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'ffl! !B1 iw fS |P |ffl*fflSSSfinH‘ VOM GHETTOHÄNDLER ZUM WIRTSCHAFTSFÜHRER ülliifffll I MP i m il» W "SHHWPWf^ W’iWi'®« m* wmnm BMiftmiPffii» !w&ßS? „Wirtschaft ist nicht Privatsache, sondern Ge- meinschaftssache, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Absoluten, nicht Anspruch, sondern Verantwortung.“ (Walther Rathenau) 1s die Glocken den Beginn des neunzehnten Jahrhunderts verkündeten, läuteten sie ein neues Zeitalter der Befreiung ein. Die Geschichte der europäischen Menschheit ist ein ewiges Auf und Ab im Kampfe um die Freiheit des Individuums. Von Jahrhundert zu Jahrhundert streift er Fesseln ab, die seinen Willen beschränken, um neue Bindungen einzugehen. Jetzt befreit die Französische Revolution den Untertan und macht ihn zum Bürger, der selbst über das Geschick seines Staates bestimmt. So wird er ledig der Schranken, die das absolute Königtum ihm gesetzt hat. In der gleichen Zeit gelingt es England, die Energie des Dampfes zu meistern. Durch die Erfindungen stellt der Mensch die Naturgewalten immer mehr in seinen Dienst. An die Stelle der Spindel tritt die Jennymaschine, die durch den mechanischen Webstuhl ergänzt wird. Nicht nur die englische Textilindustrie nimmt durch den Sieg der Maschinen- über die Handarbeit einen großen Aufschwung. Die mechanische Kraft wird auch in anderen Gewerbezweigen verwendet, man geht jetzt dazu über, in großen Hochöfen das Eisenerz mit Hilfe von Koks in Schmiedeeisen zu verwandeln. Diese Erfindungen geben „den Anstoß zu einer industriellen Revolution, einer Revolution, die zugleich die ganze bürgerliche Gesellschaft umwandelte“ (Engels). Adam Smith begleitet sie mit dem ersten System der politischen Ökonomie. Im Kampf JO — gegen die Zwangsgestaltung der merkantilistischen Volkswirtschaft setzt er der politischen Freiheit des Menschen die wirtschaftliche gegenüber. Die natürliche Zweckmäßigkeit der Weltordnung läßt, so erklärt er, den einzelnen dann der Allgemeinheit am meisten nützen, wenn er seinen eigenen Interessen nachgeht. Deshalb soll der Staat die Wirtschaft sich selbst überlassen. Nur der freie Wettbewerb führt zur Verwirklichung des ökonomischen Prinzips. Strengste Teilung der Arbeit ermöglicht erst die Förderung des Volkswohlstandes. Jetzt hat auf englischem Boden das „laissez faire, laissez aller“ der Physio- kraten seine theoretische Begründung gefunden. Es ist das gleiche Jahr 1776, in dem die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten erfolgt. In Deutschland aber entdeckt Kant um diese Zeit die „Menschenwürde“. Er befreit das Individuum von allen Bindungen der Vergangenheit, indem er es selbst zum strengsten Richter seiner Handlungen einsetzt. „Handele so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Auf dem Boden dieser geistigen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzung erwächst der moderne Kapitalismus. Wie er einst mit dem Beginn einej neuen Epoche, die bewußt an die Antike anknüpfte, seinen Einzug hielt in einer Zeit, die den Menschen von den Fesseln des Mittelalters, besonders von der Vorherrschaft der Kirche frei machte, so bedarf es abermals eines Bruchs mit der Tradition, um diese Wirtschaftsrichtung jetzt zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zu voller Entfaltung zu bringen. Schon der merkantilistische Staat hatte vielfach vergeblich die Gesetze, die jahrhundertelang bestanden, zu überschreiten versucht: Manufakturen und Fabriken vertrugen sich nicht mit den strengen Regeln der Zünfte. Die liberale Ära vertreibt vollends den mittelalterlichen Spuk, aber auch das absolutistisch-merkantilistische Regime. Mit der Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern im Jahre 1807, mit der Städteordnung des Jahres 1808 und der Einführung der Gewerbefreiheit im Jahre 1810 wird das politische Testament Steins verwirklicht, „daß jeder im Volke frei in moralischer Richtung seine Kräfte entwickeln könne“. Jetzt entdeckt man in der Zeit des allgemeinen Freiheitsstrebens, daß auch die Juden Menschen seien. Das Edikt vom ii. März 1812, das die Juden zu preußischen Staatsbürgern macht, gibt ihnen auch das Recht zu voller wirtschaftlicher Freiheit. Nun können sie sich in den Städten wie auf dem platten Lande niederlassen, können Grundstücke jeder Art erwerben und „alle erlaubte Gewerbe mit Beobachtung der allgemeinen gesetzlichen Vorschriften treiben“. Erst durch dieses Gesetz werden die Juden in das Wirtschaftsleben Preußens voll eingereiht. Ihre Emanzipation fällt zusammen mit der wirtschaftlichen Befreiung des Volkes. Dem preußischen Vorbild folgen andere deutsche Länder. Die Staaten wollen sich der Juden bedienen, aber nirgends geben sie ihnen die vollen staatsbürgerlichen Rechte. So wird ihr Einwirken auf das deutsche Wirtschaftsleben begleitet von den Kämpfen um die volle Emanzipation. Verantwortungsbewußten Anteil an der Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft können die deutschen Juden erst nehmen, als sie wirklich deutsche Staatsbürger geworden sind. Denn vorher stehen die Juden abseits vom Wirtschaftsleben. Beschränkt auf bestimmte Erwerbszweige, bilden sie einen Staat im Staate. Denn sie sind zwar Einwohner der Städte, in denen sie leben, aber nicht deren Bürger. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit steht das Geldgeschäft. Ursprünglich von jeder Teilnahme am Handwerk und am Handel ausgeschlossen, dürfen sie nur den Gewerben nachgehen, die sie für sich selbst gebrauchen: des Schneiders, des Bäckers, des Fleischers, des Gerbers und weniger anderer. Den Erwerb von Land macht man ihnen unmöglich, zum Ackerbau läßt man sie infolgedessen nicht zu, und auch der Besitz von Häusern wird ihnen aufs äußerste erschwert. Der Händler des Ghetto muß also Geldvermittler oder Pfandleiher werden oder Handel mit den Produkten treiben, die abseits von den Geschäften der Kaufmannsgilden liegen. Sombart weist mit Recht auf die Bedeutung der Juden in dem Handel mit Surrogaten hin, der sie dazu führt, zuerst mit Alt- oder Ersatzstoffen zu handeln. Immer wieder versuchen die Juden es, die Grenzen, die ihrer Tätig- keit gezogen sind, zu überschreiten im Kampfe mit den Korporationen, den Stadträten, Zünften und Gilden, die sie stets von neuem in ihre Schranken zurückweisen. Der Gedanke des nationalen Staates wird in Deutschland auf dem Boden der Territorialstaaten verwirklicht. Mit dem Prinzip der volkswirtschaftlichen und politischen Konzentration versucht der Landesherr alle produktiven Kräfte seines Staates zu höchster Entfaltung zu bringen. Als Merkantilist verlangt er die volle Individualität seines Staates, die er dem einzelnen versagt. Staats-, Wirtschafts- und vor allem Bevölkerungspolitik werden dem einzigen Ziel der höchsten Machtentfaltung des eigenen Staates untergeordnet (vgl. das Buch des Verfassers: „Die alten deutschen Kameralisten“, Jena 1914). In diese Politik werden die Juden bewußt eingereiht. Die Fürsten rufen sie herbei, um die Finanzierung ihres Landes unabhängig von den Ständen durchzuführen, um die Gelder für die Armeen zu beschaffen und durch sie neue Gewerbezweige ins Leben zu rufen. Sie sollen das Monopol der traditionellen Körperschaften durchbrechen. Aus diesem Grunde nimmt auch der Große Kurfüst vor der Emanzipation in Preußen Juden bereitwillig in seinem Staate auf. Als er zur Regierung kommt, ist die Mark Brandenburg noch judenrein. Durch das Edikt vom 21. Mai 1671 werden fünfzig Wiener jüdische Familien zunächst für zwanzig Jahre zugelassen, denen der freie Handel mit verschiedenen Produkten und der Kauf oder die Miete von Häusern gestattet wird. In fast allen brandenburgischen Provinzen werden sie der direkten Aufsicht der Regierungen unterstellt. Den Juden Berend Levy aus Bonn, der sich auch andern Fürsten gegenüber als ein gewandter Unterhändler bewiesen und ihnen mit Anleihen ausgeholfen hatte, macht der Kurfürst bereits 1650 zum „Befehlshaber und Vorgänger“ der Juden von Halberstadt, Minden, Ravensberg, Cleve und Mark. In Ostpreußen sind die Juden stark am Im- und Exporthandel beteiligt. Sie importieren Salz, Tabak, Wein, Zitronen und Porzellan. Seit 1671 ist ihnen der Handel mit Wolle und Tüchern erlaubt, sie handeln auch mit Fellen, Leder und Rauchwaren. Den Juden David Nathan und — 13 — Hartwig Daniel erteilt der Große Kurfürst eine Konzession für den Tabakbau in der Mark. „Wenn er in allen Provinzen die Handelstätigkeit der Juden auffallend unterstützte, so tat er es wohl aus der ganz allgemeinen Absicht heraus, durch sie mehr Geld in Umlauf zu bringen, den noch halb naturalwirtschaftlichen Charakter seines Staates in den modernen geld- und kreditwirtschaftlichen umzugestalten. Ebensosehr war es ihm aber darum zu tun, durch ihre größere kommerzielle Erfahrung und ihren frischen Unternehmermut seine bedächtigen, seßhaften und selbstzufriedenen Untertanen mit fortzureißen, sie als Lehrer für sie auszunutzen.“ (Selma Stern, Der preußische Staat und die Juden, i. Teil, Berlin 1925.) Diese Politik der milden Behandlung der Juden wird zunächst von Friedrich I. fortgesetzt. Er erteilt 1703 dem Salomon Isaac die Erlaubnis, eine Manufaktur in Stickereien anzulegen. Ein Jahr später erscheint das Generalprivileg für die Halleschen Juden, das die Niederlassung von Juden in Halle fördern soll, „das mildeste, wohlwollendste und freiheitlichste aller Judenedikte der Zeit“ (Selma Stern). Es bewirkt, daß sich in Halle eine Reihe der reichsten Juden ansiedeln. In Ostpreußen erhalten Juden die Konzession für die Litzenmacherei. Diese mer- kantilistische Politik begünstigt die Einwanderung der Juden aus allen möglichen Ländern. Berlin zählt 1707 schon über hundert jüdische Familien. Meist leben sie vom Handel, denn sie dürfen auch jetzt nur die Handwerksberufe ergreifen, auf die die Zünfte keinen Wert legen. In Mark und Cleve gibt es Glasmacher, Branntweinbrenner in Berlin, Bielefeld und Ostpreußen, Pelzfärber in Königsberg, Knopfmacher in Frankfurt a. d. O., daneben in verschiedenen Städten auch Schneider, Sattler, Mützenmacher, Perlsticker und Buchdrucker. In Berlin findet man besonders Graveure, unter ihnen auch einen Hofpetschierstecher. Bedeutendere Fabrikgründungen durch Juden treten erst unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen in Preußen in die Erscheinung, hauptsächlich im Textil- und Seidengewerbe. Im Jahre 1730 erhält Hirsch David eine Subvention für seine Samtmanufaktur in Potsdam. Aber alle diese Manufakturen bleiben Ausnahmen. Das revidierte Generaljudenregie- — 14 — ment Friedrichs des Großen vom 17. April 1750 unterwirft die Juden besonders strengen Vorschriften. Die 1769 von ihm eingeführte Porzellanabnahmeverpflichtung ist ein typisches Merkmal des merkantilistischen Regimes. Denn der große König, der den Juden viel weniger gewogen ist als seine Vorgänger, hält sie für geeignet, um sie durch die drückendsten Maßnahmen zu zwingen, diese Lieblingsschöpfung seiner Wirtschaftspolitik zu fördern. Wenn auch nicht in das Ghetto eingesperrt, bleiben die Juden in Preußen in ihrer Mehrzahl genau so verachtet und abgesondert wie in andern deutschen Ländern. In steter Sorge um die Erneuerung der Schutz- und Geleitbriefe sind sie ständige Objekte besonderer Gesetze, immer gewärtig, durch eine Laune des Herrschers Heim und Habe wieder zu verlieren. Stärker als durch das Gewerbe und die Manufakturen, größer als durch den Handel ist der Einfluß, den die Juden durch Geld- und Kreditgeschäfte vor ihrer Emanzipation auf das Wirtschaftsleben gewinnen. „Mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren; in Unsicherheit, Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild zwischen lauter wankendem, versagendem Grund, ein einziges festes: Geld. Den Juden mit Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghetto, der Jude mit Geld stank nicht mehr, keine Behörde setzte ihm einen lächerlichen spitzen Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten ihn, sie konnten nicht Krieg und Regiment führen ohne ihn.“ (Lion Feuchtwanger, Jud Süß.) Der Hofjude wird in dieser Zeit der Berater des Fürsten. Der kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor und spätere Geheime Finanzrat Württembergs, Josef Süß Oppenheimer, der Jud Süß der Dichtung, ist der prominenteste Vertreter dieser Hofjuden in Deutschland, wie sie noch im achtzehnten Jahrhundert eine Rolle spielen. Wie Berend Lehmann am sächsischen Hofe, Moses Benjamin Wolf an dem des Fürsten von Anhalt-Dessau, wie Israel Aron der Hoflieferant des Großen Kurfürsten zu großer Bedeutung gelangen, so wird Veit Ephraim — 15 — als Erbpächter der Königlichen Gold- und Silbermanufaktur in Berlin durch seine Darlehns-, Münzgeschäfte und Kriegslieferungen ein wichtiger Faktor für die finanziellen und wirtschaftlichen Maßnahmen Friedrichs II. Als Finanziers von Fürsten und Staaten, von ihnen berufen zur Entfaltung neuer Gewerbezweige, hineingedrängt in das Geldleihgeschäft, das man ihnen fast als Monopol überläßt, beteiligt an der Entwicklung der Börse und des Kolonialhandels werden die Juden zu Pionieren der kapitalistischen Epoche. Von den Zünften und Gilden ausgeschlossen, also gezwungen, auf eigenen Wegen um Kundschaft zu werben, müssen sie mit dem geheiligten Brauch der Bedarfdeckung brechen; denn nur indem sie das kapitalistische Prinzip der Konkurrenz anwenden, können sie sich in der Wirtschaft erhalten. So produzieren sie für den unbekannten Kunden, für den Markt. Nicht mehr nach Vorschrift oder auf Bestellung. So werden die Juden zu Wegbahnern, nicht zu Vätern des Kapitalismus, wie Sombart in seinem Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ (Leipzig 1911), an das sich eine zahlreiche Literatur angeschlossen hat, ihre wirtschaftliche Mission zu deuten versucht. Selbst wenn man von der Behauptung ausgehen wollte, die Einführung der kapitalistischen Wirtschaft sei ein Verdienst an der Menschheit gewesen, könnten die Juden diesen Ruhm nicht allein für sich in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zu Sombart erklärt Brentano: „Nicht wo Israel hinkommt, sprießt neues Leben empor, sondern wo ein wirtschaftlicher Aufschwung stattfindet oder zu erwarten ist, zieht Israel hin.“ Wird man auch diese Anschauung, die den Juden eine allzu passive Rolle zuweist, nicht anerkennen können, so muß man erst recht die Sombartsche These ablehnen, die Juden seien die Schöpfer des Kapitalismus, weil sie ihre Weltanschauung hierzu prädestiniere und ihre Lehre sie zu idealen Kapitalisten erzogen habe; sei doch das Gebet des Juden nichts anderes als ein Kontrakt mit dem lieben Gott. Das jüdische Bauernvolk Palästinas dachte ganz unkapitalistisch. Die Einrichtung des Jubeljahres und der Schuldenaufhebung waren eher sozialistischen Gedankengängen ent- — i6 — Sprüngen. Aber dieses gleiche Volk trug dann in seiner Zerstreuung den antiken Geist und die hellenistische Kultur nach Europa. In Griechenland und in Rom gab es kapitalistische Organisationen, die den modernen gleichen. In Alexandrien gehörten die Juden, ihres Landes beraubt, bereits zu den Handeltreibenden. S~ sind sie den jungen Völkern des Nordens weit voraus in ihrem wirtschaftlichen Denken. Die strenge Rationalisierung ihrer Lebensführung, ihnen eingeimpft durch ihre Lehren, läßt ihnen als einzigem Volk der Antike — darin stimmen wir Max Weber zu — den Beruf zur göttlichen Berufung, zum „Melocho“ (Dienst) werden. Diese religiöse Bewertung der Arbeit führt die Juden zu rastlosem Vorwärtsstreben, das ihnen sittliche Aufgabe wird. Äußere Umwälzungen: Kreuzzüge, Entdeckungen, Erfindungen, schaffen den Grund zum Bruch mit der Idee der Nahrungswirtschaft. Der Horizont weitet sich. Aus der Hausund Stadtwirtschaft entsteht die Volkswirtschaft. Diese neue Wirtschaft führt zur „rationalen Dauerunternehmung“, deren „bilanzmäßig errechneter Schlußertrag in einer Geldsumme ausgedrückt“ wird. (Max Weber.) Die alte Tradition ist zersprengt. Hier setzt die Mitarbeit der Juden ein. Aber das Aufspüren neuer Pfade ist verknüpft mit schwerem Leid, mit Verfolgung und Tod. Mit ihrer durch jahrhundertelange Erfahrung erworbenen Einstellung auf bestimmte Berufe, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer unzweifelhaften kombinatorischen Begabung, die sie den Fürsten als geeignete Lehrmeister erscheinen lassen — wie sie auch Franzosen, Italiener und Holländer zur Förderung der heimischen Wirtschaft heranziehen —, haben die Juden unstreitig zu der neuzeitlichen Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft stark beigetragen. Nur in diesem Sinne wird man Sombart zustimmen können, wenn er in seinem Werk „Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert“ (Berlin 1913) behauptet: „Stellt man sich auf den Standpunkt der neuzeitlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens, betrachtet man die Entfaltung kapitalistischen Lebens und damit die Freisetzung starker produktiver Kräfte als einen Fortschritt, legt man Wert — 17 — auf den Rang, den ein Land heute auf dem Weltmarkt einnimmt, so kann man gar nicht umhin, die Existenz jüdischer Wirtschaftssubjekte als einen der größten Vorzüge anzuerkennen, über die dieses Land in ethnischer Hinsicht verfügt: Si le juif n’existait pas, il faudrait l’inventer.“ Aber es darf bei der Beurteilung des Einflusses der Juden auf die deutsche Wirtschaft nicht übersehen werden, daß noch das ganze neunzehnte Jahrhundert erfüllt ist von dem Ringen um völlige politische Anerkennung. Die Emanzipation hat sie endlich von allen wirtschaftlichen Fesseln befreit. Jetzt bedarf es nicht mehr der besonderen Erlaubnis, wenn ein Jude Schneider werden oder eine Fabrik gründen will. Aber volle Gleichberechtigung haben die Juden auch 1812 noch nicht erlangt. Im Jahr 1815 gibt es in Preußen für sie noch zwanzig verschiedene Gesetze. In der einen Provinz gelten sie als Staatsbürger, in der andern als Schutzgenossen. Die freien und die Hansestädte wollen von einer Einbürgerung der Juden überhaupt nichts wissen. Erst die „Verordnung, die Verhältnisse der Juden betreffend“, die der Preußische Landtag am 23. Juni 1847 annimmt, bestimmt in ihrem Artikel 1: „Unseren jüdischen Untertanen sollen, soweit dieses Gesetz nicht ein anderes bestimmt, im ganzen Umfange Unserer Monarchie neben gleichen Pflichten auch gleiche bürgerliche Rechte mit Unseren christlichen Untertanen zustehen“. Trotzdem erhalten sie auch jetzt noch kein Wahlrecht zu den Landtagen. Diese Entrechtung in einer Zeit, in der die Industrialisierung der Wirtschaft mit aller Macht auch in Deutschland einsetzt. Auch Bayern, Württemberg und Sachsen halten an ihren einschränkenden Bestimmungen noch fest. Die preußische Verfassung von 1848 erklärt endlich: „Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse.“ Aber erst die sechziger Jahre führen zur endgültigen Emanzipation. Durch das Gesetz vom 3. Juli 1869 fallen alle Beschränkungen „aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses“. Wenn auch das Eindringen der Juden in Deutschland in die ihnen früher verschlossenen Gebiete wirtschaftlicher und sozialer Tätigkeit mit dieser Schritt für Schritt eroberten Gleichberech- 2 Zielenziger — i8 — tigung ziemlich parallel geht, bis zum Weltkriege bleiben ihnen trotzdem noch viele Berufe verschlossen. Kein Jude kann Offizier oder höherer Beamter werden. Die soziale Disqualifizierung besteht also fort. So wird die Sphäre der Wirtschaft für sie das Äquivalent im Streben nach sozialer Geltung. In ihr waren die Juden seit Jahrhunderten mit aller Kraft verwurzelt, hier bleiben sie es auch, denn hier können sie sich frei entfalten und die Erfolge erzielen, die ihnen auf anderen Gebieten mit Ausnahme der Wissenschaft und Kunst versagt bleiben. So kann auch die Emanzipation nicht alle Spuren des jahrhundertelangen Ghetto sofort beseitigen. Aber immer größer wird die Verflechtung der Juden mit der deutschen Volkswirtschaft. Immer mehr werden sie an deren Gedeihen interessiert. Sie dienen dem Vaterland, dessen Geschick auch ihr Dasein bestimmt. Die erste Zeit nach der Befreiung führt bei vielen Juden zu einer völligen Assimilation: durch die Taufe glauben sie den Beweis erbringen zu müssen, nur auf diesem Wege wahre Deutsche werden zu können. Immer wieder gehen dem Judentum wertvolle Kräfte durch den Übertritt zu einem andern Glauben verloren. Glaubt man an ein besonderes jüdisches Ingenium, dann wird es auch den Männern zugesprochen werden müssen, die zwar als Juden geboren wurden, aber das Judentum verlassen haben. Von antisemitischer Seite werden gerade diese Persönlichkeiten, obwohl sie sich selbst ganz bewußt zum Christentum bekannt haben, mit Vorliebe als Juden bezeichnet. Nur wenigen ist es vergönnt, sich über die namenlose Menge zu erheben. Nur wenige sind es stets, die durch die Stärke ihrer Persönlichkeit den Gang der Dinge beeinflussen können. Der Wirtschaftsführer ist eine Erscheinung des modernen Kapitalismus. Das „wundersame Geistgebilde der verselbständigten kapitalistischen Unternehmung“ (Sombart) ist ohne den neuzeitlichen Unternehmer undenkbar. Er ist der Herrenmensch, der von schöpferischem Drang beseelt als Gestalter der vorhandenen und Prophet der kommenden Dinge die Ereignisse von gestern mit denen von heute kombiniert, um den Weg zum Morgen zu weisen. Erfüllt von der Idee seines Berufs übt er ihn aus als — 19 — Dienst am Volk oder der Menschheit, und ragt so hinaus aus der Sphäre des reinen Erwerbsstrebens. Es ist nicht so, daß alle diese Männer mit dem Entschluß in die Wirtschaft eintraten, nach einem fertigen Programm die Dinge, die sie vorfanden, umzugestalten. Der Zufall oder die Intuition spielte oft eine große Rolle, aber der neue Gedanke, dem sie nachgingen, der Weg, den sie wiesen, um eine neue Situation zu meistern, wurden bestimmend für die Entwicklung ihres Unternehmens und damit oft entscheidend für die Volkswirtschaft. Der jüdische Wirtschaftsführer mußte erst alle Schranken politischer Entrechtung überwinden, ehe er über seine Umgebung sich emporheben konnte. Deshalb ist es nicht richtig, wenn Max Weber behauptet: „Unter den Schöpfern der modernen Wirtschaftsorganisation, den Großunternehmern, findet sich kaum ein Jude. Dieser Typus war christlich und nur auf christlichem Boden denkbar. Der jüdische Fabrikant ist eine moderne Erscheinung.“ Unter den Juden erscheinen die Wirtschaftsführer nicht später als unter den Christen. Den Borsig, Thyssen, Kirdorf, Stinnes u. a. stehen jüdische Männer ebenbürtig zur Seite, die die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ebenso stark beeinflußt haben. Von diesen jüdischen Männern soll in diesem Buch die Rede sein. Als Idealtypen verschiedener Wirtschaftszweige sollen sie gezeichnet und damit eine Würdigung ihrer Leistungen dargestellt werden, die sie für Deutschland vollbracht haben. Ihre Geschichte ist zugleich eine Geschichte der Volkswirtschaft des neunzehnten Jahrhunderts. Jedes Porträt soll deshalb ein Bild der Zeit und der verschiedenen Wirtschaftszweige widerspiegeln, ohne daß dieses Buch den Anspruch der Vollständigkeit erhebt. Denn es will nur einen Querschnitt durch das Wirtschaftsleben des neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts geben, unter gleichzeitiger Aufspürung der innigen Beziehungen zwischen den deutschen Juden und der deutschen Wirtschaft. Wenn wir heute, an einem neuen Wendepunkt der deutschen Wirtschaft, zurückblicken auf jene Tage vor mehr als hundert 20 — Jahren, in denen durch die Freiheitsbewegung der Grundstein für das Gebäude des modernen Kapitalismus gelegt wird, wie eng und klein muten uns dann die Verhältnisse aus der Zeit unserer Urgroßeltern an. Welcher Arbeit, welcher Energie und welcher Intelligenz bedurfte es, um das zu schaffen, was wirtschaftlich erreicht worden ist! Denn die Ereignisse überstürzten sich nicht. Noch war die Zeit nicht ein so kostbarer Begriff geworden wie in unsern Tagen. Dem gemächlichen Trab der Postkutsche entspricht das Arbeitstempo. Das Deutschland nach den Befreiungskriegen ist noch überwiegend ein Agrarstaat. Der Landwirt der Hauptträger seiner Wirtschaft. Was die Bevölkerung zu ihrer Ernährung braucht, gewinnt man auf eigenem Grund und Boden. Weit dehnt sich das riesige Land von wenigen Menschen bevölkert. Erst 24,8 Millionen leben 1816 in den vielen Staaten, die Deutschland bilden. Erst zwei Großstädte gibt es: Berlin und Hamburg. Wie arm ist die Bevölkerung nach unseren Maßstäben gemessen. Noch 1840 berechnet man das Durchschnittseinkommen eines einzelnen auf 240 Mark gegen 600 Mark im Jahre 1914. Die lange Friedenszeit läßt die Einwohnerzahl rapide wachsen. Schon 1850 zählt man 35,4 Millionen Bewohner. In der Zeit der Begründung des Deutschen Reichs sind es bereits 40,8 Millionen geworden, fast eine Verdoppelung seit den Tagen Steins und Hardenbergs. Acht deutsche Städte haben jetzt die Grenze der 100000 Einwohner, die noch heute als charakteristisches Merkmal der Großstadt gilt, überschritten. Die wachsende Bevölkerung verlangt nach Arbeit und Brot. Die Technik wird zur Helferin der Menschheit. Die Mechanisierung des Wirtschaftslebens schafft Raum, auch wenn der Platz immer kleiner wird, auf dem die Deutschen sich ansiedeln können, auch wenn die Orte durch neue Straßen und durch die Schienenwege immer näher aneinanderrücken. Die Maschinen verändern den Produktionsprozeß, aber sie schaffen auch immer neue Wirtschaftszweige. Neue Stoffe werden verwandt in neuen Formen. Die Arbeitsteilung nimmt zu. Das Spezialistentum entwickelt sich. Hunderte von neuen 21 — Berufen entstehen, weil immer wieder neue Aufgaben zu erfüllen sind. Erst von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ab wird die Behaglichkeit des Biedermeier- zur Betriebsamkeit des Maschinenzeitalters. Eisenbahnen und Dampfschiffe beschleunigen das Tempo der Entwicklung. Auf allen Gebieten wächst die Erzeugungskraft. Immer neue Waren werden hergestellt. Die Produktion an Eisen steigt. Die wirtschaftlichen Entscheidungsschlachten der modernen Völker werden, wie Friedrich Naumann erklärt, nicht in Porzellan und Holz, nicht in Getreide, auch nicht in Wolle und Baumwolle, sondern in Eisen geschlagen. Die Maschinen erfordern stets neue Maschinen. Die Arbeitsteilung im Volke führt im Zeitalter des Liberalismus auch zur Arbeitsteilung unter den Völkern. Es fallen die Schranken, die in Deutschland die Länder voneinander trennen. Der Kaufmann ist nicht mehr an den Absatz seiner Waren in der Stadt gebunden. Der Markt weitet sich: von Berlin bis Leipzig, von Königsberg bis München. Aber er dehnt sich auch immer mehr über die Ländergrenzen hinaus. Neue Rohstoffe werden eingeführt und mit heimischen Erzeugnissen, mit Getreide und Fabrikaten bezahlt. So wächst der Reichtum. Vor dem Weltkrieg wird das Volkseinkommen, das im Jahre 1850 noch nicht 10 Milliarden betrug, auf jährlich 40 Milliarden geschätzt. Aber es verändert sich auch die Lebenshaltung. Was unsern Großeltern noch als größter Luxus erschien, ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Kapitalien konzentrieren sich. Suchen Anlage und schaffen neues Kapital. Das Prinzip der Konkurrenz triumphiert in der Welt. Deutschland versucht seinen Lehrmeister England nachzuahmen und zu übertreffen. Der Kapitalismus hat gesiegt. Er hat dem Wirtschaftsleben des letzten Jahrhunderts eine Größe verliehen, wie es „ohne jeden Vergleich in der Weltgeschichte dasteht“ (Sombart). Die neue Zeit formt neue Menschen. Wenn auch die alten Typen bleiben. Der Bankier steigt auf zum Großbankleiter, der Manufakturist zum Industriellen, der Kaufmann zum Großhändler. Neben ihnen stehen auch in der Zeit hochkapitalistischer Wirtschaft der Bauer, der Handwerker, der Einzelhändler. 22 Aber hinter ihnen allen marschiert die große Armee auf, ohne die der Kapitalismus undenkbar ist: das immer größer werdende Heer von Arbeitern und Angestellten. In diese veränderte Welt werden die Juden im neunzehnten Jahrhundert immer mehr eingereiht. Der jüdische Geldleiher wird zum Bankier. Der Münzwechsler bleibt noch Warenhändler, der auch Darlehns- und Diskontgeschäfte betreibt. Aus der Pfandleihe entsteht das Lombardgeschäft. Daneben werden die Hoffaktoren zu Anleihevermittlern. Das Haus Rothschild kann als erstes alle Fesseln des Ghetto abstreifen. Meyer Amschel Rothschild und seine fünf Söhne werden die Staatsbankiers par excellence. Die Mendelssohns und Bleichröders folgen ihren Spuren. Mit der Einführung der Anleihen an den Börsen eröffnet die Effekten- spekulation den Bankiers ein neues Feld ihrer Tätigkeit. Die Unterbringung der Staatspapiere im Publikum wird ihre Aufgabe. Sie gehört für Jahrzehnte zum Wirkungskreis der Banken im ganzen Lande, besonders da, wo eine Börse besteht: in Berlin, Hamburg und Frankfurt. Hier sammeln sich zuerst Kapitalien, die um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nutzbringende Anlage in der jungen Industrie und in den Verkehrsunternehmungen finden. Mit ihrer Entstehung vergrößert sich der Effektenmarkt. Neue Betätigungsmöglichkeiten für den Bankmann zeigen sich. Als vertrauter Berater, als Vermittler von Blankokrediten, als Finanzier bestimmter Unternehmungen hat sich der Privatbankier aufrechterhalten können. Aber nur wenigen Häusern, vor allem in Berlin, Frankfurt a. M., Köln, Essen, Breslau, München und Karlsruhe gelingt es, Einfluß auf die Wirtschaft zu behalten. Vereinzelte Privatbankiers erlangen Weltruf. Voran Max M. Warburg, der Mitinhaber des Hamburger Bankhauses M. M. Warburg & Co., gleich ausgezeichnet als Praktiker und Theoretiker, der Bankierphilosoph. Neben ihm Louis Hagen, der Führer der rheinisch-westfälischen Wirtschaft, Seniorchef des väterlichen Bankhauses. A. Levy, einst der erste unter allen deutschen Aufsichtsratsmandataren, der nach seinem Austritt aus dem Judentum als päpstlicher Kämmerer große Geltung — 23 — im rheinischen Zentrum besitzt. Gleichfalls über den Rahmen seiner Betätigung als Finanzmann hinaus, wurde Ludwig Max Goldberger bekannt, der Organisator der Berliner Handelskammer und der ständigen Ausstellungskommission, der Schöpfer des Wortes vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Die Aufgaben, die der Privatbankier nicht mehr lösen kann, übernehmen in den fünfziger Jahren die Aktienbanken, deren erste Gründungen in Deutschland nicht von Juden herrühren. Aber an der Entwicklung dieser Institute zu den stärksten Faktoren auf dem deutschen Geld- und Kapitalmarkt sind auch Juden beteiligt: neben Männer wie die Hansemanns, wie Siemens, Gwinner, Koch reihen sich ebenbürtig die Gestalten der Salomonsohns, eines Steinthal, Wallich, Gutmann, Fürstenberg, und unter den heutigen Jacob Goldschmidt, Oscar Wassermann, Kurt Sobernheim und Wilhelm Kleemann. Trotz seiner führenden Stellung hat der Bankdirektor seine Selbständigkeit aufgegeben. Von einer Beherrschung des Geldmarktes durch die Juden kann nicht mehr gesprochen werden. Der jüdische Händler braucht in der modernen Volkswirtschaft nicht mehr Trödler und Hausierer zu bleiben. Er dehnt jetzt seinen Wirkungsbereich auf alle Produkte aus. Neben dem Handel mit börsengängigen Erzeugnissen, Getreide, Metallen und Baumwolle, bleibt besonders der Handel mit Altstoffen, dem die Juden schon im Mittelalter nachgehen müssen, in jüdischen Händen. Die Verwertung und Umarbeitung dieser Altmaterialien wird geradezu eine jüdische Erfindung (Metallschmelzen). Ebenso widmen sie sich wie in früheren Zeiten dem Handel mit allen Gegenständen der Bekleidung. Wie jüdischen Händlern mit Textilprodukten schon im achtzehnten Jahrhundert die Begründung von Manufakturen gestattet wird, so führt sie jetzt der gleiche Weg zur Fabrikation. Der Kaufmann, der sich durch Zwischenmeister Waren anfertigen läßt, wird Verleger und geht dann selbst zur eigenen Erzeugung über. Im Jahre 1837 nehmen in Berlin als erste Gebrüder Mannheimer die konfektionsmäßige Anfertigung von Mänteln auf. Der Konfektion aller Art widmen sich viele jüdische Firmen. Einige, wie Hermann Gerson, werden ton- — 24 — angebend auf dem Gebiete der Damenmode. Der Fabrikant steigt auf zum Industriellen: Juden werden zu Begründern der schlesischen Leinenindustrie (S. Frankel in Neustadt, I. Rinkel, Albert Hamburger und F.V. Grünfeld in Landeshut). Sie sind es auch, die die Bunt- und Kleiderstoffweberei einführen (Reichenheim und Meyer Kauffmann in Wüstegiersdorf). Auch in der vogtländischen Tüll- und Gardinenweberei, in der Teppichherstellung, der Tuch- und Hutfabrikation finden wir zahlreiche Juden. Der Begründer der deutschen Velvetindustrie um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist der jüdische Fabrikant Martin Mengers in Linden. Auch die Lederindustrie und die Schuhfabrikation wird von Juden aufgenommen. In allen Zweigen des Bekleidungsgewerbes, vornehmlich in der Textilbranche, sind die Juden besonders stark vertreten. Aus dem Manufakturgeschäft entsteht zunächst das Kaufhaus, vielfach auch das Warenhaus, an dessen Entwicklung in Deutschland Juden starken Anteil nehmen (Tietz, Wertheim, Alsberg, Wronker, Conitzer, Schocken). Der Getreidehandel führt den Juden besonders im Osten Deutschlands dazu, selbst Brennereien oder Brauereien zu gründen. In dem Schultheiß-Patzenhofer-Konzern, dem größten Brauereiunternehmen Europas, stehen Walter Sobernheim und Ludwig Katzenellenbogen (der nicht mehr Jude ist) an der Spitze. Der kleinere Engelhardt-Konzern wird von Ignatz Nacher geleitet. Auch in den süddeutschen Brauereien haben die Juden an Einfluß gewonnen. Der Produktenhandel erleichtert auch den Schritt zur Öl- und Mühlenindustrie (Herz). Die Beschäftigung mit dem Metallhandel, der sich die Juden schon vor der Emanzipation widmeten, da sie es waren, denen vielfach allein der Handel mit Edelmetallen erlaubt war, führte zur Metallindustrie. Die Firma Aron Hirsch & Sohn wird die Mutter vieler von Juden geleiteter Unternehmungen. Auch im Eisen- und Schrotthandel spielen sie eine Rolle (Schweitzer & Oppler, Berlin, I. Adler jun., Frankfurt). Die Entstehung der Eisenbahnen führt zu dem rapiden Aufschwung der Eisen- und Maschinenindustrie sowie des Kohlenbergbaues. Während in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahr- — 25 — hunderts in Deutschland nur wenige Eisenhütten und Zechen bestehen — das älteste Werk des Rheinlandes, die Gutehoffnungshütte wurde 1808, die Firma Krupp als zweites Unternehmen 1810 gegründet —, nimmt die Errichtung dieser Werke von den vierziger Jahren an ständig zu. Jetzt werden der Hörder Verein, der Bochumer Verein, das Hasper Eisen- und Stahlwerk, der Phönix usw. ins Leben gerufen. Aber erst die Begründung des Reichs führt zu neuem Aufschwung. So entstehen die Werke von Thyssen, von Hösch, die Rheinischen Stahlwerke, die Gewerkschaft Deutscher Kaiser usw. An der Entwicklung der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie haben Juden keinen Anteil. Erst in den letzten Jahren ist dort ein Mann jüdischer Abstammung als Organisator der rheinischen Braunkohlen Wirtschaft immer stärker hervorgetreten, Dr. Paul Silverberg. Den Weg vom Händler zum Fabrikanten ging die Firma Otto Wolff, deren Mitinhaber Ottmar Strauß ein Jude ist. Dagegen sind in Oberschlesien die Juden die Schöpfer der Schwerindustrie geworden. Schon im siebzehnten Jahrhundert werden dort von der Beuthener Standesherrschaft der Grafen Henckel Juden als Verwalter der Erzgräbereien und Galmeigruben verwendet. Nach der Emanzipation gründen sie Gewerkschaften und sichern sich Beteiligungen an den Gruben. Moritz Friedländer, dessen Vater David Friedländer als Besitzer einer Lederfabrik selbst schon zu den Fabrikanten gehörte, gründet mit den Kaufleuten Mannheimer und Löwy die Minervahütte. Sein Sohn Otto Friedländer errichtet Ende der sechziger Jahre die Heinitz-Grube und die Moritzhütte, die heute als Julienhütte das größte Werk Oberschlesiens darstellt. Heinrich und Aloys Kern schaffen die Herminenhütte bei Laband, an der sich ihre Neffen Georg und Oskar Caro beteiligen, die schließlich eine Drahtfabrik in Gleiwitz erbauen. Auch die Huld- schinskys und Pringsheims gehören zu den Förderern der oberschlesischen Industrie. Die Nachkommen dieser Gründerfamilien sind heute längst nicht mehr an diesen Unternehmungen, die meistens in der Oberschlesischen Hüttenwerke A. G. zusammengefaßt sind, beteiligt. Fritz von Friedlaender-Fuld und Eduard Arnhold werden zu Pionieren der oberschlesischen Produkte. - 26 - Auch die Maschinenindustrie entfaltet sich erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Hier werden vor allem die Engländer die Erzieher der Deutschen. John Cockerill baut in Berlin 1815 das erste Textilmaschinenunternehmen, das zweite errichtet ein Jahr später ein zweiter Engländer namens Foster. 1834 besitzt Berlin erst drei Maschinenfabriken mit 72 Arbeitern. Erst drei Jahre später macht sich Borsig selbständig, der seine Maschinen noch durch Menschenkraft betreiben muß. Der erste, der die amerikanische Präzisionsmethode einführt, ist Ludwig Loewe. Ebenfalls nach ausländischem Vorbild werden Benno Orenstein und Arthur Koppel Begründer einer neuen Spezialindustrie. Die zunehmende Industrialisierung aller Länder zwingt zu stärkerer Umstellung auf die Erzeugung von Qualitätsprodukten. Kohle und Eisen werden Hauptfaktoren für ihre Herstellung. Die umwälzenden Erfindungen der Chemiker schaffen in geheimnisvollen Verfahren aus der Kohle Farbstoffe und Heilmittel. Kohle und Kupfer dienen der Elektrizitätserzeugung. Für den deutschen Export erhält die Ausfuhr an fertigen Qualitätswaren eine immer größere Bedeutung. Neben Werner von Siemens wird Emil Rathenau der Schöpfer der deutschen Elektrizitätswirtschaft. Sein Sohn Walther Rathenau und seine Mitarbeiter Felix Deutsch und Paul Mamroth setzen sein Werk fort. Auch in der Telefonfabrikation (Berliner in Hannover und Fuld in Frankfurt a. M.) sowie in der Kabelherstellung (Cassierer, Berlin) sind Juden tätig. In Berlin gründet 1826 der jüdische Armeelieferant Samuel Hirsch Kunheim aus Ankuhn bei Zerbst die erste Holzessigsäurefabrik, aus der unter seinen Nachkommen, die dem Judentum nicht mehr angehören, das große chemische Unternehmen entsteht. In die Firma, die im Jahre 1808 der Friedberger Handelsmann David Löb Cassel in der Frankfurter Judengasse ins Leben ruft, und die später den Namen Leopold Cassella &Co. annimmt, heiratet in den fünfziger Jahren Bernhard Weinberg aus Escheberg in Kurhessen ein. Seine Söhne Arthur und Karl von Weinberg, die auch nicht mehr dem Judentum zugezählt werden können, werden die Mitschöpfer des größten Farben- — 27 — Unternehmens der Welt, der I. G. Farbenindustrie A. G. Die Chemische Fabrik Milch in Posen, die ursprünglich in Berlin als Präparatefabrik entstandene Firma Th. Goldschmidt, die in Essen zu großer Bedeutung gelangt, deren Besitzer auch keine Juden mehr sind, beweisen die Leistungen, die die Juden sich auch auf dem Gebiete der deutschen chemischenlndustrie erworben haben. Der jüdische Jurist Maximilian Kempner wird Reorganisator der deutschen Kaliindustrie. Auch die Petroleumindustrie und der Petroleumhandel zählen Juden zu ihren Förderern, unter ihnen voran Heinrich Brückmann, der besonders der Frage der Kohleverflüssigung seine Aufmerksamkeit widmet. Gleich groß als Erfinder wie als Industrieller ist Nikodem Caro, einer der Begründer der deutschen Stickstoffindustrie. Es gibt kaum einen Zweig in der deutschen Volkswirtschaft, in dem nicht auch Juden führende Unternehmungen ins Leben gerufen haben. Der jüngste Zweig der deutschen Metallindustrie, die Aluminiumfabrikation, verdankt der Initiative eines Mannes jüdischer Abstammung, Moritz von der Porten, heute Generaldirektor der dem Reich gehörenden Vereinigten Aluminiumwerke A. G. ihre Entstehung. Die deutsche Porzellanindustrie ist durch Philipp Rosenthal, der dem Judentum nicht mehr angehört, an die erste Stelle gerückt worden. Aber auch in der Schmuck-, Bijouterie-, Papier-, in der Zigaretten-, Zigarren- und schließlich in der Filmindustrie, auf dem Bau- und Grundstücksmarkt, im Buchhandel und Buchdruckgewerbe haben jüdische Männer große Leistungen vollbracht. Vor allem die Schöpfer der größten deutschen Zeitungsunternehmungen Leopold Ullstein und Rudolf Mosse, auch Leopold Sonnemann, der Politiker und Verleger zugleich war. Der jüdische Fuhrherr, in allen Ländern des Ostens eine häufige Erscheinung, spielte auch in Deutschland früher eine Rolle, die er heute verloren hat, während der jüdische Unternehmer seine Stellung im Speditionswesen beibehielt. Schon die Rothschilds und Bleichröders haben sich für den Bahnbau interessiert. Zu den größten Förderern des deutschen Eisenbahnwesens gehört die eigenartige Persönlichkeit Bethel Henry Strousbergs. Ein Pionier des Bahnbaues im Osten Deutschlands, 28 — auf dem Balkan und in Asien ist Julius Berger geworden. Der Gründer der größten deutschen Privatreederei ist ebenfalls ein Jude, Wilhelm Kunstmann. Sie alle überragt der Schöpfer des größten Handels- und Schiffahrtsunternehmens der Welt, Albert Ballin. Neben den jüdischen Bankiers, den Händlern, Kaufleuten, Fabrikanten und Industriellen stehen heute die jüdischen Landwirte und vor allem zahlreiche jüdische Handwerker aller Zweige. 1907 zählte man deren 40000. Hinter ihnen aber wächst die große Schar der jüdischen Arbeiter und Angestellten. In allen Zweigen der deutschen Wirtschaft finden wir heute auch Juden, aufs engste mit ihr verflochten. Wie sie zäh fest- halten als Händler oder Handwerker an ihrer kleinbürgerlichen Existenz, gehören sie auch zu den Schöpfern der großen Organisationen, der Syndikate und Truste, und wirkten führend mit an der Gründung der Unternehmungen, die sich in der öffentlichen Hand befinden. So ist der Ghettohändler von einst durch alle Veränderungen der Wirtschaftsstruktur im Zeitalter des modernen Kapitalismus aufgestiegen zum Kartellmagnaten, zum Konzerngründer, zum Wirtschaftsführer. ‘i ¥Szt 1 A?i fä# mm® affig? st- miMt V-ijtf'&Ci JUDEN IN DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT Jüu i ui ü li a i iiiiit iiiiUlijNifeüiliifDitilii j iiiifliiiiiilü DAS HAUS ROTHSCHILD Z u den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohl den Jüngling bedrängten, gehörte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaum aus etwas mehr als einer einzigen Straße besteht, welche in frühen Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einem Zwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen war.“ Es mag sein, daß der Christenknabe, den der geheimnisvolle Zauber der Judengasse in seinen Bann zog, auf seinen Erkundungsgängen zwar den hübschen Judenmädchen des öfteren seine Aufmerksamkeit erwies, daß er aber einem jüdischen Jüngling, der nur wenig älter war als er selbst, wenn er ihm begegnete, gar keine Beachtung schenkte. Für den Knaben vom Hirschgraben waren die Juden vom Woll- graben, der das Ghetto in Frankfurt a. M. bildete, nur eine Kuriosität. Zwei Männer wuchsen nebeneinander auf, deren Persönlichkeit so stark war, daß sie eine neue Epoche heraufführten, die aber als Nachbarskinder nichts voneinander wußten, weil sie aus zwei verschiedenen Welten kamen. Der Patriziersohn Goethe, Enkel des regierenden Bürgermeisters der reichsunmittelbaren Stadt Frankfurt, nur sechs Jahre jünger als Meyer Amschel Rothschild, Sohn eines jüdischen Wechslers. — 32 — Denn als Meyer Amschel Rothschild am 23. Februar 1743 (nach anderen Versionen 1744) geboren wurde, lebten die Juden Frankfurts eingeengt und eingepfercht in der einen Gasse, die man ihnen schon vor dreihundert Jahren als Quartier angewiesen hatte. Seit der ältesten Zeit hatte in der Stadt am Main eine jüdische Gemeinde bestanden, die es mit der wachsenden Bedeutung Frankfurts als Mittelpunkt des südwestdeutschen Handels zu Ansehen und Reichtum brachte. Erst die Jahre der Pest führten auch über die Frankfurter Juden Not und Bedrängung, und von 1462 ab sperrte man sie in das Ghetto, das dreihundertvierunddreißig Jahre hindurch der ausschließliche Wohnsitz der Juden geblieben ist. In ungefähr einhundertfünfzig Häusern hausten mehr als zweitausend Bewohner. Spaziergänge in der Stadt oder in den Gärten vor den Toren des Ghetto waren ihnen nicht gestattet. In ihrer Gasse blieben sie beschränkt auf die wenigen Erwerbszweige, deren Ausübung ihnen der hohe Rat erlaubte. In die Leinen- und Seidenkrämerei, in den Materialwaren- und Buchhandel und in den Handel mit Edelsteinen und Edelmetallen versuchen sie einzudringen. Beschwerden der Kaufmannschaft über „das aus seinen Schranken schreitende Judenvolk, über das alle Bürger und Christen jämmerlich seufzen und wehklagen“, führen zu neuer Einengung der Berufe, denen sie sich widmen dürfen. Aus diesem Ghetto kommt Meyer Amschel Rothschild. Dieser kleine Frankfurter Handelsjude wird zum Begründer eines Hauses, um das sich ein Nimbus von Macht und Ansehen webt, wie ihn niemals vorher und niemals nachher je wieder eine jüdische Familie besessen hat. Der Name Rothschild wird zum Inbegriff des Reichtums. Wie Krösus, der Lydierkönig, gelten die Rothschilds für die glücklichsten aller Menschen. Unzählige Legenden bilden sich, die von den Schätzen des Hauses Rothschild erzählen. Aber es ist kein jäher Aufstieg, der zu diesem Glanze emporführt, sondern ein mühseliges Emporklimmen von Stufe zu Stufe. Genie ist hier auch Fleiß. Mit dem Streben nach Macht und Besitz paart sich ein scharfer Blick mit seltener Entschlossenheit. So werden die Rothschilds zu Bahnbrechern neuer volkswirtschaftlicher Ideen. Nur deshalb können sie jahr- Nathan Rothschild '£%%&taff- VA-I ? E /! sflüi — 33 — zehntelang Führer auf dem Weltgeldmarkt sein. Maßgebend für das finanzielle Geschick des ganzen Kontinents. Der Ahnherr Meyer Amschels, von dem die Familie den Namen trägt, ist Isaac Elchanaan, der im Hause zum roten Schilde wohnt. Die Wahrzeichen der Häuser in der Judengasse geben den Familien die Namen. Denn Isaacs Vater nennt sich nur Elchanaan (vgl. Berghöffer, Meyer Amschel Rothschild, Frankfurt a. M. 1923). Ungefähr um 1680 verläßt ein Nachkomme des Isaac Elchanaan, Napthali Hirz genannt, das Haus zum roten Schilde, um das Haus zur Hinterpfann zu beziehen. Hier lebt zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts Moses Kalman Rothschild, ein kleiner Geldwechsler, aber nicht ohne Vermögen. Sein Geschäft erbt der Sohn Amschel Moses Rothschild, und auch er bestimmt, daß seine beiden Söhne Meyer Amschel und Kalman den gleichen Beruf ergreifen. Da vor den Toren Frankfurts schon die Welt zu Ende ist, und nach wenigen Meilen immer wieder neue Welten hinter neuen Grenzen beginnen, da jedes Land im Deutschen Reich eigene Münzen prägt, gehört der Geldwechsler zu den unentbehrlichen Faktoren des Wirtschaftslebens. Zuerst besucht Meyer Amschel die jüdische Schule in Fürth Dann geht er nach Hannover in das Handelshaus der Oppenheims, um dort zu lernen. So sieht er ein Stück Welt, muß aber früh verwaist nach Frankfurt zurück. In Hannover hat er einen hannoverschen General von Estorff kennengelernt, einen eifrigen Münzsammler. Durch ihn angeregt bildet sich Meyer Amschel selbst voll Eifer zum Numismatiker aus und besitzt bald große Sachkenntnis auf diesem schwierigen Gebiet. Die Beziehungen zu dem münzensammelnden General hält Meyer Amschel auch in Frankfurt aufrecht. Sie werden ihm besonders nützlich, als Estorff in die Dienste des PrinzenWilhelm von Hessen-Hanau, eines Enkels des Kurfürsten Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel und des Königs Georg III. von England tritt. Denn Rothschild fährt nach dem nahen Hanau, um dem Prinzen, der ebenfalls Münzliebhaber ist, seine Schätze anzubieten, oder er versteht es, in Frankfurt, wenn der Prinz dort weilt, sich ihm zu nähern, und ihm Münzen oder Antiquitäten zu offerieren. Der Münzkenner bewährt sich. Geschickt kann er das fürstliche Wohlwollen be- 3 Zielenziger — 34 — nutzen. Seiner Bitte entsprechend wird er 1769 zum Fürstlich Hessen-Hanauschen Hoffaktor ernannt. Schon als Fünfundzwanzigjähriger zeigt sich Rothschild als kluger Psychologe. Er weiß, daß der Titel den unbekannten Juden aus der Schar seiner Glaubensgenossen heraushebt, daß er nun nicht mehr der erste beste Geldwechsler des Frankfurter Ghetto ist, er weiß auch, daß sich ihm mit dieser Würde neue Wirkungsmöglichkeiten eröffnen. Der Herr Hoffaktor geht jetzt auf Brautschau. Am 29. August 1770 heiratet er die erst siebzehnjährige Tochter Gudula des jüdischen Handelsmannes Wolf Salomon Schnapper. Das erste Kind, eine Tochter, wird dem jungen Paar 1771 geboren. Dann folgt fast jedes Jahr die Geburt eines weiteren Kindes, 1773 Amschel, 1774 Salomon, 1775 Nathan, 1781 Carl, schließlich 1792 James. Im ganzen sind es fünf Söhne und fünf Töchter, die das kleine Rothschildsche Haus bevölkern, in dem noch bis zu seinemTode 1782 auch Meyer Amschels Bruder Kalman wohnt. Der Münzfachmann Rothschild läßt ganz nach dem Muster großer Häuser Kataloge drucken und versendet sie an die Liebhaber alter Geldstücke. Mehrfach auch nach Weimar an Herzog Karl August. So ist es möglich, daß der Landsmann Goethe auf diesem Wege Münzen von dem Frankfurter jüdischen Händler erhalten hat. Als Prinz Wilhelm 1785 Kurfürst von Hessen wird, versucht Rothschild die Beziehungen auch mit der neuen Residenz aufzunehmen. Er bringt sich als Münzhändler in Erinnerung und versteht es, mit einer besonders kostbaren Kollektion, die er auffällig billig anbietet, den Fürsten für sich zu gewinnen. Denn sein Bestreben ist es, mit diesem Herrscher, dem reichsten Fürsten Deutschlands, auch Geldgeschäfte abzuschließen. Wilhelm gehört zu jenen skrupellosen Landesvätern, die ihr Geld wie schon sein Vater und sein Großvater mit dem Blut ihrer Untertanen erworben hatten. Sie waren es, dieTausende von Soldaten ausrüsteten, um sie an das nah verwandte englische Königshaus als Kanonenfutter für die Kämpfe in den amerikanischen Kolonien zu verkaufen. An dem Verkauf eines einzigen Regiments hatte Wilhelm 1776 3,5 Millionen Mark verdient. Mit diesem Sündengeld füllt er seine Kassen, aber er ist nicht nur geldgierig, son- — 35 — dern auch ein sehr geschickter Finanzmann, der sein Geld all und jedem borgt, wenn er nur dafür hohe Zinsen erhält. So braucht er zur Unterbringung seiner Gelder verschiedene Bankiers. Aber erst von 1794 ab gelingt es Rothschild, durch Vermittlung des fürstlichen Schatullenverwalters Buderus, den er finanziell zu interessieren versteht, in eine ständige Geschäftsverbindung mit dem Kurfürsten zu kommen. In diesem Jahre läßt der Kurfürst einen Teil seiner in England angelegten Gelder nach Kassel überweisen. Neben dem alt angesehenen Frankfurter Bankhaus Bethmann wird auch Rothschild mit der Unterbringung von Wechseln beauftragt. Die Münzlieferungen und die Wechselgeschäfte erlauben es Rothschild, ein Vermögen anzusammeln, mit dem er im Jahre 1785 das Haus zum grünen Schilde erwirbt und sein altes Haus verkauft. Es ist ein eigenartiges Zusammentreffen, daß die Familie, die nach dem Hause zum roten Schilde ihren Namen führte, erst in dem Hause zum grünen Schilde ihren Weltruf erlangt. Nach Berghoeffers Untersuchungen wird das Einkommen Rothschilds zu Beginn der neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts auf jährlich 2—3000 Gulden geschätzt, während zu gleicher Zeit die Goethesche Familie ungefähr 2400 Gulden verbraucht. Die Französische Revolution und die Koalitionskriege stürzen auch Frankfurt a. M. mitten in die Kriegswirren. Am 13. Juli 1796 wird Frankfurt bombardiert und hierdurch ein großer Teil des Ghetto vernichtet. Rothschilds Haus bleibt unversehrt. Die Bedürfnisse der verschiedenen Heere und der Städte, die die Kriege mit sich bringen, macht sich Rothschild zunutze durch große Kriegslieferungen. „In den damaligen Kriegsgewinnen liegt der eigentliche Keim des späteren ungeheuren Vermögens des Hauses Rothschild“ (Egon Caesar Conte Corti, Der Aufstieg des Hauses Rothschild, Leipzig 1927/28). Bis 1794 hatte Rothschild 2000 Gulden als Vermögen angegeben, schon 1796 waren es 15000 Gulden geworden. Als sich jetzt durch diese verschiedenartigen Geschäfte die Aufgaben Rothschilds vermehren, können ihm schon seine ältesten Söhne helfen. Aber für die Korrespondenz mit vielen hochmögenden Personen braucht man doch einen christlichen Buchhalter, der richtig deutsch — 3 6 — schreiben kann. Im Jahre 1801 setzt Rothschild seine Ernennung zum Kaiserlichen Hoffaktor durch, indem er seine Verdienste um die Lieferungen für die kaiserlichen Heere in seinem Gesuch hervorhebt. Im gleichen Jahre schließt Meyer Amschel das erste größere Finanzgeschäft mit dem hessischen Landgrafen ab, der ihm 160000 Taler mit 4% Verzinsung leiht. Für den Landgrafen führt Rothschild ein Jahr später das erste Anleihegeschäft über 120000 4V2 % ige Guldenobligationen mit den pfalzbayerischen Landständen durch. Zu gleicher Zeit verschafft er Dänemark mit kurhessischem Geld eine Anleihe. Hierbei handelt es sich bereits um ein langfristiges Darlehen. Der Grund für die Roth- schildschen festfundierten Staatsanleihen wird damit gelegt. Bis 1806 kann Rothschild mit Hilfe seines hessischen Gönners schon sieben Anleihen gegen eine große Konkurrenz abschließen. Er gehört bereits zu den reichsten Juden Frankfurts. In den unruhigen Zeiten läßt der Kurfürst einen großen Teil seiner Gelder nach England überweisen. Für diesen Zweck kann er sich der Hilfe Rothschilds ganz besonders bedienen. Im Jahre 1798 war Meyer Amschels dritter Sohn, Nathan, nach England gegangen. Wie er selbst später erzählt, hatte ein Engländer, der das Haus Rothschild des öfteren besuchte und sich hochmütig aufspielte, welche Bevorzugung dieser Besuch für die Firma Rothschild bedeute, den jungen Nathan veranlaßt, es selbst mit dem Einkauf englischer Waren zu versuchen. Ungewöhnlich energisch veranlagt und hochbegabt, entschließt er sich in wenigen Tagen, allerdings ausgerüstet mit einem Betrage von 20000 Pfund, nach England zu reisen. Er läßt sich zunächst in Manchester nieder, kauft dort Textilwaren ein, die er nach Deutschland weiterverkauft. Aber schon wenige Jahre darauf übersiedelt er nach London, und hier wird er der Agent seines Vaters. Schon im Jahre 1806 naturalisiert, heiratet er ein Fräulein Cohen, deren Schwester Judith die Gattin Moses Montefiores ist. Der siegreiche Feldzug Napoleons im Jahre 1806 und die Besetzung Hessen-Kassels durch französische Truppen veranlassen eine schleunige Flucht des Kurfürsten nach Schleswig. In aller — 37 ~ Eile sind in Kassel die Schätze des Fürsten vergraben worden, die aber der französische General Mortier findet. Es gelingt Rothschild, einen Teil dieser Wertsachen zurückzukaufen und sie bei sich zu verbergen. Durch die Rheinbundakte ist inzwischen Karl von Dalberg Fürstprimas von Frankfurt geworden. Die Rothschilds verstehen es, sofort geschäftliche Beziehungen mit ihm anzuknüpfen, die sich für sie selbst und für die Juden Frankfurts als sehr förderlich erweisen sollen. Von seinem Zufluchtsort in Schleswig trifft der hessische Kurfürst bereits wieder seine geschäftlichen Dispositionen. Immer mehr zieht er für sie die Familie Rothschild heran. Es entbehrt nicht der Komik, daß die Korrespondenz zwischen diesem einflußreichen deutschen Fürsten und dem jüdischen Bankier in Frankfurt, wie Corti berichtet, unter Decknamen geführt wird, nach denen sich der Kurfürst als „Prinzipal“ oder „Herr von Goldstein“ und Rothschild als „Arnoldi“ bezeichnen lassen. Meyer Amschel scheut auch trotz seines Alters die Reise nach Schleswig nicht, um mit dem Kurfürsten alle geschäftlichen Dispositionen zu besprechen. Als die Franzosen auch die dänischen Provinzen besetzen, flieht der Kurfürst nach Prag, wo er von Karl Rothschild, dem vierten Sohne Meyer Amschels, der sich immer mehr zum Spezialkurier seines Vaters ausbildet, besucht wird. Die Kontinentalsperre, die inzwischen verhängt worden ist, soll den Handel mit englischen Waren verhindern. Trotzdem gelingt es den Rothschilds wie auch anderen Frankfurter Handelshäusern, auf Schmuggelwegen englische Waren einzuführen. Das Mißtrauen der Franzosen gegen die Rothschilds ist seit langem rege, im Jahre 1809 wird ihre Wohnung durchsucht, aber Dalberg schützt sie immer wieder vor jeder Verfolgung. Im gleichen Jahre wird Metternich Leiter der politischen Geschicke Österreichs. Wenn sich auch die ersten finanziellen Verhandlungen zwischen der österreichischen Regierung auf der einen und dem Kurfürsten von Hessen sowie den Rothschilds auf der andern Seite zerschlagen, so bedeutet doch die Ernennung Metternichs für die Rothschilds einen großen Gewinn, der mit zu ihrem Aufstieg beiträgt. Inzwischen ist auch Fürstprimas Dalberg Großherzog von Frankfurt geworden. — 38 — Der Aufschwung der Firma und das Heranwachsen seiner Söhne veranlassen Meyer Amschel zum Abschluß eines förmlichen Gesellschaftsvertrages mit ihnen, der am 27. September 1810 unterzeichnet wird. Danach werden alle Söhne Teilhaber des Geschäfts. Die Firma lautet jetzt „Meyer Amschel Rothschild & Söhne“. Als Geschäftskapital werden in dem Vertrage im ganzen 800000 Gulden angegeben, wovon 370000 Gulden dem Vater, je 185000 Gulden den Söhnen Amschel und Salomon und je 30000 Gulden den Söhnen Karl und James gehören. Der Gewinn bzw. Verlust des Handelsgeschäftes werden in fünfzig Anteile geteilt, um die spätere gleiche Verteilung auf die fünf Brüder zu erleichtern. Nathans Anteil hatte der Vater übernommen, da vor den Franzosen die Verbindung mit dem in England ansässigen Sohn verborgen werden mußte. Die volljährigen Söhne erhalten Prokura, und es wird außerdem im Vertrage bestimmt, daß weder die Töchter noch die Schwiegerkinder Einblick in die Bücher haben dürfen. Zeigt schon dieses Abkommen die finanzielle Stärke, die das Haus Rothschild erreicht hat, so beweist sie vor allem ein Darlehen über 400000 Taler, das das Haus Rothschild im gleichen Jahre zum erstenmal aus eigenen Mitteln dem Königreich Dänemark gewähren kann. Schon ein Jahr später verläßt der jüngste Sohn Meyer Amschels, der erst neunzehnjährige James, das Elternhaus, um sich auf besondere Veranlassung Nathans nach Paris zu begeben, wo er im März 1811 eintrifft. Hier bildet er den Vermittler für die Zahlungen, die England an seine eigenen Truppen unter Wellington nach Spanien leisten muß. Dazu gehört der Kauf von Wechseln Wellingtons oder auch die Übermittlung barer Geldsendungen an die englischen Truppen. Die Versendung dieser Gelder hatte Nathan Rothschild auf eigene Rechnung und Gefahr übernommen und mit einem unerhörten Geschick durchgeführt. James Rothschild muß gleichzeitig auch die „Stocks“ des Kurfürsten aus London beschaffen und Zertifikate nach Prag schmuggeln. Reisen unter höchster Gefahr von Frankfurt nach Prag, von Prag nach Paris, von Paris nach London werden in diesen Jahren von den Brüdern Rothschild ausgeführt. Mehrfach fallen ihre Briefe in die Hände der Franzosen, aber immer wieder weiß Dalberg — 39 — ihre Verhaftung zu verhindern. Die Gunst, die Meyer Amschel bei dem neuen Beherrscher Frankfurts genießt, versucht er nicht nur für sich, sondern auf alle seine Glaubensgenossen auszudehnen. Der Rat der Stadt Frankfurt hat sich bisher jedem Gedanken an eine Emanzipation der Juden ablehnend verhalten. Dalberg aber verleiht im Jahre 1811 den Juden gegen ein Ablösungsgeld von 440000 Gulden das Bürgerrecht. Am 16. September 1812, demVersöhnungstage, erkrankt Meyer Amschel und schon am 19. September stirbt er. Dem Charakter dieses Mannes entspricht sein Testament. Er schließt die Töchter, deren Männer und Nachkommen von dem Geschäft gänzlich aus. Seine Anteile an der Firma und seinen sonstigen Besitz verkauft er für 190000 Gulden an seine Söhne, aber diese Summe ist nur dazu bestimmt, um hiervon einen Betrag von 70000 Gulden für Frau Gudula und den Rest von 120000 Gulden für die Töchter und deren Familien sicherzustellen. Auf diese Weise soll die Firma als ein unteilbares Ganzes erhalten bleiben, denn Eintracht, Liebe und Freundschaft wird von dem Begründer des Hauses seinen Nachkommen als heilige Verpflichtung in seinem Vermächtnis ans Herz gelegt. Dem großen Vater folgen die genialen Söhne. Die kriegerischen Wirren führen alle fünf Söhne mittenhinein in den Kampf gegen Napoleon. Die Führung des Hauses übernimmt jetzt Nathan Rothschild, der, wenn auch in England ansässig, Teilhaber des Frankfurter Hauses bleibt, ohne dessen Zustimmung kein großes Geschäft abgeschlossen wird. Als der Vermittler der riesigen Subsidienzahlungen, die England an die Festlandsmächte leistet, ist er dazu berufen, die größte Rolle in den Finanztransaktionen der Rothschilds zu spielen, während Anselm, wie er sich jetzt nennt, der älteste Sohn, die Leitung des Frankfurter Hauses behält und ein neues Bankhaus an der Bornheimer Straße gründet. Dem englischen Schatzkanzler Van- sittart steht als Generalkommissar Herries für die Finanztransaktionen mit den Kontinentalmächten zur Seite. Seine rechte Hand ist Nathan Rothschild, der vorläufig aber in England noch völlig im Hintergründe bleibt. In dem Kampf um die Weltherrschaft bietet England die größten finanziellen Mittel auf, — 40 — um Armeen gegen Napoleon zu mobilisieren. Nach dem Zusammenbruch des französischen Kaisers in Rußland werden die Unterstützungen, die England gewährt, in Verträgen mit den Festlandsstaaten festgelegt. Durch das Reichenbacher Abkommen vom 14. Juni 1813 erhält Preußen 2 / s Million Pfund Sterling, durch den Vertrag von Teplitz Österreich 1 Million Pfund. Die Übermittlung dieser riesigen Beträge geschieht durch Silbersendungen oder durch festländische Tratten auf London, wobei verhütet werden muß, daß diese Wechsel die englische Valuta allzu ungünstig beeinflussen. Ohne die Hilfe Nathan Rothschilds hätte Herries diese Transaktion nicht durchführen können. Denn Rothschild läßt auch Wechsel auf Holland und Frankreich kaufen, besorgt aber auch französische Münzen für die englischen Truppen Wellingtons. In den Jahren 1813 bis 1815 fließen auf diese Weise 15 Millionen Pfund an Subsidien von England nach dem Festland, eine für die damalige Zeit riesige Summe. Ihre Beschaffung stellt eine Finanztransaktion allergrößten Stils dar. „Vielleicht bin ich“, sagt Herries, „lediglich durch die Vermittlung Rothschilds und seiner Brüder auf dem Festlande in den Stand gesetzt worden, dieses Geschäft durchzuführen. Ihnen gebührt die höchste Anerkennung für die Bemühungen, welche sie ausschließlich dem öffentlichen Dienste gewidmet haben, und der ihnen dafür zufließende Lohn ist redlich und rühmlich verdient.