^ll<2^S5Sl cjsr f?tisin. Ai-ov. rlsil- ^nc> pfisgsssisj Dük'sn Erdkunde. v> Vorlesungen an der Universität zu Berlin gehalten von Carl Ritter. Herausgegeben H. A. Daniel. .^M>^ /hK ^. ^ F H^. - ^ SßWÄ ^ ? ^ ' - - .. . ^'^/^ M^i^B ^^O^ Berlin. Druck und Verlag von Georg Reimer. 1862. Inhalt. Seite Allgemeine Einleitung............... 1 Die Erde als Wohnplatz der Menschen , , , ,..... s Begriff der Erdkunde als Wissenschaft......... N Was hat die Geographie als Wissenschaft zu leisten..... 16 Quellen der geographische» Wissenschaft......... 23 Die Hülfswissenschasten der Geographie......... 27 Allgemeine vergleichende Erdkunde. Erste Abtheilung. Die Erde als selbständiges planetarisches Individuum in ihren allgemeinsten Oberflächen-Verhältnissen. Die Zurundung des Erdballs............. 33 Vertheilung von dreierlei Formen über den Erdball...... 37 Die Flächenräume der flüssigen und festen Formen oder von Wasser und Land . ^! > ^ ..^ ?. >?..'v - ^ ^ Gegensatz der Land- und Wasser-Halbkugel......... 49 Die Weltstellung der Erdtheile und deren Einfluß auf den Entwickelungsgang der Geschichte............... 55 Die pyramidale Südgliederung aller Ländermassen gegen den Ocean 57 Gegeneinanderstellung der Erdtheile nnter sich und gegen das Ganze über................... 60 Das historische Element in der geographischen Wissenschaft .... 69 Zweite Abtheilung. Genauere Betrachtung der Oberfläche der Erde . 80 Hochländer.................... 85 Hochländer oder Plateanlandschaften erster Höhe oder Größe ... 85 VI Inhalt. Seite Plateanländer zweiter Größe............... 91 Gebirgsländer . .................. 101 Verhältnisse der Plateausysteme............. 116 Genesis der Plateau- und Gebirgsbildung......... 119 Die Plateaubildung nach ihrer Entstehung......... 120 Die Gebirgsbildnng nach ihrer Entstehung......... 121 Da« Niederland, die Tiefländer der Erde......... 127 Die germanisch-sarmatisch-russische Niederung Mitteleuropa's > . . 132 Die Bildung der Niederung nach ihrer Entstehung und die nördliche Randerhebung.................. 134 Das Pontisch-Kaspische Tiefland, die große Eiusenkung der Alten Welt 139 Die Entstehung der Pontisch-Kaspischen Eiusenkung...... 145 Die Palästinische Eiusenkung des Iorvanthales und des Todten Meeres 152 Die bittern Salzseen (I^aoris smari, ?ontes »mari bei?1iuius Vl. 23) 157 Die Uebergänge zwischen den Contrasten, das Stusenland und die Stromshsteme der Erde............... I5tt Stufenländer und Ströme der Erde.......... 159 Nähere Betrachtung der Ströme........... 161 Oberer Lauf................. 169 Mittlerer Laus................. 172 Unterer Lauf................. 177 Rückblick. , . - ........... M^zÄ '«^- ... 191 Dritte Abtheilung. Die Confignration der Erdtheile (Morphologie) . . 197 Die horizontalen Dimensionen oder die horizontale Gliederung der Erdtheile .. .. . . . - .203 Inseln................... 221 Die Betrachtung der horizontalen Dimensionen der Alten Welt in ihren Hauptresultaten ............. 229 Die Neue Welt.................. 231 Vorwort. Earl Ritters Vorlesungen über die „Geschichte der Erdkunde und der geographischen Entdeckungen" sind in weiten Kreisen mit Freude begrüßt und mit einem so pietätvollen Wohlwollen aufgenommen, daß wir es als Pflicht erachten, auch die Vorträge über „Allgemeine Erdkunde" und „Europa" den zahlreichen Verehrern des so ehrwürdigen, so lieben Altmeisters der geographischen Wissenschaft nicht vorzuenthalten. Daß die Vorlesungen über Allgemeine Erdkunde sich in manchen Partieen mit einzelnen Abhandlungen Ritters (welche gesammelt 1852, bei G. Reimer erschienen sind) berühren, durfte uns nicht abhalten, den vollständigen Abriß im Zusammenhange mitzutheilen. Wie bei dem ersten Bande der Vorlesungen ist das Rittersche Manuscript mit akademischen Heften verglichen VI worden. Selbstverständlich kam es auch hier nicht darauf an, das Gegebene durch Resultate neuerer Forschungen zu ergänzen oder weiter zu führen, sondern einen reichen Schatz bleibenden und unvergänglichen Werthes, ohne ab- und zuzuthun, dem dauernden Gedächtniß zu übermitteln. Halle, den 13. November 1862. vr. A. H. Daniel. Allgemeine Einleitung. s ist die Allgemeine Erdkunde, welche den^Gegenstand unserer Betrachtung ausmachen wird. Wir beginnen mit einigen allgemeinen Bemerkungen, um den wissenschaftlichen Standpunkt zu bezeichnen, von dem wir ausgehen. Wir gehen aber von der Natur der Dinge selbst aus, nicht von Systemen, welche sich die Menschen von ihr gemacht haben. Unter dem Ausdruck Natur verstehen wir den Inbegriff aller erschaffenen Dinge, die uns nahe oder ferne umgeben. Dieser ganze Inbegriff von Naturdingen mit ihren Natnr- kräften ist für uns durch Raum und Zeit in Ein großes Natur- Shstem verbunden. Die unbelebte Natur wird als sogenaunte unorganische verstanden, die belebte im Gegensatz organische Natur genannt. Doch ist dies kein absoluter Gegensatz: denn in beiden ist fortschreitende Wirksamkeit, kein Stillstand, sondern im höheren, umfassenderen Sinne ein kosmisches Leben, das Ganze Ein großer Organismus und in demselben die sogenannte unorganisirte Natur nur die Grundlage und die Bedingung der belebten Natur. Ritter .rllg-m, Erdkunde. 1 2 Weltsystem. Unsere Erde ist für uns der ausgezeichnetste Körper der sogenannten unorganisirten Natur. Sie ist uns unter allen das bekannteste Gestirn, der einzige genauer bekannte Weltkörper, das einzige Gestirn, von dem wir auf das gauze Universum zurück- schließen köunen, der einzige Standpunkt zur Erkenntniß unseres Wohnplatzes im Kosmos, wie ihn A. v. Humboldt iu seinem berühmten Werke darstellt, also auch des Kosmos oder der ganzen Wettordnung. Die Erde ist einer der Hauptplaneten unseres Systems, welche unsere Sonne in großen elliptischen Bahnen umkreisen, und nimmt unter ihnen eine mittlere Stellung ein. Damit hängt die erste ganz populäre Eintheilung der Planeten, in obere (äußere) nnd untere (innere) zusammen. Es ist die einfachste allgemeinste, schon bei den Alten üblich und durch keiue neueren Entdeckungen verändert. Auch Humboldt behielt sie im Kosmos bei. Obere oder äußere Plaueteu heißen diejeuigeu, die mit ihren Bahnen die elliptische Erdbahn einschließen — welche also außerhalb der Erdbahn liegen — also weiter von der Sonne, dem gemeinsamen Mittelpunkte, entfernt sind als die Erde. Untere oder iunere Planeten diejenigen, deren Bahnen von der Erdbahn eingeschlossen werden, die der Sonne also näher stehen als die Erde. So Mercur, Venus. Zu den oberen gehören die übrigen Planeten. Die Alten zählten, Sonne und Mond mitgerechnet, nur sieben Planeten. Zu Ende des 18. Jahrhunderts kam ein äußerer Planet, Uranus, dazu. Durch den Gebranch verbesserter Teleskope entdeckte man bald darauf 4 kleinere Planeten hinzu: Ceres, Pallas, Juno, Vesta. Die steigende Vervollkommnung der Instrumente, die Sorgsalt der Astronomen in der genaueren Durchforschung des Himmels, hat seitdem die Zahl der kleinen Planeten zwischen Mars und Jupiter (Asteroiden) ungemein vermehrt. Planeten. .'S Jenseit Saturn und Uranus ist Neptun von Le Verrier in Paris berechnet und von Galle in Berlin am 23. September 1846 aufgefunden. Zu den (jetzt 80) Planeten kommen 20—30 Monde unseres Sonnensystems und viele Kometen. Die oben erwähnte Mittelstellung der Erde unter den Planeten trifft noch für viele Verhältnisse zu. Der Abstand der Erde von der Soune in runder Summe beträgt etwa 21 Mill. Erd-Meilen, dreimal soviel als der Abstand des nächsten Planeten von der Sonne, des Mercur, dessen Entfernung nur etwa 8 Mill. beträgt. Dagegen ist schon der strahlende Jupiter fünfmal weiter von der Sonne entfernt als die Erde, Uranus steht 393, Neptun gar gegen 700 Millionen Meilen von der Sonne ab. Auch die Umlaufszeit der Erde um die Sonne ist eine mittlere. Sie braucht ein Erdenjahr, d.h. 365 Tage, Mercur nur 87 Tage, Jupiter 11 Erdenjahre, Uranus 84 Jahre, Neptun 165 Jahre. Der tägliche Umschwung der Erde um sich selbst ist ebenfalls von eiuer nur mittleren Geschwindigkeit. Die Dauer der Rotation um ihre eigene Achse beträgt bekanntlich 24 Stunden. Danach ward die ganze Oekonomie aller Organismen der ganzen Erde in Perioden von Schlummer und Wachen geregelt. Andere Planeten drehen sich langsamer, andere schneller um ihre Axe, z. B. Jupiter immer in noch nicht vollen 10 Stunden (9 St. 56 M.) einmal. Bei so reißender Rotation hat er bei seiner ersten Bildungsperiode eine viel stärkere Abplattung seiner Kugelgestalt erhalten. Denn die geringere oder größere Abweichung von der Kugelgestalt, die Abplattung oder Hinneigung zum Sphäre id steht in gleichem Verhältniß der Stärke des Umschwungs 1» 4 Mittelstellung der Erde. rotirendcr Körper während ihrer Entstehungsperiode, nämlich beim Uebergange aus einem noch mehr flüssigen Zustande in den rigiden. Die Erde erhielt bei ihrer ursprünglichen Bildung nur geringe Abplattung, au beiden Polen. Sie nähert sich unter allen planetarischen Gestirnen am meisten einer vollendeten Kugel- sorm und ihre polaren und äquatorialen Durchmesser weichen am wenigsten von einander ab. Also auch der Form nach hat die Erde mehr als die anderen Planeten daö schöne Gleichgewicht der Mitte gewonnen. Denn die Schönheit der Form besteht nach Ptato's Auöspruch in dem Ebenmaaße der Dinge. Auf jeden Fall bietet die Kugelform unter allen auf ihrer Oberfläche die größte Mannigfaltigkeit der Verhältnisse dar, die für jedweden Punkt ihrer Peripherie nothwendig andere sind. Auch die geringeren hypsometrischen Abweichungen von dieser Kugelgestalt finden auf der Erde statt. Bekanntlich erheben sich diese Abnormitäten auf dem etwas kleineren Planeten Venus als Berge zur Höhe mehrerer Meilen — auf der Erde höchstens etwas über eine Meile (27,000'). Selbst auf dem viel kleiueren gerundeten Mondkörper ragen die Berge nach Mädler's Messung bis zu M. 17,000'). Die Plastik der Erde ist also eine mehr harmonische. Auch in Hiusicht der Nebenplaneten oder ihrer Trabanten steht die Erde gegen die anderen Planeten aus einer mittleren Stufe. Sie hat uur einen Mond. Anderen Planeten, wieMer- cur, Venus, Mars fehlt dieser nächtliche Begleiter ganz. Dagegen haben Jupiter vier, Saturn sieben und einen gleichsam aus Monden zusammeugcballten Niug, Urauus sechs Monde und noch mehr zu ihrer Begleitung erhalten. Auch Neptun scheint der Mondbegleitung nicht zu entbehren. Je entfernter von der Senne, desto mehr Monde, vielleicht um in diesen kos- Mittclsiellmig der Erde. 5 mischen Spiegeln das Sonnenlicht desto vielfacher als Ersatz der geringeren Intensität der Erleuchtung zurückzustrahlen! Aus allen diesen Verhältnissen unseres Erdplaneten ergiebt sich, daß jedes Aenszerste, jedes physikalische Extrem dem Erdchar akter fern ist. Das Größte wie das Kleinste; das Schnellste wie das langsamste; das Wärmste wie das Kälteste u. s. w. Die Erde schwebt weder im Minimum noch im Maximum der kosmischen Verhältnisse. Dieses gewonnene Gleichgewicht und Ebenmaaß der Verhältnisse läßt scheu auf eine gewisse mit dem Sonncnshstem harmonisch gewordene eigenthümliche Entwickelnug des Erdplaneten schließen und dnrch diese Harmonie der Natur- dingc, wie ihrer Naturkräfte wurde er denn auch befähigt, die Heimath des Menschengeschlechtes zu werden, eben dadurch organisirt, alle äußeren und inneren Bedürfnisse desselben, während seines kurzen Erdendaseins auch zur Ausbildung für ein höheres Geisterreich zu befriedigen! Aus diesem höchsten wissenschaftlichen Gesichtspunkt betrachtet, wird jedes Verhältniß der Erde erforschungswerth — keins gleichgültig— ja ihre Summe und das Wesen von allen uns höchst wichtig sein!') An die Sonne, ihren kosmischen Mittelpunkt, ist die Erde nach dem Gesetz anziehender und abstoßender Kräfte gebunden. Von der Sonne erhält sie Licht, Wärme, Leben, Gedeihen. Der fühlende und denkende Mensch ist genöthigt, seinen Blick >) Wenn Whevel zu beweisen gesucht hat, daß die anderen planetarischcn Körper unbewohnt seien und nur uuscre Erde bewohnt, so können wir das wohl zugeben: denn nur die Erde ist fnr den Menschen, wie er jetzt ist, bewohnbar, kein anderer Planet. Aber andere Wesen können auch ftir andere planetarische Körper organisirt sein, von denen wir nur keine Porstellnug haben können. 6 Gestalt der Erde. von der Erde nach dem Himmel zu richten, die Himmelswelt in seine irdische Gedankenkette mit einzuschließen. Daher ist Sonnenverehrung der älteste Cultus vor aller höhern Offenbarung, im Naturgefühl aller Urvölker begründet. Am Himmelsräum zeigt sich die Erde gleich den andern Weltkörpern nur als ein Lichtpunkt im ungezählten Sternenheere „als ein Stern unter Sternen", wie Herder sagt. Anders ist es, wenn wir von diesem kosmischen oder universellen Standpunkte abstrahiren und zum individuellen zurückkehren, dann fließt der Lichtpunkt, näher betrachtet, zu einer ganzen Welt von Erscheinungen auseiuander. Dem Menschen ist ihre Gesammtheit ein Unüberschauliches '— ein Unübersehbares von Tiefe. Höhe, Weite in vielfach wechselnden Gestalten. Erst durch die Wissenschaft, die das Werk des Menschengeschlechtes durch Jahrtausende ist, wird sie übersehbar Aber nach dem Standpunkte, den die Völker der Erde in den verschiedenen Jahrtausenden einnehmen, entwickelte sich in der Einbildungskraft von der Erde stets ein verschiedenartiges Bild. Dem Bewohner der Ebene erscheint sie als eine unbegrenzte Erdfläche, wie so manchem Volke des Alterthums, und noch heute dem umherstreifenden Araber. Der Südsee-Insulaner im weiten Ocean hält seine Insel oder Inselgruppe für die ganze Erde; er kennt diese nur als eine^unendliche Meeresfläche, aus welcher die Sonne auf- und, nach vollendetem Tageslauf, wieder untertaucht. Noch heute hält der unwissende neapolitanische Lazzarone seinen Golf für die Mitte der Welt. Dem Gebildeter» der beobachtenden und forschenden Menschen wird die Erde, so bald er ihre verschiedenen Erhöhungen in weitern Abständen besteigt, ihre Formen und Räume überschauen und vergleichen lernt, zumal aber, wenn er auch ihre Meere durchschiffen kann, aus einer engen Heimath zu einem immer mehr sich erweiternden Erdkreise lOrbis tEi-raium der Römer). Einzelne Ptolemäisches System. 7 tiefere Denker, wie Phthagoras, Aristoteles, und späterhin selbst diejenigen Völker, die durch größere geistige Anstrengung sich zur Höhe wissenschaftlicher Bildung heraufarbeiteten, lernten sie dann erst als schwebende Erdkugel kennen, die ohne Stütze ihre Bahn alljährlich im freien Weltraume zurücklegt. Doch mußten erst die Weltumsegler diese Vorstellung von der Erde praktisch bestätigen und sicher stellen, ehe die gebildete Welt sie ganz allgemein iu ihre Gedankenreihe anfzunehmen im Stande war. Dem wissenschaftlichen Forscher, dem Astronomen, dem Mathematiker und Physiker ward sie erst seit einem Jahrhundert, seit Newton's (f 1727) Theorie, aus einer Kugel zu einem Erdsphäroid. Fortgesetzte genaueste Messungen der letzten Jahrzehnte lassen sie als einen sehr vielseitigen polhedrischen Körper erscheinen, dessen genaueste Gestaltung sich noch keineswegs auf das genaueste bestimmen läßt. Bessel sah es als eine Aufgabe der Wissenschaft für das nächste Jahrhundert an, die Gestalt der Erde genau zu ergründen. So zeigt sich überall nur Fortschritt in unserer Erkenntniß, kein absolutes Wissen. Die alte Welt sah die Erde als den Hauptkörper des Universums überhaupt, für das Centrum aller Kreisbewegung der Gestirne, ja der ganzen Welt an. Dies war die Grundlage des Ptolemäischen Weltsystems, älter als Ptolemäus; schon bei den Arabern, Babyloniern, Persern, Indern einheimisch, aber von Ptolemäus mit größerer Klarheit entwickelt. Jeder der sieben Planeten, Mond, Mercnr, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn, läuft in einer eigenen Sphäre, die er beherrscht und auf die sein geistiger Vorstand (Engel oder Heros) einen eigenen Einfluß ausübt. Alle aber umkreisen ihre gemeinsame Mitte, die Erde. 8 KopernicuS, Außerhalb dieser sieben Planeteusphären um das Ganze ein Firmament, an welchem die übrigen Sterne wie Nägel fest angenagelt standen: dies die achte Sphäre. Die ersten sieben waren durchsichtig und beweglich. Die achte mit den Fixsternen undurchsichtig. Das Ptolemäische System gewann für lange Zeit allgemeine Geltung. Mohamed im Koran stellte es als von Allah selbst bestätigt, als religiöses Dogma auf. Die spätere christliche Zeit erkannte durch strengere Wissenschaft und geläuterte Begriffe von Gott als Welten schöpfer in dieser Erde nur einen der noch ungezählten Weltkörper; die leuchtenden Fackeln am Himmel des Alterthums wurdeu durch Jahrhunderte der Beobachtung, die wieder auflebende Wissenschaft, durch die Astronomie aus blos elementaren Lichtern und Fackelsternen, ans mystischen Schicksals- Wahrsagern der Sterblichen, wie sie in den Kalendern aufgeführt wurden, zu planetarischen Weltkörpern. Diesen Fortschritt, der die ganze Welt der Wissenschaft umgestalten sollte, führte das Kopernikanische Sonnensystem herbei. Die Sonne bildet den Mittelpunkt, um den sich alle Planeten drehen, nicht die Erde. Kopernikus hinterließ (f 1543) die weitere Ausführung seines großen Grundgedankens der Nachwelt. Kepler sf 1631), Galilei uud Newton (f 1727) haben das Kopernikanische System erst recht begründet uud erweitert, uud durch die Erfindung der Teleskope ist es ermöglicht, immer tiefer in die Geheimnisse des Firmaments einzudringen. Die Erweiterung der Planetenwelt ist schon oben berührt. Die Zahl der beobachteten und berechneten Kometen nimmt fast mit jedem Jahre zu. Die Zahl der Fixsterne ist durch die genauesten Beobachtungen und Revisionen uud Versuche von Verzeichnissen von La- lande, Lacaille, Bessel, Argelander, Lamont u. A. bestimmt. Man hat die Orte der Sterne am Himmel auf Tabellen und Karten eingetragen und Sternkataloge angelegt. Viele Hun- Begriff der Erdkunde, 9 derte der für einfach gehaltenen Fixsterne wurden als Doppelsterne, ja als ganze Gruppen für sich bestehender Sonnensysteme in unendlichen Eutferuuugcn erkannt. Die 300—400, die von Struve beobachtet wurde,,, sind, zumal durch die Arbeite,, Herschel's in der Nord- und Süd-Hemisphäre, am Cap der guten Hoffnung u. a. O. zu mehr als 3000 angewachsen, und diese Zahl nimmt immerfort zu. Viele Nebelflecke und Nebelwolken der Himmelsfcrne siud in einzelne Sterne aufgelöst. Alles nebelhast Zerstreute ist als schon geballte Weltkörpermasse anerkanut. Die Ansicht des Menschen von der Erde, von der Natur, von dem, was wir Welt, Universum uennen, ist in stetem Fortschritt begriffen, wen,, auch der einzelne Mensch, das ein- zelne Jahrzehnt oder Jahrhundert sich dieses Fortschreiteus nicht einmal deutlich bewußt werden sollte. Die Erde als Wohnplatz der Menschen. Aber die Erde zieht nicht blos als Weltkörper unsere Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist uns wichtig als Wohuplatz des Menschengeschlechts. Die physikalische Erdbeschreibuug unterscheidet sich von der allgemeinen geographischen Wissenschaft dadurch, daß sie nur die Erforschung der Erde als Naturkörper sich zu ihrer Aufgabe stellt. Unsere allgemeine Erdkunde hat die Erde aber auch wesentlich als Wohnplatz des Menschengeschlechts zu betrachten. Die Erde ist uns die gemeinsame Heimath aller Menschen, der sichtbare Grund und Boden nicht nur aller Naturwirkung, sondern auch alles menschlichen Daseins. Auf ihr stellt sich uns die ganze leblose uud lebendige Schöpfung zur Betrachtung dar. Ohne sie würde für uns keine Natur vorhanden sein — ohne sie würden die Geschlechter der Menschen und der Gang-ihrer Geschichte gar ll> Begriff der Erdkunde. nicht einmal gedacht werden können. Unter allen Weltkörpern ist uns die Erde nicht nur der bekannteste, sondern unter allen hat sie für uns unstreitig auch das nächste Interesse. Sie ist die Basis für die ganze Physik uud für alle Historie. Die Erde ist für jeden denkenden Menschen einer tiefern wissenschaftlichen Erforschung werth. Auf derjenigen Stnfe der Cultur, die der Europäer insbesondere nun einmal erstiegen hat, sagte schon Georg Forster vor fast einem Jahrhundert, ist die Kenntniß der eigenthümlichen Beschaffenheit aller Gegenden der Erde ganz in fein Bedürfniß hinein verwebt. Und um wie vieles seitdem noch inniger in der Mitte unseres neunzehnten Jahrhunderts! Bei den Gebildeten aller Erdtheile ist diese Kenntniß eine Nothwendigkeit der Existenz und für die Wohlfahrt aller Staaten geworden. Aber wir sind noch weit entfernt von einer vollen wissenschaftlichen Erkenntniß, von einer Wissenschaft dieses Erdplaneten, von einer Erdwissenschaft, die man, als eine solche, wohl früher schon mit dem Namen der Gäa zu bezeichnen versuchte, als eine rein tellurische Disciplin. Wir nennen sie Erdkunde; was man bisher Geographie nannte, ist nur ein kleiner elementarer Theil einer Erdwissenschaft. Ihr Object ist an Umfang zu groß und unüberschaulich, an Inhalt zu mannigfaltig für den Erdbewohner, dessen Dasein immer nur aus einen kleinen Raum, auf eine kurze Zeit beschränkt ist. Und wenn auch schon alle ihre Theile uns im Einzelnen bekannt wären, wir sie auch geuau beschreiben und verzeichnen" könnten, so fehlte uns doch uoch die wahrhafte Erkenntniß ihres innern organischen Zusammenhanges, ihrer wechselseitigen Wirkungen und gegenseitigen Kräfte. Es wären darum ihre Verhältnisse sowohl innerer wie äußerer Art uoch keineswegs erforscht. Die Kenntniß der Verhältnisse eines Ganzen aber führt erst zur Wissenschaft, nicht die Beschreibung der Theile. Bis jetzt war Geographie nur Beschreibung, aber noch Begriff der Erdkunde. 11 nicht einmal Lehre der wichtigsten Verhältnisse. Wir fangen jetzt erst an, die wahren Elemente einer Erdwissenschaft zu begreifen und können es nur erst versuchen, die Erdkunde wissenschaftlicher zu behandeln, obgleich die Fortschritte der Entdeckungen zu unserer Zeit alle frühern weit hinter sich zurücklassen. Wir müssen sogar aus unserer Hut sein, wie überall, uns nicht durch irrige Einbildung, durch falsche Selbstbefriedigung, durch eiteln Wahn einzuwiegen, um nicht durch solchen scheinbaren, keineswegs schon beherrschten Reichthum wirklich geistig zu verarmen. Begriff der Erdkunde als Wissenschaft. Die Erde an sich gedacht ist nur ein Theil des Weltalls, des Kosmos im umfassendsten Sinne, wie A. v. Humboldt in seinem berühmten Werke ihn aufgefaßt hat. Diese Erde ist die Grundlage (Substrat) der Natur; sie ist die Heimath oder die Wiege der Menschen und Völker, der Wohnplatz des Menschengeschlechts. Daher ist sie, extensiv gedacht, nicht nur eine räumliche Grundlage, sondern mehr noch, intensiv gedacht, auch ein Schauplatz aller Wirkungen der Naturkräfte und Naturgesetze in ihrer großen Mannigfaltigkeit. Sie ist aber auch der Schauplatz aller menschlichen Wirksamkeit, ein Schauplatz göttlicher Offenbarung. So zeigt sich die Erde beim ersten Blick in dreifachem Verhältniß: a) zur Welt im Allgemeinen, — b) zur Natur, <:) insbesondere zur Geschichte. Nicht blos leidend (passiv), d. h. blos als Träger, besteht sie, sondern thätig (activ) wirkt sie mit ein nach dieser dreifachen Richtung. Sie ist ein uuansschließbarer, ein integrirender Theil, ein mitwirkendes Glied in der Ordnung der Dinge. Denn es ist der Erde auch noch ein höheres Verhältniß als sichtbare Welt übrig, das nämlich zur unsichtbaren Welt, zur geistigen Natur der Wesen überhaupt, oder zum Schöpfer und zum vernunftbegabten Geschöpfe auf ihr — nicht blos zum Naturreiche, sondern auch zum Geister- 12 Erde und Mensch. reiche. In dieser Hinsicht ist sie Gottes Schöpfung, ein Inbegriff höchster Zweckmäßigkeit, Schönheit, Vortrefflichkeit — eine Gotteswelt! eine Offenbarung göttlicher Weisheit in der Form einer sichtbaren Welt. Das hat David im 104. Psalm meisterhaft dargestellt, ein gottbcgeistertcr Sänger! In Beziehung auf ihre vernunftbegabte!? Bewohner, ist sie uicht mir der Boden, die Wiege, der Wohnort, sondern anch das Erziehungshaus, die große Erziehungsanstalt des Menschengeschlechts. Dies geht für den Forscher aus der Geschichte der Menschheit, aus das entschiedenste hervor. Für die Erde als Planet eröffnet sich außer dem Natnrdasein hierdurch aber eiue weit höhere Bestimmung: ihr Einfluß auf die geistige Welt. Diese ethische, d.h. sittliche Bestimmung, zeichnet den Erdkörper charakteristisch aus vor allen andern uus bekanuteu Körperu der sogenaunten unorgani- sirten und der organischen Naturen. Nur der Mensch hat noch den Vorzug seiner ethischen (sittlichen) Bestimmung, die wir bei Thier uud Pflanze vermissen, oder doch nicht nachweisen können. Nur dem menschlichen Körper, der Menschengestalt, ist also noch derselbe analoge ethische Charakter mit seiner Erde gemeinsam. Aber, jedesmal nur für ein Individuum und ein menschliches Lebensalter; der Erde aber, die immer Jahrtausende fortbesteht, dauert die ethische Bestimmung auch für alle Individuen auf ihr und für alle Lebensalter der Völker fort — bis auch dereinst die Erde selbst das Ende ihres Daseins und ihr uns unbekanntes Ziel erreicht haben wird! Einer solchen höheren Bestimmung gemäß mußte die Erde von ihren: Entstehen und Werden an auch eingerichtet, also höher organisirt sein. Denn einem bloßen Zufall, einer blos materiellen Wirkung von Naturkräften konnte die Grundanlage zu einer solchen Bestimmung, die in das Hauptthema der Weltgeschichte eingreift, nicht überlassen sein. Sie kann nur das Werk der göttlichen Vorsehung sein. Es ließe sich leicht eine Anordnung der Erdkunde und Geographie. u: blinden Naturkräfte und ihrer blos rohen, ungezügelten Gewalten nachweisen, durch die das Menschengeschlecht, wie so viele Thiergeschlechter vor ihm, hätte untergehen müssen. Von dem Untergange eines Menschengeschlechts haben wir keine Spur in der Paläontologie. Die höhere Bestimmung der Erde setzt aber unstreitig eine höhere Organisation desselben für Realisirung dieser Bestimmung voraus. Hemmende aber keineswegs vernichtende Erscheinungen treten auch heute noch, aber nur sporadisch, wie Feuerbildung und Erdbeben, Wasserfluthen ein. Sie werden immer mehr auf kleine Punkte concentrirt, sind keine allgemeinen mehr, wie frühere Fluthen und Umwälzungen, während die fördernden Erscheinungen universelle geblieben sind, wie die fortschreitende vegetative Bekleidungsfähigkeit der Erde, die Entwickelung aller Arten von Generationen, die Acclimatisationsfähigkeit ihrer Organismen, so daß also ihre Lebenskeime sich immer weiter entfalten sollten. Die früheren Hemmungen selbst wurden allmählich zu Förderungen des Gedeihens. Die Erforschung der Verhältnisse dieser höhern Organisation, ihrer Gesetze und Erscheinungen, muß natürlich einen wesentlichen Theil unserer geographischen Wissenschaft ausmachen. Nimmt die Geographie erst Rücksicht auf die höhere Organisation des Planeten, betrachtet sie ihn nicht mehr als ein blos lebloses, todtes Aggregat einer unorganisirtcn Natur, oder, wie Herodot sich ausdrückt, eine auf der Drehbank abgefertigte Erdscheibe; sondern als einen wahrhaft und recht eigenthümlich organisirten, sich fort und fort entwickelnden Naturkörper, der seine Lebenskeime zu weiterer Entfaltung in sich trägt mit dem Fortschritt der Jahrhunderte und Jahrtausende: dann gewinnt sie dadurch erst selbst ihre Einheit, wird erst durch dieses ihr lebendiges Princip zu einem Ganzen; dadurch erst wird sie auch einer systematischen Darstellung und Entwickelung ihres großeu Systems fähig; dann erst wird sie zu einer bildenden Wissenschaft für den menschlichen 14 Wissenschaftliche Bedeutung der Erdkunde. Geist, ja, zu einem nothwendigen Gliede im Systeme der Wissenschaften. Sie wird der Philosophie selbst als eines ihrer wesentlichen Gebiete vindicirt und in den Kreis der höchsten Betrachtung gezogen, ans dem sie bisher verbannt schien; sie wird eine philosophische Disciplin, selbst ein Zweig der Philosophie! Allerdings hatte man auch früher schon das Bedürfniß solcher Betrachtungsweise gefühlt, und deswegen konnte die Erde selbst ein Gegenstand höherer erbaulicher Betrachtungen werden. Durch die Teleologie, die Lehre von der Weisheit des Schöpfers in den Werken der Natur, in der Lehre von den Endzwecken der Schöpfung hatte man diesem Bedürfnisse zu entsprechen gesucht. Man ist aber dabei in viele Irrthümer gerathen und hat viel Menschliches dem Göttlichen untergelegt, wagte über die Zwecke der Dinge zu urtheilen und kannte die Dinge selbst noch nicht einmal. Vielen Irrthümern lag dabei der Wahn zu Grunde, schon im wirklichen Besitz des Wissens der geographischen oder der Natur-Wissenschaft zu sein, von der man die Elemente noch nicht einmal kannte. Unsere Aufgabe ist daher fürs erste in ^der Erforschung fortzuschreiten, nicht stille zu stehen, nicht zu ermüden im Besitz des Erworbenen. Der Mensch ist das erste Glied dieser Erscheinungen eines höheren Organismus. Wie jeder Mensch in seinen Lebensperioden die zeitlich verschiedenen Stufenalter der Weltgeschichte durchlaufen mnß, als Kind, Jüngling, Mann und Greis: so ist Jeder im Räumlichen und Leiblichen auch der Spiegel seiner Erdlocalität. Der Bewohner des Nordens nnd Südens, des Orients und Oc- cidents, der Aelpler von seinem Berglande Tyrols, der Bataver von seinem Tiefboden Hollands: jeder Mensch ist der Repräsentant seiner natürlichen Heimath, die ihn geboren und erzogen hat. In den Völkern spiegelt sich ihr Vaterland ab. Die örtlichen Einwirkungen der Landschaften auf die Charakteristik ihrer Be- Wissenschaftliche Bedeutung der Erdkunde. 15 wohner, bis auf Gestalt und Körperbau, Schädelbildnng, Farbe, Temperament, Sprache und geistige Entwickelung sind unverkennbar. Daher die unendliche Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen, wie in den Bildungen und Charakteren, so auch in den Bestrebungen der Völker. Die Anthropologie und Ethnographie, die Menschen- und Völkerkunde, siud die wichtigsten Commcntare zur Geo- und Topographie. Der Historiker wirft nur einen Blick vom Schicksale der Völker auf das Land zurück, der Geograph geht von der Natur des Landes aus, und thut die ernsten Fragen an das Schicksal der Völker. Was müßte, was könnte das Land unter den gegebenen Umständen für sein Volk sein und werden? und was ist es für den Staat geworden? was bleibt noch für ihn und seiner Bevölkerung Ausbildung und Glück zu thun übrig? So wird die Geographie anch eine Schule der Staatswissenschaft. Des Menschen Dasein ist ganz an die Erde gebunden — mit tausend unlösbaren zähen Wurzeln befestigt. Nicht blos eine geistige, auch eine leibliche Mitgift hat der Mensch bei seiner Geburt erhalten, deren er sich nicht entäußern kann, deren er sich daher auch auf das lebendigste bewnßt werden soll. Dem Menschen ist es also auch ein Bedürfniß, die Grenzen, wie das Wesen, auch iu dieser seiner irdischen Beschränktheit, wie ihre inwohnen- den Kräfte zu erkennen, um sie auch gebrauchen zu lernen. Denn nur danu wird es ihm um so sicherer gelingen, anch das Gebiet seiner geistigen Freiheit und Unabhängigkeit zu erkennen, seine geistige Natur zu erforschen. Nur das lebendigste Bewußtsein seiner Abhängigkeit des ihm bei seiner Geburt vou Gott Mitgegebenen kann ihm zu einer wahrhaften Freiheit des Lebens, zu Erreichung seiner wahren Bestimmung in Gegenwart und Zukunft verhelfen. Ohne Vorübung in der Beschränktheit ist kein Maaß in der Unbeschränktheit zu finden. Ohne Abhängigkeit von Ordnung und Gesetz ist keine Gesetzmäßigkeit, keine Freiheit für den Menschen zu erringen, auch nicht in der Gedankenwelt. Keine 16 Die Geographie als Wissenschaft. wahrhafte Speculation, keine Philosophie über das Unendliche und Ewige ist möglich, ohne die Erforschung und Erkenntniß des Endlichen und Irdischen. Wer nicht das Irdische erkennt und erforscht, kann auch das Ewige, das Unendliche nicht begreifen. Satz und Gegensatz sind Bedingungen des menschlichen Denkens. Pythagoras erforschte erst Maß und Zahl, ehe er sich von diesen zu den höchsten Sphären der metaphysischen Speculation emporschwang, Plato die Seele des Menschen und die Gesetzgebung der Völker, ehe er sich von diesen zu den größten Höhen der Philosophie aufschwang. Aristoteles war erst Naturforscher und Physiker, ehe er zum Meister der Logik und Metaphysik ward. Auch Kant war Mathematiker und Astronom, ehe er zur Metaphysik und Kritik der reinen Vernunft, den höchsten Aufgaben der Wissenschaft, fortschritt. Schelling ging aus der Naturphilosophie zur Philosophie des Geistes über. Nur zu häufig werden solche Vorstudien übersprungen. Die Speculationen schwebten dann auch in der Luft ohne festen Boden, und stürzten von selbst zusammen. Der Hochmuth im nur scheinbaren Wissen und Denken kommt auch hier durch sich selbst zum Falle! Was hat die Geographie als Wissenschaft zu leisten? Sie darf nicht bloß eine Beschreibung der Erde oder ihrer Theile sein, so wenig wie Naturbeschreibung das Wesen der Naturgeschichte erschöpft. Dieser Begriff, zu welchem das hergebrachte Wort Geographie (Erdbeschreibung) leider nnr zu lange Zeit verführt hat, würde nur höchstens ihre Elemente bezeichnen, sonst aber viel zu beschränkt sein. Die Geographie soll danach streben, ein möglichst vollständiges Anschauen, Erkennen uud Wissen von der Erde zn werden; denn im weitesten Sinne ist sie die Wissenschaft des tellurisch Begriff der Erdkunde. ll erfüllten Raumes. Nicht bloö einzelne Kenntniß, sondern durchdringende Erkenntniß von ihr. Sie soll sich also mit Erforschung, Erkenntniß und Darstellung, sowohl der Theile der Erde als ihres Ganzen in allen Beziehungen, in allen wesentlichen Eigenschaften, Kräften und Verhältnissen beschäftigen, oder doch mit ihnen zu beschäftigen sich bestreben. Denn zu diesem Bestreben gehört vor allen Dingen zunächst ihre Erforschung. Die Erde kann aber in zweierlei Hauptbeziehungen, einer relativen und einer absoluten, erforscht werden. Wir betrachten nämlich die Erde als Theil von einem größern Ganzen, d. h. in ihrer Relation zum Universum, wir betrachten sie auch als ein für sich bestehendes Ganze, also ihr absolutes Verhältniß. Die Untersuchung und Erkenutuiß der Erde an sich, als ein selbständiges Ganzes, macht den eigentlichen Gegenstand unserer geographischen Wissenschaft aus. Diese ist es, die wir für jetzt mit dem Namen Erdkunde belegen, um anzudeuten, daß wir eine vollendete Erdwissenschaft selbst zur Zeit noch nicht errungen haben. Denn Erdkunde bezeichnet nur die iudividuelle Kenntniß, die wir auf historischem Wege uns bis jetzt von der Erde erworben haben. Erdkunde ist uns also die Lehre von unserm Planeten nach seinen Theilen, Eigenschaften uud wesentlichen Verhältnissen, als einem selbständigen planetarischen Erdgauzeu, in seinen Beziehuugeu zur Natur und zu dem Menschen, und zu Gott seinem Schöpfer! — Nähmen wir den Begriff seiner Relation zum Weltganzen mit in diese specielle Lehre ans (wie dies in den Compendien der Geographie meist auf eine sehr unvollkommene und daher auch unfruchtbare Weise zu geschehen Pflegt), so würden wir die ganze Kosmographie uud Astronomie mit in ihr Gebiet ziehen. Dies ist aber an sich schon fast zu weit umfassend. Von jenen Disciplinen nehmen wir daher nach Art andrer Ritter .Ulgci». t?rd!u»d-. 2 ^ Begriff der Erdkunde. Wissenschaften mir gewisse Corollarien, d.h. Zugaben, als deren Resultate iu die Erdkunde auf, wo dies nothwendig ist zur klarern Einsicht des Ganzen. Die Beweise für diese Corollarien oder Hülfssätze überlassen wir den inathematischen, astronomischen und physikalischen Wissenschaften. Wir fassen uns von dieser Seite um so kürzer, da das Meisterwerk des Kosmos sich das Verhältniß des Weltganzcn zur Erde, zur Hauptaufgabe stellte. Durch die Beschränkung an Umfang werden wir fo hoffentlich an Inhalt und Tiefe wesentlich gewinnen. Die Erde hat außer dem räumlichen Dasein auch eine Existenz der Zeit. Sie hat also iu dieser eine Entwickelung erlebt, also eine Geschichte. Die Dauer der Erde übertrifft jedes andere uns bekannte Zeitmaß. Denn mit ihrer Entstehung entsteht auch erst unser Begriff von Zeit. Die Erde beginnt mit dem Anfang der Schöpfung. Durch diese Dauer unterscheidet sich die Erde vor« jedem andern Individuum der tellurischen, d. i. der irdischen Schöpfung, charakteristisch. Sie ist älter als alle ihr angehörigen Theile, Bildungen und Geschöpfe. Das Wesen ihres Ganzen als Planet ist also ganz verschieden von dem Wesen ihrer einzelnen Theile. Daher der früher allgemeine Irrthum, sie zu den un- organisirten Naturkörpern zu zählen. Die Geschichte der Erde lehrt iu ihren Monumenten, daß sie ihren Theilen, wie ihrem Ganzen nach, einer fortschreitenden Umbildung unterworfen, daß sie einer fortschreitenden Ausbildung fähig ist. Die Naturkräfte wirken unablässig nach den mechanischen Gesetzen der Chemie und Physik auf sie ein. Die belebte Schöpfung, Pflanzen, Thiere nnd Menschen gestalten sie immerfort um, als zugehörige Organe und lebendige Glieder ihres VeibeS. Die Erde hat ihre eigenen BildnngScpochen, durch Natur und Cultur. Sie ist eiu Naturkörper mit eigenthümlichen Verhältnissen, den wir nicht zu den organisirten, mit sogenannten Lebenskräften versehenen Wesen zählen können, nicht zu Pflanzen Die Erde ein kosmisches Individuum. 19 oder Thieren; aber eben so wenig zu den anorganischen Körpern der unbelebten Natur; nicht zu den Erden, Steinen, nicht zu den Krystallisationen, oder den vollendetsten Formen der Mineralkörper. Dies sind nur isolirte Theile des Ganzen, nnr abgelöste Theile, die in keinem Zusammenhange mit ihren übrigen Theilen stehen. Die Erde aber, in ihrer Spannung als für sich beschlossener Ball oder Ring, besteht als ein Ganzes, Planetarisches fort. Die Erde ist daher ein kosmisches Individuum mit eigenthümlicher Organisation, ein Kus sui A-eneris mit fortschreitender Entwickelung. Sie ist ein systematisches Ganzes mit eigenthümlicher Bewegung, mit kosmischem Leben. Der Krystall, die Pflanze und das Thier, der Planet, der Mensch sind in aufsteigender Linie verschiedene Ovganismen des irdischen Daseins der Dinge. Der Erde ist also in dieser Reihe der Organismen eine bestimmte Individualität als Erdplanet zu Theil geworden. Diese Individualität der Erde zu erforschen und darzustellen ist die höchste Aufgabe der geographischen Wissenschaft. Kann sie diese Individualität nach allen .ihren Theilen, Gliederungen und Functionen zur klareu Anschauung bringen, so wird die Erdkunde zu einer selbständigen Erdwisscnschaft. Ihr ist die Erde ein Planet, der wie ein Samenkorn mit allen inneren Keimen der Entwickelung und Entfaltung ausgerüstet, von dem Säemann in das Feld der Sonnenbahn geworfen ist, da aufzugehen, zu wachsen, zu blühen, und zu rechter Zeit seine Ernte, seine Frucht zu tragen. Früher wurde die Erdkunde nur als Hülfswissenschaft für Geschichte, Politik, Kriegswissenschaft, Naturgeschichte, Gewerbe, Handel u. s. w. angesehen uud behandelt. In der That greift sie in alle diese Zweige der Erkenntniß und des Betriebes ein. Erst in neuester Zeit konnte sie aber zu einer selbständigen Disciplin werden. Erst durch die gleichmäßige Erweiterung des 2* 20 Geographische Compendien. ganzen Äreises der Wissenschaften, in deren Mitte sie steht, konnte sie diese höhere Stufe erreichen. Man theilte die Geographie der Bequemlichkeit und ihrer Benutzung wegen nach einem dreifachen Gesichtspunkte bekanntlich in mathematische, in physikalische, iu historische oder politische Geographie, da früherhin das Fachwerk der Wissenschaften überhaupt mehr gesondert war, und auch kein ineinandergreifendes sich gegenseitig unterstützendes Ganzes bilden konnte. In die beiden ersten Abtheilungen nahm man die allgemeinen Sätze der Astronomie, Mathematik, Physik mit auf, und suchte sie zur Erklärung der auffallendsten Erscheinungen auf der Erde anzuwenden. Doch gingen mitunter die wichtigsten ganz leer aus. Man übersah die Hauptsache der Aufgabe, nämlich den Causal- zusammeuhang der Erscheiuuugen, wodurch erst jede einzelne derselben als^nothwendig und für jede Localität räumlich bedingt hervortreten kann. Man ahnte nicht, daß jede Erscheinung nur das Glied einer großen zusammenhängenden Kette von Erscheinungen sei, durch welche erst, ein großes allgemeines Naturgesetz hervortritt. Man sah Porphyre, Basaltkegel, heiße Quellen und mancherlei Felsenkeile zwischen andern zerstörten Gebirgs- schichten, und führte sie in ihrem sporadischen Vorkommen wohl mit an; aber man ahnte nicht, daß die einen in ihren großen Zuglinieu die Ursache der Zerspreugung und Umstürzuug der andern waren, und in großein Zusammenhange mit den Erhebungen der höchsten Gebirgsketten wie der großen vulkanischen Inselreihen im Ocean stehen, ja im Zusammenhange mit der Bildung der Continente selbst. So wurden Pftanzenproducte wie »ach Willtür bei den verschiedenen Ländern der Erde unter einander gewürfelt, ohne daß von der Gesetzmäßigkeit der Vegetationszonen nach Isothermen, Jsochimenen und andern Bedingungen ihres Vorkommens oder Nichtvorkommeus eine Ahnung dagewesen wäre. Man führte polare Meteore, die ^uiora korel>,!is, als isolirte Geographische Compendien. 