Gesammelte Schriften von Ludwig Bamberger. Vand V. Berlin Rosenbaum 6c ^c>7. politische Schrift von bis MZ. Aon Luöwig Vamöerger. Berlin Rosenbaum 6c Hart 5897. Inhaltsverzeichnis. Seit- Deutschtum und Judcntuin................ 1 Die Sezession...................... 39 I. Sonst und jetzt................. 52 II. Ursachen und Wirkungen............. 60 III. Die Trennung................. 85 IV. Die Kompromiszpoliür.............. 94 V. Die wirtschaftlichen Gegensätze........... 110 Die Kunst, sein Glück beim Zoll zu machen......... 135 Geht die Welt besseren Zeiten entgegen?........... 159 Warum esse ich?.................... 173 Kaisertum und Reichstag................. 187 National........................ 203 Die Reichsbank..................... 227 Der wunde Punkt.................... 239 Die deutsche Tagesprcsse................. 277 Über Kompromisse.................... 301 Zum Jahrestag der Entlassung Bismarcks.......... 317 Marseillaise und Afrikalotterie............... 355 Silber......................... 371 I. Deutschland................... 373 II. Die Münzreform in Österreich........... 383 IH. Nordamerika................... 393 Die Krisis in Deutschland und der deutsche Kaiser....... 417 Deutschtum und Judentum. Ludivig Vambergcr's Gl's, Schriften^ V. 1 Vorbemerkung io hier nachfolgende Abhandlung ist zuerst in der Monatsschrift „Unsere Zeit", Mo, Heft 2, und dann als Scparatabdruck in Leipzig bei Lrockhaus erschienen. Den nächsten Anstoß dazu hatte ein Artikel von Treitschke im Novemberheft der „Preußischen Jahrbücher" ^379 gegeben. Man kann auch heute noch daran festhalten, daß die heftige Parteinahme des hochstehenden Akademikers und Historikers, der damals allmählich aufgekommenen, aber noch nicht stark und weitverbreiteten antisemitischen Bewegung sehr wirksamen Vorschub geleistet hat, wie es in dieser Schrift vorausgesehen ward. Treitschke hat übrigens, wenn auch nicht iu besonderen Abhandlungen, doch durch Einstreuung in seine deutsche Geschichte und mehr noch in seine Vorlesungen dieselbe Richtung bis zu seinem Lude weiter verfolgt und das Seinige zur Verschärfung der Gegensätze, zunächst im Studentenlcben, beigetragen. Der Gang der Dinge, wie er in den seit jenen Anfängen verflossenen anderthalb Jahrzehnten in Deutschlands öffentliches Leben eingedrungen ist, giebt keinen Anlaß, von den damals darüber angestellten Betrachtungen etwas zurückzunehmen. In einem Punkt allerdings ist eine gewisse Verschiebung eingetreten. Deutschland steht mit dieser Erscheinung nicht mehr so isoliert und stark im Gegensatz zu einigen anderen Nationen wie bei Beginn dieser Polemik. Auch in Frankreich, das zu jener Zeit noch unbe- 1» — 4 — rührt war, ist eine zwar kleine, aber laute antiseinitische Partei und Presse erstanden. nen sonst vorwerfen, daß hier und da Juden Goethe, Fichte und Luther oder deutsche Eigentümlichkeiten scharf getadelt haben? Weiß er nicht, daß Luther, Goethe, Fichte — und wer nicht? — von Deutschen aufs bitterste augegriffen worden sind? War Nieolai, war Kotzebue, war der Judenhasser Wolfgang Meuzel, waren alle jene „Philisterpfaffen", welche lange vor Borne durch ihre Polemik dein greisen Goethe das Leben zu verbittern suchten, etwa Juden? War der Judeuhasser Schopenhauer, der über Hegel »ud Fichte und die „Lobesassekuranzgesellschaften der deutschen Professoren" endlose Ströme des Hasses und der — 1-^ — Verachtung ausgosz, ein Jude? War der Bischof Ketteler, welcher erklärte, daß das deutsche Volk durch Luthers Reformation das Gewissen eingebüßt habe, ein Jude? Ist Richard Wagner, welcher nicht zugeben kann, daß Felix Mendelssohn ein deutscher Komponist gewesen sei, ein Jude? Ist der Judenhasser Dühring, welcher einen Helmholtz anzuschwärzen sucht, ein Jude? Leider, leider! ist die Geringschätzung deutscher Dinge, die Herabwürdigung und Verfolgung der besten deutschen Männer ein Charakterzug, welcher sprichwörtlich vorgeworfen wird Der frommen deutschen Nation, Die sich erst recht erhaben fühlt, Wenn all ihr Würdiges ist verspielt. (Goethe.) Die herbe Kritik deutschen Wesens, deutscher Persönlichkeiten einigen Juden besonders anzurechnen, beweist, daß man sie eben nur als Geduldete, die das Gastrecht verletzen, ansieht, und ganz folgerichtig hält ihnen Treitschke dieses Unrecht auch als besonderen Undank vor gegen das Land, das „sie schütze und schirme". Solcher unmittelbaren Empfindung kam dann das politische Bedürfnis des Augenblicks entgegen, und für beide war die Gelegenheit, einander in die Hände zn arbeiten, eine sehr willkommene. Der Aufsatz, an dessen Schluß die Judenfrage behandelt wird, richtet seine Spitze gegen den Liberalismus. Sind schon die Juden von jeher liberal gewesen, so ist insbesondere einer der hervorragendsten Führer jenes parlamentarischen Liberalismus, der bei Herrn von Treitschke eben in Ungnade steht, ein Jude. Der Angriff gegen die Juden ist nur eine Diversion im heutigen großen Feldzuge gegen den Liberalismus, und ohne Zweifel hat dieser Zusammenhang das Seiinge dazu beigetragen, Herrn von Treitschke — — auf dies Gebiet zu führen. Er behauptet, die Erregung gegen die Jndcn sei so groß, daß bei der Breslauer Wahl Laster ihr Opfer geworden sei. In Wahrheit aber verhält sich die Sache, wie jeder Kenner der lokalen Verhältnisse weiß, umgekehrt. Laster wurde als der Mann des linken Flügels der Nationalliberalen bekämpft, nnd an die judenfeindlichen Traditionen wnrde nur appelliert, um die Gegnerschaft zu vermehren. Ein gut Teil des Zorns gegen die Juden kommt allerdings daher, daß sie liberal gesinnt sind. Das müssen sie sich schon gefallen lassen. Sie haben in deutschen Parlamenten von jeher auf den Bänken der Linken gesessen. Nur zwei jüdische Abgeordnete früherer Reichstage saßen auf der Rechten, Dr. Strousberg uud Herr von Rothschild, vermutlich, weil sie verzeihlicherweise als Fürstlichkeiten der Finanz dies ihrer Stellung innerhalb der Aristokratie schuldig zu sein glaubten. Und eudlich viel mächtiger noch als durch das momentane taktische Bedürfnis wird Herr von Treitschke durch den Grundzug seines ganzen seelischen Wesens in dies Treiben mit hineingezogen. ES gab immer nnd überall und es giebt zur Zeit in Deutschland besonders viele Schwärmer, die den Feuereifer für ihr eigenes Ideal nicht wirksamer schüren zu können vermeinen, als indem sie alles andere geringschätzen oder hassen. Gerade der Kultus der Nationalität trägt diese Versuchung mehr als jeder andere in sich und artet leicht dahin auS, deu Haß gegen andere Nationen znm Kennzeichen echter Gesinnung zn machen. Von diesem Haß gegen das Fremdartige jenseit der Grenze bis zum Haß gegen das, was sich etwa noch als fremdartig in der eigenen Heimat ausfindig machen läßt, ist nur ein Schritt. Je mehr Haß, desto mehr Tugend! Wo der Nationalhaß nach außen seine Schranke findet, wird der Feldzug nach innen eröffnet. Je enger der Zirkel der Be- — 14 — keimer gezogen werden kann, desto reiner lodert die Flamme auf dem Altar. Trcitschke selbst kann nicht umhin, daran zu erinnern, daß die Judenverfolgungen von 1819 mit dem Teutonismus zusammenhingen. Von jeher haben die Versuche, Scheidungen im Innern eines Landes herzustellen, mit Vorliebe an die Rechte der Geburt angeknüpft. Vor Jahren tauchte in Nordamerika eine Partei auf, welche sich die der „Nativisten" nannte. Es war zur Zeit, als die bereits länger Angesiedelten glaubten, dem Strom der Einwanderung Schwierigkeiten entgegensetzen zu müssen. Nur der auf amerikanischem Boden Geborene sollte das volle Bürgerrecht erwerben können. Je weniger Billigkeit und Vernunft einem Verlangen zu Grunde liegt, desto mehr scheut es logische Erörterung, destomehr zieht es vor, sich auf nackte Gewalt zu stützen. Daher nannten sich die Vertreter des Nativis- mus auch „L^iiov-iiotllrriAs^, d. h. Nichtswisser, Leute, die von schwächlichen Betrachtungen des Rechtes und der Moral und von allem Denken und Wissen, woraus diese geschöpft werden, nichts hören wollen; und um die „Nichtswisser" bildete sich eine Garde, welche man „üo-vväiks" nannte, wüste Gesellen, welche kein Argument als das des Revolvers und des Totschlägers anerkennen. Ist es nicht eine Art von Nativismus, der jetzt gegen die deutschen Juden gleich als neue Ankömmlinge gepredigt wird? Sonderbar! In derselben Abhandlung, deren Schluß der Exkurs gegen die Juden bildet, findet Herr von Treitschke auch Gelegenheit, sich mißbilligend gegen das falsche Idol der „Philanthropie" und „Bildung" und mit Behagen über die Agitation zu Gunsten der Prügel auszusprechen. Doch mit dem Nativismns im streng amerikanischen Sinne ist gegen die deutschen Juden nichts anzusaugen. Auf der deutschen Scholle sitzen sie, seitdem Deutschland in die Geschichte eingetreten ist. Ihre Einwanderung am Rhein und an der Donau sührt auf die Römerzeiten und den Beginn der christlichen Aera zurück, und selbst die Komik des mauschelnden Kauderwelsch beruht teilweise darauf, daß es alt- und mittelhochdeutsche Worte am Leben erhalten hat, wie denn auch die uns etwas grotesk klingenden Tiervornamen Bär, Wolf, Hirsch n. s. w. im christlich deutscheu Mittelalter eingebürgert waren. Die Absonderung nahm ihren schlimmen Charakter mit den grausamen Verfolgungen, den Plündereien und Schlächtereien an, welche seit den Kreuzzügeu um sich griffen, nachdem der einmal entzündete fromme Eifer feine Nutzanwendung auch auf die Häuser der Juden gefunden hatte. So groß auch die Rolle ist, welche Stammesgemeinschaft im Ringen der Nationalitäten sich heute zuteilt, so wird sich doch niemand zu der Absurdität verirren, daß die heute bestehenden nationalen Großstaaten nach dem Grundsatz absoluter Rasseneinheit Purifiziert werden sollten. Alle zivilisierten Nationen sind vielmehr bekanntlich aus verschiedeneu Volksstämmeu gebildet und haben gerade in solcher Assimilation ihre Stärke bekundet und gefunden. Nun gar aber das Kriegsgeschrei gegen die „Semiten" datiert, wie das Wort selbst andeutet, erst aus allerneuester Zeit. Es ist noch nicht lange her, daß dieser Ausdruck iu der Sprache der landläufigen Bildung eingebürgert ist, daß die Popularisieruug der linguistischen Studien und die daraus hervorgegangene Bekanntschaft mit der Einteilung der Idiome das von den meisten kaum verstandene Wort in Umlauf gesetzt hat. Ganz bezeichnend für den Ausgangspunkt der heutigen Bewegung gegen die Juden holte sie ihr Stichwort aus den Abfällen der physiologischen und — 16 — linguistischen Wissenschaft, welche der lernbegierigen Leserwelt zugetragen werden. Doch in der That ist alle Mühe dabei verloren; denn es läßt sich in der Wirklichkeit des Lebens mit dieser Rassennnterscheidung gar nichts anfangen. Sie ward eben erst zur Hilfe gerufen, als es nicht mehr anging, die Ungleichheit des Rechtes auf das religiöse Bekenntnis zu stützen. Aber Ersatz für dieses greifbare und ehrliche Scheidemittel kann das schwächliche Surrogat nicht liefern. Getauft oder uugetauft, das hat Sinn und Kraft; semitisch oder germanisch ist nicht zu brauchen, ohne die Getauften mit den Ungetansten zn treffen. Herr von Treitschke denkt nicht daran, die Rechtsungleichheit auf die Verschiedenheit des Bekenntnisses zu gründen. Wie wäre das auch möglich, nachdem soeben der Berliner Kongreß, unter dem Vorsitze des deutschen Reichskanzlers, den Grundsatz der Gleichberechtigung der Bekenntnisse in so feierlicher und zwingender Weise proklamiert hat, wie es noch nie vorher in der Welt geschehen war! Der von den Großmächten verkündete Fundamentalartikel des modernen Rechtes wurde der neuen rumänischen Selbst- ständigkeit als Vorbedingung zu Gruude gelegt. Aber eben diese Unmöglichkeit einer Rechtsverweigerung auf Grund der Religion drängt bei uns den Kampf immer wieder von neuem auf das physiologische Gebiet der Rassenungleichheit hinüber, obgleich Deutschland, welches die Ansprüche der Rassengleichheit auf eigenem Boden im Pan- slawismus zu bekämpfen hat, sich wahrlich nicht wird einfallen lassen, auch seine Bürger slawischer Abstammung aussondern zu wollen. Und wenn auch ausschließlich gegen die Juden das Rassenprinzip angerufen werden soll, gegen die Asiaten, wie heute die Rede geht, d. h. wenn — o vergessene Wiege des Menschengeschlechts! — eine Scheidelinie gezogen werden soll zwischen den Juden kleinasiatischer — 17 — und den Jndogermanen großasiatischer Herkunft, die sich zu dem aus Kleinasien gekommenen Christentum bekennen: wie in aller Welt soll die Praxis sich mit dieser Weisheit zurechtfinden? Auf Grund dieser Demarkationslinie wären alle als Kinder getauften oder später zum Christentum übergetretenen Juden, ferner die von getauften jüdischen Eltern oder Großeltern stammenden Christen dem Interdikt verfallen. Treitschke selbst führt die ungetauften Riesfer und Veit in einer Linie mit dem getauften Felix Mendelssohn als deutsche Juden an. Was meint er zu Stahl, dem Stifter der Schule, an welche sich die christlich-germanischen Hochkonservativen anlehnen? Was zu Neander? Von den Lebenden will ich Niemand nennen, um Niemand unbequem zu sein. Und wie ist es mit den Abkömmlingen der bereits sehr zahlreichen Mischehen? Wenn die Rassenproskription nach nordamerikanischem Vorbilde gegen die Semiten angewendet werden sollte, so müßte auch das Halbblut ausgestoßen werden. Damit kämen wir schon bis in die höhern Chargen der Armee, von welchen bis jetzt zwar die Söhne, nicht aber, natürlich nur unter gewissen Bedingungen, die Schwiegersöhne Sems fern gehalten werden. Warum doch sich mit all diesen fadenscheinigen Vorwänden quälen! Gestehen wir es uns ehrlich: wir haben es mit einer alten, von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrhunderten fortgezeugten Antipathie zu thun, die, zu einer naturalistischen Thatsache geworden, in Vielen auch die stärkste Logik nicht gegen die Macht der Gewohnheit aufkommen läßt. Wer es erklären sollte, brauchte nicht um die Gründe verlegen zu sein; nur müßte man ihm Zeit lassen, die halbe Weltgeschichte zu Hilfe zu nehmen. Im Wesentlichen entsprang das Mißgefühl aus dem Gegensatz der Glaubensbekenntnisse, deren jedes sich für das wahre, das allein berechtigte hielt. Seitdem die Konfessionen Ludwig Bambcrgers Ges. Schriften, V. 2 — 18 — angefangen haben zu lernen, daß es im Hause Gottes der Wohnungen viele giebt, ist die religiöse Antipathie bestimmt, zu verschwinden. Der Rassengegensatz wird ein etwas zäheres Leben fristen, aber auch ihn werden dereinst Bildung und Humanität überwinden, denn nicht allezeit werden, wie gegenwärtig, Bildung und Humanität ans Kreuz geschlagen sein. Bis dahin muß man aber mit der unumstößlichen Thatsache eines sich über sich selbst unklaren Gefühls rechnen. In eine unumstößliche Thatsache fügt man sich, schon weil man muß, wogegen Scheingründe, die ihr ein besonderes Rechtsgewand umhängen sollen, nur die Betroffenen irritieren. Wenn Jemand sagt: ich kann nun einmal die Juden nicht ausstehen, so läßt sich gar nicht mehr mit ihm rechten. Giebt es doch auch für gebildete Menschen kaum ein größeres Vergnügen als das, ihren Vorurteilen zu fröhuen! Die Denkenden unter den deutschen Juden sind mit allem dem so vertraut, daß sie nicht weiter darüber grollen, außer wenn die unreflektierte Empfindung auch ihr unmittelbares Gefühl wach ruft. Sie kennen und schätzen ihre deutschen Landsleute zu sehr, um nicht zu verstehen, warum gerade in ihnen das Widerstreben sich am stärksten auSsPricht und am unliebenswürdigsten zu Tage tritt. Und wenn sie etwa selbst einen Teil der Schuld daran tragen, daß es ihnen in Deutschland bis auf diesen Tag schlechter geht als anderwärts — warum sollten sie nicht auch dazu mitgethan haben? — je nun, so sind es wahrscheinlich auch deutsche Unarten, die ihnen zur Last fallen. Denn mit keinem Volke haben sie sich auch nur entfernt so eng zusammengelebt, man könnte sagen, identifiziert, wie mit den Deutschen. Sie sind germanisiert nicht bloß auf deutschem Boden, sondern weit über Deutschlands Grenze hinaus. Das ist einer der Punkte, in denen sich Herr von Treitschke, wie ihm inzwischen schon von andern nachgewiesen worden — 19 — ist, besonders stark geirrt hat. Auch die Juden Frankreichs, Hollands, Englands sind nicht, wie er behauptet, zum größern Teil Reste der spanischen und portugiesischen Ausgetriebenen, sondern aus Deutschland eingewandert; ihr Jargon, wo sie überhaupt einen solchen sprechen, ist mit deutschen Wörtern versetzt. Die europäischen Juden sind mit keiner Sprache so verwachsen wie mit der deutschen, und wer Sprache sagt, sagt Geist. Treitschke sieht in den vom Osten her zuwandernden „hosenverkaufenden polnischen Jünglingen" eine ernste Gefahr. Man denkt bei seiner Schilderung an eine hereindringende Flut, etwa wie die der Chinesen in Kalifornien. Möchte er uns nicht einige statistische Zahlen darüber aus den letzten Jahren geben? Bei seiner gar leicht generalisierenden Darstellungsweise liegt die Besorgnis nahe, die Angabe könnte auf der Beobachtung einiger häufiger gewordenen Zudringlichkeiten an der Ecke der Behren- und Friedrich- ftraße beruhen. Und ist es gewiß, daß diese „Polen" aus Russisch- und nicht aus Preußisch-Polen kommen? Wenn aus dem Preußischen, mit welchem Recht behandelt der bittere Gegner des polnischen Nationalwiderstandes die Bewohner der Provinz Posen als Ausländer? Und noch dazu deutschredende? Was sagen wir deutschredende? Hat nicht von jeher das jüdische Element in Posen mit Recht als ein germanisierendes gegolten? Haben nicht meistens die Juden mit den Deutschen zusammen gewählt? In eben dem Artikel, welcher die Juden das „Unglück" Deutschlands nennt, hält Herr von Treitschke den Russen ihre Verstimmung gegen die deutsche Politik vor. Dabei hätte er sich denn füglich erinnern dürfen, daß die russischen Treitschke — ich will sagen, die Katkow und Aksakow, die Deutschen für das „Unglück" Rußlands erklären. Und indem sie es thun, behängen auch sie nur althergebrachte 2* Vorurteile und Leidenschaften mit dem prunkenden Flitter der patriotischen Phrase. Bekanntlich nährt das nationale und orthodoxe Russentum von jeher einen grimmigen Haß gegen die deutschen „Heiden". Schon in den Stürmen der Reformation überschritt eine große Anzahl bedürftiger Deutscher die russische Westgrenze und gedieh in dem „heiligen" Rußland durch Geschicklichkeit, Fleiß und Mäßigkeit. Das russische Volk mußte diese Vorzüge der „Eindringlinge" anerkennen, verabscheute sie aber darum nur erst recht. Seit jenen Zeiten ist die Anklage gegen die Deutschen, „daß sie die nationale Religion zu Grunde richten und die Reichtümer des Landes in ihre Hand bringen", eine stehende geblieben im Munde des gemeinen Mannes, und neuerdings wird sie von den mehr oder minder gelehrten Moskauer Panslawisten mit einem ungeheuern Aufwand? wohlfeiler sittlicher Entrüstung und wohlfeilen wissenschaftlichen Brimboriums wiederholt. So wenig in Rußland tüchtige, fleißige, umsichtige und sparsame Russen durch die Deutschen gehindert werden, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen und zu Bildung und Wohlstand zu gelangen, so wenig verhindert das Gedeihen der jüdischen Deutschen das Gedeihen der christlichen Deutschen. Und so gewiß die Thätigkeit und der Erwerb der in Rußland angesiedelten Deutschen der russischen Kultur im Ganzen zu Gute kommt, so gewiß gereicht die geistige und die wirtschaftliche Arbeit der deutschen Juden dem deutschen Staate und der deutschen Gesellschaft zum Vorteil. Herr von Treitschke, der sich sonst immer zu gesunden wirtschaftlichen Prinzipien bekannt hat, wird hoffentlich nicht auch der jetzt allerdings wieder in Mode kommenden plumpen Wahnvorstellung Zugeständnisse machen wollen, wonach diejenigen, welche durch ihre Arbeit Geld erwerben, nicht die Gesellschaft durch ihre Dienstleistungen um ebenso viel bereichern, sondern sie nur aus- — 21 — beuten. Gewiß, wo der Betrieb bestimmter Gewerkszweige vorzugsweise bestimmten Kreisen zufällt, läßt sich vermuten, daß diese Kreise durch besondere Geschicklichkeit dazu qualifiziert seien, aber auch daß sie eben dadurch sich um das Gemeinwesen besonders verdient machen. Wenn es wahr sein sollte, daß die Juden zu gewissen Thätigkeiten mehr Anlage hätten als die Germanen, so sollten die letztern, statt darüber Eifersucht zu empfinden, des Rates, den Goethe giebt, eingedenk sein: Seh' ich an andern große Eigenschaften Und wollen die an mir auch hasten, So werd' ich sie in Liebe pflegen, Geht's nicht, so thu' ich was andres dagegen. Bedenkt man, durch welche besonderen Härten den Juden das Leben in Deutschland schwer gemacht worden ist und zum Teil noch schwer gemacht wird, und wie sie dennoch zu allen Zeiten sich in Deutschland behaupteten, so wird man zu der Vermutung gedrängt, daß gemeinsame Berührungspunkte im Grundcharakter es bewirkt haben müssen, Deutschland und deutsches Wesen besonders anziehend für die Juden wie auch die Juden zur Ergänzung des deutschen Wesens besonders nützlich zu machen. Aber neben dem, was sie gegenseitig anzieht, giebt es auch wieder so manches, was die einen von den andern abstößt. Eine Mischung von heterogenen und verwandten Geisteseigenschaften: das ist gerade der Stoff, aus welchem die intimen Feindschaften gebraut werden. So wohl auch hier. Das Gemeinsame ist der spiritualistische Grundzug: Juden und Deutsche sind zweifelsohne die beiden spiritualistischsten Nationen aller Zeiten und Länder. Das Christlich-Germanische ist keine bloße Erfindung teutonisierender Pietisten und Professoren. Vermöge ihrer besondern Anlage waren die Deutschen am besten geartet, die spiritualistischen An- — 22 — schauungen des Judentums, nachdem diese durch die christliche Fortbildung der Nationalität entkleidet worden, in sich aufzunehmen. Auch die unfrommen Philosophen von Voltaire bis auf Arnold Rüge haben ganz wie die altrömischen Heiden in dem Christentum nichts anderes erblicken wollen als eine besondere Form des Judentums, und im „Nazarener- tum" das spiritualistische Prinzip bekämpft. Die Neigung zu abstraktem Denken, eine der begleitenden Ursachen der spiritualistischen Lebensanschauung, ist in Juden und Deutschen am stärksten ausgeprägt. Die spekulative Philosophie Spinoza's ist nirgends so tief aufgefaßt und verehrt worden wie in Deutschland, und wenn es erlaubt ist, Namen von so verschiedenem Werte nebeneinander zu nennen: niemals hätten in einem andern Lande die beiden philosophierenden Sozialisten Marx und Lassalle solchen Anhang gewonnen. Auch die kosmopolitische Anlage, welche mit der Fähigkeit, sich vom Gegebenen loszureißen, innig zusammenhängt, ist beiden Teilen gemeinsam. Deutsche und Juden finden sich am leichtesten in fremde Sitten, Sprachen und Anschauungen hinein. Ja, beide besitzen das Geheimnis der Spekulation, wie im philosophischen, so auch im kaufmännischen Sinne, wie denn das Wort nicht bloß durch äußern Zufall die beiden Verstandesoperationen, die philosophische und die merkantile, mit der gleichen tiefbegründeten Bezeichnung deckt. Die Deutschen sind die vorzüglichsten Kaufleute der Welt; wer die deutschen Kaufleute im Auslande bis in den fernsten Osten hinein beobachtet, muß zugeben, daß da, wo nicht die Armseligkeit der Kleinstaaterei, der Junker-, Beamten- und Gelehrtenhochmut sie herabdrückt, sie unerreicht dastehen; in den Hansestädten sind die Reste der ehemaligen Überlegenheit auch auf deutschem Boden erhalten. Der Angriff gegen die „Händler" im Allgemeinen war die logische Einleitung des Feldzugs gegen die Juden. — 23 — Aber neben den Zügen merkwürdiger Geistesverwandtschaft treten wieder andere hervor, die beide Teile scharf von einander scheiden. Bedächtiges, feierliches, andächtiges, ernstes, gehorsames Wesen sticht ab gegen einen wundersam beweglichen, sarkastischen, skeptischen, undisziplinierbaren Geist. Heinrich Heine, den man zu nennen nie unterlassen kann, wo von Deutschtum im Verhältnis zum Judentum die Rede ist, und mit welchem Börne nur von den Oberflächlichsten zusammen genannt wird, Heine ist der unsterbliche Ausdruck jener sonderbaren Mischung deutscher Gedankentiefe und Empfindungsfülle mit dem schnellblütigen, kecken, bis zur Frivolität gesteigerten Humor des jüdischen Ingeniums. So deutsch war er, daß er der deutschen Sprache einen reichen Schatz aus eigener Schöpfung hinterlassen konnte, so deutsch, daß er mit Recht der letzte der Romantiker genannt worden ist; so deutsch, daß er nur dem größten Meister in jener besondern deutschen Dichtungsweise nachsteht, die wir. mit einem den andern Nationen in diesem Sinne nicht geläufigen Ausdruck, Lyrik nennen; so deutsch, daß er es unter seinen Landsleuten nicht aushalten und doch nicht einen Augenblick aufhören konnte, mit ihnen und für sie denkend und dichtend zu leben. Aber die beißende, ätzende, schillernde Geistreichigkeit, mit welcher er dem deutschen Hang zur nationalen Selbstkritik sich hingab, war eine fremdartige Zuthat, die ihm bei Gerechten und Ungerechten viel Feindschaft zuzog, vor allem bei den falschen Biedermännern, die dem ganz undeutschen Chauvinismus das deutsche Bürgerrecht erteilt und den freien humanen wahrhaftigen Geist unserer klassischen Litteratur proskribiert haben. Bespricht man in unsern Tagen die Judenfrage in Deutschland, so kann man an dem Namen Lasker nicht schweigend vorübergehen, so wenig man auch von den Lebenden mit gleicher Rückhaltslosigkeit wie von den Toten — 24 — zu reden Lust hat. Es war vorauszusehen, daß die stille Verwunderung über die führende Stellung, welche ein Jude im neuen deutschen Parlamentarismus einnahm, früher oder später laut werden und ihren Rückschlag haben mußte, wie es jetzt geschehen ist. Aber nur die größte Oberflächlichkeit kann verkennen, daß ein Mann nicht diese Rolle in der freien Kunst der Politik so lange behaupten kann, ohne die herrschenden Züge aus dem Geist der Nation in sich aufgenommen zu haben. Man könnte die Philosophie der Geschichte von Laskers Laufbahn nicht schreiben, ohne sich an die Philosophie der jüngsten deutschen Geschichte zu macheu. In den Grundzügen seines Charakters ist er das Gegenstück zu Heine. Dort das maliziöse und frivole, genießende Weltkind, hier der von etwas unweltlichem Optimismus augehauchte, ernste, im Gerüche der Aseese steheude Idealist. Als es dem großeu Realisten Bismarck gelungen war, die deutsche Politik aus der Welt deutscher Abstraktion auf den konkreten Boden der Macht zu stellen, zog er den idealistischen Drang der Nation nach großer Gestaltung uud großen gesetzgeberischen Zielen in die Dienste seines gewaltigen Beginnens. Das war die Blütezeit Laskers, der mit den glänzendsten Waffen jüdischer Dialektik für den deutschen Idealismus eintrat und sich wegen dieser seiner, dem Realismus geleisteten, Heerfolge mit dem abstrakten Berliner Radikalismus entzweite. Aber im Verlauf der Dinge schieden sich die beiden Elemente wieder von einander, und die fortentwickelte Realpolitik des Kanzlers kehrte sich gegen seinen idealistischen Bundesgenossen, in welchem er die aus dieser Auseinandersetzung sich absondernde Fülle „sittlicher Entrüstung" als eine auf allen seinen Wegen ihm entgegensprudelnde Quelle unleidlicher Behinderung bekämpfen zu muffen glaubte. Natürlich siegte der Realist, und seine überwältigende Macht zog die Mehrheit der Nation so unwiderstehlich hinter sich her, daß dieselbe dem Unterliegenden gerade jene etwas abstrakte sittliche Entrüstung, die ihm einst ihren begeisterten Zuruf eingebracht, zum Vorwurf machte. Eben den Leuten, welche jetzt ihn am wildesten anfallen, hat er zuerst das Stichwort geliefert, welches sie jetzt gegen ihn, als den hervorstechendsten seiner Stammesgenossen, ausbeuten. Wenn die „hosenverkaufenden Jünglinge" ihre Kinder und Enkel wieder zu Verkäufern alter Hosen erzögen, so würde der Jammer über die Eindringlinge lange nicht so groß geworden sein. Aber diese Kinder und Enkel reißen sich vom niedrigen Gewerbe los, ergeben sich dem ehrbaren Handel, der Industrie, der Kunst und — was von allem das Schlimmste — der Wissenschaft. Und da sie mit ungewöhnlichem Lerntriebe eine sichtbare Eile, das Versäumte nachzuholen, verbinden, so bewerben sie sich — man sagt in verhältnismäßig auffallender Zahl — auch um akademische und richterliche Ämter. Ob sie nun wirklich in so schreiend großer Zahl erscheinen, oder ob nur das Ungewohnte ihres Erscheinens in Funktionen, von denen sie bis vor kurzem systematisch fern gehalten wurden, diesen Eindruck hervorbringe: sicher ist, daß die Rekrudescenz der Gehässigkeiten mit diesen Dingen eng zusammenhängt. Aber wie nun einmal die Sachen in Deutschland liegen, dürfen die Juden selbst sich nicht Wundern noch erzürnen, daß diese Erscheinungen Anstoß und Bedenken erregen. Von welchen Ursachen immer die Antipathie herrühre, einerlei ob sie auf guten oder schlechten Gründen beruhe, man muß einräumen, und darin spricht Herr von Treitschke wahr: die Gleichheit des Rechtes ist in Deutschland wohl für den Verstand, aber noch nicht für das unmittelbare Gefühl durchgedrungen, und man könnte, den Gedanken noch weiter verfolgend, leicht nachweisen, wie die kaum vollzogene Emanzipation — 26 — der deutschen Nation selbst auch die Hindernisse erklärt, mit welchen die Emanzipation der Juden zu kämpfen hat. Endlich muß man noch zugeben, daß die Erinnerung an den alten festgewurzelten Gegensatz sich durch vielerlei, manchmal ans Groteske streifende Äußerlichkeiten wach erhält, sodaß mit der Zumutung plötzlichen Vergessens von der menschlichen Natur in der That viel verlangt wird. Steht doch selbst ein Nebensächliches, wie ihre Talentlosigkeit für das Trinken, den Juden in manchen kameradschaftlichen Verhältnissen, und nicht gerade der niedrigsten Kategorie, entgegen. So mischt sich Großes mit Kleinem, um die alte Missre juug zu erhalten. Wenn Herr von Treitschke recht hätte mit der Behauptung, daß die Juden anderer Länder bessere Patrioten wären als die deutschen, so läge gewiß keine Art der Erklärung dafür näher, als daß diesen eben noch auf Schritt und Tritt immer von neuem die Vorstellung eingetränkt wird: ihr seid nur Deutsche zweiter Klasse. Kein Beruf ist enger verwandt mit dem lebendigen Gefühl fürs Vaterland als derjenige der Waffen. Wie muß es in die Seele eines Jünglings schneiden, der mit Aufopferung und Ehre sein Blut auf dem Schlachtfelde vergossen hat, und dann erfährt, daß er um seines Blutes willen nicht würdig befnnden werde, dem Offizierkorps anzugehören! Wäre es wahr, was entschieden zu bestreiken ist, daß die deutschen Juden nicht von Herzen deutsch wären, man müßte die Gründe nicht in ihnen suchen. Mittelbar giebt Treitschke dieses zu, indem er gewissermaßen zur Entschuldigung deutscher Abneigung anführt, daß die Juden in Deutschland zahlreicher seien als in den andern westlichen Staaten. Aber in einzelnen Teilen Frankreichs wohnen die Juden ebenso kompakt zusammen als bei uns, ohne daß der Geist der Gehässigkeit sich breit machte wie — 27 — bei uns. In Paris leben 35 000 Juden, nicht spanischer oder portugiesischer, sondern zum allergrößten Teil deutscher Herkunft; und obschon diejenige Gruppe, welche man dort gemeinhin als „Lauchs g,11srQg.ii6orwni8ro.s" und wird 99 - dort dem weiland tou tru-isux Gambetta an den Kopf geworfen. So weit sind wir nun aber im politischen Denken schon gekommen, daß die Vernünftigkeit der Kompromisse zu einem Gemeinplatz geworden ist und daß die Heiligen, welche lieber Hungers sterben, als sich einen Deut an der Barzahlung ihrer prinzipiellen Forderungen abziehen lassen, wenig Nachahmer finden. Man hat auch längst herausgebracht, daß solche unerbittliche heilige Gläubiger in der Regel mehr vom Hunger der Anderen leben, als am eigenen sterben. Das Kompromiß ist gar kein besonderes Kapitel aus der Politik, sondern eine berechtigte Eigentümlichkeit des gesamten Daseins in der „groß und kleinen Welt". Kompromiß ist bewußter oder unbewußter Ausgleich im Widerspiel der Kräfte, und durch diesen Ausgleich allein erhält sich das Gleichgewicht der Welt und die Fortdauer des Lebens. Nur wir armen Menschen haben uns wegen dieser Kompromisse von Anfang bis zu Ende unseres gequälten Daseins die Köpfe zu zerbrechen, während Sonne, Mond und Sterne, wenigstens so weit wirs wissen können, die Sache, ohne nachzudenken und ohne gescholten zu werden, mit sich selbst und untereinander abmachen. Die Frage kann also in richtiger Begrenzung nur so gestellt werden: nach welchen Regeln man Kompromisse schließen solle? Giebt es solche Regeln? Der Weg sie zu finden zeigt sich von selbst, sobald man die Natur der Sache erfaßt hat. Weuu das Kompromiß nichts anderes ist, als der Ausgleich der vorhandenen Kräfte, so wird das richtige Verfahren ohne jeden Zweifel von der richtigen Mesfung der auszugleichenden Kräfte abhängig zn machen sein. Jeder der beiden Teile wird sich Rechenschaft zu geben haben von der Gefahr, die er läuft, wenn er im Parallelogramm 7* — 100 — der Kräfte die Diagonale mehr nach seiner Seite ziehen will, als die Stärke der Gegenkraft gestattet. Mit anderen Worten: Ein richtiges Kompromiß wird nur von dem abgeschlossen, welcher seine eigene Kraft nnd die des Gegenparts weder unter- noch überschätzt. Daher siud Illusionäre geborene Feinde der Kompromisse ; denn zu ihrer Natur gehört es, sich selbst mehr und andern weniger zuzutrauen, als sachlich gerechtfertigt ist. Es giebt Radikale, deneu es überhaupt nur darauf ankommt, ihr Dogma zu vertreten, ohne Ausgleich mit der Wirklichkeit. Andere lassen wohl mit sich reden, verzichten nicht auf die Wirklichkeit, leben aber in Täuschung über die ihneu uud ihren Ideen zu Gebote steheude Macht und Anhängerschaft. Selbstverständlich haben wir es hier nur mit diesem gemäßigten Radikalismus zu thun. Indem derselbe mit der nationalliberalen Partei wegen der von ihr mit der Reichsregierung, d. h. mit dem Kanzler abgeschlossenen Kompromisse, jahraus jahrein haderte, konnte ihm in seinen eigenen Augen vernünftigerweise kein anderer Gedanke dazu die Berechtigung geben, als daß ein weitergehendes Verlangen in jedem einzelnen Fall schließlich auch durchzusetzen gewesen wäre. Wonach aber hatte jeder der mit einander verhandelnden Teile die Aussichten zu bemessen, die sich ihm bei längerem Widerstand eröffnen würden? Mit anderen Worten: wo war die Kraft zu suchen, von der es abhing, ob der eine oder der andere recht behalten sollte? Doch offenbar im Volk, in den Wählern. Die Liberalen mußten, um nicht nachzugeben, von der Überzeugung ausgehen, daß, sei es bei einer Auflösung, sei es bei der regelmäßigen Erneuerung des Reichstags, eine erhebliche Verstärkung ihnen Recht geben würde. Der Reichskanzler ging bei seinem Widerstand von der entgegengesetzten Wahrscheinlichkeitsberechnung aus. Wer Hütte nun richtiger — 101 — gerechnet, wenn es schon bei früheren Anlässen als bei den Attentaten zur Entscheidung gekommen wäre? Welcher Verlaß war auf die deutschen Wähler für die Sache des Liberalismus im Widerstreit mit dem Kanzler? Wir wollen hier die Frage nicht eingehender beantworten, indem wir die tieferen und dauernden Eigenschaften des Nolkscharakters einer näheren Prüfung unterziehen. Es genügt hier auszusprechen, daß schwerlich Jemand sich zu der Behauptung versteigen wird, die Energie des Liberalismus habe sich in den letzte» drei Jahren großer erwiesen, als die liberalen Politiker von ihm erwarteten. Nicht sowohl die freisinnige als überhaupt die politische Regsamkeit uud Schwungkraft des deutschen Nolkes ist in den letzten Jahren hinter sehr bescheidenen Erwartungen zurückgeblieben. Es hat sich den Glanben und die Freude an sich selbst nehmen lassen nnd Jedem, der es an sich irre machen wollte, Gehör geliehen. In deutlicher Erkeuutuis oder miudesteus im richtigen Gefühl dieses Standes der Dinge haben bei den bekannten Anlässen die Natiouallibernlen sich gehütet, den Bogen all- znstraff anzuspannen. Sie hätten einen verhängnisvollen Irrtum begangen, wenn sie in optimistischer Hoffnung auf bessere Zeiten die Erledigung der wichtigsten Gesetzgebungsarbeiten, welche die eigentliche Aufgabe der ersten norddeutschen und deutschen Reichstagssessionen bildeten, aus unbestimmte Frist hinausschoben. Es galt vielmehr, deu iu den ersten Jahren auch vou obeu wehenden liberalen Hauch zu positiven Gesetzen zu verwerten. Wer die deutsche Nation uud ihreu Lenker einigermaßen richtig beurteilte, durfte dabei dem Morgen nichts überlassen, was er dem Heute abgewinnen konnte, denn dem Morgen war entschieden zu mißtrauen. Wer doch konnte den Fürsten Bismarck für einen Mann von liberalen Neigungen halten? Das höchste, worauf sich rechnen ließ, war seine Neutralität, uud auch — 102 — diese war nur gesichert, so lange nicht die Versuchung an ihn herantrat, sich mit einer anderen Richtung einzulassen. Und was die Nation selbst angeht, so begnügen wir uns, die Thatsachen reden zu lassen. Kein neuer Aufschwung, sondern eher die Erschlaffung des liberalen Sinnes war fürs erste zu gewärtigen. Wenn auch der nunmehr eingetretene Umschlag den Bau der in jenen Jahren errichteten Gesetzgebung wieder in den meisten Teilen erschüttert und bedroht, so wird doch ein Teil des Zustandegebrachten immerhin verschont bleiben und selbst was zerstört wird, als einmal Dagewesenes seineu Wert für die Entwickelung der Nation behalten. Wie viele Vorwürfe würde man aber sich zu machen haben, wenn man jene ersten besseren Jahre in resuttatlosen Kämpfen hätte verstreichen lassen, wenn die hereinbrechende Reaktion die Bahn frei und alles unfertig gefunden hätte? Die Voraussetzung, daß in jenen bekannten Meinnngskonflikten über die mehr oder weniger liberale Ausstattung der großen Gesetze der Kanzler einem schärferen Widerstand nachgegeben hätte, beruht auf einer doppelten Verkennung der in Rechnung kommenden Faktoren. Diese Voraussetzung irrt sowohl, indem sie dem Kanzler eine Überschätzung der politischen Widerstandskraft der Nation zutraut, als indem sie ihm ein Interesse an dem Zustandekommen einzelner organischer Gesetze unterlegt, groß genug, daß er sich dadurch zu weitgehenden Konzessionen hätte bestimmen lassen. Beides ist falsch. Die Gesetzgebungsgeschichte der letzten dreizehn Jahre weist schlagend nach, wie die Spannkraft der Nation allmählich nachließ, und wie der Kanzler, dies deutlich fühlend, seines Erfolges immer sicherer wurde. Einer der vielen leidigen Verwechslungen von Ursache und Wirkung ist auch die stereotyp gewordene Anklage entsprungen, daß die Schwäche der Fraktion unvorteilhafte Kompromisse verschuldet hätte. In Wahrheit hat sich die- — 103 — selbe nicht täuschen wollen über die Kampflust der Armee, die hinter ihr stand, und es war ein Glück, daß sie nicht so verblendet war, die kurz bemessene Frist der günstigen Konstellation in unfruchtbaren Anläufen vorübergehen zu lassen. Ja, man wird den bedächtigeren und hellsehenden Männern unter den Radikalen selbst eher etwas Gutes als etwas Schlimmes nachsagen, wenn man die Vermutung ausspricht, daß sie dem Zustandekommen großer organischer Gesetze nur darum so unerschütterlich ihr beharrliches Nein entgegensetzten, weil sie sich wohl bewußt waren, das Zustandekommen dadurch nicht zu hindern. Im Verlaß auf die Majorität, von der sie überstimmt würden, konnten sie sich den Luxus dieser „schönen Rolle" gönnen, welche ja auch ihre gute Seite hat. Die Kompromittierenden nahmen dafür die Vorwürfe auf sich, ohne den Beweggrund verraten zu dürfen, welcher sie zum Nachgeben bestimmte. Denn sie Hütten sich, ihren Wühlern und ihrer Sache, einen schlimmen Dienst geleistet, wenn sie laut gesagt hätten, welchen Erwägungen man Gehör geben müsse. Es gehörte eben, wie so oft im Leben, zum stillen Martyrium der Pflichterfüllung, daß mau sich als Schwächling für das Verhalten ausschelten ließ, welches auf der Stärke der Überzeugung nnd Hingebung beruhte. Was wäre beispielsweise aus der so wichtigen Justizgesetzgebung geworden, wenn sie nicht noch eben vor der Attentatsperiode und deren Ausuützung zum Abschluß gekommen wäre? Glaubt ein halbwegs verständiger Mensch, dem Kanzler sei die Einführung einer Prozeßgesetzgebnng für das Reich so ans Herz gewachsen, daß er lieber seine Antipathien gegen gewisse Bestimmungen verwuuden, als das Zustandekommen des Gesetzes um eine Session verschoben Hütte? Und wenn diese Verschiebung eingetreten, inzwischen aber die Dezimierung der liberalen Abgeordneten, wie geschehen, ins Werk gesetzt worden wäre? Welches — 104 — würde die Folge gewesen sein? Hätte man in der neuen Session bessere Aussichten gehabt? Oder hätte nicht das Ganze auf dem Spiel gestanden? Und wie mit den Justizgesetzen, so verhielt es sich mit allen anderen. Je länger mit der Fertigstellung organischer Neichseinrichtungen gezögert wurde, desto näher rückte der Zeitpunkt, in dem sie gar nicht mehr oder nur »och in höchst fragwürdiger Gestalt zu erledigen waren. In diesen Verhältnissen uud in ihnen allein liegt die Erklärnng der Kompromißpolitik. So lange es möglich war, noch etwas zum Aufbau der einheitlichen und auf modernen Anschauungen beruhenden Gesetzgebung beizutragen, mußte mau mit dem bestmöglichen Vergleich abschließen, und man dnrfte sich immer weniger auf hartnäckiges Feilschen verlegen, je näher sichtlich der Zeitpuukt des Umschlags in der obersten Leitung uud iu der Zusammensetzung des Parlaments heranrückte, lind man mußte zumal im einzelnen Fall sich fragen, welches Interesse die leitende Politik selbst an dem Zustandekommen des Gesetzes nehme, um danach zu bemessen, auf welche äußerste Kraftprobe des liberalen Widerstandes man es könnte ankommen lassen. Bei einer Kontroverse über einzelne Artikel eines Militürgesetzes dnrfte man fchon den Bogen etwas straff anspannen, bei einem Streit über Justizgesetze viel weniger. Heute aber, nachdem in der Reichsgesetzgebung die Steuerung vollständig gedreht und ihre Richtung direkt auf Umkehr genommen hat, ist allerdings kein vernünftiger Grund mehr zum Abschließen von Kompromissen vorhanden. Die Beteiliguug an der Zerstörungsarbeit hat keinen Sinn. Derselbe Grund, welcher dafür sprach, durch Kompromisse die aufwärts führende Bewegung in Gang zu halten, spricht dagegen, die abwärts rollende durch Kompromisse zu fördern. — 105 — Übrigens fehlt auf diesem Weg auch jede Gelegenheit zu Kompromissen. Die Politik des Kanzlers hat, seit sie 1877 den Rückweg angetreten, noch nie das Bedürfnis gefühlt, von den Liberalen gegen ein Ansinnen der Reaktion unterstützt zu werden. Vielmehr konnte man in den letzten Jahren sicher sein, für Angriffe auf den Geist der Gesetzgebung der ersten Periode stets eine sympathische Stimmung vorzufinden. Von Kompromissen also, die einen Teil des früher Geschaffenen retten sollen, analog zu den Kompromissen, welche ehedem das Wünschenswerte schaffen halsen, ist gar keine Rede. Der Kanzler hat sich eine sichere Majorität verschafft, welche ihrer innersten Neigung nach für jede Wiederbeseitigung von Reichsinstitntiouen zu brauchen wäre; bis jetzt hat er nicht das Bedürfnis gezeigt, den Thatendrang dieser Majorität zu dämpfen. Wenn er heute eine Mehrheit haben wollte, um das ganze Reich und sich selbst zu beseitigen, er könnte sie auf der Rechten und im Zentrum finden, und nur, weil ihm gewiß nicht einfällt, Dienste dieser Art von ihnen zu verlaugeu, begnügen sie sich einstweilen mit der Vorbereitung und erwarten das Übrige von der Zukunft. Wo hellte au die Liberalen noch das Ansinnen gestellt wird, sie möchten eine Strecke weit mit dem Kanzler zusammengehen, geschieht es nicht, um etwas von der freisinnigen Gesetzgebung in Kompromissen mit der Reaktion zu retten, sondern um Begleitung zu haben auf einigen Etappen, wo die Reaktionsverbündeten, insbesondere die Mitglieder des Zentrums, den Geleitsdienst zu teuer verkaufen wollen. Diesen Etappendienst ans dem rückwärts führenden Weg verlangt man von den Liberalen. Sie sollen ritterlich beistehen, damit man an der nächsten Station, unter ihrem Schutz angekommen, auch mit ihren Gegnern nach Bedürfnis wieder gemeine Sache machen könne. Und nur mit einer solchen Begriffsverwirrung verträgt es sich, daß der Ruf nach Bildung einer „konservativ-liberalen" Partei ergehen konnte. Nichts zeigt deutlicher als diese Wortverkuppelung, wie gering man bei uns dermalen von dem Beruf politischer Parteien denkt. Nur in einer Zeit, wo nian Menschen, Gesinnungen und Einrichtungen nach einem andern Maßstab als dem ihres inneren Wertes mißt und allein die Unterwerfung unter das jeweilige Kommandowort für berechtigt erklärt, konnte die merkwürdige Verbrüderung der beiden Gegensätze erfunden werden. Aber freilich steht noch ein anderes Wort zu Gebote, mit welchem solche Wunder schon lange verrichtet werden. Es heißt „national". Wenn schon jede Industrie, welche Unterstützung verlangt, allen Widerspruch aus dem Felde schlägt dadurch, daß sie ihre Interessen „nationale" nennt, wie viel mehr müssen politische Verhaltungsregeln für unanfechtbar gelten, sobald sie als die ausschließlich nationalen angepriesen werden. Je lauter die nationale Lärmtrommel gerührt wird, desto vorsichtiger muß man prüfen, ob es nicht gilt, die Stimme der Vernunft zu übertönen. Bedeutet doch auch jener an das Herz appellierende Aufruf zur Bildung einer konservativ-liberalen Partei ganz einfach die Unterwerfung der Liberalen unter die Konservativen! Zu dem Vorwurf, den man von jeher den Nationalliberalen wegen ihrer Kompromisse gemacht hat, gesellt sich nenerdings ein zweiter: nämlich, daß sie den leitenden Staatsmann allzu rückhaltlos unterstützt und daß sie darum es nur sich selbst zuzuschreiben hätten, wenn die Autorität dieses Namens jetzt sich gegen sie selbst wendet. Offen gestanden, ist dieser Vorwnrf nicht so ganz unverdient wie jener erste, und wer ehrlich mit sich ins Gericht gehen will, 107 muß einräumen, daß in diesem Punkt diejenige liberale Richtung, welche, auch wo sie zustimmend sich anschloß, stets ausdrückliche Vorbehalte gegen die Persönlichkeit des Kanzlers gemacht hat, jetzt sich in der vorteilhafteren Lage befindet. Nur darf man hierbei eines nicht vergessen. Jede politische Auffassung behält einmal recht, wenn sie nur lange genug wartet, denn bei der Wandelbarkeit und Un- vollkommenheit menschlicher Dinge kann mit der Länge der Zeit jedes Heil zum Unsegen, jedes Unheil zum Segen ausschlagen. Wer beharrlich nein sagt, mag sicher sein, daß, wenn er es nur erlebt, einmal der Moment kommen wird, wo er wird ausrufen können: „Hab' ich es nicht gesagt?" Während des französischen Krieges schrieb Karl Vogt aus Genf an Friedrich Kolb nach München: Sowie der Friede gemacht sei, werde Bismarck mit Kettcler Freundschaft schließen zu einem Bündnis zwischen Feudalen und Ultramontanen. Acht Jahre lang schien das eine Prophezeiung zum Lachen. Heute würde sie schon niemand mehr belachenswert finden, viele meinen sogar, daß die Prophezeiung auf dem besten Weg sei sich zn erfüllen. Wenn Ketteler noch lebte, wer weiß, ob er nicht schon abgeschlossen hätte, wo Windt- horst noch zögert? Kann man darum sagen, daß die Prophezeiung eine richtige war? Zählen die acht vorausgegangenen Jahre nicht? Wenn auch jene Pessimistische Auffassuug schließlich recht behielte, so wäre es doch falsch gewesen, sich gegen die Bismarck'sche Politik des Jahres 1870 verneinend zu verhalten, wie jener wohlfeile Pessimismus that. Was man aber von ihm lernen kann, ist, bei Zeiten auch an die entferntere Gefahr zu denken, die mit dem Politischen Heroenkultus ein für allemal verbunden ist. Es werden freilich derlei Warnungen immer wenig fruchten, weil man sich gegen sie nicht mit Vorbedacht, sondern im Instinkt des Augenblicks versündigt. Bei Anwendung aller — 108 — gewaltig eingreifenden Werkzeuge ist ja Vorsicht geboten, denn mit ihrer größeren Wirksamkeit Pflegt größere Gefährlichkeit untrennbar verbunden zu sein. Aber im Augenblick entscheidenden Handelns tritt eben die Vorsicht zurück hinter den Drang der That, welche nicht zweien Herren dienen kann. Es war nicht nur verzeihlich, es war jeder Berechnung nach sogar unerläßlich, alle Hebel anzusetzen, um einen gewissen volkstümlichen Widerstand gegen die Politik des Jahres 1866, namentlich in Süddentschland, zu brechen; und darum sinden wir auch gerade in Süddeutschland, wo von dem Glanz des Namens Bismarck in diesem Kampf der ausgiebigste Gebrauch gemacht worden ist, als dauernde Nachwirkung die Autorität des Namens am meisten befestigt. Nichts ist leichter zu fassen als ein Name; Gedanken uud Begriffe aber sind so leicht zu trüben und zu verwirren, daß sie stets Gefahr laufen zu unterliegen, wenn ihnen ein bewährter Name entgegentritt. Es bedarf erst langer, schwerer Erfahrungen und Enttäuschungen, bis der allmählich weichende Nimbus der Unbefangenheit Platz macht, welche die Sachen selbst zu ihrem Rechte kommen läßt. Aber wie dem anch sei, man kann der Fortschrittspartei die Genugtuung nicht versagen, daß die von Anbeginn an beobachtete Vorsicht ihr die Bahn frei' erhalten hat für die Aufgaben des heutigen Tages. Hier ist an den Nationalliberalen die Reihe, einzugestehen, daß sie einer Illusion gedient haben, die ihnen jetzt Schwierigkeiten im eigenen Lager bereitet, der Illusion nämlich, daß ihnen nie wieder der Name Bismarck an der Spitze derjenigen gegenübertreten könne, zu deren Bekämpfung Bismarck einst ihre ganze Unterstützung aufgeboten hatte. Wägen wir die Dinge so von beiden Seiten ab, so stellt sich ohne Zwang der Gedanke ein, daß schließlich jede der beiden liberalen Schattierungen ihre besondere Aufgabe — 109 — hatte, daß aber der Weg beider jetzt wieder in eine und dieselbe Straße zusammenführt. Mögen die einen sich rühmen, daß ohne ihre vorsichtig bemessene Haltung niemals Jahre hindurch der Grundbau des Reichs hätte fortgesetzt und zu einiger Widerstandsfähigkeit gebracht werden können, so mögen die anderen sich rühnien, daß ihr Vorbehalt gegen die Übertreibung einer einzigen Autorität jetzt es erleichtert, diesen Bau vor der Zerstörung zu bewahren, von der er unter Anrufung derselben Autorität bedroht erscheint. Es wäre müßig darüber zu streiten, welche der beiden Richtungen die besseren Dienste geleistet habe. Allerdings mnßte das Bauen vorausgehen, damit das Verteidigen des Erbanten folgen konnte. Zu dieser Verteidigung und Erhaltung des Erbauten aber haben beide die gleiche Stellung zu nehmen. V. Die wirtschaftlichen Gegensätze. ^nter den Gegensätzen, deren Unverträglichkeit schließlich zum Bruch zwischen den Mitgliedern der nationalliberalen Fraktion führen mußte, hat bekanntlich der von Freihandel und Schutzzoll nicht am wenigsten zu diesem Ausgang mitgewirkt. Dennoch ist gerade diesem Gegensatz am lebhaftesten das Recht bestritten worden, eine solche trennende Wirkung auf eine politische Partei auszuübeu. Man hat sich namentlich daraus berufen, daß keine der beiden wirtschaftlichen Ansichten einseitig für die freisinnige oder deren Gegenteil erklärt werden könne, und ferner darauf, daß noch in den letzten Jahren derselbe Gegensatz im Schoße der Partei als zulässig angesehen, ja im Wahlprogramm des Jahres 1878 ausdrücklich als vorhanden und erlaubt dargestellt worden war. Diese scheinbar treffenden Einwände bewegen sich aber nur auf der Oberfläche der Dinge. Es giebt keine liberale Partei, welche die Mitgliedschaft bloß davon abhängig machen kann, ob jemand in die Rubrik „freisinnig" gehöre oder nicht. Man könnte sonst ebenso gut behaupten, auch entschiedene Anhänger des sozialdemokratischen Programms seien in jeder liberalen Partei an ihrem Platz. Von Bebel und Liebknecht wird niemand sagen können, daß sie nicht freisinnig seien, und doch wird — 111 — niemand behaupten, eine liberale Partei müßte ihnen selbstverständlich Zutritt lassen. Ein gewisses Maß von Freisinnigkeit ist Grundbedingung für die Mitgliedschaft in einer liberalen Partei, aber die Freisinnigkeit allein genügt durchaus nicht zur Übereinstimmung in einem Verband, der sich mit allen Lebensfragen des Staatswesens zu befassen hat. Wenn die Freiheit zu den höchsten Gütern gehört, so decken „frei" und „gut" sich noch durchaus nicht vollständig, und mit dieser einfachen Definition ist um so weniger durchzukommen, als bekanntlich, wie alle Menschen sich für gut, so alle Parteien sich für freisinnig halten. Das Problem der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft steht aber in der heutigen Entwicklung des Völkerlebens so sehr im Mittelpunkt aller politischen Thätigkeit, daß es immer unausführbarer wird, wichtige Fragen zu entscheiden, ohne auf dieses Gebiet zurückzugeheu. Besonders aber wird für uns Deutsche die Frage, was gut und was nicht gut sei, immer weniger gelöst werden können ohne entschiedene Parteinahme für die eine oder die andere der beiden wirtschaftlichen Anschauungen. Ob den Anhängern der wirtschaftlichen Unfreiheit ernstlich der Nachweis gelingen könne, daß ihre Grundsätze ihrem politischen Freisinn keinen Abbruch thun, wolle» wir nicht untersuchen. Nach der hergebrachten Schablone mögen sie vielleicht noch für liberal gelten. Wenn man der Sache auf den Grund geht, wird man ohne viel Anstrengung finden, daß das Wörtchen „frei" heutzutage keineswegs zufällig diejenige Anschauung bezeichnet, welche sich gegen die wirtschaftliche Bevormundung und Beschränkung verwahrt. Es ist auch kein Zufall, daß unsere in früheren Zeitläuften entschieden freihändlerischen Preußischen Konservativen, vom reaktionären Strom des Mvments erfaßt, jetzt, allen ihren Überlieferungen zuwider, sich unter das schutzzöllnerische Joch gebeugt haben, eben — 112 — weil der Schutzzoll ein untrennbarer Bestandteil des reaktionären Programms geworden ist. Der Kampf bewegt sich heute nicht mehr in den engen Grenzen der einfachen Handels- oder Gewerbepolitik. Es steht weit größeres auf dem Spiel. Die Reaktion, welche seit dem Jahre 1876 vorbereitet wurde, begann allerdings ganz leise mit einigen Verschärfungen im Strafgesetzbuch und einem kleinen Ausgleichs- und Kampfzoll-Vorschlag gegen die Ausfuhrprämien auf französisches Eisen. Aber das war nur das erste Einbiegen in einen Weg, welcher die Kultur der deutschen Nation um ein Jahrhundert zurückführen soll. Die großen Herren der Eisenindustrie Pflegen sich in ihren Reden und Schriften das zweideutige Zeugnis auszustellen, daß sie Deutschland die ganze Umkehr seiner Handelspolitik erspart hätten, weun man ihnen rechtzeitig ihr „bischen Herzegowina" in Gestalt der Ausgleichungszölle als eine Art Grenzberichtigung gegeben hätte. Möglich schon, daß sie sich selbst nicht genug kauuteu, um vorauszusehen, wie sehr ihnen der Appetit im Esfen gekommen wäre, und daß sie ihre Bundesgenossen nicht genug kauuten, um zu wissen, daß der Weg weit über ihre Wünsche und Bedürfnisse hinaus nach den Kulturgebieten ging, in welchen die Erfindung der Dampfmaschine als ein Übel bekämpft wird. Zwischen Freihandel und Schutzzoll wurde mir das erste Vorposteugefecht geliefert. Dauu ging es rückwärts in stets beschleunigtem Tempo. Die Eisenleute wurden von den Spiuuern weiter geschleppt, welche in ihrer Festung Augsburg den lauge von den Eisenleuten zurückgewiesenen Pakt mit den Agrariern abschlössen. Von den Agrariern geht es weiter zurück in die Regionen der Zünftler, und von hier aus zeigt sich dem Blick das heute noch unübersehbare Gebiet, wo gewerbliche, kirchliche, gesellschaftliche, intellektuelle und sittliche Reaktion überhaupt, nachdem das Stich- — 113 — wort des „Nationalen" seine Schuldigkeit gethan, mit dem Stichwort des „Sozialen" ein Spiel beginnt, dessen Gefahren gegenüber viele wohl denken wie der selige Gentz: „Mich und den Metternich hälts noch aus." Der Kampf zieht sich in geschlossener Linie zwischen zwei Weltanschauungen hin, die um das Gesamtgebiet des Lebeus mit einander ringen, und wer angesichts dessen noch sich dem sanften Ruhegedanken hingeben kann, um der wirtschaftlichen Gegensätze willen lohne es nicht, sich Politisch zu trennen, erfreut sich eines beneidenswerten Humors. Nun ist ja gewiß, daß der Kampf zwischen Altem und Neuem das Leben selbst ist; kein Vernünftiger wird in Klagen darüber ausbrechen, daß seine Gegner, ebenso wie er, ihre Meinung durchzusetzen suchen. So lange nur entgegengesetzte Anschaunngen mit einander streiten, ist kein Grund zu besonderer Beunruhigung oder Klage gegeben, »ud gingen die Gegensätze noch so weit auseinander, vorausgesetzt, daß Auschauuugeu und Maßregeln um ihrer selbst nullen das bewegende Prinzip der Kämpfer bilden. Man muß sich bei Niederlagen sagen, daß eine Ansicht, welche die Oberhand gewinnt, wenigstens insofern berechtigt ist, als in ihr schließlich doch der jeweilige überwiegende Gehalt der Bildung und Neigung eines Volkes zum Borschein kommt. Bedenklich wird die Sache, wenn Anschauungen nnd Maßregeln nicht mehr um der ihnen innewohnenden Heilsamkeit willen zur Geltung gebracht werden, sondern weil es für andere Zwecke dienlich erscheint. Zwar auch die beste aller Regierungen, die abhängigste wie die unumschränkteste, wird nie ganz vermeiden können diesen oder jenen Schritt weniger im Glauben an seine Ersprießlichkeit zu thun oder zu unterlassen, als weil er ihr in dieser oder jener Sphäre Zustimmung einträgt oder Mißbilligung fern hält. Darum werden, wo der richtige Sinn für die Lebens- Ludwig Bambcrgcr-i Ges. Schriften. V. ß N4 — bedingungen des Staates waltet, zu dergleichen hergebrachteil Regierungskünsten nur die untergeordneteren und vorübergehenden Funktionen der öffentlichen Thätigkeit verwendet. Je mehr dagegen ein Regiment in die wichtigen und dauernden Grundlagen des Staatsorgauismus zu solchen Zwecken der Selbsterhaltung hineingreift, desto mehr verkennt es seinen Beruf. Wer fälschlich etwas für gut hält, wird in der Verfolgung seines Zieles auf Hindernisse stoßen, die ihn zum Nachdenken, zum Einlenken, zum Ausgleich mit den vorhandenen Bedürfnissen einladen. Wer aber ein Ziel verfolgt, weil es ihm geboten erscheint, Anhänger für andere Absichten zu gewinnen, verschließt sich von vornherein die Aussicht auf belehrende Erfahrung, versagt sich die Gelegenheit zu prüfen, ob ein Widerstand warnend aus der Natur des Beginnens oder nur aus dem Willen der Gegner entspringt. Fehler, die aus sachlichem Irrtum entspringen, tragen ihr Korrektiv in sich selbst; Fehler, die um fremdartiger Zwecke willen gemacht werden, steigern sich in deni Maße, als sie auf berechtigte Hindernisse stoßen und treiben immer weiter auf Abwege. Diese Verführung liegt um so näher, als bekanntlich eine mit Vorliebe auf Gewinnung von Anhängern bedachte Staatskunst ihrer ganzen Natur nach darauf angewiesen ist, vor allem auf die Schwächen der Menschen zu spekulieren. Dies war wenigstens immer das Rezept Derer, welche persönliche Herrschaft zu befestigen trachteten, und wird es immer mehr, je mehr Staatsverfassungen und Ä'ulturgang dazu nötigen, mit großen Volksmasseu zu rechnen. Der erste Napoleon, ein Virtuose, der mit klarem Bewußt' sein dies Handwerk betrieb, rechnete, wie man aus seineu eigenen Bekenntnissen weiß, auf die Eitelkeit der Franzosen als auf diejenige Schwäche, bei welcher sie am ersten zu 115> fassen seien. Zugleich ein Mann von großartigen Ideen, mit einem gewaltigen Sinn für staatliche Organisationen, weniger Diplomat als Staatsmann, hinterließ er dennoch seiner Nation einen bewundernswerten Bau von sorgfältig ausgearbeiteten organischen Einrichtungen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Seine Methode, die Franzosen durch Befriedigung der nationalen Eitelkeit an seine Herrschaft zu fesseln, ließ seinem staatsmännischen Triebe Spielraum, im Innern seines Reichs nach sachlichen Maßstäben zu handeln, während er sich die Geister durch die Beschäftigung der Phantasie unterwarf. In Zeiten und bei Nationen, welche den Verlockungen der Phantasie überhaupt und der nationalen Eitelkeit insbesondere weniger zugänglich sind, liegt es solcher Regiernngskunst nahe, andere Triebfedern in Bewegung zu setzen. Sie wird sich vor allem die Interessen zu ihrem Operationsfeld aussuchen, und je weniger Sinn sie für das Dauerhafte in den Institutionen hat, je mehr sie, nur für das Bedürfnis des Tages arbeitend, so zu sagen von der Hand in den Mund lebt, desto weniger vorsichtig wird sie mit der Heranziehung und Befriedigung der einzelnen Interessen experimentieren. Jeder Einzelne in der Gesellschaft sieht von Hause aus zunächst nur seiu einzelnes Interesse, und diese Beschränktheit des Blickes ist notwendig zur Erhaltung des Ganzen. Aber das Ganze besteht wieder mir durch die wohlbemessene Ausgleichung der Einzelinteresfen. Darum ist wahre Staatskunst nur die, welche allgemeine Maßstäbe anlegt, und diese kommen nur in Form von Ideen zum Ausdruck. Eine Regieruugskunst, welche sich zum Grundsatz macht, unter Geringschätzung allgemeiner Maßstäbe, auf die Einzelinteressen zu hören, setzt sich iu Widerspruch zum Wesen des Staates. Die Menschen bei diesem Vorgehen nach sich zu ziehen, 8* — 116 — dazu gehört nicht viel. Nichts ist leichter als jeder Kategorie von Staatsangehörigen vorzustellen, daß sie allein die leidende und zurückgesetzte sei. Hat man je gesehen, das? Landwirte, Geschäftsleute, Beamte, Arbeiter