“ (Richard Ehrenberg, Große Vermögen, Jena 1902) Waren es die Frankfurter Rothschilds, die einst die Reise des Großherzogs Dalberg zur Taufe des Königs von Rom, des einzigen Sohnes Napoleons, nach Paris finanzierten, so ist es jetzt Nathan Rothschild, der nach dem Siege der Alliierten über Napoleon dem Bourbonen Ludwig XVIII. für 200000 Pfund englische Wechsel zur Verfügung stellt und ihm so seinen Zug nach Paris ermöglicht. Jetzt erst läßt James Rothschild seine Firma in Paris eintragen. Das Haus Rothschild hat damit in den beiden Metropolen Europas festen Fuß gefaßt. Inzwischen müssen die Frankfurter Juden von neuem um ihre Gleichberechtigung kämpfen, nachdem Dalberg Frankfurt verlassen hat. Überraschend kehrt Napoleon von Elba zurück. Noch einmal — 4i — gilt es also für England, den Kampf gegen den Eroberer zu organisieren, abermals müssen Subsidien an Preußen, an Österreich und an Rußland gezahlt werden. Erst jetzt kommt man auch in Berlin mit den Rothschilds in persönliche Berührung. Salo- mon reist nach der preußischen Hauptstadt, um selbst dem preußischen Finanzminister von Bülow einen Vorschuß von 200000 Pfund auf die englische Unterstützung auszuhändigen. Preußen erkennt diese Dienste durch die Ernennung Salomons zum Preußischen Kommerzienrat an. Der Versuch des Frankfurter Rates, die Rothschilds zum Militärdienst zu zwingen, um so ihren Einfluß lahmzulegen, wird auf Veranlassung Nathans durch eine Intervention Herries beim österreichischen Gesandten in London verhindert. Am 16. Juni 1815 wird Napoleon von Blücher und Wellington bei Belle Alliance entscheidend geschlagen. Erst jetzt wird Nathan Rothschilds Name in weiten Kreisen Englands bekannt. Denn er empfängt die Nachricht des entscheidenden Sieges eher als die englische Regierung. Daß er selbst der Schlacht bei Waterloo beigewohnt habe, ist Legende. Aber wie die Rothschilds von jeher den größten Wert auf die schnelle Übermittlung von Nachrichten legten und besondere Beziehungen zur Thurn und Taxisschen Post besaßen, so hatte Nathan „den Kapitänen der von England nach dem Festlande verkehrenden Schiffe Prämien für die rascheste Übermittlung von Nachrichten versprochen . . . Einer seiner Agenten, Roth- worth mit Namen, weilte in Erwartung der Nachrichten über den Ausgang des Feldzuges in Ostende. Diesem gelang es, die erste Zeitungsnachricht über den günstigen Ausgang der Schlacht, nämlich ein Blatt der holländischen ,Gazette', frisch von der Presse zu erhaschen und mit diesem ein eben nach London abgehendes Schiff zu besteigen. Er traf sehr früh am Morgen des 20. Juni in der britischen Hauptstadt ein und verständigte augenblicklich Nathan, der die ihm zugekommene Siegesnachricht an Herries und damit an die englische Regierung weitergab. Diese nahm die Sache zunächst ungläubig auf, da sie selbst noch keine Nachricht hatte, und der von Wellington entsandte Major Henry Percy mit der Meldung des Feldmarschalls erst am 21. ankam.“ (Corti a. a. O.) — 42 — England muß zunächst weitere Unterstützungen zahlen. Besonders geldbedürftig zeigt sich nach wie vor Österreich. So gelingt es Nathan, seinen Bruder Salomon endlich in das Geschäft mit der österreichischen Regierung einzuführen, um das sich das Haus Rothschild schon seit Jahren, bisher immer vergeblich, beworben hatte. Auch die Abwicklung der französischen Kriegsentschädigung— Frankreich hat 700 Millionen Franken in fünfzehn Raten zu zahlen — ermöglicht neue Transaktionen. Mit den Subsidien kann der österreichische Finanzminister Graf Stadion die Finanzen seines Landes zunächst in Ordnung bringen. Er hält es deswegen in einem Berichte an den Kaiser für seine Pflicht, „zugunsten des Frankfurter Wechselhauses Meyer Amschel Rothschild & Söhne auf eine Auszeichnung anzutragen, da dieses Haus ganz besonders zu dem guten Erfolge des schnellen und richtigen Einflusses der so bedeutenden englischen Sub- sidiengelder mitwirkte“. Durch kaiserliches Handschreiben vom 25. September 1816 werden die Brüder Anselm und Salomon, dutch ein weiteres vom 21. Oktober 1816 auch die Brüder Karl und James in den österreichischen Adelsstand erhoben. Der Adel verleiht ihnen jetzt auch eine gesellschaftliche Stellung. Da Nathan englischer Staatsbürger ist, kann ihm diese Auszeichnung nicht zuteil werden. Trotz der englischen Hilfsmittel sind die Finanzen der meisten europäischen Staaten durch die langen Kriege noch so geschwächt, daß sie immer wieder neue Summen brauchen, um ihren Haushalt zu reorganisieren. Auch Preußen hat dringenden Geldbedarf und versucht im Jahre 1816 eine Anleihe aufzunehmen. Nach langen Verhandlungen kommt ein Darlehnsgeschäft über U/2 Millionen Gulden gegen 5% Zinsen und 1% Provision im Februar 1817 zustande. Aber damit ist Preußens Geldbedarf noch nicht befriedigt. Neue Besprechungen werden aufgenommen. Sie führt diesmal ein Vertreter der Seehandlung in London mit Nathan Rothschild, der sofort eine große Anleihe vorschlägt. Als diese Verhandlungen in London nicht vom Fleck kommen, zieht man auch den preußischen Gesandten Wilhelm von Humboldt hinzu. In seinem Berichte nach Berlin schreibt er: „Wenn die Anleihe hier gelingen soll, so glaube ich allerdings, daß dies nur durch — 43 — Rothschild zu bewirken ist, man müßte denn, was immer schwer sein wird, ein anderes, gleich großes Haus in unser Interesse ziehen können. Rothschild ist leicht jetzt hier der unternehmendste Kaufmann ... er ist auch ein zuverlässiger Mann, mit dem die hiesige Regierung viel Geschäfte macht, er ist dabei, soviel ich ihn kenne, billig, sehr rechtlich und verständig.“ Da sich Humboldt aber zunächst mit den Anleihebedingungen nicht einverstanden erklärt, entsendet die preußische Regierung ihren hervorragendsten Finanzmann, den Geheimen Oberfinanzrat Rother. Immer wieder versuchen die Vertreter Preußens bessere Bedingungen herauszuholen, als sie Nathan anbietet, und endlich gelingt es, am 31. März 1818 nach stundenlangen Beratungen, die sich bis in die frühen Morgenstunden hinziehen, das Abkommen mit Nathan Rothschild zustande zu bringen. Er erklärt sich bereit, eine Anleihe über 5 Millionen Pfund zu einem Durchschnittskurs von ungefähr 72°/ 0 zu übernehmen. Die neue Anleihe wird sehr schnell an den Börsen von London, Berlin, Frankfurt und Amsterdam eingeführt und steigt schon im selben Jahre bis zu 83 °/ 0 . Die erstegroßeöffentlicheAnleihe- operation, die sie ganz auf eigene Rechnung durchführen, wird damit von den Rothschilds durchgeführt. Jetzt wird das Anleihegeschäft zu ihrer Hauptdomäne. Immer neue Anleihetransaktionen werden von ihnen übernommen. Als sich in Aachen die Vertreter der Mächte treffen, um über die Zahlung des letzten Teils der französischen Kriegsentschädigung zu verhandeln, nehmen an diesem Kongreß neben den Vertretern der großen Londoner Bankhäuser auch Salomon und Karl Rothschild teil. Hier kommen sie durch Friedrich Gentz, den glänzenden, aber von jedem käuflichen Publizisten, mit Metternich in direkte Berührung. Besonders Salomon versteht es, sich Gen- tzens geschickt zu bedienen. Ein Jahr später brechen in Süddeutschland, besonders in Frankfurt, große Unruhen aus, die sich gegen die Juden richten. Die Rothschilds stehen vor dem Entschluß, die Stadt ihrer Väter zu verlassen. Erst der energischen Intervention des preußischen Vertreters beim Rat gelingt es, die aufgeregte Volksmenge zu beruhigen und die Rothschilds zum Bleiben zu veranlassen. — 44 — Nathan Rothschild, der im Jahre 1819 eine Emission von 12 Millionen Pfund englischer Staatsanleihe durchgeführt hat, schließt ein Jahr später mit der österreichischen Regierung zwei Lotterieanleihen in Höhe von insgesamt 48 Millionen Gulden ab. Diese Rothschild-Lose, deren sich sofort die Spekulation bemächtigt, werden der „Gegenstand heftiger Angriffe“, besonders auch wegen aller möglichen Künste, die man bei ihrer Einführung anwendet. Aber „erst jetzt fand das börsenmäßige Zeitgeschäft in Deutschland, zunächst namentlich auf der Linie Frankfurt-Augsburg-Wien starke Verbreitung“ (Ehrenberg). Zur Vermittlung dieser Anleihe war S a 1 o m o n Rothschild nach Wien gegangen. Da es den Juden verboten war, in Österreich Häuser zu erwerben, bleibt er im Hotel zum Römischen Kaiser, dem vornehmsten Hause Wiens, bis ihn die Stadt Wien 1842 zu ihrem Ehrenbürger ernennt. In Österreich werden die Rothschilds immer unentbehrlicher für die Staatsfinanzen. In keinem Lande Europas bedient man sich so sehr ihrer Hilfe wie hier. Salomon Rothschild tritt zu Metternich in ein besonderes Vertrauensverhältnis, er wird auch sein Privatbankier, so gehört er zu den Hauptstützen der Metter- nichschen Politik. Wie in Österreich sind die Rothschilds überall die Helfer der konservativen Mächte. Salomon in Wien als Vorkämpfer der Metternichschen Reaktion, James in Paris als Freund der Bourbonen. Metternich nutzt das enge Verhältnis zwischen den Brüdern, um durch ihren Einfluß seiner Politik in Europa die Wege zu ebnen. Als sich in Italien die Revolution erhebt, mit dem Bestreben, alle Italiener zu einigen, rüstet Metternich zu einer Strafexpedition und veranlaßt, daß das Haus Rothschild sie finanziert. Karl Rothschild reist, von Metternich berufen, zunächst nach Laibach. Als die österreichischen Truppen in Neapel einrücken, fährt er dorthin, um mit der Regierung Neapels eine Anleihe über 16 Millionen Dukaten abzuschließen. Er war der „persönlich am wenigsten befähigte unter den fünf Brüdern. Er besaß eine geringe Gabe, sich seiner Umgebung anzupassen, war schwerfällig in seinem Auftreten und überstreng in der Einhaltung seiner religiösen, jüdisch-orthodoxen Lebensregeln. Was ihm zugute kam, war vor allem seine sehr hübsche — 45 — und kluge Frau, die alle Welt für sich einnahm und dadurch viele Fehler ihres Gemahls vergessen ließ“ (Corti). Das Anleihegeschäft, das Karl auf Österreichs Veranlassung in Neapel abschließt, führt dazu, daß er definitiv in der Hauptstadt dieses italienischen Königreichs bleibt. Im gleichen Jahre wird James zum österreichischen Generalkonsul in Paris ernannt. „Durch die großen Dienste“, so heißt es in dem Empfehlungsschreiben des Grafen Stadion an den Kaiser, „die uns die Häuser Rothschild in der verhängnisvollsten Zeit geleistet haben, ist ihre Existenz rege mit der Existenz der österreichischen Monarchie verbunden worden.“ Bezeichnend für die Haltung der Brüder Rothschild ist es, daß der österreichische Finanzminister in seinem Memorandum ausdrücklich darauf hinweist, wie nötig es sei, das Haus Rothschild gegen „die Verfolgung der ganzen liberalen Partei in Europa“ zu schützen. Mit kaiserlicher Entschließung vom 29. September 1822 werden die Brüder Anselm, Salomon, Nathan, Karl und James sowie ihre eheliche Nachkommenschaft beiderlei Geschlechts in den Freiherrnstand erhoben. Mit der siebenzackigen Krone erreichen die fünf Frankfurter jetzt einen Rang, der ihrem Einfluß als ständige Berater von Königen und Kanzlern entspricht. Will man das Wirken des Hauses Rothschild in Perioden einteilen, so wird man die erste Periode bis zum Jahre 1812 rechnen können, bis zum Tode Meyer Amschels. In dieser Zeit entwickelt sich die Münzenhandlung und Wechslerfirma zu einem Anleihegeschäft. Die nächste Periode kann man mit den Jahren 1821/22 abschließen. In diesem Dezennium wird der Grundstein zu dem Monopol für die Staatsanleihen gelegt, das das Haus Rothschild jahrzehntelang ziemlich unumschränkt ausüben kann. Es ist gleichsam die heroische Zeit der Kriegsfinanzierung. Sie dient aber auch der Ausbreitung des Hauses. In London, in Paris, in Wien und Neapel entstehen die Niederlassungen. Die Weltdynastie wird begründet. Wenn auch an diesen vier großen Handelsplätzen selbständige Firmen begründet werden, so gelten sie trotzdem als Filialen des Frankfurter Stammhauses. Das freiherrliche Wappen der Rothschilds ziert ein Spruch, den sie sich selbst als Symbol erwählen: „Concordia, — 46 — Integritas, Industria“. Über dem Fleiß und der Rechtschaffenheit steht die Einigkeit der fünf Brüder. Kein Geschäft von irgendwelcher Bedeutung kommt zum Abschluß, ohne daß sie es vorher miteinander beraten. Aus diesem Grunde befinden sie sich fortwährend auf Reisen. Trotz der Beschwerlichkeit der Fahrten ist Salomon oft in Paris oder in London, Nathan in Frankfurt und Karl in Wien. „Die Einigkeit der Brüder trägt viel zu ihrem Flor bei, keiner läßt je den leisesten Tadel auf den andern kommen, keiner mißbilligt des andern Benehmen in den Geschäften, auch wenn der Erfolg den Erwartungen nicht entsprechen sollte“, so äußert sich der schärfste Konkurrent, Moritz von Bethmann, dessen Firma in Frankfurt durch das Wirken der Rothschilds in den Hintergrund gedrängt wird. Die Freiherrn würde bringt es mit sich, daß die Rothschilds auch Wert auf ihren Verkehr legen. Es erregt großes Aufsehen, als der Staatskanzler Metternich in Frankfurt bei Anselm speist. James kauft in Paris das Palais Fouchd und hält dort ein glänzendes Haus. Sie versuchen jetzt auch all das an Bildung nachzuholen, was ihnen fehlt, aber ihre Briefe zeigen, daß die genialen Kaufleute in ihrer harten Jugend nicht viel Zeit auf die schöngeistigen Dinge des Lebens verwenden konnten. Um sich den Einfluß Nathans weiter zu sichern, wird auch er von Österreich 1822 zum Generalkonsul ernannt. So folgt eine Auszeichnung der andern. Niemals aber vergessen die Rothschilds ihre Abstammung. Nach vielen vergeblichen Bemühungen gelingt es ihnen endlich im Jahre 1824 eine Erledigung der Frankfurter Judenfrage herbeizuführen. Durch Metternich erreichen sie es, daß sich der Bundestag dieser Angelegenheit annimmt. Die Frankfurter Juden werden jetzt „israelitische Bürger“, unterliegen aber immer noch einigen Einschränkungen. Die dritte Periode des Hauses Rothschild kann man bis zum Jahre 1852 datieren. In jener Zeit beginnt trotz aller Zusammenhänge allmählich die immer stärkere Befestigung der verschiedenen Häuser in den Staaten, in denen sie sich niedergelassen haben. Mehr und mehr werden die Firmen Rothschild jetzt zu nationalen Instituten, trotz der Fäden, die sie noch miteinander verbinden. Das Anleihegeschäft dehnt sich immer — 41 — weiter aus. An ihm sind zunächst noch sämtliche Häuser beteiligt, wenn auch Nathan in London schon eine Reihe von eigenen Operationen durchführt. So schließt er 1829 eine Anleihe mit Brasilien über 800000 Pfund ab. Er ist es auch, der Österreich und Preußen Anleihen gewährt, während Karl sogar dem Papst mit einer Anleihe aushelfen muß. Als ständige Retter der Staaten aus jeder finanziellen Not sind die Rothschilds an allen politischen Veränderungen aufs höchste interessiert. So bemühen sie sich stets um Erhaltung des Friedens. Dank seiner diplomatischen Gewandheit kann sich James in Frankreich trotz der Revolutionen von 1830 und 1848 dort in seiner Stellung behaupten. Als die ersten Bahnen gebaut werden, interessieren sie sich nach einigem Zögern für dieses neue Verkehrsmittel. Salomon wird der Schöpfer der österreichischen Kaiser-Ferdi- nand-Nordbahn, James finanziert französische Bahnprojekte, ebenso widmen sie sich der Entwicklung der Dampfschiffahrt. Gegenüber den auswärtigen Niederlassungen tritt das Frankfurter Stammhaus an Bedeutung zurück. Anselm wird zwar Bankier des Deutschen Bundes, aber gegenüber seinen rührigen Brüdern läßt er, der älteste, es an Tatkraft fehlen. Er begnügt sich mehr mit der Rolle des Verwalters großer Vermögen. Am 7. Mai 1849 stirbt im Hause zum grünen Schild 96 Jahre alt Gudula Rothschild, die Stammutter des Hauses, in demselben Hause, von dem das Glück ihrer Familie den Ausgang nahm. „Da wohnte sie, da hatte sie ihre Kinder geboren, von da war ihr Glück aufgeblüht, verließ sie die verachtete Gasse, das kleine Haus, so würde das Glück auch sie vielleicht verlassen; das war nun einmal ihr Glaube“, so läßt H. C. Andersen den Mond in seinem „Bilderbuch ohne Bilder“ von der Ahnfrau der Rothschilds erzählen. Den Tod seiner Mutter überlebt Anselm nicht lange. Er stirbt am 16. Dezember 1855, nachdem ihm im gleichen Jahre am 28. Juli der Wiener Bruder Salomon und am 10. März der Neapeler Karl im Tode vorangegangen waren. Nathan war bereits am 28. Juli 1836 gestorben. Da Anselm ohne Kinder zu hinterlassen stirbt, wird der älteste Sohn Karls, Meyer Karl, in Neapel am 5. August 1820 geboren und mit einer Tochter - 4 S- Nathans vermählt, sein Nachfolger und Erbe. 1866 zieht er in den Reichstag des Norddeutschen Bundes als Abgeordneter ein. Aber seine große wirtschaftliche Bedeutung hat das Frankfurter Haus verloren. Seine Rolle hat längst der ehemalige Agent der Rothschilds in Berlin, Gerson von Bleichröder, übernommen. Nach Meyer Karls Tod 1886 folgt ihm sein Bruder Wilhelm Karl (geboren 16. Mai 1828). Auch ihm gelingt es nicht, das Frankfurter Stammhaus zu irgendwelcher Bedeutung zurückzuführen. Gemeinsam mit dem Hause Bleichröder und der Disconto- Gesellschaft bleibt es an verschiedenen großen Anleiheoperationen beteiligt und zehrt von seinem Ruhm. Als auch Wilhelm am 25. Januar 1901 stirbt, wird die Firma liquidiert. Die Großbanken sind längst ihre wirklichen Erben geworden. Meyer Karl besaß nur Töchter, die in die höchste französische Aristokratie heirateten. Seine jüngste Tochter Emma wird die Gattin Nathan Meyers, des ersten Lords Rothschild, eines Enkels Nathans, damit die Mutter des heutigen Chefs des noch in hohem Ansehen stehenden Londoner Hauses. Auch Wilhelm Karl besitzt keinen Sohn. Seiner Ehe mit seiner Kusine Mathilde, einer Tochter des Wiener Barons Anselm, und einer Enkelin Salomons, entstammen auch nur Töchter, von denen Minna (geboren 15. November 1857) 1878 den Bankier Maximilian Benedikt Goldschmidt (geboren 20. Juni 1843) heiratet. Goldschmidt, der Sohn des großherzoglich toskanischen Konsuls Benedikt Hajum Salomon Goldschmidt, entstammt selbst einer alten Frankfurter Familie, als deren Ahnherr der 1521 von Nürnberg zugewanderte Moses Goldschmidt „zum Schwan“ genannt wird. Maximilian Goldschmidt hat noch die große Zeit der Rothschilds erlebt, hat noch als Kind die alte Frau Gudula und deren Söhne Anselm und Salomon gesehen. So ist er berufen, als Gatte der letzten Erbin des Frankfurter Stammhauses dessen große Tradition fortzusetzen. Als er das väterliche Bankgeschäft B. H. Goldschmidt im Jahre 1900 liquidiert und 1903 vom König von Preußen zum Freiherrn von Goldschmidt-Rothschild ernannt worden ist, gründet er unter eigenem Namen ein neues Bankhaus. Auch in Berlin lebt der Name Rothschild weiter, nachdem die beiden Söhne des Freiherrn Maximilian, Freiherr — 49 — Albert und Erich von Goldschmidt-Rothschild, Ende 1920 in das Bankhaus A. Falkenburger als Teilhaber eingetreten sind, das von diesem Zeitpunkt ab die Firma von Goldschmidt- Rothschild & Co. annimmt. Von Münzhändlern und Geldwechslern des Ghetto waren die Rothschilds aufgestiegen zu den Bankiers Europas. Aber es war nicht zu gegangen wie im Märchen. Keine gütige Fee hatte sie mit Schätzen überhäuft und den phantastischen Weg aus der Judengasse Frankfurts bis in die Schlösser ermöglicht, die sie sich als kaiserliche Freiherren erbauen. Denn nicht ihr Reichtum, der immer größer wird, nicht der Einfluß, den sie durch ihre Stellung gewinnen, sondern ihre wirtschaftliche Leistung ist das Entscheidende für die bleibende Anerkennung, die sie genießen. Als die Rothschilds in die Wirtschaft Deutschlands und der verschiedenen europäischen Mächte eingreifen, gibt es außer ihnen viele Bankhäuser von älterem und größerem Ruf. Durch ihre Begabung gelingt es ihnen, sie alle zu überflügeln. Nicht nur die Bethmanns in Frankfurt, auch die Parishs in Hamburg, die Barings in London und die Ouvrards in Paris. Denn vor ihnen erfassen sie den Geist der neuen Zeit, der mit der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert seinen Einzug hält. Bisher nahmen die Staaten meist Darlehen auf, die in kurzer Zeit zurückgezahlt werden mußten. Die Rothschilds sind es, die dem Staatskredit neue Wege eröffnen, indem sie den Typus der fest fundierten Staatsanleihe schaffen, die sie selbst aus eigenem Vermögen oder gemeinsam mit anderen Banken den Staaten gewähren. Aber sie interessieren an der Finanzierung der Länder auch das Volk. Sie veranlassen, daß die sich ansammelnden Kapitalien durch deren Einführung an den Börsen in den Anleihen der Staaten angelegt werden. Sie spielen auf diesem neuzeitlichen Wirtschaftsinstrument wie kein Haus vor ihnen und entwickeln so durch geschickte Benutzung der Spekulation die moderne Börsentechnik. Damit werden sie zu Schrittmachern für den gesamten Effektenhandel. In der Zeit der Entfaltung des Kapitalismus bereitet das Haus Rothschild durch die Popularisierung der vielen Emissionen von Staatspapieren die Entpersönlichung des Kapitalmarktes vor. 4 Zielenziger — 50 — Die Errichtung der ausländischen Filialen gibt den Rothschilds die Möglichkeit, mehrere Geldmärkte in Anspruch zu nehmen und so die Solidarität dieser Märkte zu verwerten. Sie sind es, die die Verbindung zwischen dem reichen Londoner Markt und den Festlandsplätzen herstellen. All dies können sie nur erreichen durch die völlige Gemeinsamkeit ihrer Interessen. Nathan Rothschild ist als Londoner ebenso den Hausgesetzen unterworfen wie Karl in Neapel. So bilden sie, wenn auch zunächst unbeabsichtigt, den ersten internationalen Finanzkonzern. Selbstverständlich hatten die Rothschilds ihren eigenen Vorteil im Auge, sonst wären sie schlechte Kaufleute gewesen. Sie wollten auch Macht und Einfluß gewinnen, und die Begründer der Dynastie waren bis auf Nathan sehr stolz auf alle äußeren Ehrungen. Aber wenn sie nicht den Mächten, für die sie sich einsetzten, durch ihre Dienste so viele Vorteile gebracht hätten, wäre es ihnen nicht möglich gewesen, ein halbes Jahrhundert hindurch die Monopolstellung als Finanziers Europas zu behalten. Von dem Druck der „Gelddespoten“ soll die Aktienbank die Wirtschaft befreien. Das Haus Rothschild steht der Aktie voll Mißtrauen gegenüber. Seine Inhaber glauben nicht, daß ein Institut, aus den Spargroschen vieler Tausender aufgebaut, dieselben Funktionen übernehmen kann wie der einzelne Bankier. Der Gründung des Schaaffhausenschen Bankvereins 1848 folgt die Errichtung des Credit Mobilier, dessen Gründungsdekret im Pariser „Moniteur“ vom 20. November 1852 erscheint. Ein Günstling James Rothschilds, Emil Pereire, ein Jude portugiesischer Abstammung, gründet mit seinem Bruder Isaac und dem französischen Finanzminister Achille Fould, dem Gegenspieler Rothschilds, ein Bankinstitut, das 120000 Aktien zu je 500 Franken ausgibt. Durch Kreditgewährungen und durch Beteiligungen soll es als Instrument des modernen Kapitalismus der Industrie, dem Handel und dem Verkehr dienen, indem seine eigenen Aktien zu einem gesuchten Papier an den Börsen werden, also „eine Spekulation auf die Spekulation“ (Sombart). Die Mission der Rothschilds ist vorbei, als das aristokratische vom demokratischen Prinzip abgelöst wird. — 3i — Die Bank der Tausende gilt jetzt als das Symbol einer neuen Epoche. „Unsere Universalbank“, läßt Zola den Helden seines Romans „Das Geld“ sagen, „wird vor allem das klassische Bankhaus sein, welches alle möglichen Bank-, Kredit- und Eskomptegeschäfte betreiben, Kapitalien im Kontokorrent übernehmen, Anleihen vermitteln oder emittieren wird. Dieses ärmliche Kapital von 25 Millionen ist nicht mehr als ein Holzscheit für die Maschine, um das erste Feuer anzuzünden, und ich gedenke es zu verdoppeln, zu vervierfachen, zu verfünffachen in dem Maße, wie wir unsere Operationen ausbreiten werden, indem wir einen wahren Hagel von Goldstücken, einen wahren Tanz von Millionen haben müssen, wenn wir die angekündigten Wunder vollbringen wollen.“ DAS HAUS MENDELSSOHN I m Jahre 1743, in dem Meyer Amschel Rothschild geboren wurde, kommt Moses Mendelssohn nach Berlin. Am Rosen- thaler Tor muß der Vierzehnjährige sich melden, um den Judenleibzoll zu entrichten. Noch gilt in Preußen das Generalreglement von 1730, das auch für Berlin die Zahl der Juden beschränkt und den Zuzug Fremder erschwert. Niemand beachtet den ärmlichen Jungen, der verwachsen ist und stottert. Die Wache am Tor läßt ihn passieren. Ein Jude mehr. Was kümmert sie’s. Daß Kant einst schreiben würde: „Es gibt nur einen Mendelssohn“, sollte das der Torwächter ahnen? Der junge Mann will lernen, so antwortet er dem Wächter auf seine Frage, was er in Berlin wolle. Der Sohn des Dessauer Thoraschreibers Mendel folgt seinem verehrten Lehrer Rabbi David Fränkel, um in Berlin ein gelehrter Mann zu werden. Von seinem Einzug in Berlin nimmt niemand Notiz. Kurz vorher aber hatten die Berliner an den Toren ihrer Stadt einen festlichen Empfang veranstaltet. Ruhmgekrönt war König Friedrich II. als Sieger heimgekehrt. Der Dreißigjährige hatte Preußen kurz nach seinem Regierungsantritt mit einem Schlage in den Mittelpunkt der europäischen Politik gerückt, hatte durch die Eroberung Schlesiens den Weg zur Großmachtstellung Preußens vorbereitet. Die Fetzen auf der deutschen Landkarte im Westen, im Osten und in der Mitte des Reiches werden von Friedrich in seiner langen Regierungszeit zu einem einheitlichen Staat gestaltet. Der preußische Nationalstaat entsteht, vom König gewollt, von den Untertanen noch kaum geahnt. Verwaltung, Heer und Wirtschaft, alles dient dem einen — 53 — Zweck, diesen Staat aufzubauen. Nur ein Wille herrscht, um ein Ziel zu erreichen. In dieses System müssen die Juden eingeordnet werden. Friedrich liebt sie nicht trotz seiner Freigeisterei. Er benutzt sie als Werkzeug für seine Pläne. Bürger seines Staates können sie nicht werden, aber mehr als andere Bewohner seines Landes müssen sie Abgaben und Steuern bezahlen. Er erwählt sich die Juden als unfreiwillige Vorkämpfer seiner merkantilistischen Wirtschaftspolitik. So werden sie trotz alledem, wie es später die Rahel geistvoll betont hat, „Les juifs de Fröderic le Grand“. Als Moses Mendelssohn in Berlin einzieht, ist die Residenz des jungen Königs noch eine bescheidene Stadt. Die Juden sitzen hier ebenso entrechtet und verachtet wie anderswo. Sie werden ausgeschlossen und sondern sich ab. Sie sind als Schutzjuden ohne jedes Bürgerrecht. Noch im Jahre 1780 schreibt Mendelssohn an den Benediktinermönch Winkopp: „Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt, daß ich meinen Kindern zuliebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik so wie Sie sich in einem Kloster einsperren mußten.“ In den Bedrückten bäumt sich der Stolz. Das Kulturgut der Bedrücker lehnt man ab. Bettelarm wandert Mendelssohn nach Berlin. Sieben Jahre hungert er sich durch, wahllos stürzt er sich auf jedes Buch, das ihm in die Finger gerät. Vor allem lernt er eifrig Deutsch. Erst 1750 findet er eine Hauslehrerstelle bei dem jüdischen Seidenwarenfabrikanten Isaak Bernhard, wird bei ihm Buchhalter und später sogar Teilhaber des Geschäfts: ein Kaufmann wider Willen. Der deutsche Sokrates, der Philosoph der Aufklärung, der Nathan Lessings reiht sich ein unter die Heroen der deutschen Geistesgeschichte. 1766 schreibt ihm Kant: „Solchen Genies wie Ihnen, mein Herr, kommt es zu, in dieser Wissenschaft der Philosophie eine neue Epoche zu machen, die Schnur ganz aufs neue anzulegen und den Plan zu dieser noch immer aufs bloße Geratewohl angebauten Disziplin mit Meisterhand zu zeichnen.“ Mendelssohn stößt die Tore des Ghetto auf. Er erzieht die — 54 — Juden zu Deutschen, und er erzwingt von den Deutschen Verständnis und Achtung für die Juden. „Schickt Euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes“, so schreibt er in seinem „Jerusalem“, „in welches Ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion Eurer Väter. Tragt beider Lasten, so gut Ihr könnt!“ Mendelssohn verdanken es die deutschen Juden, daß 6ie deutsche Bürger geworden sind. Er schafft eine Synthese beider Kulturen, deren Bindeglied er zunächst selbst bildet. So ist es Moses Mendelssohn, der auch der Anteilnahme deutscher Juden an der Gestaltung der deutschen Wirtschaft die Wege geebnet hat. Wie Mendelssohn es versteht, seine kaufmännische Tätigkeit mit dem Studium der Geisteswissenschaften zu verbinden, wie sein Heim in der Spandauer Straße zu einem Geisteszentrum Berlins wird, so bleibt das Haus und die Familie, die er begründet, durch das Jahrhundert nach ihm ein Mittelpunkt des Berliner Geisteslebens. Hier verbindet sich Geld mit Geist, echtestes Kaufmannstum mit höchster Künstlerschaft bis in die heutige Zeit. Wenn das Einkommen Mendelssohns auch sehr klein ist — viele seiner Schriften läßt er umsonst erscheinen —, so sorgt er doch für eine besonders gute Erziehung seiner Kinder, die seiner 1764 mit Fromet Guggenheim aus Hamburg geschlossenen Ehe entstammen. Für seinen ältesten Sohn Joseph, geboren am 11. August 1770, übersetzt er die Bibel, die erste deutsche Bibelübersetzung für die deutschen Juden, für ihn verfaßt er auch seine „Morgenstunden“. Die besten Erzieher Berlins sind ihm als Lehrer seiner Söhne gerade gut genug. Der Erzieher der Humboldts, Engel, gibt Joseph Sprach- und Musikunterricht, Rektor Fischer unterrichtet ihn im Lateinischen. Später besucht Joseph die Vorlesungen des Hofrats Herz über Physik und des Professors Klapproth über Chemie. Mendelssohn will, daß seine Kinder selbst über ihren Lebensweg entscheiden sollen. Er selbst hatte so sehr alle Bande der Tradition durchbrochen, daß er seine Kinder zwar anleiten, aber sie in der Freiheit über ihr Schicksal nicht beeinflussen wollte. So schreibt er an Herz Homberg, einen ehemaligen Hauslehrer seiner Söhne, über Joseph, — 55 — den ältesten: „Sie wollen wissen, wie es mit meinem Sohne, Ihrem Schüler steht ? Ich muß Ihnen sagen, daß ich mit seinem Fleiße zufrieden bin. Er macht auch ziemliche Progressen. Wieviel er in diesem oder jenem Buch gelernt hat, darauf sehe ich so genau nicht; genug, er denkt, und denkt richtig und tief . . . mein Joseph hat sein hebräisches Studium so gut als an den Nagel gehängt. . . ich bin noch immer ungewiß, wozu ich ihm raten soll. Seine Talente und guten Anlagen zu den gründlichen Wissenschaften lassen in diesem Fach etwas Vorzügliches von ihm erwarten. Als Jude aber kann er bloß Arzneikunde treiben, und zu dieser hat er weder Lust noch Genie. Ihn der Handlung zu widmen, ist, wie mich dünkt, noch zu früh. Er mag also vorderhand alles lernen, wozu er Lust und Trieb empfindet. Zum Kaufmann wird er dadurch wenigstens nicht verdorben. Er mache es allenfalls, wie sein Vater es hat machen müssen: stümpere sich durch bald als Gelehrter, bald als Kaufmann, ob er gleich Gefahr läuft, keines von beiden ganz zu werden.“ Joseph wird trotz seiner vielseitigen Bildung Kaufmann. Erst fünfundzwanzigjährig, gründet er, wahrscheinlich zuerst in der Spandauer Straße, ein Bankhaus. Berlin besitzt damals bereits eine ganze Reihe von Bankgeschäften, auch jüdische Bankhäuser, die schon längere Zeit bestanden. Neben der ältesten Bank Berlins, der Firma Gebr. Schickler, die 1712 von David Splittgerber und Gottfried Adolf Daum gegründet wurde, bestanden von jüdischen Häusern bereits seit 1750 die Firma L. M. Bam- berger, seit 1780 Gebr. Veit & Co. und seit 1793 N. Helfft & Co. Berlin als Geldmarkt stand an Bedeutung hinter andern Plätzen aber noch weit zurück, auch Berlins Börse als jüngste in Deutschland rangierte hinter den Börsen von Frankfurt und Hamburg. Die ersten Anfänge der Berliner Börse gingen auf das Jahr 1696 zurück, in dem sich zuerst auf dem Mühlendamm Händler und Wechsler trafen, denen 1738 Friedrich Wilhelm I. die Grotte, ein Gartenhaus im Schloßgarten, für ihre Zusammenkünfte schenkte. Das Bankhaus Mendelssohn hat zunächst weder die Mittel noch die Möglichkeit, besonders hervor?uragen. Höchstens sind es die Beziehungen, die seinem Besitzer zugute kommen. — 56 — Die Freundschaft, die Joseph Mendelssohn mit vielen führenden Männern Berlins, besonders den Humboldts, verbindet, mögen ihm auch geschäftlich von Nutzen gewesen sein. Das Bankgeschäft Joseph Mendelssohns kann in den ersten zehn Jahren keinen großen Umfang gehabt haben, denn es beschäftigt neben dem Chef nur zwei Angestellte. Auch als 1804 Josephs Bruder Abraham als Teilhaber eintritt, hält es sich noch in bescheidenem Rahmen. Die napoleonischen Kriege bereiten der Firma und der Familie ein wechselvolles Schicksal. Die Aufzeichnungen über diese Anfangsjahre des Hauses Mendelssohn sind spärlich. Auch über die Jugend Abrahams fehlt es an Nachrichten, berichtet doch der Familienbiograph Sebastian Hensel, ein Urenkel Moses Mendelssohns, in seinem bekannten Buche „Die Familie Mendelssohn“: „Über die äußeren Lebensschicksale der Hinterbliebenen in der ersten Zeit nach Moses’ Tode wissen wir nicht viel.“ Die Archive des Bankhauses sind bisher leider nie geöffnet worden. Urkunden aus jenen Tagen scheinen nicht mehr vorhanden zu sein; so ist man für diese Anfangszeit stark auf Vermutungen angewiesen. Abraham Mendelssohn, am 11. Dezember 1776 geboren, hatte sich in der Welt umgesehen, war Kassierer bei dem Bankhaus Fould in Paris gewesen und hatte dort in der französischen Hauptstadt, an der sein Herz hängt, mit seiner jüngsten Schwester Henriette, die Leiterin einer Fouldschen Pensionsanstalt war, zusammengelebt. Durch Henriette lernt er Lea Salomon kennen, die einer wohlhabenden jüdischen Familie Berlins angehört. Sein Wunsch, sie möge ihm als Frau nach Paris folgen, läßt sich nicht verwirklichen, da Leas Mutter die Heirat mit einem „Kommis“ ablehnt. Die Abneigung gegen Berlin, die er hegt, wird von der Neigung zu der Frau, die er liebt, besiegt. Abraham kehrt nach Berlin zurück, um sie zu heiraten. Das junge Paar übersiedelt 1804 nach Hamburg und mietet dort „ein hübsches, an der Elbe dicht bei Neumühlen gelegenes und mit einem Balkon verziertes Landhaus“. Auch Joseph ist inzwischen mit seiner Familie — er ist mit Henriette Meyer verheiratet — nach Hamburg gezogen. Der Schwerpunkt des — 57 — Bankhauses wird jetzt nach Hamburg verlegt, zu dem die Mendelssohns durch ihre aus Hamburg stammende Mutter die besten Beziehungen besitzen, das damals auch als Handelsplatz Berlin an Bedeutung bei weitem übertrifft. Das Berliner Geschäft wird nicht aufgegeben, scheint aber in diesen Jahren kaum eine Rolle gespielt zu haben. Als Napoleons Truppen Hamburg besetzen, müssen die Mendelssohns „heimlich bei Nacht und Nebel in Verkleidungen die Stadt verlassen“. Joseph kehrt mit den Seinen nach Berlin zurück. Abraham bleibt in Hamburg. Hier wird am 3. Februar 1809 Felix, der große Komponist, geboren. Die Stunde der Befreiung vom französischen Joch sieht Christen und Juden vereint. Eben erst Staatsbürger geworden, fühlen sich die jüdischen Bewohner Preußens verpflichtet, mit Gut und Blut für das Land, das nun wirklich ihr Vaterland ist, zu kämpfen. Überall melden sich jüdische Freiwillige für den Kampf gegen Napoleon. Wohlhabende Bürger, unter ihnen auch Abraham Mendelssohn, rüsten auf eigene Kosten freiwillige Kämpfer aus. Abrahams „gemeinnütziger Sinn“ wird in Berlin allgemein anerkannt. Moses Mendelssohns Töchter Dorothea, zuletzt die Frau Friedrich Schlegels, und die unverheiratete Henriette waren zum Katholizismus übergetreten. Abraham läßt seine Kinder Protestanten werden. Beeinflußt wohl von seinem Schwager Jacob Salomon. Dieser ältere Bruder Leas (geboren am 13. Mai 1779) nennt sich Bartholdy. Er legt sich damit den Namen des Freiherrn Christian Friedrich von Bartholdy zu, der 1701 geadelt wurde und 1714 als Präsident des Preußischen Oberappellationsgerichts kinderlos starb. Da auch ein Bruder des Präsidenten von Bartholdy 1730 ohne Nachkommen verschied, bestanden wohl keine Bedenken, daß Jacob Salomon mit dem Ankauf eines einst den Bartholdys gehörenden Grundstücks in der Köpenicker Straße, das später Eigentum Abraham Mendelssohns wird, auch den Namen des früheren Besitzers dieses Gartens an der Spree annimmt. Bartholdy geht nach einem bewegten Leben schließlich als preußischer Generalkonsul nach Rom und wird hier als Förderer der religiösen deutschen Malerei der Gründer der — 58 — casa Bartholdy. Er schreibt an seinen Schwager Abraham: „Ich würde raten, daß Du den Namen Mendelssohn-Bartholdy zur Unterscheidung von den übrigen Mendelssohns annimmst, welches mir um so angenehmer sein wird, da es die Art ist, auch mein Andenken bei ihnen zu erhalten und worüber ich mich herzlich freue. So erreichst Du Deinen Zweck, ohne etwas Ungewöhnliches zu tun — denn in Frankreich und überall ist’s Brauch, den Namen der Verwandten der Frau dem seinigen als Unterscheidung beizufügen.“ Abraham folgt diesem Rat, wie Hensel berichtet, in allen Stücken. Seitdem nennt sich seine Familie und seine Nachkommen Mendelssohn-Bartholdy. Abrahams Kinder werden im Christentum erzogen, „allerdings heimlich, um die Gefühle ihrer streng jüdischen Großeltern, namentlich der alten Salomons, zu schonen“. Joseph Mendelssohn gewinnt stärksten Einfluß auf die Neuorganisation der Berliner Kaufmannschaft. Die Verkündung der Gewerbefreiheit in Preußen macht auch eine Umgestaltung der kaufmännischen Korporationen in den preußischen Städten erforderlich. Die alten Gilden haben sich überall überlebt. Noch ist die Emanzipation der Juden nicht erfolgt, aber die Regierung sieht ein, daß im Zeitalter der Gewerbefreiheit Beschränkungen gegen jüdische Kaufleute sich nur schwer würden durchführen lassen, besonders in Berlin, wo seit 1806 Vertreter der jüdischen Kaufmannschaft dem geschäftsführenden Ausschuß der Börsenkorporation angehören. Am 13. Juni 1810 wendet sich Graf Dohna mit einem Schreiben an sechs angesehene Berliner Kaufleute, darunter an die beiden Juden Jacob Herz Beer, den Vater Meyerbeers, und den auch philosophisch hochgebildeten Baum- wollfabrikanten Liebermann Schlesinger. Er bittet um Vorschläge über die Neuorganisation der Berliner Kaufmannschaft. Auf Wunsch dieser sechs Kaufleute tritt die preußische Regierung auch an die Repräsentanten der beiden Berliner Kaufmannsgilden und an die Vorsteher der Börsenkorporation heran. Die Staatsmänner zeigen sich weitsichtiger als die Berliner Bürger. Denn Vertreter der Stadt und der Gilden warnen vor übereilten Schritten, da Gefahr bestehe, daß die Juden zu einflußreich werden könnten. Der erste Entwurf für die Organisation — 59 — der Kaufmannschaft wird am 18. August 1810 den Räten des Departements für Handel und Gewerbe von Liebermann Schlesinger überreicht. Als dann endlich im September 1814 Finanzminister von Bülow die Ältesten der beiden Gilden auffordert, Deputierte zu Verhandlungen über eine Verfassung der Kaufmannschaft zu entsenden, nehmen an der Konferenz im Departement für Handel und Gewerbe am 28. Oktober 1814 als Vertreter der jüdischen Kaufleute Liebermann Schlesinger und Joseph Mendelssohn teil. Abermals ziehen sich dann die Verhandlungen in die Länge. Erst am 2. März 1820 unterzeichnet König Friedrich Wilhelm III. das Statut. Damit ist die Gründung der Korporation der Kaufmannschaft von Berlin vollzogen. Sie soll die Gesamtinteressen des Berliner Handels vertreten. Joseph Mendelssohn gehört zu den Gründern dieser großen Organisation. Von 1820 bis 1846 ist er Mitglied ihres Ältestenkollegiums, dem er bis 1833 als erster Vorsteher-Stellvertreter und von 1833 bis 1845 als Vorsteher präsidiert. Abrahams Verbindungen mit Pariser Banken, die Beziehungen seines Hauses zur preußischen Regierung sind der Anlaß, daß er 1819 nach Paris zur Eintreibung der französischen Kriegsentschädigung an Preußen reist, wo er sich bis zum Herbst 1820 aufhält. Viele Reisen führen Abraham immer wieder ins Ausland. Auch 1830, zur Zeit der französischen Julirevolution, hält er sich in Paris auf. Mit Felix fährt er 1833 nach London, wo sein jüngster Sohn Paul sich seit 1831 als Kaufmann aufhält. Im Jahre 1825 hatte sich Abraham das Grundstück Leipziger Straße 3 gekauft, auf dem sich jetzt das ehemalige Herrenhaus befindet. „Allen Mitgliedern der Familie“, so schreibt Hensel, „war aber dies Haus nicht ein gewöhnlicher Besitz, ein toter Steinhaufen, sondern eine lebendige Individualität, ein Mitglied teilnehmend am Glück der Familie, es war ihnen und den Nächststehenden gewissermaßen Repräsentant derselben.“ Felix ist bereits der gefeierte Kapellmeister in Leipzig, als Abraham am 19. November 1835, fast erblindet, stirbt. Wie die Rothschilds, mit denen sie in engster Fühlung stehen, pflegen auch die Mendelssohns vor allem das Anleihegeschäft. Die Emissionen Preußens, besonders auch die Anleihen fremder — 6o — Staaten sind es, die von ihnen untergebracht werden. Von der Beteiligung an industriellen Unternehmungen halten sie sich, auch hier den Rothschilds gleichend, zurück. Das Haus, das ursprünglich I. und A. Mendelssohn firmiert, nimmt am i. Januar 1828 die Firma Mendelssohn & Co. an, die es noch heute trägt. Ursprünglich in der Poststraße 16 domizilierend, siedelt das Bankhaus 1820 nach dem Hause Jägerstraße 51 über, das auch jetzt noch der Sitz der Firma ist. Im Jahre 1823 wird auf die Initiative Joseph Mendelssohns der Berliner Kassenverein gegründet und am 23. Februar 1824 durch Sozietätsvertrag einer Reihe führender Berliner Bankhäuser errichtet. Nach dem Muster des Londoner Clearing- Hauses soll er der Vereinfachung des Abrechnungs-, Inkassound Effektenlieferungsgeschäftes unter den Banken dienen. Der Kassenverein hat sich als eine aus dem Berliner Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenkende Einrichtung erwiesen. Zeigt Joseph Mendelssohn durch diese Gründung wiederum sein Interesse für die Berliner Kaufmannschaft, so entfaltet er auch bei allen andern Gelegenheiten den gleichen Eifer. Es fehlt in Berlin an einem zentralen Geldinstitut. Neben der Königlichen Bank und der Seehandlung ist der Kassenverein die einzige allgemeine Bank der preußischen Hauptstadt. Mit scharfem Blick erkennt Joseph Mendelssohn die Bedeutung einer zentralen Notenbank für das Wirtschaftsleben des ganzen Staates. Er ist nicht nur der praktische Bankmann, sondern versteht es auch als Theoretiker, ähnlich wie der größere David Ricardo in London, jüdischer Bankmann wie er, zur rechten Zeit in den Kampf der Meinungen einzugreifen. In einer Schrift „Über Zettelbanken mit besonderer Hinsicht auf eine Preußische Landesbank“, die 1846 erscheint, setzt er sich für die Errichtung einer Notenbank ein. „Man hat Zettelbanken errichtet“,, so schreibt er, „diese geben für Geld Noten aus, d. h. Anweisungen auf sich selbst, die jeder Vorzeiger jeden Tag bei ihnen gegen bares Geld Umtauschen kann. Solche Noten werden in der Regel von jedem, der bedeutende Zahlungen zu leisten hat, lieber genommen als bares Geld; denn sie ersparen ihm den beschwerlichen Transport und das zeitraubende Ge- schäft des Zählens der Geldstücke, welches in vielen Fällen, eben weil es zu lange währen möchte, unterlassen wird: wodurch denn große Mißbräuche und Nachteile herbeigeführt werden. Sind Zahlungen an einem Ort zu machen, so können sie mit barem Gelde nur sehr langsam und mit verhältnismäßig großen Kosten bewirkt werden. Je größer der Verkehr im Lande ist, desto nötiger werden jene Noten. Der Natur der Sache nach kann jeder Kaufmann solche Noten ausgeben ... es genießt aber eine Bank viel größeres und ausgebreiteteres Vertrauen als ein Kaufmann oder eine gewöhnliche Gesellschaft von Kaufleuten. Die Bank hat in der Regel mehr Kapital; und dann ist das Vertrauen, welches sie bei dem Publikum findet, eben darum größer, weil sie ein Aktienunternehmen ist.“ Mendelssohn glaubt, daß eine Bank, die ihren Vermögenszustand offen darlegen muß und die vom Staate beaufsichtigt wird, sich deshalb besonders gut als Noteninstitut eigne, daß aber Noten nur von Aktienunternehmungen mit Erfolg ausgegeben werden. Sehr interessant ist es, wie Mendelssohn dem Einwand, eine derartige Bank könne eine Inflation herbeiführen, begegnet. „Man besorgt“, so sagt er, „daß die Bank das Land mit ihren Zetteln überschwemmen werde und dann vielleicht zahlungsunfähig werden möchte.“ Aber „die Zettel der Landesbank sollen kein Papiergeld für den kleinen Verkehr und für jedermann werden. Sie hat es bloß mit den Gewerbsleuten und mit denjenigen Landwirten zu tun, die eine große Wirtschaft betreiben; und so gibt sie ihre Zettel nur in solchen Beträgen der einzelnen Stücke aus, wie sie dieser Verkehr braucht und nicht kleiner“. Mendelssohn ist auch der Meinung, daß das Zettelgeld nicht das Kapital vermehre, da es ja nur Anweisungen auf Kapital darstelle, daß die Bank aber durch die Ausgabe ihrer Noten Veranlassung zu erhöhter Produktion oder zur Vermehrung des Kapitals gebe. Er hält es nicht für ratsam, daß der Staat selbst diese Landesbank verwalte. „Männer, die für den Staatsdienst erzogen und darin gelebt und gewebt haben, kennen das Gewerbe der Industrie nicht so genau und sind nicht so eingelebt darin, wie es durchaus nötig ist.“ Trotzdem er sich für die Gründung einer vom Staat beaufsich- tigten privaten Notenbank einsetzt und in dieser Ansicht von David Hansemann und Harkort unterstützt wird, setzt sich die Meinung derjenigen durch, die für eine Staatsbank eintreten. Zu ihnen gehört Rodbertus. Im Jahre 1846 wird die Preußische Bank errichtet, die später nach Begründung des Reiches in die Reichsbank umgewandelt wird. Zu den Vätern der Deutschen Reichsbank kann man also auch Joseph Mendelssohn rechnen. Mendelssohn setzte sich in den vierziger Jahren auch für die Errichtung privater Hypothekenbanken ein. Hier zunächst mit weniger Erfolg. Denn erst 1862 dürfen solche Banken eröffnet werden. Im Revolutionsjahr 1848, das eine schwere Wirtschaftskrise heraufführt, erreicht es Joseph Mendelssohn, daß der Staat den Industriellen und Kaufleuten durch eine erleichterte Diskontierung ihrer Wechsel zu Hilfe kommt. Als er hochbetagt am 24. November 1848 stirbt, verliert nicht nur die Berliner, sondern die deutsche Kaufmannschaft in diesem ältesten Sohne des Philosophen einen ihrer Führer. Erben der beiden Gründer des Bankhauses, das jetzt bereits zu den ersten Berlins gehört, sind ihre Söhne. Nachfolger Abrahams wird sein jüngster Sohn P a u 1 , der die bis 1887 m Hamburg bestehende Filiale, die Paul Mendelssohn-Bartholdy firmiert, gründet. An Josephs Stelle tritt der jüngere der beiden Söhne, Alexander. Unter ihrer Leitung übernimmt das Bankhaus einen großen Posten russischer Staatsanleihen in den fünfziger Jahren, und zwar die sogenannten Stieglitz-Anleihen, die ihren Namen nach einem Petersburger Bankhaus tragen. Damals verhandelt Mendelssohn noch nicht direkt mit dem russischen Staat. Dieses Geschäft wird für die Firma von entscheidender Bedeutung. Seit den sechziger Jahren werden die Mendelssohns die Bankiers Rußlands. Sie besorgen seinen Kapital- und Zinsendienst. Sie sind es, die sämtliche russischen Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt unterbringen, und sie behalten diese tonangebende Rolle im russischen Geschäft bis zum Weltkriege bei. Ein merkwürdiges Geschick: die Nachfahren des jüdischen Philosophen sind es, die das zaristische Regime und damit das Reich der grausamen Judenpogrome in seinem Bestand festigen. Alexander Mendelssohn stirbt 1871, Paul 1874. — 63 — Niemand von den Nachkommen Moses Mendelssohns gehört noch dem Judentum an, wenn auch die Tradition von den Angehörigen des Hauses Mendelssohn hochgehalten wird. Am 200. Geburtstag ihres großen Ahnen im Jahre 1929 wird unter ihrer Führung in Dessau die Mendelssohn-Stiftung errichtet. Einen großen Aufschwung nimmt die Firma unter der Leitung E r n s t Mendelssohn-Bartholdys, eines Sohnes Pauls, der 1869 in das Bankhaus ein tritt. Er wird 1896 geadelt und stirbt 1906 als Wirklicher Geheimer Rat und Exzellenz. Sein Sohn Paul (geb. 14. November 1875) gehört zu den heutigen Mitinhabern des Hauses. Auch der Sohn Alexanders, Franz Mendelssohn, am 25. Januar 1829 geboren, erhält am 5. Mai 1888 den preußischen Adel. Nach seinem Tode 1889 folgen ihm seine beiden Söhne Robert (geb. 12. Dezember 1857) und Franz (geb. 29. Juli 1865). Der heutige Seniorchef des Hauses ist Franz von Mendelssohn, auch Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer und des Deutschen Handelstages. Das Haus Mendelssohn & Co. hat es verstanden, sich seine Bedeutung als Privatbankhaus zu erhalten, vor allem auch weil es in der letzten Zeit bewußt frisches Blut der Leitung zugeführt hat. Wurde vor dem Kriege der inzwischen verstorbene langjährige Prokurist Arthur Fischei als Teilhaber aufgenommen, so sind es neben den jüngsten Sprossen des alten Hauses, die heute schon an der Spitze der Firma stehen, und neben dem Schwiegersohn Franz von Mendelssohns, Dr. PaulKempner, einem Sohne Maximilian Kempners, vor allem zwei jüdische Männer, die von größter Bedeutung für die Firma geworden sind: Rudolf Löb und Dr. FritzMannheimer. Als einer der hervorragendsten Arbitrageure der Welt hat Mannheimer besonders im Kriege in Holland eine Rolle gespielt. Seiner Initiative folgend, hat das Haus Mendelssohn mit dem Grundsatz der strengen Zentralisation gebrochen und in Holland eine Zweigniederlassung errichtet. Trotz aller Krisen und aller Schicksale ist das Haus Mendelssohn & Co. nicht nur die erste Privatbank Berlins, sondern eine der ersten Deutschlands, ja der Welt geblieben. DAS HAUS BLEICHRÖDER V on den Rothschilds hatte sich niemand in Berlin niedergelassen. Sie standen zwar mit der preußischen Regierung seit den Tagen der napoleonischen Kriege in enger geschäftlicher Beziehung, sie hatten mit Preußen im Jahre 1818 die erste große Staatsanleihe, die sie allein übernahmen, unter Führung Nathans, abgeschlossen, Salomon Rothschild war zu geschäftlichen Verhandlungen auch in Berlin gewesen, aber es schien niemanden der fünf Brüder zu locken, seinen Sitz in Berlin aufzuschlagen. Die fritzische Stadt, die damals erst Großstadt zu werden begann, stand an wirtschaftlicher Bedeutung noch weit hinter den anderen Metropolen Europas zurück. Das Haus Rothschild hatte aber frühzeitig die Kräfte erkannt, die in dem aufstrebenden Preußen schlummerten, und war klug genug, die Verbindung, die es zu den preußischen Staatsmännern besaß, aufrechtzuerhalten. Denn es lag ihm daran, weitere Transaktionen mit diesem Staat, dem vor allem die Niederringung Napoleons zu verdanken war, durchzuführen. Dazu bedurfte die Firma M. A. Rothschild & Söhne eines tüchtigen Agenten. Durch eine Empfehlung des Präsidenten der Preußischen Seehandlung Bloch wurde sie auf einen jüngeren Berliner Bankier aufmerksam gemacht: auf Samuel Bleichröder. „Die notorisch strenge Rechtlichkeit des Samuel Bleichröder“, so lesen wir in einem amtlichen preußischen Dokument, „bestimmte die Rothschildschen Häuser, ihn zu ihrem Stellvertreter in Berlin zu ernennen, welche Funktion auch auf den Sohn Gerson übergegangen ist.“ Seit 1828 bestanden die nahen Beziehungen zwischen dem Hause Rothschild und dem Hause Bleichröder, die Jahrzehnte hindurch die beiden Bank- - 65 - firmen aufs engste miteinander verbunden haben. Der Agent Rothschilds, bis dahin ein Mann, der in Berlin weder Einfluß noch Namen besaß, erhielt mit der Mission, die er übernahm, plötzlich ein Ansehen, das nur der Name Rothschild erklären konnte. Die Familie, der Samuel Bleichröder angehört, stammt aus dem Harz. Jahrzehntelang war sie in Bleicherode in der Grafschaft Hohenstein ansässig, hatte dort Handelsgeschäfte der verschiedensten Art unternommen und sich wahrscheinlich wie so viele Juden in den Harzstädten dem Handel mit Metallen gewidmet. Aber diese Geschäfte, wie sie ja seit Jahrhunderten von den Juden betrieben wurden und betrieben werden mußten, sagten ihnen durchaus nicht immer zu. Männer von weiterem Blick wollten über den Kreis hinaus, in den man sie hineingezwängt hatte. Im Zeitalter des Merkantilismus, in dem der große Fritz in den verschiedensten Städten seines Landes Fabriken errichtete und viel Geld für solche Manufakturen ausgab, waren auch Juden an diesen ersten industriellen Unternehmungen beteiligt. Von dem Wunsche erfüllt, sich ein eigenes Werk schaffen zu können, mag wohl Gerson Bleichröder nach Berlin gekommen zu sein. „Da ich zu dem gewöhnlichen Handel, mit welchem meine Nation sich beschäftiget, niemals Neigung gehabt habe“, so schreibt er von sich, und geht unter die Fabrikanten, indem er in der Kronengasse eine Parfümeriefabrik gründet. Er muß es bald zu Ansehen gebracht haben, denn am 9. Juli 1795 wird er zum Hofparfümeur der Königin von Preußen, der Gemahlin Friedrich Wilhelms II., ernannt. In einem Protokoll, das von dem Direktor des preußischen Gewerbedepartements, dem Staatsrat Kunth, bekannt auch als Erzieher der Gebrüder von Humboldt, unterzeichnet wird, erbittet Bleichröder eine Dotation der Regierung für sein Unternehmen. Es scheint also, daß es ihm gelungen ist, sich Beziehungen zum Hof und zur Regierung zu verschaffen. Der Sohn Samuel, 1779 in Berlin geboren, hat keinen Ehrgeiz ebenfalls Hofparfümeur zu werden. Er gründet deshalb am 22. Juli 1803 in der Rosenthaler Straße 44 ein Wechsel- und Lotteriekollektionsgeschäft unter der Firma S. Bleichröder. Wenn auch aus den ersten Jahren seiner Tätigkeit alle Berichte 5 Zielenziger — 66 — fehlen, so muß er doch vom Vater her einige Mittel besessen haben. Denn die Rothschilds haben sicherlich nicht jedem ersten besten ihre Vertretung anvertraut. Mit dem Nimbus des Namens Rothschild wuchs der Kundenkreis des Hauses Bleichröder, das jetzt den Charakter einer Bank annimmt; an fast allen Rothschildschen Anleihen, die Preußen und andere deutsche Staaten erhalten, hat Bleichröder Anteil. Der Aufstieg Berlins fördert auch den Aufschwung des Bleichröderschen Geschäfts. Die lange Friedenszeit, die den Kriegen gegen Napoleon folgt, dient der Entfaltung der Wirtschaft Preußens. Die Fortschritte in der Technik tragen dazu bei, die Entstehung einer eigenen Industrie zu fördern. Der Abschluß des Zollvereins erweitert das Absatzgebiet. Der Handel bleibt nicht mehr auf den Umkreis der Städte beschränkt. Vor allem sind es die Umwälzungen auf dem Gebiete des Verkehrs, die die Grundlagen einer einheitlichen deutschen Volkswirtschaft schaffen. Der ersten Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam folgen in den vierziger Jahren schnell hintereinander andere Bahnlinien. In diesem neuen Verkehrsmittel sieht man mit Recht den Vorboten einer neuen Wirtschaftsepoche. Man ahnt eine Umwälzung der bestehenden Verhältnisse. Das Eisenbahnfieber ergreift in diesem Jahrzehnt auch die Berliner Börse. Werden dort 1840 erst zwei Eisenbahnpapiere gehandelt, so sind es 1844 sc hon neunundzwanzig. Auch Samuel Bleichröder erkennt rechtzeitig die Bedeutung dieser Neugründungen auf dem Gebiete des Verkehrs. Er gehört schon damals zu den wenigen Bankiers, die die Verbindung zwischen dem Kapital und der Industrie herzustellen versuchen und beteiligt sich deshalb an einer Reihe der bedeutendsten deutschen Eisenbahnlinien. Seit 1845 ist er Gesellschaftsbankier der Rheinischen und ebenso der Köln-Mindener-Eisenbahnge- sellschaft, deren Prioritäten er unterbringt. Damit wächst er über die Rolle des Bankiers von einst hinaus. Aus dem Lotteriekollekteur, dem Privatbankier, aus dem Anleihevermittler ist der Industriebankmann geworden. Samuel Bleichröder hat vor der Gründung der Aktienbanken dem deutschen Bankgewerbe eine neue Aufgabe zugewiesen, die sein Haus später mit den Bankinstituten gemeinsam durchführt. Als der ersten Begeisterung — <57 — über die Eisenbahngründungen eine schwere Krise folgt, gehört die Firma Bleichröder zu den wenigen Häusern, die sich unerschüttert in dem Sturm behauptet. Ihr Ruf ist begründet, ihre Beziehungen zum Hofe sind befestigt. Schon 1842 hatte Samuel Bleichröder auf Veranlassung des Fürsten Wittgenstein für die Reise Friedrich Wilhelms IV. nach England die nötigen Sovereigns und Pfunde beschaffen müssen. Als Samuel Bleichröder am 30. Dezember 1855 stirbt, folgt ihm in der Leitung des Bankhauses sein ältester Sohn Gerson, der seiner Ehe mit Johanna Aron Meyer (1792—1847) entstammt. Unter ihm erhält das Haus Bleichröder Weltruf. Gerson Bleichröder wird einer der ersten Bankiers Europas. Der Name Bleichröder wird wie einst der Name Rothschild zu einem Symbol. So reich zu sein wie Bleichröder erscheint vielen Berlinern als der Traum allen Strebens nach irdischem Glück. Aber Gerson Bleichröder wird nicht nur der reichste Mann Berlins: er wird der V e r - trauensbankier der Regierung. Die einzigartige Stellung, die er einnimmt, hat vor ihm kein Jude in Preußen besessen. Er gewinnt diesen Einfluß nur durch die Macht seiner Persönlichkeit. Denn in ihm verbinden sich große Verstandesschärfe, seltener Weitblick und starkes Zielbewußtsein. Es paaren sich in ihm Tradition und Kultur. Als er am 22. Dezember 1822 in Berlin geboren wird, hatte sein Vater die Verbindung mit den Rothschilds noch nicht angeknüpft, aber sein Geschäft schon ausgedehnt. So wächst er in einem gewissen Wohlstand auf und erhält eine gute Erziehung. Das Gelübde, das er in einer Rede anläßlich seiner Einsegnung niederlegt, hat er treu gehalten. Er bleibt sich seines Judentums stets bewußt, ja er benutzt seine Stellung oft, um Angriffe auf seine Glaubensgenossen abzuwehren. Das Leben seines Vaters, auch das seines Großvaters beweisen, daß seine Vorfahren Männer waren, die über den Durchschnitt ihrer Umgebung hervorragten und über die Sphäre, in der sie lebten, hinauswollten. Von gleichem Streben ist Gerson Bleichröder beseelt. Erfüllt von Ehrgeiz, durchaus nicht frei von Eitelkeit, sehr stolz auf alle Auszeichnungen, die er erhält, und sich des Ranges bewußt, den er schließlich einnimmt, gelingt es ihm, die Firma, in der er dem 68 — Vater seit 1839 zur Seite steht, zum ersten Bankhaus Berlins emporzuführen. Er wird der alleinige Erbe dieses Hauses, das er bewußt in der Richtung führt, die ihm der Vater gegeben hat. Sein Bruder Julius gründet sich unter der Firma Julius Bleichröder & Co. ein eigenes Bankgeschäft, das niemals die Bedeutung der Firma S. Bleichröder erlangt hat und längst eingegangen ist. Wenn er ähnlich wie viele der hohen Offiziere seiner Zeit den Bart trägt wie der alte Kaiser Wilhelm, dokumentiert er damit schon äußerlich, wie er sich dem Hof und der preußischen Regierung verbunden fühlt. Gewiß mag ihn mancher aus der Umgebung des Kaisers als „Hof juden“ angesehen haben, Bleichröder fühlt sich mit Recht als mehr. Er wird ein unentbehrlicher Ratgeber der deutschen Staatsmänner, einer der Führer der deutschen Wirtschaft. Schon 1859 kann er sich bewähren. In der politisch aufgeregten Zeit des Französisch-Österreichischen Krieges, in dem Italien auf der Seite Frankreichs um seine Einigung kämpft und von Preußen unterstützt wird, gestaltet sich die Geldlage in Preußen recht schwierig. Bleichröder stellt unter Aufrechterhaltung der Politik seines Hauses sofort den preußischen Eisenbahngesellschaften große Mittel zur Verfügung. Er fördert vor allem die preußische 4 1 / 2 °/ 0 ig e 30-Millionen-Mobilisierungs-Anleihe von 1859, zeichnet selbst große Summen dieser Anleihe und beteiligt sich führend an dem Anleihekonsortium. Die Anerkennungen folgen schnell. 1861 wird Bleichröder preußischer Kommerzienrat, am 31. Dezember 1865 Geheimer Kommerzienrat. Um diese Zeit ist seine Firma mit dreißig Angestellten schon eine der größten Privatbanken in Berlin. Die Jahre des Kampfes um die Einigung Deutschlands führen Bleichröder auf den Höhepunkt seines Wirkens. König Wilhelm beruft ihn im Sommer 1865 nach Karlsbad, um mit ihm die Finanzierung des bevorstehenden Deutsch-Österreichischen Krieges zu besprechen, da der Landtag die Gelder verweigert hat. Bleichröder schlägt an Stelle einer Anleihe die Ablösung des Anteils des preußischen Staates an der Köln-Mindener-Eisenbahn- gesellschaft vor. So erhält Bismarck die nötigen Mittel, um den Krieg vorzubereiten. Aber wesentlich bedeutungsvoller ist die — 69 — Rolle, die er im Deutsch-Französischen Kriege spielt. Gemeinsam mit dem Grafen Guido Henckel von Donnersmarck läßt ihn im Februar 1871 Bismarck nach Versailles kommen. Er ist hier führend an den Verhandlungen um die französischeKriegs- entschädigung beteiligt. Es ist aber nicht erwiesen, ob Bleichröder die Summe von 5 Milliarden verlangt hat. Wenn es gelingt, diese bis dahin größte Finanzoperation der Weltgeschichte, die in der Übertragung dieser 5 Milliarden Francs von Frankreich nach Deutschland vor sich geht, so reibungslos durchzuführen, dann dank der geschickten Mitarbeit Bleichröders. Hierbei kommen ihm seine engen Beziehungen zu dem französischen Hause Rothschild zugute. Da Bismarck sie kennt, betraut er Bleichröder mit dieser schwierigen Mission. „In erster Linie soll Bleichröder ins Gefecht gehen“, so soll sich, wie Busch erzählt, damals Bismarck geäußert haben. „Der muß gleich nach Paris hinein, sich mit seinen Glaubensgenossen beriechen und mit den Bankiers bereden, wie das zu machen ist.“ Bleichröder setzt sich tatsächlich mit den Bankiers in Paris auseinander, und derFünfmilliardensegen ergießt sich über das junge Deutsche Reich. Mit dem Eisernen Kreuz am weißen Bande kfehrt er in die Heimat zurück. Aber eine noch höhere Gunstbezeugung des Kaisers wird ihm zuteil, der jüdische Bankier Gerson Bleichröder erhält — ein bis dahin unerhörter Vorgang in Preußen — am 8. März 1872 den preußischen Adel. Es ist eine merkwürdige Freundschaft, die zwei Menschen von so verschiedenem Wesen und so ungleichem Temperament verbindet, zwei Männer von so großer und doch so andersartiger Begabung, wie Bismarck und Bleichröder. Bleichröder hat sicherlich dem großen Kanzler sehr viel zu verdanken, denn Bismarck, der ein unbegrenztes Vertrauen in ihn setzt und ihm auch die Verwaltung seines Vermögens überläßt — noch heute ist das Haus Bleichröder der Bankier des Hauses Bismarck —, ebnet ihm vielfach die Wege. Aber umgekehrt verdankt auch der eiserne Kanzler manche Anregung dem klugen Rat seines Bankiers. Bismarck benutzt Bleichröders Verbindungen zu den Rothschilds, um so Meldungen nach Paris gelangen zu lassen, die er auf diplomatischem Wege dorthin nicht übermitteln will. — 70 — Da Bleichröder im Auswärtigen Amt ein und aus geht, ja unangemeldet Zutritt zu Bismarck hat und sich, wie Keudell berichtet, durchaus als „Hilfsarbeiter“ des Auswärtigen Amtes fühlt, können die beiden Männer viele politische Maßnahmen miteinander besprechen, über die niemand sonst etwas erfährt. Wie groß der politische Einfluß Bleichröders war, können wir auch den Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst entnehmen. Sooft Hohenlohe in Berlin ist, unmittelbar nach dem Deutsch-Französischen Kriege als Reichstagsabgeordneter, dann als Botschafter in Paris, später als Statthalter in Elsaß-Lothringen, sucht er Bleichröder auf oder speist mit ihm, um sich mit dem gewandten Finanzmann zu beraten, vor allem um von ihm Näheres über die Stimmung des großen Kanzlers zu erfahren. Hohenlohe spricht zwar einmal etwas geringschätzig davon, er habe Bleichröders „talmudische Weisheit“ angehört, aber er notiert doch voll Erstaunen in seinem Tagebuch, Bleichröder sei es, der an einer Reform der deutschen Handelsgesetzgebung arbeite, ja der aufs stärkste Bismarcks Zollpolitik beeinflusse. Er behauptet auch, Bleichröder mache die Wahlen, stürze den Minister Delbrück, und er spiele sich auch auf den Unterstaatssekretär hinaus. Wie geschickt Bleichröder auch auf politischem Boden zu arbeiten versteht, kann Hohenlohe an sich selbst erfahren. Im Jahre 1879 wird er dem Kanzler von Bleichröder als Nachfolger Bülows zum Staatssekretär vorgeschlagen. Kurz vor dem Sturz Bismarcks wendet sich der Zentrumsführer Windthorst an Bleichröder, um durch seine Vermittlung eine Unterredung mit dem Kanzler zu erbitten. So wird Gerson von Bleichröder allmählich auch in der hohen Politik immer mehr zu einer tonangebenden Figur. Kein Wunder, daß Angriffe über Angriffe diese Stellung des jüdischen Bankiers zu erschüttern versuchen. Besonders das Vertrauensverhältnis, das Bismarck mit Bleichröder verbindet, wird zum Ziel einer jahrelangen gehässigen Polemik. Zuerst leitet im Jahre 1875 der frühere Landrat von Diest-Daber einen Verleumdungsfeldzug gegen Bismarck ein. Er stellt die Behauptung auf, Bismarck habe seine Stellung benutzt, um sich zu bereichern, vor allem um sich durch Bleichröder große Vermögens- — 7i — vorteile zu verschaffen. Diese Kampagne wird dann in verschiedenen Artikeln fortgeführt, um schließlich von der „Reichsglocke“ durch Rudolf Meyer aufgenommen zu werden. Anfang Juli 1875 erscheinen in der „Kreuzzeitung“ die fünf sogenannten „Ära-Aufsätze“. In ihnen wird, wenn auch nur zwischen den Zeilen, Bismarck vorgeworfen, er sei an vielen politischen Ereignissen finanziell interessiert gewesen. Hier findet sich auch der Satz: „Auch mit dem Fürsten Bismarck sollen, schon ehe er Minister in Preußen wurde, hochfinanzielle Kreise in nähere Berührung getreten sein. Die intimen Beziehungen des Herrn von Bleichröder zum Fürsten dürften, mindestens indirekt, schon an die vorministerielle Zeit des Fürsten anknüpfen, als derselbe, um mit spärlichem preußischen Gesandtengehalt und ohne erhebliches Vermögen seinen Souverän in Petersburg, Paris und Frankfurt repräsentieren zu können, allerdings guten Rat in finanziellen Dingen haben mußte.