■ 1 : : x m FÜRST BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN I BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN ERSTER BAND VOM STAATSSEKRETARIAT BIS ZUR MAROKKO-KRISE HERAUSGEGEBEN VON FRANZ VON STOCKHAMMERN IM VERLAG ULLSTEIN • BERLIN BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IN VIER BÄNDEN 1. Vom Staats Sekretariat bis zur Marokko-Krise 2. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied 3. Weltkrieg und Zusammenbruch 4. Jugend- und Diplomaten]ahre Die Bände erscheinen in der Reihenfolge ihrer Niederschrift VORWORT DES HERAUSGEBERS ​​​Memoiren im Sinne anderer Völker sind in Deutschland selten. Goethes ​„Dichtung und Wahrheit", Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" gehören der Weltliteratur an, sind aber keine Memoiren. Die „Denkwürdigkeiten" des Fürsten Bülow, die nunmehr nach dem Heimgang des Verfassers der Öffentlichkeit übergeben werden, sind von ihm, der die Memoircn- literatur Frankreichs und Englands beherrschte, als Memoiren im eigentlichen Sinne des Wortes gedacht. Sie bringen nur Selbsterlebtes, Selbstgehandeltes. Nur Vorkommnisse und Personen, mit welchen den Verfasser sein langes und erfolgreiches Leben in Berührung gebracht hat, werden behandelt. Philosophische und historische Betrachtungen finden sich nur da, wo sie an den eigenen Lebensinhalt anknüpfen. Der Verfasser, sein Handeln und Erinnern steht im Mittelpunkt des Werkes. Der Subjektivismus, von dem die „Denkwürdigkeiten" des Fürsten getragen sind, strebt vor allem und über alles hinweg nach absoluter Richtigkeit der Darstellung, nach Gerechtigkeit und Objektivität des Urteils über Menschen und Geschehnisse. Seinem innersten Wesen entsprechend war er bemüht, kein Wort zu schreiben, keine Urteile zu fällen, keine Handlung zu bewerten, ohne von der Richtigkeit des Gesagten überzeugt zu sein. So sehr wünschte Fürst Bülow seinen „Denkwürdigkeiten" den Stempel der Wahrheit und Gerechtigkeit aufzudrücken, daß er allem Drängen seiner pohtischen Freunde und Verehrer zum Trotz zähe auf dem einmal gefaßten Beschluß beharrte, seine Memoiren erst nach seinem Tode veröffentlichen zu lassen. In diesem Verzicht auf augenblicklichen Erfolg, in dieser Zurückstellung jedweden materiellen Interesses erblickte er die einzige sichere Bürgschaft für die von ihm erstrebte Unabhängigkeit seines Urteils. Er wollte schreiben, wie er dachte, die Menschen beurteilen, wie er sie sah, gleichgültig, ob es sich um Souveräne oder diplomatische Kollegen handelte. Er wollte nicht durch Rücksichten persönlicher Art gegen wen immer es sei gebunden sein. Die Welt, in die das Leben ihn gestellt, das Wirkungsfeld, das Gott ihm anvertraut hatte, es sollte sich den späteren Geschlechtern so darstellen, wie er es sich von hoher Warte in seinen Gedanken zurechtgelegt und ausgebaut hatte. Rein in seinem Gewissen, in voller Unabhängigkeit seiner Gesinnung, wollte er es der Nach- X VORWORT DES HERAUSGEBERS weit überlassen, über ibn zu urteilen, zu stolz, um sich selbst verteidigen zu wollen. Der Fürst war zu alt geworden, er war zu abgeklärt, um jedes seiner Urteile, jede seiner Meinungen für unanfechtbar zu halten, und hätte daher jedem Widerspruch, den sein Werk, falls es bei seinen Lebzeiten veröffentlicht worden wäre, gefunden hätte, mit Ruhe entgegengesehen. Was er aber aus innerstem Herzen wünschte, war, daß die Welt an die Aufrichtigkeit und Überzeugungstreue seiner Darstellung glaube. Dafür schien ihm die posthume Veröffentlichung die sicherste Bürgschaft zu bieten. Dem Streben des Fürsten nach bestmöglicher Richtigkeit und absoluter Wahrhaftigkeit entsprach die Gewissenhaftigkeit, die er auf die „Denkwürdigkeiten" verwandt hat. Er war sein ganzes Leben gewohnt gewesen zu diktieren, und dem in seinem Arbeitszimmer Aufundabschrei- tenden formten sich die Sätze für die Niederschrift seiner Erinnerungen mit gleicher Mühelosigkeit, wie der Redner Bülow in drei Parlamenten mit sicherer Leichtigkeit seine glänzenden Perioden aneinanderzureihen gewußt hatte. Trotz dieser angeborenen Leichtigkeit geistigen Schaffens hat Fürst Bülow fünf Jahre auf das Diktat des Textes und drei weitere Jahre auf die sorgfältige, mühevolle Uberprüfung des Textes verwendet. Die Bismarcksche Arbeitsschule, in welcher der junge Attache, der Sekretär des Berliner Kongresses, aufgewachsen war, zeigte sich auch im hohen Alter noch nachhaltig und wirksam. Kein Name, kein Datum, kein Zitat, das nicht mehrmals durch Nachschlagen verifiziert, kein Satz, der nicht wieder und wieder sorgsam abgewogen und gefeilt worden wäre. Das außerordentlich starke Gedächtnis des Fürsten, das ihn über die Amtszeit hinaus bis ins hohe Greisenalter begleitet hat und nicht nur geschichtliche Persönlichkeiten und Ereignisse, sondern auch bedeutsame Zitate aus der Gedankenwelt aller zivilisierter Nationen in ihm aufgespeichert hatte, unterstützte das Werden des Werkes in hohem Maße. Material im eigentlichen Sinne des Wortes lag wenig vor, besonders Briefe in nur geringer Anzahl. Vom Kaiser war fast kein Brief vorhanden, da Fürst Bülow alle kaiserlichen Briefe, es waren in die Hunderte, nach seinem Rücktritt spontan, aus eigener Initiative dem Zivilkabinett zur Verwahrung im Hausarchiv übergeben hatte. So scharf und sicher aber war sein Gedächtnis, daß wiederholt Stellen aus Briefen oder Aufzeichnungen, für die anfangs eine schriftliche Unterlage nicht vorhanden gewesen war, sich bei deren späterem Auffinden nicht nur dem Sinne nach, sondern fast wortgetreu wiedergegeben erwiesen. Die „Denkwürdigkeiten" umfassen die Zeit von etwa 1850 bis 1919, enden also mit dem Zusammenbruch Deutschlands. Zwei Bände sind dem Werdenden und der glänzenden Laufbahn gewidmet, die ihn 1897 zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin führte, drei Bände dem VORWORT DES HERAUSGEBERS XI selbständig Handelnden, der zunächst drei Jahre unter dem greisen Fürsten Hohenlohe die auswärtige Politik Deutschlands und 1900 bis 1909 die Gesamtpolitik des Reiches leitet, selbst mehr und mehr Mittelpunkt der politischen Welt Europas. Auf dem Gebiet der äußeren Politik ist Höhepunkt die bosnische Krise 1908/1909, die mit einem glänzenden diplomatischen Erfolg Deutschlands abschließt. Höhepunkt der inneren Politik sind die Reichstagswahlen 1907, die zu einer vernichtenden Niederlage der Sozialdemokratie führen und einer weitausschauenden weisen Politik der Evolution die Wege ebnen sollten, auf denen der Fürst das politische Leben des deutschen Volkes behutsam zu modernisieren und parlamentarisch auszugestalten dachte. Dies weitgreifende Programm, zu groß angelegt, um zur Zeit seiner Inangriffnahme von den Banausen der deutschen Tagespolitik verstanden zu werden, erfuhr durch Bülows Rücktritt 1909 seinen jähen Abschluß. Die Tragik, die über den Geschicken des deutschen Volkes hegt, brachte es mit sich, daß der Nachfolger des Fürsten, Bethmann Hollweg, es als sein Programm verkünden konnte, Deutschland und Preußen nicht in das Lager des Parlamentarismus verschleppen zu lassen. Im letzten Band spricht Bülow der Spectator, der aus der Bethmannschen Zauderpolitik Wolken banger Sorge emporsteigen sieht. Absoluter Gegner der Fatalitätstheorie und im Bismarckschen Geist ebenso entschiedener Gegner prophylaktischer Kriege, prüft er die Entstehung des Weltkrieges mit der überlegenen Weisheit eines in der Schule von vier Jahrzehnten politischer und diplomatischer Tätigkeit geschärften Geistes. Aus der These, daß weder Kaiser Wilhelm IL, noch die deutsche Regierung, noch das deutsche Volk den Krieg gewollt, daß aber die unfähige politische Leitung Deutschlands im Jahre 1914 die Nation am Gängelband Österreichs in den unheilvollsten aller Kriege verstrickt habe, klingt jene Unternote tiefen vaterländischen Schmerzes, die dem dritten Bande bis zu seinem Ende eigen ist, und zeigt, wie bitter schmerzlich es dem Fürsten war, tatenlos all das Unheil um sich vollenden zu sehen. Das vertraute Verhältnis, in dem Fürst Bülow zu Kaiser Wilhelm IL stand, brachte es mit sich, daß beider Meinungen und Ansichten öfter gegeneinanderstießen, als dies zwischen Souverän und Minister der Fall zu sein pflegt. Wenn die „Denkwürdigkeiten" des Fürsten Bülow sich wieder und wieder mit dem Kaiser beschäftigen, so hegt dies in der Intimität ihres langjährigen freundschaftlichen Verhältnisses begründet. Trotz aller Schwierigkeiten aber, die Kaiser Wilhelm II. durch Unbesonnenheit und Taktlosigkeit dem Fürsten Bülow auf außer- und innerpolitischem Gebiet bereitet haben mag, trotz des erregten Widerspruchs, den manche übermütige Geste des Kaisers bei der gesamten Nation hervorrief, trotz des vielen, was der Fürst mit geschickter Hand, ungewußt von der Öffentlichkeit, in der XII VORWORT DES HERAUSGEBERS Stille zu Gunsten seines kaiserlichen Herrn auszugleichen und abzubiegen gehabt hat, ist das Urteil Bülows über den Kaiser nie bitter oder ungerecht. Wenn er den Souverän auch oft rügen und tadeln muß, so wird er doch immer der bedeutenden Persönlichkeit und den menschlich schönen Seiten gerecht, und auch da, wo sein Urteil sich zu ernster Sorge verdichtet, zeigt es sich mehr von freundschaftlichem, ja fast väterlichem Empfinden diktiert als vom Geist der Kritik. Diese Betrachtungsweise ändert sich auch nicht, wenn sie an die Darstellung der Katastrophe von 1918 und der Ereignisse, die sie vorbereiteten, herantritt. Die Sorge um Kaiser und Dynastie, die bis dahin überwogen hatte, wird abgelöst durch die noch größere Sorge um das Geschick des deutschen Volkes, um die Zukunft, um die Nation. Nichts aber, was auch immer Deutschland im Zusammenbruch und nach dem Schandfrieden von Versailles an bitterem Leid erfahren haben mag, vermochte den jugendstarken Optimismus zu hemmen, mit dem der weise alte Mann in die Zukunft Deutschlands sah. Wie sein Urteil über den Zusammenbruch des alten Systems und die Mängel, die ihn verschuldet hatten, gerecht und objektiv war, so zeigt sich auch seine Beurteilung des neuen Deutschlands, bei aller Schärfe, mit der dessen Schwächen gegeißelt werden, von überzeugtem Hoffen auf eine größere und glücklichere Zukunft diktiert. Was er all die Jahre hindurch innerlich litt, in denen er das Schicksal der Nation den schwachen Händen eines Bethmann, den zaudernden eines Michaelis, den kraftlosen eines Hertling und zuletzt den neurasthenischen eines Prinzen Max von Baden anvertraut sehen mußte, während im Feindesbunde Staatsmänner von der außergewöhnlichen Energie und Tatkraft eines Clemenceau, eines Lloyd George ihre Völker im Geiste des Widerstandes erhielten und mit zielbewußter Zähigkeit zum Enderfolg führten, das klingt in knapper Klarheit aus dem Schlußsatz des dritten Bandes der „Denkwürdigkeiten". Es ist hier eine Episode aus Herodot erwähnt. Der Fürst hebte es, die Geschehnisse seiner Zeit an der Geschichte, der großen Lehrmeisterin der Menschheit, zu messen, und schöpfte hierbei mit besonderer Vorhebe aus den ihm von früher Jugendzeit wohlvertrauten großen Griechen. Ein hochstehender Perser, wenige Tage vor der Schlacht von Platää befragt, warum er seinen Feldherrn Mardonius nicht vor einer großen, von ihm klar erkannten Gefahr warne, erwidert dem ihn fragenden Griechen: es gebe auf der Erde keinen größeren Kummer als den, Einsicht zu besitzen, nicht aber die Macht. „Dieser größte Kummer war mir beschieden", mit diesen Worten schmerzlicher Tragik zieht der Fürst das Fazit seines großen politischen Lebens. FRANZ VON STOCKHAMMERN f VORBEMERKUNG DES VERLAGES Im Jahre 1920 ließ Fürst Bülow durch einen Mittelsmann uns benachrichtigen, daß er seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben beabsichtige und daß er den Wunsch habe, sie dem Verlag Ullstein zur späteren Veröffentlichung zu übergeben. So kam am 15. Januar 1921 der Verlagsvertrag zustande. Den Kernpunkt der Abmachung bildete die Bestimmung, daß die Veröffentbchung des Werkes erst einige Zeit nach dem Ableben des Verfassers erfolgen dürfe. Das Manuskript wurde nach dem Diktat des Fürsten in den Jahren 1921 bis 1926 fertiggestellt. Der Verfasser hat dann während der folgenden Jahre handschriftlich ständig Streichungen und Einschaltungen vor» genommen, in Begleitblättern zu den Manuskriptbänden die Seitenziffern dieser seiner Änderungen registrieren lassen und durch eigenhändige Unterschrift ihre Richtigkeit bestätigt. Unter sechsfachem Siegel lag das Manuskript, das in drei Exemplaren ausgefertigt war, in den Stahlräumen einer Bank aufbewahrt. Nach dem Ableben des Fürsten am 28. Oktober 1929 wurde es dem nur wenigen Eingeweihten bekannten Aufbewahrungsort entnommen und dem Verlage übergeben. Die Herstellungsarbeiten setzten dann sofort ein, sie wurden von dem literarischen Testamentsvollstrecker und Herausgeber des Werkes, dem Ministerialdirektor z. D. Franz von Stockhammern überwacht. Sein dem Werk mitgegebenes Vorwort hat er noch zu Lebzeiten des Fürsten abgefaßt. Die Veröffentbchung des Werkes erfolgt jetzt genau in der Reihenfolge der Niederschrift. Fürst Bülow hat zuerst seine pobtischen Denkwürdigkeiten geschrieben, also die Zeit seines Staatssekretariats bis zu Krieg und Zusammenbruch, und hat erst später dieses Werk um seine Jugenderinnerungen vermehrt, die somit den Schlußband der Veröffentbchung bilden. Entsprechend den Abfassungszeiten der einzelnen Bände bat sich der Standpunkt des Fürsten bei der Beurteilung von Personen und Ereignissen XIV VORBEMERKUNG DES VERLAGES des öfteren verschoben. Dieses gilt insbesondere für die Stellungnahme des Verfassers zu der im November 1918 erfolgten Staatsumwälzung. An zahlreichen Stellen des Werkes hat der Fürst sich gegen Politiker wie Ebert und Erzberger geäußert, aber es ist charakteristisch, daß er versuchte, dem, was er anfänglich schroff abgelehnt hatte, später sachlich gerecht zu werden. Der vorliegende Band enthält mehrere Ausfälle gegen den ersten Reichspräsidenten Ebert (vergl. S. 125 und S. 286), aber wenige Jahre nach Niederschrift dieser ersten absprechenden Urteile nennt der Fürst, und zwar in dem dritten Bande der Denkwürdigkeiten, Ebert „einen Mann von natürlichem Anstand und gesundem Verstand" und hat den Eindruck, „mit einem redlichen und tüchtigen Mann zu sprechen". Der Fürst führt in diesem später entstandenen Bande aus, Ebert habe ihn nicht zur Sozialdemokratie und Republik bekehrt, und noch immer tadelt er die Revolution von 1918 in scharfen Worten, dann jedoch fährt Fürst Bülow wörtbch fort: „Aber nachdem, beginnend mit Bethmann Hollweg, im Weltkrieg vier Reichskanzler nacheinander völlig versagt hatten, nachdem Wilhelm II. ins Ausland geflohen und das durch den Genius von Bismarck und die Weisheit des alten Wilhelm I. geschaffene Deutsche Reich zusammengebrochen war, betrachtete ich es als ein Glück im Unglück, daß die Welle der Revolution auf den Präsidentenstuhl gerade diesen Mann trug. Er lieferte jedenfalls den Beweis, daß in unserem ach! so unpolitischen Deutschland der Arbeiterstand starke politische Talente, aller Achtung würdige Charaktere und hervorragende Parteiführer zu stellen vermag." Der Herausgeber des Werkes, Herr von Stockhammern, der die allmähliche innere Wandlung des Fürsten aus täglichen Gesprächen noch in verstärktem Maße beobachten konnte, erwog deshalb, ob es möglich sei, einzelne solcher Ausfälle gegen Ebert und andere diesem nahestehende Politiker im Werke zu mildern oder auszumerzen. Am 27. Februar 1930, also noch vor Beginn des Druckes, verstarb Herr von Stockhammern. Der Verlag sieht auf Grund der geschlossenen Abmachungen und der noch darüber hinaus dem Fürsten Bülow gegebenen Erklärungen keine Möglichkeit, seinerseits solche Änderungen vorzunehmen. Fürst Bülow hat von Anfang an den größten Wert darauf gelegt, vollständig unabhängig von allen äußeren Einflüssen seine Erinnerungen niederzuschreiben und sie zur Veröffentlichung zu bringen. VORBEMERKUNG DES VERLAGES XV Der Verlag hat mit Abschluß des Vertrages geglaubt, einer Persönlichkeit von der welthistorischen Bedeutung des Fürsten Bülow freie, rückhaltlose Meinungsäußerung gewähren zu müssen. So erscheint dieses Werk, wie es der Fürst geschaffen hat. Es bringt an vielen Stellen Kritiken politischer Vorgänge und Charakteristiken einzelner Persönlichkeiten, die sich mit den Ansichten des Verlages nicht decken, vielmehr zu seiner Gesamthaltung in direktem Widerspruch stehen. Berlin, im Herbst 1930 DER VERLAG I INHALT DES ERSTEN BANDES ERSTES KAPITEL...................... 3 Berufung nach Berlin (21. VI. 1897) • Abreise von Rom nach Verabschiedung von Visconti-Venosta und Rudini • Auf der Promenadenbank in den Frankfurter Anlagen • Beim Friseur im Berliner Kaiserhof ■ In der Wilhelmstraße: Holstein, Marschall, Hohenlohe • Eintreffen in Kiel an Bord der „Hohenzollern" Gespräch mit dem Generaladjutanten von Löwenfeld • Begrüßung durch Kaiser Wilhelm IL: „Der Badenser hat mich verraten! Sie müssen an die Front!" Kaiserliche Aufforderung, die im August bevorstehende Reise nach St. Petersburg mitzumachen • König Leopold von Belgien • Prinz Albrecht von Preußen ZWEITES KAPITEL.....................21 Besuch in Friedrichsruh • Wilmowski Vater und Sohn • Der 82jährige Bismarck Das Bismarcksche Heim • Übernahme der interimistischen Leitung des Auswärtigen Amtes • Freiherr von Rotenhan • Gedankenarbeit am Semmering • Die internationale Lage von 1897 • Graf Anton Monts und seine an Bülow gerichteten Situationsberichte DRITTES KAPITEL......,..............40 Weitere Zuschriften des Grafen Monts über Schädigung des Reichsgedankens und des Ansehens der Kaiserkrone durch die letzte besonders exzentrische Rede Wilhelms II. vor dem Brandenburger Provinziallandtag am 22. III. 1897 • Die von Monts bei einem Besuch in Berlin gewonnenen persönlichen Eindrücke Die Schilderungen von Monts bestätigen die Sorgen und Befürchtungen, die Bülow seit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck erfüllten • Wie ihm bei derÜbernahme der auswärtigen Geschäfte die internationale wie die innerdeutsche Lage erscheint • Rückkehr nach Berlin • Dort inzwischen erfolgter Personalwechsel • Brief des Freiherrn von Marschall (4. VII. 1897) VIERTES KAPITEL..................... 55 Besprechungen mit Kiderlen, Miquel und Hohenlohe • Telegramm von Francesco Crispi • Fahrt nach Kiel • Langer Spaziergang mit Wilhelm II. unter Erörterung der Flottenfrage • Abfahrt nach Peterhof »Die Kaiserliche Umgebung: Lucanus, Hahnke, Senden, August Eulenhurg, Plessen FÜNFTES KAPITEL.....................72 Die Kabinette • Die Hofstaaten • Die Adjutanten • Erste Meinungsverschiedenheit mit Wilhelm IL, rasche Wiederverständigung . Ankunft in St. Petersburg Impressionabilität Wilhelms IL XVIII INHALT DES ERSTEN BANDES SECHSTES KAPITEL.................... Unterredung mit Murawicw • Die Kiautschoufrage • Die Galatafel (7.VIII. 1897) Exzessiver Trinkspruch Wilhelms II. • Fürst Radolin • Finanzminister Witte Audienz bei Nikolaus II. • Kaiserin Alexandra Feodorowna SIEBENTESKAPITEL.................... Rückfahrt • Besprechung der Flottenfrage • Erziehung des Kaisers durch Hinzpeter, dessen Urteil über Wilhelm II. . Rückkehr nach Kiel (14. VIII. 1897) In Wilhelmshöhe • Tirpitz zum Vortrag • Konferenzen über die Flottenfrage ACHTES KAPITEL...................... Wilhelm II. bei der Herbstparade in Koblenz • Würzburg • Manöver des 2. Bayrischen Armeekorps • Fahrt nach Nürnberg mit den bayrischen Ministern (2. IX. 1897) . Ministerpräsident Freiherr von Crailsheim, Finanzminister von Riedel, Kriegsministcr Freiherr von Asch • Der preußische Gesandte beim Müncbener Hofe Graf Monts, dessen Briefe an Bülow und über Bülow • Kaisermanöver in Hessen • König Humbert und Königin Margherita von Italien General von Schweinitz • Der Gibraltar NEUNTES KAPITEL..................... Paradetafel in Homburg (4. IX. 1897) • Schwärmerei Wilhelms II. für Königin Margherita • Sein Brief an Philipp Eulenburg über seinen Besuch in St. Petersburg • Erste Begegnung mit dem späteren König Ludwig III. von Bayern • Die Adlerborte • Rückkehr nach Berlin • Fühlungnahme mit den fremden Botschaftern: Graf Szögyenyi, GrafLanza, Sir Frank Lascelles, Graf Osten-Sacken ZEHNTESKAPITEL ..................... Der spanisch-amerikanische Konflikt • Stellungnahme Wilhelms II. zu auswärtigen Komplikationen • Reise nach Budapest zu den dortigen Herbstmanövern (18. IX. 1897) • Audienz bei Kaiser Franz Josef • Die innerpolitischen ungarischen Verhältnisse • Ungarische Grafen und Staatsmänner ELFTES KAPITEL...................... Rede Wilhelms II. bei der Paradetafel in Budapest (18. IX. 1897) . Der Cercle, die Erzherzöge • Kaiser Wilhelm in Wiesbaden, der Zar in Darmstadt • Zusammenkunft der beiden Kaiser • Großherzog Friedrich und Großherzogin Luise von Baden • Ernennung zum Staatssekretär (20. X. 1897) • Mit dem Kaiser auf der Saalburg • Wilhelm II. und die römischen Kaiser • Seine Stellung zu Denkmälern • Theaterintendant Graf Georg Hülsen • Lauffund Knackfuß • Wilhelm II. in Kunstfragen • Besuch in Schillingsfürst bei Fürst und Fürstin Hohenlohe ZWÖLFTES KAPITEL.................... Reitertod des Generals Adolf von Bülow • Seine Charakteristik • Reichskanzlor- kandidaten Wilhelms II. • Ermordung katholischer Missionare in China • Nach Rom zur Überreichung des Abberufungsschreibens • Ansprache an die deutsche Kolonie, zurück nach Berlin • Brief von Theodor Mommsen ■ Der russische Botschafter über Kiautschou • Entsendung des deutschen Geschwaders nach Ost- INHALT DES ERSTEN BANDES XIX asien • Brief des Prinzen von Wales an die Kaiserin Friedrich über deutsche Seegelüste • Kaiserin Friedrich, ihre Freundschaft mit Frau von Bülow • Eröffnung des Deutschen Reichstags durch Wilhelm II. (30. XI. 1897) • Erste Reichs tagsrede DREIZEHNTES KAPITEL..................197 Parlamentarische Beredsamkeit in Deutschland: Bennigsen, Stresemann, Miquel, Basscrmann, Eugen Richter, Hertling, Bebel, Heydebrand, Naumann, Paasche • Mit Wilhelm II. in Kiel • Seine Rede von der gepanzerten Faust (15. XI. 1897) • Prinz Heinrich in London • Sein Bericht über seine Fahrt nach Ostasien • Wilhelm II. und Salisbury • Besuch Wilhelms II. in Friedrichsruh beim Fürsten Bismarck • Pachtvertrag über Kiautschou (5. I. 1898) VIERZEHNTES KAPITEL..................214 Die Annahme der Flottenvorlage (26. III. 1898) • Brief des Großherzogs Friedrich von Baden ■ Fürst Bismarck über Bülow • Ersetzung des Unterstaatssekretärs Freiherrn von Rotenhan durch Freiherrn von Richthofen • Helfferich, Ludwig Bamberger und Georg Siemens • Der spanisch-amerikanische Krieg Die Lippische Thronfolgefrage • Zehnjähriges Regierungsjubiläum des Kaisers Wilhelm II. (16. VI. 1898) • Sein Telegramm an Philipp Eulenburg • Dessen Stellung zum Hause Bismarck FÜNFZEHNTES KAPITEL..................228 Reichstagswahlen • Der Tod des Fürsten Bismarck • Trauerfeier in Friedrichsruh Brief Wilhelms II. an seine Mutter über Bismarck • Trauerfeier im Berliner Dom Abrüstungsvorschlag Nikolaus' II. • Ankündigung eines Gesetzes zum Schutze der Arbeitswilligen • Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn Die Dreyfus-Affäre SECHZEHNTESKAPITEL..................242 Die Orientreise • Letzte Begegnung mit König Humbert • Gefolge der Majestäten: Oberhofmeister Freiherr von Mirbach, Kabinettsrat v. d. Knesebeck, Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff, Staatsdame Gräfin Keller, Hofdame Fräulein von Gersdorff, Oberhofprediger Dryander • Konstantinopel • Audienz beim Sultan Abdul Hamid • Der Harem des Sultans • Die Bagdadbahn • Herr von Siemens Jerusalem • Damaskus • Deutsche Geheimpolizisten SIEBZEHNTESKAPITEL..................261 Kaiserin Auguste Viktoria • Die Rückreise • Malta • Neuerdings die Lippische Frage • München • Ankunft auf der Wildpark-Station • Wilhelm II. an seine Minister über die Türkei • Einzug in Berlin (1. XII. 1898) • Faschoda • Der Windsor-Vertrag • Chamberlains Stellungnahme zu einer deutsch-englischen Allianz • Brief des Botschafters Grafen Hatzfeldt ACHTZEHNTESKAPITEL..................279 Jahresschluß 1898 • Prinz Heinrich über Ostasien • Erwerbung von Samoa Großherzog Karl Alexander von Weimar • Erwerbung der Karolinen • Erhebung in den Grafenstand (22. VI. 1899) • Burenkrieg . Cecil Rhodes in Berlin . Die XX INHALT DES ERSTEN BANDES öffentliche Meinung in Deutschland gegenüber dem Burenkonflikt • Die Kanalvorlage • Finanzminister von Miquel • Brief der Kaiserin über die Kanalvorlage Die Kanalrebellen NEUNZEHNTESKAPITEL..................299 Kaiserbesuch in Karlsruhe • Burg Hohenzollern • Königin Wilhelmine von Holland in Berlin (Oktober 1899) • Besuch des Zarenpaares in Berlin • Die Reise der deutschen Majestäten nach England (20. XI. 1899) ■ Die Kaiserin gegen die Reise, ihr Brief an Bülow • Bericht Hatzfeldts • Landung in England • Die Herzogin von Connaught • Deutsche Prinzessinnen im Ausland • Windsor • Die Galatafel • Englische Hofleute und Staatsmänner • Memorandum des Fürsten Hohenlohe für Wilhelm II. ZWANZIGSTES KAPITEL..................314 Unterredung mit dem Kolonialminister Chamberlain • Wilhelm II. und Cham- berlain • Balfour • Lansdowne • Der Herzog von Devonshire • Goschen • Audienz bei der Königin Victoria ■ Chamberlains Allianzvorschläge: Für uns notwendige Bürgschaften EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.............329 Charakteristik Chamberlains • Überblick über die englischen Bündnisverhandlungen und Gesamteindruck • Briefe an Hohenlohe und Holstein, Bericht Hatzfeldts an den Reichskanzler • Besuch in Sandringham • Der Prinz von Wales, sein Verhältnis zu seinem Neffen Kaiser Wilhelm II. • Lord Acton • Abreise von England • Kaiserin Friedrich über die Kaiserreise nach England • Begegnung mit den holländischen Königinnen in Vlissingen ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............347 Haager Friedenskonferenz • Die Nordlandreisen des Kaisers, Berichte und Briefe des Grafen Philipp Eulenburg • Staatsstreichpläne des Kaisers, seine Stellung zur Sozialdemokratie • Wilhelm II. über Cecil Rhodes • Kardinal Hohenlohe über Kaiser Wilhelm II. • Bülows Reichstagsrede vom 11. XII. 1899: Deutschland Hammer oder Amboß • Jahrhundertfeier im Berliner Schloß • Ermordung des deutschen Gesandten in Peking . General Gündel Kommandeur der Expeditionstruppen • Hunnenrede Wilhelms II. DKEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............362 Bülows Verhältnis zu seinen Ministerkollegen • Graf Alfred Waldersee • Wilhelm II. wird Generalfeldmarschall • Sein forciertes Betonen seiner militärischen Befugnisse vor dem Kriege, sein völliges Zurücktreten im Krieg • Feldmarschall Waldersee Oberstkommandierender in China • Der Kaiser verabschiedet sich in melodramatischer Form von ihm in Kassel • Graf Metternich über die Lage Einnahme Pekings (15. VIII. 1900) • Berufung nach Hubertusstock: Erste Besprechung mit Wilhelm II. über die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe • Kandidaten: Podbielski, Philipp Eulenburg, Karl Wedel, Botho Eulenburg, Hohen- lohe-Langenburg • Telephonische Berufung nach Homburg INHALT DES ERSTEN BANDES XXI VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL............379 Reise mit Lucanus nach Homburg (16. X. 1900) • Vortrag beim Kaiser . Unterredung mit Fürst Chlodwig Hohenlohe • Ernennung zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten • Donna Laura Minghetti • Entlassungsgesuch Posadowskys • Einsegnung des Prinzen Adalbert • Rückreise nach Berlin • Erste Staatsministerialsitzung unter Bülows Vorsitz • Brief des Generalfeldmarschalls von Loe • Herbert Bismarck an Bülow • Freiherr von Richthofen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes • Glückwunschschreiben ■ Personalveränderungen FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL............397 Einzug des Grafen Waldersee in Peking • Die auswärtige Lage • Deutsch-Englischer Chinavertrag • Österreich-Ungarn • Philipp Eulenburg über den österreichisch-ungarischen Thronfolger, Verhältnis Kaiser Wilhelms zu Erzherzog Franz Ferdinand • Unsere Beziehungen zu Frankreich • Heeresforderungen Adelsregimenter • Rußland: Brief des Generals von Werder über russische Verhältnisse, General von Schweinitz über Rußland • Graf Lambsdorff, russischer Minister des Äußern SECHSÜNDZWANZIGSTES KAPITEL............411 Unsere Beziehungen zu England • Ihre Entwicklung seit den siegreichen Kriegen von 1866 und 1870 • Unterredung mit Admiral von Tirpitz im Gehölz von Düsternbrook • Besprechung der Flottenvorlage in der Kommission • Interpretation des Schlagwortes „Weltpolitik" gegenüber dem Abgeordneten Gröber Botschafter Graf Hatzfeldt über Salisbury und England ■ Denkschrift des Grafen Paul Metternich über seine persönlichen Eindrücke in England SIEBENÜNDZWANZIGSTES KAPITEL...........427 Der englische Volkscharakter • Unsere Unterschätzung Englands • Unsere Irrtümer in Beurteilung und Behandlung fremder Völker • Hatzfeldt an Holstein über England, Holstein über ein deutsch-englisches Bündnis • Vorgänge in Ostasien • Bericht des Prinzen Heinrich an Bülow • Japan • Herr von Mumm Nachfolger Kettelers, sein erster Bericht • Innere Politik ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL............442 Der Bundesrat ■ Die Friedensliebe Kaiser Wilhelms II. • Mündigkeitserklärung des Kronprinzen (6. V. 1900) • Die Rechte der Krone und die Parteien • Bülows Verhältnis zum Kaiser • Wilhelm II. in den Briefen Eulenburgs an Bülow • Der Kaiser und Bismarck • Der Kaiser und die Sozialdemokratie • Gemütszustand der Kaiserin • Intrigen Eulenburgs gegen Ihre Maj estät • Eulenburgs Spiritismus Freundschaft Wilhelms II. mit dem Fürsten von Monako N E U N U N D Z W A N Z I G S T E S KAPITEL............453 Indiskretion am Berliner Hofe • Wilhelm II. und die Fremden • Der Lotse von Bari • Das Sprechbedürfnis des Kaisers und seine Harmlosigkeit in Gesprächen Einberufung des Reichstags • Debatte über die ostasiatische Expedition (19. XI. 1900) • Erstes Auftreten als Reichskanzler im Reichstage XXII INHALT DES ERSTEN BANDES DREISSIGSTES KAPITEL . .•...............467 Die Zwölftausend-Mark-Affäre • Interpellation im Reichstage • Bülow tritt für den Grafen Posadowsky ein • Dessen Charakteristik • Die Burenfrage • Hitzige deutsche Begeisterung für Präsident Krüger • Bülows Reden zur Burenfrage Rundreise bei den größeren deutschen Höfen • München, Prinz Luitpold • Berichte des Grafen Monts über den Verlauf des Münchener Besuchs • Stuttgart, Reich und Bundesstaaten EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL.............486 Fortsetzung der Rundreisen: Karlsruhe, Darmstadt, Dresden • Verleihung des Schwarzen Adlerordens (23. XII. 1900) • Glückwunsch des Fürsten Hohenlohe Prinz Max von Baden, Prinz Alexander von Hohenlohe-Schillingsfürst, Erbprinz Erni von Hohenlohe-Langenburg • Diplomatische Personalien: Fürst Radolin nach Paris, Graf Alvensleben nach Petersburg • Ängstliche Briefe Eulenburgs Freiherr von Mirbach und Dr. Hugo Preuß ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............502 Erkrankung der Königin Victoria • Wilhelm II. fährt nach England • Briefe der Kaiserin Auguste Viktoria an Bülow • Kaiser Wilhelm bleibt bis zur Beisetzung (21. I. 1901) • Graf Metternich über den kaiserlichen Besuch • Vortrag bei Wilhelm II. in Homburg (8. II. 1901) • Vorbereitungen für den Besuch des Königs Eduard bei seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich • Denkschrift des Staatssekretärs Freiherrn von Richthofen vom 3. II. 1901 über unser Verhältnis zu England • Verlegung des Schwerpunktes der deutsch- englischen Verhandlungen nach Berlin • Promemoria des Fürsten Lichnowsky DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............516 Eintreffen des Königs Eduard in Kronberg • Seine Eindrücke während seiner Fahrt durch Deutschland • Miß Charlotte Knollys zu Bülow • Kaiserbesuch in Bremen (5. III. 1901) • Exzentrische Rede des Kaisers beim Alexanderregiment Brief des Großherzogs Friedrich von Baden über die Rede • Die verfahrene Kanalvorlage • Demission des Finanzministers von Miquel, sein Nachfolger Freiherr von Rheinbaben • Geburtstag des Kaisers Nikolaus, Rede Wilhelms II. in Metz • General Bonnal in Metz • Die Enthüllung des Bismarck-Denkmals in Berlin (16. VI. 1901) • Bülows Gedächtnisrede • Wilhelm IL, Herbert Bismarck • Der Prophet Jeremias über das menschliche Herz • Einigung mit dem bayrischen , Finanzminister Riedel über den Zolltarif • Peter Spahn, Ernst Bassermann, der Bund der Landwirte, Graf Limburg-Stirum VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL............534 Kaiser Wilhelm am Sterbelager der Kaiserin Friedrich • Ihr Tod (5. VIII. 1901) Graf Götz von Seckendorf! • Charakteristik der Kaiserin Friedrich • Graf Waldersees Rückkehr aus China • Zusammenkunft Wilhelms II. mit Nikolaus II. in Heia • Ungenügende Dekorierung des russischen Ministers des Äußern • Wilhelm II. in Rominten ■ Eulenburgs Schilderung des dortigen Aufenthalts • Prinz Heinrich beim Zaren in Spala • Verlobung des Prinzen Max von Baden mit der Großfürstin Helene Wladimirowna • Denkmalsenthüllungen in der Siegesallee Wilhelms II. Stellung zu den schönen Künsten • Heimgang der Idealistin Mal- vida von Meysenbug und des Königs Albert von Sachsen INHALT DES ERSTEN BANDES XXIII FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL............552 Rede Chamberlains in Edinburg (25. X. 1901) • Provokation der deutschen Armee • Unterredung mit dem englischen Botschafter, Weisungen an die Deutsche Botschaft in London • Eintreten für die Ehre unserer Armee im Reichstag • Geburtstag des Kaisers (27. I. 1902) • Unterredung Bülows mit dem Prinzen von Wales, späteren König Georg V. • Zwischenfall in Venezuela Präsident Castro • Rudyard Kipling • Die Ostmarkenpolitik • Reden im Reichstag und im Preußischen Landtag über das Ostmarkenproblem • Rede Wilhelms II. in der Marienburg SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL...........572 Die Bagdadbahn • Unsere Beziehungen zu den Vereinigten btaaten • Wilhelm II. und Roosevelt • Amerikafahrt des Prinzen Heinrich • Jubiläum des Königs- husarcn-Regiments in Bonn, die Parade des Pcgiments • Ernennung zum Oberst ä la suite der Armee, mit der Uniform der Königshusaren • Erneuerung des Dreibundes (28. VI. 1902) . Begegnung Wilhelms II. und Nikolaus' II. in Reval • Die Swinemünder Depesche, Erregung in Bayern • Tod von Alfred Krupp SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL...........587 Konfessionelle Verträglichkeit • Der Zwischenfall von Trier und Bischof Korum Kronprinzessin Luise von Sachsen • Zweite Beratung des Zolltarifs • Längste Sitzung des Reichstags (13. XII. 1902) • Bülow lehnt Erhebung in den Fürstenstand ab • Die Swinemünder Depesche im Reichstag (19. I. 1903) • Domdekan Schädler • Erste Stellungnahme zu Reden und Äußerungen des Kaisers • Rücktritt des Grafen Crailsheim • Unterredung mit dem Sozialistenführer von Vollmar • Die Führer der Konservativen, des Zentrums und der Nationalliberalcn werden beim Reichskanzler wegen der fortgesetzten kaiserlichen Entgleisungen vorstellig • Bülows Brief an Wilhelm II. ACHTUN D DREISSIGSTES KAPITEL........., . . 602 Romreise Wilhelms II. • Vorheriges diplomatisches Revirement: Philipp Eulenburg tritt zurück, Karl Wedel sein Nachfolger in Wien, Monts kommt nach Rom Das Gefolge des Kaisers • Sein persönliches Verhältnis zu Viktor Emanuel III. Bülows Unterredungen mit dem König von Italien und mit Giolitti • Wilhelm II. bei Leo XIII., seine Niederschrift über den Verlauf der Unterredung • Kostbares Geschenk des Papstes an Bülow • Empfang der kaiserlichen Dienerschaft durch Seine Heiligkeit • Vertrauliche Meldungen von Philipp Eulenburg über die Stimmung Seiner Majestät, über Ihre Majestät und das Leben auf der „Hohenzollern" NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL............619 Tod Leos XIII. (20. VII. 1903) • Geheimer Bericht des Kardinals Kopp über das Konklave • Herbstmanöver • Reise nach Wien, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin • Wilhelm II. macht nach einigem Widerstreben der Fürstin von Hohenberg einen Besuch • Bülows Unterredung mit Goluchowski • Audienz bei Kaiser Franz Josef • Der italienische Botschafter Graf Nigra . Kaiser Nikolaus in Hessen, Wilhelm II. in Wolfsgarten (4. XL 1903) . Die Möglichkeit eines russisch-japanischen Zusammenstoßes rückt näher . Unterredungen mit Graf Lambsdorff und Kaiser Nikolaus . Gespräche der beiden Kaiser • Stimmlippenoperation Wilhelms IL, seine mutige Haltung I. KAPITEL Berufung nach Berlin (21. VI. 1897) • Abreise von Rom nach Verabschiedung von Visconti-Venosta und Rudini • Auf der Promenadenbank in den Frankfurter Anlagen Beim Friseur im Berliner Kaiserhof • In der Wilhelmstraße: Holstein, Marschall, Hohenlohe • Eintreffen in Kiel an Bord der „Hohenzollern" • Gespräch mit dem Generaladjutanten von Löwenfeld • Begrüßung durch Kaiser Wilhelm II.: „Der Badenser hat mich verraten! Sie müssen an die Front!" • Kaiserliche Aufforderung, die im August bevorstehende Reise nach St. Petersburg mitzumachen • König Leopold von Belgien Prinz Albrecht von Preußen Am 21. Juni 1897 lag auf meinem Schreibtisch im Palazzo Caffarelli, dem damaligen Sitz der Kaiserlich deutschen Botschaft in Rom, die Das Entzifferung eines Telegramms des Auswärtigen Amtes, das die Weisung Telegramm enthielt, mich baldtunlichst bei Seiner Majestät dem Kaiser auf der des Jacht „Hohenzollern" einzufinden. Ich hatte ungefähr die Empfindung eines Fußgängers, der, nachdem er längere Zeit die Wolken am Himmel hat heraufziehen sehen, dann noch einiges Wetterleuchten, nun plötzlich der Entladung des Gewitters gegenübersteht. Ich suchte den Minister des Äußeren auf, um ihm zu sagen, daß ich für einige Tage nach Kiel zitiert worden sei. Seinem phlegmatischen Naturell und seiner bisweilen bis zur Komik gesteigerten Reserve entsprechend, frag Marquis Visconti- Venost a mich nur, ob ich über Mailand und die Schweiz oder über Verona und Tirol reisen würde, und bat um Empfehlungen an meine Frau. Der Abschied von Marquis Rudini, mit dem mich nähere Beziehungen verbanden und der auch um verschiedene Grade deutschfreundlicher war, gestaltete sich herzlicher. Er nahm an, daß ich kaum wieder nach Rom zurückkehren würde: „Iis voudront vous garder ä Berlin." Er bedauere meinen Fortgang von Rom, auch wegen unserer persönlichen Beziehungen, meinte aber, in Berlin würde ich der Sache gegenseitigen Verstehens und dadurch eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und Italien vielleicht noch mehr nützen können als am Tiber. Als ich am nächsten Morgen in Mailand eintraf, las ich im „Secolo" In Frankschon eine Depesche aus Berlin, nach der meine Ernennung zum Staats- f UTt «• M.: Sekretär sicher wäre. Am 23. Juni erwartete mich in Frankfurt a. M. ptllll PP Philipp Eulenburg am Bahnhof. Er kam von seiner niederrheinischen Eulenbur Z ■■■MHHKHHHH ummammumtmmma&- 4 PHILIPP EULENBURG, DAS MÄDCHEN AUS DER FREMDE Besitzung Hertefeld, wo er sich in Urlaub befand. Da ich einen Aufenthalt von etwa anderthalb Stunden hatte, nahmen wir Platz auf einer Bank der Bockenheimer Promenade, nicht weit von der Büste des mit Weinlaub bekränzten Bacchus über dem Wasserbrunnen, an dem ich als Kind so oft vorübergekommen war, erst an der Hand englischer Nurses und französischer Gouvernanten, später unter dem strengeren Auge des deutschen Hauslehrers. Eulenburg wünschte dringend, daß ich den Ruf des Kaisers nicht ausschlagen möge. Einmal legte er Wert darauf, einen persönlichen Freund zum Vorgesetzten zu haben. Dann aber war die Rolle, die er sich bei Seiner Majestät zurechtgelegt hatte, die des gabenspendenden Mädchens aus der Fremde, aus dessen Hand der kaiserliche Freund alles Gute, alles Erwünschte und Ersehnte erhalten sollte. Er setzte mir mit jedem seiner weichen Natur möglichen Nachdruck auseinander, daß eine Absage den Kaiser nicht nur tief verstimmen, sondern ihm geradezu als Insubordination, wenn nicht als Desertion erscheinen würde. Ich wäre es auch dem Lande schuldig, mich ihm in so schwieriger äußerer wie innerer Lage nicht zu versagen. Was Eulenburg hierüber sagte, kam aus aufrichtigem Herzen. Er war für deutsche Gesichtspunkte ziemlich gleichgültig, hatte aber durch seine Erziehung und seine Verwandtschaften mehr preußisches Empfinden, als ihm im allgemeinen zugetraut wurde. Während wir auf der Promenadenbank diskutierten, kam auf einem großen schwarzbraunen Wallach ein hochgewachsener, noch jugendlich aussehender General vorbeigeritten, mit strengen Gesichtszügen, die Gestalt straff und wie aus Erz gegossen, eifrig bemüht um die Dressur seines edlen Tieres. Ich erkannte meinen Bruder Adolf, der nicht lange vorher zum Kommandeur der Frankfurter Kavallerie-Brigade ernannt worden war. Wer hätte mir vorausgesagt, daß wenige Monate später dieser stattliche Reiter mit eingedrücktem Brustkasten, im Todeskampf röchelnd, unter seinem schweren Pferd liegen würde! Wer konnte voraussehen, daß mein Nachbar auf der Bank wenige Jahre später als ein gemiedener und verfemter Mann, nicht wie mein armer Bruder körperlich, aber moralisch zerschmettert, sich in seinem Liebenberger Schloß verbergen würde! „Wohl vielerlei mag anschauend der Mensch Ausspähn; doch weissagt, eh' er geschaut, Kein Seher die Lose der Zukunft." Als wir uns trennten, drückte mir Eulenburg einen Zettel in die Hand Eulenburgs mit den Worten: „Dies mein letztes Wort, meine letzte Bitte an dich; sie Instruktion kommen aus treuem Freundesherzen und aus einem patriotischen Herzen. Nur wenn du den Kaiser psychologisch richtig nimmst, kannst du dem Land nützen, du bist aber die letzte Karte des Kaisers Wilhelm II." Auf WIE BEHANDELT MAN WILHELM IL? s dem Zettel stand: „Wilhelm II. nimmt alles persönlich. Nur persönliche Argumente machen ihm Eindruck. Er will andere belehren, läßt sich aber ungern belehren. Er verträgt keine Langeweile; schwerfällige, steife, allzu gründliche Menschen gehen ihm auf die Nerven und erreichen nichts bei ihm. Wilhelm II. will glänzen und alles selbst machen und entscheiden. Was er selbst machen will, geht leider oft schief aus. Er ist ruhmhebend, ehrgeizig und eifersüchtig. Um einen Gedanken bei ihm durchzusetzen, muß man tun, als ob der Gedanke von ihm käme. Man muß Wilhelm II. alles bequem machen. Er ermutigt andere gern zu forschem Vorgehen, läßt sie aber im Graben liegen, wenn sie dabei hereinfallen. Vergiß niemals, daß S. M. ein Lob hin und wieder braucht. Er gehört zu den Naturen, die ohne eine Anerkennung hin und wieder, aus bedeutendem Munde, mißmutig werden. Du wirst immer Zugang zu allen Deinen Wünschen haben, wenn Du nicht versäumst, Anerkennung zu äußern, wo S. M. sie verdient. Er ist dankbar dafür wie ein gutes, kluges Kind. Bei fortgesetztem Schweigen, wo er Anerkennung verdient, sucht er schließlich Übelwollen. Die Grenze zum Schmeicheln werden wir beide immer genau einhalten." So die letzte Ermahnung, die Phili an mich richtete, bevor ich die Arena betrat. Eine Mahnung, die für ihn selbst ebenso charakteristisch war wie für seinen hohen Freund. In Berlin stieg ich am nächsten Tage im Kaiserhof ab. Als ich mich früh zum Friseur begab, um mir nach der staubigen Beise den Kopf waschen Ankunft und die Haare schneiden zu lassen, erkannte ich in dem Herrn, der im Puder- wi Berlin mantel neben mir saß, meinen alten Freund Franz Arenberg. Er warf mir zornige Blicke zu, die sich an diesem Orte und unter seinem weißen Mantel sonderbar ausnahmen. „Que diable viens-tu faire ici?" begann er auf Französisch, in welche Sprache er aus Kindergewohnheit leicht verfiel, wenn er erregt war. „Was zum Teufel suchst du in Berlin ? Du wirst dich hoffentlich hier nicht einfangen lassen, du weißt, daß meine Partei- tief verstimmt ist durch den Bücktritt von Marschall, mit dem wir sehr zufrieden waren, der auch Verständnis für uns hat, er hat eine katholische Mutter. Du giltst für einen Bismarckianer, auch hast du ja gar keine parlamentarische Erfahrung. Wirst du überhaupt im Parlament sprechen können ? Ich habe dich zwar in Metz als Beferendar einen Baubmörder verteidigen hören, das machtest du ganz gut. Aber einmal ist das schon vierundzwanzig Jahre her, und dann ist es leichter, einen Baubmörder zu verteidigen, als Eugen Bichter und August Bebel Bede und Antwort zu stehen." Die Friseurgehilfen, die uns bedienten, sperrten Mund und Nase auf. Ich beruhigte meinen alten, treuen Freund nach besten Kräften. Ich wies darauf hin, daß ich zwar keine kathobsche Mutter, aber dafür eine katholische Frau hätte; jedenfalls besäße ich Verständnis für die Gefühle der Katholiken, die Bedeutung und die Bechte der katholischen Kirche und vor 6 DAS SCHRECKGESPENST FÜR HOLSTEIN allem für die Notwendigkeit voller Parität und großzügiger, großherziger Gerechtigkeit gegenüber beiden christlichen Kirchen. Im übrigen würde ich meinem heben Francois dankbar sein, wenn er mir ein praktisches und mit meinen Pflichten gegenüber Land und Krone vereinbares Mittel angäbe, von hier fort und nach Rom zurückzukommen. Noch immer knurrend, aber doch schon beruhigter und mit der freundlichen Zusicherung, er werde seine Partei zu besänftigen trachten, jedenfalls sie nicht noch mehr aufhetzen, begleitete mich Arenberg zum Auswärtigen Amt, wo ich Holstein aufsuchte, von dem ich schon einen aufgeregten Brief vorgefunden hatte, in dem er mich beschwor, niemand im Auswärtigen Amt zu besuchen, keinen Menschen in Berlin zu sehen und mir nach keiner Richtung irgendwie die Hände zu binden, bevor er mit mir gesprochen habe. Ich fand Holstein in einer nicht ganz einfachen Gemütsverfassung in seiner Erster Besuch berühmten Stube neben dem Zimmer des Staatssekretärs, zu dem er jeden bei Holstein Augenblick unangemeldet hereinstürzte und dessen Nerven und Gemütsruhe er dadurch auf eine harte Probe stellte. Holstein hätte am liebsten Marschall als Staatssekretär behalten, da er wußte, wie groß sein Einfluß gerade auf ihn war. Daß Marschalls Stellung stark erschüttert war, steigerte seine Zuneigung zu dem bisherigen Staatssekretär, weil der dadurch noch anlehnungsbedürftiger würde. Aber er sah mich noch immer lieber als manchen andern möglichen Nachfolger. Er ging zunächst mit mir diejenigen durch, von denen ich vielleicht hoffe, daß sie mir den bitteren Kelch ersparen könnten, indem sie sich selbst auf den Stuhl von Marschall setzten. Er machte dabei die geistreiche und zutreffende Bemerkung, daß Kiderlen unmöglich wäre: „Das Auswärtige Amt verträgt allenfalls Holstein, im schlimmsten Fall auch Kiderlen, aber Kiderlen und Holstein, das ist zu viel." Monts sei ausgeschlossen. Seine Begabung liege nur im Negativen, nur in der Kritik, positiv sei er unfähig. Er habe gute wirtschaftliche Kenntnisse, sei aber kein politischer Kopf, er könne keinen politischen Gedanken zu Ende denken. Vor allem sei er von einer gefährlichen Taktlosigkeit. Er habe bisher noch auf allen seinen Posten versagt. Ich merkte bald, daß Holstein nicht so sehr Monts als Nachfolger fürchtete, den er für ziemlich ausgeschlossen hielt, und ebensowenig Kiderlen, von dem er wußte, daß er beim Kaiser in Ungnade gefallen war, wohl aber ein Wiederhervorholen von Berchem oder gar die Rückkehr zu Herbert Bismarck, der ihm seit seinem Abfall vom Hause Bismarck in schlaflosen Nächten als Schreckgespenst erschien mit dem zornigen Riesenvater hinter sich. Während mich Holstein einerseits immer wieder bat und beschwor, dem Kaiser keine runde Absage zu geben, schilderte er mir andererseits das Auswärtige Amt, die Beziehungen der Minister untereinander und das ganze Berliner Leben als ein wahres Inferno. Das sollte mich von vornherein ängstlich und unsicher MARSCHALLS„GESUNDHEITSZUSTAND" 7 machen und damit meine Hilfsbedürftigkeit gegenüber dem großen Geheimrat erhöhen, der unter Hohenlohe, unter Caprivi und durch seinen alten und starken Einfluß auf Herbert schon in den letzten Jahren der Aera Bismarck der maßgebende Mann im Auswärtigen Amt gewesen war. Während mir Holstein in allen Tonarten zuredete, mir in Berlin und namentlich in Kiel alle Wege offenzuhalten, trat ein Kanzleidiener herein, der mich zum Staatssekretär bat, oder vielmehr er sprang herein. Die Kanzleidiener waren durch Herbert Bismarck so angelernt, und sie waren durch ihn in eine solche beständige Anspannung und Furcht versetzt worden, daß die Art und Weise, wie sie auf einen Ruf der Klingel in das Zimmer des Staatssekretärs stürzten, an den Sprung erinnerte, mit dem eine Forelle über ein Hindernis schnellt. Während meiner zwölfjährigen Amtstätigkeit konnten sie sich wieder einer ruhigen Gangart befleißigen. Ich habe selten tüchtigere, bravere, ausgezeichnetere Menschen gekannt als die Kanzleidiener im Auswärtigen Amt. Man brauchte nur in ihre guten, treuen Gesichter zu blicken, um zu fühlen, daß wie den preußischen Leutnant so auch den preußischen Unterbeamten uns kein Land der Welt nachmacht. Ich werde diesen ausgezeichneten Männern Mießner und Neumann, Söch- ting und Tagge immer ein dankbares und freundschaftliches Andenken bewahren. Ich fand den Staatssekretär von Marschall sehr verstimmt. Er hatte die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" vor sich und las mir das boshafte Beim Entrefilet vor, mit dem das hochoffiziöse Blatt meine Berufung nach Berlin FreiAerra AJ verkündet hatte: „Der kaiserliche Botschafter in Rom von Bülow wird von ars dem Vernehmen nach heute von dort abreisen, um sich an das Hoflager Seiner Majestät des Kaisers zu begeben. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß diese Reise mit dem Gesundheitszustand des Staatssekretärs Freiherrn von Marschall in Zusammenhang steht." Dieser Hinweis mit dem Zaunpfahl auf seinen durch Arbeit und Angriffe erschütterten Gesundheitszustand hatte Herrn von Marschall nicht mit Unrecht gekränkt. Er witterte hinter dieser perfiden Auslassung seinen intimen Feind Kiderlen. Wie manche Söhne des schönen Musterländle hebte Marschall weder die „groben" Bayern noch die „tückischen" Schwaben. Er wußte, daß Kiderlen ihn auf dem Berliner Kasino und anderswo oft lächerlich gemacht hatte, indem er in seiner drolligen Weise erzählte, daß Marschall, der bei seiner Ernennung kein Wort Französisch noch Englisch gekonnt hätte, seitdem mit einer französischen Gouvernante rechts, einer englischen links in seinem Garten spazierengehe, um auf diese Weise in die Geheimnisse der beiden Weltsprachen einzudringen. Kiderlen hatte auch mit Wonne das grausame Wort des Fürsten Bismarck über den 3 PRO PATRIA „Ministre etranger aux affaires" kolportiert. Nachdem er seinem Unmut über derartige „Rüpeleien" Luft gemacht hatte, sprach mir Marschall in ernsten Worten seine Befriedigung aus, daß ich und nicht etwa Kiderlen oder Monts zu seinem Nachfolger ausersehen wäre. Ich würde es in mancher Beziehung besser haben als er. Er sei daran gescheitert, daß er trotz seiner alten Beziehungen zum Hause Bismarck, die ja wie die meinigen bis in unsere Frankfurter Jugendzeit zurückreichten, und trotz seiner innerlichen Bewunderung für den großen Mann durch die Macht der Verhältnisse in scharfen Gegensatz zu Bismarck, Vater und Sohn, gedrängt worden sei. Ich könne mit reiner Weste vor die Bismarcks treten. Auch sei er, Marschall, wiewohl aus der konservativen Partei hervorgegangen, doch genötigt gewesen, manchen Strauß gerade mit dieser Fraktion auszufechten, die ihn als Abtrünnigen betrachte und dementsprechend behandele. Endlich habe er trotz seiner konservativen Vergangenheit und obschon er beispielsweise ein ausgesprochener Bimetallist gewesen sei, Handelsverträgen zustimmen müssen, mit denen die Agrarier sehr unzufrieden wären. Ich könne mein Amt mit der Uberzeugung antreten, daß ich es in allen Dingen leichter haben würde als er und darum auch dem Lande ersprießlichere Dienste leisten könne, als er dies durch die unglücksebgen Folgen der Entlassung des Fürsten Bismarck und unter dem direkten Eindruck dieser Entlassung vermocht hätte. Auch sei ich durch meinen ganzen Lebensgang mehr Diplomat als er und kenne das Ausland besser. Jedenfalls wisse er, daß mir wie ihm selbst das Wohl des Vaterlandes über allem stehe: Ich möge annehmen, pro patria. Nur leise und mit Würde Heß Marschall durchbbcken, daß er zwar angegriffen, weil abgearbeitet, sei, aber nicht so krank, um nicht noch gute Dienste leisten zu können. Er übernähme gern eine Botschaft. Petersburg traue er sich nicht recht zu, es sei ein gar zu glattes Terrain, auch habe er ja unter dem Einfluß von Holstein einen großen Anteil an der Nichterneuerung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland genommen und sie sogar im Reichstag verteidigen müssen. London sei auch ausgeschlossen, da er die Verantwortung für die Krügerdepesche, was er auch über ihre Vorgeschichte zu seiner Entschuldigung vorbringen könne, nicht ablehnen wolle. In Wien sei Graf Philipp Eulenburg wohl inamovibel. BHebe noch Rom und Konstantinopel, für welche Posten er sich auch am besten eignen dürfte. Er wisse, daß stark gegen seine Wiederverwendung im Dienste gearbeitet werde, rechne aber auf mein Wohlwollen und meine Unterstützung. Unsere Eltern wären ja schon in der guten alten Bundestagszeit befreundet gewesen. Ich konnte Herrn von Marschall mit gutem Gewissen versichern, daß nicht nur Erinnerungen der Vergangenheit, sondern vor allem das Interesse des Dienstes es mir wünschenswert erscheinen Keße, seine Fähigkeiten für das Land zu verwerten, BEI HOHENLOHE 9 Konstantinopel wäre wohl der Posten, wo er die besten Dienste leisten könnte. Er möge seinerseits nicht drängen, ich würde die Sache im Auge behalten und gegenüber dem Kaiser fest für ihn eintreten. Nachdem ich die zwei wichtigsten Besuche im Auswärtigen Amt erledigt hatte, begab ich mich in das Reichskanzlerpalais. Fürst Hohenlohe Der dritte machte mir äußerlich einen älteren und schwächeren Eindruck als bei Reichskan unserer letzten Begegnung. In sich versunken, mit gebeugtem Kopfe, saß der achtundsiebzig jährige Mann in seinem tiefen Lehnstuhl. Ein gelber hübscher Teckel schmiegte sich an ihn und Heß sich von dem Kanzler streicheln, dessen Greisenhand mit den in hohem Alter stark hervortretenden bläulichen Adern das niedliche Tierchen bebkoste. Der Kanzler empfing mich mit einem Zitat: „Hier steh' ich, ein entlaubter Stamm," Aus der Trennung von Marschall schien er sich nicht viel zu machen. Marschall sei ein Opportunist, der heute mit diesem, morgen mit jenem Winde segle, habe sich auch viel zu sehr in eine gehässige Feindschaft gegen das Haus Bismarck verbissen, weil er dem Fürsten einige sarkastische Bemerkungen über seine Unfähigkeit für die Leitung der auswärtigen Pohtik und Herbert Bismarck die grobe Szene, die ihm dieser nach dem Sturze der Familie Bismarck im Hause des bayrischen Gesandten Lerchenfeld gemacht habe, nicht vergessen könne. Herbert Bismarck sei damals, wie oft, zu leidenschaftlich und exzessiv gewesen, in der Sache aber habe er eigentlich recht gehabt, denn von Politik, wenigstens von großer Politik, verstehe Marschall nicht viel. Er sei mehr Jurist als Diplomat. Als ich einwarf, daß meines Erachtens Marschall an manchem diplomatischem Posten, beispielsweise in Konstantinopel, gute Dienste werde leisten können, meinte der alte Fürst, seinetwegen könnte ich Marschall hinschicken, wohin ich wolle, nur nicht gerade nach Paris oder Petersburg, da passe er wirklich nicht hin. Fürst Hohenlohe betonte hierbei, von wie überragender Wichtigkeit die Pflege guter Beziehungen gerade zu Rußland wäre. „Wir müssen tun, was möglich ist, um die Folgen der größten Sottise, die unsere Politik seit sieben Jahren gemacht hat, nämbch die Kündigung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland, einigermaßen wiedergutzumachen." Fürst Hohenlohe gab mir dann ein Bild der internationalen Lage und bewies durch seine im Flüsterton gehaltenen, aber gedanklich klaren Ausführungen, daß er noch im Besitz der Eigenschaften war, die seinem Urteil in meinen Augen seit jeher großen Wert gegeben haben: ruhiges, durchaus nüchternes Abwägen der verschiedenen Interessen, ganz realpolitisches Einschätzen der Kräfte und Ziele der verschiedenen europäischen Staaten. 10 „DIE ALTE REI CHSSCHAUTE' Beide Eigenschaften getragen von der Erfahrung eines fast achtzigjährigen Lebens und dem Weitblick des Grandseigneurs, der nicht nur viel gesehen hat, sondern dem auch, was mindestens ebenso wichtig ist, weniges imponiert. Wenn der Kanzler sich von Marschall ohne übertriebenes Bedauern getrennt hatte, so ging das Scheiden von Bötticher ihm nahe. Bötticher war ein Beamter nach seinem Sinn: arbeitsfreudig, bereit, nach höheren Wünschen und wie es gerade befohlen wurde, Bechts- oder Linksgalopp, zu gehen. Bötticher hatte auch durch seine etwas subalternen Formen das Herz des alten Fürsten gewonnen, der nicht vergaß, daß sein Haus einst souverän gewesen war und daß noch sein Großvater selbst Minister angestellt und entlassen hatte. Er war nie zufriedener, als wenn er, zweimal im Jahr, an seinem Geburtstag und an dem Geburtstag der Fürstin, seinen Hausorden, den Phönixorden, anlegte, den Philipp Ernst I., Fürst zu Hohenlohe, 1757 gestiftet hatte und der unter Anspielung auf den Namen des erlauchten Geschlechts die Devise trug: „Ex flammis orior." Bötticher hatte das ganze Herz Seiner Durchlaucht dadurch gewonnen, daß er ihn stets „mein gnädiger Herr" nannte. Er opferte den guten Bötticher ungern dem rasenden See der hinter der sogenannten Bismarckfronde und dem Bund der Landwirte stehenden Konservativen. Hohenlohe frug mich, was ich von Posadowsky hielte. Er gelte für einen Streber und Scharfmacher. Ich erwiderte, daß ich Posadowsky noch gar nicht kenne, was den Kanzler angenehm berührte. Ich fügte hinzu, daß nach allem, was ich hörte, Posadowsky ein hervorragend tüchtiger Beamter wäre. Probleme der inneren Politik schienen den Fürsten besonders zu präokkupieren. Auf diesem Gebiet waren für ihn offenbar zwei Gesichtspunkte maßgebend: der dringende Wunsch, seine seit dem Jahre 1848 und in München wie in Berlin und Straßburg sorgsam aufrechterhaltene und gepflegte Aureole als liberaler Staatsmann nicht einzubüßen, dadurch aber doch nicht das Wohlwollen und die Gunst des Kaisers zu verlieren. Er wiederholte mehrfach, er wünsche sich einmal in Frieden vom Kaiser zu trennen. Er wolle weder wie Bismarck mit einem Krach von Seiner Majestät scheiden, noch wie Caprivi als unbequemer Haushofmeister verabschiedet werden, dem die Herrschaft, weil er ihr durch Eigensinn und Harthörigkeit auf die Nerven geht, schließlich den Stuhl vor die Tür setzt. Das Verhältnis des Fürsten zum Kaiser war nicht ganz einfach. Der Kaiser nannte ihn Onkel und motivierte dies damit, daß die Mutter der Kaiserin eine Hohenlohe gewesen wäre. Die Kaiserin aber nannte den Fürsten Chlodwig vor Menschen niemals Onkel, sondern nur „lieber Fürst", betonte auch nie irgendwelche Verwandtschaft. Wenn der Kaiser dies tat, so hinderte ihn das nicht, sich oft sehr ungeniert über Onkel Chlodwig auszudrücken, den er „die alte Beichsschaute" zu nennen pflegte. Der Fürst war schwerhörig HOHENLOHE UND DIE S. J. 11 und Jesuiten und ziemlich einsilbig geworden, und der Kaiser liebte es nicht, wenn man ihn bei Diners neben Onkel Chlodwig setzte, mit dem die Konversation immer mühsamer wurde. Ich begegnete mich bei diesem ersten Wiedersehen mit dem Kanzler in der Überzeugung, daß wir im Innern die Parteien nicht noch mehr sich SoziaU untereinander verhetzen lassen dürften, sondern sie nach Möglichkeit zu demohratm gemeinsamer Arbeit vereinigen müßten. Ich stimmte ihm auch darin bei, daß ich mir ebenso wie er von Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie nichts verspräche. Dagegen perhorreszierte er den Gedanken an eine Modifikation oder gar an die Aufhebung des Jesuitengesetzes, die damals von Seiten des Zentrums mit erneutem Eifer betrieben wurde. Gegen den Orden der Gesellschaft Jesu war er, obwohl Katholik, von einem Mißtrauen und einer Abneigung erfüllt, wie sie mir selbst bei eifrigen Protestanten selten vorgekommen ist. Er war voll von Geschichten und Anekdoten über Intrigen und Verbrechen, die von der Societas Jesu in früheren Jahrhunderten begangen worden seien. Er war überzeugt, daß die Jesuiten auch jetzt vor keinem Mittel zurückschreckten. Es sei sicher, daß sie den Staatssekretär Franchi in Rom vergiftet hätten. Dieser sei ihnen verdächtig gewesen durch liberale Neigungen und durch seine Tendenz, mit dem Königreich Italien zu einem Verständnis zu gelangen. Nach einer Messe, die er in einer Jesuitenkirche gelesen habe, wäre ihm von einem Geistlichen des Ordens ein Sorbett vorgesetzt worden, nach dessen Genuß er bald nachher unter fürchterlichen Leibschmerzen gestorben sei. Fürst Hohenlohe hat mir auch anvertraut, daß sein Bruder, der Kardinal, so sehr gefürchtet habe, von den Jesuiten mit den im 16. Jahrhundert bewährten Mitteln des Hauses Borgia beseitigt zu werden, daß er sich den für den Meßkelch bestimmten Wein immer nur aus einer von seinem Diener versiegelten Flasche habe eingießen lassen. Eine Lieblingswendung des Fürsten Hohenlohe war, daß es drei Mächte gebe, deren Feindschaft für jeden Politiker unbequem wäre: die Jesuiten, die Freimaurer und die Juden. Das Ideal wäre, sie alle drei für sich zu haben, das sei aber nicht ganz einfach. Andererseits dürfe man sich aber weder den Freimaurern, noch den Juden, noch den Jesuiten, und namentlich nicht den Jesuiten, ganz in die Hand geben. Letzteres führe sicher zur Katastrophe, wie dies das Schicksal Karls X. von Frankreich, die Mißgriffe des am Ende seiner Regierung von seiner bigotten Frau, der Kaiserin Eugenie, beherrschten Napoleon III., der Untergang Polens, der Regierungsabschluß der Königin Isabella von Spanien, der Ausgang des jesuitischen Regierungsexperiments in Paraguay, vor allem aber die österreichische Geschichte, namentlich in der Zeit der Gegenreformation und während der Konkordatsherrschaft, beweise. Bevor wir uns trennten, gab mir Fürst Hohenlohe mit einer leichten und Hebens- 12 DIE BUDE würdigen Wendung zu verstehen, er nähme an, daß der Kaiser mich zu seinem Nachfolger ausersehen hätte. Ich bestritt nicht, daß dies wohl möglich wäre. Aber einmal ändere der hohe Herr nicht selten seine Absichten und Pläne, dann aber könne ich dem Fürsten versichern, daß, wenn der Kaiser mich nicht zu seinem Nachfolger wähle, ich gern nach Rom zurückginge. Sollte aber der Kaiser an mir als an dem künftigen Kanzler festhalten, so wäre ich dankbar für jeden Tag, den der Fürst noch bliebe, und würde alles tun, um sein Bleiben zu erleichtern, denn ich wäre, ganz abgesehen von meiner persönlichen Anhänglichkeit an ihn, überzeugt, daß sein Bleiben im Interesse des Landes läge. Man habe ihn einst zwischen 1866 und 1870 „die lebendige Mainbrücke" genannt. Man könne ihn jetzt, ungeachtet seiner 78 Jahre, im Hinblick auf seine ganze Vergangenheit und seine Persönlichkeit eine Klammer nennen, die das Reich zusammenhalte. Als ich den Fürsten verließ, der mir beim Abschied sagte, wir würden uns Alexander in Kiel auf der „Hohenzollern" wiedersehen, traf ich im Vorzimmer seinen Hohenlohe Sohn Alexander. Der Prinz wäre gern neben seinem Vater in der Rolle aufgetreten, die während der letzten Jahre der Aera Bismarck Graf Herbert gespielt hatte. Es fehlte Alexander Hohenlohe weder an Ehrgeiz noch an Begabung, wohl aber an Kraft und Stetigkeit, auch an festen Grundsätzen und namentlich an festem und unbeirrbarem Patriotismus. Nicht als ob er nicht bestrebt gewesen wäre, seine Schuldigkeit gegenüber dem Lande zu tun. Aber der internationale Zug, den so manche deutsche Fürstenhäuser, souveräne wie mediatisierte, zeigen, war in ihm besonders stark ausgeprägt. Für Werki, die litauische Riesenbesitzung, die durch die Großmutter Radziwill und die Mutter Wittgenstein an das Haus Hohenlohe fallen sollte, sofern sich dies mit den russischen, fremdenfeindlichen Gesetzen vereinbaren Heße, war Alexander Hohenlohe gern bereit, Russe zu werden, und würde als solcher auch ohne Bedenken russischer Diplomat geworden sein. Hatte es doch sein Urgroßvater, der Fürst Ludwig Adolf Peter zu Sayn-Wittgenstein, in Rußland zum Generalfeldmarschall gebracht, nicht zu reden von den Dotationen, die ihm zuteil geworden waren. An jenem Tage, wo ich mich seinem Vater als designierter Staatssekretär und Nachfolger Marschalls vorstellte, suchte der Prinz mich namentlich davon zu überzeugen, daß letzterer gar keinen Anspruch auf eine Botschaft habe: „Wenn Sie ihm beim Kaiser Brüssel verschaffen, so ist das mehr als genug." Als ich das Auswärtige Amt verließ, hatte ich den Eindruck, daß Holstein es nicht ganz leicht sein würde, in dieser „Bude", wie das Amt von seinen und Kiderlen Angehörigen gern genannt wurde, sich dauernd zu behaupten. Mein Bruder Alfred pflegte in seiner stillen, Ränken und Schlichen, dem Ehrgeiz wie der Eifersucht gleich abgeneigten Art zu sagen, daß über dem Amt in dicken DON QUIXOTE UND SANCHO PANSA 13 Schwaden die Ausdünstungen der Intrigen lagerten, die dort seit Jahren gezettelt worden wären. An solchen Intrigen hatte es selbst in der Zeit des Fürsten Bismarck nicht gefehlt, aber wie die Sonne Nebelqualm, so durchbrach sein Genius solche Schattenseiten der Politik und der Menschen. Auch hatte während der sechs Jahre, wo mein Vater unter dem Fürsten Bismarck als Staatssekretär wirkte, sein auf innerliches, wahres und tiefes Christentum gegründetes, jeder Eitelkeit und Äußerlichkeit abgewandtes Wesen eine wohltätige Wirkung auf die inneren Zustände des von ihm geleiteten Amtes nicht verfehlt. Nicht ohne Grund war ihm dort der Beiname „die heilige Kraft" beigelegt worden. Nach dem Scheiden des großen Fürsten hatten Holstein und Kiderlen unter dem redlichen Caprivi wie unter dem vornehm denkenden Hohenlohe gewiß oft intrigiert, aber sie waren in ihrer Art und bei allen Fehlern beide in erster Linie um das Wohl des Landes besorgt. Holstein war ein strammer Preuße. Der Gedanke, daß Preußen und Deutschland ihre Stellung verlieren, von anderen Mächten geschädigt oder mißbraucht werden könnten, erregte ihn bis in die Tiefe seiner Seele. Man konnte von ihm in Wahrheit sagen, daß der Eifer um unser Haus ihn verzehrte, ja manchmal ihm den Sinn für die Realität der Dinge raubte und seine Wachsamkeit in übertriebenes Mißtrauen verwandelte. Kiderlen verhielt sich auch hier zu Holstein wie Sancho Pansa zu Don Quixote. Jeder Schwung, jede idealere Auffassung der Dinge lagen ihm fern. Er war immer terre ä terre, aber er hatte ein starkes Gefühl für das Renommee und den Vorteil der Firma, deren Konkurrenten er aufmerksam auf die Finger sah. Mit Bethmann kam ein Mann in die leitende Stellung im Reich, der von auswärtiger Politik nichts verstand und der die Hoffnung, er werde sich in sie allmählich hineinfühlen und hineinwachsen, leider völhg enttäuschte. Als auch Kiderlen vom Schauplatz verschwand und der körperlich wie geistig gleich kleine Jagow ihn ersetzte, wurde unser Auswärtiges Amt mehr und mehr zu einer Behörde, wo fast nur Mittelmäßigkeiten sich tummelten, die Arbeit immer mangelhafter geleistet wurde und schließlich kaum noch ein einziger politischer Kopf sich betätigte. Das Auswärtige Amt von 1914 war denn auch die Brutstätte, in der das Unheils-Ei des Ultimatums an Serbien ausgebrütet wurde. Hier wurden fast alle die fürchterbchen Fehler begangen, durch die wir in den Krieg hineingerieten und den Krieg verloren. Am 26. traf ich in Kiel ein. Ich stieg im Hotel Germania ab undließ mich sogleich an Bord der „Hohenzollern" rudern, wo ich von dem diensttuenden Flügeladjutanten, Oberst von Loewenfeld, empfangen wurde. Herr von Loewenfeld entstammte dem 1. Garderegiment zu Fuß, dem „ersten Regiment der Christenheit", wie seine Offiziere in alten Zeiten zu sagen pflegten, einem Regiment, das sich in allen preußischen Feldzügen mit 14 DIE POTSDAMER WACHTPARADE Ruhm bedeckt hatte, vor dessen Front viele Träger historischer preußischer Namen ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blut besiegelt hatten, an dessen Spitze kurz vor dem Ausgang des Weltkrieges mit dem Degen in der Faust Oberst von Bismarck fiel. Als das Offizierkorps des 1. Garderegiments zu Fuß im August 1914, bevor das Regiment ins Feld rückte, im Kasino des Regiments noch einmal das Kaiserpaar bei sich sah, übergab die Kaiserin jedem der Offiziere mit ihren Segenswünschen eine Rose. Kaum einer der Helden, die diese Auszeichnung erhielten, ist unverwundet zurückgekehrt, die meisten deckt fremde Erde ... Prinz Eitel Friedrich von Preußen, der zweite Sohn des Kaisers, der selbst bei dem „langen Potsdamer Regiment", wie es in der Armee hieß, gestanden und es im Kriege wacker geführt hat, schreibt in seinem schönen Nachruf auf das Regiment, das 1678 durch den Großen Kurfürsten, den Begründer des Brandenburgisch- Preußischen Staates, errichtet worden war: „Das erste Garderegiment hatte bei Oudenarde und Malplaquet, bei Mollwitz und Hohenfriedberg, bei Prag, Leuthen und Torgau, bei Großgörschen, Leipzig und Brienne, bei König- grätz, Saint-Privat und Sedan gefochten. Es hat zweimal in einem Jahrhundert, 1814 und 1870, vor Paris gestanden. Aber selbst diese glänzenden Waffentaten sollten verschwinden gegen das furchtbare Ringen im Weltkriege, das mit der SchlachtvonNamur-Charleroi am23.und24.Augustl914 begann und mit dem letzten Angriff in der Maas-Stellung am 10. November 1918 endete. Dazwischen vier lange Jahre unausgesetzter Kriegstätigkeit: der Marsch durch Frankreich und Belgien gegen die Marne, die Schlacht bei Reims, der Einsatz in Artois, die Schlachten in Flandern, die Abwehrkämpfe in der Champagne, der gahzisch-polnische Feldzug 1915, die Herbstschlacht bei Arras und La Bassee, die Stellungskämpfe bei Roye und Noyon, der zweimabge Einsatz in der Sommeschlacht, die Doppelschlacht Aisne- Champagne, die Kämpfe in den Argonnen, die Durchbruchsschlacht in Ostgalizien, die Schlachten bei Riga und an der Düna, die , Große Schlacht' in Frankreich, neue Stellungskämpfe bei Reims, die Schlacht bei Soissons, die Marneschlacht von 1918, die Abwehrkämpfe zwischen Marne und Vesle, Oise und Aisne, zwischen Argonnen und Maas, aus denen das letzte erbitterte Ringen an der Aisne hervorging, dem sich der Rückmarsch im November 1918 in die Antwerpen-Maas-Stellung anschloß. In fünfzig Monaten unausgesetzter Kriegstätigkeit gegen Feinde in Ost und West besiegelten 124 Offiziere, 418 Unteroffiziere und 3208 brave Grenadiere und Füsiliere des ersten Garderegiments zu Fuß ihre Treue mit dem Tode." Das war das Ausklingen der Heldengeschichte der Potsdamer Wachtparade. Das deutsche Volk wäre seines Namens, wäre einstiger Größe und einstigen Ruhmes unwürdig, wenn es solches Heldentum jemals vergäße. „DER BADENSER HAT MICH VERRATEN!" 15 Oberst von Loewenfeld war ein Offizier nicht nur von großer militärischer Tüchtigkeit, auch von hoher Bildung. Er hatte eine englische Mutter und Oberst (dann war mit Rücksicht darauf, daß er gut Englisch sprach, vom Kaiser einmal General) als sein Vertreter zu einem Jubiläum nach Oxford gesandt worden, der alt- V °J^ oewen berühmten englischen Universitätsstadt. Am Abend seiner Ankunft fand ihm zu Ehren ein Diner statt, bei dem er die englischen Gelehrten durch die Fülle seiner Kenntnisse in Erstaunen versetzte. Am nächsten Morgen sollte eine Fuchsjagd geritten werden, an der eine große Anzahl Professoren in rotem Rock und tadellosen „Breeches" teilnahmen. Einer der englischen Professoren zeigte auf das Feld und meinte zu dem deutschen Obersten: „So gelehrt wie die Deutschen sind wir nicht, aber Professoren, die hinter den Hunden reiten, haben Sie dafür nicht." Die Verschiedenheit der beiden großen germanischen Völker konnte kaum prägnanter zum Ausdruck kommen. Oberst von Loewenfeld hebte es, sich des Potsdam-Berliner Offizierjargons zu bedienen, sagte aber in dieser humoristischen Form oft treffende Wahrheiten. „Ich könnte Ihnen sagen", begann er am 26. Juni 1897 sein Gespräch mit mir, „was jener alte Räuberhauptmann zu dem Stifter unserer Religion sagte, als der zu Worms ins Kreuzverhör genommen werden sollte. Was sagte er doch ? Ich glaube, er deutete an, daß die Chose für Luthern ziemlich faul stünde. Na, Sie werden ja bald hören, ob Sie ran müssen oder nicht. Angenehm ist der Ihnen zugedachte Posten gewiß nicht. Die Minister kommen mir mit dem Parlament immer vor wie der Tierbändiger, der in den Käfig zu den Bestien herein soll. Wird er mit den Tieren nicht fertig, so schickt man ihn fort. Wird er aber von den Biestern zerrissen, so weint ihm unser allergnädigster Herr, der aus der Loge zusieht, auch nicht allzu viele Tränen nach." Unsere Unterredung wurde durch den Leibjäger Schulz unterbrochen, der mich zu Seiner Majestät rief. In den Armen dieses treuen Mannes war Kaiser Friedrich gestorben, in gleicher Treue sorgte er um den Sohn und Nachfolger. In der breiten Brust schlug ihm ein goldenes Herz. Kaiser Wilhelm II. empfing mich auf dem Oberdeck des Schiffes, auf dem er allein auf und ab wandelte. Er streckte mir die Hand mit den Empfang Worten entgegen: „Mein lieber Bernhard, es tut mir leid für Sie und beim Kaiser noch mehr für die Contessina (so wurde von der Kaiserin Friedrich und von ihren Kindern seit jeher meine Frau genannt), aber Sie müssen an die Front. Der Badenser hat mich verraten!" Es folgte nun in raschen, sich überstürzenden und übersprudelnden Sätzen eine Darlegung, aus der hervorging, daß Marschall hinter dem Rücken Seiner Majestät gegen seinen Herrn Intrigen mit Zentrum und Demokratie gesponnen hätte. Was hierbei der letzte Gedanke des bisherigen Staatssekretärs gewesen wäre, sei noch nicht ganz klar. Aber gut habe er es mit seinem Herrn gewiß nicht gemeint. 16 BEDENKZEIT Es lägen Beweise dafür vor, daß Marschall die Rechte der Krone mit Hilfe der Reichsfeinde hätte verkürzen und ein parlamentarisches System etablieren wollen. Das verdiene Strafe, Marschall müsse fort von seinem Platz. Ich konnte mich nicht enthalten, meinem Erstaunen über diese traurige Enthüllung Ausdruck zu geben. Ob Marschall wirklich so teuflische Pläne verfolgt habe? Der Kaiser schlug mit seiner starken rechten Hand auf die Unke Brustseite. „Hier habe ich die Beweise", sagteer mit großer Bestimmtheit. Ich deutete an, daß es für mich von Interesse sein würde, diese Beweise kennenzulernen, schon damit ich mich vor ähnlichen Fallstricken hüten könne. Der Kaiser schlug einen Haken, wie man es in der Jägersprache nennt. ,,Die Beweise zeige ich Ihnen später einmal", meinte er, „jetzt will ich Ihnen vor allem sagen, daß Sie mich Anfang August nach Petersburg begleiten müssen. Sie sind dort als Botschaftsrat tätig gewesen und können sich mir da besonders nützlich machen. Die Engländer benehmen sich so schändlich gegen mich, daß wir die Beziehungen zu Rußland nur um so eifriger pflegen müssen." Ich entgegnete, daß ich Seiner Majestät für die Fahrt nach Petersburg zur Verfügung stünde, bis dahin bäte ich um Urlaub. „Nanu!" sagte der Kaiser, „ich meinte, von jetzt ab sollten wir uns gar nicht mehr trennen." Ich erwiderte, daß ich eine endgültige Antwort, ob ich den mir angetragenen Posten mit gutem Gewissen annehmen könne oder nicht, unmöglich erteilen könne, bevor ich mich über unsere internationale Situation an der Hand der Akten des Auswärtigen Amtes gründlich informiert hätte. Auch müßte ich mich innerlich erst sammeln, bevor ich die letzte Entscheidung treffe. Nicht aus irgendwelcher Ängstlichkeit, sondern aus dem Gefühl meiner Verantwortlichkeit gegenüber Land und Krone. Ich bäte deshalb, mich bis Ende Juli zu beurlauben, ich würde inzwischen meinen gewohnten Sommeraufenthalt, den Semmering, aufsuchen. Die dortige Stille sei am besten geeignet, mich an der Hand der Akten und mit ruhigem Nachdenken zu klaren Entschlüssen kommen zu lassen. Soviel wisse ich schon aus meiner Botschaftertätigkeit und schließlich auch aus der Geschichte und den Zeitungen, daß das Problem, vor das ich gestellt werden würde, im wesentlichen darauf hinauskomme, zu unserem Schutz und für unsere Sicherheit eine Flotte zu bauen, ohne durch den Bau dieser Flotte in Krieg mit England zu geraten. Das sei nicht ganz einfach. Wir dürften nicht „propter vitam vivendi perdere causas". Den Kaiser amüsierte mein Zitat. Ich scheine ja ein großer Lateiner zu sein, das sei weniger sein Fall. Trotz aller Mühe, die sich Hinzpeter in dieser Richtung gegeben hätte, habe das Latein keine besonderen Reize für ihn. Ich erzählte nun, daß ich nicht wüßte, von welchem lateinischen Schriftsteller die in Rede stehende Wahrheit geprägt worden wäre. Ich entsinne „ALLERHÖCHSTDERO" 17 mich aber, daß der genannte Vers vor 16 oder 17 Jahren von Gambetta, wenn ich mich nicht irrte, während einer Debatte über die von ihm vorgeschlagene Listenwahl zitiert worden w r äre. Nachdem der Kaiser mir noch einmal wiederholt hatte, daß er für den Besuch in Petersburg auf meine Begleitung rechne, entließ er mich in der freundbchsten Weise. Wie schon früher in Neapel, in Venedig und auch in Berlin und Potsdam hatte ich den Eindruck, daß es kaum möglich wäre, liebenswürdiger, einfacher, natürlicher zu sein, als es Wilhelm II. sein konnte. Die Klippen seines Wesens kamen erst nach längerer Fahrt in den kaiserlichen Gewässern zum Vorschein. Bei der Mittagstafel, zu der ich befohlen wurde, waren König Leopold II. von Belgien sowie Prinz Albrecht von Preußen und die Offi- Leopold II. ziere anwesend,'mit denen der Prinz als Vertreter des Kaisers in London von # c te lere in Kiel der Jubiläumsfeier der sechzig jährigen Regierung der Königin Victoria bei- 1 gewohnt hatte. König Leopold begrüßte mich als alten Bekannten aus Ostende. In deutscher Umgebung trat das Sarkastische seines Wesens noch deutlicher zutage, er suchte etwas darin, jede Wiedergabe von Gesprächen mit unserem Kaiser etwa folgendermaßen einzuleiten: „Seine Majestät der Kaiser und König haben die hohe Gnade gehabt, mir über Allerhöchstseme Stellungnahme zu der in Rede stehenden Frage huldvollst Nachstehendes zu sagen, was aus Allerhöchstdero Munde zu hören den Wert der Eröffnung und das Glück, in Allerhöchstdero Nähe zu weilen, für mich noch erhöht." Der König sprach sehr gut Deutsch, wenn auch mit leisem französischem Akzent. Unsere Kaiserin war über seinen Besuch nicht erfreut. Die hohe Frau hatte über seinen Lebenswandel allerlei Ungünstiges gehört, und so gütig ihr Herz war, so verstand sie in moralischen Fragen, in Fragen der Sittlichkeit keinen Spaß. Auch gefiel ihr nicht, daß der König von Belgien sich bemüht hatte, den Kaiser zur Beteiligung an einigen größeren wirtschaftlichen Entreprisen, namentbch in Ostasien, aber auch in Afrika, zu bewegen. „Der Kaiser sollte sich gar nicht mit dem abscheulichen Menschen einlassen", meinte die Kaiserin in ihrer rührenden Fürsorge für ihren Gemahl, die etwas Mütterliches hatte. „Wer weiß, ob der ihn nicht hereinlegt. Gott gebe nur, daß der nicht auch auf anderen Gebieten dem Kaiser böse Ratschläge gibt." Unsere politischen Beziehungen zu Belgien waren übrigens damals so vertrauensvoll und freundschaftlich, daß auch kleine Unstimmigkeiten daran nichts ändern konnten. Was die aus England zurückgekehrten Herren erzählten, hatte den Kaiser nicht erfreut. Als Prinz Albrecht mit seiner Suite in dem feier- Prinz liehen Londoner Festzuge vom 22. Juni vorbeigekommen war, hatte Albrechts die Menge in den Straßen den Deutschen unter Anspielung auf das Londoner Krüger-Telegramm wiederholt zugerufen: „Wenn Sie etwa ein Telegramm an Ohm Krüger aufgeben wollen, so finden Sie rechts um die 2 BUIow I Reise 18 FRIEDRICH WILHELM IV. ÜBER SICH UND SEINE BRÜDER Ecke ein Telegraphenamt!" Prinz Albrecht erzählte aber auch, es wäre ihm von einer Reihe maßgebender englischer Persönlichkeiten gesagt worden, daß das Krüger-Telegramm in England einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht habe. Vielleicht weniger auf die Minister und den Hof als auf die breiten Massen des Volkes und die öffentliche Meinung. Der Riß wäre tief gegangen, weil der Engländer in seiner naiven Art, sich selbst immer im Rechte zu glauben, nie an eine solche Beurteilung seines Streites mit dem Präsidenten der Burenrepublik von deutscher Seite geglaubt hätte. Von unserer Seite habe man in England so etwas nun und nimmer erwartet. Franzosen und selbst Russen würde der Engländer diesen Affront viel weniger übelgenommen haben. Prinz Albrecht war von allen Prinzen des königlichen Hauses der größte, ein wahrer Enakssohn. Er erinnerte ältere Leute in seiner Figur an Kaiser Nikolaus L, von dem er auch mit Vorhebe sprach. Nach jenem Diner auf der „Hohenzollern" erzählte er mir bei einem Vergleich zwischen dem englischen Hofe, den er jetzt wieder besucht hatte, und seinem früheren Besuche in St. Petersburg, wie unauslöschlich sich ihm Figur und Art des Kaisers Nikolaus I. eingeprägt hätten. Als er, damals ein ganz junger Mann, kaum 17 Jahre alt, sich dem Zaren vorgestellt habe, hätte dieser ihn zunächst gefragt, ob wirklich preußische Prinzen die Universität Bonn besuchen wollten oder gar schon besucht hätten. Es sei unerhört, daß man Prinzen, und noch dazu königliche Prinzen, sich ungeniert unter Studenten bewegen lasse, die alle von revolutionärem Gifte infiziert wären. Uber seine eigenen Leute habe sich der Zar so wenig Illusionen gemacht, daß er bei einer Parade, als der preußische Prinz seiner Bewunderung für die stramme Haltung und den Eifer der sogenannten Suitzkis, d. h. der Mitglieder der Maison militaire Ausdruck gab, ihm mit seinem harten russischen Akzent erwiderte: „Augendiener! Alles Augendiener !" Prinz Albrecht war ein verständiger Mann, mit einfachem, nüchternem Verstand, einem gütigen Herzen und von vornehmer Gesinnung. Er wurde von der älteren Generation noch „Prinz Albrecht Sohn" genannt, zum Unterschiede von „Prinz Albrecht Vater", dem jüngsten Sohn König Friedrich Wilhelms III. und der schönen Königin Luise. König Friedrich Wilhelm IV., der sehr viel Geist hatte und einen glänzenden Witz, aber auch scharfe und selbst ungerechte Witze nicht scheute, meinte einmal von sich und seinen Brüdern: „Wären wir vier als Söhne eines kleinen Beamten geboren, so würde ich Architekt geworden sein, Wilhelm Feldwebel, Karl wäre ins Gefängnis gekommen und Albrecht verbummelt." Die Bemerkung über Prinz Karl bezog sich auf einen üblen Zusammenstoß, den dieser als junger Prinz mit seinem eigenen Jäger gehabt hatte, von dem er bei dessen Frau überrascht worden war. Prinz DIE FRAU PRINZESSIN UND DER LAKAI 19 Albrecht Vater war mit der schönen Prinzessin Marianne der Niederlande vermählt. Die Ehe ging nicht besonders. Der Gatte verhebte sich in die anmutige Tochter des Kriegsministers von Rauch, der Garten des Kriegsministeriums grenzte an den Garten des Palais Albrecht, und zum Kummer des frommen Königs Friedrich Wilhelm IV. trennte sich Prinz Albrecht (Vater) von seiner Frau und heiratete Fräulein von Rauch. Mit seiner zweiten Frau vom König aus Berlin verwiesen, ließ er sich in Dresden nieder, wo er sich die Albrechtsburg erbaute und für seine Gemahlin und seine Kinder einige Jahre später vom Herzog von Sachsen-Meiningen den Namen Gräfin und Grafen von Hohenau erhielt. Prinzessin Marianne unternahm, um sich zu trösten, eine Reise nach Italien. In ihrer Umgebung befanden sich eine tugendreiche Hofdame, ein würdiger Kammerherr und ein als besonders zuverlässig empfohlener Lakai. Zunächst verlief die Reise sehr gut, der Kammerherr berichtete an das Oberhofmarschallamt in Berlin, daß die Frau Prinzessin die Itahener durch ihre Liebenswürdigkeit, ihr Gefolge durch ihre Güte bezaubere. Bald konnte er berichten, daß Ihre Königliche Hoheit nach wie vor in bester Stimmung wäre, daß sie mit ihrer ganzen Suite zufrieden zu sein scheine, aber die Dienste des trefflichen Lakaien besonders schätze. Diese Dienste und die Anstelhgkeit des Lakaien wurden auch weiter rühmend hervorgehoben, bis plötzlich die entsetzte Meldung in Berlin eintraf, die Frau Prinzessin habe befohlen, daß der Lakai an der Mittags- und Abendtafel teilnehmen solle. Prinzessin Marianne hat ihren Günstling später geheiratet. Sie wurde schlecht von ihm behandelt, der ein roher Mensch gewesen zu sein scheint, nahm aber, fromm wie sie war, die Züchtigungen ihres Gatten als heilsame Prüfung entgegen und ist ihm bis an sein Ende eine treue und gehorsame Frau gewesen. Ein Kind aus dieser Ehe starb in jungen Jahren. Je älter sie wurde, desto mehr steigerte sich bei der Prinzessin eine gewiß aufrichtige Religiosität, zugleich aber stellte sich der alte fürstliche Hochmut wieder ein, und sie urteilte schonungslos über jede Mesalliance in fürstlichen Häusern. Daß sie selbst unter ihrem Stande verheiratet gewesen war, hatte sie einfach vergessen. Ich weiß nicht mehr, welcher griechische Historiker irgendwo erzählt, daß ein griechischer Sophist von einem asiatischen König, den er gefragt hatte, welche Kunst er von ihm zu lernen wünsche, die Antwort erhielt: „Lehre mich die Kunst, vergessen zu können." Fürsten brauchen im allgemeinen diese Kunst nicht zu lernen, sie vergessen von selbst, woran sie nicht erinnert werden mögen. Ihrer religiösen Richtung entsprechend war Prinzessin Marianne auch politisch ganz nach rechts gerückt, und wenn sie ihren Sohn besuchte, der Kommandierender General in Hannover geworden war, mißbilligte sie laut und vor Hannoveranern die Annexion Hannovers V 20 MISSHEIRATEN durch Preußen. Prinz Albrecht-Sohn hatte die Eheirrung seiner Mutter völlig aus seinem Gedächtnis gestrichen. Er erzählte mir gelegentlich, wie peinlich es ihm gewesen wäre, bei einem Besuch in Madrid der Königin Christine einen Besuch machen zu müssen, die in zweiter Ehe den Leibgardisten Fernando Munoz geheiratet hatte. Solche Mißheiraten wären ihm ebenso antipathisch wie unbegreiflich. Auch Prinz Albrecht Sohn bedurfte keines besonderen Unterrichts in der Kunst des Vergessens. II. K A P I T E L Besuch in Friedrichsruh • Wilmowski Vater und Sohn • Der 82jährige Bismarck • Das Bismarcksche Heim • Übernahme der interimistischen Leitung des Auswärtigen Amtes • Freiherr von Rotenhan • Gedankenarbeit am Semmering • Die internationale Lage von 1867 • Graf Anton Monts und seine an Bülow gerichteten Situationsberichte Ich kehre von Madrid nach Kiel und auf die „Hohenzollern" zurück. Als sich der Kaiser zurückgezogen hatte, nahm mich Fürst Hohenlohe beiseite und frug mich, ob ich glaube, daß er es mit dem Kaiser verschütten würde, wenn er seinen Aufenthalt in Kiel zu einem Besuch in Friedrichsruh benützte. Ich erwiderte optima fide, daß ich das nicht glaube. Wenn er den Kaiser ausdrücklich um Erlaubnis bitte, werde ihm dieser die Absicht vielleicht ausreden wollen. Über die vollendete Tatsache werde sich der hohe Herr schwerlich aufregen. Der Kanzler frug, ob ich Lust hätte, ihn zu begleiten. Ich entgegnete, daß es mir eine besondere Ehre sein würde, mit dem Fürsten nach Friedrichsruh zu fahren. Ich selbst würde unter allen Umständen, früher oder später, dort einen Besuch abstatten. Bei der langjährigen Freundschaft, die meinen Vater mit dem Fürsten Bismarck verbunden habe und im Hinbück auf die Güte, die dieser mir und meinen Brüdern erwiesen hätte, möchte ich mein neues Amt nicht endgültig antreten, ohne mich in Friedrichsruh vorgestellt zu haben. „Sehr schön", meinte sichtlich erleichtert der Kanzler, „dann fahren wir beide zusammen. Herr von Wilmowski wird alles Weitere in die Hand nehmen." Wilmowski, der damalige Chef der Reichskanzlei, war der Sohn des lang- jährigen Chefs des Zivilkabinetts unter Kaiser Wilhelm I., eines hochbewähr- Der Chef ten, vorbildlichen preußischen Staatsdieners aus unserer besten Zeit, der sich Reichskan um die Aufrechterhaltung eines guten Einvernehmens zwischen unserem alten Kaiser und seinem gewaltigen Kanzler und damit um das Vaterland unvergängliche Verdienste erworben hatte. Während vieler Jahre hatte der Vater Wilmowski es verstanden, einerseits den reizbaren, leicht argwöhnischen und nicht immer bequemen Kanzler zu einem rücksichtsvollen Benehmen gegenüber seinem greisen Herrn zu bewegen, andererseits bei letzterem das Vertrauen zu seinem großen Diener immer wieder neu zu kräftigen. Der Sohn war eines solchen Vaters würdig, von dem er nicht 22 TISCHGESPRÄCH BEI BISMARCK nur die Zuverlässigkeit des Charakters, sondern auch ein sicheres Urteil und feinen Takt geerbt hatte. Er war für den schon recht alt gewordenen und in Fragen der Verwaltung und Gesetzgebung, überhaupt auf geschäftlichem Gebiet wenig beschlagenen Fürsten Hohenlohe eine ausgezeichnete Stütze. Er hat später mich in die Geschäfte des Reichskanzleramtes mit Umsicht eingeführt, war dann Oberpräsident zweier Provinzen, Schleswig- Holstein und Sachsen, und stand am Ende seines Lebens im Herrenhaus als Führer der konservativen Fraktion seinen Mann. Am 28. Juni trafen wir um die Mittagsstunde in Friedrichsruh ein. Wir Bismarck wurden am Bahnhof von dem Schwiegersohn des Fürsten, dem Grafen Cuno Rantzau, empfangen. Beide Söhne waren abwesend, dagegen weilte Hohenlohe e ' n a j ter un( j treuer Freund des Bismarckschen Hauses, Freiherr Ferdinand von Stumm, zuletzt Botschafter in Madrid, von welchem Posten er durch Holsteinsche Intrigen verdrängt worden war, zum Besuch in Friedrichsruh. Fürst Bismarck begrüßte den Fürsten Hohenlohe mit ausgesuchter und, wie mir schien, geflissentlicher Courtoisie. Er wollte offenbar noch äußerlich den Unterschied markieren, den er zwischen dem dritten und dem von ihm heftig befehdeten zweiten Reichskanzler machte. Ich fand den Fürsten Bismarck stark gealtert, aber aufrecht in seiner Haltung, geistig ganz der alte, die Augen und der Blick gleich gewaltig, die Stimme ebenso fein und leise wie früher. Er begrüßte Wilmowski und mich mit freundlichem Händedruck als alte Bekannte. Bei Tisch drehte sich die Unterhaltung namentlich um die russischen Besitzungen des Fürsten Hohenlohe, auf die Fürst Bismarck wiederholt zurückkam, indem er den Wunsch aussprach, daß man seinem zweiten Nachfolger den großen und schönen Besitz Werki lassen möge. Er erkundigte sich auch lebhaft nach der Fürstin Hohenlohe und fragte, ob die Frau Fürstin noch so eifrige Bärenjägerin wäre wie früher. Wie viele Bären sie in Werki schon zur Strecke gebracht habe? Er selbst hätte in Rußland seinerzeit manchen Bären erlegt. Leider wäre auch dies Vergnügen für ihn vorüber. Gegen Ende des Essens fragte mich Fürst Bismarck, wie es meinem Vater ginge. Seine Tochter, die Gräfin Rantzau, fiel ihm rasch ins Wort mit der Bemerkung, daß der Staatssekretär von Bülow, der zu seiner Zeit diese Stellung bekleidet hätte, schon vor Jahren verstorben wäre. Ich bemerkte nach dieser Richtigstellung einen wehmütigen Zug um die Mundwinkel des Vaters. Es schien ihm peinlich, sich diese kleine Blöße gegeben zu haben. „Es war nicht Gedächtnisschwäche", sagte mir nach Tisch die Gräfin Rantzau, ,,es war nur Zerstreutheit." Der Fürst kam später noch einmal auf mich zu, gab mir wieder die Hand und sagte mit gütigem Ausdruck: „Ich habe weder Ihren Herrn Vater vergessen noch Sie." Nach dem Kaffee und der Zigarre unternahm Fürst Bismarck mit dem Reichskanzler eine Spazierfahrt, nach deren Beendigung wieder die HB NIEMALS MIT BISMARCK ALLEIN 23 allgemeine Unterhaltung aufgenommen wurde, an der Baron Stumm sich lebhaft beteiligte, der sich als ein ebenso liebenswürdiger Gesellschafter zeigte, wie er in London und Paris, in Petersburg und Madrid ein fähiger und tüchtiger Diplomat gewesen war. Ferdinand Stumm hatte nur eine kleine Schwächerer war ein „malade imaginaire". Er erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit und sollte sich bis in ein vorgeschrittenes Alter ungewöhnliche körperliche und geistige Elastizität und ein jugend- bches Äußeres bewahren. Dabei klagte er unausgesetzt, daß ihm kein langes Leben bevorstünde. Seine reizende Tochter, die Fürstin Maria Hatzfeldt- Wildenburg, schenkte ihm einmal zu seinem Geburtstage einen von ihr selbst geschnitzten schönen Rahmen, in den sie unter Abwandlung des bekannten rührenden Ausspruchs des sterbenden Kaisers Friedrich die Worte eingegraben hatte: „Lerne zu klagen, ohne zu leiden." Fürst Bismarck fand während unseres Besuches am 28. Juni keine Gelegenheit, allein mit mir zu sprechen. Ich hatte die Empfindung, daß Fürst Hohenlohe das auch nicht gern gesehen haben würde. Nicht aus Eifersucht, die diesem wahren Grandseigneur fernlag, aber vielleicht, um bei seiner nächsten Begegnung mit dem Kaiser Seiner Majestät mit gutem Gewissen sagen zu können, ich hätte keine Gelegenheit gehabt, allein mit dem Alt-Reichskanzler zu sprechen. Namentlich Holstein, vor dem Fürst Hohenlohe eine starke Scheu empfand, wollte er das mit gutem Gewissen versichern können. Seit der Entlassung des Fürsten Bismarck wurde von Holstein mit verbissener Gehässigkeit der Grundsatz vertreten, daß unter keinen Umständen der Schein entstehen dürfe, als ob der neue Kurs sich bei dem großen Träger des alten Kurses Rat hole oder der Belehrung von dieser Seite bedürfe. Während sich Fürst Hohenlohe mit Gräfin Rantzau und Baron Stumm unterhielt, fand Fürst Bismarck aber doch Gelegenheit, mir mit einem Seitenblick auf den Fürsten Hohenlohe zu sagen: „Es ist nützlich, ihn auf Werki scharf zu machen, damit er säuberlich mit dem Knaben Absalon in St. Petersburg fährt, den zu verstimmen oder gar zu reizen wir keinen Anlaß haben." Es war mein erster Besuch in Friedrichsruh. Ich war ergriffen von der Einfachheit des Hauses, der Bescheidenheit der Möbel, der völligen Schmucklosigkeit und, um alles zu sagen, von dem unkünstlerischen Charakter der ganzen Einrichtung. Kein schönes Bild hing in Friedrichsruh außer einem herrlichen Lenbachschen Porträt des Fürsten. Von einer größeren Bibliothek war nichts zu sehen, von Plafonds, Gobelins und orientalischen Teppichen war erst recht nicht die Rede. Die Sonne Homers hatte diesem Hause nicht gelächelt, und von dem Glanz der italienischen Renaissance, der manche Schlösser in Deutsch- 24 BISMARCKS HAUS land bestrahlt hatte und von dem auf Tegel wie auf dem Goethehaus in Weimar noch immer ein Schimmer liegt, war in Friedrichsruh nichts zu spüren. Aber gerade diese Abwesenheit jedes schönen Scheins war ein würdiges Abbild des wahren preußischen Geistes, dessen letzter und größter Vertreter nach und mit Friedrich dem Großen Fürst Bismarck gewesen w _ ar. Das ganze Haus, sein ganzer Zuschnitt schien die Mahnung zu wiederholen, die das Orakel von Delphi einst den nach ihrer Zukunft fragenden Spartanern erteilt hatte: „Reichtum wahrlich allein, sonst nichts kann Sparta verderben." Und vor allem war dies das Haus des Mannes, der, wie ich vier Jahre spätervor seinem Denkmal in Berlin sagen sollte*, ausgeführt und vollendet hatte, was seit Jahrhunderten das Sehnen unseres Volkes und das Streben unserer edelsten Geister gewesen war, was die Ottonen und Saher und Hohenstaufen vergeblich angestrebt hatten, was 1813 den Kämpfenden als damals nicht erreichter Siegespreis vorschwebte, wofür eine lange Reihe Märtyrer der deutschen Idee gekämpft und gelitten hatten. Alle großen Erinnerungen, alle guten Geister der deutschen Geschichte schwebten über diesem scheinbar so nüchternen Haus. Während Fürst Hohenlohe mit mir in Friedrichsruh weilte, war durch W.T.B, das offiziöse WolfFsche Telegraphenbüro nachstehende Meldung verbreitet meldet worden: Vertretung Kie j 5 Montag, 28. Juni. „Nachdem der Gesundheitszustand des Freiherrn Marschall von Bieberstein seine Ersetzung als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes notwendig gemacht hat, ist, sicherem Vernehmen nach, der kaiserliche Botschafter in Rom Herr von Bülow von Seiner Majestät dem Kaiser zunächst stellvertretungsweise mit der Leitung des Auswärtigen Amtes betraut worden. Herr von Bülow, der sich zwei Tage lang hier aufgehalten hat und vom Kaiser wiederholt empfangen worden ist, wird die Geschäfte nach der Rückkehr desKaisers nach Berlin übernehmen; bis dahin werden sie wie bisher von dem Unterstaatssekretär Freiherrn von Rotenhan wahrgenommen." In Berlin fand ich auf meiner Durchreise nach dem Semmering Holstein und Rotenhan in gleich zufriedener Stimmung, Holstein froh, daß er sich noch einige Wochen, ohne von mir an die Leine genommen zu werden, umhertummeln konnte, Rotenhan zufrieden, daß ihm die interimistische Führung der Geschäfte anvertraut blieb. Ich war mir von Anfang an darüber klar, daß Herr von Rotenhan mir als Unterstaatssekretär nicht genügen würde. Er war wie alle Söhne dieses alten fränkischen Geschlechts ein vornehmer Charakter, dabei ein Mann von Erfahrung und Urteil, aber r * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 222; Kleine Ausgabe I, S. 246. AM SEMMERING 25 ■was die Engländer „a slow coach" nennen. Bevor er eine Antwort gab, pflegte er die Brille, die der kurzsichtige Mann immer trug, von der Nase abzunehmen, um sie langsam und lange zu putzen. Das gab ihm Zeit, seine Gedanken zu sammeln und seine Antwort vorzubereiten. Dieser Modus procedendi war gar nicht übel für Konversationen mit fremden Diplomaten, bei verfänghchen Fragen dieser letzteren. Aber der innerdiensthche Verkehr wurde dadurch nicht vereinfacht. Ich ersetzte später Botenhan durch den Freiherrn von Bichthofen, den ich als Direktor der Kolonialabteilung vorfand. Herr von Botenhan hat als Gesandter in Bern und beim Vatikan dem Lande noch gute Dienste geleistet. Er starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, infolge eines Straßenunfalls, der dem trefflichen Mann infolge der Schwäche seines Augenlichtes zugestoßen war. Als ich die Geschäfte des Auswärtigen Amtes übernahm und damit nicht nur in das Licht der Öffentlichkeit trat, sondern auch, um mit dem Fürsten Bismarck zu sprechen: in die Drecklinie einrückte, gab ich Weisung, alle auf mich bezüghchen Karikaturen sorgfältig zu sammeln. Sie trugen bei ihrem Erscheinen zu meiner Erheiterung bei, und noch heute blättere ich mit retrospektivem Vergnügen in den 27 stattlichen Bänden der über mich erschienenen Karikaturen, die eine Zierde meiner Bibliothek in der Villa Malta bilden. Als ich die Sammlung eröffnete, schrieb ich auf die erste Seite den Spruch von Goethe: „Sollen dich die Dohlen nicht umschrei'n, Mußt nicht Knopf auf dem Kirchturm sein." Am Semmering eingetroffen, tröstete ich meine Frau nach Mögbchkeit über die ihr nach meinem Empfinden ziemlich sicher bevorstehende Die Exilierung nach Berlin, das sie übrigens später sehr hebgewann und wo sie auswärtigen sich sehr glücklich fühlen sollte, und machte mich an das, was ich ihr gegen- Beziehungen über, die inzwischen Goethe las, meine Gedankenarbeit nannte. Ich hatte mir einige wichtige Aktenstücke über unsere Beziehungen namentlich zu England und zu Bußland und über die Verhältnisse in Ostasien mitgenommen, gleichzeitig auch das nötige Material für eine richtige Beurteilung unserer Handelsbeziehungen, insbesondere zu Bußland und Amerika. Ich hatte Hermann Helmholtz einmal erzählen hören, seine besten Gedanken wären ihm gekommen, wenn er, in mäßiger Gebirgsgegend langsam wandelnd, bergauf bergab gegangen wäre. Ohne mich mit dem großen Gelehrten vergleichen zu wollen, richtete ich mir meinen Tag so ein, daß ich am Vormittag die Akten studierte, nachmittags auf der Straße nach Mürzzuschlag oder bei der Besteigung des Sonnenwendsteins das Gelesene überdachte und mir unsere internationale Situation klarzumachen suchte. 26 GRUNDLINIEN Über einen Punkt war ich mir schon vor meiner Berufung nach Kiel im klaren gewesen: daß Deutschland bei einem Krieg wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren habe. Sollten wir nach Norden oder Süden, gen Osten oder gen Westen Eroberungszüge unternehmen, um neue Ländergebiete zu annektieren? Sollten wir kleinere Nachbarstaaten gewaltsam zum Anschluß zwingen ? Sollten wir den alten Reichsfeinden neue hinzufügen ? Das konnte kein klarbbckender deutscher Patriot wünschen. Noch weniger konnte dazu ein gewissenhafter deutscher Staatsmann raten. Um eine banale französische Wendung zu gebrauchen, die aber hier den Nagel auf den Kopf traf: Le jeu ne valait pas la chandelle. Ich war mir aber auch nicht im Zweifel darüber, daß, wie die Kulisse des Welttheaters während der letzten Jahrzehnte sich verschoben hatte, ein lokalisierter Krieg auf dem europäischen Festlande kaum denkbar war, vielmehr jeder europäische Konflikt die Gefahr in sich trug, sich in einen großen Krieg, in den Weltkrieg zu verwandeln, mit dem furchtbaren Risiko eines solchen Krieges, mit seinen unübersehbaren Möglichkeiten. Dagegen war jedes Jahr, wo wir den Frieden in Ehren wahrten, ein Gewinn für uns. Unsere Volkszahl und unsere wirtschaftliche Kraft nahmen mit jedem Jahr zu. Die Zeit ging für uns, namentlich im Vergleich mit unserem gefährlichsten Nachbar, dem Franzosen. Wie war der Friede zu erhalten, den das deutsche Volk wünschte, den es für seine weiteren Fortschritte auf allen Gebieten brauchte ? Die Antwort konnte nur lauten: niemanden provozieren, aber sich auch von niemandem auf die Füße treten lassen. In letzterer Hinsicht mußten wir des alten pommerschen Sprichwortes eingedenk bleiben, das Fürst Bismarck gern zitierte: „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen." Es war klar, daß, wenn wir uns Eingriffe und Übergriffe anderer gefallen ließen, auf die erste Rücksichtslosigkeit bald eine zweite, auf die erste Verletzung unserer Rechte bald eine neue und ärgere folgen würden. Einstweilen und bis den Bau der Welt Philosophie zusammenhält und bis sie dann ein ideales, ganz gerechtes, alle Rechte schützendes und alle Interessen berücksichtigendes System errichtet und durchführt, wird ein Volk, das einmal eine wirkliche und ernsthafte Verletzung seiner Interessen und seiner Ehre hinnimmt, mit weiteren Verletzungen und Übergriffen zu rechnen haben. Das Bild der internationalen Lage von 1897, wie ich es mir vor Augen führte, zeigte neben manchen Lichtseiten auch ernste und tiefe Schatten. Seit Anbeginn der deutschen Geschichte waren wir infolge unserer ungünstigen geographischen Lage in der Mitte von Europa Angriffen mehr ausgesetzt gewesen als irgendein anderes großes Volk. Eingekreist waren wir, um mich einer von mir in meiner „Deutschen Politik"* später * Fürst von Bülow, „Deutsche Politik", Volksausgabe 1916, S. 293. SIEBEN JAHRE NACH BISMARCKS STURZ 27 gebrauchten Wendung zu bedienen, tatsächbch seit dem Vertrage von Ver- dun, das heißt seit dem 11. August 843. Unser westlicher Nachbar war das französische Volk, das unruhigste, ehrgeizigste, eitelste, im wahren Sinne des Wortes das militärischste und nationalistischste aller europäischen Völker, seit dem letzten deutsch-französischen Krieg von uns durch einen Graben getrennt, den, wie mir noch 1913 ein hervorragender französischer Historiker schreiben sollte, nichts, gar nichts zu überbrücken imstande war. Im Osten umfaßten uns slawische Völkerschaften, von Abneigung gegen den Deutschen erfüllt, der ihnen Lehrer zu höherer Kultur gewesen war, den sie aber gerade deshalb mit dem giftigen Haß verfolgten, den ein un- geberdiger, vielfach roh veranlagter Zögling für den würdigen und tüchtigen Hauslehrer empfindet. Das galt noch mehr als für die Russen für die Tschechen und namentlich für die Polen, die seit der Gründung eines großpolnischen Reiches durch Boleslaw Chrobry, das heißt seit 900 Jahren, Ansprüche auf unsern Osten erhoben. Die Beziehungen zwischen Deutschen und Engländern hatten im Laufe der Jahrhunderte geschwankt. Im großen und ganzen stand John Bull immer auf dem Standpunkt, daß er den armen deutschen Vetter wohl begönnern und protegieren, ihn auch hier und da zu grober Arbeit verwenden, aber nicht als gleichberechtigt anerkennen wollte. Im Grunde mochten uns die anderen alle nicht. Solche Antipathie gegen uns bestand schon, bevor der Neid auf unsere von Bismarck geschaffene Macht und Wohlfahrt die Abneigung gegen uns noch erheblich verschärfte. Unsere geringe Beliebtheit war übrigens auch darauf zurückzuführen, daß wir die Bedeutung der Form unterschätzten, den Schein, wo doch schon der griechische Philosoph darauf hingewiesen hatte, daß die Menschen in ihrer großen Mehrheit nach dem Schein urteilen und fühlen, nicht nach dem Wesen der Dinge. Solche Auffassung und Gefühlsweise konnte sich der ernsthafte, gründliche, immer auf den Kern der Dinge gehende und deshalb für die Schale zu gleichgültige Deutsche schwer vorstellen. Wie war sieben Jahre nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck unsere auswärtige Lage? Wie lagen die Verhältnisse im Innern? Schon vor meiner Berufung nach Berlin, während meiner ganzen dienst- Mchen Tätigkeit im Auslande war ich bestrebt gewesen, mich in reger Füh- Graf Anton lungnahme mit der Heimat zu halten. Ich hatte die Entwicklung der inneren Monts Verhältnisse Deutschlands sorgsam beobachtet und die große europäische Presse regelmäßig verfolgt. Ich hatte mich insbesondere durch Briefwechsel mit Freunden und Kollegen immer auf dem laufenden gehalten. Besonders interessant waren mir die Nachrichten des Grafen Monts gewesen, die ich aufbewahrt hatte. Schon als junger Attache im Auswärtigen Amt lernte ich den Grafen Anton Monts kennen. Er hatte kurz vorher sein Assessor- 28 DER GESANDTE FÜR OLDENBURG Examen gemacht, ein sehr gutes Examen. Er war drei Jahre jünger als ich und wollte sich wie ich dem diplomatischen Dienst widmen. Er suchte sich mir zu nähern, gefiel mir aber nicht besonders. Er war weder Offizier gewesen noch Korpsstudent, und wie man auch über Offiziere und Korpsstudenten im allgemeinen denken mag, so ist doch nicht zu bestreiten, daß der nun einmal zu Formlosigkeit neigende junge Deutsche in ihrer Schule manierlicher wurde. Monts hatte schlechte Manieren. Er war sehr taktlos. Dabei war er ein „Streber", allzusehr und zu sichtlich auf das „Avancement" bedacht. Hyperkritisch und arrogant, wo er sich das erlauben zu können glaubte, servil und aufdringlich mit Stärkeren. Als ich Gesandter in Bukarest wurde, witterte er in mir einen „risingman", einen kommenden Mann, und richtete von Zeit zu Zeit Briefe an mich, in denen er seiner Sympathie für mich stark aufgetragenen Ausdruck gab. Nicht allzu lange nachher präsentierte er die Rechnung für sein Schweifwedeln. Er hatte als Generalkonsul in Budapest nicht besonders abgeschnitten. Beinahe ebenso schlecht wie vorher als Botschaftsrat in Wien. Der langjährige österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin Graf Szögyenyi pflegte zu sagen: „Zisleithanien und Trans- leithanien sind leider meist verschiedener Meinung, nur in einem Punkt sind sie einig: Zisleithanien und Transleithanien finden beide den Monts grauslig." Nach seinem Fiasko in Pest wie in Wien sollte Monts als wenig geeignet für europäische Posten nach Rio de Janeiro versetzt werden. Er richtete einen Hilferuf an mich („Aus tiefster Not schrei ich zu Dir!") und beschwor mich, ihn durch meine guten Beziehungen zum Auswärtigen Amt vor einem Posten zu retten, der bei seiner schlechten Gesundheit für ihn einen frühen Tod bedeuten würde („Bin ich doch noch so jung, so jung!" schloß sein nicht ohne Geist geschriebener Brief). Es gelang mir, die maßgebenden Herren im Auswärtigen Amt zu bestimmen, ihn statt in eine andere Hemisphäre nach Oldenburg, der von Wittekinds Enkel Walbert gegründeten und nach seiner Gattin Altburga benannten, behaglich an der Hunte gelegenen kleinen norddeutschen Residenz zu schicken, wo er jedenfalls im Schatten der St.-Lamberts-Kirche weniger für seine Gesundheit zu zittern brauchte als am Fuß des von tropischer Sonne bestrahlten Zuckerhuts, des Pao de Assuecar. In Oldenburg debütierte Monts mit einem Witz, der mir gefiel, der ich für Witze nun einmal eine Schwäche habe. Zur Antrittsaudienz bei Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog erschien Monts nicht im vorschriftsmäßigen Zylinder, sondern im runden Hut. Auf diesen Verstoß gegen die Etikette von einem darob entsetzten großherzoglichen Kammerherrn aufmerksam gemacht, erwiderte der neue Gesandte: „Kleiner Hof, kleiner Hut." Seit ich ihn vor Rio gerettet hatte, schrieb mir Monts häufiger. Sobald ich zum Gesandten in Bukarest avanciert war, hatte er mir am 3. Mai 1888, zu meinem Ungarn MONTS ALS BRIEFSCHREIBER 29 Geburtstag, ein Promemoria über rumänische Personalien überreicht, das schloß: „Verzeihen Sie diese Zeilen, sie entspringen dem Wunsch, Ihnen bei Ihrem Eintreffen in die immerhin nicht leichten rumänischen Verhältnisse nach meinen schwachen Kräften einen kleinen Dienst zu leisten. Mit Nachsicht und Freundlichkeit nehmen Sie die Notiz und die besten Wünsche für Ihre neue Stellung entgegen von Ihrem Ihnen aufrichtigst ergebenen Anton Monts!" Monts wußte in Bukarest Bescheid, wo er sich, ähnlich wie in Wien und Pest, als Legationssekretär ziemlich unmöglich gemacht hatte. Für meine Reflexionen am Semmering kamen nur einige Briefe in Betracht, in denen dieser rührige und aufgeweckte Beobachter mich über die Monts über zunehmenden Schwierigkeiten unterrichtete, mit denen unsere äußere Österreich- und innere Politik zu kämpfen hatte, nicht zuletzt durch die zunehmende Neigung Wilhelms II. zu selbstherrlichem Eingreifen in den ordnungsmäßigen Gang der Geschäfte. Die Perspektive, die diese in ihrer Frische und Unbefangenheit wirkungsvollen und einleuchtenden Briefe mir eröffneten, war nicht erfreulich. Über die Verhältnisse in Österreich-Ungarn, das in unserer politischen Rechnung einen starken Posten einnahm, seitdem Fürst Bismarck 1879 den Anschluß an Österreich gesucht und ein Defensivbündnis mit der habsburgischen Monarchie abgeschlossen hatte, schrieb mir Monts am 16. November 1891 aus Budapest: „Verehrter Gönner! Der Dualismus ist bei näherer Bekanntschaft das elendeste Machwerk, das je von leichtsinnigen Dilettanten geschaffen wurde. Wie lange wird die Armee noch mühsam die Einheit repräsentieren? Was wird ein Nachfolger, ohne die allgemeine Verehrung, die Franz Josef genießt, für unüberwindliche Schwierigkeiten finden! Die Magyaren magyarisieren nur die Deutschen und die Juden, gerade die Elemente, die sie im Reichsinteresse nicht ihrer deutschen Sprache berauben sollten, und sind machtlos gegen Rumänen, Kroaten und Slowaken. Erreichen die Magyaren ihr Ziel, die Personal-Union, so ist das Auseinanderfallen Österreichs sicher. Gleichzeitig aber schrumpft Ungarn auf die Hälfte seines Gebiets zusammen. Ob wir dann so stark sind, auf das restliche Österreich den für unsere Selbsterhaltung nötigen Einfluß uns ohne direkte Angliederung dieses katholischen Klotzes zu wahren und weiter uns auf Ungarn, Kroatien und Siebenbürgen eine Ingerenz zu sichern, bezweifle ich. Und doch wären wir allein zwischen den beiden Mühlsteinen, Frankreich und Rußland, verloren. Schon jetzt ist das Zahlenverhältnis ein sehr ungünstiges. Auf Itaben ist ohnehin nicht zu rechnen und Frankreichs Armee allein der unseren der Zahl nach überlegen. Wie Clausewitz aber sehr richtig deduziert, muß bei sonst gleichen Bedingungen die Zahl entscheiden. Und wieviel müßten wir an der Ostgrenze, auch schon um der österreichischen Armee einen moralischen Halt zu geben, zurücklassen! Wissen Sie übrigens, daß 30 ZWEI EISEN IM FEUER bei den Handelsvertragsverhandlungen uns Rudini jetzt den Stuhl vor die Türe setzte? Wenn Österreich nicht gewisse, Luzzati für seine Wähler dringend wünschenswerte ,Leinwandzölle' konzedierte, ginge er, Rudini, und damit würde die Triple-Allianz auch fliegen. