei» lachender Philosoph, der uns anderen politische» Mensche» mit unparteiischem Hnmor zusieht. „Mir gefällt es," so schreibt der Schalk uuterm 4. April d. I., „hier in Osterreich sehr gut. Das Ganze treibt so schöu dem Urideale der Anarchie zu; es ist alles so unmöglich und so möglich zu gleicher Zeit, rundumher der heiterste Wirrwarr. Kein Meusch weiß, wer Koch noch Kellner, weil jeder beides zugleich ist. Die Staatsidee uud das Staatsbewußtsein trete» nicht bei jeder individuellen Negnng hindernd in den Weg. Niemand will die Zukunft regeln, weil keiner auch nur ans den nächsten Tag denkt. Das Ganze kommt mir vor, wie die Umgegend von Neapel, wo die Neuzeit nach Belieben ihre HäuScheu in die Ruinen hiueiu klebt, unbekümmert in» Svlfatara, Mo»te»»ovo »»d Vesuv iu der Nähe. Es ist eiu Uuterschied wie Tag und Nacht mit dem Obotritenlande, wo alles zuerst an den Staat und zuletzt an sich denkt, wo der Staat reich und das Jndi- — 191 — vidiium arm ist, wo der Reichstag vor allen Dingen ein Strafgesetz diskutiert, damit ja der preußische Grundsatz: „Strafe muß sein" und die preußische Maxime: „jeder soll nach Verdienst bestraft werden" — gleichmäßig über ganz Norddeutschland sich ausbreite. Sogar, wenu man sich gegenseitig totschlägt, was nächstens in der österreichischen Monarchie geschehen wird, geschieht es mit einer gewissen Bonhvmie und Heiterkeit — für den Totgeschlagenen bleibt freilich das Resultat dasselbe." Soweit der Verfasser des Briefes, aus dessen Auftreten Sie erraten mögen, daß er vermutlich einen Namen von gutem Klang trägt, wie auch, daß sein Zeugnis auf Glaubwürdigkeit Anspruch hat. Sie scheu, nebenbei, wie es nnsercinem Freude macht, auch mit andersmeinenden auszukommen, wenn sie weder borniert noch aufgebläht sind. Vor allem aber sehen Sie, wie glücklich der Augenblick gewühlt ist, nm das Bündnis mit Österreich als den Fels der deutschen Zukunft anzupreisen. Nicht besfer steht es mit der drittel, Allianz, auf welche unsere „Unversöhnlichen" sich stützen wollen, nämlich mit der europäischen Revolution. Der Nabel- und Mittelpunkt dieser Revolution ist bekanntlich Frankreich, und, wie allbekannt, haben die letzten sechs Monate den Beweis geliefert, daß die Revolution in Frankreich an Boden und Anhang unendlich viel verloreu hat. Bereits am Neujahrstage 1W7 schrieb ich Ihnen: „die Barrikaden des Bürgertums sind fortan wahrscheinlich in die geschichtlichen Raritätensammlnngen verbannt, gerade wie vor vierhundert Jahren die zweihändigen Schwerter und gewichtigen Panzer des.Rittertums vor dem bürgerlichen Feuergewehr zu Scharteken wurden." Diese Auffassung ist durch die Wendung der französischen Politik besiegelt worden. An Lust zum Versuch hat es nicht gefehlt, aber die revolutionäre Methode ist für die Aufgaben der Gegenwart nicht mehr zureichend und verliert darum täglich an Anhang. Jede Zeitrichtung hat ihr Ideal in sich, und an idealem, verehrungswürdigem Gehalt hat es der Aera der Revolutioneu wahrlich uicht gefehlt. Aber wenn, nachdem die Zeit für eine Richtung vorüber, ihr Ideal noch festgehalten wird, verfällt es der Romantik, und seine Anhänger verfallen der edelkomischen Rolle des Ritters von La Mancha. Wer heute noch glaubt, die staatlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft seien mit dem Straszenkampf zu lösen, ist ein verspäteter Nachzügler des revolutionären Rittertums. So vertreten auch von dieser Seite unsere Gegner eine Periode, die sich überlebt hat. Über diesen interessanten Punkt ein andermal mehr. Nur das lassen Sie uns für diesmal festhalten: wie schwer auch unser Stand zwischen rechts und links, zwischen unsicheren Verbündeten und untrütablen Gegnern sein mag: wir kämpfen den Kampf des Neuen gegen das Alte, des Lebens gegen den Tod. Und darum unverzagt! Ihr ergebener L. Vamberger. II, Berlin, den 9, Mai 1870. Geehrte Herren! In demselben Augenblicke, da hier in der Hauptstadt des Norddeutschen Bundes das Eisen und die Baumwolle, der Kaffee und der Reis mit vieler Mühe es so weit gebracht haben, zu guterletzt ein friedliches Abkommen untereinander zu treffen, in demselben Augenblick wälzen sich die Wogen der wildesten Parteileidenschaften, aus ihrer untersten Tiefe aufgewühlt, über die Hauptstadt des französischen Kaiserstaates brausend und schaumsprühend einher. Hier in Verliu wird ein Taris gemacht, dort in Paris ein Plebiszit; hier gilt es zu wissen, ob wohlfeile Pflugscharen besser als Wohlseiler Morgentrank, — dort wird entschieden über die Urgrundlageu menschlicher Verfassung und Gesellschaft; hier erhitzen wir uns wegen dritthalb Silbergroscheu, dort fließen Millionen auf dem Markt des Stimmenhandels; hier vertiefen sich die ausgewählten Vertreter der deutschen Nation in die kleinsten Bewandtnisse eines Gewerbes, dort werden die des Lesens und Schreibens unkundigen Scharen aus gerufen, über die erhabensten Probleme der Staatsweioheii ihre Meinung abzugeben. Wen möchte solch ein Doppel kudwii; Laml'crgn's Grs, Schriften, IV. 194 — bild nicht zum Nachdenken auffordern! Jüngst brachte ich Ihnen eine Stelle aus dem Briefe, in dem ein im Herzen Österreichs wohnender Freund die Zustände jenes Landes, verglichen zu den unsrigen, mit einigen scharfen Strichen schilderte. Es trifft sich heute, daß ich Ihnen das Gegenstück aus eiuer französischen Feder liefern kann. Ehegestern, als am Vorabend des Plebiszits, schreibt mir ein in den Angelegenheiten seines Landes vielbewanderter Politiker wie folgt ans Paris: „Größere Aufregung als jetzt habe ich hier nie erlebt; doch bezweifle ich, daß es werde zum Blutvergießen kommen. Mein Kopf ist mir wüst von allein, was ich seit acht Tagen höre, sehe, lese; es schwindelt mir, wenn ich zwischen den von oben bis uuten mit Plakaten aller Farben beklebten Mauern einhcrgehe. Eigentliche Politik, was so dieses Namens wert ist, wird jetzt nur bei Ihnen in Deutschland gemacht, langweilig zwar sür die Galerie der Zuschauer, aber nützlich, wie jedes Handwerk, das sich mit den konkreten Ausgaben des Lebens, d. h. mit den Dingen im einzelnen (den Details) abgiebt. Hier in unserem Frankreich, das sonst spottete über Eure deutsche Abstraktion uud Eure philosophische Nebelhaftigkeit, iu Frankreich, welches sich sür das eminent verständige hielt, hier ficht jetzt alles iu der Luft; und als ich letzten Dienstag in der Ihnen bekannten Abendgesellschaft endlose Tendenzgespräche mit anhören mußte über den Vorzug, welchen die Freiheit vor der Ordnung oder die Ordnung vor der Freiheit verdiene, und wie sich stundenlang der Disput iu Allgemeinheiten und Phrasen herumbewegte, da, mein Freund, mußte ich unwillkürlich an Sie denken, uud, wie sonderbar es Jhuen auch vvrkvmme, ich beneidete Sie, daß vielleicht znr selben Stunde Sie mit Ihren preußischen Kollegen über Runkelrüben, Stearinkerzen, oder Leinengarn zu beraten, so klng seien." — — 195 — Wenn ich Ihnen diesen Ausspruch eines weltkundigen und freiheitliebenden Franzosen wiedergebe, so geschieht es nicht, damit Sie etwa selbstgefällig die Hände falten und sprechen: „Herr, ich danke Dir, daß ich nicht so bin wie jene" — sondern damit Sie den darin enthaltenen Vorrat von Wahrheit in Ihr Urteil über die gegenwärtige Lage ausnehmen. Es wäre gewiß falsch zu sagen: ein Volk soll seine ganze Aufmerksamkeit nur deu hausbackensten Angelegenheiten der Staatswirtschaft zuwenden. Aber viel falscher noch ist es, ihm jeden Augenblick die letzten Rätsel der Staatsphilosvphie zur Auflösung vorzulegen, und wir werden behaupten dürfen, daß dermalen unsere Wege der richtigen Mitte uäher zu liegen, als die unserer Nachbaren. Warum wirft Napolcou III. jetzt diese allgemeinen Fragen der politischen Weisheit in die ihnen ünebenbürtige Masse hinein? Offenbar doch nur, weil ihu gelüstet, die Bahn des sachlichen Fortschritts, in welche er auf eine kurze Zeit hineingezwungen worden, wieder zu verlassen; weil er ungeduldig das Joch eines parlamentarischen Regiments trug, welches zu gesunder Werkthätigkeit statt zu falschem Blend- werk sichren mußte. Die neue Konstitution mit ihren fünfundvierzig Artikeln, das Plebiszit selbst ist ihm nur Mittel znm Zweck, nur Vorwand. Der leitende Instinkt hat es auf die Wiederherstellung der Herrschaft der leeren Floskel an der Spitze des Staates abgesehen. Von neuem wird man sich gegen jeden Einwurf mit der Berufung auf die höchste Willeuserklärung des Volkes in Sachen des Prinzips verteidigen können. Die scheinbar guten Vorsätze einer kurzen bescheidenen Bessernngsperiode weichen den Mißbrüuchen der schlechtesten Zeiten. Plumpe Taschenspielerkünste, grobes Marktschreierwesen, offener Betrug verbinden sich, um die Komödie der Volkssouveränetät auszustaffieren, welche doch mir dem Hofe zu gute kommen 13* — 196 — soll, und es giebt kaum eiu widerwärtigeres Schauspiel, als eine ganze Nation von so hohler Gaukelei in Anspruch genommen zu sehen. Allerdings sind wir nicht berechtigt, den Wert oder Unwert grnndrechtlicher Feststellungen nach dieser Karrikatur zu beurteilen. Aber die Karrikatnr enthüllt uns die schwachen Seiten des Originals, uud sie mahnt uns im vorliegenden Falle an die Unzulänglichkeit der prinzipiellen Lösungen überhaupt. Nur scheinbar gehen diese den Dingen auf den Grund, in Wirklichkeit bleiben sie stets aus der Oberfläche. Sachkenntnis, Arbeit, Ehrlichkeit kommen dabei viel weniger in Thätigkeit, als die Gewandtheit, mit dialektischen Formeln umzuspringen, nnd ein einziges falsches Zwischenglied, zwischen Vor- nnd Nachsatz eingeschmuggelt, genügt, wie im gegenwärtigen Exempel, um aus den schönsten Voraussetzungen die verderblichsten Fotgeruugen zn entwickeln. Die Staatskunst dieser Gattung steht der Scholastik des Mittelalters viel näher, als der modernen Wissenschaft, die ihre Ännde von den Dingen von unten aufbaut und der Beobachtung am Leben abgewinnt. Und darum zwar verrichten wir noch keine Heldenthaten, wenn wir Wochen damit hinbringen, abzuwägen zwischen wohlfeilen Werkzeugen, wohlfeiler Nahrung nnd wohlfeilen Kleiduugs- stückeu, aber wir stehen dabei doch der echten Methode, das gemeine Wohl zn fördern, um ein Gewaltiges näher, als die, welche um die Definition der Freiheit nnd Brüderlichkeit streiten. Sie denken wohl: diese Betrachtungen möchten zwar an ihrem Platze sein in einer Parallele zwischen dem Zoll- Parlament uud dem Plebiszit, im übrigen aber lägen sie demjenigen fern, worüber mir eigentlich Ihnen zu berichten obläge. Aber Sie irren sich. Diese Gegensätze behaupteten ihre Stelle anch im Innern des Zoll-Parlaments, nnd sie - 107 - - allein tragen die Schuld, wenn unsere schon ganz leidlichen Endergebnisse nicht noch rühmlicher ausgefallen sind. Auch wir hatten unsere Plebiszitomaneu und Gruudrechts- schwärmer iu unserer Mitte. Sie werden mich fragen: wie kommt Pilatus ins Credo, das Prinzip ins Roheisen? Hätt ich's nicht erlebt, ich wüßt's Ihnen auch nicht zu sagen. Es giebt aber Politiker, welche nicht blos im Pnnkte der Menschenrechte nach dem Wahlspruch handeln: alles oder nichts! — sondern auch iu Sachen der Baunuvoll- preise, nnd welche aus Gesiuuungstrcue gegen den bestehenden Kaffeezoll lieber eiueu Tarif verderben helfen, als gegen ihre Kaffee-Überzengung zu stimmen, mögen sie auch vvu vvrnberein sicher sein, in einer wirkungslosen Minorität zu bleiben. Ja, dieses Wohlgefallen an der blos üußer- licheu Behandlung der Dinge und die Gleichgiltigkeit gegen deren thatsächliche» Inhalt gehen so weit, daß ein hochachtbarer Abgeordneter namens seiner Partei gelegentlich dieser Abstimmnng die wunderliche Erklärung abgeben konnte: „er verwahre sich gegen das Kompromis, welches hinter den Kulissen zustande gekommen sei." Das sollte heißen: es sei himmelschreiend, daß die verschiedenen einander entgegengesetzten Ansichten über Eisen, Reis, Kaffee uud Garnzölle, auch noch nach Schluß der öffentlichen Sitzungen untereinander beraten hätten, um zu einer Verständigung zu gelangen. Wie muß eine Partei im bloßen Formwesen verrannt sein, um solche Vorwürfe auszuhecken! Und gerät man nicht unwillkürlich auf die Schlußfolgerung, daß, wer die Wäude des Sitzungssaales für Kulissen ansieht, in dem Sitzungssaal selbst ein Theater erblickt? Wer nur Ten- deuzpolitik treibt, erliegt ebeu leicht der Versuchung, ans jeder Beratung ein bloßes Schauspiel zu macheu uud viel weniger Wert darauf zu legen, daß sie zur Verstäudigung unter den Parteien führe, als zu einer recht prächtigen und — 198 — greifbaren Auspflanzung der Gegensätze. Wer aber das Parlament für eine Werkstätte ansieht uud nicht für ein Theater der Meinungen, der wird es nur anerkennenswert finden, wenn die innerhalb der vorgezeichneten Werkstunden und 'Werkräume nicht gezeitigte Arbeit durch fortgesetzten Fleiß, gleichviel in welchen Mauern, zustande kommt. Das gerade hat man ja dem Parlamentarismus am meisten zur Last gelegt, daß er ein unersprießliches Widereinanderstoßen der entgegengesetzten Ansichten liefere uud schließlich kein Redner den andern überzeuge. Und wenn er sich von diesem Vorwurf einmal reinigt, wenn er Wege findet, die zur Verständigung führen (Verständigung kommt her von Verstand), dauu glaubt solch ein Freiheitsmann es seiner Überzeugung schuldig zu sein, im Geiste des Fortschritts zu protestieren. Aber woraus werden nicht Menschenrechte destilliert, wenn eine alte Wahlperiode zu Ende geht und eine neue beginnt! Wie die Chemie aus Hobelspänen Zncker machen kann, wird dann aus den dürrsten Stoffen Süßigkeit für den Wähler gesotten; jedem Wahlkreis wird aus der Bank, an welcher sein Abgeordneter sitzt, wie in Auerbachs Keller, der edle Wein gezapft, den er sich nur bestellen mag. Und weil das funkelnde Naß der großen Grundsätze dermalen noch das beliebteste Getränk so mancher Wählerschaften ist, deswegen werden Sie noch eine zeitlang die Baumwollenwaren teurer bezahlen, als es die Absicht der Regierungen war, da sie den Tarif vorlegten. Wenn Sie, meine Herren, mehr Wohlgefallen haben an einem Parlament als an einem Plebiszit, an einem fruchtbaren Resultat, als an einer unfruchtbaren Überzeugung in Wirtschaftsfragen: so machen Sie sich mit der Anschauung vertraut, daß gerade das beste, was einer Volksvertretung nachgesagt werden kann, das ist, daß sie, Dank der Verständigkeit der Parteien, zu einer Verständi- — 19» - gung gekommen, sei es nun ebener Erde im Sitzungssaale oder im ersten Stockwerk. Wenn die Abstimmungen stets nur unch unabänderlichen Schablonen erfolgen sollten, so brauchten Sie gar keinen lebendigen Abgeordneten zu schicke», sondern nur eine Tabelle über Ihre Gruud- ansichten, die man auf einen bestimmten Platz nageln und iu der man jedesmal nachsehen konnte, ob Sie wünschen, daß mit Ja oder Nein gestimmt werde. Und eben, weil ich mich nicht als eine Nachschlagstabelle ansah, sondern als einen lebendigen Menschen, glauben Sie hoffentlich umso- mehr, daß ich gewissenhaft in Ihrem Sinne gehandelt habe. Ihr ergebenster Ludwig Bamberger. III. Berlin, den 13. Mai 1870. Die Todesstrafe vor dem Reichstag. Geehrte Herren! Während die Ordnung des Tages in den Parlamenten dem Zolltarif, dem Verlagsrecht, dem Unterstützungswohnsitz angehört, ist seit Wochen, ich mochte sagen, die Stille der Nacht einer Sorge anderer Art verfallen: der Todesstrafe. Und wer begriffe das nicht, wenn die Frage so liegt: ob das unter feierlichem Beschluß vergrabene Richtbeil vom Reichstag mit eigenen Händen wieder soll ausgegraben, oder ob soll zu Grabe gebracht werden die ganze Arbeit des Strafgesetzbuches? Herzeusergießuugen ernster Stunden haben mich eingeweiht in die schweren, Peinvollen Zweifel, von denen ob dieses Zwiespaltes die Gemüter gerade der besten belagert sind. Mit erfaßt, mit erschüttert, mit betroffen von dieser Not des Denkens, schien es mir die Pflicht jedes einzelnen, sich zur Klarheit einer deutlichen Entschließung emporzuarbeiten uud so mit sich selbst fertig zu werden, als ob von seinem letzten Wort allein die Entscheidung abhiuge. Und nach dem Mut, die Sache — 201 - zu Ende zu denken scheint mir auch der Mut, das Gedachte auszusprecheu, eiu Pslichtgebot.*) Selbstredend kommt hier das Für und Wider der Todesstrafe nicht mehr zur Sprache. Im Namen der Nation ist sie abgeurteilt, ist res Mäionw; das höchste Gericht des Staats, die Volksvertretung, hat ihr wohlerwogenes, wvhlbewußtes Berdikt abgegeben, nnd sogar das ist schon ausgemacht, daß, wenn der Reichstag widerriefe, der Widerruf nicht aus freier Überzeugung käme, sondern nach Rechtsgrundsätzen, als ihm mit Gewalt entrissen, ans ewig anfechtbar bliebe. Nur wegen des richtigen Verständnisfes meiner eigenen Stellung zur Sache lasse ich einstießen, daß ich selbst grundsätzlich der Frage ganz frei gegenüberstehe, oder, um es iu der Hauptsache auszudrückein ich bin nicht der Ansicht, daß man der Gesellschaft das Recht bestreiten könne, einem ihrer Glieder das Leben zu uehmen. Nur aus ganz pragmatischen Gründen zöge ich vor, daß man die Todesstrafe abschaffte, erstens, weil ich sie für unnütz halte, und zweitens, weil sie die Verurteilungen Unschuldiger, die meiner Überzeugung nach' zahlreich vorkommen, um so ") In der Sitzung des norddeutschen Reichstags vom 1. März 1870 war aus dem Entwurf des Strafgesetzbuches, welches die Regierungen vorgelegt hatten, die Todesstrafe gestrichen worden, mit 113 gegen 8t Stimmen. Dies geschah in zweiter Lesung. Nun drohte Bismarck im Namen der Regierungen, das ganze Gesetz fallen zu lassen, wenn die Todesstrafe nicht in dritter Lesung wieder aufgenommen würde. In einer lebhaften, sich daran anknüpfenden Unterhaltung bestimmten mich einige Reichstagsmitglieder, vor der dritten Lesung meine Ansicht über die Sache zu veröffentlichen. Dies geschah am 13. Mai in der „National-Zeitung", und von der übernahm ich den Text in die Sammlung der Zoll-Parlaments-Briefe. Wie bekannt, wurde schließlich die Todesstrafe in dritter Lesung, am W. Mai, wieder aufgenommen, mit 127 Stimmen gegen 119. Die Regierungen hatten es zur Bedingung für das ganze Strafgesetz, dabei aber die Konzession gemacht, die Zahl der Fälle, die mit der Strafe bedroht waren, einzuschränken. grauenvoller macht. Ich weiß sehr wohl, daß auch das Publikum in seiner Mehrheit nicht nach dieser Abschaffung verlangt. Aber ich kenne seine Motive nnd schlage sie nicht hoch an. Sie sind zusammengesetzt aus naturalistischem Rachebedürfnis, also einem unfreien, pathologischen Verhalten und aus dem Glauben an die Abschreckung, welcher auf einem plumpen, psychologischen Irrtum beruht. Hat man noch das berühmte Wort hinzugefügt: „ans Nss- siöiu'S les ASSÄSsins corainöllLöllt.!" so ist eigentlich alles angeführt, was bei der großen Mehrzahl der Weltkinder zu Gunsten der Todesstrafe plädiert. Freilich, wenn die Mörder uicht mehr morden, so brauchen wir die Hinrichtung nicht erst abzuschaffen; dann schaffen eben die Verbrecher die Strafe ab, und jener geistreiche Ausspruch sagt daher nichts anderes aus als das Paradoxon: Die Gnten sollen wegen der Aufgabe, die Gesellschaft zu bessern, sich auf die Schlechten verlassen. Daß aber, ich wiederhole es, die bürgerliche Gesellschaft, als die einzige Quelle alles Rechts überhaupt, auch das äußerste Recht auf Vernichtung des Einzelnen besitzt, so gut wie das kleinste Recht, dessen freie Bewegung im Raume zu beschränken, das ist meines Er- achtens unbestreitbar, und darum glaube ich mich in der Verfassung, unbefangen über die Frage des Augenblicks zu urtcilcu. Diese Frage wird nun immer so gestellt : soll man es auf sich nehmen, an dem ersten Beschluß festzuhalten auf die Gefahr hin, das ganze Strafgesetz ins Nichts zurückzustoßen? Die Fragestellung scheint mir eben falsch und damit der Urgrund aller falschen Schlüsse gegeben. Wäre die Regierung des Norddeutschen Bundes eine Mauer vou Stein und Mörtel, so begriffe ich, daß man den Vertretern des deutschen Volks sagte: „Wenn Ihr das Strafgesetz unerbittlich zwischen Euch und diese unbewegliche und unver- — 2M — antwortliche Mauer stemmt, so wird es tot gedrückt." Nun weiß ich nicht, ob die Verteidiger der norddeutschen Bundesregierung für diese die Rechtswohlthat in Anspruch nehmen, daß mau sie betrachte»? soll wie eine tote Mauer. Vom Standpunkt der Opposition aus kann ich das nicht einräumen, muß ihr vielmehr die Ehre geben, sie als ein moralisches und intelligentes Wesen anzusehen gleich mir selbst. Infolgedessen muß ich auch verlangen, daß man die Frage so stelle: wen von diesen beiden sittlich und geistig einander ebenbürtigen Wesen träfe die Schuld, wenn durch seine Hartnäckigkeit das Strafgesetz zunichte würde? Einer muß recht, Einer muß unrecht haben, nnd wenn ich gefunden habe, auf wessen Seite das Recht zum Widerstande schwächer ist, so habe ich auch gefunden, von wem, sosern er ein verantwortliches Wesen, erwartet werden muß, daß er nachgebe, d. h. wer vor der Nation nnd der Gerechtigkeit schließlich die Verantwortung des Mißlingens wird zu tragen haben. So gestellt allein ist die Frage keine Sackgasse. Nun gilt es also zu ermitteln: wer von beiden Teilen darf sich des höhereu sittlichen Motivs in seinem Beharren bewußt sein? Sollte ich die Anschauung der Regierung aus den beiden offiziellen Reden schöpfen, die in der Sache gehalten wurden, es stünde herzlich schlecht um sie; ich müßte geradezu sagen: wie schwach muß dieser Standpunkt sein, daß zwei so überlegene Köpfe dabei so sehr von ihrem guten Geist im Stich gelassen wurden! Beide Redeu gehörten doch mehr ins Konzil nach Rom als in die Stadt des Humboldthains. Im Namen von Vater, Mutter und Kindern der Familie Kink aus Roubaix verwahre ich mich feierlich dagegen, daß diese irgendwie verpflichtet waren, im Interesse des Norddeutschen Strafgesetzbuches sich massakrieren zn lassen, wie Herr Leonhardt ihnen zumutet. Noch bedenklicher ist mir die Beruhigung — 204 - mit dem Jenseits, welche Graf Bismarck dein Mörder anbietet.*) Muß er nicht befürchten, daß in Zukunft die Mörder dies Argument in allen Fällen als einen „mildernden Umstand" für sich in Anspruch nehmen werden? „Ja, ich habe meiue Mutter erdrosselt," werden sie sagen, „aber der Gedanke beruhigte mich, daß sie in ein besseres Jenseits eingeht." (Ich könnte einen Fall der Art zitieren.) Und wenn dieser Glaube maßgebend sein soll für die letzte Entscheidung des Bundesrats, so werden die Bevollmächtigten in Zukuuft jeder bei seiner Regierung erst Instruktion einzuholen haben, ob er auch vou Amts wegen beauftragt sei, an die Unsterblichkeit der Seele zu glaube». Das wahre und wirkende Motiv aber ist ohne Zweisel dies: daß die Äronenträger nnd ihre Sachwalter das ^ns ZlkcUi, das Recht über Tod und Leben, für die Quintessenz aller Herrschaft ansehen, als einen wichtigen Stein im Ban der Legitimität. Es ist etwas dran. Aber die Betrachtung Paßt um deswillen nicht, weil der Norddeutsche Bund kein Geschöps der Legitimität ist und keiu Geschöpf der Legitimität werden soll. Wie schwach das RechtSbewnßtsein des Grasen Bismarck in dieser Debatte war, erhellt mir besonders aus Justizminister Leonhardt hatte in der zweiten Lesung auf den Fall des Mörders Tropmann, der einige Zeit vorher großes Aufsehen gemacht hatte, hingewiesen. Der Minister meinte, die Vorsehung könnte das Verbrechen gleichsam zu einem Warnungsruf an den deutschen Gesetzgeber bestimmt haben. (Der jugendliche Mörder hatte die ganze aus sieben Mitgliedern bestehende Familie Kink einzeln, die meisten davon in der Ebene von Pantin bei Paris abgeschlachtet.) Graf Bismarck, der am zweiten Tag in die Debatte eingriff, meinte zum Beginn seiner Rede, das Widerstreben gegen die Todesstrafe entspringe bei denen, die nicht an ein Jenseits glauben, einer Überschätzung des Wertes des Lebens; er stehe fest in dem Glauben, daß man auch dem schwersten Verbrecher auf dem Richtplatz den Trost mitgeben könne: mors jaiiua viws. — 205 — einer Stelle seiner Rede, nämlich da, wo er mit dem Mörder den Jndustrieherrn verglich, in dessen Dienst ein Arbeiter verunglückt. Unter gewissen Umständen findet ein Gericht in solchen Behauptungen das Vergehen der Aufreizung einer Klasse von Staatsbürgern gegen die andere. Und mit gleichem Rechte könnte man sagen: die Eisenbahn, auf der ein Mensch verunglückt, ist auch eine Mörderin. Denn der Arbeiter begiebt sich ebcusowenig in die Gefahr um seines Herrn willen, als der Reisende ans den Weg um der Eisenbahn willen; Jndustrieherr nnd Eisenbahn haben gleich wenig das Interesse und die Absicht, daß ein Unglück passiere. Lasset uns denn Gründe uud Gcgeugrüude von solcher störenden Beimischung ablösen: Was bleibt als die letzte innere Wahrheit? Die Krone des Regenten hält es für ein sittliches Gebot zn töten; die Krone des Volkes hält dies für ein sittliches Verbot. Zwischen diesen zwei Bedenken scheint mir der Unparteiische nicht zaudern zu köuueu. Formal mögeu sie ebenbürtig einander gegenüberstehen; an innerer zwingender Kraft find sie durchaus nicht mit eiuauder vergleichbar. Die Stimme, die einem Menschen zurust „töte!" kann nie so mächtig sein als die, welche ihm znrnft: „töte nicht!" Wenn ich nach Menschengefühl mich entscheiden muß, mit wem ich, in meiner Ungewißheit, eher zu irren mich aussetzen soll, so ergreife ich gewiß die Haud, welche reiu bleiben will vom Blut. Uud daß selbst die Regierungen im Stillen anch dieser Empfindung huldigen, das sehe ich daraus, daß sie von ihrem Schwert- recht so weuig Gebrauch machen und noch weniger Gebrauch zu machen verheißen. Hinter den Zugeständnissen, welche dieser Anschauung im Prinzip huldigen, kommen dann die praktischen „Aber", welche sie umstürzen sollen. Stünde ich, wie die Mehrheit des Reichstags, auf dem Standpunkte, die Todesstrafe sür nicht sittlich berechtigt zu halten, so — 206 — wüßte ich nicht, welche Kompensationen man mir bieten könnte. Eisen und Kaffee sind kommensurable Größen, Recht und Vorteil sind es aber nicht. Man erwidert: die Todesstrafe wird, wenn das neue Strafgesetz fallt, doch in Kraft bleiben. Ja, aber wie im Fundament erschüttert und darum moralisch unmöglich, wenn der Reichstag „Nein" gesagt hat, und wie befestigt und erleichtert, wenn er „Ja" sagt! Daß Deutschlands Wiedergeburt in drei deutschen Staaten den Galgen wieder aufrichtet, darf wahrhaftig nicht übersehen werden. Sollte durch die Unbengsamkeit der Regierungen das Strafgesetzbuch diesmal fallen, so muß die Nation dafür die bessere Zeit abwarten, die ihr so viel anderes noch schuldet, was ihr die Ungnnst des Augenblicks verweigert. In welchen Dingen wird denn ein Parlament künftig hoffen dürfen, daß feine Mehrheit in den Augeu der Regierung etwas bedeute, wenn es in dieser Frage bei solcher Mehrheit schließlich eingesteht i es war nicht unser Ernst, wir Haben's nur probiert mit Ench! Was dürft Ihr von einer Regierung erwarten, die Ihr selbst so schlecht erzogen hättet? Daß im Zoll-Parlament eben durch wechselseitige Zugestäudnisfe etwas zustande gebracht ist, scheint mir dem Reichstag zugnte zu kommen, wenn er jetzt festhält. Wir haben eben gezeigt, daß wir ernstlich etwas zustande bringen wollen und nachgeben können. Nun gilt es zu zeigeu, daß man nicht wollen muß um jeden Preis, und daß man nicht nachgeben kann in jedem Falle. Noch Eins, ich gestehe es, ist nicht ohne Eindruck aus mich, wenn schon manche darüber lächeln werden. Der deutsche Reichstag hat vor der ganzen gesitteten Welt Stellung genommen in dieser Frage unter dem Panier des Fortschritts. Nichts hat ihm so sehr die Gunst des allgemeinen Welturteils eingebracht. Das läßt sich nicht in Groschen nnd Pfennige um- — 207 — rechnen, und ist doch etwas. Den Sinn, der darin liegt, kann ich nicht besser erklären als durch Folgendes: Gegen Beibehaltung des Henkers stimmten Fürsteu, Grafen, Herren von, Bürgerliche, Total. 2. k. 21. 89. 118. Für Beibehaltung des Henkers stimmten: Fürsten, Grafen, Herren von, Bürgerliche, Total. 4. 1«;. 47. 14. 81. Zusammen für den Henker 67 vom Adel uud 14 Bürgerliche; gegen den Henker 29 vom Adel uud 89 Bürgerliche. So ward mir klar, daß die Entscheidung in der Hauptsache eiue Frage sei zwischen der alten Feudalwelt und der neuen bürgerlichen. Man erzählt, daß in Nußland früher politische Schriftsteller zuweileu verurteilt wurden, am Pranger stehend ihr eigenes Buch Blatt für Blatt aufzuessen. Verstünde sich der Reichstag dazn, sein Votum über die Todesstrafe aufzuheben, ich fürchte, der Welt käme es vor, als ständen wir bürgerliche Deutsche mit dem Hals- eiseu hoch ans einem Gerüste nnd würgten nnser eigenes Werk hinab, dieweilen unten die Herren vom Adel spazierten nnd ironisch das Schauspiel durch ihre Lorgnetten mitansähen. Ich habe manche Stunde geschwankt, wozu mau sich entschließen soll, aber ich bin letztlich dazu gelangt, ent- schlosseueu Herzeus zu sagen: ?ersat eoclsx, rmk Oerriumm! L. Vamberger. IV. Berlin. 22. Mai 1870. Geehrte Herren! Ich habe Sie vertraut gemacht mit den Sorgen, welche das Kapitel der Todesstrafe umringten, und obgleich dieses ganze Gebiet erst jenseits der satalen Mauthlinie beginnt, mit welcher die Thätigkeit Ihres Zolldeputierten nmzäunt ist, so werden Sie darum mit einer Jukompetenzcinrede ihm nicht entgegengetreten sein. Vielmehr ist er überzeugt, Sie lohnen es ihm eher mit Dank als mit Vorwürfen, daß er sich gewissermaßen als Ihren Reichstagsabgeordneten in partidus iuMslinur betrachtet. Bekanntlich rechnet der Papst in das Reich der ihm uutergebeuen Christenheit ganze Länderstrecken ein, welche dermalen in der Gewalt der Ungläubigen sich befinden und darum seinen Bnllen und Bre- ven unzugänglich sind. Damit aber nicht in Vergessenheit gerate, daß die Christenheit ein wohlbegründetes Recht auf jeue, nach irgend einer Nikolsburger Mäßiguug iu den Tagen der Kreuzzüge deu Heideu gebliebenen Länderstreckeu besitze, ernennt der heilige Vater von Zeit zu Zeit einen Bischos von Trapezuut oder von Chalcedon, dem nur einstweilen zufällig noch nicht vergönnt ist, mit Jnful und 209 — >trnimnstab in seinen Sprengel einzurücken. In ähnlichem Sinn haben Sie Ihren Abgeordneten znm Zoll-Parlament gewählt, nnd wenn irgend ein Fleck deutscher Erde gegen die Gewaltthat seiner Ausschließung aus der Gemeinschaft des deutschen Staates zu Protestieren recht thut, so ist es der uuserige, denn die leibhastige Wirkung dieses Mißverhältnisses ist keine andere als die seiner gänzlichen Ent- mündignng. Indem wir verhindert sind, mittelst eigener Person am Reichstag zu erscheinen, sind wir desjenigen Grundrechts beraubt, welches heutzutage keinem Volk mehr bestritteu wird, des Rechts, au der ihm bestimmten Gesetzgebung mitzuarbeiten. Werfen Sie nur einen Blick gerade auf diese Angelegenheit deS Strafgesetzbuchs in ihrem Konflikt mit der Frage der Todesstrase. Wer zweifelt, daß die Entscheidung, wie sie hier im Norddeutschen Reichstag fiel, auch für unser — der Geographie bisher unbekanntes - südhessisches Land das Gesetz schuf? Und dennoch hatten wir nicht ein Sterbenswörtchen dabei mitzureden! Und dennoch, wie leicht konnten unsere sechs Stimmen dem Beschluß, der nur mit acht Stimmen Mehrheit gefaßt wurde, eine andere Wendung geben! Da können Sie es mit Händen greifen, wie aberwitzig jene sogenannte Politik räsonniert, welche nicht will, daß wir in den Norddeutschen Bund eintreten, darum, weil er nicht die Frankfurter Grundrechte verkündet hat. Aus lauter Schwärmerei für die Grundrechte wird das erste und vornehmlichste dieser selbigen Rechte Preis gegeben, welches heißt: Mitwirkung an der Beratung und Beschließung der Gesetze. Aus lanter Liebe zu den Grundrechten versagen sich jene Faseler die Möglichkeit, sich selbst Grundrechte schaffen zu helfen. Gestern hat der Reichstag ein Strafgesetzbuch vollendet, welches morgen bei uns seinen Einzug halten wird, wer möchte das in Zweifel ziehen? Aber während Canada und 210 Australien längst dahin gekommen sind, ihre Gesetze nicht mehr fix und fertig aus den Händen eines Mutterlandes zu empfangen, während sogar Algerien und Cuba auf dem Punkte stehen, in deu gesetzgebenden Körperschaften Frankreichs und Spaniens mitvertreten zu sein, erklärt es die hochweise Demokratie für den Ausfluß und Ausbund edler Freiheitsprinzipien, daß wir bei der Bearbeitung der uii5 aufzuerlegenden Gesetze eine muudtote Kolonie bleiben müssen. Wie mit dem Strafgesetzbuch, so wird es mit dein noch viel wichtigeren Strafprozeß, mit dem ganzen bürgerlichen Rechte, mit dem Heimatswcsen und vielen anderen Materien gehen, deren Zwiespältigkeit innerhalb der Grenzen unseres unglückseligen Großhcrzogtums ganz undenkbar ist. Und wie erst, wenn wir in die heiteren Unmöglichkeiten geraten, welche aus der schnurrigen Verfassung der Ortschaften Kastel und Kostheim sich ergeben müssen! Zwei rheinhessische Gemeinden, welche nackt und blos zum Norddeutschen Bnnde geschlagen sind, während sie in ihrer gauzeu Gerichts- und Verwaltnngsverfassung dem süddeutschen Rheinhessen angehören. Wenn einmal das Leipziger Oberhandelsgericht und die oberste Behörde für Heimatsfragen in Wirksamkeit treten, werden aus dieser Zwitter- haftigkeit die wundersamsten Natnrspiele erwachsen. Wie beispielsweise soll man es künftig halten, wenn ein Bewohner von Kastel oder Kostheim am Mainzer Handelsgericht prozessiert, dem er ja zugehört? In höchster Instanz hat er als Norddeutscher das Recht, eine Entscheidung in Leipzig einzuholeu. Das Leipziger Oberhaudelsgericht aber kann von eiuem Urteil des Maiuzer Appellhofs so.weuig Notiz uehmen, als von dem Ausspruch des Schatzkammergerichts an der Themse. So wird der arme Rechtsuchcnde mit seineu Akteu unerhört zwischeu Darmstadt uud Leipzig hin nnd herlaufen, bis das; es dem großen Reich des Hessischen — 211 — Südens am Ende der Tage gefallen möge, seine erhabene Selbstherrlichkeit aufzugeben. Solchem Skandal ein Ende zu machen, war der nächste Zweck des Antrags, welchen der Abgeordnete Laster im Reichstage dahin gestellt hat: daß jeder einzelne Staat ans sein Verlangen ohne weiteres in die Gemeinschaft des Norddeutsche» Bundes aufgenommen werde. Für unser armes Hessenlaud wäre aus der Anerkennung dieses Satzes schon der Gewinn entsprungen, das; endlich einmal zur Klarheit hätte kommen müssen, wem denn die Sprödigkeit des Statusqnv zur Last fällt: ob der preußischen Politik, wie Hesseu zu verstehen giebt, oder der hessischen Politik, wie Preußen andeutet. In ebenso fataler, wenn anch minder lächerlicher Weise findet sich Baden ausgeschlossen, nur daß hier über den Sitz des Widerstandes keine Zweideutigkeit möglich ist. Alle schönen und unschönen Gründe, mit denen Gras Bismarck dem Laskerschen Antrag gegenüber seine müde, deutsche Stillstandspolitik verteidigt hat, fallen für uns nicht halb so schwer ins Gewicht, als die Thatsache der ungereimten Rechtlosigkeit und Rcchtsverwirrnng, mit der wir gegenwärtig zwischen Nord und Süd in der Luft hängen. Allerdings ließ der Graf so zwischen den Zeilen lesen, daß es mit Hessen ein anderes Ding sein möchte, als mit Baden; daß unter Umständen Hessen eintreten könnte. Aber so lange er den Eintritt Badens von sich weist, kann es ihm auch mit dem von Hessen nicht rechter Ernst sein; denn wie vermöchte er sich darüber zu täuschen, daß nach Hessens Aufnahme das schon jetzt kaum anfhaltbare Andringen von Baden ganz unwiderstehlich werden müßte? Und darum hat mit Recht die deutsche Nationalpartei an die Spitze ihres Programms gesetzt: daß jedem südlichen Staat ohne Rücksicht ans seine Nebenländer das Recht zuerkannt werde, in den Bund- einzutreten. Der Bnndeskanzler liebt es, in Gleichnissen zu 14* reden, die überhaupt bekauutlich wenig beweisen, aber auch im besondern Fall nicht immer passen. So das Bild von dem süddeutschen Milchtopf, welchen der Norddeutsche Bund nicht abrahmen möge. Aber mir will scheinen: gerade dieser Brauch empfehle sich hier. Je wertloser das Zurückbleibende für sich ist, desto weniger hat es Ursache, auf eigene Faust weiter zu existieren. Jetzt sind die vier Staaten, Hessen, Baden, Württemberg, Bayern, uoch etwas, sie stelleu für nusere Gegner diesseits uud jenseits der Grenze uoch den Schatten eiues Gesamtbegriffs vor unter dem Namen „Süd- deutschlnnd" mit der wenn auch noch so nebelhaften Möglichkeit eines „Südbundes". Mau entziehe ihnen Hessen und Baden, uud sie bleiben nichts mehr als zwei Kleinstaaten, die weder sich zu eiuem Ganzen zn vereinigen, noch in ihrer Selbständigkeit auf die ^änge zn verharren, Aussicht haben. Dann hat die verderbliche Mainlinie aufgehört, die Äarte Deutschlands zu entstellen; dann hat der Name, der lächerliche, ärgerliche Name „Süddeutsche" aufgehört, einen Sinn zu habe«: daun giebt es auf der einen Seite: Deutsche, auf der andern: Württemberger uud Bayern, denen der Schimpf und Spott solcher Zwergnationalität bald zum Ekel werdeu muß. Mit der Theorie, daß er nur die vier süddeutschen Staaten ans einmal nehmen könne, verläßt der Bundeskanzler die ganze Tradition seiner eigeueu iuneren Politik; er verfällt damit in den Irrtum gerade seiner uuversöhulichsteu Gegner, welche auf ihre Fahue geschrieben haben: „Alles oder nichts!" und es ist gar uicht abzusehen, warum in ein so nnträtables Programm (welches ja nur eine Umschreibung des sogenannten großdeutschen wäre) nicht auch Deutschösterreich sollte aufgenommen werden. Bekennen wir uns einmal zu der Formel, daß mit dem nächsten Schritt der deutsche Staat zu seiner definitiven Gestalt kommen müsse, so ist unvermeidlich auch Dentschösterreich zur unerläßlichen Beigabe der nächsten Erweiterung zu macheu. Die Politik, welche den Norddeutscheu Buud gegründet und bisher geleitet hat, ist aber keineswegs die des „alles oder nichts". Sie begnügt sich mit dem Gewinn, den sie jedesmal greisen kann, und sie verläßt sich darauf, daß jeder Zuwachs dem Gründgesetz, auf dem sie beruht, neue Stärkung bringen mnß. Die größern Massen ziehen die kleinern an: daraus basiert unsere Rechnung, nnd wenn wir den deutschen Staat um zwei Fürstentümer vergrößern und den süddeutschem Rumpf um ebensoviel verkleinern, so ist wahrlich kein Anlaß da, eine schlechte Wirkung davon zu befürchten. Es ist in gewissen Kreisen Mode geworden, die Interpellation Lasters inbezng ausBaden als eine bedauernswerte Taktlosigkeit zn bewchklagen. Solche kitzliche Fragen, wird uns mit weiser Miene zugeflüstert, dürfe man nicht auf's Tapet bringe», ohne sich bei den höchsten Personen vorher vergewissert zn haben, daß sie auch willkommen seien. Wenn der Abgeordnete Laster schweigen wollte, so konnte er die Mühe sparen, vorher bei dem Bundeskanzler anzufragen, ob er reden dürfe. Die verneinende Antwort verstaub sich ja vvu selbst, und die einzige Art, den Gegenstand anzurühren ohne den Bundeskanzler zu kompromittieren, bestand eben darin, ihn sorgfältig aus dem Spiel zn lasfen. Es ist schon ganz gut, dem Stifter des Norddeutscheu Bundes alle erdenkliche Gerechtigkeit Widersahren zu lasseu, aber seiner höheren Politik wäre nichts verderblicher als jeue namenlose Angst, ihn einen Augenblick in üble Laune zu versetzen, als dieses fromme Gewiusel über jede Regnng, die seinem augeublicklichen Humor zn nahe tritt. Die, welche ihm manchmal mit ihrem nationalen Ungestüm in — 214 — die Quere kommen, dienen ihm besser als die, welche stets nur auf sein Augenzwinkern warten, ehe sie den Mund aufthun, und — wer weiß, ob es ihm nicht heute schon ganz recht ist, daß Lasker sich zum Ausdruck der badischen Ungeduld gemacht hat? Es Ware zum mindesten nicht das erste Mal, daß der Preußische Premier aus solchen Belästigungen, aus solchem Druck von anßen recht fein Nutzen zu ziehen verstanden hätte. Und darnm bleibe vor allem uus armeu Blind-Darm- Hessen ohne Wanken und Weichen der erste Satz unseres Begehrens: Eintritt in den Norddeutschen Bund! Denn jene andere Methode — gestehen wir's uns ehrlich — welche vor zwei, drei Jahren im Schwange war, deren Sinn in die Worte sich zusammenfaßte: „Zoll-Parlament Voll-Parlamcnt!" jene Methode, wir dürfen es bekennen, ist den Weg der Blütentränme gewandelt. Sie entsprach dem Gefühl der ersten Hoffnung, die sich aller Sorgen um das Wie oder Wo entschlägt; sie war vielleicht nicht ganz fremd jenen historischen Reminiscenzen einer anderen Periode, die uns so lange als großes Vorbild aller erhabenen Evolutionen vorgeschwebt hat. Gewiß zog manchein bei der ersten Erwartung von dem künftigen Zoll-Parlament unwillkürlich die Erinnerung herauf an jene uneudlich ergreisenden Momente, von denen wir in den Schilderungen des 17. Juni oder des 4. August 1785» leseu, da in einer dramatischen Sitzung der dritte Stand sich zur Nationalversammlung erweiterte oder der gesamte Adel seine Privilegien auf den Altar des Vaterlandes niederlegte. So ungefähr, träumte man duukel, könnte eines Tags unter dem Andringen einer hinreißenden Begeisterung das Zoll-Parlament sich aufraffen und zum wahren, vollen Vertreter der gesamten Nation emporschießen. Aber weder Zeit noch — 215 - Umstände, noch der Geist unseres Volkes entsprechen dergleichen überschwenglichen Bewegungen. Auch hat in deutschen Landen aller Gefühlsüberschuß seiueu breiten und stets befahrenen Ableitnngskanal in der unendlichen Reihe der Festmahle und Trinksprüche, denen wir Jahr aus Jahr ein obliegen. Dahin leiten wir das Übermaß unserer Be- geisternngsfülle, und so, befreit von aller Gefahr verzehrenden Feuereifers, besorgen wir mit um desto größerer Bedächtigkeit die Aufgaben der praktischen Politik. Sollte es einmal dein Osns ex niaoluim. dem himmlischen Zufall, beikommen, uus mitten im Zoll-Parlament mit einer großen nationalen That zu überraschen, um so besser! Nur in nnsere Berechnung sie aufnehmen, dürfen und wollen wir nicht länger. Der Augenblick, iu dem sie, wenn überhaupt denkbar war, der erste nämlich, ist unwiederbringlich vorüber. Dies sonderbare Parlament mag weiter bestehen in seiner doppelten Eigenschaft, als ein sachlich unentbehrliches Werkzeug uud als eiue lebendige Mahnung an die UnVollkommenheit und Unebenmäßigkeit unserer dermaligeu Verfassung. Jedem deutschen Wähler und Gewählten, der überhaupt weiß, was ein Staat ist und bezweckt, wird mit fortschreitender Zeit der Widersinn deutlicher werden, welcher das Maß seiner Teilnahme an dem gemeinsamen Dasein der Nation auf diesen engen und uuschließbaren Kreis beschränkt; und der Ruf nach einer vernünftigen und würdigen Ordnung der Dinge wird sich dahin wenden, wo er allein gehört werden kann: an den Reichstag des Norddeutschen Bundes, damit dieser alle Vertreter der Nation in sein festes Gefüge aufnehme. Diesen von allen unklaren und theatralischen Vorstellungen gereinigten Weg haben wir in Zukunft im Auge zu behalten. Der Reichstag hat sich bewährt, er trägt das Bewußtsein eines — 21k — dauernden und wachsenden Berufs in sich-, kein Zweifel, daß er bestimmt ist, Zoll-Parlament von der einen Seite, Landtage von der andern zu überleben, aufzusaugen, uud dieser