21 Merkwürdigkeiten der Länder an, ohne ihre kosmischen und magnetischen Beziehungen auf das Ganze zu kennen. Man kannte den Causalzusammenhang zwischen den maritime» Entdeckungen der Seefahrer uud dem Systeme der Meeresströmungen noch nicht, von dem die Seefahrten so abhängig sind. Man übersah den Einfluß der Physik auf die Ethik des Leibes, auf Seele und Geist. Nach historischem und politischem Gesichtspunkte zertheilte man das reichhaltige Material wieder in ein rnbrikenreichcs, logisch geordnetes Fachwerk, um eine gewisse Ordnung und Vollständigkeit zu erreichen, nicht, nm die Thatsachen und Wahrheiten an sich zu ergreifen, sondern um den Inhalt zu gewissen äußerlichen Zwecken benutzen zn können, wie für Kriegsgeschichte, Politik, Statistik, Geschichte u. s. w.; eine Methode, die noch ein Ueberrest von dem scholastischen Zuschnitte der Wissenschaften im Mittelalter geblieben ist. Aus solcher Bertheilnng und Anordnung des Stoffes, die den innern Zusammenhang oder den formalen Theil nicht berücksichtigt, entstanden so die dreierlei Zweige nach herkömmlichen Namen: Choro- und Topographie, Län der- und Ortskunde; Ethnographie mit Anthropologie ver^ bnnden, Völkerkunde; Statistik (ein modernes erst von Schlözer eingeführtes Wort) mit Historie und Politik verbunden, politische Geographie uud Staatenkunde. Aus diesen drei Abtheilungen liefern die sogenannten Handbücher, Abrisse oder Compeudien der Geographie eiu beliebiges Aggregat, ein in Schachteln abgetheiltes scholastisches Fachwcrk. Mehr oder weniger enthalten diese bald von dem einen, bald von dem andern Vorrath oder Material, je nachdem das Bedürfniß der Zeit dies oder jenes verlangt: politische, militärische, Handels- Geographie, sogenannte reine Geographie u. s. w. Ein systematischer Zusammenhang des Inhalts ist selten darin aufzufinden. Eine Gleichberechtigung aller weseutlicheu Theile wird dariu gar 22 Geographische Compendien. nicht angestrebt. Sie enthalten im Grunde nnr eine willkürliche, principlose und umuethodische Zusammenhänfung aller Arten von Merkwürdigkeiten, die in den verschiedenen Ländern der Erde vorzüglich auffallend erscheinen. Die Zusammenstellung der Thatsachen geschieht nach Ländern und Erdtheilen; aber die Beziehungen des einen Erdtheiles zum andern, des gegenseitigen so unendlich wichtigen Einflusses der Länder aus einander, wird mit keiner Sylbe erwähnt. Man fängt Europas Beschreibung mit Portugal oder Spanien an, weil Strabo in dieser Ordnuug die Aufzählung begonnen. Die Thatsachen werden wie die bunten Flicklappen eines Teppichs an einander gereiht, bald so bald so, als könnte ein jedes als abgerissenes Stück für sich bestehen- Nnr ihre Sonderung tritt hervor, ihr Zusammenhang nicht. Die Aufzählung der Merkwürdigkeiten nach gewissen Rubriken, wird nach Grenzen, Größe, Boden, Gebirgen, Flüssen, Productcn, Städten u. s. w. gegeben. Man fängt mit den Lineamenten der Begrenzungen an, die doch meist sehr uusicher, ungewiß, uud in vielen Theilen unbestimmt bleiben, uud hofft dadurch den Gang alles Folgenden zu bestimmen, statt den Kern, das Wesen inS Auge zu sasseu. Vergleichen wir diesen dermaligen Zuschnitt der Compendieu- Geographie mit andern so sehr fortgeschrittenen Wissenschaften, so erkennen wir leicht, daß sie zwar ein Wissen, aber gar keine Wissenschaft, höchstens eine Polhhistorie genannt zu werden verdient. Sie ist nnr ein bloßes Aggregat, ein nach Materien geordnetes Register, ein lexikalisch geordneter Apparat. Daher kommt, bei dem unstreitig sehr hohen und ganz allgemeinen Interesse des Gegenstandes, das Mechanische nnd Unfruchtbare der Methode, die Anfülluug des Gedächtnisses ohne Urtheil und Gedanken, ohne Ideen; daher aber auch der geringe Gewinn, den die Geographie als bildende Wissenschaft bisher in der Reihe der Schulstudieu, der sogenannten Humaniora, gebracht hat. Vergleichende Geographie. S)! Wir dagegen werden nach unsern Kräften eine Darstellung und Entwickelung der Hauptverhältnisse unserer Erde versuchen, und damit, statt der Beschreibung, vielmehr eine Charakteristik ihrer Haupttheile verbinden. Wir legen kein besonderes geographisches Compendium zu Gruudc, denn die bisherigen nehmen alle einen von dem unsrigen zu verschiedenen Gang. Aber wir setzen die Kenntniß einer solchen elementaren compendiarischen Geographie, jenes dürre Gerippe des Materials, bei einem akademischen wissenschaftlichen Vortrage natürlich voraus. Gewöhnlich bearbeitet man auch die Geographie nur für eine gewisse Zeit: für die Gegenwart oder Vergangenheit. So redet man von Alter Geographie, Geographie des Mittelalters nnd der Neuen Zeit. Wir suchen die dauernden Verhältnisse auf uud verfolgen ihre Entwickelung durch alle Zeiten, von Herodot bis auf die unsrigen. So finden wir auf, was sich durch allen Zeitwandel hindurch in dem Erdorganismus als gesetzmäßig bewährt hat, nnd erhalten die Vergleichende Geographie. Durch sie wird einleuchtend, wie das Heute aus der Vergangenheit entstanden ist. Es gewinnt die Archäologie, die Völker- uud Staatenkunde; aber es gewinnt auch die allernächste Gegenwart. Je weniger positive Kenntniß der verschiedenen Bildungs-Epochen, desto höher schießt das Unkraut der Hypothesen, desto mehr treten Irrthümer, Verwirrungen, Projcctenmacherei hervor, weil die Gegenwart uicht verstanden wird. Wir dürfen nur an die letzten zehn Jahre zurückdenken. Sie geben genügenden Aufschluß über mancherlei Verirrungen, die in der Unkenntniß geschichtlich gewordener Verhältnisse ihre Begründung finden. Quellen der geographischen Wissenschaft. Die Quellen der Erdkunde sind, wie bei historischen Wissenschaften überhaupt, doppelter Art: Denkmäler und Anschauungen, 24 Heimathskunde. die zu eigenem Studium führen, oder historische Ueberlieferungen mündlicher oder schriftlicher Art, die wir uns anzueignen haben. Wir wenden uns zunächst zu deu Quellen der ersten Art. Das Studium der Erdkunde hat den großen Vortheil, daß die Oberfläche der Eiche überall selbst als Denkmal vorliegt. Aus der lautersten Quelle sind also durch Betrachtung und Forschung die Hauplthatsachen zu entwickeln. Eigene Beobachtung ist aber nothwendig auch zum Verstehen fremder Berichte. Und solcher Beobachtung kann sich Jeder hingeben. In den Verhältnissen der Localitätcn des heimathlichen Bodens liegen zugleich die Verhältnisse der Loyalitäten des Ganzen, nnd die Erforschung jeder Localität der Erde ist von Bedeutung für das Ganze. A. v. Humboldt im Kosmos II. S. 89 drückt dies so schön ans, weun er sagt: „Die Natur ist iu jedem Winkel der Erde ein Abglanz des Ganzen." In dem zerstörenden Gewitterbach kann man die Natur reißender Stromshsteme, an der Zertrümmerung einer kleinen Insel, wie Helgoland, die Küstennatnr großer Continente nnd die Umwandlung ihrer Gestadclinien stndireu. In den Blätterdnrchgängcn einzelner Krhstalle, in der Construc- tiou der zahllosen Urfelsblöcke, wie sie als Findlinge einer Vorzeit überall in den Sandfeldern unserer Marken zerstreut liegeu, kommt die Natur der Gebirgsschichteu gauzer Alpenshsteme und des scandinavischen Nordens, aus dem sie, durch Eisfluthen herbeigeführt, Herstaminen, zur Anschauung. Jede Brnnnengrabung liefert Beiträge zu eiuer Theorie der Erdriudc — die Eisenbahn- dnrchschnitte in weiten Ebenen sind dnrch Aufdeckung dieses obern Schichtenklcides der Erde schon in unsern Saal- und thüringischen Gegenden höchst lehrreich geworden. Im Ban des Grashalmes, der Binsen nnd der einheimischen Monokotylen, kernt man die Constrnction der Fürsten der Wälder, der Palmen-Vegetation der Tropenläuder, begreifen; in der Moosbekleidnng nnd Licheneu- bildnug auf Ziegeldächern und Manerwänden die Anfänge der Heimathskunde. 25 Pflanzenwelt auf Berggipfeln verstehen'. Schon im Harz und Riesengebirge kann man sich lehrreich auf das Studium der Alpen und Cordilleren vorbereiten. Aber das Auge muß sehen gelernt haben. Die Beobachtung im Vaterlande weckt und schärft den Blick wie das Urtheil für die Erkenntniß fremder Länder. Wer die Thäler, Berge, Wälder, Dorfschaften seines vaterländischen Gaues aufmerksam durchwandert hat, und ihre Sagen und Berichte erforschte, der wird auch die Erzählungen Herodots über Länder, Völker und ihre Sagen besser würdigen können. Ihm werden die Berichte der Reisenden in Amerika, Asien und Australien, erst lebendige Anschauungen darbieten. Beobachtung in der Natur und auf Wanderungen, größerer wie kleinerer Art, ist daher nothwendig für den Fortschritt der Erdkunde. Aber dahin rechnen wir nicht den neugierigen Durchsing der gewöhnlichen unwissenden Touristen, die voll Vorurtheile fast alles nur halb sehen. Leider verstehen die heutigen geographischen Compendien- schreiber meist die Natur nicht im Kleinen und in der Nähe: daher aber anch nicht im Großen, nicht in fernen Erdtheilen, nicht im Ganzen. Die geographischen Musterwerke über Theile des Auslandes haben darum bis jetzt viel zu wenig zur verbesserten Geographie des Inlandes beigetragen. Noch fehlt uns jede leidliche Geographie des deutschen Vaterlandes. Nur wenige Vorarbeiten haben dazu erst seit ein paar Jähren die Wege gebahnt. Im hohen Alterthume ging die Geographie von der Anschauung aus, nicht von der Bücherwelt. Herodot (444 v. Chr.), der Vater der Geschichte, wurde durch seine Wanderungen und eigenen Beobachtungen der erste sammelnde kritische Geograph der Griechen. Polhbius durchreiste die Alpeu, die Pyrenäen, Gallien und Iberien, um die Feldzüge Hannibals beschreiben zu können. Er suchte den Pontus und Aegypten ans für seine Kriegsgeschichten. Er ist der Vorgänger für alle militärische Geographie: mit Com- ^ Strabo, Cluver, Humboldt. mentaren zum Polhbius haben sich die größten Strategen beschäftigt. Strabo, der fleißigste sammelnde und prüfende Geograph seiner Zeit, schrieb sein geographisches Werk erst nach einer langen Reihe von Reisen und Wanderungen vom Kaukasus bis Massilia am Nhodanns, von den Alpen Helvetieus bis nach Aethiopien. Philipp Cluver aus Danzig (gestorben 1623), der wahre Wiedcrhersteller der classischen Geographie, schöpfte die Nachrichten zu seinen Meisterwerken, der Llörmavig,, Italia, Lic:il!a anti^ua, aus eigenen Beobachtungen und Untersuchungen in den Ländern selbst, die er mit den klassischen Autoren iu der Haud durchwandert hat. Alexander v. Humboldt ist durch seine Beobachtungen auf Reisen in Europa, Amerika uud Asien der Begründer einer wissenschaftlichen vergleichenden Geographie geworden. Er war in seiner Heimath schon ganz zu Hause, als er nach Amerika in die Tropenwelt überschiffte. So gehören eigene Anschauung und Studium der Natur unter allen Zonen des Erdkreises immer zu den ersten Quellen der Erdkunde. Wir kommen zu der zweiten Gattuug vou Quellen für die Erdkunde, den historischen Ueberlieferungen mündlicher und schriftlicher Art. Bei der beschränkten Kenntniß von dem Umfange des Erdkreises, welche die älteste Zeit besaß, waren die Menschen leichter befriedigt. Mit den Jahrhunderten haben sich historische Ueberlieferungen von Ländern nud Völkern ins Unendliche vermehrt. Wo die Beobachtung nicht ausreichte, da füllte die Phantasie die Lücken aus. Der Umfang des Erdkreises wnchs mit den Jahrhunderten der Entdecknngeu. Das Leben des Einzelnen blieb zu kurz zur eigeueu Betrachtung des Gesammten. Berichte Anderer, schriftliche Ueberlieferungen und Nachrichten wurden seitdem immer nothwendiger nnd allgemeiner zu Quellen der Erdkunde. Ja, in Hilfswissenschaften der Geographie. 27 späterer Zeit haben sie nicht selten zum Nachtheil der Wissenschaft die unmittelbare Erfahrung getrübt oder zurückgedrängt. Zu den schriftliche,? Nachrichten gehören auch die bildlichen Vorstelluugeu von der Lage, dem Umfange und der Gestalt der ganzen Erde, wie ihrer Theile — die landschaftlichen Bilder, Globen und Landkarten. Die Forderungen, welche man heutzutage in dieser Hinsicht zu inachen berechtigt ist, sind ganz andere als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Landkarte soll ein Portrait sein, kein Zerrbild, wie fo unzählige sind. In ihrer Art der Darstellung hat sie etwas Dictatorisches, ihre Irrthümer sind daher um fo verführerischer und schädlicher. Der Unwissende läßt sich durch den Stich, das Papier und die bunte Illumination irre führen. Die Briten statten ihre Karten dem Aeußern nach, durch Stich, Papier und Farben glänzend aus, aber ihr Inhalt ist öfter sehr vernachlässigt. Franzosen und Deutsche wetteifern um den Preis einer künstlerischen und naturgemäßen Darstellung. In Europa beschäftigen sich gelehrte Akademien fast in allen Hauptstädten auch mit geographischen Forschungen, was früher nicht der Fall war. Die Hülfswissenschaften der Geographie. Die Wissenschaften, welche bei gründlichen geographischen Studien immer unentbehrlicher werden, haben sich in den neueren Zeiteu sehr vermehrt. Es sind die meisten, welche bei historischen Studien überhaupt nothwendig sind; aber es kommen noch mathematische und Natur-Wissenschaften hinzu. Freilich ist es ein sehr verbreiteter Irrthum, als könne man die geographischen Wissenschaften schon aus einem guten geographischen Compeudium uud aus Landkarten erlernen. Man setzt dann voraus, sie sei nur eine Sache des Gedächtnisses. Aber selbst ihre Elementar- ^ HMfswissenschaften. lehre ist einer constructiveu BeHandlungsweise fähig. Mancher Lehrer der Geographie, der sich mit ihr noch gar nicht beschäftigt hat, wähnt durch ein Compendium schon sich hinreichend zu seinem Lehrerberufe vorbereiten zn können. Kein Philolog wird dnrch bloßes Ausweudiglerueu der Grammatik uud des Wörterbuches im Stande sein, einen bildenden Unterricht in einer Sprache ertheilen zu können. Es gehört noch das Studium der classischen Werke hinzu. Ebeuso bei der Geographie das anschauliche Studium der Erde. Ein zweiter allgemein verbreiteter Irrthum ist es, die Erdkunde müsse von den Merkwürdigkeiten der verschiedensten Wissenschaften das Frappanteste in sich aufnehmen, und dadurch ihreu Reiz erhöhe», ihre Nützlichkeit steigen,. So ist die Geographie alles geworden: eine historische Geographie, eine Statistik, eine politische Geographie, eine physikalische, eine Aufzählung der Naturprodukte aus allen Naturreichen bis in die kleinsten Juscctcu- uud Moosarteu. Sie uimmt alle Farben an, nur ihr eigenes, ihr eigenthümliches Wesen hat sie uicht ausgebildet. Nur ciu festes Princip kann sie vor solchen Abwegen bewahren: das Festhalten an der Coustructiou der tellurischcu Veschaffeuheiteu iu ihrem Verhältniß zum Menschengeschlechte. Nicht ein zufälliges Aggregat aus deu verschiedenste» Wissenschaften, nicht als eine Mosaik ans allen mögliche» Farben soll sie erscheinen, nicht mit allen bunten Federn anderer Wissenschaften sich zieren. Sie soll sich nur der Resultate der übrigen Wissenschaften zum Verständniß ihres eigenen Weseus bemächtigen, nicht ihrer Einzelnhciten. Sie soll jene fremden Zugabe» ihrer Eigenthünilichkeit gemäß beherrsche» und verwenden, nicht sich von andern Disciplinen do- minireu lasse», sondern als selbständige Wissenschaft auftreten. Für das Verstäuduiß der Mathematischen Geographie sind allerdings die Elemente der Mathematik und Astronomie un- entbehrlich. Zur Ortsbestimmung, zum Gebrauch der Instrumente, Hülfswisseuschaften, ^ wie- Sextanten, Chronometer, Bussole u. a. gehören Fertigkeiten in der praktischen Astronomie. Zur Orientirung der Länder auf Landkarten, zur Beurtheilung ihrer verschiedenen Projectionen gehören schon Kenntnisse der Trigonometrie uud der höheren Mathematik. Wer jetzt durch Reisen die Erdkunde fördern und bereichern will, darf iu fremden Ländern nicht ohne astronomische Instrumente erscheinen. Die politische Geographie bedarf der historischen Studien und derselbe» Hülfswisseuschaften wie das Geschichtsstudium selbst. Deuu der Zustand der Länder und Staaten kann nur auf historischem Wege gründlich entwickelt werden. Büschings Europa war ein Meisterstück seiner Zeit. Aber er war weit davon entfernt, die Geschichte in verkümmerter Gestalt in die Schnürbrust der geographische!? Compeudien hineinzuzwängen. Auch die Menschen- und Völkerkunde gehört zu dem weiten Kreise der Hülfswisseuschaften geographischer Studien. Erst in diesem Jahrhundert hat man Ethnographie und Ethnologie mehr wissenschaftlich, systematisch zu behandeln versucht durch genaueres Studium des Physischen des Menschen, seiner Sprache, Genealo- . gien, und der geistigen Entwickelungsstufen der Völker. Verschiedene Zweige der Naturwissenschaften sind zur genauern Erforschung der Länder und ganzer Erdtheile und ihrer Producte ein nothwendiges Bedürfniß. Die genanere Beurtheilung des Bodens, der Gebirge, der Ebenen ist ohne Mineralogie und Geognosie nicht möglich. Die Klimatik, die Kenntniß der klimatischen Beschaffenheiten der Länder, ihrer atmosphärischen Erscheinungen und deren Einwirkungen ans die Organisationen und Entwickelungen der Pflanzen, Thiere, Menschen, ist für die Erdkunde unerläßlich. Um die Vegetation der Länder, ihre Fruchtbarkeit und die Producte der Pflanzenwelt richtig zu erkennen und zn schildern, ist eine genaue Kenntniß ihrer Flora nothwendig. Aber nicht Hiilfswissenschaften. alle Einzelnheiten der Tausende der Pflanzen sind auszuzählen, sondern die Gesetze und die Charakteristik ihres geographischen Vorkommens in den Erdränmen sind die zu lösende Aufgabe unserer Wissenschaft. Dann braucht man nicht hundertmal dasselbe im Einzelnen zu wiederholen, wo es Korn, oder Agrumi oder Palmen giebt und wo keine. Es kommt darauf an, den Charakter dieser Floren in ihren? Wesen für die geographischen Erscheinungen darzustellen und nachzuweisen. Eine wichtige Beihülfe für die Anschauung ans diesem Gebiete bieten die botanischen Gärten, die geographisch geordnet sind, wo die Palmenhäuser, die afrikanischen, die australische» Pflanzen, die Orchideen grup- pirt beisammen ein Bild ihrer Heimath für das Auge geben. Botanik und Zoologie sind die wichtigsten Hülfswissenschaften für die angewandten Theile der Erdkunde. Mineralogie, Botanik, Zoologie lehren den natürlichen Reichthum der Länder kennen, der für den Wohlstand der Völker uud Staaten, wie für die Richtung ihrer Entwickelung auf Industrie, Gewerbe und Handel von so entschiedenem Einflüsse ist. Indem man die geognostische Construction und die Mineral- und Metallschätze der Erde studirt, die Gesetze der Verbreitung der Vegetation und der Thierwelt kennen lernt, wird auch ein wichtiger Nebenzweig der Erdkunde, die Productenknnde, zu einer Wissenschaft. Sie ist es, welche dem Gewerbe, dem Handel, dem Wohlstande, der Macht und Entwickelung der Völker und Staaten, zusammen mit den Erfindungen, ganz neue Richtungen und Phasen zu geben im Stande ist. Die Bereicherungen eines Erdtheils mit den Producten des andern haben die größten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit hervorgebracht. Man denke nur an die Uebersiedelung der Kartoffel aus Amerika nach Europa, des Mais nach Asien; an die weit ältere Verpflanzung von Korn, Weizen und Reis aus Asien nach Europa, sowie fast aller edlen Früchte, die mit dem Obstbau und Weinbau Nautik, 31 aus dein persisch-syrischen Morgenlande nach dein Abeudlande kamen; an die Verbreitung der Colonialproducte und Gewürze, wie Zucker, Kaffee, Baumwolle u. s. w. aus Asien nach Amerika und in alle tropischen Plantagen und Colonien. Man denke an das Suchen nach Gold, Elfenbein und Sklaven im Innern von Afrika, wie in der jüngsten Zeit in Californien und Australien, wodurch große Länderräume entdeckt wurden uud ihre Bevölkerung erhielten, u. f. w. Die Auffindung des Platin hat die unbekanntesten Theile der Cordilleren und des Ural entdecken helfen; das Kupfer der Polargegeuden die nähere Kenntniß der großen Canadischen Seengruppe vermittelt. Ohne das Aufsuchen der Heimath der Walsische, Walrosse und Seehunde, wie der Pelz- thicre, wäre noch heute die Polarwelt völliges Geheimniß geblieben. Die Auffindung der Steinkohlen an hundert Gestaden der Erde, wo mau sie zuvor nicht kannte, von Indien und China bis zu den antarktischen Küsten, und in den arktischen bis Nowa Semlja, Spitzbergen uud Grönland hat auch auf diesen sonst verödeten Gebieten ein ganz neues Leben erzeugt. Nicht nur die Continente, auch die Meere und Oceane sind in neuester Zeit ein Ziel wissenschaftlicher Forschungen geworden. Die englische Admiralität hat auf diesem Gebiete das meiste geleistet. Durch ihre Aufnahmen so vieler Küstenländer und Inselgruppe» des Erdballs sind fast alle Gestade der Erde bekauut geworden, durch ihre Sondirnngeu der Meeresticfen, die Messungen ihrer Strömungen, sind die früheren Gefahren der Seefahrten um vieles gemindert. Die Seekarten, welche die Admiralität in London herausgegeben, betragen einige tausend Nummern. Immer sind über ein Dutzend Linienschiffe zu Küstenauf- nahmen in allen Weltmeeren verbreitet. Auch das V6xot äs la Nariucz in Frankreich hat sehr viel geleistet. Ebenso die Marinen der scaudiuavischeu Reiche für den Norden. In jüngster Zeit auch die Nordamerikanischen Vereins- ,'.!^ Nautik. staaten durch die Küstenvermessung ihres Erdtheils. Der See^ Atlas von Maury in Washington über die Wind- und Meeresströmungen im Atlantischen Ocean ist ein Meisterwerk der letzten Jahre, das nur durch die ausgebreitete Marine der Unionsstaaten zu Stande zu bringen war. Auch zu den äußersten Eismeeren des Nord- und Südpoles, zu den Enden der Erde, laufen heutzutage alljährlich Flotten hinaus, wie nie zuvor. Die Nautik macht die lehrreichsten Fortschritte für geographische Wissenschaft. Allgemeine vergleichende Erdkunde. Erste Abtheilung. Die Erde als selbständiges planetarisches Individuum in ihren allgemeinsten Oberflächen-Verhältnissen. Die Zurundung des Erdballes. Die Messungsarbeiten über die Zurundung des Erdballes sind zwar noch zu keinem absoluten Abschluß, doch so weit gediehen, daß wir die Erde als einen der Kugclform genäherten, wenn auch keineswegs gleichen, Körper betrachten müssen; als eine Zurundung mit verkürzter Polaraxe, also ein Sphäroid. Die Erde ist ein Körper, der sowohl von Nord nach Süd, als auch von Ost nach West mancherlei Abweichungen von der Kugel- form darbietet, ja Diskrepanzen von jedem geometrisch regelmäßigen oder idealen Körper nach mathematischen Begriffen zeigt. Die zngerundete Form des Erdsphäroids ist seit Newton ein allgemein anerkannter Satz. Die Erfahrung der Weltnmsegler, der immer runde scheibenförmige Erdschatten auf der Mondfläche bei Mondfinsternissen sprechen dafür. Auch ergiebt sich auf jeder gleickMßigen Ebene, znmal auf der weiten Meeresfläche, die Krümmnng der Erde durch das eigenthümliche Berschwinden oder Ritter allgem, Erdkunde, Z 34 Rundgestalt der Erde, Hervortreten entfernter Gegenstände, wie bei Schiffen nnd Bergen nach untern und obern Enden: nach allen Richtungen hin ein gleichartiges Phänomen. Wir haben bei diesen allgemein bekannten Beweisen für die Kugelgestalt der Erde nicht zu verweilen, sondern wenden uns einigen andern, wenigstens nicht in dem Maße nahe liegende» Betrachtnngen zu. Sobald die Erde als ein planctarischcr Körper ihres Sonnen systems anerkannt ist, bringt es schon die Analogie mit ihren Nebcnvlaneten, die insgesammt sich als mehr oder weniger gerundete Körper darstellen, mit sich, daß auch sie in gleichartiger Form iu das gemeinsame System gehöre. Auch geht die kugel' förmige Gestalt nothwendig ans ihrer Notation um die eigene Axe hervor. Noch schärfere Beweise geben wirkliche Messungen ihrer Größendimensioneu und Beobachtungen des Pendels, die an verschiedenen Stationen der Erde angestellt wurden. Zur wirklichen Ausmessung einer vollkommncren Kugelgestalt hat man nur nöthig, einen der 360 Grade, >in welche jeder Meis zerfällt, zu messen, und die Länge seines Maßes mit der Zahl seiner Grade, 360, zu multiplieircn. So erhält Man den größten Umkreis^ und hat auch zugleich deu Durchmesser, sowohl des Kreises, wie der ihm zugehörige» Kugel gefunden.. Betrüge jeder Grad auf der Erde 15 Erdmeilcn, so würde der größte Kreis der Erdkugel — 15 X 360, d. i. 5400 Meile» betragen, und ihr Durchmesser von Norden nach Südeu, wie von Osten uach Westen gleich groß sein, und etwa eine Länge von 1719 geographischen Meilen einnehmen. Die Methode der Messung eines Grades auf der Erde muß von zwei Sternen ausgehen, die um einen Grad im Himinels- kreise auseinander stehen. Von diesen läßt man zwei Verticale auf die Erde fallen, deren Bleiloth die Distanz eines Erdgrades bezeichnet. Dies ist die Aufgabe der Geometrie und Astronomie. Diese Distanz wird nuu auf der Erdtrümmung durch die gc- Rmidgestalt der Erde. ,'x> nauesten Instrumente Wirkich in natui-a gemessen. Solche Messungen haben mm gezeigt, daß diese Erdgrade nicht überall ganz genau gleiche Länge haben, die sie haben müßten, wenu die Erde eine vollkommene Kugel wäre. Die Erdgrade gegen den Nordpol hin gaben zwischen dcu zwei senkrechten Verticallinien eine größere Länge, die gegen den Aequator hin kürzere Distanzen an. Die Krümmung der Erdoberfläche ist also gegen den Aequator hin stärker gebogen, gewölbter, die gegen die Pole hin flacher, abgeplatteter. Als Resultat hieraus ergiebt sich, daß die Erde keine vollkommene Kugel, sondern ein nach beiden Polen abgeplattetes Sphäroid ist, dessen größte Anschwellung gegen die Aequa- torialzone stattfindet. Der Polardurchmesser ist also kürzer als der Äquatorialdurchmesser. Wäre der Polardurchmesser länger, so wäre die Erde ein Ellipsoid, was vor Newton französische Geometer annahmen. Hätte der äquatoriale Durchmesser 331 gleiche Theile, so würde die Palaraxe nur 330 solcher Theile haben, oder etwa um 5 geographische Meilen kürzer sein als jener. Dies nennt man das Verhältniß der Abplattung der Erde — , wie es frühere französische Messungen angaben. Fortgesetzte Meridianmessungen und Bcrechnungsmethoden haben auf verschiedene Stellen des Erdrundes auf verschiedene Ab- plattuugsverhältuisse geführt, die zwischen oder nach Arago's französischen Arbeiten, nach des Astronomen Bessel Arbeiten, bis ans -5-;^ in Europa schwanke», ja vielleicht bis zum Verhältnisse von gehen, d. h. so daß die Polaraxe 288 Theile von derselben Größe enthält, wie die Aequatorialaxe deren 289 hat. Die größte Schärfe der Beobachtungen, die Vortrefflichkeit der Instrumente und die immer mehr vervollkommnete Methode der Berechnungen macht es nach allen Resultaten dieser mühsamen, seit mehr als einem Jahrhundert schon fortgesetzten Messungen der Meridianlinien und auch einzelner Parallelkrcise der Erde am wahrscheinlichsten, daß auch das Sphäroid der Erdgestalt kein nach 3* 36 Abplattung. allen Seiten vollkommen gleichartiges ist (wie denn überhaupt kein physischer Körper einem vollkommen mathematischen in seiner idealen Form gleich sein kann), daß es vielmehr noch manche Abweichungen auch vou der Sphäroidalgestalt darbietet, welche erst das fortgesetzte Streben der Wissenschaft nach Jahrhunderten auf das genaueste zu ermitteln im Stande sein wird. So ist es zu verstehen, wenn man die Erde einen polyedrischen Körper genannt hat. Für allgemeine Größen- und Inhaltsbestimmungen der Erde sind die aus jener Unglcichförmigkeit hervorgehende» Unterschiede noch zu wenig ermittelt und auch zu gering für das Erdganze, um in Betrachtung gezogen zu werden. Bei geographischen Beschreibungen nud Abbildungen der Erdkugel verschwindet die angegebene Differenz der Polar- und Aequa^ torial-Durchmesser, so wie die Abweichuug des Sphäroids von der Kugelgestalt, vollends den Sinnen. Bei der Zeichnung eines Kreises selbst von ziemlicher Größe ist das Abplattuugsvcrhältuiß der Erde gauz unmerkbar. Hätte der Diameter des Kreises auch 2! Fuß Länge, so würde die Abplattung noch keine Linie be tragen; bei dem Erdglobus von 18 Zoll Durchmesser nur ^ Linie, kaum die Dicke des Papiernberzuges des Globus. Aber in der Natur selbst ist die Differenz der Diameter, der Abplattungen und wechselndeil Abrnndnngen, von ganz anderer Bedeutung als in ihrem Miniaturbilde. Der quantitative Unterschied ihrer Masse und die damit modificirte Attractionskraft sind für die von der Erde ausgehenden Pcrtnrbationen anderer Planeten gewiß nicht ohne Bedeutung. Für terrestrische Verhältnisse selbst muß wohl die charakteristische Ungleichförmigkeit in der Gesammtbildnng eines abnormen Erdsphäroids allerdings für mehr als hinreichend angesehen werden, um so manche Ungleich- artigkeit ihrer eigenen Oberfläche theilweise wenigstens daraus herzuleiten. Es gilt das vor Allem von der so ungleichartigen Vertheilnng von Wasser und Land, die uns iu scheinbarer Regel- Die Erdoberfläche, ,'!7 losigleit, unsere Sinne gleichsam verwirrend, beim ersten Anblick des Erdglobus räthselhaft entgegentritt. Würden uns künftige fortgeschrittene Erdmessuugeu erst genauer über die Erdconstruc- tion belehren, so tonnten wir dann auch hoffen, über die Gesetze jener so willkürlich erscheinenden Vertheilung der Länder- und Wassermasseu mehr Aufschluß zu erhalten. Sicher hängt der Stand der Meere und des Oceaus wohl seinen Hauptverhätt- nissen nach viel mehr auch vou der cigeuthümlich zugerundeten Gestalt der Erde, von den verschiedenen Distanzen der Oberfläche von dem Centrum der Mgel, als von einem von außen her vermutheten verschiedene» Luftdrücke der Nkuosphäre, der nicht an allen Stellen ein gleichartiger zu sein scheint, oder von den verschiedenen, doch nur temporären Hcbnugeu großer Striche der festen Erdschalc ab. Gegenwärtig erscheint uus die Vertheilung von Land uud Wasser fast zufällig; bei eiucr durchaus vollständige» Kenntniß von den Ungleichförmigsten des Erdsphäroids aber würde die scheinbare Regellosigkeit sich zu bestimmten Naturgesetzen regulireu. Vertheilung von dreierlei Formen über den Erdball. Auf der Oberfläche der Erde zeigeu sich uus dreierlei Formen, welche als eben so viele Hüllen die Erde ganz oder theilweise umgeben. Die elastische (luftförmige), die tropfbar flüssige lwässcrigc), die starre (feste) oder die Atmosphäre, d. i. Wolken nnd Lufthimmel; der Ocean oder das Wasser, die Erdrinde oder das Land. Diese Formen haben sich auf verschiedene Art in den äußeru Umfang des Erdplanetcn getheilt, uud ihre räumliche Anordnung ist sehr unterscheidend. Die lnftförmigc umgiebt nnd dnrchdringt das Ganze; die wasscrförmige nur einen Theil, aber den bei weitem größten Theil der Kugeloberfläche; die starre, rigide Hülle macht den übrigen sichtbaren, den kleineren Theil der Erdoberfläche aus. 38 Der LustkreiS. Je dichter, desto mehr sind diese Formen der Mitte der Erde genähert. Die flüchtigste Hütte, der Luftkreis, nmgiebt die äußerste Peripherie des Planeten wie ein leichtes Gewand, umhüllt ihn mit Nether, Dünsten und Wolken. Es folgen dann abwärts die schwereren, das Wasser, uud dann die Erde und die Felsmassen. Der Mensch und die Organismen leben im Contact mit allen dreien. Mit der Erforschung der Bestandtheile der Verhältnisse uud gesetzmäßigen Erscheinuugcn der Atmosphäre beschäftigt sich die Wissenschaft der Meteorologie. Die Quecksilbersänlc ist eine währe Luftsprache, die uus mit den Veränderungen der Atmosphäre bekannt macht. Mit der Erforschung der Bestandtheile, Verhältnisse und Constructionsgesetze der Tiefen der Erdschichten uud ihres Innern die Mineralogie, Bergwerksknnde und Geologie. Die Geographie hat es nur mit dem Conflict der drei Hauptformen an den Oberflächen des Erdballs nach ihren Raumvcrhältnissen zu thun, und mit den Rückwirkungen von jenen auf diese ihnen angehörigen Erscheinungen. Dieser Conflict der Meteorologie zeigt sich z. B. in der Klimatik und den Phänomenen der untern Luftschichten auf die Erdoberfläche, wie Niederschlage vou Schnee, Regen n. f. w. Der Conflict der Geologie und Mineralogie zeigt sich in der Bodenbeschaffenheit der Ebenen, den Gebirgsbildungcn, in den Rückwirkungen des Innern, wie des Vulkanismus, deu Erdbeben, Hebungen, heißeu Quellenbil- düngen, welche die mannigfaltigsten Veränderungen an den äußcru Erdoberflächen bedingen, und in vielem andern. Das besondere Gebiet geographischer Wissenschaft ist daher mit Bestimmtheit vorgezeichnet. Die elastisch flüssige Form umhüllt gegenwärtig nur uoch allein auf eine ununterbrochene Weise das Ganze. Die beiden anderen Formen umgeben das Erdsphäroid nur auf ciue unterbrochene Weise. Einst, in einer früheren Periode, bedeckte das Wasser Wohl den ganzen Erdball. Die Erforschung Meereötiese. 39 und Entwickelung dieser Verhältnisse gehört in das Gebiet der Geologie. Wir haben es nur mit den Verhältnissen der nachfolgenden historischeu Periode zu thuu. Gegenwärtig füllt das Wasser nach vielfachen Zurückziehungen nur noch die größern Vertiefungen der Erdrinde aus. Die wasscrbedcckten Tiefe» nehmen einen größern Raum ein, als die unbedeckten Hcrvorragungcn: fast drei Theile Wasser und uur etwas weniges über ein Viertheil Land. Die Hauptmassen der Wasser sind die Oceane, die noch nach allen Richtungen hin sich in viele Aeste ausbreiten und eine uncudüche Menge auslanfeudcr und zurückführender Zweige haben: Mccrcs- arme, Mccrstraßen, Flüsse, Quellen. Das Wasser uimmt geographisch uud physikalisch betrachtet ciue mittlere Stclluug zwischen den beiden entgegengesetzten Hauptformen ein. Sciuc Eigenschaften: Schwere, Dichtigkeit, Beweglichkeit, Veränderlichkeit halten die Mitte zwischen den beiden extremeu Formen der Luft uud der Erde. Daher fiudcu sich auch Ucbergäugc des Wassers zu der einen uud der andern Form: es wird zu starrem Eis, aber auch zu elastischem Dunst. Das Wasser der Meere kann an seiner Oberfläche uud bis auf ciue gewisse Tiefe uoch Gegcustaud der Untersuchung werden. Man ist in früheren Zeiten uur iu geringe Tiefen eingedrungen, zu Cooks Zeiten uur bis 1500 Fuß. Ans den Nordpolarfahrten faud man Tiefen von 7000 Fuß. Ca- pitäu Roß maß 1340 im äthiopischen Ocean nahe der Insel St. Helena Ticscn bis 30,000 Fuß, und Capitän Denham 1853 im südatlautischen Ocean sogar 46,000 Fuß, also eine Tiefe, welche die höchsten Berge der Erde fast um das Doppelte übersteigt. Richt blos eiuzelue Punkte, auch deu Gruud ganzer oceanischer Thalbodcn, die Temperatur, Bewegung, Brandung der unterstell Wasscrschichteu hat man zum Behuf telegraphischer submariner Anlagen neuerlich gemessen, wie zwischen New Jork und Irland. Die absolut größte Tiefe kauu immer uoch uubekauut geblieben sein. 4" Atmosphäre. Das Innere der Erde bleibt uns verborgen wie das Aeußerste unserer Atmosphäre. Diese Aetherregion steigt als noch immer einen Druck ausübeude Luftsäule wenigstens bis 18 uud 20 deutsche Meilen über uns empor, von denen man bisher im Luftballon höchstens nur eine Meile, etwa die Höhe des Chim- borasso, erreichen konnte. In noch größere Höhen der äußersten Atmosphäre reicht die Grenze der Dämmerung und das Phänomen der feurigen Sternschnuppe», die nur gegen die äußersten Grenzen der Atmosphäre, in der noch ein Verbrenuungsproceß durch den Sanerstoffgehalt der Luft möglich wird, sich entwickeln können. Sie gehören daher noch der Erdatmosphäre an, zu der sie auch ihre Bahn uud Bewegung abwärts nehmen müssen. Die Astronomen (zumal Benzenbcrg u. A.) haben jene fcurigeu Meteore in ihren Entwickelungen in dcu verschiedenen Höhen von 5 bis 10, 20 bis 34 Meilen absoluter Erhebung über der Erdoberfläche beobachtet und genau nach Zeit, Ort und Directiou gemessen '). So kann die Atmosphäre auch uoch in diesen großen extremen Höhen Gegenstand der Beobachtung sein. Ihre äußerste Grenze wird sie da haben müssen, wo die Elasticität der Luft oder ihre Expansivkraft noch von der Schwerkraft der Erde gefesselt und verhindert wird, sich immer weiter uud weiter in dem allgemeinen leeren Welträume zu verbreiten. Die Gestalt der Atmosphäre müßte demnach dem Rotatiousproceß der Erde gemäß auch eine sphäroidc sein, über den Polen eine weit größere Abplattung des Luftsphäroids als die Erde anuehmeu, über dem Aequator aber die Erdatmosphäre viel höher aufsteige» als über ') Es sind diese jede Nacht erscheinenden Meteore verschieden von den nur periodisch im Jahre im August und November an gewissen Localitäten der Erdbahn sich ereignenden sogenannten Stcrnschnuppenschanern, die einem noch unbekannten Entrvickclungsproceß in dem äußern Welten- raum außerhalb der Erdatmosphäre augehören. Sie gehören nicht zu den terrestrischen, sondern zn den kosmischen Phänomenen. Das Innere der Erde. 41 den Polen. Davon würde dann auch die Brechung der Ächtstrahlen abhängig sein. Beschränkter bleibt die Beobachtung nach den Tiefen, gegen das Innere des Erdballs zu, das uns trotz aller Hypothesen ein Geheimniß bleibt. Weiter als des Erdhalbmessers, uicht über ein paar Tausend Fuß, drangen bis jetzt unsere tiefsten Schächte nicht iu das Innere der Erde ein. In unsern deutschen Gebirgen reichen sie nicht einmal so tief. In? Erzgebirge um Freiberg gehen die tiefsten Gruben bis 1800 Fuß, ehedem wurden sie soweit befahren, jetzt nnr noch bis 1300, weil die größern Tiefen ersoffen sind. Aber auch diese senken sich, wegen ihrer hochliegenden Eingänge, noch nicht einmal 100 Fuß unter den Spiegel des Oceans, da die Eingänge in die Gruben, wie bei Freiberg nnd an andern Orten, schon auf Berghöhen liegen. Im Harz gingen die tiefsten Schachte bis 1872 Fuß; sie werden gegenwärtig nur bis 1500 Fuß tief befahren. In größere Tiefen senken sich iu der Nähe der Meere die Kohlengruben in England und den Niederlanden. Zu Whitehaven in Cumberland werden diese bis zu 980 Fuß unter dem Meeresspiegel bearbeitet. Es sanken dort Erdbrüche in noch größere Tiefen hinab, indeß andere Kohlenlager in ihrer primitiven Lage zurückblieben. Die Kohlengrube von Monkwearmouth bei Durhain soll noch bis zu einer Tiefe von 1584 Fuß unter dem Meere, bei einer Temperatur von fast 21° Rcanmur bearbeitet werden. Die zu Auchin bei Valenciennes, wird bis 1050 Fuß tief bearbeitet. Sie liegt an sich in der Niederung und reicht noch 900 Fuß unter den Spiegel des Occaus. Eine Grnbe bei Lüttich reicht nach Nöggerath 300 Sachter (1800 Fuß) tief; also 1620 Fuß unter den Spiegel des Meeres, da ihr Eingang noch 180 Fuß über dem Spiegel der Maas liegt. Der Eingang zu den Steinsalzgruben vou Wieliczka auf dein Pflaster des Marktplatzes der Stadt Wieliczka liegt schon 765 Fuß über dem Meere; also !2 Das Innere der Erde. reichen sie doch nur bis.zu 171 Fuß unter den Spiegel der Ostsee hinab. Künstliche Bohrversuche, um artesische Brnnnen zu gewinnen, oder Salzquellen aus der Tiefe au die Oberfläche zu erheben, habe» in neuern Zeiten zu größern Tiefen geführt. In Nehme, im Süden der Porta Westphalica hat man die Tiefe von 2160 Fuß erreicht, uud aus dieser ciu Wasser von 26° Rcamnnr Wärme, das 4 Proccnt Salz enthält und als wirksames Sool^bad benutzt wird, erhalten. Durch eiuc sinnreiche Einrichtung der Bohrmaschine könnte man bis 5000 Fuß Tiefe die änßerc Erdschale dnrchdriugeu. Zu Mondorf bei Luxemburg ist man durch eine 400 Nieter (1231 Fuß) mächtige Schicht von buntem Saudsteiu und darunter liegendem Zechstein bis zu einer Tiefe von 2700 Fuß mit dem Bohrer eingedrungen, uud hat hier noch tiefer eine Salz- soole von 22° Reaumur Wärme ermittelt. Aber Natnrgewalteu wie Erdbebcu und Vnlkane können vielleicht noch größere Tiefen aufdecken. Aus den wüthendsten Vulkanen, aus deu Eingeweiden ihrer Krater werden die ungeheuersten Massen innerer Erdschichten, die oft bedeutende Berge bilde», und ganze Erdstriche zudecken, herausgeschleudert. Meist siud sie durch Feuer zu ^aven uud Schlacke umgeschmvlzen. Aber nicht selteu fiudeu sich auch noch ungeschmolzcue Gebirgsstücke eingewickelt, die bei der Eruption keine Zeit zum Schmelzen hatten, und in ihrer natürlichen Gestalt als Auswürflinge, oft als große Felsblöcke, als Proben von in unendlicher Tiefe verborgenem Gestein, ans deu Abhänge» der Bultane zerstreut werden. Doch beziehen sich alle solche Beobachtungen nur auf vereinzelte Localitätcu der Erde; die dazwischen bleibenden Lücken können nur durch Schlüsse, Theorien und Hhpothesen ergänzt werden. Endlich führt die Zunahme der Wärme, etwa bei jedem Hundert Fuß um 1° Reaumur iu den tiefen Schachten, nnd die erhöhte Wärme aller tiefen Bohrwasser und heißen Quellen, die Das Innere der Erde. 43 aus dein Innersten der Erde an die Oberfläche hervortreten, zu dem Schlüsse, daß bei fortschreitender gleichmäßiger Progression dieser Zunahme schon in einer Tiefe von etwa 50 (oder von nur 5) geographischen Meilen das Innere nur im Zustande allgemeiner Schmelzung sich befinden könne. Danach würde also die feste Erdkruste nur etwa in einer Mächtigkeit von 50 geographischen Meilen den äußeren Kranz des inneren allgemeinen Hitzheerdes umgeben. Ein inneres Erdfener würde alle Reactionen der Erdwärme und des Vulkanismus auf der Erdoberfläche bedingen, kein dichter Erdkern, sondern eine feuerflüssige Masse vorhanden sein. Licht uud Wärme, fagt daher ciu geistvoller Geolog, belehren uns über die äußersten Grenzen unseres irdischen Daseins; der Lichtstrahl aus den fernsten Welträumen, der Wärmegrad ans dem Innersten der Erde. Englische Physiker haben neuerlich die Beobachtungen an einzelnen Stellen der Erdtiefe durch Schlüsse auf den ganzen Umfang der Erdrinde ausgedehnt, eine Schlnßweise, die wir nicht für folgerecht halten können, da uns die gleichmäßig fortschreitende Progression der Zunahme unbekannt bleibt. Die Beobachtung zeigt, so sagcu sie, daß bei jeden 100 Fuß in die Tiefe der Erde die Temperatur um einen Grad (Celsius) zunimmt. Bei 10,000 Fuß Tiefe gäbe dies die Temperatur des Siedepunkts, bei 120,000 an 1200° Hitze, bei welcher Gußeisen schmilzt und Basalt flüssig wird. Diese Tiöfe von 120,000 Fuß ist gleich 5 geographischen Meilen. Diese 5 Meilen vom Durchmesser der Erde (1719 Mcilcu) verhalten sich nnr wie 1:344. Den einen Theil nähme also nur die dünne feste Schale der Erdrinde ein. Alles übrige wäre flüssiges Feuer. Das Verhältniß wäre etwa dasselbe wie bei dem Hühnerei das der dünnen Schale zu dem des Flüssigen. Airy basirte auf diese Auuahmeu die Hypothese, daß die Erdrinde daher etwa gleich den Eisschollen ans dem Wasser auf jenein elastischen Dampf- und Fcuermeer schwimme. 