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Panik dies im Berliner Auswärtigen Amt hervorrief. Ich war die kritischen Tage gerade in Wien, die Depeschen flogen nur so, und es endete der Scherz natürlich mit unserer Annahme der italienischen Forderungen. Der Bismarcksche Witz mit den beiden Eisen im Feuer hatte doch sein Gutes. Logisch müssen wir jetzt bei der Triple-Allianz in allem den kürzeren ziehen. Wir haben zwei deklarierte Todfeinde, Österreich nur einen. Italiens Position ist die günstigste, da die Feindschaft mit Frankreich im Grunde zu überbrücken wäre und schlimmstenfalls das für Österreich und Deutschland durchaus nicht hilfsbereite England Italien gegen jede Invasion deckt. Abgesehen hiervon ist Italien für Rußland unerreichbar, die kurze Alpengrenze gegen Frankreich leicht zu verteidigen. Ein wahrer Trost muß bei dieser Sachlage dem Patrioten die innere Lage des Reiches sein. Regis voluntas suprema lex! Wo soll das hinaus? In der heutigen Zeit so etwas, noch dazu in das Stammbuch der Stadt München, einzutragen ! Sehr traurig berührt auch Stablewskis Ernennung zum Erzbischof von Gnesen-Posen. Die Polen sind nicht zu versöhnen, im Kriege gegen Rußland stehen sie sowieso auf unserer Seite, wozu also eine so gefährliche Konzession machen ? In Posen und Westpreußen geht leider das deutsche Element stetig zurück. Die Germanisierung dieses Landes ist aber für uns eine Existenzfrage bei der Lage Berlins und bei der eventuellen späteren Notwendigkeit, das Land bis zur Weichsel zu annektieren. Denn trotz allem darf man nicht, wie Sie immer so richtig sagen, an der Zukunft der Nation verzweifeln. Mit einer Zertrümmerung Deutschlands wäre die europäische Zivilisation verloren, ein vereinigtes Slawenreich ginge bis zur Oder, gegen das das restierende Deutschland und Frankreich gar nicht in Betracht kämen. Ob sich Serenissimus wohl ein einigermaßen klares Bild von der Gefahr seiner Lage macht? Dazu glaubt er wohl noch immer, der Zar halte etwas von ihm. Und gerade dieser Zar, dieser unser einziger Friedensgarant, haßt unsern Herrn, wie ich aus bester Quelle höre, weil dieser nicht die Wahrheit Hebe. Sed haec hactenus. Legen Sie mich Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlin zu Füßen und seien Sie nicht ein zu harter Richter über den Salat in Briefform Ihres Sie herzlich grüßenden Monts." Am 6. April 1894 schrieb Monts, der dem Kleeblatt Holstein, Kiderlen, Phili Eulenburg eifrig den Hof machte, über die damals vom Kladderadatsch gegen Austernfreund (Holstein), Spätzle (Kiderlen) und Troubadour (Phili Eulenburg) eingeleitete Kampagne: „Die Kladderadatsch- Sache nimmt meines bescheidenen Dafürhaltens eine immer peinlichere DIE UMSTURZVORLAGE 31 Wendung. Man müßte sofort rücksichtslos mit dem Staatsanwalt gegen den Kladderadatsch vorgehen. Jetzt hat man die Blamage weg. Grüßen Sie, bitte, Phili herzlichst von mir und seien Sie versichert der dankbarsten Anhänglichkeit Ihres Prokonsuls in Pannonien Anton Monts." Am 1. November 1894 hatte mir Monts auf einige Worte, die ich während eines Besuches bei meinem Schwager Camporeale in Palermo von dort Monts an ihn gerichtet hatte, geschrieben: „Während Sie als Ambassadeur unter Capnt Palmen wandelten, hat sich in der Heimat ein Kulissenwechsel vollzogen. Auf das Risiko, Ihnen Schon-längst-Bekanntes zu melden, teile ich Ihnen mit, was ich als authentisch, aber nur als Prolog zum eigentbchen Drama, erfuhr: Der preußische Ministerpräsident Botho Eulenburg hatte einen Entwurf für ein Umsturzgesetz ausgearbeitet, in dem unter anderem von polizeilichen Präventivmaßregeln gegen die Presse die Rede war. Dabei bestand er darauf, daß die Schutzmaßregeln im Reiche, nicht in Preußen getroffen werden sollten. Eine der seinigen gegenüberstehende Auffassung, daß Preußen vorangehen sollte mit Vorlage eines Vereins- und Versammlungsgesetzes, überwand er während der ostpreußischen Manöver mit Hilfe Saxoniae Regis, und der Kaiser erklärte sich im Prinzip damit einverstanden, daß eine energische Vorlage für den Bundesrat von Botho Eulenburg ausgearbeitet werde. Diese Vorlage fiel aber so aus, daß S. M. sich überzeugte, ohne Staatsstreich sei dieselbe nicht durchzubringen. Überdem meldeten die Königreiche ihr Nichtmitgehen an. Demzufolge hat S. M. am 23., wie bekannt, Caprivi besucht und ihm mitgeteilt, daß er Botho angewiesen habe, nach Caprivis Programm die Vorlage umzuarbeiten. Hier reißt mein Faden ab. Sie wissen wahrscheinKch schon Näheres über die nun überstürzend schnelle Katastrophe. Ich selbst reiste am 25. nach Braunschweig, wo ich im Nebenamt akkreditiert bin, und war am 26. mittags in Blankenburg zur Begrüßung von S. M., dessen Sachen schon im Extrazug waren und der direkt vom Berliner Bittgottesdienst bei Schu- walow für den Zaren nach Blankenburg fahren wollte. In dieser Stunde trat der Drehpunkt ein. Um 2 Uhr traf in Blankenburg das Telegramm ein, wegen unaufschiebbarer Staatsgeschäfte sei das Kommen S. M. unmöglich. Dort fanden sich im Laufe des Nachmittags allerlei Leute ein, unter anderm Stolberg, Lehndorff, Waldersee. Alle Welt glaubte, der Zar sei tot, doch sagte man es nicht, bis abends das erste Extrablatt aus Berhn anlangte. Namentlich Waldersee wollte die Kombination Hohenlohe noch bis nächsten Sonnabend abend nicht glauben und war selbst am dritten Tage noch nicht klar. Die Berliner Herren wiesen auf das hohe Alter des Fürsten hin. Es standen wohl auch manche von ihnen der ostpreußisch-agrarischen Intrige nahe, deren Haupt bekanntlich der Ober-Hof- und Hausmarschall August Eulenburg war. Sehr erfreut waren aber alle Nichtpreußen. Ich 32 DER DONNERGOTT IM SACHSENWALD glaube, wir können mit dem Ergebnis außerordentlich zufrieden sein. Wir müssen danken: 1. Hohenlohe selbst und seinem Patriotismus und 2. dem weiten Blick Holsteins, der Hohenlohe seinerzeit hielt und ohne den Hohenlohe kaum die Sache übernommen hätte. Erfüllt nun Koller seine Pflichten, resp. ist er seiner Aufgabe gewachsen, so kann Hohenlohe auf den drei Beinen Holstein (Diplomatie und feinste Wäsche im Innern), Marschall (Parlament, Handelsscherze und grobe Hausarbeit), Koller (Administration und Vertrauensmann in dem allerdings reformbedürftigen preußischen Ministerium) wohl stehen. Sein Körper und Geist ist ja noch rüstig, so daß wir drei Jahre wohl noch auf ihn rechnen können. Drei Jahre aber sind eine lange Zeit. Dann müssen vielleicht Sie vor die Bresche treten. So sehr ich Ihnen alles andere gönne und wünsche, man wird sich aber mehr und mehr wohl supremo loco überzeugen, daß am besten für den höchsten Posten ein Diplomat paßt, und wen hätten wir da wohl ? Doch kann ja auch das Begime Hohenlohe länger dauern, er muß nur haushälterisch mit seinen Kräften und dem Einsetzen seiner Person sein. An Feinden, so begeisterte Anhänger er nun speziell in unserem Fach auch finden wird, so sehr Marschall und Holstein gewiß jeden Nerv anspannen werden, wird es dem Armen nicht fehlen. Die Ostpreußen, Waldersee, die Maison militaire, vielleicht bald die ganze Generalität, die wie die Hammel eventuell einem Leittier folgen könnte, und last not least der vielgewandte Ulysses Miquel. Gäbe Gott nur, daß unsere Konservativen die Zeichen der Zeit verstehen. Ohne sie kann man keine Majorität herstellen, denn mit Zentrum und Freisinn wirtschaften, hieße sich in die Sackgasse Caprivischer Staatskunst hineinverirren. So frivol es klingt, irgendein sozialistischer oder anarchistischer Gewaltstreich würde vielleicht ein Zusammenschließen aller gemäßigten, staatserhaltenden Leute inklusive eines Teils von Freisinn und Zentrum ermöglichen. Und dann il faut battre le fer pendant qu'il est chaud! Dann hieße es, das Wahlgesetz ,amendieren', nicht ändern, dazu fände sich nie die Zweidrittelmehrheit. Doch das wissen Sie bei Ihrer höheren Einsicht und größeren Kenntnis der Personen alles viel besser als ich. Lassen Sie uns aber einstweilen der Sonne uns erfreuen, die unstreitig für das Vaterland aus den Wolken bricht. Die ganze öffentliche Meinung ist so sehr für den Fürsten Hohenlohe, daß selbst der Donnergott im Sachsenwalde Friedensmelodien in den ,Hamburger Nachrichten' anstimmt. Was nun speziell unsere Karriere anlangt, so scheint mir jetzt gebotener als je, zumal nachdem Marschall den von ihm so sehnsüchtig erhofften Staatsministertitel erhalten hat, daß endlich etwas für Holstein geschieht. Man sammelt jetzt die Früchte seiner weisen Leitung der auswärtigen Dinge (Bußland, England pp.). Einige naive Leute schreiben dies auf Caprivis Konto, und der eigentliche Leiter steht unbemerkt und ungeehrt abseits. Ob nicht Phili KENNT S. M. SO WENIG SEINE LEUTE? 33 das dem Kaiser klarmachen könnte? Das wird nur sehr schwer sein. S. M. glaubt, er habe allein und selbst die Politik so geschoben. Wird nun unter dem neuen Zaren Werder Botschafter in St. Petersburg bleiben? Der Mann ist ja neuen Verhältnissen nicht mehr gewachsen. Ich habe das feste Zutrauen zum neuen Kanzler, daß, ebenso wie er die Statthalterschaft Botho Eulenburg in Straßburg zu eludieren wußte, er auch die Militärs abhalten wird, in St. Petersburg einzubrechen. Etwas anderes scheint es mir, ob es nicht nötig sein wird, dem geschlagenen Feind eine goldene Brücke zu bauen und dem gefährlichsten der Ostpreußen, dem Hausnarren August Eulenburg, zum längst erstrebten Botschafter zu verhelfen. Sonst wäre wohl Alvensleben der Mann, wenn auch recht schwächlicher Natur. Wie ja auch jeder etwas an sich denkt, obgleich ich kaum für mich an Brüssel (was mir sehr, sehr* recht wäre) zu denken wage, so könnte ich dann wohl auch auf ein Fort aus meiner hiesigen, wirklich unwürdigen Stellung hoffen durch irgendwelche Verschiebung. Was sagen Sie zu Deines Obergouverneur ? Ich rede nicht aus persönlicher Animosität, aber so einem beschränkten, einseitigen Subjekt die Erziehung des Kronprinzen anzuvertrauen, ist starker Tabak. Kennt S. M. so wenig seine Leute? Dazu noch ein verbissener Gegner von Holstein mehr, immer zur Hand und immer um den Kaiser! Sed haec hactenus. Freuen Sie sich auch weiterhin noch, wer weiß auf wie lange, des schönen römischen Winters. Legen Sie mich Ihrer Frau zu Füßen und gedenken Sie an einem gelegentlich trüben Tage Ihres in den nordischen Nebeln verhüllten Anton Monts." Die abfälligen Bemerkungen dieses Briefes über Botho und August Eulenburg, zwei ungewöhnlich kluge und dabei charaktervolle Männer, Botho und waren ungerecht. Gleich schief war die gehässige Beurteilung des Generals -August Deines. Mein alter Kriegskamerad Adolf Deines war ein Idealist und für Eulenour 8 das diplomatische Gewerbe zu sehr Idealist. Aber für den künftigen König und Kaiser und dessen Brüder war kein besserer Erzieher zu finden als der tüchtige, aufrechte und vornehm denkende Adolf Deines. Weniger vornehm denkend hatte sich Monts nach dem Sturz des Fürsten Bismarck sofort von ihm abgewandt, den er früher nur „unseren Heros" zu nennen pflegte, und Holstein in die Arme geworfen. Natürlich hatte er sich gleichzeitig von Herbert Bismarck losgelöst, den er vorher gern mit Jung Siegfried verglich. Am 26. Januar 1895 erhielt ich von Monts die nachstehenden Zeilen: „Ihren politischen Exkurs in Ihrem letzten gütigen Brief unterschreibe ich ohne Bückhalt. Buhe und Stetigkeit vor allem. Allmählich wird der preußischen Mühle dann schon von selbst das Wasser der nationalen * Unterstreichungen in den an mich gerichteten Briefen sind immer vom Briefschreiber vorgenommen worden. 3 Bülow I 34 A LA FRIEDRICH WILHELM IV. Aspiration wieder zufließen. Hohenlohe sprach neulich meo voto sehr gut. Wie freundlich bereitet doch die Bismarckpresse Herbert Bismarck einen Unterschlupf in einer Botschaft vor. Könnte man mit dem Opfer den Alten bekehren und mundtot machen, mag es darum sein. Da das aber nicht der Fall sein wird, kann man Holstein und Marschall nicht diesen Pfahl ins Fleisch setzen, der im besten Falle ein ungenügender Vertreter wäre, vermutlich aber nur Mordsstänkereien machen dürfte." Nachdem Monts, nicht zum wenigsten durch meine Fürsprache bei Hohenlohe, Gesandter in München geworden war, schrieb er mir von dort am 24. Februar 1895: „Nicht gut lauten die mir aus Berlin zugehenden Nachrichten. S. M. ist sehr traurig über den Fortgang und die Entfremdung der Engländer, weil er doch nun kaum nach Cowes kann!! Daher läuft er leider wieder diesen Leuten nach, gerade das Umgekehrte, was er tun sollte! Entsendung der ganz überflüssigen Gardeducorps-Deputation, Privatbrief an die schnapsende Großmutter und mündliche, ebenso wie der Brief dem Amte unbekannte Aufträge des Flügeladjutanten Arnim an die alte Hökerin. Üble Stimmung von Seiner Majestät, läßt er namentlich die Konservativen fühlen. Anstatt diesen geschlagenen Leuten goldene Brücken zu bauen, seil eint er sie leider noch zu verhöhnen. Wie man mir sagt, ist die Mißstimmung dieser Leute, auf die wir doch nun einmal angewiesen sind, daher eine hochgradige. Die jüdischen Kommerzienräte sind sehr gekränkt über den unterbliebenen Umzug auf dem Subskriptionsball, Hofbälle finden nicht statt, weil S. M. die Berliner Gesellscbaft für den Fall Kotze strafen will. Kurz, es sieht trübe aus, ä la Friedrich Wilhelm IV. Sehr gut geht es nur mit der äußeren Politik. Die Krüger-Depesche findet meinen vollen Beifall. Wenn man nur nicht zurückzoppt! Auch die ostasiatische Politik findet jetzt allgemeine Billigung, ebenso unsere Haltung am Goldenen Horn. In erster Linie kann man dies wohl alles Holstein aufs Konto schreiben. Freilich, ohne Hohenlohe wäre er machtlos, zusammen aber arbeiten Feldherr und Generalstabschef in mustergültiger Weise. Etwas zu kurz kommen nur die inneren deutschen Dinge. Speziell in München geht die Monis über Sache gar nicht gut. Bayern handelt zielbewußter in Einrichtung seiner Bayern und Stellung im Reich als je. Wir schwanken zwischen völligem Nachlassen der Zügel und gelegentlichem Aufbrausen. S.M., der Prinz Ludwig im Sommer in München den Wagenschlag öffnete und ihm dann das Wehen seiner Flagge auf der Schiffsjungengondel verbieten will, ist dafür typisch. Haus Wittelsbach versichert sich jetzt vor allem der Armee, die ich als rein dynastisch kennzeichnen muß. Wir haben mit Aufgabe des Inspektionsrechtes die letzte Handhabe verloren. Wo in einem Konfliktsfalle die bayrische Armee stünde, ist zweifellos. Die Illusionen darüber in Berlin kann ich nur belächeln. Eigentümlich ist Crailsheims Haltung. Die Schiidas Reich WASSER IN DEN AUTOKRATISCHEN WEIN 35 derungen Lerchenfelds von der verworrenen Lage in Berlin müssen ihn so impressionieren, daß er jetzt eine völlig ablehnende Haltung einnimmt. Er scheint wieder die alte bayrische Schaukelpolitik aus der Rumpelkammer hervorzuholen. Überall begegne ich seinem Bestreben, sich selbständig zu machen. Sein Ton ist ein viel festerer mir gegenüber, seine Deferenz hohen und klerikalen Wünschen gegenüber eine unbegrenzte. Der Hof ist widerhaariger denn je, gegenseitige Übelnehmerei trotz aller Depeschen pp. vergiften hüben und drüben die Stimmung. Lerchenfeld tut 6ein möglichstes, den Brand zu hellem Feuer anzublasen. Zu Vertrauten äußerte er sich sehr entrüstet über mich, und es ist gar nicht unmöghch, daß er mir schließlich doch erfolgreich ein Bein stellt, da sein Einfluß in Berlin sehr weit reicht, jedenfalls viel weiter wie der meinige. Glücklicherweise scheint Marschall jetzt doch nicht mehr ganz so vertrauensselig zu sein. Wenn man nur mit dem Amt allein zu tun hätte, könnte man die Politik Bayern gegenüber schon einrichten, man ist aber leider vor Überraschungen an allerhöchster Stelle nie sicher und weiß nie, welche Einflüsse sich da geltend machen. Bayern ist ein so wichtiger Faktor, der Schlußstein des ganzen deutschen Gebäudes, daß bei allem und jedem hierauf Rücksicht zu nehmen ist. Vortrefflich wirkt hier die richtige Bismarckpolitik Hohenlohes. Ich sprach neulich darüber mit Schweninger, der die Zufriedenheit Bismarcks darüber meldete und sich selbst auch sehr versöhnlich aussprach. Er äußerte sich aber gleichzeitig sehr besorgt über das Erstarken des Partikularismus, richtiger Separatismus hier zu Lande. Da unsere Freunde im Süden durchweg liberal sind, kann nur eine gemäßigt hberale Reichsleitung Wurzeln hier schlagen. Wir haben diese ja jetzt. Auch hat glücklicherweise S. M. wieder Wasser in den autokratischen Wein seiner Reden getan. Eine Rede aber kann die Arbeit vieler Monate zerstören und mehr dazu. Verlautet hier aber gar etwas über die Regattaschmerzen Seiner Majestät, so ist alles durch die Krüger-Depesche gewonnene Terrain im Handumdrehen verloren. Lerchenfeld lanciert seine Kuckuckseier dann immer in die hiesigen nationalen Blätter. Das wichtigste, die ,Münchner Neuesten Nachrichten', habe ich mir so weit gezähmt, daß sie mit bedenklichen Berliner Meldungen sehr vorsichtig umgehen, eventuell mich zu Rate ziehen. Alle Kanäle aber kann man nicht verstopfen. Sehr geschickt soll Lerchenfeld jetzt gegen das Bürgerliche Gesetzbuch agitieren, ich habe wenig Hoffnung, daß es noch in dieser Session in den Port gebracht wird. Die Verhältnisse bei unseren Bundesgenossen sind j a auch recht unerfreuhche. Die finanzielle Schwächung Italiens erregt mir große Besorgnis, 50000 Mann in Afrika sind eine zu schwere Last für den armen Staat Italien. Und in Österreich! Die Erneuerung des Zoll- und Handelsbündnisses bringt die ganze alte Scheune ins Wanken. Dazu der in Ungarn bevorstehende Krach. Unserer Freunde 3* 36 DAS SCHWIERIGE JUSTE-MILIEU Ansehen in Zisleithanien schrumpft immer mehr zusammen. In Ungarn haben wir eigentlich keine Freunde, innerlich haßt der Magyare den Deutschen kaum minder gründlich wie den Moskowiter. Und was wird aus Bulgarien ? Augenscheinlich will Lobanow den elenden Koburger einstweilen in suspenso lassen, da er einen servileren Satrapen kaum finden dürfte. Auf die Dauer wird die alte Leier doch wieder von vorn gespielt werden, und die beiden Mühlsteine, Selbstgefühl der Bulgaren und Anmaßung der Bussen, werden Ferdinand ebenso wie Alexander zermahlen. So sieht man überall — ich rede gar nicht von Ägypten, Japan usw. — Keime zu Verwicklungen. Die etwas übergroße von uns zur Schau getragene Friedenshebe dürfte uns in der harten Wirklichkeit der Dinge auch nicht frommen, denn wir sind noch lange nicht saturiert, werden auch, beständig mit der Friedensschalmei unterm Arme, schließlich zum Gespött ehrgeiziger Nachbarn. Das Juste-Milieu hier zu finden ist aber sehr schwer. Denn vor allem heißt es doch, England ins Feuer zu schicken. Sind dann letzteres, Bußland und Japan fest engagiert, dann könnte man in Gottes Namen auf die Franzosen losschlagen. Denn ohnedem kommen wir doch nicht zur Buhe, ohne einen äußeren Krieg schließlich können wir auch nicht Deutschland von seiner auf die Dauer unmöglichen jetzigen Verfassung befreien. Mit diesem Beichstag und dem Partikularismus der Glieder geht schließlich alles in Stücke. Doch nun Gott befohlen. Empfehlen Sie mich Ihrer von mir hochverehrten Gattin. Stets Ihr dankbarst ergebener Anton Monts." Monts hatte das Telegramm Seiner Majestät an den Präsidenten Krüger seinerzeit mit Jubel begrüßt und wünschte, daß Wilhelm II. recht bald England noch einmal auf sein empfindliches Hühnerauge treten möge. Seine Beurteilung der bayrischen Verhältnisse, wo er gleichzeitig auf Crailsheim und auf Lerchenfeld, auf den greisen Prinzregenten und auf den Prinzen Ludwig schimpfte, war ebensowenig staatsmännisch. Die Zweifel des Grafen Monts an der nationalen Gesinnung und Treue des bayrischen Heeres, das im Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tage treu und tapfer zum Beiche stand, sind durch die Ereignisse widerlegt worden. Über seine bei einem Besuch in Berlin empfangenen Eindrücke Monts Uber berichtet mir Monts am 20. Mai 1895: „Meine Berliner Eindrücke Berlin 1895 waren, was das Amt anlangt, sehr gute. Holstein geistig und körperlich sehr frisch, in intimstem Verkehr mit Hohenlohe, Marschall lediglich mit Parlament beschäftigt und darin voller Verdienst, Pourtales erledigt mit Hilfe des Professors Krüger sehr gut Holsteins Personaldirektiven und hofft inzwischen im stillen auf einen gelegentlich abfallenden kleinen Posten. Mumm bewährt sich. Als deutscher und geistlicher Beferent ist ein Legationsrat Klehmet tätig. Soll gut arbeiten, scheint intelligent, aber an Form, Kleidung usw. noch hundert Meter DIE MIKROZEPHALEN 37 unter Mumm stehend. Alexander Hohenlohe lernte ich leider nicht kennen. Der Kanzler ist merkwürdig frisch. Ich sprach der Fürstin meine Besorgnis aus, daß direkte Anspannungen, wie die Staatsratssitzungen, ihrem Gemahl doch schließlich schädlich sein müßten. Dazu die geselligen Lasten. Vortrefflich sind nach wie vor die Beziehungen mit S. M., Verkehr mit kleinen Billets-doux. Marschall bleibt also bis auf Weiteres, wenngleich er sich selbst sehr resigniert geriert. Daß Holstein Marschalls sofortigen Abgang zur Kabinettsfrage machen wollte, wissen Sie wohl. Andererseits aber will Holstein einem Wechsel im Laufe der Zeit, falls S. M. ihn dann wünschen sollte, nicht entgegen sein. Ich hoffe aber, die Wogen beruhigen sich. Doch wühlt der Apotheker Lucanus sowie das bismarckisch gesinnte Militärgesinde Imperatoris sehr gegen den armen Staatsanwalt'. Sehr bedenklich ist das Toben der Agrarier. Hohenlohe sagte mir, er stände deren Anträgen unbedingt ablehnend gegenüber. Marschall hat eine bimetallistische Ader, leider. Wenn die Agrarier bessere Taktiker wären, würden sie wohl den Kaiser herumkriegen. So ist Marschall aber der Fels in der Brandung. Am Unterspülen desselben arbeiten leider Adel, Hof und der einflußreichste Teil unserer Bürokratie. Selbst so kluge Leute wie Leo Buch sind ganz verrannt in den Antrag Kanitz. Der Ton der Konservativen im Reichstag ist ein mehr und mehr gereizter. Im Kasino predigt alle Abend Mirbach-Sorquitten einem Kreis von Mikrozephalen. Die Sozialdemokratie soll, wie ich von gut unterrichteten Leuten höre, jetzt auch unter den kleinen Beamten, Postboten, Schutzleuten, Amtsdienern immer weitere Anhänger gewinnen. Man hofft, daß sie sich allmählich zu einer radikalen Linken umgestalten wird. Eigentümlicherweise sind schon heute die sozialistischen Abgeordneten in vielen Fragen geradezu eine Stütze der Regierung. Von mancher Seite wurde der Fleiß und das Studium dieser Volksvertreter zu wenig vorteilhaften Vergleichen mit den konservativen Deputierten benutzt. Was sagen Sie zu Bill Bismarcks Ernennung zum Oberpräsidenten in Königsberg? Ich sprach ihn, er schien sehr erfreut. Pubheus ist sehr gut davon impressioniert. Wie ich als sicher hörte, hat aber außer August Dönhoff auch der Exminister Botho Eulenburg die Stellung refüsiert. Koller machte mir keinen sehr angenehmen Eindruck, sehr zurückgegangen schien Bötticher zu sein. Im Amt ist man mit Schenk unzufrieden und will ihn durch Heyking, der für Kairo zu schneidig ist, ersetzen. Nach Buenos Aires aber soll ein Homo novus namens Müller-Raschdau kommen. Komme ich hier einmal los, belästige ich Ihre hebenswürdige Gebieterin mit der Bitte, mir etwas Seidenstoff zu besorgen; ihr Geschmack ist ebenso bekannt wie ihre Güte, sodaß ich wohl die Bitte seinerzeit wagen möchte. Von Ihren Brüdern sah ich in Berlin nur den Ulanen Karl Ulrich, mit dem ich eines Abends Skat spielte. Er 38 KEINE WAHREN FREUNDE macht einen sehr angenehmen und gescheiten Eindruck. Vivat die Gens Bülow! Mit diesem Rufe, herzlichstem Gruß und angelegentlichster Empfehlung an Ihre Frau schließe ich diesen italienischen Salat, den ich, immer wieder unterbrochen, schnell zusammenschmieren mußte. Ihr treuer Monts." Uber die Eindrücke, die er bei einem zweiten kurzen Besuch in Berlin empfangen hatte, schrieb Monts am 27. März 1896: „S. M. begrüßte mich sehr flüchtig, der Kanzler dagegen lang und eingehend, immer der alte, klare, ruhige, leidenschaftslose Kopf. Nur stöhnt er etwas über den Kaiser und die Last der Geschäfte. Im Amt hat Holstein völlig die Führung. Seine Arbeitskraft ist bewunderungswürdig. Leider nur steigert sich beinahe seine Nervosität und Empfindlichkeit. Seine Beziehungen zu Alexander Hohenlohe, dem nächsteinflußreichen Manne, sind wieder regulär, doch scheint letzterer sich selbst und dadurch seinem Vater manche Feinde durch etwas zu nonchalantes Wesen und zu sehr zur Schau getragene Mißachtung des Mandarinentums zu verschaffen. Mumm (Extradry) schwamm auf dem Nil, Pourtales etwas zu sehr in Diners und eigener Größe, Klehmet bienenfleißig, aber höchst mittelmäßiger Kopf. Rotenhan scheint Anwandlungen von Selbständigkeit zu zeigen, die aber niemand ernst nimmt. Einstweilen zählt er des alten Otto Bülow Tage, um dann beim Vatikan die Dinge völlig zu verfahren. Marschall ist sehr gehoben durch seine parlamentarischen Erfolge. Wie er mit Holstein zur Zeit steht, konnte ich leider nicht ermitteln. Schwer drückt auf Holstein die geringe Gunst Imperatoris. Soweit das Amt. Viel ungünstiger waren meine sonstigen Eindrücke. Die Gesellschaft zeigt das Bild der Zersetzung, die mannigfachen Unklugheiten des Kaisers zeitigen jetzt ihre Früchte. Er hat außer dem eigentlichen Hofgesinde und den militärischen Höflingen leider gar keine wahren Freunde, und diese sind danach. Durch die ungleiche Behandlung der Princillons hat der Kaiser sich nun auch den letzten Rest der Sympathie des hohen Adels verscherzt. Der agrarische Kleinadel, schon an sich tief verbittert, ist durch gelegentliche soziale Rücksichtslosigkeiten noch mehr verstimmt. Die Welt der jüdischen Kommerzienräte ist durch das reaktionäre Treiben, die Frömmelei, sehr verletzt. Das Beamtentum kann nicht florieren, wenn Männer wie Bötticher immer noch weitergeschleppt werden und offener Widerstand gegen die Maßregeln des Ministeriums geheimen, aber mächtigen Rückhalt an allen möglichen einflußreichen reaktionären Berliner Persönlichkeiten findet. Und doch gibt es unter den BerHner Geheimen Räten nach wie vor vortreffliche Männer, denen nur die Vorgesetzten und der Parlamentarismus die Flügel beschneiden. Nicht schön ist endlich die Stimmung in militärischen Kreisen. In der Garde hat man das Gefüld, lediglich Spielzeug zu sein. An der Befähigung der höheren Führung tauchen HOF UND GENERALITÄT FÜR STAATSSTREICH 39 allseitig ernste Zweifel auf. Die Offizierkorps leben allgemein über ibre Verbältnisse, das Gift der Sozialdemokratie frißt sieb immer tiefer in die Reiben der gemeinen Soldaten binein. Uber die parlamentarische Misere brauche ich Ihnen nichts zu sagen. Ich komme oft mit alten Freunden aus der konservativen Partei zusammen und war entsetzt über die Ansichten derselben, gerade der klügsten von allen, Leo Buch, Heydebrand usw. Auch hier trat wieder ausgesprochene Abneigung gegen S. M. zu Tage. Ihren früheren Militärattache Engelbrecbt sah ich auch, er zeigte sich verstimmt und resigniert, hofft auf eine Brigade und dann auf den baldigen Abschied mit besserer Pension. Das Fazit aus allen diesen Unerfreulichkeiten, von denen freibch Hohenlohes nicht gering zu schätzende innere Pazifierungspolitik sich vorteilhaft abhebt, ist meo voto die Notwendigkeit, allseits sehr kurz zu treten. Solange Hohenlohe und Holstein die Zügel der auswärtigen Politik trotz gelegentbcher Eingriffe des Kaisers fest in der Hand halten, werden wir schon gut weiter lavieren. Was aber dann! ? Nach innen sprechen Hof und Generalität noch immer von Staatsstreich. Wendet man dann ein, dies sei das Ende des Reichs, dann heißt es: Um so besser, dann werden wir wieder ein Groß-Preußen mit 35—40 statt ein Reich mit 10—20 Millionen unzuverlässiger Einwohner mehr. Gott sei Dank fühlt S. M. aber durchaus deutsch und kaiserlich. Auch steht er dem Blödsinn des Bimetallismus, des Antrags Kanitz usw. durchaus feindlich gegenüber. Phili Eulenburg sah ich in Berlin, leider recht abgespannt und elend, vorigen Sonntag begegnete ich ihm wieder, gottlob sehr viel frischer und gesünder aussehend. Stets Ihr getreuer Anton Monts." III. KAPITEL Weitere Zuschriften des Grafen Monts über Schädigung des Reichsgedankens und des Ansehens der Kaiserkrone durch die letzte besonders exzentrische Rede Wilhelms II. vor dem Brandenburger Provinziallandtag am 22. III. 1897 • Die von Monts bei einem Besuch in Berlin gewonnenen persönlichen Eindrücke • Die Schilderungen von Monts bestätigen die Sorgen und Befürchtungen, die Bülow seit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck erfüllten • Wie ihm bei der Übernahme der auswärtigen Geschäfte die internationale wie die innerdeutsche Lage erscheint • Rückkehr nach Berlin • Dort inzwischen erfolgter Personalwechsel • Brief des Freiherrn von Marschall (4. VII. 1897) Ich habe schon früher erzählt, wie stark die Persönlichkeit Wilhelms II., sein lebhafter und origineller Geist, seine Liebenswürdigkeit und Güte für Zentennarrede mich bei den wenigen Gelegenheiten gewirkt hatten, bei denen ich bisher mit ihm in amtliche Fühlung getreten war. Diese Anlässe waren aber mehr festlicher, repräsentativer Natur gewesen. Jetzt lag die Sache anders. Jetzt hieß es für mich, dem Kaiser in der Prosa der politischen Tagesarbeit nahe sein, ihn vor übereilten Entschlüssen zu behüten, ihn allmählich auf den Weg einer gewissen Stetigkeit zu dirigieren. Wie groß die Schwierigkeit sein mußte, mit dem ungewöhnlich begabten, aber mehr und mehr eigenwilligen, hier und da ganz hemmungslosen Regenten auszukommen, entnahm ich einem weiteren Brief von Monts, der sich mit der sehr üblen Rede beschäftigt, die Wilhelm II. am 22. März 1897 bei einem Festmahl des Brandenburger Provinziallandtages gehalten hatte und die alle früheren oratorischen Leistungen Seiner Majestät an Taktlosigkeit übertraf. Nach einem schwülstigen Lob seines Großvaters, der heüig gesprochen worden wäre, wenn er im Mittelalter gelebt hätte, und an dessen Gebeinen in jenen frommen Zeiten Pilgerzüge aus allen Ländern Gebete verrichtet hätten, gab Wilhelm II. zu, daß durch Gottes gnädige Fügung in der Nähe seines Herrn Großvaters einige brave Ratgeber gewesen wären, welche die Ehre gehabt hätten, die Gedanken ihres Souveräns, dieses gewaltigen Mannes, dieses großen Herrn, auszuführen. Mit ihm selbst verglichen aber wären diese Ratgeber nur Pygmäen gewesen, Handlanger des allerhöchsten, erhabenen Willens. Am Schluß seiner Rede hatte Wilhelm II. zum Kampf gegen den Umsturz „mit allen Mitteln" aufgerufen, der nicht mehr „vor der geheiligten Person des allerhöchsten Herrn" Halt mache. Wer diese EINDRUCK DER HANDLANGERREDE 41 Rede las und hörte, mußte sich baß darüber wundern, daß derselbe Monarch, der einen solchen Appell an seine Brandenburger richtete, wenige Jahre vorher den stärksten Widersacher aller Umsturzbestrebungen, den Fürsten Bismarck, fortgeschickt hatte. Über den Eindruck, den diese Rede in München machte, hatte mir am 2. März 1897 Monts zutreffend geschrieben: „Meine neulich geäußerten Befürchtungen betreffs einer kaiserlichen Zentennar-Rede sind in kaum geahnter Weise in Erfüllung gegangen. Unsere Feinde hier finden es kaum noch nötig, unter scheinheiligem Achselzucken über den eigent- lich nicht mehr zurechnungsfähigen hohen Redner ihre helle Freude zu verbergen. Die Nationalgesinnten gleichen einem aufgeschreckten Hühnervolk. Der gebildete süddeutsche Durchschnittspolitiker, auch der klerikale, ist entrüstet über die von S. M. behebte Geschichtsfälschung und die Bezeichnung der Moltke und Bismarck als Handlanger des erhabenen Herrschers. Auch findet man allgemein den Ausfall gegen die Sozialdemokratie sehr taktlos. Bezüglich der Heiligsprechung (welches Bild für einen Herrscher protestantischen Glaubens!) bemerkt das partikulari- stisch-klerikale Münchener ,Vaterland', wenn das Volk nur erst zu allen Gebeinen deutscher Kaiser wallfahren könne, dann wäre ihm freilich wohler. Wohin treiben wir? Die Scholle noch nicht unterwaschenen Erdreichs, auf der der Vertreter des Reichs in Bayern steht, wird immer kleiner. Eine ähnliche Flut wie der märkische Redeschwall spült sie vollends hinweg. Einstweilen ist jedenfalls der Trumpf, den wir im toten allverehrten Kaiser in der Hand hier hatten, unter den Tisch geworfen, da einen Wilhelm den Großen hier absolut niemand akzeptiert. Verzeihen Sie, wenn ich Ihren vielen Sorgen um das Kretische Pulverfaß noch dies hors d'oeuvre hinzufüge." Am 4. Juni 1897 schrieb mir Monts: „Ihr vortreffhcher und sehr einsichtiger Bruder Alfred — ich möchte dies hier ganz besonders hervor- Monts über heben, Alfred ist und wird einer unserer besten Leute — wird über meine die Situation Auffassung der Lage Ihnen rapportiert haben. Ich möchte heute nur mit von 1897 Bezug auf die deutsche innerpolitische Lage an ein Wort des verstorbenen Grafen Eugen Kinsky erinnern, der in Wien einmal gefragt, was in einem kritischen Moment die Wiener Regierung wohl tun würde, antwortete: ,Weiß i, was das Dümmste ist?' Sie leben nicht in Deutschland. Trotz Ihres weiten Blickes und Ihrer weitreichenden Beziehungen können Sie sich kaum die ganz exakte Vorstellung der Verstimmung der Geister machen, speziell hier im Süden. Das einzige Erfreuliche ist, daß trotz allem die materielle Interessengemeinschaft so groß ist, daß man nicht auseinander will. Dies ist aber auch das einzige Gute. Vor allem hat der Kaiser die Abneigung gegen ihn persönlich auf einen Grad gebracht, der höchst bedenklich ist, so bedenkhch, daß merkwürdigerweise Casa Wittelsbach bis zu 42 WILHELM II. UND DIE VERBLENDETEN einem gewissen Grad für ihn auf mildernde Umstände anträgt. Die Reden und das Gebahren des Prinzen Ludwig in dieser Richtung sind sehr typisch. Es tritt das Solidaritätsgefühl der Prinzen in Erscheinung und die Erkenntnis, daß, fällt Berlin, die monarchischen Kartenhäuser hier in München, in Stuttgart und Greiz nachstürzen. Dabei ist man hier über die Gemütsdisposition des Kaisers völlig orientiert. Ich glaube kaum, daß letztere so ernst ist, wie die Pessimisten annehmen, daß aber Gefahr im Verzuge, ist mein Eindruck, auch nach meinem letzten Ersehen." Monts hatte bei einem Besuch in Berlin den Kaiser unter vier Augen hebenswürdig und soweit verständig gefunden. „Dann kamen mehrere Leute. Der Kaiser renommierte, wurde unklar und unangenehm, auch traten fixe Ideen zutage, Verfolgungsideen betreffend Bismarck, die Überhöhung des alten Wilhelm usw. Was man auch sagen mag, hier Hegt der Hund begraben. Ich habe, Sie glauben nicht, was man hier hört, und auch in Berlin, aus Andeutungen von Ärzten entnommen, daß der Kaiser noch zu kurieren sei, mit jedem Tage aber die Möglichkeit geringer würde. Phili darf man über diese Dinge nicht sprechen, er ist als Gefühlsmensch für solche Reflexionen nicht zu haben, glaubt außerdem trotz aller Evidenz, wie ich meine, ehrlich, an allen Gerüchten sei kein wahres Wort. Meine einzige Hoffnung ist nur der Kaiser selbst. Ob er nicht doch gelegentlich einen Einblick gewinnt, fühlt wie es mit ihm steht und wohin er sein Vaterland gesteuert hat. Wäre er von ehrlichen Leuten umgeben, müßte bei der hohen Intelligenz von S. M., bei den vielen ruhigen und klaren Momenten, schon längst der psychologische Augenblick da sein. Es scheinen aber zu viel Ehrgeiz, zu viele Verblendete die guten Regungen schnell wieder zu ersticken in der Lage zu sein. Das Jagen von Ort zu Ort, von Fest zu Fest, der Verkehr mit allen und jedem läßt keine innere Prüfung zu. Meine Uberzeugung trotz alledem ginge dahin, daß ein Jahr ruhigen Landlebens, wobei nur die nötigsten Repräsentationspflichten erfüllt würden, das Gleichgewicht wieder herstellen könnte. Entschließt sich aber S. M. hierzu nicht, so sehe ich eine unvorbereitete Gewaltpolitik voraus, Staatsstreiche, die ohne Zweck und Ziel auf ihre Urheber zurückfallen und mit dem Ende Kaiser Wilhelms II. schließen werden. Dazwischen wird freilich unendlich viel nach innen und außen verloren gehen. Ein Schwimmen gegen den Strom brachte selbst Caprivi und sein Adjutant Ebmeyer ä la longue nicht zu Wege. Die Nation, kinderleicht zu führen wie kein zweites Volk der Welt, läßt sich nicht an das Gängelband des abso luten Herrschers, der Junker und Pfaffen mehr nehmen. Der Deutsche verlangt ruhigen Genuß der bürgerlichen Freiheit, wobei er gern eine starke monarchische Gewalt über sich weiß. Die Lage nach innen wäre ja so günstig. Der Sozialdemokrat wächst sich zum radikalen Philister aus, seine Führer sind nicht minder uneins wie die Koryphäen des Zentrums, die INTRIGANTEN 43 Begehrlichkeit der agrarischen Konservativen wird nur durch ihre Borniertheit übertroffen. Man könnte peu ä peu alles mittelst divide et impera und ohne irgendwelche Konzession von den Leuten erreichen, und so macht man immer das Umgekehrte von dem, was zum Ziele führt. Diese Vereinsnovelle! Wie der alte Hohenlohe darin willigen konnte, ist mir noch unklar, da ich einige Zeit ohne Nachricht bin. Und dann dieser Hornochse, der Recke, der steht ja noch tief unter Koller. Sein Auftreten war ein geradezu klägliches. Ein zweites hübsches Lied könnte ich Ihnen von dem zweiten ,Versprechen' des Kanzlers singen, der Strafprozeßsache. Das Schlimmste ist, daß der Standpunkt der sogenannten Berliner Regierung je nach dem momentanen Einbläser immer wieder wechselt. Zweimal konzedierte man Bayern seinen obersten Gerichtshof, zweimal nahm man dies zurück. Der Patriot muß wirklich sein Haupt verhüllen. Der klare Mann sieht den Abgrund, dem wir zueilen, aber ändern kann er es nicht. So denkt ja auch Holstein. Inzwischen ist innerhalb Deutschlands und angesichts des Eingreifens des Kaisers auch in die äußere Pobtik doch ziemlich weiten Kreisen die Einsicht aufgegangen, wie vortrefflich die Nachfolge des großen Kanzlers, in dessen eigenstem Departement der Wilhelmstraße, ihres Amtes waltet. Ich konnte dies unzweifelhaft konstatieren. Nur so erklärte es sich auch, daß die allgemeine Enttäuschung über das Vereinsgesetz, die trotz der Landratskammer bis weit in konservative Kreise reicht, sich nicht in In- vektiven gegen den alten Kanzler Luft machte. Allseitig, am wenigsten von der ,Kreuzzeitung' und ihrem traurigen Agrariergefolge, wurde Hohenlohe geschont. Auch wird bisher noch von keiner Seite, außer gewissen Kuckuckseier legenden Intriganten, die Einlösung des zweiten Versprechens urgiert. So möchte ich beinahe hoffen, wir erreichen das Triennium des Hohenloheschen Kanzlertums. Was aber dann ?! Alfred wird Ihnen erzählt haben, welch tiefen Groll S. M. gegen Marschall hegt und wie Alfred und ich inständigst auf Phili einwirken, daß er dagegen Einspruch erhebt. Phili sagte dies auch zu und erkennt am besten die momentane Unentbehr- lichkeit von Marschall. Geht aber Marschall, geht auch Holstein, wie wohl auch Hohenlohe, der jetzt sehr richtig bedauert, Bronsart geopfert zu haben, ohne Marschall nicht bleibt. Utinam dii immortales hanc rem bene vertant, können wir nur sagen. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Sommer. Gott behüte Sie. Empfehlen Sie mich Ihrer heben guten Frau. Stets Ihr treuer Anton Monts." Die Situationsberichte von Monts gaben mir von der Lage der Dinge in Deutschland ein in manchen Einzelheiten und insbesondere in den Der Wert der Werturteilen nicht immer zutreffendes, aber doch auf scharfer Beobach- Montsschen tung beruhendes Bild. Es war ein für die mir bevorstehende Aufgabe wenig Bericllte ermutigendes Bild. Und was das Übelste war: die Schilderungen von 44 DER SCHWARZSEHER FÜRST BISMARCK Monts stimmten in der Hauptsache mit dem überein, was mir von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend, aber im Endresultat sich deckend, Herbert Bismarck und Phüi Eulenburg gesagt und geschrieben hatten. Was ich von beiden über den rapide schwindenden Nimbus des Kaisers und damit leider auch der Krone, über die stark erschütterte Autorität der Regierung, die allgemeine Unsicherheit und die Unzufriedenheit in Deutschland hörte, bestätigte nur zu sehr die Sorgen und Befürchtungen, die mich selbst seit der in pietätloser und brutaler, in ungeschicktester Weise erfolgten Verabschiedung des Fürsten Bismarck erfüllten, vor der ich am 2. März 1890 in meinem Bukarester Brief an Phüi Eulenburg vergeblich gewarnt hatte. „Ich sehe schwarz in die Zukunft", hatte Fürst Bismarck schon im März 1891 zu Frau von Spitzemberg gesagt, der ihm und seiner Frau seit langen Jahren befreundeten Gattin des württembergischen Gesandten in Berlin, die es mir wiedererzählte. Das furchtbar Gefährliche im Charakter des Kaisers sei, daß er dauernd keinem, momentan jedem Einfluß zugänglich wäre und alles sofort zur Tat werden lasse, somit jede Stetigkeit aufhöre. Dazu Mangel an Rechtsgefühl und Augenmaß. Er achte weder noch empfinde er das Recht anderer und schieße immer über das Ziel hinaus. So Fürst Bismarck an Frau Hildegard von Spitzemberg, ein Jahr nach seinem Rücktritt. Meine Gedanken und Betrachtungen hatten sich in erster Linie der aus- Bismarck wärtigen Politik zuzuwenden, deren Leitung ich übernehmen sollte. Die mir und von Marschall hinterlassene Erbschaft war nicht erfreulich und nicht leicht. Rußland R u ß] arl( j war durch die von uns abgelehnte Erneuerung des Bismarck- schen RückVersicherungsvertrages vor den Kopf gestoßen und in die französischen Arme getrieben worden. England war durch das Krüger- Telegramm, Japan durch den von Holstein ausgeklügelten ostasiatischen Dreibund tief verletzt worden. Weniger die englische Regierung und die leitenden japanischen Staatsmänner als die breiten Schichten des englischen Volkes und die japanischen Intellektuellen. Frankreich war durch die bisweilen taktlosen Avancen des Kaisers nicht versöhnt worden, während das Bündnis mit Rußland das französische Selbstgefühl und mit dem Selbstgefühl die Hoffnung auf die große Revanche, la grande revanche, mächtig gesteigert hatte. Während neben mir die Wellen des Fröschnitzbaches murmelten, überdachte ich das internationale Schachbrett, wie es vor mir lag. Ich erkannte bald, daß der Punkt, der für uns entscheidend war, an der Newa lag. Schon Friedrich der Große hatte in seinem Testament geschrieben: „Von allen Nachbarn Preußens ist das russische Reich das gefährlichste, sowohl in Bezug auf seine Macht, als durch seine Lage. Die Regenten Preußens nach mir haben Grund genug, die Freundschaft mit diesen Barbaren zu pflegen." Der große König war während des Siebenjährigen DER DRAHT NACH ST. PETERSBURG 45 Krieges nur durch einen in St. Petersburg eingetretenen Thronwechsel im kritischsten Moment des Krieges gerettet worden. Unsere Erhebung und Erlösung nach Jena war dadurch ermöglicht worden, daß Friedrich Wilhelm III., die Königin Luise und Fürst Hardenberg sich auch durch das traurige Schauspiel von Tilsit nicht verleiten ließen, den Draht abzureißen, der Potsdam mit St. Petersburg verband. In den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms III. und namentlich unter Friedrich Wilhelm IV., dessen nervöser Schwäche die rohe Kraft des Kaisers Nikolaus, dessen irrlichte- lierender Phantasie die geradlinige Brutalität des damahgen Zaren zu sehr imponierte, waren wir in eine oft nicht würdige Abhängigkeit von unserem östlichen Nachbarn geraten. Aber Bismarck hatte 1864 die Befreiung der Elbherzogtümer, 1866 den Ausschluß Österreichs aus Deutschland und die preußische Hegemonie in Norddeutschland, 1870 bis 1871 Kaiser und Reich nur erreichen können, weil er mit genialer Gleichgültigkeit für Gefühlsmomente sich seit seinem Amtsantritt, namentlich durch seine richtige Behandlung der polnischen Frage, die russische Rückendeckung gesichert hatte. Er hatte auf dem Gebiet der deutsch-russischen Beziehungen einmal, nur einmal einen großen Fehler begangen. Wer ist unfehlbar ? Wem gebngt alles ? Auf dem Berliner Kongreß hatte Bismarck 1878 den russischen Kanzler Gortschakow, dessen Eitelkeit und dessen affektiertes Parisertum ihm zuwider geworden waren und der ihn 1875 geärgert hatte, seinerseits schlecht behandelt, was diesen wiederum dazu trieb, Kaiser Alexander II. und die „Intelligenz" in Rußland gegen Deutschland aufzuhetzen. Bismarck hatte 1879 unter dem irrigen Eindruck, daß der Zar in Alexandrowo versucht habe, Kaiser Wilhelm gegen seinen großen Minister aufzustacheln, die Schwenkung zur Allianz mit Österreich ab irato und deshalb zu hastig und heftig vollzogen. Aber der Fürst hatte, nachdem die Fehler begangen worden waren, alle Ressourcen seines erfindungsreichen und elastischen Verstandes in Bewegung gesetzt, um das gestörte Verhältnis zu Rußland zu sanieren. Er hatte hierbei volles Verständnis und volle Unterstützung bei seinem alten Herrn gefunden, der noch auf dem Sterbebette dem Enkel und Nachfolger zugeflüstert hatte: „Mit Rußland stelle dich nur gut, davon haben wir viel Nutzen gehabt." Aus diesen Worten sprach nicht nur die Erfahrung langer Jahrzehnte, es sprach aus ihnen die ganze preußische Geschichte. Trotzdem hatte sich Kaiser Wilhelm II. durch Caprivi, Marschall und (last not least) Holstein verführen lassen, den Rückversicherungs- Die vertrag mit Rußland zu kündigen, obwohl er nach der Entlassung von Kündigung Bismarck dem russischen Botschafter Schuwalow persönlich erklärt hatte, des Rück ~ der Vertrag werde von uns aufrechterhalten werden. Die Kündigung war versicherun S s - VGTtTflf^ft in verletzender und ungeschickter Weise erfolgt. Sie hatte, wie dies von 46 REVANCHE Bismarck vorausgesehen und vorausgesagt worden war, automatisch die russisch-französische Allianz zur Folge gehabt, die bei den beteiligten Völkern inzwischen viel zu sehr in succum et sanguinem übergegangen war, als daß an ihre Aufhebung gedacht werden konnte. Die große Mehrheit der Franzosen scheute den Krieg, aber Elsaß und Lothringen, Metz und Straßburg waren nicht vergessen. Nur wenige erlesene Geister träumten in Frankreich den schönen Traum von allgemeiner Völkerversöhnung und durch sie von einem ewigen Frieden. „Qui dit alliance russe, dit revanche", sagte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein kriegsscheuer Deputierter zu dem Präsidenten der Patriotenliga Paul Deroulede. Dieser erwiderte, den Ängstlichen beruhigend: „Qui dit alliance russe, dit securite de la France." Die weit überwiegende Mehrheit des französischen Volkes sah in der Allianz mit Rußland, wenn nicht die einzige wirkliche, so doch die ganz überwiegende Garantie gegen einen deutschen Angriff. Aber auch in Rußland war an eine Preisgabe dieser Allianz und Abwendung von Frankreich nicht mehr zu denken. Keine russische Regierung konnte, noch dazu unter einem schwachen Herrscher wie Nikolaus II., es wagen, die Allianz mit Frankreich wieder aufzuheben. Es blieb also für uns nur übrig, im Rahmen dieser Allianz und trotz dieser Allianz zu Rußland ein Verhältnis aufrechtzuerhalten, das uns vor einem Zusammenstoß mit ihm bewahrte. Das war eine Frage diplomatischer Geschicklichkeit. „Im Westen freilich kann der Topf einmal überkochen, daß wir aber von Osten her angegriffen werden, glaube ich nicht, wenn unsere Diplomatie so geschickt ist, wie sie sein könnte", hatte am 10. Juli 1892 der Alte im Sachsenwalde einer Abordnung württembergischer Verehrer gesagt, die er mit den Worten aus Schillers „Glocke" begrüßt hatte: „Friede sei ihr erst Geläute." Die Aufrechterhaltung friedlicher und freundlicher Beziehungen zu Rußland war nur möglich bei sorgsamer Beachtung der Punkte, wo wir uns nicht in einen nicht wieder gut zu machenden Gegensatz zu Rußland stellen durften. Wir mußten Rußland zwar keinen Zweifel darüber lassen, daß wir ihm Österreich-Ungarn nicht opfern wollten, noch konnten. Aber Rußland mußte immer den Eindruck haben, daß die Führung im deutschösterreichischen Bündnis bei Deutschland lag und daß die deutsche Politik ein gutes Verhältnis zu Rußland im friderizianischen und bismarckschen Sinne wünsche und ehrlich erstrebe. In specie durfte in Rußland keinerlei Zweifel darüber aufkommen, daß wir trotz unserer wirtschaftlichen Interessen in der Türkei in der Dardanellenfrage uns Rußland nicht in den Weg stellen würden. An dieser für Rußland empfindlichsten Stelle durften wir ihm nicht entgegentreten, das mußten wir anderen überlassen. Die Öffnung der Dardanellen für russische Kriegsschiffe war mit dem Fort- ENGLISCHE GEREIZTHEIT 47 bestand der Türkei wohl vereinbar, ein etwaiges Erscheinen der russischen Flotte im Mittelmeer mochte für Frankreich, Italien, England unbequem sein, uns konnte es gleichgültig lassen. Wir mußten weiter nicht nur in Worten, sondern auch tatsächlich Rußland davon überzeugen, daß wir uns unserer Solidarität mit ihm in der polnischen Frage bewußt wären und nicht daran dächten, die polnische Karte gegen Rußland auszuspielen. Von einem französischen Historiker, der die preußisch-russischen wie die russisch-französischen Beziehungen zu seinem Spezialstudium erwählt hatte, von Albert Vandal, war das Wort geprägt worden, daß die Teilung Polens die blutige Wiege, „le berceau sanglant", der preußisch-russischen Freundschaft gewesen wäre. Wir mußten endlich in Petersburg immer wieder in geeigneter Weise darauf hinweisen, wie viele gemeinsame dynastische Interessen die beiden Regierungen und Reiche gegenüber revolutionären Gefahren verbänden. Denn es lag für den Weiterblickenden auf der Hand, daß, wie auch ein Krieg zwischen den beiden nordischen Reichen endigen möge, die Dynastien höchstwahrscheinlich die Zeche bezahlen würden. Auch das Verhältnis zu England war für uns von überragender Wichtigkeit. England vermochte nicht wie Rußland die deutsche Eiche an der Deutschland Wurzel zu treffen. Es konnte aber viele edle Zweige abhauen und schönes um * England Laubwerk vernichten. Es konnte uns unsere Kolonien entreißen, unsere Schiffahrt und unseren Handel zerstören und damit Milliardenwerte. Ich war immer überzeugt, daß, solange wir ein freundnachbarliches Verhältnis zu Rußland aufrechtzuerhalten verstanden, England uns nicht angreifen würde. Aber ich habe nie daran gezweifelt, daß, wenn wir mit Rußland aneinander kämen, die englische Politik, die mit beinahe unfehlbarem Instinkt das für England Nützliche tut, im Falle eines deutsch-russischen Krieges eine solche Gelegenheit nicht versäumen würde, die stärkste Macht auf dem Kontinent und damit den traditionellen Gegner Englands, vor allem aber seinen größten Rivalen in Schiffahrt und Handel zu vernichten. Gerade im Sommer 1897 hatten große englische Blätter Angriffe gegen Deutschland gebracht, die nicht als vorübergehende Stimmungen und als papierner Lärm beiseite geschoben werden konnten, denn aus ihnen sprachen jene englische Selbstsucht und unbeirrbare Realpolitik, die im letzten Ende immer die englische Außenpolitik bestimmt haben. Als in den achtziger Jahren die deutsche Industrie einen stärkeren Aufschwung nahm als den englischen Monopolisten erwünscht war, zeigte sich der Durchschnitts-Engländer schon beunruhigt. Die Krüger-Depesche vom 3. Januar 1896 zerriß den freundlichen Schleier, der bis dahin das tatsächlich seit lange nicht besonders herzliche Verhältnis zwischen den beiden germanischen Vettern verhüllt hatte. Als ich zur Leitung der auswärtigen Politik berufen 48 ITALIEN IM DREIBUND wurde, lag die Situation zwischen dem deutschen Volke und dem englischen Volke schon klar zutage. Die vor uns hegende, unendlich schwierige Aufgabe war, die Flotte, die wir gerade gegenüber England brauchten um der Milliardenwerte willen, die wir dem Meere anvertraut hatten, bis zu der Stärke zu bauen, wo ein Angriff gegen uns zu einem ernstlichen Risiko für den Angreifer wurde, ohne doch gerade durch diesen Flottenbau den Blitz auf uns herabzuziehen. Unser Verhältnis zu Italien hatte 1897 in den Augen der Italiener schon Italien manches von seinem ersten Schimmer verloren. Als Bismarck und nach ihm unter Cnspi Caprivi-Holstein dem Wunsche Crispis, bald zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem in Italien damals sehr verhaßten Frankreich zu kommen, kühl und ablehnend begegneten, erkannten die Italiener allmählich, daß der Dreibund in den Augen der Deutschen mehr eine Versicherungsgesellschaft als eine Erwerbsgenossenschaft sein sollte und daß sie ihre Vergrößerungspläne, sei es im Norden der Halbinsel und an den Ufern des Adriatischen Meeres, sei es in westlicher Richtung und an der Nordküste Afrikas, zurückstellen müßten. Aus dem unglücklichen Ausgang der abessinischen Expedition und den üblen Folgen des von Crispi begonnenen Handelskrieges mit Frankreich entnahmen viele Italiener die weitere Lehre, daß sich schlecht mit der größten lateinischen Nation zu stellen, für Italien auch seine Schattenseite habe. Der Italiener ist Realpolitiker. Alles in allem ist das italienische Volk mit dem englischen wohl das politisch begabteste der europäischen Völker, ob es sich um die Mon- signori handelt, die vom ältesten und größten Palast der Welt, dem Vatikan, aus den internationalen hierarchischen Apparat der Katholischen Kirche dirigieren oder um die Minister, die auf dem anderen Ufer des Tiber die Außenpolitik des geeinigten Königreichs Italien führen. Die Behandlung Italiens von unserer Seite mußte vorsichtig, taktvoll und elastisch sein, unter sorgsamer Beobachtung der Imponderabilien, die gerade in diesem Lande schwer ins Gewicht fallen, wo auf „gentilezza" der Form Wert gelegt wird. Eine entschiedene Verschlechterung unserer auswärtigen Lage war seit Japan der Entfernung des Fürsten Bismarck in bezug auf Japan eingetreten, das wir durch das mißglückte Holsteinsche Experiment des ostasiatischen Dreibunds stark verschnupft hatten. Noch mehr vielleicht durch das unglückselige Bild des Kaisers, dem er die Unterschrift gegeben hatte: „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter." Niemand verstand, wieso die heiligsten Güter der europäischen Menschheit durch die milde Lehre des Buddha bedroht sein sollten. Aber Wilhelm II. hatte sich mit dem ihm bei aller Flatterhaftigkeit gelegentlich auch wieder eigenen Starrsinn so sehr in diese Wahnidee verbissen, daß ihm selbst der einzelne Japaner anti- „VÖLKER EUROPAS...!" IN DEN OSTASIEN-SCHIFFEN 49 pathisch geworden war. Er behandelte die japanischen Diplomaten und Militärs trotz meiner und anderer Leute Vorstellungen persönlich schlecht und nötigte Ballin und Wiegand, die im übrigen von ihm mit großer Auszeichnung behandelten Direktoren der Hamburg-Amerika-Paketfahrt- Aktiengesellschaft und des Bremer Norddeutschen Lloyd, dieses sein groteskes Bild in ihren nach Ostasien fahrenden Schiffen aufzuhängen, zur Freude der Engländer, die aus solcher Verletzung japanischer Gefühle bis zum letzten Tage der Begierung des Kaisers für sich nicht unerhebhchen Nutzen ziehen sollten. Das Gesamtergebnis meiner stillen Prüfung der Weltlage war, daß das kostbarste Gut des deutschen Volkes, ein ehrenvoller Friede, wohl aufrechtzuerhalten war, auch wenn wir uns die Flotte bauten, die wir zu unserem Schutz und für defensive Zwecke benötigten. Diese Linie durften wir nicht um ein Haar breit überschreiten, aber bis zu dieser Linie konnten wir gehen, wenn unsere Politik mit Stetigkeit, mit Mut und Entschlossenheit, aber auch mit Vorsicht, mit Takt und (last not least) mit Geschick geführt wurde. Obwohl die Tätigkeit des Staatssekretärs des Äußern im allgemeinen auf das Feld der auswärtigen Politik beschränkt ist, war ich doch seit jeher Die innere der Ansicht, daß sich eine verständige und gesunde auswärtige Politik nur Lage bei richtiger Einschätzung der inneren Kräfte und in Fühlung mit den die Nation bewegenden Strömungen und Ideen führen lasse. Deshalb suchte ich mir auch unsere innere Lage während jener ruhigen Wochen möglichst deutlich vor Augen zu führen. Die unbehagliche und unzufriedene Stimmung, die seit der Entlassung des Fürsten Bismarck in Deutschland herrschte, hatte während der ersten Hälfte des Jahres 1897 neue Nahrung erhalten. Der Kaiser hatte auf dem Festessen des Brandenburger Provinzial- landtages am 26. Februar 1897 jene von mir schon erwähnte, mehr als exzentrische Bede gehalten. Bei dieser Bede waren dem Kaiser auch andere Irrtümer unterlaufen, er hatte Sir Francis Drake mit Baiboa verwechselt und den Stillen Ozean mit dem Atlantischen. Derartige kleine Entgleisungen passierten ihm nicht selten im Feuer der Bede. Als diesmal der kaiserliche Bedner geschlossen hatte, waren besorgte und gewissenhafte Flügeladjutanten von Stuhl zu Stuhl geeilt, um die anwesenden Herren zu bitten, über die Kraftstellen der Bede zu schweigen. Diese Bitte war auch von fast allen Anwesenden erfüllt worden, aber ein indiskreter Gast, wie behauptet wurde ein freisinniger Abgeordneter, hatte genügt, um die drastischsten Wendungen des Monarchen in die Öffentlichkeit zu bringen. Der allgemeine Eindruck war deplorabel. Von vielen Seiten erhob sich die Klage, daß, wenn es in dieser Weise weitergehe, das reiche Erbe, das Kaiser Wilhelm II. angetreten hatte, dies gewaltige Erbe an Ansehen, 4 Bülow I 50 NERVÖSER KOLLAPS DES KAISERS Kredit und Volkstümlichkeit, das eine lange Reihe preußischer Könige und insbesondere Wilhelm I. dem jetzt regierenden jungen Herrscher hinterlassen hatte, in absehbarer Zeit vergeudet sein würde. In konservativen Kreisen war die Brandenburger Rede am schärfsten kritisiert worden. Der mehr als achtzigjährige Generaladjutant Graf Karl von der Goltz, der ein halbes Jahrhundert in der Umgebung Wilhelms I. geweilt hatte, faßte mir gegenüber sein Urteil in die Worte zusammen: „Der Kaiser will seinen Herrn Großvater feiern, ihn recht hoch stellen. Wenn der alte Herr aus dem Grabe auferstünde und die Brandenburger Rede läse, würde er mit seinem hausbackenen, aber gesunden Menschenverstand und mit erhobenem Zeigefinger zu seinem Enkel sagen: ,Aber Wilhelm, du bist wohl verdreht!'" Die Freunde des regierenden Kaisers, manche aus Überzeugung und in guter Absicht, andere nur aus Selbstsucht und mit jenem Hang zur Schmeichelei, der, solange die Welt steht, an allen Höfen blüht und sich, nur in plumperer Form, auch in der Umgebung der republikanischen Machthaber seit 1918 bemerkbar machen dürfte, erklärten die Rede Seiner Majestät aus dem Schmerz, den der Kaiser darüber empfände, daß sein Großvater von seinem ersten Ratgeber gar zu sehr verdunkelt würde. In berechtigter Notwehr gegen die Unterschätzung des von ihm so hoch verehrten und heiß geliebten Großvaters habe der Kaiser dann mit einigen Wendungen vielleicht über das Ziel hinausgeschossen. Wirklichen Nutzen hatten von der Rede nur die Sozialdemokratie und bis zu einem gewissen Grade der Freisinn, die sich auch die Gelegenheit nicht entgehen ließen, aus dieser neuen und gar zu überspannten Rede wacker Kapital zu schlagen. Der Kaiser selbst war durch den Mißerfolg seiner Rede, der ihm nicht verborgen bleiben konnte, so enttäuscht gewesen, daß er, zum erstenmal seit seinem Regierungsantritt, einen nervösen Kollaps erlitt und zu seiner Erholung auf einige Tage nach dem Jagdschloß Hubertusstock fuhr. Er hatte sich gerade von dieser „forschen" Rede einen starken Erfolg versprochen. Was unter Wilhelm I. wie gegenüber dessen Sohn nie der Fall gewesen war: der Spott bemächtigte sich der kaiserlichen Rede. Ganz Berlin lachte über die Erzählung, nach der in der Friedrichstraße ein Ungar, der wie manche seiner Landsleute im Deutschen die Artikel „der" und „das" zu verwechseln geneigt war, an einen Polizisten die Frage gerichtet haben sollte: „Wo ist der Brandenburger Tor?" Der biedere Schutzmann hatte angeblich zornig erwidert: „Wenn Sie noch einmal über Seine Majestät ulken, werden Sie eingespunnen! Verstanden?!" Die Ablagerungsstätte für solche Medisance und Persiflage war namentlich die Hardensche „Zukunft" geworden, die unter Wilhelm I. nicht hätte aufkommen, geschweige denn einen großen Leserkreis, noch dazu in der Gesellschaft, finden können. DIE DETMOLDER OMELETTE 51 Kurz bevor ich nach Kiel berufen worden war, hatte eine große englische Wochenschrift, die „Saturday Review", das Catonische Macht- und Neiddiktat wiederholend, ihr „Ceterum censeo Germaniam esse delendam" in die Welt gerufen. Um dieselbe Zeit veröffentlichte ein Reichsgerichtsrat, Otto Mittelstadt, im Hinblick auf das Umsichgreifen der sozialdemokratischen Bewegung sein Buch „Vor der Flut", das ein Schrei der Angst und Verzweiflung war. Aber hoch über allen solchen bedrohlichen Erscheinungen stand für mich als Ergebnis unbefangener Prüfung der äußeren und inneren Lage und gesammelten Nachdenkens die Notwendigkeit, unserem Volk mit dem Frieden in Ehren das von Bismarck ins Leben gerufene monarchische Reich zu erhalten, was mir auch trotz aller Klippen und Sandbänke möglich erschien. Ich gedachte der schönen Worte, die bei meinem gehebten Homer der tüchtige Hektor seinem Wagenlenker Polydamas zuruft, der, erschreckt durch den Unglück ansagenden Flug der Vögel, ihn auffordert, das Kampffeld zu verlassen: „Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches, Ob sie rechts hinfliegen, zum Tageslicht und zu der Sonne, Oder auch links dorthin, zum nächtlichen Dunkel gewendet." Ein Wahrzeichen nur gilt, das Vaterland zu erretten! Ich bat Gott, mir Kraft und Geschick für mein Amt zu verleihen, und kehrte Ende Juli wieder nach Deutschland zurück. Während meiner Abwesenheit war Herr von Böttichcr durch den bisherigen Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Graf Posadowsky, Der Fall ersetzt, Miquel an Böttichers Stelle zum Vizepräsidenten des preu- Lippe ßischen Staatsministeriums, Generalleutnant von Podbielski zum Staatssekretär des Reichspostamtes ernannt worden. Vierzehn Tage später hatte Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe, nachdem das Schiedsgericht in der Erbfolgefrage unter dem Vorsitz des Königs Albert von Sachsen den Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld für erbfolgeberechtigt erklärt hatte, die Regentschaft über Detmold niedergelegt. Der Kaiser, der leider die Lippesche Angelegenheit vom ersten Tage an rein persönlich genommen hatte, richtete beim Abzug seines Schwagers und seiner Schwester Viktoria ein Telegramm an beide, in dem er in schwungvollen Worten und allzu emphatisch erklärte, daß Detmold niemals einen besseren Herrscher und nie eine bessere Herrscherin erhalten würde als das nun leider das Land verlassende fürstliche Paar. An den deutschen Höfen, aber auch in weiteren Kreisen erregte diese Kundgebung, die politisch deplaciert war, Erstaunen und Arger. Für sie wie für die ganze Behandlung, die der Kaiser der Detmolder Frage angedeihen ließ, konnte das französische Sprichwort gelten: „Tant de bruit pour une Omelette." 52 DAS DORNENVOLLE AMT Eingedenk eines alten Bülowschen Stammbuchverses, daß der nicht schon Bülow und ein Edelmann sei, der aus großem Stamm geboren wäre oder Geld und Reich- Marschall tum habe, sondern daß Tugend und daß Höf lichkeit einenMann adelten, hatte ich von Kiel aus an meinen Vorgänger, Herrn von Marschall, einige liebenswürdige Worte geschrieben. Dieser wußte nur zu gut, daß er wie jeder, der einige Jahre im Amt war, sich manche Feinde gemacht hatte. Er wußte vor allem, daß er beim Kaiser in Ungnade gefallen war und daß diese allerhöchste Ungnade für manche Ratte unter seinen bisherigen Kollegen wie bei seinen bisherigen Untergebenen das Signal gewesen war, sein sinkendes Schiff zu verlassen. Ich wollte ihm den Abschied aus leitender Stellung versüßen und ihn gleichzeitig über seine Zukunft beruhigen. Ich schalte seine Antwort ein, die nicht nur interessant ist durch die Verteidigung seiner Haltung und Politik während der sieben Jahre seiner Wirksamkeit als Staatssekretär des Äußern, sondern auch durch ihren warmen und für mich wahrhaft freundschaftlichen Ton. An dieser Tonart hielt Freiherr von Marschall fast mit Begeisterung fest, solange ich Staatssekretär und Reichskanzler war. Ich gestehe meine Naivität, denn ich besaß damals noch nicht die Erfahrungen und infolgedessen auch nicht die Menschenkenntnis, die ich seitdem durch das Schicksal erhielt, das Goethe einen vornehmen, aber kostspieligen Lehrmeister nennt: Ich glaubte wirklich, Herr von Marschall wäre mir dankbar, daß ich ihm, der, wenn auch nicht in erster Linie, so doch zu einem guten Teil die Verantwortung für die Kündigung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland wie für die Krüger-Depesche trug, eine schöne Botschaft und damit ein Feld für neue und ersprießliche Wirksamkeit gegen mancherlei Widerstände verschafft hatte. Es ist mir in späteren Jahren sogar gelungen, beim Kaiser für ihn den Schwarzen Adlerorden durchzusetzen, den der ehemalige „Verräter" mit Freude und mit Stolz trug. Leider muß ich hinzufügen, daß seine Freundschaft für mich mit dem Tage aufhörte, wo ich mein Amt niederlegte. „Denn so ändert sich der Sinn der sterblichen Erdenbewohner, So wie die Tag' herführet der waltende Vater vom Himmel." Also sprach vor dreitausend Jahren zum verständigen Amphinomos der vielgewanderte Odysseus. Ich lasse den Brief des Freiherrn von Marschall folgen: Verehrter Freund! Empfangen Sie meinen aufrichtigsten Dank für Ihren freundlichen Brief. Niemand vermag besser zu würdigen als ich, wie schwer Ihnen der Entschluß geworden, das dornenvolle Amt anzunehmen, welches das Vertrauen Sr. Majestät Ihnen beschieden hat, aber ich darf hinzufügen, wie auf- AN DEN DEMNÄCHSTIGEN NACHFOLGER 53 richtig ich mich vom Standpunkt des allgemeinen Interesses darüber freue, in Ihnen meinen demnächstigen Nachfolger begrüßen zu dürfen. Sie werden sich erinnern, daß ich schon bei unserem letzten Zusammensein im Herbste vor zwei Jahren voraussah, daß es so kommen werde und im Interesse von Kaiser und Reich so kommen müsse, wenn ich auch damals Zweifel darüber hegte, ob Ihnen nicht die Zwischenstufe des Staatssekretärs ganz erspart werden würde. In Ihrem neuen Amte wird Ihnen vieles unendlich leichter werden als mir. Sie bringen dazu eine Kenntnis der auswärtigen Politik mit, die ich mir nur allmählich und in gewissem Sinne unvollständig aneignen konnte — und für die innere Politik genießen Sie den unschätzbaren Vorteil, daß Sie inmitten des heftigen Kampfes der Parteien nach keiner Seite hin engagiert sind. Durch eine eigentümliche Verkettung von Umständen bin ich in den Fragen, die heute am stärksten die Leidenschaften erregen, nämlich denjenigen der Wirtschaftspolitik, nicht nur in den Vordergrund getreten, sondern allmählich in eine Stellung geraten, die mich meine parlamentarischen Kämpfe mit verkehrter Front fechten ließ, d. h. gegen die Rechte, der ich einst als Fraktionsmitglied angehörte, und unter dem Beifall der Linken, deren politische Grundsätze ich, seitdem ich politisch denken kann, allzeit bekämpfte. Auch Ihnen wird es beschieden sein — und zwar in nächster Zeit —, gegen agrarische Wünsche und Forderungen Stellung zu nehmen, aber darum wird gegen Sie nicht der Sturm entfesselt werden wie gegen mich, den Träger der gehaßten Handelsvertragspolitik. Und ich bin überzeugt, daß unter Ihnen das einzig vernünftige System wiederhergestellt werden wird, daß die parlamentarische Vertretung der Wirtschaftspolitik dem Reichsamt des Innern und dem Reichschatzamt überlassen bleibt, der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, soweit es sich um internationale Beziehungen handelt, die maßgebende Stimme behält, aber nicht nach außen hin mit handelspolitischen Programmen hervorzutreten, d. h. in den Parteikampf einzutreten braucht. Für Ihre freundlichen Wünsche betreffs meiner Gesundheit bin ich aufrichtig dankbar. Ich darf fast bestimmt erwarten, in wenigen Wochen so weit hergestellt zu sein, um meine Dienste wieder zur Verfügung zu stellen, wenn darauf reflektiert wird. Meine persönlichen Wünsche gehen nicht weiter, als noch einige Jahre für Kaiser und Reich tätig zu sein in der Stellung, die man mir anweist. Da ich annehme, daß es Ihren Wünschen entspricht, daß ich meine Dienstwohnung der notwendigen Veränderungen und Ausbesserungen halber bald räume, so werde ich gegen Ende August nach Berlin kommen, um das Nötige zu besorgen. 54 MARSCHALLS SCHLUSSFLOSKEL Mit der Bitte, Ihrer Frau Gemahlin mich angelegentlich empfehlen z wollen, bin ich in freundschaftlicher Verehrung Ihr ergebenster Marschall Neuerahausen, Station Hugstetten in Baden, 4. Juli 1897. IV. KAPITEL Besprechungen mit Kiderlen, Miquel und Hohenlohe • Telegramm von Francesco Crispi • Fahrt nach Kiel • Langer Spaziergang mit Wilhelm II. unter Erörterung der Flottenfrage • Abfahrt nach Peterhof • Die Kaiserliche Umgebung: Lucanus, Hahnke, Senden, August Eulenburg, Plessen A ls ich Anfang August in Berlin eintraf, suchte ich den Fürsten Hohenlohe, JLA-den Finanzminister von Miquel und den bisherigen Reisebegleiter des Bei Kaisers Herrn von Kiderlen auf. Fürst Hohenlohe sagte mir, daß er zu Hol] K.id Lande nach Peterhof fahren werde, die Seereise wäre ihm unbequem, auch wünsche er sich kurze Zeit in Wilna und Werki aufzuhalten. Er redete mir zu, mit dem Kaiser auf der „Hohenzollern" zu fahren. Ich frug Kiderlen, ob er den Kaiser nach St. Petersburg begleiten werde, welche Frage er verneinte. Ich ermunterte ihn, gerade diese Reise mitzumachen: „Qui va ä la chasse, perd sa place." Wenn er mitkomme, so stünde ich ihm dafür ein, daß ich sein seit einiger Zeit getrübtes Verhältnis zum Kaiser wieder einrenken würde. Ich besäße für den Kaiser noch den Reiz der Neuheit und würde die Versöhnung erreichen. Kiderlen blieb bei seiner Weigerung und meinte in seiner derben Art: „Exzellenz, wenn Sie erst so viele Jahre wie ich diese Reisen mit ihrer Unruhe mitgemacht hätten, würde das Ganze Ihnen ebenso zum Halse rausstehen wie mir." Den Finanzminister fand ich beeindruckt durch ein Telegramm, das er wenige Minuten vorher von Seiner Majestät aus Kiel erhalten hatte. In Schlesien, Sachsen und der Lausitz hatten große Überschwemmungen stattgefunden, leider waren dabei über hundert Menschen umgekommen. Aus diesem Anlaß hatte der Kaiser an Miquel ein Telegramm gerichtet, das in kühner Gedankenverbindung jenes schwere Unglück, das der Himmel über uns verhängt habe, in Verbindung mit dem Widerstand des Reichstags gegen die Flottenbestrebungen Seiner Majestät brachte. Miquel beruhigte sich über diese allerhöchste Willenskundgebung, die ihn anfänglich verblüfft hatte, als ich ihm aus genauerer Kenntnis der Art des Kaisers darlegte, wie dieser, wenn ihn eine Idee so ganz erfülle, wie jetzt der Flottengedanke, nach jedem Argument greife, um seine Wünsche der Verwirklichung entgegenzuführen, wobei die allzu lebhafte Phantasie des hohen Herrn mitspiele. Auch als die 56 „WIE WIRD'S MIT MEINEN SCHIFFEN?" englische Regierung am 30. Juli 1897 den deutsch-englischen Handelsvertrag vom 30. Mai 1865 gekündigt und gleichzeitig den Abschluß eines neuen Meistbegünstigungsvertrags angeregt hatte, der aber lediglich die Beziehungen zwischen England und Deutschland, also unter Ausschluß der englischen Kolonien regeln sollte, sah der Kaiser in dieser Maßnahme eine direkte Bedrohung vitaler deutscher Interessen, die nur durch den beschleunigten Bau einer deutschen Flotte pariert werden könne, und richtete in diesem Sinne erregte Telegramme an den Reichskanzler und den preußischen Finanzminister. Das en clair an den greisen Fürsten Hohenlohe gerichtete Telegramm, das diesen aus seiner wohlverdienten Sommerruhe in Alt-Aussee aufscheuchen sollte, lautete: „Von tiefstem Herzen bedauere Ich die so plötzlich erfolgte Kündigung der Handelsverträge, welche einen schweren Schlag für unser armes, von Wetterkatastrophen so schwer heimgesuchtes Volk bedeutet. Dieses unqualifizierbare Vorgehen ist gleichbedeutend mit dem Beginn eines Krieges bis aufs Messer gegen unseren eben aufblühenden produktiven Staat. Das Volk wird nun erkennen, welche kostbare Zeit in den letzten zehn Jahren meinen Warnungen zum Trotz verlorenging. Hätte die sozialistische Partei nicht jahrelang alle Schiffsbauten auf das heftigste bekämpft und in unbegreiflicher Verblendung zu Fall gebracht, so wären wir jetzt nicht auf See so gut wie wehrlos und den Angriffen auf unseren Handel ganz preisgegeben. Hätten wir eine starke, Achtung gebietende Flotte gehabt, wäre die Kündigung nicht erfolgt. Als Antwort muß eine schleunige, bedeutende Vermehrung unserer Neubauten ins Auge gefaßt werden." Bevor ich den Semmering verließ, hatte ich von Francesco Crispi, dem ich brieflich mein Bedauern ausgesprochen hatte, daß es mir nicht möglich gewesen wäre, persönlich von ihm Abschied zu nehmen, aus Palermo das nachstehende Telegramm erhalten: ,,Je vous remercie de vos sentiments. Je me rappeile avec le plus grand plaisir que pendant votre mission en Italie nous avons ete d'accord en tout ce qui regardait le bien-etre de nos pays et la paix de l'Europe." Am 3. August 1897 stand ich wieder vor dem Kaiser in Kiel. Der Kaiser Beim Kaiser frug mich mit dem offenen und gewinnenden Gesichtsausdruck, den er in Kiel hatte, wenn er in guter Stimmung war und solange ihm sein Visavis sympathisch blieb: „Nun, wie wird's mit meinen Schiffen? Was haben Sie sich in den österreichischen Bergen ausgedacht?" Ich wußte, daß Wilhelm II. Vorträge, und nun gar lange Vorträge, nicht goutierte. Um einem vorzeitigen Abbrechen der Unterredung vorzubeugen, entgegnete ich Seiner Majestät, daß es sich um einen Vortrag von immerhin ein bis zwei Stunden handele. Seufzend meinte der Kaiser, dann wollten wir die Konferenz ambulando abmachen. Wilhelm II. hatte von seiner Mutter die gesund- SPAZIERGANG MIT S. M. 57 heitlich sehr zuträgliche Leidenschaft für frische Luft geerbt. Namentlich in seinen ersten Herrscherjahren hatte er die Kräfte alter Exzellenzen aus der Regierungszeit seines Großvaters auf eine harte Probe gestellt, wenn er ihre Vorträge bei raschem Gehen oder gar auf schwankendem Schiff entgegennahm. Ich war körperlichen Anstrengungen gewachsen und ging gern auf den Vorschlag eines „tüchtigen Spaziergangs" ein. Der Kaiser ließ sich mit mir an Land setzen und schritt rüstig querfeldein. Er war damals das Bild der Gesundheit und Kraft, nicht so stattlich wie sein Vater, nicht ehrfurchtgebietend wie sein Großvater, aber voll Leben und Unternehmungsgeist, eine sehr anziehende Erscheinung. Wir begegneten auf unserer Wanderung, meist auf Sandwegen und längs der Holsteinschen Knicks, nur hin und wieder Arbeitern und Tagelöhnern. Es fiel mir auf, und ich freute mich, wie völlig gleichgültig und unbesorgt der Kaiser, obschon sich weder Polizisten noch Detektive in der Nähe zeigten, auch offenbar für seinen Schutz keinerlei Maßregeln getroffen waren, gegenüber jeder Attentatsgefahr erschien. Kritische Beobachter und Beurteiler Seiner Majestät, an denen es gerade in seiner Nähe nicht fehlte, meinten, das sei der Schneid der Unwissenheit. Der Kaiser fürchte nie, was er nicht mit Händen greifen könne; trete aber die Gefahr unmittelbar vor ihn, so sei deren Eindruck auf ihn desto stärker. Ich halte auch heute diese Beurteilung für ungerecht. Der Kaiser besaß zweifellos physischen Mut. Schon daß er sich mit nur einem brauchbaren Arm zu Pferde setzte, unverzagt darauf losritt, ja Hecken und Gräben nahm, bewies seine Furchtlosigkeit. Als sich mehrere Jahre später bei Wilhelm II. eine Wucherung im Halse zeigte, was in Erinnerung an das Krebsleiden seines Vaters wohl jeden Menschen stark impressioniert haben würde, verlor er in keiner Weise die Haltung. Nervöse Zusammenbrüche traten bei ihm ein nach großen seelischen Enttäuschungen oder wo er sich vor einer schweren politischen Gefahr sah oder zu befinden glaubte, die ihn aus dem Himmel seiner Phantasien riß. Ohne ein „fool" zu sein, lebte er nun einmal oft in „a fool's paradise". Für sein seelisches Gleichgewicht war ich oft besorgt, und zu den Gründen meiner auf die Erhaltung des deutschen Friedens gerichteten Politik gehörte, wenn auch nicht in erster Linie, die Überzeugung, daß Wilhelm IL nicht wie sein Vater und Großvater oder gar der große König seelisch den Wechselfällen und Prüfungen der ganzen Belastungsprobe eines großen Krieges gewachsen sein würde. Ich bin überzeugt, daß der Kaiser dies auch selbst fühlte und daß das einer der Gründe war, aus denen er lebhaft wünschte, daß ihm die Prüfung eines großen Krieges nicht auferlegt werden möge. Während wir weiterschritten, frug der Kaiser zum zweiten Male: „Wie steht es also mit meinen Schiffen?" Ich entwickelte ihm nun 58 „NUN, DAFÜR SIND SIE JA DA!" meine leitenden Gedanken in dieser Richtung. Es stehe für mich außer Zweifel, daß wir die Milliardenwerte schützen müßten, die wir nach und nach dem Meere anvertraut hätten, unsere Schiffahrt, unsern Handel, unsere gewaltig sich entwickelnde Industrie. Die Industrialisierung Deutschlands hätte sich mit einer Vehemenz vollzogen, die nur in den Vereinigten Staaten ihresgleichen habe. Noch Ende der siebziger Jahre habe die deutsche Landwirtschaft so viele Menschen ernährt wie Industrie und Handel zusammen, beim Rücktritt des Fürsten Bismarck habe sie allein hinter der Industrie um mehr als eine Million Berufsangehöriger zurückgestanden. Es werde immer eine der wundersamsten Erscheinungen der Geschichte bleiben, daß der Staatsmann, der wie kein zweiter aus der deutschen Erdscholle emporgewachsen war, der Gutsherr von Schönhausen und Deichhauptmann des Kreises Jerichow, der Mann, von dem, als er schon lange Reichskanzler war, seine Frau sagen konnte, eine Wruke (Kohlrübe) interessiere ihn mehr als die ganze Politik, der Mann, der noch am Ausgang seines Lebens sich um jede Einzelheit in der Landwirtschaft seiner Güter kümmerte, mehr zur Industrialisierung Deutschlands beigetragen habe als irgendein anderer: „Was er webt, das weiß kein Weber." Die Gefahren einer zu weit gehenden Industrialisierung habe Fürst Bismarck ex post nicht verkannt und ihnen durch kräftiges Eintreten für den Schutz der Landwirtschaft nach Möglichkeit entgegengewirkt. Fürst Bismarck habe die nach 6einem Rücktritt erfolgte Herabsetzung der Getreidezölle durch Caprivi meines Erachtens mit Recht getadelt und trete ja gegenwärtig, wie ich glaube auch mit Recht, für die Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle ein. Mit den gegebenen Faktoren müsse man aber in der Politik immer rechnen. An der riesigen, vielleicht übertriebenen, aber nun einmal vorhandenen Entfaltung von Industrie, Handel und Schiffahrt sei nichts zu ändern. Wir müßten diese Erwerbszweige, von denen Wohlstand und Leben von Millionen Deutschen abhänge, zweifellos besser schützen, als dies bisher der Fall gewesen wäre. Sei das möglich, ohne mit England aneinanderzu- kommen ? Ganz leicht würde das nicht sein, wie dies die Politik Englands in früheren Zeiten gegenüber seinen wirtschaftlichen Konkurrenten und namentbch seefahrenden Konkurrenten zeige. Die Voraussetzung des Erfolgs sei für uns eine ruhige, vorsichtige und, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, eine elastische Politik von unserer Seite. „Nun, dafür sind Sie ja da!" unterbrach mich der Kaiser. Ich bat Seine Majestät, nicht an meinem guten Willen zu zweifeln, dieser genüge aber nicht, ich müsse auch von ihm unterstützt werden. Er schlug mir auf die Schulter und meinte, ich könne auf seine volle Unterstützung und sein volles Vertrauen rechnen. Ich deutete an, daß es sich nicht nur um aktive Hilfe von seiner Seite handele, sondern auch, und zwar vor allem, um „negative Unterstützung". DIE GARDINENPREDIGT 59 Er dürfe nichts tun und nicht zu viel sagen, was den inneren und unter Umständen auch den äußeren Frieden gefährden könne. „Aha!" lachte der Kaiser, „nun fängt die Gardinenpredigt an! Na, nur immer los." Ich hob freimütig den sehr ungünstigen Eindruck hervor, den die Brandenburger Rede auch auf absolut königstreue Kreise ausgeübt habe, und wies darauf hin, daß es nicht vorsichtig und jedenfalls nicht nötig gewesen wäre, bei der Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Köln am Waterloo-Tage England mit dem Dreizack, der in unsere Faust gehöre, vor der Nase herumzufuchteln. Ich wisse wohl, daß wir in Deutschland, wie die Verhältnisse bei uns nun einmal lägen, den Bau der zu unserer Verteidigung nötigen Flotte nur durchsetzen würden, wenn die dazu notwendige nationale Stimmung hervorgerufen werde. Marschall und Bötticher hätten das Ziel durch Verhandlungen mit den Fraktionen und Fraktionsführern erreichen wollen, das sei so aussichtslos wie die Bemühungen der Danaiden,Wasser in ein bodenloses Faß zu schöpfen. Bei den Konservativen sei vorläufig wenig Neigung für den Bau der Flotte vorhanden. Das Zentrum würde unter Umständen mitmachen, aber verlangen, daß ihm zur Belohnung eine große Extrawurst gebraten würde. Sicher wären eigentlich nur die Nationalliberalen und vielleicht ein Teil des Freisinns, die sogenannten Wadenstrümpfler, die Hofgänger um Rickert und Barth, schwerlich aber Eugen Richter in den Wasserstiefeln seiner etwas engen und philiströsen Anschauungen. Mit heftigem Widerstand von Seiten der Sozialdemokratie wäre natürlich unter allen Umständen zu rechnen. Die Parteien und vor allem ihre Führer würden nur mitmachen, wenn wir im Lande eine starke Strömung für den Flottengedanken hervorriefen. Wir müßten die nationale Trommel rühren. „Nur zu, nur zu!" rief freudig und begeistert der Kaiser. Ich sagte ihm, daß Flottenverein, Professoren und Patrioten von allen Richtungen gewiß das ihrige tun würden. Es käme aber darauf an, dadurch nicht die Beziehungen zu England in einer nicht wieder gutzumachenden Weise zu verderben. Ich sei fest überzeugt, daß wir den Bau einer für unsere Bedürfnisse, d. h. für unsere Sicherheit und zu defensiven Zwecken ausreichenden Flotte ermöglichen könnten, ohne mit England in Krieg zu geraten, wenn wir uns aller Exzentrizitäten enthielten, andererseits England aber auch nicht dadurch die Flanke zu erfolgreichem Angriff böten, daß wir mit Rußland in Feindschaft oder gar in ernstlichen Konflikt gerieten. Der Kaiser beteuerte mir mit dem Akzent voller Aufrichtigkeit, daß er nichts sehnlicher wünsche, als mit Rußland die Freundschaft wiederherzustellen, die zu den Zeiten seines Großvaters und seines Urgroßvaters die beiden Höfe und die beiden Länder verbunden habe. „Und dann sollen die Engländer vor Neid platzen." Ich erwiderte, man dürfe sich in der Politik nie von dem Wunsche leiten lassen, diesen oder jenen zu ärgern. Also nicht Rußland 60 DER MANGEL AN KONTINUITÄT entgegenkommen, nur um England zu ärgern, und umgekehrt! Eine ruhige, sachliche Politik nach beiden Seiten, ohne sich weder von dem einen noch von dem andern vorschieben und ausbeuten zu lassen, aber auch ohne dem einen oder dem anderen nachzulaufen, damit kämen wir am weitesten. Ich fühlte, daß ich dem Kaiser schon etwas zu sehr als Mentor erschien, der seinen Tele- mach mit grauer Theorie plagt, statt ihm Früchte vom Baum des Lebens zu reichen. „Die Leute bei uns müssen aber Ziele haben", meinte er, „ohne Ziele, ohne daß die Leute sehen, daß wir etwas erreichen, daß wir auch mitsprechen, ist keine Stimmung zu erzielen. Bismarck hat doch auch Kolonien erworben." Ich räumte die Richtigkeit dieses Hinweises ein. Vielleicht ließe sich auf diplomatischem Wege dies oder jenes in Polynesien machen. Auch in Ostasien liege für deutschen Unternehmungsgeist ein weites, überaus fruchtbares Feld. Ich hätte in den Akten, die ich im Semmering studiert habe, gesehen, daß von Seiten der Marine an allerlei Stützpunkte an den zukunftsreichen Gestaden des Stillen Ozeans gedacht werde. Es käme darauf an, den richtigen Moment abzuwarten und dann zu erfassen. Ostasien auf der einen Seite, Kleinasien auf der anderen wären Länder, wo wir uns nicht ganz ausschalten lassen dürften. Wir müßten aber vorsichtig operieren. Mein wiederholter Hinweis auf die gebotene Vorsicht namentlich auch in Worten wurmte den Kaiser, den meine Mißbilligung seiner Kölner Dreizackrede ohnehin verstimmt hatte. Ich bat ihn, mich nicht für ängstlich zu halten. Ich hoffte, ihm noch beweisen zu können, daß ich dies nicht wäre. Aber wir dürften die Lehren der deutschen Geschichte nicht vergessen. Das tragische Verhängnis der deutschen Geschichte sei ihr Mangel an Kontinuität. Treitschke habe mit Recht von den spärlichen Silberblicken in unserer Geschichte gesprochen, von jener deutschen Kaiserherrlichkeit des Mittelalters, die dahinging wie der Traum einer Sommernacht. Wir sähen in Deutschland auf keine einfache, ungebrochene Entwicklung zurück wie Frankreich, wo Thiers in einer für die Franzosen schwarzen Stunde, im Februar 1871, in Bordeaux in der Nationalversammlung tröstend auf die „admirable unite de l'histoire de la France" hingewiesen habe, wie in England, wo noch heute die Nachkommen der Staatsmänner regierten, die unter der Königin Elisabeth und mit König Wilhelm III. die Geschicke des Landes geleitet hatten, und wo die heute Regierenden die Geschäfte nach denselben Gesichtspunkten und ungefähr mit den gleichen Mitteln führten wie einst ihre Vorfahren. Wir dürften im Hinblick auf unsere oft unglückliche, verbogene Geschichte nie die Gefahr von Rückschlägen vergessen. Dazu fordere uns auch die preußische Geschichte auf mit ihren herrlichen Aufstiegen, denen aber bisweilen furcht- PRO PACE ET IMPERATORE (»1 bare Rückschläge gefolgt wären. Mein früherer Chef in St. Petersburg, General von Schweinitz, habe seinem ältesten Sohne selbst Geschichtsunterricht erteilt und dabei mit besonderer Sorgfalt und eingehend die Katastrophen von 1806 und 1848 behandelt. Solche Lehren unserer Geschichte mahnten zur Vorsicht. Zu den vielen guten Eigenschaften Wilhelms II. gehörte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe, wie sie mir gleich rasch selten vorgekommen ist. Wo er ohne vorgefaßte Meinung war, an der er freilich unter Umständen mit dem Eigensinn festhalten konnte, der ein Erbteü seiner weifischen Mutter war, und wenn keine persönliche Ranküne bei ihm bestand, war er für gute Argumente empfänglich. „Ja, der Mensch soll sich überwinden können", meinte er schließlich mit einer mich tief bewegenden, weil herzlichen Aufrichtigkeit. „Wer überwindet, der gewinnt! Diesen Spruch hat meine gute Frau auf Pergament mit blauen Buchstaben malen, ihn schön einrahmen lassen und mir dann auf meinen Berliner Schreibtisch gestellt. Ich werde unser heutiges Gespräch nicht vergessen. Pro pace etimperatore." Der Kaiser hatte für römische Schriftsteller und Dichter wenig übrig, liebte es aber, seine Gedanken in kurze lateinische Schlagworte zu fassen: Tarnen, Semper talis, Nunquam retrorsum, pro Rege et grege u. ä. Wir waren inzwischen wieder am Anlegeplatz der „Hohenzollern" angelangt, auf der schon das Mittagsmahl auf den Kaiser wartete. Am Abend Abfahrt nach des 4. August trat die „Hohenzollern" die Fahrt nach Peterhof an. Der Kaiser Peterhof war auf dieser Reise begleitet von den Chefs seiner drei Kabinette, Herrn von Lucanus, General von Hahnke und Admiral Freiherrn von Senden, von dem Oberhof- und Hausmarschall Graf August zu Eulenburg, dem Kommandanten des Großen Hauptquartiers, General von Plessen, und von mir als kommissarischem Staatssekretär des Äußern. Herr von Lucanus war dem Kaiser während dessen Kronprinzenzeit vom Fürsten Bismarck als Kabinettsrat mit den Worten empfohlen worden: „Der holt Ihnen die Mütze aus jedem Dreck." Sein Vorgänger war Herr von Brandenstein gewesen, der Sprosse einer hochkonservativen Familie, Heidelberger Saxo-Borusse, Korpsbruder und Freund von Leo Buch, der später die Konservativen im Herrenhaus mit Festigkeit und Klugheit geführt hat. Brandenstein gehörte der schärferen Richtung der Konservativen an, die er hie und da auch nach außen zur Schau trug. Er sollte in späterer Zeit bei vielen braven Philistern Ärgernis durch eine Rede im Abgeordnetenhaus erregen, in der er darüber klagte, daß in der Neuzeit ein „anständiger" Mann in die Lage versetzt werden könne, in einem Abteil zweiter oder selbst erster Klasse mit Leuten zusammen zu sitzen, die Röllchen statt angenähter Manschetten trügen. Fürst Bismarck liebte seit seinen Reibungen mit den 62 DAS LIEBESMAHL Konservativen, die schon Ende der sechziger Jahre und in stärkerem Maße in der ersten Hälfte der siebziger begannen, die scharfen Konservativen nicht, obwohl er selbst aus ihren Reihen hervorgegangen war und manche ihrer Anschauungen bis an sein Lebensende teilte. Als dem Fürsten in seiner späteren Amtszeit für den Posten des Oberpräsidenten in Breslau ein Herr von Seydewitz vorgeschlagen wurde, der sich für diese Stellung nicht nur als geborener Schlesier, sondern auch durch andere Eigenschaften qualifizierte, schrieb er an den Rand: „Nein! Er ist ein Kreuzzeitungsmann, und die setzen den Parteistandpunkt über die Staatsräson." Brandenstein schien dem großen Kanzler für den künftigen Kaiser nicht der geeignete Berater. So wurde der tüchtige Mann aus der Umgebung des damaligen Kronprinzen entfernt und als Regierungspräsident nach Hannover versetzt. Im Hinblick auf seine Arbeitskraft, seine Geschäftskenntnisse und seinen aufrechten Charakter habe ich mich später bemüht, seine Fähigkeiten im Interesse des preußischen Staats zu verwerten. Ich nahm ihn als Oberpräsidenten für Königsberg in Aussicht, vielleicht mit einer Zwischenstation als Regierungspräsident in Düsseldorf, drang aber damit nicht beim Kaiser durch. Als ich Brandenstein für Düsseldorf nannte, meinte der Kaiser lächelnd: „Das geht wirklich nicht, Brandenstein kneipt zu gern, und in Düsseldorf gibt es zu gute Rheinweine. Er wird sich, dort angekommen, bezechen und in den Rhein fallen, und ich bin mit meinem Regierungspräsidenten blamiert." Von Königsberg wollte der Kaiser noch weniger wissen. „Das geht erst recht nicht, da gibt es zu guten Grog." Woher diese Besorgnisse ? Der Kaiser hatte vor Jahren in Hannover einem Liebesmahl bei seinem 13. Ulanenregiment, den Königsulanen, beigewohnt. Während des Essens war, wie dies gelegentlich vorkommt, nach allgemeiner und lebhafter Konversation eine Stille eingetreten. Wie man zu sagen pflegt: ein Engel ging durch das Zimmer. In diesem Augenblick hörte man einen Herrn ungewöhnlich laut sprechen. Der Kaiser fragte seinen Nachbar, den Generalfeldmarschall Grafen Alfred Waldersee, der nach dem deutsch- französischen Krieg die 13. Ulanen kommandiert hatte, wer da so laut krähe. Waldersee mochte Brandenstein nicht, der bei der streng denkenden, hoch kirchlichen Gräfin Waldersee, übrigens einer ausgezeichneten Frau, einer geborenen Amerikanerin mit puritanischer Weltanschauung, für einen losen Zeisig galt. „Das ist Brandenstein", antwortete also Waldersee Seiner Majestät, „der ist schon wieder betrunken." Wer in der Umgebung eines mächtigen Mannes lebt, möge dieser nun ein Souverän oder ein republikanischer Staatschef, ein Minister oder ein einflußreicher Parlamentarier sein, sollte, wie dies Beispiel zeigt, sich sorgsam vor abfälligen Bemerktingen über Außenstehende hüten. Lobende und anerkennende DER SENDBOTE 63 Äußerungen finden selten dauernden Widerhall, tadelnde, gehässige und persiflierende Auslassungen haften dagegen sehr häufig. „Der Menschen Sünden leben fort in Erz; Ihr edles Wirken schreiben wir ins Wasser!" sagt in Shakespeares „König Heinrich der Achte" der Marschall der Königin Catharina, der würdige Griffith, zu seiner unglücklichen Herrin. Herr von Lucanus war alles in allem von den beiden Bewerbern um die so wichtige Stelle zweifellos der geeignetere. Das Zentrum mochte ihn nicht, Lucanus weil es nicht vergessen konnte, daß Lucanus während des Kulturkampfes unter dem Minister Falk im Kultusministerium tätig gewesen war. Auch die Konservativen liebten Lucanus nicht, den sie für einen liberal gerichteten Beamten hielten. Er gehörte in der Tat zu jener Schule altliberaler Geheimräte, die unter Friedrich Wilhelm III. Preußen verwaltet hatten, unter Friedrich Wilhelm IV. vielfach von Romantikern, Pietisten und Hyperkonservativen verdrängt worden waren, von Bismarck nicht geliebt wurden, aber unter ihm doch wieder in die Höhe kamen, da sie ihm durch ihre Tüchtigkeit und durch ihr ausgesprochenes Staatsbewußtsein unentbehrlich waren. Herr von Lucanus besaß nicht nur eine jeder Anforderung gewachsene, immer parate Arbeitsfreudigkeit und Arbeitsfähigkeit und ungewöhnliche Kenntnisse auf allen Gebieten der Gesetzgebung und Verwaltung, sondern, und das ist das höchste Lob für ihn, sein Leitstern war im letzten Ende immer die Staatsräson. Er machte sich keine Illusionen darüber, daß manche Eigentümlichkeiten und Eigenschaften Kaiser Wilhelms II. ernste Gefahren für den Monarchen selbst wie für das Land in sich bargen. Aber eben deshalb sah er seine Aufgabe darin, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die Regierung gerade dieses Monarchen für ihn selbst und sein Haus wie für Preußen und Deutschland ohne nachhaltigen Schaden ablaufe. Herr von Lucanus besaß eine Schnelligkeit im Redigieren, wie sie mir selten begegnet ist. Als auf der „Hohenzollern" im Sommer 1898 die Nachricht vom Tode des Fürsten Bismarck eintraf, verfaßte Herr von Lucanus, auf einer Bank der kaiserlichen Jacht sitzend, den Taschenbleistift in der Hand und einen Papierblock auf den Knien, in einer Viertelstunde die anläßlich des Heimgangs des größten deutschen Staatsmanns vom Kaiser an das deutsche Volk und seine Fürsten zu richtende Kundgebung, die, was in Deutschland nicht häufig ist, allgemeine Zustimmung fand. Fürst Bismarck grollte seit seinem Rücktritt Herrn von Lucanus, weil dieser ihm im unheilvollen Märzmonat 1890 die kaiserliche Weisune über- D bracht hatte, schleunigst seinen Abschied einzureichen. Der Fürst hatte sich selbst oft genug über jene Könige des Mittelalters lustig gemacht, die 64 DER APOTHEKER den Boten, der eine Trauerkunde brachte, an dem nächsten Baum aufknüpfen ließen. Das große Publikum sah in Herrn von Lucanus vor allem den Beamten, der den für den Abschied reifen Ministern die seidene Schnur zu überbringen hatte. Man konnte ihn auch dem Hermes-Psychopompos vergleichen, der im 24. Gesang der Odyssee die Seelen der erschlagenen Freier in den Hades und zur Asphodeloswiese führt, in den Händen den Machtstab, schön aus Gold gebildet, und schwirrend folgen die Seelen. Eugen Richter hat dieses Thema in seiner „Freisinnigen Zeitung" in vielen Variationen und nicht ohne Witz behandelt. Kiderlen, der eine lose Zunge hatte, war mehrfach, aber vergebens bemüht gewesen, Herrn von Lucanus dadurch beim Kaiser zu ridikülisieren, daß er erzählte, Lucanus sei der Sohn eines Halberstädter Apothekers. Damit hatte er auf Wilhelm II. gar keinen Eindruck gemacht. Der Kaiser dachte viel zu vorurteilslos, um irgend jemandem seine Abkunft vorzuwerfen, geschweige denn die Abstammung von einem Pharmazeuten, wo doch gerade die Apothekerkunst besondere Sorgfalt, Vorsicht und gute Kenntnisse verlangt und schon bei den Griechen wie bei den Arabern, im Italien des früheren und im Deutschland des späteren Mittelalters hoch in Ehren stand. Der Tod des Kabinettsrats von Lucanus, der im August 1908 mit 77 Jahren in seinem Amt verschied, war ein schwerer Verlust für Kaiser Wilhelm IL, zumal der erfahrene und kluge Staatsmann, der zwei Jahrzehnte hindurch der Krone und dem Land hervorragende Dienste geleistet hatte, durch den subalternen, ganz mittelmäßigen Herrn von Valentini ersetzt wurde. Der Chef des Militärkabinetts, der damalige Generaladjutant, spätere Hahnke Generalfeldmarschall von Hahnke, war ein würdiger Vertreter der ruhmvollen Infanterie unseres alten Heeres. Er war aus der Gardeinfanterie hervorgegangen, an der er mit allen Fasern hing. Nahe Freundschaft hatte ihn viele Jahre mit einem anderen Vorbild jedes echten preußischen Gardeinfanteristen verbunden, mit dem Generaloberst von Pape, der am 18. August 1870 den Angriff der 1. Garde-Infanterie-Division auf St-Privat führte. Mochte die militärische Kritik aus Gründen der Taktik an diesem berühmten Angriff noch so viel aussetzen, mit Stolz gedachte jeder Gardist und jeder gute Preuße des herrlichen Angriffs, den ein Wandgemälde in der Ruhmeshalle darstellt. Der Garde war befohlen worden, nachdem sie geschossen hatte, sich auf die Erde zu werfen, damit die feindliche Salve über sie weggehe. Sie blieb aber stehen und schwenkte die Helme mit dem lauten Ruf: „Vorwärts! Nur immer vorwärts!" Im heftigsten Feuer war General von Pape die Front heruntergeritten. Von seinem zahlreichen Stabe wurden alle Offiziere getötet oder verwundet bis auf den Leutnant von Esbeck- Platen, der später lange Jahre diensttuender Zeremonienmeister war, ein Fürst Bismarck auf dem Balkon seines Hauses in Friedrichsruh beim Empfang studentischer Deputationen DER SCHÜTZENHERZOG VON KOBURG 65 unendlich höflicher, feiner Hofmann, dem man jene Feuerprobe nicht ansah. Er erinnerte ein wenig an die Figur des Aramis in dem berühmten Buch von Dumas pere: „Les trois mousquetaires", das in meiner Jugend das Entzücken aller der französischen Sprache mächtigen Knaben war. Bei jenem Angriff auf St-Privat waren die Verluste für die damalige Auffassung unverhältnismäßig groß gewesen, die „Kreuzzeitung" schrieb, daß Preußens Adel ein Jahr lang in Trauer gehen werde, und der „Kladderadatsch" brachte aus der Feder von Ernst Dohm ein herrliches Gedicht auf die Ernte, die der Tod mit mähender Sichel unter der Blüte des Heeres gehalten habe. Seitdem haben wir uns an noch ganz andere, viel schwerere Blutopfer gewöhnen müssen, und die Prophezeiung des Fürsten Bismarck, daß auf den nächsten Krieg die französische Wendung von dem „saigner ä blanc" zutreffen würde, fand eine nur zu furchtbare Bestätigung. Am 18. August 1870 hatte bei St-Privat die preußische Infanterie ihren größten Ehrentag seit Leuthen gehabt. Wie bei Leuthen war alles niedergebrochen, als sie vorrückte mit voller Wucht. „Als ging durch alle Glieder der Front ein eisern Niet, Trat sie vernichtend nieder in Staub, was nicht entflieht." Der alte Russe Suwarow hatte bekanntlich gesagt, die Kugel wäre eine Närrin, das Bajonett aber ein braver Kerl. Ahnlich dachten von oben bis unten vor dem Weltkrieg viele im preußischen Heere und namentlich in der Garde. Vom taktischen, strategischen und NützUchkeits-Standpunkt aus betrachtet, gewiß mit Unrecht. Aber zum ewigen Ruhme derer, die damals wie jetzt im Weltkrieg das höchste Heldentum betätigten, das die Welt seit Marathon und Platää gesehen hat. General von Hahnke hatte auch im bürgerlichen Leben stets den Kopf hoch getragen. Er war längere Jahre Adjutant des Herzogs Ernst von Koburg gewesen, von dem König Friedrich Wilhelm IV. spöttisch behauptete, er trage sich mit dem Ehrgeiz, in Mitteldeutschland ein Königreich Ostfalen zu gründen, und der in der ersten Hälfte der sechziger Jahre als „Schützen-Ernst" eine gewisse Popularität besaß. Damals hieß es vielfach, Ernst II. wolle auf dem Wege der Volkswahl Deutscher Kaiser werden. Das Jahr 1866 machte allen solchen Velleitäten ein Ende. Der Herzog schloß sich mit Elan an Preußen an, nahm an der Schlacht von Langensalza, wenn auch mehr im Hintergrunde, teil und machte seinen Frieden mit Bismarck. Einen Augenblick soll Ernst II. gehofft haben, an die Stelle der Albertiner in Dresden treten und so für die ernestinische Linie des Hauses Wettin eine wenn auch späte Rache an den Albertinern für ihren Verrat von 1547 nehmen zu können. 5 Blilowl 66 DIE ÄHNLICHKEIT DES KAISERS MIT IHM General von Hahnke erzählte manches von dem Hofe des Herzogs, der es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm, was ihm die große Gutmütigkeit seiner Gemahlin, einer Prinzessin von Baden, erleichterte. Die etwas lockeren Sitten am damaligen Koburger Hofe und insbesondere das Temperament des Herzogs sollen Gustav Freytag bei seinem Roman „Die verlorene Handschrift" vorgeschwebt haben. Der Hauptmann von Hahnke behauptete auch in diesem Milieu seine aufrechte und unabhängige Haltung. Nachdem er manches gesehen und erlebt hatte, was ihm nicht zusagte, ließ er seine Frau, eine Schwester des späteren Kommandierenden Generals des 8. und 14. Armeekorps, des Generaladjutanten Adolf Bülow, und des langjährigen Reisebegleiters Kaiser Wilhelms I. und nachmaligen Gesandten beim Vatikan, Otto Bülow, nicht mehr zu Hofe gehen. Der Herzog stellt ihn darüber zur Rede. Als er, die Gründe für die spröde Haltung seines Adjutanten ahnend, mit Schärfe daran erinnerte, daß die Frau Herzogin an den Festen des Herzogs gern teilnähme und keinen Anstoß an den Eingeladenen nähme, erwiderte Herr von Hahnke kurz: „Was sich für die Frau Herzogin paßt, paßt sich noch lange nicht für meine Frau." General von Hahnke hat mir oft gesagt, wie sehr ihn Wilhelm II. an seinen Onkel Ernst von Koburg erinnere. Natürlich nicht in puncto Moral, denn das Familienleben des Kaisers war vorbildlich, seine Ehe rein, seine Häuslichkeit, was das Verhältnis der beiden Ehegatten zueinander wie zu den Kindern betraf, konnte jedem deutschen Hause zum Vorbild dienen. Aber wenn General von Hahnke den Gang des Kaisers sah, der, wenn der hohe Herr sich ungezwungen gab, etwas trippelnd war, die hochgezogene Schulter, und vor allem wenn er den Kaiser erzählen und namentlich fabulieren hörte, fühlte sich der General lebhaft an Ernst II. erinnert. Der Herzog hatte sich während der Erhebung der Elbherzogtümer gegen Dänemark dem schleswig-holsteinischen Heere angeschlossen und befand sich gerade in Eckernförde, als das dänische Linienschiff „Christian VIII." die Stadt beschoß. Die Art und Weise, wie er diesen Tag beschrieb, hatte verschiedene Variationen oder, richtiger gesagt, Steigerungen durchgemacht. Zuerst war er nur Zuschauer gewesen, dann hatte er von einem Feldherrnhügel die Abwehr dirigiert und schließlich selbst den Schuß abgefeuert, der das dänische Schiff traf. Uber seine Beteiligung an der Schlacht von Langensalza pflegte er auch mancherlei Phantastisches zu erzählen, und während des Deutsch-Französischen Krieges erregte er unliebsames Aufsehen durch die kritischen Bemerkungen, die er aus dem sicheren „Hotel des Reservoirs" in Versailles, wo die deutschen Fürsten während der Belagerung von Paris sich aufzuhalten pflegten, über die militärischen Aktionen abgab, wobei es namentlich nicht an Seitenhieben gegenüber den beim Herzog von Koburg nicht gut angeschriebenen Sachsen des Königsreichs SIMON MEYER 67 fehlte. Der „Kladderadatsch" widmete dem Herzog damals die nachstehenden köstlichen Verse: An einen hohen Schlachtenbummler Variationen über das Thema: „hätten die Sachsen besser eingegriffen" Zwar hast Du diesmal Dir den Kriegermut, Die Heldentaten meisterlich verkniffen; Bei manchem hübschen Kind, manch jungem Blut Hast ehmals Du viel besser eingegriffen. Gesichert, wo der eh'rne Würfel fiel, Und fern der Wahlstatt, wo die Kugeln pfiffen, Hast einst im lustigen Komödienspiel Als Bolingbroke Du besser eingegriffen. Die armen Sachsen, die Du rezensiert, Mit einem Takt, so zart, so fein geschliffen! Hätt'st Du statt dessen selbst sie angeführt, Meinst Du, sie hätten besser eingegriffen? Von Klatschbasen ist namentlich in England die Behauptung verbreitet worden, der wirkliche Vater des Herzogs Ernst von Koburg und seines Bruders, des Prince-Consort von England, sei nicht Herzog Ernst I. von Koburg, sondern ein Jude namens Simon Meyer gewesen. Daran wurden dann allerlei mehr oder weniger schlechte Witze über S. M. in seiner zweifachen Auslegung geknüpft. Es soll richtig sein, daß mancherlei gegen die Vaterschaft des Herzogs Ernst I. von Koburg spricht. An den thüringischen Höfen aber war man, wie mir gelegentlich ein thüringischer Prinz erzählte, fest davon überzeugt, daß es sich keinesfalls um einen Herrn Simon Meyer, sondern im schlimmsten Fall um einen Herrn von Ziegesar handle, und „das ist", fügte jener thüringische Prinz beruhigend hinzu, „eine sehr anständige adlige Familie". Ich habe nie etwas müßiger gefunden, als solche Recherche de la paternite. Nicht nur weil ein derartiges Herumschnüffeln widerwärtig ist, sondern auch weil wir vor Gott alle gleich sind, alle arme Menschen mit menschlichen Unvollkommenheiten und Schwächen, wie auch unsere Blutmischung sein möge. Das war übrigens auch die Ansicht Kaiser Wilhelms II., der mir einmal eine hübsche Äußerung seiner Tante, der Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Augustenburg, erzählte. Bei der Tragödie Struensee spielten die Beziehungen jenes Unglücklichen zu der Königin Karoline Mathilde von Dänemark eine große Rolle. Die Königin war durch einen niederträchtigen Betrug veranlaßt worden, unerlaubte Beziehungen zu dem früheren Arzt und späteren Staatsminister Struensee einzugestehen. Nicht lange nach der Hinrichtung von Struensee und der Verbannung der Königin wurde letztere von einer 5« 68 ADMIRAL VON SENDEN Tochter entbunden, die später den Herzog von Augustenburg heiratete, den Großvater der Prinzeß Henriette und Urgroßvater der Kaiserin Auguste Viktoria. Nach Lage der Dinge war es im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß jene nach dem Trauerspiel Struensee geborene Prinzessin Luise Auguste von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg die Tochter des Königs Christian VII. von Dänemark sein sollte. Als nun, erzählte mir der Kaiser, die Prinzessin Henriette gelegentlich von einer anderen Prinzessin wegen ihrer angeblichen Abstammung von Struensee gehänselt wurde, erwiderte sie: „Ich will lieber von einem gescheuten Arzt abstammen als von einem vertrottelten König." Kaiser Wilhelm II. fand diese Antwort ausgezeichnet. Er war wirklich kein Philister, wie ich gegenüber August Bebel einmal im Reichstag sagte. Der Chef des Marinekabinetts, Admiral Freiherr von Senden-Bibran, Admiral war der Sohn eines schlesischen Barons, der im österreichischen Dienst ge- Senden- standen hatte. Er selbst war in jungen Jahren in die deutsche Marine ein- Bibran g etreten? an ft eT er m j t Leidenschaft, man kann sagen mit Fanatismus hing. Außerhalb der Marine existierte nichts auf der Welt für den alten Junggesellen, der weder Weib noch Kind und nur wenige Freunde hatte. Solche Hingebung an die Sache war an sich schön und konnte auch nützlich wirken, wenn sie nicht zu völliger Einseitigkeit geführt hätte. Zu dem vielen, das, verglichen mit der Flotte, für Herrn von Senden nicht auf der Welt war, gehörten leider auch politische Rücksichtnahme und Vernunft. Die Liebe des Admirals von Senden für die Flotte ging so weit, daß er in ihrem Interesse auch den Admiral von Tirpitz hielt und stützte, den er persönlich haßte, aber für den einzigen Mann hielt, dessen organisatorische Befähigung und Energie einen raschen und zweckentsprechenden Ausbau der Flotte sicherten. Zur Zeit des Admirals Hollmann, der von 1890 bis 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamts gewesen war, der zu den sogenannten „Freunden" des Kaisers gehörte und, wie die meisten dieser Herren, Seiner Majestät gegenüber sehr nachgiebig war, hatte sich trotz aller Gegenvorstellungen des Admirals von Senden Wilhelm II. mehr als gut in Bau und Konstruktion der Kriegsschiffe eingemischt. Der Kaiser zeichnete mit Vorliebe Pläne für Häuser, für Schlösser, für Kirchen und namentlich für Schiffe. Die zeichnerische Begabung und die Lust am Zeichnen hatte Wilhelm II. wie vieles von seiner Mutter geerbt. Wie auf manchen anderen Gebieten war auch hier bei ihm die Kraft schwach, allein die Lust 'war groß. Während Admiral Hollmann Staatssekretär des Reichsmarineamts war, kam es häufig vor, daß der Kaiser die Konstruktionsabteilung direkt zu beeinflussen suchte. Er war bestrebt, hinsichtlich der Schiffsbauten überall und bei jedem Anlaß persönlich einzugreifen. In den neunziger DER KAISER ALS SCHIFFSZEICHNER 09 Jahren hatte der Kaiser bei einem Besuch in Italien die Bekanntschaft des damaligen italienischen Marineministers, des Admirals Brin, gemacht, der für einen der hervorragendsten Schiffskonstrukteure in Italien und selbst in Europa galt. Nach langen Gesprächen über die beste Art, Schiffe und insbesondere große Schlachtschiffe zu bauen, hatte der Kaiser den Admiral Brin gefragt, ob er ihm den Plan für den Bau eines Kampfschiffes übersenden dürfe, den er mit besonderer Sorgfalt ausgearbeitet habe und der die Frucht jahrelanger Studien, sauren Fleißes und vielen Nachdenkens wäre. Einige Wochen später erhielt der Minister Brin aus Potsdam den ihm in Aussicht gestellten Plan. Er schickte die Zeichnung dem Kaiser mit einem Brief zurück, der ein Meisterstück italienischer Feinheit, aber auch kühler Ironie war. „Das Schiff, das Eure Majestät bauen wollen", schrieb etwa der Admiral, „wird das mächtigste, furchtbarste und dabei schönste Kriegsschiff werden, das je gesehen wurde. Es wird eine Schnelligkeit entfalten, die noch nirgends erreicht wurde, seine Armatur übertrifft alles bis heute Dagewesene, seine Masten sind die höchsten, seine Geschütze die weitest- tragenden der Welt. Dabei ist es im Innern prächtig eingerichtet, es muß ein wahres Vergnügen sein, auf diesem Schiff zu fahren, für die ganze Mannschaft, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen. Das herrliche Fahrzeug hat nur einen Fehler: wenn es auf Wasser gesetzt wird, geht es unter wie eine bleierne Ente." Der Kaiser hat dem Admiral diese Antwort gar nicht übelgenommen. Es war ein in hohem Grade sympathischer Zug des Kaisers, und dadurch unterschied er sich von vielen anderen Fürsten, daß er für eine mit Geist vorgebrachte Kritik nicht empfindlich war — vorausgesetzt, daß sie nicht nach außen drang. Darum hatten es seine persönlichen Freunde leicht mit ihm, denn zwischen ihnen und Seiner Majestät spielte sich alles in der Intimität ab. Die Minister hatten es schwer, denn sie standen vor der Öffentlichkeit und der Kaiser mit ihnen. Aus den soeben angedeuteten Gründen, weil neben seinem Eifer für die Marine keine andere Erwägung für ihn bestand, hat der Admiral von Senden Des Kaisers auf die Beziehungen zwischen dem Kaiser und seinem Onkel, dem König Umgebung Eduard VII., und damit auf die deutsch-englischen Beziehungen sehr schädlich eingewirkt. Senden war, was man in Norddeutschland „stur" nennt. Er war leider auch sehr taktlos. Die Herren, die Wilhelm II. umgaben, hatten mit verschwindenden Ausnahmen viele treffliche Eigenschaften. Sie wurden von Außenstehenden oft ungerecht beurteilt. Es fehlte ihnen weder an Pflichttreue, noch an Wahrheitsliebe, noch an Unabhängigkeit der Gesinnung, aber Takt war nicht die Signatur der neuen Generation. Am Hofe Kaiser Wilhelms I. war der Ton sehr taktvoll. Von dem Milieu, in dem Wilhelm II. lebte, ließ sich dies auch mit dem besten Willen nicht behaupten. Selbst Philipp Eulenburg und Kuno Moltke konnten und wollten IHHHnHMHBNHMHIHllBHiHMI^^H£ttS3 70 STEINE DES ANSTOSSES dies nicht bestreiten, hatten aber dafür eine Formel gefunden: „Taktlosigkeit ist Männlichkeit." Der Admiral von Senden wurde häufig vom Kaiser in besonderen Aufträgen nach England geschickt und kam fast nie zurück, ohne dort durch Mangel an Takt Anstoß erregt zu haben. Mit Vorliebe sprach er in den Londoner Klubs davon, daß wir uns eine Riesenflotte bauen und, wenn diese erst fertiggestellt wäre, ein ernstes Wort mit England sprechen würden. Besonders schädlich wirkte ein Zwischenfall, der sich kurz vor meiner Ernennung zum Staatssekretär abgespielt hatte. Der Kaiser hatte Senden nach London geschickt mit einem Geschenk für seinen Onkel, den damaligen Prinzen von Wales, das dem Kaiser schön und geschmackvoll erschien, das der verwöhnte und raffinierte Oheim aber nicht besonders goutierte. Da der lebenslustige Prinz von Wales überdies alle mögüchen anderen Dinge vorhatte, so fand er nicht Zeit zu einer eingehenden Unterhaltung mit dem Abgesandten des Kaisers. Als der empfindliche Admiral bei seiner Rückkehr nach Potsdam Seiner Majestät dies meldete, wahrscheinlich en brodant im peu, mit einiger Ausschmückung und tendenziöser Zuspitzung, geriet der Kaiser in Zorn und schrieb seiner Großmutter, der Königin Victoria, einen Brief, in dem er sich in starken und stark übertreibenden Wendungen über die ihm durch die schlechte Behandlung seines Abgesandten widerfahrene Kränkung beschwerte. Der Prinz von Wales erklärte alles, was der Admiral von Senden über die ihm zuteil gewordene Behandlung erzählt hatte, für unwahr und hat ihm das, was er eine „häßliche Klatscherei" nannte, nie vergessen. Jedesmal, wenn der Kaiser nach England kam oder sein Oheim nach Deutschland, fanden lange und peinliche Verhandlungen darüber statt, ob der Oheim Herrn von Senden empfangen würde oder nicht. Es ist traurig, zu sagen, daß derartige persönliche Reibungen im Eduard VII. letzten Ende oft weitreichende, selbst politische Konsequenzen hatten. und J cn habe, unterstützt von anderen einsichtigen Männern, mir große Lonsdale jj^g g e g e b eni solche Steine des Anstoßes zwischen zwei so maßgebenden Persönbchkeiten, wie es der Kaiser und sein Oheim waren, aus der politischen Bahn zu entfernen. Senden war nicht der einzige und gefährlichste Stein. Es gab noch einen anderen Herrn, der zwischen dem Kaiser und seinem englischen Oheim ständig Anstoß und Ärger erregte, das war der Earl of Lonsdale. Der Kaiser schwärmte für diesen Mann, der in mancher Hinsicht der sympathische Typus eines lebensfrohen englischen Lords war: groß, breitschultrig, mit rotblonden Haaren und hochrotem Gesicht, riesenstark, immer bereit zu jeder körperlichen Anstrengung wie für jedes fröhliche Zusammensein, immer ein Goldstück in der Hand für jeden, der um etwas bat, und einen guten Spaß auf der Zunge. Er war einer der besten Reiter in England. DER TÄTOWIERTE EARL 71 Er war auch ein großer Jachtman. Es war ein Vergnügen, ihn auf der Jacht „Meteor", auf die der Kaiser ihn oft zum Segeln mitnahm, stehen zu sehen, in korrektem englischem Jachtanzug, die Hemdsärmel zurückgekrempelt, die muskulösen Arme und die entblößte, breite und starke Brust, über und über mit durchstochenen Herzen, kleinen Flaggen und Doppelbuchstaben tätowiert, in gestickten Pantoffeln, um auf dem glatten Deck nicht auszugleiten, jedem Matrosen an Kraft und Geschicklichkeit überlegen. Er war wirklich a jolly good fellow, aber er war nun einmal die bete noire des Königs Eduard, der ihn „the greatest bar in England" nannte, es auch nicht richtig fand, daß der Kaiser intim mit einem Herrn verkehrte, über dessen Vermögen schon seit längerer Zeit der Konkurs ausgesprochen war. In letzterer Beziehung befand sich der Earl of Lons- dale in derselben Lage wie später ein anderer Freund des Kaisers, der Fürst Max Fürstenberg, der gleichfalls in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Es war ein schöner Zug am Kaiser, daß er seinen Freunden die Treue hielt, das durfte aber nicht auf Kosten der Staatsräson geschehen, wie im Falle Lonsdale. Auch mußte ein Unterschied gemacht werden zwischen deutschen Freunden wie Senden, die als treue Kameraden angesprochen, behandelt und geschützt werden konnten, und einem frivolen Ausländer, von dem vorauszusehen war, daß er schwerlich an der Seite Seiner Majestät bleiben würde, wenn einmal die Trommel zum Streite wider Deutschland geschlagen werden sollte. Als England 1914 Deutschland den Krieg erklärte, hat, wie die Zeitungen meldeten, Lord Lonsdale, der im Gefolge des Kaisers an manchem deutschen Manöver zu Lande und zu Wasser teilgenommen hatte, auf seinem Schloß die vielen Bilder, die er vom Kaiser besaß, mit dem Gesicht gegen die Wand umdrehen lassen. Admiral von Senden war von dem Vorwurf nicht freizusprechen, daß er sich, im Gegensatz zu seinen Kollegen vom Zivil- und Militärkabinett, in Senden und die auswärtige Politik einzumischen liebte, seiner ganzen Richtung ent- P au ^ is sprechend natürlich in antienglischem Sinne. Er hat in dieser Beziehung manches verdorben. Das Wesen des Dilettanten besteht nach Goethe darin, daß er die Schwierigkeiten, die in einer Sache Hegen, unterschätzt. Von dem einfachen, aber, in seiner Einfachheit einfältig angewandt, gefährlichen Gedanken ausgehend, daß man Rußland gegen England ausspielen müsse, hatte sich Herr von Senden mit dem russischen Marineattache Paulis befreundet, mit dem er gern Gedankenaustausch über die Möglichkeit eines deutsch-russischen Zusammengehens gegen England pflog. Paulis war ein dunkler Ehrenmann, von dem niemand wußte, ob er nach seiner Herkunft Russe, Belgier oder Italiener war, und vor dem selbst der russische Botschafter leise warnte. In seiner Treue für seine „Freunde" heß sich aber der Kaiser nicht an seinem Kabinettschef und Admiral ä la suite irremachen. V. KAPITEL Die Kabinette • Die Hofstaaten • Die Adjutanten • Erste Meinungsverschiedenheit mit Wilhelm II., rasche Wiederverständigung • Ankunft in St. Petersburg • Imprcs- sionabilität Wilhelms II. Die Kabinette spielten unter Kaiser Wilhelm II. eine viel größere Rolle als unter seinem Großvater. Von dessen Kabinettsrat Herrn von Wil- Kabinetts- m0 wski wußte das große Publikum so gut wie nichts, denn er trat nie in systcm Öffentlichkeit. Herr von Lucanus dagegen gehörte zu den umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit. Sein Name war in aller Munde, seine Karikatur war häufig in den Witzblättern anzutreffen, die von der Existenz des würdigen Herrn von Wilmowski keine Notiz genommen hatten. Das Ideal Kaiser Wilhelms II. wäre an und für sich das Kabinettssystem ßans phrase gewesen. Im ehrlichen Glauben, so am raschesten alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu beseitigen, die sich seinen ja nur auf die Beglückung seines Landes gerichteten Bestrebungen in den Weg stellten, hätte der Kaiser am liebsten alles Militärische, eventuell auch gegen den Kriegsminister und selbst gegen den Generalstab, durch sein Militärkabinett geregelt und bestimmt, die Flotte mit seinem Marinekabinett gebaut, um dann allein über sie zu verfügen, durch das Zivilkabinett im Innern regiert. Wie manche andere Pläne und Wünsche des Kaisers scheiterten auch diese Aspirationen, die ihn in den ersten Jahren seiner Regierung erfüllt hatten, an der Macht der Verhältnisse und der Tücke des Objekts. So zu regieren, wie es Wilhelm II. bei der Entlassung des Fürsten Bismarck vorschwebte, wäre, wie die Verhältnisse in Deutschland und in der Welt 1890 lagen, auch einem Friedrich dem Großen nicht möglich gewesen. Der Kaiser hatte seitdem viel Wasser in seinen Wein gießen müssen. Aber die Kabinette behielten während seiner ganzen Regierungszeit zweifellos großen Einfluß. Das ging an, solange der kluge und ernste Herr von Lucanus an der Spitze des Zivilkabinetts stand, der vortreffliche, ehrwürdige General von Hahnke das Militärkabinett leitete; es ging von 1901 bis 1908 mit dem Grafen Dietrich Hülsen-Haeseler, der einen frischen und unbefangenen, gesunden Menschenverstand besaß, als Chef des Miktärkabinetts. Es ging sogar mit dem Admiral von Senden, der bei allen DIE HYDRA 73 seinen Schrullen doch von heiligem Eifer für die Sache, das heißt für die ihm so teure Flotte, deren Ehre und Ruhm erfüllt war. Es ging nicht mehr, als Herr von Valentini dem Zivilkabinett, Admiral Müller dem Marinekabinett und General von Lyncker, ein untadliger Ehrenmann, aber kleinlich und engherzig, dem Militärkabinett vorstand. Die Kabinettswirtschaft während des Weltkrieges hat zweifellos das