^ ^ Einleitung zur allgemeinen vergleichenden Geographie, und A b h andlungen zur Begründung einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Erdkunde .-V » von Carl Ritter. Berliu, 1852. Druck und Verlag von Georg Reimer. Vorwort A)ic Veranlassung zum wiederholten Abdruck der in diesem Bändchen enthaltenen Aufsätze gaben die vielen Nachfragen nach denselben, ohne daß diese befriedigt werden konnten, da jene theils gänzlich vergriffen waren, theils so zerstreut in den schwerer zugänglichen Bänden der Schriften der Bcrliuer Akademie vorkamen, daß man sie nur selten einmal zusammenfinden konnte. Neues ist in diesem Bündchen also nicht zu suchen, wol aber manches Alte, was noch immer der Beherziguug der Freunde und Bearbeiter einer geographischen Wissenschaft werth sein möchte, die nach ihrem Umfange viel schnellere nnd glänzendere Fortschritte macht, als nach ihrem Inhalte. Diesen letztern zu fördern, wurden die hier zusammengestellten Abhandlungen in den verschiedenen Jahren von 1818 bis 1850 bei verschiedenen Gelegenheiten geschrieben; sie haben daher wol verschiedene IV Vorwort. Formen, aber dieselbe gemeinsame Richtung, und machen daher doch ein Zusammengehöriges aus, das mit dem Fortschritt der Zeit auch mauche weitere Entwicklung gewann. Da die Geographie ihrer historischen Natur uud Entstehung nach eine erst werdende Wissenschaft ist, die noch vieler Fortschritte bedarf nnd zu keinem Abschluß gekommen ist, so wurden die Jahreszahlen der Publikation jener einzelnen Abhandlungen auch beibehalten, denen sich für die Zukunft noch andere anreihen können. Die Abtheilungen i und 2 sind nur wiederholte 'Abdrücke der Einleitung und einiger Vorbemerkungen zu dem ersten Bande der allgemeinen vergleichenden Erdkunde, welcher Afrika in der zweiten Auflage, 1822, enthält, der aber schon seit einer Reihe von Jahren ganz vergriffen war, ohne daß der Verfasser Muße und Kraft zu einer dritten Auflage und Bearbeitung im Geist der indeß auch in diesem Erdtheile fortgeschrittenen Wissenschaft hätte gewinnen können, da seine ganze Thätigkeit auf die Vollendung der Bearbeitung von Asien concentvirt bleiben mußte, welche gegenwärtig den fünfzehnten Band erreicht hat. Da aber jene Einleitung nebst den Vorbemerkungen nicht blos Afrika, sondern auch Asien und auch der weiteren Ausarbeitung der allgemeinen Erdkunde als maaßgebendes Regulativ zum Grunde liegt, so war es vielen Käufern der zweiten und folgenden Theile des Werkes wünschenswert!), diese Prolc- gomenen ebenfalls zu besitzen, wenn sie auch den ersten Band Vorwort. v entbehren mußten; und diesen glaubte der Herr Verleger hiedurch entgegen kommen zu müssen. Die dritte Abtheilung des gegenwärtigen Bändchenö enthält die fünf in den Schriften der Berliner Akademie der Wissenschaften in verschiedenen Jahrgängen zerstreut vorkommenden Abhandlungen, die alle das Ziel jener beiden ersten Abtheilungen, die Förderung einer geographischen Wissenschaft und ihrer methodischen BeHandlungsweise, verfolgen. Auch ihre besonderen Abdrücke waren meist vergriffen und die Bände der Akademischen Schriften, denen sie angehören, weniger verbreitet und schwer zugänglich; doch sind sie nicht ohne vielfach anregenden Einfluß geblieben und können nun auf bequeme Weise für Lehrende uud Lernende fruchtbarere Anwendung gewinnen. In den Bänden der Erdkunde von Asien wird man viele Belege als Beispiele zu den in vorliegenden Abhandlungen gegebenen Hindeutungcn auf eine wissenschaftlichere Behandlungsweisc der geographischen Thatsachen vorfinden. Die darin enthaltenen, zerstreut vorkommenden Monographien aus der Produktenkuude sollen auf den oft wiederholten Wunsch der Freunde der Naturforschung in einem zweiten, diesem folgenden Bändchcn, nach ihrem mineralogischen, botanischen und zoologischen Inhalt besonders zusammengestellt, im Drucke erscheinen, da sie als selbständige, für sich abgerundete Abhandlungen dort nur als gelegentliche Zugabe zu dem heimathlichen Vorkommen ihres Gegenstandes dienen VI Vorwort. sollten, um von einem hohem, allgemeinem Standpunkte aus die lokale Erscheinung in ihrem Causalzusammcnhange zu vergegenwärtigen. Mögen diese wie alle andern etwa noch nachfolgenden Beiträge des Verfassers dazu dienen, den Titel der allgemeinen Erdkunde „im Verhältniß zur Natur und zur Geschichte des Menschen" fortwährend zu rechtfertigen» Berlin, den 18. März 1852. C. Ritter. Inhalt. I. Einleitung zu dem Versuche einer allgemeinen vergleichenden Geographie (1818). S. 2 — 62. VI. Allgemeine Bemerkungen über die festen Formen der Erdrinde (1818). S. 63 — 99. IIT. Abhandlungen zur Begründung einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Erdkunde. Vorgetragen in der Königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin. S. 101 — 246. I. Ueber geographische Stellung und horizontale Ausbreitung der Erdtheile (1826). S, 103—128. II. Bemerkungen über Veranschaulichungsmittel räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen durch Form und Zahl (1828). S. 129 — 150. III. Ueber das historische Element in der geographischen Wissenschaft (1833). S. 152-181. IV. Der tcllurischc Zusammenhang der Natur und Geschichte in den Produktionen der drei Naturreiche, oder: Ueber eine geographische Produktcnkunde (1836). S. 183 — 205. V. Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs und ihre Fuuctionen im Entwicklungsgange der Geschichten (1850). S. 206-246. Einleitung zu dem Versuche einer allgemeinen vergleichenden Geographie. Ritt-r B-itrage. A Einleitung zu dem Versuche einer allgemeinen vergleichenden Geographie. (Im Jahre 1818 geschrieben.) ') ^)ie Einleitung zu einem Versuche, die Gesammt-Erdkunde in einem innerlich verbundenen, mehr wissenschaftlichen Ganzen darzustellen, kann, ehe sie zur Mittheilung des Planes, der Methode und zu den Quellen der Arbeit selbst sich wendet, nicht wohl den menschlichen Gesichtspunct umgehen, um dessentwillen überhaupt sie nur als wünschenswerth erscheint. Dieser soll daher, in wiefern er das Verhältniß der Natur zur Geschichte, des Vaterlandes zum Volke und überhaupt des einzelnen Menschen zum Erdganzeu betrifft, hier nur kurz berührt werden, um die Aufmerksamkeit auf den letzten Zweck des Unternehmens zu leiten. Wenn es anerkannt ist, daß jeder sittliche Mensch zur Erfüllung seines Berufes, und ein Jeder, dem das rechte Thun in etwas gelingen soll, das Maaß seiner Kräfte im Bewußtsein tragen und das außer ihm Gegebene oder seine Umgebungen, wie sein Verhältniß zu denselben, kennen muß: so ist es klar, daß auch jeder menschliche Verein, jedes Volk seiner eignen innern und äußern Kräfte, wie derjenigen der Nachbaren, und seiner Stellung zu allen von außen herein wirkenden Verhältnissen inne werden sollte, um sein wahres Ziel nicht zu verfehlen. ') Abdruck aus dem ersten Bande der Erdkunde. — Ein halbes Jahrhundert später würde sich gegen den damaligen Zustand der Wissenschaft ein schon bedeutender Fortschritt auf eine lehrreiche Wtise in Vergleich stellen lassen. A 2 « 4 Einleitung zu dem Versuche Das blinde Streben und das bewußtlose Wollen geben dem Menschen bei aller Spannung und Thätigkeit nicht diejenige Kraft, welche zum rechten Sein und Thun führt; es muß das entwickeltere Streben, das bewußtvollcre, der Kraft entsprechende Wollen sein, welches, wo Klarheit sich zur Wahrheit gesellt, in schonen und großen, denkwürdigen Thaten hervortritt, die der Ewigkeit angehören. Nicht die verwirrte Vielartigkeit zügelloser Gewalten, sondern die Anschauung von dem Maaß und dem Gesetz in der unendlichen Fülle und Kraft ist es, was uns auch schon in der sinnlichen Natur mit der Ahnung des Göttlichen unwiderstehlich durchschauert. Aber der rechte Wille des Menschen und die Erkenntniß des seiner eigenthümlichen Kraft Entsprechenden in dem außer ihm Gegebenen, so wie die gegenseitige Durchdringung und Steigerung von beiden, diese gehen nur aus dem ernsten Ringen nach der tiefern Erkenntniß des eignen Selbst hervor, und aus der Betrachtung des Menschlichen und alles dessen, was in der Geschichte der Menschheit sich offenbart hat. - Wie nun jeder einzelne Mensch vermöge seiner eigenen Weise nicht jeglichem Unternehmen gewachsen und zu jedem berufen ist: eben so wenig jedwedes Volk zur Erreichung jedes Zieles im bunten Kranze des Ruhms und des Glücks. Es gehört zum Cha- racteristischen der menschlichen Natur, daß jedem einzelnen Menschen eine nur ihm Angehörige Eigenthümlichkeit einwohnt, durch deren Entwickelung er zu einem vollkommncren wird, und so und nicht anders wiederholt sich dies in jedem Volke. In der vollendeten Ausbildung dieser Eigenthümlichkeit liegt die sittliche und mit ihr jede andere Größe des Menschen, wie die Volksthümlich- keit und Nationalgröße der Völker. Sie erwärmt und erleuchtet die Gegenwart, wie die Zukunft, nicht nach ihrer zeitlichen und räumlichen, sondern nach ihrer geistigen Größe, und wirft ihre glänzenden Strahlen weithin durch das ganze Gebiet des gegenwärtigen Völkerlebens und der kommenden Geschichte. Eigenthümlichkeit gehört aber nicht zu demjenigen, was das Volk sich selbst geben kann, so wenig, wie der einzelne Mensch dergleichen einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 5 vermag; beide können nur die Selbständigkeit einer solchen Eigenthümlichkeit bewahren. Sie selbst aber geht von einer höbern Macht aus, als die des verschwindenden Menschen ist. Nur in seiner Macht und mehr noch in seinem Berufe liegt es, sich ihrer bewußt zu werden im Leben; denn ohne dieses Bewußtsein kann ihm sein Thun nicht gelingen. Die Eigenthümlichkeit des Volks kann nur aus seinem Wesen erkannt werden, aus seinem Verhältniß zu sich selbst, zu seinen Gliedern, zu seinen Umgebungen, und weil kein Volk ohne Staat und Vaterland gedacht werden kann, aus seinem Verhältniß zu beiden, und aus dem Verhältniß von beiden zu Nachbarländern und Nachbarstaaten. Hier zeigt sich der Einfluß, den die Natur auf die Völker, und zwar in einem noch weit höhern Grade, als auf den einzelnen Menschen, ausüben muß, weil gleichsam hier Massen auf Massen wirken und die Persönlichkeit des Volkes über die des Menschen hervorragt. Dieser Einfluß ist anerkannt und von jeher ein wichtiger Gegenstand der Untersuchung für Völker-, Staats- und Menschen- Geschichte gewesen; auch in unsern Tagen ist er laut zur Sprache gekommen. Es wirkt aber die Natur überall nur allmählig, und mehr noch im Verborgenen, als am hellen Tage. Das Saamenkorn keimt unter der Erde, und in der verhüllten Knospe ist schon wieder die Schöpfung eines neuen Geschlechts vorbereitet. So sind ihre Verhältnisse und Einwirkungen überall tiefer, als sie erscheinen, einfacher, als sie in der ersten Mannichfaltigkcit ausschn, und zum Erstaunen weit sich verbreitend und folgenreich. Ja die stille Gewalt, die sie ausübt, bedarf einer gleich stillen Seele, in die ihre Erscheinungen eingehen, um in. ihrer Gesetzmäßigkeit un-' gestört bis zum Mittelpunkte zu dringen. Es bedarf, um eine ähnlich gebildete Seele zu begreifen, oft nur eines äußern Zeichens, des rechten Blickes, des innigen Wortes, weil das Gleiche das Gleiche versteht. Aber die Natur steht dem Menschen jetzt wenigstens nicht mehr so nahe; sie ist ihm 6 Einleitung zu dem Versuche ein geheimnißvolles Wesen geworden, und nur im großen Zusammenwirken ihrer Kräfte, im Zusammenhange ihrer Erscheinungen, will sie betrachtet sein. Dann erst wirft sie und strahlt sie Licht und Leben aus aus alle Wege, welche der menschliche Eifer zu betreten wagt; ja ihr Glanz wird dann ein blendendes Gestirn, dessen ganze Fülle er doch nicht aufzufassen vermag. Dann hellt sie alle Verhältnisse der Schöpfung, die wir belebte und unbelebte Natur zu nennen pflegen, auf, giebt über alles, worüber wir sie befragen, die ersten Aufschlüsse und vor allem auch über den Menschen. Sollte es sich nicht der Mühe verlohnen, um der Geschichte des Menschen und der Völker willen, auch einmal von einer minder beachteten Seite, von dem Gesammtschauplatze ihrer Thätigkeit aus, der Erde in ihrem wesentlichen Verhältniß zum Menschen, nämlich der Oberfläche der Erde, das Bild und Leben der Natur in ihrem ganzen Zusammenhang so scharf und bestimmt, als einzelne Kräfte es vermögen, aufzufassen und den Gang ihrer einfachsten und am allgemeinsten verbreiteten geographischen Gesetze in den stehenden, bewegten und belebten Bildungen zu verfolgen? Von dem Menschen unabhängig ist die Erde auch ohne ihn und vor ihm der Schauplatz der Naturbegcbenheiten; von ihm kann das Gesetz ihrer Bildungen nicht ausgehen. In einer Wissenschaft der Erde muß diese selbst um ihre Gesetze befragt werden. Die von der Natur auf ihr errichteten Denkmale und ihre Hieroglyphenschrift müssen betrachtet, beschrieben, ihre Construc- tion entziffert werden. Ihre Oberflächen, ihre Tiefen, ihre Höhen müssen gemessen, ihre Formen nach ihren wesentlichen Cha- racteren geordnet, und die Beobachter aller Zeiten und Völker, ja die Volker selbst müssen in dem, was sie ihnen verkündigten, und in dem, was durch sie von ihr bekannt wurde, gehört und verstanden werden. Die daraus hervorgehenden oder längst schon überlieferten Thatsachen müssen in ihrer oft schon wieder zurückgedrängten und vergessenen Menge, Mannichfaltigkeit und Einheit zu einem überschaulichen Ganzen geordnet werden. Dann träte aus jedem einzelnen Gliede, aus jeder Reihe einer allgemeinen vergleichenden Geographie. von selbst das Resultat hervor, dessen Wahrheit sich in den loca- lisirten Naturbegebenhcitcn und als Widerschein in dem Leben derjenigen Völker bewährte, deren Dasein und Eigenthümlichkeit mit dieser oder jener Reihe der charakteristischen Erdbildung zusammenfällt. Denn durch eine höhere Ordnung bestimmt, treten die Völker wie die Menschen zugleich unter dem Einfluß einer Thätigkeit der Natur und der Vernunft hervor aus dem geistigen wie aus dem physischen Elemente in den alles verschlingenden Kreis des Weltlebens. Gestaltet sich doch jeder Organismus dem innern Zusammenhange und dem äußern Umfange nach, und thut sich kund in dem Gesetz und in der Form, die sich gegenseitig bedingen und steigern, da nirgends in ihm ein Zufall waltet. Nicht nur in dem beschränkten Kreise des Thales, oder des Gebirges, oder eines Volkes und eines Staates, sondern in allen Flächen und Höhen, unter allen Völkern und Staaten greifen diese gegenseitigen Bedingungen in ihre Geschichten ein, von ihrer Wiege bis auf unsere Zeit. Sie stehen alle unter demselben Einflüsse der Natur, und wenn auch nur in dem einen oder dem andern Puncte dieser sich auszudrücken scheint, oder ausgesprochen ward: so ist es doch eben so gewiß, daß dieser überall und zu allen Zeiten tiefer im Verborgenen wirkte, gleichwie der einst unbekannte Gott in einer höhern Welt, der doch auch vordem schon immer und überall gegenwärtig gewesen war. Wie man diesen anfangs nur in seinen einzelnen Wirkungen erkannte und verehrte, ohne daß ihn selbst noch das sterbliche Auge erblickt hatte, so löset sich auch wol einmal noch der Widerstreit tausendfältig zcrspaltcner Naturkräfte, der ihre Einheit für unsern Blick einstweilen verhüllende Nebel verschwindet, und diese Einheit tritt in den Gesichtskreis menschlicher Weisheit. Mit diesem Glauben kann jedes Streben nach Uebersicht der Naturwirkungen in ihrem Zusammenhange, wie schwach es auch sein mag, wenn es nur von dem Geiste der Wahrheit geleitet wird, ersprießlich werden, und in dieser Hinsicht nur kann ein Versuch , wie der gegenwärtige, von den Zeitgenossen mit Liebe 8 Einleitung zu dem Versuche aufgenommen werden, wodurch sein Inhalt erst lebendig gemacht wird. Nicht die Sache des einzelnen Menschen ist es, eine solche Aufgabe zu lösen, zu deren Ergründung mehr oder weniger jeder tiefere Mensch durch sein Leben selbst seinen Beitrag für das Wohl des nachfolgenden Geschlechtes abgicbt. Nur an diese sich anzuschließen vermag er mit der ihm verliehenen Kraft, und im Gange treuer historischer Entwicklung der Einheit des Gesetzes in der Mannichfaltigkeit der Erscheinungen nachzuspüren. Die Palme des Ruhms ist denjenigen Forschern als den Heroen der Historie zuerkannt, die, selbst ausgerüstet mit tiefgreifender Scelenkraft und großer Charactcrstärke, aus der Verwicklung der einzelnen Begebenheiten, aus dem Gcdankengange und der Geschichte des einzelnen Wesens, oder des einen Volkes, oder der Völkervercine, im Stande waren, die menschliche Natur von ihren bewußtlosen Tiefen bis zu ihren schwindelnden Hohen in ihren Thaten zu beleuchten und darzustellen, und durch ihre Nachweisung über den eigenthümlichen Entwicklungsgang zur Erreichung der größten nationalen und sittlichen Höhe sür alle Völker der Erde zu unsterblichen Lehrern zu werden. Vielleicht rückt einst die Zeit heran, in welcher gleichstarke Naturen, indem sie mit ihrem Scharfblick zugleich die natürliche wie die sittliche Welt umspannten, aus der Totalität der welthistorischen Begebenheiten vorwärts und rückwärts blickend, im Stande wären, aus diesem allgemeinen Gegebenen den selbst zu setzenden, nothwendigen Entwicklungsgang jedes einzelnen Volks auf der bestimmten Erdstclle vorhcrzuweiscn, welcher genommen werden müßte, um die Wohlfahrt zu erreichen, die jedem treuen Volke von dem ewig gerechten Schicksale zugetheilt ist. Um einem so vielfach nachgestrebten und wahrhaft großen Ziele, der höchsten Aufgabe der StaatSweisheit, das in seiner ganzen Größe nur in den Gesängen der Propheten Mit dem begeisterten Blick in die Natur und in die Geschichte aus einer dunkeln Vorwelt zu uns herüberleuchtet, um einem solchen ver- einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 9 lornen Ziele uns wieder anzunähern, kann eine der Vorbereitungen im Gebiete der Wissenschaften auch dieser Weg sein, welcher hier mit seinen Resultaten vor Augen gelegt wird. Zwar anfangs, wie es scheint, weit umherschweifend, führt er doch von derjenigen Stelle, von welcher er ausgeht, menschlicher Weise zu sprechen, ziemlich gerade in die Richtung seines Gesichtspunctes, und wenn auch nicht hier bis zum letzten Ziele, so scheinen die Aussichten und Erkenntnisse, die bei dem Fortschritte auf ihm gewonnen werden können, nicht unerheblich zu sein. Ohne in das Endlose der einzelnen Erfahrungen abzuirren, führt er nur schrittweis von specieller zu specieller Erfahrung, und wird so selbst zur Curve, die das allgemeine Gesetz ausspricht, durch welches die Mannichfaltigkeit der Erfahrung oder des Materiellen beherrscht und für den höhcrn Zweck gehandhabt werden kann. Aber nicht nur das allgemeine Gesetz einer, sondern aller wesentlichen Formen, unter denen die Natur im Größten auf der Oberfläche des Erdballs, wie im Kleinsten jeder einzelnen Stelle derselben erscheint, sollte Gegenstand der Untersuchung auf diesem Wege sein: denn nur aus dem Verein der allgemeinen Gesetze aller Grund- und Haupttvpen der unbelebten, wie der belebten Erdoberfläche kann die Harmonie der ganzen, vollen Welt der Erscheinungen aufgefaßt werden. Und wenn die Idee des ganzen Menschengeschlechtes durchaus ohne den Erdball gar nicht gedacht werden kann: so können auch der einzelne Mensch, ja das ganze von der Erde noch weit minder unabhängige Volk, wie der an die Landesnatur gefesselte Staat, ohne das Bewußtsein der rechten Stellung zu ihr nie zum vollen Einklänge mit sich selber gelangen. Oder mit andern Worten, nur dieser Einklang zwischen Volk und Vaterland, zwischen Stellung des Staats zur Natur wie zum Menschenleben, oder zur Physik und Politik hat eben von der einen Seite her in der Weltgeschichte das Blühen der Völker und Staaten bedingt und gefördert. Und wo dieser Einklang nicht mehr, wie vielleicht in einer jugendlichern Periode der Vorzeit, bewußtlos zugleich mit der Einleitung zu dem Versuche organischen Entwicklung der Völker hervorquillt, da muß, wie in unsrer Gegenwart, das Gesetz dieses Einklangs, die ewige Te- tractvs, als der unsterbliche Quell aller Harmonie durch ernste Wissenschaft erforscht und in das Bewußtsein eingetragen werden. Plan zu einer allgemeinen vergleichenden Geographie. Jede Betrachtung über den Menschen und über die Natur führt uns von dem Einzelnen zu seinem Verhältnisse mit dem Ganzen, von dem scheinbar Zufälligen zu dem wesentlich Gesetzmäßigen. Aus dem Einzelnen geht die volle Erkenntniß des Ganzen nicht hervor, wenn nicht auch dieses zugleich erkannt ist. Wie durch das Ganze erst der Theil gebildet wird, so löset sich auch in der Betrachtung durch das Gesetz erst das Besondere ab, und wird zum Einzelnen oder zum Individuum. So konnte auch erst aus dem Begriff des Sonnensystems der kosmische Lauf der Erde, und erst aus dem Begriff der Erde als Planet und als Kugel, die Anordnung ihrer Theile und deren gegenseitiges Verhältniß verstanden werden. Wo eine solche Einheit im Begriff sich zur Klarheit im Bewußtsein erhebt, da geht aus ihr die Ordnung im Mannichfalti- gen hervor; wo hingegen nur ein Streben darnach vorhanden ist, oder nur vorhanden sein kann, da steht auch die Anordnung des Mannichfaltigen noch unter der Bedingung des Unbestimmten auf der Stufe der Unvollendung da. So führte die Feststellung des Gleichgewichts der anziehenden und abstoßenden Kräfte des Erdballs in der Richtung der Erdare eine solche Naturordnung in Beziehung auf den Norden und Süden der Erde ein, die sich bald auch mathematisch begrenzen ließ und in den Gegensätzen von beiden zur Anerkennung eines Gegensatzes aller irdischen Thätigkeiten in der leblosen und belebten Natur hinleitete. Es schien dieser Einfluß sammt seiner einer allgemeinen vergleichenden Geographie. Ausgleichung charakteristisch und überall hervorzutreten, doch überwiegender immer auf der rein physischen Seite und auf den niedern Stufen der Entwickelungen, dagegen mehr zurücktretend, doch immer noch und überall waltend auch in dem, was geistiges Leben hat auf Erden. In der andern Richtung nach Osten und Westen hin sehen wir noch nicht, daß diese Erdkräfte zu derselben Art der Ausgleichung oder Feststellung im Physischen, noch nicht zu einem ruhenden Osten und Westen gelangt wären. Dahinwärt? scheinen sie noch mehr im Znstand der Entwickelung, im Werden begriffen zu sein, von da aus im beständigen Umschwung sucht die Erde vielleicht selbst im Weltraum erst noch ihr Gleichgewicht, ihren endlichen Nuhepunct. Unter diesen Einfluß des periodischen Wechselns und Werdens, das sich am scheinbarsten in der täglichen Erdumkugelung zeigt, ist aber zugleich alles Andere mit gestellt, was auf Erden besteht und vergeht. Nur ist dieser Einfluß minder scharf als der des Südens und Nordens begrenzt, weil er überwiegender vorherrscht auf der intellectuellen Seite und in seinen Gegensätzen als Orient und Occident mehr auf den höher entwickelten Stufen der Schöpfung erscheint als in der unorganischen und unentwickelten Natur, aber doch auch da noch immer waltend, zumal in den noch nicht erstarrten flüssigen Formen der Elemente. Eben weil hier kein Beharrliches im Raume, wie im Norden und Süden, und ein immer Werdendes sich zeigt, in dessen Entwicklungsprozeß, wie es der Orient zn lehren scheint, das Menschengeschlecht selbst mit befangen war, eben darum könnte und möchte auch hier wol ein nach Zeitverhältnissen und Umständen immer wandelnder und wechselnder Gegensatz im Orient und Occident auftreten. Noch sind wir nicht zu der Erkenntniß gelangt, ob diesem im Wechsel Erscheinenden dennoch nicht schon in der physischen Welt, obwol uns unsichtbar, der Anfang eines Beharrlichen zum Grunde gelegt ist, dessen weitesten Umfang etwa die beiden großen Landvesten auf beiden Erdhalben bezeichnen möchten, und Einleitung zu dem Versuche dessen vorherrschende Naturthätigkcit wir dann im asiatischen Orient zu suchen haben würden, von dem die frühere und höhere Entwickelung des Erdenlebens ausgegangen zu sein scheint. Seitdem aber die Auffindung der Neuen Welt auf der Westhalbe der Erde dem alten Contincnt, das sich bisher in den Osten und Westen geschieden hatte, seinen wahren Gegensatz auf dem Erdganzen kund that, seitdem mußte das menschliche Streben eine ganz veränderte Richtung nach Totalität des Erkennens nehmen, was denn von nun an auch in die wissenschaftliche Betrachtung des Erdganzcn übergehen konnte. Wenn freilich auch die Physische Welt vom Anfang an immer schon als ein Ganzes bestanden hatte, das in einer gewissen wechselseitigen Spannung der Kräfte zwischen einem Norden und Süden, einem Osten und Westen, sein Dasein gefunden: so konnte sie doch nun erst von dem Menschen als solches aufgefaßt werden. Nun erst konnte auch im Gegensatz der Neuen Welt im Westen, die Alte im Osten in ihrem gegenseitigen Verhältnisse, und wiederum jede in ihrem eigenthümlichen begriffen werden. So stellten sich nun dem überschauenden Blicke bald die großen Erdtheile als so viele von der Natur mehr oder minder gesonderte Ganze dar, die wir hier als die großen Individuen der Erde im allgemeinen betrachten dürfen. Unser Blick wird aber mit Recht zuerst auf die Alte Welt gerichtet sein. Da geht in Osten die Sonne auf und beschreibt im königlichen Laufe den strahlenden Bogen durch den Mittag bis zum fernen Westen, und so bezeichnet hier vom Anfang an schon dieses große kosmische Verhältniß, von der Sonne, dem Quell alles irdischen Lebens, aus betrachtet, die erste Naturcinthcilung der Erdoberfläche. Dort Asien der Erdtheil, dessen wesentlicher Character in dem Namen des Orients im weitesten Sinne ausgesprochen ist; hier in Europa sein Gegensatz in dem Occident, der durch alle Theile der Natur wie der Geschichte, durch alle Zeiten hindurch charakteristisch bezeichnet ist, wenn auch für beide in der weitern Betrachtung ein Ineinandergreifen als eine untergeordnete, obwol einer allgemeinen vergleichenden Geographie. i3 immer bedeutende Abcheilung sich nachweisen lassen wird. Nicht nur diese Länder und ihr Himmel, ihre Gewächse und ihre Thiere sagen dieses; auch die Stimmen aller Völker drücken es im Gang ihrer Culturgeschichte, in ihren Gesängen, Religionen, Philosophien, Sprachen aus. Sehr wahr sagt ein geistreicher Mann: „Die orientalischen und occidcntalischen Völker sind von einander abgewendet, jene mit dem Antlitz gegen den Aufgang, gegen Morgen, diese mit dem Antlitz gegen den Niedergang, gegen Abend; jene den unvergänglichen Sitz uralter Vergangenheit treu bewahrend, diese durch beständigen Wechsel aller Formen des Daseins eine bedeutungsvolle Zukunft suchend." Aber zwischen beiden, auf der Südseite, dem hellen Mittag zugekehrt, liegt Afrika, der Sudan der Erde, über welchem die Sonne gleichmäßig vom Anfang bis zum Ende des Jahres hinschwebt, ohne so vorherrschend mit jenen wechselnden Wundern des Abend- und Morgenlandes, ohne mit der überwiegend sich einander widerstreitenden Mannichfaltigkcit der Jahreswechsel vom Frühling zum Winter, ohne mit dem contrastirenden Steigen und Versinken aus Vergangenheit in Zukunft, weder die Natur zu erfüllen, noch die menschliche Phantasie auf diese Weise, durch die Wirkung der Gegensätze in der Natur und im Menschen, zur Ahnung einer Ewigkeit und einer höhern Welt aufzuregen und zu erschüttern. Wenn bei uns schon der freundliche Morgen - und Abendgruß jedem einzelnen, auch dem ermüdetstcn Lcbcnspilger, ein Herzensbedürfnis) ist, das um die gleichförmige, hoffnungsarme Mittagsstunde jeden Tag schon wieder verschwindet, so scheinen aus ähnlichem Grunde alle Völker des Sudans, in dem ruhigen Besitze des hellen Mittags, nur an die Gegenwart gefesselt zu sein, die keine Sage des grauen Alterthums verschönert, keine Sorge für die Zukunft quält und keine Hoffnung für sie auf den Flügeln der Phantasie in die Unendlichkeit trägt. Dort aber, wo kein täglicher Auf- und Niedergang ist, wo nicht, wie da im Süden, ein Heller, warmer Mittag in behag- Einleitung zu dem Versuche liche Ruhe versenkt, oder die Hitze zur brennenden Leidenschaft aufregt, dort lagert sich unter dem Polarstern rund um den eisigen Pol in weiter, flacher, vielfach durchschnittener Scheibe der Norden der Erde an, und erinnert an das Gebiet der Nacht, die mit allem ihrem Dunkel wie mit ihrem Glänze hier die Welt wie die Phantasie des Menschen füllt und schmückt. Hier verschwindet gleichsam der Tag mit all seinem begleitenden bunten Gefolge ganz, und erscheint nur auf eine Zeitlang als das größte Meteor der langen Nacht. Auf ähnliche Art wiederholt sich dasselbe kosmische Gesetz auf der Westhälfte des Erdballs, im weiten oceanischen Gebiete der Neuen Welt, nur wieder ganz anders gestaltet, weil dort die Atmosphäre — aus welcher hier auf unsrer Ost-Halbe der Erde, der continentalen, wegen ihrer größern Trockenheit die schärfste Characteristik hervorgehen mußte — über dem weitern Gebiete der Oceane schwebend auch mehr mit Wassertheilen, wenigstens zunächst an der Erdrinde, geschwängert ist. Das Wasser als Element auf der Erde verwischt aber überall die Individualität, und so treten dort schon im Ganzen der Erdformen nicht nur minder scharfe, sondern auch weniger Gegensätze hervor, und die ganze Masse des Continents fällt dort mehr in eine uniforme Gruppe zusammen. Deren Wesen kann jedoch nur erst später aus dem Gegensatze mit der Alten Welt vollkommen klar werden, weil diese so früh und so gewaltig mit ihrer geschaffenen Cultur in das Getriebe der Natur dort theils hemmend, theils beschleunigend eingegriffen hat. Indem wir nun mit der Betrachtung der Individualität dieser Erdtheile, oder der Aussuchung ihrer Grundgestaltung beginnen und zu ihrer eben dadurch von der Natur selbst ausgesprochenen Stellung zur Welt fortschreiten, wird es dem Gange der natürlichsten Entfaltung mannichfacher Verhältnisse am gemäßesten sein, von dem einförmigem zum vielfachem überzugehen. Durch diesen Gang fällt in die Natur, zuweilen selbst in ihre verborgensten Labyrinthe, dem Forscher ein erleuchtender Lichtstrahl. Wie in der Betrachtung der unorganischen Natur erst das einer allgemeinen vergleichenden Geographie. Wesen der Centralattracjion als das einfachere im Gegensatz der polarischen, der Aggregatzustand im Gegensatz der chemischen Verwandtschaft von den Meistern verfolgt worden; wie in der Vegetationswelt die Untersuchung cryptogamischer Bildungen, in der Thierwelt die der Polypen und anderer noch einfacherer Organisationen der Entwickelung mehr zusammengesetzter, in dem Lebensprocesse die Untersuchungen über das Wesen einfacherer Thätigkeiten den verwickeltcren, belehrend vorangeschritten: so kann auch hier in dem Felde der durch die äußere Form bedingten Erdbeschreibung die einfachste der zusammengesetzteren vorangehen. Da nun in Afrika, dem compactesten Continente (xar e^^), in dem Sudan der Erde, welcher im gleichförmigen Mittage liegt, auch gleichermaßen in der Küstenbegrenzung die einfachste Form gegeben war, wie in der gleichmäßigen Vertheilung des Hoch- und Platt-Landes und in der geringern Ungleichartigkeit ihrer Oberflächen, und darum auch nach allen übrigen Richtungen hin, bei aller innerlich untergeordneten Mannichfaltigkeit, doch dieselbe grandiose Einförmigkeit in der Natur, in der Pflanzen-, Thier- und Menschen-Welt bedingt ist: so eröffnet dieser Erdtheil mit Recht die Reihen der Betrachtungen, welche der Individualität der Erdtheile gewidmet sind. Erster Theil. Die festen Formen oder die Erdtheile. Diese Reihe macht den ersten Theil der allgemeinen vergleichenden Erdbeschreibung aus, in welcher zuerst Afrika, Asien, Europa, dann die übrigen Erdtheile folgen. Von dem zusammenhängenden Erdganzen gehen wir aus, und zwar von dem Hochlande, das, wie eine Ruine der Urwelt, obwol im Innern noch geschlossen durch die Kraft, die sie erbaute, in der Mitte jedes Continents als mehrere isolirte oder als ein großes Plateau hervorragt und dem ganzen Erdtheil seinen Character giebt, als wäre dessen tiefere Oberfläche rundumher nur mit ihren 10 Einleitung zu dcm Versuche gesonderten Gliedern versehen und mit losen Trümmern überstreut. Die Ströme der Erde in ihren Systemen und Haupt- wasserzügcn leiten uns von ihnen durch große Mittelstufen, die durch Cataracten, Stromschnellcn und Flußengen aus das bestimmteste über die ganze Erdfläche begrenzt und von der Natur und Cultur gleichbegünstigt sind, herab zu den Flachländern der Erde. Diese lagern sich in weiten Erstreckungen, als die Vermittler der Hochländer und der Oceane, in mannichfaltigen Ausdehnungen und Absenkungen umher, und sind wieder, aus eine jeder Grundform eigenthümliche Weise, bald durch Ketten und Gruppen von Gebirgen und Höhen dem Plateau ihres Continents, bald durch feuchte Tiefen, Sandbänke, benachbarte Inselketten und Inselgruppen mehr der Herrschaft des Oceans Unterthan. So ergeben sich aus diesen drei Hauptformen und ihren Combinationen, die mit der ängstlichsten Genauigkeit in ihren horizontalen und perpendiculairen Dimensionen wie in ihren cha- ractcrisirendcn Qualitäten auf das bestimmteste zu begrenzen und zu verfolgen sind, die Hauptgestalten der Erdtheile. Deren Verhältnisse und Lineamentc, wie sie die Naturplastik gemodelt hat, zur Anschauung in uns zu erheben, wird das höchste Bedürfniß sein, wenn wir sie uns als das Substrat der ganzen belebten Schöpfung vergegenwärtigen wollen. Eben darum werden sie hier in dieser Reihe nicht blos vorgeführt in ihrer äußern geographischen Begrenzung, deren Kenntniß, als durch viele treffliche Vorarbeiten erörtert, vorausgesetzt wird, sondern in ihrer characteristischen Stellung zum Erdganzen, das ist zur Natur und zur Menschengeschichte. Darum treten sie in dieser Reihe als der Sudan der Erde, als das Morgenland, als das Abendland, als der Norden der Erde, als die Neue Welt auf, mit deren Entdeckung die ganze alte Welt gleichsam wiederum ein Orient für dieses neue Abendland geworden ist. Wenn unter dem Sudan der Libyer und Aethiopcn heut zu Tage nur die eine größere Hälfte von dem Erdtheile, den wir jetzt Afrika nennen, verstanden wird: so ist es doch gerade die- einer allgemeinen vergleichenden Geographie. jenige, welche in der Geschichte der Erde und der Menschencultur die überwiegende Hälfte des großen Erd-Individuums ausmacht, von welchem hier gehandelt wird; und eben so verhält eS sich mit den characterisirenden Benennungen der übrigen Erdtheile. So schließt sich das Characterisirende der geographischen Natur unmittelbar an das Wesentliche der historischen Natur dieser Erdtheile an, und beide fallen eben darum als natürlich nothwendige Einheit (wie sich in dem Erfolge ergeben wird) und nicht durch Zufall in dem Schauplatze der Geschichte und der Alten Welt auf einem und demselben Erdgrunde zusammen. Der Name der Alten Welt im eigentlichsten Sinne fällt nur auf diese beschränkten Erdräume, und gehört ihnen mit Recht an, weis auf ihnen das Größte und Höchste, was wir in der Menschengeschichte kennen, sich gestaltet hat, von der uralten Weisheit der Inder an bis zu der jüngsten Volkserhebung germanischer Stämme. In sofern alles, was außerhalb dem Schauplatze der großen historischen Weltbegebenheiten gelegen, auch sehr spät erst dessen Bewohnern zur Kunde gelangte, wie die nördlichen, südlichen und östlichen äußersten Glieder des Alten Continentes, so gehört diesen im Grunde in der Wcltstellung so gut der Name der Neuen Welt an, als jenen oceanischen Ländern der Westhalbe der Erde. Nur die Uebertragung des Begriffs vom bekannten Alten zum unbekannten Neuen, das blos im äußern Landzusammenhange mit jenem stand, machte, daß man auch dieses bald als der Alten Welt rein angehörig betrachtete, im Gegensatz der zu gleicher Zeit neu aufgefundenen, aber auch äußerlich durch Meere von der Alten abgetrennten Neuen Welt. Da aber Meere nicht selten weit enger die Erdräume verbinden als Landstrecken: so wird sich auch daraus im Verlaufe der Untersuchung ergeben, wie aus der reinen Bedingung durch die Natur der Begriff der Neuen Welt bald verengert, bald erweitert anch in die Alte Welt eingreift, und diese dagegen, wo die Natur ihr die Stelle nur bereitete, auch in die Neue Welt schon übergeschritten ist oder doch überzuschreiteu scheint. Ritter Beitragt. B Einleitung zn dem Versuche So wird also der Schluß dieses ersten Theiles der gegenwärtigen Arbeit, nach einer Characterisirung jedes Erdtheiles durch seine wesentlichen Grundformen und ihre Einwirkungen auf Natur und Geschichte, die Combinationen und Wechselverhältnisse, die aus der Weltstellung sich ergeben, in kurzen, bestimmten Umrissen znr Uebersicht der unendlichen Mannichfaltigkeit und des großen Ganzen aufzustellen haben. Zweiter Theil. Die flüssigen Formen oder die Elemente. Die scharfe Jndividualisirung der Naturgegcnstände verschwindet in diesem zweiten Theile zwar nicht ganz, aber es treten dagegen in desto allgemeinen: Verhältnissen die Formen der flüssigen Elemente auf. Diese Benennung ist hier, im Felde räumlicher Thätigkeiten, nicht im wissenschaftlichen chemischen, sondern im Sinne des gemeinen Lebens, oder, wenn man lieber will, der ältern Sprachweise genommen, den der Natnrblick gelehrt oder aufgefaßt hat. In den flüssigen, wandelnden, verallgemeinernden Formen ihrer Elemente wollten die ältesten Physiker freilich wol nur die Repräsentanten der Wirkuugsart der Naturkräfte aufstellen, wir aber betrachten sie hier selbst in ihrer characterisirenden, einförmigen Verbreitung, und in ihrer Werktbätigkeit, wie sie als Wasser, Luft und Wärme oder Feuer auf minder scharf begrenzte Gebiete der Erdoberfläche angewiesen sind, Sie wirken nach den mechanischen Gesetzen der Erpansion, des Stoßes, der Gravitation in uranfänglicher Weise fort und fort, und sind als die immer nachgiebig erscheinenden, tauscnd- armigcn, handfertigen, uncrmüdet geschäftigen Träger und Beweger in der Haushaltung der Natur zu betrachten, welche die Tiefe der Erde mit der Oberfläche, und ihre Oberfläche mit der Himmelshöbc, den Süden mit dem Norden, den Osten mit dem Westen befreunden, und die ernste Scheidung der scharsbcgrenzten Erdtheile durch ihre Zwischensprache zur Weltgeselligkeit hinkehren. cincr allgemeinen vergleichenden Geographie. 19 Sie sind das Wasser in den Oceanen, Meeren, in den Strömen und Lüften; die Lnst als allgemeine Erdhülle oder Atmosphäre, wie auch als der von der Erd- und Meeresoberfläche insbesondere modificirte Theil derselben, wo sie mit ihr iu Berührung und Wechselwirkung tritt, die Werkstätte des Cluna. Zu ihnen gehört drittens das Feuer im Schooße der Erde, das immer lebendig und sein eignes Wesen von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzend, in seinen Wegen zunächst unter der Erdenrinde ge- heünnißvoll fortgräbt, aber in ihnen nur kaum noch belauert werden kann, da es hingegen bei dem Hervortreten seiner eignen oder seiner Diener Gewalt durch Erschütterungen und Auswürfe nur zu oft zugleich Verderben und den Tod bringt. Alle drei Elemente in unaufhörlicher Bewegung, iu scheinbarer Regellosigkeit den Erdball umkreisend, und doch durch die größte Gesetzmäßigkeit bei aller Freiheit in den wnndcrbarften Schranken gehalten, können jedes nnr in ihrem großen Erdzusam- mcnhange betrachtet werden. Dann nur können die bestimmtesten Bahnen ihres nur scheinbar schwankenden oder zufälligen Laufes verfolgt, und ihre nnnntcrbrochene Einwirkung ans die unbelebte und lebendige Natur aufgefaßt werden. Dieses stille, stetige, oft unsichtbare und geheimnißvolle Wirken der Elemente ist ohne Vergleich tief eingreifender in alle Wesen und ein nothwendigerer und würdigerer Gegenstand der Na- tnrbetrachtung im Großen, als die gleichsam leidenschaftlichen und scltnern Momente ihres furchtbaren TobenS bei aufgehobenem Gleichgewicht, die allerdings in der Gegenwart erschüttern und in ihren Folgen das Gemüth rühren, aber weniger die Aussicht in das Innere der Wcrkstättc der Natur eröffnen. Gerade die allgemeinen und den ganzen Erdball in der Tiefe und Höhe umkreisenden Formen der flüssigen Elemente verkünden ihre hohe Bedeutung für das Ganze. Doch ist diese mehr im Allgemeinen ausgesprochen als einzeln durchgeführt worden, von den am tiefsten stehenden Bilduugeu hinaufwärts bis zur hohen Stufe des cultivirteu Menschen. Und doch hat diese letztere Nachweisung schon B 2 '>» Einleitung zn vem Versuche im Alterthum Hippokrates in der Wechselwirkung des Clima und der StaatSvcrfafsung, durch Naturblick und Erfahrung darauf geführt, mit vieler Klarheit in Hauptzügen gegeben. Zugleich sind diese Elemente durch ihre rastlose Bewegung, in den größten wie in den kleinsten Theilen, die Vermittlerinucu der unorganisirten und organisirten Naturkörper; so erscheint auch das Wasser, nicht nur in der Geologie und Vegetation, sondern auch in der Geschichte der Thiere und der Völker als der Anfang der Steigerung der Culturen, aus Stromländern, Meeresküsten, Mittelmeeren bis zur Weltverbindung durch Oceane. Dritter Theil. Die Körper der drei Reiche der Natur. Dieser dritte Theil der allgemeinen vergleichenden Erdbeschreibung ist den Hauptsormen unter den zahllosen Gattungen der Körper in den drei Reichen der Natur, in sofern jene die einflußreichsten auf das Ganze der Erdoberfläche sind, gewidmet. Nach ihren Geschlechtern werden sie erst aus dem Mineralreiche, dann aus dem Pflanzenreiche und zuletzt aus dem Thierreiche in be- ziehungsvollcu Reihen aufgeführt. Wenn in dem ersten Theile alles, was von diesen angeführt werden mußte, nur zur Characterisirung jener stehenden Grundformen, der Continente, oder der localisirten Elemente gesagt war: so treten sie dagegen nun hier, in so weit sie der allgemeinen Erdbeschreibung angehören, selbständig als eigenthümliche Formen auf, und zwar nothwendig in ihrem dreifachen Verhältnisse zur Organisation überhaupt, zur Erdoberfläche insbesondere und zur Menschengeschichte. Einmal werden sie betrachtet in ihrer Gestalt und in ihrem Bau als Haupttypen in Beziehung auf irgend eine von der Natur individualisirte Erdstelle, und so erscheinen sie als die Repräsentanten der bestimmten Lokalitäten der Erde. einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 2i Zum zweiten wird ihre natürliche Heimath oder die Regel ihres geographischen Vorkommens über die ganze Erde aufgesucht, und die weite oder cuge Sphäre ihres Naturlebeus, ihre Zone, genau zu begrenzen sein. Drittens soll die Herrschast, welche die bewegenden Kräfte der Natnr und der Mensch sich über die Naturkörper durch Verminderung und Vermehrung, Umänderung und Ausbreitung zu erwerben wußten, geographisch und historisch angedeutet sein. So fügt sich bei jeder Characterform der drei Naturreiche das Einzelne zum Ganzen; es wird der früher schon bereitete Boden mit lebenden Gestalten sich füllen, denen eben dieser, als sie selbst characterisirend, wie eine Folie unterliegt. Gleichermaßen wird, da die speciell entwickelte so wichtige Lehre der Climate vorangegangen, sich in jeder dieser Gestalten jedesmal ein ihr entsprechendes Clima zurückspiegeln, so daß nun für jeden Punct der Erde dadurch seine individualisirte Stelle zur belebten Natur erscheinen kann. Führen diejenigen Zonen, welche die Verbreitung der unorga- nisirten Körper des Mineralreichs angeben, zu gewissen allgemeinen geologischen Phänomenen, und da wo sie von den Menschen benutzt werden, in die Kunstgeschichte wie in die älteste Culturgeschichte festsitzender Völkcrstämme zurück: so scheinen dagegen die Lebensgürtel, welche die Heimath der nutzbarsten Gewächse und Thiere bezeichnen, über die frühere Entwickelungsgeschichte der Völkermassen einiges Licht zu verbreiten, mit denen sie zuweilen auf ihre» Zügen wanderten, wie jene von Station zu Station sich veränderten, ihre geographische Sphäre erweiterten, und selbst wol, wenn die Völker anch vom Schauplatz der Geschichte abgetreten waren, ohne weitere Pflege und Schutz von Menschen-, Hand, ihr neugewonnenes Naturleben für jüngcrn Völkeranflug fortsetzten. So ergeben sich diese und andre Resultate über den innigsten Zusammenhang der Völkergcschichten mit der lebenden Natur, indem von der einen Seite eine unabwendbare Abhängigkeit von derselben sich zeigt, die um so fesselnder ist, je näher der Mensch 22 Einleitung zu dem Versuche noch dem bewußtlose» Zustande stcht und die Völker als Horden leben. Von der andern Seite dagegen zeigt sich ein immer fortschreitendes Freiwerden der Culturvölkcr von den in gleicher Progression immer mehr und mehr zurücktretenden Bedingungen der vaterländischen Naturen. Indeß die Bewohner der Weltstädte dann, durch die künstliche Befriedigung aller Bedürfnisse, gänzlich aus der Natur heraustreten, weiß sich der einzelne Mensch an jeder Stelle über dieselbe zu erhebe», wenn ihm das Ideal des ächten Wcltweisen im Leben gegenwärtig ist, das nns der göttliche Platon im Theätctos vor Augen gestellt bat. So erhalte» hier die Begriffe vo» Vaterland und Volk, in ihrer bestimmten Individualität und Maunichfaltigkeit von der Seite der Natur aus betrachtet, einige Nachwcisungen. Auch hier muß die Vielartigkcit durch deu angebahnten Gang sich zu einer größern Einheit znsammenordnen, wenn auch sie selbst in ihrer Klarheit nie entschleiert werde» wird. D er M c n s ch ist das Höchste in der Natur, durch dessen Anerkennung derselben sie selbst erst zum Dasein und zu ihrer hohen Bedeutung für uns gelangt. Darum geht er auch hier als leitender Gedankenfaden durch alle drei Theile hindurch, und tritt am Schlüsse jeder Hauptform insbesondere auf, als ein lebendiger Spiegel der Natur, von welchem ihre Geheimnisse zu seines Gleichen noch einmal wiederholt und verständlicher ausgesprochen werden. Ans diese Weise kommen nach und nach alle wesentlichen Naturverhältnisse zur Sprache, iu welche die Völker auf diesem Erdenruude gestellt sind, und es sollen aus diesen alle Hauptrich- tuugcn ihrer entwickelter» Zustände, welche die Natur bedingt, hervorgehen. Wäre dieses Ziel da»» wirklich erreicht: so würde eine Seite der Historie im Allgemeinen einen Fortschritt gewonnen haben, indem das erregende Wesen der Antriebe der äußern Naturverhält- nisse auf deu Entwickelnngsgang der Menschheit, welche den Forschern der Alten schon mehr als der Neuern Geschichte manche einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 23 Ausschlüsse gegeben haben, dadurch zu größerer Klarheit gekommen sein müßte. Es bliebe ein anderes Gebiet, das der innern Antriebe der von dem Aeußern unabhängigen rein geistigen Natur in der Entwickelung des Menschen, der Völker uud Staaten, zur vergleichenden Untersuchung übrig, als würdiger Gegenstand einer leicht noch glücklichern Betrachtung und nicht minder lohnenden Forschung. Methode der Anordnung. Der Titel der gegenwärtigen Arbeit zeigt an, daß sie in das Gebiet der historischen oder Erfahrungswisscnschaftcn fällt, deren Vervollkommnung nur in gleichem Schritte mit der Summe der wichtigen Erfahrungen wachsen, und daher jedem folgenden Geschlechte in immer veredelter Gestalt überliefert werden kann. Aus welchen Hauptqnellen diese Summe der Erfahrungen abgeleitet wurde, soll der folgende Abschnitt andeuten, der gegenwärtige aber einige Hauptzüge über die Methode ihrer Verbindung darlegen. Die Methode, nach welcher dieser specielle Theil beobachtender Naturwisscnschaft angeordnet wnrde, ist diejenige, welche sehr bezeichnend die reducircndc, als die objective, genannt worden ist, die den Haupttypus der Bildungen der Natur hervorzuheben und dadurch ein natürliches System zu begründen sucht, indem sie den Verhältnissen nachspürt, die im Wesen der Natur selbst gegründet sind. So mußte die ganze Anordnung völlig abweichend werden von denjenigen trefflichen, frühern Arbeiten, welche dieselbe Wissenschaft, unter dem Namen von Geographie oder physicalischer Erdbeschreibung, nach der classificirenden oder subjektiven Methode, für das Bedürfniß anderer Wissenschaften und zu besonderen Zwecken, vortrugen. Wenn daher Eratosthencs der Cyrenäer zuerst die astronomische Geographie, Herodot uud Strabo gewissermaßen die erste geographische Historie und historische Geographie u. s. w., unter 21 Einleitung zu dem Versuche den Neuern Cluver die erste alte Geographie, I. Bergmann die erste geographische Physik, Vüsching die erste geographische Staatenlehre, Andere die Länderkunde anordneten: so wurde es nach solchen Vorarbeiten und den anderweitigen Fortschritten der Zeit in der Himmels-, Erd- und Natur-Kunde erst möglich, die ersten Grundideen der physicalischen Erdbeschreibung zu erforschen. So wurden z. B. zuerst die Thatsachen über den Bau des Erdgrnn- des von Werner in ihrem Umfange zur Sprache gebracht, das Verhältniß der Elemente zu der Erdhülle überhaupt durch H. de Saussure, de Luc und A. v. Humboldt, das der ganzen belebten Natur zur unbelebten durch den Grafen von Vüffon. E. A. W. v. Zimmermann war es, der zuerst das allgemeine Verhältniß der Thiere zur Erdoberfläche aufsuchte, und I. F. Blumcnbach führte die Betrachtung der Menschenrassen nach ihren physischen Verhältnissen in das Gebiet der Erdkunde ein. So konnte erst die Anordnung einer solchen physicalischen Geographie möglich werden, welche hier versucht worden ist, die aber, um alle Kraft für das ihr Eigenthümliche zu sparen, ganz auf die in sie bisher fremdartig mit cingeflochtcncn kosmischen, statistischen und politischen Verhältnisse des Erdballs Verzicht leistet, welche in eignen Werken durch Meister erforscht worden sind. „Physicalisch" wird diese Wissenschaft genannt, weil in ihr von den Naturkräften die Rede ist, in sofern sie im Raume wirken und bestimmte Formen bedingen und Veränderuugcn hervorbringen. Indeß kann hier nicht blos von den Wirkungen mechanischer und chemischer, sondern auch von organischen und minder berechneten Kräften und Wirkungen die Rede sein, die nur in der Zeit sich offenbaren und auch in verständige und sittliche Naturen eingehen. Darum ist der herkömmliche Ausdruck, physikalische Geographie, als eine zu enge Sphäre des Begriffs, der ungebräuchliche sich ihr mehr annähernde, physiologische Geographie, als zu fremdartig und vielsinnig weggelassen, das Wesen derselben aber durch zwei bezeichnende Ausdrücke angedeutet worden. „Allgemein" wird diese Erdbeschreibung genannt, nicht weil sie Alles zu gebeu bemühet ist, sondern weil sie ohne Rücksicht auf einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 25 einen speciellen Zweck, jeden Theil der Erde und jede ihrer Formen, liege sie im Flüssigen oder ans dem Festen, im fernen Welt- thcil oder im Vaterlande, sei sie der Schauplatz eines Culturvolkes oder eine Wüste, ihrem Wesen nach mit gleicher Aufmerksamkeit zu erforschen bemühet ist: denn nur aus den Grundtypen aller wesentlichen Bildungen der Natur kann ein natürliches System hervorgehen. „Vergleichend" wird sie zu nennen versucht, in demselben Sinne, in welchem andre vor ihr zu so belehrenden Disciplinen ausgearbeitet worden sind, wie vor allen z. B. die vergleichende Anatomie. Wir stehen in unserer Kenntniß der einzelnen Stellen des Erdenrunds wenigstens schon hie und da auf demjenigen Puncte, von welchem aus die Vergleichung analoger Formen und Wirkungsarten derselben möglich und rathsam ist. Der anschauungsreiche, vielgewanderte Herodotus war es, der diese Idee für die Geographie zuerst angedeutet (II. o. 33) und an derselben Stelle auf das großartigste zur Vergleichung von Libyen und Europa durch den Niger und den Jster angewendet hat. Mehr belehrend kann so die Anordnung auch des Weniger» werden, als die rastlose Zusammenraffung des Einzelnen, Unver- bundnen, das unser Gedächtniß nicht mehr zu behalten vermag, wenn es sich nicht gegenseitig durchdringend in großen Gesetzen und Gruppen, zu Ideen und Anschauungen zusammendrängt. Welcher Gewinn hieraus für die Wissenschaft nach allen Richtungen hervorgehen kann, hat in vielen derselben der Weltbeobachter A. v. Humboldt gezeigt, der neue Begründer der vergleichenden Erdbeschreibung. Mit ihr ist für diese Wissenschaft überhaupt ein neues Feld eröffnet, das hier nach schwachen Kräften anzubauen versucht wird. Die spät erst reifende Frucht kann die Unipersal- geographie sein. Die Anordnung aller in diesem Werke versammelten Thatsachen muß, um methodisch zu heißen und zu einem natürlichen Systeme zu führen, einen Haltungspunct, einen idealen Hintergrund haben. Nur durch ihn kann das Empirische zu einem Zu- 20 Einleitung zu dem Versuche sammenhange, das Mannichfaltige zur Einheit gelangen, welche selbst der todten Natur fehlt. Ohne diesen idealen Hintergrund, Hypothese, Theorie, oder wie man ihn sonst bezeichnen will, komme er zum Bewußtsein oder nicht, wird wol von menschlicher Seite nie ein Ganzes zu Stande kommen. Denn selbst die festeste Ueberzeugung, ohne alle Beihülfe eines solchen bei der Forschung zu Werke zu gehen, ist in der That, wie schon Plapfair sagt, an sich die erste Theorie. Mangel einer ausgesprochnen Theorie führt also darum nicht eher zur Wahrheit, und schützt eben so wenig vor Unpartheilichkeit. Nur Kenntniß der Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften, die Behutsamkeit in der Anwendung des Gedachten und das aufrichtige Streben nach Wahrheit können der menschlichen Schwachheit in diesem Puncte zu Hülfe kommen, um wenigstens den Ausdruck: „unbefangne Ansicht der Thatsachen", dessen jeder ausrichtige Forscher sich so gern bedient, zu rechtfertigen. Der ideale Hintergrund, aus welchem dem Verfasser in diesem Werke „die unbefangene Ansicht der Thatsachen" zur Anordnung auf diese specielle Weise hervorgegangen scheint, liegt ihm nicht in der Wahrheit eines Begriffes, sondern im Gesammtiuhalte aller Wahrheiten für ihn, also im Gebiete des Glaubens. Er beruht aus einer innern Anschauung, die sich aus seinem Leben in der Natur und der Menschenwelt gebildet hat. Durch das Zwiegespräch mit einem großen Manne des Jahrhunderts gelangte sie zum Bewußtsein, und wurde von der einen Seite als Grundidee in dieser Wissenschaft so aufgestellt, daß, wenn das Rechte vollführt wäre, sie aus allen Theilen derselben zurückstrahlen und sich in andern ähnlichen Naturen wiedererwecken müßte. Darum läßt sie sich nicht von vorn herein definiren oder in ihrem Wesen begrenzen, sondern kann nur durch das Ganze hindurchspielend sich mit dem Schlüsse in ihrer Vollendung gestalten. Hier sei es nur im Uebergange zu den einzelnen Grundregeln gesagt, wie es in dem Wesen der Anschauung, im Gegensatze des scharfen und sondernden Begriffes, zu liegen scheint, daß sie mehr als jener zum Combinircn uud Aufbauen sich hin- einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 27 neigt, wodurch die ganze Form der gegenwärtigen Arbeit bedingt wurde. Einige einzelne Regeln der Anordnung können nun desto bestimmter angegeben werden, um das weilläuftige Gebäude prüfender zu durchschauen. Die Grundregel, welche dem Ganzen seine Wahrheit sichern soll, ist die: von Beobachtung zu Beobachtung, nicht von Meinung oder Hypothese zu Beobachtung fortzuschreiten. So schwer und öfter in der That unmöglich es auch sein mag, dieser auf das Haar getreu zu bleiben: so wird man sich doch der Consequenz iu ihrer Anwendung immer um so mehr nähern, je mannichfalti- ger die Zahl und Art der treuesten Beobachter, und zwar der verschieden gebildeten aus den nahesten und entferntesten Ländern und Jahrhunderten ist. Daher hier wo möglich die bewährtesten Zeugnisse aller Völker und Zeiten für jedes einzelne Factum und jeden Punct desselben dicht zusammengedrängt, wenn nicht zur Vereinigung doch zur Vergleichung (und zwar in den ihnen eigenthümlichen Ausdrücken, die gewöhnlich individnalisirend sind), stehen sollten. Was so durch Vielfarbigkeit und Umständlichkeit auf der einen Seite verloren geht, wird im Ganzen immer wieder an Wahrheit gewonnen werden. Dann schließt sich an die specielle Ansicht und selbst an den Ausdruck über jedes Factum, an seiner historischen Stelle jedesmal die specielle Theorie an, welche ja nicht selten auch schon der beflügelte Genius der weitern Forschung geworden ist. Auch wol die Hypothese wird da im Vorbeigehn ihr Plätzchen finden, die ja dann und wann einmal, freilich nur wenn sie von einem Halley, Leibnitz, Lucas oder von einem Franklin ausgeht, ihrem Jahrhundert, oder von einein Pythago- ras, wie die des Sonnensystems, ihrem Jahrtausend vorausspringen kann. Die Grundregel, welche der Darstellung ihren Character giebt, ist diejenige, welche das Räumliche bestimmt. Einmal nämlich der Länge und Breite nach, welche man hier die geographische, und zweitens der Tiefe und Höhe nach, welche man hier die physische Dimension mit Recht nennen könnte. Jene wird durch die 2? Einleitung zu d?m Versuche Gestirne, diese durch die Atmosphäre am bequemsten und auf das genaueste regulirt. Wenn diese physische Dimension, was sehr zu beklagen, in den frühern Zeiten im Gegensatze der ersten, die freilich mehr mit dem Kosmischen wie mit dem Politischen zusammenhängt, völlig aus der Acht gelassen worden, und auch heut zu Tage nur auf wenigen Erdstrichen mit mathematischer Genauigkeit verfolgt werden konnte: so hat ihre Beachtung doch erst die vergleichende physicalischc Geographie möglich gemacht, und von ihr geht daher auch jedesmal die Untersuchung aus. Eben so sehr wie die Stereometrie von der Longi- und Planimetrie abweicht, so verschieden muß auch die gegenwärtige Gestaltung unsrer Wissenschaft von ihrer frühern sein. Die Grundregel, welche dem Ganzen seinen Fortschritt und jedem Einzelnen sein Resultat sichert, ist die vom Einfachern zum Zusammengcsetztern, von den einzelnen Seiten zur Mitte oder zur Einheit, und von der Regel zu den Ausnahmen überzugehen, und zwar nach allen hier im Gebiete der räumlichen Verhältnisse liegenden Richtungen. So z. B. hier von den Höhen zu den Ebenen, von den Quellen zu den Mündungen, von der Wasservege- tcuion zur Vegetation der Länder; oder von der kalten und warmen Zone zur gemäßigten, vom mechanischen, chemischen, organischen Einfluß zum Gesammtleben, von der Natur zum Menschen, und wieder vom generell zum speciell Characterisirten, von dem Allgemeinen zum Individuum, von der Allgemeinheit zur Eigenthümlichkeit. Eine untergeordnetere Regel bei der Ausarbeitung zur Beförderung der Klarheit ist die Gruppirung des Gleichartigen und Verwandten; eine andere, die zur Verständigung der so mannich- faltigen Benennungen und Begriffe der verschiedensten Zeiten, Sprachen und Ansichten, liegt in dem Bestreben, sie jedesmal in ihrem Ursprünge und Fortgange historisch aufzusuchen, zu entwickeln und geographisch auseinander zu falten; eine dritte ist die des Hervorhebens der intensiven Größe jeder Erscheinung über die extensive oder die Beförderung der nothwendigen Unterwerfung des Materiellen unter das allgemeine Gesetz. einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 29 Wo gegen diese insgesammt, so wie gegen manche andere, die hier nicht weiter anzuzeigen sind, gefehlt wird, da ist dieses wol einmal auf den Mangel der Quellen, häufiger auf die Rechnung ihres Bearbeiters zu schreiben, nicht aber auf den innern Charac- ter der Methode, die, bei vielen sicher vorhandncn Schwächen in der Ausführung, doch wol noch Einiges von dem leisten wird, was sie verspricht. Literarische Quellen. 