44 Wasser und Land. So sollen sich Erdbebe», Berstnngen und Hebungen aller ,'lrl erklären. Die Flächenranine der flüssigen und festen Formen oder von Wasser nnd Land. Der Flächenraum, den die Erdoberfläche einnimmt, wird nach geographischen Qnadratmeile» berechnet. Deren gehen 15 Väiigeu- mcilcn ans einen Grad deö Aequatorö, oder eine deutsche Meile ist gleich 22,843 Pariser Fuß oder 23,661 rhcinländischen Fuß. So kann man die Meile in runder Snnnne gleich 24,000 Fuß angeben. Beträgt ein Grad des Erdbogens uuter dein Aeqnator als größten: Kreise 15 geographische Meilen, so ist der Gesammtum- fang des Aequators oder des größten Kreises 15.360 — 5400 Meilen. Der Umfang des Kreises verhält sich aber znm Durchmesser wie 355 zu 113. Ich erhalte also 5400: 1718 ZzZ als Durchmesser der Kugel, oder in runder Summe 1719 geographische Meilen. Der größte Kreis der Kugel — 5400 Meilen mit dem Diameter — 1719 Längeumeileu multiplieirt giebt die Oberfläche der Erdkugel in Quadratmeilen:' 9,282,600 Qnadratmeile». Aber dies wäre die Oberfläche für die ideale vollkommene .Mgel der Erde. Nun ist die Erde aber keine vollkommene Kugel, sonderu ei» au beiden Polcu abgeplattetes Sphäroid. Daher wird, bei deu verschiedene» Annahmen der Abplattung des ErdsphäroidS auch die Berechmmg der Oberfläche der Erde sehr verschiedene Summeu gebe». Sie schwanken zwischen der niedrigsten 9,261,000 Ouadratmeilcu bis zur höchsten 9,280,000 Qnadratmeilen. Wir bleiben bei der runden Summe stehen, die zu geographischen allgemeinen Betrachtungen ausreicht. Hier kommt es uur auf cha- raktcrische Verhältnisse an, nicht auf ein Eingehen in Speciali- Wasser und Land. 4:. täten. Rein absolut gültige Summen konnten aus diesem Gebiete fortschreitender Messungen uud unablässiger Berichtigungen des Positiven iibcrdem noch nicht gewönne» werdeu. Solche Zahleuangabeu und Schätzungen sind mir Annäherungen zur Wahrheit. Anch die Angabe, welchen Antheil davon das Wasser und das Land nehme, muß schwankend ausfällen. Man sagt gewöhnlich, zwei Drittel käme» auf das Wasser und ein Drittel auf das Land, oder drei fünftel auf Wasser und zwei Fünftel auf Land. Dies sind nnr oberflächliche Schätzungen. Auf genauesten Messuugcu, die durch A. v. Humboldt nach den besten Landkarten nnd nach den besten Methodeu angestellt wurden, beruht die Augabe, daß, wenn mau die Oberfläche der ganzen Erde — 1 setzt, das Meer davon 9,734, das feste Land nur 0,266 einnimmt. Das feste Land beträgt daher wenig mehr als eiu Viertel, das Meer beinahe drei Viertel der Erdoberfläche. Das genaueste Verhältniß beider ist bis jetzt Noch unmöglich anzugeben, aus Maugel an gehörigen Vermessungen der Länder, zumal der fremden Erdtheile, wie der Meere. In den beiden großen abgeplatteten Erdscheiben des nördlichen uud südliche»? Polarkreises, welche doch zusammcu nahe an 800,000 Qnadrarmeilen einnehmen, ist das Verhältniß von Wasser und Land noch gänzlich unbekannt. Die geometrische» Aufnahmen der Länder und Meere gehören üderhaupt zu deu schwierigste»? und kostbarste?? Unternehmungen. Die erste Vermessuug Fraukreichs mit der Meridianmessung vou Paris vor l50 Jahre» durch die Cassiui kostete 4 Millionen, die zweite 16 Millionen; und doch war in diesen? Jahrhundert eine dritte, noch kostspieligere, durch dei? Fortschritt der Instrumente nnd der Wissenschaftei? nothwendig geworden. Die wenigsten Staaten haben aber so große Summen auf Vermessungen verwendet, wie Frankreich. Die Ländergebiete Europas siud «och lauge nicht alle genau 46 Flächeninhalt der Erde. vermessen, und die der andern Erdtheile noch viel weniger. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde die erste Karte des türkischen Reiches durch einzelne astronomische Beobachtungen am schwarzen Meer von Beauchamp, und die kritische Bearbeitung derselben durch den Astronomen v. Zach ans der Seeberger Sternwarte so sehr berichtigt, daß der Sultan dadurch allein an den Küsten des schwarzen Meeres einen Raum von 800 Quadratmeilen Land gewann, das zuvor als Wasserfläche dargestellt war. Der preußische Staat hatte 1819 nach den genauesten damals publicirten Vermessungen ein Areal von 5028 m Meilen. Ohne eine einzige Quadratmeile dazu erworben zu haben, enthielt er 14 Jahre später (1833) 5062 lH Meilen, also 34 HZ Meilen mehr als zuvor, blos durch verbesserte Kartenberechuung und Berichtigung früherer Irrthümer. 1845 zeigte sich ein neuer Zuwachs von 18 HZ Meilen, wovon allerdings 10 H> Meilen, nämlich der Kreis St. Wendel am Rhein, wirklich hinzugeschlagen waren; aber 8 lH Meilen Zuwachs gingen nur aus den verbesserten Vermessungen von Pommern und der Neumark und ihrer >iartenberichtignng hervor. Nur solche Specialaufnahmen und fortgesetzte Berichtigungen können zu positiven und kritisch genauen Daten führen. Aber den wenigsten Ländern sind solche kritische Arbeiten zu Theil geworden. Viele Gestadeländer der Erde mit zerrissenen, zackigen Formen, ja die meisten Inseln der Erde, sind noch unsicher bestimmt, ihre Größen noch wenig gekannt. Daher viele Irrthümer der Karten, sowie der Arealberechnungen, oder bloßen Schätzungen ihrer Oberflächen. Die wechselnden Zahlenaugaben in der Geographie erhalten durch den noch unvollkommenen Zustand der Wissenschaft ihre natürliche Erklärung. Es ist ein großer Uebelstand, daß die Zahlenangaben in der Compendien- geogravhie fast alle von einander verschieden sind. Aber noch ist dies ein nothwendiges Uebel. Man muß nur diesen Angaben Flächeninhalt der Erde. keinen größern Werth beilegen, als sie verdienen. Wenn ein so kleiner Länderraum, wie der preußische Staat, solcher Berichtigungen bedürfte, wie viel mehr große Ländcrräume, wie das russische Reich, oder ganze Erdtheile! Bei den Erdtheilen erhöhen öfters die Unbestimmtheit ihrer Landgrenzen, die Frage über die Zugehörigkeit einzelner Inseln u. s. w. die Discrepanz der Angaben. So bewegen sich die Angaben über den Flächeninhalt von Europa zwischen 153,529 und 182,571 tllM. Die niedrigste Schätzung von Asien beträgt 763,208, die höchste 793,940 IHM. Afrika wird zu 531,000, aber auch zu 543,570 UM. angenommen. Amerika wird von Ewigen auf 667,000, von andern auf 753,000 ÜZM. berechnet. Der Austral-Contingcnt endlich wird zwischen 130,000 und 151,000 lUM. bestimmt. Asien ist demuach etwa 5mal so groß wie Europa, fast 6mal so groß wie der Continent von Australien. Afrika ist 3mal so groß wie Europa. Amerika ist 4mal so groß wie Europa, gleich groß wie Afrika und Australien. Europa ist also gleich einem Drittel.von Afrikas einein Viertel von Amerika, ciuem Fünftel von Asien. Das Alles sind nur Versuche, auf.diesem schwierige» Gebiete in den allgemeinsten Ausdrücken sich der Wahrheit so viel -wie möglich zu nähern. Sie reichen für gegenseitige Vergleichun- gcu hiu, iu deuen uns für ganze Begriffe kurze Zeichen Bedürfniß sind. Wir bezeichnen mit Zahlen Hanptvcrhältnisse der Räume, ohne sie als eine feststehende Basis zu betrachten, auf welche allgemeine Speculatioueu zu bauen wären. Zn statistischen Betrachtungen der Staaten können nur solche Flächeninhalts-Augabcn dienen, die mouographisch auf bestimmte Messungen begründet sind; und auch da wird immer große Vorsicht nöthig sein, um nicht zu irrigcu Resultaten zu gelangen. Alle Zahlangabcu in generellen Verhältnissen sind uur als Ausdruck vou Approximation anzusehen, in der Geographie wie in der Statistik und Politik, 48 Flächeninhalt der Erde. mögen sie auch in dictatorischer Form auftreten. Wenn der beliebte sprüchwörtlich gewordene (wie so oft von Benzenberg gebrauchte) Ausdruck „Zahlen entscheiden" einen Sinn haben soll, so müsseu die Zahlen die richtigen sein, was sie aber oft nicht sind. Es giebt noch andere Methoden die Größenverhältnisse zu bezeichne«. Man setzt gewisse Größen als Einheit und giebt die Prnchtheile iu ihrem Verhältniß dazu au. Wem? z.B. A. v.Humboldt die Erdoberfläche — 1 setzt, dann nimmt das Meer 0,734, das Land 0,266 ein. Die entgegengesetzte Methode ist es, ein kleines Maß als Grundmaß anzunehmen, wie etwa eine Meile, oder einen bestimmten Flächenraum, wie eine Quadratmeile, und damit die andern Räume arithmetisch zu bestimmen; dies ist die populärste und allgemeinste geworden. Für geringe Größen ist sie ainh leicht begreiflich und behaltbar; bei ihrer Anwendung auf sehr große Räume von Hunderttauseuden und Millionen hört ihre Anschaulichkeit freilich fast ganz auf, und ihre BeHaltbarkeit ist schwierig. In einem Schreiben an Arago schlägt Balachoff vor, lieber eine größere Fläche, einen Quadratgrad der Erde l15mal 15 Meilen, d. i. 225 Quadratmeilen), als Grundmaß für große Erd- räumc zu gebrauchen, deren Multipla sich leichter behalten lassen würden. Danach würde die Gesammtobcrsläche der Erde 41,126 1^ Grade, und das Land 10,850 HZ Grade enthalten, das Meer also 30,276, und somit das Verhältniß von z zu Z sich dem Gedächtniß in der Anschauung besser einverleiben. In Quadratgraden zu 225 IHM. würde Europa 796,18, Asien 3365,46, Afrika 2366,39, die alte Welt 6528,03; Nordamerika 2000, Südamerika 1447,28, Oceanien 875, die neue Welt 4322,28; alle Erdsläche 10,820 Quadratgrade betragen. Multiplicirt man diese Summe mit dem zweiteu Gruudmaß von 225 tllM., so erhält man die Gesammtobcrsläche von 2,441,250 IHM. nach Balachoffs Berechnung. Land- und Wasserhalbkugel. 49 Für manche Zwecke mag diese Methode nützlich sein, etwa zur Schätzung für das Augenmaß. Die Insel Cypern soll jener Berechnung nach, dem Grundmaße von 225 LIM. entsprechen und als Einheit für das Auge eine leichte Schätzung für andere Räume darbieten, zumal zu Vergleichung des Areals anderer Inseln. Aber dieses Grundmaß scheint uns einer irrigen Kartenberechnung zu entsprechen, und überhaupt diese Methode, so plausibel sie erscheint, noch viel mehr Verirrungen unterworfen zu sein, als die directe Kartenberechnung nach Qnadratmeilen. Gegensatz der Land- und Wasser-Halbkugel. Die Nertheilung von Land und Wasser auf dem Erdball ist, mögen wir uns die Erde in eine nördliche und südliche, oder in eine östliche und westliche Hemisphäre zerlegen, der Quantität nach sehr ungleich. Die nördliche Halbkugel hat 1,818,000 LIM. Land und 2,812,250 LIM. Meer, die südliche 606,000 LIM. Land und 4,034,250 LIM. Wasser. Die östliche Halbkugel zeigt 1,734,000 LIM. Land und 2,896,280 L>M. Meer, die westliche 690,000 HZM. Land und 3,940,250 LIM. Meer. Die Vertheilung des Landes ist aber auch der Qualität nach sehr ungleichartig uud ganz unsymmetrisch. Die Symmetrie besteht in der Anordnung gleichartiger Theile, die in gleichen Distanzen zu beiden Seiten eines Punktes, einer Linie oder einer Fläche liegen. So sind die mineralischen Krystallisationen in Beziehung auf ihren Kernpunkt, die Pflanzen in Bezug auf die Axenlinie des Stammes, thierische Organismen in Beziehung auf die Fläche ihres Angesichts und die ganze Gestalt symmetrisch. Das Gesetz der symmetrischen Anordnung Ritter allgem, Erdkunde. 4 50 Contmente und Inseln. fehlt bei dem Erdball gänzlich; seine Anordnung ist anderer, nicht so augenfälliger Art, aber in einem höhern Stil angelegt. Das Land besteht aus mehreren größern und kleinern Massen: die größern nennt man Conti nente, Besten, Erdtheile; die kleinern Inseln, Eilande. Zwei größere Continente ragen über den Meeresspiegel: die sogenannte Alte Welt (Europa, Asien, Afrika), und die Neue Welt (Amerika). Das Festland Australiens ist der kleinste Coutinent, oder wenn man will, die größte Insel.. Freilich kann man auch die großen Inseln Neuguinea, Borueo, Sumatra, England und Schottland, Java, Neufundland u. a., eben so gut kleinere Continente nennen, wie man andrerseits die Alte uud die Neue Welt die größten Inseln nennen wollte. Nur der Sprachgebrauch setzt diesen Ausdrücken ihre Grenze, an sich werden immer nur Relationen dadurch ausgedrückt. Diese Continente und Inseln liegen dem größten Theile nach auf der nördlichen Halbkugel der Erde (1,818,000 lü M); kaum ein Drittel davon liegt auf der südlichen Halbkugel (nur 606,000 IHM). Dieselben Continente und Inseln liegen aber auch so, daß die östliche Halbkugel das bei weitem meiste trockene Land darstellt (1,734,000 IHM.); die westliche dagegen nur etwa ein Drittel (nämlich 690,000 mM.) der ganzen trockenen Landmasse trägt. Nur Amerika, sonst kein anderer Coutinent von Bedeutung liegt hier, sondern nur Inseln. Die größere Masse des trockenen Landes liegt daher auf der nördlichen uud östliche» Halbkugel der Erde vereinigt; die geringere Masse der starren continentalen Form auf der südlichen und westlichen zerstreut. Dort, im Nordosten, ist das Gebiet des Oceans an: beschränktesten, im Südwesten am uubeschränktesteu. So können wir von einer nordöstlichen Laudhalbkugel, oder der eigentlich tellurischen Seite des Erdballs, und einer süd- Gegensatz der beiden Erdhalben. 51 westlichen Wasserhalbkugel, oder der eigentlich maritimen Seite des Erdballs, oder mit A. v. Humboldt von einer Land- hemisphäre und einer Wasserhemisphäre reden. Die ungefähre Mitte der Wasserhalbkugel nimmt etwa die Doppelinsel Neuseeland, im Centrum der Oceanischen Süd- welt ein. Rund umher ragen in dieselbe die Südspitzen und einige Gestadestriche der Contincnte hinein. Die Mitte der nordöstlichen Landhalbkugel dagegen nimmt Nordwesteuropa, Norddeutschland, Nordfrankreich und Eugland ein. Die Anwohner der Nordsee und Englands sind die Gegenfüßler (Antipoden) der Neuseeländer. Großbritannien mit den umherliegenden Küstenstaaten Frankreich, Holland, Nordwestdeutschland, bilden das Centrum der contineutalen Nordwelt. Auf der Wasserhalbkugel liegen die Länder und Inseln in den Meeren als kleine, vertheilte trockene Gebiete, auf der Erdhalbkugel die Meere innerhalb der Länder (Binnenmeere), selbst der Eisocean und das nordatlantische Meer, das nur als breiter Meereskanal sich fortzieht. So entsteht ein großer Gegensatz der beiden Erdhalben; der größte und wichtigste, den wir nächst dem klimatischen des Nordens und Südens auf der Erde kennen, der von dem überwiegendsten Einflüsse auf das Ganze ist. Namentlich mußte diese ungleichartige Vertheilung der Land- und Wasserfläche bei der ungleichartigen Wärmecapacität ihrer Bestandtheile den größten Einfluß auf die Vertheilung der Wärme und die ganze Klimatik der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde ausüben, und das astronomische Klima der kalten, heißen und gemäßigten Zonen mannigfach modificiren. Diese Einflüsse sind zuerst durch A. v. Humboldt in ihrem großen Zusammenhange hervorgehoben worden. Wir führen hier nur die aus der physikalischen Geographie bekannten Sätze an. Das Maximum des Wärmegleichers oder Wärme-Aequators liegt weiter nördlich als der mathematische Aequator, weil das» 4» s>s Gegensatz beider Erdhalben. Festland im Gegensatze zum Flüssigen größere Wärmecapacität besitzt. Alle anderen Linien gleichartiger Wärme oder Isothermen werden in Folge jener Thatsachen ebenfalls ans ihrer Congruenz mit den mathematischen Parallelkreisen der Erdkugel verschoben und verändert. In der westlichen Halbkngel bleiben die Isothermen-Curven mehr dem astronomischen Klima und der bekannten Zoneneintheilung gleich, als auf der östlichen Halbkugel, weil diese vorherrschend von Land bedeckt ist. Dort, in Amerika, zumal in seinem Norden, findet eine größere Wärmeabnahme in Folge der überwiegenden Masse der Gewässer statt, als auf der Osthalbe der Erde, wo die Erdmasse vorwiegt. Aus derselben quantitativ so verschiedenen Verkeilung von Land und Wasser mußte auch eiue große Differenz der Wärmeverhaltnisse hervorgehen. Die Wärme verbreitet sich mit ihrem Einflüsse weniger gegen den Südpol der Erde, als gegen den Nordpol. Während in Lappland, Grönland, Sibirien sich unter dem Polarkreise noch Wälder und bewohnte Kirchspiele finden, fehlt auf der südlichen Halbkugel, in derselben astronomischen Breitenparallele jeder Anbau, jeder Waldwuchs. Die kalte Polarzone wird im Süden dominirender über die temperirte Zone als im Norden des Erdballs. Die Treibeismassen nähern sich im Süden der Polarwelt weit mehr dem Aequator als im Norden. Noch ein wichtiges, durch A. v. Humboldt und Dove ermitteltes Phänomen, das man auch ein sehr weit verbreitetes nennen kann, reiht sich diesem großen Cansalzusammenhauge an. Die atlautischen Gestadcländer der Alten Welt sind wärmer als die ihnen in gleichen Breiten gegenüberliegenden Ostküsten der Neuen Welt. Norwegen, England, Frankreich sind wärmer als Labrador, Canada. Spanien, Portugal, Marocco mit der Ber- Der große Gestade-Gürtel. 53 berei sind heißer als Florida und Neu Orleans; Congo und Benguela sind heißer als Brasilien, und doch liegen alle ver- gleichungSweise aufgeführten Länder unter gleicher astronomischer Breite. Ein analoges Verhältniß wiederholt sich an den Westgestadcn Amerikas. Das nördliche Californien ist wärmer als das ihm in gleichen Parallelen gegenüberliegende Japan, Korea und Peking. Doch sind bei diesen schon complicirten Verhältnissen auch andere Factoren wirksam, wie Winde, Meeresströmungen, Höhen u. s. w., die wir späterhin erst zu berücksichtigen haben. Beide Erdhalben sind also, wie wir sahen, ganz verschiedenartig. Aber zwischen beiden findet, auf der breiten Grenzzone beider, welche wir den großen Gestade-Gürtel des Erdballs nennen, eine beständige Wechselwirkung und Ausgleichung statt. Er durchschneidet vom Cap der Guten Hoffnung Südafrikas im Nordosten der Mozambiqne-Straße den Acqnator unter einem Winkel von 45", und begreift die Süd-, Südost- und Ostgestade von ganz Asien über China, Korea und Japan bis Süd-Kamtschatka. Dann wendet sich sein Kreisbogen wieder südostwärts, als Längenbegleiter des ganzen Westgestades von Amerika bis Chili, und zur Südspitze Amerikas, die hier den Beschluß aller continentalen Bildungen macht. Die breite Zone dieses Gestadegürtels ist nur an zwei Stellen unterbrochen: in der Behringsstraße und im Südostocean zwischen Patagonien und Südafrika, in ihrer größten Annäherung an die Nord- und Süd-Polarwelt. Sie hat eine analoge Weltstelluug wie die gemäßigte Zone zwischen den heißen und kalten Klimaten. Sie theilt den Charakter der Land- und Wasserwelt und genießt die Vortheile beider. Aber sie liegt nicht conform mit den Parallelkreisen, sondern in diagonaler Richtung um den Erdball in der Richtung der Ekliptik. Sie vermittelt die Schroffheit der Gegensätze. In ihr liegen die wechselnden See- und Landwinde, die Striche der Monsune, die am reichsten 54 Geschichtlicher Gegensatz. begabten Gestadeländer im größten Kreise um den ganzen Erdball. Es zerlegt sich dadurch die Gesammtoberfläche des Erdballs in seine drei Haupttheile, die beiden Contraste von starrer oder rigider und flüssiger oder liquider Oberfläche, und ihre Ausgleichung durch den großen und breiten Gürtel des vielfach gegliederten größten Gestadelandeö der Erde. In diesem ist die Kli- matik die mannigfaltigste, wechselndste, anregendste, productions- reichste in Pflanzen-, Thier- und Menschenwelt. Die Atlantische Gestadezone von mehr partieller Bedeutung für die sich gegenüber liegenden Küsten der Alten und Neuen Welt hat eine den großen Gestadegürtel kreuzende Hauptdirection von Norden nach Süden. Wenu durch den Gegensatz der Wasser- und der Landwelt so große klimatische Verschiedenheiten von mächtigstem Einfluß auf die Entwickelung des organischen Lebens hervortreten, so mußte jener Contrast auch das Leben und Weben der Menschen und Völker in ganz verschiedenen Formen und Entfaltungen zur Erscheinung kommen lassen. Dies gilt schon von ihren Naturzuständen. Der Bewohner der Wasserwelt war nur auf seine nächste Nachbarinsel angewiesen, ans ihrem beschränkten Kreise war sein eigener Genius ihn zu befreieu nicht im Stande. Mehr noch ergiebt sich ein Unterschied in den Cnltnrgeschichten der Völker, die einen ganz entgegengesetzten Gang der Entwickelung genommen haben. Die an einander gedrängte Landwelt mußte sich zuerst anregen, entwickeln, cultiviren, die Wasserwelt Jahrtausende länger einen Haufen roher Völkergruppen beherbergen, bis die Schisf- fahrt entdeckt und die Weltschifffahrt vervollkommnet war. Erst dann konnte sich ein traditionelles Band der Civilisation um alle Völker auch der Wasserwelt schlingen. Erst der Enropäer mußte in der Australischen Inselwelt seinen Antipoden Cultur bringen. Nur eine dunkele Ahnung konnten die Alten von solchen all- Weltstellung der Erdtheile. 55 gemeinen Naturgesetzen haben, da ihnen der höhere Standpunkt der wissenschaftlichen Ueberschau bei ihreu noch geringen Welterfahrungen fehlte. Aber Strabo's Scharfblicke eutging doch der große Contrast der trockenen Land- und der feuchten Wasserwelt auf die Organisation des Menschen nicht völlig. Er ist in einer Stelle seines fünfzehnten Buches wenigstens angedeutet. Dort ist von der gefeuchteten Luft Indiens, die im Gegensatz der trockenen Luft Libyens nährender und zeugungsfähiger wirke, die Rede. Und dies wendet er nun auf die menschliche Bildung des Aethiopen und des Inders an. „Mit Recht geben Andere der Sonne die Schuld, daß sie bei starkem Mangel oberflächlicher Feuchtigkeit mit ihrem Strahl sich in die Leiber einbrcnne; daher wir anch den Inder nicht so kraushaarig und so vollschwarz sehen, wie den Aethiopen, weil jenem feuchte Luft zu Theil wird." Die Weltstellung der Erdtheile und deren Einfluß auf den Entwickelungsgang der Geschichte. Außer den dreierlei Formen ihrer Vertheilnngen der Flächenräume des Festen uud Flüssigen, und des Gegensatzes von Wasser und Laud, führt auch die Stellung der Länder zu einer andern, für das Ganze der Erdoberfläche wichtigen Erscheinung. Es liegt die Frage nahe, welche Stellung die einzelnen Hauptgebiete des Erdlandes oder die Erdtheile, wie wir sie nun einmal herkömmlich zu nennen Pflegen, auf dem Erdenrund sowohl gegen das Gesammte, als einzeln genommen gegen einander erhalten haben. Welchen Einfluß hat das sich Nahesein der Landmassen, oder ihre Anseinanderrücknng auf ihre Entwickelung haben müssen, oder haben können? Ist die Anordnung der Landmassen nur zufällig, oder gleichgültig? Ist sie bliuden Naturgewalten ins Zwecklose hinein überlassen geblieben? Oder erkennen wir auch 56 Architectonik der Landmassen. hier einen organischen Zusammenhang, ein Ziel des Fortschrittes der Entwickelung zu einem großen System? Und ist es dann nicht die Aufgabe der Wissenschaft, sich dieser Idee des Systemes bemächtigen zu lernen, durch solche Forschung erst innern Zusammenhang und Einheit zu gewinnen? Bei dem Sonnensysteme hatte man von Anfang an die Größen, die Entfernungen, die Abstände und Annäherungen der einzelnen Planeten ins Auge gefaßt, auch die Verhältnisse ihrer gegenseitigen Stellungen auf das genaueste untersucht. Bei dem Erdsysteme hatte man dies übersehen, weil die Räume der Land- masseu nicht wandelbar waren. Um desto bedeutender ist der gegenseitige Einfluß durch ihre Fixiruug geworden. Ist auch hier kein mechanisches Gravitationsgesetz zu verfolgen, so tritt in dem physischen und organischen Leben dieser Erdräume ein eben so gewaltig gegenseitig gravitirendes, dynamisches Gesetz anziehender und abstoßender Kraftäußeruugen hervor, das nicht durch die Mathematik, sondern durch das Licht der Historie aus seinein Dunkel hervortreten konnte. Es lenchtet von selbst ein, daß ein solches Verhältniß der Gegencinanderstellnng oder der grandiosen Gruvpirung der Erdmassen in tellurischen Räumen nicht ohne einen großen Einfluß auf die vor- oder rückschreitende Ausbildung ihrer Bevölkerungen, die natürlichen Verbreitungen, Ansiedelungen, Verbindungen der Völker und Staaten: kurz auf den ganzen Entwickelungsgang der Menschen-, Völker- und Staatengeschichte gewesen sein kann. Sollte eine höhere Weltmacht die Erdtheile aus ihren gegenwärtigen Stellungen in andere verschieben, so würde daraus eine andere Weltgeschichte der Menschheit hervorgehen. So giebt es ein räumliches Grundelement aller Geschichte; so existiren beachtenswerthe große Gesetze der Anordnung. Das an mathematische Umgrenzungen gewöhnte Auge hat über die Erde ein mathematisches Netz von Längen- und Breiten- Pyramidale Siidgliederuug. 57 graden gezogen. Aber solche geradlinige Begrenzungen lassen sich hier in Beziehung auf Weltstellung nicht ziehen. Nicht einmal eine Symmetrie läßt sich nachweisen, die noch zu den Kennzeichen der Krystalle und der organisirten Körper der Naturreiche gehört. Im planetarischen Leben waltet überall ein viel freieres Spiel, ein mannigfacheres Ineinander- und Uebergreifeu der Kräfte und Formen; eine höhere Anordnung, die erst später, uud auch danu nur erst in elementarsten Umrissen begriffen werden konnte. Wir bleiben bei dieseu elementaren Andeutungen stehen. Als ein deutliches Gesetz der Anordnung des Landes auf der Erdoberfläche erkennen wir Die pyramidale Südgliederung aller Ländermassen gegen den Ocean. Das Uebergewicht der trockenen Landmasse ist vorherrschend gegen den Nordpol angehäuft. Südwärts vou 55° südlicher Breite kannte man lange kein Festland mehr, und was man in den letzten Jahrzehnten dort vorgefunden und Südpolarland genannt hat, sind Inseln und scheinbar langgestreckte Eisküsten, deren Contiuentalbestand noch sehr problematisch ist. Den Nordpol umlagern dagegen die beiden großen Landvesten der Alten und neuen Welt in gewaltigen Breitenansdehnungen bis gegen den achtzigsten Grad. Dort nähern sich ihre auslaufeuden Glieder, wie in der Behringsstraße, bis auf wenige Meilen. Und selbst die Entfernung Nordwesteuropas bis Island und Grönland ist nur gering gegeu die Südenden der Continente, die eben so viele Tausende von Meilen auseinander stehen, wie jene nur Hunderte. Wenn gegen Norden Expansion, so herrscht gegen den Süden Contraction der Länder vor. Die Körper der großen Erdtheile verlaufen sich da in keilförmig ansgehende Länder, Halbinseln, bloße Spitzen, Caps und Inseln. Das haben schon Baco von Vernlam, I. R. Forster, Steffens nachgewiesen: Amerika im 58 Pyramidale Siidgliederung. Cap Horn bis 55", Australien in Van Diemensland bis 45", Afrika im Cap der guten Hoffnung bis 35°. A. v. Humboldt hat diese kegelförmige Südgestaltuug der großen Erdtheile den pyramidalen Bau des Südens genannt. Er trug zur verminderten Wärme der Südhennsphäre bei und gab den nördlichen Populationen der Erde bei weitem das Uebergewicht über die Völker der südlichen Erdhälfte, sowohl der Zahl nach als nach jeder Seite der geistigen und höheren Entwickelung. Aber nicht blos die Südenden der drei Erdtheile zeigen diesen kegelförmig gegliederten pyramidalen Bau; er wiederholt sich auch im Norde» in den reichen Glicoeruugen der Südenden von Europa und Asien. In Europa entdecken wir unser Gesetz in den gesonderten Gliederungen von Spanien, Italien, Griechenland, Morea, der Krim, selbst in den skandinavischen Südspitzen von Norwegen und Schweden. Noch grandioser wiederholt sich südlich-pyramidale Gliederung in Asien mit Arabien, Vorder- und Hinterindien, Korea, und bis nach Kamtschatka und Califoruieu hinauf; ebenso in beiden Hälften Amerikas. Ausnahmen sind selten. Bei Großbritannien schaut die Spitze nach Norden, die Breite nach Süden, was mit ganz besondern Umständen zusammenhängt und als besondere Eigenthümlichkeit erscheint. Die Insel hat für sich einen individuellen Charakter in der Mitte der Landwelt erhalten. Man hat versucht, sich dieses merkwürdige strahlige, fast sternförmige Anseiuanderfahren der starkgegliederten Extremitäten aus einer gemeinsamen compacten Mitte der Erdmasseu (wie sich die ganze Ländergruppe in der Horizontalprojection der Kugelfläche, vom Nordpol ans gesehen, so frappant darstellt) auch genetisch zu erklären. Nach Klöden's scharfsinniger Hypothese muß jene Erschei- nnng aus den Rotationsbewegungen des Erdballs in seiner Ent- stehnngsperiode, bei dem Uebergange aus dem flüssigen Zn- Hypothesen über ihre Entstehung. 5>!, stände, während der Erstarrungsperiode in einen festen hergeleitet werden. Link suchte die Gründe für die Anordnung der Landmassen in derselben Periode des Festwerdens der Erdoberfläche und schrieb sie der bei der Erstarrung nothwendig frei gewordenen elektrischen Affection zu, welche gleich den Lichtenbergischen Figuren auf dem Elektrophor die eigenthümliche Grnppirung der trocken gewordenen Theile auf dem Erdenrund bewirkt habe. Eine dritte Ansicht drang sich schon I. R. Ferster bei seiner Weltmnseglung auf. Er glaubte die Gesammtbildnug dieser zerrissenen Südenden der Erde einer großen Wasserflut!) zuschreiben zu müssen, d.eren Zerstörung vom Süden gegen Norden und Nordwesten ausgegangen sei. Daher der Parallelismus der Gliederungen und der Einfurchungen über das ganze Gebiet der alten Welt, die steile Vorgebirgsbildung aller Südenden, die breitere Erweiterung aller Gliedermassen gegen Norden. In zwei Durchbrüchen im Atlantischen breiten Kanal, und im engen Kanal der Behringsstraße haben sich zwei Strömungen gegen den Norden Bahn gemacht, indeß alle anderen ihren Widerstand im Hohen Asiens fanden, daher nur particuläre Straßen, Golfe und Einrisse in die Oberflächen bildeten, die sich dann als Seen zeigen. Die durch Pallas zuerst entdeckte, unter den Erdschichten abgelagerte vorsündsluthliche Pflanzen- und Thierwelt schien ihm als Transport aus den Tropen nach dem hohen Norden seine Hypothese zu bestätigen. Schon Link hat das Unhaltbare dieser Hypothese nachgewiesen '). Aber die Thatsache der Gestaltung schien ihm der Be- >) Das Specicilstndium dieser niedergelegten Prodncte hat gezeigt, daß jene Palinenwäldcr, Thiere n. s. w. wohl Analogie mit den südlicheren haben, jedoch dem Norden angehörten. Sie waren nnr einer früheren Zeit eigenthümlich. Auch dürfte nicht anzunehmen sein, dasz bei einer so gewaltsamen Flnth ganze Gerippe, Bänme mit Früchten, so erhalten vom Süden nach dem Norden gelangen konnten. 60 Oberfläche des Mondes. achtmig der Geologen würdig; sie ist es für den Geographen nicht weniger. Sie wird ihm bei Betrachtung eines Globus wie einer Landkarte in Mcrcatorscher Projection einen Schatz von interessanten Anschauungen, Vergleichungen und Reflexionen zuführen, dessen Benutzung zur elementaren Auffassung der Ländcrformen für den Unterricht sehr zu empfehlen ist. Pisis folgt einem geometrischen Constructiousgesetze; Necker, Brcwster und Dana leiten die Anordnung von magnetischen und andern Gesetzen ab. Wir bleiben hier bei der Thatsache stehen, ohne ihre Entstehung nachweisen zu wollen. Ein genaueres Studium der Grnppirnngen der Länder- und Wasscrmassen bietet auch noch interessante Vergleichungen mit den Oberflächenbildungen andrer Planeten (wie des Jupiter), zumal aber des uns nahen Mondes dar. Wiederum muß die Oberflächenbildung des Mondes bei der ihm so eigenthümlichen, von der tellurischen so gänzlich verschiedenen Gestaltung zu Aufschlüssen über seine Bildung führen. Auf eine solche systematische Uebersicht einer Gesammtgruppirung der Mondobcrfläche ist das classische Werk von Beer und Mädler bei einer getreuen Aufnahme der Mondscheibe eingegangen. Noch andere Anordnungen der Gesammtmassen werden weiter unten hervortreten; hier bleiben wir nur bei dieser einen allgemeinsten stehen und gehen ebenso zu der Gegeneinanderstellung der Erdtheile unter sich und gegen das Ganze über. Die Stellung der einzelnen Erdtheile gegen einander ergiebt sich aus ihrer Lage nach den Weltgegenden. Nach diesen haben die Völker in ältester Zeit die kosmischen Gegensätze ihrer Wohnorte bezeichnet. Asien wurde das Morgeulaud, Europa und das nördliche Afrika das Abendland, Hespericn genannt. Im Süden lagen Erbtheile. iN die heißen Länder der Aethiopen, im kalten Norden die der Hyperboräer. Dieser vierfache Gegensatz war viele Jahrhunderte allgemeine Volksansicht, ehe die künstlich gesonderte Ansicht in Erdtheile zur Phönicierzeit (wie Herodot angiebt), allgemein werden konnte. Wirklich ist ein solcher kosmischer Gegensatz in der geographischen Lage auch vollkommen begründet und in Harmonie mit der ganzen Natur und Geschichte der Erdtheile und ihrer Bewohner. Mit Asien, dem Orient, verbinden wir in jeder Hin- sicht'den Begriff des hohen Alterthums, mit Europa, dem Occi- dent, den der verhältnißmäßig neuern, jüngern Zeit. Wie Aufgang und Niedergang, Morgeu und Abend, so contrastirt zwischen beiden Erdtheileu wirklich Alles was sie betrifft. Die ganze Entwickelungs- und Culturgeschichte des Westens ist aus der des Ostens in ihren Anfängen hervorgegangen. Der Orient ist für uns uicht blos kosmisch der Sonnenaufgaug, sondern auch historisch die Wiege der Menschheit, der Völker, und der sich bildenden- Herrschaften politischer, religiöser und kunstwissenschaftlicher Art. Alle alten Königsgeschlechter kommen vom Aufgauge der Sonne, alle leiten sich von ihr ab, die indischen Sonnengeschlechter wie die persischen, sakischen, schthischen, kaukasischen. Der Occident zeigt nur den Fortschritt des geistiger entwickelten Völker- und Staatslebens. Von den Alten durch das ganze Mittelalter, von Homer bis auf Dante's ^ui-^atoiio ist der Westen mit dem Fortschritt und dem Untergange im Todteureiche, dem Hades und den Inseln der Seligen in Verbindung gesetzt. Daher finden Uebergänge aus dem Morgenlande zum Abendlande statt und umgekehrt. Baktrien, Indien ist dem Vorderasiaten sein Morgenland, Syrien sein Abendland. Deu Grieche« war Anatolien das Morgenland, Italien mit Si- cilien ihr Hesperien. Dem Römer wurde Spanien zu seinem Hesperien, und so entwickelte sich der Begriff immer weiter. «;? Erdtheile. Zwischen Orient und Occident, auf der Südseite des Erdballs, liegt die Libya der Alten, dem hellen, heißen Mittage zugekehrt. In der Mitte der Erde, zu beiden Seiten des Aequa- tors ausgedehnt, nicht etwa an? Südpol, ist der wahre Süden der Erde, wie der Mittag in der Mitte der Erde. Dort müssen wir die Phänomene der Tropenwelt in ihren Culminationen, in ihren heißesten und dürrsten Extremen, im äthiopischen Sonnenbrande der Aequatorländer studiren. Die weiten Breiten der nördlichen Polarländer bilden den wahren kosmischen wie physikalischen Gegensatz zum Orient und Occident, ebenso wie zum libyschen oder afrikanischen Süden des Erdballs. Sie lagern sich als eine flache von Wassern vielfach durchschnittene Erdscheibe rings um den Nordpol herum. Und wo die Verbindung starrer Länderformen etwa nach oben, durch Meeresgassen unterbrochen erscheint, da findet doch eine merkwürdige submarine Verbindung contincntaler Wirkungen durch Plutonische Phänomene statt. Alle continentale Verlängerung dahinaus fällt ziemlich regelmäßig in eine mittlere Grenze mit dem 70° N.Br. zusammen, wo das Nordcap in Europa, Cap Scha- lagskoi im Tschuktschenlande in Asien und Gishap und Bathurst- Cap und die Fury- und Heklastraße diese Ausdehnung bezeichnen. Aber nördlich dieser Straße und des Georgia Archipels beginnt die große Gruppe der circumpolaren Inselgruppen. Die schmale Meerenge der Behringsstraße, welche Nordostasien von Nordwestamerika scheidet, hat nur eine Breite von 12 Meilen; sie ist der Durchbruch des schmalen kamtschatkischen Küstenmeeres in die Polarsee. Viel breiter dagegen ist im Westen das Atlantische Nordmeer zwischen Nordwest-Scandinavien und Nordost-Amerika. Und doch ist es im Vergleich der viel breitern Wasserfläche des südäthiopischen Oceans nur eine schmale Meerenge. Das nördliche Norwegen (unter 70° N.Br.) ist vom nordöstlichen Grönland kaum 200 Meilen entfernt. Dagegen sind Submarine Plutonische Verbindung. «!N die Südenden der Alten und Neuen Welt Tausende von Meilen auseinander gerückt. Merkwürdig, daß im Norden der continentalen Erdkugel, wo nur schmale Küstenmeere die Erdtheile «trennen, noch vulkanische und Plutonische Kräfte thätig sind, die fort und fort an einer submarinen Verbindung beider Continente arbeiten. In dem Kamtschatkischen Küstenmeere liegt die über 200 Meilen lange Inselkette der Meuten, die man nicht mit Unrecht eine vulkanische Inselbrücke von Asien nach Amerika genannt hat. Sie besteht aus mehr als hundert Inselchen, Felsen und Klippen, unter denen gar manche erst seit Menschengedenken aus dem Meere emporgehoben wurden '). Grewingk hat über fünfzig wüthende Vulkane in dieser Jnselreihe nachgewiesen. Eine andere Vulkanreihe setzt sich sporadischer in den Kurilen gegen Süden, nach Japan zu, gegen den Norden gedrängter in der Landzunge Kamtschatkas fort. Dort kennt man zehn bis 10,000 Fuß hohe Vulkane. Dieselbe submarine Plutonische Thätigkeit war einst im höchsten Grade auch zwischen Nordwesteuropa und Amerika, zwischen Norwegen, Island und Grönland wirksam. Und sie ist es noch immer in hohem Grade, wenn auch einzelne Glieder erstorben sind. Nie jedoch hat sie eine so dicht zusammenhängende Reihe, wie die Aleuten gebildet, sondern ist in einzelnen weit aus einander gerückten großen Küstenstellen und Inselgruppen hervorgetreten. Die Pfeiler einer großen submarinen Plutonischen Meeresbrücke zwischen beiden Continenten sind vorhanden, aber nnr ein Theil ist so sichtbar aus dem Meeresgrunde emporgehoben. Dazu ') Im Jahr 1806 wurde das Emporsteigen einer solchen Insel der Aleuten mit einem Pik oder Kegelberge in der Mitte, die vier deutsche Meilen im Umfange hatte, von den Naturforschern v. Langsdorf und Tilesius beobachtet. Sie heißt Umnak, liegt unter 53" N.Br. im Norden der großen Insel Unalaschka. 64 Arktische Polarländer. gehören die Küstenketten Norwegens und Schottlands, Irlands; die Orkaden, Shetland, Hebridische Inselgruppe, die Faröer mit ihren blasigen, zersprengten Höhlen und Felsenwänden; die große Insel Island mit ihren Lavastrecken, heißen Quellen und Nulkanen; die Jan Mähen-Insel zwischen Spitzbergen und Island, mit ihren furchtbaren Feneranswürfen, und die Ostküste Grönlands; wie selbst noch weiter gegen Süden die Gruppe der Azoren, aus deren Mitte eine Insel, Sabrina, in anderthalb Jahrhunderten dreimal aus der Tiefe des Meeresgrundes durch Feuergewalt emporgehoben wurde, 1638, 1723 und 1811. Vorherrschende gegenseitige Annäherung, submarine wie con- tinentale, ist also Charakter der arktischen Polarländer. Europa hat an demselben glücklicher Weise nur in kleineren abgerissenen Küstenstrecken und Gliedern Antheil. Er verschwindet gegen die ungeheuren nordischen Flächen Asiens und Amerikas, ganz Sibirien, Nord-Canada und Eskimoland, sammt den vorgelagerten zahlreichen Inselgruppen. Diese Polarländer sind nicht auf gleiche Weise, etwa durch Meere oder sonstige Naturverhältnisse, gegen Süden absolut von ihren Nachbargebieten geschieden oder gesondert. Denn der mathematische Polarkreis unter 66^° N.Br. ist nur die astromo- mische Erleuchtungsgrenze der Polarwelten, aber keineswegs die physikalische Grenzscheide. Die Polarnatur reicht in vielen meteorologischen und den meisten organischen und ethnographischen wie sonstigen physischen Erscheinungen oft weit darüber hinaus, hier und da zieht sie sich auch wohl nördlicher zurück. Wäre das Polarlaud durch bestimmte Meeresgrenzen oder sonst abgeschieden, wie dies auf der südlichen Halbkugel der Fall ist, so würde die Polarwelt noch viel isolirter geblieben sein, als sie es wirklich ist. Eben dieses Eingreifen der Polarwelt in ihre südlichern freundlichern Nachbargebiete vou Europa, Asien uud Amerika sollte ihr die Uebergänge zur Civilisation erleichtern. Polarwelt. 05) Dennoch bilden die Polarländer, der Weltstellung nach, immer nur eine große Ländergrnppe, die ein geographisch Zusammengehöriges ausmacht, in größter Einförmigkeit ringsum den Nordpol im Kreise umlagert, und überall gleichartige Erscheinungen in Natur- und Völkerverhältnissen darbietet, eben so wie die oft weit aus einander gerückte Tropenwclt. Solche gleichartigen Erscheinungen können ihrer Weltstellung nach immer nur als Ein großes Ganze betrachtet werden. Daß sich untergeordnete Modificationcn vorfinden, je nach den Verschiedenheiten der drei Erdtheile Europa, Asien und Amerika, versteht sich von selbst, aber nichts Wesentliches wird dadurch geändert. Im Polarland hört die Bedeutung der künstlichen Abtheilungen in verschiedene Erdtheile auf. Die alte Welt ist hier der ueucn Welt gleich. Der Charakter der Polarwclt in Luftcrschcinuugen, in Thier- Pflanzen- und Menschcnwelt ist die Monotonie. Selbst Lappland, das sich am weitesten von dem Kern der Polarwelt als europäischer Antheil entfernt, zeigt in seinen gerundeten und abgeschliffenen Granit- und Gneisflächen mit starker Zerklüftung der Fclsarten dieselbe Einförmigkeit. Die Syenitbildung seiner Berge am Iman- dra-See zeigt dasselbe Gefügc wie die Inseln im Weißen Meere und an Grönlands Gestaden. Die Kuppen der Berge sind alle statt grün weiß von Lichenenüberzügcn des Rennthiermoses. Wie die geognostische, die plastische, die vegetative, so auch die Thierwelt. Ucberall Bäreu, Füchse, Rennthiere, Seehnnde und Walrosse: auch die gefiederte Welt ist mouotou, und nicht minder endlich die Menschcnwelt. Amerika bildet allein die ganze westliche, in jeder Hinsicht selbständige Landhalbe der Erdkugel, den jüngeren Occident, der sich aber durch die Erbschaft der Vergangenheit fast eben so zur Selbständigkeit erheben konnte, wie Europa. Den Orient der alten Welt, Asien, hat er in Industrie uud Civilisation weit überflügelt. Ritter allgem. Erdkunde. 5 Lg Amerika. Die Alte Welt war für Amerika der Anfang, sein Aufgang, sein Orient, aus dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach seine Vorgeschichte, Sage und Cultur hervorgegangen war. Seine ältesten Denkmale in Religion, Architektur und Kunst, die wir nach und nach immer vollständiger keuueu lerueu, schließeu sich, wie verschieden sie seiu mögen, an den Stil der alten Welt im Südeu. Hiero- glhphenschrift fand sich bei den Peruanern und Mexicaucru. Eben so die Einbalsamirung der Fürsten; die Kalendcrcin- richtuug auf Kalendersteinen. Dies alles erinnert an den Orient, zumal ist die Auuäherung an den indischen Stil uicht zu verkennen. Der historische Charakter der Neuheit im Gegensatz der Alten Welt ist in Amerika's Entwickelungsgeschichte viel hervortretender als sein etwa jüngerer physikalischer Charakter, den man seit Vuffons Theorie ihm hat zuschreiben wollen. Danach suppouirte mau, Amerika sei erst später aus dem Wasser hervorgetreten, weil es auch heute uoch viel mehr als die Alte Welt iu Wassern liege und die Feuchte auch auf seinem Trocknen vorherrsche; weil alle thierischen Organismen die Colossalgrößen der asiatischen Welt, wie Elephant, Rhinoceros, Krokodil, Schildkröten, Affen- uud Schlangenarten u. f. w. uicht erreichen. Aber in jeden, Falle ist der Name der Neuen Welt nur im historischen Sinne festzuhalten. Mit dem Bekanntwerden Amerikas beginnt wirklich eine nene Periode der Menschen-, Völker- «nd Staatengcschichtc. Denn wie der enge Wohnkreis wurde auch der menschliche Gedankenkreis dadurch zu ciuer höhern Stufe in der Ideenwelt erhoben. Die Alte Welt war allerdings historisch früher entwickelt und auch höher ausgebildet als die Neue Welt. Aber auch in ihr mußte, bei ihrer damals nur erst theilweise planetarisch möglichen Entwickelung, die Existenz des Menschengeschlechts in ihrer Un- vollstäudigkcit beharren. Nuu erst wurde Gesammtentwickelung Amerika. 