oder Fabrikanten nicht Grund zu Klagen gehabt hätten, sobald man sie fragt, ob sie zufrieden seien? Und Jeder, an den man sich wendet mit der Versicherung, daß er vorzugsweise leide, wird natürlich zustimmen. Nur selten ist ein Stand durch Erfahrung hinlänglich gewitzigt, um, wie einst französische Fabrikanten, dem Könige auf die Frage, was er für sie thun könne, zu antworten: „sie in Rnhe lassen". In Deutschland haben neuerdings die im großen Weltverkehr erzogenen Seestädte sich in gleicher Art wohlweislich die gefährlichen Liebesdienste der Schiffahrtsprivilegien verbeten. Insgemein aber werden solche Anerbietungen nnd Teilnahmebezeugungen von dem Eigennutz oder der Beschränktheit mit Begeisterung aufgenommen, und Keinem kommt dabei der Gedanke, daß je mehr der Kreis der Begünstigten wächst oder wechselt, desto illusorischer das Ganze der Gunst wird. In der französischen Julimonarchie mit ihren dreimalhunderttausend Wählern ging es leicht eine Zeit lang, die aus reichen Industriellen und Grundherren zusammengesetzten Wählerschaften zu bevorzugen, in Ländern des allgemeinen Stimmrechts ist mit so einfachen Mitteln nicht auszukommen. Wohl mußten auch in den alten Demokratien republikanischer oder cäsarischer Natur die unteren Volksklassen gehätschelt werden; aber sie bildeten doch auch nur eine leicht zu sättigende Minderheit in dem zum größeren Teile aus Sklaven und Provinziellen unebenbürtigen Rechts zusammengesetzten Gemeinwesen. Wie aber könnten in den modernen Staaten mit dem demokratischen Institut des allgemeinen Wahlrechts alle einzelnen Berufsklassen in ihrer ganzen Ausdehnung gegeneinander oder nacheinander mit N7 besonderer Gunst behandelt werden, ohne daß alles, was geschähe, thatsächlich sich gegenseitig aufheben müßte? Das Problem, Alle gegen alle zu bevorzugen, kann daher, auch wenn man es sich als ein gutgläubig gemeintes denkt, nur auf die Erregung eines falschen Scheins hinauslaufen. Einzelne Gruppen werden in Wirklichkeit die Gnnst genießen, andere nur in Täuschung leben, und die Notwendigkeit, zum Vorteil kleinerer Gruppen den großen Massen Schein für Wirklichkeit zu bieteu, ergiebt sich mit doppelter Gewalt aus zwei Ursachen. Zum ersten daraus, daß kleinere Interessengruppen, eng zusammengefaßt und der Regel nach durch altes Herkommen gefestigt und geschult, auch bereits mit Macht und Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausgerüstet, bei weitem am besten in der Lage sind, das zur Staatsmaxime erhobene Prinzip der Bevorzugung in praktische Formeln zu übersetzen und zur Anerkennung zu bringen. Daher sehen wir, daß gewisse Zweige der Industrie, wie die des Eisens und der Baumwolle, in welchen das Verlangen nach Bevorzugung durch lange und wohlgepflegte Überlieferung zu einer Art Rechtsbewnßtsein ausgebildet ist, allenthalben am schnellsten und geschicktesten bei der Hand sind, ihr großes Stück von dem zu verteilenden Kuchen in Sicherheit zu bringen. Eine zweite Ursache, welche dazu treibt, das System der Bevorzugungen für die kleineren Interessengruppen zur Wirklichkeit, für die größeren zum bloßen Schein zu machen, liegt zwar tiefer, ist aber darum nicht minder vorhanden. Je größer der Kreis Derer ist, welchen die Gunst zugewendet werden soll, desto schwieriger ist es natürlich, die Wirkungen der Maßregeln im einzelnen zu verfolgen. Eine Gruppe von Industriellen, welche ihr Stück vom großen Kuchen untereinander teilen, kann schon nachrechnen, was einem Jeden von ihnen wirklich auf den Teller kommt. Bei — 118 — den großen Massen werden die Portionen so verschwindend klein und von so ungeübten Rechenkünstlern kontroliert, daß es viel leichter gelingt, sie mit dem bloßen Scheine abzufinden, und die Versuchung hierzu liegt um so näher, als es in der That unausführbar ist, die Vielen auf Kosten der Wenigen zu bevorzugen. So erklärt es sich, daß bei der Verteilung von Staatsgunst die Wenigen, Zusammenstehenden, Einflußreichen und Rechnungsverständigen mit barer Münze bezahlt werden, die vielen, lose oder gar nicht unter sich Verbundenen, Machtlosen und Ungeschulten mit Rechenpfennigen. Das ist einer der zahlreichen Fälle, wo die alte Geheimkunst von dem „was man sieht und was man nicht sieht" zur Anwendung konimt. Sie weist auch im Steuerwesen auf die Ausbildung der indirekten Steuern hin. Denn ebenso wie mit den Vorteilen geht es mit den Lasten. Die Interessengruppen der Wenigen und Begüterten können sehr gut nachrechnen, was man ihueu mit indirekten Steuern nimmt, die Vielen und Kleinen können es nicht. Sie erkennen und messen nur das, was man ihnen direkt, in Geld ausgedrückt, als Last auferlegt, und sind darum nur bei dieser Art der Belastung im stände, vergleichende Betrachtungen anzustellen. Die biegsamen Theorien von der Überwälzung der Steuern geben überdies einen unerschöpflichen Vorrat von dialektischen Rezepten, um jedem zu beweisen, daß er die seinigen nicht trägt. Die Kunst der Bevorzugung Aller gegen Alle besteht mit einem Wort in dem Geheimnis: Wenigen berechenbare wirkliche Vorteile und Vielen unberechenbare eingebildete Vorteile zuzuwenden, ebenso Wenigen berechenbare geringe Lasten und Vielen unberechenbare große Lasten aufzuerlegen. Wie alle innerlich unwahren Systeme kommt auch dieses nicht aus ohne zweierlei Maß und Gewicht. So lange es sich um die Maßregeln zum Vorteile der wirklich Begünstigten — 119 — handelt, stellt man sich auf den Boden des sogenannten praktischen Verstandes. Da wird alles mit Verachtung zurückgewiesen, was sich irgendwie auf allgemeine, das Ganze mittelst geordneter Gedankenreihen übersehende Schlußfolgerungen beruft. Der einzelne Fabrikant oder Grundbesitzer holt seine Bücher herbei und weist mit Ziffern nach, wie er nicht bestehen könne, wenn man ihm nicht Sicherheit gebe, gewisse Preise zu erzielen, und wie gut es ihm gehen würde, wollte man ihm von StaatSwegen diese Sicherheit gewähren. Macht Jemand dagegen den EinWurf, daß solche Vorteile nur unter entsprechender Beschädigung der Anderen eingeräumt werden können, daß man den Anderen nimmt, was man dem Einzelnen giebt, und zwar daß man Jenen noch viel mehr nimmt, als man Diesem giebt, so erhebt sich der „praktische Verstand" mit dem Schrei der Entrüstung gegen die Abstraktion, die Theorie, die Lehrmeinung, die mit allgemeinen Betrachtungen das handgreiflich Faßbare wegdemonstrieren wolle. Nicht so jedoch, sobald es gilt, den Vielen die Vorteile zu Gemüte zu führen, welche ihnen aus der Begünstigung der Einzelnen angeblich erwachsen. Beim Übertritt in dieses große Gebiet lassen sich auch die Leute des praktischen Verstandes zu allgemeinen Ideen herab, und wenn eine Idee desto theoretischer zu heißen verdiente, je unfaßbarer sie wäre, so würden auf diesem Gebiete die Männer des sogenannten praktischen Verstandes als Theoretiker unübertroffen dastehen. Ist es schon schwer, wirkliche Vorteile bei ihrer Verbreitung über große Gesamtheiten im einzelnen Falle in erkennbarer Weise vor das Auge zu bringen, so wird es noch schwerer, ihm bloß eingebildete Vorteile in ns-tru-g. zu zeigen. Nun aber wirft man sich auf die allgemeinsten Betrachtungen und die weitest gespannten Gedankenverbindungen. Zum Beispiel: der Preis — 120 — der Lebensrnittel wird durch Zölle verteuert zum Besten gewisser Arten von Produzenten. Mit Zahlen läßt sich der Gewinn derselben vor Augen führen. Wenn aber die, welche den höheren Preis bezahlen müssen, fragen, was sie von diesen Opfern haben, so verläßt man die Methode der ziffermäßigen Behandlung und fängt an, ihnen mittelst allgemeiner Sätze zu erklären, auf welchen Umwegen ihnen die Opfer vervielfältigt zurückfließen werden. Dem, was fie sichtbar heute bezahlen, setzt man das gegenüber, was ihnen unsichtbar übers Jahr wiederkommen werde. Man führt ihre Phantasie durch die tanseud Kauäle des Weltverkehrs umher, um ihueu beizubringen, daß au den letzten Mündnngen schließlich die Opfer ausgeglichen werden. Dem Arbeiter wird beispielsweise gezeigt, daß der Industrielle, wenn er durch die besseren Preise sich bereichert, ihm auch wieder höheren Lohn zahlen werde. Die Bereicherung ist das zahlenmäßig nachweisbare; der höhere Lohn ist ein entferntes, welches nur mit Hinweis auf das große und unendlich komplizierte Getriebe des Welthandels bewiesen werden kann. So verhält es sich mit allen derartigen Belastungen. Verteuert die Gesetzgebung eine Ware durch Auferlegung einer indirekten Steuer, so ist das ein sehr einfaches Rechenexempel für die Einnahmen. Gilt es aber Diejenigen zu trösten, welche die Verteuerung zu bezahlen haben, so eröffnet man wieder das Feld der allgemeinen Betrachtungen, mittelst deren ausgemalt wird, bald daß die Verteuerung keine Verteuerung ist, bald daß Der, welcher sie bezahlt, sie nicht bezahlt, bald daß er sie von andern zurückerhält, bald daß etwas in kleinen Bruchteilen nach und nach bezahlen so viel heißt, wie es garnicht bezahlen. Wer sich all die glänzenden Reden zurückzurufen vermag, die iu den letzten zwei Jahren gehalten worden sind, um Belastungen des Verkehrs schmack- — 121 — haft zu machen, wird zugeben, daß, ob falsch oder wahr, jedenfalls auf den Namen von „Theorien" die Deduktionen dieser Art im weitesten Sinn Anspruch erheben können, insbesondere, wenn man dem Wort „Theorie" den Beigeschmack zweifelhafter Nichtigkeit geben will. Das Geheimnis eines solchen Systems besteht also kurz gesagt darin, abwechselnd bald den sogenannten praktischen Verstand anzurufen, wenn es gilt, einzelnen Minderheiten wirkliche Vorteile zuzuwenden, bald Theorien aufzustellen, weuu es gilt, den großen Mehrheiten die Nachteile ihrer Belastung als Wohlthaten zu preisen. Allgemeine Wahrheiten sind aber Wahrheiten mir, wenn sie auch allgemein formuliert und angewendet werden, nnd diejenigen allgemeinen Sätze, die mau sich nur für gewisfe Kategorien zurecht macht, enthalten das Gegenteil der Wahrheit. Echte Staatsknnst kann auf keinem Gebiete der allgemeinen Grundsätze entbehren, denn ihr ist eben das Allgemeine, die Gesamtheit anvertraut. Die Bewegungen des Einzellebens sind so mannigfach und verschlungen, daß es unmöglich ist, sie in jede Wendnng hinein zu verfolgen, gleichzeitig zu übersehen, welchen Individuen im gegebenen Fall eine Maßregel schadet und welchen anderen sie nützt. Hier bedarf es für die Gesetzgebung des höheren, das Ganze übersehenden Standpunktes, von welchem aus die Grundlinien der allgemeinen Richtung zu ziehen sind. Innerhalb dieser Grenzen muß die Thätigkeit der Einzelnen sich selbst bestimmen. Welches auch das wirtschaftliche System sei, dem ein Staat huldigt, des allgemeinen Maßstabes, der leitenden Grundsätze, der Theorie mit anderen Worten wird er nicht entbehren können, will er nicht je nach dem Drang der Umstände bald dieser, bald jener Interessengruppe iu die Hände fallen. Eine Zeit lang kann eine Regierung sich das Leben Wohl bequem machen dadurch. 122 — daß sie sich mit allen einzelnen Interessengruppen ins Verhandeln einläßt. Machen sich anch Widersprüche bemerkbar, weil wieder die einzelnen Interessen gruppenweise mit einander in Konflikt geraten, so hilft jeder Gruppe die Hoffnung, im Wettlauf um die Begünstigung demnächst wieder Vorsprung zu gewinnen, über augenblickliche Zurücksetzung hinaus. Ja, gerade diese Kunst, bald den Einen, bald den Andern zu beglücken, allen aber mit Zuruf und Versprechungen zu schmeicheln, erhöht den Eifer und die Unterwürfigkeit. Die Werdenden sind ja nach dem bekannten Vers dankbarer als die Fertigen. Und da schließlich die Menschen noch mehr durch die Befriedigung ihrer Eigenliebe und durch die Macht der Einbildung beherrscht werden, als durch thatsächliche Dienste, so wird eine aus wenigen wirklichen Bevorzugungen und vielen großsprecherischen Beteuerungen und Verheißungen zusammengesetzte Politik eine zeitlang sich als ein vortreffliches Werkzeug bewähren, wo es weniger darauf abgesehen ist, das Richtige zu thun, als recht zu behalten. Erst nach längerer praktischer Anwenduug werden die Widersprüche eines solchen Systems sich ernstlich fühlbar machen, und man wird sie schon lange fühlen, ehe die öffentliche Meinung zur wahren Erkenntnis des eigentlichen Znsammenhangs vordringt. Denn im Bereich der allgemeinen, über die Gesamtheit ausgedehnten Erscheinungen ist es so schwer, den Verkettungen von Ursache und Wirkung zu folgen, daß mit Sicherheit nie auf deren Erkenntnis zu rechnen ist. Und die bevorzugten Minderheiten, mit ihren festen Organisationen, ihrer wohlberechneten Taktik und hervorragenden Stellung werden meistens im Bunde mit einer ihnen zu Gefallen lebenden Regierung mächtig genug sein, um die Begriffsverwirrung zu erhalten, welche ihnen nützt, und an welche sie eben deshalb in der Regel auch selbst — 123 — glauben. Ein Dutzend Fabrikanten unter zwanzigtausend Wählern bringt es bei einiger Geschicklichkeit nicht selten fertig, daß ein Volksvertreter ihnen gegenüber in Meinungsabhängigkeit gerät; und gleicherweise eignen sich die sogenannten Sachverständigen-Kollegien ihrer Natur nach viel mehr dazu, die großen Interessen einer konzentrierten Minderheit als diejenigen der ihrer Vorteile viel weniger kundigen Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen. Auch bei diesen Einrichtungen wiederholt sich das schon oben erwähnte zweierlei Maß und Gewicht. Wie der berühmte praktische Verstand den Einzelinteressen zu Hilfe gerufen, das Gesamtinteresse aber mit allgemeinen Behauptungen abgefunden wird, so giebt es natürlich auch sachverständige Körperschaften in des Wortes voller Bedeutung nur für die kleineren Gruppen. Die Sachverständigen der Getreide- oder Fleischproduzenten, der Eisen- und Baumwollfabrikanten kann man einberufen. Aber wie soll man die Sachverständigen Derer ernennen, die Brod und Fleisch essen, Werkzeuge und Kleider verbrauchen? Es giebt thatsächlich für die Erkenntnis der Ge- samtinteresfen nur einen Weg, das ist der einer wohlausgebildeten Methode, mit andern Worten unparteiischer, nicht von den thatsächlichen Verhältnissen absehender, sondern dieselben zusammenfassender Wissenschaft. Da aber diese, wenn ihr Gehör gegeben würde, sich nicht alle Aussprüche der Bevorzugten gefallen ließe, so wendet man sich von ihr ab und spricht mit Geringschätzung von ihr, so weit sie nicht gerade paßt. Allein man kann nun eiumal den allgemeinen Interessen gegenüber doch der allgemeinen Sätze nicht entbehren, und so fällt man den Charlatancn in die Hände, welche Theorien auf Bestellung machen, genau wie für die Leute, welche zu bequem oder zu sanguinisch sind, die Vorschriften eines gewissenhaften Arztes zu befolgen, sympathetische Kuren beschafft werden. Dann schießen die kühnsten Sen- — 124 tenzeu über die Wirkungen der wirtschaftlichen Einrichtnngen wie Pilze aus der Erde, und in je luftigere Höhen eine Behauptung sich über Vernunft und Wissenschaft erhebt, desto unerreichbarer wird sie bekanntlich allen Werkzeugen uud Waffen des geordneten Denkens. Zuerst erklärt man alles, was Lehrmeinnng heißt, in Verruf, und dann tischt man noch ein eigenes, zum besonderen Zweck bereitetes Gebräu von Doktrinen auf, welches allerdings, wenn es den Namen verdiente, geeignet wäre, die Lehrmeinnngeu iu Mißkredit zu bringen. Auf diese Weise gesellt sich zu der allgemeinen Verwirrung, welche (von der Ungerechtigkeit nicht zn reden) die Bevorzugung der Wenigen ans Kosten der Vielen anrichtet, auch uoch der schädliche geistige Einfluß, welcher die Menschen von den Wegen der Bildung und Gesittnng abdrängt. Denn, während der Eiuzelue vor allem durch die streug sachliche Behandlung seiner Zwecke sich fördert, giebt es ein bewußtes Leben für die Gesamtheit nur iu den Ideen. Mehr als die Leidenschaften nnd Begierden, deren Zunahme aus der Statistik der Verbrechen nachgewiesen werden soll, bringen tonangebende Äußerungen der Abneigung und Mißachtung gegen das Denken und Wissen das geistige nnd das sittliche Niveau eines Volkes herunter. Der höchste Ausdruck staatlichen Gemeinsinnes, die Vaterlandsliebe, ist wahrlich nicht mit Ziffern vvn Sachverständigen nachzuweisen, und aus zifsermäßiger Berechnung gehen die Soldaten nicht in den Tod. Eine grundsätzliche Mißachtung der Jdeeuwelt zerstört das edelste Band, welches die Gesellschaft znsammenhält. Und während auf diese Weise die idealen Grundlagen untergraben werden, führt das System der Gunstverteilung nüt Notwendigkeit dazu, auch die materielle Thätigkeit des Einzelnen und der Gesamtheit zu hemmen und zu beschränken. Denn wenn es auch hier und da positiv fördernd als Staats- Unternehmung oder -Unterstützung auftritt, so läßt sich das nicht in großem Maßstab durchführen, ohne den sozialistischen Staat in vollem Umfang anzuerkennen. Positive Porteile jedem Begünstigten in den Schoß zu werfen, ist unthunlich, aber man kann sie ihm mittelbar verschaffen, indem man Andern das Leben erschwert. Daher muß sich das System der Bevorzugung im Großen uud Ganzen ans die Methode der Behinderung verlegen. Daraus ergiebt sich denn das ganze endlose Gefüge von Schranken und Hinderniffeu, mittelst deren Jeder die Thätigkeit seines Mitbewerbers unter dem Beistand der Staatsgewalt zu vernichten bestrebt ist; und da die negativen Resultate unterdrückter und erstickter Thätigkeiten sich nicht so leicht fassen und berechnen lassen, wie die in die Augen fallenden Gewinne der Bevorrechteten, so entzieht sich der Gesamtnachteil der allgemeinen Wahrnehmung. Dem Einen verbietet man zu kaufen, dem Andern zu verkaufen, dem Dritten zu arbeiten, dem Vierten zuwandern, dein Fünften sich zu verpflichten, dem Sechsten sich niederzulassen, dem Siebenten zu heiraten; und schließlich wird Jedermann dazu erzogen, fortwährend darüber nachzudenken, wie er vom Staat verlangen könne, daß einem Andern das Leben erschwert werde. So wird man, um der Reihe nach Jedem gerecht zu werden, von einer Ungerechtigkeit zur andern getrieben, und als die Aufgabe des Gemeinwesens ergiebt sich schließlich der wunderbare Beruf, möglichst viel Hindernisse der Produktion, der Ernährung, der Bewegung, des Fortkommens zu schaffen, die gesamte Entwicklung rückwärts statt vorwärts zu bringen. Je weniger Einer sich selbst helfen mag, desto mehr ist er geneigt, fremde Hilfe anzurufen, und wenn die Hilfeleistung darin besteht, daß Andere in ihrer Lebensthätigkeit herabgedrückt werden, so ist damit eine Prämie ausgesetzt — — auf alle schlechten Eigenschaften, welche den Menschen moralisch und ökonomisch herunterbringen oder niederhalten. Trägheit, Neid, Mißgunst werden die Regulatoren des Lebens. Im freien Austausch der Kräfte ist jede Thätigkeit darauf angewiesen, das Maß ihrer Belohnung von dem Maß ihrer Dienstleistung zu erwarten. Wo aber jede höhere Belohnung Anstoß erregt, wird auch die ihr zu Grunde liegende höhere Anstrengung verdächtig, welche ihr Bemühen auf größere Dienstleistung richtet. Und weil die Menschen so dazu erzogen werden, nicht sowohl auf das zu achten, was sie durch eigene Anstrengung zustande bringen, als auf das, was sie die anderen zu thun abhalten können, wird die vorwärtsstrebende Kraft in Bann gethan. Nicht darauf, daß lohnende Thätigkeit eine Bereicherung der Gemeinsamkeit mit sich führt, wird geachtet; sondern der Lohn, welchen der Eine sich erwirbt, wird als ein Raub am Anderen angesehen, und Jeder bildet sich ein, Alles allein gewinnen, d. h. leisten zu können, wenn man nur alle Anderen verhinderte, dasselbe zu thun. Am leichtesten gelingt es, dieses System der Behinderung, der Indolenz und Impotenz dem Ausland gegenüber in Anwendung zu bringen, und das hochtönende Stichwort vom Schutz der nationalen Arbeit maß dazu herhalten, den Egoismus und die Bequemlichkeit als eine patriotische Tugend aufzuputzen. Aber einmal gegen den Ausländer proklamiert, bricht sich, wie man täglich sehen kann, das System auch allerwegen nach innen Bahn; Hemmung und Beschränkung wird das Feldgeschrei von Mensch zu Mensch, von Ort zu Ort. Welch wundervolles Rezept für Solche, die teilen wollen, um zu herrschen! Die moderne Staats- und Gesellschaftsentwickelung hat die Schranken und Privilegien, mit welchen die einzelnen Berufszweige ehedem umgeben waren, zu Falle gebracht. Wer sich auf das System der Bevorzugung verlegt, wird 127 daher auch die Zustände der Vergangenheit als sein Ideal ansehen und unter dem Mantel ehrwürdiger und züchtiger Einrichtungen das Prinzip der Ausschließung wieder ins Leben zu rufen bemüht sein. Zunft- und Bannrechte, über welche die Bildung und die Thätigkeit der Zeit weit hin- ansgeeilt sind, werden dann wieder hervorgesucht, und die Gewerbetreibenden, welche im hergebrachten Schlendrian einrosten, werden in romantischer Sprache als die biederen Ehrenmänner der guten alten Zeit gefeiert. Solchergestalt führen alle Pfade der wirtschaftlichen Unfreiheit nach abwärts und nach rückwärts zugleich, und man sucht bei den vielgerühmten Steuer- und Wirtschaftsreformern vergeblich nach einem Gedanken, welcher nicht längst dagewesen und überlebt wäre. Die Leistung wird verfehmt, das Hemmnis wird gepriesen, und das Ideal der Gesamtbewegung wird nach rückwärts in überwundene Zustände verlegt. Dem Fähigen, Strebsamen, Fruchtbaren wird der Weg versperrt, damit er stehen bleibe, bis der Unfähige, Träge, Unfruchtbare nachkomme, das Niveau der Gesamtheit wird nach der Höhe des Wenigstleistenden reguliert. Statt einer Ordnung der Gesellschaft, in welcher die besseren Kräfte die geringeren nach sich ziehen, wird eine Ordnung eingesetzt, in welcher die geringere Kraft die bessere zurückhält und herabzieht. Um aber das Kulturwidrige eines solchen Treibens vor sich selbst zu beschönigen, setzt man auf die große Zwingburg der allgemeinen Verkümmerung noch den Giebelschmuck einzelner glänzender Begünstigungen. Weil der Privatfleiß Aller verhindert wird, sich zu entfalten, werden Einzelne, wiederum Bevorzugte, dazu auserwählt, der Welt den Beweis zn liefern, daß das System auch anspornend zu hervorragender Thätigkeit erwecke. Und wenn schon der Anreiz stark ist, sich mittelst Unterdrückung seiner Mitbewerber begünstigen zu lassen, wie viel mehr erst lockt die.Aussicht — 128 — auf Gewinn ans freigebigen Spenden, die nach der Manier des h. Crispin ausgeteilt werden. Alle verfehlten Existenzen, alle Marktschreier, alle Abenteurer und verbohrten Köpse werden immer die eifrigsten Advokaten von Staatsunter- uehmnngen und Staatssubventioneu in Handel und Gewerbe sein, alle, die nicht mit der eigenen Arbeit fortkommen können oder wollen, werden jedem Projekte znjnbeln, dessen Risiko auf allgemeine Kosten geht. Wer einige Welterfahrung hat, weiß, wie begeistert alle in der Schule des Lebens sitzen gebliebenen Individuen ihre Dienste anbieten, sobald eine Hoffnung auf Staatsprojekte auftaucht! Und da solcher Chorus sich aufs Lärmen ganz besonders versteht, so empfehlen sich dergleichen Veraustaltnugen ganz vorzüglich, um öffentliche Meinung zu machen. Je mehr Hinder- nisfe man der Privatthätigkeit in den Weg legt, desto mehr sucht man sich durch staatliche Förderungen herauszuputzen. Wo die natürliche fruchtbare Arbeit erstickt wird, wird die künstliche unfruchtbare gezüchtet. Die, welche das System der staatlichen Bevormundung, Bevorzugung und Einmischung grundsätzlich um seiner selbst willen für das gute und richtige halten, verlangen anch unverhohlen die Wiederherstellung aller jener Einrichtungen, welche durch die wirtschaftliche Entwicklung der Nenzeit verdrängt worden sind. Diese Konsequenz ist anzuerkennen. Jüngst hat ein hervorragender Vertreter dieser Anschauung das Kapital und die Maschinen als die Gegner des Handwerks bezeichnet*). Der große Verkehr, welcher mit Damps und Elektrizität arbeitet, soll zwar wohl nicht wieder aus- *) Herr Aug. Reichenspcrger in der Handivcrkervcrsammlung zu Münster, nach der „Germania". — 129 — gestrichen werden aus dem Buch des Lebens, aber man wird ihm danach doch Schranken ziehen müssen. Und da man füglich nicht erwarten kann, daß ganz Europa und Amerika gleichzeitig sich für diesen Gedanken begeistern, so ist abermals logisch unbestreitbar, daß eine Nation, welche sich anschickt, die große Reise ins gelobte Land des Mittelalters anzutreten, sich von allen anderen abzuschließen hat. So weit wäre also Methode in der Sache. Da man aber in jenem gelobten Land ehemals nicht mit allgemeinem Stimmrecht und sozialistische» Arbeitern zu operieren brauchte, so reicht die einfache Rttckwärtsbewegung doch nicht aus, die großen Massen zu befriedigen. Dadurch entstehen Verlegenheiten, und die Verlegenheiten treiben zu neuen Kunstgriffen eigentümlicher und bedenklicher Art. Wer sich heutzutage den Beruf zuerkennt, die nationale Arbeit durch Staatseinrichtungen so zu leiten, daß jedem Einzelnen ein Erfolg verbürgt wird, kann sich der Notwendigkeit nicht entziehen, gerade den großen Massen vor allem seine Wohlthaten zu verheißen; und wenn, wie oben gezeigt, das System seiner Natur nach wirtschaftlich reaktionär ist, d. h. auf überwundene Zustände zurücksteuert, so zwingen die modernen politischen Einrichtungen doch auch wieder dazu, dem allermodernsten Drang der Zeit, dem sozialistischen, zu huldigen. Die Formel des Problems lautet daher: „Reaktion mit Sozialismus!" Und dem entsprechend sehen wir die wirtschaftliche Bewegung in demselben Maße, wie sie die rückläufige Richtung verfolgt, sich mit sozialistischen Plänen abmühen. Aber selbst wenn die Erreichung des sozialistischen Ideals nicht in unerkennbarer Ferne läge, würde doch der Widerspruch allein, an welchem die zugleich nach rückwärts und vorwärts gerichtete Bewegung leidet, genügen, um ihre innere Unwahrheit und folgerichtig ihre Verderblichkeit erkennen zu lassen. Die Ordnung der guten Ludwig Baml'crgerS Ges. Schriften. V. g 130 alten Zeit galt der kleinen Zahl, die sich in Kasten und Zünften unterbringen ließ. Mit diesen Einrichtungen die großen Massen unserer Zeit befriedigen zu wollen, ist Widersinn. Ausschließung Aller gegen Alle läßt sich nicht durchführen. Noch weniger als heute war damals für Alle genug da; das Problem, für Alle reichlich genug zu finden, ist heute, wenn auch schon weiter gefördert, doch lange nicht der Lösung nahe, und am wenigsten ist das Ziel zu suchen in den Idealen einer Welt, die der unsrigen so wenig mehr gleicht. Die sozialistischen Bestrebungen der wirtschaftlichen Reaktion sind daher eitel Selbsttäuschung oder noch weniger als das, nämlich Reklame. Eine aus beiden Ingredienzien zusammengesetzte Mischung war von je das eigentliche Lebenselement aller menschheitsbeglückenden Charlatanerie. Wie mächtig man auch das öffentliche Leben beherrsche, man kann dem großen Strom der Zeit Hindernisse in den Weg legen, aber niemals ganz seiner Gewalt widerstehen. Der Versuch, den Diensten der Maschinen und des Kapitals Grenzen zu ziehen, würde sich bald selbst n.cl g-dsuräuro. führen. Andererseits gelingt es uiemals, auf die Länge sich den Folgen der Verheißungen und Versprechungen zu entziehen, mit denen man die Menschen an sich gefesselt hat. Es gelingt dies um so weniger, wenn die Ideen, mit denen man sich eingelassen hat, eine gewaltige Herrschaft über die Köpfe ausüben. Jede Unwahrheit, sagt ein englischer Geschichtsphilosvph, ist ein Wechsel auf die Zukunft. Der Verfalltag kommt früher oder später heran und dann heißt es: Nicht bei Kasse! Es mag eine Zeit lang sichtlichen Gewinn bringen, der Reihe nach allen Klassen der Gesellschaft Heil und Segen zu versprechen, heute den Bruder Bauer, morgen den Bruder Handwerker, übermorgen den Bruder Arbeiter zum Gastmahl an der wohlbesetzten Tafel einzuladen. — 131 — Schließlich schlägt die Stunde, da erscheint der steinerne Gast, ergreift die dargebotene Hand und reißt den kühnen Gastgeber nieder. Wer will leugnen, daß der Sozialismus heute eine dämonische Macht ist, wer will sich erkühnen, zu behaupten, daß aus einer seit Jahrzehnten allüberall so mächtig anwachsenden Bewegung nicht Znkunftsgestalningeu, gute oder böse, sich herausbilden könnten! Der Witz der Idee bedient sich bekanntlich der wunderbarsten Wege, um die Menschheit mit seinen Einfällen zu überraschen. Gerade die, welche um des Glaubeus oder um der Staatsautorität willen sich für die geschworenen Feinde der Sozialdemokratie halten, sind vielleicht ausersehen, ihr den Weg zu ebenen. Als man dem großen Napoleon nachrühmte, er habe der Hydra der Revolution den Kopf zertreten, meinte eine geistreiche Iran, er sei in Wahrheit ein Robespierre zu Pferde gewesen. Das Bürgertum ist in der Welt kaum seit hundert Iahren eine Macht geworden. Es muß sich erst noch zeigen, ob eiue Gesamtheit, die ihrer Natur uach auf die individuelle Bethätigung friedlicher Kräfte angewiesen ist, sich dazu eignet, dauernd im Besitz ihrer Machtstellung zu bleiben; ob die Verteidigungswerkzeuge, welche ihr zum Sieg über den Feudalismus verhalsen, stark genug sind, um zu widerstehen, wenn der kaum zurückgedrängte alte Feind im Bunde mit einem neuen zum Sturm anrückt; es muß sich erst noch zeigen, ob das Bürgertum seinem Berns gewachsen ist, die friedliche Entwicklung der humanen Kultur gegenüber gewaltsamen Angriffen zu schützen, welche die Weltbeglückuug nach alten überlebten uud zugleich nach neuen Phantastischen Ideen in Angriff nehmen. So weit es dem mitten in der Zeit stehenden möglich ist, deren Strom und Richtung zu beurteilen, ist das recht eigentlich das A und O, um welches sich die Geschicke der 9* — Gegenwart dreheil, zumal in Deutschland. Nicht um etliche Mark Zoll auf Eisen oder Baumwolle handelt es sich in dem Streit nm die wirtschaftlichen Prinzipien, sondern um Leben oder Tod auf dem Felde der freien, friedlichen, modernen Entwicklung. Aber ein und derselbe Faden spinnt sich von dem kleinen Streit um die Mark Zoll in fortlaufendem, untrennbarem Zusammenhang bis zur entscheidenden Antwort auf jene große Lebensfrage fort. Wer das nicht aus der logischen Verkettung der Ideen zu entnehmen vermag, der entnehme es aus ihrer geschichtlichen Verkettung. Was mit ganz kleinen Zollvelleitäten begonnen, gestaltet sich in vielen Köpfen bereits zum Plane eines sozialen Turmes von Babel, in welchem jetzt schon die Grundrisse für eine allgemeine Leibrentenanstalt seiner Bewohner sichtbar werden. Wer sich die Dinge ernst genug ansehen will, um ihre innerste Wesenheit zn erkennen, wird nicht mehr zu dem wunderlichen Schluß gelangen, daß in einer und derselben politischen Partei heute noch wie ehemals Raum sei für die entgegengesetzten wirtschaftlichen Auffassungen. Am wenigsten von allen großen Kulturländern hat Deutschland die politische Kraft seines Bürgertums gezeitigt. Damit übereinstimmend haben sich die feudalistischen Ideen in Deutschland am meisten erhalten, und die sozialistischen Ideen haben sich in Deutschland mehr und hoher hinauf Anhang verschafft als bei irgend einem anderen Volke. Wenn es geschrieben steht, daß die Welt ein sozialistisches Experiment im großen Stil erlebe, so ist vielleicht Deutschland das natürliche Schlachtfeld, wo ein noch schwach entwickeltes Bürgertum unterliegen soll, wie Frankreich mit seinem überreifen Hofadel das natürliche Schlachtfeld für den Kampf gegen die Aristokratie gewesen ist. Zwar hat Deutschland in seinem Heere ein Fundament, 133 — wie in dieser Weise kein anderer Staat der Welt, und die Kräfte, welche durch Reizung der Klassengegensätze in Bewegung gesetzt werden, brechen sich noch an dem festen Bollwerk jener gewaltigen Institution, in welcher die sonst verspotteten allgemeinen Ideen als strenge Schule der Kriegswissenschaft, als Methode, aufs innigste gepflegt werden, in welcher die Idee der Hingebung des Einzelnen an das Ganze am lebendigsten verkörpert ist. Allein wenn die zerstörenden Einflüsse hier noch ferngehalten worden sind, so darf man sich einer zu großen Beruhigung uicht über- lasseu. Auch die sorgsamste Pflege reicht nicht aus für eine Pflanze, deren Wurzel Krankheitsstoffe aus dem Boden saugt. Die Unzugänglichkeit der Armee für sozialistische Bemühungen hing wesentlich zusammen mit der Unzngänglichkeit des Landvolkes für diese Propaganda. Der Zustand muß sich von Gruud aus äudern, wenn das Stichwort ausgeteilt wird, der Landbewohner müsse systematisch mit seinem Loos unzufrieden geinacht, zur Rückforderung seiner natürlichen Rechte aufgestachelt werden. Die agrarische Bewegung, seitdem sie sich bemüht, den kleinen Mann für ihre Interessen ins Feuer zu schicken, hat für die Gefährdung der Gesellschaft durch sozialistische Propaganda mehr gethan, als alle sozialdemotratischeu Vereine Hütten thun können. Es ist gar uicht zu verwundern, wenn in einem so durchwühlten Staate das Drängen nach sozialistischen Experimenten immer unwiderstehlicher wird, uud für den ersten Schritt ins Chavs lassen sich die ökonomischen Etappen schon bezeichnen. Sollen die Finanzen eines stets bis an die Zähne gerüsteten Militärstaates auch die Verantwortlichkeit für eine kolossale Staatsindustrie uud schließlich für die Einlösung der weittragendsten sozialen Versprechungen auf sich nehmen, so kann bei dem ersten Versagen der Glücksguust eine Katastrophe eintreten. Allerdings haben die wirtschaftlichen Quacksalber das Rezept — 134 — der Notenpresse für diesen Fall schon parat. Von den Ratschlägen, die bereits im Schwange sind, bis zu Assignaten und zum Maximum ist nur ein Schritt. Die gauze Gedankenrichtung, welche man heute als die des Staatssozialismus bezeichnet, ist keineswegs eine deutsche Besonderheit. Sie ist in allen Kulturländern zu großer Macht gelangt und übt allenthalben ihren Einfluß auf die Gesetzgebung aus. Man kann keine Politische oder ökonomische Zeitschrift Frankreichs, Englands oder Italiens aufschlagen, in der nicht diese Ideen, sei es, daß sie vertreten, sei es, daß sie verurteilt werdeu, zum Vorschein kämen. Was dieselben in Deutschland Eigentümliches und Bedenkliches an sich habe», ist das konservative Gewand, in das sie sich hüllen. Von Zeit zu Zeit könnte es einem vorkommen, als wären die deutschen Konservativen, nachdem die Sozialdemokratie in Acht uud Bann gethan und damit eine überlegene Konkurrenz beseitigt worden, auf den Gedanken geraten, sich der für die Agitation so brauchbaren sozialistischen Werkzeuge allein zu bemächtigen. Deutschland hat mit einer doppelten Gefahr zu rechnen, wo andere Länder nur vor einer stehen. Man drängt es zugleich in die Richtung auf gänzlich neue und auf gänzlich veraltete Zustände hin. Und die staatserhaltende Anstands- miene, mit welcher das alles geschieht, verfehlt nicht, ihre beruhigende Wirkung ans die Zuschauer auszuüben. Es ist schon mehr als einmal darauf hingewiesen worden, welche Bedenklichkeit es gerade für eine konservative Politik hat, ihr Spiel auf diese Karte zu setzen. Doch ist es ihre Sache, zu sehen, wie weit sie das treiben will. Die Liberalen aber, welche sie hinter sich herziehen möchte, haben wahrlich Grund, ihren Blick über die nächste Wegstrecke hinaus zu erheben und den Spruch zu beherzigen: Bedenke das Ende! » Die Kunst Glück beim Zoll zu machen. . . . „Ich sage Ihnen noch einmal, meine Herren, hüte» Sie sich vor dem ersten Schritt! Sie ziehen sonst die Schleusen aus für eine schutzzöilucrischc Agitation, die bald in wildem bacchantischem Treiben unser ganzes Land mit wüstem Hader erfüllen würde. Hüte» Sie sich davor, dies zerrissene Deutschland auch noch dnrch den entsesseitcn Kampf selbstsüchtiger Interessen unglücklich v, Treitfchke «Rede betreffend: Ausgleichungszölle auf Eisen. Reichstag: Sitzung vom 21. April 1377). ) Aus der „Nation" vom 30. Mai 1885. ^)n der drittletzten Sitzung der eben abgelaufenen Reichstagssession habe ich eine kurze Schilderung der Methode gegeben, mittels welcher jetzt in Deutschland Anträge aus hohe Zölle betrieben und durchgesetzt werden, und ich habe dabei der Erscheinungen gedacht, in welchen dies Unwesen schon im Jahre 1879 zutage getreten war. Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich an den Einblick, welchen ein Aktenstück eigentümlicher Art in das Betreibe jener früheren Periode eröffnet hatte, nnd versprach, nach Schluß der Session durch Wiederabdruck desselbeu dem deutschen Volke Gelegenheit zu geben, sich an einem höchst bezeichnenden Fall mit der Nachtseite seines heutigen politischen nnd wirtschaftlichen Lebens bekannt zn macheu. Ich komme heute der übernommeueu Verpflichtung nach, indem ich das erbauliche Aktenstück von ueuem in die Öffentlichkeit bringe. Das Verdienst, dasselbe zum erstenmal ans Licht gezogen zu haben, gebührt der „Frankfurter Zeitung", welche es in einer Extrabeilage vom 30. August 1883 zum Abdruck brachte. Ich legte mir das Blatt damals sofort behufs späterer Benutzung zurück, weil ich mir sagte, daß eine in den Hochsommer fallende Publikation nicht die gebührende Beachtung finden und im besten Fall bald wieder vergessen sein würde. Der hier neu ausgelegte Bericht, in welchem ein damals angesehener Gewerbtreibender der Korkwarenindnstrie*) Oskar Dittmar von der Firma Dittmnr k Wormstall in Dermbach, Grosch. Weimar. — 138 — seinen Fachgenossen Bericht erstattet über alle Künste, Mühen und Kosten, die er ausgewendet hat, um sich und seinen Verbündeten die Vorteile eiues sehr erheblichen Zollsatzes zu sichern, liefert einen unschätzbaren Beitrag zur Charakteristik des Zeitgeistes, welcher uicht bloß in den wirtschaftlichen, sondern in den gesamten politischen Angelegenheiten jetzt in Deutschland zur Herrschaft gelangt ist. Natürlich war dieses Schriftstück nicht bestimmt, dem profanen, draußen stehenden Publikum unter die Augen zu kommen. Aber gerade darum liefert es das treue Musterbild einer ganzen Reihe ähnlicher Ergießungen, welche in den Aktenschränken zollbeglückter Jndustrieherren und Aktiengesellschaften ruhen mögen. Dank dem Umstände, daß der gewandte Verfasser nur zu dem Kreise nächstverbüudeter Eingeweihten zu sprechen vermeinte, hat er hier mit fröhlicher Offenheit gezeigt, wie es eine Klasse von Verkäufern anzufangen hat, wenn sie es dahin bringen will, das Publikum durch das Zollgesetz zu zwingen, ihnen ihre Waren über Wert zu bezahlen. Denn wer für seine Ware nur deu Preis erzielen will, den sie an sich wert ist, braucht nicht erst die Hilfe der Zollgesetze anzurufen. Ein durch die Macht des Gesetzes erzwungener, den Käufer brandschatzender Preisaufschlag — das ist der Grundgedanke des ganzen Schutzzollwesens. Der Verfasser, dem es offenbar wohl gefiel, seine eigene Findigkeit und Betriebsamkeit vor seinen Kollegen herauszustreichen, und dem man es nicht verdenken kann, wenn er mit Befriedigung auf seine praktisch bewährte Menschenkenntnis zurückblickt, hat uns dadurch in alle Winkelzüge und Hintertreppenwege, so zu einer schlau durchzuführenden Zollintrigue gehören, eingeweiht; und wenn einmal spätere Geschichtsschreiber ein Sittenbild des deutschen Staatslebens gegenwärtiger Zeitläufte geben wollen, werden sie in dieser — 139 — Urkunde unerschöpflichen Stoff finden zur Würdigung der Sorte vou Moral und Intelligenz, welche unter einer als überaus glorreich gepriesenen Politik in unserem Bürgertum Eingang gefunden hatten. Vielleicht aber ist zu hoffen, daß noch mehr der Mitwelt als der Zukunft ein wertvoller Dienst durch diese Wiederveröffentlichung geleistet werde. Denn sie braucht nur zu wollen, um aus der genauen Schilderung solcher lebendigen Vorgänge ein treues Spiegelbild ihrer eigenen Entartung zu gewinnen, welches zu ernstem Nachsinnen über die Zukunft auffordern muß. Was aus diesen Zeilen spricht, trifft nicht bloß den einzelnen Vorgang, der hier zur Wahrnehmung kommt. Bei einer ganzen Reihe anderer gesetzgeberischen Entscheidungen dürfte sich dasselbe vor sechs Jahren zugetragen haben, wie sich ähnliches in letzter Zeit vielfach wiederholt und in greller Weise bis zum letzten Augenblick der eben abgeschlossenen Session hinein geltend gemacht hat. Was wissen wir nicht alles von den Triebfedern, die zur Erhöhung des Schieferzolles ins Werk gesetzt wurden? Was wäre vom Zoll der Cichorie, der Taschenuhren, der Hornknöpfe, der Seidenwaren, von dem nur mit Mühe abgeschlagenen Zoll auf Nähfäden und Dungmittel zu berichten, wenn wir überall solchen Einblick hinter die Kulissen erlangten, wie bei jenem Korkzoll, zu schweigen von dem, was über den Holzzoll sich der Wald erzählt. Viel einfacher wickelten sich allerdings die Sachen ab bei solchen Zöllen, welche bestimmt sind, die Taschen hoher, selbst im Reichstag sitzender Herren zu füllen, als da sind Besitzer von Strontiangruben oder Fabrikanten feuerfester Thonwaren. Diese konnten sich ihr Glück mit eigener Hand schmieden, ohne erst viel Rechenschaft abzulegen.*) Wie weit wir es in der Naivetät der Interessenvertretung bereits gebracht haben, zeigt ein kleines Intermezzo, das bei dem Zoll auf ge- — 140 — Der Leser des hier folgenden Berichts fürchte nicht, dnrch eine zu trockene Darstellung zolltechnischer Einzelheiten gelangweilt oder ermüdet zu werden, ein Umstand, der leider viel dazu beiträgt, daß das deutsche Publikum diese für seinen Verstand und seine Sitten so bedenklichen Erscheinungen nicht mit der wünschenswerten Aufmerksamkeit verfolgt. Ich kann im voraus versichern: Die hier wiedergegebene Selbstbiographie eines Zollstrebers ist so lebendig und unterhaltend geschrieben, ja stellenweise bietet sie, wenn die Sache mich an sich tranrig ist, so viel Stoff zur Komik, daß sie ganz gut zu einem amüsanten Feuilleton verwendet werden könnte. Wäre nicht neuerdings durch die parlamentarische Gründung der sogenannten „freien wirtschaftlichen Vereinigung" die Aufgabe, sich einen Zoll auszuwirken, beträchtlich vereinfacht, und dadurch eiu Teil der gebotenen Belehrung veraltet, so könnte man sagen, es sei hier für Alle, welche künftig ihren Vorteil in derlei Angelegenheiten betreiben wollen, ein Leitfaden geschrieben, ähnlich dem berühmten Buch, in welchem Macchiavelli herrschsüchtigen Großen die Wege zur Macht gezeigt hat; und ganz gewiß wird auch in Zukunft noch mancher Zollbeflissene aus dieser Darstellung lernen wollen, wie er es anzufangen habe, seine Kasse uuter dem Ruf nach Schutz der nationalen Arbeit zu füllen. Aber hoffentlich lernt auch das deutsche Volk für sich selbst etwas aus dieser Schilderung, so daß die Nachpreßte Hornknöpfe sich abspielte. Auch dieser Zoll gehörte zu denen, die ohne vorausgegangene Prüfung mit dein Schub der dritten Lesung am letzten Tag in den Tarif hineinbugsiert wurden. Um sich einen Scherz zu machen, warf der Abgeordnete Brocmel die Frage hin- ob denn kein „gepreßter Hornknopssabrikant" im Reichstag sei, um für sein Fabrikat zu sprechen? Der Abgeordnete, welcher diesen Zoll verteidigte, nahm die Frage heilig ernst und antwortete: man könne doch nicht verlangen, daß nur denen Zölle bewilligt würden, die als Abgeordnete an der Sache beteiligt seien! — 141 — teile der weiteren Verbreitung jener Geheimkunst mit in den Kauf genominen werden können. Viel, in der That, sehr viel ist hier zu lernen. Zunächst sehen wir, wie Einer sich niemals von der Hoffnung auf einen Zoll muß abschrecken lassen, wenn er nur nicht »lüde werden will, sich mit allen denjenigen Herren im Reichstag und in der Regierung in die richtige Verbindung zu setzen, deren Person schließlich am meisten ins Gewicht fällt. So war der Held unserer Geschichte zum Beginn des Reichstagszollfeldzuges 1879 anfänglich überall abgewiesen worden. Weder die Regieruug uoch die Abgeordneten vermochten einen Umstand wahrzunehmen, der zu seinen Gunsten gesprochen hätte. Aber er läßt sich nicht abschrecken, er zeigt uns, wie er sich zunächst mit besonderem Scharfsinn eine kleine Anzahl Abgeordneter heranssncht, auf welche vor allem Sturm gelaufen werden muß; wie hierbei „die persönliche Agitation" alles zu leisten hat, wie er unermüdlich von früh bis spat allen Reichstagssitzungen beiwohnt, oder, was noch nützlicher ist, sich im Norsaal des Hauses umhertreibt, daselbst stets neue Bekanntschaften zu machen; wie er dann von dem Vorsaal nach gemachter Bekanntschaft in die Wohnnngen der Einzelnen dringt, wie er jeden, Mann für Mann, unausgesetzt mündlich und schriftlich mit „Instruktion" versieht; wie er es wohlweislich dabei nicht unterläßt, auch die jeweils maßgebende Person der Regierung aufzusuchen, und wie er von ihr die Versicherung erhält, daß sie im Stillen seiuen Versuchen gar hold sei, obwohl die offizielle Gesetzesvorlage selbst im Wege stehe und von ihr pro toi-ras. verteidigt werden müsse. Der gewandte Herr kontrolliert auch die persönlichen Wirkungen seines heißen Bemühens so sorgfältig, daß er von der Zuhörertribüne herab genau seine Mannschaft überwacht und die Freude hat, im ge- — 142 — gebenen Fall festzustellen, daß alle diejenigen, mit denen er gesprochen hatte, für, alle übrigen gegen sein Anliegen stimmten. Ferner macht er im Laufe seiner Expektorationcn das bezeichnende Geständnis, daß viele Abgeordnete bei der für ihn erwünschten Abstimmung nicht im Saale waren, weil sie zu seiner sittlichen Entrüstung außerhalb desselben müßigerweise „über konstitutionelle Garantieen und politische Theorieen disputierten", lauter Dinge, die der Zollstreber als ein echter Schüler berühmter Weisheitslehren von der Lasterhaftigkeit politischer Bestrebungen und der Tugendhaftigkeit der Jnteressenjagd, gründlich verachten muß. Aber trotz aller dieser Anstrengungen, trotz aller Anstürme uud Laufgräben mißlingt dem unermüdlichen Belagerer des Reichstags und der Reichsregierung auch in der zweiten Lesung die Eroberung seines Zolles. Doch den Tapferen entmutigt das alles nicht. Jetzt wendet er sich zurück an seine Fachgenossen und unterrichtet jeden derselben viritim. über das, was er thun, namentlich wie er den ihm nächststehenden Reichstagsnbgeordneten in gründliche Bearbeituug nehmen müsse. Er giebt ihm darüber eine detaillierte Gebrauchsanweisung; und es ist tief zu beklagen, daß dieses Rezept, wie man einen Abgeordneten für seine Privatzwecke in die Knr nehmen müsse, in das sonst so interessante Schreiben nicht Aufnahme gefunden hat. In dem Maße, als die Zeit und die Beratungen des Parlaments vorauschreiten, steigert sich natürlich das Interesse dieses Zollrvmans, welcher, wie dies auch jüngst wieder passierte, erst in der dritten Lesung zu der spannendsten Situation und der für den Helden erfreulichsten Lösung sührt. Gerade in dem Moment, da seine Besorgnis aufs höchste gestiegen ist, weil er vernimmt, daß der ganze Zolltarif nach dem Beschlusse zweiter Lesung unverändert an- 143 — genommen werden soll, schlägt Plötzlich, wie das zu einem guten Roman von Alexander Dumas gehört, die tiefste Verzweiflung in die hellste Lust über. Denn sein hoher Protektor im Reichstag, der ultramontane Graf Galen, überrascht ihu am frühen Morgen des für die dritte Lesung bestimmten Tages mit der Himmelskunde, daß sein Verlangen von einer guten Brüderschaft zollfreundlicher Mitglieder in die Vorschläge dritter Lesung aufgeuommeu uud alles fo wohl abgekartet ist, daß an ein Mißlingen dieses kühnen Handstreiches nicht zu denken. So ermutigt entschließt sich unser Mann deshalb auch, alles auf diese eine Karte zu setzen und jeden noch so billigen Vermittlungsvorschlag, welcher ihm sowohl von Mitgliedern des Bundesrats wie des Reichstags gemacht wird, abzuweisen. Vergeblich stellen sie ihm vor, es sei doch ein gar zu riesiger Sprung für ein sehr einfaches Fabrikat, das bis jetzt zollfrei gewesen, eiueu Zoll von 30 Mark zu verlangen, uud die Klugheit erfordere, sich mit der Hälfte zu begnügen. Unser Macchiavelli, mit seiner wohlverbrieften Zusage der damals noch nicht „freie wirtschaftliche Vereinigung" getauften Verbrüderung in der Tasche, erklärt sich heldenhaft für das Alles oder Nichts. Wie 1870 Jules Favre keinen Stein oder Fußbreit Erde hergeben wollte, so ruft er ans, daß er mit den 30 Mark pro 100 KZ „stehe oder falle". Und nnn folgt die herzbewegende Schilderung der großen Zollschlacht am vorletzten Tage dritter Lesung, an jenem denkwürdigen 11. Juli 1879, dem ebenbürtigen Vorgänger des 13. Mai 1885. Auch damals wütete das Zvllschwert von 10 Uhr morgens bis tief in die Nacht; auch damals gab es keinen Pardon für Jeden, der sich einem hohen, höheren oder höchsten Zoll in den Weg werfen wollte. Auch damals wurde, wie jüngst, Jedem das Wort abgeschnitten, der noch etwas aus den Krallen des Zvllvampyrs zu retten 144 — suchte. Als eine besondere Gunst des Himmels schildert der Erzähler, wie gerade sein Patron während seiner Rede von der Gegenwart des Reichskanzlers beglückt wurde, da er in kurzen, schlagenden Worten die erhebende Forderung der 30 Mark vortrug, und wie klug es angefangen war, daß auf Antrag des Herrn von Mirbach, nachdem sein Redner gesprochen, dem Redner der Gegenpartei das Wort durch einen Schlußautrag abgeschnitten wurde, da sonst doch noch ein Argument hätte schädlich wirken können. Mit der Genanigkeit eines Schlachtenbülletins wird dann berichtet, wie Punkt 96/4 Uhr in später Abendstunde der entscheidende Schlag fiel, durch welchen die 30 Mark zu ihrem unsterblichen Sieg geführt wurden. Die Geschichte dieses Feldzuges, die man in allen ihren Einzelheiten nachlesen muß, um sie nach Verdienst zu würdigen, wäre unvollständig, wenn nicht auch die Kriegs- kosteurechnung beigefügt wäre, unter welchen beispielsweise mehr als 150 Mark an Trinkgeldern figurieren, welche „im Reichstagsgebäude an die zahlreiche Dienerschaft im wohlverstandenen Interesse unserer Sache" verteilt wurden. Und nun noch zum Schluß wie bei jeder guten Erzählung erhalten wir auch „die Moral von der Geschicht". Während der mehrmals wieder aufgenommenen Debatten im Reichstag hatten die Gegner dieses Zollverlangens nachdrücklich darauf hingewiesen, daß der Niedergang der Korkstopfenpreise von der Wirkung einer übertriebenen Konkurrenz herrühre, welche nicht von außen hereindränge, sondern welche die inländischen Fabrikanten sich erbarmungslos selbst untereinander bereiteten. Natürlich hatte ihr Vertreter, der würdige Graf Galen, diesen Einwand auf das Entschiedenste zurückgewiesen. Aber in einer letzten vertraulichen Unterredung, die er mit dem tapferen Anführer der Korkfabrikanten unter vier Augen hat, kommt dem — 145 — frommen Herrn nachträglich der Gedanke, daß es mit dieser inneren gegenseitigen Unterbietung doch seine Richtigkeit haben könne, und er ermahnt jetzt, nachdem der weltliche Erfolg draußen errungen worden ist, den mit der Beute heimkehrenden Feldhauptmann, daß er nunmehr auch den Seinen die wirkliche Wahrheit ernstlich zu Gemüte führen möge, daß sie „dieses gute Resultat zu einem bleibenden zu machen, sich als die Söhne eines Vaterlandes zu betrachten, sich aneinander anschließen und die seither durchlaufene Bahn einer rücksichtslosen und grundsatzlosen, selbstmörderischen Preiskonkurrenz verlassen mögen." So wird zu guterletzt aus dem Jntriguenspiel noch ein erhebendes Rührstück. Die Moral nämlich lautet: Nun ihr die Konkurrenz des Auslandes los geworden seid, thut ench hübsch zusammen, diesen Vorteil an euren Mitbürgern durch eine wohlgefestigte Preiskoalition auszubeuten. Indem ich solcherweise den Gang dieser Geschichte zur Vorbereitung des Lesers kurz und treu skizziert habe, will ich sofort hinzusetzen, daß ihr Held, wie sich später herausgestellt hat, besonders dazu geartet war, die demoralisierenden Wirkungen einer solchen legislatorischen Praxis auf sich einwirken zu lassen. Der geriebene und energische Mann hat jedoch für sein Geschäft und seine Gewerbs- genossen nnr das gethan, worauf der Grundzug des herrschenden wirtschaftlichen Systems alle Deutschen stillschweigend und ausdrücklich hinweist: nicht von eigener gewerblicher Thätigkeit, nicht vou Verbesserung ihrer Leistungen, nicht von dem Vorteil, den sie dem Publikum anzubieten haben, sollen sie in erster Linie ihren Gewinn erwarten, sondern von der Gunst und den Privilegien, welche sie durch die Dazwischenkamst der Regierung und des Gesetzes sich verschaffen könueu. Hier ein Zoll, da ein Zunft- Privilegium, dort eine Subvention u. f. w. Der Wett- Ludwig Bambergcrs Ges. Schriften. V. lg 146 — bewerb in Handel und Wandel ist von der Werkstätte des Einzelnen in die Werkstätten der Gesetzgebung verlegt. Hier wird entschieden, wer etwas, wer viel oder nichts bekommen soll. Von der Gunst, die man sich da erwerben kann, hängt Gedeihen oder Mißerfolg ab. Wenn das Gesetz nun einmal Gewinn und Verlust diktiert, wenn der größte Preis demjenigen beschieden ist, welcher am besten diese neue Art von Geschäftskonjunkturen auszunützen weiß: ist da nicht Jeder, der nicht hinter seinesgleichen zurückbleiben will, um seines Erwerbs willen darauf angewiesen, die Wege zu studieren und auszunutzen, welche am besten zum Ziele führen? Muß er nicht sich seiner Haut wehren, um nicht von Anderen zurückgedrängt, muß er nicht siegen, um nicht besiegt zu werden? Herr Dittmar that für seine Industrie nur das, was jeder Gewerbetreibende heute zu thun verlockt wird. Und wenn manch einer sich aus hergebrachter altmodischer Sprödigkeit zu dergleichen Bemühungen noch nicht entschlossen hat, so werden die glorreichen Beispiele, welche ihm die letzte Neichstagssession wieder geliefert, ihn darüber belehren, daß er entweder sein Geschäft aufgeben oder sich auch zu dieser ueumodischen Praxis entschließen muß. Höchst wahrscheinlich werden wir infolge der jüngsten Erfahrungen bei künftigen Zoll- beratungeu noch mehr als bisher erleben, was schon unser Berichterstatter so deutlich ins Licht gesetzt und was der Tag des 13. Mai 1885 so gar auffällig gezeigt hat: die ersten und zweiten Beratungen des Reichstags in Zollangelegenheiten werden zn einer bloßen Anstandszeremonie herabsinken, bei der mich die Gegner von Zöllen, des Parlamentarischen Herkommens wegen, mit ihren Gründen zu Wort kommen; aber jeder Kundige wird in Zukunft wissen, daß es noch weniger, als man sonst schon glaubte, auf Gründe und Abstimmungen iu diesen Stadien einer aus- — 147 — führlichen Beratung ankommt. Das allein Wichtige und Entscheidende ist das EinHauen am letzten Tage, und noch besser, in der letzten Nacht der dritten Lesung, wenn, ohne Debatte, auf vorausgegebene Signale ein Zoll nach dem andern in strammer Disziplin von einer bei verschlossenen Thüren vorans einexerzierten Mehrheit aufgepflanzt wird. Zum richtigen Verständnis der hier geschilderten Vorgänge müssen noch ein Paar Worte über die Materie, die ihnen zugrunde liegt, beigefügt werden. Das Korkholz, welches hauptsächlich aus Spanien, Portugal und Algier herrührt, giug ebenso wie das daraus verarbeitete Fabrikat, die Stopfen, seit dem Jahre 1870 zollfrei in Deutschland ein, und zwar war die betreffende gesetzliche Bestimmung ohne jede Initiative irgend einer freihändlerischen Partei aus freiem Entschluß der Verbündeten Negierungen herbeigeführt worden. Ihr Vorschlag wurde damit motiviert, daß es rationell sei, ein für so viele industrielle Zwecke des inneren Verbrauchs wie der Ausfuhr bestimmtes Objekt uicht durch einen Zoll zu verteuern, um so weniger, als die Verarbeitung selbst nur eine sehr einfache sei (Verhandlungen des Zollparlameuts von 1870). In dem Entwurf des Zolltarifs von 1879, welcher das neue Prinzip aufstellte, daß mit seltenen Ausnahmen jede Ware verzollt werden müsse, war ein Satz von 10 Mark vorgeschlagen. Diesen für die fertigen Stopfen auf 30 Mark zu erhöhen, war das, wie wir gesehen haben, sieggekrönte Verlangen von 30 deutschen Fabrikanten, gegen welches mehr als 500 andere deutsche Gewerbtreibende im Interesse ihrer Industrie vergeblich protestiert hatten. Zur Charakteristik der Geschicklichkeit, mit welcher das kleine Heer des Herrn Dittmar geführt wurde, gehört auch, wie wir aus der Rede des Grafen Galen erfahren, der Geniestreich, daß nach Ablehnung des höheren Zolls in zweiter Lesung die Fabrikanten den Lohn ihrer 10* — — Arbeiter um 20 pCt. herabsetzten, um den richtigen Schrecken und Unwillen im Lande zu erzeugen, der eine moralische Pression auf den Reichstag auszuüben geeignet wäre. Es ist nicht zur Kenntnis gekommen, daß dieser geschickte Schachzug jemals einer ähnlichen Zensur ausgesetzt gewesen wäre wie das Unterfangen jener Bäcker, welches der Herr Reichskanzler „unverschämt" nannte, weil sie nach Erhöhung des Getreide- und Mehlzolls auch den Preis ihrer Backware hinaufzusetzen sich unterstanden. Es verdient auch als ein Beitrag zum wahren Sachverhalt der Dinge nicht unerwähnt zu bleiben, daß die Regierung des Großherzogtums Oldenburg, eiue der wenigen, welche noch an den früheren Traditionen einer aufgeklärten Wirtschaftspolitik festhält, dem Zollverlangen keinen Vorschub leistete, obgleich gerade in ihrem Lande diese Industrie am meisten angesiedelt ist. Übrigens stellte sich nach ganz kurzer Zeit auch heraus, daß die Zollerhöhung der Absicht ihrer Betreiber nicht bloß nicht gedient, sondern die betreffende Industrie geradezu geschädigt hatte. Dieses Bekenntnis ist aktenmäßig niedergelegt in dem offiziellen Bericht der Gewerbekammer des Großherzogtums Sachsen, deren Mitglied Dittmar war. Leider erlaubt der Raum nicht, die interessante Schilderung wiederzugeben, in der offen eingestanden und beschrieben wird, wie der vermeintliche Schntz dieses Gewerbes geradezu tätliche Wirkung für dasselbe herbeigeführt hat, eine Ausführung, welche in ihren Einzelheiten einen schlagenden Beleg für die ganze Hohlheit und Falschheit der Lehre vom Schutz der nationalen Arbeit liefert, was natürlich nicht hindert, daß flott und salbungsvoll damit weiter gearbeitet wird. Der betreffende Bericht ist sogar von demselben Dittmar verfaßt, der seiner Zeit Vorsitzender jener Fabrikantenversammlung gewesen war, die am 30. April zu — 14!» — Hannover sich mit einer Bittschrift in den bekannten Wendungen an des Reichskanzlers durchlauchtigste Vorsehung AM Schutz flehend gewendet hatte. Auch verließ Dittmar später die Korkindustrie, um Zuflucht bei der Zuckerindnstrie zu suchen, wobei es ihm jedoch noch trauriger ergehen sollte, als vvrher. Zuguterletzt strandete er auf der Bank der Angeklagten. Zum Humor des Ganzen endlich gehört aber auch, daß der so heiß erkämpfte Gewinn nur von kurzer Dauer war. Nur wenige vier Jahre blieb dieser angeblich für den Schutz der nationalen Industrie und uatürlich bloß um des Wohles der Arbeiter willen für unentbehrlich erklärte hohe Zoll in Kraft. Der spanische Handelsvertrag schaffte ihn wieder aus der Welt. Spauieu bestand darauf, daß er wieder herabgesetzt werde, und da es nur um diesen Preis den obersten und mächtigen Heiligen unserer neueu Wirtschaftspolitik, Lanetuin L^iritum, den geliebten Sprit, den die ost- und norddeutschen Großgrundbesitzer erzeugen, zn milden Bedingungen zulasfeu wollte, so hatten schließlich der oldenburger Graf Galen und sein Schutzbefohlener xra riitulo gearbeitet. Alle Nachweise der sächsischen Gewerbekammer Hütten sicherlich nicht vermocht, an dem einmal festgesetzten Zoll zn rütteln, denn zu den Grundsätzen, nach denen wir jetzt regiert werden, gehört doch auch der: daß jede Zollerhöhung gut, jede Herabsetzung vom Übel sei. Aber glücklicherweise mußte der deutsche Korkzoll dem spanischen Spritzoll weichen. Auch das ist eiue Moral, die am Schlüsse dieser lehrreichen Darstellung nicht unbeherzigt zu bleiben verdient. Wer mit des Geschickes Mächten einen sicheren Bund flechten will, der muß die Feder beim Unterschreiben des Pakts nicht, wie Mephisto es begehrt, in Menschen-, sondern in Kartoffelblut tauchen. Sprit ist ein ganz besonderer Sasr. - Rechenschaftsbericht des Herrn G. Dikknmr über seine Bemühungen zur Herbei- führung eines Zolles ans Rorkfabrikake von Z0 Mark pro Doppelzenkner. -^011 der am 2t>. April d. I. in Hannover stattgehabte» Versammlung deutscher Korkindustrieller wurde mir neben einigem Anderen der Auftrag, nach Berlin zu gehen, um mit Mitgliedern des Bundesrates und des Reichstags Fühlung und Verkehr zu suchen und zu unterhalten und in dieser, sowie in anderer geeigneter Weise für eine Abänderung der Position Nr. 13 der Zolltarif-Vorlage zu Gunsten der deutschen Korkindustrie mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu wirken. Ich übernahm mit Widerstreben und wenig Hoffnung hegend, dajz es mir gelingen werde, den Wünschen meiner Mandanten zn genügen, diese schwierige Mission und beehre mich heute, nachdem ich dieselbe als erfüllt betrachten darf, einen Bericht über meine Thätigkeit zu erstatten. Die persönliche Überreichung der einen Petition an den Fürsten Bismarck konnte nach einer Mitteilung des Herrn Geh. Rates Ticdcmann an Herrn Carl Lürßcn nicht stattfinden, mein schriftliches Gesuch an Herrn Tiedemann aber, mich zu empfangen, die Petition für den Herrn Reichskanzler aus meinen Händen entgegen zu nehmen und bei dieser Gelegenheit in Bezug auf meine Mission mit einigen Ratschlägen mich zu unterstützen, blieb ohne jegliche Antwort, so daß ich mich genötigt sah, die erwähnte Petition am ö. Mai d. I. in Berlin zur Post zu geben. Meine damalige Anwesenheit in Berlin benutzte ich weiter, um die metallographische Vervielfältigung der an den Herrn Reichskanzler gerichteten Petition und den Druck der für die