1. Anze-ige der Quellen. Es sollen nicht alle die einzelnen Werke hier aufgeführt werden, welche bei der gegenwärtigen Arbeit benutzt worden sind; sie prangen in den Bibliotheken, und das Urtheil der gelehrten Welt ist über sie schon größtentheils festgestellt; auch würde ein eigner Band kaum für eine noch so kurze Würdigung und Charakteristik, die von den Vorgängern mitgetheilt ist, hinreichen. Die gewissenhafteste Anzeige ihrer Benutzung in einem Zweige der historischen Wissenschaften, die noch fast aller Critik ermangelt, ist indeß, so unbehülflich es erscheinen mag, im Werke selbst unerläßliche Pflicht. Nothwendig wird sie, zumal bei einer Bearbeitung, in welcher die Angaben in einer andern Verbindung, in einem andern Lichte erscheinen können. Nur durch diese Anzeige wird öfter die Verweisung einzeln oder allgemein gebräuchlicher oder neu aufgestellter Annahmen und Vorstellungsweisen, als unbestimmt, oder den Natnrwahrheiten widersprechend, aus dem Gebiete der Geographie gerechtfertigt werden. Weil wir uns hier nicht mit individuellen Erdansichten begnügen mochten, sondern der Thatsachen der Natur selbst in unserm Bewußtsein uns bemächtigen wollten, so wird, wo möglich, kein einziges Glied in der zusammenhängenden Erfahrnngskette Einleitung zu dem Versuche aufgenommen sein dürfen, ohne die Nachweisung, woher ein jedes genommen und auf welcher Autorität seine Haltbarkeit zum Ganzen beruhe. Hierdurch nur allein wird es möglich werden, nach und nach die mehr und minder schadhaften Glieder, deren Zahl größer ist, als wir uns träumen lassen, ohne Zerstörung des Uebrigcn, durch kräftigere zu ersetzen, und die Kette für allen Andrang nndnrch- brechbar zu einem unveräußerlichen Eigenthum der Wissenschaft zu macheu, oder durch Critik den Mangel ihres innern Zusammenhalts aufzudecken, und so die ganze Kette ebenfalls zum Vortheil der Wissenschaft aufzulösen, und hierauf bezieht sich der Spruch, welchen diese Arbeit an der Stirne trägt. Nicht selten wird es, wie oben schon angedeutet wurde, wichtig sein, bei zweifelhaften oder bestrittenen Puncten alle bedeutenden Zeugnisse anzuführen, um des Ursprungs herrschender Ansichten willen. Denn so viele Irrthümer sich in den geographischen Wissenschaften auch eingeschlichen haben mögen, so daß der mit der Wahrheit Aufgewachsene sich zuweilen höchlich über die gelehrten Fabeln zu verwundern hätte — wie dies einst den kenntnißreichen Habessinischeu Abba Gregorius in einer hochgelahrten Versammlung in dem Herzen von Deutschland zum lauten Lachen und zu dem bedenklichen Wunsche brachte, daß doch lieber gar nichts gedruckt werden möchte als der größten Zahl nach (über seiu Vaterland meinte er) nur Lügen — so sind dies in der That doch nur äußerst selten reine Unwahrheiten. Meistens sind es nur ungeschickte oder unvollständige Mittheilungen einseitiger, von einem speciellen oder beengten Standpuncte ausgegangener und eben so oft wiederum von der Gegen- parthei falsch verstandener und schiefbenutztcr Ansichten. Diese können alle subjectiv im hohen Grade den Stempel der Wahrhaftigkeit tragen, und daher reiche Quellen für dieselbe sein, dürfen aber nur nicht mit dem Maaßstabe objectiver Realität gemessen werden. Darum ist es nicht gleichgültig zu wissen, ob es Tacitus ist, der das Land der Germanen schildert, Aeneas Syl- vius und Petrarca, oder ob ein A. Reißncr und G. v. Frunds- einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 3t berg, Sebastian Frank oder M. Quaden v. Kinkelbach in „Teutscher Nation Herrlichkeit" sein Vaterland beschreibt. Eben so nothwendig wird dies zu wissen sein, wenn ein Ve- netianer Marko Polo, ein Armenier Haiton, ein Byzantiner Pro- copius, ein Perser Scherifeddin, ein Araber Ebn-Haukal, ein Bewohner Indiens Abu Fazil, ein chinesisches Corps von Gelehrten in Kaiser Kang- hi's chinesischer Geographie, neben einigen neu-europäischen Zeugnissen und den Historien der Alten, als die Hauptautoritäten der Natur des asiatischen Hochlandes erscheinen. Nicht gleichgültig ist eS zu wissen, ob ein See- oder ein continentaler Mann, ob ein Platt- oder Hochländer, ein wissenschaftlich gebildeter mit Erfahrung, oder auch mit Theorien und Glaubensvorurtbeilen der Zeit ausgerüsteter Mann, oder ob nur ein solcher, dem der schlichte Menschenverstand überall zu Gebote stand, diese oder jene Thatsache aufgefunden und mitgetheilt hat. Denn nur wenige unter allen besitzen diejenige Gabe der treuen Ueberlieferung, der scharfen Sonderung und der kindlichen Anspruchslosigkeit in der Mittheilung, welche den Vater dieser Wissenschaft, Herodotus, zugleich zum Muster aller Berichterstattung erhoben hat. 2. Natur der Quellen. Doch die Natur der Quellen, aus welcher uns die Thatsachen zugekommen sind, ist noch in anderer Hinsicht von mannich- faltigerer Art, in sofern sie aus eigenen Naturbeobachtungen fließen, oder durch Anderer Untersuchungen und Berichte mitgetheilt, oder aus den Resultaten dieser Berichte, zu denen auch Zeichnungen und Landkarten gehören, geflossen sind. Ohne alle eigene Ansicht der Erdoberfläche und der Erkenntniß ihrer bedeutendsten Hauptformen, würde diese Arbeit nicht anSgeführt worden sein. Da jedoch die Umstände dieselbe begünstigten, so konnten viele Thatsachen über die wesentlichsten geographischen Naturverhältnisse des deutschen Vaterlandes und seiner Bewohner von der Oder bis zum Rhein und zur Donau ^2 Einleitung zu dem Versuche durch mancherlei eigene Beobachtungen unterstützt werden. Das wasserreiche Gebiet eines Hauptstromes von Europa, des majestätischen Rheins, war von seinem Qnelllande bis gegen sein Delta hin durch vieljährigc Wanderungen in dem größten Theile seines Geäders ein Gegenstand der Aufmerksamkeit. Ein Hauptsee von Europa, der Lemanische, konnte in allen Jahreszeiten nach allen Nichtnngen hin in seinen allgemeinen Verhältnissen zur Natur und ihren Wirkungen mit Muße betrachtet werden. Eben so wurde die Natur des weitläufigen Alpengebirgs-Landes, welches dein ganzen Occident seinen Character giebt, in seinen Hauptgruppen in drei verschiedenjährigeu, vielfach veränderten Reisen nach allen Richtungen durchzogen. Durch mehr als jahrelangen Aufenthalt am Fuße seines höchsten Gebirgsstocks, wie durch mehrere Monate langen an seinen eisigen Höhen, konnte der mächtige Einfluß einer solchen Riesenform, die vom Montblanc bis zum Brenner in ihrem unendlichen Reichthum erblickt war, selbst in weite Fernen hin und auf die ganze Natur zur lebendigen Anschauung gebracht werden. Dagegen lehrte der Besuch in dem reizenden Italien bis in seine Südspitze gegen Sicilien hin das Gebiet und das Leben vulkanischer Thätigkeit kennen, und regte alle die Gefühle auf, welche auf diesem classischen Boden einen Repräsentanten des Grundtypus, des Cultur-Climas und der allgemeinen Küstennatur des Mittelländischen Meeres ahnen lassen. Und so wurden auch hie und da einige Verbindungen des Meeres und des Landes, uud der Körper der drei Naturreiche und der Völker auf ihrem Boden und in ihrem Naturzusammenhange aufgefaßt. Ueber diesen vcrhältnißmäßig sehr unbedeutenden Erdstrich werden daher die Quellen zuweilen eigene Beobachtungen sein, sie werden sich an fremde, oft mündlich, zuweilen schriftlich mitgetheilte Berichte von trefflichen Augenzeugen anschließen, und nicht selten überhaupt auch zu den aus eigener Ansicht geschöpften, von Anderen bewährten und daher am sichersten erscheinenden Vergleichungspuncten für andere Erdstellen dienen. Besonders geht aus einer solchen Naturanschauung das wahre einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 33 Verhältniß hervor, nach welchem Landkarten als Quellen für phy- sicalische Erdkunde benutzt werden dürfen. Sie sind überhaupt nur selten aus eigenen Anschauungen und den Resultaten mit Critik versammelter Beobachtungen hervorgegangen, ungeachtet sie immer in diktatorischer Form auftreten müssen. Zu jenen seltneren zählen wir, um nur die Idee derselben zu vergegenwärtigen, La Condamine's und A. v. Humboldts Karten von Peru und Mexico, Rennells Atlas von Bengalen, v. Hermelins Atlas von Schweden, Cassini's Karren von Frankreich, Rizzi Zannoni's Meisterblätter von dem Küstenlande Cam- pagna Felice, Peter Anichs erste Karte von Tprol, oder als Meisterstück aller Specialkarten im Kleinen die Lsris cls eiissss von Ludwig XIV., und im Großen Greens Werk über Bayern, Ammans und Bohnenbcrgers Werk über Schwaben, le Coq über Westphalen, und viele andere mehr. Zu denjenigen, welche specielle Naturformcn mit einer gewissen Vollständigkeit nach eigener Anschauung und Erforschung darstellten, gehören A. v. Humboldts Musterblatt der mericanischcn Hochebene, Lichtensteins Versuch über die Terrasscnform von Südafrika, Marsigli's und v. Wicbe- kings Stromkarten der Donau und des Rheins, v. Nicdls Flußkarte von den Bairischen Flächen, Moosen und Seen, I. T. Reinke's Mündungskarte der Elbe und Weser; vom Meeresboden W. Hea- thcrs Karte von der Ostsee und Nordsee; vom Vulkanboden, Bory'S Karte der Insel Bourbon und Frepcinetö von Jsle de France; von einem Alpengcbirgslande die Hauptblätter der I. H. Weißischen Schweizerkarte. Die neueste Zeit hat Meisterstücke von solchen Karten für die Form eines Gcbirgsstocks geliefert durch die Blätter von Salzburg und Kärnthen, welche einem deutschen Erzherzog ihr Dasein verdanken, und für die submarine Küstcn- form in den gleich bewundernswürdigen Blättern der peripheri- schcn Karte Australiens von Flinders. Diese und ähnliche, nur freilich immer seltene Erscheinungen, die an sich selbst schon zum tiefern Studium ausfordern, müssen hier in jeder Hinsicht als die trefflichsten Quellen genannt werden. Viele ausgezeichnete Blätter und Arbeiten, wie die eines Ritter Beitrüge. C 34 Einleitung zu dem Versuche D'Anville, Arowsmitl), Lapie, Sotzmann, Mannert, Streit, Nei- mann, Reichard, Schmidt, Klöden und Anderer, welche durch astronomische und historische Forschungen angeordnet und mit bewundernswürdigem kritischem Fleiß, aber ohne eigene Naturanschauung des Landes, das sie darstellen, ausgeführt werden konnten, haben ihre anderweitigen, hier nicht zu würdigenden Verdienste, aber für die physicalische Erdkunde müssen sie als abgeleitete Quellen nur mit Vorsicht benutzt, und das, was sie darstellen, nur als symbolisch, oft hieroglyphisch angedeutet gedacht werden, wie dieses denn zuerst in Hinsicht des ganzen Landkartenwesens überhaupt, in Beziehung der daraus hervorzugehenden Erkenntniß, vortrefflich von GutSmuths ausgesprochen ist. Wenn in der Zeichnung der Welt- und Länderkartcn die Landesnatur dargestellt wird, so sollte dies immer nur mit Bewußtsein der bestimmten Hypothese geschehen, wie dies absichtlich von einem Buache, Gatterer, v. Zimmermann, Fr. Schulz, Reichard, und nicht ohne Nutzen für die Wissenschaft, durchgeführt und von Zcune nach allen Seiten beleuchtet ist. Aber durch das in seiner Thätigkeit ohne Bewußtsein, nur blind folgende Heer der Nachahmer geht auch dieser Nutzen wieder verloren, und es tritt statt des Bildes der Natur ein Zerrbild hervor, welches die phy- sicalische Erdkunde eben so als Quelle verwerfen sollte, wie die Physiognomik schon unrichtig gezeichnete Schattenrisse keiner Aufmerksamkeit würdig hält. Aber auch die besten Landkarten verhalten sich zum Studium der allgemeinen vergleichenden Erdkunde, wie die Präparatensammlungen zur Physiologie, die, wie der Meister es lehrt, für sie von unschätzbarem Werthe sind, so lange der Physiologe in ihrem aufgetrockneten Bau, in den mit Wachs gleichzeitig ausgespritzten Herzkammern, in den getrennten Theilen nur die leblose Natur erblickt. Wollte der Geograph seinen Landkartenschatz bei der Demonstration seiner ganzen Wissenschaft als erste Quelle gebrauchen, wie dies bei so vielen geographischen Systemen wirklich geschehen: so mußte er in noch größere Irrthümer gerathen, als der Physiologe, der in der Anatomie der Leiche den lebendigen einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 35 Zustand des Herzens, oder die Angel und das Wesen des Lebens suchte, da jenem nur die verzerrte und verkleinerte Zeichnung der todten Masse zu Gebote steht. Wenn viele der aus gegenwärtiger Erdbeschreibung hervorgehenden Resultate entweder mit demjenigen nicht stimmen, oder geradezu demjenigen widersprechen werden, was dem Heere unserer Karten in Beziehung auf Abbildung der Erdoberfläche als Uniform dient: so erklärt sich dieses daraus, daß von ihm gro- ßentheils noch immer I. Ludolfs Vorwürfe gelten, welche dieser kritische, weltgelehrte Mann den Landkartenfabrikanten machte, als er vor einem vollen Jahrhundert die erste und beste berichtigte Karte von dem unbekannten Habessinischen Lande seinen Zeitgenossen mittheilte. Wenn wir nun in der Anzeige der Quellen zum zweiten Haupttheile derselben fortgehen, und aus dem ersten die Armuth der eigenen Beobachtungen für das Weltganze sich ergeben mußte, so wird in diesem, in den Beobachtungen und Berichten Anderer, der außerordentliche Reichthum in der That die Wissenschaft selbst in ein frohes Erstaunen setzen. Obwol nicht aus allen lauteres Gold fließt, in vielen un- gemünztes verborgen liegt und nur in wenigen eine ganze Herrlichkeit von Schätzen aus dem Füllhorn der Natur aufgefangen ist: so wird doch mit dem größten Danke gegen die Vorfahren anzuerkennen sein, daß auch das achtzehnte Jahrhundert ganz besonders ausgezeichnet an Männern gewesen, welche für diese Zweige der Wissenschaften wahrhaft begeistert Gut und Blut daran gesetzt, ihren Wuchs in das Freie, in die Weite und Höhe zu fördern, ihre Blüthen und Früchte auch zur Erquickung für die kommenden Geschlechter zu hegen und zu pflegen. Ja es hat sich vollkommen bewährt, was zu einer ärmern Zeit, vor einem Jahrhunderte, der erste neuere Physico-Geograph, der kraftvolle Scheuchzcr (in seiner llelvetigs nislor. natur. Zürch 1716. 4.) weissagend verkündigte: „Und sänget man erst seit einigen Jahren an, auf diesem rechten Weg der Observationen einherzugehen, so wird auch veröffentlich die gelehrte Welt hieraus, C 2 36 Einleitung zu dem Versuche nach Verlauf von fünfzig und hundert Jahren, mehr Nutzen schöpfen, als vorher durch den Ablauf etlicher tausend." Er lieferte selbst mit zuerst einen Schatz in der Alpennatur gemachter Beobachtungen, und als einem thätigen Mitglicde der Londncr Societät schwebte ihm die hohe Wichtigkeit der Erforschung der Gesetze in der ganzen Welt der Erscheinungen vor. Er sah den Zusammenhang, den jede einzelne Erfahrung mit dem Ganzen, und das Gesetz des Ganzen mit jedem abgeleiteten auf dem Erdball für alle Wissenschaften habe, sehr wohl ein, wenn er in specieller Beziehung auf die Barometermefsungen so vortrefflich sagte: „Es schimmert jede Wahrheit mit ihrem besondern Glanz, und doch spielet je ein Licht gegen das andere, je eine Wahrheit giebt der andern einen Schein: je eine fließt aus der andern und wiederum in andere. Die Urwahrheit ist eine reiche Quelle, aus welcher andere fließen, und ist wiederum eine jede besondere Wahrheit gleich einem wasserreichen Fluß, der sich in unzählige kleine Rünse austheilen lässet (ebcndas. I. p. 15)." Die größte Zahl isolirt stehender physischer Wahrheiten findet sich unstreitig in dem Archiv der über ein Jahrhundert fortlaufenden Verhandlungen der Londner Societät der Wissenschaften, in ihren Philosophischen Transactionen (seit 1660), so wie in den Memoiren der Pariser Academie. Diese, so wie diejenigen in den reichhaltigen Acten der Turiner, Petersburger, Berliner, Stockholmer und anderer gelehrten Gesellschaften, konnten hier nach dem getreuen Wegweiser des Neußischen Repertoriums mit sorgfältiger Vollständigkeit benutzt werden, da, durch die nicht dankbar genug anzuerkennende Unterstützung ihrer Pfleger, die ausgewählteste und vollständigste Bibliothek zum bequemen Gebrauche eine längere Zeit hindurch offen stand. Im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts waren in demselben Jahre (1707) für die Naturwissenschaften zwei unsterbliche Männer geboren worden, Linnv und Büffon, die ihr Leben ganz demselben Studium mit univcrsalhistorischem und philosophischem Sinne, obwol in entgegengesetzter Form und eben darum wol mit desto ersprießlichern Wirkungen für das Ganze, widmeten, und einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 37 so seit der Mitte des Jahrhunderts von manchen Gefährten unterstützt, der Naturforschnng ein höheres Leben vorbereiteten. Es traten nnn mit dem Anfange der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die naturwissenschaftlichen Bestrebungen dichter zusammen, und derselbe Geist weckte drei große, von einander unabhängige Hauptuntcrncbmungcn in derselben Reihe von Jahren nach den verschiedensten Richtungen auf, die für die phpsicalische Erdkunde zu lange fließenden Quellen geworden sind. Die immer denkwürdigen, seit den siebziger Jahren viele Jahrzehende hindurch fortlaufenden naturhistorischen und geographischen Reisen der Petersburger Academiker durch das weite russische Reich, von der Ostsee bis zur Nordwestküste Amerika's und von dem Eismeere bis zum Kaukasus und Altai, auf welchen die unermüdlichen Gmeline, Pallas, Georgi, Steller, Gül- denstädt u. a., meistens Deutsche, nebst andern Neuern mancherlei Schätze sammelten und die Natur des Nordens der Erde enthüllten. Zu gleicher Zeit umforschte I. Cook, der Entdecker genannt, in den Jahren 1768 bis Anfang 4779 dreimal das Gebiet des Erdballs, und erweiterte die Kenntniß desselben, als wäre er überall seine Heimat!) gewesen, nach allen Richtungen hin. Durch ihn und seine Begleiter, einen Banks, Solander, Svarrman und die Forster, Vater und Sohn, wurde uns die Natur der oceanischen Welt znr Anschauung gebracht. In denselben Jahren hatten A. G. Werner (1774) im sächsischen Berglande und H. de Saussnre (4772 — 79) durch das Studium des Alpengebirgs in seinem Vaterlande den Boden und die Wurzel zu einem ganz neuen Hauptstamine der Erdkunde gefunden, der, noch im jugendlichen Wuchs, jetzt schon mit Früchten prangt, einst aber als ein königlicher Baum aus der Tiefe der Erde zum Himmel seine Krone erheben wird. Es wetteiferten nun die gebildetsten Nationen Europa's nebst den gelehrten Vereinen in Indien (^.si-tt. livsegi-cli, CnIcuUu 4778) und Nordamerika (Ii.insaet. ok tnl) Die Wirkungen unter der Erde. Gehen wir nun zur Reihe des dritten Elements und zu den Wirkungen seiner cpclopischen Gewalten über: so zeigt sich, daß der lange Streit der Neptunisten und Vulcanisten das lebhafte Interesse, entweder etwas Altes niederzureißen, oder etwas Neues aufzubauen, nach menschlicher Weise zur größeren Thätigkeit getrieben, die Kraft der Untersuchung geschärft und wenn auch gar nicht sich selbst befriedigt) doch die dem Streite zusehende allge- Ritter Biitrkgc. D 50 Einleitung zu dem Versuche meine vergleichende Erdbeschreibung unvermerkt mit einem Schatze von völlig unbestrittenen Thatsachen über subterrestre und submarine Erscheinungen im Einzelnen und in ihren Verbreitungen bereichert hat. Nur die allerjüngste Zeit hat die ersten erfolgereichen Schritte zur Aussöhnung des alten Haders gethan, dessen Symbol die indische Urweisheit in seiner frühesten Harmonie, in der Lotosblume mit dem Kinde im Fruchtboden, wie Feuerflammen den Kelch und die Krone umlccken, den Völkern vorhielt, den aber die griechischen Landcsgötter selbst zuerst in Attika (Athene), in Ko- rinth (Helios), in Argolis (Here), im Streit mit dem Poseidon erneuerten, und dessen Hitze unter den Sterblichen selbst der göttliche Platon durch seinen Mythos vom Tartarus im Phädon auf der Erde mitangefacht zu haben scheint. Endlich hat die Wiederversöhnung doch auch zum Trost die Nichtigkeit des alten Satzes bewährt, wie überall Irrthum cbeu so wie die Wahrheit zugleich die Lehrerinnen der Menschen sind. Zuerst zeichneten die Bewohner Camvaniens und die Sicilier im Süden, wie die Isländer im Norden, die Begebenheiten ihrer Nachbarvulkane in ihren Annalen sorgfältig auf; dann belehrten P. Bougucr, la Condamine und Ant. Ulloa zuerst über ihren Niesenbau und die minder unterbrochne phlegräische Thätigkeit in der Mitte der neuen Welt. Das Erdbeben vom jsten Novbr. 1755, das seinen furchtbarsten Schlag an der S.W.-Spitze von Europa, von den Mauern des Escurial bis Lissabon, that, aber auch gleichzeitig die atlantischen Küsten von Madera über Marokko, Tetuan, Algier bis Tunis umlief, Korsika und das Wallis beben und alle Seen durch die Mitte Europa's, vom Zürcher, den Nheinwasserzug hinab bis in die Niederlande, über das Meer durch die britischen Inseln bis zum Loch Neß, in Scandinavien selbst bis Falun und Abo in Finland, schwanken machte, setzte ganz Europa in Schrecken. Als aber von allen Seiten die Berichte eines Wolfall, Sachetti, Ulloa, Stoqueler, Fowke, Hcberdeen u.a.m. und selbst die vom gleichzeitigen Meeresbcbcn in den Antillen, wie der 2 Tage spätern furchtbaren Erderschütterungcn in den Sundi- einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 51 schen Inseln, auf Java und Sumatra, einliefen und einen ganzen Band der Transactionen füllten: da kamen die Beobachter selbst erst wieder zur Besinnung, und es entstanden Hypothesen ans Hypothesen, diese Begebenheiten bald Physisch, bald physico-theologisch zu deuten. Erst Stuckeley, und dann nach den Erschütterungen in Italien auch Vivenzio und Dolomieu, nach denen in Nordamerika auch Williams, Mitchcll, Franklin, suchten durch belehrende Thatsachen zu Theorien zu führen, und leiteten so die Aufmerksamkeit auf das Periodische, wie auf die Erdbebensphären. Die vulkanischen Eruptionen beschrieb Hamilton; D. de Dole- mieu und Ferrara beobachteten sie als Naturforscher in ihren Thatsachen, Breislack in ihren Producten und chemischen Ursachen, und verbanden damit oder schufen interessante Hypothesen. L. v. Buch wußte zuerst in diesen mannichfaltigsten Erscheinungen das Zufällige vom Wesentlichen zu trennen, den Maaßstab für die großen Perioden des Phänomens im Steigen und Fallen des Kraterbodens, die vier Hauptmomente jeder Periode im ankündigenden Erdbeben, Lavenauswurf, Nauch und Aschenausbruch und den Moffeten in der Natur nachzuweisen. Aus seinen vielfach wiederholten Wanderungen durch Italien bestimmte er zuerst den Begriff des Vulkans, des äußern und innern, seines Baues, seiner Pro- ductc, und zeigte das submarine Gebiet in den Tuffablagerungen am Epomeo und auf dem klassischen Boden der siebcngehügelten Weltstadt. Er stellte über die Eigenthümlichkeit des Gebildes von Auvergne eine kühne Hypothese auf, die jetzt schon fast keine mehr ist, und welche von C. S. Weiß im Vivaray ihre weitern Aufklärungen erhalten hat. Er erfand zuerst die bestimmte und allgemein verständliche Sprache in diesem Felde der Wissenschaft. Was sein Scharfsinn an einem einzelnstchenden, freilich recht zum Studium hingestellten Vulkankcgel, dem fort und fort thätigen Ncsuv, über dem lebendigen Neapel erforscht und vorausgesehen hatte, wurde auf der andern Erdseite im indischen Ocean, auf Jsle de France und Bourbon, an ganzen Vulkangruppen durch Bory St. de Vincents bis in das geringste Detail gehend, classische Beobachtungen bestätigt und erweitert. D 2 52 Einleitung zu dem Versuche Vom Norden her boten die schottischen Naturforscher, ihm unbewußt, seinen durch ihn aufgeregten Ideen die Hand. Die berühmte, auf die Granitgänge von Cormvallis gegründete Hypothese eines Hutton, die mit noch größerem Scharfsinn, mehr Methode und Ucberblick der Thatsachen durchgeführte Erläuterung derselben durch Playfair, wie durch I. Halls chemische Versuche über die Feuerprodncte, in sofern sie unter einem darauf lastenden Drucke sich gestalten müssen, bereicherten die physicalische Geographie mit Ansichten und Muthmaßungen, welche nicht nur in Island früher durch Olafscu, jetzt wieder durch Mackenzie, sondern auch auf fast allen vulkanischen Bildungen des atlantischen Oceans schon nachgewiesen zu sein scheinen. A. v. Humboldt bereicherte nicht nur auch hier wieder das ganze Feld mit einem bewundernswürdigen Schatz von Messungen und Thatsachen aus eignen Naturauschauungcn, sondern, indem er das ihm gleichbekannte Einzelne der alten mit dem analog oder verschiedenartig gebildeten Einzelnen der neuen Welt zusammenstellte, erläuterte er die dadurch noch mannichfaltiger gewordenen Thatsachen in beiden Contiuenten, und warf helle Lichtstrahlen in das Weltphänomen. L. v. Buch spielte gleichsam nur alles Con- tinentale dieser Erscheinungen mit dem Blick des Genies hinüber in die Welt der oceanischen Bildungen, die er in diesem Angen- blicke selbst beschifft, unter denen im atlantischen wie im großen Ocean, als wäre es ihm zu Liebe, fast zu gleicher Zeit Inseln aus der Tiefe der Gewässer emporstiegen. Und so wird denn auch vielleicht die Zeit nicht mehr fern sein, in welcher der Schlüssel zu den räthselhaften Zügen der Riesenmauern (Tröllahlaud) von basaltischen Gesteinen gefunden wird, welche die Mitte der Contincnte von Indien und Europa wie in colossalen Gängen durchbrechen, ihren Küstenrand bis in die Meerestiefe hinab umsäumen und überall in ihren Firsten und Rändern mit Grotten und Säulenwerk prangen. Aber sicher nur ein im Geheimniß der Natur eingeweiheter Mann wird diesen schwer zu hebenden Fund thun, der nur der Ansang eines noch größern sein muß; bloße, längst verbrauchte einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 53 Zauberformeln von erdachten Kreuz- und Qucrlinien, nur von der einen mathematischen Seite des Erdballes in die physische desselben herübergezerrte Acquatorcn und Meridiane, können die Geister der Erde nicht mehr bannen, so wenig wie die Gestirne des Himmels aus ihren Bahnen ziehen. «) Die Pflanzenwelt. Das Studium der Gewächse nach dessen Wiederbelebung durch Tournefort, A. de Jussieu und Linne verbreitete sich mehr als jedes andre über alte Theile der Erde, erweckte überall thätige Schüler, und in sofern könnte hier eine lange Reihe berühmter Namen stehen, deren Arbeiten fast alle die Wissenschaft mit neuen Thatsachen bereicherten. Aber nur diejenigen wurden besonders reiche Quellen für die allgemeine vergleichende Erdbeschreibung, welche entweder das Ganze ihrer Wissenschaft von der Seite der Natur aus übersahen, und in sofern selbst über die Wissenschaft erhoben standen, oder einzelne Theile derselben in specieller Verbindung mit der Erdoberfläche betrachteten. So wnrden es die Arbeiten von Gmelin, Pallas und Will- denow nach dem Muster der Linnv'schcn Andeutungen dadurch, daß sie auf die Gcsammtflorcn der Gebirge im Gegensatz derjenigen der Ebenen aufmerksam machten, wie z. B. Pallas die osteuropäische, die sibirische, die bäurische in ihren Begrenzungen aufsuchte, wie A. v. Halter, Scopoli, Wulfen, Römer, Hoppe, Sutcr u. a. Beiträge zu der Alpenflora mittheilten. Desfontainc lieferte zuerst ähnliche znr Küstcnflora eines mittelländischen Meeres, welche durch ihn in den atlantischen, durch Cavanilles in den Gewächsen Spaniens, durch Decandolle in den französischen als so viel verwandten näher untersucht wurde. Willdenow machte zuerst auf das Charactcristische der Ge- sammtflorcn der verschiedenen Crdthcile aufmerksam, und stellte in Europa eine uordische Flor, eine helvetische, östreichische, pyrenäische und Apeiininenflor ans. Lamark, indem er für jedes Pflanzen- gcschlecht einen gewissen Mittelpunct aufsuchte, glaubte acht Hauptfloren auf der Erde zu finden, nämlich die Virginischc, Westindi- 54 Einleitung zu dem Versuche sche, Afrikanische, Austrasische, Antarktische, die Nordische und die Morgenländische, und in diesen wieder nach gleichem Grunde verschiedene Specialflorcn; er bereicherte so die physische Geographie mit allen Thatsachen, welche das natürliche Gruppirungssystcm der französischen Botaniker darbot. Decandolle führte die Idee der Specialflorcn in Frankreich mit der größten Bestimmtheit durch, und fand nach der Majorität der Gewächsarten fünf große Regionen in diesem Reiche, welche zugleich die ganze Physische Natur charactcrisiren. Dagegen hatte schon zuerst G. Forster helle Blicke in die Natur der Formen der Gewächse geworfen, A. v. Humboldt aber stellte zuerst, in seinen Ideen zur Physiognomik der Gewächse, sechszehn characteristische Pflanzcnformen für die wärmern Zonen der Erde auf, und malte die Natur der Tropcnvegetation durch einen bewundernswürdigen Reichthum von Thatsachen, die er künstlerisch zu gruppiren wußte. So stellte Wahleuberg die polarischen Floren durch seine genauesten Beobachtungen in ein ganz neues Licht, eben so die helvetische, von einem eignen Standpuncte aus, und bereicherte die Wissenschaft mit einer höchst charakteristischen, der Karpathischcn Flora, welche als daS merkwürdige Verbindungsglied der europäischen zur asiatischen, oder vielmehr kaukasischen, ganz neue reichhaltige Resultate für die allgemeine vergleichende Geographie dargeboten hat. Wahleuberg war es, welcher zuerst auf das bestimmteste den Einfluß des Cvntinentalclimas auf die Vegetation, im Gegensatz des Oceanischen, zeigte, uud ihre wechselseitig ineinandergreifenden Sphären in den Floren der Coutincnte andeutete. Dagegen hatte schon Aubcrt du Petit Thouars das Zusammentreffen der wilden Floren zweier Continente, nämlich von Amerika und Afrika, auf der oceanischen Insel Tristan d'Acugna unter der heißen Zone, Zoega, Mohr, Hooker und Mackenzie aber in der kalten Zone die höchste Armuth der Jusclflora von Island im Gegensatz der Contiuentalflora der Polarzoncn aufgedeckt. Tourncforts Naturansicht, die sich ihm vor huudcrt Jahreu bei Besteigung des armenischen Hochlandes und des Arara'ts aufdrang, nämlich die Abnahme der Vegetation mit der Zunahme der einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 55 absoluten Höhen, und die Idee ihrer Vergleichung mit den Ebenen- florcu bekannter kälterer Zonen, wurde erst ein Jahrhundert später durch die geistvolle Ausführung mehrerer der genannten und anderer Beobachter zu einer der reichhaltigsten Quellen von Thatsachen für die Erdkunde. Die theils practischen, theils historischeu nnd antiquarischen Arbeiten eines Linne, Arthur Iloung, Pallas, Gcorgi, Michaur, v. Buch, Wahlenberg, Ch. G. Heyne, C. Sprengel, Dureau de la Malle und Anderer belehrten über die Verbreitung der Culturgewächse iu den alten und neuen Zeiten gegen den Norden der Erde; die Forster, Vater und Sohn, gaben merkwürdigen Ausschluß über die der Südsee-Jnseln. G. Th. Naynal und M. Ch. Sprengel, B. Edwards u. a. wiesen in ihren historischen Arbeiten die Cultur der Gewächse der Colonieländer nach; Vory und le Dru, vor ihnen aber die spanischen Botaniker, faßten die Idee einer Universalflora für das Clima der westlichen und östlichen afrikanischen Inseln auf. Bernier in Kaschmpr, Ncineggs, Güldenstädt und von Bibcrstein im Kaukasus, die portugiesischen Missionaire in Habessinicn, anch Poncet, die Spanier in der neuen Welt, deuteten schon den vegetabilischen Reichthum eines Tcrrassenclimas an, dessen ganze Fülle aber erst dnrch A. v. Humboldt aufgeschlossen und angeordnet wurde. F. H. Link klärte dadurch die Geographie der spanischen Halbinsel auf. Die.fast völlige Ausrottung einer Landeöflora durch eine eingewandcrlc Culturflora wurde im ägyptischen Nilthal zuerst von Forskal, Browne, Girard u. a. angeführt. Ueber den Einfluß der Localität des Bodens auf die Gewächse hatten die größten Meister in dem Anban desselben, die chinesischen Agricnltnrinänner, längst ihre practischen Regeln festgesetzt, als erst die englischen, deutschen und französischen Agronomen darüber die Hauptthatsachen aus ihren Erfahrungen zu av- strahiren suchten. Th. de Saussure wollte durch die Chemie die Verhältnisse dcS Belebten zum Unbelebten in der Vegetation nachweisen; Lcölic zeigte den verschiedenartigen Einfluß der specifischen AbsorbtionSkraft des Bodens zur feuchte» Atmosphäre auf die darauf 56 Einleitung zu dcm Versuche sich ansetzende Vegetation. Pallas erinnerte an die Flora der Salzsteppcn, A. v. Humboldt an die des Sandbodens und an die isolirt und in Heerden wuchernden Gewächse. Ein ganz neues Feld für die Wurzel aller Vegetation wurde durch das Studium der Cryptogamen in ihrem Verhältniß zum Ganzen aufgeschlossen, und dadurch der Norden der Erde näher characterisirt. In dem nach dem Gesetz der Centralattraction sich ansetzenden, und durch die Oberfläche und den Aggregatzustand des Substrats bedingten Vermögen der Lichenen, die im Trocknen auf der untersten Stufe der vegetativen Kraft zu stehen scheinen, fand Hausmann einen ersten Grund der Begünstigung der organischen durch die unorganischen, und der Zerstörung der unorganischen durch die organischen Bildungen auf. Neeb zeigte, wie die Anziehungskraft gegen den Nahrungsstoff bei den Gewächsen den Mangel will- kuhrlicher Bewegung in ihrem vegetativen Leben ersetze. Durch Flörke's angestellte Vergleichungen der cryptogamischen Floren von Kamtschatka und Europa ergab sich die Einförmigkeit derselben in der Nordhalbkugel, und durch die Vergleichnng mit der cryptogamischen Flora von der Insel Bvurbon und Jsle de France, die Einförmigkeit jener mit der Höhenflora dieser Inseln, und so eine merkwürdige Ausnahme von der übrigen, höher organisirten Ve- getationswclt, nämlich Einförmigkeit der Nord- und Süd-Halbkugel der Erde in ihren cryptogamischen Gewächsen, die durch ihre in derselben Species so merkwürdigen polymorpben Bildungen, nach einer andern Richtung hin, doch wieder die unendliche Mannigfaltigkeit in der Natur auch in ihrem geographischen Vorkommen beweisen. t) Die Thierwelt. Die geographischen Verhältnisse der Thiere waren schon srü- herhin im Allgemeinen aufgefunden und zur Kenntniß gebracht. Sie lagen in ihren wichtigsten schädlichsten und nützlichsten Theilen dem Menschen näher, waren in ihren größeren Formen überschaulicher, und wurden, weil Zoologie gleichsam in der Mitte der Naturgeschichte liegt, in ihren größten und merkwürdigsten Zügen einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 57 ausgearbeitet. Daher schon fast jeder Schriftsteller des Alterthums darüber Aufschlüsse giebt, und was die neue Zeit hinzugefügt hat, durch die Meisterwerke eines Büffon, v. Zimmcrmann, Blumenbach, Cüvier, Treviranus bekannt und von ihnen schon für die Erd- und Menschenkunde als Quelle bearbeitet dasteht. Möchten nur auch die allgemeinen Verhältnisse der in ihrem großen Zusammenhange mit der Natur und dem Menschen minder beachteten Thierklassen erst bestimmter an den Tag kommen und genauer übersehen werden! Diejenigen Resultate, welche die rastlose Thätigkeit des um die physicalische Erdkunde so verdienten Grafen v. Hoffmannsegg aus den unzähligen Thatsachen gewonnen, die seine täglichen Beobachtungen und Vergleichungen in der Natur, wie in seinen systematisch und geographisch geordneten Sammlungen darboten, würden allein schon für das Verhältniß der Vegetation und der Cli- mate zu den Formen und dem Leben der Thierorganisationen, der Vögel- und Jnsektenwelt in ihrer geographischen Verbreitung ganz neue Aufschlüsse geben. Einige zu diesem Zwecke mitgetheilte Thatsachen dürfen zum Besten der allgemeinen vergleichenden Erdbeschreibung an ihrer Stelle angeführt werden. Indeß hat das Studium der Ueberreste einer einst lebendigen, nuu im Schooße der Erde begrabenen Vorwelt, deren Myriaden von Individuen die alte wie die neue Zeit in Erstaunen setzen, durchl den historischen Blick eines Veteranen im Gebiete der lebenden Natur, durch Vlumenbach, zuerst seine Bedeutung und das zahllose Heer theils bekannter, halb oder gar nicht gekannter Geschlechter seine Anordnung erhalten. So ist durch ihn und I. Kant die Idee einer Archäologie der Erde in die Physische Erdkunde eingeführt worden, welche jetzt schon zu einer ganz neuen ersten Schöpfung zurückführt. Wenn es schon längst in Verwunderung setzte, welche große Zahl von Gebeinen gleichartiger colossaler Individuen der Norden der Erde unter deu oberu Lagen seiner Erdrinde verbarg: so wurde diese zum Erstaunen bei der Entdeckung der verschiedenartigsten Gattungen einer verschwundenen colossalen Thierwelt an einem einzigen Puncte der Erde, in den Gypsbrüchen 5,6 Einleitung zu dem Versuche von Montmartre. Durch das genauere Studium der Tcstaccen wurden die weitverbreiteten Süßwasserbildungen der Vorwelt auf der obersten Fläche der Erdrinde und auf den kleinsten, beschränktesten Räumen, wie z. B. vor den Thoren von Paris, bis Grignon, wie vor Berlin uud andern Orten gleich Hunderte der verschiedensten Species neben einander entdeckt. Die Beobachtungen und Entdeckungen, welche die Arbeiten von G. Cüvier, A. Brongniart, I. Parkinson, Daudebard, v. Schlotthcim, v. Merk, S. Th. Sömmcring, Pallas, Fortis, Faujas, El). W. Peale, Jefferson, Torrnbia, v. Humboldt, H. F. Link u. a. enthalten, haben hierüber einen Schatz von Thatsachen geliefert, welche eine bis jetzt noch schwindelerregende Aussicht in die Vorwelt der Erdgeschichte eröffnet haben. 3. Uebrige Materialien, Schlnß. Und so sind wir bei der summarischen Anzeige der Haupt- quellen gegenwärtig zum Schluß derjenigen gekommen, welche das Regulativ der übrigen geworden, und nicht sowol das Matcriale, als vielmehr das die ganze Arbeit durchwachscude Formale, dargeboten haben, gleichsam die organisirenden Instrumente gewesen sind, durch welche die Arbeit selbst sich machte. Durch Aristoteles Vorgang und seine Nachfolger in der Aleran- drinischen Schule, durch Eratofthencs, Hipparch und Andere, wurde zur Begründung der mathematischen Geographie, von dem Himmel aus, ein Netz über den Erdball also gezogen, daß nach Länge und Breite jeder einzelne Punct der alten bekannten, oder neu zu entdeckenden Erde, darauf in gehöriger Ordnung und mit größter Bestimmtheit nach Grad und Minute, zur Auffindung seines räumlichen Verhältnisses und Sicherung aller mit demselbeu zusammenhängenden Thatsachen, für die Gegenwart, wie sür die Zukunft eingetragen werden konnte. So hat auch jener ehrwürdige Verein von Männern des jüngsten Jahrhunderts, und zumal die aus dcsseu letztem Viertel, welche die Anschauung der Natur mit der mathematischen Methode in den Naturwissenschaften verbanden, um sie sich zum klaren Be- einer allgemeinen vergleichenden Geographie. 59 wußtsein zu erheben, ein nach den Naturgesetzen gewebtes unsichtbares Netz, das den Erdenrund umgiebt, entdeckt. Es ist von der Natur selbst in den Hauptpuncten durch ihre Thatsachen im Schooße der Erde, in den Bewegungen der Elemente, im Leben der organischen Welt angedeutet, daß der kurzsichtige Mensch auf den Linien, die von diesen Puncten zu den ihnen verwandten, durch Vergleichung gefundncu Puncten führen, sich iu ihre unendliche Mannichfaltigkeit und Fülle finden lerne. Nach der Alerandriner Zeit wurde freilich noch mancher Planet am vielgestirnten Himmel entdeckt, doch stand der Grund der Einteilung, der von der Natur selbst gegeben war, für alle Ewigkeit fest. Noch sind zur Zeit nur wenige Hauptpuncte vom physischen Leben der Erdoberfläche und von dem mehr organischen des ganzen Erdballes als eines Planeten bekannt, und noch manches Gestirn, mancher Planet muß zu dessen vollem Verständniß am physischen Horizonte aufgehn; aber da Alle zu einem und demselben großen Sonnensystem gehören: so wird, wenn die Grundgesetze von diesem nur in ihrer Wahrheit dastehen, die Erkenntniß desselben zwar unaufhörlich berichtigt, aber sein Wesen selbst nicht zertrümmert werden. Sind die Hauptlinien des Netzes mit Sicherheit gezogen: so müssen durchaus alle physisch-geographischen Thatsachen darin ihre bestimmte, naturgemäße Stelle finden, wenn nur einmal das System der Bildung des Netzes in der Anschauung aufgegangen ist. Zu dessen Verständniß ist alles Frühere hier gesagt, und die Materialien in ein solches einzutragen, dieser Versuch gewagt worden, dessen Mängel bald ihre Nachhülfe finden werden. Hier noch alle die einzelnen Quellen der in das Netz eingetragenen, meist zu andern Zwecken, in andrer Ordnung, oder iso- lirt stehenden Materialien aufzuführen, würde unpassend sein, da dieselben jede an ihrem Orte genannt sein werden. Durchaus noch nicht alle vorhandenen Materialien konnten hier eingetragen werden, so sehr auch nach Vollständigkeit gerungen wurde und sie auch in einzelnen Theilen erreicht sein mag; aber von den wich- 60 Einleitung zu dem Versuche tigsten sollte wenigstens hier kein Hauptpunct fehlen, der zum Ganzen gehört. Es ist hier nicht einmal dasjenige angezeigt worden, was den geographischen oder historischen Systemen der Griechen und Römer, der Araber, der Gelehrten des Mittclaltcrs, oder denen der neuesten Zeit verdankt ward; auch nicht einmal die allerbeden- tendsten Reiseberichte, welche seit Odpsseus Irrfahrt bis heute die Länder- und Völkerkunde bereichert haben, können hier genannt werden. Viele davon sind überaus wichtig, und wurdeu hier wo möglich in ihren Originalsprachcn benutzt, nicht in den so selten unverstümmeltcn Übersetzungen, in denen nur zu oft das die Wissenschaft Belehrendste, als ein zu ernster und uninteressanter Theil, selbst bei den wichtigsten Gegenständen, wie z. B. Flinders Untersuchungen über den jüngsten Erdtheil, ausgelassen wird. Nicht einmal des Antheils, den ganze Corporationcn an den Quellen haben, wie etwa HandlnngSgesellschaften, Missiousanstal- ten, wissenschaftliche Institute, wie die Afrikanische Societät in England; — nicht desjenigen, den Weltmächte, wie z. B. Alexander der Große, Timur Deck, oder die russischen Czaare und die chinesischen Kaiser an der Entdeckung des Innern von Asien hatten; — nicht dessen, den die Kriegsgeschichten aller Völker an der wichtigen Terrainkenntniß der Erdoberflächen haben, kann hier gedacht werden. Auch nicht, waS Bölkcrmasscn ganze Jahrhunderte hindurch nach einer und derselben Richtung hin zur Aufhellung allgemeiner physischer Weltvcrhältnisse geleistet haben, wie z. B. die Horden der Völkerwanderung nach dem Westen, das Drängen der Gebirgsvölker in die Ebenen, die Heere der Kreuzfahrer nach dem Orient, die Flotten der Portugicscu längs den Küstenmecren, die der Spanier innerhalb der Passatwindc, das Streben der Briten nach Herrschast in Hindostan u. a. m. Nur eine in ihrer Art einzige Erscheinung eines Wcllreisendcn muß hier eine Ausnahme machen, und noch einmal der Name des Mannes, A. v. Humboldt, am Schlüsse des ganzen Qucttenrcich- thums genannt werden, weil durch ihn, der iu sich die Kenntnisse einer Academie mit dem Sinne vereinigt, welcher gewahr wird, einer allgemeinen vergleichenden Geographie. was allen Erscheinungen zum Grunde liegt, diese gegenwärtige Arbeit nur allein ihren ganzen Zusammenhang erhalten konnte, ohne seine Werke sie nie zur Ausführung gekommen sein würde. Der außerordentliche Fortschritt, welchen das System der allgemeinen vergleichenden Erdkuude durch A. v. Humboldts eigene Arbeiten, wie durch seine durch das ganze gebildete Europa angeregten, widerlegte» oder angenommenen Ideen gewann, scheint im Allgemeinen darin zu liegen, daß dieser Mann, gebildet durch den Geist des Alterthums und im Besitz der mathematischen Methode — durch das Gebiet der Physik hinauf bis zur Astronomie, bis zur Geologie und von der dritten lebendigen Seite bis zur Physiologie — welche das letzte Jahrhundert für Beobachtung bis in ihren Gipfel erschaffen hatte — eben diese Methode in sich mit Bewußtsein als Maaßstab für ihre Welt trug. Daß er aber die Natur nach ihrer andern, nicht meßbaren Seite, in ihrem uns noch verborgenen, höhern, organischen Leben, ja in ihrem welthistorischen Zusammenhange (wie ihr kosmischer schon früher gesunden war) ahnete, darum ihre» Wirkungen und den Denkmalen derselben auf ihren erhabensten Werkplätzen nachging, und ihre Mitte, wie ihre Grenzen, nach allen Richtungen hin zu durchdringen suchte. Durch diese Ausgleichung und liebevolle Befreundung aller Gebiete der Wissenschaft mit der Natur nach dem Wesen ihrer für den Menschcu doppelten Richtung, wurde auch ihr Umfang um das Zwiefache erweitert, und ihre Schönheit umstrahlte eine neue Glorie. Doch es erscheint der Einfluß dieses einzelnen Mannes, der, wie er ja selbst es sagt, nicht so einzeln, sondern nur im Kreise seiner forschenden Mitwelt gestanden, hier nur als einer der Repräsentanten von dem Zustande, den die Forschung der neuern Zeit überhaupt sich zugcbildct hat, und welcher ein großes Vermächtnis) sür das kommende Jahrhundert sein wird. Wenn die frühere Zeit sich mehr mit den Formen, Erscheinungen, Thatsachen, die in den allgemeinen oder in den besondern Mitten jedes ihrer Reiche, und in einzelnen Zweigen derselben lagen, beschäftigte: so scheint es sür die gegeuwärtige characterisi- 62 Einleitung zu d. Versuche einer allgem. vergleichend. Geographie. rcnd zu sein, daß sie, überall mehr nach Universalität strebend, die äußersten Grenzen und das Uebcrgreifen und Ineinandergreifen der Gebiete, nach den räumlichen, physischen, organischen, intcllec- tuellcn Demensionen hin, aufzufinden und von da zu einer vollen, lebendigen Mitte zurückzukehren sucht. Dies sollte sich auch aus dem Vorhergesagten, noch mehr aber aus allem weiterhin Folgenden ergeben, um so die für die Erhebung so erfolgreiche Richtung der Thätigkeiten zu bezeichnen, die in dem Gegensatze der Art der Wirksamkeit des Menschen und der Natur liegt, und durch die Worte Streben und Sein angedeutet werden kann. Denn indem der Mensch in seinem Gebiete überall nur durch aus seinem Innersten aufsteigende Ideen, denen die äußere Thätigkeit noch vor dem gewonnenen Resultat sich schon untergeordnet hat, das Gebiet seines Wissens, gleichsam nur stoßweise, in außerordentlichen Momenten außerordentliche Geister für Alle, und ein Jeder überhaupt immer für sich, bald hie- bald dahin erweitert: so wirkt dagegen die Natur von ihrer Mitte nach den Grenzen und zugleich von den Grenzen nach der Mitte, wo auch irgend noch dem Menschen ihr Wesen entschleiert ward, also nicht von einem lebendigen Puncte aus, sondern im überall lebendig erfüllten Raume, in minder sichtbar unterbrochenen Momenten, vielmehr in ebenmäßig schwebender Tiefe und Macht und gleich steter uner- schvpfter Fülle fort durch alle Zeit. Und so wurde von Gott die Natur dem sterblichen Menschen als die stets nahe Freundin, als Warnung und Trost im Erdenleben, ihm beigesellt, als sein zur Einheit mit sich selbst ihn geleitender Schutzgcist, sowol dem Einzelnen, wie dem ganzen Geschlechte. Wie die Erde als Planet der mütterliche Träger des ganzen Menschengeschlechts, so sollte sie, die Natur, die Erwecken« aus dem bewußtlosen Schlummer, die bildende Leiterin, die orga- nisirende Kraft der Menschheit werden, um diese zu noch Höherem, zur Anschauung des Unendlichen im Unsichtbaren vorzubereiten. ^ Allgemeine Bemerkungen über die festen Formen der Erdrinde §. i. Luft, Meer und Land. ^)en Erdball umgiebt ringsum die Lufthülle; einen Theil seiner Außenseite bedecken die Wasser, den andern, welcher mit trockner Oberfläche der Luft zugewendet ist, nennen wir Beste. Im Gegentheil jener beiden flüssigen Formen, die in ihrer räumlichen Gesammtheit Atmosphäre und Meer oder Ocean heißen, wird der feste Boden das Land genannt. Luft, Meer und Land bestehen aus einer Mannichfaltigkeit von Bestandtheilen, aus Materialien, die wir hier nicht im einzelnen an sich, weder als Massen nach Umfang und Verbreitung, noch als Stoffe, d. h. ihren Kräften nach, zu betrachten haben; denn dieses ist die Aufgabe anderer Wissenschaften. Die unsrige ist es, die Gestaltungen, die sie in ihrem Verhältniß in Beziehung auf den Erdball einnehmen, und das von diesen Abhängige genauer zu betrachten, und zwar die Gestaltungen mehr im Besonderen, d. h. ihren Theilen, und der Gegeneinanderstellung nach, das von ihnen Abhängige mehr im Allgemeinen, dem Wesentlichen und dem Wechselverhältniß nach. Denn die gesammte Form aller dieser Gestaltungen, oder die Betrachtung der Kugelgestalt der Erde, setzen wir als in der Weltbetrachtung gegeben voraus, weil ihre zureichenden Gründe mir aus der Astronomie hervorgehen können. Die Untersuchungen des Abhängigen aber, wenn wir sie im Besondern nach ihren ersten Gründen zu verfol- ') Aus dem ersten Bande der Erdkunde. 1822. Ritter Beitrüge. E kü Allgemeine Bemerkungen gen hätten, würden uns in das Gebiet der Mechanik, der Physik, der Chemie, der Physiologie und anderer Wissenschaften führen, deren Wahrheiten wir hier, in soweit sie natürlich schon erforscht sind und uns als Hülfsätze dienen können, als ein Gegebenes voraussetzen und nur in ihren Resultaten benutzen, ohne auf ihre Gesammterforschung selbst ansgehn zu wollen. Da jene Gestaltungen nur in derjenigen Form, die von der Materie erfüllt wird, erscheinen, aber keine Materie ohne Kräfte bestehen kann: so können auch Luft, Meer und Land nicht ohne Thätigkeit für und wider einander, nicht ohne Wechselwirkung bestehen. Diesen Wechselwirkungen liegt das Spiel der hemmenden und bildenden Kräfte der Natur zum Grunde, und sie erscheinen in den mannichfaltigsteu Veränderungen und Umwandlungen in kürzern, periodisch wiederkehrenden Kreisläufen, oder in immer weiter und weiter sich ausdehnenden Wirkungskreisen, zwischen denen gewisse Momente des Gleichgewichts vertheilt zu liegen scheinen. Nicht die Geschichte dieser Veränderungen und Umwandlungen, die Ausgabe einer Physik und Archäologie der Erde, noch die Erforschung ihrer Gesetze ist es, welche wir hier zu verfolgen haben, sondern unser Hauptaugenmerk ist auf die äußern Erscheinungen, auf ihre Resultate in den Momenten des Gleichgewichts, oder doch auf die Ausgleichung und Annäherung zu demselben gerichtet; denn wir suchen das gegenwärtige Verhältniß der Gestaltungen auf der Erdoberfläche auf, und in den Veränderungen das gegenwärtig gesetzmäßig Bestehende. Freilich wird es bei dem unvollkommenen und immer im Fortschreiten begriffenen Zustande dieser Wissenschaft nicht anders möglich sein, als oft das Vergangene zum Verständniß des Gegenwärtigen zu Hülfe zu rufen, und selbst dem Genetischen eine untergeordnete Stelle zu erlauben. In dieser Hinsicht schließen wir aber denjenigen ganzen Zeitraum, in welchem die Völkergeschichte zu uns spricht, in den Moment der Gegenwart mit ein, im Gegensatz derjenigen Zeit der Erdbildung und Umwandlung ihrer Oberfläche, welche jenem vorhergeht, weil historisch nur von Wirkungsweisen der Naturkräfte die Rede sein kann, welche dem über die festen Formen der Erdrinde. 