ihrige zu unserer Niederlage beigetragen. Wenn Großadmiral von Tirpitz in seinen Briefen an seine Frau sie als eine „Hydra" bezeichnet und die drei Kabinettschefs als die drei Köpfe dieser neuen lernäischen Schlange, wenn er gegen die „feste Stuckmauer um den Kaiser herum", gegen „die verfluchte Bande in Pleß" wettert, wenn er von „einer Kabinettsregierung wie vor Jena" spricht und ausruft, der Hydra müsse zu Leibe gegangen werden, die Kabinettschefs gehörten an den Laternenpfahl, so ist dieser Wutschrei des Erbauers der Flotte nach allem, was er selbst unter den Quertreibereien des Admirals von Müller gelitten hatte, wie nach den Beobachtungen und Wahrnehmungen, die er aus nächster Nähe über den traurigen Herrn von Valentini anstellen konnte, menschlich wohl begreiflich. Facit indignatio versum. Wenn die Kabinette, die große und wichtige Interessenkreise des staatlichen Lebens wie in einem Brennpunkt zusammenfaßten, mir da und dort Sorge bereiten konnten und zum Teil auch bereitet haben, so stand ich der höfischen Welt, die den Kaiser umgab, mit voller Unbefangenheit gegenüber. Gewiß war weder der Einfluß der Maison militaire noch jener der eigentlichen Hofleute zu unterschätzen. Mit den Militärs, die sich in Politik kaum einmischten und von Wilhelm II. gelegentlich auch in ihre Schranken zurückgewiesen wurden, wenn sie an dies Gebiet rührten, und die zudem nach ihrer ganzen soldatischen Erziehung und ihrer Extraktion Leute von fest umgrenzten Ehrbegriffen waren, auszukommen, schien mir nicht schwierig. Was die Hofchargen anlangt, so wußte ich hier zu gut Bescheid, als daß ich von dieser Seite ernstliche Schwierigkeiten befürchtet hätte. Die ängstliche Furcht vor dem „großen Hof", in der mein armer Nachfolger gelebt hat, lag mir fern. „Ayant vecu dansleserail,j'enconnais- sais les detours." Mir konnte dies Milieu nicht imponieren. Überdies besaß ich in der unmittelbaren Umgebung der Majestäten in dem Kabinettsrat der Kaiserin, meinem alten Kriegskameraden Bodo Knesebeck, einen unbedingt zuverlässigen Freund. Vor allem aber lag in der Persönlichkeit des Ober-Hof- und Hausmarschalls, des Grafen August Eulenburg, die Gewähr dafür, daß sich der Hof innerhalb der Schranken seiner Wirkungssphäre hielt. Er war ein würdiger Sproß jenes ostpreußischen Adels, der dem preußischen Staat seit Jahrhunderten viele ausgezeichnete Männer in Krieg August und Frieden gestellt hat. Als 1813 die Provinz Ostpreußen sich gegen die Eulenhur S 74 DER ALTE HOF Franzosen erhob und den König und das ganze Land mit sich fortriß, in unvergänglichen Worten hat es Heinrich von Treitschke im ersten Band seiner deutschen Geschichte geschildert, stand der ostpreußische Adel voran. Unvergeßlich sind die schönen Verse, die Max von Schenkendorf in seinem „Lied von den drei Grafen" den ersten Opfern im Heiligen Kriege, den Grafen Kanitz, Dohna und Gröben, gewidmet hat. Unser langjähriger Botschafter in St. Petersburg, General von Schweinitz, pflegte zu sagen, daß jeder preußische König „seinen Ostpreußen" gehabt hätte. Einer der treuesten Paladine unseres alten Kaisers war sein langjähriger Adjutant, der bei Königgrätz und bei Gravelotte an seiner Seite ritt, Graf Heinrich Lehndorff. Der hochgewachsene Mann mit dem Kaiser-Wilhelm-Bart, wie man damals sagte, war eine der stattlichsten Erscheinungen des preußischen Hofes. Die Sage ging, daß er in seiner Jugend viele Herzen gebrochen habe. Als älterer Mann heiratete er die schöne Gräfin Margarete Kanitz, mit der er in glücklichster Ehe lebte und die ihm unter drei Kindern einen ungewöhnlich begabten Sohn schenkte, der für die Diplomatie bestimmt wurde, der eine große Zukunft vor sich sah, als er im Weltkrieg vor der Front der Gardekürassiere fiel. Der Vater, Graf Heinrich Lehndorff, hatte mit unendlichem Takt und unbedingter Loyalität die amtlichen und persönlichen Beziehungen zwischen dem alten Kaiser und dem Fürsten Bismarck betreut. Männer wie Graf Lehndorff, General von Lindequist, Graf Fritz und Graf Louis Perponcher, General von Albedyll, Graf Stillfried, Graf Pückler, General Graf Alten, Fürst Anton Radziwill, General von Steinäcker und manche andere gaben dem alten Hof sein vornehmes Gepräge. Graf Heinrich Lehndorff hatte auch in politischen Fragen ein gutes und scharfes Urteil. Ich werde es mir immer zur Ehre anrechnen, daß dieser im besten Sinne des Wortes noble Mann mir in meiner Jugend ein freundlicher Gönner und in späteren Jahren ein gütiger Freund war. Die segensreiche Rolle, die Graf Heinrich Lehndorff am Hofe des alten Kaisers gespielt hatte, war bei seinem Sohn, dem damaligen Kronprinzen und späteren Kaiser Friedrich, dem Grafen August Eulenburg zugedacht gewesen. Dieser war schon in jungen Jahren als Hauptmann im 1. Garderegiment zu Fuß dem Kronprinzen als Adjutant zugeteilt worden. Als sein Vorgänger, Major von Schweinitz, der spätere Botschafter in Petersburg, durch Eulenburg abgelöst wurde, beschwor er die Frau Kronprinzessin, sich in ein möglichst freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis zu Eulenburg D O zu stellen: einen besseren Führer und Berater im Labyrinth der Berliner Intrigen wie gegenüber den Problemen und Rätseln der Politik als den Grafen August Eulenburg werde sie schwerlich finden. Eine Zeitlang ging es; dann ließ sich die hochbegabte, aber impulsive und dabei doch wieder naive Frau von ihrem Kammerherrn, dem Grafen Seckendorff, gegen MARTIALISCH UND SCHLAU 75 Eulenburg einnehmen und ruhte nicht, bis letzterer ihren Hof verlassen hatte und als Ober-Zeremonienmeister zum großen Hof übergetreten war. In dieser Stellung befand sich Graf August Eulenburg, als Wilhelm II. den Thron bestieg, der zunächst seinen bisherigen Hofmarschall, Herrn Herr von Liebenau, zum Oberhofmarschall avancieren ließ. Herr von Liebenau von Liebenau war nach meinem Bruder Adolf militärischer Begleiter des Prinzen Wilhelm geworden, später sein Hofmarschall. Er hatte den Prinzen Wilhelm auf die Universität Bonn begleitet und stand ihm während der Potsdamer Dienstzeit beim 1. Garderegiment und bei den Gardehusaren zur Seite. Herr von Liebenau war äußerlich etwas rauher Krieger, er hatte nicht die Allüren eines Hofmarschalls. Die Hofdamen klagten über seinen „Wachtmeisterton", sie klagten noch mehr darüber, daß er ihnen zuviel Spazierfahrten und zu häufiges Ermüden der kaiserlichen Pferde verwies. Auch die Kaiserin fand ihn zu bärbeißig. So mußte Herr von Liebenau gehen, der übrigens trotz seiner martialischen Außenseite ein kluger, in seiner Weise sogar schlauer Hofmann war, der dem Kreise Normann-Stosch-Roggen- bach nahegestanden hatte und zu liberalen Anschauungen neigte. Ich habe öfters beobachten können, daß liberal angehauchte Kammerherren, Adjutanten und Hofmarschälle den „höchsten Herrschaften" gegenüber nachgiebiger und überhaupt serviler waren als stramme Konservative und echte Junker. Liebenau verließ schwer gekränkt den Hof und zog sich nach Wiesbaden zurück, wo er die Schar der verabschiedeten höheren Offiziere und Beamten vermehrte, die in diesem reizenden Badeort am Fuße des Nerobergs Betrachtungen darüber anstellten, wie viel besser es um Staat und Armee bestellt gewesen wäre, als sie noch im Dienst waren. Liebenau wurde durch den Grafen August Eulenburg ersetzt, der alle Eigenschaften des Verstandes und des Charakters mitbrachte, um dem Kaiser wie dem Hofe und damit, wie die Verhältnisse lagen, dem Lande ernste und ersprießliche Dienste zu leisten. In einer für mich unvergeßlichen Unterredung hatte mir, wie ich seinerzeit erzählte, im Oktober 1879 Fürst Bismarck gesagt, es gebe manche gute und auch einige kluge Leute, aber wenige, die gleichzeitig gut und klug wären. Zu diesen seltenen Männern, zu diesen rarae aves gehörte August Eulenburg. Sein Verstand war ebenso klar, scharf und hell wie sein Charakter fest und zuverlässig. Er verlor nie den Kopf noch die Haltung, weder als Hofmarschall auf dem glatten Parkett des Hofes noch als Hausminister gegenüber den Stürmen der Novemberrevolution. Er gehörte zu den nicht vielen, denen Wilhelm IL, dem es leider bisweilen an Takt fehlte, nie mankiert hat. Er wußte nach dem Umsturz durch seine vornehme und kühle Ruhe auch die demokratischen Parvenüs zu bändigen, mit denen er über die Vermögensangelegenheiten des königlichen Hauses zu verhandeln hatte. Er sah alles von hoher Warte, nahm das Große groß und 76 KRIEG IM FRIEDEN das Kleine klein, immer gewissenhaft und großzügig. Er war durch und durch ein scharfer preußischer Patriot und dabei von besten, konzilianten Formen. Ich hätte sehr gewünscht, ihn als Botschafter nach Petersburg, Wien oder London senden zu können, aber der Kaiser wollte nicht auf diese „Säule seines Hofes" verzichten. Es war kein Glück für den Kaiser und das Land, daß Graf Eulenburg vom Hofe in das Hausministerium übersiedelte, wo er den Kaiser seltener sah und nicht mehr auf Reisen begleitete. Es war namentlich kein Glück, daß Eulenburg durch den seichten und hohlen, dabei in seiner Selbstüberschätzung fast komisch wirkenden Herrn von Reischach ersetzt wurde, und das nicht lange vor dem Kriege, wo dem Kaiser ein kluger und charaktervoller Berater in unmittelbarer Umgebung doppelt not tat. Eulenburg hat dem Kaiser auch im Hausministerium und insbesondere nach der Novemberrevolution durch Besonnenheit und Einsicht hervorragende Dienste geleistet. Aber er fehlte in Koblenz und in Luxemburg, in Charleville und in Pleß. Er fehlte vor allem 1918 in Spa. Mit Graf August Eulenburg an seiner Seite wäre Kaiser Wilhelm II. nicht über die Grenze entwichen. Der Kommandant des Hauptquartiers, General von Plessen, der spätere General Generaloberst, war schon Adjutant beim alten Kaiser gewesen und hatte Plessen fa e g U ten Manieren, das ruhige Wesen und die Diskretion, die dessen Umgebung auszeichneten. Er war verheiratet mit der Tochter des großen Chirurgen und Generalarztes der Armee, Bernhard von Langenbeck. Aus der Adjutantur des alten Kaisers war Plessen in die des Enkels übergetreten, der ihn bald nach seinem Regierungsantritt zum Kommandanten des Großen Hauptquartiers machte. Unter dem alten Kaiser, der zwei große Kriege geführt hatte, gab es im Frieden kein Hauptquartier. Kaiser Wilhelm II. hatte diese Institution in Rußland kennengelernt. Der Gedanke hatte ihm gefallen, seiner Suite auch im Frieden ein kriegsmäßiges Gewand umzuhängen. Der hohe Herr spielte gern Krieg im Frieden. Als aber aus dem Krieg im Frieden wirklicher, blutiger und furchtbarer Krieg wurde, schauderte sein Inneres, seine im Grunde weiche Natur und sein ganzes sensitives Wesen vor der Wirklichkeit zurück. Von dem Generaloberst von Plessen hat in seinem bekannten Roman „Der König" der Wiener Journalist Karl Rosner ein zu boshaftes Porträt entworfen. Rosner war als Vertreter des „Lokalanzeigers" dem Großen Hauptquartier attachiert worden. Dem Kaiser gefielen seine blumenreichen Kriegsberichte, die regelmäßig in den Scherischen Blättern erschienen. Rosners Stil war echt wienerisch. Wenn Fürst Bismarck einen Artikel in die Presse zu glissieren wünschte, der in lebhaften Farben und mit einem sentimentalen Unterton gehalten sein sollte, so setzte er nach kurzer Skizzierung des Inhalts die Worte an den Rand: „Im Stylus austriacus." Es ist menschlich DIE FLUCHT NACH HOLLAND 77 begreiflich, daß Rosner die Herren der Umgebung des Kaisers nach der Beachtung einschätzt und schildert, die sie ihm zuteil werden ließen. Der Generaloberst von Plessen hat sich offenbar nicht viel um ihn gekümmert. Wohl darum schildert ihn Rosner als einen körperlich verbrauchten, geistig beschränkten, ziemlich albernen und dazu gefräßigen Herrn. General von Plessen war bis in seine letzten Dienstjahre ein körperlich elastischer, unermüdlicher und geradezu unverwüstlicher Generaladjutant mit besten Formen und normaler Intelligenz. Als solchen habe ich ihn viele Jahre gekannt. Er war weder Intrigant noch Schmeichler. Wie weit sind die Vorwürfe berechtigt, die anläßlich der Flucht Kaiser Wilhelms II. nach Holland gegen den Generaloberst von Plessen erhoben worden sind? Nach jener furchtbaren Katastrophe wurde erzählt, es sei der General von Plessen gewesen, der dem Kaiser zur Flucht, zu dem verhängnisvollen Entschluß des Übertritts nach Holland geraten oder wenigstens es Seiner Majestät ermöglicht habe, diesen nicht wieder gutzu machenden Fehler zu begehen. Am Abend des 8. November 1918 habe Kaiser Wilhelm II. den Generalfeldmarschall von Hindenburg und die anderen bei ihm befindhchen Herren mit der Bemerkung entlassen, daß die Fortsetzung der Beratung am nächsten Morgen stattfinden solle. Am Morgen des 9. November hätten die sich wieder zum \ ortrag meldenden Herren erfahren, der Kaiser wäre in der Nacht nach Holland abgereist. General von Plessen soll die nötigen Weisungen an das Eisenbahnpersonal und an die Dienerschaft in der Nacht erteilt und so die Hand zur Flucht geboten haben. Volle Wahrheit über diese unsäglich traurige Flucht wird wohl erst die Zukunft bringen. Aber selbst wenn General von Plessen einen diesbezüglichen kaiserlichen Befehl ausgeführt haben sollte, wäre es unbillig, deshalb über einen so lange im Dienst bewährten Offizier den Stab zu brechen. Fast 30 Jahre hatte er nie dem Kaiser widersprochen, fast drei Jahrzehnte hindurch war jeder Versuch, eine eigene Meinung zu äußern, vom Kaiser scherzhaft oder unwirsch abgewiesen worden. Gewiß hätte Plessen gut getan, in diesem fürchterlichen Moment der preußischen Geschichte den Kaiser beim Portepee zu fassen und ihm zu sagen, daß ein ehrenvoller Tod auf dem Schlachtfeld, und es wurde noch an der Front gefochten, für das Land, für die Dynastie und für den Kaiser selbst hundert- und tausendmal der Flucht vorzuziehen wäre. Aber eine solche Initiative war von einem so lange in Unselbständigkeit erhaltenen Begleiter nicht zu erwarten und nicht zu verlangen. „Schon ja die Hälfte der Tugend entrückt Zeus' waltende Vorsicht Einem Mann, sobald nur der Knechtschaft Tag ihn ereilet!" sagt bei Homer zum Odysseus der treffliche Sauhirt Eumäos. Kaiser 70 NICHT VERSTIMMEN Wilhelm II. war im Kern eine freundliche, wohlwollende und gutmütige Natur. Er wollte allen Herren seiner Umgebung wohl, er war immer erfreut, wenn er ihnen eine Freude bereiten konnte. Er war im Verkehr mit ihnen hebenswürdig und sogar gemütlich. Von Knechtschaft im banalen Sinne war bei der Suite des Kaisers wirklich nicht die Rede. Aber da Widerspruch den Kaiser verstimmte und die allgemeine Losung nun einmal war, der Kaiser müsse „in guter Stimmung" erhalten bleiben, so hatte ein großer Teil der Umgebung allmählich auf jede Initiative und bis zu einem gewissen Grade auf eine eigene Meinung verzichtet. Von heute auf morgen ändert sich aber der Mensch nun einmal nicht. Es wäre ein schreiender Mangel an Objektivität, es wäre mehr als ungerecht, wenn ich nicht hinzufügen wollte, daß ich weit entfernt bin zu glauben, solche geistige Knechtschaft existiere nur oder auch nur vorzugsweise an Höfen. Nirgends besteht sie ausgeprägter als in der sozialdemokratischen Herde. Ein Sozialist, aber ein Sozialist von Geist, der Franzose Proudhon, hat gesagt: „Auf meine Ehre und mein Gewissen, ich lasse mich lieber regieren von unseren alten Königen, die Jahrhunderte der Ehre und Wohlfahrt repräsentieren, als von Demagogen, die innerlich auf Volk und Staat pfeifen und die dem ersteren nur schmeicheln, um sich des letzteren zu bemächtigen." Und Voltaire meinte, alles in allem wolle er lieber von einem Löwen regiert werden, der apres tout ein Herr aus gutem Hause wäre, als von hundert Ratten. Wer damals, als wir mit Kaiser Wilhelm IL gen Rußland fuhren, ein solches Ende seiner Regierung vorausgesagt hätte, wie es einundzwanzig Jahre später eintrat, der würde auf ebenso ungläubige Gesichter gestoßen sein wie nach dem 22. Kapitel des ersten Buches der Könige der Prophet Micha, der Sohn Jemlas, als er dem Könige Israels Niederlage und Sturz seines Thrones prophezeite. Der König Israels sammelte alle seine Propheten um sich, bei vierhundert Mann, und fragte sie, ob er gen Ramoth in Gilead ziehen solle, um zu streiten, oder das lieber anstehen lasse. Alle von ihm befragten Propheten antworteten Seiner Majestät als gute Höflinge: „Ziehe hinauf, der Herr wird's in die Hand des Königs geben." Nur Micha sprach sich weniger optimistisch aus und erklärte, er sähe im Geist ganz Israel zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da schlug ihn ein höherer Hofbeamter, der Kammerherr Zedekia, auf die Backen, und der König befahl, daß man Micha in den Kerker setzen und mit Brot und Wasser der Trübsal speisen solle, bis Seine Majestät sieggekrönt wiederkomme. Er kam aber nie wieder. Gewiß erfüllten schon in den ersten Regierungsjahren des Kaisers viele Kaiserin und ernste Sorgen manche Herzen. Der grollende Titan in Friedrichsruh Friedrich über machte kein Hehl daraus, daß seine Entlassung und vor allem die Art •L Q 7. i ren o n semer Entlassung, die gleichzeitig erfolgte Kündigung des Rückversiche- „MEIN SOHN WIRD DEUTSCHLANDS RUIN SEIN!" 79 rungsvertrages mit Rußland und die Begleitumstände dieser Kündigung, daß manche exzentrische Reden und Handlungen des Kaisers und die ganze Regierungsweise des jungen Monarchen ihn mit tiefer Besorgnis erfüllten. Als die Kaiserin Friedrich Anfang der neunziger Jahre auf einer Reise nach Italien in Palermo weilte, besuchte sie dort meine Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, die bei ihrem Sohne erster Ehe, dem Fürsten Paolo Camporeale, in dessen schöner Villa an dem Olivuzze abgestiegen war. Beide Damen unternahmen zusammen eine Spazierfahrt nach dem zwischen Palermo und Termini gelegenen, meiner Frau gehörenden, seit Jahrhunderten in dem Besitz der Familie Camporeale befindlichen Altavilla. Der kleine Ort ist stolz auf eine 1277 von dem Normannenherzog Robert Guiscard, dem Eroberer von Sizilien, erbaute berühmte Kirche, La Chiesazza genannt, die ein wundertätiges Madonnenbild birgt. Man überblickt von der Chiesazza aus ein gutes Stück der Nordküste von Sizilien. Als die verwitwete Kaiserin selbst angesichts der herrlichen Landschaft, die vor ihren Augen lag, den traurigen Ausdruck bewahrte, der ihr seit dem Tode des Kaisers Friedrich eigen war, frug Donna Laura, ob das herrliche blaue Meer, das sich vor ihr ausbreitete, der malerische Monte Pellegrino mit der Kapelle der heiligen Rosahe im Hintergründe, die Zitronen- und Olivenbäume, die schlanken Palmen sie nicht auf andere Gedanken zu bringen und ihren Schmerz zu lindern vermöchten. „Ich trauere nicht allein um meinen teuren Mann", erwiderte die Kaiserin, „ich trauere auch um Deutschland." Und mit starrem Blick fügte sie hinzu: „Denken Sie an das, was ich Ihnen heute sage, Donna Laura: Mon fils sera la ruine de l'Allemagne." Entsetzt durch diese düstere Prophezeiung bat und beschwor Donna Laura, die eine optimistische Natur war und vor allem die höchste Meinung von deutscher Kraft und Macht hatte, die Kaiserin, sich nicht derartigen trüben Ahnungen hinzugeben. Diese aber wollte ihre Prophezeiung nicht zurücknehmen. Lange Jahre trennten uns damals noch von der furchtbaren Katastrophe, die im November 1918 über Dynastie und Land hereinbrach. Von allen, die in jenen Augusttagen 1897 auf der „Hohenzollern" fuhren, sollten nur zwei, der Kaiser und General von Plessen, einundzwanzig Jahre später an jener Katastrophe handelnd teilnehmen. Ich selbst war neun Jahre vorher vom Kaiser in völliger Ungnade geschieden. Graf August Eulenburg war während des ganzen Krieges durch sein Amt als Hausminister an Berlin gefesselt, und so fehlten leider im kritischsten Augenblick der preußischen und deutschen Geschichte sein weiser Rat und sein ausgeglichener und fester Charakter dem Kaiser. Lucanus, Hahnke, Senden waren schon lange von dieser Erde abberufen worden, als in den düsteren Novembertagen 1918 der Zusammenbruch kam, und ich preise sie glücklich, daß sie das Furchtbare nicht mehr zu erleben 80 DIE VIELEN ENTREVUEN brauchten, das in jenen Augusttagen von 1897, unserem Auge verborgen, noch in so weiter Ferne lag. Die Stimmung an Bord war heiter, der Kaiser in bester Laune wie immer, Nach wenn er auf Reisen war und vor einem interessanten Erlebnis stand. Ich Peterhof f ra gte den Kaiser einmal, wie es käme, daß er, der in so großer Stellung wäre unterwegs uq( j fe m a \\ cs zur Verfügung stünde, eine solche Freude an Reisen, Besuchen und fürstlichen Entrevuen hätte. Ich gestünde ihm, daß ein einfacher Mann wie ich sich daraus eigentlich nicht viel mache. Ich wäre ganz gern mit Seiner Majestät zusammen, aber die Reisen und Entrevuen betrachtete ich mehr als das, was man im Französischen „une corvee" nenne. Der Kaiser meinte, das erkläre sich wohl dadurch, daß ich schon in meiner Jugend und erst recht später als Diplomat überall herumgekommen wäre, daß ich reisen konnte, wohin ich wollte, und vieles gesehen hätte. Er wäre in der ersten Zeit seines Lebens so gut wie gar nicht gereist, hätte außer dem englischen kaum einen fremden Hof kennengelernt, hätte auch nie fürstlichen Begegnungen beigewohnt, nun habe er Trieb und Bedürfnis, das alles nachzuholen. Außerdem glaube er, daß durch direkte Rücksprache unter Souveränen mehr zu erreichen sei als durch die schönsten Noten der Minister. Auch diese bedauerliche Überschätzung der für fürstliche Persönlichkeiten möglichen Einwirkung auf fremde Souveräne und Minister hatte der Kaiser von seiner Frau Mutter übernommen, die in der Zeit, wo sie gegen Wünsche und Willen des alten Hofes, des Kaisers Wilhelm I. und der Kaiserin Augusta, vor allem gegen den dezidierten Widerspruch des Fürsten Bismarck und zum Leidwesen ihres Gemahls, des Kaisers Friedrich, mit leidenschaftlicher Hartnäckigkeit die Verbindung ihrer Tochter Viktoria mit dem Fürsten Alexander Battenberg betrieb, überzeugt war, eine einstündige Unterredung mit Kaiser Alexander III. würde ihr genügen, den Zaren für jenes Heiratsprojekt zu gewinnen. Der Besuch, den sie bald nach der Entlassung des Fürsten Bismarck in Paris abstattete und der mit einem Fiasko endete, war aus der gleichen übertriebenen Einschätzung fürstlichen persönlichen Einwirkens hervorgegangen, die viele Jahre später ihren Sohn zu der Tragikomödie von Björkö verleiten sollte. Mit Lebhaftigkeit erklärte mir der Kaiser schon am ersten Tage unserer Seefahrt nach Petersburg, er habe mir interessante und erfreuliche Mitteilungen zu machen. Der König von Belgien habe ihm in Kiel den Vorschlag gemacht, sich mit ihm an einigen großen Geschäften in Ostasien zu beteiligen, bei denen Millionen zu gewinnen wären. D afür habe ihm der König in Aussicht gestellt, er werde seinen Einfluß in England und Frankreich dafür geltend machen, daß von den Mächten zum Gouverneur von Kreta ein Deutscher bestimmt werde, was für Deutschland eine gute Sache wäre. Ich verhehlte 1 DIE BÄRENINSELN 81 Seiner Majestät nicht, daß mir finanzielle Spekulationen mit dem König von Belgien nicht besonders zusagten. Ich hätte in dieser Beziehung vielleicht antiquierte Anschauungen, aber für Könige und jedenfalls für den König von Preußen paßten sich solche Unternehmungen meines Erachtens nicht. Was aber Kreta anginge, so hätten wir allen Grund, unsere Finger aus dieser Pastete herauszuhalten. Wir hätten im Mittelmeer nur sekundäre Interessen. Was aus der Insel des Minos würde, könnte uns ziemlich gleichgültig sein, darüber möchten sich Bussen und Engländer, Türken und Griechen streiten. Ein deutscher Gouverneur für Kreta wäre für uns eine Last und eine Verlegenheit, nicht eine Freude oder Auszeichnung. Mit schon etwas enttäuschter Miene kam der Kaiser jetzt mit seinem zweiten und wichtigeren Vorschlag heraus. Philipp Eulenburg habe ihm Eine Idee des einen exzellenten Gedanken übermittelt, den ein vielgereister württem- Herzogs von Urach bergischer Herzog von Urach zuerst gehabt hätte. Der betreffende Herzog war derselbe Urach, der während des Weltkrieges der Kandidat des Herrn Erzberger für den litauischen Thron war. Zwei Jahrzehnte vorher suchte er die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die Bäreninseln zu lenken, kleine Inseln im Nördlichen Eismeer, nördlich von Spitzbergen, kaum 600 qkm groß. Sie waren am Ende des sechzehnten Jahrhunderts von dem holländischen Seefahrer Willem Barents entdeckt worden, der versucht hatte, durch das Nördliche Eismeer nach China zu gelangen. Urach behauptete, und Phili glaubte, daß die Bäreninseln gewaltige Steinkohlenlager enthielten. Phili hatte nun Seiner Majestät den Vorschlag gemacht, wir möchten die Bäreninseln, die res nullius zu sein schienen, rasch okkupieren und sie dann den Russen als Kompensation für den von uns in China gewünschten Hafen anbieten. Der Kaiser hatte schon dem Admiral von Senden Weisung gegeben, ein Schiff bereitzuhalten, das auf telegraphische Order die Fahrt nach den Bäreninseln anzutreten haben würde. Als ich dieses Projekt, das die drei skandinavischen Nationen sicherlich beunruhigen würde, England und Rußland leicht verstimmen könnte, als unpraktisch und dabei phantastisch ablehnte, geriet der Kaiser in Erregung. Das hätte er nicht er- M'artet, als er mich berufen, ja sich nach mir als Minister gesehnt hätte. Er hätte angenommen, wir würden uns in allem verstehen. Das Gegenteil scheine der Fall zu sein. Ich wäre ja absprechender und schwerfälliger gegenüber neuen Gedanken als Marschall, über den er sich genug geärgert bätte. Das ließe er sich aber nicht gefallen. Ich fühlte, daß mein ganzes zukünftiges Verhältnis zum Kaiser, die Möglichkeit eines für das Land ersprießlichen Zusammenwirkens mit ihm und damit nach Lage der Verhältnisse ein gutes Stück unserer politischen Zukunft davon abhinge, jetzt nicht die Nerven zu verlieren, sondern fest zu bleiben. Ich hatte die Empfindung, die mich als jungen Husarenleutnant erfüllte, wenn ich bei einer 6 BUlow I 82 BÜLOW WILL IN MEMEL AUSSTEIGEN Parade auf einem unruhigen Pferde vor meinem Zuge ritt und mir sagte, daß, wenn ich mich jetzt nicht fest im Sattel hielte und das edle Roß fest am Zügel, dieses ausbrechen, die Schwadron in Unordnung geraten und die Parade verpfuscht sein würde. Ich erwiderte also Seiner Majestät in voller Ruhe und in respektvollstem Tone, aber sehr bestimmt, daß ich in keiner Weise an meinem Posten klebe. Ich wäre jeden AugenbUck bereit, und gern bereit, nach Rom zurückzukehren, und wenn t Seine Majestät mir Rom nicht wiedergeben wolle, so zöge ich mich auch ohne Schelten und Klagen ins Privatleben zurück. Ich könnte mich sehr gut selbst beschäftigen, ich läse sehr gern, und es gäbe eine Unzahl guter und interessanter Rücher, die ich kennenlernen möchte und noch nicht kenne. Am fernen Ufer tauchten die Türme von Memel auf, ich zeigte auf sie und fragte den Kaiser, ob er mich nicht in einer Pinasse dort absetzen lassen wolle. Es würde mir besonders interessant sein, bei diesem Anlaß die historische Stadt kennenzulernen, wo die preußische Monarchie ihre schwerste Stunde, aber auch den Ausgangspunkt ihres glorreichen Wiederaufstiegs gesehen hätte. Der Kaiser legte mir mit dem guten und dabei ehrlichen Ausdruck, den er haben konnte, die Hand auf die Schulter: „Nichts für ungut! Was sich zankt, das liebt sich. Wir werden schon miteinander auskommen, die Rären von Phili und Urach gebe ich auf." Ich konnte nun dem Kaiser, der freundlich und aufmerksam zuhörte, einProgramm gehend darlegen, wie ich mir den Gang unserer politischen Konversationen f ür in St. Petersburg vorstellte. Vor allem müßten wir in Peterhof vorsichtig St. Peters- ^ unse ren Äußerungen über Frankreich und noch mehr über England sein. Die Franzosen wären nun einmal die Alliierten der Russen, und sie zu kritisieren nütze ebensowenig, als wenn man einem Ehegatten, der verhebt in seine Frau ist, Übles über sie sage. Noch gefährlicher wären abfällige Äußerungen über die Engländer. Denn bei den zahlreichen Reziehungen zwischen dem englischen und dem russischen Hofe würde jede von unserer Seite in St. Petersburg gegen England gerichtete Auslassung sofort, und mit besonderer Vorliebe von weiblicher Feder, nach Osborne House, Windsor und Sandringham gemeldet werden. Dagegen müßten wir die deutsch-russische Solidarität gegenüber den Polen wie gegenüber der Revolution und revolutionären Gefahren unbefangen und nachdrücklich betonen. Nicht spontan, aber wenn von russischer Seite die Rede darauf gebracht würde, könnten wir hinsichtlich der Dardanellenfrage ruhig sagen, wir hielten eine den russischen Wünschen entsprechende Regelung dieser Frage mit dem Fortbestand und auch mit der Unabhängigkeit der Türkei für wohl vereinbar. Was Ostasien angehe, so würde es meiner Ansicht nach am besten sein, wenn Rußland sich ungefähr gleichzeitig mit Deutschland an der chinesischen Küste einen Hafen aussuchte. Wir stünden DER BALLSAAL 83 so England gegenüber gedeckter da. Die britische Eifersucht gegen jeden Mitbewerber auf irgendeinem Punkt der Erde, jener Ausfluß des bekannten englischen Standpunkts des „dog in the manger" würde dann bis zu einem gewissen Grade von uns abgelenkt werden. Wir wollten an Kiautschou festhalten, das die Marine mit seinem Hinterland Schantung wohl mit Recht als den für uns geeignetsten Stützpunkt betrachte, hätten aber nichts dagegen, daß sich die Russen an irgendeinem Punkt der Halbinsel Liautung etablierten, in welche Richtung ja anscheinend ihre Aspirationen gingen. Kaiser Wilhelm war mit diesem Programm, wie ich es skizzierte, durchaus einverstanden und nahm es in keiner Weise übel, als ich ihm sagte, der Zar möchte nicht gegenüber dem älteren, erfahreneren, willensstärkeren und bedeutenderen Kaiser bei persönlichem Zusammensein zu sehr in den Hintergrund treten, namentlich nicht vor seinen eigenen Untertanen. Während der nächsten Tage fanden noch wiederholt ähnliche Besprechungen zwischen dem Kaiser und mir statt, bei denen sich seine Freundlichkeit und Güte immer gleich bbeben. Wir waren inzwischen in den Finnischen Meerbusen eingelaufen: „Currit iter tutum non secius aequore classis Promisitque patris Neptuni interitum." Das Wetter war herrlich, die Ostsee so ruhig wie ein Binnensee, was dem Kaiser erwünscht war, den leidenschaftliche Liebe zur See erfüllte, der aber wie seine Mutter, die Kaiserin Friedrich, und wie der Admiral Nelson an Seekrankheit litt. Die Kaiserin Friedrich pflegte zu sagen, sie habe eine unglückliche Liebe für die See. Peterhof lag vor uns. Die Spannung des Kaisers hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wenn er der Begegnung mit einem anderen Potentaten ent- Ankunft in gegensah oder seinen Fuß auf fremden Boden setzte, so bewegte ihn das Peterhof aus Ungeduld, freudiger Erwartung und einer gewissen Nervosität zusammengesetzte Gefühl, mit dem ein junges Mädchen, einen Rosenstrauß in der Hand, zum erstenmal den Ballsaal betritt. Wie wird es abgehen? Wie werde ich abschneiden? Sind aber erst einige Rundtänze gut vorbeigegangen, haben sich beim Kotülon Buketts über Buketts auf dem Stuhl der Glücklichen gehäuft, so überkommt sie das Hochgefühl freudiger Erfüllung der kühnsten Wünsche. In dieser Stimmung war der Kaiser naturgemäß ausländischer Verführung besonders ausgesetzt. Es überkam ihn dann auch wohl eine Empfindung, die, wenn sie auch noch nicht Hybris war, doch die Grenzlinie zwischen Wunsch und Möglichkeit, Illusion und Realität leicht übersah. Es kam hinzu, daß der Kaiser mit seiner ungewöhnlichen geistigen Empfänglichkeit und Beweglichkeit sich in jedem Lande zu Hause fühlte. Was man von Alcibiades gesagt hat, daß er mit 6« 84 WILHELM II. SCHILLERT seinen athenischen Landsleuten über Kunst und Philosophie diskutierte, bei den Spartanern die schwarze Suppe aß und bei den Persern das lange asiatische Gewand trug, traf auch auf Wilhelm II. zu, nur daß Alcibiades, wie ich annehme, bewußte Mimikry trieb. Bei Wilhelm II. war es mehr der Drang, zu gefallen und zu diesem Zweck sich zu assimilieren. In Rußland empfand er wie ein sehr vornehmer russischer Generaladjutant alten Stils oder auch wie ein aus Oldenburg, Altenburg oder Strelitz nach Rußland eingewanderter Prinz, in England wie ein Enkel der Königin und „Admiral of the fleet", in Wien schwarz-gelb und in Pest magyarisch. In Italien schillerte er in verschiedenen Nuancen. Im Quirinal war er ganz Casa Savoia, im Vatikan sah er sich im Geiste als Schutzherrn des römischen Papsttums, wie es einst die römischen Kaiser deutscher Nation gewesen waren oder wenigstens sein wollten, in Sizilien folgte er den Spuren der Hohenstaufen. VI. KAPITEL Unterredung mit Murawiew • Die Kiautschoufrage • Die Galatafel (7. VIII. 1897). Exzessiver Trinkspruch Wilhelms II. • Fürst Radolin • Finanzminister Witte • Audienz bei Nikolaus II. • Kaiserin Alexandra Feodorowna [TTährend Wilhelm II. und Nikolaus II. die unter Souveränen üblichen V V Küsse auf beide Wangen austauschten, die im Laufe der Geschichte Das noch keinen Krieg und keinen Verrat verhindert haben, näherte sich mir Mura- russ Vcr* wiew, begrüßte mich als alten Freund und sagte mir, daß der inzwischen eri zu Lande eingetroffene Fürst Hohenlohe ihn und mich zu einer Besprechung in seinem Appartement in Peterhof erwarte. Die Souveräne zogen sich zu einem ersten vertraulichen Gedankenaustausch zurück, während das Gefolge ein opulentes Frühstück einnahm, das auf den goldenen Tellern serviert wurde, die unter Nikolaus I. und Alexander II. das Erstaunen und die Bewunderung der damals noch bescheideneren deutschen Gäste erregt hatten. Inzwischen waren wir selbst reicher und ziemlich üppig geworden und ließen uns weniger leicht blenden. Aus den Fenstern des Eßzimmers sah man auf den Park von Peterhof, der wie das Palais selbst von Peter dem Großen in Nachahmung von Versailles angelegt worden war, mit herrlichen Baumanlagen und prächtigen Kaskaden, die über breite Stufen herunterstürzten, um die in einem großen Becken hoch aufspringende, in ganz Bußland berühmte Simson-Fontäne zu speisen. Nicht allein deutschen Fürsten waren Versailles und der Hof Ludwigs XIV. Vorbild und Muster gewesen. Bis zur fernen Newa und bis zur Stadt, wo, wie die Großfürstin Helene Paulowna klagte, die Straßen feucht und die Herzen kalt waren, drang der Buhm des Sonnenkönigs. Der Einfluß französischen Wesens, französischen Glanzes und der raffinierten französischen Zivilisation auf den roheren, aber um so empfänglicheren Bussen reicht weit zurück. Im Park von Peterhof hatte jene Bose geblüht, von der Fürst Bismarck gern erzählte. Er behauptete, Kaiser Nikolaus I. habe auf einem seiner Spaziergänge in diesem Park eine Schildwache bemerkt, die vor einem kahlen Bosenstrauch stand. Der Zar fragte die Schildwache, weshalb sie dort stünde. Der biedere Grenadier wußte keine Antwort. Der Kaiser ließ Nachforschungen anstellen, und es wurde konstatiert, daß zur Zeit der Kaiserin 86 UNTER DEM BILD NIKOLAUS'I. Katharina II. jener Rosenstrauch einmal eine herrliche Rose getragen hätte. Damit sie nicht abgepflückt würde, hatte die Kaiserin dort einen Posten aufstellen lassen, der nach einem halben Jahrhundert und länger noch immer aufzog. Dem Fürsten Bismarck gefiel dieser Zug russischer Subordination und des mechanischen Gehorsams. Er war, namentlich seit seinem Ausscheiden aus dem Amte, mit seinem Souverän durchaus nicht immer einverstanden. Er war auch der Meinung, daß dem Jupiter manches gestattet sei, was dem ,,bos" nicht zieme, und nahm für sich gelegentlich das Recht weitgehender Kritik in Anspruch. Aber die Demokratie, was mit ihr zusammenhing und an sie erinnerte, w ar dem Fürsten durch Erziehung und Jugendeindrücke, nach seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Mentalität unsympathisch, beinahe widerwärtig. Er wollte wohl gelegentlich nach seinem Ermessen und in den von ihm bestimmten Dosen das demokratische Gift anwenden, aber der preußische Staat und das deutsche Volkstum und Wesen durften nicht von ihm verseucht werden. Im Laufe des Tages vereinigten wir uns, Hohenlohe, Murawiew und ich, zu einer Besprechung in dem Salon des Fürsten Hohenlohe, in dem ein großes Bild des Kaisers Nikolaus I. hing, das hochmütig und streng auf die Gegenwart herunterblickte. Als Fürst Hohenlohe das Gespräch sogleich auf Ostasien lenkte, unterbrach ihn Murawiew, um ihm freundlich lächelnd zu sagen, Kaiser Wilhelm habe dem Zaren in ihrer ersten Unterredung eröffnet, daß er nicht die Absicht habe, sich in Kiautschou festzusetzen. Er überlasse diesen schönen Hafen gern seinem russischen Vetter und Freund und bäte nur um die Erlaubnis, daß deutsche Schiffe dort einlaufen und Kohlen einnehmen dürften. Der alte Hohenlohe hatte die ausgezeichnete Eigenschaft, daß er sich nicht verblüffen Heß. Er war befangen, wenn er vor ihm geistig an und für sich keineswegs gewachsenen Volksvertretern sprechen sollte. Bei einer parlamentarischen Debatte war es ihm nicht möglich, anders zu reden als mit einem Zettel in der Hand, auf dem er sich alles sorgfältig notiert hatte. Seit der Novemberrevolution pflegen bei uns fast alle Minister und Reichskanzler ihre Reden vorzulesen. Dabei passiert es ihnen sogar gelegentlich, daß sie Wörter lateinischen oder gar griechischen Ursprungs falsch aussprechen. Der sozialdemokratische Kanzler Bauer las einmal eine ihm vom Ministerialdirektor Rauscher, einem typischen Novembersoziabsten, ausgearbeitete Rede vor, in der das Wort „Politiker" vorkam. Mit Nachdruck und Pathos setzte er beim Vorlesen dieses Fremdwortes den Akzent auf die dritte Silbe. Als Rauscher dem Kanzler verzweifelt ins Ohr schrie: „Politiker, Politiker!" replizierte dieser unwirsch: „Was wollen Sie denn, ich habe ja ganz richtig abgelesen." Heute würde ein Kanzler, der in der Art des Fürsten Hohenlohe redete, kein Aufsehen erregen. Vor 25 Jahren war man anspruchsvoller, und darunter litt das DER HENKER VON LITAUEN 87 Prestige des Fürsten, der, abgesehen von seiner rednerischen Unvoll- kommenheit, so viele ausgezeichnete Eigenschaften besaß. Zu diesen gehörte in erster Linie, daß er sich von seinesgleichen, von Ministern wie von Fürstlichkeiten, nie imponieren ließ. Souveräne, erwiderte er sogleich dem russischen Minister, wären leicht geneigt, den edlen Regungen ihres großmütigen Herzens zu folgen. „C'est aux ministres qu'il incombe de mettre d'accord ces nobles elans avec les realites politiques et les necessites economiques." Murawiew lächelte und erwiderte, er schlüge vor, daß diese Frage, wie manche andere, zwischen mir und ihm gründlicher besprochen würde, als es jetzt möglich wäre. Wir wären alte und gute Freunde und würden eine Lösung finden. Später hatte ich eine zweistündige Unterredung mit dem Grafen Murawiew. Graf Michael Nikolajewitsch Murawiew, der einige Jahre älter war Gespräch mit als ich, entstammte einem russischen Bojarengeschlecht. Ein Sproß dieser Muraiview Familie, Graf Murawiew-Apostol, hatte 1825 zu den Führern der Deka- bristen-Bewegung gehört. Zum Tode verurteilt, sollte er gehängt werden. Der Strick riß, und Murawiew fiel zu Boden. Während der Henker am Galgen einen neuen Strick befestigte, rief ihm der schwärmerische Jüngling zu: „En Russie on ne sait rien bien faire, pas meme pendre." Sehr verschieden von diesem Idealisten war der sogenannte „Henker von Litauen", der dieselben Vornamen führte wie später der Minister des Auswärtigen. Als 1863 während des großen polnischen Aufstands, der Bismarck die Gelegenheit bieten sollte, durch seine stramm antipolnische Haltung sich das Vertrauen Alexanders II. für viele Jahre zu erwerben und so die Politik von 1864, 1866 und 1870 durchzuführen, die Zustände in Litauen immer bedrohlicher wurden und die Flammen des Aufruhrs bis Dünaburg und fast bis Pskow züngelten, ließ Alexander IL, von Sorge erfüllt, den damaligen Minister der Reichsdomänen, den Grafen M. N. Murawiew, kommen und beauftragte ihn mit der Wiederherstellung der Ordnung in den weiten litauischen Gebieten. Murawiew erklärte sich bereit, verlangte aber vollkommen freie Hand. Alexander IL, der, bei einer edlen Natur und einem weichen Herzen, wenn an seine Selbstherrschaft gerührt wurde, doch gelegentlich in das Wesen seines Vaters und Großvaters zurückfallen konnte, hatte ob dieser Zumutung zunächst einen förmlichen Wutanfall bekommen. Er faßte den Grafen beim Arm und fragte ihn, ob er als Rebell und Hochverräter erschossen zu werden wünsche. Da der zum Diktator in Aussicht genommene General aber dabei blieb, daß ein Diktator ohne diktatorische Befugnisse ein Unding sei, gab der Zar nach, wie jeder Autokrat nachgibt, wenn er Furcht hat. Vierundzwanzig Stunden später reiste Graf Michael Nikolajewitsch Murawiew nach Wilna ab. Zum Adjutanten hatte er sich einen jungen Offizier, den späteren Generaladjutanten Alexanders III., Tscherewin, 88 DAS GOLDENE BEIL genommen, der mir, als wir uns während meiner Tätigkeit als Botschaftsrat in St. Petersburg von 1884 bis 1888 nähertraten, manches auch über seinen damaligen Chef und dessen Auftreten erzählt hat. Als beide, Murawiew und Tscherewin, in Wilna ankamen, bestellte sich der Diktator für Mitternacht das übliche russische Souper, zu dem der Polizeipräsident von Wilna anzutreten hätte. Das Souper und der Polizeipräsident erschienen um die befohlene Zeit. Der Diktator verlangte die Liste der Verdächtigen, die ungefähr hundert Namen enthielt. Während er soupierte, bezeichnete Murawiew zwanzig Namen mit einem Kreuz, das er mit seinem Bleistift neben die Namen setzte. Schüchtern bemerkte der Polizeipräsident, die von Seiner hohen Exzellenz Angestrichenen und für den Galgen Bestimmten wären die am wenigsten Schuldigen. „Das ist gerade gut", antwortete Murawiew, „wenn das Urteil einschlägt wie der Blitz aus der Wolke, man weiß nicht, woher er kommt, und wo und warum er trifft, das erzeugt den größten Schrecken." Als dem Diktator am nächsten Tage gemeldet wurde, daß polnische Frauen die Gräber der Gehenkten mit Blumen geschmückt hätten, Heß er die Leichen ausgraben und auf den Exerzierplatz bringen, nur wenig mit Erde bedeckt. Dann mußten dort zwei Kosaken-Regimenter so lange exerzieren, bis aus den Leichen formlose Klumpen und Knochensplitter geworden waren. Die Antwort auf solche Greuel sollten ein halbes Jahrhundert später die russische Revolution und der Bolschewismus geben. Das Hegeische Gesetz von der Pendelschwingung trifft fast immer zu. Übrigens erregte die Brutalität des Diktators Murawiew schon zu seinen Lebzeiten bei edel Gesinnten Abscheu. Als Kaiser Alexander II. nach der Niederwerfung des litauischen Aufstands bei der Abendtafel fragte, welche Belohnung dem Grafen Murawiew zuteil werden könne, entgegnete ihm Fürst Suworow- Italijsky, der von 1848 bis 1861 den Ostseeprovinzen ein milder Generalgouverneur gewesen war: „Eure Majestät sollten Murawiew ein goldenes Beil verehren oder auch einen Miniatur-Galgen, auf der linken Brustseite neben anderen Medaillen zu tragen." Der Diktator Murawiew starb in voller Ungnade. Er hatte jenes tiefe Wort des Kaisers Alexander I. vergessen, der einmal zu einem übereifrigen Polizeiminister sagte: „Vergessen Sie nicht, daß die Fürsten zwar gelegentlich das Verbrechen lieben, aber selten diejenigen, die es ausführen." Der Minister des Äußern, Graf M. N. Murawiew, war kein Unmensch wie der Henker von Litauen, aber die Schwärmerei des unglücklichen Murawiew-Apostol lag ihm noch ferner. Er sah wie ein echter Russe aus, breitschultrig und grobschlächtig, mit wasserblauen Augen und stumpfer Nase, obwohl er eine deutsche, seine russischen Feinde und Neider behaupteten eine deutsch-jüdische Mutter hatte, die, als sie älter wurde, sich aus dem kalt-feuchten St. Petersburg nach dem wärmeren Wiesbaden DIE ALLIIERTE MARIANNE «9 zurückzog. Er selbst hatte in Heidelberg studiert und war dort Korpsstudent gewesen. Er sprach fast ebenso gut Deutsch wie Französisch, das jeder vornehme Russe wie seine Muttersprache spricht. Murawiew und ich hatten seit vielen Jahren die besten Beziehungen gehabt. Indem er dies betonte, ging er sofort in medias res. Die Verhältnisse lägen jetzt erheblich anders als in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, wo wir Kollegen in Paris gewesen wären, und als in deren zweiter Hälfte, wo er als Botschaftsrat in Berlin gewirkt hätte. Seitdem hätten wir das Bündnisverhältnis zwischen Preußen-Deutschland und Rußland, das bis auf die Tage der Heiligen Allianz und tatsächlich bis auf jene berühmte Szene in der Potsdamer Garnisonkirche zurückgehe, wo sich Alexander I., Friedrich Wilhelm III. und die Königin Luise am Grabe Friedrichs des Großen umarmten, von unserer Seite und trotz aller russischen Vorstellungen und Bitten in schroffer Weise und unter bedauerlichen Begleitumständen gekündigt. Wir hätten den alten und wertvollen Draht zerrissen. „Tu l'as voulu, George Dandin!" d. h. nicht ich, sondern „ce pauvre Caprivi", der sich nach seinen eigenen Worten unfähig gefühlt hätte, mit mehr als zwei Kugeln zu jonglieren, und Marschall, der „ministre etranger aux affaires", der, nachdem er Rußland vor den Kopf gestoßen hätte, nicht lange nachher mit der Krüger-Depesche auch die Engländer mit einem Fußtritt regaliert habe. So sei die französisch-russische Allianz zustande gekommen, gegen die er, Murawiew, vom Standpunkt der innerrussischen Politik und der Sicherheit der Dynastie schwere Bedenken gehabt hätte und noch habe. Sie wäre aber nun einmal da und an ihre Aufhebung natürlich nicht zu denken. Er wolle mir sogleich offen sagen, daß bei dem in wenigen Wochen bevorstehenden Besuch des Präsidenten der Französischen Repubkk in den bei dieser Begegnung auszutauschenden Toasten die zwischen Rußland und Frankreich abgeschlossene Allianz erwähnt werden würde. Es werde in den Toasten nicht nur von den befreundeten, sondern ausdrücklich von den alliierten Nationen die Rede sein. Murawiew wiederholte noch einmal, es wäre ihm aus verschiedenen Gründen erwünschter, wenn er mit uns alliiert wäre als mit der Französischen Republik. Daran sei aber nichts zu ändern. Er könne sich nicht von Marianne scheiden lassen und wieder zu seiner früheren deutschen Frau zurückkehren. „Was wir aber können", fuhr er fort, „ist, daß jeder von uns, Sie und ich, in seiner Gruppe im Sinne des Friedens wirkt. Die Voraussetzung hierfür ist, daß wir die Franzosen von Dummheiten abhalten und Sie die Österreicher, das heißt vor nicht wieder gutzumachenden Dummheiten. Dummheiten kommen ja immer vor, es dürfen nur keine irreparablen Dummheiten sein. Dessen versichere ich Sie aus tiefster Uberzeugung, daß der Kaiser Nikolaus und ich Frieden wollen, Frieden überall, aber besonders in Europa und ganz besonders zwischen 90 FURCHT VOR DEM EUROPÄISCHEN KRIEG Deutschland und Rußland. Sie wissen, daß ich durch und durch Monarchist bin, ich halte für Rußland die Autokratie für die einzig mögliche Staatsform. Nicht als ob nicht auch in Rußland Reformen möglich und notwendig wären, aber ein rein parlamentarisches, ein radikales System würde in Rußland, wie der Charakter des Russen nun einmal ist, der immer ins Extreme geht, zu Anarchie und Auflösung führen." Ein europäischer Krieg würde, setzte mir der russische Minister des Äußern weiter auseinander, für die innerrussische Entwicklung ernste Gefahren in sich bergen. Diejenigen irrten, die von einem großen Kriege für Rußland Erstarkung der dynastischen Gefühle im Volke und eine Hebung des Ansehens des Zaren und der Autokratie erhofften. Das Gegenteil würde der Fall sein, wie die Geschichte zeige: Auf den Krieg gegen Frankreich unter Alexander I. wäre die Dekabristen-Verschwörung gefolgt, deren Träger in Paris revolutionäre Ideen eingesogen hätten. Nach dem Krimkrieg hätte Alexander II. die von seinem Vater verweigerten Konzessionen machen müssen, und derselbe Alexander II. wäre nach dem von ihm geführten Türkenkrieg das Opfer der nach diesem Krieg entstandenen nihilistischen Bewegung geworden. Ich konnte diesen Ausführungen nur beistimmen und betonte, daß, wie die Verhältnisse in der Welt sich nach außen und im Innern allmählich gestaltet hätten, für jede' Monarchie Krieg eine gewagte Sache wäre. Kaiser Wilhelm sähe dies vollkommen ein, er wäre durch und durch friedlich. Er würde natürlich keine Eingriffe in seine Rechte und keine Verletzung seiner Ehre dulden, von niemandem. Aber er würde ganz gewiß tun, was an ihm wäre, um den Frieden zu erhalten, Frieden in Europa und Frieden insbesondere mit Rußland. Schon deshalb wären wir erfreut über die gemeinsamen Noten, die die Kabinette von St. Petersburg und von Wien am 29. April dieses Jahres an die Regierungen der Balkanstaaten gerichtet hätten. Diese kleinen Kläffer verdienten nicht, daß sich ihretwegen große Reiche und alte Dynastien gegenseitig zugrunde richteten. Murawiew verhehlte mir nicht, daß das Verhältnis zwischen Rußland und Österreich viel komplizierter und delikater wäre als das zwischen Deutschland und Rußland. Da müsse eben mit Geschicklichkeit und mit einem gewissen Takt operiert werden. Die russische Regierung wolle trotz allem Geschrei der Slawophilen keinen Krieg gegen Österreich, mit dem ja Rußland noch niemals den Degen gekreuzt habe. Sie wolle auch Österreich nicht von der Balkanhalbinsel verdrängen. Sie habe durch den Reichsstatter Vertrag von 1876 freiwillig die österreichischen Rechte auf Bosnien und die Herzegowina anerkannt. Der Minister erwähnte hierbei, daß auch nach dem Reichsstatter Vertrag während des Berliner Kongresses zwischen Gortschakow und Andrässy und bei der Begegnung in Skiernie- wice zwischen Giers und Kälnoky Briefe ausgetauscht worden wären, DAS KREUZ ÜBER BOSNIEN 91 wonach, wenn im Interesse der Ruhe des Orients und des europäischen Friedens Osterreich es für angezeigt halten sollte, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln, Rußland dagegen keinen Anspruch erheben würde. Die stille Voraussetzung hierbei wäre, daß Österreich gewissen russischen Wünschen hinsichtlich der Durchfahrt durch die Dardanellen kein schroffes Veto entgegensetzen würde. „Nous avons fait la croix sur la Bosnie et cela depuis longtemps." Natürlich dürfe Osterreich nichts FeindHches gegen Rußland auf der Balkanhalbinsel unternehmen. Rußland sei und bleibe eine slawische und orthodoxe Macht. Es könne nicht seiner ganzen Geschichte ins Gesicht schlagen. Übrigens stünde Österreich auf der Balkanhalbinsel fast besser da als Rußland, das in Belgrad wie in Sofia in keiner Weise prävabere, von Rumänien gar nicht zu reden. Ein weiterer delikater Punkt wäre die polnische Frage. Österreich müsse sich aller Agitationen unter den Polen des Königreichs, den russischen Die polnische Polen, enthalten. Er wisse wohl, daß Kaiser Franz Josef solche Wühlereien Frage mißbillige. Auch Goluchowski sei, obwohl Pole, ganz korrekt. Aber von Galizien aus würde doch im Königreich Polen viel gewühlt und viel gesündigt. Jedenfalls wäre zwischenDeutschland und Rußland der gemeinsame Gegensatz gegen die polnische Irredenta nach wie vor ein sehr starkes Bindeglied. Ich erinnerte Murawiew daran, daß wir einmal vor Jahren in * Paris zusammen einer polnischen Hochzeit beigewohnt hätten, der Heirat zwischen Georg Radziwill und Bichette Branicka, bei der Russen, Polen und Deutsche zugegen waren. Als wir von diesem Hochzeitsfest nach Hause gegangen wären, habe er mich auf dem Boulevard des Italiens gefragt, was die Polen mir gesagt hätten. Ich hätte wahrheitsgemäß geantwortet, sie hätten mir mit großer Liebenswürdigkeit und polnischer Lebhaftigkeit auseinandergesetzt, daß Deutsche und Polen, die beide zivilisierte Völker wären, sich sehr wohl verstehen und Heben könnten, nicht aber die Polen die barbarischen Russen. Er habe mir damals erwidert, ihm hätten die Polen, Damen und Herren, gesagt, zwischen Polen und Russen, die beide Slawen wären, bestünde kein unüberbrückbarer Gegensatz, den Deutschen aber würde der Pole nie lieben können. Wir würden also sehr einfältig sein, replizierte ich, wenn wir uns für die schönen Augen der Polen zerfleischen wollten. Und die Balkanvölker verdienten auch nicht, daß ihretwegen das Schicksal großer Reiche aufs Spiel gesetzt würde. Nicht lange vor dem Berliner Kongreß habe mir, der ich damals junger Geschäfstträger in Athen gewesen wäre, der griechische Minister des Äußern, als ich die Friedensliebe und die Friedenswünsche des Fürsten Bismarck betont hätte, mit feierlicher Miene geantwortet: „C'est bien, c'est bien, va.pour le prince de Bismarck, mais moi je vous declare qu'une grande guerre europeenne 92 EINE VERRUSSTE PRINZESSIN fera un bien enorme ä l'Hellenisme." Als ich dies während des Berliner Kongresses dem Fürsten Bismarck erzählt hätte, habe dieser gemeint: „Wir sollen also die Welt in Flammen setzen, nur damit die Griechen Larissa annektieren oder Trikkala oder ein ähnliches Saunest, dessen Namen ich nicht einmal kenne." Ich hatte es vermieden, von mir aus gegenüber Murawiew die ostasiatischen Fragen anzuschneiden, nachdem Fürst Hohenlohe mit kaum zu überbietendem Takt die Entgleisung des Kaisers bei seinem ersten Gespräch mit dem Zaren eingerenkt hatte. Aus eigenem Antrieb kam Graf Murawiew auf diese Materie mit dem Bemerken zu sprechen, daß er unsere Wünsche mit Bezug auf Kiautschou im Hinblick auf unsere großen und zunehmenden Handelsinteressen in Ostasien wie auf unsere Flottenpolitik wohl verstehe. Er neige persönlich zu der Ansicht, daß der Schwerpunkt der russischen Interessen mehr auf der Halbinsel Liautung hege. Er könne mir aber vorläufig nichts Bestimmtes sagen, da sich in dieser Beziehung am russischen Hofe noch verschiedene Strömungen und Wünsche durchkreuzten. Am gleichen Tage wurde ich von der Großfürstin Maria Paulowna Großfürstin empfangen. Sie war nicht mehr die blendende Schönheit, als die ich sie Maria { n vergangenen Zeiten gekannt hatte, aber mit ihren 43 Jahren noch immer Paulowna e ^ ne se h r anziehende Erscheinung. Ich empfing bald den Eindruck, daß ihre Treue und Anhänglichkeit für ihre deutsche Heimat bei ihr, der mecklenburgischen Prinzessin, nicht mehr so unbedingt waren wie einst. Sie war „verrußt". Gleich gebheben war sie sich in ihrer alten Abneigung gegen die regierende russische Kaiserin und den „großen" Petersburger Hof. Sie hatte Maria Feodorowna nicht gehebt, sie hebte Alexandra Feodorowna ebensowenig, die Hessin sogar noch weniger als die Dänin. Sie klagte über die englische Steifheit der regierenden Kaiserin, durch die diese sich selbst und die ganze Dynastie unbeliebt mache. Der russischen Gesellschaft sei nun einmal nichts antipathischer als ein kaltes und unnahbares Wesen. Die regierende Kaiserin glaube ihren Hochmut und ihre „english stiffness" dadurch gutzumachen, daß sie einen übertriebenen Eifer für die orthodoxe Kirche an den Tag lege, was bei der indifferenten und skeptischen russischen Gesellschaft nur Spott hervorrufe. Überhaupt schien mir die Großfürstin nicht unbesorgt hinsichtlich der weiteren Entwicklung der innerrussischen Zustände. Im vollen Gegensatz zu der Zeit Alexanders III., unter dessen starker und wuchtiger Hand in Hofkreisen und unter den Upper ten Thousand mit der Möglichkeit eines Umsturzes nur von den wenigsten gerechnet wurde, fiel mir jetzt bei der Großfürstin wie auch bei anderen Damen der Petersburger Gesellschaft, die ich später sah, sehr auf, daß sie von einer Revolution in Rußland als von etwas wenn GALADINER IN PETERHOF 93 nicht Wahrscheinlichem, so doch durchaus Möglichem sprachen. Wie weit für den Fall einer solchen Revolution die Großfürstin, wenn nicht für ihren Mann, dessen unbedingte Loyalität sie kannte, aber wenigstens für ihre Söhne an die Rolle dachte, die in Frankreich gegenüber der älteren Linie der Bourbons die Orleans gespielt hatten, will ich dahingestellt sein lassen. Über die deutsche Entwicklung während des letzten Dezenniums sprach die Großfürstin abfällig und nicht ohne Schärfe. Die Entlassung des Fürsten Bismarck sei ein ungeheurer Fehler gewesen. Die „schroffe und plumpe" Kündigung des RückVersicherungsvertrages, an dem Kaiser Alexander III., fast das ganze kaiserliche Haus und alle monarchisch und konservativ gerichteten Leute in Rußland festhalten wollten, wäre eine zweite und beinahe ebenso große „sottise". In diesem Augenblick trat der Großfürst ein, hörte die letzten Worte seiner Frau und meinte in seiner gutmütig-sarkastischen Weise: „Pourquoi abreuves-tu de reproches cet excellent Bülow pour des gaffes, dont il est parfaitement innocent ?" In ernstem Ton fügte er hinzu, daß, wenn sich auch manches im Leben in seinen Folgen nicht wieder reparieren lasse, so bleibe es doch immer geboten, to make the best of every thing. Es käme darauf an, in Berlin wie in Petersburg ruhig Blut zu bewahren und keine neuen Ungeschicklichkeiten zu begehen. „Du sang froid et de l'habilite, voüä ce qn'il faut." Am Abend des 7. August fand in Peterhof das übbche Galadiner statt. Vor dem Diner hatte der Zar den Kaiser zum Admiral der russischen Flotte ernannt. Es war die Art des Kaisers, daß er solche Äußerlichkeiten durchaus au serieux nahm. Er legte in sie einen tieferen Sinn, den die anderen gar nicht damit verbanden. Derartige FormaUtäten nahm er viel zu ernst, und bis zu einem gewissen Grade traf auf ihn zu, was Beaumarchais von den Höfen des Ancien regime sagte, daß sie les choses serieuses avec fri- volite, dagegen les choses frivoles avec serieux nähmen. Wilhelm IL hatte schon bald nach seiner Thronbesteigung das Befremden des Fürsten Bismarck dadurch hervorgerufen, daß die Ernennung zum englischen Admiral, zum Real Admiral of the Fleet, ihn in helle Begeisterung versetzte. Er explizierte damals dem großen Kanzler, daß diese Ernennung politisch wie militärisch von großer Bedeutung sei. Er habe nun die Möglichkeit und das Recht, direkt in Bau, Organisation und Leitung der englischen Flotte einzugreifen. Er könne, wenn er englische Schiffe betrete, sofort das Kommando über sie übernehmen. Freilich war der Kaiser weit entfernt, die Rechte, die er aus einer solchen Ehrenstellung in einer fremden Marine für sich selbst ableitete, auch anderen zu konzedieren. Als in späteren Jahren der kaiserliche Gesandte in Lissabon einmal berichtete, der König von Portugal habe sich nach der Bai von Vigo begeben, um als Admiral der engbschen Flotte, welche Ehrenstellung auch er bekleidete, das dort hegende englische 00 h V CO bß u cd « co o N g I s • rt p o> T3 V M S „LULULU!' 257 tischen Text dieser kaiserlichen Rede bat, mit Bestimmtheit erklärte, daß diese Ansprache nur in der mir richtig erscheinenden Fassung in die Öffentlichkeit gelangen werde. Taktvoll und verständig, wie der Botschafter war, insistierte er nicht weiter. Auch die von mir abgetönte Ansprache hat Abdul Hamid voll befriedigt. Wir waren in Jerusalem in einem Zeltlager untergebracht. Der feine Kalkstaub, den der kleinste Windstoß vom Boden aufwirbelte, machte den Aufenthalt nicht gerade angenehm. Wie oft überkam mich der Wunsch, diese Reise, die so erhabene und heilige Erinnerungen wachrief, allein, ohne Hetze und ungestört durch die Banalitäten einer aus den verschiedensten Menschen zusammengesetzten Umgebung, unternehmen zu können. Aber alle unerquicklichen oder widerwärtigen Zwischenfälle traten zurück vor dem gewaltigen Eindruck, den ich empfing, als wir mit dem Kaiserpaar uns im Garten Gethsemane im Schatten uralter Olivenbäume versammelten und dort nach einer Ansprache von Dryander im Gebet niederknieten. Vor uns sahen wir jenseits des tiefen, trocknen Kidrontals dieselben kahlen grauen Berge, auf denen der Blick des Erlösers geruht hatte, den Boden, auf dem er gewandelt war, den Hügel, auf dem sein Kreuz gestanden und wo er zum Schächer gesagt hatte: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein." Ich habe oft vom Kapitol auf das Forum hinabgesehen und viel dabei empfunden. Ich werde den Blick auf die Akropolis und von der Akropolis auf Salamis und Aegina, auf Sunion und die fernen Berge des Peloponnes nicht vergessen und den Taygetos und Sparta erst recht nicht. Aber das Bild, das ich auf dem öl- berg vor mir hatte, das Bild des dunklen Kidron und der Stätte, die da heißt Golgatha, das ist verdeutscht: Schädelstätte, lebt am stärksten in meiner Seele fort. Ursprünglich war beabsichtigt worden, noch andere heilige Stätten in Palästina zu besuchen. Der Kaiser gab aber diesen Gedanken bald auf, das Empfang Thermometer stieg immer höher, die Reise fing an, ihn zu ermüden. So ' n Damask, schifften wir uns am 4. November wieder in Jaffa ein, von wo wir am 8. November Damaskus erreichten. Der Enthusiasmus des Kaisers für den Islam erreichte hier seinen Höhepunkt. Er erblickte zum erstenmal eine arabische Stadt, arabische Innenhöfe mit Springbrunnen, den Reiz arabischer Basars, den großen Zauber arabischer Architektur und Lebensauffassung. Mehr aber noch war sein empfängliches Gemüt durch zwei Eindrücke beherrscht. Wo er erschien, begrüßte ihn die Bevölkerung mit dem langgezogenen, in Gutturaltönen hervorgestoßenen Zuruf: „Lululu, Lululu, Lululu." Dieser monotone Zuruf wirkte auf ihn wie Haschisch. Ich habe diesen stumpfsinnigen Refrain viele Jahre später unter sehr verschiedenen Umständen, aber ähnlich wieder vernommen, als um die Jahreswende 1918/1919 kommunistische Demonstranten durch die Straßen von 17 BUIow I 258 DER GROSSE SALADIN Berlin zogen mit dem in gleichförmigem Takt immer wiederholten Rufe: „Hoch — Liebknecht! Nieder — Ebert!" Es scheint, daß unseren Kommunisten diese Art von monotonem, aber gerade dadurch wirksamem Gesang von russischen Bolschewisten unter Hinweis darauf empfohlen worden war, daß damit in Rußland gute Erfolge für den Sowjet-Stern erzielt worden wären. Ein neuer Beweis dafür, wieviel Asiatisches das Russentum in sich birgt. Noch mehr als das immer wieder ertönende „Lululu" der Bevölkerung erfreuten den Kaiser zwei syrische Soldaten, die der Sultan ihm beigegeben hatte. Der Kaiser behauptete, diese Syrier, stattliche Gestalten mit funkelnden Augen, hätten von dem Beherrscher der Gläubigen den Befehl, jeden niederzustechen, der den Freund des Kalifen, den Deutschen Kaiser, scheel anschaue. Jedenfalls saßen die beiden Tapferen, in der Hand ein Riesengewehr mit einem langen Bajonett an der Spitze des Gewehrs, auf dem Bock des kaiserlichen Wagens und warfen fürchterliche Blicke um sich. Als in Damaskus der Scheich Abdobah Effendi auf dem Festmahl, das die Stadt dem Deutschen Kaiser zu Ehren gab, ihn mit freundlichen Worten begrüßte hatte, hielt Wilhelm II. eine Rede, in der er mit enthusiastischen Worten für den herrlichen Empfang der Stadt Damaskus dankte. Er sei tief ergriffen von diesem überwältigenden Schauspiel, zugleich aber bewegt von dem Gedanken, an der Stelle zu stehen, wo einer der ritterlichsten Herrscher aller Zeiten, der große Sultan Saladin geweilt habe, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der oft seine christlichen Gegner die rechte Art des Rittertums hätte lehren müssen. „Möge Seine Majestät der Sultan und mögen die dreihundert Millionen Mohammedaner, die, auf Erden zerstreut lebend, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird." Nach Aufhebung der Tafel ließ ich mir den Stenographen kommen, der uns begleitete, um etwaige kaiserliche Ansprachen aufzunehmen, und sagte ihm, daß er diese Rede nicht veröffentlichen dürfe, bevor ich sie korrigiert hätte. Er erwiderte mit ziemlicher Verlegenheit, auf Weisung des Botschafters von Marschall, der sich auf einen direkten kaiserlichen Befehl berufen habe, sei das Telegramm an Wolff sofort und schon seit geraumer Zeit abgegangen. Ich hatte daraufhin eine ernste Auseinandersetzung mit Marschall, dem ich sagte, ich verstünde, daß er die Dinge mehr von seinem gegenwärtigen Standpunkt, d. h. als Botschafter bei den Türken, auffasse. Ich hätte aber die Pflicht, Übertreibungen dieses diplomatischen „Schwadronstandpunkts" zu verhindern, die einerseits in Konstantinopel gefährliche Illusionen erwecken, andererseits Franzosen, Engländer und Russen, die über Millionen von mohammedanischen Untertanen geböten, mißtrauisch machen und gegen uns verstimmen könnten. Ich habe die Beziehungen zur Türkei während meiner ganzen Amtszeit sorgsam gepflegt, und es gibt keinen türkischen DER GEHEIMAGENT 259 Orden, den ich nicht in Anerkennung dieser meiner Bemühungen, noch dazu mit Brillanten, erhalten hätte. Aber ich habe unsere Freundschaft mit der Türkei nur als Mittel zum Zweck betrachtet, und zwar mehr für wirtschaftliche als für politische Zwecke. Ich habe mir auch keine Illusionen über die Grenzen türkischer Leistungsfähigkeit gemacht. Sowohl Marschall als sein Nachfolger Wangenheim, die beide in ihrem Botschafterposten am Goldenen Horn das Sprungbrett sahen, um auf einen leitenden Berliner Posten zu gelangen, haben durch Schönfärberei in ihrer Berichterstattung viel gesündigt. Beim Rückblick auf unsere Palästinareise steigt ein Zwischenfall vor mir auf, der, wenn er im Augenblick eher komisch wirkte, doch auch zu nachdenklichen Betrachtungen Anlaß bieten konnte. Als Gerüchte von einem gegen den Kaiser geplanten Attentat nach Berlin gelangten, beschloß unsere Polizei, besondere Maßnahmen zum Schutz Seiner Majestät zu ergreifen. Der Minister des Inneren schrieb an den Chef des Zivilkabinetts, daß für diese delikate Mission ein besonders gewiegter und geschickter Geheimpolizist ausersehen wäre. Wir befanden uns auf dem Marsch von Haifa nach Jerusalem gerade beim Mittagsmahl, unter freiem Himmel, als sich dem Kaiser ein Herr in Zivil näherte, dem auf zehn Schritt der preußische Offizier anzusehen war an Haltung, Manieren und Anzug. Damit gar kein Zweifel obwalten könne, trug er möglichst auffällig das Eiserne Kreuz von 1870. Bei Seiner Majestät angelangt, meldete er mit einer Stimme, um die ihn Stentor hätte beneiden können, der starke Mann, von dessen eherner Stimme Homer rühmt, daß sie laut tönte wie die fünfzig anderer Männer: „Von N., früher Leutnant im x. Regiment, jetzt beim Königlichen Polizeipräsidium in Berlin beschäftigt und von dem Herrn Polizeipräsidenten als Geheimagent Eurer Majestät beigegeben zur Sekreten Bewachung Eurer Majestät Allerhöchster Person, meldet sich alleruntertänigst zur Stelle." Der Kaiser, sehr belustigt, schüttelte diesem Geheimagenten die Hand und riet ihm, baldmöglichst nach Berlin zurückzukehren. Der Schutz des Kaiserpaares blieb den beiden tapferen Syriern überlassen, die es jedenfalls mit allen Berliner Polizeiagenten aufnehmen konnten. Diese Episode erinnerte mich an eine gelegentliche, in meiner Gegenwart gefallene Äußerung des Fürsten Bismarck, der darüber klagte, daß er niemals einen wirklich geschickten Berliner Polizeipräsidenten zu seiner Verfügung gehabt hätte. Es fehlen uns nun einmal diejenigen Eigenschaften, die seit Fouche den Ruhm so vieler Pariser Polizeipräfekten ausgemacht haben, die mit angeborener Schlauheit und durch das Leben erworbener Menschenkenntnis Rücksichtslosigkeit und nötigenfalls brutale Energie verbanden. Der einzige Berliner Polizeipräsident, der etwas von dieser Art besaß, Hinkeldey, wurde unter Friedrich Wilhelm IV. im Duell von einem konservativen Edelmann erschossen. 17« 260 SCHNELL DANKTELEGRAMM AN DEN SULTAN Die Huldigungen, der Bevölkerung, die Aufmerksamkeiten aller Behörden, die Überzeugung, in den Türken und darüber hinaus in allen Beken- nern des Islams wahre Freunde und Verehrer zu besitzen, waren in Wilhelm II. so lebendig, daß er sich fast täglich gedrungen fühlte, dem Sultan seine Freude und Dankbarkeit telegraphisch auszusprechen. Ich hatte die Aufgabe, diese Telegramme aufzusetzen, in die doch eine gewisse Abwechslung gebracht werden mußte, so daß ich nach und nach alle Ausdrücke und Wendungen der französischen Sprache für die Begriffe Anerkennung, Vergnügen und Erkenntlichkeit erschöpfte. Wenn der Ruf Seiner Majestät ertönte, und das war ununterbrochen der Fall: „Dies war das Schönste, was wir noch erlebt haben! Bülow, ein Danktelegramm an den Sultan!", so nahm ich den Bleistift zur Hand und ersann eine neue Variante. Mein Freund Knesebeck sagte zu mir: „Es gibt Briefsteller für Liebende. Du solltest einen Briefsteller für freundschaftlichen Verkehr mit einem Sultan während einer Orientreise schreiben." Während Wilhelm II. in vollen Zügen die großartige Natur und die pittoresken Menschen des Orients genoß, seine Farbenpracht, die großen Erinnerungen und weiten Horizonte, resümierte Herr von Lucanus, Haiberstadts nüchterner Sohn, seine Eindrücke in einem Telegramm an seine in Potsdam zurückgebliebene Gattin, in dem es hieß: „Bin den Rummel satt. Sehne mich nach Dir und Hasenbraten mit Rotkohl." Er las diesen poetischen Gefühlsausbruch unserer Reisegesellschaft vor, zu deren großer Erheiterung, natürlich in Abwesenheit Seiner Majestät. XVII. KAPITEL Kaiserin Auguste Viktoria • Die Rückreise • Malta • Neuerdings die Lippische Frage München • Ankunft auf der Wildpark-Station • Wilhelm II. an seine Minister über die Türkei • Einzug in Berlin (1. XII. 1898) • Faschoda • Der Windsor-Vertrag • Cham- berlains Stellungnahme zu einer deutsch-englischen Allianz • Brief des Botschafters Grafen Hatzfeldt Ich kann nicht vom Orient und insbesondere vom Gelobten Lande Abschied nehmen, ohne in Ehrerbietung und Dankbarkeit der Kaiserin Auguste Auguste Viktoria zu gedenken. Alle Teilnehmer an der Reise waren dar- Viktoria über einig, daß ihre Herzensgüte, ihre Ruhe, ihre stets gleiche Liebenswürdigkeit und immer gute Laune in hohem Grade dazu beigetragen haben, die mancherlei Unzuträglichkeiten, die eine Reise in so großer und verschiedenartiger Gesellschaft mit sich bringt, zu glätten und zu überwinden. Daß die Reise alles in allem gut verlief und gut abschloß, war nicht zum wenigsten ihr Verdienst. Die Kaiserin Auguste Viktoria verkörperte alle trefflichen Eigenschaften der deutschen Frau. König Eduard VII. soll als Prinz von Wales die frivole Bemerkung gemacht haben, daß es für die deutsche Frau nichts gäbe als die drei K's: Kirche, Kinder und Küche. Für die Kaiserin Auguste Viktoria stand jedenfalls in erster Linie neben der Kirche und neben ihren Kindern, weit vor allem äußeren Glanz, vor allen irdischen Gütern ihr Mann. Ihre Hingebung und ihre Ergebenheit für ihren Gatten waren unbegrenzt. Nicht als ob sie die Klippen und Schwächen seines Wesens nicht wohl gekannt hätte, aber diese Erkenntnis erhöhte nur ihre Fürsorge und Liebe für den Kaiser. Im Gegensatz zu ihrer Schwiegermutter, der Kaiserin Friedrich, die immer Engländerin geblieben war, im Gegensatz zur Kaiserin Augusta, die als echte Tochter Weimars über nationalen Differenzen schwebte, war die Kaiserin Auguste Viktoria durch und durch deutsch. Sie mochte die Ausländer nicht. Die Russen erschienen ihr barbarisch und frivol, die Franzosen liederlich, den Südländern traute sie nicht, die Engländer hielt sie für selbstsüchtige und brutale Heuchler und hebte sie noch weniger als die drei anderen. Vor der Großmutter ihres kaiserlichen Gemahls, der Königin Victoria, empfand sie Respekt, wie die ganze Verwandtschaft des englischen Hofes; den Onkel Bertie, den künftigen König Eduard VII., verabscheute sie, schon weil ihm mit einiger 262 DIE FROMME KAISERIN Glaubwürdigkeit nachgesagt wurde, daß er sich als Ehemann manche Seitensprünge erlaubt habe. Bei aller Trefflichkeit ihres Wesens hat die Kaiserin Auguste Viktoria unsere Beziehungen zu Rußland wie namentlich zu England und bis zu einem gewissen Grade auch zu Italien durch ihr Ausländern gegenüber steifes und sprödes Wesen nicht erleichtert. Wenn ihr Gemahl in dieser Beziehung zu viel tat, war sie bisweilen geneigt, zu wenig zu tun. Die Kaiserin war eine durch und durch fromme Christin. Sie überwachte sorgsam den Religionsunterricht ihrer Kinder. Sie wollte nicht, daß in irgendeinem Punkt von der Auffassung strenger Gläubigkeit abgewichen würde, in der sie ihr Vater, Herzog Friedrich VIII. von Augustenburg, erzogen und der Oberhofprediger Dibelius in Dresden eingesegnet hatte. Die Kinder sollten glauben, daß der Prophet Jonas sich einige Tage im Bauche eines Walfisches aufgehalten hätte und daß auf des tapferen Josuas Gebot die Sonne stillstand zu Gibeon und der Mond im Tal Ajalon. Die Kaiserin war nicht unduldsam, aber wenn Rationalisten ihr unsympathisch, Atheisten abscheulich erschienen, so blickte sie auf die katholische Kirche mit der Scheu, die manche an sich treffliche Protestanten vor dem „altbösen Feind" des Lutherliedes empfinden, dessen grausame Werkzeuge große Macht und viel List sind. Sie erzählte mir selbst einmal, daß der ausgezeichnete Kultusminister Graf Robert von Zedlitz ihr mit Bezug hierauf, bei seinem Rücktritt, in seiner Abschiedsaudienz gesagt habe: „Eure Majestät sind mir nicht tolerant genug." Ich habe mich oft bemüht, bei der Kaiserin Verständnis für die vielen, großen und schönen Seiten der katholischen Kirche und der katholischen Weltanschauung zu erwecken, aber ohne damit viel Erfolg zu haben. Die Kaiserin würde nie eine Ungerechtigkeit gegenüber Katholiken oder gar eine Verletzung der Rechte der katholischen Kirche gebilligt haben, dazu war sie zu pflichttreu und zu gütig. Aber sie konnte sich nicht entschließen, Katholiken als Oberhofmeister oder Hofdamen in ihre nähere Umgebung zu ziehen, wie ich ihr das wiederholt riet. Sie konnte sich freilich mit einigem Recht darauf beziehen, daß am bayrischen Hofe die Hofdamen ausnahmslos katholisch waren, obwohl zwei Fünftel der bayrischen Bevölkerung evangelisch sind. Der Kaiser wußte, was er an seiner Gemahlin hatte. Er hebte sie, freilich in den Grenzen seiner naiven Selbstsucht. Er kannte und würdigte ihre Treue, aber sie erschien ihm, namentlich verglichen mit seiner Mutter, als eine kleine Prinzeß. „Man merkt ihr immer wieder an", meinte er mehr als einmal zu mir, „daß sie nicht in Windsor aufgewachsen ist, sondern in Primkenau." Politische Eingriffe hat sich die Kaiserin nie erlaubt. Soweit sie sich um Politik kümmerte, stand sie auf dem Standpunkt eines orthodox-protestantischen Konservativen mit instinktiver Vorliebe für die DIE PRINZESSIN VON AUGUSTENBURG 263 Agrarier als die sicherste Stütze von Thron und Altar. So wie sie war, würde sie eine vortreffliche Kommandeuse geworden sein, wie man in der Sprache unserer alten ruhmvollen Armee sagte. Sie würde sich als Frau des Kommandierenden Generals oder des Oberpräsidenten einer Provinz, auch als Ministergattin allgemein Achtung und Liebe erworben haben. In allen diesen Stellungen würde das Urteil über sie gelautet haben: Tadellose Frau, durch und durch pflichttreu und so ganz deutsch! Sie hatte nicht die komplizierte Seele der Russin, nicht den Elan der Polin, nicht die Härte und noch weniger die Koketterie der Französin, nicht die Leidenschaft und den Charme der Italienerin. Sie war auch kein Sport-woman wie die Engländerin, und jeder Gedanke an Flirt lag ihr meilenfern. Ihre Verbindung mit dem künftigen König von Preußen und Deutschen Kaiser, dem damaligen Prinzen Wilhelm von Preußen, war von der Königin Victoria von England und deren ältester Tochter, der Kronprinzessin von Preußen, schon beschlossen worden, als die Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg ebenso wie ihr künftiger Gemahl noch Kinder waren. Wilhelm II. hat mir gelegentlich erzählt, er sei als Knabe einmal in Venedig gewesen. Da habe ihn seine Mutter mit einem Kranz nach einer Insel in der Nähe von Venedig geschickt, wo sich das Grab einer längst verstorbenen Prinzeß von Holstein befunden habe, dort hätte er den Kranz niederlegen müssen. Erst später habe er begriffen, daß damals schon seine Vermählung mit einer Prinzeß von Holstein beschlossene Sache gewesen wäre. Die Familie Holstein hatte gefürchtet, daß Fürst Bismarck im Hinblick auf die politischen Streitigkeiten, die er mit dem Herzog Friedrich von Augustenburg gehabt hatte, nicht seine Einwilligung zu einer Verbindung des künftigen Königs von Preußen mit einer Tochter des Herzogs geben würde. Diese Besorgnis stellte sich als unbegründet heraus. Der Kanzler erhob keinen Widerspruch. Trotzdem stand die Kaiserin Auguste Viktoria dem Fürsten Bismarck innerlich kühl gegenüber. Sie hat nie die aus Augustenburgischer Ranküne, Mißtrauen und Furcht gemischte Scheu überwunden, mit der sie bei der ersten Defibercour nach ihrer Vermählung den großen Kanzler begrüßt hatte. Herbert Bismarck war ihr ganz antipathisch. Daß er in feucht-fröhlicher Stimmung gelegentlich formlos sein konnte, würde sie allenfalls verziehen haben, nicht aber die „unpassenden" Witze und Anekdötchen, die er auch vor Damen zum besten gab. Ich glaube nicht, daß die Kaiserin Auguste Viktoria auf den Sturz des Fürsten hingearbeitet hat, dazu war sie zu gewissenhaft, auch lagen ihr Intrigen fern. Aber sie hat, wie gesagt, bei aller ihrer sonstigen Herzensgüte und trotz ihres aufrichtigen Christentums dem großen preußischen Minister ganz doch nie verziehen, daß er ihren Vater und ihr Haus verhindert hat, den Thron des meerumschlungenen Schleswig- 264 MULIER FORTIS Holstein zu besteigen. Sie hielt Bismarck für den „bösen Mann" und meinte einmal in meinem Beisein, der liebe Gott habe dem guten alten Kaiser Wilhelm die für eine erfolgreiche Politik in dieser schlechten Welt vielleicht notwendigen Sünden und Bosheiten ersparen wollen und sie deshalb von Bismarck ausführen lassen. Die partikularistischen Velleitäten der Kaiserin machten übrigens auf ihren Gemahl nicht den mindesten Eindruck. Als er zum erstenmal als Kaiser ein Manöver in der Provinz Schleswig-Holstein abhielt, ließ er die Chefs der beiden Linien des Hauses Holstein, seine beiden Schwäger, den Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und den Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Glücksburg, als Ordonnanzoffiziere vor seinem Wagen reiten. Die Kaiserin Auguste Viktoria war eine optimistische Natur. Sie war erfüllt von dem festen, unerschütterlichen Glauben an die göttliche Hilfe, die den Frommen und Guten nicht im Stich läßt, wie uns das in so vielen schönen Psalmen verkündet wird. Als die bösen Tage kamen, hoffte und glaubte sie bis zuletzt. Sie war unermüdlich in Pflichterfüllung, in Fürsorge für die Verwundeten, die Kranken und Hungernden. Sie hielt den Kaiser aufrecht, sie ermutigte ihn, der leicht zwischen Furcht und Hoffnung hin und her schwankte. Es ist richtig, daß sie sich über die Lage, in die wir durch unsere ungeschickte Diplomatie im Sommer 1914 und durch eine schwache pohtische Zügelführung während des ganzen Krieges geraten waren, bis zuletzt Illusionen gemacht hat. Aber einmal hoffte sie wie Augustinus contra spem, d. h. gegen menschliche Auffassung, auf die göttliche Hilfe. Und dann fürchtete sie für den Fall, daß der Kaiser die Lage in ihrer vollen Gefährlichkeit erkenne, einen völligen moralischen Zusammenbruch ihres Gatten. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, hat sie bis zuletzt nach Möglichkeit verhindert, daß dem Kaiser ganz reiner Wein eingeschenkt wurde. Als aber der Niederbruch kam, war sie die Mulier fortis der Heiligen Schrift. Sie hätte nicht Heer und Land verlassen. Sie behielt den Kopf oben, sie hielt sich würdig und aufrecht, auch als roher Mob sie am 9. November 1918 in ihren Wohnzimmern im Schloß bedrohte und beschimpfte. An ihrem Hochzeitstage war ihr Lieblingshed, das schöne Lied des Grafen Nikolaus Zinzendorf: „Jesu, geh voran", von der Schloßgemeinde gesungen worden. Den zweiten Vers dieses Liedes hat die Kaiserin wahr gemacht: Soll's uns hart ergehen, Laß uns feste stehen Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen; Denn durch Trübsal hier Geht der Weg zu dir. DIE ENGLÄNDER AUF MALTA 265 Nur wenige Tage nachdem der Kaiser nach Holland geflohen war, begah sich die Kaiserin zu ihm. Als sie in Amerongen ankam, stand Wilhelm II. vor ihr auf der Fallbrücke, die in das kleine holländische Schloß führt. Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, seitdem er Anfang November das Neue Palais verlassen hatte, um sich an die Front zu begeben. Wilhelm II. sah sehr unglücklich aus, vor allem sehr verlegen. Die Kaiserin aber, so erzählte mir ein Augenzeuge dieser Begegnung, wandte ihrem Gemahl einen Blick grenzenloser, tiefster Liebe zu, den Blick einer Mutter, die zu ihrem Sohn sagt: „Was du auch getan haben magst, meiner Liebe, meines Verständnisses, meiner Nachsicht, wo du solcher bedarfst, bist du immer sicher." Sie hat, bevor sie erlöst wurde, nicht nur seelisch, auch körperlich schwer leiden müssen. Ich bin überzeugt, daß sie diese Leiden geduldig getragen hat als eine Prüfung und im festen Glauben an das Jenseits. Und so möge sich an der edlen und guten Frau das Schlußwort des Zinzendorfschen Liedes erfüllen: Tu uns nach dem Lauf Deine Türe auf. Die Rückreise von Syrien nach der Heimat sollte ursprünglich über Malta und Gibraltar gehen. Der Kaiser begründete seine Reiselust in dieser Rückfahrt Richtung damit, daß er zur Beurteilung der europäischen Gesamtsituation " 6er Malta sich durch den Augenschein davon überzeugen müsse, wie stark die englische Position in diesen beiden Hauptstützpunkten der Engländer im Mittelmeer wäre. Es gelang der Kaiserin, ihrem Gemahl Gibraltar auszureden, indem sie ihm vorstellte, daß die Rückreise von dort auf dem Landwege über Spanien ein zu großer Umweg wäre, während es andererseits keinen rechten Sinn hätte, an den Toren des Herkules umzukehren. So wurde, zur Befriedigung aller Reisegefährten, auf eine weitere Ausdehnung der Reise verzichtet, und wir begnügten uns mit Malta, der Insel, wo Phönizier und Karthager, Römer, Vandalen und Goten, Byzantiner und Araber geherrscht, wo der ritterliche Orden St. Johannes vom Spital und der Premier consul Bonaparte geboten hatten, bis sie wie so viele andere wichtigste Punkte der Erde an England fiel, das mit neuen Methoden und in anderer Form die römische Weltherrschaft erneuert hat. Vor unserem Eintreffen hatte der Kaiser wiederholt bei Tisch erklärt, daß er gegenüber dem Engländer auf Malta und insbesondere gegenüber den englischen Seeoffizieren eine ernste Sprache führen werde, denn er habe sich über eine Reihe englischer Übergriffe und Unfreundlichkeiten zu beklagen. In letzterer Richtung war die Ranküne Seiner Majestät damals übertrieben, sie kam aber überhaupt nicht zum Ausbruch, denn wie meist bei persönlichen Begegnungen mit Engländern erlag der Kaiser dem Zauber, 266 WILHELM II. VERZÖGERT DIE HEIMFAHRT den ein gut erzogener, richtiger Engländer mit seinen ruhigen Manieren, seiner sicheren Haltung, seiner mit respektvollen Formen verbundenen inneren Unabhängigkeit seit seiner Jugend auf ihn ausübte. Der Admiral von Senden, dessen antienglische Grundstimmung um so mehr hervorbrach, je mehr wir uns Malta näherten, sagte mir in dem Augenblick des Einlaufens in den Hafen mit einem gewissen Triumph, da er wußte, daß ich freundliche Beziehungen zu England aufrechtzuerhalten bemüht war: „Nun sollen Sie einmal sehen, wie unser Kaiser hier mit dem Engländer umspringen wird, den Admiral nimmt er sich zuerst vor." Als ich eine halbe Stunde später mit Senden auf dem Oberdeck auf und ab ging, deutete er ingrimmig auf die Kommandobrücke. Dort stand der Kaiser Arm in Arm mit dem kurz vorher zur Meldung eingetroffenen englischen Admiral, den er mit allen Zeichen kameradschaftlicher und wärmster Freundschaft beehrte. Nachdem wir in Malta alles irgendwie Sehenswerte eingehend besichtigt und bewundert hatten, drängte mit verdoppeltem Eifer die ganze Reisegesellschaft zur Rückkehr in die Heimat, voran die Kaiserin, die als gute Mutter sich nach den Kindern sehnte. Nur der Kaiser selbst war bemüht, die Rückkehr nach Möglichkeit hinauszuschieben. Ihn graute förmlich vor den unerfreulichen und insbesondere vor den langweiligen Seiten seines Berliner und Potsdamer Lebens, die doch nun einmal mit seinem Herrscherberuf unzertrennlich verbunden waren. Wir blieben mehrere Tage vor Syrakus. Der Kaiser trug kein Verlangen nach dem Besuch der Latomien von Syrakus mit der Pracht ihrer Vegetation und ihren melancholischen Erinnerungen an die gefangenen Athener, die sich dort über die Grausamkeit ihres Gefängnisses durch Rezitieren der Verse des Euripides getröstet hatten. Auch das Grab von August Platen reizte ihn nicht, noch die Quelle der Arethusa. Er ging statt dessen den ganzen Tag auf dem Promenadendeck der „Hohenzollern" mit mir auf und ab, um die für ihn im Vordergrund stehende politische Frage ungestört zu besprechen. Aufgestachelt durch die Briefe seiner Mutter, die ihn immer wieder im Interesse ihrer Tochter, der Prinzessin Viktoria von Schaumburg-Lippe, gegen die unglücklichen Biesterfelder hetzte, wollte er Mit tel und Wege finden, um, wenn auch nicht den Grafen Ernst aus Detmold zu entfernen, so doch dessen Nachkommen wegen angeblicher Unebenbürtigkeit von der Sukzession auszuschließen. An einer Stätte, die so eindrucksvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen predigte, wo das Glück Athens zerschellte, war das Hin- und Herreden über diesen typischen Fall deutscher Kleinstaaterei doppelt kleinlich. Aber wo einst phönizische und athenische Flotten, römische und karthagische Trieren, normannische und arabische Segler, wo die Galeeren der Kreuzfahrer vorbeigezogen waren, wo Don Juan d'Austria als Sieger von Lepanto geprangt hatte, wurden jetzt die Ahnfrauen des Fürsten Georg SÜDDEUTSCHE HÖFE 267 von Schaumburg-Lippe und des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld gegeneinander abgewogen. Der Kaiser wurde einen Augenblick stutzig, als ich ihm vorhielt, daß es dem preußischen Interesse nicht entspreche, die Kinder einer Gräfin Wartensleben für unebenbürtig zu erklären, wo die Familie Wartensleben der Monarchie viele und treffliche Offiziere und Beamte gestellt hätte und wo überhaupt der sogenannte kleine Adel für die Nation auf allen Gebieten viel mehr geleistet habe als alle Mediatisierten und die Mehrzahl der kleinen Fürstenhäuser zusammen. Der Kaiser kam immer wieder darauf zurück, daß es nicht an der öffentlichen Meinung, der Presse oder gar am Reichstag sei, Sukzessionsfragen zu entscheiden, die zu regeln ausschließlich Sache der deutschen Fürsten wäre. Er werde sich auf der Rückreise durch Deutschland bemühen, die Fürsten für seine Anschauungen und Pläne in dieser Richtung zu gewinnen. Wir passierten bald darauf die süddeutschen Hauptstädte. Überall benutzte der Kaiser den 10 bis 15 Minuten langen Aufenthalt, um die Reise Fürsten und Minister, die ihn erwarteten, für seinen Standpunkt in der durch Süd- Lippischen Frage zu erwärmen. Sie alle, insbesondere der Prinzregent von Deutschland Bayern und der König von Württemberg, erwiderten, daß sie gegen die Ansicht ihrer Minister und ohne Anhörung ihrer Kammern nichts machen könnten. Nichts wurmte den Kaiser mehr, als wenn Fürsten sich außerstande erklärten, den Widerstand ihrer Volksvertretungen oder ihrer Minister zu überwinden. Er sah darin eine Art Untreue gegen das von Gott dem Fürsten übertragene Amt, für das dieser, wie Wilhelm II. ja auch öffentlich ausgeführt hatte, nur dem Allmächtigen, keinem Menschen sonst verantwortlich wäre. An dieser Uberzeugung hat Kaiser Wilhelm bis an das Ende seiner Regierung festgehalten. Als ein der deutschen Sprache mächtiger römischer Prälat im Frühjahr 1915 vom Kaiser im Schloß Pleß empfangen wurde, richtete Seine Majestät scharfe Angriffe gegen* König Victor Emanuel von Italien, der kurz vorher Österreich den Krieg hatte erklären lassen. Als der Monsignore darauf hinwies, daß der König von Italien kaum anders habe handeln können, da das Ministerium Salandra- Sonnino auf der Kriegserklärung an Österreich bestanden hätte, bestritt der Kaiser mit Vehemenz diese Auffassung. Beim Jüngsten Gericht, führte der Kaiser aus, werde König Victor Emanuel nicht damit durchkommen, daß er die Verantwortung für die Kriegserklärung auf seine Minister abschiebe. Der liebe Gott werde dann zu ihm sagen: „Ne, Männeken, damit kommst du bei mir nicht durch! Wer hat dich zum König gemacht ? Deine Minister ? Dein Parlament ? Ich allein habe dich zu dieser Stellung erhoben, mir allein bist du verantwortlich, herunter mit dir in die Hölle oder wenigstens ins Fegefeuer." Der römische Prälat war nicht wenig konsterniert ob dieser etwas anthropomorphistischen Betrachtungweise Seiner Majestät. 268 BAYERN UND DER MILITÄR-STRAFPROZESS Bei den Besuchen in Stuttgart und München blieben alle Überredungskünste des Kaisers, seine glänzende Dialektik und seine gewinnende Liebenswürdigkeit vergeblich gegenüber der Vis inertiae der Souveräne, die gerade in der Lippischen Frage ihre Kammern mehr fürchteten als eine Verstimmung des Kaisers, von der sie bei dem Naturell des hohen Herrn annahmen, daß sie nur vorübergehend sein würde. Nur in Baden-Baden, wo wir einen ganzen Tag zubrachten, fand der Kaiser willigeres Gehör. Im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Fürsten stand Großherzog Friedrich infolge verwandtschaftlicher Beziehungen zu Bückeburg innerlich mehr auf dessen Seite, obwohl die Geschichte gerade des Hauses Zähringen ihn zur Nachsicht gegenüber unebenbürtigen Ehen hätte veranlassen sollen. Die Sympathie des Großherzogs für den kaiserlichen Standpunkt in der Lippe-Frage war aber mehr platonischer Natur. Auch er wünschte sich nicht öffentlich im Sinne des Kaisers zu engagieren. Erfreulich war, daß ich den kurzen Aufenthalt in München benutzen konnte, um uns endgültig mit Bayern über die leidige Frage der Militär- Strafprozeß-Reform zu verständigen. Der Prinzregent willigte in die Errichtung eines bayrischen Senats mit dem Sitz in Berlin beim Obersten Militärgerichtshof. Dagegen räumten wir Bayern das Recht der Ernennung des Vorsitzenden wie der Mitglieder im Berliner Senat sowie des Militäranwalts ein. Damit war diese Frage endlich geregelt, die zu vielen Empfindlichkeiten Anlaß gab und sich schon viel zu lange hingezogen hatte und deren endliche Beilegung namentlich dem Fürsten Hohenlohe sehr am Herzen lag. Der Kaiser, der in seinem Widerstand lange vom Chef des Militärkabinetts, General von Hahnke, bestärkt worden war, gab endlich nach, als ich ihm das italienische Sprichwort vorhielt: „Le cose lunge diven- tano serpe" („Verschleppte Schwierigkeiten werden zu Giftschlangen") und ihm schließlich diesen schönen Spruch auf einen Zettel schrieb. Es hing zusammen mit der raschen Auffassung und mit der Empfänglichkeit für Geist in jeder Form, zwei Eigenschaften, die Wilhelm II. in hohem Maße besaß, daß zugespitzte Zitate, Sprichwörter, für einen Fall passende Worte historischer Persönlichkeiten mehr Eindruck auf ihn machten als die längsten Denkschriften. Am 26. November trafen wir wieder auf der Wildparkstation in Potsdam Eintreffen ein, wohin die preußischen Minister mit dem Fürsten Hohenlohe an der n Potsdam Spitze zum Empfang befohlen worden waren. Der Kaiser hielt eine Ansprache an seine verfassungsmäßigen Berater, in der er eine begeisterte Schilderung nicht nur des ihm im türkischen Reiche gewordenen Empfangs, sondern vor allem der herrlichen Zustände in der Türkei gab. Er ging hierbei so weit, zu sagen, daß die Türkei mit dem unbedingten Gehorsam ihrer Bewohner gegenüber dem Sultan, in dem sie nicht nur ihren Souverän, DIE „BRAVE BÜRGERSCHAFT' 269 sondern auch ihren Kalifen, d. h. den Statthalter Gottes, verehrten, für andere Länder vorbildlich sein könnte. Der Segen des Himmels ruhe sichtbar auf der Türkei, auch wirtschaftlich wäre das Land in blühendem Zustand. Als wir mit der Eisenbahn nach Berlin zurückfuhren, meinte der Kultusminister Dr. Bosse mir gegenüber, er sei tief erschüttert durch die kaiserliche Ansprache. Er habe mit einer größeren Anzahl Geistlicher um die gleiche Zeit wie der Kaiser und ungefähr auf demselben Wege Palästina und Syrien besucht. Er habe überall Armut, Verwahrlosung und Mißregierung konstatiert. Wie sei es möglich, daß sich der Kaiser, ein so hochbegabter Herr, in solchen Illusionen bewege ? Fürst Hohenlohe fühlte sich wieder an Ludwig II. von Bayern erinnert, der für die Inseln im Ägäischen Meer geschwärmt habe und das prosaische Bayern gern für sie eingetauscht hätte. Ich möchte auch bei diesem Anlaß wiederholen, daß nach meiner festen Uberzeugung der Kaiser geistig nicht anormal war, wohl aber oberflächlich, sehr impressionabel, ohne Kritik gegenüber der eigenen Phantasie, ohne Hemmungen und darum allerdings oft der Spielball wechselnder Eindrücke. Am 1. Dezember hielt der Kaiser mit der Kaiserin einen feierlichen Einzug in Berlin. Er wurde vom Bürgermeister am Brandenburger Tor Einzug begrüßt, dem er erklärte, daß er auf seiner Orientreise schöne und mächtige in Berlin Eindrücke auf dem Gebiete der Religion, der Kunst und Industrie gewonnen habe. Das eine könne er dem Bürgermeister sagen, daß er den deutschen Namen überall, in allen Ländern und allen Städten, geschätzt und geachtet gefunden hätte wie nie zuvor. Der Bürgermeister möge der „braven Bürgerschaft" seinen Dank übermitteln. Der Kaiser hatte in seiner großen Liebenswürdigkeit meine Frau und ihre gerade bei ihr weilende Mutter Donna Laura Minghetti aufgefordert, sich seinen Einzug von dem Balkon des Niederländischen Palais anzusehen. Donna Laura, die einen scharfen Verstand besaß, übrigens Kaiser Wilhelm II. schon wegen seiner Güte für ihre Tochter und für mich sehr hebte, sagte mir, nachdem sie sich den Einzug angesehen hatte: Ein Monarch täte besser, sich eine solche „Entree triomphale" nur nach einem gewonnenen Kriege zu erlauben. Es sei ein großes Glück für Deutschland und für Europa, daß der Kaiser friedlich gesinnt sei. Aber Einzüge wie dieser, nach einer Reise, deren Arrangement Cook übernommen habe, hätten etwas Ridiküles. Während ich im Orient weilte, erhielt meine Frau aus Windsor Castle mehrere Briefe von der ihr so gütig gesinnten Kaiserin Friedrich, die dort Briefe zu Besuch bei ihrer Mutter weilte. Unter anderem schrieb sie: „Dearest der Kaiserin Marie — the only reason why I regret not being at Berlin — is that I can Friedrich have no little chats with you! L'inverno a Berlino mi pare sempre tanto tristo, adesso piü che mai! I would be very grateful to escape one of these 270 FES UND HALBMOND winters if I did not just miss you! You must come again to Friedrichshof— will you not? Your hushand will return to Berlin now and be glad to bc home again I am sure! I expect to see the whole of Berlin Court with the ,Fez' on their head, and the ,Halfmoon' on their breast, since the friendship with the Sultan is so great! Si potrebbe anche scegliere un amico piü nobile ? ? This modern Nero inspires me with nothing but disgust! Goodbye, darling contessina, ever your devoted friend Victoria." Kaiser Wilhelm hatte in dieser Zeit unter dem Einfluß des ihm in Konstantinopel zum Ehrendienst beigegebenen geschickten und intriganten Albanesen Turkhan-Pascha trotz meines Abratens dem Kaiser Nikolaus einen Brief geschrieben, in dem er mit Wärme für die türkischen Ansprüche auf Kreta eintrat. In Damaskus konnte er sich nicht enthalten, in einem zweiten Brief an den Zaren seiner Begeisterung für die Türken Ausdruck zu geben. Nach Berlin zurückgekehrt, erhielt er von seinem „Kollegen, Freund und Schwippschwager", wie er ihn scherzhaft zu nennen pflegte, die nachstehende Antwort: Livadia, Dezember 2. 14. 1898* Dearest Willy, It was very kind of You to have written two long and interesting letters during Your voyage — one from Constantinople — the second from Damaskus! I thank You heartily for them, I was particularly interested in hearing Your personal impressions, as unluckily I had not the chance of visiting Syria and Palestina during my voyage to the East. A few days ago I got a special report from Count Osten-Sacken, upon a conversation, he had had with You — the day he presented the picture of Your arrival at Cronstadt last year. Your usual frankness towards him made me happy and I beg You to continue to rely upon him even as much as You rely upon and trust me! Whenever You want to have a good explanation upon a question or if You want me to learn some news, which might concern us both, please, except writing to me(:if You have got time:) send for Osten-Sacken — in the future. I assure You the affair would in this way be quickly and noiselessly done. I hope England's arrogant conduct is not going to last long. She seemed to be very earnest in the beginning of her war-preparations, but now that she sees the effect she hoped to produce on the Powers — was not so great as she had hoped it would be, I am sure her martial mood will soon go down. I don't think there is much chance for England to form a real alliance with the United States, against Europe in general, and Russia in particular — as there are so many divergent interests . . . Canada or the growing question of the * Deutsche Übersetzung siehe Anhang, S. 790. KITCHENER HISST DIE ENGLISCHE FLAGGE 271 Nicaragua canal. Of course they — (I mean the English) would like to push the Americans against us in China. This neither frightens me, because we sit firmly on land at Port Arthur — and above every thing — Russia's borders touch the Afghan frontier! And England should not forget this! I am glad, that the Cretan affair is at last nearing its end. You know the reason, why Russia had to take such a prominent part in its Solution — at the risk of damaging our good and cordial relations with Turkey — the fear of another Power establishing itself on the island and of course the wish to put a final stop to the constant bloodshed. There was no other way of settling the question than sending George as High Com- missioner of the four Powers — it is a radical measure, but therefore the only one in my opinion. Our troops shall remain there as long as England keeps her's on the island. We have both spent a most enjoyable time here; the autumn has been a real summer to us who come from the north. One does feel so well being out of doors all day, riding, playing lawn-tennis etc. and not having to receive daily tiresome ministers. Still they do not forget to belabour me with Hills of papers, that I get twice a week. Alas! the end of our stay at Livadia is approaching, as we think of leaving about the 10. 22. Dec. Alix sends You her best love; please give mine to Victoria and with warm thanks for Your kind letters believe me dearest Willy ever Your most loving cousin and faithful friend » T . , Nicky. Während unserer Orientreise hatte sich der Faschoda-Streit zwischen England und Frankreich abgespielt. Im April 1898 hatte der Sirdar Herbert Faschoda Kitchener, derselbe, der während des Weltkriegs von den Wellen der Nordsee verschlungen werden sollte, ein harter, rücksichtsloser, aber energischer Kriegsmann, die Verkörperung jener englischen bulldoggenartigen Tatkraft, die sich Indien und Südafrika unterwarf, die Derwische bei Atbara aufs Haupt geschlagen. Ungefähr um dieselbe Zeit war der französische Major Marchand von Abangki abmarschiert und hatte Faschoda am oberen Nil besetzt. Es war der letzte schüchterne Versuch der Franzosen, von ihrer früheren großen Stellung in Ägypten wenigstens einige kleine Fetzen im Niltal zu retten. Es ging ihnen aber damit ähnlich wie im 18. Jahrhundert bei den Kämpfen um Kanada. Bei jedem kolonialen Zusammenstoß mit England ist Frankreich immer wieder auf seine kontinentale Politik zurückgeworfen worden. Als Kitchener von der Expedition Marchands erfuhr, nahm er seinen Vormarsch nach Süden wieder auf und brachte den um die Hälfte stärkeren Derwischen eine neue, vernichtende Niederlage bei. Am 5. September besetzte Kitchener Chartum, drei Wochen später hißte er die englische Flagge in Faschoda und forderte Marchand zur 272 MARCHAND ZURÜCKGEHOLT Räumung auf. Marchand weigerte sich, ohne Befehl seiner Regierung Faschoda zu verlassen. Die französische Presse tobte, aber die französische Regierung dachte nicht einen Augenblick daran, sich wegen einer afrikanischen Frage mit England zu brouillieren. Die französische auswärtige Poktik wurde damals von Delcasse geleitet, Delcasse dem zähesten und dabei geschicktesten Vertreter der Revanche-Idee, der sein ganzes Denken, Sinnen und Leben gehörte. Er Heß der englischen Regierung keinen Zweifel darüber, daß Frankreich aus der Faschoda-Frage keinen ernsten Zwist, geschweige denn einen Casus belk' machen würde. Wie ich nicht lange nachher aus sicherer Quelle hörte, erklärte Delcasse ohne Umschweife dem englischen Botschafter: „Solange die Deutschen in Straßburg und Metz stehen, hat Frankreich nur einen einzigen permanenten Feind. Unter diesem Gesichtswinkel werden wir jede Differenz mit anderen Mächten, mit England wie mit Rußland, mit ItaUen und Spanien wie mit Amerika behandeln und beilegen." Eine Note der Agence Havas meldete denn auch, daß die französische Regierung beschlossen habe, die Mission Marchand in Faschoda nicht aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig dementierte sie in scharfer Form alle beunruhigenden Gerüchte, die über die Beziehungen zwischen Frankreich und England verbreitet würden. Es sei durchaus unrichtig, daß in irgendeinem französischen Kriegshafen außerordentliche Maßregeln getroffen würden. Ein mir befreundeter Vertreter eines bei diesem Streitfall unbeteiligten Landes in Konstantinopel erzählte mir später, daß, als dort die Nachricht eingetroffen wäre, daß Frankreich in dem Faschoda-Streitfall auf der ganzen Linie nachgegeben hätte, der französische Botschafter, Paul Cambon, der spätere Botschafter in London, ihm gesagt habe: „Je suis ravi de cette bonne nouvelle." In Deutschland verfielen damals öffentliche Meinung und Presse, wie schon früher und wie leider nur zu oft auch später, in den Fehler, gegenüber dem englisch-französischen Streit mit wenig Witz und viel Behagen, vor allem mit sehr wenig Takt die Haltung anzunehmen, in der sich das Straßenpublikum gefällt, wenn zwei Hunde aneinanderkommen. Gegenüber einer so schiefen Einstellung und solchen Entgleisungen der deutschen Stimmung und der sie reflektierenden Presse konnte ich acht Jahre später in meiner Rede vom 14. November 1906* mit Recht vom mißverstandenen Bismarck sprechen. Weil in den Jahren des Werdens des Deutschen Reichs, in einer Zeit, wo Eifersucht, Mißtrauen und Haß gegen unsere wachsende Macht und unseren zunehmenden Wohlstand bei weitem nicht so hoch gestiegen waren wie seitdem, Fürst Bismarck mit seiner einzigartigen, genialen Findigkeit aus den Gegensätzen zwischen den anderen Großmächten Vorteile gezogen * Fürst Bülows Reden. Große Ausgabe II, S. 326; Kleine Ausgabe IV, S. 134. REVANCHE UND FRIEDEN 273 hatte, glaubten viele Leute in Deutschland, das „Duobus litigantibus, tertius gaudet" müsse Motiv und Ziel der deutschen Politik sein. Ich habe auch später gelegentlich im Reichstag darauf hingewiesen, daß wir nicht von der Feindschaft zwischen anderen Mächten leben könnten. Ich habe unter vier Augen mehr als einem deutschen Politiker und Publizisten auseinandergesetzt, das sicherste Mittel, Streit zwischen anderen Mächten zu verhindern, sei, daß wir Sehnsucht nach solchen Differenzen verrieten und die Freude des Tertius gaudens gar zu naiv zur Schau trügen. Aber die unpolitische, die meist mit dem Gefühl, selten mit kalter Überlegung operierende Art der Söhne des Teut verfiel immer wieder in diesen Fehler. Die Stimmung der Franzosen uns gegenüber ist nie besser charakterisiert worden als durch jenes von mir bereits erwähnte Wort: „La France desire la revanche, mais eile veut la paix." Frankreich hat seit 1871 niemals weder das Straßburger Münster noch die Metzer Kathedrale noch vor allem die beherrschende Stellung vergessen, die es im Laufe der letzten Jahrhunderte wiederholt in Europa einnahm. Solche Wünsche lebten als Unterströmungen in fast allen französischen Herzen fort. Damit sie es aber auf den Krieg ankommen ließen, mußte den Franzosen eine Situation geboten werden, wie sie durch das Ungeschick unserer politischen Leitung im Sommer 1914 plötzlich vor ihnen lag: die von unserer Seite erfolgte Kriegserklärung an Rußland, die ebenfalls von uns ausgehende Kriegserklärung an Frankreich selbst, die daraus hervorgehende Möglichkeit für ItaUen und Rumänien, sich nach dem Wortlaut der Verträge ex nexu foederis zu setzen, die Invasion Belgiens, die der englischen Regierung die Möglichkeit gab, und ihr nach englischer politischer Tradition fast die Pflicht auferlegte, gegen uns vorzugehen, und endhch, last not least, Reden und Worte des deutschen Kanzlers Bethmann, die von vornherein alle Imponderabilien in das Spiel unserer Gegner brachten. England gegenüber lagen die Verhältnisse auch 1898 anders als mit Frankreich. Von Unversöhnlichkeit war dort keine Rede. Es bestand in Deutschland England viel Neid gegen uns, auch Mißtrauen und Abneigung namentlich in unc * Englam höheren Kreisen. Der Prinz von Wales mochte die Deutschen nicht und haßte seinen Neffen, den Kaiser Wilhelm. Es gab aber andererseits weite enghsche Kreise, und zu diesen gehörten viele der besten und ehrenwertesten Engländer, denen ein Krieg zwischen Deutschland und England als ein Verbrechen erschien. Ich hatte im Sommer 1898 in vollem Einvernehmen mit unserem Botschafter in London, dem Grafen Paul Hatzfeldt, einen Versuch gemacht, uns mit England über afrikanische Fragen in einer Weise zu verständigen, durch die berechtigte Empfindungen anderer nicht verletzt werden konnten und die gleichzeitig den Interessen der beiden Kontrahenten gleichmäßig Rechnung trug. Es kam mir dabei nicht nur auf das 18 BUlow I 274 DER BÖSE ZAHLER PORTUGAL Objekt, die portugiesischen Besitzungen in Afrika, sondern auch darauf an, bei diesem Anlaß festzustellen, wie weit wir uns auf die englische Bona fides verlassen konnten. Die Gelegenheit war günstig. Portugal, der böse Zahler, befand sich in einer Geldklemme, unter der seine Gläubiger, Deutschland wie England, seit Jahren litten, da sie gar keine Zinsen mehr erhielten. Portugal bot bei uns wie in England Verkauf oder Verpfändung seiner Besitzungen an. Nach unserem Abkommen sollten Mozambique, für dessen Hafen Laurenco-Marquez England schon seit längerer Zeit ein Vorkaufsrecht besaß, in die engbsche Sphäre fallen, die portugiesischen Besitzungen an der afrikanischen Westküste in unsere Sphäre. Der portugiesische Besitz im Sunda-Archipel sollte zwischen den beiden Großmächten geteilt werden. Das Abkommen wurde im Oktober 1898 unterzeichnet. Als ich Ende August dem Kaiser melden konnte, daß sich die englische Regierung in allen wesentlichen Punkten mit unseren Vorschlägen einverstanden erklärt hätte, telegraphierte mir Seine Majestät: „Diese Wendung begrüße ich mit Freude, die um so größer ist, als durch die Friedens- und Abrüstungsvorschläge und das sich anschließende Gerede die Kriegsaussichten sich wesentlich mehren. Ich danke Ihnen, lieber Bülow, für die aufopfernde und erfolgreiche Arbeit und die Geschicklichkeit, mit der Sie England dazu gebracht haben, uns endlich nachzugeben. Es ist dieses wieder ein großer Triumph Ihrer diplomatischen Feinheit und Weitsichtigkeit." Um die Wende des Jahrhunderts erfuhr ich durch die Indiskretion Der Windsor- eines mir seit meiner Jugend befreundeten nicht deutschen Diplomaten Vertrag un( l wurde mir durch Nachrichten aus Pariser Bankkreisen bestätigt, daß England ein Jahr nach seinem Abkommen mit Deutschland ein geheimes Abkommen mit Portugal geschlossen hatte, den sogenannten Windsor-Vertrag, der alte Verträge ausdrücklich wieder bestätigte, in denen sich das mächtige England und dessen langjähriger Klient, das kleine Portugal, ihren beiderseitigen Besitzstand garantierten mit der Verpflichtung, ihn im Notfall gegenseitig zu verteidigen. Das Zustandekommen des Windsor-Vertrages war namentlich durch den damaligen Prinzen von Wales gefördert worden, zu dessen persönlichen und intimen Freunden der portugiesische Gesandte in London, Marquis Soveral, gehörte. Natürlich stand dieser Windsor-Vertrag mit dem Geist des deutschenglischen Abkommens über die portugiesischen Kolonien in flagrantem Widerspruch. Er war nicht nur eine Garantie für Portugal, sondern geradezu eine Ermunterung für dieses Land, seine Kolonien nicht zu belasten. Er stärkte die alte Neigung der Portugiesen, in allen wirtschaftlichen Fragen England zu bevorzugen. Gar nicht davon zu reden, daß die politische Abhängigkeit der Portugiesen von England durch den Windsor-Vertrag noch erheblich verstärkt wurde. POLITISCHE MORAL ENGLANDS 275 In ihren interessanten Memoiren erzählt die Marquise de Boigne aus der Zeit, wo sie vor der großen Französischen Revolution als Tochter des damaligen französischen Botschafters in England weilte, die nachstehende Episode. Ihr Vater gab ein Diner, während dessen die Tochter plötzlich entdeckte, daß ihr kleiner Schoßhund sich unter dem Tisch verkrochen hatte. Um das Tier herausbringen zu lassen, hielt sie ihm einen Leckerbissen hin, das Hündchen schnappte danach, und sie konnte es fassen und einem Diener zum Hinaustragen übergeben. Mit großem Ernst sagte darauf der englische Minister des Äußeren, neben dem sie saß, zu dem jungen Fräulein: „Das ist sehr unrecht von Ihnen, daß Sie das Vertrauen dieses guten Hündchens getäuscht haben, dadurch verderben Sie seine Moral." Gerührt und beschämt erzählte die junge Dame am nächsten Tage ihrem Vater den Vorfall. Dieser riet ihr, sich keine weiteren Vorwürfe zu machen. Derselbe englische Minister, der so rigoros über unsere sittlichen Pflichten gegenüber kleinen Hunden denke, habe ihn in einer großen politischen Frage derartig hereingelegt, daß er wahrscheinlich seinen Posten verlieren würde. In keinem Lande wird die Grenzlinie zwischen privater und politischer Moral so scharf und kühl gezogen wie in England. Auch der persönlich ehrenhafteste Engländer wird in der Politik die bedenklichsten Mittel mit derselben Ruhe anwenden, mit der ein Arzt, wo es geboten erscheint, auch giftige Substanzen benutzt. Ein englisches Sprichwort sagt: In love and in politics everything is fair. Ohne den Krieg hätte nichtsdestoweniger auch dieses 1898 mit dem deutsch-englischen Vertrag über die portugiesischen Kolonien von mir gepflanzte Samenkorn Früchte getragen. Als in Lissabon nicht mehr das Haus Koburg-Braganza auf dem Thron saß, das, mit dem engbschen Königshause nahe verwandt, von der engUschen Politik geschont wurde, und als nicht mehr der Intimus des Königs Eduard, der elegante Marquis Soveral, Portugal in London vertrat, sondern irgendein portugiesischer Radikaler, der keinen Zutritt in der englischen Gesellschaft hatte, verlor England das Interesse an Portugal. Das Abkommen von 1898 zwischen uns und England sollte reaktiviert und unterzeichnet werden, als die nach dem Ultimatum an Serbien entstandene Krise mit vielen anderen Werten und Aussichten auch diese Zukunftshoffnung vernichtete. Am Ende des verflossenen Jahrhunderts aber war es begreifhch, daß ich nach einer solchen Erfahrung einige Zeit später Vorsicht für geboten hielt, als Chamberlain, ohne das ganze Ministerium und namentlich ohne den Premierminister auf seiner Seite zu haben, uns den Köder einer deutsch-englischen Allianz in einem Augenblick hinwarf, wo es ihm als dem Urheber des Burenkrieges sehr erwünscht gewesen wäre, Deutschland zwischen sich und Rußland-Frankreich zu schieben. Ich lasse die wichtigen Teile eines Briefes folgen, den am 27. Juni 1898, 18* 276 CHAMBERLAIN NACHDENKLICH noch bevor ich Wind von dem Windsor-Vertrag bekam, Graf Paul Hatzfeldt an seinen Freund Holstein richtete. Der Brief ist nicht uninteressant durch die Schlaglichter, die er auf das Verhältnis zwischen dem Premierminister Salisbury und dem Kolonialminister Chamberlain wirft. Er zeigt auch, wie sich unser nüchterner und erfahrener Botschafter in London keine Illusionen darüber machte, daß Chamberlain schon damals gern einen Vertrag mit uns schKeßen wollte, der seine Spitze gegen Bußland richten sollte, daß er uns reale Vorteile aber ebensowenig gönnte wie Salisbury. London, den 27. Juni 1898 Lieber Freund, ich liege seit zwei Tagen zu Bett mit einer ziemlich starken Erkältung. Verloren ist dabei nichts, da ich es, auch wenn ich wohl wäre, nicht für richtig halten würde, Salisbury gegenüber zu große Eile in der portugiesischen Frage zu zeigen. Den Leuten hier, mit Einschluß von Salisbury und Chamberlain, ist es odios, uns einen fetten Bissen zuwenden zu sollen. Ihre Frage, ob ich glaube, daß durch Chamberlain mehr zu erreichen wäre, glaube ich nach bestem Wissen verneinen zu müssen. Wenn ich ihm eine politische Abmachung mit der Spitze gegen Bußland bieten könnte, würde er mir gewiß erhebliche koloniale Zugeständnisse machen, ohnedem aber nach meiner Uberzeugung gewiß nicht. Mit Salisbury stehen wir, obwohl er uns auch nichts gönnt, insofern besser, als er keine politische Abmachung gegen Bußland verlangt und dennoch für politische Erwägungen Verständnis hat, deren Gewicht Chamberlain nicht zu beurteilen vermag oder doch unterschätzt. Was ich meine, werden Sie aus folgendem ersehen. Im Laufe einer meiner letzten Unterhaltungen mit Salisbury über die portugiesische Frage sagte ich ihm: „Sehr zu bedauern wäre es, wenn man hier nicht verstände, daß man durch eine unfreundliche und abweisende Haltung in dieser Frage allen denjenigen bei uns, die gegen freundschaftliche Beziehungen mit England und für eine intime Verständigung mit seinen Gegnern sind, selbst Waffen und Argumente dafür in die Hand gibt." Er machte ein nachdenkliches Gesicht und erwiderte: „Das ist gerade die unangenehme Alternative, in der wir uns befinden." Obwohl er nicht näher darauf einging, beweisen diese Worte für denjenigen, der ihn kennt, hinreichend, daß die Besorgnis, uns ganz in das russische Lager zu treiben, auf ihm lastet und in seinen Erwägungen eine bedeutende Bolle spielt. Dies ist von Chamberlain nicht oder nicht in demselben Maße zu erwarten. Bei dieser Gelegenheit will ich noch eine andere Äußerung Salisburys vertraulich für Bülow und Sie anführen, da sie sich für einen Bericht nicht eignet. Als ich ihm gegenüber hervorhob, welche Dienste wir den Engländern bezüglich Ägyptens geleistet, und dabei SALISBURY VERMEIDET ÄUSSERUNG 277 durchblicken ließ, daß Frankreich und Rußland, letzteres wegen des Suezkanals, sich längst in afrikanischen Fragen gegen England gewandt haben würden, wenn wir nicht ihrem Wunsche, Ägypten hineinzuziehen, bis jetzt entschieden im Wege gestanden hätten, erwiderte er mir: „Oui, tout irait encore bien si nous avions toujours Caprivi." Auf meine Frage, was er denn dem jetzigen Herrn Reichskanzler vorzuwerfen habe, sagte er: „II a une femme russe." Ich erwiderte: „Vous oubliez qu'elle est morte." Darauf er: „Oui, mais ils ont de grandes proprietes en Russie qui dependent du gouvernement russe." Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß ich es als lächerlich bezeichnete, dem Fürsten Hohenlohe hervorragende russische Sympathien zuzuschreiben, weil die verstorbene Fürstin eine einzige Besitzung in Rußland vorläufig behalten habe. Sie sehen aber aus diesen hingeworfenen konfidentiellen Äußerungen, wie groß das Mißtrauen gegen unsere Absichten ist. Das hat auch seine gute Seite; denn die fragliche Besorgnis der Engländer ist, wie die Dinge liegen, der einzige Druck, den wir hier ausüben können, um koloniale Zugeständnisse zu erreichen. Sie werden bemerkt haben, daß Salisbury bis jetzt sorgfältig vermieden hat, über die von mir formulierten Vorschläge eine bestimmte Ansicht zu äußern und auch nur annähernd anzugeben, wie er sich seinerseits die Auseinandersetzung zwischen uns denken würde. Infolge dieser Haltung befindet er sich in der angenehmen Lage, 1. mir gegenüber in bezug auf jeden Punkt lediglich zu sagen, daß wir viel zuviel verlangen, und 2. uns, wie auch eventuell anderen gegenüber, geltend zu machen, daß er überhaupt nichts von uns verlangt und uns auch nichts angeboten, sondern lediglich unsere höchst unbescheidenen Vorschläge angehört habe. Es blieb, wie die Dinge liegen, nichts übrig, als infolge seiner Frage unsere Forderungen im großen und ganzen anzugeben, aber wir dürfen ihn meines Erachtens keinen Augenblick länger als nötig in der von ihm eingenommenen bevorzugten Stellung lassen. Mit anderen Worten: Wenn es zu einer weiteren Besprechung über die Auseinandersetzung zwischen uns überhaupt noch kommt, gedenke ich den Spieß sofort umzudrehen, jede weitere Erläuterung über die von mir formulierten Punkte abzulehnen und mich auf den Standpunkt zu stellen, daß es jetzt seine Sache sei, mir mitzuteilen, zu welchen Konzessionen man hier in bezug auf die portugiesischen Kolonien Afrikas uns gegenüber bereit sei. In bezug aufChamberlain möchte ich hier nochmals hervorheben und bitte Sie, dies eventuell geltend zu machen, daß mir jede Möglichkeit fehlt, mit ihm in direkten geschäftlichen Verkehr zu treten, ohne mich mit Salisbury zu entzweien und meine weitere amtliche Tätigkeit hier vollständig nutzlos zu machen. Aus allen Äußerungen Salisburys seit seiner Rückkehr ging stets unverkennbar hervor, daß er es zwar natürlich findet, daß ich die 278 SALISBURY GEGEN VERKEHR Besprechungen mit demselben seinerzeit nicht abgelehnt habe, namentlich mit Rücksicht darauf, daß Mr. Balfour, der amtliche Vertreter Salisburys, bei der Sache beteiligt war, daß er, Salisbury, aber durchaus keine Fort- Setzung dieses Verkehrs wünscht, außer in solchen Fällen, wo er sich vorher damit einverstanden erklärt hat. Ich habe daher nicht den geringsten Zweifel, daß er jeden Versuch meinerseits, mit Chamberlain in persönliche Verbindung zu treten, als einen Mangel an Loyalität betrachten würde. Meine Stellung würde hiernach, solange Lord Salisbury am Ruder bleibt, geschäftlich unhaltbar werden, und Sie könnten mich ebensogut abberufen. Wie erwünscht es mir wäre, Herrn von Bülow einmal zu sehen, brauche ich nicht erst zu sagen. Mit herzlichem Gruß Ihr gez. Hatzfeldt XVIII. KAPITEL Jahresschluß 1898 • Prinz Heinrich über Ostasien • Erwerbung von Samoa • Großherzog Karl Alexander von Weimar • Erwerbung der Karolinen • Erhebung in den Grafenstand (22. VI. 1899) • Burenkrieg • Cecil Rhodes in Berlin • Die öffentliche Meinung in Deutschland gegenüber dem Burenkonflikt • Die Kanalvorlage • Finanzminister von Miqucl • Brief der Kaiserin über die Kanalvorlage • Die Kanalrebellen A ls das ereignisreiche Jahr 1898 zu Ende ging, erhielt ich am 12. De- .LjLzember 1898 das nachstehende Telegramm en clair des Kaisers: „Heute vor einem Jahr standen wir auf dem Deck S. M. S. ,Deutschland' und gaben Heinrich das Geleit. Ungewiß lag die Zukunft vor uns und zum Teil drohend. Wie herrlich aber dank Ihrer kundigen Hand und Gottes Hilfe hat sich alles entwickelt! Zumal für unsere Marine ist die Entwicklung gesichert und unseren Kolonien der Schutz in Aussicht, dessen sie bedürfen. Möge Ihr besonnener Rat sowie der Beistand des Herrn auch ferner mir zur Seite stehen. Wilhelm I. R." Um dieselbe Zeit schrieb mir mein Vorgänger, der Freiherr von Marschall: „Hochverehrter Freund! Es drängt mich, Ihnen meine herzlichsten Brief Wünsche zum neuen Jahr auszusprechen und Ihnen ganz besonders zu Marscha sagen, wie sehr ich mich über Ihren jüngsten parlamentarischen Erfolg gefreut habe. Sie werden wohl von einem alten Parlamentarier, der, wie Bismarck sich einst mir gegenüber ausdrückte, unseren Reichstag als Belagerer und als Belagerter kennengelernt hat, die Anerkennung freundlich entgegennehmen, daß Ihre neuliche Rede an Form und Inhalt gleich ausgezeichnet gewesen ist. Gerade die feinen Andeutungen, die den Abgeordneten erkennen lassen, daß der Minister gern bereit wäre, über die verschiedensten Fragen der auswärtigen Politik Auskunft zu geben, aber nicht imstande ist, alles zu sagen, was er weiß, machen im Parlament einen vorzüglichen Eindruck. Sie haben sich in kürzester Frist das allgemeine Vertrauen erworben und damit das natürliche Verhältnis zwischen Auswärtigem Amt und Volksvertretung wiederhergestellt, das mir in den letzten Jahren sehr zum Nachteil der auswärtigen Politik gefehlt hat. Von Herzen wünsche ich Ihnen und dem Reiche, daß das neue Jahr ebenso erfolgreich sein möge wie das vergangene und an Widerwärtigkeiten nicht mehr bringen möge. 280 STÜBELS PECH als mit Ihrem verantwortlichen Amt nun einmal unlösbar verbunden ist." Herbert Bismarck schrieb mir am Silvestertag 1898: „Ihnen wünsche ich neben allem anderen Guten stets Befriedigung und steigende Triumphe in Ihrer Tätigkeit zum Heile unseres Vaterlandes. Daß Sie manche Schwierigkeiten haben, kann ein erfahrener Zeitungsleser auch zwischen den Zeilen gewisser Artikel erkennen. Sie müssen uns jetzt aus dem unbequemen Fahrwasser heraussteuern, in das die unrichtige Navigation von 1890-91 uns gebracht hat. Good speed wünsche ich dazu und bedauere nur, daß Sie in Ihrer diplomatischen Armee so wenig geschickte Helfer haben, so daß Sie alles allein machen müssen." Noch vor Schluß des Jahres 1898 hatte ich einen Brief des Prinzen Brief des Heinrich von Preußen erhalten, der mir von S. M. S. „Deutschland" mit Prinzen der prägnanten Ortsbezeichnung „Chinesisches Meer" unter dem 28. No- Heinrich vemDer 1898 schrieb: „Mein lieber Herr von Bülow! Als wir vor nunmehr bald einem Jahr voneinander schieden, gestanden Sie mir die Erlaubnis zu, dann und wann über Ihre Untergebenen ein freies Wort zu äußern." Der Herzensgüte des Prinzen entsprechend war dies freie Wort eine warme Befürwortung der Ernennung des Generalkonsuls Dr. St übel in Shanghai zum Gesandten in Peking. Stübel war ein tüchtiger Beamter, dessen dienstliche Laufbahn aber an einen melancholischen Vers erinnert, den ich vor vielen Jahren in einem alten Bülowschen Stammbuch fand. In dieses Buch hatte ein Bülow aus dem 16. Jahrhundert eine Zickzacklinie eingetragen und darunter geschrieben: Sic eunt fata hominum, Ach, gingen sie doch nicht so krumm! Mit Rottenburg hatte Dr. Stübel seinerzeit für den Posten des Chefs der Reichskanzlei beim Fürsten Bismarck zur engeren Wahl gestanden, ein Beweis, daß er Qualitäten besaß. Er hatte sich dann im Konsulardienst in Ostasien wohl bewährt, wurde Direktor der Kolonialabteilung, warf aber als solcher um, da er nicht frei sprechen konnte. Bei der ersten Rede, die er bei Beratung seines ersten Etats im Reichstag halten sollte, saß ich neben ihm. Er suchte nach Worten, ohne sie zu finden, stockte nach jedem Satz, wiederholte zweimal dieselbe Wendung, blickte hilflos um sich, zur Decke und in den Saal, wo ihm die Vertreter des deutschen Volkes mit dem boshaften Vergnügen zuhörten, das im Theater die Besucher der Galerie empfinden, wenn ein Schauspieler trotz krampfhaften Einblasens von Seiten des Souffleurs steckenbleibt. Ich selbst habe beim Reden nie Befangenheit empfunden, aber es ist mir geradezu eine Qual, wenn ein anderer bei öffentlichem Sprechen nicht vorwärtskommt. Möge diese kleine Schwäche mir als Altruismus ausgelegt und angerechnet werden. Da der brave Stübel PRINZ HEINRICH FÜR ENGLAND 281 vor dem Reichstag und damit als Staatssekretär nicht zu verwerten war, so verschaffte ich ihm den schönen Posten des Gesandten in Christiania, heute Oslo genannt. Als solcher hatte er das Pech, daß er während der Nordlandreise des Kaisers, gerade als dieser in der Hauptstadt Norwegens erwartet wurde, ein Telegramm liegenließ. Dieses Telegramm enthielt die Meldung von der Geburt des ältesten Sohnes des Kronprinzen, des künftigen Königs und Kaisers. Daraus entstand ein halb komisches, halb tragisches Quidproquo, das damit endigte, daß Stübel trotz meiner Verwendung im Ruhestand verschwand. Der Kardinal Mazarin pflegte, wenn ihm für einen wichtigen Posten ein Anwärter vorgeschlagen wurde, zu fragen: ,,Est-il heureux ?" Als Friedrich der Große einmal die Vorposten beritt, stieß er auf einen Hauptmann, der in dem nach seiner Gewohnheit ganz einfach gekleideten Reiter den König nicht erkannte. Der König begann ein Gespräch mit dem Hauptmann, der ihm klagte, daß er, obschon ein braver Offizier und wiederholt blessiert, nie dekoriert worden wäre. Nach Hause gekommen, gab der König einem seiner Adjutanten einen Orden pour le merite mit dem Befehl, ihn dem Offizier zu bringen, der an der vom König genau bezeichneten Stelle auf Vorposten stünde. Am nächsten Tage begegnete der König wieder dem Hauptmann, sah ihn ohne Pour le merite und frug, weshalb er den ihm verliehenen Orden nicht trage. ,,Ich bin vom Unglück verfolgt", entgegnete der Hauptmann, „als der von Eurer Majestät gnädigst für mich bestimmte Orden hier eintraf, war ich zehn Minuten vorher abgelöst worden!" Der große König drehte ihm kalt den Rücken mit den Worten: „Geh' Er, Er hat kein Glück!" Der arme Stübel gehörte in die Kategorie der Leute, die Mazarin und Friedrich der Große nicht mochten, weil sie kein Glück hätten. Das Glück ist eine Eigenschaft wie jede andere. Schiller hat das in einem wunderschönen Gedicht zum Ausdruck gebracht: Selig, welchen die Götter, die gnädigen, Vor der Geburt schon liebten. Aus jenem Brief des Prinzen Heinrich vom 28. November 1898 sprach wieder seine alte Vorliebe für die Engländer: „Unser Ansehen in Ostasien ist groß. Das Verhältnis zu den Engländern gut und auf gegenseitigen Sympathien beruhend, mit den Leuten ist viel zu machen, wenn man sie richtig zu nehmen und zu behandeln versteht, ein Zusammengehen mit ihnen ist beiderseitig erwünscht, weil in beiderseitigem Interesse. Der Russe ist gemeinsam gefürchtet und unbeUebt, der Franzose allgemein verachtet." Der Wunsch des Prinzen nach einem freundschaftlichen Verhältnis mit England überall und auch im fernen Osten wurde von mir geteilt. Über China schrieb der Prinz: „Man mag über China und die Chinesen denken, wie man will, man steht einem dreitausend Jahre alten Kulturvolk gegenüber, 282 DER ZIEGELSTEIN das noch wenig oder gar nicht von europäischer Kultur beeinflußt worden ist und bei welchem gelegentlich der Verhandlungen wohl zu überlegen ist, wann der Augenbhck des Brüskierens und wann der Milde und des Nachgebens am Platze ist. So unglaublich die jüngsten Pekinger Ereignisse scheinen mögen, sie gehören zur Geschichte dieses Riesenreiches wie unsere auf heimischem Boden gelieferten Kämpfe und Schlachten. Solche Momente geschickt auszunutzen, den Chinesen ihre schwache Seite zu zeigen, ihnen gleichzeitig Vertrauen in unsere Regierung beizubringen, dazu sind unsere Vertreter berufen. Das Gesagte soll nur eine flüchtige Skizze sein, und mag mein brennendes Interesse für die Fortentwicklung der deutschen Sache den Inhalt dieser Zeilen vor Ihren Augen entschuldigen. Ich verbleibe, mein lieber Herr von Bülow, mit den aufrichtigsten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr Ihr sehr treu und stets dankbarst ergebener Heinrich Prinz von Preußen." Das Jahr 1898 bot die Möglichkeit, unseren Kolonialbesitz durch zwei Erwerbung Erwerbungen zu bereichern, die für das deutsche Volk auch einen Gefühls- derKarolinen wert hatten. In Samoa und auf den Karolinen besaßen wir erhebliche und Samoas -wirtschaftliche Interessen. Die eine wie die andere dieser beiden Inselgruppen bot unserem Handel und unserer Flotte erwünschte Stützpunkte. Alle Verständigen waren darüber einig, daß Fürst Bismarck 1885 wohl daran getan hatte, nicht gegen den damaligen hitzigen Widerspruch des spanischen Volkes von den Karolinen Besitz zu ergreifen, wie dies in jener Zeit der stürmische Herbert Bismarck wollte. Es war ebenso richtig, daß sich Fürst Bismarck 1889 mit der durch die Berliner Samoa-Konferenz zwischen Deutschland, England und Amerika eingesetzten Dreiherrschaft auf Samoa zufriedengab, obwohl diese Lösung weder für die Ruhe in Samoa noch für unsere speziellen deutschen Interessen besonders vorteilhaft war. Aber in weiten Kreisen des deutschen Volkes lebte die Hoffnung fort, daß sich für Samoa wie für die Karolinen einmal Gelegenheit finden würde, nachzuholen, was in der Konstellation der achtziger Jahre unterlassen werden mußte. Anfang März 1899 meldete mir ein Telegramm, daß nach längeren Streitigkeiten zwischen dem deutschen, dem englischen und dem amerikanischen Konsul in Samoa englische und amerikanische Kreuzer Apia bombardiert hätten. Gleichzeitig wären deutsche Kolonisten widerrechtlich verhaftet worden. Ich befand mich, als diese Hiobspost anlangte, in Flottbek, begab mich aber sofort nach Berlin. Am Bahnhof erwartete mich Holstein, um mir in lebhafter, aber, wie mir schien, gespielter Erregung zu sagen, die einzige Möglichkeit, aus dieser üblen Situation herauszukommen, wäre, daß ich meinen Abschied einreichte, nachdem mir ein solcher Ziegelstein auf den Kopf gefallen wäre. Ich entgegnete dem unverbesserlichen Querkopf mit vollkommener Ruhe, daß eine solche Lösung für mich manches DER ZAUBERER 283 Verlockende hätte. Im Falle, daß ich zurücktreten sollte, würde ich dem Kaiser als meinen Nachfolger den Fürsten Herbert Bismarck empfehlen, schon um dadurch den Schatten des großen Vaters zu versöhnen. Holstein, der seit 1890 die Familie Bismarck fürchtete wie der Teufel das Weihwasser, faßte alsbald die Lage verständiger auf. Es gelang mir auch, sowohl England als Amerika für die Bildung einer Kommission zu gewinnen, welche die Aufgabe erhielt, die letzten unliebsamen Vorfälle zu untersuchen, die Ruhe wiederherzustellen und für die Neuordnung der Verwaltung wie des Verhältnisses unter den drei Mächten Vorschläge auszuarbeiten. So wurde eine für uns befriedigende Lösung vorbereitet, durch die wir schließlich nach längeren Verhandlungen die beiden Hauptinseln Upolo und Savaii in deutschen Besitz brachten. Aus der Reichstagsdebatte, die bei ziemlicher Aufregung nicht nur des Hauses, sondern weiter deutscher Kreise am 14. April 1899 stattfand, steht mir heute noch ein kleiner, aber immerhin bezeichnender Vorfall in Erinnerung. Während der Interpellant seine Anfrage entwickelte, sagte mir sotto voce der neben mir sitzende Tirpitz: eigentlich hätte es keinen Zweck, daß ich spräche. Es wäre ja klar, daß das Vorgehen der Engländer und Amerikaner auf den festen Willen hindeute, uns mit Krieg zu überziehen, um uns zugrunde zu richten, bevor unsere Flotte aus den Eierschalen heraus sei. Andernfalls müsse man ja annehmen, daß sowohl John Bull wie Jonathan verrückt geworden wären. Diese Auffassung war bezeichnend für die militärische Betrachtungsweise, die dazu neigt, die Relativität der Dinge und der Menschen außer Rechnung zu stellen, die sich deshalb leicht in Extremen bewegt und so politisch zu falschen Schlußfolgerungen gelangt. Für die Betrachtung und Behandlung politischer Fragen ist die militärische Mentalität nicht elastisch genug. „Wenden können" war eine Eigenschaft, die Fürst Bismarck in erster Linie von seinen Diplomaten verlangte. Ich erwiderte meinem Freunde Tirpitz, daß weder die Engländer noch die Amerikaner übergeschnappt wären. Sie hätten auch nicht die Absicht, einen Krieg mit uns vom Zaun zu brechen. Es handele sich um ein direktionsloses Vorgehen aufgeregter Konsuln und Marineoffiziere. Alle würden sich beruhigen, wenn wir nur nicht selbst die Nerven verlören. Die mehr in Deutschland als in England und Amerika entstandene und nicht ungefährliche Erregung flaute in der Tat nach einiger Zeit wieder ab. Samoa sollte noch fünfzehn Jahre unser koloniales Diadem als einer seiner schönsten Brillanten zieren. Als uns der Besitz von Samoa gesichert war, richtete Wilhelm II. an mich das nachstehende Telegramm: „Bravo! Bin hocherfreut und beglückt. Sie sind der reine Zauberer, den Mir ganz unverdienterweise der Himmel in seiner Güte bescherte." Im Auftrag des Deutschen Kolonialrats telegraphierte mir dessen Präsident, der Fürst zu 284 SERENISSIMUS Wied: „Hocherfreut über die gute Kunde von der glücklichen Erwerbung der beiden Samoa-Inseln Upolo und Savaii für Deutschland kann der heute hier versammelte Kolonialrat nicht unterlassen, Eure Exzellenz als den bewährten Leiter der auswärtigen Reichspolitik für diesen glänzenden kolonialpolitischen Erfolg, der sich zugleich als eine echt volkstümliche Tat darstellt, auf das wärmste zu beglückwünschen. Eure Exzellenz wollen gestatten, daß der Kolonialrat angesichts der überaus großen Schwierigkeiten, welche die deutsche Diplomatie bei der Durchführung der Erwerbung der Samoa-Inseln zu überwinden hatte, von neuem versichert, daß Eure Exzellenz das volle und ungeteilte Vertrauen aller kolonialen Kreise unseres Vaterlandes besitzen." Der Großherzog Karl Alexander von Weimar telegraphierte mir: „Die Nachricht der Erwerbung Samoas für Deutschland läßt mich aufs neue die erleuchtete und gewandte Führung Eurer Exzellenz erkennen und um so herzlicher Ihnen zu diesem Resultat Glück wünschen. Eure Exzellenz aber wissen, wie aufrichtig ich dies meine und wie stolz ich die Geschäfte in Ihrer Hand zu wissen mich fühle." Der Großherzog Karl Alexander war bekanntlich das Vorbild der vielen, Karl nicht immer geschmackvollen und nicht einmal witzigen Serenissimus- Alexander Komödien, die in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkrieg über die n Sachsen- B retter deutscher Dülmen gingen. In Wirklichkeit war Großherzog Karl Alexander von Sachsen einer der innerlich vornehmsten, kultiviertesten und humansten Fürsten, die auf einem deutschen Throne gesessen haben. Erfüllt von der großen Tradition seines kleinen Landes, war er, und das nicht nur in Worten, Schriftstellern und Künstlern ein gütiger und erleuchteter Mäzen. Er fühlte die Größe von Richard Wagner und schützte und unterstützte ihn, als dessen Genius noch von den wenigsten begriffen wurde und die sogenannte Intelligenz „Tannhäuser" und „Lohengrin" ignorierte oder faule Witze über diese Meisterwerke machte. Lebenslange und treue Freundschaft verband ihn mit Franz Liszt. Er förderte Adolf Stahr und Richard Voß. Der Großherzog war ein treuer Patriot. Obwohl ein Bruder der Kaiserin Augusta, die in jahrelanger Fehde mit dem Fürsten Bismarck lebte, war er ein unentwegter Freund und Bewunderer des großen Kanzlers, dem er, ebenso wie seine tapfere Tochter, die Prinzessin Heinrich VII. Reuß, auch nach dem Sturz die Treue wahrte. Obschon für seine Person ein gläubiger Christ, hielt er gegen alle Angriffe den großen Naturforscher Haeckel auf seinem Lehrstuhl in Jena. Zahllos sind die mehr oder weniger wahren Anekdoten, die über ihn in Umlauf waren und Äußerungen von ihm wiedergaben, die komisch anmuten können, aber meist nur der Ausdruck momentaner Zerstreutheit oder Verlegenheit waren. Eine harmlose Äußerung dieser Art gebe ich wieder, weil ich sie selbst hörte. Während ich an der Pariser Botschaft tätig war, nahm der Großherzog Karl Alexander ANEKDOTEN ÜBER KARL ALEXANDER 285 dort einen mehrtägigen Aufenthalt. Der Botschafter Fürst Chlodwig Hohenlohe machte ihn darauf aufmerksam, daß er dem Präsidenten Grevy einen Besuch abstatten müsse. Der Großherzog weigerte sich, dies zu tun, da er als Vetter und Freund des Hauses Orleans nicht zum Präsidenten der Republik gehen könne. Schließlich gab er nach und begab sich mit dem Botschafter und mir in das Elysee. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß der Großherzog einige Zeit warten mußte, bevor er bei Grevy eintreten konnte. Um ihn, der schon ärgerlich wurde, zu beschwichtigen, meinte, unter Anspielung auf des guten Johann Gottfried Seume bekanntes Gedicht „Der Wilde", Fürst Hohenlohe lächelnd: „Grevy ist eben ein Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kennt." Hocherfreut replizierte der Großherzog: „Oh, er ist aus Kanada, das macht ihn mir wenigstens interessant!" Alles Exotische zog ihn an, wie viele Deutsche der alten Generation. Während desselben Pariser Aufenthalts wünschte der Großherzog, wie er sich ausdrückte, der großen Interpretin von Corneille und Racine, Fräulein Sarah Bernhardt, die Glückwünsche der Bühne von Goethe und Schiller zu überbringen. In dem Appartement der Künstlerin empfing ihn ein sehr wohlerzogener junger Mann, der ihm als der Sohn des Hauses vorgestellt wurde. Etwas erstaunt frug der Großherzog, wie es käme, daß Fräulein Bernhardt einen Sohn habe und wer der Vater wäre. Als er die Antwort erhielt, der Vater sei ein Prinz de Ligne, meinte Karl Alexander: „Nun, das macht die Sache besser." Ich möchte nur noch eine Auekdote hinzufügen, weil sie Art und Geist einer hinter uns liegenden, schöneren Zeit anschaulich wiedergibt. Der Großherzog wohnte in den siebziger Jahren in Deutz einem Liebesmahl des stolzen 8. Kürassierregiments bei, dessen Chef er war. Er saß oben am Tisch, am unteren Ende die jungen Offiziere, unter denen plötzlich große Heiterkeit entstand. Ein kecker Leutnant, Herr von P., hatte mit leiser Stimme den nachstehenden Toast ausgebracht: „Das Rindvieh säuft aus dem Eimer, Es lebe der Großherzog von Weimar!" Der Großherzog frug nach der Ursache des Jubels. Ein unvorsichtiger Fähnrich vergaloppierte sich und sprach von einem Toast. Der Großherzog wollte den Toast hören. Leutnant von P. erhob sich und rief mit sonorer Stimme, mit einer wahren Kürassierstimme, in den Kasinosaal: „Besser als die Pappenheimer Reiten die Kürassiere des Großherzogs von Weimar!" Sehr befriedigt verlieh ihm der Großherzog nach Tisch den Falkenorden 3. Klasse, dessen Großkreuz Goethe trug. Derselbe Großherzog Karl Alexander, der Heiterkeit erregen konnte, hatte in Weimar, in anderer Art 286 DER DURCHSCHNITTSDEUTSCHE als sein großer Ahn Karl August, aber mit hohem Sinn und mit der gleichen Achtung für Geist und wahre Kultur an seinem Teil zur Pflege der Uberheferungen seines Hauses und seiner Residenz wie zur Festigung und Verbreitung echter deutscher Bildung beigetragen. Er hatte etwas feierliche Manieren, aber er besaß jene „politesse du cceur", die im neuen Deutschland leider selten geworden ist. Wenn der alte Großherzog den Unglückswinter erlebt hätte, wo die Nationalversammlung in Weimar tagte, wo Fritz Ebert dem Genius loci wenig geschmackvolle Ovationen und gleichzeitig im großherzoglichen Schloßkeller dem Bacchus allzu reichliche Libationen darbrachte, wo Matthias Erzberger durch Eintrag in das Fremdenbuch eines Wirtshauses den Deutschen als Trost für den Versailler Diktat- und Schandfrieden Trinken und Lachen empfahl, so würde die Unkultur jener Tage und die geistige Vulgarität ihrer Matadore den Großherzog Karl Alexander sehr betrübt haben. Die Erwerbung der Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln ging aus Verhand- Unterhandlungen hervor, die ich mit dem ausgezeichneten spanischen Bot- lungen mit schafter in Berlin, Herrn Mendez de Vigo, geführt hatte. Unsere Akquisition Spanien -^ujiJe von übereifrigen Kolonialpolitikern sofort für ziemlich wertlos erklärt. Es ist ein alter deutscher Fehler, sich über günstige Schicksalswendungen nicht ehrlich zu freuen, sondern an solchen herumzustochern und aus dem Glück durch Reflexion ein halbes oder ganzes Unglück zu machen. Bei unglücklichen Ereignissen liebt es dagegen der Durchschnittsdeutsche, zehn, fünfzig, auch hundert Jahre zurückzugreifen, um zunächst einmal die letzte Ursache eines Unglücks „wissenschaftlich" festzustellen. Der Deutsche empfindet auf politischem Gebiete nicht natürlich, nicht einfach, nicht naiv genug. Seine politischen Gefühle sind oft verbogen und schief, jedenfalls selten spontan. Die kluge Königin Margherita von Italien, die als Tochter einer deutschen Mutter beide Völker kannte, sagte mir vor vielen Jahren: „Sehen Sie, wie verschieden Deutsche und Italiener sind: das Gefühlsleben des Italieners ist einfach, er Hebt oder haßt, was sich für ihn gewöhnlich damit deckt, ob er eine Person oder einen Begriff sympathisch oder antipathisch findet. Dagegen ist der italienische Verstand gewandt und gelenk, anstellig und geschickt, fein und voll Ressourcen. Er nimmt die Dinge nicht absolut, sondern relativ, sucht nach einem Ausweg und findet auch meist eine ,combinazione', um das scheinbar Unvereinbare zu vereinen und die Situation zu retten. Der Deutsche ist gerade umgekehrt. Als Verstandesmensch ist er gar zu oft das, was der Italiener einen ,sempli- ciotto' nennt, oft ein pedantischer, schwerfälliger Doktrinär, der den Wald vor Bäumen nicht sieht; sein Gefühl aber ist unendlicher Modulationen fähig, von der zartesten Liebe bis zur halsstarrigsten Widerspenstigkeit, von der echt deutschen sittlichen Entrüstung bis zur ebenso deutschen DAS SCHUTZGEBIET IM PAZIFIK 287 Pikiertheit." Diese Verschiedenheit der heiden Nationen tritt nur zu oft auch in der Politik hervor. Die deutschen Kritiker, die 1899 an der Erwerbung der Karolinen und Marianen mäkelten und den Wert dieser Inselgruppe nach Möglichkeit herabsetzten, werden, wenn sie noch leben, heute vermutlich gerade der entgegengesetzten Ansicht sein. Jedenfalls beweisen die Differenzen, die nach dem Weltkrieg zwischen Japan, Amerika und Australien wegen einzelner Karolinen-Inseln entstanden, welchen hohen Wert andere Mächte gerade auf diese Inseln legen. Für uns wurde durch die Karolinen und Marianen unser Schutzgebiet im Großen Ozean in ein zusammenhängendes Ganzes verwandelt. Mit dem Bismarck-Archipel und dem Kaiser-Wilhelm-Land im Süden, den Marschall-, Karolinen- und den Palau-Inseln in der Mitte, den Marianen im Norden besaßen wir jetzt einen festen Stützpunkt für unsere wirtschaftliche und allgemein politische Entwicklung in Ozeanien. Ich durfte im Reichstag auch hervorheben, daß durch die Erwerbung der Karolinen unsere Beziehungen zu Spanien in keiner Weise geschädigt worden waren. Für Spanien seien die Inseln nur noch Bruchstücke eines eingestürzten Gebäudes gewesen, für uns wären sie die Pfeiler und Strebebogen für einen „so Gott will" zukunftsvollen Bau. Ich konnte damals, am 22. Juni 1899, nicht voraussehen, daß, wie das hoffnungsvolle Schantung mit Kiautschou, so auch Samoa, die Karolinen und Marianen uns verlorengehen würden, als wir trotz aller Warnungen, die unser größter Staatsmann schon als Bundestagsgesandter in Frankfurt und bis in seine allerletzten Lebenstage erhoben hatte, uns von Österreich das Leitseil überwerfen und wegen Serbiens in einen Weltkrieg hineinziehen Keßen. Nach Empfang der Nachricht von der Annahme der Karolinen-Vorlage durch den Reichstag telegraphierte mir Wilhelm II. am 22. Juni 1899: Graf Bülow „Mit hoher, freudiger Genugtuung habe ich Ihre Meldung über die Annahme der Karolinen-Vorlage durch den Reichstag in dritter Lesung erhalten. Ich danke Gott, daß er es also gefügt hat und daß die Erwerbung auch dem braven Schiff ,Iltis' als ehrende Rechtfertigung angesehen werden kann. Nächst Ihm danke ich Ihnen auf das wärmste, daß Sie dieses Perlenjuwel meiner Krone haben erwerben helfen. Um meinem Dank hierfür besonderen Ausdruck zu verleihen, erhebe ich Sie in den Grafenstand, da Sie es mir ermöglicht haben, mein bei der Thronbesteigung meinem treuen deutschen Volke gegebenes Versprechen zu halten: allezeit in Frieden Mehrer des Reichs zu sein. Gott segne Sie dafür und unser ganzes Vaterland." Wenige Stunden später erhielt ich ein zweites Telegramm des Kaisers, das charakteristisch war für die Wärme seines Gefühls wie für seinen romantischen Sinn und die poetische Färbung, die er seinen rednerischen und schriftlichen Auslassungen zu geben bebte: „Auf mein Signal hat die Flotte soeben freuden- 288 VERRÄTER" erfüllt über den erworbenen Gebietszuwachs drei weithin schallende Hurras auf das deutsche Vaterland ausgebracht, und noch waren dieselben kaum verklungen, als die von schweren Wolken bedeckte Sonne plötzlich hervorbrach. Die hellen Stralden erschienen wie ein Symbol des Himmels, der auch fernerhin mit unserem geliebten Vaterlande sein möge." Schon vorher hatte ich von S. M. dem Kaiser und allen Herren seiner Umgebung aus Prökelwitz, dem ostpreußischen Besitz des Fürsten Richard Dohna, das nachstehende Telegramm erhalten: „Staatssekretär von Bülow, Berlin. Dem gewandtesten Staatsmanne, dem weisesten Berater, dem liebenswürdigsten Carolinen- und Marianen-Besorger bringen ein dankbar donnerndes Hurra Wilhelm I. R., Philipp Eulenburg, v. Kessel, Eberhard Dohna, Dohna-Malmitz, Finckenstein-Simnau, Ilberg, Mackensen, Richard Dohna." Kessel ist der spätere Generaloberst, Gouverneur von Berlin und Oberkommandierende in den Marken; der damalige Oberst und Flügeladjutant Mackensen hat als ruhmvoller Heerführer im Weltkriege seinen Namen für immer in die Geschichte eingetragen. Wer hätte mir damals in Aussicht gestellt, daß derselbe Fürst, der mich mit so gnädigen, vielleicht zu gnädigen Worten bei der Erfüllung meiner schweren Amtspflichten ermutigte, mich später der langen Liste derjenigen anreihen würde, die er mit dem Prädikat „Verräter" beehrte! „Verlaßt euch nicht auf Fürsten", sagt der Psalmist, und es deutet auf intime Kenntnis der Höfe, wenn der Generaladjutant Leopold von Gerlach unter Friedrich Wilhelm IV. von Zeit zu Zeit bei der Morgenandacht singen ließ: Verlasset euch auf Fürsten nicht! Sie sind wie eine Wiege; Wer heute „Hosianna" spricht, Ruft morgen: „Crucifige!" Während der Debatten, die im Reichstag über die Regelung der Samoa- Samoa- Frage wie die Erwerbung der Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln Debatte im stattfanden, legte ich die Grundsätze dar, die für die Behandlung inter- Reichstag na ti 0 naler Differenzen unverrückbar für mich feststanden. In einer dieser Diskussionen hatte im Juni 1899 einer der lautesten Wortführer der sogenannten alldeutschen Richtung, der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg, von der „wenig beneidenswerten Rolle" gesprochen, die wir in Samoa gegenüber England gespielt hätten. Ich entgegnete, daß wir nichts unterlassen würden, damit unseren Landsleuten ihr gutes Recht würde. Wir würden nicht um eines Haares Breite von unserem guten Recht abweichen. Aber ich fügte hinzu: „Auf der andern Seite werden wir nicht vergessen, daß internationale Differenzen, bei denen sich nicht nur DER STURMVOGEL 289 mancherlei politische und wirtschaftliche Interessen durchkreuzen, sondern wo auch das nationale Empfinden mitgesprochen hat, mit ruhiger Überlegung und mit kaltem Blut behandelt werden müssen."* Das spanisch-amerikanische Gewitter war vorbeigezogen, ohne daß unsere Fluren geschädigt oder unsere Interessen verletzt worden wären. Cetil Aber schon ballten sich über Südafrika neue Wolken zusammen. Das Jahr In Be 1899 brachte den seit lange latenten Konflikt zwischen den Burenrepubliken in Südafrika und dem englischen Weltreich zumAusbruch. Wieder Sturmvogel dem Unwetter vorauszieht, so erschien im März 1899 Cecil Bhodes in Berlin. Sein Besuch galt ostentativ der Legung einer englischen Telegraphenlinie durch unser ostafrikanisches Schutzgebiet. Er wurde am 11. März 1899 vom Kaiser empfangen, dem sein Besuch augenscheinlich in erster Linie galt und der ihn nach der Audienz zur Mittagstafel einlud, der ich beiwohnte. Cecil Rhodes mußte auf jeden Unbefangenen einen bedeutenden Eindruck machen. An ihm war nichts Pose, alles ruhige Stärke. Er gab sich natürlich, in keiner Weise gespreizt. Er stand dem Kaiser ehrerbietig gegenüber, aber ohne Aufregung oder gar Befangenheit. In breiten Zügen entwickelte er Seiner Majestät das Projekt einer englischen Kap-Kairo-Bahn. Die Augen des Kaisers leuchteten, denn jeder groß angelegte Plan in jedem Erdteil entflammte seine Phantasie und entzückte seinen für alles Ungewöhnliche empfänglichen Sinn. Diese schönen und ausdrucksvollen Augen leuchteten in noch hellerem Glanz, als Cecil Rhodes der Ansicht Ausdruck gab, daß Deutschland zwar in Afrika keine lebenswichtigen Interessen besäße, dafür aber in Kleinasien schadlos gehalten werden sollte. Mesopotamien, der Euphrat und der Tigris, Bagdad, die Kalifenstadt, dort läge seine Zukunft. Ich hatte Seine Majestät gebeten, sich gegenüber Cecil Rhodes um so mehr auf Anhören und Zuhören zu beschränken, als dieser, wie mir der englische Botschafter ausdrücklich erklärt hatte, nur im eigenen Namen spräche, ohne Auftrag seiner Regierung. Wir müßten uns vorläufig also freie Hand wahren. Aber der Wunsch, einem Engländer, und nun gar einem hervorragenden Engländer, zu imponieren, riß den Kaiser zu einem langen, geist- und gedankenreichen, sehr glänzenden Vortrag hin, in dem er seine Gefühle, Ansichten und Pläne über die Weltlage im allgemeinen und über Amerika und Japan, Rußland, Italien, Osterreich, über die Dardanellen und den Suezkanal, die Donau und den Jangtsekiang, sein ganzes Programm für die deutsche auswärtige Politik entwickelte. Als die Tafel aufgehoben war, glaubte Wilhelm IL, der unaufhörlich peroriert und Cecil Rhodes kaum zu Worte hatte kommen lassen, auf diesen einen gewaltigen Eindruck gemacht zu haben. Cecil Rhodes * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 72; Kleine Ausgabe I, S. 82. 19 Biilow I 290 RHODES IM CUTAWAY hatte vermutlich seinerseits die Überzeugung gewonnen, daß der Deutsche Kaiser in seinen politischen Urteilen und Plänen weniger von Überlegung und Einsicht als von seiner Phantasie geleitet werde. In längeren Unterredungen, die ich allein mit Cecil Rhodes hatte, konnte ich ihm auseinandersetzen, daß der Kaiser, der Kanzler und ich mit England nicht nur in Frieden, sondern in möglichst enger Freundschaft leben wollten, natürlich auf der Basis des „do, ut des" und vor allem mit gleichen Sicherungen. Was den Streit zwischen England und den Buren angehe, so würden wir um so eher neutral bleiben können, je mehr England unseren Interessen in der Welt praktisch Rechnung trüge und alles unterließe, was die deutsche öffentbche Meinung als eine Herausforderung empfinden würde. Der Besuch von Cecil Rhodes führte zunächst zu einem Abkommen, das der Transafrikanischen Telegraphengesellschaft die Erlaubnis erteilte, durch unser ostafrikanisches Schutzgebiet eine Telegraphenlinie zu legen. Wir brachten dadurch unseren Wunsch zum Ausdruck, auch in Afrika mit England in gutem Einvernehmen zu bleiben. Gegenüber dem übertriebenen Mißtrauen, das namentlich die rechte Seite des Reichstags gegenüber England beseelte, hob ich im Reichstag hervor, daß bei diesem Abkommen unsere Interessen in keiner Weise zu kurz kämen. Die Art und Weise, wie damals ein großer Teil der deutschen Presse den Die Kaiserin Besuch von Cecil Rhodes und ihn selbst behandelte, war kleinlich und gegen England spießbürgerlich. Daß Cecil Rhodes zum Kaiser nicht im Bratenrock, sondern im Cutaway gekommen war, wurde in philiströser Weise breitgetreten, in der Presse, in den Wandelgängen des Reichstags und auch in der Gesellschaft. Die Erregung hatte auch die Kaiserin ergriffen, die mir in jenen Tagen schrieb: „Am heutigen Tage, wo Ihre Zeit gewiß ganz besetzt ist, möchte ich Sie nicht unnütz stören. Aber durch eine Konversation mit dem Kaiser habe ich den Eindruck, daß der Kaiser momentan wieder sehr Volldampf voraus auf England lossteuert, wenn man so sagen darf. Ich würde gern von Ihnen hören, wie ich diesen Abend Cecil Rhodes behandeln soll, ob etwas kühl oder ob man ihm besonders freundlich entgegenkommen soll. Ich würde nach meinem Geschmack ersteres wählen. Außerdem sagt der Kaiser, er ginge auf Einladung der Königin im August nach Cowes. Dieses finde ich ganz unglaublich! Daß er seine Großmutter besucht, ist vielleicht nicht zu verhindern, aber bitte dringend, daß Sie verhindern, daß er in Cowes wieder segelt, besonders auf dem ,Meteor'. Er könnte doch auf der ,Hohenzollern' hinfahren, der Königin einen Besuch machen und dann zurückkehren. Sich nach allem, was vorgefallen ist, wieder in diese Gesellschaft zu begeben, sich der Gefahr dieser Segelei auszusetzen und — last, not least — sich durch irgendeinen Kniff der Engländer im letzten Moment immer schlagen zu lassen, das empört mich zu sehr im Sinne des DAS ROTE TUCH 291 Deutschen Kaisers sowohl als meines Mannes. Ich hoffe, Sie verhindern es. Sie werden vielleicht sagen, warum diesen langen Brief gerade heute. Aber ich fürchtete, bei dem englischen Diner heute abend könnte der Kaiser sich hinreißen lassen, Versprechen abzugeben, die nachher sehr schwer zu redressieren sind. Falls Sie den Kaiser diesen Vormittag noch sehen sollten, würde vielleicht doch noch ein beruhigendes Wort von Ihnen etwas langsamere Drehungen der Maschine hervorrufen. Natürlich ist dies ohne Wissen des Kaisers geschrieben. Es sieht hinterrücks aus, aber wo so viel auf dem Spiel steht und Sie solchen günstigen Einfluß haben, werden Sie verstehen, wie ich es meine. Ich gebe zu, daß ich gestern leider etwas heftig wurde, daher möchte ich nicht gleich heute wieder von der Sache anfangen. Also, bitte, lassen Sie mich ganz aus dem Spiel. Verzeihen Sie die Länge des Briefes. Ich hätte Sie ja lieber gesprochen, aber das würde noch mehr auffallen." Auch in dieser intimen Äußerung der Kaiserin kommt der vorsichtige und verständige Sinn zum Ausdruck, den die hohe Frau mit dem gütigsten Herzen verband. Leider war ihr Geist dialektisch nicht hinreichend geschult, um sich gegenüber dem stürmischen Gatten in der Diskussion behaupten zu können. Im vorhegenden Fall gelang es mir leicht, die Kaiserin zu beruhigen, die dann auch dem englischen Gast mit ihrer gewohnten Güte und Freundlichkeit entgegentrat. Weniger leicht war die deutsche öffentliche Meinung zu beruhigen, auf die Cecil Rhodes, wie später Chamberlain, wirkte wie das rote Tuch auf den Stier. Die gegen Cecil Rhodes gerichteten Angriffe und Persiflagen waren wenig angebracht gegenüber einem Manne, der einer jener großen Konquistadoren war, die das englische Weltreich aufbauten, dem seitdem auf den endlosen Grasflächen Südafrikas ein gewaltiges Denkmal errichtet wurde, eine aus Riesensteinen zusammengesetzte Pyramide zum Andenken desjenigen, der den Süden des dunklen Weltteils für Großbritannien gewann. Cecil Rhodes war übrigens für seine Person ein Freund guter Beziehungen zwischen Deutschland und England. Er stiftete nach seinem Besuch in Berlin eine größere Summe, um deutschen Studenten den Besuch enghscher Universitäten und englischen Studierenden das Studium an deutschen Hochschulen zu erleichtern. Der Gedanke fand in beiden Ländern Anklang. Die deutschen Studenten in Oxford bildeten einen Anglo- German-Club, dem auch zahlreiche Engländer beitraten. Die jungen Herren hatten im Frühjahr 1914 die Liebenswürdigkeit, mich zum Ehrenpräsidenten ihrer Vereinigung zu wählen. Ich werde seinerzeit berichten müssen, wie der Anglo-German-Club in Oxford gerade im Begriffe stand, sein Stiftungsfest unter Beteiligung zahlreicher enghscher Notabilitäten zu feiern, als das Berchtold-Bethmannsche Ultimatum und unsere diplomatische 19* 292 DIE BUREN-BEGEISTERUNG Behandlung der dadurch entstandenen Krise es zum Weltkrieg kommen ließen. Ich war mir während des südafrikanischen Krieges nicht einen Augenblick darüber im Zweifel, daß England den Kampf siegreich durchführen würde. Bei seiner außerordentlichen Überlegenheit an Menschenzahl, an Geld und an Hilfsmitteln aller Art mußte es die Oberhand behalten, wenn es Truppen nach Südafrika schicken konnte. Das konnte es, solange es die Meere beherrschte, und es beherrschte die Wellen. Ähnlich wie während des spanisch-amerikanischen Krieges beurteilten auch im südafrikanischen Konflikt weite deutsche Kreise, und selbst militärische Kreise, die Situation in Südafrika, weil mit dem Gefühl, in unzutreffender Weise. Die mihtärische Suite Seiner Majestät, darunter sonst verständige Leute, war überzeugt, daß die Engländer mit den Buren nicht fertig werden würden, und der Kaiser neigte von Zeit zu Zeit dieser Ansicht zu. Die öffentbche Meinung in Deutschland betrachtete die ganze Lage nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen, und das deutsche Herz war Feuer und Flamme für die armen Buren. Ich war von Anfang an entschlossen, uns an Schritten für die Buren und gegen die Engländer nicht zu beteiligen. Ich fühlte mich hierzu um so mehr berechtigt, als ich seit Monaten, seitdem die Beziehungen zwischen England und den südafrikanischen Bepubliken wieder gespannter geworden waren, diesen und ganz besonders dem Präsidenten Krüger dringend Vorsicht und Entgegenkommen angeraten und gar keinen Zweifel darüber gelassen hatte, daß die Buren bei aller in Deutschland für sie bestehenden Achtung und Sympathie auf Hilfe von unserer Seite nicht zu rechnen hätten. Ich wußte, daß, wenn es zu einem Konflikt zwischen Bußland, Frankreich und England käme, die Franzosen nicht mit uns gegen England fechten, sondern uns in den Rücken fallen würden. Welche Schwenkung dann das seit acht Jahren mit Frankreich verbündete Rußland machen würde, war nicht mit Bestimmtheit vorauszusagen. Die französische Presse goß über England Kübel der Entrüstung, des Hohnes und des Hasses aus. In den Zeitungskiosken der Pariser Boulevards prangten unsägHch gemeine Karikaturen der Witzblätter auf die Königin Victoria. Aber in einer Besprechung, die in dieser Zeit zwischen französischen Staatsmännern der verschiedensten Richtungen stattfand, stimmten alle maßgebenden Leute Waldeck-Rousseau zu, als er erklärte, daß ein Zusammengehen mit Deutschland in einer ernsten und großen Frage so viel bedeute, als wieder und endgültig die Abtretung von Elsaß-Lothringen zu unterzeichnen, und das sei unmöglich. Meine Meinung, daß weder Rußland noch Frankreich daran dächte, etwas Ernstliches für die Buren zu tun, wurde auch von dem weitsichtigsten unserer Diplomaten, dem Botschafter in London, dem Grafen Paul DER KAMPF UM DEN KANAL 293 Hatzfeldt, geteilt. Er schrieb an Holstein noch vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten in Südafrika: „Zu meinem Erstaunen höre ich, daß in den Büros unseres Auswärtigen Amts eine gewisse Verwunderung, vielleicht sogar Unzufriedenheit darüber herrscht, daß ich mich für die Erhaltung des Friedens in Südafrika interessiere und in diesem Sinne arbeite. Nächstens wird wohl noch behauptet werden, daß ich dabei irgendein persönliches Interesse habe. Dagegen liegt die Sache so, daß ich im Anfang allerdings im Zweifel war, ob der Ausbruch des Krieges nicht vorteilhaft für uns sein würde. Sie sprachen damals eine andere Ansicht aus, zu welcher ich mich dann bekehrt habe. Noch heute würde ich der Ansicht sein, daß der Krieg für uns wünschenswert ist, wenn ich irgendeine Hoffnung sehen könnte, daß Rußland oder Frankreich für den Transvaal einträten und es dabei auf einen Konflikt mit England ankommen lassen würden. Diese Hoffnung aber scheint mir vollständig ausgeschlossen, und ich vermag nicht zu sehen, welchen Vorteil wir unter diesen Umständen vom Krieg haben würden. Es ist nicht anzunehmen, daß England, wenn es mit den Buren allein zu tun hätte, dadurch in eine so schwierige Lage geriete, daß es für unsere Freundschaft große Opfer bringen müßte. Ebensowenig Vorteil würden wir davon haben, wenn England schließlich den Transvaal annektiert oder wenn das Ende ist, daß sich aus Südafrika eine Republik entwickelt, die kein angenehmer oder bequemer Nachbar für uns sein würde." In der inneren Politik stand im Sommer 1899 die Kanalvorlage im Vordergrund. Kein ruhig Urteilender wird heute bestreiten, daß Kaiser Der Wilhelm im vollen Rechte und auf dem richtigen Wege war, als er den Bau Mittelland- von zwei neuen Kanälen in Aussicht nahm, des Dortmund-Rhein- und des k"™ 0 ^.. ^ Mittelland-Kanals. Der Ausbau unseres Kanalnetzes war in jeder Beziehung, aus wirtschaftlichen wie aus strategischen und nationalen Gründen gleich wünschenswert. Die dagegen vorgebrachten Argumente gingen aus partikularistischen Erwägungen, Kirchturminteressen und Fraktionsrücksichten hervor, die im deutschen Leben leider seit jeher eine so bedauerliche Rolle gespielt und unseren größten Dichter zu dem grausamen Ausspruch geführt haben, der Deutsche sei im einzelnen achtungswert, im ganzen miserabel. Das Durchgehen der Kanalvorlage wurde um die Wende des Jahrhunderts allerdings in hohem Grade durch das persönliche Eingreifen, Reden, Telegraphieren und Drohen des Kaisers erschwert, der ähnlich wie bei der Arbeitswilligen-Vorlage das Kind im Mutterleibe erschlug. Je stürmischer er trotz aller Gegenvorstellungen seiner Ratgeber für die Kanalvorlage eintrat, um so leichter wurde es den Gegnern, sie als ein Produkt kaiserlicher Laune hinzustellen, was sie in Wirklichkeit gar nicht war. Fast unhaltbar wurde durch das impetuose Vorgehen des Monarchen die Stellung des Finanzministers Miquel, auf dessen Schultern bei dem hohen 294 MIQUEL FREUND ODER GEGNER? Alter und der rednerischen Insuffizienz des Ministerpräsidenten Hohenlohe die Vertretung der Kanalvorlage ruhte. Johannes Miquel war nicht nur ein großer Redner, er war auch im Gespräch von hinreißendem Zauber. Wie manche ältere Leute — ich nehme mich dabei nicht aus — neigte er dazu, auch im Privatverkehr Vorträge zu halten, die aber, wenigstens bei ihm, von ausgebreitetsten historischen Kenntnissen und reicher Erfahrung getragen waren. Zu seinen Lieblingsvorträgen gehörte außer einer glänzenden Schilderung des allmählichen Aufbaus des römischen Weltreichs auch der Nachweis, wie bedeutsam für die Wohlfahrt des Landes ein gutes Kanalnetz wäre und daß deshalb alle großen Fürsten Kanäle gebaut hätten. Wilhelm II. hatte mehrfach in After-dinner-Unterhaltungen diesen Kanalvortrag zu hören bekommen. Sein empfängbches Gemüt wurde rasch entflammt, und mit dem Schüler im „Faust" dachte er: Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen! Ich denke mir, wieviel es nützt. Der Kaiser verlangte nun von Miquel eine Kanalvorlage, für die der sehr tüchtige Minister der öffentlichen Arbeiten, der aus dem Westen stammende Thielen, mit Uberzeugung und Eifer eintrat. Jetzt geriet Miquel in Verlegenheit. Er war in seiner politischen Entwicklung, die mit dem Kommunismus von Karl Marx begonnen hatte, zu konservativen und sogar zu hochkonservativ-agrarischen Anschauungen gelangt. Er wußte, daß die Konservativen gegen alle Kanalpläne waren, weil sie von ihnen eine Erleichterung der ausländischen Getreideeinfuhr und zunehmende Abwanderung östbcher Landarbeiter nach dem Westen befürchteten. Danach richtete Miquel seine erste Rede für die Kanalvorlage ein, nachdem es ihm nicht gelungen war, deren Einbringung zu verhindern. Miquel war ein großer Dialektiker. Der „Kladderadatsch" meinte einmal, ein Jesuit verstünde die Behauptung, daß 2 mal 2 = 5 mache, mit drei Argumenten zu beweisen, Miquel mit fünf und ich mit sieben. Das war, nebenbei gesagt, was meine dialektische Begabung angeht, wohl eine zu günstige Beurteilung. Miquel aber hielt bei jenem Anlaß für die Kanalvorlage eine so lavierende, um nicht zu sagen zweideutige Rede, daß einer der Führer der Konservativen, Graf Hans Kanitz, seine Gegenrede mit den Worten beginnen konnte: ob der Finanzminister Miquel ein Freund oder ein Gegner des Kanalprojektes sei, wisse man nach der eben von ihm gehörten Rede so wenig wie vorher. Der Kaiser las bei seinem brennenden Interesse für das Kanalprojekt die Zeitungsberichte über die Kanaldebatte mit mehr Aufmerksamkeit, als er sie im allgemeinen für Parlamentsberichte übrig hatte. Die Bemerkung von Kanitz erweckte sein Mißtrauen, er bestellte sich Miquel auf den Potsdamer Bahnhof und wusch ihm dort, bevor er sich in DIE ANGST DER KAISERIN 295 den Sonderzug setzte, der ihn nach dem Neuen Palais zurückführen sollte, in heftigen Worten den Kopf. Seitdem wurde Miquel noch unsicherer. Sein intimer Freund, der freikonservative Abgeordnete Freiherr Oktavio von Zedlitz, der in Parlamentskreisen wegen seines Hangs zur Intrige der „Helldunkle" hieß, ließ sich mit dem unzuverlässigen, aus Wien nach Berlin verpflanzten Leibj ournalisten von Miquel, Herrn Viktor Schweinburg, zu allerlei Quertreibereien hinreißen, und nach heftigen Debatten siegten im Abgeordnetenhaus die von dem Grafen Limburg-Stirum und Graf Balles trem, einem Konservativen und einem Zentrumsmann, geführten Kanalgegner. Die Erregung des Kaisers über diesen Schlag, den er, wie gewöhnlich, als gegen sich persönlich gerichtet auffaßte, war groß. Er bombardierte mich, Der Sieg der ich als Staatssekretär des Äußeren damals mit der Kanalvorlage nicht der Kanal- Aas mindeste zu tun hatte, mit Telegrammen en clair, die von Injurien re ^ e ^ m namentlich gegen Stirum strotzten. Die Kaiserin, die als treue Gattin im allgemeinen nicht nur die Nöte und Sorgen, sondern auch alle Gefühle ihres Mannes teilte, aber in diesem Falle, da sie mit ihrem Herzen politisch rechts orientiert war, unter dem Zorn des Kaisers gegen die Konservativen litt, schrieb mir aus Wilhelmshöhe am 18. August 1899: „In meiner Angst komme ich zu Ihnen. Gestern abend mußte ich den Kaiser in großer Aufregung und Betrübnis leider abreisen lassen, nach Metz und Saint-Privat. Diese unglückselige Kanalvorlage! Wenn Sonnabend auch eine ungünstige Entscheidung fällt, weiß ich nicht, was passiert. Ach, könnten Sie dem Kaiser nicht einen etwas beruhigenden Brief schreiben? Es ist wirklich nötig! Ich bin sehr unglücklich, nicht bei ihm jetzt sein zu können. Der Arzt wollte das viele Reisen durchaus nicht für meinen Fuß, außerdem habe ich hier ein krankes Kind, meinen kleinen Oskar. Ach, es ist ein schlimmer Sommer gewesen. Gott helfe weiter. Ihre herzlich ergebene Viktoria." Schon im April 1899 hatte der Kaiser an den Minister des Innern, Herrn von der Recke, ein Telegramm gerichtet, das diesen anwies, den Landräten im Abgeordnetenhaus mit „Kassation" zu drohen und mit Abbruch der persönlichen Beziehungen zu Seiner Majestät, wenn sie nicht für die Kanalvorlage stimmten. Graf Limburg-Stirum sollte wegen seiner Opposition gegen die Kanalvorlage aus der Liste der Geheimräte gestrichen werden. „Den von den konservativen Parteien in grenzenloser Borniertheit und junkerhaftem Ubermut Mir hingeworfenen Fehdehandschuh werde Ich aufnehmen." Nicht ohne Grund klagte mir, der ich in Fragen der inneren Politik noch nicht in der Feuerlinie stand, der Finanzminister Miquel damals darüber, wie sehr ihm seine Stellung in der Kanalfrage durch die Unmöglichkeit erschwert werde, Seiner Majestät klarzumachen, daß die Konservativen als Partei nicht bloße Vollstrecker des königlichen Willens 296 DIE STÜTZEN VON THRON UND ALTAR sein könnten, da sie sonst jeden Boden in der Wählerschaft verHeren würden. „Der Kaiser", äußerte Miquel in dieser Zeit gelegentlich mir gegenüber, „ist bei großer und vielseitiger Begabung politisch farbenblind." Ein geniales Wort, das mir häufig wieder eingefallen ist, und auch ein richtiges Wort. Um so größer freilich, um so schwerer die Verantwortung der Ratgeber Seiner Majestät. Als im Laufe des Sommers die Aussichten für die Kanalvorlage immer ungünstiger wurden und sie schließlich abgelehnt wurde, telegraphierte mir der Kaiser im August 1899: „Krasse Dummheit ist, mit bösem Willen gepaart, durch einen Judenjungen ausgenutzt. Ich bin entschlossen, die Partei durch schwere gesellschaftliche Strafen meinen Zorn fühlen zu lassen und sie so zu zwingen, das Werk doch zu machen. Keine Auflösung, worauf Zentrum und Freisinn gehofft. Aber Ausschluß der Limburger und Genossen aus der Gesellschaft." Im September 1899 folgte das nachstehende kaiserliche Telegramm an mich: „Die traditionellen Stützen von Thron und Altar, die von jeher vom königlichen Hause verzogen worden sind, haben sich gegen den Herrn gewandt, und das unter Führung des Judenabkömmlings Limburg. Lassen Sie Ihre Preßhunde alle los und schmettern Sie mit Keulenschlägen auf die Partei herunter." Graf Limburg-Stirum, der langjährige Führer der Konservativen in Preußen, war der Sohn eines niederländischen Edelmanns aus altem Geschlecht und einer Israelitin. Die von mir schon einmal zitierte, ein wenig derbe Äußerung des Fürsten Bismarck, daß die Paarung zwischen einem germanischen Hengst und einer semitischen Stute bisweilen gute Resultate ergäbe, traf auf Graf Stirum zu. Er hatte von väterlicher Seite Ernst, Zähigkeit und Arbeitskraft, von mütterlicher einen scharfen und klaren Verstand geerbt. In den Jahren nach dem Sturz des Fürsten Bismarck, wo sich so viele von ihm abwandten, stand Graf Limburg-Stirum treu zu dem Alten im Sachsenwalde. Das führte während der Ära Caprivi zu einem ebenso überflüssigen wie törichten Disziplinarverfahren gegen Stirum, der als Gesandter z. D. in einem Zeitungsartikel gegen die Caprivi- Marschaflschen Handelsverträge Stellung genommen hatte. Der biedere Caprivi, der diesen Fall vom Standpunkt militärischer Disziplin beurteilte, war von Holstein aufgehetzt worden, der Stirum nicht mochte. Da Graf Stirum gleichzeitig vom Kaiser bei verschiedenen Gelegenheiten geschnitten und brüskiert worden war, so mochte seine Stimmung gegenüber Seiner Majestät allmählich bitter geworden sein. Sein politisches Urteil wurde aber, wie ich hervorheben muß, durch diese Erlebnisse nicht beeinflußt. Er war ein weniger geschickter Parteiführer im engeren Sinne des Wortes als sein Nachfolger Heydebrand, er sprach weniger schlagfertig und oratorisch nicht wirksam, schon weil er wegen chronischer Heiserkeit mit gedämpfter Stimme redete. Aber sein Horizont war weiter als der seines Nachfolgers, GEGEN DIE RÄDELSFÜHRER 297 er hatte mehr Verständnis für die Wechselbeziehungen zwischen innerer und äußerer Politik, und vor allem stand ihm die Staatsräson über dem Parteiinteresse. Er war nicht umsonst durch die Bismarcksche Schule gegangen. Die Ausfälle des Kaisers gegen seine jüdische Abstammung waren übrigens um so verwunderlicher, als Wilhelm II. in keiner Weise Antisemit war. Generelle Abneigung gegen Juden und Judentum lag seiner Natur und Art gänzlich fern. Er stand auch in persönlich freundschaftlichen Beziehungen zu vielen markanten Israeliten, wie Albert Balün, Emil Rathenau, Eduard Arnhold, Paul von Schwabach, Robert von Mendelssohn und manchen anderen treff liehen Männern. Natürlich habe ich mich gehütet, die Weisung hinsichtlich der „Preßhunde" auszuführen, sondern im Gegenteil auf eine ruhige Behandlung des Kanalstreits in der Presse tunlichst hingewirkt. Trotz seines Zornes gegen die Kanalgegner wollte Wilhelm II. von einer Auflösung des Abgeordnetenhauses nichts wissen, obwohl Fürst Hohenlohe, der den preußischen Konservativen ein wenig mit der aus Hoffart und Mangel an Verständnis gemischten Abneigung gegenüberstand, die der süddeutsche Standesherr bisweilen gegen den norddeutschen Junker empfindet, auf die Auflösung hinarbeitete, in der Hoffnung, damit zu einer liberalen Mehrheit in Preußen zu kommen. Aber gerade die letztere Möglichkeit war dem Kaiser doch unsympathisch, und so hielt er denn an das versammelte Staatsministerium eine Ansprache, in der er, originell wie so oft, die ganze Angelegenheit nach militärischen Gesichtspunkten beurteilte. Wenn ein Regiment rebelliere, führte Seine Majestät etwa aus, so würde es deshalb nicht aufgelöst, denn das wäre ein Schaden für die Armee und undankbar gegenüber den früheren Meriten des betreffenden Truppenteils. Aber die Rädelsführer würden vor die Front gestellt und erschossen. Nach dieser Analogie müßten jetzt alle Beamten, insbesondere die Landräte, die im Abgeordnetenhaus gegen die Kanalvorlage gestimmt hätten, abgesetzt werden. Mit Ausnahme des Fürsten Hohenlohe waren alle Minister gegen eine solche Lösung. Miquel sah voraus, daß sie die konservativen Kreise sehr erbittern würde, aber er zog sie noch immer der Auflösung vor, von der er eine größere Schwächung seines Einflusses und seiner Position befürchtete. So wurde eine große Anzahl biederer Landräte, darunter einige, die schon Jahrzehnte, getragen von dem Vertrauen aller Eingesessenen, ihre Kreise verwalteten, als „Kanalrebellen" zur Disposition gestellt. Unter diesen „Rebellen" befanden sich freilich verschiedene Herren, die, wie der künftige Statthalter von Elsaß-Lothringen, Herr von Dallwitz, der künftige Oberpräsident von Westpreußen, Herr von Jagow, und mehrere andere, sich später wieder in der vollen Gnade Seiner Majestät sonnen durften. Wenn das Ausscheiden der Landräte den Kaiser wenig berührt hatte, so 298 „DIE GROSSEN MEINES HOFES VERLASSEN MICH" war die Wirkung eine andere, als der Oberstjägermeister Herzog von Pleß. einer der reichsten und vornehmsten schlesischen Magnaten, seinen Abschied mit der Motivierung einreichte, er sei ein Gegner des Kanals und wolle nicht besser behandelt werden als seine Gesinnungsgenossen. Aus demselben Grunde bat auch der Oberstkämmerer Fürst Hohenlohe- Oehringen um Enthebung von seinem Amt. Nun wurde die Sache ernst. Der Kaiser beschied mich sofort in das Neue Palais und empfing mich sichtlich bestürzt mit den Worten: „Die Großen meines Hofes verlassen mich." In dem darauffolgenden Gespräch erreichte ich, daß den bewährtesten unter den verabschiedeten Landräten für die Zukunft Wiederanstellung in Aussicht gestellt wurde. Den Herzog von Pleß versöhnte der Kaiser dadurch, daß er seinen Schwiegersohn, den Fürsten Fritz Solms, zum Oberstkämmerer an Stelle des Fürsten Hohenlohe-Oehringen ernannte. Den letzteren hatte der Kaiser erst wenige Jahre vorher zur ersten preußischen Hofcharge ernannt, die seit alter Zeit nach dem preußischen Hofrangreglement mit dem Ministerpräsidenten und den Generalfeldmarschällen rangierte. Damals hatte der Kaiser dem Fürsten Christian Kraft von Hohenlohe-Oehringen seine Ernennung in einem für ihn sehr schmeichelhaften, warm gehaltenen Telegramm angekündigt. Nun hatte der Fürst, der sich gerade in einem österreichischen Badeorte inkognito in Damenbegleitung befand, er war unverheiratet, angeordnet, daß alle für ihn bestimmten, in Berlin oder Slawentzitz, seinem schlesischen Schlosse, anlangenden Telegramme nach jenem österreichischen Bade unter der Adresse seines dort in seiner Begleitung befindlichen Kammerdieners nachtelegraphiert werden sollten. So kam es, daß zum großen Erstaunen der K.K. Telegraphenbeamten in Kaltenleutgeben bei Wien die nachstehende Depesche eintraf: „Kammerdiener Hermann Schulze. In dankbarer Würdigung Deiner in Krieg und Frieden geleisteten hervorragenden Dienste ernenne ich Dich zu meinem Oberstkämmerer. Wilhelm R." Die Kanalfrage, die durch Fehler von allen Seiten verfahren worden war, wurde von mir in späteren Jahren, während ich preußischer Ministerpräsident war, in ein ruhiges Fahrwasser geleitet und befriedigend gelöst. XIX. KAPITEL Kaiserbesuch in Karlsruhe • Burg Hohenzollern • Königin Wilhelmine von Holland in Berlin (Oktober 1899) • Besuch des Zarenpaares in Berlin • Die Reise der deutschen Majestäten nach England (20. XI. 1899) • Die Kaiserin gegen die Reise, ihr Brief an Bülow • Bericht Hatzfeldts • Landung in England • Die Herzogin von Connaught Deutsche Prinzessinnen im Ausland • Windsor • Die Galatafel • Englische Hof leute und Staatsmänner • Memorandum des Fürsten Hohenlohe für Wilhelm II. Im September begleitete ich den Kaiser bei einem Besuch in Karlsruhe. Das Zusammensein mit den badischen Herrschaften war immer wohl- Karlsruhe tuend und aufrichtend. Großherzog Friedrich und Großherzogin Luise un d B" r g waren beide im besten Sinne des Wortes Idealisten, die unberührt von den Hohenzollern Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Tages an die großen Ziele dachten, die, sternengleich, dem Patrioten leuchten sollen. Trotz diesem vaterländischen Idealismus hatte das Verhältnis zwischen dem Großherzog Friedrich und dem Fürsten Bismarck mehrfach Trübungen erfahren. Ungeachtet meiner Bewunderung und Liebe für den größten deutschen Staatsmann und einen der größten Männer aller Zeiten muß ich zugeben, daß an solchen Friktionen der Fürst größere Schuld trug als der Großherzog. Namentlich in der Affäre Roggenbach- Geffcken hatte sich Bismarck durch Mißtrauen und Ranküne zu weit fortreißen lassen. Das tut seiner Größe keinen Abbruch. Napoleon bleibt groß, obschon er den Herzog von Enghien erschießen ließ, was niemand billigen kann. Von Karlsruhe fuhr der Kaiser mit mir auf das Manöverfeld und dann zum Besuch der Burg Hohenzollern. Wir waren um fünf Uhr morgens in Karlsruhe aufgebrochen und kehrten erst um neun Uhr abends dorthin zurück, wo uns noch eine Theatervorstellung und nach ihr eine Hofsoiree mit Cercle bevorstand. Der Kaiser überwand solche Anstrengungen spielend. Nachdem er dem Manöver während drei Stunden im Sattel beigewohnt hatte, nahm er, unmittelbar nach einem kräftigen Frühstück im Waggon, einen langen Vortrag von mir entgegen, im Laufe dessen ich ihm eine Reihe diplomatischer Personalveränderungen vortrug. Darunter leider auch die Wiederanstellung des Legationsrats von Schön, der sich als Hofmarschall in Koburg festgefahren hatte und wieder in die Diplomatie zurückzukehren wünschte, wo er als Botschafter in Petersburg und Paris 300 DER PRINCE CITRON von Holland in Potsdam wie als Staatssekretär des Äußern in Berlin keine Lorbeeren pflücken sollte. Auf dem Hohenzollern, dessen Besuch mich immer ebenso tief bewegt hat wie der Anblick des Hohenstaufen, jener beiden Gipfel im Schwabenlande, die mit mahnender Hand des deutschen Volkes Geschichte künden, schenkte mir der Kaiser ein schönes Bild des Schlosses seiner Ahnen und schrieb darunter das Datum des Tages: 9. 9. 99. Er erzählte mir bei diesem Anlaß, daß seine Großmutter, die Kaiserin Augusta, ihm einmal, als von der schönen Fernsicht vom Hohenzollern die Rede war, gesagt hatte: „Das soll dir eine Mahnung sein, dir einen weiten und freien Blick zu erwerben und zu wahren." Eine Äußerung im Geiste Goethes. Im Oktober 1899 erfolgte in Potsdam der Besuch der Königinnen von Die Holland. Die Königin-Mutter Emma, eine Prinzessin von Waldeck, machte Königinnen e i ne n verständigen, ruhigen und zuverlässigen Eindruck. Sie hatte 1879 den um mehr als vierzig Jahre älteren König Wilhelm III. von Holland geheiratet, der in erster, nicht gerade glücklicher Ehe mit der Prinzessin Sophie von Württemberg vermählt gewesen war, einer klugen und geistvollen Frau, der Freundin von Ernest Renan und anderen französischen Schöngeistern, die aber, wie leider viele ins Ausland vermählte deutsche Prinzessinnen, bis zur Gehässigkeit antideutsch geworden war. Aus dieser Ehe stammte nur ein Sohn, der Prinz von Oranien, der meist in Paris lebte, wo der „Prince d'Orange" von der Lebewelt „Prince Citron" genannt zu werden pflegte. Als der Prince Citron infolge starker Exzesse im Dienste des Bacchus in frühen Jahren starb, entschloß sich König Wilhelm III. auf Wunsch seines Volkes und um das Aussterben des ruhmreichen Hauses Oranien zu verhüten, zu einer zweiten Ehe. Königin Emma hatte das nicht leichte Joch dieser Ehe mit Hingebung, Geduld und Takt getragen. Trotz seiner Exzentrizitäten war Wilhelm III. bei dem niederländischen Volk, das mit unerschütterlicher Treue am Haus Oranien hängt, bis an sein Ende populär gebheben. Die kleinen Züge, die von ihm und seinen vielen Seltsamkeiten erzählt wurden, erhöhten nur seine Volkstümlichkeit. Als ihm einmal der Besuch seines ihm nicht besonders sympathischen Ministers gemeldet wurde, empfing er diesen badend in einem Teich seines Parks und forderte den Minister auf, sich ebenfalls auszukleiden, zu ihm ins Wasser zu steigen und dort seinen Vortrag zu halten. Als er seinen Einzug mit der Königin Emma in Amsterdam hielt, reichte ihm das begeisterte Volk einen ganz in Orangefarben gekleideten vierzehnjährigen Knaben in die Karosse. Das sollte eine Huldigung sein, der König nahm es aber als Aufdringlichkeit, ergriff den Knaben und schleuderte ihn in weitem Bogen über die Pferde weg in die Menge, die diesen Beweis königlicher Kraft mit Jubel aufnahm. Die bei ihrem Besuch in Potsdam kaum neunzehnjährige Königin Wilhelmine war damals ein reizendes junges Mädchen, das noch ganz unter KAISERLICHE REDNEREI 301 dem Einfluß der Mutter zu stehen schien. Der Kaiser veranstaltete zu Ehren der niederländischen Gäste im Neuen Palais eine allegorische Vorstellung, die in gut gestellten Bildern und nicht üblen Versen die innigen Bande zwischen den Häusern Hohenzollern und Oranien und die stolze Vergangenheit des Hauses Oranien zum Ausdruck brachte. Bei dem nachfolgenden Souper saß ich mit dem Kaiser und den beiden Königinnen ä quatre an einem Tisch. Der Kaiser führte die Unterhaltung und sprach sich über den Burenkrieg, der in vollem Gang war, in so antienglischem Sinne aus, in so hitzig übertriebener Rederei, daß die Königin-Mutter mir nach der Mahlzeit sagte, sie stünde mit ihren Sympathien begreif Ucher- weise auf der Seite der ihrem Volke stammverwandten Buren, frage sich aber doch, ob die mit solcher Heftigkeit zur Schau getragene antienglische Haltung des Kaisers nicht unvorsichtig wäre. Hätte Königin Emma geahnt, mit welchem Enthusiasmus derselbe Kaiser kaum sechs Wochen später im englischen Fahrwasser schwimmen würde, hätte sie sich schwerlich solche Sorgen gemacht. Am 8. November 1899 traf das Zarenpaar in Begleitung des Ministers Murawiew auf der Rückfahrt von Darmstadt nach St. Petersburg zu einem B kurzen Besuch in Potsdam ein. Kaiser Nikolaus beehrte mich nach der z er Bismarck Erinnerungen", die den Kaiser in hohem Grade gereizt und verstimmt hatten, obwohl der dritte Band damals noch nicht publiziert worden war. Eulenburg schrieb mir hierüber: „Der Kaiser sagte, daß er über die eigentlichen Gründe der Entlassung des Fürsten Bismarck während seiner Lebenszeit nichts sagen wolle. Er motivierte dies mit den Worten: ,Ich kann und will dem deutschen Volk nicht seine Ideale rauben.' Aber wenn seine Regierungszeit gewissermaßen Geschichte geworden sei, bei seinem Tode, solle das deutsche Volk erfahren, weshalb er sich von Bismarck getrennt habe. Der Kaiser von Österreich und die Königin von England besäßen jetzt schon in ihren Privatarchiven die motivierende Aufzeichnung, die er beiden Souveränen quasi zu seiner Rechtfertigung geschrieben habe. Das ,Testament an das deutsche Volk', welches die Richtigstellung der Entlassung enthalte und gleich nach seinem Tode publiziert werden solle, habe er an Scholl diktiert; es läge in seinem privaten eisernen Schränkchen. Ich ließ in Gedanken die Wirkung, die dieses Testament haben wird, in meinem Geiste vorüberziehn, aber ich mochte dem guten Kaiser nicht die Illusion rauben, in der er sich wiegte. Das Volk wird auch nach der Publikation des Testaments auf die Seite seines Heros treten. Nicht für Kaiser Wilhelm II., sondern für Bismarck werden die Bergfeuer flammen, nicht am 27. Januar, sondern am 1. April. Es macht mich Kaiserin Friedrich Gemälde von Heinrich v. Angeli (1894) KARDINAL HOHENLOHE: DER KAISER MÜSSE SEHR VORSICHTIG SEIN 353 angesichts des scheußlichen Kampfes, den ich, in vorderster Reihe stehend, gegen Schmutz und Verleumdung kämpfen mußte, traurig, so urteilen zu müssen. Welche Erfahrungen haben diese Nüchternheit zuwege gebracht! . . . Als ich dem Kaiser nicht verhehlte, daß der Bismarckismus eine Kraft sei, deren Wurzeln immer noch sehr tief und fest in den deutschen Herzen säßen, hörte er dies nicht gern. Er sprach die Ansicht aus, daß der Kaiser fester darin säße als alles andere." In der Entrüstung über das hinterlassene Werk des Fürsten Bismarck begegnete sich der Kaiser mit seiner Mutter, die in vielen Fragen so anders dachte als ihr Sohn. Sie schrieb über die „Gedanken und Erinnerungen" an meine Frau: „I suppose, dearest Marie, vou have read the vile book of Prince Bismarck, the one by Busch and the other by himself, truly disgusting. He has already so succeeded in poison- ning the minds of half his countrymen that they will no doubt accept all his lies these books contain — and which emanate from him as sacred truths! One is truly ashamed of such vulgarity and low taste." Nicht ohne innere Befriedigung berichtete mir Philipp Eulenburg, daß der Kaiser auf das bestimmteste erklärt habe, „niemals" und „unter keinen Umständen" Herbert Bismarck wieder anstellen zu wollen. Seitdem Eulenburg persönlich von Herbert Bismarck bei der Leichenfeier in Friedrichsruh brüskiert wurde, war ihm der Sohn Bismarck fast ebenso verhaßt wie der Vater. Auch wußte er, daß ich Herbert Bismarck gern als Botschafter in London, Petersburg oder Wien gesehen hätte. Wiederholt schrieb mir Eulenburg, daß er dem Kaiser beständig Vorsicht predige, auch unter Hinweis darauf, daß der Kardinal Hohenlohe ihm, Eulenburg Eulenburg, vertraulich geschrieben habe, der Kaiser müsse sehr auf seiner über den Hut sein, sehr vorsichtig, sehr weise. Der Kardinal habe ihm geschrieben, Kaiser er wisse „positiv", daß der Gedanke, den Kaiser für unzurechnungsfähig zu erklären, in vielen Köpfen erwogen würde und viele, auch hohe Persönlichkeiten, gern ihre Hand dazu leihen würden, das Verfahren einzuleiten. Eulenburg rühmte sich, eine „ernste und eingehende Unterredung" mit Wilhelm II. über diese heikle Materie mit den Worten geschlossen zu haben: Es sei keine Gefahr für den Kaiser, wenn ich an des Kaisers Seite stünde und er selbst vorsichtig bliebe. Gegen seine Gewohnheit habe der Kaiser dieses Gespräch nicht mit einem Scherz oder „mit einem energischen mündlichen Haudegenhieb ä la 1. Garderegiment" beendigt, sondern er sei „nachdenklich" gebheben. Daß mich solche Briefe sehr ernst stimmen mußten, liegt auf der Hand, obschon es in der menschlichen Natur hegt, sich allmählich an alles zu gewöhnen, wie an Kälte und Hitze, an Hunger und Durst, so auch an eigenartige Charaktere. Wenn der Mensch auch nicht immer aus Gemeinem gemacht ist, so emanzipiert er sich doch selten und nie ganz von seiner Amme, 23 Bülow I 354 BUMERANGS der Gewohnheit. Ich darf aher hinzufügen, daß keine Gewöhnung mich je abgestumpft hat gegen die Gefahren, die in der Natur des Kaisers für das Land lagen, und daß ich schon während meiner bisherigen Amtszeit keinen Tag aufgehört hatte, es als meine erste Pflicht und vornehmste Aufgabe zu betrachten, dafür zu sorgen, daß auch mit diesem Monarchen das Deutsche Reich und das deutsche Volk vor Schaden bewahrt blieben. Zu immer neuen Bedenken gab insbesondere die Unbesonnenheit Anlaß, mit welcher der Kaiser politische Gespräche führte. Er hatte mir oft, sehr oft versprochen, daß er nicht wieder in den Fehler verfallen wolle, mit A. über B. und mit B. über A. zu räsonieren, auf die Gefahr, und selbst auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß A. und B. sich die kaiserlichen Boutaden gegenseitig anvertrauen und beide mißtrauisch gegen den Kaiser werden würden. Er wolle sich, hatte er mir mehr als einmal erklärt, überhaupt klarmachen, daß unvorsichtige Äußerungen eines Monarchen dem Bumerang glichen, jener australischen Waffe, die auf denjenigen zurückprallt, der sie abschleuderte. Wilhelm II. vergaß sich immer wieder, namentlich in Gesprächen mit den fremden Botschaftern, nicht aus Böswilligkeit, ein Dolus lag nie vor; aber, wie der Franzose treffend sagt, c'etait plus fort que lui. Wenn ich von Diplomaten auf solche unvorsichtigen Auslassungen Seiner Majestät angesprochen wurde, pflegte ich wahrheitsgemäß zu erwidern, daß scharfe Bemerkungen des Kaisers über den einen oder andern Staat oder Regenten nur dann von praktischer Bedeutung sein würden, wenn der Kaiser ein Mann ä la Napoleon I. wäre, der unter Umständen einen Angriffskrieg mache. Dann allerdings wäre für diejenigen, gegen die sich seine Worte richteten, bei solchen Äußerungen die Vorbereitung zur Abwehr begreiflich. Der Kaiser sei aber in Wirklichkeit nur auf Erhaltung und Verteidigung bedacht. Seine ethischen Grundsätze, sein aufrichtiges Christentum, sein im Grunde verständiges Wesen verböten ihm jeden Gedanken an einen Angriffskrieg. Er werde niemals einen solchen machen. Seine gereizten Auslassungen gegen diesen oder jenen Staat trügen immer nur einen Defensivcharakter und reagierten lediglich auf das, was an den Kaiser über feind- bche Absichten dieses oder jenes Staates oder Regenten in wirtschaftlicher, politischer oder verwandtschaftlicher Hinsicht herangebracht worden wäre. Die Gesinnung änderte sich wieder, wenn der Kaiser nach einiger Zeit sähe, daß jene von ihm supponierten feindlichen Absichten nicht mehr vorhanden oder wenigstens ihrer Verwirklichung nicht nähergebracht worden wären. Die bei aller ihrer Beweglichkeit in ihren Grundzügen unabänderliche Eine Debatte Natur des Kaisers machte mir beim Rückblick auf das Jahr 1899 wie auf im Reichstag das ganze hinter uns liegende Jahrzehnt schwere Sorgen und bedeutete eine ernste Aufforderung für mich, „toujours en vedette" zu bleiben, wie der große König dies für Preußen gefordert hatte. Aber nicht nur die DR. SCHÄDLER GEGEN GOETHEDENKMAL 355 Individualität des Kaisers, sondern auch unser Volk in seiner Gesamtheit flößte mir ernste Sorgen ein. Ich konnte mich bei einer solchen retrospektiven Betrachtung nicht der Einsicht verschließen, daß das deutsche Volk, über das die Vorsehung während des seinem Ende entgegengehenden Jahrhunderts so viel Glück, so viele Wohltaten und Güter ausgeschüttet hatte, das sich aus dem Elend von Jena und Tilsit zu dem Ruhm von Dennewitz und Leipzig erhoben und von der französischen Zwingherrschaft befreit hatte, das durch Bismarck zu Einheit, Macht und Größe geführt worden war, wie es unsere Väter ersehnt, aber in solchem Ausmaß und solcher Fülle kaum für möglich gehalten hatten, leider noch immer weit davon entfernt war, das nationale Empfinden, das nationale Ehrgefühl, den patriotischen Stolz und auch nur den patriotischen Takt anderer Völker zu besitzen. Sehr bezeichnend dafür war mir eine kurze Debatte gewesen, die 1899 im Reichstag über ein Goethedenkmal für Straßburg stattfand. Der warmherzige und hochgebildete nationalliberale Abgeordnete Prinz Heinrich Carolath, persönlich ein Goethekenner und Goethejünger, hatte beantragt, als Beihilfe zu den Kosten eines Goethedenkmals in Straßburg den Betrag von M. 50000 in einen Ergänzungshaushalt einzustellen. Dieser Antrag wurde unter völliger Teilnahmlosigkeit des Hauses diskutiert. Ein wenig sympathisches Mitglied des Zentrums, der Abgeordnete Schädler, frug: „Warum soll Goethe gerade in Straßburg ein besonderes Denkmal haben ?" Aus praktischen, nüchternen Erwägungen trete er, Schädler, dem Antrag entgegen. Der Etat enthalte schon viel zu viel Forderungen für Kunst und Wissenschaft. Auch sei der Antrag gefährlich wegen seiner etwaigen Konsequenzen für andere „große Männer", denen man auch Monumente werde errichten wollen. In welchem Lande außer in Deutschland war ein solcher Vorgang, eine so unwürdige Rede möglich! Man denke sich, daß in der französischen Deputiertenkammer jetzt, nachdem wir, Gott sei es geklagt, „die wunderschöne Stadt" wieder verloren haben, der Vorschlag gemacht würde, Rouget de l'Isle ein Denkmal in Straßburg zu errichten, wo das Sturmlied der Französischen Revolution von ihm zuerst vorgetragen worden war. Jeder Abgeordnete, der sich gegen einen solchen Antrag wenden sollte, würde von der Tribüne heruntergerissen werden. Er würde allgemeiner Verachtung verfallen und sich nicht mehr auf der Straße zeigen können. Ein solcher Abgeordneter würde sich aber in Frankreich, Italien und England, in allen anderen mir bekannten Ländern überhaupt nicht finden. Jene Diskussion vom 26. Januar 1899 war mehr als symptomatisch, eine Rede wie des Domherrn Schädler war tief beschämend. Konnte Deutschland wirklich reiten, nachdem es von Bismarck in den Sattel gesetzt worden war? Schon in den achtziger Jahren hatte der Baumeister des Reichs darüber geklagt, daß, kaum fünfzehn Jahre nach der Wieder- 23* 356 HAMMER ODER AMBOSS errichtung des Reiches der nationale Gedanke in der Verfinsterung begriffen sei, schon damals hatte er den Reichstag ermahnt, den nationalen Gedanken leuchten zu lassen über Deutschland. In der Rede, die ich am 11. Dezember 1899 im Reichstag zur 2. Flotten- Flottenvorlage vorläge hielt*, sagte ich: „Meine Herren, die letzten Jahrzehnte haben viel Glück und Macht und Wohlstand über Deutschland gebracht. Glück und steigender Wohlstand des einen pflegen bei den anderen nicht immer reine Befriedigung hervorzurufen, das kann auch Neid erwecken. Der Neid spielt im Leben des einzelnen und im Leben der Völker eine große Rolle. Es ist viel Neid gegen uns in der Welt vorhanden, politischer Neid und wirtschaftlicher Neid. Es gibt Individuen, und es gibt Interessentengruppen, und es gibt Strömungen, und es gibt vielleicht auch Völker, die finden, daß der Deutsche bequemer war und daß der Deutsche für seine Nachbarn angenehmer war in jenen früheren Tagen, wo trotz unserer Bildung und trotz unserer Kultur die Fremden in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auf uns herabsahen wie hochnäsige Kavaliere auf den bescheidenen Hauslehrer. Diese Zeiten politischer Ohnmacht und wirtschaftlicher und politischer Demut sollen nicht wiederkehren. Wir wollen nicht wieder, um mit Friedrich List zu sprechen, die Knechte der Menschheit werden. Wir werden uns aber nur dann auf der Höhe erhalten, wenn wir einsehen, daß es für uns ohne Macht, ohne ein starkes Heer und eine starke Flotte keine Wohlfahrt gibt. Das Mittel, in dieser Welt den Kampf ums Dasein durchzufechten ohne starke Rüstung zu Lande und zu Wasser, ist für ein Volk von bald sechzig Millionen, das die Mitte von Europa bewohnt und gleichzeitig seine wirtschaftlichen Fühlhörner ausstreckt nach allen Seiten, noch nicht gefunden worden. In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein." Wurde dieser Hinweis auf die Vergangenheit, auf unsere geographische Lage, auf die Leidensgeschichte des deutschen Volks vom Reichstag, wurde er im Volke verstanden ? Als ich davon sprach, daß der Fremde einst auf uns herabgesehen habe wie ein hochnäsiger Kavalier auf den bescheidenen Hauslehrer, entstand im Hause die Heiterkeit verständnisloser Unbildung, obschon die Mentalität des Auslands gegenüber dem Deutschen früherer Jahrhunderte nicht prägnanter gekennzeichnet werden konnte. Und wie sieht seit unserem Zusammenbruch und der Novemberrevolution, seit 1918, der Fremde wieder herab auf unser einst so glückliches und stolzes Volk! „Comme je vous plains", sagte mir nach meiner Rückkehr nach Rom 1920 ein deutschfreundlich gebliebener alter italienischer Freund, „de voir votre pays tombe si bas." Am letzten Tage des alten Jahrhunderts erhielt ich von König Karl von * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 88; Kleine Ausgabe I, S. 96. DIE JAHRHUNDERT-KNIEBEUGE 357 Rumänien das nachstehende Telegramm: „Im Augenblick, wo ein reich- bewegtes Jahrhundert zur Neige geht, in welchem wir so große Ereignisse erlebt und das die Bedingungen einer friedlichen Entwicklung der Staaten geschaffen, liegt es mir am Herzen, Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin ein glückliches neues Jahr zu wünschen, auf welchem der Segen Gottes ruhen möge. Gleichzeitig bitte ich Sie, die Versicherung meiner freundschaftlichen Gesinnung zu empfangen und überzeugt zu sein, wie sehr ich erfreut und beruhigt bin, die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, in welchen Sie bereits so schöne Erfolge gehabt, Ihren bewährten Händen anvertraut zu wissen." Die Feier, die Kaiser Wilhelm zur Jahrhundertwende im Schloß und in der Ruhmeshalle veranstaltete, trug einen allzu theatralischen Charakter. Auf zwei Seiten aufgestellte Apparate photographierten den Kaiser und alle Anwesenden in dem Moment, wo sie während des Gebets der Geistlichkeit und des von dieser erteilten Segens niederknieten. Und der stets, bisweilen zu gutem, bisweilen zu bösem Witz aufgelegte Berliner sprach von der Jahrhundert-Kniebeuge. Das erste Jahr des neuen Jahrhunderts führte zur völligen Besiegung der Buren. Im März nahm Lord Roberts Bloemfontein, im Juni rückte er Die China- in Pretoria ein. Schloß sich aber der Janustempel für Südafrika, so öffnete Expedition er seine beiden Pforten bald nachher in Ostasien. Am 18. Juni wurde in China der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteier ermordet. Im Juni erfolgte die Kabinettsorder über BUdung und Führung eines Expeditionskorps nach China, zu dessen Kommandeur der Generalleutnant Lessei ernannt wurde. Als Chef des Stabes wurde ihm einer der besten Offiziere des Generalstabes, der damalige Oberst Gündel, beigegeben. Es war derselbe Offizier, der, inzwischen zum General der Infanterie aufgerückt, im November 1918 ursprünglich zum Vorsitzenden der Waffenstillstandskommission bestimmt worden war, eine Stellung, für die er durch Umsicht, Besonnenheit, Takt, vollkommene Beherrschung des Französischen und Übung im Verkehr mit französischen Offizieren sich hervorragend eignete. Den Vorsitz der Waffenstillstandskommission riß aber 1918 mit der ihm eigenen stürmischen Vordringlichkeit der Abgeordnete Erzberger an sich, indem er manu propria unter Zustimmung des schwachen Prinzen Max von Baden den Namen des Generals Gündel ausstrich und an dessen Stelle seinen eigenen Namen setzte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich für die Leitung der Waffenstillstandsverhandlungen General Gündel viel, sehr viel besser geeignet haben würde als Erzberger, der manche jener Eigenschaften besaß, die dem Demagogen vorwärtshelfen, auch nicht ohne eine gewisse naive Gutmütigkeit war, dem aber für eine diplomatische Mission ungefähr alles fehlte, Kenntnisse und Erfahrung, Takt wie Würde. So kam es, daß im November 1918, an jenem traurigsten Tage der deutschen 358 NICHTS MEHR OHNE DEN DEUTSCHEN KAISER Bremerhaven Geschichte im Walde von Compiegne dem siegreichen französischen Oberbefehlshaber die auch äußerlich groteske Figur des Abgeordneten für Biberach entgegentrat. Mit dem Weltkrieg, dessen entsetzlichen Abschluß das Erscheinen von Matthias Erzberger im Walde von Compiegne bildete, war die chinesische Expedition von 1900 natürlich in keiner Weise zu vergleichen. Aber gerade weil der Krieg gegen China von Wilhelm II. aufweite Entfernung, mit verhältnismäßig geringem Einsatz, ohne persönliches Risiko und mit der begründeten Hoffnung geführt wurde, daß es mir gelingen würde, politisch-diplomatisch die Sache einzurenken, entlud sich das Temperament des Kaisers bei diesem Anlaß mit voller Wucht. „Jetzt ist es eine Lust zu leben!" äußerte er damals wiederholt vor mir. Ich habe Kaiser Wilhelm, dem ich während des Weltkrieges freilich nicht Reden mehr zur Seite stand, niemals in einer solchen Erregung gesehen wie während Wilhelms II. d er ersten Phase der chinesischen Wirren. Zunächst hielt er in Wilhelms- m Wilhelms- h averl un( j m Bremerhaven Reden, die nicht nur den Chinesen, sondern der ganzen Welt imponieren sollten. In Wilhelmshaven sprach er am 2. Juli 1900 von dem in seiner „Frechheit unerhörten, durch seine Grausamkeit Schauder erregenden" Verbrechen der Chinesen, verlangte „exemplarische Bestrafung und Rache" und erinnerte daran, daß er diese Scheußlichkeit vorausgesehen habe, aber nicht verstanden worden wäre. „Mitten in den tiefsten Frieden hinein, für mich leider nicht unerwartet, ist die Brandfackel des Krieges geschleudert worden." Das war ein Hinweis auf das berühmte Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter". Am nächsten Tage hielt der Kaiser anläßlich des Besuchs des Prinzen Rupprecht von Bayern bei Tisch eine Rede, wo er die bedenklicheren Worte sprach, daß ohne den Deutschen Kaiser keine große Entscheidung mehr in der Welt fallen dürfe. Er würde rücksichtslos die schärfsten Mittel anwenden, um die Weltmachtstellung des deutschen Volkes zu erhalten, das sei seine Pflicht und sein schönstes Vorrecht. Hohenlohe und ich wollten diese Rede nicht veröffentlichen lassen, sie war aber von Seiner Majestät sofort und direkt an den Vertreter von Wolfis Telegraphenbüro gegeben worden, bevor das Diner zu Ende war. Um zu verhindern, daß solche kaiserlichen Ergüsse unsere Politik aus ihrem Geleise brachten, richtete ich aus Wilhelmshaven am 2. Juli an das Auswärtige Amt die nachstehende telegraphische Direktive: „Auch nach der Ermordung des Freiherrn von Ketteier wird unsere Politik in Ostasien eine besonnene, ruhige und nüchterne bleiben. Wir werden insbesondere vermeiden, was die Eintracht unter den Mächten stören könnte, weiter Fühlung mit Rußland halten, England nicht abstoßen, auch Japan und Amerika freundlich behandeln. Die Situation hat sich aber insofern durch die Niedermetzelung unseres Gesandten verändert, als es jetzt vor allem darauf ankommt, der Nation zu zeigen, daß diejenigen, DIE HUNNENREDE 359 die ihre Geschäfte führen, das deutsche Ansehen und die deutsche Ehre mit Schnelligkeit und Nachdruck zu wahren wissen. Dies ist die Politik, die ich hei Seiner Majestät dem Kaiser vertreten habe und welche die Allerhöchste volle Zustimmung fand." In der Theorie hatte das in vorstehenden Sätzen von mir skizzierte Programm allerdings die Allerhöchste Zustimmung gefunden, tatsächlich aber riß den Kaiser die ungestüme Unbesonnenheit, die ihm in seinen Reden eigen war, immer wieder zu bedauerlichen Expektorationen hin. Die schlimmste Rede jener Zeit und vielleicht die schädlichste, die Wilhelm II. je gehalten hat, war die Rede in Bremerhaven am 27. Juni 1900. Als Hohenlohe und ich dort eintrafen, erblickten wir am Hafen, wo die für Ostasien bestimmten Truppen aufgestellt waren, ein hölzernes Gerüst. Es wurde darüber hin und her geredet, welchem Zweck es dienen sollte. Die einen meinten, daß sich die Feuerwehr von Bremerhaven an diesem Turm für Feuersbrünste einexerziere, andere glaubten, die Matrosen sollten hier Turnübungen anstellen. Plötzhch erschien der Kaiser und erkletterte die, wie sich jetzt herausstellte, für ihn errichtete Redekanzel. In der Rede, die er von diesem Podium mit scharfer, weithin reichender Stimme hielt, befand sich der Satz: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter König Etzel sich einen Namen gemacht haben, der sie noch jetzt in Uberlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise betätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." Noch während der Kaiser sprach, setzte ich mich mit dem Direktor des Bremer Lloyd, dem verständigen Herrn Wiegand, in Verbindung, um alle anwesenden Journalisten darauf zu verpflichten, daß sie diese Rede nicht ohne vorherige Korrektur durch mich veröffentlichen würden. Diese Zusage wurde auch von allen gegeben und loyal gehalten. Als ich auf die ,,Hohenzollern" zurückkehrte, meldete sich ein Berliner Publizist bei mir, der die Rede wörtlich nachstenographiert hatte und glücklich war, sie als erster seinem Blatt telegraphieren zu können. Auf mein Zureden erklärte er sich in anständiger Weise bereit, auf diese Primeur zu verzichten und die Kraftstellen der kaiserlichen Ansprache zu unterdrücken. Während der Kaiser gesprochen hatte, war das Gesicht des einundachtzigjährigen Fürsten Hohenlohe immer länger geworden. Er hatte mir kaum drei Monate vorher telegraphiert: „Seien Sie versichert, daß ich, solange ich noch fähig bin, mein Amt zu verwalten, glücklich sein werde, auf Ihre Mitarbeit rechnen zu dürfen." Jetzt meinte er, indem er sich mit resigniertem Gesicht mir zuwandte: „Das kann ich unmöglich im Reichstag vertreten, das müssen Sie versuchen." Bei der Abendtafel 360 DAS SCHÖNSTE WEGGESTRICHEN wurden die Zeitungen gebracht. Der Kaiser griff nach ihnen und war sehr verwundert, seine Rede nur in der ihr von mir gegebenen Fassung, d. h. unter Weglassung der bedenklichen Wendungen, zu finden. „Sie haben ja gerade das Schönste weggestrichen", meinte er zu mir, der ich ihm gegenübersaß, weniger erzürnt als enttäuscht und betrübt. Da wurde ein kleines, in Wilhelmshaven erscheinendes Blatt gebracht, das die kaiserliche Rede in extenso veröffentlicht hatte. Ein Mitarbeiter dieses Blättchens hatte, auf einem Dache sitzend, die Rede nachstenographiert und sofort publiziert, ohne daß Wiegand oder ich es hatten hindern können. Er hatte auch schon die betreffende Nummer seines Blattes nach Bremen, Hamburg, Hannover, Emden und Berlin in Tausenden von Exemplaren expediert, froh über das gute Geschäft, das er machen würde. Der Kaiser war entzückt, als er nun seine Rede in ihrem vollen Wortlaut las, aber weniger erfreut, als ich, während er nachher seine Zigarre rauchte, ihn über seine Auslassungen zur Rede stellte. Ich wies zunächst auf sein so oft freudig bekanntes Christentum hin. Seine Auslassungen würden bei guten Christen Bedauern und Ärgernis hervorrufen. Der Kaiser replizierte mit gewohnter Schlagfertigkeit, daß Moses, Josua und andere Helden der Bibel an ihre Heerscharen noch viel schärfere Ansprachen gerichtet hätten. Ich konnte erwidern, daß wir nicht im alten, sondern im neuen Bunde lebten, dessen Geist ein anderer wäre als die Mentalität, mit der vor Jahrtausenden die Israeliten Kanaan erobert hätten, ging dann aber auf die vorauszusehende politische Wirkung der exzentrischen Rede ein. Sie würde bei unseren Freunden in der Welt Trauer und Anstoß erregen, von unseren Feinden aber benutzt werden, um Mißtrauen und Haß gegen uns zu säen. Diese Rede würde verheerend wirken. Der Kaiser wurde sichtlich betreten. Er erwarte, meinte er, von meiner „Freundschaft" für ihn wie von meiner „famosen Beredsamkeit", daß ich ihn im Reichstag „herauspauken" würde. Ich wies darauf hin, daß ich das Parlament weniger fürchte als die Meinung und die Stimmung der Welt. Solche „Entgleisungen", ich gebrauchte mehrmals diesen Ausdruck, wären Wasser auf die Mühlen aller derjenigen, die das Land von Goethe und Schiller, von Humboldt und Kant als ein Land von Barbaren und Heiden, unseren Kaiser, der in seinem innersten Kern, wie ich nach wie vor überzeugt wäre, ein guter Christ und guter Mensch sei, der gar nichts Böses wolle, als einen eroberungslustigen und blutdürstigen Eroberer hinstellten, was Seine Majestät, Gott sei Dank, in keiner Weise wäre. Unsere Unterredung dauerte bis nach Mitternacht. Als der Kaiser mich entließ, gab er mir die Hand mit den Worten: „Ich weiß, daß Sie nur mein Bestes wollen, aber ich bin nun einmal, wie ich bin, und ich kann mich nicht ändern." Ich verließ den Kaiser mit der Überzeugung, daß er mich nach dieser Unterredung schwerlich zum Reichskanzler nehmen würde, ein „THE HUNS" 361 Eindruck, der mich weder enttäuschte noch betrübte. Im übrigen hat sich alles, was ich damals Seiner Majestät voraussagte, leider nur zu sehr bewahrheitet. Im Reichstage bin ich einige Monate später mit den gegen den Kaiser gerichteten Angriffen in der Tat fertig geworden. Was ich aber nicht verhindern konnte, war, daß, als Kurzsichtigkeit und plumpes Ungeschick uns in den Krieg straucheln ließen, die französische und noch mehr die englische und die amerikanische Propaganda gerade mit der „Hunnenrede" des Deutschen Kaisers arbeitete, um die Welt gegen uns aufzuhetzen. Wenn das gute und edle deutsche Volk, das im besten Sinne humaner denkt und fühlt als irgendein anderes Volk in beiden Hemisphären, von Millionen „the huns", „les huns", „die Hunnen" genannt wurde, so war das eine Folge jener unseligen Rede, die Wilhelm II. in Bremerhaven gehalten hatte. XXIII. KAPITEL Bülows Verhältnis zu seinen Ministerkollegen • Graf Alfred Waldersee • Wilhelm II. wird Generalfeldmarschall • Sein forciertes Betonen seiner militärischen Befugnisse vor dem Kriege, sein völliges Zurücktreten im Krieg • Feldmarschall Waldersee Oberstkommandierender in China • Der Kaiser verabschiedet sich in melodramatischer Form von ihm in Kassel • Graf Metternich über die Lage • Einnahme Pekings (15. VIII. 1900) • Berufung nach Hubertusstock: Erste Besprechung mit Wilhelm II. über die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe • Kandidaten: Podbielski, Philipp Eulenburg, Karl Wedel, Botho Eulenburg, Hohenlohe-Langenburg • Telephonische Berufung nach Homburg Mein Verhältnis zu meinen Kollegen, insbesondere zu Tirpitz und Miquel, war gut. Mit dem Reichskanzler verbanden mich alte und nie getrübte Miquel freundschaftliche Beziehungen. Fürst Hohenlohe sah in Miquel, dessen geniale Natur mir von Anfang an sympathisch gewesen war, dem aber viele und nicht die Schlechtesten mißtrauten, ein Element der Unruhe und Unsicherheit und schrieb mir aus Baden-Baden über ihn: „Verehrter Graf, Miquel, der nicht nur gegen mich, sondern, wie mir ein Abgeordneter versichert, auch und noch mehr gegen Sie intrigiert, weil Sie mehr als er das Ohr des Kaisers haben, will es durchaus zu einem Krach mit dem Reichstag bringen. Deshalb hat er Herrn von Lucanus, der sein gehorsamer Diener ist und durch den er leider auf Seine Majestät einwirken kann, bestimmt, für die sofortige Vorlage der Marine-Novelle zu plädieren, weil daraus der Krach hervorgehen kann. Der Großherzog von Baden ist durchdrungen von der Notwendigkeit, Miquel zu beseitigen. Ich habe es nicht angeregt, sondern fand ihn voll Bitterkeit gegen den Finanzminister, ich glaube, er wird darüber an den Kaiser schreiben. In unverändert freundschaftlicher Gesinnung Ihr ergebenster Hohenlohe." Um dieselbe Zeit schrieb mir der so wenig freundlich beurteilte Minister von Miquel: „Ich denke jetzt viel an Sie und Ihre schweren Sorgen und Mühen, und wie schwer es sein muß, zwischen dem Zuviel und Zuwenig die richtige Linie zu halten, nicht zu sehr in den Vordergrund und nicht zu viel in den Hintergrund zu treten. Aber mein Vertrauen zu dem Lenker unserer Pohtik ist so groß, er wird das Schiff glücklich durch die Brandung führen... Ich bitte um die herzlichsten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin, meine DER „VERRÄTER" WALDERSEE 363 so sehr verehrte Gönnerin, und bleihe in aufrichtiger Dankbarkeit und bekannter Verehrung und Bewunderung immer Ihr treu ergebenster Miquel." Als ich Tirpitz in den gleichen Tagen zu einem Allerhöchsten Gnadenbeweis anläßlich der Annahme des Flottengesetzes in dritter Lesung beglückwünschte, antwortete er mir: „Aufrichtigen Dank für Ihren freundlichen Glückwunsch. Das Persönliche tritt für mich bei dem großen Erfolg fast ganz zurück. Ich würde mich an dem Bewußtsein begnügen, Ihnen das Handwerkszeug beschaffen zu können, das Sie brauchen, um Deutschland größer und weiter aufbauen zu können. Möge Ihnen diese Arbeit nicht zu schwer gemacht werden, das wünscht Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (gez.) Tirpitz." Schon als ich 1897 mein Amt als Staatssekretär des Äußeren übernahm, drei Jahre vor der Entsendung Waldersees nach China, hatte mir Holstein, Wilhelm dessen Argwohn nie schlief, durch den würdigen Geheimen Rat Mechler, un< * " 7 ^ ** Ichthofen aatssekretär jf^i^ur ^pf^n^f ß/ft st^At/.' ^ '^W^ J^k^u. % ^m^f-n ^twt*. ^U^^^^^f^pr s^*^/fy^ Si/i^S -J^h /fat^44***j £%J*r S»4^ Jx/MA'ß^^ hy0 A*v**f^> ^ft*MnJlpi\ ^J~; sti^ü^* '^^C J^H4*t Jt^t^ ^^?%v-i^* £c. ^^*^^si ^fiÄ ^foyTC^ ^^Xy^M^^s^ m^J^^ *y faA* ^4l^£~p£U* A ^r^A^ ^Tt^n U s^^^ufb*' far ^//^ ^4 $^v^r >&^4ty^7l4i ^uyui ^^A^i^/^ 'fay ichthofen .aatssekretär ympathie- .und- ibungen RICHTHOFEN FÜR DAS ÄUSSERE 393 Radowitz waren Todfeinde, die sich nicht zusammen vor denselben Wagen spannen ließen. Ich hatte mich schon auf der Fahrt von Berlin nach Homburg für den bisherigen Unterstaatssekretär Richthofen als künftigen Staatssekretär Richthofen des Äußern entschieden. Holstein hatte mir für diesen Posten einige ganz Staatssekretär unfähige Kandidaten vorgeschlagen, in der Hoffnung, unter einem unzulänglichen Staatssekretär für alle Seitensprünge und Intrigen freiere Hand zu haben. Ich hatte einige Mühe gehabt, den Kaiser für Richthofen zu gewinnen. Der hohe Herr hebte nicht den traditionellen preußischen Beamten mit seiner Nüchternheit, seiner Sachlichkeit, seinem Bienenfleiß, seiner Gewissenhaftigkeit und strengen Pflichttreue. Er fand solche Leute „ledern", gab aber bei ruhiger Überlegung doch zu, daß sie im Verein mit dem preußischen Offizier den preußischen Staat aufgerichtet und über alle Stürme weggebracht hatten. Als Unterstaatssekretär setzte ich den bisherigen Direktor der handelspolitischen Abteilung, den Geheimen Rat von Mühlberg, durch, der, ein ebenso hervorragender Arbeiter und Beamter wie Richthofen, gleich diesem in allen von ihm bekleideten Stellungen dem Lande ausgezeichnete Dienste geleistet hat. Der begabteste Vertreter der Bismarckschen Tradition in der Presse, Hugo Jacobi, hatte mir nach meiner Ernennung zum Reichskanzler ge- Sympathie- schrieben: „Ihrer noch ungebrochenen Kraft harren große und schwere -K" n <* _ Aufgaben, an deren Gehngen das Heil des Landes hängt; aber ein großes S eoun 6 cn Vertrauen kommt Ihnen hoffnungsvoll entgegen. Seit zehn Jahren wartet die Nation auf ihren politischen Führer. Ihren Amtsantritt umleuchtet glückverheißend die glorreiche Erinnerung des 18. Oktobers. Möge das ,nova vita ineipit' wie für Eure Exzellenz auch für das Vaterland gelten." Ich kann bei diesem Anlaß einflechten, daß Herbert Bismarck, als er einige Monate vor meiner Ernennung zum Reichskanzler mir die Hoffnung ausdrückte, ich würde bald an die Stelle von Hohenlohe treten, hinzufügte: „Mein Vater hat mir schon vor Jahren gesagt: Der junge Bernhard Bülow gehört zu den drei oder vier Männern, die nach meinem Tode das Reich zusammenhalten müssen." Ein anderer intimer Freund des Hauses Bismarck, Graf, später Fürst Guido Henckel-Donnersmarck, schrieb mir: „Zu der angetretenen großen Erbschaft aufrichtigen Glückwunsch. Lägen nicht Caprivi und Hohenlohe dazwischen, würde ich mit größerer Begeisterung Glück wünschen und mich der Begebenheit inniger freuen. Indes, keine Rose ohne Dornen." Der mir seit jeher etwas unheimliche Dr. Hinzpeter schrieb mir, er gratuliere mir um so aufrichtiger, als er wisse, wie unendlich schwer es sei, zugleich das Vertrauen und die Sympathie seines früheren hohen Zöglings zu erwerben. Da es ihm selbst nur gelungen sei, das erstere und nicht das letztere zu erlangen, könne er sich nicht einer gewissen 394 HINZPETER ÜBER SEINEN ZÖGLING Bewunderung erwehren für den Mann, der beides sich gewonnen habe, und Seine Majestät sei „wegen solchen seltenen Fundes" glücklich zu preisen. Schwungvoll war der Glückwunsch unseres Botschafters in Madrid, Josef von Radowitz, der mir einst in Paris und vorher, während ich Geschäftsträger in Athen war, ein Vorgesetzter gewesen war, von dem ich manches gelernt hatte, mit dem aber nicht immer leicht auszukommen war: „Sie sind nun, vom Vertrauen aller getragen und gerufen, auf die Höhe gelangt. Gestatten Sie mir, in freudiger Ergebenheit Ihnen und uns dazu Glück zu wünschen, wenn ich auch wohl fühle, wie groß und ernst das persönliche Opfer ist, das Sie im Einsatz Ihrer ganzen Lebenskraft dabei bringen. Möge Ihnen vor allem das Rüstzeug der Gesundheit erhalten bleiben. Dann soll sich der alte Spruch erfüllen, der die Ziele der Gegenwart und Zukunft mit dem Vergangenen verbindet: Zu alter Wahrheit neue Liebe, Zu neuem Leben neue Triebe, Vor altem Bösen neues Grauen, Zum alten Gott ein neu Vertrauen, Ein neues Schwert zu neuem Kriege, Im alten Kriege neue Siege!" Der langjährige württembergische Ministerpräsident Herr von Mittnacht, dem ich anläßlich seines in dieser Zeit erfolgten Rücktrittes den sehr verdienten Dank ausgeprochen hatte, den die Reichspolitik diesem klugen und charaktervollen Staatsmann schuldete, schrieb mit seinem Dank für meine Zuschrift: „Ich habe es freudig begrüßt, als das höchste Reichsamt in die Hände Eurer Exzellenz gelegt wurde, in welchen es wohl und sicher bewahrt ist." Schlicht und einfach, wie es seinem vornehmen Wesen entsprach, hatte mir der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg, vom Kaiser über meine bevorstehende Ernennung unterrichtet, schon vor meinem Eintreffen in Homburg telegraphiert: „Innigen Glückwunsch und Gottes Segen." Ans Herz grifF mir der Glückwunsch der Beamten des Chiffrierbüros, dieser ausgezeichneten Männer, durch deren Hände täglich die wichtigsten Meldungen und Instruktionen, große Staatsgeheimnisse gingen, deren Pflichttreue ihresgleichen suchte. „Euer Exzellenz", schrieb mir im Namen der Beamten des Chiffrierbüros ihr Vorsteher, der alte Geheimrat Willisch, „wollen gnädigst gestatten, daß die gehorsamst unterzeichneten Beamten aus Anlaß der durch Übertragung der höchsten Würde des Reichs Eurer Exzellenz zuteil gewordenen ruhmvollen Allerhöchsten Auszeichnung in tiefster Ehrerbietung ihre treusten Glückwünsche darbringen dürfen. Wie dieselben mit stolzem Vertrauen und in unwandelbarer Verehrung und Dankbarkeit zu ihrem bisherigen Herrn Staatssekretär ^^^■i KIDERLEN, TSCHIRSCHKY. SCHÖN 395 emporgeblickt haben, so werden sie diese Gefühle allezeit auch ihrem nunmehrigen Herrn Reichskanzler entgegenbringen und durch treue Pflichterfüllung sich bemühen, das ihnen bisher stets erwiesene Wohlwollen auch fernerhin zu verdienen." Ich erwiderte: „Ihnen und den Beamten des Chiffrierbüros, die mich mit voller Hingebung so treu unterstützt haben, herzlichsten Dank in immer gleicher Gesinnung." Willisch war ein Original. Er hatte schon unter dem Ministerpräsidenten Manteuffel sein Amt versehen und diesem gleichzeitig als Geheimsekretär gedient. Er gehörte einer protestantischen Sekte an, ich glaube den Herrnhutern, liebte mystische Grübeleien und hatte infolge eifriger Lektüre der Apokalypse bisweilen seltsame Visionen, die an die Bilder erinnerten, die der Jünger, den der Herr liebhatte, auf der Insel Patmos schaute. Es erschienen ihm nicht nur Engel und Posaunen und himmlische Reiter auf weißen Pferden, sondern hie und da auch das böse Tier mit den zehn Hörnern und der Drache auf dem Stuhl. Dann schrieb er mir mit dem Vermerk „Eigenhändig! Ganz geheim!" versehene Briefe, in denen er solche Visionen mit politischen Ereignissen der Gegenwart verknüpfte. Das verhinderte Willisch aber nicht, ein überaus tüchtiger und pflichttreuer Beamter zu sein. Bald nach meiner Ernennung zum Reichskanzler fand ich die Möglichkeit, drei jüngeren Diplomaten persönliche Wünsche zu erfüllen. Ich ver- Revirements schaffte dem Gesandten in Kopenhagen, Kiderlen, die Versetzung nach Bukarest, die er wünschte, da ihn das bunte, zuweilen stürmische politische Leben in Rumänien stärker anzog als die mehr beschauliche Tätigkeit in dem stillen Kopenhagen. Tschirschky, damals Botschaftsrat in St. Petersburg, erhielt den Gesandtenposten in Luxemburg. Der spätere Botschafter und Staatssekretär Schön wünschte lebhaft, wieder in den diplomatischen Dienst zurückzukehren. Ich habe schon erzählt, wie ich dies am 9. September 1899 auf der Fahrt von Karlsruhe zur „Hohenzollern" bei Seiner Majestät durchsetzte. Schön war als Botschaftsrat in Paris von dem Botschafter Münster nicht gut behandelt worden. Fürst Münster, der für Paris wie vorher für London manche Qualitäten besaß, war ein nicht immer freundlicher Chef und von Hause aus ein hochfahrender hannöverscher Aristokrat. Er konnte es Schön, der einer in der Lederindustrie reich gewordenen Wormser Familie entstammte, nicht verzeihen, daß er „nach Leder" röche. Schön flüchtete sich mit Hilfe der Kaiserin Friedrich, der er sich nützlich gemacht hatte, als ihr von der in Paris lebenden steinreichen Herzogin von Galliera eine große Erbschaft zufiel, an den Koburger Hof, wo es aber auch nicht lange mit ihm ging. Böse Zungen behaupteten, daß er, als die Herzogin Alfred von Koburg, die einzige Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, ihm ihre Huld zuwandte, der hohen Dame eine hübsche Schauspielerin des Koburger Theaters vorgezogen hätte. I 396 KEINE CORDELIA UNTER DEN DREI Also der Fall von Lord Leicester und Monaldeschi, nur daß der Ausgang, Gott sei Dank, kein so tragischer war. Schön sollte als Botschafter wie als Staatssekretär manches Unheil anrichten. Bei Shakespeare fragt König Lear seine drei Töchter, welche ihn am meisten liebe. Regan und Goneril ergehen sich in feurigen Beteuerungen ihrer brennenden Liebe für ihren angebeteten Vater, während Cordelia liebt und schweigt. Dem Vorbilde der Cordelia folgte keiner der drei von mir bevorzugten Diplomaten. Am meisten Würde bewahrte Kiderlen, der sich damit begnügte, für die ihm von mir stets und jetzt erneut bewiesene wohlwollende Gesinnung seinen wärmsten Dank darzubringen und mich seiner unwandelbaren Dankbarkeit und Ergebenheit zu versichern. Tschirschky bat um die Erlaubnis, in dem Bewußtsein, den ihm gewordenen Allerhöchsten Gnadenbeweis in erster Linie meinem „gnädigen", ihm stets gezeigten Wohlwollen zu danken, dem Gefühl seiner „tiefsten" Erkenntlichkeit Ausdruck geben zu dürfen. Er bäte mich, jederzeit mich seiner „treusten" Anhänglichkeit und „steten" Verehrung versichert halten zu wollen. Schön schrieb: „Ich bitte Euer Exzellenz, versichert sein zu wollen, daß ich die mir zugedachte hohe Auszeichnung nach ihrem vollen und besonderen Wert zu schätzen weiß und alle Kraft daran setzen werde, mich derselben würdig zu erweisen, wohl bewußt, daß ich dieselbe in erster Linie Eurer Exzellenz freundlichem Interesse und gütiger Fürsprache verdanke, wofür ich meine ehrerbietigste, wärmste Erkenntlichkeit ausspreche." Am relativ anständigsten benahm sich in der Zukunft mir gegenüber der für roh geltende Kiderlen, der nur in seinen an Frau Kypke gerichteten Billetdoux über mich herzog. Der „treu gehorsamst ergebene" Schön schwenkte von mir ab, als 1908 der Novembersturm losbrach. Tschirschky intrigierte schon früher gegen mich. Überrascht hat mich keiner dieser Gesinnungswechsel. XXV. KAPITEL Einzug des Grafen Waldersee in Peking • Die auswärtige Lage • Deutsch-Englischer Chinavertrag • Österreich-Ungarn • Philipp Eulenburg über den österreichisch-ungarischen Thronfolger, Verhältnis Kaiser Wilhelms zu Erzherzog Franz Ferdinand • Unsere Beziehungen zu Frankreich • Heeresforderungen • Adelsregimcnter • Rußland: Brief des Generals von Werder über russische Verhältnisse, General von Schweinitz über Kußland • Graf Lambsdorff, russischer Minister des Äußern Unter dem Fürsten Hohenlohe hatte ich die auswärtigen Geschäfte ziemlich seihständig geführt. Es war aber verständlich, daß mir nach meiner Ernennung zum Reichskanzler meine persönliche Verantwortung für den Gang unserer auswärtigen Politik noch deutlicher zum Bewußtsein kam und daß ich noch stärker die Pflicht empfand, alle Kräfte anzuspannen, um die Zukunft des deutschen Volkes zu sichern und ihm durch Vorsicht, Umsicht und, soweit menschliches Vermögen reicht, Einsicht den Frieden mit Ehre und mit Würde zu erhalten. Bismarck hat mehr als einmal geäußert, daß der Mensch, da die wirklichen Propheten und Prophetensöhne ausgestorben wären, den Gang der Ereignisse nur für etwa vier bis fünf Jahre voraussehen könne. Er hatte in einem berühmten Erlaß an Harry Arnim es sogar als einen gewöhnlichen Fehler gerade deutscher Politiker bezeichnet, sich von zu langer Hand auf die Ereignisse vorzubereiten. Ich habe ihn auch sagen hören, in der Politik wäre Weitsichtigkeit gefährlicher und ein größerer Fehler als Kurzsichtigkeit. Worauf es ankomme, sei, Menschen und Dinge realpolitisch zu nehmen. Der geniale Ferdinand Lassalle hat das Wort geprägt: „Sehen, was ist!" Alle wirklichen Staatsmänner, Cavour und Disraeli, Thiers und Franz Deäk, waren mit Bismarck darin einig, daß es politisch darauf ankomme, zu sehen, was ist. Diese Pflicht lag mir doppelt ob, wo der Monarch, dem ich diente, im Gegensatz zu seinem nüchternen Großvater, mehr Phantasie als „bon sens" besaß und daher Gefahr lief, Personen und Ereignisse entweder zu überschätzen oder zu unterschätzen und zwischen sanguinischem Optimismus und pessimistischer Verzagtheit hin und her zu schwanken. Nachdem sich der Schwärm der ersten Gratulanten und Besucher verlaufen und ich in der Frage des Zolltarifs mit meinen Kollegen und den Führern des Zentrums, der Nationalliberalen und der Konservativen die 398 DIE KAISERIN FÜR DIE BUREN erforderlichen Rücksprachen genommen hatte, war ich bestrebt, mir in abgemessenen Stunden und in ruhiger Überlegung die auswärtige Situation noch einmal klarzumachen. Am Tage meiner Ernennung zum Reichskanzler war Feldmarschall Fortgang Graf Waldersee in Peking eingetroffen. Damit trat die chinesische Frage des in das Stadium ganz überwiegend diplomatischer Behandlung. Am Tage nach Burenhnegs me ^ ]lel Ernennung schiffte sich Präsident Krüger in Lourenzo Marques auf dem niederländischen Kreuzer „Gelderland" nach Europa ein. Es lag auf der Hand, daß Ohm Krüger, nachdem Lord Roberts Johannesburg und Pretoria besetzt, der englische Gouverneur der Kapkolonie im Parlament den Krieg als fast beendet bezeichnet und endlich Lord Roberts am 3. September die südafrikanische Republik für annektiert erklärt hatte, sein ganzes Bestreben darauf richten würde, die europäischen Kontinentalmächte und namentlich Deutschland, wo in allen Kreisen besonders lebhafte Sympathien für die Buren bestanden, zu einer Intervention zu bewegen. In beiden Burenländern wurde der Guerillakrieg fortgesetzt. Die Burenführer Wet und Delarey meldeten fortgesetzte Erfolge. Der erstere fiel sogar in die Kapkolonie ein, was die Hoffnungen der deutschen Burenfreunde neu belebte und sie in der Überzeugung bestärkte, daß die Sache der Buren noch nicht endgültig verloren wäre, sofern die deutsche Regierung sich nur entschlösse, endlich zu ihren Gunsten zu intervenieren. Es war mit Sicherheit zu erwarten, daß ich gegenüber den im Reichstag wie im deutschen Volk weit verbreiteten und sehr hitzigen Sympathien für die Buren einen harten Stand mit meiner Politik strenger Neutralität und absoluter Nicht-Intervention haben würde. Die Kaiserin, deren Herz von Anfang an mit der großen Mehrheit des deutschen Volkes für die Buren schlug,, hatte mir im Sommer geschrieben: „Eben teilt mir der Kaiser mit, daß die Buren ihn telegraphisch um Vermittlung des Friedens angegangen hätten. Der Kaiser hat, wie Ihnen natürlich schon bekannt ist, nur unter der Bedingung zugesagt, daß England dasselbe täte, sonst nicht. Ich telegraphierte dem Kaiser, ich hoffte, er würde günstige Friedensbedingungen für die Buren bewirken können, da sie dies durch ihre Tapferkeit doch verdient hätten. Ich wollte auch in diesem Sinne schreiben, habe noch meinem Brief hinzugefügt, die Engländer müßten doch einsehen lernen, daß die armen Buren auf ihrem Grund und Boden existenzberechtigt seien. Ich fürchte, wir werden sonst wieder zu sehr auf die englische Seite gedrängt. Der Kaiser sprach sich in letzter Zeit sehr zugunsten der Engländer aus." Unbekümmert um diese im deutschen Volk wie in der unmittelbaren China-Vertrag Umgebung Seiner Majestät zum Teil stürmisch hervortretenden Sympa- mit England thien für die Burensache, hatte ich vierundzwanzig Stunden vor meiner Ernennung zum Reichskanzler mit England über die chinesische Frage und DIE OFFENE TÜR 399 die von beiden Mächten in China zu verfolgende Politik ein Abkommen getroffen, das in nuce folgendes festsetzte: 1. Für die Angehörigen aller Nationen offene Tür in allen an den Flüssen und an der Küste Chinas gelegenen Häfen, insbesondere auch in denjenigen Teilen des chinesischen Gebiets, wo England und Deutschland einen Einfluß ausüben könnten. 2. Aufrechterhaltung des unverminderten Territorialbestands des chinesischen Reichs. 3. Sollte eine andere Macht die chinesische Komplikation benutzen, um unter irgendeiner Form territoriale Vorteile zu erlangen, so behalten Deutschland und England sich vor, sich untereinander über etwaige Schritte zur Sicherung ihrer eigenen Interessen in China zu verständigen; sie wollen ihrerseits die gegenwärtige Verwicklung aber nicht benutzen, um für sich territoriale Vorteile auf chinesischem Gebiet zu erlangen. Dieser Vertrag sollte allen in China interessierten Mächten, also Frankreich, Itaüen, Japan, Österreich-Ungarn, Rußland und den Vereinigten Staaten von Amerika, mit der Aufforderung mitgeteilt werden, den darin niedergelegten Grundsätzen beizutreten. Die nächste Folge dieses Vertrages war, daß in England die ministeriellen Blätter meine Ernennung zum Reichskanzler mit Beifall begrüßten. Dagegen griffen mich die russischen Blätter wegen des deutsch-englischen China-Vertrages scharf an. Die „Nowosti" erklärten, daß ich den Verstand verloren hätte, die „Nowoje Wremja" drohte mit einem Gegen vertrage zwischen Rußland, Frankreich, Amerika und Japan. Bei meiner an diese Vorgänge anknüpfenden Betrachtung der internationalen Lage wandte ich naturgemäß meine Blicke zunächst unserem Österreich- österreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu. Uber seine innere Schwäche Ungarn und fortschreitende Zersetzung durch die Hybris der Magyaren, die Arroganz der Polen, die durch den österreichischen Hochadel genährte Uberhebung der Tschechen war ich mir nie im Zweifel gewesen. Die Zertrümmerung der Doppelmonarchie durften wir nicht zulassen, denn dann standen wir, nachdem Caprivi und Marschall leider den Draht mit Rußland zerschnitten hatten, allein auf weiter Flur, und bei einem kontinentalen Krieg konnte uns England zu Lande nicht viel helfen. Wenn wir aber die habs- burgische Monarchie weder vernichten noch durch ungeschickte Behandlung in das gegnerische Lager treiben durften, so war andererseits eine der vornehmsten Pflichten unserer Politik, Österreich zu führen, nicht aber uns von Österreich in einen unheilbaren Gegensatz zu Rußland drängen oder gar in einen Krieg mit Rußland verwickeln zu lassen. Die habsburgische Monarchie glich einem alten, halb ruinierten Kavalier, der allmählich in die Stimmung geraten ist, mit Galgenhumor alles auf eine Karte zu setzen. 