07 aller Kräfte und Anlagen des Menschengeschlechts durch die vollständige Kenntniß seiues ganzen Erziehungshauses, des Erdballs, möglich. Daher mußte aber auch die nur abgesonderte einseitige und nur theitwcise Entwickelung der ältesten amerikanischen Bevölkerung in Mexico, Peru, Jucatan fast spnrlos in ihrer halb errungenen Civilisation auch wieder erlöschen, weil sie von allgemeiner fortschreitender, menschlicher Entwickelung abgeschieden geblieben war. Nur in ihren Stein-Architekturen etwa konnte sie die Jahrhunderte überdauern, uicht iu der Beschränktheit ihrer Ideen. Selbst in ihren Urstämmen mußte sie darum untergehen und durch andere Generationen ersetzt werden, wie Canaan durch Israel unter- giug. Dies war schon durch das natürliche Auseinanderstehcn der Erdräume bedingt und iu der Gcsammtaulage des Planeten begründet. Ja, wäre Amerika früher schon, vor der allgemeinen Verbreitung des Evangeliums und der Fcstwurzelung der Kirche entdeckt wordcu und bekannt geblieben, so wäre das zu früh gewesen. Dann möchte dort, unter dem blutigsten Molochdicnste, der Sieg des HeidenthnmS seine größten Triumphe haben feiern rönnen. Denu für eine höhere sittliche Entwickelung war dort noch kein Raum gewouucn. Als Gegensatz der ganzen continentalen Halbkugel liegt in der Mitte der Wasserhalbkugcl im größten Wasserbecken der Erde der Erdtheil Australien, das kleinste isolirte Festland oder die größte Insel. Er bildet dei^ Hauptstamm oder Körper der Oceanischen Inselwelt, die in mehreren hundert Gruppen von Eilauden umher vertheilt ist. So charakterisirt der Name Australien seine Welt- stellnng im Austral-Ocean allen anderen Erdtheilen gegenüber: Anstralieu ist die oceanische Südwelt der Erdkugel; Afrika ihr coutinentaler Süden. Wie die Erde zwei magnetische Nordpole und zwei nordische Kältepole, nämlich den sibirischen im Norden des Baital, östlich 05 Australien. des Taimura Cap (110° OL. Greenw.) und den amerikanischen in der Nähe der Melville Insel (102° WL. Greenw.) besitzt, so hat sie anch zweierlei Südpole im physikalischen Sinne, einen doppelten Süden, den contincntalen in Libyen, den maritimen in Nenholland. Räumlich am entferntesten von allen wurde die australische Südwelt anch zuletzt in deu Kreis der cultivirten Völkergemeinschaft aufgenommen. Dagegen nimmt die Civilisation der Menschheit dort, wenn auch nicht ihren höchsten, doch ihren raschesten Fortschritt, ihren schnellsten Aufschwung; sie hatte Jahrhunderte in Jahrzehnten zu durchlaufe», um nicht hinter der Gegenwart zu weit zurückzubleiben. Seit der Entdeckung der bewohnbaren Landschaften Australiens (durch Cooks erste Umsegcluug 1770) ist noch keiu volles Jahrhundert verflossen, und überall sind schon Städte, Staaten, Colonien mit europäischer Cultur, Sitte, Gewerbe, Handel, selbst Knustfleiß und Wissenschaft, in nicht geringer Anzahl aufgeblüht, wie in Sidney, TaSmania, Neuseetand, Sandwich-Inseln. Dieser jüngste Erdtheil hat sich schon mit alle den Vortheilen vielfach und auf eine verhältnißmäßig rasche Weise bereichert, welche die Völker der andern Erdtheile seit Jahrtausendcu sich erst mühsam zu erkämpfen und zu erringen hatte». Ganz so, wie jede jüngere Generation den Gewinn der frühern als Erbtheil empfängt; was sie sich freilich auch im Bewußtsein gegenwärtig erhalten sollte. , Je mehr sich die Welt mit Ideen bereichert, sagt A. v. Humboldt, desto rascher wird, unter solchen Verhältnissen, die Progression ihrer Entwickelung sein. Und diese Wahrheit führt unabweisbar auch von historischen zu geographischen Betrachtuugeu. .'>. Das historische Element in der Geographischen Wissenschaft. Indeß so manche Landschaft im continentalcn Gebiete der Erde früher eine Stätte hoher Cultur, eine Wiege der Künste und * Wissenschaften aus höherem Culturzustande schon wieder in Einöden oder Barbarei zurückgesunken ist, so schreitet die gesellschaftliche und politische Cultur der Völker und Staaten in jenen oceanischen Fernen, auf der mehr maritimen Seite des Erdballs, in jugendlicher Kraft mit raschen Schritten voran. Der Entwickelungsgang ist ein ganz anderer geworden. Entfernungen, Raumunterschiede, Natnreinslüsse, selbst Naturprodnctionen aller Art, weichen immer mehr in ihrem bedingenden Einfluß auf das'Persönliche der Volksentwickelung zurück. Oder mit andern Worten: das Menschengeschlecht wird immer freier von den Banden der Naturgewalten, der Mensch immer mehr von der Erdscholle, die f ihn geboren, entfesselt. Die Geschichte einzelner Länder und ganzer Erdtheile bestätigt das. Der erste Bewohner des sandigen Nilthales war ein Wüstenbewohner, wie der Libyer, der nomadische Araber es noch heute ist. Aber das Culturvolk der Aeghpticr verwandelte durch Kanal- bau und Irrigation die Wüstenei in die reichste Kornkammer der Erde. Sie erhoben sich über die Fessel der Sandwüste, in deren Mitte sie sich durch weise Verthcilnng der flüssigen Forin durch die feste die reichste Landschaft erschufen. . Durch die Faulheit und Tyrannei nachfolgender Geschlechter sank das Thal öfter wieder zurück in seine Wüstenei. Die Thebais ward wieder zur Wüste, ? die reiche Mareotis zur Sumpflandschaft. Aehnliches wiederholte sich in vielen andern Gebieten Asiens und Europas. Ein anderes Beispiel bietet die Naturform der Gebirge dar. In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt war der cul- tivirte Süden Europas von dem uncnltivirten keltischen und germanischen Norden durch eine große natürliche Scheidewand, durch ! 7n Natur und Geist, das undnrchbrochenc, noch untvegsame Hochgebirge des mächtigen Alpenzuges, der ganz Mitteleuropa von West nach Ost durchsetzt, getrennt. Im Süden lagen die Culturstaaten der alten Welt; an den Nordhängeu begann der noch rohe keltisch-germanische Norden. Aber diese Scheidewand ist geschwunden, ja sie ist, wie der alljährliche Besuch der Schweizer-Cautone und der Tiroler Gane zeigt, zn einem allgemeinen Lande der Anziehung für ganz Europa geworden. Welche Verwandlung! Von der Provence bis Steiermark erhoben sich in den Alpen eine reiche Fülle staatlicher Vilduugeu. Die tiefen Thalschlünde, die größten Höhen sind dicht bevölkert, die Wälder gelichtet, die Felsenwände durchbrochen. Statt einer frühern Hemmung zwischen Süden und Norden, wie zu Julius Cäsars uud Augustus Zeiten, ist ein Land allgemeiner Passage entstanden. Die früher unzugänglichen Bergklüfte uud Bergfirste, die nur noch Adler umschweben konnten, sind jetzt wie die Pässe des Mont Cenis, Simplon, St. Gotthard, Splügen, Ber- nardin, und selbst das Stilfser Joch am eisigen Ortelcs zn gebahnten Straßen geworden. Ueber den Semmering führt sogar der Wnnderbau einer Eisenbahn. Mau muß zugeben, wie das wilde, unnahbare Roß der Turkestaner Steppe zum gebändigten edlen Hausthiere der civilisirten Welt umgewandelt, ebenso ist dies alpine Segment des Erdringes in ganz andere Relationen zu seinen Umgebnngen getreten. Der Einfluß dieser grandiosen Na- turform verliert immer mehr und mehr von der bindenden und fesselnden Gewalt für die Völker. Wenn fchon die physikalische Natur uud die Dimension fast dieselbe bleibt, so ist es das historische Element durch die neugeschaffenen Orgaue, durch die beseelte Bewegung, durch den Cnlturfortschritt, welches die Völker sich freier von Naturbeziehungen bewegen lehrt. Die Kraft des Menschen nnd der Völker bemächtigt sich aber immerfort dieser Naturbedingungen nnd modifieirt sie. Iu ähnlichen, jedoch erst auf halbem Wege stehenden Fort- Natur und Geist. 71 schritten sehen wir eben so die östlichen Grenzgebirge Europas, den Ural, früher eine Grenze nnd Hemmung zweier Erdtheile, seit Peters d. Gr. Zeit zn einem Lande des Ueberganges, des Verkehrs, zu einem Cingaugsthor der Civilisation »ach Asien sich umgestalten. Eine ganze Tonleiter solcher Verhältnisse läßt sich durch alle Länder der Erde, vom noch wildesten Kaukasus und nur theilweise überwundenen Himalaya bis zu der gewaltigen Hemmung der Cordilleren verfolge,,; überall sind ähnliche Metamorphosen wie die oben geschilderten im Werden. Wie mit dem Stromthale und dem Gebirgszuge, so ist es mit den Waldregionen Mitteleuropas, deu Urwäldern Nordamerikas, deu Versumpfungen der Niederlande seit Germaniens Zeit gegangen. Die abstoßendsten Sandwüsten der Sahara sind zu Karawaueugebietcn, die goldreicheu Einöden Australiens und Ca- liforuiens zu Anziehungspunkte« mächtiger Völkerströmungen und Colonisationen, die Eismeere der Nordpolarkreise durch Parrh's, Franklin's und Andrer Entdeckungen zu Felder» heroischer Thaten und kühnster Kämpfe der Menschen mit Naturgewaltcn geworden. Die größten Siege der Civilisation sind, zwischen den Eisschollen gefeiert, wo früher nur Tummelplätze der Walfische, Eisbären nnd Phoken waren. Noch großartiger sind die Umwandlungen ganzer Erdtheile und Oceane. Früherhin waren die Meere nur Hemmnngeu der Völker. Nur die flüchtigste Form der Atmosphäre, die Segler der Lüfte, überflogen die weiten Wasscrräume. Die MVtallschatze der verschiedenen Theile der Erdrinde, die Vegetation, die Thierweit, die Völkerwelt: alle nehme» erst späterhin ganz veränderte Sphären ihrer räumlichen Verbreitungen ein. Nur Weniges wurde vorher willenlos, wie der Flugsand, die KoknSnuß, das Treibholz, die Eisscholle, der Seetang, von den Strömungen der Winde und Oceane von Gestade zu Gestade gewälzt. Gegenwärtig scheiden 7? Dampsschifffahrt. die Meere nicht, wie früher, die Länder und Erdtheile; sie sind es, welche die Völker verbinden, ihre Schicksale verknüpfen, auf die bequemste, selbst auf die sicherste Weise, seitdem die Schifffahrt zur vollkommensten Kunst herangereift ist, seitdem der schnellste und leichteste Transport durch die Beseelung der Bewegungen der flüssigen Elemente das Verknüpfungsmittel aller Culturvölker geworden. Gegenwärtig trennen die Meere nicht länger, wie ehedem die Länder und Erdtheile; sie verbinden vielmehr die Völker auf eine ungcmein bequeme und sichere Weise. Der Fortschritt der oceanischen Schifffahrt hat sogar die ganze Stellung der Erdtheile, aller Continente, gegen die frühere Zeit zu einer andern umgewandelt. Die isolirteste Insel der Atlantischen Gewässer, St. Helena, Jahrtausende hindurch wie nicht vorhanden, war im zweiten Jahrzehnt unsres Jahrhunderts durch das politische Bedürfniß fast zu einer Nachbarinscl Europas, zu einem Staatsgefängniß des großen Eroberers für Europa geworden; sie stand unansgesetzt unter der Obhut, europäischer Politik. Das Cap der Guten Hoffnung, nach welchem die portugiesische Marine fast hundert Jähre steuerte, bevor es erreicht werden konnte, ist, bei der jetzigen genauesten Kenntuiß der Winde, Strömungen und Jahreszeiten, zu einer bloßen Zwischenstation für Segelpacketboote und Dampfschiffe geworden. Man legt diese 2000 geographischen Meilen regelmäßig in 55 bis 60 Tagen zurück und durchfliegt jede 24 Stunden mit der segelnden Fregatte gegen 40 Meilen. Zu einer Fahrt von England nach China hin und zurück brauchte das Segelschiff zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch 8 bis 9 Monate, wenn das Glück gut war; eine Passage um die halbe Erdkugel, die jetzt auf die Hälfte der Zeit, auf 4 Mouate, reducirt ist. Ganz unerwarteten überraschenden Einfluß haben die Dampfschiffe, durch keine Region der Windstillen gefesselt, auf die Physik des Erdballs ausgeübt. Die schmaleren Meere sind durch Dampf- Dampfschifssahrt. 73 schiffe überall nur in kurze, sichere Brücken des Ueberganges verwandelt, und dadurch fast Gestade an Gestade gerückt, wie im Canal England an Frankreich, Marseille an Algier, Stettin an Stockholm und an Petersburg. Die Ueberfahrt nach Amerika, das vor Columbus Zeit der alten Welt so unerreichbar war wie die Mondscheibe, zu welcher Columbus von Spanien zu den Antillen 70 Tage gebrauchte, wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts zwischen England und Neu-Dort in 25 Tagen, gegenwärtig durch Dampfschiffe in 15, 13 und selbst schon iu 12 Tagen gemacht. Auch Australien liegt seit der Dampfschifffahrts-Verbindung nicht mehr fern. Ein Segelschiff brauchte ein halbes Jahr, um die 4000 Seemeilen zurückzulegen; das Dampfschiff nur 75 Tage, wozu noch 10 Tage zur Einnahme von Kohlen und Transport über die Landenge von Suez gerechnet werden. Keine Insel liegt mehr, wie ehedem Tausende, außerhalb des Weltverkehrs. Die regste Wechselbeziehung ist zwischen den entferntesten Punkten des Erdballes vorhanden. Sie tauscheu ihre Prodnctioncn in großer Schnelligkeit mit einander aus. Die Wolle und der Weizen Australiens bestimmt schon den Marktpreis in London und die Baumwolle der Vereinigten Staaten den Preis der Gewebe und des Brodes in Europa. Welche Bedeutung gewinnt es da, wenn das Schraubenschiff statt der Fahrt eines Dampfschiffes von 2^ Monaten dieselbe Fahrt von Bombay um das Südcap von Afrika sogar in weniger als der Hälfte Zeit, in 32 Tagen zurückzulegen im Stande ist! Aber auch die wasserreichen und colossalen Landströme haben ihre Länge verloren, nnd sind überall um das Sechs- bis Siebenfache durch die Dampfschifffahrt verkürzt. Sie sind überdem doppelseitig geworden, da sie früher nur abwärts, gegenwärtig auch aufwärts beschifft werden können. Die colossalsten Strom- systcme sind dadurch gebändigt und nach allen Richtungen ihrer Verzweigung zugänglich geworden. Aus dem riesigen Missisippi- 74 Europas Weltstellung, ströme sammt den? Ohio wareil vor 10 Jahren schon 300, 1854 schon über 400 Dampfschiffe im Gange, welche alle pulsirenden Hauptadern dieses Systems (das ein Drittel der Oberfläche Europa's, 53,000 HHM. bewässern würde) auf und ab in den lebendigsten gegenseitigen Verkehr setzen. Auf dem Indus, Ganges, Irawaddi, Nil, La Plata, und selbst auf dem Riesen aller Ströme des Erdballs, dem Amazonas, der mit seinem Geäder halb Europa (88,000 H>M.) bewässern würde, haben schon ähnliche Dampfschifffahrten begonnen. Welche gegenseitige Annäherungen stehen an solchen Stromlinien von 400 und 300 Längenmcilen Userstrichen und Uferstädten bevor, die früherhin fast unerreichbar weit auseinander lageu. Schon au unseru europäischen nur geringen Stromlinie«, wie an Donau und Rhein — welche Nachbarschaften sind dadurch fchou hervorgerufen zwischen Süddentschland, dem Poutus, dem Orient, Trapezuut, zwischen den Märkten von Mainz, Cöln nnd London! Auch alle Landseen sind verkleinert und ihre Ufer der Civilisation gewonnen worden, vom Balaton iu Ungarn bis zum Kaspischeu und Aral See in Asien und der großen Seeugruppe in Nordamerika. Wahrlich, der mächtige Einfluß des historischen Elements auf die Entwickelung des Planeten und seine geographischen Verhältnisse tritt auf das Bestimmteste entgegen. Aber dieser Einfluß ist uicht für alle Erdstelleu derselbe, nicht für alle Localitäten gleich. Wie es zurückbleibende Völker giebt, so auch zurückbleibende Erdstellen, während andere als planetarisch besonders bevorzugte in dem Entwickelungsprozesse deutlich hervortrete». Uud eine solche Stellung nimmt unter andern auch Europa entschieden ein. Europa, uuter allen Erdtheilen in seiner eigenthümlichen ccutraleu Weltstellung zur Laud- uud Wasserhalbe der Erde, ist derjenige, welcher mit alle» Formen und Gliederungen derselben im vortheilhaftesten Contacte steht; iu dieser Auszeichnung ist ihm keiner der andern gleich. England in dieser centralen Mitte der Länder Begabung der Erdstellen. "> mit Meeresstraßen nach allen Seiten ward dadurch von selbst auf die Beherrschung der Oceane gewiesen. Auch die Erdstelleu haben, wie die Völkerstämme des Planeten, bei seinem Werden ihre eigenthümlichen Entwickelnugsfähigkei- ten für die verschiedene!: Zeiten als Mitgift zu ihrer Ausbildung für das Weltganze erhalten. Dies offenbart sich mit jeder neueu Zukunft mehr und mehr. Die Erde ist kein festgestelltes mechanisches Uhrwerk, sie ist ein fortschreitender göttlicher Organismus. Die Bedeutung der Erde haftet nicht an der einzelnen Erdlocalität aus gleiche Weise für alle Jahrtausende. Auch sie kann ihre unbedingte göttliche Mission, die sie von: Anfang der Schöpfung an im Sternenheere erhalten hatte, durch ihre temporäre rechtzeitige Eiuwirkuug iu den Gang des organischen Entwickelungsprocesses des Kosmos und in der Bestimmuug des Planeten erfüllen. Das zeigt sich an der Vergaugeuheit Asieus, an der Gegenwart Europas und mancher Theile der neuen Welt, während ganz Afrika erst noch eine große Zukunft bevorsteht, wenn die Zeit des Einflusses des historischen Elements auf seine räumlichen Zustände erschienen sein wird. Bisher war das nur an wenigen Stellen desselben, am Randgebiete, der Fall. Der cen- trale Continent der Alten Welt hat seinen ethnographischen Impuls überlebt, und ist in einen für das Ganze mehr neutralen Schlummerzustand znrückgesuukcu. Die Wirksamkeit deö Erdtheiles für das planctarische Ganze hat ihr Iuueres nach außen, vom Centrum auf die Peripherie gewandt. Es stehen die Läudcrbreiten AsieuS und ihre Populationen viel weniger, als zu Alexanders Zeiten, oder während der Bölkerwauderuugeu nud in den nmha- medanischen und mongolischen UmwälznngSperiodeu, durch Land- straßeu oder Binnenverkehr in wechselseitiger Commnnication. Dagegen hat sich der maritime Verkehr durch Küstenstriche, Häfen nnd Gestadeliuieu, außerordentlich gegen die früheren Zeiten entwickelt. Die Peripherien haben sich überall durch Schifffahrt und 7l! Perfectibilität des Erdballs. sichere Küstenbestünnmngen, durch Dampfschifffahrt und Haudels- interesse und durch die fortschreitenden Eingriffe Europas genähert. Die centralen Theile sind dagegen durch Feindseligkeiten, Unsicherheit, politische und religiöse Wirren aller Art aus einander gerückt. Das beweist theils die nur theilweise Zugängtichkeit der meist ungebahnten Gebirgsketten des Ural, Kaukasus, Taurus und anderer, noch weit mehr aber die Barbarei der Völker, die feindlichen politischen Systeme, am meisten der Gegensatz des MuhamedanismuS gegen das Christenthum. Dies ist der Fluch, den die Völker der Erde sich selbst bereitet haben. Die Glanbensscheidewand ist das furchtbarste Hemmnis;, das seit Jahrhunderten Innerasien elend macht, theilweise vernichtet und von der übrigen Welt und ihren Fortschritten isolirt hat. Doch auch diese Verhältnisse sind nur stationär, nicht absolut festgewurzelt, sondern wandelbar. Die politische Scheidewand der Chinesen, die religiöse Scheidewand der Muhamedaner ist theilweise unter unsern Augen eingerissen. Wege werden immer mehr gebahnt, auch auf dem Euphrat und Tigris der Muselmänner durch Dampfschifffährt uud archäologische Interessen Vermittelung veranlaßt, und die Donauschifffahrt hat schon längst Mitteleuropa dem schroffen Sultanat von Con- stantinopel und dem ganzen mühamedanischeu Vorderasien näher gebracht. Das Missionswesen arbeitet am Verein der Ideen, wie die Schifffahrt und Dampfschifffahrt am Verein der Völker und ihrer Productionen gearbeitet hat. Der fortschreitenden Perfectibilität des Erdballs sind überhaupt keiue Grenzen gesteckt. Eine Durchbrechung der Landenge von Panama, die Ausführung jenes vielfach projectirten Kanals durch Mittelamerika würde die Ostküsten Asiens von Korea, China, Japan dem atlantischen Gestadelande, der europäischen Civilisation (oder der ganzen Westhälfte Europas, auf einmal um 1500 Meilen näher bringen. Um ein Viertel des größten Erdkreises würde Perfectibilität des Erdballs. 77 der directe Verkehr zwischen der europäischen und der chinesischen Welt begünstigt sein, wenn man nicht mehr das Cap Horn zu umfahren hätte. Und das ganze Ostgestade Amerikas würde dadurch mit seinem eigenen Westgestade erst in directe Verbindung treten, und der Erdtheil sich in der That verdoppeln. Der pro- jectirte Kanal von Suez würde eben so die Annäherung Ostindiens zur alteu Continentalwelt über Syrien und Aeghpten an Griechenland und Italien herbeiführen und eiue ganze Schaar von Ufcr- stationen bedingen. Die Wcgebahnung des Ural, des Kaukasus, des Himalaya, der Cordilleren bleibt dem Eingriff des historischen Elementes noch zu vollführen übrig, das seinen Einfluß auf die Rockh Mouutains oder das Felsengcbirge Nordamerikas, zur Verbindung seines Ostens mit dem Westen zu üben beginnt. Eisenbahnen durch die ccntralen Gebiete Afrikas würden dem Schicksale der Ncgerwelt eine andere Wendung geben. Die möglichen Metamorphosen, denen der Planet dnrch das Element der Geschichte, in Beziehung auf seiue Raumverhältnisse entgegengeht, sind nicht vorans zu sehen, nicht voraus zu berechnen. Gehen wir von diesen Blicken in die noch ferne Zukunft auf die frühern Jahrhunderte, frühesten Jahrtausende zurück, auf jene Zeiten, als die Völkergeschlechter überall noch ohne Knnst- mittel, lediglich auf sich selbst uud auf ihre Heimath beschränkt, ja an ihre Erdscholle wie gefesselt waren. Weltverbindnng durch Meere uud offene Oceane fand noch nicht statt, überall waren stationäre Verhältnisse vorherrschend. Damals hatte demnach die Weltstellung der Länder uud Erdthcile nach ihren größten ränm- lichen Annäherungen gegen einander eine natürlich ganz andere, wichtigere Bedeutung als heutzutage, wo wir zur Stellung der Contincnte auch noch die der Oceane und ihre Bewegungen zum Gesammtbilde mit hinzunehmen müssen. Die Wanderuugsgeschichte der Urvölker der Erde, die Verbreitung der Cnltnrgeschichte des Menschengeschlechts, die Uebertragungen und Verpflanzungen aller 1^ Aelteste Culturlander. Natnrproductionen verschiedener Länder nnd Klimate, sowie die Traditionen der wichtigsten Ideen, gingen von dem Innern der Alten Welt erst nach ihren Peripherien und Extremitäten aus. Die Art dieses Fortschreitens und Verbreitens, wie es die Geschichte verfolgt, bietet anch ein geographisches Phänomen zur Beobachtung dar, welches vom allgemeinsten Gesetze der Raumver- theilnng, von der Weltstellnng der Erdtheilc selbst nothwendig bedingt ward. Ohne diese würde der Weltgang ein ganz anderer geworden sein. Nicht von den äußersten Gliedern etwa im Norden, Osten, Süden oder Westen nahm dies Phänomen seinen Ausgang. Es trat ans der geographischen Mitte hervor, aus dem Conflict des Orients, des Südens und des Occidents. Westasien, Nordostafrika, Südosteuropa wurden die ersten und ältesten Culturländer der Erde, denen die Völker der übrigen Erdbreitcn das Licht, wenn schon durch die zweite und dritte Hand verdanken. Es ist die geographisch begrenzte Erdstrecke von Hochindien bis Griechenland und Italien, nnd am Nil Aeghptcns über den Euphrat und Tauais bis zum Oxusstrom im Baktrischen Lande. Die größte räumliche Annäherung der drei Erdtheilc der Alten Welt bildete sich aus zum classischen Boden der Weltgeschichte, durch füus tiefe Meereseinschnitte merkwürdig gegliedert. Es hat derselbe auf alle Hauptbegebenheiten des Menschengeschlechts, auf Wanderungen der Völker und Ansiedelungen, aus Verbreitung der Menschenracen oder Varietäten, der Sprach- stämme, der Völkergeschlcchter, der religiösen Culte, der großen Kriegesgeschichten und der Staaten Meine den verschiedensten Einfluß geübt. Dcu historischeu Erscheinungen aller Jahrtauseude liegt dieser Erdraum wie eine charakterisirende Folie unter, die jeder derselben ihre räumliche Gestaltung und einen eigenthümlichen Schein giebt. Das Verhältniß seiner Weltstellnng wird im Gange der Cultureutwickelttttg, wenn anch nicht mehr so hervorragend, wie in der Periode der Vorwett, doch zu alleu Zeiten von cincm A-lteste Kulturländer, 7>> vorwagenden Einflüsse bleiben. Er verdient daher durch seinen alten bewahrten Adel unstreitig vorzugsweise eine sorgfältigste geographische Erforschung, sorgfältiger als sie ihm gewöhnlich bisher zu Theil geworden ist. Bietet die junge aufsprossende Saat der Länder in Westamcrika und Australien für den Fortschritt der Naturwissenschaft und Physik der Erde ein überwiegendes Interesse dar, so dieser classische Boden der alten Welt für die Historie. Die Planetenstellen, wie Indien, Aegypteu, Palästina, Griechenland und andere werden in Rücksicht des geistigen Uebergewichtes ihres historischen Elementes, durch alle Geschichtsperioden als die ausgezeichnetsten räumlichen Individualitäten iu der Plastik des Erdballs ihre Bedeutung auch sür die andern Erdtheile und die Neue Welt behaupten, gleich den hervorragenden Biographien Plutarchs, die ewig gültige Musterbilder in der Geschichte sind. Daraus geht auch der wesentliche Unterschied einer methodischen Behandlung der alten Geographie, die es mit diesem classischen Boden zu thun hat, von der Geographie des Mittelalters hervor. Die letztere, obschon eines erweiterten Erdkreises bedürftig, hat noch nichts mit dem generellen Ucberblick des ganzen Erdenrunds in seinem Wcltzusammcnhange zu thun, in welchem nun erst die Physik der Erde in der höchsten Bedeutung ihrer grandiosen Natnrformen und Mustertypen, so wie in deren Causalzusammenhange, auf Natur und Weltgeschichte in Vergangenheit, Gegenwart, selbst für die Zukunft zur Sprache kommen muß iu der allgemeinen vergleichenden Erdkunde der Gegenwart. Denn für die Zukunft beginnt die Erde schon jetzt anderen Umgestaltungen ihrer Verhältnisse entgegenzugehen. Von diesen allgemeinen Grundzügen gehen wir nun zu der Configuration oder der Gestaltung der Erdoberfläche selbst über, zu deren tieferer Auffassung ihrer Verhältnisse wir nnn schon einigermaßen vorbereitet sein werden. 80 Zweite Abtheilung. Genauere Betrachtung der Oberfläche der Erde. Wir gehen nach den einleitenden Vorträgen zu der unmittelbaren Betrachtung der Oberfläche des Erdballs über. Mit dem flüssigen Theile der Erdoberfläche beschäftigt sich die Hydrographie, mit dem festen, rigiden die Geographie im eigentlichen Sinne. Die Hydrographie übergehen wir. Abgesehen davon, daß sie uns in fast unermeßbare Gebiete führen würde, bildet ihr eigentliches Studium einen Theil der Nautik. Wir können endlich auch darum getrost an ihr vorübergehen, weil wir vorzügliche Werke über die Oceanographie besitzen. Wir wenden uns also zu dem Festlande und werden die flüssige Masse nur in sofern mit in den Kreis der Betrachtung ziehen, als sie auf die feste Masse von Einfluß ist. Land nennen wir die vom Meeresspiegel unbedeckte Erdoberfläche, sowohl das eigentliche Festland im engern Sinne (Con- tinent), als auch die Inseln: der Unterschied beider ist ja mir relativ. Zum Festlande gehören also auch alle Einsenkungen desselben, selbst wenn sie von süßem Wasser, wie von Seen oder Flüssen eingenommen sind. Das Festland ist ein Continuum von Unebenheiten im Gegensatz des Meeres, das nur eine gleiche Meeresfläche darbietet. Ebenheit bezeichnet horizontale Gleichheit der Oberfläche; Unebenheit den Contrast von tief und hoch. Mathematische Ebenheit fehlt gänzlich auf der Erdoberfläche, und auch Gleichheit im physischen Sinne ist eine große Seltenheit. Sie ist immer nur auf geringe Räume eingeschränkt, ineist alte Seeboden, die nach der Befreiung von ihrem Wasserstande wagerecht erscheinen, wenn sie es auch nicht sind. Die norddeutschen Ebenen sind immer noch sanftwelliger Boden. Die ungarische Donau- Ebenen. 81 Ebene, die lombardische Po-Ebeue haben immer noch bedeutende Senkungen, wenn sie auch dem Auge des Beschauers horizontal erscheinen. Demi Mailaud liegt noch 400' über dem Adria-Meere, wohin sich die Ebene hinabsenkt, obgleich sie bei dieser Stadt und im mittlern Polaufe dem Auge als volle Horizontalsläche erscheint. Pesth ist noch immer 215' über dem Meere, wenn schon die Senkung der ungarischen Ebene bis zum schwarzen Meere dem Auge fast unmerklich ist. Und die größten Ebenen am Amazonenstrome, auch die berühmten Llanos am Orinoco, die A. v. Humboldt ebeneu Meeresflächeu vergleicht, haben doch uoch ihre bedeutenden Senkungen von West gegen Ost. Die Mitte dieser Aanos im Nordwesten des Orinoco fand er, bei der Stadt Cala- bazo, 100 geogr. Meilen vom Meere, freilich nur 180 Fuß über der Meeresfläche, also weit niedriger als die Ebene bei Mailand und Pesth, aber doch noch keine absolut horizontale Ebene. Beide größte Horizontalebenen sind es aber nur darum, weil sie trockeu gelegter Meeresboden sind. Wie die lombardische Ebene einst längs dem Bassin des Polaufes aus dem Adria-Mcere überfluthet wurde als die Wogen uoch bis an die Cottischeu Alpen und die Apenninen schlugen; eben so niedrig liegt das Meeresnfer an der Mündung des Oriuoco uud Essequebo, uud die Atlantische Flnth konnte einst durch das ganze Bassin der Llanos westwärts ohne Hemmung, längs der ganzen Sierra de Venezuela im Norden und der Sierra de la Parime im Südeu bis an das Cor- dilleren-Gebirge von Merida und Pamplona hinflnthen. Niedernugeu uud Erhebungen bilden also überall die Unebenheiten auf der Erdoberfläche. Beide ragen über den Nullpunkt der Meeresfläche') hervor, und dies ist ihre absolute Höhe. Die Differeuz ihrer Erhebungen, in der sie gegenseitig unter einander ') Die ideale Verlängerung des Meeresspiegels, wie solcher unter dem Lande sich sortsetzen würde, liefert die eigentliche Grundflache, von der alle Messungen ausgehen. Ritter allgem, Erdkunde. 6 ^ Relative und absolute Höheu. stehen, nennen wir ihre relativen Höhen. Beide geben die Reliefformen der Erdoberfläche. Die absoluten Höhen über dem Meeresspiegel oder dem Horizont des Oceans können auf verschiedene Weise gemessen werden. Liegen sie unmittelbar am Meere, so sind sie dnrch einfache Winkelmessungen leicht zu bestimmen. Je großer ihr Abstand vom Meere, desto schwieriger die Messung. Nnr durch längere und comvlicirtere Operatiouen durch Nivellements, durch fortgesetzte Reihen trigonometrischer oder Winkel-Messungen; durch das Barometer zur Abwägung der über ihnen sich erhebenden Luftschichten, oder durch deu Apparat mit kochendem Wasser, dessen Siedepunkt in verschiedenen absoluten Höhen verschieden ist, sind absolute Höheu zu ermitteln. Ueber diese Methoden giebt die Physik vollständige Lehre. Da die Bestimmungen der absoluten Höhen in den frühern Zeiten fast ganz unbeachtet geblieben, und ihre genauesten Ermittelungen oft sehr schwierigen Messungen und Berechnungen unterworfen waren, so sind fast alle Höhenangaben in den frühern Jahrhunderten (wenige, wie die vou La Coudamine, Saussure und de Luc in deu Cordillereu und Schweizer AlM ausgenommen) nur Schätzungen relativer Höhen gewesen. Alle unwissenschaftlichen Reisenden ohne Meßinstrumente konnten nnr relative Höhen abschätzen, nnd da diese mit den absoluten größtentheils verwechselt wurden, so sind dadurch iu die frühern Beschreibungen sehr viele Irrthümer verbreitet worden. Erst in der neuern Zeit ist die Hypsometrie wissenschaftlicher betrieben worden. Um diesen Irrthümern nnd dem schwankenden populären Sprachgebrauch, der bei so vielen geographischen Ausdrücken in die compcndiarische Beschreibung" eingedrungen ist, zu begegnen, folgen wir einer bestimmten Terminologie, die bis jetzt freilich noch willtührlich genannt werden muß, weil die dazu nothwendigen Messungsrcsnltate noch viele Lücken anszufülleu übrig lassen, die aber durch Vervielfachung der Messungen einer fortschreitenden Hochländer und Tiefländer. 83 Berichtigung und endlichen Feststellung fähig bleibt. Wir unterscheiden nicht blos ein relatives, sich auf das Verhältniß zum Meeresspiegel beziehendes, sondern ein absolutes Hochland und Tiefland auf der Erde. Es soll damit keine Definition, keine Erschöpfung des Begriffs gegeben sein, sondern nur das Verhältniß des Gegensatzes in der äußern Erscheinung für verständlichen Sprachgebrauch bezeichnet werden. Die großen Länderstrecken mit sehr geringer mittlerer Erhebung nennen wir Niederungen oder Tiefländer. Es sind meisteutheils flache, weite Länderflächen mit geringen Erhebnugen. Die großen Länderstrecken mit sehr bedeutender mittlerer Gesainmt- erhebuug uenneu wir dagegen Hochländer der Erde, öfters auch Plateauländer genannt. Hochländer oder Plateauländer können auf ihrem Rücken große Horizontalflächen tragen, aber auch wellige oder gehügelte Oberflächen haben, oder anch von sehr hohen Hervorragnngcn bedeckt sein. Dies ändert das Wesen ihres Charakters nicht um, das in dem stetigen Znsammenhange der bedeutend hoheu Massen besteht, also geschlossene Massenerhebung der Erdrinde ist. Der mannigfache mögliche Wechsel ihrer Oberflächen bezeichnet nur verschiedene Modificationen derselben, die denn auch wohl mit deu Ausdrücken Flachland, Ebene, Wellenland, Hügelland, Bergland, aber nur in einem andern, nämlich blos relativen Sinne bezeichnet werden können. Auch ans der Form der Niederung oder des Tieflandes können hier und da einzelne Kegel oder Höhen emporsteigen und sie auf kürzere Strecken unterbrechen, wenn sie sich nnr in ihrem Wesen der Niederung weiter im Zusammenhange ihrer Theile gleichartig fortsetzt. Die Hochländer liegen meisteutheils mehr nach dem Innern der Continente zu, die Tiefländer mehr an den Küsten der Meere. Doch giebt es auch Ausnahmen. In den gegenseitigen Begrenzungen der Hoch- und Tiefläu- 6* Uebergangsfvrmen. der herrscht die größte Mannigfaltigkeit. Man kann etwa dreierlei Begrenzungen unterscheiden: eine schroffe, plötzliche, mit der eiu größter Coutrast von Höhe und Tiefe hervortritt; einen allmählichen Uebergang, der kaum zu bemerken ist; oder das Hochland fällt in Stufen oder Terrassen zu der Tiefe. Doch auch in diesen Uebergängen findet wieder eine so große Mannigfaltigkeit statt, daß sich, wie in allen Natnrformen, keine inathematischen Grenzmarken abstecken lassen. Ucberall treten Mo- dificationen der Grundverhältnisse hervor. Das indische Tiefland des Indus und Ganges steigt nordwärts schroff und Plötzlich zum Hochlande von Tübct empor. Ebenso das Tiefland der Südseeküste Südamerikas ostwärts schroff zu dem Hochlande von Peru und Quito. Allmählich ist der Uebergang des uorddcutschen Tieflandes der Elbe und Oder von dem baltischen und Nordseestrande südwärts durch Mitteldeutschland, Sachsen, Böhmen und Franken zu dem bairischen Hochlande am Nordfnß der Alpengebirge. Terrassenländer mit entwickelten UebergangSstufen sind das Spanische Hochland von Süd gegen Nord; der Nordabfall des cen- tralen Hochlandes von Asien nordwärts gegen Sibirien; der Ostabfall des Peruanischen Hochlandes gegen das Niederland des Amazonenstromes. Eben so verschieden sind die absoluten Höhen der Hochländer über dem Meereshorizont. Doch steigt die Gesammterhcbung der großen Hochländer keineswegs zu so kolossalen absoluten Höhen auf, wie die der isolirten Gebirgsgipfel und Gebirgsketten. Diese erreichen die Höhe bis zn einer deutschen Meile (24,000 Fuß senkrecht), ja selbst noch in einzelnen Gipseln darüber hinaus, wie in den Riesenpiks des Himalaha. Im Mount Everett 27,000 F. ist die Masse der Erdrinde zu ihrer größten Höhe emporgestiegen, wenn nicht im Süden desselben noch höhere Punkte aufgefunden werden. Hochländer. ^5 Hochländer. Die Hochländer als Contiuuitäten, als stetig geschlossene Massen der Erdrinde, erreichen zwar zuweilen die Hälfte oder den dritten Theil (12000 —8000 F.) der höchsten Gebirgshöhe, aber nur selten. Im Durchschnitt liegen sie 4000—5000 F. über dem Meere. Wir nehmen die letztere Höhe willkürlich als einen Ein- theitnngsgrund für zwei Hauptklassen von Hochländern an. Die einen steigen über das Maß empor, die andern bleiben hinter demselben zurück. Willkürlich nennen wir die Tbeiluug, weil die blos relative Bezeichnung des hoch und niedrig als Maßstab für geographische Verhältnisse zu unbestimmt bleibt. Erst wenn alle Höhen und Tiefen der Erdoberfläche gemessen sein werden, wird sich ein absolut gültiger Maßstab für alle hypsometrische» Verhältnisse in ihrem Durchschnitte für ihre Uebergänge und Extreme finden lassen. Bis dahin kann für einen verständlichen Sprachgebrauch die willkürliche Abtheilung in zwei Klassen dienlich sein, denen sich dann alle andern Modificationen bestimmter und anschaulicher unterordnen. Hochländer oder Plnteaulandschaften erster Höhe oder Größe. Plateaus erster Klasse ucnncn wir also massige und stetige Gesammterhebuugcn, die über 4—5000 F. steigen. Die extreme Erhebung eines Hochlandes erster Klasse nach oben hin ist noch zu ermittelu übrig; nach unten geht diese Form in die zweite Klasse über. Der Uebergang nach unten ist zuweilen sehr schwierig zu ermitteln. Die Hochplateauflächcu Asiens steigen über 14000 F. Es sind die Gegenden um die Quelle» des Ganges und des Indus. Ganz Centralasieu ist zwar massenhaft mit Hochländern bedeckt, aber sie gehören keineswegs zu den höchsteu und verbreitetsten. Sie sind immer noch kolossal durch die weiten Räume, die sie OstasiatischeZ Hochland. einnehmen, aber nur einige durch ihre große absolute Höhe, während andere in ihren Erhebungen mannigfaltig wechseln. Das Plateau von Tübet erreicht in seiner ganzen großen Ausdehnung von 400 Meilen Länge und über 100 Meilen Breite (40,000—50,000 üM.) eine mittlere Höhe von 10,800 F. P. über dem Meere, einzelne kleine Räume heben sich noch höher. So das Plateau um die heiligen Manasa-rowara-Seen gegen 14,070 Fuß. Andere Plateaus in ihrer Nähe senken sich tiefer, wie das InduS- thal, in welchem Leh oder Ladak, die Hauptstadt von Klein-Tübet liegt, bis 9378 Fuß. Ebenso Gertopc (die Schäferebene Dab- Shan-tnng, das Vaterland der Shawlzicgen) und Shipke bis 9804 Fuß. Das Plateau von Groß-Tübet im Osten zu Lhassa, der Capitale, nördlich vom ober» Brahmaputra (oder Aam-Dzangbo- tscha) 9000 Fuß. Dazwischen liegen andere mit höhern Berggruppeu erfüllte Räume, aber auch tiefere Einsenkungen an den Flußläu- fen des Indns, Sntledge, Brahmaputra, bis 5460 Fuß, wie um Kaschmir — so daß es auch hier an Wechseln der Oberfläche nicht fehlt. Das Plateau der Mongolei oder bestimmter der Wüste Gobi oder Chamo kann nur am Südrande gegen Chinas Nordgrenze hin zu dieser ersten Klasse der Hochländer gezählt werden, obwohl es seinem Flächenraum nach weit über 100,000 m Meilen einnimmt. Nur gegen die Nordwendung des Hoangho und gegeu Peking steigt es noch zu 8000 F. ans, fällt dagegen im Norden an der chinesischen Grenzmaner zu 5100 Fuß, weiterhin zu 4000 Fuß ab; in der Mitte der hohen Tafelfläche schon zn einer mittlern Höhe von 3600 bis 2400 Fuß gesunken, steigt es an den Quellen des Orchon und der Tula, am Changgai bei Karakorum und der Station Urga wieder zu 462 Fuß auf, senkt sich dann in Terrassenabsätzen viel tiefer hinab, bei der Grenzstadt Nordchina's Kiachta zu 1330 Fuß, zu Selenginsk an der Selenga zu 1632 Fuß, zu Verch-Udaisk ebenda zu 1458 Fuß, bis zum Spiegel des Afrikanisches Hochland. 57 Baikal-Sees 1332 Fuß nach A. v. Humboldt (1655 »ach Er mau). Die westliche Mongolei, jenseits des Meridians von Lhassa (92^° O.L. Greenwich), wo der Tarim zum Lop-See fließt, die hohe Bucharei oder das hohe Turkestan wurden früher auch für ein Hochland gehalten. Neuere Forschuugeu machen diese Annahme unhaltbar. Weiter unten kommen wir auf die augeregte Frage zurück. Afrika hat auch Hochländer erster Klasse, die sich jedoch nicht zu der enormen Höhe der eben betrachteten zu erheben schei- neu. Wie iu Asieu, so hat auch für Ceutralafrika die frühere Hypothese von einem sehr weit verbreiteten Hochlande kolossaler Art durch fortschreitende Beobachtungen manche Beschränkung erfahren. Für das ?and von 10° bis 4° N.Br. ist es durch B arth uud Vogel entschieden, daß so weit gegen Norden kein Hochland vorspringt. Das von Mnngo Park erkundete Gebirge Kong, das man als den Nordabfall einer ceutralen hohen Plateaumasse in Anspruch nahm, ist nicht vorhanden. Die dort wirklich sich erhebenden Berge in Kong sind keine Kettenzüge, sondern nur. isolirte Kegelgruppen von mäßiger Höhe; zwischen ihneu hindurch setzt das Tiefland ungestört sich weiter gegen Süden in noch unbckauntc Fernen fort. Wo weiter im Südeu, ob um die äquatorische Mitte des Erdtheils, oder uoch weiter südwärts, das Hochland von Südafrika beginne, bleibt noch unermittelt. Denn die von Rebmann und Krapf im Parallel von Mombaza (uuter 1 bis 3° S.Br.) im Juueru des Hochlandes erkundeten und gesehenen Schneeberge Kili-Mandscharo und Kenia sind auch nur Riesenberge, abtr keine Plateanhöhcn erster Klasse. Sie liegen auf einer niedern Plateanfläche von etwa 2000 F., zu welcher Krapf im Jahre 1849 hinaufstieg. Dagegen steigt das Abhssinische Hochland bis zu der riesigen Höhe eines Plateanö der ersten Klasse empor. Unter ?5 Afrikanisches Hochland. 10° N.Br., südwärts der Quellen des Blauen Nils, liegt Ober- Habesch oder das südliche Königreich Schoa mit den Residenzstädten Aukobar und Augololla, 10,000 F. über dem Meere. Noch nördlicher, im Abyssiuischeu alteu Königreiche Gondar maß der deutsche Naturforscher Nuppel 1838 die Höhe des Tzaua-Sees bei 7000 F. Mcercshöhe; südlicher davon steigt das Laud noch höher auf, nördlich von Gondar hebeu sich die Plateauwogeu bis 8000 Fuß, darüber Berge bis zu 14077 Fuß. Die östliche Vor- tcrrassc Axum ist noch 6650 F. über dein Meere. Noch südlicher als Schoa liegen die Hochländer Kassa und Enarea. Die Reisenden stimmen darin übereiu, daß ihre Bewohner hellfarbige Völker seien; Iohnston zieht daraus deu Schluß, daß das centrale Plateau uoch höher als 10,000 Fuß aufsteige» müsse, um Hellerhautfarbige Völker, als die Schwarze» der »iedrigeren Umgebungen, beherbergen zu können. Er sah selbst viele derselben, die von? fünften Grade südlicher Breite herkamen, nicht von Gebirgen, sondern von Hochebenen. Das Plateau vou Südafrika steigt zu Litaku im Lande der Betschuancu im Norden des Oranje-Rivier bis zu 6000 Fuß auf. Ostwärts hebt es sich gegen die Kette des Schnccbcrgs, wo der Fluß entspringt, noch höher empor, über 10,000 Fuß. Weiter uordwärts ist die Entdeckung seit 1849 bedeutend fortgeschritten, Hier fanden auf eiucm weiten Platcaulande Oswell uud Li- vingstone den großen See Ngami, dessen Spiegel 2825 Fuß nach ihrer Angabe über dem Meere liegt. Das Plateau, dessen tiefste Stelle der See einnimmt, kann uicht unter 3000 Fuß hoch sein, wahrscheinlich an manchen Stellen wohl höher. Nördlich von da unter 14° S.Br. auf der Wasserscheide zwischen Zaire im Westen und Zambeze im Osten, ist das Plateau nach Livingstonc 5000 Fuß hoch. Weiter gegen Westen ist es entschieden höher, und steigt bis zur absoluten Höhe der ersten Klasse auf. Hier erstieg Fr. Galton auf seiner Entdeckungsreise (1850) unter 18° Afrikanisches Hochland. 