Bestimmung entsprechend, auch die Regicrungsform an seiner Spitze umzugestalten. Dem Zoll-Parlament bleibt neben dem Troste, das Nützliche geleistet und eine Lücke im deutschen Provisorium ausgefüllt zu haben, die Erkenntnis, daß es zu großen Dingen schwerlich berufen, ja, daß mit jedem heraufsteigenden Jahr das Feld seiner Thätigkeit von selbst eng und enger werden mnß. Mit jedem Handelstraktat, den es einrcgistriert (an sich schon eine blos formelle Mitwirkung), mit jedem Zoll, den es abschafft, schwindet unter seinen Füßen der Boden, auf dem es steht, nnd schon von heute au ließe sich mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen, wann ungefähr ihm das Lebenslicht mangels nährender Beschäftigung ausgehen wird. Gewisse große Steuerprojekte, gewisse Monvpolien, die ihm vielleicht von dieser und jener Seite zugedacht sind, wird es uicht auf seine schmalen Schultern nehmen. Sein Reich ist uicht von dieser Welt der großen Umwälzungen, sein Beruf, ja selbst die kärglich gemessene Zeit seiner Versammlungen geben ihm nicht den Zuschnitt eines Wesens, welches große Unternehmen nnd gar solche vou bedenklichem Charakter (wie ein Tabaks- mouopvl) auf sich laden möchte. Bescheiden nnd vergänglich ist seine Sendung, das beste an ihm sein Ursprung; die Wahl, auS der es hervorgeht, ist die Zählung der Nation nach solchen, welche ihre Zeit und ihre Aufgabe verstehen nnd solchen, welche dem Ruf des Vaterlandes und der Vernunft verschlossen bleiben. So hat das Volk südlich des Mains zum ersten Male die Wahlen aufgefaßt, so möge und wird es sie zum zweiteu Male abermals verstehen. Weil nichts so sehr Kraft und Zutrauen giebt, wie das — 217 — Bewußtsein, in der möglichst großen Gemeinschaft der einsichtsvollen Redlichen sich zu finden: darum sollen uns die zweiten Wahlen ebenso regsam, ebenso entschlossen und ebenso tren wiederfinden wie die ersten uns gefunden haben. Uno somit ans Wiedersehen im guten Äampf für den einigen, unteilbaren deutschen Staat. Ihr ergebenster L. Lamberger. j Die fünf Milliarden. ? _ ') Aus den „Preußischen Jahrbüchern" ,878. Band XXXI, 5 üSm Frühjahr 1872 fuhr ich in Begleitung eines französischen Bekannten von Köln nach Lüttich. An einer Haltestelle zwischen Aachen und Herbesthal, an welcher zahlreiche Arbeiter beschäftigt waren, die Geleise auf Seiten- fträngeu und Abzweigungen zu vermehren, klopfte mir mein Gefährte auf die Schulter und sagte halb ironisch, halb schmerzlich lächelnd: o'sst, pas swung-ut! Nos eiocj NiUiaräs!" — Vergeblich bewies ich ihm, daß die Arbeiter, von deutschen Müttern geboren, durch den Krieg jedenfalls vermindert, nicht vermehrt worden seien, daß die Schienen aus dem Eisenwerk von Burbach, daß der Tagelohu aus unserem Thalervorrat und die Kapitalien aus dem alten Betriebsfonds der Eisenbahn stammten: er blieb dabei, daß dies alles nur das Werk der fünf Milliarden sei. Ich bin seitdem und bis auf den heutigen Tag so oft ähnlichen Anschauungen auch auf landsmännischer Seite begegnet, daß sich immer mehr bei mir die Überzeugung befestigte, es müsse sich in hohem Grade der Mühe lohnen, für den wirklichen Hergang der Dinge bei dieser internationalen Finanz-Operation ein klares Verständnis herbeizuführen. Allerdings zu einem völlig exakten Studium des Hergangs fehlen noch einige Voraussetzungen. Für Nordpolfahrten, für meteorologische Stationen wird jahraus jahrein mit Freigebigkeit aus öffentlichen — 222 — Mitteln der Aufwand bestritten. Vor zwei Jahren bewilligte das Deutsche Reich eine Summe zur Ausrüstuug einer wissenschaftlichen Expedition, welche sich nach Aden begab, um den Durchgang der Venus durch die Souue zu beobachte». Handelt es sich um solch eiue Kombination der Gestirne, wie sie nur in hundertjährigen Zwischenräumen vorkommt, so drängt der schöne Eifer der gelehrten Welt darauf, die seltene Erscheinung nm jeden Preis mit allen Instrumenten des Schauens und Messeus für das Studium zu fixiere». Nnu bietet sich iu unserer nächsten Nähe, in unserem eigenen Lande, die Gelegenheit, eine wirtschaftliche Konstellation ins Auge zu fassen, wie sie uie zuvor dagewesen ist; dieselbe tritt in greifbaren, zeitlich eng zusammengedrängten Formen zutage, dergestalt, daß bei einigem gute» Willen es möglich sein würde, sie beinahe mit mathematischen Hilfsmitteln in allen ihren einzelnen Phasen zu verfolgen. Sollte es da uicht angezeigt sein, ein Observatorium zu errichten, um Einblick zu gewinneu in die merkwürdigen Umwälzungen, die sich daraus ergeben, daß eine Nachbarnation der anderen binnen dritthalb Jahren die unfaßbare Summe von fünf Milliarden Franken abzahlt? Eine Summe, welche so viel des baren Geldes ausdrückt, als nach den höchsten Veranschlagungen vor dem Kriege iu Frankreich umlief; mehr als noch heute in Großbritannien oder in Deutschland an Metall und Banknoten im Verkehr ist, dreimal soviel als die vereinten BndgetS und mehr als die Schulde« sämtlicher deutscher Staaten ausmachen. Die Regierung des Deutschen Reiches könnte der ökonomischen Wissenschaft aller Zeiten einen hervorragenden Dienst leisten, wenn sie in genauen Aufstelluugen alle die Formen verzeichnen ließe, in welchen ihr die fünf Milliarden einlaufen, nnd die Formen der Wiederverausgabung. Diese Ausstellungen müßten ergänzt werden dnrch — 223 — die Angaben, welche die Vorhand und die Nachhand liefern können. Die Bankhäuser, welche zwischen den Regierungen und zwischen diesen und den Privaten den Umsatz vermitteln, könnten auch ihrerseits das nötige statistische Material über Abfluß und Zufluß beitreiben. Aus dem Ganzen würde eine merkwürdige Übersicht des Lebensprozesses hervorgehen, in welchem die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart sich bewegen. Ohne Zweifel würde eine Anschauung der Dinge zum Durchbruch kommeu, welche im Finanzministerium wie in der Werkstütte für die Führung der größten wie der kleinsten Geschäfte ihre tiefe moralische und ökonomische Wirkung zurückließe. Im folgenden soll nur ein Versuch gemacht werden, so weit es ohne diese statistischen Hilfsmittel gelingen kann, uns Rechenschaft von dem bis jetzt noch wenig verstandenen Phänomen zu geben, das mit so tiefem Einfluß auf unser Geschick sich dennoch beinah ungesehen vor unseren Augen abspielt. Der Versuch beansprucht uicht, in allen Teilen scharf zutreffend auszufallen; nur glaubt er. indem er suchend voranschreitet, den Weg, ans welchem die Wahrheit zu sinden ist, betreten und das Richtige, wenn noch nicht endgiltig festgestellt, doch herausgefühlt zu haben. Mögen andere darin die Aufforderung finden, zur Klarstellung eines Problems beizutragen, welches für Wiffenschaft und Leben die tiefste Belehrung in sich trägt. 5 » Zum Zweck der Auflösung der Operation in ihre Bestandteile werden wir am besten thun, mit dem Handgreiflichsten anzufangen. Bei dem ersten Gedanken an eine Zahlung stellt man sich dieselbe in barem Metall vor. In der That Frankreich hat die Sache so begonnen. Die Zahlungen der ersten Milliarde wurden zu einem guten Teil in Metall - 224 — gemacht; allein wir wissen, daß seitdem in überwiegendem Verhältnis andere Znhlmittel an Stelle des baren Geldes getreten sind. Ein solcher Vorrat war nicht aufzutreiben, jedenfalls nicht ohne unerschwingliche Opfer. Und Ware das möglich gewesen, für Deutschland bestünde noch weniger die Möglichkeit, einen solchen Schatz in sich nützlich aufzunehmen. Was sollten wir mit sünf Milliarden Gold oder Silber machen? Sie als Umlanfsmittel zu benützen, würde voraussetzen, daß unser Bedürfnis an baren Verkehrsmitteln, welches durch unseren früheren Vorrat genügend gedeckt war, sich im Laufe eines Jahres um mehr als das anderthalbfache gesteigert hatte. Andererseits das Gold einzusperren, hätte auch keinen Zweck. Es bliebe also nur die Möglichkeit, es wieder nach irgend einem Ausland zu versenden und dadurch Gläubiger des betreffenden Auslandes zu werden. Da aber würde sich die Frage auswerfe»: nach welchem Auslaud? Denn offenbar, so wenig wir in der Lage waren, beliebige Metallsummen absorbieren zu können, so wenig find wir berechtigt, diese Fähigkeit dem ersten besten Lande zuzutrauen. Gelöst wird diese Frage annähernd, wenn wir uns sagen, daß die Länder, denen das nns zugeworfene Metall entnommen war, am ersten wieder das Bedürfnis haben möchten, es zurückzunehmen. Und was von der Hypothese einer Barleistung sämtlicher sünf Milliarden gilt, das gilt auch in der Hauptsache von demjenigen Bruchteil, der uns wirklich in Form von Metall ausgehändigt worden ist. Aber hier greift ein modifizierender Umstand ein. Ein Teil des Metalls ist der sranzösischen Zirkulation entnommen und kraft des Papier- Zwangs-Knrses daselbst entbehrlich geworden. Nach Frankreich strebt das Metall also vorerst nur schwach zurück. Es bleiben mithin nur die Länder, welche den übrigen Teil der bareu Zahlungsmittel abgegeben haben. Aber auch nach — 225 — diesen Gelder zu schicken, hängt nicht lediglich von unserem Willen ab. Um ihnen zahlen zu können, müssen wir entweder ihr Schuldner sein oder ihnen Vorschüsse machen wollen; ein drittes ist nicht denkbar. War nun der Stand der Handelsbilanz in früheren Jahren ein solcher, daß wir ohne Bar-Aussendungen von wesentlichem Belang im Durchschnitt unseren Konsum an fremden Waren bestreiten konnten, so ist jetzt noch viel weniger als sonst die Notwendigkeit zu solcher Ausgleichung mittels Barmittel gegeben. Denn nicht mit Metallen allein, sondern zum großen Teil mit Anweisungen aufs Ausland zahlt uns Frankreich. Wir sind also mehr als früher Gläubiger, weniger als früher Schuldner des Auslandes; mit andern Worten, wir sind mehr aufs Vorschnßgeben als auf Abtragung von Verpflichtungen ans Anstand angewiesen. Fassen wir diese Verhältnisse zusammen, so stehen wir vor der Thatsache, daß — soviel auch durch Nebeneinflüsse au diesem Hauptphänomen geändert werden möge — Deutschland infolge des Empfangs der Kriegsschuld mit einer gewissen Summe von Barmitteln und von Forderungen ans Ausland versehen wird, auf deren Verwendung es nicht von vornherein eingerichtet war. Beide Seiten der Thatsache, sowohl der Überfluß an Forderungen nach außen, als der Überfluß an Zahlmitteln nach innen, führen dieselbe Wirkung herbei: den natürlichen Drang, Wertobjekte vom Auslande herbeizuziehen. Denn die Vermehrung der baren Zahlmittel ist gleichbedeutend mit einer Steigerung der Preise, lockt also Wareu vom Auslande herein. Desgleichen das Vorhandensein zahlreicher Forderungen ans Ausland treibt zum Angebot dieser Forderungen, d. h. zum Angebot des Wechsels, welches die deutsche Kaufkraft für auswärtige Objekte steigert. Wir sehen hiernach, daß die charakteristische Folge der — 22«; — französischen Schuldabwicklung immer schließlich darauf hinausgehen muß, die Valuta der fremden Länder bei uns herabzndrücken und infolgedessen die Aufnahme fremder Waren bei uns zu vermehren. Und, irren wir uns nicht, sv fällt diese Beobachtung auch ganz zusammen mit dem Grundgedanken, welcher in dieser kolossalen Zahlung ausgedrückt ist. Vou der Betrachtung, daß diese Kriegsleistung bestimmt ist, erlittene Verluste in unserem Nationalvermögen wieder zu ersetzen, können wir für den Zweck unserer Analyse absehen. Es hat zwar auch diese Seite der Sache ihr Interesse, und wir werden später sinden, daß deren richtige Auslegung vollständig zu den übrigen Folgerungen unserer Betrachtung Paßt. Doch, um die Fädeu uicht zu zahlreich und bunt durcheinander zu schlingen, müssen und dürfen wir hier bei der Hypothese bleiben, daß es sich um das einfache Problem einer neuen Vereicheruug des deutschen Wirtschaftsstnndes mittels der französischen Kriegsleistung handelt. Auf welche Weise kann ein Land sich bereichern? Es ist schon dem Individuum nicht so leicht, uneudliche Schütze zu bemeistern, wie die Märchenphantasie sich einbildet. Die volkstümliche Redewendung, daß auch der Reichste uicht mehr als dreimal im Tag essen kann, behauptet bei einer ganzen Nation noch viel mehr ihren Sinn, als beim Individuum. Thatsächlich sind die wenigen Familien auf der Erde, welche ganz unverhältnismäßig Reichtümer besitzen, gezwungen, eine Menge von Geschäften zu betreiben, bloß nm ihre Kapitalien unterzubringen. Das Haus Rothschild wäre längst in Verlegenheit, seine Aktiva anzulegen, wenn es nur das größte Bankhaus der Welt wäre. Es gehört aber daneben anch zu den größten Grundbesitzern, den größten Rhederu, den größten Bergwerkseigcntümern, den — 227 größten Tabak- und Seidenhändlern, den größten Besitzern von Gemälden, Edelsteinen und Raritäten in der Welt. Dies nur als Andeutung, daß selbst einer einzelnen Familie die Grenzen eines bestimmten Landes für die fruchtbare Verwendung ihrer Reichtümer zu eng werden können. Erschwert wird eiuer Nation die Verwertung plötzlich zuströmender Reichtumer noch dadurch, daß von einem Phantasiegenuß bei ihr uicht die Rede sein darf. Das bloße Bewußtseiu eiues immensen Besitzes ist für den ius Unendliche ausdehnbare» Gedanken eines Individuums offenbar größere Genugthuung, als die Summe der Befriedigungen, die es sich mittels seiner Reichtümer innerhalb der engen Grenzen individueller Genußfähigkeit verschaffen kann. Eine Nation aber, eine Gesamtheit steht vor dem Gebot, die ihr znr Verfügung stehenden Reichtümer so zu verwenden, daß sie in thatsächliche Nützlichkeit umgesetzt, nicht zu Phautasiekitzel aufgespeichert werden. Kehren wir nunmehr zu der Aufgabe zurück, eine, allen bisherigen Haudelsbedarf weit übersteigende Summe vou Barmitteln und Anweisungen aufs Ausland im Inland zu verwerten. (Vou den Anweisungen aufs Inland wird später die Rede sein.) Bei uus zu Hause können nur, um den Besitzstand aus eigenen Mitteln zu erhöhen, nichts anderes thun, als mehr arbeiten. Zu dieser Arbeits- vermehruug giebt uus das Ausland nichts, kann es uns nichts geben, auch das mehr umlaufende Geld thut direkt nichts dazu. Mit der Regsamkeit uuserer Arme, mit der Teukanstrengung unserer Erfindungskraft hat dies neu hinzukommende Geld in irgend welcher Form zunächst nichts zn schaffen. Es kann weder die Felder, auf denen wir hacken, graben, pflanzen, noch die Schachte, in welchen die Erze ruhe», weder das Holz iu »uferen Wäldern, noch das Vieh auf unseren Weiden von selbst vermehren. Abgesehen von 15» 228 — der Herbeischaffung fremder Materialien, giebt es für den hereingeleiteten Goldstrom nur eine Art, die vorhandenen Menschen- und Naturkräfte des Inlands zu fördern. Es geschieht dies durch Hebung des Kredits in Gestalt von leichter erlangbaren Zahlmitteln. Bekanntlich sind die bloßen Zahlmittel entfernt nicht gleichbedeutend mit dem Kapitalvorrat eines Landes. Kapital ist die Gesamtheit der Objekte. Von diesen Objekten bilden die Zahlmittel nur einen geringen Bruchteil, und auch dieser Bruchteil vermag uicht in beliebigem Verhältnis vermehrt zu werden, ohne an innerem Werte abzunehmen. Die Gunst vielmehr, welche unser Land in der gegenwärtigen Lage durch vermehrte Zahlmittel für sein Produktionsvermögen erfahren kann, liegt einzig darin, daß der moralische Aufschwung, welchen der letzte Krieg naturgemäß nach sich zog, sich in einer gesteigerten Produktiouslust äußern mußte. Dieser gesteigerte Unternehmungsgeist verlangte einerseits vermehrte Tauschmittel, andererseits gesteigerte Vorschüsse, und auch das Verlangen nach größeren Vorschüssen konnte in Sicherheit gewährender Weise nur durch gesteigerte Barmittel befriedigt werden. Ohne dieselben wäre eine vergrößerte Anzahl von Unternehmungen, die notwendig, ehe sie selbst Werte erzeugt haben, auf Kredit leben müssen, gezwungen gewesen, entweder bestehenden Unternehmungen ihren Kredit zu entziehen, oder das Vertrauen, welches in bloßer Bürgschaft bei nicht baren Vorschnßmitteln (Wechseln, Schuldpapieren :c.) beruht, ungebührlich anzuspannen. Ein Teil des neu hinzugekommenen baren Geldes findet also hier seine naturgemäße Verwendung. Es tritt in die Stelle ein, wo die vermehrte Geschäftsthätigkeit der Nation unter ihren Betriebsmitteln auch einen vermehrten Umlauf von Zahlmitteln braucht. Wenn dies uns beruhigen kann darüber, daß wir that- — 229 — sächlich Gelegenheit haben, einen Teil von empfangenen Metallzuschüssen fruchtbar zu verwenden, so muß auf der anderen Seite diese Beobachtung uns mit Notwendigkeit zeigen, daß die nützliche Verwendbarkeit in dieser beschränkten Form auch dem Umfang nach nur in sehr beschränkten Grenzen Platz finden kann. Hier außerdem wie bei allen später noch zu betrachtenden Berwendungsarten gilt der Satz, daß schließlich alle Stoffvermehruug, fasse man sie nun als solche oder, was eigentlich das allein Richtige ist, als bloße Formverändernng auf, nur allmählich, weder sprungweise noch naturwidrig rasch, vor sich gehen kann. Betreten wir nun den zweiten Weg, unseren inneren Besitzstand zu vermehren, nämlich durch Bezug von Gegenständen aus dem Ausland. Um uns klar zu machen, wie wir infolge der Kriegsentschädigung dazu gelangen können, mehr Objekte als bisher vom Ausland zu beziehen, haben wir bereits eine Erläuterung gegeben. Das Fallen des Wechsels auf's Ausland ist gleichbedeutend mit wohlfeileren Warenpreisen des Auslandes für uns. Diese Erscheinung kann sich auf zweierlei Art geltend machen: erstens dadurch, daß wir für dieselbe Quantität Geld im Ausland einen größeren Betrag derselben Objekte, die wir früher schon von demselben bezogen, empfangen; oder zweitens dadurch, daß wir neue Gattungen von Waren, die früher im Inland für uns billiger waren, nunmehr wohlfeiler vom Ausland beziehen und dadurch im Inland Hände für andere Produktionsarten frei machen. Aber auch diese Möglichkeit der Zufuhr hat ihre nicht weit abliegenden Grenzen; das Ausland so gut wie das Inland vermag nicht plötzlich die Masse der hervorzubringenden Dinge beliebig zu vermehren. Es vermag dies um so weniger in einer Zeit, in welcher wir ihm einen unverhältnismäßigen Betrag von Barmitteln entziehen, deren es — 230 — bisher bedürfte, um seine Unternehmungen mit dem nötigen Betriebsfonds auszustatten. Wollen wir dem Ausland aber von feinem vorhandenen Besitzstand an Gegenständen mehr abnehmen, als seine eigene Verzehrungsgewohnheit erlaubt, so rufen wir natürlich eiue Reaktion hervor, welche sofort die günstigen Thatsachen wieder aufhebt, deuen wir unsere verstärkte Kaufkraft verdankten. Nehmen wir an, wir wollten die Umstände benützen, um beträchtlich mehr Schlachtvieh in England zu kaufen, als der englische Tageskonsum abzugeben imstande ist. Unmittelbare Wirkung eines solchen Versuches wäre die Preissteigerung des Schlachtviehes in England, welche den Vorteil des günstigen Standes der Valuta sofort aufhöbe. Wir mögeu daraus sehen, daß nach außen wie nach innen plumpe und rapide Veränderungen des Besitzstandes trotz aller Zahlungsformalitäten nicht durchzuführen sind. Weder dem eigenen noch dem fremden Boden können wir an neuem Material mehr abgewinnen als die natürlich langsame Produktionskraft der Natur- und Menschenarbeit im Lanfe der Jahre zustande bringt. Es kommt aber noch etwas hiuzu, das die Möglichkeit, unseren neu gewonnenen Reichtum ohne weiteres in Gestalt fremder Erzeugnisse herbeizuholen, auf eiu kleines Maß beschränkt. Zunächst liegt diese Beschränkung in der begreuzteu Möglichkeit materieller Zufuhr. Jedes Land, das viel verbraucht, ist vou Natur angewiesen, den größten Teil seines Bedarfs zuhause zu erzeugen. Es ist ein alter Satz, daß der Binnenhandel eines zivilisierten Landes unendlich mehr umschlägt als der Handel mit dem Auslande. Doch auch dies ist nur eine Nebenbetrachtnng. Das Wichtigste bleibt folgendes: Wer verfügt schließlich über die Zahlungen, welche vermöge der Kriegsentschädigung — 231 — uns zufließen? Der einzige Disponent bleibt zunächst die Negierung (denken wir sie als eine einzige, denn daß das Reich an einzelne Landesregierungen abgiebt, ändert au der Sache nichts). Wir wollen einmal an Hand der Rechenschaftsablage, welche die deutsche Reichsrcgiernng unterm 12. März d. I. zur Spezialisierung der Einnahmen aus der französischen Kriegsentschädigung und der damit bestrittenen Ausgaben dem deutschen Reichstag vorgelegt hat, uns Klarheit über den Stoffwaudel zu verschaffen suchen, der mittels dieser Einnahmen und Ausgaben vollzogen wird. Es sehlen uns bis jetzt auf Seite der Einnahmen die authentischen Angaben über das, was in Forin von bar, in Form von Wechseln aufs Julaud und in Forin von Wechseln aufs Ausland eingegangen ist. Diese Unterscheidung ist auch hier von untergeordneter Wichtigkeit, weil es uns nicht auf die Durchgangsfvrm der ersten Zahlung, sondern auf die Art der Verwendung ankommt, welche die empfangende Regiernng von diesen Zahlungen macht. Offenbar kann sie je nach Bedürfnis jede Anweisung aufs Ausland so gut wie jede Anweisung aufs Julaud oder jede empfangene Snmme Metalls zn Zahlungen im Inland verwenden. Es kommt uns also hier nicht so sehr auf die Form des Empfangs als auf die Form der Ausgabe an. Unter der aufgezählten Rnbrik finden wir zunächst nur einen einzigen Posten, welcher in kürzester Weise einen Teil der im ganzen bis Milliarden mehr Zeit — 247 — und Arbeit braucht, als die bloße Abzahlungsfrist andeutet, sondern daß auch die Abzahlung als solche nicht ohne Versündigung an der Natur der Dinge auf eine kurze Zeitspanne zusammengedrängt werden kann. Die Aufgabe umsichtiger Finanzwirtschaft geht dahin, alle diese Operationen so zu leiten, daß dabei der tägliche Verkehr möglichst wenig aus seinen Bahnen gelenkt werde. Sonst möchte leicht znr Plage werden, was bestimmt war, Wohlthat zu sein. Mancher, der uns bis hierher gefolgt ist, wird vielleicht lachend fragen, ob nicht auf einen sophistischen Scherz, auf ein Hexeneinmaleins diese ganze Untersuchung hinauslaufe? Oder hätten wir uns gar von eiuem Trugbild äffen lasfeu, indem wir uns eine Leistung von 5 Milliarden ausbedangen? Die Antwort lautet auf ja und nein, je nach der Art, wie wir den Eingang und die Verwendung unserer Forderung betreiben. Wollen wir dies in kürzerer Zeit bewirken, als in der, welche gestattet, die Schaffung neuer Werte im Inland und die Herbeiführung entbehrlicher vom Auslande zu vollführen, so werden wir nichts hervorrufen, als unnatürliche Vermehrung unserer Umlaufsmittel, unnatürliche Anstachelung des Unternehmungsgeistes, rastlose Lohn- und Preissteigerung und eine verderbliche Ableitung unserer Arbeitskräfte zu Thätigkeiten, die minder produktiv sind, als die bisher in ruhiger Weise aufgesuchten. Bereits empfindet der Steuerzahler, dem korrekterweise die 5 Milliarden an Minderbelastung zum Bewußtsein kommen sollten, eine sehr geringe Wirkung. Ein großer Teil der Stantsausgaben, die wir auf Grund unserer neuen Bereicherung machen, geht in zwar nützlichen aber minder produktiven Beschäftigungen als bisher auf. Tausende von Händen werden thätig sein bei den Festungsbauten und Waffenfabriken, um die reichlichen Mittel als Arbeitslohn zu empfangen, welche wir aus den Kriegsgeldern zu solchen Zwecken bestimmen. Der übertrieben angefeuerte Unternehmungsgeist der städtischen Mittelpunkte zieht die Arbeiter herbei, wirkt hier verteuernd auf die Wohnungen, auf dem Lande erschwerend auf den Ackerbau. Dieselben Hände, müssen wir annehmen, waren bisher in einer Weise beschäftigt, die unserem soliden Haushalt besser entsprach. Und so in der That könnte ein Teil des empfangenen Geldes sich leicht in Kohlen verwandeln, wie es in Spukgeschichte» erzählt wird. Die praktische Lehre, die wir zum Schluß aus allen diesen Betrachtungen zn ziehen haben, geht dahin: auf je längere Zeit die weiteren Einnahmen, auf je weiteren Raum die uns ferner zugehenden Anweisungen aufs Ausland verteilt werden können, desto besser. Andererseits dürfen auch die bereits künstlich vermehrten Vorschüsse im Inland nicht so rasch vermindert werden. Jeder zu heftige Ruck selbst auf die uusolideu Geschäftskreise wirkt schädigend auf die solidesten zurück. Was an Barmitteln, sei es in Papier, sei es in Metall, im Umlauf ist, darf nicht plötzlich eingesperrt, es muß langsam auf das Maß zurückgeführt werden, welches gesunden Verhältnissen entspricht. Mit Zinsermäßigungen dürfen die öffentlichen Banken nur sehr zögernd einer an sie herautretendeu Bewegung folgen; mit neuen Veranlagungen und Schuldabtragungen dürfen die Regierungen uur in vorsichtigstem Tempo fortschreiten. Was ihnen an Tanschmitteln aus dem Reservoir des täglichen Verkehrs zugeht, sollen sie demselben vorerst möglichst rasch zurückgeben nnd es stetig und all- mälig zu Rückzahlungen und dauernden Verwendungen hinüberführen. Eine letzte Konvention mit Frankreich, um die letzte Milliarde ganz oder teilweise auch über die Räumungsfrist hinans gegen solide finanzielle Bürgschaft zu stunden, wäre für beide Staaten, wäre für den Haushalt von ganz — 249 - Europa eine diätetische Maßregel von unbezweifelbarer Heilsamkeit. Hüten wir uns, zu verfahren wie der Harpagon, der alles, was er erschwingen mag, in den Goldkasten bringen will, auf den er sich setzen kann. Hüten wir uns auch, zu verfahren wie der Narr des Glücks, der alles, was ihm zufließt, sofort in sichtbare Herrlichkeiten nmzaubern will. Es wäre thöricht, die deutsche Nation unserer Tage mit den Spaniern Philipps II. zu vergleichen, aber es kann — einmal im Zug des Moralisierens — nicht schaden, daran zu erinnern, daß fünfzig Jahre nach dem Zutritt des peruanischen Goldstroms die Spuren des Verfalls der großen Monarchie sichtbar zu Tage treten. Am 6. Juli 1870 warf der Herzog von Gramont dem Hause Hohenzollern vor, es wolle das Reich Karls V. wieder aufrichten. Die Hohenzollern waren klug genug, auch nach dem 1. September keine Gelüste nach spanischer Herrlichkeit zu nähren. Möchte ihr Reich auch bewahrt bleiben vor dem zweideutigen Segen spanischer Gallionen! Nimm Hack' und Spaten, grabe selber. Die Bnuernarbeit macht dich groß. Und eine Heerde goldner Kälber, Sie reißen sich voni Boden loZ. Zur Embryologie des Rankgesetzes? ») Aus der „Deutschen Rundschau», 1. Jahrgang, 1. Januar 1874, Seite 111. Vorbemerkung. ^Die deutsche Reichsbank nimmt eine so hervorragende Stelle in der Wirtschaft und in der wirtschaftlichen Gesetzgebung des Reichs ein, daß ein Rückblick aus die Geschichte ihrer Entstehung schon an sich ein historisches und sachliches Interesse noch nach zwei Jahrzehnten bieten kann. Dazu tritt im vorliegenden Fall die über das wirtschaftliche hinausragende Bedeutung des politischen Problems, auf welches hier der Nachdruck gelegt ist. Der Aampf galt der Frage: Reichsbank oder Landesbanken, insbesondere Preußische Bank? Während seit Schassung des Reichs und mehr noch des einheitlichen Reichsmünzwesens die Frage zu Gunsten einer Reichsbank in der öffentlichen Meinung entschieden zu sein schien, hatte sich im Sommer zu der Zeit, wo der Reichstag nicht versammelt war, allmählich das Gerücht verbreitet, daß ein Gesetzentwurf zustande gekommen sei, welcher die Reichsbank fallen ließe und damit auch den besonderen Fortbestand der preußischen Bank sicherstellte. Sobald dies Gerücht sich als begründet erwies, verabredete ich mit einigen politischen Freunden, daß mit aller Anstrengung dagegen angekämpft werden müsse. Die nächste Gelegenheit dazu gab eine vcrsammlnng des volkswirtschaftlichen Kongresses in «Lrefeld, in welcher ich für die Notwendigkeit der Reichsbank auftrat und lebhafte Unterstützung fand. Der definitive Gesetzentwurf erschien unter dem Datum des 5. No< — 254 — vember 5374. Er bestätigte, daß die Preußische Bank in Person des Finanzministers Eamphausen über den vom Reichskanzleramt unter Delbrück und Michaelis unterstützten Gedanken der Reichsbank gesiegt hatte. Letztere hatten ohne hartnäckigen Kampf sich vorläufig der Energie und Zähigkeit des preußischen Finanz- ministers gesügig erwiesen. In den: Entwurf war eine moralische Abschlagszahlung in der Weise beabsichtigt, daß für die Möglichkeit Raum gelassen wurde, nach zehn Iahren die Preußische Bank in eine Reichsbank zu verwandeln. Am ^s. November ^87H kam dieser Entwurf zur ersten Beratung, und die gauze Debatte, die ich als erster Redner eröffnete, gestaltete sich sofort zu einem Kampf um diesen Gegensatz. Das Ergebnis war ein Sieg der Reichsbank, wenn auch an Hindernissen der Geschäftsordnung der versuch scheiterte, ihn förmlich in die Gestalt eines Beschlusses zn kleiden. Im Schoße der in diesem Geist zusammengesetzten Aommission von einundzwanzig Mitgliedern ward dann der Gesetzentwurf, besonders auch durch die eifrige Mitwirkung des Reichskanzleramtspräsidenten Delbrück, so umgearbeitet, daß er die Reichsbank zugleich mit starker Erpansivkraft zur Aufsaugung der kleineren Landesbanken einsetzte. Ich wurde am Schlüsse der Uommissionsverhandlungen zum Berichterstatter ernannt. Die Beratungen der zweiten Lesung folgten nach den Weihnachtsferien, Anfang des Jahres MS. Am letzten Tag der Session, am 50. Januar, wurde das Gesetz, in diesem Sinn verbessert, mit Einsetzung der Reichsbank in dritter Lesnng mit erheblicher Mehrheit angenommen. Inwieweit die im Nachfolgenden ausgesprochene Vermutung zutrifft, daß auch Fürst Bismarck hinter der Szene dieser Wendung günstig gewesen sei, ist nie deutlich festgestellt worden; aber ich hatte damals einige Anhaltspunkte dafür, daß er mehr auf Delbrücks und unserer Seite als auf der Seite Camphausens stand. Das Nachfolgende ist in der Seit zwischen der ersten und zweiten kesung verfaßt worden. November ^As. . L. B. Allmählich, zögernd und vorsichtig gemessenen Schrittes bewerkstelligt das Reich deutscher Nation seinen Übergang aus dem Zustande des Mittelalters, in welchem das Jahr 1866 es vorfand, zur Ordnung eines seinen großen Aufgaben angepaßten Staatswesens. Was um Einzelner wegen bestand, muß derjenigen Ordnung weichen, die um des Ganzen willen ins Leben zu treten verlangt. Ein Teil von den Hoheitsrechten der Landesregierungen ist in den Verträgen von 1866, 1867 und 1871 übergegangen an die Gesamtheit des Reiches. Die erste und nächste Aufgabe des letzteren ist von Natur der Aus- und Durchbildung dieser festerworbenen Hoheitsrechte gewidmet. Ganz von selbst erwächst aus solcher Arbeit bald da, bald dort ein Streit um die Grenzen. Was in das neue Gebiet fallen, was dem alten gehören soll, wird dann zum Gegenstand des Prozesses zwischen denen, die dem Alten, und denen, die dem Neuen hold sind. Jede Grenze ist ja eine ideale Linie, welche ins Unendliche teilbar ist. In der Auslegung des Grenzvertrages gilt es den Preis davon zu tragen. Da, nach einem nicht oft genug zu wiederholenden Ausspruch, alles zurückgeht, was nicht vorschreitet, müßte das neue Reichsgebilde Besorgnis einflößen, wenn es aus deu Grenzirrungen mit seinen Gegnern nicht an jeglicher Stelle den besseren Teil davontrüge. Damit ist schon von selbst — 256 — gesagt, daß die Grenzabsteckung oft eine Grenzberichtigung und die Grenzberichtigung eine Grenzerweiterung zu sein berufen ist. So weit die Hoheitsrechte sich mit landschaftlichen Bedürfnissen decken, soll ihr Bestand gesichert sein; so weit sie aber mit nationalen Wohlfahrtsbedingungen zusammenfallen, dürfen sie der Reichszuständigkeit nicht vorenthalten bleiben. Wo in den Grundverträgen des Norddeutschen Bundes und den Versailler Traktaten hier Lücken geblieben sind — und es sind deren nicht wenige geblieben — ist es Sache der Entwicklung, ergänzend, wenn nicht einzugreifen, doch einzuwirken. Manches vollzieht sich von selbst durch die Macht der eingeborenen Umstände. Wie unschädlich sind die Vorbehalte geworden, welche den Landesregierungen das Recht selbständiger diplomatischer Vertretung im Ausland gelassen! Wo die Eitelkeit eines Hofes darauf hält, sich noch diesen Luxus zu gönnen, huschen seine Gesandten als blasse Schatten neben denen des Deutschen Reiches einher. Doch nicht in jeglichem Stück macht sich die Sache so leicht. Wo das Hoheitsrecht seine Spitze nach innen kehrt, ist es schärfer eingebisfen und findet schwächern Widerstand. Selbst in denjenigen Zweigen der Gesetzgebung, auf deren Gebiet dasselbe rückhaltlos dem Reichsrecht sich unterworfen, gelang es ihm vielfach, Gebiet zurückzuerobern durch die bloßen Ein- führungsverordnuugen, denen aus zu zärtlicher Schonung gegen frühere Eigenart zu viel Spielraum geblieben. Am schwersten und bedeutungsreichsten gestaltet sich dieser Zweikampf zwischen Ahriman und Ormuzd auf dem Felde der Justizgesetze. Hierher konzentrieren sich alle schlauen politischen Berechnungen, welche auf die dynastischen und pro- vinzialen Eifersüchteleien spekulieren, um die wichtigste und wirksamste aller Gemeinsamkeiten in ihrer Ausbildung zu hemmen. Hier auch wird ihnen das am leichtesten. Die — 257 — Bundesverträge haben sich da mit Bruchzahlen begnügt und gegen dieselben Quittung gegeben — dieser behauptet: für immer und alles, jener behauptet: auf Abschlag. Daß nur das letztere gemeint sein konnte, daß materielles Recht und Verfahren, bürgerliches, peinliches und Handelsrecht sich nicht trennen lassen, daß Prozeß und Organisation der Gerichte ein unteilbares Ganzes sind, liegt so sehr auf der Hand — ruhig könnte man dem Werk der Zeit überlassen, diese Notwendigkeiten unwiderstehlich zu beweisen, wenn die Zeit nicht ein so kostbares Ding wäre und besonders für uns im neuen Reich, aus folgenden zwei Gründen. Zum Ersten, weil man trachten muß die Ernte einzubringen, so lange die Sonne scheint. Zwar Pflegt Bismarck halb im Scherz, halb im Ernst zu sagen: „Lassen wir doch unseren Enkeln auch noch was zu thun, wir brauchen doch nicht alle Gesetze zu machen." Allein zur äußersten Erntezeit wird Bismarck nicht mehr am Ruder sein und schwerlich ein Kanzler seines gleichen. Ich denke, es gilt, bei seinen welthistorischen drei Haaren, jenen oft genannten Schöpf der guten Gelegenheit so fest und energisch an sich zu ziehen, wie nur immer möglich. Ein vorsichtiger Mann sagt sich: wer weiß, was nachkommt! und giebt der Zukunft, der losen Zahlerin, nur den unvermeidlichen Kredit. Aber ein Zweites scheint mir noch wichtiger. Neben den Wenigen, die über dem Erreichten das zu Erreichende nicht aus dem Auge verlieren, wächst täglich die Zahl der Vielen, die Lust haben, sich gesättigt zu fühlen — weniger aus Gründen der Sache, als aus Trieb der menschlichen Seele. Ganz besonders auf dem Felde der Rechtsgesetzgebung stellt dieser Zug der Gedanken sich ein, welcher mit tief ernster, würdiger und klugerfahrener Geberde den mahnenden Finger erhebt gegen die Lockungen jener blendenden Circe, der leidigen Zentralisation. Zu den satten Leuten gehören ludroig Bamberger's Ges. Schriften. IV. ^7 - 258 — aber vor allen anderen die Minister. Ich will ihnen damit nichts böses nachsagen. Jedes Geschöpf entwickelt sich nach der Anlage, welche Natur ihm vorgezeichnet hat, und zu dem Minister einer Monarchie spricht sie: „Du sollst satt sein; denn wonach könntest du noch Appetit haben?" Dies ist ein Argument, welches ihnen Bismarck nicht vorhalten kann, denn er ist ein höflicher Mann, wie er mit Recht sich rühmt. Unser Glück ist, daß er eben kein Minister ist, sondern etwas Besseres. Es gereicht uns ohne Zweifel sogar zum Vorteil, daß man für seine Stellung den besonderen und vollklingenden Namen eines Kanzlers zur Hand hatte. In Wahrheit ist er jenes seltene Werkzeug der Geschichte, welches in Abwesenheit fest gegründeter Monarchien sich auf den Thron erhebt, da aber, wo es solche vorfindet, weise seinen Stützpunkt just iu die Festigung der ihm vertrauenden Monarchie verlegt. Ein solcher Mann war Richelieu, ein solcher ist Bismarck, in mehr als einem Punkte jenem vergleichbar. Die besten Reichsminister werden nicht ein auseinandergelegter Kanzler sein, denn sie werden Minister, d. h. satt sein; er aber ist ein Nimmersatt, wie Richelieu einer war. Tritt Nimmersattigkeit zur Seele eines Monarchen, so führt sie zum Überschlagen wie in Napoleon I.; aber in der Seele eines von festem, monarchischem Stamm zurückgehaltenen Staatsmannes wirkt sie als das belebende Element, vorab in neu begründeten Staatswesen. Der Ahriman des deutschen Reichs hat in den Ministern der Einzelstaaten gefährliche Verbündete, zuerst in den liberalen Ministern die gefährlichsten. Da gilt es, so weise zu vermitteln zwischen oben und unten, Altem und Neuem, so viele Opfer zu bringen, um sich selbst als die verkörperte gute Sache möglich zu erhalten, gegenüber den Schwächen und Kabalen der Hofkreife. Sind nun gar noch die Minister, wie im Justizwesen, Männer — 259 — vom Fach, so sind sie von vornherein mit einer Scharfsichtigkeit für alle Schwierigkeiten der Unifikation begabt, welche jeden Baum als einen Wald für sich betrachtet haben will. So lange dieser satte Weisheitstrieb den preußischen Staat nicht ergriff, konnte man ihm mit der Ruhe zusehen, welche erwartete Schauspiele begleitet. Die nationale Partei im Reichstag, der Kanzler und das preußische Staatsgewicht vereinigt, waren Manns genug, deu Kampf aufzunehmen. Anders gestalten sich die Dinge, wenn die preußischen Minister selbst sich von Ahriman angezogen fühlen, und gefahrlich werden sie, wenn in Revieren auftauchend, welche sich der Kontrolle des Fürsten Bismarck durch ihre technische Beschaffenheit entziehen, so daß das ministerielle Ruhebedürfnis vom kanzlerischen Bewegungstrieb nichts zu fürchten hat. Diese Wendung versuchen die Dinge in der großen Gesetzgebungsfrage einzuschlagen, nachdem der preußische Justizminister selbst im Unifikationswerk einen resignierten Staudpuukt einzunehmen erkärt hat, welcher zu solchen! Posten bei solcher Aufgabe nicht paßt. Gleichzeitig that es ihm der preußische Finanzminister beim Bankgesetzentwurf in dieser Richtung zuvor. Mau hat solche Anklagen, wie die hier formulierte, mit bequemen Scherzen abfinden wollen, indem man ironisch ausrief: nun solle ein Mann wie Camphausen gar zum „Reichsfeind" erklärt werden, weil er nichts von einer Neichsbank wissen wolle. Gewiß, Herr Camphausen und Herr Leonhardt find keine Reichsfeinde, ebensowenig, beinah noch weniger, sind es die bayrischen und württembergischen Minister. „Nur das Tanzen auf den Märkten" will ein jeglicher Atta Troll von allgemeinen Menschheits- und Vaterlandsaufgaben getrennt behandelt wissen! Hier sitzt die bewußte Hartköpfigkeit des Ressorts, über welche Bismarck von jeher so be- 17' V — 260 - wegliche Klage führte. Merkwürdig, daß sie ihm nicht von vornherein sich kenntlich machte, als das Finanzressort seine Laufgräben gegen die Reichsbank eröffnete, ihm, der doch sonst ein so scharfes Auge für diese störsame Einseitigkeit besitzt! Manch ein Parlamentarier oder Journalist, der sich als besonders klug aufzuspielen glaubt, hat von oben herab über die Wärme gelächelt, mit welcher der Gedanke einer Reichsbank vertreten wurde, indem er zu verstehen gab: es sei hier mit dem bloßen Klang und Sang des Wortes „Reich" ein kindisches Spiel getrieben, teils in naiver Begeisterung, teils in schlauer Berechnung. Aber diese wohlfeile Klugheit soll uns nicht irren, noch kirren. Es liegt ein verdammt ernster Sinn in diesem kindischen Spiel. Wenn das Einheitswerk des Reiches nicht in dem Inneren seines organischen Baues durch dauernde und wohlthätige Institutionen gefestigt wird, so ist die blos nach außen gerichtete UmWallung auf die Läuge weder befriedigend noch sichernd. Und wenn wir dem ministeriellen Schlaraffen- tnm gestatten, den zersetzenden Bestrebungen des Zentrums und der äußersten politischen Flügel in die Hände zu arbeiten, indem sie die harmonische Durchbildung des innern Gesamtlebens aushalten, so lassen wir der Möglichkeit rückläufiger Bewegung einen gefährlichen Zugang offen. Ganz abgesehen daher von der sachlichen Wichtigkeit eines zentralen Bankinstituts hat es einen eminent politischen Wert, daß der Eigenwille des ministeriellen Partiknlarismus in der Bankfrage gebrochen wurde; und wir dürfen dies Erlebnis als ein günstiges Vorzeichen nehmen für das, was in der noch größeren Frage der Rechts - Organisation zu hoffen ist. Freilich liegen bei letzterer die Sachen schwieriger. Eine Bankhoheit giebt es wenigstens im dynastischen Jargon noch nicht, und aus der Münzhoheit haben wir das Schäd- - 261 — lichste beseitigt. Mit der Justizhoheit versteht man weniger Spaß. Aber haben wir nicht die Militärhoheit, die noch ein ganz anderes Ding war, dem Reich erobern sehen? Es wird nur darauf ankommen, daß dieselben Machtfaktoren, welche diesen Sieg davongetragen, sich auch für die innere Organisation der friedlichen Reichsthätigkeit im gleichen Maße zu interessieren beginnen, wie für die kriegerischen. In gleichem Maße? — Das wäre wohl zu viel gehofft, aber auch nur in annähernd gleichem würde schon genügen. Irre ich nicht, so ist der rasche Erfolg, welchen die erste Lesung des Bankgesetzes in der Sphäre der Bundesregierungen erzielt hat, dem noch rechtzeitigen Erwachen dieses Interesses am rechten Ort zuzuschreiben, ein Erwachen, um das sich der von allen Seiten des Parlaments andrängende Weckruf verdient gemacht hat, nicht am wenigsten der negative der Zentrumspartei und des im Negieren ihr so oft verbundenen Abgeordneten Eugen Richter. Bekanntlich hat eine spanische Nonne den interessanten Teil ihres Lebens beschrieben, welchen sie während ihres embryonischen Daseins im Mutterleibe verbrachte. Der Bankgesetzentwnrf könnte sich verdient machen, wenn er auf gleich« Weise die Geschichte seines Werdens bis zum Moment der offiziellen Entbindung des Reichskanzleramtes im Bundesrat schreiben wollte. Bis das geschieht, gereicht es vielleicht zu einiger Belehrung, das zu erzählen, was emsiger Auskultierung zu beobachten vergönnt gewesen. Allen Anzeichen nach war vom Moment der Konzeption bis weit über die erste Periode der Entwicklung hinaus das künftige Geschöpf gerade so angelegt, wie es der Reichstag erwartete. Erst im Verlauf der Zeit ist die erste Absicht der Natur gänzlich zu Schanden geworden. Bereits im Dezember 1872 hatte das Reichskanzleramt — 262 — einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, welcher in gerader Linie aus die Neichsbank losging und, wie das nicht anders sein konnte, auf die Umwandlung der preußischen Bank in die für Gesamtdeutschland. Es war in den Motiven dieses Entwurfs der Gedanke vor allen anderen ausgesprochen: daß die öffentliche Meinung in Deutschland einstimmig eine solche Institution begehre, und anerkannt, daß dieselbe ihre unwiderleglichen Gründe dafür habe. Demgemäß war der ganze Plan angelegt. Der Entwurf trug bereits die Unterschrift des Reichskanzlers; dennoch ist er nie in den Bundesrat gelangt. Wo blieb er denn hängen? Offenbar an den Zäunen des preußischen Finanzministeriums! Denn dieses bildete die erste Instanz, die er naturgemäß zu passieren hatte. Damit stimmt anch ganz das Verhalten der betreffenden Personen. Sowohl der Präsident des Reichskanzleramtes, als sein Mitarbeiter