400 WILHELM IL BRÜSKIERT FRANZ FERDINAND Namentlich die österreichischen Militärs waren leichtsinnig, wie sie dies vor 59 und 66 auch gewesen waren. Gegenüber Rußland wie auch gegenüber Italien, Serbien und Rumänien mußten sie fest an der Leine gehalten werden. In den Vordergrund der österreichischen Politik trat bei dem hohen Der Alter und der zunehmenden Stumpfheit des Kaisers Franz Josef mehr und österreichische menr eters ^ v besten Anwärter ansehe, geschrieben hatte: „Verehrter Graf! Durch Influenza ans Bett gebunden, diktiere ich meiner Tochter den Dank dafür, daß Sie mir durch einen Beweis ehrenden Vertrauens die Anregung gaben, über einen mich besonders interessierenden Gegenstand nachzudenken. Vor meinem Ausscheiden im Herbst 1892 bezeichnete ich als maßgebend für die Wahl meines Nachfolgers drei Punkte: Diplomat von Fach; geborener Preuße; Vertrauen erweckende Persönlichkeit. Euer Exzellenz erinnern sich, wie sehr Alexander III. zu Mißtrauen neigte, besonders gegen geistig hervorragende Menschen. Die drei von mir bezeichneten Eigenschaften fand ich damals in Grafen Alvensleben vereinigt. General Caprivi stimmte mir bei, und wenn ich nicht irre, hatte auch Seine Majestät schon eingewilligt, als unter Wladimirschem Zutun ein Wechsel eintrat. Kaiser Alexander, dem mein Abgang unerwünscht und die Ernennung eines Unbekannten unheimlich war, hatte sich gefreut, als man ihm den von früher her bekannten und sympathischen Alvensleben nannte. Dies war aber Alvensleben caelebs. Mit Eurer Exzellenz halte ich Baron Stumm für den Geeignetsten ; er hatte eine gute Stellung in Petersburg, verstand es vortreff Uch, mit den gros-bonnets der Ministerien laufenden Geschäften nachzuhelfen; dabei stand er mit den femmes huppees auf gutem Fuß. Die Baronin Stumm ist elegant, klug, reich, der Frau von Montebello mindestens gewachsen. Ich fürchte aber, Baron Stumm würde den Posten nicht annehmen; einer der Faktoren seines Ausscheidens ist noch nicht beseitigt, außerdem ist seine Gesundheit nicht gut. Er ist ruhelos — aber wer dann ? Ich muß 408 PARISER EINZUGSMARSCH UND MARSEILLAISE erklären, warum ich Wert darauf lege, daß wir in Petersburg durch einen Preußen vertreten werden. Obgleich die Pietätstraditionen von Königin Luise, Heiliger Allianz, Kaiserin Charlotte usw., welche 1866 und 70 noch schwer wogen, gründlich verwischt sind, so gibt es doch unlösbare Bande, welche Rußland an Preußen, nicht aber an das Reich fesseln, vor allem die Teilung Polens mit ihren endlosen Konsequenzen. Ich möchte unsere Beziehungen zu Rußland so sorgsam gepflegt sehen, daß wir selbst in dem schlimmsten Falle — Zerwürfnis im Reiche — ein preußisch-russisches Bündnis haben können, gleichviel auf wessen Kosten. Nach Kaiser Franz Josefs Abberufung wird es nur zwei wirkliche Monarchen geben. Zwischen ihnen muß ein fester Preuße stehen; ein plumper Schwabe, ein liberaler Badenser, ein katholischer Bayer würden solche Geschäfte nicht besorgen können. Darüber, daß ein Fachmann nach Petersburg gehört, bin ich ebenso wie 1892 nicht im Zweifel. Besonders erscheint es nicht ratsam, einen General dorthin zu schicken: das, was früher so nützlich war, die häufige Begegnung mit dem Kaiser, ist weggefallen; eine Erscheinung wie Werder oder ich in Krasnoje Selo an der Tafel, wo Kaiser Alexander der Zweite in Gegenwart des Generals Chanzy mit mir auf St.-Privat anstieß und den Pariser Einzugsmarsch spielen Heß, wäre jetzt, wo die Marseillaise gespielt wird, ein gespensterhafter Anachronismus. Da wäre ein Admiral noch besser wie ein General. Das dritte meiner Postulate von 1892: vertrauenerweckende Persönlichkeit, fällt jetzt weg; das Reich braucht in Petersburg einen Vertreter, der nicht bloß mit dem Grafen Murawiew fertig wird, was ja wohl nicht schwer sein dürfte, sondern der auch tanti ist, einem der merkwürdigsten Staatsmänner unserer Zeit, dem Herrn von Witte, gegenüber Stellung zu nehmen. Eine solche Kapazität würden Euer Exzellenz vielleicht unter mir nicht bekannten Persönlichkeiten finden, aber leider ist die gesellschaftliche Stellung des Botschafters oder des botschaftlichen Paares in St. Petersburg von solcher Wichtigkeit, daß sie meines Erachtens in erster Linie erwogen werden muß. Die große intellektuelle Arbeit, freilich nicht die mikroskopische Beobachtung, kann ja schließlich in der Villa an der Königgrätzer Straße besorgt werden; aber den kleinen ,pannes' in der großen Morskoi ist von Berlin aus nicht vorzubeugen, und da weiß ich nun freilich kein anderes Ehepaar als das Pourtalessche. Ich sehne mich nach einem Stündchen Gesprächs mit Ihnen, aber ich konnte wegen Unwohlseins nicht zum Ordenskapitel kommen und kann mich schwer zu einer Reise entschließen, wenn kein äußerer Anlaß vorliegt. Mit der Bitte, mich der Frau Gräfin zu empfehlen und Ihren Herrn Bruder Alfred zu grüßen, bin ich in treuer Anhänglichkeit Ihr aufrichtig ergebener von Schweinitz." Die Bemerkung dieses Briefes über Baron Ferdinand Stumm bezog sich auf dessen Zerwürfnis mit Holstein. Während der Ära Caprivi-Marschall EIN ÜBERRASCHEND PLÖTZLICHES ABLEBEN 409 war es Holstein gelungen, Stumm, der unter Bismarck Botschafter in Madrid geworden war, durch allerlei Quertreibereien den Dienst zu verleiden. Graf Alvensleben war als Junggeselle in St. Petersburg mehrere Jahre Botschaftsrat, fungierte auch wiederholt als Geschäftsträger und machte sich allgemein beliebt. Durch seine Vermählung mit der verwitweten Generahn Winterfeld, geborenen Röder, hatte seine diplomatische Verwertbarkeit gelitten. Mit dem „plumpen Schwaben" meinte Schweinitz Herrn von Kiderlen-Wächter, mit dem „liberalen Badenser" Herrn von Brauer, mit dem „katholischen Bayer" den Grafen Berchen. Schweinitz traf den Nagel auf den Kopf, wenn er darauf hinwies, daß eins der bei verständiger deutscher Politik unlösbaren Bande, die Rußland an Preußen fesselten, die Teilung Polens wäre mit allen ihren Konsequenzen. Er hatte auch recht, wenn er forderte, daß unsere Beziehungen zu Rußland so sorgsam gepflegt werden müßten, daß wir selbst im schlimmsten Fall ein preußisch-russisches Bündnis haben könnten, gleichviel auf wessen Kosten. Das galt nicht nur für ein eventuelles Zerwürfnis im Reich, sondern in noch höherem Grade für das Verhältnis zwischen uns, Rußland und Österreich. Wir durften uns, wenn wir dem fridericianischen, dem bismarckschen Geiste treubleiben wollten, nicht ganz die Möglichkeit verbauen, in dem allerschlimmsten Fall uns mit Rußland auf Kosten von Österreich zu arrangieren. Während des Sommers 1900 war der russische Minister des Auswärtigen, Graf Murawiew, 55 Jahre alt, plötzlich gestorben. Sein Tod war ein Verlust Tod für uns, denn er hatte zwei gute Eigenschaften: er war klug genug, voraus- Murawiews, zusehen, daß ein großer Krieg in allen drei Kaiserreichen, namentlich aber Nachfolge in Rußland, für die monarchische Regierungsform eine gefährliche Probe sein würde, und er war von mißtrauischer und tiefer Abneigung gegen die Polen erfüllt. Sein Tod trat sehr unvermutet ein. Mein langjähriger Arzt und Freund Professor Renvers hat mir erzählt, daß sich Murawiew nicht lange vor seinem Tode von ihm habe untersuchen lassen. Renvers, dessen Diagnose selten fehlging, fand bei dieser Untersuchung das Herz von Murawiew in tadellosem Zustand. Ohne ein bestimmtes Urteil abgeben zu wollen, vertraute mir Renvers schon damals an, daß das Ableben des russischen Ministers des Äußern ihm sehr überraschend gekommen sei. Vierzehn Jahre später, bei Beginn des Weltkriegs, wurde der Finanzminister Witte gleichfalls sehr rasch und auch einigermaßen rätselhaft vom Tode ereilt. Beide, Witte wie Murawiew, starben der panslawistischen, revolutionären Bewegung sehr gelegen. Zum Nachfolger des Grafen Murawiew war nach einigem Schwanken am 8. August 1900 sein bisheriger Gehilfe Graf Lambsdorff ernannt worden. Lambsdorff war einer der treusten Jünger des ausgesprochen friedhebenden und deutschfreundlichen Ministers von Giers gewesen. Er war einer der wenigen Beamten des Hauses an Lambsdorffs 410 LAMBSDORFF der Sängerbrücke in St. Petersburg, wo die russische auswärtige Politik gemacht wurde, der in den deutschen RückVersicherungsvertrag eingeweiht worden war. Giers hatte sich seiner Feder bedient, um den Vertrag vorzubereiten und aufzusetzen. „C'est un homme de toute confiance", pflegte der Minister von seinem Mitarbeiter zu sagen. Lambsdorff war uns, als er ins Amt trat, politisch sehr wohlgesinnt. Er war vorsichtig, diskret, ein strenger Monarchist, friedhebend. Er hatte nur einen Fehler: er war eine sensitive Natur, er war empfindlich, er war nicht ohne Eitelkeit. Es kam für die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen viel darauf an, wie er von uns behandelt wurde. XXVI. KAPITEL Unsere Beziehungen zu England • Ihre Entwicklung seit den siegreichen Kriegen von 1866 und 1870 • Unterredung mit Admiral von Tirpitz im Gehölz von Düsternbrook, Besprechung der Flottenvorlage in der Kommission • Interpretation des Schlagwortes „Weltpolitik" gegenüber dem Abgeordneten Gröber • Botschafter Graf Hatzfeldt über Salisbury und England • Denkschrift des Grafen Paul Metternich über seine persönlichen Eindrücke in England Beziehungen Am kompliziertesten, also am schwierigsten, lagen unsre Beziehungen zu England. Gewiß war, wie ich mir schon drei Jahre früher, als mir die Phasen Leitung des Auswärtigen Amts übertragen wurde, klargemacht hatte und hier der deutsch- bereits ausführte, unser Verhältnis zu Rußland im letzten Ende noch lebens- c ^8^ s ^ en wichtiger als das Verhältnis zu England. Wie wir uns zu Rußland stellten, war eine Frage auf Leben und Tod. Unser Verhältnis zu England hatte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts drei Etappen durchgemacht. Der Deutsche war in England gesellschaftlich nie wirklich beUebt gewesen. Aber nachdem er als harmloser Träumer viele Jahre mehr belächelt als gehaßt oder gar beneidet worden war, erweckten unsre foudroyanten Siege von 1866 und noch mehr von 1870 jenseits des Kanals Erstaunen und eine gewisse Unruhe. Ich entsinne mich, daß der Phantasieroman der ,,Battie of Dorkey", der den plötzlichen Überfall des zu sorglos, zu faul, vor allem zu pazifistisch gewordenen Englands durch ein wildes Teutonenheer mit kühner Phantasie, aber drastisch schilderte, in der ersten Hälfte der siebziger Jahre von meinen englischen Kollegen und Freunden viel gelesen und unter damals meist noch humoristischen, hier und da aber schon besorgten Kommentaren besprochen wurde. Die Franzosen bliesen natürlich in dies Feuer, das vorläufig nur ein Feuerchen war. In den achtziger Jahren regte sich zum erstenmal und lebhaft die britische Eifersucht gegen das in glänzender und stürmischer, vielleicht zu stürmischer wirtschaftlicher Entfaltung vorwärtsdrängende Deutschland. Die aus dieser Eifersucht hervorgegangene Verordnung, daß alle deutschen Waren mit der Bezeichnung ihres Ursprungs, mit dem Vermerk „Made in Germany" kenntbch zu machen seien, erwies sich bald als ein Fehlschlag. Dieses Zwangsetikett wirkte nicht als abschreckendes Brandmal, sondern mehr als Lockung und 412 DIE KRÜGER-DEPESCHE Empfehlung. Die deutsche Konkurrenz wurde nicht geschwächt, sondern gestärkt, und mit ihr der englische Neid. Ich entsinne mich eines Gesprächs, das ich Anfang der achtziger Jahre in Paris mit der damaligen deutschen Kronprinzessin führte. Sie hielt sich auf der Rückreise von London nach Berlin einige Tage in Paris auf. Unter der weisen und taktvollen Obhut des Botschafters Chlodwig Hohenlohe verlief dieser Besuch ohne Anstoß. Die Kronprinzessin hatte mich, der ich damals Zweiter Sekretär unserer Botschaft war, mit dem kaiserlichen Botschafter zum Frühstück nach dem Hotel Westminster eingeladen, wo sie abgestiegen war. Ganz Engländerin, wie sie dies bis an ihr Lebensende blieb, klagte die Kronprinzessin vor dem nachsichtig lächelnden Hohenlohe darüber, daß die „unangenehme" und „aufgeregte" Konkurrenz, die der Deutsche dem Engländer neuerdings auch in solchen Branchen mache, wo die englische Ware bis dahin unbestritten den ersten Platz eingenommen hätte, in England starke und begreifliche Unzufriedenheit hervorrufe, was doch sehr traurig wäre. Die Deutschen sollten nicht so „pushing" sein. Der gleichfalls anwesende Bruder ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit, der Herzog von Connaught, nahm in taktvoller Weise uns arme Deutsche in Schutz, indem er ausführte, daß auf dieser großen und weiten Welt Platz für Deutsche wie für Engländer wäre. Die Kronprinzessin blieb aber dabei, daß unsere gar zu intensive und, wie sie behauptete, nicht immer „faire" Konkurrenz uns die bisherigen englischen Sympathien kosten würde, was tief zu beklagen sei. Den Ausgangspunkt der zweiten Phase der deutsch-englischen Beziehungen bildete die Krüger-Depesche. Baron Beyens, vor dem Weltkrieg belgischer Gesandter in Berlin, dann belgischer Minister des Äußern, erzählt in seinem Buche über seine Berliner Mission, auf das ich später noch einmal zurückkommen werde, daß ihm ein Jahr vor dem Ausbruch des Weltkrieges der englische Botschafter in Berlin, Sir Edward Goschen, gesagt habe, der Eindruck, den die Krüger-Depesche in England gemacht hätte, sei nie wieder ganz verwischt worden. Diese intempestive Kundgebung zerriß eben den freundlichen Vorhang, der bis dahin die Unzufriedenheit und Abneigung verhüllte, die sich seit dem Deutsch-Französischen Krieg in England nach und nach gegen uns angesammelt hatte. In das dritte und entscheidende Stadium der deutsch-englischen Beziehungen traten wir ein, als wir mit unserem Flottenbau begannen, der, wie ich wiederholt vor dem Reichstag und vor dem Lande darlegte und auch in diesen meinen Lebenserinnerungen ausgeführt habe, durch unsere elementare wirtschaftliche Entwicklung zur Notwendigkeit geworden war. Die mir bei meiner Berufung von Rom nach Berlin gestellte Aufgabe war, die zu einer Existenzfrage für uns gewordene Verstärkung unserer Flotte MIT TIRPITZ AN DER KIELER BUCHT 413 zu ermöglichen, ohne daß dieser Ausbau zu einem Krieg mit England führte. Ich sollte, wie der Kaiser und Tirpitz mir oft wiederholten, das deutsche Schiff durch die Gefahrzone leiten. Der ungeheuren Schwierigkeit dieser Aufgabe war ich mir vom ersten Tage an bewußt gewesen, und sie wurde mir mit jedem Tage meiner Amtsführung deutlicher. Ich entsinne mich eines ernsten Gesprächs, das ich in den ersten Jahren meiner Kanzlerschaft in Kiel mit Tirpitz führte. Wir machten zusammen einen Spaziergang auf dem Wege, der von Kiel durch das anmutige Gehölz Düsternbrook nach Bellevue führt. Von dem Weg, den schöne holsteinische Buchen beschatten, blickten wir auf die Kieler Bucht, die ich in meiner Kindheit als dänischen Hafen gekannt hatte und die ich später als Staatssekretär und Reichskanzler oft an Bord der Jacht „Meteor" durchquert habe. Die Kieler Föhrde ist die Königin der Ostseebuchten, tief wie das Weltmeer und dabei gegen Stürme geschützt, geräumig genug, allen Flotten der Welt zum Hafen zu dienen. Hier sollte ich an demselben Junitage, an dem ich 1897 mit der Leitung der auswärtigen Geschäfte betraut worden war, 1909 meinen Abschied als Reichskanzler erhalten, an Bord der prächtigen „Hohenzollern", die, als ich zurücktrat, umgeben war von der inzwischen zur zweitgrößten Marine der Welt gewordenen deutschen Flotte. Still, leer, ausgeraubt und wehrlos liegt heute die Kieler Föhrde vor uns, einst unser Stolz, heute ein trauriges, herzzerreißendes Bild unseres Zusammenbruchs und Niedergangs. Im Laufe jener Unterredung mit Tirpitz frug ich ihn, wann er glaube, daß unsere im Bau befindliche Flotte eine Stärke erreicht haben werde, die einen unprovozierten englischen Angriff für vernünftige Menschen unwahrscheinlich machen würde. Tirpitz erwiderte mir, daß wir etwa 1904 oder 1905 in die kritischste Phase unserer Beziehungen zu England eintreten würden. Um diese Zeit würde unsere Marine so stark geworden sein, daß sie in England Eifersucht und starke Unruhe hervorrufen werde. Nach diesem voraussichtlich kritischsten Moment werde sich die Gefahr eines englischen Angriffs mehr und mehr verringern. Die Engländer würden dann einsehen, daß ein Vorgehen gegen uns auch für sie mit einem unverhältnismäßigen Risiko verbunden wäre. Da wir nicht daran dächten, England anzugreifen, würde auf dieser Grundlage einem friedlichen Nebeneinanderleben und Sichentwickeln des deutschen und des englischen Volks nichts mehr im Wege stehen. In der Tat konnte, wie ich anläßlich des Kaiserbesuchs in England (November 1899) schon erwähnte, ein ausgesprochener Pazifist, einer der eifrigsten Befürworter guter Beziehungen Deutschlands zu England, ein Bewunderer und Vertrauter von Bethmann Hollweg, Professor Dr. Hans Delbrück, im November 1913 nach einem Besuch in England feststellen, daß der englische Argwohn gegen Deutschland geschwunden sei, daß an den guten Beziehungen zwischen England 414 KRIEG MIT ENGLAND? und Deutschland auch die Schiffsbauten nichts verdürben und daß überall Windstille herrsche. Das Furchtbare am deutschen Schicksal ist, daß wir die eigentliche Gefahrzone, schon überwunden hatten, daß sogar dem listenreichen König Eduard die Karten, die er so geschickt zu mischen wußte, der Tod aus der Hand genommen hatte, als eine kaum je dagewesene Verbindung politischer Kurzsichtigkeit, Unbesonnenheit und Ungeschicklichkeit uns durch Bethmann und Jagow doch in den Krieg hineingleiten ließ. Ich hatte mich im Frühling des Jahres 1900, in dessen Herbst ich Reichskanzler werden sollte, in der Budgetkommission des Reichstags eingehend und wiederholt über Zweck und Ziele unseres Flottenbaus ausgesprochen. Tirpitz hatte mich mündlich und schriftlich gebeten, die politische Begründung der damals eingebrachten Flottennovelle in der Kommission allein zu übernehmen. Der Reichskanzler Hohenlohe war bei seinem hohen Alter und mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit den langen und ermüdenden Kommissionssitzungen nicht mehr gewachsen. Tirpitz selbst konnte vorher ausgearbeitete Reden, wenn auch mit leiser Stimme, so doch bisweilen mit guter Wirkung, im Plenum vortragen, besaß aber für die Debatte in der Kommission nicht die wünschenswerte Schlagfertigkeit. In der Kommissionssitzung vom 27. März 1900 hatte ich in einer programmatischen Ausführung den Gedanken an die Spitze gestellt: der Zweck der Novelle sei vor allem, uns den Frieden auch gegenüber England zu sichern. Ein Zusammenstoß mit England würde, wie die Dinge heute lägen, für uns deshalb so gefährlich sein, weil uns England bei unserer gegenwärtigen Inferiorität zur See schweren Schaden zufügen könne, ohne jedes Risiko für sich selbst, während wir andererseits, solange wir zur See so schwach wären wie jetzt, gerade gegen England im Konfliktsfall kaum Bundesgenossen finden würden. Und wenn selbst Rußland in einem Konflikt mit England auf unserer Seite stünde, so würde doch bei unserer größeren Angreifbarkeit zur See die Hauptlast des Krieges auf uns fallen, und die Hauptverluste im Kriege würden uns treffen. Ein unglücklicher Krieg mit England könne uns durch die Vernichtung unserer groß und immer größer gewordenen überseeischen Interessen, durch die Zerstörung unseres Handels, die Schädigung unserer Exportindustrie in unserer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung um Generationen zurückwerfen. Wir könnten nur dann sicher sein, mit England dauernd in Frieden zu leben, wie wir dies aufrichtig wünschten, wenn ein englischer Angriff auf uns nicht mehr so gefahrlos erschiene wie heute. Heute lägen die Dinge so, daß wir gegen Angriffe von der Landseite wohl gerüstet wären, daß dagegen unsere Rüstung nach der Seeseite bei einem Angriff Englands die bedenklichsten Lücken aufweise. England sei die einzige Macht, die uns ohne erhebliches Risiko für sich WARNUNGEN 415 selbst angreifen könne. Die Möglichkeit eines solchen Angriffs sei aus zwei Gründen gegeben: einmal weil die imperialistischen Ideen in England, die dort seit Jahren mehr und mehr an Boden gewonnen hätten, nach der voraussichtlich siegreichen Beendigung des südafrikanischen Krieges völlig zur Herrschaft gelangen könnten, dann, weil infolge der scharfen wirtschaftlichen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, die wiederum die Folge unseres enormen industriellen Aufschwungs, unseres wachsenden Handels, unserer zunehmenden überseeischen Interessen sei, in den breiten Massen des englischen Volks sich mehr und mehr eine starke Antipathie gegen Deutschland als den Hauptkonkurrenten Englands rege. Bei imserer heutigen Schwäche zur See erscheine ein Krieg mit Deutschland der Mehrheit des englischen Volks als eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, zu der England nur seine Flotte brauche und die dem englischen Volk bei dem Fehlen der allgemeinen Wehrpflicht keine besonderen Opfer auferlegen würde. Seit einem Jahr, führte ich weiter vertraulich aus, wären unsere Beziehungen zu England ohne irgendwelche Veranlassung oder gar Schuld von unserer Seite zweimal in ein akutes und kritisches Stadium getreten. Solche Zwischenfälle, wie sie sich im Frühjahr 1899 in Samoa und im Januar 1900, anläßlich der Beschlagnahme unserer Postdampfer, ereignet hätten, ließen sich nicht immer diplomatisch beilegen. In beiden Fällen wäre England auch anderweitig engagiert gewesen, was eine friedliche Beilegung erleichtert habe. Und selbst auf dieser Basis sei die Beilegung des Konflikts gegenüber der Stimmung in England nur möglich gewesen durch ziemlich scharfe diplomatische Druckmittel, die sich ohne irgendwie genügende Macht nicht oft wiederholen ließen. Wenn wir solche Warnungen nicht beherzigten, so könnten wir uns ein drittes Mal in einer Lage sehen, wo wir nur die Wahl zwischen einer schweren Demütigung und einem unglücklichen Krieg haben würden. Gerade weil wir uns in Frieden neben England entwickeln wollten, nur im friedlichen industriellen und gewerblichen Wettstreit, müßten wir England gegenüber wenigstens zur Defensive fähig sein. Im Laufe der Debatte vom 27. März 1900 hatte ich gegenüber dem Zentrumsabgeordneten Gröber, der mich um eine authentische Inter- Deutsche pretation des Wortes „Weltpolitik" gebeten hatte, ausdrücklich betont, Weltpolitik daß ich unter Weltpolitik lediglich die Pflege und Entwicklung der uns durch die Ausdehnung unserer Industrie, unseres Handels und unserer Schiffahrt erwachsenen Aufgaben verstehe. Das Anschwellen der deutschen überseeischen Interessen könnten wir nicht hemmen. Unseren Handel, unsere Industrie, die Arbeitskraft, Regsamkeit und Intelligenz unseres Volks könnten wir nicht kappen. Wir dächten nicht daran, aggressive Expansionspolitik zu treiben. Wir wollten nur die schwerwiegenden Interessen schützen, die wir durch die natürliche Entwicklung der Dinge in allen Weltteilen 416 POLITIK DER SICHERUNG erworben hätten. Der in manchen Zentrumskreisen herrschende Argwohn, daß wir eine „protestantische "Weltpolitik" treiben wollten, wäre mir unverständlich. Ich hätte in meiner Politik in Ostasien wie in Kleinasien hinreichend gezeigt, daß mir die katholischen Interessen gerade so am Herzen lägen wie die evangelischen. Ich triebe weder protestantische noch katholische, sondern nur deutsche Politik. Offensive Tendenzen lägen uns völlig fern, wir wollten keine abenteuerliche und keine phantastische Politik, wir wollten uns nur in wirtschaftlicher wie in politischer Beziehung auch fernerhin im Frieden entwickeln. Gegenüber dem Abgeordneten Richter konstatierte ich, daß in Samoa das Verhalten unserer Offiziere korrekt, vorsichtig und zurückhaltend gewesen wäre. Unsere Marineoffiziere wären sogar, ungerechterweise, getadelt worden, weil sie nicht früher und schärfer eingeschritten wären. Unsere konsularischen Agenten hätten sich streng auf dem Boden der damals gültigen Samoa-Akte gehalten. Nichtsdestoweniger seien plötzlich englische und amerikanische Schiffe vor Samoa erschienen, sie hätten deutsches Eigentum beschossen und zerstört und die Samoa-Akte verletzt. Nur durch Anwendung energischer diplomatischer Druckmittel wären die Engländer zu bewegen gewesen, auf den gerechten und verständigen Vorschlag der Einsetzung einer gemeinsamen Kommission der drei Mächte in Samoa einzugehen. Die Art und Weise, wie die englische öffentliche Meinung die Samoafrage behandelt hätte, beweise, wie prekär unsere Lage gegenüber England bei der jetzt dort herrschenden imperialistischen und chauvinistischen Stimmung und Strömung geworden wäre. Der Entsendung unserer Flotte nach Manila hätte ich nur beigestimmt, um die dortigen erheblichen wirtschaftlichen deutschen Interessen zu schützen. Jede feindliche Tendenz gegen Amerika läge uns völlig fern. Aber auch in den Vereinigten Staaten sei seit dem amerikanisch-spanischen Kriege die Stimmung von Regierung und Volk so chauvinistisch geworden, daß die bloße Anwesenheit deutscher Schiffe genügt habe, eine, von mir glücklicherweise wieder beigelegte, Spannung herbeizuführen. Solche Vorfälle zeigten, welchen Gefahren der Friede bei unserer jetzigen Schwäche zur See ausgesetzt sei. Gegenüber dem Abgeordneten Bebel führte ich aus, daß zwischen der Flottennovelle und meiner friedlichen Politik gegenüber England kein Widerspruch bestehe. Beide hätten denselben Zweck, nämlich den, die Aufrechterhaltung des Friedens zu sichern. Wir wollten unsere Flotte verstärken, weil wir hierin eine Sicherung gegen die Gefahr eines englischen Angriffs erblickten: wir verfolgten eine auswärtige Politik, welche die englische Empfindlichkeit sorgsam schone, weil wir nicht mit England in einen Konflikt geraten wollten. Gegenüber der Kritik, die an dem Kaiserbesuch in England, an der Südsee-Abmachung über Samoa und an dem deutsch-englischen Abkommen über Südafrika als Symptomen übertriebenen EUGEN RICHTER ZU ALT 417 Entgegenkommens gegenüber England geübt worden war, verteidigte ich sowohl die letztgenannten Abkommen und den Kaiserbesuch in England wie insbesondere unsere absolute Neutralität gegenüber dem Burenkrieg mit der Notwendigkeit und Pflicht, freundliche und freundschaftliche Beziehungen zu England aufrechtzuerhalten. Diese Pflicht ergebe sich aus der europäischen Gesamtweltlage wie aus dem deutschen Gesamtinteresse. Wir könnten in Südafrika nicht den kleineren Interessen die größeren und wichtigeren opfern. Auf einen Zwischenruf des Abgeordneten Bebel erwiderte ich sofort und mit dem allergrößten Nachdruck: wir würden auch mit größerer Macht zur Eugen Richter See eine maßvolle und besonnene Politik treiben. Die mir in den Mund und dle Fl° tle gelegte Äußerung, wenn wir erst eine starke Flotte hätten, würden wir vom Leder ziehen, hätte ich natürkch nie gemacht. Ich sei kein Narr und redete keinen Blödsinn. Auch mit einer verstärkten Flotte würden wir eine durchaus friedliche Politik verfolgen. Wenn wir zur See stärker wären, würden uns andere Mächte mehr respektieren und solche Zwischenfälle wie in Samoa und bei der Beschlagnahme der Reichspostdampfer sich hoffentlich nicht wiederholen. Ich betonte schließlich — nicht ganz zur Zufriedenheit von Tirpitz, dem vor allem an dem schleunigen Bau der großen Schlachtflotte gelegen war —, daß ich für den Schutz unserer Handelsinteressen vom Standpunkt des auswärtigen Ressorts hohes Gewicht auf die Forderung der Auslandsschiffe legen müsse. Gerade in Südamerika und Ostasien bedürften wir eines größeren Schutzes durch Vermehrung der Zahl unserer Kreuzer. Es war nach der langen und bewegten Sitzung der Budgetkommission vom 27. März 1900, daß, wie ich in meinem Buch „Deutsche Politik" schon erwähnt habe*, der Führer der Volkspartei, Eugen Richter, an mich herantrat und mir unter vier Augen sagte: „Sie werden es durchsetzen, Sie werden die Mehrheit für Ihre Flottennovelle bekommen. Ich hätte es nicht gedacht." In der Unterredung, die sich an diese Bemerkung knüpfte, bemühte ich mich, dem in mancher Hinsicht tüchtigen Mann darzulegen, warum mir seine ablehnende Haltung gegenüber der Flottenvorlage nicht verständlich wäre, denn deutsche Seegeltung sei während Jahrzehnten gerade von der deutschen Demokratie gefordert worden. Herwegh habe der deutschen Flotte das Wiegenlied gesungen, und die ersten deutschen Kriegsschiffe seien im Jahre 1848 erbaut worden. Ich wies auf alle Gründe hin, aus denen wir unsere Industrie und unseren Handel auf dem Weltmeer schützen müßten. Richter hörte mir freundlich und aufmerksam zu und meinte schließlich: „Sie mögen recht haben. Ich bin aber zu alt, ich kann die Wendung nicht mehr mitmachen." Die von Eugen Richter vorausgesagte Wendung trat in der Blockzeit ein. * Fürst von Bülow, „Deutsche Politik". Volksausgabe, S. 116. 27 Bülow I 418 SALISBURY NOCH SEHR GEREIZT Schon vor dem Kaiserbesuch in Windsor und Sandringham, im Früh- Hatzfeldt sommer 1899, hatte ich die Aufmerksamkeit unserer Botschaft in London auf bei Salisbury Marokko gelenkt. Das Bestreben der Franzosen, ihren nordafrikanischen Besitz durch Marokko zu vergrößern, trat immer sichtbarer hervor, und der Gedanke lag nahe, daß Deutschland und England sich über die Zukunft dieses Landes verständigen könnten. Graf Hatzfeldt hatte auf meine Anregung durch ein längeres Schreiben an Holstein vom 8. Juli 1899 geantwortet, in dem er zunächst darauf hinwies, daß der englische Premierminister die persönlichen Angriffe, zu denen sich Kaiser Wilhelm II. ihm gegenüber leider hatte hinreißen lassen, noch keineswegs verdaut habe. Obschon Lord Salisbury hochmütige Gleichgültigkeit vorschütze, sei er innerlich noch sehr gereizt gegen unseren Kaiser, wie das aus manchen seiner Äußerungen hervorgehe. Das politische Gespräch über Marokko habe dem englischen Premierminister Gelegenheit zu recht lebhaften, um nicht zu sagen scharfen Auslassungen in dieser Richtung gegeben. Er, der Botschafter, habe ernste Bedenken getragen, diese Äußerungen amtlich wiederzugeben und dadurch öl ins Feuer zu gießen. Er habe aber während seiner Konversation mit Lord Salisbury es an freundschaftlichen, jedoch sehr bestimmten Warnungen bezügHch einer Abschwenkung von Deutschland nicht fehlen lassen, wie sie kaum ein anderer in London riskieren könnte. Als Lord Salisbury eine gewisse Ungläubigkeit bezüglich anderer europäischer Gruppierungen habe durchbHcken lassen, erklärte ihm Hatzfeldt, er könne ihm aus eigener persönlicher Erfahrung vertraulich das Beispiel anführen, daß selbst der „Freund" des enghschen Premierministers, der französische Botschafter in London, Baron Courcel, Deutschland in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die französische Unterstützung angeboten habe, wenn wir nur in die Liste der in London zu erhebenden Reklamationen auch Ägypten aufnehmen wollten, was wir abgelehnt hätten. Außer Frankreich gäbe es aber noch andere Mächte, deren Bestreben dahin gehe, sich mit uns zu verständigen, wahrscheinlich auf Kosten Englands. Der Marineminister Goschen habe ihm, Hatzfeldt, neulich eingewendet, daß Deutschland keine ernste Schwächung Englands wünschen könne. Graf Hatzfeldt hatte erwidert, daß dies richtig sei, vorausgesetzt, daß die deutschen berechtigten Interessen von England gebührend berücksichtigt würden. Die Gefahr England feindlicher Kombinationen läge aber vor, solange man Deutschland in England so schlecht behandle und für die deutschen Interessen weder Verständnis noch tatsächliches Entgegenkommen zeige. So mächtig die englische Flotte sein möge, so lasse sich doch die Möglichkeit nicht bestreiten, daß England durch gewisse, immerhin mögliche Kombinationen in eine unbequeme Lage kommen könnte, die DEM KAISER EIN VERGNÜGEN MACHEN 419 sich durch etwas größeres Entgegenkommen Deutschland gegenüber jedenfalls vermeiden ließe. Lord Salisbury, dem die Erwähnung der Unterhaltung mit Mr. Goschen und die Äußerung desselben wenig erwünscht schien, war auf keine nähere Erörterung zukünftiger politischer Eventualitäten eingegangen. Als Graf Hatzfeldt ihn durch Hinweis auf die Unsicherheit der Zukunft drängte, bemerkte ihm Lord Salisbury, daß England in gewissen Fällen nach seinem Wappenspruch würde handeln müssen: „Dieu et mon droit." Er hatte höflich hinzugefügt, daß er an der freundschaftlichen Absicht der Sondierung des Botschafters durchaus nicht zweifle. Seine persönliche Gereiztheit wäre aber sofort wieder hervorgetreten, als Graf Hatzfeldt die Unterredung von neuem auf Marokko lenkte. Nachdem sich Lord Salisbury längere Zeit gedreht und gewendet hätte, um jeder eingehenden Äußerung zu entgehen, meinte er, sein Hauptgrund gegen die fragliche Abmachung sei seine entschiedene und grundsätzliche Abneigung gegen alle Verträge, durch die das Besitztum noch lebender Eigentümer im voraus geteilt werden solle. Als Graf Hatzfeldt einwandte, daß Lord Sabsbury ganz dasselbe seinerzeit bezüglich der Kolonien des England befreundeten Portugal getan habe, hatte der Premierminister lebhaft erwidert, dies habe Mr. Bal- four getan, den er dafür nicht tadeln wolle; er, Salisbury, würde das deutschenglische Abkommen über die portugiesischen Kolonien nicht geschlossen haben. Auf die sofortige und bestimmte Einwendung des Botschafters, daß er 1899 den wesentlichsten Teil jenes deutsch-engbschen Abkommens mit Lord Salisbury selbst verhandelt und festgestellt habe, hatte Lord Salisbury mit den Achseln gezuckt und wiederholt, er würde jenes Abkommen mit uns nicht abgeschlossen haben. Als Graf Hatzfeldt ferner geltend machte, daß es jetzt darauf ankomme, die durch mancherlei Zwischenfälle, wie Samoa, getrübten Beziehungen zwischen Deutschland und England wiederherzustellen, und daß die Berücksichtigung unserer Interessen in Marokko der beste Weg dazu sei, hatte Lord Salisbury mit einer gewissen Bitterkeit erwidert: „Sie wollen Ihrem Kaiser damit ein Vergnügen machen, und da soll ich mittun." Im weiteren Verlauf seines Briefes an Holstein erbat Graf Hatzfeldt meine Zustimmung dazu, daß er derartige gereizte persönliche Äußerungen des Premierministers, insbesondere gegen Seine Majestät den Kaiser, nicht zum Gegenstand seiner amtlichen Berichterstattung mache, weil dadurch, wie die Dinge lägen, der größte Schaden angerichtet werden würde. Er werde nicht unterlassen, alles zu tun, damit die gereizte Stimmung des englischen Premierministers gegenüber Seiner Majestät dem Kaiser durch eine ruhigere, objektive Auffassung der poHtischen Situation ersetzt würde. Dazu gehöre aber Zeit. 27« 420 FAULE ÄPFEL Zunächst müsse sich der Botschafter nach seiner auf langer Erfahrung begründeten Überzeugung ganz still verhalten. Vor allem müsse er den Eindruck vermeiden, daß wir trotz aller englischen Unfreundlichkeiten der englischen Freundschaft nachliefen. So unser Botschafter in London vor dem Kaiserbesuch in England. Einige Wochen nach jenem Besuch, am 26. Dezember 1899, schrieb Graf Hatzfeldt Hatzfeldt an Baron Holstein: „Wenn Sie mir sagen, daß unsere öffentliche an Holstein Meinung nur Zanzibar akzeptiert, wenn die Engländer die Delagoa-Bai nehmen, so bin ich natürlich überzeugt, daß es sich so verhält. Auf der anderen Seite glaube ich — und Eckardstein nahm dies bei unserem letzten Zusammentreffen als ausgemacht an —, daß man hier für Zanzibar noch lange nicht weich genug ist, weder die Regierung noch auch und namentlich die öffentliche Meinung. Der Grund ist sehr einfach. Das Publikum glaubt, daß England die Buren unter allen Umständen bewältigen kann, wenn es nur ein paar Millionen mehr oder weniger dafür ausgibt und die nötigen Verstärkungen schickt. Gegen europäische Verwicklungen und daraus resultierende Gefahren hält man sich für vollständig gedeckt, erstens durch die übermächtige englische Flotte und zweitens und vor allem, weil weder Rußland noch Frankreich sich zu einem aktiven Vorgehen gegen England entschließen werden. Wie weit diese letztere Annahme begründet ist, lasse ich dahingestellt. Meine persönliche Auffassung, die ich wiederholt ausgesprochen habe, ist, daß die Franzosen allein gewiß nichts unternehmen und daß der Kaiser von Rußland auch nicht besonders kampflustig ist. Auch glaube ich nicht, daß beide, selbst zusammen, feindselig vorgehen, solange sie unserer nicht ganz sicher sind. Unser Beitritt würde die Sachlage allerdings mit einem Schlage verändern und könnte England teuer zu stehen kommen. Wir werden dabei nur zu überlegen haben, ob es unseren politischen Interessen in der Zukunft entspricht, England als Großmacht ernstlich zu schwächen. Selbst Fürst Bismarck, mit allen seinen russischen Sympathien, war nicht dieser Ansicht, und ich schließe mich dem vollständig an. Was nun zunächst die Weiterbehandlung der Sache hier betrifft, so müssen wir uns, wie ich glaube, darüber klar sein, welchen Zweck wir bei unserem Tun und Lassen zu verfolgen haben. Nach meiner Auffassung müssen wir den Engländern unter der Hand klarzumachen suchen, daß wir ihnen zwar durchaus nicht feindlich gesinnt sind, daß aber auch wir mit unserer öffentlichen Meinung zu rechnen haben, die uns mit faulen Äpfeln bewerfen würde, wenn wir Delagoa-Bai ohne sehr bedeutende Vorteile fahren lassen sollten. Konklusion: Könnt ihr uns solche Vorteile nicht bieten, so laßt die Hände davon und sucht ohne Delagoa fertig zu werden, sonst bringt ihr uns in die unerwünschte Situation, daß unsere öffentliche Meinung uns in ihrer Entrüstung in andere Bahnen drängt. Wenn dieser MAPLES SCHWIEGERSOHN 421 Grundgedanke richtig ist, so bitte ich, daß der Staatssekretär mir seine Zustimmung zu erkennen gibt, damit ich die etwaigen weiteren Besprechungen zwischen Eckardstein und Chamberlain, Balfour usw. (ich selbst darf dabei noch nicht in den Vordergrund treten) in diesem Sinne leiten kann. Namentlich von Balfour nehme ich an, daß er Verständnis für die Situation haben und uns daher nützlich sein wird. Chamberlain ist, wie ich Ihnen immer gesagt habe, unberechenbar. In bezug auf Salisbury habe ich ein intuitives Gefühl, mehr ist es vorläufig nicht, daß er heute schon wieder daran denkt, sich den Russen und Franzosen zu nähern, sie durch Freundlichkeit und Entgegenkommen auf anderen Gebieten, nötigenfalls auch durch wirkliche Konzessionen zu beruhigen und von einem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen England abzuleiten. Gelingt es ihm, nur in Petersburg einer feindlichen Aktion vorzubeugen, so fürchtet man sich hier bekanntlich vor Frankreich allein keinen Augenblick, und es gibt Leute genug, wie Chamberlain, die sich über die Gelegenheit, die französische Flotte zu vernichten und einige französische Häfen zusammenzuschießen, ganz'besonders freuen würden. Die Münsterschen Nachrichten über französische feindliche Absichten gegen England halte ich für sehr phantastisch. Wenn alles, was unser Botschafter in Paris von französischen Bewegungen sagt, richtig ist, so beweist es noch lange nicht, daß die Franzosen im entscheidenden Moment beißen und nicht, wie bei Faschoda, den Schwanz zwischen die Beine nehmen. Ich halte dies sogar für sicher, wenn die Russen sich nicht zum gleichzeitigen feindlichen Losgehen ausdrücklich verpflichtet haben, was ich stark bezweifle." Im Juni 1900 hatte mir Holstein gemeldet, Botschaftsrat von Eckardstein habe ihm geschrieben, daß sich die Engländer ein territoriales Fest- Die Rolle des setzen der Deutschen im Jangtse-Tal nicht gefallenlassen würden. Schon Herrn der Verdacht, daß Deutschland politische Erwerbungen im Jangtse-Gebiet ^ € ^ aT ^ ste " ins Auge fassen könne, sei geeignet, die Engländer zu den allergrößten Anstrengungen anzuspornen behufs Verständigung mit Rußland. Eckardstein entwickelte sich immer mehr zum Sprachrohr namentlich von Mr. Chamberlain, der den eitlen, wenig charaktervollen und schon aus finanziellen Erwägungen ganz zum Engländer gewordenen Schwiegersohn von Sir John Blundell Maple benutzte, um die Deutschen einzuschüchtern. Ich hatte übrigens niemals an eine territoriale Festsetzung im Jangtse-Tal gedacht, geschweige denn im Gegensatz zu England und im Widerspruch mit England. Eckardstein schrieb auch an Holstein, daß Lord Salisbury zu • einer Verständigung mit jeder anderen Macht eher als mit Deutschland bereit wäre. Jede positive Politik sei dem Premierminister unangenehm, und es werde eines starken Drucks seiner Ministerkollegen bedürfen, um den kranken alten Herrn zu einer Entscheidung zu bringen. Das ganze übrige 422 SALISBURY AUFGERÜTTELT Kabinett sei eher deutsch-freundlich, würde aber sofort in voller Einigkeit gegen Deutschland Front machen, wenn es gälte, das Jangtse-Tal gegen deutsche Annexionsneigung zu verteidigen. Graf Paul Metternich, damals noch preußischer Gesandter in Hamburg, hatte in den ersten Wintermonaten 1900 einen längeren Aufenthalt in England genommen, wo er viele persönliche Freunde besaß. Nach Deutschland zurückgekehrt, überreichte er mir im Sommer 1900 eine Aufzeichnung über seine englischen Eindrücke, in der er unter anderem ausführte: „Als ich im Anfang Februar d. J. nach England kam, wurde ich von Bericht manchen Seiten daraufaufmerksam gemacht, daß Lord Salisburyeinalterund des Grafen gebrochener Mann sei, der nicht mehr lange im Vordergrunde der Geschäfte Metternich g^^^ wero " e> E r j s t 5 wenn ich mich recht erinnere, siebzig Jahre alt. Die langwierige Krankheit seiner Frau, die er Anfang des vergangenen Winters verloren hat und an der er sehr hing, war ihm besonders nahegegangen und hatte ihn harassiert. Der südafrikanische Krieg, in den er ohne sein Zutun hineingezogen worden ist, legte vor den Augen der Welt manche Schäden bloß und verminderte, besonders im Anfang des Winters, das Ansehen Englands in der Welt. Auch dies wird ihm nahegegangen sein. Er ist im Herzen ein stolzer Patriot, und unter den lebenden Staatsmännern verkörpert sich das Prestige Englands hauptsächlich in ihm. Aber, wie das so geht im Leben, drohende Schicksalsschläge, die der Mensch herannahen sieht, bedrücken ihn oft mehr als das Eintreten des gefürchteten Ereignisses selbst, und durch den Tod seiner Frau war unter dem heilenden Einfluß der Zeit, welcher bei alten Leuten noch schneller wirkt als bei jüngeren, eine Last von ihm genommen, so daß sich Lord Salisbury wieder freier dem öffentlichen Leben zuwenden konnte. Auch der Krieg nahm eine andere Wendung, der tiefste politische Barometerstand war für England vorüber; was die Unfähigkeit seiner Generale verschuldet hatte, schienen die reichen Hilfsquellen des Landes und des Reichs an Geld und Menschen wieder gutzumachen, und eine fröhlichere, frischere Stimmung bemächtigte sich der Gemüter. Auch dies mag dazu beigetragen haben, Lord Salisbury aus der Lethargie aufzurütteln, in die ihn Alter, Mißgeschick und zunehmende Korpulenz zu versenken gedroht hatten. Ich fand ihn, als ich ihn Mitte Februar zuerst wiedersah, wohler aussehend als vor vier Jahren. Nur der Blick ist matter und sein Wesen noch unbestimmter, ungreifbarer möchte ich sagen, als ehedem. Er ist von der äußersten Vorsicht des Ausdrucks geworden, und wenn er glaubt etwas zugestanden zu haben, so sucht er es im nächsten Augenblick wieder abzuschwächen. Er war als Cunctator immer bekannt. Das Alter, die Kriegslage, vielleicht auch Mißtrauen gegen uns mögen diese Naturanlage verschärft haben, obwohl ich weiß, daß er mir persönlich sehr wohlgesinnt ist. Nach dem Tode KEIN BESONDERES VERTRAUEN ZU DEUTSCHLAND 423 seiner Frau hieß es, daß er abgehen wolle. Im Februar und März hielt er im Oberhause Reden, die so schwach waren, daß es von seinen Anhängern peinlich empfunden wurde. Lord Rosebery zerzauste ihn mit solcher Schärfe, daß es als unfair empfunden wurde, den schwachen alten Mann mit solcher Härte zu behandeln. Später hielt Lord Salisbury wieder Reden großen Stils, und heute steht er wieder obenan. Seine Partei hat von jeher viel an ihm auszusetzen gehabt. Besonders daß er mit oft beißendem Hohn Persönlichkeiten und Richtungen in seiner Rede verletzte ohne Rücksicht auf die Wählerschaft. Er hat nie um die Gunst der öffentbchen Meinung gebuhlt. Unter den lebenden englischen Staatsmännern gilt er für den größten. Niemand besitzt nach Ansicht seiner Landsleute eine solche Summe von Erfahrung in Behandlung der Staatsgeschäfte und besonders der auswärtigen Fragen. Vorsicht und Zurückhaltung werden ihm als Tugend angerechnet, wenngleich es Perioden gab, wo er, wie in der Open-door-Frage in China, von der öffentbchen Meinung zur Aktion gedrängt wurde und wo ihm Unschlüssigkeit vorgeworfen wurde. Das englische Volk stürzt sich nicht gern in unüberlegte Abenteuer, und wer es davon zurückhält, dem weiß es auf die Dauer Dank. Ich sehe nicht, weshalb Lord Salisbury die Zügel des Staatswagens aus der Hand geben sollte, und ohne zwingenden Grund treten wenige aus bedeutenden Stellungen zurück. Lord Salisbury soll gegen die baldige Vornahme von Neuwahlen sein. Chamberlain ist dafür. Sahsbury wird sich sagen, daß er für zwei Jahre noch fest im Sattel sitzt, während Neuwahlen ein Element der Ungewißheit in sich bergen. Ich halte Lord Sahsbury für einen zu bedeutenden Staatsmann, um zu glauben, daß er sich durch persönliche Sympathie leiten Keße. Ich glaube daher auch nicht, daß er für dieses oder jenes Land eine besondere Vorliebe oder Abneigung hätte. Ich halte ihn nicht für einen Feind Deutschlands, bin aber auch weit davon entfernt, anzunehmen, daß er uns besonderes Vertrauen entgegenbrächte. Aus früheren Perioden mag der Eindruck in ihm zurückgebheben sein, daß wir uns im Kriegsfalle immer lieber mit unseren mächtigen territorialen Nachbarn verständigen würden als mit England, daß wir aber in der Zwischenzeit ganz gern koloniale oder andere Vorteile auf Grund einer Verständigung mit England einzuheimsen bereit seien. Wir werden nur dann mit Sahsbury oder seinem Nachfolger eine leichte Politik haben, wenn sich zuerst in England das Bedürfnis einer Spezialverständigung mit uns fühlbar macht. Ebensowenig wie ein prinzipieller Gegner Deutschlands dürfte Lord Sahsbury ein entschiedener Freund Frankreichs sein. Er wird sich aber ebensogut mit Frankreich wie mit uns über schwebende Tagesfragen verständigen, wenn es ihm in seine Politik paßt, d. h. wenn er glaubt, daß es im Interesse Englands hegt. Als ich kürzlich von ihm Abschied nahm, warf er die Frage auf, in einer Weise, als ob 424 DER IMPERIALIST CHAMBERLAIN er sie bejahend beantworten wolle, ob Frankreich sich nach beendeter Weltausstellung gegen England kehren würde. Die Elemente der Unruhe in Frankreich schienen sich zu verdichten und eine gefährliche Gestalt anzunehmen. Denselben Ideengang nahm ich bei dem Unterstaatssekretär Mr. Bertie wahr, welcher mir sagte, die französischen Truppenverstärkungen nach Madagaskar könnten nur eine feindselige Spitze gegen England haben. Den Franzosen hat Lord Salisbury Faschoda geboten, d. h. er hat die Anfänge eines bewaffneten französischen Eindringens an den oberen Nil mit Gewalt unterdrückt. Den Russen würde er nicht so leicht ein Faschoda bieten, weil die Russen zu Lande gegen die englische Macht vordringen können, während die Franzosen erst über das Meer müssen, wo die englische Flotte herrscht. Die englische Politik, ob unter Lord Salisbury oder unter einem anderen, wird sich vor dem russischen Andrang in Nordchina und in Persien langsam und widerstrebend zurückziehen. An der indischen Grenze, wo die Russen übrigens noch nicht sind und auch nicht so leicht hinkommen können, wie vielfach angenommen wird, würde England dagegen meiner Uberzeugung nach ohne Zaudern zu den Waffen greifen. Eine Verständigung zwischen England und Rußland liegt in weiterem Felde als die zwischen England und Frankreich. Weder das eine noch das andere ist vor der Hand zu erwarten. Italien betrachtet Lord Salisbury als Quantite negligeable. Er macht sich wenig aus den nervösen Wünschen Italiens und befürchtet ebensowenig ein Abschwenken dieses Landes nach Frankreich. Er glaubt, daß das Interesse Italiens im Banne der englischen Politik liege. Chamberlain ist in den breiten Klassen des englischen Volks der volkstümlichste Mann, welcher England siegreich und zuversichtlich in die Bahnen des Imperialismus leitet. Als leitender Minister in auswärtigen Angelegenheiten wird er aber bei den oberen Zehntausend gefürchtet, weil man ihm keine ruhige Hand zutraut und von ihm annimmt, daß er als Rosse- und Wagenlenker tollkühne Dinge und Sprünge unternehmen würde. Mr. Chamberlain wünscht noch immer mit Deutschland zusammenzugehen. Er wünscht die kolonialen Fragen, welche uns trennen oder nähern können, je nachdem sie behandelt werden, in Fluß zu bringen. Er würde gern an die Ausführung des deutsch-englischen Abkommens über Südafrika herantreten. Nach der Konsolidierung des Gebiets, welches Rhodesia und die beiden Burenrepubliken umfaßt, wird sich sehr bald das Bedürfnis eines nahen Zuganges zum Meere herausstellen, und die Delagoa-Frage kann dann akut werden. Der verstärkten französischen Besatzung in Madagaskar gegenüber wird die englische Politik jene Frage, auch abgesehen von unserem Abkommen, lieber mit als ohne uns lösen. Die Schwierigkeit der Ausführung unseres Abkommens liegt, wenn wir auch für den Augenblick übersehen wollen, daß zunächst das Einverständnis Portugals dazu BALFOUR UND GREY 425 erforderlich ist, in der Bestimmung, daß pari passu vorgegangen werden soll. Jeder von beiden Teilen wird eifersüchtig darüber wachen, daß niemand zuerst und allein vorgehe, während der Verfall des portugiesischen Besitzes und die natürlichen Bedingungen der Besitzergreifung durch einen Dritten in der einen Kolonie rascher reifen können als in der anderen. Es wird schwierig sein, die stückweise Abbröcklung zugunsten beider Kontrahenten zu gleicher Zeit vorzunehmen, wenn das eine Stück fester sitzt als das andere. Wenn die Delagoabai-Frage zunächst angeschnitten werden soll, so sind wir in der vorteilhaften Lage, daß dann England zuerst mit Vorschlägen an uns herantreten muß. Im Gegensatz zu Mr. Chamberlain gilt Lord Rosebery als der besonnene und zuverlässige Staatsmann in der auswärtigen Politik. Konservative wie Liberale würden ihn gern an der Spitze des Foreign Office sehen. Ich halte ihn nicht für einen bequemen auswärtigen Minister, obwohl ich glaube, daß er lieber mit Deutschland als mit Frankreich oder Rußland gehen würde. Lord Rosebery ist sehr von der öffentlichen Meinung abhängig, d. h. er wird sich nicht leicht zu etwas aufraffen, wo er nicht die sofortige öffentliche Zustimmung voraussetzt. Die besten auswärtigen Minister für uns würden auf der konservativen Seite Mr. Balfour, auf der liberalen Seite Sir Edward Grey sein. Das Verhältnis von England zu Amerika hat eine Wandlung erfahren. Wenn wir vor einem oder zwei Jahren kriegerische Verwicklungen mit Nordamerika gehabt hätten, so würde ich darin die einzige Kriegsgefahr auch zwischen England und uns erblickt haben. Heute nicht mehr. Die Amerikaner haben zu deutlich ihre Abneigung gegen England gezeigt, und obwohl die Engländer dies weder sich noch anderen eingestehen wollen, so wissen sie es doch. Von Amerika wird sich England mehr gefallen lassen als von irgend jemand anders, und gegen Amerika wird es auch in rein diplomatischen Fragen schwerer zu haben sein als gegen irgendeine andere Macht. An aggressive Absichten Englands gegen Deutschland habe ich nie geglaubt. Ich traue ihm nicht die schwarze Absicht zu, über unsere Schiffe herzufallen und unseren Handel zu vernichten, nur um einen Konkurrenten weniger zu haben. Das englische Kapital ist zu stark in Deutschland interessiert, um eine Vernichtung des deutschen Wohlstandes wünschen zu können, und um sich die Erbfeindschaft Deutschlands aufzubürden, lohnt das Spiel die Mühe nicht. Ich möchte sogar die ketzerische Ansicht aussprechen, im Gegensatz zu vielen klugen Männern und im Gegensatz vielleicht zu der Mehrzahl der europäischen Kabinette, daß die englische Politik wissentlich nicht auf die Anzettelung eines europäischen Krieges gerichtet ist. Eine solche macchiavellistische Politik liegt dem englischen Geiste fern, und ich kann nicht einsehen, weshalb der Engländer es als einen Vorteü empfinden würde, wenn Europa in Flammen stände. Es geht ihm 426 PERFIDIE ja auch ohnedem ganz gut. Die Stimmung in England gegen Deutschland hat sich mit der günstigeren Kriegslage bedeutend gebessert. Das Auftreten Seiner Majestät des Kaisers, die Reise nach Altona, die Sammlung für die Notleidenden in Indien, einzelne Äußerungen haben einen tiefen Eindruck in England hervorgebracht und eine versöhnliche Stimmung angebahnt." Zu den Darlegungen von Metternich bemerke ich, daß ihm die Perfidie, mit der, unmittelbar nach dem Abschluß des deutsch-englischen Vertrages von 1899 über die portugiesischen Kolonien, die Engländer diese Abmachung durch eine gleichzeitige Konvention mit den Portugiesen, den sogenannten Windsor-Vertrag, sabotiert hatten, ebensowenig bekannt -war wie dem Botschafter Hatzfeldt, Holstein und dem Kaiser. Einerseits hatte ich seinerzeit meinem Gewährsmann mein persönliches Ehrenwort gegeben, daß ich die mir persönlich gemachte Confidence nicht anderen mitteilen würde. Andererseits erschien es mir auch politisch ratsamer, so erregbare Naturen wie Wilhelm II. und Holstein nicht ganz aus dem Gleichgewicht zu bringen und den ohnehin gegen große Schwierigkeiten kämpfenden Botschafter Hatzfeldt nicht völlig zu entmutigen. XXVII. KAPITEL Der englische Volkscharakter • Unsere Unterschätzung Englands • Unsere Irrtümer in Beurteilung und Behandlung fremder Völker • Hatzfeldt an Holstein über England, Holstein über ein deutsch-englisches Bündnis • Vorgänge in Ostasien • Bericht des Prinzen Heinrich an Bülow • Japan • Herr von Mumm Nachfolger Kettelers, sein erster Bericht • Innere Politik Mein Lebenslauf hat mich mit vielen amtlichen Persönlichkeiten in dienstliche Berührung gebracht. Ich habe als Untergebener, als Kollege, Deutsche als Vorgesetzter zahlreiche Botschafter, Staatssekretäre und Minister an Urteile über der Arbeit gesehen. Es gibt wenige deutsche Diplomaten, die ich nicht ge- England kannt oder über deren Leistungsfähigkeit ich mir nicht ein persönliches Urteil gebildet hätte. Ich darf wohl sagen, daß mir kein Diplomatentypus unbekannt blieb. Wenn ich wiederholt Briefe und Berichte unseres langjährigen Botschafters in London, des Grafen Paul Metternich, wiedergebe, so geschieht das nicht nur wegen ihres sachlichen Inhalts, sondern weil ich in ihnen Musterbeispiele einer ruhigen, abgewogenen, durchdachten Berichterstattung erblicke. Zu den guten Seiten des Grafen Paul Metternich gehörte, daß er, ohne sich wie manche Deutsche krampfhaft zu bemühen, dem Engländer abzugucken, wie dieser sich räuspert und wie er spuckt, wie er die Hände in die Hosentaschen steckt, wie er grüßt oder vielmehr nicht grüßt, ohne also den biederen und tüchtigen deutschen Michel zu einem Affen des hochmütigen John Bull zu degradieren, einen offenen Blick für die guten und großen Seiten und vor allem für die ungeheuren latenten Kräfte des britischen Weltreichs besaß. Im Gegensatz zu den meisten Deutschen schätzte Metternich diese Kräfte richtig ein. Ihre Unterschätzung war namentlich in Preußen und insbesondere in preußischen militärischen und aristokratischen Kreisen ein tief eingewurzelter Irrtum. Als im August 1914 dem Chef des Generalstabs, Generaloberst vonMoltke, die englische Kriegserklärung gemeldet wurde, meinte er tief aufatmend: ,,Gott sei Dank! Ich habe die englische Armee Heber vor mir, damit ich sie schlagen kann, als unerreichbar in mißgünstiger Neutralität." In München wurde öffentlich eine Äußerung König Ludwigs III. angeschlagen: „England hat uns den Krieg erklärt, ein Feind mehr, um so ehrenvoller unser Sieg." In mehr als einer deutschen Stadt sang nach dem Bekanntwerden der englischen Kriegs- 428 DAS SCHIBBOLETH erklärung die Menge andächtig und begeistert: „Nun danket alle Gott." Ich glaube nicht, daß das von der Northcliffe-Propaganda damals Wilhelm II. in den Mund gelegte Wort von der „despicable little british army" authentisch ist. Aber auch Wilhelm II. unterschätzte, trotz seiner englischen Gewohnheiten und Neigungen, wenigstens die militärischen und moralischen Ressourcen Englands erheblich. Auch solche Deutsche, die der in einer langen und erfolgreichen Geschichte sattsam dokumentierten, unbegrenzten politischen Selbstsucht der Engländer nicht so naiv gegenüberstanden wie die Mehrzahl ihrer Landsleute, hatten von der Stärke des englischen Volks wie des englischen Volkscharakters nur eine unvollkommene Vorstellung. Der alte Fehler des Deutschen, große außenpolitische Fragen, die Vorgänge auf dem Welttheater, die Völker der Welt vom Standpunkt der beschränkten deutschen Parteipolitik zu beurteilen, machte sich auch England gegenüber geltend. Mit grimmigen Augen blickte der deutsche Demokrat und nun gar der deutsche Sozialdemokrat auf das zaristische Rußland, in „zorniger Entrüstung" rötete sich seine Denkerstirn, wenn ihm gute oder gar intime Beziehungen zu diesem „Barbarenland" zugemutet wurden. Viele demokratisch gerichtete Deutsche legten lange an alle Franzosen den Maßstab der Affäre Dreyfus. Im Buch der Richter, KapitelXII, Vers 5 und 6, wird uns erzählt, daß die Gileaditer jeden fliehenden Ephraiter, der sich durch die Furt des Jordans retten wollte, nötigten, das Wörtchen „Schibboleth" auszusprechen. Wenn er das nicht konnte, wie das bei allen Nicht-Gilea- ditern der Fall war, und statt „Schibboleth" erwiderte: „Sibboleth", so wurde er erschlagen, so daß zu der Zeit von Ephraim fielen 42000 Mann. Was für die wackeren Gileaditer das Wörtchen „Schibboleth", war für den freisinnigen Deutschen bei der Beurteilung französischer Zustände während Jahrzehnten die Stellung des einzelnen Franzosen zu der Dreyfus- Affäre. Jeder Franzose, der für Dreyfus eingetreten war, galt als pazifistisch und womöglich als deutschfreundlich, obwohl manche der eifrigsten Verteidiger des Hauptmanns Dreyfus, z. B. Clemenceau, der Kriegsminister Picquart, der Senator Scheurer-Kestner u. a., enragierte Chauvinisten und Deutschenfeinde waren. Andererseits sahen deutsche Konservative mit spöttischem Auge auf das „Krämervolk", wo Wellington, als er eine Parade abhielt, von einem Platzregen überrascht, einen rasch herbeigeschafften Regenschirm aufspannte und wo Herzogssöhne als Kommis in Bankhäuser eintraten. Mitten im Weltkrieg, als die Engländer schon manche Beweise nicht nur starken Nationalgefühls, sondern auch unzweifelhafter persönlicher Bravour abgelegt hatten, schrieb ein namhafter deutscher Gelehrter, Professor Werner Sombart, ein Kriegsbuch, das er ,,Helden und Händler" betitelte. Die Händler waren natürlich die Eng- BISMARCK ÜBER DEN ENGLISCHEN BULLEN 429 länder, die Helden wir. Eine grobe Geschmacklosigkeit und eine Ungerechtigkeit, denn wenn sich die Deutschen unbeschadet ihrer kommerziellen und industriellen Leistungsfähigkeit wahrhch als ein Volk von Helden zeigten, so läßt sich dies Lob auch den Briten nicht versagen. Schon vor dem Kriege begegneten sich deutsche Konservative und Liberale in der Abneigung gegen den Kultus, den im Gegensatz zu dem mehr „gemüthchen", d. h. saloppen und spießbürgerlichen Deutschen der Engländer mit der äußeren Form treibt, in der Antipathie gegen die englische Unterwürfigkeit gegenüber dem strengen Zepter der Mode. Von der Unterschätzung der englischen Kräfte und der moralischen Ressourcen des Britischen Reichs war selbst Fürst Bismarck nicht ganz frei. Ich habe ihn in den achtziger Jahren mehr als einmal sagen hören: der englische Bulle werde zu faul. Im Interesse des europäischen Gleichgewichts wäre zu wünschen, daß dieser Vierfüßler so lange von dieser oder jener Seite Fußtritte erhielte, bis er sich von der Spreu erhebe und wieder tüchtig um sich stoße. In jener Zeit vertraute mir Herbert Bismarck an, sein großer Vater habe ihm als letzten und eigentlichen Grund der von ihm inaugurierten deutschen Kolonialpolitik den Wunsch bezeichnet, zwischen Deutschland und England „künstliche Reibungsflächen" zu schaffen, damit der damaHge Kronprinz und der damalige Prinz Wilhelm, beide von Hause aus und mit dem Gefühl sehr anglo- phil, uns nicht zu sehr in die englische Intimität und damit in die englische Abhängigkeit führen könnten, was vom Standpunkt der auswärtigen Politik ebenso bedenklich wäre wie im Hinblick auf unsere inneren Verhältnisse. Wenn ich zwanzig Jahre später daran zurückdachte, so deuchte mir, die fromme Schloßgemeinde von Homburg vor der Höhe habe nicht ganz mit Unrecht am 18. Oktober 1900 gesungen, daß Wahn bisweilen auch die Weisen treibe und Trug die Klugen halte. Wenn ich seit jeher und bis zuletzt die Kraft und die Gefährlichkeit Albions richtig einschätzte, so bin ich nicht so geschmacklos und so albern, mir gegenüber Bismarck darauf etwas zugute zu tun. Ich war in einem internationalen Milieu groß geworden, war früh und oft mit Ausländern, insbesondere mit Engländern und Franzosen, in Berührung gekommen. Ich gehörte einer jüngeren Generation an als der große Fürst und hatte es darum leichter als er, sowohl England und die Engländer wie auch die römische Kurie und den Katholizismus, vielleicht auch Demokratie und Sozialdemokratie zu sehen, wie sie sind. Persönlich stand ich England mit einer Mischung von Bewunderung und Neid gegenüber: Bewunderung für die Kräfte und Tugenden des englischen Volks, für seine Pietät gegenüber dem Historischgewordenen, dieses sicherste Kriterium starker und großer Völker, für seinen unbeugsamen Nationalstolz und sein unerschütterliches Nationalgefühl, seinen fast untrüglichen 430 WIR GINGEN DER WELT AUF DIE NERVEN politischen Instinkt, der dem deutschen Volke versagt blieb. Der uner- forschliche Wille der Vorsehung schuf, wie fast jede deutsche parlamentarische Debatte, namentlich über auswärtige Fragen, wie ein Bück auf die politischen Expektorationen eines Sombart, eines Lasson, eines Haller zeigt, den Deutschen als gcöoi' cljioXitixÖv. Die Voraussetzung jeder gesunden Pobtik ist die Erkenntnis, daß das Wesen eines großen Staates in erster Linie Macht ist. Aber in Deutschland schrieb, als der Weltkrieg auf seinem Höhepunkt stand und die letzte Entscheidung immer näher rückte, als Lloyd George vom „knock out" sprach und Clemenceau die „guerre jusqu'au bout" predigte, als beide Stolz und Ehrgeiz und Machtwillen ihrer Völker mit allen Mitteln aufpeitschten, der Hoftheologe Dr. Adolf von Harnack mit einer Mischung von kindbcher Naivität und seniler Süffisance in einem durch Indiskretion in den Münchener „Bayrischen Kurier" gelangten Brief: er betrachte den Willen zur Macht immer mehr als Sünde. „Geh ins Kloster, Ophelia!" hätten dem gelehrten Herrn seine Studenten zurufen sollen oder, noch besser, die Worte, die ein großer engbscher Staatsmann, Disraeli, einst im englischen Unterhause sprach: „Professoren und Bhetoren erfinden Systeme und Prinzipien. Die wahrhaften Staatsmänner sind nur von dem Instinkt zur Macht und der Liebe zum Vaterland beseelt. Das sind Gefühle und Methoden, die große Reiche schaffen." Wie die Erkenntnis, daß der Wille zur Macht Triebfeder und Seele eines Deutschland großen Staatswesens sein muß, so fehlte einem nicht kleinen Teil gerade der und das Gebildeten unseres Volkes das Verständnis für die Notwendigkeit welt- Ausland m ä nll i S cher Formen im internationalen Verkehr. Manche Deutsche wirkten abstoßend auf das Ausland durch einen groben Ton, durch Überhebung und stetes, allzu lautes Renommieren. Es war weit weniger der Miles gloriosus, der uns unbeliebt machte — der deutsche Offizier war, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, wohlerzogen und höflich —, als der aufgeblasene deutsche „Herr Doktor", der „Herr Professor" gar und der über Leichen gehende Pionier des Handels. Wir waren nie besonders beliebt gewesen, wir fingen an verhaßt zu werden. Schweizer, holländische, italienische, skandinavische, englische Freunde sagten es mir bei jedem Zusammentreffen, nach jedem internationalen Kongreß. Und leider trug Wilhelm IL, der von dem brennenden Wunsch erfüllt war, uns nicht nur die Achtung, sondern auch die Liebe der Welt zu erwerben, gerade weil er viele der Schwächen und auch manche der antipathischen Eigenschaften des modernen Deutschen verkörperte, dazu bei, uns die Sympathien des Auslandes zu entfremden. Wir gingen allmähbch der Welt auf die Nerven. Nur wir selbst haben das bis zum Ende des Weltkriegs gar nicht bemerkt. Bethmann, Michaelis, Hertbng fehlten mit der weltmännischen Schulung das weltmännische Auftreten und die weltmännischen Manieren, ohne daß sie, wie DIE QUADRATUR DES ZIRKELS 431 Posadowsky und Tirpitz, diesen Mangel durch überragende fachliche Leistungsfähigkeit wettgemacht hätten. Sie fühlten diesen Mangel auch gar nicht, überzeugt, wie sie es mit einem großen Teil ihrer gebildeten Landsleute waren, daß ein moralischer Charakter, einige gut bestandene Examina, vielleicht auch der Titel als Hofrat oder Geheimrat vollständig ausreichten, damit ein biederer Deutscher überall gern gesehen sei. Vollends den Kanzlern, die wir seit der Revolution im Amt sahen, Scheidemann, Fehrenbach und Wirth, Hermann Müller und Bauer, von dem remuantesten und einflußreichsten deutschen Politiker der ersten Revolutionsjahre, Matthias Erzberger, nicht zu reden, mangelte jede weltmännische Ader, ja jedes Verständnis für weltmännisches Auftreten und weltmännische Form. Alle diese Erscheinungen, die im Laufe des Krieges den Deutschen erst grenzenlos erstaunen, dann in steigendem Maße erbittern sollten und die, als mit der Auflösung und dem Verschwinden unserer herrlichen Armee der Respekt vor Deutschland, vor dem einzelnen Deutschen, vor dem deutschen Geist überall um 80 Prozent abnahm, sich noch akzentuierten, waren um die Wende des Jahrhunderts den meisten noch verborgen. Die wenigsten fühlten, daß zwischen uns und anderen Völkern nicht nur wirtschaftliche Eifersucht und politische Feindschaft lagen, sondern vielfach auch gesellschaftliche Antipathien. Das häßliche Wort „boche", das die Franzosen dem Volke angehängt haben, das einen Hölderlin und Mozart, einen Goethe und Wilhelm Humboldt hervorbrachte und in Dichtkunst und Sprache, in allen Künsten zarter, inniger, im besten Sinne feinfühlender ist als alle andern, soll ja bedeuten, daß der Engländer uns nicht „gentleman- like", der Franzose nicht „gens du monde" findet, der Italiener bei uns die „gentilezza" vermißt. Wenn ich solche Symptome, diesen latenten Gegensatz schon früher bemerkte, so war es, weil ich einen großen, ja den größten Teil meines Lebens im Auslande zugebracht hatte, das Ausland kannte und die fremde Literatur und Presse verfolgte. Dagegen erklärten mir während des Weltkriegs mit einem gewissen Stolz deutsche Freunde, wackere und gelehrte Männer in angesehener, ja wichtiger Stellung, daß sie „grundsätzlich" keine ausländische Zeitung in die Hand nähmen. Je mehr ich mich seit 1897, also während dreier Jahre, in meinen Wirkungskreis hineingearbeitet hatte, um so deutlicher hatte ich es als meine Hauptaufgabe erkannt, uns in Würde und Ehren den Frieden zu erhalten, um so deutlicher wurde mir, daß diese Aufgabe zum guten Teil sich mit dem Problem deckte, den für unseren Schutz unentbehrlichen Flottenbau durchzuführen, ohne Zusammenstoß mit Albion. Holstein, der sich in spitzen Redensarten gefiel, pflegte zu sagen, daß diese Zumutung ihn an die Quadratur des Zirkels erinnere oder besser an das aus Eisen anzufertigende hölzerne Messer. Aber auch für den besonnen prüfenden Geist war diese 432 NICHT MEHR NUR BINNENVOLK Aufgabe sehr, sehr schwierig. Oft habe ich während der neun Sommer, die ich als Reichskanzler in Norderney verlebte, von unserer Villa Edda sorgenvoll hinausgeblickt auf die dunkel wogende Nordsee, das deutsche Meer, mich fragend, ob Gott es mir gewähren würde, diese Aufgabe zu lösen. Vor wie nach meiner Ernennung zum Reichskanzler habe ich gerade England gegenüber stets Ruhe und festen Mut empfohlen. Als ich am 10. Januar 1900 auf der Werft des Vulkan in Stettin den Schnelldampfer „Deutschland" der Hamburg-Amerika-Linie taufte, sagte ich in meiner Taufrede: Deutschland, das dem Meer ungeheure Werte anvertraut habe, das seit lange nicht mehr nur Binnenvolk im Herzen Europas sei, sondern im Vorder- treffen der Konkurrenz stehe, müsse auch zur See stark genug sein, um unseren Frieden, unsere Ehre und unsere Wohlfahrt wahren zu können. „Wenn wir auf diesem, uns vom Schicksal vorgezeichneten Wege Hindernisse zu überwinden und schwierige Stellen zu passieren haben, so wird uns das weder irremachen noch niederbeugen. Mutig und stetig müssen und wollen wir weiterschreiten*." Großherzogin Luise von Baden, die Tochter des ersten, die Schwester des zweiten Deutschen Kaisers, die Gemahlin desjenigen deutschen Fürsten, der die heilige Flamme des deutschen nationalen Gedankens besonders innig und rein in seinem Herzen hegte, telegraphierte mir am nächsten Tage: „Ich trage fast Bedenken, Ihre so sehr in Anspruch genommene Zeit auch nur auf einen Augenblick zu behelligen, kann mir aber dennoch nicht versagen, Ihnen auszusprechen, wie sehr die patriotischen, maßvollen und begeisterungsreichen Worte Ihrer gestrigen Rede in Stettin den dankbarsten Widerhall in mir erweckt haben. Von Herzen wünsche ich Ihnen Glück zu dieser bedeutungsvollen Rede, ruhevoll und überzeugend in ernster Zeit." Die mir gestellte Aufgabe war gelöst, über Erwarten gut, ja glänzend gelöst, als ein weder direkt noch indirekt wegen der Flotte entstandener, nicht von England noch mit England begonnener, sondern durch die täppische Behandlung eines chronischen Orientgeschwürs ermöglichter Weltkrieg alle Anstrengungen langer, fruchtbarer Jahre vergeblich machte. So steht der Arzt, der sich bewußt ist, ein ihm teures Leben über manche gefährliche Krisis weggebracht zu haben, erschüttert vor dem Sterbebett des von ungeschickten Pfuschern hinterher zugrundegerichteten Freundes. Von aktuellem politischem Interesse waren für mich, wie schon gesagt, Hatzfeldt die Briefe gewesen, die in den letzten Wochen meiner Geschäftsführung als an Holstein Staatssekretär Graf Paul Hatzfeldt an Baron Holstein gerichtet hatte. Ende Juli 1900 hatte der Botschafter seinem Freunde geschrieben, er habe ihm nicht viel Erfreuliches zu sagen. Wie er aus den Londoner Telegrammen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 98; kleine Ausgabe I, S. 131. ^ VON SALISBURY NICHTS ZU ERWARTEN 433 herausgefühlt haben werde, mache Salisbury Schwierigkeiten in der Oberbefehlsfrage, und es sei unberechenbar, wozu er sich schließlich entscheiden werde. Der Botschafter versuche jetzt Lascelles ins Feuer zu schicken und auch Chamberlain für die Sache zu interessieren. Aber er dürfe ihm im Vertrauen nicht verheimlichen, daß die Stimmung in den englischen Regierungskreisen keine günstige für uns sei. Das Foreign Office sei verstimmt, daß wir seine Anregung bezüglich der japanischen Intervention in China unter den Tisch hätten fallen lassen. Hatzfeldt war den Herren vom Foreign Office die Antwort nicht schuldig geblieben und hatte sie sehr bestimmt darauf hingewiesen, daß die Haltung der deutschen Regierung in Südafrika wie in China angesichts der deutschen öffentlichen Meinung eine außerordentlich korrekte und dankenswerte gewesen wäre. In betreff der japanischen Intervention hätte man nicht verlangen können, daß wir uns pour les beaux yeux de l'Angleterre, auf dessen eventuelle Unterstützung wir nicht einmal mit Sicherheit rechnen könnten, die russische Feindschaft zuziehen sollten. Lascelles hatte dies auch gar nicht geleugnet, war aber immer wieder darauf zurückgekommen, daß man unsere Haltung in England nicht als eine überall und stets freundschaftliche betrachten könne. Der Brief schloß mit den Worten: „Sie werden hoffentlich mit mir einverstanden sein, daß ich über diese Symptome nicht, oder wenigstens noch nicht, amtlich berichte, da dies großen Schaden an maßgebenden Stellen anrichten könnte. Dem Staatssekretär Graf Bülow und Ihnen gegenüber glaube ich aber die Wahrheit nicht verschweigen zu dürfen. Sie müssen wissen, daß wir momentan hier nicht mit freundlichen Gesinnungen zu rechnen haben." Am 20. August 1900 hatte Hatzfeldt an Holstein geschrieben: „In be- zug auf unsere Beziehungen zum jetzigen englischen Kabinett muß ich leider bei der Ihnen wiederholt ausgesprochenen Uberzeugung bleiben, daß wir vom jetzigen Premierminister Salisbury keine Freundlichkeit zu erwarten haben. Ich glaube ihn persönlich besser zu kennen als irgendein Fremder und weiß, daß der Hochmut bei ihm persönlich die größte Rolle spielt. In diesem Hochmut fühlt er sich teils durch politische, noch vielmehr aber durch persönliche Vorgänge verletzt, und nichts, was ich dagegen sagen könnte, wird an dieser Stimmung etwas ändern. Nur die politische Notwendigkeit wird ihn veranlassen, in einzelnen Fragen einzulenken, wie er dies in der Frage des Oberbefehls, de mauvaise gräce und weil er nicht anders konnte, getan hat. Unsere Aufgabe ist es daher, die Dinge so zu wenden, daß er uns folgen muß wie in der Oberbefehlsfrage, ohne daß er deshalb behaupten könnte, uns eine besondre Gefälligkeit erwiesen zu haben. Jedenfalls werden wir aber nach meinem Gefühl noch längere Zeit mit ihm zu rechnen haben, da ich 28 Bülow I 434 DER „METEOR" GEWINNT NICHT weder an die ihm zugeschriebene Absicht, sich zurückzuziehen, noch auch daran glaube, daß er durch Neuwahlen oder andere Umstände aus dem Sattel gehoben werden wird. Wir dürfen uns aber meines Erachtens auch darüber nicht täuschen, daß Lord Sahsbury in der Regierungspartei nicht der einzige ist, der uns politisch nicht wohlwill. Als ich neulich in der Oberbefehlsfrage auf andere Minister einzuwirken suchte, fand ich zwar politisches Verständnis für die Notwendigkeit, uns entgegenzukommen, aber nur geringen persönlichen Enthusiasmus. In den Büros des Foreign Office herrscht, wie ich Ihnen schon früher schrieb, durchaus keine freundliche Gesinnung für uns, für Deutschland und die Deutschen, wenn sie sich auch unter freundlichen Formen versteckt. Man findet dort ganz naiv, daß unser Interesse in allen großen politischen Fragen, wenn wir es richtig verstehen, mit demjenigen Englands übereinstimmt und daß wir daher letzterem zu folgen haben, ohne besondere Belohnung oder Vorteile dafür zu verlangen. Auch in geselligen Kreisen finden wir wenig Sympathie. Es wird mir aus sehr guter Quelle versichert, daß neulich in Cowes sogar unter den Seiner Majestät nahestehenden Kreisen (Lord Ormonde usw.) durchaus keine Mißstimmung herrschte, als der ,Meteor' nicht gewann. Das Fazit aus alledem scheint nach wie vor, daß wir den Leuten hier in den vorkommenden Fragen zeigen müssen, ohne Animosität an den Tag zu legen, daß wir r wie in der Jangtse-Frage, nicht zu haben sind, wenn man uns nicht das entsprechende Entgegenkommen zeigt. Das setzt natürlich voraus, daß wir uns auch Rußland gegenüber nicht fest engagieren. Soweit sich die Stimmung dort gegen uns nach den Zeitungen beurteden läßt, würden wir davon auch wenig Freude haben." Die persönliche Verstimmung des englischen Premierministers gegen uns war bekanntlich auf wiederholte Friktionen zwischen ihm und Wilhelm II. zurückzuführen, die der hochfahrende Lord dem unvorsichtigen Monarchen nie verziehen hat. Der Marquess of Salisbury hatte Kaiser Wilhelm IL weder den persönlichen Zusammenstoß vergessen, den dieser vor meinem Amtsantritt bei einem seiner ersten Besuche in England mit ihm gehabt hatte, noch insbesondere dessen Versuch, hinter dem Rücken seiner deutschen verfassungsmäßigen Berater den leitenden englischen Minister in den Augen der Großmutter Seiner Majestät, der Königin Victoria, zu diskreditieren. Lord Sahsbury war übrigens nicht der einzige große Minister eines großen Landes, der einen derartigen Versuch eines fremden Souveräns krummnahm. Der eigentliche Grund, daß Fürst Bismarck 1879 die Wendung zum Bündnis mit Österreich so rasch und heftig vornahm, war, wie man sich erinnert, der Verdacht, daß Alexander II. in Alexandrowo seinen Onkel* den alten Kaiser Wilhelm, allein oder gar in Verbindung mit dem Feldmarschall von Manteuffel gegen den Fürsten Bismarck aufgestachelt hätte DAS ALLZU PRÄPOTENTE AUFTRETEN 435 Um auf Marokko zurückzukommen: Holstein schrieb mir am 24. August 1900 nach Norderney: „Auch ich habe wie Sie ernste Sorge, daß die Die ma- marokkanische Frage einmal losgeht. Wir müssen mit der Notwendigkeit rokkanische rechnen, daß Salisbury den Franzosen zwar nicht Tanger, aber das ganze ^ ra & e Binnenland von Marokko bis zum Atlantischen Ozean preisgibt, um sie in anderen Fragen, z. B. für China und den Jangtse, nachgiebig zu stimmen, oder auch nur in der Hoffnung, daß ein französischer Vorstoß am Atlantischen Ozean Deutschland veranlassen würde, gegen Frankreich vorzugehen. In der Tat weiß ich auch nicht, ob wir uns das würden gefallen lassen können, ob wir daher nicht in Paris einen vorbeugenden, aber ernsten diplomatischen Schritt tun sollten, für welchen das zweite Zirkular des Sultans in Marokko (dringender Hilferuf) den Ausgangspunkt bilden könnte. Münster würde deswegen seinen Urlaub zu unterbrechen haben. Die Fassung und Nuance unserer Eröffnung bleibt noch zu erörtern: entweder Anfrage, was Frankreich vorhat, oder Vorschlag, uns über Marokko zu verständigen. Letzteres bei der bekannten Eigenart der Franzosen ziemlich aussichtslos. Zu lange werden wir mit diesem Schritt nicht warten dürfen, denn je mehr die französische Regierung sich mit einem Aktionsprogramm festgelegt hat, desto schwerer wird sie zurückkönnen. Natürlich wird sie ihre Antwort sehr davon abhängen lassen, wie die französischen resp. die deutschen Beziehungen zu den anderen Mächten, namentlich zu England, in dem Augenblick aussehen. Wenn die deutsch-englischen Beziehungen gespannte sind, so wird Frankreich, welches der russischen Unterstützung wenn auch nicht im ersten Augenbhck, so doch nach den ersten französischen Niederlagen ohnehin sicher ist, sich vielleicht mit dem Kriegsgedanken vertraut machen. Als wirksamstes Moment für den Frieden bleibt allerdings auch dann noch die Furcht bestehen, daß ein siegreicher General eine Gefahr für die gegenwärtige Regierung wie für die Republik werden könnte. Die Beziehungen zu England sind in diesem Augenblick wichtiger als je, und ich gäbe viel darum, wenn Salisbury unlustig oder unfähig würde, weiterzuregieren. Danach sieht es aber leider nicht aus. Der Ton des letzten Hatzfeldtschen Briefes klang recht resigniert: kein Wunder, denn alle Kreise werden einem ja gestört. Neid und Haß gegen unseren allergnädigsten Herrn wachsen stetig infolge seines allzu präpotenten Auftretens. Daß der kümmerliche kleine Russe jetzt nach Dänemark geht, ist doch wieder eine offenbare Demonstration gegen S. M." Hinsichtlich einer deutsch-englischen Allianz stand ich, wie ich unter Hinweis auf früher Gesagtes ausdrücklich wiederholen möchte, nach wie vor Allianz-Frage auf demselben Standpunkt, den ich während der drei verflossenen Jahre in Übereinstimmung mit dem Kanzler Hohenlohe und dem Botschafter Hatz- feldt einnahm und den übrigens schon Caprivi und Marschall und vor allem 26* • 436 EIN MARGINAL DES KAISERS Fürst Bismarck vertreten hatten. Wie sie würde auch ich freudig einem Vertrage zugestimmt haben, der die Verpflichtungen und das Risiko zwischen den beiden großen Reichen gleichmäßig verteilte. Eine Societas leonina zugunsten des britischen Löwen konnten und durften wir nicht eingehen. Deshalb mußten wir darauf bestehen, daß ein deutsch-englischer Vertrag nicht geheim blieb, sondern daß die Parlamente beider Länder ihre Zustimmung erteilten, schon weil andernfalls die Gefahr vorlag, daß im Falle eines Krieges England sich seinen Verpflichtungen durch einen Regierungswechsel entzog. Die zweite Voraussetzung einer für uns annehmbaren Allianz war, daß, wenn wir eine Garantie für die englischen Besitzungen, insbesondere für einen russischen Angriff gegen Indien, übernehmen sollten, England uns für den Fall eines russischen Angriffs auf Österreich-Ungarn und eines französischen Angriffs auf Italien zu Hilfe kommen müsse. Andernfalls wurde unser Verhältnis zu Österreich-Ungarn wie zu Italien ganz in das Belieben von London gestellt, und unsere beiden Bundesgenossen gerieten völlig in englische Abhängigkeit. Kaiser Wilhelm II. teilte diesen Standpunkt. Er schrieb noch kurze Zeit vor meinem Rücktritt, im Februar 1909, ad marginem eines Artikels des Berliner Tageblatts über deutsch-englische Allianzverhandhmgen in den Jahren 1899 und 1900: „Ich entsinne mich genau, daß das Allianz-Angebot von Cham- berlain gemacht wurde, als Ich im Frühjahr in Homburg vor der Höhe war, Metternich war damals bei Mir, zum auswärtigen Dienst kommandiert, und haben wir die Angelegenheit während eines Ritts auf den Feldberg besprochen. Wir sollten nach Chamberlains Wunsch die Rolle übernehmen, die später Japan übernahm, Rußland durch die Waffen von Indien abzuhalten. Die Sache zerschlug sich, als Ich verlangte, es solle ein vom englischen Ministerrat unterschriebener Allianzvertrag mit uns dem englischen Parlament vorgelegt und von diesem einstimmig votiert werden." Die Schlußbemerkung dieses Marginals war eine Übertreibung. Wir hatten natürlich nicht ein einstimmiges Votum des Parlaments verlangt, sondern nur die Annahme des Vertrages durch das englische Parlament unter Zustimmung der beiden großen Parteien. Über die Vorgänge in Ostasien wurde ich nach wie vor durch verständige Prinz Briefe des Prinzen Heinrich unterrichtet. Er konnte mir mit Befriedigung Heinrich schreiben, daß der ausgezeichnete Direktor des Bremer Norddeutschen Ostasien Ll 0 y,j ? Herr Wiegand, Tsingtau besucht habe und von den dortigen Zuständen „im höchsten Maß" erbaut gewesen wäre. Wiegand zolle den bisherigen Leistungen „volle Anerkennung". Nach einem Besuch in Japan hatte mir der Prinz geschrieben: „Sehr gelegen für meinen Aufenthalt in Japan kam Ihre in einer Ihrer letzten Reichstagsreden gebrauchte Wendung, welche ein Kompliment für die Japaner enthielt. Dergleichen Kom- PRINZ HEINRICH LOBT JAPAN 437 plimente verfehlen bei den Japanern niemals ihre Wirkung und fallen auf den sehr fruchtbaren Boden ihrer großen Eitelkeit. Es ist erstaunlich, was jenes Land in den letzten zwanzig Jahren geleistet hat, um sich zu der Stellung emporzuarbeiten, die es jetzt zweifellos einnimmt. Japan will als Großmacht behandelt und angesehen werden, und kann ich nur hinzufügen, daß es hierzu ein volles Recht hat. Man sagte mir, daß Japans Handelsbeziehungen stets zugunsten jener Nation ausfielen, welche es am besten behandelte. Die Artigkeit, Zuvorkommenheit und Höflichkeit, mit der ich in jenem Lande aufgenommen wurde, ist über jedes Lob erhaben. An der chinesischen Küste ist man unter den Europäern geneigt, über den Japaner schlecht und schroff zu urteilen, und muß ich gestehen, daß ich bis zu dem Augenblick der persönlich gewonnen Eindrücke stark beeinflußt worden war. Gründe für diese Abneigung sind wohl darin zu suchen, daß der japanische Kaufmann nicht so zuverlässig ist wie der chinesische und daß man in Japan nicht mehr unter denselben Bedingungen leben kann wie vor zwanzig Jahren. Diese Auffassung kann ich jedoch nur als eine einseitige und beschränkte bezeichnen. Ein Volk, welches wie Japan mit aller Energie an seiner Selbständigkeit und Emanzipation von den Europäern arbeitet, wird den letzteren naturgemäß unbequem. Die Nation dieserhalb zu verurteilen, halte ich nicht für richtig. England mit seinem klugen, gut geschulten und weitgehenden Weltenblick handelte weise, als es den Japanern zu ihrer eigenen Jurisdiktion verhalf und bei dieser Frage die leitende Stelle zugunsten Japans nahm . . . Dem heutigen vorurteilsfreien Beschauer kann es nicht entgehen, daß Japan nicht mehr das harmlose Land der Geishas, Lackwaren usw. ist, sondern vielmehr aus einem sehr patriotisch und streng national gesonnenen Volke besteht, welches jetzt bereits die erste und achtunggebietende Macht in Ostasien repräsentiert. Sich mit dieser Macht gut stellen, heißt eine politische Klugheit begehen." Der Brief des Prinzen Heinrich schloß mit den für seine schlichte Art wie für seine Herzensgüte bezeichnenden Worten: „Ich bin nach wie vor gern in meiner Stellung, die mir so unendlich viel Interessantes bietet, worin ich die Kompensation erblicke für die lange Trennung von der Heimat und den Meinen. Andererseits erblicke ich in diesem Opfer meine Pflicht und meinen Stolz als Seeoffizier. Indem ich Sie bitte, mich der Frau Gräfin auf das angelegentlichste zu empfehlen, verbleibe ich, mein lieber Herr Graf, Ihr sehr treu und dankbar ergebener Prinz Heinrich von Preußen." Ich hatte diesen Brief zum Gegenstand eines längeren Vortrages beim Kaiser gemacht, um ihn, wie schon mehrfach früher und wie später noch oft, zum Eingehen auf gewisse japanische Wünsche (Zulassung japanischer Offiziere zum Besuch unserer Kriegsakademie u. ä.) sowie für eine freund- 438 DIE MUMMS liebere Behandlung japanischer Prinzen und Diplomaten zu gewinnen. Ich bemühte mich namentlich immer wieder, die endliche Beseitigung des unseren Ostasien-Dampfern aufgenötigten ominösen und für den Japaner beleidigenden Bildes zu erreichen, wo Deutschland den europäischen Nationen den heiligen Krieg gegen den armen Buddha predigt. Aber meine Vorstellungen prallten an dem Eigensinn des Kaisers ab, der bei anscheinend oder verhältnismäßig geringfügigen Anlässen noch stärker hervortrat als in großen Fragen. Er fuhr fort, von der „gelben Gefahr" zu sprechen und von einem „Kreuzzug" der Weißen gegen die Gelben zu phantasieren. Nach seiner Rückkehr aus Ostasien schrieb mir Prinz Heinrich von seinem Gut Hemmelmarck bei Eckernförde: „Gewiß ist Reden Silber und Schweigen Gold, doch wird es mir furchtbar sauer, bei den jetzigen Verhältnissen den Mund ganz zu halten, und ich muß mir, vertrauend auf die übbehe Nachsicht, Luft machen! Mir will scheinen, als ließe das Strohfeuer der Chinesen endlich nach. Die Einnahme von Tientsin, Deutschlands und der übrigen Mächte energische Haltung wirken! Der Süden Chinas ist immer noch ruhig. Japan beträgt sich musterhaft und verdient volle Anerkennung. Rußland hat alle Hände voll zu tun. Daher gebe man dem Russen, was des Russen ist, und Japan, was Japans ist! Wir können gutmachen, was wir seinerzeit mit Liaotung verfahren haben! Man lasse den Russen ihren Teil der Mandschurei und einen Teil Koreas und den Japanern den anderen Teil der koreanischen Halbinsel. England wird sich hierzu gewiß bereit erklären, und hätten wir Frieden unter den Mächten. Japan alle Anerkennung einer Großmacht zollen, ist nicht mehr denn klug." In den stillen Zeiten, wo sich die Vertreter von dreiunddreißig deutschen Gesandter Regierungen jeden Donnerstag in dem stattlichen Palais des Fürsten Mumm von Thum und Taxis in der Eschenheimer Gasse in Frankfurt am Main zu versammeln pflegten, vertrat mein Vater für die Herzogtümer Holstein und Lauenburg das Königreich Dänemark. Dänischer Konsul in Frankfurt am Main war damals ein angesehener Frankfurter Kaufmann aus alter patrizischer Familie, der von Österreich unter dem Namen Mumm von Schwarzenstein nobüitiert wurde. Der Sohn Mumm wurde Anfang der neunziger Jahre als Legationssekretär der Kaiserlichen Gesandtschaft in Bukarest zugeteilt, während ich dort als Gesandter tätig war, und ich fand Gelegenheit, seine Pflichttreue, seine Arbeitskraft, seine Kenntnisse zu schätzen. Speziell von wirtschaftlichen und handelspoUtischen Fragen verstand er mehr als die meisten deutschen Diplomaten jener Tage. Als Herr von Ketteier von den Chinesen ermordet worden war, Heß ich Herrn von Mumm zu mir bitten und frug ihn, ob er die Nachfolge übernehmen wolle. Er nahm mein Anerbieten sogleich und mit sichtlichem Vergnügen Schwarzenstein IM VERWÜSTETEN PEKING 439 an. Als ich ihn zu der Furchtlosigkeit beglückwünschte, mit der er bereit wäre, sich auf den Stuhl eines ermordeten Vorgängers zu setzen, meinte er lächelnd: „Ich habe mich viel mit diplomatischer Geschichte beschäftigt und festgestellt, daß noch niemals an demselben Posten zwei diplomatische Vertreter derselben Macht hintereinander ermordet worden sind. Also bin ich in Peking sicherer als irgendwo sonst." Er trat dann ohne Verzug die Fahrt nach Peking an, von wo er mir bald nach meiner Ernennung zum Reichskanzler in einem längeren Schreiben seine ersten Eindrücke schilderte. Wie die meisten unserer Auslandsvertreter begann er mit der Versicherung, wie sehr es ihn beglücke, daß bei der Wiederbesetzung des Kanzlerpostens die Wahl Seiner Majestät gerade auf mich gefallen wäre. Donec eris felix, multos numerabis amicos. Aufrichtig, wie ich glaube, fügte Mumm hinzu, er wünsche sich selbst Glück, daß ein so gütiger und menschlichen Regungen zugänglicher Vorgesetzter ihm nunmehr zum dritten Male beschert würde, und freue sich noch nachträglich seiner Versetzung nach Bukarest, die ihn mir nahegebracht hätte. Er gab eine malerische Schilderung der großen Schwierigkeiten seiner Fahrt von der Küste nach Peking, die er bei eisigem Nordsturm, eingehüllt in gewaltige Staubwolken, in „dem" Salonwagen, d. h. in dem einzigen besseren Waggon der Eisenbahn, unternommen hätte, in dem trotz der Kugellöcher ein kleiner Ofen die Existenz einigermaßen erträglich gemacht habe. Verglichen mit den Nachtquartieren in den chinesischen Häusern wäre ein besserer Schweinestall bei uns ein Palast. Eine Kälte von drei bis vier Grad unter Null wäre durch die nur mit einer Matte verdeckte Türöffnung und durch die Papierfenster in empfindlichster Weise eingedrungen; er begriffe noch nicht, wie er ohne Lungenentzündung davongekommen sei. Nach dem Verlassen der Eisenbahn mußte die Fahrt im Wagen fortgesetzt werden, mit ganz überwiegend schlechten Pferden. „Glücklicherweise befand sich unter den Pferden der Eskorte zufällig auch ein ostpreußisches, und da ein Preuße eben unter allen Umständen seine Pflicht tut, wurde es angespannt und brachte uns gegen sechs Uhr abends nach Tungchou." Der Weg von dortnach Pekinghatte dem Gesandten einen trostlosen Eindruck gemacht. Alle Ortschaften gänzlich verödet und vollständig in Trümmern. Die einzigen lebenden Wesen halb verhungerte Hunde, die keine Leichen mehr zum Fressen fanden. Auch der erste Eindruck von Peking war sehr niederdrückend gewesen. Die gewaltigen Steinmauern erschienen dem Gesandten wie Gefängnismauern, und die grenzenlose Verwüstung verstimmte sein Gemüt. Nichts als Schutt und Trümmer. Er fuhr durch das Tung-Pien-Men-Tor, auf dem „unsere stolze schwarz-weiß-rote Flagge" wehte, in die chinesische Stadt und dann durch das weltberühmte Hatamen-Tor in die Tatarenstadt. Die Straße vom Hatamen-Tor an, in welcher der Vorgänger von Mumm 440 „MEIN LIEBER CLIQUOT" ermordet worden war, hatte diesem zu Ehren den Namen Kettelerstraße erhalten. Uber sein Verhältnis zu den Chinesen schrieb Herr von Mumm: „Man könnte mit diesem Volk gar nicht zurechtkommen, wenn das Gefühl der Verantwortung des einen für den anderen bei den Chinesen nicht so ausgebildet wäre. Für alles, was passiert, ist mir der Headboy verantwortlich. Er wird am Ohr gezogen, wenn irgend etwas schief geht, und ihm bleibt überlassen, sich nach unten schadlos zu halten und die erhaltene Schelte weiterzugeben. Im übrigen ist das Leben infolge der Findigkeit der Chinesen und des zahlreichen Personals leicht. Man gibt Befehle und überläßt es den Untergebenen, wie sie die Ausführung möglich machen." Zu diesem letzten Satz hatte der Kaiser, dem ich den Brief von Mumm vorgelegt hatte, ad marginem geschrieben: „Bravo! Das ist mein Fall!" Ich glaube kaum, daß selten eine Randbemerkung des Kaisers die Grundanschauung Seiner Majestät prägnanter ausgedrückt hat. Am Schlüsse seines Briefes führte Herr von Mumm in verständiger Weise aus, daß er, ohne seinen russischen Kollegen, den persönlich wenig sympathischen Herrn von Giers, vor den Kopf zu stoßen, mit dem klugen Engländer Satow die besten Beziehungen unterhalte und auch mit dem Franzosen Pichon, dem nachmaligen Minister des Äußern, gut auskomme. Unter den Brief von Mumm hatte der Kaiser geschrieben: „Cliquot fängt seine Sache sehr geschickt an!" Der Gesandte Mumm von Schwarzenstein war Besitzer großer Weinberge und Kellereien in der Champagne. Während er Botschaftssekretär in Paris war, sagte sein damaliger Chef, der greise Fürst Münster, der in seinem hohen Alter leicht Namen verwechselte, zu Mumm: „Mein lieber Cliquot, warum nennen Sie sich nicht lieber nur mit Ihrem zweiten Namen Ratzenstein, das klingt besser." Münster verwechselte Mumm mit Cliquot und Schwarzenstein mit Ratzenstein. Während des ganzen Verlaufs der chinesischen Wirren war die damals von Die Mächte- Delcasse geleitete französische Politik bemüht, uns von England abzu- Gruppierung ziehen und zu einer Verständigung mit Frankreich und Rußland zunächst über Ostasien im antiengUschen Sinne zu überreden. Da jedoch die Russen hierbei kaum einen Zweifel darüber ließen, daß die Franzosen die elsaßlothringischen Ansprüche um keinen Preis fallenlassen und ihre Agitation gegen den Frankfurter Frieden trotz etwaiger Sonderabmachungen mit uns schwerlich einstellen würden, durften wir uns in Ostasien so wenig wie in Südafrika in einen Gegensatz zu England drängen lassen. Im übrigen war die damalige unbehagliche Stimmung der Russen begreif lieh. Die chinesischen Unruhen bedeuteten eine Schwächung der europäischen Machtstellung Rußlands, weil sie die ostasiatischen Friktionen zwischen Rußland einerseits, China, Japan, England und Amerika andererseits in steigendem Maße verschärften. Für Deutschland war dieser Zustand eine Entlastung WITTE HAT FURCHT VOR UMSTURZ 441 an seiner Ost- und folgerichtig auch an seiner Westgrenze. In diesem Sinne sagte mir einige Zeit später Sergej Juljewitsch Witte, als ich im Sommer 1904 mit ihm einen für uns sehr günstigen Handelsvertrag in Norderney abschloß: „Wenn Sie nicht nach Kiautschou gegangen wären, brauchte ich jetzt nicht diesen Handelsvertrag zu unterschreiben." Ich muß hinzufügen, daß Witte nichtsdestoweniger mit uns in Frieden und Freundschaft zu leben wünschte. Wie alle weiterblickenden Russen begriff er, daß ein Krieg mit Deutschland für Rußland nicht nur die Gefahr, sondern beinahe die Gewißheit eines inneren Umsturzes in sich trug. Witte war bis zu seinem Tode, sofern wir nur den mit dem Fortbestand der Türkei wie mit unseren wirtschaftlichen Interessen im türkischen Reich vereinbarten russischen Wünschen hinsichtlich der Dardanellen Rechnung trugen, ein sicherer Anhänger friedlicher und freundlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland. XXVIII. KAPITEL Der Bundesrat • Die Friedensliebe Kaiser Wilhelms II. • Mündigkeitserklärung des Kronprinzen (6. V. 1900) • Die Rechte der Krone und die Parteien • Bülows Verhältnis zum Kaiser ■ Wilhelm II. in den Briefen Eulenburgs an Bülow • Der Kaiser und Bismarck Der Kaiser und die Sozialdemokratie • Gemütszustand der Kaiserin • Intrigen Eulenburgs gegen Ihre Majestät • Eulenburgs Spiritismus • Freundschaft Wilhelms II. mit enn ich nach Prüfung der außenpolitischen Lage, die ich im Spätherbst VV 1900 nach meiner Ernennung zum Reichskanzler vorfand, meinen Blick nach innen richtete, so war ich mir natürlich wohl bewußt, daß ich nach meinem ganzen Lebensgang unseren inneren Verhältnissen noch ziemlich fernstand. Das hatte den Nachteil, daß es mir vielfach an Detailkenntnissen fehlte. Es hatte den Vorteil, daß ich ohne vorgefaßte Meinung, ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile irgendwelcher Art an die Probleme der inneren Politik herantrat. Es hatte die gute Seite, daß ich nicht, wie in Deutschland viele, sonst treffliche, redliche und biedere Beamte und Volksvertreter, über Einzelheiten die große Linie vergaß, daß es mir nicht oder nicht so häufig wie manchem Landsmann passierte, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen. Auch beruhigte mich der Gedanke, daß in England der Bankier Goschen ein tüchtiger Marineminister gewesen war und daß in Preußen aus dem Schreiber beim Berliner Polizeiamt Christian Rother ein guter Chef der Seehandlung, ein guter Direktor der Königlichen Bank und sodann während zwölf Jahre ein ausgezeichneter Finanzminister wurde. Freilich war Rother in der ganz alten, ganz guten Zeit vor 1848 vom Schreiber zum Staatsminister aufgerückt. Bismarck hatte zu dem ehemaligen Schiffsarzt Lucius, der das ihm angebotene Finanzministerium wegen Mangels an Fachkenntnissen ablehnte, gesagt: „Das Finanzministerium ist das einfachste Ding von der Welt; wenn Bodelschwingh ihm hat acht Jahre vorstehen können, so kann das jeder." Lucius selbst war, wenn auch nicht Finanz-, so doch Landwirtschaftsminister geworden und hatte sich als solcher bewährt. War nicht aus dem Landjunker von Maitzahn-Gültz ein brauchbarer Reichsschatzsekretär, aus dem Husarenoberst von Podbielski ein sehr brauchbarer Reichspostminister geworden? Was andere Junker konnten, das konnte ich auch. dem Fürsten von Monako FLITTERWOCHEN DER KANZLERZEIT 443 Ich durfte endlich mit Genugtuung feststellen, daß ich das Vertrauen der Bundesregierungen besaß. In der Sitzung des Bundesratsausschusses Rede vor dem für auswärtige Angelegenheiten, die am 11. Juli 1900 abgehalten worden Bundesrats- war, hatte nach einem von mir gegebenen ÜberbHck über den Stand der ■^ usscnu ß chinesischen Angelegenheit wie über die gesamte Weltlage der Vorsitzende des Ausschusses, der königlich bayrische Staatsminister Freiherr von Crailsheim, im Namen des Bundesrats erklärt, die bayrische Regierung sei mit den Grundzügen der von mir dargelegten Politik einverstanden, sie würde meine Politik mit voller Uberzeugung unterstützen. Ich möge mich des Vertrauens der königlich bayrischen Regierung versichert halten. Die gleiche Erklärung gab für die sächsische Regierung Staatsminister von Metzsch ab: die sächsische Regierung billige mein Programm und meine Ziele und erkenne meine schon bewährte Politik als die richtige an. Alle übrigen Vertreter der Bundesstaaten äußerten sich in gleichem Sinne. So konnte der Vorsitzende des Ausschusses, Freiherr von Crailsheim, die abgegebenen Erklärungen dahin resümieren, daß die im Ausschuß vertretenen Bundesregierungen die von dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes dargelegte und vertretene Politik einmütig billigten. Bevor die Sitzung aufgehoben wurde, ergriff der Vorsitzende noch einmal das Wort, um zu erklären, daß nach der Überzeugung aller Bundesregierungen die Leitung unserer auswärtigen Politik gegenwärtig in guten Händen liege. Man könne mit Vertrauen in die Zukunft blicken, „solange diese Hände das Steuer hielten". Die letzten Worte hatte Crailsheim mit gewolltem Nachdruck und erhobener Stimme gesprochen. Ich stellte in meiner Erwiderung auf dieses Vertrauensvotum fest, daß meine zu meiner Befriedigung von den verbündeten Regierungen gebilligte politische Tätigkeit die Ausführung der tatkräftigen, zugleich maßvollen und besonnenen Politik Seiner Majestät des Kaisers wäre. Wenn ich stets entschlossen war, mein Bestes daran zu setzen, Kaiser Wilhelm II. ein einsichtiger Berater zu sein, so ging mir selbst damals in den Charakteristik Flitterwochen meiner Kanzlerzeit, wo der hohe Herr mich mit Beweisen von Wilhelms II. Freundschaft und Vertrauen überschüttete, mehr als einmal das melancholische Wort durch den Sinn, das Madame Mere, die Mutter des großen Napoleon, sprach, als das Kaisertum der Bonaparte auf seinem Gipfel stand: ,,Ca va bien pourvu que ca dure." Ich habe mich des Vertrauens und der Freundschaft des Kaisers Wilhelm II. nie ganz und nie wirklich sicher gefühlt. Ich habe zu ihm nie das Vertrauen gehabt, das ich in langen Jahren in Paris wie in Berlin zu dem Fürsten Chlodwig Hohenlohe, das ich zu Loe, zu dem Prinzen Heinrich VII. Reuß und dem Fürsten Otto Stolberg als Vorgesetzten, das ich zu Rheinbaben und Schorlemer, zu Bosse und Studt als Kollegen, das ich zu Franz Arenberg, zu Knesebeck und 444 WILHELM IL REITET ATTACKE August Dönhoff, zu Adolph Deines und zu Fritz Vitztum als Freunden empfand. Gewiß war auf dem Gebiet der auswärtigen Politik die Friedensliebe Seiner Majestät über jeden Zweifel erhaben. Auf Ehre und Gewissen kann ich versichern, daß Kaiser Wilhelm II. nie, in keiner Stunde meiner Ministerzeit, an einen Angriffskrieg gedacht hat. Wühelm II. hat einige Jahre vor dem Weltkrieg (wenn ich mich nicht irre, von einem pomischen Maler) ein Bild malen lassen, das in der Form eines Triptychons nebeneinander Friedrich den Großen, den Krückstock in der Hand, auf dem Schlachtfeld von Leuthen, Wilhelm I., bei Königgrätz von den siegreichen Truppen begrüßt, und Wilhelm IL, mit hochgeschwungenem Säbel an der Spitze seiner Königsulanen bei einer Manöverattacke, darstellte. Wilhelm II. verschenkte gern dieses Bild, das besser als die längste Abhandlung die ganz aufrichtige Friedensliebe Seiner Majestät zum Ausdruck brachte. Das war es, was er in Wirklichkeit wollte: „schneidige" Allüren und ein „forsches" Auftreten, aber keine wirkliche Gefahr, keine ernstbche Probe. Er hat nie andere als Manöverattacken reiten wollen. Sein Unglück war nur, daß er aus Naivität, auch aus Oberflächlichkeit, vor allem in bisweilen kindbcher Eitelkeit den Schein für Wirklichkeit nahm und zur Wirklichkeit stempeln wollte. Tatsächlich war er, soweit es sich um Krieg und Frieden handelte, eher ängstlich. Sein böser Oheim Eduard VII. hatte schon als Prinz von Wales in Paris den Franzosen, die sich wegen einer rasselnden Rede des Deutschen Kaisers alarmiert zeigten, lächelnd gesagt: „Chien qui aboie ne mord pas." Schon die Möglichkeit kriegerischer Verwicklungen erschreckte ihn, und es lag bisweilen die Gefahr vor, daß unsere Gegner im Vertrauen auf die innerliche, intensive Scheu des Kaisers vor ernstlichen Komplikationen uns zu viel bieten könnten. Womöglich noch ferner als der Plan, mit dem deutschen Heer über unsere Nachbarn herzufallen, lag Kaiser Wilhelm II. die Absicht, mit seiner gehebten Flotte England anzugreifen. Nie ist Wilhelm II. der Gedanke auch nur durch den Kopf gegangen, England mit Krieg zu überziehen. Tirpitz hatte, bis er sich von seinem Eifer für sein Ressort, für seine Sache weiter, immer weiter und schließlich zu weit fortreißen ließ, den richtigen Gedanken vertreten, wir müßten zur See so stark werden, daß ein Angriff auf uns für den Angreifer mit einem erheblichen Risiko verbunden wäre. Dann stünde ruhigen, vertrauensvollen und sicheren Beziehungen zwischen dem deutschen und dem englischen Volke auf der Basis der Gleichberechtigung nichts mehr im Wege. Das Bild, das der Phantasie Wilhelms II. als schönste Zukunftsperspektive vorschwebte, war, daß er an der Spitze einer großen, einer sehr großen deutschen Flotte eine friedliche Fahrt nach England antreten würde. Auf der Höhe von Portsmouth würde den Deutschen Kaiser der englische Souverän an der Spitze seiner Kriegsflotte erwarten. DER „WELTHISTORISCHE MOMENT ERSTER GRÜSSE" 445 Die beiden Flotten würden aneinander vorbeidefiberen, jeder der beiden Souveräne auf der Kommandobrücke seines Flaggschiffs in der Marineuniform des anderen und mit dem Ordensband des anderen. Dann würde nach dem Austausch der obligaten Umarmungen und Küsse in Cowes ein Galadiner mit herrlichen Reden stattfinden. Kein deutscher und erst recht kein englischer oder französischer Pazifist war von so ehrlicher und tiefer Friedensliebe erfüllt wie Kaiser Wilhelm II. Sein und unser Unglück war nur, daß seine Worte und seine Gesten dieser inneren Stimmung nicht entsprachen. Wenn er in Worten renommierte oder gar drohte, so war es übrigens nicht selten, um seine innere ängstliche Gemütsstimmung zu betäuben. Heinrich Heine spricht in einem boshaften Gedicht von den Kindern, die, um sich im Finstern Mut zu machen, ein lautes Lied anstimmen. Ein englisches Blatt, der „Spectator", erinnerte mit Bezug auf die vom Kaiser von Zeit zu Zeit gehaltenen hochgemuten Reden an die irische Anekdote von dem Jungen, der abends über den Kirchhof geht und seine Furcht unter Pfeifen verbirgt. Dazu kam der bedauerbche Hang zum Bramarbasieren und Renommieren, den Wilhelm II. weder von seinem edlen, ritterbchen und ganz furchtlosen, aber dabei innerlich, bescheidenen Vater geerbt hatte, noch von seinem gerade durch sein schlichtes Wesen so vornehmen Großvater Wilhelm I., noch von seiner hochgebildeten, in ihrem Auftreten fast schüchternen Mutter, noch von seinen beiden Großmüttern, der Kaiserin Augusta und der Königin Victoria, die beide durch Würde und Takt auch geistig auf der Menschheit Höhen wandelten. Das Großsprecherische im Wesen Wilhelms II. war im Frühjahr 1900 in besonders charakteristischer Weise bei dem Toast zum Ausdruck ge- Toast bei kommen, den er am 6. Mai anläßlich der Mündigkeitserklärung des Krön- Mündigk prinzen in Gegenwart des fast siebzigjährigen Kaisers Franz Josef, vor den er ^ arun S fürstlichen Vertretern aller deutschen und vieler ausländischen Staaten Kron P rin ausbrachte. Er erklärte in seiner Rede, daß es sich nicht um ein einfaches Familienfest, sondern um einen „welthistorischen Moment erster Größe" handle. Ach, diese Mündigkeitserklärung war nur ein höfisches Intermezzo. Auch die Geburt des einzigen Sohnes des Kaisers Napoleon III. und die des einzigen Sohnes des Kaisers Franz Josef, beide in meinen Jugenderinnerungen von mir gestreift, waren nicht wirkbch historische Momente. Und selbst die Geburt des Königs von Rom war kein Ereignis wie die Reformation oder die große Französische Revolution oder die Einigung Deutschlands durch Bismarck oder das italienische Risorgimento oder die Unabhängigkeitserklärung der dreizehn Vereinigten Staaten von Nordamerika. Und doch hatte von der Geburt des Königs von Rom Victor Hugo gesungen: 446 TAFEL IM WEISSEN SAAL Et l'on vit se dresser sur le monde L'homme predestine, Et les peuples beants ne purent que se taire, Car de ses deux bras il leva sur la terre Un enfant nouveau ne. An jenem 6. Mai 1900 erhob Wilhelm II. nach einem begeisterten Hymnus auf seine eigenen Vorfahren und sein eigenes Haus sein Glas mit dem Wunsch, daß allen seinen Vettern und allen seinen Oheimen die Genugtuung zuteil werden möge, die er selbst in diesem Augenblick empfinde, daß auch ihnen ihre Länder und ihre Untertanen ihre Arbeit so danken möchten, wie sie dem Kaiser seine Untertanen dankten. Von den an der Tafel im Weißen Saal mir gegenüber sitzenden Onkeln und Vettern des Kaisers Wilhelm II. sahen nach dieser gar zu selbstgefälligen Expektoration die älteren verwundert und leise froissiert aus, die jüngeren schauten ironisch drein. Jedenfalls konnte es auch für denjenigen, der die guten Absichten des Kaisers so genau kannte, der sein im Grunde edles Herz und seine in vieler Hinsicht glänzende Begabung so rückhaltlos anerkannte wie ich, nicht zweifelhaft sein, daß sein Auftreten und sein Temperament nicht nur die ständige Gefahr unliebsamer Zwischenfälle in sich barg, sondern daß immer wiederholte Entgleisungen schließlich den in Deutschland vorhandenen sehr großen Fonds an monarchischer Gesinnung gefährden müßten. Ich war entschlossen, die Grundlagen der Monarchie, die Rechte der Krone gegenüber den Parteien und gegenüber dem Reichstag mit Festigkeit und, wenn es nicht anders ging, so rücksichtslos zu wahren und zu verteidigen, wie ich mich als junger Husar auf den Schlachtfeldern der Pikardie meiner Feinde erwehrt hatte. Aber die Animosität, die den Kaiser und einen Teil seiner näheren Umgebung gegenüber dem Parlament als solchem erfüllte, teilte ich nicht. Ich wünschte nicht die Volksvertretung auszuschalten, in ihrem Ansehen herabzusetzen oder in den Hintergrund zu schieben, die Volksrechte oder auch nur die Freiheit der Presse zu beschränken. Gerade für Wilhelm II. erschienen mir diese Schranken nützlich und notwendig, schon im Hinblick auf seine Impressionabilität gegenüber Schmeichlern und Ohrenbläsern, auf die sein Vater und sein Großvater nicht hörten, die aber bei ihm leichteres Spiel hatten. Bismarck hatte gesagt, daß, wenn es kein Parlament gäbe, der Kammerdiener regieren würde. Cavour hatte gemeint: ,,La plus mauvaise chambre vaut mieux que l'antichambre." Diese meine Überzeugung war weit entfernt von Unterwürfigkeit oder auch nur von Ängstlichkeit und dadurch hervorgerufener übertriebener und schwächlicher Rücksichtnahme gegenüber den Parteien. Ich habe mich nie einer Partei ganz zu eigen gegeben, die Staatsräson stand mir immer hoch über den Fraktionen. Ich hielt es mit Jakob Grimm, der „JETZT MÄKELT ALLES" 447 nach seiner Amtsentsetzung 1838 scnrieb: „Meine Vaterlandsliebe habe ich niemals hingeben mögen in die Bande, aus welchen sich zwei Parteien einander anfeinden. Ich habe gesehen, daß Hebreiche Herzen in diesen Fesseln erstarren. Wer nicht eine von den paar Farben, welche die kurzsichtige Politik in Kurs bringt, aufsteckt, wer nicht die von Gott mit unergründlichen Gaben ausgestattete Seele der Menschheit wie ein schwarz und weiß geteiltes Schachbrett ansieht, den haßt sie mehr als ihren Gegner, der nur ihre Livree anzuziehen braucht, um ihr zu gefallen." Darum habe ich mit allen Parteien nacheinander gestritten und gekämpft: mit den Konservativen im letzten Winter meiner Amtszeit (1908/1909), mit dem Zentrum 1906, mit dem Freisinn wiederholt, mit den Sozialdemokraten fortgesetzt. Aber ich habe auch nie verkannt, daß in jeder Partei ein guter Kern war und daß es die Aufgabe einer weisen Staatsleitung ist, zwar jede Partei zu verhindern, durch fraktionelle Selbstsucht und Uberspannung ihrer Sonderinteressen das Ganze zu schädigen, andererseits aber auch die Fähigkeiten und Kräfte aller Parteien zum Besten des Ganzen zu verwerten. Im Sommer 1899 hatte mir Philipp Eulenburg von der Nordlandreise geschrieben: „Ich sehe eine Art Bitternis überall herausblicken. Früher Wilhelm II. stritt ich mich mit mäkelnden zwei oder höchstens drei, jetzt mäkelt alles B e S en den ohne Ausnahme in einer ermüdeten, hoffnungslosen Weise, die dem gesamten Gefolge ein orientalisches Gepräge von Fatalismus gibt und — von mißmutiger Angst vor dem Sultan. Es macht mich diese Erfahrung tief melancholisch. Der arme liebe Herr wird immer einsamer. Ich möchte Ihm so viel sagen — und dann schnürt sein Kalifentum mir die Kehle zu, wenn ich im AugenbUck vorher glaubte, Harun-al-Raschid gütig im Volke wandeln zu sehen!" Am folgenden Tage fuhr Eulenburg fort: „Ich ging mit dem Kaiser bei strömendem Regen zu Loenvand (Nord-Fjord). Er sagte mir: ,Wenn man das Gebaren der Leute zu Hause sieht, so kann man wirklich jede Lust verlieren, weiterzuregieren. Das einzige Mittel ist, gar nicht auf sie Rücksicht zu nehmen. Die kolossale Diskreditierung, der Zusammenbruch des Parlamentarismus macht die öffentliche Meinung krank, so wie Rußland auch innerlich krank ist. Dort flüchtete man sich deshalb in die auswärtige Politik, bei uns macht sich die Krankheit in Zerfahrenheit und Unzufriedenheit Luft. Diese hemmen die Ziele der Regierung und werfen ihr Steine in den Weg, wo sie nur können!' Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte (ziemlich wörtlich) folgendes: ,Die Unzufriedenheit bemerke ich seit langer Zeit, und sie beginnt mir unheimlich zu werden, weil sich die sonst so zerrissenen Parteien in der gemeinsamen Erbitterung gegen Eure Majestät zusammenfinden.' Der Kaiser sagte: ,Das ist Mir nichts Neues! Wenn Ich den Kampf gegen Bismarck acht Jahre ausgehalten habe, so kann Mich nichts mehr besonders anfechten. Dies Argument Parlamentarismus 448 „ES MUSS JA DOCH EINMAL KRACHEN" .* kannst du gut anwenden, wenn dir die Leute mit Besorgnissen kommen!' Ich erwiderte: ,Der alte Kampf spielt in die jetzige Lage noch hinein. Er gipfelt in einem bedenklichen Gegensatz zwischen der Persönlichkeit Eurer Majestät und dem gesamten Volk. Die zweifellos moderne Seite Eurer Majestät, durch welche Sie sich an die Spitze des Neuen stellen, welche Gestalt es auch haben möge, trägt einen fast fortschrittbchen Charakter, aber sie wird paralysiert durch eine zu harte, in die Öffentlichkeit tretende Energie. Durch Reden, durch Telegramme erwecken Eure Majestät den Eindruck, den absoluten König wieder aufleben lassen zu wollen. Das aber wird von keiner Partei mehr des ganzen Reichs verstanden und begriffen. Der Parlamentarismus sitzt tief in allen deutschen Knochen, und der von Ihnen behauptete Zusammenbruch des Parlamentarismus ist nur eine Unzufriedenheit mit einigen Formen desselben.' Nicht ohne Schärfe antwortete der Kaiser: ,Ich beanspruche für Mich das freie Wort wie jeder deutsche Mann, Ich muß sagen, was Ich will, damit die vernünftigen Elemente wissen, wie und wem sie folgen sollen. Wenn Ich schweige, würde das (wörtlich!) ,völlig fertige Bürgertum' gar nicht wissen, was es zu tun hat!' Ich erwiderte: ,Taten sind für einen Herrscher besser als Worte.' Darauf Seine Majestät: ,Und die sollen sie auch zu sehen bekommen.' Dann lächelnd: ,Du hast nur Angst, daß Ich mit Gewaltmaßregeln gegen das Parlament vorgehe.' Ich erwiderte: ,Nein, Angst habe ich deshalb nicht, weil Eure Majestät mir zu oft gesagt haben, daß Sie nur eine Änderung der Verfassung vornehmen könnten, wenn aus dem Volk, aus dem Parlament heraus der bezügbche Wunsch an Sie herantrete. Sie sind ja auch ein viel zu moderner Mensch und haben viel zu viel Verstand, um nicht zu erkennen, daß Deutschland ohne ein Parlament nicht mehr leben kann und will.' Der Kaiser rief aus: ,Das heißt, es muß ein modifiziertes Parlament haben — nicht das heutige!' Ich antwortete: ,Darüber Heße sich ja einmal reden, aber auch nur auf dem angegebenen Wege. Und dieser Weg ist unfahrbar, wenn sich das Volk in seiner Mehrheit in einem Gegensatz zu seinem Kaiser befindet.' Darauf Seine Majestät: ,Wäre dies wirklich der Fall, so kommt es eben zu einer Revolution, in irgendeiner Form muß es ja doch einmal krachen. Alles führt daraufhin, und man muß deshalb den Kampf akzeptieren.' Ich sagte: ,Den inneren Kampf? Den eine Koalition der europäischen Mächte nur erwartet, um über uns herzufallen ? Die Russen bezahlen Zeitungen, die Engländer die Streiks in Hamburg, die Franzosen hetzen uns die Slawen auf den Hals, und wir laufen in die Falle.' Der Kaiser: ,Ja, wollte man diese Lage nur verstehen und begreifen, was Ich mit meinen Ermahnungen bezwecke. Aber dazu sind die Deutschen viel zu eng und kurzsichtig, aufgehend in kleinlichen Leidenschaften.' Ich rief aus: ,Und da sind wir RANKÜNE GEGEN BISMARCK 449 wieder an dem Anfang unseres Gesprächs angelangt. Die Erregung wendet sich gegen den absoluten Kaiser, und dasjenige, was diese Ansicht erwecken kann, muß vermieden werden.' Fast spottend meinte der Kaiser: ,Ich ein absoluter König!!' In diesem Augenblick trat Goertz zwischen uns, das Gespräch unterbrechend, das ich Dir, wie gesagt, fast wörtlich wiedergebe. Die Tendenz zur , Gewalt' leuchtet trotz aller Einschränkungen heraus, die S. M. sich auferlegt. Ein verhängnisvolles Mißverstehen der Lage tritt mir entgegen, das uns mit banger, quälender Sorge erfüllen muß. Wird es Dir gelingen, Ihn vor unberechenbaren Schritten zu bewahren ? Die Elemente zu beseitigen, die ihn zu Dingen treiben, deren Tragweite er nicht kennt? Der Kaiser kam später noch einmal auf das Gespräch zurück, indem er meinte: ,Bei dem, was du Mir sagst, wird Mir die kolossale Perfidie des alten Bismarck recht klar, der Mich veranlassen wollte, den Absolutismus schärfer herauszudrehen und Preußen materiell mehr (auf Kosten der Bundesstaaten) in den Vordergrund zu stellen! Ich war doch zu schlau, um auf diese Zumutung hineinzufallen, die Mich in Verlegenheit und dadurch in Abhängigkeit von ihm bringen sollte.'" Obschon er mir das Gegenteil versicherte, ließ Philipp Eulenburg es sich doch nur zu oft angelegen sein, von ihm sorgsam destilliertes, nicht selten Feststellung?, vergiftetes öl in die Glut der kaiserlichen Ranküne gegen Bismarck zu u ^ er gießen. Zu den von Eulenburg und seinem damaligen Intimus Holstein mit ^ lsmarc Vorhebe vorgebrachten Insinuationen gehörte die Behauptung, Bismarck habe den jungen Kaiser Wilhelm II. zu einem Staatsstreich im Innern überreden und ihn gleichzeitig veranlassen wollen, Österreich an Rußland zu verraten. Wilhelm II. hat namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung gern mit diesen beiden Argumenten operiert, um die Entlassung des Fürsten Bismarck zu rechtfertigen. Beide sind in Wirklichkeit mehr oder weniger sophistische Vorwände. Wilhelm II. beging, von Caprivi, Marschall und Holstein schlecht beraten, in jugendlicher Unüberlegtheit, in Geschäftsunkenntnis und Urteilslosigkeit den großen, inkommensurablen Fehler, den deutsch-russischen RückVersicherungsvertrag, noch dazu in verletzender und ungeschickter Form, zu kündigen, hat aber im weiteren Fortgang seiner Regierung mehr als einmal versucht, wieder zu einem vertragsmäßigen Verhältnis zu Rußland zu gelangen. Er hat auch bald nach dem Sturz des Fürsten Bismarck und bis an das Ende seiner Regierung von seinen Ministern nicht nur gesetzliche Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie, sondern mehr als einmal gewaltsames Einschreiten gefordert. Wenn er 1890 anders sprach, so war es, weil er damals zunächst und vor allem den ihm lästigen Kanzler loswerden wollte, nicht weil er einen Staatsstreich an und für sich als verwerflich oder ein vertragsmäßiges Verhältnis mit Rußland als einen Verrat an Österreich-Ungarn betrachtet hätte. 