67 seit Menschengedenken Bestehenden entsprechen, die Theorie dagegen auch in die Genesis des historisch Vorhandnen zurückzuführen hat. Von allen Veränderungen, Bewegungen, Umwandlungen wird übrigens hier nur in sofern die Rede sein, als sie in der Verschiedenartigkeit und den räumlichen Verhältnissen jener drei Formen nach der horizontalen und senkrechten Dimension und deren Wechselwirkung begründet sind. In der Untersuchung des gegenwärtigen Verhältnisses dieser drei Formen lassen sich verschiedene Wege einschlagen. Warum wir den gegenwärtigen, den Uebergang von dem Festen zum Flüssigen, wählen, ist oben angedeutet. Auch scheint es darum am natürlichsten zu sein, ihn zu verfolgen, weil der Mensch selbst, von dem alle Betrachtung ausgeht, auf der festesten Form sich am meisten einheimisch gemacht hat, weil sie die mathematisch umgrenz- tere, also die bestimmtere ist, durch welche zugleich die niedere oder die räumliche Anordnung der übrigen gegeben wird. Einer geschichtlichen Betrachtung würde die chemische Anordnung, in welcher man von den flüssigen Formen zu den festen oder zu dem Gewordenen überginge, die bequemere sein; mit dem Flüssigen beginnt nothwendig auch jede Genesis. Darum wird, weil diese immerhin im Fortschritt begriffen ist, auch späterhin im zweiten Theile dieser Arbeit, bei dem, was wir dort von den Elementen zu sagen haben, dieses Geschichtliche der Erdverhältnisse häufiger berührt werden müssen, als in diesem ersten, der sich mit der Betrachtung des gewordenen Festen beschäftigt, zu welchem wir nun unmittelbar übergehen können. ^ 8. 2. .- W 'M Das Land. Wenn in den frühern Zeiten dem gebildeten Theile der Menschen nur ein einziges Vestland mit vielen Inseln der Inbegriff der Erde war: so sind wir seit dreihundert Jahren erst durch Co- lombo zur sichern Kenntniß eines zweiten, eines westlichen im Gegensatz unsers östlichen Continentes gelangt. E L 68 Allgemeine Bemerkungen Bald wurde nun die Vorstellung rege, daß auch ein gleichgroßes südliches, des Gleichgewichtes wegen, sich vorfinden müsse, bis Cook der Entdecker in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Grundlosigkeit dieser Annahme zeigte, jedoch zugleich genauer die Grenzen, nicht eines, sondern vieler Südländer, Küsten und Inseln, bestimmte, zu welchen denn auch wol die jüngst entdeckten (Neu-Süd-Schetland zwischen 55 bis 65 Grad westl. L. von Greenwich und 62 bis 63 Gr. südl. Br., im Februar 4819 durch W. Smith) zu gehören scheinen. Die Vorstellung eines großen Continents gegen den Südpol der Erdkugel war eine Folge der an sich richtigen Wahrnehmung, daß wirklich die größte Masse der von dem Ocean umgebenen beiden Landstrecken, der alten und neuen Welt, auf der Nordhalb- kugel der Erde den Nordpol in gewaltigen Breitenausdchuungen umlagern, so daß sich da ihre auslaufenden Glieder und Vorgebirge bis auf wenige Meilen einander fast berühren. Denn nach dem Süden hin verlaufen sich ihre Körper in keilförmig auskaufenden Spitzen, welche, durch weite Meere von einander getrennt, endlich nur noch in drei hohen Vorgebirgsländern gegen den Südpol hin die Form der festen Erdrinde in den unermeßlich weiten Wogen des Südoceans vertreten. Diese südliche Ausdehnung der Continente ist daher schon darum leichter zu bestimmen gewesen; gegen den Norden aber stellten sich der Umschiffung und Auffindung der Grenzen derselben noch andere größere Schwierigkeiten entgegen, so daß diese dahin- wärts auch noch keinesweges beendigt ist. Statt uns hier mit der Meinung über die Entstehung dieser Form und mit der Aufzählung der einzelnen Theile, der Bezeichnung und Benennung der Grenzen, der Angabe des wahrscheinlichen Flächeninhalts und mit andern vielfach bekannten Vorkenntnissen den Raum zu beengen, gehen wir sogleich zur allgemeinen Betrachtung der Formen selbst über, und zwar hier zuerst, aus Gründen, die in der Einleitung angegeben worden (S. i4), nur in Beziehung auf über die festen Formen der Erdrinde. «9 die alte Welt. Hier lehrt ein bloßer Anblick des Erdglobus die alte Welt in ihrer äußeren mathematisch-physischen Begrenzung, nach der horizontalen Dimension hin, als eine einzige, große, zusammenhängende Ländermasse kennen, die aber wiederum in drei Hauptgegensätze getheilt erscheint. Weil aus deren sehr ungleichartiger Absonderung von einander kein bestimmterer Begriff dieser Theile hervorgehen konnte: so ist auch die Benennung derselben, und mit Recht, sehr unbestimmt in dem Ausdruck der Erdtheile stehen geblieben. Dennoch ist er, wenn wir weiter gehen wollen, in seiner wahren Bedeutung historisch gegeben, psychologisch durch die ganze Mcnschen- geschichte hindurchgehend und durch die characteristische Gestaltung der Oberfläche auch Physisch begründet. Afrika bildet durch seine Meeresbegrenzung beinahe rundum ein isolirtes Ganzes, und nähert sich so am mehrsten einer völlig in sich selbst abgeschlossenen Erdgestalt. Asien, auf drei Seiten vom Meere scharf umschlossen, macht mit Europa gleichsam noch Einen gemeinsamen Stamm aus, das von ihm weit weniger als Afrika getrennt ist. Europa selbst aber ist durch ein- und ausspringende Küsten- bcgrenzungen und Meeresbuchten vielfacher, als irgend ein anderer Theil der Erde, unter sich in Glieder getheilt, und zwar immer mehr und mehr, je weiter es von seinem breiten Zusammenhange mit Asien sich entfernt. Afrika erscheint als ein Stamm ohne Glieder, Asien zeigt sich nach drei Seiten gegliedert mit überwiegender Masse des Stammes, und Europa nach allen Seiten zertheilt mit überwiegender Masse der Glieder über den geschlossenen Stamm des Erdtheils. Gleich verschieden characterisirt sind die drei Erdtheile in ihren Hauptformen nach der physischen Dimension hin. Afrika zerfällt in zwei, räumlich fast gleichartige Hälften, deren südliche das vorherrschende Hochland, die nördliche das Flachland des Erdtheils ausmacht. Beide stoßen aus ihren Grenzen 70 Allgemeine Bemerkungen fast nur in einer geraden Linie von Osten nach Westen zusammen, und auf diese Grenzlinie, wenige andere einzelne Puncte und die Meeresküste ausgenommen, ist alle Combination der Contraste, alle Mannichfaltigkeit der Entwickelungen, als die characterisirende des ganzen Erdindividuums, beschränkt, selbst aller Verkehr und Austausch der Natur- und Menschenverhältnisse. Eine größere Einförmigkeit des Zusammentretens beider Hauptformen kennen wir auf der Erde nicht weiter. Asien, nicht so räumlich gleichartig in zwei Hälften getheilt, zeichnet sich durch ein vorherrschendes Hochland mit zwei verschiedenen Terrassen, von einer höhern und einer niedern Art, aus. Es liegt nicht an dem einen Ende, sondern in der Mitte des Erdtheils, und senkt sich auf die mannichfaltigste Weise nach allen vier Weltgegenden hinab zu seinen gleichweiten Flachländern (deren Afrika nur ein einziges hat), die aber ringsnm in weiten, vielartig gestalteten Formen die erhabene Mitte umlagern. In diesen Flachländern liegen wieder einzelne Gruppen kleinerer Hochländer, deren Afrika nur eine einzige auszuweisen hat, in verschiedenen Richtungen umher. Aus den Combinationen dieser vielfachen Verhältnisse entwickelt sich eine eben so große Mannichfaltigkeit der Erscheinungen, wie jene in Afrika eine überwiegende Einförmigkeit bedingen. Es ist kein Theil der Erde, in welchem diese Hauptverhältnisse des Ganzen in solcher Großartigkeit wiederkehrten, wie hier in dem Orient der alten Welt. In Europa wiederholt sich die in jenen beiden Erdtheilen als charakteristisch vorherrschende Hauptform nur noch einmal, in seinem äußersten westlichen Gliede, dem spanischen Hochlande, und zwar auch da nur in einem verjüngten Maaßstabe. Im mittlern Körper dieses Erdtheils dagegen, der im Verhältniß zu seinen Extremitäten weit geringer an Masse ist, als die vorigen Erdtheile, und in jeder Hinsicht vielseitiger, vielartiger als jene von Mittelmeeren und Oceanen zertheilt, gegliedert, umspült wird; in dessen Mitte fehlt nun auch ganz und gar die undurchbrochene, nicht zugängliche Form des Hochlandes; nur hin und wieder zeigen sich kaum einzelne Schattenbilder jener Plauteaubildung. Hier über die festen Formen der Erdrinde. 7t ist die gewaltige Masse, die dort continuirliche Ganze mit Hochflächen bildete, verschwunden; statt nach der Breite in der horizontalen Direktion, erscheint sie hier, wo sie sich zeigt, der physischen Dimension nach, als in die Höhe gen Himmel gerichtete Puncte, mit dem größten Reichthum von gegen den Himmel ausgeschlossenen Seitenflächen und Gehängen. So ist hier das große Alpengcbirgö- land die Characterform des mittlern Europa. Mit der größten Annäherung zum Aether, mit der größten Mannichfaltigkeit der Erscheinungen aller Art auf dem kleinsten Raume, nach allen Seiten von strömenden Wassern und Thälern durchbrochen und aufgeschlossen, vereinigt sie die größte Zugäuglichkeit und Verbindung für den Süd- und Nordabfall, wie keine andere Hauptform der übrigen Erdtheile. Auf allen Seiten fällt sie nach N. und S., nach O. und W. in die Flachländer hinab, die wieder durch Mittelmeere von andern, in den mannichfaltigsten Gruppen gegenüberliegenden, minder hohen Bergländcrn und Hochländern der kleinsten Art getrennt sind. So bietet sich in der auf dem kleinern Raume am weitesten fortgeschrittenen Theilung und physischen Entwickelung der festen und flüssigen Formen dieses ErdthcilS, und in der Ueberschaulich- keit dieses Erdindividuums in Beziehung der auf den Kreislauf des Jahres angewiesenen Natur- und Völkerverhältnisse, der eigenthümliche Character des europäischen Erdtheils in der alten Welt dar, durch welchen er, schon von der Naturseite aus betrachtet, zu einer andern Bestimmung als diejenigen, mit welchen er wieder auf eine ganz eigenthümliche Weise zusammengestellt ist, vom Anfang an berufen zu sein scheint. Doch um diese allgemeinen Sätze in der Natur im Großen nachzuweisen, und für jede einzelne gegebene Stelle der Erde fruchtbar für die Wissenschaft und das Leben zu erläutern, dazu ist eine ernste, in das kleinste Einzelne eingehende Untersuchung jedes besondern Erdindividuums nothwendig. Diese nun soll die Aufgabe des gegenwärtigen ersten Theils unserer Arbeit sein. Vor allen aber müssen wir uns vorläufig über die herkömmlichen Ausdrücke, welche den Bau der Erdoberfläche bezeichnen, 72 Allgemeine Bemerkungen verständigen; ihr ganzer Sinn geht zwar nur erst vollständig aus der Anschauung selbst und wo möglich aus ihrer Darlegung im Fortschritt gegenwärtiger Untersuchungen hervor, es soll daher hier auch keine Theorie darüber festgestellt, sondern nur das Nothwendigste zur Auffassung des Wahren für das Folgende in Beziehung auf herrschende Meinungen und Ansichten gesagt werden. Erläuterung i. Erdoberfläche: Berge, Ebenen. Die Erdoberfläche erscheint unter den mannichfaltigsten Formen über dem Spiegel des Meeres erhaben, und wird eben dadurch zum Lande, das in unzähligen Erhöhungen und Vertiefungen sich von Meeresküste zu Meeresküste ausstreckt. Die Art und Weise der Vertheilung dieser Höhen und Tiefen giebt dem größten Continente, wie der kleinsten Erdfläche, der Klippe, eben die Begrenzung und seinen Flächenraum, so wie die Gestaltung seiner Oberfläche. Die Erhöhungen aller Art, in sofern sie von einem niedern Standpuncte aus gesehen werden können, pflegt man insgemein Hügel und Berge, die sie trennenden Vertiefungen Thäler zu nennen. Aber auch diejenigen bedeutenden Erhöhungen, in sofern wir nur wissen, daß sie über dem Spiegel des Meeres emporragen, hat man, gesetzt auch, daß man sie von keinem tiefern Standpuncte aus sehen konnte, im Gegensatz der Tiefe, Berge genannt. So bezeichnet derselbe Ausdruck zwei ganz verschiedene Verhältnisse, nämlich d^e absolute Höhe und den Contrast zwischen Tiefe und Höhe, ein Umstand, der fast überall die größte Verwirrung und bedeutende Irrthümer in der Erdbeschreibung veranlaßt hat, so daß wir hier, vom Anfang an, vor ähnlichen uns zu hüten haben. Denn wer es weiß, welchen Bedingungen, überhaupt genommen, die Oberflächen der Körper im Widerstreit der Kräfte unterworfen sind, dem wird es einleuchten, daß es bei dem Bau eines ganzen Erdkörpers nicht gleichgültig sein kann, ob sich große über die festen Formen der Erdrinde. 73 Erdstrccken, und wenn auch nur um wenige hundert Fuß mehr als andre, in die darüber schwebende Atmosphäre eintauchen, oder nicht. Nach jenem doppelsinnigen Sprachgebrauche werden aber nicht nur die Berge bald als sehr riesenhaft, bald als sehr unbedeutend angesehen, sondern noch weit mehr die Thäler und Flächen von einem falschen Gesichtspunct aus fast insgesammt nur als Tiefen betrachtet. Wir haben aber auf das sorgfältigste die beiden Verhältnisse zu berücksichtigen: einmal das relative Verhältniß der Höhen und Tiefen zu ihren Umgebungen, und zweitens das absolute, als Erhebungen über den Spiegel des Meeres. Nur durch bestimmtes, prüfendes Durchführen von beiden über die ganze Erstreckung der Continente können wir zu einer richtigen Kenntniß derselben gelangen, und uns eine klare Anschauung ihrer Gestalten in Beziehung auf das Halberhabeile (Basrelief) erwerben, welche allein vermögend sein wird, uns durch das Gemeinsame in der Verschiedenheit, der Einheit des Ganzen nachspüren zu lehren. Berge und Ebenen, gleichviel in welcher Relation zu einander, und gleichviel ob hoch oder niedrig an sich gelegen, beide lassen sich immer nach demselben absoluten Maaßstabe der Meereshöhe vergleichen. Denn unter der Voraussetzung eines über das ganze Erdsphäroid gleichweit vom Mittelpunct abstehenden und gleichartig verbreiteten Meeresspiegels, nehmen wir diesen als den allgemeinen Wasserhorizont an. Er giebt uns den natürlichen Eintheilungsgrund, den Nullpunct der Scala, auf- und abwärts, zur Messung und Vergleichung der Hervorragungen und Einsen- kungen der Erdrinde. Hieraus ergiebt sich dies erste Gesetz der Anordnung aller Erhöhungen und Vertiefungen als Ebenheiten oder Unebenheiten in Beziehung auf das Erdganze. Zugleich aber auch das zweite Gesetz der relativen Anordnung des Besondern in Beziehung aus die einzelnen Erdtheile oder die Erdindividnen nach ihrem Stamm und ihren Gliedern. Unsre Aufgabe wird es daher sein, diese beiden in beständiger Relation stehenden Verhältnisse der Höhen und Tiefen, oder 74 Allgemeine Bemerkungen diese formale Seite der Erdoberfläche, in ihren zwei großen Hauptformen oder Haupttypen, den sogenannten Hauptgebirgen und Tiefländern der Erde, so wie in allen ihren Modifikationen und des dadurch Bedingten zu untersuchen. Wie aus der Combination von beiden, oder aus dem: wo und wie sich beide begrenzen, und dem: was aus, über und an ihnen sich berührt, alle Mannichsaltigkeit in ihrem organischen Zusammenhange sich weiter entwickelt, wird dann unmittelbar sich ergeben. Erläuterung s. Begriff des Gebirges. Wenn hier unter der Bezeichnung: Gebirge, als dem Contraste zwischen Erhabenheiten und Vertiefungen der Erdoberfläche, im Sinne der Orographie, die Summe nach einer gewissen Ordnung, nach gewissen Gesetzen und mit bestimmter Begrenzung zu- sammengruppirter Berge verstanden wird, so soll hiermit gleich anfangs einigen herrschenden Mißverständnissen und Verwechslungen in der Erdbeschreibung vorgebeugt werden. Denn unter dem Wort Gebirge wird fast allgemein das Verschiedenartigste als etwas Gleichartiges zusammengefaßt, oder wenn auch ein Gemeinsames dadurch ausgedrückt werden soll: so ist doch der Charakter für das Gemeinsame von einem Besondern, Eigenthümlichen hergenommen. Oder mit einem Wort, wie das Kind sich alle Berge gleich dem einen Hügel an seinem Spielplatze denkt: so bat auch die Erdbeschreibung im gewöhnlichen Sinne bisher in gleicher Uniformität das Verhältniß der Gebirge zu den Flächen der Erde ausgegriffen und sehr einseitig verarbeitet, da doch die Individualität in den Formen der Erdoberfläche als eine nicht aus dem Begriff, sondern aus der Anschauung hervorgehende, in der Wissenschaft ihre Stelle haben muß, ehe noch von allgemeinen Classifi- kationen die Rede sein kann. So ist, um vorläufig nur einige Hauptpuncte zu berichtigen, über die festen Formen der Erdrinde. 75 denn die individuellen Gesichtspuncte kommen bei jedem Locale selbst vor, der hydrographische, der geognostische, der bergmännische, der ländlichsittliche Begriff von Höhe und Gebirge sehr > häufig mit dem reinorographischcn verwechselt worden. 1. Seegebirge. Der hydrographische, seitdem Büache ') ein System der klsnispnere pn^sique im Jahre 1752 und sein Nemoire sur les <üni>m. 402. ") "I'. I^ivi»8 xxxvm. e. 45. ") vsnte, ?I'0SV. Vene?. 1793. II. l>. 24, u. Fr. Schulz a. a. O. S. 69. °) Rhode, Rec. im Wiener Jahrb. der Lit. 1820. XI. S. 133. über die festen Formen der Erdrinde. 77 kation der Erdoberflächen darstellt, welche oft von der primären sehr abweichend sein kann, und demnach von sehr wichtigem Stu- dium bleiben wird, ohne jedoch die Grundlage aller Eintheilung der Gestaltung der großen Erdindividuen abgeben zu können. Aus der Verwechslung der sehr mannichfach hierbei vorkommenden Verhältnisse, welche erst noch auf dem ganzen Erdenrund durch genauere Beobachtungen und Messungen erforscht sein wollen, ging schon sehr frühe manche ungegründete Folgerung hervor, die sich in nicht wenige allgemeine geographische Beschreibungen und Systeme eingedrängt haben, zumal aber diejenige, daß diese Wasserscheide auch immer mit dem Gebirge zusammenfalle, oder mit ihm Eins sei. Noch viel weniger ist vorauszusetzen, daß da, wo eine Wasserscheide ist, auch ein Gebirge sein müsse. Aber diese verführerische Ansicht hat die neuere Geographie angesteckt, und statt eines Zusammenhangs der Höhen, oder der Höhenlinien, alle Continente mit wirklichen Gebirgsketten aller Art überladen, die nur zu häufig blos in der Phantasie der Kartenzeichner und Kompendienschreiber uistiren. Es ist daher nothwendig geworden, überall zu den ersten Quellen und ursprünglichen Ansichten und Berichten, aus denen alle folgenden sich erzeugt oder an die alle folgenden sich angeschlossen haben, zurückzukehren. Erstlich bildet ein wirkliches Gebirge in weitem tiefem Flachlande zuweilen doch gar keine solche Hauptwasserscheidungslinie, wie z. B. der in dieser Beziehung inselartig liegende Harz; das ganze Gebirge liegt außerhalb der ersten Wasserscheiden, und wenn diese den Grund des GebirgSspstems abgeben sollen, so sind jene nicht darin liegenden nur als zufällige Trabanten anzusehen. Zweitens: Wenn auch beide, Wasserscheide und Gebirge, zusammenfallen: so ist doch oft der Zug der Wasserscheide völlig verschieden von dem Zuge des Gebirges selbst, wie in dem ganzen Pyrenäen- und Alpengebirge '). Oft liegen die höchsten Gipfel ') Geognostischc Karte der Alpen von Ebel, vom Bau der Erde, und kamoni. Z?ar. 1801. x. N7. ^) ^Valilenliorx, ?lor!l clari.stic!-. x. XXXIII. ') C. S. Weiß, über einen Grundirrthum in der Darstellung des Terrains zc. L. v. Buch, Reise nach Norwegen. Th. 2. S. 201. über die festen Formen der Erdrinde. 79 das Continent von Europa geworden, seit dem Traktat von 1660 denn die Wasserscheide ist eine imaginaire Linie, die Gebirgskette ein bis an 20 und mehr Meilen breiter Erdgürtel. Die Abtheilung der Provinzen ist fast überall auf die Wasserscheiden (Ver- tientes) gegründet, die aber auf Ebenen liegen. Daher die sonderbarsten Gebirgswindungen auf den spanischen Karten, da ihr allgemeiner Zug, in sofern sie nämlich wirklich als Berge und Thäler hervortreten, ein Parallelismus von Osten nach Westen ist, größtentheils unabhängig von jenen Windungen. Daher die Meinung, als ob die Flüsse immer die Gebirge entlang fließen, da sie doch, wie z. B. eben in Spanien und sast überall auf der ganzen Erde, die Gebirgsketten auch recht eigentlich durchbrechen So wie der Euphrat, welcher auf den hohen Ebenen Armeniens entspringt und im Süden erst die hohe quervorlaufende Taurus- kette durchbricht, ein Umstand, der selbst einen Nennell irre führen konnte, und überhaupt in den Bestimmungen der Geographie der Alten und Neuern nicht unwichtig ist. 3. Erzgebirge. Der bergmännische Gebrauch des Wortes Gebirge, Erzgebirge, hat die Geographie verleitet, überall wo diese vorkommen, auch eigne Gebirge in Länderbeschreibungen und auf Landkarten aufzuführen. Doch liegt z. B. Freiberg im Erzgebirge nur zwischen mincrreichen Höhen, und selbst der höchste Rücken vieler Gegenden des böhmisch-sächsischen Grenzgebirges sind nur Hochebenen; Schemnitz im ungerschen Goldgebirge liegt im flachen ^) Ungarn, und so unzählige andere Gegenden, z. B. zu beiden Seiten des Ural, am Altaischen Erzgebirge, in Süd-Amerika, erscheinen auf den Karten mit wahren Alpenketten ausgestattet, indeß in der Natur durchaus kein Grund zu dieser Betrachtungsart sich nachweisen ') ?st. äs Narca llispaniea L. Iiimes Risp. etc. Paris, 1688. toi. ? etc. ') C. S. Weiß, über die Rhcindurchbrüche u. a., in der Zeitschrift für die neueste Geschichte, Staaten- und Völkerkunde. Berlin, t8l4. April, S. 363. -) Rciincll, Herodot. Gcogr. b. Bredow. S. 448. ") I'oivil- »on, 1'ravels in llullxaizs. x. 405. 80 Allgemeine Bemerkungen läßt, sondern nur der Gebrauch des Wortes Erzgebirge, wodurch nur der bergmännische Gewinn bezeichnet wird, komme er aus einer Ebene, aus Hügelland oder aus einem Gebirge. 4. Dcrgeognostischc, vom innern Bau des Gebirges hergenommene Begriff desselben kann erst weiter unten genauer betrachtet werden. Indeß leuchtet so viel auch hier schon ein, daß es doch wol sehr viel auf den innern Bau der verschiedenen Glieder ankomme, wenn man diese als zu einem Körper, wenn auch nur seinem Aeußerlichen nach, zu einem Systeme gehörig betrachten will. Hiervon aber ist bis jetzt in der geographischen (äußerlichen) Ansicht der Erdoberfläche noch nicht die Rede gewesen. Sie darf aber, wenn sie ein wissenschaftliches Streben hat, nicht das Aeußere in Widerspruch mit dem Innern stellen. Wenn man daher auch mit einigem Grunde z.B. die Ncp- tunischen Gebirge und die vom Cap Pcloro in Sicilien als wahre Fortsetzung der Apenninen betrachtet, da sie mit den Gebirgen des gegenüber liegenden Calabriens ganz gleiche Direction, Streichen und Bestandtheile (Granit und Gneuß) haben so ist es hingegen ein ganz willkürliches, aus bloßer Landkartenansicht und nicht Naturansicht hervorgcgangenes Verfahren, z. B. auch die Gebirge von Corsika und Sardinien als Fortsetzung der genuesischen zu betrachten. Daß das granitische Cap Corte auf Corsika aber eine Fortsetzung des genuesischen, weit vorspringenden, aber aus schwarzein Uebergangskalkstein gebildeten Cap delle Malle sei, klingt eben so sonderbar, sagt ein großer Gebirgsbeobachter als wenn das Gebirge der Voghesen eine Fortsetzung der Jurakette sein sollte, was doch ebenfalls in den Geographien ein leichtes ist. Dagegen wiederum zu trennen, was schon durch die ganze Masse als Ein Ganzes zusammengehört, wie z. B. Hoch-Asien, Hoch-Afrika u. a. m., wäre von der andern orographischen Seite ') ?err->r-l, «toria xener!»1s ?-tna. Latsnia, 1793. 8. p. und . Dolomieu, Vo?. pittoreske ü°e Aavlss. IV. p. 3W. ") L. V. Buch, über den Gabbro, im Berlinischen Magazin für N. 1810. S. 14S. über dic festen Formen der Erdrinde. st wieder eben so willkürlich, und für die Erdbetrachtung im Großen verwirrend und wie bisher zu keinem Ziele führend. Freilich sind diese Erdganzen uns nur nach und nach theilweise zur Kenntniß gekommen, und von den mancherlei Völkerschaften, die außen herum in Zwiespalt und Widerstreit auf ihnen nisten und umherziehen, als ein sehr Verschiedenes genannt worden, aber dies hat doch von jeher die wahren Beobachter nicht abhalten können, in dem Besondern das Gemeinsame aufzufinden. 5. Einseitiger Sprachgebrauch von Berg. Der ländlichfittliche Gebrauch, bloße Anhöhen und Hügel, wie fast in allen flachen Ländern, Berge zu nennen, wirkliche Berge aber, Gebirge und Gcbirgszüge oder Gebirgsketten für gleichbedeutend zu nehmen, ferner ein bergiges Land, wie z. B. Hessen, Siebenbürgen u. a., mit Gebirgsketten zu durchziehen, die man auf Landkarten nicht von Alpenketten unterscheiden kann, dieses und dergleichen mehr hat viele Irrthümer in die physikalische Erdbeschreibung eingeführt, vor allem aber die Meinung, als wenn alle hohen Gebirgsketten der Erde oder doch eines Erdtheils in einem danunartigcn Zusammenhange stehen müßten. So heißt es, daß die hohe Alpenkette der Karpathen von den Sudetischen Gebirgen in einem großen Bogen von mehr als Meilen ganz Ungarn umgrenze, da das hohe Gebirge doch wirklich ') nur !5 Stunden von Osten nach Westen sich erstreckt, das übrige nur bergiges Land ist, dessen größte Erhebnngen in der Schweiz nur Vorhügel der Alpen heißen würden. Schon Town- send 2) wnrde in Ungarn durch das Wort Berge irre geführt, das wir im Deutschen sehr unbestimmt gebrauchen, wo der Ausländer meist sehr bestimmt die Gradationen derselben (wie cotesux, calli- nes, montgAne8, luüoeks, Iiills, mounl8) unterscheidet. Eben so willkürlich ^) wird dic Alpen- und Pvrenäenkette im südlichen Frankreich durch bloße Hügclreihen und Hügelland zu ^Vitlilendeix, ?Ior. lüarp. >>, XXX. '1'o>vnsI, 1'rav. p. ZZg. ^) l'llssin-zvs, List, nalurslls t Dvi>. »Ie 1a I^oirs, im ^ourn. . 813. Ritter Beiträge. F 82 Allgemeine Bemerkungen einem großen zusammenhängenden Gcbirgszugc von Europa vereinigt, was wiederum allem wahren Charakter beider Gebirgs- naturcn widerspricht. Der ländlichsittliche Gebrauch dagegen, die Flächen, mögen sie tief oder absolut hoch liegen, Ebenen zu nennen, und als solche zu betrachten, dieser hat verleitet, dasjenige zu trennen, was seiner Bildung nach zusammengehört, oder über den kleinern Trennungen den überwiegenden Zusammenhang zu übersehen. So hat man z. B. in Spanien die vereinigenden Hochtcrrassen ') als trennende Thäler betrachtet, in Deutschland die unendlich vielen kleinen, anch die unbedeutendsten Bergzüge als isolirende Theile aufgeführt, ohne das Verhältniß der vereinenden Basis in ihren relativen Abstufungen zu berücksichtigen; so hat man dicS fast überall, die allerauffallcndstcn Erscheinungen iu der Mitte einiger Erdtheile ansgcnommen, nicht beachtet, oder wenigstens doch in der Geographie nur obenhin berührt. Und wenn es auch im Allgemeinen in Erdbeschreibungen als eine wichtige Thatsache anerkannt worden ist 2): so hat man sie für sich bestehen lassen, ihrem durchdringenden Einflüsse auf das Ganze nicht weiter nachgespürt, und im Besondern der Erdbeschreibung findet sich gar keine Spnr von der Anerkennung jenes allgemeinen wichtigen Factums. Ungeachtet A. von Humboldt schon lange auf diese charakteristischen Bildungen aufmerksam gemacht hat, ist doch allgemein noch wenig Einfluß davon der Anordnung der Wissenschaft zu gute gekommen. Erlälltcrung Z Festsetzung bezeichnender Ausdrücke für die Erhebung der Erde. Uns liegt hier ganz besonders daran, zuvördcst nur das Wesentlichste der Hauptformen streng ins Auge zu fassen und nach den wichtigsten Verhältnissen an sich und gegen einander zu betrachten, das Hochland wie das Tiefland der Erde. ') volles, Ktoi-. 5lat. ; indeß sie in andern, wie im Niger, den sibirischen uud amerikanischen Strömen, öfter minder bemerkbar ist, und hier sogar zuweilen Zwitterströme zwischen zwei Systemen, wie der Cassiquiare in über die festen Formen der Erdrinde. 87 Südamerika, wie am See oberhalb Martaban zwischen dem Ava und Peguströmen, wie am Annam zwischen dem Siam und Cam- bojastrom, wie die Tärando-Elf zwischen der Tornea- und Calir- Elf in Lappland u. a. m., sich bilden konnten. Auch hier müssen wir nur vorläufig, um des Verständnisses des Folgenden willen, einige Bemerkungen voranschicken. Erläuterung i. Flußgebiet, Stromspstcm. Wenn der Znsammenhang der Höhen '), ans welchem wir uns die mathematische Linie der sortlaufenden Wasserscheide an den Quellen aller strömenden Wasser hinziehen müssen, die AnfangS- linic bezeichnet, von welcher alle Fallthätigkcit des Flüssigen beginnt: so ist das Rinnsal im Thalc die Endlinie, an deren Mündung zum Meere alles Fließen gänzlich aufhört, weil hier die Wiederherstellung des Gleichgewichts der Wasser auf dem Meeresspiegel beginnt. Eine solche Endlinie, als absolnt letztes oder tiefstes Rinnsal, wird Strom in engerer Bedentung genannt; die ihr entsprechende Anfangslinie ist der Quellcnbezirk, und der eingeschlossene Raum das Qucllland, oder die Wiege des Stroms. Alle dem letzten Strome zugeordneten Wasser (Mluons; conliiliuig,^ slreams) sind Flüsse, linke oder rechte Zuflüsse, welche die dem Geäder ähnliche Verzweigung der Wasserbetten (omlir-znelwinoiit) bilden. Derjenige Raum, welcher durch den Quellenbezirk und den Strom, wie Peripherie und Centrum, zu einem und demselben Ganzen gehört, ist daS Flußgebiet, Stromgebiets; die feste und flüssige Form, in ihrer gegenseitigen Bedingung als Einheit gedacht, wollen wir Wasser- oder Stromsystem nennen. Die Vergleichnug der Stromrinnen nach Breite und Fülle (Capacität) kann das Caliber bestimmen, nach Länge und Ver- ') Fr. Schulz, über den Zusammenhang der Höhen. S. 5 u. f. -) Gattercr, und Otto System einer allgemeinen Hydrographie. Berlin, 1800. S. 138. 88 Allgemeine Bemerkungen zweigung die Entwicklung derselben (cloveloppsment) Hiernach könnten Bestimmungen über den Gebrauch der Bezeichnungen von Bach, Niescl, Fluß, Strom u. s. w. aufgcsuudcn werden, wenn es sich anders der Mühe verlohnte, da der Unterschied im Gebrauch derselben immerfort bestehen wird nach der Beziehung auf das Erdganze, oder mir in der Relation unter sich, auf einem Theil der Erde. Auch sind hier für die verschiedenartigen kleinern Wasser schon lokale, sehr bezeichnende Namen im Gange, wie z. B. die Wadis in Arabien, die Ulastus in den Kalmückensteppen, die Weds in der Barbarei, die Barrancos in allen portugiesischen Besitzungen, die Creeks in Nordamerika, die Elfen in Schweden, die Gangas in Hiudostau. Sie nach einem mathematischen Princip, nach Rang und Glied zu ordnen, würde zum Theil für jetzt noch unfruchtbar sein und so wenig wahren Nutzen gewähren, als die ganz genau nach der Nummer geordnete chinesische Geographie, in der die Provinzen, Städte, Berge u. s. w. nach ihrer verschiedenen Größe eigenthümliche Namen haben, und so auch die Flüsse Kiang, Ho, Choui^) als abgemessene Titel jedes chinesischen Flusses auftreten nach der Gradation, welche etwa llouve, rivivre, ruisse-iu im Französischen bezeichnet. Wir wollen nach der Länge uud dem Flächenraume, die sie sammt ihrem Ouelleubezirk einnehmen in Beziehung auf einen Erdtheil insbesondere oder absolut zum Erdganzen, sie als Stromsysteme vom ersten, zweiten und dritten Range betrachten. Auch der im Ganzen unbedeutendste Fluß erlangt große Wichtigkeit für das zu ihm gehörende Lokale Die kleine baierische Jsar z. B. nimmt aus ihrem Qucllenbezirke bis zur Mündung von der linken 860 fließende Wasser auf, darunter 44 Flüßcheu; von der rechten Seite 433 in 59 Rinnsalen; zu beiderlei Seiten rinnen 13t Seen und 5 bedeutende Flüsse in die Jsar. In allem ') LllÄclis, IZsssi ,1'nn ?nrkI>Llv Ie I'I5ui-o>>!u l'.^cackömik. ^. 1752. .-Vmiot in Hlemciii'es voncsi-n^nt I'IuLtoirv ites Oliinois. 1'. XIV. >>. I7l>. liennell, ^j>^>en>Iix ill AI. I'-irk, 1'rav. l>. XVII. In den ?I>>Iosoi>I>i<). "1'>-ni5k<:ti»»8. V. 1781. >>. 87, und Major Müller bei Otto a. a. O. S. 139. 5>c>>Iln>cI>?,ei-, llvlvet. Iiist. iiatur. II. n. i. über die festen Formen der Erdrinde. SV wird sie durch 136 Seen und 1293 Quellströme, die sich in 103 Rinnsalen in sie ergießen, ernährt '). Die Jsar ist aber doch nur einer der 34 Zuflüsse (und nur vom vierten Range derselben) ^), des Donaustroms, welcher, iu Beziehung auf die Stromsysteme der Erde, nur zum dritten Range gerechnet werden kann. Nicht die Größe allein, sondern die ganze Combination °) der Mannichfaltigkeit der Natur im Stromsystcm soll uns hier die ganze charakteristische Individualität desselben bestimmen ^). Ihr liegt eine Physische Einheit zum Grunde, deren Princip sich mathematisch darstellen läßt '), welche auch der Naturblick auffaßt, wie dies im Orient mit den größten Stromsystemen, z. B. des Ganges und Indus, der Fall war. Mäbar °), d. i. die große Furth, heißt iu Ostindien insgesammt alles Land vom bengalischen Golf, längs dem Ganges an beiden Seiten aufwärts bis zur hohen Himalajakettc, und entspricht ganz unserm Begriff von Strom- system. Mit gleichem Scharfblicke haben die Nordamerikaner die historische Wichtigkeit ihrer Stromsysteme aufgefaßt. Anmerkung. Wasserscheiden als Tragplätze. Die Wasserscheide, von der wir schon oben gesprochen, bezeichnet überall den Ursprung der Wiege eines Stromspstcms; von ihr laufen die Zhalwicgen der Quellbache und Qucllflttssc aus. Die entgegengesetzten Mcerbccken zueilenden Wasser sind hier einander noch benachbart. Auf der Wasserscheide der steinigten Berge (rock^ IVlo»nwins) in Nordamerika liegen die Ursprünge des Missuri und des Colnmbiastroms nur eine Viertelstunde ") auseinander; ihre Mündungen aber gehören dein Atlantischen und Stillen Ocean an, welche hier durch die große Breite des volarischen Amerika von einander getrennt sind. Zwischen Tcplicz und Ganocz in der Karpathischc» Ebene liegt die Wasserscheide des Baltischen und Schwarzen Meeres Die Kaukasicr bezeichnen solche einander entgegengesetzt laufende Flüsse mit dem Namen Rioni, die Anraten in Sibirien nennen sie Dogno z. B. alle von der Wasserscheide ') v. Riedl, hydrographische Karte von Baicrn. LI. I?. Assrsilii Da- nukius, .^mstsloil. I72K. lol. I'. VI. Alapi». jiotilmogra^Iiic». tol. ^) liennkU, (langes i» INem. o5 ^ IVli>i> ok Ilin-Iostan. 3 k>. 3t>8. I'lil)->'!iii', Illustration« 01° tlio Iluttoni.in I'iieoi)' ol tliö llültli. kilin- d»rgl>, I8N2. 3. >>. 3t>7. ') I^lair a. a. O. >>. I»2. °) 'I'Ii. Nau- ricv, lniliini ^„tissnities. I^onclon, I8öö. 'I'. I. ». 2!Zl>. I^s^vis >.t ^ elaike, Vav. 188. ^Valilenbei^, I?Ior. 0-»l>!.t. i>. XXXIII. ^ Pallas, Russische Reise. 4. Th. III. S. 189. 90 Allgemeine Bemerkungen zwischen dem Ostmccre und dem Eismeere; die der Lena zueilenden Nord- flüssc nennen sie Aru-Dogno, die zur Wiege des Amur gehören, Urbu-Dogno. Die Mongolen verehren die Scheidcgcbirgc, richten daselbst Steinhaufen und Gebctflaggen ausdie Tunguscn gehen nie an ihnen vorüber, ohne einen Zedcrzwcig auf diese Steinhaufen zu werfen, damit, wie sie sagen, die heiligen Schcidegebirge nicht kleiner, sondern großer werden mögen. Wirklich liegt diesem Gebrauche die sehr richtige Bemerkung unter, daß die Wasserscheiden nicht als absolute Grenzen zu betrachten sind, und daß die Flüsse nicht nur vorwärts laufen, sondern nach ihrem Ursprünge zu auch rückwärts schreiten, indem die Quellen aller Bäche und Flüsse, wie dies auf den Hochgebirgen so zerstörend wird, wirklich reculircn Für die weiten Flächen des Nordens der Erde in Nordamerika sind diese Wasserscheiden als üragplätzc (partsxe, tr!l»s>>o>iL), im russischen Norden unter dem Namen Wolockcn t'volocxit heißt schleppen, tragen ^)), sehr wichtig geworden; man hat selbst Völker nach ihnen genannt, 'I'solunli transvolokani '). Nur zwei solcher Wolockcn sind zwischen dem Schwarzen und dem Eismeere in Nußland; der eine zwischen dem Don und der Wolga bei Zarizvn, der andere oberhalb Tscherdin zwischen der Kolwa und Pet- schora. In Ungarn heißen sie Käz, wie z. B. ThcmcSkäz zwischen der The- mesch und dem Marosch. In den verschiedenen Erdtheilcn sind sie auch sehr verschieden vertheilt, und glicht von gleicher Bedeutung. Amerika '') hat deren 9 wichtige zwischen dem Ost- und West-Ocean; Europa hat 10 merkwürdige zwischen den entgegengesetzten Mecrbecken, ist in dieser Hinsicht am mchrsten zugänglich gemacht, und Karl dcr Große erkannte schon ihre Wichtigkeit. Asien und Afrika dagegen zeichnen sich durch die Armuth dieser Hauptformcn der Schcidegebirge aus, welche als eine Bedingung einer Art der Eommuuicatio» des Innern eines jeden Erdthcils mit seinen Umgrenzungen doch scheint vorausgesetzt werden zu müssen. Die Hauvtwasscrschcidcn theilen die Erdoberflächen in fünf große Mecrbecken (vassin z-si<,»e. 1816. ^uin, und I'ssumot, Vo^- i>I>)üi^»e tl^iis les I^lünves. >>. Z-i!>. VV-MenIisrg, ?Ior. Oar,>at. x. XXXlII. ") Schlözer, Nordische Geschichte. S. 392, u. Schlözer, Nestor. Th. II. S. 41. ') .1« II»m- lioldt, kssu)' potiti. l. el>. Ä. über die festen Formen der Erdrinde. 9l Erläuterung s. Richtung, Gefälle, oberer, mittlerer und unterer Lauf der Ströme. Die Hauptrichtung oder die Normaldirection der Ströme wird theils durch die gegenseitige Richtung der Wasserzuleitungen in Verbindung mit dem gegenseitigen Verhältniß ihrer Wassermassen und ihres Falles, theils durch die Beschaffenheit und die Structur der Gebirgs- und Erdmassen, welche sie auf ihrem Laufe durchschneiden, bedingt. In den Richtungen der Ströme stellt sich sehr oft ganz deutlich das Gesetz vom Parallelogramm der Kräfte dar, aber nur selten, oder vielleicht nie geht die Stromrichtung allein aus den uuter einem gewissen Winkel mit gewissen Kräften zusammenstoßenden Wasscrmassen hervor. Oft tritt noch die heterogene, widerstrebende Kraft der Masse deS Bettes hinzu, welche mit einwirkt auf die Richtung des Stroms. Die kleinern Abweichungen von der allgemeinen Richtung werden oft allein durch den Widerstand der Gebirsmassen verursacht. Dies ergiebt sich z. B. sehr auffallend an den Windungen des Rheins zwischen Gingen und Kaub, am obern Tessino, an der Dal-Elbe in Schweden u. a. m., wo dieses genauer verfolgt worden ist. Aus der eckigen, im Zickzack an einander gereiheten Kette von immer kurz unterbrochenen, longitudinalen und transversalen Thälern werden, wenn der Strom aus einer festen, geschichteten, kristallinischen Gebirgsmasse hervorgetreten ist, seine Biegungen nur zu sanften Wellenlinien, wenn er in ein leicht zerstörbares Flözgcbirge, oder in lockeres, aufgeschwemmtes Land übergeht. Das geübte Auge kann aus einer richtigen Zeichnung des Stromlaufs im allgemeinen, mit ziemlicher Sicherheit, auf die Masse des Bettes zurückschließen. Die Ströme durchbrechen, wenn nicht andere mächtigere Kräfte dagegen wirken, die GcbirgSmasscn in denjenigen Richtungen, in welchen sie den geringsten Widerstand finden bei Gebirgs- ') Hausmann, Skandinavische Reise. Tb. IV. S. 324. -) Hausmann, am angeführten Orte. 92 Allgemeine Bemerkungen arten mit aufgerichteten Schichten (senkrechten) in den längern Thälern immer diesen Schichte» parallel; bei horizontal geschichteten Gebirgsmassen nach den Richtungen der ausgezeichneten Kluftabsonderungen; da wo verschiedenartige Gebirgsarten an einander stoßen, lieber auf der Grenze beider (wie so viele Longitudinal- chäler in den Alpen und Pyrenäen), als in einer dieselben der Oueere nach durchsetzenden Richtung. Dies ist wahrscheinlich sehr oft die Haüptnrsache der plötzlichen Biegung eines Flusses beim Heraustreten aus einem Gebirge (Anziehung der Ströme zum Gebirge, nach Heim), welches nicht nur im Kleinen, z. B. bei den Flüssen am Harzgebirge, stattfindet, sondern auch im allergrößten Maaßstabe bei dem unmittelbaren Heraustreten der Hauptströme Asiens, beim Indus, Ganges, den chinesischen Wassersystemcn u. a. aus dem Hochlande, eine allgemeine Anordnung der Stromthäler zu sein scheint. Ströme brauchen weder ihre Thäler ganz allein sich selbst gebildet '), noch von Anfang an von den schon gebildeten, die nur res nulliu5 gewesen, Besitz genommen zu haben ^). Die Geschwindigkeit ^) der Flüsse hängt von der Wassermenge und von der Abhängigkeit des Bodens, oder vom Druck und Gefällt ab, und mnß sehr verschieden sein. Auf den Gebirgen ist das Gefalle größer, der Druck geringer, in den Tiefen ist der Druck der größern Wassermassen überwiegender, das Gefälle geringer. Durch das Sammeln der Gebirgswasser zu Seen und durch die Horizontalboden der Ebenen wird die Schnelligkeit der Ströme gebändigt, durch die Zuflüsse aber vermehrt. Reißende Ströme durchlaufen in einer Sekunde einen Raum von 3 bis 7 Fuß, bezähmbare weit weniger, unbezähmbare weit mehr. 1. Oberer Lauf der Ströme. In den Hochgebirgen stürzen die Wasser mehr, als daß sie strömen, daher überall die eigenthümlichen Namen der Wildbäche, ') PW^tuir, I»ustration8. Not. XVI. i>. 354 u. a. O. ^ Parrot, Grundriß der Physik der Erde. Riga, IUI5. S. 327. '> v. Wicbeking, allgemeine Wasserbaukunst. Th> I. S. 413; Brahm, Anfangsgr. der Wasscr- baukunst. §. 208. über die festen Formen der Erdrinde. S3 Gießbäche, Achen, Nants, Torrcnts, Gaven, Elben u. s. w. In den Pyrenäen ') z. B. beträgt das Gefalle der Gaven im Durchschnitt auf jeden Fuß Länge auch einen Zoll; hiezu kommen von Strecke zu Strecke noch Abfälle von 2 bis 3 Fuß und mehr, so daß sie im beständigen Gebraust viel Luft einschlingen und zu Silberbächcn werden. So wiederholt sich dieses auf allen Alpenländern, Hochlanden und an unzähligen Steilküsten der Polarländer 2). Selbst die Alpensecn haben noch großes Gefalle, wie z. B. der Lago Maggiore oberhalb Mailand, zwischen Mogadin und Arona, in so unbeträchtlicher Länge noch ein Gefälle von 52 Fuß nach den Messungen des Grafen Morozzo 2. Mittellauf der Ströme. Weit geringer ist das Gefälle unterhalb der Wasserstürze und Alpenseen, oder bei Flüssen, die überhaupt nur von geringern Höhen herabrinnen, wie z. B. der Neckar der von seiner Quelle bis Heilbronn, 50 Stunden Lauf, auf jede Stunde Wegs nur 32 Fuß Gefälle, oder auf 32 Fuß Lauf noch nicht einen Zoll Fall hat. Geringere Resultate giebt das Flußprofil des Odergebietes ^) in Schlesien, weit geringer ist noch der Fall der Donau von der Quelle bis Preßburg, nämlich nur 1700 Fuß aus alle 9 Längengrade horizontalen Abstandes. Ja das im allgemeinen sehr geringe Gefälle der Ströme hat schon öfter die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und darf auch bei den folgenden Betrachtungen nie aus dem Auge verloren werden. Unter Flußbette versteht man die ganze Breite des Flusses, welche nach dem Wasserstande oft sehr verschieden sein muß; wie ') ?llsnniot, Vov. ulivs. >>. I5>3. ') >VaIUenderx, ile lllritixl. Nontinin llelvetiae, in >Ie Vegetiltione et LIinüUe in llelvetia seutentr. 1'mic. 1813. i>. V>II. etc. ^ Nivellement Iein> 8. I?. I^eroix, In- troclnetion Ik Keogr. Aktlivinati^ue, et Lriticzne ete. Il'ui'iL. 2. lüil. 1811. i>. 332 U. a. V4 Allgemeine Bemerkungen z. B. des Missisippi zu Natchcz bei niedrigem Stande kaum eine halbe Stunde (1 mile Engl.), bei hohem Wasscrstande 6 gcogr. M. (30 miles) '); des Orinoko, der bei St. Thomas X Meilen (3050 Toisen) breit ist, zur Zeit der Wasserschwellc aber bis 15 geogr. Meilen nach Dupons ^) u. a. m. Verschieden vom Flußbett ist die Stromrinne derjenige Theil desselben, welcher der ganzen Flußmasse erst Leben und Bewegung giebt, gleichsam die pulsircnde Arterie des Flusses ist. Im obern Lauf fällt sie meist mit dem Bette selbst zusammen; im Mittellauf ist sie mehr bezeichnet, und bestimmt eigentlich Richtung, Neigung, Geschwindigkeit. Sie liegt gewöhnlich nicht in der Mitte des Stroms, solgt zwar dem allgemeinen Gefalle (ponle-), zieht aber zunächst an der steilsten Felswand des Thals (eonlre- penlö uach Andreossy) in der größern Tiefe hin. Durch sie werden in ebneren Boden- die Windungen der Ströme vergrößert; diese hemmen die Bewegung; die Serpentinen ^IgL-mllvrs der Engländer) oder der Schlangenlaus bildet sich, und wird so eiue Characterform ^) deS mittlern Stromlaufes. Zwischen diesen bilden sich Inseln, Werder, Auen, aber, mit sehr wenigen Ausnahmen, keine Seen, welche den obern Lauf der Ströme charactcrisircn. Aber bei diesen Stromthälcrn läßt es sich sehr häufig nachweisen, daß sie gegenwärtig nur weite, trockengelegte Seebodcn sind. So ist es z. B. im Nheinthal von Schafhausen bis unter Straßburgzum Bastberg hin, und wieder von Ladenburg bis Bingen °). Eben so nachzuweisen ist es bei der Donau im Mittellaufe von Ulm an bis zu den ZnsaMmcnschnürungen (6tnmAl>Iü.i. I8öi. 'IV VI. i>. IKZ. Durons, Voz-nxe k la terre lerme. 'I'. M. n. 255. ') v. Wicbeking, Allgcm. Wasserbauk. I. S. 430, und Renneil, Nein. 3. 15>. 3ig. ') NonneU, Nein, über den Gan- gcs a. ci. O. Il^nimer, snr le üast!>ei^, in den Xnn-lles «In Nnsei! .I'IIist. «i^t. 'I'. VI. ii. 35V. ") v. Wicbeking a. a. O. I. S. 447. ') vor;- 8t. Vincent im Berlin. Magazin für Natur-Wissenschaft. 1808. S. 295. über die festen Formen der Erdrinde. 95 terhalb Semlin in den Stromengen von Orsova ') u. a. O. Eben so ist es am Ganges, Indus, Euphrat, in dem amerikanischen Strömen u. s. w. Ja im unentwickelteren Stromsysteme des Sanct Lorenzo sind die Seereihen noch vorhanden, welche sich als so viele Bassins, eins in das andere, ergießen und so den Strom selbst konstituiren; aber die Fortschritte der Strombildung konnten hier seit den wenigen Jahrhunderten in einem so kolossalen Maaß- stabe, wie sonst nirgend, beobachtet werden Die Uebergänge, welche die fließenden Wasser aus den obern dieser trockengelegten Seeboden in die untern machen, sind fast insgesammt bei allen Strömen noch sichtbar, mehr oder weniger characterisirt durch Felsengen (i>.-t (Zen. van»Iiii. "1'ao. 4V und 16; und Povowitsch, Untersuchungen vom Meere. S. 244. ^. kllicot in den l'rans-rct. ok tl>e ^meric. 8oe. '5. IV. ». 238. ') 1'o^ris<-n<1, l'r. III. x. 45. ^) 5o»i'i>. >>L8 I^Ilnes. Vol. IV. I>. 41. °) p»ssinges im ^ouin. ll. IVIin. VI. p, 817. °) I. F. Ockbardt, der Rheinstrom u. s. w. Mainz, 1816. ') Marvcrger, Elbstrom. Dresden. 4. S. 7. ") Nachrichten von den im Strudel der Donau vorgenommenen Arbeiten durch die K. K. Na- vigations-Dircction. Wien, 1731. Fol. S. 1. 96 Allgemeine Bemerkungen schnellen bei Kloster Neuburg, die Klippenpässe bei Tachtali, De- mirkapi, Orsova; in dem Dnepr sind es die i5 Porogs unter Katharinoslaw ') u. a, m. Dieselben Erscheinungen finden sich gleich charakteristisch in allen Strömen der übrigen Erdtheile wieder, und ihre Beachtung wird noch zu wichtigen Resultaten über die Gcsammtbildung derselben führen. Sie erschweren überall die Schifffahrt, oder hindern sie ganz, und müssen nicht mit den eigentlichen hohen Wasserfallen, den Katadupen, Cataractcn u. s. w>, verwechselt werden. Diese nebst den steilen Fclsufcrn und den Alpenseen charakterisieren den obern Lanf der Ströme innerhalb des Hochgebirges; die Stromschnellen aber, uebst den weiten horizontalen Sceboden und Serpentinen, den Mittellauf derselben innerhalb der Stufenländer. Unterhalb der letzten Stromschncllen treten die Ströme nnn in das horizontale niedrige Flachland der Erde ein, in welchem die dritte charakteristische Form sich zeigt. 3. Unterer Lauf. Die Strombetten des obern und mittlern Laufes mußten, wie sie nach und nach an Wasserfülle abnahmen, trocken gelegt werden^); so wie die Vormauern in den obern Stufen durchbrochen waren, wurden damit die untern überfüllt. Das lehrt noch heut zu Tage die Geschichte aller'Strombettcn Das Gefalle des untern Laufes wird oft fast unmerklich, z. B. des Senegal von Podor zum Ocean auf 60 Lieues nur 2/2 Fuß, nach Adanson; des Amazonenstroms auf 200 Seemeilen landeinwärts nur 10'/^ Fuß, also auf 1000 Fuß kaum 2 Linien, nach Condannne, u. s. a. m. Der Druck der hier sehr mächtigen Wasscrmasse, der Gegendruck der Ebbe und Fluth, die jährliche Periode der Stromschwellen, bewirken hier, noch vor der Herstellung des Gleichgewichts, ') Güldcnstädt, Russische Reise. Zh. II. S. IN8. ') Ebel, von dem Bau der Erde im Alpcngcbirge. Th> 1. ^ l'wzkini-, lllusti-uri»»«. i>. 357; Wrcde, Geologische Beobacht, über einen Theil der Südbaltischcn Lander. Halle, 1794. S. 56 u. a. O. m. über die festen Formen der Erdrinde. 97 erst noch einen beständigen Kampf der Elemente, dessen Resultat nach der verschiedenen Localität auch sehr verschieden sein muß Die Wasscrmasse des Stroms sucht nach Ausgleichung des Niveaus durch die Stromscheidung ^) oder Bifluenz, wie der Nil bei Cairo; die Arbeit des Stroms gegen das Land und der Widerstand des Meeres bewirken die Ablage (cleiM clIil)'5-tir, Illnstiations, Not. XVI. x, 351. V. Wiebcking, Allgem. Wasscrbaukunst. Th. I. S. 445. ^) ^nllrsossy, INvi». snr 1^)'i>ts. '1'. I. i>, Igg. ') ?!^t-»ir, Ilwst. p, 43N, und vunbar, vesciixt c>5 tl>e A-Iissisi^^i an-I its ve>ta, in den 1'innsact. ok tlie ^msi'ic. 8oc^ at ?I>i>apI>i.T. 1804. IV VI. x. IKS. lisnnoll, Nem. 3. K. 34g, und Klpllin8tone, vadnl. p. 2K und K54. °) llöioäot II. <:. II. Ritter Vriträge. G 95 Allgemeine Bemerkungen der Donau, der Wolga, dieses Kleeblatts der nicht - oceanischen Wasserspsteme eines Theils, im Gegensatz derer, die den höchsten Fluthen des Oceans zugekehrt sind, wie die chinesischen, indischen, ostainerikanischcn Wcltströme, und dann derjenigen, welche nur mindcrhoch von ihnen afficirt werden können, wie die mehr dem Westen und Norden, als dem Osten und Süden zugekehrten Mündungen der Ströme. Erläuterung S. Die Stufenländer der Erde. Es ergiebt sich schon aus diesen hier nur vorläufig angcdeu- teten Hauptverhältnissen der Stromspsteme, wenn man sie im Zusammenhange mit sich selbst vergleicht, und in Beziehung auf die Hochländer und Flachländer der Erde im Ganzen betrachtet, daß sie drei Hauptformen haben, welche in derselben Succession von der Höhe nach der Tiefe sich allmählig entwickeln. In Beziehung auf den Strom bezeichnen wir sie durch die Ausdrücke: Oberer, Mittler und Unterer Stromlauf; in Beziehung auf das Areal des ganzen Wassersvstems können wir sie die drei Stufen, und die Länder, in dieser Succession gedacht, die großen Stufenländer (i;rgllm8, 8iLp8) der Erde nennen. Denn dieselben Gesetze, die sich im Großen in dem Hauptstamm zeigen, wiederholen sich im verjüngten Maaßstabe in den Aesten und in der Verzweigung jedes einzelnen Zuflusses, wie des ganzen Wassersvstems. Nicht, weil hier der Grund, wie bei der Vegetation in der gleichmäßig wirkenden Kraft von der individuellen Wurzel aus, von unten nach oben, liegt: sondern weil hier eine universelle Bedingung von oben nach unten, nämlich eine frühere allgemeine Wasscrbedcckung, mehr als bloße Hypothese und wirkliche Thatsache ist, von. der so gut einst eine über die ganze Erde gleichartige Urbildung aller Wassersysteme ausgegangen, wie von Einer Wurzel aus die gleichförmige Verzweigung jedes einzelnen Baum - Individuums noch tagtäglich sich entwickelt über die festen Formen der Erdrinde. 9!' Wie durch die Eine vegetative Lebenskraft im Baum ein System von Verzweigung erscheint, so auch durch die Eine Wasserbedeckung ein System von Thal und Fluß und Strombildung nach unten zu, dessen einzelne Glieder nicht zufällig von hie uud daher kommend, so und so in einander einmünden, sondern nach einem so bewundernswürdigen konstanten Gesetz ') im gleichförmigen Niveau, daß eben nur eine solche Gemeinschaft der Wirkung auf eine Gemeinschaft der Ursache zurückzuschließeu erlaubt. Von einzelnen Ausnahmen soll hier die Ncde nicht sein Diese Gesetzmäßigkeit in der Wirkung bedingt nun auch die Realität in der natürlichen Einteilung in jene drei Stufenländer, deren wesentliche Charactere eben diejenigen zu sein scheinen, welche wir oben angeführt haben. Die Monographien der Stromsysteme werden eö in der Folge weiter entwickeln, wie auch da wieder verschiedene natürliche Un- terabtheilungcn eintreten können, und wie eben in diesen die Eigenthümlichkeit jedes Hauptwassersystems modificirt ist. Diese Betrachtungen erlangen in der allgemeinen Erdkunde noch größere Wichtigkeit, wenn wir bedenken, daß gewisse Völker ihre höheren Stufen der Bildung nur innerhalb des begünstigten Locales der Hauptstromsystcme erreichten, uud daß das Pulsircu dieser Erdadern gleichsam mit zu den natürlichen Anregungen des Körpers des Menschengeschlechtes, aus der generellen Masse sich zur Persönlichkeit eines Volkes und Staates herauszubilden, gehört. ') ?Ia)f^ir, lUustrat, ot tll« Ilutton tlisorx. p. 102. ') ?la)'tair, III. l-.'-iVZ. G S III. Abhandlungen zur Begründung einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Erdkunde. Vorgetragen in der König!. Akademie der Wissenschaften in Berlin. z. Ueber geographische Stellung und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. (Vorgetragen am 14. Decbr. 