Rcichstagsabgeordncten bestimmten Petition zu überwachen, wobei ich vier Korrekturen zu lesen hatte, den Rest meiner Zeit aber verwendete ich darauf, mich im Reichstage zu orientieren, mich einigen Reichstags- und Bundesratsmitglicdcrn vorzustellen und einige» — 151 — Sitzungen beizuwohnen, während die Generaldebatte (erste Lesung) über die Zolltarifvorlagc stattfand. Nachdem ich diese Lorbereitungen und auch die notigen Anordnungen für eine rasche Expedition der Petitionen, sobald solche fertig gestellt sein würden, getroffen hatte, kehrte ich nach hier zurück und zwar ziemlich cntmntigt, da nicht einer derjenigen Herren, welche mir Gehör geschenkt hatten, die mindeste Aussicht aus Erfüllung meiner Hoffnungen mir gemacht hatte. Nach Empfang der Petitionen aus der Druckerei wurden dieselben von meiner Berliner Filiale sofort expediert, und es empfingen sowohl die Mitglieder des Reichstages, wie diejenigen des Bundesrates je ein Exemplar unter frankiertem Kuvert. Von hier aus aber wendete ich mich an das Uüreau des Reichstages, meinem Briefe drei Exemplare für die Pctitions- Kommission beifügend, während ich zu gleicher Zeit ausführliche Schreiben an die Rcichstagsabgcordnetcn Or. Sommer, von Werner, Graf von Galen, Grütering, Dr. Groß, Bode, Bruel, Mosle, von Waldow-Reitzen- stcin, von Varnbülcr. Bcrger und vou Äardorfs richtete, denselben je ein Exemplar der an den Fürsten von Bismnrck gerichteten Petition übersandte und den zuerst genannten nenn Herren gegenüber darauf hinwies, daß in ihren Wahlkreisen die Korkindustrie heimisch sei. Der RcichStagsabgcordnctc meines Wahlkreises ist der der national- liberalen Partei angehörende Dr. Sommer. Derselbe kannte mich persönlich, nahm mich sehr freundlich auf, versprach auch in seiner Eigenschaft als Mitglied der Petitionskommission zu unseren Gunsten zu wirken, und ging mir sonst an die Hand, lehnte es aber im Hinblick auf seinen srei- händlcrischen Standpunkt ab, deu von mir gewünschten Antrag auf Abänderung der Position Nr. 13 der Zolltarifvorlagc im Reichstage zu stelle», uud ich sah mich deshalb genötigt, mich an dsn der Zentrumsfraktion angehörenden Grafen von Galen mit diesem Ersuchen zu wenden, welcher Herr Delmenhorst nnd somit denjenigen Bezirk Deutschlands im Reichstage vertritt, in welchem die Äorkindustrie zur Zeit die größte Ausdehnung besitzt. Bei diesem Herrn nun fand ich volles Entgegenkommen und die Anerkennung der Berechtigung unserer Forderungen, welche sich dadurch kundgab, daß derselbe deu von mir gewünschten Abändcrungsantrag im Reichstage alsbald einzubringen versprach. Am 18. Mai d. I. trat ich meine zweite Reise nach Berlin an, um , meine persönliche Agitation fortzusetzen und der eben begonnenen zweiten Lesung der Zolltariffrage beizuwohnen. Bei meinem Eintritt in den Reichstag überreichte mir der Herr Graf von Galen zu meiner großen Freude seinen bereits gedruckten und soeben zur Verteilung gelangten Antrag, welcher die Nr. 189 tragt und von 2t) Reichstagsabgeorducten unterstützt ist, welche ohne Ausnahme dem Zentrum angehören. Ich wohnte von da ab allen Reichstagssitzungen bis inkl. 29. Mai bei, hielt mich abwechselnd auf den Tribünen und im Foyer des Hauses auf, zumeist an letztcrem Orte, um täglich neue Bekanntschaften anzuknüpfen und die schon gemachten zn pflegen, was immerhin seine Schwierigkeiten hatte, da die Herren Abgeordneten von tausendcn Petitionen — ähnlich der unserigen — überschüttet, durch eine lange Session und aufreibende Arbeiten ermattet waren, tagtäglich auch von vielen Industriellen, welche für ihre Branchen gleiche Vorteile wie ich suchten, sei es, daß dieselben in einer Erhöhung der von der Negierung proponierten Zollsätze, sei es, daß sie in einer Verminderung der Sätze bestanden, im Reichstage heimgesucht wurden. Es hielt auch schwer, zu erfahren, welcher von den Rcgicrungs- kommissaren die Position Nr. 13 im Namen der verbündeten Regierungen im Reichstage vertreten werde, kein Abgeordneter war in der Lage, mir das mitzuteilen, an die freihändlcrisch gesinnten Vertreter der Negierungen von Oldenburg und Weimar mochte ich mich nicht wenden und so klopfte ich an mehrere falsche Thüren an, ehe ich herausfand, daß der bäurische Mnisterialrat Dr. von Mayr derjenige war, welchen ich suchte. Diesen Herrn nun habe ich in seinem Hotel und im Reichstage vielfach aufgesucht, um ihm meine Vorstellungen zu machen und meine Wünsche vorzutragen, und ich kaun die Liebenswürdigkeit dieses in damaliger Zeit von Arbeiten überhäuften Beamten nicht genug loben, mit welcher derselbe mir stets entgegengekommen ist, wie ich an dieser Stelle überhaupt konstatieren muß, daß ich fast erstaunt war über die Liebenswürdigkeit, welcher ich bei alle» Herren, mit denen ich in Berührung gekommen — darunter die ersten Beamten des Reiches und die besten Köpfe Deutschlands —, begegnet bin und wie ungeheuer vorteilhaft alle diese Männer abstehen von jenen Beamten, denen man in kleinen Verhältnissen täglich begegnet und bei denen es oft schwer fällt, herauszufinden, ob die Aufgeblasenheit oder die Beschränktheit den dominierenden Platz bei ihnen behauptet. Die Position Nr. 13 stand schon am 20. Mai auf der Tagesordnung und von da an täglich bis zum 29. Mai, an welchem Tage der Reichstag endlich an deren Beratung gelangte. Der vom Grafen von Galen zu Po« sition 13a gestellte Antrag, nach welchem bei „Korkholz" der Zusatz - „auch in Scheiben und Platten" gestrichen werden sollte, wurde von einer ge- — 153 — ringen Mehrheit abgelehnt, was an sich ohne Belang blieb, immerhin aber ein ungünstiges Prognostikon stellte. Die Beratung gedieh bis zu Nr. 13b, hier brachen die Arbeiten ab, der Reichstag trat in die Pfingstferien ein, er vertagte sich bis zum 9. Juni und ich, der ich in atemloser Spannung den letzten Verhandlungen gefolgt war, mußte unverrichteter Dinge heimkehren. Am 9. Juni bei Wiederaufnahme der Sitzungen befand ich mich wieder auf meinem Platz und setzte meine persönlichen Agitationen fort. Vor Pfingsten schon waren zwei Petitionen deutscher Korkhändlcr und Konsumenten an den Reichstag gelangt, von welchen ich Abschriften zu den Akten gegeben und auf welche ich eine an den Grafen von Galen adressierte ausführliche Erwiderung schrieb, wie ich diesen Herrn überhaupt mündlich und schriftlich fortwährend mit Instruktionen versah. Zu gleicher Zeit richtete ich ein längeres Schreiben an den Ministerialrat Dr. von Mayr, in welchem ich alle die von diesem Herrn gemachten Einwendungen zu widerlegen suchte. Obgleich nun die Beratung der Position Nr. 13 schon am 9. Juni und an allen folgenden Tagen auf der Tagesordnung stand, gelangte der Reichstag doch erst am 16. Juni zur Fortsetzung seiner Beratung der Zolltarisvorlagc. Position Nr. 13 k kam endlich an die Reihe. Der Graf von Galen, welcher zu diesem Absatz den Antrag gestellt hatte, daß nach den Worten „grobe Korkwaren" zur näheren Bezeichnung in Klammern hinzugefügt werden sollte: „Streifen, Würfel und Rindenspunde", motivierte seinen Antrag kurz, indem er hervorhob, daß es sich hierbei lediglich um eine redaktionelle Änderung handle, und eine ausführlichere Motivierung für Nr. 13x sich vorbehielt. Der Abg. Sonne - mann, zweifellos einer Aufforderung der gegnerischen Petenten folgend, bekämpfte den Galenschen Antrag heftig, brachte dabei Alles dasjenige vor, was unsere Gegner in ihren Petitionen gesagt hatten, schilderte, wie notwendig für Wcinhändler und Mineralwasscrgcschäfte der leichte Bezug katalanischer Korke sei, wie selbst die dem preußischen Staate gehörenden Brunnen von Eins, Schwalbach und Vayhingen u. s. w. ihren ganzen Bedarf im Auslande decken müßten und -das katalanische Fabrikat nicht entbehren könnten, und verstieg sich endlich zu der Behauptung, daß die deutsche Korkindustrie ohne jeglichen Schutz zu solcher Blüte gelangt sei, daß ihre Verlegenheiten einer Überproduktion zuzuschreiben seien, und daß der Galcnsche Antrag diesen Industriezweig nur schutzzöllnerisch beglücken wolle. Die Debatte wurde hierauf geschlossen, der Antrag Galen kam zur Abstimmung und wurde vom Reichstage abgelehnt. So- weit ich von mcincm Platze auf der Tribüne des Bundesrats diesen raschen Vorgang übersehen konnte, stimmten Zentrum und deutsche Reichspartei, sowie einige Schutzzollner auf beiden Seiten des Hauses, und zwar alle diejenigen, mit denen ich gesprochen hatte, für, alle Übrigen aber gegen den Antrag, an dessen Fall in erster Reihe die Deutsch-Konservativen die Schuld trugen, welche späterhin die Art ihrer Abstimmung mit der Erklärung, daß sie nicht orientiert gewesen wären, bei mir entschuldigt haben. Die Sitzung endete, nachdem der Absatz k im Sinne der Regierungsvorlage angenommen worden war, und fand ihre Fortsetzung am 17. Juni, an welchem Tage über den vom Grafen von Galen zu Nr. I3x gestellten Antrag, nach welchem hinter den Worten: „feine Korbflechtcrwaren" eingeschaltet werden sollte: „Korkstopfer, Korksohlen, Korkschnitzcreien", verhandelt wurde. Vor Beginu der Sitzung suchte ich den Herrn Ministcrial- rat Dr. von Maur auf, welcher Tags zuvor dem Galcnschcn Antrag ebenfalls widersprochen hatte, um M zu bitten, daß er von einer weiteren Opposition absehen möchte. Herr Dr. von Maur antwortete mir wörtlich: „Sie wissen, daß es meine Pflicht ist, die Rcgieruugs- Vo rlage im Allgemeinen dem Reichstage gegenüber zu vertreten, Sie wissen aber auch zur Genüge, daß ich mich gern überstimmen lasse und daß die Regierung den von Ihnen angestrebten höheren Zollsatz mit Vergnügen akzeptieren wird." Graf von Galen motivierte seinen zu Nr. 13x gestellten Antrag in längerer Rede, widerlegte alles dasjenige, was der Abg. Sonnemann Tags vorher gesagt hatte, geißelte die traurige Thatsache, daß die preußische Regierung ihren bedeutenden Bedarf an Korkstopfcn ohne zwingende Veranlassung jseit Jahren von einer französischen Firma beziehe, nnd erwähnte alles dasjenige, was er zu Gunsten unserer Industrie sagen konnte. Es würde zu weit führe», wenn ich die Gnlenschc Rede wörtlich wiedergeben wollte, ich beziehe mich diescrhalb auf das zu den Akten gegebene stenographische Protokoll über die 61. Sitzung des Reichstags vom 17. Juni d. I. Nachdem der Regieruugskommissär Or> von Maur, wenn auch in wohlwollender Weise, den Antrag Galen bekämpft und dessen Verwerfung als eine notwendige Konsequenz der am vorhergegangenen Tage erfolgten Ablehnung der zu Nr. 13k beantragten Änderung bezeichnet hatte, fiel auch dieser letzte Teil des Galcnschcn Gcsamt- antrages und damit mcinc Hoffnung auf den Gefrierpunkt. Bei der Abstimmung zeigten sich dieselben Verhältnisse wie Tags und leider spielte dabei der Zufall eine größere Rolle, als dieses sein dürfte. Das Haus war an beiden Tagen sehr schwach besetzt — vom Zentrum allein fehlten 4V Herren — viele Abgeordneten aber, welche im Foyer und in der Restauration des Hauses über konstitutionelle Garanticcn disputierten und in politische Theoriccn sich vertieften, wahrend im Saale praktische, in das wirtschaftliche Leben tief einschneidende Fragen behandelt wurden, hielten auf ihren Plätzen ruhig aus und nicht der Mühe wert, zur Abstimmung in den Saal zn treten. Das Resultat aller meiner Mühen war also ein klägliches, ich bin aber nicht der Mann, welcher so leicht den Mut verliert, und gebe eine Sache nicht früher auf, bis der letzte Wurf gethan ist, — also handelte ich auch in diesem Falle. Ich fuhr hierher zurück und nahm die schriftliche Agitation sosort und mit allen Kräften wieder auf. Zunächst lies; ich jene Briefe an meine Herren Kollegen hinausgehe», in welchen ich einen kurzen Bericht über meinen Mißerfolg erstattete, darauf hinwies, daß die Sache nicht als verloren betrachtet werden dürfe, und darum ersuchte, daß ein jeder der Herren mit seinem Vertreter im Reichstage sofort in schriftlichen Verkehr treten möchte, indem ich die Art und Weise erläuterte, in welcher solches am besten geschehen werde. Ich selbst korrespondierte fortlaufend mit dem Herrn Grafen von Galen und richtete ausführliche, die Sachlage erörternde Briefe an RcichS- tagsabgcordnetc. «Folgen die Namen von 55 Abgeordneten aller Parteien.) Ich schilderte darin nochmals die Notlage unserer Industrie und die Umstände, durch welche der Antrag Galen zu Fall gekommen und bat schließlich um die Unterstützung dieses Antrages für die dritte Lcsnng, sowie um Werbung von Stimmen zu dessen Gunsten. Jedem Schreiben fügte ich eine Abschrift des Galenschcn Antrages und, soweit mein Vorrat reichte, ein zweites Exemplar unserer an den Reichstag gerichteten Petition bei, indem ich daraus hinwies, daß es leicht möglich sei, daß in der ungeheuren Masse von Petitionen (es waren deren an 3Ül)v eingegangen), mit welcher die Herren während der letzten Monate überschüttet worden sind, unsere Eingabe ihrer Aufmerksamkeit entgangen sei, und sie bat, dieselbe nachträglich zu lesen. In dieser Weise auf die dritte Lesung vorbereitet und im Begriffe, die letzten Briefe zu untci zeichnen, erschreckte mich am 8. d. M. Abends eine Notiz in der „Frankfurter Zeitung", unch welcher für die dritte Lesung ein Antrag auf ki> bloci - Annahme des Zolltarifcs, wie solcher aus deu Beschlüssen der zwciteu Lesung hervorgegangen war, mit alleiniger Ausnahme der Position Nr. v (Getreide) gestellt werden sollte, und veranlaßte mich sofort abzureisen nnd znm vierten Male nach Berlin zu gehen. Am nächsten Morgen zeitig im Reichstage, wurde ich von mehreren Herren sofort beruhigt, am vollständigsten vom Grafen von Galen, welcher mir seinen für die dritte Lesung wieder eingebrachten, dieses Mal von 8 Liberalen, 21 Mitgliedern des Zentrums, 8 Mitgliedern der deutschen Ncichspartei und 14 Deutschkonservativcn unterstützten und Tags vorher zur Verteilung gelangten Antrag überreichte. Der neue Antrag bezog sich nur auf die Absätze k und °- der Position Nr. 13 uud war in dieser Hinsicht eine wörtliche Wiederholung des frühereu, die zu Position Nr. 13s, früher beantragte Änderung aber, nach welcher hinter: „Korkholz" die Worte: „auch in Platten oder Scheiben" gestrichen werden sollten, wurde mit meinem Einverständnis nicht wiederholt, da es uns durchaus glcichgiltig sein kann, ob diese Worte im Zolltarif stehen bleiben oder nicht, andererseits aber Exzellenz von Schwcndler mir geraten hatte, nichts zu fordern, was nicht durchaus notwendig sei. An dieser Stelle will ich bemerken, das; ich dagegen allen Vorstellungen, welche darauf hinausliefen, daß wir uns mit einem Zoll von 15—20 Mk. pro 100 >/^ Uhr ausgesetzt und sodann in der Lesung fortgefahren. Endlich kam bei gut besetztem Hause uud nachdem während einer einzigen Stuudc in drei Fällen, in denen das Büreau des Hauses darüber im Zweifel war, ob es mit einer Mehrheit oder mit einer Minderheit zu thun hatte, der sogenannte Hammelsprung ausgeführt worden war, die Position Nr. 13 und der Antrag Galen an die Reihe. Der Herr Antragsteller motivierte dieses Mal schon bei Absatz k auch dasjenige, was er am Absatz A geändert haben wollte, während er bei der zweiten Lesung aus guten Gründen diese beiden Gegenstände auseinanderhielt. In vortrefflicher Rede und von dem warinen Interesse getragen, welches dieser Reichstagsabgeordnete für meine Bestrebungen stets an den Tag gelegt, vertrat er seinen Standpunkt, wiederholte er in großen Zügen — 157 — alles Dasjenige, was zu Gunsten unseres Industriezweiges gesagt werden konnte und widerlegte er nochmals die früheren Ausführungen des Abgeordneten Sonnemann und des Rcgicrungskommissärs Or, von Mayr und erntete dafür die Genugthuung, daß seine Anträge zu Pos. Nr. 13 k und K in Gegenwart des Herrn Reichskanzlers und in zwei getrennten Abstimmungen von einer großen Mehrheit zum Beschlusse erhoben wurden und seitdem Gesetz geworden sind, welches am 1. Oktober d. I. in Krast treten wird. Für den Galenschen Antrag stimmten die deutsch-konservative Fraktion, die deutsche Rcichspartci, das Zentrum und die Sozialdcmo- traten, mit welchen ich schriftlich und mündlich verhandelt hatte, geschlossen, außerdem eine erhebliche Anzahl der auf der linken Seite des Hauses sitzenden Abgeordneten, darunter die Herren Dr. Sommer, Dr. Groß, Dr. Zinn, Jordan, Mosle, Bergcr, v. Bühlcr, Feustcl, Klein, Krcutz, Landmann. Der letzte Hammelsprung hatte die Anwesenheit von 325 Abgeordneten ergeben und ich darf — hierauf fußend — annehmen, daß die beiden Abteilungen des Antrags Galen mit etwa 240 gegen !>v Stimmen angenommen wurden. Nachdem Graf von Galen gesprochen, verlangte der Abgeordnete Sonncmann das Wort, ein vom Freiherrn von Wirb ach rechtzeitig gestellter Antrag auf Schluß der Debatte aber fand die Mehrheit des Hauses und dein Herrn Sonnemann konnte deshalb das Wort zn f und nicht mehr erteilt werden, was für den weiteren Verlauf der Dinge nur vorteilhaft sein konnte, Die Abstimmung erfolgte Abends Uhr und ich hoffe, daß diese Stunde in der Entwicklnng unserer Industrie eiuen Wendepunkt bedeuten wird, mir persönlich aber wird sie in der Erinnerung bleiben als der versöhnende Abschluß eines Vierteljahres großer Aufregung und Sorge. Nachdem ich auch der letzten (8V.) Sitzung beigewohnt hatte, um bei dieser Gelegenheit allen den Herren, welche mich in meiner schwierigen Mission so wohlwollend unterstützt, in meinem nnd meiner Herren Kollegen Namen nochmals zu danken und mich von ihnen zu verabschieden, reiste ich am letzten Samstag, den 13. d. M. hierher zurück, dem Reichstags- abgcordneten Geh. Justizrat Marcard aber, welcher heute noch mit besonderer Liebe an seinem Geburtslande Oldenburg hängt und welcher der letzten Sitzung nicht mehr beigewohnt hat, habe ich am 14. d. M. in einem Schreiben meinen Dank ausgesprochen. Was den ziemlich beträchtlichen Kostenpunkt der beendeten Agitation anlangt, so erlaube ich mir zu bemerken, daß eine Fahrt von Derm- bach nach Berlin oder zurück ca. Mk. 42 kostet, daß ich acht solcher Fahrten — 158 — unternommen habe, daß ich im Reichstagsgebäude an die zahlreiche Dienerschaft im wohlverstandenen Interesse unserer Sache mehr als M k. ISO an Trinkgeldern nach und nach verausgabt habe und daß aus meine persönlichen Ausgaben wahrend meiner viermaligen Anwesenheit in Berlin nur ca. Mk. 480 entfallen. Ich schließe meinen Bericht, indem ich einem Auftrage des Grafen von Galeu entspreche und glaube dessen Wunsch am besten zu erfüllen, indem ich ihn selbst reden lasse. Der genannte Herr, dem wir zu großem Daukc verpflichtet sind und dem ich mitgeteilt hatte, daß wir in Hannover mit dem Versprechen voneinander geschieden seien, nns in diesem Jahre noch einmal und zwar am Rheine zusammenzufinden, um die jetzt bestehende lockere Vereinigung in eine feste und bleibende Organisation umzuwandeln, sagte mir beim Abschiede: „Grüßen Sie Ihre Herren Kollegen von mir, sagen Sie ihnen, daß ich mich aufrichtig gefreut habe, diesen Erfolg für sie errungen zu haben, sagen Sie ihnen aber auch, daß es jetzt an ihnen sei, dieses gute Resultat zu einem bleibenden zu machen, indem sie sich als die Söhne eines Vaterlandes betrachten, indem sie sich aneinandcrschlicßen und indem sie die seither durchlaufene Bahn einer rücksichtslosen, grundsatzlosen und schließlich selbstmörderischen Preiskonkurrenz verlassen und an deren Stelle den Grundsatz „Leben und leben lassen" gelten lassen, sie im wohlverstandenen eigensten Interesse handeln werden. Sagen Sie ihnen, daß ich aus der einen Seite nur den nackten, grassen Egoismus erblicken kann, während ich auf der anderen Seite dasjenige sehe, was uns das Christentum lehrt und sagen Sie ihnen endlich, daß ich mich freuen werde zu hören, daß die von Ihnen so sehr gewünschte und gegenseitigen Schutz bietende feste Organisation ins Leben getreten ist: zum Vorteile der deutschen Korkindustriellen und zum Vorteile ihrer Arbeiter." Ich habe diesen Worten nichts hinzuzufügen, ich spreche nur den Wunsch aus, daß die nächste Versammlung anfangs September d. I. stattfinden möge, da ich während der zweiten Hälfte des cbengenannten Monates an den Sitzungen der weimarischen Gewcrbckammer teilnehmen muß und richte an alle diejenigen Herren, welche in Hannover — sei es persönlich, sei es durch Bevollmächtigte — vertreten waren und als deren Mandatar ich mich bisher betrachtet habe, meinen kollegialischcn Gruß. Dermbach, den 17. Juli 1879. (gez.) OScar Dittmar. ' ! Geht die Welt besseren Zeiten I entgegen!' *) Aus der „Nation" vom t>. November 1886. <^as ist die Frage, welche in diesem Augenblick aller Orten zugleich ertönt. Daß sie überhaupt laut wird, ist ohne Zweifel schon an sich ein günstiges Zeichen. Lange, sehr lange hat es gedanert, ehe sie sich hervorwagte, und auch jetzt tritt sie nur mit sichtbarer Zurückhaltung auf, mit einer gewissen Furcht, beim Wort genommen zu werden. So viele Jahre hindurch hatte man gehofft, daß es endlich wieder aufwärts gehen müsse, nud immer wollte es sich nicht wenden. So sieht man schüchtern und mißtrauisch den Dingen ins Gesicht, selbst wenn sie anfangen, eine freundliche Miene zu machen. Lells ?llilis, ou, ctsssspsi-s alors lzu'on «sxöi's tou^oui-s. Auch in der Presse ward schon vor einiger Zeit die Aufmerksamkeit auf gewisse Erscheinungen hingelenkt, welche als Symptome einer aufsteigenden Bewegung gedeutet werden konnten. Und viel früher, bereits im Febmar 1886*) habe ich selbst im Reichstag denen, weiche wieder einmal alle Schmerzen aus dem einen Puukt der Doppelwährung kurieren wollten, die Mahnung zugerufen, nicht durch ein halsbrechendes Experiment eine nach gewissen Wahrzeichen vielleicht gerade jetzt sich vorbereitende Besserung zu hintertreiben. Wenn in allen diesen Äußerungen dem Zweifel ein breiter Raum gelassen war, und wenn heute angesichts zahlreicher sich häufender und stark charakterisierter Vorgänge die Hoffnung *) Sitzung vom 10. Februar 1886, S. 989 des stenogr. Berichts. Ludwig Bambcrger'S Gcs, Schriften. V. H — 162 — t doch nicht zu Worte kommt, ohne vor allzu raschem oder großem Vertrauen zn warnen, so ist dafür außer der Nachwirkung des taugjährigeu Druckes uoch mancher andere gute Grund vorhanden. Zum Beispiel das Bedenken, sanguinische Vorstellungen zu erregeu, welche geeignet wären, in eine gesunde Rückkehr der Kräfte sofort einen neuen Todeskeim zu legen. Man erinnert sich daran, daß in der Wende des Jahres 1379 auf 1830 ein guter Aulauf von jenseits des Ozeans genommen und zu uns herübergetragen wurde, daß aber alsbald ein Rückschlag die kaum erblühten Hoffnungen wieder zerstörte. Wie die Menschenuatur immer aus Kontrasten zusammengesetzt ist, so entspringt an derselben Stelle, wo langjähriger Druck unüberwindliche Entmutigung zurückgelassen hat, auch wieder der Draug, mit um so größerem Ungestüm, die kaum gewahrte Fährte wieder verheißenen Glückes zu verfolgen. Gerade aus England wird jetzt ein solches Kuriosum gemeldet. Das Land, wo man sich seit Jahren am meisten die Köpfe zerbrach, wie den Ursachen des schweren auf den Geschäften lastenden Druckes auf die Spur zn kommen sei, wo man eben noch Folianten mit den Verhören der vom Parlament veranlaßten königlichen Kommission*) augefüllt hat, England ist plötzlich dieser Tage Zeuge eines jener Anfälle toller Spielwut gewesen, dergleichen mau ehedem nnr ans dem Höhepunkt langer Schwindelperioden erlebte und als warnende Exempel im Gedächtnis zu bewahren Pflegt. Eine große Bierbrauerei, die von Guineß & Co. in Dublin, ist, wie man ehedem bei uns sagte, „gegründet" worden. Die bisherigen Besitzer haben ihr Geschäft einer Aktiengesellschaft abgetreten und dafür den Preis von k Millionen Pfnnd Sterling, rund ko^al OommiLsion axxointsä to inPiiro into tko «Zepi'SWion ok trg,äo emä industr^. ! — 163 — 120 Millionen Mark, eingethan, nicht etwa das Inventar und den Betriebsfonds mit einbegriffen, sondern nur als Gegenwert des kapitalisierten künftigen Geschäftsgewinns. Für Inventar und Betrieb ist daneben eine Summe von I., 8t. 2 800 000 vorgesehen. Aber nicht diese für den Gewinn eines einzigen landläufigen Unternehmens gezahlte fabelhafte Summe ist es, welche hier am meisten überrascht hat, sondern der Taumel, der sich des kleinen Publikums bemächtigte, als die Aktieu des neuen Unternehmens zur Beteiligung aufgelegt wurden. Nach den aus London kommenden Schilderungen müssen sich da Szenen abgespielt haben, wie sie uns aus Law's Zeiten in der Chronik der ras HuinLg.lnxvix verzeichnet sind. Die einfachen Formulare zur Anmeldung, welche das mit der Ausgabe betraute Bankhaus Baring, natürlich unentgeltlich, versandt hatte/ sollen mit zehn und fünfzehn Schilling bezahlt worden sein; aber vergeblich, denn als am Morgen des für die Zeichnung bestimmten Tages die Menge sich zu den Pforten des Bankhauses herandrängte, fand sie an denselben die Kundmachung angeschlagen, daß bereits alle Aktien vergeben seien, worauf der Zudrang und der Unwille dermaßen ausbrachen, daß die Thüren wörtlich in Stücke geschlagen wurden. Splitter derselben sind nach der Hand herumgezeigt und verdientermaßen als Merkwürdigkeit uach Hause getragen worden. Dabei muß noch erwähnt werden, daß, wenn dem ersten englischen Fachblatte, dem „Eeonomist", ein Urteil zusteht, die Aussichten dieser Aktien nach einfacher Wahrscheinlichkeitsberechnung gar nichts Verführerisches aufweisen. Nur die Wahrnehmung, daß ein Reingewinn von elf Millionen Mark (im letzten Jahre) möglich ist, hat als berückendes Zahlenmoment auf die Phantasie der Menge gewirkt. Und das ist das Gefährliche an der Wirkung langgestreckter Stillstandsperioden. Die Erinnerung 11' — 164 — an die bitteren Enttäuschungen der Gründerzeiten ist erblaßt, die Phantasie verjüngt sich und — nicht zu vergessen: auch in Zeiten, die wir jetzt schlecht nennen, die es aber nur im Verhältnis zu vorausgegangenen schwungvollen sind, häufen sich die Ersparnisse, sinkt der Zinsfuß, und beide vereint nähren eine Ungeduld, welche den Verführungen der Phantasie bereitwillig entgegen kommt. Wenn man in solchen Erwägungen schon Grund genug findet, sich mit der Verkündigung wieder anbrechender Morgenröte nicht zu übereilen, so sind eben diese Erwägungen doch nur sekundärer Ordnung. Der Hauptgrund für die Enthaltsamkeit liegt tiefer. Nämlich in der allumfassenden Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnis: dem Wissen des Nichtwissens. Bekanntlich wächst die Zuversicht in das eigene Erkennen im umgekehrten Verhältnis zum Wissen von den Dingen. Zu einem schnellen und sicheren Urteil über den Zusammenhang verborgener Ursachen und Wirkungen gelangen immer diejenigen, welche keine positiven Kenntnisse von der bestimmten Sache, wenig Logik und etwas Phantasie besitzen. Dies trifft beinah überall zu, am meisten aber in medizinischen Sachen. Ich bin viel sicherer, eine positive Antwort über die Natur eines Leidens und dessen Behandlung zu erhalten, wenn ich bei einem Bekannten, und gar bei einer Bekannten Besuch mache, als wenn ich meinen Arzt konsultiere. Daher es auch kommt, daß das Publikum, welches von Wissen und Nichtwissen überhaupt abenteuerliche und dunkle Vorstellungen hat, allzeit so weidlich über das Nichtwissen der Mediziner loszieht, auch sobald einer gestorben ist, weiß, wie er hätte gerettet werden können. Mit den wirtschaftlichen Krankheiten geht es ähnlich wie mit den leiblichen. Die größten Ignoranten sind immer im Besitze der unfehlbarsten Kur- methoden. Wenn man sie nur machen ließe, wäre die Welt — 165 — alsbald vom jeweiligen Übel erlöst. Der eine erklärt alles aus dem Wüten der inneren Konkurrenz, der andere aus der Überschwemmung mit fremden Produkten. Zuletzt hatte sich eine andere Weisheit als die ausschließlich richtige und unwiderlegliche Offenbarung breit gemacht, die Verdrängung des Silbers aus dem Geldumlauf sollte an allem Elend schuld sein: lasse man es wieder herein und allen ist geholfen. Merkwürdigerweise scheint jetzt die Besserung einzutreten, ohne daß auch nur das Geringste von diesem Rezepte zur Anwendung gekommen wäre. Die Preise der wichtigsten Waaren steigen in beiden Erdhälften, zum Teil in ganz beträchtlichem Maße, aber im Gebrauch und in der Gesetzgebung des Silbers hat sich nicht das Geringste verändert. Welche Erklärung wird man jetzt geben? Ich habe die Muße dieses Sommers benutzt, um die drei Blaubücher durchzugehen, welche die vorhin genannte Kommission zur Untersuchung der Geschäftsdepression in England veröffentlicht hat. Eines ist mir dabei besonders ausgefallen. Die vernommenen Sachkundigen erscheinen am beredsten in Beantwortung der Fragen, die sie nicht aus eigenem Wissen, sondern nur mittelbar und annähernd beurteilen können; in demselben Verhältnis sind sie bereit zu Vorschlägen der Abhilfe, welche dann in der Regel auf etwas hinauslausen, was die Regierung auf allgemeine Kosten für sie thnn solle. Die Bestuuterrichteten und die sichtlich Klügsten sind die Mäßigsten in Angabe von Gründen sür allgemeine Erscheinungen und in Mitteln zn deren Behandlung. Wenn jetzt oder später — denn einmal kommen wird sie doch — die dauernde Besserung eintritt, so soll mir einer sagen, ob eine einzige der auf die 14 255 gestellten Fragen erteilten Antworten sich ein Verdienst darum erworben hat. Die Welt ist dann vorwärts geschritten, ohne von diesen Foli- — 166 — anten etwas zn wissen, und die Folianten sind zu ihren Vorgängern versammelt. Nicht als ob aus sorgfältig gesammelten Beobachtungen über Vergangenes nicht etwas zu lernen sei über die Ursachen des Geschehenen und als ob nicht aus solcher Einsicht manches zu lernen sei für das Verhalten in der Zukunft. Aber zu lernen ist daraus, wenn irgend etwas, hauptsächlich was man nicht thun, was mau an Fehlern vermeiden soll. Diätetik ist auch hier der Gesuudheitskunst besserer Teil. Oder hat vielleicht die Untersuchung der großen nnd kleinen Krisen, welche Handel und Gewerbe seit Anfang dieses Jahrhunderts durchgemacht habeu, auch nur die Klügsten und Bestunterrichteten jemals in den Stand gesetzt, auf einige Wochen voraus zu sagen, wann eine Krisis eintreten oder wann eine zu Ende gehen werde? In Hunderten von Bänden sind die Enqueten niedergelegt, gelehrte und ungelehrte Bücher ohne Zahl sind darüber geschrieben worden. Wer sie alle gelesen und im Geiste gegenwärtig hätte, vermöchte wahrscheinlich nicht einmal in dunklem Ahnungsvermögen bevorstehender Wendungen den Einzelnen zu übertreffen, der in der praktischen Führung eines einzigen Geschäftszweiges mit seinem durch den Kampf ums Dasein ausgebildeten elementaren Spürsinn das Nahen gewisser Veränderungen herausfühlt. Und darin liegt auch gar nichts Unnatürliches. Es erklärt sich einfach aus der Unendlichkeit des mannigfaltigen Lebens, dem die Kombinationen der wechselnden Erscheinungen entspringen. Diese unendlichen Kombinationsmvglichkeiten sind es, die jeder Vorausberechnung auf einigermaßen längere Entfernung in Zeit und Raum spotten. In dem Maße, als der Schauplatz des Getriebes von Handel und Gewerbe sich über den Erdkreis ausgedehnt, sich technisch vervollkommnet und in immer schnellere wie engere Berührung gesetzt hat, sind diese — 107 — unendlichen Kombinationen vielfältiger und intimer geworden. Wer kann schildern, wie heute von Tientsin bis San Francisco alles zusammenhängt und ineinandergreift! Möchten doch die klugen Leute, welche eine „planmäßige Produktion" harmonisch ewig gleicher Verlaufsweise ausarbeiten wollen, nur einmal ihren Blick in das Getriebe eines einzigen Weltgeschäftes werfen, um eine Ahnung von allen großen uud kleiuen Dingen zu gewinnen, die in unausgesetzter Veränderlichkeit sich untereinander bedingen und verketten. Auch den großen Herren und Gesetzgebern, welche die Regelung von Handel und Wandel unter ihrer Verantwortlichkeit, aber freilich uicht auf ihre Gefahr, am Schnürchen zu führen verlangen, wären solche Studieu zu empfehlen. Wie nützlich wäre es, wenn vor jeder Parlamentsverhandlung über Zölle die Herren RegiernngSkommissare nur ein einziges Aktenstück wie z. B. den neuesten Handelsbericht des großen Dresdener Handelshauses Gehe Co. durchlesen wollten! Ich halte sie für ehrlich geuug, daß ihnen doch etwas um ihre Gottühnlichkeit bange werden würde, wenn sie gewahrten, aus wie zahllosen, ihnen unbekannten Artikeln sich der Umsatz eines solchen einzigen Hauses zusammensetzt. Und doch gehören alle diese Artikel dazn, damit das Leben sich so unter unseren Augen abspiele, wie wir es ahuungslos mitleben. „Ein Jeder lebt's, nicht Jedem ist's bekannt." Keine obrigkeitliche Weisheit, keine sozialpolitische Professoren- versammlnng hat den Tausenden, die alle in der Stille, jeder an seinem Ort, die Herstellung uud Vermittlung dieser Dinge besorgen, einen Befehl oder eine Anleitung dazu gegeben; jeder dieser einzelnen Artikel hat wieder seine eignen wechselnden Schicksale im Laufe des Jahres durchgemacht, bald aus erklärlichen, bald aus, auch dem Eingeweihtesten, unerklärlichen Ursachen! Nachzuleseu, was sich z. B. mit der einzigen Chinarinde seit zwölf Monaten zugetragen hat, — 168 — gewährt einen tieferen Einblick in die Natur des heutigen Wirtschaftslebens, als alle Lehrbücher der gesamten historischen Schule der Nationalökonomie, die sich auf ihreu augeblichen, in Wahrheit nur um so mehr doktrinären, Realismus so viel zugute thut. Warum haben alle über den nächsten Preisgang dieses Artikels angestellten Berechnungen ihren Dienst versagt? Wie verhielt es sich doch damit, daß die Preise nicht steigen wollten, obgleich in Ceylon nur noch ein Viertel der früher in gleicher Epoche vorhandenen Rindenmenge existieren sollte, und daß trotz guter Aussichten die Neupflanzung vou Chinchouabäumen ganz unterblieb? Wuchs die Ausfuhr, nur weil die Plautageubesitzer besonderen Geldbedarf hatten, eben deshalb aber auch zur Anpflanzung von Thee schritten, nnd ist es richtig, daß nun einerseits diese Theestauden uuter deu Chiuchonnbänmen nicht gediehen, andererseits aber auch das Wachstum dieser Bäume durch die Stauden beeinträchtigt ward? Hat es seine Nichtigkeit, daß in Java eine rasche uud bedeutende Zunahme des Rindenertrages zn gewärtigen war und die Pflanzer von Ceylon deswegen sich eilen mußten, ihre Vorräte abzugeben? Daß die Vermutung aus der großen Menge der vorgebrachten Wurzelrinden nahe gelegt war? Der Bericht antwortet auf alle diese Fragen, daß es nicht möglich sei, die Genauigkeit dieser Angaben zu prüseu uud sich ein Urteil darnach zn bilden. Aber wir erfahren beiläufig uvch, daß nicht bloß die Einwirkung vou Ceylon uud Java, sondern noch Umgestaltungen in Bolivia, in Kolumbien, in Ostindien, in Jamaica, in den portugiesischen Besitzungen von Afrika, auch iu Guayaquil, Puerto-Cabello und Maracaibo ihren Einfluß ausübten. Alle diese Orte und ihre Erzeugnisse vibrieren durch deu Telegraphendraht täglich zusammen, uud der neueste Preisstand ist das jeweilige Gesamtresnltat ans den Kombinationen aller dieser — UZN — Vibrationen. Und wie bei dieser Ware, so ist es bei jeglicher, und je nachdem das Geschäft in der einen auf- oder abgeht, empfinden das wieder Zweige, die scheinbar ganz entfernt davon liegen. Das Bild von der „kleinen Welt" der menschlichen Gesellschaft, das einer unserer Novellisten so hübsch bearbeitet hat, paßt noch viel mehr auf das Treiben in der Geschäftswelt. Je größer die Welt wird, desto kleiner wird sie, je mehr das Netz sich ausspannt, desto dichter wird es, desto mehr laufen die Fäden ineinander und übertragen ihre Bewegungen von einem auf die anderen. Kleinigkeiten, an die wir jahrelang nicht erinnert werden, setzen die äußersten Enden der beiden Hemisphären gegeneinander ins Spiel. Wer denkt sich beispielsweise, daß die spanische Fliege Gegenstand eines vielbewegten und der Spekulation ausgesetzten Marktes seiu könnte? Zunächst kommt diese „spanische" Fliege aus Rußland, uud zwar sind Poltawa uuo Nischny die Hauptstapelplätze dafür. Aber auch Sizilien, Rumänien und Ungarn liefern ihre Beiträge, mit denen wieder China in Konkurrenz liegt. Überall hängt viel von der Witterung ab, wie weit es dem Fleiß der Einsammler gelingt, ihren Teil zu den Vorräten zu liefern, die iu London und Hamburg lagern. Vou dem Medikament der neuesten Mode, dem Coccnn, bis zu der au jedem Waldweg wachsenden Heidelbeere hat jeder Artikel nicht nur seine Rubrik, sondern sein eigenes Schicksal im Auf- und Niedergang. Während die schönen Coeablätter aus Bolivia durch Zufuhr aus Peru und Truxillo im Preise stark gedrückt und durch eine An- Pflnnzuugskonkurrenz in Ceylon und Java bedroht wurden, „sind Heidelbeeren in vielen Gegenden nnr spärlich gediehen, so daß auch aus deu besseren Distrikten die Forderungen hoch lauten; für Export war lebhafte Nachfrage, ebenso nach getrockneten Fliederbeeren, welche zur Zeit vergriffen sind." Ach Horatio, wie viel geht doch, vom Himmel gar — 170 — nicht zu reden, nur auf dieser gemeinen Erde vor, wovon sich Eure Handels- und sozialpolitische Weisheit nichts träumen läßt! Das Wichtigste uud Entscheidendste in dieser unermeßlichen Welt des unendlich Kleinen und Großen ist, daß, wenn man auch die Kenutuis von allen diesen Vorgängen in einem gegebenen Moment in einem Kopfe zusammenfassen könnte, derselbe doch nicht imstande Märe, einen Schluß für die nächste Zukunft daraus zu fasse». Wenn sich Jemand mittags zwölf Uhr an den Eingang der Londoner oder Berliner Börse stellte und jeden Eintretenden auf seine An- uud Absichten Prüfte, würde er doch nicht imstande sein voraus zu sagen, wie die Kurse nm 3 Uhr sich stellen werden. Ein Drahtbericht aus Birma oder Seoul könnte alles über den Haufen werfen. Darnm werdeu Auf- und Niedergang der Gesamtheit der Weltgeschäfte immer erst zu konstatieren sein, wenn sie da sind, und auch daun ist mit Vorsicht abzuwarten, ob sie Dauer und Widerstand zu leisten geeignet erscheinen. Viele Bücher sind über die Geschichte der Handels- und Geldkrisen geschrieben worden. Selten hat man die Frage zu beantworten gesucht, welches das durchschnittliche Lebensalter einer Krise sei? Viel öfter ist die Frage nach der Dauer der Gesundheitsperioden behandelt worden. Gelehrter Scharfsinn und pessimistische Sozialdoktrin haben ihren Witz aufgeboten, systematische Wiederkehr geheimnisvoller Zahlenreihen zu konstruieren. Nach je fünf oder zehn Jahren sollte die „Planlosigkeit" des Weltgetriebes regelmäßig durch ein Strafgericht unterbrochen werden. Aber die Thatsachen wollen sich doch nicht einrenken lassen, ja über die Existenz der Thatsachen selbst laufen die Meinungen auseinander. Nach einigen Schriftstellern haben im letzten Jahrhundert Krisen erlebt die Jahre 1793, 1795, 1797, 1N10, 1811. — 171 — 1816, 1825, 1832, 1836, 1837, 1839, 1840, 1847, 1857. von neuesten Zeiten nicht zu reden. Wogegen Robert Peel 1847 in seiner berühmten Rede über die Currency - Bill meinte, seit 1806 hätten nur vier große Krisen stattgefunden, 1825, 1832, 1837 und 1839. Der berühmte Statistiker Tooke wollte zwei davon nicht gelten lassen, er ließ seit der Neige des vorigen Jahrhunderts nur vier im ganzen zu: 1792 bis 1793, 1810 bis 1811, 1825 und 1847. Wären die Dinge dieser Art überhaupt berechenbar, so würde es uns jetzt viel mehr interessieren, nachzuforschen, wie lange eine solche Krise wohl in der Regel dauern möge. Gerade iu diesem Punkt unterscheiden sich die Gesamt- erscheinnngen dieser Art in der Neuzeit von allen früheren. Wie es schon im Sinne des Wortes liegt, verstand man ehedem unter Krise eine kurze, vorübergehende Unterbrechung des normalen Geschäftsganges. Eine Krise von einjähriger Dauer galt schon für ganz unerhört und auffallend lauge, so die vou 1836 auf 1837. Dagegen, wenn wir unsere Erlebnisse aus den letzten 25 Jahren ins Auge fasfen, müssen wir uns sagen, daß die rückgängige Bewegung, weuu sie jetzt zu Ende gehen sollte, mit kurzen Unterbrechungen an dreizehn Jahre gedauert hätte. Aber das weist eben darauf hin, daß von einer Krise im wahren Sinn des Wortes hier nicht gesprochen werden kann. Das Abnorme waren nicht die Zeiten von 1873 bis heute, sondern die von 1871 bis 1873, welche als Maßstab dienen mußten, um gewaltsame Anstrengungen der Gesetzgeber zur Aufrechthaltuug jenes abnorm hoheu Standes heraufzubeschwören. Aber diese lange Dauer der relativ zurückgegangenen Bewegung hat noch eine viel tiefere Bedeutung. Es handelt sich nämlich hier nicht, wie in früheren Krisen, um den Gegeuschlag einer vorausgegangenen Bewegung, sondern um die dauernde organische Einwirkung gewaltiger — 172 — Umgestaltungen in der großen Gesamtheit von Produktion und Verkehr. Diese Dinge sind in den letzten Jahren so oft besprochen worden, daß es überflüssig ist, hier ausführlicher auf sie zurückzukommen. Und wenn es schon so schwer ist, die Dauer einer gewöhnlichen Krise voraus- zubestimmen, so stehen wir einer ganz anderen und größeren Aufgabe gegenüber, da, wo es sich darum handelt, eine neue Wendung zu erkennen in der gegenwärtigen Lage, die allerdings zwar auch aus Elementen einer Krise, jedoch überwiegend aus Elementen einer welthistorischen Umbildung des gesamten Kulturapparates zusammengesetzt ist. Wenn heute mit Wohlgefallen eine Preisbewegung nach oben verzeichnet wird, so ist einzuräumen, daß diese aufsteigende Bewegung als Symptom allerdings erfreulich ist, weil sie beweist, daß die Nachfrage, die Konsumfähigkeit, die Lebenslust und Lebenskraft im Verhältnis zu den vorhandenen Vorräten gewachsen sind. Höhere Preise aber an sich sind keine Wohlthat. Das ist eben der Unterschied zwischen Verstand uud Unverstand in wirtschaftlichem Urteil. Weil steigende Preise unter gewissen Umstünden ein Zeichen der Besserung der allgemeinen Verhältnisse sind, glaubt der Unverstand, durch Zölle und Zünfte die Preise steigern zu sollen, um besfere Verhältnisse zu erzeugen. Die richtige Auffassung sieht das Gedeihen in dem Gleichgewicht einer stetig wachsenden Produktions- und Konsumtionsfühigkeit, bei welcher die Produktion stets dahinterher ist, wohlfeiler zu erzeugen uud damit den Kreis der Konsumtiousfähigkeit auszudehnen. Wenn wir endlich wieder in eine gesunde und aufsteigende Bewegung hineingelangen sollten, so wäre sie das Ergebnis der unwiderstehlich weiter arbeitenden Kulturentwicklung, der es gelungen wäre, trotz aller künstlichen Teueruugspolitik so wohlfeil zu produzieren, daß die Aufnahmefähigkeit der Welt wieder die Uberhand gewonnen hätte. sonderbarer Schwärmer, der diese Frage aufwirfr, denkt der Mensch und meint, die Antwort könne nicht zweifelhaft sein. In seiner Einfalt meint der Mensch, er esse um satt zu werden. Es gab eine Zeit, in welcher nicht bloß gewöhnliche Sterbliche, sondern sogar große Staatsmänner dieser Ansicht huldigten und daher auch die gelehrtesten Professoren der Nationalökonomie sich zu ihr bekannten. Aber wie doch sagt man jenseits der Vogesen? ^ous g-vons ong-nAs Wut osls.. Zu dem Vielen, was wir in den letzten zehn Jahren von unseren Nachbaren gelernt haben, gehört auch dies, das oliAUAki- tout osla. Ein deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, doch seinem Beispiel folgt er gern. Man könnte ruhig jede Wette darauf eingehen, aus den Verhandlungen der französischen Parlamente bis sieben- zig Jahre zurück die schlagendsten Parallelstellen zu allem zu findeu, was jemals im deutscheu Reichstag als neueste Weisheit zum Schutz der nationalen Wirtschaft mit ethischen: Schwung vorgetragen worden ist. Die Schlagworte zumal, bei deren pathetischem Erklingen stürmischer Beifall zur Reduerbühne oder Miuisterbauk hinauf jubelt, wurden vor mehr als einem halben Jahrhundert vvu Männern erfunden, die, wie jener Monsienr de St. Erica oder Mimerel seitdem in der Geschichte der Nationalökonomie als komische Figuren — 176 — weiterlebten, bis einige Zeit nach Errichtung des neuen Deutschen Reichs allmählich der Geist von Krähwinkel wieder mit neuer Macht seinen siegreichen Flug über die Welt zu nehmen begann und die Weisheit jener französischen Vorläufer der heutigen Wirtschaftsreform auch bei dem Volk der Denker zu den höchsten Ehren brachte. So oft man die vergilbten Blätter jener Annalen aufschlägt, erstaunt man immer von neuem, darin den leibhaftigen Doppelgängern der Gestalten zu begegnen, die sich im Vordergrund unserer neuesten Geschichte bewegen. Heute treten sie auf als die Ankläger des Weizens, der, aus Indien und Amerika kommend, Europa mit seinem Un- segen überschwemmt. Damals war es der Weizen von Südrußland, der, aus Odessa nach Marseille einlaufend, ihre Verwünschungen auf sich lenkte. Im Jahre 1817 hatte eine Hungersnot ihn herbeigezogen, aber kaum war das dringendste Bedürfnis befriedigt, so erhob die agrarische Kasfan- dra — noch im selbigen Jahr — ihre Warnungsstimme vor dem Untergang, der dem heimischen Ackerban drohe. So wurden die ersten Kornzölle beschlossen. Und, genau wie bei uns, wurde die Absicht der Preissteigerung nicht erreicht, weil alsbald der Segen dreier guter Ernten die volksbeglückenden Absichten der Brotverteuerer zu nichte gemacht hatte. Weshalb im Jahre 1821 ein neuer Ansturm mit dem Verlangen nach abermaliger Erhöhung der im Jahre 1819 beschlossenen Zölle unternommen ward. Und wieder genau wie heute gab es auch schon dazumal heroische Gestalten, welche» Blödigkeit in der Formulierung ihrer Wünsche nicht vorzuwerfen war. Eine von vielen Abgeordneten unterzeichnete Eingabe sprach sich rund heraus und in klaren Worten dahin aus, daß „jegliche Einfuhr fremder Körnerfrüchte streng verboten werden sollte". Freilich konnte man noch damals diesen Anmaßungen gegen- — 177 — über mit einer Aufrichtigkeit verfahren, für die wir heute zu artig geworden sind. Als Benjamin Constant in einer Rede gegen die Zölle von den Anhängern derselben in der auch uns bekannten Weise mit fortwährendem Geräusch übertönt und unterbrochen wurde, rief er ihnen von der Reduerbühne herab zu: „Die überschäumende Manier, mich jeden Augenblick zu unterbrechen, die sich der Grundbesitzer bemächtigt hat, verhindert mich an weiterer Auseinandersetzung. Ich begnüge mich deshalb damit, Ihnen zu sagen, daß es beklagenswert ist mitanznsehen, wie Sie sich bemüheu, die Nahrungsmittel zu verteuern, die auf Ihren eigenen Ländereien wachsen und in Ihren eigenen Speichern angesammelt sind". Natürlich ward auch damals schon das berühmte Lied gesungen: Hat der Bauer Geld, hats die ganze Welt. Charles Dupin führte im Jahre 1831 die Theorie aus, daß der Arbeiter sich bei hohem Getreidepreise besser stehe, weil er dadurch höhereu Lohn erhalte, uud eiu anderer Redner sprach mit derselben Verachtung, deren Zeugen auch wir gewesen sind, von dem Irrtum, daß billige Nahrungsmittel etwas Gutes seieu. Ja ein sonderbares Natnrspiel wollte, daß die krassen Schutzzölle ihre Entstehung einer Legislatur verdankten, die auf ein politisches Attentat - die Ermordung des Herzogs von Berry (1820) — folgte, wie dies bei uns 1878 nach dem Attentat Nobiliug geschah. Natürlich durfte die Viehzucht hinter dem Ackerban nicht zurückstehen. Es wurden auch damals schon schwer zu kontrollierende Berechnuugeu darüber aufgestellt, wie hoch sich die Gestehungskosten eines jeden Ochsen beliefen, und daraus gefolgert, daß nur mit eiuem Schutz von fünfzig Franken das Stück die Aufzucht noch möglich sei. Es war die Zeit, da Marschall Bugeaud das berühmte geflügelte Wort sprach: lieber als die Herden der ungarischen Ochsen würde er die Heere Rußlands und Österreichs in Frank- Ludwig Bambergers Ges. Schriften. V. 12 — 178 — reich einbrechen sehen, heute würde er sagen die Prussiens. Die Kunstbutter war noch nicht erfunden, aber die Ölmüller von Flandern reichten allen Ernstes eine Petition ein gegen die Konzessionierung von Gasanstalten, die ihnen eine illegitime Konkurrenz machten. Schließlich kam es auch dort so weit, daß die Nimmersatten der nationalen Wirtschaft von der Negierung schon hier und da im Interesse eines Minimums von öffentlichem Anstand gezügelt werden mußten. Man sieht, auf Originalität kann das neue Deutsche Reich des praktischen Christentums keine Ansprüche machen gegenüber dem fränkischen Bourgeoisstaat der Restauration uud der Julimonarchie. Nur in einem Punkte hat sich Frankreich von jeher vorteilhaft vor Deutschland ausgezeichnet. Die Wissenschaft hat sich niemals zur unterthänigen Magd der Regierungsweisheit herabgewürdigt. Von dem hochmütigen Dreinreden wie von der servilen Anpassung akademischer Schulmeisterpolitik ist man jenseits frei geblieben. Während in der Staatspragmatik Frankreichs, abgesehen von den sechziger Jahren, seit Anfang des Jahrhunderts das Schutzzollsystem herrschte, ist die Wissenschaft, sowohl die offizielle als die freie, offen und ehrlich den Überlieferungen der Smith-Sayschen Lehre treu geblieben. Im Jahre 1848, kurz vor dem Ausbruch der Revolution, erboste sich jener obenerwähnte Abgeordnete nnd Vizepräsident der Kammer, Herr Mimerel, über dies Verhalten so sehr, daß er erklärte, er habe von der Regierung verlangt, sie solle einen Lehrstuhl der schutzzöllnerischen Nationalökononne gründen, um den Doktrinen, die im College de France gepredigt würden, Widerspruch entgegenzusetzen. Bei uus bedarf es so grausamer Maßregeln nicht. Das Gesetz des akademischen Darwinismus fördert immer eine Anzahl strebender Geister zu Tage, welche im Kampf ums Dasein sich den — 179 — klimatischen Bedingungen des offiziellen Wohlverhaltens mit schwungvollen Evolutionen anzupassen verstehen. Doch zurück zu unserer Frage! Warum esse ich? Die Antwort lautet heute wie dazumal: „Du issest, damit ich satt werde." Das und nichts Anderes besagt das Begehren, daß das Korn teurer gemacht werden müsse. Darauf läuft — reden wir vorläufig nur vom Korn — alles hinaus, und wenn es nicht darauf hinauslaufen soll, warum der ganze Lärm nach hohen Kornzöllen? Wer seinen Hnnger mit Brot stillen will, ist durch den einfachsten Gang der natürlichsten Logik darauf hingewiesen, daß, je weniger Schwierigkeiten ihm in der Anschaffung dieses Brotes bereitet werden, desto gewisser er zu seinem Ziele kommt. Kein Schriftgelehrter, kein Feldherr, noch so siegreich, und kein Staatsmann, noch so ruhmgekrönt, können diese einfache Logik aus der Welt schaffen. Wer Brot essen will, verlangt nicht zu den möglichst schweren, sondern zu den möglichst leichten Bedingungen den Zweck zu erreichen, daß er satt werde. Aber da kommen die gewichtigen Leute, welche die Gesetze machen uud geben dem Brotesser mit Weiser Miene die Aufklärung: Du irrst, mein Freund, nicht damit du satt werdest, verlaugt dein Magen nach Speise, sondern damit andere satt werden. Drum sollst du das Brot in Zukunft teurer bezahlen, d. h. du sollst entweder einiges Brot entbehren, oder andre Dinge, die du für dein Geld, wenn dn dessen übrig hast, kaufen könntest. Und dies Mehr an Geld soll denen zu gute kommen, die das Korn verkaufen, damit für sich selbst mehr Brot zu kaufen, wobei nicht ausgeschlossen, daß sie schon soviel bereits besitzen, um sich für die von dir erlangte Preiszulage unter Umständen Kuchen, 12* — 180 — ja sogar Champagner, oder noch mehr Champagner als bisher kaufen zn können. Wie kommt es nun, daß über dies sonderbare Verlangen der Brotesser nicht stutzig wird? Es giebt verschiedene Mittel, solcher Wirkung vorzubeugen. Das landläufigste bis auf diesen Tag besteht darin, daß der, welcher das Verlangen stellt, seinen eigenen Hunger au die Stelle zu setzen, wo der Huuger des Essenden steht, niemals im eigenen Namen sprechend auftritt. Niemals wird er sageu: Mein lieber Peter, Sie sollen Ihr Brot essen, damit ich, der Paul oder, wie es in diesem Fall richtiger heißen muß, der Herr von, auf und zu Paul satter werde. Gott bewahre! Der brave Mann spricht nie für sich. Er denkt und redet immer nnr für Andere. Und wer sind diese Anderen, denen seine Nächstenliebe zu Hilfe kommt! Wären es Menschen, so möchte man vielleicht mit einiger Verwunderung gewahren, daß es gewöhnlich solche sind, die genau dasselbe Geschäft treiben wie er. Aber wenn es höhere Wesen sind, gar keine Menschen überhaupt, dann dürfen solche Gedanken nicht aufkommen. Daher hat sich iu dieser verkehrten Welt des Essens in andere Mägen hinein ein eigentümlicher Jargon herausgebildet. Weun das Koru verteuert werden soll, so geschieht das niemals um derjenige» Grundbesitzer willen, welche den Antrag stellen. Es geschieht auch nicht um der anderen, ihrer sämmtlichen Berussgeuosfeu willen, überhaupt keinem Menschen zu Liebe, sondern einzig und allein für — die Landwirtschaft! Bei diesem Wort schwindet jeder Gedanke daran, daß es sich um Mein und Dein der Mitredenden handle. Bei diesem Klang steigt vor unseren Augen das erhabene Bild einer weiblichen Person über Lebensgröße empor, das Haupt mit einem Ährenkranz gekrönt, in der rechten Hand eine — 181 — Sichel, in der Linken eine Garbe, ein Füllhorn zu ihren Füßen. Nur dieser edlen Erscheinung gilt die Entsagung, welche der Brotesser sich auserlegen soll, nur ihr soll er sein Opfer bringen. Daß die Priester, welche unter Anrufung der heiligen Landwirtschaft die Gläubigen zu Opfer und Gebet auffordern, selbst das Land bewirten, ist doch natürlich, und niemals haben die Priester — das weiß man — etwas von den Opfern an sich genommen, welche ihren Gottheiten dargebracht wurden. Auch daß eine Gottheit größeren Appetit hat als Menschen, versteht sich von selbst, aber darin allerdings gleicht ihr Appetit dem der Sterblichen, daß er im Essen znnimmt. Sie ist schon lange darüber hinaus, daß sie uur vom Brot satt werden will. Es giebt kaum eine Mahlzeit, bei der sie sich nicht zu Gaste lädt. Sie will ihren Durst löschen mit dem Branntwein, den andere trinken, ihren Gaumen letzen mit dem Zncker, den andre zur Süßung gebrauchen, ja, sie möchte am liebste» ihre Schulden zahlen mit dem Geld, das andre sich erspart haben, oder was noch einfacher ist, gar nicht zahlen. „Sie csscii gern, sie trinken gern, Sie essen und trinken und bezahlen nicht gern" heißt es von den drei Königen aus dem Morgenland, allwo zur Zeit des Königs Herodes die Landwirtschaft in hohen Ehren stand. Neuerdings hat die Sprache des Gesetzgebers noch eine weitere Ausbildung auf diesem Gebiete erfahren. Die Vorstellung abstrakter Weiblichkeit hat durch die Häufigkeit ihres Erscheinens und die bedenkliche Nähe der sie bedienenden Priester etwas an ihrer Zauberkraft eingebüßt. An ihre Stelle ist etwas Neues getreten. Aus dem Luftreich der himmlischen Erscheinungen sind wir, entsprechend dem realisti- — 182 — schen Zug der Zeit, hinabgestiegen in den dunklen Schoß der Mutter Erde. Nicht mehr göttliche Wesen über Lebensgröße, sondern Knollen und Wurzeln in ihrer rührenden Einfalt wenden sich an das gute Herz des steuerzahlenden Publikums. In der Branntweindebatte trat die Kartoffel in eigener Person auf, um sich die kleine Gabe von vierunddreißig Millionen auszukitten, in der Zuckerdebatte die bescheidene Rübe, die verlangte der Millionen nur dreißig. Die biedere Kartoffel, die „liebe teure" Rübe, würde der gottesfürchtige Herr von Kleist-Netzow ausrufen, und die Führer der nationalen Partei schilderten Rübe und Kartoffel in so rührenden Worten, daß man von Stein sein mußte wie ein Freisinniger, um nicht erweicht zu werden. Kartoffeln und Rüben, wer möchte diesen unschuldigen Pflanzen etwas abschlagen? Wer wollte so niedrig sein, nachzurechnen, an wen diese Knollen und Wurzeln, die doch selbst keine Arnheims zu besitzen Pflegen, ihre vierundsechzig Millionen abgeben? Als Rebekka ihren Sohn Jakob, um ihm den Segen Jsaaks zu erschleichen, in Esans Kleider ge- steckt hatte, ließ sich der blinde Patriarch, obwohl sein Ohr ihm sagte, daß etwas nicht richtig sei, nach Blindennrt von seiner Nase führen und, die Kleider beriechend, sprach er: Siehe der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes. Darum sorgen Leute, die noch schlauer sind als Jakob, jetzt auch für diesen Geruch des Feldes, wenn sie um den Segen des blinden Hödur bitten. Schon mehrmals ist vorgeschlagen worden, man möge die Millionen, statt sie den Umweg über Kartoffel- uuo Rübenäcker machen zu lassen, den Herren dieser Äcker direkt ins Hans schicken und den deutschen Brot- und Zuckeressern dann eine Liste dieses Unterstützungswerkes vorlegen. Aber die, uur großen Herren angeborene, Bescheidenheit macht, — 183 — daß diese sich gegen solche Vereinfachung sträuben. Sie wollen nicht, daß ihre Wohlthaten an die große Glocke gehängt werden. Denn nicht um es zu behalten, nur um es den armen Arbeitern wiederzugeben, lassen sie sich herab, dies Geld anzunehmen. Wie die Holzzölle nur gemacht wurden, damit die braven Holzhauer im Walde von den fürstlichen und gräflichen Waldbesitzern besser bezahlt werden konnten (hat man seitdem schon was davon gehört?), so soll auch das Korn verteuert werden, nur damit die Reichen den Armen in Zukunft mehr Brot geben können. Am Schluß der schönen Fabel vom Bienchen und der Taube heißt es noch: Du giebst dem Armen heut dein Brot, Der Arme wird dirs morgen geben. Aber das muß jetzt umgeschrieben werden. Die Moral wird heute nicht mehr deu Reichen, sondern den Armen gepredigt: Du giebst dem Reichen heut dein Brot, Der Reiche wird dirs morgen geben. Nous avoiis ellg-riAv tout, osla. Wer die Wohlthaten alle aufzählen wollte, welche heutigen Tages auf dieseu Wegen der Gesetzgebung erwiesen werden, würde des Segens kein Ende finden. Da sind Handwerksmeister, die entdecken, daß dem Publikum schlechte Arbeit für sein gutes Geld geliefert wird. Gleich fiud sie dabei Sorge zu tragen, daß nur sie allein und keiner, den sie nicht zulassen, für das liebe unvorsichtige Publikum arbeiten dürfe. Wer glaubte, daß sie das aus Eigennutz thäten, würde auch hier die wahre Seelengröße arg verkennen. Auch hier handelt es sich abermals nicht um Menschen, sondern um ganz unpersönliche Wesen. Wie dort die Landwirtschaft, so hier einzig uud allein das Handwerk, das — 184 — sich nicht minder zu Dithyramben eignet, wie die Kartoffel nnd die Rübe. Nur um das edle Handwerk, nicht um den Meister Schuhmacher handelt es sich, wenn der Paul dem Peter das Schuhmachen untersagt wissen will. Nicht sich gemeinen Nutzen will er bringen, nur den „Stand heben". Je mehr Leute mau vom Stande ausschließt, desto höher kann er hinauf, desto mehr wird er gehoben, und je mehr man andere herunterdrückt, desto leichter steigt man selbst empor. Vor etlichen Wochen wurdeu etwa neunzig Schmiedemeister von Berlin vor die Polizei geladen und ihnen bedeutet, sie müßten entweder der Schmiede-Innung beitreteu oder binnen vierzehn Tagen ihre Lehrlinge entlassen. So will es das Gesetz, welches Herr Miquel zwar mißbilligt, aber verschärfen will. Die Polizei ist gewiß nicht von selbst auf deu Gedanken dieser Vorladung gekommen, sondern nur angerufen von den Junungsschmieden. Und diese Jnnungsmeister haben dabei doch sicher keinen anderen Beweggrund als die Sorge, daß die armen ihnen unbekannten Lehrlinge bei ihren nicht zünftigen Kollegen zu wenig lernen möchten! Wollten nicht auch nur ans Liebe zu den Butteressern die Butterverkäufer die Kunstbutter so färben, daß sie den Essern zum Ekel würde? Ach, wie sie es lieben, das Kunstbutter essende Publikum, die schönen Seelen der Naturbutterverkäufer! Und auch hier handelt es sich nicht um sie, die leibhaftigen Butter verkaufenden Menschen, sondern nur um den tiefen, sagen wir den ethischen Gegensatz von Natur und Kunst. Hohe heilige Natur, Laß mich gehn auf deiner Spur! ertönt es im Reichstag, wenn die Butter nicht gemischt, wenn der Wein nicht versüßt werden soll. Merkwürdiger- — 185 — weise sind es immer die frömmsten Herren, welche sich am meisten für die Natur begeistern. Und doch ist Natur ein heidnischer Begriff, der in eine so fromme Gesellschaft, wie die klerikal-konservative Mehrheit des Reichstags ist, nur hineinkommt wie Pilatus ins Credo. „Natur und Gcist, so spricht man nicht zu Christen, Deshalb verbrennt man Atheisten, Weil solche Reden höchst gefährlich sind. Natur ist Sünde, Gcist ist Teufel, Sie hegen zwischen sich den Zweifel, Ihr mißgestaltet Zwittcrkind." So spricht der Kanzler, und Wenns auch nur ein Goethescher ist, sollte man doch Respekt vor ihm haben. Landwirtschaft, Kartoffel, Rübe, Handwerk, Standeshebung, Natur, das sind jetzt die Elementarkräfte, mit denen die Gesetzgebungsmaschine in Bewegung gesetzt wird. Es kommt nur darauf an, daß man die Klinke dieser Gesetzgebung in die Hand bekommen kann, dann finden sich die Elemente schon von selbst. Das neueste Mittel, zu dieser Älinke zu gelangen, ist in einem Rezept gefunden worden, welches zusammengesetzt ist aus Pikrinsäure, Melinitbomben und Barackenhölzern. Gehörig gerüttelt und geschüttelt kann es seine heilsame Wirkung auf den Patienten nicht verfehlen. Diese heilsame Wirkung besteht darin, daß der Patient entweder am Essen verhindert wird wie bei den Kornzöllen, oder am Arbeiten wie bei den Zunftbeschränkungen, beides zum Vorteil derer, die mit der Klinke der Gesetzgebung in der Hand diese für sich arbeiten lassen, um besser zu essen. Man wundert sich, daß es nicht gut geht in der Welt. Man sollte sich wundern, daß es nicht schlechter geht. Die Gesetzgebung der meisten Nationen zerbricht sich jetzt Jahr — 186 — aus Jahr ein den Kopf, wie sie das vernichten kann, was der Geist des