59 S.Br. das Hochland Ovampo, ein reiches Ackerland. Auf dem Wege dahin von Süden gegen Norden, unter 21° S.Br., also im Parallel mit dein See Ngami, aber 100 Meilen westlicher, überstieg er im Norden des Swakop-Flnsses das Platcanland der Damara, das er durch Messung 6000 Fuß hoch fand. Auf demselben ragen noch höhere Berggipfel in einzelnen Gruppen auf, wie der Koniati, der Ometako, nach Messung bis 8800 Fuß. Vom Swakop-Flusse bis zum Ngami-See zieht ostwärts ciu gleichförmiges Hochland fort. Wenn also hohe Platcaubilduug iu der äquatorischeu Mitte Ceutralafrikas für die Strecke bis 9° N.Br., ja durch die wiederholten Beschiffnugen des Bahr el Abiad oder Weißen Nils bis 4^°, oder selbst bis 4° 10' nicht angenommen werden kann, so scheidet sich dort gerade am weißen Nil unter 4° 10' deutlich Niederlaud uud Hochland. Kataracten hindern die weitere Be- schiffuug. Hier kehrte Pater Kuoblecher (1849) zwar um, bestieg aber im Lande des Barh den ersten der dort aufsteigenden Berge. Sein Blick von der Berghöhe uuter 4° 10' N.Br. reichte bis gegeu die sehr hohe» Berge iu der Nähe des Aequators. Merkwürdig, wenn er sagt, daß jene hohen Berge sich in ungeheure Ebeneu ausdehnen. Also hier, gegen die obern Quellen des Weißen Nils ebenfalls ein hohes Plateauland. Auf einem solchen Plateau mögen sich dann die von Nebmann und Krapf in der Nähe des Aequator aus der Ferne erblickten Schnecberge erheben, die sie für das Qnellgebirge des nordwärts ablaufenden Nilstromcs halten. Auch im Nordwesten Afrikas, unter 10° N.Br., nennt man das Quellgcbiet des Senegal und Niger den hohen Sudan, unter Voraussetzung eines quellcnreichen Hochlandes, dessen Erhebung auch bedeutender Art zu sein scheint. Doch fehlen alle Messungen und genauere Augaben. Amerika besitzt viele Plateauländer der ersten Klasse. Zu 90 Amerikanisches Hochland. den vorzüglichsten gehören diejenigen, welche durch A. v. Humboldt's Arbeiten zuerst gemessen und bekannt wurden. Erst durch ihn konnte überhaupt der Begriff des Plateaulandcs der Erde, der bis dahin nur zu häufig mit dem des Gebirglandes vermischt wurde, und völlig unklar geblieben war, in die geographische Be- trachtnng der Hauptformen der Erdoberfläche eingeführt werden. Da dieser Begriff in seiner Neuheit leicht einer falschen zn generellen Anwendung unterworfen war, so führte ihn derselbe Forscher auch auf feiuen wahren Werth zurück, soweit dieser in Folge noch lückenhafter Messungen auf dem Erdball vermittelt werdeu kann. Die Resultate bestimmter Messungen, wie sie-in Asien und Afrika großentheils noch fehlen, geben folgende Daten für Süd-, Mittel- und Nord-Amerika. Zu den Plateauländern erster Klasse (sie heißen in Peru die Hohe Welt im Gegensatz zu der Niedern Welt, d. i. der flachen tiefliegende!? Küstencbencn) gehören in Südamerika nuter 0° das Quito-Plateau, 8960 F. P. über dem Meere, nahe 9000 (Los Pastos im Nordosten, nahe 11,000 F.) und südlich unter 17° S.Br. das Plateau von OberPeru. Hier der kolossale See Titicaca in der Höhe vou 12,060 Fuß. Noch höher steigt das Plateau auf der Ostseite des Sees, im Mo de Toledo zn 14,000 Fuß, also bis zur höchsten tübctanischen Ptateauhöhe. Unter 20° S.Br. im Süden des Titicaca - Sees die Bergstadt Potosi, deren Straßenpflaster 12,822 Fuß über dem Meere ist In Centralamerika liegt unter 20° N.Br. das 100 M von Westen nach Osten ausgedehnte Platean von Mexico 7020 Fuß, im nördlichen Neu-Mexiko das Plateau vou Santa F e am Rio Grande unter 35° N.Br. auf der Ostseite der Nocky Mountains, 7100 Fuß über dem Meere. Wenigstens eben so hoch ist es an deren Westseite nordwärts des Rio Colorado gegen den großen Salzsee der Mormonen hin. PlateaMuder zweiter Größe. 91 Europa und Australien fehlt diese Form der Massenerhebung der Plateaus erster Klasse, wie überhaupt dem flachen Norden des Erdballs; doch ist es nicht ermittelt, wie weit sie in den höchsten Norden Amerikas hinanfreicht. Plateauländer zweiter Größe. Gesammterhebungen großer geschlossener Räume der Erdrinde, die in mittlerer Höhe unter 5000 und 4000 Fuß zurückbleiben, rechnen wir unter die Plateanländer zweiter Klasse. Sie sind viel allgemeiner als jene der ersten Klasse über die Erde vertheilt; in jedem der Erdtheile tritt ihre Form in den mannigfaltigsten Abstufungen, oft bis zum Unscheinbaren hervor, so daß ihre untere Grenze oft nicht leicht zu bestimmen ist. Hier kommt es nur darauf an, der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen durch gewisse Grnndverhältnisse zu Hülfe zu kommen, um den Ueberblick des Ganzen zu ermöglichen und in demselben zu orien- tiren. Die speciellen Ermittelungen müssen überall das Generelle vervollständigen, und zugleich berichtigen. Daß im hohen Centralasien nicht alles Land in der ungeheuren Ausdehnung von Tübet bis zum Altai, und von dem Bolor im Westen bis zur chinesischen Gobi im Osten, in demselben Maximum der Plateauhöhe erster Klasse verbleibe, ist durch das russische Nivellement zwischen dem Baikal-See, Kiachta und Peking von Fnß und Bunge (1832) hinreichend dargethan, und durch Klaproth, A. v. Humboldt und Zimmermann auch aus der Westseite der Gobi höchst wahrscheinlich gemacht. Gegen Nordwest aber senken sich von der mittlern Höhe der Gobi von 4000 Fnß Plateaulandschaften, insgesammt der zweiten Klasse angehörig, bis zum Baikal (1332 Fnß über dem Meere) und Saison-See (keine 1000 Fnß), und zu den Vorstufen von Choimailocha, dem chinesischen Grenzposten gegen Sibirien (1000 Fuß) zu den niederen ' Vorstufen der Plateaufläche von Bnchtarminsk (936 Fuß) und Se- 92 Niedere asiatische Plateaus. mipalatinsk (708 Fuß) am Irtisch hinab, wo bald die Grenze der großen sibirischen Niederung ihren Anfang nimmt. Im Gesenke des Tarim und Lop-See bis gegen Aksu würde zwar das Gedeihen von Granaten, Weintrauben, wie die berühmten in der Oase von Hami, und die Baumwollencultur, die auch in Ili neuerdings trefflich im Gedeihen ist, auf eine Erniedrigung von 2000, vielleicht selbst bis zn 1200 Fuß absoluter Höhe zurückschlicßeu lassen. Gegenüber der wahren Niederung des asiatischen großen Niederlands unter 500 Fuß könnte man aber selbst diesen Strich als Plateaubildung zweiter Ordnung bezeichnen. Das Plateauland von Persien oder Iran (in seiner althistorischen Bedeutung) steht gewissermaßen auf der Grenze beider Klassen. Denn während die mittlere absolute Höhe 4000 Fuß beträgt, steigen Anschwellungen viel höher, sinken Eintiefungen unter die Normalhöhe. Sinken und Steigen geht durcheinander. An seiner östlichen Erhebung gegen den Indus liegt das Plateau Kabul 6000 Fuß (die Stadt Kabul 5988 Fuß) über dem Meere. Am Nordrandc das Plateau von Banchan 7500 Fuß (die Stadt Bamhan im Thale 7462 Fuß). Weiter gegen Süden das Plateau von Kandahar 3500 Fuß (die Stadt Kandahar 3264 Fuß). Das Plateau von Kweltah im Westen des Bolan-Passes 5220 Fuß. Noch südlicher das hohe Plateau der Beludschen bis zu 7000 Fuß (die Stadt Kelat 5418 Fuß). In der Mitte des östlichen Persischen Plateaus, im alten Gedrosien, Drangiana, Parthien, um den Zareh-See, ist dagegen die Einsenkung des Iranplateaus am stärksten. Mittlere Höhe am Zareh-See 2100 Fuß, zu Herat im Norden 2628 Fuß. Höher steigt es in Westpersien in der Meridianrichtung des Kaspischen Sees: am Nordrande zu Teheran 3672 Fuß, Schabrad im Südosten von Ostrabad 4000 Fuß, Kasbin westwärts von Teheran 4000 Fuß, Samegon 5700 Fuß. Die tiefste Einsenkung bei Kom und Kaschan ist nicht ganz bis 2000 Fuß über Niedere asiatische Plateaus. dem Meere. Gegen Nordwesten hin erstreckt Iran eine schmale Taille. Da verbindet das Hochland von Azerbid schau, das Feuerland des Zoroaster, Iran mit Armenien. Das verbindende Plateau von 7000 Fnß Mittelhöhe gehört zur ersten Klasse. Westwärts steigt das Armenische Plateau land in verschiedenen Stufen über den Wan-See (5124 Fuß) bis zur Araxes-Ebeue 3000 Fuß, auf welcher der doppelte Kegel des Ararat bis 14,656 Fuß emporragt. Aber die Tafelfläche an seinem Nordsuße, wo Edschmiazin liegt, ist nur 2860 Fuß, Erivan etwas höher, 3312 Fuß, Erzernm auf dem Plateau des Taurus, der obern Euphrat- ebene 5730 Fuß. Die Plateaus von Kleinasien nehmen durch die Mitte der ganzen Halbinsel weit verbreitete Hochebenen ein, gegen Osten (im alten Lhkaouien und Cappadocien) 3000 Fuß, westwärts zu 2000 Fuß herabsinkeud. Für diese Form der Armenischen und Lykaouischen Hochebenen hatte schon Strabo, der ihre charakteristische Gestaltung, weil hier seine Heimath war, als Augenzeuge kennen gelernt hatte, den sehr bezeichnenden Ausdruck o^oTreät«, d. i. Bergebenen gebraucht, der vortrefflich unserm Begriffe der Plateaus entspricht, aber sonst im Alterthume selten vorkommt, wie schon A. v. Humboldt bemerkt hat. Strabo wendet ihn auch schou auf andere Oropedien in Sicilien und Indien an. In Indieu zeigt Dekan sehr charakteristische Formen dieser Art, die stufenweise in Mysore, im Pnuah der Mahratteu, in den Tafelflächcn Nindjan und Malwa sich von 2000 zu 3000 und 4000 Fuß von Süden gegen Norden erheben. Ein herrliches Terrasseuklima und die reichste Fülle aller Natnrbcdürfnisse zeichnen Dekan ans. Anch China muß Plateauländer dieser Art habcu, da der chinesische Ausdruck )ouen sehr genau eiue erhabne große Fläche bezeichnet, die platt ist wie eine Ebene. In Arabien heben sich die Platcaustnfen dieser zweiten !>4 Niedere afrikanische Plateaus. Klasse in umgekehrter Ordnung, wie in Dekan, nämlich von Norden nach Süden. In Syrien im Hauran 2000 Fuß, das Damaskus- Plateau 2200 Fuß, das Plateau von Tais über Mekka 3000 Fuß, das Plateau von Sapaa im südliche» Arabien 4000 Fuß. In Nordafrika hat sich das früher als Tiefland angenommene Gebiet eines Theils der Sahara durch die Messungen und Arbeiten unsrer deutschen Reisenden Overweg und Vogel auf dem Wege zwischen Tripolis und dem Tschad-See vielmehr zu einem mäßig hohen Tafellande der zweiten Klasse von durchschnittlich 1000 bis 2000 Fuß absoluter Höhe herausgestellt. Es beginnt sogleich mit dem Gharian Plateau (2000 Fuß) im Südeu vou Tripoli und sinkt erst gegen den Tschad-See zu einem Tieflande von 800 Fuß herab. Die mittlere Höhe beträgt uach Oudney 1500 Fuß. Es entspricht demnach diese mäßige Plateauhöhe der Sahara dem gleich hohen Plateau der Chreuais (2000 Fuß). Das Atlas-Plateau im Nordwesten des Erdthcils steigt noch zu eiuer höhern Stnse, zu 2000 bis 3000 Fuß; doch ist es bis jetzt uoch an wenigen Stellen genau gemessen. Das Küstenplateau, auf welchem Marokko liegt, 1300 Fuß; der obere Lauf de.s Draa-Flusses gegen die Sahara 3000 Fuß; die weite hohe Ebene, auf welcher Timbuktu liegt, nach Renou's Schätzung 1500 bis 1800 Fuß absoluter Höhe. In Südafrika ist das niedere Plateau der Karru-Ebenen als Vorterrasse des Betjuanen-Plateaus zu dem tiefliegenden Küstenrande der Capcolonie schon auf 3000 Fuß gemessen. Amerika hat uicht wenig Plateaus der zweite» Klasse aufzuweise», die aber der hohen Plateaubilduugen der ersten Klasse zur Seite weniger beachtet zu werde» pflegen, so bedeutende Räume sie auch einuehmen. Längs der großen Seukung der Cordilleren, gegen die großen Niederungen des Orinoco, Amazonas uud La Plata zu, begleiten sie iu langen Zügen den Fuß des lauge» Ketteugebirgs, uud er- Niedere amerikanische Plateaus. ',»!') scheinen mehr als Stufenländer der Uebergänge vom Hochlande zum Tieflande, als daß sie selbständige Formen bildeten. Da, wo A. v. Humboldt sie gegen die Ebene des Amazonas gemessen, hatten sie nur eine absolute Höhe vou 1050 bis 1200 Fuß, aber mehr das Ausscheu von währen Ebenen, und unterschieden sich von dem anstoßenden Tieflande des Amazonenstromes nur durch ihre größere senkrechte Erhebung; ihr Abhang gegen die Strom- vercngung des Pongo von Mauscriche war unmerkbar. Zwischen den nordöstlichen dreifachen Verzweigungen der Transvcrsalketteu der Cordilleren südwärts bis zu deu Ebenen des Orinoco wurdeu von demselben Forscher zehn verschiedene kleinere Plateaubildungen dieser niederen Art gemessen, die unter dem Ausdrucke der Vieiras templg,äas, der tcmperirten Länder, im Gegeusatze der heißeu Niederungen (^lerras oalientas), und der kalten Höhen (lerras ü-ias) in den Küstenländern von Venezuela und Caracas bekannt sind, und zu mittlere» Höhen vou 1800 bis zu 6600 Fuß, also bis in die untere Grenze der ersten Klasse der Hochländer sich erheben. Anch zwischen den Bcrggruppeu Brasiliens werden manche Plateaubildungen niederer Art vertheilt sein, da die Bergzüge dort weniger in großen Ketten als in Gruppen liegen, nicht über 2700 bis 5700 Fuß Höhe zu erreichen scheinen, und zwischen sich große Räume uuter dem Namen der Campos ausgebreitet lassen, die keine Niederungen, sondern vielmehr plateauartige Bildungen der Erdrinde von mittlerer Erhebung zu sein scheinen. Die Südspitze Südamerika's, südwärts des Rio-Negro (45° S.Br.) bis zur Magalhaensstraße, erhebt sich (wie das Plateau der Hottentotten am Südende Afrikas), als Plateau Patagoniens, zu einem wahren Tafellande, von 1200 bis 1400 Fuß Meereshöhe. Es ist vou nackten horizontalen Steinschichten, Porphyr- gestcin, oder ungeheuren Lavaströmen überzogen, nnd in der Richtung von der Ostküste auf dem Santa-Cruz-Strome von Capitaiu Niedere amerikanische Plateaus. Fitz Roh 1837 westwärts beobachtet, bis dahin, wo man in der Ferne die dasselbe begrenzende Schneekette der Cordilleren-Piks längs der Westküste aufsteigen sieht. Es fällt gegen Osten in mehreren Stufenplateaus bis zur schmalen Küstenniederung ab. In Nordamerika ist auch erst in neuerer Zeit die in ungeheurer Breitenausdehuung in Nord-Texas und Jndiana (von Osten nach Westen gegen 250 geogr. Meilen) zu beide» Seiten des Arkansas-Flusses allmählich immer höher aufsteigende Plateaufläche von Arkansas gemessen, die zwischeu St. Louis am Missi- sippi bis Santa-Fe am obern Rio-Bravo sich von 500 bis zu 7000 Fuß erhebt. Sie steigt iu fast gleichförmiger, vorherrschend ebener, oder fast für das Auge unmerklich welliger Oberfläche, unter dem Namen der Prairien bekannt, von Ost gegen West zu verschiedenen Höhen auf. St. Louis im Missisippithale 420 F.; die östliche Arkansas-Plateau-Ebene 1500 bis 3000 F.; das westliche hohe Arkansas-Plateau von 3000 bis 7000 F., wo Santa- Fe iu Nord-Neu-Mexico der Vereiusstaateu auf dem hohen Platean am Ostfuße der Cordillerenkette 7047 F. liegt. Dieses Tiefland in seiner mittleren Erhebung dehnt sich noch viel weiter nordwärts über den Missouri bis zu den nordischen Canadischen Seen aus. Die großeu Seen, der Huronen- und Michigan-See 578 Fuß, und der Obere See 627 Fuß liege» als größte Vertiefungen auf dem dortigen weit ausgebreiteten Cauadi- schen Plateau, das wohl von einigen hundert Fuß bis gegen tausend Fuß als klippiges Plateau aufsteigt, ohne eine eigentliche Gebirgskette zu sein, nur eine Wasserscheide bildend, welche Fremont und Nicollet gemesseu haben. Auch in Australien und Europa fehlt diese Form der niedern Platcaubilduug zweiter Klasse nicht. In Australien ist sie jedoch fast nur auf das südöstlich vorspringende Triangellaud des Festlaudes beschränkt, wo es den bevötkcrtsten Theil, Neu-Süd- Wales, bildet, und unter dem Namen Kings-Tafelland bis zu Niedere Plaleauländer in Europa. 97 2500 Fuß aufsteigt und unter allen australischen Tafelländern den größten Raum einnimmt. In Europa ist die Form des niederm Hochlandes am sichtbarsten vertreten durch das Sp autsche Hochland, das den bei weitem größten Theil der ganzen Halbinsel einnimmt. Auf ihm liegt Madrid in Neu-Castilien 2,100 Fuß, fünfmal höher über dem Meere als Paris im Tieflande an der Seine, gleich hoch wie Innsbruck iu der Mitte des Tiefthales des Throler Alpenlandes zwischen Hochgebirgen: Toledo in der Eiusenkuug des Tajo 1734 Fuß über dem Meere. Die mittlere Höhe dieser südlichen Terrasse von Neu-Castilieu, welche die Mitte Spaniens einnimmt, beträgt 2000 Fuß. Das uördlich daran grenzende Alt-Castilien, welches durch die querlaufende Gebirgskette der Guadärrama von jener Madrider Hochfläche geschieden ist, liegt um 1000 Fuß höher. Burgos in der Mitte 2700 Fuß, Segovia südlich davou 3100 Fuß. Die mittlere Mecreshöhe von Alt-Castilien beträgt 3000 Fuß. Zunächst folgt das Bahrische Plateau in Süddeutschland —1600 Fuß hoch, eine weite Hochebene, auf der München 1570 F. uud Augsburg liegen. Es zieht sich längs dem Douau- laufe von West nach Ost, von der niedern Schweiz l1000 Fuß) ostwärts bis unterhalb Regcnsburg. Nach mittlern Berechnungen von A. v. Humboldt folgen die niedrigern Plateaubildungeu der Auvergue im südlichen Frankreich mit 1040 Fuß Höhe; niedriger das Plateau von Burgund und Lothringen, das sich zwischen den Vogesen und Ardenneu anschließt, 840 Fuß. Limousin, Avehrou, la Forez, Mouts und C6te d'Or sind Plateaus. Das Plateau von Lothringen mit einer mittlern Höhe von 648 Fuß liegt zwischeu Rheiu und Mosel. Das Plateau von Luxemburg reicht nordwärts zur Eifel, wo Prüm, und zu den Ardcnueu, wo Malmedy, Eupen, Namur, Lüttich und Aachen an der Grenze gegen das Niederland liegen. Ritter allgcni, Erdkunde. - 7 Niedere Plateauländer in Europa. Im mittlern Deutschland nehmen niedere Plateaulandschaften bis zu 1000 Fuß absoluter Höhe die Landschaften von Fulda, Oberhesscn, die fränkische Nhön, das kalte Eichsfeld ein, und setzen sich, von Bergländern und Ebenen durchbrochen, durch Obcrschle- sien, Galizien am Nordfuße der Karpatheu, bis Podolieu oder Hochpolen bis zum Dnepr, also durch die Mitte von ganz Osteuropa, fort. Ein nördlicherer Zug solcher an einander sich reihender niederer Plateaubilduugen beginnt mit der Jütischen Landhöhe und tritt in Holstein, Meklenburg, dem ganzen Südrande von Pommern, West- und Ostpreußen bis Lithauen zu den Waldaihöhen auf. Er ist durch die reiche Seenzone charakterisirt, die er in vielen kleinen Bassins auf seinem Rückeu trägt, uud wird von den Flüssen Oder, Weichsel, Memel, Düna quer durchschnitten. Man hat ihn wohl theilweise mit dem Namen der Pommcrschen, der Preußischen Seenplatte bezeichnet. In diesen Einsenkuugen der Seebetten (ihre Spiegel liegen nur iu einer mittlern Höhe von höchstens 300 Fuß), uoch mehr in den Querdurchschnitten der Flußthäler, sinkt der Zug schon überall zu den Niederungen des Tieflandes herab, steigt aber in den darüber sich erhebenden flachen Berghöhen doch nur selten über 500 Fuß, also nur hier uud da bis zur untersten Grenze niedriger Plateaubildung hinauf. Mauche Theile dieser hier und da breitern Seeplatte mögen nur zusammengehäufte Dünenbildungen am Nordrande des großen mitteleuropäischen Tieflandes sein. Am höchsten erhebt der Plateaurücken sich uoch in seinem äußersten Ostende, in den Waldai- Höhen, wo seine Bergebenen bis 1000 Fuß mittlerer Höhe erreichen. Ein allerhöchster Punkt erreicht 1098 Fuß. Ostwärts der Wolga, die auf diesen Höhen ihren Ursprung nimmt, sinken alle Abfälle der Vorstufen durch kaum noch zu nennende niedrigere Anschwellungen oder Plateaustrecken zum Tieflande hinab. Brauch und Mißbrauch des Worts Plateau. !^ Auf peninsnlaren Südgliedern Europas, wie in Morea (in Arkadien 2000 Fuß), in der Krim (auf dem Plateau von Sim- feropol 800—1200 Fuß) tritt diese Naturform der niedrigen Plateaus noch merklich hervor. Die niedere Form der Plateaubilduug ist also iu großer Mannigfaltigkeit viel allgemeiner als die höhere Form durch alle Erdtheile verbreitet. Beide Formen nehmen vereint sehr große Räume der Erdrinde ein. Wir können sie wohl mit Recht die stetig geschlossene massige Erhebung der Erdrinde nennen im Gegensatz der vielfach unterbrochenen linearen Erhebungen der Erdrinde, der Gebirgsländer der Erde, die oft mit ihnen verwechselt zu werden pflegen und die bei deu Geographen eine überwiegende Beachtung erlangt haben. Jene plastische Form der Plateaubildung war fast ganz in Vergessenheit gerachen. Erst A. v. Humboldt hat zu ihrer Wiederbeachtung verholfen. Durch viele hundert Messungen hat er ihre Form genau bestimmt und auf ihre Bedeutung für die Klimate, für die Krümmung der Isothermenlinien, für Zweige des Ackerbans, für das physische und moralische Leben der Völker, ja, für den Entwickelungsgang der Weltgeschichte hingewiesen. Indem wir diese Angaben für eine allgemeine Uebersicht hier schließen, müssen wir allerdings dem Vorwürfe A. v. Humboldts beistimmen, daß in den Geographien nun wieder ein großer Mißbrauch mit dem so lange vernachlässigten Worte Plateau getrieben worden. Wir müssen selbst diesen Vorwurf für unsere in der Allgemeinen Erdkunde, im Großen auf die Plateaus von Innerafrika und Innerasien gemachte Anwendung gelten lassen. Damals, vor 30 und mehr Iahren war von wirklichen Messungen jener Plateaus noch uicht die Rede, und also unsere Unwissenheit die Ursache einer Generalisirung, welche nach Analogien von deu Forschungen in der neuen Welt auf die alte Welt zurückschloß. Die falsche Anwendung dieser Ausdrücke, welche später von verschiedenen Seiten selbst aus artographische Darstellungen übertu- 100 Grenze der niedern Plateaus. gegangen sind, nnd oft eraß genug, ja im Uebermaß zn versinnlichen suchten, was vou uns nur im Allgemeinen angedeutet war, wollen wir auf sich beruhen lassen, und uus ungestört der seitdem außerordentlichen Fortschritte in der Plateaumessung erfreuen. Nur Eins bleibt noch zu erklären übrig. Wir setzen die untere Grenze der Plateaubilduug bis gegen 500 Fuß, also tiefer als sie von dem Meister in Allgemeiner physikalischer Geographie im Großen angenommen wird. „Anschwellungen des Bodens — bestimmt A. v. Humboldt — die einen kaum bemerkbaren Unterschied des Klimas und Vege- tations-Charakters annehmen, kaun man in der physischen Geographie kaum durch Plateaubildung bezeichnen." Nach seiner Meinung siud also nicht blos absolute Erhebungen für die Bezeichnung bestimmend, sondern auch noch andere harmonisch sie begleitende vegetative und klimatische Verhältnisse. So bleiben ihm Hochland und Tiefland sehr relativ und unbestimmt, wenn sie nicht im Zusammenhange steheu mit Höhen, Klima, Bodenrelief und Temperaturabnahme. Darum gilt Humboldt selbst die cen- trale Einscnkung Mittelasiens am Taringol kaum noch als Plateaubildung, und Bvdenslächen von 200 bis 1200 Fuß absoluter Höhe verschwinden ihm bei seinen grandiosen Betrachtungen so sehr gegen die Gebirgsebencn von 6000 bis 10,000 daß sie von. ihm mehr als Tieslande betrachtet werden. Wir bleiben aber, da wir es nicht blos mit den großen Hanpt- lineamenteu physischer Contraste zu thu» habcu, für die niedrigeren uns gewährten europäischen Höhenverhältnisse bei der Unterab- theilung des Maßstabes von 500 Fuß absoluter Höhe für das Tiefland, zum Verständniß auch der Specialgeographie stehen. Bei Vergleichung dieser Naturformcn zweier Erdtheile, wie Amerika und Europa, kann man allerdings verschiedene Ordnuugeu dieser numerischen, blos relativen Unterscheidungen kaum umgeheu, wo alles, was groß, hoch, klein und niedrig, so verschiedenen Werth hat Gebirgsländer. 101 Wir gehen nun zu den viel mannigfaltigern und überraschenden Erscheinungen der Gebirge ihreu Hauptmomenten nach über. Geliirgsliindcr. Gebirgsländer können nicht in strictcm Sinne, gleich den Platcans, Hochländer genannt werden, weil sie keine geschlossene Gesammterhebnngen von ganzen Massen der Erdrinde sind, nicht wie jene massig, d. h. nach allen Seiten in Breite und Länge sich gleichmäßig erheben. Die Gebirge der Erde treten nicht in Erhebungsmassen oder Flächen, sondern in linearischen Richtungen, vorherrschend als Erhebungslinien in bestimmteu Rormaldirec- tioncn hervor. Gruppirungen von Gebirgszügen, Gebirgsketten, tonnen zwar vereinzelter, oder auch massiger, mehr oder weniger dicht in ihren einzelnen Gliederungen zusammenstoßen aber keineswegs als Continuitäten, und doch ein zusammengehöriges systemartiges Ganze bilden. Die Gebirge, mit unzähligen Einschnitten, Spalten, Einstürzen, Einscnkungen, tiefen Felsschluchten, Thälern aller Art, nach allen Richtungen unterbrochen, durchschnitten, uud darum überall in ihren Massen von einander theilwcisc oder gänzlich unterschieden, sind der directe Gegensatz der Plateaus. Sie haben zwar öfter auch wohl eiue gemeinsame, mehr oder weniger höhere Gesammt- erhebnng als ihre nächsten Umgebungen, der Fuß der Berge. Aber diese gehört nicht zn ihrem Wesen und kann auch fehlen. Diese Gesammterhebung ist relativ nur sehr gering, sie bezeichnet nur den gemeinsamen Fuß des Gebirges. Im Schweizerlande steigen die Gebirge 13000 bis 14000 Fnß empor; der gemeinsame Fuß derselben hat nnr 1000 bis 2000 Fuß senkrechte Höhe. Die Trennung überwiegt bei weitein den Zusammenhang. Der Charakter des Gebirgslandes ist die bedeutende Parti- cularcrhebung isolirter Gipfelmasseu: große Differenzen inner- 102 Gebirge und Plateau?. halb kleiner Distanzen, im Gegensatz kleiner Differenzen oder Gleichmäßigkeit der Specialhöhen innerhalb großer Distanzen, was den Charakter der Plateanmasscn ausmacht. Die Plateanbildnng in ihrer Continuität ist Erhebung der Erdrinde mit vorherrschender Gleichheit oder Einförmigkeit der Oberslächenräumc. Die Gebirgsbildnng ist wieder das gerade Gegentheil, nämlich Erhebung derselben zu eiuer fortgeschritteuen mannigfaltigsten Entwickelung, zur Individualisirung der Erdlocalitäten. Man kann sie also nicht blos als einen verschiedenen Typus der Hochländer und Plateauläuder ansehen. Hier treten Erhebungen langer Berglinien als Ketten mit Gebirgsjochen, in Aesten und Verzweigungen, Vorbergen aller Art, mit ihren individuellen Bcrgpunktcu als Kuppen, Kegel, Piks hervor. Und diese steigen von den niedern zu den mittlern und meilenhohen Niesenhöhen auf. Und wie diese sich heben, so stürzen gleichzeitig zwischen ihnen die Senkungen und Tiefthälcr hinab; je höher die Ketten und Gipfel, desto tiefer die Spalten und Schluchten, die Thäler und alle Arten von Einsenkungen und Abgründen. Den Ricsengipfeln der Alpen entsprechen die Felstiesen der Alpcnthäler mit ihren Thalengen oder Seefüllnngen — den noch kolossaler«! Felshörnern der Cordilleren ihre steilen Barrancos in Süd-, und die Canones in Nordamerika. Die Thäler bilden den Gegensatz der Hochge- birgsgipfel. Sie haben so. wenig den Charakter des Niederlandcs der Erde, wie jene die Einförmigkeit der Plateanlandschaften theilen. Es sind plastische Gestaltungen eigenthümlicher Art, wenn schon unendlicher Mannigfaltigkeit. Das Hochgebirgslaud hat auf verhältnißmäßig kleinstem Raume eine doppelte Naturfüllc von Formen und Bildungen aller Art beisammen und vereinigt die Contraste des Hochlandes und der Niederung. Die Gebirgsläuder, die Hochgebirgsländer, das Alpenland erhielten wichtige Functionen in dem Haushalte der Natur, in der Geschichte und Entwickelung der Völker zu erfüllen und andere als in monotonen Plateau- Höhe der Gebirge. 103 landschafteu, auf denen weniger die Festausiedelnng möglich war, sondern das nomadisirende Leben der Völker vorherrschend bleiben mußte. Schon deshalb kann der Geograph Gesammterhebung und Particutarerhebung nicht, wie der Geolog, blos als einen verschiedenen Typus des Hochlandes anerkennen, sondern als eine ganz verschiedene Klasse der Erdobcrslachengestaltung. Es kommen aber diese Gebirgslandschaften der Erde mit den kleinern und größern, niedern nud hohen Platcaulandschaften der Erde in den mannigfaltigsten Zusammenstellungen, Uebcrgängen und Combinationen vor, wodurch eben Verwechselungen bei noch ungenauer Ermittelung leicht möglich sind. Bei den noch sehr mangelhaften Messungen vieler Erdgegendeu muß mau sich vorerst nur mit Wahrscheinlichkeiten in dieser Beziehung begnügen. Scharfe, mathematische Grenzen sind bei den vielen physikalisch möglichen Uebergängen dieser Grnppiruugen in einander nur selten nachzuweisen. Nicht blos die geringere oder größere Höhe ist es, welche die Aufmerksamkeit auf die Gebirge der Erde lenken sollte. Es treten bei ihrer Betrachtung noch viele andre ebenso wesentliche Verhältnisse hervor, die weniger beobachtet zu werden Pflegen. Es ist allerdings nicht gleichgültig, ob Gebirge nur einige hundert, oder 1000, 5000, 10,000, 20,000 Fuß iu das Laboratorium der oberen Luftschichten, ans denen die Niederschläge in die untern stattfinden, hineinragen. Und so mag denn das Höhenverhältniß zuerst zur Betrachtung kommen. Man unterscheidet niedere Berge, Vorberge, Hochgebirge, Alpen, Rieseu berge. Gegen das ganze Volumen des Erdballs verschwinden zwar die Alpen nnd selbst die Riesenberge der Erde als ein fast unmerkbares Minimum. Nur wenige Gipfel übersteigen eine deutsche Meile (der Mount Everett 27,210 Par. Fuß) machen also ^'i? des Aequa- torial - Durchmessers aus. 104 Höhe der Gebirge. Da aber fast alle Berge der Erde sehr viel niedriger sind, so wäre selbst ihr Gesammtvolumen noch von keiner für das Ganze großen Bedeutung. Denn durch Rechnung ist gefunden, daß man aus der Dicke dieser äquatorischcu Anschwellung schon das ganze Relief der Erde (seinem Volumen nach) erhöhen könnte, ohne auch nur die polare Abplattung dadurch ausfüllen zn können. Vom generellen Standpunkte aus erscheint die also abnorme Bergerhöhung der Erdoberfläche so unbedeutend, daß man sie wohl schon früher mit bloßen Runzeln der äußern Oberfläche eiuer Apfelsiue verglichen hat. Richtiger aber verglich sie Dolomien mit den noch viel geringern Rauhigkeiten au der Oberfläche des Hühnereies. A. v. Humboldt hat für allgemeine kosmische Zwecke, um den Schwerpunkt des Volumens der Länder zu fiuden, welche im jetzigen Zustande unsers Planeten sich über den Ocean erheben, sehr mühsame Berechnungen angestellt, uud gezeigt, daß mau früherhiu ein viel zu großes Gewicht auf die Berghohen bei allgemeinen planetarischen Betrachtungen gelegt hatte. Genaueste Forschungen zeigten ihm, daß die Summe aller Berge Frankreichs, wenn man ihre Masse gleichmäßig über ganz Frankreich vertheilen könnte, dessen ganze Oberfläche doch nicht um mehr als zur mittler» Höhe von 816 Fuß über dcu jetzige» Meeresspiegel erhebe» würde. Alle Berge Europas, auf gleiche Weise über diesen Erdtheil verbreitet, würden ihn nur um 630 Fuß erhöhen. In Asien würde die Erhöhung auf 1080 Fuß, iu Nordamerika auf 702 Fuß, in Südamerika, wo die gewaltigen Cordilleren eintreten, bis auf 1062 Fnß steigen. In allen vier Continenten zusammengenommen würde die Gesammterhöhung nur 947 Fuß über den Meeresspiegel betragen. Auch daraus geht das im Ganzen doch sehr geringfügige Volumen der ganzen Summe aller absoluten Erhabenheiten der Erd- Größe der Gebirge. 105 rinde hervor, so bedeutend auch die relativen Höhen derselben Erhabenheiten in ihren individuellen Vertheilungen ans die verschiedenen einzelnen Localitäten der Erde erscheinen mögen. Dennoch verdient die Naturform der Gebirgslandschaft als Raumfüllung der Erdoberfläche ganz besondere Betrachtung, da sie nach allen Richtungen hin uugcmein einflußreich für Natur und Menschen bleibt, und weil in ihr auch allein die innere Structur der festen Erdkruste ihren Aufschluß findet. Einzelne Berge, wenn auch von bedeutender Höhe nnd Umfang, wie der Aetua, Besnv, Pick von Teneriffa nnd viele Vnlkan- kcgel, sind noch keine Gebirge. Auch wenn sie ohne Verbindung in größerer Zahl regellos wie Maulwnrfshanfen auf einer Wiese neben einander liegen sollten, würde man das nur Hügel- oder Bcrgland nennen, aber noch kein Gebirge, kein Gebirgsshstem. Schon die Sprachform, ans Rednplication eines Gemeinsamen hindeutend (wie bei Gesenke als ein zusammenhängendes Sinken), bezeichnet auch nothwendig ein zusammenhangendes Ganze von Höhen. Die Größe der Gebirge kann sehr wechseln; und eine bestimmte Größe ist nicht gegeben; doch mögen wenige Gebirge sein, die unter 5 Meilen Länge und unter 1500 Fuß Höhe diesen Namen erhalten hätten. Noch andre Nebenverhältnisse tragen das Ihrige zur Bestimmung dieses Begriffes bei, wie ein Gebirgsrücken, oder Kamm, der das Ganze znr Einheit verbindet (eine Wasserscheide schon weniger, obwohl man eine solche dabei voraussetzt); das Gestein, der Fels, woraus das Gebirg besteht; den» schou der Ausdruck Berg ist im Altdeutschen noch gleichbedeuteud mit Felsgestein, im Gegensatz lockerer Erde (in der Bergmannssprache „tauber Berg"). Sanddünen, wenn sie auch, wie in Holland, in langen und hohen Reihen, oft ans der Ferne wohl wie Berge auf einander folgen, oder bloße meist künstliche Erdhngcl, wie die Tells in den syrischen Steppen, oder andre Anhöhen, selbst bis 106 Erhebnngslinie, 1000 Fuß Höhe, hier und da in den norddeutschen Ebenen, wo sie der Holländer, der Niederländer, der Anwohner der Ostsee Berge nennt, bilden noch keine Gebirge. In Süddeutschland und in der Nähe hoher Gebirge werden sie nur Hügel genannt; am Nordfnße der Alpen werden noch viel größere Höhen zur ebenen Schweiz gerechnet. Für die Benennungen der Höhen ist daher stets zu bcachteu, ob der Berichterstatter im Himalaha oder im Tieflandc von Osteuropa zu Hause sei. Um den so schwankenden Sprachgebrauch einigermaßen zu fixiren, lassen wir den bestimmtern Maßstab für die Verhältnisse der großen Gebirgssysteme der Erde erst mit gleichzeitig veränderten physischen Erscheinungen beginnen. Die Alpen der Schweiz, die Musterbildung eines Gebirges, sind der Ausgangspunkt für Terminologie der Berghöhen geworden. Obgleich diese physischen Erscheinungen in andern Zonen wechseln, so behalten wir doch den einheimischen Maßstab zur möglichen Vergleichung derselben bei, weil dieser für die Mitte der gemäßigten Zone der allem geltende geworden ist. Voralpen nenut mau die Zone der Gebirge von 2000 bis 5000 Fuß über dem Meere; Mittelalpen die von 5000 bis 8000 Fuß; Hochalpen die vou 8000 bis 10,000 Fuß, über denen die Riesengipfel bis zur Montblanchöhe emporragen. Einen andern Maßstab bieten die kolossalen doppelt so hohe» Nicsengcbirgssysteme des Himalaya und der Cordillereu in Asien und Amerika, der mit jenen leicht in Uebereinstimmung zu bringen ist. Die lineare Richtung der Gebirge, oder ihre Erhebungslinie, welche so charakteristisch m dem Worte Gebirgskette mitbc- zeichnet ist, bietet nach Richtung, Umfang, Zahl, Stellung, Gliederung sehr verschiedenartige Verhältnisse dar. Ist die Richtung eine gerade Linie, so kann von einer Längenaxe der Kette die Rede sein, welches die ideale Erhebungsare der ganzen Kette be- Gebirgssysteme. 107 zeichnet. Nach A. v. Humboldts Berechnungen messen in ihrer Länge die Pyrenäen 50 geogr. M., die Alpen vom Montblanc bis zur ungarischen Grenze 112 geogr. M., der Ural 120—444 geogr. M., das Scandiuavische Gebirge 240 geogr. M., der Altai 216 geogr. M., der Kuenlnu 260 geogr. M., der Thian schan in Jnner-China Z66—466 geogr. M., der Himalaha 345 geogr. M., der Iablouoi Chrabit 120 geogr. M., der Aldan 90 geogr. M., die Ghats 164 geogr. M., die Anden bis zur Landenge von Panama 960 geogr. M., die Anden bis zur Behringsstraße 2000 geogr. M. Ueber Ansang und Ende einer Gebirgskette kaun die An- , nähme öfters schwanken, je nachdem man blos auf die Oberfläche oder auch auf die innere Construction und die Bestandtheile Rücksicht nimmt, z. B. beim Ural, ob Nowa Semlja seine Fortsetzung sei, bei den Cordilleren, ob eine oder zwei Ketten durch das Plateau von Mexiko gehen. Reihen sich mehrere Kettenznge seitwärts an einander, so gewinnt das Gebirg auch eine größere Breite, und es kann von Querachse die Rede sein, welche im rechten Winket auf die Längenmassen gerichtet gedacht wird. Darin liegt der Unterschied der Kettengebirge mit vorherrschenden Längettdimensiouen von den Massengebirgen, in denen auch die Breitendimensionen bedeutender werden und bis zur Dimensionengleichheit fortschreiten können, wie bei Vogesen, dem Schwarzwald, Fichtelgebirge, Harz, Ardennen u. a. Mau muß daher eiufache und zusammengesetzte Gebirge unterscheiden, die dann Gebirgsshsteme bilden. Alle großen Gebirgsketten der Erde bestehen ans mehreren, oft aus sehr vielcu Grnppirnngen, und sind Gebirgsshsteme. Nehmen sie große Höhen und Breiten ein, so fassen wir sie unter den Begriff der Alpenländer zusammen. Oft kann die Gruppirung verworren, regellos erscheinen, aber nur weil unsere Kenntniß noch unvollkommen ist, und das Gesetz ihrer Construction noch uner- 108 Theile der Gebirge. forscht geblieben. Dieses Gesetz liegt in ihrer Wurzel, in der geologischen Beschaffenheit ihrer Grundlage, von der die äußere Erscheinung in den meisten Fällen erst ihre Gestaltung erhielt, verborgen. Ost ist das äußere Gewand durch hinzugctrctcne Verhältnisse zerstört, verwittert, oder durch spätere Ucberlagcrnn- gcn nur verdeckt und unkenntlich geworden. Hier greift die Genesis, das Entstehen, sehr oft bestimmend in die Beurtheilung der äußern Erscheinung in der Gegenwart ein. Die Orographie kann daher erst durch die Geoguosie ihre sichere Grundlage erhalten. Aber da diese geognostische Forschung selbst noch sehr unzureichend an vielen Erdstellen geblieben ist, so müssen auch schon die äußern Erscheinungen zu Regulativen ihrer geographischen Beschreibungen dienen. Orographie nnd Geognosie sind erst werdende Wissenschaften, die Hand in Hand gleichmäßig fortschreiten müssen. Bei der einfachen Gebirgskette ist die Unterscheidung ihrer Theile leicht: Fuß, Austeigen zu einem Gebirgsrücken oder Kamm und zu den besondren Kuppen und Gipfeln, die über denselben sich erheben, oder neben demselben oder in verschiedenen Armen und Vorsprüngcn oder Vorhöhen verzweigen. Kleinere Gebirgs- inscln sind durch ein solches elementares Studium besonders lehrreich als abgeschlossene Ganze. Aber alle größern Gebirge sind keine einfachen, sondern oft sehr zusammengesetzte, vielgliedrige Systeme, deren Zusammeuhaug und Gestaltung oft sehr schwer zu ermitteln ist. Denn erst aus der Erforschung der einzelnen Glieder kann der Charakter des Gauzcu hervorgehe«. Der Fuß auf dem welligen Boden des Gebirgöumkreises oder die Peripherie des Systems kann nur durch genaue Nivetlc- ments ermittelt werden. Der Geognost geht aber noch tiefer unter den Fuß, und fragt nach dem Kern, der in der Erdrinde verborgen die Basis des Gcsammtfußes bildet, auf dem die zerspaltete Gipfel- und Kettenbildnng erst als ein Ganzes zu eiuem Altes zusammenfassenden Systeme hervorging. Dieser .Kern des Kettengebirge. 109 Gebirgssystems wird, wieL. v. B u ch gezeigt hat, gewöhnlich von Massen gebildet, die eine ellipsoidische Form haben, deren Längen- axe die Queraxe bedeutend überwiegt. Daher die vorherrschenden Längenzüge der Gebirge in der Längenrichtuug der Ellipsoide. Die Kette der helvetischen Alpen bietet etwa ein Dutzend solcher elliptischer Kerue von verschiedenen Bestandtheilen dar, die sich in der Tiefe des Fußes sehr verschiedenartig au einander gereiht haben, nach denen die Formen der Oberfläche ihre Gestaltungen uud Gruppirungen annehmen. Sie wachsen aus dem Kerue, wie Stämme aus der Wurzel. Wo sich die >ierue iu der Tiefe begrenzen, spalten sich auf der Oberfläche die Höhen. Das Aufsteigen der oberflächlichen Erscheinungen kaum auf sehr verschiedeue Art geschehen. 1) Die Längeuaxcu dieser Ketten können unter sich einen Parallelismus behaupten, wie bei einem Theile der helvetischen Alpen, dem Jura, dem Ural, den Cordilleren, dem Hinialaya. 2) Die Ketten sind nicht parallel, sondern divergiren, oder eonvergiren. So divergiren die Alpen im Osten uud gabeln sich nach Nordost und Südost, die Rocky Mountains strecken fünf bis sieben divergirende Gliederketten nach der Polarseitc aus u. f. w. Couvergirende Ketten können unter verschiedenen Winkeln zusammenstoßen, sie köuueu zu großen massigen, die einzelnen Ketten überragenden Anhäufungen werden, zn Knoten- punkteu, die dauu öfters auch zu den größten massigen Höhen punkten und luftigen Gipfeln emporschwellen: So die Westalpen und die Mittelalpeu an ihren Nord- und Westendcn im Mout blaue-Gebirge. A. v. Humboldt unterscheidet fünf Knotenpunkte in den Cordilleren Südamerikas: Porco, Cuzco, Pasco, Assuay uud Los Pastos, deren genauere Kcuntniß den Bau der Cor- dillereu erläutert. Aber auch uuter sich können die convergirenden Seitenketten sich an verschiedenen Knotenpunkten vereinen, wie die Cordillerenketten in Ober-Peru um den Titicaca See, die drei 110 Kettengebirge. Ural-Ketten am Irmel Tau, wie die Himalha-, Kuenlün- und Hindukhu-Ketten im hohen Kaferistan, die Berner Oberalpen, die Walliser und Graubüuduer Ketten des helvetischen Alpengebirgs im Gebirgsknoten des St. Gotthard n. a. Doch sind solche Aus- einanderschnürungeu bei den Kettengliedern hinter einander, neben einander, oder in wiederholten Reihen nie ganz regelmäßig oder mathematisch genall, sondern nur in ihren großen Gesammtverhält- nissen nberschaulich wahrzunehmen, in Specialitäten aber nur mit der Boussole linearisch zu ermitteln. Dann treten die in bestimmten Winkeln sich abwendenden Glieder nnd Zweige hervor, die ein labyrinthisches Ansehn geben uud den Ueberblick erschweren, bis das gemeinsame Gesetz des Gesammtverlaufs meist erst durch die innere geologische Structur aller besondre» Theile gefunden und so die Einheit des Zusammenhangs wieder klarer und übersichtlicher sich darstellt 3) Weilil von einem gemeinsamen hoheru Mittelpunkte die Gliederungen der Ketten, sammt ihren Thälern strahlenförmig, radienartig nach allen Richtungen hin auskaufen, so entsteht strahlige Gliederung. Bei Massengebirgen, zumal vulkanischen, scheint eine solche Disposition vorherrschend zu sein, die sonst seltner ist, so im Mont d'or und dem Cantal. An ihren Enden senden die Meeralpen gegen das Mittelmeer, der Ural gegen das Nord- ') Nicht unpassend hat man die Geologie mit einer Anatomie der Gebirgsketten verglichen, weil sie gleich der Anatomie der Organismen genügende Aufschlüsse durch Zerlegung der Ketten über ihren innern und äußern Zusammenhang, durch ihre Bestandtheile uud Con- struetion geben kann. Je mehr diese Ketten im Einzelnen geologisch studirt werden können, desto sicherer ist der Ausschluß, den das Ganze dadurch erhält. In sofern haben die kleineren und gesonderten europäischen Gebirgsformen, zumal in Mitteldeutschland, die Grundlage» der geologischer Wissenschaft abgeben können, weil in ihnen die unendliche Mannigfaltigkeit auch aller colossalen Gebirgsformen erst zugänglich uud erforschbar werden konnte, um sie i» jenen wieder zu erkennen. Kettengebirge. 