in diesem Fach, Geh. Rath Michaelis, haben sich stets in dem Sinne geäußert, daß an ihrer Absicht auf Errichtung einer Neichsbank nicht zu zweifeln war. Dagegen benutzte der preußische Finanz- minister die Gelegenheit der Debatte über die Reichskassenscheine im Frühling 1874, um das Parlament zu bedeuten, daß er seinen eigenen persönlichen Plan für ein Bankgesctz habe, also offenbar abweichend von dem, welcher im Reichskanzleramt bestand. Auch machte er kein Hehl daraus, daß dieser Plan schwerlich den Beifall des Reichstags finden werde; denn, sagt er, vorlegen kann ich Ihnen schon im uächsten Herbst allerdings einen Entwurf, aber ob Sie ihn annehmen werden, das ist mir sehr zweifelhaft. Nun, er hat redlich Wort gehalten; denn es wäre schwer gewesen, etwas Unannehmbareres vorzulegen, als das unter seiner Pression ausgearbeitete Projekt. Nachdem der erste Gedanke des Reichskanzleramtes vom preußischen Finanzministerium Zurückweisung erfahren — 263 — hatte, mußten auch die einzelnen Bundesregierungen abgeschreckt werden, diesem Gedanken zur Wiederaufnahme zu verhelfen. Als ich im Reichstag die Behauptung aufstellte, die bayrischen Minister seien der Reichsbank von vornherein hold gewesen, entledigt sich in der Gegenrede Herr Camphausen des EinWurfs mit dem inhaltslosen Sarkasmus: ich scheine besser unterrichtet über die Dispositionen der bayrischen Regierung als er; was natürlich ja so viel heißen sollte als: ein so hochstehender Minister müsse dergleichen Angelegenheiten doch unendlich genauer kennen als ein simpler Abgeordneter. Geradezu eine Verneinung des von mir Behaupteten enthielt die Gegenrede doch nicht. Wie dem aber sei, der Minister Camphausen mag die Dinge so oder anders gewußt haben; er mag, wie wahrscheinlich, jedenfalls für besser gehalten haben, zu verschweigen, was er wußte, immerhin bleibt es thatsächlich wahr: die bayrischen Minister lebten seit der Beratung des Münzgesetzes und noch zur Zeit der Beratung über die Reichskassenscheine der festen Erwartung, daß die Reichsbank den Mittelpunkt des künftigen Gesetzes bilden werde, und sie dachten nicht entfernt daran, sich dem entgegenzustellen. Es braucht wahrlich keinen Zutritt zu den geheimen Beratungen der Kabinette, auch keine Indiskretionen aus denselben, um so etwas in Erfahrung zu bringen. Erinnere man sich nur, wie die Dinge lagen, als in dritter Lesung über der Beratung des Art. 18 des Münzgesetzes die Verhandlungen abgebrochen werden und — so schwierig und verworren liefen die Fäden durcheinander — bis in die letzten Tage der Session vertagt bleiben mußten, damit eine Verständigung bereitet werden konnte. Bayern in erster Linie und natürlich auch Sachsen wollten nicht in die Unterdrückung des Staatspapiergeldes (unter 100-Mark-Abschnitten) einwilligen, ohne wegen der künftigen Bankgesetzgebung be- — 264 — ruhigt zu sein. Wer im Mittelpunkte der parlamentarischen Verhandlungen und der daraus entsprungenen Verlegenheit verkehrte, hatte reichlich Anlaß, aus unmittelbarster Nähe die An- und Absichten der Beteiligten vom Höchstgestcllten abwärts kennen zu lernen; und aus eigenem persönlichen Wissen bekräftige ich meine im Reichstag aufgestellte Behauptung: in den nach Preußen am meisten maßgebenden Regierungskreisen, den bayrischen namentlich, war man nicht nur bereit, auf den Gedanken der Reichsbank einzugehen, sah man ihn nicht bloß als den Schlußstein der ganzen Münzgesetzgebung an, sondern auch in der Beteiligung Bayerns an den Vorteilen eines solchen Instituts erblickte man die richtige Ausgleichung aller über die Ausgabe von Staats- und Privatnoten obschwebenden Differenzen. Wie ist es nun gekommen, daß bei den Verhandlungen im Ausschuß und Plenum des Bundesrats nichts von diesen Erwartungen und Ansichten zum Vorschein kam? Die Wandlung hat im Lauf des Sommers sich vollziehen müssen. Die Naturgeschichte der Staatsgeschäfte belehrt uns, daß diese umgekehrt zum Dachs und ähnlichen Geschöpfen ihren periodischen Schlaf in der heißen Jahreszeit abhalten. Während die Politik ihren Sommerschlaf hält, pflegen die Staatsmänner zur Stärkung ihrer Nerven ins Gebirge zu wandern. Die zu München angesessenen — ob nun von sich selbst oder auch von Andern Rat nehmend, wie behauptet wird — hatten indessen Zeit, auszurechnen, wie hoch sie ihren Verzicht auf die Reichsbank an den Meistbietenden versilbern könnten, und im Spütjahr erschien Bayern in Berlin, versöhnt mit dem Wegfall der Reichsbank und getröstet erstens durch das Angebot einer neuen, selbst in den Versailler Vertrügen nicht vorgesehenen bayrischen Gebietsabtrennung vom übrigen Reiche, zweitens mit einer Vermehrung seiner Berechtigung zur Banknotenausgabe — 265 — von 20 auf 40, beziehentlich auf 70 Millionen Mark — im schlagenden Gegensatz zu allen bisherigen Gebarungen, welche vor allein die Ausdehnungsmöglichkeit bestehender Notenprivilegien zu unterdrücken bezweckt hatten. Um diesen Preis war — mit dürren Worten zu sagen — Bayern der Verzicht auf die Reichsbank abgekauft worden. Das anstößigste Beiwerk der Versailler Verträge, die Separatstellung Bayerns, welcher vom Reichskanzler an gerechnet jeder Freund unserer politischen Wiedergeburt nur mit Schmerz als etwas zur Zeit Unvermeidlichem sich gefügt hatte, war durch einen neuen, in die tiefgreifendsten Verhältnisse sich einnistenden Fundameutalartikel ausgedehnt und verstärkt. Während die gesunde Reichspolitik auf dem Gedanken ruhte, daß mit der Zeit die gegenseitigen wohlverstandenen Interessen Bayern dazu führen würden, die in Versailles gezogenen Binncngrenzen selbst zn beseitigen, wurden nunmehr die Grenzen verschärft, das abgetrennte Gebiet ausgedehnt, das Interesse Bayerns darauf hingeleitet, an dieser Absperrung dauernd festzuhalten. Gewiß der schlimmste Reichsfeind hätte sich nicht schwerer an Deutschland versündigen können, als derjenige, welcher den Vorschlag auf's Tapet brachte, Bayern gegen seine ursprüngliche Absicht aus der Gemeinschaft des deutschen Bankwesens hinauszudrängen. Sachsen wurden keine besonderen Zugeständnisse gemacht. Man konnte jedenfalls sich vergewissert haben, daß es gegen die Reichsbank ebensogut wie gegen jede andere Neuerung zu brauchen war, weil keine die ungeheure Ausdehnung seines Notenumlaufs gelten lassen konnte. In dem ersten Gesetzentwurf, wie er vom Neichskanzler- amt dem Bundesrats-Ausschuß vorgelegt worden war, hatten die notenbeschränkenden Zahlen — abgesehen von der bayrischen Separatklausel — auf alle deutschen Staaten — 266 — Anwendung gefunden, mit Ausnahme vvn Baden und Württemberg. Weil die betreffenden Landesbanken erst im Jahre 1870 errichtet worden, konnten die Jahre 1867—69 nicht als Maßstäbe für den Umlauf der Noten dienen; bei der württembergischen und badischen Bank sollten also die Jahre 1872 und 1873 als Normaljahre eintreten. Eigentümlicherweise ist die genannte Sonderstellung im Lauf der Verhandlungen dann auch noch Oldenburg und Hessen- Darmstadt zugebilligt worden. Bei Oldenburg ist die Maßregel damit zulässigerweise erklärt, daß seine Bank erst 1869 gegründet worden. Dagegen enthält die Konzession zu Gunsten Darmstadts einen Widerspruch ganz absonderlicher Art. Die Sache ist so bezeichnend für die Weise, wie das Gesetz durch Feilschen und Bieten mit den einzelnen Stimmabgebern zusammengeflickt wurde, daß sie eine nähere Beleuchtung verdient. Ein Gesetz vom Jahre 1870 (vor Ausbruch des Krieges) hatte aus bekannten Gründen die Ausdehnung und Verlängerung oder Nengewährung von Notenprivilegien innerhalb des Norddeutschen Bundes verboten. Nach Beitritt der Südstaateu zum Reich wurde das von Jahr zu Jahr erneuerte Verbot auf sie angewandt, doch mit der Maßgabe ^ daß es erst vom Januar 1872 an in Kraft treten solle. Um diese Frist noch zu genießen, beeilte sich die Bank für Süddeutschland gerade vor Thoresschluß im Jahre 1871 auf Grund einer Statutänderung ihre Notenausgabe auf 29000000 fl. zu steigern. Daß die Bank kaufmännischerweise Gebranch von einem Recht machte, ehe es für immer entkräftet wurde, ist ihr nicht übel zu nehmen. Sonderbar aber macht es sich, wenn zu Gunsten einer seit dem Jahre 1855 bestehenden Bank ein späteres, als das allgemein geltende Normaljahr, zum Maßstab genommen wird. Hier ist also offenbar nicht der natürliche Geschäftskreis, sondern — 267 — die in Eile vor Thorschluß bewerkstelligte Vergrößerung der Geschäftsmaschine zu Grunde gelegt. Und noch wunderlicher hebt sich diese Ausnahme auf dem Gesamtbilde ab, wenn wir in den Motiven die Bayern bewilligte Ausnahmsstellung damit begründet sehen, es gebühre ihm eine Schadloshaltung dafür, daß es den Zeitraum von 1871 bis 1872 nicht gleich anderen (Baden, Hessen, Württemberg) zur Vermehrung seiner Notenausgabe benutzt, sondern sich im Sinne des Gesetzes von 1870 jeder derartigen Zirkulations- ausdehnnng enthalten habe. Wahrend also Bayern für seine Enthaltsamkeit belohnt wird, wird Hessen-Darmstadt dafür belohnt, daß es die vergönnte Frist ausgenützt hat, um möglichst uueuthaltsam zu verfahren. Und die Sonne, welche so über Gerechte und Ungerechte scheint, gerät in Verdacht, daß es ihr hauptsächlich darauf aukam, die nötige Anzahl Stimmen für einen Beschluß ohne Reichsbank zu zeitigen. Seltsam überhaupt figuriert in der finanziellen Gesetzgebuugspolilik des deutschen Reichs als ein mitbestimmender Gruud die Belohnung der Tugend. Schon bei den Reichskassenscheinen hatten wir Bekanntschaft damit gemacht, doch war der Gesichtspunkt damals wenigstens mit einiger Konsequenz festgehalten, während er in obigen Fällen von seiner eigenen Karrikatur begleitet auftritt. Mit weniger Geschicklichkeit und deshalb ohne Erfolg war ein anderer Paragraph auf vorteilhafte Bündnisse angelegt. Der fünfzehnte des ursprünglichen Projektes enthielt die Bestimmung, daß denjenigen Banken, welche die den Einzelstaaten in Form von Reichskassenscheinen nach dem betreffenden Gesetz gemachten Vorschüsse für ihre Landesregierungen einziehen würden, ein gleicher Mehrbetrag von Notenausgabe für die Dauer der bewilligten Vorschußzeit zugestanden sein solle, und als Folge dieses Grundsatzes war ausdrücklich verlangt, daß die Preußische — 268 — Bank wegen der im Jahre 1856 eingelösten fünfzehn Millionen preußischer Kassenscheine zu einer Mehrausgabe von fünfundvierzig Millionen Mark berechtigt sein solle. Aber schon bei der Verteilung des Reichspapiergeldes hatte Preußen die Thatsache jener Einziehung verwertet, um zu begründen, daß ihm über den Betrag seiner umlaufenden Tresorscheine hinaus etwas wie vierundzwanzig Millionen Mark bei der Verteilung als reiner Gewinn in die Tasche sielen. Nachdem also im Frühjahr die erwähnte Konvertierung des Staatspapiergeldes in Banknoten dazu hatte dienen müsseu, den Gewinn des preußischen Fiskus zu rechtfertigen, sollte im Herbst desselben Jahres dieselbe vor zwei Jahrzehnten vollzogene Maßregel dazu herhalten, nun auch die Preußische Bank zu bevorzugen. Ein big in iäsm in bester Form. Zum Überfluß hatten weder die Regierungen noch die Banken der anderen Staaten von der ihnen damit eingeräumten Befugnis den geringsten Vorteil zu gewärtigem Den Regieruugeu konnte es ganz gleich- giltig sein, ob sie den betreffenden Vorschuß vom Reich oder von ihrer Landesbank erhielten; und die Banken hatten eher Nachteil als Vorteil davon zu erwarten, daß sie eine bestimmte Summe zu zahlen übernahmen, gegen die bloße Möglichkeit, den gleichen Betrag an Noten im Publikum unterzubringen, was ja auch von diesem abhing. Aber die Preußische Bank, welche keine Wahl mehr hatte, weil die eine Seite der Operation seit achtzehn Jahren eine vollendete Thatsache, weil also nur noch ein Vorteil ohne Gegenleistung zu erlaugen war, fand ihre Rechnung bei dem Paragraphen. Hier waren also keine Stimmen zu gewinnen und hier unterlag das Projekt schon im Bundesrat. Aber charakteristisch für den Geist, in dem es aufgebaut worden, ist der Vorgang allerdings. Dennoch würde derjenige irre gehen, welcher sich nn- bedingt der Ansicht hingäbe, daß ausschließlich der Vorteil des preußischen Fiskus die Grundgedanken zn dem Entwurf eingegeben habe. Wäre dies der Fall, so hätte, wie in obigem Beispiel, überall die zu steigernde Einnahme der Preußischen Bank, an welcher der Fiskus zur Hälfte beteiligt ist, das Objektiv der Bewegung abgeben müssen. Aber seltsamerweise geht durch den Entwurf auch wieder eine Strömung in geradezu entgegengesetzter Richtung. In der That tritt aus der über den Gegenstand erwachsenen Litteratur, wie aus der parlamentarischen Erörterung mit am lebhaftesten der Vorwurf heraus, daß uach der Anlage des Gesetzes der Lebensnerv der Preußischen Bank auf eine unverantwortliche Weise unterbunden werden solle. Beim ersten Blick ruft seder bestürzt aus: Wie! die große Preußische Bank, mit ihrer Wcltstellnng neben der englischen und französischen, wird in denselben Rahmen gezwängt mit der von Reuß-Greiz und Bückeburg! Und während sie schon heute auf dem Wege ist, ihre Thätigkeit über das nichtpreußische Deutschland auszudehnen, soll ihr in Zukunft diese Möglichkeit an die Bedingung geknüpft werden, daß der einzelne Bundesstaat eine solche Ausdehnung förmlich beantrage, eine Bedingung, welche nicht bloß unter dem Einfluß der wirtschaftliche» Bedürfnisse im betreffenden Lande, sondern auch des politischeu Beliebens seines Hofes stünde! In der That, je genauer man den Entwurf betrachtet, desto rätselhafter sieht er Eiuen an. Man denkt an jene Vervollkommnung der elektrischen Telegraphie, welche auf der Entdeckung beruht, denselben Draht gleichzeitig zum Hin- uud Hersenden zweier entgegengesetzter Strömungen zu benützen! Auch die Verpflichtung, die Noten sämtlicher T^rritorial- banken in Zahlung zn nehmen, würde in der Praxis in ungebührlichem Übermaß der Preußischen Bank zur Last, unter Umstünden zu ernster Verlegenheit werden. — 270 — Wenn solcher innerer Widerspruch zwischen Verteidigung des Preußischen Fiskus und Bloßstellung der Preußische» Bank etwas anderes als zufällige Durchkreuzung verschiedener allgemeiner Richtungslinien sein sollte, so entzöge sich das Verhältnis jedenfalls der näheren Untersuchung. Zum Teil erklärt sich die Antinomie aus dem Kompromiß, welchen die Hauptmitarbeiter des Entwurfs behufs Feststellung eines gemeinsamen Werkes miteinander geschlossen haben. Denn so bestimmt es als ausgemacht angesehen werden muß, daß das Preußische Finanzministerium der Schaffung einer Reichsbank dermalen abhold war, so unzweifelhaft darf von der anderen Seite angenommen werden, daß der ursprüngliche Plan des Reichskauzleramtes auf jene Zentralinstitution sich gerichtet hatte. Umgekehrt dagegen steht es mit dem System der Kontingentierung, welches im definitiven Entwurf die Oberhand behielt. Minister Camphausen hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß er nichts weniger sei als ein Anhänger der Kontingentierung; dagegen ist bekannt, daß Dr. Michaelis, welcher den Gegenstand im Reichskanzleramt in hervorragender Weise zu seiuer Spezialaufgabe gemacht hat, von jeher zu den heißesten Verehrern der Peelschen Methode gehört, schon vor Jahren im Preußischen Landtag deren Übertragung auf die heimische Bank beantragt hat. Wie Figura zeigt, haben die beiden einander entgegengesetzten Anschauungen sich untereinander verständigt, daß die Lieblingsidee jedes von beiden im Entwurf zur Geltung kam. Der eine bequemte sich zum Verzicht auf die Reichsbank, wogegen sich der andere die Kontingentierung gefallen ließ. Wie zwischen den Einzelstaaten, so auch zwischen den maßgebenden Grundanschauungen ist der Entwurf auf dem Wege zu Stande gekommen, welchen die Sprache der englischen Volkswirte mit ni^Alin^ anci bar^ainiu^ bezeichnet. Jedes der beiden Prinzipien war dabei bemüht, durch irgend — 271 — einen Vorbehalt seine Seele zu saldieren. Der Reichsbank war das gelobte Land von der Höhe des Artikels 19, Ziffer 6, in zehnjähriger Ferne dämmernd gezeigt; der Kontingentierung waren die Hörner abgestumpft durch Verwandlung der unbedingten Kontingentierung auf festen Ziffern in die relative durch die fünfprozentige Steuerschraube. Es kann nicht geleugnet werden, daß in dieser indirekten Kontingentierung eine sehr beachtenswerte Umwandlung der unbeweglichen Peelschen Maschinerie liegt. Schließlich werden Groß wie Klein, vorbehaltlich der Belehruug durch die praktische Erfahrung, das deutsche System vorziehen. Aber hier, wie überall, hat die widernatürliche Einzwängung der Preußischen Bank in den für die kleinste Territorialbank bestimmten Rahmen Mißbildung erzeugen müssen. Wollte man einmal den Grundgedanken der Peels-Akte adoptieren, so war es viel natürlicher, ihn nach seinem Vorbild auf die Territorialbanken anzuwenden. Die englische Akte weiß aber bei ihren Territorialbanken gar nichts von dem Unterschiede zwischen gedeckten und ungedeckten Noten, der in unseren Debatten eine so große Rolle spielt. Sie beschränkt die Notenausgabe der Privatbanken unbedingt auf die Höhe einer aus dem Normaljahre abgeleiteten Ziffer, uud läßt ihnen die Sorge sich zu decken, wie sie es für gut halten. Da alle deutschen Territorialbanken statutarisch bereits an genügende Deckungsvorschriften gebunden sind und bei Einsetzung einer Reichsbank zur Beobachtung eines guten Kassenbestandes durch deren Überwachung geuötigt waren, so konnte man sich der ganzen, verwickelten und nicht ungefährlichen Methode der indirekten Kontingentierung bei ihnen entschlagen, und ein für allemal das Übel eines ungleich beschaffenen und ungleichwertigen Bankgeldes auf ein bekanntes Maximum beschränken. Auf der anderen Seite gewann man dadurch freien Standpuukt für die — 272 - Zentralbank, der niemand vernünftiger Weise ansinnen kann, sich mit gleichem Maße, wie die Territorialanstalten messen zu lassen. Nur dem unglücklichen Gedanken der Nivellierung, welcher aus der Abneigung gegen die Reichsbank sich von selbst ergab, verdanken wir auch, daß die Kontingentierung, nachdem sie sich so tief in die Ökonomie des ganzen Gesetzes eingerammelt hat, auch die Reichsbank nicht verschonen wird. Wer weiß, wie die Dinge in der Welt zugehen, wird sich nicht wnndern, daß der zwischen dem Reichskanzleramt, Preußen und Bayern vorher in seinen Grnndzügen festgestellte Entwurf, versehen mit einem komplizierten Räder-, Schrauben- und Zahnwerk, an das man nicht rühren konnte, ohne die ganze Maschine wieder auseinander zu nehmen, bei den um den grünen Tisch versammelten Mitgliedern des hohen Bundesrates jeden isolierten Widerstand zermalmte; das Referat ward klüglicherweise in bayrische Hände gelegt, obgleich der damit betraute Bevollmächtigte, ein Mann allerdings, so ausgezeichnet an Geist und Verstand, wie an Kenntnissen im höheren Verwaltnugsfach, im Puukt dieser Aufgabe sich nicht für besonders berufen halten konnte und — dafür bürgt die Geradheit und Klarheit seines ganzen Wesens — sich anch gewiß nicht für besonders berufen angesehen hat; denn die Materie liegt seinen bisherigen Beschäftigungen und Studien abseits. Nicht zugegeben kann übrigens werden, daß, wie in der ursprünglichen Fassung der Motive angedeutet war, von Seiten der Verbündeten Regierungen das Verlangen nach der Reichsbauk sich von vornherein zum Schweigen verdammt habe. Vielmehr ist bereits im ersten Stadium der Verhandlungen im engern Ausschuß des Bundesrates das Ansinnen laut geworden, daß mit der Preußischen Bank wegen ihres Überganges ans Reich in Unterhandlungen — 273 — getreten werde. Doch zerschellte es ohnmächtig an der Übermacht des oben geschilderten kait g-eeoinM. Niemand Wohl lebt in der Illusion, als wäre der Bundesrat eine Art von Staatsrat, in welchem die Aufgaben rein und objektiv vom gesetzgeberischen Standpunkt mit der entsprechenden sachlichen Kompetenz von allen Mitgliedern des Kollegiums geprüft werden. Zu den Grundübeln der Reichsorganisation gehört eben, daß ein Kollegium von wesentlich diplomatischem Charakter, nämlich vorzugsweise bestimmt, die politischen Einflüsse der einzelnen Regierungen zu differenzieren, zugleich dem Schein nach auch die Funktionen eines Staatsrats ausübt. Letzteren würde man natürlich nach ganz anderen Qualifikationen zusammensetzen als eine Körperschaft von politisch-föderativer Absicht. Man würde nach sachlicher Befähigung die Mitglieder wählen, und die Sektionen bildeten alsdann einen Stamm von maßgebenden Ansichten, deren Autorität in unserem, wie so manchem anderen Falle nicht genug gewünscht werden kann. Zum Druck, welchen gegebene Verhältnisse nnd vollendete Thatsachen bei der Beratung im Bundesrat ausübten, gesellte sich schließlich noch die Wirkung des Schnellfeuers, von welchem das erste Erscheinen des Entwurfs in der Presfe begleitet war. Ich bin meinerseits fest überzeugt, daß Herr Michaelis an diesem ihm von Freunden und Anhängern geleisteten Liebesdienste gänzlich unschuldig ist. Ich finde auch ganz begreiflich, daß seine alten Gefährten in warmer Ergebenheit für seine Person mit Begeisterung ein Werk aus den Schild erhoben, in welchem sie zugleich ihren geliebten Meister und ihre eigene Lieblingsidee verherrlichen konnten. Nur in einem Stücke vermag ich ihnen nicht zu folgen. Alle ihre Verkündungen waren, meine ich, von der Behauptung durchsättigt, daß besagter Gesetzentwurf allseitig mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommen, ja mit ludwig Lmnberzer's Ges. Schriften. IV. — 274 — Enthusiasmus und Bewunderung gepriesen werde. Vielleicht übertrugen die Verfasser der mit erstaunlicher Präzision nach allen Windrichtungen getriebenen Artikel naiver Weise ihre eigenen Gefühle auf das gesamte deutsche Publikum; jedenfalls mußte der naive Teil dieses Publikums selbst sich darüber eingeschüchtert fühlen gegen jede zweifelnde Anwandlung, und die thatsächliche Strategie dieses kurzen Feldzuges hätte nicht anders eingerichtet sein können, wenn sie es auf Verblüffung und Überrumpelung des Publikums abgesehen Hütte. Alle Kombinationen und Anstrengungen innerhalb und außerhalb der Regierungskreise, um die Grundlagen des Gesetzes in eine unnatürliche Richtung zu schieben, haben zum Ende nur die schwer zu beklagende Folge gehabt, daß eine kostbare Zeit verloren wurde. Hätte man vor sechs Monaten sich der Einsicht nicht verschlossen, zu der man sich heute bequemen muß, so war das Bankgesetz fertig, als der Reichstag in die Weihnachtsferien ging. Damit war für die Beschleunigung unseres Überganges in definitive Münzzustände der allerwichtigste Schritt getham Daß dieser Übergang nicht rasch genug bewerkstelligt werden kann, wollte man in denselben Quartieren, welche jetzt den Zeitverlust in der Bankgcsetzgebung auf sich genommen haben, überhaupt lange nicht einsehen. Man sprach mit behäbiger Gelassenheit von einem Jahrzehnt oder auch mehreren, welche es anstehen könnte, bis die Reichsgoldwährung im vollen Sinne des Wortes durchgeführt sein möchte, und belächelte als Heißsporne diejenigen, welche vor den unerträglichen Beschwerden eines lange fortgesponnenen Interims warnten. Wenn nur einmal nach Mark gerechnet würde, glaubte man die Hauptsache geschehen, und die Fiktion, daß ein preußischer Silberthaler drei goldene Mark bedeute, sollte im Weltverkehre gleichbedeutend sein mit einer Goldwährung. Man — 275 — machte sich weiß, die störende Thatsache, daß der alte Weg abgegraben ist, während zum neuen kaum die Erde ausgekratzt wird, könne vom Weltverkehr mit demselben Gleichmut ertragen werden, mit welchem der Berliner ein Jahrzehnt lang über seine höckerigen Straßen stolpert, bis Fiskus und Magistrat lange genug ihren Pflasterstreit durchgefochten haben. Erfahrung hat jetzt in raschen Schritten denen Recht verschafft, welche auf Eile drangen. Wir werden ohne Zweifel die ganze neue Rcichsgoldwährung viel schneller unter dem Druck der Umstände verwirklicht sehen, als seiner Zeit in jenen bewußten Regionen angenommen wurde; wir werden auch trotz alles Sperrens und alles Aufwandes von dialektischen Begründungen die krähwinkelhaften Bestimmungen fallen sehen, welche der Privatprügung sich entgegensetzten, und wir werden ein Bankgesetz erhalten, welches, wenn nicht sofort allen Anforderungen einer gesunden Finanz- und Wirtschaftspolitik entsprechend, doch auf richtigem Fundament aufgebant, später in Einzelheiten die Verbesserungen zulassen wird, zu welchen Erfahrung, allerdings vielleicht eine kostspielige Erfahrung, hinleiten mag. „Die Moral von der Geschieht." Der Parlamentarismus ist am Ende doch nicht jenes fünfte Rad am Wagen, als welches eine wohlfeile Kritik ihn zu verspotten beliebt, und der Liberalismus der nationalen Parteien hat außer der Aufgabe, der Reichsregierung in ihren freisinnigen Tendenzen nachdrängende Stütze zu sein, auch uoch die besondere, in großen und kleinen Angelegenheiten des öffentlichen Wohles, welche der nationalen Form den wahren verdienstlichen Inhalt liefern, die Reichs- 18* — 276 — regieruug auf den rechten Weg zurückzuweisen, da wo sie von ihm ablenkt. Das ist nicht die Opposition, von welcher der Bierphilister zu Berlin oder Frankfurt verlangt, daß sie ihm die Sterne vom Himmel hole — Sterne, vor denen er zuerst Reißaus nehmen würde, wenn sie auf die Erde fielen — sondern eine bessere, welche ins lebendige Reich des Geschehenden eingreifend, sich selbst zugleich und das gemeine Wesen durch frischen Luftzug und unermüdliche Arbeit zur Entfaltung bringt. Vorbemerkung. ^)as Wesentliche zur «Orientierung über die hier folgende Darstellung ist in der vorausgegangenen enthalten. Nur zwei Punkte bedürfen etwa noch einer kurzen sachlichen Beleuchtung. Der Streit um den Schlußsatz des Z ^ des Gesetzentwurfs, welcher in der zweiten und dritten Lesung sehr vielen Staub aufgewirbelt hatte, ist heute vergessen, weil der Satz, dank dem in dritter kesung geschlossenen Kompromiß, nie zur Anwendung kam. Zn der Kommission war es mir gelungen, aus dem Regierungsentwurf eine Bestimmung zu entfernen, welche den kleinen Notenbanken gestattete, den Kreis ihrer Thätigkeit auf solche Geschäfte auszudehnen, welche sich mit dein Bedürfnis eines zu jeder Zeit flüssigen Aktivums schwer vereinbaren lassen. In der zweiten kesung im Hause wurde der versuch gemacht, ihnen diese Freiheit wieder zu verschaffen. Nach einer sehr stürmischen Debatte kam es zu einer Abstimmung mit Zählung, sog. Hammelsprung, über das betreffende Amendement (Siemens). Es wurde mit der Mehrheit einer einzigen Stimme, ^25 gegen ^2-5, angenommen, nachdem und obwohl sich herausgestellt hatte, daß dies nur von einem versehen des Abgeordneten Schultze-Delitzsch herrührte, der durch die Ja-Thüre gegangen war, während er durch die Nein- Thüre zu gehen beabsichtigt hatte. » Um bei der dritten Lesung eine so wichtige Entscheidung nicht wieder auf die Schneide eines Zufalls zu setzen, beantragte in dieser der Abgeordnete Lasker, unterstützt von einer großen Zahl Mitglieder fast aller Fraktionen, das in zweiter Lesung angenommene Amendement wieder fallen zu lassen, dagegen den Bundesrat zu ermächtigen, daß er in besonderen Fällen einer bestimmten Bank die entzogene Freiheit geben könne. So wurde beschlossen. Aber in Wirklichkeit ist der Bundesrat bis jetzt nie in die Lage gekommen, von dieser Ermächtigung Gebrauch zu machen. Am Schluß der Darstellung findet sich ein Hinweis auf die lNünzreform, der durch den seit jener Zeit so laut gewordenen Streit einiges retrospektive Interesse bietet. Wie wegen seiner Behandlung des Bankgesetzes, war ich mit dem preußischen Finanzminister wegen der Behandlung der Münzreform nicht einig. Ich verlangte energischere und raschere Abstoßung des Silbers, der er sehr kühl gegenüberstand. So fand später die falsche Maßregel der Sistierung der Silberverkäufe im Jahre ^87y einen viel größeren Vorrat, als dem rationellen Gang der Dinge Entsprach; und wenn wir auch heute diesen Silberrest nicht mehr als ein organisches Übel empfinden, so repräsentiert er immerhin einen unnötigen Verlust und einen häßlichen Fleck auf der zum Glück rechtzeitig beschlossenen großen Münzreform. November ^395. L. V. ^)ie Borgeschichte eines neuen Geschöpfes bis zum Momente seiner Geburt zu erzählen, möchte sür weit schwieriger gelten, als dessen Entwicklung zu verfolgen vom Tage an, da es das Licht der Welt erblickte. Mit unserm Bankgesetz jedoch verhält sich die Sache unigekehrt. So lange die Seele der Reichsbank noch zukunftsuugewiß im Teiche der uugeborencn Kinder schwebte, stritten sich bloß zweierlei Geister um sie. Schließlich besiegte der unwiderstehliche Zauber, der iu dem Begriffe „Reich" liegt, die großen und kleinen Hexenmeister, welche das Kindlein in der Gebnrt zu ersticken gedacht hatten, und als es einmal laut und kräftig die vier Wände beschrien hatre, suchte jeder gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Schlaue Leute wollten sogar wissen, die preußische Finanzpolitik habe von der ersten Stunde an nur deshalb Hindernisse in den Weg geschoben, um dereu Beseitigung recht teuer zu verkaufen. Man muß anerkennen, daß sie, wenn solches ihre Absicht gewesen, sich wenigstens nichts darauf zugute thut, sie durchgesetzt zu haben. Im Gegenteil, der Finanzminister ließ es sich ganz gerne gefallen, daß man zum Eingang der zweiten Lefung ihm nachsagte, er sei es, welcher den Grundriß zur Reichsbank in den ursprünglichen Entwurf aufgenommen, welcher alles so eingerichtet habe, daß nur „eine Wand von dünnem Fachwerk" wegzu- — 282 — räumen gewesen wäre, um die Preußische zur Reichsbank zu erweitern. Ob er die Huldigung einkassierte, weil einkassieren, wie er mit Recht behauptet, seines Amtes ist, oder weil er für rätlich hielt, lächelnd die goldene Brücke zu betreten, die man einem auf dem Rückzug befindlichen Gegner baut — von Gold war sie jedenfalls, die Brücke; denn, bei Lichte besehen, ließ sich Preußen dafür, daß es seinen lonü äs voutious ans Deutsche Reich abtrat, vergüten, was folgt: fünf Millionen Thaler bar, fünf weitere Millionen in Gestalt der zwanzigtausend an die alten Anteilseigner zu hundert Prozent überlasfenen Anteilsscheine, die einen Minimalwert von hundertfünfundzwanzig Prozent besitzen; macht zusammen zehn Millionen; dazu eine fünfzigjährige Annuität von 621 000 Thalern, die zu Prozent kapitalisiert, einen heutigen Wert von 12 232 000 Thalern repräsentiert: Summa Summarum einen Kaufpreis von mehr als zweiundzwanzig Millionen Thalern für die Zubringung eines Geschäfts, das ohne Zustimmung des Reichstags nicht einen Tag über den 1. Januar 1876 hinaus fortgesetzt werden durfte, und nach Kapitalsverdoppelung, Kontingentierung und veränderter Gewinnverteilung an Einträglichkeit viel weniger Aussicht bietet, als das frühere der Preußischen Bank, welches bei dem Verkauf als Maßstab angenommen wurde. Die Mitglieder des Reichstages aber sagten sich, beziehungsweise die der Kommission, daß nun an sie die Reihe gekommen sei, zum bösen Spiel gute Miene zu machen, und daß es vor allem gelte, topp! zu sagen. In der That traten diese Zifferfragen, wie groß immer, als Nebendinge zurück hinter die mannigfaltigen und verwickelten Aufgaben, deren Lösung in kürzester Zeit zu bewältigen war. Es galt nicht nur, die gesamten Verhältnisse des Zettelbankwesens von Grund aus auf neue Unterlagen und nach — 283 — neuen Gesichtspunkten aufzubauen, sondern innerhalb des Reformplanes auch noch die Gegenseitigkeits - Verhältnisse zwischen dem Reich und seiner künftigen Zentralbank, zwischen dieser und den bestehenden Privatbanken, möglichst rationell zu ordnen. Um zu ermessen, wie viele und wie bunte Fäden hier durcheinander liefen, stelle man sich gegenüber dieser thatsächlichen Aufgabe eine parlamentarische Versammlung vor (einerlei ob Reichstag oder dessen Spiegelbild: die Kommission der Einundzwanzig), deren Elemente von den allerverschiedensten Standpunkten aus an die Lösung herantraten. Da waren zunächst die Mitglieder der Zentrumspartei, von Hause aus politisch der Schaffung einer Reichsanstalt und namentlich einer von so hervorragender Bedeutung durchaus widerstrebend; daher natürlich darauf bedacht, was ihnen im großen und ganzen aus der Hand gewunden war, im kleinen und einzelnen wieder an sich zu reißen, und — da einmal Bayern den Grundstock des Zentrums liefert — besonders ängstlich darüber wachend, daß bayrische Verhältnisse möglichst wenig von den bevorstehenden Neuerungen berührt werden möchten. Neben dieser — in der Hauptsache reformwidrigen — Strömung des Zentrums lief, weniger breit vertreten, aber nicht weniger energisch, die der sogenannten Agrarier her. Ist das zentrale Element wesentlich bayrisch gefärbt, so trägt das agrare ein vorwiegend altpreußisches Kolorit. Manchmal tritt es mit der gottesfürchtigen Miene auf. welche überhaupt in der Entwicklung von Handel und Industrie nur wachsendes Teufelswerk sieht; gemeinhin beschränkt es sich auf das offenherzige Geständnis, daß es den Gewinn, welchen Handel und Industrie erzielen, als einen Raub am Ackerbau betrachtet. Mit den französischen — 284 — Physiokrateu haben die betreffenden pommerschen und märkischen Junker den Standpunkt allerdings gemein, daß sie den Ertrag des Bodens für die alleinige Quelle der Produktion ansehen, und daß sie — ihrem wohlverstandenen Interesse zu Liebe — auch Freihändler sind für solche Dinge, die sie brauchen. Dagegen möchten sie alles, was den Geschüftsumsatz im Innern des Landes befördert, hemmen und belasten bis zum Brechen. Möglichst wenig oder gar keine Steuer auf den Grundbesitz nnd möglichst viel auf die beweglichen Güter und namentlich auf die Bewegung der Güter. Über das, was aus den Geschäften gewonnen wird, herrscht in diesen Kreisen so ungefähr die Vorstellung, welche ein altes Witzwort bezeichnet mit dem Sprüchlein: „lös allairss o'est l'^rAkiit, ckes autrss." Was der Kaufmann mehr einnimmt, als ausgiebt, ist eigentlich nur einer künstlichen Preiserhöhung zu verdanken, oder kurz gesagt: erlaubter Diebstahl. Mit welchen Augen diese Welt die der Finanzen und gar die der Börse ansieht, mag jeder von solchen Voraussetzungen aus sich selbst ableiten. Man will wissen, es stecke in diesem Mißgefühl ein guter Teil Ärger über die äußeren Vorteile, welche eine Legion von Emporkömmlingen davongetragen, während ein ahnenstolzer Landadel im Nacheifer um erhöhten Glanz und Genuß des Lebens seinen väterlichen Besitz mit Schulden belastet habe. Mit solchen Anklagen soll man vorsichtig sein, sie werfen zu leicht den Gerechten mit dem Ungerechten zusammen; aber entschuldigt werden sie, wenn man in einem Teil der agrarischen Presse auf deu ordinärsten Kapuzinerton stößt, welcher keinen noch so niedrigen Angriff auf die Kreise des Geldgeschäftes verschmäht. Das Wunderlichste an der Signatur dieser agrarischen Gesellschaft ist, daß sie sich einbildet, sie würde billigeres Geld erhalten, wenn anderen Leuten das Geld verteuert würde. Wie sie sich ausrechnen, das; man ihnen billigere Hypotheken machen würde, wenn der Zinsfuß am Kapitalmarkt höher wäre, das ist ihr Geheimnis. Thatsache ist, daß sie allem, was ans Flottmachung der Kapitalkräfte eines Landes hinarbeitet, ihren intimsten Haß widmen. Auf Wechsel, auf Aktien, auf Prioritäten, auf Börsenumsätze vollends himmelhohe Steuern zu wälzen, ist ihr Ideal. Denn, wenn niemand in der Stadt Geld oder Kredit bekommen kann, werden, so bilden sie sich ein, alle Reichtümer zn ihnen auf ihren Landsitz wallfahrten, wobei nicht ausgeschlossen sein soll, daß mit einem großen Mangel an Umsatzmitteln dennoch hoher Preis für die Bodenprodnkte Hand in Hand gehe. Für diesen Geschmack ist eine Bank überhaupt kein Leckerbissen, und besonders nicht eine Zettelbank, welche bekanntlich, allen guten Grundsätzen nach, vorab nicht auf Hypotheken leihen darf. Ist aber einmal eine Bank unvermeidlich, so muß sie jedenfalls vor dem Unglück bewahrt werden, die Welt des beweglichen Kapitals und der finanziellen Geschicklichkeit zu bereichern. Das Zentrum hatte es aus die Reichsbank abgesehen, die agrarische Rechte auf die Banken insgesamt. Aber da viel mehr freie Hand war, die erst zu schaffende Reichsbank zu fassen als die bestehenden Territorialbanken, so sollte jene zunächst die Zeche bezahlen. Dergestalt war es beiden bis jetzt geschilderten Elementen vergönnt, manche Strecke Hand in Hand zu wandern. Die Agrarier hätten für's Leben gerne das Privatvermögen von der Beteiligung am Grundkapital der Bank ausgeschlossen. Aller Gewinn, den ihre erzürnte Fantasie sich in wilden Zügen auf das blanke Feld der kommenden Zeiten hinmalt, soll in den Staatssäckel fließen, den Steuerzahler erleichtern, der Spekulation für immer entzogen sein. Gelingt es nicht, die Reichsbank zu einem reinen Staatsunternehmen zu machen, so — 286 — soll auf jede denkbare Weise verhindert werden, daß die Privatbeteiligung einen Gewinn ziehe, der als ungebührlich angesehen wird. Daher soll nicht blos der Gewinn der Anteilseigner auf eine verschwindend kleine Möglichkeit jenseits mäßiger Zinsen beschränkt werden, sondern auch an Steuern aufgelegt, was aufzulegen ist. Aber so weit mitzuthun, hatte wiederum das Zentrum keine Lust. Zwar die Reichsbank auf möglichst schmale Kost zu setzen, wäre ihm schon recht gewesen; aber dem Reich direkte Einnahmen aus einer Steuer zufließen lassen, welche ebensoviel der unbequemen Matrikularumlagen entbehrlich macht, das Budget des Reichs vou dem der Einzelregierungen loslöst, das paßt uicht in diese Rechnung. Um die Auflage von ein Prozent auf alle ungedeckten Noten durchzusetzen, mußten also die Agrarier sich an andere Bundesgenossen wenden. Und sie fanden sie; wenn auch die vereinten Anstrengungen schließlich nicht zum Siege führten. Sie fanden auf der Linken als teilweisen Ersatz für die Alliierten, die sie im Mittelpunkt verloren, diejenigen Nationalliberalen, welche entweder im Notenwesen überhaupt oder nur soweit es sich um die Reichsbank handelte, zum Grundsatz strenger Enthaltsamkeit in Sachen künstlicher Zahlungsmittel sich bekennen. Bedenkt man, daß in diesen Reihen sich solche befinden, welchen eine nicht mit vollem Metall gedeckte Note an sich ein Grüuel ist, und, von diesen sich stufenweise abschattierend, eine ansehnliche und einflußreiche Schar, welche den Wegen der Geschäftswelt mit unwilligen und mißtrauischen Blicken folgt, so ist man darauf vorbereitet, daß jede Lebenserschwerung, welche der Bank bereitet werden sollte, hier Stützpunkte zu finden hoffen durfte. Am schärfsten trat die Konstellation aller aus den verschiedensten Himmelsgegenden zusammenströmenden Influenzen hervor, — 287 — als es sich darum handelte, die Mitgift der Reichsbank an ungedeckten Noten zu begrenzen. Alles, was aus irgend einem Grunde der Reichsbank übel wollte, war natürlich dabei, die Grenze möglichst eng zu ziehen; dazu kam an Reichsfreunden alles, was keine Noten mag, alles, was, wie die Agrarier, der Geschäftswelt abhold ist. Das ganze Heer gruppierte sich hinter die Linie derjenigen Kombattanten, welche mit der Reichsregierung die vorgeschlagene Ziffer von 25V Millionen Mark aus rein sachlichen oder theoretischen Gründen für die richtige hielten. Der beträchtliche Nachtrab erkannte wohl den Vorteil, damit alle seine heterogenen Bestandteile unter die Fahne der Tugend uud Enthaltsamkeit zu scharen. Diejenigen dagegen, welche, aus mindestens ebenso objektiven Gründen wie die Unbefangensten ihrer Gegner, etwas mehr Lebensluft für die Reichsbank verlangten, erschienen in zweideutigem Lichte lüsterner Begehrlichkeit nach ungerechtem Gewinn. Die geringe Frage eines Mehr oder Weniger von fünfzig Millionen Mark ungedeckter Reichsbanknoten verdiente durchaus nicht die Ehre, zu eiuem Prinzipienstreit erhoben zu werden; und in der That standen Vorkämpfer des ganzen Gesetzes beinahe in allen Stücken engverbunden zusammen, die in diesem Punkt sich vorübergehend trennten. Aber gerade das war das Charakteristische an dem besonderen Fall, daß über seiner Erörterung etwas von der Ungunst laut wurde, welche der deutsche Parlamentarismus nicht zwar dem Handel, aber der Handelswclt cntgegenträgt. Man muß sich hüten, das Eigentümliche dieser Erscheinung ins Schwarze zu malen, und man ist schuldig, das, was berechtigt an ihr ist, auch zu verstehen. Gleichwohl ist zu bekennen: die Angelegenheiten des Kaufmannsstandes finden auf unserem parlamentarischen Boden nicht die freie und gleiche Beurteilung, wie auf dem anderer Nationen. Es — 288 — hängt dies ohne Zweifel zusammen mit dem ganzen Entwicklungsgang der deutschen Nation. Die große Zeit unserer Handelsblüte, der kaufmännischen Granden von Nürnberg und Augsburg im Südeu, der politisch mächtigen Hansa im Norden, war längst dahin, als in? siebzehnten und achtzehnten Jahrhnndert Holländer, Engländer und Franzosen den Weg ihrer kommerziellen Eroberuugen betraten. Damit zusammenhängend blieb im Ganzen, auch gesellschaftlich, der Handelsstand in geringerer Lage als anderwärts. Adel, Offiziere, Beamte und Gelehrte blickten und blicken zum Teil noch heute auf ihn herab. Ein Umstand, der vielleicht dazu beiträgt, unsere jungen Kaufleute geschäftstauglicher zu machen, als ihre Gcnosfen fremden Ursprungs, trägt dazu bei, ihnen gesellschaftlich zu schaden, nämlich ihre realistische Vorbildung. Das System der Realschulen ist nirgends so verbreitet und ausgebildet als in Deutschland; die klassische Schulbildung für die Erziehung der zum Kaufmannsstande Bestimmten ist bei uns die Ausnahme, in Frankreich und England die Regel. Ob das gut oder schlecht sei, ist eine Frage für sich. Aber es wirkt, wie es bei uns liegt, nicht günstig für die Ausrottung des Hochmuts, mit dem die studierten Leute auf die un- studierten herabschauen. Der deutsche Kaufmann ist im Auslande mehr geachtet als zu Hause. Vor Jahresfrist giug durch die englischen Blätter und namentlich durch die Spalten der Times monatelang ein stehender Artikel über die Gefahr, in allen überseeischen Ländern vom deutschen Großhandel überflügelt zu werden. In allen Weltplätzen giebt es deutsche Häuser ersten Ranges. Die soziale Jn- feriorität, die dem Stande, wie wenig immer, daheim anhaftet, ist nicht gemacht, sie zurückzulocken. Naturgemäß ist der Stand selbst mitschuldig. Die lächerliche Gewohnheit, um die Rats-Titel zu werben, mittelst derer reiche — 289 — Kaufleute in den bureaukratischen Tschin eingereiht werden, als höchste Belohnung, und welche die höfische Sitte ihnen freigebig spendet, eben um sie einzurangieren, hat bei andern Nationen nichts Analoges aufzuweisen. Freilich gehen ihnen unsere Universitätsprofessoren in ihrem tschinesischen Bedürfnis nach dem Rats- und Geheimen Rats-Titel mit gutem Beispiel voran; doch liegt diesen als Beamten uud auch aus sonstigen Gründen die Verführung näher. War es sonst nur eiu Mehr oder Weniger von änßerer Ehre, um welche der Kaufmannsstand zu kurz kam, so brachte das Börsenwesen auch im Punkte des sittlichen Inhalts beträchtlichen Schaden. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Gesamtheit litt unter den Vorwürfen, denen die Einzelnen in großer Zahl sich aussetzten; und, was noch viel schlimmer ist, aber der Unparteilichkeit zu Ehren offen gesagt werden muß: auch die guten und soliden Kaufleute haben vorüber- geheud bei uns vergessen, an den Lehren der Nüchternheit und Enthaltsamkeit fest zu halten, denen sie ihr Aufkommen verdanken. Der kritische Geist der Berliner Börsenwelt, der zu sprüchwörtlicher Anerkennung gelangt war, hielt dem Sturm der Grüuderperiode gegenüber nicht Stich. Es giebt solche Zeiten, in denen unberechtigte Mächte dermaßen an Gewalt zunehmen, daß sie auch den Besten an seinem Glaube» irre machen. Rechnet man dazu, welche Gefühle im unbeteiligten Publikum das Schauspiel finanzieller Feuerwerkstiinste weckt; wie natürlich es ist, daß man sich für bester hält als den Nächsten, der dem Mammon mit Erfolg räuchert, — nimmt man das alles zusammen, fügt man noch den Beigeschmack hinzu, welchen breite sozialistische Propaganda dem öffentlichen Urteil zusetzt, so wundert man sich schließlich nicht mehr, wenn man es auch bedauert, daß oft kommerzielle Wünsche nur mit einer Art verlegenen Staminelns vor die Gesetzgebung hinzutreten wagen. Die — 290 — Zahlen selbst der parlamentarischen Vertrctnng sprechen laut davvn, wie geringfügiger Anteil an ihr dem Kaufmannsstande eingeräumt ist. Alles zusammen gerechnet, ehemalige uud jetzige Kaufleute, Industrielle, Landwirte, die nebenher ein Agrikulturgewcrbe betreiben, Verleger, Gastwirte n. dgl. mehr inbegriffen, weist das Verzeichnis der Reichstagsabgeordneten sechsundvierzig Personen aus, welche zu dieser Kategorie gezählt werden können: also nicht den achten Teil der Gesamtheit. Erwägt mau, daß über ein Dritteil davon auf's Zentrum kommt, dessen Mitglieder stets nach einheitlicher Direktion und kirchlich Politischen Motiven stimmen, so gelangt man zu dem merkwürdigen Resultat, daß die Verteidigung der Industrie- uud Handelswelt, soweit sie Sachverständigen und Fachgenossen anvertraut ist, auf etwa zwei Dutzend Köpfen ruht. Uud faßt man diejenigen in's Auge, welche in der Debatte mit der Sprache herausrücken, so sind es solche, die vormals studiert haben, ursprünglich einem andern Stand angehörten und erst in späteren Lebensjahren den Geschäften sich zuwandten. Denkt man an die Zeit zurück, in welcher die Hansemann, Camphausen, Beckerath ihren Platz im politischen Leben des deutschen Volkes neben den Welcker, Gagern und Dahl- mann einnahmen, so fühlt man sich versucht zu fragen: hat der Geist des Handelsstandes, der Geist der deutschen Politik oder das Gegenseitigkeitsverhältnis zwischen dein Volk und den Männern des kaufmännischen Berufs diese Wandlung herbeigeführt? Wie dem immer sei: die Ehre wie das Interesse der Geschäftswelt muß aus solchen Betrachtungen die dringende Aufforderung schöpfen, sich nicht von den Rechtsgelehrten, Fachpolitikern, Gutsbesitzern uud Beamten aus der großen Politik und der großen Volksvertretung abdrängen zu lassen; nnd wenn die Besten des Standes ihren Sinn daraus richten wollten, die verlorenen Bahnen der höchsten öffentlichen Ehren wieder zu finden, so würden sie damit auch einen Kompaß gewinnen, dessen Zeiger ihre Barke davor bewahrte in die Stromschnellen schwindclhafter Bewegungen zu geraten. Die Art, wie jetzt in unserem Parlamente von ihnen gesprochen wird, kann ihnen unmöglich gleichgiltig sein, und die einzige gute Art, sich zu rächeu, besteht in der männlichen Wiedererobernng des verlorenen Postens. Denn übel genug kommen sie weg. Zwar fehlt es nicht an Lippenbekenntnissen abstrakter Huldigung bei jedem, der sie angreift; aber alle diese eingeschalteten Ehrenerklärungen Verhallen wirkungslos gegenüber dem wegwerfenden Gesamtton, der nicht blos von einzelnen Rigoristen, sondern vom Durchschnitt der Redner, ja gar nicht selten von den Ministern nnd ihren Assistenten angeschlagen wird. Wie oft wurde iu der Bankdebatte ausgesprochen: die Kaufleute dürfe man natürlich nicht hören, denn diese möchten das Gesetz so zurecht schneiden, daß ihnen die fetten Brocken davon auf Kosten aller Klugheit und Vorsicht zufielen! Wenn Männer wie Camp- lmusen, Michaelis, E. Richter und von Unruh (Magdeburg) dergleichen als selbstverständlich hinwerfen, so kaun man doch nicht sagen: das sind asketische Persönlichkeiten, die dem praktischen Leben fern stehen. Und dvch enthalten diese Aussprüche, so beiläufig eingeflochten, eigentlich die härteste Verurteilung nicht blos gegen die Moralität, sondern nnch gegen die Einsicht des Kaufmaunsstandes. Denn wer will behaupten, das wahre nnd bleibende Interesse desselben sei verträglich mit einem gebrechlichen, ja verderblichen Banksysteme? Wer will leugnen, daß ein solider und verständiger Kaufmannsstand mehr als jeder andere an der Erhaltung zuverlässiger Zahlungsmittel und sester Wcrtsätze beteiligt sei? Nur wer die ganze Geschäftswelt als eine Gesellschaft von Jobbern nnd Wechslern an- 19* — 292 - sieht, kann ihr Interesse an schwankender Valuta zutrauen; und Sentenzen, wie die von obigen Rednern gefällten, lassen keine andere Wahl, als die Mehrheit der kommerziellen Bevölkerung für liederlich oder verblendet, wenn nicht für beides zugleich, zu halten. — Wer doch ließe sonst sich beikommen, wenn die Augelegeuheiten eines besonderen Berufs untersucht werden, die Angehörigen desselben auszuschließen, ihren Gutachten entgegen zn halten: sie seien nur von thörichtem Eigennutz eingegeben? Hieß man die Presse schweigen, als von der Abschaffung des Zeitungsstempels die Rede war? Und doch, wozu hat all das damals verspritzte Pathos genützt, als die Taschen der Zeitungsverleger zu sulleu, welche dem Publikum nichts von ihrem Mehrgewinn, auch uur au besserem Papier oder Druck, zufließen lassen? Gewiß, man soll nicht die unmittelbar Beteiligten allein hören, und gewiß, sie lassen es an einseitigen und übetriebenen Vorstellungen nicht fehlen (man denke nur an den tnror saxonieris in allem, was Papiergeld berührt); aber für diejenige Kritik, welche gegen unberechtigten Einfluß nötig ist, bleibt auch noch Raum genug, wenn in öffentlichen Versammlnngen von dem deutschen Handelsstande, einein der ersteu der Welt, mit größerer Achtung als bisher gesprochen wird. Ist dieser selbst sich schuldig, die Schwächen abzustreifen, welche ihn in diese üble Stellung zu bringen beitrugen, so haben auch gerade die Männer des öffentliche«! Wirkens, welche ihn zu heben wünschen, die Pflicht, ihn nicht mit Antipathie und Verbitterung zu erfüllen. Sonst möchte sich eines jener schlimmen Verhältnisse daraus entwickeln, die anf gegenseitiger Verachtuug beruhen. Gesunder Idealismus, der im Leben steht nnd dem Leben dient, wächst nicht in der Einöde der Wurzeln und Kränter, von denen sich der Eremit nährt. Sittenprediger, >. — 293 — welche mit Geringschätzung auf den Erwerb herunter schauen, erwecken in den Kindern der Welt nur den Gedanken, daß sie die Welt nicht kennen, und treiben, als falsche Repräsentanten des Ideals, zur bösen Schlußfolgerung hin, daß für die wahre Idealität in der wirklichen Welt kein Raum sei. Der cyuische Realismus, welcher die höchste» sittlichen und geistigen Güter verlacht, ist die unausbleibliche Antwort auf den diogenischen Armutsstolz. Der „heilige Durst nach Gold" bewegt die Welt, indem er der Menschen Kräfte in Bcweguug setzt; uud es sündigt wider dies Ur- reglement des Lebens nicht nur der, welcher sich zur Karikatur macht, indem er es leugnet, sondern auch wer ihm die Wege vorzeichnen will aus einer Empfindung heraus, die fich zur Ehre rechnet, daß ihre Wege nicht seine Wege sind. Die einprozentige Steuer war beseitigt. Es war ein Glück für die künftige Reichsbank, daß in diesem Kapitel es nicht gut anging, sie anders zu behandeln als die Privatbanken. Hätte sie diesen: Steuergelüste gegenüber allein in der Welt gestanden, schwerlich wäre sie ihm entronnen. Denn alle vereint, die entweder das Reich oder die Noten oder das Monopol oder daS Kapital oder die Börse oder die Matrikularumlagen nicht mögen, alle vereint hätten sich schwerlich des Vergnügens beraubt, um uoch einen Aderlaß anzubringen, sich denjenigen anzuschließeu, welche den einzige» vertretbaren Gesichtspunkt verteidigten: daß ein Nvte»Privileginm mit emer Abgabe bezahlt werde» müsse. Ihre Rettung verdankte die Reichsbank dem Umstand, daß man sie nicht erreichen konutc, ohne die lieben Kleine», die Territorialbanken, mit zu treffen, für welche in den Reihen der meisten Fraktionen doch so manches warme Herz schlug. Darin» wendete sich auch das Blatt, sobald die Entscheidung wegen der Kommimalsteuern zu — 294 — treffen war. Der Gesetzentwurf der Regierungen hatte hier weislich, und belegt mit triftigen Gründen, die Zweiganstalten eines znm allgemeinen Nutzen eingesetzten Instituts frei gelassen, welches als Gegenleistung gegen sein Privileg dem Reiche die Halste, beziehungsweise drei Vierteile seines Gewinns überläßt. Aber die Kommune, welche umhergeht, ^ng.srsns cjusiri äsvorst,, hatte hier leichtes Spiel. Die Bestimmung wegen der Befreiung von Kommunalsteuern stand einzig und alleiu im Titel, der von der Reichsbank handelt; die Freunde der Privatbanken hatten also hier nichts zu sürchten und nichts zu hoffen. Die, welche dem Reich keine Einnahmen gönnen, waren gleichfalls unbeteiligt. Es schien geradezu töricht, nicht zugreisen zu wollen, uud uuter allseitigem Halali ward das Wild erlegt. Dem erfinderischen Geist der Stadtväter ist es für die Zukunft anheimgegeben, wie viel Blut sie dem Einkommen des Reichs und der Anteilseigner glauben abzapfen zu können, ohne die Bank ans ihrem Weichbild zu verscheuchen. Hat man ihr das Leben gegönnt, so hat man's ihr jedenfalls möglichst teuer verkaust. Endlich, als der dicke Strich in der Beratung überschritten wurde, welcher den Titel der Privatbanken von dem der Reichsbank trennt, da konnte man sehen, wie „neue Triebe, neue Schmerzen" aufkeimten. Nichts merkwürdiger für den Psychologen des öffentlichen Lebens, als zu beobachten, wie hier die Durtonart catonischer Strenge plötzlich in sanftes Moll überging. Ob es gelingen kann, dem nicht mit allen Einzelheiten dieser Materie vertrauten Leser das Verständnis für den menschlich so interessanten Vorgang zu erschließen? Leider muß mau, um den Ari- stophanes oder Homer mit vollem Genuß zu lesen, anch die feinsten Regeln der griechischen Grammatik uud Syntax in sich ausgenommen haben; und so steht zu fürchten: wer >. — 295 — nicht unsere jüngste Gesetzgebungsarbeit in allen ihren Windungen verfolgt hat, wird Mühe haben, aus der Blumen- lese der Erscheinung, die sich hier bieten läßt, den Honig der Menschenkenntnis zu schlürfen. Doch sei die Bitte an ihn gerichtet, nicht von vornherein zu verzweifeln. Der vierundvierzigste Paragraph ist im Bnnkgesetz dasjenige, was im ersten Buch Mose das Kap. 2, Vers 18. Er handelt von den Bäumen des Gartens, von deren Früchten einer Bank zu essen erlaubt ist. Unter allen Bäumen aber, deren Genuß nach göttlichen und menschlichen Rechten seit hundert Jahren den Zettelbanken verboten gewesen, war keiner so streng verpönt, als der, auf welchem die gewagtestem oder schwerbeweglichsteu Geschäftsarten wachsen. Die laute und berechtigte Klage, welche gegen eine Reihe deutscher Zettel- banken umlief, der Hauptanstoß, der zur Reform drängte, lag eben darin, daß solche Institute, welche ihre Zettel wie bares Geld im Lande kursieren ließen, ihre Aktiva zu Dingen verwendeten, deren Schicksal Jahr aus Jahr ein entweder den wildesten Wogen des Geschäftsgetriebes anvertraut oder umgekehrt an schwerbewegliche Güter gefesselt war, au solche, welche der Verkehr nur langsam in ihren Wert umsetzt. Von industriellen Unternehmungen, von hypothekarischen Anlagen — so gilt es allgemein — sollen Banken fern bleiben, die jeden Moment ihrem Zettelgläubiger mit barem Gelde Rede zu stehen haben. Ein Kind begreift's; Adam Smith hat's schon vor hundert Jahren gepredigt; uud da er der Vater der Manchestermänner ist, so wird man ihn nicht für einen übertriebenen Rigoristen halten. Gleichwohl wurde der Versuch gemacht, uud wäre beiuahe gelungen, eine solche Ketzerei in das Gesetz einzuführen. Hätte das ein angeblicher Latitudinarier gleich unser einein unternommen, so wäre es minder befremdlich gewesen. Allein das Eigentümliche der Erscheinung lag eben darin, daß einige von der strengsten — 296 — Richtung die Scharen befehligten, welche die heiligsten Grundsätze des Bankwesens von oben nach unten zu kehren verlangten. Waren sie bloß ihrer eigenen Eingebung gefolgt, indem sie vorangingen? Hatten andere befunden, daß es nützlich sei, strenge Puritaner an die Spitze der Kinder Baals zu stellen? Hier beginnt das Reich der bloßen Vermutungen, dem möglichst fern zu bleiben immer das beste ist. Um einigermaßen den Zusammenhang der Dinge zu verstehen, muß man aber wissen, was in der Kommission vorgegangen war. Der Paragraph 44 des ursprüngliche!? Gesetzentwurfs hatte denjenigen Banken, welche ihre Notenausgabe hinfüro auf ihr Grundkapital beschränken zu wollen erklärten, die Lizenz gelassen, daß sie alle erdenklichen anstößigen Geschäfte machen durften, welche bei der Reichsbank aufs Strengste verpönt sein sollten. Als diese Bestimmung in der Kommissionsberatung an die Reihe kam, erhob sich vor allem dagegen der Abgeordnete Lasker und verlangte, diese Bestimmung gestrichen zu sehen. Andere Stimmen pflichteten ihm bei, und die Gegenrede des Regiernngskvmmissürs richtete sich viel mehr darauf, zu erklären, warum ursprünglich eine solche Bestimmung ins Gesetz gekommen, als zu behaupten, daß sie jetzt noch stehen bleiben müsse. Damals, als noch keine Neichsbank geschaffen war, der man überlassen konnte, Zucht und Ordnung bei den Kleinen zu erhalten, mußte ein Köder geschaffen werden, welcher eine Zahl von Banken, die ein Privileg zur uneingeschränkten Notenausgabe hatten, verlocken konnte, auf dies Privilegium zu verzichten. Man räumte ihnen Dispens ein von Beobachtung derjenigen Regeln der Solidität in der Geschüfts- behandlung, welche sowohl vor der Wissenschaft, wie vor der Praxis feststehen, auch für die Neichsbank, wie sür die übrigen Privatbanken in Zukunft gelten sollen. Als Gegen- > — 297 — leistung für diesen Dispens sollten die gedachten wenigen Banken ihre Notenausgabe künstig nicht über die Höhe ihres Grundkapitals ausdehnen können. Daß diese Grenze in der Ziffer des Kapitals gefunden wurde, ist viel mehr aus der Notwendigkeit zu erklären, irgend eine Grenze zu finden, als aus dein logischen Zusammenhang zwischen Kapital uud Notenausgabe. Jedenfalls war dieser Zusammenhang niemals weniger von Bedeutung, als in dem Augenblick, da man den betreffenden Banken einen Freibrief ausstellte, ihr Kapital nach Herzenslust in die aller- unsolidesten Geschäfte zu stecken. Die Motive des ursprünglichen Entwurfs bemühten sich, sür diese ganze Kombination ein rationell sein sollendes System aufzubauen, dessen Ausführung (Seite 16 in Nr. 27 der Drucksachen des Reichstags) man nur zu lesen braucht, um auf den ersten Blick das Gekünstelte und Gezwungene der Sache zu erkennen. Es gehörte aber zu den Kennzeichen des ursprüngliche!! Entwurfs, das; er, um daß natürliche Erfordernis einer Neichsbank sich herumdrückend, auf Auswege verfallen mußte, die sich nur mit scholastischen Spielereien begründen ließen, wie der angebliche Zusammenhang zwischen den Grenzen einer Notenausgabe uud den Grenzen eines, jeder Kontrole entzogenen Kapitals, oder die kaum verständliche Unterscheidung zwischen Lokalbauken und Landesbanken, oder endlich gar die lediglich ins Reich der Fiktion fallende Schöpfuugstheorie für die Banken von Gotha, Gera und Bückeburg, welchen nach Aussage des Textes „von der zuständigen Landesgewalt im öffentlichen Interesse (!) die Sorge für die Regelung des Zahlmittelbedarss im Lande, namentlich sür eiuen, dem jeweiligen reellen Bedarf sich anschließenden Umfang des Zahlungsmittelumlaufs und für Verhütung vou Ausschreitungen der Spekulation durch Vor- enthaltuug oder Berteucruug des in Noten zu gewährenden — 298 — Kredits, und mit dieser Sorge die diskretionüre Befugnis übertragen wvrden, nach den Gesichtspunkten der Verkehrspolizei die für den reellen Bedarf erforderlichen künstlichen Zahlungsmittel jeweilig zn schaffen und auszugeben!" Es konnte nicht ausbleiben, daß, nachdem in vielleicht zehn Sitzungen durch vierzig Paragraphen hindurch die Kommission sich die Köpse zerbrochen, wie nur auf jede mögliche Weise das Banksystem aus Grund der allerstrengsten Solidität aufgebaut, mit allen erdenklichen Riegeln uud Schlössern gegen Ausschreitungen versehen werden sollte, es konnte nicht ausbleibeu, daß, am Schluß des diese Ausgaben noch einmal resümierenden umständlichen Paragraphen anlangend, die Kommission mit Schrecken und Erstaunen gewahrte, was hier geschehen war. Nämlich ganz am äußersten Ende des Systems war eine Bresche gelegt, durch welche zunächst die bewußten fünf Banken (außer den drei genannten noch die sächsische und die Leipziger — die sechste, die preußische, war von selbst weggefallen) wieder ganz bequem ins Freie zn entspringen eingeladen wurden, und, was noch viel schlimmer, außer diesen fünf noch jede andere, welche, ohne von Hause aus zu unbegrenzter Notenausgabe privilegiert zn sein, doch für gut befinden mochte, sich auf die Ziffer ihres Kapitals zu beschränken, um damit Lartk blauLllö für ihre Geschäfte zu erhalten. Diese Gefahr lag nm so näher, als die Lnst, über eine gewisse Ziffer Hinanszugehen, durch die sünsprvzentige Steuer ihnen in der Hauptsache genommen war, und diese Grenze fast bei allen diesseits der Kapitalgrenze liegt. Als daher in der Kommission der Abgeordnete Laster mit dem Ansinnen hervortrat, den im Schluß des Paragraph 44 enthaltenen Freibrief zurückzuziehen, stieß er nur auf vereinzelten Widerstand. In Wahrheit mochte beim ersten Auftauchen der Frage Vielen die Wichtigkeit der wie — 299 — in einen: Winkel und unter Einschaltung einer ganz bescheidenen Ziffer (1) versteckten Klausel entgangen sein. Lasker jedoch, obgleich kein Sachverständiger von Profession, hatte mit der ihm eigentümlichen Fähigkeit, die Essenz einer Sache herauszugreifen, sofort die ganze Tragweite des unscheinbaren Nachsatzes erkannt. Er beantragte, daß der Satz gestrichen werde, welcher die sich auf Kapitalshöhe bei der Notenausgabe beschränkenden Banken von den Vorsichtsregeln der Anlage befreite. Der Regierungskommiffär bemühte sich viel mehr, zu zeigen, warum er zur Zeit, als noch keine Reichsbank geschaffen werden sollte, zu jenein Notbehelf seine Zuflucht hatte nehmen müssen, als Widerstand gegen den Streichungsantrag zu erheben; ja sogar, er erklärte ausdrücklich, daß dem Antrag Lasters kein Bedenken entgegenstehe. Daraus ward derselbe gegen die Opposition nur einer einzigen Stimme in erster Lesung angenommen! In zweiter Lesung unter ganz passivem Verhalten der Regierung bejahte eine starke Mehrheit dieselbe Entscheidung, trotzdem bereits derjenige Widerstand diesmal auftrat, der bis zu deu Beratungen des Plenums so gewaltig anschwellen sollte. Zwischen dem Abschluß nämlich der Kommissions-Ver- handlungeu und dem Anfang der zweiten Beratung im Reichstag hatte das Mutterauge der Privatbanken sehr wohl erkannt, welches die unabsehbare Tragweite des Freibriefes sei, den die Aufrechthaltung der unscheinbaren Ziffer 1 ini Schlußsatze des Paragraphen 44 ihnen aushändigte. Während nun ein Sturmlaufen auf alle maßgebenden Kreise begann, ansehnliche Personnagen, die an der Spitze von Banken stehen, auf dem Platze erschienen, um ihre Sache zu verteidigen, verbreitete sich — ganz leise, leise, fromme Weise — unter den Abgeordneten die Anschauung, daß mit der Beseitigung der Nummer 1 an der betreffenden Stelle — 300 — eigentlich ahnungslos von der Kommission ein großes Versehen begangen worden sei, selbstverständlich die Nummer ins Gesetz zurückgeführt werden müsse. Unter diesem Eindruck trat die Sache ans Haus heran und gab zu dem hitzigen Gefechte Anlaß, welches, aller Erwartung zuwider, dem Freibrief, den man schon geborgen wähnte, nnr die Hälfte der Stimmen plus oder minus 1 verschaffte, je nachdem man die Stimme eines aus Irrtum in eine falsche Thür geratenen Abgeordneten zur einen oder zur anderen Seite zähleu will — eiu Ergebnis, welches glücklicherweise zu einer für das Gesetz ehrenrettenden Transaktion führte. Aus diesem kleinen Vorfall ist eine dreifältige Ausbeute für die parlamentarische Anthropologie zu gewinnen. Erstens, daß hier neben dem Abgeordneten Laster, welcher überall die strengen Grundsätze vertrat, und in eifrigsten Anstrengungen mit ihm verbündet, solche Abgeordnete auftraten, welche bei der Reichsbauk eiue höhere Kontingen- tierungszisfer verlaugt hatten uud darob als Latitudinarier gescholten worden waren, während auf der Gegenseite eine Anzahl Mäßigkeitsapostel standen, die. sich beim betreffenden Paragraphen (9) nicht wenig auf ihre enthaltsamen Gefühle zu gute gethan hatten. Schade war es, daß der preußische Finauzminister nicht mehr zugegen war, als der Paragraph 44 zur Beratung stand. Er hatte vielleicht für seine Anwesenheit kein Bedürfnis mehr gefühlt, nachdem die dem Reichsfiskus zugeschnittene größere Gewinnportion an der Reichsbank nnter seinem ermutigenden Zn- ruf in Sicherheit gebracht worden war. Vielleicht aHute auch er nicht, daß ein Teil derselben Stimmen, welche seineu Abstiuenzpredigteu bei der Kontingentierungsziffer der Reichsbank mit dem Brustton der Überzeugung zugejubelt hatten, min bei dem Titel der Privatbanken für höchste Lizenz eintreten würden. Logisch genommen, konnte — .^01 — er es gar nicht ahnen: denn um die bloße Möglichkeit einer Mehrausgabe von fünfzig Millionen ungedeckter Noten bei einer unter Reichsaufsicht stehenden Bank sich erhitzen, dagegen aber der Privatverwaltung freien Spielraum zu beliebigen Geschäftsgebarungen lassen, das heißt für jedeu, der eine Ahnung vom Zettelbankwesen hat, Mücken feigen und Elephanten verschlucken. Das zweite der interessanten Phänomene war, daß der im Saale gebliebene Regierungsreduer im Gegensatz zn zweimaligem Verhalten in der Kommission nun eifrig für die Rechtserweiterung der Provinzialbanken Partei ergriff, und zwar mit Argumenten, die an dieser Stelle nagelneu waren. Dreimal hatte die Reichsregiernng Gelegenheit gehabt, ihre Ansicht zu diesem Punkt zu motivieren. Dreimal hatte sie es uicht anders gethan als auf Grund des Bedürfnisfes, ein Gegengewicht gegen die Möglichkeit unbegrenzter Notenausgabe zu schaffe«. Niemals war ihr iu den Sinn gekommen, sich auf das Jnteresfe derer zu berufen, welche in der fraglichen Bestimmung nur die Erlaubnis sahen, eine Reihe von Geschäften weiter zu treiben, die nach dem grundlegenden Sinne der neuen Gesetzgebung ihnen versagt sciu sollten. Hatte der „Druck von außen", welcher so mächtige Proportionen in wenigen Tagen annahm, auch die Regierungskreise eingeschüchtert? Angesichts der verwirreudeu Gegensätze, die hier aufeinanderstoßen, ist die Frage erlaubt, wenu auch die Antwort nicht zu beschaffen. Die merkwürdigste von allen Kuriositäten war aber als dritte darin zu beobachten, daß die Vorkämpfer der Lizenz in diesem ihrem Akt selbst sich die Miene gaben, auch hier noch als die Advokaten Gottes gegen die Advokaten des Teufels zu plädieren. Sie behaupteten, daß es ihnen nur gelte, das Unglück zu verhüten, welches be- — 302 - vorstehe, wenn die fünf mehrbesngten Banken nicht auf ihr unbegrenztes Notenrccht verzichteten, und sie gingen darin so weit, ihre Gegner zn beschuldigen, dieselben handelten im Ernst für unbegrenzte Notenausgabe. Sie vergaßen dabei nnr drei Dinge: Erstens, daß ihre Gegner entweder aus strengen Kontingentierern bestanden, wie Unruh uud Laster, oder aus Anhängern der Reichsbank, welche für die Privatbanken keinerlei Gunst übrig hatten, am wenigsten für die von Bückeburg uud Sondershausen. Sie vergaßen zweitens, daß man die Leute in Fleisch und Bein hatte herumlaufen sehen, welche weder den? System der Gesetzgebung noch dem abstrakten Gemeingeist zn Liebe die Reise nach Berlin unternommen hatten. Sie vergaßen aber drittens lind hauptsächlich, daß, wie sie selbst in den gedruckten Motiven ihres Antrags (Siemens) in der größten Naivität gestanden, sie schwarz auf weiß beurkundet hatten, worum es ihnen zu thun war, nämlich darnm, daß eine Anzahl Banken, an die der Gesetzgeber bei Abfassung seines Textes nicht im Traume gedacht hatte, den bewußten Freibrief erhielten. Und das ist eben die „Moral von der Geschieht'"; denn auch diese, wie die von der Embryologie, hat ihre Moral nnd eine pikantere als jene. Fürst Bismarck hat einmal im Reichstag von der Notwendigkeit der politischen Heuchelei gesprochen. Mancher Biedermann nahm daran ehrlichen Anstoß, aber am lebhaftesten protestierten gewiß die, welche, in dnnkler Ahnung ihres inneren Untergrundes, die Aufrichtigkeit nicht so weit getrieben haben wollen, daß man auch die Notwendigkeit des Heuchelns eingestehe. Freilich darf nur ein Mensch von Bismarcks heroischer Gewalt — 303 — sich den Luxus eines solchen Geständnisses erlauben. Kleine Lente würde mau moralisch totschlagen, wollten sie ein solches Wagnis unternehmen. Und nicht blos; würden sie einen leichtsinnigen, politischen Selbstmord durch Übung solcher Offenherzigkeit begehen, sondern es rächt sich schon allemal im Kreis des öffentlichen Lebens der Grad von mittelbarer Aufrichtigkeit, welcher verschmäht, in ausdrücklichen Beteuerungen den großen und notwendigen Grundsätzen zu huldigen, welche die Teile zum Ganzen zusammenhalten. Denn der Mensch, welcher angeblich sich durch das Lachen vom Tier unterscheidet, verliert diesen Vorzug und wird zur „erusten Bestie", sobald er aus der Vereinzelung und Vergänglichkeit seines Individuums heraustritt und mit der Gesamtheit sich zu verstäudigeu hat. Das bedeutet der vielverspottete „Cant" der Engländer, welche nicht umsonst unsere Lehrmeister in politischen Dingen geworden sind. Auch wir, wie alle Völker, haben unseren parlamentarischen Cant, und wer dessen Ton nicht anschlagen kann, wird stets Einbuße an Wirksamkeit dafür zu leiden haben. Am glücklichsten arbeitet der in der Öffentlichkeit, welchem Natur zu Verstandes- und Charaktergaben den unerschütterlichen Glauben an sich und sein Verhältnis zur Welt mit auf den Weg gegeben. Doch auch die, welche nur aus dem Instinkt der Selbsterhaltung heraus sich angetrieben sühlen, bei allem Thuu und Lassen die Hand auf die Brust zu legen, haben für den Erfolg ein großes Stück voraus. Ju alledem waltet die weise Ordnung der Welt. „Du, mein Sohn, bist fromm und klug, Gottessürchtig, stark genug, Und es wird dir wohl gelingen. Jenen Joab umzubringen." — 304 — Als ich beobachtete, mit welcher Andacht zugehört wurde, während einige strenge Kontingentierer in feierlichem Ton ihre lockeren Grundsatze in Sachen der Privat-Zettel- banken vortrugen, fiel mir, zu meinem Unglück, wieder eine alte Geschichte ein von einem Gascogner und einem Normannen. Der Normanne trug eine gewaltige Aufschneiderei vor. „Ach," seufzte der Gascvguer, „sind Sie glücklich, mein Herr! Ich, mit meinem Accent, könnte niemals wagen, dergleichen zn erzählen." Hatte die Zeit zwischen dem Abschluß der Kommissionsberatung und der zweiten Lesung dem Einfluß der besonderen Interessen, dem Druck vou außen gehört, so gewann nach der lebhaften Debatte im ganzen Hause wieder das Bewußtsein und das Gewissen des großen Ganzen die Oberhand, und das Gefühl drängte sich auf, daß man im Begriff gewesen war, etwas recht Unverantwortbares zu thun. Daraus auch allein ist zu erklären, daß der Bundesrat, gegen seine Gewohnheit nnd gegen alle Regeln der Klugheit, sich dazu hergab, den Fehler sich aufhalsen zu lassen, zu welchem sein Redner die eine Hälfte des Hauses mit hatte verleiten helfen. Die Bresche ward nicht vollendet, welche der Antrag Siemens ins Bankgesetz zn legen gemeint hatte. Statt ihrer ward nur eine Hintertür angebracht, zu welcher der Schlüssel dem Bundesrat anvertraut ist. Wird dieser sein Pförtnernmt gewissenhaft verwalten? Wenn es ihm gelingt, so verdient er, daß man ihm ein Kompliment mache. Denn wir haben es ja erlebt, daß es nichts Kleines ist, dem Andrang der kompakten Privatinteressen Widerstand zn leisten. Nicht etwa, weil Integrität dazu gehört! Denn wer wollte glauben, daß, wie in parlamentarischen, so auch in gonvernementalen Gebieten, die Privatinteressen bei uns anders wirken, als durch atmosphärischen Druck auf die Empfindung und Vorstelluug der — 305 — von ihnen Belagerten? Aber gerade diesem Druck zu widerstehen, möchte der Reichsregierung um so schwerer fallen, weil jeden Augenblick die Versuchung wiederkehren wird, durch ein finanzwirtschaftliches Zugeständnis an einen Kleinstaat irgend eine politische Konzession von demselben zu erkaufen. Man hat es vielfach mit Anerkennung konstatieren hören, daß in der Bankfrage die politischen Gegensätze sich vollständig durcheinandergewürfelt fanden, und man hat daraus schließen zu müssen geglaubt, daß die reiu sachliche Beurteilung die Haltung des einzelnen bestimmt habe. Zur Illustration der Schattierungen, unter deren Vorbehalt diese Auffassung gelten darf, diene ein persönliches Erlebnis. In der Vorhalle des Sitzungssaales erging sich ein besonders heißsporniges Mitglied des Zentrums mit mir im Gespräch über die Tagesfrage der Verhandlung und malte mir noch einmal privatim seinen Abscheu vor allem, was Banknote sei, in den blutigsten Farben. — „Aber mein Bester," frug ich ihn, „wenn Sie so strenge Grundsätze haben, wie konnten Sie dann für den Antrag Siemens stimmen?" — „Ach, Kollege," — erwiderte er — „wissen Sie, wenn doch einmal solche Papierchen gemacht werden sollen, so mögen doch auch die guten Leute auf dem Lande etwas davon habeu, die Hypotheken auf ihre Güter brauchen." — Das Bankgesetz, trotz der Ausstellungen, welche von dieser oder von jener Seite im einzelnen an ihm gemacht werden mögen, bezeichnet einen der größten Fortschritte in deni Gesamtleben der deutschen Nation. Der Vvrwurf, daß es zu rasch gefördert wordeu wäre, kann als ganz unbegründet zur Seite geschoben werden. Seit dem Ende des Jahres 1871, welches uns das Gesetz über die Einführung — 306 -- der Goldwährung brachte, bis zum Ende des Jahres 1874, volle drei Jahre hindurch, hat das Problem dieser Lösung unablässig dem Nachsinnen aller dazu Berufenen vorgeschwebt als die notwendige Form des Abschlusses für die ganze Ordnung des deutschen Verkehrssystems. Während der letzten sechs Monate hat dasselbe Problem unaufhörlich die Kräfte aller Beteiligten in Spannung gehalten. Zwei Monate lang unterlag es der parlamentarischen Behandlung. Daß ein so vorbereiteter Stoff nur gewinnen kann, wenn der letzte Guß schließlich in eifriger Anstrengung mit größter Schnelligkeit vollzogen wird, mag nur dem entgehen, der nicht weiß, wie nach langer, vorsichtiger Bereitung eine Materie desto besser in die Form gelangt, je mehr die Masse in Fluß gebracht und das Fließende, so lange es noch glüht, fest gestaltet wird. Alles, was auch die längste Zögerung hätte herbeiführen können, ist in die Erwägungen aufgenommen, uud wer da meint, langsam leisten sei viel leisten, zeigt wenig Vertrautheit mit den besonderen Kräften, die zur fruchtbaren geistigen Arbeit verwandt werden. Mit dem Bankgesetz ist der dreifache Kreis geschlossen, in dem das Geldsystem des deutschen Reichs ruhen und sich entwickeln soll. Es vollendete im Januar 1875, was die Goldwährung und die Münzeinheit durch die Gesetze vom 4. Dezember 1871 und vom 23. Juni 1873 begonnen und fortgesetzt hatten. Allerdings fehlt zu diesem Bau noch das wichtigste, der Teil der Ausführung, welcher erst durch Verkündung der vollen Goldwährung ins Leben tritt und seinen Ausdruck findet in dem ersten Absatz des Artikel 9 des Münzgesetzes, lautend: „Niemand ist verpflichtet, Reichssilbermünzen im Betrag von mehr als zwanzig Mark und Nickel- — 307 — und Kupfermünzen im Betrag von mehr als einer Mark in Zahlung zu nehmen." So lauge diese Bestimmung nicht in volle Kraft gesetzt, stehen unser Münz- wie unser Bankgesetz, ihrer Wesenheit nach, nur auf dem Papier. Die Reichsregierung hat die Aufgabe, diesen Zeitpunkt zu bestimmen, trägt die Verantwortlichkeit für die Wahl dieses Augenblicks. Hat sie bis jetzt darin mit dem richtigen Blick geurteilt und gehandelt? Der Finanzminister von Preußen, welcher offenbar das größte Gewicht in die Wagschale zu werfen hat, glaubte im Beginn der jüngsten Debatte der von ihm nicht allzuschonsam behandelten Geschäftswelt den Borwurf machen zu sollen, sie sei „leichten Herzens" in die Goldwährung hineingegangen. Im Laufe derselben Debatte ist es ihm jedoch geschehen, daß ihn die Gewohnheit, sich selbst zu zitieren, auch zur Vorlesung einer Rede verführte, in der er selbst am 8. Mai 1873 von der „spielenden Leichtigkeit" gesprochen, mit welcher die Münzreform in manchen Beziehungen (und hier konnte doch nur die Goldanschaffung gemeint sein) auszuführen sei. Ob nicht auch ihm das Herz nach und nach ein wenig schwer geworden? Ob der Moment der „spielenden Leichtigkeit" von ihm wahrgenommen und mit der richtigen Thatkraft ausgenützt worden? — Das muß man ihm einräumen, daß er einen Gedanken stets festgehalten: Der preußische Finanzminister ist nämlich, seitdem er dem großen Werke der Münz- und Bankreform von Ende 1871 an vorsteht, offenbar von der Annahme ausgegaugeu, daß, um dem auszumünzenden Golde Platz zu machen, nur das umlaufende Papier zu vermindern sei, kaum aber, weun überhaupt, das Silber. Doch auch hier hat er wieder eine Ausnahme eingeschaltet zu Gunsten des Staatspapiergeldes. 20* — 308 — Seine Müßigkeitsgruudsätze haben dieses verschont und ihr strenges Antlitz nur den Banken zugekehrt. Er hat sich dem Glauben überlassen, daß unser Vorrat au Silber nicht zu groß sei, um künftig nach Inkrafttreten des Art. 9 des Münzgesetzes als Scheidemünze im Lande zu bleiben. Damit verbunden war natürlich die für ihn lockende Aussicht, wenig Silber aus Ausland verkaufen, wenig Verlust gegen das nominale Verhältnis von 15Vs zu 1 im Umtausch gegen Gold erleiden zu müssen. Kouseauenter- weise wurde daher auch verschmäht, ansehnliche Partien Silber zu verkaufen, zur Zeit, da dessen Preis noch bedeutend höher staud als jetzt; Wohl auch hing mit dem Glauben an dies fortdauernde große Bedürfnis nach Silber zusammen die Ansicht, daß man sich wegen der zu beschaffenden Goldvorräte nicht allzusehr auzustreugeu brauche. Der Schnitt in die Papierzirkulatiou der Banken, die Begrenzung ihrer Noten auf den Minimalbetrag von hundert Mark und die fünfprozentige Kontingentierung sollten im wesentlichen die Unkosten der Münzreform bestreiken. Es muß sich jetzt zeigen, ob die Rechnung richtig war. Die Banknoten sind beseitigt, und nach dem System, welches beliebt worden, ist kein Grund mehr vorhanden, die Inkraftsetzung des Art. 9 des Müuzgesetzes noch lauge zu verzögern. Diese Vollendung der Dinge ist um so sicherer herbeizurufen, als, auch für den Fall, daß die zu Gruude gelegte Rechnung nicht stimmen möchte, die stärksten Motive dazu drängen, ans dem verhängnisvollen Provisorium herauszukommen, dessen unbestimmte Dauer nur wachsende Mißstände uud Verwirrung heraufbeschwören kann. Stimmt die Rechnung des preußischeil Fiuanzministcrs, so ist Anfang 1876 der Moment gekommen, ihr Resultat zu ziehen; stimmt sie nicht, so kann nur die Probe auf die — 309 — Wirklichkeit der lebendigen Verhältnisse ihn und uns eines anderen belehren und zu denjenigen Maßregeln hinführen, welche der Reichstag im Auge hatte, als er behufs Durchführung der Münzreform einen — unbenützt gebliebenen — Kredit von fünfzig Millionen Thalern eröffnete, weil er, abweichend von dem preußischen Finanzministerium, zu der Ansicht neigte: die Zahl der umlaufeuden Papiere auf das richtige Maß zurückzuführen, werde es nur eines Gesetzes bedürfen; zur richtigen Reduktion des Silbers und Anschaffung des Goldes aber bedürfe es großartiger und entschlossener Operationen, bei denen mit dem Sparsystem allein nicht auszukommen sei. Die wahre Probe auf das Vertrauen, daß wir nicht zu viel Silber besitzen, ist zu liefen? dadurch, daß man den Artikel 9 des Münzgesetzes in volle Wirksamkeit bringt,*) dessen zweiter Absatz, in Ergänzung des bereits erwähnten ersten, lautet: „Von deu Reichs- und Landeskassen werden Silbermünzen in jedem Betrage in Zahlung genommen. Der Bundesrat wird diejenigen Kassen bezeichnen, welche Reichsgoldmünzen gegen Einzahlung von Reichssilbermünzen in Beträgen von mindestens 200 Mark oder von Nickel- und Kupfermünzen in Beträgen von mindestens 50 Mark auf Verlangen verabfolgen. Derselbe wird zugleich die näheren Bedingungen des Umtausches festsetzen." Lebt die im Reiche maßgebende Autorität des Glaubens, daß nicht, auf Gruud der durch obige Bestimmung gegebenen Möglichkeit, überschüssige Silbermünzen zu einer über die Vorräte hinausgehenden Einwechselung sich herandrängen und damit die Reichskasse in Verlegenheit bringen ") d. h. nachdem auch die Thaler zu Scheidemünzen erklärt find. — 310 — können, so muß sie es beweisen, indem sie den Artikel 9 des Münzgesetzes seinem ganzen Umfang nach für den 1. Januar 1876 publizieren, d. h. das Münz- und Bankgesetz bis dahin zur vollen Wahrheit werden läßt. Mit Gewißheit vorauszusagen, ob sie im Wahren oder im Irrtum sei, ist nicht möglich, wird auch von ihr selbst nicht beansprucht. Einiges Wagnis wird stets mit einstießen müssen. Aber das Gelingen ist so sehr zu wünschen, daß man nicht sich soll beikommen lassen, ihm mit Zweifeln den Weg zu vertreten. '. Die Entthronung eines Weltherrfchers.' ') Aus der .Deutschen Rundschau", 3. Jahrgang. Heft 2. 