“ Diese Verleumdungen gegen Bismarck und Bleichröder setzen sich noch jahrelang fort. Kein Wunder, daß Bismarck, wie Jöhlinger (in „Bismarck und die Juden“, Berlin 1921) berichtet, im Jahre 1883 erklärt: „Die Juden sind in ihrer Politik gegen mich nie so gemein gewesen als meine christlichen Gegner in der Fortschrittspartei und in der Konservativen während der Zeit der ,Reichsglocke'.“ Bleichröder ist in diesem Streit das Ziel heftiger Angriffe, die sich im Grunde gegen Bismarck richten. Aktiv greift er ein, als es gilt, eine Bewegung abzuwehren, die sich gegen seine Glaubensgenossen wendet. Als Hofprediger Stöcker durch die Lande zieht, um überall zum Kampf gegen das Judentum aufzufordern, als er in Lübbecke bei Minden in einer Rede von Bleichröder behauptet, er habe durch Wuchergeschäfte im letzten Jahre mehr als 7 Millionen Taler erworben und darum die Christen betrogen, schreibt Gerson von Bleichröder am 18. Juni 1880 direkt an Kaiser Wilhelm I. In diesem Briefe heißt es: „Gegen die wachsende Bewegung anzukämpfen, bin ich machtlos. Die mir gestattete Privatklage wegen Beleidigung und Verleumdung würde dem Skandal nur neuen Stoff zuführen. Die öffentlichen Behörden haben mir bisher Schutz nicht gewährt. Dies alles dient aber auch wieder zur Ermunte- — 72 — rung der Verfolger und zur Verbreitung der Agitation, die sich so innerhalb der gesetzlichen Grenzen, wie unter gesetzlichem Schutze glauben darf.“ Es spricht viel für Jöhlingers Behauptung, dieses Schreiben, das der alte Kaiser dem Reichskanzler zur Prüfung und zum Bericht übersendet, sei im Einverständnis mit Bismarck, ja geradezu auf dessen Veranlassung abgesandt worden. Noch im selben Jahr hat Bleichröder in Ems eine Audienz beim Kaiser. Er benutzt diese Gelegenheit, um sich über die Agitation Stöckers gegen die Juden zu beschweren. Bleichröder hat großen Anteil an der schließlich erfolgten Amtsenthebung Stöckers und an der Eindämmung seines unheilvollen Einflusses. Er nimmt sich aber auch seiner ausländischen Glaubensgenossen an. Während des Berliner Kongresses interveniert er bei Bismarck gegen die rumänischen Judenverfolgungen. Der Bankier der preußischen Krone, der Berater des großen Kanzlers wird auch ein starker Förderer der deutschen Industrie. An vielen Gründungen großer Industrieunternehmungen nimmt das Haus Bleichröder maßgebend Anteil. Vor allem behält es seine führende Stellung im deutschen Eisenbahnwesen. Teils allein, teil smit der Disconto-Gesellschaf t führt es viele Emissionen durch. Bleichröder kauft die Braunschweigischen Staatsbahnen an, wandelt sie in eine Aktiengesellschaft um. Aber er unterstützt dann Bismarck bei der Verstaatlichung der Eisenbahnen. Frühzeitig gewinnt er Einfluß auf den Norddeutschen Lloyd, an dessen Anleihekonsortium die Firma noch heute führend beteiligt ist. Neben anderen ausländischen Bahnen wird von Gerson von Bleichröder besonders der Bau der Gotthardbahn gefördert, in deren Aufsichtsrat man ihn beruft. Steht auch an erster Stelle der Tätigkeit des Bankhauses seine Teilnahme an den Anleihen des jungen Deutschen Reiches und Preußens, so spielt auch das internationale Anleihegeschäft eine immer größere Rolle. Bei der großen Konversion der österreichischen, ungarischen und italienischen Renten des Jahres 1906 führt es die deutschen Partner. Gerson von Bleichröder wird der Staatsbankier Italiens, er ist Mitbegründer der Banca Commer- ciale Italiana in Mailand. Der italienische König macht ihn zum Großkreuzritter der italienischen Krone. Daneben steht das — 73 ~ Bankhaus Bleichröder an der Spitze des Konsortiums für Anleihen Chinas, Brasiliens, Mexikos, der Türkei und anderer Staaten, entwickelt gemeinsam mit der Disconto-Gesellschaft die rumänische Petroleumindustrie, ist an der rumänischen Banca Generale beteiligt, ebenso an der Banque de Credit in Sofia und an der Türkischen Tabakregiegesellschaft in Konstantinopel. Endlich widmet die Firma S. Bleichröder ihre Arbeit sehr intensiv der Erschließung der deutschen Kolonien und den deutschen Auslandsinteressen, vor allem durch ihre Beteiligungen an der Asiatischen, der Deutsch-Ostafrikanischen Bank und der Deutschen Orientbank. Als das Haus Bleichröder im Jahre 1878 das Jubiläum seines fünfundsiebzigjährigen Bestehens feiert, spricht Gersons Vetter und Sozius Julius Leopold Schwabach (aus Breslau gebürtig, seit 1847 in der Firma tätig, seit 1866 ihr Teilhaber) die bezeichnenden Worte: „Drei Sonnen haben dem Hause Bleichröder geleuchtet und ihm Lebenswärme gespendet: Rothschild voran, dann Bismarck und endlich auch der erste Kaiser des neuen Deutschen Reiches.“ Der Aufstieg des geeinten Deutschland, die Blüte seiner Wirtschaft führen auch die Firma Bleichröder auf ihre Höhe. Gerson von Bleichröder stirbt, fast erblindet, am 19. Februar 1893. Als Seniorchef folgt ihm zunächst Julius Schwabach (gest. 23. Februar 1898). Daneben sind auch die Söhne Gersons, die seiner am 9. November 1851 mit der Breslauerin Emma Gutten- tag geschlossenen Ehe entstammen, bereits seit Jahren in der Leitung des Hauses tätig. Seit 1881 Hans (geb. 13. Februar 1853, gest. 11. Januar 1917), seit 1885 Dr. jur. Georg (geb. 27. Oktober 1 857, gest. 11. Juni 1902) und schließlich auch der jüngste Sohn, der noch jetzt Mitinhaber ist, Dr. jur. James (geb. 14. Oktober 1859). Heute ist auch schon ein Enkel von Gerson, der älteste Sohn von James, Kurt von Bleichröder (geb. 30. Dezember 1889) Mitinhaber des Hauses, aber keiner der Nachkommen Gersons gehört mehr dem Judentum an. Auch der jetzige Seniorchef der Firma, der Sohn Julius Schwabachs, Dr. phil. Paul von Schwabach, der auch bereits von seinem Sohn Paul Julius unterstützt wird, ist mit seiner Familie aus dem Judentum ausgetreten. — 7 4 — Das Bankhaus S. Bleichröder hat es verstanden, auch nach dem Kriege sich seinen großen Ruf zu bewahren. Der Tradition gemäß unterhält es enge Beziehungen besonders zu den großen Verkehrsunternehmungen und zu der Industrie. Es ist stark an der Kali- und Zementindustrie interessiert und in ein enges Verhältnis zu führenden deutschen Banken, u. a. zur Sächsischen Bank, zur Allgemeinen Deutschen Creditanstalt, zur Preußischen Zentral-Boden-A.-G. und auch zu einigen bedeutenden Privatbanken, vor allem zu dem Münchener Bankhaus H. Aufhäuser getreten. Dessen Seniorchef Geh. Kommerzienrat Martin Aufhäuser und Ernst Kritzler sind vor einigen Jahren als einzige Nichtfamilienmitglieder Mitinhaber der Firma S. Bleichröder geworden. BETHEL HENRY STROUSBERG W ie klein ist unsere Welt geworden! Die kühnsten Träume JulesVernes sind längst überholt. Nicht mehr achtzigTage dauert die Reise um die Erde. Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ hat den Erdball in einem Viertel dieser Zeit bei einer reinen Fahrtdauer von nur dreizehn Tagen umkreist. In sechsunddreißig Stunden wird der Atlantische Ozean überflogen. In der gleichen Zeit führt uns die Eisenbahn von Berlin nach Rom. Als Goethe zu seiner ersten italienischen Reise sich in der Frühe des 3. September 1786 „aus Karlsbad stahl“, dauerte es eine volle Woche, bis er am 10. in Trient an der italienischen Grenze anlangte, und er meinte, „das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt“. Mag auch die Fahrt im Luftschiff oder Flugzeug heute noch das Ansehen eines Abenteuers für uns besitzen, die Reise im Eisenbahnzug ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Den Schienenwegen ist es im letzten Jahrhundert gelungen, die Menschen miteinander zu verbinden, die Entfernungen zu überbrücken, die Völker aus der National- zur Weltpolitik, aus der Volks- zur Weltwirtschaft zu führen. Erst die Eisenbahnen schufen die Abhängigkeit der einen Nation von der andern. Sie machen die Grenzpfähle illusorisch, die heute der Verkehr durch die Luft als antiquierte Symbole empfindet. Erst der Zug, den die Lokomotive über große Entfernungen führt, schafft wirklich den Verkehr, steigert damit die Produktion, den Handel und den Konsum. Ohne sie wäre der moderne Kapitalismus undenkbar. — 7 6 — Vor genau hundert Jahren, am 15. September 1830, fuhr der erste Zug auf der Linie Liverpool—Manchester. Seit man in England die Verwendung der Dampfkraft kannte, hatte man schon viele Versuche gemacht, die Dampfmaschine in den Dienst des Verkehrs zu stellen. Erst als George Stephenson, das Proletarierkind aus dem Kohlenbezirk, seit 1825 in diesem Revier zwischen Stockton und Darlington Personenwagen von einer selbstkonstruierten Lokomotive fortbewegen ließ, war das Problem gelöst. Trotz aller Widerstände der Zweifler, trotz aller abergläubischen Beschwörungen furchtsamer Gemüter, die da meinten, das Feuerroß müsse alle Häuser, alle Felder und Wälder, an denen es vorbeifahre, in Brand setzen und durch seine giftigen Gase die Vögel in der Luft vernichten, setzte sich der Gedanke des Eisenbahnbaues durch. Fünf Jahre (1835) später wird bereits die erste Eisenbahn in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet. Auch hier galt es, Hunderte von Hemmungen und kleinliche Kurzsichtigkeit zu überwinden. Noch glaubten die wenigsten, daß es möglich sei, die Schnelligkeit der Pferde durch eine von selbst laufende Maschine zu schlagen. War es in Preußen der Oberpostmeister Nagler, der vor dem „unsinnigen Treiben“ warnte, weil die Kosten solcher Anlage sich nie rentieren könnten, so befürchtete das Bayerische Obermedizinalkollegium die schlimmsten Folgen für die Reisenden. „Die schnelle Bewegung“, so schrieb es in seinem Gutachten, „muß bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrankheit, eine besondere Art des Delirium furiosum erzeugen. Wollen aber dennoch Reisende dieser gräßlichen Gefahr trotzen, so muß der Staat wenigstens die Zuschauer schützen, denn sonst verfallen diese beim Anblick des schnell dahinfahrenden Dampfwagens genau derselben Gehirnkrankheit. Es ist daher notwendig, die Bahnstrecke auf beiden Seiten mit einem hohen, dichten Bretterzaun einzufassen.“ Was würden die guten bayerischen Medizinalräte sagen, wenn heute ein Schnellzug im 110 km-Tempo an ihnen vorbeisausen würde! Gerade die Erfindung, die den Charakter des modernen Zeitalters bestimmen sollte, begegnete heftigster Feindschaft. Vielleicht spürten ihre Gegner unbewußt, welche Umwälzungen — 77 — von ihr ausgehen sollten. Dazu kam in einer Zeit ziemlicher Kapitalarmut die schwierige Beschaffung der erforderlichen Mittel, die dazu führte, daß der Eisenbahnbau und der Betrieb dieses neuen Verkehrsmittels sofort Gegenstand einer heftigen Spekulation wurden, aber die Bildung von Aktiengesellschaften besonders anregte, die noch der Konzessionspflicht unterlagen. Ungeheure, in die Milliarden gehende Werte sind seit jenen Tagen in den Bahnbau investiert worden, in denen die erste nur 6 km lange Strecke die beiden bayerischen Städte miteinander verband, bis heute, da ein Eisenbahnnetz von mehr als 58000 km ganz Deutschland umspannt. In hundert Jahren hat sich aus der kurzen Eisenbahnlinie zwischen Manchester und Liverpool auf der ganzen Erde eine Schienenstrecke von mehr als 1 250000 km entwickelt. Zwei Männer werden in Deutschland zu Pionieren des Eisenbahnbaues. Beide enden als verkannte Genies. Voran der Theoretiker Friedrich List. Schon in Amerika hatte er sich vor der Eröffnung einer Eisenbahnlinie mit dem Eisenbahnbau beschäftigt. In seinem 1833 veröffentlichten Werk „Über ein sächsisches Eisenbahnsystem als Grundlage eines allgemein deutschen Eisenbahnsystems“ hatte er dann mit prophetischer Gabe die Linienführung des deutschen Eisenbahnnetzes vorgezeichnet, die es heute besitzt. In Wort und Schrift setzt er sich unermüdlich für den Bau der Bahnen ein, bis er 1846 in Verzweiflung über sein Schicksal in Kufstein durch Selbstmord sein Leben beendet. Fast vierzig Jahre später stirbt verlassen und verfemt Bethel Henry Strousberg, einst von aller Welt als Eisenbahnkönig gepriesen. Er war es gewesen, der nach einem langen Stillstand den deutschen Eisenbahnbau durch sein Eingreifen gefördert und durch die Errichtung wichtiger Verbindungsstrecken erst das Rückgrat des heutigen deutschen Verkehrssystems geschaffen hatte. Bis 1860 gab es in Deutschland erst 11633 k m Eisenbahnstrecken. In den ersten fünfundzwanzig Jahren hatte man hauptsächlich die Linien zwischen nah beieinander liegenden größeren Städten fertiggestellt. Zwischen Leipzig und Dresden, zwischen Leipzig und Magdeburg, zwischen Berlin und Anhalt, zwischen — 78 — Berlin und Hamburg, zwischen Mannheim und Heidelberg. Jetzt wurde bis 1870 das Netz fast verdoppelt. Strousberg selbst baute mehr als 1700 km. Bethel Henry Strousberg ist eine der eigenartigsten Figuren der modernen deutschen Wirtschaftsgeschichte. Vielseitig begabt, ohne eigentliche Ausbildung, in allen Sätteln reitend, ein absoluter Selfmademan, heute Schriftsteller, morgen Agent, dann Industrieller oder Politiker. Wie wenige seiner Zeitgenossen erkennt er mit genialem Blick, welche Möglichkeiten die technischen Umwälzungen bieten. Seiner Phantasie entspringen täglich neue Projekte, die er zu verwirklichen strebt, ehe sie erprobt sind. Feind jeder Systematik, mehr Spekulant als Denker, verwirft er heute, was er gestern angebetet. Weniger erfüllt von dem Besitz an Geld oder Reichtum, als von der Sucht nach Erfolg, muß dieser kühne Baumeister, der Deutschland mit seinen Plänen zu erobern hoffte, jämmerlich Schiffbruch leiden, als sein Gebäude den ersten Stoß empfängt, weil ihm die soliden Fundamente fehlen. „Es war vielleicht die verhängnisvollste Schwäche Strausbergs, daß er, der Nichtfachmann, der seine Unternehmungen auf die Technik einer künftigen Zeit anlegte, nicht einmal die Technik seiner Zeit völlig beherrschte.“ (Felix Pinner, Emil Rathenau, Leipzig 1918.) Von seinem Thron gestürzt, versucht Strousberg sich gegen seine Widersacher zu verteidigen. In russischer Gefangenschaft schreibt er 1876 seine Memoiren, die unter dem Titel „Dr. Strousberg und sein Wirken, von ihm selbst geschildert“ noch im gleichen Jahr in Berlin erscheinen. Er will hier die Legenden zerstören, die sich um ihn gebildet haben. Aber auch in dem umfangreichen Werk läßt er seiner Phantasie so weiten Raum, daß man nur schwer erkennen kann, was Dichtung und was Wahrheit ist. Es ist erklärlich, daß er die Vorwürfe, die man gegen ihn erhoben hatte, zu widerlegen versucht, daß er das Bestreben hatte, die unzähligen Schmähartikel und Pamphlete, in denen er aufs heftigste angegriffen wurde, zurückzuweisen. Wenn Strousberg auch nicht der Märtyrer war, als der er der Nachwelt gegenüber erscheinen will, wenn er selbst viel Schuld an seinem Sturz hatte, der Tausende in den Zusammenbruch — 79 — mit hineinzog, so hat ihm seine Zeit unrecht getan, ihn zum alleinigen Sündenbock zu stempeln. Man mag ihn einen Gründer nennen, an der eigentlichen Gründerzeit war er unbeteiligt. Ihm hat der Deutsch-Französische Krieg, der andern Reichtum brachte, großen Schaden zugefügt. Die Hetze, der Strousberg zum Opfer fiel, machte ihn verantwortlich für das Spekulanten- tum und die Skrupellosigkeit der Zeit. In dem Unternehmer aus jüdischem Blut, der sich nach seiner Taufe durchaus als Christ fühlte, glaubte man den geeigneten Prügelknaben gefunden zu haben. Diese antisemitischen Neigungen fanden erst recht Nahrung, als der jüdische Abgeordnete Eduard Lasker in bester Absicht mit seinen Angriffen gegen die Korruption des Gründertums auch Strousberg traf. „Mein Leben ist ein sehr bewegtes gewesen“, so beginnt Strousberg das Buch über sein Wirken. In Neidenburg in Ostpreußen wird er am 20. November 1823 geboren. In demselben Haus, in dem auch sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater zur Welt kamen. Strousberg ist sichtlich bestrebt, auf die Vornehmheit seiner Abkunft hinzuweisen, um keineswegs als Parvenü angesehen zu werden. So erzählt er, daß seine Vorfahren in Ostpreußen zu den wenigen Juden gehörten, die dort als Schutzjuden saßen, daß sie bereits in christlichen Schulen erzogen wurden, und „ihr Bildungsgrad und die Anschauungen schon seit Generationen andere waren, als die ihrer damaligen Glaubensgenossen“. Es sei falsch, „die Juden als alle einer Klasse angehörig zu schildern“. Der unverdiente Haß der Christenwelt habe viele begabte Juden zum Übertritt veranlaßt. Die Emanzipation allein sei nicht genügend; „der Jude als Rasse wird erst dann seine wahre Größe zeigen und der Gesellschaft wahrhaft nützlich werden, wenn Haß und Verachtung gegen das Geschlecht aufgehört haben“. Strousberg erzählt, daß sein Großvater einer der geachtesten und reichsten Männer der Provinz Ostpreußen gewesen sei, der unmittelbar an der preußischen Grenze in Polen ausgedehnte ländliche Besitzungen besessen und sie dreien seiner Söhne, den Herren von Rumowsky, hinterlassen habe. Er behauptet auch, daß sein Urgroßvater schon 1726 von den Polen geadelt worden sei. Es wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen, was von diesen Erzählungen Tatsache oder der Phantasie Strousbergs entsprungen ist. Seinen Vater schildert er als hochbegabt, viele Sprachen sprechend, als kühnen und verwegenen Reiter, der 1813 als Freiwilliger in einem ostpreußischen Landwehr-Ulanenregiment den Feldzug mitmacht und, obwohl Jude, als Premierleutnant zurückkehrt. Strousbergs Mutter Caroline Gottheimer, stammt aus Inowrazlaw, sie war „eine hochgebildete, schöne und brave Frau“, ihr Vater ein Mann größter Frömmigkeit. Strousbergs Vater etabliert in Neidenburg, nachdem der Großvater sein Vermögen in dem Unglücksjahre 1806/07 verloren hatte, ein Exportgeschäft, das aber bei seiner Abneigung für alles Geschäftliche nicht prosperierte. Barthel Heinrich Straußberg, wie er damals noch hieß, verliert seine Eltern früh. Als der Vater stirbt, befindet er sich noch auf der Schule in Königsberg. Da aber die Hinterlassenschaft gering ist, entschließt er sich, erst zwölfjährig, nach London zu gehen, wo er zunächst im Geschäft der Brüder seiner Mutter arbeitet. Hier läßt er sich taufen und anglisiert seine Vornamen in Bethel Henry, den Nachnamen in Strousberg. Die kaufmännische Tätigkeit sagt ihm jedoch wenig zu. So widmet er sich dem Studium der Volkswirtschaft, wird Journalist und arbeitet für die verschiedensten Zeitschriften. Nirgends erwähnt er, wo er und wann er den Doktortitel, den er führt, erworben hat. In England heiratet er früh und gründet eine statistisch-ökonomische Zeitschrift „The Merchants Magazine“, kauft dann ein belletristisches Journal „Sharpes London Magazine“. Beide Zeitschriften bestreitet er fast allein aus eigenen Beiträgen. Nachdem er in England ein kleines Vermögen erworben hat, siedelt er nach Deutschland 1855 über, weil er glaubt, hier billiger leben zu können, und versucht von Berlin aus seine Zeitschriften zu leiten. Als dies mißlingt, verkauft er sie und übernimmt die Vertretung einer englischen Lebensversicherungsgesellschaft auf Grund der Beziehungen, die er in England zu diesen Unternehmungen als ratgebender Mathematiker und als Kritiker des englischen Versicherungsgesetzes angeknüpft hatte. Der Schriftsteller, der jetzt Versicherungsagent geworden Bethel Henry Strousberg 8i — ist, jagt bereits größren Plänen nach. Diesem Zweck soll wohl eine Ausstellung von Werken deutscher Künstler dienen, die er in London arrangiert. Sie fügt ihm erhebliche Verluste zu. Durch einen Zufall gelangt Strousberg zu dem Gebiet das seinen Namen berühmt machen soll. Der Eisenbahnbau, der in Deutschland durch die Krise des Jahres 1857 ins Stocken geraten war, wird durch englische Kapitalisten neu aufgenommen. Das aufstrebende Preußen erscheint den Engländern als das geeignete Land für die Verwertung ihrer Kapitalien. Dazu kommt für sie der Anreiz der hohen Verzinsung, den der deutsche Zinssatz ihren Geldern bietet. Deshalb hatten sie sich bereits an verschiedenen Werken beteiligt. Die Bahnen waren bisher auch in Deutschland fast sämtlich von privaten Unternehmern gebaut worden. Denn in der Zeit des Manchestertums hielt man nichts davon, wenn sich der Staat als Unternehmer betätigte. So wandten sich die Engländer auch dem deutschen Bahnbau zu. Ein englisches Finanzkomitee plant den Bau einer Eisenbahn zwischen Tilsit und Insterburg und zieht Strousberg zu Rate. Er wird Vertreter der Engländer, die zwei Drittel des Kapitals für den Bahnbau übernehmen sollten, während von deutscher Seite der Rest zur Verfügung zu stellen ist. Strousberg selbst ist weder direkt noch indirekt beim Bau oder der Kapitalbeschaffung beteiligt. Die Engländer geben ihm unbeschränkte Vollmacht, für sie zu handeln. Nach den Bestimmungen des Handelsgesetzbuchs darf aber keine Gesellschaft gebildet werden, ehe nicht nachweislich das ganze Aktienkapital zu pari untergebracht ist. Um diese Schwierigkeiten zu vermeiden, entwirft Strousberg einen Plan, der maßgebend für fast alle Bahnbauten wird, die er in den nächsten Jahren ausführt. Er selbst wird der Generalunternehmer und baut in Generalentreprise. Sein Plan besteht, wie er ihn selbst schildert, darin: „Die Herstellung und Ausrüstung der Bahn, inklusive Landbeschaffung, Vorarbeiten, Generalunkosten und was sonst Namen hat, dem Generalunternehmer für das gesamte Baukapital zu überlassen und ihm au für et ä mesure des Fortschrittes des Baues die auf jeden Titel erfolgten Leistungen und Lieferungen zur Hälfte in voll- 6 Zielenziger — 82 — gezahlten Aktien und zur Hälfte in voll gezahlten Prioritätsaktien oder deren respektiven Erlös auszuzahlen. Der Bauunternehmer war so Eigentümer der sämtlichen Aktien, und er konnte nun darüber nach seinem Ermessen disponieren. Es war auch vereinbart, daß er das Recht hatte (wenn es, um die Chancen des Geldmarktes zu benutzen, nötig würde, einen Teil des Kapitals, ehe derselbe durch Bauleistungen von ihm verdient war), unter Pari zu veräußern, den Erlös aber in der Gesellschaftskasse belassen müsse, bis er seiner Zeit zur Zahlung berechtigt sein würde, und daß die so asservierten Gelder ohne Rücksicht auf etwaige Kursverluste ihm voll anzurechnen seien.“ Nach diesem System, das später den Gegenstand heftigster Angriffe bildet, erhält der Bahnbauunternehmer allmählich den größten Teil der Aktien, er muß nun versuchen, sie nach und nach zu veräußern, um auf diese Weise die für den Bau erforderlichen Gelder zu beschaffen. Bei dem Bau der Bahn zwischen Tilsit und Insterburg ist noch der Engländer Hendry dieser Generalentrepreneur. Die weiteren Bahnbauten aber versucht Strousberg dann selbst auf diese Weise durchzuführen. Im Jahre 1863 erhält Strousberg die Konzession für den Bau der Ostpreußischen Südbahn zwischen Königsberg und Lyck, ein Jahr später den für die Berlin—Görlitzer Bahn. 1865 baut er die Rechte Oderuferbahn, 1867 die Märkisch- Posener Bahn, 1868 die Bahn zwischen Halle—Sorau—Guben, und im selben Jahr auch noch die Strecke Hannover—Altenbeken. Die meisten Kontrakte für diese Bahnen sind denen der Tilsit—Insterburger Bahn nachgebildet. An der Ostpreußischen Südbahn sind noch die Engländer beteiligt. Die Strecke begegnet dem größten Interesse in der Provinz Ostpreußen. Sind es auch meist die unmittelbaren Interessenten, die an Strousberg wegen des Baues der verschiedenen Bahnlinien herantreten, so versteht er es, auch einflußreiche Kreise für diese Projekte zu gewinnen. An dem Bau der Berlin—Görlitzer Bahn beteiligt sich u. a. Prinz Friedrich der Niederlande, der auf Muskau residiert, ebenso der königliche Hof, weil die Linie über das Jagdgebiet von Königswusterhausen führt, außerdem die Städte Görlitz, Kottbus, die sämtlich größere Beträge an Aktien zeichnen. - 8 3 - Vor Ausbruch des Deutsch-Österreichischen Krieges wird Strousberg zu dem Kriegsminister Grafen Roon gerufen, der ihm erklärt, „es könne möglich sein, daß unter Eventualitäten, die Gott verhüten wolle, die Linie von Kottbus bis Berlin dem Staat von Nutzen sein könnte“. Strousberg verpflichtet sich, die Bahnstrecke unter Aufbietung aller Kräfte und größter Mittel fertigzustellen, damit sie den Truppentransporten dienen kann. Er ist schwer enttäuscht, daß weder die Transporte der Armeen noch die Zufuhren für das Heer mit Hilfe seiner neuen Bahn durchgeführt werden, sondern daß man wie in alter Zeit die Landstraße benutzt. So muß er bei diesem Bahnbau große Verluste in Kauf nehmen. Der Krieg von 1866 überrascht Strousberg auch bei dem Bau der Rechten Oderuferbahn. Diese Verluste erhöhen sich noch, als der Deutsch-Französische Krieg ausbricht und sich durch die Einziehung vieler Arbeiter die Fertigstellung der Strecken verzögert. Bis zum Jahre 1870 hat Strousberg Stamm- und Prioritätsaktien in einem Betrage von ungefähr 85 Millionen Taler emittiert. Die Ausgabe dieser enormen Mengen an Eisenbahnaktien beeinflußt den deutschen Geldmarkt so stark, daß die alten preußischen Eisenbahngesellschaften weder Aktien noch Obligationen begeben können, so daß ihnen die Möglichkeit fehlt, Neubauten vorzunehmen. Das Übermaß an Strousberg-Eisenbahnaktien schadet aber auch ihren Kursen, die immer tiefer sinken. Ihr Absatz wird fast unmöglich, vor allem als sich herausstellt, daß das konzessionierte Aktienkapital zur Vollendung der Bauten nicht ausreicht und durch die Ausgabe von Prioritätsobligationen Hilfe geschafft werden soll. Deshalb greift die Disconto-Gesellschaft, die sich für den Verkauf der Strousbergschen Eisenbahnaktien interessiert hatte, ein. In den Jahren 1871—1873 gelingt es ihr, einen Personalwechsel in der Leitung der Eisenbahngesellschaften durchzuführen und sie von dem Einflüsse Strousbergs unabhängig zu machen. Das aber geschieht zu einer Zeit, da der Stern Strousbergs schon im Verblassen ist. Sein Ruf als Bahnbaumeister ist weit über die Grenzen Deutschlands gedrungen und führt dazu, daß Strousberg nicht nur den Auftrag erhält, eine russische Bahn 6 * — 8 4 — zwischen Brest und Grajewo zu erbauen, die als Fortsetzung der ostpreußischen Südbahn dienen soll, sondern daß man ihn auch zum Bau der ungarischen Nordostbahn und für die Errichtung der Strecke zwischen Paris und Narbonne heranzieht. Das Jahr 1868 bringt dann dem deutschen Eisenbahnerbauer den größten aller bisherigen Aufträge. Aus dem deutschen scheint der europäische Eisenbahnkönig werden zu sollen. Auf Veranlassung des Fürsten Karl von Rumänien, eines Hohenzollern- schen Prinzen, der erst im Frühjahr 1866 zum Herrscher Rumäniens gewählt worden war, erhält Strousberg gemeinsam mit einigen deutschen Magnaten, den Herzogen Hugo von Ujest und Viktor Hugo von Ratibor sowie dem Grafen Karl von Lehndorf, die Konzession zum Bau verschiedener Bahnen in Rumänien in einer Gesamtlänge von 900 km. Durch diese Bahnen soll Rumänien dem Verkehr erst erschlossen werden. Geplant ist eine Linie Bukarest—Braila—Galatz—Roman und eine andere von Bukarest über Craiova bis Turn—Severin, also bis an die österreichisch-ungarische Grenze. Diese Bahnen sollen bis zur Mitte des Jahres 1872 fertiggestellt sein. Die rumänische Regierung verpflichtet sich, für den Kilometer einen Betrag von 270000 Fr. zu bezahlen. Das Baukapital soll durch 7 1 / 2 °/oig e Obligationen aufgebracht werden, auf den Namen der Unternehmer ausgestellt, für deren Verzinsung und Amortisation sie haften müssen. Von den Obligationen dürfen sofort 8 Millionen Francs ausgegeben werden, damit der Bau der Strecke begonnen werden kann, die übrigen jedoch erst mit dem Fortschritt des Bahnbaues. Das Konsortium wird auch verpflichtet, die Zinsen der Obligationen bis zur Betriebseröffnung zu bezahlen, der rumänische Staat übernimmt jedoch hierfür die Garantie. Nur allzu schnell zeigt sich jedoch, daß Strousberg seine Kraft, aber auch sein Können überschätzt hat. Schon bei der Auswahl der Ingenieure begeht er große Fehler. Der Bahnbau verschlingt viel höhere Summen, als er sie veranschlagt hat. Um sich die nötigen Gelder zu beschaffen, gibt Strousberg entgegen den Abmachungen Obligationen in weit größeren Mengen aus. Am x. Januar 1871 werden ihm infolgedessen so hohe Forderungen für die fälligen Coupons präsentiert, daß er sie nicht einlösen kann. Auch die Bauarbeiten schreiten nicht in dem von der rumänischen Regierung gewünschten Tempo fort. Rumänien erklärt deshalb, da Strousberg gegen den Vertrag verstoßen habe, sei es seiner Garantieverpflichtung für die Zinsenzahlungen ledig, es betrachte die Konzession als erloschen. Eine Panik in Deutschland entsteht. Im Vertrauen auf die Größe dieses Unternehmens, für das Strousberg die großzügigste Propaganda gemacht hatte, vor allem verlockt durch die hohe Verzinsung von "Jelzin, hatten Tausende von kleinen Sparern ihre letzten Pfennige aufgebracht, um rumänische Eisenbahnobligationen zu zeichnen. Ein Kapital von 70 Millionen Talern schien verloren zu sein. Gerson von Bleichröder und die Disconto-Gesellschaft unter Führung Hansemanns und Adolf Salomonsohns retten die Situation durch die Gründung der Rumänischen Eisenbahngesellschaft, die die Obligationen gegen Aktien umtauscht. Diesen führenden deutschen Bankinstituten gelingt es, das Strousbergsche Werk zu vollenden. Am 1. Dezember 1872 wird die Hauptstrecke eröffnet. Infolge eines Vergleichs zwischen der neuen Aktiengesellschaft und Strousberg muß er 4 Millionen Taler in bar bezahlen und seine Güter sowie die Berg- und Hüttenwerke verpfänden, um so die Differenz zwischen den ausgegebenen Obligationen und den Bauzertifikaten auszugleichen. Während der sechziger Jahre ist Strousberg nicht nur der größte Bauunternehmer geworden, er hat inzwischen auch Fabriken der verschiedensten Art erworben und einen Vertikalkonzern, vielleicht den ersten seiner Art, aufgebaut. Denn mit dem Ankauf der Eggestorffschen Maschinenfabrik in Hannover, der Neustädter Hütte bei Hannover, der Einrichtung des Hochofenwerks bei Ostfresen, der Angliederung der Dortmunder Hütte, aus der er unter Umwandlung in die Dortmunder Union das erste gemischte Eisen- und Stahlwerk errichtet, und auf der er wieder als erster das Bessemerverfahren in Deutschland einführt, mit dem Erwerb der Zeche Glückauf und anderer Kohlengruben im Rheinland sowie im Waldenburger Revier und einer Zahl von Eisengruben im Siegerland hatte Strousberg sich für die Herstellung des Eisen- bahnbaumaterials unabhängig machen wollen. Daneben hatte er bereits in Böhmen, und zwar in Zbirow, ein riesiges Unternehmen gegründet, zu dem Wälder, Eisen- und Kohlenbergwerke gehörten, und in das er bereits Millionen hineingesteckt hatte. Der Eisenbahnbau führt ihn aber auch zur Lebensmittelversorgung. Schon frühzeitig gründet er in Geestemünde eine Fischereigesellschaft und erbaut als erster in Berlin den Viehmarkt und die Markthallen, um, wie er selbst schreibt, „dem Berliner Publikum gutes Fleisch, frische See- und andere Fische und die Hauptnahrungsmittel zu den billigsten Preisen zu liefern“. Als Unternehmer größten Stils, wie ihn in dieser Art Deutschland noch nie erlebt hatte, unterhält Strousberg ein fürstliches Haus. Sein Palais in der Wilhelmstraße, heute der Sitz der englischen Botschaft, sieht fast täglich Gäste aus den verschiedensten Kreisen der Berliner Gesellschaft. Die kostbaren Gemälde sprechen von dem Reichtum des Hausherrn, der auch einer der größten deutschen Grundbesitzer geworden ist. Denn er hat die Absicht, für jedes seiner sieben Kinder mit diesen Gütern eine Herrschaft zu begründen. Als Abgeordneter gehört er auch dem Norddeutschen Reichstag an. Der Wirtschaftsrevolutionär par excellence ist Mitglied der konservativen Partei. Aber er gesteht selbst, er habe sich nie mit seiner Partei eins gefühlt und daher nie gesprochen. Der Journalist von einst schafft sich in der „Post“ ein eigenes Organ. Als sich der Deutsch-Französische Krieg seinem Ende nähert, gründet Strousberg „in Erwartung der guten nahen Zukunft“ die Allgemeine Eisenbahnbaugesellschaft mit einem Kapital von 18 Millionen Talern, in die er seine sämtlichen Fabriken, Bergwerke und Unternehmungen einbringt. Aber diese Gründung kommt zu spät. Der Zusammenbruch in Rumänien und der Kurssturz seiner Aktien führen dazu, daß er die meisten seiner Unternehmungen verkaufen muß. Das scharfe Vorgehen Eduard Laskers im Jahre 1873 gestaltet sein Schicksal zu einer Katastrophe. Das preußische Abgeordnetenhaus setzt einen Untersuchungsausschuß ein, der den Gründungsschwindel restlos aufdecken soll. Es kommt zu einer Verschleude- — 87 — rung der ungeheuren Werte, die Strousberg besitzt. „Man vergegenwärtige sich“, so schreibt er selbst, „nur meine Tätigkeit im Augenblick der Katastrophe, um zu ermessen, wie schrecklich ich davon berührt gewesen sein muß. Die im Bau begriffenen Bahnen hatten eine Länge von ungefähr 340 Meilen. Es handelte sich hier also um die Vollendung und Abwicklung von Baugeschäften und der damit verbundenen Finanzoperationen nach zwei Richtungen, mit den Gesellschaften und mit meinen Unternehmern und Lieferanten im Betrage von ungefähr 140 Millionen Talern.“ Die Erbitterung Strousbergs ist verständlich. Denn die Krise wäre abzuwenden gewesen, wenn sich nicht alle Angriffe der Abgeordneten, der Presse und des Publikums ausschließlich gegen ihn gerichtet hätten; es hätte ähnlich wie bei dem rumänischen Geschäft Möglichkeiten gegeben, ihn zu sanieren. Von allen Freunden verlassen, von denen am meisten geschmäht, die ihn einst angebetet hatten, begibt er sich 1873 zunächst nach London, dann zur Durchführung von russischen Bahnbauprojekten nach Rußland. Ein Geschäft mit der russischen Commerz- und Leihbank führt in Moskau zu seiner widerrechtlichen Verhaftung, die schließlich 1876 mit seiner Ausweisung endet. Inzwischen ist in Deutschland und in Österreich der Konkurs über sein Vermögen eröffnet worden. Die großen Pläne, die er für den weiteren Ausbau des deutschen Bahnnetzes entworfen hat, kann er nicht mehr vollenden. Aber immer neue Projekte beschäftigen ihn. In einer Schrift „Berlin, ein Stapelplatz des Welthandels durch den Nord-Ostsee-Kanal“, die 1878 erscheint, wirbt er für diesen Kanal, und schlägt den Bau zweier von Berlin ausgehender Ergänzungskanäle, eines Nordsee- und eines Ostseekanals vor. Mühselig verdient er sich wieder sein Brot als Journalist. Im Jahre 1879 gründet er das „Kleine Journal“. Zwei Jahre später verläßt er Berlin und glaubt in England noch einmal ein neues Feld für seine ungebrochene Schaffenskraft zu finden. Aber auch hier hat er ausgespielt. Abermals kehrt er nach Berlin zurück. Als er hier am 31. Mai 1884 stirbt, ist er ein Bonmot von gestern geworden. WILHELM HERZ „Kund und zu wißen Sei hiermit jedermann, daß nachstehende Personen Dato vor uns eigenhändig unterschriebene Zeugen erschienen sind, und zwar: a. der hiesige israelitische Bürger und Banquier Herr Moses Wolffs, als Vater und in Assistenz seiner nachstehend genannten Tochter, der Jungfer Louise Wolffs. b. die obengenannte Jungfer Louise Wolffs einzige Tochter des obengedachten Herrn Moses Wolffs, als Braut. c. der israelitische Kaufmann und Einwohner, Herr Salomon Herz aus Anhalt, Bernburg, ein majorenner und selbständiger Jüngling als Bräutigam. und haben nachstehende Ehepacten erster Art vor uns unter einander verabredet und abgeschlossen. I. Es verpflichtet sich nemlich der obgedachte, bereits majorenne Jüngling, Herr Salomon Herz aus Bernburg im Herzogthum Anhalt gleiches Namens, obengedachte Jungfer Louise Wolffs aus Halle im Herzogthum Sachsen, Preußischen Antheils, dereinst zu ehelichen, zu ernähren und selbe so zu behandeln, wie es einem redlichen Ehegatten nach israelitischem Gebrauche geziemt, und sie unter den Trauhimmel zu führen nach den Gesetzen Moses und Israels, ihr ferner die üblichen Hochzeitsgeschenke am Trauungstage nach Vermögen darzureichen. Ferner verspricht er ihr auch über alles sein gegenwärtiges und zukünftiges Vermögen den gemeinschaftlichen Antheil zu lassen, sowie ihr auch nicht minder den sogenannten Chaliza-Brief von allen seinen Brüdern noch vor der Trauung unentgeldlich auszuwürken. II. Dagegen verpflichtet sich nun auch die Jungfer Louise Wolffs aus Halle ihren künftigen Ehegemahl den mehrgedachten Herrn Salomon Herz aus Bernburg dereinst gleichfalls nach israelitischen Gesetzen zu ehelichen, ihn stets so zu behandeln und ihm all dasjenige zu leisten, was einer tugendhaften Ehefrau zukommt und einer redlichen Hausfrau geziemt. III. Verspricht der Vater der Jungfer Braut, Herr Moses Wolffs von Halle der Jungfer Louise Wolffs, nachdem sie bereits die Einwilligung zu dieser Verlobung durch ein lautes Jawort vor uns Zeugen von sich gegeben, 2500 Rs., sage zweitausendfünfhundert Thaler in Louisd’or a 5 Reichs- thaler am Hochzeitstage als Aussteuer nebst einer seinem Vermögen und der Mitgabe angemessenen Ausstattung zu geben. Rücksichtlich des Erbantheils seiner Tochter nach seinem dereinstigen Tode soll es nach seinem bereits unterm 17. September 1817 beim hiesigen Land- und Stadtgericht niedergelegten Testament gehalten sein. IV. Die Hochzeit selbst soll im Monat May 1822 an einem von beiden Theilen dereinst annoch zu bestimmenden Orte auf Kosten des Herrn Moses Wolffs gefeiert werden, sowie auch der Hochzeitstermin annoch näher zu bestimmen sein soll. — 8g — Im Fall aber — welches Gott verhüthen wolle — unter den Neuverlobten etwa noch vor der Hochzeit eine Uneinigkeit entstehen sollte, sodaß ein Theil derselben obgedachte Puncte weder halten noch die förmiche Ehelichung eingehen wollte, so soll der dieselben übertretende Theil die Hälfte der Aussteuersumme, mithin 1250 Rs., sage eintausendzweihundert Reichsthaler in Louisd’or a 5 Reichsthaler der andern, den Contract haltenden Parthey als Strafe für den Abtritt zu geben gehalten sein. Übrigens haben nachstehende Herren für die richtige Erfüllung der obgedachten Puncte gegenwärtigen Ehevertrag, und zwar für den Bräutigam, Herrn Salomon Herz, der Doctor medicinae et chirurgiae Herr Ludwig Meyer und für die Braut, Jungfer Louise Wolffs, Herr Levin Benjamin Stern, beide von hier die Bürgschaft übernommen. Zu näherer Sicherheit der resp. Interessenten dieses erstem Ehecontracts haben sich allerseitige darin gedachte Comparenten verbindlich gemacht, daß sie es alles halten und befolgen wollen, unter einem schweren Bann und Eid des Gesetzes, mittels eigener Unterschrift und Bestätigung durch den Mantelgeist. So geschehen Halle den 28. des Monats Aw 5581 nach Erschaffung der Welt oder am 26. August 1821 nach christlicher Zeitrechnung.“ Ein Verlobungsvertrag aus der Biedermeierzeit. Vor hundertzehn Jahren unterzeichnet, erscheint er uns wie ein Dokument aus einer andern Welt! Zeigt es uns nicht deutlich die Strenge der Tradition des jüdischen Hauses, aber gleichzeitig die nüchterne Überlegtheit, die auch das Herzensbündnis in Paragraphen zu fesseln versucht? Wie dieser Kontrakt, sprechen auch andere Familienpapiere, die sich heute wohlbehütet in dem Archiv des Urenkels der beiden Kontrahenten befinden, stärker als viele Historien von der Lage der Juden in Deutschland kurz nach der Zeit der Befreiungskriege. Denn jenem israelitischen Kaufmann Salomon Herz, der am 18. Mai 1794 in Bernburg geboren wurde, war durch ein Edikt vom 10. Oktober 1820 „die Fortsetzung seiner bisherigen in keine Innung einschlagenden Handelsgeschäfte, der Ankauf eines Hauses in Bernburg und die Verheiratung gegen Erlegung des üblichen Schutzgeldes in Gnaden bewilligt“ worden. Bis zum 20. Oktober, also innerhalb von zehn Tagen, hatte er nachzuweisen, „daß er einEinjähriges- Schutzgeld vorausbezahlt habe“. Preußen hatte die Juden als Bürger aufgenommen, Anhalt noch nicht! Wenige Stunden vor den Toren Berlins sind sie noch Schutzjuden, wie seit Jahrhunderten, bedürfen zur Ausübung ihrer kaufmännischen Beschäftigung, ja zur Verheiratung der ausdrücklichen fürstlichen Erlaubnis, die sie natürlich nur gegen Hinterlegung einer hohen Gebühr erhalten. Wenn man jetzt noch im Zeitalter des Libera- — 9 ° — lismus das Heiraten der Juden von der fürstlichen Gnade und der Geneigtheit hoher Stadtmagistrate abhängig machte, mußten dann nicht vorsichtige Väter die Verheiratung, ja schon die Verlobung ihrer Tochter mit allen Kautelen sichern? Die Verhältnisse in Bernburg werden Salomon Herz, der im Jahre 1822 die erst fünfzehnjährige Luise Wolffs heiratet, viel zu eng. Was konnte das anhaitische Ländchen einem unternehmungslustigen Kaufmann bieten? Im Umkreis weniger Meilen stieß er bereits auf Grenzen, die seinen Schritt hemmten. So zieht Herz mit seiner jungen Frau nach Berlin, das seit der Übersiedlung eines andern anhaitischen Landsmannes, seit der Zeit Moses Mendelssohns längst ein geistiger Mittelpunkt Deutschlands geworden war. Mit klugem Blick erkennt Herz die wirtschaftliche Bestimmung der Hauptstadt des vergrößerten Preußen. Es mögen auch verwandtschaftliche Beziehungen gewesen sein, die ihn zur Übersiedlung veranlaßten. Die Mitglieder der Bankierfamilie Bamberger und die des Fabrikanten Beer, der Komponist Meyerbeer und der „Struensee“-Dichter Michael Beer gehören zu seinen Vettern. Von Natur wenig begnadet, an keinem großen Fluß gelegen, auch an keiner wichtigen Verkehrsstraße, hatte es Berlin trotzdem im achtzehnten Jahrhundert verstanden, seine wirtschaftliche Bedeutung stark zu heben. Es war aber um 1820 mit seinen 200000 Einwohnern eine große, aber noch keine Großstadt. Die Straßen, schlecht gepflastert, durchzogen von wenig angenehm duftenden Rinnsteinen, nachts schlecht beleuchtet, machten keinen imponierenden Eindruck. Auch Madame de Stael gefällt bei ihrem Besuch 1810 in Berlin nur die weiträumige Anlage der Stadt, deren meiste Teile erst im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entstanden waren. „Berlin ist eine große Stadt“, so notiert sie, „deren Straßen sehr breit und schnurgerade sind, mit schönen Häusern und von regelmäßiger Gesamtanlage: aber da sie erst vor noch nicht langer Zeit wieder aufgebaut ist, sieht man hier nichts, was an frühere Zeiten gemahnt.“ London hatte damals schon 1,4. Millionen, Paris 750000 Einwohner. Der Verkehr Hamburgs, die Börse Frankfurts, der Handel Leipzigs waren viel bedeutender als der Berlins. — 9i — Aber an allen Ecken und Enden der Stadt regt sich die Energie und der Fleiß der Bewohner, voran die der jüdischen Bürger. Bewußt geht man auf das Ziel zu, Berlin auch zur wirtschaftlichen Hauptstadt Deutschlands auszugestalten. Stadtverwaltung und Staatsregierung unterstützen den Willen der Einwohnerschaft. Zunächst gilt es, die Schäden des Krieges auszugleichen. Die Einführung der Gewerbefreiheit im Jahre 1810, der kühne Schritt zum Freihandel durch Aufhebung der innerpreußischen Zollgrenzen und der Außenzölle geben der Wirtschaft neuen Spielraum. Maschinenfabriken, Spinnereien werden gegründet, das Bankgewerbe und der Produktenhandel entfalten sich. Der Grundstein für die Hauptzweige der Berliner Wirtschaft wird in jener Zeit gelegt. Im Jahre 1820 entsteht aus den alten Gilden und dem Komitee der jüdischen Kauf- leute, unter Mitwirkung Joseph Mendelssohns, die Korporation der Kaufmannschaft. 1821 ruft Beuth den Verein zur Förderung des Gewerbefleißes ins Leben. Im nächsten Jahre zeigt die erste Berliner Gewerbeausstellung die ersten Erfolge der jungen Berliner Industrie. So sieht Berlin aus, als am 22. März 1823 Salomon Herz das preußische Staatsbürgerrecht erhält. Es ist das gleiche Jahr, in dem der Zimmergeselle August Borsig aus Breslau nach der preußischen Hauptstadt wandert. Noch bevor sich das junge Ehepaar endgültig in Berlin niederläßt, wird ihm in Bernburg am 26. April 1823 das erste Kind geboren, das den Namen Wilhelm erhält. Wilhelm Herz erlebt den Aufstieg Berlins von der angehenden Großstadt zur Weltstadt, die Entwicklung vom Zollverein bis zum Weltkrieg. Mehr als zwei Menschenalter hindurch ist er aktiv an diesem Emporblühen Berlins beteiligt. Weniger Unternehmer großen Stils, auch kein kühner Erneuerer, ist es sein organisatorisches Geschick, sein diplomatisches Talent, vor allem seine ausgesprochene gesellschaftliche Begabung, die ihn befähigen, jahrzehntelang der erste Kaufmann der deutschen Metropole zu sein. Dieser Grandseigneur ist ein Exponent der kaiserlichen Zeit. Er wird zum Symbol der hohen Bedeutung, die das Berliner Judentum für das Wirtschaftsleben der Reichshauptstadt errungen hat. — 92 — Salomon Herz hatte seine Getreidehandlung unter der Firma S. Herz 1823 in Berlin neu eröffnet. Er sieht deutlich, welche Rolle Berlin für diesen Wirtschaftszweig als Vermittler zwischen dem Osten und Westen Deutschlands spielen kann. Das große landwirtschaftliche Hinterland Berlins bietet einem Getreidehändler große Chancen. Aber ihm genügt das reine Handelsgeschäft nicht mehr, wie er es in Bernburg betrieben hatte. Auch er will, nachdem die Schranken für die Juden gefallen waren, zur Fabrikation übergehen. So gründet er noch im gleichen Jahre, in dem er sich in Berlin niederläßt, in Wittenberge a. d. Elbe eine Ölmühle. Die Nähe der hannoverschen, der sächsischen und der mecklenburgischen Grenze lassen ihm diesen Platz als besonders geeignet erscheinen. Ein Schreiben der Königlichen Regierung zu Magdeburg vom 5. Oktober 1823 beweist, wie man auch damals noch die Juden mit kleinlichen Maßnahmen zu schikanieren versucht. Als Fabrikant zu Wittenberge, das erst 1815 preußisch geworden war, hatte Herz um Verleihung des Bürgerrechts dieser Stadt nachgesucht. Eine Verfügung des Königlichen Ministeriums des Innern vom 16. Januar 1818 besage, so heißt es in diesem Schreiben, „daß das Edict vom u.März 1812 die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preuß. Staate betreffend, hinsichts der Juden in den neu acquirierten und wiedereroberten Provinzen noch nicht zur Anwendung gebracht werden soll. . . der pp. Herz muß deshalb immer noch als Ausländer betrachtet werden“. Herz aber beharrt auf seinem Recht. Bereits am 25. Januar 1824 wird er Bürger von Wittenberge. Am 2. Juli 1827 wird dann auch vom „Ober-Bürgermeister, Bürgermeister und Rath dieser Königlichen Preußischen Haupt- und Residenzstadt Berlin“ dem Ölfabrikanten Herrn Salomon Herz der Bürgerbrief ausgehändigt. Zehn Jahre später erwirbt er das Haus Bauhofstraße 1 in Berlin, das auch dem Sohne bis zum Lebensende zum Wohnsitz gedient hat. Das Palais Herz gehört zu den gesellschaftlicher Zentren Berlins. In einem reichen Hause wächst Wilhelm Herz auf. Denn sein Vater Salomon ist ein erfolgreicher Kaufmann. Seine Einkünfte erlauben es ihm, dem ältesten Sohn Wilhelm und den nachge- — 93 — borenen Kindern eine sorgfältige Erziehung geben zu lassen Nach Absolvierung der Schule besucht Wilhelm die Handels schule in Leipzig und tritt frühzeitig in das Geschäft des Vaters ein. Wenn er sich auch bemüht, den Vater tatkräftig zu unterstützen, so gestatten es ihm doch dessen Mittel, eine sorglose Jugend zu verleben. Der tägliche Ritt durch den Tiergarten, den er bis ins höchste Alter unternimmt, häufige Besuche der Theater und Konzerte, auch der Gesangsunterricht bieten reichliche Abwechslung und bilden Wilhelm Herz zu dem großen Kavalier aus, als den ihn ganz Berlin verehrt. Am Montag dem 6. Januar 1845 notiert er in sein Tagebuch: „Abends bei uns Ball, wozu einige 90 Personen waren; ich glaube, daß sich alles recht gut amüsiert hat, wenigstens hat es lange genug gedauert, nämlich bis 1 / 2 4. Im Mazurka bekamen die Herren Bändchen, die Damen Schleifen mit Silberquasten, im Kotillon die Herren kleine Orden der Ehrenlegion, die Damen Bouquets.“ Und schon am nächsten Tage trägt er ein: „Ruhetag! Mittags hatte ich meine Singstunde bei Albert.“ Am 8. Januar heißt es im Tagebuch: „Abends zum Ball bei Markwalds Unter den Linden, wo wir, ich und Pauline [seine jüngere, 1828 geborene Schwester], uns recht gut amüsierten.“ Der Monat Januar dieses Jahres 1845 spricht noch von vielen derartigen Festen, die Wilhelm Herz miterlebt hat. So sind seine Tagebücher ein deutliches Spiegelbild für die damaligen Verhältnisse in bestimmten Kreisen der Berliner Judenschaft. Ein jüdisches Patriziat hat sich gebildet. Durch Wohlhabenheit, gesellschaftliche Stellung, vielseitige kulturelle Interessen zählen die führenden jüdischen Familien bereits in der Nachbiedermeierzeit zu den ersten Berlins. Die Rathenaus, Liebermanns, Reichenheims, Bleichröders und andere Häuser, in denen Wilhelm Herz verkehrt, gehören schon damals zur besten Berliner Gesellschaft. Häufige Reisen, die der Vater unternimmt, teils mit der Bahn — bis 1846 war Berlin durch die fünf Bahnlinien, die von ihm ausgingen, schon ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt Deutschlands geworden—, teils mit der Postkutsche, zeigen, wie ausgedehnt die geschäftlichen Beziehungen der Firma S. Herz waren. Auch Wilhelm fährt, wie seinen Tagebüchern zu ent- — 94 — nehmen ist, oft nach Hamburg, wo sein um etwas mehr als ein Jahr jüngerer Bruder August tätig ist, bald ins Brandenburgische, nach Mecklenburg, nach Leipzig. Verschiedene Reisen führen ihn auch ins Ausland. So weitet sich sein Blick. Landwirtschaftliche Produkte werden erworben, Ol aus der eigenen Fabrikation verkauft. Mit dem Dampfboot oder in der Eilkalesche geht es mehrmals im Monat nach Wittenberge. Am I. September 1845 wird dort ein großer Speicher eingeweiht. „So wurde dieser Tag“, notiert Wilhelm in seinem Tagebuch, „vom schönsten Wetter begünstigt, ein Tag der Freude für viele, ein Volksfest für Wittenberge.“ Die Firma dehnt sich, wenn sie auch nicht vor den ersten Krisen, die die Aktienspekulation an der Börse mit sich bringt, verschont bleibt. Am 23. Februar 1846 schreibt Wilhelm Herz in sein Tagebuch: „Ich verliere an Öl und Aktien viel Geld, mehr als meine ganze Barschaft beträgt, was mich nicht wenig verstimmt!“ Aber der Verlust ist bald verschmerzt. Denn die größte Bedeutung für die Entwicklung der Ölfabrik erhält die Berlin-Hamburger Eisenbahn, zu deren Begründern Salomon Herz gehört. Mit seiner Energie erreicht er die Führung der Strecke über Wittenberge, nachdem die Perleberger aus Mißtrauen gegen die neue Erfindung eine Bahn an ihrer Stadt vorbei abgelehnt hatten. Die Einweihung der Wittenberger Eisenbahnelbbrücke, die die Eisenbahnstrecke Magdeburg—Wittenberge an die Berlin—Hamburger Linie heranführte, gab der Leipziger „Illustrierten Zeitung“ vom 15. November 1851 Veranlassung, ausführlich diesen Bahnbau zu würdigen. Die Zeitung bringt bei dieser Gelegenheit nicht nur eine Abbildung der Herzschen Ölfabrik, sondern sie widmet ihr auch eine ausführliche Beschreibung, der sich entnehmen läßt, welche Bedeutung dieses Unternehmen schon damals gehabt haben muß. „Die Fabrikation des Öls“, so heißt es in diesem Aufsatz, „geschieht durch Walzen und Schrotsteine, welche die Ölsaat zunächst zerreißen. Das so entstandene Ölgut wird mit Hülfe hydraulischer Pressen gepreßt, noch einmal gemahlen und zum zweiten Mal gepreßt. Zu diesem Behufe hält die Fabrik sechs Paar Walzen, sieben Paar Steine und siebenzehn hydraulische Pressen in Tätigkeit, welche letztere wieder durch drei Pumpwerke betrieben werden, deren jedes sechs Pumpen zählt. Sämtliche Werke sind Tag und Nacht in Bewegung. Die Fabrik verarbeitet pro Tag ca. 22 Wispel preußisch Maß Öl- — 95 — saat, im Jahr also ca. 7000 Wispel, aus denen ca. 45 000 Zentner reines Öl und 70000 Ölkuchen gewonnen werden. Wie die Ölsaaten aus allen Weltteilen (man findet auf den Speichern ostindische und ägyptische) zusammengekauft werden, so geht das fabrizierte Öl wiederum auch nach allen Weltgegenden. Eine Raffinerie, mehrere Darren, Schmieden, Schlosser- und Böttcherwerkstätten, welche mit den eigentlichen Fabrikarbeitern über 200 Menschen beschäftigen, gehören gleichfalls zur Fabrik.“ Bald nach diesem Aufschwung der Fabrik kann sich Wilhelm Herz einen eigenen Hausstand gründen. Am xo. Oktober 1853 heiratet er Cäcilie Markwald aus einer ihm durch Verwandtschaft und Freundschaft nah verbundenen Familie. Durch den Aufbau des Lieferungsgeschäfts für Rüböl wird die Firma S. Herz das erste Ölhandelshaus Deutschlands. Auch das Eindringen des ersten amerikanischen Petroleums zu Beginn der sechziger Jahre vermag die Bedeutung des Hauses nicht herabzusetzen. Wenn auch das Petroleum das Rüböl als Beleuchtungsmittel allmählich verdrängt, so behauptet sich dieses Pflanzenöl noch als Nahrungsmittel vor allem in den Bergwerksbezirken, in einer Zeit, in der es noch keine Margarine gibt, besonders aber als Hilfsmittel für technische Zwecke. Nachdem Salomon Herz am 16. Juli 1865 gestorben war, erweitert sein Sohn Wilhelm vor allem das Auslandsgeschäft: nach Amerika werden große Mengen Öl geliefert und dort verschnitten. Als Ölsachverständigen beruft man Wilhelm Herz häufig nach England. In der ganzen Welt ist er als „Ölherz“ bekannt. Frühzeitig erkennt er die Bedeutung des Gummis. So entschließt er sich 1869 zur Errichtung einer Gummiwarenfabrik in der Köpenicker Straße in Berlin, die sich noch heute an der gleichen Stelle befindet, während die Ölmühle, an deren Leitung auch Wilhelms ältester Sohn Paul und sein Neffe Herrmann beteiligt werden, im Jahre 1929 von dem jetzigen Vorstandsmitglied der Firma S. Herz G. m. b. H., Max Herz, dem zweiten Sohne Wilhelms, verkauft wurde. In der Gummifabrik werden die verschiedensten technischen Gummiwaren: Schläuche, Packungen, Reifen, heute auch Autoreifen hergestellt. Als nach der Begründung des Deutschen Reiches ein neuer Aufschwung die deutsche Wirtschaft belebt, fördert Wilhelm Herz mit Rat und Tat diese Entwicklung. Der Produktenhänd- ler besitzt von jeher die engsten Beziehungen zur Brauindustrie. — 96 — So gehört er zu den Mitgründern der Schultheiß-Brauerei-Aktien- gesellschaft, deren Aufsichtsratsvorsitzender er bis zu seinem Tode bleibt, und die unter seinem Präsidium die größte Brauerei des Kontinents wird. Ebenso leitet er nach Kochs Tode bis zu seinem Ableben den Aufsichtsrat der Deutschen Bank, an deren Gründung er lebhaften Anteil nimmt. Viele andere Aufsichtsratsmandate, besonders von Hypothekenbanken und Versicherungsanstalten, werden ihm übertragen und beweisen, wie sehr man ihn schätzt. In dem Ringen um die Bülowsche Zollpolitik gehört Herz zu den eifrigsten Gegnern des Protektionismus. Er zählt zu den Gründern des Handelsvertragsvereins und wird dessen erster Präsident. Am i. Januar 1866 wird Wilhelm Herz Mitglied des Ältestenkollegiums der Kaufmannschaft, an dessen Arbeiten er sich schon lange vorher als Mitglied und Leiter der Produktenbörse beteiligt hatte. „Mit der Geschichte dieses Kollegiums“, so schreibt sein langjähriger Mitarbeiter Geheimrat Heinrich Dove (Mitteilungen der Handelskammer zu Berlin, Nr. 10, vom Oktober 1914), „ist seine Person unlöslich verbunden. War es ihm doch beschieden, als eins ihrer eifrigsten und hervorragendsten Mitglieder die Zeiten mitzuerleben, während deren die altehrwürdige kaufmännische Vertretung Berlins den Übergang des Geschäftslebens der Metropole aus den engeren Verhältnissen des alten Preußen in die kraftvoll aufstrebenden Wirtschaftsverhältnisse des neuen Reiches überleitete.“ 1889 wählt man ihn zum Vizepräsidenten, 1895 zum Präsidenten der Korporation In dieser Eigenschaft wird Herz zum Mittelpunkt der jahrelangen Kämpfe um die Vertretung der Berliner Wirtschaft. In der Sitzung vom 10. Dezember 1895 teilt Herz mit, der preußische Handelsminister habe seine frühere, der Korporation freundliche Haltung geändert, er verlange ihre Umwandlung in eine amtliche Handelsvertretung, die Errichtung einer Handelskammer. Wie kaum ein anderer Kaufmann erkennt Herz, der in seinem langen Leben so viele Veränderungen der Wirtschaft Berlins mitgemacht hat, mit scharfem Blick sofort, daß die Verfassung der Korporation der Kaufmannschaft reformbedürftig sei, wenn sie als wahres Organ der gesamten Berliner — 97 — Wirtschaft gelten soll. Als Diplomat versucht er zunächst unter Wahrung der Tradition den modernen Zeitströmungen Rechnung zu tragen. Nach eingehenden Konferenzen mit dem Handelsminister, der inzwischen das Handelskammergesetz im Landtag eingebracht hat, beschließt auf seine Veranlassung das Ältestenkollegium am 14. Juni 1897 den Entwurf einer neuen Verfassung, der die Korporation der Handelskammer anzupassen versucht. Die Generalversammlung der Kaufmannschaft billigt diesen Beschluß. Noch läßt das Handelskammergesetz vom 19. August 1897 den alten Kaufmannskorporationen ihre Rechte. Doch die von Ludwig Max Goldberger geführte Opposition ruht nicht. Sie weist darauf hin, daß die Ältesten der Berliner Industrie und dem Kleingewerbe auch durch die neue Satzung nicht die nötige Vertretung in ihren Reihen sichern, obwohl Herz und mit ihm Johannes Kaempf — der später sein Nachfolger wird — betonen, die Freiheit der Organisation sei dem behördlichen Zwang vorzuziehen. Im Jahre 1901 lebt dieser Kampf um die Wirtschaftsvertretungen Berlins durch eine Interpellation im Landtag neu auf. Abermals will Herz nachgeben. Er empfiehlt der Generalversammlung der Kaufmannschaft vom 26. Oktober die Umwandlung der Korporation in eine Handelskammer als das kleinere Übel, und dringt durch. Als aber der Handelsminister den von der Korporation beschlossenen Statutenentwurf aus formalen Gründen beanstandet, siegt die Opposition, der sich jetzt auch Kaempf angeschlossen hat. Die Korporation der Kaufmannschaft bleibt zwar, aber schon am 14. April 1902 wird die neue Handelskammer für Berlin konstituiert, zu deren erstem Präsidenten Wilhelm Herz gewählt wird. Noch glaubt Herz den Interessen der Berliner Kaufleute dienen zu können, wenn er auch sein Mandat im Ältestenkollegium beibehält, um so eine künftige Verschmelzung beider Organe, die er für erstrebenswert hält, vorzubereiten. Als sich aber dagegen Widerstand erhebt, legt er dieses Amt, das er fast vierzig Jahre hindurch geführt hat, nieder. Er stellt sich jetzt ganz in den Dienst der Handelskammer. Der Fünfundsiebzig- jährige, elastisch und beweglich wie in seinen besten Tagen, 7 Zielenziger .:i-frlg»ijiSS&ijssg^3i Bä3^ !?! (| i! — 98 — wird der Organisator der größten und ersten amtlichen Wirtschaftsvertretung Berlins. Seine Gewandtheit und seine Lebensklugheit ermöglichen es ihm, die Kammer in wenigen Jahren auf die Höhe zu führen, die sie heute einnimmt. Am 26. April 19x3, an seinem neunzigsten Geburtstage, den er in voller Frische feiert, ernennt ihn der Kaiser zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz. Die erste Kaufmannsexzellenz in Deutschland. Neben Paul Ehrlich, dem großen Forscher, der zweite Jude in Preußen, der diese hohe Auszeichnung erhält. Die Handelskammer ehrt ihn durch die Wahl zum Ehrenpräsidenten. Wilhelm Herz stirbt am 28. September 1914 a ^ s e i ner der Führer der Berliner Wirtschaft, aber gleichzeitig auch als die Verkörperung des ersten jüdischen Bürgers Berlins. LUDWIG LOEWE U nser Stolz ist es, daß wir geboren sind wie Sie, auf unserem deutschen Boden, an den unser Herz gewachsen ist; wir sind stolz darauf, daß wir eingesogen haben dieselbe deutsche Bildung wie Sie, wir sind stolz darauf, meine Herren, daß unsere Väter, unsere Brüder, unsere Söhne in den Reihen der Ihrigen gefochten haben, für unseres Vaterlandes Unabhängigkeit, die Schlachten mitgeschlagen und ihr Blut vergossen haben. Das ist das Band, was das Volk aneinanderkettet, das ist der große Rechtstitel, auf dem wir stehen, das ist die Magna Charta, mit der wir vor unser Volk treten und fordern, bleiben zu dürfen, was wir in unseren und den Herzen von ungezählten Millionen unserer Christenmitglieder seit langem sind: Wir alle Brüder einer Nation: dieses Bewußtsein, daß dieses unser Recht ist, ist so stark in uns, daß wir einen jeden Angriff auf dieses unser Recht zurückzuweisen entschlossen und auch Manns genug sind.“ Zu nächtlicher Stunde debattiert das Preußische Abgeordnetenhaus über Fragen des Volksschulwesens, und während unter dem Beifall seiner Parteifreunde nach diesem mutigen Glaubensbekenntnis der junge Abgeordnete Ludwig Loewe die Rednertribüne verläßt, erteilt der Präsident der Kammer dem Abgeordneten Stöcker das Wort. „Für den Stand unseres Volksschulwesens in Preußen“, hatte Loewe zu Beginn seiner großen Rede in der Sitzung am xi. Februar 1880 ausgeführt, „ist nun ein Prototyp das Volksschulwesen der Kommune Berlin ... es ist jenes große Volksschulwesen, von dessen erstaunlichen Zahlen Sie gestern eine gewisse alle überraschende Mitteilung erhalten haben, daß nämlich fast — 100 90000 Kinder lediglich auf Kosten der Kommune, ohne daß ein Pfennig zugezahlt zu werden braucht, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, ohne Unterschied des Standes und des Vermögens diese Schulen besuchen, und daß dadurch in jeder Beziehung eine Ausgleichung für das bürgerliche Leben herbeigeführt wird.“ Niemand ist berufener, die Angriffe, die gegen den Geist der Schule von der unter Stöckers Einfluß stehenden konfessionell-lutherischen Partei erhoben werden, schärfer zurückzuweisen als der Abgeordnete Loewe, der als Stadtverordneter von Berlin sich die größten Verdienste um die Reorganisation des Schulwesens erworben hat. Niemand kann mit mehr Würde den antisemitischen Verdächtigungen, die in jenen Tagen das Volksleben zu vergiften drohen, entgegentreten als Loewe, der sich in jungen Jahren zu einem der ersten Politiker und Industriellen Deutschlands emporgearbeitet hat. Mit dem hinreißenden Schwung seiner Rede, den temperamentvollen Bewegungen, mit denen er seine Worte zu unterstreichen pflegt, dem dunklen hochstehenden Haar, wirkt Ludwig Loewe fast wie ein Franzose oder Italiener, nur der Kneifer, den er gern an einem Bande trägt, gibt ihm einen deutschen Charakter. Das bartlose Gesicht läßt ihn noch jünger erscheinen, als er ist, und auch die vom Turnen gewohnte elegante Haltung verleiht ihm etwas ungemein Jugendliches. Es mag sein, daß auch diese äußeren Eigenschaften dazu beigetragen haben, aus ihm den Volksmann zu machen, der die Massen fasziniert. Nicht nur die Unerschrockenheit und die Lauterkeit seiner Gesinnung, die große Sachkenntnis und die Beredsamkeit gewinnen ihm die Herzen der Menschen; wenn Loewe spricht, geht von ihm ein Fluidum aus, mit dem er das Volk bezwingt. Sein Aufstieg als Politiker ist deshalb ohnegleichen, besonders in einer Zeit, in der das Gebiet der Politik nur den gereiften Menschen Vorbehalten zu sein scheint. Auch im Jahre 1848 bringt der Umsturz junge Leute zu politischer Geltung. Aber niemand von ihnen setzt sich auf die Dauer durch. Sobald Loewe in die Politik eingreift, behauptet er sich. Mit vierundzwanzig Jahren erscheint er im August 1861 auf der Generalversammlung des Deutschen Nationalvereins in Heidelberg. Man hält ihn dort - 101 - zunächst für einen Kandidaten der Theologie. Schon am ersten Tage ergreift er das Wort. Schulze-Delitzsch, Bennigsen, Franz Duncker und viele der anderen hervorragenden Männer des deutschen Liberalismus sind erstaunt über den gänzlich unbekannten Jüngling, der sich zur Debatte meldet. Loewe spricht zur Frage des kurhessischen Verfassungskampfes, der zu dieser Zeit die Gemüter erregt. Er fordert die Unterstützung des ganzen Landes für die gute Sache, die dort verfochten wird. Am zweiten Tage ist er es allein, der vom Nationalverein verlangt, für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in ganz Deutschland einzutreten. Als Loewe 1858 nach Berlin kommt, steht hier Ferdinand Lassalle auf der Höhe seines Einflusses und zieht auch ihn zunächst in seinen Bann. Sobald aber Lassalle den deutschen Liberalismus verläßt (vgl. hierüber Schay, Juden in der deutschen Politik, Welt-Verlag, Berlin 1929), nimmt Loewe von ihm Abschied und schließt sich der Turnbewegung an. Hier kommt er mit den führenden Berliner Männern der Fortschrittspartei, mit Rudolf Virchow und Wolfgang Strassmann in enge Berührung, die ihn der Kommunalpolitik zuführen. Schon mit siebenundzwanzig Jahren ist er Stadtverordneter und wird Mitbegründer der sogenannten Bergpartei des Stadtparlaments. Wenn es gelingt, die Berliner Finanzen in kurzer Zeit zu ordnen, die Berliner Verwaltung mit modernem Geist zu erfüllen und die sozialen Einrichtungen Berlins zu reorganisieren, so ist das hauptsächlich Loewes Verdienst. Der Weitgereiste erkennt die kommende Bedeutung Berlins und seine kommunalpolitische Tätigkeit ist deshalb darauf gerichtet, ihre Einrichtungen der angehenden Weltstadt anzupassen.' 