Menschen zur Verbesserung des Daseins zu Tage fördert. Ja. nicht bloß was der Geist des Menschen, nein, auch was sie selbst, die Gesetzgebung, mit der einen Hand fördert, sucht sie mit der anderen zu untergraben. Während sie bestrebt ist, den ganzen Apparat der menschlichen Bildung und menschlichen Arbeit zu verbessern, um den Wohlstand der Menschen zu vermehren, d. h. die Arbeit zu befruchten, fährt sie, sowie eine Arbeit der anderen voran eilt, sowie ein Erzeugnis reichlicher fließt, dazwischen nnd rnft dem einen zu: du sollst nicht arbeiten, dem anderen: du sollst nicht essen. Zwei Seelen wohnen auch in ihrer Brust. Die eine lebt der Vergangenheit, die andere der Gegenwart. Und statt den Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart hin überzuleiten und zu erleichtern, türmt der Gesetzgeber fortwährend nene Hindernisse ans die Wege, die er mit aller erdenklichen Anstrengung bahnen sieht und selber bahnt. Aus diesem widersinnigen Kampfe, aus dieser stets gesteigerten Reibung im Schoß der Nationen und von Volk zu Volk entspringen die Übel, die man zu kurieren sucht, indem man sie unablässig mehrt. Der Patient braucht Luft und Blut. Man sperrt ihn immer mehr ab und entzieht immer mehr Blut. So machteu es die Doktoren ehemals auch. Zwar die Menschheit hat die medizinische Schule der verpesteten Krankenstube und des unbarmherzigen Aderlassens überlebt. Aber Opfer ohne Zahl sind ihr gefallen, und daß auch dieser Wahn einmal weichen wird ist kein Trost dafür, daß er einstweilen noch wütet mit wachsender Lnst und Macht. Ans deutsche Kaisertum und die deutsche Volksvertretung sind am selben Tag geboren, sind Kinder eines und desselben Gedankens. In der Stunde, da die Wundermär von dem Fall des französischen Imperators sich aus den blutgetränkten Gefilden Sedans erhob, um im feurigen Flug das Land zu durcheilen, entwand sich ganz von selbst der Stimme des Volkes der Ruf: Jetzt muß das deutsche Kaisertum auferstehen, jetzt oder nie! Und so geschah's. Keiner hat's erfunden, Keiner hat's ausgeklügelt, Keiuer hat es auf die Tagesordnung gesetzt. Der Gedanke, der Wille, das Verlangen, sie entsprangen aus Kopf und Herzen des deutschen Volkes. Was Alles hinterher geschah, dem Sinn die Forin zu geben, war rein äußerliches Werk, dessen Vollziehung sich, willig oder widerstrebend, dem unwiderstehlichen Gebot einer geschichtlichen Notwendigkeit anbequemte. Wenn einstens mit historischer Rücksichtslosigkeit wird erzählt werden köunen, welcher Weise dies Kaisertum nach mancherlei Wehen den Tag der Geburt erlebt hat, wird auch im Einzelnen sich ergeben, daß weder Staatsknnst noch Herrscherwille vorangegangen, vielmehr, daß sie nur gefolgt sind. Wir Anderen, die wir, und zum Teil aus der Nähe, es miterlebt haben nnd nicht bloß Zeugen, sondern hie und da auch etwas mehr als das gewesen sind, wir wüßten davon zu erzählen, wenn es bestritten werden sollte. — 190 — Aber bestreiten wird es wohl. Niemand. Genügt doch die eine welthistorische Thatsache, daß die Existenz eines deutschen Parlaments und als deren notwendige Krönung die des deutschen Kaisertums ein Vermächtnis des Jahres 1848 geblieben und daß jeder spätere Versuch zur Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates auf dieses Vermächtnis zurückzugreifen genötigt war; vor allem damals, als Hand angelegt wurde zur Schöpfung des Norddeutschen Bundes und Reichstags. Darum wäre nichts so falsch, als einen Gedanken der Spaltung oder gar des Widerspruchs hineinzusenken zwischen diese beiden lebendigen Träger des deutschen Staatslebens in seiner höchsten Potenz. Niemand ist besser kaiserlich gesinnt, als wer lebendig fühlt für die Würde des Reichstags, und ebenso würde ein Kaisertum, welches diesem sein volles Recht verweigerte, die Wurzeln seiner eigenen Kraft verkennen. ^ Darum auch sind in den Reihen der Freiheitsfreunde die Worte des Erlasfes, in welchen Kaiser Friedrich die Wahrung seiner eigenen Rechte mit denen des Reichstags in eins zusammenfaßt, so warm und freudig willkommen geheißen worden. Zwar könnte gesagt werden, was der Erlaß hier ausgesprochen, sei selbstverständlich. Aber in einem so jungen Reich, das aus so vielen widerstrebenden Elementen zusammengebaut worden, ist nichts selbstverständlich, um so weniger, wenn man bedenkt, daß auch der oberste Bauführer, wenn es ihm nach Zeit und Umständen gerade paßte, hie und da nicht verschmäht hat, an dem innigen Zusammenhalt von Kaisertum und Reichstag zu rütteln, wenn auch nur mit Worten spielend. Da hieß es einmal: der Reichstag könnte füglich auch in eine beliebige Kleinstadt verwiesen werden; — oder ein andermal: im Grunde bestehe der Zollverein, wie vor 1867, noch in un- 191 Veränderter Bedeutung fort, und mit Verzicht auf das ganze Reichsanhängsel könnten sich die deutschen Regierungen auf ihn und die Militärbündnisse zurückziehen; — dann wieder zur Veränderung: wenn der Reichstag in seinen Gerechtsamen etwas fände, was die Könige von Preußen auf den Gedanke» bringen möchte, daß sie in dieser letzteren Eigenschaft mehr Selbständigkeit genossen hätten als vor Übernahme der Kaiserwürde, so dürfteu sie am Ende das Ganze bereuen und auf Umkehr sinnen —. Und was dergleichen Reden mehr waren, die, wenn auch uicht gar erust gemeint, doch den Sinn in sich bargen, daß die Volksvertretung gut thue, sich selbst nicht gar zu ernst zu nehmen. Da ist denn gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich zu Gemüt zu führen, daß der eben vollzogene Thronwechsel etwas bedeutet, was das Deutsche Reich uoch nicht erlebt hat. König Wilhelm I. war Kaiser geworden, erst nachdem er eine Reihe von Jahren König von Preußen gewesen. Er hatte vorher als reifer Mann und Thronfolger in Preußen alle die Reibungen und Wandlungen mit durchgemacht, welche bittere Verstimmung und Entfremdung zwischen der Krone Preußen und dem Neichsgedanken zurückließen. Erst als vieruudsiebenzigjähriger Mann hat er, nicht ohne Zögern und Bedenken, nach vorsichtig eingeholter Zustimmung der Fürsten, das Verlangen der Nation erfüllend, die Kaiserkrone angenommen. Ganz anders der Sohn. Er besteigt den Thron als Kaiser und König zugleich. Er hat als Kronprinz des Deutschen Reichs siebenzehn Jahre hindurch sich in den Zukunftsgedanken hineingelebt, den Kaiserthron als den Thron seines Vaters zu besteigen. Es ist so, als wäre er im Kaiserpurpur geboren. Das macht einen gewaltigen Unterschied gegen den erst am Abend eines vielgestaltigen Lebens Kaiser gewordenen König, vorher Prinzen von Preußen. -> — 1!»2 — Gewiß ist der erste deutsche Kaiser, abgesehen von aller persönlichen Besonderheit, eben als erster eine historische Figur größter Bedeutung. Aber der zweite Kaiser hat nicht minder als zweiter seine besondere Wichtigkeit für uns. Es geht auch diesmal so wie oftmals, daß das — hier historisch genommen — minder Interessante praktisch seinen eigentümlichen Wert hat. Damit stimmt ganz überein, was der Erlaß vom 12. März in die tiefdnrchdachten Worte faßt: „Die Verfassungs- und Rechtsordnungen des Reichs mW Preußens müssen vor allem in der Ehrfurcht und den Sitten der Nation sich befestigen." Wahrlich so ist es. Die Institutionen des Reichs müssen der Nation in allen ihren Teilen zur anderen Natur geworden sein, wenn sie ihre wahre Bestimmung erfüllen sollen. Auch uicht einmal zum Zweck rednerischer Effekte werden sie von jetzt an den Deute- lungen und Anzweiflungen ausgesetzt sein. Und auch jene von Zeit zu Zeit wieder aufgetauchten Versuche, Diese oder Jene als Gegner des Monarchismus, als verkappte Republi kaner bei Seite zn schieben, haben sich damit überlebt. Republikaner zu sein ist nichts Schlechtes, aber es kann nnter Umständen etwas Dnmmes sein, wie andererseits in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten Monarchist zu sein etwas Dummes wäre. Unsere Konservativen verstehen unter monarchischer Gesinnung die Anhänglichkeit an einen absoluten König, der ihren Willen thnt, während sie das viel monarchischer als sie gesinnte England für eine Republik mit einem Scheinkönig erklären. Es ist ein eigenes Ding mit dem, was man die monarchische Anhänglichkeit an den deutschen Kaiser nennen müßte. Als einst einmal im Reichstag zu irgend einem politischen Zweck an dies Gefühl appelliert ward, antwortete der schwäbische Demokrat Payer in seiner launig scharfes Weise, daß er sich durch diesen Appell in seiner Trette — 193 — gegen den angestammten württembergischen Landesvater tief gekränkt fühle, denn diesem gehöre naturgemäß und von Rechtswegen sein loyales Herz. Ein sehr gut kaiserliches Herz kann eigentlich kaum mehr ein ebenso gut württembergisches oder — die Beobachtung lehrt es — preußisches sein. Drei Herzen und ein Schlag, das ist zu viel verlangt. Ein bischen Republikanismus gehört mithin schon dazu, um recht gut kaiserlich zu sein; es muß der Landesdynastie etwas abgezwackt werden, um es auf das Kaiserhaupt zu übertragen. Und daher liegt die Vermutung gut kaiserlicher Gesinnung bei einem Liberalen näher als bei einem Nichtliberalen. Jede Föderation, auch eine von Fürsten, hat etwas Republikanisches an sich. Das Reich der verbündeten Regierungen ist eine Republik von gekrönten Hänptern, an deren Spitze — bekanntlich als ?riinv.8 intsi- ?ars8 — der Kaiser steht. Je besser kaiserlich einer gesinnt ist, desto mehr muß sein Wunsch dahin gehen, daß dieses Primat zu einer Wirklichkeit werde, zu einer wahrhaft monarchischen Spitze über den anderen, nicht unter gleichen. Um gut kaiserlich monarchisch zu sein, muß man in seiner häuslichen „engeren Heimat" etwas von diesem Gefühle aufgeben, wie umgekehrt die eifrigen Landesmonarchisten von zweifelhaft kaiserlicher Gesinnung erfüllt sind. So kann man mit Recht sagen, daß die besten Liberalen auch die besten Kaiserlichen sind. Freilich ist diese Gesinnung nicht aus mystischer Gefühlsschwärmerei erwachsen. Sie ist das Produkt Politischer Erwägung, aber einer so stark überlieferten und so unabweisbar richtigen, daß sie selbst in das Gefühl übergegangen ist. Wer im Jahre 1879 die Wiedergeburt Deutschlands als einer großen und freien Nation wollte, konnte den Gedanken nur unter dem Zeichen von Kaiser und Reichstag erfassen. Ludwig BambergcrS Ges. Schriften, V. 1Z 194 Und es ist daher für das Kaisertum, obgleich es, i» unserer Geschichte auf Wahl beruhend, gar nicht im Geleit monarchischer Tradition sich einführte, dennoch mit merkwürdiger Triebkraft im kurzen Lauf der Jahre ein monarchischer Kultus, mächtig und lebenswarm, im Volke hoch empor gewachsen. Die Kinder werden groß in der politischen Religion des Kaisertums, in der Ehrfurcht vor der Person des Kaisers — und etwas wie Religion muß immer dabei sein, soll eine Form des Daseins festsitzen im Reich der Wirklichkeit. Der Mensch lebt nicht vom Brot des Verstandes allein, der Wein der Phantasie gehört auch dazu. Warum ist es dem Reichstag schwer geworden und nicht gelungen, gleichen Schritt mit dem Kaisertum zu halten? Eben weil das, woraus das Gefühl sich ernähr«, ihm lange nicht so zu statten kommt wie dem Kaisertum. Und dennoch, so wenig seiner Stellung nachzurühmen ist, Eines ist trotz Allem schon vollbracht: daß er das Herz der Publizität und darum das Ohr des Publikums viel mehr besitzt als die einzelnen Landtage, auch die größeren. Was ihm fehlt, im Gegensatz zum Kaisertum, das sind vor Allem die Lorbeeren errungener Siege. Sind auch Kaisertum und Reichstag in gleichein Ursprung und Recht aus dem siegreichen Völkerkrieg hervorgegangen, so war doch der Held im Lager und in Waffen, nicht der Herrscher im Rat und im Frieden der Gesetze der Sieger. Jenem blieb der Glanz, die Volksvertretung blieb im Schatten der Geschichte. Hätte sich das Parlament von 1848 am Leben erhalten, so konnte es, dank seiner mehr abgetrotzten als gewährten Entstehung, etwas von der Naturkraft eigenen Bodens aus sich heraus entwickeln. Aber eben daß es sich nicht halten konnte, kam her von dem zu leicht errungenen Sieg, aus dem es hervorgegangen war. Statt eines natürlichen aber schwachen, ist es ein legi- 195 timer, aber darum starker Boden, dem die Volksvertretung von 1871 entsprang. Aber sie ist im Feldlager geboren. Die Konseqnenzen dieses Ursprungs abzustreifen ist nicht leicht; es ist immer schwerer geworden, je mehr ganz Europa sich in ein Feldlager verwandelt hat. Graf Bismarck, als Kanzler des Norddeutschen Blindes, war bekanntlich 1870 auf den originellen Gedanken gekommen, den Reichstag nach Versailles zu berufe», damit er dort dem Oberhaupt des Norddeutschem Bundes die Kaiserkrone antrage. Der dramatische Efsekt eines solchen Schauspiels wirkte damals so blendend auf manchen liberalen Führer, daß er sich im Geiste davon angezogen fühlte, ohne zn empfinden, daß durch dies Schauspiel eines unter dem Waffengeklirre versammelten Reichstags die Unterordnung der bürgerlichen Freiheit unter den Glanz des Schwertes auch symbolisch verewigt würde. Zum Glück kamen anch widerstrebende Ansichten zu Wort, und das Beste, den abenteuerlichen Plan im Keime zu ersticken, thaten die materiellen Hindernisse, welche sich der Ausführung entgegenstellten. Aber es gehörte schon ein Mangel an Gefühl für die Würde einer bürgerlichen Volksvertretung dazu, nicht zu merken, welche seine Ironie in dem scheinbar ehrenvollen Vorschlag verborgen war. Und dennoch hat von jenem ersten Zeitpunkt seiner Geburt bis auf diese Stunde der Reichstag auch die Form seiner würdigen Stellung nicht finden können, die Form als bezeichnendes Merkmal dessen, was in der Sache ihm nicht geworden ist. Wie treffend und verständnisvoll ist dies beleuchtet in der Äußerung Kaiser Friedrichs, daß er an die Mitglieder der Volksvertretuug keine Aufforderung zum Eintritt in deu Trauerzug hinter der Bahre seines kaiserlichen Vaters erlasse, weil ihnen eine ihrer würdige Stellung schwerlich gegeben würde. Besäßen doch die Ab- 13* geordneten selbst etwas von dieser Feinfühligkeit! Und wie bezeichnend, daß diese ihres Mandats würdige Stellung im Gefolge des verstorbenen ersten Kaisers auch beim besten, mächtigsten Willen nicht zu finden ist. In jedem anderen, mit einer verfassungsmäßigen Vertretung ausgestatteten Lande wäre sie von selbst gefunden, ohne Mühe, ohne Kopf- zerbrechen und ohne Widerstand. Achtung und Ehre lassen sich nicht durch Bitten und nicht durch Beweisführung erwerben. Es erhält und behält jeder davon nur soviel, als er mit seiner Kraft durchsetzt. Zu dieser Kraft gehört aber auch das Bewußtsein des guten Rechtes, aus dem der Sinn für die eigene Würde entspringt. Wie sehr es daran gebricht, konnte man gerade in den ereignisschweren Tagen, die wir soeben durchlebt haben, beobachten. Wir sind allerdings in Deutschland schon so daran gewöhnt, die Körperschaft der nationalen Vertretung eine untergeordnete Rolle spielen zu sehen, daß vielleicht den Wenigsten auffiel, wie sie auch bei dieser großen Gelegenheit kaum über die hinterste Statistenrolle hinauskam. Es hat sich das von langer Hand vorbereitet. Früher lenkte der Reichstag noch manchmal in Gemeinsamkeit mit dem Fürsten Bismarck die gespannte Aufmerksamkeit auf seine Sitzungen, wenn es zwischen dem Staatsmann und einzelnen Parteien einer starken Opposition zu heftige» Debatten kam, die unter Umständen zu sensationellen Auftritten führten. Seitdem das Zentrum teils durch kirchliche Zugeständnisse befriedigt, teils durch agrarische gezügelt ist, seitdem das Kartell die große Mehrheit zu einer nie versagenden Maschine gemacht hat, braucht sich der Fürst eigentlich nicht mehr um die Verhandlungen zu kümmern. Er kann, einerlei ob in Friedrichsruh, Varzin oder in der Wilhelmstraße, ruhig seinen amtlichen Beschäftigungen zu Hanse nachgehen. In der gewerblichen Sprache heißen die flachen Wanduhren mit großen Zifferblättern, wie sie häufig in Speisezimmern angebracht werden: Kartels. Die Uhr, welche am 21. Februar 1887 aufgezogen worden, besorgt ihren Gang allein mit zuverlässigem Räderwerk bis 1899, dieweilen sie dermale» glücklicherweise noch nicht auf die ganzen fünf folgenden Jahre reguliert werden konnte. Nur zu ganz großen feierlichen Aktionen erscheint jetzt noch der Kanzler, und daun agiert und spricht er allein. Der Reichstag hat nicht einmal als Chor die Gegenstrophe zn geben, nur die Statistenrolle bleibt ihm, den Hintergrund auszufüllen, damit das Schauspiel sich abge- gerundet darstellt für das Publikum, das auf die Tribünen stürmt, um den einzigen Mann zu sehen und zu hören, der nicht nur das Geschick der Nation, sondern auch den Willen der Mehrheit ihrer Vertreter leukt. Dies war das Bild, welches sich dem Beschauer bot, wenn er an den zwei denkwürdigen Tagen, dem, an welchem der alte Kaiser aus dem Leben schied, und dem, an welchem der neue seine erste Botschaft an die Volksvertretung richtete, die Augen auf letzterer ruheu ließ. Die ganze breite Front jener Manifestationen gehörte dem Kanzler, kaum ein dürftig schmaler Rand, kaum etwas mehr als ein stummer Aufmarsch fiel dem Reichstage zu. Gewiß, Fürst Bismarck ist eine interessantere Figur als der ganze Reichstag; viele Versammlungen werden kommen und gehen, bis wieder ein Mann seinesgleichen in ihnen zu sehen ist, und es ist dem Publikum, Fremden wie Einheimischen, nicht zu verdeuken, daß es sich die Hülse um Tribünenplätze bricht, nur wenn der Kanzler angekündigt ist. Aber der Reichstag brauchte trotz Allem das nicht noch durch seine eigene Nullifizierung auch sich selbst gegenüber zu überbieten. 1!»8 Ein Mal nvch in dieser Session war vor diesen Trauertagen der Kanzler im Reichstage erschienen, aber auch da geschah es nicht, um zu diesem, sondern nur um zu Europa zn reden. Es war bei Gelegenheit der großen Ansprache über Krieg und Frieden am 6. Febrnar 1888. Fürst Bis- marck sprach zu Rußland, zu Frankreich, zu Italien und zu Österreich. Der Reichstag hatte lediglich die Bestimmung, als Resonnanzboden zn dienen. Als der Redner geendet hatte, erhoben sich nacheinander die Hänpter der Parteien und gaben in kürzester Fassung die Erklärung ab, das; Alles bewilligt werde, was die Regierung verlange. Es wäre ebenso gewiß geschehen ohne die Rede. Die fünf Führer, welche das Wort nahmen, lieferten zusammen noch keine Spalte zu der ganzen Wiedergabe der langen Sitzung. Es ist ja hergebracht und erklärlich, daß der deutsche Reichstag im Gegensatz zu deu Parlamenten der ganzen übrigen Welt bei den Verhandlungen über auswärtige Politik nur die passive Assistenz Prästiert. Aber es ist bezeichnend, daß auch in diesem Falle, wo nicht Entsagung zum Schweigen nötigte, sondern thatsächlich volle Übereinstimmung zu Grunde lag, die Form so dürftig ausfiel. Und dennoch war hier die Form immerhin noch ausgiebiger hervorgetreten, als jüngst in den beiden feierlichen Sitzungen, in denen der Thronwechsel auf der Tagesordnung stand. Da nahm beide Male, nachdem Fürst Bismarck gesprochen, kein Parteiführer anch nur zu kurzer Znstimmnng das Wort. Lediglich der Präsident schloß sich mit dem schlechthin Unvermeidlichen an. Die ganze große, die Nation verkörpernde Versammlung blieb in diesen, Deutschland nnd die Welt so tief ergreifenden Stunden jeden Wiederklang an die weihevollen nnd wohldurchdachten Ansprachen des Kanzlers schuldig. Die Volksvertretung verschwand auch hier entsagend, nichts sagend vor dem leitenden Staatsmann. Er — 199 — allein, nicht sie, nicht einmal sie neben ihm, repräsentierte Deutschland vor sich selbst und vor der Welt. Man wird sagen, das sei Alles nur Form. Aber wer behaupten wollte, daß Form etwas Gleichgültiges wäre, würde nur zeigen, daß er Welt und Menschen nicht kennt. Der Kanzler weiß ganz gut, was Formen bedeuten, und mit seiner überlegenen Geschicklichkeit weiß er auch hier sich seinen Teil reichlich zu wahren. So viel Form wie er. sollte zum mindesten der Reichstag auch haben, denn der Kanzler ist wirklich kein Pathetiker mit überflüssigen Floskeln, und eine Körperschaft von vierhundert Gewählten bedarf der zusammenfassenden Plastischen Darstellnngsmittel viel mehr, als der einzelne Mann. Auch finden, wo es gewünscht wird, um ihm Heerfolge zn leisten, die Führer der ihm ergebenen Parteien wahrlich die Hülle und Fülle pathetischer Reden in aller Breite. Es war ein Bild der Nichtigkeit des deutschen Reichstages, wie diese Volksvertretung in dem Ausbruch der Klage um deu soeben aus der Welt geschiedenen Kaiser, im Ausbruch wehmütiger Begrüßung des aus der Fremde herbeieilenden Nachfolgers nur die stumme Rolle übernahm, ganz wie es ein Bild dieser Nichtigkeit von seiner Positiven Seite war, den Kanzler dastehen zu sehen, wie er, die Faust des ausgestreckten Armes auf deu Griff des schweren Reitersäbels stützend, die Botschaft verlas. Ein Tauber hätte die ganze Situation am richtigsten verstanden, ohne von deren Korrektur, die in dem Text der Botschaft lag, abgelenkt zu werden. Daß diese dankenswerte Botschaft auch eine Antwort in Form einer Adresse verdiene, mußte erst auf Anregung der kleinsten Partei zum Bewußtsein gebracht werden, nicht ohne ans bedeutendes Widerstreben zn stoßen. So mächtig wirkt in denKartellparteien ihres Nichts durchbohrendes Gefühl. — 200 — Und schließlich wurde diese Adresse in der denkbar trockensten Weise auf dem Wege kanzleimäßiger Erledigung ohne Sang und Klang verfaßt und angenommen — ein Musterwerk des Dryasduststils in des Wortes verwegenster Bedeutung. Selbst in die rührendste Episode mischt sich ein Zug der Ironie. Wer kann dafür, daß ihm Gedanken kommen? Dem Reichstag ward als letztes heiliges Vermächtnis des ersten Kaisers das Aktenstück übergeben, das derselbe sterbend mit zitternder Hand unterschrieben hat. Fürst Bismarck schildert, selbst tief bewegt, wie der bis in den Tod pflichtgetreue Monarch abgelehnt habe, nur den ersten Buchstaben zu zeichnen, darauf bestand, seinen vollen Namen darunter- zu setzen. Aber Niemand hat uns belehrt, warum um jeden Preis der Reichstag geschlossen werden mußte, noch ehe der zweite deutsche Kaiser iu seiner Reichshauptstadt eintraf. Der Kanzler stellte sogar beiläufig die wunderliche Theorie auf, daß der Reichstag noch auf Grund einer von dem verstorbenen Kaiser unterzeichneten Vollmacht hätte gegeschlossen werden können, und etliche findige Staatsrechtsausleger sollen bereit gewesen sein, diese Auffassung zu bestätigen. Aber der Kanzler ließ Gnade für Recht ergehen und den Reichstag in Berlin. So wurde diesem zwar das sonderbare Los erspart, zu seinen Penateu heimgeschickt zu werden, dieweilen aus ganz Europa fremde Fürsten und die Abgeordneten fremder Korporationen^«!! die Bahre des ersten Kaisers herbeiströmten, aber nicht wurde ihm das Los erspart, die würdige Stelle weder in den sich daranschließenden Verhandlungen, noch hinter der Bahre zu finden. Von anderem Mißgeschick zu schweigen gebietet die Scham. Ob all das in der ganzen Tragweite seiner jammervollen Bedeutung verstanden und gewürdigt wird, ist eine andere Frage. Manch einer klagt nicht, weil er nicht fühlt, und — 201 — weil er nicht fühlt, so geschieht ihm recht. Volsuti ric>Q kt ii^uris,. Wer, vom Westen der Stadt kommend, sich nach dem Reichstag begiebt, schreitet, unmittelbar ehe er dessen Eingang erreicht, zwischen zwei Standbildern hindurch, die beide in derselben Tracht der Reitergenerale und genau so mit der Faust auf dem Säbel, wie sich jüngst in feierlicher Sitzung die heroische Gestalt des Kanzlers dem Gedächtnis einprägte, rechts und links der Straße emporragen. Wrangels uud Graf Braudenbnrgs Deukmäler verewigen die Erinnerung an zwei tapfere Männer und an die wichtigsten Thaten, welche von ihnen die Geschichte berichtet, daß sie nämlich eine preußische Nationalvertretung mit der Gewalt der Waffen zum Schweigen gebracht haben. Vielleicht, wenn nach Jahren das neue Reichstagsgebäude seiue Bestimmung erfüllt, führt der Weg zu ihm an friedlicheren und freundlicheren Sinnbildern bürgerlicher Selbstbestimmung vorüber. Vielleicht auch wächst dann in den großartigen Räumen der Volksvertretung das Bewußtsein dessen, was sie sein könnte und sollte. Denn auch dies großartige, monumentale, mit Kunstwerken reich auszuschmückende Haus ist ja nur eine Form, aber der Gedanke, diese Form zu schaffen, entsprang gleichzeitig mit dem Gedanken au den deutschen Reichstag und ihm angepaßt, wie der Gedanke des Reichstags erstand gleichzeitig mit dem Gedanken an die Erneuerung des deutschen Kaisertums. Beide wnrzeln innig verschlungen in demselben Gedanken eines einigen freien Vaterlandes, beide sollen ihrer Bestimmung gemäß wachsen und gedeihen in untrennbarer Achtung der eigenen und der wechselseitigen Rechte, so wie es die Botschaft Kaiser Friedrichs verkündet hat. I. Ü^er sich bemüht, in das Wesen einer die Welt bebewegenden Idee einzudringen, wird meistens in Verlegenheit geraten, wie er seinen Gegenstand umgrenzen soll. Denn bei näherer Verfolgung führen die Spuren einer Idee historisch wie räumlich immer weiter und weiter seitwärts und rückwärts; und da wo auf den ersten Blick Anstoß zum Nachdenken über etwas neu Erstandenes gegeben zu sein schien, meldet sich alsbald von überall her das Alte, mit geschichtlichen Zeugnisse» dagegen protestierend. Was man heutigen Tags das Nationale nennt, ist wie geschaffen, solche Verlegenheit zu bereiten. Denn während Niemand in Abrede stellen wird, daß der Inbegriff der unter dieser Bezeichnung umlaufenden Vorstellungen eine ganz andere Bedeutung gewonnen hat, als vor etlichen Jahrzehnten, ist dennoch nicht zu leugnen, daß vieles an der Sache so alt ist wie die Welt. Umsomehr reizt es, die Linie zu finden, wo, trotz allem bereits längst und vielfältig Dagewesenen, das unbestreitbar Neue einsetzt. Und je mehr dies Neue die Menschheit fas- ziniert, eben schon damit den Beweis seiner Neuheit liefernd, destomehr fühlt man sich angespornt, dem Unterschied, der es von verwandtem Älteren trennt, nachzuspüren, damit zugleich dem berechtigten Zwecke gedient werde, Belehrung zu schöpfen über das Wichtigste, nämlich: ob und was an dem Neuen Gutes sei? Schon über die Frage, was Nation sei, erheben sich die Zweifel in Scharen, sobald man dem Ding auf den Grund gehen will. Eine unabsehbare Litteratur hat sich seit lange damit beschäftigt, die Unterscheidungen zwischen Nation, Volk, Rasse, Stamm, Staat festzusetzen und je nach der Einteilung die Merkzeichen der Sache zu bestimmen. Natürlich kann von einer abschließenden Entscheidung keine Rede sein. Man weiß z. B., welche hervorragende Rolle die Sprachenfrage hierbei spielt. Aber so Gewichtiges aucli beigebracht worden ist, sie für das Ausschlaggebende zu erklären, so fehlt es doch auch hier uicht au triftigen Einwendungen und gerade an Einwendungen solcher Art, die sich aus dem wechselseitigen Ringen der nationalen Kräfte selbst praktisch aufdrängen. Was uns am meisten an der Sache interessiert, ist gerade das, was sie nnch auf solche Höhe erhoben hat, nämlich das staateu bild ende Recht, der staatenbildende Beruf des Nationalen. Hier setzt die Neuheit der Welt bewegung ein, hier sind die Grenzen zu suchen zwischen allen früheren Zeiten und der Gegemvart. Fragt man nur uach Behauptung oder Verteidigung volkstümlicher Eigenart, so öffnen sich bekanntlich die Pforten der Weltgeschichte rückwärts bis in die ältesten Überlieferungen. Griechen und Perser, Römer und Germanen, Numantin und Jerusalem mit ihren vielbesungenen Verzweiflungskämpfen treten iu unseren Gesichtskreis. Aber der Gegen ^ satz, um den gekämpft wird, ist hier immer nur der einfache von Unterjochung und Freiheit, Eroberung und Abwehr, Herrschaft und Sklaverei. Die intimeren Ursachen, eigene Religion, Sprache, scharf ausgeprägtes Wesen, aus denen im Laufe der Zeit die Bewußtheit des Nationalen und sein Recht auf besonders gestaltete Staatsindividualität sich ausgebaut hat, wirken nur stillschweigend oder doch nur 207 — begleitend mit. Diese Bewußtheit der bestimmenden Elemente und des aus ihr abgeleiteten Rechtes ist es, welche die letzte Entwicklungsphase charakterisiert und das Nationale zum treibenden Prinzip der Gegenwart gemacht hat. Will man für sie historische, schon einigermaßen markierte Anfänge entdecken, so wird man am ersten versucht sein, an die tiefumgestaltende Auflehnung der deutschen Reformations- bewegnng gegeu das römische Pontifikat zu denken, welche zu dem mittelalterlichen Gebilde eines römischen Reichs deutscher Nation in so merkwürdigen Gegensatz trat. Aber auch hier laufen die Linien noch zu mannigfach verschlungen durcheinander, um unvermittelt an das Neueste anknüpfen zu können. Das sechszehnte, siebenzehnte und die längste Zeit des achtzehnten Jahrhunderts lagen noch zu fest in den Banden der aus dem Fendalwesen hervorgegangenen Kabineto- nnd Eroberungspolitik, um die menschliche Beschaffenheit der beherrschten Völker zum Worte kommen zn lassen. Gerade diese Zwischenzeit war besonders dazu angethan, die vorher aufgegangenen Regungen wieder zu verschütten und zu überwuchern. Darum sind die wahren Anfänge der Erscheinung in ihrer gewaltigen Bedeutsamkeit erst in das Ende des vorigen Jahrhunderts zu verlegen. Ich will statt der endlosen Reihe vou Symptomen und Autoritäten, die sich in einer breiteren Darstellung hierfür aufzählen ließen, mich nur auf die Aussage zweier Sachverständigen berufen, die nach ihrer Einsicht und Unbefangenheit, man könnte sagen, nach ihrer im besten Sinne naiven Wahrnehmungsfähigkeit als klassische Zeugen angenommen werden dürfeu. Der Eine ist der italienische Historiker Colletta. dessen Geschichte von Neapel die folgende denkwürdige Stelle enthält: „Ein im Geiste der Nationen neues Wesen trat ans Licht im Jahre 1813 in Deutschland; in schwacher Weise — 208 — machte es sich wirksam im Jahre 1820 in Cadix, in Neapel, in Piemont; heute (1825 bis 1830 nämlich) rückt es vorwärts, stumm und nachdenklich. Ob es reifen, und ob es Glück machen, oder ob es vor der Zeit eines natürlichen Todes sterben wird, wie die neuesten Republiken, oder an Kriegen, wie die neuesten Könige, das sind die Zweifel, welche die Gegenwart aufwirft, welche die Zukunft lösen wird."*) Die Worte haben, nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder überdacht, etwas Ergreifendes. In der schlichten und doch feierlichen Sprache des Originals drückt sich der ganze Ernst der Ahnung eines geheimnisvollen und vielleicht zu riesengroßen Wirkungen berufenen Wesens aus, welches soeben erst am Horizont heraufsteigt. Dazu der sofort auf Deutschland und Piemont gerichtete Blick, welcher die Stellen herausfindet, von wo aus das neue Wesen mit der mächtigst umgestaltenden Kraft ins Völkerleben eingreifen wird. Ich nehme die zweite Autorität aus unserer nächsten Nähe der Zeit und dem Raume nach. In seiner 1862 herausgegebenen Politik widmet Robert von Mohl eine besondere im Jahre 1861 verfaßte Abhandlung der „Nationalitätsfrage". Was dem italienischen Beobachter seiner Zeit zwar neu erschien, un ssssrs nuvvo, aber noch rätselhaft und seiner Lebensfähigkeit nach ungewiß, das zweifelt in seinem Bestand und seiner Macht drei Jahrzehnte später der deutsche Denker nicht mehr an. Aber neu, völlig neu in seiner Besonderheit erscheint es auch noch ihm. Es ist ^) l^n eüssro nuovo nellö Nkiuuiii 8M»tü Nöl 1813 in ^.IvillkAiiu! ilsdolmsnts oxsrö nsl 1820 in Okäios, in Akpoli, nul kismoiitg; ogM Ävsll?a imito s vsusoso. Ls äiveriÄ maturo s ss svi'ü, kortuns, o SS moriÄ inukm^i tsmxo äi natursl morbo voms lo rsiisuti rsoublidig, o Zi Anerr» voms i rg nuovi, sono lg (ZubbisMiz III. Die Hauptsache ist die, daß mit der Nationalität allein praktische Politik sich überhaupt nicht treiben läßt. — 216 — Die Nationalität im heutigen Sinn ist ein staatenbildendes Prinzip, aber nur eins neben anderen, wenn anch ein in der neuesten Zeit vorzugsweise zum Durchbruch gekommenes. Alle, welche sich ernstlich mit der Sache beschäftigt haben, sind schließlich zu dieser Erkenntnis gekommen, ganz abgesehen noch von der Schwierigkeit, das Nationale erschöpfend zu definieren, eine Aufgabe, die bis jetzt nicht gelöst worden ist und nicht gelöst werden wird. Die zwei mächtigsten Faktoren der Zeit bilden die Elemente, aus deren Mischung die gestaltende Macht der Nationalität hervorgegangen ist; Demokratie uud Natursinn. Ihnen kam als Dritte im Buude die moderne, ranm- verschlingende Technik zu Hilfe, welche den Staat zur großen Dimension hindrängt. In der modernen deutschen Staatsentwickluug ist der Sinn des Nationalen sehr einfach und gar nicht mißzuver- stehen. Die Geschichte lehrt es mit nnverkeunbarer Deutlichkeit. Was die Erhebung gegen Napoleon eingeleitet hatte, ward durch den Wiener Kongreß weiter entwickelt. Dieser weckte im Innern dieselbe Gegenströmung, welche die Eroberung von Außeu her wachgerufen hatte. Was der eine rücksichtslos seinem großen Militärstaat unterworfen hatte, das zerstückelte und zertrat ebenso rücksichtslos der andere. National sein bedeutete von da an, das Werk des Wiener Kongresses zerstören. Im Jahre 1848 erlebte dieser sein Leipzig, im Jahre 1866 sein Waterloo. Damit war der dynastische Widerstand gegeu die Herstellung eines deutschen Gesamtstaates gebrochen. Schon beim Ausbruch der Bewegung hatte Fichte in seinen „Reden" die Viel- staaterei für den wahren Sitz des Widerstandes gegen das Werden der Nation erklärt. In den Dynastieen hatte dieser Widerstand gesessen, im Volk nur, soweit es durch die alte Gewohnheit unpolitischen und knechtischen Daseins sich mit ihnen verwachsen hatte, ein Zustand, der ja die Bildung des Reichs teilweise überdauert und uns verhindert hat, so wie Italien eine wirkliche Monarchie zu werden. Wenn bei uns im Gegensatz zu allen anderen modernen Großstaaten noch das Gespenst der Möglichkeit eines Rück- falls in die alte Zersplitterung auftauchen kann, so laßt dies Gespenst sich nur in der Gestalt des alten Wiener Kongresses denken, mit dem Gefolge des alten deutschen Bundestags und seiner großen und kleinen selbstherrlichen Dynastieen. Nur diese und ihr Anhang von orthodoxen, feudalen und spießbürgerlichen Hintersassen waren antinational, wurden deshalb auch überwunden und zur nationalen Einheit hiugezwungen vom liberalen Geist, der sich gegen sie auflehnte. Wenn wir deshalb sehen, daß heute gerade diese damals überwundenen Elemente im nationalen Mantel drapiert auftreten, so springt in die Augeu, daß wir es nur mit einer Maskerade zu thun haben. Das nationale Ziel, die Unterwerfung der einzelnen Sonveränetäten unter den BundeSstaat, ist erreicht, und wenn es — ganz uuwahr- scheiulicherweise — nicht unzerstörbar gesichert sein sollte, so würde die Gefahr ihm nur aus dem Geiste seiner alten Gegner, der Orthodoxie, des Feudalismus und des parti- kularistischen Pfahlbürgertnms erstehen können. Das nationale Banner in der Hand der preußischen Ultras und der sächsischen Zünftler ist die Karrikatnr dessen, was es einst bedeutet hat, und diese Karrikatur ist ganz einfach so zustande gekommen, daß die überwundenen Gegner sich das abgelegte Gewand des Siegers angeeignet und dasselbe nach ihrer Fasson gewendet, aufgefärbt und zurecht gestutzt haben, um als die lachenden Erben der nationalen Bewegung darin einherstolzieren zu können. Was und wer ihnen dabei alles geholfen, braucht nicht des Näheren geschildert zu — 218 werden. Man kann nicht einmal sagen: is tsoit c-ui xi-o- cik8t, denn die breite Masse des Bürgertums, die sich dazn gebrauchen läßt, wird schließlich am meisten dabei geprellt sein. Vor allem hilft die Zauberkraft, welche jede zur Herrschaft gekommene Formel über die Geister besitzt. Hat aber gar eine solche Zauberformel erst einmal auf Abwege geführt, so wächst ihre Macht in dem Maß. als sie sich von ihrem alten Sinn entfernt nnd widersinnig wird, weil, was an Inhalt fehlt, durch Heftigkeit ersetzt wird. Die hohlsten Eiferer sind allemal die fanatischsten. Gerade die alltäglichen Erscheinungen unseres deutscheu Parteilebeus liefern eiuen interessanten Beleg zu dieser Erfahrung. An jenem Wendepunkt der Reichspolitik, als man ansing, das in Wahrheit zur Befriedigung gelangte Nationalitätsbedürfnis für andere Zwecke auszubeuteu, um der natürlichen Fortentwicklung in freiheitlicher Richtung entgegenzutreten, begnügte man sich noch, ihm einen zwar neuen, fremdartigen, aber einen immerhin substantiellen Inhalt zu geben. „Der Schutz der nationalen Arbeit" war zwar ein Wechselbalg, welcher dem Programm des nationalen Staates untergeschoben ward, aber der Wechselbalg war doch wenigstens von Fleisch und Bein; und der fanatische Ingrimm, mit welchem der schutzzollnerische Nationalismus seine Gegner verfolgte, entsprang aus gesundem Eigennutz, aus jener natürlichen Leidenschaft, welche die Hitze der Jagd nach wahren oder vermeintlichen Vorteilen entfesselt. Die Bewegung kam um so leichter in Fluß, als ihr der ganze Ideen-, Phrasen- und Wortschatz zu Gebote stand, den das für solche Übertreibungen so eminent begabte französische Ingenium ihr fix und fertig zur Verfügung stellen konnte. In diesem vorgeblich urdeutschen Aufschwung ist von A bis Z nichts original, alles elendes Plagiat. Geborgte Kleider und geborgte Worte von Anfang bis zn Ende. Nachdem der ins Christlich - Germanische übertragene Iravail-^ational seine Schuldigkeit gethan, an Stelle eines politischen Kulturinhaltes gemeinen Jnteressenstreit gesetzt und dabei die kulturfeindliche Richtung zur Herrschaft gebracht hatte, wurde das wunderthätige nationale Stichwort abermals zu neuer Verwendung frei. Und von diesem Erfolg aufgemuntert warf sich Alles daraus, was nur im Trüben der Jdcenverwirrnng zu fischen erwarten durfte. Das nächtlichste Gevögel, welches einst vor dem neuen Tag des Deutschen Reiches in dunkle Verstecke geflohen war, kam vertraulich heran und las die in der Luft herumfliegenden nationalen Federn zu seiner Ausschmückung zusammen. Warum sollte es nicht Jedem gelingen, mit dem nationalen Feldgeschrei gute Geschäfte zu machen, nachdem der Mann,*) welcher dereinst die Losung: „lieber französisch als preußisch!" ausgegeben, sich zum Lxiriws lainiliari« der Neichsregieruug und zum Führer des Reichstages im Kampf für den Schutz der nationalen Arbeit aufgeschwungen hatte? Von nun an geht es unaufhaltsam weiter, und Herz, was begehrst dn? Wenn nur das Wort „national" davor- gesetzt wird, ist das Unwiderstehliche geschaffen, heiße es nun Angra Peauena, Branntweinsteuergeschenk oder Sep- tennat. Auf die Gesamtheit dieser Erscheinungen paßt genau, was ein scharfer Beobachter menschlicher Kollektivschwächen, Benjamin Constant, also ausdrückt: „So oft in der sozialen Ordnung eiu Mißbrauch eiureißt, nimmt er den Schein an, die Grundlage derselben zu bilden, denn weil er absonderlich und seiner Natur nach vereinzelt ist (trstsroAsnS st ssul 6e sa natru-s), so muß, damit er sich erhalte, alles Andere sich ihm unterordnen und um ihn gruppieren, so daß Alles auf ihm ruht." Der wnrttcmbergischc Minister von Aarnbühlcr. Auch die einseitige Übertreibung und Ausbeutung der von Hause aus berechtigten Idee der nationalen Existenzform hat sich zu einem solchen Mißbrauch mit den hier beschriebenen Folgen ausgewachsen, und wohlverstanden, nicht bloß in Deutschland. Denke man nur z. B. an die Abgeschmacktheit der sentimentalen Russenschwürmerei, welche in Frankreich Mode geworden, seitdem die patriotische Liga um ein Liebesbündnis mit dem Zaren wirbt. Hundert Jahre lang hat Frankreich in heißer Liebe für Polen geschwärmt! All die achtzehn Jahre des orleanistischen Königtums hindurch war es heiliger Brauch, jede Adresse der Deputiertenkammer mit einem Protest gegen die russische Herrschaft über Polen zu schließen! Aber die Karrikaturen sind das Schlimmste nicht. Sie find nur Symptome des Übels, welches das Überhand nehmen einseitiger Richtung in sich birgt — „Paroxismus der Nationalitätenbewegnng" nennt es der oben zitier!..' Gumplowicz, und die österreichische Litteratur ist natürlich mit am meisten von der Sache praokkupiert.*) Der Nationalitätenkampf in seiner heutigen Bedeutung ist etwas Neues; die Grundanlagen, die Wahrnehmnng nnd die Äußerung des Triebes sind alt. Wer z. B. das Buch in die Hand nehmen will, welches vor hundertundzwanzig Jahren der am meisten durch sein Werk über die Einsamkeit berühmt gewordene Joh. Georg Zimmermann über den „Nationalstolz" geschrieben hat, wird sich manchmal fragen, ob es nicht gestern verfaßt sei. Das Bedürfnis, sich mit dieser Erscheinung zu beschäftigen, war aber schon damals so groß, daß in kurzer Aufeinanderfolge vier Auflagen er- *) Siehe u. a. auch „Die Nationalitätsidec und der Staat" von Alfred von Kremcr (vormaliger österreichischer Handelsminister). Auch die des Tübinger Professors Fr. I. Ncuinann „Volk und Nation" liefert einen schätzenswerten Beitrag. — 221 — schienen, darunter bezeichnenderweise ein Nachdruck in der kaiserlichen Hofbuchdruckerei zu Wien. Heute ruht die Gefahr, welche mit der Überwucherung einseitiger Staatstendenzen verbunden ist, vor allen Dingen darin, daß, dank dem demokratischen Grnndzug der modernen Politik, die Verirrungen derselben sich in den Volkscharakter hineinsenken müsseu. Ich glaube, es ist Friedrich der Große, der einmal schreibt, daß ehemals die Kriegführung viel weniger hart ins Volksleben eingegriffen habe, weil die Regenten mit ihren Söldnerheeren sich gewerbsmäßig nm Landerwerb herumgeschlagen hätten, ohne daß die Massen davon zur Leidenschaft aufgeregt wurden. Las man das vor zwanzig Jahren, so kam man kaum auf den Gedanken, daß hier etwas Beklagenswertes angedeutet werden sollte. Beobachtet man aber den Gang der Dinge in den letzten Jahrzehnten, so kann man darüber nachdenklich werden. Als die allgemeine Dienstpflicht uach preußischem Muster auf dem ganzen europäischen Festland in Zng kam, ward ihr unter anderen — unbestreitbaren — Vorzügen nachgerühmt, daß mit der eigenen körperlichen Teilnahme aller und insonderheit der behäbigen Klassen die allgemeine Kriegsgefahr notwendig abnehmen müsfe, daß nur noch die notwendigsten und gerechtesten Kriege in Zukuuft geführt werden würden. Es läßt sich wohl heute schou übersehen, daß dies eine falsche Schlußfolgerung war. Die Freude am Waffeuhaudwerk und an dessen blutiger Ausübung hat die sonst dem friedlichen Beruf Ergebenen ebenso und bei nahe uoch mehr erfaßt als die Soldaten von Fach, und der rnilö5 Zioi-iosu?! würde heute nicht in Gestalt eines Landsknechtes, sondern etwa eines Gymnasiallehrers auf die Bühne zu bringen sein. Auch mit diesem neuen Geist hängt es natürlich zu- — 222 — sammen, daß Europa ein von Waffen starrendes Kriegslager geworden ist und auf unabsehbare Zeit zu bleiben bestimmt scheint, ein Zustand, den selbst Moltke für sehr beklagenswert erklärt. Aber die wachsende Verfeindung der Nachbarn untereinander, der Geist des Hasses, die Ab- schließung und Verhetzung, die überall im Wachsen begriffen sind, ist das schlimmste dieser Übel. Denn es wirkt entsittlichend und verdummend. Haß und Borniertheit erzeugen einander wechselseitig in stetiger Progression. Der öffentliche Geist in Europa ist in dem letzten Jahrzehnt moralisch und intellektuell zurückgegangen, und niemals ist das Wort von der Allmächtigkeit des Niederträchtigen so oft zitiert worden wie in unseren Tagen. Diesen Rückgang bezeichnet allerdings ein berühmter Professor der Geschichte als den Gedanken einer aufstrebenden Zeit, für welchen dem Kaiser Friedrich wegen seines Stilllebens das Verständnis abgegangen sei; besonders deshalb, weil derselbe sich zornig abgewendet habe von den Manifestationen desjenigen bornierten Hasses, welcher, nicht zufrieden andere Nationen mit Schmähungen zu verfolgen, auch im Innern der Nationen selbst nach Spaltungen sucht, um Opfer für sein Wüten zu finden. Die Extreme berühren sich, und es ist leicht zu ermesfen, wie aus der Übertreibung des Nationalgefühls, welches in Deutschland zusammenfassend wirken sollte und bei Gründung des Reichs zusammenfassend gewirkt hat, gerade wieder die Zersetzung hervorgehen könnte. So gnt wie den Rassenhaß kann man auch deu Stammeshaß wieder Heraufrufen. Nachdem der Schutz der nationalen Arbeit nur von deutscher Arbeit gesprochen hatte, wurde alsbald wieder unterschieden zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, zwischen der Arbeit von Ackerbau und von Industrie, von Handwerk, von Industrie und von Handel, damit auch nach Innen allerwärts Eines dem Wüten des Andern ge- — 223 — vpfert werden könnte. Haben doch sogar in den Einzel- staaten sich bereits die Forderungen geregt, die sächsische, die bayerische Arbeit vor der „fremden" zu bevorzugen. Gar nicht mehr soweit sind wir von der Auffassung entfernt, welche z. B. im Jahre 1834 bei Gründung der bayerischen Bank in der Münchener Ständekammer zum Ausdruck kam i „die bayerische Nationalehre verlange, daß kein Ausländer ins Direktorium kommen dürfte."*) Zeitströmungen sind ihrer Natur nach einseitig und vorübergehend. Auch dieser „Paroxismns" wird vorübergehen. Die Frage ist nur, wieviel Unheil er vorher anrichten wird, nicht bloß in den äußeren Zuständen, sondern in der Geistesverfassung der Menschheit. Was wir jetzt erleben, ist zum Teil ein Rückschlag gegen den gewaltigen Impuls, welchen die moderne Technik zum Ineinanderfließen aller irdischen Kräfte gegeben hat. Die Schranken nach Außen und nach Innen, welche ehemals die Völker untereinander und in sich selbst trennten, fallen vor der Allgewalt der neuen Mechanik, und was einst natürlicher Zustand war, wird Barbarei, wie Sklaverei, Lehnswesen und Adelsherrschaft es geworden sind. Aber das alte besiegte Element wehrt sich immer eine Zeit laug gegen das neue siegreich vordringende, und wenn es das Glück hat, seine anachronistischen Forderungen in mächtigen Persönlichkeiten zu verkörpern, so gewinnt es eine kurze Weile den Anschein, die Umkehr sei eine definitive. Die Figur des genialen Kaisers Julian kehrt des öftern in der Weltgeschichte wieder, wenigstens in einzelnen Zügen. Die Umkehr zum Welt-Schntzzollkrieg ist ein Rückschlag gegen die Erfindung der Eisenbahnen und des Telegraphen; aber Eisenbahn und Telegraph werden den Schutzzoll besiegen *) Wnlthcr Loh- Geschichte der deutschen Notenbanken. — 224 — und überleben. Nativnalhaß und Rassenhaß sind ein Rückschlag gegen die Ausbreitung von Milde, Gerechtigkeit und Freiheit, welche die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet und die Zivilisation des neunzehnten gereift hat. Auch sie werden siegreich den Rückschlag überwinden. Noch brauchen wir uns nicht der Anschauungen zu schämen, denen die größten Deutschen, Lessing und Goethe, huldigten. Auch sie standen allerdings in ihrer Zeit, und mit den Aufgaben der Zeit wechseln die Anschauungen und deren Berechtigung. Aber in der Anschauung so großer Geister ist ein Dauerndes, welches den Wechsel der jeweiligen Ausgaben und der aus ihnen erzeugten Impulse und Leidenschaften überlebt, und das gerade dann am meisten in Erinnerung gebracht und beherzigt zu werden verdient, wenn der Dünkel des Augenblicks sich dermaßen steigert, daß er seine Eingebungen für das Ewige hält. Folgendes schrieb Goethe an Carlyle:*) „Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetischen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besonderen, es sei nun historisch, mythologisch, fabelhaft, mehr oder weniger willkührlich ersonnen, wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hindurch jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten und durchschimmern sehen. Da nun auch im praktischen Lebensgange ein Gleiches obwaltet und durch alles Irdisch-Rohe, Wilde, Grausame, Falsche, Eigennützige, Lügenhafte sich durchschlingt und überall einige Milde zu verbreiten trachtet, so ist zwar nicht zu hoffen, daß ein allgemeiner Friede dadurch sich einleite, aber doch daß der unvermeidliche Streit nach Briefwechsel, herausgegeben von Charles Eliot Norton, Cambridge, Amerika1887. — 225 — und nach läßlicher werde, der Krieg weniger grausam, der Sieg weniger übermütig. Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen seit langer Zeit schon bei." So geschrieben zu Weimar am 20. Juli 1827 — sei es heute den Enkeln als ein Gedenkblatt ins Stammbuch gelegt. Ludwig Bambergers Ges. Schriften, V. 15 Als vor fünfzehn Jahren die Deutsche Reichsbank ins Leben gerufen wurde, hatte die Gesetzgebung eine auf dem Reichsgebiet ganz neue Aufgabe zu lösen, und in die Durchführung derselben wurden einige selbst auf dem allgemeinen Gebiet des Zettelbankwesens überhaupt bis dahin nicht erprobte Formen eingefügt. Wie Wohl auch dieselben vorgedacht und durchberaten sein mochten, der praktische Gesetzgeber mußte sich sagen, daß er es hier mit einem großartigen Versuch zu thun habe und daß erst die Zeit die letzte Autwort auf die Frage: ob er ihm gelungen sei, erteilen könne. Daher legte er sich selbst für die Geltung des Gesetzes eine Zeitbeschräukung auf. Nach Ablauf dieser Frist von fünfzehn Jahren, wenn sich gezeigt haben würde, wie die Arbeit sich bewährt hätte, sollte über die weitere Zukunft entschieden werden. Diese Probezeit ist um, und kaum dürfte ein verständiger und sachverständiger Mann diesseits oder jenseits unserer Grenzen seine Stimme erheben mit der Behauptung, daß das Werk seine Probe nicht bestanden habe. Ohne Übertreibung kann man sagen, daß die kühnste Erwartung keinen besseren Erfolg hätte verlangen können. Wenn jemals das ausschlaggebende Wort .,it, ^voi'ks -nsll" auf ein Gesetz Anwendung finden durfte, so auf dieses. Gewichtige Klagen sind von keiner Seite erhoben worden; einzelne Beschwerden über Nebendinge, die von Zeit zu Zeit auftauchen, berühren nicht die Grundlinien der Gesetzgebung. Natürlich giebt es Leute, welche von An- — 230 — fang an widersprachen nnd noch heute nicht bekehrt sind; besonders diejenigen, welche verlangen, eine Reichsbank müsse allen denen Kredit geben, welche das Geborgte nicht zurückbezahlen können; oder die, welche meinen, Papier sei der Stein der Weisen, mit dem man so viel Geld machen könne, daß allen Schmerzen abgeholfen werde. Das ist eine bekannte stereotype Form des volkswirtschaftlichen Irrsinns, die Jahr aus Jahr ein mit Vorschlägen kommt, Assignate auf Grund aller vorhandenen und nicht vorhandenen Dinge, namentlich in Repräsentation von Grund und Boden auszugeben. Ernsterer Natur dagegen ist ein oft gehörter Einwand, den ich selbst zu Zeiten in Erinnerung gebracht habe. Näm lich, daß die Feuerprobe einer großen Krise noch nicht über die Reichsbank hingegangen sei. Das ist gewiß richtig, denn als sie ins Leben trat, war die Überspannung des Unternehmungsgeistes, die auf die Kriegszeit folgte, bereits in starkem Maße zur Erschlaffung geworden. Aber wenn man diesem Einwand sein Recht nicht bestreikn will, so darf dagegen eine andere Betrachtung wohl in die Wagschale gelegt werden. Es ist nämlich eine bemerkenswerte Thatsache, daß im Laufe von fünfzehn Jahren keinerlei heftige Krise eingetreten ist, ja auch nicht einmal etwas, was einer solchen ähnlich sähe. Das ist eine Seltenheit in der Geschichte der Krisen. Sollten wir hier nicht mit einer Erscheinung zu rechnen haben, die anderer als zufälliger Natur ist? Man wird wohl sagen dürfen, daß in ihr die Wirkung zweier Momente zusammengetroffen ist, eines besonderen und eines allgemeinen; das besondere darin bestehend, daß die Reichsbank ihrer Anlage gemäß und in Folge einer umsichtigen, dieser Grundanlage folgenden Leitung das Ihrige dazu beigetragen hat, den Gang des deutscheu Geschäftes, so weit es von ihr abhing, in rnhigen, vorsichtigen Bahnen zu halten; daS allgemeine dahin zn bezeichnen, das; scharfe nnd tief störende Geldkrisen im verbesserten Weltverkehr überhaupt wahrscheinlich jetzt seltener auftreten als ehemals. Und von diesen beiden Momenten ist das letztere das wichtigere. Denn so viel steht fest, alle Vorsicht und Maßhaltung innerhalb der Grenzen auch eines groszen Staates könnte denselben nicht vor der Mitleidenschaft retten, in welche ihn die im Ausland entfesselten starken Geschüstsstürme mit hineinreißen würden. Ja dieselbe Vervollkommnung des Znsammenhangs der Weltwirtschaft, der wir die verminderte Gefahr schwerer Krisen verdanken, bedingt anch umgekehrt die leichtere Verbreitung des Übels. Aber die gnte Seite dieses Knlturfortschritts ist die stark überwiegende. Wie immer sind mit der Verbesserung menschlicher Einrichtungen etliche Gefahren auch hier verbunden, die aber hiuter der Größe des Nutzens bedeutend zurücktreten. In unserer unmittelbaren Nähe, in Frankreich, sind wahrend dieser sünszehn Jahre zweimal starke Katastrophen ausgebrochen. Aber nicht nnr haben ihre Wirbel nicht den deutscheu Geldmarkt beträchtlich zu stören vermocht, sondern man kann umgekehrt behaupten, die Verkehrsleichtigkeit und Solidarität des Weltgeldmarktes hat große Dienste geleistet, um die akuten Wirkungen des Bontoux- und des Panama- und Kupferkrachs in Frankreich und für Frauk- reich selbst abzuschwächen. Was sich hier im Weltverkehr des Geld- und Kapitalmarktes zeigt, beruht auf denselben Voraussetzungen, denen es zu verdauten ist, daß in zivilisierten Ländern von Hungersnot nicht mehr die Rede sein kann. Die Freiheit und Schnelligkeit der Bewegung und des Austausches, die telegraphische Ubiauität der geschäftlichen Thatkraft bewirkt, daß überall, wo ein Großfeuer anSbricht, die Löschmanuschaft sofort zur Stelle ist. Das ist eiu unberechenbarer — 2!!2 — großer Segen des schnellbeweglicheu Verkehrs unter den Nationen. Es läge nahe, von dieser Stelle ans einen Exkurs zu machen auf die Bemühungen, welche so emsig dahin gerichtet werden, diesem Segen als einem Fluch entgegenzuarbeiten. Auch dürfte daran erinnert werden, wie das leicht bewegliche Gold selbst einen Anteil an dieser Verbesserung hat. Doch das Alles würde diese Betrachtungen zu sehr in die Weite führen, und es genügt, den Gedanken angeregt zu haben, den Jeder, dem es nicht an gutein Willen fehlt, denn Wissen ist kaum dazu nötig, sich selbst weiter spinnen mag. Eine Gefahr bleibt immer bestehen, die des Krieges. Zwar könnte man auch hier den Gedanken vertreten, daß ein Krieg, und sogar ein sehr unglücklicher Krieg, in die Geldverhältnisse eines großen soliden Staatsbankwesens, welches sich das Vertrauen des In- und Auslandes in langer Friedenszeit zu verschaffen gewußt hat, künftig nicht mehr so störend einzugreifen drohe, wie man das früher anzunehmen geneigt war. Die Erfahrungen, welche auf französischem Boden gemacht worden sind, verdienen jedenfalls nicht übersehen zu werde». Der Kredit der französischen Banknote ist trotz furchtbarer Schicksalsschläge, die das Land 1870 und 1871 getroffen haben, keinen Augenblick beträchtlich erschüttert gewesen. Und man darf wohl annehmen, daß die aus der Münz- und Bankreform und aus der allgemeinen wirtschaftlichen Hebung hervorgegangenen deutschen Zustände wenigstens annähernd das Recht geben zu dem Glauben, daß in schweren Zeiten ein ähnliches Selbstvertrauen des Landes zu seiner finanziellen Widerstandskraft sich bewähren würde, wie dies in Frankreich erlebt worden ist. Mit all dem soll den Gefahren künftiger Geldkrisen, die aus wirtschaftlichen oder aus kriegerische« Katastrophe» entspringen könnte», keine optimistisch prophezeiende Verneinung entgegengestellt werden. Das wäre entschieden vermessen. Aber soviel darf immerhin aus obigen Betrachtungen gefolgert werden, daß der Einwand, die Erfahrung habe über die Widerstandsfähigkeit unserer jetzigen Bank- nnd Geldverfassung noch gar keine beruhigende Belehrung zn teil werden lassen, nur mit gewissen Einschränkungen zuzulassen ist. Dem sei übrigens, wie ihm wolle: über das Mögliche hinaus ist Niemand verpflichtet. Was an Erfahrung einzuheimsen möglich war, ist eingethan worden, nnd ans dieser Erfahrung ist notorischer Weise gegen die praktische Wirksamkeit der im Jahre 1875 zum Gesetz erhobenen Bank- verfassnng keine beachtenswerte Klage von schwerem Belang erhoben worden. Wenigstens ist das nicht in solchem Maße Verlautbart, daß man sich mit der Angabe eines offenkundigen Mißstandes zu befassen hätte. Weder die Geschäftswelt noch die fachwissenschaftliche Kritik hat dergleichen anfznweisen. Was die letzten Jahre an litterarischen Besprechungen über diese Materie Namhaftes zu Tage gefördert haben, liefert, so weit es zu meiner Kenntnis gekommen, gegen die Wirksamkeit des Bankgesetzes doch höchstens solche Ausstellungen, denen, falls sie berechtigt sind, ohne fundamentale Änderung des Bestehenden abgeholfen werden könnte. Von den in der Anmerkung angeführten Abhandlungen^) zeigt sich die von Jacobh am wenigsten *) Moritz Ströll. Über Gegenwart und Zukunft des deutschen Notenbankwesens, iu dem Schmollerschcn Jahrbuch. Zehnter Jahrgang, Heft 1. S. Jacoby. Die deutsche Zettclbankreform im Jahre 1891. München 1887. Dr. Walt her Lotz. Geschichte und Kritik des deutschen Bank- gesetzcs. Leipzig 1888. Vicrtcljahrschrift für Volkswirtschaft. Herausgegeben von K. Braun. 26. Jahrgang. I. Band. 2. Hälfte. S. 223. Eine sehr eingehende Besprechung des Werkes von Lotz. mit dem bisherigen Zustand zufrieden, nnd doch könnten auch die von ihr verlangten praktischen Veränderungen herbeigeführt werden, ohne an die Grundlagen des Gesetzes zu rühreu, einfach durch eine ihren Wünschen entsprechende Direktive in der Oberleitung. Dagegen ist es besonders erfreulich, zu konstatieren, daß ein so hervorragender Mann wie Professor Nasse sich in allen Hauptsachen mit deu Ergebnissen dieser gesetzlichen Schöpfung einverstanden erklärt und für deren Aufrechterhaltung eintritt. Man war darauf gefaßt, daß beim Herannahen des Zeitpunktes, in welchem das Gesetz der neuen Prüfung von Seiten der Regierung uud des Reichstages zu unterziehen war, sich ein Orkan von Angriffen gegen dasselbe erheben würde, um eine gruudstürzende Abänderung zu verlangen. Mau ist so gewöhnt daran, daß seit dem Wendepunkt des Jahres 1879 alles bis dahin Geschaffene für schmähliche Verirrung ausgegeben wird, in welche, wie es heißt, auch „der leitende Staatsmann" wider besseres Wissen und Willen hineingezogen ward, daß nichts natürlicher erschien, als daß das Kriegsgeschrei „es muß alles runginiert werden" auch gegeu das Bankgesetz erschallen würde. Und wirklich war in aller vorausgegangenen Zeit die nie versiegende Jammerklage über die stiefmütterliche Behandlung der Landwirtschaft auch auf diesem Gebiet oft genug in entrüsteten Anspielungen erhoben worden. Aber in dem Maße als der entscheidende Augenblick heranrückte, hat sich das alles doch in viel bescheidenere Formen gekleidet, uud die Summe der Neuerungen, die als Deutsches Wochenblatt. 1. Jahrgang Nr. 38, und Dr. O. Arendt im 2. Jahrgang Nr. 12. Erwin Nasse. Die Kündigung des Privilegiums der Neichs- bank und der Privatnotenbanken, in den Preußischen Jahrbüchern Band Heft 5. 