137S, Seite 27S. Vorbemerkung. (Zu den zwei folgenden Abschnitten.) ^)iese beiden Abhandlungen liefern einen Ausblick nach Vorwärts in den Kampf um die Mährung, welcher in den seit der Abfassung verflossenen zwei Jahrzehnten so große Dimensionen angenommen hat. Sie bieten mehr als ein lediglich historisches Interesse, weil sie an der Schwelle der großen kulturgeschichtlichen Evolution beinahe alle Fragen aufwerfen, welche im Verlauf des langen folgenden Zeitraums zur Sprache gekommen sind und in ihrer Argumentation die Probe auf die Richtigkeit der zum Ausdruck gebrachten Ansichten anzustellen ermöglichen. In allen Hauptsachen hat der Gang der Thatsachen die hier vorausgesagte Entwicklung noch viel schneller und entschiedener gezeitigt, als ich erwartet hatte. Die Fehler, welche durch zu kleinliche und langsame Behandlung der Silberabstoßung im Deutschen Reich begangen wurden und denen die im Jahre durch den Fürsten Lismarck veranstaltete unverdauliche Thorheit der Einstellung der Silberverkäufe die Krone aufsetzte, die durch Professor Süß in Schwung gekommene Prophezeiung eines demnächst bevorstehenden versiegen? der Goldproduktiou sind hier gerade so gewürdigt, wie sie sich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre herausgestellt haben. Die vergleichung der zur Zeit ihres ersten Auftretens vielleicht kühn erscheinenden Auffassung mit dem heutigen Stand der Dinge mag zur Beleuchtung des theoretischen Streits einen nicht überflüssigen Beitrag liefern. Dezember ^8zs. L. R. Auch alle Trinkgeschirre des König Salomon waren golden und alle Geschirre im Hause des Waldes Libanon waren feines Gold, denn zu den Zeiten Salo- mons achtete man das Silber gar nicht. ) bedeutend leichter, während sie der Münze denselben Namen ließen. Indem das Kupfer oder Erz blos Scheidemünze, d. h. fiktives Geld wurde, konnte man ihm beliebige Gewichtsteile entziehen, ohne seine Essenz anzugreifen, und indem man es that, gehorchte man dem Bedürfnis nach mechanischer Erleichterung des Verkehrs. Etwas Ähnliches haben die schweren französischen Sous- stücke der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erfahren. Doch viel bedeutsamer ist die analoge Erscheinnug aus dem Gebiete der Münzen aus Edelmetall. Noch heute bedient sich das Leben znr Bezeichnung der bekanntesten Münzen solcher Namen, die zu deren Gehalt im Widerspruch steheu. Eiu merkwürdiges Exempel dafür liefert unser deutscher Gulden, der, wie der Name besagt, ursprünglich golden war (Florin die betreffende alte Florentiner Goldmünze). Eigentümlich ist ferner, wie das Pfund (Libra, Livre, Pound), ursprünglich das effektive Gewicht der Münze bezeichnend, sich als bloßer Münzname erhalten hat; das römische as 1idra1i8 oder 1ivrg,rius, zuerst wirklich ein römisches Pfund schwer, kommt schon früh von 12 auf 10 Unzen, dann auf 4 (ss trikutgUs). Das englische Pfund Sterling war im Anfang ein Pfund Silber, die französische Livre war das Pfund Silber Karls des Großen, das allmählich zu seinem sechs- undsiebenzigsten Gewichtsteil herabschmolz, denn der Franc der Revolution war um eine Schwebung der alten Livre — 334 — gleich, und noch heute hat der Sprachgebrauch namentlich in gewissen Verbindungen die alte Bezeichnung beibehalten. Ähnliche Schicksale erlebten die bekanntesten Goldmünzen des Altertums, der Dareikos und der Aureus. Die meisten dieser Herabmiuderungen entsprangen allerdings der Not oder der betrügerischen Absicht der Regierungen, welche, den alten Namen bei verringertem Gewicht beibehaltend, einen künstlichen Wert schaffen zu können vermeinten. Aber auch die besser beratenen Münzreformatoren späterer Zeiten kehrten niemals zn den schweren Gewichten älterer Perioden zurück, sondern huldigten dem Bedürfnis der modernen Welt, indem sie unter dem alten, schweres Gewicht bedeutenden Namen leichtere Münzen schufen. Das Bedürfnis nach einer leichten und weuig umfangreichen Münze sicherte dem Golde die Vorliebe der weiterschreitenden Gesellschaft. Aber damit allein war das gleichberechtigte Nebeneinandergehen von Silber und Gold noch nicht gefährdet. Diese weitere Folge wurde erst herbeigeführt, als die potenzierte Selbstbeobachtung der modernen Menschheit das wirtschaftliche Problem dieser Gleichberechtigung zu zergliedern begann. Die ganze Präokkupation entstammt neuesten Zeiten. Allerdings haben gewisse äußere Vorkommnisse dazu mitgewirkt, die Frage anzuregen. Aber wesentlich erwuchs sie aus der Arbeit des reifenden ökonomischen Gedankens. Das bloße Schwanken des gegenseitigen Wertverhältnisses zwischen beiden Metallen gehört dem Bewußtsein bereits der ältesten Zeiten an. Zahlreiche Gesetze, unter denen am häusigsten das den Goldwert reduzierende Edikt von Medina (Jsabellas der Katholischen) erwähnt wird, befaßten sich mit Abänderung und Festsetzung desselben. Aber die Frage, ob eine solche Fixierung zu dem Zweck einer gleichberechtigten Zirkulation überhaupt statthaft sei, datiert erst vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts. — 335 — Selbst Adam Smith, der Inbegriff und die Summe alles wirtschaftlichen Denkens seiner Zeitgenossen und Nachfolger, übergeht das Problem noch mit Stillschweigen. Die Polemik der älteren Nationalökonomen hatte vor allem die Fälschungen zu bekämpfen, welche den Wert des Geldes künstlich von dem Wert des Metalls loslösen zu können glaubten. Zu der Frage des Kondominats beider Metalle standen sie meistens ahnungslos, obgleich auch einzelne Ausnahmen zitiert werden, vor allem der Philosoph Locke, der sich in den klarsten Wendungen und mit der noch heute maßgebenden Begründung gegen die Doppelwährung erklärt. Der unverdrossene Rationalismus der Revolutionsgesetzgebuug ist zum erstenmal auf den Grund der Sache gedrungen und hat sie im Priuzip ganz logisch richtig entschieden. Mirabeaus bekannte Denkschrift vom 12. Dezember 1790 behandelt auch diesen Gegenstand mit einer Meisterschaft, die noch heute unsere Bewunderung erregt. Seitdem das Thema der Doppelwährung wieder in den Vordergrund der Tageslitteratur getreten, ist auch aus der Folgenreihe der gesetzgeberischen Verhandlungen zur Genüge der Beweis geliefert worden, daß die französische Münzverfassuug der neunziger Jahre, welche mit dem bekannten Gesetz vom 7. Germinal XI. abschließt, durchaus nicht in den Fehler verfiel, zwei gleichberechtigte Metalle mit unveränderlichem Gegenseitigkeitsverhältnis zugrunde zu legen, sondern daß sie von rechts- wegen die Silberwähruug, den Franken mit dem Feingehalt von 41/2 Gramm Silber, als die fundamentale Einheit des Systems hinstellte, dem gegenüber das Gold einen variablen Wert haben sollte. Eine Periode geringer Schwankungen zwischen beiden Metallen, welche erst durch die Entdeckung der kalifornischen und australischen Goldfelder plötzlich unterbrochen wurde, hatte die am Ende des Jahrhunderts mit so viel Scharf- — 33« — sinn erörterte Frage wieder der Aufmerksamkeit entrückt. Die englische Münzregulierung von 1816 blieb eine innere Angelegenheit, und in Frankreich vergaß die von störenden Thatsachen verschonte Praxis, daß der Gesetzgeber mit dem Verhältnis von 15^/2 zu 1 nicht ein Ewiges zu stabilieren gemeint hatte. Doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß von 1807 an die Tendenz leise auf ein Steigen des Goldes ging; die Abweichung im Gegenseitigkeitsverhältnisse erreichte das Maximum von 1 zu 16^4, und das Gold verschwand immer mehr aus dem französischen Verkehr bis gegen das Ende der fünfziger Jahre. Aber selbst das Hereinbrechen des kalifornisch-australischen Goldstromes regte nur mittelbar zur Erörterung des eigentlichen Problems an. Auch damals ging der erste Impuls einseitig auf Abschaffung des einen Münzmetalls, des Goldes, weil man seine starke künftige Entwertung befürchtete. Aber indem diesem Vorgang andere Thatsachen bald widersprechender, bald bestätigender Art nachfolgten, und die ohnehin in Gärung befindliche Wiffenschaft durch alle diese konträren Bewegungen noch mehr aufgerüttelt wurde, entwickelte sich aus dem gleichzeitigen äußeren und inneren Prozeß diejenige Gedankenarbeit, der allein es zuzuschreiben ist, daß zum erstenmal in historischen Zeiten grundsätzlich und auch praktisch vor der ganzen zivilisierten Welt die Frage ausgeworfen wurde: ob vernünftigerweise die beiden Edelmetalle gleichberechtigt nebeneinander als Münze zu brauchen seien. Auf jedem Flecke zivilisierter Erde, auf welchem die beiden Metalle sich aneinander reiben, entbrennt stets hitziger der Streit: ob nicht das eine dem andern weichen müsse, und iu derselben Minute, in welcher dies Muß entschieden, ist auch die Frage, welches von beiden als das schwächere dem andern zu weichen habe, gelöst. Wie lange die asiatischen Völker, welche, tausendjähriger Überlieferung — 337 — gehorchend, im Wesentlichen noch mit der einfachen Silberwährung leben, sich bei dieser beruhigen wollten und würden, wenn einmal die herrschenden Handelsnationen das Silber zur Scheidemünze degradiert hätten, auch das wäre höchst wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Hauptsache ist und bleibt, daß der Widersinn einer Münzverfassung, welche das Unmögliche möglich machen will, an der Wirklichkeit zerschellt und vor dem Verstände entlarvt ist. Zwei Materien ihr gegenseitiges Wertverhältnis für alle Zukunft vorschreiben wollen, obgleich die wertbestimmenden Faktoren bei zweierlei Dingen sich von selbst verschieden gestalten und daher ein stets wechselndes Verhältnis zur Folge haben müssen, das ist ein Verkennen der Grenze, welche dem menschlichen- Können von der Natur der Dinge gezogen ist. Die Geschichte der wirtschaftlichen und insbesondere der Münzgesetzgebung ist die eines fortwährenden Kampfes zwischem dem Gesetzgeber und dem sich gegen seine künstlichen Vorschriften empörenden Gang der Weltgeschäfte. So oft hier die Natur der Dinge obsiegt, so oft siegt der Fortschritt. Und wir sind jetzt an dem großen Wendepunkt angelangt, in welchem, was lange vorbereitet war, unwiderstehlich zum Durchbruch kommt. Eine Beste nach der anderen streckt die Waffen, der hartnäckigste Widerstand ist erschöpft. Hie und da sucht ein durchaus nicht verzweifeln Wollender in der Hoffnung Trost, daß etwas auftauchen werde (ZorasttiillA v?iI1 turu uv), um ihm schließlich doch wieder Recht zu geben; oder ein Wunderdoktor schmeichelt sich, mit antithetischen Salbadereien im Stile Victor Hugos die exakte Wissenschaft zur Umkehr zu überreden. Doch alles vergeblicher Kampf auf verlorenem Posten. Nichts ist belehrender und bezeichnender in diesem Gang der Dinge, als der Weg, den Frankreich dabei zurückgelegt hat. Dies merkwürdige Land, in seinem Denken zum vollendeten kudioig Bambergcr's Ges. Schriften. lV. Z2 — 338 — Rationalismus zugespitzt uud doch zugleich mit scheuer Ehrfurcht und Furcht der Routine opfernd, hat, nachdem zuerst seine Gesetzgeber und Gelehrten das Richtige aufgestellt, mehr als alle andern mit der trägsten Zähigkeit an der falschen Überlieferung festgehalten. Zoll um Zoll mußte sich die Wahrheit deu Boden erkämpfen. Im folgenden Kapitel soll geschildert werden, wie überall niit wachsender Gewalt in jüngster Zeit die richtige Erkenntnis sich Bahn gebrochen und von der wirklichen Welt Besitz ergriffen hat. Nicht aus dem Schacht der Comstock-Minen, sondern aus den: strengen Denken der europäischen Bildung ist die große Katastrophe hervorgegangen. III. Es liegt nur ein Jahrzehnt zwischen heute und der Zeit, da die Aufgabe einer rationellen Münzreform Gegenstand europäischer Verhandlung wurde. Das zweite Kaisertum hatte, bei allem, was ihm Unechtes innewohnte, doch lebhaften Sinn für Ideen, die über die Enge und Voreingenommenheit französischer Überlieferung hinaus gingen. Aber diese erweiterte Anschauung unterlag in den meisten Fällen der zähen Tradition, die bis auf den heutigen Tag in den „Büreaus" herrscht. Durch den Vertrag vom 23. Dezember 1865 war die später sogenannte lateinische Münz-Konvention begründet worden zwischen Frankreich, Italien, Belgien und der Schweiz. Schon damals drängte sich, sobald man über eine durchdachte Münzvcrfasfung zu beratschlagen anfing, die Erkenntnis auf, daß es nur eine Lösung gäbe, nämlich die ausschließliche Goldwährung. Aber schon damals scheiterte der Vorschlag au dem auf fran- — 339 — zösischer Seite vereinigteil Widerstand der Routine und der großen Geldmächte. Vergebens kämpften die Delegierten der drei anderen Länder mit allen Gründen der Wissenschaft und Erfahrung, vergebens kamen ihnen hohe französische Autoritäten zu Hilfe: die Vertreter des geheiligten Herkommens blieben die stärkeren, und das Gesetz vom Jahre 1803, noch dazu falsch ausgelegt, ward als der Weisheit letzter Schluß die Basis der neuen Übereinkunft. Das Verhältnis des Silbers zum Golde sollte bis zum Jahre 1880 lauf so lange läuft die Konvention) unwandelbar feststehen. Wenn dieses Unterfangen schon damals auf starken Widerspruch stieß, so kann man daraus entnehmen, daß die richtige Lösung des Problems nicht erst durch den hereindringenden Silberstrom herbeigeführt worden ist. Damals im Gegenteil lebte man noch unter dem frischen Eindruck der Silberklemme, welche, durch den amerikanischen Sezessionskrieg hervorgerufen, jahrelang Europa in Verlegenheit gebracht hatte. Denn das Preisverhültnis auf dem Metallmarkt stand dazumal wie 1 zu 15,33 (Silberpreis 61^/2 die Unze, ein Prozent günstiger für Silber als das Normalverhältnis 1 zu 15^/2). Zwei Jahre darauf, unter der Konstellation der Weltausstellung von 1867, ward der schon vorher angeregte Gedanke, die sämtlichen Knlturstaaten dies- und jenseits des Ozeans zum Einverständnis über eine Weltmünze zu bringen, auf Frankreichs Veranstaltung hin einem eigens dazu berufenen Kongresse unterbreitet. Die lateinische Münz-Konvention sollte, nachdem man eine gemeinsame Grundlage gesunden, zu einer die Welt umspannenden erweitert werden. Auch in diesen Verhandlungen sprach sich die große Mehrheit für die reine Goldwährnng aus; nnr die Frage der Gewichtseinheit, welche der gemeinsame Maßstab werden sollte, gedieh nicht zur Reife; weder wollte England noch wollte Amerika von 22* — 340 — seinem mit allen Zuständen verwachsenen Münzfuß lassen; Preußen beobachtete eine seinem Charakter entsprechende Zurückhaltung, und Österreich-Ungarn im natürlichen Gegensatz dazu schmiegte sich möglichst nahe an Frankreich an, indem es Goldmünzen auf dem Zwanzigfrankenfuß zu Prägen übernahm, als Vorbereitung eines Anschlusses an den lateinischen Bund. Mit dem praktisch ergebnislosen Auseinandergehen des internationalen Kongresses konnte aber eine wiederholt und lebhaft in Betracht gezogene Frage nicht ohne weiteres liegen bleiben. Frankreich selbst mußte sich klar werden, wie es sich zur künftigen Entwicklung der Diuge zu stellen habe. Einflußreiche Männer, zugleich die höchsten Sachverständigen, eine Reihe von Handelskammern mahnten immer wieder an die UnHaltbarkeit des bestehenden Zustands; und, diesem Andrang gehorchend, wurde eine Untersuchung (Dnqnßw) veranstaltet, welche, von Ende 1867 bis in den Anfang des Jahres 1876 hinein arbeitend, eine Masse Material, teils wertlos, teils wertvoll, zusammentrug. Die schließliche Abstimmung dieser französischen Versammlung war abermals der Sieg der einfachen Goldwährung mit 17 Stimmen gegen 6. Trotz aller Niederlagen im Kampf der Meinungen erhielt sich der ono der Doppelwährung unverändert. Aber selbst als die Wucht der Thatsachen mit handgreiflichem Ernst auf ihn eindrang, wollte er sich nicht erschüttern lassen. Bald nach dem Ende des großen Krieges begann der Preis des Silbers auf dem Weltmarkt zurückzugehen. Deutschlands mutiger Gedanke einer radikalen Umbildung seines Geldsystems war eine der vielen mitbestimmenden Ursachen bei diesem Rückgang. Wir werden weiter unten Gelegenheit haben, sie allesamt aufzuzählen. Jedenfalls war Deutschlands Einfluß nur moralischer Natur, denn — 341 — leider blieb die Ausführung der Reform in ihrem Gang hinter der entschlossenen Konzeption, von der sie eingegeben war, in beklagenswerter Weise zurück. Auch in Deutschland gab es Leute, welche sich von ihrer angestammten Anhänglichkeit an das Silber nicht losmachen konnten und stets darauf rechneten, die Vorsehung werde es zu seinem alten Glänze zurückführen. Viel mehr Eindruck als unser isolierter Entschluß machte in der Welt die Beobachtung, daß andere Länder sich anschickten, unser Beispiel zu befolgen. Diese Nachahmung war bei der großen UnPopularität, die dem deutschen Namen unter den Völkern anhaftet, um so merkwürdiger. Und wenn es schon überhaupt wenige giebt, ans die wir einige Anziehungskraft auszuüben uns schmeicheln können, so waren unsere Nachahmer in diesem Falle gerade solche, bei denen wir von lange her und namentlich seit den letzten Jahren einer besonderen Ungunst genossen. Dänemark, Schweden und Norwegen auf der einen Seite, Holland auf der andern gaben durch ihr Vorgehen der Welt zu verstehen, daß Deutschland nicht einer theoretischen Schrulle gehuldigt, sondern eine Bahn betreten hatte, in welche aus innerer und äußerer Notwendigkeit später oder früher jeder vernunftgemäß regierte Staat wird einlenken müssen. Und zwar waren die skandinavischen Königreiche auf einem Wege zu ihrem Entschluß gelangt, der von dem der Holländer ganz abseits lag. Jene haben, ähnlich wie Deutschland, aus freien Stücken sich zunächst zur Herstellung eines einheitlichen Münzwesens ermannt und sind bei dem Nachdenken über die hierbei zugrunde zu legende Wahrheit gleichmäßig wie wir zur Einsicht gelangt, daß etwas anderes als die reine Goldwährung nicht denkbar sei, sobald überhaupt einmal reformiert werden solle. Anders kam die Sache in den Niederlanden; hier läßt sich eher eine Verwandtschaft mit der Entwicklung — 342 — der Dinge in Frankreich erkennen. Nicht der selbständige Wunsch nach Reform, nicht die Verwertung theoretischer Erkenntnis, sondern der Druck der faktischen Bedrängnisse schob die Gesetzgebung vorwärts. Holland besaß die reine Silberwährung, uud ganz folgerichtig hatte es den Privaten die Freiheit gegeben, Barren zu Münzen ausprägen zu lassen. Sobald der Silberpreis namhaft herunterzugehen anfing, drängten sich natürlich die Barren zu, um sich in Gulden zu verwandeln, und das Königreich ging der Gefahr entgegen, einen Geldumlauf bei sich anwachsen zu sehen, der in dem Maß sich steigern mußte, als das zu seiner Herstellung dienende Metall an Wert verlor. Die aus einer solchen Bewegung sich erzeugenden Mißstände führten so unmittelbarerwcise zu handgreiflichen Verlegenheiten, daß für theoretisches Besinnen über die Metall- und Münzpolitik nicht lange Zeit übrig blieb. Man mußte die Thür schließen, um nicht Land und Leute in Zuknnft großen Verwirrungen und Verlusten auszusetzen. Auch hier, wie später in Frankreich, erhob sich die Gesetzgebung nicht auf einen Schlag zur Erkenntnis der definitiven Umgestaltung, welche den unvermeidlichen Schluß der großen Wandlung bildet. Vorläufige Maßregeln und abwartende Betrachtungen mußten zunächst ausreichen, um den unabweisbarsten Mißständen des Augenblicks zu entgehen. Hollands Widerstreben gegen eine sich dem Silber entschieden abwendende Münzpolitik lag in der Natur der Sache. Es hatte erst vor einem Vierteljahrhundert die Goldwährung abgeschafft, und seine großen Kolonien, die in ihrer Art noch wichtiger für seine gesamte Wirtschaft sind als das indische Reich für die Wirtschaft Englands, sind wie der ganze ferne Osten noch eng mit der Silberwährung verwachsen. So entschloß man sich also, in der Hoffnung, einer endgiltigen Umkehr noch zu entrinnen, zu einer provisorischen Verfügung, Im Jahre 1873 trat die holländische Gesetzgebung ihren Rückzug an, ganz genau mit der ersten Viertelsschwenkung, die wir vor kurzem auf französischem Boden vollziehen sahen, nnd genau mit demselben Erfolg. Die Regierung ließ sich durch die Kammern bloß die fakultative Ermächtigung geben, die Münzanstalt nach eignem Ermessen dem Silber zu sperren. Aber es dauerte nicht lange, so wurde praktisch daraus und mußte werden eine absolute Unterdrückung des Silberprägerechts, wenigstens für die Privaten und das Mutterland. Zunächst, und die abwartende Stellung noch weiter charakterisierend, ließ sich das Ministerium jene Autorisation nur auf zwei Jahre bewilligen. Aber vor Ablauf derselben hatten die Dinge, statt der Hoffnung auf Rückkehr der alten Verhältnisse zu entsprechen, sich nur weiter von denselben entfernt, und die Erlaubnis mußte um zwei Jahre verlängert werden. Zu gleicher Zeit war es aufs empfindlichste fühlbar geworden, daß mit dem bloß negativen Verhalten nicht auszukommen war. Die Entwicklung drängte durch ihre eigene Gewalt zu positiven Veranstaltungen, und diese konnten auf nichts anderes hinauslaufen als auf die Wiedereinführung der Goldmünze.*) Doch abermals gab man die Vorbehalte nicht auf, souderu entschloß sich nur, durch eine zweite Viertelsschwenkung bis zur halben Umkehr vorzugehen. Während die Regierung sich zum Einstellen der Silberprüguug auf zwei weitere Jahre ermächtigen ließ, legte sie zugleich ein Gesetz über Ausprägung von Goldmünzen vor, welches Holland auf den Standpunkt brachte, auf dem das Deutsche Reich nach dem ersten Gesetz ") Die eigentümliche Physiognomie und den ganz besonders belehrenden Verlauf dieser Entwicklung habe ich im fünfzehnten Abschnitt meines „Reichsgold" ausführlicher geschildert. — 344 - von 1871 über die Ausprägung von Reichsgoldmünzen sich befand: eine noch fortdauernde, aber auf den vorhandenen Bestand eingeschränkte Silberzirkulation und daneben in bestimmtem Wertverhältnis eine dehnbare Goldausprägung. Aber auch dieser zweite und dritte Schritt konnte so wenig einen befriedigenden Abschluß herbeiführen, wie wir bei unserem ersten Gesetz von 1871 hätten stehen bleiben können. Vor Ablauf des zweiten provisorischen Termins sah sich die holländische Regierung in die Notwendigkeit versetzt, den letzten Schritt zu thun, das Silber als grobe Münze abzuschaffen. Das thut ein bis jetzt nur noch als Entwurf für die nächste Sitzung der Kammern ausgearbeitetes Gesetz.*) Wenn jemals das, was die Verstandesträgen oder noch viel öfter die Interessierten eine „Theorie" nennen, ohne jede dialektische Überredungskunst und nur durch die Naturgewalt der äußeren Umstünde sich den Weg in die Welt gebahnt hat, so ist es hier geschehen; und es läßt sich kein Vorgang denken, welcher für die Unaufhaltsamkeit der noch im Fluß befindlichen Entwicklung dieser Dinge einen stärkeren Beweis enthalten könnte, als diese durch die Thatsachen erzwungene Bekehrung eines durch alle Ideen- und Jnter- essenverbindungen zum Widerstehen aufgelegten und seinen Widerstand nur zollweise aufgebenden Staatswesens. Frankreich hat die erste Hälfte derselben Erlebnisse durchgemacht, und was es uoch uicht erlebt hat, das steht ihm bevor, so sehr auch die dort viel mächtigeren Einflüsse der Routine und des Eigennutzes sich sträuben mögen. Der Friede von 1871 fand Frankreich in der Münzverfassung, welche der Krieg geschaffen hatte, mit einem *) welches aber mit einer Mehrheit von wenigen Stimmen von den Gencralstaaten abgelehnt ward. — Z45 — Umlaufsmittel, das zum wesentlichen in den mit Zwangskurs versehenen Noten der Bank bestand. Die ersten starken Erschütterungen der Silberpreise konnten sich schon deshalb nicht im Innern auf schädliche Weise fühlbar machen, weil nach dem Text des Friedenstraktats die Kriegsentschädigung auch in Silbermünzen entrichtet werden durfte. Nachdem diese Operation abgewickelt war und die Verhältnisse des Wechselkurses wieder zur Metalleinfuhr nach Frankreich Veranlassung gaben, war es natürlich, daß die Geschäftsleute hierzu das inzwischen wohlfeiler gewordene Silber vorzugsweise vor dem Golde verwandten. Da die Bank nicht verweigern konnte, ihre Noten gegen Silbergeld herzugeben, so wuchs ihr Vorrat an diesem Metall im Verhältnis zu dem in ihren Kellern befindlichen Gesamtschatz stetig an, und in dem Maße, wie das Silber auf dem Weltmarkt an Wert verlor, verringerte sich die Gesamtbürgfchaft, welche das Land zur Deckung seiner umlaufenden Zirkulation am Barvorrat der Bank besaß. Doch wie geschildertermaßen die offizielle Welt geartet und beeinflußt war, wäre dieser bedenkliche Gang noch nicht aufgehalten worden, hätte nicht die lateinische Münz-Konvention dafür gesorgt gehabt, daß auch audere Leute in diesen Sachen zu Worte kommen konnten. Die Schweiz übernahm die mühsame Aufgabe, dem Vogel Strauß den Kopf aus dem Sande zu ziehen. Auch hier war es praktische Nötigung, welche gebot, das Schweigen zu brechen, allerdings begleitet von der klarsten und furchtlosesten Einsicht in den grundsätzlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Da der Geldumlauf der Schweiz nicht unter den künstlichen Einflüssen eines mit dem Zwangskurs operierenden Bankinstituts stand, so wurde die Veränderung der Metallwerte auf dem Weltmarkt alsbald in dem Alltagsleben sichtbar. Die Goldstücke verschwanden und es blieb — 346 — nur Silber in der Zirkulation. Ganz abgesehen von der daraus sich für den Verkehr ergebenden mechanischen Unbequemlichkeit konnte dem sachverständigen Urteil nicht entgehen, welche nachteiligen Verschiebungen am Wechselkurs sich daran knüpfen müßten, welche Verwirrungen und Verluste bei weiterer Verminderung des Silberwertes dem Gemeinwesen drohten. So ergriff die Schweiz die Handhabe, welche ihr der Art. 11 des Vertrags von 1865 bot, um Ende 1873 eine Konferenz der Verbündeten Staaten zu verlangen, die sich mit den bezeichneten Mißstünden und Gefahren zu befassen habe. Auf der gemäß diesem Ansinnen eröffneten Konferenz begannen die Abgesandten der Schweiz damit, grundsätzlich für die Staaten der Konvention die Einführung der reinen Goldwährung uud als erste, dringende Vorbereitungsmaßregel das Einstellen aller Silberausmünzung zu verlangen. Aber noch war Frankreich nicht gesonnen, die Lage der Dinge mit unbefangenen Blicken zu überschauen, und die beiden anderen Mitverbündeten hatten jeder seine besonderen Gründe, Frankreichs Spuren zn folgen. Dieser Tendenz kam — ob aus zufälligen oder nicht zufälligeil Veranlasfungen, weiß man nicht — ein günstiger Umschlag auf dem Londoner Silbermarkt zu Hilfe. Kaum war nämlich die Konferenz zusammengetreten, als eine plötzlich gesteigerte Silbernachfrage den Kurs um etwa zwei Prozent hinauftrieb nnd sofort die Anhänger der Silberlegitimität die Wiederkehr der guten alten Zeit ankündigten. Aber selbst dieser ganz momentane Aufschwung erreichte doch noch lange nicht wieder die Höhe, welche dem alten Normalverhältnis von 15^/z zu 1 entsprach; und so war nicht einmal zu bestreiten, daß selbst unter der Einwirkung des wieder gestiegenen Wertes die Invasion des Silbers und die Aufsaugung des Goldes fortgehen müsse. — 347 - Da mußte denn auch Frankreich sich entschließen, dem Zwang der Umstände die erste Konzession zu machen. Ihre Form ward gefunden in der Beschränkung der Silberbeträge, welche zur Ausmünznng zugelassen werden sollten. Die vier verbündeten Staaten teilten sich in einen Betrag von 120 Millionen Franken nach Maßgabe ihrer Bevölkerungsziffern (mit uutergeordueten Modifikationen). Von der reinen Architektur des Systems war man damit auch für den uneingeweihten Beobachter abgewichen; dem tieferen Einblick konnte nicht verborgen bleiben, daß mit diesem Beschluß sein Fundament selbst untergraben wurde. Die selbstgefällige Routine tröstete sich damit, daß nur eine interimistische Veranstaltung auf ein Jahr getroffen sei, nach dessen Verstreichen Wohl wieder ins alte Geleise eingelaufen werden könne. Was es mit dieser Ermächtigung zum Ausmünzen begrenzter Metallquantitäten eigentlich auf sich hatte, ward nicht ausgesprochen und ist selbst im Laufe aller später daran geknüpften Erörterungen selten eingeräumt worden. In Wahrheit würde es schwer geworden sein, nachzuweisen, daß damit etwas anderes bezweckt war, als gewissen privilegierten Kunden der Münze ein vorteilhaftes Geschäft zuzuwenden. Das Gemeinwesen als solches hatte an diesen Münzgeschäften nicht nur kein Interesse, sondern ward geradezu den Privatinteressen geopfert. Denn was bedeutet in dürren Worten die Stipulation, Frankreich dürfe im Lause des Jahres 1874 60 Millionen Franken Silber ausmünzen lassen? Nichts anderes, als daß die französischen Münzanstalten gegen den herkömmlichen Prägelohn diesem und jenem Geschäftsmanne seine Barren zu Füuffrankenstücken zu prägen verpflichtet sein sollen. Die Operation des Mannes bestand darin, daß er, Dank dem gefallenen Silberpreis, das Material zu einem solchen - 348 — Fünffrankenstück im gegebenen Falle um 4^/4 Franken Münzgold erkaufte und gegen Vergütung von nicht vier Centimes ein Fünffrankenstück daraus prägen ließ, deren er je vier bei erster Gelegenheit wieder in ein goldenes Zwanzigfrankenstück umwechselte. Der Profit von 20 Centimes oder 4 Prozent floß in die Tasche des Privatmannes, und die Zeche zahlte das gemeine Wesen, in dessen Umlaufsbestand ebenso viel minderwertige Stücke an die Stelle von mehrwertigen traten. Auf diese Weise wuchs der Vorrat an Silber selbst bei der französischen Bank, die sich doch noch am besten zu verteidigen verstand, zwischen dem Jahre 1871 und dem Jahre 1876 von 75 Millionen Franken auf 540 Millionen an. Es war natürlich stets dafür gesorgt, daß nicht der erste beste jenen Vorteil einstrich. Die Anwartschaft auf den Profit der gesetzlichen Falschmünzerei war immer auf lauge hinaus im voraus vergeben, sogar in solcher Weise, daß die Vertreter der französischen Regierung auf allen Konferenzen schon deshalb mit gebundenen Händen zu kommen erklärten, weil die rechtskräftigen Ansprüche auf Ausmünzung bestimmter Quantitäten bereits für das nächste Jahr unwiderruflich erteilt seien. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, Theorien, deren praktische Wirkung auf solche Resultate hinauslief, mit dem Pathos wissenschaftlicher und politischer Überzeugung verteidigt zu sehen. Die Königreiche Belgien und Italien zogen wenigstens den richtigen logischen Schluß aus der gegebenen Voraussetzung. Wenn doch einmal Falschmünzerei getrieben werden soll, sagten sie sich, so verlangt die Billigkeit, daß derjenige den Nutzen von der Sache habe, welcher auch den Schaden trägt, wenigstens den berechenbaren Nutzen gegenüber dem berechenbaren und dem — in der Zukunft verborgenen — unberechenbaren Schaden. Mit anderen Worten, sie schlössen den Privatleuten die Münze und machten das Geschäft für — 349 — Rechnung des Staates. Wie wenig die ganze Operation im übrigen mit der Sorge für den allgemeinen Landesverkehr zu thun hat, läßt sich aus dem Beispiel der italienischen Manipulation am einfachsten nachweisen. Was bedeutete die dem Königreich gegebene Erlaubnis, 40 Millionen Silber auszumünzen? In dürren Worten das Recht, an dem Raube, der auf Kosten des Goldmünzbestandes der vier Konventionsländer organisiert wurde, seinen Teil zu nehmen. Nur seinen Teil? Nein, viel mehr! Denn da Italien nicht einmal Silber-, sondern nur'Papierumlauf hat, so braucht es das auszumünzende Silber nicht für sich. Auf ihren letzten Ausdruck zurückgeführt, bestand also die italienische Operation darin, daß die Regierung mit irgend einem Geschäftsmanne ein Übereinkommen traf, demgemäß derselbe gegen eine Vergütung, welche dem am Silber zu erzielenden Gewinn entsprach, ihre Quote von 40 Millionen ausmünzte. Diese wanderten dann in dasjenige Land der Konvention, wo sie am besten zu rentieren verhießen. Die Masse der italienischen Stücke strömte daher vorzugsweise nach Frankreich, der Nest nach Belgien und der Schweiz. Vorerst trug das französische Verkehrsgebiet die Unkosten einer Falschmünzeroperation, deren Profit zwischen dem italienischen Fiskns und irgend einem Bankhaus geteilt wurde. In Frankreich genossen bis auf einen Bruchteil der letzten Quote von 1876/77 die Bankhäuser allein den Profit. Bei der Auskehr am Ende der Tage, wenn es gelten wird, die entwerteten Silberstücke durch vollwichtiges Gold zu ersetzen, werden die Völker jenen Gewinn, von dem sie nur einen Teil oder gar keinen Teil erhielten, mit verzehnfachten Opfern erstatten müssen. Darum erwogen auch, je nach ihrer Solidität oder Gewissenhaftigkeit, die einzelnen Staaten die Frage, ob sie von der ihnen zugeschobenen Berechtigung thatsächlichen Gebrauch — ?50 — machen sollten. Italien, das weder einen eigenen Umlauf zu verderben hat, noch ernstlich hoffen niag, in menschlicher Zeit zu einem reinen Metallfuß zurückzukehren, nahm die Sache am heitersten. Je mehr Silber man ihm zu schlagen erlaubte, desto schöner. Über die seiner Bevölkerung entsprechende Quote hinaus verlangte es noch eine Licenz für 20 Millionen, weil es in irgend einem Winkel das Silber dazu liegen habe und doch verwenden müfse (natürlich auf gemeinsame Kosten — denn sonst hätte es ja am Markt dasselbe als Waare verkaufen können). Belgien enthielt sich bis zum Jahre 1874 jeder Silberausprägung; die Schweiz erklärte sogar, von der ihr eingeräumten Berechtigung keinen Gebrauch zu macheu, that auch demgemäß im Jahre 1875, nachdem sie sich im Jahre vorher, 1874, von ihrem guten Vorsatz durch irgend welche besondere Verführung hatte abbringen lassen. — Was wird geschehen, wenn der Aatus ano nicht mehr zu halten ist, wenn vom Silber zum Gold wird übergegangen werden müssen? Frankreich, Belgien, die Schweiz werden ihre Silberstücke mit entsprechenden Opfern gegen Gold einlösen, aber wenn Italien, bis dahin noch immer zahlungsunfähig, nicht imstande ist, das Gleiche zu leisten, wer wird die Kosten zahlen? was werden die Staaten thun, deren Umlauf, deren Banken (nachdem sie sich eine Zeit lang — aber vergebens — dagegen gewehrt) mit den silbernen Bildnissen Viktor Emanuels überfüllt sind? Faßt man dergestalt den wahren, sachlichen Verlauf nach vergangener und künftiger Seite hin ins Auge, so braucht es eigentlich weiter keiner Auseinandersetzung über den Zerfall des Systems, welches zu dergleichen widersinniger und gemeinschädlicher Wirtschaft herhalten konnte, und über die morsche Grundlage desselben. Das Jahr 1874 lief zu Ende, ohne den Hoffnungen — 351 — der Silberlegitimisten etwas anderes als wachsende Enttäuschung zu bereiten. Der Preis des Metalls fiel, die Sorge der davon Betroffenen stieg. Nur die offizielle, französische Welt fand, daß die Lage nichts zu wünschen übrig lasse und alles am besten bleibe, wie es sei. Dem gegenüber erneuerten bei dem Wiederzusammentreten der Konferenz im Jahre 1875 die Repräsentanten der Schweiz den Ausdruck ihrer Besorgnis; wenn man auch an dem vorläufigen Abkommen festhalten wolle, so solle man wenigstens die Maximalziffern der Ausprägungslicenz für Silber namhaft herabsetzen. Italien leugnete nicht, daß der Vorschlag innerlich wohlbegründet sei, wollte aber die Anwendung der richtigen Maxime auf spätere Zeiten verschoben wissen. Vorerst hatte seine Bank noch einen bedeutenden Silbervorrat, den auf Kosten der Gemeinschaft loszuwerden, ihr sehr angenehm sein mußte, und diesem Umstände zu lieb ward endlich beschlossen, Italien statt der früher bewilligten 40 nunmehr für 1875 50 Millionen zuzugestehen; und da, was dem einen recht, dem anderen billig, so wurde das Gesamtkontiugent von 120 auf 150 Millionen für das Jahr 1875 erhöht. Im Laufe des Jahres 1875 bewegte sich der Preis des Silbers, kurze Momente der Gegenströmung abgerechnet, in stetigem Niedergang. In den Monaten Januar und Februar, während die Konferenz zu Paris tagte, galt die Unze in London 57^ Pence, was einem Verhältnis zum Golde wie 1 zu 16,43 entspricht. Ende Januar und Februar 1876, als sie zum dritten Male sich versammelte, war der Preis auf 55 gesunken mit einer entsprechenden Verschiebung des Verhältnisses zum Golde gleich 1 zu 17,14. Das heißt, zwischen der gesetzlichen Fiktion und der Wirklichkeit des gegenseitigen Tauschwertes hatte eine Abweichung von 11 Prozent zum Nachteil des Silbers stattgefunden. — 352 — Der Ernst eines so krassen, sich immer mehr festsetzenden und verbreitenden Mißstandes hatte in den nicht von dem offiziellen Schlendrian befangenen Kreisen Frankreichs zu selbständiger Erörterung der Frage geführt. Die Pariser Handelskammer unterzog den Gegenstand wiederholt ihrer Prüfung und sprach sich mit Entschiedenheit für die Herstellung der ausschließlichen Goldwährung aus. Zur Zeit, als die Konferenz zum drittenmale sich vereinigte, legte die Handelskammer dem Finanzminister eine dahin zielende Petition vor, in welcher sie das Einstellen aller ferneren Silberprägungen begehrte. Noch bedeutsamer war, daß der eifrigste und begabteste Anwalt der Goldwährung, der ehemalige Präsident des kaiserlichen Staatsrats, bei den Neuwahlen in den Senat eingetreten, die Regierung aus ihrem süßen Traum durch eine Interpellation zu wecken sich anschickte. Der Finanzminister Sah ergriff den letzten Augenblick, um sich die Initiative zu retten. Die dritte Staaten- Konferenz hatte für das dritte Jahr (1876) das alte System erneuert, uur die Summen der betreffenden Licenzen um ein Geringes beschnitten. Am 21. März, d. h. einen Tag vor der im Senate anberaumten Debatte über die Interpellation Parieus, brachte die Regierung einen Gesetzentwurf ein, der in einem einzigen Artikel bestand, lautend: „Die Ausprägung von silbernen Fünffrankenstücken kann auf dem Wege des Dekrets eingeschränkt oder suspendiert werden." In den nächstfolgenden Tagen antwortete Parieu mit einem Gegenvorschlag, welcher der Münze verbot, nene Berechtigungsscheine auf Silberausprägung (dons äs inonnais) auszugeben. Was dort nur fakultativ war, sollte hier absolut verfügt werden. Die Motive des vom Finanzminister verfaßten Gesetzentwurfs sind wie geschaffen, um alles das zu illustrieren, was zu schildern wir unternommen haben. Nichts könnte klarer den Gang eines Gedankens bezeichnen, der von — 353 — Anfang an mit absichtlicher Blindheit die Thatsachen ignorierte nnd endlich, als diese ihm gewaltsam die Augen öffneten, sich mit allerhand Plausibilitäten und Hoffnungen darüber hinauszuhelfen suchte uud schließlich doch nicht anders als sich gefangen geben konnte, aber auch dann noch zu derjenigen Form der Kapitulation feine Zuflucht nahm, welche die Bedeutung der Sache am meisten verhüllen mochte. Man fühlt aus des Ministers Sah schriftlichen wie mündlichen Ergehungen übrigens einen Sinn heraus, dem die Wahrheit ganz gut bewußt ist, der aber unter dem Druck des offiziellen Schlendrians sich zu einer Transaktion zwischen beiden hergiebt. Nach der faktischen Einleitung zum Gesetzentwurf, welcher den Stand der Gesetzgebnng darstellt, wird endlich zum erstenmal eingeräumt, daß die Vorgänge in der Welt etwas Bedenkliches haben und sogar zu Maßregeln nötigen. Bis dahin hatte es nur immer geheißen: es sei alles in schönster Ordnuug und höchstens eine gewisse Mäßigung im Silberprägen rätlich. Jetzt wird zugestanden, daß das Silber stetig an Wert einbüßt, und aus der bloß zuwartenden Stellung des Staates rückt man zur Höhe des Eutschlusses vor: „daß der Staat die Zahl der Silberstücke nicht vermehren lassen dürfe, für welche er verantwortlich ist, und deren Einwechslung gegen Gold, wenn eine solche notwendig würde, auf seine Kosten zu geschehen haben würde." Man sieht, wie eine bis dahin noch abgelehnte Möglichkeit mit dem Gefolge ihrer schweren Kosten sich in den Gesichtskreis drängt. Um jedoch aus dieser Möglichkeit noch immer keine Wahrscheinlichkeit zu machen, werden alle Eventualitäten heraufbeschworen, welche vielleicht noch eine Umkehr im Gang der Entwicklung herbeiführen könnten: wenn einmal Dentschland sein entbehrliches Silber würde verkauft habeu; wenn vielleicht die amerikanischen Silberminen zu versiegen ansingen; oder wenn kudlvig Lnmberger's Scs, Schriften. IV. 23 — 354 — vielleicht neue große Goldminen erschlossen würden; endlich, wenn der abnehmende Silbcrverbrauch Britisch-Indiens in sein Gegenteil umschlagen sollte, so könnte, wer weiß, alles, alles sich wieder wenden! Darum soll abermals noch nichts Definitives geschehen, wodurch die Gesetzgebung selbst an ihrer Grundlage verändert würde. Nur außer Wirksamkeit soll sie einstweilen zu einem Teile gesetzt sein. Der Widerspruch, den der Gegenentwurf Parieus der Regierungsvorlage entgegenstellte, war ein der Form nach vollständig berechtigter; für den nächsten Verlauf der Sache kamen beide Bestimmungen auf dasselbe hinaus. Der Minister wollte nur eine in seiner Hand liegende Berechtigung, die Münze für Silber zu sperren; der Senator wollte eine Schließung von Gesetzeswegen. Natürlich trug der Minister in den Kammern den Sieg davon; aber in der folgenden Stunde bereits machte er von der Berechtigung Gebrauch. Die Form der fakultativen Stellung zu dem Schritt in die gesetzliche Wirksamkeit war nur eiue Beschönigung für den unwiderstehliche» Zwang der Unistände. Und das ist eben das Charakteristische an dem Gesamtbilde, das hier an uns vorüberzieht. Um zu begreifen, was mehr noch als alle Vorstellungen uud Petitionen die Regierung endlich aus ihrem Schlaf erweckt hatte, muß erwähnt werden, daß zwischen dem Schluß der dritten Staaten-Konferenz und dem Erscheinen der ministeriellen Vorlage das stärkste bis dahin erlebte Fallen des Silbers eingetreten war. Die Vorlage ist datiert vom 21. März 1876. Das Silber, welches wir anfangs Februar auf dem Preis von 55 verlassen hatten, war am 4. und 18. März auf 52^/g Peuce heruntergestürzt uud hatte damit die Abweichung vom Normalverhältnis auf beinahe 1 zu 18 erweitert. Der am 21. März unterzeichnete Gesetzentwurf kam im Monat Juni vor den Senat. Wenn es in der Absicht — Z55 — der .gegenwärtigen Arbeit läge, das Für und Wider der großen Währungsfrage theoretisch und geschichtlich darzustellen, so würden die in dieser Debatte vorgebrachten Argumente eine reiche Ausbeute liefern. Allein die Grenzen sind uns hier viel enger gesteckt. Es handelt sich blos darum, am lebendigen Vorgang zu zeigen, wie wenig die Fortschritte, welche das einzig richtige Prinzip in der Welt gemacht hat, theoretischen Anstrengungen zu verdanken sind; wie die Verächter der theoretischen Erkenntnis Fuß um Fuß zum Rückzug gezwungen wurden durch die Gewalt der bloßen Thatsachen. So viel Belehrendes auch die Diskussion in allen ihren Teilen enthält, so würden wir doch auf eine selbst gekürzte Wiedergabe verzichten, wenn nicht der Hinweis auf den Gang der Dinge in Frankreich hier nicht unentbehrlich wäre, weil recht eigentlich zwischen dem, was unserer Ansicht nach das richtige, uud dem, was das falsche Prinzip ist, auf diesem Boden die letzten entscheidenden Kämpfe stattfinden. Beinahe alle Kulturstaaten sind zur reinen Goldwährung bekehrt; die einen stehen thatsächlich darin, die andern haben sich wenigstens grundsätzlich dafür ausgesprochen, wenn ihnen auch die Umstünde noch nicht gestatten, von ihrer Erkenntnis Gebranch zu machen. Zu der ersten Kategorie gehören England, Deutschland, Schweden, Norwegen und Dänemark; Portugal, die Niederlande können dazu gerechnet werden, wenn schon der für letztere dahin zielende Gesetzentwurf uoch nicht alle Stadien durchlaufen hat. Als prinzipielle Anhänger haben sich erklärt Österreich, Italien, die Schweiz und Nordamerika. Von Spanien wird soeben ein Gesetz nach derselben Richtung hin vorbereitet. Es verdient gewiß die höchste Beachtung, wenn mitten in dieser allgemeinen Bewegung die reichste und gewerbfleißigste Nation des europäischen Festlandes, dieselbe, welche seit Jahren die Welt-Münzreform betrieben und zuerst von 23* — 356 — allen genannten Völkern das Beispiel einer rationellen Münzverfassung gegeben hat, wenn diese Nation eine konträre Richtung einzuhalten den Anschein nimmt. Und dieser Widerstand wird um so interessanter, wenn er eine Niederlage nach der andern erlebt, wenn die angeblichen Praktiker sich von einer Position zur andern zurückziehen, indem sie nach hergebrachter Weise fortwährend sich gegen die Anerkennung der ihneu im Nacken sitzenden Doktrin verwahren. Ein wahres Modell dieser Spezies von praktischen Leuten ist der Gouverneur der französischen Bank, Herr Rouland (ehemals Justizminister des Kaisers). Wie bei uns in Deutschlaud alle salbungsvollen Hohlköpfe, und noch mehr alle falschen Biedermänner mit den typisch gewordenen Stichwörtern des „Ethischen" oder „Sittlichen" um sich werfen, so versteckt sich die interessierte Banalität in Frankreich hinter die Anerkennung der altüberlieferten nationalen Weisheit. Welch ein schöner Redeschluß z. B. ist dieser: „Was uns betrifft, so teilen wir nicht die Furcht, daß Silber noch weiter fallen werde; wir hoffen, daß man die beiden Währungen erhalten wird, welche seit Jahrhunderten unserem Lande und Europa so große Dienste geleistet haben" — worauf natürlich alle, welche nicht höchst undankbar gegen das wackere Silber sein wollen, iu lebhaften Beifall ausbrechen. — Oder in einer zweiten Rede: „Geben Sie dem Lande Sicherheitsgefühl, lassen Sie keine absoluten Theorien zu, welche beunruhigender Natur sind. Ans diese Weise, wenn Sie in den Grenzen der Weisheit uud Klugheit bleiben, werden Sie dem Lande einen großen Dienst leisten; Sie werden bewirken, daß die so wesentlich notwendige Geldzirknlation nicht gestört werde, und Sie werden einen Akt des gesuudeu Menscheuverstaudes, der Voraussicht bethätigt haben, welcher die großen Interessen Frankreichs sicher stellt." Bei diesen inhaltreichen Schlußworten hielt sich die Mehrheit für so überzeugt von deren Richtigkeit, daß sie stürmisch Applaus und Ruf nach Schluß von sich gab. In derselben Rede war es, daß der Bankgouverneur das deutsche Reich, weil es die Goldwahrung unternommen, „jenes unglückliche Laud, es iNÄlIiöuröux xg^s," uauntc, welches in tiefe Zweifel versunken sei, ob es nicht aus halbem Wege wieder umkehren solle. Alles, was je die sich praktisch nennende Banalität an Selbstgenügsamkeit und Verachtung methodischer Erkenntnis von sich gegeben, war hier mit der Geschicklichkeit uud Eleganz aufgehäuft, welche das französische Redetalent kennzeichnet. Jeden Allgenblick kehrt die Wendung wieder, daß das „System" eine herrliche Sache ist, daß aber „wir bescheidenen Praktiker, die nicht aus Büchern sprechen," doch viel klüger sind. Die Verhandlungen der Deputiertenkammer hatten auch auf feiten der Negierung schon bedeutend mehr Tiefgang als die des Senats. Der Ernst der Lage sprach sich selbst iu der Haltung des Berichterstatters Dutillenl aus, welcher die Diuge ganz anders nahm als der slache Nouland. Der Abgeordnete Le Ccsne, welcher die Opposition leitete, that es an Schärfe nnd Vollständigkeit der Exposition dem Senator de Parieu wenigstens gleich. Selbst dem offiziellen Berichterstatter kam diesmal der Wahu, daß man die große Gefahr totschweigen solle und könne, nicht in den Sinn. Ja, wir begegnen in seinem Munde folgendem, unter solchen Umständen auffallend weit gehenden Ausspruch: „Ich weiß nicht, ob es diesem Jahrhnndert, welches schon viel Außerordentliches gesehen hat, bestimmt ist, eiueu Vorgang zu erleben, welcher die denkbar größte Revolution auf wirtschaftlichem Gebiete bedeuten würde, einen Vorgang, der in der Deposfedierung, wenn ich mich so ausdrücken soll, des Silbers bestände, indem dies Metall der Münzfunktionen enthoben würde, die es neben dem Golde versehen hat, — 358 — seitdem beide in der Menschen Händen sind." Setzt auch der Redner hinzu: „Für meinen Teil glaube ich nicht daran," so ist doch mit dem auch in bloßer Zweifelsform vorgetragenen tiefgreifenden Gedanken ein ganz anderer Horizont hergestellt, als er bis dahin in dem offiziellen Frankreich sichtbar gewesen war. Aus der Gegenrede des Abgeordneten Le Cesne sei nur die eine Stelle hervorgehoben, welche genau mit einer weiter oben ausgeführten Betrachtung zusammentrifft, und auch mit