1877 entsendet ihn der erste Berliner Wahlkreis in das Abgeordnetenhaus, im gleichen Jahre auch in den Reichstag. Seine entschieden liberale Gesinnung führt Loewe auch hier in die Reihen der Fortschrittspartei, nach deren Fusion mit der Liberalen Vereinigung im März 1884 in die der Deutsch-Freisinnigen Partei, die von Richter und Rickert gemeinsam geleitet wird. In beiden Parlamenten zeigt er sich als der gleiche schlagfertige Redner wie in der Stadtverordnetenversammlung. Als Mitglied der Zolltarifkommission des Reichstags bekämpft er Bismarcks Schutzzollpolitik. Mit Virchow gehört er zu einer Minderheit seiner Fraktion, die sich für eine energische Fortsetzung der Fabrikgesetzgebung einsetzt. In diesem Sinne arbeitet er an dem Unfallversicherungsgesetz mit, tritt dafür ein, dem Arbeitgeber allein die Kosten dieser Versicherung aufzubürden, und ist ein heftiger Gegner des Sozialistengesetzes. „Er war einer derjenigen Männer“, so charakterisiert ihn Virchow in der Gedenkrede bei der Beisetzungsfeier, „die nicht aus Berechnung, Leidenschaft oder im Streben nach einem ungerechten Ziel die Laufbahn des Politikers eingeschlagen haben, ihn wiesen vielmehr Herz und Gedanken gleich mächtig auf dies Ziel hin, ja, er brachte so viel Herz mit in das politische Leben, daß er zuweilen selbst in heiligem Zorn emporfahren konnte, ungeachtet der Ordnungsrufe, die ihm auf öffentlicher Tribüne drohten, und nie stand er seinen Freunden näher als gerade in diesen Augenblicken des auflodernden Zorns! Und andererseits war doch sein Herz wieder so sehr zur Versöhnung geneigt, daß er nie die Folgen seiner augenblicklichen Erregung übertragen hat auf spätere Zeiten, daß er niemals seine Feinde seine augenblickliche Aufwallung hat entgelten lassen, sondern milden Herzens den Weg zur Versöhnung immer offen ließ. Diesen versöhnenden Einfluß Loewes haben wir in sehr kritischen Zeiten erfahren, als die Frage des Glaubens und der religiösen Überzeugung zum Gegenstand politischer Aktion gemacht werden sollte.“ So frei Loewe denkt, und so sehr er für eine Aussöhnung zwischen Deutschtum und Judentum eintritt und sich stets als Deutscher fühlt, mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit bekämpft er den Antisemitismus, der auch ihn verunglimpft. Lange Zeit gehört er dem Repräsentantenkollegium der Berliner Jüdischen Gemeinde an, ist Mitglied des Vorstandes vieler jüdischer Wohltätigkeitsvereine und beschränkt seine Hilfsbereitschaft nicht nur auf das Wohl der Berliner Glaubensbrüder. Zur Abwendung der Not der von Pogromen verfolgten russischen Juden eilt er nach London, Paris und Wien. Mit Baron Rothschild-Wien und Baron Worms-London gehört er einem Komitee zur kulturellen Förderung der Ostjuden an. — 103 — Dieses Bekennen zum Judentum entspricht Ludwig Loewes innerster Überzeugung, die bei ihm getragen wird von dem Gefühl der Pietät für sein Elternhaus. Denn er wird am 24. November 1837 in Heiligenstadt auf dem Eichsfeld als Sohn eines jüdischen Kantors und Lehrers geboren. Die Familie hat ursprünglich Levi geheißen. Die ganze Stadt kennt den Judenlehrer und schätzt ihn, denn, so schildert ein Jugendfreund die Eltern Ludwig Loewes, „sein lebhaftes Auge verriet Energie und Klugheit, und wenn er, was häufig geschah, gesenkten Hauptes nachdenklich einherschritt und dann plötzlich mit Kopf und Armen heftig zu gestikulieren anfing, war man seines tätig schaffenden Geistes gewiß. Die Gattin des Kantors nicht minder stattlich von Figur war eine hübsche Frau mit lebhaften, leuchtenden Augen.“ Ludwig besucht zunächst die katholische Bürgerschule, dann das Heiligenstädter Gymnasium. Aber das karge Einkommen seines Vaters und die große Kinderschar im Kantorhaus von fünf Söhnen und zwei Töchtern gestatten es nicht, daß der begabte Knabe bis zum Abiturientenexamen auf dem Gymnasium bleibt. Nach Absolvierung der Quarta wird er bereits nach Nordhausen geschickt, um dort in dem Kurzwarengeschäft von Mankiewicz in die Lehre zu gehen. Loewe bleibt zunächst dieser Branche treu und etabliert sich, nach Berlin gekommen, als Einundzwanzigjähriger mit einem Wollwarenkommissionsgeschäft. Aber seine Reisen in Deutschland und im Ausland schärfen seinen Blick für technische Neuerungen. Der Textilkaufmann wird zum Maschinenkaufmann. Eine Reparaturwerkstätte für Maschinen wird einem Unternehmen für landwirtschaftliche Apparate angegliedert, das Loewe eröffnet. Berlins Industrie befand sich seit der Mitte des Jahrhunderts in lebhaftem Anstieg. Neben der Textil- hatte sich die Maschinenindustrie stark entwickelt. 1852 gab es hier schon sechsundzwanzig größere Maschinenbauanstalten. Allen voran steht das Borsigsche Unternehmen, das am 22. August 1858, die Feier der 1000. Lokomotive begehen kann. Aber Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre macht die Berliner Industrie eine schwere Krisis durch, in der sie besonders unter der Konkurrenz der englischen Fabriken leidet. — 104 — Niemand erkennt die Gründe schärfer als Loewe. Nach einem gründlichen theoretischen Studium technischer Werke, nach dem Besuche verschiedener europäischer Industriestädte gelingt es ihm, Ende der sechziger Jahre eine Reise nach Nordamerika auszuführen, von der er nach eingehender Besichtigung der dortigen Maschinenfabriken mit dem Entschluß zurückkehrt, selbst Fabrikant zu werden. Er bringt von Amerika vor allem das Geheimnis der Massenfabrikation mit. Gleichzeitig versucht er es, die Deutschen auf den Wert der Qualitätsmaschinen hinzuweisen. Wie er selbst im Parlamentarischen Handbuch schreibt, gründet er „in Gemeinschaft mit anderen bedeutenden Industriellen die erste Maschinenbauanstalt und Waffenfabrik nach amerikanischem System im Inland“. Am 7. Dezember 1869 wird das Statut des neuen Unterneh mens beschlossen, am 8. Januar 1870 die Firma „Ludw. Loewe & Co., Commanditgesellschaft auf Actien für Fabrikation von Nähmaschinen“ in das Handelsregister in Berlin eingetragen. Das Stammkapital beträgt 250000 Taler. Zweck der Gesellschaft ist die Herstellung von Nähmaschinen und die Einführung der amerikanischen Massenfabrikation mit automatischen Präzisionsmaschinen. Die Firma kauft das Grundstück Hollmannstraße 32 an und errichtet hier ein Fabrikgebäude. Die Maschinen beschafft sich Loewe aus Amerika und nimmt zunächst die Nähmaschinenfabrikation auf. Aber noch im gleichen Jahr bricht der Deutsch-Französische Krieg aus. Er wird von entscheidender Bedeutung für das Loewesche Werk. Denn nach dem Krieg entschließt sich die Heeresverwaltung, die Armee neu zu bewaffnen und das Mausergewehr M. 71 einzuführen. Die einzige Fabrik, die auf die Massenherstellung von Präzisionsarbeit eingerichtet ist, ist das Loewesche Unternehmen. Deshalb erhält sie den Auftrag für Gewehrteile, um den sich auch Emil Rathenau vergeblich beworben hat. Loewes Entschluß, nach amerikanischem Prinzip zu fabrizieren, bringt ihm also einen Erfolg, nachdem zunächst die Nähmaschinenfabrikation auf Schwierigkeiten gestoßen war. Denn für die feine Qualitätsarbeit, die Loewe leistet, hat man in Deutschland noch nicht das genügende Verständnis. Es fehlt an den nötigen Abnehmern für diese Er- — io5 — Zeugnisse, vor allem aber auch an der geschulten Arbeiterschaft, um sie herzustellen. Da der Import amerikanischer Werkzeugmaschinen, die Loewe für die Herstellung seiner Fabrikate braucht, zu umständlich ist, geht er dazu über, sie ebenfalls selbst zu produzieren und sich hierfür Kunden zu suchen. „Die Schwierigkeiten bestanden hauptsächlich darin“, so heißt es in der Denkschrift aus Anlaß des fünfundzwanzig] ährigen Bestehens der Gesellschaft 1895, „daß damals nur wenige deutsche Fabrikanten die Tragweite des amerikanischen Fabrikationssystems erkannt hatten und wir uns deshalb der großen Mühe unterziehen mußten, unsere Abnehmer von der Überlegenheit unserer Maschinen und der Berechtigung unserer durch die genaueste und sorgfältigste Konstruktion und Ausführung bedingten wesentlich höheren Preise zu überzeugen.“ Die Werkzeugmaschinenproduktion setzt sich aber langsam durch. Es gelingt Loewe, den Absatz zu steigern. Von ca. 18000 Mk. im Jahre 1872 erhöht er ihn auf über 600000 Mk. im Jahre 1875, während die Nähmaschinenfabrikation schon 1873 mit 8421 Stück den Höhepunkt erreicht hatte, und von da ab auf 1147 Stück im Jahre 1877 sinkt. Infolgedessen wird dieser Fabrikationszweig kurz entschlossen von Loewe aufgegeben. Er sieht ein, daß sein Werk mit den alten amerikanischen Nähmaschinenfabriken nicht konkurrieren kann. Aus der Firma wird der Zusatz „für Fabrikation von Nähmaschinen“ gestrichen. Um so wichtiger werden für Loewe die Heeresaufträge. An Visieren für Gewehre werden 1873 70199 Stück, 1874 309813 und 1875 375659 Stück fabriziert, dazu noch 705000 Zünder. 1875 beträgt die Produktion an Waffen schon 3V4 Millionen Mk., die an Maschinen nur 634000 Mk. Den ersten Auftrag für feststehende Waffen erhält die Firma von der russischen Regierung, die bei ihr 120000 Stück Militärrevolver bestellt. Die Firma Ludwig Loewe ist bereits eine der ersten Waffenfabriken Deutschlands geworden. Das Kapital beträgt seit 1881 2250000 Mk. „Deutschland besaß schon damals in der Loeweschen Fabrik ein Unternehmen, das auf dem europäischen Festlande keine ebenbürtigen Konkurrenten hatte.“ Ludwig Loewe wird nicht nur ein Erzieher der deutschen Industrie, aus seinem Werke — io6 — sind „unzählige tüchtige Techniker und besonders Werkmeister, hervorgegangen und haben die Prinzipien der Firma in alle Welt hinausgetragen“ (Dr. Georg Tischert, Aus der Entwicklung des Loewe-Konzerns, Berlin 1911). Ludwig Loewe ist auch ein vorbildlicher Arbeitgeber. Er führt in seiner Fabrik viele soziale Reformen ein und begründet für seine Arbeiter eine Krankenversicherung. Er bietet ihnen durch die Anwendung des Kontrakt-Akkordsystems besonders hohe Verdienstmöglichkeiten. Es ist die Tragik des deutschen Liberalismus, die Bedeutung der Arbeiterbewegung verkannt zu haben. Forderungen, die in unseren Tagen von den Arbeitnehmern aller Lager erhoben werden, sind ursprünglich von liberalen Männern aufgestellt worden, ohne daß es ihm gelang, die Arbeitermassen dem Liberalismus zu erhalten. Ludwig Loewe, der als Schüler Lassalles beginnt, dem Berliner Arbeiterverein als Mitglied angehört, gehört zu jenen Liberalen, die über die Prinzipien des Manchestertums hinausgewachsen sind. So fühlt er in sich die Verpflichtung, für die Angehörigen seines Betriebes zu sorgen. Nicht als der Patriarch, der gleichzeitig der Herr im eigenen Hause sein will, sondern weil er die Angestellten als Mitarbeiter am gleichen Werke achtet. Hierdurch erwirbt er sich das Vertrauen aller, die in seinemUnternehmen tätig sind. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens stirbt Ludwig Loewe nach kurzer Erkrankung plötzlich am 11. September 1886, noch nicht neunundvierzig Jahre alt. Zwei Kinder, seine Tochter Adelheid (die spätere Frau des Landgerichtsrats Bach) und sein Sohn Georg (heute Direktor der Berlin-Karlsruher Industriewerke) sind nun völlig verwaist, denn Loewes Frau (eine geborene Lindenheim) war ihm im jugendlichen Alter von achtundzwanzig Jahren im Tode vorangegangen. Eine imposante Trauerfeier, die am 14. September in der Synagoge Oranienburger Straße veranstaltet wird, und der Trauerzug, der sich vom Gotteshaus unter der Anteilnahme der gesamten Berliner Bevölkerung bis zum jüdischen Friedhof bewegt, legen Zeugnis ab von der Verehrung, die Loewe genoß, aber auch von der großen Popularität, deren er sich wie kaum ein anderer Politiker und Industrieller zu erfreuen hatte. — io"] — Das Werk, das Ludwig Loewe begründet hat, ist gesichert. Sein Leiter wird jetzt Ludwigs jüngerer Bruder Isidor Loewe. Am 24. November 1848 in Heiligenstadt geboren, gehört er von 1875 bis 1878 als Prokurist, dann als Direktor der Gesellschaft an und steht dem Bruder als treuester Berater zur Seite. Ludwig Loewe ist der technische Fachmann, Isidor zeigt sich vor allem als Finanzspezialist und Organisator. Unter ihm wird das Unternehmen zu einem Konzern von Weltruf ausgestaltet. Abermals nimmt die Weiterentwicklung der Firma Ludwig Loewe von zwei großen Waffenlieferungen ihren Ausgang. Die türkische Regierung bestellt 1887 700000 Mausergewehre, das preußische Kriegsministerium ein Jahr später 425000 Gewehre, Modell 1888. Da an dem türkischen Auftrag auch die Waffen- fabrik Mauser in Oberndorf am Neckar beteiligt ist, die von den Erfindern des nach ihnen benannten Mausergewehrs, den Gebrüdern Wilhelm und Paul Mauser, gegründet wurde, führt dies zu einer Annäherung der beiden Werke. Ihr folgt die völlige Verschmelzung. Die Generalversammlung der Ludwig-Loewe-Ge- sellschaft genehmigt am 4. Dezember 1887 den Ankauf von 2 Millionen Mauser-Aktien, Isidor Loewe wird Aufsichtsratsvorsitzender bei Mauser. Jetzt läßt sich eine planmäßige Arbeitsteilung durchführen. Die türkischen Gewehre werden in Oberndorf hergestellt, die deutschen in Berlin. Hierfür reichen die vorhandenen Fabrikräume trotz aller inzwischen erfolgten Erweiterungen nicht mehr aus. Man trennt also die Maschinen- von der Gewehrfabrikation. Für die Erzeugung der Gewehre wird eine neue Fabrik nach den modernsten Prinzipien in Char- lottenburg-Martinikenfelde errichtet, in der täglich zunächst 1220, dann 2000 Gewehre fabriziert werden können. Aber welche Organisation muß ersonnen werden, um diese Gewehrfabrikation durchzuführen! Mehr als 3000 einzelne Maschinen müssen verfügbar sein, um das Gewehr M. 88, das aus 66 Teilen besteht, zu deren Herstellung nicht weniger als 873 Arbeitsoperationen erforderlich sind, anzufertigen. Diese Arbeit läßt sich nur bewerkstelligen, wenn jeder Arbeiter aufs genaueste einexerziert ist. Die Loewesche Fabrik wird durch ihre Arbeitsmethode zum Vorbild aller staatlichen Gewehrfabriken. — io8 Die Zuweisung des großen Auftrages durch das preußische Kriegsministerium an eine Fabrik, deren Leiter und Hauptaktionär ein Jude ist, führt zu heftigen antisemitischen Angriffen. Der berüchtigte Rektor Ahlwardt veröffentlicht im Jahre 1892 in seinen verschiedenen Broschüren über „JudenHinten“ angebliche Enthüllungen. Er behauptet, die von Loewe hergestellten Gewehre würden ,,im Kriege fast weniger dem Feinde als vielmehr ihren Trägern gefährlich werden“. Bei der Fabrikation seien so schlechte Teile verwendet worden, daß es sich um einen gemeinen Betrug handele, „nicht allein des direkten Erwerbes willen, sondern in der Absicht, unsere ruhmreiche Armee, diese mächtige Stütze der Hohenzollern-Monarchie und des Vaterlandes, wehrlos zu machen“. In dem Beleidigungsprozeß, den Loewe gegen Ahlwardt anstrengt, wird die völlige Haltlosigkeit dieser Verdächtigungen erwiesen, und der Rektor am 9. Dezember 1892 zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der türkische Auftrag führt noch zu einer weiteren Ausdehnung des Loeweschen Unternehmens. Denn die Türken bestellen neben^den Waffen auch Munition. „Bei der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Munition und Waffen mußten wir darauf bedacht sein, uns Gelegenheit zu verschaffen, daß die Verbesserung der Waffe immer in engster Fühlung mit der Fabrikation zur Erprobung und Durchführung gelangen konnte.“ (Jubiläumsdenkschrift 1895). So wird 1889 gemeinsam mit den beiden bedeutendsten deutschen Pulverfabriken, der Pulverfabrik Rott- weil-Hamburg und den Vereinigten Rheinisch-Westfälischen Pulverfabriken zu Köln, die altrenommierte Deutsche Metallpatronenfabrik Lorenz in Karlsruhe erworben und mit einem Kapital von 6 Millionen Mark in die „Deutsche Metallpatronenfabrik A.-G.“ umgewandelt. Unter Loewes Mitwirkung werden 1890 beide Pulverfabriken in den Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken zusammengeschlossen. Ein Auftrag der ungarischen Waffenfabrik in Budapest führt ebenfalls 1890 zum Erwerb dieses Unternehmens, das unter Mitwirkung einer Budapester Finanzgruppe als „Waffen- und Maschinenfabrik A.-G.“ errichtet wird. Etwas später erfolgt dann eine Beteiligung an der belgischen Fabrique Nationale d’Armes de guerre in Herstal. — log — Die Rüstungsindustrie, die dem eigenen Heer die Waffen schmieden soll, is^ immer international gewesen. Auch die Lud- wig-Loewe-Gesellschaft führt neben großen Bestellungen für die preußische Heeresverwaltung Aufträge für die verschiedensten Armeen aus. Außer für die Türken und Russen, auch für die Chinesen, Spanier, Argentinier, Chilenen und Brasilianer. Sie greift mit ihren Beteiligungen an fremden Waffenfabriken weit über den heimischen Interessenkreis hinaus. Der kühne Entschluß Isidor Loewes, die Lieferung für dieTürkei zu übernehmen, ist für die Entwicklung dieses deutschen Industriezweiges von höchster Bedeutung. Von diesem Zeitpunkt ab wird Deutschland einer der Hauptfabrikanten für Handfeuerwaffen. Loewes Werk wird die größte Gewehrfabrik der Welt. Die von Jahr zu Jahr steigende Ausdehnung des Waffen- und Munitionsgeschäftes macht eine organisatorische Umgestaltung erforderlich. Sämtliche Waffenfabriken und Beteiligungen an solchen Werken werden 1896 der Deutschen Metallpatronenfabrik übertragen, die von jetzt ab „Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken A.-G.“ firmiert und der Loewe-Gesellschaft 6 Millionen ihrer Aktien übergibt. Die fortschreitende Anwendung der Elektrizität auf allen Gebieten der Industrie, die Erfolge der AEG. und des Hauses Siemens veranlassen Loewe, sich auch diesem neuen Zweige der Technik zuzuwenden. Er beteiligt sich zunächst an der Gründung der Hamburger Elektrizitätsgesellschaft. Um nicht erst jahrelang experimentieren zu müssen, macht er sich die Erfahrungen der Amerikaner zunutze und gründet gemeinsam mit der größten amerikanischen Elektrizitätsgesellschaft, derThomson- Houston-Electric Co. in Boston, der späteren General Electric Co., im Jahre 1892 die „Union Elektrizitätsgesellschaft“ in Berlin mit einem Aktienkapital von 1,5 Millionen Mark. Die neue Gesellschaft muß sich für fünfundzwanzig Jahre verpflichten, alle elektrischen Maschinen und Apparate bei Ludwig Loewe zu bestellen. Auch dieses neue Unternehmen hat Erfolg. Ihr Hauptarbeitsfeld wird der Bau elektrischer Straßenbahnen. Sie errichtet die Bahnen in Hamburg, Bremen, München, Erfurt, Brüssel und vielen anderen Städten. Die rasche Ausdehnung der — IIO — Elektrizitätsindustrie erfordert ständig so viel neue Mittel, daß Loewe abermals eine Trennung durchführt. In Gemeinschaft mit der Disconto-Gesellschaft, der Dresdner und Darmstädter Bank, der Firma S. Bleichröder und dem Bankhaus Born & Busse, das dem Hause Loewe von jeher nahesteht — Freiherr Julius von Born und Sigismund Born gehören seit dem Anfang der achtziger Jahre dem Aufsichtsrat der Ludwig-Loewe-Gesellschaft an —wird am 27. September 1894 die Gesellschaft für elektrische Unternehmungen mit einem Kapital von 15 Millionen Mark gegründet. „Die neue Gesellschaft sollte elektrische Unternehmungen finanzieren und die Aufträge hereinholen; die Union Elektrizitäts-Gesellschaft sollte die Unternehmerin sein und die Loewe-Gesellschaft die technische Ausführung besorgen.“ (Tischert). Schon 1895 muß diese neue Gesellschaft ihr Kapital um weitere 15 Millionen erhöhen. Alle Elektrizitätsinteressen werden schließlich von Loewe an die Union abgetreten, ja sogar die Aktien der „UEG“ verkauft, als die Krise in der Elektrizitätsindustrie um die Jahrhundertwende ihren Kurs ungünstig beeinflußt. Die Union, die 1903 mit der AEG zunächst eine Interessengemeinschaft schließt, wird 1904 von ihr völlig aufgenommen. Aus der alten Ludwig-Loewe-Gesellschaft, die seit 1903 eine reine Aktiengesellschaft geworden ist, und 1895 schon 5000 Arbeiter beschäftigt, sind jetzt drei verschiedene nebeneinander bestehende Unternehmungen entstanden: eine Maschinen-, eine Elektrizitäts- und eine Waffenfabrik. Den Bau Ludwig Loewes fortführend, ist Isidor Loewe zum Konzerngründer geworden. Sein Hauptinteresse gehört dem eigentlichen Werk des Bruders, der Werkzeugmaschinenproduktion, die jetzt auch in die erweiterte Charlottenburger Fabrik verlegt wird. Neben der Ausstattung von Gewehr- und Patronenfabriken liefert sie auch Maschinen und Apparate an die Privatindustrie. Immer neue Maschinentypen werden hergestellt, durch verschiedene Beteiligungen wird das Interesse an neuen Erfindungen gesichert. So nimmt Loewe Interesse an der Firma Carpenter & Schulze, die Zugbremsen fabriziert, aus dieser Firma entsteht zur Verwertung der Erfindung des Baurats Knorr die Knorr-Bremse- Gesellschaft, die 1911 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird, heute das größte Spezialunternehmen ihrer Art. Auch der Automobilindustrie widmet Loewe seine Aufmerksamkeit durch die Gründung der Motorfahrzeug- und Motorenfabrik Marienfelde bei Berlin, die später in die Daimler-Gesellschaft übergeht, in deren Aufsichtsrat Loewe eintritt. Ebenso fördert er den Bau der Zeppelin-Luftschiffe und der Flugzeuge. Er ist es, der Orville Wright entdeckt. Der Ehrendoktor-Ingenieur der Technischen Hochschule Charlottenburg, der Isidor Loewe verliehen wird, ist eine Anerkennung seiner großen Verdienste um die deutsche Industrie. „Eines ist bei der ganzen industriellen Tätigkeit Loewes zu beachten: er hat nicht aus finanziellen Motiven gegründet und Beteiligungen genommen. Kundschaft für das Maschinen- und Werkzeuggeschäft zu schaffen, war das leitende Motiv, wenn er neue Unternehmungen ins Leben rief oder Beteiligungen einging.“ (Tischert). Als er am 27. August 1910 stirbt, hat sich der Machtbereich der von ihm ins Leben gerufenen Unternehmungen über die ganze Welt ausgedehnt. Der Krieg bringt den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin und Karlsruhe höchste Konjunktur. Aber der Friedensvertrag erzwingt ihre Umwandlung in die Berlin- Karlsruher Industriewerke, die nur noch in Oberndorf Jagd- und Sportwaffen und in Karlsruhe Munition hersteilen dürfen. Das Berliner Werk übernimmt die Kugellagerfabrikation, wird aber im Jahre 1930 stillgelegt. Durch ihre Beteiligung an Elektrizitätswerken, an elektrischen Straßenbahnen und elektrotechnischen Fabriken in allen Ländern, hat das jüngste Kind des Loewe-Konzerns, die Gesellschaft für elektrische Unternehmungen, an deren Spitze seit Jahren Isidor Loewes Schwiegersohn Dr.-Ing. h. c. Oskar Oliven steht, den unternehmungslustigen Geist seines Begründers am weitesten hinausgetragen. Diese Gesellschaft steht in Verbindung mit den größten Elektro- finanzierungsgesellschaften, so der belgisch-englischen „Sofina“ und der spanisch-amerikanischen „Chade“. Als Ende 1929 die alte Stammfirma Ludwig Loewe A.-G. genau sechzig Jahre nach ihrer Gründung mit der „Gesfürel“ vereinigt wird, ist es die Mutter, die zur Tochter zurückfindet. DIE FAMILIE SALOMONSOHN I m Gegensatz zu den Rothschilds — den Freunden der Metternichs und Orleans — ist die auf Aktien gegründete Emissionsbank in Deutschland ein Kind des ,tollen' Jahres 1848; der Geburtstag ist der 28. August 1848, an welchem Datum das erste konstitutionelle Ministerium Preußens: Auerswald — Handelsminister Milde, die Umwandlung des Bankhauses A. Schaaff- hausen zu Köln in eine Aktienbank gestattete.“ (Gerhart von Schulze-Gaevernitz, Die deutsche Kreditbank, Tübingen 1922). Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gibt es in Deutschland noch keine Banken. Der Privatbankier übt in dieser Zeit der vielen Währungssysteme und des Münzwirrwarrs das schwierige Amt des Geldwechslers aus. Bisweilen gewährt er auch Kaufleuten und Gewerbetreibenden Darlehen, und nur die reichen Bankherren können sich an den Staatsanleihe-Emissionen beteiligen. Ein geregeltes Kontokorrent- und Girogeschäft ist unbekannt, solange keine großen Kredite erforderlich sind. Das ändert sich mit der Wandlung der deutschen Wirtschaft. Der Aufschwung der Industrie, der Fortschritt der Technik, der Bau der Eisenbahnen, die günstige Entwicklung der Landwirtschaft bilden um das Jahr 1850 die Veranlassung für eine Änderung des Bankwesens. Kaufleute und Industrielle fordern die Errichtung von Kreditbanken, die Handel und Gewerbe fördern sollen. Gleichzeitig werden die Voraussetzungen für eine neue Art des Emissionsgeschäftes geschaffen. In dem Schaaffhausenschen Bankverein entsteht noch vor dem Credit Mobilier Pereires in Deutschland die erste Bank dieses neuen Typus. Die ersten Kreditaktienbanken sind in — H3 ~ Deutschland nicht von Juden ins Leben gerufen worden, ja „es ist festzustellen: die typischen Vertreter dieser ersten Bankengründung entstammen der ,christlichen* Intelligenz, zum Teil mit pietistisch-preußischem Einschlag. Hansemann — Sohn eines Geistlichen, Milde (Handelsminister 1848 und geistiger Vater des Schlesischen Bankvereins) — Enkel eines frideriziani- schen Unteroffiziers. Mevissen, der leitende Kopf des Westens, war Kantianer und von Hegel berührt. Er wurzelte tief in der klassischen Kultur Deutschlands“ (Schulze-Gaevernitz a. a. O.). Aber die erste deutsche Großbank, die Disconto-Gesellschaft, die zunächst zu anderen Zwecken gegründet wird, dann aber alle Arten des Bankgeschäftes in sich vereinigt, verdankt ihren Charakter den Nachkommen von Pastoren und Rabbinern: den Hansemanns und Salomonsohns. Schon 1825 hatte David Hansemann, der als Sohn eines Pfarrers aus Finkenwerder bei Hamburg stammte, die Errichtung einer Bank in Aachen erwogen, im selben Jahre die Aachener Feuerversicherungsgesellschaft gegründet und dann den Plan einer niederrheinischen Bank in der Form einer Aktiengesellschaft aufgestellt, um mit ihr die Hilfsmittel des Ackerbaues, der Industrie und des Handwerks zu vermehren. 1848 Finanzminister zuerst im Ministerium Camphausen, dann im Kabinett Auerswald geworden, wirkt er an der Umwandlung des Kölner Bankgeschäftes von Abraham Schaaffhausen in eine Aktienbank mit und plant die Errichtung von Kreditinstituten für Kaufleute und Gewerbetreibende. So schreibt er 1850: „Der solide kleinere Gewerbetreibende findet den Personalkredit viel schwerer und teurer als der größere, mitunter auch gar nicht. Es würde ein großer Fortschritt sein, wenn man diesem Übelstande abhelfen und hierdurch das Emporkommen des kleineren Gewerbestandes befördern könnte, nicht im Wege der öffentlichen Wohltätigkeit (die in der Regel den strebenden Menschen eher beugt als hebt), sondern vermittels einer guten geschäftlichen Einrichtung.“ Auf dieser Grundlage gründet er am 26. Mai 1850 die „Berliner Kreditgesellschaft“. Er wird dadurch zum Vorläufer Schulze-Delitzsch’. Da aber die preußische Regierung der Bank die Korporationsrechte verweigert, wird auf Hansemanns S Zielenziger — ii4 — Veranlassung am 2. Juni 1851 ihre Umwandlung in eine Handelsgesellschaft „mit Beibehaltung des gemeinnützigen Zweckes“ beschlossen und dem Institut der Name „Disconto-Gesellschaft“ gegeben. Alleiniger Geschäftsinhaber wird zunächst David Hansemann. So gilt die Gesellschaft dem Staate gegenüber als eine gewöhnliche Handelsfirma, bildet aber in ihrer Konstruktion eine Neuschöpfung auf dem Gebiete des Handelsrechts. Unter Beteiligung von 236 Mitgliedern mit etwas mehr als V2 Million Talern Geschäftsanteilen kann die Disconto-Gesellschaft am 15. Oktober 1851 in der Kleinen Präsidentenstraße in Berlin ihre Tätigkeit beginnen. Doch zeigt es sich bald als erforderlich, alle Bankgeschäfte zu betreiben und die Gesellschaft mit einem festen Geschäftskapital auszustatten. So erfolgt am 9. Januar 1856 ihre abermalige Umgestaltung, und zwar in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien mit einem Kommanditkapital von 10 Millionen Talern. Am 1. Mai 1857 tritt David Hansemanns ältester Sohn, Adolph Hansemann, als weiterer Geschäftsinhaber ein. Nach David Hansemanns Tod hört das reine Darlehensgeschäft an Kaufleute, Händler, Handwerker und Fabrikanten, die ursprünglich Mitglieder der Gesellschaft sind, allmählich auf. Die wirtschaftliche Entwicklung macht aus der Disconto-Gesellschaft immer mehr ein Bankunternehmen, das sämtliche Bankgeschäfte durchführt. Jetzt tritt zunächst Meyer Goldschmidt, seit 1857 Prokurist, dem Sohn des Begründers als Geschäftsinhaber zur Seite. Damit erhält Hansemann einen jüdischen Kollegen. Da Goldschmidt sich aber aus Gesundheitsrücksichten bald zurückziehen muß, das Geschäft sich jedoch stark vergrößert hat, werden 1869 drei neue Geschäftsinhaber erwählt: der Oberbürgermeister a. D. Dr. Johannes Miquel, der spätere preußische Finanzminister, ferner der bisherige Prokurist Emil Hecker und der bisherige Syndikus Rechtsanwalt und Notar a. D. Adolph Salomonsohn. Nachdem Miquel schon 1873 ausscheidet, wird neben Adolph von Hansemann Adolph Salomonsohn der Begründer des deutschen Großbankwesens. Salomonsohn kommt durch einen Zufall zur Disconto-Gesellschaft. Als Assessor und Vormundschaftsrichter in Ber- — H5 — lin vertritt er den ihm befreundeten Syndikus der Disconto- Gesellschaft in einigen juristischen Arbeiten, deren Inhalt und Stil David Hansemann so auffallen, daß er den jungen Juristen zum Eintritt in seine Bank auffordert. Salomonsohn lehnt zunächst diese Berufung ab, weil ihn die unabhängige Tätigkeit eines freien Juristen mehr reizt, und bewirbt sich um die Stelle eines Notars in Ratibor, die er auch erhält. Die Ordnung wichtiger Familienangelegenheiten veranlaßt ihn, eine Verschiebung seines Dienstantritts zu erbitten, die aber von dem damaligen preußischen Justizminister Grafen von der Lippe in einer Antrittsaudienz wahrscheinlich aus antisemitischer Animosität mit wegwerfenden Bemerkungen abgelehnt wird. Salomonsohn fährt infolgedessen nach Ratibor, tritt sein Amt zum vorgeschriebenen Termin an und reicht noch am gleichen Tage wegen der ihm zuteil gewordenen verletzenden Behandlung sein Gesuch um Entlassung aus dem Justizdienst ein. Sofort nach seiner Genehmigung meldet er sich bei David Hansemann mit der Frage, ob der ihm angeboten gewesene Posten noch frei sei. Hansemann antwortet zustimmend und fügt hinzu: „Ich wußte, Sie würden wiederkommen, denn die staatliche Zwangsjacke ist für Sie zu eng.“ Am i.Juli 1863 tritt er als Syndikus in den Dienst der Dis- conto-Gesellschaft, wie es in der ihm zu seinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum gewidmeten Adresse heißt, „jung, lebendigen Schaffensdranges voll, des Rechtes kundig, aber nach mancher Richtung des neuen Gebietes selbst noch ein Lernender“. Schon 1866 ist er Prokurist, nach weiteren drei Jahren bereits Geschäftsinhaber der Bank. Der Enkel des Pastors und der Enkel der Rabbiner werden damit Sozien. Durch seine Eltern ist Adolph Salomonsohn der Nachkomme alter Rabbinergeschlechter. Als sechstes von den neun Kindern des Gedalja Salomonsohn (1799—1837) wird Adolph Salomonsohn am 19. März 1831 in Inowrazlaw in der Provinz Posen geboren. Seine Mutter Ernestine (1801—1867) ist die älteste Tochter des Leiser Moses Levy. Dessen Sohn war Michael Levy, dem die Stadt Inowrazlaw die Erschließung der dortigen Steinsalzlager, den Bau der Eisenbahn Thorn-Inowraz- law-Posen und die Schiffbarmachung der Netze verdankt. — u6 Führen die Levys ihren Stammbaum auf Salomon Luria und damit bis auf den Raschi zurück, so läßt sich die direkte Abstammung der Salomonsohns nur bis 1727 verfolgen. Salomon Abraham Gedalja, der Großvater Adolph Salomonsohns (1776 bis 1844), verheiratet mit Rahel Hirsch, war zweiter Rabbiner in Kopenhagen, wohin einst der Stammvater der Familie Gedalja Lewin (1727—1793), der aus Polen stammte, im Jahre 1775 als Oberrabbiner berufen worden war, dessen Sohn Abraham Gedalja (1751—1827) dann in der dänischen Hauptstadt der Nachfolger seines Vaters wurde. Erst der Abkömmling all dieser Rab- binen, Adolph Salomonsohn, wird ein Mann der Wirtschaft. In seiner Eigenschaft als Kaufmann und Jurist hat Salomonsohn Gelegenheit, dem jungen deutschen Aktienbankgeschäft die Wege zu ebnen. Die Geschäftsbedingungen der Banken, die juristische Konstruktion des Konsortialgeschäfts und die Behandlung des Aktienwesens werden von ihm maßgebend beeinflußt. Unter seiner „tatkräftigen Mitwirkung wird das deutsche Emissionswesen zu einer Technik von höchster Feinheit und Zweckmäßigkeit ausgebildet und der Grund gelegt zu den in der Folge so bedeutungsvollen Beziehungen, die uns mit der Industrie verbinden“, so heißt es in einer ihm zum fünfzigjährigen Jubiläum gewidmeten Adresse. Die Disconto-Gesellschaft beteiligt sich sofort stark am Anleihegeschäft. 1859 erfolgt unter ihrer und Bleichröders Führung die Bildung eines Konsortiums zur Übernahme eines Teiles der für die Mobilmachung erforderlichen preußischen Anleihe von 30 Millionen Talern. Daneben übernimmt sie badische und bayerische Staatsanleihen. Sie spielt 1868 in dem Preußen-Konsortium, dem u. a. die Bankhäuser Mendelssohn & Co., S. Bleichröder, R. Warschauer & Co. und die Berliner Handelsgesellschaft angehören, bei der preußischen Eisenbahnanleihe eine große Rolle. Sie gehört auch für die österreichischen Anleihen dem Rothschild-Konsortium an. An allen diesen Verhandlungen ist neben Hansemann Salomonsohn führend beteiligt. In den siebziger Jahren wird die Disconto-Gesellschaft die Retterin aus dem Zusammenbruch Strousbergs. Sie hatte schon, noch während Strousberg seine Bahnen baute, den Verkauf der Aktien dieser Bahnunternehmungen vermittelt. Jetzt ist es — IIJ — Salomonsohn, der Klarheit in der Verwaltung der vielen Strousbergschen Gründungen verlangt und selbst in den Aufsichtsrat der Berlin-Görlitzer und der Rechten-Oderuferbahn eintritt, dem er bis zur Verstaatlichung dieser Bahnen angehört. Denn Salomonsohn unterstützt die Bismarcksche Politik der Verstaatlichung der Eisenbahnen energisch. So setzt er sich auch für die Überführung der Magdeburg-Halberstädter Bahn in den Besitz des preußischen Staates ein. Das größte Verdienst erwirbt er sich um den Bau der Gotthardbahn. Wenn es gelingt, dieses für die damalige Zeit gigantische Werk zu vollenden, so hauptsächlich dank der Energie und dem Weitblick Adolph Salomonsohns. Im Jahre 1869 hatte man diesen Bau mit 187 Millionen Schweizer Franken veranschlagt. Adolph von Hansemann hatte in seinen Finanzierungsplan die sofortige Vollzahlung des Aktienkapitals vorausgesetzt. Neben 85 Millionen durch Subventionen der beteiligten Staaten sollten die restlichen 102 Millionen aus Privatmitteln aufgebracht werden. Schon die Beschaffung dieser Summe stieß auf Schwierigkeiten. Während des Baues wurde 1876 ein neuer Kostenanschlag aufgestellt, der einen Mehrbedarf von 102 Millionen Fr. errechnete. Das Unternehmen schien vor dem Zusammenbruch zu stehen, und die Aktionäre weigerten sich, die noch fehlenden Einzahlungen auf ihre Aktien zu leisten. Salomonsohn gelingt es in schwierigen Verhandlungen, die Kostenüberschreitung auf 40 Millionen Fr. zu reduzieren und die Regierungen von Deutschland, der Schweiz und Italien zur Beteiligung an der Aufbringung dieser Summe in Höhe von 30 Millionen Fr. zu veranlassen. Die restlichen Summen soll das Privatkapital beschaffen, und die Aktionäre werden verpflichtet, die noch ausstehenden 40% des Aktienkapitals einzuzahlen. Die Aktionäre weigern sich aber, und die Vollendung des Baues ist abermals in Frage gestellt. In diesem Stadium rettet Salomonsohn die Situation. Er erklärt den deutschen Mitgliedern des internationalen Bankenkonsortiums in kategorischer Weise, sie müßten, wenn sie Vertrauen wecken wollten, auch selbst Vertrauen zeigen und die Restzahlung auf die Aktien leisten. Diese Aufforderung wirkt. Sämtliche Aktien werden von ihren Inhabern voll gezahlt. — n8 Das Unternehmen ist gerettet. Der Durchbruch des Gotthardtunnels erfolgt am 29. Februar 1880. An der Einweihungsfeierlichkeit der Gotthardbahn im Mai 1882 nimmt Salomonsohn teil, wird auch in den Verwaltungsrat der Bahn gewählt. Auch dem Aufsichtsrat einer Reihe anderer großer Bahnen, so dem der Warschau-Wiener Eisenbahn, gehört er an. Frühzeitig verfolgt die Disconto-Gesellschaft das Prinzip der Einrichtung von Tochterbanken in der Provinz, und zwar durch die Begründung einer besonderen Provinzial-Disconto-Gesell- schaft im November 1871. Teilweise werden bestehende Bankgeschäfte übernommen. So wird noch 1871 die Bankfirma M. I. Frensdorff in Hannover, die aus dem alten angesehenen Bankhaus Ezechiel Simon entstanden war, als Kommandite angegliedert. Die ziemlich große Selbständigkeit, die man der Firma läßt, benutzt sie aber zu verfehlten Spekulationen, die sie in eine gefährliche Bedrängnis bringen. 1873 übersiedelt Salomonsohn nach Hannover, übernimmt die Leitung dieses Hauses. So kann er die Firma allmählich ohne Schaden liquidieren. Nach Begründung des Deutschen Reiches wird die Disconto- Gesellschaft eine starke Stütze der jungen Industrie. Unter der tatkräftigen Mitwirkung Salomonsohns wird 1873 die Gelsenkirche- ner Bergwerks-A.-G. begründet, in deren Aufsichtsratereintritt. Von diesem Zeitpunkt ab verbindet EmilKirdorf, den streitbaren Herrn des Ruhrreviers, innigste Freundschaft mit Adolph Salomonsohn. Der stockkonservative Führer der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und der jüdische Großbankleiter begegnen sich in ihrem glühenden Monarchismus, aber auch in ihrer fast fanatischen Ablehnung der Politik und der Person Wilhelms II. Beide geben oft ihrer Überzeugung Ausdruck, daß der Kaiser Deutschland zugrunde richten und das Volk unter diesem charakterlosen Byzantinismus untergehen werde. „Wir Jüngeren haben“, so erzählt der einzige Sohn Adolph Salomonsohns in einem stimmungsvollen Gedenkblatt, das er dem Gedächtnis seiner Eltern widmet, „wenn wir mit Vater und Kirdorf im offenen Lokal zu Tisch saßen, uns beim Anhören der von beiden mit Vehemenz geäußerten Majestätsbeleidigungen oft ängstlich umgesehen, ob auch kein Unberufener in Hörweite säße. Schließ- — ng — lieh lief dem alten Herrn über Eulenburgiade, England-Interview und alles andere, was sich an Unbegreiflichkeiten ereignete, die Galle derart über, daß er erklärte: ,Wilhelm II., diesen Verderber des Reiches, grüße ich nicht mehr', und bei seinen regelmäßigen Spaziergängen bog er in einen Nebenweg ein, sobald er die Majestät von weitem kommen sah.“ Salomonsohn beweist diese Unerschrockenheit nicht nur im Drange patriotischen Gefühls. Bei seiner unbedingten Redlichkeit und seinem stark ausgeprägten Wahrheitssinn kann er sehr grob werden, wenn es gilt, irgendeine Lüge oder ein Vorurteil zu bekämpfen. So ist auch seine Stellung zum Judentum sehr einfach und klar. Er pflegt seinem Sohn, wie dieser selbst erzählt, zu sagen: „Das Judentum hat der Welt bereits den Monotheismus gegeben, es wird die Welt auch noch die Toleranz lehren. Die sich daraus für jeden kultivierten Juden ergebende Belastung seines Lebens ist eine gute Schule für das Vorwärtskommen.“ Oft genug hat er Gelegenheit gehabt, aber auch geradezu gesucht, um auch auf gesellschaftlichem Boden sich zu seinem Judentum zu bekennen und die Überheblichkeit des Antisemitismus in manchmal drastischer Weise zu bekämpfen. Als sich Adolph Salomonsohn 1888 aus seiner Tätigkeit zurückzieht — dem Aufsichtsrat der Disconto-Gesellschaft gehört er bis zu seinem Tode an —, beschäftigt er sich wieder mit philosophischen Fragen. Wie in seiner Jugend studiert er Kant und ist von dem Wunsche beseelt, die Werke des Königsberger Philosophen in eine allgemein verständliche Sprache zu übertragen. Daneben aber liest er am liebsten Werke der Kriegswissenschaft, kennt die Veröffentlichungen des Generalstabs besser als mancher Offizier, treibt Geographie und besitzt auch neben seiner hohen juristischen eine ausgeprägt naturwissenschaftliche Begabung. Noch im hohen Alter widmet er auch viel Zeit den physikalischen und chemischen Lehrbüchern und vertieft sich u. a. in Einsteins Relativitätstheorie. Diese Liebe zu den Naturwissenschaften führt ihn unter die Gründer der Berliner Urania. Bei dieser an die großen Talmudisten erinnernden Vielseitigkeit verfolgt er Deutschlands politische und wirtschaftliche Entwicklung mit lebhaftem Interesse. Der Weltkrieg erschüttert ihn aufs 120 stärkste. Seinem konservativen Sinn ist die Revolution, die er noch erlebt, völlig unverständlich. Enttäuscht über das neue Deutschland stirbt er im Alter von 88 Jahren am 4. Januar 1919. Adolph Salomonsohn hatte sich 1868 mit der damals siebzehnjährigen Sara Rinkel verheiratet, der Tochter Isidor Rinkeis in Landeshut, eines der führenden jüdischen Industriellen Schlesiens. Rinkel, der ursprünglich Medizin studieren wollte, hatte diese Absicht wegen seiner Armut aufgeben müssen, und dann in zäher Arbeit aus kleinsten Anfängen die noch heute als Aktiengesellschaft bestehende Firma I. Rinkel, eine der größten schlesischen Leinewebereien, geschaffen. Sara Salomon sohn stirbt am 4. August 1929. Während nach dem Tode Adolph von Hansemanns die Gründerfamilie Hansemann aus der Leitung der Disconto- Gesellschaft ausscheidet, übernimmt die Rolle Adolph Salomon- sohns zunächst sein Neffe Dr. Arthur Salomonsohn. Die Laufbahn dieses Neffen gleicht der des Onkels, wenn auch die beiden Männer von Natur aus sehr verschieden sind. Adolph knorrig und urwüchsig, Arthur dagegen zurückhaltend und konziliant, ein pflichtbewußter, aber kühler Geschäftsmann. Auch Arthur Salomonsohn, der am 3. April 1859 Inowraz- law als Sohn des Kaufmanns Moritz Salomonsohn (1824—1906) und der Bertha geb. Fraustadt (1836—1906) geboren wird, ist von Haus aus Jurist. Er tritt am 1. April 1880 als Syndikus in die Disconto-Gesellschaft ein, wird 1893 Prokurist und schließlich 1895 Geschäftsinhaber. Nach Alexander Schoellers Tod übernimmt er 1912 den Vorsitz unter den Geschäftsinhabern, den er bis zum Ende der selbständigen Disconto-Gesellschaft beibehält. Als Salomonsohn 1895 Geschäftsinhaber wird, beginnt unter seiner Leitung eine starke Ausdehnungstätigkeit seiner Bank. Im gleichen Jahr erfolgt die Fusion mit der Norddeutschen Bank in Hamburg, in die er 1902 als persönlich haftender Gesellschafter ein tritt. Er übernimmt einen großen Teil des Spezialarbeitsgebietes seines Onkels, hierzu gehört vor allem die Pflege des Industriegeschäftes. Seit 1912 ist auch er Vorsitzender des Aufsichtsrates der Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G. An dem Abschluß ihrer Interessengemeinschaft mit der Deutsch- - 121 — Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-A.-G., ebenso an der Bildung der Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union nimmt er lebhaftesten Anteil. Nach der Inflation wirkt er an der Bildung der Vereinigten Stahlwerke A.-G., die 41% der deutschen Eisen- und 20% der deutschen Kohlengewinnung umfassen, mit. Die Freundschaft Adolph Salomonsohns mit Emil Kirdorf wird von ihm fortgesetzt. Als zäher Kämpfer zeigt sich Arthur Salomonsohn bei dem Ringen um die Kaliwerke Aschersleben in den Jahren 1905 bis 1910. In der schwierigen Zeit nach Ablauf des Kali-Syndikatsver- trages 1909 übernimmt er bei Aschersleben den Vorsitz. Dem neugegründeten Kalisyndikat tritt 1911 auch Aschersleben bei. Im Jahre 1922 ist Salomonsohn an dem Zustandekommen der engen Interessengemeinschaft zwischen den Kaliwerken Aschersleben, den Kaliwerken Salzdetfurth und den Alkaliwerken Westeregeln stark beteiligt. An die Spitze des Aufsichtsrats von Salzdetfurth gestellt, wird er auch Vorsitzender des Gemeinschaftsrats des Konzerns. So greift er neben Maximilian Kempner in die Entwicklung der deutschen Kaliindustrie ein. Durch die Verbindung der Disconto-Gesellschaft mit den verschiedensten Unternehmungen der deutschen Industrie erhält Salomonsohn in seiner Eigenschaft als Mitglied, zum Teil als Vorsitzender des Aufsichtsrats großer Unternehmungen maßgebenden Einfluß auf ihre Ausgestaltung. Er gehört u. a. der Verwaltung der Ludwig Loewe & Co. A.-G., der Hamburg-Amerika-Linie, der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen an. Eine schwierige Aufgabe fällt Arthur Salomonsohn bei der Durchführung des südamerikanischen Anleihegeschäfts zu. Schon 1887 hatte sich die Disconto-Gesellschaft an der Übernahme einer argentinischen Staatsanleihe beteiligt und dann weitere argentinische Werte übernommen. Als 1891 die Zahlung der Zinsen ins Stocken gerät, fährt Salomonsohn nach Buenos Aires. Es gelingt ihm dort, durch ein Abkommen mit der argentinischen Regierung, die Rechte der Gläubiger in äußerst geschickter Weise zu wahren. Auch für die ähnlichen Verhandlungen mit der Regierung von Venezuela in den Jahren 1903 bis 1905 wird Salomonsohn auf Veranlassung des Auswärtigen 122 Amtes nach Washington entsandt. Weitere Reisen nach London, Brüssel und Paris schließen sich an. Seiner Umsicht ist es zu verdanken, wenn der größte Teil des gefährdeten Kapitals der deutschen Gläubiger gerettet werden kann. Im Jahre 1913 bringt er in Bukarest durch sein persönliches Eingreifen eine rumänische Anleihe zum Abschluß. Ein Lieblingswerk Adolph von Hansemanns, die Neu-Guinea-Compagnie, als größtes deutsches Plantageunternehmen im Jahre 1886 errichtet, wird von Arthur Salomonsohn mit besonderer Energie fortgeführt. 1912 übernimmt er den Vorsitz im Verwaltungsrat dieser Gesellschaft. Der Krieg hat aber in kurzer Zeit seine Aufbauarbeit in dieser deutschen Kolonie vernichtet. Dr. Arthur Salomonsohn ist, den Spuren seines Onkels folgend, lange Jahre hindurch auch Vorsitzender der Stempelvereinigung Berliner Banken, er gehört dem Zentralausschuß der Reichsbank an, ist einige Jahre Mitglied der Berliner Industrie- und Handelskammer und vertritt die deutschen Banken im Reichswirtschaftsrat. Das größte Verdienst hat sich Salomonsohn durch seine Einstellung zu der Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank erworben. Trotz der seit Menschenaltern begründeten Familientradition hat er nicht gezögert, die Notwendigkeit der Rationalisierung anzuerkennen und dem Zusammenschluß der beiden Banken unter der vereinigten Firma zuzustimmen. Er wird gemeinsam mit Max Steinthal Aufsichtsratsvorsitzender des Instituts. Aber er überlebt die Muße nicht lange. Am 15. Juni 1930 stirbt er nach kurzer Krankheit. Der Ehe Adolph und Sara Salomonsohns entstammt neben drei Töchtern als einziger Sohn Dr. Georg Solmssen. Mit dem schneeweißen, gescheitelten Haar, dem vollen, bartlosen Gesicht und den großen, tiefdunklen Augen ist Solmssen nicht nur ein auffallend schöner und eleganter, sondern auch ein selten vielseitiger Mann, durchaus der Sohn seines Vaters. Am 7. August 1869 in Berlin geboren, besucht er hier das Friedrich-Werdersche Gymnasium, studiert Jura, besteht das Assessorexamen mit dem Prädikat „gut“ und ist zunächst beim Amtsgericht Frankfurt a. d. O. kommissarisch tätig. Im Jahre 1898 erhält er einen Auftrag des preußischen Justiz- — 123 — ministeriums, Material zur Feststellung des Zustandes der amerikanischen Gesetzgebung auf dem Gebiete des Bauhandwerkerrechts zu sammeln. Das Studium der Verhältnisse in den Vereinigten Staaten, das ihn dort länger als ein Jahr festhält, ergibt das überraschende Resultat des Bestehens einer jahrhundertealten, bis ins kleinste entwickelten, allerdings sehr komplizierten Regelung dieser gesetzgeberischen Materie. Als Ergebnis seiner Studien erscheint 1900 das auch für die deutsche Bauhandwerkergesetzgebung grundlegende Werk „Der gesetzliche Schutz der Baugläubiger in den Vereinigten Staaten von Nordamerika“. Solmssen bleibt auch weiterhin als juristischer Schriftsteller tätig, hiervon zeugen u. a. sein Artikel über das „Aktienrecht“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften und seine Schrift „Probleme des Aktienrechts“ (Berlin 1926). Als er aus den Vereinigten Staaten zurückkehrt, berichtet er erschüttert seinem Vater über den Antisemitismus im Lande der Freiheit. Er sieht in ihm, wie er sagt, „den Beweis der Unver- daubarkeit des Judentums durch die sonst alle anderen Nationen amalgamierende amerikanische Volksmühle“. Deshalb erklärt er seinem Vater, er ziehe aus dieser Beobachtung den Schluß, es gebe für den Juden nur die Wahl zwischen Zionismus und völligem Aufgehen in seinem Vaterlande mit allen Konsequenzen der Glaubens- und Namensänderung. Adolph Salomonsohn hat gegen diesen Schritt seines Sohnes keine Bedenken, unter der Voraussetzung, daß er nicht aus Feigheit geschehe. Um diesen Verdacht nicht aufkommen zu lassen, erscheint das große Werk über die Bauhandwerker noch unter dem Namen „Georg Salomonsohn“. Erst dann nimmt er den Namen „Solmssen“ an. Am 1. Januar 1900 tritt Solmssen zunächst als Volontär bei der Disconto-Gesellschaft ein. Adolph von Hansemann beauftragt ihn mit Arbeiten über die rumänische Petroleumindustrie. Diesen Interessen widmet er zunächst jahrelang seine Aufmerksamkeit. So kann er die Entwicklung der deutschen Beteiligungen an der Erdölindustrie in Rumänien stark fördern. Die Gründung der Deutschen Erdöl-Aktiengesellschaft, deren Aufsichtsratsvorsitzender Solmssen wird, krönt dieses Werk. Am 1. April 1911 wird er Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft. - 124 — Zu seinen Hauptaufgaben gehört jetzt die Reorganisation des A. Schaaffhausenschen Bankvereins in Köln, zu deren Durchführung er sich von Mai 1914 bis 1921 als Direktor des Bankvereins in Köln niederläßt. Nach dem Kriege betreibt er mit besonderem Eifer den Wiederaufbau des deutschen Kabelnetzes in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft. Seine Arbeit begegnet sich hier mit der Max M. Warburgs. Solmssen gehört auch zu den Mitbegründern des Centralverbandes des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes, auf dessen Tagungen er vielfach zu den aktuellen Wirtschaftsproblemen Stellung nimmt. Solmssen ist seiner Weltanschauung nach durchaus konservativ, er gehört auch 1930 zu den Begründern der Konservativen Volkspartei. Aber er ist ein Konservativer englischer Prägung, ein echter Tory, der sich dem notwendigen Fortschritt durchaus nicht verschließt. In einem Vortrag, den er am 5. Februar 1930 vor der Deutschen Handelskammer in Zürich hält, erklärt er: „Die allmählich fortschreitende Überbrückung der wirtschaftspolitischen Grenzen nicht nur Europas ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, für die Erkenntnis zu wecken jeder verpflichtet ist, dem seine berufliche Stellung ermöglicht, die Entwicklung ganzer Länder zu überblicken.“ Er bekämpft den Bolschewismus, aber er betont, „eine nochmalige gewaltsame Übertreibung des Wirtschaftsindividualismus würde für Europa die Gefahr heraufbeschwören, daß das Gefühl der Massen haltlos hinüberpendelt zu dem vermeintlichen Heile des kollektiven Menschentums“. Aus diesem Grunde lehnt Solmssen jeden politischen Chauvinismus, aber auch — und dies beweist er in verschiedenen viel beachteten Reden über die Agrarprobleme — jede Hochschutzzollpolitik als schädlich für die deutsche Wirtschaft ab. Mit Oscar Wassermann ist Georg Solmssen heute der Führer des größten deutschen Bankinstituts. EMIL RATHENAU n einem schönen Sommerabend des Dreikaiserjahres herrscht Unter den Linden Berlins lebhaftes Gedränge. Aus allen Teilen der großen Stadt flutet die Menge heran. Männer und Frauen der verschiedensten Klassen, so wie sie immer dabei sind, die Berliner, wenn es etwas Besonderes zu sehen gibt. Aber erst als sich die Schatten der Nacht herniedersenken, vollzieht sich das Wunder, auf das die Tausende warten: aus 104 Bogenlampen erstrahlt zum erstenmal elektrisches Licht. Tageshelle verbreitet sich plötzlich über dem ganzen Straßenzug vom Brandenburger Tor bis zur Spandauer Straße. Erfassen diese vielen Menschen, die die Neugier angelockt hat, die Bedeutung dieses Moments? Sie staunen zwar über den Zauber, der sich vor ihren Augen vollzieht, aber ist er ihnen zunächst mehr als eine neumodische Spielerei? Oder ergeht es ihnen so, daß sie sagen können, wie Goethe einst bei der Kanonade von Valmy: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Erkennen sie das Geheimnis des elektrischen Funkens, der nicht nur Licht in die Ferne entsendet, sondern auch Kraft ? Der eine neue Epoche heraufführt, indem er die Nacht zum Tage verwandelt und den Menschen überirdische Kräfte verleiht? Was das Volk auf der Straße nicht überblickt, sehen es all die Männer, die sich noch am Abend dieses denkwürdigen 31. August des Jahres 1888 zu einem Bankett versammeln, um das Ereignis gebührend zu feiern ? Oder weiß nur einer die Größe des Augenblicks zu würdigen ? Der Schöpfer des Werkes selbst: Emil Rathenau. Gewiß, schon seit 1882 hatte man in Berlin den Potsdamer Platz und die Leipziger Straße mit elektrischem Licht erleuchtet, auch in einigen Häusern gab es bereits elektrische Beleuchtung. Der Magistrat hatte den Vertrag, den er am 24. Oktober 1887 mit der Gesellschaft Rathenaus geschlossen hatte, in seinem „Bericht über die Gemeindeverwaltung der Stadt Berlin in den Jahren 1882—88“ gewürdigt und bewiesen, daß er das neue Stadium der Technik erkannt hatte. „Die Fortschritte“, so hieß es hier, „welche die Elektrotechnik mit der Erfindung der dynamoelektrischen Maschine durch Werner Siemens und der Edison-Lampe gemacht hat — Fortschritte, die in Amerika bereits zu einer sehr ausgedehnten Anwendung der elektrischen Beleuchtung für Wohnungen und Geschäftsräume geführt haben —, die außerordentlich großen Vorzüge, welche das elektrische Licht vor dem Gaslicht für diese privaten Zwecke hat, legen der Stadtgemeinde die moralische Verpflichtung auf, ihren Bürgern die Möglichkeit nicht zu verschließen, sich diese Vorzüge zu verschaffen.“ Deshalb dankt Emil Rathenau in seiner Rede auf diesem Bankett der städtischen Verwaltung, daß sie ihm und seiner Unternehmung gestattet habe, „an einer Schöpfung mitzuwirken, deren epochemachende Bedeutung weit über die Grenzen dieser Stadt hinausgreift“. Aber wenn er in dieser Ansprache noch erklärt: „Die Naturkraft des neunzehnten Jahrhunderts, welche im Telegrafen und dem Telefon sich bereits überall das Bürgerrecht erworben hat, soll in Zukunft der gesamten Bevölkerung zugängig gemacht werden, dem Wohlhabenden in der Form strahlenden Lichts, dem Handwerker als Werkzeug des täglichen Gebrauches“, dann entwickelt er mit diesen Worten sein Programm. „Achtzig Jahre sind es her“, so sagt er weiter, „daß in dieser selben Straße Unter den Linden das bescheidene Öllämpchen von der ersten Gasflamme verdrängt wurde.“ Emil Rathenau, der zur Welt kommt, als Deutschlands Maschinenepoche beginnt, wird einer der Begründer des elektrischen Zeitalters. Auf den Entdeckungen Thomas Alva Edisons und Werner Siemens’ stehend, wird dieser deutsche Jude der Schöpfer der deutschen Elektrizitätswirtschaft. Was wäre aus den genialen - J27 - Erfindungen dieser Männer geworden ohne die Tatkraft Emil Rathenaus? Gewiß, auch Siemens hatte es verstanden, die Ergebnisse seiner Forschungen praktisch zu verwerten, hatte schon als Artillerieoffizier bewiesen, daß in ihm ein geschickter Kaufmann steckte. Die Firma Siemens & Halske war längst das erste elektrische Unternehmen Deutschlands, ehe Rathenau sich mit dem Problem der Elektrizität befaßte. Aber die Entwicklung eines völlig neuen Wirtschaftszweiges, die Heranbildung einer besonderen elektrotechnischen Industrie, ist ausschließlich Rathenaus Werk. Slaby hat die Beziehungen zwischen Emil Rathenau und Werner Siemens treffend charakterisiert, wenn er behauptet, sie hätten die geistige Ehe zwischen dem feinverzweigten Nervensystem der Wissenschaft und den Muskeln der lebendigen Technik vollzogen. Rathenau allein erkennt die Bedeutung dieser geheimnisvollen Kraft für die Menschheit. Er weiß, daß sie nur dann Segen bringt, wenn es gelingt, sie allen Menschen dienstbar zu machen. Als er sich nach vielen Fehlschlägen und schweren inneren Kämpfen endlich für das neue Feld der Elektrizität durchgerungen hat, gibt es für ihn kein Zurück mehr. Mit einem Blick, der über die Jahrzehnte schweift, sieht er in aller Schärfe vor seinem Auge deutlich das Bild der Zukunft, klarer als alle seine Zeitgenossen: elektrische Bahnen verbinden die Länder, elektrische Motoren werden zu Kraftspendern, es gibt kein Haus mehr ohne elektrisches Licht, keine Werkstatt ohne elektrische Maschine. Von riesigen Zentralen strömt die Elektrizität nutzbringend über die ganze Welt. Schon im Jahre 1891 erklärt er in einer Rede: „Als der Mensch überhaupt darauf kam, die elementaren Naturkräfte sich dienstbar zu machen, waren es nur Wind und Wasser, die er sich gefügig zu machen vermochte, und Jahrhunderte, Jahrtausende vergingen, ohne daß ein Fortschritt verzeichnet werden konnte. Erst unserem Jahrhundert, dem des Dampfes, blieb es Vorbehalten, die Kräfte der Erde dem Menschen zu erschließen, und die in der Kohle angehäufte Sonnenwärme in ihren Urzustand wieder zurückzubringen, sie zu zwingen, sich wieder als Kraft und so als Arbeit dem Menschen zu betätigen. Der Dampf wiederum war es, der es ermöglichte, 128 - die Kraft zu verteilen, einerseits durch Verbesserung der Transportmittel, andererseits, indem man es bald lernte, seine Wirkung direkt auf Entfernungen, die man für große hielt, zu übertragen . . . Bei weitem überflügelt aber hat der elektrische Funke den Dampf.. . Was heute auf 175 km und mit 16000 Volt Spannung gelingt, wird gewiß in wenig Jahren mit 100000 Volt auf weit riesigere Entfernungen ein leichtes sein ... Die großartige Verteilungsfähigkeit der Elektrizität ist es, welche den Versuch der Übertragung auf große, sehr große Entfernungen erst so recht zu einem bedeutungs- und wertvollen gemacht hat. . .. Die neusten Fortschritte werden uns gestatten, großartige Krafterzeugungszentren an beliebigen Stellen, im Bergwerk, an der Meeresküste, um die Ebbe und Flut zu benutzen, an den großen Katarakten anzulegen, die dort vorhandenen, bisher zwecklos vergeudeten Kräfte in nutzbringende Elektrizität umzusetzen, diese in, wir können fast sagen, beliebigen Entfernungen zu verwenden und dort in beliebiger Art zu verteilen und zu verbrauchen.“ Und im Mai 1914 spricht sich Rathenau dahin aus, daß es durchaus möglich sei, den ganzen Bedarf Europas an elektrischer Energie an einem Orte herzustellen und diesen zentral hergestellten Strom über ganz Europa und noch weiterhin zu verwenden. Die Zeitgenossen haben Emil Rathenau oft einen Phantasten gescholten. Denn wenn dieser sonst so nüchterne und klar- denkende Mann sich einmal dazu verleiten läßt, seine Zukunftspläne zu entwickeln, dann scheinen seine Projekte ins Reich der Fabel zu gehören. Aber Rathenau hat mit eiserner Energie sein Ziel erreicht. Wie Moses darf er noch das gelobte Land erblicken: die völlige Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Anwendung der elektrischen Kraft. So gehört Emil Rathenau zu den größten Deutschen des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn Rathenau in seiner mehrfach erwähnten Bankettrede vom 31. August 1888 sein Hoch auf Berlin ausbringt, „die Stadt der Intelligenz, die darum auch die Stadt des Lichtes werden müßte“, dann aus dem Grunde, weil dieser Urberliner voll Stolz den Aufstieg seiner Vaterstadt begleitet. Hier wurzelt er mit seiner ganzen Kraft, hierher zieht es ihn immer wieder zurück. ^i'ßnÄttc^ A«Jg«ngi!fc- H ji Bi jf: :3&s*S; hmil Rathenau Nach einem Gemälde von Max Licbermann ■naw'inxnv*) — I2Q — In Berlin wird Emil Rathenau am n. Dezember 1838 geboren. „Als ich die Lebensreise antrat“, erzählt er in einer Rede, die er am Vorabend seines siebzigsten Geburtstags hält, „gab es in unserer Vaterstadt ein interessantes Erlebnis: die Vollendung der ersten preußischen Eisenbahn. Die Berliner sollen in hellen Haufen begeistert zum Potsdamer Tor hinausgepilgert sein, um den Zug nach Steglitz abfahren zu sehen. Viel zu langsam (nach heutigen Begriffen) bewegte er sich vorwärts, ohne Schlaf- und ohne Speisewagen; und doch war die Eisenbahn ein gewaltiger Fortschritt gegen die Postkutsche, in der mein Vater aus der Uckermark als Jüngling, meine Mutter als Kind mit ihren Eltern aus der Mark hierher übersiedelten.“ Die Eltern Rathenaus entstammten beide rein märkischen Familien. Beide waren auch aus wohlhabendem Hause. Materielle Not hat Emil Rathenau nicht kennengelernt. Seinem Vater muß es recht gut gegangen sein, denn er setzte sich frühzeitig zur Ruhe. „Mein Vater“, schreibt Rathenau in seiner Selbstbiographie, die sich in eigenhändiger Niederschrift in seinem Nachlaß vorfand, und die sein Biograph A. Riedler in seinem Buche „Emil Rathenau und das Werden der Großwirtschaft“ (Berlin 1916) zum erstenmal veröffentlicht, „hat sich bald nach meiner Geburt vom Geschäft zurückgezogen. Er war streng und gewissenhaft und führte eine korrekte Ehe mit der klugen und geistreichen Mutter, die Ehrgeiz besaß und Eleganz in ihrer Erscheinung bis in ihr spätes Lebensalter zu bewahren die Schwäche hatte.“ Rathenaus Mutter war lebenslustiger als der Vater, sie nahm gern an allen kulturellen Ereignissen Berlins teil. In seinem Tagebuch notiert Wilhelm Herz am Ostersonnabend, dem 22. März 1845: „Abends zum Concert von Josef Gunz im Milentzschen Saale, wo ich mich ziemlich gut amüsiert habe. Mad. Rathenau von da nach Haus gebracht.“ Die Familie Rathenau gehörte damals schon zu den jüdischen Patriziern Berlins, besonders die Familie der Mutter Emils, die Liebermanns. Emil Rathenau besucht mit seinen beiden Brüdern — er war dem Alter nach der zweite — die Marggrafsche Knabenschule und dann das Gymnasium zum Grauen Kloster. Großen Ein- 9 Zielenziger druck machen auf ihn die Ereignisse des Jahres 1848, über die er ausführlich in seiner Selbstbiographie berichtet. Aus der Unterprima tritt er als Lehrling bei seinem Großvater Liebermann ein. Er wird dort ein Techniker von der Pike auf. Sombarts Behauptung, der Jude sei vom Geschäftsreisenden oder Kommis zum Industriellen geworden, wird durch den Lebensgang Emil Rathenaus widerlegt. Denn er arbeitet in der Fabrik seines Großvaters, wie er selbst schreibt, „als Proletarier in blauer Bluse und mit zerschundenen Händen“. Dieser Liebermann, der auch der Großvater des Malers Max und des Chemikers Carl Liebermann ist, gehört zu den jüdischen Industriellen Schlesiens, die dazu beigetragen haben, diese preußische Provinz zu industrialisieren. Dem König Friedrich Wilhelm IV. stellt er sich mit den Worten vor: „Ich bin der Liebermann, der die Engländer vom Kontinent verjagt hat.“ Denn er hatte als erster in Preußen die mechanische Bedruckung von Kattunstoffen eingeführt. Das Liebermannsche Werk war die Wilhelmshütte bei Sprottau. Es besaß einen Hochofen, und die dazugehörige Maschinenfabrik baute landwirtschaftliche Maschinen, Apparate für Gasanstalten und die verschiedensten Eisengeräte. Rathenau hat hier schwer arbeiten müssen. Erst nach viereinhalbjähriger Tätigkeit verläßt er das großelterliche Werk. „Mein Austritt“, so berichtet er, „war durch die Mobilmachung der preußischen Armee aus Anlaß des italienischen Krieges herbeigeführt worden. Ich sollte bei dem zweiten Garderegiment eintreten, als der Friede von Villafranca geschlossen wurde.“ Emil Rathenau bezieht jetzt 1859 das Polytechnikum in Hannover, geht dann nach Zürich auf die Technische Hochschule und wird hier ein Schüler von Reuleaux. Mit dem besten Diplomexamen, ausgerüstet mit glänzenden theoretischen und praktischen Vorkenntnissen, kehrt er nach Berlin zurück. Er tritt hier bei der Lokomotivfabrik von A. Borsig als Ingenieur ein und wird zunächst mit der Konstruktion von Gitterbrücken beschäftigt, entwirft später auch Lokomotiven. Er findet schnell das Wohlgefallen seines Chefs, der ihm bereits zu Weihnachten — sein Eintritt war am 1. Oktober erfolgt — ein Geschenk in Höhe des Monatsgehaltes von 25 Talern unter schmeichelhaften Aner- 131 — kennungen seiner Leistungen überreicht. „Es war das erste Geld, für das ich sozusagen eine unmittelbare Verwendung nicht hatte.