111 eismeer, die Quito-Cordillere gegen den Mexikanischen Meerbusen solche strahlige Gliederung aus. 4) Die ringförmige Gliederung möchte vergleichungs- weise den geraden Gegensatz der strahligen bilden. Sie kommt zur Erscheinung, wenn eine mehr kreisförmige Bergumkränzung in ihrer gemeinsamen Mitte keine Gebirgserhöhung, sondern vielmehr eine geringe Einsenkung eiuschließt. So sind zwei Berglandschaften Mitteleuropa's sehr eigenthümlich gebildet, Böhmen und Siebenbürgen. Zwar ist der kreisförmige Ring bei der Umgebung Böhmens aus mehreren Gebirgsketten von sehr verschiedenen linearen Erhebungsrichtuugen gebildet, die nur an ihren Enden zusammentreffen, ohne gerade einen 'vollständigen Kreis zu bilden. Auch ist die mittlere Einsenkuug nur in relativem Sinne ein Tiefland, fondern ein niedriges, bergiges, oft hügeliges oder ebenes Land, das aber in seiner Gesammtüberschauung zu dem unpassenden Ausdruck des böhmischen Kessels verführt hat. Dieselbe Irregularität wiederholt sich auch bei der Siebeubürgischen Landschaft. Ihre Umkränzung besteht auch aus sehr verschiedenen Gruppen, unter sich mehrfach unterbrochener einzelner Gebirgs- gUeder, welche in Kettenzügen von sehr verschiedenen Höhen (bis 1800 Fuß) und Directionen, nur kreisartig, eine centrale tiefer liegende (bis 2200 Fuß über dem Adria-Meere) scheinbare Ebene umlagern, die aber doch noch eine Berglandschaft genannt werden muß, eben so wie der Böhmische Kessel auch in anderm Sinne eine von Gebirgen umkreiste Plateauebene genannt werden kann. Die ringartige Gliederung ist eines der seltneren Vorkommnisse der Gebirgsbilduug. Vollkommene Ringgebirge finden^ sich häusig im Monde. 5) Eben so selten ist die wirkliche gegenseitige Durchkreuzung von Gebirgsketten ganz entgegengesetzter Richtungen, z. B. von Osten nach Westen und von Norden nach Süden, wie eine solche Erscheinung durch A. v. Humboldt in der Durchkreu- 112 Kammhöhe. zung der Parallelketten des Himalaha, Kueulün und Hiudukhu mit den Meridianketten des Bolor oder Bclurtagh nachgewiesen ist. Auf die bedeutende Strecke von 35 bis 40" N.Br. ist gitterför- mige Bildung von Thälern und Bergketten mit vielfachen Durchbrechungen und hoch anschwellenden Knotenpunkten vorherrschend. Der berühmteste Knotenpunkt ist der hohe Pamir-Paß (.Zwischen 37° 30' und 90° 5' N.Br., gegen 18,000 Fuß hoch geschätzt), historisch seit dem sechsten Jahrhundert bekannt, und schon von Marco Polo, wie auch vou älterm griechischen Wanderern beschrieben. Bei den dort anwohnenden Persern heißt er: Dach der Welt. Auch an andern Erdstellen scheint sich solche Durchkreuzung, wenn auch in geringerm Maßstabe, zu wiederhole». So am Altai um den See Tetzkoi, in den westlichen Alpen der Schweiz, auch wohl in den sich durchschueideudeu Porphhrketten des Rhodope in Ru- melieu nach Bisqnerel. Solche gitterartige Form mancher Ge- birgsmasscu scheint nur aus den verschiedenen Erhebnngsperioden der sich durchkreuzenden ältern uud jüugeru Gebirgsketten hervorgegangen zu sein. Dabei konnten Zertrümmerungen und Spaltungen, wie Aufrichtungen und >i»otc»a»schwellu»geu uicht fehlen. Schon die verschiedeneu Gruppiruugen der Gängen, Breiten und linearen Richtungen, die verschiedene Art des Zusammcnhan ges und der Unterbrechung ergiebt die verschiedenartigste Charakteristik der Gebirge. Aber noch tritt die Mannigfaltigkeit ihrer senkrechten Erhöhungen und der Wechsel ihrer Einscnkungen hinzu, ihrer Sättel und Pässe. Die Maxima ihrer Erhöhungen und Vertiefungen oder das Verhältniß ihrer Gipfelhöhe zu ihren Einstürzungen, Thälern, Einschnitten, Pässen uud Uebergängen giebt ihnen einen eigenthümlichen Culturcharakter für die Nachbarvölker. Die mittlere Paßhöhe der Gebirge giebt die Höhe des zusammenhängenden Gebirgsrückens oder die Kammhöhe, den Rückgrat, der Communicationspnntte darbietet. Das Verhältniß der mittler» Gipfelböhe zu dieser mittlern ^iammhöhe ist bei den ver- Gipfel- und Paßhohe. 113 schiedenen Gebirgen sehr verschieden. A. v. Humboldt hat diese Verhältnisse bei verschiedenen Gebirgsshstemen so berechnet: Himalaya. Cordilleren. Gipfelhöhe ^ 25,000 F. Chimborazo 21,000 F. Paßhöhe ^ 15,000 F. Paßhöhe - 10,000 F. Fuß ^ 1,000 F. (Delhi). Fuß - - 0 F. (Meer). Alpen. Pyrenäen. Montblanc 14,500 F. Maladetta 10,722 F. Paßhöhe 7,200 F. Paßhöhe - 8,000 F. Fuß - M0F. Fuß - - 0 F. (Meer). Oder auch: die Kaminhöhe verhält sich zur Gipfelhöhe bei Alpen und Kaukasus wie 1 zu 2, bei Himalaya, Cordilleren von Quito und Alleghany wie 1 zu 1,8, bei Pyrenäen und Cordilleren von Bolivia wie 1 zu 1,5. Bei den Alpen ist also die Gipfelhöhe das Doppelte der Paßhöhe, ihre Pässe sind also die tiefsten gegen die Höhen, die- Alpen am zugänglichsten, am übersteigbarsten, was von Bedeutung für ihren Culturcharakter ist. Ihren Gegensatz bilden die Pyrenäen, das unzugänglichste uud trenncndste Gebirge von Europa. Die Stellung der Gebirge ist für das Gesammte der tellurischen Verhältnisse der Länder- und Völkerstämme von größter Bedeutung. Ob centrale Gebirge oder Küstenketten, wie Ural oder Atlas, ob doppelt maritime wie der Kaukasus zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer, oder die Mexikanische Kette zwischen zwei Oceane gestellt, der Civilisation am zugänglichsten sind, ob Gebirge Meridianketten sind, wie Ural, Scandinavisches Gebirge, Alleghany in einer Hemisphäre oder die Cordilleren, die aus den Tropenwelten nach beiden Polarwelten sich ausdehnen; oder ob sie den Parallelkreisen der Erde gleichlaufen, also in gleichen Breiten fort- strcichen mit nördlichen Schattenseiten und südlichen Sonnenseiten, oder mehr in diagonaler Richtung mit wechselnden Nord- uud Ritter allgcm, Erdkunde. 8 114 Randgebirge. Südgehängen, wie die Schweizeralpen von Südwest nach Nordost und der Kaukasus von Nordwest gegen Südost — alle diese Verhältnisse sind von einflußreichster Bedeutung. Von nicht minderer Wichtigkeit ist es, ob die Gebirge nur Randgebirge anderer Plateamnasseu sind, die nur einseitige Entwickelung haben, wie der Himalaha gegen Süden, der nördliche Taurus gegen Norden, weil sie die ihnen nord- und südwärts vorgelagerte» Plateaubildungen nur begleite» uud daher gegen diese nur geringe Abfälle haben können. Da Plateauländer meist zu beiden'Seitzn^ihrer Erhebung solche Randgebirge zeigen, so hat man diese auch wohl zweien Rahmen verglichen, zwischen welchen die ebene Plateaulandschaft wie ausgespannt liegt, und gewöhnlich ziemlich gleiche Höhe zeigt. Sind diese Plateaubegleiter aber nicht unmittelbar anstoßend, sondern durch tiefere Einsenkungen von denselben ab- . gerückt, aber uoch mit ihnen in gleichen Streichnngslinien geblieben, so hat sie A. v. Humboldt nur Umwallungen genannt, wie den Altai au der Nordseite des asiatischen Centralplatcaus. Die Senke zwischen dem Altai und dem Centralplatcau ist zum Theil mit Seen besetzt. Ebenso könnte der Kaukasus als Um- wallung des armenischen Plateaus genannt werden, durch Kur und AraxeS getrennt. Doch tritt bei ihm noch ein anderes Verhältniß ein, eine theilweise Verknüpfung mit dem Plateau am Westende durch die Moschischen Berge. Ebenso ist die Pyrenäenkette in der östlichen Hälfte eine Umwallung des castilischcn Plateaus, von dem sie durch das Ebrothal abgerückt ist, bildet aber in dem westlichen Drittel ein wahres Randgebirge Ober-Castiliens und des hohen Biscaha. Lagern Gebirgsketten sich mitten über Plateaubilduugen, so daß ihr Fuß schon auf der Plateauhöhe steht, ihre Gipfel dann nur relativ niedrig erscheinen können, obwohl sie doch durch ihre Unterlage schon gehoben, zu sehr großer absoluter Höhe über dem Aufgesetzte Gebirge. 115 Meere aufsteigen: so dürfte man diese wohl im Gegensatz anderer, aufgesetzte Gebirge nennen. So der Kuenlün, der Thianschan in Centralasien, die Guadarrama zwischen Alt- und Neu-Castilien, die Stony oder Rocky Mountains in Nordamerika. Oft erscheinen solche aufgesetzte Gebirge als Neben- und Parallelketten mächtiger Randgebirge und scheinen den Doppelrahmen zu vervollständigen, zwischen welchen das Plateau aufgehäuft ist. Der Geologe hat in diesem Falle den vergleichenden Ausdruck von Nähten gebraucht, weil durch sie die einzelnen Abtheilungen des Plateaus, welche verschiedene Höhen besitzen, wie zu-, sammeugeschweißt erscheinen. Die Bergketten sind ihm nänUick ausgefüllte Risse, oder Erdspalten der festen Kruste, die aus der Tiefe durch feuerflüssig hervorgcdrungeue Massen zugestopft, gewissermaßen das Ganze znsamniengelcimt zn haben scheinen. Unsre aufgesetzten Gebirge würden dann, )M andre, ebenfalls hervorgehoben sein, was die Bestandtheile ihrer Massen nachzuweisen hätten. Auf kleineren überschanlichcn Plateaubildungen finden sich auch Analogieen zu dieser Bildungswcise anfgesetzter Gebirge. Die erloschene Vnlkangrnppe der Anvergne ist so dem Central- platean des südlichen Frankreich aufgesetzt, das nach Ramond nur eine mittlere Höhe von 1000 Fuß hat. Die ehemalige Vulkangruppe der nördlichen Rheingegend hat so die noch niedrigere Hochebene der dortigen Grauwackenbildnng durchbrochen und ist eine dem Plateau aufgesetzte Gebirgskette. Gänzlich von Plateanbildungen und ihren Randgebirgen sich nach andern Directionen abzweigende Gliederungen scheinen doch immer noch in einer gewissen Beziehung zu jenen zu stehen, wenn sie auch nicht als fortgesetzte Verzweigungen derselben betrachtet werden können. So z. B. der Libanonzng, der von der Süd- Tauruskettc sich südwärts dnrch Syrien und Palästina in rechtem Winkel abwendet, die Luznetskische Kette und der Alatau, die gold- 8* 116 Freistehende Gebirgssysteme. reichen, nordwärts gehenden Abwendungen vom Altai gegen Tomsk, der Iablonoi und Stanowoi Chrabet gegen Nordosten; die noch sehr wenig gekannten Gebirgszüge, welche vom Ceutralgebirge Hinterindiens südwärts durch die Halbinsel Malakka sich abzweigen u. a. m. Völlig verschieden von diesen geselligen Stellungen zeigen sich die ganz freistehenden Gebirgssysteme mit gleichartigen Senkungen zu Vertiefungen nach allen Seiten hin, mit vorherrschend doppelter, oft doppelartiger Abdachung bis zu dem Fuß in der Niederung. So sind vorzugsweise die europäischen Gebirge ge- - staltet, wie Ural, Karpathen, Seandinavische Kette, Alpen, Ap- penninen und zum Theil noch die Pyrenäen. Sie haben keine einseitige Stromcntwickelung, wie Himalaya und Cordillerenketten, und in jeder Hinsicht doppelten Naturreichthum und Naturmannigfaltigkeit erhalten, wodurch die europäischen Systeme fiir ihre geringen Dimensionen vielfach eutschädigt sind. Ihre doppelseitige freie Stellung ließ sie auf beiden Seiten Civilisation entwickeln, nach allen Seiten hin Flüsse entsenden, während vom Himalaya nur Südflüsse, von den Cordilleren nur Ostflüsse herabströmen. Plateauland und Gebirgsland, so verschiedenartig in ihren Charakteren und Physiognomien, bilden in ihren mannigfaltigsten Bereicherungen und Uebergängen, in ihren einander oft durchdringenden Verhältnissen (die wir bisher nur ihres genauern Verständnisses wegen gesondert betrachtet haben) die wahren Elemente der Hochlandsysteme aus. Ihre Verhältnisse sind unerschöpflich wie die Natur selbst. Nur anuäheruugsweise können wir nach und nach zu ihrer immer richtigern Anerkenntnis; gelangen, ohne sie jedoch vollständig erschöpfend begreifen zu können. Verhältnisse der Plateausysteme. Wie die Gebirgssysteme der Erde, so sind auch die Plateausysteme der Erde nicht bloß nach Höhe uud Umfang und Areal, TerrainverhSllnisse der Plaleaus, 117 sondern auch nach ihren verschiedenen Dimensionen, Formen nnd Stellungen zu betrachten. Die amerikanischen Plateaus sind lang gezogen von Norden nach Süden, aber von verhältnißmäßig geringer Ausdehnung von » Westen nach Osten. Die asiatischen Plateaus dagegen uicht bloß von großer Länge, sondern auch von großer Breite. Das spänische Plateau, das des Atlassystems, das von Kleinasien sind von ziemlich gleichen Dimensionen der Länge und Breite nach allen Richtungen hin. Sehr verschieden sind die Tcrrainverhältnisse der Plateau-Oberflächen. Bald erscheinen diese als wirkliche Hochebenen oder welliges Land, bald als Tafelflächen mit horizontaler Felsplatte (Patagonien, Sahara). Hier tritt Sandhügelland, wie in Theilen der Gobi, dort Steppenland, wie in Theilen von Persien auf. Einige Hochebenen sind mit kleinen Plateaus oder aufsteigenden Terrassen und Stufen, andere mit aufgesetzten einzelnen Bergen, wie dem Demavend, oder mit kleineren Gebirgszügen (Guadarrama) besetzt, andere von mächtigen, riesigen aufgesetzten Bergketten, wie Thianschan nnd Bogdo-Ola durchzogen. Zuweilen sind Platcans mit niederen Klippenzügen und Ebenen, wie Westpersien, oder mit tiefen Einsenkuugen, wie das Plateau von Tur- kestan bis zur Gobi mit dem Tarimsluß bis. znm Lop See, wie das Plateau von Ostpcrsieu (Arachosien nnd Drangiana) mit dem Hirmeud und Zareh-See; oder nur mit ausgespülte« temporären Wasserrinnen, bloßen Erosionsthälern durchfurcht, welche sichtlich nur fließenden Wassern ihre Veränderungen verdanken. So die niedern Platcaulandschaften von Frankreich nnd Baicrn. UeberauS wichtig sind Combinationen und Grnppirungcn der Plateaus, sowie ihre Stellungen zu den Tiefländern der Erde. In Afrika nehmen sie vorherrschend nur die größere südliche Hälfte des Erdthciles ein. Die Niederungen sind vorherrschend in der Nordhälfte, die aber auch ihre Unterbrechungen, 118 Die Erdtheile mit ihren Plateaus. unter dem Aequator, in der Sahara und an den nördlichsten Küstenrändern des Atlas- und Barka-Plateaus zeigt. In.Asien ein centrales Hochland mit zwei großen Abstufungen in Ost und West in Tnran und Iran und dem absinken- den Stufenlandc Tnraus gegen Norden nach dem Baikal- und Saisan-See zu. Meist steile Abfälle zu ringsum liegenden Tiefländern nach allen Seiten. In Europa nur sehr sporadisch zerstreute kleine und niedrige Plateaulandschaften mit oft uumerklicheu Ucbcrgängen zn ihren Vorstufen und anliegenden Niederuugen, doch mit Ausnahme vou Spaniens Plateau, das darin einen libysch-schroffen Charakter beibehält. In Osteuropa die ceuträle Stellung des einzigen Waldai- Plateaulandes vou geringster absoluter Höhe (von 840 bis 1080 Fuß) merkwürdig, das aber durch diese inselartige Lage über das ringsum liegende weite Niederland von der höchsten hydrographischen Bcdentnng für das Ganze ist. Die hydrographischen Bedentuugen für diese Hochlaudssysteme, Plateau- wie Gebirgsläuder sind von solcher Wichtigkeit, daß sie für sich gesonderte Betrachtung verdiene». Die Combinationen und Gruppirungen der Plateaus in verschiedeueu Erdtheilen köunen zu den größten Gegensätzen werden, wie dies in Asien und Amerika der Fall ist. Asien zeigt auch bei aller wahrscheinlichen innern Senkung (der turkestanischen von Kaschghar bis zum Lop-See) dennoch die größte Massenerhebung der Erdrinde nach Länge und Breite mit vorherrschender Plateaubildung höchster, mittlerer und niederer Art, dazu bei aller Uebermacht riesenhoher Randgebirge doch überall dem Raume uach nur untergeordnete Kettenbildungeu. Asien ist der Erdtheil der Plateaubilduug. Amerika trägt nicht in seiner Mitte, sondern nur an seinem westlichen Äüstenrande die größte kolossale Kettcnerhebung der Erdrinde, die Niesenhöhe der Cordillereu mit überall zwar sehr hohen, Genesis der Plateau- und Gebirgsbildung, 119 aber dem arealen Raume nach doch sehr untergeordneten Platean- bildungen. Amerika ist der Erdtheil der Gebirgsketten. Wenn Afrika's Depressionen nnr dessen Nordseite auszeichnen, die von Asien dessen ganze centrale Erhebung rings umlagern — so sind dnrch Amerikas Kettensystem iin Westen seine Depressionen insgesammt, in Süd- wie in Nordamerika, nnr auf die Ostseite zurückgedrängt worden. Das Continent von Australien ist fast nur eine große Depression geblieben, da sein niedriges Plateauland nur seine Südostecke in geringem Umfange einnehmen sollte. Eine größere Mannigfaltigkeit ist kaum denkbar: nirgends Wiederholung, überall neue Schöpfung, Entwickelung, Fortschritt der Verhältnisse! Erfüllen nicht schon diese großartigen Anordnungen von immer neu sich entwickelnden Gestaltungen und den nothwendig dar- ans hervorgehenden Mannigfaltigkeiten mit einer Bewunderung, die in dieser organisch fortschreitenden Entfaltung einer scheinbar blos tellurischen, oder planetarischen Schöpfung, auch einen über Alles waltenden Geist für Erreichung noch höherer Zwecke als solche, die blos ein irdisches Dasein befriedigen können, ahnen läßt? Genesis der Plateau- und Gebirgsliildung. Geht man auf die Entstehungsweisen und Bildnngsnrsachen, auf die Genesis der Höhenformen auf der Erdoberfläche zurück, so lassen sie sich nur nach ihren äußern Erscheinungen und innern Bestandtheilen hypothetisch beurtheile». Wahrscheinlichkeiten, durch Gründe unterstützt, bietet hier die geologische Wissenschaft in ihrer merkwürdig rasch fortgeschrittenen Entwickelung dar. Nur einige Hauptpunkte heben wir hervor in Beziehung auf die massigen und die blos linearen Erhebungen der Erdrinde, weil diese schon im Allgemeinsten eine so große Differenz in ihrer Einwirkung auf deu ganzen Zustand des Erdballs und aller seiner äußern Verhältnisse zeigen. 120 Jntumescenzen der Erde. Die Plateaubildung nach ihrer Entstehung. A. v. Humboldt hat den Ausdruck Intumescenz sehr passend zur populären Bezeichnung für die EutstehungSweise der Pla- tcauländcr gebraucht. Plateauländcr erscheinen als große, weite, lange und oft auch breite, meist ebene, wellige, hügelige, blasenartige Anschwellungen großer Strecken der Erdrinde nach oben, mit thcilweisen Einscnkungen durch Erkaltung und Zurücksinken innerer Räume. Sie blieben dabei in ihrem Innern nach unten in stetigem Zusammenhange, und zeigen nur bedeutende Fracturen nach außen, nicht nach innen, keine Einstürzungen auf und ab, wie diese in ihrem ganzen Verlauf den ganz verschiedenen Charakter der Gebirgsbildungen bezeichnen, sondern zuweilen ein mehr centrales Einsinken in ihrer Mitte. Nur unterirdische emportreibende Gewalten konnten solche große Aufblähungen und Empor- hebnngen eines Theiles der Erdrinde über andere, niedriger zurückbleibende oder wieder zurücksinkende Theile bewirken. Ihre verschiedenartigen, doch verhältnißmäßigeren Formen zeigen, daß sie nur allmählich emporgehobene Erdbuckel, zur Zeit eines noch weichen, aber zähen, unstreitig erhitztcrn Zustandes der Erdrinde in den frühesten Bildungsperioden der Planeten sein konnten: Mas- fenerhebnngen mit Flächen, im Gegensatz der linearen Kettenzüge, die nur aus einzelnen langen Spalten der Erdrinde hervorgedrängt wurden, durch cyklopische Gewalten emporgehoben in einer allgemeinen plntonischen Hitzperiode des Erdballs, vorzüglich durch die Gewalt hebender Dämpfe. Diesen massige,? Erhebungen an der einen Stelle mußten zugleich die großen Einscnkungen der Niederungen nnd des benachbarten Meeresgrundes an andern Stellen correspondiren. Eine solche Massenerhebung hob den großen den ganzen Erdglobus umspannenden Plateauring, der am ganzen Südostrande der Alten Welt von Südwest nach Nordost emporsteigt, und noch heute in dem Durchschnittswinkel von 45° durch den Der große Plateauring. 121 Aequator, aber mit vielfach hinzu getretenen Fractnren wahrzunehmen ist. Der Diagonale des rhomboedrisch gestalteten Plateaus Ostasiens, welche das Centralplateau von Südwest nach Nordost im tübetischen Hochlande durchsetzt, und zugleich die Axe der größten Anschwelluug bezeichnet, entspricht zugleich die Richtung der größten Masscnanschwellnng des genannten großen Plateau- riuges. Dieser fällt vorherrschend gegen die Oceane mit schroffen Steilstirnen oder Plötzlich in die größte Seetiefe, während er in entgegengesetzter Richtung gegen Nordwest nach den Binnenländern der Alten Welt zu iu Absätzen, Abfällen, Abstufungen immer in größere Niederuugeu zurücksinkt, in die libysche, arabische, kaspi- sche, sibirische und ostenropäische, endlich in die nordpolare Niederung. In dieser Stirnwand des Plateauringes liegen die hohen Tafelländer Süd- nnd Nordostafrikas, Abyssiniens, Südarabieus, Persiens, Beludschistans, Norddekans, Kaferistans, ganz Tübets, Ost-Tanguts und der östlichen Gobi in der Mandschurei. Diesem großen Plateanringe der massigen Emporschwellungen entspricht auf der Gegenseite der Erde der Normalzug der Cor- dilleren-Vulkane, der mit jenem Plateanringe den größten Erhebungskranz auf eine andere Weise vollendend zu einem Ganzen umschließt. Die Gevirgsbildung nach ihrer Entstehung. Die linearen Emporhebungen des Erdbodens, die gewaltsamen nnd oft plötzlichen Emportreibungen der Gebirgskette» sind in der Richtung kürzerer oder längerer Spalten der Erdrinde auf einmal, oder in vielen verschiedenen Successionen nach einander, emporgestoßen. Die Gleichartigkeit oder Verschiedenheit ihrer meist in krystallinische Gesteinsarten geschmolzenen über oder neben einander gelagerten Bestandtheile, giebt hierüber Aufschluß. Oft sind die Massen bloßgclcgt. Oft kann man nur aus einzelnen Theilen 122 Entstehung der Gebirge. derselben auf das Ganze zurückschießen. Immerhin sind die Gebirge den zusammenhängenden verschlossenen Plateaus gegenüber die aufgeschlossene Hebungswelt. Die oft senkrecht emporgerichteten Massen zeigen die Gewalt, mit der sie bis zu den enormen Höhen emporgehoben wurden, und die Strahlen der Felsschichten gewöhnlich die Richtung ihres Verlaufs. Die Spaltenrichtung der Erdkruste war die erste vorhergehende Bedingung der Gebirgs- züge; die Ausfüllung der Erdspalten durch die Gebirgsketten erst die secuudäre Erscheinung. Die Anschwellung des Continents in Gestalt von Plateaus von Persien bis zur Gobi in der Hauptaxe Nord 60° Ost scheint mit der ältesten Revolution zusammenzuhängen, welche emporgeschobeue continentale Massen erlitteil haben. Die Gebirge sind daher jüuger als die Jntmnescenz oder die Emporhebung der Plateans. Von den primitiven Spalten rigid gewordener Erdrinde ward also die Direction der Gebirgszüge abhängig. Der Durchbruch geschah nothwendig da, wo die größte Gewalt thätig war, oder wo bei auch nur mäßiger Gewalt sich die schwächste Stelle des Widerstandes vorfand. Solche Stellen erschienen offenbar an den meisten Platcau- rändern der Erde. Ihre Hebung mußte Schwächungen der Erdkruste und Fracturen veranlaßt haben. Dies erklärt es, warum an solchen Stellen nothwendig die mächtigsten Randgebirge der Erde hervortreten mußten. Und je mehr die Spalte sich nach der Seitenrichtnng weitete, desto breiter wurden die Gebirgssysteine durch die Succession oder die Successionsrcihen der immer zu den alten Ausfüllungen hinzutretenden neuereu Ausfüllungen. Diese konnten sich dann wie die Blätter eines Buchs in den verschiedenartigsten Schichten und Gängen an einander legen, je nachdem der Schmelzproceß iu der Tiefe im Verlaufe der Zeiten immer andre krystallinische Productiouen emporhob. So reihten sich viele Gebirgs- schichten neben einander und über einander, und stiegen nach ihrer Leicht- oder Schwerflüssigkeit und ihren Erstarrungen zu den wech- Entstehung der Gebirge. 123 selndsten Höhen an, auf und ab, und in oft wiederholten Ansätzen, worüber ihre verschiedenen GebirgSformationen Aufschluß geben. So erklärt sich die doppelartige Gestaltnngsform der beiderlei Hebnngen, der wilde Durchbruchscharakter der linearen Gebirgs- züge, gegen den sanfteren stetigen und allmähligen Anschwellungscharakter der breiten Plateanländer; und die Mannigfaltigkeit der Bestandtheile der einen, wie die Einförmigkeit der Oberflächen der andern. Lagen die Erdspalten unter den Meereshöhen, so traten ihre Ausfüllungsmassen nur mit ihren höhern Rücket? und Gipfeln, als Inselketten und Jnselpiks, auf unterbrochene Weise über die Spiegelfläche des Meeres hervor. Wo Labyrinthe von Spaltungen oder Haufen von Gängen sich ausfüllten, da traten auch ganze Gebirgs- - länder hervor. Waren keine primitiven Spaltungsrichtungen da, oder wurden die Gebirgsketten nicht durch abgeschwächte Striche der Erdkruste hervorgelockt, so mochte der gewaltsame Schmelzungsproceß vom Hitzheerde sich erst den Durchbruch nach oben durch einzelne Vnlkane bohren, oder durch lange Vulkanreihen ihre linearischen Durchbrüche bilden und durch Feuereruptiouen und fortdauernde Erschütterungen und Ejaculationen aller Art offen erhalten. Traten solche Vulkanreihcn neben einander in parallele» Zügen hervor, so konnten sie auch gauze Strecken der Erdkruste zwischen sich, gleichsam wie auf ihren Schultern plötzlich mit sich emporheben, und so die Cordilleren-Plateaus von geringer Breite, großer Länge und deu zu beiden Seiten emporgestiegenen Vulkanreihen eutsprcchenden absoluten Höhen gestalten, welche dieser weniger stetigen Bildungsweise vielleicht die vieleil Analogieen mit den vulkanischen Bildungen ihrer beiderseitigen Randgebirgs- ketten verdanken. Von den Spaltungsrichtuugen der rigid gewordenen Kruste der Erdrinde ward demnach die generelle Directiou der Ausfül- 124 Plutonische Bildungen. lungsmassen oder der Gebirgsketten abhängig. Der Ural, die Scandinavischcn Gebirge, die Alleghanis, die Ghats u. s. w. in der Richtung der Meridiane -— andere in andern Richtungen gehoben. Die verschiedenen Gebirgsarten der Ansfüllungsgesteine belehren über die verschiedenen Arten der Schmelzprocesse; die Aneinanderreihungen der Formationen über die verschiedenen Successionen ihrer Bildnngsperioden, und also über das höhere oder jüngere Alter, über die primitive und secundäre Genesis der Ge- birgszüge. Hieraus ist ein ganzes Shstcm von den Altersfolgen der Gebirge hervorgegangen, das in chronologische Reihen und verschiedene Formationen gebracht ist. Viele krystallinische Gebirgsarten sind dnrch die Chemie als durch Feuerbildung geschmolzene und wieder erstarrte Massen anerkannt: Granite, Porphyre, Gneuß, krystallinische Schiefer und sogenannte mctamorphosirte Gesteine. Man hielt sie früher für primitive oder Urgebirgsarten, die aber nach dieser Hebungs- thcorie jünger emporgehoben erscheinen als andere. Die meisten Gebirgszüge sind erst dnrch viele successive Wiederholungen ihrer Hebungen zu dem geworden, was sie jetzt sind. Dazu waren viele Jahrhunderte und Jahrtausende nothwendig. Nur wenige scheinen wegen ihrer einförmigsten Bestandtheile nur einmaliger Hebung und Erstarrung ihre ganze Existenz zu verdanken, wie etwa der Stock der Centralkarpathcn. Wo fortgehende Emporhebungen mit Feuer und Flamme ausbrachen, und Durchbrüche geschmolzener Massen (Laven) zum Fließen aus einzelnen Feuerschlünden stattfanden, da öffneten sich Krater, da entstanden Vulkane und ganze vulkanische Gebirgszüge. An einzelnen Punkten blieben Vulkaugruppen oder Vulkankegel zurück. Sie konnten anch in ihrer Schmelzperiode erkalten und ihre Vulkane gänzlich erlöschen oder sich beruhigen; dann blieben doch die Plutonischen Massen zurück in ihren sichtbaren frühern Formen: die Puys de Dome, die böhmischen basaltischen Piks, das trachytische Sieben- Neptunische Niederschlage. 125 gebirge, die Katakekaumene (Brandland) in Kleinasien und Hau- ran, Island, Theile der Cordillerenkette, der Sundischen, der Südsee-Inseln u. s. w., der Bogdo-ola und seine Vulkanreihe im Thianschan. Aber auch andere Naturkräfte als das Feuer konnten Ge- birgs--uud Plateauländer umgestalten, Meeresbedeckungen mit ihren Niederschlagen, Schlammmassen, Thon-, Lehm-, Sandmassen in horizontalen Schichten oder Flötzen sie überlagern. Auch diese neptuuischen Niederschlage konnten in verschiedenen Perioden sich wiederholen. Die ältesten dieser neptunischen horizontalen Niederschläge wurden durch die Plateaubildungen auf ihrem Riickeu zu größern Höhen emporgehoben, wo sie sich leicht in ihren Schichtungen mit wenig Veränderungen erhalten konuten. Aber auch auf den Erdspalten emporquellender Gebirgszügc konnten Fragmente des früheren MeereSgruudcs und der neptunischen Erddecken sammt ihren Thieren und Meerpslanzen, die in ihren Schlamm- schichten herbergten, mit auf ihrem Rücken zu deu kolossalen Höhen emporheben, wo sie nun durch Hitze und Erstarrung in Petre- facten verwandelt in vielfach zerrissenen Parzellen und Metamorphosen den Besteiger der Hochgipfel in Verwunderung setzen können. So wurdcu Kreidelager mit ihren Muschelresten und Infusorieu aus den höchsten Gipfeln der Anden durch A. v. Humboldt und L. v. Buch beschriebe», wie sie vou Ehrenberg anderwärts in weiten Flächen der Niederungen und des Mecr- bodeuö gefunden sind. Andere frühere uud spätere neptunische Niederschläge sind iu ihrer aufäuglicheu Lage auf dem Meeresgrunde, oder in den Niederungen der Erde zurückgeblieben. An solchen Stellen besteht die Erdkruste aus horizontalen oder nur sanft geneigten Schichten, sogenannten Flötzen, als secundären nnd tertiären Gestein slagern, die ihren neptunischen Ursprung nicht verleugnen können, wie die Kalk-, Thon-, Sand-, Mergel-, Ghps- nnd 126 Geographie und Geologie. andere Schichten, die dann wieder von noch jüngeren Erzeugnissen, den Bildungen des Diluviums und Alluviums, das bis in die Gegenwart fortdauert, überlagert werden konnten ') So mannigfaltig die Bildungsnrsachen und Verhältnisse, unter denen diese ErhebuugLmassen der Erde hervortreten konnten, sich darbieten, so mannigfaltig ist auch ihre Materie und Forin nach innen und außen. So wechselnd ihre Ausbreitung, Richtung, Mächtigkeit, Höhe und successive Wiederholung wirkender plutonischcr und ueptuuischer Gewalten, so verschieden ihre Altersfolge nnd die ganze Natur der ihneu au- und aufgelagerten Massen, so unerschöpflich die vielfachen localen Erscheinungen in ihren Gestaltungen, Durchbrüchen, Zerreißungen von nuten nach oben oder zur Seite, und in den damit verbundenen eigenthümlichen Productiouen, nach deueu mau deu mineralogischen Reichthum derselben zu beueuueu Pflegt. Die jüugereu Ausfüllungen der Spalten nnd Zerrüttungen lassen sich in den immer enger werdenden erstarrten Felswänden nicht selten von den ältern, weiteru leicht unterscheiden. Es sind die Gänge, in denen meist aus den größten Tiefen der Hitzhcerde die Erze, die Sublimationen wie Goldsand, die Salze, die gediegenen Metalle, wie Gold, Platin, Kupfer, Magneteisenstein nnd Edelsteinkrystalle u. a. bis zur erstarrten Oberfläche der Erdrinde, doch selten bis ganz zn Tage drangen, so daß erst die Kunst des Bergbaus sie hervorrufen mußte. Aber auch mächtige Gänge (V/Kes), oder Dämme'uud Steinmauern drangen massenhaft auf diese Weise als Porphyre, Basalte, Trachyte u. s. w. hier uud da hervor, und bilden merkwürdige Formen der Gebirgsbildnugeu in verschiedenen Durchschneidungen der Erdrinde an ihrer Oberfläche. Der Mineralreichthum giebt den verschiedenen Theilen der Erdrinde wieder ganz eigene Charaktere und Werthe für die Meuscheu. Mit der theoretischen und erforschenden Untersuchung dieser Verhältnisse haben es die Wissenschaften der Mineralogie, Geognosie, Geologie zu thun; wir haben von ihnen nur einige allgemeine Resultate und Betrachtungen erborgt, weil sie die Grundlage aller Oberflächen« erscheinungen in ihrer Wurzel zu vertreten haben. Die Geologie wird in ihrer so großartig fortgeschrittenen Entwickelung immer mehr und mehr einer fortschreitenden Geographie unentbehrlich werden als ihre nothwendige Basis. Beide sind in ihren Elementen verschwisterte sich gegenseitig nothwendig ergänzende, vervollständigende Disciplinen. Niederland. 127 Das Niederland, die Tiefländer der Erde. Diese Form der Erdoberfläche bildet den großen Gegensatz gegen das Hochland nnd Gebirgsland, oder gegen die Hochlands- ^ Systeme der Erde nach allen ihren Modificationen. Niederland, Tiefland nennen wir diejenigen großen Erdräume, die sich nur um wenige hundert Fuß über die Meeresfläche erheben. Alle Verticalen, welche von ihren Oberflächen ans diesen idealen Durchschnitt gemessen werden, bestimmen ihre absolute Erhebung. Jede numerische Vergleichung einer Niederung mit ihren höheren Umgebungen führt mir zu einein blos relativen Verhältniß derselben zu diesen Umgebungen, wie z. B. die Niederung der Bergthäler bei Thälern zu den über ihnen emporragenden Berghöhen. Solche relative Niederungen können sehr hoch über dem Meere liegen, wie das Tiefthal von Chamouny am Nordfuß des Montblanc 3000 Fuß ^ über dein Meere liegt. Beide Begriffe sind ganz verschiedener Art, obwohl sie sehr häufig mit einander verwechselt worden sind. Hier ist nur von der absoluten, großen nnd allgemein verbreiteten Form des Tieflands der Erde die Rede, gegen welches jene relativen Niederungen uud Thaltiefen selbst Vergebenen oder hohe Plateauräuder sein könnten. Wir nehmen auch hier, wie bei den Erhebungen, nur willkürlich eineu Maßstab uach der obern Grenze an, wenn wir sagen, das absolute niedere Tiefland steige höchstens nur bis 500 Fuß über den Spiegel der Meeresfläche auf. Große Landstrecken, wenn sie auch fast unmerklich für das , Auge sich noch in sauften gleichartigem Ansteigen höher, und selbst als Flachland erheben, können dann immer noch als relatives Tiefland erscheinen, aber sie gehören dann schon nicht mehr der absoluten Niederung au, sonderu liegen wenigstens schon auf der Grenze des Uebergangs zu den sanfteu Abdachungeu, oder zudem Fuß des Berglandes oder der Bergebene. 128 Grenze des Tieflandes. Flachland bezeichnet den Gegensatz zu Hügelland oder Bergland, aber nicht den Begriff einer absoluten Niederung, mit der dieser Ausdruck doch ebenfalls öfter verwechselt wird. Die untere Grenze des Tieflandes ist klar und bestimmt genug. Es ist die Meeresfläche, gegen welche sehr häufig eine sanfte Senkung des Niederlandes vorherrschend bleibt. Oft gebraucht man den nicht völlig adäquaten Ausdruck, daß die Uferebene gegen das Meer einschieße und selbst noch unter dessen Oberfläche hinabsinke. Was vom Meeresspiegel bedeckt wird ist Meeresgrund. Viele Niederungen erheben sich kaum so eben über die bewegliche Meeresfläche, stehen ihrem ruhigen Spiegel fast gleich und werden durch ihre Bewegungen überfluthet, wenn sie ihr nahe liegen. Ja viele mögen ihre Bildung erst solchen Ueberflu- thungen verdanken. Sie sind Ausfüllungen früherer Meeresgolfe, wie die geringe Erhebung der Llanos von Caracas, deren gegen Osten sich senkende Form dem ostwestlichen Rotationsstrome ganz geöffnet ist oder wie die lombardische Niederimg ostwärts gegen den Adria Golf. Andre im Innern der Continente gelegene Niederungen können noch unter deu Meeresspiegel hinabsinken, obwohl solche Einsenkungen der Erdoberfläche nur selten vorkommen und auf ein paar absonderliche Erdstellen beschränkt zu sein scheinen. Zu solchen negativen Niederungen, wie man sie nennt, gehört die große Kaspisch-Aralische Einsenkuug der alten Welt im Bucharischen Tieflande, und die Einsenkuug des Jordanthales mit dem Todten Meere; ähnlich die Snezsteppe um die bittern Salzseen auf der Grenze von Afrika und Asien; vielleicht auch im Süden des Biled ul Dscherid im Westen der Sahara und Central-Australien. Auch als Producte von Menschenhand konnten solche partielle Einsenkungen entstehen, wie die Marschländer hinter den Deichen oder Kunstdämmen gegen die Meere, die ihm oft nur erst mühsam abgerungen sind: in Holland, Schleswig, Ostfriesland, in Polare Niederungen. 129 den Niederungen der Weichsel, der Weser, des Nils, des Ganges und andrer Strommündnngen. Die größten und ausgedehntesten Niederungen nehmen wohl den sibirischen Norden von Asien, den canadischen und polaren Nordeu Amerikas eiu. Viele Strecken auch tief landein, sind von Meerwasser, das von hohen Flutheu stagnirend zurnckblieb, noch eingenommen. Hier liegen die schwer zugänglichen Sumpf- Morast- und Sceboden des flachen Nordens. Aber auch unter dem Aequator sind sehr weite Niederungen ausgebreitet, wie in den libyschen Wüsten der Sahara, obwohl diese auch öfter von niederen Plateaustrccken unterbrochen werden und kein so gleichförmiges Tiefland sind wie man früher anzunehmeu geneigt war. Auch die nordaustralischen Niederungen gehören hierher, und zumal die tief landeinwärts reichenden äqnatorischen des untern Amazoueu- stroms. Denn obwohl sie auch uoch im mittlern Lanfe desselben bis zum Pougo de Mauseriche als wahre Ebenen mit kaum merklichem AbHange erscheinen, so liegt die dortige Ebene nach A. v. Humboldts Barometermessungen, wenige einzelne kleine Hügel von Alpenkalkstein abgerechnet, in einer absoluten mittler» Höhe von 1050 —1200 Fuß. Diese mittlern Maranon-Ebenen sind daher wahre Ebeneu, aber nicht zur Klasse des großen Niederlandes oder Tieflandes des untern Amazonas gehörig, und gegen das wirkliche Tiefland der Llanos von Caracas, die noch keine 200 Fuß über dem Meere liegen, ein wenn schon nur niederes Hochland, das, so flach es auch aussieht, doch die Plateauhöhe des Waldai fehr übersteigt. Dagegen sind fast alle Mündungsländer großer Stroinsy- steme wahre Tiefländer zu ueuuen, wie das Deltaland Aeghptens am Nil, Bengalen am Ganges uud Indus oder Sind (die nur durch das niedere Plateanland zwischen Delhi (1000 Fuß) uud Multan geschieden sind,) Babylonien am untern Enphratsysteme; die Ostebene China's zwischen dem Gelben und Blauen Strom; Ritter allgem. Erdkunde. 9 130 Amerika, der Erdtheil der Depressionen. Senegambien zwischen Senegal und Gambia. Da die Strom- shsteme des Missisippi, Orinoco, Amazonas und La Plata in Amerika so kolossale Größe besitzen uud die gewaltigsten Wassermassen zu den Mündungen senden, so finden sich auch in ihren Mündungsländern die größten und weitesten Niederungen. Im Missisippithale reiche» sie vom Mexikanischen Golf bis znr Vereinigung des Missouri und Missisippi hinauf, an welchem die Stadt St. Louis noch keine 500 Fuß über dem Meeresspiegel liegt. Die nördlichen und zumal die westlichen sanft ansteigenden Flachländer der Prairieu von Arkansas steigen jedoch bald, obwohl für das Auge fast unmerklich, zu höhern Terrassen von 1500—2000 Fuß im Council Grovc bis Arkansas auf, uud dann noch hoher als Vergebenen oder Plateauformen über 3000 bis 6000 Fuß empor. Man kann sie also nicht mehr im engern Sinne zu dem eigentlichen Tieflande zahlen. Anch am St. Lorenz ist dessen Tiefland von der weiten Mündung aufwärts bis zum Ontario-See (232 Fuß) und dem Eric-See (565 Fuß) nur auf einige Uferstrecken beschränkt, und bildet keiuc großen und weiten gleichförmigen Niederungen. Klippige Höhen und Felsrippcn, deren absolute Höhe wir nicht berechnen können, durchsetzen das Niedcruugslaud am St. Lorenz. Dagegen reichen die großen und weiten Ebenen Südamerikas am Orinoco, Amazonas, La Plata als Pampas und Savannen tiefer in das Binnenland hinein, als wir bis jetzt noch mit einiger Sicherheit aus Mangel an Höhcnmcssungcn nachweisen können. In keinem Erdtheilc scheint das Tiefland in so großem Verhältniß zum Hochlande zu stehen wie in Amerika. Das ebene Land nimmt in Südamerika ostwärts der Cordilleren vier Fünftel des ganzen Areals ein. Nur gegen ein Fünftel ist Hochland. Wenn auch noch manche niedere Berg- und Platcaulaudschaft sich zwischen diesem ebenern Lande innen lagert, so wird doch ein bedeutender Theil desselben den großen Niederungen dieser südlichen Afrika, Australien der Tieflands-Erdtheil. 131 Hälfte des Erdtheils angehören. Man hat mit Recht ganz Amerika das Land der großen Depressionen der Erde genannt, weil diese den überwiegenden Charakter seiner ganzen Ostseite bilden, so daß dort das Tiefland zwei Theile des Ganzen einnimmt, das Hochland nur einen Theil. In Asien hat sich dagegen nach genauen hypsometrischen Beobachtungen der neuesten Zeit das Tiefland um ein bedeutendes vermindert. Das Hochland erstreckt sich nämlich nach v. Mid- dendorf's Beobachtungen im Nordosteu des Ienisci viel weiter gegen das Nordgestade Sibiriens und das Tschnktschische Vorland, als man früher annahm, wodurch die früher auf 186,300 m Meilen berechnete sibirische Niederung westwärts bis znm Ural auf 102,000 HZ Meilen sich verringert. Dennoch nimmt dieses sibirische Tiefland sammt dem centralen bucharischcn oder tnranischen (48,000 mMeilen) und den übrigen äußern, zerstreuten Tiefländern (60,000 Meilen) nach derselben Berechnung noch immer die ungeheuer ausgebreitete Niederung von 210,000 iHMeilen in Asien ein (das Hochland im weitesten Sinne 440,000 iH Meilen), welche mehr als die doppelte Große von gauz Europa beträgt. In Afrika ist außer den kleinen genannten Münduugsläuderu der Ströme Tiefland kaum näher nachzuweisen. Deun dein ganzen äquatorischen Süden Afrikas fehlt es gänzlich. Im lybischen Norden Afrikas, wo früher die ganze Sahara als ein zusammenhängendes Tiefland galt, sind jene Unterbrechungen von niedern Plateanbildnngen hervorgetreten, von denen oben schon die Rede war. Der Flächeninhalt des Tieflandes ist dadurch unstreitig sehr geschmälert. Wir habeu mir durch Vogel's Baromcterbeobachtun- gen erfahren, daß des Tsad-Sees Umgebungen im Nordwesten desselben in mittlerer Höhe bis zu 1200 Fuß ansteigen; der Spiegel des Tsad-Sees noch 850 Fuß über dem Meere liegt, also die Einscnkuug der Fläche daselbst noch nicht bis zu der von uns angenommenen Grenze des großen Tieflandes der Erde herabreicht. 9* 132 Germanisch - Sarmatische Niederung. In Australien scheint die Form des Tieflandes vorherrschend geblieben zu sein, wenn auch hier und da durch wenige gemachte Messungen mehr Ausnahmen als zuvor hervortreten sollten. In Europa sind drei große Niederungen zu unterscheiden. Das größte Tiefland, das mitteleuropäische, umfaßt die Gestade der Nordsee, die Gestadeländer der Ostsee, tief landein, mit noch südöstlichen Fortsetzungen. Ein zweites nicht weniger großes Tiefland nimmt das nördliche Rußland in seiner Senkung gegen das Nordeismeer und das Weiße Meer ein. Es macht nur eiuen Theil der großen polaren Niederung aus und schließt sich an die sibirische Niederung au, welche uur der Ural von ihr scheidet. Ein drittes ist das pontisch-kaspische Tiefland. Die germanisch-sarmatisch-rnssische Niederung Mitteleuropa's. Das mitteleuropäische Tiefland durchzieht ohue Unterbrechung von den Rheinmündungen ganz Mitteleuropa bis zur mittleren Wolga und dem Ural. Es ist vorherrschend das Land der Ebenen, ein Flachland mit sanften welligen Erhebungen, die am Nord- und am Südraude hier und da einen Charakter niedrigster Plateauländer annehmen, aber mit ihren wenigen Kuppen nur selten sich über die obere Grenze des Tieflandes von 500 Fnß erheben. Es beginnt mit dem Schelde-Rheindelta, in Holland, durchzieht das niedere Westfalen, Niedersachseil, die Marken, Niederschlesien, das niedere Galizien und Polen bis über den obern Dnepr und die mittlere Wolga. Es ließe sich selbst in den schmalen Stromthälern aufwärts am Rheiu bis Straßburg (474 Fuß), au der Weser bis Cassel (486 Fuß), an der Elbe bis Dresden (280 Fuß) aufwärts verfolgen. Amsterdam 0 Fuß über dem Meere, mit dem ganzen Nhein- delta, das in der Bucht des Rheinstroms sich als Niederung über Düsseldorf (107 Fuß) bis Cöln (110 Fuß) hiuaufzieht. Das Niederland des Rheiulaufs beginnt unterhalb Mainz mit der Spie- Germanisch - Sarmatische Niederung. 