einer weiter unten dem englischen Bericht zu entnehmenden sich deckt. „In den Jahren 1850 bis 1865," heißt es hier, „schüttete sich eine wahre Goldlavine über die Welt aus, wie dergleichen Ähnliches nie erlebt worden. Im Zeitraum von fünfzehn bis zwanzig Jahren wurden für fünfzehn Milliarden Franken ans Licht gefördert; von 14 000 Kilo jährlich sahen wir die Goldgewinnung auf 200 000 Kilo anschwellen, im Wert von 100 auf 700 Millionen jährlich, einmal sogar auf eine Milliarde. Was war die Folge davon? Der natürliche Zug (I'ickllllit6) zum Golde hin ist der Art, die Tendenz der Europäer, das Silber in den Tauschgeschäften durch das handlichere und bequemere Gold zu ersetzen, ist so stark, daß ohne weiteres diese ungeheure Metallmasse sich in den Verkehr verloren hat, und daß selbst im ungünstigsten Moment die Entwertung nicht über 1^/2 bis 2 Prozent erreichte." Natürlich blieb auch in diesen Verhandlungen die Negierung Siegerin. Wo nicht gewaltige Partei-Interessen mit solchen finanzpolitischen Lösungen verkettet sind, werdeu parlamentarische Versammlungen immer der offiziellen Führung folgen. Sie haben in ihrer großen Mehrheit zu deutlich das Bewußtsein ihres mangelhaften Fachverständnisses, um nicht hinter der offiziellen Regierungsverantwortlichkeit Schutz zu suchen. Wir haben das in Deutschland — 359 in einigen Punkten zn unserem eigenen Schaden nicht minder erlebt. Aber selbst die Regierungsvorlage machte einen enormen Schritt gegenüber dem früheren Verhalten. Aus der von ihr begehrten Ermächtigung zum Sperren der Silbermünze ward sofort eine vollendete Thatsache. Jahrelang hatten die „Praktiker" behaupter, es sei gar nichts zu thun, das „System" allein verbreite einen panischen Schrecken, und noch im letzten Augenblick versicherten sie, es sei gar kein Grund, sich zu beunruhigen. Und in allen Punkten sind sie zu entgegengesetztem Verhalten hingetrieben worden! Durch die „Doktrin"? Nicht entfernt! Die Metallmakler und Metallhändler (vor allem die Londoner Lullion vrokers und Lullion inerelmnts) auf den großen Handelsplätzen mit dem Gewicht ihrer Barren haben sie in die Enge getrieben. Sie mußten sich doch entschließen, etwas zu thun, und diese That giebt den sprechendsten Ausdruck der Beunruhigung, der sie sich nicht länger zu entziehen vermochten. Ob sie nun willens seien oder nicht, ob sie fähig seien oder nicht, den wahren Sinn ihres Handelns zu durchschauen: für das unbefangene Urteil steht felsenfest, daß dies Handeln einen Akt der Unterwerfung unter das Urteil der von ihnen so lange verunglimpften Gegner ausmacht. Sie sperreu die Münzanstalt dem Silber — provisorisch, fügen sie hinzu — um abzuwarten, ob nicht eine Umkehr eintrete. Man nennt das in der Rechtssprache ein Geschäft unter einer Resolutiv- bedingung eingehen. Wer das thut, bekundet, daß ihm die endgiltige Vollziehung des Geschäfts Hauptsache ist, und er nur für einen minder wahrscheinlichen Fall einen Rückweg sich offen halten will. Den minder wahrscheinlichen Fall! wer wollte seine Möglichkeit bestreiten? Kein Einwand kann ihn leugnen, denn kein Gegenbeweis kann widerlegen, was seinen Daseinsgrund gerade aus dem Kontingente — 360 — Ver unberechenbaren Elemente schöpft. Aber soweit die Rechnung mit bekannten Größen in der Abwägung der Dinge zu Werke geht, so weit ist der widerlegt, welcher sein aktuales Thun den logischen Schlußfolgerungen des Gegners anpaßt. Und das ist eben geschehen mit dem Einstellen der Silberpräguug. Die Begrenzung der Summen in den drei Konferenzen war der Anfang der zögernden Bewegung; die totale Sperre ist der Schluß. Allerdings hat das französische Gemeinwesen vorerst von diesem Beschluß noch gar keinen Gewinn. Die Leute, welche an der Schüssel sitzen, haben dafür gesorgt. So gut wie die italienische Bank verstanden hatte, die Prägelieenz für ihre Silberreserve auf gemeinsame Kosten in Sicherheit zn bringen, so gut verstanden die Leute, welche zuletzt aus 41/2 Franken Silber ein Fünffrankenstück zu machen die Erlaubnis verlangten, daß es gelte, vor Thorschluß eingelassen zu werdeu. Besser als die schönrednerischen Verächter der „Theorie" erkannten die stillen Praktiker, daß aus der Theorie der Silbereutwertung längst eine ihnen vorteilhafte Wirklichkeit geworden, daß aber auch der feierlichste Ton des offiziellen Schlendrians nicht lange mehr den Skandal solcher Leugnung der Wirklichkeit aufrecht zu erhalten imstande sein werde. Sie zwängten sich durch die von den Beschlüssen der Konferenzen geöffnete Pforte der Prügungslicenz mit einem wahrhaft possierlichen Ungestüm. Die am 3. Februar 1876 geschlossen Konferenz der lateinischen Verbündeten hatte die Licenz zu Gunsten Frankreichs für das Jahr 1876 auf 54 Millionen festgesetzt. Daneben wurde stipuliert, daß die Auwartschaftsscheine für das folgende Jahr 1877, welche von der Münze ausgegeben zu werden Pflegen (Lons cls rnoimais) bis zur Hälfte des kontingentierten Betrages, d. h. bis zu 27 Millionen, auf oas Jahr 1877 verabreicht werden dürften. Und als min, — 361 — der unaufhaltsamen Notwendigkeit gehorchend, der Finanzminister sich entschloß, die Ermächtigung zum Einstellen der Silberpräguug zu verlangen, welchen Gebranch konnte er noch von derselben machen? Nicht die Prägung eines einzigen Fünffrankenstücks konnte er mehr aufhalten! Nicht bloß die für das Jahr 187k eingeräumten 54 Millionen, sondern auch die Anwartschaften auf die weitereu 27 Millionen, zusammen 81 Millionen, waren bereits vergriffen, und zwar, wie der Minister selbst eingestehen mnszte, in den ersten vierzehn Tagen nach Schluß der Konferenz! Man sieht, die Lentc von der Profitablen Praxis bleiben an hellsehender Befähigung nicht hinter den Theoretikern zurück. Die Wirkung des Gesetzes ist somit vorerst nur eine platonische, und ihre eigentliche Bedeutung liegt darin, daß die französische Negiernng auf der nächsten lateinischen Konferenz Anfang 1877 eine andere Stellung als bisher zur Frage nehmen muß und, falls sie, wie nicht unmöglich, sich neue Silberliecnzen auswirkt, schwerlich von ihnen Gebrauch machen wird. Welchen Weg aber kann Frankreich einschlagen, wenn bis zum Jannar 1877 das Silber nicht über 61 Pence (von 52, die es heute wert ist) hinaufgeht? Nur drei Möglichkeiten liegen sodann vor: 1. In dem geschaffenen Zwischenstadium zu verharren und kein Silber weiter zur Münze zuzulassen. Damit kann das Land ein halbwegs ertrügliches.Dasein nur führen, so lange der Zwangskurs der französischen Banknoten besteht. Von dem Augenblick an, wo die Bank wieder verpflichtet wird, ihre Noten in bar einzulösen, wird dieselbe entweder nur Silber geben, und dann wird sofort das Gold mit Prämie im Verkehr bezahlt werden; oder die Bank giebt ihr Gold her, dann wird man ihr alles im Lande befindliche Silber bringen uud das Unterpfand ihrer Noten — 362 — in einen um 10 bis 20 Prozent entwerteten Barschatz verwandeln. In beiden Fällen ist die Lage eine unhaltbare. Dauern kann sie nur höchstens, so lange der abnorme Zustand des Papier-Zwangskurses herrscht. 2. Soll diesen Verlegenheiten ein Ende gemacht werden, so muß man die gleichberechtigte Silberwührung definitiv beseitigen. Ob das geschehen kann, ohne einen Teil des im Verkehr befindlichen Silbers einzuziehen, ist sehr zu bezweifeln, selbst wenn man das Maximum der Zahlung in Teilungsmünzen auf hundert Franken erhöht. 3. Ein dritter Ausweg bestände darin, das Silber wie bisher als zweites gleichberechtigtes Glied der Doppelwährung zu erhalten und nur die Verhültniszahl des Gesetzes vom Jahre 1803 durch eine andere zu ersetzen, beispielsweise durch die von 1 zu 17^/2, statt 1 zu 15^2. Aber es bedarf nur geringen Verständnisses, um zu erkennen, daß damit nicht blos eine neue Wertrclation, sondern ein neues System geschaffen wäre. Denn der wahre Sinn des herrschenden Systems ruht in der Voraussetzung, daß menschliche Gesetze und Übereinkommen ein unabänderliches künstliches Gegenseitigkeitsverhältnis zwischen Gold und Silber stabileren könnten. So wie eingeräumt wird, daß die thatsächlichen Vorgänge hier stärker sein können, als die geschriebenen Anordnungen, so stürzt das ganze Gebäude in sich zusammen. Und am wenigsten läßt es sich mit nur veränderten Zahlen wieder aufrichten in einer Zeit, welche so empfindlich unter dem Druck der Vorgänge leidet und deren Macht in wechselndem Maße noch zu erfahren gefaßt sein muß. Wer wollte sich heute unterfangen, auch nur auf die Frist eines einzigen Jahres ein Verhältnis voraus zu bestimmen, mit der noch so entfernten Aussicht dadurch im Einklang mit dem thatsächlichen Gaug der Dinge zu bleiben? Im Zeitraum von drei Jahren haben wir den — 363 — Preis des Silbers von 60 auf 47 herunter gehen sehen, dann wieder bis 54 emporschnellen, nm bald darauf wieder zu 51 herabzukommeu. Nicht blos die Produktion des Metalles nnd der Gang des Welthandels, sondern die Gesetzgebungsarbeiten selbst wirken mit an diesem unaufhörlichen Wechselgang, und jeder Antrag im Kongreß zn Washington, oder in der Kammer zu Versailles köunte alles aus den Fugen bringen, was menschliche Weisheit abgezirkelt hätte. Enthält die vorausgegangene Darstellung der Hergänge auf französischem Boden auch in sich eine Kritik der betreffenden Müuzpolitik, so ist diese Kritik doch für die hier verfolgte Absicht ein schlechthin zufälliges Nebenprodukt. Mit Lob oder Tadel iu dieseu Dingen uns über die Grenzen des eigenen Staatsgebietes hinaus zu begeben, liegt gar kein Anlaß vor. Vom deutschen Standpunkt aus ist die Zauderpolitik der französischen Finanzleitung sogar nur als ein großer Vorteil zn betrachten, und je länger sie anhält, desto besser für uns. Schade nur, daß auch iu der Reichsfinanzleitung jenes beseligte Ruhegefühl waltete, welches allen Mahnungen zum Benützen der kostbaren Augenblicke eiu: „nur nicht drängeln!" (wie man in Berlin sagen würde) entgegenhielt. Schon vor drei Jahren wurde auf das, was jetzt eingetreten ist, vorbereitet, schon damals nachgewiesen, daß Frankreich früher oder später aus seinem Winterschlaf erwachen und dem Silber seineu Markt verschließen müsse, daß es gelte, die möglicherweise kurze Frist zu benützen; auch bei uns wollte mau dem uuaufhaltsameu Zug der Dinge keinen ganzen Glauben schenken, und um das eigeue Sicherheitsgefühl zu erhöhen, redete man sich ein, wir hätten gar kein Silber zu entbehren, eine Behauptung, welche, so oft sie auch vorgebracht worden, heute wahrscheinlich von ihren eifrigsten Vertretern schon preisgegeben ist. Wie übrigens jedes Unglück zu etwas gut ist, so hat — 364 — die auf unserer Seite bewiesene Saumseligkeit den Vorteil, daß man an dem ungeheuren Preisniedergang, den das Silber erfahren, der deutschen Münzpolitik nicht die Schuld zuschieben kann. Hätten wir statt der lumpigeu Beträge, die wir uns zu den hohen Preisen vom Halse schafften, eine Milliarde Mark losgeschlagen, so müßten wir alles Unheil angestiftet haben. Ob dieser Trost alle die Millionen Mark wert ist, welche die Zauderpolitik uus kostet, ist aber umsvmehr eine Frage, als Unwissenheit und Böswilligkeit uns doch auf alle Fälle zum Süudenbock ansersehcn haben würden. Für Deutschland war die Ausscheidung des Silbers eine beschlossene Sache, und zur raschen Durchführung des einmal feststehenden Beschlusses mahnten nicht nur die von allen Seiten in Sicht kommenden Anzeichen, sondern es wären selbst die solcher Warnung zu sehr nachgebenden Maßnahmen im schlimmsten Fäll mit geringen Gefahren verbunden gewesen. Denn angenommen, wir hätten so viel Silber verkauft, daß später nötig geworden wäre, einen Teil des zur Scheidemüuze erforderlichen Metalls zu höheren Preisen wieder zurückzukaufen, so wäre das mit leicht übersehbaren uud eng begrenzten Opfern verbunden gewesen. Schwerer lag die Sache für Frankreich, weil es die grundsätzliche Entscheidung noch zn treffen hatte und befürchten mußte, daß die Verkündung seines Abfalls vom Silber einen viel nachhaltigeren Druck auf den Preis des Metalls ausüben werde, als der entsprechende Schritt jedes anderen Landes. IV. Ganz eigentümlich liegen die Dinge für England. Seit sechzig Jahren der Doppelwährung entrückt, könnte — 365 — es vom sicheren Ufer den Stürmen zusehen, mit welchen die anderen Nationen sich herumschlagen. Aber die Königin von Großbritannien ist auch Kaiserin von Indien, und Indien hat die Silberwahruug. Zwar wenn es sich nur um den internen Verkehr der großen östlichen Kolonie handelte, so würde dem Mutterland schwerlich etwas Anderes zn thun bleiben, als mit gekreuzten Armen einstweilen der Dinge zu harren, welche sich aus dem Schoße der Zukunft entwickeln mögen. Denn die Währung von Britisch Indien wird sich nicht Wohl loslösen lassen von denen Japans, Chinas und der Sundaländer. Der Gedanke, den Hunderten von Millionen Bewohnern dieser ungeheuren Welt, welche seit Jahrtauseuden die größte Masse des Silbers aufgesogen hat, und welche mit der Zähigkeit uralten Herkommens an ihren Sitten hält, ein neues Geld an Stelle des alten zu bieten, ist vorerst unfaßbar. In dem Anfang der sechziger Jahre, als der gesteigerte Silberverbrauch des indischen Handels eine Verlegenheit für England wurde, machte es deu Versuch, Goldmünzen in seinen Kolonien einzuführen, aber mit sehr geringem Erfolg. In jüngster Zeit hat das neuerungsselige Japan dem Golde sein Gebiet geöffuet. Aber an der großen Unterlage der asiatischen Geldgewohnheiten und Verkehrsverhältnisse ist damit noch wenig erschüttert. England könnte und müßte um so ruhiger der Weiterentwicklung der Dinge zuschauen, als wenigstens vor dem Schaden der doppelten Währung und dem damit zusammenhängenden Wirrwar sein indisches Reich in der Hauptsache bewahrt bleibt, weil es in dem Rupienfuß die einfache Silberwährung hat. Aber die Wechselbeziehungen zwischen dem in Gold rechnenden Mutterland und den in Silber rechnenden Kolonien machen die Metallkrise zur Quelle eigentümlicher — 366 — Verlegenheit für das mächtige Jnselreich und rauben ihm das Glück, mit kühlem Herzen den Perplexitäten des Festlandes beizuwohnen. Das englische Staatsbudget ist mit seinen Einnahmen an die Ergiebigkeit der indischen Länder gebunden. Wenn diese in Silber zahlen, uud Silber immer weniger wert wird, so wird das Loch in den Einnahmen immer größer, und jeder Peuuy, um den die Unze am Markt sinkt, fällt als ein empfindliches Gewicht ans die Schultern des britischen oder indischen Steuerzahlers. Mehr und mehr ergriff daher diese Sorge alle die, welche des Haushaltes im britischen Reiche zn warten haben. Und endlich fand sie, dem politischen Herkommen gemäß, ihren Ausdruck in der Niedersetzung einer parlamentarischen Kommission isvlsot eominittkk), welcher dieAufgabe zufiel: den gegenwärtigen Stand der Dinge uud deren Ursprung, namentlich mit Rücksicht auf deu indischen Wechselkurs zu ermitteln. Ratschläge zur Abhilfe wurden nicht verlangt uud, sich streng an ihre Borschrift haltend, vermied die Kommission jeden Ausspruch, welcher Maßregeln anzuempfehlen scheinen konnte. Aber ihr Bericht giebt deshalb doch deutlich genug ein Bild der Lage, aus dem die Nutzanwendung leicht zu ziehen ist. Am 3. März 1876 wurde beschlossen, die Kommission einzusetzen. Am 15. Jnli hielt sie ihre letzte Sitzung. Der Geueralbericht, wie er gedruckt vorliegt, enthält die Schlußresultate aus allen geprüften Dokumenten und vorgenommenen Zeugenverhören, in einer außerordentlich knappen uud unbefangenen Sprache; er ist ein wahres Muster objektiver Darstellung. Gleich auf der dritten Seite finden wir ein an dieser Stelle doppelt bemerkenswertes Zugeständnis. Es heißt da: „Gerechtfertigt erscheint die Schlußfolgerung, daß ein Rückblick ans das wechselseitige Verhältnis beider Metalle — 367 — in vergangenen Zeiten den Beweis liefert, daß das Fallen des Silberpreises nicht von irgend einer übermäßigen Produktion des Silbers im Vergleich zum Golde herkommt. Der thatsächlich bestimmende Grund liegt vielmehr in dem veränderten Gebrauch, der von den Metallen gemacht wird. Gold ist allgemein mehr in Gebrauch gekommen, als früher, und in der That haben die Handelszustände und die Lage zahlreicher Länder, welche Gold und Silber verwenden, einen totalen Umschwung erlebt. Argumente, welche sich auf die relativen Förderungen aus Gold- und Silberbergwerken stützen, haben daher sehr irrige Auffassungen nach sich gezogen." Nicht um das Gegeuseitigkeitsverhältuis in der Förderung beider Metalle zu konstatieren, was außerdem als eine mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verbundene Aufgabe charakterisiert wird, sondern nur um das Maß des in jüngster Zeit vielbesprochenen Silberzuwachses zu ermitteln, werden die Zahlen vom Jahre 1852 bis heute nach den meist beglaubigten Schätzungen gegebeil und auch bei Annahme der geringsten Ziffern die Zunahme auf 75 Prozent ermessen: von etwa 170 Millionen Reichsmark auf 284 Millionen jährlich. Wie bekannt, spielt in diesem AnWachs der neuentdeckte Bergwerksdistrikt im Südwesten der Vereinigten Staaten die hervorragendste Rolle. In den Jahren 1359 bis 1860 figuriert die amerikanische Ausbeute noch mit den geringen Ziffern von 4- bis 500,000 Mark, im Jahre 1861 sprang sie auf 8 Millionen, und im Jahre 1875 ergiebt der Ausweis 128 Millionen! Über die Wunderwelt dieser an der Küste des stillen Ozeans erschlossenen Metallschätze und insbesondere über die Wunderthaten der berg- und hüttenmännischen Technik, welche amerikanische Betriebsamkeit hier verrichtet, sind in den neueren Zeiten ganze Bibliotheken geschrieben worden. — 368 — Es kann hier nicht versucht werden, auch mir obenhin über das zu berichten, was ausführlich und mit vollem Sachverständnis zu schildern für einen Geologen oder Ingenieur eine anziehende und dankbare Leistung wäre. Genüge es zu sagen, daß die beträchtlichste und meist genannte dieser Minen die sogenannte „Comstock-Lode" im Staate Nevada, 1500 Fuß unter der Oberfläche mittelst eines Kanals befahren wird, den die bloß zur Auspumpung der Stollen und Schachte aufgestellten Dampfmaschinen mit dem nötigen Fahrwasser versorgen; daß nach kompetenter Aussage die Entdeckung dieses Erzlagers alle früheren ähnlichen weit hinter sich läßt. Die mäßigste Berechnung des in dem Bergwerke noch ruhenden Erzreichtums schließt auf einen Wert von 600 Millionen Mark, eine andere auch noch lange nicht zu den phantastischen gehörende auf das Doppelte. Im Jahre 1875 betrug die Ausbeute 68 Millionen Mark und die ausbezahlte Dividende 48 Millionen. Im Monat März dieses Jahres war die Ausbeute aus mehr als lF/2 Millionen, d. h. fürs Jahr 174 Millionen Mark gestiegen, und der offizielle Bericht des Münzdirektors berechnet den Ertrag der vereinigten sogen. Virginia- und California-Minen im Staate Nevada, zu welchen Comstock- Lode gehört, auf 50 Millionen Dollars oder 200 Millionen Reichsmark jährlich, hinzusetzend, daß dies nur ein bescheidener Anfang sei.*) Nur so viel aus dem Zahlengewimmel des parlamentarischen Berichts sei hier aufgenommen, weil Anhäufung von Ziffern nur zur Folge habeu könnte, den Leser zu verwirren. Die Kommission stellt als letztes und sicherstes *) Der Comstock-Lode ging nach einiger Zeit sehr stark in der Ausbeute zurück. Gegenwärtig (I89S) wird an einer Wiederbelebung des Betriebes gearbeitet. — — Ergebnis ihrer umsichtigen und erschöpfenden Nachforschungen fest, daH die Silberprvduktion der Vereinigten Staaten allein dermalen nach der allerniedrigsten Schätzung 180 Millionen Mark ergebe, und daß die übrige Welt nur 140 Millionen fördere. Nicht iu gleichem Maße übrigens, wie die Gewinnung, hat die Ausfuhr des Silbers aus Amerika zugenommen, und seit Anfang 1875 ist ein weiterer Rückgang in der Aussuhr zu bemerken. Dieser Umstand erklärt sich aus Maßregeln der amerikanischen Münzpolitik betreffs der Ausprägung von Silbergeld, auf die wir zurückzukommen haben. Unmittelbar nach Behandlung des amerikanischen Elementes wendet sich der englische Bericht der deutschen Münzreform zu. Er giebt zunächst eine summarische Darstellung der ganzen Gesetzcsreihe, die in Münz- und Banksachen das neue Reich erlassen, um alsdann auf die für ihn Praktisch wichtigste Frage zu kommen, wie viel Silber Deutschland noch abzugeben habe. Die unbestrittene Thatsache, daß es zur Zeit (der Berichterstattung) uur den Belauf von etwa 120 Mill. Mark losgeschlagen, wird auch hier iu einer Weise vorangestellt, die vermuten läßt, daß sie ob ihrer Geringfügigkeit Verwunderung und Zweifel erregte. Ueber deu Betrag des Thalervorrats, der annoch im Schoße des deutschen Verkehrs vorhanden, ergeht sich der Bericht in einer angestrengten Untersuchung, deren Einzelheiten wiederzugeben hier umsoweniger Anlaß vorliegt, als einheimische Arbeit, auS welcher die Kommission hauptsächlich schöpfte, ihre Resultate aus direkt geliefert hat. Die schließlichen Schätzungen, auf welche Bezug geuvmmen ist, bewegen sich zwischen den äußersten Punkten von 600 nnd 1W Millionen Mark, erstere sich der Veranschlagung nähernd, welche noch in neuester Zeit unser um diese Dinge am meisten verdieute Soetbcer aufgestellt hat, letztere nach der — 370 — Auffassung neigend, welche den preußischen Finanzministcr zn dem Ausspruch bewog, „daß der Übergang zur reinen Goldwährung in einer wahrhaft spielenden Weise sich vollziehen werde." Es verdient bemerkt zu werden, daß der englische Parlamentsbericht diese Worte im deutschen Urtext anführt. Nach einem kurzen Ausweis über den durch die skandinavische Münzreform freigcwordenen Silberbetrag gelangt der Bericht zu dem wichtigsten Teil seiner Aufgabe, den Beziehuugeu zu deu ostindischen Kolonien. Während einerseits feststeht, daß der Bedarf au Silberbarren für diese Gegenden in den letzten Jahren sehr stark abgenommen hat, wird zunächst dargethan, daß diese Verminderung wesentlich nicht mit einer Reduktion der Überschüsse zwischen Ein- und Ausfuhr zusammenhängt. Bon jeher hat das ferne Asieu eiuen bedeutenden Überschuß aus dem reichen Füllhoru seiner üppigen Vegetation dem Abendlande zugesandt und dafür Silber zur Befriedigung seines Geschmacks an schweren: Prunk und zur Auhänsung machtgebietender Schätze in Empfang genommen. In der oft- erwühnten Zwischenperiode des amerikanischen Sezessionskrieges und der dadurch hervorgerufeneu „Baumwollen- Hungersnoth, eot>t,0ll-lg,Mins," erreicht dieser Überschuß eine uie erlebte Hohe, und in den neuesten Zeiten des universellen Jndustriekrachs erlebte er einen ungewöhnlichen Rückgang. Aber im Großen und Ganzen, so konstatiert unser Bericht, ist die Differenz sich immer gleich geblieben und bewegte sich seit 1870 um den Mittelpunkt von 20 Millionen Psund Sterling oder 400 Millionen Reichsmark. Damit stimmen auch so annähernd, wie sich erwarten läßt, die Aufnahmen der Verschiffungen von Silber nach Indien, summiert mit den von der Regierung des Mutterlandes ans die Kolonie abgegebenen Wechseln. - 371 — Also nicht in veränderten Handelsbeziehungen ist der Grund des Umschlags der Dinge zu suchen. Aber was sich ganz anders gestaltet hat, ist die Zusammensetzung eben des Materials, mittels dessen die Differenz in der Bilanz ausgeglichen wird. Früher bestand jenes Material zum größten Teil ans Barren, zum geringeren aus Regierungs- wechseln. Seit 1872 namentlich hat sich das Verhältnis durchaus gedreht. Während in der früheren Periode das Durchschnittsverhältnis ergab 10 Millionen Pfund Sterling Barren und 7^/2 Wechsel, kam es in den Jahren 1875/7«; auf 3 Millionen Barren gegen 12 Millionen Wechsel. Der allgemeine Grund aber dieser allgemeinen Bilanzverschiebung liegt in dem Anwachsen der Betrüge, welche von den Kolouieu der Negierung des Mutterlandes geschuldet werdeu. Das heimische Budget hat jetzt durchschnittlich 300 Millionen Reichsmark jährlich von dem indischen Departement zu beziehen. Noch in den Jahren 1862—1863 kam ihm nur der vierte Teil dieses Betrages zu. Der Eutstehuugsgruud der starken Verschuldung liegt iu der großen Empörung der Seapoys am Ende der fünfziger Jahre. Der zur Bewältigung derselben gemachte Aufwand erheischte eine Reihe vou Auleheil und stehenden Mehrausgaben, welche die Kolonien zu verzinsen nnd zn tilgen haben. Wenn die Wirkung zwischen Ost und West sich erst in den jüngsten Jahren äußerte, so hängt dies mit der Erbauung der indischen Eisenbahnen zusammen. So lange an diesen gearbeitet wurde, was für englische Rechnung geschah, war ebeu dadurch der ganze Geldbedarf des Baues von Eugland nach Indien zu schaffen. Dieses Begegnen der Ausgaben und Einnahmen gab willkommcue Gelegenheit zur Ausgleichung ohne Geldtransport. Was die Regierung des Mutterlandes an Steuern in Silber zur Zahlung der Schuldzinsen uud Militärbeitrüge iu Indien 24* — 372 — zu empfangen hatte, das wies sie den Bauuternehmern an, und diese bestritten mittelst der aus diesen Geldanweisungen erhobenen Gelder ihre Ausgaben aus indischem Grnnd und Boden. Darnm konnte die Nachwirkung jener Umgestaltung des Budgets erst fühlbar werden, als die Eisenbahnen der Hauptsache nach gebaut waren. Die Kommission ist der Ansicht, daß, nnvorhergesehcne Fälle abgerechnet, die Dinge in dieser Verfassung beharren werden. Sie knüpft daran die weitere Betrachtung, daß der aus dieser Sachlage folgende Minderbedarf an Silber einen Rückgang des Wechsels auf Indien, des Kurses der Rupien, oder was dasselbe ist, des Silbcrpreises unbedingt nach sich gezogen haben müßte, auch wenn die Silber- gewinnnng und die Demonetisieruug des Silbers in den betreffenden Weltteilen nicht eingetreten wäre. Die einfache Thatsache fällt am meisten ins Gewicht, daß bis vor wenigen Jahren der Handel die große Differenz zwischen seinem Bezug aus Indien nnd seinen Lieferungen dahin mittelst Silbers auszugleichen hatte; daß aber jetzt das ostindische Kriegsbudget für seine aus dem Mntterlande zn bestreitenden Leistungen in der Kolonie jährlich eine Masse Silbers erhebt, welche es den Kaufleuten anweist, während die Kaufleute ihrerseits deu Gegenbetrag in England auszahlen; eine Wechseloperation, welche dem einen Teil das Herholen und dem anderen das Hinschicken von Silber erspart. Und damit man sich einen richtigen Begriff von dem Effekt dieser Verschiebung mache, stellt die Kommission die Ziffern der Jahresfordernng des indisch-englischen Budgets mit denen der jährlichen Silberprodnktion der ganzen Welt zusammen. Ganz allein die Summe von 200 Millionen Mark, um welche das iudische Budget an Einnahmen zugenommen hat, ragt, nach ihr, über die Hälfte der Silberproduktion der gesammteu Welt hinaus! — 37!Z — Endlich stellt der Bericht sich noch die Frage: wie voraussichtlich sich der Gang des Silberkonsums in der indischen Kolonie für die Zukunft entwickeln werde. Die beiden am meisten mit den Zuständen jener Bevölkerung vertrauten Zeugen, welche vernommen wurden, haben geglaubt, nach dieser Richtung hin viel Beruhigendes sagen zu dürfen. Sie sagen, daß durch die Verbesserung der Wege und Herstellung der Eisenbahnen ganze Striche erst dem höheren Verkehr erschlossen worden seien. In diesen Gebieten trete erst jetzt die Gewohnheit, mit Geld, das heißt Silbergeld, zu kaufen, an Stelle des Tauschhandels; ferner habe das Volk in den Kolonien eine so gewaltige Lust an silbernem Schmnck und Geräte, daß dadurch der größte Teil dieses Metalls Verwendung finde. Mit zunehmendem Vermögen und mit dem Sinken des Silberpreises werde dieser Sinn neue Mittel siudeu, sich zu be- sriedigeu. In jedem größeren Dors ist ein Silberschmied, uud sobald ein Mann einige Rnpien verdient, läßt er denselben zn sich ins Hans kommen nnd die Ziergeräte allda anfertigen. Anch Gold wird zu gleichem Ziveck in starker Proportion verwendet. Obwohl Goldgeld in verschwindend geringem Maße umgeht, beträgt doch der Goldimport der letzten 40 Jahre die Hälfte der Silbereinfuhr, nämlich 2 Milliarden Mark, welche beinahe ausschließlich zu Prunk- sacheu verarbeitet wurden. Läßt solchergestalt der ferne Osten für die Aufsaugung des Silbers auch ferner ziemlich begründeten Hoffnungen Raum und erwächst daraus ein Anhaltspunkt für die Widerstandskraft der Silberpreise, so stehen nach der Überschau unseres Berichtes die Dinge überall in Europa um so aussichtsloser. Der Konsum Euglands ist verschwindend klein. Bis auf eine einzige Million Pfuud Sterling halten sich im vereinigten Königreich die ein- und ausgeführten — 374 — Beträge an Silber jahraus jahrein die Wage, nnd von dieser Million werden nur etwa 2/5 zn Münzzwecken verwandt. Der Verbrauch zu Manufakturzwecken übersteigt nicht die geringe Summe von KOO.OVO Pfund Sterliug oder 12 Millionen Mark, und darin ist nicht blos der Verbrauch für Geräte, sondern auch für galvanische Versilberung und Photographie inbegriffen. Was aber Frankreich betrifft, so stimmen die Beobachtungsresultate des Berichts bei aller Enthaltsamkeit, die sie in der Skizzierung von Zukunftsbildern üben, mit unseren eigenen oben entwickelten Ansichten überein. Einerseits wird konstatiert, daß seit dem Rückgang der Silberprcise Frankreich vermöge der fiktiven Wertrelationen das Abzngsbecken für das minderwertige Metall geworden ist, daß namentlich unter dem Schutz der lateinischen Münzkonvention, welche der Bank- gonverneur Rouland mit Recht eine „fatale" nennt, auch das auf Papier fußende Italien seinen ganzen Vorrat an Silbermünzen und sogar an uutergradiger Scheidemünze nach Frankreich hinübergeworfen hat; daß in der That und alles in allein berechnet, mehr als die Hälfte sämtlichen, während der letzten vier Jahre in der Welt produzierten Silbers auf Frankreich ausgeschüttet worden ist; daß aber, nachdem der Weg unvermeidlicher Erkenntnis endlich beschatten, d. h. die Silberprägung erst beschränkt und dann sistiert worden, das Land nicht länger fortfahren kann, auf die bisherige Weise der Welt als Abzugskanal für den Überschuß des an Wert verminderten Metalls zu dienen. Der Totalüberschuß nämlich, welcher im Lauf der letzten vier Jahre, verglichen zu den vorhergegangenen vier Jahren, auf den Weltmarkt kam, betrng rnnd anderthalb Milliarden Mark, und von diesem Gesamtbetrag erhielt Frankreich 670 Millionen. Diese Thatsache und die iunere Unmöglichkeit ihrer Fortdauer ist, was die Kommission als das Wichtigste in der ganzen Physiognomie der Lage wiederholt hervorhebt. Und so verhält es sich. Der gegenwärtige Stand des Silbers hängt an diesem Faden nnd man musz blind sein, um nicht zu sehen, wie dünn derselbe geworden. Als gewiß, sagt der Bericht am Schluß, steht vor uns die große Zunahme der Produktion von Silber, die Abnahme von Verwendung vermöge des veränderten indischen Budgets. Ob dagegen die Aufnahmefähigkeit der vstasiatischeu Bevölkerungen dem das Gegengewicht halten wird, bleibt jedenfalls zweifelhaft. Und bei aller Gewalt, welche die Kommission sich anthut, keine Zuknnftsansichten zu formulieren, kann sie sich doch nicht entbrechen, mit folgender Reflexion ihre Arbeit zu schließen: „Wenn es dahin kommen sollte, daß die allgemeine Münzpolitik den Weg einschlüge, das bequemere Gold immer mehr im innern und auswärtigen Handelsverkehr dem Silber vorzuziehen und so dasselbe aus der Position zu verdrängen, die es allzeit behauptet hatte, so könnte der ihm dann bevorstehenden nnd ganz uuvermeid- licheu Wertvermiuderuug gar keiue berechenbare Grenze im Boraus bestimmt werden!" Und so schließt dieser so trocken sachliche und geflissentlich nüchterne Bericht, nicht ohue daß auch er, mit einem Blick in die Zukunft schweifend, die Züge eines Meue Tekel gewahre, welches mit veränderter Fassung an deu Palast des Weltherrschers schreibt: „Du bist gewogeu, du bist zu schwer befunden, deine Tage sind gezählt." V. Wir habeu die Zeiten uud Länder in raschem Lauf überblickt. Die Ergebnisse der Betrachtuug siud überall — !Z7li — eingeflossen; es wäre nur entbehrliche Wiederholung, wollten wir sie nochmals in Reihe und Glied hier am Ende aufstellen. Kam es doch überhaupt hier nicht darauf an, zu letzten Schlußfolgerungen zu gelangen, sondern nnr Gedanken anzuregen und Horizonte zn eröffnen. Gedanken allerdings, welche bereits in breiten Massen ihre Herrschaft über die körperliche Welt geltend machen, und Horizonte, die täglich sichtbarer nahe rücken. Ein Staat, der heute zukünftige Verbindlichkeiten eingehen will, muß sich verpflichten in Gold zu zahlen, will er seinen Kontrahenten volle Sicherheit einflößen; und so weit ist es schon gekommen, daß die österreichische Nationalbank sich zeitweise geweigert hat, ihr mit Zwangskurs versehenes Papier gegen Silber herauszugeben, und in dem darüber erhobenen Streit sich dies ihr Recht anerkennen ließ. Diejenigen, welche ungern die Hoffnung auf Rückkehr der alteu Zeiten fahren lassen, waffnen sich mit noch zwei Argumenten, deren bis jetzt hier nicht Erwähnung geschehen, und die der Vollständigkeit halber vor dem Abschluß ihren Platz finden sollen. Das eine Argument weist auf eine Hoffuuug, das andere ans eine Schwierigkeit hin. Die Hoffnung ruht ans den Vereinigten Staaten von Amerika. In diesen besteht ein Gesetz, welches der Verwendung von Silber zu Münze einen gewissen Spielraum öffnet. Zur Hälfte ist das Gesetz vollendete Thatsache, zur anderen uoch bloße Eventualität. Das iu Kraft stehende Gesetz ordnet an, daß die in Umlauf befindlichen kleinen Abschnitte von Staatspapiergeld in Silber umgewechselt werden sollen; es verfügt ferner die Ausprägung eiuer Quantität sogcuaunter Handelsdvllars (?rg.Ü6 ckollars), welche zum Zweck des Verkehrs mit dem Ausland geschlagen werden können, ohne gesetzliches Zahlungsmittel im — 377 — Inland zu sein. Beiderlei Verwendungen haben in der letzten Zeit recht ansehnliche Quantitäten von Silber aufgezehrt; aber wenn wirsagen, daß beidezusammeubiszumMärz dieses Jahres rund 13 Millionen Dollars oder 52 Millionen Mark aus dem im Jahre 1875 von Regierungswegen gekauften Silber absorbiert haben, und daß die Gesamtheit des einzuwechselnden kleinen Papiergeldes auf 40 Millionen Dollars angegeben wird, so erhellt daraus, daß damit den entgegenwirkenden Elementen noch kein entsprechender Damm gesetzt ist. Und die höchsten Anschläge der künftig in den Vereinigten Staaten verwendbaren silbernen Teilungsmünzen gehen kaum über die Hälfte des Belaufs, den unserer Ausicht nach Deutschland noch abzustoßen hat. Nun wird an diese Maßnahmen die Hvsfnung geknüpft, daß Amerika bei Wiederherstellung seiner Metallzirkulation die Doppelwährung einführen werde. Es läßt sich natürlich g. priori nicht behaupten, daß dies- oder jenseits des Meeres den politischen Umtrieben und der Begriffsverwirrung unmöglich sein werde, irgend einen unsinnigen Beschluß durchzusetzen. Aber es wird gestattet sein, diese unberechenbaren Bahnen des Unsinns nicht in die Berechnung der künftigen Dinge aufzunehmen. Nach den bestehenden Gesetzen bleibt das Silber auch in Zukunft in den Vereinigten Staaten nur Teiluugsmünze, und nicht für mehr als 20 Dollars (80 Mark) gesetzliches Zahlungsmittel. Das ein so vielfach in Gold verkehrendes und Gold produzierendes Land wie Nordamerika zur ausschließlichen Silberwührung übergehen werde, hat noch niemand zu behaupten gewagt. Und wenn Länder, welche die Doppelwährung haben und mit allen Fibern an ihr Hüngen, durch die Notwendigkeit sich gezwungen sehen, auf dieselbe zu verzichten, (wie Frankreich bereits zu thuu angefangen — 378 — hat), so muß man es erst sehen, um es zn glaube», daß ein Land, welches noch ^adnla rasa vor sich hat, aus freien Stücken sich in diese Verlegenheit stürzeu werde. So viel, was die Hoffnung betrifft. Amerikas Verbrauch an Silbermüuze hat bereits seine Schuldigkeit uach dieser Richtung gethan. Die beideu wieder aufsteigenden Bewegungen der Silberskala, die wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben, sind weseutlich auf diese Mitwirkung zurückzuführen. Nach einem ersten Sturz bis 52 Pence für die Unze sahen wir eine Reaktion bis 56, dann einen Niedergang bis 47, dann abermals Umkehr bis 54, um schließlich wieder an dem Stand zwischen 51 und 52 anzukommen, welcher eiue Abweichung von etwa 17 Prozent vom alten Normalfuß darstellt. Ohne jene Ursache hätte der Rückgang wahrscheinlich bereits stärkere Dimeusionen augeuommeu. Als unüberwiudliche Schwierigkeit soll aber der Ausbreitung der Goldherrschaft der Umstand im Wege stehen, daß für diesen Zweck nicht Gold genug aufzutreibeu wäre. Der Deutsch - Engläuder Seyd, von lauge her eiu begeisterter Silbcrlegitimist, welcher sich übrigens durch Zusammenstellung belehrender Zahlen aus seiner auf dem Metallmarkt gesammelten Erfahrung Verdienst erworben, hat eine Schrift verfaßt, in welcher er berechnet, was alles die Welt dereinst an Gold brauchen werde, wenn überall das Silbergeld abgeschafft würde. Zu den in diese Berechnung hineingezogeueu Voraussetzungen gehört au erster Stelle die der Wiederaufnahme der Barzahlung seitens der noch in der Papierwirtschaft steckenden Länder. Er vergleicht den auf Grund dieser Hypothese veranschlagten Gesamtbedarf mit der Gesamtgewinnuug des Goldes, um die Unzulänglichkeit der letzteren darzuthun. Ohne seine Ziffern des Näheren zu prüfen, können wir aber von vornherein — 379 — seine Hypothese als soweit von ihrer Verwirklichung entfernt betrachten, daß wir auch rnhig der Zukunft überlassen können, das dieser Verwirklichung entsprechende Material zu beschaffen. Österreich, Italien, Rußland und selbst die Vereinigten Staaten, welche doch die nächsten sind, drohen nicht, sich in Ungeduld nach Beseitigung des Papiergeldes zu überstürzen. Ein anderer Trost für die, welche dessen bedürfe», liegt in der Ergiebigkeit gerade der amerikanischen Minen, welche so stark den Druck ans den Silberpreis vermehren helfen. Wir haben oben bei Schilderung dieser interessanten Bergwerke absichtlich eiues Phänomens nicht erwähnt, welches erst an dieser Stelle richtig gewürdigt werden kann. Die ungeheuren Schätze, welche von den amerikanischen Unternehmern aus Comstock-Lode gezogen werden, bestehen nämlich entfernt nicht ausschließlich aus Silbererz. Beinahe die Hälfte, dem Werte nach berechnet, ist Gold, 40 bis 45 Prozent der Förderung. Das wäre also schon eine wesentliche Zubuße für die wachseude Nachfrage. Und neben dieser isolierten Erscheinung steht unterstützend für nus die allgemeine, daß im großen und ganzen im Laufe der Zeiten die Produktion des Goldes, verglichen zu der des Silbers, stetig im Wachsen geblieben ist, seit mindestens dreißig Jahren auch an absolutem Wert die Summe des gewonnenen Silbers namhaft übersteigt. Ist auch das Verhältnis nicht mehr so überwältigend zu Gnnsten des Goldes, wie in dem Anfang der fünfziger Jahre (das Jahr 1852 weist 790 Millionen Mark Gold gegen 178 Millionen Silber auf), so ist es noch immer beträchtlich genug und ergiebt selbst für das Jahr 1875 trotz der großen Silber- gewinnnng noch die Zahlen: Gesamtproduktion in Gold: 500 Millionen Mark, an Silber 340. Bedenkt man hierzu noch, daß Gold, eben weil es — 380 — konzeiitriertercn Wert, oder was gleichbedeutend ist, größere Beweglichkeit bietet, schneller zirkuliert, so entspringt daraus die weitere Konsequenz, daß das Verkehrsgebiet mit einer geringeren Summe an Gold als an Silber auskommen kann, was auch eine absolute Ersparnis für den Volkshanshalt mit sich bringt. Und letztlich ist es gewiß nicht als ein Übel anzn- schauen, wenn dem natürlichen, stets die Preise der meisten Dinge allmählich hinauftreibenden Zuge der Zeit ein stiller Widerstand entgegenarbeitet in der verlangsamten Zufuhr des Edelmetalls. Darum glauben wir, uns uoch nicht plagen zu müssen mit der Sorge um die Beschaffung des Goldes für den Erdball. Und wenn der ganze Zug der menschlichen Sitten und Bedürfnisse auf den Weg nach den Goldmüuzen hindrängt, fo werden ihn jene Angstberechnnngen doch nicht aufhalten. Am allerwenigsten werden sie es dahin bringen, ans dem gekünstelten, wideruatürlicheu System eines unabänderlichen Wechselverhältnisses zweier Metalle ein natürliches zu machen. Feste Wertverhältnisse vorschreiben heißt im Gruude nichts anderes, als das eine der zwei in wechselseitiges Verhältnis gesetzten Dinge um ein Stück seines natürlichen Wertes künstlich verkleinern oder das andere nm so viel vergrößern, mit anderen Worten aus Etwas Nichts und ans Nichts Etwas machen. Beides ist wider die Natnr, und je mehr überall die menschliche Gesellschaft znr Selbsterkenntnis ihrer natürlichen Lebens- bedinguugen fortschreitet, desto mehr zerstört sie die ans den entgegengesetzten Effekt abzielenden Täuschungen. Der Kampf zwischen Schutzzvll und Handelsfreiheit steht auf demselben Blatt. Es ist der Kampf künstlich festgehaltener Wertfiktionen gegen das natürliche Gewicht der auf sich selbst ruhenden Werte. — 381 — Wer wird sich vermessen wollen zu sagen, daß ein vieltausendjähriger Grundpfeiler des menschlichen Haushalts jetzt auf einmal vor unsern Augen brechen und in den Aligrund stürzen werde! Die abstrakte Logik zieht ihre Schlüsse in grader Linie, aber das lebendige Wissen nimmt alle Hindernisse in seine Anschauung mit auf, welche bewirken, daß eine Wahrheit sich nie in grader Linie Bahn bricht, sondern nur auf langsam gewundenen Wegen endlich zu Tage tritt. Für uns kam es nur darauf an, nach einem fernen Signal- Punkt am Horizont zu spähen. Haben wir etwas Wirkliches erblickt oder, wie andere sagen werden, den Reflex eines nur im eigenen Gehirn aufgetauchteu Visionsbildes? In jener künftigen Zeit, welche hier das letzte Wort der Entscheidung auszusprechen hat, wird die Spur verschwunden sein dessen, der dies schreibt, und derer, die es lesen, und niemand wird sich erinnern, ob Irrtum oder Wahrheit auf diesen Blättern verkündet worden. Das Gold der Zukunft.' ») Aus der „Deuischen Rundschau", 4. Jahrgang, Heft 1, S. 129. ^?on allen Aufgaben der Staatswirtschaft, denen unsere Zeit so eifriges Mühen widmet, ist durch eigentümliche Verkettung der thatsächlichen Umstände am meisten die Frage nach der besten Münzverfassung in den Vordergrund gerückt. Kaum ein Kulturstaat, der sich uicht nahe berührt fünde von den Folgen der mächtigen Verschiebung in dem gegenseitigen Verhältnis der beiden Edelmetalle, aus welchen Geld gemacht wird. Nur die Länder, welche tief in Schulden und dadurch in die Fabrikation von Papiergeld geraten sind, haben vorerst andere Sorgen, als die um Regelung ihres Münzwesens. Alle übrigen befinden sich entweder in Übergangsstadien, sei es, daß sie noch diesseits der richtigen Entscheidung stehen, sei es, daß sie bereits das jenseitige Ufer erreicht haben; oder sie befinden sich, obzwar im fertigen Zustande, doch in Verlegenheit infolge auftauchender Schwierigkeiten. Selbst Großbritannien ist wegen seines Verhältnisses zu Indien nicht frei von Heimsuchung. Überschaut man das ganze Gebiet, dessen Gestade von dem Wellenschlage dieser tiefgehenden Bewegung erreicht werden, so stellt sich ohne viel künstliches Suchen die Frage