“ Aber Rathenau will vorwärts. Er findet bei Borsig zu „wenig Spielraum für die freie Entfaltung eigener Gedanken“. Die deutsche Industrie steckt noch in den Kinderschuhen, und Rathenau sieht in seiner Tätigkeit in einem deutschen Werk nicht die genügende Möglichkeit, sich zu entfalten. Er will lernen und ist der Meinung, daß er damit nicht nur sich selbst, sondern j>"ch der deutschen Wirtschaft dienen kann, die im Ausland sich noch die Lehrmeister suchen muß. So verläßt er schon nach einem halben Jahr die Borsigsche Fabrik und geht mit Empfehlungen Borsigs ausgerüstet nach England, wo er bei verschiedenen Maschinenfabriken arbeitet. Reich an Erfahrungen kehrt Emil Rathenau nach zweijähriger Tätigkeit nach Berlin zurück. Seine Eltern hatten auch den Wunsch geäußert, ihn nach so langer Zeit einmal wiederzusehen. „Ein wohlsituierter und tüchtiger Fabrikbesitzer“, so berichtet Felix Pinner in seinem Werk „Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter“ (Leipzig 1918), „das war das Ziel, das den Eltern vorschwebte, und das sich immerhin um eine wesentliche Spielart von den Lebens- und Wirtschaftbedingungen unterschied, die sonst in den damaligen jüdischen Kreisen Berlins und Deutschlands üblich waren.“ Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Julius Valentin kauft Emil Rathenau im Jahre 1865 für 75000 Taler die kleine Maschinenfabrik von M. Weber in der Chausseestraße. Im gleichen Jahre verheiratet er sich mit Mathilde Nachmann, der Tochter eines wohlhabenden Frankfurter Bankiers. Auch Valentin heiratet, und die beiden Familien beziehen gemeinsam ein Wohnhaus, das sich auf dem Fabrikgelände befindet. Die Fabrik von Weber baute, als Rathenau sie übernahm, hauptsächlich Maschinen für die königlichen Bühnen. Es charakterisiert ihn un- gemein, wenn er in seiner Selbstbiographie schreibt: „Mein Interesse für diese Arbeiten war gering, weder die Bühne noch die Balletteusen, für deren Gruppendarstellungen schmiedeeiserne Konstruktionen dienten, übten eine Anziehungskraft - JTJ2 - auf mich aus.“ Man baut daneben zunächst Dampfmaschinen und Apparate für Gasanstalten und Wasserwerke. Rathenau bemüht sich, das Werk zu modernisieren. Als Spezialität läßt er transportable Dampfmaschinen hersteilen, er konstruiert auch die ersten Dampfheizungen für Wohnungen und Waggons. Daneben betätigt er sich in verschiedenen Konstruktionen für die Armee und die Marine. Als der Deutsch-Französische Krieg ausbricht, erhält Rathenaus Fabrik die Anfrage, ob sie Minentorpedos anfertigen könne. In kurzer Zeit versteht Rathenau es, die Werkstätten für diesen neuen Zweck umzustellen. Ebenso baut er Panzertürme und Feldbaracken. Auf Grund dieser Kriegsaufträge braucht Rathenau nicht ins Feld auszurücken. Das Fabrikunternehmen in der Chausseestraße erweist sich nach wenigen Jahren bereits als zu klein. Valentin und Rathenau kaufen deshalb ein Terrain in Martinikenfelde und errichten dort eine neue Fabrik nach modernen Grundsätzen. Schon während des Baues des neuen Werkes laufen von verschiedenen Seiten bei den beiden Sozien Angebote ein, das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Rathenau weist alle diese Offerten zurück, aber Valentin läßt sich überreden. Trotz der ungewöhnlichen Bedingungen, die Rathenau selbst stellt, in der Erwartung, sie würden die Käufer abschrecken, verwandelt die Preußische Bodenkredit-Aktienbank das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft, die den Namen „Berliner Union“ erhält. Die Geschäfte der Berliner Union in dem neuen Fabrikgebäude, das zu den modernsten Berlins gehört, gehen zunächst glänzend. Aber es ist die Zeit der Gründerjahre, in der viele neue Unternehmungen entstehen, die nur von kurzer Lebensdauer sind. Als der Direktor der Bank, die die Gründung der Berliner Union veranlaßt hatte, seinen Posten verliert, und die Bank selbst durch den Krach des Jahres 1873 in Mitleidenschaft gezogen wird, bleibt Rathenau und Valentin nichts anderes übrig, als sämtliche Gläubiger zu befriedigen und ihre Direktorenstellung niederzulegen. Das mit so viel Hoffnungen ins Leben gerufene Werk muß jetzt, führer- und mittellos geworden, liquidieren. Emil Rathenau lehnt alle Anerbietungen, das Unternehmen selbst zu erwerben, energisch ab. Die Fabrik ist später von dem Ludwig- — 133 — Loewe-Konzern erworben worden und bildet noch heute den Hauptbestand des Loeweschen Unternehmens. Rathenau hat das Glück, ohne jeden persönlichen Schaden sich zurückziehen zu können. Dank seiner übergroßen Vorsicht und seiner Scheu, auch nur eine einzige Aktie seines eigenen Werkes zu erwerben, geht er aus seiner Tätigkeit als Berliner Fabrikbesitzer mit einem Vermögen von 900000 Mark heraus. Das Erlebnis der mißglückten Umwandlung der Weberschen Fabrik und der Selbstmord seines Schwiegervaters Nachmann, der auch ein Opfer der Gründerjahre wird, beeinflussen Emil Rathenau sein ganzes Leben hindurch in seiner Stellung zu den Banken und legen den Grundstein zu der genialen Finanzpolitik, die er später als Gründer eines Weltkonzerns treibt. Der Mann, der jetzt auf der Höhe seines Lebens steht, bleibt fast ein Jahrzehnt ohne bestimmte Beschäftigung. Innerlich war er niemals von seiner Tätigkeit als Berliner Fabrikbesitzer befriedigt. Er fühlt das Zeug in sich zu etwas Besonderem, aber er hat das eigentliche Feld seines Wirkens noch nicht erkannt. Kein Wunder, daß er in der Familie und in den Kreisen der Berliner Wirtschaft als ein Phantast gilt. „Im Jahre 1875 war die Auflösung der ,Berliner Union' vollendet, und nun tat der siebenunddreißigjährige Rentier, der seinen wahren Beruf noch nicht gefunden hatte, eigentlich acht Jahre — sonst die produktivsten Jahre des Manneslebens — nichts Bestimmtes, wenn man eben für das unablässige Suchen und das leidenschaftliche Lernen eines reifenden Charakters den Ausdruck ,nichts Bestimmtes tun' gebrauchen will . . . Rathenau wartete — innerlich betrachtet — nicht aus Unentschlossenheit, sondern aus Prinzip ... Es waren nicht Jahre der inneren Klarheit, der bewußten Selbstzügelung und überlegenen Voraussicht, die Emil Rathenau damals durchmachte, sondern Jahre des inneren Kämpfens und Ringens.“ (Felix Pinner) 1876 reist Emil Rathenau von Valentin begleitet nach Amerika zur Weltausstellung in Philadelphia. Wie Ludwig Loewe empfängt auch er von der amerikanischen Technik die größten Anregungen. Auf der Ausstellung sieht er zum erstenmal ein Telefon, begeistert sich für den Fernsprecher und versucht, diese — 134 — Einrichtung als erster in Deutschland einzuführen. Nach Berlin zurückgekehrt, entschließt er sich aber, keine Telefonfabrik zu bauen, sondern bewirbt sich nur um eine Konzession für eine Berliner Telefonzentrale. Er findet aber weder bei dem Polizeipräsidenten von Madai noch bei dem Generalpostmeister Stephan Gegenliebe. Niemand schenkt dieser neuen Erfindung Vertrauen. Endlich erreicht er es, daß Stephan ihn beauftragt, in dem Postamt in der Französischen Straße eine Sprechstelle einzurichten. Irgendeine Vergütung zahlt ihm das Reich nicht. Zunächst melden sich nur zehn Teilnehmer, unter ihnen als einer der ersten Gerson von Bleichröder. Als tausend Anschlüsse hergestellt sind, verläßt Rathenau dieses Unternehmen, ohne einen Dank dafür zu erhalten. Er hat den Grundstein zu einem der wichtigsten Mittel des modernen Wirtschaftslebens in Deutschland gelegt. Aber tief niedergedrückt über den neuen scheinbaren Mißerfolg seines Lebens wendet er sich neuen Plänen zu. Abermals begibt sich Rathenau auf Reisen. Er braucht, wie er selbst sagt, „geistige Luftveränderung“. Auf seinen Reisen knüpft er manche Bekanntschaften an, die ihm dienlich werden. So lernt er im Bad Alveneu in der Schweiz Werner Siemens kennen und gibt ihm die Anregung zur elektrischen Beleuchtung Berlins, ohne daß man ihm folgt. Er hat kurz vorher in Paris die strahlende elektrische Beleuchtung der Avenue de l’Opdha bewundert. Auf der Pariser Elektrizitäts-Ausstellung 1881 sieht er Edisons Kohlenfadenlampe. „Wie der Fernsprecher in Philadelphia“, so erzählt er selbst, „packte mich die Erfindung des berühmten Einsiedlers von Menlo-Park.“ Mit feinem Fingerspitzengefühl spürt Rathenau sofort die Bedeutung dieser Erfindung. Mit genialer Intuition erblickt er in ihr einen Wendepunkt für die Elektrotechnik, hier schärfer sehend als der Erfinder Edison selbst, aber auch als Siemens und dessen Mitarbeiter. Jetzt tritt auch ein entscheidender Umschwung in Rathenaus Leben ein. Die Verwertung der Edisonschen Erfindungen erscheint ihm als Ziel seines Lebens. Nach langem Suchen und Umhertasten glaubt er nun endlich seine Bestimmung gefunden zu haben. Er telegrafiert sofort an Edison, bittet ihn, nach Europa zu kommen, da er die Absicht habe, die Patente des amerikanischen — 135 — Erfinders zu erwerben. Edison wird über die Depesche des ihm gänzlich unbekannten deutschen Ingenieurs den Kopf geschüttelt haben. Er verweist ihn an seine europäischen Gesellschaften, vor allem an die „Compagnie Continentale Edison“ in Paris. Mit dieser Gesellschaft setzt sich Rathenau in Verbindung, und es gelingt ihm, mit ihr einen Vertrag abzuschließen, der ihn berechtigt, in Deutschland die Edisonschen Patente zu verwerten. Für seine Ideen hat er inzwischen das Bankhaus Jacob Landau in Berlin gewonnen. Da aber zunächst nicht die nötigen Mittel für die Ausnutzung der Patente aufzubringen sind, gründet Rathenau mit Unterstützung dieses Bankhauses, der Nationalbank für Deutschland in Berlin und des Bankhauses Gebr. Sulzbach in Frankfurt a. M. am 15. Juli 1882 eine Studiengesellschaft mit 250000 Mark Kapital, die zunächst Erfahrungen auf dem Gebiete des Glühlampenwesens sammeln soll. Es gelingt Rathenau, sofort einige Aufträge für elektrische Anlagen zu erhalten. Der Berliner Börsen-Courier, das Böhmische Brauhaus, der Union-Club und die Ressource lassen sich von Rathenau elektrische Beleuchtung anlegen, für München gilt es, während der ersten deutschen Elektrizitätsausstellung, verschiedene Anlagen, besonders die Beleuchtung der königlichen Bühnen, durchzuführen. Die Erfolge, die die Studiengesellschaft durch die Energie Rathenaus in kurzer Zeit erringt, machen auch den Geldgebern mehr Mut. Wenn sie auch durchaus noch nicht den Optimismus, den Rathenau in den Ausbau der elektrischen Beleuchtung setzt, teilen, so erblicken sie doch in der Verwertung der Edisonschen Patente gewisse Verdienstmöglichkeiten. So kommt es am 19. April 1883 zur Gründung der „Deutschen Edison-Gesellschaft“ mit einem Aktienkapital von 5 Millionen Mark. An der Gründung sind vor allem die gleichen drei Banken beteiligt, die auch die Studiengesellschaft ins Leben gerufen haben. Die Deutsche Edison-Gesellschaft schließt mit der französischen Gesellschaft des großen amerikanischen Erfinders einen Vertrag, aber sie trifft auch gleichzeitig auf besondereVeranlassung Rathenaus ein Abkommen mit der führenden elektrotechnischen Firma Deutschlands, mit Siemens & Halske. Rathenau will es vermeiden, irgendwie in eine Kampfstellung zu Werner Siemens, — 136 — dem er höchste Verehrung entgegenbringt, zu geraten. So steht das Haus Siemens, dem eine Mitbenutzung der Edison-Patente durch diesen Vertrag ermöglicht wird, Pate bei den Schöpfungen Emil Rathenaus. Die Deutsche Edison-Gesellschaft schlägt ihre Büros zunächst in der Leipziger Straße 94 zu Berlin auf. Ihre Arbeit beginnt sie mit der Errichtung einer eigenen Blockstation im Hause Friedrichstraße 85, von der aus die umliegenden Häuser, u. a. das Caf^ Bauer, mit elektrischem Licht versehen werden. Die Maschinen für diese Anlagen bezieht man auf Grund des Vertrages von Siemens & Halske, die Lampen fabriziert man selbst. Rathenau kauft bereits 1884 m der Schlegelstraße ein Fabrikgebäude. Die erste deutsche Fabrik für elektrische Lampen soll jährlich 300000 Stück produzieren. Inzwischen häufen sich auch die Bestellungen auf elektrische Anlagen, sind es im ersten Jahre der neuen Gesellschaft erst siebenundzwanzig, die man herstellt, so befinden sich 1886 bereits zweihundertsechzig im Betrieb. Im Gegensatz zu Siemens erkennt Rathenau schon damals die Bedeutung der Zentralstationen zur Beleuchtung ganzer Straßen, ja ganzer Stadtviertel. In der Schadowstraße in Berlin wird die erste Blockstation errichtet. Sie bildet gewissermaßen den Ausgangspunkt für die Einführung der elektrischen Straßenbeleuchtung Berlins und damit der deutschen Städte überhaupt. Am 19. Februar 1884 erhält die Edison-Gesellschaft einen Vertrag von der Stadt Berlin, der sie ermächtigt, in der Stadt in einem bestimmten Umkreis elektrische Leitungen gegen eine hohe Konzessionsabgabe zu legen. Für diesen Zweck gründet Rathenau die „Berliner Städtischen Elektrizitätswerke A.-G.“ mit einem Kapital von 3 Millionen Mark, an denen sich die Deutsche Edison-Gesellschaft beteiligt. Die Gründung dieses Unternehmens begleitet Emil Rathenau mit Ausführungen, die programmatische Bedeutung für ihn besitzen. „Im übrigen“, so heißt es in seinem Geschäftsbericht, „liegt es nicht in unserer Absicht, den liquiden Vermögensstand dauernd durch eigene Übernahmen großer Zentralstationen zu alterieren. Vielmehr verfolgen wir das System, solche Stationen mit Hilfe unserer Geldmittel zwar einzurichten, dieselben aber spätestens nach erfolgter In- — 137 — betriebsetzung selbständigen Gesellschaften zu überlassen, um so unser Kapital immer wieder für neue Unternehmungen flüssig zu machen.“ Pinner hat recht, wenn er behauptet: „Hier ist das Ideal gekennzeichnet, dem Emil Rathenau von Anfang an zugestrebt hat.“ Er ist sich bewußt, daß für die verschiedenen Zwecke allmählich verschiedene Unternehmungen ins Leben gerufen werden müssen. Die Städtischen Elektrizitätswerke können mit einer Kraftzentrale im Jahre 1885 ihren Betrieb eröffnen, weitere Zentralen folgen in den nächsten Jahren. Sie dienen hauptsächlich der Durchführung der elektrischen Beleuchtung Berlins. Die Beleuchtung der Straße Unter den Linden wird auch von ihnen ausgeführt. Die ersten Jahre der Elektrizitätswerke sind aber zunächst mit hohen finanziellen Verpflichtungen verbunden, so daß sie immer höhere Anforderungen an ihre Aktionäre stellen müssen. Rathenau erkennt die gefährliche Situation. Er greift im richtigen Moment zu und kauft, als die Aktien der Elektrizitätswerke von 115 auf 90 gefallen sind, einen Betrag von 1 1 / 2 Millionen zum Kurs von 95 % zurück. Eine Reihe von Patentprozessen hatte in Emil Rathenau schon lange den Gedanken erweckt, den Vertrag mit der Edison-Ge- sellschaft zu lösen. Diese Absicht gelingt ihm nur durch ein neues Abkommen mit der Firma Siemens & Halske und erfordert hohe finanzielle Opfer. Um sie zu tragen, wird das Aktienkapital der Deutschen Edison-Gesellschaft in der Generalversammlung vom 23. Mai 1887 nach Überwindung einer ziemlich lebhaften Opposition um 7 auf 12 Millionen erhöht, von denen Siemens & Halske 1 Million Mark übernehmen. Nach ihrer Lösung vom Edison-Konzern nennt sich Rathenaus Unternehmen jetzt „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“. Die AEG ist begründet. In den Aufsichtsrat der neugebildeten Firma treten auch Vertreter des Hauses Siemens ein. „Der Name ,Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft' ist von Rathenau nicht ohne Absicht gewählt worden. Er drückt sehr deutlich die Aufgabe aus, die das mit frischen Kräften ausgerüstete Unternehmen sich nunmehr stellte. Es galt, die Elektrizität in größtem Stil zu popularisieren, das ganze Land sozusagen unter Elektrizität zu setzen, — 138 — die Allgemeinheit für die Stromlieferung aufnahmefähig zu machen.“ (Artur Fürst) Die AEG beginnt jetzt einen großzügigen Ausbau ihres Unternehmens. Sie übernimmt die Fabrikation der verschiedensten elektrotechnischen Apparate und Maschinen. In der Ackerstraße wird zunächst eine Fabrik für Dynamomaschinen errichtet. In der gleichen Zeit wendet man sich der Herstellung elektrischer Straßenbahnen zu. Die erste elektrische Bahn richtet die AEG in Halle ein, andere Städte folgen. Anläßlich der Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt a. M. führt die AEG auf Rathenaus Initiative ein Projekt des Münchener Ingenieurs Oscar von Miller, der schon seit längerer Zeit mit Rathenau zusammenarbeitet, durch: die Übertragung elektrischer Kraft über eine Entfernung von 150 km. Mit Hilfe der von der AEG erbauten ersten Drehstromanlage gelingt es, die Energie des Neckar-Wasserfalls bei Lauffen auf elektrischem Wege bis nach Frankfurt a. M. zu leiten. Damit ist zum erstenmale das Prinzip der Überlandzentrale verwirklicht. Praktische Verwertung erhält dieses Projekt bei der Anlegung einer Kraftzentrale zur Ausnutzung der Wasserkräfte des Rheins bei Rheinfelden. Der Ruf der AEG ist damit in aller Welt begründet. Die Errichtung weiterer Zentralen in Oberschlesien, an der Oberspree und im Auslande folgt. Am 20. Juni 1894 gelingt es ihm endlich, nach schwierigen Verhandlungen den Vertrag mit der Firma Siemens zu lösen. Erst jetzt steht sein Unternehmen völlig auf eigenen Füßen. In knapp zehn Jahren hat er eine Fabrik aufgebaut, die von der Glühlampe bis zur Dynamomaschine alle elektrischen Erzeugnisse selbst herstellt. Die nächsten Jahre, vor allem das Jahrzehnt nach der Trennung von Siemens, dienen der weiteren Expansion. Der Ingenieur Rathenau wird immer mehr zum Finanzpolitiker. Jetzt zeigt sich erst seine eminente kaufmännische Begabung. Aus der AEG heraus entwickelt er ein weitverzweigtes System von Tochterunternehmungen. Zur Unterstützung des Auslandsgeschäftes begründet er in Zürich die „Bank für elektrische Unternehmungen“ mit einem Kapital von 30 Millionen Franken. Als die AEG 1897 nach Übersee geht, wird die „Deutsch-Überseeische Elektrizitäts-Gesellschaft“ geschaffen. Zur Errichtung von — 139 — Elektrizitätswerken und Kraftzentralen ruft er im selben Jahre die „Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschaft“ ins Leben. Ganz konsequent verfolgt er das Prinzip, sich möglichst unabhängig von den Banken zu halten. Sein Finanzierungssystem „war selbst ein Kapitalmarkt im kleinen, ein Sammel- und Staubecken, das in günstigen Zeiten der Geldkonjunktur sich mit Kapital vollsog, um es zu geeigneten Zeiten an die Bauunternehmungen des Konzerns weiterzugeben ... Er war stets Gläubiger, nie Schuldner der Banken“ (Felix Pinner). Schon im Jahre 1898 wird das Kapital der AEG auf 60 Millionen erhöht. Es gelingt Rathenau, die Dividende trotz riesiger Abschreibungen auf durchschnitt lieh 15% zu halten. Eine Krisis, die über die junge Elektrizitätsindustrie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hereinbricht, gibt der Welt den Beweis, wie fest fundiert das Werk Emil Rathenaus steht. Er benutzt diese kritischen Jahre, um wankend gewordene elektrische Unternehmungen seinem Werk anzugliedern. So kommt es 1903 zu einem Anschluß der 1892 von Isidor Loewe begründeten „Union- Elektrizitäts-Gesellschaft“, die 1904 völlig in der AEG aufgeht, und 1910 zu einer Verschmelzung mit dem Felten-Guilleaume- Lahmeyer-Konzern. Nur einmal hat Rathenau nicht den Mut, um rechtzeitig zuzugreifen: als die Schuckert-Gesellschaft in Nürnberg im Jahre 1902 schwach geworden ist, kann er sich nicht entschließen, ihre Angliederung an die AEG durchzusetzen. Ein Jahr später wird sie dem Siemens-Konzern ein verleibt: die Siemens-Schuckert-Werke entstehen. Nur noch die Konzerne der AEG und Siemens beherrschen die Elektrizitätsindustrie Deutschlands. Aus der AEG ist ein Weltunternehmen geworden. Ihre Organisationen umspannen die ganze Erde. Das Aktienkapital beträgt vor dem Kriege 155 Millionen, die Obligationen 108 Millionen, der Reservefonds 96 Millionen. Das Gesamtkapital des AEG-Konzerns stellt sich auf mehr als 2 Milliarden Mark, den Fabriken und den Büros wird ein Heer von 66000 Menschen beschäftigt, für die im letzten Jahre vor dem Kriege Gehälter von 64 Millionen zu zahlen sind. Emil Rathenau als technischer wie finanzieller Denker gleich genial, der in einem Alter, in dem andere sich von der Arbeit — 140 — zurückziehen, ein völlig neues Werk aufbaut, hat in drei Jahrzehnten eins der größten Unternehmen Deutschlands geschaffen. Als er am n. Dezember 1908 seinen siebzigsten Geburtstag feiert, überbringt ihm Bürgermeister Reicke die Glückwünsche der Stadt Berlin. „Den Mann Rathenau kennt und nennt ganz Berlin, weil Sie es verstanden haben, dasjenige zu leisten, was das Geheimnis des ökonomischen Schaffens ist: Bedürfnisse zu erkennen und Bedürfnisse zu schaffen.“ Emil Rathenau ist ein Mensch des vollen Widerspruchs. Zunächst jahrelang auf der Suche nach seiner eigentlichen Bestimmung, nie zufrieden mit sich und seinem Werk, wird er von einem steten inneren Drang getrieben, bis er endlich sein Ziel erkannt hat. Für die Durchsetzung seiner Pläne kennt er kein Opfer, das ihm groß genug erscheint. Mit der Kühnheit des Genies setzt er oft alles auf eine Karte. Mehrmals riskiert er sein Vermögen und das seines Werks. Im Privatleben ist er dagegen von geradezu übertriebener Bedürfnislosigkeit, oft unverständlich kleinlich, ja knickerig. Über irgendeine gleichgültige Anschaffung in einem seiner vielen Büros kann er sich aufs höchste aufregen, er kümmert sich, wenn er die Zeit dazu findet, um lächerliche Kleinigkeiten in seinen Betrieben. Carl Fürstenberg, der stets an Rathenaus Stern geglaubt hat, charakterisiert ihn in seiner sarkastischen Art treffend, wenn er bemerkt, bei Rathenau höre das Geld bei drei Mark auf und fange erst wieder bei 3 Millionen Mark an. Dieser fast groteske Zug zum Kleinlichen, ist bei Emil Rathenau um so verwunderlicher, als er einem wohlhabenden Hause entstammt, eine sorglose Jugend verlebt und in seinen Eltern Menschen besessen hat, die voll Gefühl für die Bedürfnisse des Lebens waren. Aber diese Art seines Wesens, die ihn auch im Gegensatz zu seinem Vetter Max Liebermann und zu seinem eigenen künstlerisch hochbegabten Sohne Walther so amusisch macht, entspringt seinem merkwürdigen Schwanken zwischen einem starken Pessimismus und einem erstaunlichen Optimismus. Der Optimist Emil Rathenau hat schließlich den Sieg über das andere Selbst davongetragen und aus ihm einen Bahnbrecher der deutschen Wirtschaft geschaffen. Trotz schwerer Erkrankung behält Emil Rathenau bis in die » — 141 — letzten Augenblicke seines Lebens die Zügel seines Werkes in der Hand. Längst sind ihm in Felix Deutsch und Paul Mam- roth Helfer erwachsen, die sein Unternehmen in seinem Geiste weiterführen. Als er am 20. Juni 1915 stirbt, steht seine Schöpfung unerschütterlich da. Als Emil Rathenau die Deutsche Edison-Gesellschaft gegründet hatte, wird ihm von den Banken ein Kontrolleur beigeordnet. Aus dem Verbindungsoffizier zwischen den Bankenkonsortien und dem jungen Unternehmen wird einer der kühnsten Vorkämpfer der Elektrizitätswirtschaft. Emil Rathenau gewinnt in Felix Deutsch den unermüdlichen Mitstreiter und treuesten Freund. Techniker von Haus aus wie Rathenau, wird Deutsch mehr und mehr der kaufmännische Kopf des Unternehmens. Mit der hohen Stirn und dem vollen Haar gleich er eher einem Künstler als einem Maschinenkaufmann. In seiner ausgesprochenen Musikalität bildet er einen starken Kontrast zu Emil Rathenau. Als dritter Sohn des Oberkantors der Breslauer Jüdischen Gemeinde Moritz Deutsch wird Felix Deutsch am 16. Mai 1858 in Breslau geboren. Nach dem Besuch des Magdalenengymnasiums seiner Vaterstadt kommt er 1873 zu der Breslauer Firma M. W. Heimann, einem Spezialunternehmer für die Einrichtung von Zuckerfabriken. Schon mit 24 Jahren ist Deutsch Direktor einer großen Zuckerfabrik. Von hier kommt er zur Edisongesellschaft. Als genialer Organisator findet er die richtigen Wege zum Konsumenten und baut den gesamten Verkaufsapparat der AEG im In- und Ausland auf. Ebenso erfolgreich zeigt er sich als Organisator der deutschen Industrie. Er gehört zu den Mitbegründern des Reichsverbandes der deutschen Industrie und des Zentralverbandes der deutschen elektrotechnischen Industrie. Deutsch stirbt am 19. Mai 1928, wenige Tage nach seinem siebzigsten Geburtstage. In einer Generalversammlung der AEG, am 5. Dezember 1901, hatte Emil Rathenau den Vorwurf eines Aktionärs, er wolle mit der Einstellung seiner beiden Söhne in die Dienste der AEG eine „Dynastie Rathenau“ errichten, geantwortet, er müsse seine Nachfolge vorbereiten, denn er selbst gedenke, sich in absehbarer - 14 ? - Zeit von der Leitung der Gesellschaft zurückzuziehen. Wenn Emil Rathenau trotzdem den Rücktrittswunsch, den er damals hegte, nicht ausgeführt hat, so war es doch seine Absicht, sich in seinen beiden Söhnen Helfer für sein Werk heranzubilden. Mit großer Liebe hing er an dem jüngeren, an Erich Rathenau, den er Ingenieur werden ließ, und der einen starken Einfluß auf die Entwicklung des Kabelwerks in Oberschöneweide gehabt hat. Als Erich Rathenau auf einer Reise, die er mit seinem Vater durch Ägypten unternimmt, am 18. Januar 1903 in Assuan plötzlich stirbt, ist Emil Rathenau so fassungslos, daß der ältere Sohn Walther Rathenau für ihn einspringt und die Verhandlungen in der AEG leiten muß. „Es war der Abschluß eines langen, schmerzlichen Familiendramas, das an das zwischen Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich erinnert und beeinflußte offenbar entscheidend Walther Rathenaus Weltanschauung.“ (Harry Graf Kessler, Walther Rathenau, Sein Leben und sein Werk, Berlin-Grunewald 1928) Denn die starke Gegensätzlichkeit der Persönlichkeiten hatte zwischen dem nüchtern denkenden Vater und dem kompliziert veranlagten Sohn Walther zu vielfachen Reibungen geführt, die sich erst im Zusammenarbeiten der beiden Männer am gleichen Werk ausglichen. Walther Rathenau kann maßgebenden Einfluß auf die AEG erst in den letzten Lebensjahren seines Vaters entfalten. Emil Rathenau ist noch der Fabrikbesitzer in der Chausseestraße, als dort am 29. September 1867 Walther als ältestes Kind geboren wird. Wie der Vater naturwissenschaftlich begabt, studiert er in Berlin und Straßburg Physik, Chemie und Philosophie und promoviert 1889 mit einer Arbeit über die „Absorption des Lichtes durch die Metalle“. Äußerst talentiert als Maler, dichterisch hochbegabt — er schreibt während seines Aufenthaltes in Straßburg ein Drama — entschließt er sich doch, Techniker wie der Vater zu werden. Ihn interessiert das neue Gebiet der Elektrochemie. Nach weiteren Studien in München tritt er bei der Aluminium-Industrie A.G. in Neuhausen in der Schweiz ein, an der die AEG interessiert ist. Er erfindet dort ein Verfahren, — J43 — um durch Elektrolyse Chlor zu gewinnen und wird 1893 Direktor der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen in Bitterfeld, die seine Erfindungen ausbeuten soll. Viele Reisen führen ihn durch Europa. In den verschiedensten Ländern baut er ähnliche Unternehmungen. 1899 tritt er in den Vorstand der AEG ein und leitet dort die Abteilung für den Bau von Elektrizitätszentralen. Zur Ausführung dieser Bauten reist er wiederum viel, diesmal auch nach Amerika und Rußland. Als es ihm nicht gelingt, im Jahre 1902 die Verschmelzung des Schuckertwerkes mit der AEG durchzusetzen, verläßt er Direktorium und tritt als persönlich haftender Gesellschafter in den Vorstand der Berliner Handelsgesellschaft ein. Aber durch seine Stellung als Mitglied des Verwaltungsrats der Züricher Elektrobank bleibt er der AEG verbunden. Er ist es, der die großen Konzentrationen fördert, die die AEG jetzt durchführt. Im Jahre 1907 und 1908 begleitet er den damaligen Staatssekretär Dr. Bernhard Dernburg nach Afrika. Nach der zweiten afrikanischen Reise stellt er sich wieder in den Dienst der AEG. Jetzt berufen ihn auch viele andere Unternehmungen. Im Laufe der Jahre sind es, wie Kessler berichtet, sechsundachtzig deutsche und einundzwanzig ausländische Werke, denen er angehört, Unternehmungen der Elektrizi- täts-, der Metall-, der Glas-, der Kali- und der Automobilindustrie, chemische Werke, Bergbauunternehmungen, Banken und Bahnen. Nach dem Tode Emil Rathenaus tritt Walther Rathenau unter der Bezeichnung Präsident an die Spitze des Aufsichtsrats der AEG mit besonderen Vollmachten. Er bleibt auf diesem Posten, bis an ihn der Ruf des Reichs ergeht, und hat so Gelegenheit, neben den anderen bewährten Mitarbeitern seines Vaters, den Elektrizitätskonzern ungefährdet durch die Wirren des Krieges zu leiten. Eine kurze Episode in Walther Rathenaus wirtschaftlichem Wirken in öffentlichem Dienst bedeutet seine Tätigkeit als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung. „Drei Tage nach der englischen Kriegserklärung“, so erzählt er selbst, „trug ich die Ungewißheit unserer Lage nicht länger; ich ließ mich melden bei dem Chef des Allgemeinen Kriegsdepartements. Ihm legte ich dar, daß unser Land vermutlich nur auf eine beschränkte Reihe — 144 — von Monaten mit den unentbehrlichsten Stoffen der Kriegswirtschaft versorgt sein könne. Die Kriegsdauer schätzte er nicht geringer ein als ich selbst und so mußte ich an ihn die Frage richten: Was ist geschehen, was kann geschehen, um die Gefahr der Erwürgung von Deutschland abzuwenden?“ Der Kriegsminister läßt sich von Rathenau überzeugen. In wenigen Tagen organisiert er zunächst in kleinstem Umfang die Kriegsrohstoffabteilung als eine neue Abteilung des Kriegsministeriums, der besondere Befugnisse übertragen werden. Sie erhält das Recht die erforderlichen Rohstoffe im Lande mit Beschlag zu belegen und für Zwecke der Kriegswirtschaft gegen ein Entgelt zu erwerben. Zur Unterstützung dieser amtlichen Organisation werden besondere Aktiengesellschaften, die Kriegsgesellschaften, zuerst die Kriegsmetall-Aktiengesellschaft, gegründet, denen besondere Kommissare als Beauftragte des Kriegsministeriums vorstehen, und in deren Vorstand man erste Fachleute beruft. So gelingt es, den Bedarf an Metallen, an Chemikalien, an Textilien, an Lebensmitteln usw. sicherzustellen und durch besondere Vorkehrungen den Export nach dem neutralen Ausland so zu gestalten, daß für die ausgeführten Fabrikate eine bestimmte Menge der in ihnen verarbeiteten Rohstoffe als Kompensation wieder eingeführt werden muß. Der freie Handel hat aufgehört. Eine planmäßige Wirtschaft ist entstanden. Walther Rathenau ist zum Herrn über die deutsche Wirtschaft geworden. Aber schon am I. April 1915» nachdem er die Grundzüge dieser Organisation geschaffen, verläßt er verärgert dieses Feld seiner Tätigkeit, durch die allein er es Deutschland ermöglicht hat, den Krieg vier Jahre hindurch zu führen. Als ihn Reichskanzler Wirth zunächst als Wiederaufbauminister in sein Kabinett beruft, als er in dieser Eigenschaft versucht, den Aufbau im Innern zu organisieren und eine Lösung für das Reparationsproblem zu finden, als er dann in schwierigster Zeit auf den exponierten Posten des deutschen Außenministers gestellt wird, steigt der Wirtschaftsführer zum Staatsmann auf (vgl. Rudolf Schay: Juden in der deutschen Politik, Welt-Verlag, Berlin 1929). Zwiespältig wie das Wesen des genialen Vaters ist der Charak- — 145 — ter des genialen Sohnes. Der Großindustrielle Walther Rathenau, der immer neue Kombinationen schafft, der aus Gründen der Rationalisierung Werke zusammenschweißt, um so den Ausleseprozeß bis zur Vollendung zu führen, klagt die Zeit an, daß sie der Mechanisierung verfallen sei und dem Menschen die Seele raube. Denn Mechanisierung ist ihm „die Zusammenfassung der Welt zu einer unbewußten Zwangsorganisation, zu einer lückenlosen Gemeinschaft der Produktion und Wirtschaft“. In dieser Zwangsanstalt verkommt die Seele. Die Mechanisierung, bedingt durch die starke Vermehrung der Bevölkerung, bewirkt eine völlige Umwälzung unseres politischen, geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Sie führt auch zu neuen Arbeitsmethoden: „Mit Ausnahme der wenigen freien Berufe, deren Wesen ungeteilt und Selbstzweck ist, der künstlerischen, wissenschaftlichen und sonstigen schöpferisch gestaltenden Arbeit ist der mechanisierte Beruf Teilwerk“. So fordert derWirtschaftsführer alsW irtschaftsphilosoph eine Umgestaltung der Wirtschaft, an der er selbst mitwirkt. Die gebundene Wirtschaft des Krieges versucht er durch die Planwirtschaft der Nachkriegszeit gemeinsam mit Wissell und von Möllendorff zu vollenden. Rathenau ist kein Sozialist in sozialdemokratischem Sinne. „Dieses Buch“, sagt er in seinem tiefsten Werk „Von kommenden Dingen“, „trifft den dogmatischen Sozialismus ins Herz. Denn er erwächst aus materiellem Wissen; in seinem Mittelpunkt steht die Teilung irdischer Güter, sein Ziel ist eine staatlich-wirtschaftliche Ordnung . . . sein Weg führt von der Erde zur Erde, sein tiefster Glaube ist Empörung, seine stärkste Kraft ist gemeinsamer Haß und seine letzte Hoffnung ist irdisches Wohlbefinden.“ Rathenau will den Alleinbesitz der Bildung und die Verewigung des Erbrechts beseitigen. Er fordert die organische Wirtschaft als freie Selbstverwaltung ähnlich der Verwaltung der Städte. In seiner neuen Wirtschaft soll es eine „klassenlose Gesellschaft, kein Proletariat, keine erbliche Unterdrückung, keine von Geburt an bevorzugte Herrenkaste“ geben. Die Neuordnung der Wirtschaft dürfe man nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Der Staat müsse durch seine Gesetzgebung eingreifen. In dem von Not befreiten Pro- io ZieJeiuiger — 146 — letarier würden „die Schaffensfreude, die Liebe zu seinem Werk, das Gefühl der Solidarität“ als Antrieb wirken. So werde der Wille zur Macht und der Wille zur Verantwortung die wahren Führernaturen auch in der neuen Wirtschaft nach oben bringen. Schon jetzt sieht Rathenau in den großen Unternehmungen eine „Entpersönlichung des Eigentums“. Unternehmer sein bedeutet deshalb für ihn eine besondere Verantwortung tragen. Die Großunternehmung ist daher nicht mehr nur ein Gebilde privatrechtlicher Interessen. „Sie ist vielmehr, sowohl einzeln wie in ihrer Gesamtzahl ein nationalwirtschaftlicher der Gesamtheit angehörender Faktor, der zwar aus seiner Herkunft, zu Recht oder zu Unrecht, noch die privatrechtlichen Züge des reinen Erwerbsunternehmens trägt, während er längst und in steigendem Maße öffentlichen Interessen dienstbar geworden ist.“ Die Kugeln der Mörder, die am 24. Juni 1922 Walther Rathenau meuchlings niederstrecken, treffen den Mann, der um Deutschlands Weltgeltung kämpft, nicht den Apostel einer neuen Wirtschaftsepoche. CARL FÜRSTENBERG I n der Zeit der Inflation führt ein Berliner Bankier einen fremden Kollegen durch Berlins Bankenviertel. Dem auswärtigen Gast fällt auf diesem Spaziergang besonders der himmelstürmende Neubau einer Großbank auf. Viele Banken haben in dieser Zeit Stockwerk auf Stockwerk getürmt. Ironisch fragt der Fremde den Berliner, ob in diesem Palast vielleicht die vielen Billionen der Inflation untergebracht werden sollen. „Sie haben recht“, erwidert der Berliner, „und die Nullen dieser Bank werden sich in der ersten Etage befinden.“ Der Berliner Bankier ist niemand anders als Carl Fürstenberg. Selbst wenn diese Geschichte erfunden sein sollte, wäre sie für Fürstenberg charakteristisch. Bezeichnend für das Wesen dieses eigenartigen Mannes. Sein Sarkasmus, seine Schlagfertigkeit, sein Scharfsinn sind die Veranlassung zu einer Unzahl von Anekdoten und Witzen, die über ihn kursieren, und die ihm zugeschrieben werden. Wenn sie auch nicht alle von Fürstenberg selbst stammen, oder wenn sie nicht sämtlich wahr sind, sie sind in ihrer Art typische Fürstenbergiana. Sie legen Zeugnis ab von diesem Bankgewaltigen, der auch heute mit seinen achtzig Jahren einen Typus für sich verkörpert, die Menge der Bankdirektoren als ein ganz Origineller bei weitem überragend. Diese Scherze spiegeln aber noch einen Zug seines Wesens wieder: seine Menschenverachtung und das Gefühl seiner Überlegenheit; Charaktereigenschaften, die Fürstenberg nicht nur Freunde während seines langen Wirkens beschert haben. Wenn man von Fürstenberg erzählt, er habe behauptet, in der Bilanz seiner Gesellschaft sei nur die Überschrift und die Unter- IO* — 148 — Schrift richtig, wenn man berichtet, er habe den Begriff der Dividende dahin definiert: „Dividende ist der Teil des Gewinns, den man beim besten Willen nicht mehr verstecken kann“, dann tragen alle diese Witze eine bestimmte Note: ein gewisses Spielen mit den Menschen, aber nicht aus einer diabolischen Freude an diesem Spiel selbst, sondern getragen von einem starken Pflichtgefühl und dem unerschütterlichen Glauben an das eigene Werk, das zur Distanz gegenüber vielen Unberufenen zwingt. Denn seinen Mitarbeitern ist er stets ein vorbildlicher Chef gewesen. Der Bau, den Fürstenberg errichtet, steht in der deutschen Wirtschaftsgeschichte einzig da. Individualist durch und durch, hält er an seinem Prinzip allen Gefahren, allen Angriffen zum Trotz mit einer an Eigensinn gemahnenden Unbeugsamkeit fast ein halbes Jahrhundert fest. Die Bank soll den Charakter, den er ihr gegeben hat, unverändert wahren und hat ihn gewahrt. Fürstenberg ist also absolut konservativ. Er will nicht kopieren, verzichtet aber auch gern auf Nachahmer. So kann man ihn als den letzten großen Privatbankier vom alten Schlage ansehen, wie auch die „Berliner Handelsgesellschaft“ allein eine Kontokorrentbank größten Umfangs darstellt. Interessant ist das Urteil, das ein großes englisches Finanzblatt, die „Financial Times“ in London (im November 1928), über Fürstenberg gefällt hat: „Ein großer Bankier, ohne Zweifel der größte, den Deutschland hervorgebracht hat. Alle hervorragenden Eigenschaften seiner Rasse sind in Fürstenberg vereint: schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit, jedem noch so komplizierten Problem auf den Grund zu gehen. Dazu ist er berühmt, für sein Talent, die schwierigsten Fragen auf ihre Grundformel zu bringen.“ Carl Fürstenberg wird am 28. August 1850 zu Danzig geboren. Sein Vater ist dort Bernsteinhändler. Die Entwicklung der deutschen Bernsteinindustrie, die für West- und Ostpreußen große Bedeutung erlangt, ist auch das Werk eines Danziger Juden, des späteren Geheimen Kommerzienrates Moritz Becker (geboren 1. Mai 1830, gestorben 26. August 1901), der als erster den regelmäßigen bergmännischen Bernsteinabbau in Palmnicken organisierte, hier auch eine Fabrik zur Gewinnung des Bernsteinkollophiums errichtete und Ende der achtziger Jahre — 149 — in Ostpreußen das größte industrielle Unternehmen besaß. Der Bernsteinhandel hatte auch den alten Fürstenberg zu einem wohlhabenden Mann gemacht, der viel Wert auf eine besonders gute Erziehung seiner Kinder legt. Erst sechzehnjährig tritt Carl Fürstenberg als Lehrling in das Bankhaus R. Damm in Danzig ein, wo er eine gründliche banktechnische Ausbildung erhält. Auch sein älterer Bruder ist bei Damm tätig und wird dort später Prokurist. Aber Carl Fürstenberg ist der Gesichtskreis Danzigs zu eng. Er stellt sich höhere Aufgaben, als sie von dem Angestellten eines angesehenen Provinzbankhauses zu erfüllen sind. Für ihn gibt es deshalb nur ein Ziel: Berlin, das als neue Reichshauptstadt ihm ganz andere Möglichkeiten des Fortkommens zu bieten scheint. Gegen den Willen des Vaters, der dem jungen Kommis eine Ohrfeige verabfolgt, reist Fürstenberg nach Berlin. Aber für seine Geburtsstadt bezeugt er stets Anhänglichkeit. Danzig verdankt ihm die Schenkung des Grundstücks Brotbänkengasse 36 und die Stiftung eines namhaften Kapitals zur Erhaltung und Restaurierung des historischen Rep- hagenhauses. Als Mitglied des Verwaltungsrats der Danziger Privataktienbank nimmt er auch an der Wirtschaft der alten Hansestadt lebhaften Anteil. In Berlin tritt Carl Fürstenberg zunächst bei dem großen Textilhandelshaus Gebr. Simon ein, das jahrzehntelang die erste Rolle im deutschen Baumwollhandel spielt, und dem die beiden Kunstmäzene, der 1929 tragisch gestorbene Geheime Kommerzienrat Dr. Eduard Simon und sein Vetter, Dr. James Simon, entstammen, und das erst vor wenigen Jahren den Stürmen der Nachkriegsentwicklung zum Opfer fiel. Aber Fürstenberg ist Bankmann. So bleibt er hier nicht lange, sondern tritt nach einer kurzen Tätigkeit bei der Disconto-Gesellschaft bereits 1871 bei S. Bleichröder ein, in demselben Jahre, in dem der Chef dieses Hauses als Unterhändler Deutschlands bei den finanziellen Friedensverhandlungen mit Frankreich der erste Bankier Deutschlands geworden ist. Fürstenberg arbeitet zunächst unter Julius Schwabach. Er wird bald Disponent und scheint die besten Aussichten für einen weiteren Aufstieg zu besitzen. Denn Bleichröder beauftragt ihn mit der Bearbeitung der aktuellen — 150 — Fragen der Verstaatlichung der preußischen Eisenbahnen, die der Vertrauensmann Bismarcks energisch vorbereitet. Fürstenberg führt die erforderlichen Transaktionen an der Börse durch. So erwirbt er sich das besondere Vertrauen seines Chefs und wird von ihm mehrfach zu Spezialverhandlungen mit den Häusern Rothschild nach Wien und Paris entsandt. Große Anleiheprojekte führen ihn auch nach Petersburg, Budapest und in andere europäische Hauptstädte. Gerson Bleichröder ernennt ihn in Anerkennung seiner Dienste zum Prokuristen. Mit seinem Chef teilt er die Verehrung für Bismarck. In Begleitung Bleichröders hat er vielfach Gelegenheit, an vertraulichen Verhandlungen mit dem großen Kanzler teilzunehmen. Im Jahre 1883 ergeht an ihn der Ruf, der schicksalsbestimmend für ihn wird: die Reorganisation der Berliner Handelsgesellschaft zu übernehmen. Nach dem Muster der Disconto-Gesellschaft hatten 1856 die führenden Berliner Banken Mendelssohn & Co., S. Bleichröder, R. Warschauer & Co. und Gebr. Schickler die „Berliner Handelsgesellschaft“ gegründet, die ein Kreditinstitut für die Industrie und das Gewerbe werden sollte, während sich die Gründerfirmen im allgemeinen vornehm von diesen Geschäften zurückhielten. Persönlich haftende Geschäftsinhaber wurden Geheimer Kommerzienrat Conrad und Bankier Gelpcke. Dieses angesehene Institut hatte in den siebziger Jahren sehr stark an Renommee eingebüßt und unter seinen letzten Direktoren große Verluste erlitten. Der Chefredakteur des „Berliner Börsen-Couriers“ Robert Davidsohn — heute berühmt als Historiker von Florenz — von Haus aus selbst Bankmann, ist es, der Fürstenbergs Begabung erkennt und ihn als Reorganisator der Handelsgesellschaft vorschlägt. Die Verhandlungen führen zu dem Ziel, daß der junge, erst dreiunddreißigjährige Carl Fürstenberg die Berufung annimmt. Gemeinsam mit seinen längst verstorbenen Kollegen Winterfeld und Rosenberg geht er ans Werk, und es gelingt ihm, aus der Handelsgesellschaft eine Bank der Banken zu machen. Seit 1902 ist Fürstenberg Seniorgeschäftsinhaber des Unternehmens. Unter Fürstenbergs Leitung wird die Handelsgesellschaft das Kreditinstitut der deutschen Industrie. Ihre Entwicklung wäre — i5i — undenkbar ohne das Eingreifen und ohne die Initiative Fürstenbergs. Die Bauten der großen Werke, ihre wachsende Arbeiterzahl, ihre gesteigerten Produktions- und Absatzziffern geben ein deutliches Spiegelbild des industriellen Aufstiegs. Die Leistung des Finanzmannes aber, der durch die Kreditbeschaffung oft erst diese Entwicklung ermöglicht hat, hält sich meist bescheiden im Hintergrund. Hier liegt die Bedeutung Carl Fürstenbergs. Dieser jüdische Bankier ist es in vielen Fällen gewesen, der zahlreichen Unternehmungen erst die Wege zu ihrem Emporsteigen geebnet hat. In der Handelsgesellschaft sammeln sich die Aktienpakete der größten Werke des Kohlenbergbaus, der Eisenindustrie und vieler anderer Wirtschaftszweige an. Fürstenberg hätte die Möglichkeit gehabt, sich zu ihrem Beherrscher aufzuschwingen, hätte schon vor dem Kriege Truste aufbauen können. Er kennt diesen Ehrgeiz nicht. Wie im Rheinland und Westfalen an dem Aufbau der Rombacher Hüttenwerke, der Rheinischen Stahlwerke, der Harpener Bergbau-Gesellschaft, des Bochumer Vereins, ist er in Oberschlesien an der Entwicklung der Oberschlesischen Kokswerke, der Oberschlesischen Eisenindustrie, der Bismarckhütte, ebenso an dem Aufstieg der deutschen Maschinenindustrie, an den Firmen Julius Pintsch-Berlin, Schwartzkopff-Berlin, Körting- Hannover, der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau-Aktiengesellschaft, am Stettiner Vulcan, dann an Werken der chemischen Industrie, so Riebeck-Montan und den Rütgerswerken, aufs stärkste beteiligt. Kurz nach Begründung der AEG 1888 wird Fürstenberg Mitglied ihres Aufsichtsrats, dessen Vorsitz er nach Georg von Siemens’Ausscheiden übernimmt. In engster Freundschaft mit Emil Rathenau verbunden, hat er größten Anteil an dem Aufschwung dieses Elektrokonzerns. Walther Rathenau ist eine Zeitlang Geschäftsinhaber der Handelsgesellschaft, Emil Rathenau ihr Aufsichtsratsvorsitzender, beides Zeichen für die enge Verbundenheit der beiden Gesellschaften. Durch seine Beziehungen zu dem Lenz-Konzern wird Fürstenberg auch ein Förderer des Bahnbaues in den Kolonien, wie er sich auch für die koloniale Diamantenregie interessiert. Jahrelang bekleidet Fürstenberg die meisten Aufsichtsrats- — 152 — mandate, die ein Mann der deutschen Wirtschaf t überhaupt besitzt. Ende 192g sind es noch fünfzig Aufsichtsratsposten, die er innehat. Aber für ihn ist das Amt eines Aufsichtsratsmitgliedes keine Sinekure. Er führt die Tantieme den Kassen seiner Gesellschaft zu und verlangt dies auch von seinen Kollegen. Als Aufsichtsratsvorsitzender wird er zum Mitleiter all der Werke, deren Verwaltung er beaufsichtigen soll. Daß er in dieser Tätigkeit den größten Einfluß auf die Bewegung an den deutschen Börsen gewinnt, ist einleuchtend, ebenso daß auch ihm nicht alles glückt, und auch er manchen schweren Verlust überwinden muß. So trennt sich Fürstenberg von dem sogenannten Fürsten- Konzern, der Interessenverwaltung der Fürsten Fürstenberg und Hohenlohe, als er dessen Geschäfte nicht mehr gutheißen kann. In diesem Zusammenhang erregt sein Konflikt mit dem Kohlenindustriellen Fritz von Friedlaender-Fuld großes Aufsehen, der sich zu einem Duell zwischen der Handelsgesellschaft und der Deutschen Bank ausgestaltet. Die Handelsvereinigung, die Verwaltungsgruppe des Fürsten-Konzerns, geht hierbei in den Machtbereich der Deutschen Bank über. Auch die Hohenlohe- Werke, die seinerzeit unter Friedlaenders und Fürstenbergs Mitwirken in eine Aktiengesellschaft umgewandelt waren, trennen sich von der Handelsgesellschaft, so daß Fürstenberg seinen Austritt aus dem Aufsichtsrat erklären muß. Ebenso wandert der Friedlaender-Konzern aus dem Lager der Handelsgesellschaft in das der Deutschen Bank ab. Diese Operationen führen natürlich zu scharfen Angriffen gegen Fürstenbergs oft recht eigenmächtige Politik. Aber diese Rückschläge können seine Verdienste nicht mindern. Sehr treffend wird seine Leistung in einem Artikel der „Berliner Börsen-Zeitung“ charakterisiert (August 1920): „Wer daher eine Geschichte der deutschen Großindustrie schreiben wollte, würde neben den berühmten Namen der Montanindustrie, der Maschinenindustrie, der Elektrizitätsindustrie und mancher anderer Industriezweige immer wieder den Fürstenbergs nennen müssen, um verständlich zu machen, wie der Leiter der Berliner Handelsgesellschaft die finanziellen Wege zu immer neuen Entwicklungsphasen der großen Werke zu ebnen verstand. Er bildete die Mittelsperson zwischen Kapital und Unternehmer- — 153 — tum, und sein Auge wachte stets darüber, daß die industriellen Werke auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit blieben.“ Auch in das Ausland greifen diese Interessen Fürstenbergs hinüber. Er stellt so die Beziehungen zwischen der deutschen und der ausländischen Industrie her. Er sitzt im Aufsichtsrat der Österreichischen Alpinen Montan-Gesellschaft, der Prager Eisenindustrie, der zum AEG-Konzern gehörenden Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich. Die serbischen Anleihen führt er an den deutschen Börsen ein, ist auch sonst an anderen großen ausländischen Anleihe-Emissionen beteiligt. Für die Betätigung des Staates als Unternehmer hat er wenig übrig. So gehört er zu den schärfsten Gegnern des Planes, die Hibernia- Aktien für den preußischen Fiskus zu erwerben. Dabei bleibt er stets seinem Prinzip der strengsten Konzentration treu. Er will der Handelsgesellschaft den Charakter als Emissionsbank erhalten und sie nicht in eine Depositenbank umwandeln. Als die anderen Großbanken in immer stärkerem Expansionstrieb das System der Depositenkassen ausbauen, lehnt er diese „Loeser & Wolff-Methode“ strikt ab. Ebenso will er auch von der Fusion mit anderen Banken nichts wissen. Dagegen umgibt er seine Bank mit einem Netz von Trabanten im ganzen Reich. Er macht die Handelsgesellschaft zu der Berliner Bank führender Provinzbanken und sichert sich so draußen im Land seinen Einfluß. Auch in der Inflation schwimmt Fürstenberg gegen den Strom. Er will nicht so wie die anderen. „Seine Zurückhaltung und seine von ihm selbst manchmal zu scharf betonte Müdigkeit der Inflationszeit rührten nicht so sehr daher, daß er die Inflationszeit nicht begriff, sondern daß er sie nicht begreifen wollte. Seine Natur war dazu viel zu solide, seine Tradition zu ehrlich und zu gefestigt.“ (Felix Pinner im „Berliner Tageblatt“, August 1925). Als ein ausländischer Spekulant Cyprut während der Inflation täglich zum Erstaunen der Börse Anteile der Handelsgesellschaft aufkauft, bis er über 35% der Aktien verfügt, um sie dann an Hugo Stinnes weiterzuverkaufen, ist es Fürstenberg allein, der diesen Einbruch in seine Gesellschaft verschuldet. Er selbst gibt Cyprut in dem ihm eigenen Trotz den Rat, das Aktienpaket Stinnes anzubieten. Aber er kann sich nach einiger — 154 — Zeit geschickt der Überfremdung entziehen. Trotz aller Zurückhaltung, die Fürstenberg übt, erleidet auch die Handelsgesellschaft unter der Inflation eine Schwächung ihres Einflusses, besonders veranlaßt durch die Beschlagnahme ihres großen Besitzes an amerikanischen Eisenbahn werten. Fürstenberg hat während dieser ganzen Zeit eine Erhöhung des Aktienkapitals seiner Bank vermieden, ist aber gezwungen, es nach der Inflation im Verhältnis von 5:1 zusammenzulegen, also von 110 auf 22 Millionen, herabzusetzen. Inzwischen konnte es aber wieder auf 28 Millionen erhöht werden. Fürstenberg gelingt es, in verhältnismäßig kurzer Zeit der Handelsgesellschaft wieder einen großen Teil ihrer Machtsphäre zurückzugewinnen. Ihre Aktien gehören dem Kurs nach zu den ersten Bankpapieren der Berliner Börse, an der sie wieder seit langem als großer Geldgeber auftritt. Am 1. Januar i93ohat Fürstenberg nach sechsundvierzigjähriger Tätigkeit das Amt des ersten Geschäftsinhabers mit dem eines Vorsitzenden des Verw'altungsrats seiner Bank vertauscht. In seinem Sohn Hans Fürstenberg hat er sich einen Nachfolger herangebildet, der die Berliner Handelsgesellschaft in seinem Geiste weiterführen wird. Aber Fürstenberg hat sich in seiner schönen Villa in der Königsallee im Grunewald, in der er seit 1898 wohnt — hier sieht er oft führende Künstler bei sich, denn zahlreiche Maler, so vor allem Leistikow, verdanken ihm ihren Aufstieg —, noch nicht zur Ruhe gesetzt. Seine Mußestunden benutzt er, um seine Memoiren zu diktieren. Von den Jahren ungeschwächt, verfolgt er mit lebhafter Anteilnahme und größter Aktivität die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Fürstenberg war stets allem äußeren Glanz abhold. Wie er außer seinen Aufsichtsratsmandaten niemals ein anderes Amt ausgeübt hat, so hat er alle öffentlichen Ehrungen immer abgelehnt. Typisch für ihn ist deshalb die Erzählung, er habe dem Oberhofmarschall der Kaiserin, Freiherrn von Mirbach, der mehrfach in ihn gedrungen sei, sich wegen seiner vielen wohltätigen Stiftungen, u. a. auch für religiöse Zwecke, einen Titel zu erbitten, schließlich vorgeschlagen, ihn dann wenigstens zum „Konsistorialrat“ ernennen zu lassen. EDUARD ARNHOLD m Rhein und der Ruhr, an der Sieg und der Saar, in den westlichen Zentren der deutschen Montanindustrie, sind Kohlenzechen und Eisenwerke ohne jüdische Mitwirkung entstanden Die Krupp und Kirdorf, die Stumm und Stinnes, die Thyssen und Röchling sind protestantischen oder katholischen Ursprungs. Anders im Osten. In Oberschlesien verdanken Kohlenbergbau und Eisenindustrie hauptsächlich jüdischer Initiative ihre Entstehung. Ohne die Caros, die Huldschinskys, die Kerns und Friedlaenders ist das zweite Revier an der Oder nicht denkbar. Aber die Natur hat den rheinisch-westfälischen Bezirk besonders reich ausgestattet. Kohle und Erz liegen hier dicht beieinander. Der Rhein mit seinen vielen schiffbaren Nebenflüssen bildet die natürliche Straße zu und von den Werken. Um das Schwerindustriegebiet lagert sich ein weites Hinterland mit einer zahlreichen und vielfältigen Verfeinerungsindustrie, die auf die Erzeugnisse dieser Hütten und Zechen angewiesen ist. Anders dagegen in Oberschlesien. Hier entwickelt sich die Schwerindustrie in der südöstlichsten Ecke des Reichs. Sie hat Polen und Rußland auf der einen, Böhmen und Österreich auf der andern Seite als Nachbarn. Die Oder, im Oberlauf damals noch nicht schiffbar, führt zumeist durch rein agrarische Gebiete, die kein Interesse an den Produkten der oberschlesischen Werke besitzen. Hier gilt es erst, neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen, um die jungen Unternehmungen lebensfähig zu erhalten. Jüdische Männer sind es, die nicht nur die Industrie selbst entwickeln, sie werden auch die Pioniere Oberschlesiens. Sie schaffen die Verbindung zwischen diesem öst- — 156 — liehen Industriegebiet und Berlin. Die zunehmende Industrialisierung der Reichshauptstadt geht parallel mit dem Bezug der oberschlesischen Kohle und des oberschlesischen Eisens. Die Eroberung des Berliner Marktes durch die oberschlesische bewirkt die Verdrängung der englischen Kohle. So handeln die Vorkämpfer Oberschlesiens auch im Interesse der nationalen Wirtschaft. Emanuel Friedlaender, ein Nachkomme David Friedlaenders in Beuthen und ein Verwandter von Moritz und Otto Friedlaender, die zu den ersten Hüttengründern Oberschlesiens zählen, ist es, der als erster die oberschlesische Kohle in Berlin einführt. Die stark verschuldete Firma Emanuel Friedlaender & Co. übernimmt 1880 der einzige, erst zweiundzwanzig- jährige Sohn Fritz Friedlaender (geb. 30. August 1858). Er baut sie zu einer der größten Kohlenhandlungen Deutschlands aus. Als Schöpfer der Oberschlesischen Kokswerke, der Braunkohlen- und Brikettindustrie A.-G., der Silesia Neue Oppelner Portland-Zement A.-G. wird Friedlaender auch einer der führenden oberschlesischen Industriellen, der im Rybniker Gebiet selbst den Kohlenbergbau betreibt und so den Großhandel mit der Eigenproduktion verbindet. Kaufmännisch hoch- begabt, vielseitig interessiert, gelingt es ihm, in Berlin schnell großen Einfluß zu gewinnen. Sein Palais am Pariser Platz wird vor dem Kriege zu einem Mittelpunkt der Berliner Gesellschaft. Als ihm der Kaiser 1906 unter der Bezeichnung von Friedlaender- Fuld den erblichen Adel verleiht, ist er nicht mehr Jude. Friedlaender stirbt verhältnismäßig jung am 16. Juli 1917. Vertreter des Hauses Emanuel Friedlaender & Co.Jist ursprünglich die Anfang der fünfziger Jahre gegründete Firma Caesar Wollheim. Nur kurze Zeit bleiben die beiden Firmen miteinander verbunden. Dann führt CaesarWollheim allein die Einfuhr oberschlesischer Kohle nach Berlin durch. Da sein Haus sich in Berlin selbst befindet, kann er hier besser als von Gleiwitz aus den oberschlesischen Kohlen den Weg zu den Berliner Fabriken und zum Hausverbrauch bahnen. Aus dem Revier fahren alljährlich zahlreiche Kähne die Oder abwärts bis zur Spree, um die Kohle nach Berlin zu bringen. Da das Eisenbahnnetz noch nicht — 157 — die genügende Ausdehnung besitzt, ist die Wasserstraße der Hauptweg, auf dem die schlesischen Bodenschätze den Berliner Markt erreichen. Jahrelang erhält die Firma Caesar Wollheim auf diese Weise ihre Kohlenzufuhren. Meist lagern die Kähne an dergleichen Stelle. Landung, Löschung, alles vollzieht sich in gewohnter Regelmäßigkeit. Seit Jahren vertraut Caesar Wollheim auf die Zuverlässigkeit seiner Schiffer. Ein Zufall zeigt, daß man ihn seit langem betrügt. Eines Tages entsendet er einen seiner jüngsten Angestellten zur Abnahme der Kohlenschiffe. Der prüft die Kähne, nicht nur oberflächlich, wie es sonst geschieht, sondern unterzieht sie einer eingehenden Revision. Es fällt ihm auf, wie hohl der Boden eines Kahnes klingt. Eine genaue Untersuchung zeigt, daß die Schiffer in einem besonderen Raum große Kohlenmengen verstecken, um sie direkt zu verkaufen. Der junge Angestellte, der diesen Betrug entdeckt, heißt Eduard Arnhold. Erst kurze Zeit in der Firma Caesar Wollheim tätig, gewinnt er durch diese Tat schnell das Vertrauen seines Chefs. Schon mit achtzehn Jahren ist er die Seele der Firma. Er erledigt selbst große Geschäfte und erstattet dem häufig verreisten Inhaber die üblichen Berichte. Bereits mit zweiundzwanzig Jahren wird er Prokurist, am I. Januar 1875 erst sechsundzwanzigjährig Teilhaber der Firma, die er nach dem Tode des Kommerzienrats Caesar Wollheim 1882 als alleiniger Chef übernimmt und sie zu einem Welthaus ausgestaltet. 1881 hatte er Johanna Arnthal aus Hamburg geheiratet. Da die Ehe kinderlos bleibt, adoptiert Arnhold ein Mädchen, das später die Gattin des Chemieindustriellen Dr. Kunheim und nach dessen Tode die des Kammersängers Carl Clewing wird. Wenn auch durch Arnholds Vorgänger die Wege von Oberschlesien nach Berlin gebahnt waren, erst ihm gelingt es, sie auszubauen und zu befestigen. Er schließt Jahresverträge mit den Gruben, sichert sich so eine bestimmte Produktion und eine bestimmte Qualität, aber er garantiert auf diese Weise den Werken auch ihren Absatz. Arnhold versteht es, der oberschlesischen Kohle immer neue Abnehmer zu gewinnen. In Oberschlesien wird der Bau von Gasanstalten gefördert. Über hundert Gaswerke werden in schlesischen und anderen ostdeutschen Gemeinden allmählich - 158 - mit auf seine Initiative errichtet. Arnhold beteiligt sich auch an dem Bau der Gasanstalt in Lodz. Zur Finanzierung dieser Projekte gründet er noch 1923 die Gas- und Kraftwerke A.-G. als eine Art Dachgesellschaft. Seit 1881 ist er an der A.-G. für Kohlendestillation in Balmke bei Gelsenkirchen beteiligt und gehört deren Aufsichtsrat an. Die gleichen Interessen führen ihn auch zur Beteiligung an der Berlin-Anhaltischen Maschinen-Bau-A.-G. in Dessau, deren Aufgabe es wird, die technische Ausgestaltung der Gaserzeugung und -Verwendung zu pflegen. Seit 1900 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der BAMAG. Wie Emil Rathenau entdeckt auf seinem Gebiete auch Eduard Arnhold das Geheimnis der Erweckung des Bedarfs. Indem er den Konsum anzuregen versteht, schafft er die Grundlagen für die Produktion. Man kannte wohl den Weinreisenden, den Vertreter von Tuch- und Konfektionsfirmen, der seine Abnehmer aufsucht. Arnhold ist der erste, der regelmäßig durch Vertreter neue Kohlenkunden werben läßt. Der Großhändler wird so für den Produzenten immer unentbehrlicher, immer stärker sein Einfluß auf die Produktion selbst. Nach dem Vorbild des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats wird auf seine Anregung am 1. April 1890 und unter der tatkräftigen Mitwirkung Fritz Friedlaenders die Vereinigung der oberschlesischen Kohlenproduzenten geschaffen, die gewisse Preisabreden mit sich bringt. Erst die am 1. Oktober 1898 gegründete Oberschlesische Kohlenkonvention führt zu einem festgeschlossenen Kartell, das mit den Firmen Caesar Wollheim und Emanuel Friedlaender & Co. langjährige Verträge schließt. Arnhold gelingt im gleichen Jahre eine Verständigung zwischen den Oberschlesiern und dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat über die Belieferung des stark umstrittenen Berliner Marktes. Oberschlesien, das 1889 erst ca. 15 Millionen t Kohle fördert, kann bis zum Weltkrieg seine Produktion verdreifachen. Ohne die Tätigkeit Arnholds wäre diese Leistungssteigerung in einem Vierteljahrhundert unmöglich gewesen. Sowohl in einer Schrift „Zur Kohlenfrage“, die 1900 anonym vom Oberschlesischen Berg- und Hüttenmännischen Verein herausgegeben wird, wie während der Beratungen der Kartell-Enquete 1903, der 159 — Arnhold angehört, verwahrt er sich entschieden gegen den Vorwurf, daß das Syndikat und der Kohlengroßhandel die Kohlenpreise verteure. „Es ist ganz natürlich“, so erklärt er, „und wir haben die gleichen Erfahrungen 1873 und 1890/91 gemacht, daß der Kohlenmarkt noch immer eine große Festigkeit bewahrt, wenn die Preise der Industrieerzeugnisse sich längst in absteigender Linie bewegen.“ Arnhold ist sich seiner Mission wohl bewußt. Er weiß, wie sehr die Existenz der oberschlesischen Werke, auch der des Preußischen Staates, von dem Mitwirken des Großhandels abhängt. Als am 24. Januar 1901 der preußische Handelsminister Brefeld im Abgeordnetenhaus die Unterhaltung des Geschäftsverkehrs der staatlichen Gruben mit dem Großhandel als „ein notwendiges Übel“ bezeichnet, schreibt ihm Arnhold bereits am nächsten Tage einen Brief, in dem er die Lieferungsverträge zwischen seiner Firma und dem Fiskus kündigt. „Mir gibt angesichts dessen das Gefühl der Selbstachtung die Pflicht ein, eine Geschäftsverbindung nicht ferner aufrechtzuerhalten, die dem einen Teile als eine Last, als ein notwendiges Übel erscheint.“ Dieser mannhafte Schritt Arnholds, ohne Rücksicht auf die eigenen Interessen unternommen, erregt überall das größte Aufsehen. Ein baldiger Wechsel im Handelsministerium ist die Folge. Nichts kann besser die Persönlichkeit Arnholds charakterisieren als dieses Vorgehen. Unter seinen nachgelassenen Papieren fand man eine Aufzeichnung, die dem umfangreichen, nur für den Freundeskreis bestimmten Werk, das die Witwe seinem Gedenken gewidmet und sein Neffe Dr. Adolf Grabowsky verfaßt hat, als Motto vorangestellt ist. „Das höchste Interesse eines Kaufmanns ist aber seine Ehre! Wer den kaufmännischen Beruf nur unter dem Gesichtspunkt des Erwerbes betrachtet, fällt in denselben Irrtum, als ob er die Gerechtigkeit eines Richters oder die Tapferkeit eines für sein Vaterland kämpfenden Kriegers nur aus deren Besoldung herleitet. Der Kaufmann, der wahre Kaufmann, hat nichts gemein mit der schmutzigen Habsucht einer Krämerseele, vielmehr gilt ihm seine Tätigkeit und deren Ergebnisse als Mittel für die Förderung und Verbreitung der Kultur und der Humanität und eben darin sucht er seine Ehre!“ In den vielen Nach- — i6o — rufen, die das Gedenkbuch enthält, kehrt stets die Bezeichnung des „königlichen Kaufmanns“ wieder. Arnhold, der keiner Kaufmannsfamilie entstammt, hat den „ganzen Kaufmannsstand geehrt durch seine wundervoll idealistische Haltung“, wie Gra- bowsky schreibt. „Sehr charakteristisch ist dabei für Arnholds Art, daß er nicht mit beliebigen Gütern des Wirtschaftslebens handelte, sondern daß der wichtigste Stoff der Wirtschaft im modernen Industriezeitalter Mittelpunkt seiner Tätigkeit gewesen ist: die Kohle.“ Auch Arnhold ist aus Anhalt gebürtig, das Deutschland so viele führende Juden geschenkt hat. Er wird hier am io. Juni 1849 in Dessau als drittes Kind des Arztes Dr. Adolph Arnhold geboren. Der Vater eine Gelehrtennatur, ein begeisterter Achtundvierziger, wird während der Revolution für wenige Tage in Anhalt Minister, die Mutter Mathilde, geborene Cohn, eine Berlinerin, ist im Gegensatz zu ihrem Mann voll Witz und praktischen Verstand. Eduard Arnhold wird der Erbe beider Eltern. Vom Vater wird ihm das hohe Streben zuteil, von der Mutter die Frohnatur. Fontanes Ausspruch: „Die Tränen lassen nichts gelingen — Wer schaffen will, muß fröhlich sein“ bleibt die Devise dieses großen Optimisten. Seine Liebe zur Natur, seine Erdverbundenheit, seine hohe Auffassung von Wissenschaft und Kunst sind von dieser Lebensauffassung getragen. Er glaubt an sein Werk, er glaubt stets an Deutschland. „Eine Heiterkeit, weit entfernt von jener jovialen Gutmütigkeit, die manchmal nur Oberflächlichkeit gefällig umschleiert, eine Heiterkeit, die in selbstsicherer Kraft wurzelte, die sich mit Würde vereinte“ umgibt ihn, so schildert ihn Marie von Bunsen. Dieser Zug seines Wesens erleichtert es ihm auch, jede Situation zu meistern. Die Stellung, die er sich im Wirtschaftsleben erringt, erwirbt er sich aus eigener Kraft. Nachdem der ältere Bruder Max in ein Bankgeschäft eingetreten war — er wird im Jahre 1864 der Begründer des großen Bankhauses Gebr. Arnhold, Dresden, in das 1875 auch der dritte Bruder Georg eintritt —, wird Eduard Arnhold 1863 von der Firma Caesar Wollheim in Berlin als Lehrling aufgenommen. Hier steigt er in kurzer Zeit zu einem der Kohlenkönige Deutschlands auf. jA vpr Eduard Arnhold >*-*?