2Z5 Äußerstes verlangt werden, beschränkt sich auf einige, nicht undiskutable Punkte. Das ist der größte Triumph, den das alte Gesetz hoffen konnte. Jene Neuerungsvorschläge sind in den oben erwähnten Schriften zu finde». Es soll dem Leserkreis dieser Wochenschrift nicht zugemutet werden, sich mit den technischen Einzelheiten bekannt zu machen, welche die einzelnen Verfasser ins Auge fassen, teils im Sinne der Verteidigung, teils im Sinne der Veränderung des Bestehenden. Selbst die interessanteste nnd ihrer Zeit am meisten umstrittene Bestimmuug der sogenannten Noten-Kontingentierung hat an Wichtigkeit verloren, seitdem auf Grund der Erfahrung beinahe ausnahmslos zugegeben wird, daß sie sich wenigstens unschädlich erwiesen hat. Das allgemein Verständliche, welches zugleich das Wichtigste ist, läßt sich auf zwei Fragen zurückführen, auf die Frage, ob die Neichsbauk „verstaatlicht", d. h. aus einer Aktiengesellschaft in ein reines Staatsuuteruehmen umgewandelt werden soll, und auf die weitere Frage, ob die übrigen Privat- nnd Landesbanken, die noch bestehen, unterdrückt oder ebenfalls verlängert werden sollen. Mir scheint, daß auch bei diesen zwei Fragen vor allem die Antwort berücksichtigt werden sollte, welche Zeit nnd praktische Erfahrung darauf erteilt habeu. Ju zwei der erwähnte!? Abhandlungen und hier und da in der sachverständigen Tagespreise sind Stimmen laut geworden teil? für Verstaatlichung, teils für Unterdrückung einiger oder sämtlicher andrer Banken; aber auch diese Forderungen haben sich nicht darauf stützen können, daß die Mißstände, über welche bisher Klagen laut gewordeu, iu der bestehenden gesetzlichen Verfassung der Reichs- und Lauoesbankeu wurzelten. Allen etwa gerechtfertigten Beschwerden könnte abgeholfen werden, ohne an jene Verfassung zu rühren, — 23i; — und dieselben Beschwerden könnten anch nach einer im Sinne jener Kritik eingeführten Veränderung weiter vorkommen. Wo solcher Weise die Erfahrung nicht nach Veränderung ruft, soll auch die Theorie nicht danach rufen. Denn natürlich ist jeder einzelne Satz der theoretischen Aussprüche in sich diskutabel. Für die wichtigste Frage, die der Verstaatlichung, hat sich sogar die Motivierung auf ein ganz enges und mit der Wirksamkeit des Instituts selbst gar nicht zusammenhängendes Terrain zurückziehen müsseu. Die Befürworter der Verstaatlichung geben zn, daß alles, was Staatsaufsicht hier leisten kann, schon nach der jetzigen Verfassung geleistet wird, und sie müssen sich damit begnügen, den einzigen fiskalischen Gesichtspunkt herauszukehren, daß etliche Millionen, welche jetzt an Aktieninhaber verteilt werden, dem Reichsschatz zu gute kämen. Etliche Millionen sind gewiß nicht zn verachten, man kann dahingestellt lassen, ob weil oder obgleich mit den Millionen jetzt recht phantastisch im Reichshaushalt umgegangen wird. Aber wenn der Streit auf diese einzige Linie zurückgedrängt ist, dürfen die übrigen sachlichen Bedenken, welche für das Bestehende eintreten, nm so eher Gehör verlangen. Es sind doch nicht so ganz haltlose Gründe, welche gegen die völlige Verstaatlichung vorgebracht werden, und sie sind wenigstens so respektabel wie die Motive der Verstaatlicher, welche ausnahmslos nicht aus besonderen, in der Sache liegenden Umständen, sondern aus allgemeiner staatssozialistischer Begeisterung heraus sür die Neuerung eintreten, weil sie es für jede Ausdehnung der Staatsindustrie thun würden. Ebenso verhält es sich mit der Frage nach der Lebensverlängerung der Privatbanken. Auch hier vermißt man offenkundig berechtigte Beschwerde» gegen deren Walten; und wenn die Theorie sie verschlingen möchte, stellt sich mindestens ebenso berechtigt das Bedenken ein, daß ein wenig Konkurrenz einer so mächtigen nnd machtliebenden Anstalt wie unserer Reichsbank gegenüber durchaus nicht vom Übel ist. Das so bescheiden „gemischte System" hat ohne Zweifel mehr genützt als geschadet. Und so sollte man denken, daß, wie es bis jetzt auch ans dem Gebiet der Währung, welches ja viel mehr gefährdet war, gelungen ist, das bestehende Erprobte der ewig begehrlichen Experimentirlust zu entziehen, auch hier au der Lehre des gesunden Menschenverstandes festgehalten werde: was gut ist, gut zu lassen. Die Anwendung dieses Grundsatzes würde natürlich nicht verhindern, auch bei Erneuerung der Privilegien neue Gegenleistungen zu bedingen. Hier sind selbstverständlich neue, den Umstünden, namentlich auch dem niedriger gewordenen allgemeinen Zinsfuß angepaßte Vorschriften zu treffen, und wenn diese richtig gegriffen werden, so kann cmch znm größeren Teil der fiskalische Vorteil erzielt werden, welcher mit der reinen Verstaatlichung zu teuer erkauft würde. I. ine neue englische Monatsschrift "Ilw Nsvisvv brachte kürzlich eine Abhandlung über die achtstündige Arbeitszeit ans der Feder des Parlamentsmitgliedes Charles Bradlnngh. Die periodischen Sammelschriften, besonders die monatlichen, haben in England seit Jahren sich die erste stelle auf dem Gebiet der Publizistik erobert. Sie haben nicht nur den Einfluß der Tagespresse, sondern auch der Wochenschriften erheblich abgeschwächt, und man begegnet nicht selten der Behauptung, daß sie mit ihrem Ansehen uud ihrer Wirkung sogar den Parlamentarische« Verhandlungen den Rang streitig macheu. Für die Läuterung der öffentlichen Meinung wäre das entschieden ein Gewinn, und ehrenvoll wäre es sür denjenigen Teil des Publikums, welcher seine Belehrnng ans den Pfaden dieser ruhigen und verfeinerten Betrachtungen suchte. Bradlaugh ist der Vertreter der Politisch radikalen Arbeiterpartei. Das steht jedoch nicht seiner Mitwirkung an einem litterarischen Organ im Wege, in welchem Coleridge, Lord-Oberrichter von England und mehrere Mitglieder der hohen Aristokratie als seine Kollegen figurieren. In einer folgenden Nummer derselben Zeitschrift hat die Antwort, welche der sozialdemokratische Führer Hyudmauu auf jenen Artikel schrieb, gleichmäßig ihren Platz gefunden. Dies nur beiläufig znr Pergleichung mit unseren deutschen öffentlichen Sitten. Ludwig VnmbcrgcrS Gcs, Schrlftr», V. lg ^ Der Gegensatz, welcher in der Hauptsache für uns in Betracht kommt, ist viel tieferer Art. Er liegt in der grundsätzlichen Stellung, welche der Verfasser zu seiner Aufgabe nimmt. Hier steht, um es kurz zu sagen, unserer neu- dentschen ungesunden Richtung die alte gesunde angelsächsische gegenüber. Bradlaugh ist zwar kein Sozialist aber er würde in Deutschland doch als solcher behandelt und zu den Neichsfeinden erster Klasse gezählt werden. Er vertritt die Arbeiter mit der Tendenz, daß dieselben sich einen größere» Anteil an den Gütern dieses Lebens erobern wollen und sollen, daß sie durch die gegenwärtige Verteilung des Einkommens unberechtigterweise benachteiligt seien. Auch die Beschränkung der Arbeitszeit auf das Maxi- mum von acht Stunden täglich gilt ihm für die erstrebenswerte Regel. Aber er weist die Dazwischenknnft des Staatsmacht und der Gesetzgebung behufs der Erreichung dieses Zweckes entschieden zurück und will die Besserung nnr dur^i die eigene Kraft der Arbeiter durchsetzen. Beschränkte sich der Gegensatz ans daS Verschiedene in den Grundzügen des Verhaltens hier und dort, befände sich der englische Führer nur im vollständigen Gegensatz zu seineu deutschen Kollegen, so wäre das zwar an sich schon bedeutungsvoll genug, aber zum Verwundern wäre es nicht. Denn unsere deutsche Arbeiterwelt hat ihre Ansichten ursprünglich aus der Hand von etlichen studierten Leuten em- * Bradlaugh war der Abgeordnete, welcher, 1889 für Northampton gewählt, statt des Eides unter Anrufung Gottes nur eine Beteuerung abgeben wollte und darauf wegen Atheismus vom Parlament ausgeschlossen werden sollte. Er wurde eines der angesehensten Mitglieder der radikalen Partei. Geboren 1833 in dürftigen Verhältnissen, hatte er ein Leben von Kämpfen und Entbehrungen hinter sich, aus denen er, dank seiner Zähigkeit und Thatkraft, immer zuletzt siegreich hervorging. Er starb am 30. Januar 18!>1. 243 pfangeu, welche bei den französischen Sozialisten der letzten hundert Jahre in die Schule gegangen waren, und nach dieser Schule ist die menschliche Gesellschaft von Grund aus eiu Produkt des Staates, alles Gute und Gedeihliche muß von der Gesamtheit dem Einzelnen aufgezwuugen und von ihm erzwungen werden. Aber auch unsere gelehrten und gebildeten Mittelklassen im Großen, welche seit hundert Jahren ihre wirtschaftliche Richtung mehr aus England als aus Fraukreich geholt hatten und dieselbe dem deutschen Geist als natürlich verwandt erklärten, haben neuerer Zeit, im Gegensatz zu den gleichen Klassen aller anderen Länder, sich dem Glauben an die Mechanisierung der Gesellschaft durch den Staat hingegeben. Der Grundsatz der individuelle!? Selbsthilfe ist förmlich bei uns in Verruf gekommen. Nur Gesetz und Regierung sollen überall und Jedem helfen. Das ist die von oben ausgegebene, von uuten dankbar aufgenommene Losung. Der Mensch hat seine Kraft nicht mehr in sich zu suchen, sondern nur von außen zu empfangen. Es gilt für unumstößliche Wahrheit, daß auf dem Gebiet der Arbeit uud des Erwerbes dem Schwachen nicht geholfen werden könne, wenn nicht der Starke schwächer gemacht werde, wozu mir die Staatsmacht die Kraft uud Ge- schicklichkeit besitze. Alle wenden sich daher in den beweglichsten Worten an den Schwachen, um ihm recht begreiflich zu machen, wie schwach und hilfsbedürftig, wie er verloren sei, wenn ihm nicht die Gewalt zu Hilfe käme, und lehren ihn, den ihm an Kraft Überlegeueu als seiuen Feind hassen, mit Ausnahme immer des einen allgerechten und allmächtigen Staates, d. h. der Leute, welche im Besitz der höchsten Stellen sind. Damit wird überhaupt die individuelle Kraft als ein staats- und gesellschaftsfeindlichcs Prinzip erklärt, IS* .' 4l die Schwäche als die wahre Gesundheit; die Kraft wird bestraft, die Schwäche belohnt. Ganz anders lautet die Sprache des englischen Vertreters der Arbeiter. Dieser beginnt seine Auseinandersetzung mit folgender Erklärung: „Es handelt sich hier darum, Stellung zu nehiueu iu der Frage, ob die achtstündige TageSbcschäftiguug für das ganze Königreich und für sämtliche Gewerbe gesetzlich vorgeschrieben werden soll. Dieser Bewegung, sofern es sich dabei um Erwachsene, einerlei ob Männer oder Frauen, handelt, widersetze ich mich aufs allereutschiedeuste, aus folgende» Gründen: Erstens, weil es nicht die Aufgabe des Parlaments sein sollte, die Zahl der Stunden zu bestimmen, während welcher ein Erwachsener zu arbeiten hat. Es macht sich eine im Wachsen begriffene Tendenz von schr gefährlichem Charakter geltend, deren Ausflns; diese Achi- stundeubewegung ist. Sie lehrt den Blick ans die Gesetzgebung oder die Regierung richten, um Abhilfe für alle Übel zu schaffen, die, welcher Art immer, im .Nampf nms Dasein anftanchen. Zweitens, weil eine möglichst knrze Arbeitszeit in jedem Gewerbe, wenn schon erstrebenswert nnd für den Arbeiter eine Wohlthat, doch Gegenstand besonderer Verhandlung nnd Vereinbarung in jeder Industrie sein und nach gegenseitiger Auseinandersetzung und Abmachung zwischeu den Arbeitgebern und den organisierten Arbeitern festgesetzt werden sollte." Zur Kennzeichnung des ganzen Gedankenganges genügen diese beiden ersten Sätze. Iu Deutschland rühmt sich die sogenannte Arbeiterfreuudlichkeit — schon dem ruhmredigen Namen nach eiu affektiertes Wesen gleich dem bekannten „Herz für daS Handwerk" -- genau des entgegengesetzten Prinzips. Bürgertum wie Aristokratie und auch ein ^eil der Demokratie würden den Manu für eiueu Volksfeind erklären, welcher, um seiueu Geuosseu zur Kräftigung zu verhelfen, nur Eins verlangt, nämlich, daß sie innerhalb der Grenzen des bürgerlichen Rechtes sich frei bewegen, zusammenschließen und verabreden dürfen. Ein Satz, zu dem sich auch iu Deutschland die vffeueu Geguer des Staatssozialismus durchaus bekennen. Und zwar nicht allein, weil sie in dieser Freiheit eines der besten Mittel zur Kräftigung eines besonderen Arbeiterstandes sehen, sondern weil iu diesem Recht der allgemeine Grundsatz einer möglichst großen Freiheit sür Alle in Leben und Webeu zur Anwendung kommt uud die mechauisierende, abstumpfende Methode der Zwangswirtschaft bekämpft wird. Sie nehmen überhaupt ihren Ausgangspunkt nicht von der Cinteiluug der Staatsaugehörigeu iu besondere Stände, verschmähen deshalb auch jeue groteskem Versuche, die nenerdings unter dem tönenden Namen der „Hebung" bald dieses, bald jenes Standes in Mode gekommen sind, nm die Angehörigen eines Berufs mehr durch Ansprüche, die sie an die Gesell schaft, ak dnrcb solche, die sie an sich machen, zn höheren Leistungen zn befähigen. In der Anerkennung eines Arbeiterstandes mit besonderen Rechten liegt für den Arbeiter die Gefahr, daß ans dem Privileg eine Unterordnung werde. Marx nud Lassalle als aristokratisiereude Demagogen haben dieser Staudesbetouuug bednrst, um sich des Arbeiters für ihre Herrschsucht zu bedienen, uud die Sozialpolitik des Deutschen Reiches hat dieselbe Kastenbilduug dahiu verwertet, dem Arbeiter das Recht der Selbstverantwortuug zu nehmen und ihn in ihre gesetzlichen ZwaugSvorrichtuugeu zu sperren. Wie undurchführbar der Anspruch vou Hause aus ist, wird schon dadurch ersichtlich, daß die Definition des Arbeiters zu guterletzt nur in der Grenze eines gewisfen Einkommens (von zweitausend Mark oder weniger) gefunden werden 246 konnte. Aus dem Stand der Arbeiter ist ein Stand der Unbemittelten geworden. Die Summe der Übel, zu denen auf diesem Wege der Keim in die Gesetzgebung gelegt ist, erschöpft sich nicht, wie man gemeinhin annimmt, in der Gefahr, das; dieselbe immer mehr sozialistischen Versuchen überliefert wird. So schädlich solche Experimente ausfallen mögen, es giebt doch etwas noch viel Schlimmeres. Nämlich die Entartung des Bvll> Naturells, ich sage nicht des Nolkscharaktero, um den moralisierenden Beigeschmack zu vermeiden, der mit dem Wort verbunden werden könnte. Wer da meint, der Staat mache sich seine Menschen, hat allerdings nichts der Art zu befürchten. Eine möglichst starke Regierung wird nach solcher Meinung auch immer stärkere Menschen machen. Wer aber der Ansicht ist, das; die Menschen den Staat machen, wird natürlich auch zu der entgegengesetzten Schlußfolgerung gelangen. Im Grnnde sitzt hier das ganze Problem: Genügt die Form, nm sich das Material zu schaffen, das sich in ihr bewegt, oder bildet sich diese Gesamtsorm aus dem Material und nach dessen Anlagen heraus? Man sollte denken, die Frage stellen hieße sie beantworten. Dennoch hat bei uns die frühere individualistische Auffassung im Laufe weniger Jahre in die jetzige staatsvergötternde und menschcnverachtende umschlagen können. Ich sage bei uns, obwohl der Porgang sich in der ganzen Welt in verschiedenen Abstufungen wiederholt. In den oben erwähnten paar Sätzen des englischen Proletariatsvertreters ist ja selbst die Anspielung darauf enthalten, daß ähnliche Ideen bedenklichen Umfang in seinem Lande angenommen haben; uud wir wüßten das, auch wenn er es nicht sagte. England kontinentalisiert und demokratisiert sich nach vielen Seiten hin, aber glücklicherweise für die Nation hat eine lauge Vorgeschichte doch ebeu dcm Volksuaturell Zeit gegönnt, genug Festigkeit anzusetzen, um den Versuchungen der so leicht von Frankreich nach Deutschland übertragenen Schablonisierung ans angelsächsischem Boden einen spröden und nachhaltigen Widerstand entgegenzusetzen. In England treibt die Besorgnis vor dem Wachstum der demokratisch - sozialistischen Keime manchen auserlesenen Geist in die Flucht zur Staatsall- macht — gewissermaßen nach homöopathischer Methode Gleiches mit Gleichen? zu bekämpfen. Da das Anschwellen der unteren Mächte unwiderstehlich erscheint, sollen sie auf den Wegen ihrer eigenen Logik in den Bann einer höheren Macht zurückgeführt werden. Das soziale Königtum, wie es uns neuerer Zeit im Prophetentou gepriesen wird, hatte eigentlich seinen finsteren Enthusiasten schon vor einem halben Jahrhundert in Thomas Carlyle gefunden, der in der That auch mit der Stimme und Haltung eines Sehers und gottgesandten Strafpredigers daher schritt. Aber selbst ein weicherer humanisierender Mann der neuesten Zeit, der kürzlich verstorbene Matthew Arnold, ein viel gelesener nnd bewunderter Moralist und Dichter, sühlt sich zu Idealen hingezogen, welche dem Geiste deo deutschen sozialaristvkratischen Jdeenkreises verwandt sind.*) Arnold ist aber so wenig wie Carlyle der Repräsentant weitverbreiteter Denkart. Beide sind Originale mit einem ausgesprochenen Geschmack fürs Absonderliche. Arnold glaubt, um das charakteristische Wort wiederzugeben, das; der Mensch im Staat, in der Gesamtheit sein „besseres Selbst" mit der höchsten Autorität bekleidet wiederfinde; er meint, die persönliche Freiheit führe zur Anarchie und beruft sich auf den alten logischen Kniff, das; die Freiheit sich nur negativ definieren lasse (eben just wie die Gesuud- 5) Matthew Arnold, (lulturs cmä iu> ossav i» i>uliti>'!>! «ml Äociul «'i'irieism. 248 heit!); ja er nähert sich dein deutschen Ideal so sehr, daß er Englands Abneigung gegen den Zwang zum Kriegsdienst verurteilt, im Kriegsdienst den Inbegriff aller Tugenden erblickt und das Wort Michelets zitiert: die Franzosen seien ein Volk von durch die Konskription zivilisierten Barbaren. Dagegen hat noch 1889 das Haupt der damaligen Negierung, Lord Salisburp, die Äußerung gethan, daß er die Einführung des allgemeinen Kriegsdienstes als einen Flnch für das Land ansehen würde. In dieser unvollkommenen Welt ist eben Alles nur relativ, und wer mitten in den Thatsachen der einen Lebensform sitzt, wünscht, leidet, hofft und fürchtet, baut sich in Gedanken sein Haus nach einem anderen, ihm fernliegenden Muster. Carlyle und Arnold hatten es ohne Zweifel in Deutschland nicht ausgehalten, weuu sie mit den väterlichen Autoritäten und dem besseren Selbst, denen Deutschland gehorcht, in persönlichen Erfahrungen zusammengestoßen wären. Gäbe es etwas absolut Richtiges, so gäbe es überhaupt keinen Streit in der Welt. England und selbst die große amerikanische Republik entziehen sich uicht den logischen Verführnngsknnften, welche die Brücken zwischen der Demokratie und dem SozialiSmus schlagen. Aber der erstarkte Volkscharakter macht die Versuchung in der Praxis viel ungefährlicher. Bradlangh berichtet, daß im Staate New-Iork schon seit dem Jahre 1870 eine Achtstundenbill angenommen ward, und daß die An sänge der Bewegung noch weiter zurückliege», da schon so früh wie 18K8 die uordamerikanische Bundesgesetzgebnng selbst für alle Rcgierungsarbeiten den Grundsatz der Beschränkung ans acht Stunden auuahm. Das Gesetz des Staates New-Iork ging noch weiter, indem es einen Zwang ans die Regelung der Privatarbeiten auszuüben unternahm, allein doch uur mit einer Zurückhaltung, welche Mattgel an — 24! > Vertrauen in die Richtigkeit des Zwanges durchblicken läßt. Es heißt da: acht Stunden sollen den gesetzlichen Arbeitstag ausmachen ^lAllt. trorii-s s1ig,l1 eon^tituds n, 1kAg,1 cla^ ^ >vc>i-Iv) sür alle Klassen vou Mechaniker», Handarbeitern und Tagelöhnern, mit Ausnahme der in der Landwirtschaft und Hansdienst beschäftigten; aber Überzeit gegen außer ^ ordentliches Entgelt nach Vereinbarnug zwischen Arbeitgeber und Arbeiter soll gestattet sein. Eine Strafe ist an die Übertretung nur in dem Fall geknüpft, wo eine Regierung oder Mnnizipatität sich von der Vorschrift entfernt. So war das Gesetz von vornherein ein sogenanntes unperfektes, und in der That scheint es auch gar nicht Praktisch zur Geltung getvmmeu z» sein. In den Vereinigten Staaten ist nach dem ersteu Anlauf eine Verlaugsamung eingetreten, uud wenn es in längeren Zwischenräumeu auch nicht an einzelnen Ausbrücheu gefehlt hat, manchmal recht gewaltigen, so kann mau doch ruhig behaupte», daß der öffentliche Geist sich eher von dieser Richwng wieder abwendet als in ihr weiter entwickelt. Auch ist es eine bekannte Thatsache, daß in Amerika die sozialistische Bewegung uuter den Arbeitern hauptsächlich durch zugewanderte deutsche Apostel versorgt wird. Der deutsche Geist ist der führeude iu der staatssozialistischeu Richtung für die ganze Welt, für beide Henrisphären geworden, nicht etwa wie aus den anderen Gebieten, des Militarismus, Protektionismus und Nationalismus, weil das offizielle Deutschland mit seiner Macht und seinem Beispiel jetzt tonangebend dasteht, sondern weil natürlich und geschichtlich ausgebildete Anlagen den deutschen Geist mit den zur Ausbrütnng sozialistischer Theorieen geeigneten Vorzügen und Fehlern ganz besonders ausgestattet haben. Wie könnte ein von deutschen Arbeitern in den Reichstag zur Vertretung ihrer Angelegenheiten entsendeter Führer 250 daran denken, sich eine Sprache zn erlauben, gleich der, mit welcher Bradlaugh seinen erwähnten Artikel schließt: „Von dem Glauben ausgeheno, daß jeder etwaige Versuch des Parlaments, die Arbeitsstunden vorzuschreiben, auf alle Zeiten für die besten Interessen der Arbeiter verhängnisvoll werden würde; befürchtend, daß viele Arbeiter nur zn leicht bereit sind, sich von zwar überzeugten aber unpraktischen Enthusiasten uud von unruhigen Ausbeutern sozialer Beschwerden verleiten zu lassen; und gewahrend, daß bei einigen Wahlkümpfen jüngster Zeit Kandidaten versprochen haben, für Maßregeln zu stimmen, welche alle freisinnigen Überliesernngen auf den Kopf stellen, werde ich meine Stimme und Abstimmung im Parlament dahin richten, zu verhindern, daß dem Geist des Selbstvertrauens, welcher die Masse unserer Bevölkerung zu einer den meisten europäischen Nationen überlegenen macht, in irgend einer Weise untergraben werde." Eine solche Sprache wäre in Deutschland nicht bloß undenkbar aus dem Grunde, weil die Arbeiter von sozialistischen Ideen beherrscht werden, sondern weil die Mehrheit der Gebildeten und Besitzenden dem Verständnis solcher Sprache entfremdet worden ist. Alle geistigen Bewegungen gehen von oben nach unten, und diese Wahrheit leidet auch in unserer demokratischen Zeit keinen Abbruch. Es sind immer die von der Last des Lebens sreien Köpfe, welche die neuen Gedanken zuerst aus sich erzeugen, fortbilden und in unsichtbaren Samenverwehungen umherstrenen. Die Macht, welche der Staatssozialismus über Deutschlaud erlangt hat, ist von Leuten der geistigen Aristokratie der Nation ausgegangen. Er hat seine Keime nicht bloß durch aristokratisch fühlende Demagogen wie Marx und Lassalle in die Köpfe der Massen gepflanzt, sondern mich durch die Träger höherer und höchster Bildung, allerdings solcher, welche, 251 — unbeteiligt an der werbenden Arbeit der Gesellschaft, vom Katheder oder vom grünen Tisch herab mit Hochmut und Gleichmut an ihr herum zu meistern und zu experimentieren sich berufen glaubeu. Die jüngst bei dem Tode des sog. Kreuzzeitungs - Wagener, eines keineswegs unbedeutenden Kopfes, wieder ans Licht gezogenen Spuren seiner sozialistischen Einwirknngen aus den Lenker der deutscheu Geschicke haben deutlich gezeigt, wie nach zwei Jahrzehnten in der neuesten Sozialgesetzgebung jener Same ausgegangen ist. II. Keiner Bewegung wird es leichter, von vben nach nnten durchzudringen, als einer, die sich anheischig macht, das Los der Massen zu verbessern; und nichts ist bezeichnender für das Wesen der gegenwärtigen inneren Politik des Reichs, als das Leitmotiv: sich der sozialistischen Bewegung zu bemüchtigeu, indem man ans ihren Jdeengaug einlenkt, zugleich aber mit eisernen Schranken der äußeren Gewalt ihr die Grenze zieht, wie weit sie sich ins Leben hereinwagen dürfe. Berglichen zu diesem Experiment war der Kampf gegen das Papsttum noch ein schüchterues Wagestück. Denn als Fürst Bismarck diesen Kampf begann, ergriff er die Fahne der Eiferer, die dem Geist des Ultramontanismus selbst mit Gewalt zu Leibe zu gehen gemeint waren, nicht ohne eigenes Mitempfinden, so weit bei ihm von einem Mitspielen der Empfindung bei Handhabnng der Ttaatsraisou die Rede sein kann. Es war daher auch nur ganz konsequent, daß er von dem Moment an, da er zu dem Entschluß kam, diesen Kamps aufzugeben, denselben Gegnern des Papsttums das Büuduis kündigte, nicht die » 252 — Freundschaft, denn bei ihrer Gelehrigkeit hatte er das nicht nötig. Mit dem Schiedsspruch in der Karolinenfrage präludierend, wurde allmählich solche Geschmeidigkeit in der Anerkennung deS heiligen Stuhles entwickelt, daß der Inhaber desselben im Jahre 1887 ausgeboten werden konnte, seinen züchtigenden Arm über jene Gläubigen auszustrecken, welche sich nicht zu dem Glauben auch au das Heilsmittel des Militärseptennats werkthätig bekennen wollten. Unverwöhnt, wie wir sind, durften wir schvu einige Genugthuung empfinden bei der Wahruehmuug, daß hier wenigstens die Logik einen Sieg erfocht. Es wnrde doch ganz verbrannt, was vorher ganz angebetet, und ganz angebetet, was ganz verbrannt worden war. Aus einigen Reden, welche der Kauzler im preußischen Herrenhanse hielt, bleibt dem Leser der Eindruck, daß demselbeu der gauze Kulturkampf nachträglich wie eine Donquixoterie erschien, die ihm durch untergeordnete Menschen aufgedrängt worden war. Die entlassenen Verbündeten hatten zwar für diese Umkehr nicht dieselben Begeisterungsstürme zu ihrer Verfügung, wie einst für das „Nach Eanossa gehen wir nicht"; es ist keine Standsäule im Tentobnrger Wald zum ewigen Andenken an den Schiedsspruch in der Karoliueusrage errichtet worden, aber so mancher, der einst den „Kampf gegen Rom" für die höchste Ehre uud Ausgabe des größten Mannes erklärt hatte, gab sich doch, von Grund ans bekehrt, der stillen Bewunderung hiu über die Weisheit eiuer Staatskunst, die zu rechter Zeit immer den rechten Weg zu finden weiß. Und wo ein Weg ist, sindet sich anch ein Wort, könnte man mit Variieruug des bekannten Spruches sagen, und wo sich ein Wort sindet, siudeu sich auch Nachbeter. Ganz anders liegen die Sachen bei der Sozialpolitik. > 253 Hier stoßen wir überall auf den Gegensatz zu Allem, was für Logik oder Konsequenz ausgegeben werden könnte. Wenn bei der Umkehr im Kulturkampf nicht nur die Logik, sondern noch eiu Besseres zum Durchbruch kam, uämlich das Geständnis, daß mit äußeren Gewaltmitteln moralischen Mächten auf die Länge nicht beizukommen ist, so wird im Kampf gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen mit der einen Hand das sozialistische Programm in den Himmel erhoben und mit der anderen gegen seine Anhänger das Schwert gezückt. Auch hier handelt es sich um einen Kampf der Meinungen, nur mit dem Unterschied, daß nicht nur dieser Kampf in Permanenz, sondern die bekämpfte Meinung selbst für die richtige erklärt wird. Die staatliche Machtfülle stellt sich die Aufgabe, denselben Geist mit allen Waffen zu bekämpfen, den sie in Worten bekennt und ins Leben einzuführen verheißt. Vielleicht ist niemals in der Welt das Selbstvertrauen der Regiernngsmaschinerie in ihre Überlegenheit über alle anderen treibenden Kräfte so kühn zur Schau gestellt worden, wie hier. Hier kommt zum Ausdruck, was — Alles in Eins zusammengefaßt — die Signatur dermaliger Umwandlung in dem Wesen unseres öffentliche» Lebens ausmacht: der Ansturm der mechanischen Weltanschauung gegen die dynamische, die Herausforderung, mit welcher allen geistigen und moralischen Kräften eine allerdings dem Verstand, aber nicht der höheren Vernunft dienende, festgegliederte staatliche Macht den Kamps anbietet. Das ist der Kern des herrschenden Systems. Sein Ideal ist das der Mechanisierung der gesamten Volks- und Staatskräfte in allen einzelnen Vorgängen der inneren nnd sogar der auswärtigen Politik, die Geringschätzung alles folgerichtigen Denkens, man könnte sagen des Gedächtnisses selbst. DaS Kunstgeheiinnis bewährt sich in jener Mechanisierung der 254 Geister, die alle Sprünge und Widersprüche ans Kommando mitmachen, so daß man bei der Beobachtung dieser erstaunlichen Willens- und Verstandesknechtschaft immer wieder an die nenentdeckten Wunder des Hypnotismns erinnert wird. In keiner anderen Sphäre aber ist dies Ideal so handgreiflich und trotzig aufgepflanzt worden, wie in der Losung- „Es lebe der Sozialismus, nieder mit den Sozialisten!" Die Zahl derjenigen, welche sich durch die gefährliche Natur des Experiments, künstliche Erzeugung und künstliche Komprimierung sozialistischer Ideen, beunruhigt fühlen, ist größer, als die laut werdenden Stimmen verraten. Mancher Seufzer steigt in der Stille auf über die heitere Gelasseu- heit, mit der die Reise in das neue Land angetreten wird, aber Ängstlicheit und Fatalismus, die so vieles ertragen gelernt haben, haben gelernt, sich nur in verstohlenen Klagen und Besorguissen Luft zu machen, vor der Öffentlichkeit dagegen mit den Wölfen zu heulen, wie es sich sür den klugen Mann unter der Herrschaft heilsamen Schreckens empfiehlt. Nur aus den Reihen der selbständigeren und selbstbewußteren Aristokratie habeu sich bei den letzten staatssozialistischen Verhandlungen die Stimmen offen zu erheben gewagt; doch hier, wie überall von Erscheinungen begleitet, welche verrieten, wie weit heutzutage die Zähmung auch der Widerspenstigen gelungen ist. Bei der allerletzten Probe schmolz die Schar derjenigen Kavaliere, welche sich und der Zukunft ein deutliches Nein zu schulden glaubten, auf ein winziges Häuflein zusammen, obgleich das Spiel sür ihre Partei noch viel gefährlicher ist, als für alle anderen. Denn was allen Bemühungen bisher nicht gelungen war, das wird jetzt von Gesetzes wegen in Angriff genommein die sozialistische Bewegung aus der städtischen Welt der Industrie in die der Landbevölkerung hinüber zu leiten. Die Stimmung einer Zeit trägt naturgemäß das Ge- — 255 — präge des letzten starken Erlebnisses. So hat die Pariser Kommune seither am meisten den Jdeengang beherrscht, welcher sich mit den Gefahren sozialistischer Ausbrüche beschäftigt. Der gewaltige Aufschwung, den die Beweglichkeit und demzufolge das Wachstum des Kapitals im modernen Leben genommen hat, kam diesen Darstellungen zu Hilfe. Die Erinnerung an weit zurückliegende agrarische Ausschreitungen trat ganz in den Hintergrund, obwohl dieselben in der alten uud neuen Geschichte viel öfter dagewesen sind, als soziale städtische Erhebungen. Die begründeten und die unbegründeten Beschwerden des großen Grundbesitzes, der sie zur Besserung seiner Sache als das gemeinsame Leid der Großen und Kleinen darstellt, thaten das ihre, um hier das Bewußtsein des Gegensatzes zwischen Hohen und Niederen zurückzudrängen; und schließlich kam noch Eines hinzu, um keinen Gedanken an die Möglichkeit sozialistischer Begehrlichkeit in bäuerlichen Kreisen aufkommen zu lassen. Der Norden uud Osten Deutschlands, deren Interessen die Gesamtentwicklnng des neuen Reichs beherrschen, ist niemals von agrarischen Unruhen ernstlich heimgesucht worden, uud die patriarchalische Autorität der Gutsherren verfügt daselbst über eine Bevölkerung, deren resignierte Sinnesart noch heute Spuren der spät beseitigten Hörigkeit verrät. Alles dies erklärt, wie so bis dahin in den Reihen der Großgrundbesitzer jene Gedaukenrichtung beliebt werden konnte, welche für die Aufstachelung des Gegensatzes zwischen Reich und Arm ihre Waffen der sozialistischen Rüstkammer entleiht, ohne sich über die Möglichkeit der Nutzanwendung auf die eigenen Berhältnisfe zu beunruhigen; obgleich die Gegensätze hier auf dem Platten Lande nicht minder hart bei einander wohnen als in der Stadt und alle sozialistischen Theorieen bis auf die ueneste Zeit vor Allem mit dem Plan einer gerechteren Verteilung von Grund und — ^5li — Boden eingesetzt haben. Gewiß hat zu dieser leichtblütigen Auffassung der Sache auch die pessimistische Stimmung das Ihrige beigetragen, welche aus den eigenen, mit oder ohne Schuld zerrütteten Vermögensverhältnissen vieler Gutsherren entsprang. Aber wenn nicht jeglicher verstandesmäßige Zusammenhang aus dem Gang der menschlichen Angelegenheiten verschwindet, muß das vom sozialistischen Grundgedanken der Ernährung des Individuums durch den Staat getragene neueste Gesetz allmählich im Lause seiner, nnsehlbar ans hundert Schwierigkeiten uud Vieldeutigkeiten stoßenden Anwendung eine neue Jdeenreihe in den Köpfen der ländlichen Bevölkerung erwecken. Indessen, vielleicht haben sie allesamt recht, sowohl die städtischen Bürgerklassen als die ländlichen Gutsherren, sich nicht von den Gefahren einschüchtern zu lassen, welche die sozialistische Staatspropaganda früher oder später heraufbeschwören könnte. Am Ende wiederholt sich in der Geschichte ebensowohl Nichts wie Alles, nnd jene Pariser Äommnne, auf welche die Phantasie des Schreckens jetzt so oft zurückgreift, ist aus einein Zusammentresfeu von Umständen hervorgegangen, wie es schwerlich jemals wieder erlebt werden wird. So wenig man bezweifeln kann, daß die Welt noch mehr als einmal bald da bald dort den auf alle Weise genährten Streit in lichte Flammen wird aufflackern sehen; so nahe der Gedanke liegt, daß, an einer einzelnen Stelle zum Ausbruch gekommen, er das überall aufgeschichtete Material in Sturmeseile eutzüudeu wird — eo ist dennoch schwer denkbar, daß eine sozialistische Erhebung zn laug anhaltenden Verheerungen nnd tief greifenden Veränderungen führen möchte. Das Gefüge nnd die Arbeit der modernen Zivilisation ruhen auf einem zu festen Unterbau und in zn starken Gerüsten, nm mehr als vorübergehend nnd au der Oberfläche von etwaigen auf den — 257 — ersten Anlauf siegreichen Stürmen geschädigt zn werden. Die Vernunft würde nach einem ersten Schrecken wieder zur Besinnung und zur Macht kommen. Die, welche mit dem Feuer spielen, haben vielleicht so unrecht nicht, darauf zu rechnen, daß die Mauern zu solide sind, um von den Flammen eines gelegentlich ansbrechenden Feners ernstlich bedroht zu sein. Man mutz dies ihnen schon deshalb zutrauen, weil man sie sonst ganz und gar nicht begreifen könnte. Dann aber ist man um so mehr in Verlegenheit zu erklären, warum diese gering angeschlagene Gefahr andererseits zum Zielpunkt aller Gegenmatzregeln und die Verbreitung der sie erzeugenden und ernährenden Ideen zur Aufgabe gemacht wird. Man kann die Lage ruhig dahin znsammenfasfein in friedlichen, normalen Zeiten besteht für keinen Teil des Deutschen Reiches die Gefahr eines sozialrevolutionären Umsturzes, und in Zeiten tiefgreifender äußerer Ruhestörung würde auch der ganze Mechanismus des Sozialistengesetzes in Scherben gehen. Der wahre Schaden, der freilich nicht ans den nächsten Moment hinaus zu berechnen ist, aber dafür auf die Länge der Zeit um so schwerer in Betracht kommt, droht aus der Untergrabung der persönlichen Energie in der großen Breite der Bevölkerung. Herrschbedürftigein Sinn, der sich im Besitz der Macht befestigt hat, erscheint, so wenig wie seiner Zeit der spanischen Inquisition, eine solche moralische und intellektuelle Verarmung wie ein Verlust, vielmehr ganz wie ein Gewinn. Lenksamkeit, blindes Vertrauen und blinder Gehorsam nicht bloß im Thun, sondern auch im Denken gelten bereits heute als eine erste Bürgertugend. Der Mechanisierung des Staats hat die Mechanisierung der Geister meisterhaft vorgearbeitet. Es wagt schon kaum Einer mehr zu fragen, wohin die Reise geht, und wenn sich Einer die Frage erlaubt, so erschallt alsbald der Ruf- Ludwig Vamdl-rgcr-i Ncs, Schriften. V. 17 — ^58 — Steiniget ihn! Wieviel Kommandos: Augen rechts! und Augen links! haben wir nur schon nach auswärts rasch nacheinander ohne Zucken ausführen sehen! Krieg gegen Rom, Huldigung gegen Rom; Herrlichkeit und Abscheulichkeit Rußlands : Psui über England, Heirat mit England; Hohn über das vom Republikanismus unterhöhlte Italien, Umarmung mit dem garibaldinischen Italien Crispis. Ja sogar in dem Konflikt mit der Schweiz*) machte der gelehrige Sinn den Versuch, sich die schwer verdauliche Rechtsauslegung der diplomatischen Jurisprudenz als natürliche Wahrheit anzueignen. Doch dies alles sind nur ebenso viele Symptome einer Entartung des öffentlichen Geistes, welche ihn zu der Hauptaktion, der Durchführung eines staatssozialistischen Mechanismus, gymnastisch vorbereitet, um zuletzt aus der Degene- ratiou des Denkens und Fühlens zu dem Ergebnis einer in der Staats- und Regierungsmaschine aufgehenden bürgerlichen Gesellschaft hinzuführen. Es springt in die Augen, das; für Umgestaltungen dieser Art nicht dies oder jenes Regiment, nicht ein einzelner Mann, wäre er noch so klng und mächtig, verantwortlich gemacht werde» kann. Die Ursachen liegen viel tiefer; und höchstens kann man allenfalls zugeben: ein anderes Regiment und ein anderer Manu hätte» dem verhängnisvollen Zug eutgegenzutrete» gesucht, statt ihm zn dienen. Aber Jeder sällt eben auf die Seite, uach der er neigt. Überhaupt kann i» so großen Gesamterscheinuugen nicht von Schuld oder Unschuld die Rede sein. Geholfen hat freilich die Erkeuutnis der Ursachen uud Wirkungen in dem Gang der großen Geschicke selten. Selbst die Frage, ob es innere Anlage des Volkscharakters oder aber das *) In der sogenannten Affaire Wohlgemuth, - 259 — Eingreifen einzelner Thatsachen oder Menschen war, die bestimmend für das Denken und Fühlen der Gesamtheit geworden sind, bleibt meistens ungelöst, wie Alles, was über den Charakter von Massen jemals behauptet worden ist, immer umstritten bleiben wird. Was wäre mehr geeignet, an dem den Deutschen so lange nachgesagten Individualismus irre zu machen, als das Schauspiel, welches diese Gegenwart uns darbietet? Haben wir jene Auffassung zu revidieren? War sie nie richtig, oder hat sich der Charakter der Nation unter der Einwirkung veränderter Bedingungen gewaltig verändert? Bekanntlich ist die Frage schon gelegentlich des Streites über die große historische Wendnng selbst aufgeworfen worden, welche dem Deutschen am meisten zn dem ehrenhaften Ruf der individuellen Kritik und Selbstbestimmung verholfen hat, nämlich die Reformation. Während die Einen darin den höchsten Beweis der subjektiven Freiheit des deutschen Sinnes erbracht sehen, wollen die Anderen in der erfolgreichen Durchführung des Satzes, dasz der Landesherr über die Konfession seiner Unterthanen zu verfügen habe, verbunden mit dem Umstand, das; diese Landesherren in der Auflehnung gegen das katholische Kaiserhaus ihre dynastischen Interessen verfolgten, den Beweis derselben Gefügigkeit erblicken, die uns heute in Erstaunen setzt. Ist die Vereinzelung des Individuums und der Landschaft, die Zersplitterung der Aufmerksamkeit und Thätigkeit, welche bis vor Kurzem als die Signatur deutscher Zustände galt, die Folge der Zersetzung des alten Reichs gewesen, vder war umgekehrt diese Zersetzung des Reichs ein Ergebnis des nationalen Ingeniums? Mau müßte Bände schreiben, um diese Kontroverse an der Haud der Thatsachen auch nur versuchsweise zu schlichten. So viel steht fest, daß bis vor Beginn der neuesten Ära das deutsche Denken in Staat, Gesellschaft uud Wissenschaft das 17" — 260 — Gepräge der individuellen Absonderung und Eigenwilligkeit trug, uud daß der Umschlag ius Gegenteil mit der Schaffung des Deutschen Reichs aufs engste zusammenhängt. Für den Anhänger dieser politischen Neuerung müßte damit ein durchschlagender Grund gegeben sein, sich auch der veräuderteu Sinnesrichtung selbst zu freuen. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Hier kommt der große, so oft verkannte Unterschied zwischen Staatseinheit und Staatsallmacht zur Geltung. Die Staatseinheit ist eine Wohlthat, die Staatsallmacht ist ein Übel, und nach dem Gang, den die Dinge bei uns zu nehmen scheinen, haben wir von allen Völkern darin die schlechteste Wahl getroffen. England hat die Staatseinheit ohne die Staatsallmacht; Frankreich hat Einheit und Allmacht des Staates zugleich; Deutschland hat die Einheit nur sehr unvollkommen erreicht und ist im Begriff, die Staatsallmacht zum obersten Gesetz seiner politischen und sozialen Entwicklung zu machen. Daß Staatsallmacht nnd Partikularismus sich nicht einander im Wege stehen, daß Staatsallmacht nicht gleichbedeutend ist mit politischer Einheit, wenn schon das sogenannte nationale Programm auf dieser Verwechslung beruht, zeigt ein Blick auf den Gang der Dinge in den letzten zehn Jahren. Der Partikularismus ist ganz parallel mit Staatsbegeisteruug wieder emporgekommen. Fürst Bismarck hat seine staatssozialistischen wie seine protektionistischen Erfolge — sie sind ja beide nahe miteinander verwandt — Schritt für Schritt erkauft durch Zugeständnisse an die Selbständigkeit der Einzelstaaten, von der Franckensteinschen Klausel an bis zur Preisgebung der Reichsversicherungsanstalt. Und es giebt für die politische Psychologie keinen sichtbareren Beweis dieses Zusammentreffens als die Thatsache, daß der spezifisch sächsische Provinzialgeist zur Zeit — 261 — derjenige ist, welcher der Reichsgesetzgebung sein Gepräge recht eigentlich aufgedrückt hat. In der gesamten wirtschaftlichen Bewegung haben dieselben königlich sächsischen Kleinstaatler und Zünftler, welche von Anfang an der Bildung eines einigen Deutschen Reiches mit der schärfsten Abneigung und Widerspenstigkeit gegenüber gestanden, die Führung überuommen. Sie haben mit Hilfe der übrigen reaktionären und Partikularistischen Elemente des Reichstags die Übermacht selbst über die Reichsregierung erlangt, diese zu bedeutenden Konzessionen gezwungen und mit unermüdlicher Begehrlichkeit in die Enge getrieben. Daß wir noch nicht das Zunftwesen in seiner ganzen Tragikomik wieder hergestellt haben, ist nur der Aufgeklärtheit der Reichsregierung, nicht der Einsicht der jetzigen Reichstagsmehrheit zu verdanken. Persönlichkeiten, welche vor zwanzig und fünfzehn Jahren noch mit verwunderten Augen als die grotesken Vertreter des kleinstaatlichen Zopfgeistes angesehen wurden, beherrschen zur Zeit die Situation. Und besonders mit ihrer Hilse, mit ihrer begeisterten Hilfe wird die große Sozialreform ins Leben gerufen. Aus der Mitte dieser Landsmannschaft hört der erstaunte Reichstag die Erklärung, daß die Vorlage der Alters- und Invaliden- Versicherung ein tadelloses Meisterwerk sei. Der Grund, warum dieser sächsisch-kleinstaatliche Zunft- und Souder- geist jetzt iu den vordersten Reihen als reichstreu paradiert, ist leicht gefunden. Er unterwirft sich dem Reiche, weil er auf dessen Zinnen seine Fahne aufgepflanzt, demselben seinen Geist eingehaucht hat. III. Alles, wie es bisher geschildert worden, ist ganz folgerichtig zustande gekommen. Die Staatsklugheit, welche sich — 262 — überall bewährt, wo es gilt, die gegebenen Faktoren zu einem nächsten Zwecke zu verwerten, fand bald heraus, daß die einzelnen Landesregierungen, die Personen der Regenten und Minister viel besser zu berechnen und zn behandeln seien, als das dunkle und bewegliche Meer des gesamten Volkes. In den ersten heftigen Zusammenstößen mit seiner liberalen Anhängerschaft, als die eben der Reichseinheit wider Willen angeschlossenen Dynastieen noch durchaus nicht gezähmt erschienen, ließ der Reichskanzler durchblicken, daß er der Volksstimmung bedürfe, um jeuer sicher zu sein. In einer Rede vom Anfang der siebenziger Jahre erzählt er dem Reichstag von jenem nächtlichen Traum, in welchem die in seinen Händen befindliche deutsche Landkarte plötzlich vor seinen Augen in Stücke gegangeil sei. Dies sollte eine Warnung für die Mehrheit des Reichstags sein, sich nicht Velleitäten des unbotmäßigen Eigenwillens zu überlassen, um nicht die zentrifugalen Kräfte der Landesherr- schaft zu stärken. Aber fünf oder sechs Jahre später war der Ton gänzlich umgeschlagen. Als der Reichstag Anstand nahm an der Drohung, die Elbmündung zn sperren, um Hamburgs Widerspruch zn brechen, wurden die Landesregierungen für den alleinigen wahren Hort und Schntz der deutschen Einheit, die Mehrheit des Reichstags mit Einschluß der Liberalen als verdächtige Partikularisten geschildert. Das Experiment war damals bereits vollständig gelungen und gesichert, uud jeue Behauptung entbehrte nicht einer gewissen Wahrheit, wenn man die Einheit nur in der Folgsamkeit gegen den Kanzler erblickt. Diejenige Reichstreue, welche in der unbedingten Anpassung an seine Politik besteht, hat jetzt eiueu unvergleichlich viel stärkeren Halt in den oberen Gewalten der Einzelstaaten als in der Breite der Nation. Man kann dreist behaupten, es giebt in sämtlichen Regierungen des deutschen Reichs keinen - 26c! Minister, der nicht vor dem Gedanken zurückschreckt, daS Mißfallen des Kanzlers auf sich zu ziehen und der sich darüber tauscht, daß ein solches Mißfallen unfehlbar seinen Sturz uach sich ziehen würde. Ein solches Abhüngigkeits- vcrhältnis ist natürlich nur möglich geworden durch die hohe imponierende Autorität, mit welcher sich der Kanzler das Vertrauen und die Verehrung der einzelnen Landeshäupter erworben hat. Die geheime Geschichte der 99 Tage, das Vorgehen der Höfe zu Gunsten des Kanzlers in der Battenberg-Episode, bezeichnet den Höhepunkt dieses Verhältnisses. Dies alles ist um so besser geglückt, als an dem Experiment der Geist der Bevölkerung mit seinen parti- knlaristischen und dynastischen Neigungen willig mitgearbeitet hat. Der merkwürdige Scharfblick, mit welchem der Kanzler die Stellen erkennt, an denen die Hebel zur Bewegung der Massen am besten einsetzen, ist ihm auch hier zu Hilfe gekommen; und sein nüchternes llrteil, welchem die deutsche Einheit, befreit von aller Romantik, lediglich als ein kompaktes Verteidiguugs- und Wirtschaftsinstrument in der Hand der preußischen Monarchie erschieu, traf zusammeu mit seiueu alten feudalen Gefühlen, mit seiner Antipathie gegen Alles, was an Ideologie der Sturm- und Drangreminis- zeuzen früherer Beweguugeu gemahnen konnte. Die Zugeständnisse der Separatrechte an Bayern und Württemberg kosteten ihn 1870 keine Überwindung, und er verschmähte die naheliegende Möglichkeit, kleinste Bundesstaateu wie Waldeck, das sich dazu anbot, zu mediatisieren. Je kleiner die Herrschaft, desto besser fügt sie sich als dienendes Glied in der Kette, mit welcher das Ganze zusammen gehalten und geführt wird. Empfahl solcherweise die politische Berechnung, dem Partikularismus zu Hilfe zu kommen, indem die Negieruugeu zugleich einerseits in der Furcht vor der Zentralleitung er- — 264 — halten wurden, und sie andererseits in deren Schutz die beste Garantie ihrer Fortdauer gewahrten, so ward dadurch zugleich der den meisten Deutschen zur anderen Natur gewordene Geist landschaftlicher Absonderung wieder erweckt und gefördert. Er ist heut viel stärker als er vor zwanzig Jahren war. Ja, wenn heute die ehemaligen Landesväter von Hannover, Knrhesseu und Nassau auf dem Wege Rechtens zu Bundesfürsten des Reichs gemacht und in ihre Residenzen zurückgesührt würden, der Jubel der ehemaligen getreuen Unterthanen wurde trotz aller Drangsale, welche dieselben einst zu erdulden gehabt, gerade so groß sein, wie jüngst bei der achthundertjährigeu Gedenkfeier der loyalen Sachsen oder bei dem Einzug des Herzogs in Luxemburg. Die Fehler selbst der herrschenden Zentralgewalt kommen ihr in ihrer partiknlaristischen Tendenz zu Paß. Nachdem der harte und schroffe Geist, welcher dem Preußentum seinen bösen Namen in der Welt und in Deutschland gemacht hat, bald da, bald dort wieder sich zu erkennen giebt, darf man sich schließlich nicht wundern, wenn auch ein frommer Einheitsenthusiast zur Zeit lieber beispielsweise Badenser oder Bayer bleibt, als durch einen Preußischen Landrat und Minister regiert zu werden. Es läßt sich nicht leugnen, daß in diesen kleineren Staaten ein gerechterer und menschlich milderer Geist waltet als im heutigen Preußen, ein Umstand, der seinerseits wieder dazu beiträgt, daß der Enthusiasmus für die gegenwärtige Reichsregiernng in den liberaler regierten Staaten am stärksten ist. Denn sie kommen mit dem jetzigen preußischen Negierungsgeist, der in ihr steckt, nur in mittelbare Berührung. Unter allen diesen Einflüssen ist der politische Sinn, der in Deutschland nie übermäßig entwickelt war, wieder herabgekommen. Das Hochgefühl, nicht bloß mit dem Gesicht, das sich nach außen kehrt, sondern anch mit dem eigenen — 265 Jnnenwesen einer großen Gemeinschaft anzugehören, wie andere große Völker, die in einem wahren Staat mit einem zentralen Resonanzboden ihren eigenen Willen zur Ausführung bringen und ihre eigene Stimme hören, hat sich nach einem kurzen Aufschwung wieder in die Rinnsale der Kleinstaaterei verlaufen; selbst das gemeinsame deutsche Reichsbürgertum ist bedroht in den Bemühungen gegen die Freizügigkeit, die mit den Zuuftbeschränknngen außerordentlich gut zusammenstimmen. Einem Volke, das sich im Besitz seiner selbst fühlt, wird der Übergang aus einem Wirtschaftsleben der freien Ellbogen zu einem System der allmächtigen Staatseingriffe immer schwer werden. Es wird sich, wie die Engländer, auch trotz aller entgegengesetzten Zeitströmungen mannhaft dagegen wehren und um jedes Zugeständnis feilschen. Gegen Ende der sechziger und zu Aufang der siebziger Jahre, als das deutsche Volk sich im Aufschwung des Werdens zu einer großeu sich selbst hörenden uud führenden, mit Überwindung alles Kleinen auf einen Mittelpunkt hin drängenden Nation fühlte, feierte auch der Geist der individuellen Freiheit ein Fest der Auferstehung, und die Reichsregierung huldigte systematisch deu Grundsätzen, die zur Schaffung eines Reichsbürgerrechts, der Freizügigkeit, des Koalitiousrechtes der Arbeiter, der Handels- uud Gewerbefreiheit hindräugteu. Seitdem das Ansehe» des Reichstages untergraben, die Zersetzung der liberalen Partei betrieben, die Partikularistische Strömung ansgemuntert, der Schwerpunkt der Einheit in die Dynastieen verlegt ist, sind Schutzzoll und Beschränkung der inneren wirtschaftlichen Freiheit emporgekommen. Beide vereint haben die Versuchung zn staatssozialistischen Experi menten besonders nahe gerückt. Wenn ein Volk vom Gesetze seiner wirtschaftlichen Freiheit beraubt wird, verspricht man ihm natürlich Ersatz — 266 — durch Wohlthaten aus derselben Quelle. Die zur Ausgleichung versprochene Erlassung von Steuern und Erhöhung von Löhnen erwies sich als illusorisch, denn der Nimmersatte Militarismus frißt immer mehr Steuern, und die durch den Schutzzoll auf alle Weise erschwerte Ausfuhr der Industrie zwingt zur äußersten Herabdrückung der Herstellungskosten. Um so verlockender stellt sich da die Zuflucht zur staatssozialistischen Lehre ein, denn ihre Hauptkunst besteht im Versprechen. Den „geschützten" Industriellen und Landwirten gewährt sie einen Seelentrost und eine Gewisfensberuhignug für die Ungerechtigkeit des Tributs, den sie vom Publikum erheben; die konservative Romantik der „guten alten Zeit" sieht die gemütliche Herrlichkeit der korporativen Gliederung wiedererstehen; namentlich aber macht die großmütterliche Regierung, mit der sich der herabgekommene, schwächliche politische Sinn von neuem angefreundet hat, von allen vorerst die besten Geschäfte. Deun der künstlichen Wiederbelebung der gewerblichen Bruderschaften, die sich so schön bei festlichen Aufzügen in theatralischen Gewändern uud mit stolzen Fahnen ausnehmeu, geht der Athem aus, sobald sie mit dem ungeheuren Getriebe in Berührung kommen, welches die heutige Welt in tausendfacher Bewegung und Veränderung in Gang hält. Soll der Traum verwirklicht werden, die ganze Produktion nach vorgeschriebenem Plan von außen zu stoßen und am Finger laufen zu lassen, so bleibt der modernen Kultur nnr eine Zuflucht, allerdings auch diese eine falsche: „der Staat, mit andern Worten die Regierung". An diesem Ufer sind wir denn auch schon stolz gelandet. Stolz, weil überhaupt das Gefühl des Stolzes und dessen hochtönende Selbstbejahung an Stelle aller anderen großen politischen Empfindungen: der Liebe zum Vaterlande, des Sinnes für Recht, Freiheit nnd Unab- — 267 - hängigkeit getreten ist. Der Bürgersinn selbst ist aufgegangen in die Anbetung der Staatsmacht, von deren Abglanz nach Außen und Innen alles andere leben muß. So erbaut sich auch der StaatssozialiSmus bereits an dem Hochgefühl, daß das Deutsche Reich, alleu Völkern zur Beschämung nnd Belehrung, den Stein der Weisen in seineu Versorgungs- und Versicherungsgesetzen gesunden habe. Bis jetzt fehlt es übrigens noch an jeglichem Zeichen, daß diese angebliche Bewunderung auch die Lust zur Nachahmung anderwärts erweckt habe. Der Stolz aus die äußere Machtstellung Deutschlands ist allerdings der am besten begründete Teil des herrschenden Bewußtseins; und wenn nicht alles darin auf philosophischer Würdigung des Völkerglückes beruht, so hat überhaupt die Philosophie in dem Verhalten der Nationen nichts zu suchen. Die anderen Nationen haben uns darin nichts vorzuwerfen. Den Deutschen aber, welche so lange in unnatürlicher Ohnmacht darniederlagen, wäre es, wenn eS einer Entschuldigung bedürfte, wahrlich zu verzeihe«, daß sie iu dem neu nnd so gründlich befriedigten Selbstgefühl schwelgen. Hier ist auch, und ans mehr als einem Grunde, die Lösung des Rätsels zn suchen, warum die Anziehungskraft der Staatsgewalt und in gewissem Sinne des Gewaltsstaates so sehr Macht über die Geister gewonnen hat, daß das Verständnis für die individuelle Freiheit im Leben und Streben, ja sogar im Denken nnd Urteilen abhanden gekommen ist. Der Sonne dieser Staatsmacht, welche von einer der letzten zur ersten geworden ist, und in deren Abglanz der Einzelne zu Hause uud in der Welt draußen sich neu beglückt spiegelt, wird willig alles dargebracht, was außer ihr zum Lebeusglück gehört; von ihr soll alles zurückgegeben und neu geboren werden. Die Personifikation dieser Staatsmacht ist der Schöpfer des deutschen Reichs; — 268 — das Werkzeug, dem sie ihre Erschaffung und Erhaltung verdankt, ist das Heer. An das Heerwesen lehnt sich daher der Staatsgedanke am engsten an. Das Heerwesen giebt dem Staat die Richtung; in ihm ist sogar der Partikularismus am besten überwunden, wie es einen großen Teil der besten Intelligenz und Thatkraft der Nation in sich aufsaugt. Durch eine Ironie des Zufalls, die zugleich einen tiefen Sinn hat, drängt zwar gerade das Kriegswesen immer mehr zu der Methode hin, die im Wirtschaftswesen verschmäht wird. Die Taktik kommt mit jeder neuen Richtung einen Schritt weiter ab von den früheren Überlieferungen der kompakt geschlossenen Massen; sie kommt zur Notwendigkeit, dieselben anszulösen und auf die Selbst- ständigkeit der Führer und des einzelnen Mannes den Nachdruck zu legen. Das vorwärts gehende Heerwesen entwickelte sich im Sinne des Individualismus, während der den Nährstand nach rückwärts drängende Geist ihn dem Erstarrungsprozeß der gebundenen Arbeit zuführen möchte. Doch das ändert nichts an dem nachhaltigen Eindruck, deu das stets vor Augeu stehende Bild der gewaltigen lebendigen Kriegsmaschine auf den Geist des Volkes ausübe» muß. Sie zeigt ihm ein millionenköpfiges Wesen, welches, mit wunderbarer Einsicht und Energie zusammengefügt, zusammengehalten und geleitet, von einem Mittelpunkt aus zu höchster Leistungsfähigkeit in Gang gesetzt wird. IV. Das imposante Gefüge, welches vom Einzelnen die höchste Anspannung seiner geistigen und körperlichen Krast verlangt und dennoch die Führnng des Ganzen auf den einen Mittelpunkt, das Oberkommando und den General- — — stab. zurückführt, dieses erstaunliche Gefüge, welches nicht bloß den äußeren Gehorsam, sondern das innere Leben seiner Augehörigen mit zwingender Gewalt ersaßt und in Übereinstimmung setzt, hat dem Glauben an die Herrlichkeit des Staatsmechanismus ganz begreiflicher und zugleich effektvoller Weise die Wege geebnet. Man stößt darum mit Zweifeln gegen die Lebensfähigkeit einer staatsmäßig geplanten und geleiteten Produktion sehr häufig auf den Einwand, daß durch die Vollkommenheit des militärischen Wunderwerks ein schlagender Gegenbeweis erbracht sei. Natürlich wird dabei übersehen, daß gerade dieses Wunderwerk selbst nur das Erzeugnis einer aus der freien ArbeitS- »nd Denkthätigkeit der Millionen hervorgegangenen Kultur ist und nicht diese Kultur ernährt, sondern von ihr ernährt und erhalten wird, keine Spanne Zeit hindurch anders als auf dem Boden und auf Kosten einer solchen Kultur bestehe» könnte. Aber das von der großen Wirkung betroffene Auge sieht nur diese Wirkung, und der innere Zusammenhang kommt nicht zum Bewußtsein. Dies um so mehr, als dank der Allgegenwart, mit welcher die Hseres- einrichtnng das ganze Leben der Nation umspannt und dnrchdringt, das Deuken in dem breitesten Umfang selbst von dessen Geist durchzogen wird. Hat doch sogar die äußere gesellschaftliche Sitte deu zähen Provinzialgeist ans dem Wege der militärischen Propaganda unifiziert! Die süddeutsche Formlosigkeit hat sich den festeren norddeutschen Ergevenheitsformen gefügt, ohne Zweifel auf dem Wege der Übertragung durch den Offizierton. Die „gnädige Frau" und die „gesegnete Mahlzeit" und das Sichselbstvorstellen verdanken offenbar dieser Fortpflanzungsart ihr siegreiches Eindringen bis in die kleinen Kreise der bayerischen und schwäbische» Landstädtchen. Die harte Zncht des preußischen Soldatenstaates hat dessen bürgerlicher Gesellschaft - 270 — den Stempel des befohlene», uniformen, wohlgemeinten, aber steifen Anstandes aufgedrückt, und dieser ist mit der Reichseinheit auf das größere Gebiet der Nation, wenn auch nicht gleichmäßig uach allen Seiten hin, übergetreten. Eine Kleinigkeit zwar, aber eine symptomatische für Größeres; sie läßt durchblicken, wie die Mechanisierung des allgemeinen Denkens und Verhaltens von einer bestimmten Mitte und mit bestimmten Mitteln mächtig geworden ist, gewiß vielfach anch zum Vorteil des Einzelnen und des Ganzen, aber belastet mit der Anlage zu mißverstandener Anwendung in der Übertragung auf andere vitale Gebiete der Gesell- schaftsfnnktionen. Die Wohlthat, die zur Plage werden kann, beschränkt sich hier nicht auf das Militärische im engeren Sinne. Auch der preußische Beamte mit seiner unermüdlichen Diensttreue entstammt dem Ingenium der Soldatenherrschaft und hat vielleicht schon hier und da die behagliche, aber weniger zuverlässige Gemächlichkeit des Südens überarbeitet. Aber wie der Mechanismus des Heeres die Verführung zum Glauben an die Mechanisierung der Produktion gefördert hat, so konnte auch uur unter der Voraussetzung einer so streng arbeitenden Beamtenschaft der Gedanke aufkommen, das produktive Wirtschaftsleben in die Bande einer büreaukratischen Maschine zu zwängen. Die freien Berufsgeuosfenschaften haben bei dem ersten Tasten versagt. Jetzt wird es mit dem staatlichen Apparat versucht. Schon der Versuch wäre in einem anderen Lande undenkbar. Bei uns kann er äußerlich in ersten Anfängen gelingen, was ein unglückliches Glück wäre. Es liegt nur zu sehr in der Art des menschlichen Geistes, daß er in gegebener Zeit immer nnr nach einer gegebenen Richtnng hinsteuert. Das gilt aber in besonders hohem Grade für den Geist der Gesamtheiten. Schon das dazu unentbehrliche Zusammenstimmen macht die Einseitigkeit zur Grundbedingung. Für die Aufnahme und Ausgleichung von Gegensätzen ist hier kein Raum. Man darf sich nicht wundern, daß die in so raschem Tempo vollzogene Errichtung des Deutschen Reiches und sein gewaltiges, einer wahrlich widerstrebenden Außenwelt aufgedrungenes Ansehen, und die Art, wie es durch die Initiative eines einzigen, alle Anderen weit überragenden Mannes zu Stande gebracht wurde, über den Geist der Nation für diese Zeit eine unwiderstehliche Macht erlangt hat. Die so lange staatlose und zum Aschenbrödel unter ihren Schwestern gewordene deutsche Nation sieht ihr Reich plötzlich auf die Höhe der furchtgebietenden Macht erhoben und bewuudert sich in dem neuen Staatsgebilde und in dem Begründer derselben, sieht in beiden das A und das O alles Gelingens, traut daher dem Staat und dem Mann alles zu. verwirft, was sich von ihm entfernt oder gar ihm entgegenstellt. Und der Manu, der diesen Triumph in sich verkörpert, fühlt sich doppelt und dreifach versucht, diese Eiuseitigkeit zu stärken. So wirkt alles zusammen, die Staatsallmacht als das höchste aller Güter erscheinen zu lassen. Da Blindheit nnd Leidenschaft sich willig zur Einseitigkeit gesellen, reckt sie ihre Fangarme immer weiter auS, wird alles ausgeschieden, was sich nicht von ihr bestricken läßt. Höhe des Selbstgefühls, mit der Verachtung alles anderen gepaart, erleichtert die Arbeit des feindseligen AbsperrenS und Abstoßens im Innern wie nach Außen. Die Fehler der Vergangenheit geben scheinbar solchen Tendenzen ihre Berechtigung. Da deutsche Feldherren ^niemand mehr als deutsche Fürsten und Adelige) dem Ausland Jahrhunderte lang heimatlose Kon- oottieri gewesen, da deutsche Bildung zweihundert Jahre lang ausländischen Mustern gefolgt ist, so soll das Übermaß der ehemaligen Unselbständigkeit uud Weltbürgerlich- keit jetzt durch das entgegengesetzte Extrem kuriert werden. an der Verachtung nnd Ausschließung alles Fremden soll das neue Nationalgefühl zn einer Flamme entzündet werden, die nur da hoch und herrlich lodert, wo alles andere an Gefühl uud Erkenntnis von ihr aufgezehrt wird. Uud es wäre noch nicht am schlimmsten bestellt, wenn dieser eine, einzige, überlegene, eisersüchtige Staatsgott auch nur durch einen einzigen Propheten zu den Glänbigen spräche. Denn die Klugheit, welche, selbst ohne Verblendung noch Leidenschaft, diese letztereu nnr als Werkzeuge gebraucht, weisz ab- nnd zuzugeben, dämpft je nach den Bedingungen der Lage bald da bald dort das Übermaß des Fanatismus, wägt im einzelnen Falle ab, wo an Stelle von Drohung und Trotz, Lockung und Wohlwollen zn zeigen ist. Und da der Geist der Gefolgschaft zur höchsten Vollkommenheit des Gehorsams mechanisiert ist, so werden die Bewegungen rück- und seitwärts mit derselben Präzision auf jeden Wink ausgeführt wie die Angriffe. Aber selbst wenn es Einseitigkeiten gäbe, die durchaus gut wären, konnte auch die größte Meisterschaft sich nicht vermesse», sie vor der Ausartung ins Schlechte zu bewahren. Geschweige denn trifft dies sür Einseitigkeiten von so gemischter Art wie die geschilderten zu. Die Klugheit der Leitung, auch die verfeinertste, behält die heftigen Triebe nicht in ihrer Hand. Thorheit und Falschheit fühlen sich mächtig augezogen von dieser Brutstätte der Leidenschaften, werfen sich ins Gewühl nnd ziehen bald einen Teil der Macht an sich; spotten selbst der Autorität, unter deren Gunst sie anfänglich ausgezogen. Nun findet die Kunst, zu verfolgen und zu verfehmen, ihre Meister, die zu Gegnern werden. Es wird Haß und Ächtung ausgebrütet nicht nnr, weil sie zur Staatsraisvn verwendbar erscheinen; aus dem Mittel zum Zweck wird Selbstzweck und Genuß. Ist es doch bezeichnend, daß bereits Ohr und Herz der studieren- — 273 — den Jugend denen folgt, welche von ihrem ehemals liberalen Teutonismus sich bis in das Lager der frömmsten und finstersten Ultras hinein verloren haben, weit hinaus über die Grenze offizieller Inspiration. Ganz neuerdings ist als weiteres Symptom aus militärischen Kreisen der Anspruch erhoben worden, die Popularität des Heerwesens zur Wiederherstellung — oder richtiger — zur Neubefestigung des aristokratischen Charakters des Offizierskorps zu verwerten. Der Erwerb, welcher das Offizierskorps ernähren muß, soll von diesem als gemeiner Beruf verachtet werden. Ganz konsequent allerdings. Was im Lauf der Zeiten aus diesem sich eben vorbereitenden Zwiespalt zwischen der rein autoritären Staats- allmacht und den sich von ihr emanzipierenden rein reaktionären Richtungen werden soll, liegt im Dunkel der Zukunft verborgen. Wenn man wählen müßte, die Wahl zwischen beiden wäre schwer zu treffen. Denn wenn gegenwärtig