ein: ob wir nicht den Anfängen eines Prozesses beiwohnen, welcher das Geldwesen der herrschenden Handelsnationen nach einiger Zeit auf neuer Grundlage herausgebildet habeu wird? — 386 — Kein Wunder also, daß die Münzpolitik mit besonderem Eifer gepflegt wird. Aber nicht bloß um die lehrhaften Probleme handelt es sich. Vielmehr legen sich die thatsächlichen Erscheinungen, welche so viel zur Anregung der Frage beigetragen haben, mit ihrem ganzen stofflichen Schwergewicht quer über die Wege der theoretischen Forschung. Am ersten Tage des Eintritts in die deutsche Münzreform bezeichnete ich die Frage: „Wohin mit dem Silber?" als die schwierigste des ganzen Unternehmens. Und die, welche damals meinten, ich mache mir darüber zu viel Sorgen, sind Wohl seitdem von ihrer Ansicht zurückgekommen. Als Gegenstück zu jener Frage wird nun seit einiger Zeit eine andere aufgeworfen: „Woher das Gold?" Läge in derselben mit Recht der Hinweis auf eine Gefahr, so wäre sie noch viel ernster zu nehmen. Denn dem Überfluß, wie groß er immer sei, ist im Allgemeinen eher abzuhelfen, als dem Mangel. In neuester Zeit haben namentlich zwei Männer von Fach die Frage mittelst emsiger Nachforschungen auf dem Gebiete der Geologie und der Bergwerkskuude zu beantworten gesucht. Beide sind zu entgegengesetzten Resultaten gelangt. Der eine bedroht die Welt mit Goldhungersnoth, wenn sie nicht zur Praxis der alten Doppelwährung zurückkehre. Der andere, ohne auf die Münzfrage einzugehen, schildert die australischen Lager in solcher Weise, daß sie uns noch auf lange hinaus unerschöpfliche Schätze verheißen. Hören wir Einen nach dem Anderen. Herr Eduard Süß hat ein belehrendes und höchst anziehendes Werk geschrieben, welches er „Die Zukunft des Goldes" benennt, weil es im großen und ganzen auf den Schluß hinzielt, daß das Gold eine sehr zweifelhafte Zukunft vor sich habe. Das Argument, mittelst dessen dieser Beweis geliefert wird, füllt bei weitem den größeren Teil — 387 des Buches aus; und auf seinen Kern zusammengedrängt lautet es: Zum alten Gold wird immer weniger neues kommen; so wenig am Ende, daß es sich von selbst verbieten wird, Münzen daraus zu prägen. Oder mit anderen Worten: Das Gold der Zukunft erlaubt nicht, an die Zukunft des Goldes zu glauben. Seinen Vordersatz hat nun der Verfasser mit großer Liebe zur Sache, oder, waS gleichbedeutend ist, mit großer Kenntnis der Sache durchgeführt. Dagegen ist der eigentliche Schlußsatz weniger gut weggekommen, ihn hat er sich etwas leicht gemacht. Es wird also jedenfalls nur die schönste Gerechtigkeit an ihm geübt, wenn man, ihn besprechend, den Nachdruck von vornherein auf den von ihm selbst intensiv uud extensiv bevorzugten Teil der Arbeit legt uud dies schon in der Überschrift andeutet. Auch die Gerechtigkeit gegen Herrn Wolff verlangt, ihn nicht unter der fremden Firma der Welt vorzustellen. Die von mir gewühlte Aufschrift möge unparteiisch verkünden, um welches Problem sich beide mit verschiedenem Ergebnis bemüht haben: nämlich um die Frage nach dem wie viel oder wie wenig des Goldes der Zukunft? Die Schrift, mit der wir uns zuerst beschäftigen, hat großes Aufsehen erregt. Da man in Deutschland den Zweikampf der Edelmetalle, zu welchem wir soeben eine entschiedene und auch wesentlich entscheidende Stellung genommen haben, mit Aufmerksamkeit verfolgt, so konnte es nicht ausbleiben, daß ihre Bedeutung nachdrücklich hervorgehoben ward. Auch da, wo für die Auffassung des Autors der Boden durchaus nicht günstig war, hat man sich stark, in der That zu stark, von ihr beeindrucken lassen; dagegen ist dem interessanten Material, das in ihr außerordentlich schön gruppiert und mit einem bei deutschen Fachmännern leider so seltenen künstlerischen Fleiß anschaulich geordnet 25* ' — 388 — ist, weniger Ehre widerfahren, als es beanspruchen kann. Wie schon angedeutet, wäre das entgegengesetzte Verfahren das richtigere gewesen. Die Schlußfolgerungen sind von sehr zweifelhafter Beweiskraft, aber die ihnen zugrunde gelegte Darstellung aus dem Gebiet der Geologie und Montanindustrie ist sehr verdienstlich. In ihr liegt der Wert des Buches. Herr Eduard Süß ist, wenn nicht in Deutschland, so doch in der österreichischen Monarchie zu einem bedeutenden Rufe gelangt. In England geboren, kam er früh nach Wien und seiner nach den verschiedensten Richtungen hin bewährten Leistungsfähigkeit thaten sich bereitwillig alle Pforten des öffentlichen Lebens auf. Geologe von Fach und vortragender Professor ist er zugleich Kustos des Museums, Mitglied des Gemeinderates und des Abgeordnetenhauses. Während seine akademischen Vorträge die Jugend bezaubern, reißen seine politischen Reden die Männer der parlamentarischen Versammlungen mit sich fort, unter deren Leuchten er gezählt wird. So wird berichtet, und danach begreift sich, daß man ihm in der österreichischen Politik eine bessere Zukunft prophezeit, als die, welche er dem Golde verkündet. Mit beiden Weissagungen vielleicht stimmt es ganz gut, daß sein warmer österreichischer Patriotismus hervorgehoben wird. Bei aller Anerkennung nämlich, die ich seiner Untersuchung, gerne zolle, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier eine stattliche Rede pro äonrc, austriaeg, gehalten wird, welche die Welt zur Ansicht bekehren soll, daß das Heil einer guten Müuz- politik nnr in der sogenannten Doppelwährung, in dem friedlichen und fest geregelten Nebeneinander von Silber und Gold zu finden sei; und als der Weg des Heils wird die monetäre Völkerverbrüderung empfohlen, welche neuester — 38» — Zeit ein wunderlicher Heiliger*) von Paris ans mit der unschuldvollen Überzeugungen eigenen Emphase allen Nationen der Erde in allen Zungen predigt. An sich beruht zwar der Gedanke, daß ein finanzschwacher Staat zu gesunder Münzverfassung eher gelangen könne, wenn er nach Silberoder Doppelwähruug, als wenn er nach Gold hinsteuert, ans Selbsttäuschung; aber es läßt sich doch nachfühlen, daß die schönselige Quacksalberei weltumspannender Münzkonventionen für solche Staaten, welche an finanziellen Schwächezuständen leiden, etwas Verlockende? hat. Nachdem unser Verfasser die Fülle seines Wissens uud den Reichtum seiner Gedanken-Kombinationen erschöpft hat, geschieht es auch ihm, daß er bei der schließlichen Nutzanwendung nur die alten Irrtümer iu ueuer Form zu Tage fördert. Was ihn beschäftigte, fesselte, anregte, war offenbar die geologische Hypothese. Nachdem er sie mit allem Aufwand von Gelehrsamkeit und Geist entwickelt, nachdem er alle Höhen und Tiefeu der fünf Weltteile durchwandert — was Wnnder, daß die vielbetretene Heerstraße den vielleicht etwas Ermüdeten lockt, um rasch zum Ziel zu kommen! Schon die äußere Ökonomie des Buches trägt die unverkennbare Spur dieser zwiespältige» Sach- behandlung. Auf kanm dreißig Seiten am Schlüsse, zu denen allenfalls noch siebenzig im Eingang, welche allgemeineren Betrachtungen gewidmet sind, mit gerechnet werden könnten, werden die inhaltschweren Konklusioueu gezogen. Diesen höchstens 100 Seiten, in welchen die eigentliche Münzfrage beHandel ist, stehen 270 gegenüber, die sich mit der geologischen und bergmännischen beschäftigen. Aber um so besser! Die, welche nützliche Belehrung suchen, haben entschieden bei dieser Stoffverteilung ihren Vorteil gefunden, und schließ- *) Cernuschi. - 390 — lich braucht man nicht zu fürchten, daß die falsche Moral dieser nützlichen Schilderung irgend jemanden auf Abwege führen werde. Die Münzrevolution, die sich unter unseren Augen vollzieht, entspringt nicht künstlichen Veranstaltungen, und alle Bemühnngen, die darauf gerichtet werden, ihren Konsequenzen zu entrinnen, werden zerstieben wie Spreu vor dem Winde. Diejenigen insbesondere, welche berufen sind oder welche zum mindesten berufen sein sollten, die großen, folgenschweren Entscheidungen für die Münzpolitik ihres Volkes zu fassen, werden bei allem Reiz, den ein Werk wie das vorliegende auf sie ausüben mag, sich nicht verbergen können, daß es ein wenig zu sehr nach der Lampe riecht, als das; wir nns seiner Führung bei dem Tagewerk des Lebens unbedenklich überlassen dürften. Womit jedoch keineswegs jener ewig wiederkehrende Vorwurf der „Theorie" gemacht sein soll, mit welchem Plattheit oder Eigennutz sich das Wissen und Nachdenken vom Halse zu halten suchen. Nur das will ich ausdrücken, daß wir es hier mit einer Studie zu thun haben, deren Schwerpunkt in der geschichtlichen und naturgeschichtlichen Darstellung liegt. Eben deshalb ist auch ihr Verdienst in derselben Richtung zu suchen. Wenn wir die französisch geschriebenen Arbeiten von Humboldt abrechnen, giebt es in Deutschland noch keine Monographie, welche, wie die von Süß, eine zusammenfassende Darstellung ans diesem Gebiet geliefert hat, und sich an die Schriften der Engländer Lord Liverpool und Jacob, wie der Franzosen Lenormant (Fran?ois) und Chevalier anreiht, mit dem Unterschied jedoch, daß das neneste Werk weniger als die genannten dem Münzwesen und mehr als dieselben dem Bergwesen zugewendet ist. — 391 — I. Gestützt auf die Kenntnis von der Beschaffenheit der Erdoberfläche, welche sowohl durch das Studium der Natur, als durch die Erfahrung des Bergbaues gewonnen wird, entwickelt Süß seine Hypothese, welche wir kurz zusammenfassen, wie folgt: Daß die edleren Metalle die schwereren sind, ist bekannt. Schon daraus ergiebt sich, daß sie als Bestandteile der Erdsubstanz mehr nach dem Inneren als nach der Oberfläche zu geschichtet sein müssen. Dieser Voraussetzung kommt zur Hülfe die Beobachtung der Spektralanalyse, welche auf der Oberflüche der Sonne eine Reihe der auch bei uns leicht erreichbaren Metalle verrät und deshalb der Vermutung Raum läßt, daß die übrigen den unseren entsprechenden Metalle, edle nnd schwerere, im Innern des großen Feuerballes liegen. Eine andere Betrachtung kommt derselben Annahme zustatten. Das spezifische Gewicht der Erde würde ein geringeres sein, als es ist, wenn das Innere derselben aus den gleichen Stoffen gebildet wäre, welche die Rinde enthält. Um die Ausgleichung zu erzielen, sind wir auf den Rückschluß angewiesen, daß im Gegensatz zu dem verhältnismäßig leichten Gestein der Schale der Kern der Planeten Metalle enthalten müsse, wahrscheinlich große Massen von Eisen und — in welchem Verhältnis ist nicht zu bestimmen: Gold, Platina und Silber*). Aus der Voraussetzung nun, daß die drei Edelmetalle, Gold, Platina und Silber, durch ihre spezifische Schwere am meisten nach dem Inneren des Erdkörpers gezogen *) Platina ist das schwerste, Gold etwas weniger schwer, Silber beinahe nur halb so schwer wie Gold. Die anderen Metalle von großem spezifischen Gewicht kommen nur selten vor. werden, ergiebt sich von selbst die Thatsache, daß sie den Nachforschungen der Menschen weniger zugänglich sind, und daß ihnen eben dadurch jenes Attribut der relativen Seltenheit gesichert ist, welches ein Hauptelement ihres adeligen Ranges ausmacht. Da das Gold annähernd doppelte spezifische Schwere hat wie das Silber, so ist auch sofort seine größere Seltenheit motiviert, und schon hier werden wir auf den Schluß vorbereitet, daß nach Maßgabe der fortschreitenden Bearbeitung der Erdoberfläche die Hoffnung, neue Schätze zu finden, viel eher auf Silber als auf Gold rechnen darf. Flieht nun aber solchergestalt das heißbegehrte Metall vor den ihm nachsetzenden Menschen in die Tiefe hinab, so würde es anch da gewiß nicht vor seinen Nimmersatten Verfolgern sicher sein, wenn nicht ein feuriger Drache es bewachte. Dieser Drache ist niemand anders als das höllische Feuer selbst, welches im Inneren unserer Erdkugel von dem wilden Kommunebrand aus der Zeit der großen Planetenrevolution her fortglüht. Bereits pochen die Pioniere des fernen amerikanischen Westens an das Verließ des wutschnaubenden Dämons und können sich nur durch künstliche Vorrichtungen gegen die Glut seines verderbenbringenden Odems schützen. Auf der Sohle der großen Comstock-Lode, des neuesten der Eldorados, in einer Tiefe von nahezu 2000 Fuß unter der Oberflüche würden schon heute die Bergleute bei der da herrschenden Temperatur von 43° Reaumur es nicht aushalten können, wenn ihnen nicht durch Maschinen kalte Luft zugepumpt würde. Viel tiefer, als man solcherweise bis jetzt gelangt, werde, so meint unser Verfasser, auch in Zukunft nicht gegen die Erdwürme vorzudringen sein.*) Ob hier der mög- Nach anderer Ansicht wäre die hohe Temperatur dieser Regionen wesentlich aus den Zugängen von heißen Quellen zu erklären, was allerdings keinen Widerspruch zu obiger Theorie bildet. — — lichen Vervollkommnung der Technik im Punkte der zu überwindenden Schwierigkeiten nicht zu enge Grenzen gezogen sind, möchte eine wohlberechtigte, wenn anch von andern gleichfalls verneinte Frage sein. Aber es gilt hier überhaupt nicht mit dem Verfasser über seine thatsächlichen Voraussetzungen zu rechten. Sie sollen stehen, wie er sie hinstellt, und so wollen wir ihm mit Vertrauen auf der Spur weiter folgeu, die er selbst zieht. Es handelt sich darum, die Wege zu erspähen, auf welchen im Laufe der Jahrtausende das vielvermögende Erz aus den Tiefen der Erde nach oben gekommen ist. Diese Arbeit verrichtete im wesentlichen die vulkanische Thätigkeit iu Ausbrüchen, welche das Metall in Dampfform aus Rissen und Spalten empvr- trieben, in denen es als Niederschlag zurückblieb, während allmählich der Schlot, der ihm Durchlaß gewährte, sich wieder schloß. Auch die großen gold- und silberhaltigen Lagerungen von Nevada, die heute eiue so wichtige Rolle in der Wührungsfrage spielen, werden zu den Erscheinungen der eben geschilderten Art gerechnet. Zeugt das vulkauische Bett, in welchem diese neva- dischen Bonanzas liegen, für solchen Ursprung, so verlangen die nicht vulkanischen Gesteine, namentlich ans Quarz und Schiefer gebildet, in denen Edelmetalle nnd besonders Gold in Massen gefunden werden, eine andere Erklärung. Zu diesen Formationen gehören als Fortsetzungen gerade die Goldfelder oder sogenannten Seifenlager*) von Kalifornien und Australien, welche vor einem Vierteljahrhundert die Welt noch viel mehr als heute die Comstock-Lode in Aufregung gebracht haben. Ob hier das Wasser in seiner flüssigen Gestalt oder als Dampf die Förderung des schwereren Stoffes nach obeu übernommen hat, bleibt ungewiß, aber -) Das Verfahren des Auswaschens wird „Seifen" genannt. — 394 — es ist immerhin zu unterstellen, daß auch hier ein Durchbruch nach aufwärts das Geschäft der Vermittlung zwischen dem eigentlichen Sitz der schweren Erze und der von dem Menschen bearbeiteten Oberfläche besorgt hat. Und zwar sind gerade die ebengenannten, ihrer Zeit so plötzlich erschlossenen und durchwühlten Goldfelder Kaliforniens und Australiens nicht sowohl die ursprünglichen Niederlagen der neptunisch-Plutonischen Arbeit als vielmehr deren Filialanstalten. Die Anhäufungen, welche aus den metallhaltigen Niederschlägen anwachsen, werden im Lanf der Jahre oder Jahrhunderte von Luft nnd Wasser bearbeitet, zerbröckelt und in die tieferen Regionen entführt. Allda bilden sie jene wundersamen Gefilde, welchen auf die erste märchenhaste Kunde das abenteuernde Volk der Schatzgräber zuströmte, um den Zauberschlüssel zu allen Erdengütern ^— wenn nicht Enttäuschung und ein klägliches Ende zu finden. Der Versucher, welcher weiß, was er thut, hat viel weniger vom sanftblickenden Silber als vom feuerglänzenden Golde auf diese Weise in berückender Fülle und greifbarer Gestalt den armen Sterblichen auf den Weg gestreut. Mau sieht sogleich, wozu das führt. Kaum erklingt die Kunde vom Lande der Fabel, so zieht sie auch aus nah nnd fern Menschen jeden Ranges und Standes in ihren Zauberkreis. Wenige Monate, nachdem die kalifornischen Goldfelder erschlossen worden, hörte die Zeitung, welche in San Francisko eigeus gegründet worden war, um über den Fortgang der Entdeckung zu berichten, wieder zu erscheinen auf. Die gauze Redaktion mit Setzern und Druckern, und wohl auch mitsamt den Druckerbuben, war nach den „Diggings" gelaufen, um sich mit an die Tafel zu setzen, statt hungrigen Magens deren Freuden zu beschreiben. Kein Wunder, daß solche Glückstöpfe danu schnell abgerahmt werden. Der gierigen Arbeit des Menschen hatte die Ar- — 395 — beit der Elemente das Tagewerk vorbereitet. Das zerfetzte, zerbröckelte Erz ist in größeren und kleineren Massen in der Anschwemmung ausgebreitet. Die größeren Pepiten, reine Erzklümpchen, wechseln mit dem feineren metallhaltigen Sande ab, der auf mechanischem Weg zu behandeln ist. Alle die berühmten Goldgefilde haben nach den ersten Jahren angefangen mindere Ausbeute zu geben und sind stetig dariu zurückgegangen. Im Gegensatz zum Golde tritt das Silber der Regel nach mit festem Gestein verbunden auf und mit anderen Erzen vermischt; doch kommen Gold und Silber in gemeinsamen Lagern nicht selten vor, am meisten gerade in Nevada. Bekanntlich führt die Bereitung des Bleies jahraus jahrein dem Silbermarkt namhafte Quantitäten zu, obwohl sie nur als Nebenprodukte der Bleihütte erzielt werden. Nach diesen Ausführungen widmet der Verfasser eine Reihe von Kapiteln den Einzelheiten über die Gold- und Silberminen der Welt, der Geschichte ihrer Entdeckung und Ausbeutung. Überall gruppieren sich die Bilder so, daß das Verständnis für die letzte thatsächliche Zusammenstellung und die auf sie gebaute Hypothese vorbereitet wird. Das Silber, viel häufiger vorkommend, bei geringerem spezifischen Gewicht nicht ganz so streng wie das Gold in der Tiefe zurückgehalten, ist gleichzeitig in mannigfaltigerer Form verteilt. Nach des Verfassers Ansicht rühren neu» Zehnteile sämtlichen im menschlichen Besitz befindlichen Goldes aus dem lockern Schwemmlandc her, das Silber dagegen wird aus festen, langsam zu bearbeitenden Gängen gewonnen, uud der auf gleiche Weise dem Gold gewidmete regelmäßige Betrieb ist untergeordneter und unzuverlässiger Natur. (Wir werden weiter unten erfahren, daß gerade in diesem höchst wichtigen Punkt andere Autoritäten mit — 396 — entgegengesetzter Ansicht auftreten). Es giebt ganz ertragsfähige Silbergruppen mitten in den alten Kulturländer»; es bedarf keiner Erweiterung der geographischen Entdeckungen, um die Silberproduktion zu vermehren; sie ist nicht jenen beträchtlichen und raschen Schwankungen ausgesetzt, welche die neuere Goldproduktion auszeichnen, und seitdem die Quecksilberpreisc teils durch neue Fundorte, teils durch neue Aufbereitungsmethoden, welche dies Hilfsmetall zur Zerlegung der Silbererze entbehrlich machen, beträchtlich heruntergegangen sind, wird die Versorgung des Silbermarktes noch mehr an Stetigkeit gewinnen. Hieraus soll sich nun ergeben, daß, während die reichsten Goldquellen eben so üppig emporsprudelten wie rasch erschöpft würden, die Natur für eine stetige und unabsehbare Zufuhr an Silber gesorgt hätte. Von der jetzigen Jahresausbeute an Gold dagegen, welche auf 584 Millionen Franken veranschlagt wird, sollen 381 Millionen aus dem Schwemmlande gewonnen werden, dessen Leistungsfähigkeit nur auf eine begrenzte Reihe von Jahren hoffen läßt. Neben dieser geologischen Vermutung muß zugleich eine gewerbliche erwähnt werden, mit welcher sie ergänzt wird. Da das Silber vielfach nur als Nebenpodukt gewonnen wird, so soll auch der Niedergang des Preises auf seine Gewinnung keinerlei bestimmenden Einfluß üben, ja zum Teil durch Steigerung des Preises der beigemischten Metalle ausgeglichen werden können. Man kann allen diesen Schilderungen der thatsächlichen Verhältnisse, wenigstens hypothetisch, folgen, ohne deswegen auch sofort den letzten Schluß zu ziehen, daß in gegebener, beinahe berechenbarer Zeit dem Goldmarkte der Welt die gewohnte Zufuhr fehlen werde. Von vornherein drängt sich eine Betrachtung auf. Hätte etwas wie diese Theorie von der ephemeren Natur der Goldquellen auch vor 1849, d. h. — 397 — vor der Entdeckung der großen Goldfelder Kaliforniens und Australiens auftauchen können? Schwerlich! ja ganz gewiß nicht! Sämtliche hier beigebrachte Beweiselemente, Ziffern und Deduktionen nötigen zu diesem Rückschluß. Und nun sollte Plötzlich als ein Naturgesetz stabiliert sein, was vor dreißig Jahren nicht zu ahnen war? Allerdings, ein neuentdecktes Gesetz ist darum nicht minder eines, und jede Entdeckung muß einen Anfang haben. Aber nach tausendfältigen und tausendjährigen Erfahrungen, die Begebenheiten einer kurzen Zeitspanne, seien sie auch noch so imposant, zu einer ewigen Regel zn verallgemeinern, ist bedenklich. Und wie weit immer der Versuch gelungen sein mag, alles in älterer Zeit Erlebte nach dem Sinn der eben gewonnenen Anschauung auszulegen, — der Verdacht läßt sich nicht unterdrücken, daß vorübergehenden Erlebnissen zu viel Herrschaft über die Denkweise des Beobachters einge- geräumt worden sei. Schwerlich zwar kann bestritten werden, daß gerade die großen im Schwemmlande angehäuften Goldmassen rascher zu Ende gehen müsseu, als die mit regelrechtem Abbau auszubeutenden Erzlagernngen im Gebirge. Und noch weniger läßt sich die Richtigkeit einer zweiten vom Verfasser aufgestellten Behauptung in Zweifel ziehen, daß nämlich beim Vordringen der Bevölkerung in neue Gebiete gerade die Spur der Edelmetalle am ersten und eifrigsten aufgesucht, das Aufgespürte am ungestümsten durchwühlt wird. Der Vortrab der Zivilisation, der ausschwärmende Haufe der Abenteurer, wirft sich zuerst auf die Ernte, die nicht er, sondern das Reich der Jahrtausende gesäet hat. Das alles kann richtig sein, ohne zu dem Schluß zu nötigen, daß mit den bisher bekannten Goldfeldern nahezu die letzte Goldquelle der Welt aufgefunden und erschöpft sei. Es heißt gar zu rasch das Reich der Möglichkeit — 398 — durchlaufen, wenn man also Art und Ort der Goldgewinnung für alle Zeiten voraus abgrenzt. Wenn wir unserem Autor glauben, so wäre der Erdkreis schon so beiläufig abgesucht. „Mit einem nicht geringen Grade von Bestimmtheit", so spricht Süß, „wird man zu der Meinung gedrängt, daß viel mehr als die Hälfte der mit den bisherigen Mitteln überhaupt erreichbaren Menge Goldes bereits dnrch die Hand des Menschen gegangen ist." In der That, ein solcher Ausspruch verdient ob seiner Kühnheit unsere Bewunderung zu erregen! War die Welt in ihrer Peripherie uicht bekannt lange vor 1848. Ist aber umgekehrt die Möglichkeit solcher Erschließungen an vielen, vielen Stellen im Inneren der Länder nicht auch noch gerade so denkbar wie zuvor? Der Verfasser selbst behält sofort den ganzen unermeßlichen Kontinent von Afrika vor, die klassische Erde, deren bloßer Küstenrand seit Jahrtausenden den Goldstaub versendet — doch Wohl nur den Abfall tiefer verborgener Schätze? und gerade jetzt, wo die Aufmerksamseit und Anstrengung der Entdeckungswissenschaft sich erst rüstet, das Innere des geheimnisvollen Weltteils zu sondieren? Wie viel fehlt, daß der ganze Nordwesten Amerikas durchforscht sei! und von Australien werden wir noch zu reden haben. Hier noch mehr als da, wo der Verfasser der Technik die Möglichkeit abspricht, etliche tausend Fuß tiefer nach Gold zu graben, ist sicher ein Fragezeichen Wohl angebracht. Doch es mögen nun diese Zweifel auf sich beruhen bleiben. Sie haben für unsere eigentliche Aufgabe eine untergeordnete Bedeutung. Ach hier soll nichts zurückgenommen werden von dem zum voraus gegebenen Versprechen, die thatsächlichen Hypothesen des Autors frei walten zu lassen und ihm nur da auf die Finger zu sehen, wo er uns beweisen will, daß das deutsche Reich übel beraten gewesen — 399 — sei, als es die ausschließliche Goldwährung einführte. Denn das ist doch eigentlich der unausgesprochene Grundgedanke, welchen das Buch in sich trägt; etwa noch in den Zukunftsgedanken fortgesetzt, daß.Österreich sich aus dem Sinn schlagen möge, dieser gefährlichen Spur zu folgen. Nehmen wir immerhin die beiden Kardinalsätze als richtig an: was die Erde den Menschen an Gold zu liefern im Stande ist, hat sie — für alle Zeiten — zum größteu Teil ausgeliefert: dagegen folgt die Silberproduktion ganz anderen Bedingungen als diedes Goldes. II. Gegenüber dem größten Trumpf, welchen der Alarmist ausspielt, wird es am besten sein, mit einem offenen Geständnis die Karten auf den Tisch zu legen. Sein düsteres Orakel spricht nämlich also: „Der Zeitpunkt ist aber unausweichlich (sie), in welchem und zwar voraussichtlich nach wenigen Jahrhunderten die Goldproduktion sich dauernd in außerordentlichem Maße vermindern wird, und dieses Metall bei fortwährend zunehmender Seltenheit nicht mehr imstande sein wird, seine bisherige wirtschaftliche Stellung zu behaupten." Also noch „wenige hundert Jahre" lägen selbst nach dieser bösen Prophezeiung zwischen dem glücklichen Heute und jenen kommenden Tagen der Goldarmut. Man braucht vielleicht noch gar kein schlechtes Gemüt zu haben, um bei dieser Vorstellung ganz unbewegt zu bleiben. Selbst angenommen, das vielbeliebte Ethos und Pathos, welches die „Volkswirte" Heuer so reichlich verzapfen, erheische nebst der Liebe zu den lebenden Menschen, deren Kindern und Kindeskindern noch eine ebenso herzliche Teilnahme an den — 4W — entferntesten Geschlechtern, — selbst dies angenommen, wäre doch der Gedanke berechtigt, daß zu frühzeitig beschlossene Anordnungen füglich den Nachkommen mehr schaden als nützen könnten. Eine Weichenstellnng auf Distanz von mehreren Jahrhunderten hinaus, das ist eine Vorsichtsmaßregel, welche beinahe mit Sicherheit den Zug in den Graben führeu muß. Nicht der Leichtsinn, sondern die Einsicht in die Unberechenbarkeit der Zukunft hat die Weisheitslehre erfunden, der Meusch solle sich mit der Plage des Tages genügen lassen; und ans die Weltwirtschaft angewendet, ist Wohl ein Säkulum ein reich bemessener Tag. Hat man uns nicht auch deu Kopf schou damit warm machen wollen, daß wir nach Jahrhunderten keine Feuerung mehr haben würden? Süß selbst kann nicht umhiu, an die Analogie jener Steinkohlenalarmistcn zu eriunern, welche berechnet haben, wann in New-Castle und Nuhrort der letzte Zentner geschöpft sein wird. Nein, mit dieser Sorge lassen wir uns nicht bange machen; einstweilen mit dem Gold für etliche kurze Jahrhunderte in der Tasche, wollen wir ruhig die Lebensreise weiter fortsetzen. Aber, könnte mau hier einwerfen, ist nicht ebenso von entgegengesetzter Seite eine dem Silber nachteilige Prophezeiung gemacht worden? (Auch Süß erwähnt ihrer.) Wurde nicht auf sie der Rat gestützt, sich vom Silbergelde zn befreien? Nichts ist leichter anznrnfen als Analogien, nichts mit größerer Vorsicht zn gebrauchen. Zunächst schöpfen die gegen das Silber gewendeten Argumente ihre Kraft weder aus dessen Zuwachs uvch aus dessen Abnahme, überhaupt nicht aus Vorgängen im Reich der Natur, sondern ans Erscheinungen, die sich mit innerer Notwendigkeit aus deu Grundbedingungen eines rationellen Verkehrs ergeben haben. Das zu große Gewicht im Verhältnis zuin Wert, der innere Widerspruch der Doppelwährung, das sind Gebrechen, die nicht von künftigen äußeren Vorgängen abhängen. Hier liegt eine Rechnung mit bekannten Größen vor. Ferner ist die Wert- verminderuug des Silbers eine bereits für die Gegenwart vollzogene Thatsache. Die, welche vor drei, vier Jahren voraussagten, daß binnen kurzem ein Rückschlag eintreten iverde, warteu noch heute auf Erfüllung ihrer Hoffnungen. Zwingende wirtschaftliche Notwendigkeit hat seit fünf Jahren einen Staat nach dem anderen dahin geführt, sich von der praktischen Anerkennung des früheren festen Verhältnisses vou Silber zu Gold loszusagen, dem Gold allein freien Zugang zu den Prägeanstalten zu lassen. Indem wir auf Grund dieser lebendigen Vorgänge und im Verständnis ihres wohlbegrttndeten Zusammenhangs an die Fortdauer der gegenwärtigen Sachlage glanben nud uns auf dieselbe einrichten, thun wir gerade das Gegenteil von dem, waS die Lehre von der Zukunft des Goldes uns empfiehlt; denn diese mutet uus zu, im Vertrauen aus einen dereinst nach Jahrhunderten zu erwartenden Umschlag der Dinge die Lehren der heutigen Erfahrung abzuweisen. Allerdings „Avuverrikr e'sst prsvoir", und jeder Entschluß gerade auch iu dieser kitzlichen Wührungsfrage hängt von der Ansicht ab, die wir uns von der Zuknnft zu bilden haben. Fragt sich uur, von welcher Zukunft und auf welche Berechuuug gestützt? Der Gang der Weltgeschichte hat dahin geführt, daß nur die Nationen, welche die ausschließliche Goldwährung haben, sich geregelter Münzverhältnisse erfreuen und nicht ans Abänderungen zu siuuen gezwungen sind. Die eigeutliche Doppelwährung konnte kein Staat in Wirksamkeit erhalten, kein Staat, kein einziger! Das ist ein Wort. Und die Staaten, welche auf die Doppelwährung verzichten mußten, ohne sich zur einfache,? Goldwährung entschließen zu können oder zu wollen, alle diese siud in Verlegenheit, wie sie diesem unleidlichen - 402 — Schwebezustand ein Ende machen sollen. Es ist ein wunderlicher Rat, nnser besseres Loos mit jenem schlechteren zu vertauschen, weil in hundert oder zweihundert Jahren vermutlich der bessere Zustaud sich iu den schlechteren verwandelt haben werde! Der Rat ist übrigens nicht neu. Ans näher liegende und enger begrenzte Möglichkeiten gestützt, hat ihn ein bekannter Gönner des Silbers, Herr Ernst Seyd in London, schon vor zwei Jahren erteilt. Sein Argument ist einfach ans der Berechnung gezogen, daß bereits dermalen nicht Gold genug in der Welt sein würde, um daS Bedürfnis zn befriedigeu, wenn nur sämtliche Länder, welche jetzt noch in der Doppelwährung oder gar in der Papicrwirt- schaft stecken, den Reinignngsprozeß vornehmen nud zur Goldwährung sich emporarbeiten wollten. Auch dieser minder kühnen Hypothese gegenüber bleibt man kalt. Es fällt uns nicht ein, die vorteilhafte und vernunftgemäße Münzverfassung, die wir Deutsche uus mit gutem Vorbedacht erobert, Preis zu geben, weil sie in ihren logischen Konsequenzen zu den an sich ungewissen und der Zeit nach jedenfalls unberechenbaren Bewegungen anderer Nationen nicht stimmen würde. Einstweilen steht nur so viel fest: Die Läuder der reineu Goldwährung umfassen vorerst nnr 140 Millionen gegenüber 940 Millionen mehr oder weniger kultivierter Seelen, die mit Papier, Silber oder Doppelwährung leben. Umgekehrt aber wird die Jahresproduktiou an Silber auf 300 Millionen, die Goldproduktion auf 450 Millionen Mark in Bausch uud Bogen veranschlagt. Es sieht demnach gewiß nicht so aus, als sollten die glücklichen Inhaber der ausschließlichen Goldwährung in Verlegenheit geraten wegen Mangels an Znfnhr. Und angenommen selbst, der Gegner hätte Recht! Sein prophetischer Satz enthält eine Wendung, an der man 403 — sich schon im Vorübergehen stoßen mnß, und die ihm ohne Zweifel selbst zu denken gab: „Das Gold wird bei fortwährend zuuchmeuder Seltenheit nicht mehr imstande sein, seine bisherige wirtschaftliche Stellung einzunehmen," das heißt mit anderen Worten: es wird zu teuer geworden sein, um als Münznietall dienen zu können. Zu wenig und zu teuer ist hier doch offenbar gleichbedeutend; wir werden sofort sehen, daß Süß selbst die Sache fo ansieht. Also kurz zu sagen: es droht dem Gold die Gefahr, die Treppe hinauf zu fallen! Und die Besitzer des Goldes werden dann dies gar nicht bittere Geschick zu teilen haben. Ehe aber der Zeitpunkt gekommen wäre, wo das Gold so selten geworden im Verhältnis zum Bedarf, daß es aufhörte, Münzmetall zu sein, wo es vielmehr nur noch dem Luxus dienen könnte, würde notwendigerweise ein Zustand eintreten, in dem es, am Silber gemessen, einen viel höheren Preis als früher erzielen müßte. Die Nationen, die Gold besäßen, würden damit ein sehr gntes Geschäft machen. Sollte dieser Gedanke etwas Abschreckendes für sie haben? Wahrscheinlich giebt es in den mit der Goldwährung gesegneten Ländern Fiuanzminister, die bedauern, daß die Salomonische Lebensfrist ihnen keine Wahrscheinlichkeit läßt, bei Eintritt dieses schönen Augenblicks noch auf ihrem Posten zu sein. Eines ist wahr und Süß bemerkt es mit Recht: es ist für ein Volk nicht reiner Prosit, eine bessere Währnng zu haben als seine Mitvölker, oder um den Gedanken richtiger auszudrücken: die schlechte Währnng der Mitvölker schafft anch dem Verlegenheiten, welches die bessere besitzt. Das ist einmal die Solidarität der internationalen Wirtschast wie der Welt überhaupt; uur ist die Logik falsch, welche uns bestimmen möchte, diesem Schicksal zu entgehen, dadurch, daß wir zu der minder günstigen Lage W* — 404 — der anderen hinabsteigen. Mit gutem Grunde macht unser Verfasser aufmerksam, daß, wie eine schlechte Währung als Schutzzoll wirkt, eine gute den: eigenen Ausfuhrhandel entgegenwirken muß. Das läßt sich so weuig bestreiten, daß man entweder den ersten Satz nicht als richtig anerkennen darf, oder auch den zweiten gelten lassen muß; denn beide Sätze sagen dasselbe, nur sagt es jeder mit anderen Worten, oder vielmehr jeder enthüllt die nämliche Wahrheit; der eine sieht die Sache vom Lande der schlechteren, der andere vom Lande der besseren Währung aus. Schlecht und gut sind hier relative Begriffe, sie setzen zwei in Handelsverbindung stehende Nationen voraus, von denen die eine mit Geld von höherem inneren Werte bezahlt als die andere. Sowie also feststeht — und noch niemand hat das bezweifelt — daß die Industrie des mit unedlerem Gelde zahlenden Landes dadurch eine Art Schutzzoll genießt, so muß die diesseits der Grenze verringerte Einfuhr jenseits der Grenze einer verminderten Ausfuhr entsprechen. Es kann niemand seinen Import hemmen, ohne den Export eines Anderen zu erschweren. Wir stehen also hier vor einem richtigen Vordersatz. Nur mit der Nutzanwendung können wir nicht einverstanden sein. Die österreichische und die russische Papierwirtschaft üben ohne Zweifel den eben beschriebenen störenden Einfluß auf unseren deutschen Ausfuhrhandel nach diesen Ländern aus. Aber es wird niemand sich beikommen lassen, uns den Rat zn erteilen, daß wir deshalb auch iu die Papierwirtschaft eintreten sollen. Und ebensowenig werden wir uns bestimmen lassen, das höherwertige Gold mit dem niederwertigen Silber zn vertauschen, um jener schädlichen Rückwirkung auf unseren auswärtigen Handel zu entgehen. Die Welt ist einmal so eingerichtet, daß wir auch an den Fehlern der anderen mit zu leiden haben. Aber es wäre eine schlechte Heil- — 405 — Methode, darum zu den eigenen noch die fremden Fehler zu fügen. Zum Überfluß aber haben wir bereits die Erfahrung gemacht, daß nicht einmal schlechte Wahrung gegen jenen Nachteil sicher stellt, vor dem hier gewarnt wird. Wenn eine Nation von Wertverringerung ihres Münzmetalls überfallen wird, fo muß sie, nm nicht das Opfer der Metall- svekulatiou zu werden, die Prägung einstellen; und wenn diese Maßregel mit einem ihr günstigen Stand der internationalen Bilanz zusammenfällt, so verteuert sie dem Auslaude die Zahlungsmittel, d, h. sie erschwert sich ihre eigene Ausfuhr. Dann stellt sich die Frage einfach so: mehr Waren ausführen und die Beschaffenheit des ganzen eigenen Geldumlaufs verschlechtern, oder weuiger Waren ausführen und seiue innere Verkehrsgrnndlage rein nnd solid erhalten? So tauchte vor einigen Jahren die Frage in Holland auf, als dieser Staat notgedrungen die Silber- ansprügung aufgebeu mußte. Die Amsterdamer und Notter- dniner Großhändler jammerten, daß der auswärts gestiegene Wechselkurs auf Holland ihre Geschäfte vermindere. Die holländische Gesetzgebung ließ sich aber wohlweislich dadurch uicht irre machen. Die verschlechterte Währung Hütte dem ganzen Lande und schließlich auch deu Großhändlern den größeren Schaden gebracht. Sie Hütten momentan mehr Waren verschifft, aber sie hätten dafür ein Geld erhalten, das binnen kurzem durch Wertverriugerung sie um mehr als den Nutzen am Exportgeschäft betrogen hätte. Merkwürdigerweise ist unter der nicht geringen Zahl derer, welche gegen die reine Goldwährung neuerdings zu Felde gezogen siud, uoch keiucr mit dem Borschlag herausgekommen, das Gold als Müuzmetall abzuschaffen und alleLänder ausschließlich auf Silberkost zu setzen. Und das wäre doch der einzige haltbare Standpunkt! Auch unser Nntor mag — 406 — das nicht auf sich nehmen, obwohl er uns doch eigentlich voraussagt, daß die Zeit kommen wird, in welcher der letzte Sovereign und die letzte Krone iu den Schmclztiegel der Goldschmiede wandern werden. Fürs erste empfiehlt auch er jeneu Meuschheitsbund der Doppelwährung, welcher wieder mehr von sich reden gemacht hat, seitdem zahllose Broschüren auf dem schönsten Velin in allen lebenden Sprachen zu Paris gedrnckt, den hübschen neuen Namen „Bimetallismus" für die alte Sache verbreiten und in der bilderreichen Sprache Viktor Hugo's das „(juin?s et clsmi universsl" den zivilisationsbedürftigen Nationen anbieten. Es verdient nämlich bemerkt zu werden, daß, wie von den Widersachern der reiuen Goldwährung keiner es auf sich nehmen mag, ihr gegenüber das reine Silbersystem vorzuschlagen, so auch wieder keiner sich unterfängt, den lieblich klingenden Bimetallismus auf seine eigenen Füße zu stellen. Nein! sie alle verweisen uns auf völkerrechtliche Verträge, welche das stabile Verhältnis vom Gold zum Silber „auf ewige Zeiten", wie es in den Friedensinstrilincnten heißt, verbürgen sollen. Gerade dieser Gegensatz ist es, welcher immer uud immer wieder übersehen wird, auch auffallender Weise den Scharfsinn unseres Verfassers gar nicht zum Verweilen einladet. Uud doch, wer mir ein wenig die Augen aufthuu will, muß darauf kommen, au welch innerem Widerspruch diese Idee krankt. Oder ist es nicht ein solcher, daß der Dinge letzter Grund im menschlichen Verkehr, — denn so darf das Geld genannt werden — seinen Stützpunkt nicht in sich selbst finden soll? daß nicht das eigene Gewicht, nicht die eigene Kraft — nein! das gebrechlichste aller Mcnschenwerke, der Vertrag, uud zwar der völkerrechtliche, sein Fundament sein sollte? d. h. ein Rechtsverhältnis, für das es keiueu Richter giebt, geschweige denu einen Gerichtsvollzieher; ein Übereinkommen, — 407 — das gerade so lange gehalten wird, als es jedem einzelnen Teile beliebt, ja sogar, das zu halten meistens nach einiger ^>eit gar nicht mehr in des einzelnen Beteiligten eigener Gewalt liegt! Darin darf man aber den Anhängern der Doppelwährung wohl beipflichten, daß ohne solchen Vertrag ein Heil für diese gar nicht zu finden ist. Sie steht und fällt mit ihm. Indem alle ihre Anwälte alsbald den Weltvertrag herbeirufen, weuu die Haltbarkeit ihres Vorschlags bestritten wird, bekennen sie geradezu, daß an ein stetiges, verläßliches, berechenbares Wechselverhältnis zwischen beiden Metallen fortan nicht mehr zu denken ist; daß die Fiktion zn Hilfe gerufen werden muß, um es aufrecht zu erhalten. Aber, ihr lieben Lente, wenn man mit Verträgen uud Fiktioueu so schone Dinge fertig bringen kann, warnm nicht dann einen Schritt weiter gehen? Wozn braucht es dann Silber uud Gold? Nehmen wir doch ohne weiteres Papier, und wir haben sofort den Stein der Weisen gefunden und sind aller Schmerzen bar! Es ist nicht dasselbe, wird man sagen. Ich bitte um Verzeihung: es ist ganz dasselbe! Wenn man durch Vertrag dekretieren kann, daß in der ganzen zivilisierten Welt 1 Gramm Gold genau so viel wert sein soll wie 15^ Gramm Silber 22 000 Kilo (rund) erfordert werden. Wo früher ^/is-, Gramm Gold nötig war, um 1 Gramm Silber oder 100 Gramm Kaffee zn kaufen, da wäreu heute mir ^/i? Gramm nötig, und auf dieseu Wert, nicht auf das Gewicht kommt es an. Die Leute, welche meinen, es sei weniger kostspielig, eine vollwertige Zirkulation in Metall von geringerein Werte herzustellen, urteilen genau wie die Kinder, welche auf die kaptiöse Frage: „was ist schwerer, ein Pfund Federn oder ein Pfund Blei?" unbedenklich antworten: „ein Pfund Blei!" Will man eine uuterwertige Zirkulation, so braucht man sich überhaupt um deren Gehalt nicht zu kümmern, so kann man beim Papier bleiben; will man eine vollwertige, so mnß man eben deren Gehalt auf den Wert bringen, welcher dem Bedarf an Umlaufsmitteln entspricht: dieser Wert ist bestimmend, nicht Gewicht oder Volumen. Wollte Österreich z. B. eine vollwertige Eisenmünze, so müßte es gerade so viel mehr Eisen anschaffen, als Eisen dermalen wohlfeiler ist als Gold; und der Umstand, daß Eisen neuerer Zeit so sehr im Preise gesunken, wird die Operation nicht um einen Gulden wohlfeiler machen; denn um eine vollwertige Eisenmünze zu haben, müßte es von diesem Metall desto größere Masfen ausprägen. Soll ich mit meinem eisernen Gulden ein bestimmtes Gewicht Kaffee oder Baumwolle kaufeu können, so muß ich auch ebensogut für denselben das bestimmte Gewicht Gold kaufen können, mit welchem wiederum das nämliche Gewicht Kaffee oder Baumwolle zu erstehen wäre. Es kostet mich also eine Münze, mit der ich meine Weltgeschäfte machen will, absolut nicht mehr andere Gegenstände, wenn ich sie ans Gold, als wenn ich sie aus Eisen mache. Im Gegenteil, — 414 — die schwerere Münze ist kostspieliger; denn erstens kostet sie bei der Anschaffung wie bei jeder Bewegung mehr Transport; nnd zweitens, je schwerer beweglich eine Münze ist, desto größere Wertqnantitäten von ihr braucht der Verkehr. Je leichter das Gewicht im Verhältnis zum Wert, desto schueller der Umlauf, je schneller der Umlauf, desto geringer ist der Gesamtbedars. Das springt in die Augen. Um einem möglichen letzten Einwand vorzubeugen, mag eingeräumt werden, daß die Gesamtoperation der Beschaffung alisreichender Gvldvorrüte zur Herstellung der Balnta iil einem großen Staate, also beispielsweise in Osterreich, sich nach der heutigen Sachlage nicht eben so rasch uud bequem vollziehen ließe, als der Ankanf größerer Silbermassen. Es sind von dieser Ware größere entbehrliche Borräte ans Lager als von Gold, nnd dementsprechend würde der Käufer geriugereu Schwierigkeiten begegnen. Das kommt aber eben daher, daß heute keiner der Hauptstaaten Silber verlangt, der laufende Barbedarf auf Gold angewieseu ist. So lauge dies Verhältnis dauert, wird aber auch keiu vernünftig regierter Staat daran denken, sich eiue Silbervaluta zu gebeu. Die hierauf zielenden Vorschlage gehen alle von der Voraussetzung aus, daß es ausführbar wäre, dem Silber das aktive Bürgerrecht auf dem Geldmarkte dnrch gemeinsame Übercinknnft der Völker- zurückzugeben. Vou dem Moment an, da dies gelungen wäre, würde es aber anch nicht schneller gehen, Milliarden Silber aus dem Markt zu nehmen, als Milliarden Gold. Die Voraussetzung, daß der Silbermarkt so viel williger wäre als der Goldmarkt, enthält eine ?st,itic> prineixii. Das Silber ist jetzt nur in großen Quantitäten vorrätig, anch wohl leichter auf Borg zu haben, weil es aus dem aktiveu Dienst des Geldverkehrs ansgestoßen ist. So wie dieses Verhältnis in sein Gegenteil umschlüge, würden die — 415 — Besitzer vvn Silber ihr liebenswürdiges Entgegenkommen verläugueu wie Droschkenkutscher beim Platzregen, und keine Bank würde größere Schwierigkeiten machen, Gold zn verabfolgen