5826.) seitdem man sich gewöhnte, die Erde nicht mehr nur an sich als einen mathematischen, sondern (nach J.Newtons Vorgange) auch als einen von Naturthätigkeiten bewcgteu und erfüllten physikalischen Körper zu betrachten, dessen Entwicklung und Bildungstheorie als Leiter der fernern mathematischen Erforschung der Erd- gestalt dienen mußte, wodurch dieser Forschung selbst eine neue Richtung gegeben ward, geschah zugleich der größte Fortschritt zur Erkenntniß der Erde in allen ihren Theilen. Die verschiedenartigsten Erscheinungen auf diesem Planeten erhielten ihre Erklärung durch die großartigen, aber einfachen Attractionsgesctze; jene zeigten sich als Resultate an sich sehr mannichfaltiger, aber harmonisch vereinter Wirkungen der verschiedensten, sowol nahen als fcrnabstehenden, nur scheinbar unzusammenhängenden und zerstreuten, dennoch aber unablässig und gleichmäßig auf den Erdball, wie gegenseitig auf einander einwirkenden Glieder des ge- sammten Sonnensystems. Die Erde, nur ein Glied dieses Sonnensystems, besteht für sich wieder als eignes System von Erscheinungen, nnter welchen auch die vielfache Sonderung ihres Umfangs und die scheinbare Zerstreuung oder Sammlung ihrer verschiedenarngen Theile durch benachbarte oder entferntere Nänme die Natur ihrer Oberfläche mannichfaltig bedingt hat. Jeder ihrer noch so gesonderten Theile liegt gleichfalls nicht wirkungslos und zufällig fern von oder neben t04 Ueber geographische Stellung dem andern, sondern steht im Zusammenhange mit ihrem Gesamm- ten; jeder hat, als mitwirkendes Glied, seinen nothwendigen Antheil an dem geschlossenen Ringe des ganzen ErdspstemS, das eben dadurch zum besondern Planeten ward, mit eigenthümlicher Anordnung und in allen seinen Theilen und Verhältnissen eigenartiger Wirksamkeit. In dieser Anordnung, welche in den leblosen wie in den zugehörigen belebten Theilen dieses Erdsystems auch zu dessen Natur und Geschichte ihren Beitrag giebt, ist wesentlich ein eigenthümliches, ein tellurisches Element, nämlich ein anderes vorhanden, als in der Einrichtung der vereinzelten, von ihm abgelösten unorganischen wie organisirten irdischen Naturkörper insbesondre. Es ist ein eigenthümlicher Organismus des Planeten in seiner Gesammtheit sichtbar, der über die bloße Raumcrfüllung und die Grenze der unorganisirtcn Natnrkörper hinaus das Gebiet der Vegetation wie der lebenden Organismen durchdringt und in daS Reich der geistigen Thätigkeit derselben gestaltend und bedingend eingreift. In den Gesammterscheinungen der Natur und der Geschichte treten die Einwirkungen dieser tellurischen Anordnung des Planeten und seiner Verhältnisse überall hervor, da er zum Schauplatz der Natur und ihrer Kräfte, wie zum Träger der Völker von Anfang an eingerichtet ward, als Heimath, Wohnort und temporäre Entwicklungsanstalt für das Menschengeschlecht, das ohne diese Bedingung nicht gedacht werden kann. Die Auslösuug dieses allgemeinen Verhältnisses in seine Besonderheiten ist die Aufgabe der Wissenschaft; jedes besondere Verhältniß gewinnt dadurch seine Bedeutung für Betrachtung und Leitung in Beziehung auf das Allgemeine und Individuelle; die einfachsten, unscheinbarsten Verhältnisse treten dadurch in ihrer allgemeinsten Wirksamkeit hervor. Zu diesen gehören unstreitig die blos räumlichen Ausbreitungen der Rinde des Planeten nach ihren natürlichen Abtheilungen, über welche es erlaubt sei einige Bemerkungen mitzutheilen. Die ungleiche Vertheilung der Länder- und Wasserflächen und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. j05 über den Erdball ist längst beachtet worden, man hat das quantitative Verhältniß der rigiden und der flüssigen Form, welche die Planetenrindc überdeckt, wenigstens durch annähernde Vermessung uud Schätzung des Areals zu berechnen gesucht, weil der ganze Ländcrbcsitz damit zusammenfiel; man hat sich bemüht, das Ganze wie das Einzelne mit mehr oder weniger Vollständigkeit zu beschreiben. Weniger, scheint es, ist man auf ihre Figuren, Gestaltungen, Stellungen und auf deren gegenseitige Verhältnisse, sowol der Ganzen als der Theile, aufmerksam gewesen, obwol eben hierin seit der ersten Anlage merkwürdige Keime und Bedingungen wirklich schon rcalisirter, oder im Fortgang begriffener Entwicklungen aller Art verborgen liegen mußten für einen mit Naturkräften erfüllten uud an seiner Oberfläche überall mit lebendigen Organismen bedeckten Planeten. Außer den so ausfallenden climatischcn Unterschieden, welche bekanntlich diese Vcrtheilungcn treffen, die niemals übersehen werden konnten, ergiebt sich aber eben so unmittelbar, daß jedem Naumverhältnisse an sich, von Thätigkeiten erfüllt gedacht, nothwendig auch Zeitverhältnisse entsprechen, welche von jenen Stellungen, Figuren, Gestaltungen abhängig sind, wodurch allein schon ein mannichfaltiges System von Erscheinungen, in Berührungen, Trennungen, Wanderungen, Wechselwirkungen, nach dem Nebeneinander- oder Auöeinander- liegen der Theile und nach der Zeitfolge ihrer Ein- und Gegen- wirkuugen, stattfinden mußte. Eben so unmittelbar crgiebt sich, daß jeder physikalischen Bedingung dieser oder anderer Art eine Folge in dem Hergang der Dinge, eine historische Entwicklung nach außen oder innen, im Besondern oder Allgemeinem entsprechen konnte oder mußte. Nur einige dieser räumlichen Verhältnisse, welche in den horizontalen Dimensionen und Verbreitungen liegen, wollen wir hier beachten, und die vertikalen Dimensionsverhältnisse später zu entwickeln snchcn, mit denen man sich im Besondern schon vielfältig beschäftigt hat, ohne jedoch jene gehörig dabei zu berücksichtigen, obwol sie die Grundlage» von diesen ausmachen. 106 Ueber geographische Stellung I Contrast der Land- und Wasser-Halbkugel. Einige Beobachter haben schon die Aufmerksamkeit auf die ungleichartige Verchcilung der Läuderflächen, im Gegensatze der Wasserflächen, geleitet, indem sie zeigten, daß jene mehr den Nordpol der Erde umlagern, als den Südpol, und mehr gegen unsern Osten zusammengedrängt sind, als gegen den Westen. Aus diesem Doppelverhältniß der Vertheiln»«, crgiebt sich, bei Berücksichtigung des Vorherrschens der starren und flüssigen Form, von selbst die Anordnung einer nordöstlichen Landhalbkugel und einer noch größern südwestlichen Wasserhalbkugel, welche wol den größten Contrast auf dem Erdbälle bilden; ein Verhältniß, das man (mit Erweiterung des Begriffs der Benennung Erdkreis, im Sinne der Alten) mit dem Gegensatze des großen Erdkreises und des großen Wasserkreiscs bezeichnen könnte, so daß von einer continentalen wie von einer pelagischen Seite des Erdplaneten die Rede sein kann. Die gegenseitige Begrenzung beider Kreise, welche sich nicht durch eine bloße Linie bezeichnen läßt, sondern durch eine breite Zone, die, über Wasserflächen und Ge- stadeländcr hinziehend, leicht sich selbst ausweiset, umkreiset den ganzen Erdball und durchsetzt den Aequator, in Nord-Ost der Mosambikstraße und am Küstenmcerc von Peru, etwa in einem Winkel von 45 Grad. In der Mitte der nördlichen Landhalb- kugcl, oder dieses großen Erdkreises, liegt der durch seine gesteigerte Civilisation alle andern Erdräume beherrschende Theil von Europa, durch möglichst vielseitige Berührung mit der großen Continentalform des Planeten, in dem Mittelpunkte der größten Wirksamkeit, mit der am weitesten gewonnenen Sphäre seiner historischen Einwirkungen und Entwicklungen. In die Mitte der Wasserhalbkugel, oder jenes großen Wasser- kreiseS, wurden dagegen die australischen Gestade und Inselgruppen ganz außerhalb aller natürlichen, frühzeitig entwickelnden Berührungen mit dem großen Kreise der Contincnte gestellt, daher jene Völker, unsre Antipoden, nothwendig erst nach den vollendetern Kuustmitteln oceanischer Schiffahrt, also nach dem Ablauf der und horizontale Ausbreitung der Erdtvcile. 107 Weltgeschichte von Jahrtausenden, mit hereingezogen werden konnten in den Kreis allgemeinerer Civilisation. Blos ihre räumliche Stellung auf dem Planeten bewirkte dieses Verhältniß, so wie die merkwürdige Ancignungsfähigkcit Europa's für die Mannichfaltig- keiten der übrigen Landwelt und die frühere Zeitigung universeller Cultur zu rückwirkender, allgemeinerer Ausbreitung, bis zum äußersten Ning des Landkreises, wenigstens mitbedingt ward, durch diese centrale Stellung zum Planeteu, oder durch die Weltstellung des Theiles zum Ganzen. Durchaus verschieden von der Lage der zerstreuten und außer des Zusammenhangs gestellten Austral - Länder ist die der nur scheinbar gleichartig auseinander liegenden Gebiete anderer Erdtheile, wie Amerika's, Afrika's und eines großen Theils von Ost-Asien. Der Landhalbkugel zugehörig, liegen diese wirklich der gemeinsamen Mitte räumlich weit genäherter; doppelartig günstige Formen von Land- und Wasserverbindungcn verschiedenster Art drängen sie, der Zeit nach, noch näher gegen den großen Schauplatz des gemeinsamen Weltverkehrs, welcher sich in jeder Hinsicht zuerst und am ergreifendsten in der Mitte der Landhalbkugel, dem Boden der alten Weltgeschichte, nur entwickeln und von da die Sphäre seiner Wirkungen erweitern konnte. Daher tragen auch fast alle Ländertheile der Landhalbkugel in ihren Erscheinungen, Produkten, Bevölkerungen, Sagen, Denkmalen und Geschichten wenigstens analoge Spuren jener Einwirkung eines allgemeinen frühesten Zusammenhangs desto mehr, je näher sie der gemeinsamen Mitte stehen, — desto weniger, aber individualisirter in allem, je weiter sie davon entfernt und den Enden des großen Erdkreises angchörig sind; sie scheinen dagegen den vom Continente unberührten fernen Jnsclländern der Wasserhalbkugel, die man nicht etwa noch Nachbarinseln derselben nennen kann, gänzlich zu fehlen. In dieser Hinsicht sind nur die äußersten Südgestade der Contincnte von Südamerika und Südafrika mit zum isolirteren Gebiete der Australländer zu zählen, nicht blos, weil sie über jene Begrenzungslinie hinausragen in das vom Ocean vorzugsweise beherrschte Gebiet, sondern weil ihnen auch, durch die ihnen im Ueber geographische Stellung Rücken liegenden, ungünstiger» Gestaltungen ihrer Oberflächen, nicht die Vortheile des allgemeinern Landzusammenhanges zu gute kommen konnten. Wenn sie auch nicht ganz die Natur isolirter oceanischer Inseln annehmen konnten, so gehören sie doch jenem Gürtel, oder der großen Zone von Gestadeländcrn an, welche die Wasser- und Landwelt des Planeten scheidet. Ein Gürtel von vielfach verengten, theilweis oder ganz zerrissenen, abgesprengten und vereinzelten Gliedern, oder Inseln, rings um die äußere oder die oceanische Peripherie der Landhalbkugel, ein Kranz, welcher nur an zwei Stellen in verschiedenen Breiten ganz durchbrochen ist: Einmal in der größten Annäherung zum Südpol durch den breiten äthiopischen Ocean zwischen dem Cap Horn und dem Cap der guten Hoffnung, und Einmal in der größten Annäherung gegen den Nordpol durch die enge Behringsstraße zwischen N.O.-Asien und N.W.-Amerika. In der gleichartigen Gcsammtstcllung dieses Gürtels Pon Gestadeländern, des einzigen in seiner Art auf der Erde, an der Peripherie der Landhalbkugel, gegen den großen südlichen Wasserkreis des Planeten liegt das gemeinsame Verhältniß ihrer Abwendung von der contiuentalen Seite der Erde, ihrer Uebergänge und Annäherung an das Charakteristische der oceanischen Südwelt, wogegen die Unterschiede, welche die climatischen Abwechslungen in diesen Gürtel bringen, sich nur wie Arten zu Gattungen verhalten. Es fallen in diesen Kranz der Gestade die Südenden von Amerika, Südafrika über Madagaskar hin, die Südenden Hinterindiens mit den Sundischen Inseln, die vulkanreichen Jnselzüge am Ostgestade Asiens entlang, über Japan hin bis Kamtschatka, Alaschka, N.W.-Amerika, Californien und, am vulkanreichen Westgestade Amerikas zurück bis wieder gegen das Südende dieses Erdtheils. Der Contrast dieser eigenthümlichen Gegcneinanderstcllung ganz verschiedenartig überzogner, größter Breiten des Planeten, die vorherrschend mit dem feuchten oder trocknen Elemente bedeckt sind, scheint für dessen Organisation gleiches, ja noch überwiegendes Gewicht zu haben, wie dessen mathematischer Contrast des Nordens und Südens an beiden Polen, und wie dessen climati- und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. 109 scher, den man mit dem Ausdruck der Einen Tropenwelt und der beiden Polarwelten bezeichnen kann. Von diesen dreifachen, sich in ihren Berührungslinien und Mittelpuncten merkwürdig durchkreuzenden und gegenseitig bedingenden Gegensätzen beruht der erstere nur auf der eigenthümlichen horizontalen Ausbreitung der festen und flüssigen Form, also auf dem einfachsten Verhältnisse, ist aber von einem das Ganze beherrschenden Einflüsse, der selbst das Beweglichste und Unbestimmbarste,-die den Erdball umschwebende Lufthülle, unmittelbar berührt, und wie die Sonne durch Licht und Wärme, so durch die Feuchtigkeit immerfort umbildet und gestaltet. Denn die eine Hälfte derselben, mit dem Uebermaaß des Feuchten erfüllt, erhält den oceanischen Wolkenhimmel mit den hängenden Meeren; die andere Hälfte mit dem vorherrschend trocknen, klaren, kontinentalen Lufthimmel wölbt sich vorherrschend über das Marimum der trocknen Ausbreitungen hin, wie jene die Mitte des Wasserkreises beherrschen, indeß ihre allgemeinsten und regelmäßigsten Ausgleichungen über der großen Zone der Gestadeländer zu suchen sind, in welche z. B. die Region der Monsune fällt u. a. m. Mit der Bedingung des climatischen Gegensatzes ist durch diesen Contrast des Feuchten und des Trocknen, der aus der allgemeinen Welt- stcllung der doppelten Formen hervorgeht, das allgemeinste Verhältniß der grünen Bekleidung der Erde bezeichnet. II Die Gruppirung der Erdmaffen. Ein zweites, von dieser allgemeinsten Vertheilung beider Haupt- formcn, des Festen und Flüssigen, ganz verschiedenes Verhältniß ist das der Gruppirung der Erdmassen an der Planetenoberfläche, die in ihrer rigiden Gestalt von der Mitte nach außen, wie die Blüthenseite des planetarischen Gewächses sich zur Atmosphäre hin, dem Sonnenlichte entgegen hob, und als Fruchtboden, voll der mannichfaltigsten Keime von Entwicklungen, mit der Schönheit der- Landschaft überzogen, vielartig sich entfaltete und auf sehr verschiedene Weise zur Entwicklung höherer Bildungen sich aufschloß. Ueber geographische Stellung Diese Gruppirung begreift zwar jene, im Nordostcn vorherrschend gewordene Masse der Contincnte mit in sich, zeigt aber außerdem noch das für Länderbildung wichtig gewordene Phänomen der Massenanhäufung gegen die gemeinsamen Mitten, und der Sonderung und Zerspaltung an den Umsäumungen der Peripherien. Der Erdglobus zeigt, wie den nördlichen Polarkreis die beiden großen Besten der Alten und Neuen Welt in großen Breitenausdehnungen bis über den 70sten und selbst bis gegen den 80sten Grad nördlicher Breite umlagern, wo ihre auslaufenden Landspitzen und Vorgebirge sich einander bis auf geringere Strecken begegnen, ja, wie zwischen N.O.-Asicn uud N.W,-Amerika beinahe bis auf Tagercisenbreite gegenseitig berühren. Dieser weiten Ausbreitung gegen den Norden ist überall nach dem Süden hin die Verengung der Continente entgegengesetzt, ein Contrast von Ausdehnung und Zusammcnziehung im Allgemeinen wie im Besondern, vorherrschend im Großen und bis zum Kleinen sichtbar. Das Verlaufen aller einzelnen Erdtheile gegen die nicht arcti- tischen Seiten, zumal aber gegen den Süden, in keilförmig sich verengende Enden, Halbinseln, Glieder, zeigt sich auf jedem Globus sogleich; gegen die Wasserhalbkugcl hin bilden nur noch schmale Vorländer und endlich nur Inseln in sporadischer Zerstreuung die letzten Repräsentanten der Contincntalform, bis auch diese im Gebiete des freien OceanS fast in bloße Klippen zersplittert sind, oder gänzlich verschwinden. Eben dieser Gegensatz der Ausdehnung und Zusammcnziehung nach Mitte und Enden, mit dem strahligcn Auseinandergehen der Erdflächen von einem gemeinsamen, aber doppelt in die Alte und Neue Welt gesonderten Stamme, gegen die Glieder hin, giebt der Gesammtgruppirung ihren Hauptcharakter, der für das Ganze wie für die Entwicklung aller untergeordneten Gruppen und Ländertheile von dem entschiedensten und dauerndsten Einflüsse gewesen, und durch das, zum räumlichen Dritttheil größere Uebcrgewicht der Gewässer über die trocknen Flächen noch überall gesteigert und verstärkt werden mußte. und horizontale Ausbreitung der Erdtheilc. Aus dieser Gruvvirung ergiebt sich, daß die arktischen Län- verbreiten eben daher auf dem Erdkreise überall einander räumlich benachbart geblieben sind; sie zeigen darum auch unter den verschiedensten Längengraden minder verschiedenartige Erscheinungen, als andere, mit ihnen unter gleichen Erdmeridianen, aber viel weiter auseinander gerückt liegende Localitäten der Erde. Sie stehen, wie es scheint, einander geognostisch sehr nahe. Die organischen Bildungen sind durch einander mehr genäherte Formen und einfachere Verhältnisse bedingt, zeigen in den beiden getrennten Haupttheilen der Alten und Neuen Welt mehr verwandte und gleichartige Gruppen als sonst wo, und selbst die Ausbreitung der Völkerschaften, welche zn ähnlichen Familien und Stämmen gehören, mußten sich diesem näheren Verwandtschaftsgrade der arctischen Anordnung fügen. Aber nicht nur die arctischen Enden der Erde überhaupt, sondern alle gegen den Norden vorragende Enden der Erdtheile insbesondere, weil sie mehr der gemeinsamen Mitte zugestreckt liegen, blieben unter sich in nähern Verwandtschaftsgraden ihrer Gesammt- crschcinungcn als die Südenden der Erdtheile, die überall durch verhältnißmäßig weitere Meercöstrecken auseinandergerückt sind, und darum unter den verschiedenen Meridianen eben so vielfach sich unterscheidende, in sich abgeschlossene und von den andern charakteristisch verschiedene Welten von Erscheinungen darbieten, wie dies nicht nur die Südenden der drei großen Erdtheile, Amerika, Afrika, Asien, zeigen, sondern auch wieder im Besondern die vereinzelten Südcnden des tropischen und östlichen Asiens und die des teknpcrirtcn Enropa's. Denn überall zeigen hier die Längenabstände der Länder, vom Aufgang zum Niedergange, fast eben so viele verschiedenartige Ländcrsyftemc, mit allen hiezu gehörigen Erscheinungen, so daß nicht blos nach den Breiten der Erde, sondern auch nach ihren Längenabständen specifische Unterschiede in den Bildungen und Productionen der Planetenstellen sich zeigen. Das strahlige Auseinanderlaufen und die Gliederung des Umkreises der Landhalbkugel hat mehr natürliche Abtheilungen und Unterschiede, die von der doppelten Form des Festen und Flüssigen Ueber geographische Stellung bedingt werden mußten, an den äußeren Enden der Gruppirung festgestellt, als gegen ihre gemeinsame Mitte. Darum mußte auch schon ohne den hinzutretenden climatischen Unterschied, der indeß das Seinige zur Steigerung des Charakteristischen beitrug, dort die größere Mannichfaltigkeit contrastirender, in sich abgeschlossener Ländersysteme mit eigenthümlichen Charakteren hervortreten, zu denen die Uebergänge mehr oder weniger fehlen; da hingegen nach der gemeinsamen Ländermitte die gänzliche Verschiedenartigkeit abnimmt, mehr übergreifende Verhältnisse aller Art eintreten können, Uebergängc nach allen Seiten nicht blos im Climatischen möglich wurden, und so der Schauplatz der classisch gewordenen Weltgeschichte derjenige war, welcher in doppelter Hinsicht durch seine Stellung zur Gesammtgruppirung aller Landschaften der Erde vorgebildet war zu der Bestimmung, die er erfüllt hat, zur Ausgleichung des Contrastirenden der Länderräume in physikalischen und historischen Erscheinungen. Die eigenthümlichen Vortheile, welche aus dieser großen Anordnung der horizontalen Länderbreiten nach einer gemeinsamen Ländermitte, die demnach durch die mehr harmonische Auflösung contrastirender Verhältnisse charakterisiert erscheint, für die bezeichnete Planetenstelle und ihre allgemeinere Entwicklung hervorgingen, würden indeß, wie in den partiellen Mitten der Erdtheile geschehen ist, größtenteils wieder verschwunden sein, wenn die Ausbreitung der continentalcn Mitte vollkommen, das heißt ohne alle Unterbrechungen ausgefallen wäre, und dadurch die nordöstliche Landhalbkugel in ihrem Marimum des Vereins, des merkwürdigen Jneinandergreifens beider Formen beraubt hätte, welches zu der mannichfaltigstcn Entwicklung der centralen Länderbreiten eben so nothwendig war, als zur reichsten Ausstattung ihrer äußern Uin- säumung. Wie die physikalische Erscheinung überall die mathematische Construction bedingt, so ist auch hier die Zusammenschiebung der Continentc nicht vollkommen ausgefallen, sondern selbst in der Mitte der großen Gruppirung unterbrochen. Diese wassererfülltcn Unterbrechungen, welche wir Meerengen, Straßen, Buchten, Golfe, und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. Mittelländische Meere, selbst Theile des Oceans nennen, wie das Nordeismecr und der nördliche Atlantische Ocean, sind bei aller Größe dennoch gegen die völlig freien Gewässer der von allen Seiten offenen Wasserhalbkugel nur als eingeengte Wasserbehälter, als eingeschlossene Mittclmcere, als continental zu betrachten, im Gegensatz der vorzugsweise freien und offenen oceanischen der südlichen Wasserwelt. Denn obwol diese Meere einander ganz gleichgestellt zu werden pflegen, so haben sie doch als zweierlei Klassen mehr entgegengesetzte Verhältnisse und Eigenschaften, die vorzüglich aus dieser räumlichen Stellung hervorgehen. So z. B. in dem, was den Wassern ihr Leben giebt und bei Betrachtung der Naumverhältnisse charakteristisch für sie wird, in der Bewegung. Indeß die einen, nach außen freiliegenden den allgemeinsten Gesetzen derselben in ihrer Regelmäßigkeit folgen, nehmen die andern, wegen der mannichfach sie unterbrechenden Hemmungen, entweder gar nicht an der allgemeinen Fluthenbewegung Theil, wie die Binnenmeere Europa's und andere, oder zeigen verschiedene, von den allgemeinen erst abgeleitete Erscheinungen, wie die Nordsee, oder, wenn anch die unmittelbaren Fluthenbewegungen noch auf sie einwirken, wie auf den breiten Kanal des Atlantischen Oceans, dennoch eine, dem allgemeinen Notationsstrvm im freien Ocean von Ost gen West geradezu entgegengesetzte, rücklaufende Bewegung von Amerika gegen Europa hin, woraus sich allein schon deutlich genug ergiebt, wie durch die Stellung der Gewässer gegen die Ländergruppen auch ihre Natur bedingt werden mußte; denn der Art und Weise der Bewegung folgt die Umwandlung vieler andern Verhältnisse der Gewässer nach. Diese durchbrechenden Meeresstraßen, mit ihren eigenthümlichen hin- und herwogenden Bewegungen und Strömungen, haben die völlige Abschcidung der gemeinsamen Ländermitte von der oceanischen Südwelt und der großen äußern Gestadezone theilweise wieder aufgehoben, zumal gegen den Westen hin, und so den europäischen Erdtheil dem oceanischen Weltverkehr der Zeit nach (durch Fortbewegung auf dem flüssigen Elemente) weit näher ge- Rittcr Beitrage. H Ueber geographische Stellung nickt, als der Raum cö gestattete, wodurch die Lage dieses Erd- theils vor allen andern ausgezeichnet ist, indem sie die Vortheile des centralen mit denen der peripheren Ländcrstellung vereinigte. Gleichartige Verkeilungen, größere Jsolirungen und andere Stellungen der Erdtheile über das Rund des Planeten würden die Bedingungen zu ganz verschiedenartigen Entwicklungen auf demselben gewesen sein. Mit der eigentlichen Trennung der Landhalbkugel iu zweierlei Hauptstämme der Alten und Nencn Welt und mit deren uutergeord- netcr Sonderung in die vier größcru Wclttheile ist sür die großen Durchbrüche oder die continentalcn Meere die günstigste Form der einander benachbarten Gegcngestadc auf weite Küstenlinien hin erzeugt, durch welche die Nordwestendcn der Alten Welt und die Nordostenden der Neuen Welt ganz besonders ausgezeichnet sind, eine Küstenform, deren weckender und bereichernder Einfluß weit über ihre unmittelbar räumliche Grenze hinaus, sich von selbst ergiebt, wenn man auch nur an die Gegengcstade denkt, unter deren begünstigendem Einflüsse die Völker der Alten Welt, die Phönicier, Aegppter, Griechen, Karthager u. s. w., standen, an die des Scandinavischcn Nordens und die der neuern Zeit in Westeuropa und Nordostamcrika. Diese Küstcnform ist aber, bis auf kurze, nur im einzelnen begünstigte Strecken, dem äußern Saume der Landhalbkugel versagt, kommt nur dortigen Inselgruppen zu gute, nicht aber den Continenten, die zu weit auseinander gerückt sind, um wechsels- weis leicht erreichbare Gcgcngestade zu bilden für die Bewegungen der Gewässer, die Strömungen, die Winde, für die Wanderungen der Thiere, der Floren, der Volker und der Kulturen. Nur die vollendetste Schifferkunst konnte die Südcndcn des Planeten verknüpfen. Alle diese Hauptverhältnisse hängen nur allein von der eigenthümlichen Anordnung der Läudergruppen und der Wasserflächen, oder von jener Vertheilung und Gruppirung in Bezug auf das Ganze des Erdrundes ab, und eine große Reihe allgemeiner und und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. jt5 besonderer Erscheinungen, die im Einzelnen sich leicht verfolgen lassen, findet, für alle Unterordnungen der Länder, in den besonderen Verhältnissen, die aus diesen allgemeinen der horizontalen Dimensionen unmittelbar hervorgehen, ihre hinreichende Erklärung. III. Stellungen der einzelnen Erdtheile. Ganz andere Erscheinungen haben die, von jener allgemeinen Anordnung verschiedenen, aber mit ihr vereint wirkenden, besonderen Stellungen und Ausbreitungen der einzelnen Theile der Erde gegeneinander bedingt. Europa, das kleinste Festland, von dem großen durchbrochnen Ringe der Continente umgeben, und Australien, die größte Insel, vom freien Ocean umflossen, sind die Nord- und Südländer in der Mitte der Erd- und Wasserkreise, der continentalen und pela- gischen Seite des Erdplaneten. Europa wäre dieser Stellung gemäß, im Marimum der vereinten Continente, der continentalste aller Erdtheilc vorzugsweise zu nennen, der Uebergang, das Verbindungsglied aller zu allen. Auch der historisch-klassische Boden des westlichen Vordcrasicns und der Umsäumung Nordafrika's nehmen ihren Antheil an dieser Weltstellung, in deren Mitte das reichste Gcgengcstade des Mittelländischen Meerbeckens sich ausbreitet. Der Einfluß dieses Erdraums auf den Kulturgang der ganzen Erde und ihrer Bewohner, für die Nähe und weiteste Ferne, ist bekannt und mitbedingt durch diese in ihrer Art auf dem Erdrund nicht zum zweiten Male wiederkehrende, unstreitig günstigste Verthcilung der Räume und Formen. Von jeder anderen Erdstclle könnte man, den äußern Umständen gemäß, die nothwendig längere Dauer und die noch größeren Schwierigkeiten und Hemmungen durch räumliche Bedingungen für solche Entwicklung universeller Civilisations- und Kulturverhältnisse, der Analogie gemäß wohl nachweisen, und die gleich alten Kulturanstrcbungen ähnlicher Art in anderen Legalitäten, welche bei der reichlichsten H 2 116 Ueber geographische Stellung Mitgift doch der Anlage für die universelle Entwicklung entbehrten, wie in der indischen und chinesischen (Kultur.-) Welt, scheinen darauf hinzuweisen, daß, wie überall das Unsichtbare in seinen Wirkungen an gewisse Schranken der Erscheinung gebunden ist, auch der Entwicklungsgang der Bewohner der Erde in einer gewissen Harmonie mit der Organisation der irdischen Heimach steht, der sie unmittelbar angehören. Eine allgemeine cosmischc Anordnung iu der räumlichen Stellung der Erdtheile nach Licht und Wärmevertheilung, Auf- und Untergang der Gestirne, hat seit ältester Zeit die Aufmerksamkeit der Völker erregt, und durch den Hergang der Geschichte auch historische Benennungen erhalten, welche in ihrer Art große Züge zur Charakteristik der Räume angaben, die hier nur anzudeuten und für das Ganze zu erweitern sind. Seit alter Zeit betrachteten die Völker der Erde Asien als das gemeinsame Morgenland, nannten Europa das Abendland, und bezeichneten, durch die Weltstellung nach der Sonnenbahn, diese Erdräume selbst als Gegensätze mit den bekannten Namen Orient und Occident, welche in allen Erscheinungen dieser Räume ihre Anwendung finden. Zwischen beiden, mehr südwärts, liegt das Land der Aethiopcn, Afrika, gleichartig zu beiden Seiten des Aequators, der wahre heiße Süden des Erdballs, der am Südpol nicht zu suchen ist, sondern in der Erleuchtungsmitte des Planeten, wie die helle, heiße Mitte des Tages zwischen Morgen und Abend. Zu diesen dreien bilden die Nachtseite der Erde, nach den Ansichten der Alten, oder die weiten Ausbreitungen der Nord- Polarländer den wahren cosmischen Gegensatz: denn am Südpol, dem mathematischen Gegensatze des Nordpols, findet sich keiner, weil dort das Gebiet der Wasserwelt und ihrer Erscheinungen ist. Amerika bildet in seinem weitern Abstände den ganzen Westring des großen Erdkreises, und mußte, da Europa nur für eine verschwundene Durchgangsperiode als der Occident der Alten Welt erscheinen konnte und seine Bestimmung als Uebcrgangsglied des Ganzen erfüllt hatte, das jüngere Ziel der Völkerbestrebungen und horizontale Ausbreitung der Erdtbeile. werden, die Neue Welt, das Abendland, im Gegensatze der Alten Welt, die ihr schon zum Morgcnlande geworden ist. Keines dieser historischen Verhältnisse mit der Fülle der zugehörigen Erscheinungen und Entwicklungen konnte, weil ihm die räumliche Basis mangelt, dem australischen Süden zu Theil werden, dessen Festland in seiner Jsolirung einer Insel des Oceans gleicht, und so nur, als das größte Gestadeland der südlichen Wasserwelt, seinen Beitrag zum Allgemeinen zu geben berufen zu sein scheint. Dieser coömischen Anordnung der Erdräume entsprechen auch die Gesammtverhältnisse der Natnr und Geschichte, die zum Theil in dem Entwicklungsgänge des Menschengeschlechts sich ausweisen; aber auch die Stellung der einzelnen Ländcrräume erhält dadurch ihre besondere Charakteristik, und der bedingende Einfluß, den sie unter solchen räumlichen Constellationen, zumal iu den merkwürdigsten Uebcrgangsgliedern auf die Entwicklung der Völker und, der Begebenheiten ausübten, wäre in den Völkerhistorien einer weit größern Beachtung wol werth. Sieht man auf das Einzelne der Erdtheile, so zeigen sie in Größe, Länge und Breite, Zurundung und Gliederung charakteristisch sehr verschiedenartige Verhältnisse ihrer Ausbreitungen, die nicht ohne Einfluß bleiben konnten. IV. Größe. Daß Asien der größte Erdthcil der Alten Welt war, machte ihn und seine Bewohner von Anfang an fähig, reiche und mannich- fallige Gaben an seine westlichen Nachbaren, die Erdtheile von geringerm Umfange, zu spenden, ohne selbst zu verarmen und ohne jene, da ihrer zwei verschiedene waren, zu denen doppelte Wasscr- und Landbreitcn führten, zu überfüllen und in ihrer selbständigen Entwicklung aufzubaltcu oder zu stören. Daß Europa an Raum beschränkter war, beschleunigte, im Gegensatz der colossalem Erdtheile, unstreitig seine mehr harmouische Entwicklung in seinen Neber geographische Stellung leichter überschaulichen Raum-, Völker-- und Staatenverhältnissen, und förderte, bei der dadurch nicht minder gesteigerten Regsamkeit seiner Kulturvölker und der Anweisung ihrer eignen Küstcnbil- duug auf die Gegcngestadc, Entdeckung und Kolonisirung der übrigen Erde. Die räumliche Größe Amerika's, bei der durch die insularischc Natur vermehrten Empfänglichkeit für die Gaben der Alten Welt und bei der geringern Zahl und Schwäche einheimischer Bevölkerung, sicherte mit dem Fortschritt der Zeit die Verwandlung desselben in ein transatlantisches Europa, wodurch ein Erwerb der Jahrtausende aus der gemeinsamen Mitte in wenig Jahrhunderten dem weitern Erdkreise zu gute kam. Der sehr geringe Umfang der australischen Länderbreiten läßt überall dem oceanischen Weltverkehr freiere Bewegung und Spielraum, als ein weit verbreitetes, armes, so lange Zeit vorhanden geglaubtes antarctisches Polarland gestatten würde. Der Nachtbeil der Lagerung der arktischen Polarländer wird aber durch ihren geringen Umfang und ihre allgemeinere Zerstücklung sehr gemindert; ihre Stellung im Ringe der Continente um die gemeinsame Ländcrmitte (also nicht etwa in unerreichbarer oceanischer Ferne, sondern in der Nachbarschaft der thätigsten Bevölkerung des Planeten) hat ihren Einfluß auf das Ganze nicht hemmend, sondern vielmehr unmittelbar anregend und entwickelnd gezeigt. Das Verhältniß der Größe der Erdräume wird indeß mit dem Fortschritt der Civilisation und ihrer gesteigerten Kunstmittel überall, wie mehr und mehr jedes physische Element des Planeten, als ein untergeordnetes zurücktreten. V. Verhältniß der Längen- und Breitenausdehnung. Sehr verschieden ist die Länge und Breite der Erdtheile vertheilt; mehr gleichartig in Afrika und Australien, daher ihr weit zurückliegendes Inneres zum Theil wenigstens gleichschwer zugänglich von allen Seiten geblieben ist. Amerika, höchst ungleich- und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. tt9 artig wegen weit überwiegender Ausdehnung von Norden nach Süden, gegen die doppelartig wechselnde Breite von Westen nach Osten, und darum bei der ersten Enthüllung sogleich in seiner vereugtesten und selbst oceanisch zugänglichsten Mitte beherrscht von der Gewalt der Fremden; an seinen breitcrn Enden ähnliche Erscheinungen darbietend, wie jene beiden in ihren Mitten zeigen. Asien für sich, noch weit mehr aber mit seiner westlichen Fortsetzung Europa, ist umgekehrt von Osten nach Westen in die größte Länge ausgedehnt, nnd schon allein in diesem Gegensatze der beiden vereinten alten Kultur-Erdthcilc gegen alle übrigen zeigt sich eine merkwürdige vorausgebildete Anlage näherer Verwandtschaft und gegenseitiger Bedingung in allen Naturerscheinungen uud Völkcrbcgcbeuhcitcn. Im ununterbrochnen Zusammenhange sind diese beiden Erdtheile vollkommen um die halbe Erdkugel der Länge nach hingelagert, von Osten nach Westen, fast vom isten bis über den 200sten Grad östl. Länge von Ferro hinans. Die Breitculageruug von Südcu nach Norden ist dagegen sehr untergeordnet: in Asien, das ganz im Norden des Acqnators zurückbleibt, beträgt sie kein '/^ des Erdumfangs, reicht nicht vom Pol bis zum Aequator; in Europa kein X' da die vereinte Läugenausdehnuug beider gegen der Erde beträgt. Ganz das Gegentheil zeigt Amerika's Lagerung; seine größere Ausdebnung von Süden nach Norden nimmt gegen '/z deS Umfangs der Erdkugel ein, die Ausdehnung von Osten nach Westen ist dagegen sehr uutergcorduct, kaum über '/.. Die. Ausbrei- tungeu beider Welten stehen also in dieser Hinsicht im größten Contraste, und nicht gleichgültig konnten die Folgen sein, welche durch diese Naturanordnung in der Ost- und Westwelt bedingt wurden. Amerika streckt sich daher durch weit mehr Zonen der Erde hin, als Asien; seine einzelnen Ländcrräume sind durch weit mehr Klimate, der Zahl nach durch doppelt so viele, unterschieden; Asien hat von dessen klimatischen Wechseln nur die Hälfre erhalten zwischen 120 Ueber geographische Stellung Aequator und nördlichem Polarkreis. Amerika hat also eine weit größere klimatische Sonderung seiner Ländertheilc zu erleiden; Asien hat bei größerer Mannichfaltigkeit seiner Oberflächen dennoch einen größern klimatischen Zusammenhang. Dieser große Unterschied der Ost- und Westwelt würde zu einem schroffen Gegensatze zwischen beiden geworden sein, wenn nicht wieder andere mildernde Verhältnisse (z. B. das vermittelnde Streichen seines großen Meridiangebirges der Cordillere von Süden gegen Norden) theilweise einträten. Dennoch mußte dieser climatischen. Sonderung auch die aller Prodnctionen, so wie die ethnographische Sondcrung der Menschengeschlechter folgen, desto mehr, je weniger Fortschritte die Kultur gemacht hatte, um die Hindernisse der Natur durch Kunstmittel und den Fortschritt der Civilisation zu überbieten. Asiens größere climatische Einheit hat auch die größere Gemeinschaft, die harmonische Entwicklung der Menschheit, auch ohne die Fortschritte der Schifffahrt, mit in Rechnung zu bringe», die möglichst innigere Verbindung der Völker, den gegenseitig möglichen Austausch ihrer Sitten, Gebräuche, Ideen, Religionen und überhaupt alle höher gesteigerte Kultur seit dem ersten Anbeginn von ihrer Seite vielfach bedingt und gefördert. Asiens Stammgeschlechtcr konnten allerdings eher aus der größern climatischen Einheit einer gemeinsamen Heimath in die climatische Vielheit des Erdballs übergehen und sich in den Besitz seiner Landschaften vertheilen, als umgekehrt. Sie hatten wenigstens bei ihren uns historisch bekannt gewordenen Vertheilun- gen und Wanderungen keine vernichtenden Contraste zu überwinden, denen in den entgegengesetzten Richtungen so viele wol eher hätten unterliegen müssen; den verwandten,Klimaten und Heimathsver- hältnissen konnten sie wenigstens nachgehn, es eröffnete ihnen die Alte Welt auf die günstigste Weise ihren unermeßlichen Schauplatz vom Aufgang zum Niedergang. So bildete sich wol in dem östlichen Continent das große System des Völker- und Kultur-Fortschritts in der Richtung von Ost gegen West aus, und zu diesem Ausbreitungsgcsctze der Völker und Kulturanfänge war dieser Theil und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. j2i der Erde, abgesehen von allem übrigen, durch seine räumlichen Ausbreitungen vorbereitet wie kein andrer, indem er jeden Bedarf und Hausrats) der Völker den wandernden, wie den sich ansiedelnden Stämmen und Geschlechtern mitgeben konnte. VI. Zurundung und Gliederung. Noch bleibt von den allgemeinern auch das Verhältniß der Zurundung und Gliederung der horizontalen Ausbreitungen bei den verschiedenen Erdtheilen zu beachten übrig. Afrika bietet in dieser Hinsicht die einfachsten Erscheinungen dar; es zeichnet sich unter den drei Erdtheilen der Alten Welt durch seine fast insclartige Abgeschiedenheit von den übrigen aus, nnr mit einer sehr schmalen (wahrscheinlich jüngern) continentalen Verbindung mit Westasien, durch die Landenge Suez. Seine mehr abgeschlossene Erdgestalt nähert sich einer elliptisch zugerundeten Figur, mit im Ganzen sehr einförmiger Küstenperipherie; der Län- gendurchmcsser dieser Figur ist dem Breitendurchmesser fast gleich, und eben so climatisch gleichartig (bis zum 35sten Parallel) auf der Nord- wie auf der Südseite des Aequators hingestreckt. Ohne tiefere Buchten, Einschnitte oder Meeresarme ist der Umfang seiner Küstcnkrümmung von etwas über vicrtehalbtauscnd (3800 M.) Längenmeilen, die einförmigste Küstcnnmsäumung aller Erdtheile, Afrika hat daher, seiner insularischen Lage und seines großen Areals ungeachtet, verhältnißmäßig die kürzeste Küste unter den Erdtheilcn, und sein Binnenland hat durch die kärglichste Gestadeform die möglichst geringste Berührung mit dem Ocean erhalten. Asien, nur nach drei Seiten vom Meere umflossen, macht in seiner horizontalen Ausdehnung mit Enropa gegen Westen hin noch einen gemeinsamen Stamm aus. Vorzüglich seine Ost- und Südküsten laufen in weitvorspringende Landzungen, Vorländer und Halbinseln aus, welche als eben so viele, mehr oder weniger getrennte Glieder, des großen und breiten Erdkörperö zu betrachten 122 Ueber geographische Stellung sind. Von der Halbinsel der Tschuktschen und Kamtschatka, rund um den Erdtbeil über Corea, das chinesische Vorland, die beiden Indien, Arabien, auch gegen West hin bis Kleinasien, nehmen diese Gliederfvrmen, welche Afrika gänzlich fehlen, einen sehr bedeutenden Flächenraum ein, und selbst das sibirische Nordgcstade hat, wiewol im kleinern, dort vorzüglich ungünstigern Maaßstabe, doch noch stärkere Buchtenbildung und dadurch mehr und tiefere horizontale Spaltungen erhalten, als die afrikanische Küste. Dennoch bleibt im Binnenlande Asiens noch immer ein breiter und langer Erdraum übrig, welcher nicht unmittelbar von einschneidenden Meeren und den Einwirkungen ihrer zugehörigen Formen berührt wird, der sich als der eigentliche Stamm des Ganzen zeigt. Dieser geschlossen gebliebene Theil ist dem Areale nach noch immer sehr vorherrschend vor dem, welches seine Verzweigungen und seine Glieder einnehmen; Afrika bleibt aber nur als Stamm ohne Verzweigung und Gliederung zurück. Der große Einfluß einer so mannichfaltig entwickelten Küstenform auf den Reichthum und die Vervielfältigung aller Natur- und Völkerverhältnissc des Erdtheils springt von selbst in die Augen; dessen gesammte Peripherie hat durch diese Gliederung eine ganz andere Jndividualisiruug und Steigerung aller Verhältnisse gewonnen, für jeden besondern Ländertheil wie für das Ganze. Europa, der kleinste der drei Erdtheile der Alten Welt, ist seiner horizontalen Dimension nach am allermannichfaltigsten gestaltet. Verzweigung, Gliederung, Jndividualisiruug seiner Länderräume, und nicht blos seiner Umsäumungen, ist sein Haupt- charakter. Denn sein von Osten nach Westen langgedehnter, aber verhältnißmäßig sehr schmaler Stamm nimmt gegen West immer mehr an Breite ab und ist durch einschneidende Meeresarme und Mittelmeere in viele große und kleine Halbinseln getheilt, von denen einige wieder in sich gegliedert erscheinen, z. B. die in dieser Hinsicht ganz einzige und sehr merkwürdige Gestaltung Griechenlands, welches die Gestadebildung in höchster Entwickelung zugetheilt erhalten hat. Nicht nur wie Asien gegen zwei Meeres- und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. jZZ feiten, sondern auch noch gegen den polaren Norden zeichnet diese Zertheilung Europa's sich im alten Eontincntc charakteristisch ans, so daß dort seine zum Theil sehr mächtigen Glieder, völlig im Contraste mit dem benachbarten Asien, zweierlei eigenthümlich gebildete Mittelmecre größtenthcils einschließe», die Ostsee und Nordsee. Durch diese charakteristische Trennung und Abscheidung so vieler Theile seines Festlandes ist die Küstcnumsäumung von Europa zu eiuer Küstenkrümmung von außerordentlicher Länge geworden. Seine durch ihn eingeschlossenen Binnenmeere machen etwa die Hälfte des Areals seiner trocknen Ländcrränme aus. Ungeachtet sein Flächeninhalt etwa dreimal kleiner ist als der von Afrika, so ist die Entwicklung seines Küstenrandes fast um das Doppelte größer (an 5400 geogr. M.), also das Zwölffache seiner Landgrenze gegen Asien. Die Küstcuentwicklnng Asiens ist allerdings noch um '/z größer als die von Europa, etwa 7000 Län- genmcilen, aber das Areal dieses Erdtheils auch mehr als vier Mal bedeuteuder. Europa ist daher der Erdtheil mit der relativ größten Küstenbegrcnznng, mit der reichsten Entwicklung der Gestadeform auf der Erde; er ist also der zugänglichste von der Seeseite geworden. - In seiner Gestaltung ist die vollkommenste Ausgleichung und günstigste Scheidung der flüssigen und festen Formen auf dem Planeten rcalisirt, ohne die Nachtheile der völligen insularischeu Zerspaltung, die wir in einem etwa gleich großen Raume, wie der europäische, am Südostende Asiens in der Sundischen Inselgruppe wahrnehmen, welche nur eine Steigerung und Fortschritt derselben Bildung durch uoch größere Abscheidung barbieret, und in sofern durch zu große Gliederung den vollkommensten Gegensatz zum Mangel aller Gliederung wie in Afrika bildet, zwei Ertreme, welche ungleichartig und entgegengesetzt auf Naturverhältnisse wirken mußten, aber gleichartig hemmende Formen für die .Entwicklung uud den Fortschritt ihrer menschlichen Bewohner waren, die dadurch nur bis zur Stufe der blos continentalen oder blos litoralen Kultur sich erhebe» konnten, wie Neger und Malaien- 124 Ueber geographische Stellung Völker gethan. Europa erhielt in dieser Mitgabe der Küstengestalten zu jenen oben bezeichneten Stellungen noch die Vervollständigung aller räumlichen Naturbedingungen zur Ncalisirung des merkwürdigen Factums, daß auf dem kleinsten der Erdräume sich die größte historische Mannichfaltigkcit im Menschengeschlechte entwickeln konnte, und daß der kleinste die Herrschaft der größten erlangen sollte. Bei Afrika kann von keinem Verhältniß der Glieder zum Stamme des Erdkörpers die Rede sein, denn diese fehlen dort gänzlich; keine seiner Küsten hat bei dem Mangel günstiger Formen die Vcrschicdenartigkeiten und Reichthümer anderer Gestadeländer im höhern Maaße erhalten, und alle einheimischen Bewohner dieses Erdtheils bilden in ihrer großen Verbreitung gegen diejenigen anderer Erdtheile eine sehr einförmige Völkergrnppe, und sind überall in ihren beschränkteren, blos continentalen Verhältnissen zurückgeblieben. Asien ist in seinen Länderräumcn gegliedert und zumal gegen Südost und Süd in die reichsten und größten Halbinseln getheilt, deren jede für sich eine eigenthümliche Welt von Erscheinungen darbietet, die den Erdthcil unerschöpflich bereichert haben (so die chinesische Welt, die hintcrindischc der Malaien, die hindostanische, die arabische, die klcinasiatischc). Aber die ländertheilendcn Meere dringen bei ihm doch noch nicht individualisirend bis in die.Mitte seines geschlofsencnen Körpers ein. Diese breite Mitte erhält sich immer in ungeheurer, fast unnahbarer Ausdehnung; das Areal der Glieder tritt noch immer sehr gegen die Masse des Erdkörpers zurück. Die Natur- und die Völkerverhältnisse entwickelten sich höchst mannichfaltig und jedesmal ganz eigenthümlich auf dem verschiedenartigen Boden seiner Glieder; aber weit einförmiger in der Mitte, und es konnten jene, schon vermöge der großen scheidenden Form in ihrer gemeinsamen Mitte (wenige temporäre Ausnahmen ungerechnet), zu keiner voll- kommnern gegenseitigen historischen Vermittlung, Berührung, Verkehr, Austausch der Gaben und Kräfte gelangen, und — das mittlere Asien blieb noch immer vom Aeußern des Erdtheils viel- und horizontale Ausbreitung der Erdtheile. t25 fach geschieden und gesondert. Bei Europa hat sich das Verhältniß dieser Ländertheile ganz anders gestellt; wenn bei Asien das Areal der Glieder zum Stamm wie '/z zu ^ Theilen betragen mag, so verhält es sich dagegen in Europa wie '/z zu ^ Theilen. Die Glieder haben also eine weit größere Bedeutung gegen den Stamm gewonnen, sind vorherrschend in ihren mannichfaltigen Bildungen geworden. Dieser tritt in geringerer Masse gegen seine Extremitäten zurück, bringt nirgends Hemmungen, sondern sein Boden ist überall Vermittlung der Gliederung. Die Wirksamkeit der Meere und die Gestadebildung verbreitete dadurch ihren Einfluß auf und durch den ganzen Continent; kein anderer Erdtheil ist ihm darin gleich. Sein Binnenland hat dadurch die größtmöglichste Berührung mit dem Ocean erlangt, und die centralen Länder zugleich die Anregungen und Vortheile der Seegestade. Die reichhaltigste geschichtliche Entwicklung des reichgegliederten europäischen Bodens und seiner Völker und Staaten entsprach dieser natürlichen Grundlage. Nicht blos durch die halbgetrennten Glieder des Erdtheils, sondern auch durch die ganz getrennten, durch die Jnselbildung, ist Europa's Gestade vor vielen andern charakteristisch bereichert. Nicht durch die Menge der fernen, oceanischen, zerstreuten, welche keinem der Erdtheile, vielmehr dem Ocean angehören, sondern durch die bedeutende Größe und Zahl der benachbarten Inseln, welche das Gestade begleiten und als wahre insularische Erweiterungen des Continents anzusehen sind, wodurch der Reichthum der Glieder sich verdoppelt und verdreifacht. Diese fehlen Afrika fast gänzlich; Asiens Südostgestade begleiten sie in so außerordentlich großer Zahl, daß jenes Labyrinth der tausend Inseln, von denen die Sundischen nur die flächenreichste Gruppe ausmachen, ohne bedeutendere Wechselwirkung mit dem Continent, seine Welt für sich gestalten mnßte. In Europa, wo die Areale des Continents, der Gliederung und Jnsulirung sich verhalten wie die Zahlen 2 : t:'/^, wo dieses letztere Verhältniß das relativ größte der Art überhaupt Ueber geographische Stellung ist, sind sie zugleich sehr günstig vertheilt und so gestellt, daß sie selbst als vermittelnde Uebergänge zu den benachbarten Erdtheilen dienen mußten. Nur Amerika ist in dieser Reihe der Betrachtungen noch kürzlich zu erwähnen übrig, denn es schließt gewissermaßen die Progression des Kreises dieser räumlichen Umgestaltungen, aller möglichen, dem Wesen nach verschiednen horizontalen Entwicklungen des Planeten, indem es in sich die Gegensätze und die Verdopplungen der Formen der Men Welt wiederholend vereinigt. Im Gegensatze des afrikanischen Erdtheils ist der amerikanische durch ein mittelländisches Meer, das merikanische, in seiner Mitte fast gleichmäßig in einen verdoppelten Continent verwandelt, dessen verbindende Mitte, die Landenge, an sich zwar immer breit genug, aber relativ für den Erdtheil nur gering zu achten ist, und durch die, jede Communication hemmende Form ihrer Oberfläche zur Scheidewand des Nordens und Südens werden mußte, der nur durch die Meere in Wechselverkehr treten konnte, sowol für Natur wie für die Geschichte des Erdtheils. Für diese Verbindung der im übrigen geschiedenen contincn- talen Hälften im Norden und Süden spielt die große centrale Inselgruppe, welche Amerika auszeichnet, die Rolle der Vermittelung, wenigstens seit ihrer ersten Entdeckung durch die oceanischen Fremdlinge und Einwandrer. Der übrige getrennte Norden und Süden Amerika's haben beide in den horizontalen Dimensionen sehr viel Analoges, größere Breiten im Norden, Breitenabnahme gegen den Süden, eine dem afrikanischen Dreiseit genäherte Gestalt, die sich zweimal wiederholt und durch die Landenge verknüpft ist. Auch ist wenigstens theilweise hierdurch eine gewisse Einförmigkeit der Küstenumsäumung bedingt, und der Süden Amerika's steht in dieser Hinsicht dem einförmigsten der Erdtheile, Afrika, am nächsten, von dessen innerer Oberflächenentwicklung die seinige indeß völlig abweicht, wegen ihres gänzlich verschiedenen hydrographischen und orographischen Systems. Eine größere Man- nichfaltigkeit der Küstenumsäumung zeigt der Norden des Erdtheils, und horizontale Ausbreitung der Erdthcile. 127 dem die günstige Gliederung zu Theil ward, zumal gegen den atlantischen Ocean hin. Die größten Bapen und mittelländischen Meere, welche so tief und mannichfaltig in den Norden Amerika's einschneiden, verschaffen diesem einen großen Vorzug vor dem Norden Asiens, und geben ihm, an seinen Süd- wie an seinen Nordcnden von Binnenmeeren bespült und mannichfaltig gestaltet, der mehr polaren Annäherung ungeachtet die größere Zugänglichkeit, und seiner ganzen Ausbreitung den Naturcharakter Europa's, welchen die climatische Stellung unterstützte; eine Ausbreitung der Planctcnstelle, welche mit dieser Vorbildung bei dem Verhältniß der Gegcngestade und der dadurch bedingten Meeresbewegungen, in der möglichst kürzesten Zeit zu einem verjüngten Europa sich umgestalten sollte, und die Civilisation bis in den höchsten Norden der Erde zu verpflanzen berufen zu sein scheint. Wenn es sich aus diesen Bemerkungen über die Vertheilung der wesentlichsten horizontalen Formen der Erdräume ergeben sollte, daß auch in diesen eigenthümliche Entwicklung, Fortschritt, Steigerung der Verhältnisse und Jndividualisirung jeder Plane- tenstclle sich zeigt, und ein gewisses natürliches System der Anordnung dieser räumlichen Verhältnisse nicht zu verkennen ist, so wird auch die Entwicklung aller übrigen Erscheinungen auf dieser räumlichen tellurischen Grundlage nicht ganz diesem widerstrebend, zufällig oder willkürlich, sondern durch sie bedingt, jedesmal nur stattfinden können. Aber die volle Wirkung solcher räumlichen Verhältnisse auf das Besondere und Allgemeine kann nicht aus einer einseitigen Ansicht derselben hervorgehen. Die horizontale Dimension, die geographische, ist nur diese eine Seite räumlicher Verhältnisse, unter welcher die Länderstrecken erscheinen. Zur vollständigen An- schaung ihrer Gestaltung und deren Einwirkungen gehört nothwendig die vertikale Dimension der Räume, die physikalische, t28 Ueber geograph. Stellung u. Horizont. Ausbreit, der Erdtheile. welche jene hundertfältig ergänzt und bedingt. Beide im Zusammenhange ihrer Gestaltungen, Bildungen, Verhältnisse, Gesetze und Einwirkungen betrachtet, können erst zur lebendigen Anschauung der Oberfläche des Planeten und ihrer Einwirkungen auf Natur und Geschichte führen, oder zu einem natürlichen Systeme geographischer Wissenschaft. II. Bemerkungen über Veranschaulichungsmittel räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen durch Form und Zahl. (Vorgetragen am 17. Januar 1828.) v^s sind nur einige Bemerkungen, die ich in ihrem unvollendeten Zusammenhange hier mitzutheilen wage, von denen es allerdings für diesen Ort der Sache angemessener gewesen sein würde nur die Resultate vorzulegen, wenn nicht zur Erreichung eben dieser Resultate, für gegenwärtigen Augenblick wenigstens, die Mittel fehlten, und auch unter drängenden Umständen Versuche, sich einen wissenschaftlichen Weg erst zu bahnen, einige Nachsicht bei der Beurtheilung erlangen dürften, während der Vorschlag selbst zur Herbeischaffung der Mittel, um zu wichtigern Resultaten zu gelangen, vielleicht einiger Beachtung werth ist. In einer frühern Abhandlung war es mein Bestreben, das Wesentliche der Verhältnisse geographischer Stellungen und horizontaler Ausbreitungen der festen Erbmassen, oder der Erdtheile, für das Ganze zn entwickeln. Dies konnte nur in ganz allgemein geltenden Ausdrücken für die Gesammtvcrhältnisse der Oberfläche des Planeten und seiner Hauptthcilc, und in Beziehung auf den Entwicklungsgang des Menschengeschlechtes überhaupt geschehen. Sollte aber die Anwendung dieser allgemeinen Verhältnisse fruchtbar zurückwirken auf die Betrachtungsweise jedes besondern Landthciles und dessen Bewohner, und den speciellen Antheil jedes Ritter Beiträge. I 130 Bemerkungen über Veranschaulichungsmittel Länderraumes an jenem Gesammtverhältniß mit Klarheit zur Anschauung bringen, so, scheint es, würde es zur Verständlichmachung der räumlichen Verhältnisse nothwendig sein, sich dazu der Form und der Zahl als Mittel zu bedienen, und zwar auf eine bisher weniger gewöhnliche Weise. Der Form nämlich in ihren durch die Geometrie bekannten Figuren, die als Anschauungen, ohne Maaßangabe, an sich schon das analoge Verhältniß eines in Rede stehenden Flächenraums vor die Seele führen, und daher jeder weitern Beschreibung überheben können. Der richtige Gebrauch und die besonnene vergleichende Anwendung geometrischer Figuren für phpsicalische Räume wäre in einer geographischen Verhältnißlehre ganz dazu geeignet, auf eine sehr einfache und verständliche Weise zu bestimmter» Vorstellungen zu führen. Man würde durch deren sichere Verknüpfung zu neuen Anwendungen derselben gelangen, die zu einer dem Wesen nach zusammengedrängten, gleichsam verdichteten Reihe einander deckender Anschauungen erheben und dadurch unmittelbar in das Licht setzen würden, was eben in den Länderräumen, allen Erscheinungen nach, von ihrer geometrischen Figur abhängig werden mußte. Diese Benutzungsweise der geometrischen Figuren ist längst zum größten Vortheil in der botanischen Terminologie eingeführt, wo die allgemeinere Verständlichkeit wol keineswegs auf Kosten der Genauigkeit für den Zweck der Vcranschaulichung berücksichtigt ward. In der geographischen Wissenschaft ist diese Beihülfe mit wenigen Ausnahmen (hie und da nur auf eine spielende Weise) noch gar nicht benutzt wordeu, weil man immer bei der jedesmaligen Beschreibung stehen bieb, ohne das Resultat derselben, nämlich den gewonnenen Begriff, für die Weiterführung der Wissenschaft zu handhaben. Auf eine consequent für das Ganze der Planetenoberfläche durchgeführte Weise würde sich diese, ihren horizontalen Räumen nach, auf eine bequem überschauliche Art in eine gewisse Anzahl keineswegs willkürlich erdachter, sondern der Natur ihrer Ausbreitungen entsprechender geometrischer Figuren von umfassender oder untergeordneter Größe zerlegen lassen, mit deren räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. 