noch die mit Klugheit und Sättigung geleitete Autorität dem Fanatismus schlechthin reaktionärer Streberei vorzuziehen ist, so darf nicht übersehen werden, daß auf jene jetzt noch vorzuziehende Autorität in direkter Nachfolge ein Epigonentum kommen würde, welches von der ererbten Weisheit nur die gröberen Handgriffe einer nichts weniger als evangelischen Methode in sich aufgenommen zu haben scheint. Was aber da auch komme, die Mechanisierung der Geister und der Glaube an die Kraft des Mechanismus würde allen falschen Autoritäten einen erklecklichen Vorsprung gebeu. Der Staatssozialismus hat nicht umsonst sich die Gunst erobert, die ihn jetzt auf seiner Höhe erhält. Abgesehen von der Zauberkraft, die er mit seinen Wohlfahrtsverheißungen auf die Köpfe ausübt, schlägt er die Gesellschaft iu immer festere Bande und setzt die sozialistischen Stichwörter so in gesetzlichen Umlauf, daß jede Rückkehr Ludwig Bamlicr-n-rS Ges Schriften, V. lg » — 274 — zur freien Bewegung erschwert, das rasche Vordringen zu wirklich sozialistischen Experimenten der Versuchung nahe gerückt erscheint. Die beste und zugleich die schlechteste Rechtfertigung für die endlose Verlängerung der Ausnahmegesetze liegt in dem Nimbus, welchen die Staatsautorität selbst um den sozialistischen Gedanken verbreitet hat. Der Staatssozialismus, der sich zwar theoretisch als ein Ganzes giebt, aber in der Ausführung natürlich noch nicht einmal bis zur Halbheit zu kommen gedenkt, kann sich nur als soziales Regierungsmonopol halten, schließt die Mitarbeit eines freien Volkes aus und wird daher den Freiheitssinn der besitzenden Klassen immer mehr untergraben. Unter dem Banne des sozialistischen Bekenntnisses, aus dem sie sich nicht erlösen können, wird ihnen ganz natürlich die Freiheit der Bewegung, wegen ihrer Konsequenzen, gefährlich. Daher sehen wir die Freiheit überhaupt schou jetzt als ein Gut augezweifelt, zurückgesetzt, uoch nicht ganz mit Worten verleugnet, aber bereits ganz mit dem Herzen. Es geht mit der Freiheit wie mit dem Glauben und mit der Liebe. Wer erst anfängt, über die Ursachen und den Vorteil zu reflektieren, dem ist sie bereits dahin. Wenn sie schon, anch nur schlechthin utilitarisch gedacht, ein Gut vom höchsten Wert ist, wird sie doch nie da festsitzen, wo sie nicht um ihrer selbst willen als das edelste Besitztum geschätzt und geliebt wird, als der einzige wahre Adel menschlichen Wesens. Der Verstand hält nichts fest, was nicht in der Empfindung wurzelt. Der Sozialismus ist der Freiheit größter Feind, »nd der Staatssvzialismns unseres feudalmilitürischeu deutschen Staates ist ihr allergrößter. Er greift sie von oben und von nnten zugleich an, zwingt znr Gewaltregierung von oben und vernichtet den besten schöpferischen Trieb im Individuum. Nicht einen Tag könnte die Menschheit existieren ohne « 275 — die Kraft, mit welcher sich der Einzelne erhält und fördert. Das Rätsel der Erhaltung und Weiterentwicklung der Völker, trotz so vieler Mißregierung in frei wie in unfrei regierten Ländern, liegt nur darin, daß jeder der Millionen Einzelnen durch das, was er für sich thut, so viel zum Gedeihen des Ganzen beiträgt, daß die Summe der individuellen Leistungen die Arbeit des Regierens und Gesetzgebens in ihren guten wie in ihren schlechten Folgen millionenfach anfwiegt. Der Kultus des Genius und des Heroentnms selbst, auf dessen Altar die Anbeter der Staas- allmacht die Freiheit des Individuums opfern, ist doch nur eine Art der Huldigung an dieselbe Kraft, die im Einzelnen lebt; und der Genius und das Heroentum der Millionen Einzelner, sie sind zwar in jedem, einzeln genommen, kleiner, aber von derselben Art, wie die des Helden. Sie allein sind das wahrhafte Lebensprinzip des Ganzen. An der Verkennung dieser Wahrheit leidet unser heutiges Geschlecht, und was das schlimmste ist, die obere Schicht des Nährstandes selbst, die sich damit am meisten nn ihrem eigenen Lebensprinzip versündigt. Noch handelt sie weniger danach als sie danach denkt. Aber die Gedanken setzen sich allmälig in Thaten der Gesetzgebung, zunächst dann der Sitte und zuletzt der Empfindung um. Es konnte nicht ausbleiben, daß ein Volk, welches sich in allen Stücken der Mechanisierung seiner Kräfte hingäbe, immer mehr zurückginge. Ob solche Geschicke, die unter elementaren Einwirkungen sich erfüllen, durch Einsicht und Einkehr, durch Erfahrung und Schaden abgewendet werden können, wer vermag es zu sagen? Das Erstaunliche ist nur, daß im „Volk der Denker" so wenig Ahnung aufkommt von dem, was im Schoß seines innersten Seins und Werdens vorgeht und sich bereitet. ------------- 18* ^or einiger Zeit ward ich vom Herausgeber dieser Zeitschrift gebeten, einen Bericht über den Stand der deutschen Presse zu geben, und nach reiflicher Überlegung konnte ich es nicht übers Herz bringen, diese Bitte abzuschlagen. Denn, obgleich es angesichts des von Waffen starrenden Europas mehr als je eine Utopie scheint, von Versuchen, die Nationen in größere Harmonie zu einander zu bringen, zu sprechen, und obgleich ich mich, mit dieser Ansicht, nie hatte bestimmen können, mich irgend einer Friedensliga anzuschließen, so achtungswert dieselbe auch sein mochte, so erscheint mir dennoch von all diesen Versuchen derjenige als der am wenigsten nutzlose, welcher anstrebt, den Lesern der einen Nation einen richtigen Begriff von dem Zustand der anderen zu geben. Ich glaube, daß die meisten Menschen bei näherer Bekanntschaft gewinnen, und in noch höherem Maße ist dies der Fall bei Nationen, nicht nur weil sie schwerer zu verstehen sind als vielmehr, weil die, welche sie verstehen sollten — nämlich das vielköpfig-allgemeine Publikum, welches unter dem Namen Nation geht — so ungemein dickköpfig ist. Die erste Bedingung, nm zu einem solchen Verständnis zu gelangen, ist natürlich ein gegenseitiges Sichverstehen in den Sachen, nicht in den Worten. Heutzutage sprechen die Nationen mehr denn je durch die Zeitungspresse miteinander. Früher war dies die Arbeit der Diplomatie; und wenn diese mit ihrem Latein 280 zu Ende war, so griff man zur Kanone, Aber auch dieser Art von Beweisführung hat die Presse sich in weitein Matze bemächtigt. Die Kanonen, welche 1870 losgingen, waren von den Pariser Journalisten geladen, und es ist zu befürchten, daß die Bomben, welche die panslavistischen Schriftsteller jahraus jahrein in von MoSkan oder Petersburg aus geschriebene Artikel füllen, früher oder später zur Explosion führen. Wenn Klagen laut werden über das Unheil, welches der gegenseitige böse Wille einer Presse gegen die eines anderen Landes hervorruft, so habe ich oft zur Abwehr sagen hören: „aber diese Journalisten sind nicht die Nation: sie sind nur eine Handvoll unverantwortlicher Leute, welche von Sensation leben". In Wahrheit eine schlechte Antwort. So lange Staaten bestehen, haben deren Völker die Verantwortung für ihre Regierung tragen müssen. (^ni6^uicl ctslirant rsZss ist das Hastpslichtgesetz, welches im Buche des Schicksals geschrieben steht, und, so. ungerecht es im Einzelfalle sein mag, es ist nichts daran zu ändern. Ihr mögt uns zehnmal vorsagen, daß Eure Minister Schurken oder Dickköpfc seien, welche ihre Ernennung dem Zufall verdanken, nnd von der Mehrzahl der Nation verleugnet werden: sobald Ihr uns auf Befehl Eurer Minister angreist, müssen wir zu den Waffen eilen. Die Franzosen waren sehr ungehalten über die Deutschen, daß dieselben nach der Schlacht von Sedan nicht in ruhiger Befriedigung zum heimatlichen Herd zurückkehrten, da doch der böse Napoleon, der allein an Allem die Schuld truH, seine verdiente Strafe für seine Missethaten erhalten hatte. Aber die Nation mußte dafür büßeu, daß sie ihm erlaubt hatte, zu handeln, wie er gethan; nicht zu reden davon, daß sie, hätte er Siege davongetragen, taut ihren Teil daran gefordert haben würden. Darum auch habe ich allen freundlichen Einladnngen, mich an Friedens- ligen zu beteiligen oder Kongressen beizuwohnen, stets geantwortet: „Alles, was wir, die Regierten, zwischen uns besprechen, ist nur Zeitverschwendung. Das Einzige, was einen praktischen Erfolg behufs Ausrottung des bestehenden sanatischen internationalen Hasses haben kann, ist, daß jede Nation anstrebt, bei sich zu Hause die richtige Regierung zn erlangen; bis dieses erreicht ist, sind die zärtlichsten Erklärungen, welche die ausgewählten Geister einer Nation mit den ausgewählten Geistern einer anderen Nation austauschen, nur vergebliche Mühen, uud sie werden nie Un- yeil verhüten, noch bereits geschehenes Unglück heilen." Heutigen Tages aber ist die Presse, wie allbekannt, ein Teil der Regierung, selbst in mehr oder weniger despotisch regierten Ländern, uud alles das paßt eben sowohl ans sie wie auf die Regierenden und die Staatsmänner. Es wäre wohl nicht recht zu behaupten, das; jede Nation die Negierung habe, die sie verdiene; man könnte ebenso gut sagen, daß ein Kind, welches mit einem Klumpfuß zur Welt kam, nicht verdient habe, zwei gesunde Füße zu besitzen. Aber solange wir nicht vermeiden können, Diebe und Mörder zu bestrafen, ohne Rücksicht auf das Für und Wider der philosophischen Theorie vom freien Willen, so lange müssen auch Nationen verantwortlich bleiben sür die Fehler und Sünden ihrer Presse, ebeuso gut wie für die ihrer Regierung; und wenn sie versuche», den Folgen dieser Fehler und Sünden zu entgehen, müssen wir ihnen antworten: „Verseht euch mit einer besseren Presse oder ertragt in Stille die Strafe für ihre Missethaten." Nun wird man fragen: „Wenn es so steht, wenn unsere Aufklärung über ihre Presse oder die ihrige über unsere Presse nicht im Stande ist, Abhilfe zu schaffen, was kann eiue Unterhaltung darüber nützen? Was kann es uns helfen, zu wissen, das alles Das, was geschehen ist, — 282 — um unsere gegenseitige Entrüstung zu erwecken, nicht absichtlich geschah, sondern gewissen Mißverständnissen und Irrtümern zur Last gelegt werden muß?" Meine Antwort darauf ist folgende: Die Presse unseres Landes zieht einen guten Teil ihrer Macht und ihres Einflusses, welche sie über ihre eigenen Landsleute ausübt, aus dem Werte, welcher in der Fremde ihr beigelegt wird, und ihre Wichtigkeit zu Hause kennzeichnet ihren praktischen Wert durch die Reaktion, welche sie auf die Nerven der fremden Presse ausübt. Ich habe wahrgenommen, daß solche Organe, welche es für ihre verdienstvollste Aufgabe halten, den Nachbar an den Ohren zu zausen, es zu ihrem Geschäft machen, in fremden Zeitungen alle Aeußerungen aufzutreiben, welche berechnet sind, zu Hause böses Blut zu macheu, und während sie bewußt oder unbewußt ihre Leser über die Wertlosigkeit des Winkelblattes, aus dem sie schöpfen, im Dunklen lasfen, thun sie ihr Bestes, alle internationalen Mißverständnisse und Verstimmungen zu fördern. Es ist mir öfter begegnet, daß ein Fremder mich aufforderte, Rede zu stehen wegen einer Schrift oder eines Zeitungsartikels, als wären sie eine Manifestation der deutschen Meinung, während kein vernünftiger Mensch im deutschen Reiche etwas davon wußte, noch gar davon Notiz genommen hatte. Irgend ein Lumpensammler hatte die Notiz aus der Gosse gezogen und sie in feurigen, weithin sichtbaren Buchstaben vor die Augen fremder Länder gerückt. Ebenso geschieht es bei uns. Hunderte von Federn arbeiten Jahr aus Jahr ein, um solchen Unrat auszubreiten. Hier vielleicht mag etwas geschehen können — ich sage: etwas; denn Großes wird nie gemacht, es kommt, man weiß nicht wie, und darum ist es unwiderstehlich. - 283 — II. Die Zustände der Presse eines Landes schildern, deckt sich mit der Schilderung seiner politischen Zustände überhaupt. Das bedarf keiner Erklärung. Deutschland unterscheidet sich von anderen zivilisierten Ländern des Westens darin, daß es noch nicht die Höhe politischer Einheit und Freiheit errungen hat, daß es erst vor Kurzem seine patriarchalisch-monarchische Form der Regierung abgeschüttelt hat, und daß es deu bescheidenen Teil der Einheit, welcher bis zur gegenwärtigen Stunde ihm zugefallen ist, nicht inneren siegreichen Kämpfen verdankt, sondern der Rückwirkung auswärtiger Kriege, ansgefochten auf internationalen Schlachtfeldern, welche die erblichen Herrscher dazu bestimmten, ihrer Gewalt Grenzen zu ziehen, mehr aus opportunistischen Gründen, als aus Furcht vor unwiderstehlichen Erhebungen für die Freiheit. Daß diese dreifache Ursache noch stets weiter wirkt, zeigt sich darin, daß die öffentliche Meinung gegenüber der Staatsgewalt in Deutschland schwächer ist, als in anderen Ländern. Die Presse ist in der That hier, wie überall, eine große Macht; aber sie ist hier so wie überall dies nur in der Hand des Mächtigen, und da die öffentliche Meinung im Widerstand gegen die Macht des Staates bis jetzt noch nicht in hohem Grade das Bewußtsein ihrer Stärke erreicht hat, so hat die deutsche Presse bis zu dieser Stunde sich als eine starke Waffe mehr in den Händen der Regierung als in denen der Oppositionsparteien gezeigt. Die Energie des Widerstandes, welche von der römisch-katholischen Kirche und der Sozialdemokratie entfaltet wurde, rührte nicht von der Macht ihrer Presse her, sondern von der Leichtigkeit, mit welcher die Diener der Kirche und die Führer der Arbeiter im Stande waren, »n ihrer Umgebung persönliche Propaganda zu macheu. Wie — 284 — mit der Presse, so verhält es sich mit dem Parlament, und da der Einfluß ganz von der realen Macht abhängt, so ist der Einfluß der Presse wie der des Parlamentes viel geringer in Deutschland, als in den anderen großen Weltstaaten. Hier, wie in allen folgenden Betrachtungen, übergehe ich mit Schweigen die Frage über die Vorteile oder Nachteile, welche mit einem solchen Zustande verbunden sind; deun wir beschäftigen uns nur damit, Thatsachen zu schildern und nicht ihren Wert. Die Schwäche des freiheitlichen Selbstgefühls trägt ebenso viel als die Vielfältigkeit der Mittelpunkte des öffentlichen Lebens dazu bei, die öffentliche Meinung wie die sie zum Ausdruck bringenden Organe schwach zu erhalte». Selbst wenn Deutschland wirkliche Einheit wie Italien besäße, würde der Regionalismus, welcher bis ganz vor Kurzem Alles durchtränkte, dennoch sein Recht behaupten. Er behauptet sich, selbst iu Italien, sehr stark, obgleich Rom als Hauptstadt den Herzen der Italiener viel näher steht als Berlin den Herzen vieler Deutschen. Darum ist es eine anerkannte Thatsache, daß die Berliner Presse keinen vorherrschenden Einfluß auf das große deutsche Publikum aus- ilbt, weder moralisch, noch politisch. Wenn gewisse Organe mit besonders hervorstechenden Informationen ihren Weg durch das ganze Deutschland machen, so geschieht dies nicht sowohl, weil sie in Berlin erscheinen, als vielmehr darum, weil sie notorisch das Mundstück der Regierung sind, und zwar einer Regierung mit einer solchen interessanten Persönlichkeit an der Spitze, daß alle ihre Bewegungen nicht nur von Deutschland mit der größten Ansmerksamkeit, sondern auch von der ganzen übrigen Welt beobachtet werden. Wenn diese interessante Persönlichkeit nicht mehr da ist, werden die Organe, die sie benutzt hat, höchst wahrscheinlich wieder in ihre provinzialen Schranken zurücktreten. Ma» — 285 kann dies sehr gut an der Thatsache sehen, daß Organe, welche nicht in Berlin erscheinen, welche aber dennoch der herrschenden Persönlichkeit als Organ dienen, den Kreis ihres Einflnsses ausgedehnt haben. Aber, abgesehen hiervon, der Partikularismus, welcher in der Presse vor der Errichtung des deutschen Reiches geherrscht hat, behauptet sich auf seinem Grund und Boden, und jene Zeitungen, welche früher die öffentliche Meinung jenseits ihrer lokalen Grenzen beeinflußt haben, haben noch nichts von ihrer Autorität eingebüßt. Die Berliner Zeitungen haben nichts gewonnen, wenigstens nichts, was sich zu der Art vergleichen ließe, in welcher die großen Londoner Blätter die Stimme ihres Landes gegenüber Großbritannien, seinen Kolonien und der ganzen Welt abgeben. Ich sage nichts von Paris, weil Paris als der große, Alles in sich vereinende Mittelpunkt von Frankreich, kein nachahmenswertes Muster liefert. So besteht iu Deutschland, mit Ausuahme der allbekannte» Organe der alles beherrschenden Persönlichkeit, kein einziges Blatt, von welchem man sagen könnte, daß die darin enthaltenen Kundgebungen mit Wahrscheinlichkeit in weitem Maße zur Kenntnis der an der Sache Beteiligten gelangen möchten. Hier und da mag Manches besonders Bemerkenswertes aus einem Berliner Blatt in ein anderes übergehen; doch dieses geschieht auch den Zeitungen, welche in Hamburg, Frankfurt oder Magdeburg erscheinen und kommt wenig in Betracht, verglichen mit dem Einfluß der großen Organe anderer Hauptstädte, welche wohl wissen, daß ihr Geist und ihre Ansichten das ganze Land weithin durchdringen, weil sie überall gelesen werden, und daß ihre Ideen sicher sind auf dem Weltmarkt des öffentlichen Lebens zur Geltung zu kommen. Die „Neue freie Presse", eine Zeitung, welche garnicht in Deutschland, sondern in Wien erscheint, kann sich eines großen und andächtigen — Wli — Leserkreises rühmen, wie ihn nur wenige heimische Journale besitzen. Gerade diese Lage außer Landes verschafft ihr einen ausgedehnten Umlauf, ganz unabhängig von regionalen Grenzen, und der lebhafte Ton, welchen die Wiener Atmosphäre ihr verleiht, entspricht noch besonders dem Geschmack gemisser Leserkreise, welche nur selten in den Erzeugnissen der deutschen Publizistik Befriedigung ihres Sinnes für Styl und Darstellungsweise finden. Zwar giebt es auch in Berlin verschiedene nicht gouveruemeutale Orgaue, die Anhang im ganzen Reich haben; aber, obgleich sie ihren Sitz in Berlin hatten, bevor dieses Hauptstadt des Reiches war, so verdanken sie ihre zahlreiche Kundschaft nicht diesem Umstand, sondern dem, daß sie die anerkannten Organe einer Partei sind, deren Mitglieder durch meist konfessionelle Bande eng verbunden und daher gewissermaßen gezwungen sind, ihr Ohr dem Mundstück ihrer Partei zn leihen. Doch Alles, was nicht zu ganz besonderen Zwecken dient, verhallt jenseits der Grenzen Berlins. Es giebt eine Anzahl von Zeitungen in Berlin, welche reichlich mit allen geistigen und finanziellen Hilfsmitteln versehen sind, aber die Bevölkerung in den Provinzen hört nur ab und zu durch Zufall etwas von ihrem Inhalt nnd weiß kanm, zu welcher Partei sie gehören, und dennoch beziehen die Einwohner der Hauptstadt ihre geistige Nahrung von ihnen und bilden sich ein, iu voller Jdeeugemeiuschaft mit den übrigen Landsleuten zu sein. Hier und da gelingt es einem unternehmenden Zeitungsbesitzer, diesen Bannkreis zu durchbrechen, indem er einen besonders vervollkommneten Apparat industrivsen Vertriebs in Bewegung setzt; aber dieses sind seltene Ausnahmen, und sie hängen ganz von den damit verbundenen Persönlichkeiten ab; und selbst glänzende Erfolge sichren nicht zu dem sicheren Resultat, einen Leserkreis zu einer großen Gemeinde über das ganze Land hin zu verbinden. Man kann darnach sich leicht vorstellen, wie die Summe aller dieser Bedingungen ans den journalistischen Beruf zurückwirkt. Es fehlt nicht an Talent, und die für den Beruf nötigen Kenntnisse sind wahrscheinlich in Deutschland mehr verbreitet als in irgend einem anderen Lande der Welt. Ich glaube, nicht zu übertreibe», wenn ich sage, das; hier unter den Redakteuren von Zeitungen ebenso wie unter vieleu anderen höher gebildeten Klassen Deutschlands, namentlich unter den Lehrern, ein größerer Bestand von geschichtlichen und geographischen Kenntnissen zu finden ist, als in denen von England nnd Frankreich vereint. In den ruhigen Zeiten zwischen dem Fall des ersten Kaiserreichs und dem Jahre 1866, mit Ausnahme der Episode von 1848, gereichte eiue gewisse Art vou gelehrtem Journalismus zu einer befriedigenderen Thätigkeit als gegenwärtig, weil eine weit verbreitete und höhere Klasse von Lesern damals durch gelehrte Darstellungen in den Spalten der Tageszeitungen sich mehr angezogen suhlte als durch Politik.^ In jenen Tagen ward die „Allgemeine Zeitung", welche unter Schillers Mitwirkung entstand, in einer bayerischen Provinzialstadt von dein Verleger Cottn, bei dem die deutschen Klassiker erschienen sind, begründet nnd war im Stande, ihren Leserkreis ans allen deutschen Bnndesstaaten, Österreich mit eingeschlossen, und ans der ganzen Welt von da aus heranzuziehen. Ihre Herausgeber und Mitarbeiter gelangten zu litterarischem Rufe. Noch ist davon ein kleiner Rest übrig, aber es find doch nur dsaux rssdss. Der Tumult der Parteipolitik hat das Alles weggeschwemmt, und alle Publizistik höherer Art ebenfalls in die Grenzen des Partiknlarismus zurückgetrieben. Einem Journalisten *) Die alte sogenannte „Vossische Zeitung" in Berlin trägt davon die Spuren in dein Titel, den sie von Anfang an geführt, noch heute an der Spitze in den Worte» „Von Staats- »ud gelehrten Sachen." 288 gelingt es nicht mehr, seinen litterarischen Ehrgeiz oder sein Streben nach einer weit ausgedehnten Sphäre deS Einflusses zu befriedigen, und die wenigen, welche dahin gelangen, sich weit und breit bekannt zn machen, weil sie als Donner- knechte im Dienste des Olympiers stehen, sind mit seltenen Ausnahmen von untergeordneter Qualität; denn der Olympier befolgt in großen wie in kleinen Dingen den Grundsatz des ersten Napoleon, daß seine Helfer nicht großer Intelligenz bedürfen, weil er genug für Alle habe, uud die ihrige sie unzuverlässig machen könne. Es giebt innerhalb wie außerhalb Berlins geschickte nnd gelehrte Männer, welche eine Generation hindurch für die Presse geschrieben haben, ohne daß ihr Name außerhalb des eingeweihten Kreises bekannt geworden wäre. Eine der größten Befriedigungen, welche mit diesem Berufe in anderen Ländern verbunden ist und in Wahrheit ihn allein befriedigend machen kann, fehlt hier gänzlich, und eine gewisse Kleingeisterei, welche die deutsche Presse durchzieht, erklärt sich wahrscheinlich ans diesem Umstand. Es geschieht äußerst selten, daß ein Journalist einmal in eine höhere politische Stellung aufrückt, was schou die alten bureaukratischen uud aristokratischen Traditionen verhindern, aber selbst ein Übergang in die parlamentarische Laufbahn kommt hier seltener vor als anderwärts. In Verbindung mit diesem Umstand steht die Thatsache, daß auch unsere großen Zeitungen nur in den seltensten Fällen die Organe besonderer parlamentarischer Parteien sind; sie mögen zu gegebener Zeit die eine oder die andere unterstützen, aber sie würden sich etwas von ihrer Würde zu vergeben glauben, wenn sie iu deu Verdacht kämen, einer bestimmten Partei dienen zu wollen. Es besteht eine Art gegenseitiger Eifersucht zwischeu Partei und Journal; es geschieht sehr häusig, daß der Redakteur einer — 289 — Zeitung dagegen protestiert, daß er im Dienste einer bestimmten Partei stehe, oder daß eine Partei gegen die Vermutung auftritt, sie werde in einer bestimmten Zeitung vertreten. Der deutsche Individualismus und die große UnWahrscheinlichkeit, daß man von einer freien Laufbahn in die politische Hierarchie eintrete, führen hier wie in so vielen anderen Verhältnissen dazu, die Kräfte zu zersplittern und die Freude an der Arbeit zu schwächen. Ich glaube, beobachtet zu haben, daß die deutschen Korrespondenten in fremden Ländern mit mehr Kenntnis ihre Aufgabe erledige» als die meisten ihrer Kollegen; aber recht oft sehen sie die Begebenheiten, die sie behandeln, durch trübe Gläser an. Die Unzulänglichkeit der deutschen Presse, wie sie hier eben geschildert ist, wird zum Teil wieder ausgeglichen durch die große Öffentlichkeit der parlamentarischen Verhandlungen und besonders derer im Reichstag. Was immer da gesprochen wird, dringt in jeden Winkel des Reichs, wenn auch manchmal in verstümmelter Gestalt, und dies würde schon genügen, die Existenz des Reichstages zn rechtfertigen, obwohl er weniger Autorität besitzt als irgend ein anderes Volkshaus. Er ist der einzige Ort, von welchem aus ein Mann, obgleich er nicht auf Seite der Regierung steht, sicher sein kann, Gehör zu finden; er ersetzt dadurch eine zentralisierte Presse, und seine Leistungen werden dadurch um so wichtiger, weil er volle Redefreiheit geuießt, eine Freiheit, welche, wie bekannt, heutzutage der Presse nur in beschränktem Maße eingeräumt ist. In diesem wie in manchem anderen Punkte sind die Deutschen während der zwanzig Jahre, die seit dem französischen Kriege verstrichen sind, zurückgegangen. Dies näher zu illustrieren würde uns mitten in die politischen Fragen hineinführen, die wir hier nicht berühren wollen; wir wollen dies nicht mehr thun, als unbedingt notwendig ist, um die vorliegende Frage zu beleuchten. Ludwig BambcrgcrS Gcs, Schriften. V. lg — 290 — Die immer zunehmende Auslegungskunst, mit welcher eine neue Generation von Richtern gewisse Paragraphen des Strafgesetzbuches auszulegen bestrebt ist, macht es zu einem sehr gefährlichen Unternehmen, öffentliche Angelegenheiten anderwärts als im Reichstage zu besprechen. Es kann einem Schriftsteller im Handumdrehen, ohne daß er es wünscht oder entfernt daran denkt, passieren, daß er irgend einen hochstehenden Mann oder auch einen kleinen beleidigt oder manchmal einen großkleinen, und daß er dafür mit einigen Monaten Freiheitsverlust büßen muß. Diese Art von Rechtsprechung hat die Empfindlichkeit der amtlichen Körperschaften und sogar der Privatleute derart verwöhnt und verhätschelt, daß die Erörterung von Beschwerden zu einer sehr verfänglichen Aufgabe geworden ist. Ich möchte einem Journalisten nicht raten, daß er irgend ein öffentliches oder Privates Gebäude als sehr geschmacklos angestrichen hinstellt; er möchte sich eiue Beleidigungsklage dafür zuziehen, sowohl seitens der Personen, die es angestrichen, als von dem, der es anstreichen ließ. Vor einiger Zeit entschied ein Gericht, daß einem Schriftsteller der Zutritt zu einem ans Staatsgeldern subventionierten Theater verweigert werden könne, obgleich er seinen Platz bezahlt hatte, denn er habe die Schauspieler so heftig kritisiert, daß er dem Publikum die Freude an der Darstellung verdorben habe. Der Nachteil, welchen das öffentliche Wohl durch die der Kritik gezogeneu Schranken erleidet, wird vielleicht bis zu einem gewissen Grade durch einen Vorteil ausgeglichen, welchen die Presse an sich daraus zieht. Ich habe von französischen Lesern der deutschen Zeitungen sagen hören, daß die vorsichtige und geschickte Haltung gewisser unabhängiger deutscher Organe sie an ähnliche Erscheinungen in Frankreich erinnert aus der Zeit, wo unter dem zweiten Kaiserreiche das Schwert der Justiz jeden Tag über ihren — 291 — Häuptern schwebte und sie deshalb zu ähnlichen Anstrengungen führte. Die Kunst, das, was man zu sagen hat, mit der äußersten Vorsicht auszusprechen, ohne ihm doch die Spitze abzubrechen, hilft zu einer Verbesserung des Stils und zu einer Verfeinerung des Gedankens. Es ist allerdings eine Art von sklavischer Kunst, aber es ist eine Kunst; und Nachlässigkeit im Stil war so lange einer der Grundfehler des deutschen Journalismus, daß man selbst in solchen: Zwange zur Besserung einen zwar unwillkommenen, aber wirksamen Sporn erblicken kann. m. Klagen über die Ausschreitungen der Presse gehen durch die ganze Welt. Da in Deutschland nur die Blätter der Regierung volle Freiheit genießen, so ist die Vermutung nicht unbegründet, daß die Klagen wegen Mißhandlung und Verdächtigung des Gegners sich am meisten gegen sie richten muß; aber allerdings schleudert man sich allerorts und mit derselben Stärke der Überzeugung solche Vorwürfe zu. Je mehr das Wahlrecht in einem Lande sich ausdehnt, desto stärker drängt aller politische Streit in letzter Instanz auf Wahlstreitigkeiten hin, und wo das allgemeine Stimmrecht herrscht, ist die Polemik der Zeitungen auch am meisten geneigt, in wilden Kampf auszuarten, und andererseits: je mehr die Presse lokal beschränkt ist, desto gehässiger wird sie in ihrem Faustkampf werden. Es giebt in jeder Partei von den äußersten Konservativen bis zu den äußersten Radikalen Leute, die aus gewissem Instinkt heraus alle ihre Anstrengungen darauf richten, die gebildeteren und feinfühligeren Naturen von der aktiven Politik abzuschrecken, lg* — 292 — sodaß das Feld frei bleibt für die mehr abgehärteten Kämpe». Das beste Mittel, um diesen Zweck zu erreichen, besteht darin, unerwünschte Kandidaten in der öffentlichen Presse mit den gröbsten Verleumdungen anzugreifen. In dieser Weise kommt es dazu, daß nur die, welche dickfellig sind, oder die, welche durch irgend einen besonderen von ihnen verfolgten Zweck von vornherein unverwundbar sein wollen, von der Wahlbewerbung nicht abgeschreckt werden. Diejenigen Länder, wo das Wahlrecht weit ausgedehnt ist, — auch England, wenn ich recht unterrichtet bin — sind genötigt, anzuerkennen, daß das Niveau der Volksvertretung heutzutage ein niedrigeres ist als ehemals. Die Zeiten der Ruhe sind vorüber, in welchen ein hoher Grad von Beredsamkeit, gute Manieren gegen alle Welt und hohe Bildung eine Zierde der Parlamente waren und ihren Mitgliedern eine Ausnahmestellung in der Gesellschaft verbürgten. Wahrscheinlich haben die nimmer ruhenden Preßfehden der geschilderten Art ein gutes Anteil an diesem Zustand der Dinge. Es giebt aber noch andere Gründe, die ebenfalls dazu beitragen. Die Vervollkommnung der technischen Seite des Lebens wird immer mehr einer der Haupthebel an der Förderung des öffentlichen Wohls und drückt die entscheidende Macht politischer Systeme und konstitutioneller Formen herab, und die Folge davon ist, daß Menschen, welche sich im Besitz großer Energie und Geschicklichkeit fühlen, weniger Neigung empfinden, sich der politischen Laufbahn zu widmen. Darum sehen wir in den gebildeten Kreisen eine wachsende Abnahme der Neigung, sich an politischen Kämpfen zu beteiligen. Nur in einem Punkte sind sie noch erregbar durch das Interesse an der Politik, nämlich wenn es sich darum handelt, den Frieden zu erhalten, damit nicht heftige Störungen die Grundlage des Staates erschüttern. Bei dieser Abstumpfung des öffentlichen Geistes ist, wie man sich leicht — 293 — denken kann, nicht alles Profit. Frau von Stasl sagte einmal, daß in einem Lande, wo die Frauen aus politischen Gründen aufs Schaffott gebracht würden, auch Grund genug vorhanden sei, daß die Frauen sich mit Politik abgeben, und dieser Spruch kann auf verschiedene Weise verwendet werden. Aber die Zunahme der Gleichgiltigkeit für öffentliche Angelegenheiten aus Ekel an dem Geist der öffentlichen Polemik ist besonders unwillkommen in einem Lande wie Deutschland, weil es noch jung und unerfahren im politischen Leben ist, und weil es sowohl in seinen Institutionen als in seinem allgemeinen Bewußtsein noch keine festen und breiten Garantien einer freien Entwicklung besitzt. Seitdem die Schwierigkeiten, welche mit der Herausgabe einer Zeitung ehemals verbunden waren, durch ein in der ersten liberalen Periode des Reiches erlassenes Preßgesetz beseitigt wurden, ist die Zahl der kleinen unbedeutenden Blätter ins Unermeßliche gewachsen. In den wohlhabenden Landstrichen Deutschlands ist es gar nichts Ungewöhnliches, in Ortschaften, die nur 1000 bis 1500 Seeleu umfassen, zwei oder drei Zeitungen zu finden, Zeitungen allerdings, von denen man eher sagen kann, daß sie gedruckt, als daß sie geschrieben werden; denn ihre Herausgeber thuu ihre Arbeit meistens nur mit der Scheere oder mit poly- graphierten Korrespondenzen, welche von allen Parteien beinahe umsonst geliefert werden. Es versteht sich von selbst, daß in solchen Blättchen neben einigen nützlichen Mitteilungen ein großer Teil von unverdautem Material und persönlichem Skandal niedrigster Art verarbeitet wird. Der Deutsche hat einen größeren Lerntrieb als die meisten anderen Völker. Sei er im Theater oder auf Reisen, oder wo sonst immer, neben dem Trieb, seinen Genuß oder seine Neugierde zu befriedigen, will er immer auch den Vorrat seiner Kenntnisse vermehren. Nicht um- l — 294 — sonst hat Bädeker alle anderen Reisebücher verdrängt. Unsere Theaterzettel selbst führen überall so viel als möglich eine nähere Beschreibung von Zeit und Ort der Handlung und der Personen auf, und die Kouplets der tollsten Possen sind nicht selten mit moralischen Lehren verziert. Dasselbe zeigt sich auch in der Tagespresse. Mit Ausnahme der Politiker von Fach liest ein Deutscher in der Regel nur eiu Blatt. Er versteht in der Anschaffung von Zeitungen wie von Büchern seinen Wissensdrang mit seiner Sparsamkeit zu vereinigen. In den Stunden zwischen fünf und sieben Uhr des Abends begegnet man in den Straßen von Paris Tausenden von Personen, welche einen Pack Zeitungen, den sie eben gekauft, unter dem Arm tragen und eine davon im Gehen zu lesen beschäftigt sind. Ich kann mich nicht entsinnen, etwas Ähnliches während zwanzig Jahren je in Berlin gesehen zu haben, ausgenommen in Zeiten, wo der große Krieg die Menschen in Spanuung hielt. Ich glaube, daß der physische Durst, welcher in der deutschen Natur vorhanden ist, dem Durst nach Neuigkeiten Eintrag thut, und daß ein großer Teil der kleinen Ausgaben, der anderwärts der Presse zu Gute kommen, hier von Flüssigkeiten absorbiert wird. Dagegen sind die Meisten auf eine bestimmte Zeitung abonniert, und wenn ein Mann nur eine Zeitung hält, so wünscht er auch natürlich, daß sie ganz seinen Ansichten entspreche. Mit vollem Recht; denn es ist einer der größten Genüsse, die ein Mensch in diesem Jammerthal haben kann, wenn er jeden Morgen zu seinem Frühstück schwarz ans weiß einen guten Leitartikel im xlui-alis cUAnitatis geschrieben lesen kann, der ihm den Beweis liefert, daß seine eigene Meinung die beste von der Welt ist. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum der Leitartikel in deutschen Zeitungen mehr gepflegt wird als in — 295 — fremden. Jedes Blättchen mit seltensten Ausnahme», von Berlin bis in den kleinsten Flecken, eröffnet seine Spalten mit einem Leitartikel. Die kleinen beziehen dieselben meistens aus einer größeren Zentralmanufaktur für Leitartikel, welche solche an ganze Gruppen oder Distrikte liefert. Erscheint das Blatt Morgens und Abends, so hat es eben zwei Leitartikel, und sie beschäftigen sich durchaus uicht regelmäßig mit den neuesten Tagesfragen; das würde dem Wissenstriebe ihrer Abonnenten nicht entsprechen. Der Abonnent will auch unterhalten und belehrt sein, nicht bloß über die sogenannten brennenden Fragen seiner eigenen nächsten Interessen, sondern auch über alle anderen Dinge der Welt. In früheren Tagen beschäftigten sich die deutschen Zeitungen viel mehr mit fremden Ländern als mit ihren eigenen. Das hat sich »un glücklicherweise geändert, seitdem es ein Deutsches Reich und eine deutsche Politik giebt; aber eiu gut Teil ist doch noch davon zurückgeblieben, und es schadet nichts, besonders wenn es gelingen sollte, den Deutschen zugleich mit ihrem lebhaften Interesse für fremde Angelegenheiten auch eiu ebenso lebhaftes für ihre eigenen einzuflößen. Ich glaube, man könnte auf viele Tausende Deutsche, die wissen, daß Mr. Goschen jetzt Schatzkanzler ist, höchstens einen Engländer finden, der weiß, daß Herr von Scholz preußischer Finanzminister ist. Dieser Sinn für fremde Dinge ist kein Uebel, vorausgesetzt, daß er den Sinn für die eigenen Angelegenheiten nicht allzu sehr ableitet, und daß er dem Geiste treu bleibt, dem er entsprang, nämlich einer unparteiischen Beurteilung der Beziehungen zum Auslande, was zn einer richtigen Würdigung der eigenen Angelegenheiten und zu einer passenden Haltung gegenüber sremden Ländern führt. Aber diese Beurteilung und unparteiische Handlungsweise ist allerdings beeinträchtigt worden durch die großeu nationalen Streitig- — 296 — keiten, die in letzter Zeit eingesetzt haben, und wenn die Kenntnis fremder Angelegenheiten dazu benützt wird, den inneren Streit noch mehr zu nähren, so entspringt mehr Schaden als Nutzen aus der Beschäftigung mit den Angelegenheiten fremder Länder, weil dadurch größere Irrtümer und Entstellungen zusammengehäuft werden, als wenn die Nationen sich nur mit ihrer eigenen Politik beschäftigen. Da die Deutschen eifriger in der Erkundung fremder Länder sind als andere Völker, so setzen sich bei ihnen auch falsche Eindrücke, zu denen sie einmal gekommen sind, mehr und nachhaltiger fest. Das lebhafte Interesse, welches die Deutschen aller Klassen selbst in den breitesten Schichten des Volkes an den Angelegenheiten anderer Nationen nehmen, ist zum Teil die Nachwirkung ihres ehemaligen, langen Politischen Niederganges, während dessen sie ihren Sinn für dergleichen nur an der Erfahrung höher entwickelter Staaten üben konnten. Doch haben dabei auch noch andere Umstände mitgewirkt, wie insbesondere ihre größere Kenntnis fremder Sprachen, ihre Reiselust uud ihre Anpassungsfähigkeit. Seit einiger Zeit werden die schon früher gemachten Anstrengungen immer erneuert, um die deutsche Sprache von den zahlreichen Fremdwörtern zu reinigen, die in sie eingedrungen sind, und dies geschieht im Namen dessen, waS man den nationalen Geist nennt, ein an sich gutes und berechtigtes Gefühl, das aber im Laufe der Zeiten viel mißbraucht und von schlechten Elementen ausgebeutet worden ist. Es ist klar, daß Zeitungen, welche so viel mit fremden Angelegenheiten zu thuu haben, auch dazu beigetragen haben, die Sprache mit fremden Elementen zu versetzen. Aber so nützlich es sein mag, die Sprache zn reinigen, so wäre es doch schade, wenn dadurch die Neigung, fremde Sprachen zu lernen, beeinträchtigt würde. Glücklicherweise ist bis — 297 — jetzt nicht davon die Rede, und ebenso beklagenswert wäre es, wenn der Sinn für Belehrung über auswärtige Dinge bekämpft würde, um das Interesse für die eigenen Angelegenheiten zu heben; denn beide Dinge können sehr gut Hand in Hand gehen. Diese beiden Züge, die Fähigkeit zur Erlernung fremder Sprachen und das Verständnis für fremde Angelegenheiten sind ein Stück der guten Erbschaft des alten deutschen Wesens, und es wäre eine Versündigung an demselben, wenn man sie methodisch austreiben wollte. Jede Nation hat ihre Vorzüge und ihre Fehler, und wer ihr Borzüge entziehen will, weil sie unter gegebenen Umständen zum Nachteil zu führen scheinen, stört das Gleichgewicht zu Gunsten der übrig bleibenden unverminderten Fehler. Die naive Beschränktheit der Franzosen in Sachen der Kenntnis fremder Länder hängt eng mit ihren Vorzügen zusammen. Dem Deutschen, welcher dieselben Vorzüge nicht hat, die Fehler des Franzosen einimpfen zn wollen, wäre ein trauriges Unternehmen. Nichtsdestoweniger sehen wir jetzt Versuche dieser Art anstellen und Symptome davon in der Presse. Es mag ja heilsam sein, auf künstliche Weise fehlerhafte, einseitige Tendenzen auf ein richtiges Maß zurückzuführen, gerade wie man einen Stock, der verbogen war, nach der entgegengesetzten Richtung biegt, nm ihn auf die gerade Linie zurückzubringen; aber man muß Sorge tragen, daß der Stock nicht dabei zerbrochen wird oder, wie man in der Medizin sagt, daß die Kur nicht schlimmer ist als die Krankheit. Ohne in jenen Mystizis- mus zu verfallen, welcher gewissen Nationen gewisse Aufgaben in der Welt zuteilt, als wenn sie durch eine Vorsehung zu ihnen berufen seien, kann man doch sagen, daß jede große Natiou während ihrer Entwicklung eine bestimmte natürliche Aufgabe zu erfüllen hat, denjenigen Teil des all- gemeinen Kulturzwecks, welcher ihrem nationalen Temperament am meisten entspricht, ähnlich wie das Prinzip der Arbeitsteilung in der Welt die Ausgaben unter die Einzelnen verteilt. Wenn wir dieser Ansicht sind, so müssen wir bekennen, daß Deutschland mit der großen Macht, zu der es gelangt ist, auch den Beruf hat, jene besondere Art von Einfluß auszuüben, der seiner angeborenen Leichtigkeit, die Zustände und Besonderheiten anderer Nationen zu verstehen, entspricht. Ein Deutscher kann dies aussprechen, ohne anderen Nationen zu Nahe zu treten; denn es teilt Deutschland eine Stellung in der Welt zu, welche das Wachstum des Deutschen Reiches zn einem Segen zu Hause und draußen machen könnte. Alles, was vor Jahrhunderten mit dem Gedanken eines Deutschen Reiches unter dem Namen des Heiligen Römischen Reiches sich verbinden ließ, könnte dadurch in einem höheren und besseren Sinn erfüllt werden. Deutschland würde nicht, wie damals, danach streben, im Bnnde mit dem Papst die Welt zu regieren, sondern es würde jedem Volk sein gerechtes Teil an der allgemeinen Entwicklung lassen, um, indem es seine eigene große Macht in die Wagschale wirft, den Ausschlag nach der Seite des Friedens und der Gerechtigkeit zu geben. Dies ist die große Aufgabe, welche in Wahrheit zu dem Geist der deutschen Nation stimmt, und welche auch der Empfindung derer, welche mehr oder weniger zur Gründung des neuen Reiches beigetragen habeu, nahe liegt, wogegen jene Bewegung, zu deren Bezeichnung wir das Fremdwort „Chauvinismus" brauchen, so sichtbar das Ergebnis fremder, künstlicher und nur vorübergehender Einwirkung ist, daß wir hoffen dürfen, es wieder verschwinden zu sehen. Die Art und Weise, in welcher Deutschland und England in diesem Moment (1890) wieder einander näher kommen, — 29ö — mag ein Symptom sein, daß diese Hoffnung nicht auf eitler Täuschung beruhe. Wenn das gnte Einverständnis zwischen diesen beiden Nationen auf einer festen Grundlage hergestellt werden kann uud zu diesem Zweck ist es nur nötig, künstlich geschaffene Borurteile zu beseitigen, so würde dies nicht bloß für Deutschland und England, sondern für die ganze zivilisierte Welt als ein Glück zu begrüßen sein. Ueber Kompromisses Jede Regierung, in Wirllichteit jeder menschliche Vorteil und Genuß, jede Tugend und jeder Alt der Klugheit ist aus Kompromiß und Aus. tausch begründet. mit den amerikninschcii Provinzen.) ^) Aus der Nation vom 4. Oktober 1890. ^ch bin in diesen Tagen wieder der oft vernommenen Behauptung begegnet, die Nationalliberalen rühmten mit Unrecht dem Fürsten Bismarck nach, daß ihm vor Allen das Werk der deutschen Einigung zuzuschreiben sei, während doch ohne Moltkes Genie, ohne die Tapferkeit des Heeres und ohne die Hingebung des ganzen Volkes ihm das Werk nicht hätte gelingen können. Ich gestehe, daß ich in diesem Punkte aber doch noch den Nationalliberalen Recht gebe. Preußen hätte drei MoltkeS und dreimal so große Heere haben können: ohne den Kopf Bismarcks wäre die That nie vollbracht worden. Und der erfindende, leitende Kopf ist es, welchem die That gehört. Moltke und das Heer waren nur Werkzeuge, wenn auch noch so tüchtige. Die entgegengesetzte Behauptung entspringt aus demselben Irrtum, aus dem die sozialistische Theorie von der Ungerechtigkeit des Unternehmergewinns entspringt. Die Lehre von dem sogenannten Recht der Arbeiter auf den ganzen Gewinn beruht auf der Verkennung der Thatsache, daß bei allen schöpferischen Leistungen der Kopf die Hauptarbeit thut. Darum hat der organische Gang der gesellschaftlichen Produktion auch dem Unternehmer den größeren Gewinnanteil zugewiesen als dem unter der Inspiration und Verantwortlichkeit desselben stehenden Arbeiter. Die ganze Marx-Lassalle'sche Sozialistik beruht auf der Verneinung des Kopfes zu Gunsten einer nnwahrhaftigen Verherrlichung der Haud. Wäre es — 304 denkbar, eine Produktion mit Gewinnverteilung nach abstrakten Gleichheitsvorschriften an die Stelle der jetzigen Verteilung zu setzen, welche den thatsächlich wirkenden Kräften der intellektuellen Urheberschaft von selbst gerecht wird, so würde ein Leib ohne Seele daraus entstehen, und dieser Leib würde alsbald zerfallen. Die Zeit scheint mir noch nicht gekommen, aus den Reihen der Gegner mit einem Gesammt- und Endurteil über Licht und Schatten der Aera Bismarck herauszutreten. Nicht als wäre unbedingt richtig, was so oft gesagt wird: daß erst eine mehr oder weniger entfernte Zukunft befähigt sei, einen unparteiischen und wohl informierten Richterspruch zu fällen. In vielen Dingen ist die Gegenwart scharfsichtiger uud kompetenter; für manches Neue, was die Zukunft ans Licht fördern mag, gerät auch wieder Anderes in Vergessenheit; und füglich weiß doch Niemand so gut Bescheid über die Dinge als der, welcher sie mit erlebt hat. Aber die tragische Wendung dieses großartigen Geschickes ist noch zu neu, als daß nicht mancher alte Gegner der kanzlerischen Politik begreiflicher Weise ein gewisses Widerstreben empfinden sollte, Gericht über dieselbe zu halten. Hätten wir selbst durch eigene Kraft uns von ihr befreit, so wäre das ein Anderes. Der Sieg gäbe uns nicht nur Rechte, sondern legte uns auch Pflichten auf. Da aber eine dritte Hand, wenn schon vielleicht beeinflußt von der allmählich wachsenden populären Gegenströmung, den Kanzler gestürzt hat, so stände es den Gegnern übel an, zu triumphieren, uud auf ein solches Triumphieren würde doch jede Schlußabrechnung hinauslaufen. Dies darf freilich kein Abhaltungsgrund sein, schon jetzt, wo immer die Notwendigkeit es mit sich bringt, bald dies, bald jenes Stück aus dem Inventar der Bismarckschen Hinterlassenschaft der ernsten Würdigung zu unterziehen, wie dies — 305 — beispielsweise eben bei der Umkehr von der Teurungs- und Hungerpolitik geschieht. Natürlich kann dieser praktischen Aufgabe kein ästhetisches Hindernis entgegengestellt werden, und beiläufig gesagt, wäre ein Übermaß von Zartgefühl übel angebracht einer Persönlichkeit gegenüber, welche an rücksichtsloser Härte selten übertroffen worden ist. Die lange und schrankenlose Herrschaft des Fürsten hat so nachhaltige Folgen für das Land hinterlasfen, daß man in der praktischen Politik auf Schritt und Tritt Urteile über das Einzelne mit unzertrennlicher Rückwirkung ans das Ganze zu fällen in die Lage kommt. Und darum, nicht um ein letztes Verdikt über das Ganze zu sprechen, ist es für jeden in diesen Dingen zn Wort Kommenden von Wichtigkeit, über sein Verhalten zur Sache kein Mißverständnis einstießen zu lasseu. Je mehr ich davon durchdrungen bin, daß die letzten zehn Jahre des Bismarckschen Regiments unberechenbares Unheil über Deutschland gebracht, weil sie gauze Schichten der Nation in ihrem innersten sittlichen und intellektuellen Bestand hernntcrgearbeitet haben, desto mehr halte ich es für angezeigt, das wahre Verdienst Bismarcks nicht mit dialektischen Einreden zu leugueu. Es ist auch, wenigstens für diese Art von Abrechnung, einerlei, ob er wirklich das deutsche Kaiserreich vou Aufaug an so in die Welt zu setzen beabsichtigt hat, wie die Ereignisse es herausgestaltet haben. Ich glaube das für meinen Teil durchaus nicht. Aber wenn er es auch von Hause aus nicht so gewollt hat und nur durch die Aufeinanderfolge der Begebenheiten dazu gebracht worden ist, so sind die Dinge doch unter seiner Hand das geworden, was sie sind; und darum wird er sich immer auf die Anerkennung berufen köuuen, welche die Beredsamkeit der Thatsachen ihm darbringt. ES giebt ja auch Lente genug, die da sagen: hätte es Bismarck nicht ans seine Ludwig Vambcrgcrs Ges. Schriften. V. 2g — 306 — Weise gemacht, wäre es auf andere und bessere Weise gekommen. Das sind so ungefähr Betrachtungen wie die, was geschehen wäre, weuu die Griechen nicht bei Salamis oder die Germaueu nicht im Teutoburger Wald die Schlacht gewouneu hätten. Gerade daß in der langen Reihe der Jahre alles Trachten nnd alle Versuche so elendiglich mißlangen, ist das beste Zeugnis für das Verdienst Bismarcks, aber freilich anch das schlimmste Zeugnis für die politischen Anlagen der deutschen Nation. Uud hier komme ich auf das, was mir hier zu sagen das Wichtigste scheint. Statt Bismarck streitig zu machen, was er an wahrem Verdienst sich erworben hat, sollte mau jetzt mehr als je, um die ueue Wendung der Dinge fruchtbar zu verwerte», die Frage auswerfen, welchen Anteil einzelne Gruppen und gewisse Schichten der Nation an dem Schaden haben, den uns sein Regiment hinterlassen hat. Nicht seinen Ruhm ihm abzustreiteu entspricht der Wahrheit oder der Gerechtigkeit, wohl aber einen Teil der Verantwortlichkeit ihm abzunehmen für die Verderbnis, die unter ihm hereingebrochen ist. Mit anderen Worten: Wäre die Nation politisch reifer gewesen, so hätte die Bismarcksche Wirtschaft nicht diese verhängnisvolle Wirkung ausüben können. Weuu irgend einer, so war er der Mann, welcher mit den vorhandene» Kräften überall zu rechnen verstand. Er ging nie weiter, als bis wo er auf uuüberwiudlicheu Widerstand traf, und sowie das geschah, lenkte er ein nnd kehrte um, mit der Leichtlebigkeit nnd Konseqneuzverachtung des Welterfahrenen, der da weiß: es kommt garnicht soviel daraus au im öffentlichen Leben, vb Jemand in Widersprüche verfällt, ob er das Gegenteil sagt und thut von dem, was er früher gesagt oder gethan hat, wenn er nur die Mehrheit im einzelnen Fall für sich hat, die Macht behält und allen dialektischen Widerlegungen mit der Behauptung der That ein Schnippchen zu schlagen vermag. Die Leute, welche meinen, daß man einem politischen Geguer mit der Logik allein an den Leib könne, gehören mehr der Schule als dein Leben an. Hätte Bismarck au der liberale!? Überlieferung des Bürgertums nachhaltig den kräftigen Widerstand gesnnden, den ihm der Katholizismus, das feudale Junkertum und die Sozialdemokratie eutgegeugesetzt habeu, er würde auch mit dem Liberalismus seinen Frieden gemacht haben. Denn wir wissen aus seinen Handlungen und ans seinen ausdrücklichen Bekenntnissen, daß auch er, wie so viele große Praktiker, das richtige Kompromiß für die Seele der Politik ansah. Sein Sturz selbst bestätigt diese Wahrheit. Im Kampf mit der katholischen Kirche hatte er zwar deren Widerstandskraft unterschätzt, aber uoch im letzten Augenblick durch Nnterwerfnng sich gerettet; deu Kampfmit der Sozialdemokratie hätte er vielleicht noch eine Weile fortsetzen können; aber in der Schätzung des Widerstandes, ans den er in Wilhelm II. stieß, hat er sich gründlich verrechnet und ist daran gescheitert. Bon den Kaisern Wilhelm I. und Friedrich aus den verschiedensten Ursachen verwöhnt, hat er das energische Selbstbewußtsein des jungen Monarchen, der ihneu folgte, zu gering veranschlagt und seine Linien falsch gezogen. Hätte er gewußt, wie die Dinge innerlich stehen, er hätte ohne Zweifel auch diesmal seine Anstalten anders getroffen und sich noch an seinem Platz gehalten. Daß ihm daran lag, konnte man zwar denken, aber es hat etwas Beruhigendes für deu gewöhnlichen schwachen Sterblichen, daß, wie ans seinem jetzigen Gebahren nachträglich so flagrant hervorgeht, auch der Gewaltige sich uicht gekannt hat. Denn es ist gewiß uicht bloß Komödie gewesen (etwas Komödie gehört zum Geschäft), wenu er manchmal meinte, er sei gesättigt an Macht und Ruhm uud sehne sich nach der Beschaulichkeit 20* — 308 — des Landlebens. Ja, diese Beschaulichkeit schmeckt vortrefflich und stellt sich noch lieblicher vor, solange man daneben eine Welt zu regieren hat. Kommt aber der schöne Tag, ohne die Weltherrschaft auf seinem Untergrund zu haben, dann schmeckt er dem machtgcwöhnten Gaumen doch verdammt fade. Das Abdanken ist noch selten gut bekommen, lind die Volksweisheit hat wohl recht, die da predigt: man soll sich nicht auskleiden, ehe man sich zu Bette legt. Es wird behauptet, au der fatalen Fehlrechuuug sei der Sohn wesentlich beteiligt. Dieser Sohn, welcher einige der kleinen Fehler des Vaters in sich verkörpert (für die großen Fehler hat er nicht das Zeug), hätte wohl seinen richtigen Platz in einem Werke der dramatischen Gerechtigkeit, dessen Hanptaktor, nachdem er so lange mit den Menschen, hohen wie niedrigen, wie mit PnPPen gespielt, schließlich von seinem eigenen LieblingSgeschöpf in den Snmpf geführt wurde. Es ist ja wahrscheinlich nicht richtig, daß der Konflikt zwischen dem Monarchen uud seinem Minister über eine bestimmte einzige Meinungsverschiedenheit zum Krachen gekommen sei. Viel wahrscheinlicher ist nach inneren und äußeren Anzeichen, daß hier entscheidend derjenige Zustand wirkte, welchen der Ooäs Xg-xalson als Scheidungsgruud mit der Ineom^g-tidilirs ä'liuinkui- zwischen den Gatten bezeichnet. So viel scheint aber doch andererseits wieder festzustehen, daß das Verhältnis zur Arbeiterfrage in dem Fortgang der Reibuugeu und Unverträglichkeiten den ausschlaggebenden Ruck gegeben hat. Für den, welcher seit Jahren gewohnt war, im Kanzler vorwiegend nur den Diplomaten und Taktiker zu sehen, dem die sachlichen Überzeugungen nie Beschwerden machten, hat es eher etwas Versöhnendes, daß man hier einmal auf den Kern eines inneren Widerstandes stößt. Es war ihm Ernst — 3W — mit seinen Bedenken gegen die Gefahren der sozialdemokratischen Bewegung und mit dem Glauben an die Notwendigkeit, ihre Anhänger mit der äußeren Gewalt zu bekämpfen. Und dieser Überzeugung ist er zum Opfer gefallen, er, der keiue Überzeugung zu ehren verstand. Um die Tragik der Sache zu vervollständigen, ist ihm das widerfahren, weil er mit der bloß dekorativen Verwendung sozialpolitischer Ideen neben den äußeren Gewaltmitteln die Situation beherrschen zu können meinte. Unter allen Stücken dieser dekorativen Künste war von ihm keines auf so viel Effekt berechuet als die kaiserliche Botschaft vou 1881, sein eigenstes Werk, klüglich ersonnen, um jedem Widerspruch als einer Jmpietät den Mund zn schließen, dadurch, daß das greise Haupt des verständigen Soldaten in den abend- rvtlich ergreifenden Glorienschein eines empfindsamen Sozialheiligen gerückt ward. Und Gott weiß, wie viel falsches Pathos all die Jahre her an dieses scheinbar gelungene Werk verschwendet worden ist. Aber auch das sollte sich am Kanzler und an dem engeren Kreis seines begeisterten Anhangs rächen. Nicht Jeder nämlich von denen, welche im Verlauf der Zeiten in diesen Dingen ein Gewichtiges mitzureden haben svllteu, faßte das Stück so lediglich dekorativ auf, wie es gemeint war. Und als nnn der Kanzler mit der nenen Weltanffasfung, zu der er doch selbst das Zeichen gegeben, beim Wort genommen wnrde, da kam ihm das überrascheud und ungeheuerlich vor. Dem begeisterten Bismarckgefolge der hohen Bourgeoisie ging es nicht anders. Auch sie hatten sich auf die Trefflichkeit der Dekoration verlassen, dachten damit und mit Strafgesetzen nm die Sache hernmzukvmmeu, wie der Meister. Darnm teilen auch sie jetzt den Groll über den Erust, auf deu sie nicht gerechnet hatten. Die ganze Bismarcksche Sozialpolitik war in ihrer Art der Versuch eines Kompromisses, aber ein so faden- — 310 — scheiniger und so wenig ernst gemeinter, das; er mißlingen mußte. Die praktische Weisheit eines Staatslenkers, welchen Grundsätze nie geniert haben, war ganz natürlich auf die Kunst des Kompromisses gestellt. Ganz anders liegt die Sache, wenn die praktischen Aufgaben der Politik an eine Partei herantreten. Parteien leben von Grundsätzen oder doch wenigstens von Gruudauschauuugeu. Diese sind für sie die Hauptbediugung des Zusammenhaltens in die Breite und in die Länge ihres Bestandes. Sie sind recht eigentlich ihr Fundament. Das Kompromittieren zwischen dem für wahr Erkannten nnd dem Bestehenden scheint daher von vornherein bei Parteien ausgeschlossen. Und doch verlangt auch hier das Leben in seiner unendlichen Mannigfaltigkeit und ewigeu Beweguug seine Rechte. Dem praktischen Politiker drängt sich das gerade im Gewühl der Thätigkeit unwiderstehlich ans. Nehmen wir ein Parlament mit seinen Gegensätzen! Jede Gedaukeurichtuug, von einem Extrem zum anderen, betritt selbstbewußt und mit dein Anspruch auf unbedingte Geltung die Reduerbühue. Wer kanu sich da, will er nicht der äußersten Beschränktheit verfallen, der Betrachtung verschließen, daß mir in einem gegenseitigen Nachgeben, in einem allmählichen Borrücken, in einem Ausgleich zwischen dem, was ist und dem, was sein sollte, der Weg nicht nur des Möglichen, sondern sogar auch des Gerechten vorgezeichnet ist? Wenn der Kampf für eine Weile ruht, und danu erst recht, wenn die Rück- nnd Umschau zur Mäßigung und Nertiefung einlädt, steigen diese Gedanken noch freier auf. In der schvueu Sommerzeit, wenn die Politik wohlthätig ihren Winterschlaf hält, tagen die Kongresse aller Art. Nnd allda, wo jede Partei nur unter sich ist, wo das Unbedingte daher nach Herzenslust sich gütlich thun und das Dreiste auf den großen Beifall rechnen kann („rauschender Beifall lohnte dem Redner" ist die stehende Formel) — in solcher stiller Zeit drängt sich dem unbefangenen Beobachter doch nur um so gewaltiger der Gedauke auf, daß die richtige Diagonale zwischen allen diesen verschiedenen Linien zu finden die wahre Aufgabe, auch für die Parteien, ist. An der einen Stelle scharen sich die Tausende von Gläubigen nm die streitbaren Führer der Ultramontanen, und ihre gewaltig ertönende Stimme hallt wider durch die Laude, als verkündeten sie die einzige unwiderstehliche Wahrheit. Aber siehe da, von der andern Seite sammeln sich nicht minder die Massen der Sozialdemokratie, welche von Allem, was dort heilig und unantastbar erscheint, keine Silbe glauben und doch ebenso lant wie Jene auf die Richtigkeit ihrer Sache Pocheu. Und dazwischen bewegen sich alle die anderen rechts und links gruppierten Überzeugungen, lind daS Alles wird überstrahlt von dem Glanz nnd übertönt von dem Geränsch der kriegerischen Machtentfaltungen, welche das Herrscherinn des Schlachtengottes sich uud dem schaulustigen Gewühl der Menge bietet. Wo ist da die Wahrheit? — Selbst Bebel nnd Liebknecht haben gefunden, daß man mit dem Gegebenen sich vertragen muß, und freilich haben auch sie wieder ihre Jutrausigenteu gefuudeu, die sie anklagen, daß sie schwach nnd halb seien. Es ist interessant für uns Deutsche, uud gerade nach dem Abgang des Fürsten Bismarck, Bekanntschaft zn machen mit einem Buch, welches sich das Problem des Kompromisses zur besvudereu Aufgabe gestellt hat. Unser einstmals liberales Bürgert»»! hat sich im Laufe der Jahre im Zusammenlebe» mit dem überlegenen Kanzler zn Tode kompromittiert, und es ist kein Wnnder, daß die Leute, welche es in diese Grube hineingeführt haben, schließlich als letzten Satz ihrer Weisheit ausposaunen, daß es überhaupt keine Grenzlinien — 312 — geben dürfe, daß alles Partciwesen sich überlebt habe. Das ist die Weisheit desjenigen Geistes, der sich befreit, indem er, wie der Dichter sagt, „entspringt aus den Banden der Verminst". Statt zu sagen, daß die Parteien aufhören müssen, sollte es heißen, daß die Parteien ihren Gehalt sichten und befestigen nnd sich den Aufgaben einer neuen Epoche gegenüber auf sich selbst besiuueu müssen. Noch schleppt sich, gauz naturgemäß, ein großes Stück des Bis- marckschen Anhanges am alten Seil weiter, wenn schon der Führer in die Tiefe hinabgeglitten ist. Ihr Dünkel und ihre leere Selbstgefälligkeit haben so lange Zeit hindurch keinen anderen Leitstern gehabt als den in jedem neuen Moment auftauchende» Wink des vergötterten Helden, daß sie einstweilen noch von den Resten dieser Gewohnheit zehren. Aber auf die Länge kann das doch nicht genügen. Einen neuen Bismarck bekommen sie nicht, und so werden sie schon selbst einen Inhalt für ihre Politik finden müssen; denn was die kanzlerische ihnen an Grundsätzen hinterlassen hat, ist weniger als nichts. Sie werden daher vor Allein zu prüfen haben, wo sie fehlten, als sie anfingen, sich allmählich ans die vollendete InHaltlosigkeit herunter zn kompromittieren. Alle Fragen der Endlichkeit sind Grenzfragen. Wo ist die Grenze zwischen dem gesnnden nnd dem ungesunden Kompromiß? Wollte Jemand im Hinblick auf die Geschichte der nationalliberalen Partei in Deutschland ein Buch nach der Analogie desjenigen schreiben, welches John Morley auf Gruud englischer Zustände unter dem Titel „Über Kompromisse"*), verfaßt hat, er würde eine noch viel reichere Ausbeute finden. Diejenigen, welche dies Buch in der Ursprache zu Rate ziehen wollen, werden daraus lebhafte An- Oi> vomi>i'vmiük! ^odn Hloi'Ig)-. I^cmäoil. NaLmMmi — — rcguug schöpfen zur Anwendung der darin enthaltenen Ideen ans unsere deutschen Verhältnisse. Nirgends ist der Grundsatz der Grnndsal.llosigkeit sv zur offiziellen Staatsreligion gemacht worden wie bei uns von den Anhängern des Fürsten Bismarck in dem letzten Jahrzehnt seines Regiments. John Morleh ist zngleich ein Manu von ausgezeichnetem Geist und Wisse», dabei eiu Mann des praktischen politischen Lebens. Seine Schriften, sowohl die historische» als die litterarische» und Philosophische», sind in hohem Grade das, was man mit einem modernen Wort „suggestiv" nennt. Sie eröffnen ununterbrochen neue Gedankenreihen und erwecken zu neueu Betrachtungen. Morley ist einer der weitest links geheudeu englischen Radikalen, und iveuu die Frage darauf gestellt würde, ob er sich für oder gegeu Kompromisse erklare, müßte man eigentlich antworten: gegen. Er schließt sein Buch mit folgendeu Sätzen: „Es ist besser, wir warten uud verschieben die Verwirklichung unserer Ideen, bis wir dieselben vollständig realisieren können, als daß wir die Znknnft betrügen, indem wir sie verstümmeln, wenn wir zum Zwecke eines zur Zeit nur teilweise durchzusetzenden Triumphes sie verstümmeln müßte». Es ist besser, den Vorwurf eines unpraktischen Verhaltens ans sich zu nehmen, als Überzeugungen abzustumpfen nnd Grundsätze über Bord zu werfen, so daß Alles zn schlechthiniger Hohlheit nnd Trivialität wird. Was denn ist der Sinn und was der sittliche Gehalt eines Hiutansetzens der höheren Nützlichkeit hinter die geringere? Nichts läuft so sicher darauf hinaus, eine Epoche der Verarmung zn überliefern, dem Leben seinen Adel nnd den» Charakter alle Hoheit zu nehmen." Weuu man »ach Lesuug dieser Schlußworte wieder das Buch znrückblättert, sv wird man gewahr, daß sie »»r den Zweck habe» köuueu, alles das, was im Verlauf der ^ — 314 — Untersuchung zu Gunsten des Kompromisses gesagt ist, nicht überwiegend als letzte» Eindruck bestehen zu lassen. Ich habe hier von vornherein nicht die Absicht gehabt, die Gedanken des Morleyscheu Buches iu ihrem Gang zu versolgeu. Man müßte zuviel davon wiedergeben, wenn man den ohnehin gedrängten, knappen Inhalt richtig würdigen wollte. Die ganze Darstellung ist so lebendig, so sachlich, so vou Wahrhaftigkeit der Überzeugung durchdrungen und so schlicht, wie man dies selten in Politisch-Philosophischen Schriften anderen als englischen Ursprungs findet. Nur einen einzigen Satz möchte ich dem Sinn nach ausdrücklich herausheben, weil er mir der wichtigste von allen und für die Geschichte unserer deutschen Parteientwick- luug der letzten zwanzig Jahre beherzigenswert zu sein scheint, nämlich diesen: Es ist nicht möglich, abstrakte Regeln zu geben für die Bezeichnung der Grenze, wo das richtige Kompromiß aushört und das unrichtige anfängt. Aber Eins läßt sich mit Bestimmtheit formnlieren. Wer ein Kompromiß zwischen seiner Überzeugnng und der Macht der gegebene» Thatsachen schließt, darf dabei seine Überzeugungen nicht vergesse», »och verleugne». Das Bewußtsei» des »ur einstweiligen Verzichtes mit dem Streben nach der vollen Erfüllung muß ihm stets vor Auge» bleiben. - Man hat sich gegenüber der nationalliberalen Partei in ihrer gute» Zeit, da sie diesem Name» noch Ehre machte, oft lustig gemacht über Abstimmungen, welche in der dritten Lesung unter den« Druck der Umstäude fahren ließen, was in der zweiten noch behauptet worden war. Da5 war lauge das Schlimmste nicht. Demi solch eine Unterwerfung trug noch ihren Stachel und ihre Mahnung i» sich. Schlimm wurde die Sache erst, als die Partei sich so weit rückwärts entwickelt hatte, das; sie schmerzlos ohne Kampf und ohne Versuch eiues uach dem andern von vornherein — 815 — preisgab und sich an garnichts mehr erinnerte, als was der Herr befahl. Und der Tiefpunkt dieser Rückbildung wurde erreicht, als die Kunst dieser schrankenlosen Willfährigkeit svgar zu einer preiswürdigen Tugend empor geschraubt wurde, die man vorzugsweise die „nationale" nannte. Es sei hier z. B. erinnert an das wilde Frohlocken, mit welchem die — in ihre» wahren Triebfedern noch heute nicht enthüllte — Austreibung von vierzigtausend uuschuldigeu Polen beklatscht wurde, — ein eigentümliches Vorspiel zu dein rührsamen Stücke, welches derselbe, immer nationale Enthusiasmus ueuerdings für die Befreiung der Negersklaven im Bund der schöne» Seelen mit Bismarck, Vater und Sohn, zum besten gegeben hat. Es giebt eine Art von praktischer Gefügigkeit, welche ohne Enthusiasmus und ohne den Anspruch auf Nimbus das Sichabfinden mit den Umständen für die wahre Lebensweisheit erklärt. „Wenn die Wahrheit", sagt einmal der Eingangs zitierte Bnrke in einer Rede, „so gewiß feststünde wie die Ordnung, so konnte mau dieser die Wahrheit vorziehen. Da aber immer zweifelhaft bleiben wird, was das Wahre ist, so hält man sich besser an die Ordnung". Noch weniger herrschsüchtig als diese Nüchternheit tritt die Skepsis beispielsweise auf in einem Denker wie Renan, der selbst der erkannten Wahrheit für die Menschen die Täuschung vorzieht, weil er meint, diese verschönere ihnen das Leben. Daher er selbst eine Wahrheit selten vorbringt, ohne etwas wohlthuende Täuschuug daneben zu lege». Ein Spötter sagt von ihm, er wirft zwar den lieben Gott ans dem Fenster, aber er breitet zuvor eine Matratze ans der Straße unter dem Fenster aus. Solchen liebenswürdigen Skeptizismus kann man sich noch gefallen lassen, besonders wenn er sich ausschließlich auf dem beschaulichen Gebiet des Schriftstellers bewegt. — — Das Gegenstück dazu waren einige skeptische Führer der Nationalliberalen. Ihr Unglaube an Alles half ihnen über jede Anpassung hinaus, und diese Anpassung selbst setzten sie dann ans die höchsten Pathetischen Stelzen. Kein Wunder, daß der Kanzler mit ihnen zufrieden war. Wenn die mittleren Schichten des deutschen Bürgertums wieder zu eiuer Bedeutung in der Politik kommen wollen, müssen sie erst wieder einen Inhalt finden, über den sich zur Not Kompromisse schließen lassen. Das Kompromiß hat ein Recht, als Not zn existieren, eine Tngend darf es uicht werde». Hier läuft die wahre Grenze zwischen Sein und Nichtsein für eine Politische Partei, die dieses Namens wert sein will. Zum Jahrestag der Ontlaffung Bismarcks. *) Aus der „Nation" vom 21.. 