als Silber. Massenhafte Bezüge von Edelmetall sind überhaupt nur rasch zu bewerkstelligen, wenn das Metall auf dem Weltmarkt uicht als Geld zu verwenden ist. Denn die Grundbedingnng normaler Verkehrszustünde besteht in der richtigen Geldverteiluug unter die verschiedenen Reservoirs oder Vorratskammern, d. h. Banken der Nationen. Wollte plötzlich eiu Land versuchen, dies Gleichgewicht durch rasches Heranziehen großer Massen zu stören, so würden sich alle anderen Länder widersetzen. Zudem ist auch kein Land imstande, dergleichen auf so ungestüme Weise iu Angriff zu nehmen, am wenigsten ein Land, das aus der Papierwirtschaft iu die Barwirtschaft überzugehen versucht. Die Überstürzung verbietet sich hier schon von innen heraus nnd hat gar nicht nötig von außen hinein abgewiesen zu werdeu. Operationen dieser Art lassen sich nur auf dem Wege langsamer, allmählicher Vorbereitung vollziehen. Jahrelang muß das nötige Metall in der Stille gesammelt werden, immer mehr muß dem umlausenden Papier eine volle Wertdeckung in den Kellern entgegenwachseu, bis iu dem gegebenen Augenblick das Zauberwort ausgesprochen werden kann. So hat die französische Bank seit dem Krieg systematisch ihre Vorräte vermehrt und könnte hente bereits die Barzahluugsverpflichtuug aufnehmen, wenn nicht die fatale Frage der Doppelwährung, aus deren Banden die französischen Gesetzgeber sich so ungern loswinden, vorher beseitigt sein müßte. Nicht in der Wahl des Metalls liegt die Schwierigkeit des Übergangs, sondern in der Aufgabe, aus den Ersparnissen des Landes Milliarden von wirklichem Wert zur Anschaffung von Geld auszuscheiden anstelle von bloßen — 416 — Wertzeichen, die ohne Opfer hergestellt werden. Und ebensowenig entscheidet die sogenannte Handelsbilanz oder gar die eigene Metallproduktion. Rußland, das einzige Land Europas, welches ansehnliche eigene Goldmincn besitzt, kann trotz aller Austrenguugen kein Gold festhalten; und Großbritannien, das doppelt so viel Wareu ein- als ausführt, importiert am meisten Edelmetall. Eine ungünstige Warenbilanz haben heißt viel Waren beziehen, nnd Edelmetalle sind anch Waren, bilden auch thatsächlich eines der Elemente in den Ziffern der Aus- uud Einfuhrbilanzen. Es ist nicht schwerer für 100 000 Pfund Sterling Gold als für 100 000 Pfund Sterling Baumwolle zu beziehen. Man muß nur die 100 000 Pfund Sterling reich sein. Sollte endlich einmal die Zeit kommen, in welcher nach unseres Autors Voraussetzung die Masse des vorhandenen Goldes zu dem Bedarf der ganzen Erde in solchem Unzulänglichkeitsverhältnis stüude, daß der Münzgehalt immer mehr reduziert werden müßte, um mit der Wertzunahme des Metalls in entgegengesetzter Richtung gleichen Schritt zu halten, so würden ohne Zweifel derartige ganz neue Zcitumstände auch neue Kombinationen ins Leben rufeu. Der Versuch, voraus zu berechnen, uuter welchen Umständen diese auf Hunderte von Jahren entfernte Eventualität eintreten werde, leidet, wie er bei Süß ausgeführt ist, au Einseitigkeit. Es ist ganz richtig, daß neben dem Verbrauch für Münzen auch der Verbrauch der Industrie stets zunehmende Mengen von Gold aufsaugt. Aber es darf doch mit der größten Gewißheit angenommen werden, daß in gleichem Schritt mit einer' eventuellen Preissteigerung des Goldes die Industrie nicht minder als der Münzbedarf sich einzuschränken gezwungen sein würde. Ein anderes ist noch viel wichtiger. Mit fortschreitender Zivilisation nehmen die Bedürfnisse an umlaufender — 417 Münze stetig ab. Schon jetzt, wie bekannt, sind dieselben in Großbritannien bedeutend geringer als auf dem europäischen Festlande. Die vielfältigen Formen der Übertragung durch Post- und Bankverkehr öffnen jeden Tag neue Wege, deren Benützung das Barmetall entbehrlich macht. Trotzdem die aus den Umsätzen der Banken, der Post, des Wechselstempels extrahierten Ziffern uns zeigen, daß bereits heute auch auf dem Festlande bei weitem die größte Masse der Umsätze nicht mit Metall, sondern nur mit schriftlichen Zeichen uud Umstelluugen gemacht wird, befindet sich doch sogar das einfache Checksystem bei Franzosen wie Deutscheu noch in der Kindheit. Welcher raschen Entwicklung sind aber glückliche Neuerungen in diesen Dingen fähig! Ein einziges Rad, welches die deutsche Reichsbauk ihrem Getriebe eingefügt, hat Wunder gewirkt. Die Dienstleistungen, welche der nenorganisierte „Giroverkehr" verrichtet, bestehen einfach darin, daß auf Wunsch der Kunden an jeder Baukstelle Zahlungen gemacht werden, ganz in der Weise, wie das durch die Post für kleinere Beträge und gegen Vergütuug geschieht. Über diese einfache Walze sind bereits im ersten Jahre mehr als acht Milliarden Mark Einnahmen und Ausgaben gelaufen. Bei mehr als fünf Milliarden ward dabei von Bargeld überhaupt kein Gebrauch gemacht. Der Nest von drei Milliarden beglich sich zwar nicht mit gänzlichem Ausschluß von Geld, doch ohne jede Versendung von Ort zu Ort. Die Benutzung von Barmitteln beschränkte sich auf die Einzahlung oder auf die Auszahlung an Ort uud Stelle. Diese Aus- zahlungeu selbst wurden ohne Zweifel zum geringsten Teil in Metall, vielmehr der Hauptsache uach in Banknoten gemacht. Allerdings, wie sehr auch das System der Zeichensprache sich im Geldverkehr uoch vervollkommnen möge, so — 418 — wird das Metall selbst immer die unentbehrliche Grundlage bleiben. Ja sogar, je mehr sich die Mittel der Umsätze für Handel und Wandel ins Symbolische verflüchtigen, desto strenger wird das Bedürfnis einer sicheren letzten Instanz anerkannt werden, welche dem Gläubiger bürgt, daß er seine symbolische Formel in greifbaren Stoff verkörpern kann. Das gerade ist der springende Punkt für die Schaffung des wohlorganisierten Bankwesens: die feinste Sublimierung des Verkehrs auf der solidesten Grundlage. Je mehr aber dies System ausgebildet wird, desto mehr werden die Barschätze der Welt sich in einzelne, feste Niederlagen zusammenziehen; desto geringer wird der Bedarf an kreisendem Metall, das, während es zwischen Geber und Empfänger unterwegs ist, seine Zeit verliert. Sollte wirklich der Goldschatz der Erde so rasch erschöpft sein, wie unser Verfasser befürchtet, so würde bis zu jener Epoche gewiß auch das Verkehrssystem fich zu einem Grade ausgebildet haben, der unendlich viel weniger Stoffbewegnng in Anspruch uähme. Jede Vervollkommuuug, die auf diesem Gebiete Platz greift, befreit schon jetzt von einer Art der Aufzehrung des Metalls, welche den Besitzstand der Menschheit mit am meisten beeinträchtigt. Jede Bewegung eines Geldstückes in der Tasche, in den Händen, auf dem Trausport, setzt dasselbe einer Reibung aus, durch welche kleinste Teilchen sich ablösen und ins Unsichtbare verschwinden. Die verschiedenartigsten Berechnungen und Experimente sind von lange her angestellt worden, um zu veranschlagen, wie viel von der Substanz der Goldmünzen durch diese Reibungen verloren gehe. Die Angaben müssen schon deshalb schwanken, weil jedes Stück seine eigenen Wege läuft und die Strapazen dieser Wege so verschieden sind. Doch so viel kann man ruhig sagen, daß nach etlichen tausend Jahren des — 419 — Umlaufs ei» Goldstück gänzlich aufgerieben sein müßte*). Nun erhellt, daß gerade an dieser Reibung beinahe alles erspart wird, wenn die Goldstücke statt einander reibend sich umherzutreiben, fest in den Vorratskellern liegen und die Arbeit des Umherschweifeus ihren Stellvertretern, den Noten oder gar den bloßen Ziffern, überlassen. Noch größer wird die Ersparnis, wenn, entsprechend dem Gebranch der Banken, die Borräte nicht in geprägtem Metall, sondern in Barren gehalten werden. Denn das Fabrizieren der Münzen führt selbstredend auch stets Zerstörung kleiner Teilchen mit sich, die als Staub abfallen und, trotz aller auf ihre Ansammlung verwendeten Sorgfalt, nicht wiedergefunden werden. Ebenso geht beim Transport von Barren viel weniger durch Reibung als beim Transport von geprägtem Metall verloren. Eine Sendung Kronen, die von Hamburg nach Paris mit der Eisenbahn geht, wird stets um etwas leichter am Totalgewicht daselbst anlangen; wohl verpackte Barren dagegen verlieren so gut wie nichts unterwegs. Mit Ausnahme dessen, was durch Reibung der Münze oder Geräte, namentlich der vergoldeten, und durch Schiffbrüche abhanden kommt, wird mit fortschreitender Kultur immer weniger Edelmetall dem allgemeinen Besitz verloren gehen. In dem Maße, als die Kultur ein Land erobert,, scheucht sie verborgene Schätze aus ihren Verstecken auf und verhindert, daß deren neue angelegt werden. Durch die Angst vor wirklicher oder eingebildeter Gefahr werden noch hente sehr beträchtliche Mengen Gold und Silber iu allen *) Die sorgfältigsten Berechnungen und Beobachtungen haben einen Verlust von Vnw Teil auf das Goldstück gewöhnlicher Dimension., im Jahre ergeben. 27* — 420 — nur denkbaren Schlupfwinkeln zurückgehalten, teils vom lebenden Eigentümer gewußt, teils mit dem Verstorbenen als Geheimnis ins Grab gesenkt. Krieg und Revolution haben selbst bei dem französischen Bauer die Gewohnheit dieses „Hortens" noch in Übung erhalten. In Italien sorgt die Überlieferung aus der Zeit der ewigen Fehden früherer Jahrhunderte, gleich wie das noch nicht ausgerottete Brigantentum dafür, daß viel mehr verscharrt wird, als in Frankreich. Spanien gar, das Land der Guerillas, ist das klassische Land der eingemauerten Töpfe. Den Voraussagungen, welche mit dem Rückgang der Goldausbeute drohen, stellen sich so von selbst Erwägungen gegenüber, welche dem abnehmenden Bedarf des Verkehrs selbst entnommen sind. Auf welche Art von Beobachtungen sich eine glaubwürdigere Wahrscheiulichkeitsberechnung gründen läßt, ob auf solche, die in die Schachte des unerschlossenen Erdreichs einzudringen versuchen, oder auf die, welche den zu Tage liegenden Gang der wirtschaftlichen Entwicklung verfolgen, bleibe dahingestellt. Sollte die eine wie die andere Erwartung sich erfüllen, so wäre damit eine der Hauptbedingungen gedeihlichen Verkehrs gesichert. Die auf Ersparung von Barmitteln gerichtete Tendenz der Zivilisation verlangt ausdrücklich uach einer Ausgleichung in Form verminderter Zufuhr. Wie gut, wenn doch eine solche Wendung bereits eingetreten wäre! Die Wcltgeschäfte haben beinahe von jeher darunter gelitten, daß die neuen Tauschmittel nicht laugsam genug zuflössen. Mit Ausnahme kurzer Zwischenabschnitte sind im Verlauf der großen historischen Entwicklungsperioden die Preise der meisten Dinge fortwährend gestiegen, d. h. der Geldwert ist gesunken, und offenbar infolge der Vermehrung, sei es des Metallgeldes, sei es der Surrogate desselben. Sowohl unser Jahrhundert im allgemeinen als insbesondere die - 421 — jüngsten Zeiten (wenn auch nicht gerade die letztdurchlebten Jahre) haben dies erfahren. Die großen Lager von Gold und Silber, die in verschiedenen Weltteilen seit 1848 erschlossen wurden, haben sehr viel dazu beigetragen, den Preis der Edelmetalle zu drücken; die bereits geschilderten Vervollkommnungen in Handel und Verkehr habeu mitgewirkt: endlich traten hinzn als dritte nach derselben Seite drängende Ursache die Finanzverlegenheiten der meisten Großstaaten. Denn diese sahen sich bewogen, Papiergeld anstelle der klingenden Währung zu setzen und letztere in die wenigen Länder zu treiben, deren Münze noch auf der metallischen Grundlage ruht. Von den sechs großen Staaten, die sich mit Papier behelfen, stehen Frankreich und die Vereinigten Staaten der Rückkehr zur Barzahlung am nächsten. Von den vier anderen, Österreich, Italien, Rußland und Türkei laßt sich durchaus uicht bestimmen, wann und wie die Wiederherstellung eines gesunden Münzwesens zu gewärtigen sei. In Österreich denkt man daran, in Italien redet man davon, in Rußland und der Türkei verbietet die Lage sogar dergleichen schwachen Trost. Unter so bewandten Umständen ist für die nächste Zeit eher die Furcht vor zu starker als zu geringer Goldgewinnung am Platze. Wie die Dinge in hundert oder zweihundert Jahren aussehen mögen, wissen die Götter. Wir Lebenden aber, welche sie um das tägliche Brot bitten, sollten in wohlverstandener Auslegung dieses Wunsches entschieden unser Gebet dahin richten, daß uns vorab nicht zu viel Münzmetall beschert werde. Denn nur wenn der Gang der Zufuhr sich verlangsamt, sind wir sicher, die Preise der wichtigsten Lebensmittel nicht fortwährend steigen zn sehen. Nichts ist heilsamer für den Verkehr als Stetigkeit der Preise in den notwendigsten Dingen. Wenn aber — 422 — die Welt zu wählen gezwungen wäre zwischen der Gefahr einer Verteuerung des Geldes oder dem Gegenteil, so thäte sie gut, sich lieber der Geldverteuerung auszusetzen, d. h. lieber einem Rückgang als einem Steigen der Preise aller Waren. Es ist nicht richtig, zu behaupten, Deutschland habe dem Silber den Stoß versetzt, der es so stark nach unten schleuderte. Und selbst wenn dieser Sturz Deutschlands Werk wäre, so hätte es nur sich beeilt, eine Konjunktur für sich zu verwerten, damit dieselbe nicht zu seinem Schaden von anderen ausschließlich benützt werde. Deutschland hat gerade uoch den letzten günstigen Augenblick benützt, sich vom Silber loszusagen und dem Golde zuzuwenden. Hätte es das nicht gethan, sv würde ein anderer der zahlungsfähigen noch in der Doppelwährung steckenden Großstaaten ihm zuvorgekommen sein, um ihm sein Silber aufzuhalsen und sich selbst die Goldwährung zu sichern; wenigstens müßte der andere Staat so gehandelt haben, wenn er gut beraten gewesen wäre. Vielleicht hätte der ganze lateinische Münzbnnd seinen großen Verlegenheiten auf diese Weise ein Ende gemacht, vielleicht Nordamerika vor uns die Wiederaufnahme der Goldzahlung dekretiert. Inzwischen wären wir Deutschen als die einzig große Nation Europa», bei welcher Silber und Gold als Barzahlung nebcneiuauder gegolten hätten, mit ersterein überschwemmt worden. Zu der Perturbation, die wir durch die rasche Einkassierung der fünf Milliarden selbst uns bereiteten, wäre eine noch viel stärkere gekommen durch die Entwertung unserer metallische!? Valuta. Es ist ein zweifaches Glück, daß wir uns rechtzeitig zum Golde entschlossen haben. Nicht bloß die Zukunft, sondern auch die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart standen dabei auf dem Spiel. Haben wir dadurch deu Anstoß gegeben, daß einige — 423 — andere kleinere Staaten denselben Weg einschlugen, so wird das der Welt im großen und ganzen nur zum Heil gereichen. Die anderen zahlungsfähigen Großstaaten werden, wenn sie über kurz oder lang sich entschließen müssen, diesem Beispiel zu folgen, im gleichen Sinne sich nützlich erweisen. Schon heute ist Silber nicht mehr im vollen Sinne des Wortes das Müuzmetall der herrschenden Nationen. Wäre diese Suspeudierung nicht eingetreten, die Welt hätte schon heute zu viel Münzmaterial, das Geld wäre noch mehr im Preise gesunken, die Preise der meisten Artikel wären stark hinaufgegangen. Allgemeine Verwirrung wäre die Folge gewesen. Die enormen Entdeckungen von Bergwerken und offenen Lagern, die Gold und Silber spenden, find nur dadurch in ihren störenden Wirkungen paralysiert worden, daß das Silber teilweise für Münzzwecke unbrauchbar gemacht wurde. Bei dieser Unbrauchbarmachung mitgewirkt, ja eigentlich den Anstoß dazu gegeben zu haben, gereicht Deutschland zu großem Berdieust. Selbst wenn es wahr wäre, daß es dadurch auch wesentlich zur Wertver- miuderuug des Silbers beigetragen, würde es keine Ursache haben, fich schuldbewußt zu fühlen. III. Kaum siinfundzwauzig Jahre sind vergangen, seitdem die Welt der Geschäfte in Schrecken gesetzt wurde durch den Rus, daß ihr eine Überschwemmung mit Gold drohe. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen waren um die Mitte des Jahrhunderts gleichzeitig die zwei größten Goldlager entdeckt worden, von welchen die Geschichte weiß, das eine im Westen Nord-Amerikas, das andere im Südosteu 424 — Australiens. So gewaltig wie die Ausbeuten der ersten Jahre sind die späteren nicht mehr gewesen, aber noch heute fließen die Schätze im reichen Maße aus den damals erschlossenen Quellen und liefern den Hauptbeitrag zur Befriedigung des Marktes der Edelmetalle. Doch niemand denkt mehr daran, in diesem Zufluß die Gefahr einer Störung zu erblicken. Im Gegenteil: heute tritt ein Forscher auf, der damit droht, daß die Störung aus der Unzulänglichkeit der künftigen Erträgnisse entspringen werde. So wechseln die Gedanken, denen sich gerade die Sachverständigen unter dem Eindruck neuer Erscheinnngen überlassen. Aber uicht blos nach einander, sondern auch zu gleicher Zeit stellen sich die entgegengesetzten Auffassungen ein. Eine Mahnung fürwahr an die, welche, anf die Diagnose der Erdbeschaffenheit gestützt, etwas schnell zu Folgerungen oder gar zu Maßregeln zu schreiten sich versucht fllhleu. Eben da der Wiener Professor uns die Offenbarung der sieben magcreu Kühe verkündet, kommt vom Rheinland her ein praktischer Bergmann, der uns die sieben setten vorführt. Uud sein Bild ist darum gewiß nicht minder der Beachtnng wert, weil es ihm eigentlich gar nicht darauf ankommt, nns zu irgend etwas zn bekehren. Alles, was als Tendenz angesehen werden könnte, liegt ihm fern. Die Reflexionen sind nur ganz beiläufig und absichtslos in den Text gewebt; von Münzpolitik ist mit keinem Wort die Rede. Im neuesten Jahrgang der „Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft" hat Dr. Gustav Wolfs die australischen Goldlager und deren Betrieb in einer sehr umfangreichen und ausführlichen Abhandlung geschildert. Die hundert eng gedruckten Seiten, mit vielen Tabellen und einer Karte Verseheu, sind auch in einer besonderen Ausgabe erschienen. Ein großer Teil der Darstellung beruht aus eigener Wahrnehmung des Ver- - 425 - fassers, welcher anfangs der siebenziger Jahre Neuseeland und später einen Teil von Australien zu bergmännischen Zwecken bereist und mehrfach daselbst Untersuchungen geleitet hat. Sowohl in Neuseeland als in Australien hat er sein Augenmerk vorzugsweise auf die Judustrie der Goldgewinnung gerichtet. Wo er nicht aus eigener Anschauung schöpft, hat er die zahlreichen Monographieen, welche dem Gegenstand gewidmet sind, zu Hilfe gerufen uud zum Teil mit den: nämlichen Material wie Professor Süß gearbeitet. Es verdient noch bemerkt zu werden, daß die Arbeit von Wolff, obgleich etwas später erschienen als das Buch von Süß, in der Verwertung der Zahlen nicht so nah an den heutigen Moment heranrückt wie die Darstellung des letzteren. Das Normaljahr, so zn sagen, des Wolff'fchen Berichtes ist 1871, die Quellen, die er ergänzend benutzt, gehen meistens nicht über 1873 hinaus. Süß erstreckt seine Veobachtuugeu stellenweise ans 1875 und 1876. Da nur aber wisfen, das; in diesen wenigen späteren Jahren kein charakteristischer Umschlag der Dinge zu verzeichnen ist, so darf ruhig angenommen werden, daß die Ansichten von Wolff wegen dieses Zeitunterschiedes nicht an Autorität gegenüber denen von Süß verlieren. Was Süß über den Rückgang der im regelrechten Gangban betriebenen Werke sagt, ist nicht aus der Abnahme des Erzes zn erklären, sondern aus dem Rückgange der Geschäfte; denn in Australien hat er sich nicht minder fühlbar gemacht als in der übrigen Welt; gerade iu den Bergwerksunternehmnngen dieses Erdteils haben die Grüuduugeu eiue große Rolle gespielt. Wie schon angedeutet, sind die beiden Darsteller über die Zukunft des australischen Goldes gerade entgegengesetzter Ansicht. Seiner Gesamtauffasfung gemäß nimmt — 426 — auch in diesem Weltteil Süß einen stetigen Rückgang wahr nnd erwartet in gegebener Zeit ein gänzliches Versiegen. Von dem reichsten der australischen Goldfelder, in Viktoria, heißt es: „die Abnahme der Goldproduktion wird daher wohl der thatsächlichen Verarmung oder Erschöpfung der Lagerstätten und uicht untergeordneten und vorübergehenden Umständen zuzuschreiben sein." In dem besonderen Abschnitt, welchen Süß Australien widmet, ist dies allerdings der einzige scharse Ausspruch: im übrigen begnügt er sich mit Schilderung der Thatsachen und stellenweise läßt er sich sogar zu der Bemerkung herbei, daß einzelne Gebiete noch nicht auf der Höhe ihrer Ergiebigkeit angelangt sein müssen. Wie es nach der Stoffverteilung selbst, welche alle Länder der Erde zu bedenken hatte, nicht anders geschehen konnte, ist der australischen Goldgewinnung im Ganzen ein Kapitel von nur 25 Seiten gewidmet, während Wolff sich nur mit Australien beschäftigt und etwa den achtfachen Raum darauf verwendet. Natürlich beweist dies allem gar nichts für oder gegen die Stoffmenge, welche vom Einen und vom Andern verwertet sein mag. Aber voraussetzend, daß beide Teile mit gleichem Fleiß nnd gleicher Gewissenhaftigkeit gearbeitet nnd geforscht haben, kann billiger Weise die dem einen Gegenstand ausschließlich gewidmete, in allen Einzelheiten breit angelegte Untersnchnng ans ihrem Felde einen höheren Grad von Autorität beanspruchen. Ich gestehe ferner, daß ich in den hier zur Lösung gestellten Fragen lieber dem Bergmann folge, als dem Geologen, und wenn nuu dieser zu dem entgegengesetzten Resultat gelangt, wie jener, wenn aber beide darin einig gehen, daß Australien für die moderne Goldproduktiou das wichtigste Laud ist, so ergiebt sich die Nutzanwendung in der Hauptsache von selbst. Wolff erklärt schon im Eingang seiner Schrift, daß die Gold- — 427 — Produktion Australiens sich vergrößern, dessen Goldbergban sich ausdehnen und heben werde. Im Einzelnen wiederholt er diese Aussage au zahlreichen Stellen. Zwei Gesichtspunkte sind es namentlich, aus welchen im Verlauf der Darstellungen die Grundverschiedenheit in den Schluß- solgerungen unserer beiden Autoren hervortritt. Während Süß, getreu seiner Hypothese über den Ursprung der großen Goldablageruugen, uns auf den Gedanken bringt, daß der im Gang eingeschlossene Goldvorrat sehr gering nnd der regelmäßige Abbau desselben ziemlich hoffnungslos sei, finden wir bei Wolff weder jene Hypothese noch diesen Schluß. Neben der Ausbeute der rasch zu erschöpfendeil Felder oder Seifenlager, welche dem Menschen durch die zerstörende Arbeit der Elemente vor die Füße gelegt wurden, bleibt für den australischen Forscher der auf Gold gerichtete bergmännische Betrieb nicht minder wichtig, wenn nicht noch wichtiger nnd zuknnftsvoller. Gerade da, wo er jene durch die Einwirkung von Wasfer und Luft auf mechanischem Wege angesammelten Vorräte findet, schließt er zurück auf solide Gänge, denen sie entstammen nnd welche dem künftigen Abbau vorbehalten bleiben, wenn das leichtere Werk der Gegenwart sich erschöpst haben wird. Er halt dafür, daß an vielen Stellen die Ausscheidung, der die Felder von Viktoria z. B. ihre Entstehung verdanken, noch immer vor sich geht; und er bekennt sich zn der Ansicht, daß dadurch kein Grund vorliege, gerade in der auf der Oberfläche so goldreichen Region Viktorias an dem großem Gehalt der Tiefen zn zweifeln. Ein zweiter Unterschied springt in die Augen, wo es sich um die Erkennbarkeit der geographischen nnd geologischen Grenzen der Goldgebiete handelt. Aus der Darstellung von Süß bleibt nur der Eindruck, als gebe es — Afrika abgerechnet — so zu sagen hier keine ?krrg. iuooAllitg, mehr. Wolffs Schrift, in- — 428 — dem sie uns an einer ungeheuren Masse und Zahl und Mannigfaltigkeit von Goldlagern vorüberführt, drängt uns schon von selbst die Vorstellung auf, daß es vermessen märe, die Goldlager des australischen Erdteils, deren Existenz vor 30 Jahren noch nicht geahnt wurde, für erschlossen, überschaut und annähernd berechenbar halten zu »vollen. Und ein Blick auf die Spezialkarte, welche die ungeheuren von weiten Goldfeldern übersäeten Distrikte aufwärts des Südostens bis nördlich nach dem Busen von Carpentaria Versinnlicht, muß vollends den Gedanken ausschließen, daß die Arbeit der Pioniere auch nur die Grenze des Reviers abgesteckt habe. Wenn man bedenkt, daß kaum seit einigen Jahrzehnten Spanien den europäischen Bergleuten ungeahnte Schätze von Erz der verschiedensten Gattung speudet, daß die ganze metallurgische Industrie von Deutschland, Großbritannien und Frankreich noch in den letzten Zeiten durch den Betrieb spanischer Minen eine neue Gestalt angenommen hat; wenn man dazu in Betracht zieht, daß gerade diese iberische Halbinsel der ältesten Kultur Europas bekannt und zwar insbesondere als Fundgrube für Metalle bekannt war, — dann ist es wohl erlaubt, Vorsicht zu empfehlen gegenüber einem System von Konjekturen, welches sein Netz über die kaum am Rande erschlossenen 162 000 Quadratmeilen des ozeanischen Weltteils ausspannt. Stellt man die Zahlen aus der Schilderung der verschiedenen Distrikte uach Wolff in einem Überschlage zusammen, so kommt man auf mindestens zehntausend Gänge, welche zum Teil schon jetzt untersucht und nach Horizontalstreckung, wie nach Teufe rentabel befunden sind. Wie Wolff für Australien, so spricht sich der bereits erwähnte Berichterstatter des preußischen Handelsministeriums für die ganze Gebirgsgegend des nordwestlichen Amerika dahin aus, daß das Reich der erzhaltigen Gänge erst mit -- 429 - seinen Umrissen in Sicht getreten nnd noch nicht abzuschätzen sei. Und Letzterer knüpft daran die außerordentlich zutreffende Bemerkung, daß gerade mit dem Versiegen der Schwemmgefildc und dem Wachsen des regelmäßigen Bergbaues ein Zustaud eintrete» werde, wie er dem wahren Bedürfnis des Geldmarktes entspricht: „Daß anch die Goldproduktion voraussichtlich sich vermindern und auf einem mehr oder weniger gleichmüßigen Niveau steheu bleiben wird, ist anzunehmen. Die hohen Ziffern der Jahresproduktion im letztvergangenen Vierteljahrhundert sind auf Rechnung des in Kalifornien, Jdaho, Montana, sowie in Australien gefundenen gediegenen Goldes zu setzen, welches in den losen, leicht aufzubereitenden Ge- birgsmassen stellenweise in sehr ansehnlicher Menge auftrat. Dagegen wird der Wahrscheinlichkeit nach die Gewinnung von Gold aus Erzeu, die iu Gängen oder Lagern auftreten, noch aus lange Zeit hinaus in seitheriger Höhe fortgehen, in Amerika voraussichtlich sich noch steigern. Bei dieser Produktion sind bedeutende Sprünge, sei es nach oben oder nach unten, weniger wahrscheinlich, als bei der Ausbeutung von Gebirgsseifen." (Zeitschrift für Berg- nnd Hüttenwesen im preußischen Staate 1. e.) Könnten wir des Genaueren auf beide Berichte, namentlich auf den Bericht über Australien, eingehen, so würde sich deutlich zeigeu, wie stark die an Ort nnd Stelle vorgenommenen einzelnen Untersuchuugeu Wolffs der zusammenfassenden Übersicht von Süß gegenüber ins Gewicht fallen. Um nnr ein Beispiel zu geben, ist das goldreiche Gebiet von Neu-Südwales zwischen dein 35. und 32 Grad südl. Br. bei Süß ganz im Vorübergehen behandelt, während Wolff aus den daselbst gelegenen Gruben von Hillend am Fuße der Blauen Berge seine in alle Einzelheiten ausgearbeiteten Belege für die reichen Znknuftsaus- - 430 — sichten des betreffenden Reviers schöpft, und diese Ausstellung hat gerade um so mehr Wichtigkeit sür uns, als Wolfs hier mit eigenen Augen gesehen und die spätere Entwickelung der Dinge bis zum Jahre 1875 nach den veröffentlichten Berichten verfolgt hat. Über die Art des Betriebes im ganzen Gebiet von Neu-Südwales erfahren wir aus der Darstellung von Süß soviel: das; fast nur aus den Alluvien Gold gewonnen wurde, daß sast alle größeren Versuche auf den Quarzgängen bis jetzt gescheitert sind. Wolfs hingegen erwähnt als Beleg für seine Auffassung gerade den genannten Bezirk von Hillend und darin „den interessantesten und best ausgeschlossenen dieser Lagergangzüge, welcher sich durch die reichen Gruben am Hawkins-Hügel und dessen nördlicher Verlängerung Tambarora zieht". Er giebt eine ganz genaue Beschreibung der Quarzgänge, der verschiedenen Ergebnisse des regelrechten bergmännischen Betriebes, legt namentlich Gewicht darauf, daß an mehreren Stellen, nachdem die goldhaltigen Mnlden schwach geworden waren, in einem gewissen Abstand nach oben wie nach unten in svlge der „Verwerfung" des Gesteins neue Vorräte zu Tage kamen uud das ganze Lager sich mehr in die Breite und Tiefe erstreckt, als man srüher anzunehmen geneigt schien. Der vorliegenden Schilderung zufolge war hier schon 1871 nach den Hauptrichtuugen hin ein regelmäßiger Abbau im Gang, nnd in einer der beschriebenen Minen wurde, nachdem „in der Gangmasse neben Quarz Pyrit uud Pyrophylit wieder reichlicher aufgetreten waren, im Juli eine zweite Anreicherungszone in etwas größerer Teufe bestimmt erwartet". Bei Süß findet dasselbe Gebiet mit folgenden Worten Erwähnung: „noch im Jahre 1871 fand ein großer Run nach den Tambarora Claims statt, deren Ertrag hauptsächlich die jhohe Ziffer für Neu-Südwales in der Liste der Produktiou von Neu-Südwales erklärt." — 431 — Gewiß ist Süß nach dem Grundplan seines Werkes aus dieser raschen Skizzierung nicht der geringste Vorwurf zu machen. Aber es muß gestattet sein, das Urteil von Wolfs ans Grund seiner schärferen Beleuchtung des Stoffes, von der hier nur ein Beispiel unter vielen gegeben ist, wenigstens zur Nentralisierung des entgegengesetzten anzurufen. Um noch Eines anzusühreu, heißt es, gerade im Anschluß an die hier wiedergegebene Beschreibung, bei Wolfs: „Außer den genannten sind noch andere Lagergangzüge und auch mehrere echte, zum Teil sehr mächtige Gänge vorhanden. Keines dieser Vorkommnisse ist untersucht oder in Betrieb genommen, trotzdem ihr Goldgehalt konstatiert nnd dessen Höhe oft einladend genug ist." Derartige Aussprüche ließen sich in großer Zahl beibringen, wenn es nicht sich von selbst verböte, hier mit allen Einzelheiten einer geologischen Kontroverse aufwarten zu wollen. Genug, daß Wolfs, weit entfernt, die glänzenden Resultate der- ersten Periode und den seitdem eingetretenen Rückschlag zu ignorieren, doch zu dem Schluß gelangt: es steht Australien eine unabsehbare Reihe von stetigen und ergiebigen Gvld- ernten nach Maßgabe der um sich greifenden Forschungen und des verbesserten Betriebs bevor. Er sagt es mit ausdrücklichen Worten: daß die Ausbeute sich dann erst wieder zur Fülle der früheren Jahre erheben werde, „wenn der Abbau der uach Tausenden zählenden Gänge und Lagergänge allgemeiner und energischer als bisher in Angriff genommen wird." Und von Neu-Seeland heißt es (denn auch auf die Inseln setzen sich die Schätze des Festlandes fort): „Trotz der relativ großen Produktion sind bisher nur wenige Gänge an derselben beteiligt, und es läßt sich aus allem, was über die neuseeländischen Lagerstätten bekannt geworden ist, für den Gangbergbau, wenn er in ausgedehnterem Maße und nach guten wirtschaftlichen Grundsätzen betrieben — 432 - witd, eine glänzende Zukunft und eine die jetzige weit übersteigende Gesamtproduktion ohne jeden Optimismus voraussehen." Gerade für den Bezirk Viktoria, welchem die leicht zugänglichen Allnviallageruugen am meisten Erfolge verschafft haben, wird die Vermutung aufgestellt, daß der Gangban eine viel größere Zukunft habe, „weil es gewöhnlich in jedem Goldfelde nur wenige Gänge sind, welche jetzt schon bewirtschaftet werden; das Verhältnis der bebauten Gänge zu der Gesamtzahl der Gänge dürfte in Wirklichkeitch zehn Prozent kaum übersteigen. Es sind wahrscheinlich 90 Prozent von der Gesamtzahl der Gänge noch nicht in Abbau genommen und die in 2881 Quarzgängen vorhandenen Goldmengen warten noch der Gewinnung". Doch genug der Zitate! Sie alle beweisen freilich nicht, daß nach Jahrhunderten noch das edle Metall in unerschöpflichen Strömen hervorquellen wird. Dies zu beweisen möchte überhaupt schwer sein, wie günstig auch immer das Reich der Thatsachen sich dem Augenschein darstelle. Mindestens ebenso schwer aber muß es fallen, den Beweis des Gegenteils zn führen. Allein warum denn uns gerade auf die problematische entfernte Zukunft einrichten ? Allerdings muffen die Lebenden sich auch mit Rücksicht auf ihre Nachkommen einrichten. Denn bekannlich in dem Heute steckt untrennbar schon das Morgen. Daß aber die Pflicht, der Zukunft zu gedenken — dies Wort im ernsten, nicht im übertriebenen Sinne genommen — einen Grund habe, sich wegen Mangels an Gold zu beunruhigen, dies würde die uational-ökonomische Auseiuaudersetzung von Süß nicht darthun, selbst wenn sie in ihren geologischen Voraussetzungen unbestritten dastünde. Was wir von Wolfs erfahren, fügt nur noch ein Übriges hinzu, damit — 433 — Wir uns nicht irre machen lassen. Zu diesem Zwecke allein, nicht um ihn als prinzipiellen Gegner ins Feld zu führen, ist seiner Arbeit hier gedacht worden. Die Abhandlung von Süß ist nicht der erste Versuch, den Gang, welchen die Münzpolitik der zivilisierten Welt genommen hat, zu stauen und nach entgegengesetzter Richtung hin zu treiben. Sie wird auch nicht der letzte sein. Es wäre unnatürlich, sogar unerbaulich, wenn eine so merkwürdige und großartige kulturgeschichtliche Wendung, wie die Bekehrung der Nation zum Monometallismus (um mit Cernnschi-Victor Hugo zu reden) sich unwidersprochen vollzöge. Schon die mit den älteren Einrichtungen verwebten Interessen können nicht verfehlen, sich aus allen Kräften zu widersetzen, und daneben muß liebgewordene Gewohnheit nicht minder wie doktrinäre Anhänglichkeit an alten Lehren festzuhalten versuchen. Wer möchte auch wünschen, daß so gewaltige Neuerungen durchdringen, ohne daß der g.ckvot>n8 äiaboli alle seine Gegengründe erschöpft hätte? nnd nicht blos der aävoeaws cliaboli, sondern auch der Romantiker, welcher die schönen Zeiten beklagt, da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia? Solch ein Schlußakkord ist es, in welchen die Stimme des österreichischen Warners ausklingt. Es ist die Pflicht des höher entwickelten Westens, so etwa heißt es da, nicht die Münze fallen zu lassen, deren Silberklang bis zu den äußersten Pforten der Sonne, zu den anderen Erdenbrüdern spricht, oder um es mit des Autors eigenen Worten wiederzugeben: „Auch gegen die Gefahren der Überproduktion giebt es nur ein naturgemäßes und friedliches Mittel, nnd das ist die Vermehrung der Zahl der Konsumenten. Das zivilisierende Vordringen des Levantiner-Thalers am Tsad- See und am Venus, der Rupee in den Quellgebieten der lndwlg Baml'ergcr's Gks, Schriften, IV. — 434 — großen indischen Flüsse und des amerikanischen Thalers in China, sie zeigen die Wege, welche dem neuen Silber mit allen Kräften sollen angewiesen werden. Eine Generation der weißen Rasse, welche sich in so hohem Grade znm Herrn der Erde gemacht hat, welche die schwersten und edelsten Metalle in so großem Maße der Erde entnimmt, erhält dadurch nicht nur die moralische Verpflichtung, sonder« zugleich die wirtschaftliche Nötigung, die anderen Rassen zu derselben Lebhaftigkeit des Verkehrs, zu denselben Bedürfnissen und durch diese, soweit es thunlich ist, zu demselben Bewußtseiu menschlicher Würde und höherer Lebensziele zu führen. „Nun weiß ich allerdings, daß es ein anderes ist, solche Verpflichtungen auszusprechen, und ein anderes, sie ausgeführt zu sehen. In einer Schrift jedoch, in welcher die Freigebigkeit der Natur, allerdings auch ihre Grenze, besprochen wird, ziemt es sich Wohl, zu erinnern, daß dieser Reichtum erst dann dem bevorzugten Zweige der Menschheit zum Vorteile wird, wenn dieser sich aufrichtig zum Vermittler dieser Schätze mit deu minder glücklichen Stämmen hergiebt. Nicht darum haudelt es sich so sehr, daß dieser oder jener Kirche eine Anzahl von Proselyten zugeführt wird, sondern darum, daß den fremden Völkerschaften gegenüber jene ersten Grundsätze thatsächlich und unbeirrt befolgt werden, welche jeder Religion gemein sind. Die Aufgabe ist es nicht, durch die Überlegenheit unserer Waffen tiefer stehende Nationen niederzuwerfen und auszubeuten, sondern vielmehr jene geistigen und materiellen Berührungspunkte aufzusuchen und zu Pflegen, welche zwischen Menschen und Menschen niemals ganz und gar fehlen, mögen diese auch ihrem Bildungsgrade nach einander noch so ferne stehen. „Sv wie das Herz Blut aufnimmt und abgiebt, muß — 435 — Europa empfangen und geben; nur das Gegenteil jener Bestrebungen, welche die heutigen Zustände benützcu möchten, um sich des Goldes zu bemächtigen und den anderen Weltteilen entwertetes Silber zu lassen, kann eine glückliche Zukunft begründen, und England selbst wird mit der Zeit immer deutlicher die Schädlichkeit seiner exklusiven Währung fühlen. Aus diesen Gründen ist die Eröffnung jeder großen Weltstraße, der Durchstich einer Landenge, jeder neue aufrichtig gemeinte Handelstraktat, darum ist die erleuchtete Politik, welche der erste Haudelsstaat der Erde dem Sklavenhandel, so wie jene, welche er den mohammedanischen Stämmen gegenüber befolgt, eiu Schritt in der Erfüllung dieser Pflichten, zugleich eiu wirksamer Schritt gegen die Überflutung mit Edelmetall und eine Genug- thnnng für den Menschenfreund." Wer dem Schwung der schönen Phantasie folgen und diese Gedanken weiterspinnen wollte, könnte, anknüpfend an die Warnung vor dem engherzigen Monometallismus Albions, eine artige Parallele zu der historischen Figur des Romantikers auf dem Throne der Cüsaren durchführen. In einer an dessen Widerstand gegen den aus Judäa importierten Christenglauben erinnernden Anwandlung wird hier das auserwählte Volk Englands, welchem die Wahrheiten der Staatswirtschaft vor allen anderen Erdenbewohnern offenbart worden, bekämpft, und es wird beklagt, daß dessen monometallistische Religion jetzt den schönen bi- oder poly- mctallistischen Kultus aus der Welt zu verdrängen sucht! Doch auch der interessante, sympathische, heldenmütige Julianus vermochte es nicht. Der große Pan war tot, und die entzauberte Welt mußte sich in die eintönige monotheistische Anschauung fügen, welche von Galiläa ans verbreitet wurde. Was allen Freunden der Doppelwährung als charakte- 28» ristischer Zug gemeinsam ist, vom guten seligen Wolowski bis auf den Vorkämpfer, mit dessen so ueuen als glänzenden Waffen wir hier Bekanntschaft gemacht haben: das ist die Verschlossenheit des Blicks für das Wirken der elementaren Kräfte, für das Ungemachte, Unfreiwillige in der Entwicklung dieser Dinge. Wer sie hört, könnte meinen: bloß die Erfindung einseitig reflektierender Köpfe habe einen Teil der Welt dahin gebracht, in die große Neuerung einzutreten. Für den Anstoß, für den Drang und Zwang der gegebenen und mehr uud mehr sich ergebenden Verhältnisse sind sie so zu sagen blind. Aus demselben Grunde meinen sie auch, man könne, was geschehen ist, wieder zurückdekretieren und dem Weg der Verkehrsgesittung durch irgend ein ökumenisches Konzil der Nationen seine Bahnen vorschreiben. Das Vorbild gelehrter Historiker, welche die verschiedenen Rassen vor ihr Tvtengericht laden — die Germanen znm Leben rufend, die Romanen zum Untergang verdammend — hat nichts Verführerisches. Doch muß es immerhin gestattet sein, gewisse vorherrschende Züge im Charakter ganzer Nationalitätsgruppen zu erkennen. Die Anschauung, welche im Aufban der menschlichen Gesellschaft mit Vorliebe das Überlegte, Gcwollte, Gemachte wahrnimmt und daher auch durchsetzen zu sollen vermeint, ist dem französierten Geiste eigentümlich und übt deswegen den größten Reiz auf diejenigen anderen Nationen ans, welche den Spuren des französischen Geistes gerne folgen. Es verdient nicht unbemerkt zu bleiben, daß die Idee einer auf künstlichem Übereinkommen basierten Weltmünze von Paris aus gerade durch einen französierten Polen und einen französierten Italiener am eifrigsten umhergetragen worden. Daß dieselbe Idee nunmehr auch in Wieu einen neuen Borkämpfer gefunden, daß auch Stimmeu iu deu Niederlanden sich dafür erheben, wollen Nur weniger auf dieselbe Bewandtnis zurückführen als auf das natürliche Verlangen, für ernste Verlegenheiten einen Haltpunkt in mächtige» Verbündeten zu suche«. Nicht so sehr wie Österreich durch seine Finanzlage überhaupt, aber immerhin noch sehr fühlbar ist den Niederlanden durch ihre ausschließlich in Silber zahlenden Kolonien der Übergang zu gesunder Münzverfassung erschwert. Was Nordamerika betrifft, so spielen hier andere Dinge mit. Giebt es da schon langst die Partei der sogenannten Jnslationisten, welche für Papiergeld schwärmen, mit dem Wahlspruch: „Je mehr, d. h. je schlechteres Geld, desto besser", so schuf die Entdeckung der großen Silberminen des Westens ein nenes Interesse, welches nun für das Silbergeld eintritt und als ein Mittelding zwischen der frivolen Papierwährung und der strengen Goldwährung die Gleichberechtigung der beiden Metalle durchzusetzen bemüht ist. Aber wie mundgerecht es immer den Interessierten gelingen möge, ihre Vorschläge zuzubereiten, erst im Moment der letzten Fertigstellung wird die ganze Schwierigkeit der Sache sich geltend machen. Schon jetzt heißt es, man molle nicht das alte gegenseitige Wertverhältnis des Goldes zum Silber (m Nordamerika 15,99 zu 1), sondern ein neues der Wertvermindernng des Silbers entsprechendes der neuen Doppelwährung zu Grunde legen. Aber eben da mau sich anschickte, hier eine bestimmte Zahl auszusprechen, würde klar werden, daß man damit nichts Anderes thäte, als dem Zustande eines vorübergehenden Augenblicks eine für alle Zeiten bindende Formel zu entlehnen. Denn wer bürgt, nach allen Schwankungen, denen wir seit fünf Jahren beigewohnt, dafür, daß gerade das am Tage des Gesetzes geltende Wcrtverhältnis auch das der Zukunft sein werde? Und ist es dies nicht, warum gerade die eine Zahl nehmen und nicht jede beliebige andere? Mau wird — 438 — nmsoinehr vor Feststellung eines neuen Wertverhültuisses zurückschrecken, als die europäischen Doppelwährungsstaaten ihrerseits noch gar nicht daran denken, solche neue Wertansätze einzuführen. Sollte sich nun gar die eben auftauchende Nachricht bestätigen, daß im alten Wunderlande Potosi uach deutlichen Anzeichen neue Schätze aufgefunden worden, und dem Silbermarkt ein nener gewaltiger Zuschuß bevorsteht, so wird auch Nordamerika sich zweimal besinnen, ehe es den Lalto invrkalö zurück in die Silberwährung unternimmt. Denn — und das ist das große entscheidende Wort, das regelmüßig überhört wird — nicht im Mehr des Silbers oder im Weniger des Goldes, das heute oder morgen ins Land strömt, liegt die Ursache, welche der Gleichberechtigung des Silbers ein Ende gemacht hat, sondern in der Thatsache der immer kürzer und heftiger gewordenen Schwankungen des ehemals festen Wertverhältnisses. Dieses ist zerstört auf unberechenbare Zeit. Sie ist dahin, die schöne Eintracht, in der beide Metalle in gegenseitigem Vertrauen friedvoll nebeneinander und miteinander lebten; sie ist zerstört die schöne Welt; kein Hexenmeister kann sie wieder herauf beschwören; und wie herrlich immer man uns die messianischen Zeiten male, in denen das Lamm weiden werde neben dem Tiger: jeder Versuch, die beiden Metalle im festen, dauernden, gleichberechtigten Wertverhältnis nebeneinander einzusetzen, muß zu Schanden werden uud kann nur damit enden, daß das eme dem anderen zum Opfer fällt.