133 gelslächc des Rhcinlaufs bei Bingen am Einfluß der Nahe (240 Fuß). Münster mit der Bucht von Paderborn 400 Fuß. Ostwärts der Weser und Aller die Lüneburger Haide als größte Hebung bis zu den Grenzen der Marken, zur Elbe und Havel, 300—400 Fuß. Braunschweig 200 Fuß, Magdeburg 128 Fuß. Die Niederung setzt sich fort in der Bucht von Magdeburg bis Wittenberg (204 Fuß), bis Dresden (280 Fuß), wo die Elbe hervorströmt, bis Niederschlesien, wo Breslau 375 Fuß, desseu uächste umgebende Höhen nirgends bis 500 Fnß ansteigen (Grund der Sternwarte 453 Fuß). Wie zwischen dein Rheiudelta und der trockengelegten Meeresbucht von Paderborn, von der Ems bis zur Weser, Aller und mittlern Elbe das große Vorland des Harzes mit dem Brocken 3500 Fuß hoch gegen den Norden (Minden 87 Fuß, Hannover 240 Fuß, Braunschweig 210 Fuß, Hildesheim 214 Fuß) bis zu 52^° N.Br. vorspringt, wodurch dort die Breite des Tieflandes sehr verengt wird: ebenso tritt im Osten der Leipziger Bucht, aus welcher die Mulde, Elbe, Elster hervorströmen, das große Vorland der Lausitz und Nordschlesiens mit dem Riesengebirge (5000 Fuß) nordwärts in die große Ebene bis zu 51° N.Br. vor. Eiue dritte Bucht ist die Schlesischc Bucht, aus welcher die Oder herausströmt gegen Nordwesten, und bei Oppeln und Brieg in den Südrand der großen Ebene eintritt. Ein drittes gebirgiges Vorland an der Ostseite der Oder bis zur mittlern Weichsel, die Tarnowitzcr Höhen in Oberschlesien hat 1000 Fuß mittlerer Höhe. Das Plateau der Vorkarpathen, auf dessen Rücken Krakau liegt (669 Fuß über dem Meere) uud die nördlichste Berggruppe von Kielce zwischen Pilica und Weichsel, auf ihrem linken Ufer am Heil. Krenzberg 1920 Fuß, am Katharinenberg 2000 Fuß. Die Niederung setzt in großer, von Nord nach Süd immer zunehmender Breite ostwärts fort durch die flachen Einsenkungen 134 Bildung der Germanisch - Sarmatischen Niederung. der mittlern Weichsel bei Warschau 330 Fuß, die lithauischen Sumpfwaldnngen des Bug, durch die sarmatischen Niederungen von Minsk und Pinök am Przypcc zum mittlern Dnepr bis Kiew gegen Südostcn, bis Orscha und Smolensk im Nordosten. Pinsk in der Mitte dieser Niederung liegt nur 408 Fnß über dem Meere. An der Nordseite wird sie erst von den südlichen geringen Borhöhen des Waldaiptateans überragt (um Smolensk 792 Fuß, im Plateau von Osmana im Südosten von Minsk 882 Fuß), an der Südseite von Kiew, von dein niedern Plateau Wolhhniens und Podoliens (Hochpolcn, die Granitplatte), dessen absolute Höhe noch unbekannt, am Ursprünge des Bug gegen 1000 geschätzt ist. Es ist dies die lithauisch-sannatische Niederung, welche im Osten des Dnepr in die centrale russische Wolganiedernng übergeht, in deren Mitte, wo Moskau früher 456 Fuß, 336 Fuß nach v. Gerstner Eisenbahn-Nivellement, 288 Fnß nach v. Humboldt und Rose, oder 325 Fnß; — und Kasan am Spiegel der Wolga nur 54 Fuß nach Kuorr und A. v. Humboldt, die Uferhöhcn 270 Fuß nach Kuorr. Südwärts reicht sie bis Simbirsk (181 Fuß nach Galle). Die große mittlere Breite dieses NiedcrlandeS von Norden nach Süden (zwischen Smolensk und Kiew an 100 Meilen), nnd die Ceutrallage in der Mitte des Ostcontments von Europa ist durch die Entfernung von allen Meeren, 100 bis 120 Meilen nach allen Richtungen, ausgezeichnet. Die Bildung der Niederung nach ihrer Entstehung und die nördliche Rcinderhelumg. Das geringe Niveau dieser Niederung, in ihrer Oberfläche dem Meeresspiegel zunächst stehend, trägt in den wesentlichen Theilen ihrer Oberflächen, zwischen den Dünenhöhen im Norden und den Hügelketten im Süden anch den Charakter eines erst in den jüngsten Perioden der Oberflächenbildung vom Meere ent- Bildung der Germanisch-Sarmatischen Niederung. blößten Landstriches. Selten gestörte Gleichförmigkeit und Einförmigkeit der Bedeckung von einem Ende zum andern (über 500 Meilen von der Scheide bis zur Wolga am Ural) bezeichnen diesen orographischen Charakter, dem auch sein geognostischer uud genetischer entspricht. Ueberall, bis zu oft noch undnrchsunkener Mächtigkeit, zeigen sich nur lose zusammengefügte Schichten des aufgeschwemmten Landes in unregelmäßiger Folge verbreitet, wie sie an andern Orten noch heute durch die Wirkungen weit ausgedehnter Wasserflächen gebildet werden. Zahlreiche Erscheinungen beweisen, daß die Natnr dieser Bildung von dem Eintreten der Grenzen des heutigen Meeresspiegels nicht unterbrochen wird. Also ist die ganze Ausdehnung als der Boden eines noch ungemessenen Beckens zu betrachten, in dessen Vertiefungen einst die Wasser der Ostsee und der südlichen Nordsee zurückgeblieben waren. Die alten Küsten liegen jetzt tief landein. Ist dieser Küstensaum überschritten, dann erst ändert sich die landschaftliche Ansicht, weit mehr noch die Beschaffenheit ihres innern Zusammenhanges. Anstehende Massen von Gesteinen der verschiedensten Bildung zeigen überall, nahe zu Tage entblößt, die beobachtbare Grundlage, die in der Niederung selbst verborgen bleibt. Diese Küste gleicht ganz den noch heutigen Meeresküsten, wo Felsgrund die Grenze der Gewässer bildet. Das Land ist frei vom Einwirken des Meeres der benachbarten Tiefe; aber es greift mannigfach ein. Vorsprünge, vereinzelte Inselmassen gestalten sich zu Vorbergen, Inseln und Meeresbuchten. Dies sind die verschiedenen jetzt trocken gelegten Meerbusen des Rheins, die Buchten von Padcrborn, von Leipzig, die schlesischc Bucht. Jenes sind die niedern Vorberge und plateauartigen Vorsprünge des bergigen Mitteldeutschlands und Europas iu deu Bergländern: der westfälischen Mark von Elberfeld über Dortmund, die Ruhr bis zur Lippe; des Tentobnrger Waldes bis zur Weser; dann der Wescrgebirge und der Harzberge bis zur mittlern Elbe; des Thüringerwaldcs und Erzgebirges um 1Z6 Bildung der Germanisch-Sarmatischen Niederung. die Leipziger Bucht bis zur oberu Elbe; der Lausitzer Berge und des Rieseugebirges bis zu den Glatzer Bergen bis zur obern Oder; die Trebnitzer Berghöhen Schlesiens und die niederen Plateauhöhen der Vorkarpathen um Krakau bis zu den Berghöhen von Kielce und dem Zusammenfluß des San mit der Weichsel. Es folgen als SUdrand der immer breiter werdenden Niederung die bis 1000 Fuß hohen Plateanbildungen Galiziens (wo Lemberg 900 Fuß über dem Meere), Wolhyniens und Podoliens dann flache Plateauzüge bis zum Dnepr. Die geognostische Schilderung der Ränder dieses Meeres, das einst Europa umflossen hat, ist wichtig, weil man daraus auch auf die Ursachen dieser großen Katastrophe zurückschließen kann '). Wir bleiben hier nur bei dem geographischen Gesammtcharakter dieser für Mitteleuropa so wichtigen Naturform der großen ger- manisch-sarmatisch-russischen Niederung stehen. Schon bei Betrachtung der niedrigsten Plateaubildung ist erwähnt, daß am Nordsaume dieser großen Ostseeniedernng, der niedern Hügelzüge der pommerschen und preußischen Seeplatte die Küstenniedernng von dem mittlern rein continentalen Niederlande in einer mittlern Höhe von etwa 300 Fuß thcilweise abscheide, und hier uud da in einzelnen aufsteigenden Höhen als ein Uebergang vom Niederlande zum untern Plateaustreif angesehen werden könne. Hier ist zu bemerken, daß jene schmalen und langen, meist aus lockerm Sand und andern losen Erdmassen aufgehäuften Züge jener baltischen Seenplatte am Südrande Pommerns und Preußens großentheils für angehäufte Dünenreihen eines spätern sich gegen Norden zurückziehenden Meeresrandes angesehen werden können. In ihren tiefern See- und Flnßthälern, wie im tiefen Weichseldurchbruch unterhalb Thorn, haben sich nur lockere Schuttmassen, ') S. Fr. Hofsmann Uebersicht der orographischen und geognostischen Verhältnisse des nordwestlichen Deutschland. Einleitung. Bildung der Germanisch-Sarmatischen Niederung. 13? keine festen anstehenden Gesteinsschichten gezeigt. Doch scheint dies nicht überall der Fall zn sein, obwohl in den cisuralischen, baltischen Depressionen vorherrschend dünenartige Undulationen in diesen Zügen anftrcten, von denen einige doch auch größere Höhe erreichen als man früher vermuthete. Es sind freilich nur partielle, isolirte Masscnerhebnngen, die aber doch hier und da bis gegen 1000 Fuß steigen können. Am Ostende der pommerschen Seenplatte, westlich von Danzig, zwischen dieser Stadt und Bütow, wo das Sandufer weit gegen Norden vortritt, liegen mehrere Dörfer 400 Fuß über dem Meere. Der Thurmberg (54° 13' 29" N.Br.) steigt bis 1024 Fuß, der Berg bei Ober-Buschkau östlich vom Thurmberg 814 Fuß, der Berg bei Hulterfeld 846 Fuß, der Höckerberg bei Schönberg 902 Fuß. „Der Thurmberg, früher unbekannt, bemerkt A. v. Humboldt (Ceutr. As. I. S. 69), möchte wohl zwischen dem Harz und dem Ural die höchste beachtenswerthe Berghöhe sein, der nnr etwa eine oder die andere Stelle des Waldai gleichkommt." Seine Lage dicht am Meere ist besonders beachtenswerth. Sehr wahrscheinlich ist es nach A. v. Humboldt, daß diese Unebenheiten da, wo der Sand und das aufgeschwemmte Land in Meklenburg, Pommern, Ostpreußen Höhenzüge oder niedere Platten bildet, nicht allein den Phänomenen der Dünen des alten Litorales angehören, sondern daß auch die ursprüngliche Ursache ihrer Bildung in einer Ortsverändernng und Aufrichtung von Kalkstein- und Inraschich- ten gesucht werden mnß, die unter dem losen Boden verborgen liegen. Die eigenthümliche Anhäufung gut erhaltener Meeresfossilien in dem Sandboden dieser Länder scheint die Nähe wirklicher Felsbänkc zu beweise». Diese Anschwellungen sind es, welche in derselben nordöstlichen Verlängerung, in der immer breiter werdenden plateauartigen Bildung der Wasserscheiderücken im Norden von Smolensk und dem Dnepr-Ursprünge, im Waldai und weiter ostwärts in 1ZZ Bildung der Germanisch-Sarmatischen Niederung. den sogenannten Uwalli zwischen Wolga und Di'ma, bis Perm an der Kama fortsetzen. Bis dahin bilden sie den Nordrand der mitteleuropäischen großen Niederung im Süden, und scheiden sie von der nordrussischen Niederung, die sich zum Nordeismcer senkt. Als isolirte bis jetzt gemessene einzelne Höhenpunkte in diesem Nordrande, welcher meist unter der Höhe des Waldaizuges (unter 1000 Fuß) liegt, sind uns außer den schon genannten nnr wenige bekannt. In Ostpreußen und Lieftand giebt es Anschwellungen von mehr als 600 Fuß; 12 Meile» südlich von Dorpat der culmi- nirende Punkt Mnnnamäggi nach Struve's geodätischen Messungen 996 Fuß; südlich von Wilna die Höhen von Puzcwitsch 990 Fuß. Es folgt der in gleicher Richtung gegen Nordosten sich ausdehnende niedere Plateauzug des Waldai, der die Quellhöhe einiger Hauptströme und die Wasserscheide zwischen Süd und Nord bildet. Ans dem Wege von Petersburg uach Moskau fand A. v. Humboldt dessen Höhe jenseit Nowaja-Ijetza 660 Fuß, den culminirenden Punkt Popowa-Gora 792 Fuß, nach Pansner 876 Fuß. Die Berghöhe zwischen Waldai südwärts gegen Ostaschkow bei Mosti- Derewna nach Pansner 1032 Fuß; der höchste Punkt nach Gr. Helmersen 1098 Fuss. Noch weiter in Osten, wo zwischen den Waldaihöhen und der Seengruppe zwischen dem Seliger See und dem Bielo-Osero der von vielen Flüssen und Kanälen durchbrochene nordwestliche Landrücken als Uwalli oder Wasserscheide mehr und mehr von dieser Höhe sich senkt, steigt noch einmal im Westen von Perm und Kama die Höhe von Suri bis zu 1014 Fuß, also bis zur Waldaihöhe auf. Uwalli ist uur der slavische Name solcher eigenthümlicher für das Auge fast unmerkbarer niedriger Bergrücken, die nach verschiedenen Richtungen Polen, Lithauen, Rußland durchziehen, früher als Wasserscheiden mit Gebirgsketten verwechselt und selbst auf Karten so dargestellt wurden; ein Irrthum, von dem sich der Fortschritt der Messungen befreit hat. Hydographisch bleiben sie jedoch immer wichtige Elevationöelemcnte. Pontisch.Kaspische Erdsenke, 139 Das Politisch-Kaspische Tiefland, die große Einscnknng der Alten Welt. Dieses zweite große Tiefland ist die unmittelbare Fortsetzung des mitteleuropäisch-russischeu Tieflandes mit entschiedener Senkung gegen den Pontischen Süden, welche alle Flußlänfe desselben bezeichnet. Es erstreckt sich von der Donaumüuduug über den untern Dnestr, Bog, Dnepr, Don und Wolga bis zum Kaspischen See und fetzt sich auch noch weiter ostwärts fort bis zum Aralsee. Hier senkt sich die Sibirische Niederung fast ohne alle Unterbrechung in die Aralische Niederung hinab. Die südöstliche Niederung von Europa im Zusammenhange mit der westsibirischen (102,000 tU M.) ist eiue der räumlich weitesten Niederungen der ganzen Erde. Nur durch die lange Meridiane Gebirgskette des Uralzuges von 50° bis 67° N.Br. wird die baltisch-sarmatische Niederung von der westsibirischen geschieden, durch die Uralkette mit ihrer kanin zwischen 4000 nud 5000 Fuß im Maximmn sich erhebenden Kammlinie und sehr geringen Breite ihres Erdspaltcs, aus dem ihre Parallelketten hervorgehoben wurden. Den Ural weggedacht würde eine Linie von Breda zwischen den Mündungen der Scheide, der Maas und des Rheins, sich zwischen 51^° bis 485° N.Br. über Tobolsk bis Semipalatinsk am Obi an der chinesisch-sibirische» Grenze ununterbrochen über aufgeschwemmte Ebene in das Hügelland, Haide- und Steppenland fortsetzen, in einer Länge, die A. v. Humboldt mit der dreifachen Länge des Amazonenlanfs von Westen nach Osten vergleicht! Gegeu Südcu wird die cisuralische, europäische Seite der politischen Niederuug vom Schwarzen Meere um durch eine niedere Granitplattc getrennt, die von Wolhynien nud Podolien gegen Osten die Dnepr-Katarakte durchfetzt, gegen Sndosten immer schmaler wird und .erst bei Taganrog am untern Don und Asow- schen Meere ihr Ende findet. So wird der schmale Steppensaunt 140 Pontisch - Kaspische Erdsenk-. des nördlichen Pontusgestades von der im Innern gegen Süden immer weiter vorrückenden Tiefebene Kleinrnßlands, der fruchtbaren Ukraine geschieden. Die Höhe dieses niedern Plateauzuges wurde in seiner westlichsten wahrscheinlich größten Erhebung in Podolicn südöstlich vom Brodh nur geschätzt auf 1000 Fuß Meereshöhe. Leider fehlt jede Höhenmessnng weiter ostwärts am Dnepr-Plateau, wo sich die Felsplatten über den Spiegel der Porogi nur etwa bis 700 Fuß erheben. Die schmale Sandsteppe südwärts der Granitplatte ist sandiges Steppenland, das im Norden der Krim als politischer Kü- steusaum nach Osteu bis zur uordkaukasischen Wolgasteppe zwischen Don, Wolga und Kaspischem See gleichartig fortzieht uud in die große Kirghisensteppe ostwärts der Wolga bis zum Jaik und zur Ostseite des Baschkiren-Ural übergeht. Reiche Salzseen zeichneu sie aus, wie der Elton, der nur 24 Fuß über dem Ocean liegt, während weiter östlich die Gruppe der Salzseen am Kamysch und Samara sogar in einer Depression von >—138 Fuß liegen sollen, also noch um 60 Fuß tiefer als der Spiegel des Kaspischen Sees. Doch bedarf diese Angäbe noch der Bestätigung. Aus dieser Niederung steigen nur ein paar isolirte Bergkegel empor, die ungeachtet ihrer geringen absoluten Höhe, wegen der Einsamkeit der Niederung, aus der sie emporragen, von den vor-, tigen Bewohnern zn den Wundern der Steppenwelt gezählt werden. Der kleine Bogdo im Süden des Elton, und noch südlicher der große Bogdo 504 Fnß über dem Oceane nach Humboldt, 617 Fuß über dem Kaspischen See uach Murchisou, und in südöstlicher Nähe der Berg Arsargar 331 Fuß nach Murchison. Der große Bogdo besteht aus Muschelkalksteiu und steinsalzreichen Sandsteinschichten. Die Kirghisensteppe trennt durch etwas, aber kaum merklich höhere Anschwellung die nördliche sibirische Tiefebene von der südlicheren kaspisch-uralisch tiefern Einsenkung. Doch zieht hier kein Politisch-KaSPische Erdsenke. 141 Kettengebirge quer durch, wie es früher vom Ural ostwärts bis zum Altai aus Karten blos hypothetisch eingetragen war. Es ist nur ein sehr flach erscheinendes und sehr niedriges Tafelland von 780—960 Fuß mittlerer Erhebung, während die nördliche sibirische Niederung am Obi und Tobol zu Omsk auf 280 Fuß, zu Tora auf 192 Fuß, zu Tobolsk auf 108 Fuß herabsiukt. Vielleicht daß mau diese mäßige Tafelerhebung im Osten der Wolga eben so wie die Erhebung der Granitplatte im Westen der Wolga und des Don, wie manche andre ähnliche zurückgebliebene Anschwellung des Steinbodens nur als noch nicht zur Entwickelung gelangte Bergzüge (terrse tumoros nach ^rontirms) betrachten kann, deren Erkaltung frühzeitiger eintrat, als bei den ihr zu beiden Seiten in gleicher Normalrichtung gegen Nordwest und gegeu Südost fortstreichenden mächtigen Gebirgszügen der Karpaten und des hohen Kaukasus. Die große Einsenkung der Alten Welt beginnt erst mit der südwärts immer weiter fortschreitenden Vertiefung des Wolgabeckens unterhalb Simbirsk, bis der Lauf des Stromes unter 514° N.Br. im Parallel von Orenburg und Saratow die letzten, kaum noch hemmenden Querzüge des dortigen Hügelbodens im Obstschei Shrt durchbricht und nun dem tieferen Schlunde des Kaspischen Sees zueilt, mit welchem der des Aralsees in naher Verbindung steht. Die hier sich zeigende große Depression oder Concavität auf der Grenze von Europa und Asien, durch ihre Stellung, so fern von den großen Oceanen, in der Concentration der festen Landmassen, überhaupt schon sehr merkwürdig, ist, wenigstens in dieser Großartigkeit auf der Erdoberfläche ganz ohue Beispiel. Vielleicht würde sich, bemerkt A. v. Humbolt, dieses Depressionsphänomen auf mehreren Punkten im Innern der Continente wiederholen, wenn man die tertiären Auflagerungen und aufgeschwemmten Absätze, die sie überlageru, abheben könnte. Eine gewiß nicht wenig fruchtbare Ansicht des großen Geognosten über 142 Pontifch - Kaßpische Erdsenke. die Gesaunntcrdbildung, die wir jedoch nicht weiter verfolgen können, da wir es nur mit der jetzigen Oberfläche zu thnn haben. Der Obstschei Shrt ist der niedere Landrücken, der sich vom Baschkiren-Ural westwärts von Orenburg abzweigt, und nördlich Uralsk und des Uralflusses, im Süden der Samara znr Wolga bei Saratow zieht, und auf deren östlichem Uferrandc wiederum bis zu 600 Fuß emporsteigt, und die Wolga südwärts dicht an? Uferrande bis Zarizin uud Sarcpta begleitet. Orenburg auf dem Obstschei Syrt, da wo er sich vom Ural abzweigt, hat 255 Fuß MeereShöhe. Uralsk liegt schon viel tiefer, nur 234 Fuß hoch. Der Spiegel der Wolga am Durchbruch des Obstschei Shrt bei Saratow iu voller Niederung nur noch 36 Fnß; die westliche Uferhöhe der Wolga über Saratow 562 Fuß; Zariziu bei Sarepta liegt schon 30 Fnß unter dem Spiegel des Oceans, nachdem die Wolga zwischen Saratow über Kamh- schin (wo der Durchbruch) bis Zarizin auf einer Strecke von etwa 40 Meilen südwärts ciu Gefälle von 66 Fuß durchlaufen hat. Westlich von Zarizin nnd Sarcpta ist die westliche die Wolga begleitende Uferhöhc, die ciswolgaische Fortsetzung des Obstschei Shrt, auch schon von 562 bis zu 394, also um 168 Fuß herabgesunken. Hier wendet sich diese Uferhöhe plötzlich gegen Süden.in die Manitschsteppe, zu 75 Fuß absinkend, gegen Westen im rechten Winkel zum Nordcude des Asowschen Meeres. Die Wolga aber divergirt von ihrem bisherigen südlichen Normallaufe gegen Südosten und durchzieht die Astrakhanische Kalmücken- steppc, die bei Astrakhan an ihrer Mündung schon 72 Fuß unter dem Spiegel des Meeres liegt. Der Spiegel des Kaspischen Meeres liegt noch um 4 Fuß tiefer als der Uferboden, auf dem die Stadt Astrakhan erbaut ist. Die früherhin schwankenden Angaben über eine 300 Fuß tiefere Lage des Kaspischeu Seespiegels unter dein Spiegel des Oceans beruhten nur auf Vermuthungen, die schon der Naturforscher Pallas Politisch 5 Kaspische Erdsenke, 143 aussprach. Der Einfluß dieser großen Einsenkung auf das wärmere Klima dieser Gegend, die eigenthümliche Vegetation der Salzsteppe nud die Bedeckung des Blachfeldes mit den salzigen Morästen, wie mit großen Bänken von Auster- und andern Muschelschalen leiteten ihn auf die Vorstellung, daß hier ein einstiger übcrslntheter Meeresboden trocken gelegt sei. In dem nach Norden höher und steil aufsteigende» Südabfalle des Obstschei-Shrt, den er sich bis 400 Fuß über diesen Tiefbodcn erheben sah, glaubte er an den eigenthümlich zertrümmerten nnd gestalteten Schichtenbildungen den alten nördlichen Uferrand dieses einstigen Binnenmeeres nachweisen zu können, in welches die Wolga einst unterhalb Saratow und Kamhschin sich eingemündet habe. Diese Vermuthung einer bis 300 Fuß gehenden tieferen Lage des Kaspischen Seespiegcls schien durch barometrische Nivellements von Parrot nud Engelhardt (1811) Bestätigung zu erhalten. Viele Hypothesen wurden auf diese Voraussetzung gegründet, bis durch A. v. Humboldt gegen die große Tiefe Zweifel erregt wurden. Sie beruhten auf der Unsicherheit barometrischer Nivellements nach damaliger Methode uud mit uoch unvollkommenen Instrumenten. Nur ein trigonometrisches Nivellement zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere von Taganrog bis Astrakhan, kounte einen sichern Aufschluß gebeu, und dies wurde im Jahr 1837 von den Astronomen Fuß, Sabler nnd Sawitsch ans Veranlassung des russischen Gouvernements ausgeführt. Das Resultat zeigte, daß der Spiegel des KaSpischeu Sees uicht 300 oder 350 Fuß.unter dem Ocean liege, sondern 12,7 Toiscn oder 76,32 Par. Fuß nach Struve, oder nach einer anderweitig ausgeführten Berechnuug durch Galle, die mit dieser überraschend übereinstimmte, 77 bis nahe 78 Par. Fuß. Auch der Spiegel des Aral-Sees ln derselben aralokaspischen Einsenkung erhielt seine bestimmtere Stellung uach Höhe und Umfang. Ein barometrisches Stations-Nivellement wurde auf der Expedition des General Berg mitten im Winter 1826 bei starker 144 Pontisch-Kaspische Erdsenke. Kälte von Sagoskin, Anjou, Duhamel ausgeführt. Man fing am östlichsten Golf des Kaspischen Sees in Nordosten am Mertwoi Koltok (Todter Golf) das Nivellement au, führte es über die dortige Platte des 500 bis 600 Fuß hohen Ust Urt oder des Truchme- nen-Isthmus unter 45° N.Br., bis an das Westufer des Aralsees, und erhielt das Resultat, daß das Niveau des Kaspischen Sees um 110 Fuß tiefer liege als der Spiegel des Aralsees. Zieht man davon die — 76 Fuß Depression des Kaspischen Sees ab, so bleiben 33 oder nicht volle -s- 34 Fnß absolute Höhe für deu Spiegel des Aralsees übrig. Bei der Unsicherheit, welcher dieses barometrische Nivellement gegen ein trigonometrisches noch uuterworfeu bleibt, wäre es nicht unmöglich, daß eine genauere Ermittelung das Resultat geben könnte, daß der Spiegel doch in gleichem Niveau mit.dcm des Kaspischen Sees liege. Nach Eichwalds Profilangabe seiner Reise auf dem Kaspischen Meere läge der Aralsee nur 28 Fuß über dem Kaspischen Meere. Für jetzt aber müssen wir bei dem Resultate von -I- 33 bis 34 Fuß über dem Oceau stehen bleiben. Auch ohne das Aralische Gebiet, welches jedoch auch noch zum Niederlande gehört, mit in Rechnung zu ziehen, hat man die con- tiuentale trockue Umkreisung des Kaspischen Gebietes, dessen Boden unter dein Spiegel des Schwarzen Meeres liegt, auf 6000 IHM. berechnet (Strnve noch auf etwas mehr). Noch sind zwar die geodätischen Linien, welche gleich dem Nullpunkt des Schwarzen Meeres, nicht überall um den Kaspischen See genau geinessen, doch läßt sich diese Linie der submariueu Eiusenkung von der Wolga zum Iaik oder Uralfluß, von da zur Emba und zn der Nordspitze des Aralsees, und von da zur Gruppe des nordöstlicher liegenden Steppensees Aksakal Barbi, durch die immer gleichbleibende Ebene mit ziemlicher Sicherheit verfolgen. Bei dem geometrischen Nivellement bemerkte man sogleich, wenn man auf dieser geodätischen Linie unter den Oceanspicgel hinabstieg, eine Entstellung des Pontisch-Kaspischen Einsenkung. 145 auffallende und wesentliche Veränderung des Terrains, das man sogleich als alteu Meeresboden erkennen mußte. Ans diesen UmgrcnzungSangaben ergiebt sich der große Areal- nmfang des Kaspischen Tieflandes. Rechnet man zu diesen 6000 ^Meilen noch die über 7000 iHMeilen (7500 nach A. v. Humboldt) der Wasserfläche des Kaspischen Sees hinzu, so beträgt die ganze Kaspische Einsenkung 13,000 m Meilen, ein Flächenraum größer als Frankreich, als Deutschland, dem nur der Flächenraum des ganzen österreichischen Kaiscrstaates von 12120 m Meilen verglichen werden kann! Wollte man hierzu noch die Einsenkung des Aralsees (dessen Fläche allein 1124 HZM. beträgt) hinzurechnen mit seinen noch nicht ermessenen, östlich viel weiter durch Seereihcn in ganz ähnlichem Niveau reichenden Vertiefungen, so würde das Areal der Einscnkuug noch von weit größerem Umfange werden. Und fügt man die nordsibirische mit ihr fast gleichstehende Niederung hinzu, so würde dies größte Nicderland wenigstens anderthalbmal die Größe von ganz Europa erreichen. « Die Entstehung der Politisch-Kaspischen Einsenkung. Bedenkt man den weiten Umfang dieser Kaspischen Niederung, die einen großen Theil der größten Gesammtnicderung des ganzen Erdballs nach der Binncnseitc der Alten Welt einnimmt, und im Kaspischen Sccboden noch die Tiefe von 500 bis 600 Fnß senkrechten Einsturzes erreicht: so drängt sich bei einem so außerordentlichen Phänomen, das bis jetzt einzig in der Oberflächenbildung der Erde dasteht, die Frage auf: Wie wurde eine Bildung möglich, die allen andern Natnrverhältnissen zu widersprechen scheint? Die Antwort, gehörig erwogen, könnte für die ganze Bildungsgeschichte der Erdkruste nicht ohne wichtige Aufschlüsse bleiben. Doch kann zur Zeit solche Antwort noch nicht mit völliger Bestimmtheit gegeben werden. Wir haben erst die elementarsten Elemente der Erscheinung kennen lernen; es sind noch unendlich Ritter allgem, Yrdkunde. 10 146 Entstehung der Pontisch-Kaspischen Einsenkung, viele Beobachtungen zu ihrer genauesten Kcuutuiß nothwendig. In deß hat es doch nicht au vorläufigen Betrachtungen und Bemühungen gefehlt, sich über das Wesentliche dieser großartigen und außerordentlichen Erscheinungen, weuu auch um hypothetisch, einigen Aufschluß zu verschaffen. Wir haben schon angedeutet, daß wir mit einem großen Gcsammtgesetze der plateauartigeu Ringer- hebuug und des Gesammtciuschießens der Binnenländer nach der Tiefenseite der Erde zum Theil jeuc Gesammteinsenkung uns zu erklären vermögen. Die Einfenkuug findet am Südende des Steilrandes des Kaspi- schen Sees gegcu das Persische Plateau ihreu tiefsten Einsturz und ihr Ende. Dort erheben sich im Halbkreis die höchsten Gebirgs- und Plateauräudcr Mittelasiens. Im Westen der Kaukasus mit den bis 15000 uud 17000 Fuß hohen Niesengipfeln Kasbeg und Elborus, mit dem Kratersee auf seinem mächtigen Gipfel und den von Cascadcn erstarrter Lavaströme, die sich einst von seinem Eruptionökegel herab stürzten, bedeckten Tiefen uud mächtigen plateauartigen Gewölben am weitesten Umfange. Di?se Gipfel beweisen die einst örtlich hebende Kraft der vulkanischen Thätigkeit an dieser Stelle im Westen. Im Süden erhebt sich über der armenischen Hochebene des Araxesplateaus in gleich geringem Abstände von der Kaspischen Einsenkung das majestätische Plutonische Gewölbe des mächtigen Ararat zn fast gleicher Höhe von 14,656 Fuß. Eine ganze Reihe ähnlich hoher Eruptionskegel am Göktschai-See mit wilden Lavaströmen überschüttet, welche die weiten und riesigen Trachytdome in Hocharmenien überziehen, beweisen genug, daß auch hier gewaltige Strecken der Erdrinde durch Feuerbildungen emporgeblähet wurden, und an mehrern Orten auch wieder in Calderas (kesselartige Vertiefungen) und Barrancas (enge und tiefe Erdspalten) einstürzten. Ueber dem tiefsten Schlunde des Kaspischen Sees, der in Entstehung der Pontisch-Kaspischen Einsenknng, 147 seinem Seeboden bis ans 420, 480 und 600 Fuß, nach Hanwah's Sondirung sogar bis auf 2700 Fuß hinabstürzen soll, steigt ganz dicht am Meere steil das Persische Küstengebirge uud das dahinter liegende Plateau von Teheran zu 3400 Fuß, und über diesem die vulkanischen Gipfel des Demawend 20,000 und Enczan 6600 Fuß. In der Kette des steilen Küstengebirges des Albordsch- Systems liegen überall über 5000 Fuß hoch emporsteigende Raud- gebirgsketteu, die im Schemrun im Nordwesten von Teheran zu 8560 Fuß, im Südwesten des Demawend über Churchurah zu 7650 Fuß, im Südosten des Demawend zu Newo zu 8540 Fuß, im Osten desselben zu Nejoftcr im Seriakuh zu 7200 Fuß, und dicht im Süden über Asterabad im Schahkuh und Surdukkuh bis zu 7270 Fuß empvrschwcllen, fast alles plutonisch aufgeblähte gewaltige Trachytgebirgsmasscn. Noch weiter ostwärts sinkt zwar der riesige Anschwellungsring von seiner kolossalen Hohe im nördlichen Tauruszuge gegen Nischapur, Mesched 1872 Fuß, Herat 2628 Fuß, zu einer mittlern Höhe von 3400 bis 4000 Fuß herab. Aber er steigt ostwärts von Herat sehr bald wieder in den Plateauhöhen von Bamigan und Kabul zu 7000 und 8000 Fuß, und in den Gipfelhöhen der Kolubeba zu 16,800 Fuß. 'Der Hindu- khu über Dschellalabad hebt sich zu 18,984 Fuß, in den Hochebenen des Bolor am Jssikul zu 14,664 Fuß, und im noch ungemessenen Pamir, der als Paß zu 18,000 Fuß hoch geschätzt ist. Hier stehen wir uahe dem 40sten Grad nördlicher Breite, von dem nordwärts die Gebirgsketten allmählich tiefer sich zu senken scheinen, nachdem sie gegen Osten noch den hohen Thian- schan abgesendet haben. Von diesem innersten Winkel des Hin- dukhu und des Bolor, wo die Quellen des Oxus im Badak schon gegen Westen hervorbrechen, nimmt nun dieser wasserreiche Strom als Amu Darja oder Gihon aus dem hohen Baktrien seinen Lauf durch das Bucharische Tafelland, das zu Buchara schon auf 1116 Fuß herabgesunken ist, gegen Nordwesten direct zum Aral- und 10* 148 Entstehung der Pontisch-KaSpischen Einsenkung. Kaspischeu See. Er bezeichnet also selbst die Richtung des Gebirgsabfalls zu jeuer große» Eiuseukuug, der großen Depression im Osten des Kaukasus mid Armeniens, in? Norden des persischen Hochlandes, und im Westen des Hindukhu- uud Bolor - Systems oder des Imaus der Alten. Der untere Lauf des Oxus abwärts vou Buchara wühlt sich nur noch iu lockere Schutt-, Kiesel- und Sandmasseu ein, uud tonnte daher während Iahrhuuderteu iu leichteu Bcrschiebungcu vonl Kaspischen See zum Aral-Sce sich umäudcru, ebeu sowie der Lauf des alten Iaxartcs oder Shr Darja zum Aralsee. Das große Bucharische Blachfeld ist hier uur mit lockerm Schuttgeröll überschüttet, dem größern Theile nach Steppe und alter Seebodeu, der eben so wie die nördlicheren flacheren Umgebungen des Kaspischen- nnd Aral-Sees auf frühere Katastrophen zurückweist, welche mit ihren Trümmern erst das ganze Gebiet ausfüllteu und überdeckten. Schon Halley suchte sich die Entstehung dieser großeu Ein- sentuug des Kaspischeu Meeres zu erklären, uud uahm in seiner Abhandlung über die Kometen den Stoß einer Komctenkugel von ungeheuren Dimensionen zu Hülfe. Arago dagegen suchte zur Erklärung, statt unbekannte Himmelskräfte hcrbeizurufeu, die auf dem tellurischen Erdenrund noch heute thätigen Kräfte, die plutonischeu und Dampf-Gewalten, in Anspruch zu nehmen. Niemand, bemerkt er, zweifle heutzutage uoch an der Hebungstheorie, durch welche die Geologie so überzeugend die Entstehung der Hochshsteme der Erde in ihren Formen und iuneru Bestandtheilen nachweist. Emporhebung großer Massen setze aber nothwendig Erzeugung eines leeren Raumes iu dcu umliegenden Ländern voraus, aus dem dieselben emporgehoben wurden. Und damit sei auch die Möglichkeit des Wiedereiusiukens derselben verbunden. Daher erscheine es sehr natürlich, auch bei dem im großen Halbkreise gehobenen kolossalen Gebirgs- und Plateauring Entstehimg der Pontisch-Kaspischen Einsenknng. 149 anzunehmen, daß zwischen ihm ein merkliches Sinken in Folge des Hebens stattgefunden. Bei linearen Gebirgserhebuugen haben die linearen Thal- scukungen ihren gleichen Entstehnngsgrund; bei rundlich erhvbenen ' Vnlkanbildnngen findet in dem Einsinken ihrer gemeinsamen Mitte etwas Aehnlichcs statt, wie in den Calderas der Vulkane, welche tiefe rundliche Thäler bilden, die in die Tiefe wieder zurücksanken, aus der sie gehoben wurden; freilich in viel kleinern Dimensionen als hier. So ist es bei den sogenannten Erhebungskratern v. Buch's der Fall, die dann breite Ausgangs »ach einer Seite aus der Caldera gewinnen, wie ans der Insel Palma, oder bei der Val cli Love bei dem Aetna. Solche Einstürze wurden zu Wasserbecken, wenn sie mit dem Meere zusammenhängen, wie in dem Krater von Santorin, oder blieben geschlossen, wenn sie im Binnenlande liegen, wie der Laacher See. Da der große Kranz des > Ringgebirges um die KaSpische Einscnkung hauptsächlich aus plu- tonisch aufgeblähten Trachytmassen zu bestehen scheint, so liegt dieselbe analoge Bildungsweise nicht zn fern. Freilich müßte sie sich in ganz andern kolossalen Dimensionen bewegt haben, auch mußten noch andre Umstände hinzutreten, daß sich nordwärts die Einsenkung iu ein so breites und langes Blachfeld ausdehnen konnte. Begreiflicher Weise mußte sich dasselbe aber mit den Trümmeru der bei dieser Katastrophe nothwendig vorgegangenen Zerstörungen überfüllen; die Tiefe dieser Ueberschüttungen würde vielleicht durch Bohrversuche zu ergründen sein. Mehrere Revolutionen der Erdoberfläche gingen nach der ersten Bildung der ' turanischen Concavität unstreitig noch vor sich, ehe sie ihre jetzige Oberflächengestalt erhielt. Ans einem großen Binnenmeere sind erst nach und nach, durch nachfolgende partielle Senkungen, Hebungen und Zuschlämmungen, die jetzigen Zustände hervorgegangen. Aral- und Kaspische See blieben nur als seichte mit Wasser bedeckte Tiefen an den tiefsten Stellen zurück, indeß die andern IgO Entstehung der Pontifch-Kaspischen Einsenkung, minder tiefen Concavitäten von den weit verbreiteten Wassern befreit wurden, die einst auch mit dem Nordeismeerbecken in Sibirien (der bittern Salzsee der Chinesen) und den Pontischen Gewässern durch die Manitschsteppe zum Asowschen Meere zusammenhingen. Genauerer Nachweis hierüber kann nur bei einer Special- betrachtnng der Formen des Kaspischen Sees erfolgen. Hier genügt es nnr noch zu bemerken, daß die Wasser des Aral- und Kaspischen Sees bitter und salzig sind, obwohl weniger als das Wasser des Oceans; daß ihr Boden mit Schlammmassen und Sand überzogen ist; der Aral-See nnr eine Tiefe von 90 bis 222 Fuß hat, der Kaspische See aber von einen', im Norden seichten Wasser gegen Süden in immer größere Tiefe hinabsinkt. Auf der Ueberfahrt von Baku zum Balchau Meerbusen, gegen die Mitte, im Anfang des südlichen Drittheils des Sees, fand Eichwald in einer Tiefe von 600 Fuß keinen Grund mehr und diese große Tiefe hielt südwärts im tiefsten Schlunde des Sees, zunächst von Masanderan und Ghilan an, bis »ach Ensellis dichten Küstenrand, wo man den Grund mit losen Kieselsteinen bedeckt fand. Aus solcher Tiefe vermochten also Plutonische Kräfte das Maximum der Ringkranzhöhen emporzuheben. - Nach A. v. Humboldt's Ansicht umschließt die große Aushöhlung des Kaspischen Beckens außer dein Binnenmeere dieses Namens noch eine große Fläche von gegenwärtig Trockengelegtem, das sich nordwärts gegen Saratow und den Obstschoi Syrt ausdehnt; Uralsk liegt unzweifelhaft auch unter dem Niveau des schwarzen Meeres. In kleinerem Maßstabe haben ähnliche Wirkungen auch die Erscheinungen in andern Tiefenlagen bedingt, wie in Holland, China, Niedcrägypten, Palästina. Seit dem ersten Hervortreten der Continentalmassen, lange vor Hervorhebung der Bergketten aus fortlaufenden Spalten, und während der Dauer dieser großen Convulsionen, die bis in die ältesten geologischen Epochen zurückreichen, mnß die Oberfläche der Continental-Ebenen Entstehung der Pontisch «Kaspischm Einsenknng. 151 oft partielleil Niveauänderungen unterworfen gewesen sein. Sie schwankte wahrscheinlich in derselben Art von Wellenbewegung, die man noch jetzt tagelang, obwohl in einem weit beschränkter» Maßstabe, bei jenen ungeheuren.Erdbeben und partiellen Verrückungen von Felsbänken wahrnimmt, die das ganze westliche Südamerika erleidet. Die Einsenknngen, welche bei den Bewegungen in den ältesten Zeiten permanent geblieben, haben sich allmählich mit angeschwemmtem Boden gefüllt, so daß man, wenu man den harten Fels bloßlegen könnte, kreisförmige Schlünde oder concave Einsenknngen von großem Durchmesser entdecken würde, von denen sich uns im Anblick einer ganz ebenen Gegend heutzutage keine Spnr mehr zeigt. So hat Eichwald durch eigene locale Erforschung es sehr wahrscheinlich gemacht, daß die große Emporhebung des Ararat und des armenischen Plateaus, auf welchem dieser Trachhtberg ruht, das Kaspische Meer bis gegen den Osten der flachen Steppe von Karabagh uud Mogan am untern Araxes bei Baku zurückgetrieben habe. Die Wasser dieses Binnenmeeres erstreckten sich wahrscheinlich vormals bis zum Zusammenfluß des von Nordwest herabkommenden Flusses Bargaschad (oder Bergu- schat, auch Bergumet) unterhalb Jreben Mit dem Araxes. Die dortige vulkanische Gebirgsbildung sei eutschiedeu; das Kaspische Meer reichte vor ihrer Erhebung in der Araxesvertiefnng bis gegen den Ararat hin, und an mehreren Stellen derselben im Süden von Erivan, zu Saliyau in Schirwan und andern Orten hinterließ es bei seinem Rückzüge Salzniederschläge aus dem reinsten krystallinischen Kochsalz, die dort ganze Berge bilden und'ganze Zonen von Salzseen am Ausflusse des Araxes und Kur, die dasselbe noch im Zustande der Auflösung enthalten. Auch die verhältuißmäßig sehr junge Emporhebung der Uralkette, welche erst die östliche sibirische Ebene von dem europäischen Tieflande geschieden hat, wird nicht ohne Einfluß auf die Kaspische Senkung geblieben sein. 152 Jordanthal und Todtes Meer. Nur Mel verwandte Erscheinungen von Einscnkungcn unter das McercSniveau aus der Erdfläche sind, obwohl in viel kleinerm Umfange, aber von zum Theil noch größerer Tiefe, und von eigenthümlicher Stellung, hier, zu beachten: die Einscnknng des Iordanthales und die bittern Salzseen auf der Landenge von Suez, ehe wir von den Contrasten zwischen Hoch und Tief zu den Uebergängeu derselben übergehen können. Die Palästinischc Einscnkung des Iordanthales und des Todten Meeres. Die nächste Verwandtschaft mit jener großen Kaspischen Einscnkung in der Mitte der Alten Welt zeigt das nur viel beschränktere und isolirte Becken des Jordans mit dem Todten Meere, dessen absolute Tiefe unter dem Meeresspiegel erst in den letzten Jahrzehnten ein Gegenstand sorgfältiger Anfmersamkeit wurde. Manche der frühern Reisenden hatten in dem tiefen Thalkessel des Todten Meeres, und zumal an dessen Nordende um Jericho, eine viel größere Hitze des Klimas wahrgenommen, und manche Pflanze und Frucht dort wachsen sehen, die sie an Gewächse des viel heißern Arabiens und Indiens erinnerten. Der Baum, welcher den arabischen Mekkabalsam trägt, gedeiht in der Oase von Jericho: der Ertrag palästinischen Balsams war das Nadelgeld der ägyptischen Kleopatra. Aber an des Iordanbcckcns tiefere Vage unter dem Meeresspiegel dachten zuerst deutsche und englische Reisende, wie v. Schubert und Russegger, v. Wildenbruch, Moore und Bake, später Symonds und Lynch: C. de Verton und Russegger machten die ersten Barometermessungen am Todten Meere, die aber nnr schwankende Resultate zwischeu 500 bis 1100 Fuß unter dem Meeresspiegel gaben, v. Schuberts Barometer reichte für die Tiefenmessung am Todten Meere nicht ans, aber für die Depression des Tiberias-Sees in IordaiUhal und Todte« Meer. 153 der Iordanspalte fand er 535 Fnß unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres. Alle Barometcrmessungen mußten auch hier noch uusicher bleiben, doch war eiue tiefe Einsenkung nicht zu verkennen. Ein ^Nivellement des Engländers Symonds von Jaffa zum Todten Meere im Jahre 1843, gab zuerst ein sicheres Resultat. Der Spiegel des Todten Meeres liegt in runder Summe 400 Meter ^ 1231 Par. Fuß unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres bei Jaffa. Die spätere Expedition der Nordamerikaner Lynch, Dale und Andersen (1848) hat folgende Resultate in Messungen ergeben: Der Spiegel des Tiberias Sees liegt unter dem Meeres- Der Spiegel des Todtcu Meeres liegt uutcr dem Meeres- Sondirungen des Todten Meeres, die mit großer Sorgfalt über sein ganzes Bassin ausgeführt wurden, gaben die Wassertiefe nach Lynch . . . 1227 Par. Fuß, nach Symonds . . . 