13t Combination dann die geographische Wissenschaft ein leichteres Spiel haben würde für elementare wie für wissenschaftliche Betrachtung (die ja in Eins zusammenfallen), als mit der unübersehbaren Masse schwerfälliger und umständlicher Beschreibungen, die nur zu endlosen Einzelnheiten führen. Eben hierin, in der noch nicht gewonnenen Herrschaft der Form über den Stoff, sowol im Allgemeinen wie im Besondern, bis in die untergeordnetsten und kleinsten Verhältnisse hinab, scheint ein Hauptgrund des scholastischen und compendiarisch so unfruchtbaren allerersten Zuschnittes der Geographie als Schulwissenschaft zu liegen, und jenes Mittel der geometrischen Figuren, auf die mannichfaltigste Weise bei ihr in Anwendung gebracht, würde, wie leicht vorauszusehen ist, zu freierer Bewegung und besserer Handhabung schon eines bedeutenden Theiles ihres solcher geometrischen Construction fähigen Stoffes führen. In jener frühern Abhandlung ward es versucht, einigen Gebrauch von diesen geometrischen Figuren zu allgemeinen Verhält- nißbcstimmungcn zu machen, bei der Hinweisung auf die Grup- pirung der Erdmassen, auf die Stellungen der einzelnen Erdtheile, auf das Verhältniß ihrer Längen- und Vreitenausdehnung und auf ihre Zuruudung und Gliederung. Ihr Gebrauch würde auch zur deutlichern Veranschaulichung und daher zur schuclleru und sicheren Verglcichung der besondern Länderräume, wie zur größern Kürze und Bestimmtheit in einer geographischen Terminologie führen, indem mit dem geometrischen Ausdruck immer das Wesentliche der Figur eines Erdraumes bezeichnet sein müßte. Zur genauern Bestimmung seiner geographischen Figur müßten, da rein mathematische Figuren in den Phpsi- calischen Räumen fehlen, und sie nur als ihre Kern- oder Grundgestalten gelten könnten, — es müßten also auch die Abweichungen von den geometrisch eingeschlossenen Räumen, nach außen oder nach innen der als Basis angenommenen Figuren, durch -j- oder — angegeben werden, als der Ueberschuß oder als ein Mangel des bezeichneten geometrischen Raumes, woraus mancher bedeutende Vortheil bei Behandlung der Wissenschaft sich ergeben könnte. IS 132 Bemerkungen über Vcranschaulichungsmittel Es würde nach dieser Anwendung z. B. das Analoge der Raumverhältnisse aller Länder mit der Grundgestalt des Quadrats wie etwa von Spanien, dem Pelovonnes; oder des Nectangels, wie Australien, mit der Grundgestalt des Rhomboöders, wie Thessalien und Epirus, des Kreises, der Ellipse, des Dreiecks, Fünfecks u. s. w. von selbst vor die Anschauung treten, und die Verschiedenartigkeit der Berührnng mit den Umgebungen, nach Form und Stoff, zu vielen unmittelbaren Folgerungen auf das bestimmteste Veranlassung geben. Zu diesen führt die unbestimmte Auffassung so auf den ersten Blick ganz regellos erscheinender Figuren, wie die mehrsten der Ländergestaltcn auf Karten sich zeigen, nicht leicht, weil die Menge der kleinern und größern Irregularitäten den Beschauer nicht zur Abstraktion von denselben und zur alleinigen Beachtung des Wesentlichen oder der Kernfigur gelangen läßt, von der doch allein viele der großen Hauptbestiminuugen des Länderraumes, seiner Bewässerung, Climate, Productionen u. s. w. einzig und allein ihre Grundbestimmung erhalten und abhängig sind, nicht aber von dem -j- oder — der Abweichungen. Zu der ersten anfänglichen Betrachtung der Uebereinstimmungen der analogen Verhältnisse in diesen gleichartigen Grundgestalten der Länderräume nach geometrischen Figuren würde dann die Betrachtung der Abweichungen (die bei jedem gegebenen Länderraume eigenthümliche sein werden) nach dem Ueberschuß oder Mangel hinzuzufügen sein. Eben hiedurch wird jeder dieser im übrigen der Grundgestalt nach analogen Länderräume als ein anderer erscheinen, zu einer bestimmten, anch nach dieser Rücksicht schon für sich individualisirten Planetenstelle werden, mit eigenthümlichen, von allen übrigen verschiedenen untergeordneten Erscheinungen, Umständen, Verhältnissen. Die beiden großen Triangel-Länder, aus denen z. B. Nord- und Südamerika bestehen, werden dadurch sofort in Vergleich mit dem Triangel von Vorderindien und der Südhälfte von Afrika (um bei den größten Länderräumen dieser Art stehen szu bleiben) ihre charakteristisch von einander verschiedenen und doch wiederum analogen Verhältnisse zur aufmerksamern Betrachtung darbieten, und zugleich räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. jZZ mit diesen unzählige andere weniger beachtete, dem Raume nach weit geringere, bei denen aber alles davon Abhängige, wenn anch im kleineren Maaßstabe, doch denselben allgemeinsten Gesetzen und Folgen unterworfen ist. Es werden auf diese Weise nach dem Gesichtspunct der geometrischen Kernfiguren der Länderräume gewisse Klassen und Klas- scnbegriffe entstehen, und sich in Bezug auf die Regel und die Abweichung auf das bestimmteste wissenschaftlich ausbilden lassen, so daß sich daraus genau ergeben wird, was der ganzen Klasse, was den Unterabteilungen, was den localen Individualitäten für Verhältnisse und Eigenschaften aus den Figuren zukommen. Eben diese Bestimmung, dieses Sprachverständniß und diese Vernichtung des vielartigen und sast unübersehbaren Stoffs durch die Form scheint das höchste Bedürfniß der geographischen Wissenschaft in ihrer Fähigmachung zur Lehre, welche von dieser Seite weit hinter ihren übrigen Schwestern der naturbeschrcibenden Wissenschaften zurückgeblieben ist, und darum die unbehülflichste Masse für den bildenden Schulunterricht wie für die Wissenschaft selbst bis heute bleibt, die durch keine noch so vielfache Anstrengung hat überwältigt werden können. Nicht blos zur Bestimmung der Erdräumc überhaupt nach Erdtheilen, Ländern, natürlichen oder selbst willkürlichen Unter- abtheiluugen, würden diese geometrischen Figuren anwendbar sein, sondern eben so gut auch zur genauern qualitativen Bezeichnung der Erdräume dienen, wenn man auch die Wasserflächen, die Ge- birgs- und Plateau-Räume, die Räume, welche die Alpenlandschaften, die Ebenen, die Niederungen, die Wüsten, die fruchtbaren Landstriche, die zusammenhängenden Waldungen, die von Stromsystemen bewässerten Landschaften, die Getreideländer, die Erzreviere u. f. w. einnehmen, dadurch, so weit es sich thun ließe, bestimmt zusammenzufassen sich bemühete, und auch hier das -s- und — als Erzänzung hinzufügte. Diese zweite Art der Anwendung dieser geometrischen Figuren auf das qualitative Verhältniß der Räume ist, wie sich leicht einsehen läßt, schon schwieriger als die erste, welche nur die quanti- 134 Bemerkungen über Veranschaulichungsmittel tativen Verhältnisse der horizontalen Ausbreitungen in der Figur subsumirt. Diese würde nur eine rein geometrische Operation voraussetzen, um nach den besten vorhandnen Landkarten und den dazu geeigneten Projectionen die zu den Räumen im physicalisch- geogravhischen Sinne congruenten einfachsten Figuren aufzufinden, und nach einer gewissen Grenze das Marimüm und Minimum der Abweichungen einzelner Theile vom Ganzen, eben das Raumverhältniß des Ueberschusses oder des Mangels der Kernfigur, zu berechnen. So würde z. B. Europa, um den irregulärsten aller Erdtheile zu nennen, der sich am wenigsten congruent mit einer geometrischen Figur in diesem Sinne zeigt, und eben hiedurch sich von allen andern Erdtheilen charakteristisch unterscheidet, doch seiner Hauptmasse nach sich als großes rechtwinkliges Dreieck darstellen, mit der kürzesten Linie von N. gegen S. in der Richtung des Ural als kontinentaler Basis von etwa 300 Meilen Länge gegen Asien gekehrt; der rechte Winkel würde etwa in den kaukasischen Isthmus an die Mündung der Wolga fallen. Die zweite längere Kathete würde die südliche mediterrane Seite des rechtwinkligen Dreiecks bilden, von Astrakan durch ganz Europa westwärts bis Bayonne, über 500 Meilen, und die oceanische Hppothenuse von da nordostwärts längs den Nordsee- und Ostseeländern gegen Archangel bis zum Nordende des Ural ziehen, in einer Länge von mehr als 600 Meilen. Der eingeschlossene Raum dieses Dreiecks würde bei weitem die größere Masse des continentalen Hauptstammes von Europa einnehmen, etwa zwei Drittheile des Ganzen (400000 UM., wenn der ganze Erdtheil 450000 hielte), außerhalb desselben würden die drei Halbinseln gegen den Süden, Griechenland, Italien, Spanien, und gegen den Norden die skandinavische fallen; somit würde dadurch sogleich sich des Raumes vom Erdtheile ablösen, dem überhaupt auch ganz andere Verhältnisse zukommen. Dies würde hier den Ueberschuß der geometrischen Figur bilden, der Mangel würde bei dieser Kernfigur kaum zu beachten sein; aber die Benutznng derselben, zur Veranschaulichung einer großen Menge von Verhältnissen, die vom Zusammenhange der Continentalflächen, im Gegensatz des Durch- räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. jZ5 einander von Meeres- und Länderflächen abhängig sind, oder des Contrastes von dem, was man Stamm und Gliederung der Erd- tl)eile nennen kann, ergiebt sich von selbst. In Hinsicht der Temperaturverhältnisse und der Windsysteme, insofern sie abhängig sind von Ländergestaltung und Länderstellung, wird auch dieser geometrischen Figur der Name des climatischen Triangels von Europa mit Recht angehören, wie ausländische Schriftsteller (Iii-mgls elimaliWS, b. Klgltö örun, IZurops p. 48) ihn kürzlich mit Recht genannt haben, und so werden viele andere Verhältnisse eingreifend genannt werden müssen in die jedesmal den Erdräumen l^auf die sie sich beziehen) congruenten geometrischen Figuren. Wie lehrreich würde es sein, dadurch mit leichter Mühe und doch hinreichender Bestimmtheit zu gegenseitigen Vcrglcichungen jedesmal einen sehr einfachen und doch allgemein verständlichen Ausdruck zu besitzen, um die jedesmalige verschiedene Verbreitungssphäre der Pflanzen- und Thiergattungen, wie der Völkerstämme, und andere Beschaffenheiten damit kurz zu bezeichnen! Ihre Anwendung auf qualitative Verhältnisse der Erdräume kann nur nach sehr sorgfältig vorhergegangener Specialkenntniß der Natnrbeschaffenheit derselben stattfinden; aber dann drängt sie sich auch von selbst auf, wie bei dem, in jeder Hinsicht so lehrreichen und auch für die großartigste Veranschaulichung gedachter Verhältnisse so meisterhaften Abriß einer geognostischen Darstellung vom südlichen Amerika, welcher in dem fünften Theil von Aler. v. Humboldts Reise in die Acquinoctialgegenden des Neuen Continents, die geographische Wissenschaft überhaupt so ungemcin bereichert hat. Aus der Gruppirung der geometrischen Figuren nach quantitativen und qualitativen Verhältnissen, mit ihren Unterordnungen aller Art, würde sich der kürzeste Ausdruck für die Characteristik der Erdtheile, Länder, einzelner Gebiete, Provinzen, Districte ergeben; kurz eine Systematik, als Stellvertreterin allgemeiner und unsicherer Beschreibungen, die durch ihre beständigen Wiederholungen gleichartiger Grundlagen die geographische Wissenschaft zu einer widrigen Weitläufigkeit und Langweiligkeit anschwellen, welche der Ueberschaulichkeit im höchsten Grade nachtheilig gewesen ist. Ohne jZ6 Bemerkungen über Vcranschaulichungsmittel weitere Erinnerung ergicbt es sich von selbst, welchen Gewinn die Charakteristik politischer Länderabtheilungen daraus ziehen kann, wenn eben diese willkürlichen Abtheilungen als leicht bestimmbare Theile und Abschnitte jener geometrischen Figuren betrachtet werden können. Von der Benutzung der Form zur richtigern und fruchtbaren vergleichenden Erkenntniß der Erdräume gehen wir zum durchgeführteren Gebrauch der Zahl über, durch welche die numerischen Verhältnisse jener Räume und Figuren zusammengefaßt werden können und müssen, um zu einer vollständigen? Erkenntniß derselben zu führen. Es ist hier nicht, wie er so häufig in Statistiken und Geographien vorkommt, von einem Mißbrauch der Zahlen die Rede, wie er sich nur zu leicht da einschleicht, wo auf die Zahl selbst der Werth gelegt wird, der nur der relativen Be- > deutung des Verhältnisses angehört, das die Zahl bezeichnet. Hier soll die Zahl nur als Begriff des Werthes verschiedener Verhältnisse zu deren gegenseitigen Vergleichung und zum Zusammenfassen eines räumlichen Systems von Verhältnissen selbst dienen! Wie in der Pflanzenbeschreibung das Figuriren und Zählen der Gewächstheile, wie der Staubfädeu, der Pistille, der Nectarien, der Blumen- und Kelchblätter, der Blatteinschnitte, der Sticl-Zerspal- tungen, des Standes der Jnflorescenz, der Wurzelblätter u. s. w. nur zur vollendeter!! Erkenntniß des ganzen Gewächsbaues führen und die Stelle der Reihe bezeichnen soll, zu welcher unter den Pflanzenformen überhaupt die in Rede stehende gehört, weil davon das innere physiologische und organische Leben derselben mit bedingt wird, so wird es auch bei jedem bestimmten Erdraumc eine bedeutende Anzahl physiographisch bestimmbarer und zählbarer Theile und Verhältnisse geben, welche wesentlich zur erschöpfenden Auffassung ihrer wahren Natur gehören, die nicht gleichgültig nebeneinander stehen, gleichsam zufällig, wie so oder anders'zusammengewürfelte Massen, sondern aus deren Sonderung, Zusammenhang und Gruppirung ebenfalls verschiedenartige Erd- oder Ländersysteme, oder zusammengehörige, ineinandergeschlossene Räume der Planetenrinde hervortreten. räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. jZ7 Diese Zahlenverhältnisse werden entweder die Distanzen der Nänme selbst nach horizontalen und verticalen Dimensionen bezeichnen, und also auf den gemachten Messungen nach Quadratmeilen, Längenmeilen und Fußen über und unter dem Meeresspiegel für die Höhen und Tiefen beruhen, oder es werden wirkliche Zählungen verschiedener hiehergehöriger Objecte sein. Die Messungen sind schon allgemein, wenigstens für gewisse Verhältnisse, in Gebrauch gekommen, meistentheils für politische Länderbestimmungcn; aber für eine wahre geographische Ver- hältnißlchre kann die Angabe des Areals der politischen Län- dcrräume nicht ausreichen, die natürlichen Raum-Abtheilungen, wie die geometrischen Figuren sie zusammenfassen, werden der Quadratmcilenzahl nach zuerst ausgemittelt werden müssen, um jene dann ihrem verhältnißmäßigcn Antheile nach an dieser größern Gesammtheit beurtheilen zu können. Bisher hat man immer nur die Größe des Quadratinhaltes der Erdtheile im allgemeinen aus- zumitteln gesucht und das der politischen Staatsgebiete im besondern, und diese Bemühungen sind sehr dankenswert!); aber man sieht sich vergeblich nach den Angaben der räumlichen Größe der Naturabtheilungen um, z.B. wie groß ist das contincutale rechtwinklige Dreieck Europa's im Verhältniß zu den Gliedern des Erdtheils und zu den durch sie eingeschlossenen mittelländischen halb oder fast gänzlich geschlossenen Meeren, Straßen, Golfen? Und wie stellt sich also der sehr verschiedene Antheil, den diese drei Hauptformen an den wichtigsten Einflüssen auf phpsicalische und historische Verhältnisse des ganzen Erdtheils hatten und noch bis heute haben? In welcher räumlichen Größe stehen die großen und kleinen Halbinselländer gegen einander, gegen die ihnen zugehörigen Inseln und zu den Hauptausbreitungen der von den Meeren unberührten Continentalflächen? Unter welchen Zahlver- hältnisscn läßt sich das Areal der verschiedenen reichbewässerten großen Stromgebiete, der dazwischenliegenden stromarmen oder gänzlich unbewässerten Räume, der Gestadeländer, die nur von kurzen Küstenflüssen durchschnitten werden, beurtheilen, die darum auf ganz andere Weise auf die Meere angewiesen sind, als die j38 Bemerkungen über Veranschaulichungsmittcl dem centralen Theile der Continente angehörigen Länderräume, welche von weithin ziehenden großen Landströmen und ihrem zugehörigen Geäder bewässert werden. Man sieht sich vergeblich nach dem Inhalt der Quadratmeilen, der Fruchtcbenen, der Kornkammern, der Versumpfungen, der Torfländer, der Sandstrecken, der Heidegegenden, der Gebirgsländer um, nur etwa von Seen und Waldrevieren hat man angefangen hier und da Zahlenangaben nach sehr dankenswerthen Messungen, oder auch nur nach Schätzungen anzulegen, und in manchen Provinzen das Verhältniß von Seeflächen, Acker-, Waldrevieren und von Wiescnräumen auszumitteln. So wichtig diese letztern Ausmittlungen für besondere statistische Zwecke sind, eben so lehrreich würden jene Ausmittlungen für ganz allgemeine historische und geographische Zwecke sein, um die verschiedenen Einflüsse physicalischer Formen ans Länder- und Völkertheile, nach ihrem Verhältnißwcrthc in Zahlenreihen bestimmen und vergleichen zu können, was wenig Schwierigkeiten unterworfen sein kann, da sie meistens leblose, ganz feststehende, keine schwankenden Zahlen periodisch auf- und absteigender Reihen von stets wechselnden Lebensvcrhältnisscn betreffen, wie die schwierigern Volkszählungen und andere ähnliche. Es würden sich nach Ausmittlung dieser natürlichen Länderräume, wenn auch nur in den allgemeinsten Hauptnmrissen, auch die, in den verschiedenen Jahrhunderten so verschiedenartigen Verschiebungen der Staaten- und Völkergrenzen, das Vor- und Rückschreiten ihrer Ausbreitungen in der alten, mittlern und neuern Zeit, die nämliche Verbreitungssphäre der Völker- und Sprachstämme, die Progression der Kulturarteu von Gewächsen u. dgl. m. richtiger und bestimmter bezeichnen lassen, und eine große Zahl anderer historisch nicht minder wichtiger Verhältnisse, für welche die Sprache ohne solche 'Hülfe bisher keine passenden Ausdrücke auffinden konnte. Nehmen wir z. B. das Verhältniß der Lebens- und Geschäftsweise der Menschen nach den verschiedenen Formen des Bodens, der sie nähret, die Gestadevölker, die Gebirgsvölkcr, die Bewohner der continentalen culturbaren, des Getreidebaues fähigen oder unfähigen Länderflächen, wie groß ist der Antheil ihres Gebietes räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. 139 an jedem Länder- und Staatensystem, wie greifen sie gegenseitig in einander ein, welche verschiedenen Resultate bieten diese, schon an sich betrachtet, in den verschiedenen Ländern Europa's dar! Zu sehr wichtigen Betrachtungen haben diese und ähnliche Arealverhältnisse, die sich sehr vielfach anwenden lassen, wenn ihre Hauptgrundbestimmungen nur einmal ermittelt sind, schon hie und da geführt in einigen bedeutenden jüngeren classischen Werken, die nene Bahnen für historisch-geographisch-statistische Wissenschaften eröffnet haben, wie in Malthus IZss»^ on tlie krmoipleg ok kopulstion. 1803, wie in Ch. Dupins classischen Arbeiten über Großbritannien und Frankreich (?oreo msritime, militsire, oommeroielle et inclustriells cle Is liigncle LretgANS. 3 Vol. 4. 1824; und ?oiees prociuelives et oommeiowles sle lg ?rgnoe. 2 Vol. 4. 1827), und eben so für Italien in den classischen Untersuchungen von Lullin de Chateauvieur (I^ettres sur I'ltnlie. 8. 1 Vol.) in Hinsicht auf Agricultur. Nicht unwichtig würde es sein, in Beziehung auf. jedes beliebige Land der Erde, sei es groß oder klein, jedesmal in seiner Art, wie A. v. Humboldt die geognosti- sche Schilderung Süd-Amerika's beginnt (5. Th. S. 384), sagen zu können: Süd-Amerika ist eine jener großen Triangular-Massen, welche die drei Continental-Abtheilungen der südlichen Halbkugel unserer Erde bilden; von dem Areal, das es befaßt (571000 ^Seemeilen), ist der vierte Theil (142000 lü Seemeilen) mit Bergen bedeckt, die theils Gebirgsäste, theils durch ihre Annäherung Gruppen bilden; die übrigen Dreiviertheile sind Flächen, von denen auf der Ostseite der Anden-Cordilleren liegen. Das Bergland (142000 m Seemeilen, '/^ des Ganzen) ist aber so vertheilt, daß etwas über X den großen Zug der Andes-Cordillcren oder der westlichen Küstenkette bildet, die an vielen Stellen in die Schneeregion emporragt (50000 Seemeilen); fast ^ aber des Berglandes (92000 uz Meilen, S. 389) von weit niedrigerer Art, das nirgends die Schneeregion erreicht, bedeckt Süd-Amerika auf der Ostseite der Audeö-Cordillercn und ist so vertheilt u. s. w. Je einfacher die Resultate aus der verwickeltesteu Reihe von Forschungen, wie hier, desto lehrreicher. Sogleich drängen sich aus solchen 140 Bemerkungen über Veranschanlichungsmittcl anschaulichen Verhältniß-Darstellungen die Differenzen und Con- traste anderer Erdräume oder ihre Charakteristik in ganz anderer Art auf, als auö Beschreibungen; und man wird sogleich zu weiterer Forschung und Untersuchung ihrer Eigenthümlichkeiten aufgefordert, z. B. zur Gegeneinanderhaltung der drei größten Alpen- Gebirgsländer der Erde, des amerikanischen der Andes-Cordillcrcn von 37500 geogr. >HMeilen (15 auf 1°, oder nach v. Humboldts Berechnung 50000 iüSeemeilen zu 20 auf 1"), des indischen, nämlich des Himalaja, von etwa 30000 HZ Meilen, und des europäischen Alpenlandes von etwa 6000 lü Meilen, sobald nur einmal ihr Areal so wie ihre andern wichtigsten Dimensionen gegeben und kurz zusammengedrängt sind in ihre Verhältnißbegriffe. Man wird durch solche Verhältnißreiben sogleich aufgefordert, zu diesen Massen sich die Natur der Höhen, der Bewässerung, der gcognosti- schen Bestandtheile, des Erzreichthums, der Verbreitung der Floren und Faunen, der Völkerschaften, der Staaten, ihrer Kräfte, die Zahl der Uebergänge, Pässe, der Durchgänge uud Ansicdlun- gen und so vieles Andre in das richtige Verhältniß zur Beurtheilung des Ganzeu und zu den Umgebungen zu bringen, woran bei gewöhnlichen, selbst den besten Länderbeschreibungcn noch bis heute fast nie gedacht wird. Wir erinueru zuletzt noch an Messungen, verbunden mit Zäh- luugen der besondern Gegenstände innerhalb der geometrischen Figuren, uud der durch das Quadratmaaß beliebig zu erweiternden oder zu verengenden Räume, je nachdem das Bedürfniß für diesen oder jenen Gesichtspunct es erfordern möchte, ganze Massen jener geometrischen Figuren oder Summen der Areale zusammenzufassen, um etwas allgemeines davon auszusagen, oder sie, einzeln betrachtet, wieder für sich zu zerlegen und in untergeordnete Räume beliebig, oder nach historischen, physikalischen oder politischen Ein- thcilungsgründen zu zerspalte», um vou diesen nun jedes Besondere hervorheben zu können, und dadurch zur speciellen Charaktc- teristik auch aller Theile der größeren Ganzen zu gelangen. Nur auf einige Gesichtspunkte dabei hinzuweisen, wird für jetzt schon hinreichend sein, um auf die Mannichfaltigkeit der überall sich von räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. 14t selbst darbietenden Aufgaben und Auflösungen zu führen. Wir nennen nur: die verschiedene Küstenentwicklung der Länder, die Bewässerungen der Stromgebiete und die Verhältnisse der mittlern Höhen der Bergrücken zu den Gipfelerhebungen wie zu den Einsenkungen, die mit ihnen in unmittelbarem Contrast stehen, um diesen statt aller andern einige Beispiele beizufügen. Das Verhältniß der Küstenentwicklung beruht auf der Länge der Gestadelinie (nach geographischen Längenmeilen) zu dem Flächenraum (nach m Meilen), welcher von den zugehörigen Meeren eingeschlossen ist, und einmal im allgemeinen überschlagen werden kann nach der geometrischen Figur, genauer aber auszumitteln ist aus der ganzen Küstenkrümmung, welche das -j- oder — der geometrischen Figur bildet. Es giebt für jeden gegebenen Flächenraum ein mögliches Marimum und Minimum dieser Gestadeentwicklung, von der einförmigsten Küstenbildung der Erdtheile, wie bei dem Festlande Australiens und Afrika's, zur günstigern Entwicklung der Gestade Asiens und Amerika's, bis zur vollendetsten Küstenentwicklung, wie bei Europa als Continent, nach Stamm, Gliedern und abgerissenen Theilen oder Inseln. Ja, es giebt ein Uebermaaß dieser Entwicklung, wobei die Continente nicht mehr bestehen, dagegen eine völlige Zerreißung (Zersplitterung), Jsolirung der Ländertheile durch Meerestheile eintritt, wodurch die größten Inselgruppen — die dem Raum nach, den sie auf der Planetenrinde einnehmen, dem Umfange ganzer Erdtheile gleichen können (wie die Sundische Inselwelt dem Umfange Europa's) — bis zu den kleinsten Gruppen hinab ausgezeichnet sind. Die Relation der Küstenentwicklung zum Areal ist ein Hauptmoment in der Bestimmung des maritimen Charakters der Continente, im Größten wie im Kleinsten. Eine frühere Untersuchung zeigte, daß die Entwicklung der Gestade Europa's, bei dreifach geringerem Areal als Afrika, sich doch fast doppelt so groß verhalte und die außerordentliche Länge von 5400 geogr. M. erreiche, den Umfang der ganzen Erde, die Küstenlänge jenes Erdthcils aber nur 3800, die von Asien, des 5 mal größcrn Areals als Europa, nur 7000, und daß die in dieser Hinsicht sehr abweichenden Werthe der Erdtheile 142 Bemerkungen über Vcranschaulichungsmittcl nach Stamm, Gliederung nnd Jsolirung ungefähr diesen Zahlenverhältnissen entsprechen: bei Afrika wie 1.0/^, bei Asien wie 4.1'/., bei Europa wie 2 .1'/z„ u. f. w. Bedenkt man nun, wie hievon in den genannten Erdtheilen alle Berührungen des Festen und Flüssigen und die unendliche Mannichfaltigkeit ihrer wechselseitigen Einwirkungen auf unbelebte und belebte Natur abhängig werden mußte, wie die plastische Gestaltung der Räume dadurch verschiedenartig bedingt wurde, und die verschiedenartigsten Gruppirungen der Hohen und Tiefen mit allen bewässerten Ein- senkungen dadurch ihre Umgrenzungen, Neigungen und absolut größten Gefälle gegen die verschiedenen Himmelsgegenden und Meere erhielten, und daß dieselben Umstände bei der kleinsten Halbinsel und Insel wie bei dem größten Festlande eintreten:'so wird man zugeben müssen, daß es von dem größten geographischen Interesse sein müßte, überall und immer diese Wassergrenzen in Beziehung auf das zugehörige Areal, auf die Landgrenzen, auf die Binnenländer und auf alles übrige, für jede beliebige Erdstelle beurtheilen, in Zahlen, Zahlenreihen, kurz in richtigern Ver- hältinßbegriffen auffassen und für jeden beliebigen Zweck anwenden zu können; diese Verhältnißbegriffe also auf den graphischen Darstellungen selbst schon jedesmal an der gehörigen Stelle angegeben zu finden! Dann erst würde jedwede Begünstigung oder Uebervortheilung der Gestadeländer durch Stellung gegen Weltmeere und Degcngestade, gegen hemmende oder den Weltverkehr fördernde Meeres- oder Windbewcgungen, oder ihrer Bildung nach Ufergestaltuug, ihrer Zugänglichkeit durch sichere Küstenmeere und Hafenreichthum u. dgl. m. in der wissenschaftlichen Beurtheilung ganz charakteristisch für jedes Küstenland und jedes Gestadevolk hervortreten. Eben so könnte durch die Anwendung der Maaß- und Zahlenverhältnisse die Form der Stromgebiete ungemein fruchtbar für die Betrachtung der wichtigsten Länderräume, welche der Hauptsitz der Cultur der Völker und Staaten zu sein Pflegen, gemacht werden, wenn das Wesen ihrer Grundverhältnisse klar zur Anschauung käme, und zur Vergleichung für die Wissenschaft sicherer und be- räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. j43 quemer als durch die Beschreibung gehandhabt werden könnte. Die gänzliche Vernachlässigung dieser Hauptform der Stromgebiete, welche die merkwürdigsten Landschaften der Erdoberfläche unter die angesehensten der strömenden Wasser der Erde höchst eigenthümlich vertheilt zeigt, ist zu auffallend, um nicht sogleich daran zu erinnern, auf welcher elementaren Stufe die geographische Wissenschaft stehen muß, um ein so wichtiges Mittel ihrer wesentlichsten Bereicherung ganz unbenutzt am Wege liegen zu lassen. Bei jeder Ländcrbeschreibung werden die Flüsse zwar aufgezählt, welche den Boden bewässern, und einige Merkwürdigkeiten hinzugefügt; sehr selten schon wird man Angaben über ihr verschiedenes Gefälle finden, das dem Strom doch seine Bewegung giebt, oder über die Tiefe und Schiffbarkcit, von welcher seine Brauchbarkeit, Fruchtbarkeit u. s. w. abhängig ist, was sich von Strecke zu Strecke und Stufe zu Stufe leicht durch Zahlen anzeigen ließe. Ueber die Länge in Meilen von der Quelle zur Mündung findet man hie und da schon Angaben, und durch eigne vergleichende Flußkarten, in welchen die Bedeutung der Ströme nach der auf eine gerade Linie reducirten Meilcnzahl, wie dem Nange nach geordnet erscheint, hat man Einiges zur Ausfüllung jener Lücke versucht. Am verdienstlichsten sind darüber einige Messungen von Buache ^752), von denen jedoch er selbst wie seine Nachfolger fruchtbare Anwendungen zu machen versäumten (Lsssi cl'un ?gri>II<>I, nämlich nur von 80 geographischen Meilen, ihren großen Wasserreichthum, den hier schon Herodot bewunderte, aus deu weitesten Fernen, wie sonst nirgends in Europa in ähnlicher Fülle für einen so kurzen Raum, in das Becken des Schwarzen Meeres zusammenschütten, unter diesen 6 Strömen (Kuban, Don, Dnepr, Bug, Dniester, Donau) ist nächst der schon oben erwähnten Donau der Dnepr der bedeutendste, denn sein Stromgebiet ist 3 mal so groß als das von Rhein und Elbe, 10000 >nM. Die gekrümmte Entwicklung seines Stromlaufs ist 214 geogr. M., der directe Abstand Ritt» Bcitrage. K 146 Bemerkungen über Veranschaulichungsmittel seiner Quelle von der Mündung unterhalb Cherson 134; die Krümmungen des Stroms verlängern also seinen Lauf um volle 100 Meilen. Die Folge dieser Entwicklung ist die verhältnißmäßig außerordentliche Erweiterung seines natürlichen Stromgebiets, die Menge der Wasserläufe, die sich seinem Systeme zuwenden, und die große Fruchtbarkeit und Mannichfaltigkeit der Oberflächen, in denen sich sein strömendes Gewässer (das sie in den vielfältigsten Windungen bespült, so lange als es mit der Natur eines Stroms nur verträglich ist) verweilt. Sein westlicher Nachbar der Dniester, mit gleicher Normaldirection gegen S.O. und unter sehr ähnlichen Lokalitäten sich erzeugend, weiset doch gegen ihn ganz entgegengesetzte Verhältnisse auf. Er ist freilich an Größe geringer wie jener, aber darin liegt die große Differenz beider nicht, sondern jener Verhältnißuntcrschied giebt ihnen die verschiedenste Cbaracteristik. Der directe Abstand der Dniester-Quelle von der Mündung ist 81 geogr. Meilen, sein ganzer Lauf, alle Krümmungen miteingerechnet, giebt aber nur die Entwicklung von 96 geogr. Meilen; seine Krümmungen verlängern den Stromlauf also nicht um X seines directen Abstandes, daher ist sein Stromgebiet, verhältnißmäßig für die Länge seines Laufs, sehr gering, ja unbedeutend an Umfang zu nennen, keine anderthalbtausend UM. groß (nahe an 1500 n>M.), nur halb so groß als das des Rheins, kaum mit dem des Tajo etwa zu vergleichen, und hieraus geht der geringere relative Werth dieses Stromes im sonst so reichlich ausgestatteten osteuropäischen hydrographischen Systeme von selbst hervor, im Vergleich mit seinen größern Nachbarn nicht nur, sondern auch mit andern nicht eben an sich bcdeutendern Strombildungen. Durch die am meisten einer geraden Linie genäherte Stromrinne ist sein Stromgebiet verhältnißmäßig das kleinste dem Areal nach geblieben, das einem Strome dieser Größe nur irgend zu Theil werden kann. Es ist aber auch das einförmigste geblieben, nur zu seinen beiden Seiten ein schmaler Landgürtel von N.W. gegen S.O. gezogen; darum fehlen seiner Stromrinne alle bedeutendem Zuflüsse und seinem Gebiete alle Mannichfaltigkeit von Verhältnissen; er selbst ist weder geogra- räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. 147 phisch, noch historisch für Einheimische oder Fremde durch seine Naturverhältnisse von höherer Bedeutung für den Erdtheil geworden, bis heute kaum einmal beschifft. Sehen wir zuletzt noch auf das Stromsystem der Weichsel, den größten Zufluß des Ostseebeckens, das mit Donau, Elbe und Rhein die 4 mächtig strömenden Wasser Mitteleuropa's bildet. Der Größe nach steht die Weichsel im hydrographischen Systeme des Erdtheils dem Nheinstrom am nächsten, und zwar zwischen Elbe und Rhein. Denn der directe Abstand der Weichselquelle von der Mündung zur Ostsee ist 72 geogr. M., die Stromentwicklung 123 geogr. M.; die Krümmungen des Laufes bilden also 5t geogr. M., das ist weit über ^ des direkten Stromlaufes. Hieraus ergicbt sich die große Bewässerung, welche die Weichsel ihrem Stromgebiete giebt. Der directe Abstand der Oderquellen von der Odermündung ist derselbe wie bei der Weichsel, aber die Stromentwicklung der Oder ist weit geringer (um 2V geogr. M>), daher sie auch verhältnißmäßig weit weniger Landschaften bewässert und befruchtet als ihr östlicher Nachbar. Der Elbestrom hat zwar größern direkten Abstand seiner Quellen von der Mündung als die Weichsel, nämlich 84 geogr. M., aber das Verhältniß seiner Stromentwicklung ist dennoch geringer. Der Rheinstrom übertrifft in beiden Verhältnissen die Weichsel an absoluter Größe; der directe Abstand seiner Quellen von seinen Mündungen ist an 100 geogr. M.; die Entwicklung seines herrlichen Stromlaufes 147 geogr. M.; aber das Verhältniß seiner Krümmungen macht noch keine volle X seines directen Laufes aus, und ist relativ also geringer als bei der Weichsel. Dadurch stimmt sich der sonst so mächtige Rhein von seiner Größe wieder um ein gewisses herab, und nähert sich den Verhältnissen der Weichsel in so fern, daß die Stromgebiete beider fast ein gleiches Areal einnehmen mit einem Unterschiede weniger Quadratmeilen (das der Weichsel 3578, des Rheins 3598, das der Elbe nur 2800, der Oder 2072). Die Verschiedenheit des Gefälles beider hydrographischen Formen wird in die Analogie ihrer horizontalen Dimensionen wieder neue Contraste einführen, wodurch das Charak- K2 148 Bemerkungen über Vcranschaulichungsmittel teristische und Individuelle derselben ganz neue Bestimmungen erhalten wird. Wir verlassen aber diese weitere Durchführung, weil es hier nur darum zu thun war, zu zeigen, wie räumliche Verhältnisse bei genauerer Ausmittlung durch Maaß und Zahl zu der Veranschaulichung des Wesens geographischer Verhältnisse überhaupt führen, die ohne sie unbeachtet liegen bleiben, durch sie aber einen Ausdruck für die Sprache und Lehre gewinnen und zu einer, wenn man will, erschöpfenden Systematik führen, welche für das so wenig geordnete und fast unüberschlich gcwordne Material geographischer Wissenschaft immer unentbehrlicher zu werden scheint. Was den dritten oben angegebenen Punct betrifft, die Verhältnisse der mittlern Höhen der Bergrücken zu deu Gipfelhöhen, so brauchen wir hier nur im Vorübergehen daran zu erinnern, weil die außerordentlich fruchtbare Betrachtung derselben erst seit kurzem von dem Erforscher dieses Verhältnisses selbst auf die Con- struction der bedeutendsten Gcbirgsmassen der Erde angewendet worden ist, in verschiedenen Abhandlungen über die Hochgebirge Indiens und in dem neuesten Bande der Reise in die Acquiuoc- tialgegenden des neuen Continents, 5. Tb. S. 390 u. f. Das Verhältniß der absoluten Gipfclerhebung, mit dem man sich als Charakteristik der GebirgSmafsen früherhin ausschließlich zu beschäftigen pflegte, uud das sich bei Pyrenäen, Alpen, Cordillcren und Himiilaja in eine wachsende Reihe stellt, wie die Zahlen: 1 . . . j'/z . . . 2, und . . . 2'/z, tritt dadurch bei Beurtheilung der wesentlichern Höhenverhältnisse der gesammten Gcbirgsmassen mehr in den Hintergrund, indem die mittlere Höhe der Gipfcl- liuie derselben, oder der Kamm, weit mehr geeignet ist, als Normale der Gebirgssysteme eine richtige Vorstellung ihrer Gestaltung zu geben, wozu die Verhältnisse der isolirten Gipfclerhcbung und andere dann erst als untergeordnete Bestimmungen hinzuzufügen sind. Das aufgefundene Constructions-Verhältniß jener vier Gebirgssysteme besteht darin, daß die mittlere Höhe der Gipfcllinie auf den Auden den höchsten Gipfelpunkten der Pyrenäen gleich ist, die mittlere Höhe der Gipfcllinie des indischen Hochgebirges räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. i49 aber den höchsten Puncten der Alpen gleichkommt; der Kamm der Pyrenäen aber der Höhe nach fast dem Kamm der Alpen gleich ist, diese aber vor jenen charakterisiert sind durch die relativ größere Erhöhung ihrer Gipfel, oder durch deren großes Erhebungöver- hältniß über dem Kamme des Alpensystems. Man sieht leicht, daß dies Verhältniß des Minimum der Gcsammthöhen unmittelbar die Lage der Pässe bestimmt, also die Durchgehbarkeit der GebirgSzüge, und daß eine nicht unbedeutende Zahl verwandter Verhältnisse sich an jenes, wie an einen gemeinsamen Kern, anschließen, daß es sich auch auf die Profile ganzer Continente und Inseln übertragen läßt, und daß nach dieser Grundlage bei der Kartenzeichnnng vieles andere wesentliche Detail der vcrticalen Dimensionen, nach Höhen und Tiefen geordnet, auf eine für die Anschauung lehrreiche und bestimmte Weise eingetragen werden könnte; daß ferner sehr reichhaltige und doch gut zu überschauende Höhentafcln zur endlichen benutzbaren Grnppirung und Verglei- chung aller Barometer- und anderer Höhcnmcssungen hicnach anzuordnen wären. Wir haben dieses Verhältniß für verticale Dimensionen nur allein als Fingerzeig hier angeführt statt aller andern, die auf ähnliche Weise noch berücksichtigt werden konnten. ^ Diese Bemerkungen über Veranschaulichungömittcl räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen, deren nur beispielsweise angeführte Zahl leicht noch um vieles vermehrt werden könnte, mögen hinreichen, um zu zeigen, wie vieles von dieser Seite her, sowol für geographische Wissenschaft selbst, als auch zur Förderung der Mittheilung ihrer Elemente, abgesehen von allem neuen Material, wie von aller Willkür der Methodik, geschehen könnte und noch geschehen müßte, ehe beide gehörig gedeihen und eine vollendetere Gestalt als bisher werden gewinnen können. Da die Ausmittlung dieser Verhältnisse, obwol keine außerordentlichen Anstrengungen, aber doch eine längere Reihe genau fortgesetzter Arbeiten messender Art nach den besten vorhandenen Materialien und in einem wissenschaftlichen Zusammenhange xu i50 Bemerkungen über Veranschaulichungsmittel bestimmten Zwecken voraussetzt, zu denen nicht einem Jeden Zeit und Mittel zu Gebote stehen, so schien es bei der vor kurzem durch Veraltung und Veräußerung des Landkartenverlags der Akademie angeregten Frage: ob sie nicht, im Sinne der frühern Zeit, in der Verbreitung der verbesserten elementaren graphischen Hülfsmittel, wie so lange schon, so auch jetzt noch fortzufahren habe, — so schien es nicht unpassend, eine fruchtbare, leicht zu realisirende, so wie ihrer und dem Bedürfniß der Wissenschaft würdige Weise anzugeben, sich das früherworbene Verdienst auch noch ferner anzueignen und zu bewahren. Es würde die all- mählige Ausarbeitung eines Atlasses der räumlichen Erdverhältnisse sein, der das Wesentlichste des ganzen Verhältnißsystems für jedes größere Ganze und dessen Haupttbeile durch Messung und Zählung feststellte. Genaueste Ausnutzung des ganzen Systems jener für alle Zweige der historischen und physikalischen, insbesondre der naturhistorischen und geographischen Wissenschaften nicht unwichtigen Verhältnisse der Erdoberfläche würde dann die erste Aufgabe sein, zu welcher einem mit dem Landkartenwesen vertrauten Geometer der Auftrag und die zweckmäßige Unterstützung gegeben werden müßte. Die zweite würde es sein, die Resultate dieser Ausmittlungen auf die deutlichste, anschaulichste und unmittelbar zu jeder Art von Anwendung nutzbarste Weise graphisch darzustellen auf, zu diesem Zweck und nur durch diese ausgemittelten Verhältnißlinien und Zahlen zu entwerfenden Generalkarten, Tafeln und Specialblättern, auf denen die wichtigsten räumlichen Verhältnisse unmittelbar abzulesen sein müßten, um dieselben für jedes Bedürfniß combiniren und mit den getroffenen Combinationen zum Besten aller Zweige der Physik, Naturgeschichte, Geognosie, Botanik, Geschichte und Geographie, nach Belieben schalten und walten zu können. Die dritte Aufgabe würde es nach solcher wissenschaftlichen Vorarbeit sein, hiedurch einmal der Form und Einrichtung eines Elementar-Schul-Atlasses seine verbesserte Gestalt zu geben, und dabei den wesentlichen Unterschied der Generalkarten oder der Abstraktion, wo das Bild des kleinen Maaßstabes räumlicher Verhältnisse bei graphischen Darstellungen u. s. w. 151 wegen nothwendig in das Zeichen eines Abbildes verwandelt werden muß, von der Specialkarte oder dem wirklich verkleinerten Abbilde, den Bezeichnungs- und Darstellungsarten nach festzustellen, wodurch dem elementaren Schulunterrichte in der Geographie eine neue Bahn eröffnet werden könnte, indem er aus der Beschreibung sich zur, das reiche Material ordnenden, Verhältnißlehre erhöbe und zur Construction führte. III. Ueber das historische Element in der geographischen Wissenschaft. (Vorgetragen am 10. Januar 1833.) !^)ie geographischen Wissenschaften haben es vorzugsweise mit den Räumen der Erdoberfläche zu thun, in so fern diese irdisch (sei es auch immer welchen Naturreichen angehörig, und mit welchen Formen ausgestattet) erfüllt sind; also mit den Beschreibungen und Verhältnissen des Nebeneinander der Oertlichkeiten, als solche, in ihren besondersten Vorkommen wie in ihren allgemeinsten tellurischen Erscheinungen. Sie unterscheiden sich hierdurch von den historischen Wissenschaften, welche das Nacheinander der Begebenheiten, oder die Aufeinanderfolge und die Entwicklung der Dinge im Einzelnen und im Ganzen, von innen und nach außen, zu entschleiern, zu untersuchen und darzustellen haben. Indem beide zwar von überschaulichen positiven Einzeluheiten des gleichzeitigen Nebeneinander, oder der Aufeinanderfolge des Nacheinander ausgehen, aber bald zu unüberschaulichen, durch Geometrie und Chronologie anfänglich noch abzumessenden Verhältnissen übergehen, denen aber in der geistigen wie in der physischen Welt bald das bestimmte äußere Maaß mangelt, dagegen das innere, das Naturgesetz wie das. ethische um so mehr hervortritt, so sind beide in ihren gesteigerten Resultaten, in der Darlegung der Verhältnisse und Gesetze, wie der Entwicklungen auf die Combination und das Maaß des Gedankens angewiesen, und dieses zwingt auch diese positiven Wissenschaften zum philvsophiren. Ueber das historische Element in der geographischen Wissenschaft. 153 Denn das reingedachte gleichzeitige Nebeneinander des Daseins der Dinge ist, als ein wirkliches, nicht ohne ein Nacheinander derselben vorhanden. Die Wissenschaft der irdischerfüllten Raumverhältnisse kann also eben so wenig eines Zeitmaaßes oder eines chronologischen Zusammenhanges entbehren, als die Wissen- ^ schaft der irdisch erfüllten Zeitverhältnisse eines Schauplatzes, auf dem sie sich entwickeln mußten. Die Historie bedarf eines solchen zu ihrer Entfaltung, sie wird in ihre Gestaltungen überall, sei es ausgesprochen oder nicht, ein geographisches Element mit aufnehmen müssen, auch in ihre Darstellungen; sei es nun, indem sie, wie bei Thucvdides oder Johannes Müller, gleich zu Anfang ihrer Historien dieses in einem großen Ueberblicke voranstellt, oder, wie bei Herodot, Tacitus und andern Meistern, in den Fortschritt ihrer Darstellungen einwebt, oder, wie bei noch Anderen, es auch übergeht und nur den Ton oder die Färbung durch dasselbe beibehält. In einer Philosophie der Geschichte, wie sie früherhin Baco und Leibnitz dachten, Herder entwarf, wie sie neuerlich auf mancherlei Weise weiter zu führen versucht ward, mußte diesem geographischen Elemente, dem Naumverhältnisse des Erdballs, eine immer bedeutendere Stelle eingeräumt werden. Die geographische Wissenschaft kann aber eben so wenig des historischen Elementes entbehren, wenn sie eine wirkliche Lehre der irdischen Naumverhältnisse sein will, und nicht ein abstraktes Machwerk, ein Compendium, durch welches zwar der Rahmen und das Fachwerk zur Durchsicht in die weite Landschaft gegeben sind, aber nicht die Naumerfüllung selbst in ihren wesentlichen Verhältnissen und in ihrer innern und äußern Gesetzmäßigkeit. Das dunkle Gefühl wie das klar bewußte Bedürfniß hat daher auch von jeher die geographischen Wissenschaften an die historischen angereihet, und die Geographen, von Hekatäus, Dikäarch und Strabo an, haben ihre reichsten Ernten auf dem Gebiete der Geschichte eingebracht, die orientalischen Völker, wie Araber und zumal Chinesen, haben ihre Geographien fast ganz historisch gestaltet. Die Europäer hatten ihnen im Mittelalter den kirchlichen, in neuern Zeiten den politisch-statistischen Eintheilungögrund auf- Ueber das historische Element gedrückt, bis eine moderne Schule, sich dieses fremdartigen Ballastes entladend, wähnte zu einer sogenannten ganz reinen Geographie übergehen zu müssen, um das eigentliche Wesen dieser, alle Proteusgestalten annehmenden Wissenschaft zu ergreifen. Wenn nun diese, mit Buache's physikalischem Atlas und Gatterers kurzem Begriff der Geographie, nach natürlichen Quartieren beginnende Reform von den Geographen consequent durchgeführt worden wäre, so hätte aus ihrer Verwerfung alles Historischen eine blos physikalische oder sogenannte natürliche Geographie hervorgehen müssen, die,-so vollkommen man sie sich auch ausgearbeitet denken möchte, doch immer nur ein Theil der geographischen Wissenschaft überhaupt sein würde, wenn wir dieser den vollen Inhalt nach obiger Bezeichnung, nämlich „als eine Wissenschaft des irdisch erfüllten Raumes" zugestehen. Die Verarmung und gewissermaßen die Erstarrung, welcher das Leben der geographischen Wissenschaft jedesmal unterlag, sobald sie sich in jenen schwachen compendiarischen Versuchen, um desto reiner aufzutreten, aller historischen Bereicherung entäußerte, waren um so auffallender, da diese zugleich auch keinesweges tief genug in das Wesen der allgemeinen Physik eindrangen, um etwa von dieser Seite die Wissenschaft durch Begründung für dasjenige zu entschädigen, was sie ihr auf der andern Seite durch die Verweisung des Historischen versagten. Um noch sicherer zu verfahren, hätten sie eigentlich auch darauf ausgehen müssen, das geometrische und arithmetrische, oder das mathematische Element aus ihrer reinen Wissenschaft zu verbannen. Unbefriedigt durch dergleichen öfter sich wiederholende Zeitbestrebungen, welche von nicht geringem Einflüsse aus das System des elementaren wie des Gymnasial- und des Unterrichts in den Wissenschaften überhaupt waren, und unsere Literatur mit einem Ueberflusse von mehr oder minder brauchbaren Hand- und Lehrbüchern überschwemmten, aber kein einziges die ernste Wissenschaft nur einigermaßen befriedigendes geographisches Compendium erzeugen konnten, gerieth man nun wieder, wie so häufig, von dem einen Extrem auf das andere. Unbefriedigt durch die reine oder natürliche Geographie, kam man in der geographischen Wissenschaft. wieder dahin, die historische Seite für die höhere Bedeutung dieser Wissenschaft anzusehen, und hoffte ihren Lehrbüchern für elementaren Schulunterricht, wie für die gelehrte Bildung, durch die Beimischung des Historischen die wahre Würze und die höhere Weihe zu geben. Wie man schon früher in dem Wahne stand, dasjenige für Militairgeographieen zu halten, wo Straßen, Brückenübergänge, Schlachtfelder, Festungen, Anzahl der Truppen u, f. w. verzeichnet sind, oder für politische Geographie und Statistik, wo die räumlichen Objecte des Staates nebeneinander gestellt, oder in Zahlen hintereinander summirt sind, so glaubte man nun den Stamm der geographischen Wissenschaft dadurch gleichsam erst zu veredeln und ihm seinen wahren Werth zu geben, wenn man ihm auch noch die verschiedenen Zweige der Geschichte einpfropfte. So kam nach manchen ältern Versuchen auch kürzlich das Lehrbuch der Geographie alter und neuerer Zeit für die unteren Schulen (von Schacht) zu Stande, in welchem zu jeder geographischen Orts- und Landes-Beschreibung auch ein geschichtlicher Anhang gefügt ist, der lehrreiche historische Anekdoten aus der Special- geschichte, oder auch allgemeine historische Rückblicke enthält, die sich auf jene Oertlichkeiten beziehen; wie z. B. bei Graubündten eine kurze Geschichte der Räzier von der ältesten Zeit an, beim Nheingebiet ein kurzer Abriß der Geschichte der Schweizer-Republik, der Römer und Franken Kämpfe am Rhein, auch ein Abriß der Geschichte der Niederlande u. s. w.; dankenswerthe Beigaben, die gewöhnlich lehrreich, mitunter selbst geistreich ausgearbeitet wurden. So erschien mit dem Anspruch einer neuen Geographie für die obersten Gymnasialklasscn, im letztvergangenen Jahre, die Arbeit eines sehr fleißigen Gelehrten (von Volger), in welcher mit großer Sorgfalt jeder der behandelten Paragraphen, betreffe er Länder oder Völker, Städte oder Gebirge u. f. w., die Geschichte und Namengebung derselben im gedrängtesten Abrisse, mit der Beschreibung durch alte, mittlere und neuere Zeit, bis auf die neueste, durchführt, welche dies die vergleichende Geographie nennt, und die Erdkunde historisch als ein Ganzes darstellen wollte, nämlich die alte und mittlere Zeit für die Schule, und zugleich j56 Ueber das historische Element die neuere und neueste für das Leben. Auch diesem Werke, gleich dem vorigen, kann man eine gewisse Brauchbarkeit nicht absprechen; und doch, ohne das Gute, was beide Arbeiten uns befreundeter Manner enthalten, zu verkennen, oder diesen wie vielen andern verwandten Versuchen durch Tadel zu nahe treten zu wollen, muß man gestehen, daß dadurch wenigstens kein wissenschaftlicher Fortschritt geschehen ist, und also auch für die ächte Lehre, die vom Element bis zum vollendeten Umriß des Ganzen in keinem Punkte des wissenschaftlichen Zusammenhanges entbehren darf, kein wahrer Gewinn daraus hervorgehen kann. Denn um diejenige Wissenschaft sieht es schlimm aus, welche erst des Reizes der Uebertragung, oder der Nutzanwendung aus andern Wissenschaften bedarf; sie wird, wenn sie des eignen Keimes der Entfaltung ermangelt, auch andere Wissenschaften, oder das Leben selbst, nie befruchten oder berühren, und die todtgeborne wird auch leblos bleiben, und durch keinen täuschenden Anstrich lebendig machen. Sie wird dann keinesweges als Disciplin zur humanen Ausbildung des menschlichen Geistes gehören und würde auch keine eigene Stelle in der Reihe der bildenden Schulwissen- schaften verdienen. Die geographische Wissenschaft konnte, vermöge der ihr eigenthümlichen Natur, anfänglich nur aus der gesonderten Betrachtung isolirter örtlicher Einzelnhciten der Räume, im Verbände mit den Erscheinungen eben so isolirter Zeitmomente historischer Personen, seien es wirkliche Individuen, oder Völker, oder ganze Reiche und Staatensvstcmc, hervortreten, um allmählig erst durch Ansatz zu wachsen, bis sie mit der Entdeckung des ganzen Objects ihrer Aufgabe, nämlich des ganzen Erdballs in allen seinen Theilen, nun erst zur eigenen Erkenntniß ihres Wesens gelangen lernte, um aus der Beschreibung sich zum Gesetz für das Beschriebene zu erheben, nicht zur bloßen Aufzählung, sondern zur Verhältnißlehre der irdischerfüllten Räume und zum Causal- zusammenhange ihrer lokalen und allgemein tcllurischen Erscheinungen (ut cum vventis oiwsgo oopulvnlur, wie schon sehr frühe Bacon von Verulam sagt). In das Feld ihres Gebietes, das in der geographischen Wissenschaft. alle Formen des Erdballs umläuft, dessen weite Oberflächen im tellurischen Zusammenbange des Erdrings, oder in dessen organisch abgelösten Theilen und Gliedern durch die unendliche Mannich- faltigkeit seiner zahllosen Naturproduktionen der buntesten Mosaik gleicht, in dieses Feld ihres Gebietes verschlingt sich auch noch die ganze Folge der Zeiten. Was ist nun eigentlich die Aufgabe, die sie für die irdischerfüllten Räume des Erdballs zu lösen hätte, anders, als die Erforschung ihrer gesammten Verhältnisse; nämlich die der Räume, die der Erfüllung und die Relationen von beiden. Also: Einmal die arithmetischen Verhältnisse, oder die Bestimmung ihrer Summen, Distanzen und Größen. Dann die geometrischen Verhältnisse der Räume, oder ihr^ Gestalten, Formen und Stellungen. Aber auch die materiellen Erfüllungen der Räume, nicht nach den Stoffen, Formen und inwohnenden Kräften des Materials an sich, und nach ihren Naturgesetzen, denn dafür sind die Lehren der Naturwissenschaften, der Physik und Chemie; sondern nach ihren Verbreitungsverhältnissen, Verbreitungssphären und Verbreitungsgesetzen über die Erde, die jene Wissenschaften nur zufällig etwa berühren, und nach den Erscheinungen, die aus ihren irdischgegebenen Combinationen unter sich, wie zu den Stellungen, Gestalten uud Formen, zu den Summen, Größen nnd Distanzen hervorgehen. Da zu den materiellen Erfüllungen durch die Naturkräfte und die drei Naturreiche: der Erdrinde in ihrem tellurisch-geognosti- scheu Zusammenhange, dem Pflanzenkleide in seinem Gewebe und seiner Nerbreitungsweise, der Thierwelt in den räumlichen Lebensgürteln und Lebcnssphären ihrer mannichfachen Geschlechter, anch die Menschenwelt mit ihren Völkerschaften und geistig belebten Individuen gehört, die nicht, wie die mehrsten von jenen, an die Scholle gebunden, aber doch in ihrer Physischen wie geistigen Entfaltung durch dieselbe mannichfach bedingt wurden: so sind auch nothwendig die Verhältnisse der Bedingnngen dieser Räume, welche sie auch sein mögen, ans die leblose Welt wie auf die lebenden Organismen überhaupt uud auf die geistig zu steigernde Ent- 458 Ueber das historische Element Wicklung und Entfaltung menschlicher Individuen und Völker, ja des ganzen Menschengeschlechtes, ein wichtiger Theil dieser geographischen Wissenschaft. Aber da, wenn auch alle Gesetze, doch keinesweges diese Verhältnisse, diese materiellen Erfüllungen, diese Bedingungen, und somit auch alle daraus hervorgehenden Combinationen nicht feststehen, sondern einerseits, einem großen Erd- organismus angehörig, ihren eigenthümlichen Wandel und Fortschritt haben, wie einer eignen physisch-cosmischen Entwicklung unterworfen sind, das Menschengeschlecht in seinen Individuen wie in seinen Völkerschaften andererseits aber seinem eignen Entwicklungsgange nach ethischen Gesetzen folgt, in seiner Individualität wie in seiner Totalität aber, so lange es auf Erden wandelt, in den bedingenden Conflict mit der fortschreitenden physischen Entwicklung seines Wohnortes, der Erde, als Planet, gestellt ist: so sind auch diese in der Folge der Zeit immer anders, vom physischen auf das leibliche und geistige, fortschreitenden Verhältnisse und Bedingungen des Planeten und seiner Oertlichkeiten auf das Menschengeschlecht, gleichsam der Schlußstein für die Aufgabe der geographischen Wissenschaft. Ihr Held, das anfänglich in alle Gebiete des menschlichen Wissens einzugreifen scheint, und dann bei dem Verkennen des Wesens ihrer Aufgabe allerdings statt in die Tiefe, nur in die Breite und Fläche übergeht, und durch Ueberwucherung sich selbst das Erzeugniß der edelsten Frucht raubt, dieses ihr eigenthümliche Feld wäre demnach, solcher Betrachtung gemäß, genau geuug abgesteckt, um den, der es anbaut, vor jedem nachtheiligen Abirren in die Nachbargebiete zu hüten, die Verwirrung und Verflachung des Wissens dadurch zu mindern, Kraft und Zeit zur Verwendung für die Arbeit auf den Kern, statt des Spiels mit der Schaale, zu sparen. Diese Betrachtung des Ganzen ist es, die uns allein das Maaß der Theile giebt, welche uns, nachdem wir an einem andern Orte von den arithmetischen und geographischen Verhältnissen der irdischerfüllten Räume, von den Formen derselben nach horizontalen Dimensionen gesprochen haben, auch gegenwärtig veranlaßt, in der geographischen Wissenschaft. einige nähere Bemerkungen zur Erläuterung desjenigen hinzuzufügen, was uns, statt jener historischen Anekdoten, als das so eben nur ganz im allgemeinen bezeichnete historische Element in der geographischen Wissenschaft erscheint, um dieser dadurch nicht sowol ihre höhere Bedeutung zu geben, als vielmehr ihre wahre Bedeutung nicht, wie es nur zu herkömmlich ist, zu entziehen. Wir haben hier, wo eine erschöpfende Untersuchung