** 5 'Strj**?-- Wg'IS'. :••>' orfi» :Kh=3rsU&W"»U&;AS.-t>4 >13!» waäw IflSill ÜPI 3S» '¥!W ■&. <*,'•»- vÄi : js , *u /.*•'.•>!>• y-*i 3?f4£~'-'^^3sP%2?Vv' s**t& «£ ■Säfi S^s» £i58& Bei der Universalität seiner Begabung und der Kultur seines Wesens gehört Eduard Arnhold um die Wende des Jahrhunderts zu den führenden Köpfen der deutschen Wirtschaft. Denn sein Wirken konzentriert sich nicht nur auf Oberschlesien, es greift in die gesamte deutsche Volkswirtschaft ein. Dabei zählt er zu den wenigen Männern, die durch den Zauber der Persönlichkeit wirken. Ein Meister der Rede, ausgestattet mit einem wundervoll klingenden Organ, versteht er es, in knappen Worten stets den Nagel auf den Kopf zu treffen, Meinungsverschiedenheiten auszugleichen und die Gegner durch einen Scherz oder durch seinen Charme zu entwaffnen, ohne daß er sie seine geistige Überlegenheit fühlen läßt. Mit vierzehn Jahren schon nach Berlin verpflanzt, wohnt in Arnhold „das märkisch-preußische Wesen, das beste Aufbauelement des Preußischen Staates“, wie Grabowsky es nennt, und es bestimmt „auch seine politische Haltung. Er hatte Ehrfurcht vor der alten preußischen Tradition und ist deshalb im Grunde mehr rechts als links gewesen“. So ist Arnhold durch und durch Monarchist. Er verehrt den Kaiser, der ihn sehr schätzt, ihn 1913 als ersten und einzigen Juden in das Preußische Herrenhaus beruft. Am Tage des Umsturzes stellt er sein Vermögen und seine Besitzungen dem gestürzten Monarchen zur Verfügung. Prinz August Wilhelm wohnt auf seiner Besitzung in Wannsee, als er 1920 das Palais in der Wilhelmstraße räumen muß. Auch unter der Republik macht Arnhold aus seiner monarchischen Gesinnung kein Hehl. Aber er ist ein viel zu großer Patriot, um dem Land, für das er arbeitet, nicht auch in der Not seine Kräfte zu widmen. So folgt er der Berufung in den Reichswirtschaftsrat. Im gleichen Geiste wirkt er bei den Friedens- und Reparationsverhandlungen mit. Die Taufe, die er stets aufs entschiedenste ablehnt, hätte ihn im wilhelminischen Deutschland sicherlich auf den Posten geführt, den er wie kein anderer hätte ausfüllen können: in das Amt eines Verkehrsministers. Denn Arnhold wird im Laufe der Jahre einer der größten Autoritäten auf dem Gebiete des Verkehrswesens, besonders auf dem der ungeheuer komplizierten Tariffragen. Wieder sind es schlesische Interessen, die diesen „Beichtvater Oberschlesiens“, zi Zielenziger IÖ2 - wie ihn Geheimrat Hilger, einer der führenden oberschlesischen Industriellen, nennt, dazu führen, für eine ständige Verbesserung der oberschlesischen Verkehrsverhältnisse einzutreten. Seiner eigenen Firma gliedert Arnhold frühzeitig eine bedeutende Reederei, die auch Rheindampfer baut, und eine Schiffswerft an. Er ist es, der für den Ausbau der Oder eintritt, der sich für den Bau des Mittellandkanals lebhaft einsetzt und den Teltowkanal bei Berlin mitbauen hilft. Als Mitglied des Preußischen Landes- und später des Reichswasserstraßenbeirats und des Preußischen Landeseisenbahnrats, als Angehöriger der Ständigen Tarifkommission, als Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Berliner Handelskammer, der er seit 1902 nach seinem Ausscheiden aus dem Ältestenkollegium angehört, und in vielen anderen Organisationen kann er im Geiste einer modernen Verkehrsgestaltung wirken. Stets bekämpft er jede engherzige fiskalische Verkehrspolitik. Alljährlich fährt Arnhold nach Katto- witz zur Wagengestellungskonferenz, die über den jährlichen Güterwagenbedarf des Industriegebietes zu beraten hat. „Von weither kamen die Interessenten zu dieser Konferenz gereist, um die ,Thronrede“ zu hören“, die Arnhold immer auf dieser Tagung hält, und die in meisterhafter Weise regelmäßig ein Gesamtbild der deutschen Wirtschaft zeichnet. In Berlin widmet er sein besonderes Interesse der Großen Berliner Straßenbahn. Er wehrt sich zunächst energisch gegen ihre Verstadtlichung. Ihm gelingt es schließlich, den jahrelangen Krieg zwischen der Stadt und der Straßenbahn beizulegen. Als nach dem verlorenen Kriege die Reichsbahn umgestaltet werden soll, bekämpft Eduard Arnhold den Gedanken, ihre Leitung in neutrale oder alliierte Hände zu legen, in einem Aufsatz im „Berliner Tageblatt“. Daß er in den Verwaltungsrat der neugegründeten Reichsbahngesellschaft berufen wird, ist eine Selbstverständlichkeit. Mit besonderem Interesse verfolgt er die Entwicklung der Luftfahrt. Schon 1901 unterstützt er den Grafen Zeppelin durch eine Spende, und nach dem Unglück von Echterdingen 1908 stellt er ihm sofort 100000 Mk. zur Verfügung. Seine Stellung in der Wirtschaft schafft ihm viele Verbin- — i(>3 — düngen zur Industrie. Durch das Aufsichtsratsmandat ist er dem Loewe-Konzern, der AEG, der Harpener Bergbau A.-G., der Rheinstahl A.-G. und auch chemischen Werken verbunden. Seit 1903 sitzt er im Zentralausschuß der Reichsbank, auch dem Aufsichtsrat der Dresdner Bank gehört er an. An äußeren Auszeichnungen fehlt es ihm nicht. 1891 wird er Kommerzienrat, 1901 Geheimer Kommerzienrat. Wilhelm II. verleiht dem Stifter des großen Kinder- und Mädchenheims in Werftpfuhl bei Werneuchen, das heute der Stadt Berlin gehört, „für hervorragende soziale Verdienste“ den Wilhelmsorden. Im Kriege wird Arnhold Berater des Reichskohlenkommissars, nachher Mitglied des Reichskohlenrats. Es gelingt ihm, die Absicht der Heeresleitung, die oberschlesischen Gruben versaufen zu lassen, zu verhindern. Seine Stellung in der Kohlenwirtschaft, seine Autorität in Verkehrsfragen führen ihn auch nach Versailles und Spa. In vielen Briefen gibt er von dort eine äußerst anschauliche Schilderung der schwierigen Verhandlungen. Bei aller Kritik an den Friedensbedingungen glaubt er, daß mit einem bloßen Nein in Versailles nichts zu erreichen sei. „Ich bremse, was ich kann gegen diese ewigen Negative, muß mich aber oft geben, weil der ganze Bau von unerträglich gehässiger Tendenz errichtet ist, und doch dürfen wir nicht vergessen, daß wir den Krieg verloren haben, nicht die Kraft besitzen, einem neuen Angriff standzuhalten — auch im Osten würden wir wahrscheinlich den kürzeren ziehen. Darum predige ich, soweit wie möglich entgegenzukommen, aber natürlich sich nicht verelenden zu lassen. Das Finanzprogramm wird noch in Spa beraten. Man wird sich vielleicht auf ein Angebot von sage und schreibe 100 Milliarden aufschwingen, natürlich mit unendlich langer Frist, und zwar zinsfrei abzuzahlen. Mir scheint’s eine unerträgliche Last; aber die Hautefinance scheint sich dafür stark zu machen. Ich lasse die Finger davon, die Verantwortung ist mir zu groß.“ (Brief vom 24. Mai 1919) Im Juli 1920 ist er in Spa. Von dort schreibt er am 9. Juli: „Wir sind die Angeklagten, die, wenn sie mucksen, mit Okkupation und Blockade bedroht werden. Ich wäre wagemutig genug, es aufs Äußerste zu treiben, indes kühler denkende Köpfe ii 1 — 164 — wie Bonn und Melchior raten dringend: Nachgeben, nachgeben — wir wollen nun abwarten, ob die Entente, wie sie in Aussicht gestellt, in wirtschaftlichen Fragen nachgeben wird. Ich fürchte, wir werden immer einem ,Nein‘ oder einem ,Friß Vogel oder stirb' begegnen.“ Sehr treffend ist das Urteil, das er von hier aus in einem Brief über Stinnes, dessen Haltung fast zum Abbruch der Konferenz geführt hätte, abgibt: „Der einflußreichste Mann ist und bleibt Hugo der Große, und man sollte das Deutsche Reich in eine G. m. b. H. umwandeln mit Stinnes als allein gebietendem Gesellschafter. Ich war vielleicht der einzige, der ihm, wenn’s nottat, ernsthaft opponierte. Wär’s nach ihm gegangen, hätten wir am ersten Tage die Verhandlungen brüsk abgebrochen.“ Von lebhaftestem Interesse für die Kunst erfüllt, vor allem begeistert von den Werken der Malerei, erwirbt Arnhold schon als junger Mann aus seinen ersten Ersparnissen eine Reihe von Bildern. Als er dann sein großes Vermögen erworben hat, werden die Gemälde seine Leidenschaft und Liebe. Die Galerie Arnhold, die bedeutendste deutsche private Gemäldesammlung, zeugt nicht nur von dem Geschmack, sondern auch von dem tiefen Kunstverständnis ihres Besitzers. Arnhold ist als Sammler auch ein Förderer der Künstler. Trotz seiner Vorliebe für die deutschen Römer, für Feuerbach und Böcklin — nach Böcklins Tode kauft er des Meisters Villa Bellagio in Fiesoie bei Florenz und richtet sie zu einem Böcklin-Museum ein —, fühlt er sich vor allem den Impressionisten nah verwandt. Besondere Freundschaft verbindet ihn mit Max Liebermann. 1911 erwirbt er in Rom vor der Porta Pia die Villa Massimo, um dort eine Deutsche Akademie zu errichten. Im Februar des gleichen Jahres wird er zum Ehrenmitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt. Im September 1911 beruft ihn der Kultusminister auf Veranlassung des Kaisers zum Mitglied der Sachverständigenkommission für die Ankäufe der Nationalgalerie. Die Förderung, die er der kunsthistorischen Bibliotheca Hertziana in Rom zuteil werden läßt, beweist seine enge Verbindung mit der Kunst, aber auch mit der Wissenschaft. So wird Arnhold auch einer der Hauptförderer der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. — i65 — An der wirtschaftlichen, politischen, geistigen und künstlerischen Entwicklung Deutschlands bis zum letzten Augenblick teilnehmend, stirbt Eduard Arnhold am io. August 1925 plötzlich auf einem Spaziergang in der Nähe seines geliebten ober- bajerischen Besitztums Neuhaus bei Schliersee. „Von Jugend auf“, so charakterisiert Adolf von Harnack in seiner Gedächtnisrede bei der Trauerfeier die Persönlichkeit Amholds — „ist er nicht einen vorgezeichneten Weg gegangen, sondern hat sich selbst seinen Weg gebahnt und sich ein großes, weites Arbeitsfeld geschaffen. Auf diesem wurde er ein Meister und einer der verdientesten Männer des Vaterlandes. Hier hat er sein Glück gesucht, eben weil er nicht nach Glück trachtete, sondern nach seinem Werke, und nur das größte Werk genügte ihm, umspannte es doch die weitesten Gebiete unseres deutschen Landes. Aber er schloß sich in dieses Werk nicht ein, sondern schenkte seine Sachkunde und Umsicht noch zahlreichen anderen.“ BENNO ORENSTEIN D ie rapide Entwicklung der Verkehrsmittel ist einer der Hauptfaktoren für die Umgestaltung der Wirtschaft im neunzehnten Jahrhundert. Die Flüsse hinab und über die Meere fahren Dampfer, die das Segelschiff verdrängen. Eisenbahnen < ersetzen die Postkutsche. Der Telegraph trägt Botschaften, die früher erst in Tagen, ja in Monaten ihr Ziel erreichten, in wenigen Stunden um die Erde. Die moderne Wirtschaft scheint seitdem einem Zauberwort zu gehorchen: die Entfernungen auf der Welt illusorisch zu machen. Kanadischer Weizen, amerikanisches Kupfer, ägyptische Baumwolle haben den Nimbus ihrer Herkunft verloren. Es sind keine Kostbarkeiten mehr wie einst die Spezereien, die die Venezianer oder Genuesen aus dem Orient nach Europa brachten. Jetzt spielt der Ursprungsort der Rohstoffe nur eine untergeordnete Rolle. Die Wirtschaft der neuesten Zeit hat nicht nur das Bestreben der ständigen Verkürzung des Weges zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten, die Steigerung des Verkehrs hebt auch die Absatzfähigkeit aller Waren. Der Markt, der früher an die Stadt gebunden war, hat sich zum Weltmarkt geweitet. Was der Ausbau des Eisenbahnnetzes für Europa bedeutet, hat Strausberg in genialer Weise vorausgesehen. Die Eisenbahnen verdanken ihre Entstehung der Technik, aber sie fördern auch die Kunst der Ingenieure in ungeahntem Maße. Sie verschlingen ungeheure Mittel, aber sie geben auch tausenden von Menschen Nahrung. Das Dampfroß Stephensons wird zum Symbol des Hochkapitalismus. Aber es ist nicht nur die Schnelligkeit, mit der die Bahnen Personen und Güter befördern, es ist — i6j — vor allem, um es mit Sombarts Worten auszudrücken, „die ungeheure Steigerung des Krafteffekts“. Erst mit der Eisenbahn kann man hunderte von Waren verschiedenster Art und verschiedensten Gewichts über beliebige Entfernungen fortbewegen. Güterzüge von 50 Wagen und mehr rollen nun von Lissabon bis Petersburg, schleppen die Schätze aller Länder herbei, um sie von Volk zu Volk zu führen. Während aber die Bahnlinien immer näher zueinander rücken, während man den Eisenbahnen immer mehr Waren zur Beförderung übergibt, bedient man sich auf dem Fabrikhof noch der ältesten Transportmittel. Schwere eiserne Schienen, Maschinenteile und Dampfkessel müssen von einer Werkstatt zur andern auf Wagen oder Karren befördert werden. Kaum gibt es Pferde genug, um diese Lasten zu ziehen. Bei Straßen- und Kanalbauten gebraucht man noch hölzerne Kippkarren, die mit den Erdmassen beladen werden. Das Aufladen auf die Karren gestaltet sich ebenso schwierig wie das Umkippen, das oft nicht glücken will. Nur wenige Karren lassen sich hinter einem Pferde zusammenkuppeln. Trotz der niedrigen Erdarbeiterlöhne ist der Transport solcher Erdmassen eine kostspielige Angelegenheit, denn bei dieser umständlichen Methode dauert es lange, bis die Bodenbewegung durchgeführt ist. Was nützt die beste Bahnverbindung, wenn es nicht gelingt, die Ware schnell und billig zum Bahnhof zu bringen, da die Wagen mit den Ziegelsteinen auf schlechten Landstraßen steckenbleiben, wenn der Landwirt seine Erzeugnisse lieber selbst behält oder ins nächste Dorf verkauft, weil ihm die Abfuhr zu umständlich erscheint. Auch hier gilt es also, den Weg abzukürzen, den Krafteffekt zu steigern. Das Prinzip, das der Eisenbahn zugrunde lag, mußte in der Fabrik selbst, auf der Baustelle, auf dem Lande zur Anwendung gelangen. Zwei junge Kaufleute sind es, die hier zu.Bahnbrechern in Deutschland werden, Benno Orenstein und Arthur Koppel. Mit klugem Blick und viel Unternehmungsgeist erkennen sie diesen Mangel im deutschen Verkehrswesen. Ganz bewußt bilden sie sich, ihre Zeit erfassend, zu Spezialisten aus. Ihre Firma Orenstein & Koppel wird der erste Betrieb i68 — für Feld- und Industriebahnen in Deutschland. Die richtige Erkenntnis der Situation legt den Grund für das Weltunternehmen, durch das Deutschland in diesem Spezialzweig der Maschinenindustrie führend in der Welt geworden ist. Benno Orenstein wird am 2. August 1851 in Posen als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er besucht dort das Friedrich- Wilhelm-Gymnasium und will Jurist werden. Der Vater verliert aber sein Vermögen, und so ist der junge Orenstein gezwungen, schnell Geld zu verdienen. Im Jahre 1868 tritt er deshalb als Lehrling bei der Stabeisenfirma Samuel Herz in Posen ein. Nach zweieinhalbjähriger Lehrzeit geht er am 1. Oktober 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges als junger Mann zu der Eisenfirma Th. Lustig nach Berlin. Auch Arthur Koppel ist wie Orenstein Eisenfachmann von Haus aus. Zuletzt Prokurist der alten Eisenfirma G. E. Dellschau in Berlin. Mit wenig Mitteln, aber um so mehr Mut gründen Orenstein und Koppel am i. April 1876 die Firma, der sie ihren Namen geben, an der Fischerbrücke in Berlin. Günstige Erfahrungen, die das Ausland mit Feldbahnen gemacht hat, versuchen die beiden Sozien in Deutschland als erste zu verwerten. Um eine eigene Fabrikation einzurichten, reichen die kargen Gelder nicht aus, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie kaufen also zunächst das nötige Material für den Feldbahnbau: leichte Schienen, die ungefähr nur ein Fünftel einer Vollbahnschiene wiegen, und leichte eiserne Schwellen. Beide werden auf dem Lagerplatz der Firma zu tragbaren Gleisen zusammengesetzt. Dazu kommen besondere Wagen, vor allem Kipplowrys, die sich schnell beladen und durch einen Druck entleeren lassen. Wenn sie auch nicht selbst fabrizieren, so geben sie doch den großen Eisenwerken die Anregung für die Herstellung der von ihnen gebrauchten Spezialerzeugnisse. Ihre Feldbahnen können über jedes Gelände geleitet werden. Aber trotz des Fortschritts, den der Bau der modernen Feldbahn bedeutet, setzt sich die Neuerung nur schwer durch. Orenstein & Koppel verstehen es jedoch, die Mentalität ihrer Kunden zu erfassen. Sie liefern ihnen die Anlagen auch mit der Bedingung, sie zurückzunehmen, falls sie den Wünschen der — i6g — Abnehmer nicht entsprechen. So faßt die Firma allmählich Fuß. Der erste Auftrag des Preußischen Landwirtschaftsministeriums, die Herstellung eines 15 km langen Gleises und die Lieferung von Wagen zum Abtransport von Holz für eine pommersche Oberförsterei, beweist, daß die Behörden auf das junge Unternehmen aufmerksam geworden sind. Es folgt eine Bestellung von Militärbahngleisen zur Heranschaffung von Munition und Proviant, erteilt auf Veranlassung des Generalfeldmarschalls von Moltke. Der Staat schenkt dem Gedanken von Orenstein & Koppel zunächst mehr Beachtung als die Privatindustrie. Doch auch die Landwirtschaft erkennt bald den Vorteil des neuen Systems. Zum Fortschaffen von Zuckerrüben wird im Osten und in Mitteldeutschland eine Reihe von Feldbahnen errichtet. Erst dann folgt auch die Industrie mit ihren Aufträgen. Mit Zähigkeit verfolgen die beiden ihre Pläne, wenn auch alte Geschäftsfreunde es nicht verstehen, daß sie sich ausschließlich auf den Handel mit Feldbahnanlagen beschränken. Sie sind trotz aller Rückschläge davon überzeugt, daß bei zunehmender Mechanisierung der deutschen Industrie, daß vor allem bei einer Modernisierung der Landwirtschaft ihre Fabrikate gebraucht werden. Der Erfolg gibt ihnen recht, denn der Umsatz steigt, wenn auch zunächst sehr langsam. Stellt er sich im ersten Jahre auf 150000 Mk., so können sie nach zehn Jahren unermüdlichster Arbeit fast 900000 Mk. umsetzen. Aber nach dieser Etappe scheint dem jungen Unternehmen eine schwere Krise bevorzustehen. Die beiden Freunde trennen sich. Trotz der gemeinsamen Arbeit der ersten zehn Jahre führen die Auseinandersetzungen über die künftige Entwicklung der Firma zu Differenzen, die sich nicht mehr überbrücken lassen. Die Verschiedenheit der Charaktere erzeugt den Bruch. Koppel ist stets erfüllt von neuen Projekten. Will der Zeit vorauseilen, mit einem kühnen Schlage ein Riesenunternehmen aufbauen. Orenstein dagegen bremst, in der Absicht, Stein auf Stein für sein Haus zusammenzutragen. Der schwunghaften Intuition Koppels steht die organisatorische Stärke Orensteins entgegen. Aber sie scheiden voneinander nicht im Zorn. Sie achten sich viel zu sehr, um sich jetzt zu bekämpfen. So schließen — J7° — sie zur Ausschaltung gegenseitiger Konkurrenz einen Vertrag, der die Absatzgebiete genau abgrenzt. Jeder soll existieren können. Arthur Koppel gründet unter seinem Namen ein neues Unternehmen und übernimmt das Auslandsgeschäft. Benno Orenstein behält die Firma Orenstein & Koppel bei und bleibt auf Deutschland angewiesen. Diese Trennung bedeutet für Orenstein einen Vorteil. Denn nun kann er seine Firma ganz nach seiner eigenen Eingebung entwickeln und planmäßig ausbauen. Immer mehr zeigt er sich als ein genialer Organisator. Kein Mann des großen Wurfs, eher bedächtig, aber stark konstruktiv veranlagt, organisiert er sein Geschäft bis ins kleinste, schafft so ein mustergültig geleitetes kaufmännisches Unternehmen. Von ungewöhnlicher Arbeitskraft, streng gegen sich selbst, kennt er nur das eine Ziel: das Wohl seines Hauses. Mit eiserner Energie verlangt er die gleiche rücksichtslose Unterordnung von seinen Mitarbeitern. Mit seltenem Blick entdeckt er unter ihnen die Talente, die er sich erzieht. Sein Wille ist maßgebend, sein Wort entscheidet. Im Jahr der Trennung von Koppel eröffnet die Firma Orenstein & Koppel ihre erste Filiale in Dortmund. Der rheinischwestfälische Industriebezirk braucht im steigenden Maße Feldbahnen. Filialen in anderen Städten folgen: 1886 in Breslau, 1887 in Königsberg und Köln, 1889 in Hamburg, dann in Leipzig, Straßburg, Danzig, München, Magdeburg usw. In allen Gegenden Deutschlands bürgern sich die Waren des Hauses Orenstein & Koppel ein. Im Jahre 1890 läuft das Abkommen mit Arthur Koppel ab. Jetzt geht auch Orenstein ins Ausland. In Prag wird 1890 die erste außerdeutsche Verkaufsniederlassung eröffnet, in den nächsten Jahren folgen Wien und Budapest. Schon seit Jahren wurde versucht, in der eigenen Werkstatt am Tempelhofer Ufer die Produkte gebrauchsfertig zu machen. Im Jahre 1893/94 glaubt Orenstein genügend Erfahrungen gesammelt zu haben, um zur eigenen Fabrikation übergehen zu können. War er einst als Händler der Begründer des Feldbahnsystems in Deutschland, so legt er jetzt den Grund zur größten deutschen Feldbahnfabrik. Die beiden neuen Werke in Tempel- — iji — hof bei Berlin und in Dorstfeld bei Dortmund stellen Wagen und Weichen für Feld- und Kleinbahnen her. Auch hier zeigt sich der Systematiker Orenstein. Ursprünglich existierten die verschiedensten Muster von Feldbahngleisen, von Wagen, von Weichen usw. Orenstein beginnt lange vor Ford mit der Typisierung. Er schafft Grundformen, die er serienweise herstellen läßt. So ermöglicht er eine Massenfabrikation und die Herstellung von Reserveteilen, die seine vielen Filialen stets am Lager haben. Diese Herstellung von Typenfabrikaten, mit der er die eigene Fabrikation beginnt, wird später von ihm noch durch die Einrichtung einer besonderen Abteilung vervollkommnet. Zur Vereinheitlichung aller Konstruktions- und Fabrikationsmethoden gründet er ein Normalienbüro, das er unmittelbar der Direktion unterstellt. Fast zu gleicher Zeit entsteht in Schlachtensee eine Loko- motivfabrik. Das ursprüngliche Arbeitsprogramm dieser Fabrik ist, wie es in der Denkschrift heißt, die anläßlich der Fertigstellung der 5000. Lokomotive von der Firma herausgegeben wird, „die Herstellung von stabilen, ganz einfach gebauten Feldbahnlokomotiven. Eine solche Maschine mußte auf holprigen Gleisen, in mangelhaft verlegten Kurven und auf großen Steigungen ihren Dienst verrichten können“. Erst nachdem die eigene Fabrikation aufgenommen ist, setzt eine lebhafte Expansion der Firma ein. Zweigniederlassungen werden in der ganzen Welt gegründet. Im Osten in Petersburg, Odessa und Warschau, wie in Bukarest, im Westen in Paris, Brüssel und Madrid. Vertreter des Hauses bereisen alle Erdteile, gründen Filialen in Amerika, Afrika und Asien. Eines der ersten Uberseehäuser wird auf Java in Soerabaya errichtet. Mit der großen Ausdehnung des Geschäfts erweitert Orenstein jetzt auch den Wirkungskreis seines Unternehmens. In Deutschland baut er Kleinbahnen, als erste im Jahre 1895 die Bahn von Landsberg nach Rosenberg in Oberschlesien. Er errichtet auch Straßenbahnen und läßt in seinen Fabriken hierzu die Wagen und Lokomotiven erbauen. Das Ausland bestellt bei ihm Spezialwagen und Spezialmaschinen der verschiedensten Art. Wollte die deutsche Industrie im Wettbewerb mit der weit - IT2 - älteren englischen in fremden Ländern Fuß fassen, dann mußte sie den Wünschen der fremden Kunden besonders entgegen- kommen. Nur so konnte sie die Engländer, die konservativ an ihrem Schema festhielten, aus dem Felde schlagen. Orenstein versteht es, diesen Gedanken Rechnung zu tragen. Aber er verdankt auch die Ausdehnung seines Unternehmens über die ganze Welt dem Mitarbeiterstab, den er ausgezeichnet vorgebildet hinaussendet. In einem Aufsatz in der „Frankfurter Zeitung“ über „Die Organisation kaufmännischer und industrieller Großbetriebe“ betont er, daß „die besten Kräfte, die man überhaupt bekommen kann, solche sind, die im eigenen Betriebe aufgewachsen und erzogen sind“. Deshalb legt er den größten Wert auf die Ausbildung der Lehrlinge, die er in straffer Disziplin zu vielseitig erfahrenen, auch sprachgewandten Kaufleuten erziehen läßt. Bis zum Kriege waren schon mehr als 2500 Lehrlinge durch die strenge Schule der Firma Orenstein & Koppel gegangen. Mancher dieser Schüler spielt heute eine hervorragende Rolle im deutschen Wirtschaftsleben. Orensteins Prinzip ist es, soweit wie möglich, freigewordene Posten mit Kräften aus dem eigenen Haus zu besetzen. So gibt er den Jüngeren die Gelegenheit des Vorwärtskommens und weiß, daß er Männer um sich hat, die in seinem Geiste arbeiten. Das Geschäft sprengt mit seiner Expansion den Rahmen, in den es bisher eingespannt war. Im Jahre 1897 wird es unter Mitwirkung der Dresdner Bank in eine Aktiengesellschaft unter dem Namen „Aktiengesellschaft für Feld- und Kleinbahnenbedarf vorm. Orenstein & Koppel“ umgewandelt. Das Aktienkapital beträgt zunächst 4 Millionen Mk., wird 1898 bereits auf 8 und 1905 auf 11 Millionen Mk. erhöht. Benno Orenstein behält als Generaldirektor genau wie früher das Heft in der Hand. Er bleibt der Autoritätsmittelpunkt. Große Erweiterungen folgen. Im Jahre 1899 wird die Lokomotivfabrik in Drewitz bei Potsdam, 1900 die Waggonfabrik in Spandau eröffnet. Auch im Ausland schafft man sich Produktionsstätten. Der Bau von Feldbahn- und Kleinbahnlokomotiven führt jetzt zur Herstellung großer Lokomotiven. 1901 werden die ersten Lokomotiven und Waggons an die Preußische Eisenbahnverwal- — 173 — tung geliefert. Mit schnellen Schritten gelangt die Firma in die Reihe der großen deutschen Lokomotivfabriken. 1913 kann die 5000., X924 die 10000. Lokomotive die Fabrik in Drewitz verlassen, 1930 wird bereits die 12000. Lokomotive hergestellt. Nicht nur die Preußische Eisenbahnverwaltung, sondern auch viele ausländische Bahnen bestellen Lokomotiven, Waggons und anderes Bahnmaterial. Die Firma Orenstein & Koppel besitzt nur einen ebenbürtigen Konkurrenten in der Firma Arthur Koppel, die 1905 mit 9 Millionen Mk. ebenfalls in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war. Auch Arthur Koppel hatte in diesen zwanzig Jahren seit der Trennung von Benno Orenstein sein Haus zu einer Weltfirma ausgebaut, hatte sich Agenturen und Niederlassungen in den verschiedensten Ländern gegründet. Der Ort Koppel bei Pittsburg in den Vereinigten Staaten, in dem er eine Fabrik errichtet, trägt nach ihm seinen Namen. Er hatte neben der Herstellung von Bahnmaterial — ähnlich wie später Julius Berger — auch den Bahnbau übernommen. Als erste große Anlage hatte er die 600 km lange Otavi-Bahn in Deutsch-Südwestafrika gebaut. Die Welt scheint zwischen den beiden früheren Sozien aufgeteilt. Als kluge Kaufleute finden sie sich deshalb wieder zusammen. Im Jahre 1905 schließen sie eine Interessengemeinschaft. Als Arthur Koppel 1908 plötzlich in Baden-Baden stirbt, vollzieht sich eine noch engere Annäherung beider Firmen, die 1909 zu ihrer vollständigen Verschmelzung führt. Mit 26 Millionen Mk. wird jetzt die „Orenstein & Koppel-Arthur Koppel A.-G.“ gegründet. Benno Orenstein wird der Leiter der vereinigten Gesellschaften. Seinem organisatorischen Geschick gelingt es in kurzer Zeit, die beiden Welthäuser zu einem einzigen großen Unternehmen zusammenzuschweißen. Nach der Beseitigung der schärfsten Konkurrenz erfolgt dann ein weiterer Ausbau des Werkes. 1911 wird die Lübecker Maschinenbaugesellschaft, die speziell Bagger herstellt, angegliedert, 1912 die Maschinenfabrik Montania A.-G. in Nordhausen, in der Motoren fabriziert werden. Stets ist Orenstein darauf bedacht, sein Werk planmäßig zu erweitern. Im Jahre — 174 — igi I wird das Aktienkapital auf 36 Millionen Mk. erhöht. Aus dem kleinen Feldbahngeschäft ist in noch nicht vierzig Jahren bis zum Kriege ein Weltunternehmen entstanden, das im Jahre 1912 11570 Arbeiter und 3300 Beamte beschäftigt. Aus dem Umsatz von 150000 Mk. ist ein Umsatz von 126,5 Millionen Mk. geworden. Bis auf das Jahr 1901 kann die Gesellschaft seit ihrem Bestehen eine hohe Dividende abwerfen, die sich in den letzten Jahren vor dem Kriege meist auf 14% hält. Denn bei allem Expansionsdrang bleibt Benno Orenstein stets der kühle nüchterne Rechner. Auch nach dem Kriege läßt er sich nicht von dem Rausch der Zahlen blenden, sondern versteht es, sein Werk in sich geschlossen zu halten. Der Krieg hatte seinem Unternehmen, das über die ganze Welt verbreitet war, die schwersten Wunden geschlagen, hatte ihm die meisten ausländischen Niederlassungen geraubt. Trotzdem gelingt es Orenstein in verhältnismäßig kurzer Zeit, den Wiederaufbau durchzuführen. Das Aktienkapital, das bis zum 1. Januar 1924 auf 240 Millionen Mk. angeschwollen war, einschließlich 60 Millionen Mk. zur Verfügung der Gesellschaft gehaltener Stammaktien, wird bei der Goldmarkumstellung auf 36 Millionen Mk. zusammengelegt, erreicht damit also wieder ungefähr die Höhe der Vorkriegszeit. Als Benno Orenstein am II. April 1926 im fünfundsiebzigsten Lebensjahre stirbt, hinterläßt er ein Werk, das ein Denkmal seines Schaffens darstellt. ALBERT BALLIN I m Jahre eintausendachthundertsiebenundvierzig, am Donnerstag, den siebenundzwanzigsten Mai, nachmittags um zwei und einhalb Uhr in dieser Freien und Hansestadt Hamburg, habe ich, der Hamburgische öffentliche geschworene Notar Eduard Schramm, Dr. d. R., mich auf Requisition des provisorischen Komitees zum Entwurf der Statuten der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft nach dem Konferenzzimmer der Börsenhalle verfügt, um daselbst einer Generalversammlung der Aktionäre der HAPAG, in der der Entwurf der Statuten zur Annahme vorgelegt und die Wahl der Direktion vorgenommen werden sollte, beizuwohnen und über die Verhandlungen ein öffentliches beglaubigtes Protokoll aufzunehmen.“ Hat der Notar, der diese Urkunde mit solch peinlicher Genauigkeit ausfertigte, gewußt, daß er Zeuge eines Gründungsaktes von großer historischer Bedeutung sei? Daß die drei Hamburger Unternehmer Ernst Merck, Dr. A. Halle, und Ferdinand Laeisz durch die Gründung einer eigenen Reederei großen Weitblick bewiesen? Denn es gehörte damals Mut und der Glauben an Hamburgs, ja an Deutschlands Zukunft dazu, um mit eigenen Schiffen einen regelmäßigen Verkehr mit Nordamerika aufzunehmen. Die Einrichtung einer ständigen Schiffahrtslinie von einem Hafen zum andern kennt man erst seit kurzem. Die Segler fahren nach Bedarf, wenn sie Frachten genug an Bord haben. Während von Bremen schon 1826 eine Schiffslinie nach denVereinigten Staaten ausgeht, mißlingen ähnliche Versuche Hamburgs, bis endlich Robert Sloman 1836 eine einigermaßen regelmäßige Auswandererbeförderung aufnimmt. — J7 6 — Denn der Auswandererstrom, der sich in die Neue Welt ergießt, belebt die Schiffahrt. Tausende und Abertausende verlassen jetzt alljährlich ihre Heimat, um sich jenseits des Ozeans eine neue Existenz zu gründen. Der neue Erdteil lockt mit seinen unerschlossenen Schätzen und seiner Freiheit. So wandern allein in den vierziger Jahren ungefähr 500000 Deutsche nach Amerika aus. Der Zug dieser Auswanderer geht hauptsächlich über Bremen. Es liegt dem ersehnten Ziel näher. Von hier fahren 1840 schon 87, von Hamburg 1845 erst 31 Schiffe nach den Vereinigten Staaten. Die erste Generalversammlung der Hapag vom 21. Dezember 1847 beschließt nach langen Debatten drei Klipperschiffe, „Deutschland“, „Nordamerika“ und „Rhein“, im Gesamtwerte von 245000 Mark Banko, in Bau zu geben. Im Revolutionsjahre 1848, am 15. Oktober, tritt die „Deutschland“, eingerichtet für zwanzig Kajüten- und zweihundert Zwischendeckspassagiere, ihre erste Reise nach Amerika an. 1854 erklärt eine Generalversammlung „per majora“ die Anschaffung von Dampfern anstatt der Segelschiffe „fördersamst anzustreben“. Aber erst am 1. Juli 1856 wird der erste Dampfer „Borussia“ in die Fahrt Hamburg—New York eingestellt. Die erste deutsche transatlantische Dampferlinie ist damit eröffnet. Entscheidend für Hamburgs Schiffahrt wird das Jahr 1888: die Freie und Hansestadt wird dem deutschen Zollgebiet einverleibt. Der entstehende Freihafen gibt neue Entwicklungsmöglichkeiten. Wilhelm II., ein Freund aller Schiffahrtsbestrebungen und ein besonderer Gönner Hamburgs, tritt seine Regierung an. Zu gleicher Zeit wird der Mann endgültig in das Direktorium der HAPAG berufen, der ihr Reorganisator Werdens oll: Albert Ballin. Keiner der Nachkommen der alten Patriziergeschlechter, kein Reedersohn ist es, der den Geist der Hanse in Hamburg zu neuem Leben erweckt. Dem Sohn des jüdischen Auswandereragenten bleibt es Vorbehalten, aus seiner Reederei das größte Schiffahrtsunternehmen der Welt zu schaffen. Ist Rathenau durch und durch ein Ingenieur von Jugend an, vertraut mit allen Geheimnissen der Technik, so ist auch Ballin in jeder Faser ein Mann vom Bau. Am Wasser geboren, unter Albert Ballin — 117 ~ den Masten der Schiffe groß geworden, noch fast als halbes Kind in den Schiffahrtsberuf hineingestellt, wird er ein Schiffahrtsmann vom Fach, der wie kaum ein zweiter sein Metier versteht. Er ist weit mehr Sachverständiger als die meisten seiner Kollegen oder seiner Nachfolger, als die ehemaligen Rechtsanwälte oder Reichsbeamten Wiegand, Cuno, Stimming. Für Hamburg ist es ein sensationelles Ereignis, als der erst 31 Jahre alte jüdische Abteilungsleiter in das Direktorium einer der vornehmsten Hamburger Gesellschaften eintritt. In kaum einer anderen deutschen Großstadt, mit Ausnahme von Frankfurt am Main, wo die Rothschilds jahrelang um das Bürgerrecht ihrer Glaubensgenossen kämpfen müssen — lebt solcher Kastengeist mit allen seinen Vorurteilen, herrscht unter den Abkömmlingen der alteingesessenen Geschlechter soviel Standesdünkel wie in Hamburg. Aber die Persönlichkeit Ballins siegt. Diesem „jungen Mann ohne Familienverbindung, ja selbst ohne enge persönliche Verbindung zu einem der Matadoren der damaligen Wirtschaft, wird ein Arbeitsfeld ausgeliefert, das ihm nur deshalb zufiel, weil die anderen vor ihm es nicht mit der Intensität und dem innerlichen Feuer bearbeitet hatten, das in ihm wohnte“. So urteilt Peter Franz Stubmann, der als Syndikus des Vereins Hamburger Reeder jahrelang Mitarbeiter Ballins war, in seinem Ballin- Buch (Berlin-Grunewald 1926). Ballins Leistung beruht auf dem gleichen Geheimnis, das alle ganz großen Persönlichkeiten umgibt: der genialen Voraussicht und einem unerhörten Fingerspitzengefühl. Mit dem Blick in die Zukunft durchschaut er die Situationen, aber er versteht es auch, sie zu erfassen. Er handelt durchaus nicht immer nach einem genau festgelegten Programm, sondern seiner Eingebung folgend, ist er, wie alle wahren Wirtschaftsführer nach einem Ausspruch Max Warburgs, „mehr Künstler als Rechner“. Niemand hat so wie Ballin die Ziele seines Unternehmens und damit die Aufgaben der deutschen Schiffahrt erkannt, niemand hat es so wie er verstanden, den Bedürfnissen der Wirtschaft nachzuspüren und alle technischen Neuerungen sich nutzbar zu machen. In schwierigen Situationen wird er ein wichtiger Vermittler Deutschlands. Der Schiffahrtsstratege Ballin, der durch Ver- 12 Zielenziger. — IJ8 — träge die Meere befriedet, wird zum Vorkämpfer des Weltfriedens. Die mächtigste Handelsflotte, die sein Werk ist, soll der Verbindung unter den Völkern dienen. Hamburgs größter Sohn verkörpert in seiner Lebensarbeit das Schicksal des Vorkriegsdeutschlands. Ballin ist eine der leuchtendsten Gestalten des wilhelminischen Zeitalters. Die Abstammung mag bei Ballin mitgesprochen haben, um ihn nicht den üblichen Weg des Händlers gehen zu lassen. Denn auch Samuel Joel Ballin, der Vater, hatte sich sein Leben hindurch gequält, um es als Handwerker und Fabrikant vorwärtszubringen, auch er ein Mann voll Unternehmungsgeist und Wagemut. Auch Alberts Onkel Julius Joel Ballin war ein Fabrikant und betrieb in Mölholt bei Aalborg in der dänischen Provinz Jütland eine Seifenfabrik. Samuel Joel Ballin kommt aus Dänemark, ist dort in Horsens an der Westküste Jütlands am io. März 1804 geboren, und wahrscheinlich 1832 nach Hamburg eingewandert. Die Familie Ballin stammt ursprünglich aus Süddeutschland, ist auch in Paris nachweisbar. In Hamburg und in Altona waren Ballins schon im siebzehnten Jahrhundert ansässig. Aber es ist nicht erwiesen, ob die Familie, zu der Albert Ballin gehört, sich von diesen Ballins ableitet. Samuel Joel Ballin unterhält zunächst in Billwärder eine Dekatierwerkstatt, hat aber mit Schwierigkeiten zu kämpfen, weil er damit alte Zunftrechte verletzt. Auch ein Haus, das er sich 1836 kauft, kann er nicht auf seinen Namen erwerben, da den Hamburger Juden die Zuschreibung von Grundstücken damals noch nicht gestattet wird. Er darf aber dort von 1837 ab eine Wollfärberei betreiben, die sich anscheinend gut entwickelt. Vater Ballin hatte im Jahre 1833 zum ersten Male geheiratet, war bereits 1840 Witwer geworden. Im November 1841 geht er eine zweite Ehe mit Amalie Meyer, der Tochter eines wohlhabenden Hamburger Kaufmanns, ein. Es gilt, eine zahlreiche Familie zu ernähren, denn zu den vier Kindern aus erster, gesellen sich neun Kinder aus zweiter Ehe. Samuel Joel Ballin versteht es, sich aus seiner kleinen Färberwerkstatt eine Fabrik aufzubauen. Er verwendet die Dampfkraft, fährt alljährlich nach England, kauft dort neue Maschinen. Immer mehr Ham- — 179 — burger Firmen werden seine Kunden. Aber als infolge der englischen Konkurrenz seine Firma zurückgeht, gründet er schnell entschlossen in Manchester ein eigenes Haus, um selbst die englischen Erzeugnisse importieren zu können. Alles dies sind Zeichen für die Wendigkeit des alten Ballin. Die Krisis, in die Hamburg durch den großen Brand im Jahre 1842 gestürzt wird, verschärft auch die Schwierigkeiten der Firma S. J. Ballin & Co. Im August 1843 muß sie Konkurs anmelden. Erst 1845 gelingt es Ballin, eine neue Firma zu gründen, die es mit dem Kohlenhandel versucht. Aber auch dieses Unternehmen scheint sich nicht zu rentieren, und so ruft er am 6. März 1852 mit seinem Freunde Samuel Moritz Hirsch die Firma Morris & Co. als Auswandereragentur ins Leben. Von seinem Sozius trennt er sich bald. In dieser Zeit ernstester Sorgen wird am 15. August 1857 Samuel Joel Ballin zum letzten Male Vater. Der Anschauung, nur die Erstgeborenen könnten Genies werden, widerspricht die Tatsache, daß an diesem Tage Albert Ballin als dreizehntes der Ballinschen Kinder das Licht der Welt erblickt. Als Samuel Joel Ballin am 17. September 1874 stirbt, ist Albert erst siebzehn Jahre alt. Seine Mutter übernimmt die Firma, er selbst und sein um ein Jahr älterer Bruder Joseph treten als Prokuristen ein. Albert hat kaum die Schule verlassen. Da sowohl der Sozius, wie auch der Bruder Joseph bald aus dem Geschäft ausscheiden — Joseph wurde Fondsmakler und hat sich 1907 in der Hamburger Börse erschossen —, muß Albert allein Mutter und Schwestern ernähren. Schon 1879 wird er als Teilhaber der Firma Morris & Co. aufgenommen. Das Gewerbe eines Auswandereragenten ist damals wenig angesehen. Noch in späteren Jahren bezeichnet der Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd diese Vermittler, als „Abschaum der Menschheit“. Von der jüdischen Firma halten sich aber die stolzen Schiffahrtslinien erst recht fern. Aufgabe der Hamburger Auswandereragenten ist noch die sogenannte indirekte Auswanderung. Sie leiten die Auswanderer, die sie anwerben, zunächst mit Hamburger Schiffen nach England, von wo sie dann mit englischen Dampfern nach Amerika weiterbefördert werden. Da Hamburg als Auswandererhafen hinter Bremen zurücksteht, können sich 12 ' — i8o hier diese Vermittlungsbüros entwickeln, wenn auch die Reedereien bestrebt sind, durch eigene Agenten Passagiere anzuwerben. Albert Ballin erkennt, wie wichtig die Verbindungen mit den englischen Gesellschaften sind. Er fährt mehrfach nach England. Die Beziehungen, die er dort in jungen Jahren gewinnt, dienen ihm für das ganze Leben. Der steigende Auswandererstrom zeigt Ballin die Bedeutung des direkten Auswanderergeschäftes. Da sich die altangesehenen Hamburger Firmen gegen die Auswandereragenten noch immer ablehnend verhalten, setzt er sich mit einem jungen Schiffahrtsunternehmer in Verbindung. Der Neffe Slomans Edward Carr hatte 1879 eine eigene Reederei gegründet, die zunächst nur zwei Dampfer besaß. Mit ihm schließt Ballin einen Vertrag, der den beiden Schiffen die nötige Zahl von Passagieren garantiert. Dafür gewährt ihm Carr einen Passagepreis von 82 Mark, der so billig ist, daß Ballin damit jede Konkurrenz unterbieten kann. Für beide wird dieses Abkommen zum Vorteil: Carr kann seine Flotte vergrößern. Mit sechs Dampfern befördert er 1882 schon 12000 Auswanderer, im nächsten Jahre bereits mehr als dreißig Prozent aller Passagiere, die die Schiffe der Hapag benutzen. Jetzt endlich merkt man bei der Hamburg-Amerika- Linie, daß neue Kräfte im Spiel sind. Man spürt die Konkurrenz des jungen Unternehmens. Mit allen Kräften wirbt Ballin für die Carr-Linie. Nachts klebt er eigenhändig am Gebäude der Hapag Plakate an, die auf die Vorzüge der Carr-Dampfer hin- weisen. Als im Jahre 1885 die Passagepreise infolge des scharfen Konkurrenzkampfes immer weiter heruntergehen, hofft die Paketfahrt, die Carr-Linie erwerben zu können. Carr weist jedes Angebot zurück. Doch kommt es zunächst zu einer Vereinbarung über die Überfahrtspreise zwischen der Paketfahrt, dem Lloyd, der Carr-Linie und anderen Reedereien, bei der Albert Ballin zum ersten Male als Vertreter der Carr-Linie mit den Abgesandten der großen Schiffahrtshäuser verhandelt. 1886 schließt Carr seine Reederei mit der Slomans zur Union-Linie zusammen. Die Konkurrenz, die der Hapag in Hamburg entstanden ist, ist dadurch noch schärfer geworden. Zu diesem Zeitpunkte bietet Carr den Leitern der Hapag die Hand. Er schlägt ihnen eine Interessengemeinschaft vor. Aber für die Paketfahrt dreht es sich jetzt nicht mehr um den Preis der Überfahrten, für sie handelt es sich darum, den Mann für sich zu gewinnen, in dem sie mit Recht den Urheber der scharfen Konkurrenz vermutet: Albert Ballin. Das Abkommen mit der Union-Linie kommt zustande: die Hapag erhält den Auftrag, das Passagegeschäft für beide Linien durchzuführen, aber unter der Bedingung, daß Ballin die Leitung der Passageabteilung übernimmt. Im Mai 1886 genehmigt der Aufsichtsrat der Hapag den Vertrag mit Ballin, der fünf Jahre laufen soll. Danach wird er „zum selbständigen, alleinigen Leiter des gesamten Passagegeschäftes von und nach Nordamerika“ ernannt. Zu seinem Ressort gehört auch die Anstellung und Entlassung der Beamten seiner Abteilung. Man garantiert ihm ein Jahresgehalt von 10000 Mark mit einer Provision von dreiviertel Prozent von den im Pool mit der Unionlinie zur Verrechnung gelangenden Bruttopassagen. Der neunundzwanzigjährige Inhaber der Auswandereragentur Morris & Co. tritt damit in die Dienste einer der ältesten deutschen Schiffahrtslinien. Als erster Jude übernimmt er einen leitenden Posten bei einem Reedereiunternehmen. Aber noch hält sich Ballin den Rücktritt offen. Vorläufig bleibt er Mitinhaber seines Hauses. Im Jahre des Eintritts Ballins besitzt die Hapag erst 22 Dampfer mit einem Gesamtschiffsraum von 60000 t. Der Anteil Bremens und Hamburgs an der Tonnage der deutschen Handelsflotte ist damals ziemlich gleich, aber die Bremer Schiffe sind größer als die der Hamburger Linien. An Bedeutung hat der Norddeutsche Lloyd die Hapag längst überflügelt. In der ersten Aufsichtsratssitzung, an der Ballin teilnimmt, stellt er zwei Anträge, die ihn sofort charakterisieren: er verlangt neue Räume für die Abfertigung der Passagiere und die Einrichtung einer direkten Linie von Stettin über Schweden nach New York. Tatsächlich läßt sich die Hapag noch im selben Jahre in Stettin nieder. Dies soll für Ballin nur der Auftakt für die Verhandlungen sein, die er mit den Engländern wegen des Abschlusses eines Ratenabkommens aufnehmen will. Schon im — 182 - September 1886 gelingt es ihm, einen Vertrag mit verschiedenen englischen Linien abzuschließen. Der Kampf um die Passagierpreise wird damit eingedämmt. Das Auswanderergeschäft wird wieder rentabel gestaltet. Vom ersten Moment seiner Tätigkeit an zeigt sich Ballin als der geschickte Unterhändler. Fast in jedem Jahre kann er ähnliche Abkommen zustande bringen. Ihn leitet das Bestreben, zunächst die deutschen, dann die europäischen und schließlich alle großen Dampferlinien der Welt zu einigen, um die Konkurrenzgefahr für Deutschland abzuwehren. Die Vorteile, die er durch solche Verträge für seine Gesellschaft erwirkt, sollen gleichzeitig allen deutschen Schiffahrtslinien zugute kommen. Auf allen Gebieten beweist Ballin seine Aktivität. Zunächst in Wien, dann auch in anderen Städten richtet er Passagebüros ein. Im Jahre 1887 wird der Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes beschlossen, der Hafenbetrieb der Hapag wird aus Hamburg hinausverlegt, gleichzeitig erhöht die Gesellschaft ihr Kapital auf 20 Millionen, um jetzt an den Bau von Schnelldampfern herantreten zu können. Hier zeigt sich Ballins Blick für alle technischen Neuerungen. Die Schiffsbauingenieure hält er in ständiger Bewegung. Immer neue Schiffstypen werden eingeführt. Ballin entscheidet sich in richtiger Erkenntnis für die Doppelschraubendampfer. Ende 1887 werden die „Auguste Viktoria“ und die „Columbia“ in Auftrag gegeben, die 1889 ihre Fahrt antreten können. 1887 fährt Ballin selbst nach New York, um die dortige Vertretung der Hamburg-Amerika-Linie neu zu organisieren. Im Jahre 1888 gelingt es der Hapag endlich, die Carr-Flotte zu übernehmen. Aus eigener Initiative beschließt die Generalversammlung, das Kapital um IO Millionen Mark heraufzusetzen. „Nichts kann den Wandel, der mit der Hapag sich vollzogen hatte, mehr charakterisieren als dieser selbst bei ganz erstklassigen Unternehmungen äußerst seltene Vorgang. Vier Jahre vorher noch Resignation und Unsicherheit bei den führenden Männern, sauertöpfische Gesichter bei den Aktionären und nun hoffnungsfreudige, wagemutige Initiative auf allen Gebieten.“ (Stubmann). Es ist deshalb eine Selbstverständlichkeit, daß der Aufsichtsrat den Leiter seiner Passageabteilung — i8 3 — schon nach zwei Jahren in den Vorstand beruft. Erst jetzt nach seiner endgültigen Ernennung zum Direktor der Hapag scheidet Ballin am 26. Oktober 1888 aus der Firma Morris aus. Die Schnelldampfer zeigen sich als ein großer Erfolg. Nicht nur die Schnelligkeit auch die bis dahin unbekannte Ausstattung der Schiffsräume kommen ihrem Ruf zustatten. Ballin führt zum erstenmal Exkursionen mit seinen Dampfern aus, um sie auch im Winter auszunutzen. Er selbst macht die erste derartige Reise im Januar 1891 nach dem Orient mit. Auf diese Weise versteht er es, die Schiffe der Hapag in weiten Kreisen populär zu machen. Schon 1886 hatte Ballin eine Denkschrift über ein internationales Schiffahrtsabkommen verfaßt. Diesen Gedanken nimmt er jetzt als Direktor der Hapag wieder auf. Im Februar 1890 beginnen Verhandlungen zwischen den beiden großen deutschen, einer holländischen und einer belgischen Linie, aber erst 1892 kommt der Nordatlantische Dampferlinien-Verband zustande. „Die beiden Hauptgrundsätze, die in diesem Poolvorschlag vorhanden sind, sind einmal die Festsetzung bestimmter Anteile der einzelnen Linien an dem Gesamtverkehr aller auf Grund der bisherigen Leistungen, d. h. der Statistik für einen bestimmten Zeitraum, und daneben eine Beweglichmachung dieser Anteile durch Berücksichtigung des dem Verkehr zur Verfügung gestellten Schiffsraumes.“ (Huldermann). Um den immer schwierig zu behandelnden Lloyd für dieses Abkommen zu gewinnen, gibt er ihm wesentlich höhere Anteile als der Hapag, pariert aber diesen Vorteil durch die Einführung eines beweglichen Faktors, der in den Vertrag eingebauten Tonnageklausel, die die Schiffsneubauten der einzelnen Gesellschaften berücksichtigen soll. Er weiß, daß er den Vorsprung des Lloyd einholen wird. Des Lloyd wegen muß aber bald ein neuer Kampf um die Konvention geführt werden, die erst 1899 erneuert werden kann. Sie läuft bis 1903, schafft zwar die Tonnageklausel ab, erhöht aber die Anteile der Hapag. Inzwischen erweitert die Paketfahrt ihr Liniennetz, richtet neue Fahrten nach Südamerika und Australien ein und gliedert sich 1892 die Hamburger Reederei Hansa an. Durch die Choleraepidemie erleidet dieser Aufschwung zunächst einen Rückschlag. —184 — Der Zwischendeckverkehr ist jetzt völlig unterbunden. Um nicht die Auswanderer als Passagiere zu verlieren, eröffnet Ballin eine Linie Genua—New York. Erst im Jahre 1893 werden die über Hamburg verhängten Sperrmaßnahmen aufgehoben. Man hat aus der Epidemie gelernt. Auf dem Gelände südlich des Hamburger Freihafens läßt Ballin großzügige neue Auswandererhallen anlegen. Besonders energisch verfolgt er den Bau von Schnelldampfern. Mit der „Pennsylvania“, die 13000 t verdrängt, wird 1897 das größte und schönste Schiff Deutschlands in den Dienst gestellt. Neben glänzenden Konjunkturen, die der Schiffahrt große Verdienstmöglichkeiten bringen, kommen der Hamburger Paketfahrt noch andere Ereignisse zustatten. Während des Spanisch-Amerikanischen Krieges verkauft Ballin zwei Schnelldampfer an die Spanier, nachdem er sie vorher den Amerikanern, mit denen er es nicht verderben will, angeboten hatte. Auch den Burenkrieg kann die Hapag durch große Transporte und Verkäufe ausnutzen. Im Januar 1900 läuft im Beisein des Kaisers in Stettin die „Deutschland“ vom Stapel. Der neue Dampfer ist nicht nur das schönste, sondern auch das schnellste Schiff der Welt, der das Blaue Band des Ozeans erobert. Mit 113 Seedampfern und einem Schiffsraum von fast 600000 t gehört die Hapag um die Jahrhundertwende bereits zu den größten Reedereien der Welt. Zu demselben Zeitpunkte scheint sich der Himmel zu verfinstern. Ballin hat seit langem das Gewitter von jenseits des Ozeans heraufkommen sehen und sich für die Gefahr, die ihm aus Amerika droht, vorbereitet. Dort hat nämlich John Pier- pont Morgan in wenigen Jahren mit den riesigen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, eine Flotte zusammengekauft, die Ende 1903 wesentlich größer als die der Hapag ist. Der amerikanische Bankier trifft jetzt alle Vorbereitungen, um durch Aktienaufkäufe in den Bereich der großen deutschen Schiffahrtslinien einzubrechen. Ballin hatte bereits in einer Denkschrift, die er auf Veranlassung des Kaisers für den Fürsten Henckel von Donners- marck schrieb, auf die Gefahren einer Verquickung amerikanischer Eisenbahninteressen mit denen der Reederei hingewiesen. „In dieser geplanten Verbindung des Land- und Seetransports — x ^5 — liegt“, so erklärt er, „wie gesagt die Gefahr für die ausländischen Reedereien, die dadurch der Möglichkeit ausgesetzt sind, daß ihnen die Zufuhr aus dem amerikanischen Inlande abgeschnitten wird.“ In monatelangen Verhandlungen versteht es Ballin, die amerikanische Gefahr zu beseitigen. Er fährt zuerst nach London, um die Stimmung seiner englischen Freunde zu erkunden. Da er weiß, daß mit der Finanzkraft Morgans niemand konkurrieren kann, versucht er, das Interesse des amerikanischen Finanzmagnaten für die deutschen Schiffahrtsgesellschaften dadurch mattzusetzen, daß er ihm zwar eine Aktienbeteiligung an den beiden deutschen Reedereien anbietet, aber sie auf je 25°/ 0 festlegt und gleichzeitig eine gegenseitige Gewinnbeteiligung vereinbart. Für die endgültige Unterzeichnung des Abkommens behält sich Ballin die Zustimmung des Kaisers vor, der die Verhandlungen mit größtem Interesse begleitet und ihn nach Schloß Hubertusstock kommen läßt. „Der Schluß der Verhandlungen war“, wie Ballin in seinen Aufzeichnungen notiert, „daß der Kaiser sich mit dem Plan vollständig einverstanden erklärte und mir noch die Sorge für den Norddeutschen Lloyd auferlegte.“ Denn der Kaiser will, daß die beiden großen deutschen Schifffahrtslinien geschlossen auftreten. Mit Dr. Wiegand, dem Generaldirektor des Lloyd, reist Ballin Anfang Februar 1902 nach New York. Am 20. Februar wird der Vertrag mit der Morganschen International Mercantile Marine Company unterzeichnet. Nachdem der amerikanische Schrecken gebannt ist, bringen die nächsten Jahre der Hapag einen weiteren Aufstieg. Von besonderer Bedeutung wird für sie der Russisch-Japanische Krieg. Man kann ihn fast „als die Quelle einer Wiedergeburt bezeichnen“ (Huldermann). Denn jetzt ist die Hamburg-Amerika- Linie in der Lage, eine große Reihe ihrer veralteten Dampfer zu verkaufen. Zeitweilig sind 80 Dampfer für die Russen unterwegs, um Kohlen nach Rußland zu transportieren. Neue Poolbesprechungen folgen. Eine Krisis, die infolge der stark gestiegenen Tonnage den Frachtenmarkt bedroht, erleichtert den Abschluß der langwierigen Verhandlungen. Im Februar 1908 wird in London auf Ballins Initiative die Atlantikkonferenz, auch — i86 — Generalpool genannt, gegründet, der im nächsten Jahr ein Pool für den Verkehr auf dem Mittelmeer folgt. Mit diesen Verträgen hat Ballin ein Ziel seiner Lebensarbeit erreicht. Deutsche, englische, belgische, österreichische, russische, französische, dänische, italienische Schiffahrtsgesellschaften, aber auch sämtliche Linien des Morgantrustes sind unter einem Dach vereint. Der Konkurrenzkampf scheint ausgeschlossen. Ballin steht an der Spitze einer der größten Wirtschaftsorganisationen der Welt. Schon nach drei Jahren läuft das Abkommen über die Atlantikkonferenz ab. Die Situation hat sich jetzt für die deutschen Schiffahrtslinien verschlechtert, weil ein Zusammenschluß der Engländer mit den Amerikanern droht, denn gleichzeitig wird auch der Morganvertrag von 1902 außer Kraft gesetzt. Aber noch einmal gelingt es Ballin, die Atlantikkonferenz zustande zu bringen. Schwierigkeiten, die zwischen den beiden großen deutschen Reedereien entstehen, werden auf Veranlassung des Kaisers im Februar 1914 in einem neuen Vertrage geregelt. Gleichzeitig beginnen in Berlin die Beratungen über die abermalige Erneuerung der Atlantikkonferenz, die Ballin sorgsam vorbereitet hat. Die Aussichten für den Wiederabschluß des Weltschiffahrtspools erscheinen günstig. Man verabredet zu seiner endgültigen Ausgestaltung eine Schlußkonferenz in London für den 5. August. Der Ausbruch des Krieges verhindert die Unterzeichnung dieses Friedenswerkes. Schon im Frühjahr 1910 hatte die Hapag den ersten Dampfer ihrer Imperatorklasse mit einem Schiffsraum von 52000 t in Auftrag gegeben. Ein Jahr später erfolgt der Bau der „Vaterland“, die mit ihren 56000 t den „Imperator“ an Größe noch übertrifft. Im Kriege wird schließlich als letzter dieser Giganten der Dampfer „Bismarck“ mit 60000 t gebaut. Eine wirkliche Ausnutzung der Riesenschiffe hat der Krieg verhindert. Mit ihnen hat die Hapag eine Verzwanzigfachung ihrer Seedampfertonnage erreicht. Mit 1,3 Millionen Bruttoregistertons übertrifft sie um 30°/ 0 den Norddeutschen Lloyd und steht bei weitem an der Spitze aller Schiffahrtsgesellschaften der Welt. Das Aktienkapital ist seit 1912 auf 150 Millionen angewachsen. Ihr Schiffsraum ist jetzt größer als der der gesamten holländischen iltSSS —187 — oder schwedischen Handelsflotte. „Hätte ihr Generaldirektor eine Flottenrevue abhalten können, er hätte an 194 Seedampfern vorüberfahren müssen, während der Deutsche Kaiser vor Ausbruch des Weltkrieges 133 Kriegsschiffe einschließlich Kanonenboote befehligte.“ (Stubmann) Ballin ist der Repräsentant der deutschen Handelsschiffahrt geworden. Der Admiral aller Meere. Seine Devise „mein Feld ist die Welt“ hat er verwirklicht. Er gilt unbestritten als einer der Führer der deutschen Wirtschaft. Das Interesse des Kaisers stützt ihn. Seit 1891 mit dem Kaiser bekannt, kommt ihm bei der Neigung Wilhelms II. für alles Seemännische seine Stellung als Leiter der Hapag zustatten. So entwickelt sich zwischen beiden ein enges Freundschaftsverhältnis. Ballin gehört zu den wenigen, die dem Kaiser ein offenes Wort sagen können. Er versteht es, den Kaiser für seine Pläne zu interessieren. Wilhelm II. erkennt die große Geltung, die Ballin in der Welt besitzt. In der Sonne dieser Gunst hätte Ballin jede politische Stellung und jeden Titel haben können. Aber er ist kein Streber. Experimente auf fremdem Terrain will er nicht unternehmen, lieber auf seinem Gebiete der Meister bleiben. Wenn auch nicht religiös — er war bereits seit 1883 mit Marianne Rauert, einer Christin, verheiratet, auch seine Adoptivtochter Irmgard ist Christin und heiratet einen Marineoffizier —, bleibt Ballin doch als starker Charakter und aus Tradition Jude. Infolgedessen lehnt er den Glaubenswechsel ab, um nicht, wie er sich ausdrückt, das Andenken seines Vaters zu beschimpfen. Der mittelgroße schwarze, jüdisch aussehende Mann verkörpert gewiß nicht den Typ des deutschen Seemanns. Aber sein faszinierendes Wesen spiegelt die moderne große Unternehmerpersönlichkeit wieder. Denn er wirkt stark repräsentativ, ist sich auch seiner Stellung durchaus bewußt. Dazu kommt ihm in jeder Situation sein Sinn für alles Repräsentative zustatten. Die Flotte, die auf allen Weltmeeren das deutsche Ansehen zur Geltung bringt, wird mit einem Schlage durch den Krieg vernichtet. Die Schiffe der Hapag, in aller Herren Länder zerstreut, werden eine Beute der Feinde. Ballins Rolle als erster Reeder Deutschlands ist ausgespielt. Am 17. August 1914 — i88 — schreibt er an seinen Freund Professor Dr. Ernst Francke: „Das Werk meiner dreißigjährigen Arbeit liegt vorläufig in Trümmern, und ob ich noch wieder an den Aufbau gehen kann, ist eine Frage an das Schicksal, die zu stellen oder über die nachzudenken ich heute gar keine Lust habe.“ Der Krieg ist ausgebrochen, um dessen Abwendung Ballin sich seit Jahren bemüht hat. Der „Mann des Kompromisses“, wie man ihn nennt, der durch seine Poole den Frieden auf den Meeren stiftet, sieht mit wachsender Sorge der Rivalität unter den Kriegsflotten entgegen. Er kennt von Jugend an England zu gut, er spricht ein vollendetes Englisch, um sich nicht in die Mentalität des Engländers einfühlen zu können. Seine häufigen Reisen nach England belehren ihn über die Stimmung, die man dort gegen Deutschland hegt. So benutzt er jede Gelegenheit, um die Gegensätze zu überbrücken. Es liegt Ballin fern, dabei Deutschlands Interessen irgendwie hintanzusetzen. Im Kriege schreibt er: „Ich gelte ja seltsamerweise in hohen Kreisen und sogar bei S. M. selbst für anglophil, und doch bin ich der einzige Deutsche, der mit Recht behaupten kann, daß er seit dreißig Jahren mit England in einem Kriege lebt um die Vorherrschaft auf dem Gebiete der Handelsschiffahrt. In dieser langen Zeit habe ich den Engländern, wenn ich mich dieses kühnen Vergleichs bedienen darf, einen Schützengraben nach dem andern abgenommen und habe sie immer wieder attackiert, sobald ich die Mittel dazu aufbringen konnte.“ Aber alle Attacken führt er gegen England stets so, daß sie keinen Stachel hinterlassen. So scheint Ballin der gegebene Vermittler zwischen Deutschland und England zu sein. Er wird durch diese Verhandlungen in die Gefilde der hohen Politik eingeführt, ohne daß er den Ehrgeiz besitzt, ein Politiker zu werden. Irgendeiner Partei hat er sich deshalb auch niemals angeschlossen. Man holt ihn gern als Unterhändler, weil man seine diplomatischen Fähigkeiten kennt, aber man folgt seinem Rate durchaus nicht immer. Es wäre infolgedessen falsch, Bailins politische Macht zu überschätzen. Im Sommer 1908 tritt Sir Ernest Cassel, selbst Deutscher von Geburt, einer der einflußreichsten Männer der Londoner City — i8g — und intimer Freund Eduards VII., an Ballin mit dem Vorschlag einer Verständigung zwischen Deutschland und England über die Flottenfrage heran. Ballin erstattet über seine Unterredung mit Cassel dem Kaiser und dem Reichskanzler Fürst Bülow eingehend Bericht. Die Fäden, die auf diese Weise angesponnen werden, reißen nicht ab. Ballin und Cassel bleiben weiter um die Anbahnung eines Freundschaftsverhältnisses zwischen Deutschland und England bemüht. Diese Besprechungen, die der Kaiser und auch der neue Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg aufs wärmste unterstützen, finden schließlich in dem Besuche des englischen Ministers Haldane ihren Abschluß. Wenn trotzdem infolge des Eingreifens der Rüstungsfanatiker auf beiden Seiten die Verständigungspolitik schließlich scheitert, ist dies nicht Ballins Schuld. Auch der Besuch, den das englische Geschwader 1914 der deutschen Flotte anläßlich der Kieler Woche abstattet, kann das Unheil nicht mehr abwenden. Ballin unterbricht Mitte Juli 1914, als er die ersten Warnungszeichen vor der heraufziehenden Gefahr erhält, seine Kur in Kissingen und fährt unter einem geschäftlichen Vorwand sofort nach London. Er spricht dort alle maßgebenden englischen Politiker: Haldane, Churchill und Grey. Alle versichern ihn ihrer Friedensliebe. Ballin kehrt aus England zurück in der Hoffnung, daß es, wie er sich später ausdrückt, keines Bismarck bedürfe, um diesen Krieg zu verhindern. Aber die Ereignisse überstürzen sich. Ballins Bemühungen sind vergeblich. Der Krieg zwingt ihn zum unfreiwilligen Feiern. Für seine Flotte gibt es im Augenblick keine Beschäftigung mehr. Ballin schafft sich sofort ein neues Wirkungsfeld in seiner Arbeit für die Lebensmittelversorgung des deutschen Volkes. Auf War- burgs Veranlassung wird dann die Zentraleinkaufsgesellschaft gegründet, der sich Ballin zur Verfügung stellt. Auf ö 1 ^ Milliarden beläuft sich, wie Huldermann berichtet, in den vier Jahren die Gesamtziffer ihrer Umsätze. Ballin reist 1915 nach Wien, um den Ausbruch des Krieges mit Italien zu verhüten, in ständiger Sorge auch über den eventuellen Eintritt eines Krieges mit Rumänien, das er für die Lebensmittelversorgung der Mittelmächte für unentbehrlich hält. Er warnt — igo — vor dem Krieg mit Amerika, dessen Stärke er wie kaum ein anderer in Deutschland aus eigenen Verhandlungen kennt. Den Ausgleich mit England hält er nach wie vor für das wichtigste Ziel der deutschen Politik. Durch Ballins Hände geht nach Hul- dermanns Mitteilung 1917 „der erfolgversprechendste Friedensvermittlungsversuch“, der durch den unbeschränkten U-Boot- krieg zunichte gemacht wird. Ballin stattet während des Krieges zwar dem Großen Hauptquartier mehrere Besuche ab. Vom Kaiser hält man ihn aber bewußt fern. Die Gunst des Herrschers scheint er in dieser kritischen Zeit verloren zu haben. Der Kaiser, der ihm sonst bei jeder Gelegenheit schreibt, und ihn mit den höchsten Auszeichnungen bedenkt, unterläßt es, ihm zu seinem sechzigsten Geburtstage am 15. August 1917 zu gratulieren. Erst als die Not am höchsten gestiegen ist, wird auf Anregung von Hugo Stinnes Ballin beauftragt, dem Kaiser die volle Wahrheit über die Situation Deutschlands mitzuteilen. Am 5. September 1918 wird er zum letztenmal von Wilhelm II. auf Schloß Wilhelmshöhe empfangen. In seinen Aufzeichnungen notiert er: „Ich fand den Kaiser wieder sehr mißorientiert und in der gehobenen Stimmung, die er gern in Gegenwart eines Dritten zeigt.“ Ballin notiert weiter: „Da, wo ich zu freiheitlich wurde, griff Herr von Berg geschickt ein und erklärte mir, als der Kaiser gegangen war, man dürfe den Kaiser nicht zu pessimistisch machen.“ Aus Bad Eilsen schreibt er über die Unterredung mit dem Kaiser an Professor Francke: „Wir sind viel konservativer als Herr von Berg, denn wir möchten die Monarchie bewahren durch eine Modernisierung, während er sie gefährdet durch den Versuch, alles beim Alten zu lassen.“ Auch Ballin kann mit seinen Warnungen die Situation nicht mehr retten. Zwei Monate später wird Deutschland Republik. Die Aufgaben, die Ballins im neuen Staate harren, kann er nicht mehr ausführen. In der letzten Aufzeichnung, die er am 2. November 1918 in sein Tagebuch einträgt, heißt es: „Stinnes ließ mir mitteilen, daß sowohl das Zentrum wie die Sozialdemokraten dafür wären, daß ich die Friedensverhandlungen führen müsse. Ich habe ihm sagen lassen, daß ich nicht kneifen würde, aber jedem anderen es lieber gönnte.