28. März. 4. April 1801. I. „feilte, da ich lebe, lästern sie mich; bin ich einst gestorben, dann werden sie versuchen, mich mit ihren Fingernägeln aus der Grube wieder Heranszugraben." Diese dem englischen König Wilhelm III., dem Oranier, zugeschriebenen Worte waren es, welche am letzten Tag der langen Neichstagssessiou, am 12. Juli des Jahres 1879, Herr v. Treitschke aus deu Fürsten Bismarck anwandte. Ich höre sie noch, wie sie von den Lippen des entrüstnngs- knndigcn Redners mit Dvnnergepvlter dnrch den Saal dröhnen. Ein Jahr vorher hatte dieselbe Posauneustimme an derselben Stelle ihren Warnungsruf erhoben vor dein Einlenken in ein System des Schutzzolles, welches an besagtem 12. Juli vou der Mehrheit des Reichstags zum Beschluß erhoben wurde. Mit dieser Mehrheit stimmte natürlich auch Herr v. Treitschke. Und ich sehe ihn auch noch, den Kanzler, wie er, einen Anfing von Feuchtigkeit in den Wimpern, das von Zorn und etwas Rührung gerötete Antlitz mit den tiefherabgezogenen, den gewaltigen Brauen, bei diesen Worten seines Paladins triumphierend unseren, der Rativualliberaleu, Reihen zukehrt; denn diesen galt damals der Unwille. Thränen sollen ans seinen Wangen auch sichtbar gewesen sein, heute vor einem Jahr, als er in die Einsamkeit nach Friedrichsrnh fahrend, die Abschiedshnldignngen der — 320 — getreuen blumenbeladeuen Damen und Herren ans dem Hamburger Bahnhof empfing. Man hat gut von Eisen sein, der Rührung über sich selbst entgeht man nicht so leicht wie der über Andere. Gestorben ist er, zum Glück! nicht, und zn graben brauchte mau also heute nicht, und gewiß nicht mit blutrünstigen Fingernägeln, um ihn wiederzuhaben. Aber wer ruft nach ihm? Wenn man heute im Deutschen Reiche darüber abstimmen ließe, ob er wieder in seine alte Herrlichkeit eingesetzt werden solle, nur eine kleiue Minderheit würde dafür eintreten. Selbst unter denen, die in ihm den unerbittlichen Vorkämpfer ihrer schutzzöllnerischen Sonderinteressen beweinen, würde nur eiu Teil um diesen Preis das alte Joch wieder ans sich nehmen wollen. Im Laufe eines ganzen Jahres hat keine Partei und kein einzelner Reichstagsabgeordneter sich versucht gefühlt, eiu Mandat frei zu macheu, um es ihm anzubieten. Endlich hat der Zufall eine Neuwahl herbeigeführt, für die ihn ein agrarisch-nationalliberaler Franctirenr nnter seineil Schutz genommen hat. Gelingenden Falls kommt der Sieg nur durch ein Znsammenwürfeln der buntest gemischten Elemente zustande. Ist es nicht auch bedeutsam, daß uach einem vollen Bierteljahrhundert diensttreuer Begeisteruug und Heerfolge der geschickteste aller Nationalliberaleu, Miguel, auf deu längst verdienten Ministersessel erst gelangen konnte, nachdem, weil und nicht obgleich, Fürst Bismarck ans dem Amt geschieden war? Daß erst dnrch diese Wandlung die Oberpräsidentschaft Beunigseus vom Beigeschmack einiger Subordination befreit erscheint? Man wird von Herrn von Treitschke, obgleich er Hof- histvriograph ist, nicht verlangen, daß er richtig in die Zukunft schane. Ju wessen Augen sich die Vergangenheit so gransam verzerrt spiegelt, der sieht natürlich die kommenden 821 Dinge um so schiefer. Aber Eins muß man doch zugeben: daß die Prophezeiung so gründlich zu Schaudcu würde, hätte Keiner gedacht, mich die nicht, welche sie damals belachten. Und zwar ans doppeltem Grunde. Zum Erste», weil man nicht ahnte, daß der Kanzler auf die Weise, wie es gekommen, gestürzt, und daß er nach diesem Sturz sich so, wie geschehen, geberden würde; zum Zweiteu, weil mau sich von den Diugeu, die uach ihm kommen würden, eine Norstellung machte, welcher die Wirklichkeit nicht entsprochen hat. Als die unwahrscheinlich klingende Kunde des großen Ereignisses durch die Welt flog, gesellte sich zum starreu Erstauueu viel des baugeu Zweifels. Am merkwürdigsten stellte sich das Ausland zur Sache und ganz besonders Frankreich. Aus der Presse wie aus mündlichen und brieflichen Aenßernngen war deutlich zu ersehen, daß die Franzosen, welche in Bismarck doch den dämonischen Urheber ihrer Niederlagen erblickten, über seinen Stnrz erschraken. Große Geschicklichkeit und großer Erfolg erzwingen sich überall die Pewnndernng, aber nirgends so sehr wie in Frankreich. Der Olia-ueolitti' cks tsr ist von Niemand mehr verherrlicht worden als von französischen Publizisten. Es lhat ihnen auch wohl, daß der Mann, der sie überwunden hatte, so gewaltig die Geißel über seine ^audsleute, die gehaßte» Deutschen, schwang. Unsere Ohnmacht seiner Allmacht gegenüber war der Trost »»d die Freude uuserer Feinde. Doch daS allein war es nicht, was sie stutzig machte. Alle, die deu bestehenden Znstand in Europa für einigermaßen erträglich hielten, die sich dachten, es konnte doch schlimmer komme», als es wäre, stände» auf eüimal vor der Frage: Was mm? linier allen Fragen aber drängte sich natürlich die verhängnisvollste hervor: Krieg oder Friede? Fürst Bismarck galt mit Recht bei den einLudwig BambcrqerS Ges. Schriften. V. 21 — 322 — sichtsvollen Politikern der ganzen Welt für einen entschiedenen Freund des Friedens. Wärmn Hütte er es mich nicht sein sollen? Aber nicht bloß diesen seinen Willen zog man in die Berechnung, sondern ebenso sehr seine Knust und Erfahrung. Auf beide rechneten die Franzosen gegenüber einein jugendlichen Thatendurst, von dem sie den neuen Kaiser beherrscht glaubten. Denn trotz allem Lürm der Bvulevardspresse haben sie nicht die geringste Lnst nach Krieg, und selbst den Läriumnchern ist es viel mehr um das Geschrei nach Rache als um die Rache selbst zu thun. Das schließt natürlich nicht aus, daß in einem unbewachten Augenblick das Kriegsgeschrei Alles mit sich fortreißen konnte. — Am nngemischtesteu war das Gefühl der Zufriedenheit bei derjenigen deutschen Partei, welche sich rühmen durste, Bismarcks Haß am stärksten auf sich gezogen zu habeu und nicht unverdient, weil sie die unheilvollen Wirkungen seines Regimentes immer mehr erkannt hatte. Aber überrascht war doch auch sie. Zwar das „Fort mit Bis- marck", welches man ihr als eine schaudererregende Blasphemie untergelegt hatte, war nie gefallen; allerdings nur deshalb nicht, weil es nichts geholfen hätte, und es ungeschickt nnd geschmacklos ist, dergleichen anszusprechen, wenn man es nicht wahr machen kaun. Des GedaukeuS hätte man niemals Hehl gehabt. Erst ein Jahr vor der Katastrophe tauchte die Ahuuug einer heranrückenden Möglichkeit am Horizonte auf, und damals auch ward schon in der Wochenschrift „Nation"*) die Frage der „Nachfolge Bismarcks" znm Gegenstand ernster Erwägungen gemacht. Ebenda wurde bei diesem Aulas; vorausgesagt: nur durch ein Machtwort von oben könnte ein solches Wunder ge- 5) Die drei Artikel sind im Buchhandel als Scvaratnbdruck, Berlin, Aiosenbaum k Hart, unter obigem Titel erschienen. — 323 — scheheu. — Jedoch nach jenem ersten Sturmzeichen war es wieder ruhig geworden. Da siel im Anfang des Monats Februar 1890, mitten in die Wahlbewegung, wie eiu Blitzschlag, die Kaiserliche Berufung der Europäischen Konferenz zur Ordnung der Arbeiterfrage. Am Tage ihrer Veröffentlichung in der Presse, eiuem Freitag, traf ich mit dem Heransgeber der „Nation", meinem Kollegen, im Eisenbahnwagen, der uns zu unseren Wählern führcu sollte, zusammen. Wir waren natürlich voll von dem Ereignis und einig darüber, daß damit der Stab über das Sozialisteugesetz gebrochen sei. Nun wurden auch die sonderbaren Vorgänge, welche die Schließung des Reichstag? begleitet hatten, klar; zum ersten Mal trat der Gegensatz zwischen Kaiser- und Kanzler-Politik greifbar hervor, uud halb im Ernst, halb im Scherz sagte ich beim Auseinandergehen zu meinem Freunde: „Am Ende feiert Bismarck seiuen füufuudsiebeuzigsteu Geburtstag am bevorstehende!? 1. April als Privatmann zu Friedrichsruh." Ich sagte es, aber ich glaubte es uicht. Wer hätte auch dem juugeu Herrscher, der zwei Jahre vorher iu eiuem feurigen Trinkspruch deu Kanzler als seiueu Führer im Stnrme der Schlacht gepriesen, der sich für seinen bewundernd zu ihm aufblickenden Schüler erklärt hatte, zugetraut, daß er nach so kurzer Zeit diesen stolzen Mann, der nach dem Urteil der Welt ihm von einem Gott zur ehernen Stütze gegeben war, mit Überwindung des zühesten uud grimmigsten Widerstandes ans seiner Höhe herabstürzen würde? Nun folgten Tage der höchsten uud interessantesten Aufregung. Zwar hatte man zwei Wochen vorher eine kaiserliche Rede (am ü. März) gelesen, in welcher die Worte standen: „Wer sich mir widersetzt, den zerschmettere ich." Aber wer damals wagte, das auf Bismarck zu deuten, wurde belächelt, obgleich Dank dem Ausfall der Wahleu vom 21* — 324 — 29. Februar eine bedeutsame Wendung schon mehr in den Bereich des Möglichen gerückt war. Hatte der Kaiser mit der Einberufung der Konferenz dem Sozialistengcsetz den Lebensfaden durchschnitten, so machten die Wähler zwei Wochen später mit ihrer Abstimmung dem famosen Septen- nats-Kartell den Garaus. Damit waren die beiden Lieblingsgeschöpfe des Kanzlers zu Tode getroffen. Er witterte Unheil und rüstete sich zn neuem, kräftigem Widerstand. Können die freisinnigen Wähler und Gewählten sich auch nicht zn ihrer Befriedigung sagen, das; sie selbst den Kanzler gestürzt haben, so dürfen sie doch gewiß sein, mit der Besiegung des Kartells ihren Feind in eine Verlegenheit gedrängt zu haben, die ihn zu falschen Schritten führte. Wenige Tage, nachdem das Wahlergebnis die Vernichtung seiner blindergebenen Gefolgschaft besiegelt hatte, sagte er zu dem Gesandten einer Großmacht, er lasse sich das nicht anfechten, er werde nun erst recht iu deu Reichstag gehen und seiue Geguer zu Paareu treiben, sich durch eine neue Kombination seiue Stellung neu befestigen. Was damit gemeint war, lies; sich aus der geheimen Besprechung, die er bald daraus mit Herrn Wiudthorst hatte, erraten. Da die zusammengeschmolzene Schar der Freikvuservativen und Nationallibernlen zur Bildung einer Mehrheit mit den Konservativen nicht mehr reichen konnte, so sollte ein ultramontan-konservatives Kartell hergestellt werden, und dies scheint des Kanzlers Plan gewesen zn sein. Der Plan war auch taktisch nicht gerade salsch; ans einer bekannte» parla mentarischen Szeue war sogar der Schluß gezogen, das; ihn sein Nachfolger mit dem Nest des Bismarckschen Inventars übernehmen wvlle. Wieweit schon damals die Verabredung gedieh, ist Geheimnis geblieben, denn diese Zusammenkunft selbst gab den letzten Anstoß, welcher »»mittelbar darauf den Stein der Zerschmetterung ins Rollen brachte. „I^g. nsckssits c^ui sst lg, 6ss tsurs ms Lg-id orss clir uno oliosv, orss hat schon ein berühmter König gesagt, und kein schlechter; derselbe, welcher, nachdem in langen, ruhmreichen Kämpfen sein weißer Federbusch die hugenottischen Scharen zum Sieg geführt hatte, au der entscheidenden Stelle die Entdeckung machte, daß Paris wohl eiue Messe wert sei. Merkwürdig genug, daß eiu Mau», der im Laufe seiner Praxis selbst so oft von jenem Geheimnisse der Staatskunst Gebrauch geinacht hatte, welches in der kühneu Inkonsequenz besteht, sich des Gleichen so gar nicht von Seiten seines königlichen Mitspielers versah. Mit welcher Sicherheit hatte er daranf gerechnet, daß er gerade mit diesem jnngen Thronfolger sein Persönliches Regiment noch uneingeschränkter entfalten werde als mit dem alten Kaiser Wilhelm! Dem bekannten Getreuen, dem Moritz Busch, erzählt der verstorbene Viktor Hehn in seinen kürzlich veröffentlichten Briefen an Wichmann nach, er habe im Freundeskreise folgende bezeichnende Äußerung Bismarcks zum Besten gegeben: „Ich baue auf den (damals vieruud- zwauzigjährigeu) Prinzen Wilhelm. In dem steckt der Geist und Charakter eines Gardeoffiziers, und nur das kanu uus eiust helfen." In der Fülle mannigfaltiger Betrachtungen, welche sich aufdrängen, so oft man dem wuuderbareu iunereu Zusammenhang dieser erstaunlichen Wendung der Begebenheiten nachgeht, stellt sich immer am ergreifendsten der Gedanke ein, wie merkwürdig es doch gekommen ist, daß gerade die tiefst angelegten Berechnungen aus Werkzeugen der Selbst- erhaltuug Werkzeuge der Selbstzerstöruug gemacht haben. Drei Diuge wareu es. auf welche Fürst Bismarck sich mit aller Macht geworfen hatte, weil er in ihneu die kräftigstem Auker seiuer Selbsterhaltung gefunden zu habeu meinte: — 326 — die überschwängliche Berhimmelung des selbstherrscherischen Berufs der hvhenzollerischen Könige, die Anpreisung einer vielversprechenden Sozialgesetzgebung uud die Vererbung der Kanzlerwürde aus seinen Erstgeborenen. Die Kraft dieses dreifachen Zauberbanns — in ii-iriitads i-odnr ist sein Wahlspruch — sollte deu königlichen Schüler stähle» gegen Alles, uur nicht gegen den Meister und seine Nächsten. Welche wnnderbare Ironie klingt hente ans den Worten zurück, die Bismarck vor jetzt fünf Jahren am 26. März 1886 dem Reichstag entgegenschlenderte, um ihm mit dem Appell an die preußische Königsmacht seines Nichts durchbohrendes Gefühl znm Bewußtsein zn bringen: „Meine Herren, darüber lachen Sie; ich sage Ihnen weiter: wer zuletzt lacht, lacht am Besten. Sie führen uns in eine Situation, wo Sie gar nicht mehr hier sein werden, uud dann mögen Sie wo anders lachen; aber hier werden Sie ans die Dauer über deu König von Preußen nicht lache» könueu; das sage ich Ihnen gleich." Uud jene andere Rede, in welcher er ans Grnnd eigener Ersahrung ausführte, wie die Könige von Preußen bei näherer Bekanntschaft gewönnen! Wie unendlich ferne lag die Möglichkeit solchen Rückschlags auf ihn selbst, dem mächtig klngen Mann damals, als er das Kraftbewnßtsein des Thronfolgers in die extremste Höhe zu steigern dachte, als er ihn vor eine mystische soziale, zu jedem Gebrauch elastisch verwendbare Aufgabe stellte, und ihm — ein in Deutschland nie erlebtes Nepotensystem einführend — den eigenen, die ganze Stufenleiter der Staatswürden hinauf bombardierten, Sohn zur Seite gab. Gerade dies Kraftbewußtseiu der Krone hat dann Keiner in dem Maße zu kosten bekommen wie sein Verherrlicher; die Kousequeuzen des aufgeworfenen sozialen Problems sind — 327 — zur Klippe geworden, an der sein Fahrzeug scheitern sollte; und der Bootsmann, den er, als seinen Nächsten dem Blute uach, auch für den Sichersten hielt, das Steuer an seiner Stelle zu führen, ließ das Fahrzeug in der Berbteudetheit seines uuerhörteu Glückes auf den Felsen zutreibe», ohue die Nähe der Gefahr zu ahnen. Meiu verstorbener Freund Friedrich Kapp erzählte mir im Anfang der siebeuziger Jahre den Inhalt eines Gespräches, das zwischen ihm und dem Reichskanzler in dessen Palast stattgefunden hatte. Es war das erste Mal, daß er vom Fürsten empfangen wurde, der sich iu der liebenswürdig bestrickenden und geistsprudelnden Weise, die er entfalten konnte, wenn er wollte, mit ihm namentlich über die amerikanischen Zustände nuterhielt. Als Kapp gelegentlich die Äußerung that, auch iu den Bereinigten Staaten sei der Fürst als der erste aller Diplomaten anerkannt, warf ihm dieser ein, auf seine diplomatische Überlegenheit thue er sich gar so viel uicht zu gute, seine wahre Stärke liege darin, daß er ein vollendeter Höfling sei. Aus anderen Mitteilnugen weiß man, daß er dieser seiner geschickten Strategie auf dem glatten Boden des HofeS seinen größten und nur mit uueudlicher Ausdauer durchgesetzten Triumph zuschrieb, nämlich den König Wilhelm zu dem Entschluß des Bruchs mit Österreich gebracht zu haben. Aber die beinah dreißigjährige Übnng dieser unstreitig vollendeteil Knnst, unter deu uämliche» Persönlichen und durch das zunehmende Alter des Königs immer bequemer gewordenen Umständen hatte ihre schädliche Wirkung nicht verfehlt. Auch in den traurigen nennundneunzig Tagen leistete — Dank dem hilflosen Znstande des unglücklichen Monarchen — die alte Maschinerie noch ihre Dienste. Der vom Zaun gebrochene Lärm der Batteubergiade mit der wilden Ent- fesselnng der gegen den sterbenden Kaiser besonders mutigen 328 - nationalen Meute war das letzte Spektakelstück, welches glückte und zur immer kühneren Übung dieser Knuste an- sporute. Nun schien uuter der ueueu Konstellation alles erst recht gelingen zu fallen, so sehr, daß die Zügel dem Sohn und designierten Nachsalger in der Kanzlerwürde anvertraut wurden. Was dieser von der väterlichen Diplomatie abgesehen, hat sich bei den Angelegenheiten von Samoa, Wohlgemnth uud Moricr gezeigt, und danach darf man auf die Geschicklichkeit schließen, die er am Hofe entfaltet haben mag. Der alte König Salvmon der Weise stand eines Tages auf der Zinne seiner Burg im Gespräch mit einem seiner Beamten. Plötzlich sah der letztere stieren Blicks nach einem fernen Punkt in die Höhe uud verfärbte sich. Was hast du? fragte der König. Ach, rief jener zitternd, in diesem Moment gewahre ich, daß von dorther der Engel des Todes geraden Weges auf mich herabfährt. Großer Köuig, du befiehlst doch alleu Geistern des Himmels und der Erde, gebiete einem Geiste der Lust, daß er mich rasch weit von hier wegtrage. Salomons Majestät war an jenem Tage guter Dinge und mochte dem Mauue diesen kleiueu Dienst nicht abschlagen. So befahl er dem Morgenwinde, ihn schnurstracks nach dem Innersten von Afrika zu tragen (welches schou dazumal das dunkle Laud gewesen zn sein scheint). Eben, da er verschwunden war, fuhr der Tvdeseugel vor dem König nieder. „Warnm machst dn ein so verblüfftes Gesicht?" redete ihn dieser an. „Wie sollte ich nicht verblüfft sein," erwiderte der Engel, „wenn ich eben noch an deiner Seite einen Mann stehen sah, den mir Gott heute früh befohlen hat alsbald im Innern von Afrika zu holen?" Diese Geschichte ist mir seit einem Jahre oftmals eingefallen. — 329 — H. „Mitten n»s dem Born der Freuden steigt etwas Bitternis herauf". Selbst ein Gegner »nd gerade am meisten ein Gegner des großen Kanzlers mußte empfinden, daß die Art, wie dieser zu Falle kam, dem politischen Zustande Deutschlauds uicht gerade zur Ehre gereicht. Lag auch ein tiefer Sinn in der wunderbaren Weudung, welche die unsichtbaren Mächte, heißen sie nuu Fatum oder Nemesis, herbeigeführt hatten, so war doch die Selbstbestimmung, welche das unbestrittene Besitztum aller anderen westeuropäischen, großen oder kleinen, Nationen ist, bei diesem Akte der Gerechtigkeit leer ausgegangen. Etliche Monate, nachdem der deutsche Diktator gefallen war, ereilte das gleiche Geschick seinen italienischen Nachahmer. Doch, wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Bei uns ein Machtsprnch von oben, dort das Berdikt der Volksvertretung. Mindestens ein halbes Jahrhundert politischer Entwickluug liegt zwischen dieser uud jener Gangart der Staatsgeschäfte. In Italien wnßte man, daß CriSPi den Fürsten Bismarck nicht lange überleben werde; er hatte das Meiste seines Nimbus aus dessen Protektion gesogen. Über Crispi's Eigenwert im Auge seiner Landslente scheint Heuer die deutsche Diplomatie in sonderbarer Täuschung gelebt zu haben; sonst wäre der neue Kauzler uicht so gewaltig für desseu Person mit Wort und That eingetreten, hätte ihn nicht gewissermaßen ausschließlich mit der Tripelallianz identifiziert, was jedenfalls nicht der Vorsicht entsprach. Hatte dies Crispi auch bei deu Wahlen genntzt, so nützten ihm die Wahlen selbst nicht lange. Er hatte vor denselben alles Mögliche versprochen, besonders im Punkte der Sparsamkeit — wir wissen in Deutschland ein Lied von diesem Sparsamkeitsplatonismus zu siugeu —, aber als es zu Thaten kam, war das Lied aus wie bei uns. — 330 — Die Kammer machte kurzen Prozeß mit ihm und wischte ihn weg. Zum Überfluß hatte er noch iu seiuer letzteu Rede das Andenken parlamentarischer Ehrenmänner beschimpft. Anch das nahmen die überlebenden Parteigenossen Min- ghetti's nicht hin, wie einst die Natioualliberalen die Herabwürdigung des toten Laster, ihres langjährigen Führers, regungslos verschluckt hatten. Crispi ist gefallen, weil ihn daS Land nicht mehr wollte. Auch in Deutschland wollte die Mehrheit, wie die Wahlen vom 20. Februar erwiesen, den ersten Kanzler nicht mehr, aber daß er daran gefallen sei, wird Niemand behaupten. Es konnte Einen wnndersam anmuten, als jüngst bei den Verhandlungen im deutscheu Reichstag die schmerzliche Klage erscholl über „das uuechte Material", welches zum Bau des ueueu Parlameutshauses genommen werden solle. Liegt nicht ein tiefer Sinn auch in diesem „unechten Material"? KomischerWeise warenesgerade dicmilitärsrommsten, sich allzeit gegen jede Hinneigung zum schrecklichen Parlamentarismus verwahrenden Herreu, welche für die steinerne Echtheit so brünstig eintraten. Da hatte wieder einmal „die List der Idee" den Architekten so geführt, daß die Kosten nicht mehr ausreichten just für die solide Beschaffenheit des Gewölbes, daß weise Sparsamkeit gebot, sich mit gläuzende» Manerpntz zu begnügen, — swceo cli lustro heißt das in der Technik. Anch die Selbstbestimmung der Völker giebt keine Bürgschaft für die Vollkommenheit ihrer Znstände. Aber es gehört doch einmal zn dem politischen Bekenntnis des Jahrhunderts, daß eine Natiou das Recht hat, auch iu staatlichen Dingen nach ihrer eigenen Fa«on selig oder sogar unselig zu werden, was immer noch für annehmbarer und auf die Länge sicherer gilt als die Behandlung mit den Patriarchalischen Hausmitteln der guten alten Zeit. — 331 — Zu der Zeit, da man bald nach dem Krieg beschloß, ein großes würdiges Parlamentsgebäude zu errichten und die Gelder dafür beiseite legte, sah es aus, als sollte das Material, nicht nur das steinerne, sondern gerade das Politische, echter Natnr werde«. Und so war es damals auch gemeint. Aber wie er geflissentlich bei jedem Anlaß dem Machtgefühl des Reichstags bis ins Kleinste entgegentrat, hätte Fürst Bismarck wohl am liebsten auch gar keinen Prachtbau gehabt. Kaiser Wilhelm I. war der Sache zwar nicht ganz abhold, aber er sah sie doch mehr unter dem Gesichtswinkel einer Veischönernng seiner Residenz an, bei welcher es Hauptaufgabe war, den Königsplatz, wo die Siegessäule steht, auszufüllen. Mit Mühe entging das Reichstagsgebäude dem Schicksal, au das äußerste Eude dieses Platzes gerückt zu werden, gelang es, dasselbe unmittelbar an die Stadt anzulehnen, wenn auch uur mit dem Rücken. Mit dem Bau giug es nicht minder entsprechend sonderbar uud bedeutungsvoll. Der ganze ursprüngliche, praktisch und ästhetisch wohlangelegte Plan mnßte, als er nach jahrelanger Verschleppuug zur Ausführung kam, von Grnnd ans umgestürzt werde», weil er dem Fürsten Bismarck nicht behagte. In jenem ersten Plan stand fest, daß der Beratungssaal in den ersten Stock gelegt werde. Aber der Fürst erklärte, dazu werde er nie und nimmer seine Genehmigung erteile», er werde keinen Fuß iu ein Parlamentsgebände setzen, iu dem er so hoch steigen müsse. Zwar konnte er sich sagen, daß er, bei frühster Bvlle»d»»g der Sache, doch ei» achtzigjähriger Mann sein werde. Aber vielleicht gerade darum schien ihm das Recht auf seiue Bequemlichkeit so gut begründet. Mit Vielem kommt man ans, mit Wenig hält man Haus. Wir haben uus im Deutscheu Reich im Lauf der Jahre immer mehr znm unechten Parlamentarismus herunter- — 332 — gearbeitet. Die nationalliberale Partei hat im letzten Jahrzehnt unter der Pression des Bismarckschen Regiments alle Regungen des bösen modernen Volksgeistes abgeschworen; und so oft eine Anwandlung entgegengesetzter Richtung kam, mahnte der selige Windthorst klüglich, man möge sich doch keiner Täuschung hingeben, man solle nicht vergessen, daß thatsächlich das Reich unter einer patriarchalisch militärischen Verfassung lebe, daß der Kauzler uur auf einen Anlas; lauere, um an den Grundlagen der Volksvertretuug mittelst einer gewaltsamen Interpretation zn rütteln. In der That war aber die Besorgnis vor solchen äußersten Konflikten nnter dem ersten Reichskanzler unbegründet. Gerade diese zwei Männer von entscheidendem Einfluß auf den Gang der Reichsgeschäfte, Bismarck uud Wiudthorst, wareu es, welche, ohne irgendwie begeisterte Verfassungsgläubige zn sein, doch kraft ihrer Politischen Einsicht den Wert einer großen Volksvertretung im Interesse ihrer eigenen Macht wohl zu würdigen wußten. Beide handhabten das Instrument mit Virtuosität uud Erfolg uud wareu viel zu vorsichtig, um dasselbe zerstören zu lassen, auch wenn es ihnen hier und da einmal unbequem ward. Bismarck ist entlassen, nnd Windthorst ist tot. Die überlebenden Führer seiner Partei sind meistens agrarische Aristokraten, welche von ganz anderen Voraussetzungen zu ganz anderen Zielen hingetrieben werden, des Unterschieds an geistiger Ueberlegenheit nicht zn gedenken. Windthorst hat nach seinem Siege im Kulturkampf den Frieden weidlich ausgenützt; er hat den Pakt, den ihm Bismarck in letzter Stunde zn eigener Rettung anbieten wollte, mit dem Nachfolger ruhig wieder aufgenommen uud weiter gespouuen; aber die Schlüssel der parlamentarischen Festung — einer schwachen, aber immerhin noch einer Festung — würde der kluge Maun uiemals habeu ausliefern helfen. Von seineu — 333 — Nachfolgern allen, die doch nur Diadochen sein können, wird man dessen nie sicher sein. Das deutsche Parlament ist das einzige in der Welt, in welchem die Minister und ihre Vertreter mit dem Säbel an der Seite erscheinen und mit der Hand aus dem Degenknauf ihre Redcu halte«. Bei etwas lebhaften Regungen in der Debatte geschieht es auch, daß unwillkürlich diese Stützung der Hand aus dem Schwertgriff sich zn einer charakteristischen Geberde gestaltet. Auch diese Eigentümlichkeit unserer repräsentativen Zustände entbehrt nicht des tiesen Sinnes. Im Gegenteil, sie ist noch viel bedeutungsvoller als der 8tv.oc?o cki lu^tro, von dem man behauptet, daß er sich leicht loslöse uud bei Erschütterungen den Abgeordneten ans die Köpfe fallen könne. ES ist viel darüber geklügelt worden, warum Fürst Bismarck seiner Erscheinung in Staatsgeschäften die stereotype Gestalt des Reiteroffiziers gegeben habe. Er selbst hat gelegentlich in Privatgesprächen allerhand untergeordnete Zweckmäßigkeitsgründe dafür angeführt. Aber er wußte sehr wohl, warum er es iu Wirklichkeit that. Trotzdem der Zauber seiner straft gewiß nicht in der Uniform lag, hat diese ihm doch Dienste dabei geleistet, lind diese Äußerlichkeit hat, wie Alles, was von ihm ausging, anch ihre Wirksamkeit über das Ganze erstreckt. Ist eS nicht beispielsweise sogar seinem Vorbilde zuzuschreiben, daß das Bier salonfähig bis in die höchsten Zirkel geworden? Seitdem in den letzten Zeiten die Frage einer Nachfolge Bismarcks aufgeworfen ivnrde, ward immer nnr der Name eines Mannes mit Epauletten genannt, ehemals Feldmarschall v. Mantenffel, dann Waldersee. Vei dem engen Kreis, in welchem sich unter solchen Anforderungen die Wahl bewegte, erscheint die deS Generals v. Caprivi, welcher schon Marineminister gewesen war, weniger überraschend, als man auf den ersten Blick meinen konnte. Da ist bereits so etwas wie der Anfang eines geheiligten Brauchs in die Welt gesetzt, und in Zukunft wird man bei einer Vakanz zuerst fragen: welcher General soll Reichskanzler werden? Der Brauch hat sich jetzt schon insofern weiter ausgebildet, als Fürst Bismarck wenigstens nicht aus echtem militärischen Material war, dieweil sein Nachfolger sich doch selbst mit Recht als den „alten Soldaten" produziert uud einen gewissen Effekt damit erzielt. Fürst Bismarck prunkte in pathetischen Momenten mit dem Gehorsam, den er als treuer Vasall seinem Lehnsherrn schulde; aber der Gehorsam, den ein strammer Soldat seinem Kriegsherrn schuldet, ist noch ein ganz anderer. Auf Verfassungen dürfen in deutschen Staaten seit den stürmischen Tagen, da es im Kurfürstentum Hessen geschah, Offiziere nicht vereidigt werden. Womit ich nicht gesagt haben will, daß ein geschmeidiger bürgerlicher Minister nicht durch Fügsamkeit gegen die aristokratischen Klassen gefährlicher werden konnte als ein biederer General. Jedoch, so fürchterliche Möglichkeiten wie die eines Verfassungsbruches können, bei einigem Nachdenken, in Miseren glücklichen Zuständen nicht auftauchen. „So holde Schwäche bricht nicht Sturmes Wüten", sagt der Dichter. Was dem ästhetischen Gefühl unserer Künstler so schrecklich für die Form scheint, die Unechtheit des Materials, das bewahrt nns in der Sache vor den Katastrophen. Es ist auch noch ein Anderes, was der Unentbehrlichkeit einer Volksvertretung zu Hilfe kommt. Die moderneu Staaten brauchen so viel Geld, daß sie ohne eine Bewillignngs- maschine niemals ausreichen würden. Höchstens noch in Nnßland, und anch da wahrscheinlich nicht mehr lange kann man mit einem Schöpfapparat auskommen, der ausschließlich von oben arbeitet. Allerwärts sonst geht es nnr mit — 335 — Hilfe des Druckes von unten her. Und gerade die Soldaten wissen das am besten, denn sie brauchen es ja am meisten. Gewiß war es ein Glück, daß Fürst Bismarck entlassen wurde. Aber daß es ein Glück war, daS eben ist das Unglück. Denn ein Glück kann keinen inneren Schaden heilen, und ein Unglück wäre nie eines gewesen, wenn es mit einem raschen Glückszug überwunden werden könnte. Ein wahres Unglück besteht eben darin, daß es irreparabel oder doch nnr nach schweren Mühen nnd langen Zeiten zn überwinden ist. Wäre Fürst Bismarck ein so großer Staatsmann im höhereu Siuu geweseu, wie er Politiker und Diplomat war, so würde sich unter ihm in einem Nierteljahrhnndert unerhörter Erfolge und unerhörter Popularität eine politische Gesittung entwickelt haben, stark genug, um ihu wie uns selbst gegen die Gefahr eines Sturzes durch ein bloßes Machtwort von oben zn schützen, und jedenfalls stark genng, nm ihm iu deu Reiheu eines Parlaments eine Stellung zu sicher», so stark, so glänzend nnd so ehrenvoll wie auf dem klanzlersessel. Alle die Gründe, die manche seiner Verehrer jetzt anführen, »in zn erklären, warum sie nicht dafür seien, daß er eine nene Wahl annehme, sagen nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist die: daß in einem Parlament, dessen Stellung herabzudrncken und dessen Parteien zu zersetzen er selbst die Hälfte seiner Krast aufgezehrt hat, der richtige Platz für eine gestürzte Größe seiner Dimension schwer zu finden ist. Und eben daß sich dies so verhält, ist zwar seine Strafe, aber anch unser Unglück. Persönliche Macht, anch die bestinspirierte, ist eine unberechenbare Größe. Jede Wohlthat, die von ihr ausgeht, ist eine Medaille, die auf der Rückseite die Möglichkeit ihres Gegenteils trägt. In Fürst Bismarck hatte sich eine persönliche Macht konzentriert, deren Übermaß im Dienst eines falschen Systems dem Land zum Schaden ward. Aber dieser Thatbestand selbst war doch nur die Wirkung seiner anßerordent- lichen Persönlichkeit und mußte früher oder später mit ihr zu Ende gehen. Dagegen ist das Prinzip derjenigen persönlichen Macht, der wir seinen Sturz verdanken, eben weil es ein Prinzip ist, unsterblich. Momentan mnß der Tausch wie eiu Gewiuu erscheinen; im Prinzip zeigt er einen organischen Schaden, für deu allerdings Bismarck selbst am meisten verantwortlich ist. Er hat es selbst so gewollt, aber auch uicht gedacht, daß es gegen ihn sich wenden könne. Wir aber werden, wenn anch nnr an Ungewißheit unserer Zustände, noch unberechenbar daran zn tragen haben. Manches hat sich verändert in der kurzeu Frist eiues Jahres, uud vou Zeit zu Zeit wird mit ganz annehmbaren Belegen uns vorgerechnet, wie es doch in vielen Dinge» besser geworden sei. Aber den Charakter der Dauerhaftigkeit hat nichts von alledem und kann es nicht haben; es sind Geschenke des Augenblicks, die der nächste Augenblick wieder entziehe» kann. Zwar ist ja kein Endliches einer bestimmte» Dauer gewiß; aber es ist doch »och ei» uiächiiger Unterschied, ob die Geschicke eines großen Reichs nur dem allgemeinen Schicksal irdischer Wandelbarkeit unterliegen, oder ob sie in eiu psychologisches Geheimnis eingewebt sind, für das jeder Tag ei»e andere Losung bringen kann. Dieser ungesunde Znstand des gestimmten Staatslebens ist aber noch besonders belastet mit allen Übeln der Bismnrck'schen Erbschaft, mit allen Schäden, welche eine immer nnr auf den nächsten Moment gerichtete Parteipolitik allmählich groß gezogen hat. Der ,^»lt»rkampf zuerst uud der Rückzug aus demselben sodann habe» die Zentrumspartei zur Herrin der Parlameutarischeu Situation gemacht, eine Partei, die aus der sonderbarsten, aber gewiß — 337 — nicht heilsamen Mischung einseitig konfessioneller und aristokratisch agrarischer Faktoren zusammengesetzt ist. Hat sich etwa gezeigt, das; dieser Zustand mit dem Wechsel im >tanzlerregiment beseitigt ist? Im Gegenteil, er scheint sich noch mehr zu befestigen als vorher. Nachdem Bismarck der Partei des Zentrums durch den Krieg aufs Messer innere Kraft nnd Anhang in die Breite zugeführt, hat er in der Versöhnung mit ihr, vermöge seines Übergangs zu einem extremen Schutzzollsystem, aus ihr den eigentlichen Träger seiner gesamten inneren Politik gemacht. Wenn die Regierung seines Nachfolgers jetzt in erster Reihe immer mit dieser Abhängigkeit rechnet, so ist das zunächst auf Rechnung dieser Nachlassenschaft zu schreiben. Gerade so verhält es sich mit den Schmerzen, welche die Sozialdemokratie der nenen Ära bereitet. Erfunden hat Fürst Bismarck ebenso wenig den Ultramontanismus wie den Kvmmnnismns. Aber Alles, was persönliche Intervention thun konnte, hat seine Macht für ihre Kräftigung gethan. Es zeugt von merkwürdiger Kurzsichtigkeit, wenn die Anhänger, welche sich nach ihm zurücksehnen, mancherlei, was jetzt zu ihrem Mißvergnügen geschieht, der Krone oder dem nenen Kanzler zur Last legen, sei es auf dein Gebiet der Kirchenpolitik, sei es auf dem der sozialen Bewegung. Es sind doch Alles nnr die unausbleiblichen Folgen der Richtung, die der erste Kanzler Jahre lang un- nnsgesetzt den öffentlichen Angelegenheiten und dem öffentlichen Geist gegeben hat. Am meisten inneren Groll und inneres Unbehagen hat bekanntlich die neue Ära in den Reihen der Bismarck begeisterten Großindustrie erregt durch ein gewisses nachsichtiges, sagen wir, selbst ermunterndes Verhalten zu den Ansprüchen der Berg- und Fabrikarbeiter. Aber diesen Geist — er sei ein gnter oder schlimmer — wer hat ihn groß gezogen mit Schmeichelreden und mit Ludwig BnmbcrgcrS Gcs. Schriften. V. 22 — 338 — Verfolgungen? Wer hat die Losung vvn dem hilflos auf dem Mist verhungernden Greis, vvn dem Recht ans Arbeit ausgegeben? Wer hat die staatssozialistische Religion des praktischen Christentums aufgebracht, um einen Politischen Feldzng unter deu Schutz erhabener Gefühle zn stellen? Wer hat sich der Pietät gegen den alten Kaiser Wilhelm bedieut, um seiueu Namen unter ein staatssozialistisches Manifest zu setzen, wer hat unter Berufung auf dasselbe noch iu der letzten Stunde seiner Macht mit Hängen und Würge», gegen das innere Widerstreben der Zustimmenden selbst, jenes Alters- uud Juvalideugesetz durchgedrückt, aus welchem die Sozialdemokratie auf geradem Weg die Konsequenz ihrer vollen Berechtigung ableitet, und welches mit jedem Jahr mehr zn einem unerträglichen Nessusgewaude für daS bürgerliche Leben werden wird? — Und jetzt kommen die, welche diese Politik uud diese Gesetzgebungsmcthode als die größten Thaten des Jahrhnnderts verherrlicht haben, und beklagen sich, daß dieselben anfangen, ihre Wirkung zu äußeru, ihre Wirkung auf die Köpfe in den höchsten und in den uutersteu Regivueu. Uud sie sehnen sich nach dem Diktator zurück, der, wie sie meinen, es zwar verstand, die Köpfe mit großeu Worten zu berauscheu, aber unter dem beruhigenden Vorbehalt, ihnen die Schädel einzuschlagen, wenn sie dieselben zu ernst nehmen sollten. Scheinbar ist diese Methode zn Schanden geworden, weil ihr Meister gegangen ist, aber in Wirklichkeit war diese seine Methode am Ende ihres Lateins angekommen, als er ging. Die Verlängerung wie die Verschärfung des Sozialistengesetzes war in eine Sackgasse geraten, ans der es keinen Ausweg mehr gab. Es war ein Opportunismus von beispielloser Unverfrorenheit, welcher endlich am Ab- grundsraude der Absurdität augekommen war. Dasselbe Schaukelspiel hatte sich im Laufe der Jahre in zahllosen — 339 — anderen Experimenten wiederholt. Als letztes Andenken haben wir die Kolvninlpolitik behalten, das Urbild politischer Momeutphotvgraphie, die Ausgebnrt einer vorübergehenden ^lnwaudluug, entstanden unter dem Einfluß höchst zweideutiger Autoritäten uud oberflächlicher Liebhabereien, ohne eigenen nachhaltigen Glanben des Kanzlers selbst, bald gefördert, bald gehemmt, bald bekannt, bald verleugnet, bald ale> eigene Eingebung, bald als aufgedrängte Uuverineidlich- keit hingestellt. Auch im dunkleu Weltteil sitzt die gegenwärtige Regierung fest, nur weil die vorausgegangene sich hineinverirrt hat. Fürst Bismarck war ein großer Opportunist, leider ein viel zu großer. In den seltensten Ausnahmen hat die Güte einer Sache seine Handlungsweise bestimmt. Es gab nur eiu Objekt für ihn: Deutschlands Macht gegen Anßen nnd seine eigene Macht gegen jedes widerstrebende Element im Innern. Dieser realistischen Auffassung entsprechend, verfolgte er vor Allem zwei Ziele: viel Geld und gute Wahlen für die Regierung. Ein großer Handelsherr, einer, der ihn anfs andächtigste verehrte nnd bewunderte, ward vor Iahren einmal zu ihm beschiedeu, um ihn über eine Streitfrage aufzuklären, die zwischen ihm als Handelsminister und der Berliner ^anfmauuschaft spielte. Ich hatte kurz darauf Gelegenheit, den Mann zu sprechen, der noch vor Erstannen ganz starr war und sich von seiner Enttäuschung uicht erholen konnte. Mit thatsächlichein Material nnd sachlichen Argumenten bewaffnet war er zur Kou- fereuz gegangen, nnd nnn kam er ganz verdutzt zurück: „Vvu nichts als von Wahlen hat er mit mir gesprochen uud von Anderem nichts hören wollen." Alle Art von organischer Gesetzgebung war ihm iuuer- lich zuwider. Weuu man zur staatSmäunischen Größe den Sinn für dauernde Rechtsverfassnngen verlangen kann, so 22* — 340 — besteht er sicher die Probe nicht. Was an solchen unter seiner Herrschaft entstand, ward entweder seiner Indifferenz oder seinem Widerstand abgerungen nnd trägt die Spnren davon. Das erste Erfordernis einer jeden Einrichtung war für ihn, daß sie nach Belieben geändert und beseitigt werden könne. In den Tagen, als die Reichsprozeßordnuug beraten wurde, erzählte er eiustmals der Korona der Nach- tischsgesellschaft, er sei zufällig jüngst an die Thüre des Saales gekommen, in welchem die Kommission tagte; eine Weile habe er, da sehr laut diskutiert wurde, aufgehorcht, dann habe er sich eilig abgeweudet, von Grauen erfüllt, daß die Juristen in der Gesetzgebung sich über solche Dinge so heftig streiten könnten. Das Deutsche Reich ist sein Werk. Diesen Ruhm soll ihm Niemand abdingen, und die Nachwelt wird ihu befestigen. Aber vou allen Schwierigkeiten, mit denen unsere Zukuuft sich schon jetzt schwer belastet zeigt, kommen auch die meisteu auf seine Rechnung. Er hat die Bahnen bestimmt, iil denen sich die Institutionen, die Gesetze, nnd, was noch wichtiger ist, die Geister bewegen. Nicht minder die heutige Lage nach Anßen ist sein Werk — ob ein gelungenes oder nicht, auch das ist noch eine offene Frage, über welche das letzte Wort lange nicht so unwiderruflich gesprochen ist, wie vielfach als ausgemacht gilt. Endlich die Verderbnis der Sitten im öffentlichen Leben, an der er mit schauerlicher Macht gearbeitet hat, ist so tief einge- druugen, daß nach eiuer kurzen Zeitspanne scheinbarer Besserung die Gefahr sich gezeigt hat, daß auch diese alten Schäden ihn mehr und länger überdauern mögen, alsMancher in seiner Unschuld gehofft hatte. — 341 III, Als er die Nachricht vom Tode Walleiisteins erhielt, schrieb der kardinal Richelieu in sein Tagebuch: „Der gute oder der schlechte Ruf häugt ab von der letzten Periode des Lebens, das Gute und das Schlechte überträgt sich auf die Nachwelt, und die Bosheit der Menschen macht, daß'sie eher das eine als das andere glauben*)." Wer will sagen, ob es dem Fürsten Bismarck noch einmal gelingen wird, sich des Regimentes im Reich zu bemächtigen? Er selbst glaubt sich uicht am Eude seiner Laufbahu; und mag man auf Gruud der besonderen thatsächlichen Umstände sich für oder gegen die Möglichkeit seiner Rückkehr an die Spitze der Geschäfte entscheiden: unsre Tage haben so viel für unmöglich Angesehenes erlebt, daß schon aus diesem allgemeinen Vorbehalt heraus jedes unbedingte Nein gewagt erscheint. Nur soviel ist gewiß: wäre nicht geschehen, was vorher selbst für undenkbar galt, wäre nicht der gewaltige Mann bei ungeschwächter Gesundheit, gegen sein äußerstes Sträuben Plötzlich in die Stille des Privatlebens entrückt worden, die Mitwelt zunächst hätte sich ein ganz anderes Bild von seinem Charakter gemacht, als sie jetzt thut. Ich sage absichtlich die Mitwelt, und ich glaube, daß auch der große kardinal mit dem Worte „Nepntatiou" uicht sowohl das späte Urteil der Geschichte als den Eindruck gemeint hat, wie er sich bei dem Hinscheiden eines bedeutenden Menschen nach seinem letzten Bilde in den Angen der Zeitgenossen fixiert. Wie paßt das z. B. gerade auf die Stimmung beim Tode Windthorsts! — Auch da? schöne Wort, die Weltgeschichte 5) I^a, donns ou la, ma-uvaiLS i'sMtation uspsnä us lü, Zsi'nisi'v äs la, vis, Is dion st Is mivl M«8v !^ xostsi'its st I» m^Iios äs« Iioimiiss üut erviro plntüt, 1'uu aus 1'a.uti'ö. — 342 — sei das Weltgericht, trifft nur so weit zu, als die höchsten Gerichte sich irren können. Und dann, was ist die Weltgeschichte? Je mehr sie forscht, desto unsicherer wird ihr Urteil; Richelieu uud Wallenstein, die beiden Namen, die hier nebeneinander stehen, was braucht es mehr, um daran zu erinnern, wie von der Parteien Haß uud Guust verwirrt die Charakterbilder schwanken? Gerade je interessanter es wäre, sie zu erkenneu, desto weniger kommt das Urteil znm Abschluß. Man denke an Maria Stnart oder au Dou Carlos! Alle paar Jahre wird die letzte Entscheidung mittelst neuer Hebel auf den Kopf gestellt. Die Verehrer Bismarcks zu beruhige», ist nicht mein Beruf; aber ein unbefangenes Urteil zu gewiuueu, ist mein stilles Vergnügen. Nein, die vierzig Jahre großer politischer Thätigkeit und welthistorischen Eingreifens werden im Urteil kommender Geschlechter nicht zurücktreten hinter die Wirkuug des Aktes, der sich jetzt auf der schmalen Bühne des Privatlebens abspielt, auch wenn er der letzte ist, und der Vorhang dann für immer fällt. Nach einiger Zeit wird die Gesamtheit der Erscheinung wieder zu ihrer vollen Geltuug und zu ihrem höheren Recht kommen. Allerdings werden dann auch die Eindrücke des eben abgelaufenen Jahres bei Abwägung des Urteils ihr Gewicht mit in die Wagschale werfen, uud keiu leichtes; denn was diese Ein- drücke so bedeutsam macht, ist, daß sie viel stärker uud überraschender auf die begeisterten Anhänger des Kanzlers eingedrungen sind als auf diejenigen, welche ihn seit längerer Zeit kühl, kritisch oder gegnerisch betrachtet hatten. Das Interessante au der Gesamtheit dieser Erlebnisse des letzten Jahres ist, daß sie im Lager der Getreuen so viel Bestürzung und Verwirrung hervorgerufen haben, daß sie da als etwas unbeschreiblich Neues, Unerhörtes angestaunt worden sind. Daher jene, wenn anch mir im Stillen aus- gebrochene, doch leicht an vielen Zeichen zu erkennende Herbigkeit der Auffassung, von welcher der minder Unvorbereitete frei blieb. „Wenn ein Teufel in mir steckt, so ist es ein tentoni» scher", hat der Fürst einmal selbst gesagt. Der Teufel ist ein Kosmopolit, der sich in jeder beliebigen Nationalität zurechtfindet. Das Nationalkostüm, das er annimmt, ist ihm Nebensache, der Kern bleibt der Dämon, im gnteu wie im bösen Sinn. In dem, neuerer Zeit viel besprochenen, fünften Bande von Taine ist künstlerisch durchgeführt, daß der napoleonische Dämon wesentlich italienischen Geblütes war uud zwar aus dem Blute des Italien vor vier- bis fünfhundert Jahren. So mag eine gewisse Beruhigung für die Deutschen dariu liegeu, daß, wenn ein Teufel sie beherrschte, es wenigstens ein landsmännischer war; aber daß sein Stammbaum iu die Zeit des Faustrechts zurückführte, hätte er mit dem italienischen Tyrannen gemein. Gehört doch etwas Fanstrecht zu der Teufelei überhaupt. Das Kraftgeheimnis dieser Art politischer Genialität wurzelt in der unbefangenen Verachtung aller menschlichen und gesetzlichen Rücksichten, in dem unbegrenzten Gefühl der Berechtigung des eigenen Willens, gestützt auf die eigene Intelligenz. Alles, was der von unten hinauf schauenden Menschheit wie Ideal vorkommt, existiert für solches He- rvenbewnßtsein nur als Inhalt des eigenen Ich. Napoleon, der nach Egypten ging, um ein großes orientalisches Weltreich zu gründen, und als Kaiser schrieb, daß es auf das Opfer einer Million Menschen nicht ankommen dürfe, hinterließ der gläubigen Menge das zärtliche Wort von der ?i-Ärio6, 1S8 anx eisux s'olöVö II sst bsau wömö (I on tombsr. Ihm gilt sein eigner Ausspruch, daß, wenn der Jäger müde uud unlustig heimkehrt und Plötzlich eiu Eber iu Sicht gemeldet wird, ihm von Neuem die Lust uud die Kräfte wachsen zur „Sauhatz". Das ist der teutonische Teusel in ihm, und dieser teutonischen Eigentümlichkeit entspricht es auch, daß uebeu dem Jagdspieß das Tintenfaß steht, aus dem „ozeanische Ströme sich ergießen". Nicht umsonst hat's Luther dem Teufel an den Kopf geworfen. Der Lutherische Teufel war eben auch ein deutscher Teufel, und wenn der schwarz ist, so weiß er warum: die Tinte ist sein Lieblingselement. Uudwig BambcrgerS Ges. Schriften. V. ^! Marseillaise und Afrikalotterie.^ (Aus Nr..51 der „Nation" vom 1». September 18»1.) ^) Die beiden Begebenheiten, ans die obige Zusammenstellung hinweist, sind die Hnldignng, ivelche die französische Flotte dein russischen Reich mit ihrem Bcsnch in Kronstadt darbrachte, und die Lotterie, welche von der deutschen Kolonialgcsellschaft veranstaltet ward, um den Erlös zur Befreiung von Negersklaven zu verwenden. 23* I. ^icht selten koimnt Einer, der viel gesündigt hat, daran zn Falle, daß er einmal richtig und vorwurfsfrei handelt. Nichts hat den Jesuiten so sehr geschadet, als das Bekenntnis, daß der Zweck die Mittel heilige, und doch war gerade dies ein Akt der Offenheit und das Geständnis einer Regel, welche weit über die Grenzen ihres Ordens hinaus die Welt regiert. Selbst die neuesten Dichterschulen, die unter verschiedenen Namen nach „Wahrheit" jagen, beweisen mit ihrer Empörung gegen das Bestehende und Herrschende, wie wenig die Wahrheit in der Welt herrscht. Giebt es überhaupt unbedingte Wahrheiten im Bereich der menschlichen Verhältnisse, und kaun es deren geben, oder giebt es nur relative? Edmund Burke, der große englische Konservative, sagte einmal am Schluß eiuer Rede: „Ich will nicht eingehen auf die Frage, iu wie weit die Wahrheit den Vorzug verdieue vor dem Frieden (xsaos bedeutet hier soviel als das gemeine Wohl). Vielleicht mag Wahrheit etwas viel Besseres sein. Aber da wir kaum jemals über diese solche Gewißheit habeu wie über jenen, so möchte ich, solange die Wahrheit nicht ganz augenfällig ist, fest zum Frieden stehen." Das ist in der gelindesten und moralischsten Weise ausgedrückt die Annäherung an den Grundsatz, daß der Zweck das Mittel heiligt. Den Gegensatz drückt jener Redner der Revolution aus mit dem historisch gewordenen Ausruf: „^srisssut Iss Loloräks i)1ut.öt, ^Ä»^>'?/Ä — 399 — höchstens für vier Millionen Dollars Silber gekauft und zu Dollars geprägt werden müßte, die als volle Zahlung im Verkehr dienen sollten. Zwar machte damals der Präsident Hayes von seinem Recht Gebrauch, die dahingehenden Beschlüsse des Kongresses, Repräsentanten und Senat, mit seinem Veto zurückzuschicken; aber so groß war der Eiser beider Körperschaften, daß beide am gleichen Tage denselben Beschluß nochmals mit der Zweidrittelmehrheit annahmen, welche das Veto des Präsidenten der Republik entkräftete nnd den Beschluß zum Gesetz machte. (28. Februar 1878.) So wurde das erste Beispiel eines Gesetzes gegeben, welches vorschreibt, daß die Anfertigung von Geld aus einem bestimmte» Edelmetall nicht in dem Maß, als sich für solches Geld Bedarf zeigt, zu geschehen habe, sondern insoweit die Besitzer des Metalls Vorräte zu verkaufen wünschen, aber auf dem Weg des freien Verkehrs keine Abnehmer dafür finden können. Eine ganz ungeheuerliche Erfindung! Etwas Ähnliches thun nur Regierungen, welche Papiergeld ausgeben, um ihre Schulden damit zu bezahlen. Wie bekannt und wie in allen Ländern des Westens erprobt worden, nimmt der Verkehr grobe Silbermünzen seit lange nur noch in sehr beschränkten Quantitäten auf, weshalb die geprägten Silberdollars in den Gewölben der Staatsschatzkammer liegen bleiben und nur auf die Weise verwertbar werden, daß man Papier — Silber-Zertifikate genannt — dafür ausgiebt, dem die Dollars als Sicherheitsleistung dienen sollen. Man hatte gehofft, mittels dieser permanenten Einkäufe den Preis des Silbers wieder zu heben und zn halten. Aber auf die Dauer vergeblich! Ein Betrag von achtzehnhundert Millionen Mark ist seit jener Zeit ausgeprägt und diese Dollarstücke schlafen zum allergrößten Teil unbeweglich in den öffentlichen Gewölben, die — 400 — man eigens zu diesem Zwecke anlegen und mit Festungswerken schützen mußte. Nachdem darauf eine endlose Reihe von neuen gesetzgeberischen Prozeduren gescheitert, nachdem alle Anschläge auf das Einfangen der europäischen Staaten für amerikanische Interessen mißlungen waren, kamen die Silberleute zu der Erkenntnis, daß die fortgesetzten Einkäufe auf Grund der Blandbill ihnen nicht helfen würden, und daß es nur Eins für sie gäbe: die freie Silberprägung ohne Maß. Wenn jede zur Münze gebrachte Silberbarre von Staatswegen in Dollars umgeprägt werden, und jeder solcher Dollar bei Zahlungen zu einem vorgeschriebenen Wert, der etwa dreiunddreißig Prozent seinen dermaligen Marktwert übersteigt, angenommen werden müßte — nur dann könnte Alles wieder gut werden. Doch stand der mächtig angeschwollenen Agitation im Wege, daß die Mehrheit der beiden Häuser im Jahre 1890 der republikanischen Partei angehörte, welche im großen und ganzen für solche freie Prägung nicht zu haben war, während die sogenannte demokratische Partei in ihrer Mehrzahl dazu neigte. Aber wenn deshalb auch die Anträge auf freie Silberprügung uach langem Kampfe nicht obsiegten, so wurde den Urhebern derselben doch ein — wenigstens allem Anscheine nach — sehr großes Zugeständnis gemacht. Aus Gründen Politischer Taktik, weil jede Partei mit der über gewaltige Mittel verfügenden Silberagitation rechnen muß, und um der Gefahr eines schließlichen Triumphes der freien Prägung zu entgehen, ließ der Schatzsekretär Windom mit Hilfe des Senators Sherman im Sommer 1890 einen Antrag einbringen, wonach zwar keine Dollars mehr ausgeprägt zu werde» brauchen, dagegen aber jährlich für mehr als doppelt so viel Silber angekauft werden mnß. Dieser Antrag wurde nach endlosem Hin- und Herschieben zwischen Senat uud 401 Repräsentantenhaus, nach krampfhaften Gegenversuchen der rabiaten Freiprügungspartei, auf dem Wege einer gemeinsamen Delegiertenberatuug beider Häuser (Caucus) endlich zum Gesetz erhoben (14. Juli 1890) und trägt den Namen der Shermanbill, welche damit an die Stelle der Blandbill getreten ist. Von nun an sollten statt der 24 Millionen Dollars, die jährlich für Silberkänfe und Ausprägung zu verwenden waren, 54 Millionen Unzen Silber angekauft und entweder ausgeprägt oder in Barrenform aufgespeichert werden. Das bedeutete, verglichen zur Blandbill, je nach dem Stande des Silberpreises ein Quantum von mehr als doppelt so hohem Wert. Man beabsichtigte, damit gerade die jährliche Silberproduktion des Landes zu absorbieren. Allgemein hatte daher nicht nur iu Amerika, sondern in der ganzen Welt sich die Ansicht festgestellt, daß durch diese verdoppelte künstliche Nachfrage der Preis des Silbers enorm getrieben werden würde. Man sah ihn schon in Amerika auf seine frühere Normalhöhe von 129 Cents und entsprechend in London 59 Pence emporklettern. In der That berührte er in New Dork 120 und in London 56. Aber die Freude war eine knrze. Sehr bald trat ein Rückschlag ein und ein Sturz, wie man ihn noch nicht erlebt hatte, bis auf 85^2 iu Amerika und 39 in England, trotzdem der Schatz der Vereinigten Staaten im letzten Fiskaljahr 1890/91 über 48 Millionen Unzen Silber erworben hatte. Die Bergwerke nnd Schmelzanstalten hatten in Erwartung der Maßregel mit Anspannung aller Kräfte produziert. Die Silberleute innerhalb und außerhalb des Kongresses hatten in gleicher Erwartung enorme Spekula- tivnsküufe gemacht. Aber selbst die gewaltigen Beträge, welche das neue Gesetz absorbierte, waren nicht imstande die Massen zu verschlingen, welche angeboten wurden. So Ludwig BambergcrS Gcs, Schriften. V. 2g — 402 — war denn der Beweis geliefert, daß alle noch so ungeheuren Käufe und Ausprägungen von Staatswegen nicht helfen konnten. Und abermals sahen sich die Interessenten auf die einzige Zuflucht, das Stichwort der freien Prägung hingedrängt. Inzwischen hatten sich nun auf dem wirtschaftspolitischen Gebiete Umwandlungen von gewaltiger Bedeutung vollzogen; der Kampf um das Silber sollte zum Kampf um die Macht zwischen den beiden großen Parteien des Landes werden, insbesondere zum Kampf um die Präsidentschaft. Und dazu kam noch, daß diese tiefgreifende Evolution sich aus einer anderen wirtschaftlichen Wendung heraus entwickelte, die bereits das größte Aufsehen in der Welt erregt hatte. Nämlich der Sieg der extremen Schutzzollpartei, welche die Mac Kinley-Bill erkämpft hatte, schien dazu bestimmt, auch den Sieg der Silberpartei herbeizuführen; nicht etwa weil, wie bei uns in Deutschland, schutzzöll- nerische Agrarier und Bimetallisten zusammengingen, sondern eher umgekehrt, weil in Amerika Jndustrieschutzzöllner und Silberleute einander gegenüber stehen und befehden. Mit der Mac Kinley-Bill hatten die Republikaner im Kongreß gesiegt. Die tolle Übertreibung, in welche sich die schutzzöllnerische Mehrheit hineinfanatisiert hatte, rief unmittelbar nach Erlaß des Gesetzes eine ebenso gesunde als unwiderstehliche Reaktion im Lande hervor, und das Ergebnis stellte sich darin ein, daß die Neuwahlen zum Repräsentantenhaus die republikanisch schutzzöllnerische Mehrheit im Sturm hinwegfegten und an ihre Stelle eine erdrückende Majorität von Demokraten absandten. So weit war alles gut. Aber die demokratische Parter war. wie schon erwähnt, vorwiegend silberfreundlich, und darum kam nun neue Hoffnung in diese Reihen. In den Kongreß, welcher im Herbst 1891 zusammentrat, sollte da- — 403 — her wieder der Antrag auf freie Prägung eingebracht werden. Der Senat schien von vornherein gewonnen. Denn schon am Ende der vorhergehenden Legislatur hatte er einen dahingehenden Antrag genehmigt, der nur an der entgegengesetzten Richtung des Repräsentantenhauses gescheit tert war. Nochmals belebten sich jetzt also die Hoffnungen, und die Stimmungsberichte aus den Vereinigten Staaten vermeldeten, daß die Anhänger der ehrlick,en Goldwährung sich auf eine Niederlage gefaßt machten. Nur Eins war höchst auffallend. Trotzdem alle politischen Berechnungen den Sieg Blands sehr wahrscheinlich machten, wollte der Silberpreis sich von seinem tiefen Fall nicht wieder erholen. Der Instinkt der realen Jnteresfen zeigte bessere Witterung von den kommenden Dingen als alle noch so schlauen Kalkulationen der Maschinenpolitiker. Eigentümliche Verschiebungen brachte in diese doch schon hinreichend komplizierte Lage der bevorstehende Kamps um die im Sommer dieses Jahres vorzubereitende und im Herbst zu entscheidende Wahl eines Präsidenten der Republik. Nicht sowohl wegen der Entscheidung zwischen den Parteien als wegen derjenigen zwischen den Kandidaten innerhalb derselben Partei. Vor allem muß nämlich daran erinnert werden, daß die beiden großen 'politischen Parteien sich durchaus nicht mit diesen wirtschaftlichen decken. Es giebt auch bei den Demokraten ganz entschiedene Gegner des Silbers, wie es unter den Republikanern eine Anzahl Freunde desselben giebt. Und dazu steht zwischen beiden eine dritte, unabhängige, welche aus ehrlicher Überzeugung sich über die Parteischablone erhebt und den sonderbaren aus der Jndianersprache geholten Namen der Mugwnmp? trägt. Nachdem nun die Demokraten bei den letzten Wahlen für den Kongreß gesiegt hatten, schienen natürlich ihre Aus- Ski* — 404 — sichten für die Präsidentschaftswahl sehr gewonnen zu haben. Der jetzige Präsident Harrison, ein Republikaner und erklärter Gegner der freien Prägung, sollte voraussichtlich einem demokratischen Kandidaten weichen. Doch hier standen innerhalb der Partei abermals die Gegensätze auf. Der bei weitem beste Name für die demokratische Kandidatur wäre der vorletzte Präsident Grover Cleveland, ein Manu, der mit dem Rufe höchster Integrität und bedeutender Fähigkeit von seinem Posten abgetreten war. Und dieser Mann ist eben deshalb ein abgesagter Feind des Silber- fchwindels. Sein Rivale innerhalb der Partei, Hill, jetzt Senator, vormals Gouverneur des Staates New Jork, liebäugelt mit dem Silber. Ein demokratischer Sieg des freien Silbers im Kongreß würde nun die Aussichten Hills auf Nomination gehoben und die Clevelands herabgedrückt haben. Im Übrigen aber war der Name Clevelands für den Kampf um den Präsidentenstuhl eine viel bessere Fahne als der Hills. Diejenigen Republikaner nun, welche mehr Wert darauf legte», bei der Präsidentenwahl zu siegen, als bei Ablehnung des Silber-Antrags, klügelten aus, daß es vielleicht gar nicht so übel wäre, den Demokraten zu einem Silbersieg zu verhelfen, um ihrem Cleveland den Weg zu verlegen. Der gegenwärtige Präsident Harrison, republikanischer Kandidat für die nächste Wahl, würde sich durch ein Veto gegen die neue Blandbill populär macheu. Ein Sieg über die Demokratie schien ihnen unter Hills Kandidatur dann um so leichter zu erringeu. Daher machte eine Anzahl Republikaner Miene, den Demokraten in der Silbersache unter die Arme zu greifen. Andererseits gab es dafür Demokrateu, welchen die Bekämpfung des Silberschwiudels mehr am Herzen lag als alles andere. Ohne Rücksicht auf die Prä- sidentschaftskampague kam es ihnen vor allem darauf au, in ihren eigenen Reihen so viel Stimmen als möglich vom Silbcrprogramm abspenstig zu machen. Dabei hatten sie noch die Hoffnung, daß, wenn sie damit siegten, auch die Kandidatur Clevelauds und die Beseitigung Hills gesichert war. Gerade die stärksten und fähigsten Elemente der demokratischen Partei sind für ehrliches Geld; vor allen Dingen der wichtige Staat New Dort, in dem sich die reellen Finanzinteressen vereinigt finden; ferner die gebildeten und tüchtigen Neu-Englandstaaten, voran Massa- chnsets mit seinem unermüdlichen Vorkämpfer Eduard Atkin- son aus Boston. Die Kerntruppen der Silberleute steheu natürlich in den Staaten, wo die Bergwerke liegen*), ferner im kar ^Vsst,, wo die Farmer, die amerikanischen Agrarier, sitzen und in einem Teil der südlichen Demvkratenstaaten. Was auf dieser Seite uicht vou Silberinteressen unmittelbar oder mittelbar beherrscht wird, gehorcht agrarisch-demagogischen Strömungen, welche meinen, der Staat könne seine Bürger damit reich machen, daß er künstlich den nominellen Geldwert steigere und ein wohlfeil hergestelltes Geld unter die, welche zu wenig besitzen, verteile. Das ist der Grundgedanke der Farmer-Allianz und der Partei, welche sot"t, moirs^, wohlfeiles (wörtlich weiches) Geld verlangt uud welche in Hoffnung auf ein solches Gesetz auch den Demokraten geholfen hatte, die Republikaner bei den letzten Wahlen zu schlageu. Wie sehr gerade die Silberproduzcntcn Amerikas an der Sache interessiert sind, nnd in welchem Maße die Silberproduktion seit dem Jahre 1873 zugenommen hat, erhellt aus den neuesten Zahlen, die soeben der Münzdirektor der Ver. Staaten dem Kongreß vorgelegt hat. Er veranschlagt die gesamte Silberproduktion der Welt auf 140,865,000 Unzen fein, von welchen: allein in der Republik 58,330,000 produziert wurden. Im letzten Jahre war die Produktion daselbst um acht Millionen Unzen ge wachsen, und den 58 Millionen dieses letzten Jahres standen im Jahre 1873 (Jahr der deutschen Münzrcform) nur 2?Vz Million gegenüber. Die Gesamtproduktion der'Welt hat sich seit jenem Jahr 1873 mehr als verdoppelt, ist von 03,207,000 auf 140,805,000 Unzen gestiegen! — 406 — Einen interessanten Einblick in die treibenden Ideen dieser Art von Silberfreunden giebt die Denkschrift der sogenannten Arbeiterbundesgenossenschaft, I^dour eoniscks- ration, welche am 21. Januar 1891 unter den Auspizien des Abgeordneten Bland dem Währungsausschuß des Kongresses überreicht wurde. Dieser Bund umfaßt, wie der die Petition derselben für freie Prägung überreichende Delegierte Dunning erklärte, die Allianz der Farmer, die Ritter der Arbeit (ILniAQts o5 I^bour), die nationale Bürgerallianz, die der farbigen Bürger, im Ganzen angeblich vier Millionen Stimmberechtigte. Sie verlangen in ihrer Petition Abschaffung aller Nationalbanken mit Notenausgabe; an Stelle der Noten soll Staatspapiergeld treten „in zureichendem Umfang, um die Geschäfte des Landes ohne Bevorzugung oder Benachteiligung für irgend einen Stand oder Beruf zu versorgen und von diesem Geld soll dem Volke, wenn von ihm verlangt, geliehen werden (^vlisn 6srllg,n6s6 lz^ tlis r^so^ls s1ig,11 l?s loansck t>o ttism) zu nicht mehr als zwei Prozent jährlich auf Unterpfand von nicht dem Verderben ausgesetzten Gegenständen und auf unbewegliche Güter."