1970 Par. Fuß. Der Gesammtcinsturz unter die Oberfläche des Mittelländischen Meeres beträgt nach Lynch 1235 4- 1227 ^ 2462 Fuß, nach Symonds 1235 4-19703205 Fnß. Es ist dies der größte bekauutc Einsturz unter dem Spiegel des Oceans. Jerusalem liegt 2449 Fuß über dem Mittelmeerc. Da der Spiegel des Todten Meeres 1235 Fnß unter dem Ocean liegt, so stürzt von der Zinne Jerusalems der Spiegel des Todten Meeres bis zu 2449 > 1235 ^-3,684 Fuß hinab, uud der ganze Absturz bis zur tiefsten Stelle von 1227 oder 1970 Fuß Wassertiefe beträgt demnach 3684 1227 4911 Fuß oder 3684 4-1970 5654 Fuß senkrechter Tiefe. Steht mau auf dem Gipfel des Oelberges bei Jerusalem, so fällt der Blick gegen Südosten in diesen Abgrund, in welchen Sodom und Gomorrha hinabsanken, wenn diese Städte wirklich vom Seewasser zugedeckt wurden. Doch ist in spiegel 612 Par. Fuß. spiegel 1235 Par. Fuß. 154 Jordanthal nnd Todtes Meer, der Erzählung von der schrecklichen Katastrophe zwar von Zerstörung durch Feuer, aber nicht von Bedeckung durch Wasser die Rede. Das Bassin des Todten Meeres besteht aus zwei sehr ver- schiedeuen Theilen: einem größern nördlichen sehr tiefen Becken, und einem kleinern südlichen sehr seichten, welche beide durch eine flache sandige Halbinsel, el Mesraa, von einander geschieden, nur durch einen schmalen und sehr seichten Kanal mit einander in Verbindung stehen. Ieues nördliche scheint dem Einsturz, dieses südliche der localen partiellen Hebung die Verschiedenheit seiner Bodenverhältnisse zu verdanken. Aber beide weichen in Hinsicht ihrer Breite nicht wesentlich von einander ab; beide sind in derselben directen engen Längsspalte des Iordanthales, die hier nur etwas erweitert ist und von Norden nach Süden gleichmäßig fortsetzt, zwischen den parallelen Streichungslinien der Gebirgsketten in. Osten und Westen eingeklemmt. Die Kette in Osten scheint noch 1000 Fnß höher als die in Westen über den Seespiegel hervorzuragen. Die Tiefe beider Becken ist wesentlich verschieden. Das südliche Becken erreicht in seiner Mitte nirgends über 12 Fnß Tiefe und verseichtet an allen Gestadeseiten über die Hälfte, bis zu 5 Fuß und noch weniger, so daß es am Südrande gar nicht mehr mit Barken beschifft werden konnte, sondern diejenigen, welche landen wollten, halbe Stunden hindurch in dem heißen Schlammboden zu waten hatten, der ihnen bis über die Knöchel ging. Das nördlichere weit größere Becken zeigt dagegen fast in seiner ganzen Ausdehnung von Norden nach Süden in der Mitte meist mehr als 1000 Fuß Tiefe, im nördlichen Drittheil sogar in einer langen Strecke einen Abgrund von 1227 Fuß; dieser steigt gegen die Westküste zwar bis zu 800 und 600 Fuß an, behält aber der Küste ganz nahe immer noch eine Tiefe von 500 Fuß. Dieser plötzliche Absturz geht nun ganz dicht am Küstenrande in einen sehr schmalen Ufersanm von geringer Tiefe über, so daß hier nirgends Klippen oder Untiefen die Beschiffung gefährden. An dem Jordanthal und Todtes Meer, 155 Ostufer bis dicht au die höheren und steilen Bergwände ist der Absturz in die Tiefe des Sees noch steiler und plötzlicher. Ganz nahe dem romantischen Felfenthore der Arnonmündung gegenüber in geringem Abstände vom Ufer zeigt die Sondirung noch die ' außerordentliche Tiefe von 1052 Fuß und 1058 Fuß. Eine so große Differenz der Tiefen scheint wohl darauf hinzudeuten, daß beide Abtheilungen einer verschiedenen Entstehungs- und Bildungsgeschichte unterworfen waren. Die Plutonische Thätigkeit hat sich in der Erdspalte des Ior- danthales bis heute erhalten. Sie wirkt in verschiedenen Symptomen, durch Salzniederschläge, heiße Quellen, Naphthaquellen, Asphaltbildung, Schwefeldünste, Hitzeausströmung, Rauchsäulen, Erderschütterungen fort. Die Iordanspalte blieb vom Tiberias - See an unausgefüllt, während fast alle analog entstandenen Erdspalten der Erdoberfläche mit hervorstoßenden Gebirgsmassen zu , linearen Kettenzügen gehoben wurden; oder, wo diese nicht hervortraten, theilweise ausgefüllt zu See- oder Stromthälern wurden, wenn.Wasserläufe sich zwischen ihren Felsmauern hindurchdrängten, oder in den lockern Schuttmassen durch Wasserspülung in neue windende Bahnen hindnrch wälzen konnten. Wo sie sich diese Bahn nicht brechen konnten, blieben sie als Binnenseen stehen. So das Todte Meer, dessen verlängerter südlicher Erdspalt, der Wadi Araba, bis zum Rothen Meer wieder zu hoch aufstieg, mn dem Iordanwasser einen Abfluß zum Arabischen Golf zu gewähren. Sehr viele andre Erdspalten würden als ähnliche Tiefländer gegen ihre Umgebnngen erscheinen, wenn sie nicht mit Seewasser ^ gefüllt wären. Die Seeboden fallen öfter plötzlich zu bedeutenden Tiefen gegen den sie umgebenden Landboden hinab, während andre nur lagunenartige Wasserfüllungen oder Flachseen von ganz andrer Natur sind. Die Seen bieten als particuläre, zum Theil mit Wasser ausgefüllte Niederungen der Erdrinde ein besondres Interesse dar; noch bleibt in Beziehuug auf Kenntniß der Tiefen- 156 Jordanthal und Todte? Meer, dimensionen vieles zu wünschen übrig. Das Todte Meer ist bisher als die tiefste dieser Erdspalten bekannt geworden. Die Tiefen des Kaspischen Meeres sind bisher nur unvollkommen ermittelt, und wenn Hanwah's Sondirung von 2700 Fuß Vertrauen verdient, sehr bedcnteud zu nennen. Der Baikalsee in seiner großen Erdspalte zwischen den steilsten Felsenufcrn, die überall über ihm emporstarren, wird hinsichtlich seiner Tiefe für unergründlich gehalten, aber sein Spiegel liegt schon 1500 Fnß über dem Meere, daher sein Seegrund schwerlich noch unter das Mecresni- veau hinabreichen wird. Die große Gruppe der Canadischcn Sccu in Nordamerika, von denen die fünf großen Seen des Lorenzstrom- shstems allein an 5000 lH Meilen einnehmen, liegen insgesammt in einer mittlern Höhe von 500—600 Fnß über dem Meere, auf einer Plateausläche der niedrigsten Art, die zum Theil schon in das Niederland hinabstnft: der Obere See 627 Fuß, der Michigan und Huron See fast gleich, 578, der Erie See 565, der Ontario See 232 Fuß über dem Meere. Die drei obern Seen mit 900 Fuß sondirter Tiefe stürzen also gegen 300 Fnß tief unter den Spiegel des Oceans hinab; der Ontario See aber, 500 Fnß tief, reicht mit seiner Erdspalte noch 268 Fuß tief unter denselben. Die fortgesetzte lineare Tiefe des Lorenzostrombettes ist uns unbekannt. Auch die meisten Schweizerscen, wie Bodensee, Genfersee, Vierwaldstädter-, Zürcher-See und andre Seen, wie, die Hallstädter, Gmündcr u. a., die öfter über 1000 Fuß Tiefe messen, gehören solchen Einstürzen der Erdrinde iu tiefe Erdspalten an, deren Boden nur mit dünnen Schnttschichten überdeckt, aber nicht ^ ausgefüllt ward, daher die Wasser von ihnen Besitz nehmen konnten. Viele von ihnen mögen auch unter den Spiegel des Oceans hinab reichen. Salzseen von Suez. 157 Die bittern Salzseen (l,i>o»8 »msii, I'oiUos ilink»'! bei VI. Einige bittersalzigen Seen auf dem Isthmus von Suez, auf der Grenze von Afrika und Asien gelegen im Westen und Osten, wie zwischen dem Rothen Meere im Golf von Suez und dem syrischen Mecreswinkel, dem Pelusischen des Mittelländischen Meeres, erregten durch diese Lage eine Zeit lang als Niederungen besonderer Art einige Aufmerksamkeit. Während der Occupatiou Aegpv tens durch die Franzosen im Jahr 1799 wnrde zum Behuf eines wiederholten Kanalprojectes zwischen beiden Meeren und dem Nillaufe ein Nivellement ausgeführt, das vou Le Ptzre in einer eigenen Abtheilung der großen Ovsoription cls l'U^pts veröffentlicht wurde Das Resultat war sehr überraschend; es gab den Meer^ busen von Suez zur Ebbezeit um 25 Fuß, zur Fluthzeit um 304 Fuß höher au, als das Niveau des Mittelländischen Meeres, und das schien mit Plinius' Angabe von den: hohen Stande des Rothen Meeres über Aegypten ?Iin. VI. 23 übereinzustimmen. Die in der Mitte zwischen beiden Meeren liegenden Salzmoräste, welche den Alten schon bekannt waren, sollten demnach bis ties unter den Spiegel des Mittelländischen Meeres, an 20 Fuß, an 50 Fuß unter den Spiegel des Rothen Meeres zu liegen kommen. Der große Unterschied des ungleichen Höhenstandes beider Meeresspiegel erregt zwar einige Zweifel gegen die Richtigkeit der Messung, welche iu der Periode kriegerischer Unruhen in Aegyp- ten keine Revision gestattete. Gewisse Umstände, die bei der nach der Messung im Jahr 1800 eintretenden großen Überschwemmung durch den Nil, die bis gegen das Thal der bittern Salzseen vordrang, sich zeigten, schienen jedoch das Resultat zu bestä- ') IiS ?ers Nemoirs sur la Oommiinieation Ze la Klei' des Inlles »vec I» Kl^äitei'l'alltZi! pai- la Ner i'vUAe et I'Istvine äe 8us8. ?ai-is 1809. 158 Salzseen von Suez. tigen. Sie drang nämlich in das Querthal des Wadi Tumilet ein, in welchem die Salzmoräste oder Seen liegen, wo man die Spuren der alten Kanalbauten der Aeghpter entdecken konnte. Man konnte zu der Vorstellung kommen, daß die sandige Landenge von Suez nur ein Product von Dünenanhäufuugen und Anschwemmungen beider Meere sei; dann wären die bittersalzigen Seevertiefungen in ihrer Mitte nur als Ueberrest des alten Meeresgrundes zurückgeblieben. Noch neulich sind Vertheidiger jener frühern Messung aufgetreten, vorzüglich ?avier, !>!ote sur les ^ivellemous äavs 1'Istnrne äs Lu— zwei beim Nil, fünf beim Indns, zwei beim Ganges, drei beim Amazonas u. s. w. Alle zu einem gemeinsamen Tiefstrom vereinigt bilden ein Naturganzes. Dies ist das Stromsystem, welches zugleich das Stromgebiet in sich begreift. Diese Begriffe correspondiren. Die feste und die flüssige Form werden in ihrer Einheit und in ihrer gegenseitigen Einwirkung auf einander gedacht. Das Rinnsal im Thale ist die Endlinie aller Zuflüsse und die Mündung zum Meere der Endpunkt wo alles Fließen aufhört. Quelle und Münduug sind Anfang und Ende des Systems, das zu einer und derselben Fallthätigkeit gehört, die Stromlinie und der Quellbezirk, Centrum und Peripherie des Systems. Alle andern untergeordneten Wasserrinnen machen das Geäder des Stromsystems aus; es sind Zuflüsse, Zubäche; linke und rechte Zuflüsse. Ihre Formen sind denen des ganzen Systems analog, wenn auch von geringern Größen. Ihre gegenseitige Gruppirung und netzartige Verflechtung ist unendlich mannigfaltig. Ihr linearer Verband hat etwas Aehnliches mit der Architektonik eines Baumstammes mit seinen Zweigen, nur im umgekehrt uicht aufsteigenden, sondern sich senkenden Verhältniß. Selbständige Flüsse sind solche, die sich nicht wieder in andere verlaufen, sondern direct zum Meere ergießen, wenn sie auch nicht zu den großen Landströmen erster Klasse gehören. Sie sind zweiter, dritter Größe u. s. w., zuletzt Küstenflüsse. Andre Flüsse stehen still, ehe sie das Meer erreichen und finden in Landseen ihre Ausgleichung, wie die Wolga im KaSpischen See, Gihon und Sir im Aralsee, der Jordan im Todten Meere. Noch andere 11* 164 WasserfMe. verlieren sich in Scmdwüsten oder Morastflächen: die Steppen- sliisse Afrikas. Noch andere in Felsklüfte nnd Grotten, wie im Jura und Karst: verschwiudende Flüsse. Noch andere stehen vor der Meeresslnth still. Es giebt continuirliche Flüsse, welche das ganze Jahr in reicher Wasserfülle bleiben; überschwemmende, wie der Nil und viele andre in der Zone der tropischen Regen; temporäre, die nnr zeitweise fließen und dann wieder stillstehen, oder ganz aufhören in der dürren Jahreszeit, sich in aneinander gereihten kleinen Seen oder Snmpfstellen (Korallenseen) auflösen, wie viele Steppenflüsse Australiens, u. a. Nähere Betrachtung der Ströme. Die Natur der Ströme wird bedingt durch die Fülle ihres Quellenreichthums, durch die Zuführung der Wasser aus dem ganzen Geäder und deren Vertheilung, dnrch die Art des Gefällcs, durch den directen Abstand der Quelle von der Mündung, und der dadurch, wie durch die Bodenverhältnisse veranlaßten Krüm- mungen der ganzen Stromentwickclung, durch ihre Normaldirection. Die Wasserfülle ist nach Schneeschmelzen und ewigen Schneelasten, wie nach tropischen Regenzeiten oder wechselnden Jahreszeit-Regen in den temperirten Zonen sehr verschieden, also auch klimatisch bedingt. Dies Gefälle geht vom Stürzen im Hochgebirge zum Strömen in ein Fließen, Schleichen, und an den Mündungen selbst zu einem Stillstehen über. Die Vehemenz der Bewegung hängt von den verschiedenen Neigungswinkeln der Stnfenländer ab, welche vom senkrechten Absturz der Felswände (von denen die Wasserfälle Herabkommen) und von der mehr und miuder steilen zur fanften geneigten und endlich zur ebenen Richtung übergehen. Die Normaldirection der Ströme wird bestimmt: 1) durch die Beschaffenheit und Strnctur der Gebirgs- nnd Erdmassen, welche sie iu ihrem Laufe durchschneiden: ») ob in Normaldirection, 165 horizontalen oder verticalen Schichten, z. B. ob sie in einer Ge- birgsformation fließen, wie im Granit der Karpathen, wo sie alle parallel, oder strahlenförmig unter einander, alle beim Austritt in die Ebene sich Plötzlich wenden; k) ob sie in verschiedenen Gebirgsformationen auf der Grenze von beiden strömen, wie im Uralgebirge nnd an andern Orten von Rußland, wie die Rhone im WalliSthal, auf der Grenze des Kalkgebirges der Verner Alpen im Norden nnd der Urgebirgs-Alpen im Süden; ebenso die Jsöre, das obere Rheinthal in Granbündcn, das ganze obere Innthal in Tyrol. 2) Wird die Normaldirection bestimmt durch die gegeuseitige Richtung der Zuflüsse in Verbindung mit dem gegenseitigen Verhältniß ihrer Wassermassen und deren Falles. Sehr häufig nimmt beim Znsammenstoß zweier Flüsse die Vereinigung von beiden die mittlere Richtung nach dem Parallelogramm der Kräfte an, wenn kein andres Hinderniß entgegentritt, z. B. wo Kaum und Wolga, Theiß und Donau, Rhein und Main, Saone und Rhone zusammentreffen. Wo besonderer Widerstand der Gebirgsmassen eintritt, da zeigt sich dies jedesmal auch iu den Abweichungen des Strombettes. Diese Abwendnngen sind andere, plötzlichere als die vorigen. Z. B. wo der Nhonedurchbrnch aus dem Walliser Thale «ach Norden hin abgelenkt wird. Wo die Rhone aus dem Läugenthale tritt, da versperren ihr im Westen bei Orsiörcs und Valorsine harte krystallinische GebirgSmassen den Weg gegen Westen in der Direction ihres Längcnthales, dem sie nachher doch wieder folgt bis Lyon. So am doppelte» Rheindurchbruch bei Basel aus dem Jura, aus dem Rheingan unterhalb Mainz zwischen Bingen und Caub. So die Dalelf in Schweden, der Tcssin im Gotthardgebirge u. s. w. In festen, geschichteten, krystallinischen Gebirgsmassen zeigen sich häufig unterbrochene, scharfwinklige nnd rechtwinklig auf einander stehende Thäler im Zickzack, wie z. B. bei dem Rhein zwischen Mainz nnd Coblenz, bei der Mosel von Trier bis Cobleuz IM Wasserscheide. lauter Successionen solcher Thäler. Bei ihrem Austritt in leicht zerstörbares Flötzgebirge werden diese scharfen Winkel der Thäler zu sanften Wellenlinien, und ebenso und noch mehr, wenn der Strom in lockeres aufgeschwemmtes Land übergeht. Dies zeigt sich besonders in den Stromshstemen Osteuropas und des ganzen 1 mittlern und südlichen Rußland. Das geübte Auge kann aus einer richtigen Zeichnung des Stromlanfs im Allgemeinen mit ziemlicher Sicherheit auf die Masse des Bettes zurückschließen. Die Ströme durchbrechen, wenn nicht andere mächtigere Kräfte dagegen wirkten, die Gebirgsmassen in denjenigen Richtungen, in welchen sie den geringsten Widerstand finden. Manche Thäler waren ihnen schon vorgebildet durch große Zerreißungen und Zerrüttungen, Verschiebungen auf der Erdoberfläche, andre mußten sie sich erst selbst durchbrechen und ausarbeiten, und hier traten sehr verschiedene Verhältnisse ein. Bei Gebirgsarten mit senkrechter Schichtenstellung laufen sie sehr häufig, ja meist, diesen , Schichten parallel in den Längenthälern. Daher häufig die Steilwände der Alpenthäler, im Wallis über der Rhone, in Throl über Inn und Etsch, in Graubünden über dem Rhein, im Jura. Die Querdurchbrüche der Schichten sind dann im Verhältniß zu jenen meist sehr kurze Querthäler, die mit ihnen in längern oder kürzern Strecken wechseln. Bei horizontal geschichteten Massen ziehen die Stromthäler nach den Richtungen der ausgezeichneten Kluftabsonderungen. Der größere Theil der Gebirgsarten hat aber weder senkrechte Schichteustellung, noch horizontale, sondern eine zwischen beiden geneigte, vom Steilen bis zum Flachen. So z. B. in den > meisten Gebirgszügen des mittlern Deutschland. Hier werden also die Durchbrüche der Thalbilduug, in sofern sie von Wasserfluthen herrühren, von mehrfachen Ursachen und Widerständen bedingt worden sein, und die Direktion der Strombetten wird dann nicht so einfach und charakteristisch aus dem Streichen und Fallen der Stromgebiet und Slromsystem. 167 Gebirgsschichten sich entwickeln lassen, weil noch andre bedeutende Kräfte als Förderungen oder Hindernisse der Thalbilduug zugleich mit einwirkten. Also hat die Schichtung zwar Einfluß, aber keinen generellen auf die Thalbilduug ausgeübt. Aber einen vorherrschenden übt sie aus, wo ihr Streichen mit der Längcncr- streckung des ganzen GebirgSzuges zusammenfällt, einen minder ausgezeichneten, wo dies nicht der Fall war. Z. B. in den Alpen von Südsüdwest nach Nordnordost, im Jura von Südwest nach Nordost, in den skandinavischen Gebirgen von Süd nach Nord. Außer der Schichtung der Gebirgsarten hat auch die Lagerung der verschiedenen Gebirgsformationen Einfluß auf die Di- rectiou der Strome gehabt, uud zwar einen gleich wichtigen. Die Gebirge bestehen nicht aus ciuerlci Gebirgsart, sondern aus verschiedenen. Was die Schichtung nur iu Beziehung auf einerlei Gebirgsmasse ist, das bezeichnet Lagerung in Beziehung einer Gebirgsmasse auf die andere. Man unterscheidet unterliegende, aufliegende, anliegende Lagen. Diese sind gewöhnlich von verschiedener Altersfolge, z. B. Sandstein, Gyps, Kalkstein, Grauwacke, Granit. Diese Aulageruugeu finden nur in unmittelbarer Berührung statt, oder sie sind von einander getrennt durch Thäler, wie z. B. in den Karpathen die Thalebenen die südlichen kalkige» Vorkarpathen von dem hohen Granit der centralen Karpathen scheiden; oder sie sind in unmittelbarer Berührung, wie auf dem Westarme derselben Karpathen. Da wo nun verschiedene Gebirgsformationen und verschiedenartige Gebirgsmassen zusammenstoßen, da ziehen die Ströme lieber auf der Grenze beider hin, als in einer der Quere nach dnrchsctzenden Ricbtung. In dieser Längenerstreckung der Lagerung bildeten sich auch die längsten und tiefsten Thäler durch Auswaschungen, weil da der geringere Widerstand der Zertrümmerung stattfand. So im Ural, so bei Isöre, Rhone, Aar, Iuu, so iu alleu Läugenthäleru der Alpen und Pyrenäen, z. B. beim Ebro, wo Gypsanswaschnngeu eintraten. 168 Stromthäler, Daher der merkwürdige umkreisende Lauf der vier Karpathenflüsse Poprad, Dunajec, Arva, Waag, auf der Grenze des Granitkerns und der secundären Kalk- und Grauwacken-Gebirgsarten. Daher dieselbe Anordnung der Flüsse am Harzgebirge und am Thürin- gerwald auf den Grenzen der jüngern Gebirgssäume, die sie inselartig umkränzen. Ja dieselbe Anordnung findet sich im größten Maßstabe an den Hanptströmen Süd- und Südost-Asieus bei ihrem Heraustreten aus dem Gebirgsganzen und dessen Gebirgs- formation in die Vorstufen. Da strömen Terek, Kuban, Kur, Araxes, Euphrat, Tigris, JnduS, Ganges und wahrscheinlich auch die chinesischen Ströme überall auf der Grenze der verschiedenen Gebirgsshsteme und Gebirgsarten hin, welche durch ihre Hauptthäler geschieden werden. Andere Stromthäler scheine» unabhängig von diesen Gesetzen ihr Dasein eigenen Rissen und Gebirgsspälten zu verdanken, die den Charakter plötzlicher Zerreißungen der Erdrinde und großer gewaltsamer Zertrümmerung tragen. Die lineare Entwickelung des Stromes kann nach seinem obern, mittlern, untern Laufe unterschieden werden. Diesem Lanfe und dem ihm zugehörigen Wassernetze entsprechen die drei Stnfenlandschaften des Stromshstems und seines Stromgebietes. Nicht nnr die Differenz des Höhcnabfalles ihres Gesenkes, sondern auch die Abnahme des Neigungswinkels der Gefällc des Stromlaufs und der ganze Naturcomplex aller Erscheinungen im Stromgebiete entspricht diesen dreifachen Abstufungen fast aller hydrographischen Systeme der Erde mit wenigen Ausnahmen. Die numerischen Verhältnisse aller dieser genannten Größen sind so variabel, daß daraus eine unendliche Mannigfaltigkeit von hydrographischen Gestalten hervorgehen konnte. Sehr verschiedene Charakteristik zeigt der obere, mittlere und untere Lauf der großen Stromsysteme. 169 Oberer Lauf. Dieser beginnt von den Wasserscheiden der hohen Quellgebirge und reicht bis zum Austritt aus denselben. Die Thal- wicgen der Quellbäche und Ouellfliisse gehen von den Erhebungen und Vertiefungen der Wasserscheiden aus. Auf ihnen sind daher die nach entgegengesetzten Meerbccken strömenden Wasser noch einander benachbart. Je weiter von ihnen ab, desto mehr entfernen sich diese von einander. So liegen am Hochwald im Süden der Karpathen und am Borh-Sumpf im Norden derselben die Wasser der Ostsee und des Schwarzen Meeres dicht beisammen. Trage- plätze (portsAvs, ti-ansports, volol: im Russischen) heißen die größten Annäherungen dieser entgegengesetzten Stromlanfe. Es sind die relativ jedesmal tiefsten Einsenkungen der Wasserscheiden-— in Hochgebirgen die Pässe, die Sättel — in niedern die Thäler — in flachen Ländern die Hochebenen, am geeignetsten zu Kanalverbindungen, daher z. B. ein Kanal zwischen Ostsee und Schwarzem Meere durch Weichsel und Douau, durch Don, Poprad, Hernad und Theiß durch die Karpathen vorgeschlagen. Es sind die kürzesten Landvcrbindungcn der entgegengesetzten Abhänge der Ge- birgszüge. Ihre Vertheilung und Art hängt natürlich von den Gefällcu des obern Stromlaufs, von den Neigungswinkeln der Gebirge gegen die Ebenen oder den Horizont ab. Die Gehänge entgegengesetzter Gebirgsabfälle sind meistentheils ungleich, steil auf der einen, sanfter auf der andern Seite. Damit hängt die graduelle Wildheit der Gewässer des obern Laufes zusammen. So sind am Ural die Abhäuge steil im Osten, sanft im Westen; am Kaukasus steil im Norden, sanft im Süden; umgekehrt bei den Karpathen und Alpen steil im Süden, sanft in? Norden. Das Gefälle wechselt, hält sich aber im Allgemeinen bei allen Gebirgen gewöhnlich zwischen den Jnclinationswinkeln von 2 bis 6 Grad Abfall, auf die ganze Breite der Gebirgsketten berechnet. Auf 170 Ob« lauf. der sehr steilen Nordseite der Pyrenäen beträgt das Gefalle 3 bis 4 Grad, auf der Südseite der Alpen, von den Gipfeln des Mont Rosa und Montblanc bis zu den Ebenen von Piemont 3H Grad. Weit geringer ist die Neigung in den niedrigeren Bergziigen. Dieser allgemeine Neigungswinkel ist aber die mittlere Größe, zusammengesetzt aus einer sehr großen Anzahl von besondern, sehr verschiedenartigen Neigungen, die beständig abwechseln und auf und ab schwanken, und bis zu senkrechten Steilwänden ansteigen. Die besonderen Neigungswinkel sind der Regel nach stärker als die mittlern. Ein Neigungswinkel von 15 Grad ist schon sehr steil; er ist das Maximum, um für Lastthiere gangbar zu sein. Ein Neigungswinkel von 7 bis 8 Grad ist schon für Fahrwege von langer Erstreckung das Maximum des Gehänges -— alle fahrbaren Gebirgswege müssen geringeres Gefällc haben. Bei Neigungswinkeln von 35 Grad braucht der Mensch zum Uebersteigen der Gehänge schon Hülfsstufen. Eine Neigung von 44 Grad fand A. v. Humboldt in den felsigen Hochgebirgen von Mexico und Peru schon unersteigbar; nur wo noch Pflanzenwuchs sich zeigt und den Fuß fixirt, sind die Abhänge noch etwas steiler zu betreten. Daher sind die Karpathenhöhen wie die Pyre- näengipfel wegen ihrer Steilheit und des geringen Pflanzenwuchses der Höhen schwer zu ersteigen. Die Schweizer Alpen sind ihres reichern Rasenteppichs wegen zugänglicher bei gleicher Steilheit, als die Pyrenäen und Cordilleren. Die reichsten Alpenwiesen haben in den Schweizer Gebirgen höchstens nur eiuen Neigungswinkel von 20 Grad; bei größerer Steilheit hastet die Vegetation schon schwerer. Den Neigungswinkel, auf welchem noch Erdbedeckung haftet, nimmt Lehman in seiner Theorie uur zu 45 Grad an, nnd uennt ihn natürliche Abdachung, weil Regen die größere Steilheit abflacht. Aber dies ist zu gering angenommen, da die Vegetation noch steiler aufsteigt (in den Schweizer Alpen), und der mehr oder minder feste Oberlauf. 171 Erdboden bei Fixirmig durch Pflanzenwuchs hier sehr große Veränderung in der Natur hervorbringt. Von dieser Neigung steigen steiler auf die Thalwände und Bergseiten der Hochgebirge, bis zu senkrechten Ueberhängen. Der obere Lauf stürzt oft mehr als daß er fließt, durch felsige Zickzackschluchten und Thäler, ist voll Wasserfälle, Katarakten. Er durchzieht Kesselthäler, Engpässe, Alpenseen, die seinen wilden Lauf erst abklären von den Trümmern, die er mit sich fortreißt, und schlingt durch seine wilden Stürze so viel Luft ein, daß sein Lauf zu einem mehr fchaumigen, weißen Silberstrome wird. Erst im ruhigen Laufe wird er krystallhell und im tiefen, stillstehenden See smaragdgrün oder indigoblau. Er ist unschiffbar, ungcbändigt, wild romantisch, durchzieht nnr Gebirgslandschaften und obere Stufenländer. Diesen Charakter der Wildbäche haben die Achen in Salzburg, die Gaven in den Pyrenäen, die Elven in Schweden und Norwegen. Die Gaven in den Pyrenäen haben auf jeden Fuß Lauf der Länge nach auch einen Zoll Fall, dazu Strecken von zwei bis drei Fuß Fall. So bei fast allen Alpenwassern, daher sie im beständigen Gebrause viel Luft einschliugen und zu Silberbächen werden. So auch alle Karpathenwasser, ehe sie in die umkreisende Hochebene eintreten. Auch die laugen Al- penseen sollen innerhalb des Gebirgs noch bedeutendes Gefälle haben, z. B. der Lago Maggiore zwischen Magadino und Arona 52 Fuß. In allen Systemen der Hochgebirge Europas zeigt sich diese Form der obern Laufströme vorherrschend. Nordeuropa ist dadurch charakterisirt, daß seine strömenden Gewässer fast nur den Charakter des obern Laufs haben — so schon im nördlichen Rußland, in ganz Schweden, Norwegen und Schottland. Alle diese Verhältnisse ändern sich beim Austritt aus den Hochgebirgen und den Ländern, die ihren Charakter tragen. 172 Mittlerer Lauf. Weit geringer ist das Gefalle unterhalb der Wasscrstürze und Alpcnseen, oder, bei Flüssen, die nur einen sehr unbedeutenden oder gar keinen obern Lauf von Steilabfällen der Berge haben, wie z. B. bei den meisten im östlichen Europa. Da tritt ein sehr geringer Neigungswinkel der Abhänge ein. Der obere Main hat vom hohen Fichtelgebirge herab innerhalb einer Stnnde noch immer ein mittleres Gefalle von 342 Fuß. Weit geringer ist das der meisten übrigen mitteldeutschen Flüsse. Z. B. der Neckar hat von seiner Quelle (2084 F.) bis Heilbronu (450 F.) in 50 Stunden Laufs 32 Fuß Gefälle, oder auf 32 Fuß Lauf uicht einen ganzen Zoll Gefälle. Das Gefälle der Saale vom Fichtelgebirge beträgt auf eine Stunde noch 61 Fuß, das Gefälle der Naab nur 44 Fuß, am unbedeutendsten ist das der Eger. Noch geringere Resultate giebt das Profil des Oderlaufes in Schlesien. Noch unbedeutender ist das Gefälle der Wolga, auf 437 Meilen Lauf uur ein Gefälle von 1400 Fuß, also auf eine Meile nur 3 Fuß 3 bis 4 Zoll; in ihrem untern Laufe muß dies uoch weit geringer sein. Die Wirksamkeit der Wasser muß daher hier auch ganz audre Formen der Flußbetten hervorbringen als im Oberlaufe. Flußbett uennt man die ganze Breite des Raumes, den der Fluß eiunimmt, nach dem Wasserstande oft fehr verschieden, znmal bei den größern Strömen, z. B. Amerikas. Der Missisippi ist bei Natchez bei niedrigem Stande eine englische Meile breit, bei hohem 6 geographische Meilen. Der Orinoco bei St. Tomas Z Meilen, bei hohem Wasser 15 Meilen breit. Ebenso finden bei der Wolga nnd Donau in ihrem untern Laufe große Wechsel der Breite statt. Nach dem Sommerbctt der Ströme nimmt man gewöhnlich ihre Normalbreite und Normaltiefe an. Die Stromrinne ist verschieden vom Flußbett, es ist der besondere Theil, welcher der ganzen Flnßmasse erst Leben und Bewegung giebt, Mittellaus. 173 seine lebendige Ader. Im obern Laufe fällt sie meistent Heils mit dem Strombette in eine Linie zusammen; im mittlern und untern Laufe ninimt sie dagegen nur einen sehr kleinen Theil der ganzen Breite ein, aber da bestimmt sie eigentlich die Richtung, Neiguu g und Geschwindigkeit des Wasserlaufs. Sie liegt gewöhnlich nicht in der Mitte des Stroms, sondern auf einer Seite, und wandert von einer zur andern; sie zeigt sich in der Fahrstraße der Schiffe; sie folgt zwar dem allgemeinen Gefalle, zieht aber zunächst an der steilsten Gebirgswand des Thalbodens hin. Sie erweitert das ganze Strombett immer seitwärts, daher auch die Ströme selbst sogar in weiten Ebenen, wie in den ungarischen, nie in der Mitte derselben hinfließen, sondern immer den Steilseiten zunächst laufeu, z. B. an der äußern Peripherie der karpathischen Hochebene alle vier Karpatheuströme, deren Steilseiten gegen die Vorkarpathen gerichtet sind — wie in den nördlichen Schweizer Ebenen zwischen Alpen und Jura alle Steilseiten der Strombetten gegen die Iurakette, nicht gegen die den Alpen vorliegende Ebene, gerichtet sind; alle Steilseiten des Ebrothales nicht gegen die Pyrenäen und ihre Ebenen, sondern auswärts gegen die Halbinsel, u. s. w. Alle Ströme Süd- und Mittelrnßlands haben daher an den Ostufern ihre flachen, an den Westufern ihre steilen Wände, eben weil an den Ost- und Südostseiten die größern Flächen liegen. In dem ebenern Boden werden durch die Stromrinne die Windungen der Ströme vergrößert. Diese Windungen hemmen die Bewegung. Der Schlangenlauf der Ströme, die Serpentinen, bilden sich; sie machen die Charakterform des mittlern Stromlaufes aus, wie sie jeder Bach auf sanft geneigter Wiesenfläche im Kleinen zeigt. Zwischen diesen Serpentinen und durch sie bilden sich unzählige Inseln, Werder, Auen — z. B. zwischen Basel und dem Rheingau, im Rheinthal; aber mit sehr wenigen Ausnahmen keine Seen — welche den obern Lauf der Ströme charakterisiren. Aber es läßt sich bei diesen Stromthälern 174 Mittellauf. des mittlern Laufes sehr häufig auf das bestimmteste nachweisen, daß sie einst weite Seen waren, die jetzt als trockengelegte Becken mit horizontalem Boden erscheinen. So z. B. ist es nachzuweisen im Rheinthal von Basel bis unter Straßburg zum Bastberg, uud wieder von Ladenburg iu der Pfalz bis Biugen. So für die Donau vou Ulm bis Passau, Linz und Klosterneuburg, und von da wiederholt sich dieselbe Bildung noch einmal von Pesth bis unterhalb Semlin, bis zu den Stromengen von Orsova. So zeigt sich der mittlere Lauf der Wolga von Twer an ostwärts bis zum Westural uud südwärts bis Saratow und Kamyschin, wo sie den Obstschei-Shrt durchbricht, als das trockengelegte, gleichartige Bett eines alten Seebodens. An den genannten Seebecken finden sich wegen Gleichheit derWirkungen die überraschendsten Gleichheiten der Bildung der Erdräume, zumal an ihren Grenzen, Ein- und Ansgäugen. Ebenso verhält es sich im mittlern Laufe des Ganges, Indus, Envhrat und der Amerikanischen Ströme. Ja das unentwickelte Stromshstem des Lorenzo in Nordamerika hat diesen Zustand einer Vorzeit noch mit in die Gegenwart herübergenommen. Da sind solche Seenreihen, die in den Ebenen des Mittelrheins, der mittlern Donau und des mittlern Rußland jetzt die fruchtbarsten Fluren bilden, noch jetzt vorhanden in den fünf großen Bassins des Obern Sees, des Michigan-, Huron-, Erie- und Ontario-Sees. Sie constitniren da noch den mittlern Lauf des Stromes selbst, und ein Seebecken ergießt sich da unmittelbar in das andre durch bloße Stufen und Wasserstürze, große Katarakten, die in dem Mittellauf anderer Ströme jetzt fehlen, wenn sie auch einst vorhanden wareu. Erst wenn die Wasserfälle abnehmen, kann das Gefälle nach und nach gleichförmiger werdeu. Die Gleichförmigkeit der Stromgefälle ist daher Zeichen ihrer fortgeschrittenen Entwickelung. In ihnen bleiben nur Stromschnellen statt der Wasserfälle übrig. Die Abnahme der Wasser- Mittellauf. 175 fälle finden wir bei allen Strömen, auch an Rhein und Donan. Dies zeigen die zugernndeten Felsflächen und die Auswaschungen der Berg- und Thalwände über ihrem Niveau. Am stärksten und im größten Maßstabe zeigt sie sich bei dem vielleicht größten Wasserfalle der Erde, bei dem Niagara. In ihm sehen wir die Geschichte der Gefälle aller anderen Ströme. Der Niagara tritt aus dem Erie in den Ontario-See, der 8 Stunden davon entfernt nnd 300 Fuß tiefer liegt. Im zweiten Drittheil seines Laufes stürzt er sich 142 Fuß hinab in die Tiefe nnd strömt dann weiter in einer tiefen Bergspalte, welche er sich selbst erst ausgehöhlt hat iu den weichern Gesteinarten zwischen beiden Seen. Dieser Wasserfall befand sich anfänglich am untern Ausgange der Ebene, aber gegenwärtig liegt er um beinahe 2 Stunden weiter aufwärts (30,000 Fuß). Er schreitet noch immer rückwärts, seitdem die Europäer ihn beobachten konnten, und wird wie alle andre einmal ganz verschwinden. Auf ähnliche Art wiederholen sich überall dieselben Erscheinungen, nur in kleinerm Maßstabe und minder sichtbar. Je mehr Felstrümmer, Grus und Schutt die Wassermassen mit sich wälzten, desto eher mußten sie die Felstafeln an ihren Stromengen einreißen, durchbrechen. Die Uebergänge, welche die fließenden Wasser aus den obern dieser trocken gelegten Seeboden in die untern machen, sind fast insgesammt bei allen Strömen noch sichtbar; nicht durch große Wasserfälle, die nur dem obern Lauf angehören, sondern dnrch bloße Stromschncllen. Sie sind mehr oder weniger cha- rakterisirt durch FelSengen, Stromverengerungen, Znsammenschnü- rnngen, häufig noch durch Felsbänke, welche die Ströme quer durchsetzen, oder nur als Klippen, Stufen und Untiefen übrig geblieben sind, als die Trümmer von Katarakten der Vor- und Urzeit. Sie sind daran bestimmt erkennbar, daß sie völlige Gleichartigkeit der Bestandtheile nnd charakteristische Eigenthümlichkeit haben, jedesmal auf beiden Seiten des Stroms und in den Klip- 176 Mittellauf. penresten der Strommitte auftreten. So z. B. zu beiden Seiten des Rheins nnterhalb des Rheiugaus in den Stromengen von Bingen bis Bacharach und Caub, mit allen Vorsprüngen der Gebirge, der Felsen, Klippen und Felsinseln im Rheinbette; an der Elbe von Tetschen bis Schandau, Dresden und Meißen. An diesen Stellen befindet sich jedesmal beschleunigte Bewegung der Ströme, da sind die Strudel und Stromschnellen (rapiäes, sauts der Franzosen, Saltos, i'iniäales der Spanier, sc-iievLi-en der Russen), die Hemmungen der Schiffbarkeit. An ihnen verändern sich die Physiognomien der Stromthäler und die Natur der Landschaften. Hier finden sich die engen Passagen der Landwege längs den Stromläufen, überhaupt historisch und naturhistorisch merkwürdige Stellen, die durchaus nicht zufällig entstanden sind, sondern im großen Zusammenhange mit der Bildung des ganzen Stromshstems stehen, mit den Landschaften der Stufenländer der Erde selbst. Sie lassen sich vielleicht bei allen Strömen der Erde auffinden. Ihre Kenntniß ist für die Beurtheilung des Stromshstems unentbehrlich; leider sind sie viel zu wenig beachtet und beschrieben. In europäischen Flüssen finden sich im Gnadiana die Laltos äs l^vdo; im Duero die Stromschuelleu oberhalb Moute Corvo; im Ebro unterhalb Zaragoza bei Saftago; in der Rhone die R,axiäes unterhalb Lyon zwischen den Granitbänken von Pierre Encise; in der Loire bei Iguerando unterhalb Roanne; im Mittelrhein unterhalb Straßburg, im Biuger Loch bei St. Goar und Andernach; in der Weser an der ?orta ^Vostpk-üioa; in der Donau die Strudel bei Grein, die Stromschnellen bei Kloster Neuburg, die Klippenpässe bei Tachtali, Drmirkapi (Eiserne Thor), Orsova; im Dnepr die 13 Wasserfälle oder Porogs unter Katha- rinoslaw u. a. m. Dieselben Verhältnisse kehren in allen übrigen Stromsystemcn Europas und aller übrigen Erdtheile wieder. Ihre genauere Unterlauf. 177 Beachtung und Erforschung wird noch zu wichtigen Resultaten über den Bau des Erdganzen in deu Stufeuländern führen. Wie das starke Gefälle, die großen Katarakten, die steilen Felsufer und Alpenseen den obern Lauf der Ströme innerhalb der Hochgebirge charakterisiren, so bezeichnen diese Stromschnellen nebst den weiten horizontalen Seeboden zwischen ihnen und die Serpentinen den Mittellauf derselben innerhalb der Stnfenländer. Unterhalb der letzten Stromschnellen treten die Ströme gänzlich in den horizontalen Boden des flachen Tieflandes oder in die Niederungen ein, in welchen ihre dritte Charakterform sich zeigt. Unterer Lauf. Sobald bie Vormauern in den oberen Stufen durchbrochen waren, wurden mit ihren Trümmern die untern Stufen überschüttet. Wir finden auf der Oberfläche der Niederungen im untern und mittlern Laufe der Ströme die Stein- und Erdarten der obern Regionen zerstreut uud zertrümmert als Rollkiesel und Schlamm- masse. Das Gefälle des untern Laufs nimmt fast bis zum Unmerklichen ab. Verhältnißmäßig am größten scheint das Gefälle in der untern Wolga zu sein: von Kamyschin bis zumKas- pischen Meere über 150 Fuß Gefälle, also auf weniger als 100 Meilen ihres Laufs mehr als 150 Fuß Gefälle. Der Senegal von Podor zum Oceau hat auf 60 Stunden Wegs nur noch Fuß Fall, der Amazonenstrom auf 40 Meilen landein nur M Fuß Gefälle, also auf 1000 Fuß kaum 2 Linien. Daher dringen die Meeresfluthen in solchen Strömen sehr tief landein in die Continente vor. Nun treten mehrere Kräfte in beständigem Kampfe gegen einander auf: der Seitendruck der sehr mächtigen Wassermassen, die jährliche Periode der Stromschwellen, der Gegendruck der Ebben uud Fluten der Meere an den Mündungen. Noch vor der Herstellung des Gleichgewichts bildet dieser Kampf der Elemente Ritter allgem. Erdkunde. 12 178 Unterlauf. die Strombetten beständig um. Die Wassermasse des Stroms sucht nach Ausgleichung des Niveaus durch die Stromscheidung oder Armtheilung, Bifluenz in zwei Arme, wie der Nil, oder Theilung in mehrere, wie bei Rhein und Donau, oder in sehr viele (gegen 65) in der Wolgamündnug. Die Arbeit des Stroms, der Widerstand des Meeres, sowie der gemäßigtere Lauf, in welchem die schwerern mit sortgerissenen Massen leichter zu Boden fallen — diese bewirken den Niederschlag oder die Ablage der Ströme iu ihrem untern Laufe. Uuter der Wasserfläche erscheinen die Ablagerungen als Sandbänke, Sandinseln, Flußriegel, Barren ; über der Wasserfläche als flach angespültes Mündungsland, als Deltas der Ströme. So z. B. am Rhein, am Nil, am Euphrat, Judus, Ganges, Missisippi — an etwa 14 Hanpt- strömen der Erde. Das Gegentheil, noch nicht gefüllte Räume, sondern weite Mündungen, negative Deltas oder tiefere Einschnitte des Oceans (Inlets ok tüo Oooan) zeigen sich bei etwa 9 andern Hauptwassersystcmcn der Erde, Ob, Ienisei, Loreuzo, Columbia, La Plata; meist im Norden der Erde, wo die jüngere Ftötzbildnng fehlt, die den Ansatz der Deltas fördert. Es ist kein lockerer Boden vorhanden und darum können sich die Mündungen der Nordströme nicht mit fruchtbarer Ackerkrume füllen. Eine andre Eigentümlichkeit des untern Laufs ist das außerordentlich häufige Wechseln der Stromrinne, das Wandern des Strombettes von einer Seite zur andern. Es ist dies natürliche Folge der leichtern Berschiebbarkeit des aufgeschütteten Erdreichs und des verstärkten Seitendrucks der Wassermasse. Bei dem untern Laufe z. B. des Ganges, Indus, Euphrat, Nil, Rhein, und Po kann dieses Wanderu historisch verfolgt werden und giebt durch eine lange Reihe von Jahrhunderten höchst merkwürdige Resultate für die Bildung der Ebenen und die Geschichte der anwohnenden Völker. Vom untern Lauf der Ströme beginnt die alljährlich wiederkehrende allgemeine Ueberschwemmung des Flachlandes unter Mündungen. 179 allen Theilen der wärmeren Erdgegenden, und davon hängt gro- ßentheils der nene Ansatz des Thalbodens durch die arbeitenden, Schutt führenden Ströme ab (des Herodot ?ror«^ot xs/artxol'). Die größere Fruchtbarkeit der Niederungen im untern Laufe, vorzüglich durch die größere Bewässerung und den stärkern Seiten- drnck der Ströme und ihrer Arme ist bekaunt. Dadurch sind Bengalen, Babylon ien, Aegypten, die Lombardei, Holland und die Niederlande u. a. die Kornkammern der Nachbarstaaten geworden. Je nachdem diese Hanptströme ihrer Mündung nach einem Binnenmeere, oder einem Ocean mit Ebbe und Flut zugewendet sind, ändert sich auch wieder die ganze Natur des untern Stromlaufes. Den größten und höchsten Fluten der Oceane sind die Mündungen gegen Ost und Süd, also die der chinesischen, indischen und ostamerikanischen Weltströme zugekehrt, die daher ans mehr als 100 Meilen landein die Natur des Oceans annehmen. Denn so weit in den Continent dringen da die salzigen Meeres- flutheu täglich regelmäßig vor, begünstigen die tiefe Einfahrt der Seeschiffe in die Landschaften, und verwandeln hierdurch diese Niederungen in die Uebergänge zwischen Continent und oceanischen Inseln. Alle dem Norden und Westen zugekehrten Mündungen der Weltströme werden schon weniger tief landein von dem Eindringen der MeereSstuthen afsicirt. Dahin gehören auch die meisten europäischen Ströme. Eine besondere Eigenthümlichkeit behaupten dagegen die drei Wasscrsysteme des Nil, der Donau und der Wolga, deren Normaldirection nicht gegen die Oceane, sondern gegen das Innere der Alten Welt gerichtet ist. Sie bilden ein Kleeblatt nicht oceanischer, sondern continentaler Weltströme; an ihnen kann sich keine Ebbe und Flut zeigen. Ihr Mündnngs- land und unterer Lauf muß daher auch einige verschiedene Verhältnisse darbieten von denen aller andern Ströme der Erde. Schon früh hat man beobachtet, daß nicht alle Ströme, wenn sie auch das Meer erreichen, einsließen, sondern daß manche vor 12* 180 Mündungen. demselben stehen bleiben. So ist es mit der Themse und den meisten nordamerikanischen Flüssen. Die Fluth des Oceans steigt 20—30 Fuß hoch nnd bildet einen Damm vou Osten nach Westen. Erst wenn die Ebbe eintritt nehmen die Ströme ihren Lauf weiter. Die Stellungen der Ströme gegen die eindringenden Meeresslutheu sind überhaupt sehr verschieden. Die chinesischen Ströme steigen oft durch die eindringende Fluth 40 Fuß höher. Dadurch entsteht ein salziger Mceresstrom. So ist's mit der Themse in London. In der Stadt schöpft man in den obern Schichten salziges Wasser, in der Tiefe süßes. Der Fluthen- kampf ist an solchen Mündungen überall vorhanden: Meeres- fluth kämpft mit Süßwasserfluth. So am Orinoco, Ganges, an den chinesischen Strömen; am heftigsten sind solche Kämpfe am Lorenzstrom. In allen Erdthcilen giebt es viele kleinere Flüsse und Bäche, die gar keine Mündungen haben und sich mit ihren Wassern nnter die Erde verlieren, ehe sie noch die Flnßtiefc oder Meerestiefe erreicht haben. Ost brechen sie dann nach einem zurückgelegten nnterirdischen Laufe wieder vor, als derselbe Strom, obwohl meistens unter andern, Namen. Am bekanntesten ist die ?kito s), und die östlichern Halbinseln seien noch weit mehr ausgezackt und vieltheilig (?rolx^«t x«5 ?ro^^>ec7ti'. ..), so daß fast überall Landbaner dem Stadtbürger zur Seite stehen und die tapfersten Völker den Erdtheil bewohnen. Daher genügt sich Europa selbst (ttvra^xet7rar^ xsr/...). Damit bezeichnet Strabo die selbständige Größe Europas, als eines eignen, den andern ebenbürtigen Erdtheilö, seines geringen Naumvcrhältnisscs gegen seine Nachbarerdtheile ungeachtet, uud die Neuern sind ihm mit Recht in dieser Auuahme gefolgt. Lauge Jahrhunderte war diese Einsicht des scharsblickenden römischen Erdbeschreibers in eins der wichtigsten Oberflächenvcr- hältnisse des Planeten, das freilich nur von einem beschränkten Standpunkte augedeutet war, von den nachfolgenden Männern der geographischen Wissenschaft gänzlich übersehen worden, als es A. v. Humboldt zuerst wieder in klimatologischer Hinsicht ins Leben rief, und als ein Grnndverhältniß für die gesetzmäßige Verbreitung der Organismen in seinem berühmten Werke über die geographische Verbreitung der Gewächse so geistvoll für lebendige Betrachtung aller tellurischen Verhältnisse hervorhob '). In der inhaltreichen Abhandlung über die Hanptnrsachen der Temperatur- Verschiedenheit auf dem Erdkörper vom Jahr 1827 in den Aca- demischen Berliuer Schriften S. 311 gebraucht derselbe Verfasser schon den deutschen Ausdruck: „unser Europa verdankt ein mil- ') ^. V. Ilnmvolclt llcz üisti'illutiono googi'ÄNnivk nlkntarnin ot 1817 n. 8l, 183, vgl. Centval-Asien bei Mahlmann Th, I. l. p.