dieses Gegenstandes nicht ausführbar wäre, nur Einzelnes aus der ganzen Masse, symbolisch für Anderes, herauszuheben, um an Dieses unsere Bemerkungen auch im Kurzen auf eine verständlichere Weise anzureihen. Die Räume, die Zeiten, die Gestalten und Formen, die Raumerfüllungen in ihren Constructionen und Organisationen auf dem Planeten an sich — immer die einen und dieselben in ihren Werthen — bleiben in ihren Relationen zum Erdball, als Wohnhaus des Menschengeschlechtes gedacht, nicht dieselben, sondern sie ändern ihre relativen Werthe wirklich mit dem Fortgange der Jahrtausende und Jahrhunderte ab. Die Art der Raumerfüllung wird daher für die Betrachtung von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehend zu Jahrzehend eine andere. Denn wenn der Mensch, mit A. v. Humboldts Ausdruck zu reden, neue Organe sich schafft, um mit den genauesten Instrumenten, welche die beschränkte Sphäre seiner Sinneöwerkzeuge erweitern, tiefer in die Erdrinde wie zu dem Meeresboden hinab zu reichen, und dort die Temperatur der Tiefen, die unbekannten Erdarteu und Gewässer, die Salzlager, die dichteren Erd- und Wasserschichten und Alles, was ihnen zugehört, durch Batho- und Thermometer, durch Pendelschwingungen, durch Bohrversuche, Artesische Brunnen und dergl. zu sich herauf zu heben, was geschieht da Anderes, als daß die erfüllten Räume der Planetenrinde sich in der That in ein dem bisherigen verschiedenes Verhältniß dieses Wohnplatzes zum Menschen stellen. Und eben so, wie sich nach oben durch die Organe der Barometer, der Hygrometer und anderer Meßinstrumente, wie einst der Fernröhre, der Astrolabien und anderer Erfindungen des menschlichen Geistes, der Gesichts- und überhaupt der Gefühlskreiö 160 Ueber das historische Element des Menschen wirklich erweiterte, in demselben Maaße rückte ihm auch die äußere Welt näher, die Relationen der Raumverhältnisse wurden für den von Menschen bewohnten Erdball andere. Aber nicht nur die Distanzen nach unten uud oben, sondern auch die Raumunterschiede nach allen Richtungen hin, werden durch ähnliche Fortschritte einer universellen Telegraphik umgewandelt; seien es neu erfundene Organe der genannten Art, oder wissenschaftliche Fortschritte, oder Kulturentwicklungen, wodurch die Völker sich in andere Räume verbreiten lernen, wie die Pflanzen und Thiere in andere klimatische Zonen gedeihlich übergehen, und die bis dahin unzugänglich gebliebenen, also fern abliegenden Enden der Erde, seien es eisige Polarkreise, oder himmelhohe Gipfelreihen, oder einsame, gleichsam bis dahin mondfcrne, oceanische Inseln, von denen keine Spur des Daseins für das Menschengeschlecht vorhanden war, mit in den Kreis der civilisirten Völkergemeinschaft gezogen werden. Was früher nicht vorhanden schien, tritt hierdurch im Dasein hervor; was früherhin fern lag und unerreichbar, tritt nun näher in die Berührung, ja in den Bereich des täglichen Verkehrs. Die Naumerfüllung zeigt sich bekanntlich auf dem Erdball unter den beiden Formen des Rigiden und des Flüssigen, oder des Unbewegten und des Beweglichen; zu den Naumabständen der rigiden Oertlichkeiten kommen also auch die Naumuntcrschiede der flüssigen oder fließenden Forme», oder die räumcfüllendcn Bewegungen um dcu Erdball. Ihre Verhältnisse sind doppelter Art: die der Räume und der Zeiten, in denen ihre Bewegungen zu Stande kommen. Diese raumfüllendc Bewegung ist wiederum doppelter Art: rein physisch, nach den Gesetzen der Mechanik, Physik, Chemie, wie die Verbreitungen und Beweguugen der Imponderabilien, der Wärme, der Electricität, des Magnetismus u. s. w., wo die Verbreitungen vielleicht schon mit den Erzeugungen nach Raum und Zeit in dieselben Grenzen mehr oder weniger zusammenfallen mögen; oder wo sie wahrnehmbarer, den Raum wirklich materiell ausfüllende Bewegungen sind, die ihre bestimmten Grenzverhältnisse in Raum und Zeit um das Erdrund ge- in der geographischen Wissenschaft. Wonnen haben, wie die Windsysteme, die Ebben und Fluthen, die Strömungen der Meere, die raumwechselnden Metamorphosen der Atmosphäre in Wolkenbildungen, Meteoren aller Art, und die durch diese mit in Bewegung gesetzten, aber willenlos sich nur mechanisch fortbewegenden irdischen Theile oder Körper, seien sie lebloser oder lebender Art. Aber doppelter Art, sagten wir, seien diese Verhältnisse, weil zu jener blos physischen auch noch eine andere, die beseelte Bewegung hinzukommt, welche dem irdischen Leben des Erdballs angehört, indem der Mensch die raumfüllende Bewegung beherrscht und sie zum Träger seiner Bestrebungen macht, wie durch das Seegel, oder die Aerostatik, oder die Pfcrdekraft, oder die Schnelligkeit des Rennthiers und des Dromedars, oder durch das Dampfschiff u. a. m. Hierdurch können nicht nur die Räume der irdischen Welt und ihre wichtigsten Verhältnisse wirklich in eine andere Stellung zum Menschengeschlechte gebracht werden, sondern auch die Zeiten, in denen jene nicht nur einmal entdeckt oder blos berührt, sondern auf dauernde Weise erreicht sind, können in den Kreis des täglichen Lebens der Völker des Erdballs wirklich mit eingeflochten werden. Die größten Veränderungen, bedeutender als solche auch noch so großartige, wie dnrch Vulkane, Erdbeben oder Fluthen, oder andere zerstörende Naturerscheinungen, die momentan jede Aufmerksamkeit aufregen, haben sich hierdurch auf dem Erdball ganz allmählig, obwol unter den Augen der Geschichte, aber in ihrem Zusammenhange auf die Natur des Planeten, als Erziehungshaus dcS Menschengeschlechts fast unbeachtet iu Menge zugetragen, und diesen, gegen frühere Jahrtausende, zu einem andern gemacht, als er früher war, und ihm ganz andere Verhältnisse seiner erfüllten Räume zu Stande gebracht. Ja, hierin liegt die große Mitgift des Menschengeschlechts auch für die künftigen Jahrtausende, sein Wohnhaus, seine irdische Hütte, wie die Seele den Leib, erst nach und nach, wie das Kind im Heranwachsen zum Jünglinge, seine Kraft und den Gebrauch seiner Glieder und Sinne und ihre Bewegungen und Functionen bis zu den gesteigertesten Anforderungen Nilter Beitrage. L Ueber das historische Element deö menschlichen Geistes, anwenden und benutzen zu lernen. Hierin ist seine Aufgabe mit der des Pflanzers gleich, der den Acker, den er zu bebauen hat, erst nach und nach mit allen seinen Gaben erkennen lernt. Durch die Beseelung der raumfüllendcn Bewegungen wurde schon zu der Phönicier Zeiten der indische Orient dem europäischen Hesperien näher gerückt; durch sie wurde zu Colum- bus Zeit die zweite Hälfte des Erdballs, die längst von der einen geahnet, aber noch unsichtbar und ferner lag als die Mondscheibe, ihr gleichsam angetraut; durch sie wurde die isolirte südwestliche Wasserhalbkugel der Erde, die australische, mit ihren tausend zerstreuten Eilanden erst seit einem halben Jahrhundert überall an die bis dahin geschiedene nordöstliche Landhalbkugel der Erde geknüpft, und die früher getrennt scheinende Gestadewelt des Planeten wurde in ihrem Gesammtkreis, in allen Zonen, zu einer Einheit erhoben für das System der Wissenschaft, wie für die Kulturwelt und für den Markt des gemeinen Lebens, des Tageverkehrs, der selbst nicht ohne merklichen Einfluß auf Geschichte, Politik und allgemeine Kultur bleibt. In diesem Wechsel der physikalischen Verhältnisse des Erdplaneten durch das Element der Geschichte liegt der wesentliche Unterschied der Geographie, als Wissenschaft der Gesammtverhält- nisse der tcllurischen Seite der Erde, von den Theilen der Astronomie, welche bei Erforschung des Weltbaues und unsers Sonnensystems auch den Erdball in der Reihe der Planeten nach den cosmischen, oder nach den sich nicht abwandelnden absoluten Raum- und Zeitverhältuissen, nicht aber nach den relativen tellurischen, in ihre Betrachtungen einführt. Dieselben beweglichen Distanzen der Planeten unter sich, und ihre stets sich gleich bleibenden Sonnenumkreisungeu, haben seit den Zeiten der Sesostriden keinen Wechsel in der Natur unsers Sonnensystems, wenn auch ein Forttücken unserer Zeichen derselben, bedingt; aber die tcllurischen Distanzen, durch rigide Formen scheinbar firirt, haben gewechselt, und der Abstand Indiens vom ägyptischen Gestade Ve- renyke's wurde schon unter den Ptolemäern, seit Hippalus Durchschiffung des offnen indischen Oceans mit Hülfe der Monsune, in der geographischen Wissenschaft. i63 um das Doppelte verkleinert, und wie sind seitdem die Gestade jener indischen Welt der ganzen Westseite näher gerückt durch die beseelte Bewegung der flüssigen Formen der Elemente! Die Geographie als Wissenschaft unterscheidet sich aber auch von allen Zweigen der Physik und der Naturwissenschaften, die in dem Objecte mit dem ihrigen häufig zusammentreffen, dadurch, daß diese, außer dem oben schon Berührten, ebenfalls die Naturkräfte und Organismen an sich, nach ihren innern Gesetzen in ihren Wirkungen und Bewegungen untersuchen, aber nicht im tellurisch-geschlossenen Erdring und nicht als die Träger der beseelten Bewegungen in der Gesammterschcinung des Erdballs und den daraus für dessen Dasein oder Leben hervorgehenden Wechseln und Veränderungen. Das Weltsystem an sich bleibt sich daher in seinen unwandelbaren, absolut zu erforschenden Verhältnissen, wie die Gottheit, gleich; das Natursystem, wenn es auch in des weisen Salomo's und Aristoteles Verzeichnissen nur eine geringere Summe von Individualitäten desselben, gegen die jetzige Mannich- faltigkeit und Fülle, in sich schloß, blieb doch in dem Wesen, seinen innern Gesetzen, Organisationen und Erscheinungen nach, das eine und dasselbe durch alle Zeiten, wenn auch die Verbreitungs- und Kultursphären der einzelnen NatrKproductionen sich, wie die Zahlen ihrer Individuen, mannichfach veränderten. Aber das Erdsystem ist nicht dasselbe geblieben, gesetzt auch in seinem kosmischen und physischen, doch nicht in seinem historischen Leben. Denn, weil es das eine und fortdauernde war und blieb, das sich nicht durch neue Erzeugung, wie die lebendigen abgesonderten Organisationen auf ihm durch neue Geschlechter, verjüngen sollte, aber als abgeschlossener tellurischer Ring in eigenthümlicher Spannung des einmal gewonnenen Daseins auch nicht durch Chemismus und Polarisation, gleich seinen abgetrennten Theilen, das irdische Ziel der Vollendung sogleich im Moment des ersten Werdens und seiner Gestaltung, gleich der Crystallform, erreichte: so konnte sich das Erdsystem auch nicht, wie jene, immer wieder neu und ursprünglich gestalten, nicht, wie diese, in Verwitterung und Auflösung aus der einmal gegebenen Form zurückschreiten. L S t64 Ueber das historische Element Es bewahrte gleich den andern Planeten seines Sonnensystems dieselben kosmischen Verbältnisse, wie jene, aber indeß seine Nebcn- planeten für uns keinen individuellen relativ-erkennbaren Wandel erlitten, ward unser Erdsystem während seiner langen Zeitdauer als ein und dasselbe irdische Rund unter den vollen Einfluß aller irdischen, sei es der mechanischen, physischen oder intellectuellen, für uns wahrnehmbaren Gewalten gestellt, und die Progression ihres gesteigerten oder rückwärts schreitenden Einflusses mit in den Gang der Menschengeschichte verwebt. Wie die Räume und Zeiten, so sind aber auch viele Formen und Gestalten (durch Emporhebungen, Eruptionen, Einstürze, Erdbeben, Fluchen), viele Arten der Materie (wie durch Verwitterung und Fäulniß), viele Stoffe (durch Chemismus), viele Kräfte in ihren Relationen auf der Erde, andere geworden. Die schroffsten Formen blieben nicht unnahbar, viele Gestalten wurden vernichtet, umgeändert, umgangen, überstiegen, durchbrochen (wie z. B. durch Naturgewalten, durch Kunststraßen, Kanalführungen); viele Materien wurden in ihrer Brauchbarkeit erkannt, benutzt, umgewandelt, verminderten sich oder häuften sich an (Schutt, Humus, Torflager); viele blieben nicht mehr als einzelne Gaben einzelner Räume verborgen. Viele Organismen verschwanden ganz, oder wurden an Zahl doch gemindert, oder aus den einen Räumen in andere zurückgedrängt. Man denke nur an die Gruppen der Petrefacten der See- und Landgewässer, an die Verdrängung der wilden Floren durch die Kulturfloren (z.B. aus Aegypten und der Lombardei), wie vieler Völkerschaften durch barbarische oder civilisirtere in ganz Jnnerasien und Amerika. Man verfolge das Verschwinden des Wildprets, der Heerden, der Pelzthiere, der Waldungen, die Verdrängung der Colosse aus den Polarmeeren und der Elephantenheerden aus der Mitte der Continente. — Also wilde, früher zerstörende Naturkräfte aller, auch mechanischer Art, aber auch aufbauende wurden gebändigt oder doch unschädlich gemacht, die klimatischen Einflüsse wurden durch Kulturmittel überwunden, die Tropenwelt wie der Polarkreis und die Gegenhalbe der Alten Welt, die Neuere, europäisirt; der Mangel durch in der geographischen Wissenschaft. Kunst und Anbau an unzähligen Lokalitäten in Ueberfluß verwandelt; die Civilisirung lehrte überall der Natur Trotz bieten. Und hiermit sollte nicht die größte Zahl der irdischerfüllten Räume des Erdballs, in ihren relativen Verhältnissen, ganz verschiedene Werthe gegen die der früheren Zeiten gewonnen haben? ihre Stellungen sollten dadurch nicht gänzlich verändert sein? Unverkennbar ist es, daß die Naturgewalten in ihren bedingenden Einflüssen auf das Persönliche der Völkerentwicklung immer mehr und mehr zurückweichen mußten, in demselben Maaße wie diese vorwärts schritten. Sie übten im Anfange der Menschengeschichten als Naturimpulse über die ersten Entwicklungen in der Wiege der Menschheit sehr entscheidenden Einfluß aus, dessen Differenzen wir vielleicht noch in dem Natnrschlage der verschiedenen Menschenracen, oder ihrer Physisch verschiedenen Völkergruppen aus einer uns gänzlich unbekannten Zeit wahrzunehmen vermöchten. Aber dieser Einfluß mußte abnehmen, der einzelne Mensch tritt in der ihm angewiesenen Lebensperiode aus dem Stande und den Beschränkungen der Kindheit hervor, die weit mehr als die Periode des Mannes noch den Natureinflüssen unterworfen ist. Die civilsirte Menschheit entwindet sich nach und nach, eben so wie der einzelne Mensch, den unmittelbar bedingenden Fesseln der Natur und ihres Wohnortes. Die Einflüsse derselben Naturverhältnisse und derselben tellurischen Weltstelluugen der erfüllten Räume bleiben sich also nicht durch alle Zeiten gleich. Nur für die stationären Völkerschaften verschiebt sich die Physik deö Erdballs nicht, indeß sie für die in der Civilisation vor- oder rückwärtsschreitcnden in einer beständigen Oscillation oder Metamorphose begriffen ist. Einige Beispiele werden dies aus dem Hergange selbst für einzelne Erdräume, wie für ganze Erdtheile hinreichend erläutern. — Der erste Bewohner des sandigen Nilthales war ein Wüstenbewohuer, wie sein Nachbar links und rechts, der Libyer, der nomadisirendc Araber, es noch heute ist. .Aber das Kulturvolk der Aegypter verwandelte durch Kanalbau die Wüstenei in die reichste Kornkammer der Erde; sie erhoben sich über die Fesseln der Fels- und Sandwüsten, in deren Mitte 166 Ueber das historische Element sie durch weise Vertheilung der flüssigen durch die seste Form, durch Bewässerung, sich die monumcntcnrcichstc Kulturlandschaft erschufen. Durch die Trägheit und Tyrannei späterer Bewohner, bis zur Osmanenherrschaft, sank ein Theil des Thales, wie die Thebais, wieder zurück in die Wüstenei, oder ward, wie die reiche Mareotis, zu Sumpflandschaften. So gingen überall Wechsel der horizontalen Oberflächen vieler Länderbreiten vor sich, durch welche nicht nur ihre eigenen Räume sich umwandelten, sondern auch ihre Nachbarräume veränderte Weltstellungen erhalten mußten, in Beziehung auf Hemmung oder Coutakt und jede,Art raumerfüllender Bewegung, hinauf bis zum gesteigertesten Völker- und Handelsverkehr. Gewissen rigiden Erdformen muß man solche veränderte Einflüsse nicht nur auf kurze Länderstreckcn, sondern auf weite Erdbreiten einräumen. So z. B. war in den ersten Saeculn nach Christi Geburt der kultivirte Süden Europa's von dem noch un- kultivirtcn keltischen und germanischen Norden durch eine große natürliche Scheidewand getrennt, durch das undurchbrochne, unwegsame Hochgebirge des Alpenzugcs, der ganz Mitteleuropa vom Westen nach dem Osten durchsetzt. Ihm im Süden lagen die Kulturstaaten der Alten Welt; mit seinen Nordgchängen begann der barbarische Norden. Aber diese Form einer durch die Natur selbst hoch emporgerichteten Scheidewand, damals ihrer eigenen Quartiere wie der Völkergebiete, ist durch die Hälfte des letzten Jahrtausends geschwunden; sie ist in dem letzten Jahrhundert aus einer früher hemmenden Form durch Naturschönheit und Zugänglichkeit zu einem allgemeinen Lande der Völkcranziehnng für ganz Europa geworden. Aus der Mitte derselben hat sich, aus ehemaliger Wildniß, eine ganze Reihe kultivirtcr Völker und Staaten von der Provence bis Stepermark historisch herausgebildet, die tiefsten Thalschlünde, die größten Höhen sind dicht bevölkert, mit der Lichtung sind die Wälder geschwunden, alle Thäler und alle Ketten sind durchgehbar, selbst für Lasten bequem und nach fast allen Richtungen hin überfahrbar geworden. Aus der Hemmung zwischeu dem Süden und Norden, wie zu Hannibals und Cäsars Zeiten, ist dort nach in der geographischen Wissenschaft. 467 allen Directionen hin ein Land der allgemeinen Passage entstanden. Man muß zugeben, wie das wilde, unnahbare Roß der Turkestanen Steppe zum gebändigten edlen Hausthiere der civili- sirten Welt umgewandelt, eben so ist dies alpine Segment des Erdrings in ganz andere Relationen zu seinen Umgebungen getreten, und der Einfluß dieser grandiosen Naturform verliert immer mehr und mehr von der bindenden und fesselnden Gewalt für die Völker. Wenn schon die physikalische Natur und die Dimension fast dieselbe bleibt, so ist es das historische Element durch die neugeschaffenen Organe, durch beseelte Bewegung, durch den Kulturfortschritt, welches die Völker sich freier von Naturbedingungen bewegen lehrt. Die Kraft des Menschen und der Völker bemächtigt sich aber immerfort dieser Naturbedingungen und me- tamorphosirt sie. In ähnlichem, jedoch erst auf halbem Wege stehendem Fortschritte dieser Art sehen wir das östliche Grenzgebirge Europa's, den Ural. Aus einer hemmenden Grenzform zweier Erdtheile, die Jahrtausende hindurch ihre Function vollkommen erfüllt hatte, begann dieser Gebirgszug seit einem Jahrhundert, seit Peter des Großen Zeit, sich zu einem Lande des Ueberganges zwischen Europa und Asien auszubilden; es wird die Zeit vielleicht kommen, wo sein Land der Passage keine Scheidewand mehr, wie bisher seit Herodotus Zeit, zwischen dem Osten und dem Westen der Alten Welt bildet; ja, diese Periode scheint bei ihm selbst näher zu stehen, als bei der weniger durchbrochenen Bergmauer des wilderen Kaukasus, ungeachtet diese weit näher gegen die Mitte des ältesten klassischen Bodens der Weltgeschichte gestellt ist. Aus dieser Betrachtungsweise, wie das historische Element in die physikalische Natur und Wcltstcllung der Gebirgsformen aller Zonen der Erde eingreift, entwickelt sich eine ganze Tonleiter von Verhältnissen, die weder eine physikalische, noch eine historische genannt werden kann, wol aber ein reiches Territorium der tellurischen Gebiete der geographischen Wissenschaft ausmacht. Wie aber mit den Formen des Flachlandes, der Thalstufen, der Gebirgszüge, eben so ist es mit denen der Sandwüsten, der 168 Ueber das historische Element Steppenboden, der Ur-Waldrevicre, der Marschländer, der Sumps- landschasten und anderer mehr. Wie mit den einzelnen Land- und McereStheilen, so mit ganzen Continenten und Oceanen. Früherhin waren die Gestade, die Meere, die Oceane nur Hemmungen auf dem Planetenringe; nur die flüchtigsten Formen, die der Atmosphäre, überflogen sie. Die Metallschätze der verschiedenen Theile der Erdrinde, die Vegetation, die Thierroelt, die Völkerwelt, alle nahmen erst späterhin gänzlich veränderte Sphären ihrer räumlichen Verbreitungen ein; denn nur weniges wurde vorher willenlos, wie der Flugsand, die Kokosnuß, das Treibholz, die Eisscholle, oder die Seeblase, der Seetang, von den Strömungen der Winde und Oceane von Gestade zu Gestade gewälzt. Gegenwärtig scheiden die Meere nicht, wie ehedem, die Länder- und Erdtheile; sie sind es, welche die Völker verbinden, ihre Schicksale verknüpfen, auf die bequemste, selbst auf die sicherste Weise, seitdem die Schifffahrt zur vollkommensten Kunst herangereift ist, seitdem der schnellste und leichteste Transport durch die Beseelung der Bewegungen der flüssigen Elemente, welche bei weitem den größern Raum ('/z gegen auf dem Erdrund einnehmen, das Vcrknüpfungsmittel aller Kulturvölker geworden ist. Der Fortschritt der oceanischen Schifffahrt hat sogar die ganze Stellung der Erdtheile, der Continente und aller Inseln gegen die frühere Zeit zu einer andern wirklich gemacht. Wie hätte sonst die vulkanische Klippe von St. Helena, Jahrtausende hindurch wie nicht vorhanden, seit 3 Jahrhunderten als Mittelstation zu weiter Uebcrfahrt erst bekannt geworden, in dem zweiten Jahrzehend des XZX. Jahrhunderts trotz ihrer oceanischen Ferne in eine Nachbarinscl unsers Erdthcils verwandelt, unter die sorgfältige Hut der europäischen Mächte gestellt werden können? Die Seefahrt von Europa zum Cap der guten Hoffnung, nach welcher die portugiesische Marine, die erste des XV. Jahrhunderts, fast einhundert volle Jahre (von Don Henriquc el Navegador bis auf Barthol. Diaz und Vasco de Gama) steuerte, bevor es erreicht werden konnte, zu demselben Cap, ist bei der jetzigen ge- ^^MWWWWW^w^ >Wir müßten es verstehen, die Combination von beiden zu einem Totalbilde zu vereinen, etwa durch mehrere durchsichtige, übereinander hingleitende, hin und her verschiebbare Globularscheiben, oder durch partikuläre Ortsverrückungen, oder durch andere Hülfsmittel. Wie würden aber dann die einen Räume schwinden, die andern sich ausdehnen, die Höhen sinken, die Ucbergänge sich mehren; Europa's Gestalt würde noch, in manchen Theilen wenigstens, am mehrsten sich gleich bleiben, und ältere wie neuere Zeit- und Raumverhältnisse sich decken. Aber in Asien würde schon die südliche Gestadewelt viel zu sehr sich zusammenziehen, um noch das in lauter Hemmung zurückgesunkene Jnner-Asien mit Gestadelinien ganz zu umgrenzen, und so würde fast auf allen Theilen der Planetenrinde die Inkongruenz beider Verhältnisse die seltsamsten Zerrbilder der positiven leblosen Formen hervorbringen. Die Erinnerung an solche Verschiebungen und Zerrbilder rufen wir gegenwärtig aber nur darum hervor, weil sie durch den Gegensatz eben deutlich zeigen, welchen Verdrehungen unsere Begriffswelt unter dem täuschenden Schein von positiven Wahrheiten wirklich sich hingiebt und unterworfen ist, wenn wir in den tellurischen Verhältnissen, wie bisher, nur das Leblose statt des Lebendigen ergreifen und das historische Element neben der geographischen Wissenschaft unbeachtet liegen lassen, daraus ganz verbannen, oder auch etwas nur theilweise hie und da gelten lassen, wo es von dem einen oder dem andern Autor zufällig einmal besprochen sein möchte, ohne es jedoch in die Systematik dieser Wissenschaft als ein integrirendes Element mit aufzunehmen. Wie irrig aber würden noch die Vorstellungen von unserem Sonnensysteme geblieben sein, wenn wir dabei nur die sich gleich bleibenden Sonnenfernen und Planetenabstände, wie früher, ohne die Abweichungen der Keplerschen Gesetze und Newtonischen At- in der geographischen Wissenschaft. tractionstheorien hätten beachten wollen, welche überall die Pertur- bationen der Planetenbahnen oder das harmonische System ihrer wahren Umlaufszciten und Ränme bedingten. Wie jene Attrac- tionsgesetze und Verhältnisse auf die Bahuen der Planeten unsers Sonnensystems einwirken, ebenso bedingt auch der Gang der histo- risch-erfüllten Zeiten durch Anziehung und Abstoßung die Pertur- bationen der Räume unsers Erdsysteins und ihre Functionen. Daß jenes.Zerrbild des durch eigenthümlichen Organismus belebten Erdballs aber eben jene blos mathematische Seite, die leblose Landkartenansicht sein würde, wenn sie sich vermessen wollte, als inhaltvolles Lebensbild der Anschauung zu dienen, dies wird noch wenig geahnet und tritt auf dem Markte unserer TageSliteratur kaum im Bewußtsein hervor. AlleS Gesagte möchte wol hinreichend scheinen, um die blos zufällige historische Beimischung von dem historischen (nothwendigen) Elemente der geographischen Wissenschaft genau zu unterscheiden, welches nicht müßig, sondern gestaltend, überall als mitbedingender Grund der Erscheinungen auftritt. ES möchte zugleich damit dargethan sein, daß es eine geographische Systematik giebt, und daß in ihrem Gegenstande, wie bei allen Organismen, der Theil nur aus dem lebendigen Ganzen begriffen werden kann, ohne welches jede Theilbetrachtung unvollkommen, einseitig, unwissenschaftlich bleibt. Diese wissenschaftliche Thcilbetrachtnng der Länderräume, als wirkliche Theile oder zusammengehörige Glieder eines planetarischen Ganzen, sei sie physikalisch, ethnographisch, ethisch-politisch, würde die Aufgabe der Specialgeographie sein, die wir noch nicht besitzen, und erst in diese beiden Zweige der allgemeinen und der Special-Beschreibungen könnte die Staatengeographie wahrhaft wissenschaftlich eingreifen. IV. Der tellurische Zusammenhang der Natur und Geschichte in den Productionen der drei Naturreiche, oder- Ueber eine geographische Productenkunde. (Vorgetragen am 14. April 1836.) ^ie Kenntniß der gesonderten Productionen der Erde, nach ihrer räumlichen Verbreitung über die Formen des Festen und Flüssigen, in ihren quantitativen und qualitativen, absoluten wie relativen Verhältnissen zu den einzelnen Ländern und Völkern der Erde, wie zum ganzen Systeme des Erdballs (auch zu den Corporationen oder gesonderten Staaten und Gemeinschaften, die sich willkürlich in dessen Oberfläche getheilt und deren Productionen sich gegenseitig entzogen, oder durch Verkehr seit Jahrtausenden mitgetheilt, ja ganz überliefert haben), eine solche Productenkunde hätte, wenn auch nur auf sehr fragmentarische Weise, doch von jeher, und mit. Recht, einen nicht unwesentlichen Theil der geographischen Wissenschaft ausmachen müssen. Dies ist aber bisher noch keineswegs der Fall gewesen. Durch den überall hervortretenden Reichthum ihrer Mittel geblendet, vergaß sie deren Anordnung und gelangte daher nicht zu ihrer Anwendung. Sie erhob sich nicht über ihren materiellen Besitz, der ihr unbelebt blieb und so zu einer nutzlosen Last ward. Sie drang nie bis zu einer systematischen Uebersicht ihres ganzen Schatzes vor, der ohne das Bewußtsein seines Inhaltes weder für sie, noch von ihrem Standpuncte aus für das System Ueber eine geographische Productenkunde. j83 der Wissenschaften überhaupt, fruchtbar werden konnte. Wären ihr nicht von außen her die benachbarten Wissenschaften (der Geschichte, der Physik, der Climatologie, der Mineralogie, Geologie, Botanik, Zoologie) entgegengekommen, sie würde auch heute noch, wie es bis vor einem Viertel-Jahrhundert der Fall war, mit ihren Schätzen, gleich einem Kinde mit Goldstücken, nur spielen. Die Systematik und genaueste Beschreibung dieser Produc- tionen des Mineral-, Thier- und Pflanzen-Reiches, könnte man vielleicht sagen, fänden wir schon auf das vollständigste in den Naturhistorien z die Aufzählung ihres Vorkommens nach den Einzelnheiten der Räume in den Geographien; ihre Anwendung, Benutzung zur Kleidung, Unterhalt, Bedürfniß aller Art wären im Völkerleben uud durch die Gewerbthätigkeit der Menschen, einem großen Theile nach, wenigstens schon allgemein bekannt. Aber, dies zugegeben, uud noch mehr, daß die Naturwissenschaft sogar den innern, nothwendigen Zusammenhang des ganzen Systems der Naturerscheinungen, wie nie zuvor, wissenschaftlich darzulegen, die außerordentlichsten Fortschritte gemacht hat: ist darum auch schon die Relation dieses innern, organischen Zusammenhanges in allen seinen tellurischeu Beziehungen ermittelt und dargelegt? Keineswegs! noch fehlt diese Darstellung nach Inhalt und äußerm Zusammenhang, wie nach den Localbedingungen jeder Art, dem Vorkommen und der Begrenzung nach im Raume, wie der Entfaltung und Einwirkung nach in der Zeit; oder nach Naturgesetz und Geschichte, sei es der Gegenwart wie der Vergangenheit. Es fehlt die Nachweisung dieses Totalverhältnisses wie seiner gesonderten Glieder auf die allgemeinere oder individuellere Entwicklung der tcllurisch gruppirten Erdräume mit ihren zugehörigen Völkcrgruppcn; es fehlt diese Nachweisung auf den Gang der Völkerverbreitungen, der Cultur, der Industrie, des Handels, der Colonisationen und auf die davon abhängigen secundären Verbreitungen der Produktionen selbst. Alle diese Verhältnisse, ihre Combinationen und Auflösungen, im Besondern wie im Allgemeinen, sucht man noch vergeblich in den Compendien der Geogra- jg4 Ueber eine geographische Productenkunde. phie; in denen der allgemeinen Geschichte sind schon einige Resultate mitunter berührt, ohne den Grund ihrer Entstehung zu kennen, in den naturhistorischen Forschungen sind die Gründe vieler Erscheinungen nach ihren Elementen, in Beziehung auf die Organismen, mit Meisterschaft entwickelt, aber ohne ihre tellurische Einwirkung und den ethnographischen Erfolg zu beachten, der andern Disciplinen überlassen blieb. Allerdings hat dennoch die Verwendung der Productionen, dieser mannichfaltigsten Mitgift der Erde, auf dem Markte des Lebens, im Gewerbe der Völker mit der frühzeitigsten Erkenntniß und dem sichern Bewußtwerdeu ihres Werthes die weiteste Ausbreitung durch viele Zonen und Culturstufen der Länder und Völker gewonnen. Nicht minder entschieden und durchgreifend war aber die große Macht der Gesammtheit dieser Verhältnisse, wie die tiefgreifende Wirksamkeit specieller Theile derselben, nicht blos auf den Markt des Lebens, sondern auch auf die Entwicklung, Förderung, Richtung der Gefühle, Einbildungen, Ideen und der ganzen Gedankenwelt der humanisirten Bewohner, zumal auf die primitive Anregung ganzer Völkerthätigkeiten, wie z. B. des Agri- cultur- und des Hirten-, des Jagd- oder Fischerlebens, der philo- sophirenden, der religiösen Richtungen u. f. w. Aber eben diese Wirksamkeit ist im allgemeinen bewußtloser in ihren Grundwirkungen oft noch bis heute geheimnißvoll geblieben, und konnte auch vor einer gewissen errungenen Höhe der allgemeinen Civilisation nicht zur Anerkennung gelangen. Es fehlt also noch eine wissenschaftlich durchgeführte Kunde der natürlichen Productionen in ihrem Verhältniß und in ihrer Beziehung auf das Erdganze, wie auf ihre Verwendung durch die Menschenwelt. Es fehlt gänzlich die Verhältnißlehre der materiell erfüllten tellurischen Räume, nach den individuellen Ergebnissen der drei Naturreiche, hinsichtlich ihrer localen Verbreitung; eine Lehre, welche eben so wesentlich zur Erkennung unsers Planeten und seiner Organisation gehört, als die der Erforschung seiner mehr als Continuitäten sich darbietenden allgemeinen Erscheinun- Ueber eine geographische Productenkunde. 185 gen, welche die Physik der Erde in ihrem Zusammenhange weit frühzeitiger darzustellen bemüht war. Wenn wir bei Betrachtung der Räume nach Größen und Formen in der Geographie das mathematische Element, und bei der Raumerfüllung nach Continuitäten in der Geo- und Hydrographie die Physik nicht entbehren können, wie sich dies aus frühern Untersuchungen ergab, so tritt uns hier im Reiche des Mannichfaltigsten, nach Individualität Gesonderten der Raumerfüllung das naturhistorische Element der geographischen Wissenschaft auf das Bestimmteste entgegen, welches für dieselbe Wissenschaft, als Theilnahme an ihrer vollendeteren Gestaltung, eben so unabweisbar sein wird, als das historische Element, das wir früherhin für gleiche Zwecke nur in die ihm gebührenden Schranken zurückzuführen versuchten. Einiges, bei täglich sich mehrender Vorarbeit, Beobachtung, tiefgreifender Naturforschung in allen Zweigen ihrer Systeme, läßt sich vielleicht noch mehr als bisher von dieser Seite für die Wissenschaft des Erdplaneten gewinnen, wenn eben dieses naturhistorische Element in seinem wahren Verhältniß zu derselben von den Geographen bestimmter erfaßt wäre. Sie würde dadurch von der einen Seite in Stand gesetzt, die andrängende Fluth seiner Überschwemmung auf ihrem Bereiche zu hemmen und in die angemessenen Kanäle zur Befruchtung ihres ganzen Feldes zurückzu- lenken; von der andern Seite dagegen würde sie, für den reichen Gehalt seiner Gaben empfänglicher geworden, einen erhöhteren Standpunct, gleichsam ein neues Organ der Betrachtung für Natur und Geschichte gewinnen durch die Combination des tellurischen Zusammenhangs von beiden, in den charakteristischen Individualitäten der drei Naturreiche. Die Erde überhaupt, in ihrem Ganzen wie in ihren einzelnen Abtheilungen, nach Wasser- und Landflächen, nach Gegenden und Landschaften, zeigt sich, wo nicht menschliche Kunst sie hie und da gänzlich umgestaltet haben mag, immer nur als Erscheinung von Naturproducten der mannichfaltigsten Art, die wir, in der Regel bewußtlos, im Zusammenhange in ihren natürlichen Com- 186 Ueber eine geographische Productenkunde. binationen auffassen, oder als gesonderte Gruppen und individua- lisirte Gestaltungen wahrnehmen und uns überall dieselben wieder vergegenwärtigen müssen. In ihrem Zusammenhange, in ihrer localen Gruppirung, in ihrer eigenen Vertheilung bieten sie der Anschauung unmittelbar die Characteristik der Erdräume oder den Complerus der Landschaften dar, dessen instinctmäßige Totalauffassung einen unverkennbaren Eindruck auf die Entwicklung und das äußere wie das innere Leben, auch des unausgebildetsten Naturmenschen, hinterläßt. Dieser Eindruck ist so tief, daß eben die Entbehrung dieses Zusammenseins von Naturverhältnissen gewisser Art, mit allem Zugehörigen, sei es Bergnatur oder Ebene, Waldgrund, Steppe, Jnselland, Meeresgestade, Lüfte u. f. w., in warmen oder kalten Zonen, an welche nun einmal das sinnlich-geistige Menschenleben von Kindheit auf, wie an sein ihm eigenthümliches Element der Existenz geknüpft war, vom Unbehaglichen und Unheimlichen bis zum krankhaften Gefühle des Heimwehs gesteigert werden kann, in welchem sogar das ganze Wesen des Menschen sich in Sehnsucht aufzulösen vermag. Und es ist noch eine für die Psychologie unbeantwortet gebliebene Frage, ob der geheime Zauber dieser Sehnsucht, die sich in jedem Kinde frisch verjüngt zeigt, bei versagter Befriedigung, da keine Kunst und Wissenschaft ihn völlig zu lösen vermag, nicht durch das ganze von der Natur losgesagte Culturleben stets ein unheimlicher Begleiter desselben, auch in seinen höchsten Entwicklungen, bleiben wird, worauf so manche Erscheinungen der Culturvölker hinweisen. Aber der volle Genuß dieses Zusammenhanges von heimathlichen Naturverhältnissen ist es dagegen, der die Kraft ganzer Völkerschaften, die ihn ungestört und in vollem Maaße besitzen, zu einer oft bewundernswürdigen Sicherheit und Höhe steigert, von welcher die von der Natur halb oder ganz Gesonderten und so fern Stehenden, mit ihrer selbstgeschaffenen neuen Kunstwelt Umgebenen kaum eine Spur besitzen oder auch nur Ahnung haben, so wenig als es dem europäisch Civilisirten gegeben ist, an unverletzbare Reinheit der Feuerflamme oder Wasserwelle gleich dem Ueber eine geographische Productenkunde. 187 Hindu zu glauben, oder, nach so langer Ueberlieferung mathematischer Wahrheiten aus der Urzeit, das Entzücken der ersten Entdecker der arithmetischen Zahlenverhältnisse zu theilen. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß ein so tiefer Eindruck des planetarischen Natursystems in seiner räumlich loca- lisirten Anordnung, wie auf die jugendliche Entwicklung jedes einzelnen Menschen, so noch weit mehr auf die ganzer Völkerschaften, auch abgesehen von allen andern begleitenden Wirkungen, nicht ohne den wichtigsten Einfluß auf gemüthliche und geistige Umgestaltung des innern Menschen wie auf dessen individualisirte Erscheinung nach außen, in den verschiedenen Regionen des Erdballs, durch die Jahrhunderte der Menschengeschichte hindurch, geblieben sei. Hierin liegt also, außer der Geschlechtsabstammung, eine mitwirkende Bedingung für die Entwicklung der Völkerindividualität durch die Naturumgebung, welche sich als unfreiwillige Lebensgewöhnung dem Gemüthe des Menschen unverkcnnbmr einprägt, zugleich aber auch dasselbe wieder zu einer dem Locale stets gemäßen geistigen Thätigkeit und Production anregt. Der nomadisirende Araber, mit der umherschweifenden Phantasie, verdankt wol seine freiere, ungebundene, gestaltlose Gedanken- und Märchenwelt, mit der er sich die leeren, unermeßlichen Räume seines Bodens, wie seines ewig klaren, wolkenlosen Himmels auszufüllen strebt, eben so sehr der Natur seiner Heimath, in welcher sein feurig-thätiger Geist und Leib sich Alles erst erjagen und erschaffen muß, wie der in sich gekehrte, festgesiedelte, aber in die üppigste Natur gleichsam verwachsene Hindu, diesseit und jenseit deS Ganges, die seine mit dem phantastisch-theoso- phischen Hervorsprosscn der Götter aus Ranken, Blumen, Bäumen und der Transmigration der Menschenseelen in Thierleiber — jener alles überwuchernden Fülle wunderbarer und colossaler Pflanzen- und Thierformcn, jeder Stelle seiner Heimath, in allen Arten der reizendsten und schrcckendsten Gestalten, die dem ganzen Völkergeschlechte, das sich in dieser Umgebung bewegt, ohne sich über sie erheben zu können, die Unterthänigkeit des Menschen unter die Naturgewalt, sei es die der Berge, Gewächse, Thiere, oder gött- j88 Ueber eine geographische Productenkunde. licher, dämonischer und darum auch menschlicher Herrscher (Tyrannen) als eine nothwendige einprägte. Wenn diese beiden Hauptrichtungen geistiger, frei umherschweifender, oder in sich gebannter, streng verketteter Entwicklung tropischer Erdbewohner der alten Welt, von Arabien westwärts durch das ganze dürre, vegetationsleere Libyen bis zum Atlas, und ostwärts vom wasserreichen Indus über den Ganges und das feuchte und vegetationsreiche Hinterindien, zur ungezählten Jnselschaar der Sunda-Welt hinaus, in vielen Gradationen und Steigerungen die vorherrschenden Gegensätze bilden: so zeigt sich schon darin, daß nicht etwa in dem Climatischen von Licht und tropischer Wärme, die ihrem beiderlei Boden gemeinsam sind, die bedingende Ursache dieser Verschiedenheit ihrer ideellen Gestaltungen liegen könne, sondern daß zu der Physik der Tropen, die von astronomischer Stellung abhängig ist, noch ein blos tellurisches Verhältniß, nämlich die räumliche Zusammenwirkung des Natursystemes in seiner localen Gesammterscheinung, hinzutreten mußte, um ganzen Völkergruppen des Morgenlandes solche charakteristisch verschiedenartige Richtungen auf Jahrtausende hinaus in ihren theosophischen, philosophischen und poetischen Productionen und überhaupt solche Gepräge zu geben. Diese Gepräge werden so mannichfache Formen annehmen, als die landschaftlichen Naturen des Erdkreises in wesentlich verschiedenartigen Charakteren hervortreten und auf Erd- und Wasser-Wirthschaft, Jagd- und Bergleben, Hirtenstand, Festsiedlung, Umherstreifen, Kriegführung, Friede und Fehde, Jso- lirung und Gesellschaft, Rohheit und Gesittung :u s. w. einwirken. Durch ihre Stellungen gegen Licht und Wärme aber, sei es im polaren oder tropischen Gebiete der Erdräume, oder in ihren mittlern Breiten, überall werden sie wieder durch die Naturumgebuug allein schon, abgesehen von jeder andern Einwirkung, die mannich- saltigsten Farben, Töne und Modifikationen gewinnen. Die Ossianische Dichtung auf der nackten Heide des rauhen, wolkenreichen schottischen Hochgestades entspricht einem andern Naturcharakter ihrer Heimath, wie der Waldgesang des Canadiers, Ueber eine geographische Productenkunde. das Negerlied im Reisfeld am Joliba, das Bärenlied des Kamt- schadalen, der Fischergesang des Insulaners, und alle diese sind nur einzelne Laute der vorherrschenden, gemüthlich-geistigen Stimmung und Entwicklung, welche den Naturvölkern, aus denen sie hervortönen, durch das Zusammenwirken des sie umgebenden Natursystems, durch den Totaleindruck ihres Naturelements, dem sie angehören, eingeprägt und wieder entlockt wurden. In wie fern ein solcher Eindruck aus dem Naturzustande durch höhere, geistige Vermittlung sich auch in einen Culturzustand des Individuums, wie eines ganzen Volkes, fortzupflanzen im Stande ist, zeigt sich auf jonischem Boden in dem Homerischen Gesänge, der, unter dem begünstigsten Himmel, am formenreichsten Gestade der griechischen Inselwelt hervorgerufen, wie er diese noch heute herbeizaubert, auch in diesem Gepräge für alle folgende Zeit die klassische Form gab. Die Einwirkung dieses Zusammenhangs der Naturproduc- tionen, nach Formen und Inhalt in ihrem Gesammtdasein, in ihrer Totalwirkung, nach allen tellurischen Erscheinungen auf das Menschengeschlecht in seinen mannichfachen Gesellschaften, wird keineswegs den geringern Antheil an dessen Erziehungs- und Entwicklungsgeschichte genommen haben. Aber die Betrachtung dieses Gegenstandes, des Totaleindrucks der Natur auf den Menschen, müssen wir in die besondere Abtheilung einer Ethnographie verweisen; die tiefere Untersuchung der dabei zur Sprache kommen- ' den Grundverhältnisse fehlt noch, wie eine wissenschaftlichere Begründung der Völkerkunde überhaupt. Man ist in den Versuchen zur Erklärung der verschiedenen Characteristik der Völker, die offenbar in einem Compler von Natur und Geschichte, von Grundtppus, Uranlage, Tradition und individuellem Bildungsgange zu suchen sein wird, entweder bei innern oder äußern Umständen, wie Körperschlag, Temperament, Lebensweise, Wohnort, Clima, Gebräuchen, Sprache, religiösen Richtungen, oder wol gar bei ganz äußerlichen und einzelnen noch materiellern Bedingungen, aus denen man Alles glaubte nachweisen zu können, stehen geblieben, wobei man leicht jenen ganzen t9v Ueber eine geographische Productenkunde. Zauberkreis der Natur, jenes Zusammenwirken des Naturdaseins, oder das ganze Naturverhältniß, unter welches ein Volk gestellt ist, aus dem Auge verlor, welches doch erst jede besondere Einwirkung bedingen wird. Manche der feinern geistigern Probleme der mannichfaltigsten Art, die hier zur Sprache kommen, hat bisher nicht die Wissenschaft, sondern fast nur die Kunst nächst der Poesie, insbesondere die Landschaftmalerei zu lösen versucht, wenn sie sich zur historischen Charakteristik ihrer Aufgabe erhob, und der Künstler sich dasjenige, was den Menschen und das Volk in der landschaftlichen Natur bewußtlos ergreift und bestimmt, zum Bewußtsein brachte, um es wieder bis zum lebendigsten Anklange schlummernder Gefühle und Gedauken darstellen zu können. Doch nicht von diesem Natur-Verbände nach den landschaftlichen Erscheinungen, oder den dadurch charakterisirtcn Erdlocali- täten sollte hier die Rede sein, obwol dieser Zusammenhang eben die allgemeinste Grundlage unserer Betrachtung ausmacht; sondern, da hier die analytische Untersuchung offenbar der synthetischen Betrachtung vorausgehen muß, nur von der individuellen Vertheilung der gesonderten Naturkörper nach den Organisationsstufen der drei Reiche, in Gemäßheit ihrer für das Gesammte charakteristischen Gruppen, Geschlechter, Gattungen, Arten. Wollte die Erdkunde hier sich zu einer Naturphilosophie erheben, von der Idee eines Eroorganismus, den übrigens zu be- zweifelu keine hinreicheirde Ursache vorhanden zu sein scheint, ausgehen, und aus diesem das Auftreten und die Entfaltung ihrer Bestandtheile systematisch darzuleg'cn versuchen, so müßte sie bei ihrem in der That noch zu unvollkommenen und ganz lückenhaften Zustande, wie früherhin so manche geologische Systeme, ins Unendliche abirren, da sie als historische Wissenschaft noch viele Bausteine zu brechen und zu bearbeite» hat, um einen Bau aufzuführen, dessen Besitz wir erst künftigen Geschlechtern überlassen wollen. Aber, nach herkömmlicher Art der Compendien, dabei stehen zu bleiben, bei jedem Lande, bei jeder willkürlich begrenzten Provinz die einzelnen Producte der verschiedenen Naturreiche nur - ' - ' ' V' ' , - ,, Ueber eine geographische Productenkunde. t9l summarisch aufzuzählen, und ihr Vorkommen wie ihre Brauchbarkeit und Anwendung ganz zufällig aneinander zu reiben, dies wird ihr, auch abgesehen von der unnützesten Weitläuftigkeit, noch weniger zu einem wissenschaftlichen Zusammenhange verhelfen. Wenn jene erste constructive Methodik immer weit hinter der Naturfülle zurückbleiben muß, und von unvollkommenen, allgemeinsten Voraussetzungen zu irrigen oder doch unbefriedigenden Resultaten im Besondern gelangt, denen die Thatsachen nur in verrenkter Form anzupassen sind, um nicht zu inconsequent zu erscheinen, so ist die zweite, die Aggregat-Lehre, bloßes Gedächtnißwerk; ihr reeller Inhalt bleibt verborgen, unter sich unverbunden, nirgends tritt Ursache und Bedingung der Erscheinung hervor; es ist keine gegenseitige Vergleichung, kein Fortschritt zur Steigerung des Inhalts, keine Befruchtung des Vorhergehenden für das Folgende möglich. Es fehlt ihr selbst die Einsicht in die Natur des Gegenstandes, und dessen Verhältniß tritt weder zu der genannten Erd- localität und ihrer Physik, noch zu den Bewohnern und ihrem Bedürfniß, noch zu dem System des Erdganzen überhaupt hervor. Auf jenem kühnen, aber doch geistigern Wege wird, nach vielen Vcrirrungen, doch nach und nach durch Kritik eine Wahrheit nach der andern gewonnen werden können; auf diesem wird man nur auf demselben Punkte materieller Beschränktheit stehen bleiben, ohne, was auch bisher der Fall war, nur im Geringsten vorwärts zu schreiten, und nur das nächste geringere Bedürfniß des Wissens dadurch allenfalls befriedigt zu haben meinen. Das rastlose Bemühen der neuern Zeit, jene Mängel durch ein geordnetes und möglichst vollständiges systematisches Verzeichnis) der Naturproducte jedes Landes zu ersetzen, und Mineralogien, Floren, Fannen zu sammeln, hat, streng durchgeführt, sein großes Verdienst. Denn wie erwünscht muß nicht die genaueste Kenntniß des mineralogischen Reichthumes eines Landstrichs und die Erforschung seiner Flora oder Fauna sein! Aber diese ist Gegenstand des Naturstudiums, z. B. des speciellen Zweiges der Botanik, der mineralogischen Topographie u. s. w. in ihrem systematischen Zusammenhange. Ueber eine geographische Productenkundc. Abgesehen von der Unmöglichkeit, nach demselben Maaßstabe die Naturprodukte, wenn auch nur die wichtigsten, aller Länder der Erde zusammenzustellen, was nur der Gegenstand zahlreicher besonderer Werke sein könnte, so würden dabei, auch auf das mäßigste Quantum beschränkt, doch überflüssige Wiederholungen nicht zu vermeiden sein, und das Hauptbedürfniß der geographischen Wissenschaft, das Verhältniß des Raumes, den die Natur- producte einnehmen, würde nicht anders als nur im Einzelnen, immer nur in Fragmenten und ohne nähern Zusammenhang unter sich und mit dem Ganzen, berücksichtigt sein. Allerdings ließe sich vieles geographisch Lehrreiche in dieses naturhistorische Netz eintragen ; aber dieses würde immer nur Zufälliges sein, da die verbindende Anordnung der zahllosen Details das Natursystem wäre, nicht aber das geographische Element, nämlich das Räumliche der Erscheinung, welches von jenem, als das ordnende, beherrscht bliebe und daher selbst nirgends in seinem eignen Wesen hervortreten könnte. Die neuere Zeit hat den Mängeln früherer Sorglosigkeit, oder dem bloßen Pedantismus systematischer Summirungen der Natur- productionen in einigen lehrreichern geographischen Arbeiten dadurch zu begegnen gesucht, daß sie, statt der Naturgeschichte, die Physik, zumal die Climatik zu Hülfe rief, um durch ihren Beistand den unendlichen Reichthum der Naturprodukte in ihrer Verbreitung zu ordnen. Unstreitig führt dieser Weg schon näher zum Ziele, da die letztere, die Climatik, selbst nur localisirt, in bestimmten tellurischen Regionen sichtbare Gestalt gewinnt, und auch in der Physik schon aus den allgemeinsten gewisse, speciell angewandte Lehren von den Naturkräfteu sich zu tellurisch darstellbaren Reihen, Regeln und Gesetzen erhoben haben, die für gewisse Puncte, Linien und Regionen der Erde allgemeinere Gültigkeit erlangen konnten. Solche Lehren sind die von den astronomischen Breiten und Längen, den absoluten und relativen Höhen, von den Temperaturen der Erdrinde, der Atmospäre und der Oceane, die von den Jahreszeiten, den Isothermen, Jsochimencn und Jsothereu, von den herrschenden und variabeln Winden, den hygromctrischen Er- Ueber eine geographische Producienkundc. i93 scheinungen, dem atmosphärischen Niederschlage, von dem oceanischen oder Küsten- und Continental-Clima u. a. m. Durch sie hat die physikalische Geographie in kürzester Zeit die außerordentlichsten Fortschritte gemacht und wesentlich dazu beigetragen, der allgemeinen Erdkunde erst einen mehr innerlichen Zusammenhang zu geben. Sie sind auch ungcmein fruchtbar für eine systematische Productenkunde geworden. Indem jene Lehren thatsächlich gewisse Normalverhältnisse bezeichnen, durch welche die Existenz gewisser Organismen bedingt sein wird, so muß deren Combination auch gewisse Verbreitungszonen dieser Organismen im allgemeinen bezeichnen, auf welche ihre Eristenz nur angewiesen sein kann. Aber bis jetzt sind doch nur hie und da einzelne dieser Physikalischen Gesetze zu Hülfe genommen, um dieses und jenes Vorkommen der Naturproductc daraus zu erläutern. Es haben sich daraus vorzüglich sür die Vegetation, die vom Boden und Clima am abhängigsten ist, gewisse Regionen oder doch Limitationen ergeben, innerhalb welcher das Leben gewisser Gewächsklassen möglich, oder von denen dieses Leben zurückgewiesen wird. Noch ist uns aber kein Versuch bekannt, den ganzen Verein dieser physikalischen Verhältnisse in seinem bedingenden Einflüsse auf die Vertheilung und Gruppirung der Naturproductc überhaupt nachzuweisen. Nur in Beziehung auf Clima und Vegetation von Europa hatte Schouws Naturgemälde des genannten Erdtbeils diesen Gegenstand wissenschaftlich zu ordnen versucht und, nach dem Vorgange früherer Ermittelungen durch Andere, daselbst z. B. die vier Hauptgürtel vegetativer Regionen wildwachsender Bäume durch Thatsachen nachgewiesen: der Kiefer und Birke, der Buche und Eiche, der Kastanie, der immergrünen Laubhölzcr und die Hauptgürtel der Culturen des Getraides, des Weinstocks und des Oelbaums. Solche Vegetationsgürtel wildwachsender Pflanzen und Culturgewächse, nebst den Hauptrcprascntanten dieser vegetativen Zonen, welche man so passend die Climamarken genannt hatte, ließen sich über alle Gebiete der Erde verfolgen, wodurch die sonst unübersehbaren Massen und Arten sich in tellnrisch geordnete Regionen, Ritter Beiträge. N 194 Ueber eine geographische Productenkunde. Gruppen, Gliederungen zerlegen, denen sich dann jedes Besondere als Regel oder Ausnahme natürlicher Weise unterordnen ließe. Unzählige Verbältnisse dieser Art sind seit A. v. Humboldts Erforschung des tropischen Amerika's, Nob. Browns Bekanntmachung mit der Gestadewelt Australiens und Asrika's, v. Buchs Beobachtungen subtropischer und temperirter Zonen, Links antiquarisch-botanischen Forschungen und vieler Anderer einzelnen Bemerkungen zur Sprache gekommen, aber noch aus keinen der außereuropäischen Erdtheile oder der Inselwelt zur Anordnung der vegetativen oder animalen Productionen für das geographische Compendium angewendet oder benutzt, den ersten Versuch einer elementaren Darstellung der allgemeinsten Verhältnisse in „v. Can- steins Charte von der Verbreitung der nutzbarsten Pflanzen über den Erdkörper" und den so eben erst erschienenen Grundriß der Pflanzengeographie von Meyen, der durch eigne Anschauung reichlich ausgestattet ist, etwa abgerechnet. Ohne uns hier in die Mannichfaltigkeit des Besondern, nach diesen physikalischen Classificirungen des Vegetationsreiches, weiter einzulassen, welche als Regulativ zur Uebersicht der Anordnung der Pflanzen-Gattungen und Arten über den Erdball ganz unentbehrlich, von der entschiedensten Wichtigkeit sind und immer bestimmtere Werthe gewinnen werden, bleiben diese jedoch nur auf das eine der drei Reiche beschränkt, und es sind noch die Physikalischen Regulative für die tellurische Anordnung der Naturprodukte der beiden andern zu suchen übrig. Die Producteukunde des Thierreichs wird sich hier, wie die des Pflanzenreichs, unmittelbar an die naturhistorischen Forschungen über die geographische Verbreitung der Thiergeschlechter, wie sie vor längerer Zeit schon Zimmermann versuchte, zu halten haben, die im freiern Verhältniß zu Klima und zu absoluter Erhebung, wie nur thcilweis an die Vegetationsverbreitung geknüpft, weniger an den Boden gebunden, nach Lebensart, Nahrung und andern Umständen auf weitere oder engere Kreise angewiesen, ganz andern Gesetzen folgen, ganz andere Verbreitungssphären Ucbcr eine geographische Productenkunde. einnehmen, die aber bisher noch weniger als die vegetativen übersichtlich waren, und vielfach in jene ein- und übergreifen. Eine viel reichhaltigere und feiner abgestufte physikalische Tonleiter für die verschiedenen Regionen des Erdballs, als die bisher durch physikalische Instrumente so mühsam erhaltene, dürfte aber gewonnen werden, wenn die lebenden Organismen der Pflanzen- und Thicrgcschlechter selbst in ihren individuellsten Verbreitungssphären zu den Climatometern dieser physikalischen Tonleiter benutzt würden, und wenn eben so auch die mehr oder minder von den Climaten und Localitäten abhängig gedachten Geschlechter uud Arte» der Thiere, wie Vögel, Jnsecten, Amphibien, Fische u. s. w., nach ihren VcrbreitungSweisen schon bekannt und unter einander verglichen wären, worüber selbst die demgemäß modificirtcn Formen der See- und Landvögel, zumal die amerikanischen Formen der Vögel nach Lichtensteins Untersuchungen über den genannten Erdtheil, schon für das Ganze sehr lehrreiche Ausschlüsse gegeben haben. Die Blüthenkalendcr z. B. jeder Pflanzenart an jedwedem Orte der Erde, die Wanderkalender der Zug- und Strichvögel und anderer Thiere an den Ankunfts- und Abgangstagcn für die verschiedensten Erdlocalitäten, würden die Scalenverzcichnissc jener organischen Climatometcr sür ihre ganze Verbrcitnngssphäre darbieten und nicht ohne wichtige Beiträge für das Ganze sein. Die Productcnkunde des Mineralreiches, gänzlich unabhängig von jenen physikalischen Bedingungen der Außenseite der Erdfläche, welche ihren Einfluß auf das Dasein und Gedeihen der lebenden Organismen ausüben, wird dagegen für die zufällige Erscheinung ihrer Schätze in den obern Schichten der Erdrinde ihre Regel und Anordnung nur in der Gcognosie, d. i. in der wissenschaftlichen Erkenntniß der großen Erbmassen finden, welche die Erdvesten bilden, weil von deren innerer Construction und äußerer Verbreitungsweise nach horizontaler Ausdehnung und Uebereinander- lagernng, wie nach Senkung und Hebung, auch die Beschaffenheit ihrer untergeordneten Theile, ihrer Gliederung, wie des Erdganzen abhängig wurde. Wenn demnach in den Pflanzen- und NS t96 Ueber eine geographische Productenlunde. Thicrverbreitungen der alten und neuen Welt, der polaren, tropischen und temperirten Seiten der Erde, in Wasser und Land, die verschiedenartigsten Mannigfaltigkeiten der Formen und Gestaltungen, wenn auch in unter sich immer noch verwandten Vergesellschaftungen und Verhältnissen auftreten, so findet dagegen in den Produkten des Mineralreichs, bei der Identität ihrer Arten und Lagerungen, wie der Analogien der Form und Gruppirung, in der alten wie in der neuen Welt und durch alle Zonen, die größere Einförmigkeit in der Weise ihres Vorkommens statt. Den großen Erdthcilen ward, wenn auch keinesweges ihre räumliche, doch ihre mineralogische Individualität versagt, die sie dagegen ebenfalls in botanischer und zoologischer Hinsicht zur Mitgift erhielten. Es liegt aber die dennoch vorhandene, nicht geringe geognostische Mannigfaltigkeit jener Erdganzen vielmehr in der relativen, wie in der absoluten Verschiedcnartigkcit der Formen und Massen, nämlich ihren Gruppirungen nach relativen Lagerungen, Entblößungen und Gliederungen, deren quantitatives Verhältniß überall wechselt, wenn auch das qualitative der Massen sich gleich bleibt, die aber noch obenein von vielfach wechselnden, untergeordneten Bildungen durchschwärmt werden. Indem nämlich die einen der Gliederungen ihre Stellung behaupten, oder zu quantitativ vorherrschenden Körvermasscn, d. i. zu großen Formationen, werden, treten die andern als begleitende oder minder selbständige Glieder zurück, lassen Stellvertreter zu oder verschwinden, der Analogie in der Gruppirung unbeschadet, fast gänzlich. Auch lassen sie einzelne isolirtc Trümmer ihres frühern allgemeinern Daseins stehen, oder werden zu entführten Transportmassen, da die Reste abgestorbener Organismen in ihren Formen der Regel nach alle verschwinden, jedoch die des Mincralreichs auch nach der Zertrümmerung fortbestehen, selbst jene verschwindenden lebendigen Formen in ihrem Schooße für die Folgezeit aufbewahren und sogar immer wieder zu jüngern neuen Formationen in veränderter Gestalt und Ausbreitung sich aufbauen. Da diese Formationen und gegliederten Gruppirungen aber, Ueber eine geographische Productenkunde. intensiv gleichartig, alle Längen und Breiten des Erdballs nur ertensiv ungleichartig durchsetzen und aus den Tiefen zu den Höhen nach denselben Verhältnissen hinaufsteigen, so bieten ihre Verbreitungssphären an der Außenseite der Erdrinde ein ganz anderes System von Erscheinungen dar, als die früher genannten der Pflanzen- und Thierwelt. Sie haben das Eigenthümliche, da überall derselben Gebirgs- art, wie bei den Thier- und Pflanzengattungen, auch dieselbe äußere Gestaltung oder die plastische Form in der Erscheinung auf der Erdrinde mitgegeben ist, daß auch überall auf dem Erdball die verwandten Formen der Gestaltung mit den geognostisch gleichartigen Räumen, aber in bestimmten Schranken nach Maaß und Form, von Berg und Thal u. s. w. wieder hervortreten, die für das Fortbestehen der organischen, nur für gewisse Verhältnisse begabten, Existenzen auch überall nothwendig waren. Daher die landschaftliche Natur auf allen Seiten des Planeten ihrer Grundlage nach gleich, nur relativ verschiedenartig gruppirt, zerstört, wieder aufgebaut, dagegen absolut verschiedenartig und unendlich mannichfaltig nach Zonen und Climaten durch Vegetation gefärbt und überkleidet erscheint. Nicht Aufzählung aller vorkommenden Mineralien, so wenig als die der vorkommenden Thierartcn, welche nur in eine Fauna des jedesmaligen Landes gehört, wird also eine Productenkunde des Mincralreichs in der geographischen Wissenschaft enthalten; sondern das Charakteristische ihres Vorkommens zu den Naum- verhältnissen im allgemeinen, wie zu jedem Landestheile, der insbesondere zur Betrachtung gezogen wird. Nämlich die Massenverbreitung der Erden und Gesteine, der Urmassen, der Schiefer, der Kalkzüge, der Sandarten, wie das sich isolirende Vorkommen einzelner charakteristischer Arten derselben, wie der Basaltgänge, Trachytgruppen, der Porphyrkeile, die Metallgänge, die Goldländer, die Zinnstreifen, die Salzbänke, die Salzquellen, die Linien der mineralischen und tbcrmalcn Wasserbrunncn, die Torfwiesen, die Diamantlager, die Kiesebenen, die Zonen der Rollblöcke, die Muttergesteine, die Tranöportlager u. s. w. Da diese Charak- 198 Ueber eine geographische Productenkunde. teristik nur aus der geognostischcn Beschaffenheit der Erdrinde, oder der gesetzmäßigen Verthcilung der Erbmassen nach ihren innern und äußern Constructionsvcrhältnisscn hervorgeht, so sind diese, wie die Physik und Climatik für die lebenden Organismen, das Regulativ sür die Vcrbreitungssphärcn der aufzuführenden Mineralkörper. Die plastischen Formen der Erdräume bieten die localen Modifikationen ihrer individuellen Erscheinungen und ihrer Verbreitungsverhältnisse dar, nach den Quartieren und Lineamen- ten, welche durch die geognostischen Formationen bestimmt sind. Aber eben nur das Resultat dieser Gesetzmäßigkeit, oder der Abweichungen der räumlichen Anordnungsweise unorganischer Naturkörper in ihren relativ wichtigsten Productionen, nicht die Theorie oder die Wissenschaft der Geognosie selbst, noch weniger die systematische Mineralogie in ihren vollständigen Abrissen und Auszügen sind, so wenig als die der Floren und Faunen nach der Systemfolge, oder die der Climatologicn und Physiken, wie dies doch in der Regel mehr oder weniger, wenn auch nur oberflächlich, geschieht, den geographischen Compcndicn einzuverleiben. Irren wir uns nicht, so hätten wir auf die angedeutete Weise, wenn sie nur auch schon in Ausübung gebracht wäre, schon alle Anforderungen, welche man bisher an eine allgemeine Productenkunde, als einen Theil der Erdkunde, zu machen sich für berechtigt hielt, weit überboten, und wirklich finden wir noch in keinem Lehrbuche oder Handbnche diesen angewandten Theil der geographischen Wissenschaft, oder auch nur einen Versuch, der einigermaßen diesen Andeutungen entspräche. Wo Einzelnes dafür gethan, da ist dieses ausschließlich ein Vorbehalt der physikalischen Geographie, oder zum speciellen Nutzen anderer Disciplinen geschehen. Dennoch möchte bei genauerer Betrachtung sich ergeben, daß mit jener Anordnung nach physikalischen Regulativen noch keineswegs die Forderungen, welche an eine Productenkunde überhaupt, als Zweig der Erdkunde, zu machen sind, erschöpft werden. Auf jenem angedeuteten Wege sind überall nur erst die negirendcn Schranken der Existenz der Naturkörpcr gesucht; aber der specifische Ueber eine geographische Productenkunde. 