*) Zu dieser Verteilung von Staatspapiergeld soll nach demselben Programm noch die freie Ausprägung von Silber hinzutreten. Es ist überflüssig, auszuführen, welche Einwürfe den Geldverteilungsprojekten entgegengehalten werden. Erhebt sich doch schon gegen die bisher geübte Praxis der sich anhäufenden Staatskäufe der Einwand, daß das Gold immer mehr aus dem Lande gedrängt werden, und schließlich der Moment kommen muß, wo dem Staatsschatz auch Es ist sehr bezeichnend, daß diese agrarischen Bimetallistcn anch ganz kürzlich zwei Anträge gegen den Terminhandel im Kongreß eingebracht haben, weil sie meinen, daß er ihnen die Kornpreise verderbe, partout, eomras oliW nous! das Material fehlen wird, um seine in Gold kontrahierten Verpflichtungen zu bestreiken.*) Diese Verpflichtung haben die Vereinigten Staaten namentlich in der sogenannten Re- siimptionbill im Jahr 1875 übernommen, in der sie nach amtlichen, seitdem mehrmals wiederholten Erklärungen ausdrücklich zusagten, die Zahlungen, die sie an Zinsen und Capital aus ihren Anleihen übernommen haben, in Gold zu leisten. Es ist niemals ein Zweifel daran zugelassen worden, daß das Versprechen „in ooin" in Bar zu zahlen, als Gold verstanden wurde. Jetzt kommen die Silberagitatoren mit der Behauptung vor, man könne das auch auf Silber deuten. Der Effekt dieser Auslegung hat in den Bewegungen des letzten Jahres bereits eine drastische Rolle gespielt. Nämlich den Warnungen, daß die Gefahr der Silberiuvasion das Gold ganz aus dem Lande treiben werde, meinten die Silberlente mit der Behauptung widersprechen zu können, daß vorerst nicht daran zu denken sei, weil die schlechten Getreideernten Europas die Ausfuhr unermeßlich steigern und Europa zum Schuldner Amerikas machen würden. Aber schon jetzt, noch ehe die Sünde eines falschen Systems zur That werden konnte, rächte sich dieselbe und zeigte auf den begangenen Irrtum hin. Die bloße Furcht vor dem Silberschwindel und vor der Möglichkeit einer Ableugnung der Goldschuld (Repudiation) übte einen stärkeren Druck auf die wechselseitigen Beziehungen beider Weltteile aus als die bereits eingetretene Kalamität der Mißjahre. Trotz der starken Ausfuhr von Getreide, Nach der Berechnung des Londoner Economist vom 9. April d. I. hat sich der Goldvorrat des Staatsschatzes, welcher zur Bestreitung der auf Gold lautenden Verpflichtungen bestimmt ist, seit 18S0 um die Hälfte verringert, ist von 56 °/g auf 28°/g des zur Deckung der betreffenden Schulden nötigen Betrages zurückgegangen, und dies Mißverhältnis wächst immer weiter. , ^ EÄM^ — 408 — trotz der gewaltsamen Einschränkung der Wareneinsuhr infolge der Mac Kinley-Bill, kam es nicht zur Goldeinfuhr nach Amerika, sondern zu einer Goldansfnhr nach Europa in beträchtlicher Höhe. Und das rührte daher, daß in Europa ein Mißtranen in die Ehrlichkeit der Vereinigten Staaten aufstieg, welches die Besitzer amerikanischer Papiere und namentlich der Staatsschuldeuverschreibuugen bewog, sich ihres Besitzes zu entledigen und sie in Goldwährung einzukassieren, solange noch in Gold gezahlt werde. Darum konnte es auch geschehen, daß der Silberpreis immer mehr herunter ging, selbst in den Tagen, als alle Anzeichen darauf hindeuteten, daß die Partei der freien Prägung im Kongreß siegen werde. Niemals, seitdem die Geschichte von diesen Dingen überhaupt etwas weiß, hat Silber, am Gold gemessen, auch nur annähernd so niedrigen Wert gehabt als gerade in den Tagen des März, in welchen die verhängnisvolle Stunde des Triumphes der Silberpartei zu schlage» schien. Bland, der Herr der Situation, hatte ausgerechnet, daß er über eine Mehrheit von vierzig Stimmen gebiete, seine Gegner hielten sich für mit wenigstens zwanzig Stimmen geschlagen. So kam der große Tag heran, der 22. März. Wie er äußerlich auf dem Kapitol sich ankündigte, ist bereits in den ersten Worten dieser Darstellung geschildert worden. Mit dem Verlauf der Debatten nnd Abstimmungen selbst könnte man Bogen füllen. Um all das dramatisch und politisch zu würdigen, müßte der Leser in alle Finessen und Winkelzüge der eigentümlichen parlamentarischen Geschäftsordnung des Landes eingeweiht sein. Die Gewalt der Mehrheit über die Miuderheit ist eine beinahe diktatorische; aber dasür ist die Minderheit wieder mit allerhand Rüstzeug versehen, das ihr gestattet, ihr Leben bis zum äußersten zu verteidigen. Sie führt mit Handwaffen und Seiten- — 409 — sprüngeu einen wahren Buschkrieg gegen die Kanonen der Mehrheit. Was in europäischen Parlamenten an Taktik aufzubieten ist, bleibt Kinderspiel gegen die gelehrten Kombinationen zu Washington. Man denke sich auf der eiueu Seite einen Präsidenten, den Sprecher, der nicht nur, wie bei uns, von der Mehrheit, sondern eingestandenermaßen für die Mehrheit gewählt ist, deren Interessen er ganz unverfroren wahrnimmt. Und dieser Präsident ernennt die bei uns von den Parteien erwählten Mitglieder der Ausschüsse aus eigener Machtvollkommenheit; er selbst auch, nicht der Ausschuß, ernennt wieder den Vorsitzenden des letzteren und verfügt mit diktatorischer Gewalt über den Gang der Verhandlungen, soweit nicht die Gegner aus dem Arsenal der Geschäftsordnung Werkzeuge herbeibringen können, die diese Diktatur wieder lahm legen. Was wir Obstruktion nennen, was aber hier gerechte Notwehr ist, nennen die Amerikaner „flibustieren", tUidust.kr. Vor diesem Flibnstern, und vor diesem allein, hatten die Silberleute Angst. Der Präsident des Hauses, Crisp, ein Silbermann, hatte den Abgeordneten Bland selbst zum Vorsitzenden des Ausschusses, der zugleich als Referent figuriert, ernannt. Gleich zum Beginn der Verhandlungen erklärte dann auch Herr Bland, er werde dem Hause nicht mehr als drei Tage Zeit geben — es war an einem Dienstag; am Donnerstag Mittag um zwei Uhr werde er die Debatte zum Schluß bringen; ferner wurde, nachdem er selbst anderthalb Stunden gesprochen, verfügt, daß wegen der massenhaften Anmeldungen von Rednern der Gegenpartei diesen nur, je nach dem einzelnen Fall, fünf, zehn oder höchstens fünfzehn Minuten Zeit für ihre Vorträge eingeräumt werden sollten. Dagegen blieb Jedem unbenommen, eine beliebig lange Rede im Protokoll drucken zu lassen. 410 — Später wurde versucht, den Schluß bis zum Sonnabend hinaus zu schieben, und Bland zeigte sich geneigt, bis zum Freitag mit sich akkordieren zu lassen, aber ein anderer wütiger Silbermann legte sich dazwischen. Das Haus war so voll wie noch nie. Am folgenden Tag brachte ein Silbergegner einen Antrag auf Tagesordnung ein, der ganz überraschender Weise 148 Stimmen gegen 147 bekam. Nun sprang der Sprecher Crisp ein und gab mit seiner Stimme den Ausschlag nach der andern Seite, sodaß der Antrag mit Stimmengleichheit abgelehnt war. Darauf erhob sich der Protest, es sei salsch gezählt worden, und nachdem dies plausibel gemacht worden, erfolgte eine neue Abstimmung. Aber hier unterlagen die Silbergegner mit ein paar Stimmen. Die Debatte ging weiter. Einige Redner, die bis dahin unbekannt waren, machten großen Eindruck. Alte Parlamentarier sind dort eine Seltenheit, die Perioden dauern nur zwei Jahre, und Alles wechselt im rascheil Fluß der Ereignisse. Der derbste Silberfeind war ein solcher Neuling, Harter von Ohio. Eine Episode seiner Rede beschreibt eine Zeitung, wie folgt: Als Herr Harter schilderte, wie die Silberbarone das Volk an der Kehle packen, um es zur Prügung ihres Silbers zu zwingen, ergriff er den Stuhl, auf welchen Herr Mac Karg vor ihm saß, und rüttelte dermaßen daran, daß der Vormann entsetzt in die Höhe fuhr. Dabei ließ er sich unter anderem zu folgenden Ausbrüchen fortreißen: „Jetzt verlangen diese Silberbarone, daß die Regierung eingreife nnd ihr Silber, welches sie nicht einmal zu W Cents die Unze verkaufen können, ihnen zu 120 abnehme und damit das Gewerbsleben des Landes vernichte nnd des Volkes Wohl und Glück zerstöre. Dies ein schweinisches Verfahren nennen, w clssorids ttiis tioMistuiWs, hieße das nützliche Tier verleumden; so etwas hat mehr 411 — Ähnlichkeit mit des Teufels Gier, als mit dem Instinkt irgend eines uns bekannten Tieres." Am Schluß seiner Rede beschlich ihn selbst die Empfindung, daß er etwas heftig gewesen sein möge, und er sagte: „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich ein Wort gesprochen haben sollte, welches die Gefühle irgend eines Mitgliedes unseres Hauses verletzt haben möchte." (!) Dieser Redner gehört sogar bezeichnenderweise zu der demokratischen Partei, die in ihrer großen Mehrheit für silberfreundlich gilt. Und trotz der Maßlosigkeit einzelner Äußerungen und der auf fünfzehn Minuten beschränkten Dauer brachte er eine Fülle wirksamer Thatsachen und Zahlen vor. Am meisten aber schlug ein, daß der Redner ein Amendement für den Fall, daß der Silberantrag durchginge, folgenden Inhalts ankündigte: Wenn auch schrankenlos geprägtes Silber als volles Geld Zahlungskraft erlangen sollte, so dürften ausnahmsweise fernerhin nur in Gold bezahlt werden Sparkassenforderungen, Pensionen und Arbeitslöhne. Diese schlau berechnete Klausel verbreitete Schrecken in den Reihen der Silberleute. Sie kehrte scharf die Schattenseite ihrer Machination heraus und legte ihre demagogischen Wirkungen lahm. Nach Harter folgten noch eine Reihe gewaltiger Redner derselben Richtung, und es verbreitete sich das Gefühl, die grimmige Energie, mit welcher die Silbergegner kämpften, enthielte eine ernste Warnung, daß Blands Sache verloren sei, wenn es der Opposition gelänge, die Verhandlungen noch hinauszuziehen. Von Stunde zu Stunde häuften sich die telegraphischen Meldungen, daß ein Umschlag sich selbst bei den demokratischen Wählerschaften des Südens rege, welche anfangs ihren Abgeordneten vorgeschrieben hatten, für Silber zu stimmen. Dem parlamentarischen Brauch des Kongresses gemäß finden während der Debatten nnd ihrer geschäftsordnungsmäßigen Züge und Gegenzüge beständig — 412 — neue Besprechungen sowohl zwischen Abgeordneten als zwischen diesen und NichtMitgliedern statt. Diesmal hörte das Anstürmen gar nicht auf. Eine Delegation der silberfeindlichen Demokraten, welche von New Jork am Mittwoch herübergefahreu und ihren Parteigenosfen scharf zu Leibe gegangen war, reiste am selbigen Abend nach Hause mit der Beruhigung, daß die Silberleute geschlagen würden. Um deu Gang der Verhandlungen zu beschleunigen, beraumte der Sprecher noch Abendsitzungen an. Auf die angekündigte Stunde von Donnerstag zwei Uhr gelang eS doch nicht, zu einer Schlußabstimmung zu kommen. Man vertagte sich auf den Abend. Am Donnerstag gegen Mitternacht war der Sprecher zur Überzeugung gekommen, daß es höchst gewagt sei, eine Abstimmung vorzunehmen. Die Lage war unter dem Druck der wachsenden Stimmung gegen die neue Blandbill im Hause wie im Lande so gefährlich geworden, daß die Entscheidung nicht riskiert werden konnte. Um halb ein Uhr nachts erklärte Crisp, das Haus sei nicht beschlußsähig, und vertagte die Verhandlung aufs unbestimmte, d. h. so, daß sie nach dem vorschriftsmäßigen Gang der Geschäfte in der gegenwärtigen Session nicht wieder aufgenommen werden kann. Damit war die Niederlage des Silbers besiegelt. Ein ungeheurer Aufschrei der Erlösung durchlief das ganze Land; denn wo immer Sinn und Interesse für geordnete wirtschaftliche Zustände waltet, war mehr und mehr die Überzeugung durchgedrungen, daß man vor einem Abgrund stand. Wenn die Wirkung dieses Ausgauges nicht entfernt so drastisch in Europa zur Geltung kam, so rührte das daher, daß man hier weder die drohende Gefahr, noch die Wucht der Entscheidung so genau zu begreifen imstande war. Denn wäre das halsbrechende Experiment Thatsache geworden, so würde die Wirkung unfehlbar auch die euro- — 413 — päischen Verhältnisse tief in diese Wirbel mit hereingezogen haben. Selbst in den Bereinigten Staaten brach sich die Erkenntnis von der großen Bedeutung des parlamentarischen Vorgangs erst nach Tagen Bahn. Eben weil es nicht zu einer förmlichen Abstimmung gekommen war. sondern die Sache in einer Versenkung der Geschäftsordnung verschwand, bednrfte es der kundigen Auslegung. Aber sowie es völlig tagte, war der Effekt ein ungeheurer. Einige nachträgliche Versuche, den Antrag durch besondere Kraftmittel im Repräsentantenhause oder im Senate wieder zu beleben, mißlangen, und nun wurde es klar: der Prozeß der Silberleute und Jnflationisten (der Wert- und Geldaufbläser) ist verloren für lange, wahrscheinlich für immer. Denn so groß war die Gefahr ihres Sieges nie gewesen, so gut hatten ihre Chancen nie gestanden. Waren sie jetzt abgeschlagen, so lag darin der Beweis, daß sie nicht mehr zu fürchten waren, daß der Verstand und das, Rechtsgefühl des Landes in der letzten Stunde zum Bewußtsein erwacht und damit unüberwindlich geworden waren. Vermutlich wird mit diesem Ende auch der Anfang der Bewegung gegen die jetzt noch in Kraft befindliche Sherman- bill, welche den Kauf der 54 Millionen Unzen jährlich vorschreibt, eingeleitet sein. Auch sie kaun auf die Länge nicht bestehen. Endlich, dem Humbug einer internationalen Konferenz zur Verständigung mit den anderen großen Staaten behufs einer künstlichen Festsetzung des Wertverhältnisses ist damit die Maske der Ernsthaftigkeit abgerissen. Die Silbergegner hatten sich dieses Vorschlages als einer unschädlichen Diversion bedient, um schwache» Gemütern einen Trost und verschämten einen Rückzug zu bieten. Jetzt, wo die Hauptgefahr vorüber ist, fühlt man dunkel, daß es Thorheit wäre, an das Gelingen eines solchen Versuchs zu glaubeu. — 414 Zu wiederholten Malen hatte man von Amerika aus das Terrain in Europa auf solch eine Zumutung hin versucht, aber vergebens. Noch im vorigen Jahre erklärte Präsident Harrison in dürren Worten offiziell, daß seine Anfragen nirgends Gegenliebe gefunden hätten. Und jetzt sollte ein europäischer Staat, sollte gar England oder Deutschland für ein solches Experiment zu haben sein! Nach diesen Vorgängen zu Washington ist es doch so fulminant deutlich geworden, daß die treibende Kraft der Silberbewegung nur noch in gewissen amerikanischen Sonderinteressen wohnt, und den Staatsmann möchte man sehen, der nach einiger Bekanntschaft mit diesen letzten Verhandlungen noch Lust hätte, die Geldverfassung seines Landes mittelst eines Vertrags an alle Kunstgriffe der Silbermänner zu schmieden. Nein, jetzt heißt es ein für allemal: „Taschenspieler, Du wirst keinen Geist mehr rufen!" Eine Folge dieser Entscheidung ist auch, daß die Aussichten Clevelands für die Präsidentschaft ganz gewaltig gestiegen sind. Der aber ist ein abgesagter Feind aller unehrlichen Wirtschaftspolitik. So hat sich im Laufe von anderthalb Jahren zweimal dieselbe Erscheinung wiederholt, daß Vernunft und Gewissenhaftigkeit nach heißem Kampfe auf dem Gebiet der großen Republik wieder zu Ehren gekommen sind. Der Sieg der Schutzzöllner rief die Gegenwirkung der Wahlen herbei, die sie im Sturm hinwegfegte. Und jetzt sind die Silbermänner, welche gerade auf diesen Wahlsieg ihre Hoffnung gesetzt hatten, auch zu Schanden geworden. Es liegt etwas sehr Tröstliches darin, daß trotz aller Verwilderung und Willkür, welche ein volles Maß von Freiheit und Kraft in der Gesetzgebung dieses modernsten Gemeinwesens entfesselt hat, schließlich die gesunde Einsicht immer wieder die Oberhand bekommt. In ähnlichen Zuständen sagte ein- — 415 mal der französische Gesandte in Washington schon im Jahre 1804: „Wie für die Betrunkenen (11 s, visu xoru- Iss ivrvAnss) giebt es auch einen rettenden Gott für die Amerikaner." Es ist ein merkwürdiges Stück Menschheits- und Kulturgeschichte, das sich hier unter den Augen der heutigen Generation vollzieht und dem in seinen tiefgreifenden Wirkungen ferner zu folgen für den Eingeweihten ganz außerordentlich anziehend ist. Und darum darf man auch nicht darauf verzichten, dem größeren Kreise der mit der Sache weniger Vertrauten von Zeit zu Zeit wenigstens das Greifbarste und Begreifbarste daraus zu bieten. Etwas darin ist jedenfalls selbst dem einfachsten Verstand zugänglich, nämlich die Unterscheidung zwischen Systemen, die auf wahrem und denen, die auf unwahrem Werte beruhen. Der wahre Wert bedarf keiner Gesetzes- und Vertragsfabrik zu seiner Kraft. Aber allerdings nichts ist unwahrer als die Behauptung, daß die Erkenntnis des richtigen Auswegs aus allen Verwirrungen der thatsächlichen Verhältnisse und aus allen Verschlingungen der Streitfragen, welche Dauer und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen angehäuft haben, so einfacher Natur wäre, daß man jeder Massenversammlung mit einigen Schlagwörtern das volle Verständnis dafür beibringen könnte. Mit dieser Art Demagogie charakterisiert sich die bimetallistische Agitation diesseits und jenseits des Meeres. Wer sich ein Bild von der Fülle und Vielseitigkeit des belehrenden Materials machen will, das hier der Wißbegierde sich darbietet, und das, wenigstens in seinen neueren und bedeutenderen Arbeiten, kennen muß, wer ein sachgemäßes Urteil fällen will, der werfe einen Blick auf das neueste große Übersichtswerk, mit welchem der unermüdliche Nestor und Meister des Faches, Profesfor Adolf Soetbeer, vor — 416 — etlichen Wochen uns aufs neue beschenkt hat. Sein Litteraturnachweis über Geld- und Münzwesen, insbesondere über den Währungsstreit 1871 —1891*) kommt, nach der Intention des Verfassers selbst, wie ein Abschluß zu der Reihe seiner früheren unentbehrlichen Sammelwerke auf diesem schwer übersehbaren Gebiete, uud wie wohl zu hoffen und zu wünschen ist, daß der bejahrte Gelehrte trotz aller entgegengesetzten Ankündigung immer wieder Lust und Kraft zu neuen Anläufen finden wird, trifft es sich doch besonders glücklich, daß er mit diesem Schlußwerk auch in einem Moment auftritt, wo thatsächlich eine so große Wendung in der Geschichte der Edelmetalle und damit eine neue Epoche in der Wirtschaftsentwickelung des Occideuts zum Durchbruch kommt. Anfang Mai 1892. *) Ein stattlicher Band, der alle wichtigen Schriften, Vorgänge und Zahlen seit der Entdeckung Amerikas bis 18S2 zusammenstellt. (Berlin bei Puttkamer und Mühlbrecht). Die Krisis in Deutschland und der deutsche Kaisers ») Übersetzt aus der Nsv Reviev, April 1892. Ludwig Bambergers Ges. Schriften. V. 27 -ü^eine Erfahrung hat mich zu der Überzeugung geführt, daß selbst in den bestunterrichteten Kreisen anderer Nationen deutsche politische Zustände nur sehr dürftig bekannt sind. Daraus erklärt sich, daß einzelne Vorgänge, welche dnrch ihre Natur ganz besonders die Beachtung des Auslands auf sich ziehen, in demselben von einem falschen Gesichtspunkt aus beurteilt werden, weil man dies ohne Kenntnis aller sie bedingenden Umstände und Persönlichkeiten thut. Ich glaube sogar, daß in dieser mangelhaften Erkenntnis die Engländer sich noch vor den Franzosen auszeichnen, welche der letzte Krieg und seine Folgen mehr auf die Beachtung deutscher Politik hingewiesen haben. Was den englischen Geist hauptsächlich davon abhält, deutsche Angelegenheiten mit einigem Interesse zu verfolgen, ist der Zustand der Unmündigkeit, in welchem nach englischer Auffassung das deutsche Volk sich seinen Regierungen gegenüber befindet; sie sehen mit einem gewissen verächtlichen Mitleid herab auf die etwas kindliche Haltung deutscher Volksvertretungen ihrem patriarchalischen Regiment gegenüber und legen auf die Thätigkeit dieser Körperschaften wenig Gewicht. Darum sind sie nm so mehr geneigt, einzelne hervorragende Erscheinungen, die plötzlich inmitten dieser nebelhaften Atmosphäre auftauchen, mit Erstaunen und mit der Sympathie, welche die Entfaltung jeder überlegenen Kraft einflößt, ins Auge zu fassen. So verhält es sich z. B. mit ihrem Interesse an Allem, was — 420 — sich an die herrschende Gestalt des Fürsten Bismarck anlehnt. Seitdem er von der Bühne abgetreten ist, blieb für ihre Aufmerksamkeit die hervorstechendste Erscheinung der junge Kaiser und die Partei der Sozialdemokraten. Vor einigen Wochen gaben diese beiden Elemente der deutschen Politik den Anstoß zu einigen sensationellen Nachrichten und daher zu der Frage über die Größe ihrer Bedeutung. Wie nach den oben geschilderten Verhältnissen zu erwarten war, machte sich im Ausland die öffentliche Meinung ein falsches Bild von ihnen. Die Aufläufe in den Straßen von Berlin wurden fälschlicherweise für Ausbrüche sozialdemokratischer Verschwörungen gehalten, und eben deshalb war man bereit, zwischen diesen Vorgängen und der letzten Rede des Kaisers einen Zusammenhang zu finden; und aus dieser ganzen Gedankenverbindung blieb in England der Eindruck zurück, daß Deutschland am Vorabend einer sozialistischen Erhebung stehe, und daß der Kaiser damit umgehe, sie durch einen monarchischen Staatsstreich zu unterdrücken. Wer die so gefärbten sensationellen Berichte liest, verfällt leicht in solche falsche Auffassungeu und läßt sich dazu verleiten, an einen kritischen Zustaud der Dinge zu glauben, der thatsächlich durchaus nicht vorhanden ist. Vor Allem möge man sich klar machen, daß nicht nur die eigentliche Partei der Sozialdemokraten mit jenen Straßenaufläufen nichts zu thun hatte, sondern daß dieselben ihr sehr ungelegen kamen; ferner — und dies ist ein wichtiger Punkt — hat diese Partei in den letzten Jahren und namentlich seit der Beseitigung der sogenannten Ausnahmegesetze sich mehr und mehr von revolutionären Bestrebungen abgewendet, und die zunehmende Zahl ihrer parlamentarischen Abgeordneten hat dazu wesentlich beigetragen. Sie hat dadurch an Beachtung und Einfluß großen Gewinn gemacht, und ihre politischen Führer thun sich da- — 421 — rauf viel zu viel zu gute, als daß sie diese Ergebnisse durch revolutionäres Verfahren aufs Spiel setzten. Die 35 Mitglieder der sozialdemokratischen Partei oder „Fraktion", um den technischen Ausdruck zu gebrauchen, spielen jetzt im Reichstag eine ganz andere Rolle, als sie jemals seit der Begründung des Norddeutschen Bundes im Jahre 1867 gethan haben. Der ganz äußerliche Umstand, daß seit den Wahlen von 1890 ihre Sitze im Saale des Reichstags, die früher weit hinten zurück auf dem Berge sich befanden, jetzt verlegt worden sind, und daß eine große Zahl von ihnen ganz nach vorn, gerade gegenüber der Ministerbank des Hauses sitzen, ist sehr bemerkenswert als der augenscheinliche Beweis eines wachsenden Nimbus ihrer Partei: fünfundzwanzig Jahre lang wurden sie, insbesondere von feiten der Konservativen, als eine Art von Auswurf behandelt, vor deren Berührung man sich auf alle Weise hüten müsse. Aber endlich sind sie zu einem Verhältnis vollständiger Gleichheit mit ihnen aufgerückt; sie bilden eine Fraktion, welche in allen Ausschüsfen des Hauses ihre Vertreter hat, und verfügen über eine Zahl von Unterschriften, welche sie in den Stand setzt, in ihrem eigenen Namen Anträge einzubringen, und, was noch wichtiger ist als diese bloßen formalen Möglichkeiten: sie werden von den Ministern, von den Vertretern des Bundesrats und auch von ihren konservativen Kollegen auf gleichem Fuße wie die anderen Parteien behandelt, und da in ihrer Mitte Talent, Fleiß und Eifer reichlich vertreten sind, so flößen sie in der That auch Achtung ein. Jüngst wurde erzählt, daß der Präsident des Reichstags, Herr von Levetzow, ein strammer Konservativer, sich dahin geäußert hätte, nach seiner Meinung sei Herr Bebel der erste Redner des Hauses. Man kann darüber auch anderer Meinung sein; aber diese Äußerung ist bezeichnend für die Schätzung, zu welcher Herrn — 422 — Bebels Partei gelangt ist. Natürlich haben sich in gleichem Maße mit dieser verbesserten Stellung und infolge einer begreiflichen Wechselwirkung die Manieren und das Verhalten der sozialistischeu Mitglieder auch beträchtlich umgestaltet. Selten noch, und dann nur von Neulingen unter ihnen, kommt es zu scharf herausforderndeil und beleidigenden Brandreden von ihrer Seite. Oft bringen sie Anträge von Wichtigkeit und mit reichen sachlichen Belegen zur Debatte. Nicht wenige von ihnen zeichnen sich durch schöne Kenntnisse auf volkswirtschaftlichem Gebiet und durch wohlgelungene Vortragsweise aus, während andere, wie z. B. der ehemalige Schiffskoch Schwarz oder der Zigarrenarbeiter Molkenbuhr, öfter das Haus durch eine gesunde, maßvolle und sachliche Darstellung fesseln. Sogar in ihrer äußeren Erscheinung ist eine vorteilhafte Veränderung eingetreten, und wild vernachlässigte düstere Figuren, wie der ehemalige Hasselmann oder Most, beleidigen jetzt nicht mehr das Auge der Versammlung; sie hat es mit ruhigen, anständigen Bürgern zu thun, die in ihrem Auftreten gar nicht an Barrikaden und Straßenkämpfe erinnern, sondern vielmehr ihre Freude an friedlichem Leben im Schoß ihrer Familie verraten und sich im Genuß des von ihnen erlangten bedeutenden Rufes wiegen, ohne deshalb auf ihre sozialistischen Ansichten zu verzichten. Ein Franzose würde sagen: sont arrivks". Allerdings erhebt man dagegen den Einwurf, daß hinter dieser parlamentarischen Partei eine Masse steht, die keinen Grund hat, sich in ähnlicher Weise befriedigt zu fühlen, und die noch das Material für wilde und gierige Zer- ftörungslust liefert; daß im gegebenen Moment diese unzufriedenen Elemente die Masse mit sich fortreißen und die gemäßigten Führer zur Seite drücken würden. Aber diese Behauptung übersieht die augenblickliche Lage der Dinge; — 423 — thatsächlich haben die gegenwärtigen fünfunddreißig Mitglieder der Partei den größeren Teil ihrer Wähler hinter sich, und ihr moralisches Übergewicht ist in keiner Weise gefährdet. Das beruht nicht bloß auf der Autorität und dem Einfluß, die sie erlangt haben, und auf ihren Fähigkeiten, sondern noch viel mehr auf dem Umstand, daß die größere Anzahl ihrer Wähler nicht einmal in ihren Ansichten so weit gehen wie die Erwählten; denn von 1 400 000 sozialistischen Stimmen, die im Februar 1890 abgegeben wurden (eine größere Zahl als für irgend eine andere Partei), sind wahrscheinlich nicht mehr als die Hälfte wirkliche Anhänger des sozialdemokratischen Programms, sondern einfach Unzufriedene, welche gar nicht an den Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung denken. Wenn die Partei zu einer gewissen Beruhigung und Befriedigung gelangt ist, so muß man übrigens nicht glauben, daß dies allein auf Selbstgefälligkeit und persönlicher Empfindung beruht; man hat ihnen tiefere und gewichtigere Gründe der Genugthuung geliefert; denn sie haben die Anerkennung ihrer Grundsätze in der Reichs- gesetzgcbnng erzielt und zwar in solcher Weise, daß für die Zukuuft es schwer sein wird, eine weitere Entwickelung in sozialistischer Richtung zu verhüten, dies umsomehr, als auch andere Nationen den Versuch angestellt haben, Deutschlands Beispiele zu folgen. Das erfahren wir z. B. durch die Anträge, welche in den französischen und englischen Parlamenten behufs gesetzlicher Versicherung der arbeitenden Klassen eingebracht worden sind. Die deutschen Sozialisten sind vollständig im Recht mit der Behauptung, daß sie es waren, welche den Fürsten Bismarck zuerst in die Richtung seiner sogenannten Sozialgesetzgebung hineintrieben. Im Jahre 1878 ging Bismarck von dem Gedanken — 424 aus, daß es nur ein Mittel gegen die Sozialdemokratie gebe, nämlich eine bis ins Äußerste getriebene gewaltsame Unterdrückung; er hoffte sie von Grund aus zu vernichten. Als Gegengewicht zur Beruhigung des öffentlichen Gewissens bot er die verschiedenen Stufen der Versicherungsgesetze, beginnend mit der gegen Unfall, fortfahrend mit der gegen Krankheit und schließend mit der gegen Invalidität und Alter, während im Hintergrund noch eine Versicherung für Witwen und Waisen gehalten wurde. Wie im Einzelnen dies Alles durchgeführt werden sollte, darüber machte er sich kein Kopfzerbrechen; er suchte sich ein paar wohlgeschulte Beamte aus, denen er den Auftrag gab, irgend einen Plan auszudenken, nur mit der Grundbedingung, daß die ganze Sache in den Händen des Staates bleiben müsse; denn jede Art von freier Thätigkeit und Selbsthilfe widerstrebte ihm als sogenanntes Manchestertum. Das ganze Projekt wurde mit einem gewissen Heiligenschein umgeben, indem man den Grundgedanken dem alten Kaiser Wilhelm unterschob, welcher, wie man glauben machte, noch vor seinem Ende die soziale Frage für sein Land zu lösen wünschte. Da Bismarck wohl wußte, daß die entschiedenen Liberalen diesen Vorschlägen entgegentreten würden, so diente ihm dies zugleich, um sie mangelnder Loyalität gegen den ehrwürdigen Monarchen zu beschuldigen. Die Gemäßigten oder sogenannten Nationalliberalen, welche ihm in allen Dingen blindlings Folge leisteten, schmeichelten sich «och ganz besonders mit der Vorstellung, daß diese Versicherungsgesetze eine besänftigende Wirkung auf die Herzen der Sozialdemokraten ausüben und sie zu dankbaren Anhängern der bestehenden Ordnung machen würden. Natürlich trat genau das Gegenteil ein. Die Gewaltmaßregeln trieben sie zur Entrüstung, und die versprochenen Wohlthaten erregten ihre Verachtung, während sie gleichzeitig mit logischer — 425 — Konsequenz darauf hinweisen konnten, daß die staatssozialistischen Pläne nur ihre eigenen Grundsätze zu Ansehen bringen müßten. Auf diese Weise erreichten sie dreifache Vorteile, während Bismarcks Sozialpolitik in dreifachen Irrtum verfiel; doch war es nur das dritte Gesetz von der ganzen Reihe, nämlich das für die Invaliden und die Alten, welches gänzlich auf das sozialistische Prinzip übertrat, indem es einen Staatsbeitrag stipulierte. Die Hauptangriffe der Opposition im Reichstage richteten sich daher gegen dieses Gesetz, und sicherlich würde es nicht durchgegangen sein, wenn nicht bei der Schlußabstimmung Fürst Bis- marck seinen überwiegenden persönlichen Einfluß in die Wagschale geworfen hätte, um die Annahme durch das Haus zu drücken. Wahrscheinlich war er selbst im Stillen von der Nützlichkeit dieses Gesetzes sehr wenig durchdrungen, und noch kürzlich äußerte er sich iu einer Privatunterhaltung dahin, daß er es für einen Mißgriff ansehe; aber er hatte in so vielen salbungsvollen Reden seinen und des Kaisers Namen mit der Herrlichkeit dieses Gesetzes und seines „praktischen Christentums" in Verbindung gebracht, daß zur Erhaltung seines persönlichen Nimbus ihm auch sein Sieg in der Gesetzgebung unentbehrlich erschien. Es ist nie seine Sache gewesen, sich über die späteren Folgen von Maßregeln, die im Augenblick ihm dienen konnten, viel Sorge zu machen. Trotzdem würde es ihm nicht gelungen sein, die zwanzig. Stimmen, welche den Ausschlag gaben, zu gewinnen, wenn ihm nicht von ganz unerwarteter Seite Sucmrs gekommen wäre. Die katholische Partei, das sogenannte Zentrum und insbesondere dessen Führer Windthorst, war durchaus Gegner des Gesetzes; aber der Vorsitzende der Kommission von achtundzwanzig Mitgliedern, welche es in ihren Beratungen annahm, der zweite nach Windthorst an der Spitze der Zentrnmspartei, nämlich Freiherr von — 426 — Franckenftein, war ein Mann von hoher aristokratischer Stellung und Haltung, wenn auch von mittelmäßiger Begabung, die er jedoch unter einer würdevollen Zurückhaltung zu verbergen die Geschicklichkeit hatte. Als Vorsitzender der Kommission war sein Stolz darauf angewiesen, daß das Gesetz, für das er sich erklärt hatte, auch durchgehe, vielleicht hatte er sich auch in den Glauben hineingeredet, daß hier etwas Großes geschehe, an das sich sein Name heftete, und so gab er sich große Mühe, um möglichst viel Stimmen für die Sache zu gewinnen. Es gelang ihm, zwölf bayerische Stimmen aus dem Zentrum für seine Anschauung zu erobern, und diese zwölf brachten die Sache zur Entscheidung. Hätten sie wie ihre übrigen Fraktionsmitglieder gestimmt, so wäre das Gesetz durchgefallen. Abermals ein Beweis zu der Lehre, daß oft kleine Ursachen große Wirkungen haben. Und so kam es, daß das Deutsche Reich die Fahne des Staatssozialismns aufpflanzte, weil die Eigenliebe eines bayerischen Edelmanns darin ihre Befriedigung fand. Seitdem es mit dem Januar 1891 in Kraft trat, hat es an Beschwerden über seine Anwendung nicht gefehlt, und man kann ruhig sagen, daß, wenn es heute wieder vor den Reichstag käme, vielleicht nicht vierzig Mitglieder dafür stimmen würden. Allerdings würden jetzt vielleicht die Sozialdemokraten, welche einst dagegen stimmten, dafür eintreten; denn damals konnten sie sich noch, den Luxus gestatteu, andere dafür stimmen zu lassen, weil sie der Mehrheit sicher waren und sich dabei für unbefriedigt erklären konnten. Noch jüngst erklärten sie im Reichstag, sie würden jedem Versuch, das Gesetz rückgängig zu macheu, Widerstand leisten. Und das kann man ihnen ruhig glauben; denn sie sind die Einzigen, welche Ursache haben, damit zufrieden zu sein. Immerhin kann von einer Wieder- beseitigung keine Rede sein; es wäre viel zu schwer, die zahlreichen Verpflichtungen komplizierter Art, welche bereits aus dem Gesetz hervorgegangen sind, wieder rückgängig zu machen. Nur wenn im Laufe der Zeit die Schwierigkeiten unerträglich werden, und die Unkosten über Erwarten wachsen, wird man gezwungen sein, Abhilfe zu suchen. Ein Gutes hat immerhin das Gesetz mit sich gebracht; denn aus dem Bedauern über seine Annahme und dem Gefühl eines Sprunges ins Dunkle oder, wie ein Abgeordneter es noch besser bezeichnete, eines Sprunges in einen hell erleuchteten Abgrund ist die festgewurzelte Überzeugung erwachsen, vorerst auf diesem Pfade nicht weiter zu gehen. Man wird sich hüten, den Reichstag mit neuen Vorschlägen für eine weit ausgedehnte Anwendung dieses Versicherungsprinzips heimzusuchen, und wenn solche Vorschläge aus der Mitte des Hauses kamen, so würden sie kaum Gehör finden. Überdies sind die Parteien, welche damals dem Fürsten Bismarck zuliebe sich zur Annahme des Gesetzes verstanden und am meisten dafür wirkten, jetzt geschwächt und abgenützt. Diese Pause in der sozialen Gesetzgebung ist natürlich den Sozialdemokraten willkommen; denn sie schafft ihnen Raum, neue und unerfüllbare Forderungen aufzustellen, worauf gerade ihre Berechnung am meisten gerichtet ist. Daher kann es in keiner Weise ihnen nützlich erscheinen, sich auf Straßenunruhen zu verlegen, und Herr Liebknecht war offenbar aufrichtig, als er jüngst dem Pariser „Figaro" schrieb, die kürzlich vorgefallenen Berliner Straßenszenen seien ihm und seinen Freunden höchst unwillkommen, und ihr Verdacht gehe dahin, daß sie von ihren politischen Gegnern angezettelt seien. Im übrigen hat niemand in Berlin diese Scenen ernst genommen, und nur im Ausland, wo alle Straßenexzesse an die ehemaligen Pariser Barrikadenscenen erinnern, zogen sie — 428 — besondere Aufmerksamkeit auf sich. Straßengefechte und Barrikaden dieser Art sind ja längst überwundene Dinge; sie werden wohl niemals mehr über das Schicksal von Regierungen entscheiden. Mehr als je trifft das auf Deutschland zu. Die Gefahr eines großen Aufstandes ist für uns eine unendlich geringe; dagegen besteht auf der anderen Seite eine viel größere Gefahr allmählicher Verschlechterung der Gesetzgebung durch den Einfluß sozialistischer Strömungen. Der Druck auf individuelle Freiheit, Verantwortlichkeit, Selbständigkeit und Unternehmungsgeist, den die Regierungsmaschinerie immer mehr ausübt, die ungemesfene Vermehrung des Beamtenwesens und der bureaukratischeu Einmischung, welche sich überall ins Leben eindrängt, alles das muß mit der Zeit eine rückläufige Bewegung in Produktiver Wirksamkeit und nationaler Bereicherung hervorbringen. Dazu kommt noch, daß die produktive Arbeit der Nation und des nationalen Kapitals zn gleicher Zeit durch die der Sozialdemokratie entgegengesetze Aristokratie von der anderen Seite nicht minder scharf bekämpft wird. Seit dem Jahre, gegen Ende der siebziger, als Fürst Bismarck begann, die im Jahre 1867 mit den Mittelklassen einverstandene Richtung einzuschlagen, hat er sich mehr und mehr wieder in das Lager der Junkerherrschaft zurückbegeben und systematisch den Zweck verfolgt, auf dem Wege der Gesetzgebung dem Landadel des Nordens und des Ostens zu Lasten der breiten Schichten des Volkes Vorteile zu verschaffen. Seinen Anstrengungen ist es gelungen, diesem Landadel wieder eine mächtige Stellung im Reichstage und im preußischen Landtage zu verschaffen, in welcher derselbe aus verschiedenen Gründen durch die Mitglieder der katholischen Partei sehr häufig unterstützt wird. Ein Gesetz, wie das über die Branntweinsteuer z. B., welches jährlich 4V Millionen Mark unter die Landeigen- — 429 — tümer, und darunter solche von größtem Reichtum, verteilt, ist ohne Vorgang in der Steuergeschichte irgend eines Landes. Merkwürdigerweise hat diese Tendenz noch eher zu- als abgenommen nach Bismarcks Entlassung, als das Portefeuille der preußischen Finanzen in die Hände des Herrn Miquel kam, eines Mannes, dessen Vorleben gerade umgekehrt als vom freien Bürgergeist beseelt angesehen werden kann. Die fiskale Gesetzgebung, die er in Preußen eingeführt hat, schließt sich eng an das Bismarcksche System an: den Erwerb und die Ersparnisse der Mittelklassen zum Besten der großen Landwirte zu besteuern und diese zu einem bedeutenden Teil von dem Mittragen der Staatslasten zu entbürden. Beträchtliche Summen werden dadurch den Städten entzogen zum Vorteil der Landedelleute, welchen außerdem die höheren Chargen der Verwaltung und der Armee vorbehalten bleiben. Das Gepräge des jungen Deutschen Reiches, welches ursprünglich im Geiste der bürgerlichen Freiheit geschaffen wurde, ist nach dem ersten Jahrzehnt seines Daseins in das Gepräge eines vom Militär und Landadel beherrschten Staates umgewandelt worden, und zwischen der Aristokratie einerseits und der zunehmenden sozialistischen Propaganda andererseits steht die Bürgerklasse als ein schwacher Wall, gegen den immer mehr von Diesen beiden entgegengesetzten Polen aus angedrängt wird. Es ist noch nicht lange her, daß Herr von Bennig- sen in einer Reichstagsrede, die großes Aufsehen machte, darauf hinwies, daß nicht durch Gewaltmaßregeln, aber wohl durch solche Maulwurfsarbeit die Existenz der Nation gefährdet werde, und laute Klage erhob, daß das freie Bürgertum im raschen Niedergang begriffen sei. Wenn irgend jemand über den Verdacht pessimistischer Anschauung in diesen Dingen erhaben ist, so ist es dieser ausgezeichnete Mann, — 430 — dessen Hauptfehler nur darin besteht, daß er allzu gefügig sich den Übeln, die er sieht, unterwirft. Das bisher Gesagte wird hoffentlich genügen, um dem ausländischen Leser annähernd eine richtige Idee von der gegenwärtigen Lage beizubringen und ihn davor zu bewahren, daß er den Berichten von dem gewaltsamen Vorgehen in den inneren Angelegenheiten Deutschlands Glauben schenkt, wie sie Zeitungskorrespondenten so gern ausstreuen. Ein Ereignis, welches noch jüngst die größte Sensation hervorgerufen hat, mehr in Deutschland selbst als im Auslande, ist die stürmische und anhaltende Erregung, welche durch den Versuch der Einführung eines neuen Unterrichtsgesetzes erzeugt wurde. In der That ist dies von viel größerer Bedeutung für die inneren Angelegenheiten Deutschlands als die jüngsten Straßenunruhen in Berlin oder als die Reden des jungen Kaisers. Zwar ist der preußische Landadel eine sehr realistisch denkende Gesellschaft, die in Sachen der praktischen Politik zunächst immer auf ihre weltlichen Vorteile bedacht ist. Niemand besser als sie weiß den Wert und die Macht des Besitzes zu schätzeu, während die Verehrung idealer Vorzüge niemals zu ihren Schwächen gehörte; aber sie sind deswegen doch immer Hand in Hand mit der glaubenseifrigen lutherischen Geistlichkeit gegangen und haben unbeirrt immer streng an deren Seite gefochten. Eine strenggläubige, düstere, intolerante, protestantische Kirche zählt bei ihnen zu denjenigen Institutionen, auf deren Existenz ihre eigene Klassenherrschaft mit beruht. Bismarck, welcher in den meisten Punkten dieselbe Richtung einhielt und der unter anderem sich gern für einen guten Christen ausgab, liebte es, sich auch dieser geistlichen Zeloten und ihrer weltlichen Alliierten zu bedienen, wo immer es seinen Absichten dienen konnte; ein andermal schüttelte er sie ab mit der ihm eigenen Rück- — 431 — sichtslosigkeit; bedingungslos unterwarf er sich ihnen nicht; dazu verstand er sich nie, selbst seinen ergebensten Anhängern gegenüber. Unter seinem Nachfolger änderte sich das. Derselbe ist weder ein so starker Drahtzieher noch ein so geschickter Stratege auf dem Felde der Parteikämpfe. Als Caprivi die Zügel der Regierung in die Hand nahm, sagte er, er würde mit Hilfe des Parlaments regieren, und deshalb müsse er eine Mehrheit haben. Der verstorbene Windthorst. welcher schon seinerseits eine Verständigung mit Bismarck in die Wege geleitet hatte, bot auch ihm die Stütze der Zentrumspartei, der zahlreichsten im Reichstage, von mehr als hundert Stimmeu an. Caprivi war nicht abgeneigt, auf einen solchen Vorschlag einzugehen, da Windt- horsts mäßigende Klugheit ihm eine Bürgschaft gegen allzu weit gehende Forderungen als Gegenleistung für solche Unterstützung zn versprechen schien. Um jedoch bei den protestantischen Preußen durch diese Annäherung an die Ultramontanen keinen Anstoß zu erregen, sah er sich genötigt, auf der anderen Seite den frommen Protestanten die Hand zu reichen. Zwar im Herzen verabscheuen sich diese beiden Parteien gegenseitig, aber sie verstehen nichts desto weniger ihre in vielen Punkten übereinstimmenden Interessen: elsri- ous olsi-ivum non äkoirQat. So entstand eine Mehrheit sür eine starke, religiöse Reaktion in Preußen. Aber Caprivi, der ein Ehrenmann war und diese ganze Situation nur annahm, weil sie ihm die einzig brauchbare iu diesem Augenblick schien, nicht ohne dabei Gewissensbedenken zu empfinden, war darauf bedacht, als eine seiner ersten Maßnahmen etwas vorzubringen, was auch das Gepräge moderner Ideen trug neben der reaktionären Notwendigkeit, der er sich fügte. Er entschloß sich offenen Blicks und mit Überzeugung, mit der ultraprotektionistischen Richtung des Bismarckschen Schutzzollsystems letzter Hand durchaus zu brechen und sowohl im Interesse des guten Einvernehmens mit dem Ausland als der nationalen Wohlfahrt zu dem System der Handelsverträge zurückzukehren. Er verlangte von den Schutzzöllnern nur geringe Opfer; zum wirklichen Freihandel überzugehen, durfte er entfernt nicht wagen; aber er beseitigte gänzlich die Einfuhrverbote von Vieh und Fleisch, welche unter dem Vorwand gesundheitspolizeilicher Rücksichten die ausländische Konkurrenz zu Gunsten der inländischen Landwirte unterdrückt hatten. Er führte auch ein sanfteres Regiment in Elsaß-Lothringen ein und beseitigte die Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie. Ferner beschloß er, den Kronschatz der ehemaligen Könige von Hannover nicht mehr als Geheimfonds zu verwenden, und trat dem Fanatismus der enthusiastischen Kolonialnarren mit kritischer Kühlheit gegenüber; doch durfte er nicht das teure Spielzeug selbst zerbrechen, welches hochstehende politische Dilettanten zu ihrem Steckenpferde gemacht hatten. Mit diesen Anläufen jedoch schien der gute Geist, dem er sich ergeben hatte, erschöpft. In den letzten Monaten ist die Person des Kanzlers in den Hintergrund getreten, und sein Kollege im preußischen Ministerium, Graf Zedlitz, der Minister des öffentlichen Unterrichts, spielt die erste Rolle auf der politischen Bühne; er tritt vor die Zuschauer, an der einen Hand den protestantischen, an der anderen den katholischen Klerus, und kündigt ein neues Stück an, dessen Tendenz daraus hinausgeht, die Erziehung des Volks in die Hände der Geistlichen zu legen. Aber alsbald erhebt sich ein Sturm von Verwünschungen und wilden Demonstrationen gegen sein verehrtes Haupt. Die ganze Regierung wird zur Zielscheibe dieses Unwillens und vor allem der Premierminister Graf Caprivi, welcher in seiner ritterlichen Weise sich verpflichtet hält, — 433 — seinen Kollegen, den Minister des Unterrichts, zu decken, und gerade um so mehr, je mehr die öffentliche Entrüstung diesen zum Angriff ausersehen hat. Von diesem Augenblick an verlor Graf Caprivi, obwohl niemand an der Loyalität seiner Absichten zweifelte, den größten Teil seiner Popularität. Daß dies so ist, kann man am besten daraus ermessen, daß sein Vorgänger Fürst Bismarck, welcher ihn bis dahin mit den schärfsten Epigrammen verfolgt hatte, nnn ans einmal sich still verhält, eingedenk dessen, daß Schweigen Gold ist. Mittlerweile geht der Lärm gegen das Schulgesetz weiter. Ein Teil des Publikums, welcher sich gegen Bismarcks Entlassung gleichgiltig verhalten hatte und zu Caprivi hinneigte, wünschte nun den alten Kanzler zurück, während andere, die den letzteren genau kennen, selbst die gegenwärtigen Wirren seiner Rückkehr vorziehen. Noch schlimmer steht es um Caprivi in dem nichtpreußischen Deutschland. Nicht bloß das gegenwärtige preußische Regiment, könnte man sagen, sondern ganz Preußen ist von Nenem in der Sympathie und Achtung des übrigen Deutschlands durch diese reaktionäre Schulvorlage wieder herabgekommen. Es hat von jeher zum Unglück Deutschlands gehört, daß in dem Staat, dessen militärische Verfassuug ihn in den Stand setzte, ein einiges Reich durchzuführen, der Adel, der Offizierstand und die Geistlichkeit gar zu exklusiv und abstoßend gewesen sind. Es ist sehr bezeichnend, daß ein so galliger Geschichtsschreiber wie Thomas Carlyle, der einzige berühmte fremde nichtdeutsche Schriftsteller ist, der sich im gegenwärtigen Jahrhundert für die preußische Verfassung begeistern konnte. Seit der Gründung des Reiches hatte die Persönlichkeit des ersten Kaisers und seines Sohnes Friedrich viel dazu beigetragen, die abstoßenden Züge des preußischen offiziellen Staatswesens zu mildern. In dem Ludwig Bambcrgers Gcs, Schriften. V. 28 — 434 — Maß, als er ins hohe Alter vorrückte, gewann die ehrwürdige Gestalt und das bescheidene und einsichtsvolle Verhalten des ersten deutschen Kaisers die Herzen auch seiner nichtpreußischen Unterthanen. Sein Sohn zeigte sich gleichfalls als ein liebenswürdiger, menschenfreundlicher Fürst, der sich keine allzu große Überlegenheit zutraute, so hoch er auch von seinem Regentenberuf dachte. Die herzzerreißende Geschichte seiner Leiden und die unwürdige Verfolgung, welche sich bis an den Rand des Grabes gegen ihn richtete, trugen noch dazu bei, die Bewunderung und Sympathie der Nation für den schönen sanftblickenden Krieger zu steigern. Als sein Sohn ihm nachfolgte, war er für den weitaus größten Teil seiner Unterthanen ein verschlossenes Buch, das ohne jede Voreingenommenheit betrachtet wurde. Allerdings gab es einiges Kopsschütteln, als er, von seiner ersten Reise durch Europa zurückkehrend, die Vertreter seiner Hauptstadt, die ihn mit einer loyalen Adresse empfingen, mit harten und ungnädigen Worten traktierte, Worte, welche bei seineu jungen Jahren um so weniger gefallen konnten; aber bald darauf verlor sich dieser unangenehme Eindruck. Dann kam die Entlassung Bismarcks und gleichzeitig die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokraten sowie die Einberufung einer internationalen Konferenz behufs Hebung der arbeitenden Klassen. Die Wirkung dieser Neuerung war verschiedenartig. Die entschiedenen Liberalen begrüßten den Abgang Bismarcks als einen vollen Gewinn für das Land; die Ultramontanen, obgleich schon lange nicht mehr im offenen Kampfe mit ihrem ehemaligen Gegner, waren doch nicht bekümmert ob seines Abganges. Auf der anderen Seite war das konservative Element des Bürgertums, in dem die Nationalliberalen vorwiegen, geradezu untröstlich. Was diesen am meisten an dem neueu Kaiser mißfiel, war, daß er die Sache der arbeitenden Klassen auf einmal in seine Hand nehmen wollte, daß er persönlich in der Angelegenheit des Streiks der westfälischen Bergleute intervenierte, und schließlich, daß er die internationale Konferenz berief. Sie warfen ihm vor, er mache die Arbeiter schwierig und anspruchsvoll; sie waren immer begeisterte Anhänger Bismarcks gewesen und sahen seinen Abgang anläßlich der Konferenz gleichzeitig als die Ursache und als die Wirkung einer falschen Steuerung an, die sie innerlich wütend machte. Die aristokratischen Konservativen waren weder für noch gegen den Kaiser eingenommen. Der preußische Edelmann denkt vor allen Dingen zunächst an sich selbst und wartet im übrigen den Gang der Dinge ab. Während aber die industriellen Schutzzöllner die Rückkehr zu deu Handelsverträgen durchaus nicht mißbilligten, war der konservative Landadel außer sich über die damit verbundene Herabsetzung der Getreidezölle. Darnm hielten sie sich vollständig von der neuen Regierung fern. Die Liberalen waren weder vertrauensvoll noch entmutigt. Die Ernennung Caprivis zum Reichskanzler schien ihnen rsdus sie stantidus ein guter Gedanke, der der Menschenkenntnis und dem Verstände des Kaisers Ehre mache. Aber die Gesetzesvorlage wegen des Volksunterrichts verdarb wieder alles, und im Augenblick ist es schwer, zu sagen, in welcher Partei warme Anhänger der gegenwärtigen Regierung zu finden sind; genau beseheu, müßte man sagen: in keiner. Denn obgleich die ultramontane und die orthodoxe lutherische Geistlichkeit sich über die Wendung in diesen Dingen freuen, so kann man daraus noch nicht den Schluß ziehen, daß sie ergebene Bewunderer der Person des Kaisers seien. Das war die Lage der Dinge, als des Kaisers Rede an die Brandenburger bekannt wurde. Der Eindruck war 28* — 430 — ein gewaltiger; man war schon über manche frühere Rede erstaunt gewesen, aber keine hatte einen so ungünstigen Eindruck hervorgebracht. Es ist nicht zu viel gesagt, daß sie nirgends Wohlgefallen erregte und vielen von den einflußreichsten Anhängern der Regierung sehr ungelegen kam. Das Ausland interessierte sich lebhaft an der ganzen Bewegung; von allen Seiten bis zu diesem Augenblick stürmt die Frage heran: was sollen wir von allem denken, insbesondere, welche Schlüsse sollen wir daraus auf die Zukunft ziehen? Es ist sehr schwer, hierauf eine Antwort Zu geben. Handelte es sich um irgend einen anderen Mann, so könnte man doch sagen: Worte sind nicht Thaten; aber in dem Fall des Souveräns eines mächtigen Staates, der bis jetzt wenig Neigung gezeigt hat, fremden Eingebungen zu folgen, mögen Worte mehr bedeuten als flüchtige Gedanken, die der Eingebnng des Moments entspringen. Die nächste Frage, die sich nach dieser einstellt, ist: möchte nicht dieser junge Kaiser eines Morgens die Welt in ebenso unliebsamer Weise, wie er es mit Reden gethan hat, mit Thaten überraschen, und ist nicht zu erwarten, daß in diesem Falle die Thaten in derselben Richtung gehen würden wie die Reden, d. h. in der Richtung einer höchst autokratischen Natur? Das ist die Frage, die jetzt aufgeworfen wird und nicht sehr beruhigend lautet, und es ist wohl angebracht, das so entstandene Unbehagen zu beseitigen, selbst auf Kosten dieser Reden und ihrer Bedeutung. Der junge Kaiser ist ein Produkt seiner Zeit und ihres Geistes. Wie es so oft geschieht, hat das Beispiel seiner nächsten älteren Verwandten wenig auf ihn gewirkt; er ist weder nach seinem Großvater geartet, für den er so große Verehrung zeigt, noch nach seinem Vater. Was auf - 437 — ihn den tiefsten Eindruck gemacht hat, ist offenbar der Kultus für das Haus Hohenzollern, den so viele Geschichtsschreiber und nach ihrem Vorgange viele Millionen Deutsche zu eiuer mystischen Religion erhoben haben, die die Dynastie der Hohenzollern in einer bisher in der Geschichte unbekannten Hingebung verehrt. Weder von den Antoninen, noch von den Medicis, noch von den Bourbonen, noch von den Habsburgern wurde jemals in so dithyrambischen Perioden behauptet, daß jeder Regent aus ihrem Hause einfach durch die Thatsache seiner Geburt eiu Muster übermenschlicher Vollkommenheit seiu müsse. Das Gefühl für seine Macht, welche in Deutschland und besonders in Preußeu seit dem Kriege von 1870 so hoch aufgeschossen ist, hat sich in dem regierenden Hause und in dem Träger der Krone personifiziert. Ziehen wir dazu iu Betracht die wichtige Rolle, welche dem staatlichen Eingreifen durch die jüngste Gesetzgebung zugeteilt ist, und den ungeheuren Erfolg, den Bismarck erzielte, und den die Welt nicht einmal so sehr seiner geistigen Überlegeuheit als der Energie seines Willens zuschrieb — eine Auffasfung, die sich in der Bezeichnung des „Eisernen Kanzlers" verewigte — fassen wir diese drei Gesichtspunkte zugleich ins Auge: Hohenzollern, Bismarck und Willenskraft, in ihrem weitesten Sinne genommen, und vergegenwärtigen wir uns einen jungen Mann, der in dieser Atmosphäre aufgewachsen ist nnd in sich den Beruf fühlt, diese drei Attribute in seiner Person zusammenzufassen, so können wir uns ungefähr vorstellen, mit welchen Erwartungen vou sich selbst und mit welchen Ansprüchen an die Welt der junge Souverän den Thron bestieg. Er fühlte einen unwiderstehlichen Drang, ein großer Monarch und der in sich selbst ruhende Schöpfer einer großen Epoche zu werden. Seine innere Anlage ebenso wie die Sitten — 438 — der Zeit, insbesondere der vorherrschende militärische Zug, welcher an der Entfaltung kriegerischer Schauspiele sein Genüge findet, legten ihm die Versuchung nahe, seinen hohen Beruf aufs effektvollste in Scene zu setzen. Mit der Ungeduld der Jugend sehnte er sich danach, etwas Großes zu Stande zu bringen, und richtete seine Aufmerksamkeit zunächst mehr aus ein gewaltiges Beginnen als auf ein langsames Durchführen. So setzte er sich zunächst in Bewegung, um in seinen Reisen nach den fremden Höfen die Sympathie der anderen Dynastien uud Nationen im Sturmschritt zu erobern und ihnen die Größe seiner Macht vor Augen zu führen. In demselben Geiste berief er die internationale Konferenz zur Lösung der sozialen Frage und nahm die Reform des öffentlichen Unterrichts in Angriff, von dem Gedanken ausgehend, daß es vor allem gelte, die Aufgaben des Lebens mit der lebhaftesten Energie zu ersassen. Ein inneres thätiges Bedürfnis nnd eine Lust an Erregung und Bewegung, der Glaube, daß der Wille alles vermöge, und der Wunsch, der Welt deutlich zu zeigen, daß seine Anschauung die richtige sei, bestimmte ihn zu einer Reihe demonstrativer Unternehmungen. Selbst das Zusammentreffen mit einem dramatischen populären Dichter, wie Ernst von Wildenbruch, der ganz besonders für die Glorifikation solcher Ideen angelegt ist, war vielleicht nicht ohne Einfluß auf den Gang seiner Gedanken. Die Schauspiele, welche die Geschichte der Hoheuzolleru in gebundener Sprache und malerischen Scenen auf die Bühne brachten, gehören als ein Kommentar zum Totalbild dieser Epoche. In diesem Znsammenhange müssen wir auch das Kapitel der Kaiserlichen Reden lesen, wenn wir es richtig verstehen wollen; sie stehen unter dem Zeichen desselben Dranges, die Ereignisse zu gestalten und der Welt Ent- — 439 — würfe vorzuführen, deren gesetzliche Durchführung zu große Schwierigkeiten hat. Wir würden dem jungen Monarchen Unrecht thun mit der Annahme, daß das Hochgefühl seiner eigenen Macht und Verstandesschärfe, wie es aus seinen Reden entnommen werden könnte, auch auf Neigung zu gewaltsamen Thaten hinweise. Die, welche ihn Persönlich näher kennen, sagen, daß in seinem Privatleben und im Verkehr mit seiner Umgebung er ein jovialer, liebenswürdiger, einfacher und natürlicher Mensch ist, keine Spur einer düsteren oder despotischen Natur; nur wenn er in offizieller Form vor feinem Volke erscheint, nimmt seine äußere Haltung den Ausdruck von majestätischer und selbstbewußter Feierlichkeit an, welche die Maler in seinen Bildnissen wiedergegeben haben. Was beim Lesen seiner auffülligen Reden so viel Unbehagen in der Welt verbreitete, war die Furcht, es möchte ein übereiltes Wort oder eine übereilte Handlung einen europäischen Krieg heraufbeschwören. Alle die, welche sich im Stande fühlen, sich eine Meinung über seinen Charakter zu bilden, kommen bis jetzt darin überein, daß Wilhelm II. mit all seinem Sinn für kriegerische Macht und kriegerischen Pomp doch tief durchdrungen ist von der Überzeugung, daß es seine unermeßlich heilige Pflicht ist, den Frieden zu bewahren. Wenn es sich so verhält, so können wir ruhig das Übrige der künftigen Entwickelung der Dinge überlassen. Druck von Roscnbaum k Hart. Berlin V., Wilhclmstraße 47.