“ Der schwere Gang, — igi — für Deutschland um Frieden zu bitten, bleibt ihm erspart. Erspart so auch die Verfemung, mit der Fanatiker Erzberger und Rathenau in den Tod hetzen. Die Revolte von Kiel droht auch die Ordnung in Hamburg umzustürzen. Noch am 8. November präsidiert Ballin einer Sitzung des Verwaltungsrats des Vereins Hamburger Reeder, dessen Vorsitzender er seit 1901 ist. Auf seinen Vorschlag wird beschlossen, am nächsten Tage gemeinsam mit dem Arbeiter- und Soldatenrat, der sich inzwischen auch in Hamburg gebildet hat, eine neue Konferenz abzuhalten, die angesichts der bedrohlichen Situation entsprechende Maßregeln treffen soll. Als man am 9. November sein Arbeitszimmer betritt, findet man ihn ohne Bewußtsein. Eine zu starke Dosis des Schlafmittels, das er schon lange zu nehmen pflegte, läßt ihn nicht mehr erwachen. Mittags um ein Uhr hat Albert Ballin ausgelitten. Wie kein anderer war er ein Exponent des Kaiserreichs. Mit dem Untergang dieser Epoche hatte das Leben für ihn an Wert verloren. Seine Mission erschien ihm als erfüllt. WILHELM KUNSTMANN I n keinem Wirtschaftszweig sind die charakteristischen Merkmale des modernen Kapitalismus deutlicher zutage getreten als auf dem des Verkehrs. Denn die Verkehrsmittel der Neuzeit erfordern zu ihrer Anwendung große Kapitalien. Ihre Erfindung, ihre Erprobung gehen zurück auf die Schöpferkraft des Individuums. Aber eine Verwertung dieser neuen Gebilde der Technik übersteigt im allgemeinen die Kraft des einzelnen. Der Erfinder empfängt deshalb selten den entsprechenden Nutzen von seiner Entdeckung. Es bedarf oft des Zusammenschlusses vieler einzelner, um den technischen Fortschritt der Allgemeinheit dienstbar zu machen. Die Eisenbahnen, die Dampfschiffe bringen erst dann eine Revolutionierung des Verkehrs mit sich, wenn sich Menschen finden, die gewillt sind, die Projekte, die zunächst nur Produkte der Phantasie zu sein scheinen, zu verwirklichen. Auf dem Gebiete des Verkehrs muß deshalb vor allen anderen Zweigen moderner Wirtschaft die „Objektivierung der wirtschaftlichen Beziehungen“, wie Som- bart es nennt, eintreten, jene Versachlichung des Kapitalverhältnisses durch die Form der Aktiengesellschaft. Damit verbunden ist auch die starke „Konzentrierung“, die Sombart als ein weiteres Charakteristikum der kapitalistischen Wirtschaft des neunzehnten Jahrhunderts ansieht, der die Tendenz zum Großbetrieb und zur Zusammenballung großer finanzieller Mittel innewohnt. Deshalb entwickelt sich hier am ehesten die typische Form des unpersönlichen Kapitalverkehrs. Die „Kommerzialisierung“ führt zu einer Umgestaltung der Kreditbeziehungen in die Form des Wertpapiers. An der Berliner Börse sind noch —193 — 1870 S°°lo a ^ er d° rl: gehandelten Effekten Eisenbahnwerte. In Hamburg nehmen die Aktien der Schiffahrtsgesellschaften den entsprechenden Rang ein. Die Initiative des einzelnen kann sich im allgemeinen nur bei der Gründung oder der Leitung dieser Unternehmen entfalten. Je größer die Verkehrseinrichtungen werden, je mehr Mittel sie benötigen, desto mehr schwindet der Einfluß des Privatunternehmers. Wir sind es deshalb gewöhnt, uns ein Eisenbahn- oder Schiffahrtsunternehmen als einen Betrieb in Gesellschaftsform vorzustellen. Die Schiffahrtslinie Edward Carrs ist ein typisches Beispiel für diese Entwicklung. Denn auch der Energie ihres Begründers gelingt es nicht, sie unversehrt durch alle Stürme hindurchzuführen. Ihre Verschmelzung mit der Hamburg-Amerika-Linie ist ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Reedereien teilt. Den Idealtypus eines solchen neukapitalistischen Verkehrsunternehmens verkörpert die Hapag, die ihre Stellung vor dem Kriege als erste Handelsflotte der Welt ausschließlich dem Genie Albert Ballins verdankt. Der größten Schiffahrtsgesellschaft Deutschlands muß unter Berücksichtigung der Entwicklung der Verkehrsbetriebe in der neuesten Zeit als eine wirtschaftliche Sondererscheinung die größte deutsche Privatreederei gegenübergestellt werden: auch sie das Werk eines jüdischen Unternehmers, des Stettiners Wilhelm Kunstmann. Auf den Meeren der ganzen Welt weht vor dem Weltkrieg die blauweißrote Flagge als Symbol seiner Tatkraft. Wilhelm Kunstmann wird in Stettin am 17. Dezember 1844 geboren. In der heimatlichen Hafenstadt verbringt er seine Lehrjahre, von früh an wie Ballin vertraut mit dem Schiffswesen. Als Kommis ist er bei englischen, skandinavischen und belgischen Reedereien tätig und vertieft so seine Kenntnisse. Nach langjährigem Aufenthalt im Ausland in die Heimat zurück- gekehrt, gründet Kunstmann am 1. April 1870 in Swinemünde die Firma W. Kunstmann. Dieser Ort als Bad damals noch kaum bekannt, spielt bis zum Ende der neunziger Jahre eine große Rolle als Haupteinfuhrhafen für englische Kohlen. Größere Schiffe können bis zur Eröffnung der Kaiserfahrt im Jahre 1880 noch nicht auf der Oder nach Stettin gelangen. Erst nach dem 13 Zielenziger — 194 — Weltkrieg hat eine besondere Gesellschaft mit Hilfe des Reichs die Wasserstraße Swinemünde—Stettin abermals, und zwar auf 9 m vertieft, so daß jetzt die größten Hochseedampfer nach Stettin einfahren können. Kunstmann beginnt seine Tätigkeit zunächst mit dem Schiffsmaklergeschäft, spielt also ursprünglich nur den Vermittler zwischen den Exporteuren und den Schiffseigentümern. Doch eröffnet er noch im Jahre 1870 den Betrieb einer eigenen Reederei, wenn auch zunächst in kleinstem Rahmen. Um die ein- und ausgehenden Segelschiffe einschleppen zu können, kauft er zunächst drei Schlepp- und Bergungsdampfer, erwirbt dann aber noch im selben Jahr auch zwei Segelschiffe. Der Feldzug gegen Frankreich ruft den jungen Reeder an die Front. Erst 1871 kann er sich seinem Unternehmen wieder widmen. Nun beginnt eine zähe und planmäßige Aufbauarbeit, getragen von dem Aufblühen der Wirtschaft des geeinten Reichs. Die Spedition und gleichzeitig der Handel mit englischen Kohlen bilden einen Hauptzweig des Arbeitsgebietes der Firma Kunstmann. Die Kunstmannschen Schiffe verkehren infolgedessen hauptsächlich zwischen Stettin und England, aber die Anfang der achtziger Jahre gekaufte Bark „Victoria“ unternimmt auch Fahrten nach Nordamerika. Im Jahre 1889 wird der erste 2400 t große Seedampfer erworben. Der Ausbau der oberschlesischen Hochöfen wird von großer Bedeutung für Stettin und seine Schiffahrt. In immer größerem Umfang wird Schweden der Erzlieferant Oberschlesiens. Nachdem schon früher aus Mittelschweden Eisenerze eingeführt worden waren, beginnt im Jahre 1893 die Verschiffung der Lapplanderze von Nordschweden über Lulea nach Stettin. Kunstmann erkennt sofort die Möglichkeiten, die diese Transporte seinem Unternehmen bieten. Die meisten Reeder lehnen Erzladungen als unvorteilhaft ab. Kunstmann dagegen versteht es, seine Flotte in den Dienst dieses Frachtverkehrs zu stellen und so das Bindeglied zwischen den schlesischen Hütten und ihren schwedischen Rohstoffproduzenten zu bilden. Im Jahre 1894 errichtet er eine Filiale in Stettin und erwirbt eine größere Reihe von Dampfern ausschließlich für die Beförderung der Eisen- — 195 — erze. Als dann Fürst Henckel von Donnersmarck als erster dazu übergeht, zur Ersparung der Fracht für die Erze, das Eisenwerk Kraft mit drei Hochöfen in Kratzwieck an der Oder, nördlich von Stettin, zu errichten, und dann weitere Hochöfen an der industriearmen Ostsee- und Nordseeküste erbaut werden, ist es hauptsächlich die Reederei Kunstmann, die diesen Werken die Kohlen und die Erzmaterialien zuführt. Für den Transport der von den Hochöfen benötigten Kalksteine werden eigene Dampfer und Schlepper in Auftrag gegeben. Andere Schiffe dienen der Verfrachtung von Schwefelkiesabbränden. Mit der wachsenden Bedeutung Stettins als Umschlaghafen für diese Erztransporte verlegt auch die Firma Wilhelm Kunstmanns ihren Sitz am I. April 1899 dorthin, während das Büro in Swinemünde in eine Filiale umgewandelt wird. Die von Jahr zu Jahr wachsende Einfuhr von Erzen stellt große Anforderungen an den Schiffsverkehr. Aber der Energie Wilhelm Kunstmanns gelingt es, ihnen Rechnung zu tragen und die Mittel für eine ständige Vergrößerung seiner Flotte aus eigener Kraft aufzubringen. Er bleibt der Privatreeder, der er stets gewesen ist. Bis zum Jahre 1914 wird die Reederei Kunstmann jährlich um ein bis zwei, manchmal auch um mehr Dampfer vermehrt, im Jahre 1912 sind es sogar fünf Dampfer, die unter der blauweißroten Flagge in den Dienst gestellt werden. Für diese Schiffe, die Spezialfrachten dienen, ist natürlich nur eine bestimmte Größe erforderlich, die unmöglich mit den Riesendampfern der Hapag oder des Norddeutschen Lloyd verglichen werden kann. Unter Kunstmannscher Flagge fährt aber 1904 die „Peruvia“, mit ihren 6500 t das damals größte Schiff Preußens. Die „Rhenania“ und „Mon- tania“, die Stettin 1909 zum erstenmal verlassen, bilden vor dem Kriege mit ihren je 66001 die größten Dampfer der Kunst- mannschen Flotte. Mit der Verschiffung südrussischer Erze dringen ihre Dampfer ins Schwarze Meer ein, aber sie holen auch aus Afrika, Spanien und Portugal, Nord- und Südamerika sowie aus Indien Rohstoffe der verschiedensten Art für die deutschen Werke, um vor allem nach den Mittelmeerländern aus Deutschland Kohlen zu bringen. Dieselbe Firma, die ur- — i g6 — sprünglich in Swinemünde ihre Tätigkeit mit der Einfuhr englischer Kohlen beginnt, geht infolge ihrer engen Verbindungen zur oberschlesischen Industrie als erste dazu über, die eigenen Schiffe anstatt mit englischen mit oberschlesischen Kohlen zu bebunkern. Andere Reedereien folgen diesem Beispiel. So läßt Kunstmann, der seiner Reederei auch ein Bunkerkohlengeschäft angliedert, die fremde bewußt durch die heimische Kohle verdrängen. Eine Stauereiabteilung zur Entlöschung der zahlreichen, auch fremden, Stettin anlaufenden Erzdampfer und eine eigene Reparaturwerkstatt geben dem Reedereibetrieb noch die nötige Ergänzung. Im Jahre 1914 kann Wilhelm Kunstmann — 1896 zum spanischen Konsul ernannt — seinen siebzigsten Geburtstag in dem stolzen Bewußtsein feiern, es aus eigener Kraft zum größten Privatreeder Deutschlands gebracht zu haben. Aber die Entwicklung der Firma W. Kunstmann wird, wie die aller deutschen Reedereien, durch den Krieg jäh unterbrochen. Der älteste Sohn Wilhelm Kunstmanns, Arthur Kunstmann, der auch nach seiner Lehrzeit bei Schiffsbetrieben in England und Frankreich tätig gewesen, 1894 in das väterliche Geschäft eingetreten und am 1. Januar 1900 Teilhaber geworden war, wird bereits im Kriege der Reorganisator des Unternehmens. Denn während des Weltkrieges erhält der Transport der schwedischen Eisenerze für Deutschland erhöhte Bedeutung, da sie zur Herstellung von Kriegsmaterial gebraucht werden. Trotz großer Gefahren nehmen die Kunstmannschen Dampfer ihre Fahrten nach Schweden so oft wie möglich auf und stellen so die Verbindung zwischen Deutschland und dem Ausland wieder her. Schwere Verluste bleiben nicht aus. Der Dampfer „Bavaria“ läuft auf eine Mine und sinkt mit seiner gesamten Besatzung, auch andere Dampfer werden Opfer des Seekrieges oder eine Beute der Feinde. Aber wenn es auch während des Krieges gelingt, die Flotte einigermaßen zu erhalten, durch den Versailler Vertrag wird auch die Firma Kunstmann gezwungen, fast alle ihre Dampfer abzuliefern, da sie nahezu sämtlich über 1600 t groß sind. 90% des gesamten Schiffsmaterials muß der Entente zur Verfügung gestellt werden. Mit erneuter Tatkraft gehen nach dem Kriege Wilhelm und — J 97 — Arthur Kunstmann an den Wiederaufbau ihrer Flotte. Im Jahre 1920 werden die übriggebliebenen kleinen Dampfer zunächst in den Dienst der Erztransporte gestellt. Fast ganz aus eigenen Mitteln — denn die Reichsentschädigung für die gesamte abgelieferte Flotte genügt nur für den Bau von zwei Dampfern — werden dann Jahr für Jahr neue Dampfer in Auftrag gegeben, so daß die Kunstmannsche Flotte heute schon wieder fast 50000 t an Schiffsraum besitzt. Seit ihrem Bestehen konnte sie insgesamt über mehr als 160000 t verfügen. Mit der wiederaufgebauten Flotte wird vor allem die Hauptlinie nach Schweden für die Erzfahrt wieder aufgenommen. Noch umfangreicher als vor dem Kriege sind jetzt die Fahrten der Kunst- mannschen Schiffe, die Waren aus allen Ländern der Welt holen: Holz aus Finnland und Rußland, Erze und Getreide vom Schwarzen Meer, Phosphate und Schwefelkiese von Nordafrika, Getreide aus Argentinien. Als erstes Stettiner Schiff zeigt 1926 der Dampfer „Werner Kunstmann“ die Stettiner Flagge im Roten Meer, um Erze vom Berge Sinai zu holen. An Bord befindet sich Werner Kunstmann, der älteste Sohn Arthur Kunstmanns, ein Enkel des Begründers des Hauses, der seit 1924 dritter Teilhaber der Firma ist. Diese Fahrt ist ein Symbol für die internationale Geltung, die sich das Haus Kunstmann wieder erworben hat. Arthur Kunstmann, als Nachfolger seines Vaters, seit langem spanischer Konsul, auch Konsul von Peru, wird 1921 Konsul des Kaiserreichs Japan. Er vertritt die Interessen der deutschen Reeder 1920 auf der Konferenz in Genua, nimmt regelmäßig bei Fragen über das Seemannswesen an den Internationalen Arbeitskonferenzen in Genf teil und ist der Abgesandte der deutschen Reeder auf verschiedenen internationalen Schiffahrtskonferenzen in London. Im Jahre 1929 wählt ihn der Verein Deutscher Reeder zu seinem Präsidenten. Die Universität Rostock ernennt ihn zu ihrem Ehrensenator. Das sechzigjährige Jubiläum, das die Firma W. Kunstmann am 1. April 1930 unter größter Anteilnahme feiert, erhält noch durch die Tatsache eine besondere Bedeutung, daß an diesem Fest der sechsundachtzigjährige Begründer des Hauses in voller — ig8 — Geistesfrische und Rüstigkeit neben dem Sohn und dem Enkel teilnehmen kann. Wilhelm Kunstmann hat stets alle Angebote anderer Schiffahrtsgesellschaften, eine Fusion mit ihnen einzugehen, abgelehnt. Seine Devise ist es, selbständig zu bleiben und seinen Kapitänen allein die Befehle zu erteilen. Bisher ist die zweite und dritte Generation des Hauses Kunstmann der stolzen Parole ihres Begründers gefolgt. ARON HIRSCH A n den Hängen des Harzes hatten sich schon im frühen Mittel- alter Juden niedergelassen. Bereits im Jahre 1261 erteilte ihnen Bischof Vollradus von Kranichfeld Schutzbriefe. So sehr man sie in anderen Städten Mitteldeutschlands bedrängte und vertrieb, so wenig Halle und Magdeburg ihre Niederlassung duldeten, in Halberstadt waren es die Bischöfe, die ihnen Zuflucht gewährten. Nicht aus Großmut oder Toleranz, sondern weil die Juden die ständigen Geldbedürfnisse der Kirchenfürsten befriedigen mußten. Unter den brandenburgischen Herrschern war es besonders der Große Kurfürst, der den Halberstädter Juden seinen Schutz angedeihen ließ. Als im Jahre 1669 die Halberstädter Synagoge auf Veranlassung der Landstände zerstört wurde, richtete Kurfürst Friedrich Wilhelm, wie uns Selma Stern in ihrem Buch „Der preußische Staat und die Juden“ berichtet, ein heftiges Restrikt an die Halberstädter Regierung. Zur Zeit dieses großen Herrschers bildete Halberstadt die größte jüdische Gemeinde und zählte 1699 schon 639 Seelen. In jenen Jahren stand der Bergbau des Harzes noch in hoher Blüte. Deutschland war einer der größten Kupferproduzenten der Welt. Aber die Schächte der waldigen Berge lieferten nicht nur das rote Metall, aus ihnen förderte man auch neben Blei das glänzende Silber. Juden der Harzorte, besonders die Halberstädter, hatten regen Anteil am Metallhandel, vor allem am Handel mit Silber. Denn der Handel mit Luxuswaren, mit Gold und Silber, wurde ihnen bisweilen als Privileg überlassen. In den Tagen des Merkantilismus glaubte man vielfach, der Besitz an Edelmetallen könne ein Land bereichern. Man sah es deshalb gern, wenn die Juden von überall her Silber und gar Gold ins — 200 — Land brachten und begünstigte deshalb ihren Handel mit diesen edelsten Produkten des Bergbaus. In Halberstadt stand die Wiege des modernen deutschen Metallhandels. Von hier aus trat er seinen Zug durch Deutschland, ja durch die ganze Welt an, die er bis zum Kriege beherrschte. Gewiß hat es auch an anderen Orten Metallhändler gegeben. Aber Halberstadt beherbergte jenes Haus und jene Männer, die nach einem ganz neuen Prinzip mit Metallen zu handeln pflegten. So wurden sie zu Lehrmeistern all der vielen anderen, die später sich dem gleichen Geschäftszweig widmeten. Die kleine Harzstadt genoß den Vorteil, daß mit der Industrialisierung Deutschlands im nahen Mitteldeutschland im 19. Jahrhundert verschiedene Industriezweige Fuß faßten, die ohne Metalle nicht leben konnten. In Magdeburg, in Leipzig, in Halle, in Erfurt und vielen anderen Städten Sachsens und Thüringens wurden Maschinen-und Metallwarenfabriken begründet. Manche erwarben einen großen Ruf. Diese Werke mit Metallen zu versorgen, bildete jetzt eine neue Aufgabe dieses Handelszweiges. Doppelt bedeutungsvoll wurde sie, als es galt, ausländische Erze und Metalle herbeizuführen, weil Deutschlands Vorräte an metallischen Rohstoffen sich für den ständig steigenden Bedarf der Industrie bald als viel zu klein erwiesen. Jetzt mußten Verbindungen mit ausländischen Handelshäusern, ja auch mit überseeischen Bergwerken angeknüpft werden. Der Begründer des neuzeitlichen deutschen Metallhandels entstammte einem alten rabbinischen Geschlechte. Der Vater war Rabbiner gewesen, also wurde es auch der Sohn. Erst um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts wurde diese Kette unterbrochen. Aron, ältester Sohn des Halberstädter Rabbiners Hirsch Gumprecht, der aus Göttingen stammte, wird Kaufmann. Er entsagt dem Talmudstudium und vertauscht die Kanzel mit dem Kontor. Den Vornamen Hirsch, den sein Vater trägt, wählt er zum Familiennamen. So wird Aron Hirsch (1783—1842) der Ahnherr des großen Metallhauses Hirsch. Die rabbinische gelehrte Begabung vererbt sich in dem andern Zweig der Familie, der den Namen Gumprecht wählt. Der führende Kirchenhistoriker David Gumprecht, ein Vorgänger Adolf von Har- nacks, der sich nach seinem Übertritt zum Christentum August Neander nennt, entstammt der gleichen Familie. Am 30. Januar 1805 gründet Aron Hirsch sein Haus in Halberstadt, das sich ausschließlich dem Verkauf von Harzer Hüttenprodukten widmet, besonders die Erzeugnisse des Eisenhüttenwerks Thale vertreibt. Aber Aron Hirsch begnügt sich nicht mit dem reinen Handel. Wie so viele seiner Glaubensgenossen will auch er, nachdem es die Gesetze jetzt gestatten, in die Produktion selbst eindringen, will Industrieller werden. Sein Ziel ist es, nicht nur mit Metallen zu handeln, sondern auch Metalle zu verarbeiten. So gründet er 1820 einen Kupferhammer bei Werne am Südharz. Schon 1823 beteiligt er sich an der Gründung der Kupferhammer-Betriebsgesellschaft in Usenburg, die mit hunderttausend Talern ins Leben gerufen wird und den Kupferhammer bei Ilsenburg erwirbt. Bald geht diese Gesellschaft ganz in den Besitz seiner Firma über, die er nach dem Eintritt seines 1809 geborenen Sohnes Josef, Aron Hirsch & Sohn nennt. Der Kupferhammer in Ilsenburg bildet das Stammwerk der Produktion des Hauses Hirsch. Hier werden jetzt Kupferbarren und Kupferhalbfabrikate geschmiedet und aus den Erzen das reine Kupfer gewonnen. Als Aron Hirsch stirbt, führen vier seiner Söhne das Geschäft weiter, neben Josef nun auch die Söhne aus zweiter Ehe: Gustav, Salomon und Siegmund. Die industrielle Basis wird stark erweitert. 1863 kauft man vom preußischen Staat das seit 1696 bestehende Messingwerk am Finowkanal. Das Hirschsche Messingwerk in Hegermühle bei Eberswalde entsteht. Von der Kupferfabrikation ist man nun auch zur Messingerzeugung übergegangen: Messingbleche, Messingstangen und andere Messingfabrikate werden erzeugt. Die Übernahme sowie die Einrichtung des neuen Werks führt zu einer Trennung unter den Brüdern. Gustav Hirsch übernimmt seine Leitung, während die anderen in Halberstadt bleiben. Als Josef 1871 stirbt, werden seine Söhne Benjamin (1840 bis 1917) und bald danach auch Aron (gest. 1879) Mitinhaber der Firma. Benjamin wird wie sein Vater zum preußischen Kommerzienrat ernannt. Viele Reisen, die ihn ins Ausland führen, schaffen der Firma weit ausgedehnte internationale Beziehungen, die schon der Begründer des Hauses angebahnt hatte. In England wird Benjamin Hirsch Mitbegründer der Londoner Metallbörse. Er gehört ihr als einziges ausländisches Mitglied an und ist in London infolgedessen fast ebenso zu Hause wie in Halberstadt. Auch in Amerika errichtet er eine eigene Niederlassung. Frühzeitig erkennt er die Bedeutung der Metallproduktion dieses Landes und sieht voraus, daß die unermeßlichen Schätze der Vereinigten Staaten einst die ganze Welt von dem Bezug amerikanischer Metalle, nicht nur des Kupfers, sondern vor allem auch des Nickels, des Bleis und anderer Metalle, abhängig machen werden. In der Nähe von New York und in den Weststaaten werden Raffinerien ins Leben gerufen. Aber es ist ein Prinzip der Firma Aron Hirsch und Sohn, keine eigenen Filialen zu begründen, sondern sich im Auslande nur durch Beteiligungen, die allerdings meist hundertprozentig sind, die nötige Einflußsphäre zu schaffen. So wird auf Benjamins Veranlassung die Firma Vogelstein & Co. in New York gegründet, die unter ihrem Inhaber Ludwig Vogelstein, einem gebürtigen Stettiner, eine bedeutende Rolle am amerikanischen Metallmarkt spielt. Durch sie ist das Halberstädter Haus an den größten amerikanischen Bergwerksgesellschaften beteiligt. Die Firma Aron Hirsch & Sohn ist zum Welthandelshaus geworden. Seine führende Stellung in der deutschen Industrie verdankt das Haus AronHirsch,demJüngeren. Er vollendet das Werk, das der Großvater Aron begonnen. Von beiden Seiten fließt Hirschsches Blut in seinen Adern. Sein Vater Siegmund, 1831 in Halberstadt geboren, dort auch als Stadtverordneter hoch angesehen, der 1877 noch in verhältnismäßig jugendlichem Alter stirbt, der jüngste Sohn Aron Hirschs, des Älteren, hatte seine Nichte Helene, die Tochter Josef Hirschs, geheiratet. Aron Hirsch, der jetzige Seniorchef des Hauses, ist also Enkel und Urenkel des Mannes, dessen Namen er trägt, und der die Firma begründet hat. Vielleicht hat sich diese doppelte Mischung mit dem gleichen Erbgut zu besonderer Begabung auf dem Gebiete gesteigert, auf dem die Familie seit Jahrzehnten eine führende Stellung eingenommen hat. — 203 — Aron Hirsch, am 6. Februar 1858 geboren, wächst in Halberstadt auf, wird nach Absolvierung des Realgymnasiums im eigenen Hause zum Kaufmann ausgebildet und bereist dann ebenfalls die Welt. 1884 tritt er mit seinem 1913 verstorbenen Bruder Gabriel als Mitinhaber in die Firma ein, die jetzt unter seiner Mitleitung ihre Beteiligungen weiter ausdehnt. Die Interessen werden auch auf australische Hütten- und Raffinierwerke übertragen, auf die Bergbaubetriebe Mittel- und Südamerikas, wie auf Werke in Frankreich, Belgien und England. In Sibirien wird bei Wladiwostok ein großes Blei- und Zinkbergwerk durch die Firma Aron Hirsch & Sohn erschlossen. Nach dem Tode seines Onkels Gustav übernimmt er 1898 die Leitung des Ebers- walder Messingwerks und wird 1911 nach dem Ableben Benjamins Seniorchef des Hauses. Aron Hirsch geht bewußt den Schritt zum Großindustriellen. Die verschiedenen industriellen Unternehmungen seines Hauses werden im Jahre 1906 durch die Gründung der Hirsch Kupfer- und Messing werke A.-G. zusammengefaßt. Die Gesellschaft, die mit 8 Millionen Stammkapital ins Leben gerufen wird — heute besitzt sie 12 Millionen Mark — und deren Aktien bald an der Börse eingeführt werden, umfaßt die Werke in Ilsenburg, in Hegermühle und übernimmt später noch andere Messingwerke, so die Neuen Berliner Messingwerke, das Messingwerk Reinickendorf und die Firma Baer & Stein in Berlin. Unter Aron Hirsch steigt das Unternehmen zu einem der bedeutendsten deutschen Messingwerke auf. Er wird der Führer der deutschen Metallwalzindustrie. Da der Sitz des industriellen Unternehmens Berlin wird, verlegt auch Aron Hirsch seinen Wohnsitz um 1900 nach der Reichshauptstadt. Ständig bestrebt, den Interessenkreis seiner Firma zu erweitern, alle Errungenschaften der Technik zu verwerten, gliedert Aron Hirsch dem Stammhaus Unternehmungen in aller Welt an, so daß der Hirsch-Konzern nach dem Kriege fast fünfzig verschiedene Unternehmungen besitzt oder über Beteiligungen an ihnen verfügt. Hierzu gehören das altangesehene Hüttenwerk C. Wilh. Kayser & Co. in Oranienburg, die Zinkhütte Hamburg- Bilbrook, die Zinkwalzwerke Reinickendorf, die Bayerischen - 204 - Hüttenwerke Fritz Neumeyer A.-G. in Nürnberg, die Kropfmühle Bayerische Graphit A.-G., die Hugo Schneider A.-G. in Leipzig, vor allem aber auch bedeutende Werke im Ausland, so die Kupfergesellschaft Arghana Maden, die der Ausbeutung der Kupferwerke der anatolischen Türkei dient, und die bereits im Kriege in Betrieb genommene Bulgarische Silberblei-Mine Bul- gar-Dagh. Die Metall- und Farbwerke Oker am Harz sind besonders nahe dem Ilsenburger Werk verbunden, für Farbgewin- nung besteht auch die Zinkfarben A.-G. in Berlin. Mit den Rütgerswerken gemeinsam beteiligt sich das Haus Hirsch 1916 an der Kursächsischen Braunkohlen-Gas und Kraft G.m.b.H., die zur Verwertung der Braunkohlennebenprodukte begründet wird. In London, Wien, Amsterdam, Mailand, Paris, Malmö, Oslo und Barcelona werden unter dem Namen der Vertreter eigene Niederlassungen unterhalten. Der Krieg führt dem Hause große Aufträge zu, die seine Expansion erleichtern. Mit dem Werk wächst auch die Geltung seines Führers. Aron Hirsch wird Vorstandsmitglied des Zentralverbandes der Walzwerk- und Hüttenindustrie und sitzt in der Berliner Industrie- und Handelskammer. Viele Gesellschaften, so die Deutsche Bank, berufen ihn in ihren Aufsichtsrat. Im Jahre 1922 ernennt ihn die Technische Hochschule zu ihrem Dr.-Ing. e. h. Der Krieg hat einen Teil des Werkes, das Aron Hirsch geschaffen hat, zerstört. Das englische „Nicht-Eisen-Metall- Gesetz“, in seiner Bedeutung nur der Navigationsakte Crom- wells vergleichbar, sollte die überragende Stellung der deutschen Metallhäuser treffen. Der beste Beweis für ihre Weltbedeutung. Denn es richtete sich ausschließlich gegen die Firma Aron Hirsch & Sohn und die beiden anderen ebenfalls von Juden begründeten deutschen Unternehmungen. Gegen die Metallgesellschaft in Frankfurt a. M., die aus der in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts errichteten Firma Philipp Abraham Cohen hervorging, deren hervorragendster Inhaber Moses nach seiner Übersiedlung nach England und seinem Übertritt zum Christentum den Namen Merton annahm. Ferner gegen die Firma Beer, Sondheimer & Co. in Frankfurt a. M., deren Begründer ursprünglich Angestellte der Metall- — 205 — gesellschaft waren. Diese drei Häuser hatten bis zum Kriege vor allem durch ihren großen Bergwerksbesitz und ihre ausgedehnten internationalen Beteiligungen auf dem Weltmetallmarkt eine unüberwindliche Stellung eingenommen. Ihren Einfluß vernichtet das englische Gesetz. Durch den Krieg verlieren die drei deutschen Häuser ihre bedeutende ausländische Rohstoffbasis. Auch in Deutschland spielten sie eine große Rolle. Unter ihrer Leitung wurde das Zinksyndikat gegründet. Mit ihm beherrschten sie den deutschen Zinkmarkt. Als dieses Kartell 1926 zur Auflösung gelangt, macht die Firma Aron Hirsch & Sohn den Versuch, das drohende Diktat über den deutschen Zinkmarkt durch ein polnisch-amerikanisches Syndikat — die großen oberschlesischen Zinkgruben waren inzwischen polnisch geworden — zu verhindern. Die schweren Verluste durch den Weltkrieg, die vollständige Umstellung, die das deutsche Metallhandelsgeschäft erlebt, gehen auch an einem Hause so alter Tradition, wie es die Firma Aron Hirsch & Sohn ist, nicht spurlos vorüber. Nachdem der Sohn Aron Hirschs, Siegmund, sich der Leitung der Hirsch Kupfer- und Messingwerke gewidmet hat, deren Aktien sich jetzt fast zur Hälfte in ausländischem Besitz, und zwar in dem des englischen Chemietrustes und der belgischen Union-Miniöre du Haut Catanga befinden, führt das alte Handelshaus unter der Initiative seines Seniorchefs im Jahre 1929 den Zusammenschluß mit der jüngeren Berliner Metallfirma H. Schoyer & Co. durch, so den Tendenzen der Rationalisierung Rechnung tragend. Die jüdische Tradition ist bei allen Zweigen des Hauses Hirsch stets hochgehalten worden. Aron Hirsch war jahrelang Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde in Berlin und hat durch viele Stiftungen bewiesen, wie er die jüdische Überlieferung des Wohltuns ehrt. Sein großes Interesse für wissenschaftliche Probleme hat aus ihm einen anerkannten Ägyptologen gemacht. Der hervorragende Kenner jüdischer Fragen ist seit Jahren Vorsitzender der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. DIE FAMILIE TIETZ P. P. Dem verehrten Publikum Geras und Umgegend die ergebene Mitteilung, daß ich am hiesigen Platze Sorge 23 ein Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwaren-Geschäft en gros und en detail unter der Firma Hermann Tietz eröffnet habe. Indem ich mich beehre, Sie hiervon in Kenntnis zu setzen, bitte ich zugleich um Ihr geneigtes Wohlwollen und gebe Ihnen die Versicherung, daß ich durch strenge Rechtlichkeit mich desselben würdig zeigen werde. Vielseitige in den angesehensten Export-Häusern gesammelte Erfahrungen und ausgebreitete Bekanntschaft, sowie genügende Mittel, haben mir die ersten Bezugsquellen geöffnet, was mich hoffen läßt, hinsichts großer Auswahl und billiger Preisnotierungen jede Konkurrenz zu bestehen und auch Ihren Beifall zu finden. Haben Sie die Güte, mich mit Ihrem Besuche zu beehren und genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung Hermann Tietz, Sorge 23 im Hause des Herrn Anton Pertzel. Ob diese Anzeige, die am 1. März 1882 in den Blättern der fürstlich reußischen Hauptstadt Gera erschien, auf die Bewohner dieses friedlichen Städtchens einen großen Eindruck gemacht hat ? Ob es sie rührte, wenn der Inhaber des neu eröffneten Geschäftes betonte, er werde „durch strenge Rechtlichkeit“ sich vor andern Kaufleuten auszeichnen ? Auch die Versicherung, daß er durch große Auswahl und billige Preisnotierungen es mit jeder Konkurrenz aufnehmen könne, da ihm „die ersten Bezugsquellen geöffnet“ seien, scheint den guten Geraern in der ersten Zeit - 207 - nicht sonderlich imponiert zu haben. Denn allzugroß war der Andrang am ersten Tage nicht, an dem man eine Losung von 34,50 Mk. erzielte. An dem ersten Wochenmarkttage in Gera stieg sie dann auf 107 Mk. Und doch bedeutet der I. März 1882, an dem das neue Magazin eröffnet wurde, einen Markstein in der Geschichte der deutschen Wirtschaft. Es ist der Geburtstagdesdeutschen Warenhauses. Denn aus diesem kleinen Laden in Gera sind die Paläste der Warenhäuser entstanden. Die Gedanken, die bei der Eröffnung des Geschäftes von Tietz in Gera Pate standen, • setzten sich durch. Sie bildeten die Grundlage, auf der sich allmählich das Warenhaus entwickeln konnte. Das deutsche Warenhaus stieg aus dem Textilgeschäft empor. Es fehlt ihm zunächst völlig der Charakter des orientalischen Basars, in dem Waren der verschiedensten Art kunterbunt durcheinanderliegen. Hermann Tietz hatte in der Eröffnungsannonce seine guten Bezugsquellen hervorgehoben. Er kaufte direkt beim Fabrikanten. Aber nicht nur das war etwas Neues, sondern auch die Tatsache, daß er seinen Käufern weder Kredit gab, noch sich gar auf Handeln einließ. Der Vater des Warenhauses verpönte die Methode des Basars! Die Preise waren vom ersten Tage an so berechnet, daß er sich nur mit einem kleinen Nutzen begnügte. Man schüttelte in Gera den Kopf. Man betrachtete fast mit Sorge den neuen Laden in der Sorge und sah bereits das Ende des kühnen Unternehmers voraus. Aber Tietz behielt recht. Zu den Neuerungen gehörte auch, daß er deutlich jede Ware mit ihrem Preis auszeichnete und so mit der Geheimniskrämerei brach, die bis dahin überall geherrscht hatte. Gera war zu klein, um bereits in den achtziger Jahren diesem Geschäft eine große Ausdehnung geben zu können. Schon das Prinzip: großer Umsatz, kleiner Nutzen wirkte damals revolutionierend. Eine Expansion im Ausbau des Betriebes durch Hinzunahme neuer Waren konnte erst allmählich erfolgen. Bedingung hierfür war eine Veränderung in der Lebenshaltung der deutschen Bevölkerung, die sich seit langem, besonders aber seit den siegreichen Kriegen, vorbereitet hatte. Erst der steigende Massenkonsum schafft die Grundlage für das Warenhaus. - 208 - So ist dieses Warenhaus, wie es sich aus dem kleinen Geschäft von Hermann Tietz in Gera oder fast zu gleicher Zeit aus dem 1879 Stralsund begründeten Manufakturengeschäft von A. Wertheim entwickelt, wie Sombart es ausdrückt, „das rechte Kind des hochkapitalistischen Zeitalters. Es ist durch dieses geschaffen worden; es hat aber selbst auch wesentlich zur Entfaltung hochkapitalistischen Wesens beigetragen und es verkörpert dieses wie wenige Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens“. Das Warenhaus, das nur von der Masse leben kann, muß sich auch auf die Masse einstellen. Nicht mehr der einzelne Kunde ist maßgebend, den man als Persönlichkeit wertet. Im Warenhaus verschwindet der einzelne. Die Uniformierung der Waren führte zur Demokratisierung des Verkaufsbetriebes, aber die Idee des Dienstes am Kunden beherrscht diese Schöpfung des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Warenhaus ist es, das den Preis vieler Waren herabgedrückt und so die Kaufkraft der Massen gesteigert hat. Mit immer neuen Mitteln wußte es die Käufer anzulocken. Schrie einst auf dem Jahrmarkt jeder Budenbesitzer den Käufern ins Gesicht, versuchte er sie mit tönenden Worten einzufangen, so prangten jetzt in allen Zeitungen, an allen Anschlagsäulen riesige Anzeigen der Warenhäuser. Auch sie schrien dem Publikum entgegen und versuchten, es mit immer neuen Attraktionen einzufangen. Nicht umsonst war Emile Zola der erste Dichter, der die Suggestion des Warenhauses in seinem Roman „Zum Paradies der Damen“ packend erfaßte. Denn die Warenhäuser sind keine deutsche Erfindung. Schon im siebzehnten Jahrhundert finden wir in Frankreich Händler, die dort in ihren Geschäften die verschiedensten Artikel feilbieten. In Paris wurden schon unter dem ersten Kaiserreich Warenhäuser wie „Le petit St. Thomas“ oder „Le diable boiteux“ begründet. Und in der Zeit Napoleons III. entstehen dann die großen Magazine, unter ihnen „Au bon Marchö“. In den sechziger Jahren werden ähnliche Unternehmungen in England ins Leben gerufen, andere Länder folgen, vor allem Amerika. Keiner dieser Begründer des Warenhauses war ein Jude. Das Warenhaus ist auch keine jüdische Erfindung. s je ;ied Oskar Tictz fZmm gpig WIM sM8§ 3g$P jtVV?s >£P Ä tvir; 5 5c3%I • vv' v' ;■-* ■wsgß. r ' äj .1 h - 4| fääag-'l - 209 - Nur in Deutschland sind es jüdische Männer, die zu den Schöpfern der Warenhäuser gehören. Die Gründer des kleinen Geschäftes in Gera sind Onkel und Neffe: Hermann und Oskar Tietz. Die Familie Tietz stammt ursprünglich aus Holland, wahrscheinlich sogar aus Südfrankreich. Avignon, die Stadt der Päpste, war das Domizil ihrer Ahnen. Unter Friedrich dem Großen kommt Jacob Isaac (1736 bis 1798) von Holland nach dem Warthebruch, wo er vom König das Gut Urschwanzow Czlizie erhält. Sein Sohn Hirsch (1766 bis 1833) trägt als erster in Deutschland den Namen Tietz, während ein Teil der Familie sich Graupe nennt. Er läßt sich in Birnbaum in der Provinz Posen nieder. Von ihm stammen David, der Begründer der sogenannten reichen Linie, und Salomon, der Ahnherr der Warenhausfamilien, ab. Die Nachkommen Davids, die „reichen“ Tietz’ etablieren in Birnbaum ein Kurzwaren-Engrosgeschäft, der anderen Linie gehören Landwirte und Handwerker, vor allem Bäcker und Stellmacher an, die es bald auch zu einem gewissen Wohlstand bringen. Bei den Polenunruhen um 1830 verlieren sie ihren Besitz und sind gezwungen, von vorn anzufangen. Jetzt siedeln auch die Gutsbesitzer, die all ihr Hab und Gut verloren haben, nach Birnbaum über. Zu ihnen gehört der Stammvater des Berliner Hauses: Jacob Tietz (1814—1887). Als Fuhrmann besucht er die Güter und fährt zu den Messen nach Schwerin a. d. Warthe, nach Leipzig und Königsberg. Aber das Fuhrgeschäft langt nur zu einem bescheidenen Leben. Denn auch Jacobs Frau Johanna Kieletzki entstammt einer Familie von Grundbesitzern, die zu gleicher Zeit wie die Tietz ihr Vermögen verloren hatten. In ihrem Hause ging es einst hoch her. In den Schränken war das Goldgeld aufgestapelt. Zu den Festlichkeiten aß man nur von silbernen Schüsseln. Als aber der Polenaufstarid losbrach, war all dieser Glanz zu Ende. So stehen an der Wiege des Warenhauses, der jüngsten Schöpfung des Handels, die Nachkommen von Landwirten. Der unternehmungslustigste der Birnbaumer Brüder ist aber nicht Jacob, der Fuhrmann, sondern Hermann, der Pate der heutigen Weltfirma. In Birnbaum am 29. Mai 1837 geboren, 14 Zielenziger. wird er zunächst Bäcker, geht dreizehnjährig nach Amerika, wo ein Teil der Familie lebt, wird dann Farmer in den Südstaaten, kommt nach Tennessy bei Memphis und kehrt 1870 nach Deutschland zurück, um den Deutsch-Französischen Krieg mitzumachen. Er hat es in Amerika zu Geld gebracht und etabliert mit diesem Vermögen seine Brüder Heinrich und Kaskel in Prenzlau als Alt- produktenhändler. Er selbst bleibt nur an ihrem Geschäft beteiligt. Seine besondere Gunst aber wendet Hermann seinem Neffen Oskar zu. Oskar Tietz wird am 18. April 1858 in Birnbaum als jüngster Sohn von Jacob Tietz geboren. Es scheint so, als ob sich mit seiner Geburt das Geschick seines Vaters wendet. Denn an Oskars Geburtstage verdient Jacob an einem Hafergeschäft viel Geld, und wenn er auch nicht orthodox ist, so glaubt doch Jacob als strenggläubiger Jude, daß ihm dieses Kind besonderen Segen bringen werde. Ist Vater Jacob ein frommer aber einfacher Mann, so ist die Mutter Johanna aus dem reichen Hause der Kieletzki eine intelligente, gebildete, freisinnige Frau von seltener Akkuratesse und Korrektheit, durchaus nicht frei von Eitelkeit und dem Bestreben, sich das Leben leichtzumachen. Aber bei fünf Kindern, die Jacob und Johanna Tietz beschert werden, reicht es nicht, um sie lange im Hause zu halten. Oskar Tietz besucht die Schule in Birnbaum. Sein Lehrer Gäbel, ein echter Achtundvierziger und Freund Freiligraths, begeistert ihn für die deutsche Freiheitsbewegung und den Gedanken des deutschen Einheitsstaats. Aber schon mit dreizehn Jahren muß Oskar die Schule verlassen. Er kommt zunächst zu seinem Onkel Kaskel in Prenzlau in die Lehre. In diesem Manufakturwarengeschäft, dem ein Altproduktenhandel angegliedert ist, begründet Oskar Tietz seine große Kenntnis der verschiedensten Rohstoffe und Fertigprodukte, die ihm später oft zustatten kommt. Nach der Lehrzeit geht er weiter nach Norden, nach Stralsund, wo sich 1879 der vierzehn Jahre ältere Bruder Leonhard auch mit Unterstützung Onkel Hermanns mit einem Kurzwaren- Engrosgeschäft niedergelassen hat. Der bisherige Detailhändler bereichert hier sein Wissen als Grossist. Mit Pferd und Wagen bereist er Pommern und Mecklenburg, kommt auch nach - 211 - Brandenburg. Erst durch diese Tätigkeit fühlt er sich reif, um eine Stellung in einem Möbel- und Teppichgeschäft in Berlin anzunehmen. Das Monatseinkommen von 80 Mk., das er erhält, dünken ihm ein fürstliches Gehalt. Aber auch in dieser Firma bleibt er nicht lange, denn es erscheint ihm unfaßlich, wie ein Geschäft existieren kann, in dem die Angestellten um neun und der Chef erst um zehn Uhr zum Dienst antreten. Schon nach einem halben Jahr verläßt er das Unternehmen. Jetzt hält Hermann Tietz die Zeit für gekommen, auch diesen Neffen auf eigene Füße zu stellen. Am I. März 1882 eröffnet er mit Oskar Tietz gemeinsam das Weiß- und Wollwarengeschäft in Gera. Man hat sich diese Stadt von 35000 Einwohnern auserkoren, weil man sich von dem aufstrebenden Industrieort besonders viel für das neue Unternehmen verspricht, das nach neuen Prinzipien geführt werden soll. Hermann scheidet schon nach kurzer Zeit aus und läßt sich zunächst im nahen Weimar nieder. Oskar versucht bewußt das System des Engrosgeschäftes auf seinen Laden zu übertragen. Die Konkurrenz glaubt erst, er müsse mit dieser „Schleuderei“ zugrunde gehen, aber gerade mit seinen Leitsätzen setzt er sich durch, weil sich der Zuspruch des Publikums immer mehr vergrößert. In der ersten Zeit will die Familie von all diesen Neuerungen, die Oskar Tietz in Gera einführt, nichts wissen. Auch Hermann rückt deutlich von dem Neffen ab. Nur seine Adoptivtochter Betty Meyer hält zu ihrem Vetter Oskar. Betty ist in Washington geboren, in Memphis aufgewachsen, sie wird, früh verwaist, von ihrem Onkel Hermann adoptiert und nach Europa mitgenommen. Hier entwickelt sich bald eine herzliche Freundschaft zwischen ihr und Oskar Tietz, den sie im Jahre 1887 heiratet. In Gera wird am 10. Januar 1889 als erstes Kind des jungen Paares der Sohn Georg geboren. Inzwischen hatten sich die Mitglieder der Familie Tietz über Deutschland verbreitet. Sie hatten sich in verschiedenen Städten mit gleichen Geschäften niedergelassen. Wenn auch jeder auf eigenen Füßen stand und für eigene Rechnung arbeitete, einte sie nicht nur das gleiche Blut, sondern ein enger freundschaftlicher Zusammenhalt. Julius Tietz, ein Bruder von Jacob und m’ - 212 - Hermann, hatte sich in Nürnberg etabliert und in Plauen sowie Greiz Filialen eröffnet, Markus, ein weiterer Bruder, hatte sich in Bamberg niedergelassen und Zweige seines Hauses in Chemnitz und Schweinfurt gegründet. Einige dieser Warenhäuser wurden bei der Heirat der Töchter als Mitgiftsgüter verschenkt. Oskar Tietz veranlaßt jetzt die Familie: getrennt zu marschieren, aber vereint zu schlagen. Unter seiner Leitung wird der gesamte Einkauf für alle Tietz-Häuser zentralisiert. Die Bestellungen werden gemeinsam den Fabrikanten überreicht, so gelingt es, besonders vorteilhafte Abschlüsse zu erzielen. Das Geschäft in Gera erweitert sich. Außer den bisherigen werden verwandte Artikel hinzugenommen. Das Publikum selbst verlangt mehrfach diese Erweiterung. Als eines Tages kleine Frühstückskörbchen zum Verkauf gelangen, die die Firma Tietz selbst mit Spitzen garniert hat, und die den Käufern wegen ihrer Billigkeit besonders gut gefallen, werden auch andere Körbe gefordert. Es ist nicht schwer, mit der Korbwarenfabrik, von der die Frühstückskörbchen stammen, ein Geschäft über andere Korbwaren abzuschließen. So gelangen in Gera auch Marktkörbe zum Verkauf. Ähnliches ereignet sich mit anderen Waren. Der Schritt zum Warenhaus ist nicht mehr weit. Kurz nach der Geburt von Georg Tietz kehrt Hermann Tietz zunächst nach Gera zurück. Mit größtem Interesse hat er nach Überwindung der zuerst gehegten Zweifel die Entwicklung des von ihm mitbegründeten Kaufhauses verfolgt. Er bleibt auch weiter Freund und Berater Oskars. Für zwei so rührige Menschen bietet aber Gera nicht genügend Betätigung. Im Jahre 1889 übersiedelt Oskar mit seiner Familie nach München. „Draußen in der Nähe des Bahnhofs, am Stachus“, so erzählt Georg Tietz in einer Schrift, die er dem Andenken seines Vaters gewidmet hat, „das damals noch keine Lage war, eröff- nete er so geformt, wie es in Gera gewachsen, ein Manufakturwarengeschäft mit nicht organisch dazugehörigen Nebenartikeln. Heute würde man es Kaufhaus an der Peripherie nennen. Damals gab es noch keinen Namen für Geschäfte dieser Art.“ In den Räumen des früheren Cafd Imperial in der Neuhauserstraße ersteht das erste deutsche Warenhaus. Man führt — 213 — dort nicht nur Textilien aller Art, sondern auch Schuhe, Korb- und Spielwaren, Glas und Porzellan, sowie Möbel und Teppiche. Mit den in Gera erprobten Grundsätzen setzt sich Oskar Tietz auch hier bald durch. „Ihr müßt mit Eurem Prinzip brechen, an jedem Artikel dick verdienen zu wollen, vielmehr Euch nach der Konkurrenz richten und auf jeden Fall mitgehen, und wenn es der Artikel noch gestattet, d. h. nicht schon zum Kostenpreis oder unter demselben verkauft wird, der Konkurrenz vorgreifen. Es rächt sich nichts mehr, als die Leute hochzunehmen“, so schreibt Hermann seinem Neffen, dem er bald nach München folgt. Jetzt bleiben die beiden unzertrennlich, einander vortrefflich ergänzend. Hermann, den die Kinder — in München wird der zweite Sohn Martin und die Tochter Elise geboren — Großvater nennen, fühlt sich der Familie seines Neffen Oskar und seiner Pflegetochter aufs innigste verbunden. Beide Sozien führen nie getrennte Kassen, beide unternehmen nichts, ohne es miteinander zu beraten. Ist Oskar impulsiv, ideenreich, immer vorwärtsstürmend, stets allen Zeitströmungen Rechnung tragend, so zeigt sich Hermann welterfahren, überlegt und bildet die Bremse, wenn der Neffe zu schnell voraneilen will. Trotz aller Anfeindungen, die das Haus Tietz nach seiner Niederlassung in München erleben muß — „man hielt es für unmöglich“, erzählt Georg Tietz, „daß man auf anständige Weise so billig verkaufen könne, da müsse Unreellität im Spiele sein“ —, blüht das Geschäft so schnell auf, daß man 1894 bereits zwei Grundstücke erwerben kann. Oskar, der inzwischen in Paris Studien getrieben hat, läßt diese Häuser völlig umbauen und zu einem Warenhaus ausgestalten. Der große Lichthof des Hauses, ursprünglich nur ein Notbehelf, findet bei den Käufern die meiste Bewunderung. Nach dem Muster des Münchener Hauses werden weitere Warenhäuser geschaffen. Auch in Karlsruhe, Stuttgart, Straßburg und Hamburg etabliert sich das Warenhaus Hermann Tietz. Verhältnismäßig spät kommt Oskar Tietz nach Berlin. Hier hatte bereits die Firma A. Wertheim, die zunächst bei ihrer Übersiedlung aus Stralsund 1885 in der Rosenthalerstraße ein Spezialgeschäft für Manufaktur- und Modewaren begründet hatte, ungefähr zur gleichen Zeit wie Tietz in München 1894 ihr - 214 - — erstes Warenhaus mit einem großen Lichthof in der Oranien- straße eröffnet. Im Jahre 1896 begann sie ihren großen Bau am Leipziger Platz. „Was Messel geschaffen, wirkte wie eine Fanfare“ (Max Osborn). Mit scharfem Blick erkennt Oskar Tietz, daß die Leipziger Straße trotz des Wertheimbaus für sein Warenhaus besonders geeignet ist. Er wählt sich die Gegend am Dönhoffsplatz für den Palast, den er errichten läßt. Bilses Konzerthaus, eine der populärsten Gaststätten Berlins, fällt den Tietzschen Plänen zum Opfer. Der Berliner Kaufmann Siegfried Weyl spielt bei dem Ankauf dieses wertvollen Grundstücks den geschickten Vermittler. Bereits am 26. September 1900 wird das Warenhaus eröffnet. Die Leipziger Straße erhält durch die beiden Kaufpaläste ein völlig neues Gesicht. Aber die erste Zeit der Berliner Gründung führt eine schwere Krise für die Firma herauf. Der Bau ist wesentlich teurer, als er veranschlagt war. Durch den Zusammenbruch der Pommerschen Hypothekenbank wird auch der Berliner Bankverein in Mitleidenschaft gezogen und zieht die Kredite zurück, die er Oskar Tietz gewährt hat. Nur mit größten Einschränkungen auch im eigenen Haushalt hält sich Oskar Tietz über Wasser, dem inzwischen Hermann aus München zur Hilfe herbeieilt. Erst 1902 wird der Rückschlag überwunden. Jetzt gelingt es der Firma, in Berlin rasch vorwärtszukommen. Am 22. Oktober 1906 wird das Warenhaus, am Alexanderplatz eröffnet. Ihm folgt als drittes Warenhaus unter Übernahme des früher Mannheimschen Hauses, das Warenhaus in der Frankfurter Allee. Als Hermann Tietz am 3. Mai 1907 stirbt, genießt die Firma, die er geschaffen, einen Ruf weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Der Kampf für das Warenhaus war durchgefochten, nicht der Kampf um das Warenhaus. Schon in den neunziger Jahren setzt kaum nach Begründung der ersten kleinen Warenhäuser eine konzentrische Agitation gegen diese neuen Gebilde des Einzelhandels ein. Mit den verschiedensten Argumenten versucht man die Warenhäuser niederzuringen. Mittelstandsorganisationen ziehen gegen sie zu Felde. Die antisemitische Bewegung schürt diesen Kampf. Sie spannt sich vor den Wagen der Mittelstandsvertreter. Das Warenhaus ist für die Antisemiten nur das Aus- — 215 — hängeschild in ihrem Kampfe gegen die Juden, denn es gelten die Argumente, die sie anführen, mit der gleichen Berechtigung auch für die jüdischen Kaufleute. Wenn das Warenhaus den Mittelstand bedroht, muß es auch jüdischen Händlern und Handwerkern gefährlich werden. Trotz der Warnungen führender Männer der Wirtschaft und Wissenschaft wird in verschiedenen deutschen Staaten die Warenhaussteuer eingeführt. Im Jahre 1898 ruft Oskar Tietz zur Abwehr gegen diese Sondersteuern auf. Aber erst vier Jahre später kommt es zu Verhandlungen mit den Besitzern der anderen Warenhäuser. Im gleichen Jahre veröffentlicht er gemeinsam mit Gerson Bach eine Broschüre „Die Sonderumsatzsteuern im Lichte der Gewerbefreiheit und Gewerbeordnung sowie der allgemeinen Rechts- und Steuerprinzipien“, durch die er zum Vater der deutschen Umsatzsteuer wird. Seinem Einfluß gelingt es, noch im gleichen Jahre einen Ausschuß von zwölf Waren-und Kaufhausbesitzern zu bilden. Am 25. Februar 1903 wird in Berlin der Verband deutscher Waren- und Kaufhäuser gegründet, der Oskar Tietz zum Vorsitzenden wählt. Zwanzig Jahre hindurch bleibt er der Führer dieses Verbandes. Seiner Initiative verdanken die Warenhäuser die Anerkennung und die Würdigung, die sie allmählich finden. Dem Charakter Oskar Tietz’ entspricht es, daß der Verband, wie es der Sohn schildert, „kein Kampfverein wurde, der Feindschaft mit Feindschaft vergalt, sondern der aufklärend wirkte und Gegensätze innerhalb des Einzelhandels auszugleichen sich bemühte“. Als Mitglied der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels hat sich der Verband nach dem Kriege mit den Verbänden der Einzelhändler zusammengeschlossen. Oskar Tietz tritt auch in den Vorstand dieser Spitzenorganisation. Der kleine Ladenbesitzer und der Beherrscher des Warenhauses kämpfen jetzt für ihre gemeinsamen Interessen Schulter an Schulter. Oskar Tietz führt in seinen Betrieben von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat ständige Neuerungen durch. Immer wieder wird versucht, durch neue Methoden den Bezug der Waren zu verbilligen, um sie möglichst vorteilhaft verkaufen zu können. Immer mehr aber hebt sich auch die Qualität der Ware. Das - 2x6 Ramschprinzip ist ein vom deutschen Warenhaus längst verlassener Grundsatz. Der Kunde ist der König. Seine Wünsche bleiben allein maßgebend. Tietz führt Ausstellungen und Vorführungen der verschiedensten Art ein. Wie in den Warenhäusern anderer Firmen, werden auch bei der Firma Tietz die Schaufenster nach künstlerischen Prinzipien dekoriert. Als Einkäufer riesiger Mengen der gleichen Ware kann das Warenhaus auch die Warenerzeugung beeinflussen. Schließlich wird auch der Schritt zur Eigenfabrikation unternommen. Im Laufe der Jahre entstehen eine Reihe von Fabrikationsbetrieben, daneben eigene Handels- und Verwaltungsunternehmen, die in zweiundzwanzig verschiedenen Gesellschaften zusammengefaßt werden. Ihre Anteile befinden sich restlos in den Händen der engeren Familie. „Als Großvater Jacob die Augen schloß“, berichtet Georg Tietz, „ließ er sich von seinen Kindern versprechen, daß sie Glauben und Gesetze der Väter hielten.“ Dem Wunsch seines Vaters folgend ist Oskar Tietz stets ein treuer Jude geblieben. Wie er die Feier des Freitagabend zu schätzen weiß, so hat er die Feiertage geheiligt und stets an ihnen alle seine Kaufhäuser geschlossen. Mit aller Kraft setzt er sich für seine Glaubensgenossen ein. Als Repräsentant der Berliner Jüdischen Gemeinde hat er jahrelang die Verwaltung des größten jüdischen Gemeinwesens in Deutschland aufs stärkste beeinflußt. Nicht nach außen aber nach innen ist er der Führer der jüdisch-liberalen Bewegung in Deutschland. Er betont neben dem Judentum stets sein Deutschtum, was ihm „heftige Kämpfe sowohl mit den Zionisten wie mit den Konservativen eintrug“. Als Oskar Tietz am 17. Januar 1923 unerwartet und mitten aus der Arbeit heraus stirbt, folgen ihm die Söhne Georg und Martin und der Schwiegersohn Dr. Hugo Zwillenberg in der Leitung des Unternehmens. Unter ihrer Führung wird das Werk, das Hermann und Oskar Tietz geschaffen haben, im Sinne der Begründer ausgebaut. Im Jahre 1926 wird der Konzern des Hauses Tietz durch die Angliederung der zweiundzwanzig Warenhäuser der Firma M. Conitzer & Söhne erweitert. Im gleichen Jahre erfolgt die Angliederung der Jandorfschen Warenhäuser •— 2J7 - in Berlin und des Kaufhaus des Westens. Aus dem kleinen Laden zu Gera ist ein Weltkonzern entstanden. Selten findet sich in einer Familie gleichzeitig die gleiche Begabung. Selten sind zwei Söhne eines Vaters Erfinder geworden. Anders dagegen in der Familie Tietz. Denn der Aufstieg, den LeonhardTietz, der älteste Sohn von J acob Tietz nimmt, gleicht dem von Oskar Tietz in fast allen seinen Erscheinungen. Auch er durchläuft die Bahn vom Kleinhändler bis zum Konzerngründer, auch er begründet mit gleichen Prinzipien ein Weltunternehmen. Am 3. März 1849 in Birnbaum geboren, kommt auch er wie später Oskar zu seinem Onkel Kaskel in Prenzlau in die Lehre. Dann tritt er als Kommis und Reisender bei der Firma Gebr. Tietz in Birnbaum ein, den Nachkommen der „reichen Linie“, die ihr Geschäft später nach Berlin verlegen, wo es noch heute als eines der angesehensten Posamentier- und Kurzwaren-Engros- geschäfte besteht. Leonhard Tietz hat hier Gelegenheit, sich große Warenkenntnisse anzueignen. Durch seine Reisen zur Frankfurter und Leipziger Messe knüpft er viele Beziehungen an. In Leipzig erlebt er zum ersten Male die Großstadt. Oper und Schauspiel erschließen ihm eine neue Welt. Seine weltmännische Gewandtheit, seine Freude an allen kulturellen Dingen verdankt er diesen Wanderjahren. Mit einem Birnbaumer Jugendfreund macht er sich dann in Frankfurt a. O. unter der Firma Winkelmann Nachf. mit einem Kurz-, Weiß- und Woll- warengeschäft selbständig. Nach kurzer Zeit trennt er sich von seinem Sozius und übernimmt am 14. Augurt 1879 ein ähnliches Geschäft in Stralsund in der Ossenreyerstraße 31, das jetzt Leonhard Tietz firmiert. Im Oktober des gleichen Jahres heiratet er Flora Baumann, eine Freundin aus seiner Vaterstadt. Mit einer Verkäuferin und einem Lehrling eröffnet er den Laden. Schon ein Jahr später muß er ein neues Geschäftslokal beziehen, dem er eine kleine Posamentenwerkstatt angliedert. Wie Oskar in Gera, führt auch er in seinem Geschäft feste Preise und sofortige Bezahlung ein. Die Firma erweitert sich, und Leonhard Tietz kann dem jüngeren Bruder seiner Frau, Sally Baumann, der ihm in Stralsund zur Seite steht, neuerworbene Unterneh- men in Schweinfurt und in Amberg anvertrauen. Damit hat er seinen Interessenkreis bis nach Bayern ausgedehnt. Zehn Jahre nach der Gründung des Stralsunder Betriebes eröffnet er ein ähnliches Geschäft in Elberfeld, klug die Entwicklungsmöglichkeiten des Industriereviers erkennend. Sein Schwager Max Baumann, der auf eine langjährige kaufmännische Praxis in Südafrika zurückblickt, wird der Leiter dieser Filiale, bis Leonhard Tietz selbst 1890 nach Elberfeld übersiedelt. Wie Hermann und Oskar Tietz kaufen auch diese Tietzschen Unternehmungen unmittelbar beim Produzenten. Weitere Filialen in Barmen und in Koblenz folgen. Am 7. April 1891 wird auf der Hohen Straße in Köln ein Geschäft eröffnet, dessen Leitung jetzt Sally Baumann übernimmt. Fast in jedem Jahre vergrößert Leonhard Tietz sein Arbeitsfeld. Dem Unternehmen in Köln schließen sich ähnliche Häuser in Remscheid, Aachen, Mainz, Düren, Düsseldorf, Eschweiler, Bonn, Krefeld und Mayen an. Im ganzen Rheinland und Westfalen bestehen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bereits Geschäfte der Firma Leonhard Tietz. Das Unternehmen ist jetzt nicht nur an Umfang, sondern auch durch die Verschiedenartigkeit der Waren, die es feilbietet, so groß geworden, daß man am 17. März 1905 seine Umwandlung in die Leonhard Tietz Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 10 Millionen Mark beschließt. Die Aktien befinden eich zunächst im Besitz der Familie. Dem ersten Vorstand gehören u. a. Leonhard Tietz und seine Schwäger Max und Sally Baumann an. Schon zwei Jahre später wird das Aktienkapital auf 12,5 Millionen erhöht. Im Jahre 1909 werden die Aktien als erstes deutsches Warenhauspapier an der Berliner Börse eingeführt. Hatte man in Deutschland das Warenhaus ursprünglich dem französischen Vorbild nachgeschaffen, so geht jetzt Leonhard Tietz mit seiner Schöpfung in die französische Einflußsphäre zurück. Schon im Jahre 1900 hatte er in Antwerpen ein eigenes Haus errichtet, dem dort bald ein großzügiger Bau folgt. Weitere Warenhäuser werden in Mecheln, St. Nicolaas, Brügge, Brüssel und Lüttich begründet und in eine mit 6 Millionen Francs errichtete Aktiengesellschaft Socidtd Anonyme Grands Magasins Leonhard Tietz eingebracht. Im Krieg gehen alle verloren. — 2ig — Als Leonhard Tietz am 15. November 1914 stirbt, hinterläßt auch er einen Konzern von größter Ausdehnung. Eine fein- gliedrige Organisation ist aufgebaut worden, um den Riesenmechanismus der vielen Unternehmungen in Gang zu halten. In den verschiedensten Gegenden Deutschlands, aber auch in Paris, hatte man eigene Einkaufshäuser eingerichtet, in der Südeifel war man mit der Begründung einer Strumpffabrik zur Eigenfabrikation übergegangen. Die Fabrikationsunternehmen werden durch die Firma, an deren Spitze jetzt der älteste Sohn von Leonhard Tietz, Alfred Leonhard Tietz steht, in der Inflationszeit stark erweitert. Die Flucht in die Sachwerte führt das Haus zur Übernahme verschiedener Fabriken für Textilprodukte in Plauen und anderen Städten und der Mechanischen Weberei Augsburg-Siebenbrunn. Nach der Stabilisierung der Währung steuert man abermals einen neuen Kurs. Das Prinzip der Selbstfabrikation wird zum größten Teil wieder aufgegeben. „Wenn ein Rückschlag kommt“, so erklärt Alfred Leonhard Tietz vor der Enquetekommission, „dann hat man bei der Selbstfabrikation das Risiko sowohl im Handel wie in der Fabrikation zu tragen. Allerdings hat man bei der Hausse auch die Möglichkeit, zweimal zu verdienen. Aber wir sahen ein, daß die Gefahr, bei der Baisse zweimal Verluste zu haben, größer sei, als der Vorteil, bei der Hausse zweimal Gewinne zu erzielen.“ Infolgedessen geht die Firma Leonhard Tietz A.-G. wieder dazu über, nur auf horizontaler Basis ihr Unternehmen zu erweitern. Die Einkaufsorganisation und das Filialnetz werden immer weiter ausgedehnt. Neue Filialen werden eröffnet. Infolge des Übergangs des Emden- und Lindemannkonzerns an die Rudolf Karstadt A. G. werden infolge des Regionalabkommens zwischen beiden Warenhausgruppen verschiedene Kaufhäuser dieser früheren Firmen in Aachen, in Krefeld, in Mülheim, außerdem Geschäfte in Breslau und Frankfurt a. M. übernommen. Als erstes Unternehmen seiner Art gründet die Firma Leonhard Tietz im Jahre 1925 die Ehape Einheitspreis-Handelsgesellschaft m. b. H. in Köln, die im Jahre 1927 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Die Ehape-Geschäfte sollen unab- — 220 — hängig von den Warenhäusern dem Verkauf von Gegenständen des täglichen Bedarfs zu festen Einheitspreisen dienen. Mit diesen Läden kehrt man zu dem Gedanken der Markbasare zurück. Als die Firma Leonhard Tietz im August 1929 ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiert, steht der Leiter dieses Unternehmens Alfred Tietz, den die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Köln zum Ehrendoktor der Staatswissenschaften ernennt, an der Spitze von dreiundvierzig Waren- und Kaufhäusern, die sich über ganz Deutschland verbreiten. Auch aus dem kleinen Laden in Stralsund ist eine riesige Kaufhausorganisation emporgewachsen. JULIUS BERGER D as war für Zempelburg ein Ereignis, als bald nach dem Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ein junger Fuhrherr durch die Straßen des Städtchens kutschierte. Die Zempelburger kannten ihn gut. Denn er war einer der ihren und hieß Julius Berger. Sie besprachen sehr lebhaft — was hatte man dort sonst zu besprechen? — die Kühnheit des Fünfzehnjährigen, der es den älteren Spediteuren am Ort gleichtun wollte. Aber da die Bürger von Zempelburg alles wußten, was in den Mauern ihrer Stadt geschah, so hatten sie auch erfahren, daß der junge Fuhrherr nur notgedrungen nach dem westpreußischen Nest zurückgekehrt war. Es war ihnen bekannt, daß der alte Berger, der sie selbst jahrzehntelang zur nächsten Station an die Ostbahn gefahren hatte, wenn sie nach Schneidemühl und Könitz oder gar nach Berlin oder Danzig fahren wollten, ein kranker Mann geworden war, der sein Geschäft nicht mehr wahrnehmen konnte. So wunderten sie sich bald nicht mehr, daß dieser Sohn jetzt für seine Eltern und für seine zahlreichen Geschwister sorgen mußte: denn aus drei Ehen, die der alte Berger geschlossen hatte, wuchsen fünfzehn Kinder im Bergerschen Hause heran, von denen später zehn nach Amerika auswanderten. Julius Berger wollte ursprünglich Kaufmann werden. Sein Vater gab deshalb den Dreizehnjährigen, der am 22. September 1862 in Zempelburg geboren wurde, noch vor der Einsegnung in Berlin in ein Leder-Engrosgeschäft in die Lehre. Aber die Schicksalsschläge in der Familie hatten weder die Zukunftsträume des Vaters noch die des Sohnes reifen lassen. Nach kurzer Zeit muß sich der angehende Lederhändler selbst auf den - 222 - Kutschbock setzen, um den Zempelburgern Fuhrdienste zu leisten. Im pommerellenschen Lande gibt es damals noch kaum eine Eisenbahnlinie. Für einen tüchtigen Fuhrunternehmer scheint es also manche Möglichkeit zu geben, da er keine Konkurrenz durch schnellere Transportmittel zu befürchten hat. Als aber die Bahn von Nakel nach Könitz über Zempelburg gebaut wird, als die meisten Fuhrunternehmer Zempelburgs bereits ihren Untergang beklagen, ist es der junge Julius Berger, der sofort die Situation erfaßt. Er stellt sein Fuhrwerk in den Dienst des Bauunternehmers, fährt ihm die Geräte an, ebenso die Baumaterialien. Bald kauft er von den Bauern, die ja seine Auftraggeber für Fuhren der verschiedensten Art sind, Steine und verkauft sie mit geringem Nutzen an den Bahnbaumeister. Als dann die Bahn fertiggestellt ist, erhält er ständige Speditionsaufträge. Der Landrat seines heimischen Kreises überträgt ihm auch die Kiesfuhren für die Chausseebauten. Auf diesen Fahrten zu den Baustellen, die Julius Berger fast täglich unternimmt, hat er plötzlich einen Einfall, den richtigen Einfall, den jeder haben muß, der sich durchsetzen will. Ein kühner Gedanke sagt ihm, daß er selbst auch Chausseen bauen könne. Er hat es zwar nie gelernt, wie man das macht, war nie Techniker oder Baumeister gewesen, aber er hatte mit scharfen Augen beobachtet und bei seinen Transporten festgestellt, wie man einen Straßenbau durchführt. Wenn Julius Berger auch heute betont, daß er selbst keinen Strich zeichnen könne, daß er die Aufstellung der Pläne stets seinen Technikern und Ingenieuren überlasse, so erklärt er doch mit einem gewissen Stolz, er sei Spezialist für alles. Er muß also schon als junger Mensch eine stark konstruktive Begabung besessen haben, die ihn zum Baumeister befähigte. Ganz ähnlich wie ein musikalischer Mensch, der zwar Melodien ersinnen, sie aber nicht in Noten umformen kann. Sonst wäre es undenkbar, daß Berger heute einer der ersten Tiefbaumeister der Welt geworden ist. Als Julius Berger das erste Geld verdient hat, sucht er sich einen neuen Wirkungskreis. Im Jahre 1892 zieht er nach Bromberg und begründet dort ein Tiefbauunternehmen unter seinem Namen. Das Speditionswesen hat er an den Nagel gehängt. — 223 — Mit Eifer stürzt er sich nun auf die verschiedensten Bauprojekte. In Bromberg selbst baut er ganze Stadtteile aus. Die Firma erweitert sich, und bald kann er größere Aufträge übernehmen. Im Osten beginnt er die ersten Bahnbauten durchzuführen. Sein Ansehen wächst. Man wählt ihn in Bromberg zum Stadtverordneten. Eine schwere Erkrankung des einzigen Sohnes und die große Verantwortung, die er durch die vielen Aufträge der Behörden auf sich lasten fühlt, veranlassen ihn, sein Unternehmen 1905 im Dezember in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Unter tatkräftiger Mitwirkung eines der führenden Bankiers der Provinz Posen, des Landtagsabgeordneten Geh. Kommerzienrat Louis Aronsohn, und unter Beteiligung des Schaafhausenschen Bankvereins wird die „Julius Berger Tiefbau-Aktiengesellschaft“ mit einem Kapital von 1 Million Mk. begründet. Julius Berger tritt als Direktor an die Spitze des Vorstandes. Louis Aronsohn übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat. Als sich das Schwergewicht der Firma immer mehr westwärts verschiebt, verlegt man 1910 das Büro nach Berlin. Immer schwierigere Aufgaben werden dem Hause gestellt. Unter Führung ihres Leiters und Gründers werden sie alle gelöst. Die Julius-Berger-Gesellschaft führt jetzt auch Bahnbauten im Rheinland durch, erbaut die Strecken Dümpeldorf— Lissendorf und Ahrweiler—Antweiler. In Berlin wird die Bahnlinie vom Stettiner Bahnhof bis Oranienburg viergleisig ausgebaut. Auch der große Bahnhof Grunewald ist eine Schöpfung Julius Bergers, der inzwischen selbst nach Berlin übergesiedelt ist. Man zieht ihn aber nicht nur zu Straßen- und Bahnbauten heran, man beauftragt ihn auch mit großen Arbeiten am Kaiser- Wilhelm-Kanal. Denn als Spezialgebiet sind jetzt Trocken- und Naßbaggerungen zu dem bisherigen Arbeitsfeld hinzugetreten. Der Auftragsbestand, der sich im Gründungsjahr der Aktiengesellschaft auf 1,5 Millionen Mk. beläuft, stellt sich im Jahre 1912 bereits auf ungefähr 30 Millionen Mk. Im gleichen Jahre wird das Aktienkapital der Gesellschaft auf 4 Millionen Mk. erhöht. Die Aktien sind inzwischen an der Börse eingeführt worden. Die hohe und stabile Dividende von 20% machen sie zu einem beliebten Papier. - 22/f. - Bei den Bahnstrecken, die die Firma Julius Berger im Rheinland durchführt, muß sie zum erstenmal Tunnelbauten übernehmen. Wie einst bei seinen Kiesfuhren lernt Julius Berger durch seine eigenen Bahnbauten jetzt auch den Bau von Tunnels. Im Jahre 1912 schreibt die Schweizer Bundesbahn das Projekt eines zweigleisigen Tunnels durch den Jura aus. Der alte 2700 m lange Hauensteintunnel, der bereits im Jahre 1857 gebaut worden ist und den modernen Anforderungen längst nicht mehr genügt, soll durch einen neuen über 8 km langen Tunnel ersetzt werden, um die Strecke zwischen Basel und Luzern abzukürzen. Julius Berger bewirbt sich um diesen Auftrag. Mit einem Angebot von 17 Millionen Fr. schlägt er als billigste jede Konkurrenz aus dem Felde. Aber ein Sturm der Schweizer Presse erhebt sich. Auch Berliner Blätter sprechen ihre Verwunderung aus, daß eine im Tunnelbau unerprobte Firma sich erkühne, ein derartiges Projekt ausführen zu wollen. Der Schweizer Regierung bleibt nichts anderes übrig, als eine neue Ausschreibung vorzunehmen. Noch einmal bemüht sich Julius Berger um den gleichen Auftrag, den er jetzt erst recht mit der ihm eigenen Energie verfolgt. Er erhöht seine Offerte um 1 Million Fr. und bleibt wieder Sieger. Jetzt erhält er den Zuschlag, und es gelingt ihm, den Riesentunnel, der zu den größten in der Schweiz gehört, anderthalb Jahre vor dem vertraglich festgesetzten Termin zu vollenden. Trotzdem inzwischen der Weltkrieg ausgebrochen ist, erfolgt der Durchschlag bereits im Jahre 1915. Die Schweizer Bundesbahnen zahlen ihm für die frühere Fertigstellung des Tunnels eine besondere Prämie von 400000 Fr. Mit diesem Tunnelbau hat die Firma Julius Berger den Tagesdurchschnitt geschlagen und einen Weltrekord aufgestellt. Anstatt 5 kann sie bei dem neuen Hauensteintunnel täglich 7,80 laufende Meter fertigstellen lassen. Wer jetzt auf einer Schweizer Reise hinter Olten durch diesen Riesenschlund fährt, sollte daran denken, daß hier ein Meisterwerk deutscher Technik vollbracht worden ist. Der Weltruf der Firma Julius Berger ist mit diesem ersten Auslandsauftrag begründet. Im Jahre 1914 wird Julius Berger preußischer Kommerzienrat. Der Krieg unterbricht die Aus- -•■i-higtxM! Julius Berger Xacli einem Gemälde von Walter Hippel ui*? 