499 Charakter, der sie für gewisse Erdräume fesselte und nur auf diese anwies, ist darum noch nicht ermittelt; ihr positives Leben, der Mittelpunkt der Naturchätigkeit in der reichsten localen Entfaltung der Naturprodukte, darum noch keineswegs gefunden. Den allgemeinsten Verhältnissen einer auf jene Weise geordneten Productenkunde müßten die Naturkörpcr, in ihren sprechenden Individualitäten, erst Ton, Klang, Farbe und Licht, Form und Gestalt geben, um jenes Productionensvstem zur wahren Anschauung zu bringen. Das eigentliche naturhistorischc Element wäre in jener Anordnung noch kaum zur Sprache gekommen, welches eben in der Individualität jedes für sich gesondert zu betrachtenden Naturkörpers, nach Gattung, Species, Individuum, besteht, nach der nur ihm eigenthümlichen äußern und innern Art seiner Eristenz und demnach auch seines Vorkommens, seiner natürlichen Verbreitungsweise, welche darum von jedweder andern eine individuell verschiedenartige sein wird, falls auch Vergesellschaftungen stattfinden, die aber nichts anderes als nur durcheinandergreifcnde sein werden. Es müßte daher die individuelle Verbreitungssphäre jeder besondern Art der Naturkörper für sich erst ermittelt sein, ehe die der ganzen Gattung hervortreten könnte, deren verschiedene Arten öfter zwar in denselben Erdlocalitäten gesellschaftlich, aber vielleicht noch häufiger iu verschiedenen Erdlocalitäten stellvertretend erscheinen. So unendlich mannichfach die physikalischen Verhältnisse der Naturkräfte in Conflict mit den Verhältnissen der Formen und Stellungen des Erdkörpers treten, und so unendliche Combinationen von Erscheinungen dadurch iu den natürlichen, tellurischen Quartieren des Planeten hervorgerufen werden, so unendlich verschiedenartig, wenn auch vielfach verwandt und in einander übergreifend, werden auch die ihnen entsprechenden Organisationen der Thier- und Pflanzenwelt sein. Nicht die naturhistorische Lehre dieser Organisationen, sondern nur ihre Ansiedlungsweise an eine bestimmte Heimath und die Erforschung des Naumverhältnisses zu dieser Heimath, in den üppigsten Culminationen ihrer Entwicklung, wo sie am gedeihlich- Zgg Ueber eine geographische Productenkunde. sten den höchsten Grad der Vollkommenheit, oder der Menge nach die größte Zahl erreichen, wo sie als herrschende Formen hervortreten, bis zn ihren stufenweisen Verkümmerungen oder Ab- artungen und dem Verschwinden an den Grenzen dieser natürlichen Verbreitungssphären, wird der Gegenstand der geographischen Darlegung in der Productenkunde sein müssen. Aber nicht blos diese primitive Heimath und das natürliche Vorkommen der Naturkörper wird es hier genügen kennen zu lernen, da ja ihre gegenwärtige Verbrcitungsweise eine ganz andere ist, als ihre ursprüngliche war. Denn bald wurde sie erweitert oder auch mehr zusammengedrängt, beides durch Naturkräfte oder Menschenhand, die zerstörend oder gedeihlich auf sie einwirkten, wie durch Wanderung oder Jagd, Cultur oder Ausrottung, Verpflanzung, Wandel, Verkehr oder sonstige Entführung. Die individuelle Untcrsnchnng des Vorkommens der einzelnen Naturkörper in einer allgemeinen Productenkunde der Erde, oder der Bemächtigung des naturhistorischen Elementes durch die geographische Wissenschaft unter den Regulativen, welche die Lehren der Physik, der Climatik, der Geognosie darbieten, hat demnach dreierlei Hauptaufgaben zu lösen, um zu den Verbreitungsgcsetzen derselben über den Erdball zu gelangen. Einmal hat sie die Naturheimath und ihre räumliche Sphäre von der Culmination oder der tellurischen Lebensmitte ihres individuellsten Gedeihens, gewissermaßen ihrem Paradies- lebcn, ihrem Paradiesclima, womit in der Regel auch wol die primitive, die Ur-Heimath zusammenfallen wird, bis zu den Grenzen ihrer Verkümmerungen, ihrer Vereinzelungen, ihres völligen Verschwindens überhaupt darzulegen, wie z. B. bei Ge- traidearten, Obstbäumen, Gewürzpflanzen u. s. w. Zweitens hat sie die Region der natürlichen Wanderungen der Naturkörper durch Vermittlung der Naturkräfte in andere als die primitiven Räume nachzuweisen, wodurch die Sphäre der Naturheimath sich in eine Wanderungsheimath erweitert, .die dem Umfange nach sich nicht selten unendlich vervielfacht. So z. B. die Wanderungen der Gcbirgstrümmer, der verschwemmbaren Ueber eine geographische Productenkunde. 201 Mineralien und Schuttmassen durch die Lüste und die Gewässer, oder der mit den fließenden Wassern, den Windbewegungen und Meeresströmungen, oder durch Thiere, Vögel u. s. w. entführten Pflanzen, Wurzeln, Sämereien, endlich der selbstwandernden und unsteten Thierfamilien über die Erde durch die Wasser und Lüfte. Es zeigen sich bei dieser Nachwcisung schon von selbst sehr viele Modificationen in den Erscheinungen der Naturkörper; es treten dadurch die verschiedenartigen Wanderungssphären der Naturkörper in ihrem lebendigen Zusammenhange an das Licht hervor. Es ist begreiflich, wie hier schon das rein naturhistorische Element, welches in die geographische Betrachtung gezogen ist, durch das physikalische der bewegenden Naturkräste den mannich- fachsten Raumveränderungcn unterworfen wird, und wie somit schon die unbeseelte physische Bewegung die größten Umwandlungen in dem naturhistorischen Elemente, in Beziehung auf den planetarischen Erbring, herbeigeführt haben muß, während sie als Träger der beseelten Bewegungen, wie wir anderwärts gezeigt haben, dessen Naumverhältnisse durch die Zeit selbst umgestalteten. Die dritte Aufgabe aber würde die Cultur-Sphäre zu erforschen haben, welche jene Naturkörper durch den Einfluß der Menschengeschichtc oder des historischen Elementes gewannen, indem sie aus ihrer Naturheimath oder ihrer natürlichen Wande- rungs-Sphäre, sei es in den verschiedensten Zeiten der Vergangenheit oder Gegenwart, durch gesellige Wanderung mit Menschen und Völkern zu Land und zu Wasser, oder durch Verfolgung, wie durch Uebersiedlung, Civilisation, Zucht, Cultur der verschiedensten Art, im Fort- und Rückschritt oöcillircnd oder perpetuirlich und sich wiederholend, eine neue Culturheimath erhielten. Wie unmittelbar sich die Lösung dieser Aufgabe an die Menschen- und Völkergeschichtcn in ihren verschiedenen Civilisativns- und Culturverhältnissen anschließt, und recht eigentlich das Band der Verknüpfung der Naturhistoric mit der Ethnographie durch Vermittlung der Erdkunde bildet, ergiebt sich ohne weiteres von selbst, ohne fruchtlos in das Gebiet jener verwandten Wissenschaften 202 Ueber eine geographische Productenkunde. abzuschweifen und ohne zu ihrem eigenen Nachtheil die scharf gezogene Grenze geographischer Wissenschaft zu überschreiten. Indem die Verfolgung des ersten Gesichtspunktes, die Erforschung der Naturhcimath, zu dem primitiven Vorkommen im gedeihlichsten Boden und Clima jedes Natnrkörpers zurückführt, wird damit zugleich die eigenthümlich vergesellschaftete Naturausstattung jeder Erdlocalität durch ihre Urproduktionen charakterisiert, wodurch ihre Archäologie für Land und Volk und die Civilisirung beider nicht selten ein überraschendes Licht erhält. Es springen zugleich durch die anhaltende Verfolgung dieser Untersuchungen die vorzugsweise begabten Planetenstellen im Gegensatz der minder begabten für das Auge sichtbar hervor, die von einer bestimmten Naturseite her zu einem höhern Einfluß auf das Ganze durch ihren Naturreichthum berufen waren, oder durch die individuelle Mitgift, die ihnen von Anfang an zu Theil wurde. Die Untersuchung der natürlichen Wanderungssphäre führt dagegen zur Unterscheidung der festgewurzelten Productionen des Erdballs, die, wie Gold, Diamanten, Gewürze u. a., ein localer Naturegoismus nur an einzelne kleinere, tcllnrisch-auserwählte Räume firirte, von den beweglichern, welche durch die verspcudende Hand der Natur auf weitere Räume vertheilt werden sollten, um zu verschiedenen Resultaten für das Ganze zu führen. Indeß jene in der Folge der Zeiten zu merkwürdig anregenden Anziehungspunkten der Begier und Habsucht der Völker oder zu Antrieben höherer Art werden mußten, war es nothwendig, daß diese immer mehr und mehr durch Naturkräfte ausgebreitet, wie die Wander- heerden oder Sämereien, die Kokosnuß durch Wellenschlag und Strömungen, gleichsam cosmopolitisch die minder begabten Räume auch für andere, zumal auch für menschliche Eristenz befähigte». Wie durch jene ersteren, die in sich abgeschlossenen, stationären Productionen, gleichsam das insulare Verhältniß der verschiedenen Gaben der drei Naturreiche hervortritt, so wird durch diese, die wandernden, welche zu natürlichen Beherrschern weiter Erdräume werden, gleichsam das ungemein verbreiteterc Ueber eine geographische Productenkunde. 203 continentale Verhältniß derselben nach den mannichfachsten Erscheinungen und Modifikationen repräsentirt. Die Untersuchung der Cultursphäre und der gewordncn Kulturheimath führt aber zu jener merkwürdigen Klasse der Naturprodukte, die man noch im höheren Sinne, wie es einen König der Thiere und eine Königin der Gewächse, Löwe und Palme, giebt, zu den edelsten der Naturproductionen überhaupt zählen möchte, weil sie, analog den Menschen und den Völkern (die sich auch in civilisirbare und fortschreitende, wie in stationäre, verkümmerte und verschwindende unterscheiden) zu höherer Entwicklung ihrer Individualität befähigt, durch Zeit und Zucht derselben entgcgenreifen und, die Völker mit ihren Colonisationen von Stelle zu Stelle begleitend, neue Heimathen in so großer seegensreicher Ausdehnung und solcher veredelter Selbständigkeit gewinnen, daß ihr Naturleben dagegen ganz verschwindet, ja daß sie von einer Naturheimath völlig abgelöset, wie das Pferd, das Kameel, der Reis, die Cerealien u. v. a., dem Menschengeschlechte ganz zu seiner Existenz durch die verschiedensten Erdräume überwiesen sind. Alle diese Verhältnisse können nur aus den Annalen der Geschichte, also auf historischem Wege, aus den Zeiten, in die Gegenwart der Nänme eingetragen werden; die Physik, die Climatik, die Naturhistorie, welche das Regulativ der Verbreituugszouen in dieser Gegenwart nachweisen will, mnß, was sie nur zu oft versäumt hat, hier zuvor von der Historie und Geographie sich geleiten lassen. Haben wir diese dreierlei Verbreitungssphären, wenn auch nur der wichtigsten Erdproductioncn, die sich gleich Wasserkreisen von ihren jedesmaligen Mittelpunkten aus höchst mannich- faltig in- und durcheinander schwingen und über kleinere oder größere Räume des Erdenrunds auf das merkwürdigste verbreiten, näher ermittelt und von jedem durch Naturproductiou für das Ganze classischen Erdpunkte aus verfolgt, so sind damit auch nicht unwichtige Schritte für die Menschenkenntniß, nach ihren Antrieben von der Naturseite aus, geschek/en. Die angewandten Theile. 204 Ueber eine geographische Productenkunde. die Ethnographie, die Länder- und Staatenkunde haben für Agrikultur, Industrie, Gewerbe, Handel, Verkehr, Colonisation u. a. in. das Material ihrer naturhistorischen Grundlage, mit Beziehung auf den schon vorhandenen oder noch zu erwerbenden Natur- und Cultur-Reichthum derselben, erhalten. Das Auseinanderliegen dieser verschiedenen Verbreitungssphären führt auf die Bahnen des Verkehrs, auf die Arten und Richtungen des Handels, und weiset die unentwickelten Gründe ihres Ganges nach, zu denen oft keine Annalen der Geschichte zurückgehen. Ihr gegenseitiges Uebereinandergreifen in verschiedene Länderräume führt zu der natürlichen Combination einheimischer mit fremden Productionen, Agriculturen und Gewerben, die entweder ihre Erfüllung schon erlangt haben, oder noch ein neues, fruchtbares zu gewinnendes Feld der Thätigkeit darbieten. Die Verschiedenartigkcit, die Uebereinstimmung, die Mannich- faltigkeit, die Körperlichkeit der Begabung, nicht nur der größern und kleinern Naturgebiete der Erde, sondern auch die eigenthümlich sich unterscheidende Art dieser natürlichen Charakteristik der nun auch politisch gesondert zu betrachtenden verschiedenen Länder, Reiche, wie ihrer untergeordneten Provinzen, ja der gering- scheinendsten Erdlocalitäten, tritt hiedurch überall in den bestimmtesten und vollständigsten, quellengemäß ermittelten Umrissen hervor. Der Antheil, den alle diese Erdräume durch ihre specifische eigenthümliche Mitgift, von dieser Seite her, an dem Entwicklungsgange des Planeten wie der einzelnen Völker, Reiche, Staaten genommen haben, in der Gegenwart wirklich nehmen, oder für die Zukunft noch zu gewinnen befähigt sind, stellt sich dadurch überall in das gehörige Licht. Daraus geht der naturhistorische Character der Erdtheile und jedes besondern Ländertheiles erst hervor: ihre primitive Begabung und Anregungsfähigkeit für das Ganze wie für das Besondere, ihre verschiedenartige Empfänglichkeit und Befähigung für cosmopolitische Entwickelung, ihr Geben und Nehmen in Beziehung auf die Geschichte der Menschheit, ihre active und passive Miteinwirkung auf das Gesammte. Ueber eine geographische Productenkunde. 205 Die Erdkunde wird, wenn sie auf diesem Wege die allgemeine Productenkunde natur- und quellengemäß durchzuarbeiten im Staude gewesen, auf eine erschöpfende Weise für ihre Zwecke und Bedürfnisse aller Naumverhältnisse der Art zu entwickeln und zu erfüllen im Stande sein, zugleich aber auch die wissenschaftliche Form für den materiellen Theil ihres Inhaltes gefunden haben, die ihr bis jetzt gänzlich noch fehlte. Anmerkung. Als Beiträge zu einer in diesem Sinne bearbeiteten Productenkunde dienen die besondern Abhandlungen über die Verbreitungs-Sphären der Dattelpalme, Kokospalme und einiger andern Palmarten; die von Pisang (Nu8->), Mango, Pfeffer (m'pkl- Hierum), Areka, Zimmt; die Verbreitungs-Sphären des indischen Elephanten, des indischen Löwen, der indischen Perle und des indischen Banyanen-Baumes, welche vorgelegt wurden und theilweise in verschiedenen Bänden der Allgemeinen Erdkunde seitdem schon öffentlich mitgetheilt sind Anmerkung (1852). ') Später sind zu diesen noch die Verbreitungen von Thee, Kaffee, Zuckerrohr, Baumwolle, Seide, Opium, Weihrauch, vom Kameel, von Diamanten, Tabaschir u. a. hinzugekommen, die in einem nächsten Bändchen zusammengestellt werden sollen. V Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. (Vorgetragen am 1. April 1350.) <1?erfen wir den Blick auf einen Erdglvbus, der, wenn auch in noch so großem Maaßstabc, uns doch nur als winziger und also höchst unvollkommener Repräsentant für die äußerlichste Gestaltung unsers planetarischcn Erdkörpers erscheinen kann, aber doch in seiner, eine unendliche Mannichfaltigkeit als Einheit zusammenfassenden Kugelform einen sinnlich überwiegenden Eindruck auf die Imagination und unzählige mit ihr in Verbindung stehende Ideen ausübt, so tritt uns zunächst die in größter Zerrissenheit erscheinende Verwirrung seiner in einander und durch einander greifenden Vertheilung der Länder- und Wasserflächen vor das Auge, in denen nicht die geringste Spur von einer scheinbaren Ordnung ihrer Gegensätze wahrzunehmen. Keine mathematische, von grad- linichten Figuren oder geometrisch gestalteten Räumen, keine graben Linien in Reihen, keine.Punkte, nur das mathematisch darüber hingezogene Netz, das von dem Himmel erst auf die Erde über- tragen ward, giebt uns für das sonst in sich Maaßlose ein künstlich zum ersten Anhalt bestimmtes Maaß, und selbst ihre beiden Pole sind nur mathematische, aus ihrer Rotation heraus con- struirte Punkte, die uns in ihrer Realität noch gänzlich unbekannt geblieben. Keine architektonische Symmetrie, an die unser Auge bei menschlichen Kunstwerken so gewöhnt ist, nicht einmal die Ueber räumliche Anordnungen auf d. Außenseite des Erdballs u. s. w. 207 Symmetrie, wie sie in den Organismen der Pflanzen- und Thierwelt, in den individuellen Gestaltungen eines Unten und Oben, zwischen Basis und Krone der Gewächse, oder einer linken und rechten Seite in der Gesichts- und Körperbildung der Thiere und Menschen hervortritt, ist hier wahrzunehmen. Ja dieses völlig unsymmetrische, scheinbar ganz regellose, schwierig mit einem und auch wol mit vielen wiederholten Blicken aufzufassende Ganze hat darin etwas Sinneverwirrendes, Unheimliches, dem nur die Namengebung und Anderes zu Hülfe kommen muß, uin sich nicht sehr bald von einer blos gedankenlosen, chaotisch widrig erscheinenden Ansicht abzuwenden. Man hat sich daher auch mehr zu den Einzelnhciten ihres Inhaltes, als an die Betrachtung ihres ganzen zusammengehörigen Aeußern gehalten, und die compendiarische Geographie hat daher ihren Hauptreichthum iu der Beschreibung der Theile gesucht. Sie ist daher auch nur elemcntarisch bei der Benennung und Beschreibung der Einzelnheiten geblieben, sie hat sich nicht zu den Verhältnissen und allgemeinen höhern Gesetzen erhoben, durch welche erst die Wissenschaft zu einer Einheit, zu einem Ganzen gelangen kann. Obwol der Planet der Erde in seiner maaßlosen Uebersichtlich- keit ein ganz Anderes ist, als sein verjüngter Maaßstab im künstlichen Globus, der nur schwache Lineamente von jenem auf seiner Oberfläche und nur symbolisch andeuten kann, so sind wir doch genöthigt gewesen, die Sprache, in der vom Erdball als von einem planetarischen Ganzen die Rede ist, erst von seinem schwachen Repräsentanten uns zu abstrahiren. Denn auf diese Weise ist auf dem Abbilde der größte Theil jener Terminologie für die räumlichen Verhältnisse der Erde gewonnen, die doch eigentlich aus der Natur des Gegenstandes selbst und nicht aus dem schwachen Abbild hätte hervorgehen sollen. Da hier jedoch nur größten- theils das von außen her übcrhin gesponnene mathematische Netz maaßgebend war, so ist die Sprachbestimmung sehr einseitig und unvollkommen geblieben, und noch heute in keinerlei Hinsicht ausreichend und erschöpfend für die wissenschaftliche Betrachtung eines organisirten Ganzen, weder für dessen horizontale Ausbreitung, 208 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs noch für dessen Dimension nach Höhe und Tiefe, und noch weniger nach seinen Functionen. Die Werke der Natur zeigen jedoch im Gegensatze der menschlichen Kunst den charakteristischen Unterschied, daß, wenn diese auch den höchsten Stempel der Vollendung in sich zu tragen scheinen, symmetrisch, schön, anpassend, bis in daS kleinste geregelt sich zeigen, doch bei genauerer Untersuchung der innere organische Zusammenhang fehlt, und mikroskopisch untersucht, die größte Rohheit ihrer Composition sich immer mehr und mehr herausstellt, sei es das feinste Gewebe, das eleganteste Uhrwerk, das in schönster Harmonie sich zeigende Gemälde, die glätteste Politur der Marmor- oder Metallfläche. Dagegen löst sich die scheinbare Un- symmetrie, Ordnuugslosigkeit, chaotisch auftretende Außenseite der Werke der Natur, je tiefer die Betrachtung, die Forschung, selbst die mikroskopische Untersuchung eindringt, in immer feinere Elemente und Organisationen auf, sei es im feinsten Faden des Spinnennetzes, dem bewundernswürdigen Baue der Pflanzenzellen, dem Geäder der thierischen Organismen, oder in den krystallinischen Formen oder Blätterdurchgängen der unorganischen, fast unsichtbar für das unbewaffnete Auge gewordcuen Krystallisationen und Moleculen. Aber nicht blos nach der materiellen Feinheit, auch nach der geistigen Größe der Construction und ihrer Func- tioncn findet dieser Gegensatz statt, wie die physiologische Forschung lehrt, die überall auf zusammenhängende Wirkungen der Naturkräfte, auf Systeme und ihre Naturgesetze geführt hat, denen die Wissenschaften der Chemie, Physik, Optik, Mechanik und viele andere erst ihr Dasein verdanken. Sollte dieser Gegensatz bei dem größten der uns näher bekannt gewordenen Naturkörper, unserm Planeten, und wären wir auch nur mit seiner äußerlichsten Oberfläche und auch mit dieser fürs erste nur noch ganz oberflächlich bekannt, nicht stattfinden? und diese, wie durch blinde Naturgcwalt wild zerrissen erscheinende Außenseite blos einer zufälligen system- und zwecklosen, chaotisch wirkenden neptunischen und Plutonischen Dictatur und gegenseitig sich nur zufällig bedingenden Gewalt ihre gegen- und ihre Funktionen im Entwicklungsgänge der Geschichten. 209 wärtige bei einem Gesammtüberblick die Sinne verwirrende Erscheinung angenommen haben? Wie wäre dies mit dem Geschick ihrer Belebungen, ihrer Bevölkerungen, mit den Schicksalen des Menschengeschlechts, seinen Geschichten und Entwicklungen zu vereinen, wenn wir auch nur bei dem einen Gedanken stehen bleiben, daß der Planet nur als das Erziehungshaus und mit allen seinen Einrichtungen als die große Erziehungsanstalt des Menschengeschlechts in ihrem irdischen Vorübergangc erscheinen kann. Jede Pflanze will ihren gedeihlichen Boden haben, um von der Wurzel bis zur Krone blühen und zur Frucht sich entfalten zu können, jedes Geschöpf in dem Elemente, für das es geboren ist, leben und weben, da es sonst untergeht; und der Mensch, die Entfaltung des Menschengeschlechts so viele Jahrtausende hindurch, in so vielen Millionen seiner Individuen, sollte an einen, blos durch feindliche Antipathien der Naturgewalten, sei eS durch Neptun oder Vulkan in den Erden und Oceanen, oder durch Hitze und Kälte in den Lüften gestalteten Wohnort, an ein durch sinnlose Willkühr verzaubertes Wohnhaus gefesselt sein? An eine Heimath, die in keiner Harmonie mit den Bedürfnissen der fortschreitenden Entwicklung seines Geschlechtes stände, weil wir in ihr nur erst, wenn schon in einem noch unerschöpften Reichthum von Mannichfaltigkciten an ihren Oberflächen, doch nur die geballte Masse eines noch ungeregelten, in seinen elementaren Theilen festgerannten, erstarrten, sogenannten unorganischen Körpers zu erblicken wähnen, der in sich abgerundet, schon sertig von der Drehbank der Welten in das Universum geschleudert durch die große rotirende Wurfbewcgung nun seinem eignen Schicksale für alle Zukunft überlassen geblieben? — Sollte ihm allein die fortbildende Kraft einer innern Organisation versagt worden sein, welche doch für alle seine Geschöpfe auf ihm eine so charakteristische Mitgift geworden? — Wir haben Fingerzeige genug, die uns hinreichend warnen, in dem Moment der Gegenwart nicht den Maaßstab für eine Ewigkeit zu suchen, den auf unsere Sinne wirkenden Eindruck nicht für den Gegenstand, der ihn hervorbringt, zu halten, das aufgestellte Naturgesetz nicht für das Werk unsers Scharfsinns, Ritter Beiträge. O 2t0 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs unserer Systematik anzusehen, sondern sür einen glücklichen Fund dessen, was schon längst und immer vorhanden gewesen, nur für uns, wie so Vieles, noch verschleiert geblieben und noch nicht von uns erfaßt war. Die Genesis der sich bildenden Nebelflecken zu Welten, der Wind, der uns trifft und am andern Ende entsteht, als da wo er herzukommen scheint, sind uns, wie unzähliges Andere, lehrende Beispiele geworden, nicht aus der uns scheinbaren Verwirrung und Gesetzlosigkeit auf den Mangel von Zusammenhang und Ordnung zurückzuschließen. Bei der Anordnung der Außenseite unsers Planeten und dem innern Zusammenhange seiner scheinbar willkührlich zerstreuten Theile werden wir, je tiefer wir in die Erkenntniß ihrer Natur eindringen, mehr und mehr eine höhere Symmetrie und Harmonie, wie eine progressive Entwicklung auch ihrer blos räumlichen Verhältnisse wahrnehmen, je mehr und mehr die Naturwifscnschaft und Geschichte uns in ihrer Entschleierung derselben unterstützen. Was hat die astronomische Ortbestimmung, die Geodäsie, die Hypsometrie, die Geognosie, die Meteorologie, die Physik in dieser Hinsicht nicht schon gethan, und welche Aussicht bietet sich sür die Gesetzmäßigkeit in der räumlich-planetarischen Anordnung nicht dar, wenn wir auch den Entwicklungsgang der Menschen und der Völkergeschichten, wie die Produktionen der Naturreiche nach ihren heimathlichen Erscheinungen, mit in die Frage der Verhältnisse der räumlich-planetarischen Formen hereinziehen, wozu hier einige Andeutungen folgen mögen. Die Anordnung der dreierlei Hüllen, unter deren Formen der Erdball sich zeigt: Luft, Wasser und Land, die auf verschiedene Art über dessen Umfang vertheilt wurden, übergehen wir, da sie bekannt genug sind, und bemerken nur, wie die räumliche und die physikalische von beiden harmonirt, da in beiden das Wasser die mittlere Stellung in jeder Hinsicht einnimmt, in Beziehung auf Genesis, wie auf Metamorphose und Naumverhältniß. Wir übergehen eben so das bekannte Verhältniß der continen- talen Massenanhäufung in der nördlichen Hemisphäre, wodurch der maritime Gegensatz in der südlichen hervorgerufen wurde und und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 2'lt das Uebergewicht der Wärmeverb, ältnisse, wie der menschlichen Bevölkerungen nach Zahl und gegenseitiger Berührung, nach Austausch der Produktionen, wie der Erfahrungen und der Ideen, sich in der nördlichen Hemisphäre gegen die arctische Seite der Erde anhäufen mußte. Wir haben erst kürzlich die großentheils hierdurch gesetzmäßige Verschiebung aller allgemeinen Temperatur- Verhältnisse und der speciellen Klimatik in ihren Einzelnheiten durch alle Monate und Jahreszeiten um das ganze Erdenrund hindurch, in bestimmten Thatsachen kennen lernen. Auch das Verhältniß der pyramidalen südlichen Zuspitzung der keilförmig gestalteten Südenden in der antarctischen Hemisphäre können wir als allgemein bekannt voraussetzen, nach seinen Einwirkungen auf die Anordnung im Ganzen, da aus diese A. v. Humboldt aufmerksam gemacht hat. Wir erinnern nur daran, daß alle Südenden der Continente auch in der nördlichen Hemisphäre gegliederter sind (wie in Europa, Asien, Amerika, Australien), als die Nordenden, und daher auch zugänglicher werden sollten für alle Arten der Lebensthätigkeiten. Weniger beachtet in seinen allgemeinsten wie speciellsten Einwirkungen ist der größte Gegensatz auf dem Erdball, den wir die nordöstliche Landhalbkngel und die südwestliche Wasserhalbkugel genannt haben, oder vorherrschend die Land-Welt und die Wasser- Welt, die tcllurische und die maritime Seite der Erde. In dieser die offenen großen Oceane, in denen nur die Inselgruppen zerstreut liegen und die Enden der Contiuente hineinragen; in jener, die überwiegende Masse der rigiden Continentalform, welche die Gewässer nur gleich Binnenmeeren einschließt. In der einen Neuseeland der Mittelpunkt des äußern Wasserkreises; in der andern die Umgebungen der Nordsee, zumal Süd-England, die Antipode von Neu-Seeland im Mittelpunkt des Landkreises; durch seine insulare Stellung zu allen Meeresbewcgungcn und dem Binnen- Gestade der diese Insel umgebenden Landwelt maritim am meisten bevorzugt, schon durch die Natur im Mittelpunkt des durchbroch- nen, mit Meeresgassen nach außen verbundenen Landkreises für O 2 2t2 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs diesen zunächst, vom Anfang an, auf die Herrschaft der Meere angewiesen. In der einen Erdhalbe liegen alle Ländermassen vorherrschend vereint, in der andern Wafserhalbc zerstreut; in der einen das Uebermaaß des trocknen, in der andern des feuchten Elements. Auf dem großen Gürtel des Gestadelandes zwischen beiden, der den ganzen Erdball als größter Kreis in diagonaler Richtung zwischen Meridianen und Parallelen gegen N.O. und S.O. umgiebt, befindet sich dadurch die schmale, aber mannichfaltig geränderte und gegliederte Zone des Uebergangs von der einen zur andern Erdhalbe, und eben darum in ihr die Ausgleichung ihrer Gegensätze, die sich überall in diesem Gestadegürtel unmittelbar schon in dem tagtäglichen Wechsel der Land- und See-Winde, wie noch in vielen andern Wechselverhältnissen ausspricht. Denn in diesen Ring des großen Gestadelandes der Erde, der die Nord- wie die Süd-Hemisphäre durchschneidet und gegen den äußern Wasserkreis sich hinneigt, sällt die ganze Ostküste Afrika's, die ganze Süd- und Ostküste Asiens, die ganze Westküste Amerika's, welche den Ring vollendet, der jedoch gegen den antarktischen Süden ungeschlossen bleibt, denn eben diesem Süden fehlen die Con- tinentalbildungen, und also kann daselbst auch kein Uebergang zwischen Land- und Seeflächen stattfinden, dem so viele Wechselverhältnisse der Meteore, der Feuchtigkeitsniederschläge, der Windrichtungen, der Küstenströmungen und Flutbendirectionen ihr geregeltes Dasein verdanken. Es läßt fich nicht verkennen, daß schon in diesen für die Physik des Erdganzen, wenn schon nur linearen, jedoch sehr vielseitig sich durchkreuzenden grandiosen Anordnungen ein höheres Gesetz vorwaltet für das Leben der Erde, als eine blos äußerlich für das menschliche Auge symmetrische Ncgulirung darbieten würde, daß also der scheinbar anfänglich fast sinneverwirrende Anblick der willkührlichen Zerstücklung und Zerrissenheit der Oberfläche der Planetenrinde seiner tiefern organischen Bedingungen nicht entbehren wird, wenn auch zum Beispiel unsere noch zu unvollkommenen Tiefenmessungen der Meere und unsere nur erst und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 2i3 theilweise geognostische Kenntniß der Bestandtheile und Construk- tion der Continentc noch keinen hinreichenden Grund, über die jetzige so ungleiche Vertheilung der Lände» und Wasserflächen auf der ganzen Außenseite der Erdrinde ein Urtheil zu fällen, gestatten mag. Eine vorherrschend tellurische und maritime Seite des Erdballs in ihrer diagonalen Ausdehnung über alle Längen- und Breiten-Zonen mußte auch dieselben Gegensätze in Atmosphäre, Vegetation, Thierwelt, als überall verschiedenartige Modifikation bedingen; ja das Leben und Weben der Menschen und Völker mußte in beiderseitig ganz verschiedenartigen Formen auftreten, in sofern der Mensch abhängig sein sollte von seinem Wohnorte und dessen Natur. Die Erscheinungen in den Menschen- und Völker- Geschichten mußten in beiden ganz verschiedenartige sein, und die Kulturgeschichten einen ganz entgegengesetzten Gang der Entwicklung nehmen. Die Landwelt mußte sich im Gedränge der Populationen und der übergreifenden Reibungen wie des dadurch bedingten Austausches zuerst kultiviren, die Wasserwelt mußte einen Haufen roher bleibender Völkcrgruppen beherbergen, bis die Schifffahrt entdeckt und zur Weltschifffahrt vervollkommnet war, wodurch auch für sie aus einem stationären Zustande der Tag einer progressiven Entwicklung herannahen sollte. Die Völkerschaften, welche den großen Gestadegürtel auf der Grenzzone zweier Gegensätze des Erdballs bewohnten, wurden dagegen durch weit mannichfal- tigere Naturimpulse auch schon in ihren elementaren Entwicklungen begünstigt, wie die erythräischen Acthiopicr, selbst noch die Acgyptcr, Araber, die Inder, Chinesen und West-Amerikaner, wie sich dies anch in den Azteken-Ruinen Californien's, Merico's und Peru's im Gegensatz der Rückseiten aller dieser Völker kund giebt. Indem wir in dem Bisherigen von Mittelpunkten, größten Kreisen, Gürteln, Zonen, Erdhalben, Hemisphären, pyramidalen Gliederungen u. s. w. sprechen mußten, ist es nicht unbeachtet zu lassen, daß, da in der Physik schon alle diese mathematischen Begriffe von Hälften, Punkten, geraden Linien, Parallelen bloße Analogien bezeichnen können, dies bei ihrer Anwendung auf Raum- 214 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs ersüllungen der Erdoberfläche, wobei noch das Oscillatorische dieser Verhältnisse im Gegensatz des Stationären hinzutritt, mehr der Fall sein muß, daher wir uns hier auch für das folgende Sprachverständniß in geographischen Dingen der Ausdrücke von geometrischen Figuren, Rhomboedern, Triangeln, Ovalen u. dergl. in gleichem annäherndem ^ Sinne wol bedienen dürfen, ohne dadurch Veranlassung zu Begriffsverwirrungen zu geben. Eine andere Anordnung der äußern planetaren Oberfläche als die, welche das ncptuuische Uebcrgewicht jenes Wasserreises bedingt, gewinnt dieselbe durch das Uebergewicht eines vorherrschend fortwährend wirksamen Feuerkreises, nämlich durch das vulkanische Uebergewicht auf der einen Seite des Erdballs, von dem die andere größere Seite desselben, wenn auch nicht ganz, doch größtentheils befreit bleibt, und wenn auch bei ihren jetzt friedlich stillern Hebungen, voll von Spuren solcher frühern analogen Thätigkeiten, doch nur einzelne, sporadisch zerstreute Gruppen derselben auch heute, aber nur in periodisch unterbrochner Wirksamkeit, sich zeigen. Dieser Feuerkreis ununterbrochen thätiger Vulkanreihen ist von einem der ersten Geognosten unsers Jahrhunderts um das große Becken des so mächtigen Ost-Oceans oder der stillen Südsee nachgewiesen, wo dieser nur zum Theil mit dem so eben genannten größten Kreise des Gestadegürtels zusammenfällt. Mit einem Theile desselben an den westamerikanischen und den nordostasiati- schen Gestade-Curven deckt er sich; in einem andern Theile, dem südostasiatischen, zieht er in verschiedenen Parallelen an ihm auf den Reihen der Gestadeinscln vorüber, bis er endlich ganz von jenen divergircnd gegen S.O. in die Mitte der Südsee zurückweicht. Hierdurch wird er zu einem, nicht dem größten Kreise wie jener, sondern nur einem kleinern Kreise des Erdenrundes angehörenden Kranze, der nur zum Theil mit dem Gestadegürtel sich deckt, aber in seiner Mitte, im Schooße des Ostoceans, die Tausende von isolirten, emporgehobenen, kleinern basaltischen Jn- selchen und Inselgruppen herbergt, die alle gleichartig nach Plutonischen Gebirgsarten und Gebirgsformen, aber längst abgeschwächt und ihre Functionen im Entwicklungsgänge der Geschichten. 215 in ihrer submarinen Thätigkeit, ans den Wassern hervorstiegen. Dieser fortwährend thätige Kranz selbst fällt im Osten der Südsee mit dem an 1000 Meilen langen Längenzuge der Cordilleren am Westrande des amerikanischen Continents zusammen, aus dessen Rücken Aler. v. Humboldt einige 50 bis 60 noch feuerspeiende Berge und Krater zählte, zwischen deren Intervallen noch viele ungezählte sich anreihen. Auf der Westseite des großen Ostoceans fällt aber im Parallelismus mit den Küstenkonturen des australischen und ostasiatischcn Festlandes die Linie der Reihen-Vulkane, die L. v. Buch nachwies, auf den langen Normalzug der langgestreckten Gebirgsinseln. Mit gleichlaufenden, gegen N.W. gerichteten, oder unter sich parallelen Längenaren ziehen diese, im Innern und Aeußern gleichförmig, ebenfalls an 1000 Meilen weit von der Doppelinsel Neu-Seeland bis zu dem Nordende der Philippinen mit einer Gabelung ihrer Direktion in den Molukken, von 80 wüthenden Feuerschlünden, die nur an ihrer Ostspalte hervortreten, fortwährend bewegt. Von da an schließt sich in großer convcrer Curve der Kranz gegen Nord über die Gruppen von Japan, den Kurilen, Kamtschatka, den Meuten, Unalaschka mit ihren noch bis zu einem halben Hundert thätiggebliebenen Vulkanen, die theils, wie die australische Reihe, maritim auf Inseln, theils, wie die amerikanische, continental auf Festland sich hinzieht. Derselbe Kranz schließt sich wieder an das Nordende des Cordilleren-Zuges mit dem St. Elias-Vulkan und dem neben ihm sich erhebenden Cerro de Buen-Tiempo an, so daß der ungeheure Feuerkreis von mehr als 200 thätigen Vulkanen, fortwährend in Wirksamkeit versetzt, wol diesen Namen verdienen mag. Nur im Süden bleibt der Ring dieses vulkanisch thätigen FeuerkranzeS uugeschlossen, obwol er im polaren Norden durch die Trennung der Coutinente der Alten und der Neuen Welt, welche dort beinahe verschwindet, nicht gehindert wurde, in seinem tieser- wurzeludeu Zusammenhange von dem einen zum andern der großen Contincnte fortzuschreiten und subterrestrisch zu verbinden, was maritim geschieden erscheint. Dort convergiren allerdings auch die Coutinente N.O.-Asiens und N.W.-Amerika's bis auf 2t6 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs wenige Stunden Unterbrechung in der Cook-Behrings-Straße, und dies schon möchte auf die Gleichzeitigkeit der Genesis des Vulkankranzes aus der mächtigen Erdspalte mit der Hebung und Ausschwellung ihres im Rücken liegenden ganz flachen Continentes hindeuten. Bestätigung scheint in der Südhemisphäre die entgegengesetzte, negative Erscheinung in der großen Lücke des nichtgeschlossenen Ringes zwischen den auf 1000 Meilen von einander abstehenden Südhörnern Amerika's am Cap Horn und Südaustraliens in Tasmanien darzubieten, wo mit den Continentalbildungen auch der sie begleitende Vulkankranz gänzlich verschwindet, wo nun, im Gegensatz des inselreichen Ostoceans im Innern des Feuerkranzes, der inselarme, fast inselleere Ocean außerhalb desselben Kranzes seinen Anfang nimmt und über den übrigen noch größern Theil der Erde sich ausbreitet. Denn erstaunen muß man bei Durchmusterung der außerhalb desselben liegenden maritimen Seite der Erde, so wenig Jnselbildungen aus ihrem unendlich weitern Schooße hervortreten zu sehen. Während die Bande der großen äquatorialen Jnselzone, die in der diagonalen Richtung der Ekliptik von den Philippinen gegen S.O bis zur einsamen Osterinsel mit ihren noch ungezählten, dichtgedrängten Jnselpunkten die blaue Südsee durchzieht und belebt, weshalb man sie wol mit einer sternenreichcn Milchstraße am Himmel verglichen hat (deren Jnselstraße auch noch von einer zweiten, ob- wol schwächern Jnselparallele in weiterem nördlichen Abstände, von der japanischen Gruppe an in gleicher Richtung gegen S.O. bis zum kolossalen Vulkan der Sandwich-Gruppe begleitet erscheint), findet der Forscher nach Jnselbildung dort außerhalb des Feuerkranzes ihre größte Armuth. Dem Seekapitän ist diese, im Gegensatz jenes Jnselreichthums, wohl bekannt. Der antarctische Welt- umsegler konnte in der ganzen Südhemisphäre, südwärts der genannten Lücke des Vulkankranzes bis auf die jüngste Entdeckung des Victoria-Landes mit seinen Vulkanen durch James Roß, nur einzelne vereinsamte Klippen und Felsen, nur Splitter, die kaum Inseln zu nennen sind, bis zu den Klippen Alerander I, und Peter I. auffinden, und in dem großen Raume des Südeismeeres, und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 217 den James Weddel (1822) durchschiffte, war keine einzige hervorgehoben. Auch in den nordlichern Breiten des großen indischen Weltmeeres, zwischen West-Neuholland und S.O.-Afrika, sind die oceanischen Klippen Kerguelens, St. Paul und Amsterdam als solche kaum des Nennens werth. Das Jnselpaar Bourbon und Mauritius ist von allen andern verlassen. In dem atlantischen Weltmeere, außer den antarctischen Klippen von Sandwichland bis zur Neu - Süd - Shettland-Gruppe, zeigen sich nur in dessen äthiopischer Breite, zwischen West-Afrika und Ost-Afrika im Süden des Aequators, die von einander weitabstehenden oceanischen Jnselpunkte: Trinidad, St. Helena, Ascension, die aus den größten Tiefen des Oceans, die jemals gemessen worden, 14,550 Fuß engl., also Montblanc-Höhe gleich, nach James Roß erster, und nach dessen zweiter Messung sogar aus 27,600 F. Tiefe emporsteigen mußten, um an die Oberfläche des Meeres zu gelangen. Erst im Norden des Aequators, als Antipoden der Südsee- Jnseln, treten wieder einige zahlreichere, aber immer engbeschränkte, ccntrale, vulkanische Inselgruppen über der Meeresfläche hervor, wie in den Canaricn, Azoren, Faröer, bis nach Island hinauf, das jedoch nicht mehr den offenen oceanischen, sondern den polaren Gestadeinseln zuzuzählen sein wird, wo in der Nähe beider Pole nordwärts mit John-Maven-Insel und südwärts mit Mt. Erebus, 12000 F., wie James Roß, der Entdecker von Victoria- Land sagt, die Feuerbildungcn in verjüngter Kraft und Thätigkeit wieder ihr Territorium gewinnen, das eine lange räumliche Unterbrechung erlitten hat. Die hebende, sichtbar gewordene Feuer-Gewalt, die also außerhalb des großen Vulkankranzcs aus der ungeheuersten Tiefe des Oceans nur auf sparsame Eruptionsstellen concentrirt blieb, die aber um so größere Inselgruppen hervortrieb, mußte sich einst in unendlich größerer Wirksamkeit über den ganzen Boden des Südseebeckens verbreiten, weil aus demselben außer den sichtbaren Inseln auch eine Unzahl unsichtbar gebliebener aus dem seichteren, mitemporgeschwollenem Seegrunde, als Untiefen, Bänke, Klippen, Tafelinseln, sich nur so eben bis in die Nähe der Seeoberfläche 218 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs erheben konnten, wo die Tausende von Korallenbänken nnd Koralleneilanden, soweit die Undulationen der Fluchen reichten, sich auf ihnen ansiedelten. Aber die hebende, unsichtbar bleibende Dampf-Gewalt, auf diese Tausende von einzelnen Punkten vertheilt, scheint doch zu ohnmächtig geblieben zu sein, um das Ganze zu einem über der Meeresfläche sichtbar werdenden Continente empor- zuschwcllen, dessen submarine Verbreitung nur dereinst durch zusammenhängende Sundirungsreihen zu ermitteln sein wird. Diese Wirksamkeit auf große Strecken, nicht blos auf einzelne Punkte gerichtet, zeigte sich dagegen überall nach der Außenseite des Vulkankranzes, in der Hebung der sichtbar gewordenen Alten wie der Neuen Welt, deren zusammenhängender höchster Plateau- bau seine gewaltigsten Stirnen überall gegen den Vulkankranz emvorthürmte; nach der entgegengesetzten, von ihm abgewendeten Seite aber, nämlich gegen das Innere der Landwclt, ihre Hauptsenkungen gewann, die alle gegen Norden, Nordwcsten, Westen und Nordosten in der Alten wie in der Neuen Welt, gegen den ihnen nord-atlantischen Ocean und die arctische, polare Länderbreite des Planeten in die größten Depressionen übergingen. Unstreitig weil dahinwärts die bebende Gewalt nach oben in bestimmten Progressionen gegen die Mitte der gemeinsamen Depression abnahm, desto mehr aber in derselben Richtung in horizontaler Dimension über die polare Seite des Erdballs sich als seine trockne, aber flache Erdrinde verbreiten konnte. So trat die große Continentalbildung im Gegensatz mit der großen Jnselbildung des Planeten hervor, durch welche der Entwicklungsgang der Menschengeschichte für Vergangenheit und Zukunft seine Gruudanlage als Mitgift erhielt. Auf der Westseite der australischen Neihenvulkane, deren kein einziger auf dem westlich gegenüber liegenden, doch so nahen Boden des Festlandes bekannt ist, breitet sich das Flachland eines ganzen Erdtheils, die große Niederung von Neuholland aus, zu deren massigen, größern Einporhebung die unter dem Südseebecken so thätige Plutonische Gewalt schon bei ihrem Entstehen viel zu abgeschwächt war, um sie höher zu heben. Sogar das zwischen und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 219 ihr und dem vorüberstreichenden Jnselzuge von Neu-Guinea beschlossene, so sehr seichte Korallenmeer (llw kreat Lgrrier) konnte aus dem Seegrunde nicht mehr als trocken gelegter Landgrund emporgehoben werden, oder sank wieder unter die Wellen zurück. Dieses große Gebiet der australischen Depressionen eines ganzen Erdtheils setzt auch weiter nordwärts des insularischen sundischen Isthmus mit seinen vielfachen Durchbrüchen zwischen Car- pentaria und S.O. Malacca, auf asiatischen Boden, in den flachen Küstenländern von Hinterindien, Tunkin und Ost-China's Seegestade fort, bis die hohe Anschwellung des Centralplateaus von Asien in seinem Ostrande an den Steilküsten von Leaotong und Korea, der isolirten großen Vulkangruppe von Japan gegenüber, und weiterhin ihnen die Grenze setzt. Dieser Erscheinung ganz analog liegen auch in Süd- und Nord-Amerika alle großen Depressionen des Erdtheils unmittelbar außerhalb des Vulkankranzes des continentalen Cordillerenzuges, wie der durch ihn auf seinen Schultern mitemporgetragenen, sehr hohen, aber nur schmalen und langgezogenen Plateaubildungen. Innerhalb der Depressionen zeigt sich in ganz Ost-Amerika, in seinem weiten Areal, kein Vulkan mehr, so wenig wie in Australiens Flachland, eine merkwürdige Analogie; und die Senkungen der großen Depressionen, wie ihre Stromsysteme zeigen, gehen hier nur nach der Außenseite des Feuerkranzes, der in diesem Erdtheil ganz mit dem großen Gestadegürtel zusammenfällt, dessen innere Seite steil zum Tiefmeere der großen Südsee abstürzt, während die Außenseite der continentalen Depressionen überall in terrassirten Stufcnländern sich gegen den äthiopischen und atlantischen Ocean, mit nur niedrigbleibenden Berggruppen hier und da, verflacht. Gehen wir nun von dieser beachtungswerthen Analogie der Stellungen, der anliegenden Depressionen und ihrer Senkungen in beiden Seiten der Neuen Welt, der amerikanischen wie der australischen, gegen den stets aus den tiefen Spalten seines Hitzheerdes sich selbst wie seine Nachbarschaften neugestaltenden und hebenden 220 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs continentalen wie insularen Feuerkranz über, zu dem Gesammtbau des Alten Continentes. Hier wiederholt sich dasselbe Gesetz der Anordnung des Ganzen in der analogen Construktion gemeinsamer Hebungen, Senkungen und Depressionen, nur mit den Modifikationen, die aus seiner südwärts gegliederten Form und aus der Entfernung seiner Südgestade von dem gegen Südost in die Südsee zurückkehrenden Feuerkranze der insularen Reihenvulkane hervorgehen mußten, da der Normalzug seiner Gestadelinie von dieser Abwendung vom Feuerkranze an nun gegen Südwest, der Richtung des großen Gestadegürtelö, von Süd-China, Hinter- und Vorder-Indien, über das Südende Arabiens, der Ostspitze Äthiopiens und der ganzen weiten Südostküste Afrika's, die Madagaskar-Seite ent lang, bis zum Cap der guten Hoffnung folgt. Hier ist es nun lehrreich für das Ganze, was Aler. v. Humboldt für das centrale, rhombosdrisch gestaltete Plateau Ostasiens zuerst nachgewiesen hat, da dessen partikuläres Verhalten sich in der Gesammterscheinung als gesetzmäßig wiedererkennen läßt. Nämlich daß die Diagonale, welche dieses Centralplateau von S.W. gegen N.O. durchsetzt und in seine nordwestliche und südöstliche triangulaire Halbe (die tibetische und die mongolische) theilt, zugleich die Are der größten Anschwellung des ganzen Plateaus bezeichnet, der die größte Massenerhebung gegen S.O. liegt, ihr gegen N.W. aber die gemeinsame Absenkung beginnt. Die größte Anschwellung gegen S.O. ist in der Hochfläche Tibets bis zu 14,000 F., und in den Gipfelerhebungen der Himalava-Kette über 20,000 und 25,000 F. absoluter Höhe gemessen. Die steil gegen das südchinesische, hintcrindische und bengalische vorgelagerte Tiefland abstürzende Stirnwand dieser massigen Erhebung scheint -sich zu noch größeren Höhen, wahrscheinlich den kolossalsten des Planeten, emporzuthürmen. Obwol noch keine direkten Messungen dies darthun, so scheint außer andern Gründen auch die gegen Ost zunehmende Gipfelerhöhung darauf hinzudeuten, wie dies die jüngste Höhenmessung des Kintschindschinga in Sikim, durch Co- lonel Waugh und Hooker, zu 26,438 F. par. beweiset, der noch und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 221 höher als Jawahir, Dhawalagiri und Tschamalari in der südöstlichsten Steilwand des Himalava-Zuges emporsteigt, dem aber noch viele andere ebenbürtige an Riesenhöhe gegen Ost zur Seite stehen. Jenseit der diagonalen Are der größten Anschwellung des Centralplateaus, mit dessen mongolischer, nördlicher Halbe, beginnt aber dessen gegen N.W. terrassenförmig, in breiten und langgedehnten Stufen immer niedriger werdende Senkung durch die ganze Alte Welt hindurch bis zum Eismeer am nordsibirischen und nordeuropäischen Gestade. Diese Senkung vom Südrande der hohen Kobi über Peking, 8000 F. über dem Meer, geht nach dem Nivellement der russischen Akademiker in der Richtung gegen N.W. durch die Mitte der Kobi in 5000, 4000, 3400, 2100 F. abfallenden Stufenhöhen bis zur Tiefe des Baikalspiegels 1200 und zu der noch tieferen des Dsaisang-Sees, an den Quellen des Jrtvsch, zu nur 1000 F» Meereshöhe über. Diese Senkung, die ganze Ausdehnung des Alten Continentes verfolgend, schreitet gleichmäßig gegen West in die große und nun schon bekanntere Tiefe des Aral- und Caspi- schen Sees (—72'/, F. par.) fort; sie erreicht um Tobolsk nur noch 100 F. Meereshöhe und ist längst in die große Depression der Alten Welt, und in der Mitte der ganzen tellurischen Erdhalbe, nämlich in die Caspische und Pontisch-baltische Ost-Europa's übergegangen, wo sie dann noch weiterhin als flache Erdscheibe des Polarlandes, in gleichförmiger Gestaltung und Einheit, in allen drei Welttheilen (Asien, Europa und Amerika) den Nordpol umlagert. Dasselbe Gesetz der Massenerhebung zu den größten Höhen an den Südoststirnen der Stellabstürze gegen den großen Gestadegürtel, sowie ihrer Senkungen nach den entgegengesetzten Richtungen, gegen das Innere der tellurischen Seite der Erdhalbe zu, wiederholt sich nun auch in allen größern und kleinern zusammenhängenden oder abgerückten Plateaubildungen in der Richtung des großen Gestadegürtels, und läßt aus den analogen Erscheinungen auf analoge Kräfte und Wirkungen bei der Entstehung zurück- 222 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs schließen. Die Normaldirektion der Arenanschwellung der Massenerhebung Central-Asiens fällt aber mit der allgemeinen Massenerhebung des ganzen Erdballs in dieselbe diagonale Richtung für den ganzen Länderkreis der großen Continente zusammen; so daß in dieser partikulären Erhebungs-Diagonale nur das Gesetz der Anschwellung der ganzen Erdrinde in der Richtung einer allgemeinern Erhebungsdiagonale, der größten und höchsten Massen für den ganzen Erdball ausgesprochen erscheint, welche charakteristisch verschieden ist von der nicht selten diametral entgegengesetzten Richtung der Partikularerhcbungen der Gebirgszüge, die aus der Direktion der Spalten ihren Verlauf angewiesen erhielten, wie diese durch Elie de Beaumont systematisch und in chronologischgeologischer Aufeinanderfolge zu gruppiren versucht wurden. Im persischen Plateau steigt die Südoststirn in Belludschistan bis zu der bedeutenden Höhe des Tafellandes von Kelat zu 8000 F. Meereshöhe empor, während ihre nordwestliche Senkung schon in Jspahan auf die Hälfte, in Teheran auf 3700, in Kom auf 2000 F. hinabgesunken ist und nordwärts gegen die Bucharei und den Aral-See noch schneller abfällt, zum Südende des caspischen Sees Plötzlich abstürzt unter den Spiegel des Oceans. Das Plateau von Dekan erreicht gegen Süd in den Nilgherri, nahe dem Cap Comorin, seine größten Hebungen, im Plateau von Uta- camund 9000 F.; es senkt sich mehr und mehr gegen die Hochebene von Mvsore, Malwa, Mcwar, nordwärts nach demVindhvan hinab bis zum Tieflande Sind, dessen Nordende die Himalaya- Mauer entgegentritt. Ebenso hat das Plateau Arabiens, in Ned- sched (d. h. Hochland), im Südostwinkel Hadramaut, Oman und Jemen seine größte Höhe erreicht (die Weihrauchberge von Ma- kalla 5000, Dschebel Achdar in Oman 6000, Dschebel Taäs über Taäs 7000 F. nach Botta); gegen Sana« nordwärts schon zu 4000 F., in der Nähe von Mekka zu Taif auf 3000 F. in den größten Höhen abgesunken, ist nach der Bahrainküste des persischen Golss und gegen Syrien das Tiefland gegen den Schat el Arab und die mesopotamischen Flächen die ganze Erdfläche nur noch in weiten Niederungen ausgebreitet. Selbst die Sinai-Gruppe, ob- und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 223 wol in innerster Spaltung des Nöthen Meeres, und nur eine partikuläre- Erhebung mit geringer, nördlich angelagerter Plateaubildung, folgt dennoch diesem allgemeinen Gesetze. Auch sie bat ihre Steilseite zur größten Höhe gegen dieses Rothe Meer emporgerichtet, so wie, im weit kolossaleren Maaßstabe, die ganze Massenanschwellung des südlichen und östlichen Erdtheiles Asrika's in seinem Hochlande gegen die Seite des indischen Oceans das Marimum seiner Anschwellungen erhielt: (in den Schneebergen 40000 F.), am Quellgebiet des Orangerivier wenigstens 6000 F. im Süd des Aequators, unter diesen westwärts Mombaza bis zur Höhe der Schneeberge nach Rebmanns jüngster Entdeckung, im obern Habesch, auf Shoa's Plateau um Angololla 9—40000 F. nach Harris, und im nördlichen Habesch im Gondar 7000 F. nach Rüppell (im Shamen 13000 F.). Die größte Senkung Afrika's geht bekanntlich nordwärts zur Depression der weiten Sahara und der langen Tiefspalte des Nillaufes, also gegen das Innere der großen Gesammt-Depression der ganzen tellurischen Erdhalbe (zum Theil durch das Mittelmeer bedeckt), zu der ebenso die große Vertiefung des flachen Ost-Europa, die Pontische, sich hinabsenkt, sowie die partikuläre des Gebirgslandes von Mittel-Europa gegen die Ostsee und Nordsee. Nur das System der Meridian-Gebirge ist es, welches diese Gesammtniederung der Nordwestseite des Erdballs unterbricht, da dieses bekanntlich in den 3 großen Gebirgs-Parallelen, des Ural, der scandinavischen Alpen und der Alleghennys, diese Gesammt- senkung der Nordhemisphäre in ihre untergeordneten Quartiere theilt, die bald mit Land-, bald mit Wasserflächen bedeckt sind und allen drei nördlichen Erdtheilen angehören. Die für sich fortstreichenden Linien der freistehenden Gebirgsketten von O. nach W., wie Kaukasus, Karpatheu, Alpen, Pyrenäen, sind unabhängiger hervorgetreten von diesem compakten Gesammtbau, dem nur die Randgebirge der Plateau-Anschwellungen unterworfen waren; sie bilden für sich, zumal gegen den nach Westen hin gegliederten Con- tinent der Alten Welt, selbständiger hervorgetretene Systeme, welche den europäischen Erdtheil charakterisiren. 