29 Bülow I 450 PHILI HETZT „Quand on veut noyer son chien, on dit qu'il est galeux", sagt das von mir gern zitierte französische Sprichwort. Bedenklich war die Art und Weise, wie Philipp Eulenburg im Sommer Intrigen 1899 einen auf seinem Gute Liebenberg ausgebrochenen Brand benutzte, Philipp um den Kaiser gegen die Sozialdemokratie aufzustacheln. Er schrieb lenburgs g emer Majestät, es sei erwiesen, daß Brandstiftung vorläge. Auf Veranlassung des Staatsanwalts wäre ein Arbeiter verhaftet worden, der vor einigen Jahren zugezogen sei und von dem das Gerücht ginge, daß er Sozialdemokrat wäre. Der Brand sei „entsetzlich" gewesen, der Zustand im Schloß, Wirtschaft und Dorf „fast unerträglich". Seine Kinder, die beim Löschen und Retten in wahrhaft großartiger Weise mitgeholfen hätten, schliefen, von Phantasien aller Art geplagt, keine Nacht mehr. Selbst vernünftige alte Leute sähen überall Brandstifter, Mörder und Verbrecher! Liebenberg gliche einem im Kriege verwüsteten Ort. Der Staatsanwalt sei außer sich und sehr erschrocken. Es hieß dann wörtlich: „Ich glaube annehmen zu müssen, daß Sozialdemokraten an der Arbeit sind, um Unfrieden, Sorge zu stiften. Meine Leute sind ohne Ausnahme so ungewöhnlich gut gestellt und logiert, es ist ein so gutes Verhältnis zwischen ihnen allen und meinem eigenen Hause, daß Brandlegung oder auch nur ein verbrecherischer Gedanke ausgeschlossen ist." Derartige Insinuationen waren deshalb gefährlich, weil Wilhelm II. nach seiner Mentalität und ganzen Natur die sozialdemokratische Bewegung gleichzeitig über- und unterschätzte. Einerseits hatte er sie bei der Entlassung des Fürsten Bismarck öffentlich für „eine vorübergehende Erscheinung" erklärt, deren Uberwindung er auf sich nähme. Andererseits sah er dann wieder in den Sozialdemokraten eine Rotte wüster Verschwörer und Mordbrenner, die nur auf den Augenblick lauerten, Leitern an das königliche Schloß in Berlin anzulegen, um, ein Messer zwischen den Zähnen und einen Revolver in der Hand, in die Schlafzimmer der Majestäten einzusteigen und sie samt den kaiserlichen Prinzen zu erwürgen. Wilhelm II. schätzte weder die ungeheure Gefahr richtig ein, mit der die Sozialdemokratie Macht und Glück, Wohlfahrt und Zukunft des Deutschen Reichs bedrohte, noch kannte er die tiefen Wurzeln, die sie in den Herzen der Arbeiter geschlagen hatte, die blendende Dialektik, durch die sie auch auf Gebildete wirkte, den ethischen Kern, den ich ihr, obschon ich sie als nach meiner Überzeugung für uns verderblich und unheüvoll bekämpfte, doch nicht absprechen konnte. Was den Liebenberger Brand angeht, so stellte sich übrigens bald heraus, daß die Sozialdemokratie nichts damit zu tun hatte. In allen Briefen, die ich von Eidenburg erhielt, spielte der Gemütszustand der Kaiserin eine große Rolle. Als ich kurz vor meiner Ernennung zum Reichskanzler nach Hubertusstock befohlen wurde, war mir Philipp EULENBURG GEGEN DIE KAISERIN 451 Eulenburg auf halbem Wege zwischen dem kaiserlichen Jagdschloß und Neustadt-Eberswalde entgegengekommen, hatte sich zu mir in den Wagen gesetzt und mir mit fieberhaftem Eifer auseinandergesetzt, die Kaiserin befinde sich in einer so hochgradigen Erregung, daß ihre baldmöglichste Trennung vom Kaiser geboten wäre. In Hubertusstock angekommen, wurde ich von Lucanus beiseitegenommen, der mir aus eigener Initiative sagte, er hielte es für seine Pflicht, mich auf die Intrigen aufmerksam zu machen, die Philipp Eulenburg gegen die Kaiserin spinne. Er schildere sie als aufgeregt, hysterisch, beinahe geisteskrank. Davon sei gar keine Rede. Der Kaiserin, die eine zärtliche Mutter sei, werde es nur sehr schwer, sich von ihren jüngeren Söhnen zu trennen, namentlich von dem zarten und schwächlichen Joachim. Wenn die Forderung, die Kinder aus dem Hause zu geben, plötzlich und schroff an sie herantrete, geriete sie zunächst in große Erregung. Das würde aber auch vielen bürgerlichen Frauen so gehen, ohne daß sie deshalb eingesperrt würden. ,,Die Kaiserin ist so vernünftig wie Sie und ich. Wenn sie aber für längere Zeit gegen ihren Wunsch und Willen von Mann und Kindern getrennt wird, so ist freilich nicht zu sagen, wie das auf ihren Gemütszustand einwirken kann." Ich versprach Lucanus, daß ich, soviel an mir wäre, in jeder Richtung bemüht sein würde, die von mir hochverehrte Kaiserin zu schützen. Als viele Jahre später, während der Prozesse, die Philipp Eulenburg zugrunde richten sollten, seine Versuche zur Sprache kamen, die Frau Eulenburg seines besten Freundes, des Grafen Kuno Moltke, und seine eigene Schwä- un d der gerin Klara Eulenburg, geborene von Schaeffer-Voit, die spätere Gräfin Sp irl,lsmu Alexander Wartensleben, für geisteskrank erklären zu lassen, stieg die Erinnerung an sein sonderbares Verhalten gegenüber der Kaiserin Auguste Viktoria wieder in mir auf. Welche Abgründe birgt die menschliche Natur, welche Nachtseiten, von denen sich der Rlick des physisch und psychisch Gesunden schaudernd abwendet! Lucanus sah in den Insinuationen des intimsten Freundes des Kaisers gegen die Gemahlin Seiner Majestät vor allem den Versuch, den Monarchen ganz und allein in die Hand zu bekommen. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, daß Eulenburg gleichzeitig wünschte, den Kaiser zum Spiritismus zu bekehren. Philipp Eulenburg war ausgesprochener Spiritist. Spiritistische Neigungen und Gedankengänge haben mir zeitlebens nicht nur ferngelegen, sondern sie waren und sind mir antipathisch. Wenn mir Eulenburg davon sprach, so suchte er mich vor allem davon zu überzeugen, daß seine spiritistischen Experimente ihn in seinem Gottesglauben bestärkt hätten. Was ihm die Geister enthüllten, beweise ihm die Sicherheit eines zukünftigen Lebens, wäre sein Halt in diesem Leben, sein Trost im Unglück, das Beste, was er besitze. Ich hatte ihm immer erwidert, daß ich ihm diesen Trost nicht nehmen wolle, da ich 29* 452 DER FÜRST VON MONAKO grundsätzlich jeden nach seiner Fasson selig werden lasse. Ich müßte aber von ihm die bestimmte Zusage verlangen, daß er den Kaiser nicht mit seinen spiritistischen Neigungen anstecke und nicht etwa zu spiritistischen Spielereien verleite. Das sei bei dem Naturell Sr. Majestät zu gefährlich. Nachdem mir die Mutter Seiner Majestät, die Kaiserin Friedrich, gesagt hatte, sie bäte mich dringend, dafür zu sorgen, daß Eulenburg nicht etwa seinen kaiserlichen Freund spiritistisch infiziere, denn das würde „das Ende" sein, hatte ich mit Philipp Eulenburg eine ernste Auseinandersetzung. Ich verlangte und erhielt von ihm sein Ehrenwort, daß er nicht versuchen werde, den Kaiser für den Spiritismus zu gewinnen oder in spiritistische Gedankengänge einzuspinnen. Am 5. Juli 1900 schrieb er mir aus Brunsbüttel: „Der Fürst von Monako war eben hier. Bei der langen Unterhaltung mit ihm sagte der Kaiser, daß jetzt von Frankreich gar nicht mehr die Rede in China und dem Osten sei, nur Rußland und Deutschland sprächen — alles andere schwiege. Die persönliche Verbindung zwischen ihm und dem Zaren wäre so intim und nahe wie kaum jemals vorher seit Lebzeiten Alexanders II. Ich möchte annehmen, daß Monako die interessante Nachricht an seinen Gefährten auf der ,Alice', den ehemaligen französischen Konsul in Hamburg, schleunigst mitteilt." Der Fürst von Monako gehörte zu den Ausländern, denen der Deutsche Kaiser trotz aller Warnungen mit menschlich rührendem, politisch blindem Vertrauen entgegenkam, die er nicht nur seiner Freundschaft würdigte, sondern denen er auch vieles sagte, was sie nicht zu hören brauchten. XXIX. KAPITEL Indiskretion am Berliner Hofe • Wilhelm II. und die Fremden • Der Lotse von Bari Das Sprechbedürfnis des Kaisers und seine Harmlosigkeit in Gesprächen • Einberufung des Reichstags • Debatte über die ostasiatische Expedition (19. XI. 1900) • Erstes Auftreten als Reichskanzler im Reichstag In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hatte die Überlegenheit der preußischen Politik namentlich gegenüber Frankreich zum Kaiserliche Teil auch darauf beruht, daß der Tuilerien-Hof sehr indiskret war, daß Improvisa- fremde Diplomaten dort von Kammerherren und Hofdamen manches n erfuhren, daß die Kaiserin Eugenie in ihrer spanischen Lebhaftigkeit, der Kaiser Napoleon III. in seiner träumerischen, den Realitäten des Lebens abgewandten Art manches sagten, was sie besser für sich behalten hätten. Dagegen herrschte am Hofe Kaiser Wilhelms L die strengste Diskretion, die der König nicht nur sich selbst zur Pflicht gemacht hatte, sondern auf die er bei seiner ganzen Umgebung und bei allen seinen Dienern hielt. Jetzt war es umgekehrt. Man hörte selten von Indiskretionen am englischen Hof. Die Königin Victoria beehrte Fremde fast niemals mit politischen Ansprachen, und der Prinz von Wales war so besonnen und so schlau, daß er gelegentlich Ausländern deren Geheimnisse entlockte, aber selbst nur sagte, was er sich genau überlegt hatte. Am Berliner Hofe war die Kaiserin Auguste Viktoria sehr diskret, sie sprach nur mit ihrer allernächsten Umgebung über Politik, und auch dann mit Reserve und Vorsicht. Um so mehr sprach der Kaiser, und gerade mit Fremden sprach er besonders gern. Sie amüsierten und interessierten ihn mehr als die eigenen Untertanen. Er hoffte auch, auf diesem Wege dem Ausland im Licht eines großen Fürsten zu erscheinen. Die Berichte der fremden Vertreter in Berlin wimmelten während der ganzen Regierungszeit Wilhelms II. von zum Teil exzentrischen, zum Teil sehr unvorsichtigen Auslassungen des Monarchen. Mein alter Freund und Regimentskamerad, der Kabinettsrat der Kaiserin, Bodo von dem Knesebeck, erzählte mir gelegentlich die nachstehende kleine Episode. Gegen Ende meiner Kanzlerzeit, 1908 oder 1909, hatte der Kaiser im Frühjahr die immer mit Ungeduld erwartete Reise nach seinem geliebten schönen 454 DER LOTSE VON BARI Schloß Achilleion angetreten. Von Bari trug ihn die „Hohenzollern" nach Korfu. Knesebeck hielt sich während der Fahrt seit einer Viertelstunde in einer der sogenannten „Lauben" auf, kleinen, offenen, halb versteckten Kabinen auf dem Oberdeck, als plötzlich der Kaiser auftauchte, der mit einem anderen Herrn auf dem Deck auf und ab ging. Knesebeck mochte nicht aus der Laube hervor und dem Kaiser in den Weg treten, weil dies Seine Majestät leicht verstimmte. Er blieb also sitzen und wurde der unfreiwillige Zuhörer des von dem Monarchen sehr laut geführten Gesprächs. Der Kaiser sprach abwechselnd Englisch, Französisch, Italienisch, seltener Deutsch, er sprach über alles und jedes, über seine auswärtige und seine innere Politik, über sein persönliches Verhältnis zu allen großen Souveränen, über seine Minister, de omni re scibili et de quibusdam aliis. Knesebeck zerbrach sich den Kopf, wer der Herr sein könnte, dem der Deutsche Kaiser so offen sein ganzes Herz ausschüttete und der sich dabei selbst rein zuhörend verhielt. Er riet nacheinander auf einen englischen Lord, einen französischen Sportsmann, einen italienischen Admiral, einen russischen Großfürsten oder einen griechischen Prinzen. Als der Kaiser und sein Begleiter verschwunden waren, fragte Knesebeck einen vorbeieilenden Matrosen, wer der Herr gewesen sei, mit dem Seine Majestät so lange und so eifrig konversiert habe. „Das war der Lotse", antwortete der brave Matrose, „den wir in Bari an Bord genommen haben, damit er uns nach Korfu bringt." Wenn später der Kaiser vor Knesebeck und mir mit Ausländern eifrig große Konversation machte, pflegte Knesebeck zu mir zu sagen: „Der Lotse von Bari!" Das Sprechbedürfnis des Kaisers, sein Bedürfnis, sich zu entladen, sfogarsi, wie die Itahener es malerisch und treffend bezeichnen, war unbegrenzt. Er litt tatsächlich an der Krankheit der „parlantina", wie die (selbst gesprächigen) Itahener übertriebene Bedseligkeit nennen. Der Gefahr unüberlegter Äußerungen und Gespräche ist Wilhelm IL sich nie recht bewußt geworden, jedenfalls nicht vor der durch solche in Highcliffe geführte, sehr unbesonnene Gespräche provozierten Novemberkrisis von 1908. Bei einem der Morgenbesuche, die mir der Kaiser in Berlin fast täglich zwischen neun und zehn Uhr abstattete und während deren er gewöhnlich mit mir im Beichskanzlergarten auf und ab ging, brachte er einmal seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, mit. Der Prinz schien von vornherein verstimmt, der Kaiser war barsch und unfreundlich mit ihm. Insbesondere sprach er sich in den unfreundlichsten und schärfsten Ausdrücken über den vom Prinzen Heinrich zärtlich geliebten Schwager Seiner Königlichen Hoheit, den Zaren, aus, den er mit Kosenamen wie „Schlappier", „Jammerhuhn" und ärgeren Prädikaten belegte. Als sich der Prinz endlich mit hochrotem Kopf entfernt hatte, fragte ich den Kaiser, ob er ganz sicher wäre, KEIN PAPAGENOSCHLOSS 455 daß der Prinz bei aller zweifellosen Treue und Loyalität nicht seiner lieben Frau solche Äußerungen wiedererzählen könnte. Der Kaiser entgegnete, das sei mehr als wahrscheinlich. Ich fuhr fort: „Ich habe die größte Verehrung für die als Gattin, Mutter und Frau gleich ausgezeichnete Prinzessin Heinrich. Aber ist es völlig ausgeschlossen, daß die gute Prinzeß, was sie von ihrem Mann hört, gelegentlich ihren beiden Schwestern in Rußland, der Kaiserin Alexandra Feodorowna und der Großfürstin Elisabeth Feodorowna, oder ihrer ältesten, ganz englisch und sehr wenig deutschfreundlich eingestellten Schwester in London, der Prinzessin Viktoria Battenberg, anvertraut ?" Auch das erklärte der Kaiser für so gut wie sicher. „Nun sehen Sie", fuhr ich fort, „Sie geben sich solche Mühe um den Zaren, Sie tun fast zu viel mit Deputationen, Geschenken, Briefen, Besuchen, Aufmerksamkeiten aller Art. Und eine einzige Äußerung, wie wir sie eben hörten, kann alle Ihre Bemühungen zu Wasser machen." In seiner blitzschnellen Art und mit der ihm eigenen Dialektik entgegnete der Kaiser: „Ich bin auch der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde, der sich nie gehenlassen kann, nicht einmal vor Meinem Bruder! Sie können vor Ihren Brüdern sagen, was Sie wollen. Sie können auf Gott und auf die Welt schimpfen, Mich einen Narren und alle Minister Trottel nennen, ohne eine Indiskretion zu befürchten oder Unannehmlichkeiten für sich. Nur Ich soll immer mit einem Papagenoschloß vor dem Mund herumlaufen, sogar in Gesellschaft Meines einzigen Bruders." Ich mußte Seiner Majestät antworten, daß ich nicht Kaiser wäre und daß die höchste Würde die schwerste Bürde mit sich führe. Aber ich sagte mir innerlich, daß als Mensch Wilhelm II. in seiner natürlichen Art, wenn er sich ungezwungen gab, einen großen Zauber ausübe. Der von Philipp Eulenburg in seinem Briefe vom 5. Juli 1900 genannte Fürst von Monako war durch Erziehung und Sympathien ganz Franzose. Er war mit den meisten leitenden französischen Politikern persönlich befreundet. Als der Weltkrieg ausbrach, stellte er sich sogleich und laut auf die französische Seite und hielt Reden, in denen er seinen langjährigen Gönner Wilhelm II. in pöbelhafter Weise beschimpfte. In jenem Brief des Fürsten Eulenburg vom 5. Juli 1900 hatte es weiter geheißen: „Ich bin kontinuierlich in Angst, daß irgend gefährliche direkte Depeschen an den Zaren abgehen. Die heutige gab mir Seine Majestät zu lesen, nachdem er sie bei Tisch aufgeschrieben hatte. Diese war nicht bedenklich, der Vorschlag bezüglich der Kontrolle der Schiffe in bezug auf Waffeneinfuhr nach China in ruhiger Form gehalten." Hinsichtlich seiner Korrespondenz mit fremden Souveränen hatte mir der Kaiser wiederholt motu proprio gesagt, daß er mir alle solche Briefe vorher zeigen wolle. Es war dies auch seine ehrliche Absicht. Es kam aber doch häufig vor, daß er, wenn wir nicht an demselben Ort weilten, weil er eine Rückfrage scheute 456 DER „KRACH" IN KIEL oder in der Eile oder auch, ohne viel nachzudenken, auf eigene Faust schrieb oder telegraphierte. In den nach der russischen Revolution von den Bolschewisten herausgegebenen Briefen des Kaisers an den Zaren ist leicht zu erkennen, welche ihm ganz von seinen verfassungsmäßigen Beratern aufgesetzt worden sind, welche ihm von diesen korrigiert wurden, welche von ihm im Entwurf abgeändert oder auch von ihm ganz allein konzipiert worden sind. Ich glaube übrigens, daß auch die englischen Minister nicht alle Briefe des Königs Eduard und namentlich der Königin Victoria kontrolliert oder auch nur von allen Briefen gewußt haben. Am 14. Juli 1900 schrieb mir Eulenburg aus Trondhj em : „Man kommt Zwischenfälle gar nicht zur Ruhe und ist von früh 348 bis abends %12 beständig in auf der Unruhe. Schon das gräßliche Turnen früh um 8 Uhr kann einen entsetzen! Nordlandreise Q ott i 0 b [ st 3. M. entschieden ruhiger seit der Abreise bis auf einige kleine unbedeutende Ausbrüche. Er ist seit jener Krachgeschichte in Kiel von immer gleicher, rührend netter Zutraulichkeit und Rücksicht für mich. Ein kritischer Moment wird die Rückkehr zu der Kaiserin werden. Das ist eine ernste Frage, die für die Weiterentwicklung des Kaisers mit Gefahren verknüpft ist und von der guten Kaiserin aus Mangel an Verstand und Einsicht nicht gelöst werden wird." Der „Krach" in Kiel hatte einige Tage vor dem Antritt der Nordlandreise die Nerven des armen Phili auf eine harte Probe gestellt. Die allmählich bei Seiner Majestät aufdämmernde Erkenntnis, daß es dem Feldmarschall Waldersee nicht mehr beschieden sein würde, große Schlachten zu gewinnen, ja daß Peking ohne ihn entsetzt werden könnte, hatte Seine Majestät nach der mir durch Eulenburg von dieser Szene gegebenen Schilderung völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Er hatte über Rußland und England, die ihn „verraten" hätten, in den heftigsten Ausdrücken gesprochen, auch seine eigenen Ratgeber nicht geschont und schließlich von Eulenburg verlangt, er solle ihm ein Telegramm an das Auswärtige Amt aufsetzen, in dem er den sofortigen Abschluß eines Schutz- und Trutzbündnisses mit dem bisher von ihm verachteten und geschmähten Japan befehle. Nur mühsam war es Eulenburg gelungen, den Kaiser von diesem Gedanken abzubringen. Am 15. Juli 1900 meldete mir Philipp Eulenburg: „Gestern schrieb ich Dir, daß eine größere Ruhe eingetreten sei. Heute muß ich Dir schon mitteilen, daß gestern abend wieder ein heftiger Ausbruch stattfand, der mich mit Sorgen erfüllt. Ich ging mit Seiner Majestät und Georg Hülsen auf Deck spazieren. Wir erzählten uns harmlose Theatergeschichten. Der Kaiser sprach vom ,Publikum' im Theater und sprang auf die Berliner Gesellschaft über, von dieser zu den Konservativen, Agrariern usw. Die Heftigkeit war geradezu erschreckend, und die Sorge, die ich Dir schon früher aussprach, er könne sich, mit allen alten preußischen Traditionen brechend, DER LEIBARZT IST RATLOS 457 feindlich tatsächlich gegen die Konservativen wenden, indem er sich den Liberalen in die Arme wirft, um die Konservativen zu zerschlagen, trat mir persönlich ganz aktuell vor Augen. Ich kann nicht anders sagen, als daß ich in einen Abgrund von Haß und Erbitterung geblickt habe, der durch nichts eine Änderung erfahren kann. Ich habe das Gefühl, daß irgendeine neue in Erscheinung tretende Opposition der Agrar-Konser- vativen den Becher zum Uberlaufen bringen muß. Seine Majestät hat sich nicht mehr in der Gewalt, wenn ihn die Wut erfaßt. Gestern sah er nicht einmal, daß Matrosen in der Nähe standen, als er tobte, die jede Silbe hören konnten. Hülsen war so entsetzt, daß er nachher krank wurde . . . Ich halte den Zustand für sehr gefährlich, in dem wir uns befinden, und weiß keinen Rat, Leuthold ist auch unsicher. Er sieht eine Art Schwäche des Nervensystems in diesem Zustand, weist aber jede Befürchtung bezüglich geistiger Veränderungen entschieden zurück. Ich habe das Gefühl, auf einem Pulverfaß zu sitzen, und bin äußerst vorsichtig. Beschränke, bitte, die politischen Mitteilungen auf ein möglichst geringes Maß und erfordere Entscheidungen nur, wo sie unvermeidlich sind." Leuthold, der langjährige Leibarzt Kaiser Wilhelms L, war nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. in derselben Eigenschaft in dessen Dienst getreten. Er war ein durch und durch achtungswerter, ruhiger und treuer Mann. Am späten Abend desselben 15. Juli schrieb Eulenburg, es habe wieder bei Tisch und nach Tisch so viele Aufregungen über Lappalien gegeben, daß man nicht wisse, wohin dieser Zustand führen könne. Leuthold hätte ihm erklärt, er sei ganz ratlos. Jeder Vorschlag einer Änderung der Lebensweise würde von Seiner Majestät heftig zurückgewiesen. Es hieß in dem an mich gerichteten Brief des besten Freundes Seiner Majestät weiter: „Leuthold erklärt mir, das Leben auf dem Schiff sei keine Erholung, sondern eine Anstrengung, doch wisse er nichts Besseres vorzuschlagen. Ich sehe auch nichts anderes, als ruhig abzuwarten und Gott zu bitten, daß nicht irgend komplizierte Dinge an Seine Majestät herantreten, denn mehrere Szenen, wie ich sie in Kiel hatte, würden zu irgendeiner nervösen Krise führen, deren Form nicht vorauszusehen ist. Gute Nacht. Es ist 1 Uhr, und ich bin sehr müde. Diese Dinge gehen mir sehr nahe. Ich habe so viel Zutrauen in des Kaisers Begabung — und in die Zeit gehabt, jetzt versagt beides, und man sieht einen Menschen leiden, den man von Herzen lieb hat, ohne ihm helfen zu können!" Am 20. September 1900, vier Wochen vor meiner Ernennung zum Reichskanzler, hatte mir Eulenburg aus Rominten eine „lebhafte" Unterredung Unruhe gemeldet, die er mit Seiner Majestät über die agrarische Bewegung gehabt in Rominten hätte. Es hieß in diesem Brief: „Ich fand den Kaiser total verändert wieder: gut aussehend, frisch, einfach, natürlich und ohne Exaltation. Das Manöver, 458 SO FLIEGEN MEHRERE KÖPFE" das übrigens schrecklich gewesen sein soll durch seine Führung, die lediglich auf Knalleffekte hinauslief, hat ihn erfrischt und von mancherlei abgelenkt, was ihn nervös machte. So fand ich ihn denn viel besser, als ich nach den traurigen Erfahrungen im Juli nur irgend erwarten konnte. Ich freue mich von Herzen, daß solche Beruhigungen noch möglich sind, pourvu que cela dure! Gegen Abend Ankunft in dem sehr hübschen Cadinen. Die Unterhaltung dreht sich bei dem Abendessen und noch nachher um die Brandstiftung in meinem Liebenberg. Der Kaiser behauptet, es ginge von Sozialdemokraten aus, die mich treffen wollten, weil ich mit ihm befreundet sei." Am 21. September 1900 fuhr Eulenburg fort: „Die Majestäten reiten früh 7 Uhr mit den Adjutanten spazieren. Ich schlafe natürlich unterdessen. Nach dem Frühstück ruft mich der Kaiser auf die Gartenterrasse. Er liest die Depeschen. Ich knüpfe eine Unterhaltung an, in der ich ungefähr sagte: Die Frage in China sei entsetzlich schwierig, die Gefahr einer Verständigung Rußlands und Englands, um ihnzublamieren, groß, weniger die einer kriegerischen Koalition gegen uns. Äußerste Vorsicht sei für ihn zwingende Notwendigkeit. Ein Fehler, den er mache und der nicht mehr durch seine Beamten gedeckt werden könnte, würde alle ihm feindlichen Elemente in Deutschland einigen und eine Koabtion im Inneren heraufbeschwören, der er vielleicht weniger Herr werden könne als einer äußeren. Der Kaiser erging sich dann in Betrachtungen über die Politik der Agrarier, wobei er immer lebhafter wurde. Zum Schluß sagte er: ,Wenn die Hunde es wagen sollten, aus irgendeinem Anlaß sich gegen Mich zu wenden, in offenkundiger, systematischer, gefährbcher Weise, so fliegen mehrere Köpfe, so wahr Ich hier stehe. Denn das ist Hochverrat.' Ich hielt es für besser, abzubrechen. Wie sich der Gute wohl das Köpfenlassen im Jahre 1900 denkt ? ? . . . Später lange Mitteilungen des Kaisers über die Haltung der Kaiserin in Fragen der Erziehung der Prinzen August Wilhelm und Oskar. Sie hat schon in Berlin und Stettin erklärt, daß sie sich absolut widersetzen werde, daß die Prinzen im nächsten Jahr nach Plön kommen. S. M. befindet sich in Angst wegen einer drohenden großen Szene. Um 10 Uhr fährt der Kaiser mit mir auf das Feld, um neue Kartoffelaushebemaschinen zu sehen . . . Die Kaiserin ist beleidigt, daß sie nicht mitfahren darf, und macht mir bei Tisch die Bemerkung, daß sie natürbch nicht mitkommen dürfe, wenn ich da sei. Um 4 Uhr Fahrt zu der neuen Ziegelei, die mir S. M. zeigen will. Die Kaiserin erscheint, angebbch mit Schnupfen und Kopfschmerzen, und fährt mit uns. Vor dem Essen, als alles versammelt ist, erscheint der Kammerdiener mit der Nachricht, die Kaiserin käme nicht zum Essen. S. M. ziembch zerstreut, geht gleich nach Tisch im dunklen Garten mit mir auf und ab. Es hat eine entsetzbche Szene gegeben. Endlose Auseinandersetzungen, in denen der Kaiser fest bleibt, da er der PAROXYSMUS DER KAISERIN 459 festen Überzeugung ist, daß nicht nur für die Prinzen, sondern für die Nerven der Kaiserin eine Trennung von den beiden Prinzen eine Notwendigkeit ist. Er findet nicht das geringste Verständnis und ist voller Not und Sorge." Am 22. September schrieb Eulenburg weiter: ,,Ich begab mich nach dem Frühstück zu der Gruft des Vorbesitzers, um die schöne Aussicht zu genießen, und sah, während ich dort saß, eine Gestalt in größter Eile in den Park hinausstürzen . . . Ich wendete mich dem Weg zu und entdeckte die Kaiserin, die wie ein gehetztes Reh (ich will nicht sagen wie eine gehetzte Kuh) dem Kaiser nachstürzte. Es wunderte mich wahrhaftig, daß sie nicht der Schlag getroffen hat! . . . Die arme, liebe Kaiserin scheint wirklich in einer schlimmen Nervenverfassung zu sein! Nachmittags fuhren wir nach Braunsberg und Tilsit. Der Kaiser nahm mich sofort in sein Coupe, und es begann ein recht peinlicher, trauriger Herzenserguß. Ich willdas herausheben, was ich für das Wichtigste halte, denn diese Dinge werden für die nächste Zeit leider sehr bestimmend, sehr eingreifend in das Privatleben des Kaisers einschneiden und möglicherweise auf dem Nervenwege bedeutsam für die Politik werden. Die Kaiserin hatte die ganze Nacht Szenen gemacht mit Weinen und Schreien . . . Ein vollständiger Paroxysmus!" Im Anschluß hieran schilderte mir Eulenburg die „Ratlosigkeit" des Kaisers, den diese Krisen und Szenen ,,tot"machten. Er könne es nicht länger aushalten, die Kaiserin sei krank durch eine unmögliche Tageseinteilung. Sie könne nicht „bürgerliche" Mutter, zärtliche Gattin und regierende Kaiserin zugleich sein. Eulenburg behauptete, der Kaiser habe zu ihm gesagt: „Sage Mir um Gottes willen, wie da zu helfen ist, denn der Gedanke, die arme Kaiserin in einer Kaltwasserheilanstalt endigen zu sehen, ist entsetzbeh." Eulenburg hatte erwidert, man müsse leider bei der Kaiserin eine momentane Erkrankung des Nervensystems annehmen. Es handle sich nur darum, das ärztliche Mittel zu finden, die Heilung herbeizuführen. Die politische äußere Lage, die innere nicht minder, sei so entsetzlich schwierig, daß sie die äußerste Kaltblütigkeit und Ruhe des Kaisers erfordere. Verliere er die Ruhe im Hause durch gestörte Nächte und Szenen aller Art, so leide nicht nur er, sondern auch der Staat durch seine gesteigerte Nervosität. Es müsse Wandel geschaffen werden. Die Eingeweihten würden die etwa getroffenen Maßregeln sicherlich nur als Schutz für Seine Majestät und niemals als eine Wendung gegen Ihre Majestät auffassen. Eulenburg hatte dann einerseits die Trennung der Kaiserin von den Söhnen August Wilhelm und Oskar, so daß sie nur den jüngsten Prinzen Joachim und die Prinzessin bei sich behielt, andererseits einen längeren Aufenthalt in stiller und guter Luft empfohlen. Der Kaiser könne dann in gewissen Zeiträumen zu ihr fahren, müsse jedoch, auch wenn der Aufenthalt für vierzehn Tage 460 GEISTER UND GESPENSTER bemessen sei, unmittelbar nacb der ersten Szene abreisen. Die Kaiserin müsse durcb die Gefahr, ihn zu verlieren, zur Besinnung gebracht werden. In einem späteren Brief hob Eulenburg hervor, daß „die großen Szenen" von Seiten der Kaiserin sich häuften. Ihre Nerven bedürften der Gesundung, auch äußerlich sei schon eine Wirkung der zerstörten Nerven zu sehen in dem runzligen, früh gealterten Gesicht und den grauen Haaren. Der Kaiser hätte zu ihm, Eulenburg gesagt: „Eine Kur müsse auch deshalb gemacht werden, weil ich meine Ruhe brauche... Es ist eine Pflicht, die Ich habe, für Meine Ruhe zu sorgen." Eulenburg wiederholte immer wieder, es müsse durch eingreifende und vielleicht für die arme Kaiserin momentan schmerzliche Maßregeln das Familienglück „gerettet" werden, mußte aber selbst hinzufügen, daß große Vorsicht geboten sei, um die Kaiserin nicht völlig krank zu machen oder zu einem Verzweiflungscoup zu treiben. Am 25. September schrieb Phili, er habe, gepeinigt von Brandphantasien, wie er sie zuletzt in Liebenberg gehabt hätte, miserabel geschlafen. Der Kaiser habe einen starken Schnupfen. „Ansteckung von der Kaiserin!" Am Abend wäre von Gedankenübertragung die Rede gewesen, der Kaiser habe über die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Lebenden und Geistern gesprochen. „Alles bleibt ziemlich passiv und vorsichtig, doch eher zustimmend. Admiral Hollmann zeigte sich als unverhüllter Anhänger des Spiritismus." Offenbar um mich nicht zu beunruhigen, fügte Eulenburg hinzu, er habe, um der Konversation über Geisterund Gespenster ein Ende zu setzen, eine scherzhafte Geschichte über einen Geist erzählt, der eine gefüllte Kompottschüssel getragen habe. „Damit wendet sich die Unterhaltung der Realität zu, deren Boden der Kaiser völlig verloren hatte. Ich habe den Eindruck, daß der sehr kleine Kreis ruhiger, anständiger Leute nicht das Gehörte in die Provinz tragen wird." Nach seinen Mitteilungen hatte Philipp Eulenburg immer wieder versucht, auf die Entfernung der Prinzen hinzuwirken, und Seiner Majestät geraten, die Kaiserin mit „gebildeten Damen" zu umgeben. Er war stolz darauf, daß er den Mut gefunden hatte, dem Kaiser zu raten, wenn die Kaiserin wieder nächtliche Szenen machte, das Zimmer zu verlassen, sich in seinem eigenen Zimmer niederzulegen und die Tür abzuschließen. Der Kaiser hatte dazu genickt und „sehr bedächtig" geantwortet: „Das könnte man ja versuchen, das ist kein übler Gedanke." Eulenburg fügte hinzu: „Ich gestehe, daß eine so kindliche Naivität in seiner Zustimmung zu dem doch recht nahebiegenden, einfachen Gedanken lag, daß mir recht klar wurde, zu welchem Kultus das kaiserliche Ehebett durch die Kaiserin — und durch die Kaiserin Friedrich — erhoben worden ist." Begreif licherweise wünschte Philipp Eulenburg, daß die Kaiserin nicht von solchen Gesprächen mit dem Kaiser erfahre. „Ich hoffe", schrieb er, „daß der Kaiser um seiner ANGST VOR ENGLAND 461 Würde willen nichts der Kaiserin von meiner Unterhaltung sagt. Denn da er mir eingestand, daß die Kaiserin sehr eifersüchtig auf mich sei, sie Hebe durchaus nicht die längere Anwesenheit von Freunden, so könnte das eine höse Geschichte werden." In einem Brief vom 1. Oktober, auch noch aus Rominten, zeigte sich Eulenburg beunruhigt durch meinen kurz vorher in Friedrichsruh Herbert Bismarck abgestatteten Besuch, zu dem ich die alten freundschaftlichen Beziehungen aufrechterhielt, obschon er bei Seiner Majestät in tiefster Ungnade stand. „Menschlich wird Friedrichsruh Dir wenig geboten haben. Das Rauschen der alten Buchen ist ein Widerspruch zu dem versetzten weltlichen Ehrgeiz Herberts. Der Alte paßte besser hinein, wie ein merkwürdiges Untier, das allerhand Dämonisches daraus hörte." Über meine Sorgen und Mühen im Auswärtigen Amt tröstete Phili mich mit den Worten: „Du kannst fest davon überzeugt sein, daß solche Mühe und Not nicht umsonst für Deine Seele sind, weil Du sie Dir rein und edel erhalten hast — trotz allen Giftes, das böse Dämonen in Dich hineinzugießen versuchen, Geister, die hier nicht bestanden haben." Über die politische Stimmung des Kaisers hatte mir Eulenburg am 28. September 1900 aus Rominten berichtet: „Du kennst die Ansicht von Tirpitz über England resp. seine Angst vor England. S. M. äußerte sich scharf gegen England, und es blitzte sein Haß namentlich gegen Salisbury wie Wetterleuchten auf. Tirpitz wagte nicht, seine Angst zu zeigen. Seine Bemerkungen über die drohende große Gefahr waren sehr vorsichtig. Momentan ist also die Allerhöchste Stimmung ebenso scharf gegen England wie gegen Rußland, was zu einer Art Ruhe führt: otium cum veneno. In einer längeren Unterredung mit Tirpitz unterwegs sagte er mir, daß er die Mission Waldersee für außerordentlich gefährlich hielte. Daß alle anderen Großmächte nur darauflauerten, uns eine unsterbliche Blamage zu bereiten, sei über jeden Zweifel erhaben." Wenn ich diese in die Zeit vor meiner Kanzlerschaft zurückreichenden Briefe Eulenburgs hier anführe, so geschieht das, um, besser als ich es auf Grund eigener Beobachtungen darzustellen vermöchte, die Kompliziertheit der Verhältnisse zu beleuchten, die ich am kaiserlichen Hofe vorfand und über deren Tragweite und Tragik ich mir von vornherein vollkommen im klaren war. Wilhelm II. war eine in sich widerspruchsvolle Natur. Fürst Guido Henckel-Donnersmarck pflegte zu sagen, der Kaiser erinnere ihn an einen Würfelbecher, in dem die Würfel sich gegeneinander stoßen. Er sei keine einheitliche, in sich geschlossene, harmonische Individualität, in der sich alle Eigenschaften gegenseitig durchdringen, wie bei dem chemischen Prozeß der Amalgamierung sich widerstrebende Stoffe und Elemente verbinden. Alle Minister, und ich wahrlich nicht am wenigsten, 462 PHILIPP EULENBURG LEGT SICH ZU BETT Bülouis Kanzlerschaft hatten unter der Indiskretion Seiner Majestät zu leiden. Der Kaiser konnte aber auch verschwiegen sein wie das Grab. So hatte er seinem Intimus Eulenburg, obwohl dieser, als ich nach Hubertusstock berufen worden war, dort in der kaiserlichen Umgebung weilte, kein Wort davon gesagt, daß er die Absicht habe, mir die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe anzutragen. Meine Ernennung zum Kanzler kam daher Eulenburg, der inzwischen Eulenburgs nach Wien zurückgekehrt war, völlig überraschend. Wie meist in solchen Stellung zu Fällen, rettete er sich dadurch, daß er sich zunächst ins Bett legte. Erst vierundzwanzig Stunden nachdem er meine Ernennung erfahren hatte, schrieb er mir: „Geliebter, guter Bernhard, ich liege an Erkältung zu Bett, doch kann ich meinen Dienst verrichten — und viel, viel über Dich nachdenken. Zu schreiben vermochte ich vorgestern und gestern nicht; ich war zu elend. Als ich jung war und der damals so schönen Elisabeth Hatzfeldt huldigte, schrieb sie mir in ein Stammbuch: ,Nicht träumen sollt ihr euer Leben — erleben sollt ihr, was ihr träumt!' Nun, ich habe in vieler Hinsicht mehr erlebt, als ich geträumt habe; im ganzen aber total andere Dinge, als ich geträumt habe — und schreckliche dazu. Du hast aber genau das erlebt, was Du geträumt hast — und zwar mit einer seltsamen Stetigkeit vorschreitend, für die Du Gott sehr dankbar sein mußt. Du bist nicht, wie ich, herumgezerrt und -gerissen worden in erschreckenden Kurven und hast nicht schließlich statt des geträumten Lorbeers um die Harfe einen Fürstenhut, ganz auf dem linken Ohr hängend, erwischt! Eine der besten Aufgaben, zu denen mich aber Gott bestimmte, war mein Eingreifen in Deinen Lebensgang. Dieses Eingreifen, das ich stets als eine Mission empfunden habe. Ich weiß sehr genau, was ich von gewissen sehr seltsamen und feinen Empfindungen zu halten habe, die mich bisweilen ergriffen! Erinnerst Du Dich eines langen Gespräches auf der grünen Semmeringer Matte, wo wir das Programm machten: Du solltest Staatssekretär eine Zeitlang bleiben, um das Berliner Terrain, die innere Politik ä fond kennenzulernen. Dann solltest Du Reichskanzler werden zu einem Augenblick, wo keine Krise bestünde. Das ist merkwürdig genau eingetroffen, wenn mir auch, das gestehe ich offen, die Zeit als Staatssekretär für Dich etwas lang wurde. Daß schließlich die Wendung so schnell eintreten konnte, daß Du mir acht Tage vorher in Berlin noch das Verbleiben Hohenlohes als unumstößlich darstellen konntest, spricht dafür, daß wir in der Zeit der Überraschungen leben. Ich gestehe Dir, daß ich nicht daran glaubte, daß Hohenlohe noch einmal vor den Reichstag treten würde. Ein sehr alter Mann kann ja der Welt viel bieten, er nähert sich auch darin dem Kinde, ehe die öffentliche Meinung ,stutzig' wird, aber hier war doch eigentlich die Grenze des Möglichen lange überschritten, und das wird Lucanus auch gefunden haben. Mir träumte letzthin — es gibt eben merk- DIE BALANCIERSTANGE 463 würdige Träume —, Hohenlohe schnitte mir die Fußnägel!! Ich weigerte mich lebhaft und begriff es nicht. ,Sehen Sie denn nicht', sagte er, ,daß diese gekrümmte Lage mir jetzt die bequemste ist?' Dieser Unsinn wäre wahrhaftig ein Vorbild für den Simplicissimus! Du wirst mir, wenn wir uns wiedersehen, erzählen, wie die Wendung in Homburg kam, die Dich plötzlich zum ersten Manne im Deutschen Reich machte. Es scheint in dem Zwiegespräch zwischen Kaiser und Hohenlohe die Lösung etwas Unabsichtliches' gehabt zu haben. Im Leben geht es bisweilen so zu. Ein Vetter von mir machte in einem Hause einen Besuch mit der Absicht, der Mutter anzudeuten, daß er die Tochter nicht heiraten könne. Als er aber davon zu stammeln begann, schloß ihn die Mutter in die Arme und holte schnell die Tochter. So war denn alles plötzlich anders gekommen, als er es sich gedacht hatte! Wie schwer Du es haben wirst, mein geliebter Bernhard, das spüre ich schon in den Zeitungsbemerkungen, die den ,starken Mann' in Dir ganz unverhüllt betonen zur Zügelung des armen lieben Herrn. Deutschland befriedigen und den Kaiser nicht verletzen — das steht auf Deiner Fahne. Gott wird Dir auf dem Seile, auf dem Du gehen mußt, die Balancierstange halten — das ist meine Hoffnung und meine Zuversicht! Daß Du als Entree Europa Dein Abkommen mit England vorsetztest, ist, abgesehen davon, daß die Sache unvergleichlich an sich ist, ein Meisterstück Deiner Taktik. Dein treuer alter Philipp." Eulenburg war, nachdem er sich in der Gunst des Kaisers festgestzt hatte, eifrig und ehrlich bemüht gewesen, die Aufmerksamkeit Seiner Majestät auf mich zu lenken. Er war überzeugt, daß ich dem Kaiser wie dem Lande würde nützliche Dienste leisten können. Es war ihm auch erwünscht, einen Freund in einflußreicher Stellung zu haben. Und endlich war er, wie ich auch heute noch überzeugt bin, von herzlicher Freundschaft für mich erfüllt seit der Zeit, da ich ihm und seiner Familie in Paris nähergetreten war. Er hatte gemeinsam mit seinem damaligen Intimus, späteren Todfeind Holstein meine Ernennung zum Botschafter in Rom eifrig betrieben. Später hatte er alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich, nicht gerade zu meiner Freude, als Staatssekretär nach Berlin berufen wurde. Meine Erhebung zum Reichskanzler dagegen entsprach weder seinen Erwartungen noch seinen intimeren Wünschen. Nicht als ob er mir gegenüber gemeinen Neid empfunden hätte. Aber einmal war, wie ich von Lucanus wußte, sein Kandidat für den Reichskanzlerposten der Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg, an dessen Stelle als Statthalter in Straßburg er selbst zu treten wünschte. Straßburg blieb bis an das Ende seiner Laufbahn das letzte Ziel seines Ehrgeizes. Und endlich fürchtete er wohl, daß ich als Reichskanzler dem Kaiser persönlich näherkommen würde als er selbst und daß er dadurch nach und nach für Seine Majestät entbehrlich werden 464 LÖWE UND TIERBÄNDIGER könne. Ich sage nicht, daß Eulenburg ein Zerwürfnis zwischen dem Kaiser und mir wünschte. Aber er war überzeugt, daß bei der Natur Wilhelms II. meine Kanzlerschaft mit einem solchen endigen würde. So betrachtete er meine Wirksamkeit als Kanzler etwa mit den Empfindungen, von denen beseelt jener Engländer dem seinerzeit berühmten Tierbändiger Beatty durch den ganzen Kontinent nachreiste und jeder seiner Produktionen beiwohnte, immer in der sicheren Erwartung, den spannenden Moment zu erleben, in dem der Löwe über Beatty herfallen und ihn auffressen würde. Daß der Reichstag nicht schon im Sommer 1900 im Hinbbck auf die Einberufung Chinawirren einberufen wurde, war in erster Linie darauf zurückzuführen, des Reichstags j a ß d er Kaiser und ich den Reichskanzler Hohenlohe bei seiner körperlichen Schonungsbedürftigkeit nicht den aller Voraussicht nach stürmischen parlamentarischen Debatten aussetzen wollten. Nach meiner Ernennung zum Reichskanzler vertrat ich beim Kaiser den Standpunkt, daß der Reichstag nun so bald als möglich einberufen werden müsse. Der Kaiser sah es im allgemeinen Heber, wenn der Reichstag nicht beisammen war, stimmte aber schließlich der Einberufung zum 14. November zu. Am 19. November begann die Debatte über die chinesische Frage, die vier Tage in Anspruch nahm. Am 24. November folgte die Interpellation wegen der Zwölftausend- Mark-Affäre. Mitte Dezember kamen die Burenfrage und der Nicht-Empfang des Präsidenten Krüger zur Sprache. Ich hatte als Staatssekretär des Äußern mehrfach im Reichstag das Wort ergriffen, stand aber jetzt, zum erstenmal vor langen und großen Debatten, wo nach allen Seiten Front gemacht werden mußte. Während ich diese Erinnerungen niederschreibe, liegt ein Zeitungsbericht über eine bewegte Reichstagssitzung vor mir, wo das dem gegenwärtigen Reichskanzler sehr freundlich gesinnte Blatt feierlich und mit einer gewissen Rührung schildert, wie gewissenhaft der erste Beamte des Reichs seine lange Rede verlesen habe. „Der Reichskanzler", heißt es in diesem Parlamentsbericht, „erhebt sich und eilt ans Rednerpult. Rasch entfaltet er sein ziemlich umfangreiches Manuskript. Alles ist darin Wort für Wort vorgezeichnet. Für rhetorische Abweichungen ist kein Raum gelassen. Der Kanzler hat auch keine Gelegenheit dazu, denn Zwischenrufe erfolgen kaum, und wenn welche laut werden, sind sie belanglos und erheischen keine Erwiderung." Ein solches Ablesen einer Rede wäre vor fünfzehn oder zwanzig Jahren bei uns nicht möglich gewesen, geschweige denn auch heute in irgendeinem anderen Lande. Ein französischer, italienischer oder englischer Minister, der an seinem Manuskript kleben würde wie ein unbeholfener Kandidat der Theologie, der seine Predigt nicht zu Ende bringen kann ohne ein großes weißes Papier vor sich, würde dort unter allgemeinem Hohn- EUGEN RICHTERS KRANKER BRUDER 465 gelächter seinen Platz räumen müssen. Aber schon in jenen nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Pflege der deutschen Sprache und der deutschen Redekunst glücklicheren Zeiten bei Beginn des Jahrhunderts fiel mir auf, wie wenig Replik den meisten deutschen Volksboten zu Gebote stand. Namentlich auf ironische Wendungen wußten sie fast nie etwas zu erwidern. Ein alter Pariser Witz, ich glaube, er stammt von Alphonse Karr, behauptet, ein deutscher Besucher von Paris habe einmal ohne sichtbaren Grund nachmittags zwischen drei und vier Uhr laut zu lachen begonnen. Von französischen Freunden über den Grund dieser plötzlichen Heiterkeit befragt, habe er erwidert: nun erst hätte er den Witz verstanden, den er gestern abend im Theater gehört habe. Sarkastische Wendungen im Redegefecht werden bei uns im Parlament zunächst kaum begriffen. Erst wenn die Presse sie unterstrichen hat, werden sie erfaßt und je nach dem Parteistandpunkt als vorzüglicher Witz beifällig belacht oder als frivoler Scherz mit Entrüstung zurückgewiesen. Während der Diskussion über die nach der Meinung der Opposition, insbesondere auch der freisinnigen, zu späte Einberufung des Reichstags legte, vom Hause und von den Tribünen unbemerkt, ein mir persönlich nicht bekannter Abgeordneter ■— ich hörte später, es wäre ein Sozialist gewesen — einen Zeitungsausschnitt vor mich auf den Tisch. Als ich ihn zur Hand nahm, sah ich, daß es ein Artikel war, den die „Freisinnige Zeitung", das Organ des Abgeordneten Richter, im Sommer über die Frage der Einberufung des Reichstags gebracht hatte und der, wenn auch in verklausulierter Form, ein Zusammentreten der Volksvertretung schon im Sommer für unangebracht erklärte. Ich benutzte sogleich diese Auslassung, um den Führer der Freisinnigen unter großer Heiterkeit des Hauses in Widerspruch mit sich selbst zu setzen*. Am nächsten Tage erzählte mir ein Parteifreund von Eugen Richter, der fragliche Aufsatz der „Freisinnigen Zeitung" sei allerdings von Eugen Richter selbst geschrieben worden. Der Grund für sein Eintreten gegen eine frühere Einberufung des Reichstags mache aber dem guten, ja weichen Herzen des nach außen so bärbeißigen Demokraten nur Ehre. Sein Bruder sei von einem schweren, qualvollen und unheilbaren Leiden befallen worden, und der Wunsch, ihm während der letzten Wochen seines Lebens in dessen Todesstunde nahe zu sein, habe ihn zum Widerspruch gegen eine frühere Einberufung des Reichstags veranlaßt. Ich ließ Herrn Richter sofort wissen, daß, wenn dieser Sachverhalt mir bekannt gewesen wäre, ich ihn wegen dieser Frage nicht angegriffen und ihn namentlich nicht zum Objekt der Heiterkeit des Hauses gemacht haben würde. Herr Richter dankte mir persönlich, als ich ihm einige Tage später im * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 143; Kleine Ausgabe I, S. 161. 30 Bülow I 466 DIE HUNNENBRIEFE Couloir des Reichstags begegnete. Ich habe oft gedacht, wie anders manches in Deutschland verlaufen wäre, wenn Fürst Bismarck seinen Gegnern gegenüber hier und da den Menschen hervorgekehrt hätte, nicht nur den unerbittlichen politischen Antagonisten. Ich bin überzeugt, daß ein so gewaltiger Mann, dessen Größe ja nicht zu bestreiten war, Richter und Lasker, Windt- horst und Rickert menschlich hätte näherkommen können. An politischem Kampf würde es auch dann natürlich nicht gefehlt haben, aber er wäre nicht so gehässig, nicht so giftig geführt worden, wie dies bei uns vielfach der Fall war. Im Gegensatz zu manchen anderen linksstehenden Politikern hatte August Bebel Sinn für das Komische. In seinen Reden trat dies nur selten hervor, dazu war er zu pathetisch, auch zu fanatisch. Aber als ich seinen heftigen Klagen über die angebliche Grausamkeit deutscher Soldaten in China das für unsere Soldaten günstige Zeugnis des chinesischen Gesandten in Berlin gegenüberstellte und daran die Bemerkung knüpfte, daß hinsichtlich der Beurteilung chinesischer Vorgänge der chinesische Gesandte mir mehr Vertrauen einflöße als er, denn der sei doch ein geborener Chinese, Bebel aber nur ein freiwilliger Chinese, ein Chinese aus Wahlverwandtschaft*, quittierte Bebel diese Wendung mit ungekünstelter Heiterkeit. Meine Verteidigung der Ehre und des guten Rufs unserer braven Soldaten fand übrigens den Beifall der großen Mehrheit des Reichstags. Es war ja auch nur in Deutschland möglich, daß die sozialistische Presse sich bestrebte, die Soldaten des eigenen Landes durch Veröffentlichung angeblicher Soldatenbriefe aus China im Lichte grausamer Barbaren erscheinen zu lassen. Daß die sozialistische Presse diese zum größten Teil ohne Frage erfundenen Briefe als „Hunnenbriefe" bezeichnen konnte, war die Folge der bedauerlichen Entgleisung des Kaisers in seiner Bremer- havener Rede vom 27. Juli 1900. Aber ein solches Beschmutzen des eigenen Nestes, wie sich dies damals unsere sozialdemokratische Presse leistete, wäre in keinem anderen Lande von der öffentlichen Meinung geduldet worden. * Fürst Biilows Reden, Große Ausgabe I, S. 151; Kleine Ausgabe I, S. 171. XXX. KAPITEL Die Zwölftausend-Mark-Affüre • Interpellation im Reichstag ■ Bülow tritt für den Grafen Posadowsky ein. • Dessen Charakteristik • Die Burenfrage • Hitzige deutsche Begeisterung für Präsident Krüger • Bülows Reden zur Burenfrage • Rundreise bei den größeren deutschen Höfen • München, Prinz Luitpold • Berichte des Grafen Monts über den Verlauf des Münchencr Besuchs • Stuttgart, Reich und Bundesstaaten PVer erste Kollege, den ich nach meinem Amtsantritt in Berlin aufsuchte, JL'war der Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky gewesen. Gerade Der Zentral- weil ich wußte, daß er gehofft hatte, selbst Reichskanzler zu werden, und daß verband der meine Ernennung eine Enttäuschung für ihn bedeutete, war ich ihm mit Industriellen besonderer und aufrichtiger Freundlichkeit entgegengekommen. Aber trotz aller Liebenswürdigkeit von meiner Seite war es mir nicht gelungen, den Winter seines Mißvergnügens zu verscheuchen. Wenige Tage später ließ sich Graf Posadowsky spät am Abend, zwischen 11 und 12 Uhr, bei mir melden, um mir mit allen Zeichen der Erregung und Bestürzung mitzuteilen, daß die sozialdemokratische „Leipziger Volkszeitung" ein von dem Abgeordneten Bueck unterzeichnetes Schreiben des Vorstandes des Zentralverbandes deutscher Industrieller an mehrere große Unternehmer veröffentlicht habe, das ihn, den Staatssekretär, in eine überaus peinliche Lage bringe. Es hieß in diesem Schreiben, das Reichsamt des Innern habe dem Vorstand gegenüber den Wunsch geäußert, daß die Industrie ihm 12 Ü00 Mark zum Zweck der Agitation für den Entwurf eines Gesetzes zum Schutz des gewerbHchen Arbeitsverhältnisses zur Verfügung stellen möchte. Der Vorstand habe diese Angelegenheit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralverbands, Herrn Geheimen Finanzrat Jencke, unterbreitet, der es „aus naheliegenden Gründen" für zweckmäßig erachtet habe, „dieses etwas eigentümliche Verlangen" nicht zurückzuweisen. Jencke habe für die Firma Krupp 5000 Mark für den erwähnten Zweck zur Verfügung gestellt. Herr Bueck hatte den Artikel der „Leipziger Volkszeitung" dahin richtiggestellt, daß der Vorgang sich nicht 1898, sondern 1899 zugetragen habe, im übrigen aber die Authentizität seines Schreibens nicht bestritten. Graf Posadowsky, der augenscheinlich völlig die Nerven verloren hatte, fürchtete einerseits, daß der Kaiser ihn fallenlassen würde, andererseits 3C* 468 WOEDTKES OPFERUNG besorgte er sehr heftige Angriffe von Seiten der Sozialisten und ein Abrücken der Freisinnigen und namentlich des Zentrums von dem kompromittierten Staatssekretär. Ich sagte ihm sogleich, daß ich einen verdienten und hervorragenden Beamten wegen eines Vorfalles, bei dem es sich in keiner Weise um einen Mangel an Pflichttreue oder gar an Integrität handle, sondern höchstens um eine Unbesonnenheit, unter gar keinen Umständen im Stich lassen würde. Ich übernähme die Bürgschaft für eine richtige Beurteilung der ganzen Angelegenheit durch Seine Majestät den Kaiser. Im Reichstag würde ich selbst für den Staatssekretär eintreten. Sichtlich beruhigt setzte mir Graf Posadowsky nunmehr auseinander, daß die Verantwortung für die ganze Angelegenheit nicht eigentlich er selbst, sondern der Direktor im Reichsamt des Innern Dr. von Wo e d t k e trage, der den Generalsekretär des Zentralverbandes, Herrn Bueck, gebeten habe, die fragliche Summe von 12000 Mark zur Verfügung zu stellen. Wenn ich mir heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, klarmache, daß dieser ganze Sturm wegen 12000 Mark entstanden war, so wird mir recht deutlich, in welchem Zustand fast paradiesischer Unschuld wir uns im alten Deutschland befanden. Im Prozeß Erzberger handelte es sich um ganz andere Pudenda und um ganz andere Summen, und einer nicht geringen Anzahl Machthabern der Repubhk sind weit schlimmere Sünden vorgehalten worden als die Andeutung, daß 12000 Mark für Agitationszwecke der Regierung nicht unerwünscht sein würden. Aber wir lebten damals im Obrigkeitsstaat, dessen leitende Männer nicht die Rhinozeroshaut der Koryphäen des „Volksstaats" besaßen und in puncto Ehrbarkeit und Integrität sogar sehr pointillös waren. Bevor er mich verließ, erbat Graf Posadowsky, nachdem er mir für mein freundschaftliches Entgegenkommen auf das wärmste gedankt hatte, die Erlaubnis, den Sachverhalt „in objektiver Weise" in der Presse beleuchten zu lassen. Es geschah dies denn auch durch einen Artikel in der ministeriellen „Berliner Korrespondenz", in dem es hieß: „Auf Anregung und durch Vermittlung des Direktors im Reichsamt des Innern Dr. von Woedtke hat der Generalsekretär Bueck eine Summe von 12000 Mark zur Verfügung gestellt. Diese ist zur Deckung der Kosten verwendet worden, die durch Druck und Verbreitung amtlichen Materials entstanden sind. Über die Verausgabung der Summe behufs Verbreitung des bezeichneten, in den Drucksachen des Reichstags bereits niedergelegten amtlichen Materials besitzt der genannte Beamte urkundliche Belege." Am 24. November fand im Reichstag die Verhandlung über die von Sozialistische sozialdemokratischer Seite eingebrachte Interpellation statt. Der soziahsti- Interpellation sehe Abgeordnete Auer begründete seine Anfrage in würdiger, maßvoller Form. Ignaz Auer war eines der sympathischsten Mitglieder der sozialisti- DER ZWÖLFTAU SEND-MARK-SKANDAL VOR DEM REICHSTAG 469 sehen Fraktion. Sohn einer armen Pfälzer Magd, hatte er durch angeborene Begabung, aber auch durch unermüdlichen Fleiß sich eine tüchtige Bildung erworben und war fortdauernd bemüht, die Lücken seines Wissens zu ergänzen. Der Vertreter der „Kölnischen Zeitung" in Berlin, Herr von Huhn, erzählte mir gelegentlich, daß er bei einem gemeinsamen Mittagessen dem Abgeordneten Auer sein Erstaunen über dessen Vertrautheit nicht nur mit unserer Gesetzgebung, sondern auch mit unserer gesamten inneren Politik ausgesprochen habe. Mit einem wehmütigen Lächeln habe ihm Auer, halb im Scherz und halb im Ernst, erwidert: „Ich würde all mein Wissen darum geben, wenn ich genau wüßte, ob man Fisch und Spargel nur mit der Gabel oder auch mit dem Messer essen kann." Ich habe auf Männer wie Auer immer nur mit Sympathie geblickt, mit großer Achtung und mit Verständnis für ihre Ideale. Es war, nebenbei gesagt, Herr von Huhn, der meine Aufmerksamkeit auf den späteren Abgeordneten Eduard Bernstein lenkte, der damals als Flüchtling in London lebte, da ihm infolge einer früheren Verurteilung die Rückkehr nach Deutschland versagt war. Ich ließ die Angelegenheit in Ordnung bringen, und Eduard Bernstein konnte nach Deutschland zurückkehren, wo er im Reichstag und in der sozialdemokratischen Fraktion eine bedeutsame Rolle spielen sollte, nicht immer zur Freude des fanatischen August Bebel, aber mit zweifelloser Ehrlichkeit und Überzeugungstreue. Von allen Parteien war uns gesagt worden, die Voraussetzung für eine Beilegung des durch die Zwölftausend-Mark-Affäre hervorgerufenen Skandals sei, daß Graf Posadowsky nicht selbst das Wort ergriffe. Andernfalls wären tumultuarische Szenen zu erwarten. Graf Posadowsky nahm also neben mir Platz, beteiligte sich aber nicht an der Debatte. Ich hob in meiner Rede hervor, wie lächerlich es wäre, bei diesem Anlaß von einem „Panama" und von einer „Maffia" zu sprechen. Das französische Panama wäre wirklich ganz anders gewesen, und die sizilianischen „Maffiosi" schauten nicht aus wie Berliner Geheimräte. Ich erklärte mit Nachdruck, daß ich die eminente Arbeitskraft, die Geschäftserfahrung, die Kenntnisse und den Charakter des Grafen Posadowsky trotz aller gegen ihn gerichteten Angriffe immer gleich hochstelle. Im vollen Einverständnis mit ihm selbst wäre ich jedoch der Ansicht, daß derartige Wege in Zukunft nicht wieder eingeschlagen werden sollten. Uber diese meine Auffassung und Willensmeinung als des allein im Reich leitenden Ministers hätte ich das beteiligte Ressort nicht im Zweifel gelassen. Ich stünde auch nicht an, trotz des guten Glaubens, in dem die beteiligten Beamten gemeint hätten einer Vorlage der verbündeten Regierungen zu dienen, den dabei eingeschlagenen Weg als einen Mißgriff zu bezeichnen. Zu weiteren Maßnahmen sähe ich mich nicht veranlaßt, denn vor Intrigen und Angriffen aus dem Hinterhalt beugte ich mich nicht, vor dunklen und unlauteren Machenschaften wiche 470 EINE LEICHENFEIER ich nicht zurück. Solchen Treibereien und Machenschaften räumte ich keinen Einfluß ein auf meine amtlichen Entschließungen. Im übrigen könnte die Sozialdemokratie versichert sein, daß ich keine Neigung empfinde, ihr je wieder ähnlichen Agitationsstofl" zuführen zu lassen. Etwa acht Tage nach dieser meiner Erklärung, durch die ich das ministe- Tod rielle Leben meines Kollegen Posadowsky um sieben Jahre verlängerte, Woedtkes ersuchte mich der Ministerialdirektor von Woedtke um eine Unterredung. Ich sah einen gebrochenen Mann vor mir. Mit allen Zeichen nicht sowohl der Erregtheit als tiefen Schmerzes sagte er mir, er habe das Bedürfnis, sich vor seinem obersten Vorgesetzten moralisch zu rechtfertigen, ohne daran irgendein Ersuchen zu knüpfen. Als die „Leipziger Volkszeitung" das Schreiben des Herrn Bueck veröffentlicht hätte, habe Graf Posadowsky ihn sofort kommen lassen und ihm gesagt: Wenn dieser Vorwurf des sozialdemokratischen Blattes auf ihm, dem Minister sitzenbleibe, wäre seine amtliche Zukunft vernichtet. Er, Woedtke, möge die Verantwortung auf sich nehmen. Einerseits gehöre die ganze Angelegenheit in sein Ressort, andererseits würde der Vorfall ihm als einem mehr im Hintergrunde stehenden Beamten weiter nicht schaden. Daraufhin habe er, Woedtke, seine Zustimmung gegeben, daß in der Richtigstellung der „Berliner Korrespondenz" auf ihn als Anreger und Vermittler des Gesuches um die Summe von 12000 Mark hingewiesen würde. Nachdem er nun derartig zum Sündenbock gestempelt worden sei, habe Graf Posadowsky sich auch äußerlich von ihm abgewandt und ihm sogar verboten, sich weiter im Reichstag und in den Reichstagskommissionen zu zeigen. Ich habe selten einen Mann vor mir gesehen, der mir so tiefes Mitleid einflößte wie dieser langgediente, wohlverdiente und zweifellos durch und durch ehrenhafte Beamte. Herr von Woedtke starb einige Wochen später, nicht, wie getuschelt wurde, durch Selbstmord, aber infolge seebscher Erschütterung. Als unter den Kollegen des Grafen Posadowsky die Frage erörtert wurde, ob dieser der Leichenfeier seines Untergebenen beiwohnen würde, meinte einer der Minister, es wäre besser, daß Posadowsky nicht im Trauerhause erschiene. Sonst könnte es ihm ergehen wie Hagen, als der an die Leiche von Siegfried trat imd dessen Wunden wieder zu bluten anfingen. Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, Wenn man den Mordbefleckten bei dem Toten sieht, So bluten ihm die Wunden heißt es im Nibelungenlied. Graf Arthur Posadowsky war ein Mann von vielen und starken Vorzügen. Ich habe selten, selbst in Deutschland, dem Land der Arbeit, eine ähnliche Arbeitskraft gesehen. Er beherrschte alle Zweige und Materien seines um- OHM KRÜGER WILL NACH BERLIN 471 fangreichen Ressorts in staunenswerter Weise. Es wurde ihm mit Recht nachgesagt, daß er der einzige Mensch in Deutschland wäre, der alle Bestimmungen nicht nur der Gewerbeordnung, sondern auch sämtlicher Versicherungsgesetze kenne. In jedem Lande der Welt würden seine Kenntnisse und seine Leistlingsfähigkeit ihm eine hervorragende Stellung gesichert haben. Aber von ihm galt das Wort, das in der Apokalypse an den Engel der Gemeinde zu Ephesus gerichtet wird: „Ich weiß deine Werke und deine Arbeit, und bist nicht müde geworden, aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlassest." Es fehlten dem in so mancher Hinsicht ausgezeichneten Manne die Liebe, die menschliche Güte, das Herz. Wie er hart war mit seiner originellen, gar nicht weltklugen, aber gescheiten und herzensguten Frau, so war er es auch mit den Menschen, mit denen ihn das Schicksal zusammenführte. Vielleicht war es der lange Kampf ums Dasein, der einen harten Panzer um sein Herz gelegt hatte. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und sich ohne Konnexionen, ohne Vermögen durchschlagen müssen. Er konnte sich auf das Wort des Tacitus berufen: „Eo immitior, quia toleraverat." Wenn es mir bei der rednerischen Unbeholfenheit der meisten deutschen Volksvertreter nicht schwer fiel, die Entgleisungen des Kaisers vor dem Reichstag wieder einzurenken, leider damit noch nicht vor Europa, und wenn mir auch die Rettung des Grafen Posadowsky gelang, so lagen hinsichtlich der Burenfrage die Dinge verwickelter. Am 19. Oktober 1900 hatte sich der Präsident Krüger in Laurenzo Marques nach Europa eingeschifft. Am 2. Dezember traf er in Köhl ein, um sich von dort nach Berlin zu begeben. Die Kölner bereiteten ihm einen enthusiastischen Empfang. Als der Kaiser die Nachricht in den Morgenblättern gelesen hatte, bat er mich sogleich nach dem Neuen Palais und sagte mir in großer Erregung: gleichzeitig mit der Kunde von der Ankunft des Präsidenten Krüger in Deutschland habe er ein Telegramm seiner Großmutter, der Königin Victoria, erhalten, in dem sie ihn dringend bäte, im Interesse guter Beziehungen zwischen dem deutschen Volk und dem englischen Volk, die ihr sehr am Herzen lägen, den Präsidenten nicht zu empfangen. Ich erwiderte, daß bei aller Verehrung für die weise und deutschfreundliche Königin die Rücksicht auf die Großmutter Seiner Majestät meine politischen Entschließungen und Ratschläge nie beeinflussen würde. Aber ohne Rücksicht auf das Telegramm Ihrer Großbritannischen Majestät, von dem ich Seine Majestät bäte nach außen nichts verlauten zu lassen, wäre ich der Ansicht, daß im Interesse freundlicher und friedlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England, also auch im deutschen Interesse, der Kaiser besser tun würde, den Präsidenten Krüger nicht zu empfangen. Ich würde diesen Standpunkt im Reichstag ohne Zögern und mit Nachdruck vertreten. Der 472 DIE BURENBEGEISTERUNG Kaiser war sehr erfreut. Ihm lag in diesem Augenblick vor allem daran, seine englischen Verwandten, für die er abwechselnd schwärmte, um dann wieder in eine gereizte Stimmung gegen die „verfluchte family" zu verfallen, nicht vor den Kopf zu stoßen. Nach Berlin zurückgekehrt, wies ich den kaiserlichen Gesandten in Luxemburg Herrn von Tschirschky an, sich nach Köln zu begeben, um dem Präsidenten Krüger im Auftrage des Kaisers in höflicher und freundlicher Form mitzuteilen, daß Seine Majestät ihn nach seinen bereits getroffenen Dispositionen nicht empfangen könne. Infolgedessen reiste Krüger zwei Tage später von Köhl direkt nach dem Haag. Es war von jeher ein Fehler des deutschen Volkes, sich für fremde Stimmung der Interessen zu erhitzen und Vorgänge außerhalb unserer Grenzen mit dem Öjßeiitlichkeit Gemüt zu beurteilen, statt an sie ledighch den kühlen Maßstab des deutschen Interesses zu legen. Während des polnischen Aufstands von 1830 schwärmte das deutsche Volk für die „edlen" Polen, denen deutsche Dichter, der geniale August Platen an der Spitze, gerührte und begeisterte Verse widmeten. 1848 nahm ein großer Teil der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche Partei für die Aspirationen der Polen, die inzwischen auf die Deutschen in Posen und Westpreußen schössen. Die Begeisterung für den Prinzen Alexander Battenberg, Fürsten von Bulgarien, war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Deutschland allgemein, obwohl dieser Prinz nie einen Finger für deutsche Interessen gerührt hatte und obschon unser Verhältnis zu Rußland und dessen Kaiser Alexander III. weit wichtiger war als die unsicheren und schwankenden Beziehungen zu dem battenbergischen Bulgarien. Zur Verteidigung der Burenschwärmerei wurde vielfach darauf hingewiesen, daß die Buren als Holländer eigentlich Deutsche wären. Nun sind die Holländer ein tüchtiges und ausgezeichnetes Volk mit einer ruhmvollen Geschichte. Sie haben sich aber schon vor Jahrhunderten freiwillig vom Deutschen Reich getrennt und sich immer gegen jede nähere wirtschaftliche, politische oder gar militärische Verbindung mit Deutschland gesperrt, was ihnen von ihrem Standpunkt aus auch gar nicht übelzunehmen ist. Speziell die Buren hegten für uns Deutsche keine besonders lebhaften Sympathien. Deutsche, die sich in ihrem Lande niederließen, wurden nicht allzu freundlich aufgenommen, und im Weltkrieg focht die Mehrheit der Buren auf englischer Seite und fiel mit den Engländern in unsere Kolonien ein. Aber alle Erwägungen ruhiger Vernunft verhinderten nicht, daß die Mehrheit der Deutschen infolge des Vorgehens der Engländer gegen die Buren in einen wahren Taumel von Begeisterung für die Buren und Entrüstung, Feindschaft und Haß gegen England geriet. In einem burenfreundbchen Blatt las ich, daß nie ein Mensch, auch kein Deutscher, auch Wühelm I. und Bismarck nicht. „LORD BÜLOW" 473 in einer deutschen Stadt so begeistert empfangen worden wäre wie jetzt „Ohm Krüger" in Köln. Es war die einzige Zeit meiner ministeriellen Tätigkeit, wo ich von polizeilicher Seite ernstlich darauf aufmerksam gemacht wurde, daß es zu Attentaten gegen mich kommen könnte, weil ich als Feind der Buren gälte. Selbstverständlich machten diese Warnungen mir keinen Eindruck. Wurde ich damals von einem Burenschwärmer umgebracht, so starb ich in Erfüllung meiner Pflicht und für das Wohl des deutschen Volkes. Also ein anständiger und schöner Tod. In manchen Zeitungen wurde ich damals abwechselnd „Lord Bülow" und „Viscount Bülow" genannt. Das sollte blutiger, vernichtender Hohn sein. Unter den Zeitungen, die mich mit solchen Wendungen angriffen, befanden sich einige, die mir später vorwarfen, ich hätte die Beziehungen zu England eifriger pflegen sollen. Bevor ich am 10. Dezember 1900 das Wort ergriff, machte der Präsident des Reichstags, Graf Ballestrem, ein verständiger Mann, der mir mit aufrichtigem Wohlwollen gegenüberstand, mich darauf aufmerksam, daß ich das Haus nicht reizen möge; die große Mehrheit mißbillige durchaus meine nach ihrer Ansicht für England viel zu freundliche Politik. Ich ließ mich dadurch nicht abhalten, den von mir eingenommenen Standpunkt klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen. Erschwert wurde mir meine Stellungnahme durch die Depesche, die vor meiner Übernahme der auswärtigen Geschäfte anläßlich des Einfalls von Nochmals die Jameson in die Südafrikanische Republik der Kaiser an den Präsidenten Krüger- Krüger gerichtet hatte und die ich bereits an anderer Stelle gewürdigt Depesche habe. Von wem war die Initiative zu diesem Telegramm ausgegangen? Marschall hat mir wiederholt versichert, er habe seine Zustimmung nur gegeben, weil der Kaiser sonst „noch viel ärgere Dummheiten" gemacht hätte. Wunsch und Absicht des Kaisers wäre damals gewesen, den Konflikt zwischen der Burenrepublik und der englischen Kapkolonie zu „lokalisieren". Seiner Majestät hätte 1896 die phantastische Idee vorgeschwebt, mit den Buren ein Schutz- und Trutzbündnis abzuschließen und an ihrer Seite in Afrika gegen die Engländer zu fechten; in Europa aber habe er mit England Frieden halten wollen. Der Kaiser wäre, nach Marschall, damals so sehr Feuer und Flamme für die Buren gewesen, weil er den Vorstoß von Jameson auf seinen Onkel, den Prinzen von Wales, und dessen kapitalistische Freunde, Beit und Sir Ernest Cassel, nebenbei gesagt zwei deutsche Israeliten, zurückgeführt hätte. Marschall beteuerte mir immer wieder, er hätte das Telegramm an Krüger nur durchgelassen, um Schlimmeres zu verhüten. Andererseits hat mir Wilhelm II. nach den Novemberereignissen von 1908, als er über die Ungerechtigkeit des deutschen Volkes ihm gegenüber bewegliche Klage führte, gesagt, daß er zu dem Krüger-Telegramm von Marschall, Hohenlohe und dem damaligen Direktor der Kolonial- 474 FINGER ZWISCHEN TÜR UND ANGEL abteilung, Kayser, „gezwungen" worden sei. Er habe sich lange geweigert, dies Telegramm zu unterschreiben, sich aber schließlich, wenn auch sehr ungern, seinen verantwortlichen Ratgebern gefügt. In aller Unparteilichkeit muß ich sagen, daß diese letztere Version der Wahrheit doch wohl nicht ganz entspricht. Andernfalls würde der Kaiser mir schon früher, namentlich während der Burendebatte vom Dezember 1900, den nach seiner Ansicht richtigen Sachverhalt enthüllt haben. An dem Krüger-Telegramm waren, wie ich glaube, alle damals maßgebenden Faktoren beteiligt. Wilhelm II. wollte in der Stimmung, die ihn in jenen Tagen beherrschte, den Engländern und namentlich seinem Onkel Eduard „eins auswischen". Marschall hoffte durch dieses Telegramm, das er im Reichstag mit Emphase vertrat, sich populär zu machen, denn er litt unter seiner Unpopularität, die eine Folge der persönlichen Feindschaft des Hauses Bismarck gegen ihn war. Der alte Kanzler Hohenlohe war ein müder Mann, der die Dinge laufen ließ. Und der Kolonialdirektor Kayser war, um mit Bismarck zu reden, ein sattelfester Jurist und ein kluger Kopf, aber er konnte, je nachdem dies oben gewünscht wurde, rechts und auch links schreiben. In meiner Rede vom 10. Dezember 1900* konnte ich zunächst darauf Reichstags- hinweisen, daß ich im Frühjahr 1899 auf dem Weg über den Haag und im debatte Verein mit der niederländischen Regierung dem Präsidenten Krüger nachher die fiuren drücklich Mäßigung und Vorsicht angeraten hätte. Noch im Juni 1899 hätte ich ihm die Anrufung einer Vermittlung empfohlen; er habe mir aber erwidert, er halte den Augenblick für die Anrufung einer solchen Vermittlung noch nicht für gekommen. Zum letztenmal hätte ich ihm im August 1899 vertraulich und dringend geraten, die englischen Vorschläge nicht kurzerhand abzulehnen, denn ich wäre davon überzeugt, daß jeder Schritt der Buren bei einer der Großmächte in diesem kritischen Augenblick ohne irgendein Ergebnis und sehr gefährlich für die afrikanischen Republiken sein würde. Wegen des Ausbruchs des Kriegs, stellte ich fest, träfe uns also keinerlei Verantwortung. So weit hätten wir freilich nicht gehen dürfen, daß wir, um den Ausbruch der Feindseligkeiten zu verhüten, die eigenen Finger zwischen Tür und Angel klemmten. Damit würden wir den Buren nichts genützt und uns geschadet haben. Die Politik eines großen Landes dürfe in kritischer Stunde nicht von den Eingebungen des Gefühls beherrscht, sondern sie müsse lediglich geleitet werden im Hinblick auf das ruhig und nüchtern erwogene Interesse des Landes. Jeder Versuch einer deutschen Mediation würde zur Intervention geführt haben, diese aber zu einer diplomatischen Niederlage oder zu einem bewaffneten Konflikt. In einem solchen Konflikt würde es uns ergangen sein wie in einem schönen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 161; Kleine Ausgabe I, S. 181. DR. HASSE, DER ALLDEUTSCHE 475 Schillerschen Gedicht dem von seinem Idealismus vorwärtsgetriebenen Jüngling, der klagt: Doch ach, schon auf des Weges Mitte Verließen die Begleiter mich, Sie wandten seitwärts ihre Schritte, Und einer nach dem andern wich. Als ich mit Nachdruck erklärte, in eine solche Situation hätte ich das deutsche Volk nicht bringen wollen und nicht bringen dürfen, erscholl lebhafter Beifall des bei Beginn meiner Rede nicht freundlich gestimmten Hauses. Ich hob noch hervor, daß ein Empfang des Präsidenten Krüger durch den Kaiser weder den Buren noch uns genützt haben würde. Ich fand Zustimmung, als ich erklärte, daß ich mich nicht zwingen lassen würde, England gegenüber den Don Quichotte zu spielen, die Lanze einzulegen und loszurennen, wo irgend in der Welt englische Windmühlen gingen. Uns unnötig mit der dauernden Feindschaft Englands zu belasten, würde eine politische Dummheit sein, für die ich die Verantwortung nicht übernähme. Meine Rede vom 10. Dezember erfolgte als Antwort auf die verhältnismäßig maßvolle Kritik, die der konservative Graf von Limburg-Stirum und der nationalliberale Dr. Sattler an unserer Haltung im Burenkrieg übten. Der eigentliche Inspirator und Leiter der Agitation für die Buren war der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der nationalliberale Abgeordnete Dr.Hasse. Als ich am 10. Dezember zu Fuß aus dem Reichstag nach dem Reichskanzlerpalais zurückkehrte, begegnete ich im Tiergarten Herrn Dr. Hasse, der von zwei Damen begleitet war, einer älteren und einer jüngeren, anscheinend seiner Frau und seiner Tochter. Als er mich verlegen und gereizt grüßte, sah ich in ein von Erregung und Zorn gerötetes Antlitz. Herr Hasse war ein kreuzbraver Mann. UrsprüngUch sächsischer Offizier, hatte er als solcher einen Streit mit einem hannoverschen, in den sächsischen Dienst übergetretenen Kameraden, der sich unfreundlich über die Lösung von 1866 und über Preußen ausgesprochen hatte. Infolge dieses Auftritts war er verabschiedet worden, denn der sächsische Hof, der namentlich in der ersten Zeit nach 1866 nichts weniger als preußenfreundlich war, protegierte die Weifen im sächsischen Dienst. Herr Hasse wurde Direktor des Statistischen Amts in Leipzig, später auch Professor an der dortigen Universität. Es war kaum möglich, redlicher, aber auch naiver zu sein, als er es politisch war. Unbekümmert um seine feindlichen Blicke ging ich auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte zu ihm: „Lieber Herr Hasse, ich zweifle nicht an Ihrem warmen und tiefen Patriotismus. Ich weiß, Sie meinen es gut. Aber wenn Sie und Ihre Freunde so fortfahren, helfen alle 476 ORDENSREISE meine Bemühungen nichts, ein gutes Verhältnis zu England herzustellen. Die Engländer werden sich sagen, daß gegenüber einer derartigen Stimmung im deutschen Volk auch die besten Absichten der Regierung wenig bedeuten." Nicht ohne Würde erwiderte mir Herr Dr. Ernst Hasse: „Als Volksvertreter habe ich wie das Recht so die Pflicht, den Gefühlen des deutschen Volkes rückhaltlosen Ausdruck zu geben. An Ihnen, Exzellenz, als dem Minister, ist es, dafür zu sorgen, daß unsere diplomatischen Beziehungen darunter nicht leiden." Ich muß sagen, daß mich diese Antwort betrübte, denn nie wurde mir klarer, wie unpolitisch der Deutsche ist. Der deutschen Menschheit ganzer Jammer faßte mich an, als der Abgeordnete Hasse so sprach, während seine Damen bewundernd zu ihm aufblickten. Als ich ihm am nächsten Tage im Reichstag auf weitere, sehr heftige Angriffe von seiner Seite antwortete, sagte ich: „Der Politiker ist kein Sittenrichter. Er hat lediglich die Interessen und Rechte seines eigenen Landes zu wahren. Vom Standpunkt der reinen Moralphilosophie kann ich auswärtige Politik nicht treiben und vom Standpunkt der Bierbank auch nicht." Das Wort von der Bierbank wurde mir sehr übelgenommen. Ich erhielt eine große Anzahl meist anonymer Briefe, in denen dies zum Ausdruck kam. Sie wanderten alle in den Papierkorb. Aber auch von einem klugen und erfahrenen Freunde wurde mir geschrieben, daß die deutschen Kannegießer, also ein sehr erheblicher Teil des deutschen Volkes, mir das Wort von der „Bierbank" nicht verzeihen würden. Sobald es mir geschäftlich möglich war, trat ich meine Rundreise bei den Besuch größeren deutschen Höfen an. Als Staatssekretär hatte ich es absichtlich in München vermieden, sie aufzusuchen. Später waren die Staatssekretäre nicht mehr so bescheiden. „Die Ordensreise" nach Süddeutschland wurde zum ersten Programmpunkt jedes Ressortchefs nach der Geschäftsübernahme. Eine Ausnahme hatte ich vor meiner Ernennung zum Reichskanzler nur zugunsten des badischen Hofes gemacht, von dem ich eine Einladung des mir besonders freundlich gesinnten Großherzogs Friedrich schon früher angenommen hatte. Jetzt sagte ich mit dem Hirten Damoetas in den Eklogen: „Ab Jove principium!" und suchte zunächst den Münchener Hof auf. Der damals schon fast achtzigjährige Prinzregent empfing mich in gütiger Weise und stattete mir unmittelbar nachher einen persönbchen Besuch im Hotel „Zum Bayrischen Hof" ab, wo er in glänzender Rüstigkeit die zwei Treppen erstieg, die zu meinen Zimmern führten. Dort angelangt, überreichte er mir den Hubertusorden mit den Worten: „Das ist mein Dank für die Entschiedenheit, mit der Sie meine Jura circa sacra vor dem Reichstag gewahrt haben." Im ersten Augenblick verstand ich nicht recht, welches besondere Verdienst ich mir um Bayern und um das Haus ^ ittelsbaeh durch meine Haltung in der Reichstagssitzung vom DANK DES HAUSES WITTELSBACH 477 5. Dezember erworben hatte*. In dieser Sitzung war ein vom Zentrum eingebrachter Antrag verhandelt worden, wonach jedem Reichsangehörigen innerhalb des Reichsgebiets volle Freiheit des Rehgionsbekenntnisses, der Vereinigung zu religiösen Gemeinschaften sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung zustehen solle. Dieser Antrag bezweckte, der von mir durchaus gemißbilligten differenziellen Rehandlung der Katholiken in Braunschweig und namentlich im Königreich Sachsen entgegenzutreten. In meiner Antwort* hatte ich hervorgehoben, daß ich die Uberzeugungen und Gefühle, die dem Antrag des Zentrums zugrunde lägen, verstehe und achte, jedoch außerstande wäre, einem Vorschlag zuzustimmen, der die verfassungsmäßige Selbständigkeit der Bundesstaaten auf einem Gebiet beschränken wolle, das der Zuständigkeit der Landesgesetzgebung vorbehaltlich bleiben müsse. Ich ahnte nicht, wie sehr ich damit einer bayrischen Haustradition entgegengekommen war. Die Dynastie Wittelsbach beanspruchte, gestützt auf ihre Haltung in und nach der Reformationszeit, eine Art Schutzstellung über die katholische Kirche, deren Wesen sich in dem den gallikanischen Artikeln entnommenen Begriff der Jura circa sacra ausprägte. Sie fühlte sich gegenüber dem Episkopat in der Position, die einst einem Gutsherrn gegenüber dem Patronats- klerus seines Kirchensprengels zukam. Über die Wahrung dieser von der Kirche mit Sanftmut, aber Zähigkeit bekämpften Stellung wachte das Haus Wittelsbach eifersüchtig, und der ebenso maßvolle wie aufrichtig katholische Prinzregent würde es als eine Verletzung seiner Regentenpflichten und als Versündigung am Erbteil seiner Väter betrachtet haben, wenn seine Regierung sich nicht mit allem Nachdruck gegen den Antrag des Zentrums gewendet hätte. Fürst Bismarck wird das Wort zugeschrieben, der Bayer sei der Übergang vom Österreicher zum Menschen. Ich entsinne mich, daß ich wenige Jahre vor dem Sturz des Fürsten mit dem damaligen Legationsrat Graf Louis Arco im Bismarckschen Hause aß. Arco war sehr witzig. Er hatte die Gabe, den Fürsten aufzuheitern. Daß er seine witzigen Bemerkungen mit ernster Miene und in feierlichem Tone vorbrachte, erhöhte noch ihre Wirkung. Bei jenem Mittagessen im Bismarckschen Hause richtete, und zwar in einem Augenblick, wo allgemeines Schweigen herrschte, Arco die Frage an den Kanzler, ob er ihn um die Interpretation einer seiner bedeutsamsten Auslassungen ersuchen dürfe. Als der Fürst zustimmend nickte, fragte Arco weiter: „Haben Eure Durchlaucht eigentlich gesagt, daß der Bayer der Übergang vom Österreicher zum Menschen wäre, oder umgekehrt gemeint, der Österreicher sei der Übergang zwischen dem Menschen und dem Bayern? Die erstere Version wäre für * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 159. 478 DER PRINZREGENT UND DER BERCHTESGADENER uns Bayern viel schmeichelhafter." Bismarck lachte herzlich, dann erwiderte er mit seiner feinen, leisen Stimme und mit großem Ernst: „Ich kann mir nicht denken, daß ein Minister in verantwortlicher Stellung jemals so ungehörige Bemerkungen gemacht haben soll." In Wahrheit stammte die Äußerung aus der Frankfurter Zeit des Fürsten Bismarck, wo er gegen Österreich in hohem Grade erbittert und, in direktem Gegensatz zu später, auch auf Bayern nicht besonders gut zu sprechen war. Bichtig ist, daß zwischen Bayern und Österreich, zwischen München und Wien und namentlich zwischen dem Münchener und dem Wiener Hofe viele Berührungspunkte und eine gewisse Ähnlichkeit bestanden. Wie der Wiener, so zeichnete sich auch der Münchener Hof durch eine Verbindung von Natürlichkeit und Vornehmheit, Feierlichkeit und Schlichtheit aus. Bei der Hoftafel, zu der ich in München geladen wurde und die, wie in Wien, schon nachmittags stattfand, saß der würdige Prinzregent neben seiner Schwester, der Herzogin Adelgunde von Modena, die das Volk in München Modelgunde nannte. Sie war die letzte souveräne Herrscherin von Modena gewesen. Vor dem Palast, den sie noch bewohnt hat, erhebt sich jetzt die Statue von Giro Menotti, den der vorletzte Herzog von Modena auf demselben großen Platz aufhängen ließ, wo jetzt das Monument des Märtyrers und Freiheitshelden prangt. Die ganze alte Zeit stieg vor mir auf, als ich in München das ehrwürdige Paar nebeneinander sitzen sah. Die Herzogin Adelgunde war die Schwägerin des Grafen von Chambord, des letzten Sprossen der älteren Linie des Hauses Bourbon und letzten Vertreters der Legitimität in Frankreich. Der Prinzregent, der mir zu Ehren den Schwarzen Adlerorden angelegt hatte, trug diese höchste preußische Auszeichnung in einer Form und Fassung, wie man sie in neuerer Zeit kaum noch sah. Er hatte als Bruder der künftigen Königin von Preußen den Orden in ganz jungen Jahren von Friedrich Wilhelm III. erhalten. Ich bin selten einem Manne in vorgerückten Jahren begegnet, der einen Prinzregent so kerngesunden Eindruck machte wie der Prinzregent Luitpold von Luitpold Bayern. Der Prinzregent wußte das, und er hörte gern, daß seine körperliche Frische anerkannt und gerühmt wurde. Seine Umgebung lud ihm im Sommer in Berchtesgaden mit Vorliebe Siebzig- und Achtzigjährige, aber noch rüstige Bergbewohner ein, damit er sich an der guten körperlichen Verfassung seiner Altersgenossen erfreue. Als er wieder einmal einen dieser würdigen Greise fragte, wie es ihm ginge, meinte der Alte in der naiven Art der Älpler: „Körperlich ginge es ja noch, aber geistig werden wir eben alle allmählich alt und gebrechlich." „Davon merke ich gar nichts", meinte etwas pikiert der Prinzregent. „I a net", meinte darauf der treffliche Berchtesgadener, „aber die Lait merken's, die Lait! Dös darfst mir glauben." Er ist nicht wieder zu Seiner Königlichen Hoheit befohlen worden. WILHELM IL SCHNEIDET HERTLING 479 Am Abend nach meinem Empfang beim Prinzregenten folgte ich einer Einladung des Grafen Crailsheim zur Soiree, bei der sich mir mit sichtlichem Freiherr Empressement der Reichstagsabgeordnete Freiherr von Hertling näherte, von Hertling den ich aus dem Reichstag kannte, mit dem ich aber noch nicht eingehender gesprochen hatte. Hertling hatte schon mit dem Staatssekretär von Marschall freundliche Beziehungen unterhalten. Marschall hatte sich sogar bemüht, die Vorurteile, die Wilhelm II. gegen Volksvertreter im allgemeinen und gegen Zentrumsabgeordnete im besonderen hegte, zu zerstreuen und wenigstens zu erreichen, daß Wilhelm II. sich den Freiherrn von Hertling vorstellen ließ. Zu diesem Zweck näherte sich Baron Marschall, begleitet von Hertling und dem bayrischen Gesandten Grafen Hugo Lerchenfeld, während eines Hofballs im Weißen Saal Seiner Majestät. Als der Kaiser Marschall, mit Lerchenfeld rechts von sich und einem bebrillten, nach einem Gelehrten aussehenden Herrn Links, auf sich zukommen sah, ahnte er, was die drei im Schilde führten. Behende und gewandt, wie er war, chassierte er durch den ganzen Saal vor den drei Herren weg, die ihn nicht zu erreichen vermochten, bis ihnen endlich, am Ende des Saals angelangt, eine kurze und ziemlich frostige Anrede zuteil wurde. Nicht mit Unrecht rät der ausgezeichnete Florentiner Geschichtsschreiber Francesco Guicciar- dini den Mächtigen, jeden Gegner, den man nicht sogleich und völlig zu vernichten vermöge, so zu behandeln, als ob er doch einmal ein Freund werden könnte, andererseits aber auch bei den besten Freunden nicht zu vergessen, daß im Wandel der Zeiten vielleicht Feinde aus ihnen werden würden. Als die Sonne Wilhelms II. sich zum Untergang neigte, appellierte er an denselben Hertling, den er achtzehn Jahre früher du haut en bas behandelt hatte, der aber inzwischen zum körperlich und geistig verkalkten Greis geworden war. Freiherr, später Graf Georg von Hertling entstammte dem Beamtenadel des Großherzogtums Hessen, und zwar dem streng katholischen Kreise, den in Darmstadt die Familien Biegeleben, Guaita, Hertling, Brentano, Schlosser e tutti quanti bildeten. Schon als Gymnasiast hatte er auf einem katholischen Jugendtag einen Vortrag gehalten, der sich wie durch Beredsamkeit so durch streng katholische Weltanschauung auszeichnete. Als Student gehörte er einer katholischen Studentenverbindung an. Nach seiner ganzen Richtung ausgesprochen österreichisch und großdeutsch gesinnt, habilitierte er sich trotzdem als Privatdozent in Bonn, wo er während des Kulturkampfes ungerechter- und törichterweise wegen seiner katholischen Richtung nicht zum Professor befördert wurde. In den Reichstag gewählt, zeigte er sich durch die ihm widerfahrene Behandlung nicht verbittert, sondern gehörte zu denjenigen Zentrumsmitgliedern, die gern bereit waren, mit der Regierung zu paktieren. Der geistliche Berater und Beichtvater des Grafen Hertling war, auch während 480 EIN PURITANER seiner Kanzlerzeit, ein Jesuit, der Pater Blum. Für die Bettelorden hatte Hertling nicht viel übrig. Das Unglück des Grafen wollte, daß er am Abend seines Lebens, noch dazu in einem unendlich schwierigen Moment, mitten im Weltkrieg zum Reichskanzler ernannt wurde, als er dieser Aufgabe in keiner Weise mehr gewachsen war. Als wir in München nähere Bekanntschaft machten, stand er erst im siebenundfünfzigsten Lebensjahr. Meine persönlichen Beziehungen zu ihm sind auch durch spätere politische Zerwürfnisse und Mißverständnisse nicht getrübt worden. Er war der einzige Zentrumsabgeordnete, der nach meiner Reichstagsauflösung vom 13. Dezember 1906 Karten bei mir ließ, während die übrigen Vertreter der klerikalen Richtung die üble deutsche Gewohnheit befolgten, politische Differenzen auf das persönliche Gebiet zu übertragen, eine Unsitte, die in England und Frankreich, in Italien, in allen übrigen zivilisierten Ländern kein gebildeter Mensch versteht. Graf Hertling war eine Aristides-Natur, von strenger, ich möchte sagen spröder Integrität. Er war in jeder Richtung ein Puritaner, und obwohl mit dem Kopf der überzeugteste Katholik, erinnerte er in seinem Wesen an englische, Genfer oder holländische Kalvinisten. Fürst Chlodwig Hohenlohe, der Hertling nicht liebte, der allerdings ganz anders geartet war, pflegte von ihm zu sagen, er habe nie ein gutes Glas Wein getrunken, nie eine hübsche Frau geküßt, nie eine gut sitzende Hose gehabt. Hertling war eine kalte Natur. Ich weiß nicht, ob er je wirkliche Freundschaft empfunden hat. Er war gerecht, aber nicht wohlwollend. Jedes Strebertum, jeder Snobismus lag ihm ganz fern. Er war ein innerlich vornehmer Mann. Als der nationalliberale Abgeordnete Prinz Heinrich Carolathihn als Reichskanzler begrüßte und hierbei daran erinnerte, daß Hertling ihm schon vierzig Jahre früher in Bonn freundlich begegnet wäre, erwiderte der neue Kanzler: „Aber mein lieber Prinz, die Sache lag in Bonn gerade umgekehrt. Eure Durchlaucht waren dem bescheidenen Privatdozenten ein gütiger Gönner." Derselbe Hertling war geistig nicht ohne Hochmut. Auf Nichtgelehrte und Nichtgebildete sah er mit einer gewissen Verachtung herab und noch mehr auf Halbgebildete, zu denen er auch Gymnasialdirektoren und Landgerichtsräte zählte, die in seiner Partei in Berlin wie in München zahlreich vertreten waren. Hertling würde in seiner guten Zeit ein vortreffhcher preußischer oder bayrischer Minister gewesen sein. Sein Leitstern war in allem die Autorität. 1900 stand er in vertrauensvollen, guten Beziehungen zu dem Ministerpräsidenten Crailsheim, den er hochstellte, während er für dessen Nachfolger Podewils später nicht viel übrig hatte. Dieser doch kluge und tüchtige Mann war Hertling zu flott, zu elegant, nicht „ernst" genug. Ich benutzte meinen Aufenthalt in München, um mich von Lenbach malen zu lassen, und bestimmte damals mein Bild für den Reichstag, ohne DIE FÖDERALE GRUNDLAGE 481 zu ahnen, daß ich dort einmal neben Fehrenbach, Joseph Wirth und Gustav Brief des Bauer hängen würde. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß der königliche Grafen Monis Gesandte in München, Graf Anton Monts, sobald ich München verlassen hatte, an mich einen Bericht richtete, um den nach seiner Behauptung überwältigenden Eindruck zu schildern, den ich dort hervorgerufen hätte. Er meldete amtlich: „Die heutige Nummer der ,Münchner Neuesten Nachrichten' bringt an erster Stelle eine offenbar von der Geheimkanzlei Seiner Königlichen Hoheit des Regenten inspirierte Meldung über den Aufenthalt Eurer Exzellenz in München und die von den hiesigen leitenden Persönlichkeiten gewonnenen günstigen Eindrücke. Übereinstimmend mit dem Inhalt dieser Meldung versicherte Generaladjutant von Wiedemann mir wiederholt, der Regent sei geradezu entzückt gewesen. Obgleich er, Wiedemann, viele Jahre die Ehre habe, zur nächsten Umgebung Seiner Königlichen Hoheit zu gehören, so sei es ihm doch bisher nicht vorgekommen, daß sein in der Regel wenig expansiver Herr sich so befriedigt über einen persönlichen Eindruck aussprach. Desgleichen erzählte mir der Hofmarschall Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ludwig, daß auch sein gnädiger Herr Worte hoher Anerkennung über die mit Eurer Exzellenz gehabte Aussprache geäußert habe. Freiherr von Crailsheim, den ich nach Eurer Exzellenz Abreise noch zu sprechen Gelegenheit nahm, wies zunächst auf die außerordentliche Befriedigung Seiner Königlichen Hoheit des Regenten hin. Während der Regent sich sonst bei ähnlichen Anlässen mit Vorfahren und Kartenabgabe begnüge, sei der längere Besuch des hohen Herrn bei Eurer Exzellenz im Hotel ein sicheres Zeichen dafür, wie sympathisch Höchstihm Eure Exzellenz als Persönlichkeit wären. Er, der Minister, erhoffe von dieser guten Disposition des Staatsoberhaupts weitere Förderung der Berlin-Münchener Beziehungen. Ferner hätten Eurer Exzellenz von ehrendem Vertrauen zeugende Eröffnungen seine und seiner Minister- Kollegen ohnehin schon bestehende Verehrung für den neuen verantwortlichen ersten Reichsbeamten noch mehr vertieft. Die Versicherung, auf den bewährten Bahnen Bismarckscher, der föderalen Grundlage des Reichs gerecht werdender innerdeutscher Politik wandeln zu wollen, müsse der bayrischen Regierung zur höchsten Genugtuung gereichen. Ferner sprach der Minister des Innern mir noch gestern abend seine wärmsten Glückwünsche aus anläßlich des so überaus befriedigenden Verlaufs des Besuchs. Auch andere Persönlichkeiten, wie Graf Berchem, Professor von Hertling, die beiden Bürgermeister usw., äußerten sich in ähnlichem Sinne. Zum Schluß beehre ich mich, das eingangs erwähnte Communique sowie einen kurzen, auch dem weiteren Münchener Publikum gerecht werdenden lokalen Artikel der ,Münchner Neuesten Nachrichten' gehorsamst einzureichen. Übrigens hebt auch die ,Allgemeine Zeitung' in ihrem heutigen 31 BUlowI 482 VON LENBACH GEMALT Morgen-Artikel noch ganz besonders lobend hervor, wie Eure Exzellenz nicht nur mit Fürstlichkeiten, Staatsmännern und Diplomaten Berührung gesucht, sondern auch der tüchtig emporstrebenden Bürgerschaft der bayrischen Besidenzstadt grüßende Achtung bekundet hätten." Der Verehrung und Liebe, die der Gesandte für mich hegte, genügte aber diese amthche Meldung nicht. Noch am gleichen Tage schrieb Graf Monts an meine Gattin: „Gnädigste Gräfin, da Sie vermutlich vom Besuch bei der armen Kaiserin Friedrich vor Ihrem Gatten nach Berlin zurückkehren, möchte ich Ihnen kurz über Bernhards hiesige Erfolge berichten. Er hat auf hoch und niedrig den allerbesten Eindruck gemacht, und brachte ihm sogar Publicus bei der Abfahrt ein lebhaftes spontanes Hoch aus. Der alte Regent, keineswegs leicht zu kaptivieren und im Grunde nur und ausschließlich an seine hohe Person denkend, ist entzückt, so äußerte er zu verschiedenen Persönlichkeiten; dito die Minister, dito u. a. auch Berchem, der, wie Sie wissen, keineswegs von Wohlwollen für B. früher überfloß. Ich denke, Bernhard hat sich hier recht viele Freunde erworben, das Terrain vorher ebneten freilich seine Leistungen und Beden; an Feinden fehlt es ihm in gewissen Kreisen ja ohnehin nicht, um so mehr werden wir hier arbeiten, um ihm im Reich die neugewonnenen Stützen auch ferner dienstwillig zu erhalten. Ich habe mich übrigens recht gefreut, B. so frisch und in bester geistiger wie körperHcher Disposition zu sehen. Und doch war die China- und Krüger-Campagne keine Kleinigkeit, und in aller Schwere fühlt er auf sich die Verantwortlichkeit lasten. Hoffentlich macht Lenbach seine Sache gut. Er baissierte in letzter Zeit unendlich, bzw. malte nur noch fabrikmäßig fürs liebe Geld. Seine Frau drückt auf ihn sichtlich und möchte aus seinem Talent möglichst viel Geld herausquetschen, ehe dem immer müden Meister der Tod den Pinsel aus der Hand nimmt. Dabei ist L. sehr reizbar, oft kommt der Bauer in elementarer Grobheit durch. In der Künstlerschaft, oft von ihm vergewaltigt, gärt es, sie wollen ihm die Präsidentschaft nehmen und dergleichen mehr. Vielleicht aber rafft sich L. bei dem Bild von Bernhard nochmals auf, auch alternden Künstlern gelingen ja mitunter noch große Würfe. Nun aber zum Schluß. Sie haben jetzt viel mit Weihnachten und noch mehr mit der Einrichtung des Palais zu tun. Es wird gewiß une merveille an Geschmack und Schönheit werden. Donna Lauras Rat und Hilfe dabei wird mehr wert sein wie die Handreichung aller Berliner Stobwasser und Genossen. Möge Ihnen ein gutes Fest beschieden sein. Bitte, legen Sie mich Donna Laura zu Füßen und grüßen Sie den alten, ehrlichen Lichnowsky. In stets gleicher Verehrung und Dankbarkeit Ihr gehorsamst getreuer Monts." Der Angriff, den Graf Monts gegen Lenbach richtete, war ungerecht. Lenbach war ein großer Künstler und ein edler Mensch. Dem Genius seiner Kunst wird noch gehuldigt „KLEINE VERHÄLTNISSE" 483 werden, wenn kein Mensch mehr etwas von Monts wissen wird, von dem Holstein zu sagen pflegte, er habe nicht nur, wie manche andere, an einem, sondern an drei Posten: Budapest, München und Rom, Fiasko gemacht. So Holstein, obwohl ihm, solange er der einflußreichste Mann im Auswärtigen Amt war, Monts beinahe ebenso begeistert gehuldigt hatte wie mir. Von München begab ich mich nach Stuttgart. In der guten Zeit vor der Novemberrevolution vertrat der preußische Gesandte in Weimar Preußen Besuch auch bei den Höfen von Meiningen und Koburg-Gotha. Als er einmal dem "» Stuttgart Großherzog Karl Alexander meldete, daß er Weimar auf einige Tage verlassen werde, um sein Beglaubigungsschreiben in Meiningen zu überreichen, erwiderte ihm der Großherzog mit der ihm eigenen Mischung von Würde und Freundlichkeit: „Da werden Sie kleine Verhältnisse kennenlernen." So sprachen die bayrischen Würdenträger nicht zu mir, als ich mich von ihnen verabschiedete, um nach Stuttgart zu fahren. Aber zweifellos hatte jeder bayrische Minister und höhere Beamte das Gefühl, daß, verglichen mit den übrigen süddeutschen Staaten, Bayern eine Großmacht wäre. Diese Auffassung war im Hinblick auf die bayrische und deutsche Geschichte nicht ganz unberechtigt. Ich habe es immer für meine Pflicht gehalten, der besonderen Stellung von Bayern im Reich politisch Rechnung zu tragen. Ich habe selten oder nie im Bundesrat einen Antrag forciert, der auf den Widerspruch, den bewußten und entschiedenen Widerspruch von Bayern stieß. Ich habe es mir immer angelegen sein lassen, mir das Vertrauen des bayrischen Königshauses, des Prinzregenten Luitpold, des Prinzen Ludwig, des Prinzen Rupprecht zu erhalten. Von diesen drei Fürsten war der letztgenannte zweifellos der begabteste. Ein ganz offener, vorurteilsloser und scharfsinniger Kopf, dabei ein ausgezeichneter, auch im Weltkrieg hochbewährter General. Das letztere Lob gebührt auch dem Prinzen Leopold von Bayern, dem zweiten Sohn des Prinzregenten Luitpold. Ich bin während meiner Amtszeit mehrmals mit ihm auf Manövern zusammengetroffen, und ich habe mich an seinem echt militärischen Wesen, seinem offenen, freimütigen Urteil, seiner ganzen männlichen Persördichkeit erfreut. Die Vorzugsstellung, die ich Bayern stets innerlich eingeräumt habe, verhinderte nicht, daß ich den anderen deutschen Bundesstaaten gegenüber jede denkbare Rücksicht walten ließ und bei voller Wahrung der Reichseinheit und Hochhaltung des Einheitsgedankens ihre berechtigten Eigen- tümhchkeiten schonte, ihren besonderen Wünschen, wenn irgend möglich, entgegenkam. Eins nach außen, schwertgewaltig, Um ein hoch Panier geschart! Innen reich und vielgestaltig, Jeder Stamm nach seiner Art! 31* 484 DER KÖNIG VON WÜRTTEMBERG Diese schönen Verse von Geibel sind mir hinsichtlich der Behandlung der Bundesstaaten als der Weisheit letzter Schluß erschienen. Irgendwelche politische Superiorität von Bayern anzuerkennen, lag übrigens niemandem ferner als den Schwaben. Mein Amtsvorgänger Fürst Chlodwig Hohenlohe hat mir oft erzählt, daß er als bayrischer Ministerpräsident zwischen 1867 und 1870, im Einverständnis mit dem damaligen norddeutschen Bundeskanzler Bismarck, ein engeres Verhältnis der süddeutschen Staaten unter der Leitung von Bayern angestrebt habe. Für die Idee einer Konföderation fand er in Stuttgart freudiges Verständnis. Der Gedanke an eine Leitung des Bundes durch Bayern oder auch nur an ein bayrisches Präsidium wurde aber mit Entrüstung abgelehnt, gelegentlich unter Hinweis darauf, daß Württemberg dem deutschen Volke einige seiner größten Geister: Schiller und Hegel, Hölderlin, Uhland und Mörike, Schelling und Friedrich List, geschenkt habe, während Bayern auf dem Parnaß unserer Dichter und Denker so gut wie gar nicht vertreten wäre. Umgekehrt wurde in Karlsruhe dem bayrischen Ministerpräsidenten Hohenlohe erwidert, daß das ,,Musterländle", das immer die Vorhut der deutschen politischen Entwicklung gebildet hätte und das politisch Deutschland als Vorbild dienen könne, sich weder unter Württemberg noch unter Bayern beugen könne. In Darmstadt hielt man auch die badischen Ansprüche und die badische Selbsteinschätzung für stark übertrieben. Alles dies beweist nur wieder, daß Bismarck wie in der bekannten Erzählung Columbus das Ei auf den Kopf stellte, als er das glorreiche Reich schuf, in dem sich die Unitas in necessariis so glücklich mit der Libertas in dubiis verband. König Wilhelm von Württemberg, der mich im Schloß absteigen beß, war ein Fürst von schlichtem Wesen, mit einem goldenen Herzen, ein guter Schwabe und dabei ein glühender deutscher Patriot. Er war vor allem treu. Wie er zeitlebens zu dem Studentenkorps hielt, dem er in Göttingen angehört hatte, zu dem Potsdamer Leibgarde-Husarenregiment, in dem er als Rittmeister gestanden hatte, so hing er mit unerschütterbcher Treue an Kaiser und Reich. Durchaus leutselig, ohne jede Aufgeblasenheit, stand er doch dem parlamentarischen Leben in Württemberg und erst recht im Reich etwas fremd gegenüber. Er war erstaunt, als ich ihm den württembergischen Zentrumsabgeordneten Gröber rühmte, von dem er bis dahin kaum etwas gehört hatte. Ich vermute, daß die Rolle, die später Matthias Erzberger aus Buttenhausen spielen sollte, den König Wühelm noch mehr befremdet hat. Wie vorher in München, später in Karlsruhe, Darmstadt und Dresden benützte ich auch in Stuttgart meinen Besuch vornehmbch dazu, mich mit den maßgebenden Ministern über die endgültige Fassung wie über die parlamentarische Behandlung der Zolltarifvorlage zu verständigen. Ich hatte zu diesem Zweck eingehende Unter- DIE ZOLLTARIFVORLAGE 485 redungen, die sich bisweilen bis spät in die Nacht ausdehnten, und fand bei allen Ministern Zustimmung zu meiner Formel: erhöhter Schutz für die Landwirtschaft, aber unter Wahrung der Möglichkeit, zu Handelsverträgen zu kommen. Freüich handelte es sich noch darum, diese Formel in die Wirklichkeit zu überführen. Von den mittelstaatlichen Ministern machten mir der bayrische Finanzminister Freiherr von Riedel und der badische Finanzminister Dr. Buchenberger einen hervorragend sachverständigen Eindruck. XXXI. KAPITEL Fortsetzung der Rundreisen: Karlsruhe, Darmstadt, Dresden • Verleihung des Schwarzen Adlerordens (23. XII. 1900) • Glückwunsch des Fürsten Hohenlohe • Prinz Max von Baden, Prinz Alexander von Hohenlohe-Schillingsfürst, Erbprinz Erni von Hohen- lohc-Langenburg • Diplomatische Personalien: Fürst Radolin nach Paris, Graf Alvens- leben nach Petersburg • Ängstliche Briefe Eulenburgs • Freiherr von Mirbach und Dr. Hugo Preuß d: von Baden k er Großherzog von Baden hatte mich aufgefordert, ihn in seinem Schloß 'in Baden-Baden aufzusuchen. Der große Maler Hans Thoma hat ein Beim Bild von dem Großherzog Friedrich geschaffen, das dessen Wesen wunder- Großherzog Dar wiedergibt: die Verbindung einer idealistischen Weltanschauung mit dem Verständnis für die Forderungen des praktischen Lebens, große, wahre Herzensgüte und dabei ein fester Charakter, wirkliche Vornehmheit, verbunden mit Geist und getragen von Geist. Die Großherzogin Luise stand ihrem Gemahl nicht nur mit dem größten Verständnis für dessen Bedeutung gegenüber, sondern sie ergänzte ihn in glücklicher Weise. Ich glaube, daß auch das patriarchalische Deutschland keine Fürstin gekannt hat, die ihren Beruf als Landesmutter mit größerer Pflichttreue ausübte. Sie tat in dieser Beziehung vielleicht zu viel, wenn es möglich ist, des Guten zu viel zu tun. „Elle creerait des malheurs pour pouvoir les soulager", hat von ihr ein maliziöser französischer Diplomat gemeint. Ein ungerechtes Wort, denn die Tränen, die sie getrocknet, die Wunden, die sie verbunden und geheilt hat, das viele Gute, das sie tat, werden nie vergessen werden. Der Großherzog empfing mich in seinem Arbeitszimmer, aus dessen Eckfenster man eine herrliche Rundsicht auf Baden-Baden, die uralte Civitas Aurelia Aquensis, die bewaldeten Vorberge des Schwarzwaldes und die Rheinebene hatte. Er war ein Mann der Vermittlung und der Versöhnung. Er war völlig einverstanden mit meiner Absicht, der Landwirtschaft zu helfen, ohne Handel und Industrie zu schädigen. Er hielt es für eine Notwendigkeit, den Flottenbau fortzuführen ohne Zusammenstoß mit England, aber andererseits auch nicht in Abhängigkeit von England zu geraten und namentlich uns nicht wegen Englands in Gegensatz zu Rußland zu stellen. Seine Hauptsorge war der Kaiser, den er nicht nur als den Schlußstein der deutschen Einheit ansah, sondern auch als Menschen und EISENBAHN GEGEN PARTIKULARISMUS 487 Neffen liebte. Er kam immer wieder darauf zurück, daß es meine wichtigste Aufgabe wäre, die hohe und glänzende Begabung des Kaisers, seine guten Absichten, sein edles Wollen in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, ohne daß die zweifellos gefährlichen, zum Teil sehr gefährbchen Eigenschaften des Oberhauptes des Reichs Bestand und Zukunft des Reichs gefährdeten. Während der Großherzog über dieses Thema lange mit mir sprach, ruhte seine Hand auf der Bibel, die er neben sich liegen hatte. Er blickte auf das bebbche Oostal, das sich vor uns ausdehnte. „Wenn wir nur Frieden behalten, den Frieden der Ordnung im Innern, den Frieden mit der Welt, einen Frieden in Ehren nach außen, so zweifle ich nicht an unserer Zukunft. Blicken Sie auf dieses blühende Land. Wenn es auch anderswo nicht ganz so schön ist wie in unserem Baden, so sieht es doch in ganz Deutschland jetzt gut aus, besser als je in unserer Vergangenheit, besser als in fast allen anderen Ländern. Wir brauchen nur Ordnung und Frieden. Gott helfe Ihnen beide erhalten." Von Karlsruhe begab ich mich nach Darmstadt, wobei mir klar wurde, daß die deutsche Einheit durch nichts mehr gefördert worden war als durch Reise nach die Erleichterung der Verkehrsmöglichkeiten. Eisenbahn und Telegraph Darmstadt waren die größten Feinde des Partikularismus. Wenn der Reisende in zwei Stunden bequem von der badischen zur hessischen Hauptstadt gelangen konnte, so war ein ernstlicher Gegensatz zwischen diesen beiden „Staaten" wirklich kaum noch mögbch. Auch in Darmstadt stieg ich, einer Aufforderung des Großherzogs folgend, im Schloß ab. Überall stieß der Besucher dort auf russische Erinnerungen. Daß die russischen Zaren zweimal zu ihren Lebensgefährtinnen hessische Prinzessinnen gewählt hatten und daß neben Alexander II. und Nikolaus II. Töchter des Darmstädter Hauses den Zarenthron bestiegen hatten, war der Stolz jedes braven Darmstädters und insbesondere des Fürstenhauses. Von den Wänden der Zimmer, die ich bewohnte, schauten Zarenbilder herunter. Nachbildungen des Kreml, des herrbchen Petersburger Denkmals Peters des Großen und des stolzen Monuments Kaiser Nikolaus' I. prangten auf Tischen und Schränken. Der Großherzog Ernst Ludwig hatte wenig von seinem biederen Vater, dem Großherzog Ludwig IV., der als tapferer Divisionär im Feldzug gegen Frankreich verwundet worden war. Er hatte mehr von seiner bedeutenden Mutter, der Großherzogin Alice, die, voll Geist und Bildung, die Darmstädter durch die Freisinnigkeit ihrer politischen und religiösen Anschauungen in Verwunderung gesetzt hatte. Großherzog Ernst Ludwig interessierte sich lebhaft für die bildenden Künste, besonders für Architektur, auch für Philosophie, hier und da in etwas inkohärenter Weise. Bei der Tafel fiel mir auf, wie steif und unfreundlich der Verkehr zwischen dem Großherzog und der Großherzogin war. Die Großherzogin Viktoria 488 EINE EHEKOMÖDIE war die zweite Tochter des Herzogs Alfred von Koburg und der Großfürstin Maria von Rußland, der einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. Sie war sehr schön. Man konnte kaum etwas Anmutigeres sehen, als wenn die brünette Großherzogin Viktoria neben ihrer blonden Schwester, der damaligen Prinzessin, späteren Königin Maria von Rumänien, stand. Die letztere hat bekanntlich erheblich dazu beigetragen, daß König Ferdinand von Rumänien, ein Hohenzoller, der die Ehre gehabt hatte, beim 1. Garderegiment zu stehen, im Weltkrieg zu unseren Feinden überlief. Prinzessin Viktoria sollte sich damit begnügen, Darmstadt den Rücken zu kehren und, nachdem ihre erste Ehe geschieden war, sich mit dem Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch von Rußland zu vermählen. Weniger schön war die melodramatische Art und Weise, wie sie den endgültigen Rruch mit Darmstadt, das sieben Jahre in ihr seine Herrin verehrt hatte, nach erfolgter Scheidung in Szene setzte. Die einzige Tochter des großherzoglichen Paares war nach kurzer Krankheit in Petersburg gestorben. Zur Beisetzung in Darmstadt erschien die Mutter, wo sie mit Achtung und Sympathie empfangen wurde. Das verhinderte sie nicht, nach Beendigung der Trauerfeierlichkeit, bevor sie das Trauerzimmer verließ, ihren hessischen Orden samt Ordensband auf den Sarg des armen Prinzeßchens niederzulegen, um damit anzudeuten, daß zwischen ihr und ihrer bisherigen Heimat das letzte Band zerschnitten sei. Wenn bei dem Detmolder Erbfolgestreit die mesquine und dabei schwerfällige Rechthaberei deutschen Kleinfürstentums zutage trat, so war Darmstadt seinerzeit der Schauplatz einer ehelichen Komödie gewesen, bei der die ganze Hilflosigkeit eines deutschen Fürsten in verwickelter Situation enthüllt wurde. Der gute Großherzog Ludwig IV., der sich nach dem Tode der ihm intellektuell sehr überlegenen Großherzogin Alice einsam und anlehnungsbedürftig fühlte, hatte die Bekanntschaft der Gattin des Sekretärs der russischen Gesandtschaft in Darmstadt, Madame Kolemine, gemacht. Sie war von Geburt eine Polin, eine Gräfin Czapska, hübsch, interessant und unternehmend. In vollem Einvernehmen mit seiner ältesten Tochter, der Prinzessin Viktoria von Hessen, beschloß der Großherzog, Madame Kolemine zu ehelichen, nachdem sie in Rußland von ihrem ersten Gatten geschieden worden war. Inzwischen hatte sich Prinzeß Viktoria mit dem in englischem Dienst stehenden Prinzen Louis Battenberg verlobt. Ihre Hochzeit sollte am 30. April 1884 mit großem Pomp im Beisein des damaligen deutschen Kronprinzenpaares, vieler deutscher Fürstlichkeiten und vor allem der Königin Victoria von England gefeiert werden. Der Großherzog und seine Tochter beschlossen, daß der Vater sich an demselben Tage im stillen in einer kleinen Kapelle mit Madame Kolemine trauen lassen würde. Der leitende hessische Minister Freiherr von Stark hatte sich bereit erklärt, seinem hohen Gebieter als Trauzeuge zur Seite zu stehen. DIE QUEEN UND MADAME KOLEMINE 489 Unmittelbar nach der Trauung wurde aber der würdige Staatsminister von Gewissensbissen gequält. Er eilte zu dem preußischen Gesandten, dem Baron Ferdinand Stumm, dem nachmaligen Botschafter in Madrid, und beichtete ihm alles. Stumm meldete pflichtschuldigst den betrübenden Vorfall den kronprinzlichen Herrschaften und der Berliner Begierung. Niemand wußte Bat, bis die Königin Victoria eingriff. Sie war als Königin von Großbritannien und Irland eine streng konstitutionelle Herrscherin. Als Mutter, Großmutter und insbesondere als Schwiegermutter fühlte sie sich als Autokratin. Sie erklärte sogleich, daß die Ehe ihres früheren Schwiegersohns mit Madame Kolemine einfach nicht vollzogen werden würde, nahm den Schwiegersohn beim Ohrläppchen und fuhr noch am selben Abend mit ihm nach Balmoral in Schottland, wo er Zeit hatte, über sein nur erträumtes Eheglück nachzudenken. Inzwischen wurde seine Verbindung mit Madame Kolemine annulliert. Sie erhielt eine nicht unbedeutende Abfindungssumme und den Titel einer Gräfin von Bomrod. Sie hat später einen russischen Diplomaten, Herrn von Bacheracht, geheiratet, mit ihm eine beide Teile befriedigende Ehe geführt und während des Weltkriegs in Bern, wo ihr Gatte russischer Gesandter war, eifrig für die Entente gewirkt. Der ganze Vorfall würde Jacques Offenbach den Vorwurf zu einer vielleicht reizenden Operette geboten haben, wenn er ihn noch erlebt hätte. Betrüblich an ihm war nur die Unselbständigkeit und Batlosigkeit des Begenten eines deutschen Mittelstaats bei etwas bewegterem Gang seines Lebensschiffes. Es war derselbe Mangel an Entschlußkraft, Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit, den später viele deutsche Fürsten gegenüber der Bevolution zeigten. 1884 ließ sich das hessische Volk an seinem Landesvater nicht irremachen, sondern umgab ihn nach seinem zweiten, ach so kurzen und unvollkommenen Eheglück mit gerührter Sympathie. Die Zeche bezahlte der Minister Stark, der zurücktreten mußte. Von Darmstadt führte mich nach kurzem Aufenthalt, der mir aber doch Gelegenheit geboten hatte, mich mit den hessischen Ministern über die Zoll- Besuch tariffrage zu verständigen, mein Weg nach der Hauptstadt des Königreichs w» Dresden Sachsen. Wenn Stuttgart an politischer Bedeutung und als Hof nicht München gleichkam, Darmstadt nicht Karlsruhe und Stuttgart, so wehte in Dresden wieder die Luft eines größeren Staatswesens. Vor allem hatte ich dort die Ehre, König Albert wiederzusehen, eine der bedeutendsten Figuren des neuen Deutschen Beichs. Der Feldmarschall Moltke hatte bekanntlich von ihm gesagt, er sei der einzige deutsche General, der im Deutsch- Französischen Krieg keinen Fehler gemacht habe. Als tapferer und kluger Feldherr hatte sich Kronprinz Albert schon im Krieg von 1866 als Führer der sächsischen Armee bei Münchengrätz, Gitschin und Königgrätz auf österreichischer Seite bewährt. Ihm war es zu danken gewesen, daß nach 490 KÖNIG ALBERT UND BISMARCK der Niederlage von Königgrätz, wo die Sachsen sich glänzend geschlagen hatten, die österreichische Armee nicht gänzlich aufgerieben wurde. Der große Anteil, den er als Kommandeur der Maasarmee an dem Siege von Sedan, dem stolzesten Siege der ganzen deutschen Geschichte, gehabt hat, war jedermann bekannt. Die Eigenschaften, die den Feldherrn Albert von Sachsen auszeichneten: unerschütterliche Ruhe, Klarheit, Festigkeit, Geistesgegenwart, machten aus ihm auch einen hervorragenden Staatsmann. Das war von Fürst Bismarck erkannt und anerkannt worden, den mit dem Sachsenkönig langjährige, auf beiden Seiten aufrichtige Freundschaft verband. König Albert hat mir viel und interessant über Bismarck gesprochen. Ich entsinne mich, daß er mir einmal von dem Versöhnungsdiner erzählte, das im Herbst 1866 in Berlin nach wiederhergestelltem Frieden zwischen Preußen und Sachsen im königlichen Schloß stattfand. Oben an der langen Tafel saßen der alte König Wilhelm und der alte König Johann. Sie waren Verwandte, sie waren Altersgenossen. Viele Jahre ihres Lebens hatten sie in ungetrübter Freundschaft nebeneinander gestanden. Dann riß sie 1866 die Politik und das Genie von Bismarck auseinander, und nun fanden sie sich wieder, der König von Preußen als Sieger, der Sachsenkönig als Besiegter. In wahrer, echter Herzensgüte, mit dem ihm eigenen Takt war König Wilhelm bemüht, dem König Johann den Ubergang in die neuen Verhältnisse zu erleichtern, begreifliche Bitterkeit zu verscheuchen, ihm zu zeigen, daß sein, des Königs Wilhelm Herz noch ebenso warm und aufrichtig für ihn schlage wie früher. Am anderen Ende der Tafel saßen der preußische Ministerpräsident Graf Bismarck und der sächsische Ministerpräsident Freiherr von Friesen nebeneinander. Da sagte mit einem nachdenklichen Blick auf die beiden Monarchen Bismarck zu seinem sächsischen Kollegen: „Sie haben es gut! Sie haben es mit einem hochgebildeten, sogar mit einem gelehrten Fürsten zu tun, der den Dante metrisch übersetzt hat, der sich den Beinamen Philaletes zulegte, der Kunst und Wissenschaft hochhält. Nun sehen Sie sich aber einmal den alten Infanterieoberst an, mit dem ich zu tun habe." Nachdem er mir dies erzählt hatte, fuhr König Albert, es war mehrere Jahre nach dem Sturz des Fürsten Bismarck, mit ernstem Gesicht fort: „Und doch war Bismarck der größte Diener, den das Haus Hohenzollern jemals gehabt hat, einer der größten Staatsmänner, die je einen Souverän beraten haben! Und weil er dies erkannt hat, weil er sich niemals an diesem Bismarck hat irremachen lassen, weder durch dessen Boutaden noch durch dessen Eigenwilligkeit und Rücksichtslosigkeit noch durch den sehr, sehr diffizilen Charakter des ersten Reichskanzlers, weil er über das alles wegsah im Interesse der Staatsräson, für den Staat, für Preußen und für das Reich, darum war Wilhelm I. ein großer, ein sehr großer Herrscher. In der Geschichte wird unser alter Kaiser als ein Großer MEISSNER PORZELLAN 491 fortleben. Und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Bismarck ist ebenso einzig und ebenso schön wie das zwischen Goethe und Schiller." König Albert war, als ich ihn 1900 besuchte, schon schwerkrank. Er litt an einem überaus schmerzlichen Blasenleiden, dem er kaum anderthalb Jahre später erliegen sollte. Er empfing mich auf der Chaiselongue liegend, seinen Gesichtszügen waren die Schmerzen anzusehen, die ihm seine Krankheit verursachte. Aber sein Geist überwand körperliche Qual. Mit ruhiger Klarheit schilderte er mir die innere und die äußere Lage, wie er beide auffaßte. Nach außen dürften wir nicht nur aus Gründen der Loyalität, sondern im eigenen deutschen Interesse Österreich nicht preisgeben. Wir müßten aber einem Krieg mit Rußland so lange als irgend möglich ausweichen, denn bei einem solchen sei wenig zu gewinnen und viel zu verlieren. ,,Le jeu ne vaut pas la chandelle." Der König war von der Richtigkeit und Notwendigkeit unseres Flottenbaues überzeugt. Ein Krieg mit England erschien ihm aber vielleicht noch bedenklicher und, rein politisch gesprochen, noch überflüssiger als ein Zusammenstoß mit Rußland. Wir müßten die nötige Defensivstärke zur See erlangen, ohne daß die Engländer unseren Handel und unsere Schiffahrt entzweischlügen, solange sie dies ohne Risiko für sich selbst vermöchten. „Wir gehen in dieser Beziehung einen schmalen und schlüpfrigen Weg. Aber für ein scharfes Auge, einen festen Fuß und ein tapferes Herz ist alles möglich — freilich nur, wenn die nötige Vorsicht und Geschicklichkeit dazukommen." Die sozialdemokratische Bewegung war für König Albert, dessen Land bei seiner wirtschaftlichen Struktur ganz überwiegend auf die Industrie angewiesen und der soziabstischen Wühlarbeit besonders ausgesetzt war, ein Gegenstand großer und ernster Sorge. Er war aber zu einsichtig, auch zu feinfühlig, um die Rettung nur von der Gewalt zu erwarten. Selbst abgesehen von der Frage, ob Kaiser Wilhelm II. der Mann sein würde, einen Staatsstreich durchzuführen, stand für ihn in erster Linie der Gedanke: Et apres ? Wie in der auswärtigen, so läge auch in der inneren Politik das Heil in Kaltblütigkeit und ruhiger Festigkeit. „Wenn Sie das unserem guten Kaiser nach und nach klarmachen, so erwerben Sie sich dadurch ein ganz großes Verdienst." Wie von fast allen deutschen Fürsten, wie von Bismarck, wie von fast allen unseren älteren Staatsmännern wurde auch von König Albert die richtige Behandlung des Kaisers als die wichtigste Aufgabe des Reichskanzlers angesehen. „Sie sollen die glänzende Begabung des Kaisers für das Reich, für uns alle verwerten, aber gleichzeitig der Riesengefahr vorbeugen, daß seine Fehler und Schwächen, daß die bedenklichen Seiten seines Charakters uns zugrunderichten." Neben König Albert stand, während er so mit mir sprach, ein hübscher Tisch aus Meißner Porzellan, auf dem er seine Unterschriften gab, die von Zeit zu Zeit ein Sekretär ihm brachte. Die Gemahlin des 492 „SO GUT HERAUSGEPAUKT Königs, die Königin Carola von Sachsen, schenkte mir nach dem Heimgang ihres Gemahls diesen Tisch, der in Flottbeck in meinem Zimmer steht und mich an einen der besten und bedeutendsten Fürsten erinnert, die Deutschland gehabt hat. Nach Berlin zurückgekehrt erhielt ich am Vorabend des Weihnachts- Der tages, am 23. Dezember 1900, den Besuch des Kaisers. Er überreichte mir Schwarze (j en Schwarzen Adlerorden mit den Worten: „Das soll mein Dank dafür Adlerorden sem ^ j a ß gj e m i cn vor ,j em Reichstag so gut herausgepaukt haben." Ich dankte von Herzen, bat aber, mir nicht zu häufig Gelegenheit zu solchen Ritterdiensten zu geben. Ich sei jederzeit bereit, vor dem Parlament für den Kaiser einzutreten, aber er schade sich selbst durch Unvorsichtigkeit, Indiskretion und Mangel an Selbstbeherrschung. Nichts war herzlicher als der Händedruck, mit dem der Kaiser mir versicherte, er werde von jetzt ab mir nie wieder Anlaß geben, für ihn einzuspringen. Nur zwei Jahrzehnte trennen mich zur Zeit, wo ich diese meine Erinnerungen diktiere, von der Verleihung des höchsten preußischen Ordens. Als ich ihn erhielt, war ich der jüngste Ritter, heute bin ich der Anciennität nach der älteste. Eheu fugaces, Postume, Postume, labuntur anni. Wohltuend berührte mich ein Brief, den ich bald nach der Verleihung des Schwarzen Adlerordens von meinem Amtsvorgänger erhielt. Ich gebe ihn wieder, um zu zeigen, in wie hohem Grade Fürst Chlodwig Hohenlohe vornehme Gesinnung mit Güte des Herzens verband. Er schrieb mir aus Meran am 26. Dezember: „Eure Exzellenz begrüße ich als der derzeitige älteste Ritter des Schwarzen Adlerordens bei Ihrem Eintritt in unsere Mitte und wünsche von Herzen Glück zu der wohlverdienten Auszeichnung. Zugleich erlaube ich mir, Ihnen und der Gräfin meine besten Wünsche zu dem bevorstehenden Jahreswechsel darzubringen. Möge das beginnende Jahr Ihnen nur Gutes und weitere Erfolge bringen. Mit der Versicherung freundschaftbcher Ergebenheit Ch. Hohenlohe." Einige Tage später schrieb Alexander der zweite Sohn meines Amtsvorgängers, Prinz Alexander Hohenlohe, Hohenlohe damals Bezirkspräsident in Kolmar, an meine Frau: „Bei dem Beginn des neuen Jahrs werden Ihnen voraussichtlich diesesmal so viele Glückwünsche von allen Seiten zugehen, daß Sie kaum Zeit haben werden, sie alle zu bewältigen. Trotzdem müssen Sie mir erlauben, auch die meinigen denselben hinzuzufügen mit der Bitte, Sie möchten sie zu denjenigen legen, von denen Sie überzeugt sind, daß sie wirklich aufrichtig gemeint sind. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß dieselben zugleich auch dem Reichskanzler gelten sollen, dessen kostbare Zeit ich nicht durch einen direkt an ihn gerichteten Neujahrsbrief in Anspruch nehmen möchte. Auf dem Höhepunkt, auf dem Sie beide am Anfang dieses neuen Jahrhunderts angelangt sind, wird ja der gewöhnliche Sterbbche leicht versucht sein zu glauben, daß es DREI SÜDDEUTSCHE ARISTOKRATEN 493 von Überfluß sei, Ihnen noch weitere Wünsche auszusprechen. Aber ich meine, etwas gibt es, was man jedem wünschen kann und was mehr wert ist als die äußeren Ehren und Erfolge, das ist, wie schon Schopenhauer ausgeführt hat, die Gesundheit. Und das wünsche ich Ihnen und namentlich dem Reichskanzler, daß er sich dieselbe bei seiner aufreibenden Tätigkeit bewahre, damit er lange Jahre an der Stelle erhalten bleibe, an der gerade er wie kein anderer Großes und Nützliches wirken kann. Es wird Ihnen in der letzten Zeit gewiß soviel Schmeichelhaftes über ihn zu Ohren gekommen sein, daß es fast banal aussieht, wenn ich in diesen Chor einstimme. Aber ich muß Ihnen doch sagen, daß ich seine Reden im Reichstag meisterhaft gefunden habe, sowohl in der Form wie in der Sache. Und was mich daran zwar nicht erstaunt, aber besonders gefreut hat, das war, daß er sich in ihnen nicht nur als ein hervorragend geschickter Politiker und Staatsmann gezeigt hat, sondern auch als ein selbständiger Charakter nach allen Seiten hin. Das ist es gerade, was wir so notwendig haben und was die hohe Meinung, die ich stets von ihm hatte, wenn möglich noch verstärkt hat. Ich bin sehr gespannt, zu sehen, in welches Zauberschloß Sie inzwischen das alte Reichskanzlerpalais verwandelt haben werden! Von meinem Vater habe ich unberufen sehr gute Nachrichten aus Meran." Alexander Hohenlohe gehörte mit dem Erbprinzen Ernst von Hohen- lohe-Langenburg und dem Prinzen Max von Baden zu einer Gruppe süddeutscher Aristokraten, die jeder in seiner Weise eine Rolle in unserem politischen Leben gespielt haben. Von diesen drei Herren war Alexander Hohenlohe der begabteste. Er war ein guter Verwaltungsbeamter, er würde einen guten Gesandten und Botschafter abgegeben haben. Er vereinigte vornehme Gesinnung mit freiem Blick und offenem Kopf. Mein Wunsch, ihn im diplomatischen Dienst zu verwerten, scheiterte an dem Widerspruch des Kaisers, der Alexander Hohenlohe nie gemocht hatte und ihn später, als er die Veröffentlichung der Denkwürdigkeiten seines Vaters nicht verhinderte, ganz und heftig en grippe nahm. Prinz Max von Baden erweckte allerlei Hoffnungen, enttäuschte aber alle, als er auf eine ernste Probe gestellt wurde. Als Wilhelm II. die unglückliche Idee hatte, diesen charmanten Dilettanten, noch dazu in einem unendlich schwierigen Augenblick, zum Reichskanzler zu erwählen, war ein fürchterliches Fiasko unvermeidlich. Max von Baden war nicht der „Verräter" noch der „Schurke", als den ihn seit den trüben Novembertagen 1918 der nun einmal starke Ausdrücke liebende Kaiser hinstellte. Aber er gehörte zu den Leuten, die, in kritischer Stunde gewogen, zu leicht befunden werden. Der politisch unbrauchbarste der drei genannten Aristokraten war der damalige Erbprinz Ernst von Hohenlohe-Langenburg, der genügte, solange er als Regent von Sachsen-Koburg-Gotha (von 1900 bis 1905) es dabei bewenden ließ, die 494 ERNI repräsentativen Pflichten seiner Stellung mit Würde und Liebenswürdigkeit zu erfüllen, das Regieren aber seinen Ministern überheß. Fürst Bismarck erzählte gern die Anekdote von dem Kurfürsten von Hessen, der zu seinem Leidwesen vernahm, daß sein Schwager, ein Herzog von Anhalt, von einem Schlaganfall betroffen worden war. Er entsandte seinen Leibmedikus zu seinem Schwager, um diesen sorgsam zu untersuchen und dann genauen Bericht zu erstatten. Als der Leibarzt zurückkam, fragte ihn der Kurfürst: „Kann mein Herr Schwager noch hören ?" Die Antwort lautete verneinend. „Kann er noch sehen?" Wieder erfolgte eine verneinende Antwort. „Kann er noch sprechen ?" Auch diese Frage wurde kategorisch verneint. „Das ist ja schrecklich!" rief der Kurfürst. „Dann wird mein Schwager ja abdanken müssen." Beruhigend entgegnete der Leibarzt: „0 nein, zum Regieren reicht es noch aus." Als „Erni" Hohenlohe nach allerlei Intrigen auf Wunsch des Kaisers 1905 zur Leitung der Kolonialabteilung berufen wurde und mehr als repräsentieren sollte, warf er vollständig um. Als Vizepräsident des Reichstags sollte er sich später gleichfalls nicht gerade mit Ruhm bedecken. Fürst Chlodwig Hohenlohe nahm auch nach seinem Rücktritt Anteil an Brief der Politik. Um die Jahreswende schrieb er aus Schillingsfürst an Holstein, des Fürsten der j}j m se j^ seiner Pariser Botschafterzeit nahestand: „Verehrter Freund, Hohenlohe h erz ii cnen Dank für Ihr freundbches, ausführliches Schreiben in der Krügersache. Nun bin ich vollkommen beruhigt. Vernünftige Leute in Süddeutschland sehen sehr gut ein, daß die Sache ernst ist und daß wir vor der Wahl stehen, entweder mit England Krieg zu führen, bei dem uns Rußland und Frankreich natürbch im Stich lassen würden, oder die Buren ihrem Schicksal zu überlassen. Was sich für Krüger begeistert, sind Radaumenschen, die der Regierung Schwierigkeiten bereiten wollen, oder Narren wie mein Schwager Salm, der meine Schwester zu törichten Demonstrationen treibt. Bedauerbch ist die Ungeschicklichkeit unserer Pobzei in Köln, die dann der Regierung zur Last geschrieben wird. Ich gehe Montag nach München, besuche den Prinzregenten und fahre dann nach Meran weiter. Hier fängt es an ungemütbch zu werden. Der Sturm macht sich mir im Bette fühlbar. Die Notiz über Miquels Bbndekuhspiel hat mich sehr ergötzt. In freundschaftbcher Ergebenheit. Ch. Hohenlohe." Seiner Abneigung gegen Miquel bbeb Hohenlohe bis zum Schluß seines Lebens treu. Schheß- lich sollten die beiden alten Männer fast um dieselbe Zeit zur großen Armee abberufen werden: Chlodwig Hohenlohe zweiundachtzigjährig am 6. Jub, Johannes Miquel dreiundsiebzigjährig am 8. September 1901. Omnes eodem cogimur. Ich hatte nach meiner Ernennung zum Reichskanzler den Wunsch nicht aufgegeben, die ungewöhnbche Begabung des Grafen August Eulenburg EINER, DER NICHT DEN KOPF VERLOR 495 vom Kaiser abgelehnt für unseren diplomatischen Dienst nutzbar zu machen. Ich machte in dieser August Richtung noch einen Vorstoß, stieß aber auf den unüberwindlichen Wider- Eulenburg spruch des Kaisers. Nicht ohne wehmütige Ironie schrieb mir, nachdem die Allerhöchste Entscheidung gefallen war, Graf August Eulenburg: Seine Majestät wäre ein so großer Souverän, daß er seine persönliche Bequemlichkeit gewiß allen entgegenstehenden Wünschen und Interessen seiner Diener und Untertanen voranzustellen berechtigt sei. Der Kaiser vergesse nur oder wolle vielmehr aus momentaner Bequemhchkeit den Altersunterschied von reichlich zwanzig Jahren vergessen, der ihn von ihm trenne. Das würde mit der Zeit nicht besser, sondern schlechter werden zu seinen, Eulenburgs, Ungunsten. In zehn Jahren, wenn er überhaupt noch mit so langen Fristen rechnen könnte, würde er ein Greis sein, während Seine Majestät sich dann immer noch in den besten Jahren befände. Der Moment der Trennung käme also doch; die Unbequemlichkeit sei nur verschoben. Die Form der Trennung aber werde dann wahrscheinlich für beide Teile und für den Diener Seiner Majestät jedenfalls empfindlicher sein als für Seine Majestät. Diese Voraussage des sonst so scharfsinnigen Mannes hat sich nicht erfüllt. Wer hätte auch voraussehen können, daß viele Jahre später August Eulenburg durch seine unerschütterliche Ruhe, seine Geistesgegenwart, seine Würde und seine Gewandtheit dem Kaiser nach dessen Fall noch wertvolle Dienste leisten und einer der wenigen Vertrauten Wilhelms II. sein würde, der nicht den Kopf verlor ? August Eulenburg schloß seinen Brief mit der freundlichen Wendung: „Unter Ihnen arbeiten zu dürfen, wäre mir allerdings eine Freude und ein Stolz gewesen. Aber auch unter den jetzigen Verhältnissen seien Sie überzeugt, daß Sie unter allen Umständen und in allen Wechselfällen auf meine Treue und dankbare Ergebenheit rechnen können." Der ausgezeichnete und edle Mann, der in seinem Leben jede Probe bestanden hatte, sollte auch diese Zusage einlösen und ist mir bis zu seinem erst 1921 erfolgten Tode ein treuer Freund gebheben. Da ich die Fähigkeiten des Grafen August Eulenburg weder in London noch in St. Petersburg für das Land verwenden konnte, gab ich den drin- Fürst Radolin genden Bitten und Vorstellungen von Holstein nach, der auf das lebhafteste nac ^ P° ris die Versetzung des Fürsten Radolin von Petersburg nach Paris wünschte, wo Fürst Münster, der inzwischen achtzig Jahre alt geworden war, kaum noch zu halten war. Nicht als ob der würdige Fürst-Botschafter etwa selbst dieser Ansicht gewesen wäre! Er fand sich noch vollständig auf der Höhe und war überzeugt, daß niemand besser als er das Deutsche Reich in Paris vertreten könne. Er nahm mir seine Verabschiedung, obschon sie in der denkbar schonendsten und für ihn ehrenvollsten Weise erfolgte, sehr übel und verhehlte seinen Groll weder mir noch irgend jemand sonst. Richtig ist, daß Münster gerade zu den Franzosen gut paßte. Für London war er als 496 HOLSTEIN UND RADOLIN halber Engländer, der von vornherein von der unbedingten Superiorität aller englischen Sitten und Unsitten, Einrichtungen und Anschauungen überzeugt war und alles vom englischen Standpunkt aus betrachtete, gar zu anglophil. Für die Franzosen eignete er sich besser mit seiner durch nichts zu erschütternden Dickfelligkeit, die mit Humor gepaart und von bon sens getragen war. Die Entsendung von Radolin nach Paris hatte mancherlei Bedenken. Die Fürstin Radolin, eine geborene Gräfin Oppersdorf, hatte eine französische Mutter, eine Talleyrand, und war mit einem großen Teil des Faubourg Saint-Germain, insbesondere mit einigen pobtisch rührigen Mitgliedern der Familie Castellane, verwandt, was gegenüber dem in Frankreich herrschenden republikanischen Regime nicht ohne Gefahr war. Uber diese beruhigte mich freilich der damalige französische Botschafter in Berlin, der alte Marquis de Noailles, mit den Worten: „Nos ministres actuels savent ä peine qui fut Talleyrand! Quant aux Castellane, ils ne se doutent pas meme de leur existence." Holstein drängte so unaufhörlich, daß ich schließlich nachgab. Der eigenartige Mann hatte auch sentimentale Seiten. Zu diesen gehörte eine fast schwärmerische Freundschaft für Radolin, mit dem er in jungen Jahren als Student in Bonn zusammengetroffen war. Der kränkliche Fritz von Holstein, der unter der Obhut seiner Mutter und seiner Tante sich dem Bonner Studententreiben ebenso fernhielt wie den Königshusaren, fühlte sich hingezogen zu dem jungen Polen, der ebenso empfand. „Ich habe Sie nie um etwas gebeten", sagte mir Holstein, „heute komme ich mit einer innigen Bitte. Ich habe einen einzigen ganz guten Freund, das ist Radolin. Setzen Sie seine Ernennung nach Paris durch, wenn nicht für ihn selbst, so doch für mich. Ich war schon Geheimer Rat, als Sie noch Attache waren. Heute sind Sie Reichskanzler und ich bin immer noch Geheimer Rat. Wo ich für mich selbst weder Beförderung noch Orden noch irgendwelche äußere Ehren will, welche die meisten anderen anstreben, tuen Sie wenigstens etwas für meinen Freund." Als neun Jahre später Holstein in Berlin starb, hatte Radolin, damals noch Botschafter in Paris, wohl die Absicht, seiner Beerdigung beizuwohnen. Er setzte sich in Paris in die Eisenbahn und fuhr bis Köln. Dort angelangt, dachte er mit dem Großonkel seiner Frau, dem Fürsten Talleyrand, qu'il faut se mefier du premier mouvement, car il est le bon. Er erinnerte sich daran, daß Holstein bei Seiner Majestät in Ungnade gefallen war, und kehrte in Köln wieder um. So wurde Holstein, der in seiner mißtrauischen Launenhaftigkeit während seines Lebens sich mit so vielen alten Freunden überworfen hatte, von seinem vermeintlich einzigen wirklichen Freund nach seinem Tod im Stich gelassen. Daß ich, seinem Drängen nachgebend, Radolin nach Paris setzte, war übrigens einer der nicht wenigen Fehler, die ich mir in personalibus vorzuwerfen habe. Radolin war so lange und so sehr gewohnt, sich von dem KEIN FLIEGER, ABER — 497 viel bedeutenderen Holstein inspirieren und führen zu lassen, daß er auf dem Pariser Posten, wo in erster Linie ruhige Nerven erforderlich waren, alle meist hastigen und unüberlegten, bisweilen ganz verfehlten Weisungen von Holstein stante pede und verbotenus ausführte und die Situation nur mit dessen Augen sah. Da Holstein seine ihm schon in der Bismarckschen Zeit eingeräumte Befugnis, mit den ihm befreundeten Botschaftern durch Privatchiffre zu verkehren, seinem geistigen Knecht Badolin gegenüber mit besondrer Vorhebe ausnutzte, so sind gerade auf diesem Posten meine politischen Weisungen speziell in der Marokko-Frage teils verschleppt, teils umgangen, teils falsch ausgeführt worden. Für Badolin kam nach St. Petersburg Graf Alvensleben, unter dem ich fünfundzwanzig Jahre früher als junger Sekretär debütiert hatte. Alvensleben Er war kein Flieger, aber ein sicherer und pflichttreuer Beamter, der' nacn das Petersburger Terrain kannte, wo er schon in den siebziger Jahren Petersbur S unter Prinz Heinrich VII. Beuß als Botschaftsrat gedient hatte und der die Bussen zu nehmen wußte. Seine politische Brauchbarkeit wurde allerdings erheblich eingeschränkt, als er später als alter Junggeselle sich unter Hymens Joch beugte. Bismarck, der das glänzende Wort von der Hypothek der Eitelkeit geprägt hat, die von dem Werte jedes Menschen abgezogen werden müsse, meinte auch einmal, daß die Brauchbarkeit der meisten Diplomaten unter ihren Frauen litte. Ich habe ihn in Zusammenhang mit dieser Feststellung ausführen hören, daß die Frage zu erwägen sei, ob für Diplomaten nicht, wie für die katholischen Geistlichen, das Zölibat eingeführt werden sollte. Der große Mann liebte geistreiche Paradoxa. Er konnte, wenn er sich über die Volksvertretung geärgert hatte, in anscheinend vollem Ernst Bismarcks darüber diskurrieren, ob es sich nicht empfehle, den Beichstag nach Kassel Paradoxa zu verlegen. „Ab nach Kassel!" wiederholte er dann lachend nochmals. Er behauptete sogar, er habe dem Kaiser vor langen Jahren einen solchen Vorschlag gemacht, wäre damit aber leider nicht durchgedrungen. Gewiß hat Fürst Bismarck teils infolge des nicht immer unbegründeten Widerspruchs seines alten Herrn, teils bei reiflicher Überlegung und aus besserer Einsicht manchen in ihm auftauchenden Gedanken nicht ausgeführt. Er hat aber nicht selten Gedanken, die niemand für realisierbar hielt, doch zur Wirklichkeit gemacht. Als ich im Jahre 1874 als junger Attache eines Abends im Salon der Fürstin Bismarck weilte, erschien ihr großer Gatte und verkündigte den Anwesenden, er werde am nächsten Tage den ehemaligen Botschafter Graf Harry Arnim verhaften und einsperren lassen. Als ich mit dem gleichfalls anwesenden damaligen Gesandten und späteren Botschafter Josef Badowitz die Treppe hinunterging — es war noch im alten Auswärtigen Amt, das heutige Beichskanzlerpalais war 32 Bülow I 498 HARRY ARNIMS VERHAFTUNG DURCH BISMARCK noch das Hotel de Radziwill —•, sagte mir Radowitz: „Bisweilen sagt der große Otto doch Dinge, von denen er unmöglich annehmen kann, daß irgend jemand sie ernst nehmen soll. Das gilt auch von dem, was er soeben über Harry Arnim ankündigte. Er wird sich hüten, gegen Arnim vorzugehen." Am nächsten Mittag wurde der ehemalige Botschafter in Paris Graf Harry Arnim auf seinem Gute Nassenheide arretiert. Den Anstoß zum Untergang des begabten, aber eitlen und unzuverlässigen Harry Arnim hatte Holstein gegeben. Eine der dramatischsten Szenen in „Richard III." ist der Auftritt, wo Shakespeare diesem bösen englischen König die Geister derjenigen erscheinen läßt, die er umgebracht hat: die bleichen Züge des Königs Heinrich IV., des armen Clarence, des Lord Hastings, der beiden im Tower erwürgten jungen Prinzen tauchen vor ihm auf. Wenn, was ich nicht weiß, Holstein vor seinem Tode eine ähnliche Vision gehabt haben sollte, so wird er eine lange Reihe von Gesichtern derjenigen erblickt haben, die er, wenn auch nicht körperhch, so doch geschäftlich, dienstlich ums Leben gebracht hat. Harry Arnim würde den Reigen eröffnet haben, Keudell, Kusserow, Radowitz, Schlözer, Ferdinand Stumm, der Unterstaatssekretär und spätere Gesandte Dr. Busch hätten sich angeschlossen, die melancholische Figur des seufzenden Philipp Eulenburg wäre zuletzt vorbeigezogen. Und auch der gewaltige Fürst hätte nicht im Zuge gefehlt, der einst in St. Petersburg den jungen Attache von Holstein freundlich aufgenommen hatte und dem dreißig Jahre später der alte Geheimrat von Holstein in Berlin den Dolch in den Rücken stieß. Als ich Reichskanzler wurde, waren Philipp Eulenburg und Holstein Philipp die besten Freunde. Gerade damals übersandte Eulenburg seinem Freunde Eulenburg Holstein ein Exemplar der Briefe seines Onkels, des Grafen Fritz Eulen- id Holstein bm-g^ d er von I859 bis 1862 als außerordentlicher Gesandter die preußische Expedition nach Ostasien geführt hatte, dort Handelsverträge mit Japan, China und Siam abschloß und später, von 1862 bis 1878, unter Bismarck Minister des Innern war, mit nachstehendem Brief: „Lieber Freund, direkt vom Verleger wird Ihnen morgen ein Exemplar der Briefe meines Onkels Fritz Eulenburg aus Ostasien zugehen, die ich soeben herausgegeben habe. Ich denke mir, daß Ihnen dieselben Spaß machen werden, und es würde mich glücklich machen, wenn ich damit erreichen könnte, Ihnen am Heiligen Abend eine kleine Zerstreuung zubereiten. Wir haben uns unendlich lange nicht gesehen und geschrieben. Daß es mir nicht glückte, Ihnen im Herbst zu begegnen, hat mir sehr leid getan. Blicke ich am Schluß des Jahres, das wie kein anderes vorher durch den Wechsel des Jahrhunderts dazu einladet, auf meine Arbeit und alle Kämpfe und Not zurück, die ich durchgemacht habe, so taucht immer Ihr Bild beratend, mitkämpfend und mitleidend vor mir auf. Ich fühle mich immer zu Ihnen gehörend, und träte EULENBURG ZITTERT 499 selbst, vorübergehend, einmal eine verschiedene Auffassung einer Frage auf, so vermöchte dieses niemals trennend zu wirken. Es liegt mir daran, Ihnen dieses recht warm zu sagen. Ich hänge mit großer Zähigkeit und Treue an meinen alten Freunden — vorallenanlhnen! Mit diesem Weihnachtsgruß schließt Ihr alter getreuer Philipp Eulenburg." Weshalb und wodurch sich die langjährige, persönliche und politische Freundschaft zwischen Philipp Eulenburg und Holstein, die beide, jeder in seiner Weise, den Bruch zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck gefördert hatten, in bittere Feindschaft verwandelt hat, habe ich nie feststellen können. Bei der schrullenhaften Unberechenbarkeit von Holstein, der schwer zu fixierenden, molluskenhaften Zerflossenheit von Phili wird das nicht leicht zu ergründen sein. Die Briefe des letzteren an mich brachten mehr und mehr die Sorge zum Ausdruck, daß der Kaiser mir meine Erfolge im Reichstag übelnehmen Weitere könne. „Nur ein Wort", schrieb er mir, „um Dir Glück zu wünschen zu Briefe Philis Deinen Reden, die in Wien einen außerordentlichen Eindruck machen. an ^ ü ^ ow Du bist in die erste Stelle der gesamten politischen Welt gerückt. Das ist mein Eindruck. Aber ich zittere bei dem Eindruck, den mir die immer schärfere Wendung gegen S. M. macht. Wie diese ganze Reichstagssippe glücklich wäre, mit Dir gegen Seine Majestät zu gehen!! Zwischen allen ihren Worten blitzt es heraus." Gleichzeitig teilte er mir mit, daß mein „treuer \erehrer" Monts ihm schrieb, in München wäre man überzeugt, daß der Kaiser mich nicht lange vertragen würde. Ich telegraphierte daraufhin an Eulenburg: „Als die Agrarier mir wegen Amerika grollten, fürchtetest Du die Gefahr von rechts, jetzt scheint sie Dir mehr von links zu kommen. Solche Stürme bringt das politische Leben nun einmal mit sich. Ich lasse mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, es gibt gefährlichere Dinge als politische Anfechtungen, und ich bin wohl und guter Dinge. Sage an Monts, daß er lieber trachten soll, seine Münchener Freunde zu kalmieren, anstatt dem seligen Jeremias Konkurrenz zu machen." Als mir Eulenburg bald nachher mitteilte, er glaube zu wissen, daß der Kaiser in Kiel, wo er einen kurzen Besuch abstatten wolle und wo angesichts der allmählich stärker werdenden Flotte seine Pulse rascher schlügen, persönlich Stellung zu der ungerechten Beurteilung seiner im Chinesen-Sommer 1900 gehaltenen exzentrischen Rede nehmen würde, telegraphierte ich ihm: Ich hätte die Empfindung, daß ich durch mein Auftreten wie vorher im Bundesrat so jetzt im Reichstag eine verfahrene und schwierige Situation eingerenkt hätte. Eulenburg selbst habe ja immerfort auf die Gefahr einer Koalition der deutschen Fürsten und des Deutschen Reichstags gegen Seine Majestät hingewiesen. Nun möge er bei seinem großen Einfluß auf den Kaiser dazu beitragen, daß dieser sich ruhig hielte und, wenigstens 32» 500 DER OBERHOFMEISTER RÜGT DIE STADTVERORDNETEN ' Freiherr von Mirbach und die Berliner Stadtverordneten solange der Reichstag beisammen sei, weder in Kiel noch anderswo Brandreden halte. Mein Amtsvorgänger Fürst Chlodwig Hohenlohe beurteilte wie unsere auswärtige Lage so auch die inneren Verhältnisse mit dem ihm eigenen Takt. Er war erfüllt von aufrichtiger Verehrung für die Kaiserin Auguste Viktoria. Als aber deren Oberhofmeister Freiherr von Mirbach, angeblich im Allerhöchsten Auftrag, ein Schreiben an die Berliner Stadtverordneten richtete, das nach Form und Inhalt als Nachmittagspredigt vielleicht am Platz gewesen wäre, als politisches Schriftstück aber eine bedenkliche Entgleisung war, schrieb mir Fürst Hohenlohe: „Wenn der Brief des Freiherrn von Mirbach an die Stadtverordneten von Berlin auf Allerhöchster Weisung beruht, so habe ich keine Bemerkung zu machen. In diesem Fall bitte ich, meinen Brief in den Papierkorb zu werfen und ihn als non-avenu zu betrachten. Sollte aber derselbe der Initiative des Freiherrn von Mirbach entsprungen sein, so ist die Sache sehr ernst. In diesem Fall würde ich anheimstellen, den Artikel zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen. Es kann doch nicht geduldet werden, daß der erste Hofbeamte Ihre Majestät in dieser Weise bloßstellt. Die Sache macht den übelsten Eindruck, was um so bedauerlicher ist, als Ihre Majestät der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist." In dem Brief des Freiherrn von Mirbach war gesagt worden, Ihre Majestät hoffe, daß es mit der Zeit den guten und treuen Elementen der Stadtverordnetenversammlung gelingen werde, neben der Förderung des äußeren Blühens und Gedeihens auch an die vielen und tiefen inneren Schäden, an denen die Reichshauptstadt kranke, die versöhnende und bessernde Hand mit Erfolg anzulegen. Mit tiefem Schmerze habe Ihre Majestät davon Kenntnis genommen, daß in der Stadtverordnetenversammlung ein Mitglied, ohne in gebührender Weise zurechtgewiesen zu werden, heilige biblische Trostworte in einer Weise zum Spott benutzt hätte, die jede gute Sitte, vor allem aber das christliche Gefühl auf das tiefste verletzen müsse. Der Stadtverordnete, dem diese böse Zensur erteilt wurde, war Dr. Preuß, der achtzehn Jahre später die Mißgeburt der Weimarer Reichsverfassung in die Welt setzen sollte. Fürst Chlodwig Hohenlohe hatte unzweifelhaft darin recht, daß, wie man auch über Opportunität und Takt jener schnoddrigen Witzeleien des Dr. Hugo Preuß in der Stadtverordnetenversammlung denken mochte, es unangebracht war, die Kaiserin in den politischen Streit hineinzuzerren. Der gute Mirbach hat dies während meiner Amtszeit auch nicht wieder versucht, sondern sich darauf beschränkt, mit unbegrenztem Eifer die Berliner Kirchenbauten zu fördern, bis er auch in dieser Richtung kaltgestellt werden mußte. Wenn dem Oberhofmeister Mirbach der Sinn für das politisch Mögliche DER VIZEOBERZEREMONIENMEISTER 501 und Schickliche leider bisweilen abging, so hatte ich am Hofe der Kaiserin Bodo in deren Kabinettsrat, dem späteren Vizeoberzeremonienmeister Bodo Knes Knesebeck, nicht nur einen treu ergebenen Freund, sondern auch eine politisch einsichtige Stütze. Am 23. Dezember 1870 hatten wir zusammen in der Schlacht an der Hallue attackiert. In Erinnerung hieran übersandte er mir eine schöne Medaille des Fürsten Bismarck auf einem künstlerisch ausgeführten Sockel mit nachstehenden Worten: „Heute vor dreißig Jahren verübten wir gemeinsam den kleinen Husarenstreich, dessen Du Dich entsinnen wirst. In dem Wandel der Menschen und Dinge hat das Geschick Dich an die hohe Stelle geführt, auf der einst der eiserne Kanzler weltgebietend seines Amtes waltete, und gewährt mir die Genugtuung, Zeuge Deiner staatsmännischen Erfolge zu sein. Ich sende Dir das eherne Bildnis Deines gewaltigen Vorgängers für Deinen Schreibtisch. Möge sein Anblick Dich mahnen an unsere größte Zeit und der heutige Tag die Erinnerung erwecken an den alten Schneid für Kaiser und Beich. Damals wie heute Dein getreuer Freund Bodo Knesebeck." 1 XXXII. KAPITEL Erkrankung der Königin Victoria • Wilhelm II. fährt nach England • Briefe der Kaiserin Auguste Viktoria an Bülow • Kaiser Wilhelm bleibt bis zur Beisetzung (21. I. 1901) • Graf Metternich über den kaiserlichen Besuch • Vortrag bei Wilhelm II. in Homburg (8. II. 1901) • Vorbereitungen für den Besuch des Königs Eduard bei seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich • Denkschrift des Staatssekretärs Freiherrn von Richthofen vom 3. II. 1901 über unser Verhältnis zu England • Verlegung des Schwerpunktes der deutsch-englischen Verhandlungen nach Berlin • Promemoria des Fürsten Lichnowsky Am 19. Januar 1901 wurde ich vom Kaiser in das Berliner Schloß gerufen. Als ich das kaiserliche Arbeitszimmer betrat, fand ich Seine Majestät des Kaisers j n eifrigem Gespräch mit seinem Oheim, dem Herzog von Connaught. ich England j Q gjchtiicjj erregter Stimmung eröffnete mir der Kaiser, daß er soeben die Nachricht von einer ernsten Erkrankung seiner Großmutter, der Königin Victoria, erhalten habe. Er werde sich sofort an das Krankenbett der Königin begeben. Als ich darauf aufmerksam machte, daß es sich empfehle, zunächst den weiteren Verlauf der Krankheit abzuwarten, entgegnete der Kaiser nicht ohne Ungeduld, wo es sich um das Leben seiner teuren Großmutter handle, die er unbedingt noch einmal sehen wolle, müsse jede andere Erwägung schweigen. Er habe übrigens schon Plätze auf einem der zwischen Vlissingen und Dover kursierenden Dampfer belegt. Während sich der Kaiser für einige Minuten entfernte, um weitere Anordnungen für seine Expedition nach England zu geben, besprach sein Onkel mit mir in großer Ruhe und Objektivität diesen neuesten Einfall Seiner Majestät. Von der ganzen englischen Königsfamilie war außer der Königin Victoria der Herzog wohl der einzige, der für Kaiser Wilhelm aufrichtige Freundschaft empfand. Obwohl durch und durch Engländer, war er wie seine Mutter davon überzeugt, daß friedliche und freundliche Beziehungen zwischen den beiden großen germanischen Völkern für sie selbst und für die Welt gleich wünschenswert wären. Er machte mir gegenüber kein Hehl daraus, daß, wenn die vom Kaiser beabsichtigte Reise gewiß ein schöner Beweis seiner Herzensgüte wäre, dieser plötzliche Uberfall der englischen Königsfamilie doch mancherlei Bedenken hervorriefe. Am Sterbebette der Königin werde der Kaiser „genieren". Die Royal ANS STERBELAGER DER QUEEN 503 Family werde nicht recht wissen, was sie mit ihm anfangen solle. Was das englische Volk betreffe und die englische öffentliche Meinung, so würde jenseits des Kanals der hochherzige Entschluß des Kaisers voll gewürdigt werden. Dieser Besuch am Sterbelager würde, ähnlich wie der Besuch des Kaisers während des Burenkrieges, den Kaiser in England persönlich sehr populär machen. Er, der Herzog, besorge aber, daß umgekehrt diese Reise in Deutschland die öffentliche Meinung noch mehr gegen England erregen würde. „Nun scheint mir", schloß der Herzog seine Ausführungen, ,,daß es jetzt vor allem darauf ankommt, die deutsche öffentliche Meinung nicht zu reizen, ihr Zeit zu lassen, sich zu beruhigen, sie nicht vor den Kopf zu stoßen. Kein verständiger Mensch in England zweifelt daran, daß sowohl der Kaiser wie Sie, daß die deutsche Regierung und die deutschen Bundesfürsten aufrichtig und lebhaft gute Beziehungen zu England wünschen. Aber so Hegen auch in dem noch ziemlich patriarchalischen Deutschland die Dinge nicht mehr, daß Kaiser und Regierung unbekümmert um die öffentliche Meinung die ihnen richtig erscheinende Politik durchführen können. Das habe ich in England manchen Leuten gesagt. Deshalb sage ich Ihnen, daß der Kaiser diesen Besuch besser unterließe." Während wir uns noch freundschaftlich unterhielten, trat der Kaiser wieder ein und sagte uns, alle Vorbereitungen für seine Abreise wären getroffen. Es würde sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln, aber dieser Besuch am Kranken-, vielleicht Sterbebette seiner geliebten Großmutter sei für ihn Herzenssache. Der Herzog, der sah, daß nichts zu machen war, empfahl sich, um in Berlin noch einige Verwandtenbesuche zu machen. Beim Weggehen drückte er mir die Hand und zuckte die Achseln. Kaiser Wilhelm empfand für seine Großmutter in England, „our English Grand- mamma", wie alle Kinder der Kaiserin Friedrich sie nannten, nicht nur einen ihm von Kindheit an eingeprägten, tiefen und unbegrenzten Respekt, sondern auch wirkliche Liebe. Sie war immer gütig gegen ihn gewesen. Sie war mit seinen frühesten Erinnerungen verknüpft. Die schönsten Tage seiner ersten Jugend waren die Besuche bei der englischen Großmutter gewesen, der Aufenthalt in dem überwältigend großartigen Windsor, in Osborne mit dem Blick auf die See und die vorüberziehenden mächtigen englischen Kriegsschiffe, die Ausflüge nach der Weltstadt London. Aber obwohl Wilhelm II. kaum für irgendeinen anderen Menschen eine so gleichmäßig aus Achtung und Zärtlichkeit hervorgehende Empfindung gehegt hat wie für die Königin Victoria, eilte er an ihr Sterbelager mit der stürmischen Ungeduld eines jungen Mannes, der seine erste größere Auslandsreise antritt. Kaiser Wilhelm konnte, namentlich während der ersten Hälfte seiner Regierung, schwer das ruhige Gleichmaß der Tage ertragen. Er wollte, daß immer etwas los sei, er wollte immer neue Eindrücke, neue Bilder. Es 504 DAS LEIDEN DER KAISERIN FRIEDRICH liegt eine große Härte des Schicksals darin, daß dieser impressionable, unstete und quecksilberige Mann, der novarum rerum cupidus war wie kaum igendein Gallier zu Cäsars Zeit, nach seinem Sturz verurteilt wurde, das stillste, monotonste, beengteste und eingeschränkteste Leben zu führen, das einem Mann in seinen Jahren beschieden sein kann. Während der Englandfahrt des Kaisers erhielt ich eine Reihe von Auguste Telegrammen, die in freudigem Tone, in glücklichster Stimmung den präch- Viktona tigen Anblick des von Schiffen belebten Meeres, der malerischen Kreide- ^bei der £ e j sen ^ eT englischen Küste schüderten. Der Kaiser hatte seine Großmutter Friedrich nocn lebend angetroffen. Sie starb am 21. Januar 1901. Sie war eine der größten Erscheinungen der englischen Geschichte, einer der erfolgreichsten, verehrtesten, geliebtesten Souveräne der Weltgeschichte. In beAvegten Worten schilderte mir der Kaiser, wie er seiner sterbenden Großmutter noch allerlei kleine Dienste hätte leisten können, daß sie, gestützt von ihm, „gewissermaßen" in seinen Armen gestorben wäre. Die Reise des Kaisers an das Sterbelager der Großmutter war der Kaiserin Auguste Viktoria, obwohl auch sie in Ehrerbietung an der Großmutter hing, nicht erwünscht gewesen. Ihr Gemahl war über ihren Widerspruch ohne jedes Bedenken und stürmisch hinweggegangen. Nun wünschte sie dringend, daß der Kaiser nicht bis zu dem Begräbnis in England bleiben möge, das erst vierzehn Tage nach dem Heimgang der Königin stattfinden sollte. Sie schrieb mir am 23. Januar aus Homburg, wohin sie gefahren war, um ihre schwerkranke Schwiegermutter, die Kaiserin Friedrich, zu besuchen: „Ich hoffe, Sie werden es noch möglich machen, den Kaiser zu überreden, die Beisetzung aufzugeben und sich damit zu begnügen, den Kronprinzen und vielleicht Prinz Heinrich, der darauf brennt, hinzuschicken, oder, wenn dies wirklich nicht zu machen ist, daß der Kaiser inzwischen hierher zu seiner Mutter kommt. Sogar die Kaiserin Friedrich meint, er solle nicht auf die Beisetzung warten. Sie wünscht persönlich sehr, den Kaiser zu sehen. Der Anblick der hohen Frau ist einfach jammervoll. Sie trägt es wirklich groß. Ich glaube nicht, daß der Zustand sich wesentlich verschlimmern wird nach diesem Todesfall, dafür war sie heute schon zu gefaßt." Am folgenden Tage schrieb mir Ihre Majestät weiter aus Homburg: „Sie werden nächstens meine Handschrift verabscheuen, aber ich muß Ihnen einhegendes Telegramm senden. Es traf gestern abend spät ein. In verschiedener Weise hat es mich beunruhigt: 1. da ich aus demselben ersehe, daß der Kaiser wieder sehr nervös, abgespannt ist. Aber das trifft, wie Sie wissen, leicht ein beim Kaiser und ist natürlich, da er sich einer Sache immer ganz hingibt. 2. Aber besonders gefährlich ist meiner Ansicht nach, daß man jetzt versucht, besonders die Damen, auf seine warme, freundliche Natur einzustürmen, ihm so schönzutun (jede will ihn natürlich nur für ihre Zwecke gewinnen)' WILHELM IL ZU MITGENOMMEN, UM SIE ZU BESUCHEN 505 daß der Kaiser den Eindruck gewinnt, dort absolut nötig zu sein. Ich finde, Sie müßten ihm vorstellen, wenn er sich jetzt noch etwas ausgeruht hat, dann zurückzukehren zur Mutter, die Beisetzung dem Kronprinzen und vielleicht Heinrich zu überlassen. Aber wer weiß, ob er es tut. Wenn er wirklich durchaus der Beisetzung beiwohnen will, würde es sich wohl kaum lohnen oder ihn vielleicht zu sehr ermüden, dazwischen zurückzukommen. In einem heute eingetroffenen Brief vom 21. schrieb der Kaiser mir, Eckardstein habe ihm erzählt, ,als am Abend in London bekannt wurde, daß Ich käme, um bei Großmama zu sein, da hätten die Leute vor Freude geweint, und oft sei Eckardstein gesagt worden, das wäre ein Akt, den Mir das englische Volk nie vergessen werde'." Das mir von der Kaiserin übersandte Telegramm war vom 23. Januar. Es bezog sich darauf, daß die Kaiserin angefragt hatte, ob der Kaiser nicht zu seiner schwerkranken Mutter kommen könnte. Wie die Kaiserin selbst hinzufügte, war dieser Vorschlag in der stillen Hoffnung gemacht worden, daß der Kaiser dann die Beisetzung in England aufgeben würde. Der Kaiser hatte erwidert: „Durch Reisen, durch Wartetage und -nächte und durch Flut von Telegrammen, die unaufhörlich hereinströmen, bin ich so mitgenommen, daß ich für den Augenblick außerstande bin, schon wieder eine Tour wie hinunter nach Homburg zu machen. Zudem sind die Tanten vollkommen allein hier, und ich muß ihnen beistehen in vielen Dingen, wo Rat nötig. Sie sind so lieb und gut zu mir, daß ich von Ihnen als Bruder und Freund, nicht als Neffe behandelt werde. Sobald etwas Ruhe und weniger Arbeit ist, werde ich sehen, ob ich noch vor der Beisetzung kommen kann. Es war eine furchtbar schwere und aufregende Zeit." Am 26. Januar schrieb mir die Kaiserin weiter aus Homburg: „Am Nachmittag besuchte ich meine arme Schwiegermutter, die doch einen sehr traurigen Anblick bietet. Sie leidet doch immer noch sehr. Nun kommt der große Kummer hinzu, der Wunsch, nach England zu gelangen, was meiner Ansicht nach bei ihrem Zustand ausgeschlossen ist. Dies gibt Unruhe und Qual. Dazwischen kann sie wieder ganz heiter sein. Was nun die Rückkehr des Kaisers betrifft, so ist ja leider eingetroffen, was ich befürchtete, daß er die ganzen vierzehn Tage in England bleibt, noch dazu mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Heinrich. Als Krone von allem hat der neue König den Deutschen Kaiser zum englischen Feldmarschall gemacht. Wenn das nicht eine Ironie im jetzigen Moment ist, dann weiß ich es nicht. Es soll wohl eine Liebenswürdigkeit sein, ich halte es für eine Taktlosigkeit. Natürlich muß der Kaiser ein liebenswürdiges Gesicht machen. Ich habe ihm geschrieben, ich hoffte, er (der Kaiser) verlangte nicht, daß ich ihm hierzu gratuliere, es solle wohl eine Liebenswürdigkeit sein, vielleicht hätte man verschiedene Auffassung für die Sache. Ich 506 HINTER DEM RÜCKEN glaube, im Lande wird man auch sehr unzufrieden sein. Nun noch der Geburtstag außer Landes. Ich kann nur sagen, ich habe einen morabschen Kater." Telegraphisch berichtete mir die Kaiserin noch von Friedrichshof: „Trotzdem Kaiserin Friedrich durch den Tod der Mutter zuerst natürlich tief bewegt war, fand ich sie bereits sehr gefaßt. Sie fragte sehr, ob der Kaiser bald zurückkäme, schien sehr den Wunsch zu hegen, den Kaiser bald zu sehen." Die Nachteile eines zu langen Aufenthalts leuchteten auch dem England Graf freundlich gesinnten Grafen Paul Metternich ein, der mir am 23. Januar Metternich sichtlich präokkupiert in diesem Sinne telegraphierte. Am 24. Januar 1"/^tMt scn " e k er m ^ r scnon beruhigter: „Wechselnde Bilder ziehen rasch an einem in England voruDer > un & ich empfinde heute weniger die Befürchtungen, die ich Ihnen gestern über einen längeren Aufenthalt Seiner Majestät in Osborne aussprach. Die Einladung des Kronprinzen zum Geburtstag Seiner Majestät ist auf die eigene Initiative des neuen Königs von England zurückzuführen. Ich habe gestern Gelegenheit gehabt, Seine Majestät in dürren Worten auf die Gefahren von Indiskretionen nach Rußland hin aufmerksam zu machen, und ich glaube, daß Seine Majestät, soweit die Zukunft in Betracht kommt, meine Bemerkungen nicht unberücksichtigt lassen wird." Phibpp Eulenburg, der viel Flair hatte, schrieb mir wenige Tage nach dem Tode der Königin Victoria aus Wien: „Mir wird bange, wenn ich an den gehebten Herrn in Osborne denke: Was wird er alles reden! — Wie ein Kind zwischen diesen trotz aller Trauer rohen Naturen wandelnd. In ihrer Mitte verhert er auch alle seine sonstige ,Gerissenheit'. Eine Art treuherzige Verlegenheit tritt ein, und es wäre dem ersten besten leicht, ihm alle seine Seelengeheimnisse (und unsere Staatsgeheimnisse) zu entreißen. Dabei überall im Wege! Die Familie schimpft hinter seinem Rücken, und die eigenen Adjutanten ringen die Hände und wollen nach Hause. Mich macht trotz allen Ernstes und der wahrenTrauer, die er empfindet, der Gedanke lächeln, wie er die tote Großmutter ,ausschlachtet', um sich eine Zeitlang von ,Muttern' zu drücken. Hoff entheb bekommt ihm das Spazierengehen in Osborne und das Herumfahren bei Cowes zu allen Kriegsschiffen, die ihn mit der denkbar größten Nonchalance empfangen, gut; das ist schließ- lich die Hauptsache. Der ,New York Herald' hat meine bevorstehende Ernennung zum Statthalter im Elsaß gebracht. Gott weiß, woher das stammt! Wenn es auch der einzige Posten ist, den ich gern nähme, so hörte ich weder, daß der Langenburger zurücktreten will, noch, daß Adolf Schaumburg eine andere Unterkunft haben sollte." Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg war Statthalter der Reichslande. Den Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe, den Schwager des Kaisers, fürchtete Phili als Konkurrenten für Straßburg, wohin er selbst kommen wollte. Mit ENGLISCHER FELDMARSCHALL, HOSENBAND IN BRILLANTEN 507 von Plessen „Muttern" ist die Kaiserin Auguste Viktoria gemeint, deren Einfluß er den Kaiser zu entziehen suchte. Aus England schrieb mir am 1. Februar der Generaladjutant von Plessen: „Eurer Exzellenz darf ich meine Eindrücke hier offen mitteilen: Brief S. M. haben durch sein schnelles Kommen, durch seine liebevolle Teil- d ßS Generals nähme, durch sein frisches, tatkräftiges Eingreifen in den ersten Trauerstunden hier die Herzen aller im Sturm erobert! Die ganze Königliche Familie stand unter seinem Charme, inklusive derjenigen Damen, welche uns sonst am wenigsten geneigt sind, z. B. die Königin Alexandra, die Herzogin von York, die Christian Holstein. Alle Umgebungen haben mir dies ebenso rückhaltlos ausgesprochen wie die Herrschaften selbst! Als der Tod der Queen herannahte, schlug ich S. M. vor, gleich danach sofort nach Friedrichshof zur kranken Mutter zu fahren und dann zu der vermutlich nicht so bald zu erwartenden Beisetzung wieder herzukommen. Das würde die Welt begreifen, und hier wäre er, der Deutsche Kaiser, in dieser Zwischenzeit nicht dringend nötig! Er warf dies sofort weit weg! Er wäre hier nicht als Kaiser, sondern lediglich Enkel! Ich bin überzeugt, daß von dem im ersten Moment gemachten Gewinn durch unser Bleiben manches wieder verlorengegangen ist. Alle Umgebungen fragten uns in jener Zeit, wann wir abreisten, wie lange wir bleiben würden! Als man des Kaisers Entschluß nach und nach erkannte, hat man hier aus der Not eine Tugend gemacht. ,Der König hat', so sagte uns S. M., ,mich zu bleiben gebeten!' Nun, ich glaube, daß vieles, was in diesen vierzehn Tagen gesprochen wurde, besser ungesprochen geblieben wäre. Von englischer Seite hat man jedenfalls nichts unversucht gelassen, uns an sich zu binden! Der ,Feldmarschall', der ,Hosenband in Brillanten' und nun diese Umfahrt durch London, um dem Publikum Gelegenheit zu geben, seinen Dank dem Kaiser für sein Kommen abzustatten! Gebe Gott, daß uns dabei kein Unglück passiert!!! Aus allem habe ich den Eindruck, daß den Engländern in ihren großen Kalamitäten (Süd-Afrika), in welche dieser Begierungswechsel fällt, bei ihrer allgemeinen Verhaßtheit, von der sie offen sprechen, unser Herkommen und unseres Kaisers Freundschaftsbeweise unaussprechlich erwünscht gekommen sind. Sie sind momentan so klein, wie sie so bald nicht wieder sein werden! Durch unseren Herrn gehoben, fangen sie sicherlich bald wieder an, ihre historische Unverschämtheit wiederzugewinnen! Ganz zum Überfluß mußte im Zimmer neben S. M. der Herzog von York an den Masern erkranken! Unser Herr war nicht dazu zu bringen, mit dem Kronprinzen auf die ,Hohenzollern' zu ziehen. Er vertauschte nur seine Wohnung mit einer im entlegenen Flügel. Wären wir nur erst mit beiden glücklich zu Hause! Und zu Hause soll jetzt in Homburg v. d. H. ein längerer Aufenthalt genommen werden, weil man in Berlin sonst die 508 DER FELDZUGSPLAN FÜR ROBERTS kleinen Kinder anstecken könnte! Hier wird die Ansteckungsgefahr gering geachtet, zu Hause muß sie uns zum Vorwand dienen, länger von Berlin fortzubleiben! Ich finde es schrecklich, daß in diesen arbeitsreichen, folgenschweren Geschäftswochen S. M. nicht in Berlin ist. Oder wollen Sie Heber, daß er den Geschäften fernbleibt ? Jedenfalls hoffe ich, daß Sie recht bald nach Homburg kommen, wo wir am 7. Februar morgens 8 Uhr eintreffen." Die antienglische Stimmung der Kaiserin Auguste Viktoria, der mili- Dcr Schwarze tärischen Umgebung Seiner Majestät und der großen Mehrheit des deutschen Adler Volkes war unklug. Aber die Übertreibungen des Kaisers gegenüber Eng- jür Roberts j anc ^ dem er in jenen Tagen ebenso stürmisch und demonstrativ huldigte, wie er vorher und nachher gelegentlich antienglische Gefühle zur Schau trug, regten die weitesten Kreise in Deutschland immer von neuem auf, und das ohne realen politischen Nutzen. Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Besieger der Buren, Feldmarschall Roberts, die ohne Rückfrage bei mir erfolgte, machte bei dem stolzen Selbstgefühl der Engländer dort wenig Eindruck, während sie in Deutschland vielfach als ein Schlag ins Gesicht der öffentlichen Meinung und Stimmung des Landes empfunden wurde. Die Kunst der Politik besteht auch darin, de donner ä chaque chose sa juste valeur, wie der weise Marco Minghetti zu sagen pflegte. Diese demonstrative Auszeichnung hat nicht einmal den damit Begnadeten für die Dauer gewonnen. Als später Wilhelm II. in einem bedauerlichen Anfall von phantastischer Großsprecherei die unwahre Behauptung aufstellte, Lord Roberts habe die Buren nur mit Hilfe eines von ihm, dem Kaiser, entworfenen und an die Königin Victoria gesandten Feldzugsplans besiegt, verwandelte sich der Feldmarschall, der übrigens ein tüchtiger und tapferer Soldat war, der in allen Weltteilen durch sein ganzes langes Leben hindurch für den Ruhm der englischen Fahne gefochten hatte, in einen persönlichen und bitteren Gegner des Deutschen Kaisers. Es war dies einer der vielen Fälle, wo Kaiser Wilhelm II. bei den besten Absichten und felsenfest überzeugt, er sei auf dem richtigen Wege, gerade das Gegenteil von dem erreichte, was er bezweckte. Als ich den Kaiser in Homburg wußte, begab ich mich dorthin. Ich Wilhelm II. fand ihn noch ganz im Banne seiner englischen Eindrücke. Während er sich »n Homburg sons t nicht genug tun konnte im Wechseln militärischer Uniformen, zeigte er sich jetzt nur in Zivil, wie er sich in England gekleidet hatte. Dazu trug er eine Krawattennadel mit der Chiffre seiner verewigten Großmutter. Die aus dem nahen Frankfurt zur Mittags- oder Abendtafel befohlenen Militärs waren sehr erstaunt, ihren obersten Kriegsherrn im bürgerlichen Kleide zu erblicken. Sie schienen nicht angenehm berührt durch die immer wiederholten enthusiastischen Kundgebungen für England und alles Englische, EDUARD VII. LEHNT HOMBURG AB 509 ,das hoch über deutscher Art und Sitte stünde'. KönigEduard hatte vor der Abreise des Kaisers aus England ihm seinen Besuch angekündigt. Obwohl ich Seine Majestät darauf aufmerksam machte, daß der König vor allem seine todkranke Schwester, die Kaiserin Friedrich, noch einmal sehen wolle und deshalb lieber bei ihr im Schloß Friedrichshof absteigen würde als in Homburg, bestand der Kaiser darauf, daß sein Onkel bei ihm wohnen müsse und nicht in Friedrichshof. Da das Schloß in Homburg nicht für den Winter eingerichtet war, so mußten rasch eiserne Öfen in allen Zimmern aufgestellt werden. Einmal im Gange, verbreiteten sie eine kaum erträgbche Hitze. Wurden dann notgedrungen die Fenster geöffnet, so fror der Gast in der kalten Februarluft. Die Gesundheit des Generalobersten Hahnke, des Kabinettsrats Lucanus und anderer ehrwürdiger Greise in der kaiserlichen Suite wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Heizungsversuche fanden dadurch ihren Abschluß, daß König Eduard seinem Neffen schrieb, er könne seine gütige Einladung für Homburg nicht annehmen, da er möglichst in der Nähe seiner armen Schwester bleiben wolle. Bei der großen Impressionabilität Seiner Majestät bewirkte diese Absage eine merkliche Abkühlung der kaiserlichen Empfindungen nicht nur für seinen königlichen Oheim, sondern auch für dessen Land. Mich beschäftigte inzwischen vor allem der Wunsch, die Annäherung zwischen dem Kaiser und dem König und die günstige Rückwirkung der Die kaiserlichen Reise auf weite Kreise des englischen Volks zu benutzen, um Verständigung zu einer für uns annehmbaren vertragsmäßigen Verständigung mit Groß- mlt En S^ and britannien zu kommen. Schon aus Berlin telegraphierte ich an die Kaiserliche Botschaft in London, daß, wenn Chamberlain gegenüber Eckardstein die Frage eines engeren Anschlusses von Großbritannien an uns und die zentraleuropäische Friedensgruppe berühre, dieser etwa folgendem Gedankengang Ausdruck geben möge: Das deutsch-englische Zusammengehen auf Grund von Interessengemeinschaft habe sich neuerdings mehrfach praktisch bewährt. Nirgends bestehe jetzt mehr zwischen uns ein eigentlicher Gegensatz. Der friedliche Wettbewerb auf kolonialem oder wirtschaftlichem Gebiet des einen Landes sei auf keinem Teil des Globus unvereinbar mit den Rechten und Interessen des anderen. Die neuerliche intime Annäherung der beiderseitigen Herrscher habe dazu beigetragen, die Völker einander näherzubringen. Unter diesen Umständen erscheine es nicht ausgeschlossen, daß von unserer Seite dem Gedanken eines engeren Anschlusses nähergetreten würde, falls derselbe eine bestimmte Gestalt annehmen und in amtlicher Form angeregt würde. Die Befestigung des Weltfriedens müsse das beiderseitige Ziel sein. Für England ebensowenig wie für uns sei Rußland oder Frankreich a 11 e i n in Betracht zu ziehen. Einer allein würde für England wie für den Weltfrieden gleich unbedenklich 510 IMMER NOCH DIE DEUTSCH-ENGLISCHE ALLIANZ sein. Vereinigt aber wären Rußland und Frankreich für England um so mehr zu fürchten, als für den Fall eines englisch-russisch-französischen Konflikts sich Deutschland bisher noch nicht zu einer für Großbritannien unbedingt wohlwollenden Neutralität verpflichtet habe. Genau in derselben Lage befände sich umgekehrt auch Deutschland. Daraus ergebe sich fast von selbst der Gedanke eines defensiven Bündnisses. Für den Fall eines Angriffs von Rußland und Frankreich auf England oder auf Deutschland sollte die entsprechende andere Macht mit ihrer gesamten Land- und Seemacht zugunsten des Angegriffenen eintreten. Der Vertrag müsse nach Unterzeichnung durch die beiderseitigen Souveräne und Minister den Parlamenten zur Annahme vorgelegt werden und solle zunächst auf fünf Jahre Gültigkeit haben. Baron Eckardstein könne dabei hervorheben, daß ein solches Schutz- und Friedensbündnis den Vorzug besitze, nicht den Keim eines eventuellen Zwistes mit einer fremden Macht in sich zu tragen. Er könne dabei durchblicken lassen, daß sich vielleicht später auf der Grundlage eines defensiven Friedensvertrages eine weitere Vereinbarung, also beispielsweise die Teilung eines viel umworbenen Streitobjektes wie Marokko, um so leichter aufbauen ließe. Im Gegensatz zu Holstein, der bei hoher politischer Begabung, reicher Denkschrift Erfahrung und unbegrenzter Arbeitsfreudigkeit in seiner sprunghaften, hier Richthofens un( j j a m0 rbiden Weise nur zu oft die nötige Stetigkeit und Abgewogenheit vermissen ließ, zeichnete sich der Staatssekretär Freiherr von Richthofen durch Überlegung und ruhiges Urteil aus. Am 3. Februar hatte er mir die nachstehende Denkschrift überreicht, die um so beachtenswerter war, als Richthofen, wie ich bereits ausgeführt habe, nach Erziehung, Lebensgang und durch seine ganze Weltanschauung weit mehr Sympathien für England als für Rußland hegte: „Eine deutsch-englische Allianz gewährt uns für den Kriegsfall nach zweierlei Richtung Vorteile: 1. den Hauptvorteil, daß England nicht in den Reihen unserer Gegner steht; 2. den nebensächlicheren Vorteil, daß England in der Lage ist, die Flotten unserer Gegner von den Meeren wegzufegen und so die Nichtbeeinträchtigung unseres überseeischen Handels und unserer Kolonien zu sichern. Eine Unterstützung durch englische Landtruppen wird bei der gegenwärtigen Desorganisiertheit der britischen Armee und ihrer Inanspruchnahme in Südafrika nicht wesentlich ins Gewicht fallen. Ebenso auch nicht die Absorbierung russischer und französischer Landtruppen durch Beschäftigung derselben an der indischen Grenze oder sonstigen Kolonialgrenzen. Der oben bezeichnete zweite Vorteil ist deshalb ein nebensächlicher, weil England voraussichtlich auch ohne Allianz die Gelegenheit eines Krieges des Zweibundes gegen Deutschland oder den Dreibund benutzen würde, um die Flotten des ersteren möglichst lahmzulegen, und sodann, weil, wenn nur als Mindestmaß die englische RICHTHOFEN FÜR KRIEGS AUSSCHLUSS-VERTRAG 511 Neutralität uns gesichert ist, die deutsche Flotte allmählich selbst stark genug sein und werden wird, den Schutz des überseeischen deutschen Handels zu übernehmen, zumal eventuell gemeinsam mit Italien und Osterreich gegen Frankreich und Rußland. Für uns von hochbedeutendem Interesse ist es daher meines Erachtens nur, uns, wenn irgend tunlich, den zu 1 bezeichneten Hauptvorteil zu sichern. Von unserem Standpunkt aus benötigte es hierzu keiner Allianz, sondern ausreichend wäre ein sozusagen Pactum de non inter se bellum gerendo. Ein solcher Kriegsausschlußvertrag würde naturgemäß gleichzeitig ein Verfahren zur Regelung aller etwaigen Streitfälle in sich zu schließen haben, das wohl nur auf einer Art schiedsgerichtlicher Rasis denkbar ist. Ein solcher Vertrag würde, glaube ich, ohne weiteres, selbst wenn auch zunächst nur für etwa zehn Jahre abgeschlossen, die Rilligung unseres Reichstags und des deutschen Volkes finden, und, da den allgemeinen humanitären Gedanken der Zeit entgegenkommend, wohl auch diejenige des britischen Parlaments. Er würde jede Spitze gegen dritte Regierungen ausschließen, da die Anerkennung des territorialen Status quo, der Abschluß eines gleichen Vertrages vom Dreibund dem Zweibund auch angeboten werden könnte. Ob die englische Regierung einem solchen Paktum zustimmen würde, steht dahin. Es bietet ihr viel weniger als eine deutsch-englische Allianz, aber immerhin die Sicherheit, nicht mit der Möglichkeit einer gegnerischen Koalition Rußland-Deutschland-Frankreich rechnen zu müssen. Uber ein solches Paktum hinauszugehen, in ein Allianzverhältnis einzutreten, halte ich nach wie vor für sehr bedenklich. Um in England einige Gewähr für Halten des Vertrages zu haben, würde die parlamentarische Sanktion unbedingt geboten sein; geschieht solche in London, werden wir unser Parlament nicht ausschalten können. Die Zustimmung des Reichstags aber zu einem Vertrage, welcher auch nur die kleinste Möglichkeit offenläßt, daß wir in die Situation kommen könnten, uns für nicht-deutsche englische Interessen, also z. R. für Indien, zu schlagen, würde, insbesondere in gegenwärtiger burophiler Zeit, nicht zu erlangen sein. Für österreichische oder italienische Interessen einzutreten, würde man, an den Dreibund gewöhnt, äußerstenfalls bereit sein, für englische, die sich nicht voll mit den unsrigen decken, aber auf lange Zeit hinaus nicht. Der Abschluß eines dem Dreibund-Verträge ähnelnden Defensiv-Abkommens mit England würde einem geschickten und skrupellosen englischen Staatsmann eine mächtige, für uns aber sehr gefährliche Waffe in die Hand geben. Einen Angriffskrieg Rußlands und Frankreichs gegen England provozierend, würde er einerseits die Flotten der beiden Angriffsstaaten abrasieren, andererseits auf dem Kontinent die drei Rivalen Englands: Rußland, Deutschland und Frankreich, in gewaltigem Kampfe sich verbluten lassen können, um schließlich als der in Europa einzig Gebietende dazustehen. 512 GESPENST EINES RUSSISCH-ENGLISCHEN BUNDES Jede Allianz mit England setzt uns der Gefahr aus, unsererseits einen kontinentalen Landkrieg wesentlich allein, und ohne absolute Notwendigkeit dazu, ausfechten zu müssen. Mir erscheint eine solche deshalb ausgeschlossen. Ein Paktum der eingangs erwähnten Art halte ich von unserem Standpunkt aus für möglich und nützlich. Ist ein solches nicht erreichbar, oder auch neben einem solchen, könnten Abkommen und Einzelfragen territorialer Natur zum Abschluß gelangen, wenn auch das letzte deutschenglische Abkommen hierzu nicht anreizt, dessen Wert für England durch die tatsächliche Ausnutzung von Lourenco Marques als britische Station beseitigt und dessen Fortbestand durch die Neuproklamierung der portugiesischen Allianz für die Wirklichkeit in Frage gestellt ist. Nur als auf eine Nebenerscheinung möchte ich noch darauf hinweisen, daß jedes Paktum, welches eine englische Kriegsgefahr für uns mindert, in unserem Reichstag auf eine Neigung zu weiter gehenden Flottenbewilligungen abschwächend einwirken wird. Ich glaube, daß bei einiger Vorsicht und namentlich ruhiger Behandlung von hier aus die doch nur vorübergehende chinesische Phase zum Abschluß gebracht werden kann, ohne eine irgendwie dauernde russische Verstimmung gegen Deutschland zurückzulassen." Am 5. Februar schrieb mir Richthofen: „Meines Erachtens hegt in den Vorgängen der letzten Zeit keinerlei Grund vor, um uns von dem bisher festgehaltenen Satz, England uns kommen zu lassen und nicht unsererseits England zu kommen, abweichen zu lassen. Weder der Thronwechsel in England noch die liebenswürdige Ausdehnung des Kaiserlichen Besuchs dort noch der englische Ansturm auf uns in der Tientsin-Settlement-Frage, welcher doch nur darauf ausging, uns in die erste Linie gegen Rußland zu schieben, und, sobald die Erfolglosigkeit bemerkt wurde, sofort abgestoppt worden ist, dürften einen solchen ausreichenden Grund darbieten. England gegenüber läuft aller Wahrscheinlichkeit nach die Situation für uns. Je mehr es in Südafrika engagiert wird, und es sieht so aus, als würde dies der Fall sein, desto mehr wird es in Europa und Asien lahmgelegt und bedarf es des Wohlwollens anderer Mächte, d. h. von Amerika abgesehen, insbesondere Rußlands, Frankreichs und Deutschlands. Das Gespenst einer russischenglischen Allianz erscheint mir auch nach den mehrfachen Unterhaltungen, die ich hierüber mit Geheimrat von Holstein gepflogen, durchaus lediglich als ein solches. England würde durch Arrangements mit Rußland stets sicher verlieren, nur kurze Waffenstillstandssicherungen erlangen und sich immer wieder Rußlands Unersättlichkeit gegenüber sehen. Was kann England z. Z. Rußland bieten? Die Mandschurei? Die hat Rußland schon, ohne England zu fragen, genommen. Korea ? England würde sich dadurch ja Japan für immer verfeinden. Gewährt England Vorteile an Rußland in Persien oder nach Indien zu, so würden es entweder nur solche sein können, ENGLAND-FRANKREICH? 513 die sich Rußland auch ohne Englands Zustimmung jederzeit von selbst nehmen kann, oder solche, die Englands ganzes Prestige und ganze Herrschaft im zentralen Südasien zu erschüttern geeignet sein und außerdem doch nur das Sprungbrett für weitere russische Forderungen bilden würden. Was sollte Rußland denn als Äquivalent an England gewähren? NichtIntervention gegen britische Einflußsphäre am Jangtse ? Eine solche Zusage würde Frankreich sehr verstimmen, andererseits aber belanglos sein, da Rußland sichtlieh gar keine Intentionen hat, von Süden aus in die Jangtse- Frage sich einzumischen, und andererseits eine Einmischung von Norden her, sobald sie für Rußland ausführbar wird, wohl durch keinen Traktat der Welt würde gehemmt werden können. Rußlands und Englands Interessen sind zu gegensätzliche, um selbst eine nur zeitweise Überbrückung wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Rußlands Stärke Hegt darin, daß es keine Kolonien, sondern nur die Ausdehnung seiner eigenen Grenzen will. In verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich diese Ausdehnung stark und stetig vollzogen; jede Verbesserung im Landtransport gegenüber dem verhältnismäßig doch immer schwerfällig bleibenden Seetransport erleichtert die Erreichung des Zieles. Hat Rußland weiter Geduld — und dies zu bezweifeln Hegt namentlich unter dem gegenwärtigen Zaren kein Grund vor —, so wird ihm sanft noch mehreres zufallen. Kaum fünfzig Jahre sind seit dem Krimkriege verflossen. Würde jetzt noch irgendeine KoaHtion gegen Rußland zustande zu bringen sein, wenn es die Hand nach Armenien, ja selbst nach dem Goldenen Horn ausstrecken woUte ? Die Mandschurei fäUt Rußland ohne Weiteres in den Schoß. Wird sich, faUs es nach einiger Zeit aus TschiH hinübergreift, jemand finden, der ,Halt!' ruft? Kaum. England ist gegenüber Rußlands Aspirationen eigentlich schon, was Asien anbetrifft, auf Indien und die Küstenstrecken eingeengt; im Innern Persiens und Chinas wird es kaum gegen Rußland kräftig agieren können. Ein anglo- französisches Bündnis ist an sich nicht undenkbar. Die Spitze eines solchen würde französischerseits gegen uns, englischerseits gegen Rußland gerichtet sein. Uns aHein abzurasieren unter gleichzeitigem Hochkommen Frankreichs und Rußlands, daran hat England kein Interesse. Andererseits kann es Frankreich nicht erwünscht sein, Deutschland und Rußland zu schwächen und sich dann aHeinstehend England gegenüber zu sehen. Immerhin ist natürHch die Gefahr, die ein solches Bündnis für uns in sich schHeßen würde, nicht zu übersehen und ein Grund mehr für uns, mit England auf gutem Fuß zu bleiben. Wir sind und bleiben schHeßHch für England immer der bequemste Anhalt. Mit unserer Macht absorbieren wir so viele russische und französische Streitkräfte, daß dadurch Rußland und Frankreich von abenteuerHchen Unternehmungen, die sich hier oder dort gegen England richten würden, abgehalten werden und damit der engHsche Machtstand 33 BUIow I 514 AM BESTEN GEBETTET wenigstens im Status quo erhalten wird. Wir verlangen andererseits nichts von englischem Besitz, sondern nur, daß wir in Ruhe gelassen werden und daß wir, wenn England aus einer fremden Schüssel eines Schwachen speisen will, es uns mitspeisen läßt. England kann hierfür eine Gegenleistung nicht mehr verlangen, als daß wir es unsererseits auch in Ruhe und Frieden lassen und seinen politischen Interessen nicht entgegentreten. Ein Arrangement in dieser Richtung kann uns nur erwünscht sein. Darüber hinaus aber ein Schutz- und Trutzbündnis oder unter gewissen Voraussetzungen eine Allianz, die man Defensiv-Allianz nennen kann, die aber de facto von einem der Paziszenten leicht zu einer Offensiv-Allianz gemacht werden kann, • einzugehen, würde m. E. für uns sehr bedenklich sein, da die Spitze einer solchen Allianz, man mag sie einkleiden, wie man will, immer gegen Rußland gerichtet sein und im Konflikt mit Rußland immer wesentlich unsere Schultern und nicht die englischen herzuhalten haben würden. Mit der Seemacht ist Rußland, zumal bei jetzigen Verhältnissen Blockaden nicht mehr so schwer wiegen, vielleicht von Dritten (Amerika?) gar nicht mal immer würden anerkannt werden, nur wenig beizukommen. Bleiben wir mit Frankreich auf dem jetzigen Fuße, können wir uns davor sichern, daß England in die uns gegnerische Reihe tritt, und behandeln wir Rußland einerseits freundlich, andererseits aber fest und nicht nachgiebig oder gar nachlaufend, so sind wir, glaube ich, am besten gebettet. In letzterer Beziehung hapert es m. E. am meisten. Es muß in Petersburg sowohl wie hier (Osten-Sacken) klargemacht und zum Bewußtsein gebracht werden, daß der Schwerpunkt unserer Politik bei uns in der Hand, und zwar in der sicheren, ruhigen, gleichbleibenden Hand des Reichskanzlers,liegt. Eine englisch-französisch-deutsche Gruppierung kontra Rußland und Amerika widerspricht m. E. unseren Interessen, da wir allen Grund haben, ohne zwingende Notwendigkeit nicht in Gegensatz zu den beiden letzteren Staaten zu treten und diese zu einer für ganz Mittel- und Westeuropa höchst gefährlichen Koalition zu treiben. Andererseits würde eine solche Gruppierung unzuverlässig sein, da Frankreich aus solcher, sobald es anderweitig eine Gelegenheit zum Aufrollen der elsaß-lothringischen Frage erschauen sollte, ohne weiteres und schleunigst echappieren würde." Die Bemerkung des Staatssekretärs, es möge den Russen klargemacht werden, daß der Schwerpunkt der deutschen Politik in der Hand des Reichskanzlers liege, bezog sich natürlich auf den Kaiser, der leider auch Rußland gegenüber dazu neigte, zwischen naiver Aufdringlichkeit und abrupter Unart hin und her zu schwanken. Bevor ich zum Kaiser nach Homburg reiste, gab ich sowohl Richthofen wie Holstein gegenüber dem Wunsch Ausdruck, daß der Schwerpunkt der weiteren deutsch-englischen Besprechungen aus der Hand des nicht NICHT GEGEN RUSSLAND VORSCHIEBEN LASSEN 515 genügend zuverlässigen, jedenfalls von englischen Gedankengängen beherrschten und insbesondere von England finanziell abhängigen Eckardstein nach Berlin verlegt werden möge. Wenn die englische Regierung etwas von uns wolle, so möge ihr amtlicher Vertreter in Berlin an uns herantreten. Erörterungen von solcher Tragweite könnten unmöglich lediglich durch die Vermittlung eines jungen Sekretärs gehen, dessen Berichte und dessen ganzes Verhalten gar zu sehr darauf hindeuteten, daß sein Charakter ebenso fragwürdig wäre wie seine finanzielle Integrität. Auffällig sei die neuerdings aus allen Eckardsteinschen Telegrammen hervorgehende Tendenz, uns Angst zu machen vor einem plötzlichen Rückzug der Engländer aus dem nördlichen Ostasien unter Preisgabe aller dortigen britischen Interessen. Unterstützt durch die britische Flotte, wären die Japaner augenblicklich den Russen in Ostasien entschieden überlegen. Das Bestreben, uns für englische Zwecke gegen Rußland vorzuschieben, sei bei der Tientsin-Angelegenheit sehr deutlich zutage getreten. Bei dem Mandschurei-Abkommen hätte Lansdowne die Miaotao-Inseln als von Rußland beansprucht erwähnt, während in dem Telegramm des englischen Gesandten Satow dieser den Zugang zum Golf von Petschili beherrschenden Inselgruppe mit keinem Wort Erwähnung geschehe. Der damalige Dezernent für England, der seit jeher anglophile Prinz Lichnowsky, der spätere Botschafter in London, faßte seine Ansicht am Schlüsse eines Promemorias in die Worte zusammen: „Angesichts ihrer Lage in Südafrika, des momentan schwierigen Standes ihrer Finanzen, der Zwangslage, in der wir uns durch die Entsendung des Grafen Waldersee befinden, der antirussischen Auslassungen und Reden Seiner Majestät in England und der in London genau bekannten, durch solche kaiserliche Reden hervorgerufenen ungünstigen Stimmung für uns an der Newa wäre es geradezu naiv, wenn die englischen Staatsleiter nicht versuchen wollten, uns, ohne sich selbst zu engagieren oder gar ernstlich zu binden, gegen Rußland vorzuschieben." XXXIII. KAPITEL Eintreffen des Königs Eduard in Kronberg • Seine Eindrücke während seiner Fahrt durch Deutschland ■ Miß Charlotte Knollys zu Bülow • Kaiserbesuch in Bremen (5. III. 1901) • Exzentrische Rede des Kaisers beim Alexander-Regiment • Brief des Großherzogs Friedrich von Baden über die Rede • Die verfahrene Kanalvorlage • Demission des Finanzministers von Miquel, sein Nachfolger Freiherr von Rheinbaben • Geburtstag des Kaisers Nikolaus, Rede Wilhelms II. in Metz • General Bonnal in Metz • Die Enthüllung des Bismarck-Denkmals in Berlin (16. VI. 1901) • Bülows Gedächtnisrede. Wilhelm IL, Herbert Bismarck • Der Prophet Jeremias über das menschliche Herz. Einigung mit dem bayrischen Finanzminister Riedel über den Zolltarif • Peter Spahn, Ernst Bassermann, der Bund der Landwirte, Graf Limburg-Stirum Die sterbende Kaiserin Friedrich wünschte lebhaft, ihren ältesten Bruder noch einmal zu sehen. Als Eduard VII. an das Schmerzenslager seiner Eduard VII. Schwester eilte, war er von rein menschlichen Empfindungen geleitet. in Deutsch- Politisch ist diese Reise des Königs für sein weiteres Verhalten wie für seine land ganze Beurteilung deutscher Verhältnisse von unerfreulicher Wirkung gewesen. Im Gegensatz zu dem theoretisch angelegten Deutschen, der sein Urteil gern aus Büchern schöpft oder auch aus der Tiefe seiner ethischen Überzeugungen, geht der Engländer von der unmittelbaren Anschauung aus. Als der König, von VHssingen kommend, deutschen Boden betrat und den Rhein hinauffuhr, konnte er sich unmöglich dem Eindruck verschließen, daß der englandfeindliche Burentaumel in Deutschland zu einem wirklichen Paroxismus geworden war. Die Polizei hatte Mühe, auf den Stationen, wo der Zug haltmachte, den königbehen Waggon durch sorgsame Überwachung und strenge Absperrung vor Insulten zu schützen. Kein politischer Kordon konnte verhindern, daß an vielen Stationen rohe Schmähungen gegen England und den König an das Ohr Eduards VII. drangen. Um dieselbe Zeit war in «dien Zeitungen zu lesen, daß in Heidelberg harmlose deutsche Korpsstudenten, die Fußball spielten, von Arbeitern für Engländer gehalten und als solche verprügelt worden waren. Als der König, der am 25. Februar 1901 in Friedrichshof angekommen war, zum Besuch des Kaisers in Homburg eintraf, war er in sehr ernster Stimmung. Mir sagte er: „Sie haben es schwer. Die Leute sind hier ja wie verrückt. Um so mehr erkenne ich an, wie Sie für ein gutes Verhältnis zu DER FELDZUGSPLAN PURER NONSENS 517 England überall, auch im Reichstag eingetreten sind. Lassen sich die Leute Unterredung in Deutschland denn gar nicht beruhigen ? They seem to have a crack, they mü are like mad." Am nächsten Tage hatte ich eine Unterredung mit der lang- Mi ß Kn °Uy s jährigen Hofdame der Königin Alexandra von England, Miß Charlotte Knollys, mit der ich seit vielen Jahren befreundet war. Mit dem praktischen Sinn ihres Volkes sagte sie mir: „Was helfen denn alle neuerlichen Zärtlichkeiten zwischen dem Onkel und dem Neffen, was helfen auch alle Bemühungen der beiderseitigen Minister, wenn die Völker sich wie Hund und Katze gegenüberstehen? Der Kaiser sagt immer, in Deutschland käme es nur auf ihn an, und alles müsse sich seinem Willen beugen. Ich glaube aber, daß, wenn das \olk in Deutschland auch nicht so mitspricht wie in England, man doch mit ihm rechnen muß. Ihre Leute sind ja viel antienglischer, als sie antifranzösisch oder gar antirussisch sind. Ich sehe hinter allen Liebeserklärungen des Kaisers und Ihren gewiß ehrlichen Bemühungen, ein näheres Verhältnis zu England herbeizuführen, als realen Faktor ein Volk von fünfzig Millionen, das unser schlimmster Feind in der Welt ist. Und was den Kaiser angeht, so wissen Sie, daß ich ihn persönlich gern mag, sehr gern sogar. Er ist so unterhaltend, so lebendig, so natürlich, he is really a good fellow, a very good fellow all around. Aber, Hand aufs Herz, ist Verlaß auf ihn ? Sprechen wir doch ganz offen als alte, gute Freunde, wie wir zusammen sprachen, als Sie noch nicht Kanzler, sondern ein junger Legationssekretär waren. Während des Burenkriegs überfiel Ihr guter Kaiser, God bless him, unseren armen Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, der sich spät zur Ruhe legt und gern bis zehn Uhr schläft, schon um 8 Uhr früh, setzte sich an sein Bett und ruhte nicht, bis Lascelles ein Telegramm aufsetzte, das einen vom Kaiser entworfenen Feldzugsplan gegen die Buren enthielt, der angeblich der sichere Schlüssel zur Vernichtung dieser Leute sein sollte, unter uns gesagt aber a pure nonsense war. Lascelles mußte das Telegramm, das einen im gleichen Sinn gehaltenen Brief Ihres Kaisers an unsere Königin erläutern und in seiner Wirkung verstärken sollte, sofort abgehen lassen. Hinterher hatte er dann die Pflicht, bei Regenwetter den Kaiser in Pyjama und Slippers bis an seinen Wagen und in die Wilhelmstraße zu begleiten. Einige Zeit 6päter schrieb der Kaiser seinem Onkel, wenn ein Birminghamer Football-Club von einem Glasgower Football-Club besiegt worden wäre, brüte er nicht Rache, sondern man schüttle sich die Hand. So möchten es die Engländer nach den von ihnen in Südafrika erlittenen Schlappen auch machen. Der König antwortete seinem Neffen, daß der Krieg, den ein großes Reich führe, kein Football-Match sei. Ich will gern zugeben, daß Sie und Ihre Regierung ein gutes Verhältnis zu England wünschen. Aber Ihr Kaiser ist unberechenbar, und Ihr Volk, ein Volk von fünfzig Millionen, haßt uns." 518 EIN EISENSTÜCK Für den 5. März hatte der Kaiser seinen Besuch in Bremen angesagt. Wilhelm II. Bei seinem ausgesprochenen Interesse für Handel und Schiffahrt fühlte in Bremen s j c h "Wilhelm II. in den Hansestädten besonders wohl. Zwischen Hamburg und Bremen bestand seit alter Zeit, deutscher Art entsprechend, eine gewisse Eifersucht. In den ersten Jahren nach seiner Thronbesteigung bevorzugte Wilhelm II. die Stadt an der Weser, was er in seiner originellen Weise damit begründete, daß die Bremer Mädchen mit Vorliebe Marineoffiziere heirateten, während die Hamburgerinnen reichen Kaufleuten und wohlhabenden Rittergutsbesitzern, hier und da auch stattbchen Kavallerieoffizieren den Vorzug gäben. Bald aber eroberte auch das mächtige, großartige Hamburg das kaiserliche Herz, und in den letzten Jahren seiner Regierung wurde es seine Lieblingsstadt. Er vergaß aber darüber nicht Bremen, die Stadt, die wie keine andere das Deutschtum in den Osten getragen, die Riga angelegt hatte, deren Schiffe schon im Mittelalter das Mittelmeer befuhren, die am Ausgang des zwölften Jahrhunderts vor Accon den Deutschen Orden gründete und deren verdientes Lob in seinem schönen Liede auf die deutschen Städte Max von Schenkendorf sang: Den Weg hast du bereitet Dem höchsten Christengott, Hast deutsche Art verbreitet, Bis Riga, Nowgorod. Aus mildem Bürgerstande, Aus stillem Bürgerfleiß Erblüht im heil'gen Lande Der Ritterorden Preis. Während der Kaiser auf der Rückkehr von dem durch Wilhelm Hauffs „Phantasien" poetisch verherrbchten Bremer Ratskeller, wo ihm zu Ehren ein Festessen stattgefunden hatte, nach dem Bahnhof fuhr, schleuderte ein Arbeiter ein Eisenstück nach dem kaiserlichen Wagen. Der Kaiser wurde nicht unbedeutend an der rechten Wange verletzt. Es hätte nicht viel gefehlt und das rechte Auge war verloren. Heftig blutend war der Kaiser am Bremer Bahnhof angelangt, hatte aber vollständige Fassung bewahrt. Noch im Laufe der Nacht erhielt ich von ihm ein in den ruhigsten Ausdrücken abgefaßtes Telegramm. Als ich ihn am frühen Morgen am Lehrter Bahnhof abholte, zeigte er keinerlei Erregung und berührte den Vorfall nur kurz und mit freundlichem Gleichmut. Als ich ihn nach dem Schloß begleitete, beauftragte er mich, sobald wir in seinem Arbeitszimmer angelangt waren, an den Ersten Bürgermeister in Bremen zu telegraphieren, daß er dem Vorgang keine Bedeutung beilege und daß seine Liebe und An- Ein bedeutungsloses Attentat DIE AUFLEHNUNG BERLINS 519 känglichkeit für die Bremer Bürgerschaft in keiner Weise darunter leiden würde. Seine Haltung war über jedes Lob erhaben, wahrhaft königlich. Etwa vierzehn Tage später empfing der Kaiser, inzwischen ganz wiederhergestellt, das Präsidium des Abgeordnetenhauses. Der Erste Präsident Rede der damaligen preußischen Volksvertretung, Jordan von Kröcher, besaß des Kaisers alle Fehler, die, oft mit Unrecht, den Junkern nachgesagt werden, aber "^ eT ^ nicht die großen Eigenschaften, die sie tatsächlich besitzen. Er war derb, j^ ascrne aber ohne echten Humor, bauernschlau, aber ohne tiefere Einsicht, emsig bedacht auf Interesse und Wohl seiner Partei und seines Standes, aber ohne die nötige Rücksicht für das Staatsinteresse. Er hat durch seine hochmütige und schnoddrige Behandlung der wenigen Sozialisten, denen es nach und nach gelungen war, trotz des damals sehr beschränkten preußischen Wahlrechts in die Zweite Kammer einzudringen, die Arbeiter gereizt, ohne auf sie Eindruck zu machen. Herr von Kröcher benutzte seinen Empfang durch den Kaiser, um eine Parallele zwischen den Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1878 und dem Vorfall in Bremen zu ziehen, obwohl in. zwischen festgestellt worden war, daß der Bremer Attentäter ein epileptischer, halb oder ganz blödsinniger Mensch war. Die Schlußfolgerung aus der Kröcherschen Parallele war natürlich, daß es geboten sei, ebenso wie dreiundzwanzig Jahre früher, mit Ausnahmegesetzen gegen die sozialistische Bewegung vorzugehen. Das führte zunächst zu einer unerquicklichen Debatte im Abgeordnetenhaus zwischen Eugen Richter und dem Präsidenten von Kröcher, wirkte aber, was schlimmer war, aufreizend und erregend auf den so leicht zu beeinflussenden Kaiser, der am 28. März bei der Einweihung der neuen Kaserne des Kaiser-Alexander-Regiments wieder eine recht exzentrische Rede hielt. Das 1. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Alexander von Rußland bbekte auf eine stolze Vergangenheit zurück. Es hatte im März 1848 gegenüber der damaligen aufständischen Bewegung in vollem Maße seine Schuldigkeit getan, es hatte sich 1870 in der Schlacht von Saint-Privat bei dem Sturm auf Sainte-Marie-aux-Chenes besonders ausgezeichnet. Seine Fahne war die älteste Fahne der Armee. Sie hatte am Tage von Saint-Privat der jüngste Offizier des Regiments, Leutnant von Dewitz, getragen, aus altem pommerschem Geschlecht. Er fiel, die Fahne über sich. An diese heroische Vergangenheit zu erinnern, war des Kaisers gutes Recht, es war sogar seine Pflicht. Er fügte aber hinzu, daß, wenn sich Berlin je wieder in frecher Auflehnung gegen den König erheben sollte, das Alexander-Regiment solche Unbotmäßigkeit und Unverschämtheit nachdrücklichst in die Schranken zurückweisen werde. Er schloß mit der Erklärung: Es lebe ihm ein gewaltiger Verbündeter, der alte, gute Gott im Himmel, der schon seit den Zeiten des Großen Kurfürsten und des Großen Königs stets auf unserer Seite gewesen wäre. Der Eindruck dieser Rede im 520 DIE DROHENDE GEFAHR In- und Ausland war deplorabel. Der streng konservative, kireklich- orthodoxe „Reichsbote" wies warnend darauf hin, daß der größte Feind der Autorität ihre Uberspannung sei. Die Autorität Kaiser Wilhelms I. habe darauf beruht, daß er gegenüber seinen Ratgebern Selbstbeherrschung, in allem Vernunft und weise Zurückhaltung walten ließ. Fürsten, die solche Bescheidenheit vermissen keßen, pflegten an den Realitäten des Lebens zu scheitern und schließlich auf eine unglückliche Regierung zurückzusehen. Harte und leider prophetische Worte. Die „Times" sprach in einem ernsten Artikel die Besorgnis aus, daß durch den Bremer Vorfall das seeüsche Gleichgewicht des Kaisers gestört sein müsse, wenn er solchen „nonsense" rede. Andere englische und amerikanische Blätter sprachen von „moral insanity". Die französische Presse erging sich in ridikülisierenden und persiflierenden Betrachtungen. Ich legte den Artikel des leitenden englischen Blatts dem Kaiser an erster Stelle vor, da ich wußte, daß die Auslassungen der Londoner Presse ihm einen stärkeren Eindruck machten als deutsche Zeitungsartikel. Auch die amerikanischen und französischen Presseurteile ersparte ich ihm nicht. Wenige Tage später erhielt ich einen Brief des Großherzogs Friedrich Briefe des von Baden, in dem es hieß: Er müsse mir bekennen, daß ihm die Lage Großherzogs unserer deutschen öffentlichen Verhältnisse einen Höhepunkt in der Ge- von Baden f^j. gleicht zu haben scheine, der uns zwinge, nötige Schutzmittel für die Zukunft vorzubereiten. Die Reden des Kaisers bildeten die Gefahr, die er als eine drohende bezeichnen müsse. Alle kaiserbchen Reden sollten vorher dem Reichskanzler vorgelegt w T erden, so daß Korrekturen und etwaige Müderungen eingeschaltet werden könnten. Andernfalls sei Herabsetzung der Autorität der Krone, Schädigung ihres Ansehens, allmähbche Erschütterung der monarchischen Ordnung im gesamten Reich, endüch auch eine ungünstige Beurteilung des Deutschen Reichs durch das Ausland und damit eine Schwächung des Vertrauens in Deutschlands Macht und Stärke zu besorgen. Kaiserliche Reden an die Truppenteile sollten überhaupt nicht veröffentlicht werden. Die Rede an das Alexander-Regiment hätte in den weitesten Kreisen tiefgehende Verstimmung hervorgerufen, und zwar gerade in den höheren und erfahrenen Schichten. Gerade weü er, der Großherzog, die Fähigkeiten des Kaisers hochschätze, wünsche er, daß das Oberhaupt des Reichs außerhalb der Diskussion bleibe. Nachdem der Großherzog den Kaiser bei dessen Durchreise durch Karlsruhe gesprochen hatte, schrieb er mir am 18. Mai 1901: Er danke mir zunächst für die vertrauensvollen Darlegungen, die er inzwischen von mir erhalten habe und durch die er einen vollständigen Einbbck in die Wege erhalten hätte, die ich zu gehen gesonnen sei. Aus den Äußerungen des Kaisers ihm gegenüber hoffe er zu seiner Freude annehmen zu können, daß der Kaiser meinen Vorstellungen und DAS SPIEL MIT DER KANALVORLAGE 521 Ratschlägen künftig besser folgen werde. „Das wird nur gute Folgen haben können und die öffenthche Diskussion wesentlich vermindern." Über die auswärtige Politik schrieb der erfahrene und weise Großherzog, der Kaiser habe sich ihm gegenüber mit großer Gereiztheit über die russische Politik ausgelassen und den Zaren sehr ungünstig beurteilt. Er, der Großherzog, sei überzeugt, daß ein möglichst vertrauensvolles Zusammengehen mit England gewiß geboten sei, wir müßten aber vermeiden, in Abhängigkeit von England zu geraten. Über dem Ausbau der Flotte dürfe die Verstärkung des Heeres nicht versäumt werden. Gute Beziehungen zum russischen Kaiser wären sehr zu wünschen, denn sie stärkten die Möglichkeit, unsere eigenen Interessen erfolgreich zu fördern. Deshalb, fügte der liberal eingestellte Großherzog hinzu, beklage er die ungemeine Schärfe des Kaisers gegenüber dem Zaren und Rußland, denn die politische Klugheit dürfe nicht übersehen, daß die engbsche Politik noch mehr als die jeder anderen Macht nur und allein das eigene Interesse kenne. Der Großherzog, der es bitter empfunden hatte, daß der Kaiser seine Bitte, seinem Sohn, dem vortrefflichen und tüchtigen Erbgroßherzog, das vakante Generalkommando des 14. Armeekorps zu übertragen, noch dazu in verletzender und unfreundlicher Form, abgelehnt hatte, schloß mit den Worten: „Inzwischen ist mein Sohn schwer erkrankt, und so konnte er die Enttäuschung nicht erfahren. Mein Lebensabend ist zu freudloser Arbeit umgestaltet, und die treue Pflichterfüllung ist mit Opfern verbunden. Immerhin muß tapfer gearbeitet werden, und solange mir Gott die Kraft gnädig gewährt, werde ich ihm dienen und mich dem Wohl des Landes widmen. Wiederholt danke ich Ihnen für das mich hoch erfreuende Vertrauen, das Sie mir in so freundlicher Weise widmen und das mich immer wieder ermutigt, demselben nach Kräften zu entsprechen. Ich tue das um so lieber, da ich weiß, wie schwere Arbeit auf Ihnen lastet. Bewahren Sie mir auch fortan Ihr Vertrauen und bauen Sie dabei auf die treuen Absichten des in Dankbarkeit Ihnen sehr ergebenen Friedrich Großherzog von Baden." Im Mittelpunkt der innerpreußischen Politik stand seit Jahr und Tag die Kanalvorlage. Ich habe bei der Besprechung der Kanalkrisis von 1899 Schlie schon darauf hingewiesen, wie gründlich verfahren diese Angelegenheit des war, in der alle recht und alle unrecht hatten oder umgekehrt niemand ganz ^ reu ß recht und niemand ganz unrecht. Der Kaiser und die kanalfreundlichen Parteien hatten recht, wenn sie im wirtschaftlichen Interesse des Landes den Ausbau unseres Kanalnetzes forderten. Die Gegner hatten recht, wenn sie Front machten gegen die autokratische Art und Weise, mit der Wilhelm II. seine Pläne durchzusetzen suchte. Der Kaiser hatte unrecht, wenn er die Angelegenheit in der Art von Friedrich Wilhelm I. betrieb, teils weil er weit davon entfernt war, ein Friedrich Wilhelm I. zu sein, teils auch weil 522 EINE UNERWARTETE ERÖFFNUNG sich die Zeiten inzwischen erheblich geändert hatten. Die Gegner der Kanalprojekte hatten sehr unrecht, wenn sie aus übertriebener Furcht vor der Einführung fremdländischen Getreides, aus agrarischer Eifersucht gegen die Industrie und bis zu einem gewissen Grade aus Eifersucht des Ostelbiers auf den reicheren Westen den Bau neuer Kanäle zu verhindern trachteten. Ich hatte, als ich mich am 9. Januar 1901* dem Preußischen Abgeordnetenhaus als Ministerpräsident vorstellte, alle Teile des Hauses vor Kurzsichtigkeit und Selbstsucht gewarnt. Ich hatte zur Einigkeit aufgefordert zwischen dem Westen mit seiner alten Kultur, seiner mächtig entwickelten Industrie, seiner Regsamkeit und seinen Hilfsquellen und dem Osten, der Wiege der preußischen Monarchie, der unserem Beamtentum und unserer Armee seinen starken, seinen großen Stempel aufgedrückt hat. Als ich die Wohlfahrt der gesamten Volkswirtschaft, das Wohl der ganzen Monarchie als meinen Leitstern bezeichnete, fand ich einen in diesem Hause seltenen stürmischen Beifall. Aber als es sich darum handelte, vom Bravorufen und Händeklatschen zu Taten überzugehen, hörte die Begeisterung auf. Die Beratungen in der Kommission rückten nicht vorwärts, das Feilschen nahm kein Ende. Es blieb nichts anderes übrig, als die ganze Frage auf ein anderes Geleise zu schieben. In einer von mir zu diesem Zweck angesetzten Sitzung des Staatsministeriums führte ich aus, daß dem grausamen Spiel in der Kanalfrage ein Ende gemacht werden müsse. Selbst für den Fall, daß das Herrenhaus die im Abgeordnetenhaus verstümmelte Vorlage wiederherstellen sollte, was nicht einmal sicher sei, könne im Abgeordnetenhaus mit einiger Sicherheit nur auf die Annahme eines Teils des Mittellandkanals gerechnet werden. Unter solchen Umständen hätte ich von Seiner Maj estät die Zustimmung zur Schließung des Landtags erbeten und erhalten. Im ausdrücklichen Auftrage Seiner Majestät hätte ich allen beteiligten Ministern, namentlich dem Herrn Vizepräsidenten von Miquel, die Allerhöchste Anerkennung für die vortreff liehe Vertretung der Kanalvorlage auszusprechen. Diese unerwartete Eröffnung wirkte auf meine Herren Kollegen in ver- Für Miquel schiedenartiger Weise. Der Landwirtschaftsminister von Hammerstein und Rheinbaben 3k v 7'L / ..fr, tjLtt( JJ-/ ^J^q, &t^C^^*^st+*S'**-*J a£ t^tc^***?* Zi- t/*i~*t- c y/' ^ߣM i/^M^^j r>- BÜLOWS REDE AUF BISMARCK 529 diger und klarer als in den Tagen, wo Fürst Bismarck unter uns weilte. Sein gigantischer Schatten wird wachsen, je weiter der Lebenstag des deutschen Volkes vorrückt und je mehr das nationale Urteil ausreift. Bismarck hat ausgeführt und vollendet, was seit Jahrhunderten das Sehnen unseres Volkes und das Streben unserer edelsten Geister gewesen war, was die Ottonen und Salier und Hohenstaufen vergeblich angestrebt hatten, was 1813 den Kämpfenden als damals nicht erreichter Siegespreis vorschwebte, wofür eine lange Reihe Märtyrer der deutschen Idee gekämpft und gelitten hatten. Und er ist gleichzeitig der Ausgangspunkt und Bahnbrecher einer neuen Zeit für das deutsche Volk geworden. In jeder Hinsicht stehen wir auf seinen Schultern." Ich schloß: „Dort vor uns liegt die Siegesallee. Wenn diese stolze Straße von den Nürnberger Burggrafen bis zum großen Deutschen Kaiser führt, so verdanken wir es in erster Linie dem Genius des Mannes, dessen Bild in Erz sich jetzt vor unseren Blicken enthüllen soll, seinem heldenhaften Mut, seiner Arbeit für die Dynastie. Möge des großen Mannes Name als Feuersäule vor unserem Volke herziehen, möge sein Geist für immer mit uns sein." Meine Frau war bei der Feier zugegen. Ich wünschte im allgemeinen nicht, daß sie den Sitzungen des Parlaments beiwohnte, wenn die Möglichkeit vorlag, daß ich sprechen würde. Teils wollte ich nicht, daß aus ihrer Anwesenheit im Hause und auf der Journalisten-Tribüne der Schluß gezogen würde, ich werde das Wort ergreifen. Andererseits pflegte ich ihr scherzend zu sagen, ich hätte nicht Lust, mich in ihrem Beisein zu blamieren, und wünsche nicht, durch anzügliche Reden meiner Gegner meinen Nimbus in ihren schönen Augen einzubüßen. An der Feier für Bismarck wollte sie aber gern teilnehmen, begleitet von dem Chef der Reichskanzlei, Wil- mowski. Als meine Rede sich ihrem Schluß näherte, sagte Wilmowski zu meiner Frau, ich hätte famos gesprochen, sie möge aber ihre Koffer packen, denn diese Rede würde der Kaiser kaum schlucken. Als ich geendigt hatte, kam der Kaiser auf mich zu mit einem so guten und lieben Ausdruck, wie ich ihn selten bei ihm gesehen habe. Er drückte mir lange die Hand und sagte mir: „Ihre Worte haben mich im Innersten ergriffen." Wie unberechenbar war Wilhelm IL! Selbst in Momenten, wo diejenigen, die ihn genau kannten, bei ihm eine Verstimmung erwarteten, konnte der edle Kern seines Wesens plötzlich die Oberhand gewinnen. Dann legte er seinen Arm unter meinen Arm und führte mich zu Herbert Bismarck, drückte auch ihm die Hand und fragte ihn, ob ich nicht gut gesprochen hätte. „Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen ?" klagt Jeremias, der Sohn Hiskias, aus den Priestern zu Anatboth, im Lande Benjamin. Nicht lange vor der Enthüllung des Bismarck-Monuments hatte ich von Herbert Bismarck einen herzlichen Brief erhalten, der mit den Worten 34 Bülow I 530 HERBERT BISMARCK VERSTIMMT schloß: „Daß China Ihren Urlaub verdorben hat, ist beklagenswert. Es kann aber noch manches Beklagenswerte für uns eintreten, wenn Ihre Bremsvorrichtungen einmal unwirksam werden sollten! In alter Treue Ihr Bismarck." Herbert wußte, daß ich seinem Vater immer die Treue gehalten hatte. Er hatte lebhaft meine Ernennung zum Staatssekretär, noch lebhafter meinen Aufstieg zum Reichskanzler gewünscht. Seit langen Jahren verband uns treue Freundschaft. Jetzt erwiderte er dem Kaiser mit verkniffenem Gesicht: „Ichfinde, daßnamentlichLevetzowgut gesprochen hat." Herr Albert von Levetzow auf Gussow in der Neumark, gewesener Landesdirektor der Provinz Brandenburg, Mitglied des Herrenhauses und des Staatsrats, war seit dem Sturz des Fürsten Bismarck in Friedrichsruh unbebebt, fast verhaßt gewesen, weil er 1890 als Präsident des Reichstags nicht den Mut gefunden hatte, der Verdienste des ersten Reichskanzlers nach dessen Verabschiedung mit einigen Worten im Reichstag zu gedenken. Bei der Denkmalsenthüllung am 16. Juni 1901 hatte er vor meiner Rede eine banale, farblose Ansprache gehalten, in der nur von Seiner Majestät und den Hohenzollern die Rede war. Als Herbert Bismarck ihn im Gegensatz zu mir herausstrich, warf mir der Kaiser einen langen Blick zu, in dem vieles lag. Dann lud er mich zum Frühstück im Schlosse ein, zu dem er auch den Feldmarschall Loe befohlen hatte und wo er mir in dessen Gegenwart noch einmal seine Befriedigung aussprach. Der Großherzog Friedrich von Baden, der mit Bismarck manche, bisweilen gereizte und selbst heftige Auseinandersetzung gehabt hatte, bei denen der große Bismarck nicht immer im Recht gewesen war, dankte mir in einem herzlichen Telegramm für meine „wunderschöne" Rede, die ein wertvolles Geschenk für die Nation wäre, für deren Denken und Empfinden sie leitend und fördernd wirken möge. Ich zeige, daß Wollen Können erfordere. Dagegen bielt Herbert Bismarck einige Tage später in einer konservativen Versammlung in Stendal, der Wiege des Bismarckschen Geschlechts, eine Rede, in der er sehr gereizt, sehr bissig sich gegen mich wandte, weil ich vor dem Denkmal seines unsterblichen Vaters erklärt hatte: Wir stünden in jeder Hinsicht auf dessen Schultern, aber nicht in dem Sinne, als ob es vaterländische Pflicht wäre, alles zu billigen, was Bismarck gesagt und getan hätte, denn nur Toren und Fanatiker würden behaupten wollen, daß Fürst Bismarck niemals geirrt hätte. Wir huldigten Bismarck aucb nicht in dem Sinn, als ob er Maximen aufgestellt hätte, die nun unter allen Umständen, in jedem Falle und in jeder Lage blindlings anzuwenden wären. Starre Dogmen gäbe es weder im politischen nocb im wirtschaftlichen Leben, und gerade Fürst Bismarck habe nicht viel von der Doktrin gehalten. So sind die Scbüler oft unduldsamer als der Meister. Richard Wagner sagte einmal zu meiner Frau: „Meyerbeer hat einige sehr scböne Sachen komponiert. Das dürfen Sie DIE ZOLLPOLITIK 531 aber nicht den Wagnerianern sagen, die würden Ihnen die Augen auskratzen." Einige Wochen vor meiner Bismarckrede hatte ich einer geheimen Beratung der höheren Beamten der zuständigen Reichsressorts und der Beratungen größeren Bundesstaaten über unsere Zollpolitik präsidiert, an der von über den preußischer Seite Posadowsky, Wermuth, Thielmann, Richthofen, Mühl- ZolUari f berg, Körner, Rheinbaben, Podbielski, Kapp, Möller, von den bundesstaatlichen Ministem Riedel, Feilitzsch, Metzsch, Rüger, Buchenberger, Rothe teilnahmen. Bevor die Diskussion begann, einigte ich mich mit dem bayrischen Fmanzminister Riedel in einem nicht allzu langen Gespräch, das wir unter vier Augen in einer Fensternische des Bundesraatssaales führten, endgültig über nachstehende Leitsätze: 1. Der Zolltarif müsse eine Gestaltung bekommen, die das Zustandekommen von Handelsverträgen nicht ausschlösse. 2. Doppelsätze sollten für möglichst wenige Warengattungen aufgenommen werden. 3. Die Zollsätze für Brotgetreide könnten auf etwa fünf bis sechs Mark erhöht werden, ohne daß die Volksernährung dadurch gefährdet würde. 4. Eine Differenzierung des Weizen- und Roggenzolls wäre wünschenswert, um mit Rußland zu einem Handelsvertrag zu kommen und dadurch die Mauer zu durchbrechen, die sich sonst um uns schließen könnte. 5. Der Gerstenzoll dürfe nicht so hoch bemessen werden, daß er zu einer erheblichen Erhöhung der Bierpreise führe. 6. Die Vieh- und Fleischzölle dürften unter gar keinen Umständen so hoch gegriffen werden, daß die Ernährung der Arbeiterbevölkerung in den großen Städten verteuert würde. Hier wären hohe Zollsätze besonders bedenklich und gefährlich. Auf dieser Grundlage erfolgte die Ausarbeitung des Zolltarifs, der im Dezember desselben Jahres eingebracht werden sollte. Ich war mir von Anfang an darüber klar gewesen, daß, wenn einerseits der Landwirtschaft der notwendige Schutz gewährt, andererseits aber auch die Möglichkeit nicht verbaut werden sollte, zu neuen Handelsverträgen zu gelangen, der künftige Zolltarif aus einer Verständigung zwischen Zentrum, Nationalliberalen und Konservativen hervorgehen mußte. Das Rückgrat einer solchen Koalition konnte nur das Zentrum bilden, das nach seiner ganzen Struktur einen Mikrokosmos der deutschen wirtschaftlichen Verhältnisse darstellte. In seinen Reihen fanden sich Landwirte, Industrielle und Gewerkschaftssekretäre vereinigt. Es wurde durch seine Natur auf die Politik der Diagonale hingewiesen, die ich selbst verfolgte und die dem Interesse des Landes entsprach. Daß ich während der langen und erbitterten Kämpfe um den Zolltarif bei der Zentrumspartei einen nie versagenden Rückhalt fand, war auch der Die Haltung Umsicht und Klugheit zu verdanken, mit der die Fraktion von dem Ab- der Parteien geordneten Spahn geführt wurde. Peter Spahn war nicht das, was man einen 34* 532 EXTREME AGRARIER Charmeur nennt. Wie er kein hinreißender Redner war, vielmehr trocken und mit kaum verständlicher Stimme sprach, so fehlte ihm auch im persönlichen Verkehr das Gewinnende. Aber er war ein durch und durch ehrenhafter Mann, von hervorragender Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, dazu ein ausgezeichneter Jurist. Er hatte auch zu lange der näheren Umgebung von Windthorst angehört, um nicht zu wissen, daß die Politik die Kunst des Möglichen ist und daß hinsichtlich der Mittel, durch die das grundsätzlich festgestellte Ziel erreicht werden soll, nicht ohne einen gewissen Opportunismus Erfolge erzielt werden können. Gewiß gab es in der Zentrumsfraktion auch unbedeutende, ja einfältige Mitglieder, aber die Partei als solche hatte doch einen Hauch des Geistes verspürt, der seit Jahrhunderten die Stärke und den Erfolg der Politik der römischen Kurie ausmacht. Die Nationalliberalen zeigten gegenüber dem Zolltarif die zwei Seelen, die nach einem bekannten Scherz von Eugen Richter in ihrer Brust wohnten: Die Mehrheit wünschte mit der Schwerindustrie möglichst hohe Zölle, die Minderheit neigte zum Asphalt-Liberalismus der Freisinnigen. Es war das hohe Verdienst des Abgeordneten Bassermann, daß er trotz einiger kleiner Schwankungen unter Absplitterung von einer oder zwei Stimmen die Partei auf der richtigen Linie hielt. Das Gros der Konservativen, darunter Graf Hans Kanitz und Graf von Der Bund Schwerin-Löwitz, zwei gleich patriotische und gleich einsichtige Männer, der Landwirte stand mir treu zur Seite. Der Bund der Landwirte aber glich den Kindern, die schreien, um noch mehr Pflaumen zu bekommen, auf die Gefahr hin, sich gründlich den Magen zu verderben. Der verständigste in ihren Reihen war der Vorsitzende des Bundes, der Freiherr Konrad von Wangenheim, ein aufrechter Mann und nobler Charakter. Bei Dr. Gustav Roesicke überwog der parteipolitische Gesichtspunkt schon in bedenklichem Grade. Der Bruder dieses Agrarierhäuptlings gehörte gleichfalls dem Reichstag an, hatte sich aber der Freisinnigen Volkspartei angeschlossen. Beide Klopffechternaturen. Das galt erst recht von Dietrich Hahn, der sich vom Beamten der Deutschen Bank zum Wanderredner des Bundes der Landwirte, vom ausgesprochenen Freihändler zum outrierten Agrarier entwickelt hatte. Lord Beaconsfield hat einmal geäußert, daß ohne gelegentliche Intrigen ein Staatsmann kaum größere Erfolge erzielen könne. Bismarck drückte den gleichen Gedanken mit den Worten aus: „Nur die Dummen wissen nicht, wie es gemacht wird." Es kam mir vor allem darauf an, daß die extremenAgrarier mit ihrem Unverstand nicht meine guten Absichten für die Landwirtschaft vereitelten. Zu diesem Zweck mußten sie in die Defensive gedrängt, d. h. gezwungen werden, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, viel zu viel zu verlangen. Sie durften nicht in der Lage sein, auch nur mit einem Schein von EIN TRICK 533 Gutgläubigkeit und Glaubwürdigkeit der Regierung Mangel an Entgegenkommen für die Interessen der Landwirtschaft vorzuwerfen. Um dies zu erreichen, gHssierte ich unter der Hand in ein demokratisches süddeutsches Blatt die Notiz, daß allen denjenigen eine herbe Enttäuschung bevorstehe, die einen maßvollen Zolltarif erwartet hätten. Nach dem, was über den künftigen Zolltarif verlaute, wären die weitestgehenden Besorgnisse hinsichtlich einer allgemeinen Verteuerung der Volksernährung und einer gleichzeitigen ernsten Störung aller unserer Handelsbeziehungen nur zu sehr gerechtfertigt. Es folgten einige ad hoc ausgesuchte und zugespitzte Angaben über die von der Regierung „leider" in Aussicht genommenen „exorbitanten" Agrarzölle. Bald nachher ließ ich in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erklären, daß, nachdem „durch eine bedauerliche Indiskretion" ein Teil des Zolltarifentwurfs bekanntgeworden wäre, ich die Zustimmung der Bundesregierung zur amtlichen Publikation eingeholt hätte, die sodann erfolgte. Nun erhob sich in der ganzen linksstehenden Presse ein fürchterliches Geschrei. Die demokratischen Blätter tobten wegen der gesetzlichen Bindung der Mindestzölle, die sozialistischen drohten mit Obstruktion. Der „Vorwärts" erklärte, der Zolltarif ginge weit über jedes Maß hinaus, das selbst die pessimistischsten Beurteiler des Kanzlers Bülow erwartet hätten. Auch die mildere Tante Voß sah das Ende der Handelsvertragspolitik, die völlige wirtschaftliche Isolierung Deutschlands gekommen. Das agrarische Hauptorgan, die „Deutsche Tageszeitung", suchte den Hieb zu parieren, indem sie behauptete, der von der Regierung beabsichtigte Zolltarif könne selbst die bescheidensten Landwirte nicht zufriedenstellen. Sie fand aber damit wenig Glauben und nicht viel Anklang. Die Stimmung war für sie verdorben, die Situation verschoben. Die extremen Agrarier waren, wie ich das beabsichtigt hatte, aus der Rolle des mit einigem Recht klagenden Hungerleiders in die des nie zu befriedigenden Nimmersatts versetzt worden. So wurde es dem Führer der Konservativen, dem Grafen Stirum, erleichtert, seine Partei zusammenzuhalten und vor einer selbstmörderischen Opposition gegen den Zolltarifentwurf zu bewahren, die für die Konservativen ebenso verderblich gewesen wäre wie für die Landwirtschaft. Die Führung des Grafen Stirum war vom Staatsinteresse inspiriert und in ihren Zielen eine staatsmännische. Acht Jahre später wurde die konservative Partei von Herrn von Heyde- brand, der über parteipolitischen Erwägungen das Staatsinteresse vergaß, in eine Richtung gedrängt, die Preußen, die dem Reiche und die schließlich auch der Partei selbst schwere Wunden schlagen sollte. XXXIV. KAPITEL Kaiser Wilhelm am Sterbelager der Kaiserin Friedrich • Ihr Tod (5. VIII. 1901) • Graf Götz von Seckendorff • Charakteristik der Kaiserin Friedrich • Graf Waldersees Rückkehr aus China • Zusammenkunft Wilhelms II. mit Nikolaus II. in Heia • Ungenügende Dekorierung des russischen Ministers des Äußern • Wilhelm II. in Rominten • Eulen- burgs Schilderung des dortigen Aufenthalts • Prinz Heinrich beim Zaren in Spala • Verlobung des Prinzen Max von Baden mit der Großfürstin Helene Wladimirowna • Denkmalsenthüllungen in der Siegesallee • Wilhelms II. Stellung zu den schönen Künsten Heimgang der Idealistin Malvida von Meysenbug und des Königs Albert von Sachsen [7~ aiser Wilhelm II. hatte, hevor er die Nordlandreise antrat, dem JLx. Professor Renvers, dem großen Arzt, der bei der Kaiserin Friedrich ein Krebsleiden diagnostizierte und seitdem bemüht gewesen war, mit seiner hervorragenden ärztlichen Kunst und der ebenso seltenen Güte seines Herzens der armen Frau jede mögliche Erleichterung zu verschaffen, das Versprechen abgenommen, er werde ihn rechtzeitig benachrichtigen, wenn die Tage seiner Mutter sich dem Ende zuneigen sollten. Sobald der Kaiser ein dahingehendes Telegramm erhalten hatte, trat er von Norwegen die Rückreise nach Deutschland an. Ich fuhr ihm nach Kiel entgegen. Der Kaiser war schmerzlich bewegt, er war vor allem in hohem Grade erregt. Er überhäufte seine arme Frau, die ihn mit mir in Kiel erwartete, mit Vorwürfen, daß sie nicht am Krankenbette ihrer Schwiegermutter weile, die dies gar nicht gewünscht hatte. Er wurde nur allmählich durch die Herzogin Karoline Mathilde von Glücksburg beruhigt, die ältere Schwester der Kaiserin Auguste Viktoria, ebenso wie diese eine gute und verständige Frau. Der Kaiser stieg mit mir im Homburger Schloß ab, dann begab er sich nach Schloß Friedrichshof und blieb dort bis zum Tode der Mutter, die unsäglich litt. Sie starb, gestützt von Renvers, der keinen Augenblick vom Krankenbett wich, und von ihrem Sohn, am 5. August 1901. Am nächsten Morgen unternahm der Kaiser mit mir einen längeren Spaziergang im Schloßgarten von Homburg. Er erzählte mir, daß seine Mutter bestimmt habe, ihre Leiche solle unbekleidet in eine enghsche Flagge, den Union- Jack, eingewickelt und so in den Sarg gelegt werden. Sie hatte auch angeordnet, daß der Sarg nach England überführt und dort beigesetzt werden solle. Der Kaiser fand meine Zustimmung, als er der Ansicht Ausdruck gab, DIE PRINCESS ROYAL 535 daß er mit Rücksicht auf die Empfindungen des deutschen Volkes und auf die Würde unseres Volkes diese Wünsche seiner Mutter nicht erfüllen dürfe. Sie wurde einige Tage später in der Friedenskirche in Potsdam beigesetzt. Ich kenne kaum ein tragischeres Schicksal als das der Kaiserin Friedrich. Aufgewachsen als Princess Royal of Great-Rritain and Ireland, als älteste Tochter der Königin Victoria, in allem Glanz des englischen Hofes, umgeben nicht nur von der Zärtlichkeit ihrer Eltern und Geschwister, sondern auch von der ungeheuren Volkstümlichkeit des englischen Königtums, hatte sie die glücklichste Jugend genossen. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters, des Prince-Consort Albert, der ihr seine Anschauungen über Welt und Politik von früh auf eingeprägt hatte. Es waren die Anschauungen des gemäßigten Liberalismus der fünfziger Jahre, aber natürlich mit starkem englischem Einschlag. Obwohl Prinz Albert von Koburg in England im Grunde nicht behebt war, fühlte er sich mit der Assimilationsfähigkeit des Deutschen doch als Engländer und als solcher erhaben über seine deutschen Verwandten und Landsleute. Er schärfte seiner ältesten Tochter, als sie nach ihrer Vermählung die Reise nach Deutschland antrat, vor allem ein, sie möge nie vergessen, daß sie die älteste Tochter der Königin von England und Princess Royal von Großbritannien wäre. Erst in zweiter Linie durfte sie daran denken, daß sie auch Kronprinzessin von Preußen geworden war. Es ist möglich, daß, wenn Prinz Albert länger gelebt hätte, er seine Anschauungen insbesondere über preußische und deutsche Verhältnisse revidiert hätte. So aber blieb die Tochter nach dem schon 1861, kaum drei Jahre nach ihrer Vermählung erfolgten Tode ihres von ihr angebeteten Vaters auf dem Standpunkt stehen, den dieser ihr eingeprägt hatte. In Berlin und noch mehr in Potsdam fand sie alles ärmlich und kleinlich, verglichen mit Windsor und Osborne. Es gab in den preußischen Palais damals kaum Badezimmer. König Wilhelm I. wurde zweimal in der Woche sein Bad in einer mit einem weißen Laken bedeckten Wanne aus dem Hotel de Rome in sein Palais gebracht. Als die junge englische Prinzessin beim Breakfast nach einem Eierbecher verlangte, erwiderte der Lakai mit verlegenem Lächeln, die „Herrschaften" hätten die Gewohnheit, die Eier in ein Kognakgläschen zu stecken. Und gar die W. C. ließen alles zu wünschen übrig. Selbstbewußt und eigensinnig, wie sie von Natur war, wußte die damalige Prinzeß Friedrich Wilhelm von Preußen sich nicht mit ihren Schwiegereltern zu stellen. Um so besser gelang es ihr bald, starken Einfluß auf ihren edlen, herzensguten, tapferen und dabei milden Mann zu gewinnen. Der spätere Botschafter von Schweinitz, damals Adjutant des Prinzen Friedrich Wilhelm, der dessen Hochzeit beigewohnt hatte, erzählte mir, die Prinzessin habe bei der Abreise von Windsor, nachdem die Abschiedsküsse mit der zurückbleibenden englischen Familie ausgetauscht worden 536 DIE QUEEN UND JOHN BROWN waren, den ihr eben angetrauten Mann unter den Arm genommen und mit einer energischen Bewegung zum Eisenbahncoupe geführt. „So hat sie ihn durch das ganze Leben dirigiert", fügte Schweinitz hinzu. Es wäre ungerecht, nicht hinzuzufügen, daß die Kronprinzessin intellektuell ihrem Mann überlegen war, daß sie weitere Horizonte hatte, weniger Hemmungen, eine raschere Auffassung, eine größere Beweglichkeit des Geistes. Aber obwohl sie ihren Mann zärtlich liebte, hat sie, solange dieser lebte, seine herrlichen Eigenschaften, die Lauterkeit seines Wesens, seine Reinheit, seine Ritterlichkeit, seine vollkommene Furchtlosigkeit, seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, seine rührende Herzensgüte nicht so gewürdigt, wie sie dies hätte tun sollen. Ich möchte schon hier sagen, daß alles, was über eine Neigung der Kronprinzessin für ihren Kammerherrn, den Grafen Goetz Seckendorff, getuschelt wurde, alberner, völlig unbegründeter Klatsch ist. Die Stellung Seckendorffs am kronprinzlichen Hofe beruhte zum kleineren Teil darauf, daß er sich sehr gut auf Haushaltung, Arrangement im Hause, auf Einkäufe von Antiquitäten verstand, auch allerhand dilettantische Liebhabereien der Kronprinzessin für Aquarellieren, Gartenkunst u. ä. teilte. Zum größeren Teil lag das Geheimnis seines Einflusses in der rücksichtslosen, ungenierten Art, mit der er seiner hohen Gebieterin widersprach, was ihm als Aufrichtigkeit und wahre Treue ausgelegt wurde. Ganz ähnlich stand es zwischen der Königin Victoria und dem Leibjäger ihres verewigten, von ihr innig geliebten Gemahls, dem Schotten Brown. Der grobe Freimut, den dieser biedere Landsmann von Walter Scott immer und überall an den Tag legte, bürgte Ihrer Majestät nur für seine unbedingte Zuverlässigkeit. Der Leibarzt der Königin, der von ihr nach Rumänien geschickt worden war, um die damalige Maria von Rumänien zu entbinden, erzählte mir, als wir uns in Sinaja begegneten, wo wir viel zusammen spazierengingen, er sei in London zugegen gewesen, als die Königin nach einem Besuch bei ihrer Schwiegertochter, der Herzogin von Connaught, in ihren Wagen stieg. Hinten auf dem Bock saß John Brown. Die Königin fragte nach ihrem Schal. John Brown entgegnete ihr, sie säße ja auf ihrem Schal, und fügte brummend hinzu, aus Zerstreutheit würde Ihre Majestät wohl nächstens ihren Kopf verlieren. Ruhig und milde entgegnete die Königin: „You are very right. I am a poor widow, >vho lost her dear beloved husband and who feels very helpless." Vollends die Behauptung, die Kaiserin Friedrich habe sich nach dem Tode ihres Gemahls mit dem Grafen Seckendorf? heimlich vermählt, ist eine der albernsten Lügen, die je verbreitet wurden. Der Kammerherr Graf Götz von Seckendorff gehörte einer alten fränkischen Familie an, von der ein Zweig im achtzehnten Jahrhundert über Ansbach und Bayreuth nach Preußen gekommen war. Der berühmteste Sohn des Geschlechts war GRAF SECKENDORFF 537 der Feldmarschall und Reichsgraf Friedrich Heinrich von Seckendorff, der als österreichischer Gesandter in Berlin Friedrich Wilhelm I. so zu kapti- vieren wußte, daß dieser ihm den berüchtigten Vertrag vom 23. Dezember 1728 gewährte, der Preußen in eine Abhängigkeit von Österreich brachte, wie sie erst fast zweihundert Jahre später wieder erreicht werden sollte, als Bethmann Hollweg 1914 Preußen und Deutschland an das Narrenschiff der Wiener Diplomaten fesselte. Der Kammerherr Graf Götz von Seckendorff war Hofmann, aber nicht in dem Sinne, wie uns Baltasar Gracian, der Rektor des Jesuitenkollegiums zu Tarragona, in seinem „El discreto" und in seinen von unserem Schopenhauer übersetzten „Oraculo manual", wie uns Labruyere in seinen „Caracteres" den vollendeten Hof- und Weltmann gezeichnet haben. Das Höfische in Seckendorff zeigte sich in der Art und Weise, wie er alle Verhältnisse und Vorgänge nur vom Standpunkt der Höfe und der Allerhöchsten Familienbeziehungen einschätzte. Obwohl er aus dem 1. Garderegiment hervorgegangen war, fehlte ihm festes preußisches und deutsches Nationalgefühl. Maßgebend für ihn waren die Stimmungen und Wünsche des englischen Hofes, auf die er sich einstellte wie die Magnetnadel im Kompaß auf den Meridian. Das Ziel seiner Wünsche war, deutscher Botschafter in London zu werden, eine Aufgabe, der er in keiner Weise gewachsen war. Als ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllen konnte und durfte, erkaltete seine früher warme Freundschaft und, wie er sich auszudrücken die Güte hatte, seine Bewunderung für mich merklich. Er ist vor dem Beginn des Weltkrieges gestorben, ohne sein Ziel, die Londoner Botschaft, erreicht zu haben. Daß ein Mann, der so viele Jahre der Umgebung der Kaiserin Friedrich angehörte, nicht wirklich und richtig preußisch und deutsch empfand, hat jedenfalls mit dazu beigetragen, daß sie selbst leider niemals eine gute Preußin geworden ist. Deutsch war sie nur, soweit es sich um eine gewisse platonische Zuneigung zu dem alten bescheidenen Deutschland der Biedermeierzeit handelte. Das mächtige Bismarcksche Deutschland hat sie nie geliebt. Daß sie sich nicht mit Bismarck zu stellen wußte, war das Unglück ihres Lebens. Der große Staatsmann hat sich namentlich in der Konfliktszeit bemüht, sich mit ihr zu verständigen, aber alle seine Versuche prallten ab an ihrem Eigensinn, der noch stärker war als der ihrer Mutter, was etwas sagen will. Der Tochter fehlten die praktischen Erfahrungen der Mutter. Sie war nicht wie diese daran gewöhnt worden, daß der fürstliche Wille an den Institutionen des Landes, an seinen Traditionen und an der Staatsräson eherne Schranken finden soll. Die Kaiserin Friedrich hatte einen großen Charme, den zu einem nicht geringen Teil ihr ältester Sohn von ihr geerbt hatte. Es war ein Vergnügen, mit ihr zu diskutieren, auch wenn von vornherein klar war, daß es nie gelingen würde, sie von ihrer vorgefaßten Meinung 538 KAISERIN FRIEDRICH UND IHR ÄLTESTER SOHN abzubringen. Sie malte ganz nett, aber natürlich als Dilettantin. Sie hat meine Frau mehrfach porträtiert. Zwei Porträts hängen in der Villa Malta, eins in Flottbeck, die freilich alle drei gegen die herrlichen Porträts von Makart und Lenbach sehr abfallen. Die Kaiserin Friedrich fragte mich gelegentlich, wie mir die von ihr gemalten Porträts meiner Frau gefielen. Ich erzählte Ihrer Majestät daraufhin, daß ein großer Monarch, Ludwig XIV., le Grand Roi, dem Duc de Saint-Simon einmal ein von ihm verfaßtes Sonett vorgelesen und ihn um sein Urteil ersucht hätte. Der Herzog habe ihm erwidert: „Sire, rien n'est impossible ä Votre Majeste. Vous avez voulu faire un mauvais sonnet, vous avez pleinement reussi." Ich schloß: „Eure Majestät haben ein unähnliches Porträt meiner Frau machen wollen und es erreicht." Die Kaiserin lachte. Weit davon entfernt, meinen Scherz übelzunehmen, fand sie die Antwort des Duc de Saint-Simon entzückend. Die Kaiserin Friedrich wäre unter allen Verhältnissen und in jeder Lebenslage eine ungewöhnliche Frau gewesen. Durch ihren Lebensgang wurde sie eine der unglücklichsten Frauen, die es je gegeben hat. Sie hat Enttäuschungen über Enttäuschungen erlebt. Sie konnte ihre Pläne nicht durchführen. Vor dem Regierungsantritt ihres Mannes sah sie die Jahre kommen und gehen, ohne in das Rad der Geschichte eingreifen zu können. Nach seinem Tode verglich sie sich einmal mir gegenüber mit einem Menschen, der an einem Fluß steht, der teilnahmlos, gleichgültig an ihm vorüberströmt. Die Kaiserin Friedrich hat ihrem ältesten Sohn niemals dessen lieb- und herzloses Benehmen gegenüber seinem sterbenden Vater in San Remo verziehen. Sie hat auch nie die Brutalität vergessen noch vergeben, mit der sie vom Sohn nach dem Tode des Vaters in Potsdam behandelt wurde. Der tiefe Groll, den sie seitdem gegen ihren Erstgeborenen im Busen trug, hatte sich bedauerlicherweise auf ihren Bruder, den König Eduard, übertragen, der seit seiner Kindheit mit seiner ältesten Schwester durch zärtliche Liebe und volles gegenseitiges Vertrauen verbunden war. Politisch war die Kaiserin Friedrich liberal gesinnt, wie sie auch in religiöser Beziehung sehr freien Ansichten huldigte. Würde sie als Kaiserin die Kraft gehabt haben, Reformen im Sinne des vorgeschrittenen Liberahsmus durchzusetzen? Ich möchte diese Frage nicht bejahen. Ich glaube, daß es für einen Reichskanzler, der ihren im Grunde doch sehr weiblichen, impressionablen und ängstlichen Charakter kannte, nicht allzu schwer gewesen wäre, sie dahin zu bringen, daß sie sich darauf beschränkt hätte, Wissenschaft und Kunst in ihrer Weise zu fördern. Den Respekt vor der Wissenschaft hatte Wilhelm II. von ihr geerbt. Auch ihre Neigung, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse nach außen hervortreten zu lassen, obwohl dies bei der Mutter nie in der überhebenden Weise des Sohnes geschah. Jede Art von Prahlerei lag ihr fern. In ihrem Wesen, ihren Manieren war sie bescheiden, beinahe befangen. SCHWIEGERMUTTER UND SCHWIEGERTOCHTER 539 Sie hatte etwas Vornehmeres als ihr ältester Sohn, der aher in gewisser Hinsicht mehr Bon Enfant war als sie, mehr gemütlich im deutschen Sinn. Dafür hatte die Mutter eine tiefere Bildung als der Sohn, auch bessere Manieren. Die Gerechtigkeit gebietet, hinzuzufügen, daß die geistigen Horizonte beider, der Mutter und des Sohnes, weiter gezogen waren als jene, die das Gesichtsfeld der Tiefenbacher der deutschen Republik, der Scheidemann und Wirth, der Preuß und Erzberger, bestimmten. Auf künstlerischem Gebiet dachte die Kaiserin Friedrich spießbürgerhch. Sie zog Händel weit Richard Wagner vor, ließ kaum Beethoven gelten und fand Schillers Lied an die Freude „schrecklich übertrieben, beinahe als ob ein Betrunkener es gedichtet hätte". Ihr Ideal war Tennyson, der Poeta laureatus der Victorianischen Epoche. Für Kunstgewerbe hatte sie lebhaftes Interesse und zweifellos Verständnis und war nicht ohne Erfolg bemüht, in Berlin nicht nur die Möbel, sondern den ganzen Zuschnitt des Lebens in ihrer Weise zu zivilisieren. Der verwandtschaftliche Sinn war bei ihr viel ausgeprägter als bei dem Sohn, bei dem das liebe Ich alles andere in den Hintergrund drängte. Die Kaiserin Friedrich war für ihre Töchter die zärtlichste Mutter, sie liebte diese mehr, als die Töchter sie bebten, was vielleicht darauf zurückzuführen war, daß sie durch ihre ungeheure Aktivität die Töchter stark ermüdete und ihnen dadurch das längere Zusammensein mit ihr verleidete. Mit unbegrenzter Liebe hing sie an ihren englischen Verwandten und allen Verwandten ihrer englischen Verwandten, an allem, was Leiningen, Hohenlohe, Battenberg, Augustenburg, Koburg hieß bis herunter zur Familie Mensdorff-Pouilly. Daß die Kaiserin Auguste Viktoria von väterlicher Seite eine Holstein, von mütterlicher eine Hohenlohe-Langenburg war, hatte in der damabgen Kronprinzessin Viktoria den Plan entstehen und reifen lassen, die am Berliner Hof unbekannte Tochter eines halbverschollenen Prätendenten, über den das Rad der geschichtlichen Entwicklung hinweggegangen war, zur künftigen Königin und Kaiserin zu bestimmen, als diese wie der ihr zugedachte Prinz Wilhelm noch in der Kinderstube spielten. Nachdem später die Verbindung zustande gekommen war, stellte sich die junge Prinzeß von Holstein, wie mir dies der kluge Justizminister Friedberg vorausgesagt hatte, bei allen Differenzen zwischen ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter auf die Seite ihres Mannes, an dem sie nicht nur pflichtmäßig, sondern mit der ganzen Wärme ihres Gemüts hing. So wurde das Verhältnis zwischen der Schwiegertochter Auguste Viktoria und ihrer Schwiegermutter, der Kaiserin Friedrich, noch weniger freundbch, als es einst das Verhältnis der Schwiegertochter Viktoria zu der Schwiegermutter Augusta gewesen war. Fürst Bismarck stand der Kaiserin Friedrich nie mit der innerlichen Erbitterung gegenüber wie während seiner ganzen 540 KÜHLER EMPFANG WALDERSEES Amtszeit der Kaiserin Augusta. Aber er verstand sie nicht und unterschätzte sie. Als Bismarck einmal in den achtziger Jahren endlich eine von allen Seiten gewünschte und betriebene Audienz bei der damaligen Kronprinzessin erreicht hatte und nach seiner Rückkehr von seinem Sohn Herbert gefragt wurde, wie ihm die hohe Frau gefiele, erwiderte er: „Die Arme ist ja eine ganz dumme Gans. Sie hat mir die ganze Zeit von ihrer Tante Feodora von Holstein oder Hohenlohe oder Gott weiß von wo gesprochen, deren Wünsche sie allein zu interessieren schienen." Ein ungerechtes Urteil des ausschließlich von seinen eigenen großen Plänen erfüllten Genies. Wenn ein freundlicherer Stern über ihr gewaltet hätte, würde die Kaiserin Friedrich in England oder in Deutschland ein glückliches Leben geführt haben, an der Stätte ihrer Wirksamkeit allgemein verehrt und bewundert. Zwischen den harten Mühlsteinen bismarckischer Politik und preußischer Tradition wurde sie zerrieben. Auf ein Beileidstelegramm, das ich nach dem Tode der Kaiserin Friedrich an ihren Bruder, den König Eduard, richtete, erwiderte mir dieser: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Teilnahme. Die teuerste Kaiserin hat Sie und Ihre Frau immer hoch geschätzt." Nachdem die Beisetzung der Kaiserin Friedrich in der Friedenskirche in Begegnung Potsdam stattgefunden hatte, wo sie neben ihrem herrUchen Gemahl, dem mit dem Zaren Kaiser Friedrich, in einem von Reinhold Begas ausgeführten schönen in Heia ]y[ armorsar k:ophage nach so viel Schmerzen, Enttäuschungen und Leiden die ewige Ruhe gefunden hat, rüstete sich der Kaiser für die Begegnung mit dem Kaiser Nikolaus von Rußland, der eine Einladung zu dem deutschen Marinemanöver angenommen hatte, das in der ersten Septemberhälfte auf der Reede von Heia in der Danziger Bucht stattfinden sollte. Vorher empfing Wilhelm II. noch in Homburg den aus China zurückkehrenden Waldersee. Mit erhobenem Haupte schritt der Feldmarschall auf seinen hohen Gebieter zu. In seinen Zügen lag die gespannte Erwartung, welcher außerordentliche Gnadenbeweis ihm bei seiner Rückkehr zuteil werden würde, nachdem er bei seiner Ausreise in noch kaum dagewesener Weise gefeiert worden war. Nun wollte ein neckischer Zufall, daß Wilhelmll. am Tage vorher von einer seiner englischen Tanten einen Brief erhalten hatte, wonach Waldersee sich vor seiner Abreise von China englischen Offizieren gegenüber dahin geäußert hätte, er müsse rasch nach Deutschland gelangen, um dort den Reichskanzlerposten zu übernehmen: Bülow habe schon ausgespielt. Als sich nun Waldersee auf dem Homburger Bahnhof dem Kaiser näherte, rief ihm dieser schon von weitem zu, er möge sich bei mir bedanken, der ich ihn durch meine geschickte Politik aus der Affäre gezogen hätte. Der ehrgeizige Marschall, der wohl an alles andere eher gedacht hatte, als sich bei mir noch bedanken zu müssen, sah sehr erstaunt aus, LAMBSDORFF ERHÄLT SCHWARZEN ADLER NICHT 541 recht wenig erfreut. „Das eigentliche Wesen des Ehrgeizes ist nur der Schatten eines Traumes", sagt der Kammerherr von Güldenstern zum Dänenprinzen Hamlet. Ich suchte Waldersee im Laufe des Tages auf, um die ostasiatischen Verhältnisse mit ihm zu besprechen, die er verständig und klug schilderte. Er ist bald nachher einem tückischen Darmleiden erlegen, das der schon siebzigjährige Mann sich im chinesischen Feldzuge geholt hatte. Der Kaiser las das Telegramm mit der Todesnachricht in meinem Beisein mit der gleichgültigsten Miene von der Welt und hat diesem Toten, den er Ende der achtziger Jahre, während des Konflikts Waldersee-Bismarck dem großen Kanzler gegenüber mit scharfer Pointierung seinen bedeutendsten und dabei treuesten Freund genannt hatte, keine Träne nachgeweint. Bei manchen Fehlern war Waldersee als Soldat eine glänzende Erscheinung. Er hat auch in China nicht nur die Harmonie zwischen den Mächten aufrechterhalten, sondern an seinem Teil beigetragen zu der großen und aussichtsreichen wirtschaftlichen und politischen Stellung, die wir bis 1914 in Ostasien einnahmen. Der Entrevue von Heia sah Wilhelm II. mit den gespanntesten Erwartungen und selbst bei ihm ungewöhnlicher Ungeduld entgegen. Ich sollte Krüskierung Seine Majestät begleiten, da Kaiser Nikolaus den Deutschen Kaiser hatte Lambsdorßs wissen lassen, daß er den russischen Minister des Äußern, den Grafen Lambsdorff, mitbringen würde. Als ich mich in Kiel an Bord der „Hohen- zollern" begab, empfing mich der Gesandte von Tschirschky, der als Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Seiner Majestät weilte, um mir mit allen äußeren Zeichen der Erregung und Betrübnis zu melden, der Kaiser weigere sich, Lambsdorff den Schwarzen Adlerorden zu verleihen. Tschirschky hatte nach seiner Versicherung alle Bitten und Vorstellungen erschöpft, hatte im ernstesten Ton darauf hingewiesen, daß es ein politischer Fehler sein würde, den uns bisher geneigten russischen Minister zu kränken. Es wäre ihm aber leider unmöglich gewesen, den Eigensinn Seiner Majestät zu brechen. In diesem Augenblick näherte sich uns der Kaiser. Tschirschky entfernte sich, und ich brachte die Bede sofort auf die Ordensfrage. Ich erinnerte an das Wort von Napoleon, daß Orden in der Politik dieselbe Bolle spielten wie bei Kindern ein Spielzeug. „Les hommes sont comme les enfants, il leur faut des hochets." Die Orden wären ein Mittel, die Menschen zu gewinnen. In diesem Falle liege die Sache nun so, daß der russische Minister des Äußern traditionell stets den Schwarzen Adlerorden erhalten hätte. Wenn wir Lambsdorff gegenüber von dieser Gewohnheit abwichen, würde der uns bis jetzt wohlgesinnte, aber empfindliche Mann das nicht verzeihen. Der Zar wäre seinen Batgebern gegenüber bestimmbar und nachgiebig, wir hätten wirklich keinen Grund, Lambsdorff vor den Kopf zu stoßen. Der Kaiser entgegnete mit einer wenigstens mir gegenüber sehr 542 DIE HÖFLINGE ungewöhnlichen Heftigkeit, er könne seinen höchsten Orden nicht „wegwerfen". Als ich darauf hinwies, daß dieser hohe Orden schon manchen Personen verliehen worden wäre, die weniger Anspruch darauf hätten als der Minister des Äußern einer Großmacht, meinte Seine Majestät, daß ich, immer nur von rein politischen Motiven beherrscht, für seine innersten, heiligsten Gefühle kein Verständnis hätte. Tschirschky verstände ihn besser; Tschirschky habe ihm noch vor einer Stunde erklärt, er hätte ganz recht, wenn er sich weigere, Lambsdorff den hohen Orden vom Schwarzen Adler zu geben. In diesem Moment tauchte Tschirschky nicht weit von uns wieder auf. Ich winkte ihn heran und fragte ihn, indem ich ihm scharf in die Augen sah, ob er dem Kaiser von der Verleihung des Schwarzen Adlerordens abgeraten habe. Tschirschky bekam einen feuerroten Kopf, aber er erwiderte nichts. Die Unterredung zwischen Seiner Majestät und mir dauerte noch geraume Zeit und endete damit, daß der Kaiser mir sagte, er würde seinen Vetter, Kollegen und Freund Nicky fragen, welchen preußischen Orden er für Lambsdorff wünsche. Als ich später den alten Lucanus fragte, wie der Kaiser noch Vertrauen haben könne zu Herrn von Tschirschky, der doch auf einer flagranten Unwahrheit ertappt worden wäre, erwiderte mir der vielerfahrene Greis: „Tschirschky wird einfach dem Kaiser sagen, er wäre innerlich bei der Ansicht geblieben, daß Seine Majestät mit seiner Weigerung völlig im Recht sei. Der Kanzler wäre aber herrschsüchtig und nachträgerisch, deshalb habe er lavieren müssen." Zu meinem Befremden befand sich in der kaiserlichen Umgebung auch Fürst Max der Fürst Max Fürstenberg, mit dem ich übrigens damals gut stand. Er Egon von machte mir in jeder Weise den Hof. Als ich im Frühjahr 1901 kurze Zeit Fürstenberg am >pi t j see j m Schwarzwald weilte, lud er mich und meine Frau auf sein schönes Schloß in Donaueschingen ein, wo er uns mit Liebenswürdigkeiten überhäufte. Diesen österreichischen Grandseigneur zu einer Begegnung mit dem russischen Kaiser mitzunehmen, war natürlich ein politischer Fehler. Ein mir seit Jahren befreundeter russischer Flügeladjutant sagte mir halb im Scherz, halb im Ernst: „Was würden Sie dazu sagen, wenn wir einen prominenten Franzosen mitgebracht hätten?" Wie alle Höflinge war Max Fürstenberg vor allem bemüht, Kaiser Wilhelm II. zu amüsieren. Er Keß sich jeden Morgen aus Wien den neuesten Börsenwitz telegraphieren, um diesen dem Kaiser beim ersten Frühstück vorzusetzen. Er küßte auch Seiner Majestät bei jeder Gelegenheit die Hand. Wieviel Unheil haben in monarchischen Staaten Höflinge angerichtet! Die Witze, mit denen die Günstlinge Wilhelms II. ihm die Zeit zu vertreiben suchten, haben politisch manche schädliche Wirkung gehabt. Den Grund zu der ungünstigen, persiflierenden Beurteilung des Kronprinzen Viktor Emanuel von Italien und seiner Gattin, der späteren Königin Elena, hatten Philipp Eulenburg und DER SEEKRANKE LAMBSDORFF 543 Kuno Moltke gelegt, als sie bei einer Nordlandreise, die zu einer Begegnung zwischen unserem Kaiser und dem damaligen italienischen Kronprinzenpaar führte, allerlei alberne Witze über letzteres machten, über den „kleinen" Prinzen und die Prinzessin aus den „wilden" Bergen der Crnagora. Bei der Entrevue von Heia suchte sich Max Fürstenberg als Objekt seiner mokanten Bemerkungen Lambsdorff aus. Der russische Minister vertrug die See nicht und sah sehr blaß aus, als er bei ziemhch starkem Seegang in einem schwankenden Boot zur „Hohenzollern" fuhr. Er war ungewandt und schwächlich, und die Art und Weise, wie er vom Boot auf das Fallreep gelangte, war nicht gerade ein Meisterstück der Turnerei. Er trug auch nicht das kleidsame Jacht-Kostüm, das alle Seine Majestät begleitenden Herren angelegt hatten, sondern er erschien in der häßlichen russischen Beamtenuniform, die ihm eine unerwünschte Ähnlichkeit mit einem älteren Zollbeamten gab, in sehr hoher Mütze mit großem Schirm und großer Kokarde. Da er von kleiner Statur war, so trug er Schuhe mit sehr hohen Absätzen, ein Kunstgriff, dessen sich übrigens auch le Grand Roi Louis XIV bedient haben soll, um seine Figur zu verlängern. Der Kaiser, von Fürstenberg auf die hohen Hacken, die Riesenmütze und die bleiche Gesichtsfarbe des Grafen Lambsdorff aufmerksam gemacht, erlaubte sich diesem gegenüber einige wenig glückliche Scherze, die den Minister in sichtliche Verlegenheit setzten. Als ich mit Bedauern diese Vorgänge wahrgenommen hatte, hielt ich es um so mehr für meine Pflicht, noch einmal und energisch wegen der Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Lambsdorff zu insistieren. Ich klopfte unangemeldet an die Tür der Kabine Seiner Majestät und trat bei ihm ein, während er sich zum Diner umzog. Er sperrte sich noch immer, meinte aber schließlich, da ich es durchaus wolle, müsse er nachgeben. Das Diner nahm den besten Verlauf, der Zar zog mich nach Aufhebung der Tafel in eine längere Unterhaltung, in der er mir spontan sagte: Rußland Der Zar und Deutschland würden, wenn sie nicht friedlich und freundschaftlich, en und Bülou> paix et en amitie, miteinander auskämen, sich ins eigene Fleisch schneiden. Den Vorteil von einer Brouille zwischen Preußen-Deutschland und Rußland würden die Revolution und die Polen haben, den Nachteil aber die beiden Reiche und ihre Dynastien. Er überreichte mir dann den Andreasorden, wie er sich ausdrückte: „Comme preuve de mon amitie pour vous et de ma confiance en vous." Während der Zar sich mit mir unterhielt, hatte Kaiser Wilhelm die preußischen Dekorationen selbst an die russische Umgebung verteilt. Ich bemerkte, daß Lambsdorff, der bis dahin trotz der Witzeleien des Kaisers über seine mangelhaften nautischen Fähigkeiten eine heitere Miene zur Schau trug, einen so verdrießlichen, ja giftigen Ausdruck 544 DER KAISER-WILHELM-ORDEN annahm, wie ich ihn, allerdings unter anderen Verhältnissen, nur noch einmal bei einem leitenden Minister gesehen habe, nämlich beim Fürsten Gort- schakow, als sich Bismarck 1878 am Schluß des Berliner Kongresses in demonstrativer Weise ohne Rücksicht auf den russischen Kanzler nur mit Peter Schuwalow, Beaconsfield und Andrässy beschäftigte. Schließlich kam Lambsdorff auf mich zu, um mir in höflichstem Tone, aber mit kaum verhehltem Ingrimm zu sagen, mein allergnädigster Souverän hätte ihm statt des bisher jedem russischen Minister des Äußern als einzig mögliche Dekoration verliehenen Schwarzen Adlerordens eine Dekoration überreicht, von der er bisher überhaupt noch nie etwas gehört habe. Um seinen Willen, in diesem Fall eine Laune, durchzusetzen, hatte Kaiser Wilhelm nämlich dem russischen Minister den vor einiger Zeit von ihm neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Orden verliehen, dessen nicht gerade geschmackvolles Band selbst bei uns niemand recht haben wollte, schon weil dieser Orden sich auf diejenigen abgehenden Minister und verabschiedeten Generäle und Admiräle herabzusenken pflegte, die des Schwarzen Adlers nicht würdig erachtet wurden. Als ich den Kaiser am nächsten Tage wegen des Quidpro- quo interpellierte, behauptete er, Kaiser Nikolaus habe ihm gesagt, er würde es „mit besonderem Dank" aufnehmen, wenn sein Minister des Äußern den Orden bekäme, der von seinem teuren Freund und Vetter Willy gestiftet und dessen Insignien von diesem Allerhöchstselbst gezeichnet worden wären. Ob diese Version dem wirklichen Sachverhalt entsprach, erschien mir als unsicher; als sicher dagegen, daß wir uns aus dem einstigen Vertrauensmann von Giers, aus dem Beamten, der bei dem Abschluß des RückVersicherungsvertrages die Feder führte, einen Feind gemacht hatten. Der Philosoph wird es, und mit Recht, bedauerlich finden, daß die Frage, ob ein Minister seinen meist nur zu reichlichen Ordensbesitz um diesen oder jenen neuen Ordensstern vermehrt, die politischen Beziehungen zwischen großen Völkern zu beeinflussen und zu schädigen vermag. Aber leider lehrt die Erfahrung, daß persönliche Eitelkeit, Empfindlichkeit und Ranküne nicht nur im Privatleben, sondern auch auf politischem Gebiet Unheil anrichten können. Nicht immer geht es in der Politik so zu wie in dem bekannten Lustspiel von Scribe, wo ein Glas Wasser über Krieg und Frieden und das Schicksal von England und Frankreich entscheidet. Aber die politische Entwicklung vollzieht sich auch nicht so, wie sich dies an ihrem Schreibtisch weltfremde Doktrinäre einbilden, nur nach „wissenschaftlichen Gesetzen", sondern von menschlichen Stimmungen und Leidenschaften beeinflußt. Was nun äußerliche Ehrenzeichen angeht, so kann solchen wohl niemand Parenthese innerlich gleichgültiger gegenüberstehen als ich. Ganz abgesehen von meiner über Orden philosophischen Betrachtungsweise auch deshalb, weil ich sie alle besitze: BONBONS 545 den hohen Orden vom Schwarzen Adler mit Brillanten und das spanische Goldene Vlies, den russischen Andreasorden mit Brillanten und den österreichischen Stefansorden mit Brillanten, den italienischen Orden von der Heiligen Verkündigung, den Annunziatenorden und den sehr edlen portugiesischen Orden vom Turm und Schwert, den dänischen Elefanten- und den schwedischen Seraphinenorden, den bayrischen Hubertus und die sächsische Baute, türkische und japanische, chinesische und siamesische Orden, alle, alle. Nachdem ich die allererste Jugend hinter mir hatte, verlangte ich so wenig nach Orden, Ordenssternen und -ketten, wie es den Konditor nach Bonbons und Konfitüren gelüstet. Ich habe, wenn nicht Courtoisie gebot, zu Ehren eines ausländischen Gastes einen fremden Orden anzulegen, nie einen anderen Stern getragen als den des Schwarzen Adlerordens. Aber als alter und erfahrener Mann, der die Welt kennt und die Menschen, ihre Schwächen und Fehler und Triebe, sage ich: Das Verbot der Orden und Uniformen durch die Weimarer Verfassung ist ein weiterer Beweis dafür, daß es dem Herrn Dr. Hugo Preuß, dem Vater unserer republikanischen Staatsverfassung, an Menschenkenntnis wie an Weitläufigkeit fehlte. Er gab damit von vornherein die Möglichkeit aus der Hand, maßgebende Ausländer zu erfreuen und sie zu gewinnen. Dieser triste deutsche Solon ist auch schuld daran, daß seit dem Novemberumsturz zwischen seinen uniformierten und dekorierten Kollegen der deutsche Vertreter im Frack und ohne Orden dasteht wie das Aschenbrödel unter seinen festlich gekleideten Gespielinnen. Die französische Bepubbk hat sich wohl gehütet, eine solche Dummheit zu begehen. Sie hat weder Uniformen noch Orden abgeschafft. Die Aussicht auf das rote Bändchen und gar auf die Bosette der Ehrenlegion belebt im Inland Patriotismus und Ehrgeiz des Durchschnittsfranzosen. Gegenüber dem Auslande war und ist die Verleihung der Legion d'honneur für die französische Propaganda ein bewährtes Mittel, in der Welt Sympathien für Frankreich zu erwecken und französische Gesinnung zu belohnen. Hiermit schließe ich diese Parenthese, zu der ich durch die nachteiligen politischen Folgen veranlaßt wurde, die bei der Monarchenzusammenkunft von Heia die ungeschickte Behandlung des russischen Ministers des Äußern in einer Ordensangelegenheit hatte. Ich betone noch einmal, daß ich die Abneigung verstehe, mit der ein jedem Deutschen teurer Dichter auf die Fürstenrät' und Hofmarschälle blickt, die mit kühlem Stern auf kalter Brust nicht an Geisterstimmen glauben. Aber der Staatsmann muß auch mit den Schwächen und Kleinlichkeiten der Menschen rechnen, er soll auch sie für das Beste des Landes verwerten. „II faut faire fleche de tout bois", sagte einmal Fürst Bismarck zu Kaiser Friedrich, dem edlen Idealisten, der darüber klagte, daß die Politik manchmal auch die weniger schönen Triebe der Menschen für ihre Zwecke benutzt. 35 Bülow I 546 WILHELM II. ALS KURIER DES ZAREN Von Heia begab sich Kaiser Wilhelm II. nach herzlichem Abschied von Ritt des Kaiser Nikolaus II. zu seinem gewohnten Jagdaufenthalt nach Rominten, Kaisers nach w0 schon Philipp Eulenburg auf ihn wartete, der mir unter dem 23. Sep- Wyschtyten tern jj er 1901 schrieb: ,,S. M. nahm meine Gratulation zu seinem Danziger Erfolg sehr warm auf und erzählte mir viele Details: natürlich war der Besuch des Zaren in Frankreich ein großer Mißerfolg, und auf England hagelte es verächtliche und fast feindliche Worte. Wilhelm Proteus. Von Dir sprach S. M. in der wärmsten und anerkennendsten Weise. Du hättest Kaiser Nikolaus völlig bezaubert, und das sei das Wichtigste der ganzen Entrevue gewesen." Philipp Eulenburg, der ein nicht gewöhnliches Erzählertalent besaß, gab mir weiter eine deliziöse Schilderung der kaiserlichen Expedition nach Wyschtyten, einem Städtchen an der preußischrussischen Grenze, nur wenige Kilometer von Rominten entfernt. Der kleine Ort war einige Wochen früher zum größten Teil durch Feuer zerstört worden. Philipp Eulenburg schrieb mir: „Wir waren kaum gestern abend in Rominten eingetroffen, als ein langer Bericht über den Brand der kleinen russischen Grenzstadt einverlangt wurde, den der schläfrige Forstmeister Saint-Paul abstattete, dann wurde gegessen und nachher verkündet, Seine Majestät werde morgen, also heute nachmittag, als russischer General nach Wyschtyten sprengen und auf dem dortigen abgebrannten Marktplatz 5000 Rubel im Auftrag des Zaren unter die weinende Bevölkerung verteilen. Es sind 150 Familien abgebrannt, lauter Juden. Das kann ja ein großartiger Moment werden. Der selige Jeremias wird die Stunde segnen und sich besonders sehr über die neue russische Dragoneruniform freuen." Am nächsten Tag schrieb mir Eulenburg über diesen „apokalyptischen Ritt" weiter: „Seine Majestät bestieg ein Pferd und ritt, von zwei Adjutanten, Richard Dohna und Forstmeister Saint-Paul begleitet, im Galopp über die Grenze. Ich folgte mit August Eulenburg und Admiral Hollmann im Wagen. Welches seltsame Unternehmen! Der Polizeiwachtmeister trieb schimpfend und schlagend die armen Juden auf den Marktplatz, wo S. M. sich aufgestellt hatte, um eine Rede zu halten. Die Juden hatten die ,lange Nacht' und kamen widerwillig und greulich schmutzig aus der Synagoge. Endlich standen etwa 200 Menschen auf dem Platz, und der Kaiser hielt eine schwungvolle Rede, die niemand verstand. Dann traten Juden an mich heran und fragten, wer der russische Offizier sei? Sie glaubten nicht, daß es der Deutsche Kaiser sei, ,der doch wohl nicht nach Wyschtyten käme und dann doch eine deutsche Uniform tragen müsse'. Kurz und gut, es hat eigentlich niemand begriffen, wozu das alles war. In der Hauptsache war es wohl der Wunsch, Wyschtyten zu sehen, dazu kam die Gelegenheit, eine Rede zu halten, die russische Uniform zu tragen, und doch auch der Wunsch, zu helfen. Heute früh schoß der Kaiser nach zwei vergeblichen Pirschen ÜRRAH! 547 zwei Achtzehnender. Die Laune ist rosig." Am nächsten Tag telegraphierte Philipp Eulenburg amtlich, der Kaiser befehle, daß die von ihm in Wyschtyten gehaltene Rede durch Wolfis Telegraphen-Büro verbreitet werden solle. Sie lautete: „Seine Majestät Kaiser Nikolaus, euer erhabener Landesherr, Mein geliebter Freund, hat von eurem schweren Unglück gehört. Er läßt euch durch Meinen Mund mitteilen, wie sehr ihn diese Nachricht betrübt hat, und läßt euch sein herzliches Mitgefühl aussprechen. Aber noch mehr, er sendet euch durch Mich als Zeichen seiner landesväterlichen Fürsorge eine Spende von 5000 Rubel. Ihr erseht hieraus, wie das Auge eures erhabenen Landesvaters überall bis an die Grenzstädte seines gewaltigen Reiches reicht und wie sein gütiges, warmes Herz für seine noch so entfernten Untertanen schlägt. Eurer Dankbarkeit und Liebe für euren Kaiser und Vater werdet ihr jetzt Ausdruck geben, indem ihr ruft: Ssa Sdarwje jewo Welitschestwo Gossudarja Imperatora Nicolai! Urrah!" Wenn von der Begleitung inklusive dem intimsten Freund Seiner Majestät, Philipp Eulenburg, niemand den Zweck dieses Einritts in ein kleines russisches Grenzstädtchen begriff, so ist es mir auch heute noch psychologisch unverständlich, wie ein in mancher Hinsicht hochbegabter Mann wie Wilhelm IL, der viele und ernste Interessen hatte, der damals schon zweiundvierzig Jahre alt war und schon über zwölf Jahre auf dem Thron saß, an solchen Kindereien Gefallen finden, ein derartig operetten- haftes Unternehmen in Szene setzen konnte. Nicht lange nach dieser seltsamen Expedition stattete Prinz Heinrich seinem Schwager, dem Zaren, zu dem er in den allerbesten Beziehungen Bes stand, in dessen Jagdschloß Spala im russisch-polnischen Gouvernement des Petrikow einen längeren Besuch ab. Uber seine Eindrücke erzählte mir Prinz Heinrich bei seiner Rückkehr, Kaiser Nikolaus habe ihn auf das verwandtschaftlichste empfangen, ihn wiederholt dringend gebeten, noch länger zu bleiben, ihm immer wiederholt, daß das Zusammensein mit dem preußischen Schwager ihm eine wahre Freude und Wohltat sei. Das waren ausnahmsweise keine Redensarten. Für seinen Schwager Heinrich empfand der (vorläufig) letzte russische Zar aufrichtige Freundschaft. Prinz Heinrich schilderte mir seinen Schwager als sehr wohlerzogen und immer liebenswürdig in der Form, auch im allgemeinen wohlwollend und selbst human, aber gewillt, das autokratische System aufrechtzuerhalten. Uber religiöse Dinge denke der Zar im Gegensatz zu seinem Vater sehr frei. Er werde sich aber öffentlich nie in Widerspruch zur Orthodoxie setzen. Er interessiere sich für Armee und Marine, habe Verständnis für militärische Dinge und sei als junger Prinz ein guter Kompagnieführer und selbst Regimentskommandeur gewesen, wäre aber ganz friedlich gesinnt. Kaiser Wilhelm imponiere dem Zaren, aber gehe diesem bisweilen auf die Nerven. Unser Kaiser dürfe 548 DER ZAR WILL RUHE HABEN gegenüber dem Zaren die Note nicht forcieren. Den Ritt nach Wyschtyten hätten nicht nur die meisten Russen, sondern auch der Zar für ein nicht nur seltsames, sondern etwas würdeloses Nachlaufen gehalten. „Trachten Sie, meinen Bruder, den Kaiser, dahin zu bringen, freundlich und höf lieh mit dem Zaren zu sein, ihn aber nicht mißtrauisch zu machen und vor allem ihn in Ruhe zu lassen. Das ist die richtige Formel für seine Behandlung." Von der Umgebung des Zaren hätte der Generaladjutant und Hausminister Fredericksz den größten Einfluß; er sei entschieden deutschfreundlich und durchaus zuverlässig. Prinz Heinrich, der sehr englisch war und Politik mehr mit dem Herzen als mit berechnendem Verstand trieb, klagte darüber, daß der Zar „leider" schlecht auf England zu sprechen wäre. Der Zar mißtraue der englischen Politik und verachte die englische Armee wie das englische konstitutionelle, parlamentarische Regierungssystem. Darin sei er Moskowiter. Er habe auch keine besondere Achtung vor seinem Onkel, dem König Eduard. Unternehmen wolle er aber gegen England ebensowenig etwas wie gegen irgendein anderes europäisches Land. Wenn er je in Europa Krieg führe, so würde dies nur sein, weil er sich von einer anderen Großmacht angegriffen glaube. Der Zar wolle nicht einmal die Mandschurei haben, sie aber auch keinem anderen überlassen. Dasselbe gelte für Korea. Der Zar sagte seinem Schwager Heinrich, die Japaner in Korea würden so viel bedeuten, als daß in Ostasien eine neue Bosporus-Frage geschaffen werde. Wenn die Japaner versuchen sollten, sich in Korea festzusetzen, so wäre das für Rußland allerdings ein Casus belli. Der Zar vertraute seinem Schwager an, daß ein Zusammenstoß zwischen Japan und Rußland früher oder später eintreten dürfte, aber nicht vor vier Jahren, bis wohin Rußland die maritime Superiorität im Stillen Ozean erlangt haben würde. Wäre Rußland erst so weit, so würden sich die Japaner hüten, mit ihm anzubinden. In fünf bis sechs Jahren würde auch die Sibirische Bahn vollendet sein, die er, der Zar, als sein Lebenswerk betrachte. Für diese Bahn brauche er französisches Geld, würde aber politisch vor den Franzosen auf der Hut sein und sich nicht von ihnen exploitieren lassen. Deutschland und Rußland müßten untereinander Frieden halten und so den Weltfrieden aufrechterhalten. Die Mitteilungen, die ich aus St. Petersburg von dem Botschafter Alvens- Berichte leben, von Zeit zu Zeit auch durch den Freund der russischen Kaiserfamilie, Alvenslebens (J en na ch wie vor oft nach St. Petersburg eingeladenen General von Werder, und Werders gjjjjgl^ stimmten im allgemeinen mit den Eindrücken des Prinzen Heinrich aus Petersburg u j )ere; j 11> Werder hatte mir im Frühjahr 1901 geschrieben, daß auch die Kaiserin-Mutter, obwohl sie seinerzeit über die Wilhelmshavener Rede des Kaisers („Pardon wird nicht gegeben") außer sich gewesen wäre, doch überzeugt sei, daß wenigstens der Reichskanzler aufrichtig bemüht wäre, MAX VON BADEN ENTLOBT 549 die freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland aufrechtzuerhalten und zu befestigen. Uber die Stimmung des Zaren schrieb mir Werder, dieser habe im Grunde für Kaiser Wilhelm etwas übrig, wenn ihm auch manches an ihm nicht gefalle. Daß Deutschland wirtschaftliche Vorteile in der Türkei wünsche, finde er begreifhch; aber die von Kaiser Wilhelm affichierte Begeisterung für Hohe Pforte, Koran und Sultan agaziere den Zaren. Er äußerte vor Werder: „Je n'aime pas le Sultan, je le cede ä l'Empereur d'Allemagne." Der Botschafter Alvensleben war längere Zeit eifrig bemüht gewesen, eine Verbindung der hübschen Tochter des Großfürsten Wladimir, der Großfürstin Helene, mit einem deutschen Prinzen zustande zu bringen. Der Prinz Friedrich Heinrich von Preußen, der später seinen Namen und seinen Rock in trauriger Weise beflecken sollte, zeigte sich abgeneigt, der junge Großherzog Wilhelm Ernst von Weimar gefiel in Petersburg nicht. Auch fürchtete Alvensleben von letzterer Verbindung eine Förderung etwaiger auf Lockerung des Reichsverbands mittels dynastischer Beziehungen gerichteter russischer Bestrebungen. Die Gefahren einer Verbindung mit dem Prinzen Louis Napoleon, der ein imponierendes Äußeres besitze, ein guter Soldat sei und wohl imstande, einer jungen, liebebedürftigen Prinzessin zu gefallen, flößte Alvensleben mit Recht noch stärkere Befürchtungen ein. Auch eine Verbindung mit dem Grafen von Turin hätte für uns ihre Nachteile. Schließlich war es zu einer Verlobung der jungen Prinzessin mit dem Prinzen Max von Baden gekommen. Dieser, der in seiner äußeren Erscheinung, aber nur hierin, an seinen Urgroßvater, den Kaiser Nikolaus L, erinnerte, Heß sich von seiner Mutter, einer russischen Leuchtenberg, zu der von ihr lebhaft gewünschten Verlobung mit der jungen Großfürstin Helene bestimmen. Bei näherer Überlegung sagte er sich aber doch, daß eine Ehe mit der von Alvensleben nicht nur als jung und hübsch, sondern auch als temperamentvoll und hebebedürftig charakterisierten Prinzessin kaum sein Fall sein würde, und hob die Verlobung wieder auf. Großfürst Wladimir nahm diese Absage mit dem ihm eigenen humoristischen Phlegma und tröstete seine weinende Tochter mit den Worten: „Ne pleure pas, ma cherie, Karlsruhe aurait ete pour toi un enterrement sans pompe." Dagegen war die Großfürstin Wladimir außer sich, und ihre bisherige Anhänglichkeit an ihre deutsche Heimat hat sehr unter diesem Zwischenfall gelitten. Die reizende Großfürstin Helene Wladimirowna heiratete später einen griechischen Prinzen, der die Eigenschaften besessen zu haben scheint, die dem Prinzen Max von Baden fehlten. Kurz vor dem Ende des Jahres 1901 wurde das letzte Denkmal in der Wilhelm II. Siegesallee enthüllt. Die Siegesallee verdient meines Erachtens nicht und die den schlechten Ruf, den sie genießt. Donna Laura Minghetti, die mit Sle S esallee 550 WILHELM IL NEBEN COSIMA angeborenem Schönheitsgefühl die Erfahrungen verband, die sie im Verkehr mit Morelli, mit Lenbach und Makart, mit Barnabei und Baracco, Nieuwekerke, Carpeaux, Ary Scheffer und vielen anderen Künstlern und Kunstkennern erworben hatte, tadelte an der Siegesallee, daß die Denkmäler in Marmor ausgeführt wären, der sich im Norden nie gut ausnähme, denn er brauche, um zu wirken, italienische oder griechische Sonne. Auch würde das Ganze dadurch etwas monoton, daß alle dem Hause Hohenzollern entstammenden Fürsten in gar zu selbstbewußter Attitüde dargestellt würden. Trotzdem sei alles in allem das Ganze nicht so übel. Aber selbst wohlwollende Beurteiler lächelten, als der Kaiser bei diesem Anlaß (nicht in meinem Beisein) eine Rede hielt, in der er erklärte, daß die moderne Berliner Bildhauerschule auf der Höhe der klassischen Zeit der Griechen und der italienischen Renaissance stünde. Er verglich sich selbst zwar nicht mit Perikles, aber doch mit Lorenzo Medici und sprach die Hoffnung aus, daß auch seinen Enkeln und Urenkeln gleiche Meister zur Seite stehen möchten, wie diejenigen, die unter seiner Leitung die Siegesallee geschaffen hätten. „Der Eindruck, den die Siegesallee auf die Fremden macht, ist ein ganz überwältigender. Überall macht sich ein ungeheurer Respekt für die deutsche Bildhauerei bemerkbar." Da es in dieser Rede auch nicht an einem heftigen Ausfall gegen die moderne Richtung in der Kunst fehlte, die ,,in den Rinnstein niedersteigt", so trug leider auch dieser Redeerguß dazu bei, die Kluft zwischen dem in mancher Hinsicht modern und fortschrittlich gesinnten Kaiser und den Intellektuellen in Deutschland zu erweitern. Ich hatte zu viel damit zu tun, den Kaiser politisch auf dem richtigen Weg zu erhalten, als daß ich mit ihm auch noch über ästhetische Probleme hätte diskutieren können. Es wäre auch wohl nutzlos gewesen, denn Wilhelm II. war auf künstlerischem Gebiet durch und durch Dilettant, und das Wesen des Dilettanten besteht bekanntlich darin, daß er sich über die Schwierigkeiten und den Ernst der Kunst nicht im klaren ist. Als Kaiser Wilhelm II. sich einmal für den Abend bei uns angesagt hatte, richtete ich es bei dem Souper so ein, daß er neben Cosima Wagner saß, die gerade in Berlin weilte. Sie führten eine lange und angeregte Konversation miteinander. Als ich später Frau Cosima frug, wie sie sich mit dem Kaiser verstanden hätte, meinte sie, eine der bedeutendsten Frauen, die mir in meinem Leben begegnet sind: „Der Kaiser ist menschlich sehr sympathisch, aber um ihm auch nur die Anfangsgründe der Kunst klarzumachen, müßte ich drei Jahre mit ihm allein auf einer einsamen Insel sein." Von Frau Cosima hatte ich zu meinem Bedauern erfahren, daß es um Tod von unsere liebe alte Freundin Malwida von Meysenbug nicht zum besten Malivida von stehe. Ich hatte ihr sogleich geschrieben und tröstend unter anderem Meysenbug „ esa ^ : ;) I nn ig hoffe ich, Sie haben sich wieder erholt. Warum sollten Sie MALWIDA, DIE IDEALISTIN 551 nicht so alt werden wie die Sibylle von Cumae, die schon 700 Jahre zählte, als Aeneas sie aufsuchte, und dann noch drei Jahrhunderte lebte? Ich denke oft an Sie. Was uns zu trennen scheint, gehört der Erscheinungswelt an, was uns verbindet, ist unvergängbch." Sie antwortete mir in einem längeren Brief, an dem sie mit Rücksicht auf ihre vorschreitende Krankheit fünf oder sechs Tage geschrieben hatte. Diese Antwort spiegelt den hohen Geist dieser Frau so wundervoll wieder, daß ich sie folgen lassen möchte: „Nein, lieber Freund, ich möchte nicht die 700 Jahre der Sibylle von Cumae erleben, weil man, wenn man die Geschichte so aus der Vogelperspektive sieht wie ich jetzt, es einsehen muß, daß in der Welt der Erscheinung die Ideale nur wie Meteore vorüberziehen und nur in einzelnen, großen, reinen Seelen zur Wirklichkeit werden. Es ist übrigens auch keine Wahrscheinlichkeit, nicht einmal zu 300, denn der schwere Anfall dieses Winters läßt sich noch nicht recht überwinden. Und nun zum Schluß noch eine kleine Erzählung aus meinem tiefinnerlichsten Erleben, die kein Mensch außer Ihnen kennen wird, da Sprechen über so etwas entweiht. Es sei aber Antwort auf Ihre lieben Worte, daß, was uns verbindet, das Unvergängliche ist, und zugleich ein Vermächtnis meiner Freundschaft für Sie, die Sie, in wohl nicht zu fernen Tagen, wenn ich die Welt der Erscheinungen verlassen habe, liebevoll an mich erinnern möge. In den schlaflosen Nächten jetzt, während der schlimmsten Periode der Krankheit, war mein Geist vollkommen klar und frei und beschäftigte sich mit den höchsten Lebensfragen. In einer Nacht, ganz besonders klar und bewußt, fühlte ich mich wirklich wie allem Zeitlichen entrückt, im Urgrund des Seins höchster Seligkeit genießend. Da war keine Form, kein Bild, der letzte Schleier war noch nicht zerrissen, nur die Nähe der Vollendung war mir deutlich, und ich fragte: Was ist es ? Ist es die Liebe, die große, reine, erlösende ? Nein, es ist noch viel höher, ward mir zur Antwort, es ist das Ewige, das allein Wahre, das endlos Zeugende, das alles in sich Begreifende. Und ich schwamm wie getragen auf Wellen unsäglicher Wonne, und plötzlich rief es aus den Tiefen der Seele, des eigentlichen Selbst, das im Tageslärm so selten zum Ausdruck kommt: Ich bete an!" Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen, das ich von der „Idealistin" erhielt. Am Schluß des Jahres 1901 bekam ich ein persönliches Telegramm des Königs Albert von Sachsen, in dem er mir den Wunsch aussprach, daß das neue Jahr mich zum Wohl des Reichs in ungetrübter Kraft erhalten möge. Wenige Monate später starb der edle und bedeutende König. XXXV. KAPITEL Rede Chamberlains in Edinburg (25. X. 1901) • Provokation der deutschen Armee Unterredung mit dem englischen Botschafter, Weisungen an die Deutsche Botschaft in London • Eintreten für die Ehre unserer Armee im Reichstag • Geburtstag des Kaisers (27. I. 1902) • Unterredung Bülows mit dem Prinzen von Wales, späteren König Georg 'V. • Zwischenfall in Venezuela • Präsident Castro • Rudyard Kipling • Die Ostmarkenpolitik, Reden im Reichstag und im Preußischen Landtag über das Ostmarkenproblem • Rede Wilhelms II. in der Marienburg Am 25. Oktober 1901 hatte der Kolonialminister Chamberlain, auf dessen sprunghafte Unberechenbarkeit Graf Hatzfeldt wie Graf Metter- Speech n j cn i n ihrer Berichterstattung oft hinwiesen, in einer in Edinburg gehaltenen in Edinburg ö ff ent ii cnen R e( j e geäußert: Selbst wenn England die strengsten Maßregeln gegen die noch in Südafrika Widerstand leistenden Buren ergreifen sollte, würden sich solche Maßnahmen nie der Grausamkeit und Barbarei nähern, die andere Nationen in Polen, im Kaukasus, in Bosnien, in Tongking und im Kriege von 1870 begangen hätten. Da ich voraussah, daß diese Provokation in Deutschland starke Erregung hervorrufen würde, bat ich sogleich in einer vertraulichen Unterredung den uns poKtisch wohlgesinnten und persönlich mir seit einem Vierteljahrhundert befreundeten englischen Botschafter Sir Frank Lascelles, unter der Hand und in einer Weise, die das Selbstgefühl des englischen Ministers in keiner Weise verletzen könnte, darauf hinzuwirken, daß letzterer den Eindruck, den seine Worte nach Lage der Dinge in Deutschland machen mußten, in irgendeiner Form korrigiere. Er brauche ja nur zu erklären, daß er nicht beabsichtigt habe, das deutsche Heer oder das deutsche Volk zu beleidigen. Schon eine sympathische Äußerung über Tapferkeit und Manneszucht des deutschen Heeres würde günstig wirken. Allenfalls könne auch ein anderes Mitglied des englischen Kabinetts eine solche Erklärung abgeben, oder Chamberlain möge durch einen zur Verlesung bestimmten Brief an den Grafen Metternich mir die Möglichkeit geben, bei der vorauszusehenden Debatte im Beichstag Angriffen gegen ihn die Spitze abzubrechen. Ich machte den englischen Botschafter darauf aufmerksam, daß ich andernfalls zu meinem aufrichtigen Bedauern genötigt sein würde, meinerseits öffentlich für den guten Ruf und die Ehre des deutschen Volks und seines Heeres einzutreten. Die CH AMBERL AI N ÜBER 1870 553 wüsten Kämpfe der Russen mit Schamyl und der Franzosen mit den Schwarzflaggen in Tongking, die österreichischen Strafexpeditionen gegen bosnische Insurgenten und die vielfach barbarische russische Repression polnischer Aufstände könnten nicht auf eine Stufe mit dem von uns gegen Frankreich geführten Verteidigungskrieg gesetzt werden. Eher hätte Cham- berlain auf Napoleon I. und die Erschießung von Palm, von Andreas Hofer und der Schillschen Offiziere hinweisen können. Wir könnten im Gegenteil an die Proklamation erinnern, die Kaiser Wilhelm I. 1870 beim Beginn des Deutsch-Französischen Krieges an das deutsche Heer gerichtet hatte: „Wir führen den Krieg nicht gegen friedliche Einwohner." Sir Frank hatte volles Verständnis für meine Vorstellungen. Er sagte mir aus eigener Initiative, das Vorgehen von Chamberlain wäre um so bedauerlicher, als ich während des ganzen Burenkrieges der antiengbschen Stimmung in Deutschland unerschrocken entgegengetreten wäre, ganz abgesehen von meiner englandfreundlichen Politik. Es gelang Lascelles aber nicht, Mr. Chamberlain zu irgendeiner Erklärung zu veranlassen. Auch unsere Botschaft in London, die in der gleichen Richtung tätig war, erreichte nichts. Auf eine Interpellation im englischen Parlament, in der Chamberlain von einem liberalen Mitglied des Unterhauses gefragt wurde, weshalb er die deutsche öffentliche Meinung ohne allen Anlaß provoziert und beleidigt habe, entgegnete der Kolonialminister von oben herunter: Kein vernünftiger Deutscher könne sich durch seine Worte beleidigt fühlen, die Entrüstung in Deutschland sei künstlich erzeugt. Das goß natürlich Öl ins Feuer. Ich bin jetzt wie damals der Ansicht, daß bei einer so hochmütigen Haltung des englischen Kolonialministers es meine Pflicht war, als seine Schmähungen bei der ersten Lesung des Reichshaushaltsetats für das Rechnungsjahr 1902 zur Sprache gebracht wurden, nicht nur den heroischen Charakter und die sittHchen Grundlagen unserer nationalen Einheitskämpfe zu verteidigen, sondern auch „das schiefe Urteil" des englischen Ministers zurückzuweisen. Es sei begreiflich, führte ich aus, wenn in einem Volk, das mit seinem Heere so innig verwachsen wäre wie das deutsche, das allgemeine Gefühl sich auflehne gegen den Versuch und schon gegen den Schein, unser Heer und unser Volk zu beleidigen. Ich nähme an, daß Mr. Chamberlain nicht die Absicht gehabt habe, unsere Gefühle zu verletzen. Aber gegenüber einem Lande, das wie Deutschland stets bestrebt gewesen wäre, gute, freundschaftliche und ungetrübte Beziehungen zu England zu unterhalten, müßten auch Mißverständnisse vermieden werden. Unser Heer stehe aber zu hoch, und sein Wappenschild sei zu blank, als daß es durch ungerechte Angriffe berührt werden könne. Hier gelte das Wort Friedrichs des Großen, der in einem ähnlichen Fall einmal gesagt hätte: „Laßt den Mann gewähren und regt 554 GRANIT euch nicht auf, er beißt auf Granit." Als im weiteren Verlauf der Debatte der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg, einer von jenen extremen Alldeutschen, die es geradezu darauf angelegt zu haben schienen, überall im Ausland Fensterscheiben einzuwerfen, einen rohen Ausdruck über den englischen Kolonialminister gebraucht hatte, ergriff ich sogleich noch einmal das Wort, gab meiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß der Reichstagspräsident über Herrn von Liebermann die parlamentarische Zensur verhängt habe, und erklärte, ich wäre sicher, die große, die sehr große Mehrheit des Reichstags auf meiner Seite zu haben, wenn ich der Hoffnung Ausdruck gäbe, daß sich nicht die Gewohnheit einbürgern möge, von der Tribüne des Deutschen Reichstags aus fremde Minister zu beleidigen. Das würde weder den Gepflogenheiten des deutschen Volks entsprechen, das ein gesittetes Volk sei, noch den Interessen unserer Politik. Ich müsse gleichzeitig mein tiefes Bedauern aussprechen über die Art und Weise, wie der Abgeordnete Liebermarm über das Heer eines Volks gesprochen habe, mit dem wir in Frieden und Freundschaft leben wollten. Wenn wir empfindHch wären für jeden Angriff gegen die Ehre unseres eigenen Heeres, so dürften wir nicht fremde Heere schmähen, wo es auch Männer gäbe, die zu sterben wüßten. Ich fand mit dieser Zurückweisung Beifall auf allen Seiten des Deutschen Reichstags. Ich fand ebenso lebhaften Beifall, als ich im weiteren Verlauf der Etatsberatung erklärte, ich wolle nicht den mindesten Zweifel darüber lassen, daß ich mich nicht zu einer unfreundlichen Haltung drängen lassen würde gegenüber dem englischen Volk, dem wir nie feindlich gegenübergestanden hätten, mit dem uns zahlreiche und schwerwiegende Interessen verbänden. Durch Reden, Resolutionen und Volksversammlungen Heße ich mir die Richtung der auswärtigen Politik nicht vorschreiben. Der Kurs unserer auswärtigen Pobtik würde ledigbch bestimmt durch das reale Interesse des Landes, und dieses weise darauf hin, unter Aufrechterhaltung unserer Würde und Ehre friedbche und freundliche Beziehungen mit England zu pflegen. Die Haltung unserer Presse und öffenthchen Meinung war bei diesem Zwischenfall, wie leider nur zu oft in Deutschland, zwiespältig und ohne sicheren Instinkt. Auf der einen Seite konnten einige deutsche Blätter die Gefahren eines Zwistes mit England gar nicht laut genug betonen, nicht grell genug an die Wand malen. Das wurde natürlich von unseren Patrioten schlecht aufgenommen, ermutigte alle unsere Gegner im Ausland und machte insbesondere die Engländer noch selbstbewußter und übermütiger, als sie es ohnehin schon waren. Andererseits stimmten Synoden und Kriegervereine einen heftigen Lärm an, sie verfielen gegenüber Mr. Chamberlain und den Engländern in derartige Übertreibungen, daß ruhige Beobachter, wie zum Beispiel der Korrespondent der DER NEUE PRINZ VON WALES IN BERLIN 555 „Frankfurter Zeitung", mein Freund August Stein, sich nicht mit Unrecht in einem Irrenhaus wähnten. Ich setzte mich mit dem Kultusminister und mit dem Kriegsminister in Verbindung, damit auf die Kriegervereine und auf die Synoden energisch eingewirkt würde. Die Bewegung flaute auch bald ab. Aber es hatte sich bei diesem Anlaß wieder gezeigt, wie übertrieben und unvernünftig antienglisch die Stimmung in Deutschland war und wie unerschütterlich selbstbewußt und hochmütig der Engländer. Zwei Dezennien sind seit diesem Zwischenfall verflossen. Bei völlig ruhiger, objektiver und rein geschichtlicher Betrachtung der ganzen Angelegenheit gebe ich auch heute der Überzeugung Ausdruck, daß ich die Abweisung des Chamberlainschen Vorstoßes nicht nur der Würde unseres Landes schuldig war, sondern daß ich damit auch politisch richtig und im Interesse des Friedens handelte. „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen", pflegte Bismarck zu sagen. Wer auf leichtfertige, völlig unbegründete Herausforderungen des Auslands nichts erwidert, wer sich unentschuldbare Anremplungen fremder Minister gefallen läßt, der provoziert neue Angriffe und erfährt und verdient schließlich dauernd schlechte Behandlung. Als viele Jahre später, nach meinem Rücktritt, anläßlich der Entsendung des „Panther" nach Agadir Lloyd George das Deutsche Reich brüskierte, schwieg Bethmann Hollweg und steckte diese Ohrfeige ohne Widerspruch ein. Acht Wochen darauf sagte mir einer der klügsten italienischen Diplomaten, der aus Paris und London kam: „Die europäische Situation fängt an, mich, der ich sie bisher günstig beurteilt habe, ernstlich zu beunruhigen. Daß der deutsche Reichskanzler die Sottisen von Lloyd George eingesteckt hat, ohne dagegen irgendwie zu reagieren, erweckt in England die Empfindung, Deutschland fühle sich nicht mehr sicher. Noch bedenklicher ist, daß seitdem den Franzosen der Kamm gewaltig schwoll." Der „esprit nouveau" wurde in dem Augenblick in Frankreich geboren, wo man in Berlin die Provokation von Lloyd George ohne Widerspruch hinnahm. Zum Geburtstag des Kaisers erschien am 27. Januar 1902 der Prinz von Wales in Berlin, im ausdrücklichen Auftrag seines Vaters, des Königs d Eduard VII., der durch diese Entsendung zeigen wollte, daß die deutsch- B englischen Beziehungen nach wie vor friedlich und freundlich wären. Nach ^ e dem Galadiner im Weißen Saal fand im Heinrichssaal ein Bierabend statt. Wilhelm II. hebte es, nach feierlichen Hoffesten noch eine gemütliche Aussprache abzuhalten. Wir hatten uns kaum gesetzt, als der Prinz von Wales auf mich zukam, mir die Hand schüttelte und mich frug, ob er sich offen mit mir aussprechen könne. Ich hatte es vor wie nach dem Diner vermieden, mich Seiner Königlichen Hoheit zu nähern, ließ den hohen Herrn vielmehr an mich herankommen. Als der Prinz mich so freundlich und freimütig anredete, erwiderte ich natürlich sogleich, daß ich für eine offene Aussprache 556 DER ERBE DER BRITISCHEN KRONE Seiner Königlichen Hoheit sehr dankbar sein würde. Ich bäte nur um die Erlaubnis, meinerseits ebenso offen antworten zu dürfen. Der Prinz, der einen klaren, verständigen, sehr männlichen Eindruck machte, begann mit der Hervorhebung der Verdienste, die sich Mr. Chamberlain um England erworben hätte. „Ihm ist zu verdanken, wenn in den Kolonien jetzt ein loyaler britischer Sinn herrscht. Die Idee eines großen britischen Empire ist seinem Kopf entsprungen. Damit muß mein Vater König Eduard rechnen. Übrigens hat Mr. Chamberlain mir vor meiner Abreise versichert, daß er niemals beabsichtigt hätte, der deutschen Armee und dem deutschen Volk zu nahe zu treten." Ich erwiderte, daß hinsichtlich der Verdienste eines englischen Ministers um England Seine Majestät der König von England der einzige zuständige Richter sei. „Aber auch ich", fuhr ich fort, „bin weit davon entfernt, die großen Gaben und Leistungen des englischen Kolonialministers zu bestreiten, die ich im Gegenteil sehr hochstelle. Ich bezweifle auch nicht, daß Mr. Chamberlain Deutschland nicht mit Absicht beleidigt hat. Er hat aber den Fehler begangen, nicht etwa das englische Heer und englische Kriegsusancen mit dem deutschen Heer und deutschen Kriegsgebräuchen auf eine Stufe zu stellen — das hätten wir nicht übelnehmen können —, sondern zu erklären, das, was bisher bei der englischen Kriegführung in Südafrika geschehen sei, auch nicht annähernd an die Vorkommnisse des Krieges von 1870/71 heranreiche. Das habe ich im Hinblick auf berechtigtes deutsches Volksempfinden wie auf die Armee, deren Uniform ich seit über dreißig Jahren trage, mit Ernst zurückweisen müssen." Der Prinz meinte, ich möge nicht vergessen, daß Chamberlain als Kolonialminister und für englische Kaufleute gesprochen habe, die nur koloniale Dinge verstünden und im Kopf hätten; diesem Milieu wäre sein Edinburger Speech angepaßt gewesen. Ich antwortete, daß auch ich mich in meiner Redeweise nach dem Milieu richten müsse, in dem ich zu sprechen habe: „Wenn ich die Ehre hätte, vor Ihnen, Königliche Hoheit, und vor allen übrigen jetzt im Heinrichssaal versammelten Fürstlichkeiten eine Rede zu halten, so würde sie anders ausfallen, als wenn ich mich an deutsche Landwirte, Rechtsanwälte oder Professoren wendete. Im allgemeinen möchte ich meinen, daß Minister, möge es sich nun um Mr. Chamberlain oder um mich handeln, überhaupt nicht zu oft und über auswärtige Verhältnisse möglichst selten reden sollten." Dem stimmte der Prinz mit Wärme und mit heiterem Lächeln zu. Als er mir dann mit lebhafter Befriedigung von seinem Berliner Aufenthalt wie von der Herzlichkeit des ihm zuteil gewordenen Empfangs sprach, sagte ich ihm, ich hätte nie an einer solchen Aufnahme des Erben der britischen Krone gezweifelt. „Ich gebe zu", sagte ich, „daß es nicht ganz leicht ist, die gegenwärtige deutsche Stimmung gegenüber England zu erklären. Man fühlt sich in Deutschland DER DEUTSCHE VETTER 557 infolge von mancherlei älteren und neueren Vorkommnissen von England schlecht behandelt." Ich gab Seiner Königlichen Hoheit einen kurzen Abriß der deutsch-englischen Beziehungen vom Krim krieg und der Austragung der schleswig-holsteinschen Frage bis zu Samoa und zur Beschlagnahme unserer Postdampfer. Dazu komme das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, ja in der ganzen Welt bestehende Mitgefühl für die Buren. „Von Haß gegen England, das heißt dem Wunsch, England politisch zu schwächen, ist aber bei keinem zurechnungsfähigen Deutschen die Rede. Hiervon abgesehen, wird Kaiser Wilhelm II. nie eine England feindliche Politik machen, solange ihm von engbscher Seite eine für England freundliche Haltung nur irgendwie möglich gemacht wird. Das Schreien und Schimpfen der Presse hüben und drüben ist albern, involviert aber keine Gefahr für den Frieden, wenn die Regierungen ruhig Blut behalten. Die deutsche und die englische Regierung sind vollkommen in der Lage, friedliche und freundliche Beziehungen zwischen Deutschland und England aufrecht- und die Zukunft für eine intimere Annäherung offenzuhalten." Der Prinz folgte meinen historisch-politischen Darlegungen mit Interesse, stimmte meinen Konklusionen mit Lebhaftigkeit zu und sagte mir schließlich wörtlich: „Mein Vater hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er Sie nach wie vor als seinen Freund betrachtet. Er ist auch überzeugt, daß Sie gute Beziehungen zu England ebenso lebhaft wünschen wie er gute Beziehungen zu Deutschland. Er bittet nur, weitere Rekriminationen über das Vergangene zu vermeiden und über die anläßlich meines Erscheinens zum Geburtstag meines Vetters, des Kaisers, ausgewechselten Familien- briefe nichts in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Wir müssen das Vergangene vergangen sein lassen und nur daran denken, daß wir in Zukunft gute Freunde bleiben wollen." Als ich selbstverständlich vollste Diskretion und außerdem politisch den besten Willen in Aussicht stellte, verabschiedete sich der Prinz von mir mit wiederholtem Händedruck und der Versicherung, daß es ihm eine große Beruhigung und Freude gewesen sei, sich mit mir aussprechen zu können. Wie nach einem heftigen Sturm, auch wenn Poseidon nicht mehr die Winde erregt, sich noch längere Zeit die Dünung bemerkbar macht, eine Vei Wellenbewegung der See, die eine Nachwirkung des vorhergegangenen Zu> Sturms ist, so dauerte in England die während des Burenkrieges entstandene oder, richtiger gesagt, durch den Burenkrieg wieder akut gewordene Abneigung und Verstimmung gegen den deutschen Vetter noch längere Zeit an. Sie trat namentlich bei dem Venezuela-Zwischenfall zutage, als Ende November 1902 die englische und die deutsche Regierung gemeinsam die von der venezolanischen Regierung hartnäckig verweigerte Zahlung der deutschen und englischen Staatsangehörigen geschuldeten Gelder 558 CASTRO eintreiben wollten. Als die Regierung von Venezuela fortdauernd ablehnte, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, wurden der deutsche und der englische Vertreter abberufen, deutsche und englische Boote nahmen die venezolanische „Flotte", vier kleine Dampfer, in La Guaira weg, ein deutscher und ein englischer Kreuzer zerstörten ein Fort bei Puerto Cabello. Als Deutschland und England einige Tage später die Blockade von La Guaira begannen, akzeptierte der Präsident von Venezuela, Herr Castro, ein ungewöhnlich übler Bursche, das von mir in Vorschlag gebrachte Schiedsgericht des Haager Gerichtshofes. Die deutsche und die englische Regierung handelten bei diesem Zwischenfall in vollem Einverständnis, mit voller Loyalität und mit großem Takt. In der englischen Presse erhoben sich jedoch scharfe, zum Teil wüste Proteste gegen jedes Zusammengehen mit Deutschland. Die „Times" erklärte ein solches für unmöglich, da sich zwar nicht die deutsche Regierung, aber, was viel schlimmer wäre, das deutsche Volk im Burenkrieg als ärgster Feind Englands gezeigt habe. Der englische Dichter Rudyard Kipling, ein sehr begabter Poet, für dessen pittoreske Schilderungen indischer Natur und indischen Lebens, nebenbei gesagt, Kaiser Wilhelm II. schwärmte, der aber starke demagogische Instinkte hatte und dessen Hauptbestreben es war, dem „man in the street" zu gefallen, veröffentlichte scharf geschliffene, sehr perfide Verse gegen eine Kooperation von Deutschland und England, wäre es auch nur in Venezuela. Darüber schrieb mir unser neuer Botschafter in London, Graf Metter- Bericht nich, der an die Stelle des am 22. November 1901 verstorbenen Grafen des Grafen Paul Hatzfeldt getreten war: „Die Venezuela-Affäre lehrt, daß der während Metternich ^ uren ^ T i e g es n i er gegen das deutsche Volk gesammelte Unwille vorläufig noch stärker ist als die Vernunft und das eigene Interesse der Engländer. Die Verblendung, die sich während des Burenkriegs der öffentlichen Meinung bei uns bemächtigt hatte, ist jetzt über den Kanal gezogen. Auf der anderen Seite bewährt sich die englische Regierung, die sich durch das Zusammengehen mit Deutschland entschieden unbeliebt machte, nicht schlecht. Lord Lansdowne verurteilte scharf das Gedicht von Rudyard Kipling in der heutigen ,Times'. In Zeiten großer Spannung der öffentlichen Meinung ist es aber, besonders in England, schwer, auf die großen unabhängigen Preßorgane, die sich selbst dem Einfluß der englischen Regierung entziehen, einzuwirken. Die englische Presse war nie so feindselig gegen uns als im vergangenen Jahr, wo bis vor kurzem Eckardstein, der Minister der Preßbeziehungen, noch hier wirkte. Ich bin weit entfernt davon, ihm hieraus den Vorwurf machen zu wollen, daß er es an Diligentia hat fehlen lassen. Niemand würde dies haben r ändern können, außer wenn sich die beiden ^Regierungen seit Jahr und Tag weniger in den Haaren BOTSCHAFTER METTERNICH 559 gelegen hätten. Aber auch dazu war guter Grund vorhanden, und das Resultat ist die vorherrschende Stimmung. Ich betrachte sie selber als eine Ansteckung durch Deutschland. Wir sind in der Genesung begriffen, während hier erst der Höhepunkt des Fiebers und damit der Raserei erreicht ist." Ohne die geniale Ader seines Vorgängers Paul Hatzfeldt zu besitzen, zeichnete sich Paul Metternich durch gesunden Menschenverstand und unerschütterliche Ruhe aus, sicherlich diejenige Eigenschaft, die in bewegten Zeitläuften einem Diplomaten vor allem nottut. Mein Geburtstag wurde mir am 3. Mai 1902 dadurch verschönert, daß der gerade in Rerlin weilende Generalfeldmarschall von Loe mir die Ehre Geburtstags erwies, sich bei uns zu Tisch anzusagen. In der Uniform unseres alten Regi- rede des eil ments hielt er eine Ansprache an mich, deren Niederschrift er mir einige ucnerals ^ c Tage später übersandte. Ich gebe seine Rede wieder. „Meine hochverehrte Gönnerin! Ihre Einladung, heute im Kreise der vertrauten Freunde an dieser Tafel Platz zu nehmen, hat mir die denkbar größte Freude bereitet. Sie haben den Wert derselben durch die Genehmigung meiner Bitte verdoppelt, der Verehrung und Bewunderung Ihrer Gäste für Ihren Gemahl in Worten Ausdruck geben zu dürfen. Ich leugne nicht, daß ich meine Bitte zaghaft ausgesprochen habe. Diesmal bin ich nicht sicher, der begeisterten allseitigen Empfindung entsprechend die würdige Form zu finden. Namentlich nicht vor Zuhörern, welche gewohnt sind, den Reichskanzler nicht allein als den überlegenen Staatsmann, sondern auch als den Meister der Rede zu bewundern. Aber nachdem ich das Wort ergriffen, ist die Zaghaftigkeit überwunden. Mich ermutigt das Bewußtsein, in dieser Versammlung des Reichskanzlers ältester Freund zu sein und als solcher seiner Laufbahn von Anfang an mit hellem Blicke und warmem Herzen nahegestanden zu haben. So will ich denn reden, wie es mir ums Herz ist, und dann weiß ich, daß Sie mit mir zufrieden sein werden. Vor kurzem wurde ich in Rom gefragt, welche die schönste Erinnerung meines langen und glücklichen Berufslebens sei. Ich antwortete: in einem siegreichen Kriege ein Regiment kommandiert zu haben, welches bezüglich der aus ihm hervorgegangenen ausgezeichneten Männer an der Spitze der Armee steht. Daß mir bei der Antwort in dieser nicht geringen Zahl an erster Stelle der Reichskanzler vorschwebte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Wenn ich von seiner frühesten Jugend seiner Entwicklung aufmerksam folgen konnte, so verdanke ich diese Freude dem Vertrauen seines mir nahe befreundeten Vaters, des Staatssekretärs von Bülow. Beim Ausbruch des Französischen Krieges wählte derselbe das Königshusaren-Regiment, um seinen hoffnungsvollen ältesten Sohn bei demselben eintreten zu lassen. Es war in den ersten Novembertagen 1870, unmittelbar nach der Kapitulation von Metz und vor dem Beginne des Nord-Feldzuges, als ich ein von Bonn 560 EINE DREISSIGJÄHRIGE FREUNDSCHAFT eingetroffenes Ersatz-Kommando besichtigte. Da meldete sich bei mir der junge Husar von Bülow mit einem Briefe seines Vaters. In die 1. Eskadron eingestellt, nahm er mit derselben an allen Schlachten und Gefechten des Nord-Feldzuges teil. Seines in der Armee berühmten Namens eingedenk, zeichnete sich der junge Husar in glänzendem Wetteifer mit seinen Kameraden namentlich als Patrouillenreiter dergestalt aus, daß ich ihn zu rascher Beförderung vorschlagen konnte. Am 19. Januar, dem glorreichen Schlachttage von Saint-Quentin, wurde er zum Fahnenjunker, kurze Zeit darauf zum Offizier ernannt. Bald nach dem Friedensschlüsse nahm er seine ursprünglich geplante Laufbahn wieder auf, aber seine Dienstzeit im aktiven Heere, seine Teilnahme an dem ruhmvollen Feldzuge hat wesentlich dazu beigetragen, in ihm die angeborene Liebe zur Armee zu steigern. Die für jeden preußischen Staatsmann unentbehrliche Uberzeugung, daß die Armee der ,rocher de bronze' des Preußischen Staates ist, blieb in ihm unerschütterlich. Seine ideale Auffassung auf diesem Gebiete, die gemeinsame Erinnerung an den Feldzug war das Band zwischen dem kühn aufstrebenden jungen Manne und seinem Feldobersten. Es ist zwischen dem Reichskanzler auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit und dem alten General, welcher frohen Sinnes auf seine Vergangenheit zurückbbekt, unauflöslich geblieben. Unsere dreißigjährige Freundschaft, welche auf Frankreichs Schlachtfeldern Wurzel geschlagen, gehört zu den wertvollsten Errungenschaften meiner Laufbahn. Dieses unser Verhältnis und unsere nahen Famüienbeziehungen brachten es mit sich, daß ich, nachdem der junge Offizier den aktiven Dienst verlassen, seiner Laufbahn ununterbrochen mit Aufmerksamkeit gefolgt bin. Ich habe den Ernst beobachtet, mit welchem der junge Mann stets sein hohes Berufsziel im Auge behielt, den eisernen Fleiß, welchen er während seines Dienstes im Auslande auf die Geschichtskenntnis des betreffenden Landes, auf die Sprache und die Gesetze verwandte. Aus der mühevoll erworbenen Fähigkeit, sich überall in die fremden Verhältnisse und Personen hineinzufinden, hat sich bei ihm eine seltene Eigenschaft entwickelt, welche ihm über die riesenhaften Schwierigkeiten seiner hochverantwortüchen Stelle hinweghilft. Ich meine die Unparteilichkeit seines Urteils, seine gewinnenden Formen im mündlichen und schriftlichen, im diplomatischen und politischen Verkehr, die Urbanität seines Wesens, welche ihm während der heftigsten Kämpfe gegenüber den leidenschaftlichen Angriffen seiner Gegner die siegreiche Durchführung seines Wahlspruches: ,Suaviter in modo, fortiter in re'ermöglichte. For- titer in re! In diesem Teile des Wahlspruches gipfelt das Wesen seiner Politik, weil er der Grundzug seines Charakters ist. Das Suaviter in modo ist der wertvolle Rahmen. Ein solcher Charakter steht aber nicht in der Jugend aus einem Gusse fertig da; er härtet und festigt sich im Kampfes- DAS VERTRAUEN DES KAISERS 561 leben des Mannes. Die Vorbedingung solcher Entwicklung ist der Glaube an ideale Lebensziele, welche dem Jünglinge vorschweben, an welchen der Mann in jeder Lebenslage unerschütterlich festhält. Der gesunde Idealismus des Reichskanzlers ist der Boden, auf welchem seine Persönlichkeit emporgewachsen ist. Ich habe das Aufkeimen und das Wachstum der Pflanze beobachtet, hatte in ihren Anfängen das Glück, sie pflegen zu dürfen. Welche sind aber die idealen Ziele des Reichskanzlers, an denen er festgehalten und die ihm heute als Sterne auf seiner mühevollen Bahn voranleuchten ? Es ist vor allem der Glaube an den weltgeschichtlichen Beruf der Hohenzollern und an ihre selbstgeschaffene Armee, welcher das Fundament seiner Königstreue und der Eckstein seiner Politik ist. Es ist ferner seine strenge Gewissenhaftigkeit, seine Gerechtigkeit und sein Pflichtgefühl, aus welchem die Achtung vor jedem Rechte entspringt — jene große menschliche und staatsmännische Eigenschaft, welche ihm im Inlande das Vertrauen der Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession, des Standes und der Partei, im Auslande der leitenden Persönlichkeiten ohne Unterschied der Nationen sichert. Wenn er sich aber mit uns bewußt ist, daß das allseitige Vertrauen der Hauptfaktor seiner Stärke ist, so vor allem das Vertrauen Seiner Majestät des Kaisers, welches der Felsen ist, auf dem er steht. Ich habe nun versucht, in wenigen Worten den Empfindungen Ausdruck zu geben, welche uns heute an dieser Tafel erfüllen. Aber ich würde meine Aufgabe schlecht gelöst haben, wenn ich schließen würde, ohne unter den Idealen des Geburtstagskindes dasjenige genannt zu haben, welches den ersten Platz in seinem Herzen hat. Ich habe geschildert, daß sein Leben Mühe und Arbeit ist, daß ihm auch der Lohn, die Zufriedenheit seines Kaisers, das Vertrauen der Nation, die eigene Befriedigung nicht fehlen. Aber das Glück, ohne welches der Mann auf dem Pflichtwege einsam wandelt — das innerste Lebensglück bringt ihm die holde Frau, in deren Augen er jetzt sieht. Ihre zärtliche Liebe ist nicht allein der Schmuck seines Lebens, sie erhält ihm auch die Begeisterung für seinen Beruf; sie hilft ihm über die Momente der Enttäuschung hinweg, von welchen im Berufsleben niemand verschont bleibt. Ihr wunderbares Herzensverständnis für den Mann, welcher dem Vaterlande so notwendig ist, erhält dem Kaiser und Deutschland den Reichskanzler. Das ist ihr großes Verdienst, welches in der Geschichte unvergessen bleiben wird. Nun, so denke ich Ihrer Zustimmung sicher zu sein, wenn ich Ihnen vorschlage, unsern heutigen Glückwunsch in die herzlichen Worte zu fassen: Graf und Gräfin Bülow, sie leben hoch!" In meinem langen und bewegten Leben hat mir kaum ein Lob so wohlgetan wie diese Anerkennung meines alten Feldobersten. Seit dem ersten Tage meiner Amtsführung als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident hatte ich mich mit besonderem Interesse den 36 BUIow I 562 DIE PREUSSISCHEN POLEN Ostmarken- Problemen unserer Ostmark zugewandt. Was ich in meinem während des Politik Weltkriegs, 1916, in Sonderausgabe erschienenen Buch über „Deutsche Politik" am Schlüsse des Kapitels über die deutsche Ostmarkenpolitik später sagte, daß ich die Ostmarkenfrage für eine der wichtigsten Fragen unserer inneren Politik hielt*, wurde mir schon fünfzehn Jahre früher klar, als ich mich eingehend mit dem Gang dieser Politik beschäftigte und den so gewonnenen Uberblick durch ausführliche Besprechungen mit Männern ergänzte, welche die Verhältnisse in Posen, Westpreußen und Oberschlesien aus eigener Anschauung kannten. Unter diesen nenne ich in erster Linie den damaligen Chef der Reichskanzlei, den Geheimen Rat Conrad, der ein gebürtiger Westpreuße war, den langjährigen Polizeipräsidenten in Posen Staudy, den Kultusminister Studt, der viele Jahre im Osten gedient hatte, den Regierungspräsidenten von Tiedemann in Bromberg und manche andere. Die Geschichte zeigt, daß deutsche Versuche, die Polen durch Entgegenkommen zu gewinnen, diesen Zweck nie erreicht, wohl aber die deutschen Interessen geschädigt haben. Friedrich Wilhelm III. war nach Wiedererwerbung von Posen und Westpreußen seinen polnischen Untertanen mit der größten Milde entgegengetreten. Ihrer Eigenart wurde weitgehend Rechnung getragen, die pomische Landwirtschaft wurde besonders unterstützt, die Landräte durften gewählt werden und wurden polnisch gewählt, dem preußischen Oberpräsidenten wurde ein polnischer Statthalter zur Seite gesetzt. Die Quittung war der Aufstand von 1830. Die damalige Insurrektion hatte wenigstens den Vorteil, daß neue Männer im Osten an die Spitze gestellt wurden, von denen die Namen des Generals von Grolman und des Oberpräsidenten von Flottwell in der deutschen Geschichte stets einen ehrenvollen Klang behalten werden. Sie hatten aber nur zehn Jahre Zeit, im Osten deutsche Politik zu treiben. Als Friedrich Wilhelm IV., der in seiner romantischen Art für die Staatsräson weniger Verständnis besaß als sein nüchterner Vater und der den „Racker von Staat", wie er ihn nannte, eigentlich höchst unsympathisch fand, der den trefflichen Oberpräsidenten von Flottwell strafweise von Posen nach Magdeburg versetzte und wieder zu dem mißlungenen Kurs zwischen 1815 und 1830 zurückkehrte, eine sogenannte „nationale Reorganisation" Posens und Westpreußens unternahm, machte diese Politik nochmals ein völliges Fiasko, schon bevor das Jahr 1848 der großpolnischen Agitation die erwünschte Möglichkeit bot, ihre wahren Ziele und Gefühle an den Tag zu legen. Ein neuer Umschwung, eine neue Wendung zum Guten trat erst wieder ein, als Bismarck, auch auf diesem Gebiet wie auf so vielen anderen an die Traditionen des großen Königs anknüpfend, mit dem fundamentalen * Fürst von Bülow, „Deutsche Politik", Volksausgabe, S. 243. CAPRIVIS POLENKURS 563 Ansiedlungsgesetz von 1886 den Kampf um den Boden im großen Stil begann. Das Ansiedlungswerk war und blieb das Kernstück der preußischen Ostmarkenpolitik, denn es siedelte deutsche Menschen in den östlichen Gebieten an. Wieder erfolgte ein neuer Rückschlag nach dem Sturz des Fürsten Bismarck. Graf Caprivi hätte gerade bei Beginn seiner Amtszeit eine glänzende Chance gehabt, das Deutschtum im Osten zu fördern. Durch den Notstand der Landwirtschaft waren damals die Gutspreise rapide gesunken. Es wäre nicht schwer gewesen, eine gewaltige Landmasse für die Zwecke späterer Besiedlung durch Deutsche aus polnischer Hand zu gewinnen. Caprivi glaubte aber in der Ostmarkenpolitik wieder einmal den Kurs wechseln zu müssen. Daß er den Polen in Schul- und Kirchenfragen entgegenkam, war zu ertragen. Ich persönlich war immer der Ansicht, daß es nicht notwendig und nicht einmal politisch nützlich wäre, auf diesem Gebiete die Polen zu drangsalieren. Caprivi aber ging so weit, durch eine Hilfeleistung für die polnische Landbank eine Rettungsaktion für eben die polnischen Grundbesitzer zu unternehmen, aus deren Liegenschaften die Ansiedlungskommission bestrebt sein mußte Land zu erwerben. Man hat behauptet, daß Caprivi, der, von seinem rein militärischen Standpunkt aus und weil überhaupt eine starre Natur, den Krieg gegen Rußland für unvermeidlich hielt, sich für diesen Fall die Möglichkeit habe schaffen wollen, ein selbständiges polnisches Staatswesen wiederherzustellen. Ich glaube, daß dies ein ungerechter Vorwurf ist. Caprivi hatte doch zu viel altpreußisches Empfinden und zu viel Staatsgefühl, als daß er sich zu einer solchen Verirrung hätte hinreißen lassen. Er betrachtete die Polen wohl mehr mit den Augen eines friderizianischen Generals, der bereit sein konnte, ein Freikorps aus Kroaten und Slowaken zu bilden, diesen aber deshalb noch nicht gestattet hätte, den Bestand der preußischen Monarchie zu gefährden. Um an unserer Ostgrenze ein selbständiges polnisches Reich zu errichten, bedurfte es eines Bethmann Hollweg, der ohne Verständnis für die Traditionen des großen Königs und des größten deutschen Staatsmanns, unter dem Beifallsjubel von Hans Delbrück, Riezler (Rüdorffer) und ähnlichen Toren, vielleicht auch von Österreich eingefangen und beeinflußt, diesen ungeheuren Fehler beging und damit selbst die Axt an die Wurzel des preußischen Staates legte. Von Anfang an war mir zweifellos, daß unsere Politik im Osten vor allem stetig sein mußte. Nichts hatte uns mehr geschadet als immer wiederkehrende Schwankungen und Rückfälle in alte Fehler. Andererseits konnte ich mir auch nicht verhehlen, daß, wie mit melancholischem Gesicht in einer Staatsministerialsitzung einmal Graf Posadowsky ausführte, der lange Zeit in der Provinz Posen tätig gewesen war, die Ostmarkenfrage für uns nicht nur eine Frage der Polen in Deutschland, sondern auch eine 36* 564 DER ZERSCHNITTENE DRAHT MIT RUSSLAND Frage der Deutschen unter den Polen war. Ich sah ein, daß aus Gründen, die mit unseren guten und mit unseren weniger guten Eigenschaften zusammenhingen, der Deutsche im Nationalitätenkampf nicht die wünschenswerte Widerstandskraft besitzt, daß er in diesem Kampfe nur zu oft Gefahr läuft, sein Volkstum zu verlieren, wenn ihm nicht der Staat den Rücken stärkt und ihm schützend und stützend zur Seite steht. In dem schwachen Nationalgefühl des Deutschen lag eine der größten Schwierigkeiten der Ostmarkenfrage, aber zugleich für mich der vielleicht stärkste Beweis für die Unerläßlichkeit einer festen und stetigen Ostmarkenpolitik. Wir besaßen nun einmal nicht die Eigenschaften, die es den Franzosen ermöglicht hatten, sich wenigstens die höheren Schichten der elsässischen und lothringischen Bevölkerung zu assimilieren, mit denen Nizza und Korsika französi- siert worden waren. Was aus den Deutschen wurde, wenn nicht der Staat seine Hand über sie hielt, zeigte ein Blick auf Österreich. Ich kannte die dortigen Verhältnisse besser als die meisten Deutschen. Ich wußte, daß das Deutschtum in Böhmen, in Mähren, in Krain und in Südsteiermark an die Wand gedrückt wurde und zurückging, sobald es von Wien aus nicht mehr gehalten wurde, daß es in Galizien, in Ungarn verdrängt und aufgesogen worden war, als es keinen Rückhalt mehr in Wien fand. Von sentimentalen Regungen gegenüber den Polen war ich frei. Ich hatte weder die Haltung der polnischen Intelligenz 1830 und 1848 vergessen, noch das Blutbad von Thorn, noch die erste Schlacht von Tannenberg, die größte Niederlage, die unser Volkstum in Jahrhunderten erlitten hatte. Und wie sprangen die Polen selbst mit den Ruthenen in Galizien um! Führten nicht die Ruthenen in den Karpathen und am Pruth gleiche, nur noch heftigere und vor allem viel begründetere Klagen gegen die Polen als diese an der Warthe und an der Weichsel gegen uns ? Ich bin mir nie darüber im Zweifel gewesen, daß, wenn es je den Polen gelingen würde, sich Deutsche zu unterwerfen, sie diese Unglücklichen mit größter Härte und schnödem Übermut regieren würden. Zu meiner Haltung in der Ostmarkenfrage bestimmten mich auch schwerwiegende Gründe unserer auswärtigen Politik. Eine der Voraussetzungen für die so wichtige und, nachdem von uns selbst in ungeschickter Weise der Draht mit Rußland zerschnitten und das russisch-französische Bündnis ermöglicht worden war, schwierige Aufrechterhaltung freundlicher Beziehungen zu Rußland war ein fester Kurs in unserer Polenpolitik. Jede schwächliche Nachgiebigkeit gegenüber der großpolnischen Agitation bei uns erweckte Mißtrauen in St. Petersburg, wo man seit den Tagen von Caprivi dahinter die Absicht vermutete, sich die Kooperation der Polen für einen Krieg mit Rußland zu sichern. Ich war immer der Ansicht, daß wir alles Interesse daran hatten, einen Krieg mit Rußland zu vermeiden. Ich war überzeugt, daß ein solcher Konflikt zu vermeiden war, und zwar in allen EIN SCHAUERLICHES FIASKO 565 Ehren und mit aller Würde. Vor allem war ich davon durchdrungen, daß uns kaum ein größeres Unheil zustoßen könne als die Wiederherstellung eines seihständigen Polens. Zu dieser Ansicht habe ich mich nicht etwa post festum bekehrt, nachdem das Experiment von Bethmann Hollweg und seinen Freunden ein so elendes, ein so schauerliches Fiasko gemacht hat. Seit den ersten Tagen meiner Amtsführung als Reichskanzler war ich ebenso durchdrungen von der Gefahr jeder Wiederherstellung von Polen wie von der Notwendigkeit, das Deutschtum in unseren östlichen Provinzen mit Stetigkeit und mit Energie zu schützen und zu fördern. Auf meinem Schreibtisch lag während vieler Jahre der prächtige Aufsatz von Treitschke über das deutsche Ordensland Preußen. Darum hatte ich schon am 10. Dezember 1901 im Reichstag erklärt, daß für meine Ostmarkenpolitik nichts anderes maßgebend sein könne als die Staatsräson und meine Pflicht gegenüber dem Deutschtum. Dieser meiner Pflicht wolle ich eingedenk bleiben. Angesichts der ernsten Gefahr, die nach meiner Überzeugung unserem Volkstum im Osten drohe, würde ich tun, was meines Amtes sei, damit der Deutsche im Osten nicht unter die Räder komme*. Damals hatte ein unbedeutender Vorfall in einer Gemeindeschule in der kleinen Kreisstadt Wreschen in Warschau und in Lemberg zu deutsch- Polnisi feindlichen Kundgebungen vor dem Deutschen Konsulat geführt. In War- Demon schau waren diese Demonstrationen von der russischen Polizei mit Ent- stratl °' schlossenheit unterdrückt worden. In Lemberg war die Haltung der k. k. Behörden zweideutig und schwächlich gewesen. Auch darauf hatte ich in meiner Reichstagsrede hingewiesen, was den österreichisch-ungarischen Vertreter in Berlin, meinen alten Freund Szögyenyi, sehr unglücklich machte, aber für den Ballplatz in Wien ein nützlicher Avis au lecteur war. In einer zweistündigen Rede im Preußischen Landtag** entwickelte ich am 13. Januar 1902 meinen Standpunkt in der Ostmarkenfrage ausführlich und gründlich. Ich wandte mich vor allem gegen den Vorwurf, als ob ich irgendwie daran dächte, im Osten den Rechten der katholischen Kirche oder den Empfindungen katholischer Staatsbürger zunahezutreten. Solche Rechte und Empfindungen würde ich immer und überall gewissenhaft respektieren. Ich würde die Politik des Landes niemals nach einseitig konfessionellen Gesichtspunkten zurechtschneiden. Ich würde ebensowenig eine protestantisch-konfessionelle wie eine katholisch-konfessionelle Politik machen, so wenig eine liberale wie eine konservative Parteipolitik. Für mich gäbe es weder ein evangehsches noch ein katholisches, so wenig ein konservatives wie ein liberales Deutschland, sondern vor meinen Augen stünde die eine und unteilbare Nation, unteilbar in materieller und unteilbar in * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 237: Kleine Ausgabe II, S. 22. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 256; Kleine Ausgabe II, S. 93. 566 DER POLONISMUS ideeller Beziehung. Ein solches Bekenntnis war nützlich und notwendig in Deutschland, wo leider seit jeher nicht nur einseitige konfessionelle Gesichtspunkte, sondern noch mehr Parteiinteressen und Parteivorurteile, jämmerliche Parteistänkereien und last, not least partikularistische Tendenzen nationale Erwägungen und die Gebote der Staatsräson überwuchern. In anderen großen Ländern wäre eine solche Erklärung kaum erforderlich gewesen. Ich führte weiter aus, daß ich in vielen Fragen liberal dächte. Aber in nationalen Fragen verstünde ich keinen Spaß. Wir lebten nicht in Wolkenkuckucksheim, leider auch nicht im Paradies, sondern auf dieser harten Erde, wo es heiße, Hammer oder Amboß sein. Nachdem ich mich über die einzelnen von der Regierung für den Osten in Aussicht genommenen Verwaltungsmaßregeln eingehend verbreitet hatte, erklärte ich, daß ich ebenso wie der Abgeordnete Hobrecht, der frühere Finanzminister unter Bismarck, der vor mir gesprochen hatte, die Ostmarkenfrage nicht nur für eine der wichtigsten Fragen unserer Politik, sondern geradezu für diejenige Frage hielte, von deren Entwicklung die nächste Zukunft unseres Vaterlandes abhinge. Hier gelte das Wort unseres größten Dichters: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Erschwert wurde mir der von mir verfolgte Kurs in der Ostmarken- Polenfrage politik, an dem ich bis zum letzten Tage meiner Amtsführung festgehalten und Parteien \xabe, durch unsere unseligen Parteiverhältnisse. Wie mir mein lieber Freund, der Zentrumsabgeordnete Prinz Franz Arenberg, von Anfang an gesagt hatte, sahen viele Zentrumsmitglieder innerlich die Notwendigkeit von Abwehrmaßnahmen gegenüber der frechen polnischen Agitation und die Unerläßlichkeit eines wirksamen Schutzes der Deutschen im Osten wohl ein, aber Erwägungen parlamentarischer Taktik hinderten sie, gegen die polnische Fraktion Stellung zu nehmen. Mein hochverehrter Freund und Gönner, der Kardinal Kopp, ein scharfer Gegner des Polonismus, dem er in Oberschlesien mit nicht genug zu rühmender Festigkeit entgegentrat, sagte mir: „Ich unterstütze Sie, wo ich kann. Aber wie nun einmal der Deutsche ist, wird das Schlagwort von der Glaubensgemeinschaft zwischen den deutschen Katholiken und den Polen auf die deutschen Katholiken immer wieder Eindruck machen, obwohl umgekehrt damit kein polnischer Hund vom Ofen gelockt wird und obschon eine Polonisierung unserer östlichen Provinzen nach meiner festen Uberzeugung gar nicht den Interessen der katholischen Kirche entspricht." Das scharfe Auge des Kardinals hatte früh die Gefahren erkannt, die dem preußischen Staat und der deutschen Sache in Oberschlesien von dem fanatisch antideutschen polnischen Agitator Korfanty drohten. Er ging schon während meiner Amtszeit gegen dieses üble Subjekt vor. Es sollte die Zeit kommen, wo sich Korfanty der Gunst der preußischen Regierung erfreute. Graf Hutten-Czapski, ein Pole, DER HAKATISTEN-VEREIN 567 der, ohne seine Nationalität zu verleugnen, während des ganzen Weltkrieges seine Pflicht als preußischer Offizier, als Schloßhauptmann von Posen und als Mitglied des Herrenhauses erfüllte, erzählte mir mit Erstaunen, er habe im Sommer 1914 konstatieren müssen, daß Korfanty, der von unseren Militärbehörden nicht ohne Grund als verdächtig vigiliert wurde, auf der Reichskanzlei von Exzellenz Wahnschaffe und einen Stock höher vom Reichskanzler Bethmann Hollweg mit Auszeichnung und Vertrauen behandelt wurde. DerVorsitzende des Deutschen Ostmarkenvereins, Herr vonT i edemann- Seeheim, schrieb am Tage nach meiner großen Polen-Rede, am 14. Januar, an den Chef der Reichskanzlei, Conrad: „Mit großer Freude habe ich wahrgenommen, wie es dem Reichskanzler gelungen ist, sich in immer steigendem Maße die Sympathien des preußischen und des deutschen Volkes zu erwerben! Ich verkehre in so vielen Volksschichten, daß ich mich in dieser Wahrnehmung nicht täusche. Gestern ist es nach meiner innersten Überzeugung dem Reichskanzler beschieden gewesen, sich das unbedingte Vertrauen der deutschen Volksseele zu erobern. Bülow hat einen in seinen Folgen nicht hoch genug zu veranschlagenden Erfolg errungen: er hat der Welt gezeigt, daß er das diffizile Roß der inneren Politik ebenso sicher wie geschickt zu reiten versteht! Der führende Staatsmann kann nur Großes leisten, wenn er sich der freudigen Zustimmung der guten und loyalen Elemente seines Landes gewiß weiß. Dieser Überzeugung kann der Reichskanzler nunmehr getrost leben! Daß der von ihm vorgezeichnete Weg zur Lösung der Ostmarkenfrage der richtige ist, der auch zweifellos zum Siege führen muß, brauche ich Ihnen gegenüber, der Sie ein Sohn unserer Ostmark sind, wahrlich nicht hervorzuheben." Der preußische Gesandte in München meldete am gleichen Tage: „Graf Crailsheim äußerte heute zu mir, die eindrucksvolle Art und die Entschiedenheit, mit der von Eurer Exzellenz die Wreschener Interpellation erwidert wurde, habe er nur freudigst begrüßen können. Die Polen seien unverbesserlich, und je energischer die preußische Regierung den Polonisierungsbestrebungen in der Ostmark entgegentrete, um so größere Verdienste erwerbe sie sich um Deutschland. Übrigens sei ihm, dem Minister, die Nuancierung keineswegs entgangen, mit der Eure Exzellenz des Verhaltens unserer beiden Nachbarn gedacht hätten. Das schlaffe Österreich, wenn man überhaupt noch von einer k. k. Regierung in Galizien reden könne, hätte selbst über eine härtere Sprache unsererseits nicht klagen können. Gleiche Genugtuung wie der Minister empfinden alle hiesigen nationalen Elemente. Die liberale Presse sorgt in anerkennenswerter Weise weiter für Richtigstellung der von pohlischer Seite verbreiteten Märchen. Gleichzeitig wird erneut auf die fortgesetzte Mißhandlung der nichtpolnischen Majorität Galiziens durch die Schlachta hingewiesen und 568 WILHELM IL UND DAS JOHANNITERKAPITEL den Radziwill und Genossen dringend geraten, zunächst in dem eigenen schmutzigen Hause zum Rechten zu sehen. Möge, so schließen alle Betrachtungen, die preußische Regierung hart bleiben und niemals wieder über schwächliche Rückfälle Klage zu führen sein." Der Kaiser, der gar zu gern Feste feierte, am liebsten Feste mit histori- Wilhelm II. schem Hintergrund, denn seine Begeisterung für geschichtliche Größe war auf der echt, hatte beschlossen, am 5. Juni 1902 in der herrlichen Marienburg ein Manenburg f e i er ij cnes Kapitel des Johanniterordens abzuhalten. Er legte besonderes Gewicht darauf, daß ich diesem Kapitel beiwohnen möchte, und zwar in der prächtigen Johanniteruniform, die er selbst anlegen wollte. Wer Wilhelm II. nicht im persönlichen Verkehr gekannt hat, kann sich schwer eine Vorstellung davon machen, wie groß der Charme war, den er durch seine Natürlichkeit und Herzlichkeit im täglichen Umgang ausübte, ein Zauber, der um so stärker wirkte, als er unabsichtlich war. Der im guten Sinne naive Zug in der Art des Kaisers, sich zu geben, machte ihn für seine Freunde und Diener ebenso anziehend, wie er Fremden und Gegnern gegenüber pohtisch für den Monarchen eine Gefahr bildete. Vor dem Beginn des feierlichen Gottesdienstes in der Marienkapelle des Schlosses kam der Kaiser in mein Zimmer, um sich de ses yeux von der Korrektheit meiner Johanniteruniform zu überzeugen. Als er meinen langjährigen italienischen Kammerdiener, den er gut kannte, weil er mich auf allen unseren Reisen begleitete, und mit dem er gern scherzte, frug, wie er mich als Johanniter fände, meinte dieser: „II cancelliere e magnifico, somiglia a un antico romano del Trastevere." Meinem biederen Cameriere, der in den Sabinerbergen geboren war, erschien ein alter Römer, noch dazu aus dem volkstümlichen Quartier jenseits des Tiberflusses, dem Trastevere, als der Inbegriff aller Pracht. Der Kaiser empfing am Vormittag den zu seiner Begrüßung von russischer Seite entsandten Generalgouverneur von Warschau, den General der Kavallerie und Generaladjutanten Tschertkow, einen typischen russischen General der alten Schule, der ihm so gefiel, daß er eine schöne Ansprache an ihn improvisierte, in der er ungefähr ausführte: Seine Beziehungen zu Rußland seien so innige, daß er beschlossen habe, Posen als Festung aufzugeben, denn gegen einen Freund wie den Zaren bedürfe er keines militärischen Schutzes. Der alte Russe, der wie seine ganze Generation eine gute Dosis Pfiffigkeit besaß, meinte hernach zu mir, den er aus St. Petersburg kannte: „Sa Majeste l'Empereur a parle comme Ciceron, mais, entre nous, ce qu'il m'a dit sur Posen ne tient pas debout. Posen ne vaut plus rien comme forteresse et vous construisez d'autres forteresses qui remplacent Posen avantageusement." Mit meinem alten Regimentskameraden und langjährigen Freund, dem Grafen August von Dönhoff-Friedricbstein, machte ich einen Rundgang „ZÜCHTIGUNG DER SARMATEN 569 um die Marienburg, wobei wir auf einem Turm eine alte Fahne mit dem Dönboffscben Wappen entdeckten, dem schwarzen wilden Eberkopf mit emporstehenden Borsten. Sie stammte aus der traurigen Zeit, wo ein großer Teil jener deutschen Geschlechter, die einst mit dem Deutschen Orden nach Ostland gefahren waren, sich den Polen angeschlossen hatte. Wir begegneten uns in dem Wunsch, daß die Marienburg nie wieder solche Zeiten deutschen Niedergangs und deutscher Ohnmacht sehen möge, ohne zu ahnen, daß schon um diese Zeit in Potsdam als Oberpräsident der unglückselige Mann saß, der vierzehn Jahre später Polen wiederherstellen und damit dem Deutschtum der Ostmark die schwerste Wunde schlagen sollte. Bei dem Prunkmahl, das er am 5. Juni 1902 im großen Remter der Marienburg gab, hielt Wilhelm II. eine Rede, deren Schwung und Feuer selbst Lucanus und mich überraschten, die wir in dieser Beziehung schon manches erlebt hatten. Der Kaiser erinnerte seine verehrten Brüder vom Orden St. Johannis daran, daß in der Geschichte des Ordens wie in keiner anderen der Finger der Vorsehung zu erblicken sei. Als der Orden im Heiligen Lande seine dort unfruchtbare und aussichtslose Mission aufgegeben hätte (das w r ar eine Liebenswürdigkeit für den Sultan und den Islam), wären die Ritter mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Mantel nach der Weichsel gezogen. Und nun folgte ein feuriger Aufruf an die Johanniter, den Kaiser in seinem Kampf gegen die Polen zu unterstützen. Derselbe Monarch, der meiner wohlüberlegten und stetigen Ostmarkenpolitik oft zweifelnd und zögernd, gelegentlich ablehnend gegenüberstand und der im Weltkrieg unter Bethmann Hollwegschem Einfluß Polen wiederherstellte, forderte am 5. Juni 1902 die um ihn Versammelten, durch und durch ehrenwerten, aber in der Mehrzahl schon bejahrten und wohlbeleibten Ordensritter auf, mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust auf die Sarmaten einzuhauen, deren Frechheit zu züchtigen, sie zu vertilgen. Wie so oft vorher und nachher, untersagte ich dem anwesenden Vertreter des Wölfischen Telegraphenbüros, die Rede Seiner Majestät im Wortlaut zu veröffentlichen, und entwarf rasch auf der Rückseite meiner Tischkarte eine neue, feste, aber würdige und ruhige, in keiner Weise exzentrische Ansprache. Diesmal tat Eile not, denn kaum eine halbe Stunde nach Aufhebung der Tafel wollte der Kaiser nach Potsdam zurückkehren. Ich näherte mich ihm mit meinem Entwurf, gefolgt von Lucanus. Als ich meine Fassung vorlas, überkam den Kaiser ein ganz großer Zorn. Er bestand namentlich auf der „Züchtigung der Sarmaten", obwohl ich ihm vorstellte, daß dies die Russen beleidigen würde, da sie die Brandmarkung der Sarmaten auf sich beziehen könnten. Wir stritten eine Weile über die alten Sarmaten, ob sie ihren Wohnsitz an der Weichsel oder am Don gehabt hätten. Der Kaiser berief sich auf Herodot, ich aber auf Strabo. Schließlich meinte Seine Majestät: „Meine 570 WILHELM, DER SCHÜCHTERNE Rede war der alten Hochmeister würdig, eines Hermann von Balk und eines Hermann von Salza. Sie aber lassen mich reden, als ob ich Lehrer der Geschichte an einer höheren Töchterschule wäre." Lucanus und ich Heßen aber nicht locker, die Zeit drängte, und schließlich gab der Kaiser nach, aber nicht ohne dem Chef des Zivilkabinetts den gemessenen Befehl zu geben, den Urtext seiner Rede im kaiserlichen Hausarchiv aufzubewahren. ,,Denn", meinte der Kaiser, „meine Nachfolger sollen einmal wissen, daß ich forsch war." Als der Kaiser abgereist war, sagte mir der russische Botschafter, Graf Osten-Sacken, der die Ansprache Seiner Majestät in ihrer ursprüngbchen Fassung schaudernd angehört und meine Auseinandersetzung mit dem hohen Herrn nach Aufhebung der Tafel beobachtet hatte: „Sa Majeste l'Empereur est charmant, tout ce qu'il y a de plus seduisant comme homme. Mais comme souverain, il est bien dangereux et cela sans vouloir, au fond, faire du mal ä personne. Voilä, il est incoherent! Dieu vous garde aupres de lui." Um dieselbe Zeit schrieb ein französischer Schriftsteller Nauzannes in einer Studie über Wilhelm II.: „II fallait ä l'Allemagne un chef grave, silencieux et mesure. Le destin lui a donne un maitre agreable et primesautier, mais faible et enerve. Mibtaire, il ne l'est que pour ses diplomates, diplomate il ne Pest que pour ses militaires. Aucun chef d'Etat couronne n'a fait plus de mal ä la monarchie et trahi plus completement et plus inconsciemment la confiance du meilleur de son peuple. On ne peut que le plaindre, tout en rendant hommage a. ses qualites de cceur et d'esprit dont une vanite maladive annule tous les bons effets." Ich habe oft beobachtet, daß auch über den Durchschnitt begabte Männer sich gern das Ansehen geben, gerade diejenigen Eigenschaften zu besitzen, die ihnen fehlen. Wilhelm II. verhehlte sich im Grunde nicht, daß ihm die Mens aequa, die Mens solida und die Tenacitas propositi abgingen, die Quintus Horatius Flaccus vom Manne fordert. Gerade deshalb suchte der Kaiser durch laute Reden und starke Worte andere und sich selbst über seine innere Unsicherheit und Ängstlichkeit zu täuschen. Diese Tendenz soll nach meinem Rücktritt noch zugenommen haben, nachdem Seiner Majestät eingeredet worden war, die Franzosen hätten ihm den Spitznamen „Guillaume le Timide" gegeben. Ich hatte im schlimmen Julimonat 1914 nicht mehr die Ehre, in der Nähe Seiner Majestät zu weilen, habe aber von zuverlässigen Herren aus der Allerhöchsten Umgebung gehört, daß die sehr erregten, kriegerisch anmutenden Marginalien des Kaisers vor und nach dem unseligen Ultimatum an Serbien dem Wunsch entsprungen waren, jeden Zweifel an seiner Bravour zu beseitigen. In Wirklichkeit hat, wie ich vorgreifend hier schon feststellen will, der Kaiser 1914 so wenig wie in irgendeiner anderen Phase seiner Regierung den Krieg gewollt. „ES WAR VOLLKOMMEN IN DER ORDNUNG" 571 Als in der Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 7. Juni 1902, achtundvierzig Stunden nach der Feier in der Marienburg, der polnische Abgeordnete von Glembocki die in der Marienburg gehaltene kaiserliche Rede zum Gegenstand seiner Angriffe machte, entgegnete ich ihm: „Es war vollkommen in der Ordnung", und als mich die Polen lärmend unterbrachen, wiederholte ich noch einmal: „Gewiß, meine Herren, es war ganz und gar in der Ordnung, daß Seine Majestät der Kaiser gerade in der Marienburg diese Worte gesprochen hat. Denn wie das Straßburger Münster im Westen, so ist die Marienburg im Osten ein mahnendes Wahrzeichen, die Grenzen des Deutschen Reichs und deutschen Volkstums zu schirmen*. * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 339; Kleine Ausgabe II, S. 36. XXXVI. KAPITEL Die Bagdadbahn • Unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten • Wilhelm II. und Roosevelt • Amerikafahrt des Prinzen Heinrich • Jubiläum des Königshusaren-Regiments in Bonn, die Parade des Regiments • Ernennung zum Oberst ä la suite der Armee, mit der Uniform der Königshusaren • Erneuerung des Dreibundes (28. VI. 1 902) • Begegnung Wilhelms II. und Nikolaus' II. in Reval • Die Swinemünder Depesche, Erregung in Bayern • Tod von Alfred Krupp Ich habe schon erzählt, wie 'während des kaiserlichen Besuchs in Konstantinopel aus einer Unterredung zwischen Georg von Siemens und mir für die Jag Projekt der Bagdadbahn entstand, an einem wundervollen Oktober- Bagdadbahn mor „ en au f emer Fahrt von Konstantinopel nach Haidar-Pascha, während erteilt ein pfeilschnelles Kaik uns über die blauen Wellen trug, die einst Leander durchschwamm, um seine Hero in die Arme zu schließen. Anfang Januar 1902 wurde in Konstantinopel das kaiserliche Irade veröffentlicht, durch das die Konzession für die Bahn erteilt wurde, die mit ihren Zweiglinien eine Länge von 2500 Kilometer haben sollte. Die Bagdadlinie sollte ihren Ausgangspunkt in Konia nehmen und über Bagdad gehen. Der Punkt, an dem die Bagdadlinie am Persischen Golf endigen würde, sollte später mit der Pforte gemeinsam festgesetzt werden. Auf die letztere Bestimmung hatte ich hingewirkt, weil ich hinsichtlich des Endpunkts der Bagdadbahn mich mit England verständigen und alles vermeiden wollte, was in dieser Beziehung Widerspruch oder Mißtrauen bei den Beherrschern von Indien erregen könnte. Der kluge Nachfolger des leider früh verstorbenen Georg von Siemens, Herr Arthur von Gwinner, teilte meine Auffassung, daß das großartige Unternehmen der Bagdadbahn nur im Einvernehmen mit England zu einem guten Ende geführt werden konnte. Bei seinen mannigfachen Beziehungen zu England gelang es Herrn von Gwinner in zielbewußter und langjähriger Arbeit, eine deutsch-englische Verständigung über das Bagdadunternehmen zu erreichen, als das österreichisch-deutsche Ultimatum an Serbien auch diese Anstrengungen und diese Hoffnungen vernichtete. Je schwieriger aus oft dargelegten Gründen sich unser Verhältnis zu England gestaltet hatte, um so mehr Gewicht legte ich auf freundliche Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Kaiser Wilhelm II. für meine BRIEFE DES KAISERS AN SEINEN FREUND ROOSEVELT 573 Anschauungen und Bemühungen in dieser Richtung zu gewinnen, war nicht Wilhelm II. schwer. Nach seiner ganzen Individualität gefiel der unternehmende, tätige, U.S.A. unermüdliche, waghalsige Amerikaner Seiner Majestät dem Kaiser besonders gut. Der amerikanische Multimillionär, der damals anfing sich häufiger in Europa zu zeigen, gefiel dem Deutschen Kaiser sogar ausgezeichnet. Wilhelm II. glich darin seinem Onkel, dem König Eduard, daß viel Geld ihm imponierte. Der damals erste Mann der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, übte auf den Kaiser besondere Attraktionskraft aus. „Das ist mein Mann!" pflegte er auszurufen, sobald die Rede auf ihn kam. Mit Bewunderung las er in den Berichten unseres Botschafters, daß Roosevelt gleich einem Cowboy die gewagtesten Reiterkunststücke ausführte, daß er wie Buffalo Bill auf die weiteste Entfernung mit der Büchse jedes Ziel treffe, daß er den Teufel im Leibe habe, sich vor nichts fürchte und alles unternehme. Wie aber bei Wilhelm II. meist die Gefahr der Übertreibung an und für sich richtiger Gedanken bestand, so war es auch in diesem Fall. Er begann bald eine Korrespondenz mit Roosevelt, von der dasselbe galt wie von seinen Briefen an den Zaren. Wenn er mir seine in vortrefflichem Englisch geschriebenen Briefe vor ihrer Absendung zeigte und mir gestattete, zwei oder drei bedenkliche Wendungen zu ehminieren, so konnte der Rest in seiner ursprünglichen, kräftigen Art nur gut wirken. Eine solche prophylaktische Kontrolle war freilich nötig. Die unselige Voreingenommenheit Seiner Majestät gegen das Land der aufgehenden Sonne machte sich auch in seiner Korrespondenz mit Roosevelt geltend. Der Kaiser wollte immer wieder Roosevelt vor heimtückischen Plänen der Japaner warnen. Er war überzeugt, daß ein Krieg zwischen Japan und den Vereinigten Staaten ganz unvermeidlich und nahebevorstehend sei, und hat vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtszeit an dieser Wahnvorstellung festgehalten, obschon ich ihm auf Grund meiner guten Beziehungen zu japanischen Diplomaten wie namentlich zu vielen Amerikanern beständig das Gegenteil versicherte. Ich entsinne mich, daß er mir einmal gelegentlich sagte, er habe während einer Abwesenheit von Berlin einen „famosen" Brief an seinen Freund Roosevelt geschrieben, der diesem einen ordentlichen Floh ins Ohr setzen würde. Da er und ich damals räumlich getrennt gewesen wären, hätte er mir diese Epistel nicht vor ihrer Absendung zeigen können, wolle sie mir aber jetzt nicht länger vorenthalten. Der fragliche Brief enthielt neben sehr heftigen Ausfällen gegen die „Japs" ziemlich phantastische Nachrichten über deren Kriegsvorbereitungen gegen Amerika und die energische Aufforderung, Roosevelt möge gegen die „gelbe Gefahr" besser als bisher auf der Hut sein. Ich erklärte dem Kaiser, daß dieser Brief nicht in die Hände von Roosevelt gelangen dürfe: einerseits hielte ich das Schreiben sachlich für unzutreffend, andererseits dürfe der Kaiser nicht 574 WILHELMS IL GESICHT WIRD LÄNGER eine solche Waffe gegen sich in die Hände von Roosevelt gelangen lassen. „Aber Roosevelt ist mein Freund", rief der Kaiser aus. Als ich entgegnete, daß es „Freunde" in seinem Sinne in der Politik nicht gäbe, sah der hohe Herr mich sehr mißtrauisch an. Schließlich setzte ich durch, daß der Depeschenkasten, der den kaiserlichen Brief an Roosevelt über den Atlantischen Ozean trug, bei der Ankunft in New York festgehalten und unsere dortige Vertretung angewiesen wurde, das Schreiben uneröffnet wieder nach Berlin zurückzuschicken. Ich nehme an, daß, als nach dem Beginn des Weltkriegs Roosevelt gleich Monako, Lonsdale, Lacroix und Bonnal, gleich vielen ausländischen „Freunden" Seiner Majestät sich gegen Wilhelm II. wandte, dieser sich gefreut haben wird, daß wenigstens jener unvorsichtige Brief, der Roosevelt gegen Japan hetzen sollte, sich nicht in den Händen des bewunderten Theodore befand, der sich im Sommer 1914 nicht schämte, öffentbch einen hohen Preis für denjenigen auszusetzen, der ihm den „Emperor William" lebendig bringen würde, damit er ihn an einen Pfahl anbinden lassen könne. Nach meinem Rücktritt wurde, wie ich nebenbei bemerke, der inzwischen ooseveh zurückgetretene Roosevelt bei seiner Rundreise durch Europa in Berlin i Berlin f ast königlichen Ehren empfangen. Der Kaiser wollte seinen Freund ursprünglich im Schloß logieren. Dies unterblieb nur, weil in jenen Tagen der Oheim des Kaisers, König Eduard, gestorben war. Der Kaiser wohnte aber trotz tiefer Familientrauer dem Vortrag bei, den Roosevelt in der Berliner Universität hielt. Dieser Vortrag war freilich eine Enttäuschung für Seine Majestät. Roosevelt begann, wie mir von Ohrenzeugen erzählt wurde, mit ungewöhnlich lauter und scharfer Stimme, indem er den Kaiser direkt fixierte und alle seine prächtigen Zähne zeigte, mit einem Panegyrikus auf das Schiff „May-flower", das einst die ersten englischen Auswanderer nach Amerika gebracht hatte. „Das Schiff war klein", führte Roosevelt etwa aus, „es hatte nur eine geringe Besatzung. Aber es trug als Ladung Grundsätze, die die Welt transformieren sollten: die Idee der religiösen Freiheit, den Grundsatz, daß der Mensch sein Verhältnis zu Gott selbst regeln dürfe, ohne die Einwirkung irgendwelcher hierarchischer Autorität zu admittieren. Und weiter den großen Gedanken, daß der Mensch sich seine weltliche Obrigkeit selber einsetzen könne und müsse, unter bestimmten Voraussetzungen und ganz bestimmten Bedingungen, daß er nicht etwa eine absolute, ihm durch göttlichen Ratschluß auferlegte Herrschaft brauche." Solange Roosevelt seine religiösen Ideen darlegte, war der Kaiser nur erstaunt. Beim direkten Vorstoß gegen das Gottesgnadentum machte er ein langes Gesicht. Ich betone noch einmal, daß nach Abstreifung von Übertreibungen und Unbesonnenheiten das Bestreben des Kaisers nach möglichst guten Beziehungen mit Amerika durchaus verständig war. Die DIE AMERIKANER BEI DER KIELER WOCHE 575 Antipathie, die namentlich in konservativen deutschen Kreisen gegen Amerika herrschte, war töricht. Der Ärger, den während der Kieler Woche unsere Hofgesellschaft über angebliche Bevorzugung von Mr. Vanderbilt, Mr. Armour, Mr. Pierpont Morgan, Mr. Carnegie empfand, war albern und die Preßhetze gegen diese amerikanischen Herren, wenn sie mit kaiserlicher Erlaubnis und auf kaiserliche Aufforderung die Potsdamer Schlösser, die Marienburg oder Kadinen besuchten, philiströs und Heinlich. Am 15. Februar 1902 schiffte sich Prinz Heinrich an Bord des Lloyddampfers „Kronprinz Wilhelm" in Bremerhaven nach New York ein. Vor Prinz seiner Abreise hatte ich ein längeres Schreiben an ihn gerichtet, in dem ich Heinrich unter anderem ausführte: Von dem Prinzen würde in Amerika keinerlei nacnAm ' politische Tat erwartet. Er solle von dort weder einen politischen Vertrag noch ein handelspolitisches Abkommen noch irgendwelche politische, wirtschaftliche oder gar territoriale Konzessionen mitbringen. Der Zweck seiner Reise sei lediglich, die Amerikaner zu erfreuen und zu gewinnen, sie von der Sympathie des Kaisers und des deutschen Volks für das groß und mächtig aufstrebende amerikanische Volk zu überzeugen wie von der Nützlichkeit guter Beziehungen zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Volk. Deutschland und Amerika wären durch keinerlei politische Differenzen getrennt, wohl aber verbunden durch zahlreiche und schwerwiegende Interessen, durch alte Traditionen, die zurückreichten bis zu den Tagen des großen Friedrich und des großen Washington. Sie wären auch durch Blutsverwandtschaft verbunden. Die Burenfrage möge der Prinz aus eigener Initiative gar nicht berühren. Würde sie von anderer Seite angeschnitten, so möge er sich tunlichst ausschweigen. Eine zu lebhafte Teilnahme für die Buren würde nicht in Einklang stehen mit der von uns gegenüber dem Südafrikanischen Krieg eingenommenen neutralen, loyalen und in diesem Rahmen für England freundlichen Haltung. Andererseits hätten wir auch keine Veranlassung, in Amerika die Geschäfte der Engländer zu besorgen. Chacun pour soi et Dieu pour tout le monde. Die Verhältnisse in Süd- und Zentralamerika möge der Prinz aus eigener Initiative nicht besprechen und selbstverständlich keinerlei Absichten Deutschlands auf jene Gegenden zugeben oder gar durchblicken lassen. Sollten die Amerikaner Besorgnisse hinsichtlich deutscher Eroberungsgedanken bezüglich Mittel- und Südamerikas an den Tag legen, so könne der Prinz solche Befürchtungen unter Hinweis auf die Friedlichkeit unserer Politik und die vielen Aufgaben, die wir sonst in der Welt zu lösen hätten, mit gutem Gewissen als absurde Hirngespinste ablehnen. Das geschehe noch besser in der Form ironischer Zurückweisung als durch pomphafte Erklärungen. Deutschland wolle auf der ganzen westlichen Hemisphäre 576 REISEPOLITIK Frieden und gute Freundschaft mit den Vereinigten Staaten. Auf die Philippinenfrage und die Vorgänge in Manila im Sommer 1898 würde am besten gar nicht zurückgekommen. C'est un incident clos. Ich empfahl dem Prinzen, wenn er nicht umhinkönne, in Amerika, wo viel öffentlich geredet würde, öffentlich das Wort zu ergreifen, seine Ansprache vorher schriftlich zu fixieren, um vor Verdrehung und Ausbeutung seiner Worte sicher zu sein. Der Amerikaner sei, und mit Recht, stolz auf die rasche und gewaltige Entwicklung seines Landes, die kaum ihresgleichen in der Weltgeschichte habe. Er sei ehrgeizig, ruhmbegierig, er wünsche, sein Land gelobt zu hören. Jede Kritik amerikanischer Zustände aus fremdem Munde verletze den Amerikaner. Aber die Ehre des Besuches eines königlichen Prinzen werde in diesem Lande, das in Flutenfrische glänze, noch mehr gewürdigt als in Europa, und gern werde der Amerikaner den Prinzen von Deutschland, von unserem Kaiser, unserem Heer, unserer Wissenschaft und Kunst erzählen hören. In dem Gesandten von Holleben fände der Prinz einen durch langjährigen Aufenthalt mit amerikanischen Gewohnheiten, Stimmungen und Verhältnissen gut vertrauten, gewissenhaften und ehrlichen Mann. Ich schloß mit den Worten:,,Seit vielenjahren war keine Reise eines königlichen Prinzen von solcher Bedeutung für das Vaterland wie diese Ihre Fahrt nach der großen Republik, die Columbus aus dem Ozean hervorzog." Gleichzeitig gab ich für alle Fälle dem Prinzen Heinrich ein Promemoria über die diplomatische Vorgeschichte des Spanisch-Amerikanischen Krieges mit, um nötigenfalls perfiden Verdächtigungen der englischen Presse entgegentreten zu können, die Deutschland beschuldigte, sich vier Jahre.vorher unfreundlich zu Amerika gestellt zu haben. Die Reise des Prinzen verlief ohne jeden Anstoß. Die aufrichtige, natürliche, gerade und ehrliche Art des Prinzen gefiel den Amerikanern. Wo es nötig war, ergriff er das Wort, er sprach frei von der Leber weg, aber ohne je zu entgleisen. Besonderen Beifall fand die humoristische und dabei doch taktvolle Ansprache, die er bei einem ihm von der amerikanischen Presse gegebenen Diner hielt. Daß er Englisch wie ein Engländer sprach, kam dem Prinzen natürlich zustatten. Prinz Heinrich machte seine Sache vortrefflich, und es war geschmacklos, wenn der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Gradnauer im Reichstag „diese Art von Reisepolitik" heftig angriff. Wollte Gott, daß wir in den traurigen und bedrängten Zeiten, die auf unseren Niederbruch vom November 1918 folgten, in Zeiten, wo wir so sehr der freundlichen Gesinnung des amerikanischen Volkes bedurften, einen Prinzen Heinrich hätten nach Amerika schicken können, um dort für uns zu wirken und zu werben. Das dürfte der inzwischen zum sächsischen Gesandten in Berlin avancierte Herr Gradnauer jetzt wohl selbst einsehen. Im fröhlichen Besitz dieser Sinekure wird er wohl auch nicht mehr mit PARADEMARSCH IN BONN 577 derselben „flammenden Entrüstung" wie einst „die Drohnen im Staat" zur Zielscheibe seiner Kritik machen. Mitte Juni 1902 wurde die goldene Hochzeit der Stadt Bonn mit dem Königshusaren-Regiment gefeiert, das nunmehr seit einem halben Jahr- Regiments- hundert in der schönen Rheinstadt stand. Ich wollte nicht fehlen an diesem jMläum Ehrentag meines Regiments, an dem ich mit ganzem Herzen hing. Einer 1,1 ^ onn Einladung des Feldmarschalls von Lofe* folgend, stieg ich bei ihm ab. Er hatte sich nach seinem Rücktritt als Gouverneur von Berlin ein kleines Häuschen in der Stadt gekauft, die recht eigentlich seine Heimat war, und in dem noch 1922, bald neunzigjährig, seine Witwe lebte, eine Schwester des langjährigen Oberpräsidenten von Schlesien, des Fürsten Hermann Hatz- feldt und der schönen Fürstin Elisabeth Carolath. Am Siebzehnten früh trafen die Majestäten, von mir begleitet, in Bonn ein. Das Regiment stand in Parade auf der Hofgartenwiese, Front nach dem Rhein, das Trompeterkorps im Haken, Front nach der Universität. Dem Regiment gegenüber die Vereine ehemaliger Königshusaren. Um 11 Uhr erschien auf einem herrlichen dunklen Schimmel der Kaiser, gefolgt vom Kronprinzen. Er ritt die Front des Regiments ab und hielt eine gute Ansprache an die Husaren. Beim Parademarsch in Zügen führten der Feldmarschall von Loe und der Schwager des Kaisers, der Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe, der früher im Regiment gestanden hatte, dieses vorbei. Während sich das Regiment zum Vorbeimarsch in Eskadronsfront formierte, ritt der Kaiser, in dessen Suite ich zu Pferde hielt, auf mich zu und sagte mir, daß er mich zum Obersten ä la suite der Armee mit der Uniform meines alten Regiments ernenne. Ich war zur Parade als Rittmeister der Reserve erschienen. Gleichzeitig forderte Seine Majestät mich auf, beim zweiten Vorbeimarsch des Regiments ebenfalls vor der Front des Regiments zu reiten. Dann setzte sich der Kaiser mit Loe und mir vor die Standarten-Eskadron und führte das Regiment zur Sternkorpskaserne, wo ich gerade einunddreißig Jahre früher eingekleidet worden war und Pferde gestriegelt hatte. Beim Frühstück im Kasino, wo ich so manches Mal als Leutnant meinen Schoppen Moselwein getrunken hatte, erwiderte der Kaiser auf die Huldigungsworte des Kommandeurs, des Oberstleutnants von Hertzberg: es gebe wenige Regimenter, vor deren Front drei Offiziere mit dem Schwarzen Adlerorden reiten könnten. Das Königshusaren - Regiment wäre eine der ersten Pflanzschulen der Armee für hervorragende Offiziere und Generäle nicht allein, sondern auch für große Staatsmänner, und er empfände Freude darüber, daß der Reichskanzler aus diesem schönen Regiment hervorgegangen sei. Am Nachmittage machte ich mit alten Kriegskameraden einen langen Spaziergang an dem ruhig fließenden Rhein und dachte vergangener 37 Bülow I 578 DER DREIBUND Zeiten. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Vor uns das „Paradies des Rheins", das Siebengebirge. Aus dem Strom erhob sich der Fels, wo Siegfried den Drachen schlug. Gegenüber ragten die Ruinen von Rolandseck, wo Roland um die schöne Hildegard trauerte. Zwischen Rolandseck und dem Drachenfels lag mitten im Rhein ruhig und freundlich mit ihren Ulmen, Pappeln und Weiden die Insel Nonnenwerth, auf der das Kloster stand, in das Hildegard sich von der Welt zurückgezogen hatte, um nur dem Himmel zu leben. Diesen Strom umkreist mit mächtigem Flügelschlag die deutsche Sage, er mahnt an Roland und an Siegfried, er mahnt aber auch an Ernst Moritz Arndt, an den Reichsfreiherrn vom Stein, an den alten Blücher, der in der gesegneten Neujahrsnacht 1814 den Rhein überschritt. Der Strom, an dem sich immer wieder die Schicksale des deutschen Volkes entscheiden, der nationale Strom, wo jetzt französischer Ubermut sich breitmacht, der Strom, nach dem sie sich gleich gierigen Raben lange, aber vergeblich heiserschrien, bis sie ihm jetzt, schwarze und weiße Barbaren, ihr Joch aufzwangen. Dieses Joch zu brechen, sei der erste und letzte Gedanke jedes Deutschen, der diesen Namen verdient! Im Hochsommer 1902 mußte die Erneuerung des Dreiverbandes er- Unveränderte folgen. Sowohl in Wien wie in Rom trat die Tendenz hervor, bei dieser Erneuerung Gelegenheit den Dreibund zu modifizieren. In Wien bestand der Wunsch, ies Dreibunds j) eutsc j 1 j an) j m