7 *' Ti &- ■•$••*• ■*-'***: mm mm mm rj^.^tg%> -^gg; rSE ■ ^aii»^M l i i | yiin^mMnii|i n inj , ]nti 1 'i ! a ai tintiiiw«i s*s«f ä*£s — 225 — landsaufträge. So müssen auch die Arbeiten an dem 6 km langen Isvor-Tunnel bei Sinaia in Rumänien zunächst eingestellt werden. Während des Krieges übernimmt die Firma Bahnbauten im Felde zur Erleichterung von Truppen-, Munitions- und Provianttransporten, führt auch Teile der großen Befestigungsanlagen, besonders der Hindenburg-Stellung an der Westfront aus. Das Eiserne Kreuz am schwarzweißen Bande, das Julius Berger erhält, soll ein Symbol für die Hilfe sein, die er mit seinen Bauten dem Heere geleistet hat. Nach dem Kriege werden die großen Tunnel- und Bahnbauten wieder aufgenommen. In Rumänien wird der 4600 m lange zweigleisige Teliutunnel, der Siebenbürgen mit Altrumänien verbindet, fertiggestellt. Wegen der großen Schwierigkeiten, die dieser Bau erfordert, handelt es sich hierbei um ein besonders wertvolles Objekt, für das die Berger-Gesellschaft den Betrag von 30 Millionen Mk. erhält. Wie Julius Berger einst den eisenbahnarmen Osten Deutschlands erschlossen hatte, so ist er es, der als Pionier in die östlichen Länder vordringt. Seiner Initiative gelingt es, im Jahre 1927 von der türkischen Regierung einen Auftrag für die Herstellung einer 500 km langen Bahnlinie in Kleinasien zu erhalten und damit ein Projekt durchzuführen, für das er die volle Unterstützung der deutschen Regierung durch die Gewährung einer Reichsgarantie von 30 Millionen findet. Diese Subvention des Bergerschen Türken Vertrages begegnet lebhafter Opposition in einer Reihe von Zeitungen, die darauf hinweisen, der Reichstag habe für Exportkredite nur 100 Millionen bewilligt und reine Bahnbauabkommen seien zur Garantieleistung nicht geeignet, da ein Teil der Bausumme in Löhnen im Ausland bleibe. Berger wird auch der Erbauer der ersten Eisenbahn Persiens, die sich in einer Länge von 1500 km vom Kaspischen Meer unter Überwindung von Höhen bis zu 2000 m bis zum Persischen Golf erstrecken und durch ganz Persien führen soll. Wenn auch an diesem gigantischen Projekt noch andere deutsche Firmen beteiligt sind und Persien den südlichen Teil des Bahnbaues an ein amerikanisch-englisch-französisches Konsortium vergeben hat, die Leitung und Durchführung für diese längste aller in 15 Zielenziger - 226 Asien jetzt im Bau befindlichen Strecken liegt in den Händen Julius Bergers. Im November 1929 hat der Schah von Persien bereits den von den Deutschen erbauten ersten Bahnabschnitt im Norden zwischen Benderschah und Aliabad eingeweiht, die Bahnarbeiten haben aber dann im Sommer 1930 zunächst eine Unterbrechung erfahren. Von der türkischen und der rumänischen Regierung erwartet Berger neue Aufträge für weitere Eisenbahnlinien, aber er ist nicht nur in Europa und Asien, sondern auch in Südamerika tätig. Für die kolumbische Regierung hat er die Regulierung des Magdalenenstroms übernommen. Vielfache Aufträge sind von Julius Berger in Deutschland in den letzten Jahren ausgeführt worden: der Neubau des Königsberger Hafens, der Ausbau des Königsberger Seekanals, Eindeichungsarbeiten in Ostpreußen, die Kanalisierung des Neckars, als Reparationsauftrag der Ausbau des Hafens von Bordeaux. Seit 1914 gehört Julius Berger auch zu den Erbauern der Berliner Untergrundbahn. Aus dem kleinen Fuhrherrn von Zempelburg ist so ein großer Baumeister geworden. Neben 300 Ingenieuren und Technikern sind es 25—30000 Arbeiter, die in aller Welt seine Projekte durchführen helfen. Trotz aller Erfolge ist Julius Berger ein schlichter Mensch geblieben. Bei allem Stolz, der ihn erfüllt, bei allem Bewußtsein über die Leistungen, die er vollbrachte, macht er kein Hehl über seine Herkunft aus kleinen Verhältnissen, wie er auch sein Judentum niemals verleugnet. Allen Anfeindungen, die man ihm, als er seinen Weg als Tiefbauunternehmer begann, entgegenbrachte, hat er energischen Widerstand geleistet. In der wilhelminischen Zeit war es für den unbekannten jüdischen Unternehmer nicht einfach, mit den königlich preußischen Behörden zusammenzuarbeiten. Ganz bewußt hat er ihnen gegenüber sein Judentum betont und so erst recht ihr Vertrauen erworben. Berger legt Wert darauf, in seinem Unternehmen möglichst viele jüdische Ingenieure und Techniker zu beschäftigen. Viele seiner Beamten sind seit Jahrzehnten seine Mitarbeiter, für deren Lebensabend er durch die Begründung einer eigenen Pensionskasse gesorgt hat. Seine Wahl in das Präsidium — 227 — des Reichsverbandes industrieller Bauunternehmungen, in den Vorstand des Deutschen Ostbundes und des Hansabundes beweisen die Achtung, die er genießt. Weit mehr als in Deutschland gilt Julius Berger heute in der ganzen Welt als ein Exponent der modernen deutschen Wirtschaft. 15 * CARL MELCHIOR ls Paul M. Warburg zu Beginn des zwanzjgstenjahrhunderts nach New York übersiedelt, um als Schwiegersohn Jacob Schiffs endgültig in die Firma Kuhn, Loeb & Co., das führende Bankhaus der Vereinigten Staaten, als Teilhaber einzutreten, sucht die Firma M. M. Warburg & Co. in Hamburg, der er bisher als Teilhaber angehört hat, einen juristischen Berater. Ihre Geschäfte sind so kompliziert geworden, daß die Inhaber des Hamburger Bankhauses die Mitwirkung eines Juristen für erforderlich halten, der auch die steuerlichen Fragen, die für alle großen Firmen jetzt steigende Bedeutung gewinnen, bearbeiten soll. Die Wahl fällt auf einen jungen Hamburger Amtsrichter, den der Kunsthistoriker Aby M. Warburg seinen Brüdern empfiehlt, auf Dr. Carl Melchior. Professor Warburg und Melchior waren in einem Hamburger studentischen Zirkel Freunde geworden, und der ältere Kunstgelehrte hatte an dem jüngeren Juristen Gefallen gefunden, seine schnelle Auffassung, seinen scharfen Verstand, vor allem aber auch die Kultur, die von ihm ausströmte, schätzen gelernt. Er sah mit seinem ästhetisch geschulten Blick an dem jungen Menschen Züge, die ihm eine Wahlverwandtschaft zwischen dem traditionsreichen Hause der Warburgs und der alten Familie der Melchiors zu bilden schienen. Das Auge des Gelehrten, gewohnt aus den Werken der Künstler auf die Persönlichkeit ihrer Schöpfer Schlüsse zu ziehen, hatte richtig beobachtet. In Melchior gewinnt das Haus Warburg einen Mitarbeiter, der zu internationalem Ansehen aufsteigt. Melchior selbst nimmt den Ruf, den er mehr dem Zufall als einer damals auffallenden Leistung verdankt, trotz großer — 22g — Bedenken seines Vaters freudig an. Wenn ihm auch ursprünglich die Laufbahn des Juristen vorschwebt, wenn er sich auch schon in seinen Träumen als Oberlandesgerichtsrat oder auf noch höherem Posten sieht, er weiß, daß einem Juden trotz aller Tüchtigkeit der Weg zu den höchsten Richterämtern versperrt ist. Ihn reizt, wie er selbst sagt, die größere Ungewißheit der Zukunft. Trotz aller Korrektheit seines Wesens, trotz der Disziplin des Juristen, die ihm eignet, verlockt es ihn, den schnurgeraden Weg eines Beamten, die Sorglosigkeit dieser Karriere, zu verlassen, und in einem kaufmännischen Betrieb sich auf eigene Füße stellen zu können. Der Vater warnt vor der Abhängigkeit, in die er sich begibt. Carl Melchior glaubt dagegen, er sei in seiner neuen Position viel weniger gegängelt als er es als Richter war. Die Vielseitigkeit der Aufgaben, die seiner harren, lockt ihn gegenüber der Eintönigkeit seiner bisherigen Stellung. Dazu kommt, daß das alte Haus Warburg damals schon eines der führenden Bankhäuser Deutschlands ist. Schon im Jahre 1645 war der Ahnherr der Hamburger Familie Warburg, Jacob Samuel Warburg, nach Hamburg gekommen. Er führte seine Abstammung zurück auf Simon von Kassel, der im Jahre 1559 von Kassel nach dem nahen westfälischen Städtchen Warburg im Bistum Paderborn eingewandert war und den Namen dieser Stadt angenommen hatte. Alle Nachkommen Jacob Samuel Warburgs sind wie er selbst in Hamburg als Geldwechsler tätig. Sein Ururenkel Moses Marcus Warburg begründet im Jahre 1797 mit seinem Bruder Gerson die Firma M. M. Warburg & Co., die 1831 sein Schwiegersohn und Neffe Aby S. Warburg übernimmt, der der Vertreter des Hauses Rothschild in Hamburg wird. Aby S. Warburg wird durch seine Söhne Siegmund und Moritz Warburg in der Leitung des Geschäfts abgelöst, der jetzt bereits unter Führung von Max M. Warburg die vierte und die fünfte Generation des Hauses angehören. Es ist erklärlich, daß Melchior die Berufung in eine Firma mit so alter Tradition als eine besondere Auszeichnung empfindet. Bei seiner großen Begabung, sich in die fremdesten Materien schnell hineinzufinden, wird der Jurist schnell zum — 230 — Kaufmann, der Kaufmannsjurist Diplomat. Kaum ein Mann des deutschen Wirtschaftslebens ist deshalb neben Walther Rathenau so oft für Deutschland ins Feuer der schwierigsten Verhandlungen gegangen wie Carl Melchior. Wer Melchior kennt, merkt ihm sofort den Hamburger an, nicht nur weil er „hambörgisch“ spricht. Hamburg ist neben Bremen das einzige Fenster Deutschlands, das auf den Ozean hinausführt. Der Hamburger denkt deshalb ozeanisch. Von Hamburg führen unzählige Verbindungen nach Ubersee. Der Hamburger Hafen ist ein Zufluchtsort für die Schiffe der ganzen Welt. Der Hamburger Kaufmann hat Verbindungen mit allen Ländern der Erde. Er ist vielgereist und kennt die Psyche der anderen Völker. Darin ähnelt der Hamburger dem Engländer. So finden sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht zwischen dem Hamburger und Londoner Kaufmann vielfache Beziehungen. Auch im Denken, ja sogar im Habitus, sind sie sich ähnlich. Tradition, Zurückhaltung bis zur Steifheit eignen dem Engländer wie dem Hamburger, dabei auch das stark ausgeprägte individualistische Gefühl, der Stolz auf die eigene Leistung, der Drang nach Unabhängigkeit, die freiheitliche Auffassung in politischen Dingen im alten liberalen Sinn, daher in wirtschaftspolitischer Hinsicht die manchesterliche Überzeugung. Wie zwischen Hamburg und London, spielen auch zwischen Hamburg und Manchester viele Verbindungen, so auch bei den Melchiors. Man könnte glauben, in Carl Melchior einen Vertreter der Londoner City vor sich zu haben. Dieses Weltmannstum hat ihn auch befähigt, einer der geschicktesten Unterhändler Deutschlands zu werden. Das echt Hamburgische in seinem Wesen verbindet ihn aufs engste mit den Warburgs, mit denen er jetzt fast seit dreißig Jahren zusammenarbeitet. Gemeinsamkeit der Anschauungen, Gleichartigkeit der Ziele haben längst Max M. Warburg und Carl Melchior in herzlichster Freundschaft zusammengeführt. Trotz ihres verschiedenen Naturells. Warburg, von seltener Liebenswürdigkeit, ein Causeur von Esprit, der es liebt, seine Rede mit vielen Bonmots zu würzen. Melchior dagegen mit stets von Ernst umwölkter Stirn, voll schwerblütiger — 231 — Verschlossenheit. So wirkt der nur mittelgroße zarte Mann in dem seltenen Kontrast der weißen Haare und des schwarzen Schnurrbarts durch eine auffallende Zurückhaltung, die fast Menschenscheu zu sein scheint. Und doch entsteht nicht etwa der Eindruck, als wolle er durch die Pose übertriebener Bescheidenheit sein Selbstbewußtsein erst recht betonen. Carl Joseph Melchior wird am 13. Oktober 1871 in Hamburg geboren. Auch der Vater Moritz Melchior ist Hamburger von Geburt (1839— i 9 ° 5 )j ebenfalls die Mutter Emilie, geb. Rde (1847—1875). Beide Eltern entstammen Familien, die dänischen Ursprungs sind. Da bis zum Kriege von 1864 Dänemark bis zu den Toren Hamburgs reicht, waren die Beziehungen Hamburgs zum dänischen Königreich sehr rege. Viele Juden, die im dänischen Altona wohnten, kamen nach Hamburg, um hier ihre Geschäfte zu treiben. Ein Urahne Carl Melchiors ist Marcus Melchior, der 1752 in Hamburg gestorben ist. Sein Sohn Moses Melchior wandert am Ende des achtzehnten Jahrhunderts nach Kopenhagen aus und stirbt dort 1817. Noch heute nehmen die Melchiors in Dänemark eine angesehene Stellung ein. Carl Melchiors Großvater, Sally Gerson Melchior, 1814 in Kopenhagen geboren, geht von dort nach Hamburg. Er bringt es hier als Kaufmann zu Ansehen und Wohlstand und gehört auch dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Hamburgs an. Er stirbt im Jahre 1865. Sein Bruder, der in Dänemark bleibt, der Königl. Dänische Etatsrat Moritz Melchior, wird als erster Jude Mitglied der Ersten Dänischen Kammer, spielt in der Gesellschaft Kopenhagens eine große Rolle und gehört zum Freundeskreis des Märchendichters H. C. Andersen. Sally Ger- sons Sohn Moritz, der denselben Namen wie sein Onkel der Etatsrat in Dänemark trägt, wird zum Kaufmann in Hamburg erzogen, geht nach England und lebt lange Jahre in Manchester. Mit vielen Verbindungen zu führenden Firmen der großen englischen Spinnerstadt kehrt er zurück und eröffnet in Hamburg ein Geschäft für Manchesterprodukte, vor allem Kattune. Erfüllt von dem alten freiheitlichen Geiste Manchesters, bekämpft Moritz Melchior energisch die Bismarcksche Zollpolitik. Sie schädigt sein Geschäft. Kurz entschlossen gibt er es deshalb — 2J2 - auf und setzt sich, kaum vierzigjährig, zur Ruhe. Aber er ist ein viel zu lebhafter Geist, um als Rentier wirklich privatisieren zu können. So beschäftigt er sich mit politischen Fragen, wird Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, der Steuerdeputation und des Verwaltungsrats der Hamburger Sparkasse. Auf diese Weise kann er für das Wohl seiner Vaterstadt Hamburg wirken. Dieses Pflichtgefühl erbt sein Sohn Carl. Die Familie der Mutter, die Carl Melchior früh verliert, blickt auf eine noch längere Geschichte zurück als das Haus Melchior. Der älteste Vorfahr, den die Urkunden ermitteln, war Rüben Rde, der schon im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts als Kaufmann in Hamburg gelebt hat. Sein Urenkel ist Isaac Philip R^e, der 1727 aus Hamburg nach Dänemark auswandert. Dessen Sohn Philip Hartvig Rt->«??!sO ( -Äg-.g: 5.5^,-». »•r'v rX£- :X^Vl If^iS« $2 +Sjj: vg?:. Lax — 2Ö5 — wenigen Mutigen, die sich dem rasenden Strom der Vernichtung entgegenstellen, gehört der Mann, der sich in knapp einem Jahrzehnt in die allererste Reihe der deutschen Wirtschaftsführer eingereiht hat: Jakob Goldschmidt. Der jüngste unter allen deutschen Bankdirektoren ist in kurzer Zeit zu ihrem Star geworden. So phantastisch der Aufstieg Goldschmidts vom kleinen Bankangestellten zum mächtigsten Großbankdirektor erscheint, so gleicht sein Weg nicht dem Emporsteigen der ihm gleichaltrigen Inflationskönige. Denn mit eiserner Energie arbeitet er sich nach oben. Seine früh verstorbene Frau Sophie ist ihm eine treue Beraterin. Er bleibt dem Metier, das er ergriffen hat, treu. Wenn er als Bankier auch zum Finanzier wird, dann nicht als Spekulant, sondern als der berufene Vermittler für den Ausgleich der Kapitalien. Jakob Goldschmidt wird am 31. Dezember 1882 in dem kleinen hannoverschen Städtchen Eldagsen an der Deister als zweiter Sohn des Kaufmanns Markus Goldschmidt (1852 bis 1928) und seiner Frau Lina, geb. Bacharach geboren. Die Eltern betreiben ein Manufakturwarengeschäft. Jakob besucht das Gymnasium in Kassel, hat die Absicht, Jurist zu werden, aber bei sieben Kindern, darunter fünf Söhnen, besitzt sein Vater nicht die Mittel, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. So verläßt er die Schule als Untersekundaner und tritt bei dem Bankhaus H. Oppenheim in Hannover ein, das — welch merkwürdiges Schicksal — von d$r Darmstädter Bank übernommen wird, als Goldschmidt bereits Kommis ist. Mit Krach scheidet er aus der Filiale dieser Bank aus und geht 1907 nach Berlin, wo er in das Bankgeschäft seines Freundes Emil Wechsler eintritt, der heute zu seinen engsten Mitarbeitern gehört. Aber schon wenige Jahre später stellt Goldschmidt sich auf eigene Füße. Mit den ersten Ersparnissen gründet er gemeinsam mit dem Berliner Bankier Julius Schwarz am 1. Januar 1910 die Firma Schwarz, Goldschmidt & Co., die von der zum Konzern der Deutschen Bank gehörenden Hannoverschen und der Hildes- heimer Bank kommanditiert wird. In kurzer Zeit gehört das junge Haus zu den bekanntesten Berliner Banken. Es versteht es schnell, sich enge Beziehungen zur Industrie zu schaffen. An — 266 — der Börse ist man bald auf Goldschmidt aufmerksam gemacht worden. So erregt es kaum Verwunderung, als der Aufsichtsrat der Nationalbank für Deutschland 1918 den jungen Privatbankier in den Vorstand seiner Bank beruft. Das in letzter Zeit stark vom Pech verfolgte Institut soll Goldschmidt reorganisieren, was ihm in kürzester Zeit gelingt. Als dann in der Zeit der Inflation die Darmstädter Bank — als eines der ältesten deutschen Bankinstitute 1853 nach dem Vorbild des Credit Mobilier gegründet — immer mehr an Bedeutung zurückgeht, hält Goldschmidt die Zeit für einen Zusammenschluß für gekommen. Er glaubt den Folgen der Inflation auf allen Gebieten nur durch eine Auslese der besten begegnen zu können. Aber zunächst schließt er 1922 eine Interessengemeinschaft zwischen beiden Banken ab, der erst 1923 die Vollfusion folgt, die Danat- bank als Kommanditgesellschaft auf Aktien entsteht. Jakob Goldschmidt tritt als persönlich haftender Geschäftsinhaber ein. Rechtlich als einer neben vielen anderen, tatsächlich als primus inter pares. Denn er ist der Leiter des Börsen- und Konsortialgeschäftes seines Instituts. In kurzer Zeit führt Goldschmidt die vereinigte Bank an die Spitze aller Großbanken. Eine starke Verschiebung in der Bewertung der Bankaktien tritt ein. Die Aktien der Danatbank stehen im Kurs am höchsten, weil Goldschmidt das Kapital der Bank bewußt niedrig auf 60 Millionen hält, um so die Rentabilität seines Unternehmens eher zu garantieren. Den ersten Schachzug gegen die Verheerungen der Inflation unternimmt Goldschmidt durch die Begründung der Internationalen Bank te Amsterdam in Amsterdam. Sie wird mit Hilfe führender ausländischer Banken mit einem Kapital von iij-Mill. Gulden 1923 ins Leben gerufen, um eine Vermittlerin zwischen dem ausländischen Kapital und der deutschen Industrie zu sein. Der deutschen Wirtschaft hat sie Millionenkredite zuführen können. Der erste Industriezusammenschluß Goldschmidts bringt das Glühlampenkartell zustande. Hier zeigt sich schon sein Prinzip, nur horizontale Gruppierungen durchzuführen, weil nur sie die organische Zusammengehörigkeit garantieren. Dieselbe Tendenz läßt Goldschmidt walten, als es gilt, das — 267 —■ größte in der Inflation errichtete Gebäude zu stützen, dessen Einsturz die ganze deutsche Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen hätte: den Stinneskonzern. Als in der Zeit der Stabilisierung dieses „Warenhaus von Sachwerten“ auseinanderfällt, weil es innerlich hohl ist, greift Goldschmidt energisch, aber äußerst geschickt ein. Der Konkurs wird vermieden, und das Stinneserbe ruhig liquidiert. Er verschafft ihm die Amerikaanleihe, durch die es die Vorschüsse der Danatbank zurückzahlen kann. Seiner Bank sichert er durch die Hereinnahme großer Aktienpakete große Gewinne. Sofort zeigt sich Goldschmidts stark konstruktive Begabung. Er löst die Eisen- und Kohlenbeteiligungen aus der Masse und gründet mit anderen rheinisch-westfälischen Werken den Riesenkonzern der Vereinigten Stahlwerke, der fast alle Zechen und Hochöfen des Industriereviers umfaßt. Er leitet auch dessen Börsenemissionen. In ähnlicher Weise sorgt Goldschmidt für eine Bereinigung des Linke-Hofmann-Konzerns durch die Gründung der Mitteldeutschen Stahlwerke. Fast sämtliche oberschlesischen Hütten und Zechen werden von ihm in den Vereinigten Oberschlesischen Hüttenwerken zusammengefaßt. Auch in die Kaliindustrie greift er ein und veranlaßt starke Stillegungen. Die Stinnes flotte wird an die Austral-Kosmos-Linie verkauft und deren Fusion mit der Hapag durchgeführt. Vor kurzem hat er das Abkommen zwischen der Hapag und dem Norddeutschen Lloyd zustande gebracht. Goldschmidt räumt auf. Mit eisernem Besen beseitigt er den überflüssigen Ballast, den die Inflation angehäuft hat. So wird ihm „wegen seiner Verdienste um den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft“ 1927 der Ehrendoktor der Staatswissenschaften von der Universität Heidelberg verliehen. Mit mehr als hundert Aufsichtsratsmandaten hält Goldschmidt den höchsten Rekord, der je in der deutschen Wirtschaft erreicht worden ist. Die größten und angesehensten Unternehmungen haben ihn in ihren Aufsichtsrat berufen, auch Werke, an deren Verwaltung bis dahin noch nie ein Jude teilgenommen hatte. Bei sieben Gesellschaften ist er Vorsitzender, bei achtzehn stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats. — 268 — Den Mittelpunkt des VII. Allgemeinen Deutschen Bankiertages zu Köln bildet der Vortrag über „Entwicklungstendenzen in der deutschen Wirtschaft und ihr Einfluß auf die Kapitalbildung“, den Jakob Goldschmidt am io. September 1928 hält. Es ist das erstemal, daß er öffentlich spricht. Louis Hagen, der ungekrönte König von Köln, vergleicht sein Auftreten mit dem einer Primadonna. Er selbst ist sich dieses seines ersten Auftretens durchaus bewußt. Später erklärt er einmal, trotz aller Aufforderungen, die er erhalte, müsse er es ablehnen, abermals einen Vortrag zu halten, er könne nicht immer wieder Neues sagen. Denn er spreche höchstens alle dreißig Jahre einmal. Man solle sich deshalb für 1958 bei ihm vormerken. Aus diesen Worten spricht Goldschmidts Überlegenheit, aber auch die starke Zurückhaltung, die er übt. Die Gedanken, die er in Köln entwickelt hat, und auf die er in Unterhaltungen gern zurückkommt, bilden den Ausdruck seiner Weltanschauung. Der Vortrag, den er auf dem Bankiertag hält, versucht so tief in die Probleme der Zeit einzudringen, daß er auch durch den formvollendeten Ausdruck sofort das Ohr der ganzen Versammlung gewinnt. Es ist die Frage an den Kapitalismus, die Goldschmidt stellt, angeregt durch die Debatten in der letzten Zeit. „Ich habe oft die Empfindung gehabt“, so erklärt er, „daß besonders unser Land alle Vorbedingungen äußerer und innerer Art dazu mitbringt, die Formentwicklung des Kapitalismus zum besten des Menschenfortschritts organisch durchzuführen.“ Deutschland sei berufen, „die Brücke zwischen der kapitalistischen Kultur des europäischen Westens und den neuen Wirtschaftsformen des großen Sowjetstaates zu bilden“. Die kapitalistische Wirtschaft habe ihre Fähigkeit bewiesen, weil nur sie Deutschland in die Lage versetzt habe, etwa 20 Millionen Menschen mehr zu ernähren, als unser Boden zur Zeit zu versorgen vermag, und es uns ermöglicht habe, zahlreiche Milliarden an die Kriegsgegner abzuführen. Man müsse zwar anerkennen, daß der staatliche Apparat und seine Organe in den letzten Jahren ungewöhnliche Leistungen vollbracht hätten, und es müsse auch gesagt werden, daß das Unternehmertum nicht frei von Schuld und Fehle sei, wenn die öffentliche Hand immer weiter — 26g — in die Privatwirtschaft eindringe, aber diese Expansion sei zurückzuweisen. Die staatswirtschaftlichen Betriebe leisteten weder in Führung noch Leistung Besseres als die privatwirtschaftlichen. Der Konsument habe in der Preisentwicklung von ihnen keine Vorteile, noch sei etwa der Arbeitnehmer dort besser entlohnt als in der Privatwirtschaft. Die Mitwirkung des Staates habe früher nur darin bestanden, die private Initiative anzU regen und zu fördern. „Erst wenn die Entwicklung zu einer reinen Verwaltungsarbeit hinübergeleitet ist, um das Unternehmen auf einer hinreichenden Leistungsfähigkeit zu halten, kann der Staat ohne erheblichen Schaden das Privatkapital ablösen. Der Staat soll nicht in der Wirtschaft, sondern über der Wirtschaft stehen.“ Wenn auch Goldschmidt den Kapitalismus bejaht, so betont er doch in diesem Vortrag, „es wird in der Welt niemals weder eine kapitalistische noch eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Reinkultur geben“. Wie er die ausschließlich sozialistische Wirtschaft ablehnt, so verlangt er doch von dem Arbeitgeber soziales Verständnis. Im Geschäftsbericht der Danatbank von 1927 — diese Berichte, die er selbst schreibt, sind regelmäßig Bruchstücke seiner wirtschaftlichen Konfession und Meisterwerke der Stilistik — erklärt er ausdrücklich: „Die Anerkennung des Prinzips der individuellen Leistung und der Notwendigkeit, ihr Freiheit des Wirkens und Schaffens zu gewähren, darf nicht etwa die Folge haben, daß sich der Unternehmer sozialen Geboten und Verpflichtungen entzieht, die ihm der Geist einer neuen Zeit auferlegt. Der soziale Grundgedanke, der ohne Einschränkung immer stärker zur praktischen Anwendung gebracht werden muß, ist gekennzeichnet durch die größere Beteiligung des Arbeitnehmers an den Erfolgen und Erträgnissen der Wirtschaft in Form von Lohn und sozialer Fürsorge.“ Aber dieses soziale Empfinden ist bei Goldschmidt getragen von seiner Sorge um die Erhaltung der individuellen Führerschaft. Denn es soll „das Individuum wieder mehr aus dem großen Reservoir der Bevölkerung in den Vordergrund treten“. Goldschmidt ist klein von Statur. Aus seinem bartlosen Ge- —■ 27 ° - sicht blicken zwei scharfe stahlblaue Augen, in einer seltsamen Mischung von Skepsis und Herzensgüte. Er ist ein sehr gewandter Sprecher, der seine Sätze auch in der zwanglosen Unterhaltung geschickt formuliert und das, was er spricht, in äußerst konzentrierter Form zum Ausdruck bringt. Hinter jedem Wort steht die Stärke seiner Persönlichkeit. Die zarten Hände deuten auf Energie und Beseeltheit, sie haben etwas stark Künstlerisches an sich und sprechen davon, daß dieser Mann bei aller Logik ein Künstler ist. Er betont auch, er sei so arrogant, sich als Künstler zu betrachten. Deshalb lehnt Goldschmidt den Begriff des Wirtschaftsführers ab, weil es in der Wirtschaft nach seiner Auffassung keine Führer gebe. Der Führer erinnere allzusehr an die Tage der Obrigkeit. Der wahrhaft große Mann der Wirtschaft müsse seinen Stimmungen nachgehen und mit Fingerspitzengefühl die Dinge erfassen, um sich bei allem Verantwortungsbewußtsein als Schöpfer zu bewähren. Goldschmidt bekennt sich zur Spitzenleistung, denn nur die wahre Individualität vermag zur schöpferischen Persönlichkeit aufzusteigen. Unsere Zeit drängt, so sagt er, zum Kollektivismus. Aber die gleiche Zeit, in der nur das Nivellierungsbedürfnis der Masse gilt, führt zur Vergottung des Sporthelden. Der Ungeistige, der sich im Spiel hervortut, wird zum Heros. Goldschmidt verweist auf das Beispiel Amerikas, wo man auf die Männer stolz ist, die aus eigener Kraft aufgestiegen seien. Er bekennt sich als Demokrat, aber er erinnert an die Demokratie der Antike, an die Zeit der Führerauslese, in der man dem Führer mit dem Vertrauen auch die Gewalt übertragen habe. Goldschmidt erklärt sich als Gegner einer übertriebenen Konzentrationsbewegung. Er habe sie nur da gefördert, wo sie unbedingt erforderlich gewesen sei. Die Frage, warum er dem Zusammenschluß der Deutschen Bank mit der Disconto-Gesell- schaft nichts Gleiches entgegengesetzt habe, beantwortet er mit der Bemerkung, daß ihm Machthunger fremd sei. Denn jede Bewegung könne gefährlich werden, wenn sie ihre Grenzen überschreite. Wie bei der Rationalisierung, komme es auch bei jedem Streben nach Konzentration stets auf die richtige Dosis an. Wirtschaften heißt Geld verdienen, erklärt Goldschmidt. Es - 27 1 - wäre Lüge, meint er, dies nicht zu bekennen. Aber Aufgabe des Wirtschaftlers ist es, nicht das Geld in sinnloser Weise aufzuspeichern, sondern kulturelle Werte damit zu schaffen. In diesem Sinne hat Goldschmidt stets mit vollen Händen alle künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen unterstützt — er ist Senator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, und hat auch jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen und den Instituten der Wissenschaft des Judentums seine ständige Hilfe zuteil werden lassen. -*r ' lifefafiMi t'* i*' mM, ^'V-Ü-'V iS£ :9 a' K ÄN ' ^r.-t t«, V^“- AUSBLICK Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind. (Goethe im Gespräch mit Riemer, 15. März 1808.) D er Krieg, der eine Weltwende bedeutet, hat neben den großen politischen auch wirtschaftliche Umwälzungen von höchster Bedeutung geschaffen. Jetzt, da in Deutschland die letzten Reste des Ghetto endlich gefallen sind, da die völlige politische Emanzipation erreicht ist, und Juden zu höchsten Staatsstellen aufsteigen können, taucht die Frage auf, wie sich die wirtschaftliche Zukunft der Juden in Deutschland gestalten soll. Der Umschichtungsprozeß, der schon vor dem Kriege eingesetzt hat, wird durch die Wandlungen in der Struktur der deutschen Wirtschaft im letzten Jahrzehnt aufs äußerste verschärft. Die wirtschaftliche Assimilation der Juden ist stärker denn je geworden und damit auch ihre soziale Angleichung. Wenn Deutschland durch den Krieg große Teile seines Landes abgetreten und damit zehn Prozent seiner Bevölkerung eingebüßt hat, so verloren die Juden seitdem zwölf Prozent ihrer Glaubensgenossen durch die Abtretung Posens, Westpreußens, wichtiger Teile Oberschlesiens, vor allem aber auch durch den Verlust des Elsaß. Das verkleinerte Deutschland seufzt unter den Lasten der Reparationsverpflichtungen, die für alle Deutschen, ganz gleich welchen Glaubens, zu einer drückenden Bürde werden. So kurz der Zeitraum ist, der uns von dem Umsturz trennt, so verschieden waren die wirtschaftlichen Strömungen, die ihn beherrschten. Unmittelbar nach der Revolution erschallt der Ruf nach Sozialisierung. Dann führt die Inflation zur Entthronung — 276 — des Mittelstandes. Sie trifft den jüdischen Mittelstand besonders hart. Denn seine Angehörigen, auf bewegliche Kapitalien besonders angewiesen, ohne den Rückhalt des Landbesitzes, werden der Existenzmittel beraubt, die sie zur Fortführung ihrer Betriebe gebrauchen. Diese Entwicklung hat die Deflation noch fortgesetzt. Jetzt wird die Hilfe des Staates herbeigerufen. Viel schärfer als früher tritt die öffentliche Hand als Unternehmer in die Erscheinung. Ein kapitalistischer Sozialismus entsteht. Auch Juden rufen ihn als Schöpfer großer Reichsbetriebe mit ins Leben. Der Kapitalmangel, der sich in der ganzen Wirtschaft geltend macht, befördert den Umstellungsprozeß. Die Periode der Rationalisierung führt zur Begründung von Riesenorganisationen. Neue Zusammenschlüsse, Kartelle und Konzerne, bilden sich. In denjenigen Wirtschaftszweigen, in denen der jüdische Einfluß besonders stark ist, greift die Konzernierung weniger Platz als dort, wo Juden kaum in der Verwaltung der Unternehmungen zu finden sind. So stehen dem stark konzentrierten Bergbau oder der Farbenindustrie die weniger gebundene Textil- oder Bekleidungsindustrie oder der Grundstückshandel gegenüber. Aber auch der jüdische Unternehmer ist kein Feind der Kartelle. Deutlich zeigen die Warenhäuser, in denen Juden noch heute eine große Rolle spielen, wie stark auch auf dem Gebiete des Handels die Zusammenschlußbewegung geworden ist. Die Entpersönlichung der Wirtschaft durch die zunehmende Gründung von Gesellschaften eingeleitet, wird durch die starke Konzentrierung der wirtschaftlichen Macht in wenigen Händen vollendet: der Einfluß des Privatunternehmers schwindet. Von diesem Geschick wird besonders der jüdische Unternehmer betroffen. Die Tendenz auf Ausschaltung des Handels setzt sich mit der Konzernbildung fort. Sie trifft vor allem den Großhandel. So vollzieht sich eine Verdrängung der Juden auf den verschiedensten Gebieten. Alfred Marcus macht in einer Studie über „Die Juden im deutschen Metallhandel“ (in der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“, Heft 5 und 6, 1930) darauf aufmerksam, daß sich die Gesamtzahl der Metallhandelsfirmen in Deutschland von 1913 bis 1930 um 6,5 % vergrößert, die Anzahl der jüdischen — 277 — Firmen in der gleichen Zeit um 13,3 vermindert und daher die Anzahl der nicht jüdischen um 52,9 erhöht habe. Dasselbe Verhältnis, wenn auch nicht in gleichem Umfange, konstatiert er für den Schrotthandel. Noch gravierender sind die Zahlen für das Bankwesen, die Marcus in einem Artikel über „Die Juden im deutschen Bankwesen“ (a. a. O., Heft 9/10) gibt. Die Anzahl der Privatbanken nicht jüdischen Charakters ist danach vom 1. April 1928’ bis zum 1. April 1930 um 8,6%, die der jüdischen Privatbanken um 19,7% zurückgegangen. Wie wenig die Behauptung, der Geldmarkt in Deutschland werde von den Juden beherrscht, zutrifft, geht auch aus den Zahlen über die Bankdirektoren hervor. Am 1. April 1928 gab es unter den Vorstandsmitgliedern bei allen anonymen Banken 89,1% Nichtjuden und 10,9% Juden, zwei Jahre später 92,9% Nichtjuden und 7,1% Juden. Marcus behauptet mit Recht, daß der Abbau im Bankgewerbe in den gehobenen Positionen lediglich das jüdische Element und dieses besonders stark betrifft. Wir sehen also eine Zurückdrängung der Juden aus Wirtschaftszweigen, die sie in Deutschland zur Blüte geführt haben. Die wenigen Ergebnisse, die bisher über die Berufsstatistik von 1925 in ihrer Beziehung zu den deutschen Juden vorliegen, lassen keine endgültigen Schlüsse auf die starken sozialen Veränderungen, die auch die deutschen Juden in dem letzten Jahrzehnt erlebt haben, zu. Selbst wenn sie jetzt endlich veröffentlicht werden, sind sie durch die Entwicklung der letzten fünf Jahre längst überholt. Nach der Berufszählung von 1907 ist der Anteil derjuden amHandel besonders groß. In Berlin gehörten damals von 85 574 jüdischen Erwerbstätigen allein 36696 dem Handel an. Die Zahlen für 1925 zeigen, daß von den jüdischen Erwerbstätigen in Hamburg 60% im Handel beschäftigt sind gegenüber 40% der Gesamtbevölkerung. Noch überwiegt hier der Handel als Hauptberuf. Aber die Verhältnisse der großen Handelsstadt sind nicht maßgebend für ganz Deutschland. Die Umstellung der Betriebe führt auch zu ihrer Umorganisation. Immer stärker wird die Ersetzung der mensch- — 278 — liehen Kraft durch die der Maschine. Die Mechanisierung der geistigen wird begleitet durch die Vergeistigung der mechanischen Arbeit. Immer größer wird die Zahl der Arbeitnehmer, die der Selbständigen geht gegenüber allen anderen Berufen immer mehr zurück. Über zwei Fünftel der Selbstständigen entfallen auf die Landwirtschaft. Aber unter diesen Millionen finden sich nur wenige Juden. Sehr erheblich ist die Zunahme der Selbständigen nur im Handel und Verkehrsgewerbe. Hierher gehören auch Tausende von jüdischen Händlern: kleinste Existenzen, die stolz sind, als „Selbständige“ aufzutreten, mit einem Telefon und einer Schreibmaschine als einzigem Requisit ihres Betriebes. Agenten und Vertreter. Viele unter ihnen, die unter den Nachwirkungen des Krieges von neuem einen Beruf ergreifen mußten. Mit ihren Angehörigen bilden heute alle Arbeitnehmer zwei Drittel des ganzen deutschen Volkes. Während aber die Arbeiterschaft nur im Tempo der Gesamtbevöl- kerung wächst, erhöht sich der Anteil der Angestelltenschaft immer mehr. Von 6% aller Erwerbstätigen im Jahre 1882 auf 16,5% im Jahre 1925. Zu ihnen stoßen heute auch Tausende von Angehörigen der ehemals freien Berufe: Ärzte, Zahnärzte und Anwälte. Ein neuer Mittelstand entsteht. Diese gewaltige soziale Umschichtung, die das deutsche Volk erlebt, trifft in ihrer ganzen Schwere auch die deutschen Juden. Im Jahre 1907 ist der Prozentsatz der Selbständigen bei den deutschen Juden noch doppelt so groß wie bei der Gesamtbevölkerung. Für den heutigen Zustand fehlen uns noch die Unterlagen. Aber auch ohne sie wagen wir die Behauptung: der größte Teil der jüdischen Erwerbstätigen befindet sich heute in abhängiger Stellung. Die Schar der jüdischen Angestellten, besonders auch der weiblichen, wächst von Jahr zu Jahr. Eine Folge der Proletarisierung des jüdischen Mittelstandes, die die Rentnerschicht vernichtet hat. Aus dem jüdischen Unternehmer ist der jüdische Angestellte geworden. Hinter scheinbar glänzenden Fassaden zeigt sich oft bitterste Armut. Die Bürokratisierung des Wirtschaftslebens, die diese riesige Armee der Unselbständigen mit hervorgerufen hat, bewirkt auch eine Zurücksetzung des jüdischen Elements. Glauben viele Juden — 219 — in ihrer Neigung zum Individualismus nicht immer noch, solche Betriebe meiden zu müssen, weil sie in ihnen ihre Persönlichkeit nicht entfalten können ? Wenn die Juden nicht allmählich selbst eine innere Umstellung vornehmen, werden sie hier immer mehr an Terrain verlieren. Neben diesem freiwilligen Fernhalten erfolgt eine bewußte Ausschließung der Juden. Durch die Ausgestaltung der Riesenkonzerne vollzieht sich eine Verdrängung der Juden, die ganz im Stillen, aber oft sehr überlegt geschieht. Auch in vielen Unternehmungen, die durch jüdische Männer ins Leben gerufen worden sind, findet sich heute kaum noch ein jüdischer Ingenieur oder eine jüdische Stenotypistin. Diese Bewegung führt auch zu einer Eliminierung der Juden in den Staatsbetrieben. Wo sind die jüdischen Kaufleute in den Bergbaubetrieben des Preußischen Staates, den Elektrizitätswerken des Reiches, den Staats- oder Stadtbanken, wo finden wir sie bei den großen Verkehrsmitteln, den Eisen- oder Straßenbahnen ? Diese Verdrängungsbestrebungen werden von der Boykottbewegung unterstützt, mit denen die antisemitischen Hetzapostel die angebliche Herrschaft des deutschen Juden über die deutsche Wirtschaft bekämpfen wollen. Sie raubt vielen jüdischen Erwerbstätigen im Lande ihre Existenz und zwingt sie, in die Städte abzuwandern. So vermehrt auch sie die Zahl der Abhängigen. Aber größer noch als alle diese Fragen des Jetzt ist das Problem von Morgen. Die Frage nach dem Schicksal unserer Wirtschaft. Noch ist der soziale Umbildungsprozeß nicht beendet. Mehr denn je hat sich die Lage der deutschen Juden der aller übrigen deutschen Mitbürger angenähert. Wo führen Konzentrierung und Organisierung der Wirtschaft hin ? Ist das noch freies Unternehmertum? Könnten es die Juden nicht mit Genugtuung verzeichnen, daß im Handel und Handwerk, in der Industrie und Landwirtschaft die Freiheit kapitalistischen Schaffens in unseren Tagen stürmisch gefordert wird ? Aber ist das noch kapitalistische Wirtschaft, die sich selbst überall Hemmungen auferlegt? Seit Jahren beschäftigen sich infolgedessen Wirtschaftsführer, Wirtschaftspolitiker und Wirtschaftsgelehrte mit - 28 o der Frage nach der Zukunft des Kapitalismus. Jakob Goldschmidt entscheidet sich vor den deutschen Bankiers für den Kapitalismus. Zur gleichen Zeit fordert in Hamburg auf dem Gewerkschaftskongreß einer der jungen Führer der Sozialdemokratie, Fritz Naphtali, die Wirtschaftsdemokratie als den Weg zum Sozialismus. Sombart aber proklamiert das Ende des Kapitalismus, jener Gelehrte, der die Juden als Väter des Kapitalismus angesprochen hat. Die deutschen Juden finden sich heute stärker denn je in allen Lagern. Sie kämpfen für die Erhaltung des alten Kapitalismus wie um die Wege zu einer neuen Wirtschaftsordnung. Mit dem Kapitalismus aufgestiegen zu der Bedeutung, die sie für die deutsche Wirtschaft durch die Jahrhunderte gehabt haben, sehen sie heute viele Wege zum Vorwärtskommen versperrt. Dem Drang zur Selbständigkeit, der dem Juden eigen ist, sind überall Schranken gesetzt. Nicht jeder jüdische junge Mann kann wie einst der Vater zum freien Unternehmer aufsteigen. Vor der jüdischen Jugend türmen sich Probleme von größter Bedeutung. Ihrer harrt eine Aufgabe, die größer ist als die ihrer Väter: die Einstellung auf die neuen Gesetze der Wirtschaftsführung, getragen von dem Bewußtsein der Verantwortung. Der Unternehmer als Verwalter einer öffentlichen Funktion, der Arbeitnehmer im Dienste seines Werkes. Das Schicksal des Kapitalismus wird mitbestimmend sein für das Geschick der deutschen Juden. Sie waren die Wegbahner in unserer Wirtschaftsepoche, werden sie es verstehen, auch Führer in die neue Zeit zu sein? REGISTER INHALTS- UND BILDER VERZEICHNIS REGISTER Adler, I., jun., Metallfirma 24. A hlwardt, Hermann, A n- tisemitenführer 108. Alsberg, Gebrüder, Warenhaus 24. A ndersen, Hans Christian 47, 231. Arnhold, Adolph, Dr., Arzt 160. — Eduard 25, 155 — 165. — Gebrüder, Bankhaus 160, 24g. — Georg, Bankier 160. — Johanna, geb. Arn- thal 157, 15g, — Mathilde, geb. Cohn 160. — Max, Bankier 160. Aron, Israel, Hofjude 14. Aronsohn, Louis, Bankier 223. Auerswald, Rudolf von, preuß. Staatsminister 112, 113. Aufhäuser, Martin, Bankier 74. August Wilhelm, Prinz von Preußen 161. Bach, A delheid, geb. Loewe 106. — Gerson 215. Ballin, Albert 28, z 75 bis igz, xg3. — Amalie, geb. Meyer 178. — Irmgard (vereh. Bielfeld) 187. — Joseph 17g. — Julius Joel 178. — Marianne, geb. Rau- ert 187. — Samuel Joel 178, 17g. Bamberger, L. M., Bankhaus 55 , 90 . Baring, Bankhaus, London 4g. Bartholdy, Christian Friedrich von 57 . Bartholdy, (eigentl. Sa- lomon), Jacob 57 . Bauer, Gustav, Reichskanzler 25g. Baumann, Max 218. — Sally 217, 218. Becker, Moritz, Bernsteinindustrieller 148. Beer, Michael go. — Jacob Herz 58, go. — Sondheimer & Co. 204. Bennigsen, Rudolf von, Politiker 101. Berg, von, Kabinettschef Wilhelms II. igo. Berger, Julius 28, 173, 221 — 227. — von, Gesandter 25g. Berghöffer, ChristianWil- helm 33, 35. Beuth, Peter Christian Wilhelm 248. Berliner-Hannover, Telefonfabrik 26. Bernhard, Isaak, Seidenfabrikant 53. Bethmann, Bankhaus 35, 49 • — Moritz von, Bankier 46. Bethmann-Hollweg, Reichskanzler 18g. Bismarck 68, 6g, 70, 71, 72, 73, j 02, 150, 231. Bleichröder, das Haus S. 22, 27, 48, 64—74, g3, n6,14g, 150,24g. — Emma von, geb. Gut- tentag 73. — Georg 73. — Gerson d. A. 65 . — Gerson 48, 64—73. 85, 134, ^50. — Hans 73. — James 73. — Johanna, geb. Aron Meyer 67. — Julius 68. — Kurt 73. — Samuel 64 — 67. Bloch, Präsident der Seehandlung 64. Blücher 41. Böcklin, Arnold 164. Bonn, Moritz Julius, Nationalökonom 164. Born, Freiherr Julius von 110. — Sigismund 110. Borsig ig, 26, gi, 103, 130. Brefeld, preuß. Handelsminister 15g. Brentano, Lujo,Nationalökonom 15. Brockdorff-Rantzau, Graf von,Staatssekretär235. Brückmann, Heinrich 27. Buderus von Carlshausen, Carl Friedrich 35. Bülow, von, Finanzminister 41, 59 . — Bernhard von, d. A., Staatssekretär 70. — Bernhard Fürst von, Reichskanzler g6,18g, 2 57- Bunsen, Marie von, Schriftstellerin 160. Camphausen, Ludolf 113. Caro, Albert 241, 242. — Avigdor 241. — Georg 25, 155. — Jakob, Historiker 241. — Josef, Verfasser des Schulchan Äruch 241. — Nikodem 27, 240 bis 248. — Oskar 25, 155. — Rosalie 241. Carr, Edward 180, 182, 193■ Cassel, David Lob 26. — Sir Ernest 188, 18g. Cassella, Leopold, & Co. 26. Cassierer-Berlin, Kabelfabrik 26. Chiron, franz. Minister 239- Churchill, engl. Minister 189. Climenceau, Georges 235, Clewing, Carl, Kammersänger 157. Cockerill, John 26. Cohen, Philipp Abraham 204. Columbus, Christoph 241. Conitzer, M., Söhne, Warenhaus 24, 216. Conrad,Bankdirektor 150. Corti, Egon Caesar Conte 35, 37, 4L 45- Cuno, Wilhelm, Reichskanzler 177. Cyprut, Emil 153. Dalberg, Karl von, Fürstprimas 37, 38, 40. Damm, R., Bankhaus, Danzig 149. Daniel, Hartwig, Fabrikant 13. Daum, G. A. 55. David, Hirsch 13. Davidsohn, Robert, Historiker 150. Dawes, Charles Gates (Dawes-Plan) 257. Delbrück, Rudolf, Staatssekretär 70. Dellschau, G. E., Eisenfirma 168. Dernburg, Bernh., Reichsminister 143, 257. Deutsch, Felix 26, 141. — Moritz 141. Diest-Daber, von 70. Djavid Bey, türk. Staatsmann 258. Dohna, Graf von, preuß. Minister 58. Dove, Heinrich 96. Duncker, Franz, liberaler Politiker 101. Edison, Thomas Alva 126, 134, 135, 136, 137 - Eduard VII., König von England 189. Ehrenberg, Richard, Nationalökonom 40, 44. Ehrlich, Paul 98. Einstein, Albert 119. Elchanaan, Isaak (Rothschilds Ahne) 33. Engel, Joseph, Mendelssohns Lehrer 34. — 283 — Engelhardt-Konzern 24. Engels, Friedrich, Sozialistenführer 9. Ephraim, Veit, Münzpräger 14. Erzberger, Matthias, Reichsminister 191, 238. Estorff, General von 33. Falkenburger, A., Bankhaus 49. Ferdinand I., König von Bulgarien 248. Feuchtwanger, Lion 14. Feuerbach, Anselm 164. Fischei, Arthur 63. Fischer, Rektor 54. Fontane, Theodor 160. Ford, Henry iyi. Foster, J., Fabrikant 26. Fould, Achille, Bankier 50,56. Francke, Ernst, Sozialpolitiker 188, 190. Frank, Adolf, Chemiker 241, 242, 243, 244, 247. Fränkel, David, Rabbiner 52. — S., Neustadt O.-S. 24. Freiligrath, Ferdinand 210. Frensdorff, M. Bankhaus 118. Friedlaender, David 25, 155, 156. — Emanuel 156, 158. — Moritz 25, iss, 1 5 6 - — Otto 2s, 155, 156. - Fuld, Fritz von 23, 152, 136, 158. Friedrich König von Preußen 13. Friedrich II., König von Preußen 13, 14, iS, 52, 63, 6s, 209. Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg 12, 13, 14, 199. Friedrich Wilhelm /., König von Preußen 13, 55, 14*. Friedrich Wilhelm II., König von Preußen 6j- Friedrich Wilhelm III., König von PreußenS9- Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen 67, 130. Friedrich, Prinz der Niederlande 82. Fürst, Arthur, technischer Schriftsteller 138. Fürstenberg, Carl 23,140, I47—I54- — Hans 154. Gäbel, Lehrer 210. Gedalja, Abraham 116. — Salomon Abrahamiiö. Gelpcke, Bankier 150. Gentz, Friedrich, Publizist 43. Georg III., König von England 33. Gerson, Hermann 23. Goethe 31, 34, 35, 75, 12s, 272. Goldberger, Ludwig Max 23, 97- Goldschmidt, Benedikt Hajum Salomon 48. — Jakob 23, 262, 264 bis 271. — Lina geb. Bacharach 265. — Meyer 114. — Markus 265. — Moses, zum Schwan 48. — Sophie, geb. Joseph 263. — Theodor 27. Goldschmidt-Rothschild, Albert Freiherr von 49- — Erich von 49 — Maximilian Benedikt, Freiherr von 48 Grabowsky, A dolf, Dr. 139, 160, 161. Grey, Edward, engl. Minister 189. Grünfeld, F. V. 24. Gumprecht, David (später August Neander) 200. — Hirsch 200. Gutmann, Eugen, Bankdirektor 23. — Vera, geb. Herzfeld 262. Gunz, Josef 129. Gwinner, Arthur von, Bankdirektor 23, 232, 253- Hagen, Louis 22, 261, 268. Haldane, engl. Minister 189. Halle, A. 175. Hamburger, Albert 24. Hansemann, Familie 23, 85, II3- Hansemann, Adolph von 114, 116, iiy, 122. — David. 62, 113, 114, II5- Hardenberg, preußischer Staatsmann 20. Harnack, Adolf von, Gelehrter 165, 200. Harkort, Friedrich 62. Hecker, Emil, Bankdirektor 114. Hegel 113. Helfft, N. & Co., Bankhaus 55 . Henckel von Donners- marck, schlesische Magnaten 25 . — Graf (später Fürst) Guido 6g, 185, 195. Hendry, Generalentrepreneur 82. Hensel, Sebastian 56, 59 . Herries, J ohn Charles, engl. Generalkommissar 3g, 40. Herz, Familie 24, 88 bis 98. — August 94. — Cäcilie, geb. Markwald 95 . — Hermann 95 . — Louise, geb. Wolffs 88, 90. — Markus 54. — Max 95 . — Paul 95 . — Pauline 93. — Salomon 88 — 95 . — Samuel, Eisenfirma 168. — Wilhelm 91 — 98, 129. Herzfeld, Hugo J., Bankier 262. Hilger, schles. Industrieller 162. Hirsch, Aron, & Sohn 24, 199 — 205. — Aron, der Altere 200, 201, 202. — Aron, Halberstadt 201. — Aron, der Jüngere 202 — 205 . — Benjamin, Halberstadt 201, 202, 203. — Gabriel, Halberstadt 203. — Gustav, Halberstadt 201, 203. — Helene geb. Hirsch 202. — Josef, Halberstadt 201, 202. — Rahel 116. Hirsch, Salomon, Halberstadt 201. — Samuel Moritz iyg. — Siegmund, Halberstadt 201, 202. — Siegmund, Berlin 203. Hirschland,Simon, Bankhaus 249. Hirz, Naphtali 33. Hohenlohe-Schillingsfürst Chlodwig, Fürst von, Reichskanzler yo. Homberg, Herz, Freund Mendelssohns 54. Homburger, Veit L., Bankhaus 249. Hösch, Industrieller 25 . Huldermann, Bernhard, Biograph Bailins 183, 185, 189, 190. Huldschinsky, Familie 25 , I 55 - Humboldt, Wilhelm von 42, 54 , 56 , 65. Isaac, Jacob 209. — Salomon 13. Jandorf, A., Warenhaus 216. Jöhlinger, Otto, Verf. von „Bismarck und die Juden“ yi, y2. Kaempff, Johannes, Politiker gy. Kant, Immanuel 10, 52 , 53, 119. Kapp, Wolf gang (Kapp- Putsch) 259. Karl König von Rumänien 84. Karl August, Herzog von Sachsen-Weimar 34. Karstadt, Rudolf, A. G. 219. Kassel, Simon von 22g. Kastl, Ludwig, Induslri- ellenführer 238. Katzenellenbogen, Ludw. (Schultheiß - Patzenhofer) 24. Kauffmann, Meyer 24. Kempner, Maximilian 2y, 63, 121. — Paul 63. Kern, Aloys 25, 155. — Heinrich 25 , 155. Keßler, Harry Graf, Biograph Walther Rathenaus 142. Kirdorf, Emil, Industrieller 19, 118, 121, 155 . Klapproth, Professor der Chemie 54. Kleemann, Wilhelm, Bankdirektor 23. Klöckner, Peter, Industrieller 260. Knorr ( Knorr-Bremse ) 110. Koch, Rudolf von, Bankdirektor 23, 96. Koppel, Arthur 26, i6y bis iy3. Kritzler, Ernst 94. Krupp, Friedrich 25, 154 - Kuhn, Loeb & Co., New York 228. Kunheim, Dr., Industrieller 159. — Samuel Hirsch, Chemiker 26. Kunstmann, Arthur 196, igy. — Werner 199. — Wilhelm 28, 192 bis 198. Kunth, Staatsrat 65. Laeisz, Ferdinand, Reeder I 75 . Landau, Jacob, Bankier 135 - Lasker, Eduard, Politiker 99, 86. Lassalle, Ferdinand 101, 106. Lehmann, Betend, Hofjude 14. Lehndorff, Karl Graf von 84. Leistikow, Walter, Maler 154 - Lessing 53. Levy, A., Bankhaus 22, 261. — Berend 12. — Leiser Moses 115. — Michael 115. Lewin, Gedalja 116. Lewinsohn, Richard, (Morus) 259, 262, 263. Liebermann, Familie 93, 129, 130. — Carl, Chemiker 130. — Max, Maler 130, 140, 164. Liebig 243. Lippe, Graf von der, preuß. Minister 115. List, Friedrich, Nationalökonom yy. Löb, Rudolf, Bankier 63. Loewe geb. Lindenheim 106. — Georg 106. — Isidor 107 — m, 13g. — Ludwig 26, gg—m, 121, 133 - Loewy, Simon (Minervahütte) 25. Loucheur, Louis, franz. Minister 23g. Ludwig XVIII., König von Frankreich 40. Luria, Salomon, Talmudist 116. Lustig, Th., Eisenfirma 168. Madai, Polizeipräsident von Berlin 134. Mamroth, Paul (AEG) 26, 141. Mannheimer, Fritz, Bankier 63. — Gebr., Berlin 23. — (Minervahütte) 25. Mankiewitz, Paul, Bankdirektor 252. — Nordhausen 103. Marcus, Alfred, Schriftsteller 276, 277. Mauser, Paul 107. — Willi, 107 Melchior, Carl 164, 228 bis 23g. — Emilie geb. Rie 231, 232. — George 233. — Marcus 231. — Moritz, Hamburg23i, 232. — Moritz, Etatsrat 231. — Moses 231. — Sally Gerson 231. Mendel, Thoraschreiber, Moses Mendelssohns Vater 52. Mendelssohn,DasHaus22, 52 — 63,116, 150, 24g. — Alexander 62. — Dorothea, verm. mit Friedrich Schlegel 57 . — Franz von 63. — Fromet, Moses M.s Gattin 54, 57. — Henriette 56. — Henriette geb. Meyer 56 . — Joseph 54—62, gi. — Moses 52 — 55, 63, go. — Robert von 63. M endelssohn-Bartholdy, A braham, Sohn Moses Mendelssohns 56 — 59 . — Ernst von 63. — 285 — Mendelssohn-Bartholdy, Felix 57, 5g. — Lea geb. Salomon 56. — Paul 5g, 62, 63. — Paul von 63. Mengers, Martin 24. Merck, Ernst 175. Mertön (Moses), Metallhändler 204. Messel, Alfred, Architekt 214. Metternich 37, 44, 46, 112. Mevissen, Gustav von II3- Meyer, Ludwig, Dr. med. 8g. — Rudolf, Journalist 71. Meyerbeer 58, go. Milde, Carl August 112, II 3 - Miller, Oscar von 138. Miguel, Johannes, preuß. Minister 114. Mirbach, Freiherr von, Oberhofmeister 154. — Graf von, Gesandter 2 34 - Moissan, Chemiker 242. Möllendorff, Wichard v., Staatssekretär 145, 2 35 - Molthe 16g. Montefiore, Moses 36. Morgan, John Pierpont 184, 185, 186. Mortier, franz. General 37 - Mosse, Rudolf, Zeitungsverleger 27. Mumm von Schwarzenstein, Botschafter 234. Nacher, Ignatz (Engelhardt-Konzern) 24. Nachmann, Bankier 131, 133 - Nagler, Oberpostmeister 76. Naphtali, Fritz, sozialistischer Schriftsteller 280. Napoleon I. 36, 3g, 40, 56, 57, 66, 250. Napoleon II. 40. NapoUon III. 208. Nathan, David, Fabrikant 12. Naumann, Friedrich, Politiker 21. Oettingen-Oettingen und Oettingen- Wallerstein, Krafft Ernst, Fürst von 250. Oliven, Oskar, Industrieller in. Oppenheim-Hannover, Bankier 33. — H., Bankhaus Hannover 265. — Sal. fr. & Cie., Bankhaus 24g, 261. — Simon Alfred Freiherr von 261. Oppenheimer, Josef Süß (Jud Süß) 14. Orenstein, Benno 26, 166 bis 174. Orenstein & Koppel 167 bis 174. Orleans, Das Haus 112. Osborn, Max, Kunsthistoriker 214. Ostwald, Wilhelm, Chemiker 242. Otto I., König von Griechenland 251. Ouvrard, Bankhaus, Paris 4g. Pagenstecher, Agrikulturchemiker 243. Parish, Bankhaus, Hamburg 4g. Percy, Henry, englischer Major 41. Pereire, Emile, Paris, Financier (Crldit mo- bilier) 50, 112. — Isaac, Paris, Financier 50, 112. Pertzel, Anton 206. Pinner, A dolf, Pharmakologe 242. — Felix, SchriftstelleryS, 131, 133 , 137 , 139 , 153 - Porten, Moritz von der, Industrieller 27. Pringsheim, Familie 25. Rathenau, Emil 26, 78, 93 , 125—146, 151, 158, 176. — Erich 142. — Mathilde geb. Nachmann 131. — Walther g, 26, 140, 142—146, 151, igi, 230, 236, 258. Ratibor, Viktor Hugo, Herzog von 84. Ree, Hartvig Philip 232. — Isaac Philip 232. — Israel Philip 232. — Philip Hartvig 232. — Rüben 232. Reichenheim, Familie 24, 93 ■ — 286 Reiche, Georg, Berliner Bürgermeister 140. Reuleaux, Franz, Professor an der technischen Hochschule 130. Revelstoke, Lord, engl. Delegierter in Paris 338. Ricardo, David, Nationalökonom 60. Richter, Eugen, Politiker ioz. Rickert, Heinrich, Politiker 101. Riedler, A., Biograph Emil Rathenaus 12g. Riemer, Friedrich Wilhelm 272. Rinkel, I., Leinenhaus 24, 120. Röchling, Das Haus 133. Rodbertus, Johann Karl, Nationalökonom 62. Roon, preuß. Kriegsminister 83. Rosenberg, Bankier 150. Rosenthal, Philipp, Porzellanindustrieller 27. Roß, Bürgermeister,Hamburg 23g. Rother, Chr. von, preuß. Oberfinanzrat 43. Rothschild, Das Haus 22, 27, 3 I— 5 I, 59 , 60, 64, 65, 66, 67, 6g, 73, 112, 150, 177, 24g, 251 - — Amschel Moses 33. — Anselm, Frankfurt 34, 38 , 39 , 42, 45 , 47 - — Anselm, Wien 48, 102. — Emma, Lady 48. — Gudula, geb. Schnapper 34 , 39 , 47 , 48 - — James 34, 38, 40, 42, 44 , 45 , 47 , 5 °. — Judith, geb. Cohen 36. — Kalman 33, 34. — Karl 34, 37, 38, 42, 43 , 44 , 45 , 46, 50 ■ — Mathilde 48. — Meyer Amschel 22, 31 — 39 , 45 , 52, 250. — Meyer Karl 47. — Moses Kalmann 33. — Nathan 34, 36, 38, 3g, 40 , 41, 42 , 43 , 45 , 46 , 47 , 48 , 5 °. — Nathan Meyer, Lord 48. Rothschild, Salomon 34, 38 , 41, 42 , 43 , 44 , 45 , 46, 47, 48, 64. — Wilhelm Karl 48. Rothworth, Agent Rothschilds 41. Rumowsky, Herren von 79 - Salomonsohn, Familie 23, 112 — 124. — Adolph 85, 114 — 123. — Arthur 120 — 122. — Bertha, geb. Fraustadt 120. — Ernestine 115. — Gedalja 115. — Georg (s. Soltnssen). — Moritz 120. — Sara, geb. Rinkel 120. Schaaffhausen, Abraham 112, 113. Schacht, Hjalmar, Reichsbankpräsident 238. Schay, Rudolf, Verf. d. „Juden in der deutschen Politik' ‘ jo j, 1 44 - Schickler, Gebrüder, Bankhaus 55, 150. Schiff, Jacob, New York, Financier 228. Schlegel, Friedrich, Dorothea Mendelssohns Gatte 57. Schlesinger, Liebermann, Fabrikant 58, 5g. Schnapper, Wolf Salomon 34. Schocken, 1 ., Söhne, Warenhaus 24. Schoeller, Alexander, Bankdirektor 120. Schramm, Eduard, Notar 175. Schulze-Delitzsch, Politiker 101, 113. Schulze-Gaevernitz, Ger- hart von, Nationalökonom 112, 113. Schultheiß-Patzenhofer- Konzern 24, g6. Schwabach, Julius Leopold, Bankier 73, 14g. — Paul von, Bankier 73. — Paul Julius von, Bankier 73. Schwarz, Julius, Bankier 265. — Goldschmidt & Co., Bankhaus 265. Schweitzer & Oppler, Metallfirma 24. Siemens,Georg von,Bankdirektor 23, 131, 252. — Werner von 26, 126, 227, 134, 235. — < 5 - Halske 127, 135, 136, 137, 238, 13g, 244. Siemens-Schuckert- Werke 139 - Silverberg, Paul, Industrieller 23. Simon, Eduard (Gebrüder S.) 14g. — Ezechiel 118. — Gebrüder, T extilhaus 149. — James (Gebrüder S.) 149. Slaby, Adolf Karl Heinrich, Elektrophysiker 127. Sloman, Robert, Reeder 175, 180. Smith, Adam, klassischer Nationalökonom g. Sobernheim, Kurt, Bankdirektor 23. * — Walter (Schultheiß- Patzenhofer) 24. Solmssen, Georg, Bankdirektor 122 — 124. Sombart, Werner, Nationalökonom 11, 15, 16, 18, 21, 50, 130, 167, ig2, 208, 280. Sonnemann, Leopold, Zeitungsverleger 27. Splittgerber, David 35. Sulzbach, Gebrüder, Bankhaus 135, 24g. Stadion, Graf, Österreich. Finanzminister 42. Stall, Madame de go. Stamp, Sir Josiah, engl. Delegierter in Paris 238. Stein, Freiherr von, preuß. Staatsmann 10, 20. Steinthal, Max, Bankdirektor 23, 244, 252. Stephan, Generalpostmeister 134. Stephenson, George 76, 166. Stern, Levin Benjamin 8g. — Selma, jüdische Historikerin 13, igg. Stimming, Carl (Nordd. Lloyd) 177. Stinnes, Hugo ig, 153, 155, 164, igo, 263, 264, 267. Stöcker, Adolf, Hof Prediger 71, 72, 100. Straßmann, Wolfgang, Politiker 101. Strauß, Ottmar 25, 257 bis 263. Straußberg, Caroline, geb. Gottheimer 80. Strausberg, Bethel Henry 27, 73 — 87, 116, 166. Stubmann, Peter Franz, Hamburg, Senator 177, 182, 187. Talaat Pascha, türk. Minister 258. Tardieu, Andri, französ. Minister präsident2 3g. Tischert, Georg, Verf. v. „Aus d. Entwicklung des Loewe-Konzerns" 106, 110, III. Tietz, Familie 24, 206 bis 220. — Alfred Leonhard 21g, 220. — Betty, geb. Meyer 211. — David 20g. — Georg 211, 212, 213, 213, 216. — Flora, geb. Baumann 217. — Heinrich 210. — Hermann 206, 207, 20g — 214. — Hirsch 20g. — Jacob 20g, 210, 216, 217. — Johanna, geb. Kie- letzki 20g, 210. — Julius 211. — Kaskel 210, 217. — Leonhard 210, 217 bis 220. — Markus 212. — Martin 213, 216. — Oskar 20g — 217. — Salomon 20g. Thyssen, August, Industrieller ig, 25, 155. Ufermann, Paul, Verf. von „Könige der Inflation 1 ' 261, 263. Ujest, Hugo Herzog von 84. Ullstein, Leopold, Zeitungsverleger 27. — 28 7 — Valentin, Julius, Fabrikant 131, 132. Vansittart, engl. Schatzkanzler 3g. Varnhagen von Ense, Rahel 53. Veit, Gebe., & Co., Bankhaus 55. Virchow, Rudolf, Gelehrter u. Politiker 101, 102. Vogelstein, Ludwig, New York, Metallhändler 202. Vogler, Albert, Industrieeller 238. Vollradus, Bischof von Kranichfeld igg. Wallich, Hermann, Bank - direkter 23, 252. Warburg, Aby M. 228. — Aby S. 22g. — Gerson 22g. — Jacob Samuel 22g. — M. M. & Co., Hamburg, Bankhaus 22, 228, 22g, 233, 24g. — Max M. 22, 124, 177, 18g, 230, 235. — Moritz 22g. — Moses Marcus 22g. — Paul M. 228. — Siegmund 22g. Warschauer R. &■ Co., Bankhaus 116, 150. Wassermann, A. E., Bankhaus 230, 251, 252. — Amschel Elkan 230. — Angelo von 231. — Augustvon, Mediziner 251- — Elkan 230. — Emil 231. — Max von 231. — Oscar 23, 124, 24g bis 256. — Samuel 231. Weber, Max, Soziologe 16, ig. — M., Maschinenfabrik *3i- Wechsler, Emil, Bankdirektor 265. Weinberg, Arthur von, Industrieller 26. — Bernhard, Industrieller 26. Weinberg, Karl von, Industrieller 26. Wellington, Arthur Wel- lesley, Herzog von 38, 40, 41. Wertheim, A., Warenhaus 24, 208, 213. Weyl, Siegfried 214. Wiegand, Generaldirektor d. „Nordd. Lloyd “ 177, 18 5 - Wilhelm I. 68, 71, 73. Wilhelm II. 118, 136, 161, 163, 176, 184, 185, 186, 187, 18g, igo. Wilhelm VIII., Landgraf von Hessen-Kassel 33. Wilhelm IX., Prinz von Hessen-Hanau, später Kurfürst von Hessen-Kassel 33, 34, 35, 36, 37, 3 8 , 230. Wilson, Chemiker 242. Windhorst, Ludwig, Politiker 70. Winkopp, Benediktinermönch 33. Winterfeld, Bankier 130. Wirth, Joseph, Reichskanzler 144. Wissell, Rudolf, Reichsminister 143. Wittgenstein, Fürst 67. Wolf, Moses Benjamin 14- Wolff, Otto, Konzerngründer 23, 238 — 263. Wollheim, Caesar, Kohlenhändler 136, 137, 158, 160. Wolffs, Moses 88. Worms, Baron von, London 102. Wright, Orville, Flugzeugerfinder in. Wronker, Hermann, Warenhaus 24. Zeppelin, Graf Ferdinand von 162. Zielenziger, Kurt, Verf. v. „Die alten deutschen Kameralisten'' 12. Zola, Emile 51, 208. Zwillenberg, Elise, geb. Tietz 213. — Hugo (HermannTietz) 216. INHALTS- UND BILDERVERZEICHNIS Vom Ghettohändler zum Wirtschaftsführer ... 9 Juden in der deutschen Wirtschaft Das Haus Rothschild. 31 Das Haus Mendelssohn. 52 Das Haus Bleichröder . 64 Bethel Henry Strousberg. 75 Wilhelm Herz. 88 Ludwig Loewe. 99 Die Familie Salomonsohn.112 Emil Rathenau.125 Carl Fürstenberg.147 Eduard Arnhold. 155 Benno Orenstein.166 Albert Ballin.17S Wilhelm Kunstmann.19 2 Aron Hirsch.199 Die Familie Tietz.206 Julius Berger.221 Carl Melchior.228 Nikodem Caro.240 Oscar Wassermann.249 Ottmar Strauß.257 Jakob Goldschmidt.264 Ausblick.275 Register.282 BILDNISSE: Nathan Rothschild, Bethel Henry Strousberg, Emil Rathenau, Eduard Arnhold, Albert Ballin, Oskar Tietz, Julius Berger, Jakob Goldschmidt Herrn S. Kirschstein sagen wir für liebenswürdige Unterstützung bei Beschaffung der Bildnisse unseren verbindlichsten Dank *;! I wmm J3/33 ■mwm mßmmämm mm wmm± , s. f'^ &*& n&m mwm Wm Wßs^igM ^j$0äkM i&0i0z : h Wi-iig;- fii Zräm tMM. SfllSii i&gh Wff*M '<&Z2g5] mm flggäte mm i&ZjiSyi öHs® üSii :■'JXfS-irg&JZ W0jA. g&;rl ÜUPgHII m^rnrngm ■jfig&gU &s&s &g£g0£: fM& &§&■ Irnfl-flüililijiiütü'i'lii;:;!! i„ ■MM liillli m Äj IliüSilj flll'lSffiä! — 1£M M t -L ' ijj*. Wiü iiJUI Ww 1 Ü afMfi iül iniRinimmtSH ■1 l illllffillll llgSS nrmü