224 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs Wir haben bisher nur 5 bis 6 der auffallendsten äußeren, allgemeinsten Anordnungen in der Physik des Erdballs angedeutet, insofern sich diese in den Naumverhältnissen nachweisen und weiter verfolgen lassen, nur als Thatsachen in den Gesammt-Erschei- nungen der Erdrinde, ohne auf ihre möglichen Ursachen oder auf die aus ihnen hervorgehenden Wirkungen im Einzelnen überzugehen, denn diese sind leicht einzusehen. Aus dem letzteren großen Gesetze der allgemeinen Depression ergiebt es sich zum Beispiel zunächst für unsere Erdseite sogleich von selbst, wie dadurch die große zusammengehörige Völkerfamilie der alten Kultur-Welt, nur mit geringerer Zerstreuung nach den äußern Gliederungen, nach ihren großen Zuglinien im Marimum der räumlichen Annäherung der 3 Erdtheile auch zusammengeführt wurde auf den Einen großen zugänglichern und förderlicher» Schauplatz ihrer Thätigkeiten, der eben dadurch der klassische Boden der Weltgeschichte werden sollte, zu dem alle Bahnen des Völkerverkehrs, wie Flüsse zu einem gemeinsamen Becken hinleiteten, weil die großen Depressionen nach ihren größten Ausdehnungen durch die Mitte der Alten Welt, von Erdtheil zu Erdtheil, innerhalb gleichartiger Temperaturen von O. nach W. (nicht wie in Amerika durch verschiedene von N. nach S. getrennte), die Völkerverbindungen und ihre Ueberlieferungen aller Art ermöglichten. Denn nur nach der Außenseite blieb die Stirnwand der undurchbrech- baren Plateauerhebungen die zu schwer überwindliche, völkerhemmende, ja scheidende Naturform, wie sie selbst das schroffste Gegitter der innerhalb der Senkungen erhobenen Gebirgsketten- Bildungen, die überall mehr oder weniger durchbrochen sind, dem Gange der Bölkerentwickelung nicht entgegenstellte. Es lag hier nur daran, in der scheinbaren Regellosigkeit die Spuren einer höhern Symmetrie und Harmonie hervorzuheben, von welcher die elementare ungeübte Ansicht bei dem ersten Ueberblick keine Ahnung haben kann, weil die Naturmannichfaltigkeitcn< die schon aus diesem durch- und übereinandergreisenden Netze von Normalen zu groß ist an Besonderheiten und daraus hervorgehen- und ihre Functionen im Entwicklungsgänge der Geschichten. 225 den Eigenthümlichkeiten (lokalen Individualitäten), um ohne tiefer eingreifendes Studium auch begreiflich zu sein. Und doch sind hier nur die grellsten Lineamente und Con- touren berührt, die von unzähligen feineren modificirt werden; wir blieben jedoch fürs erste bei diesen stehen, weil ihr Netz den ganzen Erdball umspannt. Gehen wir nun im zweiten Theil unserer Bemerkungen zu den-Gestaltungen der Erdtheile über, welche für sich abgeschlossene Individualitäten der Planetenrinde bilden, die unter dem allgemeinsten Einfluß jener Normalen stehen, aber deren jeder durch die ihm eigenthümlich gewordene Plastik seinen besondern Charakter in sich trägt: so wird das, was wir Harmonie in den tellu- rischcn Bildungen in Beziehung auf den Gang der Menschengeschichte und den progressiven Fortschritt in der Entwicklung des Planetenlebens genannt haben, vielleicht noch klarer als aus frü- herein hervorgehen. Daß schon in der ganzen Gruppirung der Massen des Erdsystems die für alle Zeiten feststehende Gegeneinanderstellung der Erdthcile, die nicht wie die rollenden Planeten-Glieder im Sonnensysteme veränderte, wechselnde Stellungen einnehmen sollten, einen mit den Rotationen der Erde harmonirenden Einfluß ausüben mußte, ergicbt sich schon aus den auch historisch gewordenen Gegensätzen von Orient und Occident, die in fortschreitenden Uebergängen sich über den ganzen Erdkreis verbreiten. Denn dieser ist in dem Bewußtsein der Völker gegen den Aufgang und den Untergang, wie gegen den kalten Norden (Land der Hyperboräer) und den heißen Süden (der Acthiopcn), längst vorhanden gewesen und geblieben vor der namentlichen Absonderung von Erdtheilen. Wie die Zeit vom Morgen zum Abend, von Hoffnungen zu Erfüllungen, den heißen Mittag durchschreitet, bis die alles beschwichtigende Nacht (gleich der polaren Erdseitc) außerhalb jenes Verlaufs als Gegensatz auftritt, ebenso liegen auch im Raume: Orient in Asien zum heißen Libyen und dem Occident in Europa, und ebenso wieder die ganze Alte Welt gegen die Neue im Westen, als Orient und Occident kosmisch vertheilt. Das hohe Alterthum und die Nittcr Beitrage. P 226 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs Neuzeit, die Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, die Wiege der Völker, ihrer Geschichten und Kulturen, in dem Orient; der Fortschritt des entwickelter» Völker- und Staaten-Lebens, wie des ganzen Jdeenkreises und seiner Einwirkungen, im Occident — Alles dies tritt nur im Causalzusammenhange und gesetzmäßig mit der Grnppirung der kosmischen Weltstellung der Gesammt- masse des Planeten hervor; selbst der Völkerstillstand im hellen, heißen, geistig trägen, materiell übervölkerten Sudan, wie die noch nicht geschehene Völkererweckung im sparsam bewohnten, dunkeln und kalten Norden, stehen damit in Einklang und werden auch fortbestehen, so lange nicht Kunstmittel im Fortschritt der Menschengesellschaft erfunden sind, Naturhemmungen und Naturimpulse völlig zu besiegen und das Menschengeschlecht mehr und mehr von den Fesseln der Natur, wie der heimathlichen Scholle zu befreien; wie schon durch die Nautik die Meereseinsamkeiten und Meeresschciden überwunden, durch die Lenkung des Dampfes die Raumunterschiede völlig verändert, und durch die Colonisation - und das Plantagewesen die Gaben und Populationen der einen Seite des Erdballs in die andere übertragen sind. Jene Gegensätze gehen schon dem Chinesen in seinem Si-pu (Occidens), der SanSkritwelt in ihrem Para (Prasicr) und Apara, dem wahren Morgenlande der alten Welt, auf, dessen Götter nur noch weiter im Osten, wie Oannes der Chaldäer, Brahma der Hindu, gleich der Sonne dem Meere entsteigen. Weiter im westlichen Fortschritt wiederholten sich dieselben Gegensätze, wo der Grieche sein Anatolien («>^ro).tx^ so. /c?^«) in ^.sis minor, sein Hespericn in Italien, der Römer sein Morgenland in der Levante, sein Hesperien am Westrande der Erde in Spanien und den In- sulsö kvrtuniilliL erkannte, wie der Araber seinen Occident, den el Magreb, ebenfalls dort einzeichnete. Der Europäer rückt ihn über den Ocean nach der Neuen Welt hinaus, so wie die mit ihm wandernden Begriffe, Anschauungen, Völkerverhältnisse, deren räumliche Bedeutung aber mit dem Fortschritt der historischen Ausgleichung dieser Gegensätze mehr und mehr schwinden muß. Das Land der svnneverbrannten Aethiopen wie der Hyperboräer und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 227 der Homerischen Zeiten, im Süden und Norden des griechischen Archipels, ist längst zurückgewichen, wenn auch dem Hindu sein Hyperboräerboden oder Nordland, Uttara-Kuru, bis heute geblieben und das äthiopische Libyen sich zu einem ganzen afrikanischen Erdtheil erweitert bat. Diese an sich reellen Gegensätze mit ihren Naturverhältnissen konnten mit dem Fortgang der Geschichten, die in sie eingreifen, für die Völker zu blos relativen Beziehungen werden, wo die Natureinflüsse der Erdräume durch die Kulturverhältnisse ganz andere geworden sind; daher hieraus auch ein wesentlicher Unterschied der Methodik in der Behandlung alter und neuer Geographie hervorgehen sollte. Die kosmische Gruppirung und Weltstellung der Erdtheile wird immer von Einfluß bleiben, wenn dieser auch in seiner einstigen absoluten Schroffheit durch den Fortschritt der Zeiten, wie z. B. der maritimen Weltverbindungen, großen Modifikationen unterworfen war. Der klassische räumliche Boden der Weltgeschichte in dem Marimum der centralen Annäherung der drei Erdtheile der Alten Welt, vom Indus zum Tiberstrome und vom Nil zum Orus und Tanais, wird für alle Nachwelt jedoch hinsichtlich aller Hauptbegebenheitcn des sich erst aus der Wiege der Völker entwickelnden Menschengeschlechts, denen er als gestaltende Folie unterliegt, in den Zeiten früherer Jahrtausende auch der klassische Boden bleiben, weil er eben der gestaltende war; aber die Civilisation hat den sür gewisse Perioden bevorzugten Räumen der einen Seite des Erdballs allerdings den allein herrschenden Einfluß genommen und auf andere Räume übertragen. Die verschiedenen Planetenstellen haben sür die verschiedenen Perioden der Geschichte verschiedenartige Mitgift, Begabungen, Empfänglichkeiten, aber auch eigenthümliche Entwicklungsfähigkeiten erhalten, die erst mit dem Fortgang der Geschichten zur Anerkennung kommen können; nur ein geringer Theil derselben hat sich erst in seinen Functionen für das Weltganze offenbart; der Kreislauf ihrer Entwickelungen hat erst begonnen durch die Vergangenheit einiger Jahrtausende sichtbar zu werden; der.bei weitem P 2 228 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs größere Theil liegt unsern Augen noch verschleiert. Die größten Tiefen der geistigen Natur des Menschen konnten sich in vielfachen Gestaltungen uns frühzeitiger offenbaren, weil wir ihr um vieles näher standen; dagegen mußten die göttlichen Geheimnisse des Planeten dem flüchtigen Erdenbürger weit längere Zeiten verborgen bleiben. Wenn in der Vergangenheit zumal die Natur der Meere sammt ihren Functioncn durch die Kunst der Nautik, — durch das Segelschiff erst die Systematik der Winde und der Meeresströmung, — durch das Studium der Hafenzeiten die Erscheinung der Fluthen und Ebben, für das Ganze des Erdballs, und wie viele Produktionen desselben erst spät in ihren Heilkräften kund geworden: so haben auch gewisse bevorzugtere Striche der Ländcr- theile durch die Begünstigung der Civilisation uns erst zu ihrer eigenen genaueren Kunde geführt; der bei weitem größere Theil der Planetenoberfläche liegt in dieser Hinsicht aber noch brache, weil nicht blos die Wissenschaft, sondern auch erst der Geschichtsgang der Kulturwelt selbst das Räthsel der Natnrgchcimnisse der planetarischen Lokalitäten zu lösen vermag. Wir sind erst noch in der Erkenntniß der Elemente der Entwickelungen der äußerste» Oberfläche unseres Planeten befangen; in der Gegenwart treten uns so erst ihre geognostischen Verhältnisse aus den Tiefen hervor; welchen Einfluß werden die noch nicht erschöpften Mctalllager und Steinkohlenfeldcr an so vielen Enden der Erde ausüben, welchen die Übersiedelungen, Colonisationen, Missionen der verschiedensten Art auch in solchen von der Geschichte noch unberührten Localitäten, oder wo die Aussaat der Kultur erst spärliche Ernten gab, wo ihre geistige Natur noch keine belebende, das Ganze erwärmende Funken aus dem Boden geschlagen, wie dies auf dem klassischen Gebiet der Weltgeschichte doch an so vielen Stellen schon geschehen war. In welches neue Stadium der Bedeutung für die ganze planetarische Oberfläche in ihrem Verhältniß zum Menschengeschlecht sind nicht die Tiefländer, die Ebenen, die Niederungen z. V. erst seit ganz kurzem getreten durch die Eisenbahnlinien wie durch die und ihre Functioncn im Entwicklungsgange der Geschichten. 229 Kanalisation, die im kolossalsten Maaßstabe durch die Mitte der Erdtheile ausgeführt, nach einem Durchstich des Isthmus von Suez die indische Welt an die südeuropäische heranrücken würde, wie der Durchschnitt von Panama den Umfang des Erdballs um ein Vierthcil verkürzen und die chinesische Welt der westeuropäischen um anderthalbtausend Längenmeilen in näheren Contact bringen. Durch Dampfschiffahrt sind die Stromsysteme in unserer Nähe, wie die kolossalsten in weitester Ferne, vom Ganges bis zum Missisippi, doppelseitig rückläufig geworden; auf dem letztern schwärmt täglich eine Flotte von mehr als 350 dieser Fahrzeuge in dessen wasserreichem Flußnetze gleich Weberschiffen umher, die überall neuen Ansatz bedingen, und durch einige 5V derselben ist schon die früherhin öde, vereinsamte, größte Seegruppe Nordamerika's vom Obern- bis zum Erie-See in ein Kulturgewässer verwandelt, der halben Größe des europäischen Mittelländischen Kulturmeeres gleich. Was die Zukunft hierin bieten kann, ist noch nicht vorauszusehen. Eine Anlage zur Perfektibilität der verschiedenen Naturformen der Planetenrinde, ein Fortschritt ihrer Organisation für das ganze Planetenrund, wenn die Kultur sich in Harmonie mit der Natur zu setzen versteht, wäre nun wol nicht abzuweisen; sehen wir noch auf das, was in der besondern Anordnung der Gestaltung der Erdtheile im Einzelnen in dieser Hinsicht durch dieselbe fördernd oder hemmend, als Bedingung jener Entwickelungen, charakteristisch für sie sich hervorthut, wenn wir dies hier auch nur flüchtig anzudeuten im Stande sind. Frühere Erörterungen über die horizontalen Dimensionen der Erdtheile überheben uns der Nothwendigkeit, in das Specielle ihrer Verhältnisse einzugehen. Es genüge hier daran zu erinnern, daß bei den 3 Erdtheilen der Alten Welt die vorherrschend ovale Ausbreitung Afrika's, die rhomboödrische Asiens und. die trianguläre Europa's auch dreierlei Dimensionsverhältnisse derselben bedingen, deren größte Gleichförmigkeit in Afrika (gleiche Länge und Breite in den Richtungen der Meridiane wie der Paralleles der größten 230 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs Differenz in Europa gegenübersteht, das mit doppelter, fast dreifacher Länge von Ost gegen West mit stufenweis abnehmender Breite die Spitze seines Triangels dem atlantischen Ocean zukehrt, seine größte Breite im Osten im Zusammenhang mit Asten zeigt. Afrika, ein in sich geschlossener, compakter Körperstamm ohne alle Gliederung; Asien, ein gleichfalls compakter, aber minder geschlossener, mächtiger Körperstamm mit reicher und großartiger Gliederung gegen Osten und Süden; Europa, ein nach allen Seiten aufgeschlossener und nicht nur im Süden und Westen, sondern auch im Norden wie im Innern gegliederter Körperstamm, dessen Verzweigung gleiche Bedeutung, wie der Stamm, für den Gang seiner Kulturcntwickelung gewinnen konnte, die, bei dem minder kolossalen Areal nnd dem stets überwiegenden Naturreichthum der gesonderten Glieder gegen den Stamm, dessen Massen auch alle Vortheile der Gliederung zuführen konnte. Asiens noch mehr compakter Stamm, nicht wie der Europa's nach allen Richtungen gegen die maritime Seite aufgeschlossen, blieb in der Mitte des Continents noch unberührt von den Meereseinschnitten, die, wenn sie auch tief in ihn eindrangen, doch keine harmonische Ausgleichung zwischen den Gegensätzen von Meer zu Meer, und den ineinandergreifenden Thalformen aller Art, wie dies in Europa der Fall war, herbeiführen konnten. Daher blieb im centralen Asien noch ein mächtiger, langer und breiter Stamm dieses Erdindividuums (der compakten Masse von ganz Afrika nicht ungleich) ausgeschlossen von dem Seegen seiner reichen Gliederung, die mit ihren Ergebnissen diesen asiatischen Körpcrstamm noch nicht zu berühren und zu durchdringen vermochte. Die reichste Gliederung des peripherischen Asiens zeigt seine Südseite, die geringere die Nordseite, nicht ohne den dadurch gewonnenen Vorzug oder Nachtheil in beiderlei Richtungen. Die Gesammtgliederung, ob- wol die Einzelheiten derselben zum Theil selbst die Größe von halb Europa haben, bleibt jedoch dem Areal nach weit gegen das Areal des compakten Stammes zurück, daher diesem doch das entscheidend hemmende Uebergewicht in der geringeren Civilisation des ganzen Erdtheils verblieb, trotz seiner peripherischen, aber un- und ihre Functioncn im Entwicklungsgänge der Geschichten. 23t ter sich auf den Peninsularsystemen gesondert gebliebenen höhern Völkerentwickelungen. Die gemeinsame compakte Mitte des asiatischen Stammes blieb daher die gleichförmige Heimath des Nomadenlebens der Völker, während auf den durch die Natur reich begabten und mannichfach ausgestatteten Gliederungen seiner Vorländer und Halbinseln, wie in China, Hinterindien, Vorderindien, Arabien, ^sis minor, und selbst in den untergeordneteren derselben, sich überall Individualitäten in Land und Bewohner entwickelten, die aber mit ihren gewonnenen Kulturen noch nicht im Stande waren, die Mitte des Stammes zu durchdringen. Die ganze Peripherie von Afrika blieb im Küstencontour ungegliedert, daher die absolut-kürzeste Entwickelung seiner Gcstade- linie gegen alle andern Erdtheile, ein Verhältniß, dem der geringste Contact seines Binnenlandes mit dem Meere folgen mußte, so wie die größte Unzugänglichkeit seiner Mitte. Da alle Jndi- vidualisirung von Natur- und Völkcrverhältnifsen seinem ungegliederten Stamme versagt war, dessen Enden nach allen Seiten, wegen Dimensionsgleichheit seiner Gestaltung, der Mitte gleich nahe oder gleich fern lagen, und die astronomisch ebenso gleichförmige Lage zu beiden Seiten des Aequators nirgends über die tropische und subtropische Klimatik in andere Gegensätze hinausragt, so sind alle Erscheinungen in diesem Erdindividuum, dem wahren kontinentalen Süden der Erde, in dem alle Kulminationen der Tropenwelt ihr Marimum der Höhe erreichen, doch die einförmigsten, gleichartigsten, wenn schon in sich eigenthümlichsten, doch ohne Mannichsaltigkeit der Gegensätze geblieben. Daher in der Völkerwelt dieses Erdtheils die patriarchalischen Urzustände in der menschlichen Gesellschaft gänzlich außer Berührung mit den Fortschritten der Zeit geblieben, und ihr Asyl auch noch Jahrtausende hindurch für den Entwickelungsgang einer uncntschlcierten Zukunft aufbewahrt zu sein scheint. — Denn nur generelle, keine individuellen Entwickelungen, weder in Pflanzen, Thieren, noch Völkerschaften oder einzelnen Menschen, zeigen sich auf diesem stationären Boden: die Palme, das Kameel und ihre Gefährten, gleichmäßig an allen 232 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs Nord- und Süd-, Ost- und West-Enden, und der vorherrschende Negerstamm, die fast ausschließlich einheimische Bevölkerung mit dem Negercharakter, in allen Richtungen in compakten Massen, wie der Erdtheil selbst in geringer, nur genereller, gemeinsamer Entwickelung zurückgeblieben, ohne hervorragende Individualitäten von Kulturen, Staatenbildungen, Völkerschaften oder Individuen, zeichnet ihn aus, selbst mit der größten Uebereinstimmung ihres gemeinsamen Sprachstammes der nur dialectologisch verschiedenen Negersprachen. Nur sporadische Küstenentwickelung macht an einzelnen begünstigtem Stellen des Erdtheils in schmalen Säumen hiervon eine geringe Ausnahme, und auch diese ist meist nur durch Ansatz und Anfing von Außen hervorgerufen. Eine ganz andere Welt von Erscheinungen ist durch die reiche, wenn auch nur theilweise periphcrische Küstcnentwickelung von Asien hervorgezaubert, die in ihren Gliederungen überall individualistrt hervortritt, da jede derselben durch ihre contincntalen gegenseitigen Absonderungen, aber wiederum unter sich maritimen Vermittelungen eine andere, von der Natur in Lüften, Bergen und Thälern, Strömungen, Meeresanspülungen, Windsystemen, Produktionen ausgestattete sein mußte, und so auch in ihren Bevölkerungen und Kulturen eine immer andere werden sollte, so daß hier die Individualitäten der chinesischen, malaiischen, indischen, persischen, arabischen, syrischen, kleinasiatischen Welten charakteristisch hervortreten konnten. Aber in schroffem, gemeinsamem Gegensatz gegen den noch geschlossenen Körperstamm der ccntralen Mitte konnte ihr Kulturfortschritt noch nicht das seit Jahrtausenden gleichartig bewegliche Leben von dessen nomadischer Bevölkerung, deren Vorfahren sich in weite westliche Räume zu verbreiten hatten und deren Stellvertreter wir hcutzutag Mongolen, Turkestanen, Kirghiscn, Bucharen, Kalmücken u. s. w. nennen, durchgingen, noch weniger den Norden desselben Erdtheils erreichen, dem daher, bei allem Glanz der grandiosen orientalischen Erscheinungen seiner ungeheuren Ausbreitung, die harmonische Einheit einer gemeinsam gewonnenen Civilisation fehlt. Hiezu trugen auch noch die historisch unüber- schaulichen und um so schwerer durch Civilisation überwindlichen, und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 233 kolossalen Naturformen, die orientalen, das Ihrige bei, sowie der überwuchernde Reichthum der mannichfaltigsten Naturgabeu, die aus den klimatischen Contrasteu der Naturproduktionen dieses Erdtheils in grellen Gegensätzen hervorgehen. Denn vom Aequator bis in die hohe Polarzone hin ausgebreitet, hat dieser die verschiedenartigsten Pflanzen und Thiere erzeugt, jedoch nicht blos in der Richtung der Breiten-Parallele, sondern auch, wegen seiner mächtigen Ausdehnung von Westen nach Osten, in den Abständen der Meridiane, die in eine nicht weniger grell contrastircnde Ost- und Westwclt zerfallen, in der wir nur als Repräsentanten charakteristischen Gegensatzes die chinesische gegen die vorderasiatische Kulturwclt hervorzuheben brauchen. Als deren Repräsentanten in den Naturproduktionen haben wir nur die Kokos- oder Sago- Palme und den Tiger für den Osten, wie die Dattelpalme und den Löwen für den Westen anzuführen, für die Nord- und die Südwelt Asiens aber die Contraste der Moosvegetation mit den Nadelholzwäldern und dem Nennthier, gegen den Brotfruchtbaum, das Zuckerrohr, den breitblättrigen Pisang mit den Elephanten, Rhinoceroten, Tapirgestalten und Asfeuschaaren im Süden des Erdtheils. Solchem unerschöpflichen Reichthum der Natnrverhältnifse dieser Seite des Planeten ist auch die Mannichfaltigkeit der Völkerverhältnisse dieses Erdtheils in gleicher Art gefolgt, der, trotz seiner Aussendung von Völkerschaaren vom.Anfang der Völkerzüge an und in verschiedenen Weltvcrioden zu seinen verschiedenen Nach- barerdthcilen hin, sich doch keineswegs erschöpfen konnte, ja immer noch unendlich reich an einheimischen Völkcriudividualitäten geblieben ist, sei es in Rayeu, Gestalten, Farbe, Lebensweise, Nationalitäten, religiösen, politischen, geselligen Corporationen, Staaten- svstemen, Kulturen, Sprachstämmeu, Völkerstämmen u.a.m.; wogegen kein anderer Erdtheil, rückwärts bis zu den Uranfängen der Menschengcschichte, auch nur Analogien aufzuweiscu im Stande wäre, weshalb er auch zum Vorgang und Ausgang für alle andern vom Anfange an ausgerüstet und organisirt sein mußte. Europa ist die breite Fortsetzung von Mittelasien, die aber 234 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs in westlich fortschreitender Progression zu immer selbständigerer räumlicher Entwicklung, und durch den relativ überwiegendsten Reichthum seiner Glieder selbst darin seinen orientalen Nachbarerdtheil überbietet, daß keine hemmende centrale Form weder an Breite noch Höhe diese absolut gegenseitig von einander scheidet. Hierdurch ist eine alles ausgleichende, harmonische Entwicklung des viclgesvaltenen Erdindividuums möglich geworden, die dessen Kulturcharakter schon von der ersten Schöpfungsanlage an bedingte, und der Harmonie der Form das Uebergewicht über die Macht der Materie verlieh, wodurch Europa, der kleinste der Erdtheile, doch die Herrschaft über den größten davon zu tragen bestimmt war. Wie Asien, durch alle drei Zonen gelagert, an Massen und Naturgaben überwiegend, durch seine plastischen Gestaltungen so ausgestattet war, daß es mit seiner Naturfülle und mit allen Schätzen die Nachbarerdtheile überschütten konnte vom Anfang des Werdens an, ohne selbst zu verarmen: so war Europa in den für seine Bevölkerung überschaulichern, auf die temperirte Zone beschränkten, reich gegliederten, in allen maritimen und plastischen Formen in einander wirkenden Gestaltungen, ohne die Ertreme und jene Ueberfüllung, doch eben dadurch mit größter Empfänglichkeit für die Aufnahme des Fremden ausgestattet, und durch die Natur seiner Werkstätten, wie die Energie seiner Völkergeschlechter, zur Verarbeitung des Einheimischen dazu begabt, die planctarische Mitgift in dem Kulturcharakter seiner Heimath zu einer humanen Civilisation zu steigern, die durch ihre innerhalb gewonnene Harmonie als Durchgangspunkt eben die Gewähr trüge der möglichsten Empfänglichkeit und Aufnahme auch für alle andern Völkergeschlechter der weiten Erde. Daß diese Bestimmung des unendlichen Reichthums der Formen in den individuellen Entwicklungen und ihren harmonischen Ausgleichungen dieser Gesichtsseite, der europäischen, des Planeten sich in dem Fvrtgange der Weltgeschichte auch bewährte, ist bekannt; daß sie aber schon aus der ganzen planctarischen Anordnung seit der ersten Schöpfungsanlage auf allen Punkten hervorleuchtet, ist, da man in der Historie gewöhnlich dem Menschen und bei dieser Erscheinung dem Europäer die und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 235 Ehre allein giebt, die ihm jedoch nur zum Theil gebührt, weniger beachtet. Wir heben aus der großen Summe solcher leuchtenden Punkte hier, um der Kürze willen, nur drei charakteristische Verhältnisse in der Anordnung der Grundgestaltung Europa's hervor, nämlich dessen Küstcnentwicklung, seine nördliche Gliederung, seine Jnselbildung. Die Küstenentwicklung Europa's ist verhältnißmäßig zum Areal die absolut größte aller Erdtheile; während Asien zwar 7000, da es fünfmal größer als Europa, Afrika, obschon 3 mal größer, doch nur 3800 Längenmeilen erhalten hat, so würde dagegen Europa's Gestade von 5400 Längenmeilen um den ganzen größten Acqua- torialkreis der Erde reichen, woraus hervorgeht, daß es, obwol in der Mitte der großen Landwelt gelegen, wegen seiner allseitigen Gliederung gegen die Seiten der durchbrechenden Meeresgassen hin unter allen Erdtheilen der Alten Welt dennoch in den relativ reichsten Contact mit der Wasserwelt überhaupt getreten ist. Zu diesem Verhältniß tritt seine begünstigte maritime Stellung zu den Bewegungsverhältnissen der Meere und der Wind- systeme, wie der vorwaltende Reichthum seiner Buchten- und Ha- fenbildungcn, deren Aufgeschlossenheiten, eine natürliche Folge seiner Gliederungen, ihm zu der Alles überflügelnden Kunst der Nautik und der allgemeinen Beherrschung der Oceane verhalf; in der für die neue Zeit die hafenreichste und gegliedertste Inselgruppe Großbritannien und Irland voransteht, wie sür die alte Zeit dem in sich reichgeglicdertsten Peninsularsysteme der alten Welt, Griechenland, in der Blüthezeit die Seeherrschaft des beschlossenen Mittelmeers zu Theil werden konnte. Die subpolare Gliederung Nord-Europa's durch die Binnenmeere der Ostsee und Nordsee, wie des tiefeinschneidenden Weißen Meeres, zu den verschiedenen scandinavischen Vorländern, Halbinseln und Inseln hat dieser Nordseite des Erdtheils eine ebenso reiche Entwicklung gesichert, wie seiner Südseite in den drei schön gestalteten und begabten Halbinseln Griechenland, Italien, Spanien. Dem Norden Europa's ist durch jene scandinavische Welt ein großes Nebergewicht über seinen asiatischen Nachbar zu Theil geworden, dessen flache sibirische 236 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs Nordwelt durch die völlige Versagung einer analogen Gliederung mit ihrer hemmenden Mschcidung von der hoher entwickelten asiatischen Südwelt und der doppelt ungünstigen polaren Unterstellung unter das hohe, nomadisch gebliebene Ccntralasien, bei den unzureichenden Mittclu und Naturimpulsen einheimischer Begabung, in seinem Fortschritt der Entwicklung und Civilisation auf den Nord-Osten Europa's angewiesen war. Endlich so ist die Jnselbildung Enropa's vor allen andern Erdtheilen sehr ausgezeichnet zu nennen, insofern sie, als Gestadeinseln im Bereiche des Continents, die trabantenartig umgebenden oceanischen Erweiterungen (als seine Seestationen), das Ganze auf gesteigerte Weise bereichern, da sie in relativ bedeutendem Größenverhältniß zum Stamm und den Gliedern ein weites Areal mit sehr günstiger Oberflächenbildung für zahlreiche Bevölkerungen und Kulturverhältnisse darboten, die, denen ihrer Gegengestade analog, nicht blos zu räumlicher Verdoppelung, sondern noch weit mehr zu intensiv unendlich gesteigerter Entwicklung ein Vielfaches beitragen mußten. Jedoch nicht einzelne Jnsclfragmente oder lang- gereihete oceanische Felscnketten, oder schwerzugängliche, öde Pikgestaltungen sind es; denn Süd-England ist eine natürliche, analog gebildete Fortsetzung Nordfrankreichs, ebenso Sicilien von Cala- brien, Candia von Morea u. a. m. Um uns kurz zu fassen, sagen wir nur, man denke sich die großbritannische Inselgruppe von der Karte Nordwest-Europa's weggelöscht, welche Verarmung in dessen einheimischen wie transmarinen Entwicklungsgeschichten; ohne Seeland und Fünen würde die Halbinsel Jütlands zu einer bloßen Sandzunge; in der alten Zeit wäre Roms und Italiens Geschichte ohne Siciliens Kornkammer eine ganz andere geworden, und mit Creta schlugen die ägäischen wie die jonischen Inselgruppen die Brücken der Civilisation von Jonien und Vorder-Asien nach Griechenland und Hesperien. Es würde uns hier zu weit führen, in die Folgen des völligen Jnselmangels der afrikanischen Gestade, denen selbst die große Madagaskar, als eine durch Meeresströmungen zu weit abgerückte, schon oceanische Insel, nicht einmal angehört, sowie in die Sve- und ihre Funktionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 237 cialitäten der übergroßen Jnselfülle der südöstlichen malaiischen, maritimen Erweiterungen Asiens, nämlich der hinterindischen sun- disch-australischen Gruppe, einzugehen, welche die reichbegabteste an Individualitäten und die absolut größte des Planeten ist, die in ihrer triangulären Ausbreitung an Umfang das Areal von Enropa einnimmt und in ihrer langen Jnselreihe der kleinen Sundakette jenen unterbrochenen Isthmus nach Nord-Neuholland und Neu- Guinca hinübcrschlägt, der in seiner Stellung zwischen 2 Continenten im Norden und Süden eine gewisse Analogie mit dem noch zusammenhängenden, dem amerikanischen Isthmus von Panama zeigt. Wir bemerken nur, daß die zu dicht gedrängte und übergroße Zahl dieser so reichbegabtesten, kolossalen Jnselbildungen sie eben deshalb zu einem mehr für sich bestehenden insularischen Welttheil mit der einheimischen Bevölkerung, nämlich der der Malaien (in dem sundischen Polynesien), ganz selbständig zu sein anch befähigte, als daß sie nur als abgesprengte, abhängige Glieder des benachbarten ContinentS uud seiner Gestadewelt betrachtet werden könnte, die dieser Selbständigkeit wegen, ihrer Nachbarschaft ungeachtet, eben darum auch von ihr weniger bereichert ward, als dies bei andern vom Continente abhängigeren Gestadeinseln der Fall sein mußte. Die Bemerkung, die schon Strabo bei Gelegenheit von Sici- lien gemacht hat, daß die Gliederungen gegen die Continente, insbesondere die Inseln, die am reichsten ausgestatteten Theile der Erde seien, bestätigt sich bei dieser Inselgruppe von Ceylon an bis Ncu-Guinea, so vollständig, daß jeder der einzelnen von diesen gleichsam ein individueller, charakteristischer Naturschatz zur Function für den großen Entwicklungsgang des planetarischen Weltverkehrs in der Aeauatorialzone mitgegeben erscheint: so die weißen Elephanten, Perlen, Zimmtwälder und Rubine auf Ceylon, die kolossalsten Thierformen der Nhinocerote, Tapire, Orangutangs, und die edelsten Farbestoffe und Holzarten ans Sumatra, iu Banka das reichste Zinnland der Erde; Borneo das Land des Goldes, der Diamanten und hundert anderer Kostbarkeiten; Java schon bei Ptolemäus die Gersteninsel mit den reichsten Nahrungsstoffen 238 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs in Kornarten, .Brotfruchtbaum, Zuckerrohr; die folgenden Inseln jede mit ihrer eigenthümlichen Gewürzart, bis zu den bekannten Molucken und Neu-Guinea, wo der ächte Kampherbaum, die Sagopalmen, die Kohlpalmen mit den reichsten Nahrungsstoffen, die Paradiesvögel und so viele andere der edelsten Produktionen aller drei Naturreiche ihre einheimische, ursprünglich lokalbeschränkte, nicht auf das continentale Asien übergehende, ganz individuelle Heimath erhalten haben. Hätte da, wo das physikalische Leben des Erdballs in seiner höchsten Potenz erscheint (im innigsten Verein der Wasser-, Land- und Tropenwelt mit den reichsten Produktionen aller 3 Naturreiche), auch die höchste Steigerung einer Kulturentwicklung der Völker mit einer begabtesten Planetenstelle zusammenfallen sollen, so würde hier das Lokale dazu gewesen sein. Das Gesetz, das die Geister lenkt, war aber ein anderes, als das der Physik der Körperwelt. Wäre ähnliche insulare Zcrspaltung, ohne allen kontinentalen Zusammenhang, das allgemeine Princip der Erdanordnung geworden, wie wir es hier in der höchsten Steigerung erblicken (wo dann z. B. Europa's Contincnt von 450,000 Quadratmeilen etwa in 45 große Inseln, wie Borneo, Sumatra, Celebes, oder wie Anadoli's oder Spaniens Areal sich zerspalten haben könnte), so würde allerdings gänzliche Unverbundcnheit für die Völker der Erde daraus hervorgegangen sein. In Europa's Gestaltung finden wir dagegen die günstigste Berührung und Durchdringung, wie die vollkommenste Ausgleichung der Gegensätze der flüssigen und festen Formen auf dem ganzen Planetenruud realisirt, ohne die Nachtheile jener zu starken Gliederung oder Zerreißung der sundischen Welt, welche den vollkommensten Gegensatz zu dem Mangel aller Gliederung in der größten Concentration der Massen zeigt. Zwei Ertreme von Länderbilduugen in der Zerreißung der Planetenrinde jenes Polynesiens, wie in der compaktesten Masseuanhäu- fung Afrika's, die beide ungleichartig nämlich entgegengesetzt auf Natur- und Völkerverhältnisse wirkten aber beide hemmende, nachtheilige Einflüsse auf die Entwicklung der ursprünglichen Bewohner ihrer Räume ausüben mußten. Dort, im Marimum der Zerspaltung, und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 239 die Malaienvölker der Sundagruppe, der am meisten in sich feindlich zerrissene Völkerstamm der Erde; hier, im Marimum der kompaktesten Massen, auch die dichtgedrängtesten schwarzen Völkergruppen in den einartigsten Naturumgebungen und am einförmigsten wie am wenigsten entwickelt. Beides relativ ungünstigere tellurische Formen für primitive Völkerentwicklung aus dem Zustande der Rohheir heraus; — zwischen beiderlei Ertreme, hinsichtlich dieser Formen nicht hemmend, sondern fördernd, wurde Europa gestellt, das auch durch diese Mitgift, wie die seines geringern, überschaulichern und daher historisch frühzeitiger zu beherrschenden Areals, durch Küstenentwicklung, Gliederung, Jnsulirung, zu jenen oben bezeichneten Stellungen die Vervollständigung aller räumlichen Naturbedingungen erhielt zur frühzeitigsten Nealisirung seiner schon in der Uranlage bedingten Planetarischen Function, — nämlich als Erdindividuum, wenn schon das scheinbar ärmere an frappanten Naturschätzen, doch eine verarbeitende Werkstätte aller Gaben und Ueberlieferungen der Alten Welt, aber zugleich auch der geistig gesteigerten, das gesammte Menschengeschlecht umfassenden und organisirenden Völkerthätigkeit zu werden, in der zweiten Hälfte der Zeiten für das ganze weite Erziehungöhaus der Alten wie der Neuen Welt, weil sie, da die Werkstälte für Alles am empfänglichsten war, auch am freiesten von den Naturgewalten und Naturfesseln der besondern Lokalitäten des Erdballs sich bewegen lehrte, und ihre Bevölkerungen am humansten sich entfalten konnten. In dem Kausalzusammenhänge der Erscheinungen, welche uns Natur und Geschichte zeigen, wird bei einer höhern Bestimmung des Planeten, die sich eben in jenem historischen Zusammenhange offenbart, auch eine höhere planetarische, nicht blos physikalische Organisation desselben vorauszusetzen sein; eine specifisch andere, als die bei den von ihm getragenen und auf ihm sich bewegenden Organismen, die nur für eine kurze Dauer ihr Dasein auf ihm erhielten, welche die seinige für alles irdische Dasein, für alle Zeiten überbietet. Wenn daher die in den übrigen Anschauungen gewonnene Begriffswelt des Menschen in der Anschauungsweise 240 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs seiner unsymmetrisch-chaotisch scheinenden Außenseite seiner tellurischen Heimath keine Befriedigung finden kann, sondern nur unmittelbar sinnverwirrend berührt wird, so liegt dies nicht in dem Mangel einer systematischen Anordnung ihrer räumlichen Verhältnisse, die nur in einem tieferen Grunde erforscht werden kann. Eben in der Ungleichheit der Areale wie der Formen, in dem scheinbaren Durcheinander und Gcwirre für den ungeübten Blick, liegt das Geheimniß der systematischen, innern, höhcrn plancta- rtschen Anordnung einer unendlichen Mannichfaltigkeit von Kräften und ihrer unsichtbaren, ineinandergreifenden Wirkungen, durch welche Natur uud Geschichte ihren gestaltenden Einfluß gewinnen, gewissermaßen analog der physiologischen Thätigkeit, an welche das Leben der Organismen bei Pflanzen und Thieren gebunden erscheint. Eben in der ungleichartigen Verthcilung und ungleichen Verbreitung der Länder- und Wasserflächen liegt, wie in den wechselnden, nothwendig sie begleitenden Temperaturen und scheinbar regellosen Windbewcgnugen, so auch in jenen ein systematischer Grnnd ihres allseitigen, Alles durchdringenden, gegenseitigen Einflusses; in den abweichenden Arcalgrößeu der Erdtheilc liegt ein Hauptgrund zu der Macht der Bevölkerungen und der Bcbcrrschbarkcit ihrer Einflüsse; in dem scheinbar zufälligen Ncbcncinanderlicgcn der Massen ein höheres kosmisches Gesetz der Wcltstellung, das den ganzen Entwicklungsgang des Menschengeschlechts bedingen sollte; in der scheinbar blos physischen Abtrennung der Alten von der Neuen Welt und der Coutincnte von den Inseln eben das Motiv einer allseitigen Verbindung; in der ungleichen Begabung der Lokalitäten der mannichfalligste Impuls zur Entwicklung uud des Weltverkehrs; iu der Beschränktheit des europäischen Areals und der Harmonie seiner unscheinbaren Formen die Bedingung seiner Herrschergröße wie seiner Freiheit. In Zahlen ausgedrückt können nur direkt materielle Verhältnisse bezeichnet werden, wenn wir sagen: Europa mache von Asien nur X, von Afrika etwas über '/z aus; Amerika stehe an Größe zwischen beiden, Australien unter Europa, das von den großen und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 241 Continenten etwa '/g von allen Länderflächen, mit den Jnselräumen nur etwa ausmacht. Aber diese absoluten Raumverhältnisse sind es nicht, die in der Geschichte der Erdcheile den Ausschlag gaben; hiezu gehören auch die relativen und ihre Anordnungen, denn das eine '/z„ Theil wurde zur vorherrschenden Größe der übrigen "/-o Theile in der zweiten Hälfte der Zeiten. Zu den verschiedenen Bedingungen dieser Erscheinung kam, als eine der wichtigsten in Beziehung auf räumliche Gestaltung, auch die Form und zumal der verschieden überwiegende Werth der Erdtheile nach ihren relativen Verhältnissen von Stamm, Gliederung, Jnsulirung, welche etwa folgenden Zahlenverhältnissen entsprechen : Stamm Gliederung Jnsulirung bei Afrika wie i 0 '/^ bei Asien 4 t X bei Europa 2 i '/^ Doch dies sind nur Formeln, kürzeste Ausdrücke, welche die Phpsischen Functionen der verschiedenen Räume unsers Planeten nach der horizontalen Gestaltung seiner Oberfläche bezeichnen können, für deren Verhältnisse wir leider noch keinen bestimmten Kanon besitzen. Ganz andere Verhältnisse in den räumlichen Entfaltungen bietet Amerika, die Neue Welt, als Erdindividuum, indem es die Gegensätze und die Verdoppelungen der Formen der Alten Welt wiederholend, doch in andern Normalrichtnngcn, nicht von O. nach W., sondern von Nord nach Süd, in sich vereinigte. Da wir dies schon anderwärts in der Charakteristik des Ganzen nachgewiesen und gezeigt haben, wie der Norden Amerika's durch seine reichste polare und nordöstliche Gliederung ein großes Uebergewicht über das sibirische Nordasien davon trug; durch seine innere orographischc und hydrographische Cnwicklung und allseitige Radiation seiner Stromspsteme aus gemeinsamen Quellgcbieten ohne hemmende Platcauformen, durch seine doppelten Binnenmeere im Süden und Norden, eine große Analogie mit Enropa's Gestaltung als Mitgift erhalten, dessen reichste Gestadewelt mit Häfen und Ritter Beitrüge. 242 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs insularer Fülle gegen die atlantische, also europäische Kulturseite der Alten Welt gerichtet ist, mit der auch das maritime Gängelband der Völker, die Meeresströmung, in doppelten Hin- und Herwegen beide nord-atlantische Gestadeseiten in natürliche gegenseitige Verbindung setzte: so können wir sür diesmal hier durch einige allgemeine Resultate schon zum Schluß unserer jetzigen Betrachtung gelangen. Nord-Amerika war durch seine maritime Lage zur nochwendigen wiederholten Schiffer-Entdeckung von Europa (nicht von Asien) aus bestimmt, von wo aber durch Handreichung polarer Vorländer wol eine Bevölkerung kommen konnte. Durch die günstigste Hafenbildung, Jnsulirung und Küstenstellung gegen die nord-ostatlantische Westseite Europa'S mit analogen Temperatur- Verhältnissen wurde das so hafenreiche Ostgestade Nordamerika's von Anfang an ganz vorzüglich am empfänglichsten ausgerüstet für die Aufnahme einer europäischen Civilisation. Die flache, im verjüngteren Maaßstabe realisirte, plastische Modellirung des nordamerikanischen Stammes, seines Binnenlandes, analog dem europäischen, mit nach allen Seiten aus der gemeinsamen Mitte sich sanft senkenden Stufenländern, konnte dieser Civilisation auch allseitig ohne Hemmungen ihren Fortschritt von Ost gegen West sichern. Mit den nordwärts sanft sich senkenden Stufenländern schiffbarer Stromspsteme nach der polaren Seite, zu der reichsten Jnsel- gruppirung und Gliederung im Polar-Meerc, ist zugleich die Hinweisung gegeben, daß diese Planetenseite noch mehr als Europa dazu berufen war, die Kultur des Menschengeschlechts am frühzeitigsten und meisten gegen den Norden der Erde zu verbreiten. Schon heute, nach so kurzem Verlauf der Zeiten, ist die Civilisation der Westküste der Grönlandsgruppe bis zu 70° N.Br. vorgedrungen; die dortigen Eismeere durchschwärmen schon alljährlich Fischer und Schiffcrflotten, die noch vorhandenen Hemmungen der Natur werden nach Jahrhunderten der hinzugctretenen Kunst der Civilisation nicht unüberwindbar bleiben. So war das früherhin lerra ineognita gebliebene Südende und ihre Functionen im Entwicklungsgange der Geschichten. 243 Australiens der Centralverein des größten Hafenreichthums im kleinsten Umkreis der ganzen Erde, die Tasmania-Gruppe als Mittelpunkt, mit ihrer nächsten Hafen- und Buchteuumgebung, dazu laugst vorbereitet und organisirt, im kürzesten Verlauf weniger Jahrzehende die Südhemisphäre in ihren weitesten Umkreisen neu zn beleben. Beides jedoch nur iu Folge der Rückwirkungen von Europa. Der Norden Asiens war durch die Natur ursprünglich auf das Quellland seiner Stromsysteme, auf Centralasien in seinen Civilisationöanfängen angewiesen, von woher er auch seine Bevölkerungen erhielt, bis ihm der Fortschritt der Kulturverhältnisse seines Nachbarerdtheils von Osteuropa her zu Theil werden mußte, da das Meridiangebirge des Uralsvstems hier keine Hemmung, sondern durch Mctallschätze eine Vermittlung ward. Raumverhältnisse und Weltstcllung wäre» die Grundlage, die einst vom Westen Asiens durch ein gleichartig das Innere der 3 Erdtheile bespülendes Mittelländisches Meer auch der Entwicklung Süd-Euro- pa's zu Gute kamen; doch nur ein temporäres Verhältniß, das in neueren Zeiten zu einem rückwirkenden für die Levante werden mußte. Jedem der Erdtheile war schon durch seine Gestaltung und Stellung vom Anfang des Werdens an, als Organ des planeta- rischcn Organismus, eine eigenthümliche Function in dein Gange der Weltentwicklnng zugetheilt. Asien wurde iu seinem Süden und Osten auf seine eigenen Gestade angewiesen zur höhern Entwicklung, wo seine reichsten Gliederungen; wo demnach Jahrtausende hindurch die indische Welt den belebendsten Anziehungspunkt darbot. Die Form der begabtesten Gliederung der 3 Kulturhalbinseln Süd-Asiens, die beiden indischen uud die arabische, wiederholt sich, wenn schon in kleinerem Maaßstabe, an der Südseite Europa's, an dessen 3 anders gestalteten, aber doch auch peninsularen Bildungen: Italien in der Mitte, Griechenland und Spanien zu beiden Seiten. Nur sind diese nicht mehr iu der tropischen Nähe des Aequators, sondern um 20 Breitengrade weiter in die ge- Q2 244 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs mäßigte Zone hinaufgcrückt, wodurch ihre Funktionen für einen andern Länder-, Völker- und Jdcenkreis schon ganz andere werden mußten. Beide Gruppen, die in S.O.-Asien und die westlichere in Süd-Europa, jede von 3 Kulturhalbinseln mit individueller und doch gemeinsamer analoger Ausstattung physischer und geistiger Kräfte, gehören zu den größten Bereicherungen der Südenden der Erde. Durch sie hatten Asien in der heißen Zone, Europa in der gemäßigten, für die Kulturanfänge der Menschengeschichte die reichste planetarische Mitgift in der Gliederung und Entwicklung erhalten, wie sie in dem Norden Amerika's und dem Süden Nan- diemenslands oder Tasmaniens gegen. die polare, arctische, wie antarktische Zone hin, für die Fortsetzung der Zeiten im Schooße des Planeten noch verschleiert, doch nicht mehr verborgen liegt und schon ihre Keime treibt. So läßt sich schon gegenwärtig das dereinstige Uebergewicht des noch jugendlichen amerikanischen Doppelcontincnts in seiner wahrhaft kolossalen Meridianen Entfaltung, zumal Nord-Amerika's, zunächst in der Weltstcllung seiner südlichen Gliederungen, über die Halbinselbildungen Südasiens und Südeuropa'ö leicht voraussehen, da sich dies schon gegenwärtig in elementaren Zügen bemerklich macht, was aber dereinst noch weit glänzender hervortreten muß, wenn sein südlicher Nachbar, gleich dem nördlichen, in dem Fortschritt der Civilisation und der Kultur das Gleichgewicht erringen lernt. Denn wenn die südlichen Halbinseln Asiens sich zum Theil wenigstens nur in einen insel- und menschenleeren indischen Ocean ausdehnen, die südlichen Halbinseln Europa's aber nnr meist einem unwirthbaren und schwer besiegbaren Libyen, Algerien, Mauritanien sich entgegenstrecken: so breitet sich dagegen vor den südlichen Gliederungen Nordamerika's (Carvlina, Georgia, Florida, Louisiana, Teras, Mexico, Californicn) ein von der Natnr ebenso reichlich ausgestattetes benachbartes Gegcn- gestade, ja das ganze dahintcrliegendc tropische und subtropische Süd-Amerika aus, da, wie in der Vorzeit Europa für das früher herangereifte Asien als dessen aufsteigender Occidcnt im Westen und ihre Functioncn im Entwicklungsgänge der Geschichten. 245 vorlag, so dort dem vorangeschrittcnen Norden Amerika's die Aussicht auf eine neue strahlende Welt der Zukunft im Süden gestellt ist. Für beide wird die vermittelnde Gruppe der Antillen mit dem Fortschritt der Zeiten gegenseitig noch mehr die Hände reichen, als dies heute der Fall ist. Meun die Bevorzugung der Alten Welt vergangener Jahrtausende in ihrem immer neu sich gestaltenden, historischen Fortschritt von O. nach W. durch analoge Länderräume und Tempe- ratureu hindurch, aus einem Orient zum Occident, wie in Bevölkerungen, Verhälnissen und Kulturen aller Art, dem amerikanischen Erdtheile versagt war durch die äußere Anordnung des Planeten: so wurde dieser dagegen entschädigt durch die in der Gruudanlage bedingte Möglichkeit eines frischern Entwicklungsproccsses in der entgegengesetzten Hauptrichtung des Planeten, nämlich gegen einen Norden und Süden. Die historische Ausgleichung dieser Gegensätze durch deu ganzen großen Wechsel der Klimatik von Pol zu Pol, durch alle tcmpcrirte und tropische Länderräumc hindurch, wurde ihm für die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechts znr völligen Bemeiste- rung seiner irdischen Heimath, als eine neu zu lösende, allerdings schwierige Aufgabe für künftige Jahrtausende gestellt, wozu ihm aber die durch vorangegangene Jahrtausende geschaffenen Kunstmittel zum Siege über die Natur aus der Alten Welt, als Mitgift für die Neue Welt, bei ihrem Werden schon in der Wiege ihrer Geschichte mit überliefert wurden. Die reichere Ausstattung so mancher Stellen des Planeten durch die formalen Verhältnisse kann erst mit dem Verlauf der Zeiten auch auf die Minderbegabten oder ans die historisch noch brach liegenden übertragen werden. In welchem Maaße dieö durch den Fortschritt planetarischer Entwicklung geschehen kann, ist uns einerseits schon durch deu Gegensatz der Alten und Neuen Geschichte offenbart: aus die schlagendste und grandioseste Weise in der Belebung und Befruchtung, welche wir durch die Kunst der Weltschiffahrt auf die ganze Gestadeseite der Contincnte und auf alle oceanische Inselgruppen 246 Ueber räumliche Anordnungen auf d. Außenseite d. Erdballs u. s. w. der Wasserwelt übertragen sehen, erzeugt durch ein Element der europäischen Kulturwelt. Andrerseits läßt die größere Empfänglichkeit und mit jener wetteifernde Pcrfectibilität der Landwelt, nämlich der trocknen Seite der Planetenrinde, der continentalen im engern Sinne, kaum einen Zweifel mehr übrig, daß auch auf ihr die Möglichkeit gleichgroßartiger Umwandlungen durch Kunstmittel gegeben ist für neue Fuuctionen derselben in dem Entwicklungsgange der Menschengeschichten. ? / ^.V^.